Karl Friedrich Wetzel 1779 – 1819 Geisterweihnacht Ein Reiter jagt durchs Feld zu Nacht, da wird sein Roß ihm scheu, er treibt und spornt mit aller Macht, das Roß will nicht vorbei, und wie er umschaut heiß und wild, er hält am Krichhoftor, da tritt ein hohes Mannesbild in Rittertracht hervor. Hebt ihn vom Rosse leicht und schnell, führt ihn zum Friedhof ein, da funkt der ganze Garten hell in wunderbarem Schein, auf jedem Grabe brennt ein Licht, als wie ein kleiner Stern. Der Fremde spricht: Sohn, fürcht dich nicht, wir loben Gott den Herrn. Du weißt, daß heute Weihnacht ist, die benedeite Nacht, wo uns geboren Jesus Christ, zu tilgen Satans Macht. Dies Fest, so hehr und freudenreich, begehn die Toten auch, im ganzen weiten Geisterreich herrscht dieser heil'ge Brauch. Der Jüngling schaut ihm ins Gesicht, der Ton klang ihm bekannt: Herr Gott, bist du mein Vater nicht! – Und die Gestalt verschwand. Indem da wird es still und hehr, dem Jüngling pocht sein Herz, die Lichter wuchsen mehr und mehr und brennen himmelwärts. Und weben wunderlichen Tanz und wallen ab und auf – da geht ein morgenroter Glanz im tiefen Osten auf, da schwebt sie unter Sternen hin, die Mutter samt dem Kind, und um die Himmelskönigin viel tausend Engel sind. Und wie des Himmels Herrlichkeit hoch droben fürder zieht, der ganze Kirchhof weit und breit stimmt an ein leises Lied. Das Lied, das klang so wundersam, wie keine Zunge spricht; der Jünglich wohl den Laut vernahm, doch er verstand ihn nicht. Bald wird es finster hie und dort, die Lichter löschen aus, der schöne Jüngling reitet fort, kommt leichenblaß nach Haus, bleibt seit der Zeit in sich gekehrt und blüht zusehends ab; Der Weihnachtsabend wiederkehrt, der Jüngling schläft im Grab.