Neues von Leberecht Hühnchen und anderen Sonderlingen von Heinrich Seidel.   Drittes Tausend     Leipzig 1890. A. G. Liebeskind. Seiner Excellenz dem Feldmarschall Helmuth Grafen von Moltke verehrungsvoll                                               zugeeignet Inhalt.     Weihnachtsfest bei Leberecht Hühnchen (1887) Landparthie mit Leberecht Hühnchen (1887 und 1888) Der Nachbar der Sterne (1887) Der Tausendmarkschein (1886) Lang, lang ist's her (1877) Hans Hinderlich (1881) Der Tulpenbaum (1887) Die Monate (1886)     Weihnachten bei Leberecht Hühnchen. I. Die Einladung. Ich hatte meinen Freund Leberecht Hühnchen sehr lange nicht gesehen, da traf ich ihn eines Tages kurz vor Weihnachten in der Leipziger Strasse. Er hatte Einkäufe gemacht und war ganz beladen mit Packeten und Packetchen, welche an seinen Knöpfen und Fingern baumelten und überall weggestaut waren, wo sich Platz fand, sodass er in seinem Ueberzieher ein höchst verschwollenes und knolliges Aussehen hatte und fast allen Begegnenden ein behagliches Lächeln auf die Lippen nöthigte, denn um die Weihnachtszeit sieht man gern also verzierte Leute. Er freute sich unbändig, mich zu sehen und sagte: »Wenn Du Zeit hast, so begleite mich doch zum Potsdamer Bahnhof, dass wir noch ein wenig plaudern können.« Ich that dies, und unterwegs zog er wie gewöhnlich alle Schleussen auf. »Ungewöhnliches hat sich ereignet im vorigen Sommer,« sagte er, »ich bin unter die Bauherren gegangen und habe an mein Häuschen noch zwei Zimmer angebaut, eins oben und eins unten. Die ältere Dame mit den Zahnschmerzen und der vornehmen Vergangenheit musste deshalb ausziehen, aber dafür haben wir jetzt in der vergrösserten Wohnung etwas ganz Glanzvolles eingetauscht, nämlich einen wirklichen Major a. D. Dieser hat eine kleine Stellung bei der Bahn und ist mit allerlei Talenten ausgerüstet. Besonders gern erzählt er kleine Geschichten aus seiner militärischen Vergangenheit, die merkwürdig reizvoll sind dadurch, dass sie niemals eine Pointe haben. Denke Dir, immer wenn man gespannt wird und gerade meint, nun kommt es, schnapp, ist die Geschichte aus. Dies ist ein ganz neuer Effect von höchst merkwürdiger Wirksamkeit. Wir nennen ihn deshalb, wenn wir unter uns sind, den Major ohne Pointe. Für unsere Kinder malt er niedliche Bilder, auf welchen sich junge elegante Damen von honigsüssem Liebreiz befinden, und tapfere Soldaten in durch und durch vorschriftsmässigen Uniformen; und aus den blauen Augen dieser Krieger strahlt altpreussischer Heldenmuth, und auf den Spitzen ihrer Schnurrbärte wohnt der Sieg. Auch die Gabe der Dichtkunst ward ihm verliehen; er hatte früher einmal ein Lustspiel bei Hülsen eingereicht, welches ihm dieser aber »mit einem sehr liebenswürdigen Briefe« zurückgeschickt hat. Seitdem hat er es in sein Pult verschlossen, denn mit nachahmungswürdigem Stolze äussert er sich: »Auf einer anderen als der königlichen Bühne lasse ich meine Stücke nicht aufführen!« Wenn Du nun meinst, damit wären seine Talente erschöpft, da irrst Du Dich; nein, wenn die Erinnerung an alte Zeiten ihn überkommt, da setzt er sich an's Klavier und singt mit einem dünnen, aber ganz angenehmen Tenörchen allerlei Arien aus Opern, die es gar nicht mehr giebt. Ja, ein angenehmer, geselliger Herr und gar nicht stolz, – den heiligen Abend wird er bei uns verleben, weil er hier ganz allein steht. Ausserdem haben wir noch die Dame mit der vornehmen Vergangenheit eingeladen als Gegenstück zum Major. Sie ergänzen sich merkwürdig, und seine unbeschreibliche Galanterie zaubert ungekannten Sonnenschein auf ihre Züge. Ja, es ist am Ende gar nicht ausgeschlossen, – sie hat ein kleines, nettes Vermögen, und der Major ist für sein Alter noch recht mobil . . .« Hühnchen bewegte zuerst die Linke und sodann die Rechte, gerade als ob er Jemand vorstelle, schloss darauf beide Hände in einander, wobei er ungemein pfiffig aussah und »Ja, ja!« sagte; dann fuhr er fort: »Uebrigens, da fällt mir ein, wo wirst Du an diesem Abend sein?« Ich sagte, ich würde wohl zu Hause sitzen und meine melancholischen Gedanken mit einem einsamen Punsch begiessen. Da leuchteten Hühnchens Augen auf: »Natürlich kommst Du zu uns,« rief er, »Lore und die Kinder werden sich unbändig freuen. Selbstverständlich giebt es Karpfen, und Punsch bekommst Du bei mir auch, sogar nach einem berühmten Recept. Keine Widerrede.« Ich sah ein, dass ich wohl musste und sagte zu. Unterdess hatten wir den Potsdamer Bahnhof erreicht, Hühnchen kam eben noch zurecht, mit seinen unzähligen Packeten in einen Wagen zu klettern, und während er aus dem Fenster winkte und »auf Wiedersehen« rief, rollte er alsbald nach Steglitz davon.     II. Unterwegs. Am 24. December lag der Schnee überall fusshoch, und es war bitterlich kalt. Hühnchen hatte mich gebeten, recht früh zu kommen, und so machte ich mich, nachdem ich um ein Uhr zu Mittag gegessen hatte, auf den Weg zum Bahnhofe. In der Stadt herrschte um diese Zeit, wenn man so sagen darf, eine friedliche Unruhe, und fast kein Mensch wurde gesehen, der nicht irgend etwas trug. Selbst der lässigste Junggeselle und der gewissenloseste Vater sowohl, als diejenige bedauernswerthe Klasse von Menschen, welche die Bescheerung für eine lästige Komödie halten, hatten sich zu guter Letzt noch in Trab gesetzt, ihren weihnachtlichen Pflichten zu genügen und aus den Spielwaaren- und anderen Läden, wo an diesem Tage Greuel der Verwüstung herrschte, Einiges zu entnehmen. Die Tannenbaumhändler standen frierend, aber zufriedenen Gemüthes zwischen ihren gelichteten Beständen und wurden ihre Strassenhüter an die Nachzügler los. Schaukelpferde, welche vor einiger Zeit in einem traurigen Zustande der Verwahrlosung auf geheimnissvolle Weise von ihrem gewohnten Standorte verschwunden waren, hatten sich auf der wunderbaren Himmelwiese des Weihnachtsmannes wieder glänzend herangefüttert, ihre Wunden waren geheilt, und mit grossen blanken Augen schauten sie von den Schultern ihrer Träger vergnüglich in den kalten Wintertag. Puppenstuben von märchenhafter Pracht und eingewickelte, grosse Gegenstände von phantastischen Formen schwankten vorüber, die Transportwagen der grossen Geschäfte karriolten überall und hielten bald hier, bald da; die sogenannten Kremser, welche die Post zur Weihnachtszeit zu miethen pflegt, rumpelten schwerfällig von Haus zu Haus mit Schätzen reich beladen, Lastwagen donnerten auf den bereits gereinigten Strassen oder quitschten pfeifend auf dem hartgefrorenen Schnee, wo dies nicht der Fall war, – kurz, es war umgekehrt, wie sonst die gewöhnliche Redensart lautet, der Sturm vor der Stille. Diese festliche Unruhe erstreckte sich auch bis auf den Zug, der nach Steglitz fuhr. Die Wagen waren erfüllt von verspäteten Einkäufern, welche ängstlich Packete von jeglicher Form hüteten und mächtige Düten, denen ein süsser Kuchenduft entströmte; wahrlich, man hätte einen Preis aussetzen können für Denjenigen, der heute nichts bei sich trug. Ich hätte ihn gewiss nicht gewonnen, denn ausser einem Kästchen mit zarten Süssigkeiten von Thiele in der Leipziger Strasse für Frau Lore, führte ich für Hühnchen eine Cigarrenspitze bei mir, deren Kopf aus einem Gänseschädel gebildet war, welchem durch geschickte Bemalung, ein Paar eingesetzte Glasaugen und eine Zunge von rothem Tuch das Ansehen einer abscheulichen, zackigen Teufelsfratze verliehen worden war. Ich wusste, dass dieses Kunstwerk Hühnchen in die höchste Begeisterung versetzen würde. Für Hans und Frieda, die beiden Kinder, hatte ich Robert Beinick's Märchen, Geschichten und Lieder eingekauft, ein Buch, das ich jedem Kinde schenken möchte, welches es noch nicht hat, und eine Puppe, welche nach dem Urtheile weiblicher Kennerschaft »einfach süss« war. Ich kann also wohl sagen, dass mein Weihnachts-Gewissen rein war, wie draussen der frischgefallene Schnee, und dass ich mit derjenigen Ruhe, welche das Bewusstsein erfüllter Pflicht uns ertheilt, in die nächste Zukunft sah.     III. Die Reise zum Südpol. Die »Villa Hühnchen«, wie ihr Besitzer das kleine Häuschen, nicht ohne einen leisen Anflug von Selbstironie, zu nennen pflegte, war trotz ihrer Vergrösserung immer noch eine merkwürdig winzige Wohngelegenheit, aber sie zeigte sich sehr sauber und niedlich, da sie bei dieser Gelegenheit neu abgeputzt und angemalt worden war. An einem der vereisten Fenster war ein thalergrosses Guckloch sichtbar, wie Kinder es mit einem erwärmten Geldstück einzuschmelzen lieben, und von diesem verschwand, als ich in Sicht kam, ein Auge, während sofort dafür ein anderes sich zeigte, welches freundlich zwinkerte. Auf dem Flur, wo ein angenehmer Kaffee-Geruch bemerklich war, kam Hühnchen mir vergnügt entgegen, indem er rief: »Willkommen, lieber Weihnachtsgast, tritt ein in die zwar nicht übermässig warmen, aber dennoch behaglichen Festräume. Gegen diesen Winter können wir nicht anheizen, obgleich die Oefen heute den ganzen Tag schon bullern. Die Kinder wollten so gerne nach Dir ausschauen und baten mich, ihnen ein Markstück zu leihen, um sich ein Loch in die gefrorenen Fenster zu thauen. Ich aber sagte, Weihnachten ist nur einmal im Jahre, und habe ihnen für diesen Zweck einen Thaler gepumpt!« Das Fräulein mit der vornehmen Vergangenheit war bereits da und hatte die Gnade, sich meiner zu erinnern. Die gute Dame schien mir heute ganz besonders aufgezäumt zu sein, es klirrte und funkelte allerlei Schmuck an ihr, und über die ganze Gestalt war ein phantastischer Schimmer von künstlicher Jugend verbreitet. Sie sah aus, als wenn man sich Mathissons Gedichte hat neu einbinden lassen. Als nun auch Frau Lore und die Kinder begrüsst waren, sagte Hühnchen: »Bevor wir uns an den Kaffeetisch setzen, theurer Freund, muss ich Dich mit einer Merkwürdigkeit dieses ausserordentlichen Hauses bekannt machen, welche durch den Umbau erzielt worden ist. Wie Dein baukundiges Auge sofort bemerkt haben wird, ist in dieses, früher unser grösstes, Nordzimmer die neue Treppe nach oben eingebaut, wodurch es kommt, dass zur Verbindung mit dem Südzimmer nur ein breiter Gang übrig geblieben ist, in welchem ein Sopha steht, wie Du siehst. Nun haben wir uns noch nicht zu Doppelfenstern aufgeschwungen, – nebenbei, einfache haben den Vorzug, dass sie ausserordentlich energisch ventiliren, – und da stellt sich nun an solchen kalten Wintertagen wie heute die wunderbare Thatsache heraus, dass wir uns in dem Mikrokosmus dieser beiden kleinen Zimmer sämmtlicher Zonen und Klimate zu erfreuen haben. Beginnen wir unsere Wanderung hier am Nordende. Dicht am Fenster befinden wir uns in der kalten Zone und können auf das Polareis den Finger legen. Dieses Guckloch mag den Nordpol bedeuten. Nun bewegen wir uns nach Süden und gelangen hier bei diesem Grossvaterstuhl bereits in die gemässigte Zone. Ein tropischer Anhauch weht uns entgegen von jenem Ofen am Beginn des breiten Ganges. Dieser Ofen bezeichnet den Wendekreis des Krebses. Wir passiren ihn und gerathen in den Durchgang, in die heisse Zone. Dieses Sopha, welches hier zur Ruhe einladet, heisst Kamerun. Hier halte ich zuweilen in behaglichem Klima ein Nachmittagsschläfchen, wenn dringende Verhandlungen des »Vereins der Zeitgenossen« mich noch in später Nachtstunde im Kreise meiner Freunde festhielten.« Hier sah er sich schalkhaft nach seiner Frau um, welche lächelnd mit dem Finger drohte. Dann fuhr er fort: »Was Du für Ritzen im Bretterfussboden hältst, sind die Breitengrade, und dieser hier, etwas stärker als die übrigen, stellt den Aequator vor. Wir befinden uns demgemäss bereits auf der südlichen Halbkugel, treten durch diese geöffnete Thür in das zweite Zimmer und finden dort wieder einen Ofen, den Wendekreis des Steinbockes. Langsam schreiten wir durch die südliche gemässigte und kalte Zone vor, bis uns wiederum Polareis entgegenstarrt. Und sieh mal, dies Alles in dem Zeitraume weniger Secunden, und wir brauchen dazu nicht Siebenmeilenstiefel wie Peter Schlemihl, der, als ihm im Norden beim Botanisiren der Eisbär in den Weg trat, in seiner Verwirrung durch alle Klimate taumelte, bald kalt, bald heiss, wodurch er sich die monumentale Lungen-Entzündung zuzog. Wir können das viel bequemer in Hausschuhen machen. Aber nun, auf zum Kaffee!«     IV. Der Major tritt auf. Während wir beim Kaffee sassen, brach die Dämmerung herein, und allmälig ward es dunkel zur grossen Wonne der Kinder, welche wussten, dass nun bald die Bescherung vor sich ging. Als Frau Lore die Lampe angezündet hatte, liess sich der Tritt knarrender Stiefel auf der Treppe vernehmen; es klopfte, und herein trat ein kleiner, untersetzter Herr, der in seinen Bewegungen etwas feierlich Gemessenes hatte. »Herr Major Puschel«, stellte Hühnchen ihn vor. Der Major begrüsste die Damen mit wundervoller Galanterie, und als er dem Fräulein mit einer bezaubernden Verbeugung die Hand küsste und ihr Aussehen lobte, da ging etwas wie ein Abglanz vergangener Herrlichkeit über ihre Züge und verschönte sie sichtlich. Dann schloss er, wie aus alter Gewohnheit, die Hacken, machte auch mir eine kleine Verbeugung, und indem er nach seiner Gewohnheit die linke Spitze des semmelfarbigen kurzen Schnurrbartes nach oben drehte, sprach er mit der schnarrenden Stimme, welche so oft alten Soldaten eigen ist, zu mir: »Als ich noch Platzingenieur in Pillau war, hatte ich einen Kameraden Ihres Namens. Erst gestern wurde ich an ihn erinnert. Mir ging es nämlich am Abend recht schlecht, ich war furchtbar enrhümirt und glaubte kaum, dass ich diese kleine Fete hier würde mitmachen können. Da verfiel ich drauf, mir ein grosses Glas Grog zu machen, eine innere Stimme sagte mir, Grog sei für meinen Zustand angezeigt. Und merkwürdig, heute Morgen war Alles wie weggeblasen, und ich fühlte mich ganz ungemein wohl. Ja.« Damit setzte er sich und sah alle nach der Reihe mit seinen runden, wasserblauen Augen auf die Wirkung dieser Wunderkur hin forschend an. Hühnchen fiel sofort ein: »Ja, zuweilen schlagen die wunderlichsten Dinge an bei Kranken. Als in Hannover mein Freund Knövenagel todtkrank war, und die Aerzte ihn aufgegeben hatten, da bekam er eine sehnsüchtige Begier nach saurer Milch. Seine Wirthin war schwach genug, ihm eine grosse Schüssel davon zu bringen, denn sie dachte, wenn er doch sterben muss, da mag er noch vorher sein Vergnügen haben. Mein Freund Knövenagel löffelte die ganze Schüssel aus, legte sich auf die Seite, schlief ein, schwitzte wie ein Spritzenschlauch, und am andern Morgen war die Krankheit gebrochen. Auf saure Milch war sie nicht vorbereitet.« »Das ist es ja eben,« sagte der Major, »weshalb mir gestern mein Kamerad in Pillau einfiel. Er litt am Nervenfieber, und der Arzt schüttelte mit dem Kopfe, denn es stand bedenklich. Nun war es gerade Donnerstag, und die Frau, bei welcher er wohnte, hatte Erbsen, Sauerkohl und Pökelfleisch gekocht. Als nun einmal die Thür des Krankenzimmers geöffnet wurde und eine Wolke Küchengeruch hereindrang, da wollte mein Kamerad mit Gewalt von diesem Gericht haben, und es half Alles nichts, sie mussten ihm davon bringen. Aber das war nun wieder höchst merkwürdig; als er es zu sehen bekam, drehte er den Kopf nach der Wand und rührte es nicht an. Nein, er mochte es nicht sehen und rührte es nicht an. Ja!« Hühnchen sah mich leuchtend an bei diesem unerwarteten Schluss, und ich konnte mich nicht enthalten, zu fragen: »Ward er denn gesund?« »I bewahre,« sagte der Major, »starb noch in derselben Nacht.« Unterdess waren die Kinder schon sehr unruhig geworden, und endlich kam Hans mit einer grossen, perlmutterglänzenden Muschelschale, in welcher sich weiter nichts befand als ein Endchen Wachslicht. Dies reichte er dem Vater hin, während er ihn bittend anblickte und dabei von seiner Schwester unterstützt ward. »Jawohl, Kinder,« sagte Hühnchen »Zeit und Stunde sind da.« Dann nahm er das Endchen Wachslicht, zeigte es mir, indem er es mit liebevoller Feierlichkeit zwischen den Fingerspitzen hielt und sagte: »Du weisst, theurer Freund, dass an manchen Orten noch der Gebrauch herrscht, am Weihnachtsabend den mächtigen Jul-Block in den Kamin zu legen, dessen unverbrannte Reste aufgehoben werden, den Block vom nächsten Jahre damit anzuzünden. Wir haben leider kein Kamin, sie sind nicht ökonomisch und heizen die freie Natur mehr als unsere Zimmer. Da habe ich nun einen anderen Gebrauch eingeführt, den ich für nicht minder sinnreich halte. Alle die kleinen Wachslicht-Enden vom Tannenbaum hebe ich auf hier in dieser Perlmutterschale, und das ganze Jahr hindurch dienen sie mir für solche Zwecke, wo man auf kurze Zeit ein Licht braucht, z. B. zum Siegeln u. dgl. Fast an jedem haften einige Tannennadeln, und so geht bei uns durch das ganze Jahr eine Kette von süssem Weihrauchduft von einem Fest zum anderen, und jedes Mal, wenn ein solches Licht ausgeblasen wird, rufen die Kinder entzückt: »Ah, das riecht aber nach Weihnachten!« Das letzte jedoch, – hier siehst Du es, – wird auch im Falle der äussersten Noth nicht verbraucht, sondern damit werden die Lichter des nächsten Weihnachtsbaumes angezündet. Und zu diesem feierlichen Geschäft begebe ich mich jetzt an den Ort der Geheimnisse.« Damit schritt er zur Thür hinaus, indess die Kinder vor Vergnügen und freudiger Erwartung auf den Zehen hüpften.     V. Die Bescherung. »Ein sehr amüsanter Herr, Ihr Herr Gemahl,« sagte der Major zu Frau Lore, »er erinnert mich immer an einen früheren Bekannten, der Hirsewenzel hiess und ganz merkwürdig gern Hamburger Aalsuppe ass. Er war nun allerdings mehr melancholischer Natur, und wenn er etwas im Kopfe hatte und dabei Musik hörte, dann pflegte er schrecklich zu heulen. Später ist er nach Amerika ausgewandert und soll dort eine kleine neue, ganz nette Religion gestiftet haben. Ja!« Ich muss gestehen, dass ich den Gedankensprüngen des Herrn Majors nicht immer zu folgen vermochte; seine Phantasie schien mir Haken zu schlagen, wie der Hase, wenn er zu Lager geht. Nach einer Weile gellte plötzlich das Haus von dem fürchterlichen Sturmläuten einer Tischglocke, und die Kinder stürzten nach dem Flur, auf dessen anderer Seite sich das Weihnachtszimmer befand. Wir folgten in gemässigterem Tempo und traten in das Heiligthum, aus dessen Thüre ein glänzender Lichtschein hervorbrach. Ich muss gestehen, die Herrlichkeit war gross, und die beiden Kinder standen wie in einem Bann und wagten gar nicht, näher zu treten in diese prachtvolle Sesam-Höhle voller schimmernder und funkelnder Schätze. Aber schliesslich gewöhnte sich das Auge an all' diesen Glanz, und bald ging es an's Besichtigen und Bewundern. Hühnchen nahm mich zunächst in Anspruch für den Tannenbaum: »Liebster,« sagte er, »es ist eine bekannte Thatsache, dass Jeder seinen eigenen Tannenbaum am schönsten findet und alle übrigen ein wenig verachtet, aber Du musst doch auch sagen, mein Stolz auf ihn entbehrt nicht einiger Berechtigung. Findest Du nicht, dass eine Harmonie der Farben von ihm ausstrahlt, wie eine sanfte Musik? Und dies ist kein Zufall, nein das Resultat weiser Berechnung und genauer Ueberlegung. Alle diese Papiere und farbigen Verzierungen sind bei Lichte ausgesucht, damit sie auch bei Lichte wirken, und sind zusammengestellt nach dem Komplementär-Prinzip. Was Dir natürlich und einfach reizvoll erscheint, ist ein Resultat schweren Nachdenkens und liebevoller Vertiefung in die Sache, mein Sohn. Auch eine Neuerung haben wir diesmal daran nämlich vergoldete Erlen-Zäpfchen. Der Dichter Theodor Storm, dessen Werke ja auch Du so hochschätzest, schmückt ebenfalls mit solchen seinen Tannenbaum. Zwar etwas schief ist die kleine Fichte und an manchen Stellen, wo ein Zweig sitzen sollte, ist merkwürdiger Weise keiner da, aber giebt das nicht einen neuen Reiz? Nur der Philister schwärmt für die absolute Symmetrie.« Dann stand er eine Weile und blickte mit begeisterten Augen auf den kleinen schiefen Baum, der in seinem bunten Schmuck so aussah, wie sie alle aussehen, und setzte dazu eine Miene auf, als vertiefe er sich in die Schönheiten der sixtinischen Madonna. Für ihr kleines Mädchen hatten die Hühnchens gemeinsam eine Puppenstube angefertigt, die wahrlich zauberhaft war und einer zweiten Familie Hühnchen in ein Zehntel der natürlichen Grösse zum Wohnsitz diente. Dieses Wunderwerk zu beschreiben, sind Worte zu schwach; es genügt zu sagen, dass in diesen Puppenräumen nichts, aber auch gar nichts fehlte von Dem, was die wirklichen Räume der Hühnchen'schen Wohnung enthielten, und dass Alles von einer grossartigen Eleganz und Zierlichkeit war. Die Schränke waren angefüllt mit den winzigsten Kleidern und Leinensachen, und die Küche mit den niedlichsten Geschirren, selbst Kinderspielzeug, Bilderbücher und Schulhefte waren vorhanden in lilliputanischer Grösse und Portraits der Hühnchen'schen Vorfahren an den Wänden, sauber in Gold gerahmt. Ja, die Naturwahrheit war fast zu weit getrieben, denn sogar derjenige Ort, zu welchem selbst Karl der Grosse keinen Vertreter schicken konnte, fehlte nicht, wie mir Hühnchen unter grossem Schmunzeln zeigte. Der Major hatte auch seine Künste entfaltet und für Hans aus Pappe einen Husaren angefertigt, der auf einem Pferde ritt, das offenbar arabisches Blut in seinen Adern führte, während der Reiter, auf's Vorschriftsmässigste ausgerüstet, eine so sieghafte Heldenschönheit zur Schau trug, dass Niemand an seiner Macht über alle weiblichen Herzen zu zweifeln wagte. Ein Kunstwerk zarterer Natur hatte er für Frieda gepappt und ausgemalt, nämlich Dornröschen in einer Rosenlaube, welche blassrothe Schönheit über alle menschlichen Begriffe süss und reizvoll war. Auch der himmelblaue Ritter, welcher ihr soeben nahte und sich über sie beugte, hatte so wunderzierliche Hände und Füsschen, so grosse Mondschein-Augen und einen so bezaubernden Schnurrbart, dass man ihm auf hundert Schritte den echten Prinzen ansehen konnte. Dabei war das Kunstwerk zugleich ein mechanisches, denn zog man an einem kleinen Bändchen, dann beugte sich der schöne Ritter nieder und küsste Dornröschen, während diese den Arm erhob, genau nach der Uhland'schen Vorschrift: »Der Königssohn, zu wissen, Ob Leben in dem Bild, Thät seine Lippen schliessen An ihren Mund so mild: Er hat es bald empfunden Am Odem süss und warm, Und als sie ihn umwunden, Noch schlummernd, mit dem Arm.« Es würde zu weit führen, wollte ich alle diese Ueberraschungen hier schildern und aufzählen, z. B. die wunderbare Festung mit Wasserkunst, welche Hühnchen für seinen Sohn hergestellt hatte, und alle die kleinen Dinge, womit die Eheleute selber sich erfreuten. Es war, nach Hühnchens eigenem Ausdruck, »einfach monumental«.     VI. Beim Punsch. Die Lichter des Tannenbaumes brannten allmählig herunter und versengten schon mit Knistern und Puffen Nadeln und kleine Zweige, sodass zuletzt ein allgemeines wetteiferndes Ausblasen begann und das ganze Zimmer sich mit Weihnachtsduft erfüllte. Während wir dann in behaglichem Geplauder bei einander sassen, und die Kinder sich eifrig mit ihren neuen Schätzen abgaben, nahte die Zeit des Abendessens heran, und Hühnchen verschwand in geheimnissvoller Weise auf eine halbe Stunde. Als er dann wieder eintrat, kam durch die geöffnete Thür eine Wolke von köstlichem Punschgeruch mit ihm; wir begaben uns in das andere Zimmer zum Essen und thaten dem vortrefflichen Karpfen und dem nicht minder guten Getränk alle Ehre an. »Das Recept zu diesem Weinpunsch habe ich von meinem Freunde Bornemann,« sagte Hühnchen. »Dieser gab in jedem Winter seinen guten Bekannten drei Punschabende, weil er selber dieses Getränk so ausserordentlich liebte. Ich war gewöhnlich der Erste, welcher kam, und fand ihn dann regelmässig an dem gedeckten, mit allerlei guten Sachen besetzten Tische, und vor ihm stand eine ungeheure Punschbowle. Er sah ernst und nachdenklich aus und hatte schon einen ziemlich rothen Kopf. »Lieber Freund« , sagte er dann, »es freut mich, dass Du kommst, denn ich bedarf Deines Urtheils. Ich sitze nun schon seit einer Stunde und probire ein Glas nach dem andern, ohne zu einem Resultat zu kommen, als dass der Punsch gut ist. Trotz aller Aufmerksamkeit kann ich zu keiner anderen Ansicht gelangen; was sagst Du?