Wilhelm von Polenz Wurzellocker – Erster Band 1902 Erstes Buch Die schwüle Luft eines Spätsommertages lag auf der Stadt. Kein Windzug entführte den Rauch, welcher aus ungezählten Essen emporstieg und zu einem Schleier von totem Grau verdichtet über dem ganzen Weichbilde stand. Der Fluß führte wenig Wasser unter den breitspannenden Brückenbogen thalwärts, und das bißchen Kühle, das er auf seinen gelben Wellen mit sich gebracht, verflog schnell, aufgesogen von der Sonne, die, schon seit Wochen unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herniedersengend, den Blättern der Alleebäume längst die Farbe des Tabaks gegeben und das Erdreich in morschen Zunder verwandelt hatte. Jeder Windzug entführte davon Teile, die sich in inniger Verquickung mit dem Straßenstaub, dem Ruß der Fabrikessen und der Schornsteine auf Menschen, Tiere, Pflanzen legten und den Lungen eines jeden Lebewesens das Atmen erschwerten. Wem in dieser Jahreszeit Beschäftigung oder Kasse nicht erlaubt hatten, ins Hochgebirge oder an die See zu entfliehen, der suchte in den Feierstunden wenigstens aus den Mauern hinauszugelangen in die luftig gebauten Villenvororte, in die Obstgärten und Weinberge unterhalb der Stadt, vielleicht auch in die ausgedehnten Waldungen im Norden. Die Menschenwogen, welche sich aus dem rauchigen Centrum in die Naturfrische ergossen, hatten jenen herdenartigen Charakter angenommen, den die Menge zeigt, sobald ein Naturereignis, ein gemeinsames Erleben, oder auch nur verwandtes Bedürfnis sie nach einer bestimmten Richtung treibt. Das Gefühl unerträglicher Schwüle hatte in diesen Tausenden den nämlichen Drang erzeugt: hinaus unter freien Himmel. Eine Gruppe von drei Menschen trennte sich ab von dem allgemeinen Schwarme: zwei Männer, ein Mädchen. Während die meisten anderen der ausgestreckten Hand eines Wegweisers folgten, der in fünf Minuten die schönste Aussicht, Kegelbahn, Bier, Kaffee und andere Herrlichkeiten verhieß, schlugen diese drei einen sandigen Fußsteig ein, der in den Wald hineinführte. Einem Mädchen wie diesem begegnet man gern. Frische Wangen, schönes Haar, guter Wuchs. In den Bewegungen die Leichtigkeit und anmutige Weichheit, die nur das junge Weib hat. Helle, freundlich blickende Augen, welche man sich mit Thränen gefüllt sehr rührend vorstellen konnte, Augen, die nicht kokett blickten, aber aus denen unbewußt die rührende Mädchenbitte sprach: finde mich hübsch! Nichts Rätselhaftes, nichts Dämonisches, nichts Mystisches, aber umsomehr gesunde Sinnlichkeit. So mancher Mann wendete unwillkürlich den Kopf nach dieser Erscheinung, und »ein bildhübsches Mädchen«, das war eine häufige Bemerkung, die Alma Lux hinter sich geflüstert hören konnte. Wahrscheinlich war das gestreifte Sommerkleidchen, das sie gut kleidete, ihr eigenes Machwerk. Aus ihrem Hut mit allzuviel künstlichen Blumen und dem grellfarbigen Sonnenschirm, den sie nicht recht zu handhaben verstand, sprach das harmlose Bestreben des Kindes aus dem Volk, für eine Dame gehalten zu werden. Von den beiden Männern trug der ältere seinen einfachen, braunen Lodenanzug mit einem gewissen großartigen Selbstbewußtsein zur Schau, als wolle er sagen: wenn ich mich gut anzöge, würde meine Häßlichkeit nur noch grotesker wirken. Und in der That, aus diesen abfallenden Schultern, eckigen Hüften und dünnen Beinen, hätte die größte Schneiderkunst nichts Anmutiges zu gestalten vermocht. Die Gesichtszüge dieses Mannes, der im Anfang der dreißig stehen mochte, machten freilich manches wieder gut, was der Körper an ästhetischen Sünden beging. Es war das Gesicht eines intelligenten Pudels. Schmale, hohe Stirn, in die rotblondes Haar in lockigen Büscheln fiel. Lebhafte, glänzende, kluge und zugleich gute Augen. Brauen, die sich von der gleichmäßig roten Farbe des ganzen Gesichts nur wenig abhoben. Eine spitze Nase mit weiten, beweglichen Nüstern. Das Untergesicht vorspringend. Oberlippe und Mundwinkel ganz vom blonden Schnauzbart versteckt. Von ganz anderem Schrot und Korn war der Jüngere. Die lässige Haltung, die Art, wie er seinen ehemals gut gemachten, jetzt abgenutzten Anzug trug, sprachen von dem stolzen Gehenlassen eines Menschen, dem der Stempel guter Herkunft von Natur aufgedrückt ist. Die Haut zart, die Glieder schlank und gut proportioniert, die Züge eigentümlich kapriziös gemischt. Die edle Stirn, das ausdrucksvolle Auge schienen einen Anlauf zu energischer Männlichkeit nehmen zu wollen, doch waren Kinn und Lippen die eines Weibes. Niemand konnte es dem jungen Menschen verargen, daß er das Haar im Nacken lang trug, denn es hatte einen ungewöhnlichen, an matte Seide erinnernden Glanz. Der ältere der beiden schien des Weges kundig zu sein. Zwar war Doktor Lehmfink kein Autochthone. Seine Wiege hatte in einem schwäbischen Gebirgsstädtchen, nahe der Schweizer Grenze gestanden. Sein Leben war eine Wanderung nach Wissen und nach Brot. Ein eigentliches Heim hatte er auch hier nicht; man müßte denn eine Chambre garnie und einen Schemel vor einem Redaktionspult so nennen. – Seit zwei Jahren lebte er in dieser Stadt. Er schätzte den Platz, wie man eine Schutzhütte zu schätzen weiß im Gebirge, die einem eine Zeit lang notdürftige Unterkunft gewährt. Und auch sein um etwa fünf Jahre jüngerer Begleiter war ein moderner Nomade. Das holperige Pflaster des nordhannöverschen Nestes, dem er entstammte, hatte Fritz Berting seit Jahren nicht mehr betreten. Er war mit seiner Familie zerfallen, galt den Verwandten als ein verlorener Sohn. Trotz seiner Jugend hatte er seine Füße schon an den verschiedensten Herdfeuern gewärmt. Sie kannten einander von Berlin her, wo sie sich in litterarischen Kreisen getroffen hatten. Lehmfink besaß eine hohe Meinung von Bertings Begabung. Er liebte den Jüngling mit einer Art schmerzlichen Bewunderung, wie es selbstlose Menschen thun, die in einem jüngeren Genossen jene glücklichen Anlagen finden, die sie in sich selbst zu erziehen einstmals heiß bemüht gewesen sind. Auch nach seinem Wegzug von Berlin hatte Doktor Lehmfink den jungen Berting nicht aus dem Auge verloren. Vor einiger Zeit erfuhr er durch die Zeitungen, daß ein Drama des jungen Dichters bei seiner Erstaufführung in Berlin in aufsehenerregender Weise durchgefallen war. Er schrieb an den Autor einen Beileidsbrief. Daraufhin war Fritz Berting eines Tages bei ihm erschienen, mit wenig Gepäck, ohne Geld und in Begleitung eines weiblichen Wesens. Lehmfinks Auffassung von Liebe war nicht eng. Das Leben hatte ihn gelehrt, daß man in allem, was die Beziehungen der Geschlechter betrifft, nicht weitherzig genug urteilen kann. Aber er wußte auch, daß es keine gefährlichere Klippe giebt für den Menschen, der noch keine gefestigte Stellung hat, als ein ernsthaftes Liebesverhältnis. Er nahm scheinbar Almas Gegenwart als etwas Selbstverständliches hin, stellte keine neugierigen Fragen, forschte nicht, wie die beiden einander gefunden hätten und was ihre Zukunftspläne seien. Lehmfink sah es für Freundespflicht an, zunächst für Fritzens äußeres Unterkommen zu sorgen. Er half eine möblierte Wohnung suchen für die beiden, dann wußte er einen Verleger, der gerade auf Ausschau war nach verheißungsvollen Talenten, zu interessieren für den jungen Dichter. Auf Doktor Lehmfinks Empfehlung hin gab der sonst äußerst vorsichtige Geschäftsmann für einen Roman, den Berting noch nicht einmal zu schreiben begonnen hatte, einen Vorschuß von etlichen hundert Mark. Fritz Berting hatte die nächsten Wochen dazu gebraucht, sich in der fremden Stadt umzuschauen. Man mußte doch erst in Stimmung kommen, ehe man sich niedersetzte zum Schreiben. Der Verleger hatte nichts wieder von ihm gesehen, seit dem Tage, wo er so unvorsichtig gewesen war, seine guten Scheine in Fritzens Hand zu legen, in der Hoffnung, sie in Gestalt von beschriebenem Papier zurückzubekommen. Dem Freunde gegenüber hatte Berting die Entschuldigung, daß man bei der herrschenden Hitze von keinem Menschen Gedanken und Einfälle verlangen dürfe. Lehmfink hätte erwidern können, daß er bei jeder Temperatur Tag ein Tag aus sein Pensum abarbeiten müsse; aber er unterdrückte die Bemerkung, denn es kam ihm nicht bei, seine Thätigkeit mit der Bertings zu vergleichen. So streifte Fritz denn in der Stadt umher, betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern, studierte Physiognomie und Wesen der Einwohner, amüsierte sich über ihre Aussprache, die eine Karikatur war des Hochdeutsch, saß in Restaurationen und Kaffees, schlürfte einen Eiskaffee nach dem anderen, las Zeitungen, und ging abends ins Gartenkonzert. Alma saß derweilen in der gemieteten Wohnung allein. Anfangs hatte sie die Zeit damit zugebracht, seine und ihre Garderobe in besseren Zustand zu bringen. Als sie damit schnell fertig geworden war, dachte sie daran, sich nach Arbeit umzusehen. Das nächstliegendste für sie wäre gewesen, wieder in einem Konfektionsgeschäft Stellung zu suchen, als Probierfräulein oder dergleichen. Zwar war tote Saison, aber mit ihrer Figur konnte sie schon den Versuch wagen. Fritz jedoch wollte davon nichts wissen, er fand diese Art Broterwerb ihrer durchaus unwürdig. Da entsann sich Alma, daß sie in der Zeit, ehe sie in die Konfektion gekommen, Krawatten genäht hatte. Ganz verlernt würde sie das inzwischen auch nicht haben. Sie fragte in verschiedenen Geschäften nach Arbeit und erhielt schließlich einen Posten zugeschnittener Ware überwiesen. Gern hätte sie sich eine Nähmaschine getauft oder geliehen. Aber Fritz legte dagegen ein entschiedenes Veto ein. Bei der Engigkeit ihres Logis würde ihn das impertinente Geräusch der Nähmaschine stören. Alma, die gewohnt war, sich in allen Stücken seinen Wünschen zu fügen, mußte daher die Arbeit mit der Hand verrichten. Heute hatte Doktor Lehmfink die beiden abgeholt, um ihnen etwas von der Umgebung der schön gelegenen Stadt, von der sie so gut wie noch nichts gesehen hatten, zu zeigen. Die Unterhaltung war nicht gerade lebhaft; Lehmfink trug ihre Kosten so ziemlich allein. Fritz Berting war schon seit einigen Tagen schlechter Laune. Machte das die andauernde Hitze, oder eine ungünstige Besprechung, die neulich in einer angesehenen Zeitschrift über seine Gedichte gestanden hatte, oder endlich die Entdeckung, daß die von dem Verleger vorgeschossene Summe wie der abnehmende Mond unaufhaltsam kleiner wurde; oder waren es diese unangenehmen Dinge vereinigt? Kurzum, Fritz sah die Welt durch eine rauchgeschwärzte Brille und nahm sich nicht die Mühe, diesen Seelenzustand vor seiner Umgebung zu verbergen. Doktor Lehmfink sprach wie gewöhnlich von Litteratur. Er hatte in früheren Jahren nach dem Dichterlorbeer gestrebt, ohne es weiter zu bringen als zum Litteraten. Eine von Lehmfinks Liebhabereien war, die Literaturgeschichte nach vergessenen oder bei Lebzeiten irgendwie zu kurz gekommenen Autoren zu durchstöbern, um diese Verkannten nachträglich zu Ehren zu bringen. Schon verschiedene solcher Verschollenen hatte er in Anthologieen und billigen Ausgaben populär zu machen versucht. Er setzte bei solchem Bemühen nur Geld zu und Zeit. Von der Not getrieben, war er schließlich zum Journalismus übergegangen. Bei dem Feuilleton einer politischen Tageszeitung fand er Unterschlupf. Hier mußte er so ziemlich über alles schreiben: Theater, Bücherbesprechungen, Wissenschaftliches. Seine gründliche Bildung kam ihm dabei zu statten, während der hohe künstlerische Maßstab, den er an litterarische Erzeugnisse anzulegen für Pflicht hielt, ihn oft genug in Kollision brachte mit den banalen Forderungen des Publikums, das vor allem Lesefutter will und Sensationelles. Fritz Berting, hörte nur mit halbem Ohre hin. Mehr Interesse legte Alma Lux an den Tag. Sie besaß die Bildung der Volksschule, schrieb unorthographisch und kam in ihren litterarischen Interessen nicht über den Kolportageroman hinaus. Aber auf sie wirkte, wie auf die meisten Frauen, viel weniger das Thema, als die Persönlichkeit des Sprechenden. Doktor Lehmfink war ihr interessant. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen gesehen, der ihm ähnlich gewesen wäre. Die großen Augen, das strubbelige Haar und die rötliche Hautfarbe seines Gesichts, dazu seine Storchbeine reizten sie beständig zum Lachen. Sie konnte sich gar nicht in die Existenzbedingungen eines solchen Wesens hineindenken, betrachtete diesen Menschen als etwas Neues, Fremdes, Erstaunliches, wie eine Art Schauspiel, das zu ihrem besonderen Vergnügen aufgeführt wurde. Auch wenn sie seine Worte gar nicht verstand, bereitete es ihr doch Genuß, ihnen zu folgen und dabei zu denken, wie freundlich es von diesem hochgelehrten Herrn sei, sich überhaupt mit ihr abzugeben. Und was ihr Vertrauen zu Doktor Lehmfink unendlich vertiefte, war das instinktive Gefühl, daß er ein anständiger Mann sei, der nichts Unrechtes von ihr wolle. Sie hatte trotz ihrer neunzehn Jahre die Erfahrung gemacht, daß das bei Männern etwas äußerst Seltenes ist. Die Drei hatten ein schmales, mit dünnem Wald bestandenes Thal durchschritten, in dessen Grunde ein seichtes Wässerlein hie und da aufblitzte. Nun stiegen sie durch tiefen Sand zu einer unbedeutenden Erhöhung empor. Der Gipfel war gelichtet und gestattete freien Ausblick. Da unten über Baumwipfel hinweg sah man die Stadt liegen. Sie füllte das breite Flußthal mit ihren Häusermassen bis zu den jenseitigen Hügelreihen. Im Osten standen, gleich blauen Würfeln, eine Anzahl Berge gegen den milchweißen Himmel, deren Gipfel wie mit dem Messer abgeschnitten schienen. Der Fluß, von zahlreichen Brücken überspannt, trat in gefälliger Kurve aus der Stadt heraus, nur für ein kurzes Stück durch freies Land fließend, dann verdeckten ihn schon wieder Gebäudemassen, Häuserzeilen, Fabriken. Das ganze, weite, muldenartige Thal besetzt von menschlichen Anwesen. Selbst die niederen Höhenzüge, die nach beiden Seiten zurücktretend breiten Bänken fruchtbaren Vorlandes Platz machten, waren besät mit Dörfern, Einzelgehöften, Schlößchen und Landhäusern, die inmitten von Obstgärten und eingehegten Parks lagen. Wo nach Süden das Gelände offen im Anprall der Sonne sich breitete, hatte der Weinbau seinen Platz gefunden. Nach Norden hin aber dehnte sich auf rauhem Hochplateau dunkler Kiefernwald, sandige Heideflächen, sumpfiges Wiesenland. Und in diesen breiten, prächtigen Rahmen eingebettet, lag die Stadt, halb in ihrem eigenen Dunst und Rauch verhüllt, mit ihren unzähligen Dächern, Essen, Schornsteinen, Giebeln, aus denen hie und da ein schlanker Turm, eine majestätische Kuppel, das Glasdach eines Bahnhofs, der viereckige Kasten einer Kaserne als Ruhepunkt im Wechsel kleinerer Formen auftauchten. Lehmfink machte den Erklärer. Er benannte die einzelnen Stadtteile, die öffentlichen Gebäude, die Kirchen, die Paläste, die gewerblichen Anlagen, die großen Straßenzüge. Es war der günstigste Augenblick. Die Sonne, im Sinken von intensiver Farbenkraft, vergoldete die Kirchturmspitzen und die Kuppeln, spiegelte sich in tausend großen und kleinen Scheiben, ließ einzelne Gebäude selbstleuchtend hervortreten, verlieh sogar den Fabrikessen, den großen Steinkästen, den kahlen Brandmauern, einen wärmeren Ton und durchleuchtete die Wolke von Dunst und Staub, die über dem Ganzen lag. Fritz Berting ließ die blasierte Miene fallen; seine Züge belebten sich bei dem Anblick dieses Bildes voll Mannigfaltigkeit. Er war überrascht. Er hatte da unten gesteckt in einer heißen, engen, wenig sauberen Vorstadtwohnung. Hatte unter Kohlenstaub und Straßenlärm gelitten und schon manch liebes Mal den ganzen Ort verwünscht. »Nicht wahr, das hättest du nicht vermutet?« fragte ihn Lehmfink. »Ja, was denn! Das ist ja wirklich eine schöne Stadt!« rief Fritz. »Wenn man so mitten drin steckt, Berting, merkt man zu viel von den Details und zu wenig von der Physiognomie. Hier aus der Vogelschau sieht man, daß das Ding einen Anfang hat und ein Ende, eine Umgebung, und eine Lage. Und man versteht nun auch den Sinn, nicht wahr? – begreift, daß eine Stadt gerade hier hat entstehen müssen.« »Und da man als Deutscher, mein lieber Lehmfink, ja natürlich nicht Ruhe hat, bis nicht Zweck und Ursache eines Dinges endgiltig festgestellt sind, erkenne ich diesem Orte jetzt erst Existenzberechtigung zu, erkläre mich mit seinem Dasein ausgesöhnt und einverstanden.« Fritz lächelte ein wenig spöttisch, dann verlor er sich wieder ganz in Gedanken. Lehmfink wollte in seinen Erläuterungen fortfahren, aber Fritz unterbrach ihn. »Verschone mich mit Namen, Lehmfink, oder gar mit Geschichte! Wenn mir jemand eine Landschaft erklärt, streift er für meine Augen unfehlbar allen Reiz davon ab. – Ist das da unten nicht wie ein persönliches Wesen? So müßte man von irgend einem Punkte aus auf unseren Maulwurfshaufen von Erde herabblicken können! Dann würde man vielleicht die richtige Würdigung haben des Lebens. Distanz ist alles! Das ist ja mein Traum; den höchsten Standpunkt zu finden, von dem aus man mit überlegenem und alles umfassendem Blick ein Bild geben könnte, zwingend durch Wahrheit, erdrückend durch Natürlichkeit. Das müßte ein wunderbares Kunstwerk geben, wenn man das ganze große Leben von solcher Warte aus belauschen könnte.« »Schreibe dieses Buch!« rief Lehmfink lebhaft.»Schreibe uns dieses Buch!« »Die Stadt müßte man erweitern zu einem Symbol des gesamten Volkes, der ganzen Menschheit. Ach! Man müßte die Dächer da unten aufdecken können, und den Leuten in ihre Stuben blicken und Kammern. Wie sie essen, wie sie schlafen, müßte man wissen, wie sie sich gebärden, wenn sie sich ganz unbeobachtet glauben. Hüllenlos sie sehen bei jeder Bethätigung, in ihren primitiven Leidenschaften sie belauschen, wenn sie lieben und hassen, wenn sie hungrig sind, wenn sie sich voll gegessen haben und getrunken. Wie Neid, Eifersucht und Liebe abwechselnd sie gegeneinander und aufeinander treiben, wie sie sich bald umarmen, bald einander belügen und betrügen und sich den Tod an den Hals wünschen. Durch all die heuchlerischen Hüllen müßte man hindurchblicken können, die sie Geselligkeit, Familie, Gesetz, Sitte zu nennen belieben. Wem das gelänge, die Menschen so im Allerheiligsten der Alltagsprosa zu fassen! Die Tiere, ja die kann man belauschen. Aber der Mensch ist Schauspieler. Es ist so schwierig, menschliche Dokumente, wirklich echte Dokumente zu sammeln!« Fritz seufzte. »Und was hättest du schließlich davon, wenn du auch ein paar Dutzend solcher Dokumente glücklich in deine Scheuern gesammelt hättest?« meinte Lehmfink. »Den großen Schatz ewiger Wahrheit hättest du damit nicht bereichert. Überlasse doch das Sammeln solch kleiner Augenblickswahrheiten der Wissenschaft. Warum willst du in einem Kehrichthaufen wühlen, lieber Berting, wo dir als Künstler das ganze Weltall zum Tummelplatz frei steht. Früher schrieb man Gedichte über Helden und Götter, über Menschen nur, wenn sie außerordentliche Dinge wollten; jetzt wird nicht mehr das Erhabene geschildert, sondern das Zwergenhafte. Ja, man verläßt das Gebiet des Geistigen und Seelischen vollständig, stellt in den Mittelpunkt einen toten Mechanismus als Symbol: ein Warenhaus, eine Straße, ein Bergwerk und schreibt darüber Dithyramben.« »Schließlich bedarf die Seele doch des Leibes,« warf Berting ein, »und der Leib wieder des Kleides und der Behausung. Wir sind Sklaven der Sachen, in denen wir leben. Wie die Menschen essen, trinken, schlafen, davon hängt ab, wie sie denken, fühlen und handeln. Diese Grundlage des menschlichen Daseins muß auch die Kunst anerkennen, sie kann nicht, wie sie es bisher gethan hat, nur in den Wolken schweben wollen. Auf die allernüchternste Unterlage des Alltäglichen soll sie ihre glänzenden Muster sticken. Gefühl, Stimmung, Phantasie haben wir; aber das genügt noch lange nicht, um den großen Experimental-Roman zu schreiben, so wie ihn das Ausland hat, wie wir ihn überhaupt noch nicht ahnen. Die Wissenschaft, die Technik, die Soziologie, die ganze Natur, die Welt, alles, was es giebt, müßte man beherrschen, im Detail sowohl wie im Ganzen. Wir haben ein modernes Leben, ein großes, gewaltiges. Überall drängt es sich uns in die Sinne, aber es ist gewissermaßen nur äußerlich da, seine Eindrücke bleiben auf der Netzhaut. Wir sind so von ihm befangen, so von seiner Neuheit betäubt, daß noch niemand dazu gekommen ist, es zu verarbeiten. Und es ist so riesenhaft in seinen Dimensionen, daß die Arbeit fast hoffnungslos scheint, es jemals künstlerisch zu durchdringen. Ja, wenn man den Optimismus hätte und die Arbeitskraft eines Zola!« »Ich begreife deine Hoffnungslosigkeit nicht,« sagte Lehmfink nach einigem Überlegen. »Daß eine Fülle von Stoff vorhanden ist, der der Verarbeitung harrt, kann man doch für den Künstler unmöglich als Unglück betrachten. Es kommt eben darauf an, den Geist zu erfassen, den höheren Sinn der tausend verwirrenden Einzelheiten um uns her. Wenn der Gelehrte vor dieser Aufgabe erschrickt, so kann ich das begreifen, denn er muß Kleinarbeit leisten und wird sich möglicherweise darin aufreiben. Der Dichter aber faßt zusammen, schenkt uns einen Blick von hoher Warte aus, der uns plötzlich die dunklen Thäler der Empirie aufhellt. Der Künstler kann seinen Standpunkt gar nicht erhaben genug wählen. Ängstliches Forschen, Sezieren, pedantische Wiedergabe der Wirklichkeit überlasse er den Forschern. Ihm ist Freiheit gegeben und Intuition, er soll uns die Harmonie hören lassen aus allen Disakkorden des Lebens, die nur seinem Ohre vernehmbar ist. Muß ich dir das sagen, Bertina!« »Klingt ganz gut, Lehmfink. Du vergißt nur eins: wir Modernen sind an die Wirklichkeit gebunden mit ehernen Klammern. Unsere Vorfahren hatten es leicht; sie entfalteten einfach die Phantasieschwingen; je höher sie flogen, je mehr wurden sie bewundert. Aber inzwischen ist die Menschheit älter geworden. Die Naturwissenschaft hat sie aus ihren Träumen zum hellen Bewußtsein aufgeweckt. Die Sinne wollen zu ihrem Rechte kommen. Alles schreit nach Thatsachen. Die vorige Dichtergeneration hat sich Mühe gegeben, dem Publikum den Wirklichkeitssinn auszutreiben, alles mußte verhüllt, vergoldet, idealisiert werden. Wir lachen über diese Gestalten, die eine unmögliche Sprache sprechen, von Heroismus triefen und von bürgerlicher Tugendhaftigkeit. Dazu ein Milieu, das kein Milieu ist. Mit einem Worte: Unnatur, Mangel an Mut, Kräfte Originalität. Diesen ganzen falschen Idealismus wollen wir ausfegen. Das moderne Leben ist längst über ihn hinweggeschritten. In der Politik, im Erwerb, in der Technik herrscht der Realismus. Nur in der Litteratur sind wir um ein halbes Jahrhundert zurück. Das Ausland belächelt uns. Wir, die wir uns mit unzähligen Siegen brüsten, die wir uns anschicken, der ganzen Welt ein wissenschaftliches Gravelotte und ein industrielles Sedan zu bereiten, müssen uns einfach verkriechen, wenn man uns nach unseren künstlerischen Thaten fragt. Minnige, innige Butzenscheibenlieder, gedrechselte Professorenromane mit wissenschaftlichen Fußnoten, tönende Jambendramen, falsch nach Schiller empfunden. – Was soll ich noch weiter unser ganzes Elend aufzählen! – Du weißt doch, Lehmfink, wofür wir Jungen kämpfen, daß wir herauswollen aus der Misere. Wenn je eine Revolution berechtigt, notwendig, ja heilig ist, dann diese!« – Fritz Berting ließ seinen Blick über die Stadt gleiten, über das ganze weite von Leben und Arbeit erfüllte Thal. Doktor Lehmfink hätte noch manches zu erwidern gehabt, aber er verschluckte es. Er wollte den Freund nicht aus seinem Träumen reißen. Er sah, daß in jenem ein Entschluß arbeite; und das schien ihm gut zu sein. Fritz Berting sprach ein Paar Worte, wie zu sich selbst: »Den großen, deutschen, naturalistischen Roman, wer den schriebe! Ein freies, rücksichtsloses Buch! Größer als Stendhal, Flaubert, Balzac und die Goncourts, als Zola und Dostojewskij. Wem das gelänge!« – Alma blickte ihn mit scheuer Miene von der Seite an. Wenn Fritz so ernst dreinschaute, dann begriff sie den Abstand zwischen sich und ihm. Und das Bewußtsein dieses Abstandes machte sie traurig. Berting umfaßte das ganze Rund noch einmal mit den Augen, dann nickte er befriedigt. Sobald man das Weichbild der Stadt wieder erreicht hatte, trennte sich Doktor Lehmfink von seinen Freunden. Er hatte in der Redaktion seines Blattes zu thun, wo heute Abend Konferenz der Redakteure stattfand. Alma hatte sich bei Fritz eingehängt. Sie war doch ein wenig müde geworden von dem ungewohnten Marschieren. Langsam schlenderten die beiden die Straße hinab; es kam ja wenig darauf an, ob sie eine halbe Stunde früher oder später in ihrem Quartier ankamen. Was wartete ihrer dort, als ein unerträglich heißes Zimmer, ein schmales Abendbrot, das man appetitlos genoß, und später ein Lager, auf dem man sich ruhelos wälzen würde, bis einen in den Morgenstunden bleierner Schlaf ohne Erquickung umfing. Nicht immer gestattete es Fritz, daß sie sich so bei ihm einhängte. Er liebte die »Vertraulichkeiten auf offener Straße«, wie er das nannte, im allgemeinen nicht. Alma aber wünschte, wie die meisten Mädchen in ihrer Lage, alle Welt solle wissen, daß sie einander zugehörten, daß er ihr Schatz sei. Sie war unendlich stolz auf ihn. Oft genug, während sie so schritten, streifte ihn ihr Blick heimlich bewundernd von der Seite. Er hing seinen eigenen Gedanken nach, vor denen sie großen Respekt hatte. Das Mädchen war schon zufrieden, wenn er nur duldete, daß sie ab und zu seinen Arm ein wenig drückte, um ihm ein verstohlenes Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben. An einer Mauer, auf die ihr Weg sie gerade zuführte, war unter anderen ein großes, rotes Plakat angebracht, auf dem ein Gastwirt sein Gartenetablissement anpries. Heute Abend sollte dort bei »feeenhafter Beleuchtung« ein »Monstrekonzert« von zwei Militärkapellen ausgeführt werden. Alma hatte Halt gemacht und schickte sich an, das Plakat von Anfang bis zu Ende durchzulesen. Fritz zog sie davon weg. »Schauderhaft!« meinte er. Mit einem bedauernden Blick nach dem roten Zettel folgte ihm Alma. In ihrer Phantasie hatte das Gelesene eine starke Wirkung hervorgebracht. Sie glaubte wörtlich an die feeenhafte Beleuchtung, an das Monstrekonzert, und malte sich das Ganze aus als ein Paradies von Schönheit und vornehmem Genuß. Aber sie sagte nichts, obgleich sie sich lebhaft sehnte, nach der Langeweile der letzten Wochen gerade heute ein Vergnügen zu haben. Fritz kam unerwarteter Weise selbst auf den Gedanken, daß man den Abend dort zubringen könne. »Die Musik wird zwar peinigend sein,« sagte er. »Mißverstandener Wagner und ungarische Rhapsodie im Stile eines Defiliermarsches vorgetragen. Auch auf die Beleuchtung würde ich gern verzichten, ein paar chinesische Lampions in den Bäumen und Fettnäpfchen an den Rasenplätzen. Aber wenigstens werden wir gute Luft haben. Ich bekomme die ewige Cervelatwurst, die uns Frau Klippel jeden Abend besorgt, nachgerade auch satt. Wir können uns schon mal eine Ausschweifung gönnen.« Alma jubelte. Man beschloß trotzdem erst nach Haus zu gehen, denn es war gegen sieben Uhr, und das Konzert sollte in der neunten Stunde beginnen. Der Weg führte durch Straßenzüge, die im freien Felde endigten, an Lattenzäunen vorbei, über liederliches Bauland, auf dem Schutt und Kehricht abgeladen worden war. Dann ein freier Platz, dessen Hintergrund die weitläufige Anlage einer Fabrik bildete. Und wieder kamen Straßen mit häßlichen, graugelben Häuserfronten und hohen, kahlen Brandmauern. In den Gassen dieses Viertels herrschte freies, ungeniertes Leben. Männer in Hemdsärmeln, Cigarre im Munde und Frauen in lockeren Flanellblusen lehnten zum Fenster hinaus. Ganze Familien hatten sich's auf der Straße gemütlich gemacht, wo sie in voller Öffentlichkeit ihr Abendbrot verzehrten. Kinder balgten sich und trieben mit viel Geschrei wilde Spiele auf dem Bürgersteig. Ein Leierkastenmann drehte sein Instrument und veranlaßte die Hunde der Umgegend zu kläglichem Heulen. Mädchen, modisch aufgeputzt, mit schlecht gepflegtem Haar und unsauberen Händen hatten mit einander zu tuscheln, liefen kichernd über die Straße und schielten gelegentlich nach einer Gruppe junger Burschen, die, Hände in den Taschen und Hut im Genick, an einer Straßenecke standen, und vorläufig auf die Koketterie dieser Schönen nicht zu achten vorgaben. Gerüche aller Art strömten aus den offenen Hausthüren und Kellerlöchern. Die Schaufenster schienen hauptsächlich für die Fliegen da zu sein; Fliegen schwammen in Glocken und klebten schwarzen Rosinen ähnlich am Leim der Tüten und Bänder, die man ihnen als heimtückische Fallen aufgestellt hatte. Was sonst an Auslagen vorhanden war hinter den schmutzigen Glasscheiben, konnte eher abschrecken als zum Kaufen anlocken. Unter gewöhnlichen Umständen würde Fritz Berting sich beeilt haben, möglichst schnell solchen Eindrücken zu entkommen. Heute verweilte er dabei mit einem gewissen liebevollen Interesse. Es war, als hätten diese schlampigen Weiber, diese groben Männer, die aufgeputzten Mädel, die schmutzigen Kindergesichter, als hätten die häßlichen Häuser, die ganze Straße, ihm irgendwelche wichtigen Geheimnisse zu erzählen. Der Hauch von Armseligkeit und Vernachlässigung aber, der über allem lag, seinen verwöhnten Nerven sonst ein Greuel, gab ihm heute nur den Eindruck einer intim charakteristischen Stimmung. Alma wußte nicht recht, warum er jetzt in einem fort Halt machte und mit interessierter Miene die gleichgiltigsten Dinge betrachtete. Aber sie hütete sich wohl, ihn darüber auszufragen. So lieb er häufig sein konnte, so empfindlich und unberechenbar war er zu anderen Zeiten. Dann brachte ihn eine Frage, eine Bemerkung, ein Lachen, ganz außer sich. Alma fürchtete sich vor Szenen. Nicht aus gewöhnlicher Feigheit. Sie ahnte dunkel, daß mit jedem Streit, den sie miteinander hatten, ein Teil des Liebeskapitals unwiederbringlich dahinschwinde, des gemeinsamen Kapitals, zu dem sie sowieso den größeren Teil beisteuerte. An der nächsten Straßenecke gab es einen großen Menschenauflauf. Ein Mann und ein junges Weib zankten sich. Es war schwer zu erkennen, um was es sich eigentlich handelte, denn die halbe Straße hatte sich im Nu versammelt. Weiber nahmen Partei, Männer lachten und feuerten an, Kinder lärmten dazwischen. Aus allen Fenstern blickten neugierig Köpfe. Das junge Weib in anderen Umständen, nur leicht bekleidet mit Rock und Nachtjacke, das Haar zerzaust, warf ihrem Manne, einem großen, ungeschlachten Burschen, Untreue vor. Er stand trotzig da, kam nicht zu Worte unter der Flut von Beschuldigungen, die sich über ihn ergoß. Die Frau plauderte alles aus, enthüllte das ganze traurige Familienleben, gab es der Schadenfreude der Zuhörer Preis. Er ballte die Fäuste, bedrohte sie. Da trat sie dicht vor ihn hin, forderte ihn heraus, sie zu schlagen, sie ins Gesicht zu schlagen, vor der ganzen Straße sie zu schlagen, wie er es, wenn sie allein seien, so oft thue. Der große Kerl knirschte mit den Zähnen vor Wut, rollte die Augen und wagte es doch nicht, sie anzurühren. Fritz Berting betrachtete den Vorgang mit atemloser Spannung. Alles nahm er in sich auf, jede kleinste Veränderung der Züge, die wechselnden, blitzartigen Bewegungen, jede Nuance der Stimmen. Das armselige Weib, wie sie unter der Wucht ihrer Gefühle und im Bewußtsein ihres Rechtes über sich selbst hinaus gesteigert wurde. Wie sie Worte fand von Kraft und Größe, die ihr im gewöhnlichen Leben sicherlich niemals zu Gebote gestanden hätten. Während bei dem brutalen Manne vor diesem unerwarteten Ausbruch großer Leidenschaft die feige Hundsnatur zum Durchbruch kam. – Nichts entging Fritz. Er sah die Physiognomieen der Zuschauer, ihre Lüsternheit; wie sie danach lechzten, daß jener zuschlagen möge, wie sie ein blutiges Schauspiel herbeisehnten. Alles das nahm der Dichter in sich auf, mit einer gewissen kühlen Befriedigung den Schatz von Dokumenten bereichernd, den er, wo er ging und stand, zu vermehren bemüht war. Als sich die Streitenden schließlich bei der Annäherung eines Polizisten ins Haus zurückzogen, verließen auch Fritz und Alma den Platz. ›Wahrhaftig!‹ dachte Fritz Berting bei sich, ›man braucht doch nur die Nasenspitze eines Gesichtes zu sehen, um den ganzen Menschen mit Leichtigkeit daraus zu rekonstruieren. Ich kenne die ganze Vorgeschichte, die intimsten Erlebnisse dieser beiden Menschen. Und nicht bloß sie, ihre Sippe, die Klasse, die ganze Straße, die Atmosphäre, das Milieu, in dem sie leben. Es steht klar und deutlich vor mir, als lebte ich seit Jahren mit ihnen zusammen, teilte ihre Genüsse, ihr Elend. Über ihre Gedanken, ihre Regungen, ihre Bedürfnisse könnte ich Rede stehen, bis ins Kleinste.‹ Bei Alma hatte das Erlebte ganz andere Gefühle ausgelöst. Sie kannte solche Szenen, wie die eben gesehene, nur zu gut. Mit geheimem Grauen erfüllte sie dergleichen. Erinnerte es sie doch an ihre traurige Kindheit. In ähnlicher Umgebung war sie aufgewachsen. Armut und Elend tragen überall in der Welt das gleiche Gewand. Schamlosigkeit, Zügellosigkeit, Mangel an Würde blickten durch die Löcher ihres zerfetzten Kleides. Wie genau kannte sie diese Auftritte auf offener Gasse, die rohen Männer, die keifenden Weiber, die gaffende, schadenfrohe Menge, wenn der Jammer der Häuslichkeit herausgeschafft wird wie Kehricht, in dem dann jedermann nach alten Knochen und dergleichen zu wühlen sich für berechtigt hält. Fritz Berting spann das Erlebnis mit Behagen weiter aus. Ihm hatte es einen noch weit intensiveren Genuß bereitet, als der Anblick der schönen Stadt zu seinen Füßen im Abendsonnenschein.   Als die beiden von dem Ausfluge in ihre Wohnung zurückkehrten, sagte Frau Klippel, die Quartierwirtin, es wäre ein Herr dagewesen, der nach Herrn Berting gefragt hätte und etwas Geschriebenes zurückgelassen habe; außerdem sei auch ein Brief mit der Post gekommen. Fritz ging ins Wohnzimmer. Er griff zunächst nach dem Brief. Der Umschlag zeigte ihm die Hand seiner Schwester. Schrieb Konstanze auch einmal wieder! – Was darin stehen würde, glaubte er im voraus zu wissen. Ihre Briefe waren sich ja alle ziemlich gleich. Sie enthielten Berichte darüber, was ihr Mann, den sie über alles bewunderte, gesagt und gethan habe, und ermahnende Worte für Fritz, der, seit er sich der Litteratur zugewendet hatte, von der Familie als verlorener Sohn betrachtet wurde. Fritz hätte die Lektüre des schwesterlichen Briefes, der ihm schwerlich Neues bringen würde, auf später aufgeschoben, wenn nicht der Poststempel Berlin gewesen wäre, der ihn stutzen machte. Sein Schwager Wedner war in einer östlichen Provinzialhauptstadt Regierungsbeamter. Wie kam es, daß Konstanze ihm aus der Reichshauptstadt schrieb? – Der Brief gab ihm hierüber sofort Aufklärung. Die Schwester vermeldete, daß sie nach Berlin versetzt seien. Wedners brennender Wunsch, ins Kultusministerium zu kommen, sei damit erfüllt. Sonach wäre ihr Mann nun endlich in der Stellung angelangt, in die er seinen religiösen Interessen und seiner ernsten Gesinnung nach gehöre. Daß die Versetzung außerdem auch eine Rangerhöhung und eine nicht unbedeutende Gehaltsaufbesserung bedeute, ließ die Schreiberin mit einfließen. Eines sei ihr nur wehmütig, daß jetzt, wo sie nach Berlin gekommen, Fritz gerade die Stadt verlassen hätte. Dann kamen Fragen, wie es ihm gehe, und die Bitte, ihr doch zu schreiben. Die Verstimmung, die leider zwischen ihm und Wedner bestehe, dürfe nimmermehr auch auf sie übergreifen. Sie wollten doch ja nicht vergessen, daß sie beide einzig noch übrig seien von den Geschwistern. Ganz nebenbei erwähnte die Schwester, daß Fräulein Mariechen Pauli noch immer unverlobt sei. Fritz mußte lächeln, als er an diese Stelle kam. Konstanze blieb doch immer dieselbe: stets bereit, den Bruder für die Ehe einzufangen, um ihn damit der soliden Bürgerlichkeit wieder zuzuführen. Eines fehlte Fritz noch zur Vollständigkeit des schwesterlichen Briefes: die Ermahnungen. Sie kamen auch und in unerwarteter Form. Neulich, so schrieb Konstanze, habe Wedner in einem Blatte, noch dazu in einem anerkannt schlecht gesinnten, eine Erzählung von Fritz gefunden. Wedner, der sonst niemals solche Sachen lese, habe hier einmal eine Ausnahme gemacht, um zu sehen, was sein Schwager eigentlich jetzt schreibe. Er sei entsetzt gewesen, habe Fritzens Arbeit eine »Verhöhnung« genannt, »alles dessen, was uns heilig ist«. Sie selbst habe das Blatt gar nicht in die Hand nehmen dürfen, könne nur aus Wedners Entrüstung ihre Schlüsse ziehen. Warum denn Fritz so etwas thue? Ob er denn gar nicht daran denke, daß er aus guter Familie stamme? Wenn der Vater das erlebt hätte, der so auf den Namen Berting gehalten habe. – Hier hielt Fritz inne. Er war gegen Konstanzens Vorwürfe ziemlich abgebrüht und machte sich im allgemeinen aus ihren mütterlichen Winken nicht viel; wußte er doch, daß die Gute nur ein Echo war ihres Gatten. Von dem Schwager Wedner aber Verständnis oder gar Billigung seiner Kunst zu erwarten, hätte geheißen, vom Maulwurf Sinn für Astronomie verlangen. Fritz wunderte sich über Mißdeutung seines Schaffens von der Seite nicht. Wenn aber die Schwester ihm sagen wollte, was er seinem Namen schuldig sei, brachte sie sein Blut in Wallung. Über den letzten Teil des Briefes hingegen konnte Fritz nur lachen. Die Schwester erkundigte sich, ob er denn immer noch mit »dieser Person« in Beziehung stünde, mit der er in Berlin gesehen worden sei. Sie könne ihm nicht verschweigen, was Wedner über diesen Punkt gesagt habe: daß, solange Fritz seinen Wandel nicht ändere und nicht ernsthafte Zeichen von Besserung an den Tag lege, an eine Aussöhnung nicht zu denken sei. Außerdem, so fügte die Schwester charakteristischer Weise hinzu, müsse ihm ein solches Leben doch sehr teuer kommen. Wie es denn mit Fritzens Geldverhältnissen stünde? Sie könne doch unmöglich glauben, was in der Verwandtschaft erzählt werde, daß Fritz das Seine schon völlig verthan habe. Er solle nur nicht denken, daß die Familie für ihn eintreten würde; dazu seien sie einmal nicht in der Lage und außerdem habe Wedner gesagt, müsse man es Gott überlassen, Fritz auf den rechten Weg zurückzuführen. Mit der abermaligen Bitte, recht bald zu antworten, schloß der Brief der Schwester. Fritz faltete das Schreiben zusammen und legte es in ein besonderes Fach, zu dem er den Schlüssel stets bei sich in der Tasche trug. Er traute der Quartierswirtin nicht, und auch Alma brauchte diesen Brief nicht zu lesen. Dann summte er sich einen Gassenhauer, suchte die lästigen Gedanken, die ihm Konstanzens Geschreibsel erweckt hatte, loszuwerden. Auf dem Tisch lag auch noch der Zettel von jenem Herrn, der in seiner Abwesenheit dagewesen war. Fritz nahm ihn zur Hand und trat damit ans Fenster. Er entzifferte aus der ziemlich unleserlichen Handschrift, daß ein gewisser Karol ihn ersuche, heute abend in ein Bierlokal der inneren Stadt zu kommen; der Tisch, an dem Herr Karol sitzen würde, war genau bezeichnet. Er kenne Herrn Berting aus seinen Veröffentlichungen, schrieb Karol, und fühle den lebhaften Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft. Auch er sei ein Mann der Feder. Er glaube verwandte Ziele zu haben mit Berting und darum würde es ihm eine Genugthuung bedeuten, sich einmal unter vier Augen mit ihm auszusprechen. Karol, Karol!– – Fritz strengte sein Gedächtnis an. Er glaubte sich zu entsinnen, den Namen beim Durchblättern sozialistischer Blätter einigemale unter Feuilletons gesehen zu haben. Er hatte die Artikel nicht gelesen, weil er im allgemeinen nicht viel von einer Verquickung der Kunst mit Parteipolitik hielt. Aber ein Gedicht war ihm in Erinnerung geblieben, das auch die Unterschrift »Karol« trug. Es hatte angefangen: »Laßt eure Federn Dolche sein!« und war, wie Fritz bei flüchtigem Durchlesen erschien, stark an Herwegh angelehnt. Und dieser Mann schrieb ihm jetzt, daß er die persönliche Bekanntschaft des Dichters Berting herbeisehne. – Fritz mußte unwillkürlich lächeln. Er seinerseits sehnte sich nicht nach Begegnung mit diesem Kollegen. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß es eine Enttäuschung geben werde. Von dem Spaziergang etwas ermüdet, hatte er sich auf dem Sofa niedergelassen. Er überlegte, sollte er der Aufforderung Folge leisten? Es war doch eigentlich Arroganz, jemanden, den man gar nicht kannte, einfach zum Rendezvous aufzufordern mit der Behauptung, daß man »gemeinsame Ziele« habe. Aber gerade das Selbstbewußtsein, das sich in den Zeilen ausdrückte, reizte auch wieder die Neugier, den Schreiber kennen zu lernen. Vielleicht war Herr Karol doch nicht ganz ohne litterarischen Einfluß. Man konnte nicht wissen, ob man sich nicht eine Chance verdarb, wenn man den Mann einfach an seinem Tische vergeblich warten ließ. Eben war er mit sich ins reine gekommen, daß er den Abend diesem Karol opfern wolle, als aus dem Schlafzimmer Alma eintrat. Sie hatte sich umgezogen, ihr bestes Kleid angelegt. »Soll ich den Sammethut aufsetzen?« fragte sie, »oder den mit den Mohnblumen?« Da fiel ihm ein, was er ihr vorhin zugesagt hatte. »Ach richtig, dein Monstrekonzert! – Entschuldige, Liebling, daraus kann heute nichts werden. Ich muß mich mit einem Herrn treffen, der mir geschrieben hat.« Das eben noch strahlende Gesicht des Mädchens verdüsterte sich. Die Thränen kamen ihr sofort. Sie schluckte an irgend einem unausgesprochenen Wort und trat ans Fenster. Fritz setzte ihr vom Sofa her auseinander, daß die Sache von größter Bedeutung für ihn sei. Er erklärte, daß er durch diesen Herrn Karol mit einem angesehenen Blatte in Verbindung kommen werde. Alma glaubte ihm nicht. Sie lebte lange genug mit Fritz zusammen, um sofort zu fühlen, wenn er es nicht ganz aufrichtig meinte. Ihr Ohr war das der Eifersüchtigen. Alma war eifersüchtig auf jedes Ding, jeden Menschen, mochte es Mann sein oder Weib. Sie war in diesem Falle auch gekränkt. Da schrieb ein beliebiger, wildfremder Herr an ihn und sofort hatte Fritz darüber vergessen, was er ihr versprochen. Wie hatte sie sich auf dieses Konzert gefreut! Garnicht so sehr der Musik wegen, oder der Beleuchtung, wie er wohl annahm; sondern darauf, mit ihm dorthin gehen zu dürfen, an seinem Arme, überhaupt ihn einmal wieder für sich zu haben einen ganzen Abend lang. Das war nun alles zu Wasser geworden, und seine schönsten Erklärungen änderten daran nichts. Was bedeuteten Vernunftgründe für Alma. Sie hörte nur das eine aus seinen Worten, daß die Kunst, oder um was es sich sonst handeln mochte, ihm mehr bedeute als sie. Sie schwieg beharrlich. Das hübsche Gesicht, das man nur immer heiter und aufgeräumt zu sehen gewohnt war, glich auf einmal einem festlichen Zimmer, in dem alle Kerzen ausgelöscht sind. »Übermorgen ist Sonntag!« sagte Fritz. »Ich wollte längst einmal Lehmfink einladen. Dann gehen wir zusammen aus, Liebchen. Ich will sogar Sekt spendieren. Den haben wir lange nicht getrunken. Denke mal: Sekt!« So ließ Alma sich nicht beschwichtigen. Sie hatte eine jener Enttäuschungen erlebt, die Frauen nicht leicht vergessen. Fritz kannte sie schlecht, wenn er glaubte, sie mit einem in Aussicht gestellten Sektdiner zu versöhnen. Er begriff überhaupt nicht, um was es sich für sie handelte. Wenn er ihr in diesem Augenblicke gesagt hätte: Ich werde dem fremden Herrn abschreiben, gieb du dein Konzert auf, wir wollen den Abend ganz still hier verbringen – jubelnd würde sie diesem Vorschlage zugestimmt haben. Mit ihm zusammen sein, am liebsten allein! Fühlen, daß man einander zugehöre, die Stunde genießen, die so nicht wieder kam. Übermorgen! – Was war Übermorgen? Er hätte ihr ebensogut versprechen können, daß er sie morgen heiraten wolle, das würde sie nicht getröstet haben über das verlorene Glück, das sie für heute geträumt hatte. Er trat zu ihr, streichelte ihr die Wange und raunte ihr ins Ohr: »Nicht maulen, Liebchen! Wir können noch oft gehen. Konzerte giebt's viele.« Aber die Stirn blieb kraus und die Augen voll Thränen. Es war so bitter zu denken, daß er ihr das anthun konnte, gerade ihr! Daß sie ihm so wenig bedeutete, nach allem, was sie gemeinsam durchlebt. Fritz Berting und Alma Lux hatten einander in Berlin kennen gelernt, etwa vor fünf Vierteljahren. Sie war damals noch nicht lange in der Reichshauptstadt gewesen, in die ein Zufall sie aus ihrer schlesischen Heimat verschlagen hatte. Ihr Vater war als Aufseher in einer großen Spinnerei angestellt. Sie selbst hatte von der Konfirmation ab der Mutter in der Haushaltung geholfen. Die Familie war stark, das Auskommen schmal und die Frau nicht sonderlich wirtschaftlich. Alma lernte alle Sorgen eines ärmlichen Hausstandes in früher Jugend kennen. Dann starb der Vater nach kurzer Krankheit. Die Mutter heiratete bald darauf einen jüngeren Mann, der früher Schlafbursche im Hause gewesen war. Alma, empört über das, was ihr wie Treulosigkeit vorkam, verließ die Mutter und trat als Verkäuferin in ein Geschäft ein. Dort sah sie ein berliner Geschäftsreisender. Er redete dem jungen, bildhübschen Mädchen zu, nach Berlin zu kommen, in der Hauptstadt wolle er ihr eine bessere Stellung verschaffen. Alma wäre vielleicht nicht auf die Lockungen des redegewandten Mannes eingegangen, wären nicht die unerquicklichen Verhältnisse in der Familie gewesen. In Berlin erwiesen sich die Versprechungen des Reisenden als blauer Dunst. Alma besaß jedoch Besonnenheit genug, sich seinen kupplerischen Plänen zu entziehen. Auf eigene Faust suchte sie sich Beschäftigung. In einem großen Geschäftshause für Damenkonfektion fand sie feste Stellung. Aber auch hier wurde ihr das Leben schwer gemacht. Ein jugendlicher Commis wollte sie durchaus heiraten, und einer der Chefs näherte sich ihr mit minder ehrenvollen Anträgen. Sie wechselte die Stelle, ohne daß es ihr an dem neuen Platze in dieser Beziehung besser ergangen wäre. Die Kolleginnen verlachten sie wegen ihrer Sprödigkeit, und die abgewiesenen Männer waren nicht gut auf sie zu sprechen. Aber sie ließ sich nicht irre machen. Was sie daheim in ihrer nächsten Umgebung als junges Ding gesehen, hatte dem Mädchen einen tiefen Abscheu beigebracht vor Leichtsinn in Liebesdingen. Lieben wollte sie, aber nur, wenn der Rechte käme und nur diesen einen. Heute diesem, morgen jenem ohne Liebe sich hingeben, wie sie es bei so manchem Mädchen erlebte, das schien ihr ekelhaft und ein großes Unrecht. Eines Tages lernte sie Fritz Berting kennen bei einem öffentlichen Balle, den zu besuchen sie sich durch eine Freundin hatte bereden lassen. Er brachte sie abends bis vor die Hausthür und bat um Erlaubnis, sie wiedersehen zu dürfen. Sie sagte nicht nein, und man traf sich von da ab häufig. Zwar begriff Alma sehr bald, daß es sich bei Fritzens Liebeswerbung auch nicht um Heirat handle; aber es fiel ihr darum nicht ein, ihn mit den Männern, die sich ihr bisher genähert hatten, auf eine Stufe zu stellen. Ihr hatte sich mit seinem Erscheinen ein Traum erfüllt. Der Rechte war gekommen. Fritz Berting verlangte von Alma, daß sie ihre Stellung als Ladenfräulein aufgebe, er werde für sie sorgen. Sie zogen nicht zusammen. Er besaß damals noch eigenes Vermögen und konnte sich den Luxus gestatten, zwei Wohnungen zu bezahlen. Alma wurde von ihm reichlich mit Kleidern ausgestattet; er wünschte, daß sie wie eine Dame auftreten solle. Auch verlangte er, daß sie ihre Hände schone, damit ihre Fingernägel in »anständigen Zustand« kämen. Sie that ihm den Gefallen, enthielt sich jeder groben Arbeit, obgleich das langweilig genug war; das Nichtsthun lag gar nicht in ihrem Wesen. Aber dieses Mädchen hätte schließlich noch ganz andere Opfer gebracht für den Mann, den sie liebte. Was Fritz Berting eigentlich sei, womit er den Lebensunterhalt verdiene, hätte Alma damals kaum anzugeben vermocht. Sie kümmerte sich darum auch nicht im ersten Liebesglück. Dann als sie in aller Unbefangenheit über einen Menschen spottete, der aussehe »wie ein Dichter«, sagte er ihr: auch er sei ein solcher, und er kenne keinen höheren Titel. Sie war belustigt über seine Bemerkung, die sie für Spaß hielt, bis sie ein Buch fand, das seinen Namen als Verfasser trug. Neugierig begann sie darin zu blättern. Es waren Verse. Er nahm ihr das Buch weg; davon verstehe sie nichts. Sie erklärte stolz, daß sie auf der Schule manches Gedicht auswendig gelernt hätte. Zum Beweise begann sie zu deklamieren. Aber er hielt sich entsetzt die Ohren zu und rief: mit Uhland könne man ihn umbringen. Mit der Zeit lernte Alma auch verschiedene seiner Bekannten näher kennen. Das waren die wunderlichsten Leute der Welt. In ihren Reden und Angewohnheiten konnte man sich gar nicht zurecht finden. Ernsthafte Dinge behandelten sie leicht und leichte äußerst ernsthaft. Die Männer waren noch nicht das erstaunlichste; aber die Damen dieses Kreises! Wie sie sich kleideten und über was für Dinge sie sprachen! – Der kleinen Alma blieb oft der Mund offen stehen. Zu schreiben schienen sie mehr oder weniger alle, Männlein wie Weiblein. Und die, die nicht schrieben, malten, traten öffentlich auf, hielten Vorträge vor hunderten und tausenden von Zuhörern. Alma versuchte gelegentlich zu den Gesprächen auch ein Wort zu sagen; aber da sah man sie erstaunt an, als rede sie in fremder Zunge. Oder man belustigte sich über ihre Aussprache, zog sie wohl gar auf. Fritz saß mit verdrossener Miene dabei, und machte ihr, wenn sie allein waren, Vorwürfe. Sie hielt ihm vor, daß sie doch nichts dafür könne, wenn sie wenig gelernt habe. Er meinte: auf Bildung komme es in diesem Falle gar nicht an, sondern auf Geschmack. Bildung könne sie sich noch jetzt zur Not erwerben, aber Geschmack sei eine Sache der Kultur und des Taktes; die habe man oder man habe sie nicht. Das verstand sie nun wieder nicht; aber das Demütigende fühlte sie wohl heraus. Am meisten aber grämte sie sich, daß Fritz sich ihrer vor seinen Freunden zu schämen schien. Sie verhielt sich fortan ganz stille in Gesellschaft, gab nur noch verschüchtert Antwort, wenn sie direkt gefragt wurde. So war Alma, obgleich sie mitten drin stand in einem Kreise interessanter, ungewöhnlicher Menschen, doch eigentlich einsam. Sie fühlte sich herausgerissen aus allem, was sie bisher gehabt. Freilich hatte sie ihren Fritz. Er konnte sehr lieb sein und gütig in den glücklichen Augenblicken ihres Zusammenlebens. Manchmal aber war er schroff und kalt, ja geradezu feindlich gegen sie. Das machte, er hatte Sorgen. Sie merkte es sehr bald, obgleich er ihr nicht Einblick gewährte in seine Verhältnisse. Wie gern hätte sie geholfen! Warum war er nur so stolz? Warum verdiente er sich nichts? Sie stellte ihn einmal darüber zur Rede. Er antwortete ihr: in Deutschland habe alles seinen Marktpreis, nur nicht Verse. Als sie darauf sagte: dann möge er das Versemachen doch lassen und etwas schreiben, das Geld einbrächte, da lachte er bitter auf und nannte sie »Eva«. Fritz Berting war jetzt ganz in Anspruch genommen von etwas Neuem. Er hatte sich entschlossen, sein Drama »Leiser Schlaf«, das alle Bühnen bisher abgelehnt hatten, auf eigene Kosten zur Aufführung zu bringen. Er nannte es: einen »letzten Wurf«. Wenn das ein Mißerfolg sei, dann könne er sich eine Kugel vor den Kopf schießen. Ohne alles zu verstehen, was er sagte, begriff Alma doch, daß es sich für ihn um Großes, Entscheidendes handle. Sie klagte nicht, wenn er fortan durch Proben, Besuche bei Schauspielern und Kritikern und andere Vorbereitungen für den »Tag der Schlacht« ihr immer mehr entzogen wurde. Fritz Berting hatte auf diese Aufführung, wie auf eine letzte Karte, den Rest seines kleinen Vermögens gesetzt. Mit seiner Familie war er zerfallen. Der Vater, dem Korrektheit über alles ging, hatte ihm niemals verziehen, daß er die begonnene juristische Carriere aufgegeben und zur Bohême übergelaufen war, daß er anstößige Gedichte schrieb und Dramen, die alles andere waren als hofbühnenfähig. Die Kunst hatte für ihn einen goldenen Boden noch nicht gehabt. Seine Gedichtsammlungen waren in preciösester Ausstattung erschienen und brachten ihm, obgleich sie im Kreise der Kenner nicht unbeachtet geblieben waren, die Herstellungskosten keineswegs zurück. Dramen zu schreiben, hatte er sehr früh angefangen. Lessing, Schiller, Körner, Laube standen bei seinen Erstlingen Pate. Dann hatte er fünfaktige Römerdramen verfaßt, und die große von der Geschichte selbst geschriebene Hohenstaufentragödie in schlechten Jamben verballhornisiert. Durch Zufall kam ihm Grabbe in die Hände, und nun wimmelten seine Entwürfe von grausamen Lüstlingen und Bluthunden, die sich mit dem Mantel philosophischen Weltschmerzes zu drapieren verstanden. In der Zeit, wo der junge Dichter mit der lebendigen Bühne in erste Berührung kam, beherrschte das französische Sittenstück und seine Nachahmungen das Repertoire. Von da ab ließ er seine Stücke nur noch im Salon spielen. Natürlich handelte es sich um Ehekonflikte. Die Gestalt des allwissenden, die Absicht des Dichters interpretierenden, witzigen Raisonneurs, fehlte auch in Fritz Bertings Komödien nicht. Diese Einflüsse verblaßten vor einem Gestirn von unerhörter Form und Strahlenbrechung, das damals am Himmel der deutschen Litteratur aufstieg: Ibsen. Er wirkte wie die Entdeckung eines neuen Erdteiles. Alles war an diesem Dramatiker ungewöhnlich: die Technik, die Sprache, die Probleme, auch seine Persönlichkeit, sein Werdegang. Als eine fertige, gereifte, in sich geschlossene Erscheinung stand er mit einem Male da, auftauchend aus dem Unbekannten. Er war weit mehr als ein Theaterdichter. Wenn auch nur für seine kleine Heimat geschrieben, meinten seine Dichtungen doch die ganze Welt. Er war der Dichter der Epoche, weil er die Sehnsucht nach einer neuen Ethik zu erfüllen schien. Denn bei ihm gab es keine Staatsaktionen, keine Intriguen und Verwickelungen im Sinne des alten Theaters, das Interesse war konzentriert auf das Seelische, die Handlung verlegt in das Gewissen der Menschen. Moralisch waren seine Stücke, aber im Sinne einer neuen, subtileren, freieren Moral als die alte, nach himmlischer Belohnung schielende. Eine Moral, die auf gesundem Egoismus und kühner Selbstverantwortung ruhte. Die moderne, selbstherrliche, dem Gängelbande von Staat und Kirche entwachsene Menschheit wurde gezeigt, nach welchen Grundsätzen sie in Wahrheit lebt, welche Triebe, Bedürfnisse und Ziele sie in Wirklichkeit regieren. In die tiefsten Schichten der sozialen Heuchelei bohrte dieser Dichter hinab, an alles morsche Gestein klopfte er. Ein revolutionärer Dichter, der alte Götzen von ihren Piedestalen warf und an das Heiligste und Verehrteste kühl den Maßstab unerbittlicher Wahrhaftigkeit legte, eine neue Welt mit neuen Gesetzen für Gut und Böse, Schön und Unschön, Gesund und Krank schuf. Fritz Berting stand zunächst vor dem Phänomen Ibsen wie überwältigt. Dann sah er keine andere Rettung, sich von dem unerhörten Ereignis zu befreien, als es sich von der Seele zu schreiben. Das Drama, das er in dieser Verfassung schrieb, hieß: »Leiser Schlaf«. Er wollte damit zeigen, wie für das empfindliche Bewußtsein des Modernen nicht die groben Übertretungen der landläufigen Moral es sind, die den Menschen zum Schuft machen, sondern die viel feineren Verstöße, die kein Staatsanwalt verfolgt, die moralische Feigheit, die Unterlassung mutiger Thaten. Diese Dinge haben einen leisen Schlaf. Das Drama hatte wenig äußere Handlung, war aber, wie der Autor glaubte, wirksam durch ungewöhnliche Wandlungen und Enthüllungen im Seelenleben. Leider konnte er jedoch keinen Theaterdirektor zu der eigenen günstigen Meinung bekehren, so verzweifelt er sich auch nach dieser Richtung bemühte. Schließlich kam er zu dem Entschluß, das Stück in einem gemieteten Saale von selbst engagierten Schauspielern aufführen zu lassen. Von vornherein stand ein Unglücksstern über Leisem Schlaf. Einer der wichtigsten Darsteller sprang noch während des Einstudierens ab, weil ihn ein berühmter Mime auf seine Gastspieltouren ins Ausland mitnahm. Bis ein Ersatz gefunden war, vergingen Wochen. Darüber rückte der Frühling heran, für das Theater die tote Saison. Schließlich kam's aber doch zur Aufführung. Das Haus war zwar in Anbetracht der Jahreszeit immer noch leidlich besucht, aber das Publikum trug keine verheißungsvolle Physiognomie, für den, der sich auf das rätselvolle Ding, Premierenschicksal, einigermaßen verstand. Die wenigen Kritiker, die ihren Beruf höher auffassen als den eines Theater-Reporters, waren ausgeblieben. Die Zeitungen hatten ihre grünsten Jungen entsandt, weil sie der Sache nicht viel Wert beilegten. Die für Litteratur und Theater interessierten Laien, auf die der Dichter so sehr gehofft hatte, waren schwach vertreten. Was gekommen, war eine von Neugier und allerhand unsachlichem Interesse angezogene, oder auch durch ziemlich wahllos verteilte Freibillets herbeigelockte Masse von zweifelhafter Verständnisfähigkeit. Es kamen noch einige nicht vorauszusehende Mißgeschicke hinzu, welche das Publikum von vornherein in eine dem Erfolge gefährliche Stimmung versetzten. Der Schauspieler, den Fritz Berting an Stelle jenes anderen, untreu gewordenen, herangezogen hatte, war um eines Hauptes Länge kleiner als seine Partnerin, die überhaupt aus dem zusammengewürfelten Ensemble körperlich wie geistig stärker hervorragte, als für eine einheitliche Wirkung gut war. Und dazu ein Publikum, das nicht wußte, was es mit dem Dargebotenen anfangen sollte! Der Dialog zündete nicht, die Situationen ließen kalt, die Pointen fielen unter den Tisch. Es wollte nicht jene Verbindung eintreten, nicht jene Leitung feiner Fäden des Einverständnisses sich anspinnen zwischen Zuschauer, über den Darsteller hinweg, mit dem Dichter im Hintergrunde, die so notwendig ist für den Erfolg eines Abends. Als der Vorhang zum ersten Male niederging, erscholl einiger Applaus. Aber die Paar Leute, die durch ihre Freibillets, oder weil sie persönliche Freunde des Autors waren, sich verpflichtet fühlten, zu klatschen, wurden, als sie es gar zu eifrig trieben, schließlich durch Zischen zur Ruhe verwiesen. Im zweiten Akte schlug die Stimmung des Publikums um. Bisher hatte man sich anständig gelangweilt, jetzt aber entstand Husten, unruhiges Hin- und Herrücken und Flüstern; ein böses Omen für den Ausgang der Sache. Und nun der Höhepunkt des Dramas. Ein Dialog zwischen Held und Heldin, wo die Gegensätze der Naturen in einer leidenschaftlichen Szene aufeinanderplatzten. Es war einer jener Momente, die bei Premieren nicht selten sind. Die Stimmung ist dann wie bei einem Gewitter, schwer, geladen, tragisch, voll höchster Spannung. Dann spricht das Unbedeutendste mit. Ein einziger falscher Ton kann alles verderben. In solchen Momenten hat selbst die grobe Masse ein instinktives Künstlerurteil. Sie weiß es, daß in ihre Hand das Schicksal der Dichtung, ja vielleicht des Dichters gelegt ist. Dieses Bewußtsein von der eigenen Bedeutung macht jedes Ohr feiner hören, jedes Auge schärfer erkennen. Unter Gelächter fiel der Vorhang über dem zweiten Akte. Als er sich zum dritten und letzten Male hob, zeigte es sich, daß die Schlacht verloren sei. Die Leute, die am Ulke Freude haben, hatten nun die Oberhand gewonnen. Die Schauspieler selbst aber gaben das Spielen auf, sagten nur noch ihre Rollen zu Ende. Der Dichter hatte einige Tage vorher, als er noch des Gelingens seiner Sache sicher gewesen, die Darsteller und eine Anzahl Freunde zur Zusammenkunft in einer Weinstube eingeladen. Das Fest wurde trotz der Niederlage schließlich noch abgehalten, das einmal bestellte Diner verzehrt und dem kalt gestellten Sekt tüchtig zugesprochen. Es herrschte Galgenhumor. Maximilian Nackede, Fritzens ehemaliger Studienfreund und jetziger Dichtergenosse, tröstete den Autor in einer launigen Ansprache damit, daß eben vor manchen Stücken das Publikum rettungslos durchfallen müsse. Er feierte den Abend als einen heiligen Taufakt: die Aufnahme eines neuen Mitglieds in den Orden der Verkannten. Die Mehrzahl der Erschienenen, Herren wie Damen, bezechten sich. Der Dichter selbst wurde, seiner Sinne nicht mächtig, von einigen ebenfalls stark schwankenden Freunden in früher Morgenstunde nach seinem Quartier geschafft. Als er dort im Laufe des Vormittags erwachte, fand er an seinem Lager Alma, die das Gelage nicht mitgemacht hatte. Sie wich nicht mehr von Fritz. Ohne daß er sie eingeladen hätte, quartierte sie sich bei ihm ein. Er legte ihr nichts in den Weg. Fritz ließ alles gehen, wie es gehen wollte. Gleichgültigkeit hatte ihn befallen, als natürlicher Rückschlag gegen die fieberhafte Aufregung der letzten Wochen. Den Gnadenstoß gaben ihm die Besprechungen, die über sein Stück in den Zeitungen erschienen. Den Jünglingen von der Kritik war sein Durchfall eine gefundene Gelegenheit, ihren Witz an Dichter und Dichtung auszulassen. Hatten doch diese Herren sämtlich mindestens ein unaufgeführtes Drama im Schubfach liegen, das wie eine feurige Kohle glimmend allen ihren Theaterkritiken zu grunde lag. Es bleibt immer eine Freude, konstatieren zu können, daß ein Rivale zu Falle gekommen ist. Und nun gar hier, wo einer versucht hatte, mit eigenem Gelde seinem überall abgewiesenen Stücke auf die Bretter zu helfen. Wie kam ein Dichter überhaupt zu Geld? – Das war gegen alle Traditionen des Standes. Der »gesunde Instinkt« der Zuhörerschaft wurde belobt, der sich gegen ein solches Experiment aufgelehnt hatte. Berting lernte die Kollegen von eigentümlicher Seite kennen. Solange er als Lyriker ein verhältnismäßig harmloses, weil wenig einträgliches Gebiet bestellt hatte, ließ man ihn gewähren, hatte ihm sogar gelegentlich ein Wort der Aufmunterung gegönnt. Sobald er aber als Dramatiker nach einem Kranz zu greifen wagte, den jeder im stillen ersehnte, weil er mit dem größeren Ruhme auch die größeren Einnahmen verhieß, ward er verdächtig; man warf ihm Knüppel zwischen die Beine. Die mißlichen Geldverhältnisse vermehrten die Bitterkeit seiner Lage. Fritz hatte niemals ein Budget gemacht; seitdem er in den Besitz des väterlichen Erbteils gekommen, immer nur aus dem Vollen gelebt. Jetzt war das Kapital verbraucht. Um so zahlreicher liefen die Rechnungen ein, an deren Bezahlung er niemals gedacht hatte. Er wechselte die Wohnung, um den allzu aufdringlichen Mahnern entrückt zu sein. Eine Sendung von einigen hundert Mark, die anonym ankam, half ihm fürs erste sich über Wasser halten. Er ahnte, von wem das Geld komme. Sein Freund Nackede, der zwar selbst kein Krösus war, aber einige wohlhabende Gönner seiner leichtgeschürzten Muse in Berlin W befaß, steckte unverkennbar dahinter. Die lustigen Verse in verstellter Handschrift, welche die Sendung begleiteten, trugen ganz den Stempel Nackedeschen Witzes. Schwer genug fiel es, solches Geschenk anzunehmen für einen, der sich noch nicht an das Leben auf anderer Leute Kosten gewöhnt hatte. Aber wenigstens hatte ihm Nackede durch seine graziöse Brücke das Betreten des ungewohnten Weges etwas erleichtert. Ein Gedanke kam Fritz, an seinen Freund, Michael Baron Chubsky, zu schreiben. Der hatte ihm vor gar nicht langer Zeit von Paris aus geschrieben – mit einem mitleidigen Seitenblick auf die barbarischen Litteratur- und Kunstverhältnisse in Deutschland, denen er glücklich entronnen sei – Paris sei die einzige Stadt, in der ein Mensch von Geist und Geschmack atmen könne. Chubsky, der in drei Sprachen, polnisch, deutsch und französisch dichtete, hatte Fritz – allerdings im Absynthrausche – früher einmal gestanden, daß er, wäre er überhaupt der Freundschaft fähig, wahrscheinlich am ersten noch Fritz Berting mit diesem Gefühl beehrt haben würde. An den Baron Chubsky also schrieb Fritz, teilte ihm mit, wie kläglich es ihm ergangen sei, daß er sich Berlins gründlich müde fühle, und daß er daran gedacht habe, nach Paris überzusiedeln. Chubsky antwortete mit einer Pünktlichkeit, die man sonst nicht an ihm kannte: er rate dringend ab, nach Paris zu kommen, dort sei gar kein Boden für einen deutschen Autor. Und er, Michael Chubsky, reise eben für einige Monate an die englische Küste, könne also gar nichts in der Sache thun. Zwischen den Zeilen war nur zu deutlich die Besorgnis zu lesen, daß der Freund ihm über den Hals kommen könne. In dieser trüben Zeit, wo alle Quellen zu versiegen schienen, erfuhr Fritz Berting, was er an Alma besaß. Sie sorgte und dachte für ihn wie eine Mutter. Er hatte ihr wohl früher in schlechter Laune vorgeworfen, sie erschlage ihn geistig mit ihrem Banausengeschwätz. Und nun wurde es für ihn zur Erquickung, sich von ihr vorerzählen zu lassen. Er fand heraus, daß sie sehr nett zu plaudern verstehe, ja er mußte gestehen, daß sie viel natürliche Beobachtungsgabe und Mutterwitz besitze. Dabei strebte sie nicht an, geistreich gefunden zu werden. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Die Anklänge an den Dialekt ihrer schlesischen Heimat, die das berliner Leben noch nicht ganz verwischt hatte, gaben ihrer Sprechweise etwas anheimelnd Schlichtes. Sein Unglück war für sie zum Glück ausgeschlagen. Das Schicksal hatte ihn hilfsbedürftig gemacht. Nun konnte sie zeigen, wie sie ihn liebte. Nun durfte sie ihm dienen und im Dienen herrschen, was im Grunde die Sehnsucht jedes liebenden Weibes ist. Denn sie wollte seine ganze Liebe haben. Seine Zärtlichkeit bedeutete ihrer Leidenschaft nur ein magerer Brocken. Sie wollte die Seele des Geliebten. Die schnell aufflackernden und schneller verflogenen Regungen der Sinne waren ihr immer nur Abschlagszahlungen auf Höheres. Auch er solle mit der Zeit von denselben starken Gefühlen erfaßt werden, die sie beseelten, das hoffte sie zu erreichen, indem sie sich ihm unentbehrlich machte, ihn der sanften Gewohnheit des Geliebt-seins unterjochte. Auch noch von anderer Seite wurde in dieser Zeit für Fritz eine Art Hilfsaktion ins Leben gesetzt. Seine Familie, die nach verschiedenen Todesfällen jetzt nur noch aus der Schwester, deren Mann, dem Gatten der verstorbenen Schwester und den noch jungen Kindern aus beiden Ehen bestand, rührte sich, nachdem man längere Zeit sich um den verloren Gegebenen nicht gekümmert hatte. Sie hatten durch die Blätter von seiner Niederlage als Dramatiker gehört. Der Augenblick schien günstig, den, wie sie annahmen, kleinlaut Gestimmten, der Bohême zu entreißen, ihn dem bürgerlichen Leben wiederzugewinnen. Sein Schwager Regierungsrat Wedner besuchte ihn in Berlin. Er bezeichnete sich, als Bevollmächtigter der Familie, bereit, mit ihm zu unterhandeln. Die Vorschläge, die man zu machen hatte, waren folgende: Fritz solle das Schreiben lassen, das seinen Namen nur diskreditiere und nicht einmal Geld einbringe; ferner müsse er das Frauenzimmer von sich thun, mit dem er zusammen lebe. Auszahlung, falls solche nötig, wollte der Schwager in die Hand nehmen. Und als letzten Punkt: Fritz sollte zurückkehren zur juristischen Carriere, die er sinnloser Weise verlassen. Zu dem »Rettungsversuch«, wie der Schwager Regierungsrat das nannte, gehörte auch der Wink, daß man für Fritz eine junge Dame in Aussicht habe, aus achtbarer Familie, nicht ohne Vermögen, die bereit sein würde, über sein Vorleben wegzusehen und es mit ihm zu versuchen. Dieses in allem Ernst gestellte Ansinnen seiner Anverwandten wirkte auf Fritz empfindlicher als ein Peitschenschlag auf nackte Haut. Das jagte ihn auf aus der Lethargie, die ihn nach seinem Mißerfolge befallen hatte. Nun war es Ehrensache, jenen zu zeigen, daß er ihrer nicht bedürfe, daß er sie mitsamt ihrem traurigen Rettungsversuche verachte. Die nächste Folge der sehr erregt endenden Unterredung war ein unheilbarer Bruch mit seinem Schwager Wedner. Die Indignation über das Erlebte glühte noch in ihm, während er eine Anzahl Skizzen abfaßte, in denen er die faule Moral, die Heuchelei, die Unnatur des modernen Familienlebens der höheren Stände rücksichtslos geißelte. Und siehe da, diese Federzeichnungen, welche in verschiedenen Blättern sofort Abdruck fanden, verschafften ihm in wenigen Wochen mehr Popularität, als er mit seiner gesamten bisherigen Produktion gewonnen. Noch einen anderen Erfolg hatte die mißglückte Einmischung der Anverwandten in seine Verhältnisse: Fritz Berting war sich seiner Liebe zu Alma erst recht bewußt geworden. In tiefer Empörung stellte er sich auf Seite der Verunglimpften. An sie war er nun mit verstärkten Ketten gebunden.   Am zweiten Tische links vom Eingang der Bierstube, in die er Fritz Berting gebeten hatte, saß der Dichter Karol. Da er die sämtlichen Zeitungen des Lokales bereits durchgelesen hatte, war er jetzt unbeschäftigt und überdachte noch einmal die Worte, die er an den Kollegen von der Feder richten wollte. Er lächelte selbstzufrieden, schon im voraus des günstigen Eindruckes gewiß; denn so rechnete Karol: welcher Mensch und zumal welcher Schriftsteller würde widerstehen können, wenn man ihm seine Dichtungen ins Gesicht lobte. Er hatte nicht immer seinen jetzigen Namen getragen, eigentlich hieß er Silber. Aber dieser Name paßte nach Ansicht des Trägers nicht recht zu einem deutschen Dichter. In Silber lag ein harter, verdächtiger Metallklang, der sich mit dem Idealismus, den man hierzulande bei dem Sänger voraussetzte, nicht gut zu vertragen schien. Sein Vater war von Russisch-Polen ins Reich eingewandert, hatte in einer jener rapid aufblühenden Industriestädte des oberschlesischen Kohlenreviers sich niedergelassen. Er handelte mit fertiger Herrengarderobe. Der alte Silber nahm aber auch jeden anderen Verdienst gern mit. Eine Spezialität von ihm war, bei Umzügen, Todesfällen oder auch Konkursen Sachen aufzukaufen, mit denen die Leute augenblicklich nicht wußten, wohin, um sie später mit Profit wieder an den Mann zu bringen. Der älteste Sohn Siegfried besuchte die Realschule. Der Vater hatte ihn zum Kaufmann bestimmt. Der kleine Siegfried trat schon frühzeitig in ein Verhältnis zur Weltlitteratur; und zwar geschah dies auf nicht ganz alltägliche Weise. Unter dem Trödelkram, den der Vater allmählich in den Hinterräumen seines Geschäftes aufstapelte, befanden sich auch allerlei Bücher. Da gab es ganze Romanbibliotheken, Lexika, Encyklopädieen, Bände von deutschen Magazinen und französischen Revuen, illustrierte Zeitungen, Witz- und Modeblätter. In diese Bücherei höchst gemischter Natur versenkte sich der Jüngling, dem Frühreife und die Wißbegier seines Stammes in hohem Grade eigen war. In der Schule bekam Siegfried zu hören, daß wir Deutschen eine Litteratur besäßen, die man in eine althochdeutsche Zeit, eine mittelhochdeutsche Zeit und eine neudeutsche Zeit einteile, und daß die großen Dichter der klassischen Periode, Klopstock, Lessing, Wieland, Herder, Schiller, Goethe seien. Siegfried Silber dachte darüber anders. Für ihn gab es nur einen Dichter, der hieß: Heinrich Heine. Er war auf die vollständige Ausgabe von Heines Werten gestoßen. Sein geistvoller Stammesgenosse stellte ihm alles in den Schatten, was je in deutscher Sprache gesungen und geschrieben worden war. Heine zu erreichen, vielleicht zu übertreffen, wurde der ehrgeizige Traum des jetzt Sechzehnjährigen, der als Commis hinter dem Ladentische seines Vaters mit Bergarbeitern, Dienstboten und schmierigen Polacken um den Preis von Hosen, Stiefeln und Mützen hin und her feilschen mußte. Neben seinem Ideal, Heine, gab es für ihn auch Götter niederen Ranges. Da waren Gutzkow, Laube, Herwegh, Freiligrath. Die Autoren des jungen Deutschland mit ihrer Schwärmerei für Humanität, Weltbürgertum und Tyrannensturz entsprachen seinem jugendlich freigeistigen Oppositionsdrang. Es blieb nicht beim Lesen allein. Siegfried Silber fing an, sich mit der Feder zu versuchen. Die litterarischen Sporen wurden im Feuilleton eines heimatlichen Winkelblattes verdient. Dann fiel dem jungen Menschen von ungefähr eine Broschüre Lassalles in die Hände, die auf sein leicht erregbares Gemüt wirkte wie ein Funken, der in eine Pulvermine fällt. Von dem temperamentvoll genialen Erwecker des vierten Standes war die Brücke schnell geschlagen zu dem nüchterneren Karl Marx, und Siegfried Silber damit gewonnen für die rote Internationale. Der alte Silber war durchaus nicht einverstanden mit der politischen Entwickelung des Sohnes. Er war ein Israelit vom alten Schlage, orthodox und konservativ, der es für die beste Politik hielt, die Leute streiten zu lassen und es mit denen, die im Regimente saßen, nicht zu verderben. Er mißbilligte auch die Beschäftigung des Sohnes mit Litteratur, die er für ein brotloses Gewerbe ansah. Siegfried aber fühlte, daß er zu größeren Dingen berufen sei als zum Kleiderhandel. Er quittierte den Dienst beim Vater und wandte sich zunächst nach Breslau. Der angehende Litterat erkannte jedoch schnell, daß es in der Provinzialhauptstadt seinesgleichen genug gebe und setzte seinen Stab noch ein Stück weiter westwärts. Ohne Geld, ohne Verbindungen war er in eine ihm gänzlich fremde Stadt eingezogen. Kühn that er auch den Sprung in das Wagnis einer auf die Feder allein gegründeten Existenz. Zunächst nahm er den indifferent klingenden nom de plume »Karol« an. Er war fürs erste durchaus nicht auf Rosen gebettet. Sein Vater gewährte ihm keine Unterstützung, weil der Sohn gegen seinen Willen gehandelt hatte. Mit der Begründung eines litterarischen Rufes aber ging es nicht so schnell, wie Siegfried Silber sich das gedacht hatte. Die Blätter radikaler Richtung nahmen zwar seine Gedichte auf, deren revolutionäre Tendenz ihnen zusagte, bezahlten dafür aber kein Honorar. Die sogenannte gutgesinnte Presse aber wies die Feuilletons des kleinen, unbekannten Schnorrers hochmütig ab. Ebenso ging es ihm bei den Bücherverlegern, denen er seine Arbeiten anbot. Die Partei nützte seinen Eifer aus und seine Intelligenz. In den Debattierklubs und im Arbeiterbildungsverein war er ein gern gehörter Redner. Aber alles das brachte kein Geld. Siegfried Silber lernte das Hungern gründlich kennen. Schließlich half er sich mit dem Abfassen von Zeitungsromanen, die er miserabel bezahlt bekam; mit Übersetzen verdiente er sich auch ein paar Groschen, außerdem schrieb er den Text zu einer Operette. Jeden Auftrag nahm er an. Sogar Gelegenheitsgedichte und Couplets für Tingeltangelsänger entflossen der Feder, die Heinrich Heine hatte übertreffen wollen. Aber während er so um das tägliche Brot sich abmühte, in einer ganz elenden Wohnung existierte, ließ er den Mut nicht sinken. Vor dem Verzweifeln schützte ihn der zähe Optimismus seiner Rasse. Er war nach wie vor entschlossen, die Welt mit der Feder zu erobern. Er, der in gar keinem Verhältnis stand zur Gesellschaft, der völlige Outsider, kritisierte, ja verachtete sie im Grunde. Die Menschheit betrachtete er als Material für seine hochfliegenden Pläne. Dabei besaß er nur seine Belesenheit und die Geschäftskenntnisse, die er sich hinter dem Ladentische des Vaters erworben hatte. Seine Bildung war durchaus lückenhaft, er sah die Welt aus der Perspektive des Kaffeehauses. Aber was ihm hier fehlte, ersetzte er reichlich durch Kombinationsgabe, Spürsinn und Findigkeit. Er gehörte zu der Art, denen die Zeitung Surrogat ist für die Eigenanschauung; Menschen, scheinbar ohne Erlebnisse, ohne Erfahrungen, die doch mit Hilfe der argusäugigen Presse von allem erfahren, an allem teilnehmen und über alles zu räsonnieren verstehen. Um die Stadt, in der er lebte, kümmerte er sich ebenso wenig, um ihre Schönheiten, Kunstwerke, Altertümer, Umgebung. Für dergleichen hatte er keinen Sinn. Er war durch und durch Nomade, ohne Heimatgefühl, und darum auch ohne Gefühl für Kulturwerte. Hingegen sagte ihm sein Scharfsinn, daß gerade hier das rechte Terrain sei zum Ausbau seiner Pläne. Es kam nur darauf an, sich eine Weile über Wasser halten, auf dem Posten zu sein und seine Augen überall zu haben. Dann mußte auch seine große Zeit kommen. Vor allem hieß es Anschluß gewinnen an litterarische Kreise, sich Freunde machen unter seinesgleichen, womöglich eine Klique bilden, in der, soviel wußte er, das Regiment ganz von selbst auf ihn übergehen würde. Ähnliche Briefe, wie den an Fritz Berting, hatte er schon einige geschrieben. Bisher mit negativem Erfolge. Die Leute waren einfach nicht gekommen. Siegfried Silber fing an unruhig zu werden. Sollte er heute wieder der Geäffte sein? Er sah nach der Uhr; die zum Rendezvous vorgeschlagene Stunde war überschritten. Endlich trat ein hochgewachsener, blonder junger Mensch durch die gegenüberliegende Thür und sah sich suchend im Lokale um. Siegfried Silber erhob sich eiligst. »Sie sind Herr Berting, ich bin Karol!« Man verbeugte sich gegenseitig und nahm dann an dem Tische einander gegenüber Platz. Fritz Berting ließ das Auge etwas erstaunt auf der Erscheinung des Jünglings ruhen, der ihn hierher citiert hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß der Träger des Namens Karol Jude sein könne. Nun sah er es auf den ersten Blick. In Berlin hatten Juden zu seinem vertrautesten Umgang gehört; Fritz war an sie und ihre Art gewöhnt. Trotzdem frappierte ihn diese Physiognomie, die, offenbar durch keine Kreuzung verdorben, den Stempel echten Semitentums trug. Die Nase stark gebogen, das Gesicht bei breitem Schädel schmal. Stirn und Kinnpartie fliehend, die Ohren spitz und zurückliegend. Dunkel blitzten die mandelförmigen Augen aus dem weißgelben Gesicht hervor, wie aus einer Maske, hatten ein Leben ganz für sich. Der Bart um die roten vollen Lippen, das Haupthaar, das über der Stirn schon dünn wurde, seidenschimmernd lockig. Eigentlich war das Gesicht nicht häßlich; wie ein Individuum, das den Ausdruck wirklicher Rasse trägt, überhaupt nicht unschön sein kann. Die schwächliche, schon in der Jugend gekrümmte Figur, und die ausgemergelten Gliedmaßen verrieten die Zugehörigkeit zu einem Volke, das Jahrhunderte der Knechtschaft nicht gebrochen, nur äußerlich gebeugt haben. Fritz fiel zweierlei sofort stark an dieser fremdartigen Physiognomie auf: der scharf beobachtende Blick, dem doch die Stetigkeit fehlte, und ein spöttisches Lächeln. Dem stand zur Korrektur gewissermaßen die große Höflichkeit und bescheidene Zuvorkommenheit gegenüber, deren sich der Besitzer der aufdringlich funkelnden Augen und des ironisch zuckenden Mundes befliß. »Was will der eigentlich von dir?« war der Gedanke, den Fritz Berting nicht los werden konnte, diesen forschenden, lächelnden, in steter nervöser Erregung begriffenen Zügen gegenüber. »Ich hatte mir schon längst gewünscht, den Dichter von ›Leiser Schlaf‹ kennen zu lernen,« begann Siegfried Silber, als sie einander an dem kleinen Tische gegenüber saßen, und der Kellner das Bier für Fritz gebracht hatte. »Nun fügt es der Zufall – – oder vielmehr, es ist nicht Zufall! In seelischer Beziehung giebt es keinen Zufall. – Es ist etwas Magisches dabei; man kann es eine höhere Art der Anziehungskraft auf immateriellem Gebiete nennen. Wenn ich mich im übrigen auch von allen Vorurteilen frei gemacht habe und mir das Metaphysische eigentlich quantité néligeble ist, so huldige ich auf einem Gebiete doch mit vollem Bewußtsein frommem Glauben. Ich glaube fest, daß es heimliche Beziehungen giebt der Geister, elektrische Ströme vielleicht, welche auf mystische Weise die Sympathie von Mensch zu Mensch vermitteln. Denken Sie doch nur, es ist geradezu wunderbar, ich beschäftige mich im Geiste viel mit Ihnen, habe Ihre Werke gelesen; der Dichter Berting ist mir längst ein geistiger Bruder. Ich sehne mich im stillen danach, ihn kennen zu lernen, unterlasse es aber, an ihn zu schreiben, weil der Brief ein so armseliger Vermittler von Gefühlen ist, vielleicht auch aus Scheu, aus Angst, aufdringlich zu erscheinen. Und da auf einmal erfahre ich, daß Sie in denselben Mauern weilen, wie ich. Auch Sie haben sich geflüchtet vor der Verständnislosigkeit der Banausen. Ich will nicht unzart eingreifen in Ihre persönliche Erlebnisse, Herr Berting. Ich glaube zudem, alles zu wissen. Die Überzeugung, daß zwischen uns eine Art Verwandtschaft nicht bloß in der Auffassung des Dichterberufs, nein auch in den Schicksalen besteht, ist stark in mir. Ich hoffe, daß Sie mir das nicht als Unbescheidenheit auslegen werden, Herr Berting! Ich bin eine impulsive Natur, und Sie haben mich warm gemacht durch Ihre Dichtungen.« So ging es weiter. Silber erzählte seine ganze Leidensgeschichte mit ungeheurem Wortreichtum und Zungenfertigkeit. Bei Fritz überwog die Belustigung über diesen sonderbaren Kauz, der ihm nach einer eben erst geschlossenen Bekanntschaft bereits alle »Heiligtümer« und »geheimen Blutungen« seines Innern aufdeckte. Der Dichter Karol trug zunächst die Kosten der Unterhaltung allein. Seine Rede floß dahin, wie Wasser, das in einer Rinne eilig plätschernd bergab schießt. Es ist kein Ende abzusehen, und stauen, daß es eine Tiefe bilde, kann man es auch nicht. Fritz wußte schließlich kein anderes Mittel, um diesen stetig murmelnden Redestrom zu unterbrechen, als nach der Uhr sehend, zu bemerken, daß er heut abend noch etwas vorhabe. Sofort zeigte Siegfried Silber eine gänzlich veränderte Miene. Er rückte näher an Fritz heran und sprach auf einmal in nüchtern sachlichem Tone. Es war, als ob ein zweiter Mensch, der Geschäftsmann, urplötzlich aus irgend einer Versenkung seines Wesens emporgestiegen wäre. Soviel er wisse, sagte Siegfried Silber, sei Berting fremd in dieser Stadt. Fragen, wie es mit seiner pekuniären Lage beschaffen sei, wolle er aus Gründen der Diskretion nicht. Aber, daß er mit Gedichtsammlungen und einem durchgefallenen Stücke keine Schätze erworben habe, liege wohl klar auf der Hand. Die einzige Möglichkeit für den Litteraten, bekannt zu werden und Geld zu verdienen, sei heutzutage nun einmal die Zeitung. Falls Herr Berting, wie er, Karol, annehme, den Wunsch hege, mit der lokalen Presse in Verbindung zu treten, so gestatte er sich hierdurch seine Vermittelung anzubieten. Fritz erwiderte darauf, daß, falls er mit der Presse hätte in Verbindung treten wollen, ihm dies durch seinen Freud Doktor Lehmfink ein leichtes gewesen wäre. Mit absichtlicher Kühle dankte er für die freundliche Absicht. Er konnte nicht umhin, das Anerbieten und die Art, wie es gemacht wurde, etwas aufdringlich zu finden. Bei Nennung des Namens Lehmfink zeigte Siegfried Silber eine überraschte, wenig erfreute Miene. Auch er habe die Ehre, Herrn Doktor Heinrich Lehmfink zu kennen. Er wollte wohl noch etwas Ungünstiges hinzufügen, dem spöttischen Zucken des Mundes nach zu schließen; als aber Fritz betonte, Lehmfink sei sein intimster Freund, meinte er einlenkend: »Ein ausgezeichneter Mann, der Herr Lehmfink. Als Charakter sehr ehrenwert, gewiß! Aber ich meine doch, daß er ein wenig altmodisch ist. Seine politischen Ansichten sowohl wie sein litterarisches Urteil sind, gelinde gesagt, rückständig. Sollte Ihnen das entgangen sein, Herr Berting? Das kann ich mir bei einem Beobachter, wie Sie sind, kaum denken.« Fritz ließ das auf sich beruhen. Silber lächelte und machte eine Bewegung, als wolle er sagen: gehen wir über solche Kleinigkeiten hinweg. Abermals rückte er näher an Fritz heran, und nachdem er sich umgesehen hatte, als fürchte er Lauscher, suchte er mit einem großen Aufwande eindringlicher Beredsamkeit Berting zur Mitarbeiterschaft für ein bestimmtes Blatt zu gewinnen. Sie brauchten eine »erste Kraft« für das Feuilleton, und Berting sei gerade der rechte Mann dafür. Er schreibe, wie man aus seinen letzten Skizzen ersehen habe, einen gepfefferten Stil und gehe rücksichtslos vor in der Kritik der höheren Stände. Fritz war sich längst darüber klar, welcher Partei sich Silber verschrieben habe. Er erwiderte, daß er nicht die geringste Lust und Anlage in sich verspüre, für ein politisches Blatt zu arbeiten. Er würde sich gelähmt fühlen in seinem Schaffen, wenn er beständig nach einem Chefredakteur oder gar nach der allmächtigen Partei im Hintergrund blicken müsse. Ihm sei im Grunde alle Politik furchtbar langweilig, und er begreife nicht, wie Leute von Geist und Geschmack damit ihre Zeit vergeuden mochten. Auch habe er gefunden, daß Menschen, die sich einer Partei verschrieben, mit der Zeit unrettbar versimpelten. Jede Frage werde dann in das Prokrustesbett des Parteiprogramms gezwängt, wo sie verstümmelt wieder herauskomme. So hätte er es an Leuten verschiedenster Richtungen beobachtet. Am langweiligsten aber sei ihm von allen politischen Phrasen die erschienen, wonach die Massen regieren sollten. Und um vom künstlerischen Schaffen zu reden: er meine, daß politische Tendenz jedes Kunstwerk in seinen Grundbedingungen aufhebe; denn Freiheit sei der Urgrund aller Kunst. – Auf das Wort »Freiheit« fuhr Silber, der Fritzens Rede mit nervös zuckenden Mienen begleitet hatte, wie ein Stoßvogel los. »Freiheit!« rief er und erhob theatralisch die Arme, »Freiheit giebt es ja im modernen Deutschland nicht!« .... Und nun öffneten sich die Schleusen seiner Beredsamkeit von neuem. »Wir leben in Zuständen, wie ein mündiges Volk sie krasser niemals gesehen hat. Große Dinge sind äußerlich erreicht, jawohl! Aber ich frage Sie, Herr Berting, was haben wir, die Intellektuellen, durch die Reichsgründung gewonnen? – Das Vaterland ist größer geworden, reicher, mächtiger; was nützt uns das, den Menschen mit geistigen Bedürfnissen! Ich will nicht davon reden, daß man uns nicht heranläßt an die Staatskrippe; ich verlange nichts von den Regierenden als das eine: Geht uns ein wenig aus der Sonne! Freie Bahn dem Talent! Gleiches Recht für den Adel auch des Geistes! Gleichheit vor dem Gesetz steht nur auf dem Papier! Es herrscht im neuen Deutschland schlimmere Stickluft als im dunkelsten Europa! Da ist das Philistertum, das jeden Fortschritt verbarrikadiert wie ein unbewegliches, glotzäugiges Mammut. Da ist die Streberei, die kein höheres Ziel kennt, als Regierungsrat zu sein, oder wenigstens den Leutnant der Reserve auf seine Karte setzen zu dürfen. Überall knieen wir vor dem Erfolge. Wenn man uns nach geistigen Thaten fragte antworten wir: im Jahre 1870 haben wir die Franzosen geschlagen. Oder: wir haben Bismarck. Jawohl, Bismarck! Sein schwindelerregendes Glück in allen Ehren; aber ist er für uns Junge ein Glück? Lastet er nicht auf uns allen wie ein eherner Alp? Was kann im Schatten eines solchen Kolosses gedeihen? Ahnt er etwas von unseren Schmerzen? Was sind wir vor ihm? – Dieser Alte ist unser Fluch. Eine Generation von Greisen hat das Heft in Händen. Sie lassen uns nicht aufkommen. Es ist in der Kunst genau wie in der Politik und im wirtschaftlichen Leben. Eine kleine Kaste von Junkern, Offizieren, Beamten, Priestern giebt den Ton an. Wir sind in ihren Augen Hunde. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, Herr Berting, damit Sie nicht denken, ich übertreibe. Ich hatte einen Freund, der als Freiwilliger diente. Mit Begeisterung war er an die Dienstzeit herangegangen, denn er liebte die Armee, nannte sie das Größte und Glänzendste, was wir besäßen, glaubte an die Phrase, daß die allgemeine Dienstpflicht eine Schule sei für das ganze Volk. Dem armen Kerl sind diese Illusionen bald genug ausgetrieben worden. Ich muß einschalten: mein Freund war von Beruf Journalist, er hatte schon verschiedene aufsehenerregende Sachen veröffentlicht, ehe er eintrat. Der Leutnant, der die Freiwilligen ausbildete, machte sich unausgesetzt lächerlich über den Beruf meines Freundes, sprach von »Federvieh«, von »verfluchter Dintenkleckserei«, von »roten Litteraten« und so weiter. Das ist charakteristisch! Die Intellektuellen werden bei uns verfolgt mit Haß und Verachtung von der hochmütigen brutalen Herrscherkaste. Wir sind ihnen das, was in alter Zeit das fahrende Volk den Schnapphähnen war. Deutschland steckt noch tief, tief im Mittelalter. Ich habe vergessen zu erzählen, daß mein Freund jetzt Sozialdemokrat ist von Überzeugung, und mit der Zeit sicher in unserer Partei eine Rolle spielen wird. Ist es dann ein Wunder, wenn wir, die gebildete Jugend, uns denen zuwenden, die gleich uns geknechtet sind, die wie wir Hunger fühlen, den doppelten Hunger nach Brot und nach Licht. Das Brot können wir ihnen nicht geben, denn wir haben selbst keins; aber Licht wenigstens können wir ihnen von dem unsrigen leihen. Die Herren oben werden es eines Tages bitter bereuen, daß sie die Intelligenz vor den Kopf gestoßen haben. Sie werden es bereuen, sage ich!« Fritz Berting sah mit Staunen in Siegfried Silber, wie er das sprach, wieder einen ganz neuen Menschen vor sich. Die dunklen Augen glühten in leidenschaftlichem Haß, sein schwächlicher Leib zitterte vor Erregung. So gefiel er Fritz eigentlich besser. Denn diese Anwandlung war echt und ohne Pose. Es war die Empörung eines verbitterten Menschen, der empor will und überall zurückgewiesen wird. Wieviel furchtbare Erfahrungen mochten hinter solchem Hasse liegen? Fritz konnte ihm das nachfühlen; man brauchte nicht Jude zu sein, um den dumpfen Druck zu empfinden, der durch das ganze Land auf den Gemütern der Aufstrebenden lag. Ein korpulenter Herr im eleganten Sommeranzug, der aus einem Hinterzimmer des Restaurants kam, trat an den Tisch, an welchem die beiden saßen. Es war der Verleger Weißbleicher. Sein ungesundes Gesicht mit der dicken Nase und den Hängebacken erinnerte an die Physiognomie eines fetten Bibers. Auf der Nase balancierte in höchst unbequemer Lage, weil er nirgends Halt fand, ein goldener Klemmer. Als der Mann den Hut lüftete, sah man, daß er nur noch wenig Haar auf dem runden Schädel hatte. Weißbleicher fragte, ob es erlaubt sei, sich für einen Augenblick bei den Herren niederzulassen. Doch wurde die Frage nur pro forma gethan, denn er hatte dabei schon den Stuhl in der Hand und warf den Hut in die Mitte des Tisches, um von vornherein zu zeigen, daß er mit den beiden jungen Litteraten keine großen Umstände zu machen beabsichtige. Fritz war wenig angenehm berührt, mit diesem Manne hier zusammenzutreffen. Er hatte Weißbleicher gegenüber kein ganz reines Gewissen. Als Lehmfink vor Wochen mit ihm bei dem allmächtigen Verleger gewesen war, wurde besprochen, daß Fritz Berting sofort mit seinem Roman beginnen solle. Nur unter der Voraussetzung, daß er bald etwas von dem Autor in Händen halten würde, hatte sich der sonst vorsichtige und zähe Geschäftsmann dazu bewegen lassen, Geld auf Vorschuß zu geben. In dem peinlichen Bewußtsein, noch keine Zeile an dem Buche geschrieben zu haben, war Fritz seinem Gläubiger bisher wohlweislich aus dem Wege gegangen. Nun hatte ihn die Nemesis doch ereilt; hier gab es kein Ausweichen. Breit und protzig saß Weißbleicher da und erzählte über die Badereise, von der er kürzlich zurückgekehrt war. Er habe vorgehabt, Herrn Berting in diesen Tagen aufzusuchen; das heutige Zusammentreffen erspare ihm den Weg. Wie Fritz erwartet hatte, erkundigte sich der Verleger sehr bald nach den Fortschritten »unseres Romans«. Der Dichter murmelte etwas von großer Hitze, und daß er schlecht disponiert gewesen sei, darum habe das Werk nicht den Fortschritt gemacht, den er selbst gewünscht. Weißbleicher sah ihn von der Seite an und meinte: »Ihr Freund Doktor Lehmfink sagte mir damals: Sie produzierten leicht.« Fritz hätte gern darauf erwidert: daß leichtes Produzieren nicht immer das beste sei, bedachte dann aber noch rechtzeitig seine Schulden, und versicherte, er werde künftighin um so fleißiger sein. Der Verleger gab ihm den Rat, das ja wahr zu machen; denn wenn er mit seinem Buche Geschäfte machen wolle, müsse es zum Weihnachtsmarkte fertig ausliegen. »Ich will versuchen, Sie zu lancieren. Wollen mal sehen, ob wir einem von euch Jungen nicht Bahn brechen können. Ich thu's, weil ich wirkliches Interesse habe an der Bewegung. Verdienen wird man dabei nichts, wahrscheinlich sogar nur zusetzen. Aber, wie gesagt, ich habe nun mal die Liebhaberei für Neues und Originelles und bin von jeher Optimist gewesen.« Fritz Berting wußte ganz genau, was er von der Glaubwürdigkeit solcher Worte im Munde seines Verlegers zu halten hatte. Lehmfink hatte den Mann ein »notwendiges Übel« genannt. Die listigen Äuglein in dem fetten Gesicht, die der goldne Klemmer nicht ganz verdeckte, verrieten ihn. Seine plumpe Nase war doch fein genug, um unfehlbar herauszuwittern, was auf dem Wege war, Mode zu werden. War es jetzt noch nicht Mode, um so besser! Dann konnte man es billig erwerben. Er sicherte sich die jungen Autoren, von denen er glaubte, daß sie Zukunft hätten. Er that es um der Sache willen, weil er Optimist war, wie er sagte. Diese Begeisterung, entlockte ihm wohl einmal ein paar hundert Mark, wie hier. Nachdem er Fritz Berting noch einmal gnädig aufmunternd zugenickt hatte, erhob sich Weißbleicher. Schon halb im gehen wandte er sich und sagte: »A propos, Herr Karol! so nennen Sie sich ja Wohl, junger Mann?« Siegfried Silber beeilte sich, zu versichern, daß so sein Dichtername sei. »Mir fällt da eben ein, daß sich von Ihnen noch ein Manuskript bei uns herumtreibt. Ich habe neulich hereingeguckt; aber es ist nichts für meinen Verlag. Sie haben sich da ein sehr wenig erfreuliches Thema gewählt. Der Gegensatz zwischen orthodoxen Juden und Reformjudentum. Es mag ganz gut beobachtet sein; aber, wie gesagt, es wirkt peinlich. Das Publikum will nun mal solche unsympathischen Stoffe nicht! Lassen Sie das Manuskript abholen, Herr Karol, ich kann es nicht gebrauchen.« – Fritz sah, wie Siegfried Silbers bleiches Gesicht noch um eine Nuance bleicher wurde. Ein Blick flammenden Hasses aus den Augen des jüngeren Semiten folgte dem Stammesgenossen, der sich entfernte, ohne den kleinen Bocher auch nur des Lebewohls zu würdigen. Silber faßte sich jedoch schnell, seine Gefühle verbergend. »Sie haben Glück gehabt, bei Weißbleicher anzukommen,« sagte er nervös lächelnd zu Fritz. »Er hat Renommee und Geld, und gilt für einen smarten Geschäftsmann.