« Ich trank dann und antwortete: »Wunderbar, wie immer!« »Dies beruhigt mich sehr«, sagte er dann, »diese Bestätigung meines eigenen Urtheils thut mir wohl.« Dann schlürfte er bedächtig ein neues Glas leer und fuhr fort: »Ja, Du hast Recht, ich habe das Meinige gethan, nun thut Ihr das Eure.« Jedoch es gelang uns nie, in gemeinschaftlicher Arbeit auf den Grund dieser ungeheuren Bowle zu gelangen, aber wenn wir uns mit schweren Köpfen entfernt hatten, sass Freund Bornemann wie eine Eiche, schweigend und einsam und rauchte und trank, bis er den Boden des Gefässes sah. Dann schaute er melancholisch in den geleerten Abgrund, seufzte ein wenig und ging zu Bette. Der Major war unterdess ziemlich unruhig geworden und hatte schon mehrfach versucht, seinen etwas geschwätzigen Hauswirth in dem sanft dahinfliessenden Strome seiner Rede zu unterbrechen. Hühnchen riss das Gespräch aber immer wieder an sich; jedoch als er begann von lieben Gewohnheiten zu sprechen und über die süsse Macht des Herkommens und ständiger Gebräuche an gewissen Tagen sich in begeisterter Rede zu verbreiten, da räusperte der Major sich so stark und anhaltend und machte so energische Versuche, seinen Keil in eine Lücke des Gespräches zu treiben, dass Hühnchen endlich schwieg und ihn zu Worte liess. »Ja, über die Macht der Gewohnheit,« sagte er, »habe ich eine höchst merkwürdige Erfahrung gemacht. Als ich noch Platz-Ingenieur in Pillau war, da hatten wir da einen Bau-Gefangenen, der Kerl war zu zwanzig Jahren verurtheilt und hatte sich immer ganz gut geführt. Na, eines Tages war seine Zeit abgelaufen, da sagten wir zu ihm: »Du bist nun frei, Du kannst nun gehen.« Da erschrak der Kerl aber furchtbar und bat sehr: »Ach lassen Sie mich doch hier, wo soll ich denn hin, ich kenne ja Niemanden in der Welt.« Ja, wir hatten Mitleid mit ihm und liessen ihn sitzen in seiner alten Zelle, an die er sich gewöhnt hatte, und beschäftigten ihn, so gut es ging. Da sass er denn und schnitzte Pfähle zum Befestigen der Rasenböschungen und schnitzte immerzu Pfähle und war ganz vergnügt. Das dauerte eine ganze Zeit, und ich wurde darüber versetzt in eine andere Garnison. Ja.« Der Major sah uns eine Weile mit seinen hellen Augen freundlich an, und als er bemerkte, dass wir noch etwas zu erwarten schienen, fuhr er fort: »Als ich dann nach einigen Jahren wieder mal nach Pillau kam und mich nach dem Kerl umsehen wollte, da war er gar nicht mehr da. Da war er gar nicht mehr da. Ja.« Eine Geschichte von höchst merkwürdiger Wirkung. Wenn man sich einbildet, man habe noch einen tüchtigen Schluck in seinem Glase und dann plötzlich findet, dass es vollkommen leer ist, so erzeugt dies ähnliche Empfindungen. Das Fräulein mit der vornehmen Vergangenheit schien aber diesen Mangel nicht zu fühlen, sondern lauschte den Erzählungen des Majors mit sichtlicher Aufmerksamkeit und verfehlte nicht, sie am Schlusse regelmässig mit einem »sehr interessant« oder »höchst geistreich« zu kritisiren. Da solches dem Major wohl selten vorzukommen pflegte, so that's ihm besonders wohl und bestärkte ihn in der günstigen Meinung, welche er von der Klugheit und ungewöhnlichen Bildung dieser Dame bereits gefasst hatte, sodass er nicht umhin konnte, bei solcher Gelegenheit unter heftigem Drehen des linken Schnurrbartes aus seinen hellen runden Augen ungemein wohlwollende Blicke auf sie zu richten. Schliesslich ward er durch solchen ungewohnten Beifall ganz entfesselt, und begann Manöver- und Exercirplatz-Geschichten zu erzählen, die zuweilen weder Hinten noch Vorn, noch eine Mitte hatten und fing an schrecklich zu lügen, z. B. von dem Lieutenant Besenried, der so ungeheuer lang war: » Wenn ich vor ihm stand, da sah ich immer blos Knöpfe, und wollte ich ihm in's Gesicht blicken, da war es so, als wenn man nach der Kirchthurmsuhr sieht. Aber das kann ich Sie versichern, Sie mögen es nun glauben oder nicht, wir hatten in der Kompagnie einen Kerl, der war noch länger. Der Kerl hiess Kickebusch und war aus Dramburg. Wenn er gesessen hatte und aufstand, dauerte es immer beinahe fünf Minuten bis er ganz oben war.« Das regte nun Hühnchen wieder an, aus dem Schatze seiner Erfahrungen ähnliche Geschichten heraufzuholen, zum Beispiel von dem eisernen Ofen, welchen er erfunden, der nur des Morgens einmal aufgezogen zu werden braucht, wonach er auf Gummischuhen so lange in der Stube umherläuft, bis er warm geworden ist, sich dann in die Ecke stellt und heizt. Oder von dem Mausefallenthier auf Borneo, welchem die Natur einen Odem verliehen hat, der gar lieblich nach gebratenem Speck duftet, wodurch es die Mäuse, welche ihm zur Speise dienen, in seinen Rachen lockt. Während nun die Beiden also sich anlogen, ward es Frau Lore allmälig zu viel von dieser Sorte und sie brachte ein wenig Musik in Vorschlag. Dies wurde von allen Seiten mit Vergnügen aufgenommen, und das Fräulein musste trotz alles Sträubens an's Klavier, nachdem es sich herausstellte, dass sie Noten mitgebracht hatte. Sie wusste das zwar nicht gewiss, aber bei näherem Nachsuchen fanden sich in ihrem Pompadour eine ganze Menge vor. Die Dame war fast verwundert darüber, sie müsse dies ganz in Gedanken gethan haben, sie sei oft so hingenommen von ihren Ideen.     VII. Romeo und Julia. Während das Fräulein mit Frau Lore am Klavier beschäftigt war, und Beide zwischen den Noten kramten, sagte der Major zu Hühnchen: »Eine sehr angenehme Dame, die bei jeder neuen Begegnung gewinnt. Man merkt ihr an, dass sie viel in guter Gesellschaft verkehrt hat. Sie führt wohl ein ganz behagliches Leben?« Hühnchen, der recht wohl wusste, worauf der Major hinauswollte, denn dieser hatte schon bei früheren Gelegenheiten über diesen Punkt allerlei versteckte Forschungen angestellt, sagte sehr harmlos: »Ja, das glaube ich wohl, besonders seit sie das Zahnweh los ist, von welchem sie früher ewig geplagt wurde.« »Zahnweh ist schlimm,« sagte der Major etwas enttäuscht, »und ich kannte Jemanden, der sich glücklich schätzte, als er seinen letzten Zahn an der Uhrkette trug. War ein sehr drolliger Herr, konnte sehr schöne Karten-Kunststücke machen und starb später an der Cholera. Ja.« Dann nahm er plötzlich einen leichten und gesucht gleichgiltigen Ton an und sagte so oben hin: »Das Fräulein ist Rentiere?« Hühnchen verspürte endlich Theilnahme für seine Wissbegierde und sagte: »Sie hat etwas über fünfundzwanzigtausend Mark, bombensicher in Hypotheken angelegt.« »Hm, hm,« machte der Major sichtlich angenehm überrascht und versank in tiefes Nachdenken. Das Fräulein hatte sich unterdess entschieden, präludirte und sang »Ein Fichtenbaum steht einsam« . . . . Während des Gesanges hatte der Major seine runden, nichtssagenden Augen starr auf die Hinterseite der Dame gerichtet und drehte beide Schnurrbartspitzen mit verzehrendem Eifer. Kaum hatte sie geendet, brach er in ein ungeheures Beifallklatschen aus, begab sich zum Klavier und erschöpfte sich unter Hacken-Zusammenschlagen und vielen Verbeugungen in fein gedrechselten Komplimenten, welche das Fräulein mit grossem Appetit verzehrte und mit huldvollem, aber vorsichtigen Lächeln belohnte. Denn die Natur hatte ihr einen etwas grossen Mund verliehen, und für gewöhnlich gab sie diesem deswegen gern eine Stellung, als wollte sie »Böhnchen« sagen. Dann erblickte der Major zufällig ein Notenblatt, und seine Züge verklärten sich: »O, was sehe ich, gnädiges Fräulein,« rief er, »da haben Sie ja das Duett aus Romeo und Julia. Wie oft habe ich das gesungen in meiner Lieutenantszeit mit Fräulein Esmeralda von Stintenburg aus dem Hause Käselow. O, mir ist noch jede Note geläufig.« Und nun fing er an, mit seinem dünnen Tenörchen erklecklich zu tiriliren, und das Ende davon war, dass sich beide Leutchen über das altmodische Duett von irgend einem verschollenen italienischen Componisten, dessen Namen ich vergessen habe, hermachten. Es war köstlich zu sehen, wie der Major bei den zärtlichen Worten des Textes feurig und siegreich, wie es einem Soldaten zukommt, auf die Dame hinblickte, während diese in jüngferlicher Verschämtheit die Augen niederschlug und sogar ein leidlich gearbeitetes Erröthen zu Stande brachte. Das Pärchen vertiefte sich bald so in das Musikmachen, dass es gar nicht bemerkte, wie Frau Lore sich heimlich entfernte, um an der Schlafstube der Kinder zu horchen, ob ihr gesunder Jugendschlaf der Gewalt dieser Töne gewachsen sei. Dann, nach einer kurzen Weile zog mich Hühnchen geheimnissvoll mit sich fort unter dem Vorwande, mir in seinem kleinen Arbeitszimmer, ich weiss nicht mehr was, zeigen zu wollen, und ich folgte gern, denn diese Art von Musik, welche dort gemacht wurde, konnte durch die Entfernung immer nur gewinnen. Als wir nach einiger Zeit zurückkehrten, war es unterdess still geworden, und als Hühnchen nun leise die Thür öffnete, bot sich uns ein wundervoller Anblick dar. Fichtenbaum und Palme hatten sich gefunden und standen nicht mehr einsam, sondern hielten sich zärtlich umschlungen. Und da die schlanke Palme um Einiges den etwas untersetzten Fichtenbaum überragte, so hatte sie sanft den Wipfel geneigt und wahrhaftig, sie küssten sich. Als sie nun aus einander fuhren, und das Fräulein verschämt ihr Antlitz mit den Händen bedeckte, da zog der Major siegreich und heiter ihren Arm in den seinen, trat wie ein Held einen Schritt vor und sprach, indem er mit der freien Linken den Schnurrbart drehte: »Meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen meine Braut vorzustellen. Ja!« Das war doch endlich mal eine Pointe und zwar was für eine. Ich glaube, keine bessere kann ich finden als diese, um damit die kleine Geschichte von dem Weihnachtsfeste bei Leberecht Hühnchen zu schliessen. »Ja!«     Landparthie mit Leberecht Hühnchen. 1. Frau Schüddebold. Ich hatte es ja am Ende sehr gut bei Frau Schüddebold, aber zuletzt ging es doch nicht mehr und zwar aus mancherlei Gründen. Diese meine brave Hauswirthin sorgte mütterlich und musterhaft für mich, und meine beiden kleinen Zimmer glänzten von Sauberkeit und Ordnung; ja von letzterem Artikel war sogar nach meinem Geschmack meistens etwas zu viel vorhanden, denn ich muss nur offen gestehen, dass ich zu den Naturen gehöre, welche sich am wohlsten fühlen, wenn sie ein wenig in ihrem eigenen Müll sitzen, wie man bei mir zu Lande sagt. Ich wohnte an einem friedlichen Eckchen Berlins, und aus dem Fenster sah man auf einen kleinen Platz mit Grün und Blumen ; es war eine jener stillen Buchten, an welchen der Strom des grossstädtischen Lebens fern vorbeirauscht; man kannte schliesslich alle von Ansehen, die in diesem abgelegenen Winkel ein- und ausgingen, man erzählte sich Geschichten von den einzelnen Bewohnern der Häuser, kurz, es wehte dort so ein angenehmer Hauch von kleinstädtischer Luft, der etwas ganz Behagliches und Heimliches hatte, zumal man jederzeit mit ein Paar Schritten wieder mitten in dem Treiben eines riesig fluthenden Lebens sein konnte. Es war also ganz hübsch dort und ich hatte es recht gut, doch sollte ich solches Glück nicht ungetrübt geniessen in Folge zweier Eigenschaften von Frau Schüddebold, die auf die Dauer schwer für mich zu ertragen waren. Zuvörderst hatte sie nämlich eine unüberwindliche Abneigung gegen Thiere und ich habe früher schon einmal erzählt, wie dieser Antipathie jenes dürftige stellenlose Hündchen zum Opfer fiel, das sich in der Hoffnung, endlich wieder in Lohn und Brod zu kommen, mir so vertrauensvoll anschloss. Ich war nun aber an Thiere gewöhnt von Kindheit an und wenn es auch nur Zwergmäuse oder ein Rothkehlchen gewesen, irgend dergleichen hatte ich immer um mich gehabt. An so etwas durfte ich aber garnicht zu denken wagen, denn hier hatte die Güte der Frau Schüddebold ein Loch, welches mit harter Verständnisslosigkeit ausgefüllt war. Vögel waren ihr gleichbedeutend mit Schmutz, für welchen es in ihrer Wohnung keinen Platz gab und nun gar für Mäuse, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Wiesel, Ringelnattern, Laubfrösche, Eidechsen und dergleichen Ungeziefer erst recht nicht. Deshalb musste ich schon dem häuslichen Frieden dies schwere Opfer bringen und fand nur einen geringen Ersatz darin, mir Terrarien und Zimmervolieren von wahrhaft wundervoller Einrichtung und märchenhafter Pracht im Geiste auszumalen und mit den seltensten und zierlichsten Thieren zu bevölkern. Zweitens aber, und das fiel schwerer in's Gewicht, stellte es sich im Laufe der Zeit mit fast untrüglicher Gewissheit heraus, dass Frau Schüddebold mit der Absicht umging, mich zu heirathen. Ich hatte kein Recht, ihr das zu verdenken und wusste das Schmeichelhafte, welches in dieser Wahl der ansehnlichen und nicht unvermögenden Frau lag, sehr wohl zu schätzen, allein ich hatte aus einer schwärmerischen Jugend doch noch einige ideale Vorstellungen von demjenigen Wesen gerettet, welches ich mir einmal als meine Frau dachte und diese entsprachen sehr wenig dem Bilde der Frau Schüddebold. Vor allen Dingen hatte ich mir die Holde, die ich einmal zum Altar führen würde, immer mehr als eine rosige Apfelblüthe denn als reifen Borsdorfer vorgestellt, und hier liess sich doch nicht leugnen, Frau Schüddebold war recht reif, so rosig sie auch einmal geblüht haben mochte. Wie und wann ich allmälig dahinter kam, weiss ich nicht mehr, mir ist nur erinnerlich, dass ich zuerst lange keinen Verdacht schöpfte, so wohlwollend auch die Blicke der braven Frau auf mir ruhten und so oft sie mir auch erzählte, wie kurze Zeit sie nur das Glück genossen hätte, mit ihrem Seligen vereint zu sein, und wie sonderbar sie auch seufzte, wenn sie das Zimmer verliess. Auch als sie mir den grossen Beweis des Vertrauens gab, mich in Vermögensangelegenheiten um Rath zu fragen und ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, dass sie über mehr als zwölftausend Thaler in Hypotheken und sicheren Staatspapieren verfügte, merkte ich nicht den Köder, denn in solchen Dingen war ich eigentlich immer ziemlich dumm. Dann aber stellten sich bei dieser Frau literarische Neigungen ein, und solches erfreute mich anfangs sehr als ein Zeichen spät erwachenden Bildungsdranges. Wenn ich nach Hause kam, fand ich oft aufgeschlagene Bücher aus meiner kleinen Bibliothek auf dem Tische und durfte vermuthen, dass Frau Schüddebold in meiner Abwesenheit darin gelesen hatte. Zuletzt aber fiel es mir doch auf, dass an solchen Stellen immer nur von Liebe die Rede war, dass die Bücher immer mit einer gewissen Absichtlichkeit an einem Orte lagen, wo sie mir in's Auge fallen mussten, und dass dies ganze Verfahren durchaus nicht mit der sonst so peinlichen Ordnungsliebe dieser Frau in Harmonie stand. Da ich mich zur Erholung von meinen Berufsgeschäften vorzugsweise gern mit den Werken älterer und neuer Dichter beschäftigte und zuweilen selber wohl einen kleinen Jagdausflug auf den Helikon unternahm, so fand sich zu solchen seltsamen Thaten meiner Wirthin Gelegenheit genug. Trotzdem dauerte es lange Zeit bis ich die eigentliche Bedeutung dieser Sache begriff, denn anfangs hatte ich dies nur für ein dem weiblichen Geschlechte innenwohnendes allgemeines theoretisches Interesse für die Angelegenheiten der Liebe gehalten, welches ja selbst Urgrossmütter nicht ganz verlieren sollen. Aber eines Tages, als ich Mörikes Gedichte aufgeschlagen fand bei der Stelle: »Fragst du mich, woher die bange Liebe mir zum Herzen kam, . . . .« da erleuchtete sich plötzlich Alles elektrisch und ich sah mit einem Male klar. Von nun an schien mir mein Heil nur in der äussersten Würde und Gemessenheit zu liegen, aber die kühle Gleichgültigkeit, welche ich jetzt im Verkehre mit Frau Schüddebold entfaltete, hatte das Gegentheil der gewünschten Wirkung. Ihr Wesen wurde immer elegischer, ihre Seufzer holte sie aus immer grösseren Tiefen der Seele, und ein Ausdruck hinschmachtender unerwiderter Liebe wich nicht mehr aus ihrem Antlitz. Der Teufel plagte mich eines Tages zu prüfen, wie weit wohl ihre Aufopferung bei dieser merkwürdigen Gemüthslage gehen würde, und da ich vor Kurzem ein Pärchen Bartmeisen in einer Vogelhandlung gesehen hatte, das mit dem brennenden Wunsche es zu besitzen mein Herz verwundet hatte, so fragte ich nach einer diplomatischen Einleitung vorsichtig an, was wohl Frau Schüddebold sagen würde, wenn ich mir diese reizenden allerliebsten Thiere anschaffen würde. Und was geschah? Mit einer Miene unendlicher demuthsvoller Hingebung erwiderte sie: »«Wenn Sie es wünschen, lieber Herr, gern!« Ueber diese Antwort, so viel Verlockendes auch für mich darin lag, war ich heftig erschrocken. Ich sah es nun klar, der Wurm der Liebe nagte schon an den Grundfesten ihres Charakters, denn ich fand sie bereits entschlossen, Prinzipien zu opfern. Für Manchen hätten wohl die Annehmlichkeiten, welche eine solche Verbindung mit sich führte, viel Verlockendes gehabt. Einfacher konnte ich garnicht zu einer wohl eingerichteten Häuslichkeit kommen, nicht einmal auszuziehen brauchte ich. Zwar fünf Jahre älter war Frau Schüddebold als ich, jedoch eine saubere, stattliche und wohl erhaltene Frau. Ich hatte schon andere Dinge erlebt. Einer meiner Freunde hatte eine Dame geheiratet, welche ihn im Alter um acht Jahre übertraf und es war eine glückliche Ehe geworden. Allerdings war sein Beweggrund Liebe und nicht Bequemlichkeit gewesen. Dass ich jedoch diesen gefährlichen Spekulationen nicht zu lange nachhing, habe ich dem Barbier Kräutlein zu danken. Herr Kräutlein war, wie fast alle Barbiere, von etwas ausschweifender zur Romantik geneigter Gesinnung und feurigen Gemüthes. Die mannigfachen Vorzüge der wohlhabenden stattlichen Wittwe hatten sein Herz entzündet und seit einiger Zeit verfolgte er sie mit glühenden Werbungen. Es ist möglich, dass diese, bevor durch den Gott der Liebe ihr Sinn auf mich gewendet worden war, den schmeichlerischen Worten des Barbiers mehr Gehör geschenkt hatte, jetzt aber war sie eitel Grausamkeit und Härte gegen Herrn Kräutlein. Solches aber entflammte nur immer höher die Gluth dieses Märtyrers der Liebe und sehr bemerkenswerth war es zu sehen, wie wohl sich die alternde Frau in dem Abglanz dieser schmeichelhaften Flammen gefiel, denn durch all den Zorn über die zudringlichen Werbungen dieses Hasenfusses leuchtete doch immer die stille Befriedigung, vor den Augen des geliebten Miethers so heiss begehrt zu werden. Ueberaus komisch war eine Scene, die sich fast täglich ereignete. Wenn der Barbier meinen Freund Oppermann, welcher drei Treppen hoch wohnte, des Morgens wie gewöhnlich rasiert hatte und wieder herunter kam, dann zog er regelmässig die Thürglocke, um Frau Schüddebold herbeizulocken. Wenn sie dann kam und vorsichtig zuerst durch das Guckloch in der Thür hinauslugte, girrte er ihr, die natürlich nicht öffnete, durch dieses kleine Loch die heissesten Schwüre und Liebesbetheuerungen zu, während sie als Gegengabe die härtesten Schmähungen auf seine wohlgekräuselten Barbierlocken häufte. Hatte er dann fruchtlos dort einige Zeit geseufzt und deklamiert, verliess er gekränkt den Ort seiner Schmach, ermannte sich aber vor der Hausthüre wieder, steckte die Hand in den Busen, warf noch einige grossartig flammende Blicke auf die Fenster des Hauses und begab sich erhobenen Hauptes und wogenden Ganges davon. Einmal aber, als er gerade die Treppe hinabkam und Frau Schüddebold in demselben Augenblicke dem Briefträger geöffnet hatte, war er in geschickter strategischer Benutzung dieses günstigen Momentes eingedrungen, hatte auf dem schmalen halbdunklen Korridor zuerst einen grossartigen Fussfall im Opernstil gethan und war dann so feurig geworden, dass sich Frau Schüddebold seiner mit einer Feuerzange erwehren musste, ihn auch nach mehreren tapferen Angriffen endlich in die Flucht trieb. Nun aber war ihre Geduld am Ende und das nächste Mal versuchte sie ein anderes Mittel zur Abkühlung dieser gewaltigen Liebesflammen. Als nun Herr Kräutlein schon am anderen Tage wieder unabgeschreckt seine gewohnten Liebesbetheuerungen durch das Guckloch girrte, da war sie doppelt hart gegen ihn und behandelte ihn so schrecklich, dass er früher als gewöhnlich abliess und sich davonschob. Im nächsten Augenblicke sah ich Frau Schüddebold in grosser Eile durch mein Wohnzimmer in die Schlafkammer rennen und ward durch ein seltsam furienhaftes Leuchten ihrer Augen erschreckt. Ich folgte ihr und sah sie am offnen Fenster stehen, wie sie lauernden Blickes ein grosses Gefäss mit Wasser in den Händen hielt. In diesem Augenblick trat der Barbier aus dem Hause, und als er eben nach seiner Gewohnheit den grossartig flammenden Blick auf die Fenster des Hauses senden wollte, da – klatsch – traf ihn ein wohlgezielter Wasserguss von den grausamen Händen der Geliebten und durchnässte ihn von oben bis unten. Wenn diese aber geglaubt hatte, durch dieses Verfahren eine zerknirschende Wirkung auf Herrn Kräutlein auszuüben, da fand sie sich schwer getäuscht, denn nun erst fühlte sich dieser ganz auf der Höhe seines Märtyrerthumes und heiss durchströmte ihn das stolze Bewusstsein, für seine erhabene Liebe ungerecht zu leiden. Seine Augen flammten, seine Brust weitete sich, und hocherhobenen Hauptes stolze Blicke um sich sendend, ging er, obwohl nass wie eine gebadete Katze, fast eine viertel Stunde vor dem Hause auf und ab, nicht achtend der spöttischen Zurufe und der lächelnden Blicke, welche ihm aus den Fenstern der Umwohnenden reichlich zu Theil wurden. Sobald meinem Freunde Oppermann dieses Abenteuer bekannt wurde, schaffte er Herrn Kräutlein ab, denn er fürchtete es, sich ferner dem Messer eines vom Wahnsinn der Liebe ergriffenen Barbiers anzuvertrauen: »De Kierl snitt mi jo womäglich den Hals af!« sagte er in seinem heimischen Idiom, und solchem Beispiel folgten noch einige andere Kunden in der Gegend, so dass der unglückselige Mann ausser jener tiefen Herzenskränkung auch in seiner bürgerlichen Nahrung arg geschädigt wurde. Er musste mich wohl hinter seiner geliebten Feindin haben stehen sehen, als er so grausame und verächtliche Behandlung von ihr erfuhr, denn von nun ab schien er mich mit Groll und Argwohn zu betrachten, warf aus rollenden Augen furchtbare Othelloblicke auf mich, wenn er mir begegnete, und murmelte Unverständliches zwischen den Zähnen. In dieser Zeit erhielt ich folgende Zeilen von Hühnchen: »Liebster Freund! Am ersten Juli zieht der Major aus, um zu heirathen. Als ich nun gestern mit Lore darüber sprach, da schoss wie ein glänzendes Meteor ein herrlicher Gedanke durch die Nacht meines Hirnes. Theuerster Freund, die Wohnung ist ja gerade wie für dich geschaffen! Nachdem ich diese geniale Idee geäussert hatte, verbreitete sich Sonnenschein durch das ganze Haus, Lore strahlte, die Kinder sprangen und ich musste mir so lange die Hände reiben, dass ich sieben Mal die Stube damit auf und ab kam. Dadurch angeregt liess unser neuer Canarienvogel, der auch wieder Hänschen heisst, seinen ungeheueren Triller los, der so lang wie die Friedrichstrasse ist, wahrhaftig wie ein Fusssteig in die Ewigkeit. Mit einem Wort, das Haus Hühnchen jauchzte. Da wir gerade zu Tische gehen wollten, holte ich zur Feier dieser glücklichen Stunde eine Flasche Sauren herauf und so wurden wir noch lustiger und liessen unseren zukünftigen Hausgenossen leben. Denn dass du diese Gelegenheit bei'm Zipfel ergreifen wirst, erscheint mir ausser aller Frage. Ueber Frau Schüddebolds Strenge und ihren unvernünftigen Hass gegen Alles was da fleucht und kreucht hast du dich oft beklagt. Sieh mal, bei mir soll der Stab Sanft über dich geschwungen werden, bei mir kannst du dir meinetwegen eine ganze Menagerie anlegen und dir die ungebräuchlichsten Thiere anschaffen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Giraffe? Zwar muss es schon eine Klapp-Giraffe sein, damit sie in unseren Salons Platz fände, oder es wird auf andere Weise Rath geschafft. In unserem Südzimmer kann sie wunderschön stehen in heimischem Klima und damit sie in ihrer räumlichen Entwicklung nicht behindert wird, machen wir in dein Zimmer hinein ein Loch in die Decke, wodurch sie den Hals und den Kopf steckt. So kannst du den besseren Theil des anmuthigen Thieres stets um dich haben, kannst es streicheln, tränken und füttern und ihm Gedichte vorlesen, während wir zugleich unten uns seiner Lieblichkeit erfreuen. Mit einem Wort, bei uns kannst du machen was du willst und wenn es dein Herz gelüstet das Bombardon zu spielen oder um das Abendroth auf einer Posaune zu blasen, so wird dir Niemand darin hinderlich sein, denn Nerven hat in diesem ganzen Hause kein Mensch. Drum lieber Freund entschliesse Dich und beglücke uns möglichst bald mit Deiner Zusage. Die Arme der Familie Hühnchen sind geöffnet, Du brauchst Dich nur hineinzustürzen. Wir wollen Dein Wohnzimmer neu tapezieren lassen; Lore hat kürzlich neue Tapeten gesehen mit Blumen, Vögeln und Schmetterlingen, sie sagt märchenhaft wie aus Tausendundeinernacht. Der Wein ist nun schon so hoch emporgerankt, dass Dir die Trauben in's Fenster hängen werden, und dann die Aussicht auf den Garten, auf den Napoleonsbutterbirnbaum und den Grafensteiner und im Hintergrunde die Laube mit dem Springbrunnen davor. Lockt Dich das nicht? Hurrah! ich freue mich furchtbar auf Deine Zusage! Alle grüssen Dich herzlich! Dein Hühnchen.