« Fritz Berting war in jener Nacht gar nicht zu Bett gegangen. Nachdem er sich von Siegfried Silber getrennt hatte unter dem Vorwande, müde zu sein, unternahm er einen Gang durch die Stadt, die sich in dieser schwülen Sommernacht belebter zeigte als am Tage. Vor den hell erleuchteten Gartenlokalen saßen Gäste, Kopf an Kopf. In den breiten, baumbepflanzten Avenuen erging sich das Volk: Arbeiter, Dienstboten, alle jene, die am Tage nicht Zeit hatten, der Stadt zu entfliehen. Dazwischen schlenderte junges Volk einher, Ladenjünglinge, Schüler mit Cigarren und Spazierstöcken, die den Eindruck wirklicher Herren hervorzurufen suchten, was ihnen hin und wieder mit Hilfe des Dämmerlichtes auch gelang. Auf allen Banken, besonders aber auf denen, die weit weg waren von den Gaslaternen, Liebespaare, deren Zärtlichkeit im umgekehrten Verhältnis stand zu der Stärke der Beleuchtung. Von einem Vergnügungsetablissement, das am jenseitigen Ufer des Stromes lag, wurden hie und da Walzermelodieen herübergetragen und brachten Stimmung in die Herzen und Lebendigkeit in die Füße der Mädchen. Fritz Berting schritt durch dieses Treiben ohne Plan. Es zog ihn heut Nacht nicht nach Haus, obgleich er wußte, daß Alma seiner wartete. Sie konnte ihm in dieser Stimmung nichts sein. Das was in ihm entstehen wollte, was nach Ausdruck rang, gestattete keine Rivalität, bedurfte einer stillen, von allen fremden Tönen befreiten Stunde. Er selbst kannte es ja noch nicht einmal genau, das Neue, das sich unklar und verworren in der letzten Zeit und seitdem immer deutlicher gemeldet hatte, Leben heischend, Gestaltung fordernd in seinem Innern. Zwiesprache wollte es mit ihm halten; und dazu mußten sie ganz allein sein, er und dieses unfertige junge Gebilde. Er zitterte davor, wie eine Jungfrau zittern mag vor der Berührung des Mannes, scheu, voll Bangigkeit und voll wonniger Erwartung zugleich. Er suchte einsamere Orte auf, als jene breiten, belebten Alleen waren. Bald hallte sein Schritt auf dem Trottoir langer, wenig belebter Straßenzüge. Vor ihm leuchteten in endloser Linie, allmählich zu winzigen Punkten verschwindend, die Straßenlaternen. Er schritt über einen weiten Platz, als gerade die Glocke vom Turme der alten Kirche Mitternacht verkündete. Darauf geriet er in das Gewirr kleiner, dunkler Gassen und Gäßchen. Der Polizist, der hier auf Wache stand, musterte ihn mit scharfem Blick; in solcher Gegend erweckt ein gutgekleidetes Individuum Verdacht. Ein weibliches Wesen, dessen Züge er im Dunkeln nicht erkennen konnte, flüsterte ihm hastig ein Wort zu, dessen Sinn zu dieser Stunde nicht mißzuverstehen war. Als die enge, von widerlichen Gerüchen erfüllte Gasse plötzlich endete, empfing ihn ein frischer Luftzug. Es war der Strom, der von weither aus den Gebirgsgründen, Wiesen und Wäldern, in denen sich seine Wässer sammelten, diesen erquickenden Hauch in die städtische Schwüle brachte. Nun wußte Fritz auf einmal ein Ziel für seine Wanderung. Hinaus aus dieser Enge, immer hinwandern am Laufe des Flusses, der ihm vorkam wie ein trauter, gleich ihm nach Einsamkeit dürstender Freund. Unterhalb der Stadt, wo er zwischen flachen Ufern dahinströmte, war eine Stelle, die Fritz liebte. Durch Zufall war er neulich in die Gegend gekommen bei einem Abendspaziergange mit Alma. Dorthin lenkte er seine Schritte. Die Dunkelheit verhüllte die Häßlichkeit der Schuppen, Kohlenhaufen, Fabriken, Dampfessen, die hier überall die Häuserreihen unterbrachen. Endlich war er außerhalb des Bereichs der Gebäude und schritt auf einem langen Steindamm hin. Wie viel schöner das alles noch war bei Nacht! Im Wasser spiegelte sich der Mond. Ein leichter Nebel lag über dem jenseitigen Ufer. Es herrschte in der Stille doch ein heimliches Leben und Weben. Die Natur schlummert nicht in den Sommernächten. Aus dem Weidengestrüpp längs des Dammes ertönte der verschlafene Ruf von Wasservögeln. Insekten zirpten im Grase, Nachtfalter umsurrten ihn. Bald hatte er auf der einen Seite freies Feld. Aber hinter ihm der leuchtende Ausschnitt der Himmelsglocke zeigte die Stelle an, wo die Stadt lag, von der sich der nächtliche Wanderer schnell entfernte. Er atmete auf. Einsamkeit! Das war es was ihm gefehlt hatte in der letzten Zeit. Nicht die Hitze hatte ihn am Schaffen gehindert, wie er dem Verleger gegenüber behauptet; nein! Die Anforderungen, die das Leben an einem stellte, die Zerstreuungen, zu denen es einen stetig verführen wollte; ja selbst Liebe und Zärtlichkeit der Freundin, alles, alles waren ebensoviel Hindernisse. Fritz Berting gehörte zu den Künstlern, die nicht produzieren können, wenn Menschen um sie sind; deren Erfindungskraft wie gelähmt ist, wenn ein fremdes Auge auf ihnen ruht. Die bloße Anwesenheit eines anderen im Zimmer verursachte ihm peinigendes Schamgefühl, erstickte jeden Gedanken im Keime. Selbst Alma störte ihn, auch wenn sie garnicht sprach, wenn sie nur mit ihrer Näherei dabei saß. Das Mädchen kannte diese Eigenheit, verhielt sich so still wie möglich. Aber dann war es wieder ihr Schweigen, was ihn verdroß. Er lauerte gewissermaßen auf den Moment, wo sie ihn stören würde. Und geschah es, dann warf er ihr vor, durch ihr Verschulden sei ihm wieder einmal der Faden abgerissen. Das gab dann einen wundervollen Grund, an einem solchen Tage die Arbeit ganz und gar ruhen zu lassen. Von dieser unfruchtbaren Stimmung, die ihn schon seit Wochen in ihrem Banne gehalten hatte, fühlte er sich heute Nacht endgiltig befreit. Schon am Nachmittage hatte er es empfunden, beim Anblick der schönen Stadt, die Lehmfink ihnen gezeigt hatte, daß sich etwas rege, sich melde in ihm, zum Leben befreit sein wolle von ihm. Ein unruhiges, banges, süßes Gefühl, wie es den Menschen befällt, der eine große Idee empfangen hat. Dazwischen hatte er an allerhand andere Dinge gedacht, sich mit verschiedenen Leuten unterhalten, neue Eindrücke aufgenommen. Aber er hatte bei alledem gewußt: das ist nicht das Wesentliche. Viel viel wichtiger war das, was in ihm vorging. Mit Namen konnte er es noch nicht nennen; aber doch war es da und wuchs, ohne sein Dazuthun. Er ging und ging. Das Plätschern der Wellen ward ihm zur rhythmischen Begleitung seiner Gedanken. Nichts Anregenderes und Vertraulicheres als das strömende Wasser. Solch ein Fluß ist ein lebendiges Ding, ein Wesen, von eigenem Willen beseelt, und doch ein stiller unaufdringlicher Geselle, ohne Verlangen und Neugier, nur mit sich und seinem Rinnen beschäftigt. Beständigkeit und Wechsel in einem, jung und uralt zugleich. Ein Bild des unaufhaltsamen, rätselhaften, unberechenbaren Lebens. Die Gedanken eilten, als würden sie von den glitzernden Wellen leicht davongetragen, in unermeßliche Fernen. Rückwärts und vorwärts schaute der Dichter. War sein Dasein nicht wie dieser Strom? Das kleine Stück, welches sich dem Auge darbot, die Gegenwart, hell erleuchtet, dann eine Biegung des Laufes – über das Heute sah niemand hinaus. Und die Vergangenheit, aus den Träumen der Kindheit verschleiert auftauchend, wie ein dünnes, blitzendes Band aus Nebeln. Der Sinn des Ganzen ein Rätsel! Einiges, wo ein Lichtstreif hinfiel, sah man, dahinter Strecken, die grau waren. Bis sich die letzte Spur verlor, in dem Dunkel der Herkunft. Wo kam er her? Wo ging er hin? Wer war er? – Wenn Fritz Berting in Augenblicken der Selbstbetrachtung überschlug, was wohl an den sechsundzwanzig Jahren seines Lebens das Außerordentlichste sei, das Wertvollste, dasjenige, was ihm Lust und Verlangen gab, dieses Leben weiterzuführen, so war es das Bewußtsein, ein Dichter zu sein. Seine Entwickelung war nicht auf ebener Bahn hingegangen. Zum Dichter hatte er sich gebildet im scharfen Gegensatz zu seiner Umgebung. Die Kindheitseindrücke hafteten nicht tief, verliehen seinem Denken und Dichten nicht das Lokalkolorit eines bestimmten Gaus, einer bestimmten Landschaft. Sie konnten es nicht; denn Fritzens Vater gehörte jener Klasse moderner Nomaden an, den Beamten, die heute hierhin, morgen dahin beordert werden durch den Dienst, ihre Zelte abbrechen und aufstellen müssen, nicht wie und wo es ihnen gefällt, sondern nach Bestimmungen, die irgend ein Mensch in irgend einem Ressort weit weg in der Hauptstadt trifft. Geheimrat Berting war ein Mann von Ehrgeiz; ein Mann, den die Regierung seiner Gewandtheit und Schneidigkeit wegen gern auf schwierige Posten stellte. Von Geburt Hannoveraner, war er nach dem Jahre sechsundsechzig mit fliegenden Fahnen zum Sieger übergegangen. Man hatte ihn zunächst nahe der östlichen Grenze angestellt, in jenen Provinzen, wo Preußen auch im Frieden beständig unter Waffen steht gegen die Polen. Dann war Berting plötzlich zur Schlichtung schwieriger Arbeiterverhältnisse in das westfälische Kohlenbecken versetzt worden. Schließlich langte er wieder in seiner Heimat im Hannoverschen an. Fritz, der als Kind und als halbwüchsiger Mensch diese Versetzungen mitgemacht hatte, empfing von der wechselnden Szenerie keinerlei starke Impulse. Die Atmosphäre im Vaterhause blieb auch in den verschiedensten Städten immer die nämliche. Wie die Möbel und der Hausrat, die man von einem Ende Deutschlands zum andern mit sich herumschleppte, ungemütlich, steif und langweilig, so waren auch Sitte und Gewohnheit des Hauses ohne Frische, Natürlichkeit und Farbe. Es herrschte in der Geheimratsfamilie der auf die Häuslichkeit übertragene Ton des Bureaus, korrekt, pedantisch, frostig, der Entwickelung einer Individualität, nun gar einer künstlerischen, direkt feindlich. Später verwunderte sich Fritz oft selbst, woher er eigentlich die »Lust am Fabulieren« habe. Vom Vater gewiß nicht. Das mütterliche Angesicht verschwamm ihm undeutlich in der Erinnerung; ihr Wesen hatte keinen festumrissenen Eindruck hinterlassen. Für das Kind war ihre Persönlichkeit ausgelöscht, als sie früh starb. Aber in späteren Jahren hatte Fritz manchmal die undeutliche Empfindung, daß er der Frau, die ihn die ersten Kinderlieder gelehrt und ihm später schöne Märchen erzählt hatte – soweit der Gatte solche Allotria gestattete – doch mehr für seine Entwickelung verdanke, als sich zahlenmäßig nachweisen ließ. Zu seinen beiden älteren Schwestern stand Fritz auch nur bestenfalls im Verhältnis der Gleichgiltigkeit. Er versäumte dadurch jenen glücklichen Zustand harmloser und intimster Neigung vom Knaben zum Mädchen, der eben nur zwischen Bruder und Schwester möglich ist; eine Erfahrung, die für den werdenden Mann von größtem Segen werden mag. Fritzens Schwestern waren daran Schuld, daß ihm dieses Glück nicht zuteil wurde. Die jungen Damen betrachteten den jüngeren Bruder mehr oder weniger als höchst unnötigen Ballast für die Familie und als ein Hindernis vor allem für ihren Plan, sich möglichst schnell und möglichst gut zu verheiraten. Beide erreichten diesen Lebenszweck in mehr oder minder vollkommener Weise, und verließen leichten Herzens das Vaterhaus, in dem jetzt nur der alternde Geheimrat und der minderjährige Fritz zurückblieben. Innerhalb der einzelnen Schulen, die Fritz in den verschiedenen Städten der väterlichen Residenz aufsuchte, bestanden große Unterschiede der Schülerschaft, des Lehrkörpers, der Einrichtungen. Zweierlei nur schien sich an allen Stätten humanistischer Bildung gleich zu bleiben: der pedantische Eifer, mit dem man bestrebt war, den jungen Leuten die Sprachen des Altertums einzupauken, und als Gegensatz dazu: die Vernachlässigung der Muttersprache. In der Provinzialhauptstadt, in deren höchstem Regierungskollegium der alte Berting schließlich einen Ruheposten erhielt, gab es ein gutes Theater. Fritz, der sich daheim in der steifen Gesellschaft des ältlichen Herrn, der viel an dem Sohne herumzunörgeln fand, nichts weniger als wohl fühlte, wurde zu einem eifrigen Theaterbesucher. Er sah staunend die Dichter, welche ihm die Trockenheit des Litteraturunterrichts nahezu verekelt hatte, hier in jugendlicher Kraft und Frische auferstehen. Er machte die Bekanntschaft jener Welt von unvergänglicher Gedankenfülle, die den schlichten Namen trägt: Shakespeare. Er lernte nun auch die Dichter unseres silbernen Zeitalters kennen, die das Gymnasium ihm unterschlagen hatte. Dazwischen hinein sah er direkt aus Paris Importiertes oder doch nach Pariser Modell Gearbeitetes. Das Talmi vom Edelmetall zu unterscheiden, war er noch zu jung. Er nahm mit gierigem Appetit alles, was geboten wurde, kritiklos in sich auf. Die drastische Kraft des lebendigen Theaters übte auf die leicht erregbare Phantasie des jungen Menschen fascinierende Wirkung. Er stand gerade in dem kritischen Alter, wo im Jüngling sich der Mann schüchtern zu regen beginnt. Wo der Körper sich reckt und streckt, der Bart sprießt, die Stimme wechselt. Jene komisch rührende Zeit des männlichen Backfischtums, in der alle Gesetze regelmäßiger Entwickelung plötzlich aufgehoben erscheinen, wo der Junge ängstlich staunt über das, was sich in ihm und an ihm vollzieht wie die Wirkung einer fremden Macht. Eine Periode der scheuen Träume und Wünsche, lächerlicher Einbildungen und dreister Eroberungspläne. Nichts ist da im Gleichgewicht; die Gliedmaßen scheinen einander zu bekämpfen, kein Ebenmaß, weder im Körper noch in den Funktionen; und auch in der Seele herrscht derselbe Anarchismus. In dieser Zeit meldet sich tief beunruhigend der Trieb zum anderen Geschlecht. Die Liebessehnsucht tritt mit jener elementaren Kraft auf des Naturereignisses, die Hüllen der Schüchternheit und Scham sprengend, rücksichtslos wie alle Lebensprozesse. Das weibliche Wesen, das Fritzens erste Liebe entzündete, war die Heroine des Theaters. Eine Person von reifen Formen mit ausdrucksvollen Zügen, eine echte, weithin wirkende Bühnenerscheinung. Sie war ungefähr doppelt so alt wie Fritz, verheiratet und hatte Kinder. Was bedeutet das einem verliebten Jüngling! – Er sah in Frau Korsewska überhaupt nicht ein irdisches Weib, für ihn war sie ein Wesen aus einer anderen Welt. Es kann solcher Leidenschaft, über die zu lachen oder entrüstet den Kopf zu schütteln leicht ist, etwas eigen sein wie religiöse Hingebung, eine Inbrunst die nur die junge, unentweihte Seele in solcher Kraft zu empfinden vermag. Die Briefe des Primaners an diese Dame fanden keine Beantwortung; aber einen dem liebeglühenden Fritz völlig unerwarteten Erfolg hatten sie: der Gatte der Schauspielerin, ein pensionierter Offizier, suchte Fritzens Vater auf und bat ihn, seinem Filius zu raten, nicht soviel Porto anzulegen für Briefe, welche der Adressatin anfangs äußerst belustigend gewesen, auf die Dauer aber doch lästig würden. Das war einer jener Schläge, die das jugendlich unbewehrte Gemüt treffen, wie Ruten einen entblößten Rücken. Frühe Liebe wurde hier mit roher Hand ausgemerzt gleich einem Verbrechen, statt behandelt zu werden als verzeihliche Verirrung. Fritz hatte das Unglück, in dieser Krisis an seinem Vater nicht einen Freund zu haben, sondern einen korrekt pedantischen Aufseher. Geheimrat Berting fand dem Fehltritte seines Sohnes gegenüber kein anderes Gefühl als das moralischer Entrüstung. Auf den Gedanken, daß Fritz Schmerzen leide, daß er weniger der Strafe als des Zuspruchs bedürftig sei, kam er nicht. Damit war für den Vater endgültig die Gelegenheit versäumt, das Vertrauen des Sohnes zu gewinnen. Es wuchs Gras über diese Angelegenheit, die Wunde vernarbte äußerlich; denn in jenem Alter bietet die Natur wunderbare Heilkräfte. Aber bei Fritz blieb, ohne daß er es selbst wußte, etwas verkapselt zurück, ein dumpfes Mißtrauen gegen den Vater, eine allgemeine Verbitterung und frühreife Weltverachtung. Das Erlebnis bewirkte bei dem Gymnasiasten nicht etwa »Zerknirschung und innere Einkehr«, die der Vater verlangte, sondern höhnischen Cynismus als Reaktion seiner Verzweifelung. Der Besuch des Theaters war ihm streng untersagt; aber er wußte sich anderwärts schadlos zu halten. An Stelle jener ersten idealen Liebe trat ein durchaus realer Liebeshandel. Bei einer drallen Kellnerin fand der junge Mensch Erhörung seiner Wünsche. Schulden beim Wirt, Händel mit einem eifersüchtigen Freunde der Schönen, Anzeige beim Vater, waren die unausbleiblichen Folgen dieses frühen Liebesverhältnisses. Geheimrat Berting fragte sich in tiefer Bekümmernis, wie gerade er zu einem so ungeratenen Jungen komme. Daß er vielleicht selbst Schuld habe an den Ausschreitungen des Sprößlings, sagte sich der alte Mann nicht. Das Maturitätsexamen wurde trotzdem zum Staunen aller Beteiligten bestanden. Hierauf hieß es: sein Jahr abdienen. Fritz trat in Berlin ein, wo er gleichzeitig an der Universität für die juristische Fakultät immatrikuliert war. Er fühlte nicht den geringsten Trieb in sich zum Studium der Rechte; aber sein Vater, von dem er vorläufig noch wirtschaftlich abhängig war, verlangte von ihm, daß er diese Karriere ergreife. Der alte Geheimrat würde das Ansinnen toll gefunden haben, sich mit dem grünen Jungen über die Wahl eines Lebensberufes zu verständigen. Als Freiwilliger lernte Fritz alle die Vergnügungen bedenklichster Natur kennen, welche Berlin für einen jungen Menschen von ungestümer Sinnlichkeit zu Tages- und Nachtzeiten feilbietet. Der alte Herr fand zwar, daß der Militärdienst etwas teuer zu stehen komme; aber er bezahlte, wenn auch murrend, was von ihm verlangt wurde. Fritz hatte in diesem anstrengenden Jahre, das ausgefüllt war vom Dienst und den fast noch größeren Strapazen eines ausgelassenen Lebens, weder Zeit für sein Fachstudium noch für irgend welche anderen geistigen Interessen gefunden. Nur zur Musik gewann er ein neues Verhältnis. Durch einen seiner Kameraden wurde er in die Wunderwelt eingeführt, die Richard Wagner heißt. Dichterische und musikalische Kompositionen, denen dieser große Verführer aller Sinne Leben gegeben, stürmten mit überwältigender Kraft auf den Jüngling ein und betäubten ihn eine Zeit lang allen anderen Stimmen gegenüber. Und Hand in Hand mit dem Komponisten des Tristan kam ein anderer Magier über seine vom Pessimismus schon ergriffene Seele: Schopenhauer. Der eine führte ihn ein in die Schrankenlosigkeit mystischer Urgefühle, der andere lehrte ihn die bewußte Verachtung der Welt und die Flucht ins »Nirwana«. Von dem Verfasser »der Welt als Wille und Vorstellung« war die Brücke schnell geschlagen zu Hartmann, zu Vogt, Moleschott und Büchner. Und nachdem der junge Mensch Blut geleckt hatte beim philosophischen Materialismus, suchte er folgerichtig die Ergänzung solchen Weltbildes in der Naturwissenschaft. Abermals ging ihm eine neue Welt auf mit Darwin und der Evolutionstheorie. Daß ein Mensch, der so schwere Bissen zu verdauen hatte, nicht Zeit finden konnte, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten, lag auf der Hand. Fritz hatte wohl die Unterschriften der Herren Professoren über all die Collegien, die er nicht gehört hatte, in seinem Heft stehen – denn das kontrollierte der Vater – aber sein Kopf blieb völlig unberührt von Pandektenlehre, Civilprozeß und anderen Materien der Rechtsgelahrtheit. Der Geheimrat aber drängte zum Examen; denn er war für den Sohn womöglich noch ehrgeiziger, als er es seinerzeit für sich selbst gewesen. Fritz wurde sich immer klarer, daß ihn von der Welt des Vaters etwas Unüberbrückbares trenne, das hieß: moderne Weltanschauung. Der Alte stand auf der Seite, die ihm seine siebzig Jahre anwiesen; der Sohn war auf weiter Fahrt begriffen, deren Ende niemand absehen konnte. Fritz hatte keinerlei Fühlung mit den studentischen Verbindungen, den Couleuren, oder den freien Vereinen. Alles Kommentwesen war ihm zuwider. Dafür verkehrte er in einem Klub, der sich aus Menschen der verschiedensten Berufe und Klassen zwanglos zusammen gefunden hatte. An zwei Abenden der Woche traf man sich, um zu disputieren, Vorträge zu halten und anzuhören, die neuesten Ereignisse des öffentlichen Lebens, der Litteratur und Wissenschaft beim Glase Bier und der Cigarre durchzuhecheln. Da waren Künstler aller Schattierungen, Menschen der verschiedensten religiösen Bekenntnisse; doch wogen die vor, welche gar keine Religion hatten. Die politische Gesinnung der meisten war radikal. Sozialdemokraten gab es da und Juden – viele waren beides – auch vereinzelte dem Anarchismus nahe stehende Persönlichkeiten. Geistiges Proletariat, ewige Studenten, gescheiterte Journalisten, Menschen, welche alten, abgetragenen Kleidern glichen, deren Farbe und Stoff überhaupt nicht mehr zu ergründen ist, deren Beruf, wenn eine Definition dafür gefunden werden muß, höchstens der war: Zeitgenosse zu sein. Die Vorträge, welche im verräucherten Hinterzimmer eines obskuren Lokales einer wenig bekannten Gegend des östlichen Berlins abgehalten wurden, die Debatten, die sich daran knüpften, waren, entsprechend der buntscheckigen Gesellschaft, kraus und ungleichwertig genug. Das Panier, das diese Corona zusammenhielt, war jedoch im Grunde kein unedles. Sie hatten eine Hoffnung, einen Glauben, ein Ideal, eine Richtung in die Zukunft. Sie wollten etwas, wenn auch in verworrener Weise, sie träumten von großen Thaten der Kunst und Wissenschaft, ersehnten eine Wandlung der Verhältnisse auf allen Gebieten. So verschieden sie sein mochten nach Herkunft und Lebensgang, eines war ihnen gemeinsam, daß sie die Gegenwart verdammten, und daß sie von der Zukunft Großes erwarteten. Befreiung wollten sie aus den Fesseln des Dogmas, der Schablone, der Konvention, von denen sie sich überall bedrückt und gehemmt fühlten. Ein Durst erfüllte sie nach Freiheit, ein Heißhunger nach Wahrheit und Schönheit. Sie machten von dem Rechte der Jugend reichlich Gebrauch, das Bestehende niederzureißen und groteske Luftschlösser an seine Stelle zu setzen. Sie schlugen Schlachten mit Worten, verdammten allmächtige Staatsleute in Grund und Boden, vernichteten Modekünstler durch ihre Kritik, entthronten wissenschaftliche Theorieen und Systeme, die Jahrhunderte lang gegolten hatten, an einem Abende. Sie gründeten Zeitungen, die es niemals auch nur zum Erscheinen brachten, und beschlossen Theateraufführungen, zu denen außer den stets vorhandenen aufführungsbedürftigen Dramatikern nichts weiter da war. Aber alles das nicht zum Spaß, sondern in jenem bitteren, fanatischen Ernst der ohnmächtig Einflußlosen, denen nicht gestattet ist, ihren Hoffnungen zu leben. Es war der uralte Kampf, der von Anbeginn durch die ganze Welt tobt; die Revolution der Jugend, die Empörung neuer Generationen gegen das Althergebrachte, Eingerostete, der knirschende Haß der Aufstrebenden gegen die, welche, auf ihren Erfolgen ausruhend, das Heft in Händen halten. Weil man an das wirkliche Leben nicht heran konnte, weil man jenseits der Barriere stand, welche von der Praxis die Theorie trennt, ergriff man das einzige Mittel, das zur Verbreitung seiner Ideen übrig blieb: das Wort, das gesprochene wie das geschriebene. Die einen drückten ihren Schmerz in lyrischen Gedichten aus, die anderen reformierten die Welt durch Leitartikel. Eine Anzahl von ihnen und nicht die wenigsten, legten ihren Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung in Dramenform nieder. Fritz Berting bildete in dieser Gesellschaft eine auffällige Erscheinung. Er stammte aus geordneteren Verhältnissen, als die meisten Mitglieder dieses Klubs. Das was ihn zu jenen Bohemiens hinzog, die in Kleidung, Sprache, Manieren seinen von der heimischen Kinderstube her verwöhnten Ansprüchen durchaus nicht genügten, war eben jenes verwandte Bedürfnis nach Befreiung und Selbständigkeit, nach Ausleben und Sich-bethätigen-dürfen. Das Verhältnis des Sohnes zum Vater wurde immer unerträglicher, je fester der alte Herr auf seinem Willen bestand, daß Fritz die Staatscarriere einschlage, und je deutlicher der junge Mann erkannte, daß die Erfüllung des väterlichen Wunsches gleichbedeutend für ihn sei mit Lebendig-begraben-sein. Gerade weil Fritz aus einer höheren Schicht der Gesellschaft stammte als seine Genossen, lernte er die Engigkeit der Konvention und die Unduldsamkeit des Vorurteils viel bitterer verspüren, als jene, die, von Anfang an niederer Herkunft, überhaupt nicht deklassiert werden konnten. Als seine erste Gedichtsammlung erschien, erlebte er einen Sturm der Entrüstung in der ganzen Verwandtschaft und Freundschaft. Alte Schulkameraden von ihm, jetzt Offiziere oder Korpsstudenten, ließen ihn, wenn er gelegentlich mit ihnen zusammentraf, durch ihre Zurückhaltung deutlich merken, daß man ihn als einen Verdächtigen betrachte. Er schien in den Augen dieser Leute abgefallen von den Traditionen des Standes, indem er »unter die Litteraten« gegangen war. Es mußte früher oder später zu einem Bruche kommen zwischen Vater und Sohn. Als Fritz, sobald er mündig geworden, das mütterliche Erbteil für sich verlangte, erhielt er das Geld, welches ihm ja nicht vorenthalten werden konnte, zwar ausgezahlt, aber der Vater machte ihn gleichzeitig darauf aufmerksam, daß, wenn Fritz statt einen soliden bürgerlichen Beruf zu ergreifen, weiterhin in anrüchiger Gesellschaft verkehre und »lascive Bücher« schreibe, er ihn enterben werde. Fritz antwortete einige Zeit nach Ergehen dieser väterlichen Drohung mit der Veröffentlichung einer zweiten Gedichtsammlung, die alles, was der alte Herr an der ersten verwerflich gefunden hatte, in verstärktem Maße aufwies. Von da ab war das Tafeltuch zwischen ihm und der Familie zerschnitten. Als der Geheimrat ein Jahr darauf starb, fand es sich, daß Fritz im Testament auf das Pflichtteil gesetzt war. Nun folgten jene Jahre in Berlin, während deren Fritz Berting mit seinen Dramen vergeblich bei den Bühnenleitern, Dramaturgen und Theateragenturen antichambrierte. Der Disputierklub ging ohne Sang und Klang auseinander. Einige wenige von den jungen Leuten rangen sich durch, kamen unter das Notdach einer Redaktion oder ergriffen den ersten besten Beruf als Rettungsplanke. Viele tauchten unter auf Nimmerwiedersehen in der dunklen Woge des berliner Lebens. Fritz machte neue Bekanntschaften. Sein Geld halfen ihm Freunde und noch schneller Freundinnen durchbringen. Er fragte sich manchmal, wenn er seine Lage bedachte, seine Mittellosigkeit, den geringen Erfolg seiner Dichtungen, ob es nicht doch weiser gewesen wäre, wenn er dem Wunsche seines Vaters folgend, die juristische Laufbahn eingeschlagen hätte. Dann säße er jetzt als wohlbestallter Herr Referendar mit Aussicht auf Beförderung, könnte Leutnant der Reserve auf seine Karte schreiben, wäre Mitglied der guten Gesellschaft und eine geschätzte Stütze von Thron und Altar. Er mußte zugeben, daß sein Dasein dann ein glänzenderes und bequemeres gewesen sein würde. Und dennoch konnte er nicht bereuen, das andere Teil erwählt zu haben. Es kam ihm vor, als ob – wenn an seinem Leben überhaupt etwas gut und der Achtung wert war – es jener Entschluß sei, mit dem er, vor die Wahl zwischen Philistertum und Künstlerlaufbahn gestellt, sich entschieden hatte für das, was ihm der edelste Beruf dünkte auf Erden: der des Dichters. Schon lange glitzerte das Mondlicht nicht mehr über den Wellen. Weißlicher Nebel zog herauf aus unsichtbaren Verstecken, wo er im Verborgenen gelauert hatte, und verhüllte allmählich das ganze weite Flußthal. Zugleich lichtete sich der Himmel im Osten. Kälte in der Luft und Feuchtigkeit am Boden kündeten das Ende der lauen Sommernacht. Fritz kehrte um. Da er nicht wußte, wo er sich befand, hielt er es für das beste, genau auf dem Wege, den er gekommen, nach der Stadt zurückzukehren. Ihn fröstelte in der Morgenluft und er fühlte den Nachtmarsch in seinen Gliedern. Aber er war glücklich. Das was er in dieser Nacht ersonnen hatte, konnte ihm nicht wieder genommen werden. Es war etwas da, etwas, das mehr bedeutete als Gefühl und Stimmung. Vor seinem inneren Auge stand es. Nur die Hand brauchte er auszustrecken, und er hielt es fest. Er wußte jetzt, was der leitende Gedanke seiner Dichtung sein würde. Die Kette gleichsam, in die er den bunten Einschlag verweben wollte seiner Empfindungen, der Grundakkord, der durch alles zittern sollte, das Thema, das zu variieren war. Wenn es überhaupt einen Namen gab, der umfassend genug war für eine so große, so bedeutsame Sache, so lautete er: das Geschlecht. Wohl wußte Fritz Berting, daß es kühn sei, ein Buch aufbauen zu wollen auf einem einzigen Begriffe; wohl ahnte er die verborgenen Abgründe, die in einem Thema so heikler Natur lauerten. Aber in diesem Augenblicke entzückten Erschauens war er wie der Wanderer, der lange in enger Schlucht einhergeschritten ist und auf einmal vor eine herrliche Fernsicht gestellt wird. Er denkt nicht an die Mühseligkeiten, nüchternen Wegstunden und Gefahren, die ihn von jenen Fernen trennen. Als wäre seine Sehkraft gesteigert, sieht er die fernsten Gipfel und Zacken in herrlichster Beleuchtung vor sich liegen, zum Greifen nahe. Und es erscheint so leicht, das, was man klar erkennt, sich zu eigen zu machen. Das Geschlecht! War es nicht das größte, fruchtbarste, interessanteste Thema, das man sich wählen konnte? – Lag darin nicht alles eingeschlossen, das Körperliche sowohl wie das Geistige? War es nicht der Punkt, wo der Mensch am engsten und nachdrücklichsten zusammenhing mit der Natur? Seine Abstammung vom Tiere wie seine Verwandtschaft mit Gott, seine Achillesferse, wie seine Apotheose, aus diesem einen Punkte wurden sie verständlich. Es war Kraft und Schwäche, Tragik wie Glück und Erfolg, Liebe, Haß, Kampf, Streben und Untergehen, höchstes Heldentum, tiefste Entartung, Aufblühen und Verwelken des Einzelnen, wie ganzer Familien, Klassen, Völker zu erklären aus ihrem Verhalten als Geschlechtswesen. Fritz hatte einmal von einem seiner medizinischen Freunde gehört, daß bedeutende Psychiater, ehe sie eine Diagnose stellen, sich zunächst über das Geschlechtsleben des Patienten, als die wichtigste Frage, klar zu werden trachten. War hier nicht ein Fingerzeig für den Dichter? – Was hatte die Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten zu so erstaunlichen Erfolgen geführt? Was hatte sie triumphieren machen über alle Bethätigungen des menschlichen Geistes? Die Schärfe der Beobachtung. Man hatte das, was man mit Augen gesehen, mit Ohren gehört, was man betastet, gerochen, geschmeckt, mit einem Worte, was man sinnlich wahrgenommen, zunächst einmal nüchternen Sinnes konstatiert, und das also untrüglich Festgelegte in Atome zergliedert und es in seinen feinsten Regungen analysiert. Mit Hilfe scheinbar so einfacher Mittel war man zu tiefen Wahrheiten, zu epochemachenden Entdeckungen, ja zur Aufstellung universeller Systeme gelangt. Wenn nun schon der Gelehrte, der in dem groben Material empirischen Wissens arbeitete, zu so gesteigerten Resultaten gekommen war, mit Hilfe dieser Methode, wie würde da erst dichterische Phantasie und Intuition Hand in Hand mit exakter Beobachtung und Analyse zu neuen Horizonten führen und herrliche, unerhörte Gebilde zu Tage fördern. – Vielleicht war man hier auf dem Wege zur neuen Kunst. Vielleicht würde die Dichtung, gestützt auf diese Methode, emporsteigen zu ungekannter Höhe. Warum sollte ihr versagt sein, was die Wissenschaft erreicht hatte, während eines halben Jahrhunderts im Sturmschritt Zeiträume zu durcheilen, zu deren Bewältigung früheren Generationen Jahrtausende nicht genügt hätten. Es kam darauf an, von der Wissenschaft zu lernen, die wertvollen Vorarbeiten, welche die Forschung geliefert hatte, zu verwerten, ihre Methode sich anzueignen. Genau wie der Gelehrte, hieß es, nüchtern sein, sich nicht durch Aberglauben vergangener Epochen das Auge trüben lassen. Vor allem hieß es auch, die sentimentale Empfindsamkeit abstreifen, die uns im Blute lag. Und weiter galt es, sich freimachen von altmodischem Vorurteil, von alledem, was uns unter dem Namen Moral und Religion Fremdes, Unnatürliches und Erkünsteltes anerzogen worden war. Der Naturwissenschaftler und der Philosoph hatten das längst zum alten Eisen geworfen, auch der Dichter konnte damit nicht mehr wirtschaften, wenn anders er an der Spitze moderner Weltanschauung marschieren wollte. Dabei konnte er sehr gut ein Seher bleiben und ein Prophet. Sein Auge sollte, geschärft durch wissenschaftliches Sehen, in alle Abgründe und Tiefen der Wirklichkeit tauchen, statt wie es früher gewesen, verzückt Ausschau zu halten nach dem, was man jenseits der Wolken vermutete. Rücksichtslos mußte der Moderne sein, auf die Gefahr hin, von prüden Seelen schamlos genannt zu werden. Er durfte sich nicht fürchten, vor dem Armeleutegeruch, jenen Dünsten, die auffliegen von Armut und Krankheit, welche die Moralisten als Schmutz und Laster zu bezeichnen beliebten. Er durfte sich nicht schämen, die Seciersäle, die Gefängnisse, die Irrenhäuser zu betreten; denn alle diese Erscheinungen waren wichtige Bestandteile des Lebens, bildeten menschliche Dokumente, eröffneten große Perspektiven, gaben Gelegenheit, die Welt zu zeigen wie sie war, nicht wie Idealisten träumen mochten, daß sie sei. Freilich, zimperlich durfte man da nicht sein und auf Zimperlichkeit anderer durfte man auch nicht achten. Den Mut mußte man besitzen, sich ganz auszukleiden, nackt hinzutreten vor die Menge. Dann allein durfte man hoffen, durch Wahrheit wie die Natur selbst zu wirken. Was aber waren die stärksten, echtesten Gefühle des Mannes? Was beherrschte von dem Augenblicke an, wo unter bangen Wehen aus dem Knaben der Jüngling geboren wird, das Denken, Dichten, Schaffen, Wünschen, kurz, das ganze Sein des normalen, männlichen Individuums? – Von Schopenhauer konnte es lernen, wer es nicht aus eigener Erfahrung wußte: der Geschlechtstrieb. Der gewaltige, autokratische Herrscher, der allmächtige, launenhafte Störenfried, der große Künstler, unter dessen unsichtbarem Finger alles Farbe bekommt und Form, der ewig wache Regulator des Leibes wie der Seele. Diesen Trieb in den Mittelpunkt setzen einer Dichtung, hieß daher nur konform handeln den ewigen Gesetzen des Kosmos. Im Geschlecht war die Stelle, wo man an die menschliche Natur herankonnte. In allem anderen wußten die Menschen einen schwer zu durchdringenden Panzer von Konvention, Satzung, von erheuchelter Sittenstrenge um sich zu legen. Hier hatte das Gewand eine Lücke, durch die man ein Stück lebendig nackter Menschenhaut durchschimmern sah. Und nun für das Leben des Einzelnen wie für das große Ganze diesen roten Faden nachzuweisen, der sich oft verborgen der alltäglichen Einsicht, doch für feinere Augen überall sichtbar hindurchzog, die natürliche Unterlage dieser das Dasein bedingenden Gefühle durchleuchten zu lassen durch alles, wie Gold durch ein feines Gewebe; jenseits aller Moral, sachlich wahr und gerecht das Geschlechtsleben zum Zünglein zu machen der Wage, war das nicht eine Aufgabe, würdig des modernen Dichters, der nicht Sänger sein wollte allein und Fabulist, sondern auch Forscher zugleich, Richter und Gesetzgeber im Geistigen wie im Sinnlichen. Der das ganze Leben mit seinem Auge umspannte und sich das Recht herausnahm, jeder Erscheinung gegenüber seine Ansicht zu äußern, und jedem Stoff, mochte er noch so spröde erscheinen, seinen Schöpferodem einzuhauchen. Die Erkenntnis dieses Naturgesetzes in Fleisch und Blut des Kunstwerkes umzusetzen, darauf kam es jetzt an. Daß ihm das gelingen würde, bezweifelte er im Augenblicke der Empfängnis nicht. Auf Zehen schlich er sich in das Quartier. Es gelang ihm ins Bett zu kommen, ohne Alma zu wecken. Er schlief sofort ein, und als er spät im Vormittage erwachte, fühlte er sich stark, frisch und zum Schaffen lustig.   Sofort ließ er eine Änderung vornehmen in dem Quartier. Sie hatten nur zwei Zimmer zu ihrer Verfügung. Alma pflegte mit ihrer Nähterei im Wohnzimmer zu sitzen, dort stand auch Fritzens Schreibtisch. Da er aber die Angewohnheit hatte, während des Schreibens gelegentlich aufzuspringen und im Zimmer umherzulaufen, so wäre man in dem ohnehin beschränkten Raume allzusehr beengt gewesen. Er traf also ein Abkommen mit Frau Klippel, wonach Alma gestattet sein sollte, in dem Wohnzimmer der Wirtin jenseits des Ganges zu sitzen und zu nähen. Zugleich ließ er nun die von Alma längst sehnlichst gewünschte Nähmaschine anschaffen. Von da drüben her störte ihn das Geräusch ja doch nicht. Das Mädchen war glücklich über die Nähmaschine und noch mehr über die gute Laune, die plötzlich, sie wußte nicht woher, über ihren Fritz gekommen war. In den nächsten Tagen und Wochen saß Fritz Berting an dem kleinen, wackeligen Schreibtisch aus Nußbaumholz. Er ging nur ganz wenig aus, und Alma hatte Mühe, ihn zum Innehalten der Mahlzeiten zu bewegen, so versessen war er auf die Arbeit. Freier und leichter seien ihm die Gedanken noch niemals zugeströmt, deuchte ihm. Seine Einbildungskraft schien unerschöpflich. Ein guter Einfall zog den anderen nach sich, Szene reihte sich an Szene. Die Figuren sprangen wie geharnischte Ritter gewappnet aus der Phantasie hervor. Er schuf wie im Fieber und auch wieder jeden Augenblick der Verantwortung seines Thuns sich voll bewußt, eingedenk des großen Amtes, das der Dichter ausübt. Vater und Freund seiner Geschöpfe, hingerissen, erschüttert, mit ihnen bangend, hoffend und liebend, doch über ihnen stehend, kühl ihre Geschicke abwägend, ein Richter über Gut und Böse, über Wahr und Unwahr, über Schön und Häßlich. Fritz Berting war ein Neuling im großen Roman. Bisher war er mehr Lyriker gewesen als irgend etwas anderes. Selbst seinen Dramen wurde von Kennern der Vorwurf gemacht, daß sie erfüllt seien von lyrischer Stimmung, daß ihnen der große, herbe, geschlossene Gang der Tragödie abgehe. Seine Prosaskizzen hatte er selbst nur als Vorarbeiten betrachtet. Nun stand er endlich vor der Aufgabe, die ihm seit Jahren vorgeschwebt: dem großen naturalistischen Romane. Das war freilich ein ander Ding als das leichte Abpflücken einer Stimmung, das Austönenlassen einer Sehnsucht, das Weiterspinnen eines melancholischen Traumes. Hier mußte schwere Arbeit gethan werden. Material galt es heranschaffen aus dem Gedächtnis und der Erfahrung. Da mußte gesichtet, geprüft, eingeordnet werden. Auf dem Fundament positiven Wissens sollte das Ganze ruhen, damit es vor dem Wirklichkeitssinn standhalte. Wollte man den Leser zwingen, an die Welt lustiger Ideen zu glauben, die man aufbaute, so mußte man gestalten mit grobem, haltbarem Stoff, ebenso wie ein Architekt, um einen konstruktiven Gedanken auszuführen, Stein und Eisen, Sand und Kalk braucht. Das Schwierige war, die Materialien so zu verbinden, daß sie nicht den Grundgedanken verdeckten, erdrückten oder ertöteten, sondern im Gegenteil in sinngemäßer Anordnung ihn laut und deutlich zum Ausdruck brachten. Bei einem so groß gedachten Werke waren dem Autor nicht alle Teile gleichmäßig aufgegangen. Oft kamen ihm während des Schreibens Erwägungen, die ihn nötigten, das schon Geschaffene zu ändern und neues einzubauen. Stockungen traten ein. Auf einmal, nachdem eine Zeit lang das Schaffen glatt von statten gegangen war, wie das Abspinnen eines Fadens, gab es einen Knoten. Von seinen Gestalten hätte der Dichter in jedem Augenblicke genau angeben können, wie sie dachten, fühlten, was sie wollten und hofften, planten; aber die Erfindung stockte, und die Phantasie hatte schwereres Arbeiten, wenn es hieß, die äußeren Verhältnisse zu schildern, in denen diese Menschen Tag ein Tag aus lebten. Als Milieu der Handlung hatte er sich eine große Stadt gedacht. Aber da eine solche doch ein mehr oder weniger umfaßbares Wesen ist, das sich in seinem Umfang der künstlerischen Gestaltung entzieht, hatte er sich innerhalb der Stadt wiederum ein Viertel, und in diesem eine Straße ausgewählt. Und zwar hatte er den Hauptplatz der Handlung in einen Vorort verlegt, ähnlich dem, in dem er augenblicklich lebte. Hier waren die Verhältnisse einfach, ja beinahe primitiv und darum übersichtlich. Die städtische Bevölkerung mit ländlichen Elementen durchsetzt, minder raffiniert, in ihren Äußerungen harmloser und natürlicher, als der Großstadtmensch sich zu geben pflegt. Interessante Gegensätze dazu von reich und arm, von gebildet und ungebildet, von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Hier war gleichsam ein Filter für das Land, das nach der Stadt hereinströmte und zunächst die gröbsten Bestandteile absetzte. Andererseits war hier aber auch der Kehrichthaufen, auf welchen die Stadt all ihr Verkommnes und Verbrauchtes hinausschaffte, all den Müll, der vom Haushalte eines großen Gemeinwesens abfällt. Dazwischen Familien besseren Ursprungs, die der größeren Billigkeit wegen im Vororte wohnten. Fabrikanlagen, die auf dem wohlfeileren Terrain wie die Pilze aufschossen, deren Besitzer oder Direktoren in prunkvollen Villen logierten, während die Arbeiter und Arbeiterinnen die langen grauen Zeilen der Mietskasernen bewohnten. Damit es dem Straßenbilde aber nicht an Buntheit fehle, verkehrten in dieser Gegend besonders gegen Abend Soldaten aller Truppengattungen aus den unweit gelegenen Kasernen; diese Gäste wurden von den Mädchen ebenso gern gesehen wie von den Gastwirten. In den zahlreichen Vergnügungslokalen fand dann zur Nachtzeit eine oftmals recht innige Verquickung dieser verschiedenartigen Elemente statt. Welch herrlich charakteristischer Hintergrund, wie gemacht für das Thema, das Fritz sich gestellt hatte! Der Stoff lag hier geradezu auf der Straße. Er brauchte nur das Fenster zu öffnen, und es wurden ihm Geräusche zugetragen, die ihn leicht in Stimmung versetzten: der langgezogene Ton der Fabrikpfeife, das Lärmen unbeaufsichtigter Kinder, die sich ungeniert tummelten wie Sperlingsschwärme, das Geschwätz der Weiber von der Gasse, Leierkastenmusik, welche die Mädchen elektrisierte und die Hunde des ganzen Quartiers zu elegischem Geheul veranlaßte. Vieles ging hier in ländlicher Unbefangenheit auf der Straße, unter dem Thürstock, bei offenen Fenstern vor sich, was man sonst bei verschlossenen Thüren und bei herabgelassenen Gardinen vornimmt. Alles redete seine Sprache zu Fritz von dem Augenblicke ab, wo er sich die Mühe nahm, darauf zu achten; selbst die Gerüche, die nicht immer angenehm aus Kellern, Budiken, Gruben und Gossen aufstiegen. Auch sie verrieten ihm die Geheimnisse der Häuser, die Gewohnheiten ihrer Bewohner. Es gab nichts in seiner Umgebung, das stumm gewesen wäre. Und selbst das Quartier, das er bewohnte, wurde zur Fundgrube von Dokumenten. Da war die Wirtin, Frau Klippel, eine Person, der man trotz ihres jetzigen vernachlässigten Aufzuges die Spuren ehemaliger Stattlichkeit noch immer ansehen konnte. Der Mann war Eisenbahnschaffner und hielt sich im Dienste den größten Teil des Tages, oft auch der Nacht, außerhalb des Hauses auf. Frau Klippel lief von früh bis Abend in loser Bluse, die ihre entwickelten Formen kaum verdeckte, mit ungemachtem Haar, in Filzschuhen einher. Richtige Mahlzeiten zu kochen, war sie zu träge. Das tägliche Brot der Familie bestand größtenteils aus Buttersemmeln, Kuchen und sehr viel Kaffee. Das Quartier war stets schmutzig, obgleich die Frau unter dem Vorwande aufzuwischen, zu jeder Zeit auch in die Zimmer der Mieter eindrang. Fritz hatte Alma anfangs verboten, sich in intimeren Verkehr einzulassen mit Frau Klippel, denn er wußte wohl, daß sie beide, in ihrem vor dem Gesetz nicht legitimen Verhältnis, sich vor Indiskretion ganz besonders zu hüten hatten. Aber seitdem Almas Nähmaschine in der Wohnstube der Familie Klippel stand, war der Verkehr mit den Leuten nicht zu vermeiden. Die Wirtin brachte oft Stunden damit zu, eines ihrer beliebten Aufwischtücher in der Hand, bei der fleißigen Alma zu stehen, ihr Rat zu erteilen für die Arbeit. Diese Frau ersparte einem wirklich das Abonnement eines spannenden Romans beim Kolporteur. Sie war wie ein großes Lexikon des Klatsches für das ganze Stadtquartier, das über heikle Familienangelegenheiten die erstaunlichsten Aufschlüsse zu geben vermochte. Fritz verschmähte es nicht, sich nun doch mit dieser chronique scandaleuse näher zu befassen. Kaum hatte Frau Klippel gemerkt, daß sie bei Herrn Berting mit ihren Berichten Anklang finde, so ließ sie alle Minen springen, gab für ihren Mieter gleichsam Extravorstellungen. Fritz staunte geradezu. Die Kraft der Einbildung, die diesem Weibe eigen war, ließ die stärkste dichterische Phantasie hinter sich. Aber auch ihre Beobachtungsgabe, das Vermögen, zu kombinieren, aus Kleinigkeiten überraschende Schlüsse zu ziehen und kühne Vermutungen aufzubauen, war beneidenswert. Sie goß ein wahres Füllhorn des Skandals aus. Ihm war, als würde der Kehricht des ganzen Stadtteils vor ihm ausgebreitet. Frau Klippel sprach den unverfälschten Dialekt ihrer Heimat, der an sich schon geeignet ist, alles ins Ordinäre zu verwandeln. Überhaupt gaben sich in ihrem Charakter die schlechten Eigenschaften ihrer Landsleute ein Stelldichein. Sie war durchaus nicht dumm, im Gegenteil von einer gewissen pfiffigen Intelligenz. Bar jeder Würde und Haltung, genußsüchtig dabei, ohne Energie und Temperament, eifrig im verdächtigen anderer und in hämischer Spottsucht. Ins Gesicht freundlich und stets bereit, sich wegzuwerfen. Farblos und nachgiebig wie Brei, der auf jeden Druck nach allen Seiten hin nachgiebt. Glücklich war diese Person nur, wenn sie hinter der Kaffeetasse saß und wenn sie ein Opfer fand für ihre Redseligkeit. Ihre Erzählungen hatten etwas vom Puppentheater an sich. Sie führte ihre Personen meist redend ein. Niemals hatten ihre Geschichten ein Ende, aus jeder entwickelte sich wieder ein halbes Dutzend neue. Alles hing da unentwirrbar zusammen, wie ein großer Rattenkönig. Die Erzählerin aber fand sich in diesem Labyrinth immer zurecht. Für gewisse Erscheinungen des Liebeslebens hatte der auf alles Skandalöse besonders erpichte Sinn dieser Frau überraschend einfache Erklärungen. Und gerade für das, was Fritzens Thema bildete, das Sexuelle, war sie mit einer Art unfehlbaren Witterung ausgestattet. In allen ihren Erzählungen bildete das Verhältnis der Geschlechter gleichsam das A und das O, das Leitmotiv für unzählige Variationen, der natürliche Untergrund, aus dem jede Erscheinung sich ganz selbstverständlich entwickelte und erklärte. Nicht, daß Fritz Berting den Rohstoff, welchen die redselige Person in reicher Fülle vor ihm ausbreitete, hätte direkt in seinen Roman aufnehmen können; aber er verschmähte die geheime Mitarbeiterschaft Frau Klippels an seinem Buche nicht. Denn Fritz erkannte mehr und mehr, daß, wenn er sein Ziel erreichen wollte: ein naturalisches Kunstwerk zu schaffen, er sich nicht scheuen dürfe, sein Auge an jede der unscheinbaren und äußerst seltenen Klinzen zu legen, durch welche uns hie und da gestattet ist, die Natur in ihren intimsten Heimlichkeiten zu belauschen. Er sprach jetzt manchmal mit Alma über den Plan seines Buches, ja las ihr einzelne Stellen vor und suchte ihre Ansicht darüber zu erforschen. Er wußte zwar, daß Almas Geschmack durchaus ungebildet sei, aber ihm lag auch garnichts an ihrer Kritik; etwas ganz andres wollte er von ihr erfahren. Verschiedene Physiologen, mit deren Werken er sich beschäftigt hatte, behaupteten: das Weib sei das Geschlechtswesen katexochen. Im weiblichen Organismus habe alles Beziehung zu dieser wichtigen Funktion, für die sie recht eigentlich von Natur bestimmt seien. Alles am Weibe, das Alltägliche wie das mystische Rätselhafte könne aus diesem einen Punkte erklärt werden; im Geschlecht liege ihre ganze Inferiorität, aber auch ihre Größe und Genialität. Fritz vermutete, daß diese Theorie viel Wahres enthalte. Bei wem anders aber mochte man sich darüber vergewissern, als eben beim Weibe selbst! Es ging ihm jedoch eigenartig mit Alma; sie mochte von diesen Dingen nicht sprechen. Wenn er sie ausforschte über ihre Gefühle, ihre Regungen und Triebe errötete sie, wich ängstlich aus, suchte das Gespräch auf anderes zu lenken. Lachte er sie dann aus wegen ihrer Zimperlichkeit, drang er in sie, Dinge, die zwischen Liebesleuten so natürlich seien, nicht zu verschweigen, dann war sie im stande zu weinen. Einmal nachts unter dem Schutze der Dunkelheit machte sie einen Versuch, ihm alles zu erklären; aber es kam nur ein verwirrtes Stottern heraus, das sie jäh abbrach, um ihr heißes Gesicht bei ihm zu verbergen. Sie müsse sich zu Tode schämen, behauptete sie. Fritz staunte. Was für ein starkes, ursprüngliches Gefühl doch beim Weibe die Scham war! Alma, die so feurig liebte, deren Lebenselement die Zärtlichkeit war, die sich ihm hundertmal rückhaltlos hingegeben hatte, Alma zog sich scheu zurück, wenn er das, was das alltägliche Brot ihres Verhältnisses war, zu analysieren versuchte. Es schien das mehr als bloß kindische Einbildung. Er mußte da doch Wohl auf ein Naturgesetz gestoßen sein. Und schließlich hatte ihm Alma durch ihr Verhalten mehr verraten von den verstecktesten Geheimnissen des Weibes, als sie durch noch soviel beschreibende Worte vermocht hätte. Die einzige Zerstreuung, die Fritz Berting sich in dieser Zeit angestrengtesten Schaffens gönnte, war der Verkehr mit seinem Freunde Doktor Lehmfink. Man traf sich des Nachmittags im Café, oder auch abends im Bierhaus. Da wurde über Politik, Tagesereignisse, am meisten aber über Litteratur geschwatzt. Abends pflegte Fritz zu diesen Zusammenkünften Alma mitzubringen. Er wußte, daß Lehmfink gegen ihre Gesellschaft nichts einzuwenden habe. Da mußte das Mädchen oft stundenlang den Gesprächen der Freunde zuhören und hatte Mühe, das Gähnen zurückzuhalten, das Fritz nicht leiden mochte. Lehmfink, der ihren Augen die Müdigkeit ansah, hob dann wohl die Sitzung auf unter dem Vorwande, selbst müde zu sein, und verschaffte der Ärmsten so die ersehnte Bettruhe. Selten kam es vor, daß Fritz Berting und Heinrich Lehmfink derselben Ansicht gewesen wären. Was sie einigte, war eigentlich nur das starke Interesse, das beide für Litteratur hegten, obgleich sie auch hier fast immer im Gegensatz der Ansichten standen. Aber gerade diese Verschiedenheit machte den Verkehr anregend, ließ die Unterhaltung niemals in die seichte Bucht der Fachsimpelei geraten. Gewisse, wie Fritz deuchte, etwas stark rückständige Moralansichten des Freundes schrieb er auf das Conto der kleinen Verhältnisse, aus denen Heinrich Lehmfink stammte. In der altmodischen Art sich zu kleiden, in einer gewissen würdevollen Steifheit der Haltung, in der hypersoliden Lebensführung, hatte jener den deutschen Spießbürger nicht völlig abgestreift, bei aller Weite seines geistigen Horizonts. Und wie in der grotesken äußeren Erscheinung, so erschienen auch in seinem Charakter komische Züge mit Größe und Freiheit des Wesens merkwürdig vermischt. Fritz konnte nicht anders, als diesen wunderlichen Kauz, der ihn durch seine Pedanterie gelegentlich ärgerte, dessen weltfremdes, altfränkisches Wesen ihn oftmals zum Widerspruche reizte, im geheimen doch zu bewundern. Fritz wußte, daß sein Freund ein Märtyrer war seiner Ehrlichkeit. Ein Mann von dem gründlichen Wissen Lehmfinks, von seiner Belesenheit, seinem Fleiß, würde, wenn er nur verstanden hätte, sich ein wenig anzuschmiegen, fünf gelegentlich gerade sein zu lassen, den Mantel nach dem Winde der öffentlichen Meinung zu hängen, eine ganz andere Stellung im Journalismus wie in der Litteratur haben einnehmen können. So aber war Heinrich Lehmfink einer von jenen wenig beneidenswerten Sklaven der Feder, der für den Tagesbedarf des Publikums seine guten Kräfte anstrengen mußte. Nebenher arbeitete er wissenschaftlich, schrieb Kommentare, gab kritische Ausgaben heraus. Aber auch hier stand der Erfolg nicht im Verhältnis zur aufgewendeten Kraft. Fritz wußte, daß sein Freund von seinen Honoraren Mutter und Schwester, die von der Witwenpension eines Stadtschreibers leben mußten, unterstützte. Nun fing Lehmfink neuerdings auch noch an, ganz ungebeten von einer alten Schuld abzutragen, die er in Berlin bei Fritz kontrahiert hatte. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß Fritz Berting Geld, welches er verborgt hatte, zurückerhielt. Eigentlich mußte man sich ja scheuen, das von einem Manne anzunehmen, dem es so wenig glänzend erging, wie Heinrich Lehmfink; aber eine Weigerung würde den leicht Empfindlichen sicherlich schwer gekränkt haben. Und in gewisser Beziehung kam dieses Geld wie vom Himmel gesandt für Fritz, der gerade auf dem Grunde seines Beutels angelangt war, als ihm der Freund die ersten hundert Mark von den tausend ehemals erborgten zurückerstattete. Doktor Lehmfink war in einem schwäbischen Bergstädtchen geboren, das die Einwohnerzahl fünftausend nicht ganz erreichte. Das Städtchen hatte ein Amtsgericht, eine evangelische und eine katholische Kirche und brüstete sich mit seiner Lateinschule. Sein Bürgermeister kam mit einem Ratsschreiber aus. Ratsschreiber Lehmfink war dem Gehalte entsprechend, das er bezog, ein bescheidener Mann, dem es wie frevelhafter Leichtsinn erschienen wäre, mehr als dreimal in der Woche auf seinem Tische Fleisch zu sehen, oder sich einen zweiten Frack anzuschaffen, ehe sein alter, dessen abgeschabte Stellen von der Frau Ratsschreiber mit Dinte aufgefärbt wurden, ehe dieses kostbare Kleidungsstück nicht so morsch geworden war, daß kein Stich mehr darin hielt. Dieser Mann, den man also nicht gut einen Verschwender und eitlen Gecken nennen konnte, besaß jedoch einen Ehrgeiz, der, wenn man seine Revenuen kannte, immerhin tollkühn genannt werden mußte: er ging nämlich mit dem Gedanken um, seinen Sohn Heinrich studieren zu lassen. Der Junge war nach drei Mädeln zur Welt gekommen. Vielleicht erklärt die Überraschung über das Faktum, daß, nachdem man hintereinander drei Nieten gezogen, nun doch noch ein Erbe und Stammhalter geboren worden war, vielleicht erklärt der Freudentaumel, der in solchen Fällen jeden Erzeuger zu befallen pflegt, die Wagehalsigkeit dieser Zukunftspläne. Von dem Augenblicke ab, wo der kleine Heinrich da war, der, wenn alles gut ging, in achtzehn Jahren an den Brüsten der alma mater sich erlaben sollte – stand der Haushalt des Stadtschreibers Lehmfink noch mehr als bislang unter dem Zeichen des Sparens. Vier Kinder durchbringen bei vierhundert Thalern jährlichem Fixum und davon den vierten Teil zurücklegen wollen für den zukünftigen Studiosus, es war ein Rechenexempel, das, trotz seiner scheinbaren Einfachheit, doch immer und immer wieder, ja fast täglich und stündlich, von Vater und Mutter durchgerechnet und äußerst schwer lösbar gefunden wurde. Dann starben die beiden ältesten Mädchen, zu einer Zeit, da die Diphteritis furchtbare Opfer von dem Kinderbestande des Städtchens forderte. Die Kleinen wurden aufrichtig betrauert von den Eltern; aber nachdem der Trennungsschmerz überwunden war, empfand man, ohne es sich einzugestehen, doch eine Art Entlastung. Das Rechenexempel wurde wesentlich leichter lösbar, seit man statt vier hungriger Münder deren nur noch zwei zu stopfen hatte. Stadtschreiber Lehmfink hegte vor studierten Leuten eine unbegrenzte Hochachtung. Das Abgangszeugnis von einer Universität erschien ihm als die Eingangspforte zu allen höchsten Stellen der Welt. Was der kleine Subalternbeamte niemals besessen hatte, das sollte sein Sohn wenigstens einmal erreichen: Ehren und Einfluß. Der väterliche Ehrgeiz schien nicht verschwendet zu sein. Klein-Heinrich erledigte die verschiedenen Stadien des Lesens, Schreibens und Einmaleins-Lernens mit anerkennenswerter Schnelligkeit. Und von dem Augenblicke an, wo er durch die Pforten der Lateinschule in den Tempel klassischer Bildung eingetreten war, bewegte er sich in der oberen Hälfte der Klasse, bis er schließlich aus dem Wettrennen unter zwei Dutzend Klassengenossen als unbestrittener Primus hervorging. Philologie sollte der Junge studieren, so schlugen die Lehrer dem Vater vor; Heinrich, der mit sechzehn Jahren das Lateinisch in zweierlei Färbung, der archaischen und der ciceronianischen sprechen und schreiben konnte, werde einmal seiner Vaterstadt unsterblichen Ruhm erwerben. Der Vater Stadtschreiber war natürlich nicht wenig stolz auf seinen Jungen, der in der Klasse über soundsovielen Honoratiorensöhnen saß. Dem jungen Menschen jedoch genügte die ziemlich reichliche Ration von Wissensstoff, die ihm auf der Schule verabreicht wurde, nicht einmal. Es war ein Drang in ihm, sich über den Stundenplan hinweg bekannt zu machen mit dem, was es sonst etwa noch außerhalb der Philologie in der Welt geben mochte. Er ahnte dunkel, daß ihm die Schule da mancherlei unterschlage. Die deutsche Litteratur wurde auch hier stiefmütterlich behandelt. Bücher gab es im väterlichen Hause nicht. Dafür existierte in dem Städtchen ein Buchladen, in dem zwar nur selten ein Buch gekauft, dessen Bibliothek aber um so eifriger benutzt wurde. Vor dem Schunde, der hier den harmlosen Schildbürgern als das Neueste und Beste der Weltliteratur in abgegriffenen, fettklebenden Deckeln verabreicht wurde, bewahrte den jungen Heinrich der schmale Geldbeutel seines Vaters. Für das Lesebedürfnis des Sohnes war in dem Budget des Stadtschreibers ein Posten nicht vorgesehen. Aber es gab im Rathause ein Zimmer, das den Namen: »Die Bibliothek« führte. Da standen an tausend Bände in schönen, soliden Ledereinbänden. Ein Privatgelehrter, der hier am Orte seine letzten Lebensjahre zugebracht, hatte sie letztwillig der Bürgerschaft vermacht. Die Stadtväter hatten die Stiftung nicht gut abweisen können, obgleich es manchem der braven Pfahlbürger als Unfug und unverantwortliche Verschwendung erscheinen mochte, daß für so unnütze Dinge wie Bücher ein ganzer, schöner, großer Raum des Stadthauses hergegeben werden sollte. Und der wunderliche Mann, von dem die Bücher gesammelt worden waren, hatte mit ihnen auch noch ein kleines Kapital vermacht, von dem ein Bibliothekar die Zinsen erhalten sollte für die Mühewaltung des Ausleihens. Diesen Posten hatte man dem Stadtschreiber Lehmfink gegeben. Er war leicht auszufüllen, denn es gab in dem Städtchen eigentlich niemanden, der von der Gelegenheit, sich gediegene Litteraturkenntnisse anzueignen, Gebrauch zu machen, die kühne Absicht gehegt hätte. Zwar wurden die schönen Bände von Zeit zu Zeit herausgenommen, aber nur um abgestaubt zu werden; im übrigen schliefen sie auf ihren Regalen so ruhig und ungestört, wie die Gebeine derer, die sie verfaßt hatten. Bis einer kam, der Sohn des Stadtschreibers und Bibliothekars, der junge Heinrich Lehmfink, der die lichten Geister, die hier unter Staub und Spinngewebe schliefen, befreite und sich zur Gesellschaft aus ihren Gräbern citierte. Hier lernte der Knabe den wunderlichen großen Wolfram von Eschenbach kennen. Der freie, ritterliche Walther von der Vogelweide wurde ihm vertraut wie ein Freund. Hans Sachsens Vielseitigkeit that sich ihm auf. Mit dem witzigen Fischart machte er gute Bekanntschaft. Vom Simplizissimus empfing er starken Eindruck. Klopstock zu lesen, versuchte er, brachte es aber ebensowenig fertig, wie irgend ein anderer moderner Mensch, der nicht gezwungen ist, diesem verzückten Pathetiker durch die Dunkelgänge seiner Gesänge zu folgen. Klarer und freier wurde ihm bei Lessings Verständigkeit zu Mute. In Wielands liebenswürdiger Gesellschaft fühlte er sich eine Zeit lang wohl. Herder regte ihn an, Schiller begeisterte ihn, bis er in Goethe endlich den Born der Schönheit fand, der unausschöpflich ist. Kant allerdings erwies sich seiner Jugend als eine allzu harte Nuß, dafür nahm ihn Jean Paul mit seinen wunderlichen, traurig lustigen Träumereien ganz und gar gefangen. Schließlich ging er mit den Romantikern aus, die blaue Blume zu suchen. Als geborenem Schwaben traten ihm seine Landsleute: Uhland, Mörike und Hauff besonders nahe. Mit Heinrich von Kleist, Körner, Schenkendorf und Arndt fühlte er Deutschlands Schmach und entbrannte für Befreiung von dem Joche der Fremdherrschaft. Durch die Gebrüder Grimm wurde er in die Wunder der deutschen Märchenwelt eingeführt. Germanischen Witz und Tiefsinn lernte er durch Till Eulenspiegel, Reinecke Fuchs, Münchhausen und andere Volksbücher kennen. Die Bibliothek schnitt an einer bestimmten Stelle unserer Litteratur ab. Vielleicht war der Stifter in seiner Sammelarbeit durch den Tod unterbrochen worden; vielleicht auch hatte er die späteren Dichter nicht geliebt. Heine gab es da nicht, und auch das »junge Deutschland« fehlte. Dafür waren die großen englischen Epiker von Walter Scott bis Dickens in guter Übersetzung vertreten. In dieser erlauchten Gesellschaft ein paar Jahre zuzubringen, hätte sich auch für einen anspruchsvolleren Menschen, als dieser Jüngling war, verlohnt. Heinrich Lehmfink befriedigte mehr den ersten Heißhunger der Jugend nach Wissen, als daß er schon jetzt literarischer Feinschmecker geworden wäre. Er nahm alles an, was vor ihm in der Krippe lag. Sein besonderes Glück war es, daß seiner Empfänglichkeit nur auserlesene Kost geboten wurde. Die Lehrer, eingerostete Philologen alten Schlages, sahen es nicht gern, daß der hoffnungsvolle Schüler sich so eifrig mit »außerwissenschaftlichen Materien« abgab, wie sie die deutsche Dichtung nannten. Zu ihrem Erstaunen mußten sie erleben, daß diese Liebhaberei den Knaben nicht nur nicht schädigte, sondern, wie es schien, in seiner geistigen Entwickelung förderte. Er bestand eine gute Abgangsprüfung. Nun ging's auf die Universität. Vom Militär kam der junge Mensch frei, seiner schwachen Augen wegen. Die hatte er sich in mancher, bei schlechter Öllampe durchstudierten Nacht fürs ganze Leben verdorben. Vater Lehmfink war geneigt, das für ein Glück anzusehen; jedenfalls grämte er sich keinen Augenblick, daß der Junge die kostspieligen Freiwilligenschnüre nicht auf den schmalen Schultern tragen würde. Der Ehrgeiz des Stadtschreibers ging mehr dahin, ihn möglichst bald in Amt und Würden zu sehen, während Mutter und Tochter in diesem einen Punkt anders dachten; sie hätten ein wenig buntes Tuch ganz gern in der Familie gesehen. Ein paar Semester lang lag nun der junge Student ganz brav dem Studium der alten Sprachen ob, ohne irgendwelche leichtsinnigen Seitensprünge auf andere Wissensgebiete zu unternehmen. Bis er eines Tages durch Zufall in die Vorlesung seines großen Landsmanns Vischer geriet. Der Autor von »Auch einer« that es dem Jüngling an. Plötzlich wurden alle jene Geister der heimischen Rathausbibliothek wieder wach. Der Student alter Sprachen erfuhr durch einen Lehrer, der bis in die Fingerspitzen hinein ästhetische Persönlichkeit war, daß sich klassische Bildung, moderne Weltanschauung und germanisches Empfinden sehr gut vereinigen lassen. Und wie es geschieht, wenn ein Jüngling das Glück hat, in seinem Lehrer einen genialen Anreger zu finden: es gehen dann der jungen Seele ebensoviel neue Horizonte auf, wie ihr von den erstaunten Augen Schleier des Vorurteils genommen werden. Das Altertum war nicht die ganze Welt; die Philologie nicht die Wissenschaft; mit der Moderne verglichen, schrumpfte die Antike zu einer Vorbereitungsstufe zusammen. Aber der Meister, der bei dem jungen Manne das ästhetische Schauen geweckt, das Erkennen des Schönen und Großen vertieft hatte, senkte ihm zugleich auch einen beunruhigenden Stachel in die Seele: den Trieb, nicht bloß zu wissen und zu erkennen, sondern auch zu erleben. Heinrich, der sich daheim nur als Kind der Vaterstadt und besten Falles als Schwabe gefühlt hatte, während das Reich etwas Fremdes, ein geographischer Begriff für ihn geblieben war, begann, angeregt durch das Vorbild Vischers, der Stammeseigenart und Deutschtum großen Stiles in seiner überlegenen Persönlichkeit wunderbar harmonisch vereinigte, sich als Bürger eines weiteren Vaterlandes zu fühlen. Und wie dem Studenten sein Brotstudium nun beschränkt vorkam, so erkannte er auf einmal auch die Winzigkeit des engeren Vaterlandes. Neugier erfaßte ihn nach den weiten Landen, die jenseits der Grenzsteine seiner bisherigen Welt sich dehnten. Und diese Sehnsucht kam schließlich in dem Wunsche zum Ausdruck: das Reich, Preußen, Berlin zu sehen. Nach Ansicht des Vater Stadtschreibers ein ganz toller Gedanke. Preußen, Berlin! – Das war für diesen Stockschwaben so gut wie Feindesland. Und dazu die Kosten der Reise und des Aufenthalts in einer so großen Stadt! – Aber Heinrich, der die unwiderstehliche Kraft entwickelte des jungen Tieres, das aus dem Neste will, des Pflanzenkeimes, wenn er die Hülle sprengt, setzte seinen Willen durch gegen das ängstliche Abraten des ganzen kleinstädtischen Basen- und Gevatternkreises. Berlin machte zunächst einen abstoßenden Eindruck auf den jungen Mann. Heinrich Lehmfink ließ sich durch die ungewohnten Dimensionen, den lauten Trara der Millionenstadt nicht die Fähigkeit der Kritik nehmen. Den Mittelpunkt deutschen Lebens hatte er sich doch etwas anders vorgestellt. Ihm konnten die Gardeleutnants, die in gebückter Haltung, Monocle im Auge, den Säbel schleppend, die Linden herabschleiften, ebensowenig imponieren, wie die dunkeläugige, schnodderig dreiste jeunesse dorée von ›Berlin W‹ und die geputzten Frauenzimmer des Café National mit ihren gemalten Wangen, die den Provinzialen, wenn er sich des Nachts in die Gegend der Friedrichstraße verirrte, lachend zum Mitkommen aufforderten, erfüllten ihn mit Ekel vor den unheimlichen Abgründen des glänzenden Großstadttreibens. Ganz andere Dinge waren es, die ihn in ihren Bann schlugen. Das alte Schloß, das Zeughaus, das Kammergericht redeten für den, der hören wollte, eine beredte Sprache. Die Denkmäler des großen Kurfürsten und Friedrichs blieben nicht stumm. Dazu Sanssouci und Charlottenburg! Heinrich Lehmfink fing an, zu begreifen, daß diese lärmige, unsolide, brutale, künstlich aufgebauschte Stadt doch einen unvergänglichen Kern von historischer Größe und Schönheit besitze. Er sah auch das milde Angesicht des greisen Kaisers; und für ihn, wie für jeden, der den alten, vornehmen Mann erblickt, wie er sich hinter seinem Fenster vor der grüßenden Menge, pflichtgetreu selbst in der Höflichkeit, unermüdlich verneigte, blieb dieser Anblick unvergeßlich. Aber erhaben über alles, was groß und neu, gab es noch eines in dieser Stadt, einen Menschen, der wie ein Naturereignis, wie ein Stück personifizierte Weltgeschichte erschien, einen Mann, den man entweder hassen mußte, oder lieben: Bismarck. Was hatten sie Heinrich Lehmfink daheim in dem schwäbischen Neste von diesem Bismarck erzählt! Er war für das Kind ein Popanz, für den heranwachsenden Jüngling eine unheimliche, unfaßliche Persönlichkeit gewesen. Der Mann von Blut und Eisen, der preußische Junker, der Erzreaktionär, der Feind aller Freiheit, aller Schönheit, aller geistigen Kultur. Aber sehen wollte er ihn, dieses Phänomen, das wie ein weitragender, alter Baum in der deutschen Erde stand, seinen Schatten werfend, bis in das Leben und Denken eines jeden. Und er sah ihn. Nachdem er manche liebe Stunde umsonst vor dem Reichskanzlerpalais auf und abgeschritten war, lief er eines Tages auf einsamer Promenade im Tiergarten dem Fürsten gerade in den Weg. Lehmfink erkannte ihn erst, als er ihm beinahe gegenüberstand. Ein fliegender Blick aus den großen, blitzenden, dunkelblauen Augen traf den jungen, verblüfft dreinschauenden Menschen. Ein belustigtes Zucken um das granitene Kinn, die schmalen, vieles verbergenden Lippen. Heinrich Lehmfink erholte sich nur langsam von dem Erlebnis. Dann kehrte er um, lief eiligst dem Fürsten nach. Er holte ihn ein und kam gerade zurecht, Bismarck ein Paar Damen begrüßen zu sehen. Der junge Mensch schritt an der Gruppe vorbei, und er empfing einen neuen Eindruck. Nie hatte er einen Mann sich ritterlicher vor Frauen verneigen gesehen, wie den gewaltigen Greis. Jetzt sah er erst, daß nicht wilde, ungebändigte Kraft das Charakteristische war an dieser Erscheinung, sondern Leichtigkeit, geistige wie körperliche Freiheit. Die Haut zart wie die einer Frau, das Auge berückend im Ausdruck, die Bewegungen graziös, das Lächeln unendlich fein. Lehmfink trug ein unauslöschliches Bewußtsein davon; etwas Schöneres würden seine Augen nie wieder erblicken, meinte er. Und er sollte doch noch etwas sehen, das diesem Erlebnis an Schönheit gleichkam und es an erschütternder Wucht übertraf. Die Hochschulen Deutschlands rüsteten sich, den siebzigsten Geburtstag des ersten Reichskanzlers zu begehen. Auch Heinrich Lehmfink ließ sich in den Fackelzug einstellen, den die Studenten ihrem großen Kommilitonen brachten. Als die Spitze des Zuges das Reichskanzlerpalais erreichte, voran die schwarz-weiß-roten Farben, denen er Sinn verliehen hatte, stand dort am geöffneten Parterrefenster, vom Fackellichte grell beleuchtet, die reckenhafte Gestalt eines Alten im Kürassierrock. Das Haar schlohweiß; denn er hatte, da er die Jugend erblickte, das Haupt entblößt. Und als nun die frische Schar vorübermarschierte, Hurrah rufend und die Schläger schwingend, da lehnte sich der Greis weit über die Brüstung, streckte beide Arme aus, als wolle er der Zukunft Deutschlands die Hände segnend aufs Haupt legen. Der Mann, den Europa den Eisernen nannte, schmolz in diesem Augenblicke dahin in unendlichem Glück und unsagbarem Weh. Meister der Diplomatie, Künstler im Abwägen und Zurückhalten, vermochte er seine Züge nicht zu beherrschen, weinte wie ein Kind. Von diesem Augenblick ab war der Schwabe Heinrich Lehmfink gewonnen für das größere Vaterland. Er war erst bismarckisch gewesen, nun wurde er deutsch. In seine Heimat wollte er jetzt garnicht zurückkehren. Seinem Vater zuliebe machte er den Doktor, blieb aber weiter in Berlin, angeblich, um sich auch in den neueren Sprachen zu vervollkommnen. In Wahrheit schwebte ihm ein Plan vor, den er nur in Berlin vollenden zu können glaubte: ein Heldenepos beabsichtigte er zu schreiben, in dessen Mittelpunkt er den Mann stellen wollte, der sich ihm in seiner menschlichen Liebenswürdigkeit durch ein Paar einfache Züge, ein Lächeln, eine Thräne verraten hatte. Er plante ein Gedicht in vielen Gesängen. Die Entstehung des neuen Deutschland von Anfang an würde es besingen, als roter Faden gleichsam sollte sich die Entwickelung seines Helden hindurchziehen, bis sich beide schließlich in der Reichsgründung trafen. Es bedurfte eines Jahres voll mühevollen, verzweifelten Schaffens und sich Abquälens, voll mutlosen Fallen-lassens und sich immer wieder Anspornens und Aufraffens zur vorgenommenen Arbeit, um Lehmfink zu belehren, daß man mit noch soviel Begeisterung und Liebe aus dem herrlichsten Stoffe doch niemals ein Kunstwerk schaffen wird, wenn man kein Dichter ist. Ein Geständnis, das zu machen sauer fiel; aber seine Ehrlichkeit rang es sich schließlich doch ab. Ein ganzes Jahr an eine Aufgabe verschwendet, die man schließlich doch nicht hatte lösen können! – Wenn er sich der ursprünglichen Reinheit und Größe seiner Absichten nicht bewußt gewesen wäre, er hätte verzweifeln können. Sein Scheitern hatte auch eine äußerst ernste materielle Seite. Bisher war Heinrich von seinem Vater unterstützt worden; aber der konnte ihm nichts mehr geben, seitdem das kleine Kapital, das er für die Studien seines Sohnes zurückgelegt, aufgezehrt war. Der junge Mann mußte sich fortan den Lebensunterhalt selbst verdienen. Er that dies, indem er zurückgebliebenen Gymnasiasten Nachhilfsunterricht erteilte. Damals starb sein Vater. Heinrich eilte nach Haus, kam noch zum Begräbnis zurecht und blieb eine Zeit lang bei Mutter und Schwester. Es hätte nahe für ihn gelegen, nachdem er draußen in der Welt Schiffbruch erlitten hatte, sich nunmehr in der Heimat eingeschränkter, aber sicherer anzubauen. Lehmfink machte auch wirklich einen solchen Versuch, ließ sich als Hilfslehrer anstellen. Aber lange hielt er das nicht aus. Weniger die Kleinheit der Verhältnisse war es, als die Engigkeit der Anschauungen, die Verbohrtheit und Querköpfigkeit, die ganze muffige Atmosphäre des Kleinstadt-Philisteriums, die ihn elend machte. Er hatte da draußen freiere Luft geatmet, hatte große Menschen gesehen, hatte vom Wasser lebendiger, stark fließender Entwickelung getrunken. Es zog ihn mit aller Macht dahin zurück, wo wirkliches Leben pulsierte. In Berlin, wohin er nach einjähriger Abwesenheit zurückgekehrt war, sah er sich nach journalistischer Thätigkeit um. Wenig vertraut mit dem Zeitungswesen, glaubte er, daß es nur der Gediegenheit des Wissens, gefestigter Ansichten und guten Deutschs bedürfe, um im Journalismus vorwärts zu kommen. Der Brave ahnte nicht, daß solche Eigenschaften bei der Durchschnitts-Tageszeitung eher Hindernis als Empfehlung sind. Nun war er also gezwungen, von Redaktion zu Redaktion zu gehen und seine Dienste anzubieten. Hie und da bekam er ein Stück Arbeit hingeworfen, das er annehmen mußte, mochte der Auftrag ihm liegen oder nicht. Dabei warf er einen Blick hinter die Kulissen nicht nur der Presse, sondern auch der ganzen großstädtischen Litteratur. Er fiel aus einer Enttäuschung in die andere. Dieses Berlin, dem die glücklichen Errungenschaften einer ganzen Nation mühelos in den Schoß gefallen waren, das ein blühendes Centrum geworden war für Handel und Wandel, das in der Politik den Ton angab für Europa, dieses Berlin war eine litterarisch armselige Stadt. Was es an Litteratur hervorbrachte, was es auf seinen Theatern darstellte, war entweder direkt herübergeholt von dem Volke, das besiegt zu haben man sich brüstete, oder es wurde von geschickten Machern nach allerhand pikanten Rezepten zusammengebraut. Heinrich Lehmfink gedachte der Manen großer deutscher Denker und Dichter, die doch schließlich alle unsichtbar an dem Reiche mitgebaut hatten, das jetzt äußerlich größer und mächtiger dastand, als jene es in ihren bescheidenen Träumen erschaut haben mochten. Was war Macht ohne Kultur? was Fülle der Kraft ohne Geist? Was nützte Breite des Unterbaues, wenn dem Ganzen als edelste Krönung die echte, zu den Wolken aufstrebende Kunst fehlte? – Dabei war die Presse voll des Lobes und der Bewunderung für die herrschende Kunst. Kein Wunder! Aus den Feuilletons sproßte diese Afterpoesie ja so üppig hervor; die Kritik düngte den eigenen Boden mit ihrer Zustimmung. Man war Poet, Rezensent, Kaufmann in einer Person. Alles stand zu einander in Fühlung, die Theaterbüreaux, die Feuilletonredaktionen, die sogenannten Dichter. Ihre Interessen waren enger mit einander verflochten als die Schwänze eines Rattenkönigs. Der, welcher nicht Zulaß hatte zu ihrem Klüngel, konnte draußen stehen und die Fäuste ballen. Aber die Opposition war bereits da. Sie mehrte sich mit jedem neuen Mißbrauch der Machthaber, wartete nur auf ein Stichwort, ein Zeichen, einen Führer. Junge Leute, die aus den verschiedensten Lagern stammend nur darin einig waren: Neues an Stelle des Alten setzen zu wollen. In dieser Gemeinschaft war es, wo Heinrich Lehmfink und Fritz Berting einander kennen lernten. Es sollte eine Zeitung gegründet werden; denn man wollte zunächst einmal seine Prinzipien niederlegen, Panier entrollen, ein weithin sichtbares Zeichen für alle Gesinnungsverwandten aufstellen, um dann Sturm zu laufen mit starker Mannschaft. Dieses jugendliche Projekt wäre wie ungezählte seinesgleichen sicherlich ein schöner Gedanke geblieben, wenn sich nicht zwei Leute gefunden hätten, einer, der das Geld dazu hergab: Berting, und ein anderer, der die Arbeit der Redaktion zu leisten ernsthaft gesonnen war: Lehmfink. Ungefähr zehn Nummern erschienen, dann ging das Blatt ohne Sang und Klang ein. Das große Publikum hatte sich um das neue Unternehmen nicht gekümmert, weil es von Natur indifferent ist gegenüber allem, was mit Ernst auftritt. Und ernst, bitter ernst war es diesen Jünglingen um ihr reformatorisches Werk. Die wenigen Abonnenten aber, die der Prospekt gewonnen hatte, wußten nicht, was sie mit einem Blatte anfangen sollten, das sich auf der einen Seite sozialistisch-kommunistisch, auf der anderen aristokratisch-individualistisch gebärdete, das für Bismarck und das Germanentum schwärmte und gleichzeitig vaterlandslosen Anarchismus predigte. Ein Blatt, in dem die vierte Dimension spukte, das Übermenschentum, die freie Liebe und der Buddhismus sich ein Stelldichein gaben. Lehmfink hatte nicht geahnt, daß er mit dieser Gründung nur einen Tummelplatz mehr geschaffen habe für unausgegohrene Ideen. Das Blatt war ein Monstrum und seine Wirkung einem Schlage ins Wasser gleich. Diejenigen, gegen die seine Spitze gerichtet sein sollte, lachten, und das Publikum, soweit es überhaupt Notiz davon genommen, wandte sich, noch verwirrter als zuvor, kopfschüttelnd ab. Niemand härmte sich groß um das Verschwinden dieses Organes. Fritz Berting, der damals eben in die väterliche Erbschaft eingetreten war, verschmerzte das hineingesteckte Geld schnell. Nur Lehmfink nahm die Sache tragischer; ihm war wirklich eine Hoffnung zu Grabe getragen worden. Mit Hilfe Bertings löste er sich aus einer pekuniären Verpflichtung, die ihm anhing und setzte seinen Wanderstab weiter. Nach Haus wollte er auch jetzt nicht zurückgehen. In dem kleinen Neste kannten einen zu viele Menschen von Jugend auf und würden es einem nur zu bereitwillig unter die Nase reiben, daß man es trotz großer Erwartungen, die man ehemals erregt, doch zu nichts gebracht habe. Er verließ also Berlin; unter welches Notdach er nun kriechen werde, war ihm in seiner damaligen Stimmung beinahe gleichgiltig. Mit wehmutsvoller Freude begrüßte er seinen Kumpanen Fritz Berting, der nach Verlauf von zwei Jahren desselben Weges verschlagen wurde. Oft hatte er sich in Gedanken mit dem jungen, hoffnungsvollen Menschen beschäftigt. Es waren gemischte Gefühle, mit denen Heinrich Lehmfink auf den um einige Jahre jüngeren Freund blickte. Zweierlei hatte Fritz Berting vor ihm voraus, zweierlei, das neidlos einem anderen zuzugestehen – und wäre es der liebste Freund – wohl das Schwerste ist, was dem Manne zugemutet werden kann. Fritz war begabt auf einem Gebiete, das zu erobern auch er einmal geträumt hatte, Fritz war Dichter; Lehmfink wußte jetzt, daß er es niemals gewesen sei und niemals werden würde. Und noch ein anderes Patengeschenk war dem jüngeren Manne von einer generösen Fee mitgegeben worden: das Glück bei Frauen. Nicht ohne Bitterkeit fragte sich Heinrich Lehmfink manchmal, wenn er Alma und Fritz zusammensah, was dieser Mensch eigentlich vor ihm voraushabe, geliebt zu werden, wie er geliebt wurde. Lehmfink erblickte im Weibe die Krone des Lebens. Er hatte sich im Innersten keusch erhalten; darum war ihm ein ungetrübter Blick für die Weiblichkeit bewahrt geblieben. Man hätte von ihm sagen können, daß er das Weib kenne, weil er die Weiber nicht kannte. Für Lehmfink war Alma ein echtes Weib, gemacht, den Mann zu beglücken, also das Köstlichste, was die Natur hervorbringt. Und er sah mit geheimem Unwillen, daß Fritz Berting diesen Demantstein nicht nach seinem wahren Werte schätzte und behandelte. Was bedeutete es in Lehmfinks Augen, daß Alma von niederer Herkunft war! Sagte ihm doch seine Menschenkenntnis, daß dieses ungebildete Geschöpf das Herz auf dem rechten Flecke habe, und daß in ihrem Wesen die mütterliche Güte des echten Weibes schlummere. Daß Fritz in wilder Ehe lebte mit dem Mädchen, fand Lehmfink weniger bedenklich, als die Thatsache, daß der junge Mensch sich der Verantwortung, der großen Verantwortung, nicht bewußt war, welche mit einem solchen Verhältnis der Mann auf sich nimmt. Er wollte dem Freunde ja das leicht erworbene Glück gern vergönnen, aber ihm graute manchmal in Fritzens Seele. Gewiß, es hieß dem Künstler seiner höchsten Gabe berauben, wollte man ihm die Sinnenfreude nehmen. Phantasie, Empfänglichkeit, Schönheitssinn, trieben ihn zum anderen Geschlecht; aber dieselben Eigenschaften Machten ihm auch das Geschlechtsleben zur furchtbaren Gefahr. Es war das heikle Dilemma im Leben des Schaffenden: er braucht das Weib wie das tägliche Brot. Seele und Leib schreien nach Ergänzung im anderen Geschlecht. Und doch mußte ein Verhältnis, das in der Sinnlichkeit allein seine Nahrung fand, mit der Zeit der Versumpfung anheimfallen. Es war Heinrich Lehmfinks innerste Überzeugung, daß ein Künstler, der hier Raubbau treibt, früher oder später an seinem Schaffen schweren Schaden leiden muß. Denn obgleich er sich selbst nicht für einen Künstler hielt, wußte Heinrich Lehmfink doch, daß Liebe und Kunst aus der nämlichen Quelle stammen, daß Schöpfergabe nur verdichtete Kraft ist des Liebens. Zweites Buch Fritzens Roman wuchs inzwischen zu einem Umfange heran, der den Autor selbst in Erstaunen setzte. Jeder Einfall lockte neue Einfälle herbei, so daß es war, als habe er – wie er in der Jugend manchmal gethan – zur Sommerszeit bei Nacht das Fenster geöffnet, und nun kamen die Motten und Schmetterlinge scharenweise herbei, vom Strahle der Kerze angelockt. Jede Gestalt seiner Phantasie hatte noch einen Schweif von Kindern und Kindlein hinter sich, wie auf alten Bildnissen die Fürstinnen-Mütter. Er fand es schwierig, dem Gedränge zu wehren derer, die schon da waren und derer, die Einlaß begehrend, von ihm aufgenommen sein wollten in sein Buch. Sein Geist brütete in einem fort über diesem Werke, selbst wenn er nicht daran arbeitete. Bei Tag und bei Nacht, beim Essen, beim Ausgehen, überall war er bei seiner Arbeit; wie ein Vogel, der ein Nest hat, keine wichtigere Sorge kennt, als Futter herbeizuschleppen für seine Jungen. Manchmal fuhr er aus dem Schlafe auf mit einer funkelnagelneuen Idee, die ihm im Traume irgendwoher aus der Dunkelheit des Unbewußten gekommen war. Dann lag er stundenlang wach und sann das Erfundene zu Ende, fiebernd vor Erfinderglück, aber im stillen auch wieder qualvoll beunruhigt und bangend, wie sich das Neue einfügen würde in das schon Stehende. Oder er sah eine menschliche Physiognomie, die ihn frappierte, wurde Zeuge eines scheinbar bedeutungslosen Vorgangs, las etwas ganz Indifferentes in der Zeitung, hörte ein Wort, das vielleicht garnicht für ihn berechnet war, und sofort wurde ihm ein solch harmloses Erlebnis zum Schlüssel für eine Schatzkammer voll goldener Dinge, deren Fülle ihn beängstigte. Wo anfangen, wo enden, wenn er diese Reichtümer einheimsen wollte in seine Scheuern. Jedes Kunstwerk hatte doch seine natürlichen Grenzen; man mußte sich irgendwie beschränken auf das Mögliche. Da hieß es denn streichen, kürzen, ändern, nachträglich herausnehmen und wieder einfügen, umstellen, stützen, motivieren. Er kam sich oft vor wie einer, der in ein Riesenfaß keltern soll, und jemehr Trauben er sammelt und auspreßt, desto größer und größer wächst das Gefäß, so daß er verzweifeln muß, es jemals gefüllt zu sehen. Der Verleger Weißbleicher drängte, er wollte das Manuskript haben. Der Termin, zu dem der Roman ursprünglich fertig sein sollte, war längst überschritten. Für den Weihnachtsmarkt konnte das Buch schon garnicht mehr in Frage kommen. Weißbleicher war sehr ungehalten. Er hielt Bertings Behauptung, daß ihm der Stoff unter den Händen gewachsen sei, für eine Bemäntelung von Schreibfaulheit. Hatte es irgend welchen Sinn, an einem Roman so lange zu düfteln und zu feilen! Das Publikum wollte ja garnichts künstlerisch Vollendetes. Etwas Neues, Überraschendes, Verblüffendes war die Hauptsache. Auf die Feinarbeit im Einzelnen zu achten, hatte der heutige Leser nicht mehr die Geduld. Darum erschien es Zeit- und Kraftverschwendung, wenn ein Autor lange an seinem Werke herumbosselte. Haushälterisch sein mit den Mitteln, war ein wichtiges Handwerksgeheimnis. Ein Gedanke genügt für ein Buch; kam einem beim Schreiben ein neuer, so notierte man sich den für das nächste. Auf diese Weise konnte man im Jahre ganz gut seine zwei, drei, ja vielleicht sogar vier Romane schreiben. So wurde man populär, bekam einen Namen. Mühelos ging das, man mußte nur fleißig sein. Ökonomie vor allem! Die Reklame besorgte der Verleger. Dann verdiente man spielend einen Haufen Geld. Das die Geschäftsprinzipien, welche der Verleger dem jungen Autor als unbedingt zum Erfolge führend, anempfahl. Fritz Berting hätte über die Ratschläge des emsigen Banausen lachend zur Tagesordnung übergehen können, wenn nicht gerade jetzt die Frage des Geldverdienens abermals brennend für ihn geworden wäre. Rechnungen von Kaufleuten und Handwerkern liefen ein, die bezahlt sein wollten, und in der Ferne drohte schon wieder der Quartalsschluß mit der fälligen Miete. Der Wunsch, durch seine Kunst etwas zu verdienen, wurde Fritz sehr nahe gelegt. Wenn es nur nicht so schrecklich gewesen wäre, ums Geld zu schreiben. Der Gedanke an den Preis lähmte, statt anzuspornen, er tötete die Fähigkeit des Hervorbringens in ihrem Urquell, der Freiheit. Es schien wie eine Sklavenpeitsche, die über einem geschwungen wurde von unsichtbarer Hand. Schlimmer aber zu ertragen war das, was in einem selbst bohrte und nagte: der künstlerische Ehrgeiz. Er sehnte sich nach Anerkennung, hatte Hunger nach der süßen Speise des Erfolges. Was war ein Künstler ohne die Resonanz der Menge! Was bedeutete der Dichter ohne das Podium der Öffentlichkeit, von dessen Höhe allein er weithin gehört werden konnte! Und wenn er sich nun seine künstlerische Laufbahn ansah, war sie nicht ein großer Mißerfolg? Wer wußte denn etwas von dem Dichter Fritz Berting? Ein paar Kenner vielleicht, die seine Gedichte gelobt hatten und ihm bestenfalls ein kleines lyrisches Talent zusprachen. An sein verunglücktes Drama wollte er garnicht denken. Gleichgültigkeit ist schlimmer als Feindschaft und Verfolgung. Denn in der Feindschaft liegt doch wenigstens Beachtung. Niederdrückend, vernichtend ist das Gefühl: man will nichts von dir, du bist überflüssig, du magst sprechen oder schweigen, weinen oder lachen, niemand kümmert sich darum. Und dazu in den Blättern lesen zu müssen von den Erfolgen anderer! Was für Leute wurden da als große Dichter gepriesen, was für Erzeugnisse als epochemachende Werke! Jede Woche entdeckte die berliner Kritik ein neues Genie. Kaum wurde ein Buch veröffentlicht, ein Stück aufgeführt, so verkündeten die begeisterungsfähigen Propheten der Presse sofort den Anbruch einer neuen Kunstära. Er kannte die meisten dieser Leute und wie sie mit einander zusammenhingen, wußte, warum der jenen lobte, warum jenes Werk von diesem Kritiker in Grund und Boden verurteilt wurde. Er sah sie leibhaftig vor sich, die Konventikel, Cliquen, Gesellschaften für gegenseitiges Lob, die das herstellten, was dem Publikum als Kunstkritik vorgesetzt wurde, und was die Menge, wenn sie es gelesen, als ihre eigene Meinung annahm. Fritz Berting sehnte sich nicht nach dem Berliner Hexenkessel zurück. Er war ja mit versengten Flügeln geflohen aus dieser Hölle, in der so mancher seiner Freunde noch brannte. Wenn Fritz den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen hatte, dann fühlte er sich manchmal in seine Schulzeit zurückversetzt. Wie damals war man nun wieder an sein Pensum gebunden. Freilich jetzt war es ein anderes Arbeiten, ein selbsterwähltes, verantwortungsvolles, klippenreiches. Statt der Censur des Lehrers standen die Selbstkritik, der Zweifel am Gelingen als viel härtere Zuchtmeister im Hintergrunde. Für den Schüler war die Arbeit Zwang, die freie Zeit Glückseligkeit gewesen. Heute waren Arbeit und Freiheit gleichmäßig von Sorgen durchsetzt, und von jenen unsichtbaren Ketten gebunden, welche wir uns selbst, ohne es zu wissen und zu wollen, mit den Jahren schmieden. Das Leben, das Fritz und Alma führten, war jetzt, wo die kalte Jahreszeit angebrochen, noch einförmiger als im Sommer, wo es doch hie und da ein Spaziergang oder ein Ausflug unterbrochen hatte. Früh kaum erwacht, nachdem man eine Tasse dünnen Kaffees hinuntergestürzt hatte, ging er an den Schreibtisch, sie zu ihrer Nähmaschine. Bis zum Mittag wurde ohne Unterbrechung gearbeitet. Dann eine halbkalte Mahlzeit, die man aus einer nahen Speisewirtschaft holen ließ. Darauf ging Fritz aus, um sich mit Lehmfink im Café zu treffen. Dann wieder ein paar Stunden Arbeit; wenn Fritz es nicht vorzog, auf dem Sofa liegend eine Cigarette an der andern anzuzünden, über sein Buch nachzudenken oder auch Grillen zu fangen, je nachdem seine Laune war. Des Abends in ein feineres Lokal der inneren Stadt zu gehen, wie man es früher wohl gethan, verboten die Kassenverhältnisse. Man blieb lieber in der wohlfeilen Gegend, in der man gekannt war, und wo man, wenn das Geld einmal ganz ausgegangen, Kredit erhielt. Wer ihm das vor einigen Jahren gesagt hätte, daß seines Vaters Sohn einmal dahin kommen würde, Abend für Abend in ein Bierlokal zu gehen, wo als Stammgäste Fabrikarbeiter, Handwerksgesellen, Ladenjünglinge verkehrten, eine Gesellschaft, in der der Unteroffizier als Standesperson hervorragte! Anfangs hatte ihn das Unästhetische dieser Atmosphäre gestört: der Geruch von Bier und Speisen, der Dunst von Fünfpfennig-Cigarren, der ordinäre Ton, der schmuddelige Anstrich des Ganzen. Mit der Zeit aber fand er sich wohl oder übel darein. Manchmal fühlte er sogar ein gewisses, dem Gegensatz zum Gewohnten entspringendes Gefühl des Behagens in dieser Umgebung. Hier konnte er seine Studien ergänzen. Dieses Völkchen ahnte nicht, daß ein beobachtendes Auge auf ihm ruhe; sie zeigten sich völlig ungeniert in ihren primitiven Bedürfnissen und harmlosen Belustigungen, Liebeleien, Eifersüchteleien, gedankenlos sich schlagend und vertragend, wie es einer ohne Erziehung und ohne Sittenkodex aufgewachsenen Klasse eigen ist. Den ganzen Abend spielte hier ein soeben aufgestelltes Orchestrion allerhand Gassenhauer, oder auch Partieen aus bekannten Opern. Viele lockte das nach »Stadt Paris«. Niemand von den Gästen schien dieses monotone Geräusch als Karikatur von Musik zu empfinden. Und auch Fritz, der doch musikalische Kultur hatte, war bald soweit, daß ihm etwas fehlte, wenn das Instrument wegen Mangels an Gästen einmal nicht in Gang gesetzt wurde. Fritz und Alma hatten ihren Platz für sich. Sie sprachen mit niemandem, aber bald waren sie mit den Physignomieen der Stammgäste vertraut und hatten allerhand Eigentümlichkeiten an ihnen entdeckt, die zu beobachten harmlose Belustigung gewährte. Da war ein Liebespärchen, dessen Verkehr darin bestand, daß er wortlos ein Gericht der Speisekarte nach dem andern verschlang, während sie stumm dabei saß, und ohne selbst irgend etwas zu genießen, sich mit seligem Lächeln an dem Anblick seines Appetits sättigte. Ein junger Commis mit durchgezogenem Scheitel im pomadisierten Haar, der die Anknöpfmanschetten unter den Ärmeln hervorzuziehen pflegte und einen großen Glasdiamanten in der bunten Krawatte trug, kam des Büffettfräuleins wegen und ließ dieser fetten, sehr viel gähnenden Schönheit zuliebe namhafte Summen aufgehen. Ein älterer Mann im Arbeitskittel war das Ärgernis von Wirt und Kellner, weil er den ganzen Abend über nur einen Schnitt Bier trank, dazu selbst mitgebrachtes trockenes Brot und Käse verzehrte, dafür aber sämtliche im Lokale ausliegende Zeitungen durchlas. Alma war groß im Herausfinden solcher Züge. Sie hatte den offenen Blick des Naturkindes, das alles bemerkenswert findet. Fritz mußte sich sagen, daß er im Beobachten ein Stümper sei gegen das Mädchen. Auch die Schlüsse, die sie aus reinen Äußerlichkeiten auf Charakter und Wesen der Menschen zog, überraschten ihn oft durch ihre Richtigkeit. Ihre Sinne waren unblasiert, und dazu besaß sie jene durchaus weibliche Genialität, zwischen sich und der Umgebung sofort ein Verhältnis herzustellen. Das Mädchen hatte wahrhaftig nicht viel Spaß vom Leben: den ganzen Tag über Arbeit und Plackerei, des Abends als einzige Zerstreuung stundenlanges Sitzen in einem raucherfüllten Raume. Aber sie wußte aus der geringsten Blume noch ihren Honig zu saugen. Wenn sie lachend ihre schönen Zähne zeigte, konnte man nicht gut griesgrämig sein. Es lag etwas Ansteckendes in der Anspruchslosigkeit dieses sonnigen Temperaments. Fritz nannte sie eine »kleine Lebenskünstlerin«, weil sie es so meisterhaft verstehe, sich den Verhältnissen anzupassen und den Augenblick auszukosten. Alma und Fritz hatten sich, nachdem sie eine Zeit lang in ›Stadt Paris‹ verkehrt, so sehr an das dort aus- und eingehende Publikum gewöhnt, daß ihnen jeder neue Gast sofort auffiel. Und auch sie waren dort bekannte Persönlichkeiten geworden. Daß Alma häufig bewundernd angestarrt wurde, war für Fritz nichts Neues. Solche von Neid nicht immer freien Blicke erhöhten das Glücksgefühl sicheren Besitzes. Nur eines Abends fand er das Benehmen eines Gastes doch etwas dreist. Ein junger Mann, der erst an einem entfernteren Tische gesessen hatte, von wo aus er Alma unausgesetzt fixiert, erhob sich, als in ihrer Nähe ein Platz frei wurde, und ließ sich dort nieder, in der kaum mißzuverstehenden Absicht, dem Gegenstande seines Interesses näher zu sein. Er war seiner Kleidung nach zu schließen ein Mann des besseren Arbeiterstandes. Fritz fiel das hastig scheue Wesen des langaufgeschossenen, schmalbrüstigen Gesellen auf, der auch auf seinem neuen Platze keine rechte Ruhe fand. Sobald man ihn ansah, blickte er in eine andere Richtung, wie auf Unrecht ertappt. Dann wieder hob er sein dunkles, tiefliegendes Auge und ließ es glühend auf Alma haften. Hatte man es mit einem Kranken zu thun? Der Mensch zeigte jene bläulich-weiße Gesichtsfarbe eines, der kürzlich aus einer Anstalt entlassen. Das Benehmen des Burschen erregte die Aufmerksamkeit auch der anderen Gäste. Alma hatte ähnliche Aufdringlichkeiten sonst mit Gleichmut hingenommen; heute zeigte sie sich peinlich berührt. Röte des Unwillens war ihr ins Gesicht gestiegen. Fritz wollte dem Wirt ein Zeichen geben, den lästigen Gesellen zu entfernen, aber das Mädchen bat inständig, er möge doch keinen Aufstand erregen; man wolle lieber gehen. An keinem der nächsten Abende sah man den sonderbaren Heiligen wieder, und Fritz verlor den kleinen Zwischenfall schnell aus dem Gedächtnis.   Der Dichter Karol, alias Siegfried Silber, kam eines Tages zu Fritz. Er brachte ein Paket, das er vorläufig noch in seinem Umschlage ließ. Trotzdem er offenbar bemüht war, indifferent zu erscheinen, konnten die unruhig funkelnden Augen des kleinen Mannes das Interesse nicht gänzlich verleugnen, das er hier an allem nahm. Fritz Berting war froh, Alma sicher hinter ihrer Nähmaschine jenseits des Korridors zu wissen; ihm lag gar nichts daran, jenen eingeweiht zu sehen in seine häuslichen Verhältnisse. Er bot dem Kollegen einen Stuhl an. Silber behauptete zwar, es eilig zu haben und um keinen Preis stören zu wollen, er wisse aus eigener Erfahrung, wie peinigend es sei, aus der künstlerischen Stimmung gerissen zu werden, aber schließlich nahm er den Stuhl doch an und blieb sogar ziemlich lange darauf sitzen. Er freue sich so sehr, Herrn Berting einmal allein sprechen zu können, sagte er. Fritz wußte ganz gut, warum jener das »allein« so stark betonte. Mehr als einmal nämlich war man sich in dem Café begegnet, wo Fritz Berting und Doktor Lehmfink einander zu treffen pflegten. Einmal hatte sich Silber unaufgefordert an den Tisch der beiden gesetzt, aber es wurde ihm zu verstehen gegeben durch kurz angebundene Antworten und frühen Aufbruch, daß man auf seine Gesellschaft keinen Wert lege. Fritz hatte die Behandlung, die man dem kleinen Manne damals angedeihen ließ, eigentlich ungerechtfertigt hart gefunden. Lehmfink trug Schuld daran, dem, wie er selbst gestand, dieser Kollege im höchsten Grade wiederwärtig war. »Der kleine Siegfried Silber ist eine Reporternatur,« hatte Heinrich Lehmfink erklärt. »Du brauchst nur seine Augen anzusehen, Berting! Ohne das Taschenbuch zu ziehen, macht er sich beständig Notizen. Zufällige Bemerkungen anderer bügelt er frisch auf, und bringt sie als eigenes Patent in den Handel. Wenn du dich heute mit dem Menschen über ein litterarisches Thema unterhältst, so kannst du es erleben, wie es mir ergangen ist, nach einiger Zeit einen schlechten Aufguß deiner Ideen in irgend einem Feuilleton wiederzufinden. Er hat ja seine Laufbahn im Kleidermagazin des Vaters begonnen; seine litterarischen Gewohnheiten erinnern daran. Er hätte besser gethan, beim Trödlergewerbe zu bleiben; in der Litteratur kann er nur Schaden stiften. Mit seinen emsigen Fingern versucht er sich an allem, am Größten wie am Kleinsten. Nichts giebt es, wozu er nicht den Beruf in sich fühlte. Er wird nie um Einfälle verlegen sein. Ich will ihm nicht Fleiß absprechen und geistige Beweglichkeit, auch ein gewisses Geschick zum Kombinieren ist ihm eigen, ein ganz nettes Jongleurtalent, aber er soll mir den ersten originellen Gedanken nachweisen, der von ihm selbst stammt. Dagegen hat er die feinste Witterung für das, was zeitgemäß ist und was Erfolg verspricht.« Hier hatte Fritz dem Freunde widersprochen. Nach Erfolg streben sei schließlich nichts Unrechtes, in seiner Weise thue es jeder. Silber aber, dem obskuren Feuilletonisten oppositioneller Organe, die unter dem Sozialistengesetze in steter Gefahr schwebten, kassiert zu werden, könne man nicht gut den Vorwurf machen, daß er Opportunist sei. Lehmfink hatte gelächelt und erwidert: »Es ist richtig, mit den regierenden Gewalten kokettiert Siegfried Silber nicht; vielmehr drapiert er sich mit dem roten Mantel. Wie lange, wird sich zeigen! Vielleicht thue ich ihm Unrecht; aber ich müßte mich sehr täuschen, er kommt sich als Revolutionär bedeutend und höchst interessant vor. Auch darin schlägt bei ihm die Rasse durch, in diesem Agieren einer freiheitlichen Rolle. Wenn es ihm gar gelänge, eine Märtyrerkrone sich zu erwerben, so wette ich, würde er sie in Gold umzumünzen verstehen.« Fritz Berting mußte an diese Worte denken, als Siegfried Silber jetzt vor ihm saß, in gesucht devoter Haltung. Ein Mensch, dessen letzte Motive schwer zu ergründen waren. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste; erzählte von seinen literarischen Absichten, seinen volkserzieherischen Plänen, sprach von dem Arbeiterbildungsverein, dessen »geistiger Mittelpunkt« er sei. Dazwischen immer Fragen nach der Ansicht des anderen und dann jener lauernde Blick, mit dem er die Antwort gewissermaßen einsaugen zu wollen schien. Lehmfink hatte vielleicht doch nicht so ganz unrecht, obgleich bei dem Urteil über einen Siegfried Silber sein Antisemitismus mit in Betracht zu ziehen war. Schließlich merkte Silber doch, daß er lange genug geblieben sei. Er sprang auf, bat um Entschuldigung. Es sei ein wahrer Hochgenuß, sich »mit einem Ebenbürtigen« zu unterhalten; ein Glück, das ihm so gut wie niemals blühe. – Dann schnürte er das Paket auf, welches er die ganze Zeit über in den mageren, unruhigen Fingern gehalten hatte, und legte ein Manuskript auf den Tisch. Dies sei sein Roman: »Im Getto«. Es liege ihm außerordentlich viel daran, Herrn Bertings Ansicht darüber zu hören. Er lasse das Manuskript hier und sehe mit Spannung dem Urteil entgegen. Fritz Berting war nicht gerade entzückt von der Aussicht, sich durch den umfangreichen Stoß eng beschriebenen Papiers durcharbeiten zu müssen. Er ließ das Manuskript über eine Woche lang unberührt liegen, bis er eines Tages, als die eigene Arbeit durchaus nicht in Fluß kommen wollte, nach dem »Getto« griff, erst darin herumblätternd hie und da zur Stichprobe ein paar Zeilen lesend. Dabei wurde sein Interesse rege. Er begann von vorn und legte erst spät abends das dicke Manuskript weg, bis zur letzten Zeile durchgelesen. Der Roman schilderte die Schicksale eines modernen Juden, der sich vom kleinen, ärmlichen Bocher emporgearbeitet hat, aus eigener Kraft zum reichen, einflußreichen Manne. Trotz seines Erfolges ist das Geschick des Helden ein tragisches. Die Welt beugt sich vor seiner Überlegenheit, man fürchtet ihn, aber liebt ihn nicht, und gerade Liebe ist es, was er sucht. Geheime Neigung treibt ihn zu dem Volke, in dessen Mitte er lebt. Er will nicht ein Fremder bleiben, er will angesehen sein von ihnen als ihresgleichen. Aber überall stößt er auf Verkennung, Widerwillen, Haß, Verachtung. Ein junges Mädchen aus christlicher Familie, um dessen Hand er wirbt, weist ihn ab. Ein Freund, in dessen Adern blaues, arisches Blut fließt, den er vom Bankerott gerettet, verleugnet ihn schnöde. Er erstrebt ein Ehrenamt in seiner Heimatgemeinde, um die er große Verdienste hat, muß aber erfahren, daß man sein Geld zwar gern annimmt, die Ehren des Vollbürgers ihm zuzuerkennen jedoch nicht gesonnen ist. Überall die Schranken des Gettos, die noch lange nicht beseitigt sind in unseren Tagen, und die um so drückender und erniedrigender wirken, weil sie nicht mehr als eine weithin sichtbare Mauer, sondern mehr wie eine gläserne Wand Mensch von Menschen, Rasse von Rasse scheiden. Das Buch schließt damit, daß der Held das zu sein sich vornimmt, wozu ihn die christliche Gesellschaft gemacht hat: ein kalter, gefühlloser Feind und Schädling, ein Vampyr am fremden Blute, kurz, ein Jude, wie er vom Antisemitismus als typisch für das ganze Volk hingestellt wird. Offenbar hatte Silber viel Selbsterlebtes in das Buch verarbeitet. Darüber verzieh man Übertreibungen und Ungerechtigkeiten. Fritz hatte öfters lächeln müssen über die Verzeichnungen, die dem Autor vor allem dort begegnet waren, wo er das Leben der guten Gesellschaft hatte darstellen wollen. Silber kannte die höheren Stände jedenfalls nur vom Hörensagen. Das vornehme Milieu war aus der Froschperspektive gesehen und mit der Feder des Pamphletisten geschildert. Echt wirkte er nur da, wo er die Geistesverfassung des Helden schilderte, die Zerrissenheit seiner Seele, das Schwanken zwischen Haß und Zuneigung gegenüber dem Germanentum, die Liebe zum eigenem Volke als ganzem, aber auch die instinktive Abneigung gegen den einzelnen Semiten, der durch Erscheinung und Wesen den Volksgenossen an die verhaßten Sklavenketten erinnerte, die man trug. Die tiefe Zwiespältigkeit im jüdischen Charakter war hier von einem geschildert, der sie im eigenen Gemüt erlebt hatte. Nimmermehr hätte man Silber eine solche Leistung zugetraut. Dies hier war wohl einer von jenen glücklichen Griffen, die dem Künstler nur selten vergönnt sind und immer nur dann, wenn der Geist voll ist von unverarbeiteten Eindrücken, die sich mit Naturkraft in einem Bekenntnisse entladen. Daher die Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten, aber auch die Unmittelbarkeit und die Kühnheit des Buches. Das war wirklich mit Herzblut geschrieben, mochte Lehmfink den kleinen Silber zehnmal einen Plagiator nennen, hier hatte er etwas wiedergegeben, was ihm vom Geschick mit brennenden Lettern auf die Haut geschrieben worden war. Fritz entsann sich noch deutlich der nervösen Geste, mit der Weißbleicher damals Karol aufgefordert hatte, sein Manuskript abzuholen. Jetzt, wo er es gelesen, konnte sich Fritz schon denken, warum gerade dieses Buch peinlich auf Weißbleicher und seine Art wirken mußte. Weil es ein Bekenntnis geheimer Leiden war, weil einer da aus der Schule schwatzte über Dinge, welche alle Eingeweihten kannten, die öffentlich ausgesprochen zu sehen aber doch genierte. Daher des klugen Verlegers mißbilligendes Urteil: »Das Publikum will nun mal solch unsympathische Stoffe nicht.