« Dieser Brief kam mir wie eine Erlösung. Ja, so war es am Besten, so entging ich gleichzeitig der Liebe und dem Hass. Denn auf die Dauer war Frau Schüddebolds Zuneigung doch nicht gut zu ertragen und sehr wenig erheiternd war die Vorstellung, einen Feind in steter Nähe zu wissen von phantastischer und excentrischer Gemüthsart, der unausgesetzt einige haarscharfgeschliffene Rasirmesser bei sich führte. Schrecklich war der Augenblick, als ich Frau Schüddebold kündigte. Sie stand da bleich und starr wie eine Bildsäule mit der Unterschrift: »Der stille Vorwurf.« Dann traf mich ein Blick, in dem mit Riesenbuchstaben geschrieben stand: »Habe ich das um dich verdient?« und ohne eine Wort zu sagen entfernte sie sich mit dem qualvollen Seufzer einer tief gekränkten Seele. Man vergönne mir zu schweigen über diese letzten Tage, wo Frau Schüddebold bei mir aus- und einging wie eine stumme Anklage, still aber gross in ihrem Schmerz. Nur einmal noch fand ich Mörike's Gedichte wieder aufgeschlagen an einem Platze liegend, wo sie mir sofort in die Augen fallen mussten. Die Verse, welche ich lesen sollte, lauteten: »Lebe wohl« – Du fühlest nicht Was es heisst dies Wort der Schmerzen; Mit getrostem Angesicht Sagtest Du's und leichtem Herzen. Lebe wohl! – Ach tausendmal Hab' ich mir es vorgesprochen, Und in nimmersatter Qual Mir das Herz damit gebrochen! Ich kann aber zum Troste für alle zartfühlenden Seelen hier berichten, dass die Frau sich recht bald in ihr trauriges Schicksal gefunden hat. Indem sie sich zuletzt wohl überlegte, dass ein wenn auch ein wenig verrückter, so doch einer ungewöhnlichen Liebesgluth fähiger Lebensgefährte immerhin besser sei als gar keiner, hat sie zuletzt geschmeichelt und gerührt von der unwandelbaren Beharrlichkeit, mit welcher dieser Mann ihr sein Herz entgegentrug, dem Barbier Gehör gegeben und ihn auf kurze Zeit zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht. Denn nach der Hochzeit ist es bald anders geworden, und Herr Kräutlein schmachtet in furchtbarer Tyrannei. Sie hat das unglückselige Gewächs an den Stab ihrer Strenge gebunden und sich mit ganzer Kraft bemüht alle seine vergnüglichen Auswüchse wieder gerade zu ziehen. Seiner leichtbeflügelten phantasiereichen Barbierseele hat sie eine Feder nach der anderen ausgerupft und in dem Leben dieses unglückseligen Opfers der Liebe ist jetzt nicht mehr Romantik als in einem hohlen Hirsekorn Platz hat. Armer Kräutlein!     II. Wie es sich bei Hühnchens wohnte. Obwohl, das kleine Intermezzo mit dem Barbier ausgenommen, während meines Aufenthaltes in den Räumen der Frau Schüddebold eigentlich nicht viel Aufregendes sich ereignet hatte, so kam es mir doch vor, nachdem ich einige Wochen bei Hühnchen wohnte, als sei ich in den Hafen der Ruhe, des Friedens und des Behagens eingelaufen. Auch Frau Lore verbreitete Sauberkeit und Ordnung, wo sie herrschte, allein diese Tugenden waren bei ihr nicht starre blutlose Götzen, welche auf den Knien unter Furcht und Zittern angebetet werden mussten, sondern sanfte Genien mit leisen Füssen und zarten Händen, die ihr Ding ohne Geräusch thaten und keinen Dank begehrten. Jetzt empfand ich erst, welch' ein verschüchterter Sklave ich bei Frau Schüddebold gewesen war, die mich fast dazu gebracht hatte, mir das Rauchen abzugewöhnen, weil es den Gardinen schadet, wo ich niemals gewagt haben würde, des Abends beim Lesen die Beine auf das Sopha zu strecken, obwohl es für mich ein himmlisches Vergnügen ist, ein gutes Buch gerade in dieser Lage zu geniessen. Wie frei fühlte ich mich jetzt in einer Wohnung, wo alle Möbel und Geräthe zum Gebrauch und nicht ausschliesslich zur Schonung da waren. Frau Schüddebold hatte die Schutzüberzüge ihrer Polstermöbel nochmals wieder mit jener ewig verrutschenden Erfindung von des Teufels Grossmutter bedeckt, welche man mit dem schönen deutschen Namen Antimakassar bezeichnet; da waren Dinge unter Glasglocken oder in Flor gehüllt und überall stiess man auf etwas, das tabu oder nolimetangere erschien. Ha, hier athmete ich auf. Ich schaffte mir gleich, obwohl die Gesangszeit schon vorüber war, ein Blaukehlchen, eine Gartengrasmücke und einen rothrückigen Würger an und erhielt von unserm gemeinschaftlichen Freunde Dr. Havelmüller einen Raben geschenkt, welchem die Gabe der Rede verliehen war. Zwar konnte er nur wenig, aber dieses sehr gut. Dabei war er von unzähmbarer Bosheit und Tücke, so dass man ihn nicht frei umherlaufen lassen durfte, weil er sofort die schändlichsten Thaten verübte, silberne Löffel stahl, andere Thiere peinigte, oder wenn er sie bewältigen konnte, aufass, welches Schicksal einmal beinahe unserm talentvollen Hänschen mit dem langen Triller passirt wäre. Einmal hatte er eine Nachbarskatze beschlichen, welche ihrerseits wieder mit gierig züngelndem Schwanze einen Sperling zu belauern gedachte, und hatte sie so in diesen geliebten Zierrath gebissen, dass ihre Gefühle unbeschreiblich waren. Nie habe ich Jemanden gesehen, der grössere Eile hatte, auf den nächsten Baum zu kommen, als diese Katze. Wegen dieser gemeingefährlichen Eigenschaften hatte ich den Raben, dem nach einer von Hühnchen innig geliebten Geschichte aus den »Fliegenden Blättern« der Name Hoppdiquax beigelegt worden war, in einen geräumigen Kistenkäfig gesperrt, der an der Hauswand im Garten stand, und dort lebte er ganz vergnügt, doch stets auf neue Bosheit grübelnd. Von seinem geringen Sprachschatze, der nur aus dem Worte »Quatschkopp!« und dem Satze »da ist der Graf«, im tiefsten Bass gesprochen, bestand, machte er oft den treffendsten Gebrauch. Einmal war ein junger Mann bei Hühnchen zum Besuch, der im Begriff war, das Bauführerexamen zu machen, sich aber nicht recht getraute und deshalb Hühnchen um Rath fragen wollte. Dieser, der nicht der Meinung war, dass dieser Jüngling bereits die erforderlichen Kenntnisse besitze, stand mit ihm in der Nähe des Rabenkäfigs, strich seinen Bart und bemühte sich nachzudenken, wie er diese bittere Pille wohl am besten zu überzuckern vermöge, da tönte in diese tiefe Stille hinein plötzlich die Stimme des Raben Hoppdiquax: »Quatschkopp!« rief er ganz laut und vernehmlich. Der junge Mann fuhr entsetzt herum und entdeckte endlich den boshaften Vogel, der ihn mit einem Auge höchst verständnissinnig anblickte. Beschämt und kleinlaut wendete sich der Jüngling dann wieder zu Hühnchen und sagte von tiefer Selbsterkenntniss ergriffen: »Ich glaube, der Vogel hat Recht.« Er befestigte sich nun noch ein halbes Jahr in den Wissenschaften und hatte es dem Raben zu verdanken, dass er nachher nicht durchfiel. Irgend ein Mitglied der Hühnchenschen Familie hatte, so lange der Rabe im Hause war, stets einen verbundenen Finger, denn bei dem unverwüstlichen Glauben an die innere Güte jeglicher Kreatur, welche diesem Geschlechte eigen war, versuchten sie es immer wieder, durch zartes Entgegenkommen sein Herz zu gewinnen, wurden jedoch stets aufs Neue durch tückische Bisse in den vertrauensvoll vorgehaltenen Friedensfinger belohnt. »Ein räthselhafter Vogel!« pflegte Hühnchen oft zu sagen, nachdem er ihn lange sinnend betrachtet hatte. Einmal, als ich von einem Spaziergange nach Hause kam, fand ich Hühnchen noch ganz ergriffen über einen höchst gemeinen Friedensbruch, welchen sich dies Geschöpf, dessen Seele noch schwärzer war als seine Federn, hatte zu Schulden kommen lassen. Er berichtete mir Folgendes: »Sieh mal, vor Kurzem war der Steuerbote hier. Du weisst, wie sehr ich immer bemüht bin, diesem Manne sein schweres Amt zu erleichtern, dass ich ihn niemals warten lasse, sehr höflich bin und freundliche Gespräche mit ihm führe. Denn ich weiss, es giebt eine Unzahl von thörichten Leuten, welche es den unschuldigen Diener des Staates entgelten lassen, wenn er für sie unangenehme Vorschriften zur Ausführung bringt. Ueberall begegnet er unfreundlichen Gesichtern und harten Worten und sieht wer weiss wie oft den für den vermutheten Postboten bestimmten Sonnenschein der Gesichter bei seinem Anblick sich in drei Tage Regenwetter verwandeln. Denn keinen Menschen giebt es wohl, der einen Postboten hasst, den Steuerboten aber sieht Niemand gern. Und doch sind es meist tüchtige Beamte, in welche der Staat grosses Vertrauen setzt und Du kannst mir glauben, es sind manche darunter, die gerne die wenigen Groschen, welche sie der Armuth entreissen müssen, aus der eigenen Tasche bezahlen würden, wenn sie nur in der Lage dazu wären. Darum, lieber Freund, bin ich sehr zuvorkommend gegen diese Leute und habe schon oft etwas gesehen, dessen sich nur Wenige rühmen können, nämlich ein freundliches und behagliches Lächeln auf den Lippen eines Steuereinnehmers während der Ausübung seiner Pflicht. Also dieser Mann des Gesetzes kam, als ich gerade im Garten war und mich an den herrlichen Rosen freute, welche dieser Herbst uns noch bescheert hat. Frieda brachte ihn zu mir und zwar, wie es ihr von klein auf gelehrt worden ist, mit einer freudigen und strahlenden Miene, als sei es der gute Onkel aus Amerika und gleich bedachte ich, womit ich wohl seinem Herzen ein Vergnügen bereiten könne. Ihm eine jener schönen Rosen in's Knopfloch zu stecken, verwarf ich gleich, weil mir ein solcher Zierrath für seinen schweren Beruf nicht ganz angemessen erschien, doch gleich darauf fiel mir der Teller mit soeben gepflückten Weintrauben in's Auge, der auf dem Käfig des Raben stand. Der Steuerbote nahm die angebotene Erfrischung nach einigem Sträuben mit freundlichem Lächeln an, wählte sehr bescheiden die kleinste der Trauben, lehnte sich, dieselbe verzehrend, behaglich an den Rabenkasten und lobte ihre Süssigkeit, während ich aus meiner Geldtasche die nöthige Summe zusammensuchte. Wenn mich in dieser Angelegenheit ein Vorwurf treffen kann, so ist es der, dass ich nicht an Hoppdiquax und seine Tücke dachte. Doch plötzlich hörte ich zu meinem Schrecken seinen tiefen Bass: »Da ist der Graf!« sagte er plötzlich und ehe der Steuerbeamte sich noch erschrocken umsehen konnte, sprang er auch schon mit einem entsetzten Schrei in den Garten hinein, dass die schöne Traube in den Sand flog und griff dann unter schmerzlichen Geberden an seine Wade, während er sich zugleich nach dem Urheber dieses plötzlichen Angriffes umsah. Stolz und fast aufgeblasen über die herrliche Wirkung seines tückischen Bisses, stand Hoppdiquax da, rief ungeheuer ausdrucksvoll: »Quatschkopp!«, schlug dann mit den Flügeln und freute sich wie der Teufel, wenn Krieg ist, oder sonst seine Geschäfte gut gehen. Und sieh mal, das ist es, was mich schmerzt, nun bin ich bei dem Steuerboten in den Verdacht gemeiner berechnender Tücke gekommen, er betrachtete mich mit Geberden des Hasses und der Verachtung, brauchte harte Ausdrücke, welche ich nicht wiederholen will, und lehnte es ab, die übrigen Trauben für seine Kinder mitzunehmen. Mit einem Wurm im Herzen hat er mich verlassen.« Aber trotz aller dieser Unthaten genoss Hoppdiquax dennoch bei dieser Familie jene stille mit Gruseln gemischte Achtung, welche man einem interessanten Verbrecher oder berühmten Räuber widmet und das Räthsel seiner schwarzen Seele beschäftigte sie vielfach. Dann kam die Periode der weissen Mäuse. Auch in der Seele von Hans Hühnchen hatte sich die Thierliebhaberei entzündet, so dass er eine Zucht von weissen Mäusen anlegte. Diese fruchtbaren Thiere hatten sich ungemein vermehrt, brachen theilweise aus und begannen das Haus zu bevölkern. Zuerst ging es noch an und wir freuten uns, wenn Abends beim Schimmer der Lampe die schneeweissen Thierchen mit den rothen Augen zutraulich hervorkamen und auf dem Fussboden nach verlorenen Krümchen suchten. Nach einem Jahre aber waren sie schon gemeingefährlich geworden und man konnte keine Schrankthüre mehr öffnen, keine Schublade aufziehen, ohne dass nicht eins oder mehrere dieser zierlichen Thierchen daraus hervorgehuscht kamen. Ihre Wochenbetten fand man an allen möglichen und unmöglichen Orten, in Frau Lore's Wintermuff sowohl, als in der Tasche von Hühnchens Sommerüberzieher, und in der Speisekammer feierten sie Tag und Nacht Orgien, so dass Frau Lore die äussersten Listen anwenden musste, um ihre Vorräthe zu schützen. Denn sie assen Alles auf, was sie bekommen konnten und nährten sich sogar von Literatur, wobei sie eine grossartige Verdauungskraft bewiesen, denn sie verzehrten einen ganzen Band pessimistischer Gedichte, ohne den geringsten Schaden zu leiden. Eines Morgens, als Hühnchen aus seinem fast geleerten Tabakskasten seine Pfeife stopfen wollte, kam ihm eine weisse Maus zwischen die Finger, welche sich dort offenbar todt geniest hatte und später schwor Hühnchen auch, er sei in der Nacht einige Male aufgewacht und habe dann aus dem Wohnzimmer stets ein feines Niesen vernommen. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, wo ein gemeinsames Zusammenleben nicht mehr möglich war und entweder die Mäuse oder die Familie Hühnchen das Feld räumen mussten. Die Anschaffung einer Katze oder die Anwendung von Gift wurde von vorn herein als zu grausam und illoyal verworfen, denn da die Thiere nicht aus eigenem Antriebe gekommen, sondern ursprünglich aus der Zucht eines Familienmitgliedes hervorgegangen waren, so trugen sie an der Besiedelung des Hauses keine Schuld, und dass sie, dem von der Natur in sie gelegten Triebe zur Erhaltung ihres Geschlechtes folgend, sich so ungemein vermehrt hatten, konnte man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Mein Vorschlag, sie in Fallen zu fangen und dem Raben Hoppdiquax zur Speise vorzuwerfen, ward mit Unwillen zurückgewiesen, nicht anders als hätte ich die Absicht geäussert, einen boshaften schwarzen Teufel mit kleinen weissen Englein zu füttern, aber gefangen mussten sie doch werden und deshalb wurde alsbald ein zufällig des Weges kommender Slowake in Nahrung gesetzt und von ihm drei jener runden Fallen von Drahtgeflecht erstanden und in Betrieb gesetzt. Hans, der in solchen kleinen Arbeiten sehr geschickt war, hatte bereits vorher eine Anzahl kleiner zierlicher Gitterkäfige angefertigt, um die Jagdbeute unterzubringen, und dies war höchst weise von ihm gehandelt, denn das Fangergebniss des nächsten Morgens betrug zusammen siebenzehn weisse Mäuse, welche ängstlich ihre rosigen Pfötchen an dem Drahtgitter in die Höhe gehen liessen, gleich als flehten sie um ihre Freiheit. Abnehmer fanden sich glücklicher Weise unter den Schulkameraden und Gespielen der Kinder genug und da die Aufnahmefähigkeit für weisse Mäuse von Steglitz und Umgegend sich Gott sei dank grösser erwies als die Vermehrungskraft dieser Thiere in der Hühnchenschen Wohnung, so hatten wir endlich Ruhe und es fanden sich bald nicht mehr Mäuse in unsern Räumen als es für ein so altes verbautes Häuschen angemessen und stilvoll ist. Unter solchen kleinen harmlosen Abenteuern, deren jede Woche neue und andere brachte, verging die Zeit, während wir beiden Männer alltäglich mit der Bahn in die Stadt fuhren, um unseren Geschäften obzuliegen und die Kinder auf dieselbe Weise ihre Schulen besuchten und allmählig heranwuchsen. Wenn ich in der Stadt auf meinem etwas öden Bureau sass, dachte ich immer mit Behagen an meine freundlichen beiden Zimmer, in denen jetzt einsamer Vogelgesang und Blumenduft war, an den Blick aus meinem Fenster auf den wunderlich kleinen Garten mit den vielen winzigen Beeten und seinen zwei Obstbäumen und an das warme Hühnchennest, in welchem freundliche gute Menschen hausten mit dem Talent zum Glücke, wie es in dieser habgierigen Zeit so selten ist. Ich konnte mir kaum eine angenehmere Lebensweise denken als diese und war auf dem besten Wege, dort ganz mich einzuspinnen und allmählig ein behaglicher alter Junggeselle und Hühnchenscher Familienonkel zu werden. Ich war allerdings noch garnicht so alt, wie man wohl aus dem Grunde annehmen mag, weil mein Studienfreund Hühnchen nun bald eine erwachsene Tochter hatte. Dieser war spät zum Studium gekommen wegen mangelnder Mittel, und als ich mit achtzehn Jahren nach Hannover kam, da befand er sich bereits in den letzten Semestern und bald nachher hatte er sich verheirathet. Mir war hierzu nun auch wohl öfter Gelegenheit geboten worden, allein leider hatte sich die Sache immer gekreuzt. Wenn mich ein weibliches Wesen sehr gern hatte, so sträubte sich Alles in mir, diese Neigung zu erwidern und mochte ich eines wohl leiden, so nahm es sicher einen anderen, es wollte eben nie klappen. Auch in solchen Dingen kommt es auf angeborene Begabung an, der eine nimmt ein Weib, wenn die Zeit gekommen ist, ohne weitere Mühe und Nachdenken, der andere grübelt sein Leben lang über diese schwierige Sache, bis die Zeit verpasst ist. Ich glaube aber, es giebt geborene Junggesellen, welche eine vorsorgliche Schöpfung schon in der Wiege für den nützlichen Beruf eines Erbonkels bestimmt hat. So lebte ich mit der Familie Hühnchen behaglich weiter und wir feierten die Feste wie sie fielen und das wollte etwas sagen, denn Hühnchen verstand es, aus Allem ein Fest zu machen. Wenn im Garten das erste Veilchen kam, so gab es eine kleine Feier und das bescheidene blaue Blümchen stand in einem feinen geschliffenen Gläschen als festlicher Schmuck auf dem Mittagstische, ward herumgereicht und bewundert und eine Flasche Saurer dazu getrunken. Für gewöhnlich gab es bei Tisch nämlich keinen Wein, allein Hühnchen hatte einen harmlosen und unschädlichen Moselwein im Keller und war unerschöpflich, neue Veranlassungen zu erfinden, um eine Flasche davon herauf zu holen. Wir feierten den ersten Storch, die erste Schwalbe, die ersten Radieschen, die erste Rose und die ersten Erdbeeren. Diese sogenannten Erstlingsfeste waren unzählig, ich erinnere mich, dass uns das Fliegenschnäppernest, welches alljährlich in dem Weinspalier vorhanden war, stets zu drei Feiern verhalf, einmal, wenn das erste Ei darin lag, einmal, wenn die Jungen auskrochen und einmal, wenn sie glücklich ausgeflogen waren. Sehr festlich, ward die Baumblüthe durch eine Vorfeier in Steglitz mit nachfolgendem Ausflug nach den ganz in schimmerndem Blüthenschnee stehenden Sandbergen des Städtchens Werder begangen und von den verschiedenen Erntefesten habe ich die Weinlese bereits früher geschildert. Geburtstage wurden natürlich besonders grossartig begangen und dabei selbst der böse Hoppdiquax nicht vergessen. Als den ohngefähren Tag, an welchem die Raben aus dem Ei kriechen, hatte ich den ersten April festgestellt, so dass dieses Unglücksthier den Vorzug genoss seinen Geburtstag mit unserem grossen Kanzler am gleichen Datum zu feiern. Am Morgen dieses Tages erschien ich mit der Familie Hühnchen zur Gratulation und es ward ihm als Angebinde eine todte Ratte mit einer blauen Seidenschleife um den Hals überreicht. Diesen Leckerbissen ergriff er sehr begierig, jedoch ohne besonderen Dank zu äussern, trug ihn in seine Lieblingsecke und betrachtete ihn sehr andächtig, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge. Darauf sagte er sehr befriedigt: »Da ist der Graf!« und begann die Ratte aufzuessen. Das blaue Bändchen aber liess er liegen. Des Mittags gab es natürlich Sauern und ein schönes Lied ward gesungen auf Hoppdiquax nach der Melodie aus Zar und Zimmermann. Es lautete: Heil sei dem Tag an welchem er bei uns erschienen, Dideldum, dideldum, dideldum! Es ist schon lange her, Das freut uns um so mehr! Wir konnten keinen schwärzren Schurken finden, Dideldum, dideldum, dideldum! Drum kam er selber her. Das freut uns um so mehr! Aber nach allen diesen kleinen lustigen Feierlichkeiten, welche zum Theil allerdings in das Gebiet des höheren Blödsinns hinüber schweiften, uns aber desto mehr Vergnügen machten, kam auch eine ernsthafte heran, nämlich das Fest der Konfirmation der beiden Kinder, das in Berlin stattfand bei einem, Hühnchen besonders befreundeten, Prediger. Hans war jetzt Sekundaner und Frieda ein hübsches Mädchen von blühender Gesundheit und ihr Antlitz trug jenen Ausdruck von sanfter Güte und Herzensreinheit, welche das beste Erbtheil von ihren Eltern war. Als sie in ihrem schwarzen Kleide mit dem kleinen Veilchensträusschen in der Hand schlank und demüthig vor dem Altare stand, da hob sich dieses liebliche Blumengesicht anmuthig von allen den anderen hervor, welche theils Züge von Selbstbewusstsein, oder unangenehmer grossstädtischer Pfiffigkeit und Frühreife und nur selten jene selig in sich selbst schwimmende Unschuld zeigten, welche diese Jahre so reizend macht. Und in die Betrachtung dieser reinen, blühenden und kindlichen Jungfrau vertieft, dachte ich, derjenige müsste ein seliger Mann sein, welcher dieses gute und schöne Menschenkind einmal sein eigen nennen dürfe.     