« Fritz Berting brachte das Manuskript dem Dichter persönlich zurück. Siegfried Silber bewohnte ein winziges Zimmer im vierten Stockmerk einer Mietskaserne. Die Luft war schlecht, und der Raum machte nicht gerade einen sauberen Eindruck. Fritz fand, daß seine eigene Wohnung, die ihm bisher ärmlich genug vorgekommen war, gegen dieses traurige Gelaß gehalten, elegant und komfortabel sei. Dem Bett konnte man nur den einen Vorzug nachrühmen, daß es wenig Platz wegnehme. Ein schmaler Tisch, der noch dazu wackelig war, mußte als Waschtisch und zugleich als Schreibsekretär dienen. Kleider und Wäsche lagen in einer offenen Holzkiste. Ein eisernes Öfchen war zwar da, aber Silber entschuldigte die Kälte im Zimmer damit, daß er nicht zu heizen wage, da der sogenannte Ofen an Stelle von Wärme unerträglichen Rauch verbreite. Der kleine Mann trug über dem Nachthemd von fraglicher Sauberkeit den Winterüberzieher. Er hatte geschrieben. Auf dem wackeligen Tisch lagen die Manuskriptbogen, daneben stand die Theemaschine; außerdem machten Tintenfaß, Haarbürste, einige Hemdkragen, Butterbüchse und ein angeschnittenes Brot sich den Platz auf der Tischplatte streitig. Das einzige prächtige, was es in dem ganzen Räume gab, war ein Bücherbrett mit neuem Konversationslexikon, von dem ein Band, wohl eben benutzt, bei dem Manuskript lag. Fritz hatte schon manche Bohemien-Wohnung gesehen; er wunderte sich daher nicht allzusehr über das, was er hier fand. Er legte sein Paket auf das Bett und setzte sich selbst auf den einzigen vorhandenen Stuhl. Der Dichter des »Getto« aber war über den Besuch so in Ekstase, daß er es auf dem Bett nicht lange aushielt. Wie er es fertig brachte, sich in dem engen Räume zu bewegen, war ein Rätsel, aber tatsächlich lief er, während Fritz seine Ansicht über den Roman aussprach, hastig auf und ab. Als Fritz geendet, hielt ihm der Autor mit theatralischer Gebärde die Hand hin zum Einschlagen, und dankte mit Worten überschwänglicher Freude. Nun sei es ihm ganz gleichgültig, ob sein Roman gedruckt werde oder nicht. Was könne dem Stolze, der Genugthuung gleichkommen, daß ein »Eigentöner« ihn anerkenne. Jetzt habe sein Werk die Weihe erhalten, und er scheue sich fast, es nun noch dem profanen Lesepöbel vorzulegen. Fritz suchte das Gespräch auf anderes Gebiet zu lenken in der Sorge vor weiteren Liebeserklärungen. Aber der geschmeichelte Autor ließ ein Thema, das ihm so gut mundete, nicht ohne weiteres fahren. Immer und immer wieder fragte er: welche Partieen des Buches Fritz am besten gefallen hätten, was er von der und der Stelle, von diesem und jenem Charakter halte. Mit einer Gier, die der Komik nicht entbehrte, stürzte er sich auf jeden Brocken der Anerkennung, der ihm dargereicht wurde. Ein Paar Tage darauf erhielt Fritz einen Brief von Siegfried Silber, in welchem dieser ihn einlud, einem Vortrage beizuwohnen, den er im Arbeiterbildungsvereine über Heinrich Heine halten wolle. Fritz war sofort entschlossen, die Einladung abzulehnen. Einmal wollte er den allzu beifallssüchtigen Kollegen um keinen Preis in seiner Eitelkeit bestärken, und dann behagte ihm auch das Milieu nicht, in dem der Vortrag stattfinden sollte. Er hegte für den Verfasser des Buches der Lieder, den er in einer gewissen Periode seines Lebens vergöttert hatte, soviel Dankbarkeit und Liebe, daß er ihn nicht gern profanisiert sehen mochte. In Berlin war er mit jenen Bestrebungen flüchtig in Berührung gekommen, welche die Devise: »Die Kunst dem Volke« auf ihr Panier geschrieben haben. Er hatte sich nicht davon überzeugen können, daß hierbei etwas Heilsames herauskomme. Als Mittel zum Zweck war ihm die Kunst zu schade, sie hatte höhere Aufgaben zu erfüllen, als Schulmeisterin der Massen zu sein. Wohl konnte man die Poesie herabdrücken von ihrem erhabenen Sockel, aber nimmermehr den Proletarier zu ihr emporziehen. Denn aller wirklich reine Kunstgenuß setzte ästhetische Kultur voraus, und die war von Menschen nicht zu verlangen, deren Tag im Kampf um das Brot aufging. Er schrieb etwas Ähnliches an Silber und dankte ihm für seine freundliche Einladung, von der er jedoch keinen Gebrauch machen könne. Während dieser Briefwechsel geführt wurde, sah Fritz den Dichter Karol täglich von weitem im Café. Man grüßte sich, aber an den Tisch von Berting und Lehmfink wagte er sich doch nicht ein zweites Mal heran, obgleich sein spähender Blick oft genug voll schlecht verhehltem Interesse da hinüber wanderte, wo die beiden saßen. Eines Tages jedoch, als Lehmfink, abgehalten durch irgend einen Zufall, dem Café ferngeblieben war, kam Silber zu Fritz heran und fragte gesucht bescheiden, ob er sich heute ausnahmsweise an den Tisch setzen dürfe. Diese Bitte konnte nicht gut abgeschlagen werden. Es war der Tag, an dem abends der Vortrag im Arbeiterbildungsvereine stattfinden sollte. Silber bestürmte Fritz zu kommen. Ganz gut könne er zwar die Auffassung verstehen, wonach die Kunst Kaviar ist fürs Volk; ja, bis zu einem gewissen Grade teile er sie. Denn auch er sei Künstler, habe empfindliche Nerven, und der Gedanke, die Poesie zu erniedrigen, erscheine ihm, als solle eine geliebte Person vor seinen Augen geschändet werden. Aber eins bitte er doch zu bedenken: es handle sich hier um eine »Menschheitsangelegenheit«. Die soziale Frage sei nicht so sehr eine Magenfrage, als das unwiderstehliche Drängen der unteren Schichten empor zum Licht. Der Anteil an den Glücksgütern der Welt sei den Proletariern versagt, solle ihm auch noch der Weg versperrt bleiben, der zu Schönheit führe, zur Freiheit im Geist? – Wenn die oberen Zehntausend dem Sehnen des Volkes nach Erlösung von jahrtausende altem Druck in frivoler Weise mit dem Sozialistengesetze geantwortet hätten, so sei es officium nobile der Intellektuellen, sich der Mißhandelten anzunehmen. Das Höchste müsse man ihnen reichen: die Kunst. Und wenn diese Ärmsten zunächst auch noch unfähig erscheinen sollten, die köstliche Gabe ganz zu erkennen, ihr feinstes Aroma zu genießen, so sei der Wein darum doch nicht verschüttet. Wenn ihnen nur eine Ahnung davon aufgehe, daß es über dem Kampf ums Dasein noch ein höheres Reich gäbe ästhetischer Begeisterung, so wäre schon viel gewonnen. Den geistig Armen ein Fenster zu öffnen nach dieser Richtung hin, das sei die Aufgabe, die er sich gestellt habe, und er glaube nicht ganz unbegabt für solche Mission zu sein. Doch liege ihm unendlich viel daran, von einer hochgebildeten Persönlichkeit zu erfahren, ob seine Methode die richtige sei. Kurz, es würde ihm zur höchsten Genugthuung gereichen, wenn er von Berting, der ihm schon über seinen Roman das wertvollste Urteil gegeben, nun auch über diese Seite seiner Thätigkeit etwas Maßgebendes zu hören bekäme. – Der kleine Mann besaß eine Art aufdringlicher Beredsamkeit, der man sich schwer zu entziehen vermochte. Fritz Berting lächelte über die Geschicklichkeit dieses Menschen und über die eigene Schwäche. Sich so einfangen zu lassen! – Aber er sagte schließlich zu, schon um der Unbequemlichkeit zu entgehen, gegen den zungengewandten Silber die Gründe seines Fernbleibens noch weiterhin verteidigen zu müssen. Er begab sich in der neunten Abendstunde nach dem Restaurant, welches ihm als Versammlungslokal des Arbeiterbildungsvereins bezeichnet worden war, ohne sich allzuviel Genuß von dem Abend zu versprechen. In einem kleinen Saale, in dessen Mitte ein langer Tisch aufgestellt war, fand er etwa drei Dutzend Männer versammelt. Man sah ihnen die Arbeiter durchaus nicht auf den ersten Blick an. Nichts war da von groben Manieren, von überlauten Stimmen, nichts vom Schweiß und Staub der Arbeit zu merken, ohne die mancher Gebildete sich den Proletarier nun einmal nicht denken kann. Im Gegenteil! In ihrem ganzen Wesen und Auftreten hoben sie sich vorteilhaft ab von dem formlosen Sich-gehen-lassen des Mittelstandsphilisters. Man hatte es mit Leuten zu thun, die das, was sie sich an Bildung mühsam genug erworben hatten, mit doppelter Sorgfalt wahrten. In der Art, wie sie ihre korrekten Perioden bauten, wie sie jedes Wort mit peinlicher Genauigkeit aussprachen, verriet sich geheime Sorge vor Sprachfehlern, die sie hätten zu Ungebildeten stempeln können. Siegfried Silber saß am unteren Ende der langen Tafel. Nachdem der Präsident des Vereins ein paar kurze Worte der Begrüßung gesprochen, erhob sich der Vortragende und begann seine Rede. Er sprach glatt und gewandt, in jenem leichtfließenden, unbefangenen Tone, der von vornherein dem Hörer das angenehme Gefühl der Sicherheit giebt und den Eindruck hervorruft, als schüttle der Redner alles aus dem Ärmel. Im Fluge ließ er zur Einleitung ein paar Jahrhunderte Litteraturgeschichte an den Ohren der erstaunten Hörer vorüberrauschen, nannte einige große Namen: Lessing, Goethe, Herder – die Bekanntschaft mit ihren Werken setzte er als selbstverständlich voraus. Hie und da streifte er auch Geschichte, Wissenschaft und Philosophie. Das alles im Handumdrehen, als operiere er mit einer Laterna magica, die einzelne grelle Bilder auf die Wand wirft, um sie ebenso schnell wieder verschwinden zu lassen. Die Hörer folgten dem Abbrennen dieses dialektischen Feuerwerks voll Interesse. Einzelne machten sich Notizen. Die meisten hingen wie gebannt an den beredten Lippen des jugendlichen Vortragenden. Hin und wieder entfesselte eine besonders gepfefferte Bemerkung Gelächter oder Beifallsstürme. Bei diesem Publikum fiel nichts unter den Tisch. Fritz Berting, dem der Vortrag nicht allzuviel Neues bieten konnte, hatte Zeit, sich die Physiognomieen der Hörer zu betrachten. Es waren intelligente Gesichter darunter. Man hatte es offenbar mit einer geistigen Elite zu thun. Mehr aber noch als Intelligenz zierte sie der Ausdruck des Willens, der Aufmerksamkeit, des Ganz-bei-der-Sache-seins. Da sah man keine blasierte, gelangweilte Miene der Übersättigung und auch nicht die stumpfe Gleichgültigkeit derer, die niemals Appetit empfinden. Diese Männer fühlten gesunden Hunger, Neugier im besten Sinne. Sie wollten sich bereichern, etwas davontragen; nicht umsonst wollten sie ihre Feiertagskleider angelegt haben. Siegfried Silber war ihr Mann. Er würzte den Vortrag mit Anekdoten, Vergleichen, Pointen, verstand es, das litterarische Thema dem Laien mundgerecht zu machen. Gelegentlich ein Citat, ein Vers, ein Stück Heinescher Prosa. Fritz mußte im geheimen lächeln über die geschickte Art, wie der Redner den Stoff für seine Hörerschaft zurechtgestutzt hatte. Der Heinrich Heine, den er schilderte, war mehr der Dichter des »Wintermärchens« und des »Atta Troll« als der des »Liederbuches« und der »Neuen Gedichte«. Silber zeigte den Märtyrer Heine, der um seiner vorgeschrittenen Ideen willen verfolgt wurde vom Haß der Fürsten, Pfaffen und Bourgeois, und im Exil endete. Ein Schicksal, verständlich und ergreifend gerade für diese Hörer. Die Vergleiche, die er zwischen der vormärzlichen Reaktion und dem Drucke zog, der neuerdings wieder auf Deutschland laste, schlugen ein, machten die straff gespannten Saiten politischer Erregung vibrieren, in der sich eine Menschenklasse befand, über welcher das Ausnahmegesetz aufgerichtet war. Er stempelte Heinrich Heine zum Volkshelden, zum großen politischen Kopf, zum Vorläufer der modernsten Freiheitsideen. Was wohl Lehmfink sagen würde, hätte er diesen Vortrag mit angehört, fragte sich Berting wiederholt. Heinrich Heine zur größten Erscheinung gemacht des geistigen Lebens in Deutschland seit Goethes Tode! – Aber man hatte nicht den Eindruck, als ob jener bewußt fälsche, oder auch nur übertreibe. Siegfried Silber glaubte an Heines Größe. Für ihn war das, was an dieser in tausend Farben schillernden Persönlichkeit dem Germanen Lehmfink fragwürdig, verdächtig und abstoßend erschien, echt, natürlich und vertraut. Weil selbst in Fragen des Geschmackes das Blut doch schließlich den Ausschlag giebt. Der kleine Siegfried Silber fühlte sich dem Landsmanne verwandt. Für ihn war Heinrich Heine der klassische Interpret seiner eigenen tiefsten Gefühle und Schmerzen. Fritz war es noch nie so stark aufgefallen, wie durch und durch semitisch Silber eigentlich sei, als heute abend, da er ihn vor dieser Versammlung von deutschen Arbeitern sprechen hörte. Eine fremdartige Erscheinung: scharfe, markante Züge, das Haupthaar schwarz glänzend, wie das Gefieder eines Raben; durch den dünnen, an der Spitze geteilten Bart die gilbliche Haut hindurchschimmernd. Rote, volle Lippen. Das Weiß der Augen mit der dunklen Pupille doppelt glänzend in der Umrahmung dichter, schwarzer Wimpern; oft blitzte dieses Auge wie ein Dolch, wenn sich das schwere Lid plötzlich hob. Dazu die Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit der Züge; das Drastische der Gesten, der schlaffe Körper mit den mageren Gliedern, unschöne, nervös zappelnde Hände. Viel Theaterpose, wenig Würde, das ganze Wesen an der Oberfläche liegend, aber darum umso kecker, lebhafter und intensiver. Und dagegen seine Hörer, diese großköpfigen Arbeiter mit den schweren, ausgearbeiteten Gliedmaßen; die Stirnen sorgenvoll, nachdenklich, der Blick gutmütig, träumerisch, das Wesen ernst, zurückhaltend, verinnerlicht und schwerfällig. Fritz bedauerte in diesem Augenblicke lebhaft, kein Zeichner zu sein, daß er diesen Gegensatz hätte mit ein paar Strichen festhalten können. Diese Hörerschaft und diesen Redner! Das Bild hätte Bände von Rassen-Psychologie sprechen müssen. Siegfried Silber war die wichtigste Eigenschaft seines Stammes eigentümlich: sich durchzusetzen. Wenn man bedachte, der ganze Mensch war zweiundzwanzig Jahre alt. Seine äußere Lage war ursprünglich auch nicht günstiger, seine Bildung nicht besser gewesen als die seines Publikums. Und hier saßen sie nun, mancher Graukopf unter ihnen, und lauschten andächtig den Worten dieses fremden Jünglings, machten seine Weltanschauung zu der ihrigen, erkannten ihn an als ihren geistigen Führer. Das entstehende Kunstwerk ist für den Künstler was für die Mutter die unter ihrem Herzen heranwachsende Frucht. Alle Kräfte des Körpers wie der Seele werden nach dem einen Punkte gezogen, wo neues Leben sich entwickelt. Ein natürlicher Schutztrieb lehnt das Schädliche ab, macht gleichgiltig gegen alles, was nicht Bezug hat auf dieses Wichtigste, stößt sogar das sonst Geliebte und Gewohnte von sich. Fritz Berting war in dieser Zeit heißesten Ringens mit dem Stoffe äußerst empfindlich geworden gegen die Vorgänge und Einwirkungen der Außenwelt. Das geringste Geräusch, ein lautes Wort, ein unangenehmer Geruch im Quartier, ein Mißton von der Straße her, konnten ihn aus dem Konzept bringen. Eine Frage, die ihn nötigte, seine Gedanken von der Arbeit abzuwenden, war im stande, ihn auf Stunden hinaus unfruchtbar zu machen. Alma hatte infolge dessen keinen leichten Stand. Von dem, was sich in ihm abspielte, ahnte sie nichts; daß Fritz in keinem normalen Zustand sei, sah sie, merkte es täglich und stündlich. Es verging kaum ein Tag, wo er sie nicht zu Thränen gebracht hätte durch sein schroffes, ungerechtes Wesen. Sie konnte sich den rätselhaften Zustand nicht anders erklären, als daß er krank sei. Gern hätte sie geholfen, wie damals in Berlin nach seiner Niederlage. Sie wollte ihn pflegen, ihm durch ihre Liebe ersetzen, was er verloren, gut machen, was ihm Böses widerfahren war. So verstärkte sie ihre Zärtlichkeit gegen den Geliebten, und vermehrte dadurch nur seinen Widerwillen gegen das, was auf ihn wie lästige Zudringlichkeit wirkte. Er wußte jetzt, daß er einen großen Fehler begangen hatte, mit Alma zusammenzuziehen. Er hatte sich dadurch selbst die Freiheit unterbunden und eine schwere Last aufgebürdet. Ohne Ehemann zu sein, trug er doch das ganze Joch des Ehestandes. Was hatte er früher geahnt von den Plackereien, den Ausgaben eines Hausstandes? Was hatte er gar von der Verantwortlichkeit gewußt für ein fremdes Wesen? Nun war er gebunden. Die intimen Erlebnisse der Liebe, wenn sie auch nicht die Bedeutung eines geschriebenen Kontraktes hatten, waren doch Ketten, die den Menschen unsichtbar an den Menschen fesselten. Selbst wenn diese Erlebnisse flüchtig waren wie die Wellen, von denen die eine verdrängt wird durch die andere, so ließen sie sich doch nicht wegwischen aus dem Gefühle und aus dem Gedächtnis. Von dem Wesen einer Frau, mit der man verkehrte, wie er mit Alma Lux, behielt man etwas im Blute fürs Leben. Und wenn es auch nur die Gewohnheit gewesen wäre, sie um sich zu haben, ihr Anblick, das Bewußtsein, sie jeden Augenblick herbeirufen zu können. Dazu all die Dinge, die man von einander wußte, die Geständnisse, die sie ihm gemacht, der unvergeßliche Duft von dem, was sie ihm in der allerersten Zeit ihrer Liebe gewesen, das Opfer ihrer Jungfräulichkeit, ihm gebracht – alles das waren Fesseln! Er konnte das Mädchen nicht auszahlen für ihre Liebe; sie war keine Dirne. Er konnte ihr auch nicht kündigen wie einem Dienstboten, ihr sagen: so, nun ist die Zeit abgelaufen, geh deiner Wege! Aber gerade, daß sie ihm so viel war und immer mehr werden mußte, beunruhigte ihn oft aufs äußerste. Was sollte daraus werden? Heiraten! – Damit hätte er das, was ihn jetzt schon drückte, zu einer Bürde gemacht fürs ganze Leben. Er wußte auch, daß Alma das gar nicht von ihm verlangte, nie verlangt hatte und niemals verlangen werde. Wozu hatte er mehr thun sollen, als von ihm gefordert wurde? Sie durch das Band der Ehe zur Treue zu verpflichten, war nicht nötig. Er traute ihr durchaus; auf ihre Ehrlichkeit, Reinheit und Treue hätte er Häuser bauen wollen. Aber es gab in diesem Verhältnisse, dem zur wirklichen Ehe nur die rechtliche Sanktion zu fehlen schien, noch andere Schwierigkeiten. Fritz merkte es wohl, daß ihm und Alma von den Menschen keine besondere Achtung entgegengebracht wurde. Da war gleich zu Anfang, als er sich bei der Polizei angemeldet hatte, der Beamte gewesen, der ihn nach den Papieren des »Frauenzimmers« gefragt hatte, dabei etwas von »wilder Ehe« munkelnd. Der Herr von der Steuerkommission, der einige Wochen später auftrat, um sich nach Fritzens Vermögensverhältnissen zu erkundigen, zeigte sich zwar höflicher, schüttelte aber doch auch bedenklich den Kopf. Schriftsteller ohne feste Einnahme, und das Fräulein, Konfektioneuse von Beruf, jetzt ohne Anstellung! – Dieses Paar schien im höchsten Grade verdächtig. Man sah in ihm ein Individuum, auf welches die Behörde ein Auge zu behalten für angezeigt hielt. Das war ein deprimierendes Empfinden für einen, der wie Fritz Berting bisher, im Bewußtsein guter Abkunft und Erziehung, das Gefühl voller Freiheit und Unabhängigkeit genossen hatte. Unangenehmer fast noch war die Neugier der kleinen Leute zu ertragen, der Händler, Bediensteten, Handwerker, mit denen man täglich in Berührung kam. Bei ihnen herrschte weniger Grobheit als zudringliche Respektlosigkeit diesem interessanten Paare gegenüber. Man lächelte sie verständnisvoll an, wo immer sie auftraten. Auf der Straße wandten sich die Köpfe, gelegentlich wurde ihnen auch etwas nachgerufen. Eines Tages bekam Fritz einen Brief zotigen Inhalts mit Karikaturen, die sich auf ihn und Alma bezogen, anonym zugesandt. Das Pikante der illegalen Verbindung war es, was die Menschen zu einer mit Neid, Neugier und Lüsternheit stark durchsetzten, moralischen Entrüstung reizte. Fritz litt darunter mehr als Alma. Er fühlte sich getroffen in seinem gesellschaftlichen Stolze sowohl wie in seinem männlichen Ehrgefühl. Erlebnisse wie diese zeigten ihm, daß er deklassiert sei, daß er und Alma in einem Zustande der Vogelfreiheit lebten. Gern hätte er sich und die Geliebte verteidigt. Aber die Pfeile der Verachtung, die sie beide trafen, wurden von unsichtbaren Schützen abgeschossen. Er hatte es mit einem unpersönlichen Gegner: der öffentlichen Meinung, zu thun. Alma empfand in diesen Dingen anders als ihr Geliebter. In der Klasse, aus der sie stammte, legte man auf persönliche Ehre geringen Wert. Sie war im Leben genug hin und her geschoben worden, um zu wissen, daß die Menschen überall gehässig, klatschsüchtig und neidisch sind und keinem sein Glück gönnen wollen. Was bedeutete ihr die öffentliche Meinung? Wenn Fritz nur treu zu ihr hielt! Ihr Stolz war, ihm treu zu sein, ihre Ehre, ihn allein zu lieben, und ihr Glück, sich von ihm geliebt zu wissen. Das Verhältnis zur Quartierwirtin begann seine Schattenseiten zu zeigen. Frau Klippel gehörte zu den Personen, die, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, unfehlbar die ganze Hand nehmen. Fritz bereute jetzt lebhaft, sich mit ihr auf Unterhaltungsfuß gestellt zu haben. Das Material, das sie ihm für seine Lokalkenntnis geliefert hatte, war teuer bezahlt. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß Frau Klippel, ebensogut wie sie Fritz mit der schmutzigen Wäsche des ganzen Stadtquartiers bekannt gemacht hatte, auch über ihn und Alma allerhand Ungeheuerlichkeiten verbreitete. Vielleicht war vieles von der Mißachtung und Neugier, die sie um sich her lebendig sahen, nur Folge der Klatschsucht ihrer Wirtin. Fritz fand es äußerst schwierig, sich die redselige Person vom Halse zu halten, nachdem er einmal geduldet, daß sie ihre Neuigkeiten bei ihm ablade. Er konnte sich manchmal nur durch Verriegeln der Thüre vor ihrer Zudringlichkeit schützen. Schwerer aber noch rächte es sich, daß auch Alma in eine gewisse Vertraulichkeit mit der Quartierwirtin geraten war. Es hatte sich eingebürgert, daß sie ihre Mahlzeiten mit der Familie Klippel einnahm, so oft Fritz allein auswärts essen ging; und das war in der letzten Zeit öfters vorgekommen. Es erschien so bequem, Alma brauchte dann nicht Toilette zu machen zum Ausgehen, und wurde weniger unterbrochen in ihrer Arbeit. Aber der hinkende Bote kam nach in Gestalt einer Rechnung von Frau Klippel. Darin stellte die Quartierwirtin für Almas Beköstigung unverschämte Forderungen. Fritz bezahlte die Rechnung, hielt aber nicht hinter dem Berge mit seiner Ansicht über den Preis. Das gab wiederum Frau Klippel Anlaß zu erklären, daß sie viel zu wenig nehme in Anbetracht der Unannehmlichkeiten, die sie von Mietern habe, über welche die Leute allerhand redeten. Fritz verbat sich dergleichen Anzüglichkeiten. So gab ein Wort das andere. Bei Frau Klippel war nun einmal die Schütze gezogen, die für gewöhnlich eine Flut schmutzigen Wassers zurückstaute. Sie wäre eine anständige Frau, betonte sie sehr stark. Mit zweien zugleich es zu halten, sei nicht »komilfo«, das habe sie niemals gethan. Wenn der Herr etwa glaube, daß er Fräulein Lux für sich allein habe, dann täusche er sich gewaltig. Alma, die im Nebenzimmer war, hatte die überlaut geführte Unterhaltung mit angehört. Sie kam jetzt hereingestürzt, bleich vor Erregung, und fuhr auf die Verleumderin los. Fritz wunderte sich, wie die Entrüstung das sanfte Mädchen verwandelt hatte. Frau Klippel fühlte sich durch Almas Dazwischentreten auch nicht besänftigt, und so gab es denn ein richtiges Weibergezänk. Fritz mußte die beiden schließlich mit Gewalt trennen. Er führte Alma in sein Schreibzimmer, schloß die Thür ab und suchte das Mädchen zu beruhigen. Ihre Erregung machte sich Luft in einem Strom von Thränen. Fritz tröstete sie; nicht ein Wort glaube er von Frau Klippels thörichten Anschuldigungen. Da warf sie sich ihm um den Hals und flüsterte in sein Ohr: sie müsse ihm ein Geständnis machen. Fritz erzitterte. Für ihn gab es ein geheimes Schreckgespenst, das einen sehr leisen Schlaf hatte und ihn bei jedem kleinen Zufall, bei jeder noch so entfernten Anspielung in dumpfe Furcht jagte: die Möglichkeit, daß ihr Verhältnis Folgen haben könne. Darum bedeutete das, was er jetzt zu hören bekam, geradezu eine Erleichterung für ihn. Alma gestand ihm, sie habe in der letzten Zeit ein paar Mal mit einem alten Bekannten gesprochen. Es sei derselbe Mensch, der sie neulich in »Stadt Paris« so auffällig angestarrt habe. Den Tag danach hätte er sie auf der Straße angeredet, auch sei er, als Fritz gerade ausgegangen, einmal hier im Quartier gewesen zu kurzem Besuch. Doch könne sie beschwören, daß zwischen ihr und Ludwig Glück weder jetzt noch früher irgend etwas Unrechtes vorgefallen sei. Ängstlich blickte sie auf den Geliebten, was der zu ihrem Geständnis wohl sagen würde. Fritz war durchaus nicht empört, in ruhigem Tone forschte er, wie lange Alma den Mann schon kenne. Sie erzählte: Ludwig Glück habe, als sie noch zur Schule gegangen, mit ihr und den Eltern in ein und demselben Hause gewohnt. Von Beruf sei er Stuckateur. Ihre Freundschaft hätte anfangs darin bestanden, daß er ihr gelegentlich etwas aus Holz, Thon oder Pappe angefertigt habe. Denn Ludwig Glück sei ein halber Künstler. Später, als sie die Schule verlassen, habe er manchmal Andeutungen gemacht, daß er sie liebe und sie gefragt, ob sie nicht einig werden könnten. Alles in der ehrlichsten Absicht. Sie hätte sich jedoch nicht entschließen können, ihn zu nehmen, trotzdem ihr von den Ihren stark zugeredet worden sei, sich diese Versorgung nicht entgehen zu lassen. Ludwig habe sich die Abweisung schwer zu Herzen genommen und sei auf Wanderschaft gegangen. Dann waren jene Ereignisse in ihrer Familie eingetreten, die sie aus dem Hause trieben und schließlich nach Berlin führten. Ludwig hatte sie neulich seit Jahren zum ersten Male wiedergesehen. Es war ihm, wie er erzählte, nicht gut gegangen. Krankheit hatte ihn ganz heruntergebracht. Auch hier habe er Monate lang im Krankenhause gelegen, und jetzt suche er vergeblich nach Arbeit. Fritz erkundigte sich, ob Ludwig Glück jemals Briefe an sie geschrieben habe. Alma zögerte mit der Antwort, bejahte aber schließlich. Er habe eine Zeit lang ziemlich regelmäßig an sie geschrieben. Sie hätte oft lachen müssen über den närrischen Menschen, der soviel Zeit habe, lange Briefe an ein Mädel zu schreiben, das nichts von ihm wissen wolle. Und wenn sie ihm geantwortet hätte, so sei es nur geschehen, um ihm zu sagen, er solle sich die Liebesgedanken aus dem Kopfe schlagen. Ob sie die Briefe aufgehoben habe? Alma wurde verlegen. Einen oder den anderen besitze sie wohl noch. Aber sie bat, daß Fritz die Dinger nicht lesen möge; sie seien so lächerlich, wie der ganze Ludwig Glück selbst. Fritz vermutete, daß die Briefe Interessantes enthalten könnten, und bestand darauf, alle zu sehen. Alma entschloß sich endlich, sie zusammenzusuchen und herbeizubringen. Es waren ihrer schließlich doch ein ganzes Päckchen. Fritzens Auge fand in den Briefen manches, was Alma nicht erkannt, oder wenn sie es erkannt, doch nicht hatte beachten wollen. Vor allem fand er darin echte und tiefe Leidenschaft. Das, was Alma komisch erschienen war, bedeutete nichts anderes, als die verzweifelten Gebärden und Zuckungen einer Liebe, die keine Erwiderung findet. Alle Tonarten hatte der Unglückliche angeschlagen verliebter Sehnsucht, alle Register gezogen der Überredung. Dabei kein falsches Pathos, keine Briefsteller-Phrasen, echte Naturlaute eines überquellenden Gefühles. Nicht selten erhob sich die Anrede zu poetischem Schwung. Die Liebe schien den einfachen Menschen über sich selbst hinaus gesteigert zu haben; hatte ihn getrieben, das Stärkste und Größte, dessen seine Natur fähig war, zu Füßen des angebeteten Wesens auszuschütten. Alma suchte den Eindruck des Gelesenen mit ängstlicher Miene aus Fritzens Zügen zu erforschen. Fritz las mit wachsendem Interesse. Für ihn waren diese Briefe charakteristische Proben starker, menschlicher Gefühle. Manche Wendung darin erregte seine Künstlerfreude. Das ganze Verhältnis der beiden Menschen lag jetzt, wo er diese Dokumente in Händen hielt, klar vor ihm. Wenn es noch einen unaufgeklärten Punkt gab, so war es Almas Abneigung gegen einen Mann, der so heiß um sie geworben hatte. Er legte die Briefe zusammen, steckte sie zu sich und meinte, um ihr die Angst zu nehmen, in scherzendem Tone: dieser Glück scheine ein sehr netter Mann zu sein. Warum sie ihn denn nicht geheiratet habe? Statt darauf zu antworten, begann Alma zu weinen. Wie Fritz denken könne, daß sie sich mit einem anderen Manne eingelassen hätte, brachte sie unter Schluchzen hervor. Sie habe Mitleid gehabt mit Ludwig Glück, das sei alles, was sie je für ihn empfunden. »Der Mensch ist mein Unglück!« rief sie außer sich. »Ich wollte, daß alles aus sein sollte zwischen mir und ihm. Von Berlin aus habe ich es ihm geschrieben, daß ich einen anderen liebte, und daß er nichts mehr zu hoffen habe, daß er mich in Ruhe lassen solle, wenn er ein ehrlicher Mensch sei. Ich dachte, nun würde er sich zufrieden geben. Aber da ist er wieder! Ich weiß nicht, was er will. Niemals habe ich ihn ermutigt. Neulich erst habe ich's ihm ins Gesicht gesagt, daß er mir widerwärtig ist. Mag er sich nur ins Wasser stürzen, der abscheuliche Mensch. Es ist mir ganz gleichgiltig. Als er mich in »Stadt Paris« so anstarrte, da wurde mir ganz Angst. Ich habe die ganze Nacht darauf nicht schlafen können. Ich dachte, du könntest etwas merken, Fritz! Und wie er dann zu mir kam, ganz abgerissen, noch viel magerer als früher, war er mir wie ein Leichnam. Ich habe immer so ein Grauen vor ihm gehabt. Zu denken, daß ich mit so einem – und nun gar seitdem ich dich kenne. Er ist so ganz, ganz anders als du. – Es giebt ja keinen auf der Welt wie du!« Damit warf sie sich dem Geliebten um den Hals und drohte ihn zu ersticken mit leidenschaftlichen Küssen. Nun hatte Fritz mehr erfahren, als er gefragt hatte. Einen neuen Beleg hielt er in der Hand, wie er geliebt werde. Auf den Stuckateur Ludwig Glück brauchte er wahrlich nicht eifersüchtig zu sein! Das schmale, ungesund bleiche Gesicht, die tiefliegenden Augen, die glühend auf Alma gerichtet waren, wie er sie neulich abend, ohne zu ahnen, wen er vor sich habe, gesehen hatte, kamen ihm wieder ins Gedächtnis. Und er empfand in seinem Siegesbewußtsein ein eigenartig mitleidiges Interesse für den armen Kerl.   Während der Wintermonate hatte Fritz Berting so fleißig an seinem Romane gearbeitet, daß er um die Osterzeit ein Manuskript von beträchtlichem Umfang in den Händen hielt. Als er aber den letzten Satz des letzten Kapitels niedergeschrieben hatte und für einen Augenblick aufatmend die Feder aus der Hand legte, wußte er, daß damit die Arbeit noch nicht beendet sei. Das Haus stand zwar in seinen Mauern und war unter Dach gebracht, die letzte Hand jedoch war noch daranzulegen. Er las das Ganze durch, langsam, mit kritischem Blick, ließ es auf sich wirken wie das Werk eines Fremden. Manche Überraschung wartete seiner da. Szenen, von denen er viel gehalten hatte, die er mit Begeisterung niedergeschrieben, enttäuschten ihn in ihrer Wirkung, andere, die er schon fast vergessen, wirkten überraschend durch ihre Kraft. Da galt es zu streichen und zu ändern, Widersprüche auszumerzen. Vieles ließ sich durch Herausholen des Charakteristischen mehr in Wert setzen; anderes mußte der Stimmung wegen gedämpft werden. Endlich war es so weit, daß sein künstlerisches Gewissen ihm sagte: jetzt ist es genug! Das Werk steht. Hat es Fehler, so sind diese in der Natur des Ganzen begründet, gehören zur Individualität; sie weiter austilgen, hieß vielleicht der Eigenart Abbruch thun. Er packte also eines Tages die Bogen zusammen und trug sie zum Verleger. Weißbleicher, der längst auf das Manuskript gewartet hatte, erklärte, sofort setzen lassen zu wollen, damit das Buch, das ja eigentlich im Winter hatte erscheinen sollen, nun wenigstens noch zur sommerlichen Bade- und Reisesaison zurecht käme. Nachdem er sein Werk aus der Hand gegeben hatte, war es Fritz zu Mute, als habe er von einer Geliebten Abschied genommen. Er fühlte sich zwecklos auf der Welt, das Herz wie ausgeleert. Jetzt an eine neue Arbeit gehen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Er hatte soviel Kräfte an die alte hergegeben, daß ihm zunächst alle Spannkraft fehlte zum Schaffen. Es war der Wunsch in ihm, ein paar Wochen lang, ein beschauliches Dasein zu führen. Er glaubte sich das Recht zum Ausspannen durch die vorausgegangene Anstrengung wohl erworben zu haben. Er hatte wieder Freude am Theaterbesuch gefunden. Früher, wo es sein Ehrgeiz gewesen, mit seinen Stücken die Bühne zu erobern, war das Theater für ihn eine unglückliche Liebe gewesen; es wurde ihm bei dieser unnahbaren Spröden nie so recht wohl. Nun, wo er sich das Werben um die Grausame aus dem Sinn geschlagen hatte, bedeutete ihm ein Billet fürs Parkett nichts weiter als die Aussicht, sich einige Abendstunden hindurch angenehm zerstreuen zu lassen. Er wollte in der Stimmung, in der er sich jetzt befand, nichts Aufwühlendes, nichts Überwältigendes. Von Berlin her war Fritz Berting an die Kämpfe gewöhnt, die der jüngst auf die Bühne gedrungene Naturalismus entfesselt hatte. Davon gab es hier nichts zu spüren. Unter einem alternden Intendanten führte das Schauspielhaus ein beschauliches, von keinem Aufbegehren der Moderne getrübtes Dasein. Man ruhte auf Lorbeeren einer abgeschlossenen, großen Glanzperiode der Komödie aus. Wohl hörte man, daß auswärts Schlachten geschlagen wurden, daß eine Schar jugendlicher Stürmer und Dränger auch Thaliens Tempel berannten, aber bei sich wollte man keine Aufregung haben. Publikum, Kritik und Intendanz schienen stillschweigend einen Packt geschlossen zu haben, die Revolution in ihrer Mitte nicht aufkommen zu lassen. Wenn man eine Premiere brachte, so war es mit einem Stück, das auf so und so viel anderen Bühnen sich als ungefährlich ausgewiesen hatte. Da gab es keinen Kampf, keine unberechenbaren Entscheidungen; von vornherein stand hier der Erfolg fest. Auf den Gedanken, daß es ein Richteramt auszuüben habe, war das Publikum überhaupt noch nicht gekommen; kritiklos nahm es mit allem vorlieb, was man ihm zu bieten für gut befand. Ihr Urteil über das, was sie am Abend gesehen und gehört, holten sich diese wohlerzogenen Leute dann am nächsten Morgen aus der Theaterbesprechung ihrer Zeitung. Nach kurzer Zeit übersah Fritz den Stil von Komödie, der hier gespielt wurde. Das Beste daran war die Tradition, von der man sich aus einer besseren Zeit gewisse Reste bewahrt hatte. Es war ein geschlossenes Ensemble da von Schauspielern, in welchem das Mittelgut vorwog. Fritz kannte sehr bald die einzelnen Mimen bis herab zu den Statisten, mit ihren zwei oder drei stets wiederkehrenden Gesten. Ja, selbst die Kostüme und die Requisiten der Bühne wurden ihm alte, gute Bekannte. Es bereitete ihm ein prickelndes Behagen, zu wissen, daß Frau Soundso, wenn sie Rührung darstellen wollte, unfehlbar den und den Augenaufschlag hatte, und daß Herr X, wenn es Leidenschaft zu markieren galt, mit dem Fuße aufstampfte und so schnell zu sprechen begann, daß niemand ihn verstand. Auch das Publikum zu beobachten, war belustigend. Es bestand zum großen Teil aus Damen. Besonders in den Abonnementsvorstellungen wog das weibliche Geschlecht vor. Fritz war von Berlin her ein kritisches, herrisches, oft sogar übermütiges Parkett gewöhnt, das dem Darsteller wie dem Autor gegenüber seine Wünsche zur Geltung zu bringen wußte. Diese hier wollten nur Unterhaltung und Rührung; etwas fürs Auge und womöglich auch fürs Gemüt. Mit psychologischen Problemen, überhaupt mit allem, was das Denken herausforderte, hätten sie nichts anzufangen gewußt, und vor socialen Stoffen lief ihnen eine Gänsehaut über den Rücken. Nur in einer Beziehung zeigte man einen Anflug von Temperament, ja von Begeisterungsfähigkeit. Das war in der innigen Verehrung für einzelne Darsteller. Mit den Schauspielern wurde von den abonnierten Damen jeden Alters ein Kultus getrieben, der mit der Kunst wenig, umsomehr aber mit der äußeren Erscheinung der betreffenden Herren zu thun hatte. Der Held, der erste Liebhaber, der Bonvivant, bis herab zu den Episodendarstellern, jeder hatte seine größere oder kleinere Clique von Anhängerinnen, die das Repertoire der Woche nicht etwa daraufhin studierten, welche Autoren zur Aufführung kämen, sondern ob Stücke gegeben würden, in denen ihre Freunde beschäftigt waren. Die betreffenden Mimen aber nahmen die Billets doux, Blumen, Bonbonnieren, gestickten Kissen, und was ihnen sonst von ihren Verehrerinnen ins Haus geschickt ward, gnädigst an, und erlaubten nur zu gern, daß mit ihren Photographieen ein schwunghafter Handel getrieben wurde, ja, ließen sich herab, in die ihnen von zarter Hand zugesteckten Stammbücher niedliche Verse von Baumbach oder Julius Wolff einzuschreiben. Fritz Berting war durch Silber in diese Verhältnisse eingeweiht worden. Er begriff nun das Vorwiegen des weiblichen Elements, den Erfolg der ältesten Ladenhüter, die immer und immer wieder aufgeführt werden konnten, das starke Einschlagen alles Sentimentalen und Idyllischen, den Mangel an Psychologie und Stilgefühl bei diesem Publikum. Alles war hier auf das Persönliche zugeschnitten. Man ging unter dem Deckmantel scheinbaren Kunstgenusses allerhand pikanten Liebhabereien nach. Von Siegfried Silber hatte Fritz auch erfahren, daß an einer Hinterpforte des Schauspielhauses allabendlich dem Drama noch ein Satyrspiel folge. Von Blumensträußen, Lorbeerkränzen, Händedrücken, Gewandberühren, ja von Handküssen wurde gemunkelt, die das männliche Geschlecht dort über sich ergehen lassen müsse. Einer der stattlichsten Schauspieler des Ensembles, der besonders im Ritterstück und der Römertragödie mitwirkte, war Waldemar Heßlow. Er besaß schöne äußere Mittel: hohen, proportionierten Wuchs, ein Gesicht, aus dem sich alles machen ließ, ein kräftiges, nie ermüdendes Organ. Aber er war der Schrecken des Regisseurs. Selten lernte er seine Rolle, niemals vertiefte er sich in sie. Er hatte das ja nicht nötig. Wenn er in enganliegendem Tricot, das die Pracht seiner herkulischen Gliedmaßen zur gewünschten Geltung kommen ließ, oder im strahlenden Brustharnisch wuchtig auf die Bühne trat, seine Stimme je nach Bedürfnis grollen, heulen oder säuseln ließ, hie und da noch ein bedeutungsvolles Stirnrunzeln, einen schmachtenden Blick, eine pathetische Geste einschob, so war er seiner Wirkung sicher. Stimmung, Geist, Stil, Zusammenspiel waren ihm völlig gleichgiltig. Wenn Waldemar Heßlows Name auf dem Zettel stand, dann konnte der Kassierer sicher sein, eine große Zahl Vorderplätze im Parkett und den Logen an sichere Kunden loszuwerden. Diesem Mimen galt, wenn der Vorhang fiel, der stärkste Applaus, und selbst bei offener Szene rührten sich, wenn Heßlow eine seiner Kraftstellen gehabt hatte, zarte Hände, um dem Vergötterten zu zeigen, daß seine Getreuen zur Stelle seien. An einem Abende, wo sich dieser Beifall besonders bemerkbar gemacht hatte, begab sich Fritz Berting, nach Schluß der Vorstellung, zu jener Hinterpforte, wo, wie ihm gesagt worden war, diese Ovationen noch intimeren Charakter anzunehmen pflegten. Richtig, da standen zwei dunkle Mauern vermummter Gestalten. Eine Gasse blieb frei. Erwartungsvoll waren die Blicke nach der kleinen Pforte gerichtet. Erst kamen einige weibliche Wesen, die man unbeachtet durchließ. Ein Cylinder erschien; schon fuhren die Köpfe zusammen, alles drängte nach der Thür. Aber es war nur der Komiker, ein älterer, korpulenter Mann. Er grüßte höflich, aber keine Hand streckte sich ihm entgegen. Da endlich kam der Erwartete. Sofort war ein Ring um ihn geschlossen; jede der stürmischen Verehrerinnen suchte ihrem Ideal so nahe wie möglich zu kommen. Die Hinteren drängten nach vorwärts und bewirkten dadurch, daß die vorderen dem Gegenstande der allgemeinen Liebe buchstäblich auf den Leib gedrückt wurden. Waldemar Heßlow nahm alles mit, was sich ihm bot. Den weichen Kalabreser auf dem Lockenhaar, mit hochaufgeschlagenem Mantelkragen, rückte er langsam in der Menge vorwärts. Auf einmal machte er Halt. »Bitte, meine Damen, durchlassen!« Da diese Aufforderung keine Wirkung hatte, schob er die Nächststehende fast ein wenig rücksichtslos bei Seite, drängte sich durch den Knäuel seiner erstaunten Verehrerinnen und stand vor einer jungen Dame still, die über dem pelzverbrämten Theaterumhang einen Shawl von leuchtender indischer Seide trug. Sie stand im vollen Licht der Bogenlampe ein wenig abseits von dem übrigen Schwarm. Heßlow zog vor ihr den Hut, reichte ihr die Hand und ließ sich in ein Gespräch mit ihr ein. Glühende Augenpaare waren auf die Beneidenswerte gerichtet, die von dem schönen Waldemar in solch unerhörter Weise ausgezeichnet wurde. Jetzt neigte er sich sogar zu ihr herab, huldvoll lächelnd, voll Aufmerksamkeit für das, was sie sagte. Wie er seine Zeit vergeuden konnte an die eine, während so viele andere Herzen zitterten! Abermals zog er vor ihr den Hut, und that das, was ihm sonst geschah, küßte die kleine Hand, die sie ihm reichte. O, verkehrte Welt! Entrüstung malte sich in vielen Gesichtern. Mit einem Kopfnicken, das sehr von oben herab kam, entließ sie den Mimen. Wer war denn diese unausstehliche Person im rotgelben Shawl? Es war an ihr garnichts Besonderes zu entdecken! – Fritz sah ihr Gesicht deutlich, in dem Augenblick, als sie es zu dem sehr viel größeren Heßlow erhob. Es prägte sich seiner Erinnerung tief ein. Nicht daß es ungewöhnlich schön gewesen wäre, aber es war beinahe mehr, nämlich: interessant. Die Stirn, soweit man sie sah, hoch und gewölbt, die Nase schmal mit ungemein fein geschnittenen Nasenlöchern, der Mund, klein mit schmalen Lippen, klang wunderlich zusammen mit dem zarten Kinn. Und darüber ein Augenpaar, dessen Ausdruck auf den ersten Anblick kaum festzustellen war. Die Figur, durch den Theaterumhang nahezu verdeckt, schien graziös zu sein. Fritz taxierte das Mädchen auf sechzehn, höchstens siebzehn Jahre. Wie kam sie hierher? Was suchte eine so aparte Persönlichkeit in Waldemar Heßlows Gefolge? Sie sah eigentlich zu vornehm und auch zu intelligent aus für eine blinde Verehrerin des Mimen. Dann entschwand ihm das Gesicht. Einige derer, die noch nicht in Berührung mit ihm gekommen, drängten sich zwischen Heßlow und die gefährliche Rivalin. Was nun mit ihm geschah, sah Fritz nicht mehr; seine Neugier war vollauf befriedigt. Er schritt nach dem nächsten Halteplatz der Straßenbahn. Während er im überfüllten Wagen saß, dachte er im stillen an das eben Erlebte. Vor allem das originelle Gesicht des jungen Dinges wollte ihm nicht aus dem Gedächtnis, wie sie so gänzlich unbefangen zu dem langgewachsenen Mimen aufgeblickt hatte. Unwillkürlich regte sich in ihm die Eifersucht. Wie kam gerade dieser Waldemar Heßlow dazu, solches Glück zu machen! – Während er noch über Liebeslaune und Frauengeschmack nachsann, fiel sein Blick von ungefähr auf ein Gesicht in der Reihe von Fahrgästen ihm gegenüber. Da war der rotgelbe, indische Shawl wieder und das feine Näschen darunter, Waldemar Heßlows Favoritin. Neben ihr saß eine einfacher gekleidete Person, mit der sie sich unterhielt; offenbar das Dienstmädchen, das sie nach Haus begleitete. Fritz konnte das Gesicht nun genauer betrachten. Sie hatte den Shawl gelüftet, er sah die Form des Schädels, die, wie er vermutet hatte, edel war. Das mattblonde Haar schien nicht allzu reich. Die Gesichtsfarbe war gleichmäßig bleich, an der Schläfe schimmerte blaues Geäder durch die zarte Haut. Er erkannte jetzt das, was ihn auf den ersten Anblick an diesem jugendlichen Kopfe so stark angezogen hatte: er besaß Rasse. Es war nicht das erste Mal, daß ein Gesicht ihm einen plötzlichen, starken, unvergeßlichen Eindruck machte. Die menschlichen Züge blieben nun einmal das interessanteste Gebilde der Erscheinungswelt. Die meisten Gesichter erzählten ja wie aufgeschlagene Chroniken Eigenschaften, Herkunft und Geschichte ihrer Träger, für den, der Augen hatte zu lesen. Aber bei manchen Menschen war es doch etwas anderes; ihre Gesichtszüge verbargen mehr als sie offenbarten. Sie glichen wertvollen Inschriften in einer Sprache, zu der man den Schlüssel nicht hat. Und gerade dieses Sphinxartige macht sie so anziehend, sehnsuchtweckend und verwirrend. Auch hier fühlte er sich in dem seltsamen Banne eines menschlichen Antlitzes, dessen Geheimnis ihn tief beunruhigte. Wenn sie nur ein einziges Mal das Auge voll aufschlagen wollte, wie vorhin, als sie den Schauspieler angeblickt hatte! Aber sie war ganz in Unterhaltung vertieft mit ihrer Nachbarin. Und den Klang der Stimme, den er so gern vernommen hätte, verschlang das Geräusch des Wagens. Da blickte sie nach seiner Richtung. Fritz sah ein Paar nicht allzu große, zunächst verschleierte Augen, die, als ihr Blick dem fremden begegnete, plötzlich einen scharfen, bohrenden Ausdruck annahmen, daß er den Eindruck hatte, als komme er mit Stahl in Berührung. Dazu vibrierten die feinen Nasenlöcher, und um die schmalen Lippen legte sich ein spöttischer Zug. Sie sah ihn eine Weile ruhig an, sein Anstarren mit Gleichmut aushaltend, wobei der Zug von Spott sich zur Herbheit verstärkte. Bei der nächsten Haltestelle erhob sie sich und verließ mit ihrer Begleiterin den Wagen. Fritz Berting stand gleichfalls auf, obgleich er noch nicht an seinem Ziele angekommen war. Die Art und Weise, wie dieses junge Ding seinen Blick erwidert hatte, reizte ihn, festzustellen, was hinter soviel Sicherheit eigentlich stecke. Sie hatte es nicht weit von der Haltestelle zur Wohnung. Vor einem villenartigen, im Garten zurückgelegen Hause machte sie Halt. Während die Begleiterin mit dem Aufschließen des Gartenthores beschäftigt war, schritt Fritz dicht an dem jungen Mädchen vorbei, ihr ins Gesicht blickend. Es war, als rufe ihm ihr Blick zu, stehen zu bleiben; etwas Vieldeutiges lag darin. Aber sofort war auch das spöttische Lächeln wieder da, das zu sagen schien: Mich anzureden wagst du ja doch nicht! Nach einiger Zeit kehrte er um, schritt noch einmal an dem Hause vorbei, und sah gerade noch, wie im Parterre ein paar Fenster hell wurden. Fritz war unzufrieden. Es kam ihm vor, als habe er sich hier ein wenig blamiert. In früheren Zeiten, ehe er mit Alma zusammenlebte, war er ja manchmal einem Mädchen »nachgestiegen«. Aber daß er sich nicht hatte entschließen können, im entscheidenden Augenblick die Betreffende anzureden, war ihm noch nicht begegnet. Er traf die junge Dame fortan häufig im Theater. Wahrscheinlich war man schon mehrfach gleichzeitig dort gewesen, ohne daß er sie früher bemerkt hätte. Sie hatte Abend für Abend einen bestimmten Platz inne in einer Parkettloge, wo sie ziemlich versteckt saß. Fritz hätte gar zu gern herausbekommen, ob sie des Schauspielers Heßlow wegen ins Theater gehe. Aber er kam zu keiner klaren Erkenntnis darüber. Das Fräulein saß auf dem Platz, gleichviel ob der schöne Waldemar mitwirkte oder nicht. Sie applaudierte niemals. Überhaupt benahm sie sich so unauffällig wie nur möglich. Vielleicht war es wirkliches Kunstinteresse, was sie in die Vorstellungen trieb. Wer weiß, sie war am Ende eine Theaterschülerin! Man that ihr Wohl unrecht, wenn man sie mit den Verehrerinnen Heßlows in einen Topf warf. Aber warum war sie dann neulich an der Triumphpforte des Mimen gewesen? Das Rätselhafte, was sie von Anfang an für ihn gehabt, umschwebte auch fernerhin ihre Erscheinung. Weißbleicher teilte alle Romane in familienblattfähige, die von dem jungen Mann im Buchhandel den Eltern als Weihnachtsgeschenk für ihre erwachsenen Töchter empfohlen zu werden pflegten, ferner in bahnhofsfähige, jene nicht allzu umfangreichen, handlichen Bücher, die, ohne langweilig zu sein, doch nicht gerade unanständig waren, und schließlich in litterarische Leckerbissen, die vom Bücherstand des Bahnhofshändlers schon aus Sorge vor der Zensur ausgeschlossen waren, Bücher, die man auch nicht der höheren Tochter in die Hand gab, welche aber nichtsdestoweniger sicher waren, ihre Liebhaber zu finden. Der kundige Verleger schmunzelte zufrieden über das ganze fette Gesicht, als er das Manuskript aus der Hand legte. Jetzt handelte es sich vor allem darum, dem Kinde den richtigen Namen zu geben. Der Titel, den der Autor für den Roman wollte, war nach Ansicht des Verlegers unmöglich. Fritz Berting wollte zwar auf seiner Überschrift bestehen, aber Weißbleicher konnte ihm nachweisen, daß sie bereits verwendet sei; es galt also, einen neuen Titel zu finden. Und da hatte denn der Verleger einen Gedanken, der Roman müsse heißen: »Das Geschlecht«. Fritz machte Bedenken geltend. Der Titel verrate zu viel, schmecke nach Tendenz, sei prahlerisch. Weißbleicher lächelte über so viel Sachunkenntnis. Das sei ja gerade Zweck des Titels, ins Auge zu fallen, die Neugier zu erregen. »Ein richtiger Titel muß magnetische Kraft haben,« sagte der geschäftskluge Mann. »Pikanter Titel ist bereits ein Dritteil Erfolg.« Das zweite Dritteil des Erfolges mußte seiner Ansicht nach die Ausstattung und der Waschzettel bestreiten. Das letzte Dritteil blieb dann für den Inhalt des Buches übrig. Fritz mußte sich den Vorschlägen seines Verlegers um so mehr fügen, als er ja auf den Roman einen nicht unbedeutenden Vorschuß erhalten hatte, den ihm Weißbleicher öfter als es angenehm war, vorhielt. »Das Geschlecht« sollte in Prima-Ausstattung herauskommen mit einem intimen Titelbilde. Weißbleicher wollte etwas thun für das Buch. Seitdem der Verleger in dem Manuskript ein sicheres Pfand in den Händen hielt, für das, was er in diesen Autor an Geld gesteckt hatte, nahm er sich des jungen Mannes auch noch in anderer Weise an. Fritz Berting sollte gesellschaftlich lançiert werden; das war ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel für den litterarischen Erfolg. Und besonders wenn man wie Fritz aus guter Familie stamme, ein nettes Äußere habe und die Umgangsformen der höheren Kreise beherrsche, meinte Weißbleicher in väterlich protegierendem Tone, dürfe man sich diese Chance nicht entgehen lassen. Er sprach dann von einer Frau Hilschius, bei der er Fritz einführen wollte. Die Dame sehe in ihrem Salon eine Menge bedeutender Künstler. Dieses schöngeistige Haus sei das einzige am Orte, wo ernsthaft über Litteratur gesprochen würde. Dann gab er Fritz ein Buch zu lesen, einen Roman seines Verlages, mit dem er sehr geheimnisvoll that. Der Name des Autors sei ein Pseudonym, unter dem sich eine Dame der ersten Gesellschaft verberge. Fritz las den Roman und fand ihn herzlich schwach. Er sprach mit Lehmfink darüber, fragte ihn, ob er etwas von dem Buch und der Verfasserin wisse. Heinrich Lehmfink lachte, als er den Namen hörte. Er habe den Roman, der, weil er à clef geschrieben sei, in skandalsüchtigen Kreisen ein gewisses Aufsehen erregt habe, zur Besprechung zugeschickt bekommen. Es sei ein seichtes Machwerk voll Indiskretion, Sentimentalität und Aktualitätssucht. Fritz hielt mit seiner Kritik nicht zurück, als er dem Verleger das Buch wieder brachte. Weißbleicher war in seiner Geschäftsehre gekränkt, einen Roman, der schon zwei Auflagen erlebt hatte, so scharf kritisiert zu sehen. Es sei eine »mit Herzblut geschriebene Dichtung«, behauptete er. Gerade daß die Verfasserin darin ihr eigenes ungewöhnliches Schicksal niedergelegt habe, mache es zu einem echten » Document humain .« Dann erzählte er unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit Fritz die Geschichte der Dichterin, eben jener Frau Hilschius, die er als eine Beschützerin der Künste geschildert hatte und die, wie er wohl sagen dürfe, seine intime Freundin sei. Nach Weißbleicher stammte die Dame aus reicher, angesehener Kaufmannsfamilie. Ungewöhnlich jung hatte sie einen Geschäftsfreund ihres Vaters, einen Sechziger, geheiratet. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter. Als der Gatte früh gestorben war, heiratete die Witwe im Jahre darauf einen Offizier. Die Ehe ging zunächst ganz glücklich. Ein Sohn wurde geboren. Der Mann nahm den Abschied, um seinen musikalischen Neigungen leben zu können. Man machte ein Haus, sah einen Kreis von Künstlern aller Art bei sich. Auf einmal hörte die Welt von einem Ehezerwürfnis. Es gab ein Duell, in welchem der Gatte den Liebhaber, einen Allerweltsmann: Musiker, Theaterdichter, Publizist, verwundete. Dann kam es zum Scheidungsprozeß, der durch Indiskretionen der Presse zu einer Skandalaffäre aufgebauscht wurde. Während der Prozeß noch im Gange war, starb der Gatte. Alle Welt nahm an, daß der, welcher das Glück dieser Ehe gestört hatte, nunmehr die schwer kompromittierte Frau heiraten werde; aber der Liebhaber zog sich zurück, und Frau Hilschius blieb im Witwenstande.   Fritz Berting war erstaunt, nachdem er diese Geschichte gehört hatte, bei seinem Besuche in Frau Hilschius Salon, wohin er in Weißbleichers Gesellschaft ging, eine ältere korpulente Dame vorzufinden, deren Äußeres durchaus nicht an Liebesabenteuer denken machte. Auch sah man ihr die Verfasserin eines sensationellen Romans, von dem der Verleger behauptet hatte, er sei »mit Herzblut« geschrieben, in keiner Weise an. Das einzige an ihrem sonst recht unbedeutenden Kopfe, was nach Genialität aussah, war die Lockenperücke, und diese war mit Kunst unordentlich gemacht. Fritz Berting kam in eine Gesellschaft von mindestens zwanzig Personen. Es war der Mittwoch der Frau Hilschius, an dem sie von acht Uhr abends an offenes Haus hatte. Die Hausfrau empfing ihn mit den Worten: »Wir kennen Sie ja längst, Herr Berting, wenigstens Ihrer geistigen Physiognomie nach.« – Danach nahm sie ihn bei der Hand und stellte ihn der Gesellschaft vor: »Fritz Berting, der bekannte Dichter, Autor von ›Leiser Schlaf‹, dessen großer Roman ›Das Geschlecht‹ demnächst bei unserem Weißbleicher herauskommen wird.« – Fritz war zunächst etwas verdutzt über die Epitheta, die man seinem Namen angehängt hatte. Doch beruhigte er sich etwas, als Frau Hilschius ihm die übrigen Anwesenden mit ähnlichen Titulaturen bezeichnete. Da war keiner, der nicht »genial«, »hervorragend«, zum mindesten »berühmt« gewesen wäre. Und niemand von diesen Herren und Damen zuckte mit der Wimper oder sagte etwas dagegen. Fritz sah da zwei junge Herren mit sehr viel ungekämmtem Haar, die ihn, als er von Frau Hilschius als »bekannter Dichter« eingeführt wurde, mit kritisch erhobenen Augenbrauen mißgünstig von der Seite ansahen. Er schloß daraus, daß er es mit Kollegen von der Feder zu thun habe. Eine Anzahl junger Damen war da, denen man mit der Bezeichnung »Gänschen« kaum unrecht gethan hätte; jedoch versicherte Frau Hilschius von der einen, sie sei eine geniale Malerin, einige waren Klaviervirtuosinnen, ja sogar eine hoffnungsvolle Dichterin war darunter. Diese letztere, eine junge Dame mit niedlichem, aber völlig leerem Puppengesicht, verwickelte Fritz Berting in ein Gespräch. Sie erzählte ihm, daß sie Gedichte »mache«. Ein Band sei schon heraus, »Epheuranken« heiße er, und ein neuer werde demnächst erscheinen. Ihr Verleger sei Herr Weißbleicher. Sie fragte, ob Herr Berting auch Gedichte habe erscheinen lassen, und als Fritz bejahte, schlug sie sofort vor, daß man die Bände austauschen wolle. Schließlich that sie einen tiefen Seufzer, und indem sie Fritz treuherzig anblickte, rief sie: »Ach, es ist wunderschön, Gedichte machen! Man kann alles sagen, was man im Herzen hat; alle tiefsten Erfahrungen, alle Gefühle und Leidenschaften ausströmen lassen! Finden Sie nicht auch, Herr Berting?« Fritz, völlig überrumpelt, bejahte. Aber der Nachsatz, der nun kam, setzte ihn noch mehr in Staunen. Mit einem tieferen Seufzer nämlich rief die junge Dame: »Ach, wenn es nur nicht so furchtbar viel Geld kostete!« – Er erkundigte sich teilnehmend, was denn dabei so kostspielig sei. »Haben Sie denn nicht auch für Ihre Gedichte bezahlen müssen?« fragte sie. »Herr Weißbleicher hat mir gesagt, daß alle Dichter das thäten!« – Diese Worte klärten Fritz Berting mit einem Schlage über eine Erscheinung auf, die ihm bis dahin dunkel gewesen war: die vielen Gedichtsammlungen im Weißbleicherschen Verlage. Und dazu Weißbleicher, der immer behauptete: er lasse sich die Unterstützung junger, aufstrebender Talente viel Geld kosten! – Die Kleine hier hatte in aller Unschuld das wichtigste Geschäftsgeheimnis des beliebten Verlages ausgeplaudert. Der Mann mit den schlauen Augen in dem fetten Biedermannsgesicht spielte in diesem Salon die tonangebende Rolle. Die Dame des Hauses nannte ihn: »Mein lieber Weißbleicher!« Die Jünglinge mit dem langen, ungekämmten Haar vergaßen gänzlich ihren germanischen Dichterstolz, dienerten mit geschmeidigem Rückgrat, wo immer die Hängebacken, die Glatze und der dicke Leib des allmächtigen Verlegers sich blicken ließen. Bei der Damenwelt hatte Weißbleicher sich in die tonangebende Rolle zu teilen mit einem dunkelgelockten, noch sehr jungen Manne, dessen bleiches, feines Profil Fritz von Anfang an aufgefallen war. Besonders von den jüngeren waren immer einige um diesen Jüngling zu finden, mit Andacht seinen Worten lauschend. Fritz erkundigte sich bei einer Dame, die neben ihm stand, wer der junge, sympathisch aussehende Mann eigentlich sei. »Ich bitte Sie, das ist doch mein Bruder!« sagte die kleine, dunkeläugige Person. Und als Fritz diese Antwort mit einem Gesicht aufnahm, welches deutlich erkennen ließ, daß er so klug sei wie zuvor, rief sie lachend: »Na, dann muß ich mich also vorstellen! Ich bin nämlich die Tochter des Hauses. Der da, den Sie so nett einen ›sympathischen jungen Menschen‹ genannt haben, ist mein Stiefbruder. Dies hier ist der Salon der Frau Hilschius, meiner Mutter, wo sie jeden Mittwoch eine Anzahl berühmter, genialer, hochbedeutender Menschen sieht. Sind Sie nun orientiert, Herr Berting?« Fritz war betreten über sein Versehen und stammelte einige entschuldigende Worte. Die kleine Dame blickte ihm schelmisch dreist in die Augen. »Na, deshalb keine Feindschaft nich'!« sagte sie mit dem unverkennbaren Accent von Berlin W. »Die Familienverhältnisse sind bei uns etwas verwickelt. Man kann nicht von jedem verlangen, daß er sich das alles umgehend zurecht klaviert.« Fritz sah, daß die Tochter des Hauses nicht an Verblüffung leide. Er war sehr bald im lebhaften Gespräch mit ihr über die Anwesenden. Sie komme nicht selten von Berlin herüber zu diesen Mittwochen ihrer Mutter, erzählte Annie Eschauer, weil es ihr einen Hauptjux mache, soviel harmlos verrückte Leutchen beisammen zu sehen. »Meine Mutter ist die gutmütigste Person, die ich kenne,« sagte Frau Eschauer. "Sehen Sie, von dieser Gesellschaft kommt die Hälfte hierher des Büffetts wegen, das es nachher giebt. Die anderen aus Neugier, um des Klatsches willen. Noch andere, weil sie hier Professor Wallberg zu treffen hoffen, der aber heute nicht da ist. Schließlich schickt uns auch Weißbleicher seine zahlungsfähigen Lyriker männlichen und weiblichen Geschlechts. Aber meine gute Mutter denkt, das alles komme der Kunst wegen zu ihr. Sie glaubt wirklich: soviel Nasen, soviel Genies habe sie in ihrem Salon.« Fritz erkundigte sich, zu welcher Kategorie von Gästen sie ihn eigentlich zähle? Frau Eschauer rief lachend: »Ach, ich dachte, sie verstünden Spaß! Wissen Sie, Ihnen sieht man auf den ersten Blick den Weißen Raben an. Was Sie hier wollen, weiß ich noch nicht recht; werde mich aber bemühen, es herauszubekommen. Vielleicht haben Sie Absichten auf das blonde Lämmchen mit den ›Epheuranken‹ – wie?« Sie wurde von der Hausfrau abgerufen. Mutter und Tochter verschwanden im Nebenzimmer, wo offenbar das Buffett zurecht gemacht wurde. Aus den lebhaften Blicken, welche die Jünglinge mit dem langen Haar nach jener Thür sandten, war das mit einiger Sicherheit zu schließen. Der Sohn des Hauses trat zu Fritz. Er stellte sich selbst vor. »Ich bin Theophil Alois Hilschius.« Darauf erzählte er ungefragt, daß er ein Drama geschrieben habe: »Sulla«. Wann und wo er es einzureichen beabsichtige, fragte Berting den offenherzigen Jüngling. Eingereicht sei es längst, war die Antwort; aber keine Bühne habe bisher den Mut gehabt, es aufzuführen. Ob es denn so außerordentliche szenische Anforderungen stelle, erkundigte sich Fritz. »Das nicht, aber psychologische!« war die stolze Antwort des Achtzehnjährigen. »Übrigens will ich nicht vorgreifen, denn meine Sulla wird nachher vorgelesen werden.« Weißbleicher kam zu den zweien heran. Er klopfte dem Sohne des Hauses vertraulich auf die Schulter. »Der kann was! Theophil Alois Hilschius! In ein paar Jahren wird die Welt den Namen kennen.« Der Jüngling trug das Lob mit Würde. Inzwischen wurden die Flügelthüren zum Nebenzimmer geöffnet. Eine Tafel war zum Buffett hergerichtet worden. Man erblickte Braten, Salat, Kompotte, Schüsseln mit süßen Speisen, eine Bowle. Alles drängte dorthin, gelockt von dem erfreulichen Anblick; voran die Dichter. Fritz blieb im Salon mit Theophil Alois, der ihn von seinem Stücke unterhielt. Es werde demnächst in einer intimen Liebhaberausgabe bei Weißbleicher herauskommen. Frau Annie Eschauer kam. Sie trug in der einen Hand ein Glas Bowle, in der anderen einen Teller mit einer Kollektion von Leckerbissen. Beides präsentierte sie Fritz. »Ich will gut machen, was ich vorhin verbrochen habe. Seien Sie mir nicht mehr bös, Herr Berting! Kommen Sie dort hinein, wir wollen uns unterhalten. Theophil, hole mir was zu knabbern! Du weißt, ich liebe das Krokante.« Sie führte Fritz in ein kleines Boudoir, das neben dem Salon lag. Dort strahlte eine aus einem von türkischen Shawls gebildeten Baldachin herabhängende Ampel rötliches Licht aus. Er mußte der Dame gegenüber Platz nehmen. Theophil Alois erschien sehr bald mit Bowle und einem Teller voll Konfekt für seine Schwester. »Brav, mein Junge!« rief Annie, und streichelte dem Stiefbruder das seidige Haar. »Nun kannst du dort hinein zu den kleinen Mädels gehen. Die mit den »Epheuranken« hat schon lange nach einer gleichgestimmten Seele geschmachtet.« »Mein Bruder ist nämlich ein Wunderknabe,« meinte Annie, »und dabei noch so furchtbar jung. Er nimmt sich selbst entsetzlich ernst, das gute Kind. Doch das haben wir alle in dem Alter gethan.« »Studiert Ihr Herr Bruder, gnädige Frau?« »O nein! Er quält sich noch mit dem Abiturientenexamen.« Fritz entfuhr ein Ausruf des Staunens. »Ja, sehen Sie, Herr Berting, Theophil behauptet, die Lehrer seien solche Idioten. Sie verstehen ihn allesamt nicht. Der deutsche Lehrer hat ihn durchfallen lassen. Mein Bruder sagt, der Mann gehöre einer anderen litterarischen Richtung an als er. Der arme Junge, die Professoren wollen nichts von seinen Aufsätzen wissen und die Theater nichts von seinen Stücken! Aber das Mutterherz glaubt an sein Genie. Er soll nur das Examen machen, nachher darf er Dichter werden, hat Mama erlaubt.« »Dichter werden!« rief Fritz. »Der Unglückliche!« »Sie sind es doch auch!« »Gerade darum möchte ich jeden jungen Menschen warnen, sich auf so dornenvollen Pfad zu begeben.« Annie Eschauer nahm auf einmal eine ernstere Miene an. Sie rückte ihm näher und sagte halblaut: »Wissen Sie, Herr Berting, daß Sie etwas ganz ganz Anderes sind, als die Herrn Poeten dort am Buffett, das lehrt mich ein einziger Blick. Ich kann diesen Ekel von Weißbleicher sonst nicht ausstehen; aber daß er Sie uns zugeführt hat, dafür bin ich ihm sehr dankbar.« Fritz sah sie erstaunt an. Was wollte diese Dame? Was wußte sie von ihm? Es war ein eigentümliches Gesicht, in das er blickte. Etwas Unausgeglichenes lag darin. Die Augen, groß und glänzend, hätten schön sein können, wären sie ruhiger gewesen. Die Nase ein wenig zu kurz für die starkentwickelte Kinn- und Wangenpartie. Die lebhaft gefärbten aufgeworfenen Lippen über weißen Zähnen, und das rotbraune, buschige Haar machten an den Kopf einer schönen Mulattin denken. Die Figur war kaum mittelgroß, untersetzt, der Busen üppig. Wie in ihrer Erscheinung das Unvermittelte der Mischlingsnatur lag, so schien auch ihr Wesen jäh und unberechenbar. Der Ton ihrer Unterhaltung wechselte zwischen dem Graziösen der Weltdame und der Burschikosität eines berliner Gassenjungen. Dumm war Annie Eschauer sicher nicht. Sie schien geistige Interessen zu haben. Fritz hörte ein Paar recht treffende Urteile von ihr. Aber als er dann näher auf das Thema eingehen wollte, sprang sie ab; ihr Interesse schien flackernd wie die Flamme ihrer unstäten Augen. Ein schwüler Hauch sinnlicher Verführung ging von ihrer üppigen Erscheinung aus. Sich ein dauerndes seelisches Glück oder auch nur gute Kameradschaft mit ihr zu denken, war schwer. Es kamen immer neue Gäste. Während Fritz im Tête-à-tête saß mit Annie Eschauer, traten ins Nebenzimmer, das er von seinem Platze aus übersehen konnte, durch die Eingangsthür drei Damen; zwei ältere und eine ganz junge. Fritz erschrak, als er die Züge der Jungen betrachtete. Diese hohe, gewölbte Stirn, die schmale, rassige Nase, das feine Kinn. Und um den Kindermund genau das spöttisch überlegene Lächeln, das sie neulich im Tramwagen gehabt, als sie seinen forschenden Blick kühl erwidert hatte. Mehr als ein Mal hatte er in der letzten Zeit an diese Begegnung denken müssen. Und nun war es ihm wie eine Vision, als er diese graziöse Figur abermals vor sich erblickte. Frau Annie fand mit fixem Blick schnell heraus, welcher Gegenstand das Interesse ihres Herrn so plötzlich auf sich lenkte. »Kennen Sie die Kleine da, Herr Berting?« fragte sie. Fritz beeilte sich zu verneinen. Nur eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer Dame seiner Bekanntschaft habe ihn an dem Fräulein frappiert, und er möchte wohl wissen, wer sie sei. »Hedwig von Lavan. Theophil schwärmt für sie. Er hat sie in der Tanzstunde kennen gelernt. Sehen Sie, da ist er schon bei ihr!« Fritz war enttäuscht. Was hatte er in das Gesicht des Mädchens alles hineingesehen von interessanten Eigenschaften; und nun entpuppte sich die Bewunderte als die Tanzstundenschwärmerei eines Gymnasiasten. Wie sie jetzt, behütet von den beiden alten Damen, sich mit Theophil unterhielt, kam sie Fritz auf einmal recht unbedeutend vor. Er begriff nicht seine Eselei, ihr neulich Abend nachgelaufen zu sein. Was konnte man von einem Gänschen erwarten, das für Waldemar Heßlow schwärmte und sich von Theophil Alois Hilschius die Cour machen ließ! – »Mein Brüderchen hat gar keinen schlechten Geschmack,« fuhr Annie Eschauer fort. »Fräulein von Lavan ist ein niedlicher Käfer, finden Sie nicht auch? Übrigens ist sie Waise.« »Wer sind denn die beiden Damen, die mit ihr kamen?« »Ihre Adoptivmütter, zwei Schwestern: Fräulein Ida und Amanda Tittchen. Alte Schachteln, die das Mädel angenommen haben an Kindesstatt. Theophil weiß die ganze Geschichte. Eine von den beiden Alten da ist verlobt gewesen mit dem Vater von Fräulein von Lavan. Die Tittchens haben nämlich Geld. Herr von Lavan, ein alter Schwerenöter, starb, ehe er in den sauren Apfel beißen mußte, Amanda heimzuführen. Es ist die mit dem schwarzen Kleide; sie markiert immer noch die trauernde Witwe. Den besten Coup hat bei der ganzen Geschichte die kleine Hedwig gemacht. Ihr Vater hatte nichts als Schulden, während sie sich in die Erbschaft der Schwestern Tittchen wahrscheinlich nur mit einem Mops oder einem andren Lieblingstier zu teilen haben wird.« Fritz hatte über Frau Annies belustigender Kritik die eben erlebte Enttäuschung schon ganz vergessen. Er betrachtete sich die Damen Tittchen genauer. Altmodische Erscheinungen, mit großen, aufgedunsenen, gutmütigen Gesichtern. In ihrer Kleidung verleugneten sie, trotz der prächtigen Sachen, die sie auf sich gehängt hatten, die Spießbürgerabkunft nicht. In dieser Gesellschaft von Künstlern schienen sie sich nicht ganz geheuer zu fühlen; sie hielten sich befangen in der Nähe der Thür und betrachteten die fremden Menschen um sich her neugierig-ängstlich aus großen, runden, erstaunten Vogelaugen. »Ich will Sie den alten Schachteln vorstellen, wenn es Ihnen Spaß macht,« sagte Annie Eschauer. Fritz ward bei dem Vorschlage nicht ganz behaglich zu Mute. Würde ihn Fräulein von Lavan wiedererkennen? – Die Tanten lächelten den jungen Mann verlegen an und machten linkische Knixe, als er sich vor ihnen verbeugte. Fräulein von Lavan hingegen sah Fritz ruhig in die Augen. »Ich glaube, wir haben uns schon aus der Entfernung im Theater gesehen,« sagte sie. Dabei hatte sie wieder jenes spöttische Lächeln, das Fritz so deutlich im Gedächtnis geblieben war. Dieser Gegensatz von Jugend und Kaltblütigkeit in einer Person setzte ihn von neuem in Erstaunen. Er war froh, seine Befangenheit hinter einigen Phrasen über das Theater notdürftig verbergen zu können. Stillschweigend nahm er an, daß die hiesige Bühne ihr über alles gehe. Aber sie übte an den Vorstellungen sowohl wie an dem Publikum eine Kritik, die Fritz äußerst treffend erschien. Sie kannte die Bühnen von Wien und München, und stellte Vergleiche an. Fritz, der sie mit Staunen von Paris und Rom sprechen hörte, als seien diese Städte ihr ganz vertraut, erfuhr, daß sie eigentlich ihr ganzes Leben an der Seite des Vaters auf Reisen verbracht habe. Hedwig von Lavan besaß ein schwaches, aber dabei wohlklingendes Organ. Sie pflegte nur halblaut, wie verschleiert, zu sprechen. Das gab der Unterhaltung mit ihr etwas Diskretes. Fritz war angenehm berührt, endlich auf jemanden gestoßen zu sein, der dialektfrei sprach. Wie ein lange vermißter reiner Laut stach ihre Sprechweise ab von dem verdorbenen Deutsch, mit dem die Autochthonen schon bald ein Jahr lang sein verwöhntes Ohr gequält hatten. Nun sah er auch die grauen Augen, über deren Ausdruck er sich neulich im Unklaren geblieben war. Sie fielen weder durch Tiefe, noch durch Feuer auf; ungewöhnlich ruhig, fest, ja hart war der Blick. Fritz hatte wieder das Gefühl, als komme er mit Stahl in Berührung, diesen kalten, beobachtenden Sternen gegenüber. Unwillkürlich nahm er sich zusammen in dem, was er sagte, viel mehr als er es vordem Frau Eschauer gegenüber gethan hatte. Welch ein Gegensatz zu der üppigen, herausfordernden Annie! Hedwig erschien ihm fast wie ein geschlechtsloses Wesen, mit ihrem kaum angedeuteten Busen, den knabenhaft mageren Gliedmaßen und dem schmalen Schädel unter dünnem Haar, in den sich ihr kapriciöses Gesichtchen fortsetzte. Sie sprachen vom modernen französischen Romane. Mit Fräulein von Lavan traf sich Fritz in seiner Begeisterung für Guy de Maupassant. Sie stellte den unerbittlichen Vivisektor Zola weit über Daudet, den sie langweilig, süßlich und unwahr nannte. Fritz erkundigte sich, ob sie Balzac kenne. Hedwig verneinte, fügte aber hinzu, sie hätte den Namen oft von ihrem Vater gehört, der Balzac den großen Vorläufer Zolas genannt habe. »Balzac hat die feinere Künstlerhand,« meinte Fritz. »Aber Zola ist doch der größere Kerl. Eine einzigartige Kombination von Gelehrtem, Dichter, Techniker, Pionier, Politiker, Nationalökonom, wie sie nur das neunzehnte Jahrhundert hervorbringen konnte. Cyklop und moderner Baumeister in einer Person. Sein Bau mag in Einzelheiten Roheiten und kahle Flächen aufweisen, als Ganzes ist er riesenhaft. Balzac ist der intimere, der romantischere dabei, ein Kenner der Sitten und der Gesellschaftsseele, wie es nicht viele giebt.« Hedwig interessierte sich für Balzac. Da Fritz die Comédie humaine studiert hatte, fast wie ein wissenschaftliches Buch, konnte er ein genaues Bild seiner Eigenart geben. Das Mädchen folgte seinen Worten mit dem Ausdrucke sachlichen Ernstes. »Ich danke Ihnen,« sagte sie, »das ist mir von großem Wert. Ich werde mir auf alle Fälle Balzacs Werke anschaffen.« Fritz meinte: Die Mühe könne er ihr ersparen. Er besitze diesen Autor in einer guten Ausgabe. Wenn es ihr recht sei, wolle er ihr die neun oder zehn Bände, die es seien, übermitteln. »Sagen Sie mir, bitte, Ihre Adresse« erwiderte Hedwig. »Ich werde zu Ihnen schicken nach den Büchern.« Fritz zögerte. Er dachte an Frau Klippels Neugier und an Almas leicht erregte Eifersucht. »Nein, ich bringe die Bände selbst,« rief er. »Wo wohnen Sie?« »Ich wohne im ersten Stock, Herr Berting,« war die Antwort. »Wenn ich nicht irre, kennen Sie das Haus bereits.« Sie sah ihn an, ohne eine Miene zu verziehen. Fritz errötete und stotterte dasselbe, was er vorhin schon Annie gegenüber behauptet hatte, von einer ungewöhnlichen Ähnlichkeit mit einer Dame seiner Bekanntschaft. An dem überlegenen Lächeln, das sofort auf ihrem Gesicht erschien, sah er, daß sie ihm nicht glaube, und daß er die Dummheit nur größer gemacht habe. Jetzt fing ihn die Sicherheit dieses kleinen Dinges doch an zu verdrießen. Er sann nach, ob er ihr nicht irgend eine Bosheit versetzen könne. Nebenan wurde Leben. Die jungen Damen reckten die Hälse und drängten alle nach einer Richtung. Fritz Berting, durch seine Größe begünstigt, blickte über die blonden und braunen Zöpfe hinweg, und erkannte für einen Augenblick ein glattrasiertes Männergesicht. Der Schauspieler Heßlow hier, der schöne Waldemar Heßlow! – Gleich darauf erschien die Verfasserin der »Epheuranken« in der Thüröffnung, und rief hochgeröteten Angesichts in das Zimmer: »Er ist da!« worauf sie wieder in der Richtung entschwand, wo soeben der Mime zu sehen gewesen war. Jetzt hörte man auch eine tiefe Männerstimme, die sich wohlgefällig auf den einzelnen Silben wiegte. »Wissen Sie wer dieser er ist, Fräulein von Lavan?« erkundigte sich Fritz, dabei betrachtete er Hedwigs Miene scharf, was sich wohl darauf malen würde. Das Mädchen lauschte einen Augenblick. »Ach, Herr Waldemar Heßlow!« sagte sie anscheinend unbefangen. »Kennen Sie den großen Mann, Fräulein?« »Natürlich! Er verkehrt bei meinen Tanten.« »Heßlow ist einer unserer bedeutendsten Schauspieler.« »Ganz und gar nicht, Herr Berting! Ich finde ihn als Schauspieler herzlich schwach. Er hat mir schon manche Rolle total verdorben.« Wenn Fritz versucht hatte, sie in Verlegenheit zu versetzen, so war das mißglückt. In diesem Augenblicke trat Annie Eschauer zu ihnen: »Der schöne Waldemar ist da!« verkündete sie. »Da drinnen wird er von seinen Verehrerinnen gefüttert. Das ist ein Anblick, den sie sich nicht entgehen lassen dürfen, Herr Berting!« Fritz verbeugte sich vor Fräulein von Lavan und folgte Annie. Als sie das Eßzimmer betraten, bot sich ihnen ein eigentümlicher Anblick. Am Tische saß Waldemar Heßlow, eine Serviette vorgesteckt, das Haar kühn aus dem großen Gesicht mit der Adlernase nach hinten gestrichen. Hochgerötet; eines Kenners Auge hätte ihm angesehen, daß er eben erst abgeschminkt war. Er kam von der Bühne, wo er eine seiner Renommierrollen, den Grafen Essex, gespielt hatte. Hinter ihm, neben ihm, gegenüber: Damen, die froh waren, ihn bedienen zu dürfen. Er aß und trank mit vollen Backen. »Hier sind mir zu viele Gänse um einen Gänserich!« sagte Frau Annie. »Kommen Sie ins Rauchzimmer, Herr Berting.« Sie fanden da die jungen Männer mit dem langen Haar ganz allein. Sie saßen und schwiegen mit verdrossenen Mienen. »Die armen Kerle!« raunte Frau Annie Fritz zu, »der schöne Waldemar hat sie vom Eßtisch verdrängt.« Dann hielt sie ein Dienstmädchen an und befahl ihr, Bowle und Gläser in dieses Zimmer zu bringen. »Warum so düster, meine Herren? Ich kann die Trauerkerzen-Begräbnis-Stimmung nicht ausstehen. Lassen Sie uns eine rauchen!« Dabei öffnete sie ein Wandschränkchen, holte Cigarren hervor und forderte die jungen Leute auf, sich zu bedienen. Sie selbst zündete sich eine Cigarette an, und auch Fritz mußte eine nehmen. Dann kam die Bowle. Die Tochter des Hauses schenkte selbst aus und setzte sich zu den Langhaarigen, deren Gesichter sich vor den gefüllten Gläsern aufhellten; den Rest von Weltschmerz vertrieb Frau Annie durch ihr Geplauder. Endlich schien Waldemar Heßlow soweit gestärkt zu sein, daß er es unternehmen konnte, den ›Sulla‹ vorzulesen. Die Mutter des Autors ging durch alle Zimmer, um den Gästen dieses Faktum mitzuteilen. Die jungen Leute im Rauchzimmer warfen noch einen wehmutsvollen Blick auf die Cigarren, welche von vorzüglicher Qualität waren. Wie der Sulla ausfallen würde dagegen, schien sehr fraglich. Aber die Frau des Hauses hatte befohlen, und niemand, am wenigsten die jungen Dichter, wollten es mit dieser mütterlichen Freundin verderben. Man begab sich in den Salon zurück, wo inzwischen Stühle gestellt worden waren. Waldemar Heßlow saß an einem kleinen Tischchen, flankiert von zwei silbernen Kandelabern, welche die Feierlichkeit des Anblicks erhöhten. Hinter ihm lehnte der Autor, bereit, die Seiten des Manuskripts umzuwenden, die Arme verschränkt, die Stirn runzelnd, in einer Art Gladiatorenstellung, als sei er bereit, den Kampf mit der Bestie Publikum aufzunehmen. Das Manuskript, das vor Heßlow lag, war bedenklich stark, wie Fritz mit einem schnellen Blicke konstatierte. Erst ließ der Vortragende die Menge sich beruhigen. Dann als kein Stuhl mehr gerückt wurde, kein Flüsterlaut mehr erklang, begann er: »Sulla, Tragödie in fünf Akten, von Theophil Alois Hilschius.« Fritz hatte richtig vermutet: fünf Akte, dazu ein Verzeichnis von einigen zwanzig handelnden Personen. Und um das Maß voll zu machen: Verse! Fritz war wütend auf Weißbleicher, daß er ihn darauf nicht vorbereitet hatte. Waldemar Heßlows Vorlesen war seines Spieles auf den Brettern würdig. Er nutzte sein volles Organ aus, als habe er einen Saal auszufüllen und nicht ein mittelgroßes Zimmer. Er war offenbar ganz in seinem Element. Die jugendliche Phrasenhaftigkeit des Stückes gab ihm Gelegenheit, stolzklingende Tiraden mit dem gehörigen Pathos herauszuschmettern und sich im sentimentalen Tiefsinn langgedehnter Monologe zu ergehen. Stück und Vortrag schienen nichtsdestoweniger der Zuhörerschaft zu gefallen. Nach Schluß des ersten Aktes hörte man Weißbleichers öliges Organ: »Vielversprechend! Die Exposition klar, die Charaktere interessant angelegt, die Entwickelung fesselnd. Sehr vielversprechend!« Frau Hilschius strahlte und sah sich voll Stolz um. Schon wollte sich eine Unterhaltung hervorwagen; aber Waldemar Heßlow deutete durch ein Räuspern an, daß er Aufmerksamkeit für den weiteren Verlauf der Tragödie erbitte. Sulla, obgleich »Thatmensch«, besaß eine merkwürdige Neigung zu weitschweifigen Monologen, und verlängerte dadurch sein Leben und das Stück ungemein. Fritz hatte schon wiederholt verstohlen gegähnt, sich dabei besorgt umsehend, ob etwa jemand das Verbrechen bemerke. Aber die meisten Augen waren nach vorn gerichtet, wo zwischen den silbernen Kandelabern Waldemar Heßlow saß, unentwegt Jamben skandierend, wahrend Theophil Seite um Seite umblätterte. Fritz überlegte, daß er in der Nähe einer Thür sitze, die schwerlich verschlossen sein würde. Er benutzte den Augenblick, wo Sulla den Befehl erteilte, dreitausend Gefangene niederzumetzeln, um, während ein Schauder bleichen Entsetzens über die Zuhörer ging, unbeachtet zu entkommen. Gott sei Dank, er war draußen! Unwillkürlich richteten sich seine Schritte nach dem Rauchzimmer. Aber wie erstaunte er, als er hier in weißlichen Qualm gehüllt die beiden langhaarigen Kollegen antraf. Vor ihnen stand die geöffnete Cigarrenkiste und die Bowle. Beides machte einen ziemlich leeren Eindruck. »Ist Sulla tot?« fragte einer der Dichter teilnahmsvoll. »Nein, er hat noch zwei und einen halben Akt zu leben,« war Fritzens Antwort. »Wir sind schon nach dem ersten Akte gegangen. Leider ist die Bowle alle, und Bier giebt's hier nicht. Da wird's wohl das Beste sein, wir gehen.« »Zu Sulla?« »Gottbewahre! In ein Bierhaus natürlich. Kommen Sie mit?« Die Dichter erhoben sich, nahmen die letzten Cigarren aus der Kiste, steckten sie ein und gingen. Fritz Berting, vor die Wahl gestellt, den Sulla weiter über sich ergehen zu lassen, oder mit den Kollegen einige Nachtstunden zu verbringen, zog die gemeinsame Flucht vor. Am Tage darauf, als er mit Lehmfink im Café zusammentraf, erzählte Fritz dem Freunde von den Erlebnissen im Salon der Frau Hilschius. Im Anschluß daran unterhielten sie sich über das schöngeistige Leben des Platzes, und Fritz äußerte die Ansicht, es sei doch erstaunlich, daß eine so große Stadt in ihren geistigen Interessen so völlig im Rückstand geblieben war. Heinrich Lehmfink hielt sich lange genug am Orte auf, um übersehen zu können, welche Kräfte fördernd, welche hemmend am Werke seien, dem lokalen Geistesleben die Eigenart aufzudrücken. Mittelmäßigkeit, behauptete er, sei hier das charakteristische Gepräge: in der Kunst, der Gesellschaft, der Politik. Und dabei waren doch alle Vorbedingungen vorhanden, die eine große Entwickelung hätten hervorrufen können. Herrliche Mittel: Schönheit der Natur, Reichtum, gute Vorbilder, alte Tradition. Doch bei so viel Gunst der Verhältnisse fehlte eines: die Triebkraft des Bodens. War dieses Erdreich vielleicht übersättigt? War die Kultur im Alter lendenschwach geworden, nicht mehr fähig zur Zeugung? Hatte dieses an sich begabte Volk schon zuviel verausgabt, war es jetzt in das Alter eingetreten der Beschaulichkeit, wo man lieber genießt und das Erworbene vorsichtig ordnet, statt sich noch einmal in den Kampf der Meinungen zu stürzen und alles aufs Spiel zu setzen? Oder lag es daran, daß durch den Gang der Weltereignisse der ganze Staat herabgezogen worden war von seiner ehemaligen Bedeutung auf ein niedriges Niveau? Mußte das nicht verhängnisvoll auf das Selbstgefühl jedes Einzelnen zurückwirken? Denn in dem verkleinerten, beschnittenen Terrain fehlte dem Strebsamen der Raum, sich auszubreiten; von vornherein wurde dem Drang, sich hervorzuthun, ein Dämpfer aufgesetzt, weil dem Läufer nur eine kurze Bahn vorgesteckt war. Die Eigenart konnte sich nicht ausleben. Die vielen, reichbeanlagten Naturen, die dieser intelligente Stamm hervorbrachte, wurden unterbunden in ihrer Entwickelung. Oder sie wurden ganz verdrängt, gingen ins Ausland. Der Fluch der Enge lag auf Stadt und Land. Da die hohen Ziele genommen waren, da der Ausdehnung ins Weite ein Damm vorgelegt war, da die großen Aufgaben des deutschen Lebens, die in Angriff zu nehmen man ehemals sich zum Fluche versäumt hatte, von einer jüngeren, kräftigeren, skrupelloseren Nation gelöst wurden, zog man sich beleidigt auf sich selbst zurück, bearbeitete das kleine Gebiet, das einem gelassen worden war, mit peinlicher Sorgfalt, die zur Pedanterie und zur Zersplitterung edler Kräfte ausarten mußte. Der ehemals freigewachsene Baum, in seinem Wipfel verschnitten, trieb eine buschige, zwerghafte Krone, in der ein Ästchen dem andern Luft und Licht wegnahm. Die äußere Lage des Staates wirkte auch auf die Kultur zurück. Wie in der Politik ließ man die großen Fragen der Zeit in Kunst und Wissenschaft auswärts entscheiden, gewöhnte sich aber daran, über alles spießbürgerlich weise zu raisonnieren und zu moralisieren. Keine großen Ideen beschäftigten die Gemüter; Ideal war: Gemütlichkeit, Bequemlichkeit in Ruhe genießen. Jeden, der sie darin zu stören wagte durch Äußerung neuer Ansichten, blickten sie mißtrauisch, bedenklich von der Seite an und verdächtigten ihn, wenn sie unter sich waren, aufrührerischer Gesinnung halber. Zwar gab es einen Hof, welcher den Brennpunkt bildete für die gute Gesellschaft; früher war von hier, wenigstens für die Kunst, wiederholt segensreiche Befruchtung ausgegangen. Aber jetzt war man da so ganz beschäftigt mit militärischen Dingen, mit konfessionellen Interessen und mit Rangfragen, daß für ein Mäcenatentum großen Stils Zeit nicht übrig blieb. Die Kunst, welche einstmals dieser Stadt einen Kuß aufgedrückt hatte, der ihrem Angesicht unvergängliche Schönheit verlieh, war zu einem äußerlichen Zierat geworden. Bei dem weiteren Aufbau, im Aufstellen von Monumenten, bei Errichtung öffentlicher Gebäude, wurde ein Abderitenstreich nach dem anderen begangen. Selbst auf die Kunst übertrug der Spießbürger sein instinktives Grauen vor Eigenart. Das Kunstwerk sollte »schön« sein. Unter »schön« verstand er das, was ihn amüsierte, seine Neugier befriedigte, seine Sinne kitzelte. Häßlich war das, was stark, neu, ungewöhnlich auftrat, zum Nachdenken zwang und den Menschen in seiner Verdauung störte. Nur für Musik legte man viel Interesse an den Tag; musikalisch zu sein, gehörte sogar zum guten Ton. Diese Kunstbethätigung entsprach am meisten dem verschwommenen, gedankenlosen Phäakentum dieses genußfrohen Völkchens. Hier machte man im Wagnerkultus sogar der Moderne seine Reverenz; freilich erst nachdem sich der verstoßene Sohn dieses Landes auswärts den Freipaß eines berühmten Namens geholt hatte. Denn vor allem, was weither kam, lag man auf der Nase. In der Gesellschaft spielten Fremde die tonangebende Rolle. Kein Wunder, daß sich der Ausländer wohl fühlte unter Menschen, deren verwaschene und schmiegsame Individualität es gelassen duldete, daß der Engländer sich unter ihnen stolz als Engländer, der Russe ungeniert als Russe suhlen und aufführen durfte. Die öffentliche Meinung aber war mit diesen Zuständen durchaus zufrieden. Es ging ja alles gut und glatt, man verdiente Geld, und – worauf man den höchsten Wert legte – die Gemütlichkeit wurde nicht gestört. Die Presse schließlich machte diesen Ton mit; denn wie lange wäre sie »maßgebend« geblieben, wenn sie den Leuten nicht das gesagt hätte, was sie gern hören wollten! –   Heinrich Lehmfink war in seine schwäbische Heimat gereist, um, wie er sagte, Mutter und Schwester, die lange nichts von ihm gesehen hätten, wieder einmal aufzusuchen. Die nächste Folge davon war für Fritz, daß sich im Café der Dichter Karol, alias Siegfried Silber, mit an seinen Tisch setzte. Allerdings pflegte der kleine Mann pro forma , noch immer zu fragen, ob es auch erlaubt sei, und jedesmal dankte er ausdrücklich für die Genehmigung; doch wohl nur, um zu zeigen, daß er die Abweisung, die ihm einstmals widerfahren war, nicht vergessen habe. Die langhaarigen jungen Leute, mit denen Fritz neulich gemeinsam aus der Sullavorlesung geflohen war, um mit ihnen dann noch ein paar Stunden im Bierhause Litteratur zu schwatzen, verkehrten in demselben Café. Dadurch, daß Fritz Berting sich mit ihnen grüßte, erfuhr Siegfried Silber, dessen Blicke so leicht nichts entging, und den keinerlei Verschämtheit hinderte, allem, was ihn interessierte, auf den Grund zu gehen, daß Berting im Hause der Frau Hilschius verkehre. Diese Thatsache schien Silber sehr zu interessieren; wiederholt kam er im Gespräche darauf zurück. Wen man alles dort treffe, wollte er wissen, welche Art Person Frau Hilschius wäre, ob sie sehr reich sei. Nach den fernliegendsten Dingen erkundigte er sich. Schließlich mußte Fritz dem Wißbegierigen sogar den Roman borgen, den Frau Hilschius geschrieben hatte. Berting konnte nicht lange im Zweifel darüber sein, was das zu bedeuten habe. Silber wollte in den Salon der Frau Hilschius eingeführt sein. Fritz lachte über den Ehrgeiz des kleinen Mannes. Er selbst hatte es eigentlich verschworen, dort wieder hinzugehen. Aber da Silber wirklich viel daran zu liegen schien, mit den Kreisen in Verbindung zu kommen, die bei der schöngeistigen Dame verkehrten, versprach Fritz die Einführung am nächsten Mittwoch zu bewerkstelligen. Im letzten Augenblicke wurde ihm allerdings bange, daß Siegfried Silber mit seinem oft recht vernachlässigten Aufzuge ihn dort blamieren könne. Wie seine Manieren in Damengesellschaft sein mochten, wußte man auch nicht. Als Fritz an das scharfe Mundwerk von Annie Eschauer und an die spöttische Miene von Fräulein von Lavan dachte, that ihm sein Versprechen beinahe leid. Aber schließlich erwiesen sich solche Befürchtungen als übertrieben. Silber hatte reine Wäsche angelegt für diese Gelegenheit, und weder Frau Annie noch Hedwig von Lavan waren an diesem Mittwoche da. Frau Hilschius war erfreut, einen »bekannten Autor« mehr in ihrem Salon zu begrüßen; denn als solchen hatte Fritz Berting den Neuling eingeführt. Nur Weißbleicher, der Patron des Hauses, rümpfte die Nase und meinte mit einem mißbilligenden Seitenblicke auf seinen Stammesgenossen: »Solche Elemente« gehörten doch eigentlich nicht hierher. Fritz konnte nicht finden, daß Siegfried Silber seine Rolle schlecht gespielt hätte. Im Gegenteil! Man mußte nur wissen, aus welchen Verhältnissen der Mensch stammte. Hinter dem Ladentisch seines Vaters hatte er sicher keine Gelegenheit gehabt, sich gesellschaftlichen Schliff anzueignen. Dies hier war sein erstes Debut im Salon. Dafür war die Sicherheit seines Auftretens erstaunlich. Schnell hatte er sich über die Anwesenden orientiert. Die Sterne zweiten und dritten Ranges ignorierte er, unterhielt sich nur mit Leuten, die etwas zu bedeuten hatten. Mit dem Sohne des Hauses, Theophil Alois, freundete er sich an. Als Fritz Berting gelegentlich an den beiden vorüberkam, klangen ihm große Worte über die »Zukunft der deutschen Litteratur« in die Ohren, die einen »Heiland»brauche. – Fritz war keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß jeder der beiden Jünglinge sich selbst für diesen Heiland ansehe. Als man aufbrach, hatte Silber die Genugthuung, daß ihn Frau Hilschius aufforderte, doch ja in Zukunft ihre Mittwoche mit seiner Gegenwart zu beehren.   Wenige Tage darauf erhielt Fritz durch Weißbleicher, mit dem er der Korrektur seines Romanes wegen jetzt öfters zusammen kam, eine Einladung von Frau Hilschius, bei ihr im intimen Kreise zu Mittag zu speisen. Nur die Familie würde da sein, der Verleger selbstverständlich, und Professor Wallberg. Fritz hatte diesen Namen schon wiederholt von Weißbleicher mit besonderer Betonung nennen hören, auch andere Leute, besonders die litteraturbeflissenen Damen im Salon der Frau Hilschius hatten den Namen Wallberg mit einer gewissen Ehrfurcht und Scheu in den Mund genommen. Fritz erkundigte sich daher, was es mit diesem Manne so besonderes auf sich habe. Weißbleicher gab zur Antwort: Professor Wallberg sei eine »kritische Koryphäe«, ein Mann, von dem ein paar Zeilen genügten, einen jungen Autor berühmt zu machen. Zwar gehöre der Professor der alten Schule an, aber – und das sagte der kundige Geschäftsmann mit bedeutungsvollem Augenzwinkern – wenn er an einem jungen Autor Gefallen finde, vor allem wenn er bei der Jugend auf das gehörige Maß von Bescheidenheit stoße, lasse er sich auch herbei, einen Vertreter der modernen Richtung zu lancieren. Der Verleger deutete dann noch an, daß zwischen seinem Verlage und dieser Autorität Beziehungen zartester Natur bestünden, die seinen Autoren zu gute kämen. Frau Hilschius empfing Fritz Berting mit großer Zuvorkommenheit, als er ihrer Einladung folgend mittags um zwei Uhr sich zu Tisch einfand. Von Annie Eschauer wurde er mit der Vertraulichkeit einer alten Bekannten begrüßt. Sie sei auf der Durchreise nach Karlsbad, erzählte sie, und da habe sie um dieses Diners willen einen Tag zugegeben. Während Fritz sich mit den beiden Damen unterhielt, saß Theophil Alois in einsamer Größe auf einem Hocker, Bein über Bein geschlagen, die Hand am Kinn, mit gerunzelter Stirn, düster, als wälze er den Plan zu einem neuen Sulla in seinem Haupte. Bis ihn seine Stiefschwester durch die boshafte Frage, ob er das Lateinisch für morgen schon präpariert habe, zu einem mißmutigen: »Unverschämtheit!»veranlaßte. Beleidigt verließ er das Zimmer. Seine Mutter, deren Liebling er war, ging ihm nach, wohl um ihn zu trösten. Annie lachte und meinte: »Familienszene!« – Die Unterhaltung zwischen Annie und Fritz wollte eben intimer werden, als Weißbleicher kam. Er setzte sich zu den beiden. Professor Wallberg schien seine Bedeutung dadurch beweisen zu wollen, daß er warten ließ. Endlich kam der große Mann und entschuldigte die Verspätung damit, daß er den Besuch eines auswärtigen Bühnenleiters – er nannte einen aristokratischen Namen – empfangen habe, der seine Ansicht über ein Theaterstück habe einholen wollen. Er verweilte bei diesem Thema, wie es schien, nicht ungern, da es ihm Gelegenheit gab, noch andere glänzende Persönlichkeiten seiner Bekanntschaft namhaft zu machen. Der Professor war ein großer, ehemals gewiß recht stattlicher Mann, mit weißem Vollbart. Das noch ziemlich volle Haupthaar trug er ohne Scheitel einfach nach hinten gestrichen, wo es ihm in graugelben Strähnen bis tief ins Genick fiel. Die Gesichtsfarbe war gleichmäßig rötlich. Hinter der goldenen Brille lagen ein Paar graue Augen, aus deren Sprache man nicht recht klug werden konnte. Im Knopfloch trug er eine Ordensrosette, die in vielerlei Farben erstrahlte. Man ging zu Tisch. Zunächst führte Professor Wallberg die Unterhaltung so gut wie allein. Er sprach von Litteratur, doch hatte alles, was er sagte, mehr oder weniger Bezug auf seine Persönlichkeit. Er erzählte allerhand Anekdoten, citierte Aussprüche berühmter Leute, die beweisen sollten, daß das literarische Leben der letzten Decennien sich um einen einzigen Mittelpunkt drehe, um ihn. Frau Hilschius hing bewundernd an den Lippen des großen Mannes, Theophil blickte verehrend zu dem grauen Haupt auf, selbst Weißbleicher, der sonst so beredte, schwieg, und dachte vielleicht über die »zarten Beziehungen« nach, die zwischen seinem Verlage und diesem Litteraturpapst bestanden. Einzig Frau Annie machte dem Professor hie und da durch eine Zwischenbemerkung ein wenig Opposition, die Wallberg jedoch abzuschwächen verstand, indem er alles, was Frau Eschauer äußerte, für »allerliebst amüsant« erklärte und durch diesen Freipaß den Pfeilen ihres Witzes von vornherein die Spitze abbrach. An Fritz Berting hatte Professor Wallberg noch kein einziges Mal das Wort gerichtet, er nahm wohl stillschweigend an, auch in ihm einen Bewunderer zu besitzen. Vielleicht um festzustellen, wes Geistes Kind der junge Mensch, der ihm von Frau Hilschius als Dichter und Verfasser eines demnächst erscheinenden Romans vorgestellt worden war, eigentlich sei, begann er von der modernen Jugend und ihren Bestrebungen. Der alte Herr sprach sich nicht gerade freundlich aus über den Naturalismus. Er nannte ihn die roheste Art der Kunstübung, ein Zurücksinken in den Zustand der Wilden, ohne die Urwüchsigkeit der Barbarei, vielmehr mit der perversen Raffiniertheit des fin de siècle verquickt. Decadence und Naturalismus seien Erscheinungen, die sich gegenseitig bedingten. Decadence erzeuge Naturalismus, und das mißratene Kind des Naturalismus wiederum sei die Decadence. »Ach, so etwas Decadence zur Abwechselung ist gar nicht übel« meinte Annie. »Die früheren Dichter sangen mir zuviel vom treuen deutschen Herzen, vom schönen Rhein, von Minne, Tugend und lauter solchen unmöglichen Sachen. Es wurde einem dabei immer zu Mute wie nach Lindenblütenthee. Da lobe ich mir die Jungen, die sind amüsanter. Ich kenne einige Dichter der jüngsten Schule in Berlin, sie gehen bei uns ein und aus im Hause, und ich muß sagen, die Leute sind ganz charmant!« »Ein echt weiblicher Grund, deshalb die ganze Richtung zu loben,« höhnte der Professor. »Aber mir, Gnädigste, gestatten Sie wohl, mich durch das meinetwegen noch so bestechende Äußere der jungen Autoren nicht beeinflussen zu lassen und der Sache etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Es handelt sich beim Naturalismus um mehr als eine bloße Mode; eine Krankheit ist er, eine Seuche, welche die Geister befallen hat. Moralische Verwilderung, krasser Nihilismus! Nichts wird mehr anerkannt, es giebt keine Autoritäten mehr, jede Pietät fehlt, jeder Respekt. Alles alt Bewährte, jede Tradition will diese Richtung vernichten und weiß doch nichts Neues an die Stelle des Alten zu setzen. So handeln Menschen, die das moralische Gleichgewicht verloren haben und darum ihrer Sinne nicht mehr mächtig sind.« – Professor Wallbergs Stirn und Hals hatten sich dunkel gefärbt bis unter das gelbgraue Haar; in fanatischem Hasse blitzten, seine grauen Augen unter den Brillengläsern hervor. »Mir kommt es vor,« fiel hier Fritz Berting ein, der Annie Eschauers Augen längst auf sich gerichtet sah mit der deutlichen Frage: ›wirst du hierauf nichts erwidern?‹ »mir kommt es vor, als handle es sich beim Naturalismus nicht um Erkrankung, sondern um den Anfang eines Gesundungsprozesses. Die neueste Revolution in der Litteratur ist mit Nichten ein Kind der Decadence, sie ist Reaktion, berechtigte Reaktion gegen Unnatur und Impotenz der vorigen Generation. Der Naturalismus ist eine Notwendigkeit geworden und wird hoffentlich eine Erlösung werden. Hätten wir ihn noch nicht, so müßte er erfunden werden. Decadence ist eine Erscheinung des Gesellschaftslebens. In diesem Sinne ist Decadence immer da, eben so gut wie es überall verbrecherische Menschen giebt. Der Künstler wird einen solchen Wandlungsprozeß auf dem Gebiete der Sitten mit Interesse verfolgen, ihn eventuell auch verwerten; im übrigen hat Kunst mit Moral nichts zu thun, und der Vorwurf der Immoralität, der so oft gegen uns erhoben wird, geht glatt am Ziele vorbei.« Professor Wallberg blickte mit maßlosem Staunen auf den jungen Menschen, der es wagte, ihm in solcher Weise zu widersprechen. Weißbleicher hatte, während Fritz sprach, versucht, durch Blicke und Worte ihm verständlich zu machen, er solle seine Zunge in Acht nehmen; erfolglos! Theophil saß mit offenem Munde da. Annie aber, um deretwillen Fritz den hingeworfenen Fehdehandschuh eigentlich nur aufgenommen hatte, nickte ihm lebhaft beistimmend zu. Frau Hilschius war besorgt um das gute Einvernehmen ihrer Gäste. Sie wußte, daß der Professor Widerspruch nicht vertrage. Darum machte sie den Versuch, das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken, begann von bildender Kunst zu sprechen und wiederholte dabei unbewußt einen Artikel, den sie am Morgen in einer bekannten Zeitschrift gelesen hatte. Aber es dauerte nur wenige Minuten, da war man wieder bei der Litteratur angelangt. Der Professor hatte noch eine Anzahl Vorwürfe auf dem Herzen gegen die junge Richtung, die er sich von der Galle reden wollte, umsomehr, als dieser Fritz Berting, dessen Namen er vordem niemals gehört, ja nun das Visier gelüftet und gezeigt hatte, welcher Schule er angehöre. Der Naturalismus sei im Grunde gar keine Kunst, behauptete Professor Wallberg. Er verwische die Grenzen zwischen Handwerk, Wissenschaft und Kunst. Die Empirie werde zum Götzen erhoben und die Schönheit von ihrem Throne gestoßen. Fritz Berting erwiderte: der Naturalismus gehe auf Wahrheit aus und suche darum das Charakteristische auf. »Nein!« rief der alte Mann und blitzte ihn wütend über den Tisch an. »Nein! Die Entschuldigung kennen wir; sie ist faul! Unter dem Deckmantel Wahrheitsliebe wühlt ihr mit Behagen im Kehrichthaufen und sucht alles daraus hervor, was häßlich, schmutzig und ekelhaft ist.« »Es giebt überhaupt keine Erscheinung des Lebens und der Natur,« sagte Fritz darauf, »die nicht für das überzarte, empfindliche Gemüt etwas Erschreckendes oder Abstoßendes enthält, ebenso, wie es nichts giebt, woraus die Lüsternheit nicht, wenn sie will, Kapital schlagen kann. Schön und häßlich sind eben relative Begriffe, und liegen im Auge des Beschauers. Die Kunst aber kann Erscheinungen wie Tod, Geburt, Geschlechtsleben, Krankheit nicht entbehren zur Darstellung, weil sie notwendige Teile des Lebens sind und weil sich die Natur darinnen am unmittelbarsten und stärksten offenbart. Die Moderne ist nur mutiger, sie verwirft das Feigenblatt und sie ist auch ehrlicher; Schminke, Schönheitspflästerchen und falsches Haar gehören nicht zu ihren Requisiten.« In gereiztem Tone unterbrach ihn der Professor. »Und das Ende wird sein, daß die Kunst im Wachsfigurenkabinett anlangt. Es ist nicht nötig, Leichen darzustellen, noch weniger sie zu secieren, das ist nur eine Spekulation auf die Nerven des Publikums. Aber das ist es ja gerade: der Naturalismus will allen anderen Berufen ins Handwerk pfuschen. Einmal führt er sich als Arzt auf, dann wieder geriert er sich als Nationalökonom. Und was ist er im Grunde, wenn man ihn bei Lichte betrachtet? Photograph! Gesteht es doch nur offen ein, daß ihr mit eurer Wirklichkeitstreue, mit dem Geschrei nach Wahrheit, auf eurer Suche nach menschlichen Dokumenten euch die Technik des Photographen zum Muster genommen habt, daß ihr im besten Falle Retoucheure seid, aber niemals frei schaffende Künstler!« »Den Vorwurf, daß wir die Wirklichkeit wieder zu Ehren bringen wollen,« erwiderte Fritz, der im Gegensatz zu dem Professor sich die Ruhe ziemlich gewahrt hatte, »glaube ich, können wir uns gefallen lassen. Nicht das mechanische Reflektieren der Photographenplatte streben wir an, sondern die Objektivität des Auges, und die Treue der Hand im Wiedergeben. Wir haben Ehrfurcht vor der Natur, wir wollen ihr dienen, ohne ihre Sklaven zu sein. Die bengalische Beleuchtung, mit der die vorige Künstlergeneration so viel gearbeitet hat, verachten wir als Mache. Wir beobachten und ergründen, statt wild darauflos zu fabulieren. Die Naturwissenschaft hat uns die Methode realistischen Sehens und der Determinismus das logische Denken wieder gelehrt, die dem Künstler ganz abhanden gekommen waren.« »Naturwissenschaft, Determinismus! Behängt nur mit solchen Flicken eure krasse Nacktheit. Der wahre Name für eure Weltanschauung ist Materialismus, Pessimismus, Nihilismus und für eure Schreibweise: Pornographie. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Mit Ekel, mit sittlichem und ästhetischem Ekel nur kann man eines eurer Bücher in die Hand nehmen. Was soll man von einer Jugend erwarten, die nicht allein der Ideale bar ist, nein, die auch noch alles, was früheren Generationen heilig war, in den Kot hinabzieht!« »O, wir haben Idealismus! Wir haben uns die schwierigere, die undankbarere, die gefährlichere Aufgabe gewählt. Darin liegt unser Idealismus, daß wir den Mut haben, in die Schächte des Lebens hinabzusteigen, dort nach neuen Werten zu graben und in Tiefen zu leuchten, die bisher ängstlich vermieden worden sind. Das erfordert mehr Kühnheit und Entsagung, als die grüne Wiese des Opportunisms abzugrasen. Der Sieg ist auf unserer Seite, weil wir den Bedürfnissen der Zeit Rechnung tragen. Die Zeit ist realistisch und schreit nach Realismus. Ganz große Leute, wie Goethe, sind unsere Helfer.« »Nun rufen Sie auch noch Goethe an, das ist wahrhaftig Blasphemie!« »Ich meine nicht den Geheimrat Goethe, ich meine den jungen Wolfgang, der hätte uns verstanden, der stünde, wenn er jetzt lebte, auf unserer Seite. Und Goethe hat auch im Alter nicht Ach und Weh geschrieen, wenn die Jugend über ihn hinausstürmte. Nur das eingerostete Alter bildet ein Hindernis für die Entwickelung. Da wird geklagt über Mangel an Pietät und die Jugend denunciert als unmoralisch. Man soll uns nur einmal sagen, weshalb wir Respekt haben sollen vor der älteren Dichtergeneration! Was hat sie uns denn für Vorbilder geschenkt? Sollen wir vielleicht den Professorenroman bewundern? Vom geschäftlichen Standpunkt aus mag der ja ganz einträglich sein; denn von harmlosen Seelen werden diese Schmöker, die eigentlich nicht viel mehr sind als Indianergeschichten, ja um Weihnachten herum gern gekauft, aber mit Litteratur......