III. Um die Sommersonnenwende. Von nun ab hatten wir kein Kind mehr, sondern ein junges Mädchen im Hause. Nichts ist sonderbarer als die Schnelligkeit, mit welcher ein solches Wesen in einem gewissen Alter plötzlich erwachsen ist. Gestern noch im kurzen Kleide hüpfte es ausgelassen und kindlich umher, heute trägt es ein langes, wandelt mit sittigen Schritten und ist ein ganz anderes Geschöpf geworden, Alles durch ein paar Zoll Wollenstoff. Aber auch sonst hatte sich Manches verändert, zuerst langsam und unmerklich und dann fühlbarer. Als Frieda noch das sorglose Kind war, kam sie des Abends bei'm Gute-Nachtsagen, schlang die Arme um meinen Hals und küsste mich mit den reinen unbewussten Kinderlippen. Die Sitte, sich also von dem lieben Onkel und Hausgenossen zu verabschieden, blieb auch als sie grösser wurde und ich weiss nicht mehr genau, wann ich zum ersten Male empfand, dass nicht mehr der Mund eines Kindes, sondern der eines jungen Weibes den meinen berührte. Dann kam einmal ein schöner langhindämmernder Juniabend. Wir hatten alle in der Laube gesessen und anfangs den Fliegenschnäppern zugesehen, wie sie von den Stäben der hochstämmigen Rosen aus in die von der sinkenden Sonne durchschimmerte Luft tauchten, um spielende Mücken zu fangen, hatten sodann dort unsere Abendmahlzeit eingenommen, während das Gelärm spielender Kinder aus der Ferne schallte und einzelne Sterne heimlich am blassen Himmel zu blinken begannen. Dann hatten wir den Fledermäusen zugeschaut wie sie schwankenden Fluges den Nachtschmetterlingen und Käfern nachstellten, die mit summendem Ton durch die weichen Abendlüfte irrten und allmählig war unser Gespräch ganz eingeschlafen. Dann war Hühnchen fortgegangen um das Haus zu schliessen, Frau Lore um noch Einiges in der Wirthschaft zu besorgen und Hans, der noch einmal in seine Schulaufgaben blicken wollte, so dass ich allein in der Laube sass, während die schimmernde Gestalt Friedas in dem dämmernden Garten sichtbar war, wie sie zuweilen zu den jungaufgeblühten Rosen sich niederbeugte um aus ihnen den Duft des Sommerabends einzuathmen. Plötzlich stand sie vor mir um mir gute Nacht zu sagen. Sie trug ein helles Kleid, das mit zarten kleinen Blümchen überstreut war und hob sich schimmernd ab von dem dunklen Hintergrunde des Buschwerkes. War es nun der Hauch holder Weiblichkeit, der von ihr ausging, war es die Stimmung dieses sanften träumerischen Abends, mich überkam der Zauber dieser Stunden, unwillkürlich erhob ich mich, schlang sanft meinen Arm um die zärtliche Gestalt und küsste sie auf den holden hingebenden Mund, den noch ein Hauch der jungen Rosendüfte zu umschweben schien. Sie löste sich sanft erröthend aus meinem Arme, sah eine Weile wie verwirrt und verwundert vor sich hin und ging dann schnell und leise fort; bei dem ungewissen Dämmerlichte schien es, als entschwebe sie mir. Seit diesem Abend küssten wir uns nicht wieder. Ich bin zwar fest überzeugt, dass ich gleich meinem Freunde Leberecht Hühnchen innerlich niemals ganz alt werden und immer ein Stückchen Kind bleiben werde und diese, vielen Menschen, die niemals jung waren, verächtlich erscheinende Eigenschaft, machte einen grossen Theil meines Glückes aus, aber ich konnte mir doch nicht verhehlen, dass ich achtunddreissig Jahre alt war und es nicht mehr nöthig hatte, mir einen Scheitel zu kämmen. Aber ich glaube auch, dass uns in solchem Alter der Hauch holder weiblicher Jugend am lieblichsten anweht und mit allen Kräften suchte ich Gedanken zu unterdrücken, welche berauschend auf mich einstürmten und mich verlockten in ein schönes Reich, wie sehnsüchtige Waldhornklänge rufen zu grüner sonniger Waldeinsamkeit. Nein, das Reich der Jugend war zugeschlossen und der Schlüssel auf ewig versenkt in das Meer der Vergessenheit. Jedoch als wir an einem der nächsten Morgen bei'm Kaffee sassen machte Hühnchen einen seltsamen Angriff auf mich. Dies war immer eine behagliche Stunde; bevor wir zusammen in die Stadt fuhren, sassen wir einander gegenüber und hatten unser Vergnügen an Hänschen dem Kanarienvogel, der um diese Stunde aus seinem Käfig gelassen wurde und mit bewundernswürdiger Zahmheit sich bei uns herumtrieb. Er hatte sich gewöhnt in dieser Zeit auf einer unserer bis zum Hinterkopf fortgeschrittenen Stirnen zu sitzen, und dadurch zu diesem Thema fühlbar angeregt, war es ein ständiger Lieblingsscherz von Hühnchen, die Frage zu erörtern, auf welche der drei gebräuchlichsten Arten uns beiden wohl die Zierde unseres Hauptes verloren gegangen sei, ob wir sie uns abgedacht, abgeärgert oder abamüsiert hätten, oder wodurch sonst wohl die Zeit, dieser grausame Indianer, bewogen worden sei, uns so vorzeitig zu skalpieren. Während solcher anmuthiger Gespräche ward Hänschen durch zeitweiliges Vorneigen des Kopfes bewogen immer von einem Scheitel zum andern zu fliegen, so dass wir gleichsam eine Art Billard mit ihm spielten, ein Anblick, an welchen die Familie Hühnchen gewöhnt war, der jeden Fremden aber mit der höchsten Verwunderung erfüllte. Als wir nun also einmal wieder am Sonntag Morgen, behaglich, weil keine Pflicht uns rief, also beim Kaffee sassen und Hänschen mit uns von Mond zu Mond spielte, da sagte Hühnchen mitten aus dem tiefsten Nachdenken heraus, während er dem Kanarienvogel einen kleinen Schubs gab, dass er flatternd zu mir sich herüberwendete: »Sage mal Freund, willst du dich eigentlich nie verheirathen?« »Nein, verehrter Leberecht!« erwiderte ich, Hänschen veranlassend auf das gegenüberliegende Hochplateau wieder zurückzukehren. »Uns natürlich«, sagte Hühnchen, »kann das nur angenehm sein. Wir behalten dich gern bei uns bis an das Ende aller Dinge, aber wir denken an dich. Du bist nun achtunddreissig Jahr alt, da wird es hohe Zeit. Denke daran, was der alte Daniel Siebenstern damals zu dir sagte, als er dir seinen Sarg zeigte und sich darüber ausliess wie traurig es ist, wenn unser Blut verrinnt gleich dem Quell im Sande der Wüste. Lore und ich haben gestern Abend wohl eine Stunde darüber gesprochen und meinen beide, dass es gut ist. Wir wissen auch Jemand für dich!« Ich ward aufmerksam auf ein Geräusch, das von Frieda ausging, die am Fenster sass und nähte. Als ich aufblickte fand ich sie jedoch tief über ihre Arbeit gebeugt, als achte sie auf weiter nichts in dieser Welt als die Stiche ihrer Nähnadel. Ich muss gestehen, dies Gespräch erregte mich ein wenig, allein ich sagte so gleichgültig wie möglich: »Nun, wen habt ihr mir denn bestimmt?« »O«, sagte Hühnchen, »ein sehr nettes Mädchen, nicht zu jung für dich, aber noch sehr hübsch und ansehnlich. Sie hat auch ein wenig Vermögen und nimmt dich auf der Stelle, darauf will Lore einen Schwur leisten. Ich glaube du ahnst es schon?« »Ich ahne garnichts«, sagte ich, obwohl mir bereits aus dem Nebel der Ungewissheit die Gestalt einer Dame hervordämmerte, welche man mir immer und überall als Tischnachbarin zu geben pflegte. Mir war das stets sehr angenehm gewesen, weil sie die Kunst der Unterhaltung verstand und mir, der ich in dem Fache des gesellschaftlichen Geschwätzes über Nichts und Alles wohl stets ein Laie bleiben werde, desshalb sehr bequem war. »Fräulein Dorette Langenberg!« sagte Hühnchen meinen Verdacht bestätigend. Ich schwieg eine Weile und es war ganz still im Zimmer. Dann sagte ich: »Lieber Freund Hühnchen, ich erkenne eure Liebe und Theilnahme wohl an, aber ich bitte euch mich nicht ferner zum Gegenstand solcher wohlgemeinter Pläne zu machen. Ich habe mir die Sache begeben, wie man bei mir zu Lande sagt. Ich bin gesonnen in Ruhe und Frieden ein guter alter Onkel zu werden und bitte mich in diesem Vorhaben nicht zu stören. Fräulein Dorette Langenberg hat zwar eine wunderschöne Hand, aber sie mag einen andern damit beglücken. Ich habe die Zeit verpasst und den Anschluss versäumt, lieber Freund und nun ist es zu spät. Für die Apfelblüthen bin ich zu alt und die reifen Borsdorfer mag ich nicht. Das ist es, was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe.« Obgleich ich es vermeiden wollte, veranlasste mich doch eine seltsame Bewegung am Fenster nach Frieda hinzusehen. Ihre Augen waren gross und voll auf mich gerichtet mit einem Ausdruck, den ich nicht zu schildern vermag. Wenn man von einem Menschen, der keine Muskel bewegt, sagen darf, er schüttele mit dem Kopfe, so war es das, was in diesem Blick lag. Dann erwachte sie gleichsam, nahm tief erröthend ihr Nähzeug zusammen und verliess leise das Zimmer. Hänschen war, seines Spieles müde, freiwillig in den Käfig zurückgekehrt und füllte die Stille des Zimmers nun mit schmetterndem Gesang; Hühnchen reichte mir seine Hand über den Tisch und nickte wohlwollend und damit war die Sache abgemacht. Während nun aber der Kanarienvogel also thätig war, setzte er plötzlich mit seinem ungeheuren Triller ein, der von Jahr zu Jahr sich verlängerte, so dass man kaum zu begreifen vermochte, wo das winzige Thier den nöthigen Athem herholte. Dieser Triller war Hühnchens Stolz und er pflegte den Vogel durch ein ermunterndes: »Na, na!« dabei zu seiner Leistung anzufeuern. Heute übertraf Hänschen aber Alles, was je dagewesen und als er endlich fertig geworden, hängte er noch einen eleganten Schnörkel als Verzierung an, gleichsam um zu zeigen, dass er immer noch einen Vorrath von Athem habe. »Heiliger Brehm!« sagte Hühnchen, »dieser Triller muss wirklich auf die Ausstellung. Jetzt ist er schon bedeutend länger als die Friedrichsstrasse; er geht die Chausseestrasse und Müllerstrasse entlang bis über den Wedding hinaus und ist auf dem Wege nach Tegel. Gut, dass ich auf Tegel komme. Zum Johannistag in nächster Woche, wenn mein Urlaub beginnt, sind wir eingeladen von Dr. Havelmüller nach Tegel in seinen Garten. Ich denke, wir werden grossartig auftreten und uns einen Wagen nehmen, damit wir unterwegs machen können, was wir wollen.« Dieser Plan erfüllte mich mit stillem Vergnügen, denn Dr. Havelmüller war mein lieber Freund und seine drolligen Einfälle pflegten eine solche Unternehmung stets zu einer absonderlichen Gemüthserheiterung zu gestalten. In Berlin als Chemiker und Redakteur vielfach thätig, war er ausserdem mit den verschiedensten Talenten ausgestattet und zeichnete sich auf so verschiedenen Gebieten aus, dass mancher Mensch von geringeren Ansprüchen sich wohl schon mit einem Theile dieser Vielseitigkeit begnügt haben würde und vielleicht stolzer gewesen wäre auf dieses eine Talent als der in seinem geistigen Reichthum bescheidene Mann, der sich niemals genügte, weil er an Alles einen hohen Massstab zu legen gewohnt war. Einen besondern Ruhm genoss er als Leiter und Veranstalter von Künstlerfesten und öffentlichen Aufzügen, für welche Unternehmungen ihm sein beweglicher Geist, seine grosse Belesenheit, seine vielseitigen Talente und eine ruhlose Arbeitskraft besonders befähigten. Aber seltsamer Weise war diesem Trieb sich im schäumendsten Leben und buntesten Wirbel zu bethätigen ein ebenso tiefer Hang zur Einsamkeit gesellt, verbunden mit einer innigen Freude am Kleinen und Einfachen. Derselbe Mann, der hinter den Reagenzgläsern seines Laboratoriums tüchtig und thätig war und zugleich technische und andere Zeitschriften redigirte, der unter Umständen die Seele rauschender und bunter Feste oder der Mittelpunkt humoristischer Vereinigungen war, zog sich mit besonderer Vorliebe, wenn seine Zeit es irgend erlaubte, an den Abenden der besseren Jahreszeit nach Tegel zurück, wo er eine gepachtete Sandscholle in einen sehr wunderlichen Bauergarten verwandelt hatte und in einer höchst absonderlichen kleinen Bretterhütte übernachtete, um am andern Morgen in der Frühe frisch gekräftigt in das Gebrause der ungeheuren Stadt zurückzukehren. Dort in Tegel lebte er in seiner eigenen Welt, die von der übrigen durch ein paar dünne Drähte abgezäunt war, dort pflanzte er Kartoffeln, Zierbohnen und Tomaten, säete bunte altmodische Sommerblumen und aquarellirte unermüdlich Sonnenuntergänge, welche in Tegel bekannter Weise in unübertrefflicher Qualität gedeihen, dort machte er Verse oder komponierte ein Liedchen oder erfand zu dem selber zubereiteten Abendessen neue Gerichte, von welchen der »Tegel-Kaviar«, und die »Tegel-Stippe«, zu besonderem Ruhme gelangten. Die Familie Hühnchen und ich vereinigten uns in dem Wunsche, der Johannistag möge in diesem Jahre mit ungetrübtem Glanze sich zeigen, denn wir alle versprachen uns von diesem Ausfluge ein Vergnügen nicht gewöhnlicher Art. Die Tage bis dahin verrannen unter den gewohnten Beschäftigungen und kleinen Erlebnissen, doch ich war nicht der Alte mehr. Mir sass »ein ungeberdig Mutterkind im Kopf«, nur dass die Bezeichnung »ungeberdig« nicht recht passen wollte, denn dies Wesen war so sanft und gut wie ein Lämmlein und so anmuthig wie eine stille Blume, die es selbst nicht weiss. Wir gingen nebeneinander her und sahen uns nicht an, nur heimlich blickte ich nach ihr, hinter den Gardinen versteckt, wenn sie in dem kleinen Garten sich zu thun machte. Wie ein holder Schein umschwebte mich die sanfte Gestalt, wo ich ging und stand, mitten aus den schwierigsten Rechenexempeln tauchte plötzlich das zärtliche rosige Antlitz hervor und verwirrte meine Gedanken. Welch' wunderliches Räthsel der Natur, dass uns Alles was lieblich und schön, kostbar und begehrenswert vorkommt in den zarten Umkreis eines weiblichen Körpers gebannt sein kann, dass eine Bewegung, ein Lächeln uns entzückt, welches Niemand sonst beachtet, dass in einem mit Menschen gefüllten Saale uns alle anderen wie leere Larven erscheinen, und nur dies eine holde Geschöpf des warmen Lebens voll.     IV. Nach Tegel. Als wir nach einer lustigen Fahrt gegen Mittag in Tegel anlangten, hielt unser Wagen an der Strasse, welche von dem »Seeschlösschen« genannten »Wirthshause weiter ins Dorf führt, zum geringsten Theile aber erst mit Häusern bebaut ist. Dort erhob sich gleichlaufend mit dem Wege in einiger Entfernung ein Bretterzaun, den an seinem Ende das Dach einer kleinen Bretterbude nur um ein Geringes überragte. An dieser Stelle sah man in den Zaun ein mit weissen Gardinen verziertes Fensterchen eingeschnitten; die übrigen drei Seiten des Gartens waren einfach durch gespannte Drähte von der profanen Aussenwelt abgegrenzt. Herr Doktor Havelmüller stand an der Eingangsthür, wo er uns erwartet hatte und kam nun an den Wagen, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Er war ein mittelgrosser etwas beleibter Herr in Wollenkleidung und trug einen breiten schwarzen Filzhut. Sein Haupthaar, sein Schnurr- und sein etwas breiter Knebelbart waren schon ergraut und aus dem bräunlich getönten Gesichte schauten durch eine goldene Brille zwei gutmüthige aber etwas melancholische Augen. Eine Eigenthümlichkeit von Dr. Havelmüller war, dass er fast nie lachte, sondern auch die grössten Tollheiten und lustigsten Sachen mit einem wehmüthigen Tone und sorgenvollem Gesichtsausdruck vorbrachte, wodurch die Wirkung solcher Spässe bedeutend erhöht wurde. Ganz entgegengesetzt pflegte es mein Freund Kleemeier zu machen, der schon im Voraus von der lustigen Wirkung seiner Geschichten so überzeugt war, dass er sie vor Lachen kaum von sich geben konnte, nachher aber regelmässig vergessen hatte, worauf es ankam, die Pointe schuldig blieb und seine geduldigen Zuhörer mit dem Schwur trösten musste, er wisse zwar nicht mehr genau wie, aber es sei unendlich komisch gewesen. Herr Dr. Havelmüller sagte, während wir auf den Garten zugingen, und er, die geöffnete Thür in der Hand, uns zum Eintritt aufforderte: »Habt Dank, lieben Freunde, dass ihr der Einladung eines armen Einsiedlers gefolgt seid, tretet ein in seine dürftige Hütte und nehmt vorlieb mit seiner geringen Bewirthung.« Wir gingen nun den Steig entlang zwischen dem mit wildem Wein und anderen Rankgewächsen überzogenen Plankenzaun und einer kleinen Gebüschanlage, welche den zur Bewässerung des sandigen Bodens dienenden abessinischen Pumpbrunnen umgab, und gelangten an die sonderbare kleine Bretterhütte; deren Dach so niedrig war, dass man es bequem mit der Hand erreichen konnte. Vor der Eingangsthür war eine Art von Veranda höchst primitiv aus Pfählen und Brettern zusammengeschlagen und innen befanden sich zwei winzige Räume, deren einer als Wohn- der andere als Schlafzimmer diente. In letzterem war gerade so viel Platz, dass neben dem mit einer grünen Friesdecke behängten Feldbette ein schmaler Gang frei blieb und ein uralter Mahagonieckschrank Platz fand, der Gläser und Geschirr und allerlei Sonderbarkeiten enthielt. Auf diesen Schrank zielte eine Inschrift, welche über der Thüre des Schlafzimmers angebracht war, und Bezug nahm auf solche Leute, welche vielleicht in die Versuchung kamen, dem Häuschen bei der häufigen Abwesenheit des Besitzers einen gewaltsamen Besuch zu machen. Sie lautete: »Am Einbrechen und Plündern Kann ich Niemand verhindern. Gott verzeih' ihm die Sünde . . . . Der Schnaps steht im Spinde!« »Der Schnaps steht auch wirklich da,« sagte Dr. Havelmüller geheimnissvoll und wehmüthig, »er schmeckt auch sehr gut, aber er ist mit einigen äusserst drastischen Mitteln versetzt. Mit diesem Trank im Leibe wird ein Jeglicher weniger Helena in jedem Weibe sehen, als vielmehr sich veranlasst finden, die Gesellschaft der Menschen zu fliehen und in der tiefsten Einsamkeit mit den unterirdischen Göttern Zwiesprache zu halten.« In dem Wohnzimmer stand zur Zeit ein gedeckter für die Mittagsmahlzeit vorbereiteter Tisch, die Stühle aber waren einstweilen hinausgestellt, weil sonst Niemand sich dort zu bewegen vermocht hätte. Diesen Raum hatte Dr. Havelmüller mit liebevoller Nachdenklichkeit ausgestattet. Weiss der Himmel, wo in welchem vergessenen Erdenwinkel er diese Wandtapete aufgetrieben hatte. In den Ranken von unmöglichen Schlingpflanzen hockten unglaubliche gelbe Vögel, welche offenbar die Masern hatten, denn sie waren über und über roth gesprenkelt und jeder dieser Vögel schnappte nach einem bei der Schöpfung vergessenen Schmetterling, von dessen Aussehen einzig und allein diese Tapete Kunde gab. Die Decke dagegen war mit einem anderen Erzeugniss des Kunstgewerbes beklebt, auf welchem sich ungeheure Massen von Rosen, Vergissmeinnicht und anderen gefühlvollen Blumen befanden. An den Wänden zeigten sich schöne Bilder und Schaustücke von jener Art, wie man sie in weltentlegenen Dorfwirthshäusern und einsamen Jägerwohnungen findet, unter anderem eins jener geheimnissvollen Kunstwerke, auf welchen man entweder die Wörter Glaube, Liebe oder Hoffnung liest je nachdem man die Stellung verändert. Da befand sich unter Glas in schönem Goldrahmen eine verblichene Stickerei auf Seide, eine Rose darstellend mit der Unterschrift: »Aus Liebe von deiner Amalie.« Da war die farbige Lithographie eines Brautpaares, er lang und schlank im glänzenden Frack und weissen anliegenden Beinkleidern, blank gescheitelt mit grossen schwarzen Verführeraugen und einem Schnurr- und Kinnbärtchen wie aus lakirtem Ebenholz, sie zart und schmachtend mit einer Taille von übermenschlicher Ausdehnung, langen Röhrenlocken, einem Mündchen wie ein Zwanzigpfennigstück und einem in Milch gekochten Vergissmeinnicht-Blick und dergleichen schöne Dinge mehr. Das Glanzstück aber aller dieser Wandverzierungen bestand in einer Oelskizze, die von einem bekannten Berliner Maler herrührte und eigens für diese Einsiedelei gestiftet worden war. Das Bild in übertriebenem Hochformat, trug die Unterschrift: »Das Räthsel des Lebens«, und stellte eine Sphinx dar, die weinend auf einem Baume sass, während ein Todtengerippe, ein blutendes und brennendes Herz zu ihr emporhaltend, den Stamm hinaufkletterte. Zu Füssen des Baumes sass eine weibliche verhüllte Gestalt mit einem Thränenkruge, während im Hintergrunde aus dunkelblauem Himmel ein rothgelber Mond zwischen düstern Cypressen hervorschien. Dieses Bild war Dr. Havelmüllers grösster Stolz. »Seht, liebe Freunde,« sagte er, »das nenne ich wahre Tiefe. Eine unendliche Deutsamkeit liegt in dieser Darstellung und doch hat noch niemals Jemand ihren Sinn ergründet. Kürzlich war Dr. Spintifex aus Berlin hier, der am Museum angestellt ist und vom Staat dafür bezahlt wird, Tag und Nacht über die alten langweiligen Bilder nachzudenken, die sie da aufgehängt haben. Um ein Uhr Nachmittags sah er zuerst dies Bild, verankerte sich davor und nahm es mit allen seinen Geisteskräften in Angriff. Um zwei Uhr, als ich wieder nachsah, waren seine Augen stier auf dasselbe gerichtet, und man sah wie sein Gehirn mit Pferdekraft arbeitete. Um drei Uhr hatte er den Kopf zwischen die Knie gesteckt und wühlte mit beiden Händen in seinen strähnigen Haaren. Gegen vier Uhr legte ich ihm ein nasses ausgewrungenes Handtuch um die Stirn, und um Fünfe herum holte ich zu diesem Zwecke Eis vom Seeschlösschen. Da er aber gegen sechs Uhr trotzdem anfing zu deliriren, so brachte ich ihn mit sanfter Gewalt auf die Pferdebahn und nach Hause, wo er sich sofort in's Bett legen musste, und seine Wirthin ihm Kamillenthee kochte. Vierzehn Tage später begegnete ich ihm auf der Strasse, allein er kannte mich nicht, hielt sich selber für ein Skelett und wollte nach der Anatomie, um sich neue Rippen einsetzen zu lassen. Augenblicklich befindet er sich in einer Kaltwasserheilanstalt. Wenn ich Euch rathen soll, lieben Freunde, so hütet Euch wohl, über dies Bild nachzudenken.« Während Dr. Havelmüller dergleichen fast unglaubliche Dinge in die Thüre hinein erzählte, stand er draussen in der sogenannten Veranda, an einem Petroleumkochapparat, auf welchem allerlei Konserven-Gerichte schmorten und nach einer kurzen Weile erklärte er, das Essen sei fertig. Die Stühle wurden hineingeschafft und als wir alle sassen, war der Raum so voll, dass selbst der Suppenkaspar aus dem Struvelpeter in seinem letzten Lebensstadium sich nicht hätte hinter unseren Stühlen mehr durchschlängeln können. In diesem Augenblick schlug Dr. Havelmüller mit gutgespieltem Schrecken sich an die Stirn, denn ich bin überzeugt, er hatte es absichtlich so weit kommen lassen, um die holde Ursprünglichkeit seiner Einrichtungen besser in's Licht zu setzen und rief: »Ach leider muss ich die Herrschaften noch einmal bemühen, denn ich habe vergessen, in meinen Weinkeller zu steigen!« Mit grosser Mühe schoben wir Stühle bei Seite und drängten uns in die Winkel, während Dr. Havelmüller eine lose Fussbodenplanke aufhob und darunter einige Weinflaschen hervorholte. »So,« sagte er dann, während er diese entkorkte, »nun bitte ich, lieben Freunde, langt zu. Erster Gang: Tegel-Kaviar.« Wir nahmen alle von dem merkwürdigen Gericht, in welchem eine Anzahl von Kapern das einzig Erkennbare waren, strichen es auf Semmelscheiben und fanden es von hohem Wohlgeschmack. Frau Lore's hausmütterlicher Sinn regte sich und sie fragte nach der Herstellung dieses merkwürdigen Gerichtes. »Ich wollte Sie ja mit ächtem Kaviar bewirthen,« sagte Dr. Havelmüller traurig, »frisch, grau, grosskörnig, rollend, schwach gesalzen, wie er sein muss und habe den Tegeler Fischer gebeten, mir einen Stör zu fangen, einen guten Rogener, und wenn er drei Mark kosten solle. Der Mann hat mir aber kein Verständniss entgegengebracht. Als ich fort ging, hörte ich ein beleidigendes Lachen und als ich mich schüchtern umsah, bemerkte ich, wie der Fischer mit seinem Finger an der Stirn zu seiner Frau Geberden machte, welche fast einer schweren Injurie gleich kamen. Es war also nichts, aber ich dachte: »Ein Genie geniert sich nie und das Talent weiss sich stets zu helfen«, und in einem glücklichen Augenblick erfand ich den Tegelkaviar. – Sie nehmen, verehrte Frau, auf drei Oelsardinen feinster Marke eine Sardelle, zerhacken Alles sehr fein, mischen es mit etwas Sardinenöl und einigen Kapern und der Tegelkaviar ist fertig. Sie sehen, einfach wie alle wirklich grossen Erfindungen.« Das Essen nahm seinen Fortgang und bestand aus allerlei in Blechbüchsen conservirten Gerichten, welchen der Doktor durch geschickte Zuthaten einen besonderen Wohlgeschmack ertheilt hatte. Wir waren ungemein lustig, obwohl in dem engen Raume bald eine grosse Wärme sich entwickelte. Als unser Wirth merkte, dass Frau Lore sich mit der Serviette das erhitzte Antlitz fächelte, verklärte ein sanfter Schein seine Züge und er sagte: »Nicht wahr, Frau Hühnchen, Sie leiden von der Hitze? Dem wird bald abgeholfen sein; ich werde die Ventilation in Thätigkeit setzen.« An der einen Bretterwand befand sich ein Astloch, dessen Kernzapfen allmählich eingetrocknet war und lose in seiner Oeffnung sass. Dieser Zapfen war an einem Stückchen Leder befestigt, so dass er sich wie ein Fensterchen bei Seite klappen liess und so die Oeffnung des Astloches frei machte. Als Hühnchen so ganz unvorbereitet dieser wundervollen Ventilationsvorrichtung ansichtig wurde, gerieht ihm vor freudiger Ueberraschung ein Krümchen in die falsche Kehle, so dass er Minuten brauchte, um wieder zu sich zu kommen. Nachher sagte er, wenn er heute noch einmal so etwas Glanzvolles zu sehen bekäme, so würde es sein Tod sein. Solche Anerkennung that Dr. Havelmüller wohl, er sah mit liebevollen Augen auf seine Ventilationsklappe und streichelte sie. Nach dem Essen besahen wir den Garten. »Als ich ein Kind war,« sagte unser Wirth, »lebte ich in beschränkten Verhältnissen, aber wir hatten ein kleines Haus mit einem Garten dahinter. Dort blühte und duftete der Lavendel in blauen Polstern und andere gewürzige Kräuter wie Salbei, Majoran und Marienblatt. Dort gab es brennende Liebe, weisse Lilien, wohlriechende Nelken und einen Flor von Sommerblumen, die heute aus der Mode und vergessen sind, alles hervorgewachsen aus geschenkten Samen, von Familie zu Familie ausgetauschten Zwiebeln und erbetenen Stecklingen. Eine grüne etwas rauhe Sorte von Stachelbeeren wuchs dort von köstlichem Geschmack. Sie ist jetzt auch fast vergessen und verdrängt von den faden grossen englischen Riesenbeeren, die nach garnichts schmecken. Nach solchem Garten, der mein Kinderparadies war, habe ich mich zeitlebens gesehnt und von ihm geträumt und da er sich in Berlin nicht verwirklichen liess, habe ich es gemacht wie der alte Mohamed und weil der Garten nicht zu mir kam, so bin ich zu ihm nach Tegel gegangen. Hier hat aber mein Leben mich bereits bei Manchen in schlechten Ruf gebracht. Einige der braven Eingeborenen, welche sahen, dass ich des Nachts in dieser schlechten Hütte schlafe, im Schweisse meines Angesichts Kartoffeln und Gemüse baue, so dürftige und billige Gewächse pflanze, und mir des Abends selber meine bescheidenen Gerichte koche, zeigen mich ihren Kindern als abschreckendes Beispiel und sagen: »Seht diesen reichen Mann – denn dafür halten sie mich – er könnte alle Tage Austern und Kapaunen essen, aber er lebt wie ein Hund und schläft in einer Bude schlechter als ein Ziegenstall. Seht Kinder, dazu führt der Geiz!« – Der Doktor zog die Schulter hoch, streckte die Hände vor sich und stand eine Weile in trübseliges Schweigen versunken, wie ergeben in sein Schicksal. Dann aber ermannte er sich wieder, erhob das Haupt und rief: »Nun aber vorwärts, auf zur Liebesinsel!«     V. Die Liebesinsel. Wir zogen nun alle hinab zum nahen See, wo an dem Landungsstege ein Kahn bereit lag, in welchem ein junger Eingeborener schon unserer wartete. Der Nachmittag dieses Tages, an welchem Frühling und Sommer sich scheiden, war still und klar und als wir über den blanken Spiegel des Sees dahinfuhren, waren die kleinen Wellen, welche von unserem Kahne ausgingen, fast das Einzige, die glatte Fläche zu trüben. Wenige Tage vorher hatte ein Sturm geherrscht, und dabei war eins der kleinen Segelböte, welche dort von Liebhabern gehalten werden, gekentert und gesunken. Nun beschäftigte sich eine Anzahl von Leuten in Kähnen damit, dasselbe wieder zu heben, und der Klang ihrer ermunternden Zurufe drang zuweilen aus der Ferne zu uns her. Der stille glänzende Tag über dem blanken regungslosen See hatte auch uns schweigsam gemacht, und eine Zeit lang war nichts vernehmlich als das taktmässige Geräusch der Ruder und das leise Rieseln des Wassers vom Bug unseres Kahnes. Rings lagen die Ufer im Sonnenduft und nur undeutlich hob sich das kleine Inselchen, welches unser Ziel war, von dem Dämmer der dahinter liegenden Waldung ab. Jedoch bald zeigte es sich deutlicher, ein wunderlich kleines Eiland mit nur einem grösseren Baume, allerlei Buschwerk und einem Streifen Uferschilf. Wir umfuhren es in grossem Bogen, um an eine passende Landungsstelle zu gelangen, und bald stiess der Kahn scharrend auf den Ufersand. Hühnchen's Entzücken, als er sich näher auf diesem Fleckchen Erde umsah, war unbeschreiblich. »Beim Robinson,« sagte er, »dies ist wahrhaftig die Insel meiner Träume. Als Kind hätte ich so etwas Zauberhaftes garnicht für möglich gehalten. Hier möchte ich meine Tage beschliessen. Hier ist gerade Platz für ein kleines Haus und einen bescheidenen Garten und was will man mehr? Dies kleine Wäldchen,« dabei zeigte er auf den einen Baum und das verschiedenartige Buschwerk, welches ihn umgab, »würde ich natürlich unangetastet lassen, ebenso diese blumige Wiese, welche als eine spitze Halbinsel in den See verläuft.« Während nun Hühnchen unter entzücktem Schweigen seine Augen an dieser Insel, die allerdings wie für ihn geschaffen erschien, weidete, ward aus dem Gebüsch der lieblich dahinrieselnde Gesang einer Dorngrasmücke vernehmlich. »Der Herr Vizewirth!« sagte Dr. Havelmüller geheimnissvoll, indem er mit dem Daumen nach der Richtung deutete, wo der Vogel sang. »Was denn?« fragte Hühnchen verwundert. »Dieses kleine Eiland,« sagte der Doktor wie immer mit tiefem Ernst, »gehört dem bekannten Ornithologen und Naturforscher Dr. Bolle, welcher im Sommer auf der dort sichtbaren grösseren Insel Scharfenberg haust und sich der Pflege seiner seltenen Bäume und Gesträuche und dem Schutze der dort zahlreich angesiedelten Singvögel widmet. Hier dagegen wohnt niemand als ein Pärchen Dorngrasmücken, welchem er die Aufsicht über diese Insel anvertraut hat. Ihr Gehalt beziehen sie in Naturalien, welche sie sich selber suchen dürfen.« Ich hatte unterdess mit dem Scharfblick, welchen mir frühere Uebung in solchen Dingen gab, das Gebüsch durchspäht und glücklich das Nest der Dorngrasmücke aufgefunden, das von dem Weibchen trotz der Störung durch den fremden Besuch noch nicht verlassen worden war. Ich wollte davon kein Aufsehen machen, insbesondere nicht wegen des jungen Tegeler Eingeborenen, welcher leicht einmal in späterer Zeit zurückkehren konnte, um dieser stillen Häuslichkeit den Frieden zu rauben. Doch Frieda war gerade in meiner Nähe, und da Dr. Havelmüller, in seiner beliebten Weise Wahrheit mit Dichtung mischend, gerade einen Vortrag über die Insel Scharfenberg hielt, welchem der Tegeler Autochthone mit offenem Munde lauschte, so ergriff ich sanft die Hand des schönen Mädchens und führte sie, die mich verwundert anblickte, so, dass sie durch eine Lücke zwischen den Zweigen auf das Nest hinsehen konnte. Frieda war ein Kind der Grossstadt und ein Vogelnest, wenn auch gerade nichts Unbekanntes, doch immer ein Stück Märchen für sie. Der Vogel sass ganz still, nur sein dunkles Auge war unablässig auf uns gerichtet. »Ach, das liebe Thierchen,« sagte Frieda, »wenn wir es nur nicht stören.« Und von dieser Furcht ergriffen, ging sie ängstlich und leise rückwärts, mich sanft an der Hand nach sich ziehend. Als wir uns weit genug entfernt hatten und noch eine Weile unschlüssig Hand in Hand standen, fühlte ich, wie die ihre sich leise löste. »Ich danke dir,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen, als fürchteten sich diese den meinen zu begegnen, und ging still hinweg. Derweil hatte Dr. Havelmüller begonnen, ein Häufchen Holz, das auf einer schon öfter benutzten Brandstelle bereit lag, zu entzünden; in einem mitgebrachten Kessel ward Wasser aufgesetzt, Tassen und Geschirr aus dem Kahne geholt und vermittelst einer Flasche kräftigen Extraktes bald ein tüchtiger Kaffee zu Stande gebracht. Während wir nun das braune Getränk behaglich schlürften, begann der Doktor aus dem unerschöpflichen Schatze seiner Phantasie allerlei Sagenhaftes über diese Insel zu berichten: »Ich bin überzeugt, dieser Boden steckt voller Alterthümer,« sagte er. »Ich fand hier früher bereits einmal eine alte Schuhsohle aus der Zeit des grossen Kurfürsten. Aber noch viel weiter greift die Geschichte dieser Insel zurück. Es ist fast ausser allem Zweifel, dass hier einstmals ein Heiligthum der wendischen Liebesgöttin gestanden hat, worauf ja auch der Name der Insel hindeutet. Und so tief haften dergleichen Erinnerungen im Volke, dass verbürgten Nachrichten zu Folge noch heute zuweilen Liebespaare hier landen sollen, um der Göttin Opfer zu bringen.« Der Ernst, mit welchem der Doktor solche Dinge vorzutragen wusste, hatte etwas Erhabenes, jedoch unterbrach er sich jetzt, als er bemerkte, dass die ganze Gesellschaft im Kampfe mit den Mücken begriffen war, einer besonders blutgierigen und heimtückischen Sorte, welche ausser Sonnenuntergängen eine zweite Specialität von Tegel bildet. »Gegen die Mücken führe ich ein Mittel bei mir,« sagte er, eine Zigarrentasche hervorziehend, »ich entdeckte diese unvergleichlichen Rauchröllchen bei einem Krämer in Tegel, dem ihr hoher Werth wahrscheinlich unbekannt ist, denn er verkauft sie für drei Pfennige das Stück. Es ist die Sorte, von welcher Johannes Trojan singt: »»Eine Zigarr' entbrannt er, Die war als wie ein Panther Gesprenkelt gelb, grün und braun, Wie ein Sittich war sie zu schaun, Schön war sie, dazu gross und stark, Sie war in der Ukermark Gewachsen in einem bösen Jahr.«« Der Rauch dieser Zigarren, für einen Menschen von starker Gesundheit verhältnissmässig unschädlich, wirkt auf Mücken unbedingt tödtlich. Sobald ihr auch nur ein Spürchen davon in die Nase kommt, so fängt sie an zu husten und hustet sich mit grosser Geschwindigkeit ganz weg, so dass bald nur ein winziges Staub-Wölkchen die Stelle bezeichnet, wo sie schwebte.« Als der Doktor unsere Unschlüssigkeit bemerkte, uns dieser kraftvollen Zigarre zu bedienen, warf er dem vorgezeigten Probeexemplar noch einen liebevollen Blick zu, steckte es wieder ein und förderte andere Zigarren ans Licht, welche uns mehr Vertrauen einflössten, und trotz ihres ächten Havanna-Duftes sich gegen die Mückenplage nicht unwirksam erwiesen. Als nun die blauen Wölkchen behaglich in die stille sonnige Luft emporstiegen, fuhr Dr. Havelmüller in seinen Erörterungen fort: »Also ich halte den Boden dieser Insel für reich an Alterthümern, ja vielleicht an Schätzen. In der Johannisnacht des vorigen Jahres sah ich hier ein blaues Flämmchen glühen, was sehr verdächtig ist. Nun, wir haben heute wieder Johannis und die Zeit ist also für solche Unternehmungen günstig. Zudem sehe ich dort einen Strauch der sagenreichen Hasel – wie wäre es, wenn ich mit der Wünschelruthe einen kleinen Versuch machte? Mein Freund Dr. Julius, der selbst ein geschickter Ruthengänger ist, hat mich in dieser Wissenschaft genau unterrichtet.« Der Doktor stand auf, schnitt mit grosser Feierlichkeit einen gabelförmigen Zweig von der Haselstaude, putzte ihn sauber ab und nahm die beiden Enden kunstgerecht zwischen die verwendeten Hände, so dass der Stiel in die Höhe stand. Dann schritt er langsam und würdevoll die Ruthe vor sich haltend über den Sandboden, bis plötzlich in der Nähe eines alten Baumstumpfes der Zweig sich neigte und gleichsam gegen den Boden gezogen wurde. »Die Art und Weise, wie die Ruthe sich bewegt,« flüsterte Dr. Havelmüller geheimnissvoll, »deutet auf Wasser. Am Ende kein Wunder in dieser feuchten Gegend, aber bemerken Sie wohl das eigenthümliche Zittern, das sich meiner Hände bemächtigt hat? Dieser Tadderich ist höchst verdächtig, denn er deutet darauf hin, dass das Wasser gebrannt ist. – Sollte vielleicht ein alter geiziger Säufer hier seine Schätze vergraben haben?« Ein mitgebrachter Spaten ward aus dem Kahne geholt, und mit scheinbar grosser Aufregung begann der Doktor zu graben. »Ha!« rief er plötzlich, »soeben stiess ich auf etwas Hartes!« Dann warf er sich auf die Kniee und wühlte aus dem feuchten Sande eine Flasche hervor, welche er prüfend gegen das Licht hielt: »Alter Nordhäuser Korn,« rief er gerührt, » wie gerechtfertigt war mein Verdacht auf Alterthümer doch, aber es scheint mehr dort zu sein.« Alsbald warf er noch weiter den Sand bei Seite und zog nach einer Weile aus der Grube ein zweites Fläschchen mit rothem Inhalt. »Rosenlikör,« flüsterte er, »was für die Damen! Es ist unglaublich!« Dann sprang er auf und rief: »Dieser seltsame Erfolg giebt mir Muth. Ihr werdet bemerkt haben, dass wir unser Feuer auf einer alten Brandstelle anzündeten. Solche alte Brandstellen sind stets ungeheuer verdächtig!« Und mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings begann er die noch glühenden Kohlen bei Seite zu räumen und auf der Stelle, wo noch soeben das Wasser heiss gemacht war, zu graben. Nach kurzer Weile hielt er inne und sagte sichtlich zitternd vor Aufregung: »Ich stosse schon wieder auf was Hartes!« Hühnchen, nachdem er sich von einer ungeheuren Lustigkeit über diese Komödie erholt hatte, griff mit zu und bald förderten beide einen mächtig grossen braun glasierten Deckeltopf mit zwei Henkeln an die Oberfläche. »Eine Urne,« sagte Dr. Havelmüller, »eine Urne von höchst seltsamer Form. Ich glaube dieser Typus ist noch in keiner Sammlung vertreten.« Er hob den Deckel vorsichtig ab und nun zeigte sich inwendig ein zweites offenes Gefäss mit Erde und Brandresten gefüllt. Dasselbe war von Glas und hatte ganz genau die Form und den emaillirten Rand jener ungeheuren Bassins, aus welchen man Weissbier trinkt. Bei näherer Besichtigung zeigte sich darauf eine Inschrift in Runenbuchstaben, offenbar durch Flusssäure eingeätzt. Mit merkwürdiger Geläufigkeit las der Doktor uns dieselbe vor: »König Jaczko seinem lieben Dr. Havelmüller z. fr. Erg.« »Ach, der gute alte Wendenkönig,« rief er dann, »hat damals schon an mich gedacht vor so viel Jahrhunderten.« Dann zog er einen blechernen Küchenlöffel hervor, den er seltsamer Weise in der Tasche hatte, und begann sachgemäss den Inhalt des Weissbierglases auszuräumen. Bald zeigte sich etwas. »Ha,« rief der Doktor, indem er den kleinen Gegenstand emporhielt, »ein Thränenfläschchen von Glas.« Er nahm den Stöpsel ab, roch hinein. »Sonderbar, höchst sonderbar! Schon damals war das Kölnische Wasser bekannt. Frau Hühnchen, darf ich Sie bitten, diese Antike von mir anzunehmen.« Emsig löffelte er dann weiter und förderte nach und nach für jeglichen der Anwesenden etwas zu Tage. Eine kleine Broche von Bronze begrüsste er mit dem Jubelrufe: »Ha, eine Fibula von höchst ungewöhnlichem Typus mit Edelrost, bitte Fräulein Frieda!« Dann flüsterte er mir, der neben ihm kniete, heimlich zu: »Ein Riegel für das holde Thor, hinter welchem die zwei Rehzwillinge unter Rosen weiden.« Nachdem nun Hühnchen ein silbernes Hühnchen an der Uhrkette zu tragen, sowie Hans und ich ebenfalls eine Kleinigkeit erhalten hatten, fand sich noch ein wunderlicher Kamm, der, wie der Doktor meinte, an ähnliche Funde in der Lausitz erinnerte. Zum Beweis für das ungeheure Alter dieses Kammes, machte er darauf aufmerksam, dass derselbe bereits künstliche Zähne trug. Diese ungeheure Seltenheit behielt er für sich selber. Ausserdem enthielt diese Urne nur noch sechs kleine Opfergefässe, die eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit mit modernen Schnapsgläsern besassen. Der Doktor zog die Stirn in Falten und sagte dann mit tiefem Ernst: »Lieben Freunde, ich bemerke, dass etwas wie ein Gesetz durch alle diese seltsamen Funde geht. Zuerst entdecken wir das starke Getränk, dann eine Urne, von der auffallenden Form eines Weissbierglases, sodann wieder diese sechs kleinen Opfergefässe, und auch einem minder scharfen Verstande als dem Euren würde es nicht entgehen, dass das vierte Glied in dieser Kette nach dem Gesetz der Reime bei dem Quartett eines Sonettes mit einer fast unfehlbaren Sicherheit lauten muss: Weissbier. Untersuchen wir desshalb den geheimnissvollen Boden dieser Insel auf's Neue in dieser Richtung mittelst der Wünschelruthe.« Und wahrhaftig, dieser scharfsinnige Schluss trog nicht, denn kühl eingebettet in den nassen Ufersand fanden sich wirklich nach mehreren Hin- und Widergängen einige Kruken dieses erfrischenden Getränkes, Höchst lustig war es, das Gesicht des jungen Tegeler Eingeborenen bei allen diesen Funden zu beobachten und den unheimlichen Eindruck von seinen Zügen zu lesen, welchen diese räthselhaften Ausgrabungen auf sein ahnungsloses Gemüth machten. Verständnissleer starrte er auf uns hin, wenn unser unbändiges Lachen die Luft erschütterte, denn nach Lachen war ihm bei so wunderlichen unbegreiflichen Dingen wahrhaftig nicht zu Muth. Indem wir uns nun längere Zeit unter vielen Scherzen auf Dr. Havelmüllers glückliche Finderhand dieses nicht ohne Mühe erworbenen Besitzes erfreuten, sank allmälig die Sonne gegen die Waldwipfel, und wir mussten an den Aufbruch denken. Welch ein sanfter stiller Spätnachmittag auf der klaren unbewegten Fluth. Wir sangen allerlei Lieder wie sie der Deutsche auf dem Wasser anzustimmen pflegt, und zwischendurch musste ich immer heimlich hinblicken auf das reine Profil jenes Mädchens, das so mild und schön war wie dieser sanfte letzte Tag des Frühlings. Sie blickte hinaus über den schimmernden Spiegel auf das dämmernde Blau der Ferne, als sei dort das schöne Land der Träume, wo alle holden, kaum geahnten Wünsche in Erfüllung gehen. »Du, Emil,« sagte Hühnchen, nachdem wir gerade wieder ein Lied beendigt hatten, zu Dr. Havelmüller, »ich habe eine grosse Bitte an Dich. Vor Jahren hörte ich einmal ein altdeutsches Lied von Dir, das Du selber komponiert hast, das musst Du mir heute singen. All die Zeit ist es mir nicht wieder aus dem Gedächtniss gekommen, das Lied von dem rosenfarbenen Mund. Mich dünkt, es war so einfach und schön wie die Natur.« »Ach, meine Weise ist vielleicht zu einfach und ich weiss nicht, ob sie des wunderbaren Textes würdig ist,« sagte der Doktor, »aber Du bist mein Gast und der Wunsch meiner Gäste ist mir Befehl! Das Lied findet sich in einer Mönchshandschrift des Klosters Benediktbeuern aus dem dreizehnten Jahrhundert, genannt »Carmina Burana« und ist in seiner einfachen Innigkeit wahrhaft unvergleichlich. Ich will es aber in hochdeutscher Uebersetzung singen des schnelleren Verständnisses halber.« Der Doktor räusperte sich und sang dann mit angenehmer Stimme und innigem Ausdruck: » Komm o komm, Gesellin mein, Ach, ich harre sehnend dein, Ach, ich harre sehnend dein, Komm o komm, Gesellin mein. Süsser rosenfarbner Mund, Komm und mache mich gesund, Komm und mache mich gesund, Süsser rosenfarbner Mund.« Nach einer kleinen Stille sagte Hühnchen, nachdem er die letzten Zeilen summend wiederholt hatte: »Bitte noch einmal, lieber Freund.« Der Doktor fügte sich diesem Wunsche und als nun wieder die zweite Strophe begann, war es seltsam, wie die Macht dieser Worte zwei Häupter, die es eigentlich garnicht wollten, gegen einander wendete, so dass die Augen sich eine kurze Weile begegneten. Dann aber drehten sie schnell sich ab und suchten wieder die blaue dämmernde Ferne.     V. Johanniswürmchen. Ich kann es nicht ändern, wenn in dieser Geschichte ein wenig viel gegessen und getrunken wird, aber das strenge Gesetz der historischen Wahrheit zwingt mich anzugeben, dass nun im Garten des Dr. Havelmüller wieder ein kleiner Imbiss genommen wurde, und dass es Allen herrlich schmeckte. Weildess aber hatte sich die Sonne hinter die Waldwipfel gesenkt, am Himmel eine mächtige Gluth entzündet und den See in eitel flüssiges Gold verwandelt. Wir brachen nun gleich auf, weil als letzter Theil des festlichen Programms ein Spaziergang in den Schlosspark zum Genuss der dämmernden Sommernacht und des Mondscheins verzeichnet war und Dr. Havelmüller uns die Versicherung gab, dass er ausser dem unvergleichlichen Sonnenuntergang, der sich draussen ja bereits abspiele, auch eine besonders festliche Beleuchtung durch Johanniswürmchen bestellt habe. Wir wanderten langsam den Weg entlang, der später an der Kirche vorbeiführt und als wir an eine Stelle kamen, wo zwischen Baumgruppen und dem Garten einer Villa sich eine Aussicht auf den See öffnete, da bot sich uns ein zauberhafter Anblick dar. Das Gold der gesunkenen Sonne hatte sich nun in ein feuriges Roth verwandelt und den halben Himmel mit einer leuchtenden Rosengluth übergossen. Davon in tiefster Schwärze hob sich der Wald ab und die düstern Schatten, welche er auf den See warf. Im Vordergrunde aber hatte spiegelndes Abendroth das glatte Wasser in eine märchenhafte Purpurfluth verwandelt und da nun gerade im letzten Augenblick das glücklich gehobene Segelboot von den Leuten auf den zwei Kähnen eingebracht wurde, so hatte dies eine Menge von grossen Leuten und Kindern an das Ufer gelockt. Auf dem langen Landungsstege standen sie wie scharfe Silhouetten auf leuchtend rothem Grunde, in der flachen Rosenfluth wateten jubelnd die zierlichen schwarzen Gestalten der Kinder, es war ein Rufen, Jauchzen und freudiges Getön und ein Anblick, wie aus einer seligeren Welt, so dass wir uns kaum davon zu trennen vermochten. Endlich wanderten wir weiter durch das Dorf, wo die Leute behaglich den dämmernden Abend auf den Hausbänken genossen, wo im Schatten der Linden zuweilen vertraute Liebespaare flüsterten und aus manchem Fenster schon eine stille Lampe glimmte, bis wir endlich an die mächtig ragenden Silberpappeln und Platanen am Eingange des schönen Parkes gelangten. Als wir den grossen Lindengang erreicht hatten, trennten wir uns, denn da Frau Lore nicht gut zu Fusse war, wollten die älteren Herren mit ihr auf dem bequemen und ebenen Wege bleiben, während die jüngeren, zu denen ich mich heute mit einem gewissen Behagen rechnete, den Weg über den sogenannten Aussichtsberg einschlugen, um sich später in der Nähe des Humboldtschen Begräbnissplatzes wieder mit den anderen zu vereinigen. Es war eine helle, warme und stille Nacht. In hohen Lüften war es gleichsam wie der Wiederschein einer längst versunkenen Sonne, und dazu kam das Leuchten des Mondes, dessen blasse Sichel an dem hellen Himmel schwamm, während nur einzelne Sterne mit mattem Gefunkel hier und da hervorblinkten. Alle Dinge dieser Erde waren eingehüllt in einen sanften grauen Schleier, und der Dämon Finsterniss hatte sich in die tiefsten Schatten des dichtesten Blätterwerkes zurückgezogen. Die Natur schlief, aber durch ihre Träume ging es zuweilen wie ein Athem der Sehnsucht, dann flüsterten leise die Blätter und ein Hauch von Lindenblüthenduft und Rosen schwebte vorüber; im dunstigen Grunde schlug eine Nachtigall ein paar verlorene Töne an und aus ferneren Kornfeldern kam unablässiger Wachtelruf. Wir gingen den Weg zur Höhe hinan, der schimmernd vor uns lag; da zeigte sich zuerst ein blitzender Funke in der Luft, der launisch umherirrte, bald ganz erlosch, bald eine Strecke weiter hell wieder aufleuchtete. Ein Männchen des Johanniswurmes war es, das sein Laternchen angezündet hatte, um sein Liebchen zu suchen, dessen stilles bläuliches Licht wohl irgendwo im Grase schimmern musste. In Hans erwachte die Jagdlust, er eilte dem funkelnden Thierchen nach, um es zu fangen, verlor sich auf einen Nebenweg und bald waren wir allein. Als wir nun so nebeneinander gingen, zwei bänglich pochende Herzen in der sommerwarmen Einsamkeit, da that sich zur Seite aus dem Grase am Wegesrand ein schimmerndes Licht hervor wie ein ruhiger Stern und siehe da, weiterhin noch ein zweites. Wir traten hinzu und betrachteten das kleine Naturwunder, wie sein helles Laternchen die Halme und Blättchen seiner Umgebung erleuchtete und in grünem Golde glänzen liess. Ich fing die Thierchen dann und liess Frieda in meiner Hand die schimmernden Sterne beschauen, dann setzte ich sie beide in die künstlichen Blumen, welche die Vorderseite ihres Hutes schmückten und dort glänzten sie hervor gleich den Diamanten des Märchens, von welchen es heisst, dass sie im Dunkeln leuchten. Als Frieda mein Entzücken über die Wirkung dieser lebendigen Edelsteine bemerkte, nahm sie eine Weile den Hut ab und betrachtete mit leuchtendem Auge diesen unvergleichlichen Schmuck; ich aber fing noch mehr solcher Thierchen, so dass die Blumen des Hutes bald ganz mit diesen schimmernden Sternen besäet waren. Unterdess waren wir auf der Höhe angelangt und schauten nun weit hinaus in die von Duft und lichtem Dämmer erfüllte Welt, während der Schatten hervorragender Zweige sich über uns hinstreckte. Zwei Johanniswürmchen, angelockt von der schimmernden Gesellschaft auf dem Hute irrten in schwankenden Kreisen und zuweilen stärker aufblitzend um das Haupt des schönen Mädchens, und wieder brachte ein sanfter Athemzug der Nacht einen Blüthenduft von dem Lindengange im Grunde. Ach Alles rings hauchte Liebe und Sehnsucht, und dazu tönte plötzlich aus der Ferne wieder das Lied des Doktors, das er heute auf dem Wasser gesungen hatte: »Komm, o komm, Gesellin mein,« . . . . . . in der Stille der Nacht verstand man deutlich jedes Wort. Und während wir so nebeneinander standen, leise athmend, um keinen Ton zu verlieren, hatte ich meinen Arm sanft um das schöne Kind gelegt und ihr Köpfchen ruhte an meiner Schulter. Als der Gesang nun verstummt war, da vermochte ich es nicht anders, ich musste den Schluss des Liedes wiederholen: »Komm und mache mich gesund, süsser rosenfarbener Mund.« Frieda antwortete nicht, sondern neigte nur hingebend das Köpfchen zurück, bot mir fromm und demüthig den holden Mund als ein Heilmittel, das sie nicht versagen dürfe, und wir küssten uns andächtig und lange. Dann, wie aus einem Traume erwachend, seufzte sie tief und senkte das Köpfchen vor meinem Blick: »Ach, Onkel!