« Hier machte Weißbleicher so deutlich abwinkende Zeichen, während Frau Annie boshaft belustigt kicherte, daß Fritz merken mußte, daß er irgend einen delikaten Punkt berührt habe. Er stockte. An dem Ausdrucke schlecht verhehlten Zornes in den Mienen des Professors sah er, wen er mit seinen letzten Worten, ohne es zu wollen, schwer getroffen habe. Peinliche Stille entstand. Aus der allgemeinen Verlegenheit half diesmal Theophil Alois. »Donnerwetter, es ist ja schon zehn Minuten nach drei Uhr!« rief der Dichter des Sulla, dessen Blick auf die Pendule ihm gegenüber gefallen war. Er sprang auf, warf noch einen wehmutsvollen Blick auf das Halbgefrorene, das eben herumgereicht wurde, und eilte von dannen. Frau Hilschius aber benutzte diese kleine Episode, um endgiltig das klippenreiche Thema der zeitgenössischen Litteratur von der Tagesordnung verschwinden zu machen. Sie stimmte ein Klagelied an über die Einrichtung des Nachmittagsunterrichts und die Überbürdung der Gymnasiasten. Den Kaffee nahm man in dem geräumigen Salon der Hausfrau ein, wo die Sulla-Vorlesung stattgefunden hatte. Frau Hilschius, Weißbleicher und der Professor waren bald in ein eifriges Gespräch über die dichterische Zukunft des Wunderkindes Theophil vertieft. Annie aber zog sich mit Fritz Berting in das kleine Boudoir nebenan zurück, in welchem sie schon neulich gesessen hatten. Für Fritz war es ein eigentümliches Gefühl, einmal wieder nach gutem Diner eine importierte Zigarre zu rauchen und seine Füße auf dem Gewebe eines echten Persers auszustrecken. Annie Eschauer lag bequem im Schaukelstuhle zurückgelehnt und wiegte ihren üppigen Körper langsam in einem gewissen Rhythmus auf und ab. Ihre kleinen, weißen, runden Hände mit den vielen bunten, glitzernden Steinen lagen in unruhigem Spiel bald in ihrem Schoße, bald auf den geschwungenen Lehnen des Stuhles, bald hantierten sie mit einem niedlichen Dolch, der auf einem niedrigen Tischchen neben ihr lag. Sie hatte etwas von einem niedlichen Kätzchen, in ihrer lässigen Ruhe, wie sie Fritz jetzt, ohne das rhythmische Schaukeln zu unterbrechen, mit unbestimmbar schillernden Augen von der Seite ansah, befriedigt lächelte und nach einer Weile behaglicher Betrachtung seiner ganzen Erscheinung sagte: »Wissen Sie, Herr Berting, Sie gefallen mir eigentlich heute noch besser als neulich. Vorhin, wie Sie es dem alten Professor gegeben haben, das war allererster Klasse. Wußten Sie eigentlich, daß der gute Mann einen Roman geschrieben hat, der im alten Phönizien, Assyrien oder so wo spielt, auf den er sehr stolz ist?« »Nein, ich wußte es nicht. Aber aus seinem Gesicht schloß ich dann allerdings, daß ihm die Lorbeeren von Ebers keine Ruhe gelassen haben mochten. Unhöflich zu sein gegen einen Gast Ihrer Frau Mutter, lag mir gänzlich fern.« »Ach, es schadete garnichts! Ich habe mich ja gekugelt! Es war höchste Zeit, daß der alte, eingebildete Bonze es einmal richtig gesagt bekam. Diesem Manne wird sonst niemals widersprochen. Alle haben sie Angst vor ihm; er ist ja hier vereidigter Sachverständiger!« »Ich fürchte, ich werde es auszubaden haben,« erwiderte Fritz, »daß ich eine eigene Ansicht zu besitzen wage. Ich habe es dem Herrn Professor wohl angesehen, er dachte bei sich: Komm du mir nur mal unter die Finger! – Mein armes Buch wird er böse zerpflücken.« »Ihr neues Buch! Ihr Roman! – Weißbleicher hat mir schon den Titel verraten. Vielversprechend! – Ich bin kolossal neugierig! Erzählen Sie mir doch was von dem Inhalt!« »Das kann ich nicht, gnädige Frau!« »Ist es so unpassend?« »So hatte ich's nicht gemeint. Ich habe geradezu eine Scheu davor, von meinen Sachen zu sprechen; es macht mich verlegen.« »Sie sind ein sonderbarer Mensch, eine ganz eigentümliche Mischung von – na, ich will Sie nicht eitel machen! Es wäre mir wirklich interessant, hinter Ihre Geheimnisse zukommen; denn Sie haben welche, das sehe ich Ihnen an, gerade weil Sie so unschuldig thun. – Sagen Sie mal, Herr Berting, was wollen Sie eigentlich in diesem Nest? Sie gehören doch nach Berlin!« Fritz erzählte ihr in Kürze, was ihn von Berlin weggetrieben habe; als äußerer Anlaß, der Mißerfolg seines Stückes, und als tieferer Grund, sein Wunsch nach Einsamkeit. Das berliner Treiben sei ihm völlig unerträglich geworden. »Unsinn!« rief Annie und richtete sich aus ihrer lässigen Haltung auf. »Sagen Sie mir gegen Berlin nichts! Berlin ist der einzige Ort, wo man lebt. Ich würde es in einer anderen Stadt überhaupt nicht aushalten. Hier zum Beispiel komme ich mir vor, wie so ein Fischchen, das im Glasballon der guten Stube steht, immerfort im Kreise herumschwimmen muß und mit Semmel gefüttert wird. In Berlin, da ist man im Strome. Unter Umständen geht's mal ein bißchen bunt zu; aber das ist doch gerade das Aufregende. Was ist denn weiter dabei, mit einem Theaterstücke durchfallen! Versuchen Sie's noch einmal! Vielleicht giebt's zur Abwechslung einen Schlager. Auf der Börse wechselt's auch, heute macht einer Pleite, zum ultimo hat er eine veine und kommt wieder obenauf.« »Ich bin hierher gegangen, mich zu sammeln, Ruhe zu haben für eine große Arbeit.« »Schön! Jetzt ist ihr Roman fertig. Nun kommen Sie nach Berlin zurück! Wenn es überhaupt ein Erfolg sein soll, kann er nur dort creiert werden. Man wird es in Berlin sehr ungewöhnlich finden, daß Sie es ein Jahr lang im Exil ausgehalten haben; wunderweiß welche Erlebnisse werden Ihnen angedichtet werden. Sie werden der interessante Mann, womöglich der clou sein der Saison.« »Gerade dem habe ich entfliehen wollen, diesem schnellen Auf-den-Schild-erhoben-werden. Was nützt mir die Berühmtheit eines Monats, wenn ich mit einer ernsten Arbeit unbemerkt bleibe.« »Man wird Sie nicht in der Versenkung verschwinden lassen, diesmal nicht! Dafür stehe ich Ihnen!« rief Annie Eschauer mit einem Blicke, der es ihm heiß und kalt überlaufen machte. »Kommen Sie nach Berlin! Wozu hat man seine Verbindungen! Bei uns verkehren die ersten Leute der Bühne und der Presse. Es kostet mich ein paar Federstriche, und ich verschaffe Ihnen die Bekanntschaft von wem immer Sie wollen. Schreiben Sie ein Stück, es soll angenommen werden; ich setze Kopf und Kragen daran. Es hat Ihnen bisher offenbar nur jemand gefehlt, der sich Ihrer angenommen hätte. Dichter sind unpraktisch, brauchen Bemutterung. Mit Schüchternheit kommt man in Berlin freilich nicht weit. Und wer nun gar in der Provinz lebt, ist ein toter Mann. Noch soviel Talent mögen Sie entwickeln, gemacht können Sie nur in Berlin werden. Also nächsten Herbst auf Wiedersehen! Ich zähle bestimmt auf Sie.« Fritz gab keine Zusage, er sagte aber auch nicht: nein. Wer längere Zeit berliner Luft geatmet hat, den befällt von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach dem nicht immer gefälligen und gemütlichen, aber jederzeit starken Leben dieser wunderlichen Stadt. Und gerade Annie Eschauer war die richtige Person dazu, Fritz die Stadt, der er grollte, die er im geheimen aber doch liebte, ins Gedächtnis zu rufen. Annie mit ihrer kecken Lebendigkeit, ihrem schnellen Erfassen und Urteilen, ihrem unverfrorenen Witz, war im Guten und Schlechten eine Repräsentantin des Geistes und Tones, der nur im Tiergartenviertel gedeiht. Es war Berlin selbst, das seine Hand nach ihm ausstreckte. Mit diesen sinnlichen Lippen, die gleich schnell zum Kusse wie zu einer schnodderigen Bemerkung bereit waren, mit diesen ebenso begehrlichen wie kühl beobachtenden Augen, die so ungeniert dreinblicken konnten, lockte ›Berlin W‹ den Ungetreuen in seine Arme zurück. Die körperliche Nähe dieser Frau beunruhigte ihn stärker, als er für gut befand, sie merken zu lassen. Ihr üppiger Wuchs war ein Appell an die Sinne, die ganze Person umschwebte eine unbestimmte, schwüle Atmosphäre von Wollust. Sie brauchte nichts zu sagen, nichts zu thun, nur wie jetzt das Auge mit seinem unruhig flackernden Glanze unter den schweren, verschleiernden Lidern auf ihn zu richten, und hundertfältige Versuchung wurde in ihm aufgeregt. »Also, Sie kommen, nicht wahr?« »Nein, gnädige Frau, es geht nicht!« »Warum nicht?« »Ich bin gebunden.« »Gebunden – wodurch? Ein junger Mensch wie Sie, unverheiratet! Wenn Sie noch Familienvater wären – aber so! Oder fesseln Sie etwa zarte Bande, von denen man nichts wissen darf – he?« Ihr Blick hatte für einen Augenblick etwas Lauerndes; aber im Nu lächelte sie auch schon wieder. »Seien Sie offen, sagen Sie mir, was mit Ihnen ist, Herr Berting! Sehen Sie, ich will auch ganz ehrlich sein. Ihre Einladung zum heutigen Mittagessen habe ich veranlaßt. Ich wollte Sie gern noch einmal sprechen, ehe ich nach Karlsbad reise; denn ob wir uns im Laufe dieses Sommers sehen werden, ist fraglich. Ihr Schicksal interessiert mich. Ich glaube, daß es Ihnen nicht gut ergangen ist in der letzten Zeit; man sieht Ihnen das an. Giebt es garnichts, womit man ihnen zu Hilfe kommen könnte? Sie brauchen deshalb noch nicht diese stolze Miene aufsetzen. Es liegt kein Grund vor, beleidigt zu sein.« »Ich danke Ihnen, gnädige Frau!« sagte Fritz, dem die letzte ernüchternde Wendung des Gespräches die volle Beherrschung seiner Gefühle wieder gegeben hatte. »Ich brauche nichts! Meine äußere Lage ist geordnet. Ruhe zur Arbeit ist alles, was ich nötig habe, und die finde ich hier eher als in Berlin.« »Ach, Sie sind langweilig mit Ihrer Ruhe zur Arbeit! – Na, vielleicht ändert sich einmal was in Ihrem Leben. Wenn Sie jemals in die Lage kommen sollten, Hilfe zu brauchen, dann, das bitte ich mir aus, kommen Sie zu mir. Und darauf geben Sie mir mal Ihre Hand! »Wie kann ein Mann nur solch feine, schlanke, zarte Hand haben!« – – Fritz Berting hatte sein Fräulein von Lavan gegebenes Versprechen, ihr den Balzac zu bringen, nicht vergessen. Er packte die kleinen, schon ein wenig vergilbten Bände eines Tages zusammen und machte sich damit auf den Weg. Es lag ihm daran, angenommen zu werden, denn die kurze Unterhaltung neulich hatte ihn begierig gemacht auf mehr. Darum bemühte er sich, das öffnende Mädchen darüber aufzuklären, daß er kein Handlungsreisender sei, oder sonst eine Persönlichkeit, die man so schnell wie möglich los zu werden sucht. Doch war das in diesem Falle gar nicht nötig; das runde Gesicht der drallen Person erstrahlte verständnisvoll, als er seinen Namen nannte. Das Fräulein lasse bitten, hieß es. Um einem leicht möglichen Mißverständnis vorzubeugen, erklärte Fritz noch besonders, daß er nicht zu den Damen Tittchen wolle, sein Besuch gelte lediglich Fräulein von Lavan. Die Vertraulichkeit der Zofe verstärkte sich noch, diskret lächelnd erklärte sie: Fräulein Hedwig habe Auftrag gegeben, Herrn Berting, sobald er komme, zu ihr zu führen. Fritz betrat mit seinem Paket in der Hand ein schmales, einfenstriges Zimmer. Hedwig von Lavan erhob sich von ihrem Platze am Schreibtisch, schritt auf ihn zu, blickte ihm wie einem Bekannten ruhig und frei in die Augen und reichte ihm die Hand. Dann bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie selbst ging an den Schreibtisch zurück und öffnete dort das Paket, das er ihr überreicht hatte. Er betrachtete sie, wie sie da stand und einen der kleinen Bände nach dem andern aufschlug, um die Titel zu lesen. Sie trug heute ein eng anliegendes Kleid von grauem Herrentuch, ohne jeden Ausputz und Schmuck, das in seiner Knappheit die Knabenhaftigkeit ihrer Figur bis zur Sprödigkeit hervortreten ließ. Von dem hohen, dunklen Halskragen hob sich das Profil des blassen Gesichtes und die mattblonden Flechten der lockeren Frisur unendlich fein und duftig ab. Es lag nichts von kindlicher Neugier in der Art, wie sie die Bücher durchblätterte und hie und da eine Zeile überflog, eher der gesetzte Ernst des Forschers; jener Ausdruck der Sachlichkeit, der Fritz schon neulich als etwas Besonderes an ihr aufgefallen war, weil man ihn nicht bei dieser Jugend suchte. Fritz wollte ihr Rat geben, in welcher Reihenfolge sie Balzacs Romane am besten lese, um Verständnis zu gewinnen für das imposante Lebenswerk dieses Schriftstellers. »Wissen Sie, Herr Berting,« meinte Hedwig, »mir kommt es gar nicht auf das Litterarische an bei einem Buche; mich interessiert der Mensch. Welche Stellung die Litteraturgeschichte einem Autor anweist, ob er berühmt ist, ob seine Sachen standard works sind, das hat mich immer ganz kalt gelassen. Mir ist niemals Ehrfurcht vor den Klassikern eingeflößt worden; ich habe nämlich in meinem ganzen Leben keine einzige Litteraturstunde gehabt.« »Sie Beneidenswerte! Niemals haben Sie ein Schillersches Gedicht auswendig lernen müssen?« »Niemals! Mit meiner Schulbildung ist es überhaupt sehr mangelhaft bestellt. Jede höhere Tochter würde mich schlagen in den Elementarfächern.« »Wie haben Sie es denn fertig gebracht, den Argusaugen des Schulinspektors zu entgehen, gnädiges Fräulein?« »In den Ländern, wo ich meine Kindheit verlebt habe, giebt es dergleichen nicht. Das Beste, was ich weiß, habe ich vom Fenster des Eisenbahncoupés aus gelernt. Wenn wir reisten, hatte mein Vater Zeit, sich mit mir abzugeben. Er war ein Anreger, wie ich keinen zweiten gekannt habe, ganz ohne Methode sein Unterricht. Bunt, lustig und interessant wußte er alles zu gestalten, und man lernte spielend bei ihm. Das Übrige habe ich mir aus Zeitungen und Büchern zusammengelesen.« Sie räumte jetzt die Bücher zusammen, die auf ihrer Schreibtischplatte lagen, legte einen Band Balzac besonders, schloß die anderen weg. Dann setzte sie sich Fritz gegenüber. Er war wieder überrascht durch die Geschlossenheit ihres Wesens. Wo hatte das junge Ding, dessen Haut die Farbe trug der unangetasteten Knospe, diese überlegene Ruhe her, dieses trockene Selbstbewußtsein? – Es war so garnichts von Pose an ihr, jedes Wort, jede Handlung schien selbstverständlich und originell. ›Es muß sehr viel gutes, altes Blut in ihren Adern rollen‹, dachte Fritz bei sich. Er fragte sie nach ihren Eltern. Bereitwillig erzählte sie ihm die Geschichte ihres Vaters und damit gleichzeitig die ihre. In knapper, charakteristischer Art gab sie nur das Wichtige, alles Detail der Ausmalung des Hörers überlassend. Herr von Lavan war in den fünfziger Jahren österreichischer Offizier gewesen. Eines Ehrenhandels wegen, der für ihn einen ungünstigen Verlauf nahm, mußte er den Abschied nehmen. Er ging nach Amerika. Drüben nahm er am Bürgerkriege teil, focht auf Seiten der Union, wurde verwundet und in Gefangenschaft geschleppt. Nach Beendigung des Krieges fand er im Buchhandel Unterkunft, verdiente sich ein Vermögen, heiratete eine Deutsche. Ein Zeitungsunternehmen, das er ins Leben gerufen, wurde von den politischen Gegnern zu Grunde gerichtet. Herr von Lavan büßte sein Erworbenes wieder ein. Die Gattin starb wenige Jahre nach Schließung der Ehe. Er ging mit der kleinen Hedwig, seinem einzigen Kinde, nach Europa zurück. Von einem Orte zum anderen reiste das Paar. Herr von Lavan verwertete jetzt seine ungewöhnlichen Erfahrungen und seine große Belesenheit publizistisch. Er war inzwischen Sechziger geworden, und seine Gesundheit begann schwankend zu werden. In Mentone, wohin er sich begeben hatte, um sich von schwerer Niederlage zu erholen, lernte er die Schwestern Tittchen kennen und verlobte sich mit Amanda. Aber nur von kurzer Dauer war der Brautstand. Infolge einer Erkältung erkrankte Herr von Lavan zu Tode. Auf dem Sterbebette übergab er seine Tochter der Fürsorge ihrer jetzigen Pflegemütter. Das einzige, was er dem Kinde hatte hinterlassen können, war ein Manuskript, seine Memoiren enthaltend. Fritz Berting erkundigte sich, ob diese Memoiren in früherer oder späterer Zeit veröffentlicht werden sollten. Vielleicht würde Fräulein von Lavan selbst die Herausgabe übernehmen, meinte er. Hedwig erklärte, diese Absicht liege ihr ganz fern; die Aufzeichnungen ihres Vaters seien intimster Natur. »Handelt es sich darin um Politik?« erkundigte sich Fritz. »O nein, um Politik ganz und gar nicht! Es sind Bekenntnisse. Tante Amanda war schon außer sich, als sie nur ein paar Seiten davon gelesen hatte.« Bei diesem Worte sah Fritz heute zum ersten Male das spöttische Lächeln auf ihren Lippen erscheinen, das er schon kannte. »Und dabei versteht Tante Amanda nicht einmal französisch! Mein Vater hatte die Gewohnheit, vieles französisch zu formulieren. Deutsch, sagte er, sei für gewisse Gedanken zu grob. – Manches ist auch in Briefform geschrieben, an eine Freundin gerichtet. Daß diese Freundin nur eine fingierte Person sei, wollte Tante Amanda nicht glauben. Wenn ich nicht gerade dazu gekommen wäre, als sie das Paket in den Herd steckte, wäre alles zu Asche verbrannt. Sehen Sie, hier habe ich noch ein Andenken davon! Es ist jetzt ein halbes Jahr her.« – Sie streifte den Ärmel an ihrem dünnen Ärmchen ein wenig empor und zeigte ihm einen rötlichen Streifen, der über das weiße Fleisch vom Handgelenk aufwärts lief. »Dadurch sind die Blätter nun doppelt mein geworden,« fuhr sie fort. »Ich würde sie niemandem lassen, niemandem! Wenn ich sie veröffentlichen wollte, könnte jedermann sie lesen. Und ich glaube, die anderen Menschen würden auch nicht viel gescheiter urteilen, als Tante Amanda. Ich bin froh, daß ich das ganz und gar für mich habe.« Sie sagte das mit verächtlichem Stolz. Fritz bemerkte ein schwaches Erröten in ihrem Gesicht, wie ein leichter Hauch über einen Spiegel geht und im Nu wieder verschwindet. Dann schlug sie eine ganz neue Tonart an. »Sie müssen meine Tanten sehen, Herr Berting! Es sind liebe, alte Dinger! Ich habe beide recht gern. Außerdem würden die Guten sehr gekränkt sein, wenn sie erführen, daß ich Besuch gehabt, den ich ihnen unterschlagen hätte. Beide sind sehr verlegen, aber auch sehr neugierig.« Sie öffnete die Thür zum Nebenzimmer. Man betrat einen größeren Raum, in welchem, da die Rollläden herabgelassen waren, Halbdunkel herrschte. Die Möbel standen unter Kappen von hellem Stoff. Sie durchschritten die kalte Pracht des Salons und kamen jenseits in ein kleineres, bewohntes Zimmer. Hier saß die ältere der beiden Schwestern: Ida. Sie war mit Näherei beschäftigt, hatte die Brille auf der Nase und fuhr erschreckt zusammen, als Hedwig plötzlich mit einem fremden Herrn eintrat. Fritz sagte, daß er schon die Ehre gehabt habe, und Hedwig erklärte, wer Herr Berting sei. Aber Tante Ida packte in größter Verwirrung ihr Nähzeug zusammen, flüsterte dem jungen Mädchen etwas ins Ohr, wackelte zur Thür und verschwand. Hedwig erklärte lachend: »Sie will Amanda fragen, was nun zu geschehen hat. Tante Amanda ist nämlich unser Orakel. Sie ist um ganze drei Jahr jünger als Ida, und darum in Idas Augen ein halbes Kind. Amanda darf das nicht machen und jenes nicht anziehen, weil es sich für ihre Jugend nicht schickt. Ida hält ihre Schwester für eine Schönheit. Abends darf das verführerische Wesen nicht allein auf die Straße gehen. Amanda ist leidend. Ida und der Hausarzt haben ihr das eingeredet. Der größte Teil des Tages geht in Beratungen hin, was Amanda essen und trinken darf, ob man ausgehen soll oder ausfahren, welches Mittel heute eingenommen werden muß. Das ist das Leben, das wir hier führen.« »Und wie fahren Sie dabei?« »Ich – ganz gut! Die Tanten sind so sehr mit sich beschäftigt, daß ich ziemlich machen kann, was ich will. Manchmal wollen sie mir verbieten, dieses oder jenes Buch zu lesen; aber ich verschaffe es mir einfach. Auch über die Toilette machen sie mir Vorschriften, die ich nur beachte, wenn sie mir passen. Es läßt sich schon mit ihnen auskommen. Vor den ›feinen Manieren‹ haben sie einen Riesenrespekt. Ihre Jugend müssen sie in ganz beschränkten Verhältnissen zugebracht haben; erst als beide alt waren, ist ihnen durch den Tod von entfernten Verwandten eine Menge Geld zugefallen. Das hat sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Nun möchten sie von dem Mammon doch auch Spaß haben; wissen aber nicht recht, wie das anfangen. Haben Sie den Salon nebenan bemerkt? Alles fix und fertig zu Gesellschaften. Aber die Tanten kennen fast niemanden. Mir ist das sehr lieb. Auf diese Weise werde ich nicht gestört. Ich will nur solche Menschen sehen, die mir gefallen.« Fritz hätte sie gern gefragt, welche Auserlesenen ihr denn gefielen: Waldemar Heßlow vielleicht? Ob er selbst sich dazu rechnen dürfe? Aber jetzt kamen die Tanten. Neulich im Salon der Frau Hilschius hatte Fritz in Ida und Amanda Tittchen nichts gesehen, als zwei alte Jungfern, die sich aufs Haar glichen, heute, durch die mokanten Bemerkungen Hedwigs aufmerksam gemacht, sah er den Unterschied zwischen den Schwestern genauer. Ida war das Aschenbrödel. Amanda putzte sich; man sah's ihr an, daß sie sich schonte, sich nichts abgehen ließ an gutem Essen und Ruhe. Ein Spitzenhäubchen mit buntem Bande gab ihrem geröteten Gesicht sogar den Anflug einer gewissen Koketterie. ›Amanda ist vor dreißig Jahren wahrscheinlich garnicht so übel gewesen‹, dachte Fritz bei sich. Sie starrten ihn beide mit großen, runden Vogelaugen neugierig an. Ein Mann, der Bücher schrieb, war für sie ein Wundertier. Sie verstünden beide sehr wenig von Kunst, erklärte Ida; aber nun hätten sie durch Frau Hilschius eine Menge berühmter Leute kennen gelernt. Fritz hütete sich wohl, die rührenden alten Dinger über die Bedeutung von Dichtern, wie Theophil Hilschius oder die Verfasserin der ›Epheuranken‹ aufzuklären. Auch als Amanda von Waldemar Heßlow als einem der ersten Heldendarsteller der Gegenwart sprach, zuckte er nicht mit der Wimper. Sie waren begeisterte Theaterfreunde. Gleich beim Eintreten hatte Fritz die Photographieen verschiedener lokaler Bühnengrößen in den Kostümen ihrer Paraderollen auf dem Vertiko stehen sehen. Der schöne Waldemar war mehrfach vertreten. Mit Stolz erzählte Ida, daß Herr Heßlow ihnen schon zweimal die Ehre gegeben, bei ihnen zu Mittag zu speisen; und Amanda korrigierte die Schwester dahin, daß es schon dreimal gewesen sei. Hedwig, auf die Fritz blickte, begierig zu sehen, wie sie sich dazu stelle, saß mit dem unschuldigsten Kindergesicht dabei, als sei sie nicht im stande, ein Wässerchen zu trüben. War sie nicht wie ein Wesen aus anderer Welt in dieser spießbürgerlichen Umgebung? Merkwürdig launisch hatte das Schicksal gewaltet, als wolle es einen kapriziösen Streich machen, da es dieses fremde Vögelchen in das Nest der alten Jungfern legte. Als Fritz sich zum Gehen anschickte, tuschelten die beiden Schwestern eifrig zusammen. Er ahnte, daß es sich um eine Einladung handelte. Keine von beiden wollte sprechen, eine schob es der anderen zu. Endlich faßte sich Ida, als die ältere, ein Herz, trat verlegen errötend vor Fritz hin und bat ihn, am nächsten Sonntag Mittag einen Löffel Suppe bei ihnen einnehmen zu wollen. Seit einigen Tagen gastierte eine Truppe aus Süddeutschland an dem zweiten Theater der Stadt. Fritz Berting hatte wohl die Berichte der Zeitungen gelesen, die voll des Lobes waren über die Leistungen der Gäste, doch fühlte er wenig Lust, sie mit eigenen Augen zu sehen. Das Repertoire mit seinen derben Volksstücken im Bauerndialekt war nicht nach seinem Geschmack. Aber eines Morgens schrieb ihm Lehmfink, der inzwischen von seiner Reise zurückgekehrt war, ein paar Zeilen: er habe eine Parkettloge genommen, Fritz und Alma müßten unbedingt abends seine Gäste sein für die Vorstellung. Er kenne die Truppe, es werde frisch und charakteristisch gespielt; das harmlos lustige Stück aber werde ganz etwas für Fräulein Lux sein. Eine so freundliche Einladung war nicht abzulehnen. Er sagte Alma, sie möge ihre Toilette für den Abend in Stand setzen. Das Stück, das man sah, war ein ländlicher Schwank, mit eingelegten Chören und Couplets. Das beste daran blieb die Keckheit, mit der Typen aus dem Volksleben in wenigen drastischen al fresco -Strichen festgelegt waren. Alma und Fritz saßen auf den Vorderplätzen der Parkettloge, während Lehmfink hinter ihnen Platz nahm. Alma hatte sich allerliebst herauszuputzen verstanden. Fritz staunte selbst; was solch ein Mädchen doch, wenn es darauf ankam, aus sich zu machen wußte! – Mehr als ein Operngucker ward auf sie gerichtet. Heinrich Lehmfink hatte mit der Wahl dieses Stückes gerade das Richtige für Almas Geschmack getroffen. Die Moral der Dichtung war handgreiflich. Das Böse, das anfangs zu triumphieren schien, bekam später die gerechten Rutenstreiche zu kosten. Alma äußerte ungeniert die Empfindungen, welche die drastischen Vorgänge auf der Bühne in ihr auslösten. Jede komische Szene entfesselte ihr herzliches Lachen, jede ernstere Stelle machte sie traurig, ja, rührte sie zu Thränen. Wiederholt drückte sie Fritzens Hand, um ihm zu verstehen zu geben, wie tief ergriffen sie sich fühle, um sich gleich darauf, wenn es etwas Lustiges gab, zu Lehmfink zu wenden und ihm den lachenden Mund und ein strahlendes Augenpaar zu zeigen. In den Pausen saß sie dann ganz verträumt da, wie ein Kind, das sich aus den Wundern eines eben angehörten Märchens nicht wieder in die Nüchternheit des Alltags zurückfinden kann. Als die große Pause kam, ging Fritz zum Büffett, ein Glas Bier zu trinken, während Lehmfink bei Alma in der Loge blieb. Fritz stand da, sein Glas in der Hand, und blickte gelangweilt auf die nichtssagenden Gesichter des vorüberwandelnden Publikums, als sich ein kleiner Herr mit dunklen Augen und spitzem Bart von dem Zuge trennte und auf ihn zu kam. »Sie hier, Silber! Ich habe Sie doch gar nicht bemerkt.« »Aber ich Sie! Freilich sitze ich nicht so vornehm. Ich habe meinen Rezensentenplatz im Parkett.« »Wie gefällt Ihnen das Stück?« »Etwas völlig Unlitterarisches ist zur Abwechselung auch nicht übel. Übrigens will ich nur gestehen: ich habe schlecht aufgepaßt; das macht die Nähe Ihrer Loge.« Fritz begriff nicht sofort, was er meine, und sah ihn befremdet an: »Unserer Loge?« – »Lieber Berting!« sagte Siegfried Silber vertraulich und verzog den Mund zu einem faunischen Lächeln, »Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen. Sie sind ein glücklicher Schatzgräber! Das ist eine Barre echten Goldes, die Sie da gehoben haben. Ein unverfälschtes Stück Natur! Ursprünglichste, lieblichste Natur. Diese Frische, diese köstliche, naive Unmittelbarkeit! – Nur allein solches Lachen zu hören, dieses goldige Lachen, ist wie ein Jungbrunnen für die Seele. Noch einmal, meinen aufrichtigsten Glückwunsch.« Fritz war verlegen, er wußte im Augenblick wirklich nicht, wie er sich verhalten sollte. Er schwankte zwischen einem Gefühl starken Unbehagens über Silbers Zudringlichkeit und der Belustigung über die Ekstase des kleinen Mannes. Und schließlich schmeichelte die Bewunderung für Alma doch auch seinem Besitzerstolz. »Ich ahnte es ja längst!« fuhr Silber fort, während sie im Foyer auf und ab schritten, »es ist etwas Wunderbares mit diesen Dingen; der Instinkt sagt es einem, ob ein Mann ein Liebling ist der Frauen. Für das Auge des Kenners webt Frauenliebe eine Gloriole um das Haupt dessen, den sie erwählt. Ich fand diesen Widerschein eines heimlichen Glückes sofort heraus an Ihnen, als wir uns kennen lernten. Und heute sehe ich, daß ich mich nicht getäuscht habe. Sie legen mir doch meine Worte nicht als Unbescheidenheit aus, lieber Berting? – Ich bin meiner innersten Natur nach selbst ein Verehrer des Weibes, sodaß mir beim Anblick eines solchen Glückes das Herz aufgeht und meine Zunge gelöst wird. Sie sind nicht ungehalten, nicht wahr?« Die Klingel ertönte, die Besucher auf ihre Plätze zurückrufend. Man trennte sich eilig. Fritz lachte in sich hinein. Der Mensch hatte etwas zu Putziges, wie er mit Mund und Augen, dem ganzen beweglichen Gesicht und den zappeligen Gliedmaßen zugleich sprach. Hätte man ihn zurechtweisen sollen, ihm sagen, daß er taktlos sei und aufdringlich? – – Es ging Fritz eigentümlich mit Silber; in Gedanken ärgerte er sich oft über den Menschen und dachte daran, diese Klette bei günstiger Gelegenheit abzuschütteln. Aber dann, wenn der Augenblick da war, wirkte seine fremdartig groteske Persönlichkeit doch wieder hypnotisierend auf ihn. Die temperamentvolle Art, wie dieser Mensch sich durchzusetzen wußte, hatte suggestive Kraft. Mit manchem Abstoßenden in seinem Wesen mußte die Tragik seiner Herkunft versöhnen, sein hartes, vielumhergetriebenes Leben. Das Bedürfnis, sich selbst darzustellen, die eitle Theatralik seines Wesens, entsprangen der nämlichen Quelle, wie seine gelegentliche Unterwürfigkeit und Schmeichelsucht. Die geheime Furcht kam darin zum Ausdruck, nicht für voll angesehen zu werden. Seine Arroganz war nur eine Schutzwaffe dessen, der bittere Zurücksetzung erfahren hatte. Ein Blick in diese unglückliche, abgehärmte, unstäte, den ewigen Zwiespalt wiederspiegelnde Physiognomie entwaffnete den Spott. Sollte man einen, der so schwer an dem Fluche seines Blutes trug, auch noch mit einem Fußtritt von sich schicken? – Jedenfalls war Fritz Berting froh, daß Heinrich Lehmfink seine Unterhaltung mit Silber nicht angehört hatte. Nach dem Theater gingen sie in eine Weinstube. Lehmfink war auch hier der Wirt. Man saß in einer gemütlichen Ecke ganz für sich. Erst kamen grüne Gläser, später sogar Champagnerkelche. Fritz und Alma frischten die Bekanntschaft auf mit Leckerbissen, die sie seit Berlin nicht mehr auf ihrem Teller gesehen hatten. Berting kannte seinen Freund Lehmfink gar nicht wieder; so leichtherzig und guter Dinge hatte er ihn kaum je gesehen. Alma, die im Theater so recht nach Herzenslust hatte lachen und weinen können, trug in Auge und Angesicht den Abglanz seelischer Rührung, und in ihrer Stimme zitterte Ergriffenheit; wie die Wellen noch lange wogen, wenn das aufwühlende Wetter schon längst abgezogen ist. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit erzählte Heinrich Lehmfink heute allerhand von sich und seinen Erlebnissen. Fritz Berting kannte das Leben seines Freundes nur den äußeren Umrissen nach; daß es reicher sei an Enttäuschung und Entsagung als an Erfolgen, wußte er. Darum vermied er alles Forschen und Fragen, weil man fürchten mußte, mit noch so schonend abfühlender Hand geheime Wunden zu treffen. Almas Gegenwart schien Heinrich Lehmfink die Zunge zu lösen. Die beiden hatten ja vom ersten Tage ab herzliches Gefallen an einander gefunden. Daß er keinen Grund zu Eifersucht hatte, wußte Fritz genau. Mit Lehmfink hätte er seine Geliebte unbesorgt eine Reise um die Welt unternehmen lassen. Sein Freund hegte, soviel Fritz wußte, nur eine ernsthafte Schwärmerei im Herzen, die für seine Schwester. Von Toni sprach er mit Weihe und innerer Beglückung, wie von einer Braut. Er pflegte sie als sein »kleines Schwesterchen« zu bezeichnen, obgleich sie um ein Jahr älter war, als er. Auch heute spielte in Lehmfinks Erzählungen Toni eine ganz besondere Rolle. Er brachte ein altes Ledertäschchen heraus, das Fritz als unzertrennbar von seinem Freunde schon längst kannte, ohne bisher seinen Inhalt je erblickt zu haben; darin befand sich eine Photographie der Schwester. Heinrich Lehmfinks groteskes Pudelgesicht erstrahlte in ehrlichem Stolz, als er einen liebevollen Blick auf das Bildchen warf und es dann an Fritz und Alma weiter reichte. Es war ein durchaus nicht schönes, aber freies und frisches Frauenangesicht, welches die Photographie wiedergab. Dieselbe hohe, gewölbte Stirn, wie der Bruder, eine gerade, kräftig ansetzende, in eine feine Spitze auslaufende Nase, blanke, klugblickende Augen, ein festes, energisches Kinn und ein Mund, den man geneigt gewesen wäre, herb zu nennen, wenn die ein wenig nach oben gezogenen Winkel ihm nicht einen erleichternden Zug von guter Laune gegeben hätten. Fritz Berting fühlte sich durch das Konterfei von Toni Lehmfink an deutsche Frauengesichter auf mittelalterlichen Holzschnitten erinnert. Alma konnte sich gar nicht von dem Bilde trennen. Sie verfiel in tiefe Nachdenklichkeit vor diesem Gesicht. »Muß die gut sein!« wiederholte sie halblaut vor sich hin in beinahe ehrfurchtsvoller Scheu. »Ein aufgeräumter Kopf und ein reines Herz, das ist meine kleine Schwester!« sagte Heinrich Lehmfink, als er das Bild mit liebevoller Sorgfalt wieder in die Tasche seines Rockes versenkte. Man kam dann auf ein anderes Thema. Die Zeit, welche Fritz Berting und Heinrich Lehmfink gemeinsam in Berlin verbracht hatten, war eine unerschöpfliche Fundgrube der Erinnerungen für beide. »Sie haben wieder einmal ein neues dramatisches Genie entdeckt in Berlin,« sagte Lehmfink. »Gestern abend war Premiere, die heutigen Blätter sind voll davon.« Fritz wußte noch gar nichts von dem großen Ereignis. Er bestellte beim Kellner die letzten Berliner Blätter und überflog die Theaterberichte. » Habemus papam !« rief Lehmfink, »wenn von dem, was die Herren in ihrer blühenden Phantasie behaupten, auch nur der fünfte Teil wahr ist.« »Ich kenne den Autor!« sagte Fritz. »Er war einer von den vielen, die am Markte standen und sich anboten. Jetzt sitzt er nun glücklich auch an der Tafel der Anerkannten. ›Von dem gestrigen Premierenabend datiert eine neue Epoche der deutschen Litteratur .....‹ Hast du's gelesen, Lehmfink? Und wenn man die Anfänge dieses Jünglings mit erlebt hat! – Er lud alle Vierteljahr uns Freunde ein, sein Neuestes anzuhören. Kein Mensch ging schließlich mehr in die Vorlesungen; denn seine Stücke waren Nieten, Nieten, Nieten. – Dann hat er, wie ich höre, eine Zeit lang Romane und Novellen nach der Elle für Familienblätter geschrieben. Und nun ist er ›der deutsche Ibsen‹, ja andere bemühen gar Molière und Shakespeare zum Vergleich.« »Ist es möglich, daß du dich darüber erregst, lieber Berting? Solches Lob ist für den Kenner doch schlimmer als der ärgste Tadel.« »Er besitzt seine Witterung für das Aktuelle, schmeichelt dem Bildungsphilister gleichzeitig und dem Pseudofreigeist. Und nun geht das Stück über sämtliche Bühnen Deutschlands, Hunderttausende werden es sehen. Über Nacht hat dieser Mensch mit einem geschickten Coup gewonnen, was der geheime Traum ist der Besten: Auge in Auge zu stehen dem ganzen Volke gegenüber, überhaupt zu Worte kommen, weithin gehört werden! Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, erregt mir die Galle.« »Ich möchte dir raten, Berting, folgendes zu bedenken: Wie sieht sich die Sache heut abend an, und wie wird sie in zehn Jahren aussehen; oder nimm, um die richtige Perspektive zu gewinnen, einen Zeitraum meinetwegen von hundert Jahren. Wieviele solcher Premierenabende, von denen eilfertige Zeitungsschreiber eine ›neue Epoche der Litteratur‹ datieren, werden dann ins Nichts verronnen sein! – Weißt du, wer mir Trösterin ist all den Ungerechtigkeiten gegenüber, von denen die Welt wimmelt? Die unbestechliche Richterin Zeit! Laß die Kunst sich breit machen, die dem Tagesgeschmack imponiert, laß sie Berge produzieren von seichter aufgeblasener gefälschter Ware! Ein paar Jahre, Jahrzehnte vielleicht, mag sich's halten; dann, kraft Naturgesetzes, muß das hohle Scheinwerk hinab von seiner usurpierten Höhe. Es muß, sage ich, wird wie von unsichtbaren Händen zum Grunde gestoßen. Sieh dir doch die Literaturgeschichte an; aus der Ferne gesehen gleicht sie einem mächtigen Gebirgsstock, mit einzelnen einsam ragenden Höhen. Einmal ist alles ein Hochplateau gewesen, dessen Niveau das der jetzigen höchsten Spitzen war. Das, was das Gerippe des Gebirges einst umgab und verhüllte, ist weggeschwemmt – wohin? Als Dünger in die Thäler, oder auch als unfruchtbarer Sand ins Meer. Der leichte Boden und das lockere Geröll wurden unrettbar zur Tiefe gerissen, während der echte Fels aus dem Urgrund der Dinge heraus höher zu wachsen scheint und die Jahrtausende überdauert.« »Der Gedanke ist schön, Lehmfink, und wenn du uns deine ›Literaturgeschichte der Verkannten‹ schreibst, wird er ihr sicherlich zu Grunde liegen. – Aber meinem Temperamente genügt dein Trost nicht. Wenn ein solches Gesetz existiert, welches das Echte unfehlbar an den Tag bringt, was nützt das deinen ›Verkannten?‹ – Sie sind tot und merken in ihren Gräbern nichts von der verspäteten Anerkennung. Der Künstler will bei Lebzeiten geliebt sein. Ich will hören und lesen, wie meine Werke einschlagen; ich will den Resonanzboden haben der öffentlichen Meinung, der mir meine Gedanken mit verdoppelter Wucht zurückgiebt. Ich will den großen Genuß auskosten, meine Individualität, das, was ich bin und kann, mir bestätigen zu lassen durch Hunderttausende.« »Ein begreiflicher Ehrgeiz, Berting! Aber ich weiß doch noch Höheres. Anerkennung, wie sehr sie auch als Sporn wirken mag, bleibt etwas von außen dir Angetragenes, das deine innere Beschaffenheit nicht um einen Deut ändern kann. Ausschlag für das Maß einer Künstler-Individualität, wie schließlich für jeden Schaffenden überhaupt, giebt die Liebe zur Sache, die stille, starke, unbeirrbare Liebe des Menschen für sein Werk, die sich um Erfolg und Triumph nicht kümmert, die wie alle guten Eigenschaften im Verborgenen, ohne Lärm, pflanzenhaft unbewußt am Werke sein muß, um Früchte zu zeitigen. Ich sah neulich, als ich mit meinem Schwesterchen einen Ausflug machte, auf einer Lichtung im Walde einen gefällten Eichbaum liegen. Wir betrachteten uns die Schnittfläche, um zu taxieren, wie alt der Riese etwa gewesen sein könne. Da ergriff mich wirkliche Bewunderung für die treue, fromme Arbeit, die der Baum im Laufe der Jahrhunderte geleistet. In aller Stille, so recht vom innersten Wesenskern heraus, hatte er Jahr um Jahr einen Ring angesetzt. Jetzt erst, da er geschlagen dalag, offenbarte er sein Geheimnis, wie er hatte so groß und stolz und alles überragend werden können. So sollte der Mensch sich selbst aufbauen! – Ich verkenne nicht die Ausnahmestellung des Talentes. Jede Eigenart, jede hohe Begabung ist ein geheimnisvolles Wunder der Natur; aber selbst das Talent braucht ernste, nüchterne Arbeit, wenn aus der bloßen keimhaften Anlage hartes, nutzbares Eichenholz werden soll. Ich glaube nicht an dieses plötzliche Über-Nacht-vom-Himmel-fallen eines Genies. Wer etwas kann, der hat sicherlich den Weg mühseliger innerer Entwickelung hinter sich. Langsames Wachsen bleibt Eichenart. Dieses jähe, staudenartige Emporschießen der Talente und Talentchen, wie es jetzt Mode wird, ist Treibhauskultur. Ruhmsucht treibt die Leute vorwärts zu geilem Wachstum ohne Mark. Unser liebes, urteilsloses Publikum aber und die reklamefreundliche Presse ist sofort bereit, eine solche Pflanze mit den Papierblumen und Pappsternen des Tageserfolges zu behängen. Wie viele haben sie auf diese Weise schon verdorben, die nicht stolz genug waren, ohne die Anerkennung des großen Haufens leben zu können. Glaube mir, Berting, im stillen wachsen, unbekümmert um Liebe und Haß, das ist die Rettung des Künstlers vor dem Moloch Eitelkeit. Man braucht nicht zu sorgen, daß man in der Verborgenheit verkomme, oder daß man ohne Nutzen gelebt habe, weil man nicht alle Tage in den Blättern steht. Wie im Haushalte der Natur nichts ungenutzt unter den Tisch fällt, so geht im Geistigen keine Kraft, keine Leistung jemals verloren. Das Echte setzt sich durch, wenn auch vielleicht spät. Auf Zeiträume kommt es dabei gar nicht an; denn das Echte ist ewig.« Fritz schwieg, nicht überzeugt zwar, aber doch getroffen durch manches Wort des Freundes, das an die Tiefen der Dinge gerührt hatte. »Aber wir sind wirklich sehr unhöflich!« sagte Lehmfink mit einem Blick auf Alma. »Nicht eine Viertelstunde können wir zwei zusammen sein, und mitten drin sind wir in der Litteratur!« Er schenkte die Gläser von neuem voll und trank Alma zu.   Es wurde spät, ehe sie sich in dieser Nacht trennten. Durch ein paar Straßen begleitete Lehmfink die Freunde. Dann kehrte er um, seine in entgegengesetzter Richtung gelegene Wohnung aufzusuchen. Alma hatte sich bei Fritz eingehängt, sich eng an ihn schmiegend; um diese Tageszeit war man vor indiskreten Blicken ja sicher. Die menschenleeren Gassen hallten keinen anderen Ton wieder als ihre Tritte. Das Mädchen war aufgeräumt und gesprächig. Sie erzählte von dem Theaterstücke, das man gesehen hatte, wie ein Kind voll Wichtigkeit aufzählt, was ihm besonders gefallen hat. Dann wieder pries sie Doktor Lehmfinks Gastfreundschaft mit begeisterten Worten. Fritz ließ sie gewähren; er war müde und gähnte wiederholt. Einen Teil von Almas Überschwänglichkeit setzte er auf Kosten des Weines, an den sie nicht gewöhnt war. ›Morgen wird es wohl einen kleinen Kater geben!‹ dachte Fritz bei sich. Nicht weit von ihrem Hause, in einer Gegend, wo der Vorstadtcharakter sich durch schlechte Beleuchtung und schmalen Bürgersteig bemerkbar machte, begegnete ihnen, als sie um die Ecke bogen, ein langaufgeschossener Bursche, der wie aus der Erde emporgewachsen urplötzlich vor ihnen stand. Alma stieß einen Schrei aus: »Ludwig!« – Fritz blickte aus nächster Nähe in ein hageres Gesicht mit tiefliegenden, dunklen Augen, und wußte im Nu, mit wem er es zu thun habe. Einen Augenblick schien es, als wolle der Stuckateur Glück die beiden anreden. Er warf einen glühenden Blick auf Alma, seine Lippen bewegten sich krampfhaft. Dann, auf Fritzens energische Aufforderung, Platz zu machen, trat er zögernd zur Seite. Berting fühlte Almas Arm heftig in dem seinen beben, als sie weiter schritten. »Er kommt uns nach!« flüsterte das Mädchen. Auch Fritz hörte jetzt deutlich in einiger Entfernung Schritte, die ihnen folgten. Das Bewußtsein, Almas verschmähten Liebhaber auf den Fersen zu haben, zu dieser Tageszeit, in einer Gegend, die sowieso nicht zu den sichersten gehörte, war keineswegs angenehm. Man erreichte jedoch unbelästigt die Hausthür. Fritz schloß schnell auf, ließ Alma eintreten und sah sich dann um. Auf der anderen Seite der schmalen Gasse schritt Ludwig Glück langsam vorüber, das Gesicht Fritz zugewendet. Eine Weile noch sah ihm Berting nach, bis die hagere, gebeugte Gestalt im Dunkel verschwunden war. Als sie in ihr Zimmer gekommen waren, machte Fritz Licht. Jetzt erst bemerkte er, daß Alma kreideweiß war im Gesicht und am ganzen Körper schlotterte. »Was ist dir, mein Schatz?« fragte er und nahm ihre eiskalten Hände zwischen die seinen. »Gott sei Dank!« hauchte sie. »Ich dachte, er würde dir etwas thun!« Fritz lachte sie aus mit ihrer Angst. Der Stuckateur Glück machte ihm jetzt, wo sie sicher geborgen waren, nicht mehr den Eindruck eines gefährlichen Menschen. – Am nächsten Tage, als Fritz Berting von seinem gewöhnlichen Mittagsbrotausgang nach Haus zurückkehrte, fand er dort große Aufregung. Schon im Korridor rief ihm Frau Klippel entgegen: so etwas sei unerhört; das Fräulein bringe sie ins Gerede mit ihren Kerlen. Fritz schob die fauchende Person beiseite und eilte ins Wohnzimmer, um sich bei Alma die Erklärung zu holen. Das Mädchen war ruhiger als in der Nacht zuvor; nur die großen, unnatürlich glänzenden Augen in dem weißen Gesicht sprachen von Erregung. Sie erzählte: Vor einer halben Stunde etwa sei Ludwig Glück dagewesen und habe sie zu sprechen verlangt. Da sie jedoch seine Stimme erkannt hätte, habe sie sich wohlweislich eingeschlossen vor ihm. Glück sei nicht gegangen, habe vielmehr an der Thür gerüttelt und Einlaß begehrt. Durch den Lärm angelockt, waren Hausleute herbeigekommen, zwischen ihnen und Glück sei es zum Wortwechsel gekommen. Dadurch hatte sich Alma veranlaßt gesehen, herauszutreten, um Glück zu bitten, er möge sie in Ruhe lassen, sie habe nichts mit ihm zu schaffen und er solle sich entfernen. Das hätte er dann schließlich, nachdem sie ihre Bitte wiederholt und an sein Anstands- und Ehrgefühl appelliert hatte, endlich auch gethan. Frau Klippel, der es inzwischen gelungen war, sich ins Zimmer einzudrängen, sprach von Hausfriedensbruch, und wollte ihre bekannte Litanei von Beschwerden und Verdächtigungen herunterbeten. Fritz kam ihr jedoch zuvor, indem er erklärte, er hätte sowieso die Absicht gehabt, das Quartier am ersten zu kündigen, nun könne es gleich geschehen. Die Wirtin war über diese ihr gänzlich unerwartete Aufkündigung doch etwas betreten; so habe sie es nicht gemeint, erklärte sie einlenkend. Fritz jedoch hielt das, was er einmal gesagt hatte, aufrecht. Man sagte sich, daß solche Vorkommnisse sich jeden Tag wiederholen könnten. Gegen Ludwig Glück mußten irgendwelche Maßregeln ergriffen werden – aber welche? Sollte Fritz ihm die Polizei auf den Hals hetzen? Kompromittierte man sich dadurch nicht selbst? – Almas Idee war, auf und davon zu gehen, gemeinsam sich nach einer anderen Stadt zu wenden. Davon wollte Fritz nichts wissen; vieles hielt ihn hier, vor allem die Verbindung mit seinem Verleger. Und selbst durch einen Ortswechsel wären sie vor Ludwig Glück nicht sicher gewesen, der ihnen ja überall hin nachziehen konnte. Berting war eher geneigt, sich mit dem Menschen in Güte auseinander zu setzen. Aus seinen Briefen an Alma hatte Fritz den Eindruck gewonnen, daß Glück einer sei, der vernünftigen Vorstellungen zugänglich sein mochte. Fritz beschloß, Glücks Adresse festzustellen und ihn aufzusuchen. Auf dem Meldeamte erfuhr er nach einigen Schwierigkeiten, was er wissen wollte. Als er den Stuckateur Ludwig Glück aufsuchte, stellte es sich heraus, daß der Mensch nur eine Schlafstelle innehabe und des Tages über auf Arbeit sei. Seine Wirtsleute konnten jedoch das Lokal angeben, wo er zu verkehren pflegte. Fritz Berting begab sich dorthin und fand den Gesuchten. Glück saß an einem Tische für sich und las in einer Zeitung. Fritz trat zu ihm und rief den ganz vertieften bei Namen. Der Stuckateur fuhr auf. Aus dem jähen Erröten des bleichen Gesichtes sah Berting, daß er erkannt worden sei. »Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen, Herr Glück? Ich habe in einer Angelegenheit mit Ihnen zu reden.« Der Gefragte blickte ihn starr an, gab weder ein Zeichen der Zustimmung, noch der Abwehr. Fritz ergriff einen Stuhl und setzte sich. Er war in einiger Verlegenheit; auf alles andere hatte er sich von Glücks Seite gefaßt gemacht als auf Schweigen. Fritz begann: »Es ist mir mitgeteilt worden, daß Sie vorgestern in meiner Wohnung gewesen sind und dort den Versuch gemacht haben, mit Fräulein Alma Lux zu sprechen – das ist wohl an dem, Herr Glück?« – Über Ludwig Glücks Züge huschte etwas wie ein Lächeln. Er nickte, sagte aber noch immer kein Wort. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Glück!« rief Fritz, aus der Rolle gelassener Überlegenheit fallend, da ihn das Lächeln reizte. »Unterlassen Sie solche Besuche in Zukunft! Sie haben nun gesehen, daß Fräulein Lux nichts von Ihnen wissen will. Sie werden dort niemals angenommen werden. Das, bitte ich, sich merken zu wollen!« Glücks Lippen bewegten sich ein paar Mal, ehe er mit leiser Stimme begann: »Ich wollte weiter gar nichts, als Alma etwas fragen. Sich vor mir einzuschließen, hätte sie nicht nötig gehabt. Ein Verbrecher bin ich nicht.« Der gedrückte Ton, in dem er das vorbrachte, stimmte Fritz milder. Gewaltthätig sah der Mensch wahrhaftig nicht aus. »Wollen Sie mir vielleicht anvertrauen, Herr Glück, was Sie Alma zu sagen beabsichtigten? Ich kann es ihr ja ausrichten.« Glück blickte den anderen scheu von der Seite an; offenbar traute er dem Vorschlage nicht. Dann erschien wieder jenes eigentümliche Lächeln auf seinen Zügen. Es war mehr ein nervöses Zucken der Lippen; Fritz sah es jetzt deutlicher. »Sie können Alma von mir ausrichten,« begann Glück mit seiner schwachen Stimme, »ob sie sich vielleicht noch entsänne, wer sie verteidigt hätte, als ein Kerl sie hinterrücks überfiel – damals – sie wird schon wissen! Ich hab' es deshalb gut in Erinnerung, weil ich noch den Messerstich manchmal fühle, den der Hund mir versetzte. Ob Alma es noch weiß, das fragen Sie sie einmal!« Der Stuckateur schwieg, wieder zuckten seine Lippen, die Nasenflügel vibrierten heftig, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Fritz war betreten; so tiefe Gefühle und einen so schlichten Ausdruck dafür hatte er nicht erwartet. Sein unglücklicher Rivale gefiel ihm besser, als es ihm im Grunde lieb war. Was für dunkle, sprechende Augen der Mensch hatte. Wie die verhaltene Leidenschaft seine Züge schön und bedeutend machte! – »Ich hätte Alma auch noch etwas anderes zu fragen gehabt,« fuhr Glück fort. »Wer damals, als der gute Vater Lux starb, wer damals mit Rat und That geholfen hat? Ich war nur Geselle und verdiente wenig; aber mein letzter Pfennig ist draufgegangen. Alma könnt' es noch wissen, es ist erst sechs oder sieben Jahre her.« Fritz blickte wie gebannt auf den Sprecher. Wie anders klang die Geschichte dieser Liebe, wenn man sie von seiten des Verschmähten dargestellt bekam. »Ich habe Alma gekannt, als sie noch kurze Kleider trug,« sagte Glück. »Wie oft habe ich ihr bei den Schulaufgaben geholfen! Das Rechnen fiel ihr sauer; da kam sie zu mir gelaufen. Ich wohnte eine Treppe über der Familie Lux. Es ging bei ihnen ärmlich genug zu. Der Vater war ein braver Mann, der 's gut mit mir meinte. Wäre er am Leben geblieben, manches wäre wohl anders geworden, auch für mich. Die Witwe hat nicht einmal ein Jahr gewartet, ihren Liebsten zum Stiefvater der Kinder zu machen. Alma war da schon größer und verstand ganz gut, was für eine Schmach das sei. Wie oft hat sie sich bei mir ausgeweint! Ich war es, der ihr riet, aus dem Hause der Mutter zu gehen, wo sie so Häßliches täglich mit ansehen mußte. Damals wußte sie ganz gut, daß ich der einzige Mensch war, der es redlich mit ihr meinte. Und zum Dank für alles das, stellt sie sich jetzt, als wäre ich der erste beste, fremde, hergelaufene Kerl, mit dem sich einzulassen Schande ist. Wer mir das damals gesagt hätte!