« hauchte sie und ein Zittern lag in ihrer Stimme. Ich aber zog sie an mich und rief: »Niemals, niemals will ich diesen Titel wieder hören, ich will es nicht mehr sein und bin es ja auch nie gewesen. Sage, wie Du mich jetzt nennen willst?« Sie schwieg eine kurze »Weile: »Ach, Liebster, Liebster,« flüsterte sie dann leise an meiner Brust. Wir hörten plötzlich unsere Namen rufen von der Gegend des Humboldtdenkmales her und schnell eilten wir Hand in Hand durch die dämmernde Johannisnacht zu unseren Lieben. Mag es uns der grosse Forscher verzeihen, der dort im Kreise seiner Verwandten in dem ernsten Schatten düsterer Fichten ruht, dass wir beide keine Neigung verspürten, seinem Andenken jetzt eine stille Minute zu weihen, wir eilten schnell vorüber an dem finstern Epheu, der jene Gräber bespinnt, denn die Augen unseres Geistes waren gerichtet auf lauter schöne sonnige Sommertage der Zukunft, nicht auf die düsteren Schatten der Vergangenheit. Wir trafen die anderen schon auf dem Rückweg begriffen, und ich verzichte gern auf die Schilderung der Wirkung, welche die Mittheilung dessen, welches sich soeben auf dem Aussichtsberge begeben hatte, auf Hühnchen machte und vermag nicht zu entscheiden, ob seine anfängliche Verblüffung grösser war oder sein späteres Entzücken über dieses ihm gänzlich unerwartete Ereigniss. Und während des allgemeinen Fragens, Erzählens, Küssens und Umarmens, stand Dr. Havelmüller stumm bei Seite, den Knebelbart heftig streichend und das verrätherische Mondlicht beleuchtete eine schimmernde Thräne in seinem Auge. Sie galt nicht allein dem Glück der Freunde, sondern auch jener Zeit der unwiederbringlich entschwundenen Jugend, wo er sich mit diesem selben Liede ein glühendes und stolzes Frauenherz erwarb. Wie wir nun endlich wieder nach Tegel und in unsern Wagen gelangt sind, das weiss ich kaum zu sagen, doch endlich sassen wir darin und fuhren unter vielen Grüssen und Danksagungen gegen Dr. Havelmüller davon. Hühnchen war so ausgelassen, wie ich ihn nie gesehen habe, als wäre er voll süssen Weines. »Theuerster aller Freunde,« rief er, »hättest Du damals in Hannover, als wir beide auf dem alten gebirgigen Sopha sassen und Thee tranken, hättest Du damals gedacht, dass ich noch einmal Dein Schwiegervater würde? O wie wunderbar ist diese Welt! – Weisst Du noch wie ich Dir damals rieth, Du solltest sehen, dass Du auf dem Sopha in ein Thal zu sitzen kämest? Sieh mal, du sollst bei uns auch in ein Thal zu sitzen kommen und sollst es gut haben und wie ich meine Lore kenne, so wird sie eine Schwiegermutter abgeben, welche diesen so viel geschmähten Stand wieder zu Ehren bringen und die Welt mit Rührung erfüllen soll.« Und so redete mein zukünftiger Schwiegervater und sang Lieder und gab die lustigsten Thorheiten an, den ganzen Weg hindurch, ja, er konnte nur mit Mühe verhindert werden, an einer besonders einladenden, vom Mond beschienenen Waldblösse auszusteigen und einen Indianertanz loszulassen, so dass der biedere Kutscher, als ich ihm in der Freude meines Herzens in Steglitz einen Thaler Extratrinkgeld in die Hand drückte, schmunzelnd sagte: »Danke scheen! det war 'ne fidele Nachtfuhre!« Ich aber, dem ein Glück in den Schoss gefallen ist, auf das ich schon längst verzichten zu müssen glaubte, ich will dankbar hinnehmen, was das Schicksal ferner über mich verhängt hat, sei es nun Liebes oder Leides.     Der Nachbar der Sterne Eine Burleske . I. Ich glaube, es war von Kind auf nicht ganz richtig mit ihm. In den Augen seiner Eltern, deren einziger Sohn er war, galt er für ein Genie und seine Mutter hatte um ihn von Anfang an ein Netz wunderbarer Sagen über seine frühzeitige und unheimliche Intelligenz gesponnen. Ich schweige von den Thaten seiner ersten Kindheit, die in den Augen seiner Eltern mit einer Fülle von geheimnissvollen Genieblitzen durchwoben war, sondern fange dort an, wo meine eigene Kenntniss beginnt. Er war in meinem Alter und als ich ihn zuerst sah, zählten wir beide zwölf Jahre. Mir ist noch genau in Erinnerung die sonderbare Art, mit welcher er sich seitwärts an mich heranschob, indem er dabei eifrig nach meinem Kopfe schielte. Er war es nämlich gewohnt, mit gleichalterigen Knaben fortwährend gemessen und verglichen zu werden und so erklärt sich das merkwürdige Verfahren. Wir wurden zusammen in den Garten geschickt, allein ich vermochte nicht viel mit ihm anzufangen, da er von denjenigen Dingen, welche nach meiner Ansicht für Knaben meines Alters einzig und allein würdig und angemessen waren, gar keine Ahnung zu haben schien. Wenn ich mich stehend schaukelte, dass ich hoch in die Aeste des Lindenbaumes flog, so sah er mir mit offenem Munde und sichtlichem Entsetzen zu, wenn ich in einen allerdings noch sehr grünen Apfel biss, so schauderte seine wohlerzogene Seele, als ich am Teich in einen Baum kletterte und mich auf einem schwanken Aste über dem Wasser wiegte, da war ihm dies wiederum ein grausiges Unternehmen und als ich nun gar auf einem schmalen Baumstamm über den Bach balancierte, da las ich kreideweisses Entsetzen in seinen Zügen. Dies Alles war mir natürlich sehr schmeichelhaft und spornte mich zu ferneren Thaten an, allein sehr missfiel es mir doch, dass er auf alle meine Aufforderungen zur Nacheiferung immer nur antwortete »Das darf ich nicht.« Dies erschien mir äusserst kläglich und unmännlich und zudem unpraktisch, denn wenn man immer nur that, was man durfte, war doch am Ende das Leben seines schönsten Reizes beraubt. Schliesslich empfand ich ein kaum abzuweisendes Bedürfniss ihn durchzuprügeln, unterdrückte jedoch diesen Trieb mehr aus Klugheit als aus Rücksichten der Tugend, denn ich fürchtete eine allzu kräftige Verzinsung des ausgegebenen Kapitals von der starken Hand meines Vaters. Daher begnügte ich mich damit, ihn gelegentlich blos in das Gras zu schubsen, so dass er zwei wunderschöne grüne Knieflecke in seinen schneeweissen Hosen davontrug und über diese Entstellung heulend sich in die sicheren Arme seiner Mutter flüchtete. Ich kam dafür mit einer Maulschelle davon und Emilchen kriegte neue Hosen an. Nun aber drehte sich der Spiess um und als wir beide im Zimmer bei den Eltern uns der Sittsamkeit befleissigen mussten, was ihm sehr leicht wurde, mir aber mit Aufbietung meiner ganzen Verstellungskunst nur mässig gelang, da kam er auf den Gebieten zur Geltung, die ihm geläufig waren, und es stellte sich heraus, dass er besonders in den Künsten glänzte. Vor Kurzem war die Familie in Schwerin gewesen und da hatte das wunderbare soeben vollendete Schloss einen solchen Eindruck auf den begabten Emil gemacht, dass er seitdem bestrebt war, es immer und immer wieder zu zeichnen, so dass die glückliche Mutter schon eine ganze Reihe solcher Entwürfe hatte sammeln können. Es war immer ein mächtiger Salat von Thürmen, Giebeln und ungezählten Fenstern und obwohl keine dieser Zeichnungen eine wirkliche Aehnlichkeit mit ihrem Vorbilde aufwies, so sahen die beseeligten Eltern dennoch die Spuren des Genius darin und in ihrem Söhnlein einen zukünftigen Oberbaurath. Ich dachte im Stillen, ob wohl der künstlerische Emil einen solchen Kaninchenstall bauen könne, wie ich mir zu Hause einen gemacht hatte, ordentlich aus Steinen und Holz mit einer Thür und einem kleinen Glasfenster regendicht und windgeschützt. Oder eine solche Hütte aus Brettern und Weidengeflecht, wie ich sie mir in einem verborgenen Winkel des Gartens errichtet hatte, inwendig mit alten Bastmatten ausgeschlagen und mit einem ordentlichen Herde aus Steinen, auf welchem ein wirkliches Feuer brannte, während ich, der grosse Indianer »Fliegender Büffel«, heimgekehrt von gewaltigen Jagd- und Kriegszügen, auf der Bärenhaut ruhte und mit meinem Stammesgenossen dem Inspektorsohne, welcher den Indianernamen »Toller Hund« führte, eine Friedenspfeife Kartoffelkraut rauchte. Ich fürchtete, er würde Alles dieses nicht können. Aber auch der Dichtkunst fröhnte er und hatte schon in seinem sechsten Jahre folgendes Epigramm angefertigt:         »Unsere Scheune hat ein Dach, Hinter'm Garten fliesst der Bach,« durch welche Leistung den beglückten Eltern klar ward, dass auch der Kuss der Muse die Stirne ihres Emil berührt hatte. Seitdem war von ihm bereits ein ganzes Heft vollpoetisirt worden, welches die Aufschrift trug: »Gedichte von Emil Rautenkranz, erster Band«, und der beglückte Vater konnte nicht umhin, einige Perlen aus dieser Sammlung zum Besten zu geben, während der jugendliche Autor ziemlich geschwollen daneben sass. Ich ward davon nicht sehr ergriffen, denn dichten konnte ich auch, hütete mich jedoch sehr, damit heraus zu kommen, weil sich meine Verse vorzugsweise im satyrischen Genre bewegten und ich mich vor dem wohlverdienten Honorar fürchtete, was mir sicher war, wenn zum Beispiel folgende, halb lateinischen, halb plattdeutschen Verse auf meinen Klassenlehrer Herrn Hamann, der aus Hessen stammte und eine ziemlich gelbe Gesichtsfarbe zur Schau trug, an's Licht gedrungen wären: »Unus, duo, tres, Herr Hamann is'n Hess! Semel, bis, ter, quater, Gäl is he as'n Tater!« Im ernsthaften Genre war ich allerdings nicht über einen Anfang hinausgekommen, welcher lautete: »Gefolgt von zweien Mohrenknaben Begab sich Omar auf die Jagd . . . .« Weiter gedieh das Gedicht niemals, da mir durchaus nichts mehr einfallen wollte. Die grösste Prüfung stand mir aber noch bevor, denn Emil war auch musikalisch und zwar war dies seine Glanzseite. Er wurde demnach an's Klavier beordert und fingerte eine Sonate von Clementi mit einer mir unbegreiflichen Fixigkeit herunter, während die glücklichen Eltern dabei sassen und strahlten wie Alpengipfel bei'm Sonnenaufgang. Dies war nun etwas, das ich wirklich anerkennen musste, obwohl es mir ganz ungewöhnlich sauer wurde, denn wenn auch schon Lateinisch nicht schön und Griechisch gar ein Gräuel war, so war das allergrösste Schreckniss doch die Klavierstunde und das dazu gehörige Ueben. Meine Mutter ergriff natürlich die Gelegenheit, mir den talentvollen fleissigen Emil als ein glänzendes Muster vorzuhalten, wodurch sich meine Abneigung gegen diesen nur noch vermehrte, indem ich weiter nichts empfand als eine nagende Reue, ihn vorhin, als die Gelegenheit so günstig war, nicht doch durchgeprügelt zu haben. Dies Musterbeispiel hat auch bei mir keine Früchte getragen und trotz achtjährigem Klavierunterricht bin ich musikalisch rein geblieben. Mein einziger Ersatz für diese langjährige Qual ist das erhebende Bewusstsein drei Klavierlehrer bis an den Rand des Grabes geärgert zu haben, indem es mir gelang in jeglicher Stunde bei jedem den brennenden Wunsch zu erwecken, an den Wänden in die Höhe zu laufen, und solche Stimmung bei ihm zu erzeugen, dass er den Tag verfluchte, an welchem er geboren war. Wer will mich darum schelten? Das Recht des Angegriffenen ist die Nothwehr und ich habe mich dieses Rechtes bedient, so gut ich konnte. Meine musikalischen Neigungen gingen vorzugsweise auf den Instrumentenbau und da war ich fest überzeugt, dass ich mehr leistete als der brave Emil. Ob er wohl Flöten machen konnte aus Weiden oder Rohr, und Schalmeien aus spiralförmig gewickelter Baumrinde, Blasinstrumente aus Kälberkropf und Quietschen aus Kalmus? Ob er wohl auf Kuhhörnern und Giesskannen und Pustrohren blasen konnte wie ich und auf den Fingern pfeifen, dass man es durch's ganze Dorf hörte? Das war es, was ich sehr bezweifelte. Solcher Art war meine erste Begegnung mit Emil Rautenkranz und seitdem bin ich in der Lage gewesen seinen Lebensgang zu verfolgen. Ich kann wohl sagen, dass er mir jetzt Mitleid einflösst, wenn ich bedenke, wie seine Eltern trotz ihrer Affenliebe mit ihm umkamen. Der Vater, welcher auf einer wohldotierten Landpfarre nicht viel zu thun hatte und zu allerlei Versuchen und spitzfindigen Unternehmungen hinneigte, hatte an seinem einzigen Sohne von frühester Kindheit an alle pädagogischen Systeme ausgeübt, deren er nur habhaft werden konnte, so dass der unglückliche Emil auf alle möglichen Arten erzogen wurde, nur nicht auf eine richtige. Er wurde überhaupt Tag und Nacht immer in einem fort erzogen und zu jeder Zeit ohne Unterlass wurden Anlagen in ihm entwickelt. Zudem musste er alle die gesundheitlichen Schrullen mitmachen, mit welchen der an allerlei wirklichen und eingebildeten Krankheiten leidende Vater an sich herumexperimentierte. Einmal ergaben sie sich der naturgemässen Lebensweise, schliefen auf Stroh, ernährten sich von rohem Fleisch und ungekochten Rüben, wobei sie so herunterkamen, dass sie beide kaum noch einen Schatten werfen konnten, ein andermal verbesserten sie ihre Säfte durch eine fürchterliche Kur, bei welcher sie sich ausschliesslich mit trockenem Weissbrot stopften und ein wenig sauren Moselwein dazu tranken, und wieder ein andermal versuchten sie alle Ungesundheit mit Wasser aus sich herauszuspülen, indem sie ungeheure Mengen dieser reinlichen Flüssigkeit in sich hineinpumpten und jegliche Nacht in einem nassen Umschlage verbrachten. Emil Rautenkranz ist mir überhaupt immer ein glänzendes Beispiel dafür gewesen, was die menschliche Natur Alles aushalten kann, denn trotz aller dieser Kuren und trotz der unglaublichen geistigen Ueberfütterung, welche ihm zu Theil ward, blieb er körperlich doch ganz gesund. Nur sein armer Kopf ist ihm schon auf dem Gymnasium ganz zermürbt worden, denn ausser dem Schulunterricht musste er unablässig von einer Privatstunde in die andere rennen, von der Zeichenstunde in die Klavierstunde, von der italienischen in die spanische. Er lernte Stenographie und Mnemotechnik und schliesslich hatte die Made der Gelehrsamkeit sein bischen Grips ganz verzehrt, so dass nur noch etwas Wurmmehl in seiner verödeten Hirnschale zu finden war. Deshalb gelang es ihm auch nicht, obwohl er endlich durch zähe Ausdauer die Prima ersessen hatte, die Abgangs-Prüfung hinter sich zu bringen, trotzdem er den Versuch dazu zweimal anstellte. Nur in der Musik hatte er es zu einigen wirklichen Kenntnissen und im Klavierspiel zu einer erträglichen Fertigkeit gebracht, was weiter nicht zu verwundern ist, denn wie man täglich sehen kann, erfordert die Ausübung dieser Kunst den geringsten Aufwand von Phantasie, Verstand oder geistiger Klarheit, ja selbst ein halber Idiot kann immer noch ein tüchtiger Geiger oder Klavierspieler sein, und so niedere Geschöpfe wie die Zigeuner treffliche Musik machen. Darum lag es nahe den jungen Mann dieser Kunst zu widmen, weshalb er denn nach langen elterlichen Verhandlungen und nachdem von allen Seiten Rathschläge in Menge eingeholt worden waren, nach Berlin gesendet wurde, um »sich auszubilden«.     II. Ich hatte unterdess das Gymnasium bereits in Tertia verlassen, hatte als Maschinenbauer in verschiedenen Fabriken gearbeitet, war eine Weile in Hannover auf dem Polytechnikum und längere Zeit in einer grösseren Maschinen-Bauanstalt als Konstrukteur thätig gewesen, bis ich endlich in meinem vierundzwanzigsten Jahre nach Berlin kam, um auf der Gewerbe-Akademie noch einige Jahre zu studieren. Ich traf dort meinen alten Freund Abendroth, welcher sich schon längere Zeit dort aufhielt. Eines Tages fragte mich dieser: »Hast du denn den Nachbar der Sterne schon besucht?« »Wer ist das?« fragte ich etwas verwundert über diese Bezeichnung. »Nun, unser musikalischer Emil,« antwortete Abendroth, »er wohnt fünf Treppen hoch in der Kochstrasse bei den Sternen, dem Himmel so nahe, dass er die Sphärenmusik vernimmt und in stillen kalten Winternächten den grossen Bären brummen hört. Ich bin überzeugt, wenn er zum Schornstein hinausklettert, kann er in der Milchstrasse spazieren gehen. Um sein Haupt bewegt sich als eine glänzende Aureole zukünftigen Ruhmes der ganze Thierkreis mit seinen funkelnden Sternbildern und der Mond, welcher, wie du weisst, gerne mal raucht, bittet sich zuweilen Feuer von ihm aus. Emil kann von sich sagen wie der Knab' vom Berge: »Die Sonne strahlt am ersten hier, Am längsten weilet sie bei mir; . . .« denn wenn schon alle Strassen in Dämmerung versunken sind – bei ihm ist noch heller Sonnenschein; ich glaube um Johannis geht sie dort überhaupt nicht unter.« Ich sah aus dieser Darstellung, dass mein Freund Abendroth seine alte Freude an humoristischer Uebertreibung noch nicht verloren hatte und fragte ihn lächelnd, wo man Gelegenheit hätte, Freund Rautenkranz zu treffen. »Nirgendswo,« sagte Abendroth, »als einmal zufällig auf der Strasse, im Conservatorium oder bei sich zu Hause. Sonst geht er an keinen öffentlichen Ort, nur am Sonntag Nachmittag sitzt er bei Buchholz und schleckt eine Tasse Chokolade mit Schlagsahne und eine Menge süssen Kuchen. Dies ist aber seine einzige Ausschweifung, In der ersten Zeit habe ich ihn nach langer Bearbeitung in den »Verein der Löwenbändiger« eingeführt – wir trinken dort nämlich Löwenbräu und jeder Schoppen heisst ein »Löwe« – allein für das Löwenbändigen hat er weder Sinn noch Talent und ich habe ihn nie wieder bewegen können mitzugehen. Er hat dann stets »einen höchst wichtigen Brief zu schreiben« oder sonst einen anderen miserabelen Vorwand. Aber besuchen thu ich ihn manchmal, theils weil Treppensteigen gesund ist, theils weil es mir Vergnügen macht, und theils, weil die Alte, seine Mutter, eine geniale Hand für mecklenburgische Mettwurst hat. Ich glaube alle vierzehn Tage fast kommt ein Paquet mit Fressabilien für ihn an, so dass er wirklich Hülfe braucht um Alles zu bewältigen. Erst heute Morgen, als ich ihm zufällig begegnete, fragte er mich geheimnissvoll, wie lange sich wohl eine gebratene Rehkeule hielte, er hätte heute Morgen eine von Hause bekommen. Ich sagte natürlich: Garnicht, sie müsste auf der Stelle verputzt werden. Da wurde er ganz sentimental und flehte mich an, ich solle ihm doch heute Abend dabei helfen. Natürlich kommst du dann mit und erneuerst die alte Bekanntschaft.« Ich fand Emil Rautenkranz fast unverändert, er sah noch ebenso aus wie vor zwölf Jahren, nur dass er grösser geworden war. Dasselbe unfertige erdgraue und glatte Gesicht, denn ein Bart wollte durchaus auf dem Boden seines Antlitzes nicht gedeihen, nur um die Kinnbacken herum sassen einige spärliche gelbgraue Flausen. Ich glaubte sogar zu bemerken, dass er nach der ersten Begrüssung wieder wie damals seitwärts nach meinem Kopfe schielte. Als wir uns von den Strapazen des Aufstiegs erholt hatten, fuhr er seine essbaren Schätze auf und begann mit einer ganz ungewöhnlichen Ungeschicklichkeit Thee zu kochen. Nachdem eine Ueberschwemmung von brennendem Spiritus glücklich beseitigt und der Thee endlich fertig war, goss er eine wasserklare Flüssigkeit in unsere Tassen. »Der ist aber verdammt dünn,« sagte Abendroth. »Ich weiss nicht, ich weiss wahrhaftig nicht, woran es liegt,« erwiderte Rautenkranz, indem er sich verwirrt in die Haare fuhr, »aber er sieht aus wie Wasser.« »Schmeckt auch wie Wasser,« sagte Abendroth, nachdem er einen Theelöffel der verdächtigen Flüssigkeit zum Munde geführt hatte. »Ist auch Wasser!« fiel ich ein, denn einem dunklen Verdachte Raum gebend, hatte ich den Deckel der Kanne abgehoben und gefunden, dass Rautenkranz versäumt hatte, Thee hineinzuthun. Nun dieser Fehler liess sich bald beseitigen und bald waren wir eifrig beschäftigt, die gute Rehkeule am Verderben zu hindern. Emil erzählte uns derweil von seinen Arbeiten und Bestrebungen. Er war in eins der vielen Conservatorien eingetreten, die unter Leitung irgend eines Mannes, der sich als Musiker oder auch bloss durch Reklame einen Namen gemacht hat, das Bestreben an den Tag legen, so viele Menschen als möglich zur Musik abzurichten und die Zahl überflüssiger Virtuosen, unglücklicher Klavierlehrerinnen und heilloser Dilettanten aufs Möglichste zu vermehren. Zuweilen giebt es der Zufall, dass aus solcher Anstalt einmal ein wirklicher Künstler hervorgeht und dies dient ihr dann zu glänzendem Ruhme und verfehlt nicht, ihr reichlich neue Opfer zuzuführen, denn die grosse Heerde ist immer der Ansicht, es liesse sich in der Kunst Alles lernen und es käme nur auf den Lehrer an. In den »neuen Fiedelliedern« Theodor Storm's heisst es »Am Markte bei der Kirchen Da steht ein klingend Haus; Trompet' und Geige tönen Da mannigfalt heraus.« Ach, solche Häuser giebt es viele, viele in Berlin, nur dass statt der Trompete das Donnern der Klaviere vorherrscht und markdurchdringende Solfeggien weiblicher Stimmen. Dort sieht man Tag für Tag grosse und kleine Mädchen mit Musikmappen aus- und eingehen und nervöse Jünglinge, deren einzige Aehnlichkeit mit ihrem grossen Vorbilde Liszt ihre langen Haare bilden. Ich glaube die jungen Menschen würden sich, um ihrem Idol noch näher zu kommen, Warzen stehen lassen im Gesicht, wenn sie nur wüssten, wie das zu machen wäre. In diesen Häusern werden, wenn man alles zusammenaddiert, täglich viele Pferdekräfte auf die Bewegung von Tasten und Geigenbogen verwendet und ungezählte Kubikmeter Luft verbraucht, um Stimmritzen zum Tönen zu bringen. Nur Stocktaube oder Leute mit Nerven von Gussstahl vermögen es unter oder über einem solchen Conservatorium zu wohnen, ohne in kurzer Zeit geistig zu Grunde zu gehen. In ein solches Institut war Emil Rautenkranz eingetreten, und trieb dort nach gewohnter Weise Alles, was er nur in den Tag hineinpferchen konnte und übte ausserdem zu Hause mindestens vier Stunden täglich schreckliche Etuden. Daneben plagte ihn auch die Lust, etwas zu komponieren. Aber er gestand ehrlich: »Wenn ich Abends aus der Oper oder aus dem Konzert heimkomme, da habe ich immer Ideen genug, aber wenn ich zu Hause vor dem Notenpapier sitze, da fällt mir durchaus nichts ein. Ganz besonders will es mir nicht gelingen, hübsche und interessante Motive zu finden – mein Kompositionslehrer lacht immer so schrecklich über sie und ich gebe mir doch so viel Mühe.« Mein Freund Abendroth, der sehr musikalisch war, jedenfalls mehr als Rautenkranz, sass so, dass er aus dem Fenster sehen konnte. Man blickte dort auf ein ungeheures Meer von Dächern, Giebeln, Thürmen und Telephonleitungen, das fern in einen graublauen Dämmer sich verlor. Nicht weit von dem Fenster führte eine Nebenleitung von fünf Drähten vorüber, und auf diesen sassen gerade vier Schwalben, welche sich ausruhten. Es zuckte Abendroth etwas um die Mundwinkel, als er jetzt sehr ernsthaft begann: »Lieber Freund, ich begreife nicht, wie du um Motive verlegen sein kannst, sieh doch nur aus dem Fenster, wie die vier Schwalben auf den Telephondrähten sitzen gleich Noten auf ihren Linien, da hast du gleich ein Motiv f, a, d, c sehr niedlich – die Schwalbe ist doch ein musikalischer Vogel.« Emil sah zuerst ziemlich dumm aus, dann blickte er auf die Schwalben und seine Züge verklärten sich allmälig: » Wahrhaftig es stimmt,« sagte er, »das ist aber höchst wunderbar.« »Ja, lieber Freund,« sagte Abendroth dann, »das Gute liegt auf der Strasse und fliegt in der Luft, nur auf das Finden kommt es an. Du weisst, derjenige ist der Klügste, der andere für sich arbeiten lässt, lass du die Schwalben für dich arbeiten. Ich bin überzeugt, diese so überaus musikalischen Vögel können sich vermöge eines ihnen innewohnenden geheimnissvollen Gesetzes gar nicht anders auf fünf Drähte setzen, als dass sie irgend eine wohlklingende Tonfolge bilden.« Aus irgend einem Grunde veränderten jetzt drei der Schwalben aufflatternd ihren Sitz, so dass die Tonfolge c, h, g, e entstand. »Aber das ist doch nicht hübsch,« sagte Rautenkranz nach einer Weile, »das klingt schlecht.« »O bewahre,« sagte Abendroth sehr überlegen, »die Sache geht aus F dur und somit heisst es c, b, g, e, und das passt ausserordentlich gut zu dem Vorhergehenden; setze es nur zusammen, dann erhältst du: f, a, d, c, c, b, g, e, und das ist doch sehr hübsch. Was willst du denn mehr?« »Wahrhaftig,« sagte Rautenkranz wieder freudig verblüfft, »nein, das ist aber doch zu merkwürdig.« »Sieh mal,« fuhr Abendroth nun mit fast verbrecherischer Ernsthaftigkeit fort, »da kannst du dir nun den ganzen Sommer lang von den klugen Schwalben Leitmotive arbeiten lassen, denn ohne diese geht es doch heute nicht mehr, es ist noch immer das Modernste, und wenn du genug zusammen hast, da wollte ich mal den sehen, der dich dran hindern wollte, eine mächtige grosse Oper zu komponiren. Oder besser noch, gleich drei bis vier, die alle zusammen hängen. Ich kann dir einen höchst geräumigen und musikalisch noch kaum vernutzten Stoff empfehlen, das ist die Völkerwanderung. Ich glaube kaum, dass sie unter sieben Opern zu bewältigen ist. Ja, eine Heptalogie, das ist das einzig Wahre. Gerade eine Woche muss das Ganze dauern, Sonntags die erste und am Sonnabend die letzte Oper. Von wüstenhafter Ausdehnung muss jetzt Alles sein, wenn es bemerkt werden soll. Das Wilmersdorfer Unland achtet Keiner, aber vor der Lüneburger Heide hat man Respekt. Gottfried Keller hat ein kleines Büchlein geschrieben, welches zu dem Reizvollsten gehört, das je in deutscher Sprache gedichtet wurde, die »Sieben Legenden«, aber wie wenige giebt es, die das beachten. Freytags »Ahnen« dagegen in ihrer erhabenen Ausdehnung kennt Jeder.« »Ja mein Sohn,« fuhr er dann fort, »wenn du dann die sieben Opern fertig hast, wirst du jedenfalls furchtbar berühmt werden und eine riesige Gemeinde um dich sammeln. Man wird in deinem geliebten Vaterlande entweder in Kriewitz oder in Teterow ein ungeheures Rautenkranz-Theater bauen, in welchem kein mystischer Abgrund, sondern eine mystische Höhe sich befindet, denn du wirst das Orchester über dem Schnürboden anbringen und damit ungeahnte Wirkungen erzielen. Und alljährlich im Sommer, wenn es am heissesten ist, wird eine Völkerwanderung beginnen nach Kriewitz oder Teterow, um die »Völkerwanderung« zu hören und alle Bierwirthe und Selterwasser-Verkäufer in dortiger Gegend, werden dich anbeten. Dein Name wird unter die Sterne versetzt werden und mit Recht wird man dich, dann im Ernste wie jetzt im Scherze, nennen: den »Nachbar der Sterne.« Rautenkranz sah ganz ungewöhnlich verblüfft aus, als Abendroth diese lange Rede hinter sich hatte und glotzte bald ihn, bald mich mit seinen hellgrauen nichtssagenden Augen verständnisslos an. Ich muss nun hier nothgedrungen einflechten, dass, obwohl ich meinen Freund Abendroth als einen gutmüthigen und wohlwollenden Menschen kannte, es mir doch an diesem Abend beinahe so vorkam, als hielte er Emil Rautenkranz fast ein wenig zum Besten. Dieser aber, der von Ironie und Humor oder ähnlichen Zwittergeschöpfen des menschlichen Geistes nicht die geringste Ahnung hatte, grinste endlich doch sehr geschmeichelt und meinte, soweit wäre es doch wohl noch lange nicht. Dann ging er ans Klavier, um uns etwas vorzuspielen, einige von den modernen schwierigen Sachen, die in das Gebiet der Jongleur-Kunst gehören, Die turnerische Geschicklichkeit seiner Finger war durch unausgesetzte Uebung nicht unbeträchtlich, jedoch weder Herz noch Gemüth, ja nicht einmal der Verstand waren an seinem Spiel betheiligt; alles war mühsam angelernt und was er konnte, verdankte er ausschliesslich einer ungewöhnlichen Ausdauer seines Sitzfleisches. Abendroth flüsterte mir zu: »Spielt er nicht gerade so, als ob Akustiker Kaufmann in Dresden ihn mit grosser Sorgfalt gearbeitet hätte. Ich weiss, auf welche Art ein Geschäft mit ihm zu machen wäre. Er müsste einen Unternehmer finden, der mit ihm auf Reisen geht. Bei Beginn der Vorstellung müsste ein Flügel und ein grosser Kasten auf der Bühne stehen. Der Unternehmer tritt auf, hält eine kleine Rede von etwa folgendem Inhalt: »Langjährige Bemühungen . . . . ungeheure Geldopfer . . . . endliches Gelingen . .  . höchst sinnreicher Musik-Automat . . . . etc. etc. Dann macht er den Kasten auf, nimmt Rautenkranz heraus, zieht ihn sorgfältig auf, trägt ihn an's Klavier, legt ihm den Fuss auf das Pedal und die Hände auf die Tasten, drückt scheinbar auf einen Knopf im Genick und dann spielt Rautenkranz los. Natürlich frenetischer Beifall, denn keine Seele wird darauf verfallen, dass da wirklich ein Mensch arbeitet.« Als wir nun endlich auch musikalisch vollständig gesättigt waren, verabschiedeten wir uns dankend für die gewährten Genüsse und verliessen den Nachbar der Sterne, begaben uns wieder auf den Abstieg in das Reich der gewöhnlichen niederen Sterblichen, woselbst wir noch desselbigen Abends unterschiedliche Löwen bändigten. * * * Ich weiss nicht, ob sich irgend Jemand dafür interessirt, zu erfahren, was aus dem Nachbar der Sterne später geworden ist. Sollte es dergleichen Neugierige geben, so diene ihnen zur Nachricht, dass er sich noch mehrere Jahre lang in Berlin immerfort ausbildete und dann in die Stadt zurückkehrte, wo er das Gymnasium besucht hatte. Seine Eltern waren unterdess gestorben und hatten ihm ein angenehmes Vermögen hinterlassen. Er kaufte sich ein kleines Haus mit einem Garten in der Vorstadt und lebt dort mit einer Tante, welche mütterlich für ihn sorgt. Er giebt einige Klavierstunden und spielt zuweilen in Wohlthätigkeitskonzerten, bei welchen Gelegenheiten die musikalisch genügsamen unter seinen Mitbürgern seine rapiden Läufe, unfehlbaren Oktaven-Gänge und reinlichen Triller höchlichst bewundern und ihn für ein musikalisches Licht halten, denn er ist ja in Berlin auf dem Conservatorium des berühmten Kullerhahn vier Jahre lang »ausgebildet« worden. Er lebt, wie er es gewohnt ist, immer so öde für sich bin und ist ganz glücklich, denn das Essen schmeckt ihm und seine Verdauung ist normal. Ob es wahr ist, dass er vor den Fenstern seines Arbeitszimmers fünf Drähte hat ziehen lassen und dort den Schwalben noch immer Motive ablauert, sowie, dass er mit den Vorarbeiten zu seiner Heptalogie »die Völkerwanderung« schon drei dicke Bände gefüllt hat, kann ich nicht mit Sicherheit verbürgen. Mein Freund Abendroth behauptete es zwar, allein mein langjähriger Umgang mit ihm hat mich die Vorsicht gelehrt, seinen Versicherungen nicht ohne ernste Prüfung Glauben zu schenken. Sein Respekt vor den Thatsachen ist leider ein so geringer, dass er stets geneigt ist, den Gebilden seiner Phantasie gleiche Rechte einzuräumen mit den Ergebnissen einer wahrheitsgetreuen historischen Forschung. Ich glaube, wollte ich mich kürzer ausdrücken, könnte ich fast sagen: »Er lügt manchmal ein bischen.« Aber in diesem Sommer werde ich selber hinreisen und Emil Rautenkranz mal besuchen – nun, da werden wir ja sehn!     Der Tausendmarkschein. Diesmal wollte ich nun aber wirklich meine Ruhe haben. Ich hatte mir einen ganz kleinen Ostseebadeort in Mecklenburg ausgesucht, mitten im Walde, einen von denjenigen, welche noch gar nicht »entdeckt« waren, wo es ausser mir noch keinen Berliner gab. Nebenbei heisst in diesem Lande Alles Berliner, was von ausserhalb kommt, und als ich einmal in Warnemünde war, belauschte ich folgendes Gespräch zweier einheimischen Dienstmädchen: A.: »Hewt Ji all weck?« (Habt Ihr schon welche, nämlich Badegäste.) B.: »Ja, wi hebben Berliners!« A.: »Wi hebben ok Berliners, äwer uns' sünd ut Leipzig!« Nach dieser kleinen Abschweifung muss ich sagen, dass es mir in Dannenhagen sehr wohl gefiel. Es waren wirklich keine Berliner da, auch keine aus Leipzig oder Dresden, obwohl gerade diese letzteren eine seltsame Vorliebe für die See haben und auch die verstecktesten Oerter zu entdecken wissen. Der einzige »Ausländer« war ein botanisirender Doctor aus Greifswald in Pommern, welchen man fast nie zu sehen bekam, weil er den ganzen Tag in einem benachbarten ausgedehnten Moore hockte, das er für ungemein interessant erklärte. Er wurde stets mit irgend einer Pflanze in der Hand getroffen, und kam er mit Jemand in's Gespräch, so bewirthete er ihn mit sehr schön klingenden lateinischen Ausdrücken, wie Utricularia oder Osmunda regalis , und ähnlichen pomphaften lateinischen Pflanzennamen, welche gleichsam mit Vieren vom Bock fahren und gar nicht zu passen scheinen für bescheidene Kräuter. Im Uebrigen war die Welt nicht für ihn vorhanden und sein Gesichtskreis nicht grösser, als der Umfang dessen, das er durch seine Lupe sah. Ausserdem waren da einige Beamte und Lehrer aus kleinen mecklenburgischen Städten, welche sich bei den Bauern eingemiethet hatten, um Waldluft und Seebad für ein Billiges zu geniessen, oder wie der Ortswitzbold sich ausdrückte: »Dannennadeln to freten un Seeluft to supen,« und an höhere Cultur erinnerte nur eine junge Dame von ungewissem Alter, die überall mit einem Skizzenbuche in der Gegend herumsass und alte krüpplige Bäume, Backöfen, morsche Zäune, Schweineställe und andere Dinge portraitirte. Manchmal war das Dargestellte zu erkennen, manchmal nicht, je nachdem sie Glück hatte. Füge ich nun die allerdings unglaubliche Thatsache hinzu, dass in dem ganzen Orte kein einziges Klavier war, so wird jeder Verständige einsehen, dass ich zu beneiden war über die richtige Wahl meines Sommer-Aufenthaltes. Ganz ohne Musik war das Dorf allerdings nicht, denn am Ende desselben hauste ein musikalisch veranlagter Bauernsohn, welcher an stillen Sommerabenden auf einer »Treckfiedel« (Hand-Harmonika) schöne Tänze spielte, wie »ünsre Katt hett nägen Jungen« oder »Friederika, Friederika, komm mit mir in's Gras«; aber dies gefiel mir wohl, denn für die Treckfiedel habe ich eine Schwäche, weil sie mich an meine Kindheit und Jugend erinnert und an meinen alten Freund Jochen Lobedanz, welcher auf diesem Instrumente so schön zu phantasiren verstand. Mit Vergnügen erinnere ich mich noch der grossen Phantasie »Die Räuber« und daraus des wilden Kampfes mit den Gensdarmen, welcher von meinem Freunde musikalisch dargestellt wurde, indess er passende mündliche Erklärungen einflocht. Aus dem ungeheuren Wirrwarr der Töne, welcher das Kampfgewimmel darstellte, schrillten im höchsten Discant kurze, quiekende Töne hervor, – »das sind die Dolchstiche!« sagte Jochen; dann liessen sich im Bass wieder kurze, eindringliche Noten vernehmen, – »nun schiessen sie!« flocht er ein. Zuletzt kam Siegesgesang und grosses Bacchanale, und dann ward es allmälig ganz still. Jochen Lobedanz zog nun einzig die Windklappe und liess die Luft aus- und eingehen, wodurch täuschend das Geräusch eines Athmenden erzeugt wurde. »Nun schlafen sie schon!« sagte er dann. Dieser Schluss war einfach und effectvoll und verfehlte nie seine Wirkung. Ja, auf die Treckfiedel lasse ich nichts kommen! Ich fühlte mich also glücklich in Dannenhagen, und Ruhe und Frieden kehrten ein in mein Herz. Ich lag ungemein viel auf dem Rücken, entweder im Sande gegen einen Dünenhügel gelehnt, sah auf die See oder in die Wolken und dachte an gar nichts, oder im Walde in das weiche Gras gestreckt, blickte durch das feine Geäst und Nadelwerk der Kiefern nach dem blauen Himmel und dachte ebenfalls an gar nichts. Nicht Jeder kann das, aber ich habe das Talent. Ich fühlte, dass ich nach der grossen Hetzjagd der letzten Monate in Berlin, welche mir manche schlaflos durchgrübelte Nacht gebracht hatten, endlich wieder ein menschenwürdiges Dasein führte. Die Leute, welche heutzutage so viel vom Segen der Arbeit schreien, wissen gar nicht, was sie thun. Was bringt die hochgeschätzte Arbeit hervor? Krüppel, Kurzsichtige, Idioten, Nerven-Ueberreizung und Schwindsucht; ein verständig geleiteter Müssiggang aber schöne, blühende Menschen. Jedoch was nützt es, ein Prophet in einer Wüste von Fabrik-Schornsteinen zu sein! Ich wohnte bei dem Krugwirth Krischan Voss und hatte ein kleines Zimmer nach hinten hinaus, mit der Aussicht auf einen Kartoffelacker und dahinter auf eine Scheunenwand. Die Kartoffeln standen in Blüthe, und das üppig grüne Kraut war über und über mit weissen und violetten Sternen bedeckt. Ich kenne keinen Anblick, der mehr geeignet ist, das Gemüth zu beruhigen, als diesen; er vereinigt Nützlichkeit mit Schönheit, und jeden Morgen, wenn ich meinen dünnen Kaffee schlürfte, liess ich ihn auf mich wirken und trat dann mit harmonisch gestimmter Seele mein Tagewerk an. Aber in diesen meinen stillen Frieden kam eine Störung und zwar allein durch den schnöden Mammon, den uralten Unheilstifter. Ich hatte mit Herrn Krischan Voss abgemacht, ihn am Ablauf jeder Woche zu bezahlen, zur Vermeidung unliebsamer Irrthümer. Als nun zum ersten Male dieser Termin herankam, fiel mir ein, dass ich ausser einem Tausendmarkschein, welchen ich mir am Tage vor meiner Abreise vom Bankier geholt hatte, nur noch wenige Pfennige besass. Heute kann ich nur über die Naivetät, – um nicht das schöne deutsche, aber ehrenrührige Wort Dummheit zu gebrauchen, – lächeln, mit welcher ich Krischan Voss fragte, ob er mir einen Tausendmarkschein wechseln könne. Zuerst sah er mich eine Weile sprachlos an, dann sagte er: »Wiesen S' mal her; so'n Ding hew'k noch gornich sehn.« Er betrachtete die Banknote sorgfältig von vorn und von hinten, hielt sie dann mit gestrecktem Arme weit von sich ab und sagte in einem Tone, gemischt aus Verachtung und Bewunderung: »So'n Lappen Papier, dat sünd nu dusend Mark. Dat's dull!« Dann rief er laut: »Fru, kam mal rin, kam blos mal rin!« Die Frau musste nun auch dieses papierene Wunder anstaunen, allein sie that dies sichtlich mit einem Beigeschmack von Misstrauen: »Gifft't denn ok so'ne Dinger?« fragte sie. »Wenn he man gellt!« Das verwies ihr aber der Mann, indem er sagte: »Na, de Herr ward doch nich!« Aber mit dem Wechseln war es nichts. »Dat kann ik nich, Herr,« sagte Krischan Voss, »dat kann hier Keiner in de ganze Gegend. Wer hett woll so vel bor Geld up'n Hümpel! Möglich, dat se dat in Rostock känen, wat de groten Koplüd sünd; äwer hier? Neee.« Meine Rechnung konnte ich nun allerdings nicht bezahlen, und ausserdem wurde ich, wie es mir schien, mit Misstrauen betrachtet. Ich verwünschte meine Thorheit, dass ich nicht Gold mitgenommen hatte, sondern in einem Anfall von Gedankenlosigkeit diesen, mir in einer nur von wenigen bescheidenen Holzschläger- und Büdner-Dörfern durchbrochenen Waldeinsamkeit, gänzlich nutzlosen grossen Schein. Mit diesem Stück Geld in der Tasche musste ich ja entweder betteln oder verhungern in einer solchen Gegend. Ausserdem besass ich nur noch neun Pfennige. Dafür gab es ja nicht einmal ein Glas Bier. Ganz zerknirscht begab ich mich in den Wald, und als ich da in der Einsamkeit zwischen den grossen Kiefernstämmen einherwandelte, kam mir das Humoristische meiner Lage zum Bewusstsein, dass ich lachen musste. Nach einer Weile begegnete mir der Botaniker, welcher vor lauter Glück einen ganz rothen Kopf hatte. Er hatte zum ersten Male in seinem Leben eine weisse Spielart des Tausendgüldenkrautes gefunden, und sein Herz jauchzte. »Das ist gewiss sehr interessant,« sagte ich, »aber tausend Mark liegen mir augenblicklich mehr am Herzen; können Sie mir die vielleicht wechseln?« Er machte so ein verblüfftes Gesicht, dass ich lachte und weiter ging. In der Dämmerung kam ich wieder in das Dorf zurück, und da fiel es mir auf, dass mich die Leute so sonderbar ansahen und, wenn ich vorüber war, die Köpfe zusammensteckten. Auch in der Krugwirthschaft, wo ich wohnte, herrschte eine schwüle Stimmung. Die Leute waren so merkwürdig einsilbig, und als ich mein Abendbrod verzehrte, studierte Krischan Voss in einem Zeitungsblatte und warf zwischendurch sonderbar prüfende Blicke auf mich. Ich ging früh auf mein Zimmer und überlegte mir die Sache. Offenbar traute man mir nicht und meinem grossen Schein. Was sollte ich nur anfangen, um Geld zu bekommen? Sicher war es, dass ich nach Rostock musste, um den Tausendmarkschein zu wechseln, aber würde man mich fortlassen? Das war es, was ich sehr bezweifelte. Mir blieb kein anderer Ausweg, ich musste mich in aller Frühe heimlich davon machen. Mit diesem Entschluss legte ich mich angekleidet auf das Bett, vermochte jedoch nicht zu schlafen, sondern horchte auf alle Geräusche der Nacht und grübelte zwischendurch über meine verdriessliche Lage nach. Kaum liess sich das erste dämmernde Morgengrauen bemerken, so stieg ich leise aus dem Fenster, schlich mich durch die blühenden Kartoffeln, kletterte über den Zaun, und einen Augenblick später war ich schon im Walde. Die Stadt Rostock war etwa fünf Meilen entfernt; noch vor Mittag konnte ich dort sein, wenn ich mich nicht verirrte oder sonst Zeit verlor. Ich hatte mir den Weg gemerkt, auf welchem ich gekommen war, und schritt eilig vorwärts, während es allmählig hell und heller wurde und die Stimmen des Waldes erwachten; aber für den herrlichen Morgen, welcher jetzt seine ersten Sonnenstrahlen in die Wipfel der Bäume warf, hatte ich keinen Sinn. Für mich galt es nur, die Ribnitz-Rostocker Chaussee zu erreichen; da konnte ich nicht mehr irren, und wenn ich erst in Rostock war, da hatte alle Noth ein Ende. Durch meine Papiere konnte ich mich legitimiren; dort war ich in einem Mittelpunkte der Cultur, dort gab es Banken, dort konnte ich meinen, in der Wildniss ganz nutzlosen Tausendmarkschein zum Fliessen bringen und in allerlei köstliche Dinge verwandeln. Aber der vertrackte Wald wollte kein Ende nehmen. Ich hatte endlich die ungemein lange Schneise erreicht, welche gerade auf den Krug »Zur Stadt Rostock« zuführt, und diese lag schier endlos vor mir, wie ein Weg in die Ewigkeit. Ich hatte in der Nacht nicht geschlafen und am Morgen nichts genossen. Das giebt Hunger, denn was man an Schlaf einbüsst, muss man durch Essen ersetzen. Aber vielleicht bot mir der Wald etwas. Ich fand auch einige Himbeeren in einer Lichtung, gerade genug, um den Hunger erst recht scharf zu machen. Dabei entdeckte ich ein Grasmücken-Nest mit Jungen. Die Alten sassen, jedes mit einem Räupchen im Schnabel, ängstlich zirpend in der Nähe. »Glückliche Thierchen«, dachte ich, »euch ist der Tisch überall gedeckt, obwohl ihr keinen Pfennig besitzet, und wenn es euch hier nicht gefällt, so schwingt ihr euch mit leichtem Flügel in das schöne Land Italia und weiter. Ich armes beklagenswerthes Opfer der Cultur aber, ich muss hungern, obwohl ich die Mittel in der Tasche trage, tausend Menschen zu sättigen.« Ich zog meine Banknote hervor und betrachtete sie mit Abscheu und Verachtung: »Lappen!« rief ich, so eindringlich ich konnte. Dann ballte ich sie in einem Anfall von Zorn zusammen und schleuderte sie in einen Graben. Als ich auf diese Art meinen gerechten Gefühlen Luft gemacht hatte, suchte ich sie eiligst wieder auf, glättete sie sehr sorgfältig und steckte sie behutsam in meine geheime Brusttasche. Mir ging es wie Robinson, als er auf seiner einsamen Insel den Goldklumpen fand, welcher ihm zu nichts nütze war. An der Chaussee nach Rostock, welche ich nun bald erreichen musste, lagen die angenehmsten Landkrüge, aber für mich waren sie zwecklos, denn für meine neun Pfennige gab es nichts, als höchstens einige Schnäpse. Sollte ich meine Hand zum Betteln in den Bauernhäusern ausstrecken? Nein, lieber wollte ich Hunger und Durst ertragen, so lange es anging. Ach, ich malte mir schon aus, wie man meinen verschmachteten Leichnam im Chausseegraben finden würde, und sah den Zeitungsartikel über diesen traurigen Fall deutlich vor Augen: »Erdarbeiter fanden gestern morgen im Chausseegraben die Leiche eines anständig gekleideten Mannes im Alter von etwa dreissig Jahren. Der ärztliche Befund ergab gänzliche Entkräftung durch Hunger als Todesursache, was um so seltsamer erscheint, als man bei der Leiche einen Tausendmarkschein und neun Pfennige in Kupfer vorfand.« Endlich erreichte ich den Krug »Zur Stadt Rostock«, welcher am Ausgang der Haide verlockend an der Chaussee lag. Es wehte ein Duft von etwas Gebratenem aus ihm hervor. Vorüber, vorüber! Nun hatte ich noch reichlich zwei Meilen Chaussee bis nach Rostock, und die Julisonne brannte herzhaft. Zum Hunger gesellte sich der Durst, allein was konnte es helfen? Nur immer vorwärts! Noch nie in meinem Leben hatte das idyllische Glück, in einem Landkruge einzukehren, mit so glänzenden Farben mir vor Augen gestanden. Ich sah ihn im Geiste vor mir, den köstlichen mecklenburgischen Landschinken, das duftende Schwarzbrod, die frische Butter süss wie Nusskern, und dazu ein schäumendes Glas Rostocker Bier nebst einem herzhaften Aquavit. Oder herrliches Rührei mit Speck oder einen Eierkuchen, glänzend, goldig und braun, der üppig über den Rand des Tellers hängt. Ha! – So war ich eine gute Stunde weiter marschirt und war mit seufzendem Herzen auch am Kruge »Zur Stadt Ribnitz« vorübergegangen, als ich mich in der Gegend kurz hinter Häschendorf zufällig umblickte und einen Reiter bemerkte, welcher im Galopp hinter mir herjagte. Sollte man mich verfolgen? Möglich war es, ja sogar sehr wahrscheinlich. Flucht war aussichtslos, und so blieb mir nichts übrig, als mit den Gefühlen eines Hasen, der, mit angezogenen Ohren in eine Furche gedrückt, seine Verfolger herannahen hört, weiter zu wandern. Dabei schwenkte ich harmlos zuweilen meinen Wanderschirm und begann, den Tod im Herzen, ein heiteres Lied zu pfeifen. Immer näher hörte ich das Schlagen der Hufe auf dem Sommerwege, dann das Schnaufen des Pferdes , dann ein Klirren, wie von einem Säbel, – und plötzlich sauste ein harmloser Reitknecht an mir vorüber, eine Wolke von Staub hinter sich lassend. Weg war er, und verschwunden war auch mit einem Male die Beklemmung meines Herzens. Endlich aber, nach einer achtstündigen Wanderung, kam ich, früher als ich dachte, noch am Vormittag in Rostock an. Einen behäbig aussehenden Bürger fragte ich nach einem Bankgeschäft. »Ja, da gehen Sie man zu Consul Lesenberg,« sagte dieser und beschrieb mir das Haus. Aber mein Herz war verzagt, ich ging eine Weile vor der Thür auf und ab und wagte mich nicht hinein; denn ich war durch die Ereignisse ganz verschüchtert und erwartete nun neue Verwickelungen von meinem unglückseligen Besitzthum. Ich hatte das Gefühl, dass mir eigentlich Niemand in der Welt helfen könne hier in diesem traurigen Lande. Endlich fasste ich mir ein Herz und trat entschlossen in das Contor. Ein junger Mann kam mir entgegen. »Können Sie mir vielleicht einen Tausendmarkschein wechseln?« sagte ich, ohne mit der Stimme zu zittern, und legte meine Banknote auf den Zahltisch. Ich hatte die ganz bestimmte Erwartung, er würde mit den Achseln zucken und »sehr bedauern«. Der junge Mann jedoch warf einen flüchtigen Blick auf den Schein, griff dann hinter sich und legte zwei Goldrollen zu fünfhundert Mark vor mich hin. Ich nahm dieselben, sagte »Danke schön!« und verabschiedete mich mit einem ganz unbeschreiblichen Gefühl von Erleichterung. Die ganze Geschichte hatte kaum eine halbe Minute gedauert. Welch ein rosiges Licht lag plötzlich wieder auf allen Dingen dieser Welt, und mit wie elastischen Schritten eilte ich zu Friemann, um bei einem guten schwedischen Frühstück und einer Flasche Rothspohn alle meine Sorgen zu vergessen! Noch desselbigen Tages nahm ich Extrapost und kehrte zum grossen Erstaunen der Bewohner von Dannenhagen, welche dergleichen noch nie erlebt hatten, unter dem Schmettern des Posthornes als ein Triumphator zurück. Seit dieser Zeit nannte man mich hinter meinem Rücken »den reichen Berliner«, obwohl ich leider diese Bezeichnung nicht im Geringsten verdiene, und mein Andenken lebt noch heute in Dannenhagen. Ja ein Freund, der, nachdem seit damals vierzehn Jahre vergangen sind, dort war, theilte mir einen ganzen Sagenkreis mit, der sich um meine Person und meinen mythischen Reichthum angesetzt hatte. Du liebe Zeit, – ich wollte nur, die Leute hätten Recht!     