« – Glück hatte sich in leidenschaftlichen Eifer hineingeredet. Er schien fast vergessen zu haben, wer ihm gegenüber sitze. Fritz hütete sich wohl, ihn zu unterbrechen. »Ich bin dumm gewesen, dumm und gutgläubig! Ich dachte: das Mädel ist dir sicher. Zum Heiraten war sie noch zu jung, und wir hatten auch kein Geld. Ich wollte mir erst etwas Ordentliches verdienen. Aber weil in einer kleinen Stadt nicht viel zu machen war, ging ich ins Ausland. Ich bin in Rußland gewesen und in Österreich. Schönes Geld hatte ich verdient. Habe aber auch gearbeitet, oft bis in die sinkende Nacht hinein, und früh wieder mit Sonnenaufgang, kaum mir Zeit gegönnt zum Essen. Dann kam meine Krankheit. Beim Militär hatten sie mich schon zurückgestellt, weil ich das Maß über der Brust nicht habe. Ich lachte damals, weil mir nie etwas gefehlt hatte. Aber nun bekam ich auf einmal das Blutspucken. Ein halbes Jahr lang habe ich in Budapest gelegen im Hospital. All mein Erspartes ging damals drauf. Ich bin auch nie wieder das geworden, was ich früher war.« Glück fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf der der Schweiß in hellen Tropfen stand. Fritz fiel diese Hand auf. Es war eigentlich nicht die Hand eines Arbeiters, mehr die schlanke, nervöse eines Künstlers. Der ganze Mensch, wenn man von seiner ärmlichen Kleidung absah, machte den Eindruck höherer Bildung und verfeinerter Sitten. »Ich habe viel an Alma geschrieben. Sie antwortete mir selten. Wie oft habe ich sie gebeten in meinen Briefen, zu warten, bis ich wieder käme und sich mit keinem anderen einzulassen. – Dann schrieb sie mir mit einem Male, daß sie sich nach Berlin wenden wolle. Ich warnte vor der großen Stadt. Es war umsonst. Bald darauf kam ihr letzter Brief an mich. Ich sollte ihr nicht weiter schreiben; was ich wolle, könne ja doch niemals werden. Den Brief erhielt ich auf allerhand Umwegen, wahrend ich krank lag in der Fremde. Fast war es mein Tod. Wäre ich doch nur gestorben!« Er seufzte, seine Lippen zuckten so stark, daß er nicht weiter sprechen konnte für eine Weile. Fritz bemerkte die Thränen in seinen Augen wohl. »Sie war ein Mädchen, wie es kein zweites giebt! Die und keine andere muß deine Frau werden! sagte ich mir. – Daß es nun so hat kommen müssen!« – – Er bedeckte die Augen mit der Hand. »Herr Glück!« begann Fritz nach einer Pause. »Ich kann nicht viel zu dem sagen, was Sie mir erzählt haben. Aber eines möchte ich doch bemerken: Alma hat Sie, soviel ich weiß, niemals im Zweifel gelassen darüber, daß sie auf Ihre Werbungen nicht eingehe. Sie sind niemals mit ihr verlobt gewesen.« »Wer hat das behauptet!« rief Glück erregt. »Ich Esel traute, daß sie mir auch ohne Ring die Treue halten werde. Ich war ihr Freund, ein besserer, als das Mädel je einen gehabt hat und haben wird.« »Freundschaft bindet nicht fürs Leben. Das werden Sie mir wohl zugeben, Herr Glück!« »Wie nennen Sie denn das, was Alma jetzt hat?« rief der Stuckateur und fuhr von seinem Sitze auf. »Sind Sie beide etwa ordentlich versprochene Liebesleute? – Antworten Sie mir auf die Frage, mein Herr! Wollen Sie Alma heiraten – werden Sie meine Alma heiraten?« »Sie haben kein Recht, mich das zu fragen, Herr Glück. Und ich werde Ihnen darauf nicht antworten,« erwiderte Fritz Berting, der nun, da die Rollen sich so unerwartet vertauscht hatten, bleich geworden war. »Sie wollen meine Alma nicht heiraten!« rief Glück. »Nun weiß ich es!« Seine dunklen Augen leuchteten triumphierend auf. Fritz war aufgestanden. »Es thut mir leid, Herr Glück, Ihr Ton macht mir ein weiteres Zusammensein unmöglich. Alma hält zu mir und nicht zu Ihnen, das ist alles, was ich Ihnen noch zu erwidern habe.« »Alma hält zu Ihnen! – Ja, leider! Brüsten Sie sich nur damit, als ob es Ihr gutes Recht wäre. Wilde Ehe nennen wir das, wir gewöhnlichen Leute, wie Sie zwei leben. Vor Gott und Menschen eine Schande! So machen es solche Herren immer! Erst wird ein armes Mädel bethört; sie ist dumm und verliebt, läßt sich verführen. Eine Zeit lang ist sie gut genug zum Zeitvertreib. Dann läßt man sie sitzen. So wird es mit Alma auch kommen, das weiß ich!« Fritz hatte inzwischen den Ausgang des Lokales erreicht. Glück kam ihm nachgeschritten. »Richten Sie Alma von mir aus: ich, Ludwig Glück, ließe nie und nimmer von ihr, wenn sie mich auch jetzt von sich treibt wie einen Hund. Ich bleibe ihr treu bis in den Tod. – Richten Sie ihr das von mir aus!« Den Löffel Suppe, zu welchem Fritz Berting von den Damen Tittchen eingeladen worden war, nahm er Sonntags Mittag in Gestalt eines reichhaltigen Mittagsessens zu sich. Die Unterhaltung bewegte sich in höheren Sphären, denn die Tanten, im Bewußtsein, einen Schriftsteller an ihrem Tische zu haben, kramten allerhand Litteraturkenntnisse aus. Es stellte sich heraus, daß sie Abonnentinnen waren eines Journallesezirkels, dessen Lebensbeschreibungen berühmter Zeitgenossen, Kunstplaudereien und Theaternotizen, sie mit Eifer verfolgten. Sie glaubten daher ganz auf der Höhe zu stehen in allen litterarischen Fragen. Fritz ging auf den Ton der Unterhaltung ein. Diese Damen darüber aufklären zu wollen, daß die von ihnen bewunderten Artikel mit Litteratur ebensowenig zu thun hatten, wie die schauderhaften Stillleben an den Wänden des Eßzimmers mit Malerei, wäre höchst überflüssig gewesen. Ein paar zustimmende, übertrieben bewundernde Bemerkungen waren mit ihrer versteckten Ironie für Hedwig von Lavan berechnet, und wurden von dieser auch gewürdigt. Fritz hatte wieder Gelegenheit, die weltkluge Haltung des jungen Dinges anzustaunen. Die Tanten gaben Hedwig vor Fritzens Ohren allerhand Belehrungen, Ratschläge und Ermahnungen. Sie ließ die gute Lehre ruhig über sich ergehen, lehnte sich nicht auf; höchstens verriet ein unmerkliches Lächeln ihre innere Überlegenheit. Nach Tisch hätte Fritz Berting nur zu gern mit Fräulein von Lavan unter vier Augen gesprochen; aber mindestens eine der Tanten hielt sich immerwährend in der Nähe der jungen Leute auf. Man saß im großen Salon, dessen Möbel, heute von ihren Kappen befreit, die ganze schreiende Herrlichkeit ihres roten Sammetplüschs entwickelten. Nachdem sie dem Kaffee alle Ehre angethan hatte, zog sich Amanda zurück, jedenfalls um ein Nickerchen zu machen. Fritz und Alma blieben unter Idas, der Älteren, Obhut zurück. Aber es schläferte das alte Mädchen gewaltig, wie man aus den immer kleiner werdenden Augen und gelegentlichen, dem Gähnen verzweifelt ähnlichen, krampfhaften Bewegungen ihrer Kinnbacken schließen konnte. Plötzlich sagte Hedwig mit bedeutungsvollem Blicke zu Fritz: »Haben Sie unseren ›Hausschatz der schönen Künste‹ schon gesehen, Herr Berting?« – Fritz verneinte. Hedwig erhob sich und gab ihm mit den Augen einen kaum merklichen Wink. Er folgte ihr zu dem Tisch in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers. Dort lagen um einen Gummibaum, der in bemaltem Porzellantopf stand, die Prachtbände des Hauses versammelt. Der Hausschatz der schönen Künste erwies sich als ein umfangreiches Sammelwerk von geschmacklosen Farbendrucken mit erklärendem Text. Hedwig schlug den goldverzierten Deckel auf, und Fritz rief: »Ach, wie reizend!« Tante Ida meinte mit schon halb umflorter Schlafstimme von der anderen Ecke des Zimmers her: »Nicht wahr? Es war aber auch sehr teuer!« – – Hedwig schlug noch eine Seite um, und las den Titel des betreffenden Blattes laut für die sauvegarde , dann sagte sie mit gedämpfter Stimme für Fritz: »Ich habe Ihren Roman, ›Das Geschlecht‹, in der Zeitung angezeigt gelesen. Können Sie mir das Buch nicht verschaffen?« – Fritz blickte nach der Sofaecke hinüber, bevor er antwortete. Von dort belehrte ihn jetzt ein Schnarchen, daß weitere Vorsicht unnötig sei. »Das Buch wird etwa in vierzehn Tagen fertig gedruckt sein und dann in den Buchhandel kommen,« erwiderte er. »Aber eines halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen zu sagen, gnädiges Fräulein, für junge Damen habe ich es eigentlich nicht gedacht.« An dem spöttischen Zuge, der sofort auf ihrem Gesichte erschien, sah Fritz Berting, daß seine Bemerkung höchst überflüssig gefunden werde. ›Sie scheinen mich mit einem Gänschen zu verwechseln, mein Herr!‹ wollte das Rümpfen dieses stolzen Näschens sagen. Um die Beleidigung gut zu machen, erklärte Fritz, er wolle ihr die Aushängebogen seines Romans, die er bereits beisammen hatte, zuschicken. »Ein avant-la-lettre -Exemplar für Sie ganz allein!« Am Aufleuchten ihrer Augen sah er, daß er damit ihren Geschmack getroffen habe. Die Vorstellung, dieses zarte Mädchengesicht mit den wissenden Augen in sein Buch vertieft zu sehen, hatte etwas tief Erregendes für Berting. Den Roman in der Hand einer »höheren Tochter« gewöhnlichen Schlages zu wissen, wäre ihm wie unerträgliche Profanierung erschienen; aber wie auf dieses körperlich dem Kinde nahestehende, geistig weit über seine Jahre gereifte, widerspruchsvolle, rätselhafte Geschöpf gerade dieses Buch wirken würde, das erfüllte ihn mit Neugier. Hedwig erzählte ihm jetzt von ihrer Balzac-Lektüre. Sie hatte von diesem Autor einen starken Eindruck empfangen. Fritz Berting hörte ihr nur mit halbem Ohre zu. Er mußte immer denken: ›Sie wird deinen Roman »Das Geschlecht« lesen.‹ – In der Ecke die schlummernde Tante. Ringsum die altmodische Umgebung, die Bilder wohlbeleibter Spießbürger und ehrbarer Damen, die von den Wänden mit verwunderten Mienen auf dieses so ganz anders als sie geartete Paar junger Menschen herabblickten. Wie eigensinnig und doch tieferen Sinnes nicht entbehrend das Leben manchmal die Menschen zusammenführte! Es war die Regung eines glücklichen Instinktes gewesen, so deuchte es Fritz, was an jenem Abende nach dem Theater seinen Blick wie fasciniert auf die Züge des jungen Mädchens gelenkt hatte. Aber länger als ein paar kurze Minuten wurden ihm nicht gegönnt zum Auskosten dieser Situation. Die impertinent laute Vorsaalklingel erscholl, und darüber wachte Tante Ida auf. Wie die meisten Menschen, wenn der Schlaf sie wider Willen überkommt, hatte sie das Bestreben, die Thatsache zu verschleiern, daß sie geschlummert habe. »Natürlich!« meinte sie, einen Zipfel des unterbrochenen Gedankenganges wieder erwischend, ›Hausschatz der schönen Künste‹ heißt es. Wir bekommen es in Lieferungen, das Heft zu drei Mark.« – Das Dienstmädchen, deren Posaunenengelgesicht und verständnisvoll schlaues Schmunzeln Fritz schon mehrfach belustigt hatten, trat ein und meldete: »Herr Hofschauspieler Heßlow.« Ihr auf dem Fuße folgte der schöne Waldemar, Cylinder in der Hand. Die Pracht seiner Glieder war heute in einen schwarzen Anzug von tadellosem Schnitt gehüllt. Er begrüßte die Anwesenden mit wohlüberlegter Nuancierung: Tante Ida bekam eine würdevoll gemessene Verbeugung, Hedwig wurde lebhaft verbindlich mit einem Stich ins Courmacherliche begrüßt, gegen Fritz verhielt er sich höflich zurückhaltend. Dann sah er sich nach dem Tischchen um, das auf der Bühne bereit zu stehen pflegt zum Wegsetzen des Cylinders, fand dieses Möbel auch glücklich, knöpfte seine Handschuhe auf und streifte sie ab, immer mit dem Gesicht nach dem Zuschauer, ernst und mit der der Situation entsprechenden Wichtigkeit, ergriff einen Stuhl, setzte sich, den Kopf stolz zurückwerfend, schlug mit Emphase Bein über Bein, betrachtete dann einen Augenblick sinnend seine Fingernägel, wollte, einem Räuspern nach zu schließen, eben die Unterhaltung eröffnen, als sich die Thür aufthat und Tante Amanda einließ, und so dem Mimen Gelegenheit gab, die Begrüßung einer neu auftretenden Person dem Bühnenreglement gemäß mit Korrektheit auszuführen. Fritz Berting beobachtete voll Spannung Hedwig von Lavan. Es war doch gar nicht denkbar, daß dieser affektierte Mensch ihr imponieren könne. Sah sie denn nicht die Lächerlichkeit seiner Komödiantenmanieren? Hörte ihr Ohr nicht das falsche Pathos seiner hohlen Deklamierstimme? Wie das im Alltagsleben peinlich wirkte, einer Maskerade gleich im hellen Licht des Mittags! Aber das spöttische Lächeln, das sonst so locker saß bei Hedwig, erschien nicht auf ihrem Gesichte. Im Gegenteil, Fritz glaubte ein gewisses Interesse, eine Art schwer zu definierender intensiver Aufmerksamkeit in ihren Mienen zu lesen, mit der sie den Blick auf dem Schauspieler ruhen ließ. Waldemar Heßlow erzählte den Tanten, die mit naivem Entzücken, wie Kinder, an dem Munde des Bewunderten hingen, daß er die nächstens beginnenden Theaterferien wie gewöhnlich zu einer Reise zu benutzen beabsichtige. Vielleicht werde er eine Alpenhochtour unternehmen, um das Bergsteigen nicht ganz zu verlernen. Dann fing er an, mit den Sports, die er betreibe, zu renommieren. Schwimmen, Reiten, Rudern, Fechten, wäre sein Element. Als er sich in dieses Thema vertiefte, wurde sein ganzes Wesen lebendiger und natürlicher; man sah, daß das Pathos und die gezierten Manieren doch nur etwas ihm äußerlich aufgehangenes waren. Fritz Berting dachte darüber nach, was diesen Menschen wohl bewogen haben könne, zur Bühne zu gehen. Zeitlebens würde er ein mittelmäßiger Schauspieler bleiben, der, um mit Hamlet zu reden, »eine Leidenschaft in Fetzen reißen« mochte, niemals aber »das Wohlgefallen der Einsichtsvollen gewinnen« konnte. Wie ganz anders hätte er den Beruf eines Athleten, eines Preisboxers, Meisterschaftsringers oder Wettläufers erfüllt, mit diesem Körper von nicht alltäglicher Kraft und Schmiegsamkeit, dessen ebenmäßigen Wuchs selbst die modern weiten, sackartigen Kleider nicht gänzlich zu verdecken vermochten. Es strömte wie ein Hauch gesunder, animalischer Kräfte von diesem Manne aus. Ob darin vielleicht die Lösung des Rätsels lag, warum der Mime, trotz aller Geistlosigkeit seines Spieles, solche Triumphe feierte bei den »Gründlingen im Parterre«? – »Wir verreisen auch!« sagte Hedwig, als Heßlow eine Pause eintreten ließ, um eine Tasse Kaffee anzunehmen, die ihm Tante Amanda errötend anbot. Er war jetzt wieder ganz Akteur, nahm Zucker und Sahne mit Würde und trank seinen Kaffee mit bedeutungsvoller Ausführlichkeit. »Also die Damen verreisen! Und wohin, wenn man fragen darf, mein gnädiges Fräulein?« Damit wandte er sich an Hedwig. »Meine Tanten haben von Interlaken gesprochen.« »Interlaken, bravo! Ich habe auch daran gedacht, ins Berner Land zu gehen. Also würde man sich dort sehen unter Umständen.« »Wirklich, Herr Heßlow, das wäre reizend!« riefen die Tanten wie aus einem Munde. »Bereits voriges Jahr fügte es ein glücklicher Zufall, daß wir uns in Norderney trafen,« meinte Waldemar Heßlow, jede Silbe einzeln betonend, als habe er Jamben zu skandieren, »und nun winkt uns der Hoffnungsstern eines fröhlichen Beisammenseins von neuem.« Fritz beobachtete Hedwig scharf. Das Mädchen sagte nichts, aber er glaubte zu bemerken, daß sie leicht die Farbe wechselte. Es kam dann zu einer richtigen Verabredung zwischen Waldemar Heßlow und den Damen Tittchen, sich in einigen Wochen in Interlaken zu treffen. Hedwig von Lavan hörte aufmerksam zu mit der Miene des wohlerzogenen Kindes, das an der Unterhaltung der Erwachsenen teilzunehmen sich nicht unterfängt. Fritz Berting begann sich überflüssig vorzukommen unter Menschen, die so ausschließliches Wohlgefallen an einander fanden. Er nahm kurzen Abschied, unter dem Vorgeben, eine anderweite Verabredung zu haben. Er ging in schlechter Laune, beherrscht von dem unangenehmsten aller Gefühle, düpiert zu sein. Was hatte er alles in das Gesicht dieses jungen Mädchens hineingelegt, was alles hinter ihrem Wesen gesucht an Feinheit, Geist und origineller Begabung. Und nun entpuppte sie sich als ein ganz alltägliches Weibchen, abhängig, bethört, verblendet, geschmacklos in ihrer Wahl, bereit, dem ersten besten nachzulaufen, der, ein schönes Stück Fleisch, ihrem Weibesinstinkt imponierte. Hedwig hatte ihm wirklich eine große Enttäuschung bereitet. Und er beschloß bei sich, ihr die versprochenen Aushängebogen nicht zuzuschicken. Sie war einer solchen Auszeichnung nicht wert.   Fritz Berting hielt nun das erste Exemplar seines Romans ›Das Geschlecht‹ in Händen. Es war wirklich schwer sich vorzustellen, daß in diesen paar Hundert Druckseiten all das enthalten sein sollte, was er in mancher nachdenklichen Stunde sich an schwerer Arbeit abgerungen hatte. Und eigentümlich war es auch zu denken, daß im Augenblicke nur er, der Schöpfer, das Werk kenne, daß es noch ganz sein Geheimnis sei. Binnen kurzem aber würden vieler Augen über diese Zeilen gleiten, die Augen fremder, gleichgiltiger Menschen, von denen jeder, selbst der unberufenste, dann unwidersprochen mit gerümpfter Nase über ihn zu Gericht sitzen konnte. Er fühlte das Bedürfnis, aus dem Munde eines Freundes über sein Buch ein Wort zu hören, ein gutes Wort, das ihm gewissermaßen bestätigen sollte, daß das, was in seiner Phantasie nach Dasein gerungen hatte, nun auch wirklich Leben habe, daß es die geheimnisvolle Kraft besitze, die fremde Seele zu ergreifen und zu befruchten. Mit solchen Gefühlen übergab er seinem Freunde, Doktor Lehmfink, ein Exemplar, in das er zuvor eine warmherzige Widmung geschrieben hatte. Heinrich Lehmfink nahm die zwei Bände in die Hand, blätterte darin mit dem Auge des Bibliophilen, und gratulierte dem Autor zu dem Buche, das schon rein äußerlich den besten Eindruck mache. Während der nächsten Tage versandte dann Fritz eine Anzahl Freiexemplare. Einige Kollegen aus seiner berliner Zeit wurden bedacht, sein Freund Baron Chubsky in Paris erhielt ein Exemplar. In der Stadt selbst schickte er nur an Frau Hilschius sein Buch, mit einer nichtssagend höflichen Widmung. Weißbleicher hatte ihm geraten, das zu thun. Die Rezensionsexemplare an Zeitungen und einzelne einflußreiche Kritiker wurden vom Verlage aus versandt. Von Lehmfink sah und hörte Fritz in den nächsten Tagen nichts. Es war ihm nur recht so. Fritz wußte: der Freund liest dein Buch. Er wollte ihn gar nicht sehen, ehe er nicht ausgelesen hatte und ihm das Urteil über das Ganze sagen konnte. Darum ging er auch nicht zur gewohnten Stunde ins Café, um den Freund nicht zu vorzeitigem Sprechen zu veranlassen. Er legte gerade auf Heinrich Lehmfinks Urteil den allergrößten Wert. Wenn Lehmfink eine Sache lobte, dann war etwas daran. Obgleich selbst kein Künstler, war ihm doch die Kunst eine heilige Sache, und gerade daß er nicht unter den Mitstrebenden stand, gab seiner Kritik größere Unparteilichkeit. Dann trafen sie sich zufällig auf der Straße. Fritz vermutete, daß der Freund sein Buch nunmehr ausgelesen haben könne, und erwartete eigentlich, daß er davon zu sprechen anfangen werde. Aber Heinrich Lehmfink schwieg sich über den Roman völlig aus. Fritz Berting fragte nicht, um nicht den Eindruck der Ungeduld hervorzurufen; im Innersten jedoch war er etwas beunruhigt durch Lehmfinks Verhalten. Eines Tages nun erschien der Freund bei ihm in der Wohnung. Ohne große Formalitäten ging er auf Fritz zu. »Guten Tag! Wie geht's? Ist Fräulein Alma da?« Fritz erwiderte, daß Alma bei ihrer Arbeit sei, und wollte sie rufen. Lehmfink wehrte ab. »Nein! Ich wollte nur wissen, ob sie in Hörweite ist? Ich muß nämlich nun endlich mit dir über deinen Roman sprechen.« Fritz erklärte, daß sich zwischen ihnen und Alma der Vorsaal befände, sich dabei im stillen wundernd, warum sie wohl Lehmfinks Urteil über das Buch nicht mit anhören dürfe. »Ich habe deinen Roman gelesen, Berting – zweimal gelesen« – – Dann folgte lange Zeit nichts. Heinrich Lehmfink storchte durchs Zimmer, die Arme im Kreuz verschränkt, und machte sein ernstestes Gesicht. Fritzens Herz klopfte, er wurde an jenen Augenblick erinnert, als bei der Premiere seines Stückes sich der Vorhang zum ersten Male hob. »So versetze mir doch nur um Gotteswillen den Todesstoß!« rief er, »und warte nicht so lange. Also mein Roman taugt wohl nichts – nicht wahr?« Heinrich Lehmfink blieb vor Fritz stehen, der im Stuhle an seinem Schreibtische Posto gefaßt hatte, und sah ihn an mit seinen großen, glänzenden, ausdrucksvollen Augen, über deren Schönheit man die Häßlichkeit des übrigen Menschen ganz vergaß. Es lag Trauer in diesen Augen, wie in dem ganzen ehrlichen Gesichte. »Lieber Berting, es steckt in deinem Buche soviel Talent, Geschmack, Phantasie, Stil, überhaupt große Kunst daß es ein Jammer ist, ein Herzensjammer, daß es – nun offen heraus – daß es als Ganzes doch verfehlt ist.« »Das muß ich sagen!« rief Fritz, »Wenn ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist ...« »Weißt du, Berting, wenn ich ein Buch lese, so gebe ich mich zunächst willig hin, lasse mich von dem Autor führen, wohin es ihm beliebt. Ich bin mit einem Worte ein dankbarer Leser. Während des Lesens aber schon melden sich Stimmen, vielleicht auch Zweifel, die erst später, wenn ich das ganze überschaue, mir wirklich zum Bewußtsein kommen. Und dann, wenn das Werk von mir abgerückt ist, sich nicht mehr in mir selbst abspielt, so daß ich unbefangen urteilen kann, dann stelle ich mir vor allem eine Frage, die vor jedem Kunstwerk gestellt werden muß: In welchem Verhältnis hat der Künstler zu seinem Geschöpfe gestanden? – Hat er geliebt? Hat er ernst, groß, rein und keusch geliebt? Trägt die Frucht seiner Liebe – mag ihr sonst auch mancher individuelle und zeitliche Mangel anhaften – Züge tiefer, edler Gefühle?« »Eine Moralpredigt habe ich nicht schreiben wollen, und ich glaube, der Titel ›Geschlecht‹ erweckt auch nicht diese Erwartung. Für einen Mann wie Professor Wallberg, welcher verlangt, daß die Kunst nur das ›Schöne‹ darstelle, scheidet mein Buch aus der Reihe der Kunstwerke aus, schon durch sein Thema. Aber daß auch du bei der Beurteilung im Stofflichen stecken bleiben würdest, Lehmfink....« »Mein lieber Berting! Es kann einer aus dem gröbsten Material, meinetwegen aus dem Kot der Landstraße, Gebilde formen, die durch Beseelung uns den Stoff, von dem sie genommen, gänzlich vergessen machen. Es kommt eben darauf an, was einer hineinzulegen hat.« »Ich habe mein Herz hineingelegt, Lehmfink; was kann ich weiter thun? Wie eine Geliebte ist mir mein Werk gewesen. Es ist ein verflucht ernstes und höchst persönliches Verhältnis, in welchem ich zu diesem meinem Buche gestanden, das kann ich dir versichern!« »Ich verkenne nicht den Ernst deines Strebens; du hast dich von einem Stoffe losringen wollen. Und vielleicht ist gerade das die Ursache deines Unterliegens. Du standest diesem Stoff nicht frei und unbefangen genug gegenüber, um aus den gährenden Elementen einen Wein zu keltern, der die Hefe der Sinnlichkeit nicht nachschmecken ließe.« »Sinnlichkeit ist der Nährboden aller Kunst.« »Aber der Schaffende muß sie in sich überwunden haben; sie darf ihm nicht das Auge trüben. Wenn sie ihm zu Kopfe steigt, wird seine Hand unfehlbar zittern, und sein Werk wird etwas Verzerrtes haben. Wie die Frucht in ihrem feinsten Aroma die Bestandteile des Bodens schmecken läßt, auf dem sie gewachsen, so spiegelt jedes Kunstwerk den Zustand der Seele wieder, die es genährt hat. Was du uns giebst, Berting, ist noch nicht abgegohren....« »Meinetwegen mag es nicht abgegohren sein; daran liegt mir garnichts! Ich habe etwas Starkes, Neues, Unerhörtes geben wollen. Das Geschlechtsleben in seiner ganzen Wildheit und alles beherrschenden herrlichen Kraft und Unbändigkeit habe ich versucht darzustellen. Den Begriff der Unanständigkeit gebe ich in der Kunst nicht zu. Die Natur, deren Jünger wir sind, kennt ihn auch nicht. Wir Jungen haben den Mut, die Kleider abzuwerfen, nackt hinzutreten vor alles Volk. Wir zeigen das Natürliche, wie es ist, und nehmen dadurch der Lüsternheit den geheimen Anreiz. Ich habe zeigen wollen, daß das Geschlecht im Menschen die Centrale ist, der Urkeim, der Leittrieb, das, wovon sein Leben die Richtung erhält, das, wodurch in letzter Linie unser Denken, Fühlen, Handeln bestimmt wird. Mag den alten Jungfern beiderlei Geschlechts darüber graulich werden!« »Ich tadle nicht, Liebster, daß du diesen Angelpunkt der menschlichen Natur versucht hast, zum Brennpunkte eines Kunstwerkes zu machen. Aber gerade hier ist das Wie alles. Du wirst mir zugeben, daß das Geschlecht, wie es das Ausschlaggebende ist für den Einzelnen, so für die Kunst das heikelste und gefährlichste Thema. Ein Gebiet, auf dem auf Schritt und Tritt Fallstricke liegen. Wer dieses Land betritt, übernimmt eine große Verantwortung nicht blos für sich selbst. Es liegt im Wesen des Sexuellen, daß es die Augen und Ohren, alle Sinne, von weit her mit Gewalt auf sich lenkt. Dein Werk ist ein Spiegel, der ein Bild in einen anderen Spiegel, das Gemüt des Lesers, wirft. Sicherlich kann das Unreinste rein werden in der Wiederstrahlung einer keuschen Seele. Aber wer einen Brand schildern will, muß sich befreit haben von den Gefühlen, die das Ereignis in ihm weckte. Wer mitten im Getümmel steht der aufgeregten Sinne, ist nicht der Mann dazu, uns reine, abgeklärte Werke zu schenken.« »Ich bin keine Fischnatur, Lehmfink! Ich erlebe meine Dichtungen und schreibe sie mit Herzblut. Hast du denn nicht herausgefühlt, daß mein Buch persönliches Erlebnis ist?" – »Natürlich, lieber Freund, ist mir die starke, persönliche Note nicht entgangen. Du zeigst uns die Welt in der subjektiven Beleuchtung deines Naturells, wie es das gute Recht ist des Künstlers. Aber, nun kommt eben mein ›aber‹ – – –« Fritz blickte gespannt auf den Freund, es war ihm neu, daß Lehmfink sich fürchtete, mit der Sprache herauszurücken. »Ich möchte nicht gern persönliches einmischen,« fuhr Lehmfink bedachtsam fort, »aber es ist hier nicht zu umgehen. Nicht wahr, Fräulein Alma kann uns sicher nicht hören?" Fritz wiederholte, was er schon vorhin gesagt hatte: Alma sei außer Hörweite. »Du wirst mich nicht mißverstehen, Berting, wenn ich sage, was ich auf dem Herzen habe. Ich kann das leichter thun, weil du die Frage, um die sich's handelt, durch dein Buch gewissermaßen selbst zur öffentlichen Diskussion gestellt hast.« »Nun bin ich allerdings begierig......« »Du hast in den Mittelpunkt deines Romans das Erotische gestellt. Darum ist das Buch für mich doppelt nachdenklich geworden, denn auch mir ist die Frage, wie der Mann zum Weibe steht, die entscheidende seines Schicksals. Allerdings meine ich damit nicht das Verhältnis zu den Weibern; das ist eine untergeordnete Angelegenheit des Trieblebens. Ich spreche von dem großen Probleme Liebe. Das Wort ist soviel gemißbraucht, daß es einer Münze gleicht, deren Gepräge undeutlich geworden ist. So verstehen auch wir zweie darunter etwas verschiedenes. Beim Lesen deines Romans wurde mir das recht klar. Das ist die Einseitigkeit deiner Weltanschauung und die Achillesferse deines Buches, daß du der animalischen Natur des Menschen ein Übergewicht zugestehst. Und damit folgt mit Naturnotwendigkeit, daß du das Weib herabzerrst. Indem du die Frauen zu Geschlechtswesen stempelst, erniedrigst du die ganze Art, läßt von der Liebe nur die Verliebtheit gelten. Die Frauen werden uns immer genau das sein, was wir ihnen sind. Suchen wir bei ihnen nur sinnlichen Reiz, so werden sie uns mit dem aufwarten, was wir in sie hineinlegen. Gewiß, ich weiß es: ohne Sinnlichkeit keine Kunst! das Geschlecht macht den Mann zum Manne, den Künstler zum Künstler. Aber Sache höchster Verantwortlichkeit ist, daß wir dem Feuer die rechte Nahrung zuführen. Dem einen wird die Flamme zum inneren Heiligtum, das, weil er sie rein bewahrt, sein ganzes Leben durchwärmt und erhellt; den anderen dörrt sie aus bis auf das Mark der Knochen. In der Dichtung bedeutet die Überherrschaft des Erotischen unfehlbar das Sinken des geistigen Niveaus. Leben und Kunst stehen nun einmal in tiefstem organischem Zusammenhang. Ich sprach von deinem Buche, Berting, und nun bin ich auf das gekommen, was gar nicht zur Diskussion stand, und was doch tausendmal wichtiger ist als alle Bücher, das Leben.« – Hier wurden sie unterbrochen. Eine Thür ging auf der anderen Seite des Korridors. Alma kam ins Zimmer geeilt. Als sie sah, wen Fritz zu Besuch hatte, blieb sie errötend stehen. »Herr Doktor Lehmfink ist bei uns,« rief sie und klatschte vor Freude in die Hände. »Und das sagt mir niemand!« Über Fritz Bertings Roman fingen nun an, die Urteile einzulaufen. Zuerst kamen die Blätter, die nur den Waschzettel abdruckten. Den Text hatte Weißbleicher entworfen. Es wurde darin auf das interessante Problem des Romans hingewiesen, angedeutet, daß es sich um heikle Dinge handle, dabei aber nicht mehr verraten als nötig war, die Neugier zu reizen. Dann erschien in einer litterarischen Revue, die auf dem äußersten linken Flügel der jüngsten Kunstbewegung stand, eine eingehende Besprechung aus der Feder eines älteren berliner Kritikers, dessen Parteinahme für die Jugend einiges Aufsehen erregt hatte. Der Mann begrüßte diesen Roman als ein hoffnungerweckendes Buch. Von einem Autor, der sich mit solcher Kälte und Sachlichkeit an eines der schwierigsten Probleme gewagt habe, und nicht im Stoffe untergegangen sei, könne man Großes erwarten. Er nannte das ›Geschlecht‹ eine hochwillkommene Bereicherung des physiologischen Naturalismus und maß ihm dokumentarischen Wert bei. Es waren glückliche Augenblicke für den Dichter, als er diese Zeilen las, die ihm sein Freund Doktor Nackede blau angestrichen von Berlin zugeschickt hatte. Das Lob, das ihm hier erteilt wurde aus bekannter Feder, an weithin gesehener Stelle publiziert, verlieh ihm in vieler Augen den litterarischen Ritterschlag. Er war nun gewissermaßen zünftig geworden, sein Buch konnte keinesfalls mehr totgeschwiegen werden. Als ob ein Dämpfer auf diese Freude gesetzt werden solle, kam wenige Tage darauf in einem vielgelesenen lokalen Blatte eine Besprechung seines Romans aus Professor Wallbergs Feder. Wallberg ließ keinen guten Faden an dem Buche. Er nannte es die leichtfertige Arbeit eines unreifen Menschen, sprach ihm jeden litterarischen Wert ab, warnte vor solcher Lektüre, welche geeignet sei, die sittlichen Begriffe zu verwirren, und benutzte die Gelegenheit, mit der Moderne, für deren Weltanschauung und Kunstprinzip dieses traurige Machwerk typisch sei, gründlich ins Gericht zu gehen. Daß Wallberg seinen Roman loben würde, hatte Fritz Berting nicht angenommen, nachdem er neulich an Frau Hilschius Tische die Klingen mit diesem fanatischen Alten gekreuzt hatte. Aber daß der Mann eine so animose Kritik schreiben werde, hatte er doch auch nicht für möglich gehalten. Voll Entrüstung lief Fritz mit dem Zeitungsblatt zu Weißbleicher. Der Verleger, der den Artikel bereits kannte, faßte die Sache jedoch ziemlich kühl auf. »Schadet gar nichts!« meinte der erfahrene Mann, »schadet gar nichts! Im Gegenteil, der Professor bringt uns die Leute nur auf den Geschmack. Ich kannte einen Autor, der lancierte selbst Artikel, die seine Bücher in Grund und Boden verrissen, in die Blätter. Was die Menschen heute über ein Buch lesen, haben sie morgen meist schon vergessen; daß der Name im Gedächtnis bleibt, ist die Hauptsache. Wenn Professor Wallberg sagt: Ihr Buch wirke demoralisierend, so macht er Ihnen mit dem einen Worte die großartigste Reklame. Ich wette, eine Menge Leute laufen daraufhin zum Buchhändler, die, wenn er gesagt hätte, es sei ein gediegenes Werk, daran nicht dächten.« Wieweit der Verleger mit dieser Behauptung recht habe, war schwer zu beurteilen. Jedenfalls stellte Fritz Berting fest, daß sein Roman unter der Überschrift »Sensationelle Neuheit« in den meisten Buchläden auslag. Und daß sein Name bekannt zu werden beginne, ersah er aus den Zuschriften, die er erhielt. Tagesblätter forderten ihn zur Mitarbeiterschaft auf. Ein Zeitungsverleger fragte an, ob der Autor von ›Das Geschlecht‹ nicht für sein Blatt, das hauptsächlich von Damen gelesen werde, einen ähnlich spannenden Roman, »nur etwas naiver«, verfassen könne. Einen Ausbruch begeisterter Bewunderung enthielt ein Brief, den der Dichter Karol an Fritz Berting richtete. Er glich einer Liebeserklärung. Fritz kannte die Art Silbers nun zur Genüge, um einiges von diesem Enthusiasmus auf Konto seiner theatralischen Ader zu setzen. Aber der Brief that dem Autor doch wohl; er war ihm ein Beweis, daß sich dieser Leser ganz von dem Buche hatte ergreifen lassen. Und welchem Dichter deuchte solche Wirkung nicht der beste Dank! – Am Schlusse seines Briefes fragte Silber an, ob es Herrn Berting recht sei, wenn er in einem Blatte, das ihm weißes Papier zur Verfügung stelle, eine Erwiderung schreibe gegen Professor Wallbergs unqualifizierbare Kritik. Fritz schrieb zurück, daß er dagegen natürlich nichts einzuwenden habe. Es fügte sich, daß er Silbers Artikel zuerst aus Heinrich Lehmfinks Hand erhielt. Die beiden Freunde saßen im Café beisammen, wie gewöhnlich umgeben von Zeitungen, als Lehmfink die letzte Nummer eines Blattes radikaler Färbung über den Tisch hinweg an Fritz reichte. »Da, unerwartete Ehrung! Herr Siegfried Silber reitet für dich in die Schranken!« Fritz las den Artikel durch. Er war gepfeffert. Mit ätzendem Hohn begoß der Verfasser den alten Herrn, dem persönliche Voreingenommenheit und die geifernde Mißgunst seniler Impotenz vorgeworfen wurde. In geschickter Weise hatte Silber die Sache so zu wenden gewußt, daß der Tadel der Leichtfertigkeit, Geschmacklosigkeit und Eitelkeit, den Wallberg gegen den Autor des Geschlechts und gegen die ganze junge Richtung geschleudert hatte, ihm mit Zinsen zurückerstattet ward. »Wird dir nicht bange bei diesem Verteidiger?« fragte Lehmfink. »Es ist immerhin eine That,« erwiderte Fritz, »einem Manne von dem Einflusse Wallbergs so ungeniert auf die Finger zu klopfen.« »Wie ich Siegfried Silber kenne, mein lieber Berting, wird er dir die Rechnung für diese Leistung über kurz oder lang präsentieren.« – Fritz war über seinen Freund Lehmfink wirklich ärgerlich. Was mußte er an Silbers Besprechung herummäkeln; er, der selbst für »das Geschlecht« nichts übrig gehabt hatte als ein absprechendes Urteil. Manches Wort des Freundes war von neulich her in Fritzens Gedächtnis haften geblieben und ließ dort geheime Widerhaken fühlen. Eigentlich hatte Lehmfink kein Recht, zu urteilen, wie er es gethan. An der Klugheit, Belesenheit und der gründlichen Bildung des Freundes wollte Fritz nicht zweifeln; aber Lehmfink war vielleicht doch zu sehr in der Philologie, von der er ursprünglich ausgegangen, stecken geblieben. Davon haftete ihm die Pedanterie, die Hausbackenheit und ein Rest von Engigkeit an, die es ihm unmöglich machten, dem modernen Empfinden bis in seine äußersten Konsequenzen zu folgen. Daß er keine Künstlernatur war, hätte schließlich nicht ein Hindernis zu sein brauchen, ein Nachempfinder und Kundschafter des Neuen zu werden. Was Lehmfink fehlte, waren die Nerven, die empfindlichen, auf die feinsten Stimmungen eingestellten und auf die subtilsten Reizungen reagierenden Nerven, und damit die letzte Verfeinerung des Geschmackes und der Genußfähigkeit. Die Antike konnte Lehmfink verstehen, die neuere Kunst auch, soweit sie sich in den Bahnen bewegte solid bürgerlicher Weltanschauung; dahinter kam für ihn die Scheidewand. Es war traurig, bei einem sonst so ausgezeichneten Menschen und treuen Freunde diese Schranke der Anlage zu beobachten. Hier, nicht in seinen äußeren Mißerfolgen, lag wohl die Tragik von Lehmfinks Persönlichkeit. Was Lehmfink schrieb, mochten es Bücherbesprechungen sein, Theaterrezensionen, Essays, literarhistorische oder feuilletonistische Artikel, war gediegene, gründliche, reinliche Arbeit, getragen von Treue und Ernst, hinter jeder Zeile stand die Überzeugung eines ganzen Mannes. Was war es also, was dem Freunde fehlte, um ihn zu einem Kritiker großen Stiles zu machen, für den er so viele wichtige Eigenschaften besaß? Fritz legte sich die Frage wiederholt vor, wenn er vor Lehmfinks Arbeiten eine gewisse Langeweile empfand. Es kam ihm dann wohl vor, als rede jener eine andere Sprache, als stammten seine Sentenzen, trotzdem sie in funkelnagelneuem Druck auf frischem Papier zu lesen standen, aus einer verflossenen Periode. Gehörte Lehmfink nicht vielleicht zu der Klasse jener um ein paar Jahre zu spät Geborenen, die noch viel weniger gelten, als die, welche zu früh in ihre Zeit geboren sind? – Er besaß nicht die weitherzig kühne Lust am Gewagten, die Witterung für das Neue, den instinktiven Spürsinn für das, was Zukunft hat, die dem Pfadfinder auf geistigem Gebiete genau so angeboren sein müssen, wie dem Entdecker von Weltteilen. Er operierte mit Begriffen aus einer überwundenen Ethik, holte seine kritischen Maßstäbe aus der Rüstkammer einer veralteten Ästhetik. Daß es Neuland gäbe, wo für moderne Bedürfnisse moderne Gesetze gefunden werden mußten, wollte seinem konservativen Schädel nicht eingehen. Ähnlich rückständige Ansichten, aber in minder liebevoller Form, wie Heinrich Lehmfink, äußerte in einem Briefe Fritzens Schwester Konstanze über den Roman. Fritz hatte seiner Familie wohlweislich kein Exemplar zugeschickt; wußte er doch, daß die Lektüre bei ihnen nur moralische Entrüstung auslösen würde. Nun hatten sie sich den Roman selbst angeschafft; eine Verschwendung, die er ihnen gar nicht zugetraut hätte. Wie Fritz erwartet hatte, war der schwesterliche Brief voll von Vorwürfen. Alles an dem Buche fand Konstanze tadelnswert: den »gräßlichen Titel« und den »unanständigen Inhalt«. Warum denn Fritz nicht wenigstens ein Pseudonym gewählt hätte? Es sei für die Familie höchst widerwärtig, den Namen Berting in Verbindung mit einer solchen Sache durch alle Zeitungen gezerrt zu sehen. Frau Wedner legte eine Kritik bei, die sie aus einem christlich-konservativen Blatte ausgeschnitten hatte. Daraus könne Fritz ersehen, wie die anständigen Leute über seine Leistungen dächten. Wedner habe gesagt, es sei ihm ganz besonders peinlich, daß sein eigener Schwager jener revolutionären und frivolen Geistesrichtung angehöre, die jetzt aufkomme, da er es sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, die Nuditäten in Kunst und Litteratur zu bekämpfen. Dann der Ausruf: »Was würde unser herrlicher Vater dazu sagen!« – Ob Fritz denn alle Pietät abhanden gekommen sei? Ob er denn nicht etwas Rücksicht nehmen wolle auf die Gefühle der Schwester und auf die Stellung des Schwagers? – Er zerriß den schwesterlichen Brief. Man wußte wirklich nicht, sollte man über ein solches Dokument hirnverbrannten Mißverstehens lachen, oder sich ärgern! – Rücksicht nehmen? – Pietät? – – Hatte er wirklich der Familie soviel zu danken, daß sie diese Forderung an ihn stellen durfte? – Sein »herrlicher Vater«! Wie Hohn klang das Wort ihm ins Ohr. Nicht einen Freund und Führer hatte er im Vater gehabt, nein, einen pedantisch verständnislosen Zuchtmeister, der nur immer bestrebt gewesen war, mit der Schere der Korrektheit beim Sohne die Triebe der Eigenart zu verschneiden. Und die übrige Familie! Das beste, was er besaß, seine Dichterbegabung, hatte er gegen ihre nörgelnde Mißbilligung verteidigen müssen. Immer nur hatten sie versucht, ihn von seinem Wege abzulenken. Nie war ihm ein Wort des Verständnisses, des liebevollen Eingehens auf seine Anlagen, seine Bedürfnisse, von jener Seite gekommen. Nur immer verdächtigt und verkleinert hatten sie ihn, gerade in seinem Besten ihn herabzuziehen versucht. Er war weder dem Andenken des Verstorbenen Pietät, noch den Lebendigen Rücksicht schuldig.   Schließlich trug ihm das neue Buch auch einen unerwarteten Besuch ein. Theophil Alois Hilschius erschien eines Sonntags vormittags in Fritzens Zimmer, mit feierlicher Miene, schwarz gekleidet, wie zu einem Leichenbegängnis. Es stellte sich heraus, daß der Dichter des »Sulla« dem Verfasser des »Geschlecht« seinen kollegialen Glückwunsch darbringen wollte. Theophil Alois entledigte sich seiner Aufgabe mit Würde. Sah er vielleicht im Geiste schon die Kommentare und Abbildungen, die sich in der Zukunft an ein derartiges Ereignis der Literaturgeschichte knüpfen würden? – Der junge Mann lobte das Buch. Vor allem habe ihn daran das Physiologisch-Pathologische interessiert. Auch er habe sich mit ähnlichen Problemen getragen. Er sei entschlossen, sich nunmehr dem Gebiete des analytischen Romanes zuzuwenden. Es fehle uns in Deutschland diese Kunstgattung noch ganz und gar. Er werde, um diesem Mangel abzuhelfen, demnächst einen Roman-Cyklus zu schreiben beginnen, der das gesamte zeitgenössische Leben umfassen sollte und auf einige zwanzig Bände berechnet sei. – Fritz Berting mußte die nähere Auseinandersetzung des Planes zu diesem »monumentalen Werke« der »Zeit- und Massenpsychologie«, wie der zukünftige Autor es selbst nannte, geduldig über sich ergehen lassen. Aber Theophil Alois Hilschius verband mit diesem Besuche noch eine andere Absicht. Er habe seine Maturitätsprüfung bestanden, berichtete er. Fritz gratulierte und erkundigte sich, wohin sich der junge Herr nunmehr zu wenden gedenke. Seine Mutter habe ihm einen Check über dreitausend Mark gegeben, ließ Theophil mit gut gespielter Gleichgiltigkeit fallen. Er solle eine Reise machen. Aber da er gar keine Lust verspüre, allein zu reisen, sei er gekommen, Herrn Berting zu fragen, ob der ihn nicht begleiten wolle, selbstverständlich auf seine, Hilschius, Kosten. Fritz war über diesen Vorschlag einigermaßen erstaunt. Er erkundigte sich zunächst, wo denn die Reise hingehen solle. Theophil meinte, das sei ihm im Grunde gleichgiltig. Aus Landschaft mache er sich nichts, das Psychologische sei ihm alles. Jedoch wäre er bereit, eine Reise ans Nordkap zu unternehmen, obgleich er das Meer brutal fände. Übrigens habe er einen Brief abzugeben von seiner Schwester Annie. Frau Eschauer schrieb an Fritz Berting: er habe Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, wenn er ihren Bruder auf seiner ersten Reife begleite. Sie schlug Norwegen vor. Auf der Rückfahrt sollten die beiden nach Rügen kommen, wo sie mit dem Gatten und einigen Freunden sein würde. Ihre Ansicht über seinen Roman könne sie Fritz nur mündlich sagen. Der Schluß war ein: »Auf Wiedersehen am Strande von Binz!« Der Plan hatte viel Verlockendes. Er war wie die plötzlich vom Himmel gefallene Erfüllung eines unmöglichen Wunsches, mit dem man gelegentlich schon geliebäugelt hatte. Das Nordland! Was verbanden sich mit dem Begriff für Erwartungen unerhörter Naturschönheit, zauberhafter Stimmung des Primitiven, Urkräftigen, Unentweihten. Und darüber als feinster Duft die geistigen Beziehungen, die den modernen Menschen mit jenen durch ihre großen Dichter plötzlich aktuell gewordenen Ländern verbanden. – Gerade in den letzten Wochen hatte Fritz Berting einen unbändigen Drang in sich gefühlt nach Natur. Die Stadt war ihm wieder einmal ganz unerträglich geworden. Hitze und Staub des Hochsommers hatten das enge Quartier in ein Infernum verwandelt. Durch Ausflüge, Spaziergänge, Dampfschifffahrten hatte er sich Abwechselung zu schaffen versucht. Aber auf die Dauer langweilte das. Die Umgebung der Stadt, die anfangs durch eine gewisse Anmut und Niedlichkeit seinen Beifall erregt hatte, war ihm eintönig und schal geworden, wie ein süßer Trank ohne kräftiges Aroma. Diese niederen Höhen waren ja nur Ansätze zu Bergen, der Fluß, jetzt wieder ganz seicht, die Karikatur eines Stromes; und die viel gepriesenen Felsen und Schluchten des Duodezgebirges oberhalb der Stadt erinnerten ihn an Theaterkulissen. Und dazu überall die Restaurationen, Haltepunkte, Ruheplätze und Aussichtstürme! Alles bebaut, verschönert, korrigiert, reguliert durch die Menschenhand. Und selbst da, wo aus Versehen ein Stück Natur in seiner ursprünglichen Keuschheit geblieben war, nichts Imposantes. Eine Landschaft, die weder Fleisch war noch Fisch. Nicht Ebene mit der Größe der Einförmigkeit in unendlicher Ausdehnung, und auch nicht Hochgebirge mit der Wucht der Massen und der Klarheit großer Formen und Linien. Es war die Unklarheit des Zwitterdinges, des Überganges vom Mittelgebirge in die Ebene, von Land in Stadt, was dieser Gegend den Stempel des Unbedeutenden, Erkünstelten und Spieligen aufdrückte. Und Fritz brauchte gerade in dieser Zeit den Anblick von Großem, Ursprünglichem. Seit er sein Buch veröffentlicht hatte, kam er sich so zwecklos vor. Er war auf der Suche nach neuen Impulsen, nach Ausfüllung, nach einem Ersatz für das, was er an Kräften hergegeben hatte. Wohl regten sich Stimmungen in ihm, Töne erklangen, schüchtern klopften Gedanken an; aber verdichtet zur geschlossenen Idee hatte sich davon noch nichts. Ein starker Eindruck von außen, das wußte er aus Erfahrung, machte oft die gährenden, nach einem Mittelpunkte suchenden Elemente sich schneller und schöner zum Kristalle zusammenschließen. Nichts war in solch kritischer Zeit der Empfängnis, wo die Urzellen heranwuchsen des zukünftigen Kunstwerkes, gleichgiltig, nicht die Luft, in der man lebte, nicht die Bilder, die das Auge aufnahm. Auch darin waren Künstler und Mütter einander ähnlich; Genuß, Stimmung, Beschäftigung, die leichten Strömungen an der Lebensoberfläche, wirkten doch hinab bis in jene geheimnisvollen Gründe, wo die keimende Frucht ihre Säfte aus dem ganzen Organismus an sich zieht. Zu der inneren Sammlung aller Seelenkräfte, aus der allein eine Dichtung ihren Ursprung nehmen kann, war Fritz Berting in der letzten Zeit nicht gekommen. Er hatte viel des Aufreibenden, Unerquicklichen und Häßlichen erlebt. Da war die ewige Geldfrage, mit ihren empfindlichen Demütigungen im Gefolge. Dann der Kampf mit der Quartierwirtin, die nun, wo es feststand, daß die Mieter ausziehen würden, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen suchte. Das Erlebnis mit dem Stuckateur Glück trug auch das seine dazu bei, Fritz Berting den Boden unter den Füßen heiß zu machen. Am schwersten aber lastete auf seinen Nerven die trübe, gedrückte Stimmung, in der Alma sich neuerdings befand. Fritz hatte dem Mädchen gegenüber von der Notwendigkeit gesprochen, zukünftig in getrennten Quartieren zu wohnen. Er war der Ansicht, daß dies für beide Teile besser sei, ein jedes könne dann seiner Beschäftigung ungestörter nachgehen. Auch entgehe man dann leichter dem Klatsch und der Neugier Dritter, von denen sie genug zu kosten bekommen. Fritz hatte sich daraufhin auch schon Quartiere angesehen. Eines, das in der Nähe des Geschäftes lag, für welches Alma arbeitete, schien ihm sehr zweckentsprechend. Wohin er selbst ziehen würde, wußte er noch nicht. Seinen Vorstellungen, daß man bei einer solchen ja nur rein äußerlichen Trennung viel mehr von einander haben werde, schenkte Alma keinen Glauben. Mit Gründen der Logik war ihr nicht beizukommen. Wenn sie sich überhaupt darauf einließ, mit ihm über den Umzugsplan zu sprechen, so war ihre einzige, stets wiederkehrende Behauptung: »Es geschieht nur, weil du mich satt hast!« – Und ihre trübe Miene und der verzweifelte Blick sagten, daß es ihr mit dieser Furcht wirklich ernst sei. Sie war nicht dazu zu bewegen, sich die Wohnung, in die sie ziehen sollte, auch nur von außen anzusehen. Fritz aber fand es sehr aufreibend, ihren Widerstand zu bekämpfen. Wenn er es mit trotziger Auflehnung zu thun gehabt hätte, wäre ihm das noch lieber gewesen, als diese stummen, vorwurfsvollen Mienen und langweiligen Thränen. Alma wußte es eben nicht – und man durfte es ihr auch nicht sagen –, wie groß die Gefahr sei, die in dem steten Zusammenleben, in dem Eng-aneinander-gebunden-sein ihre Liebe bedrohte. Wieviel Anmut und Reiz büßte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre ganze, körperliche Gegenwart ein, dadurch daß Fritz sie oft in den ernüchternden Situationen des Alltagslebens sah. Wie wurde selbst das Feuer ihrer Umarmungen abgeschwächt, weil er sie nicht zu suchen brauchte, sie haben konnte, wann er wollte. Das arme Ding ahnte nicht, wie begrenzt das Maß sinnlicher Anziehung ist, welches auf die Dauer eine Frau auf den Mann auszuüben vermag. Sie wußte nichts von der Ökonomie des Genusses, welche die Frau üben muß, will sie den Mann für immerdar an sich fesseln. Ein geistiges Sich-in-einander-einleben war bei diesem Paare ausgeschlossen. Alma klammerte sich ängstlich an das Einzige, was ihr von dem Geliebten gewährt wurde, an seine leibliche Gegenwart. Immer inniger wollte sie ihn an sich binden; am liebsten hätte sie ihn Tag und Nacht an ihrer Seite gehabt, im stillen schon argwöhnend, daß er sich zurückziehen wolle von ihr. Daher die verzweifelte Glut ihrer Hingabe. Nur wenn sie nahe bei einander waren, wußte sie, daß er ihr ganz sicher sei. Nichts ahnend trieb sie ein gefährliches Spiel; niemand sagte ihr, daß durch tägliche Auszahlung in kleiner Münze der Liebesschatz, so groß er anfänglich gewesen sein mochte, mit der Zeit unwiderbringlich verrinnen mußte. Fritz, der als Mann in viel höherem Grade befähigt war, sich über das Liebesverhältnis verstandesmäßig bewußt zu erheben, als das Mädchen, dem ihre Liebe heiligster Lebensinhalt war, Fritz sagte sich ganz nüchtern, daß eine Trennung noch am ersten ihre Neigung verjüngen werde. Das Verlangen zu einander würde wachsen, dem Bedürfnis der Zärtlichkeit neues Blut zugeführt werden. Mit gutem Gewissen konnte er Alma für einige Zeit verlassen; auch ihr würde ja das Beste zu gute kommen von den starken Eindrücken, dem freien, sorglosen Leben, die er da draußen auf dem Meere, im Nordland zu genießen hoffte. Ein feuriger Liebhaber würde er zurückkehren in die Arme seines Mädchens. Fritz Berting erwartete Großes von dieser Reise. Der Künstler in ihm wollte neue Farben, neue Strahlen einheimsen aus dem ewig mannigfaltigen Spektrum der Natur. Seine Liebe wollte er schützen vor den Gespenstern der Langeweile und des Überdrusses, die ihr schon einigemale drohend gewinkt hatten. Und sein ganzes Dasein sollte ein frischerer Luftzug befreien, vom Spinnweb der üblen Laune, der Sorge und des Zweifels.