Lang, lang ist's her. Um die Zeit, als es dort noch Leierkastenmänner gab, ging ich an einem schönen Sommerabend mit meinem Freunde, dem Musikdirektor Leonhard Brunn, welchen ich seit Jahren nicht gesehen hatte, in den Thiergarten, Mitten im besten Gespräch näherten wir uns dem ersten der dort aufgestellten Orgeldreher, der Tag für Tag an derselben Stelle seinen musikalischen Beruf ausübte. Indem er in auffallender Weise zur Andeutung seiner Blindheit auf der schon ganz blankgetasteten Wachstuchdecke seines musikalischen Kastens umherstrich und nach etwaigen Dreiern tappte, spielte er eine jener infamen Allerweltsmelodien, die zuweilen als eine Art von musikalischer Epidemie über die Menschheit verhängt werden. Zu meiner grössten Verwunderung griff mein Freund Leonhard Brunn, der sonst die Orgeldreher im Allgemeinen und dieses Lied im Besonderen ingrimmig hasste, in seine Tasche und reichte dem blinden Kollegen in fürstlicher Freigebigkeit einen Silbergroschen. Wir fuhren in unserem Gespräch fort und geriethen im Laufe desselben zu dem Denkmal Friedrich Wilhelm III., hinter welchem der alte freundliche Herr mit der Militärmütze bereits seit der grauen Vorzeit jeden Nachmittag »die letzte Rose« von sich gab. Die an Verschwendung streifende Freigebigkeit meines Freundes wiederholte sich. Da er sonst ganz vernünftig sprach und mir soeben noch über die Anwendung der Posaunen im Orchester einen lehrreichen Vortrag gehalten hatte, vermochte ich mir durchaus keine Vorstellung zu machen, wie diese abnorme Handlungsweise zu erklären sei, und nachdem ich einige Zeit nachdenklich einhergeschritten war, sagte ich dies meinem Freunde. Da wir jedoch gerade in die Nähe eines melancholischen Trauergreises gekommen waren, der seine Orgel so trübselig drehte, als sei es ein Kindersarg mit einer Kurbel daran, antwortete Leonhard einstweilen nicht, sondern schmunzelte nur etwas und blinzelte ein wenig mit den Augen. Und obgleich dieser traurige Mensch die Kutschkepolka in einem Tempo spielte, als wolle er ihre Brauchbarkeit bei Begräbnissfeierlichkeiten nachweisen, erhielt auch er seinen Silbergroschen. Als nun der gerührte Leiermann auf seinem Trauerkasten ein anderes Register zog und uns dankbar »Röschen hatte einen Piepmatz« im Tempo eines Chorales nachsendete, lächelte mein Freund Leonhard wohlwollend wie ein Verklärter, der erhaben ist über die Plagen dieses irdischen Jammerthales. »Lass' uns in den zoologischen Garten gehen,« sagte er dann, »dort suchen wir uns eine heimliche Bank und ich erzähle Dir eine Geschichte.« Von der Lichtenstein-Brücke her, wo ein behäbiger kleiner Invalide seine musikalische Wegelagerei betrieb und dem harmlosen Wanderer den Pass verlegte, schallte es nun von ferne herüber: »Lang, lang ist's her!« Leonhard's Züge verklärten sich. »Das ist das Rechte,« sagte er, »der Mann versteht seine Zeit.« Er griff in die Tasche und mit Schauder und Staunen sah ich ein blankes Markstück in seiner Hand blitzen. »Leonhard!« rief ich, »Du wirst doch nicht?!« Aber siegreich und heiter schritt er auf den Leiermann zu und vollführte den Akt wahnsinnigster Verschwendung, der mir jemals vor Augen gekommen ist. »Ihr seid ein tüchtiger alter Kerl,« sagte er und klopfte den fast erschrockenen Orgelmann auf die Schulter; »Ihr habt Talent.« »Leonhard,« sagte ich, »bedenke doch was der Mann für einen günstigen Posten hat hier an diesem Engpass, der ist möglicherweise reicher als Du.« »Schadet nichts,« sagte er, »höre nur erst meine Geschichte.« Ich kann sagen. dass ich nicht wenig gespannt war, ein Erlebniss zu erfahren, das so sonderbare und unglaubliche Erscheinungen im Gefolge hatte. »Ich erinnere mich sehr wohl,« sagte ich, »Deiner mannigfachen und gewaltigen Zornausbrüche, welche Dir die Orgeldreherplage sonst entlockt hat. Du stelltest Dir die musikalische Hölle vor wie eine unendlich lange Chaussee und an jeder Pappel einen teuflischen Orgeldreher in voller Arbeit, fortwährend beschäftigt, den armen Musikanten, die dort in Ewigkeit zu wandeln verdammt waren, sämmtliche Gassenhauer der ganzen Welt zu Gehör zu bringen. Wo ist hier Uebergang und Vermittlung, wie willst Du diese Dissonanz auflösen? »Jede Dissonanz lässt sich auflösen, theurer Freund,« sagte Leonhard, »und jedes Ding hat seine nützliche und angenehme Seite. Nur bleibt sie oft dem beschränkten Sinne verborgen. Ich habe mir früher auch nie träumen lassen, dass die himmlische Vorsehung sich eines Leierkastens zur Erreichung ihrer Pläne wirkungsvoll bedienen könnte.« Wir waren im zoologischen Garten angelangt und hatten den seitlichen Gang zwischen den Büffel- und Hirschgehegen eingeschlagen. Es war ein Wochentag und der Garten nicht sehr gefüllt, so dass wir auf einer Bank am Wege ziemlich ungestört waren. Dort im Angesicht einiger friedlicher Büffel, die, bis an den Hals im schlammigen Wasser stehend, behaglich schnauften, erzählte mir Leonhard seine Geschichte. Ich will sie in meiner Weise wieder erzählen. * * * Es ist eine Liebesgeschichte so gewöhnlicher Art, dass sie Jeder, auch der ausgehungertste Novellist, wenn er sie so wie ein leeres, verbrauchtes Portemonnaie am Wege gefunden, einfach mit dem Fuss bei Seite gestossen hätte. Der gütige Leser, der geübt ist in solchen Dingen, und bei seinem täglichen Leihbibliothekenfutter bereits vor vielen Jahren das Jubiläum des tausendsten Bandes gefeiert hat, wird jetzt schon den ganzen Verlauf an den Fingern hersagen können, und wenn ich die Geschichte trotzdem erzähle, so geschieht es in dem Vertrauen auf die ewige Langmuth und Güte der Vorsehung und im Hinblick auf jene jungen und gläubigen Opfer, denen noch nicht die langjährige Erfahrung aus den tausend fettigen Leihbibliotheksbänden zu Gebote steht. Es ist in Dunkel gehüllt, zu welcher Zeit und bei welcher Gelegenheit meinem Freunde Leonhard zuerst auffiel, dass Agnes Bolten ein merkwürdig angenehmes Mädchen sei. Diese Anschauung kam nicht plötzlich, sondern entwickelte sich so regelrecht, aus Keim und Knospe, wie man es nur wünschen kann. Aber eines Tages empfand er doch mit Ueberraschung, dass diese Angelegenheit zu einer merkwürdigen Klarheit gediehen sei, und dass er eine Neigung in sich verspüre, jedem andern jungen Manne, der ähnliche Gefühle gegen Fräulein Agnes zu hegen wage, den Hals zu brechen. Obgleich er aus den hundert kleinen Anzeichen, mit denen eine heimliche Liebe hervorblitzt, wie ein Bach, der unter Kraut und Blumen verborgen einherrieselt, zu schliessen wagte, dass seine Neigung nicht unerwidert sei, so dauerte es doch einige Zeit, bis seine überlegende und massvolle Natur, die zwar schwer von Entschlüssen, aber hartnäckig in deren Ausführung war, sich zu einem entscheidenden Schritt entschloss. Dieser Zeitpunkt trat jedoch endlich ein, und nachdem er sämmtlichen Freunden und Verwandten die gründlichste Versicherung gegeben hatte, sich niemals zu verheirathen und als guter alter Onkel seine Tage zu beschliessen, benützte er einen der kältesten Winterabende, an welchem ihm das Glück zu Theil wurde, Fräulein Agnes Bolten aus einer Gesellschaft nach Hause zu führen, sie mit der Glut seines Herzens bekannt zu machen. Wo zwei solche Flammen lang unterdrückt und heimlich genährt ineinander lohen, durchwärmen sie auch die bittere Kälte einer Winternacht, und das alte, schneebedeckte Gartenthor der Villa Bolten wurde heute Abend Zeuge von Ereignissen, für welche man sonst die blühende Fliederlaube oder die schattige Sommerlinde allgemein als die passendste Oertlichkeit anzusehen gewohnt ist. Küsse, Seufzer und Thränen, Thränen, welche die bitterliche Dezemberkälte sofort in Eis verwandelte, so dass neue Küsse nöthig waren, sie wieder aufzuthauen. Sie galten einem würdigen alten Herrn, der, während diese Thatsachen an dem festgefügten Bau seiner schrullenhaften Grundsätze nagten, behaglich in seinem warmen Bette schlief, und zwar als gesunder Verstandesmensch gründlich und unbelästigt von dem unreellen Scheinwesen irgend eines Traumes. »Wie soll es nun werden?« sagte Agnes und sah angstvoll aus der weissen Pelzkapuze zu Leonhard auf. »Papa ist so fürchterlich, wenn etwas gegen seinen Willen geht. Gegen mich ist er so gut, aber gegen Dich wird er es nicht sein. Denn er hat einen Hass auf alle Musiker – nicht auf die Musik, aber auf Euch. Er ist wohl streng, aber gegen Jedermann gerecht, nur gegen Euch nicht. Ich habe gekämpft dagegen, Dich lieb zu haben, denn ich dachte, dass daraus nie ein Glück entstehen könne – nun ist es doch so plötzlich gekommen – wie soll es nur werden?« »Morgen gehe ich zu Deinem Vater,« sagte Leonhard, »da Du mir gut bist, so soll mich auch keine Macht der Erde daran hindern, Dich zu gewinnen.« Sie sah ihn liebevoll, doch traurig an, »Du kennst ihn nicht,« sagte sie, »aber wenn ich denke, wie Du bist?« – ihr Gesicht hellte sich auf – »anders als die Andern, so frei und klar und wahr, ich möchte fast Hoffnung fassen.« Das Resultat dieses Abends war die Verabredung, dass Leonhard am andern Tage bei dem alten Bolten, der, nichts ahnend, dies ganze Komplot verschlief, sein Heil versuchen sollte. * * * Die starke Abneigung des alten Herrn gegen die Musiker lässt sich einigermassen entschuldigen, wenn man eine gewisse Sorte von Virtuosen in's Auge fasst, welche die Treibhauswärme einer unverständigen Musikliebe neuerdings in krankhafter Menge hervorgebracht hat. Wer diese blassen, nervösen Einseitlinge mit ihrem ewigen Beifallshunger und der monströsen Eitelkeit auf ihre Taschenspieler- und Jongleurkünste kennen gelernt hat, der wird um so dankbarer die sehr wenigen glänzenden Ausnahmen anerkennen, welche es glücklicher Weise noch giebt. Es ist ihm aber nicht zu verdenken, wenn er Alles, was die Firma Musiker führt, zuerst vorsichtig von ferne betrachtet, um sich zu überzeugen, ob auch wirklich ein Mensch dahinter steckt und kein blosser Bogen- oder Tastenbewegungsmechanismus. Herr Andreas Bolten musste aber noch tiefere Gründe haben, denn seine Abneigung gegen diese Menschenklasse streifte an Hass, und obgleich er der Kunst durchaus nicht abgeneigt war, so waren doch für ihn ihre Vertreter mit einem Odium behaftet, wie es etwa im Mittelalter wandernden Musikanten anhing. Er hegte die feste Meinung, dass der ausschliesslichen Beschäftigung mit der Musik ein demoralisirendes Element innewohne, geeignet, den vorzüglichsten Charakter zu untergraben, und wies man ihn hin auf manche glänzenden Beweise gegen seine Theorie, welche in der Stadt zu finden waren, so pflegte er die Achseln zu zucken und die Ansicht zu äussern, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben solle. Es gewährte ihm eine gewisse Befriedigung, dass Mozart so leichtlebig und Beethoven so excentrisch gewesen, denn es passte in seine Theorie, und von Paganini glaubte er die schwärzesten aller schwarzen Gerüchte, welche über dieses Monstrum aller Virtuosen noch immer verbreitet sind. Richard Wagner, sein Lieblingskomponist, war ihm ein unerschöpfliches Beispiel, und natürlich glaubte er jede Entstellung und jedes alberne Märchen, das diesem grossen, aber rücksichtslosen und streitbaren Mann angedichtet worden ist. Leonhard ahnte kaum die Stärke des Bollwerkes, das er mit gutem Muthe zu stürmen ging, weil er einfach keine Vorstellung hatte, dass eine solche Sinnesart möglich sei. Er war jung, heiter und glücklich in seinem Beruf, die Welt lag vor ihm in dem Sonnenschein, den ein aufsteigender Ruhm darüber hinbreitet, ein angenehmes kleines Vermögen machte ihn unabhängig von dem leidigen Streben nach Brod, das zwar Manche stärkt und kräftigt, Viele aber immer tiefer hinabzieht und den Ueberfluss von Talenten vernichtet, den die Natur auch auf diesem Boden wie überall aussät. Er war einer jener glücklichen Auserwählten, die dort finden, wo so Viele ihr Lebelang mühevoll und fruchtlos gesucht haben, und am besten wird wohl seine glückliche Natur geschildert durch einige Verse, welche ihm ein scheidender Freund einst zur Erinnerung aufschrieb: Der Auserwählte . Wem hold sind die Götter, Dem blüht der Vollendung Herrliche Blume! Es mühen sich Manche Und streben vergebens, Und nimmer erreichbar In dämmernder Ferne Sehen sie schimmern Das goldene Ziel. – Doch er kommt geschritten, Der Auserwählte, Mit freiem Antlitz Und leuchtender Stirne – Ihm schliessen die Knospen Duftend sich auf, Ihm neiget das Schönste Sich lächelnd entgegen, Und siegreich und heiter Schreitet er aufwärts Die leuchtende Bahn! – Wem hold sind die Götter, Dem blüht der Vollendung Herrliche Blume! – Der Liebling der Götter hatte also sehr wenig Ahnung von dem Kampfe, dem er entgegen ging, und doch sass ihm natürlich das beängstigende Etwas im Blut, das den wohltrainirten Examinandus schliesslich selbst um das bringt, was er zu Hause noch so schön gewusst hat. Nachdem er die übliche Verschniepelung und Verschwärtung mit sich vorgenommen hatte, ohne welche unsere im Punkte der Bekleidung traurig verarmte Zeit sich einen feierlichen Akt nicht vorstellen kann, machte er sich um die übliche Besuchszeit kühn auf den Weg. Wie zwei feierliche Wächter mit Allongeperrücken standen die beiden von wolligen Schnee bedeckten Gartenthorpfeiler der Bolten'schen Villa da. Leonhard warf einen Blick auf einen Fleck neben dem einen Pfeiler, wo der Schnee von verschiedenen Fusspaaren, einem zarten und einem kräftigen , niedergetreten war. Er musste lächeln. Dies war nun ein historischer Ort für ihn. Er öffnete das Thor und ging durch den sauber gefegten Steig auf die Villa zu. Die Sonne schien und blitzte in den schneebepolsterten Gebüschen, vor einem Fenster lärmten die Spatzen um hingestreutes Futter. Hinter diesem Fenster ward ein blasses, liebes, verweintes Köpfchen sichtbar, nickte ihm zu und verschwand. Agnes machte ihm selber auf. »Ich habe ihn schon vorbereitet,« flüsterte sie, da ein Diener in der Nähe stand, »er war schrecklich – Jakob, melde diesen Herrn, Herr Musik-Direktor Leonhard Brunn, – er wollte Dich gar nicht sehen, aber ich bestand darauf, er müsse Dich empfangen und schliesslich gab er nach. Ich bin so voll Angst.« Leonhard drückte sie an seine Brust und küsste sie auf die Stirn. »Ich habe Muth,« sagte er, »für uns Beide.« Der Diener liess sich hören und sie nahmen wieder eine Stellung achtungsvoller Höflichkeit gegen einander ein. Die Hand auf's Herz gedrückt sah Agnes dem Geliebten nach, als er mit festem Schritt die Treppe zu dem Zimmer ihres Vaters emporstieg. * * * »Sie sind Herr Musikdirektor Leonhard Brunn und kommen zu mir, um die Hand meiner Tochter von mir zu begehren«, sagte Herr Andreas Bolten, »haben Sie die Güte, Platz zu nehmen und mir mitzutheilen, was Sie sonst noch hinzuzufügen haben.« Damit deutete er auf einen gepolsterten Lehnstuhl von braunem Leder und nahm selber in einem gleichen Sessel Platz. Es war ein hübscher Anblick, diese beiden verschiedenen und doch wieder gleichartigen Männer einander gegenüber zu sehen. Vor Allem war ihnen gemeinsam, dass sie Beide wirkliche Männer waren. Aber war in der äussern Erscheinung des Aeltern mehr das Viereck ausgeprägt, so kamen bei dem Jüngern die sanfteren Linien des Ovals zur Geltung. In dem Einen war mehr Charakter, in dem Andern mehr Schönheit. Der Kaufmann hatte das klare, feste graue Auge, das die Aussendinge mit sicherem Blick umfasst und bewältigt, in den blauen Augen des Künstlers war jene Klarheit, die auf eine sichere Beherrschung einer geistigen Innenwelt schliessen lässt. Leonhard war nicht überrascht durch das kurze und summarische Verfahren seines Gegners, er hatte eher Schlimmeres erwartet. »Ich habe wenig hinzuzufügen«, sagte er; »da Sie von der Hauptsache bereits unterrichtet sind, so kämen nur noch meine äusseren Verhältnisse in Betracht. Die Ausübung meines Berufes sichert mir eine nicht unbedeutende Einnahme, die, wie ich mit einiger Sicherheit annehmen darf, eine fortwährende Steigerung erfahren wird, ausserdem bin ich im Besitz eines Vermögens, das an und für sich zur Gründung und Unterhaltung eines Hausstandes ausreicht. Was meinen persönlichen Charakter betrifft, so steht mir darüber ein Urtheil nicht zu, jedoch liegt mein Leben und öffentliches Wirken so klar da, dass es Ihnen nicht schwer fallen kann, darüber Näheres zu erfahren.« »Soweit wäre demnach Alles in der besten Ordnung,« sagte Herr Bolten; »wenn ich Ihnen nun dennoch die Hand meiner Tochter auf jeden Fall verweigere, so werden Sie die Ursache hiervon sicher nicht einsehen und von mir eine Darlegung meiner Gründe erwarten.« Leonhard wurde etwas verwirrt durch die Schroffheit des alten Herrn. »Ich fürchte, Sie werden mich nicht überzeugen,« sagte er dann mit einem Anflug von Humor. »Darin haben Sie vermuthlich Recht,« sagte Herr Bolten, »was jedoch die Darlegung meiner Gründe betrifft, sehen Sie, ich könnte Ihnen einfach sagen, es sei gegen mein Prinzip, meine Tochter einem Musiker zu geben. Es wäre das Billigste. So ein Prinzip ist eine gute Streitaxt, sie Jemanden vor den Kopf zu schlagen, der uns mit Gründen in die Enge getrieben hat. Mir fehlen die Gründe jedoch nicht und ich will sie Ihnen nicht vorenthalten. Lebenserfahrungen unangenehmer Art haben meine Beobachtung geschärft und meine Blicke gerade auf Ihren Stand gerichtet, und ich bin dabei zu Resultaten und Ansichten gekommen, die Ihnen vielleicht unangenehm und ungerecht, mir aber als unabänderliche Wahrheit erscheinen. Die Musik ist von allen Künsten die luftigste Kunst, sie spricht zu uns in unbestimmten Tönen und Wendungen, sie haftet am wenigsten an Dingen dieser Erde, ihr Wesen ist Ahnung und Sehnsucht. In das Innerste einer Kunst einzudringen, die sich in solchen subtilen Regionen bewegt, sie selber schöpferisch und mit Genie auszuüben, erfordert ein empfindliches und reizbares Nervensystem, erfordert eine Feinfühligkeit der Seele, die in Dingen des wirklichen Lebens zur grossen Gefahr werden kann. Aus diesen Gründen erklärt sich das excentrische und oft haltlose Wesen der meisten bedeutenden Musiker, und endlich verweigere ich Ihnen aus diesen Gründen die Hand meiner Tochter, gerade weil Sie, wie ich wohl weiss, hervorragend und bedeutend in Ihrem Fache sind.« Leonhard hatte ungeduldig auf seinem Stuhle gerückt, als Herr Bolten seine krausen und seltsamen Theorieen entwickelte. »Wenn ich Sie recht verstehe,« fiel er jetzt ein, »so sagen Sie damit, jeder begabte Componist ist vermöge seiner seelischen Anlagen, die grosse Reizbarkeit und Empfänglichkeit bedingen, ein unzuverlässiger Charakter. Sie vergessen, dass andere Eigenschaften vorhanden sein können, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie würden mir vielleicht eine Menge von Beispielen für Ihre Theorie aufzählen können und würden sorgfältig verschweigen, was gegen dieselbe spricht. Und wenn Sie Recht hätten, wer sagt Ihnen denn, dass ich nicht auf die Welt gesendet bin als erste und einzige Ausnahme, nur um die Regel zu bestätigen?« »Sie haben Humor,« fügte Herr Bolten mit wohlwollender Strenge ein. »Ich kann Ihre Gründe nicht würdigen und annehmen,« fuhr Leonhard fort, »ich demonstrire selbstverständlich gegen die Regel, aber selbst diese zugegeben, können Sie doch die Ausnahme nicht wegleugnen. Und das vernichtet all' Ihre Gründe, denn da mein ganzes Vorleben gegen dieselben spricht, so dürfen Sie nicht im Hinblick auf das, was möglicherweise sein könnte mir Ihre Einwilligung verweigern.« »Setze ich in die Lotterie, so bin ich ein Thor,« sagte Herr Bolten, »wenn ich mit Sicherheit auf das grosse Loos hoffe. Uebrigens glaube ich jetzt Ihnen gegenüber meiner Pflicht genügt zu haben, ich spreche Ihnen schliesslich mein Bedauern aus, dass ich in dieser Sache Ihnen nicht dienen kann und bitte, die Angelegenheit hiermit als abgeschlossen zu betrachten.« Leonhard's Blut war längst in Wallung gerathen. In dem Gefühl, dass dieser eingefleischten, schrullenhaften Theorie des alten Bolten mit Gründen nicht beizukommen sei, und mit dem festen Vorsatz, den Kampf nicht aufzugeben, griff er zu anderen Mitteln. »Ich will von mir nicht reden,« sagte er, »aber nehmen wir an, dass Ihre Tochter mich wirklich liebt mit der ganzen Kraft ihres Herzens, wollen Sie ihr ganzes Lebensglück einer Theorie opfern? Wie wollen Sie das verantworten, was sie jetzt thun, wenn Sie das Herz Ihrer Tochter gebrochen haben um einer Einbildung willen?« Herr Bolten sprang auf, heftig und erregt: »Ich mag diese alte Phrase von den gebrochenen Herzen nicht hören, das ist nichts als phantastische Uebertreibung. Ich kenne das wohl, man wird blass, man härmt sich, das Leben ist eine Last, man will daran sterben. Aber es ist eine Krankheit und sie geht vorüber. Meine Tochter müsste wenig vom Blut ihres Vaters haben, – eine Bolten stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Ich will nun einmal nicht, dass meine Tochter das hangende, bangende, ewig ruhelose Leben theilen soll, das Ihnen unwiderruflich verhängt ist, denn dies ist überall, wo es gilt, einen Ruhm zu steigern und zu bewahren. Wenn Sie ein Mann wären mit einer soliden, tüchtigen, bürgerlichen Beschäftigung, ich würde Ihnen meine Tochter nicht verweigern und wenn Sie keinen Pfennig im Vermögen hätten.« »Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr er fort und pflanzte sich mit untergeschlagenen Armen vor Leonhard auf, »satteln Sie um, werden Sie Kaufmann. Sie haben das Zeug dazu. In einem Jahre lernen Sie unter meiner Leitung Alles, was Sie brauchen. Vielleicht macht es sich dann mit der Firma Bolten und Brunn. Sie lächeln, ich wusste es wohl. Gut, ich habe meine Nachgiebigkeit bewiesen, ich bin mit dieser Angelegenheit fertig. So lange Sie Musiker sind, niemals!« Leonhard war auf das Aeusserste gebracht und rief: »Gut, so hören Sie auch mein vorläufiges Schlusswort in dieser Angelegenheit. Sie haben mir meinen Antrag aus Gründen zurückgewiesen, die keine sind, Sie opfern zu Gunsten einer Schrulle das Glück Ihres Kindes. Sie sind hartköpfig und starr, ich bin es auch. Sie wollen mir Ihre Tochter nicht geben, ich werde sie nicht lassen. Und wahrlich, das sage ich Ihnen, Ihre Tochter wird meine Frau mit oder gegen Ihren Willen, so wahr ich Leonhard Brunn heisse!« »Wo haben Sie Ihren Revolver, junger Mann?« rief Herr Bolten, »das wäre modern, das wäre amerikanisch. Als letztes Mittel dem zukünftigen Schwiegervater die Pistole auf die Brust gesetzt: ›Die Tochter oder das Leben!‹ Den Teufel auch, mein Herr, meine Tochter gehört mir und Sie bekommen sie niemals, so wahr . . . ich . . . Andreas . . .« Vom Hofe herauf klangen plötzlich die Töne einer Drehorgel, es war die Melodie des alten schottischen Liedes: »Lang, lang ist's her.« Herr Bolten vollendete seinen Satz nicht, es war, als ob diese Töne die Worte von seinen Lippen nähmen. Ein eigenthümlicher, wehmüthig milder Zug verwischte den Zorn aus seinem Antlitz, er ging zu seinem Schreibpult, wickelte ein Geldstück in Papier, öffnete das Fenster und warf es hinaus. Dann fielen seine Blicke auf einen grünseidenen Vorhang an der Wand, der ein Bild zu verhüllen schien, und hafteten nachdenklich darauf. Leonhard, der bereits an der Thüre stand, sah ihm verwundert zu. Dann wollte er sich zurückziehen, denn die Sache war einstweilen doch so gut wie verloren. Der Alte bemerkte es. »Gehen Sie noch nicht,« sagte er und ein weicherer Klang war in seiner Stimme, »ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Wollen Sie mir versprechen, während der nächsten Zeit sich meiner Tochter nicht zu nähern und keinen Versuch machen, sie zu sprechen ?« »Wir leben im Kriegszustande,« sagte Leonhard, »alle Mittel gelten, ich verspreche nichts.« »Sie werden es thun,« sprach Herr Bolten mit fester Stimme, »wenn ich erkläre, meine Worte von vorhin einstweilen zurückzunehmen. Ich bitte mir bis morgen Bedenkzeit aus.« »In diesem Falle, ja!« erwiderte Leonhard. »Ich danke Ihnen, Herr Musikdirektor, also bis morgen.« Eine stumme Verbeugung und Leonhard verliess den Kampfplatz. * * * Herr Andreas Bolten blieb eine Weile stehen und sah nachdenklich die Thür an, durch welche der junge Mann verschwunden war. »Ein verfluchter Kerl ist er doch,« murmelte er, »ein ganz heilloser Kerl, ›es ist Rasse drin‹, würde Baron Spornitz sagen.« Unterdessen war der Mann auf dem Hofe noch immer beschäftigt, das empfangene Geld musikalisch abzuarbeiten und hatte es mindestens zum zwölften Male schon »lang, lang her« sein lassen. Er war ein ehrlicher Mann und wollte für das grosse Stück Geld auch ein entsprechendes Quantum von Musik liefern. Herr Bolten ging an's Fenster und winkte ihm ab. Daun zog er den Vorhang beiseite, setzte sich in einen Lehnstuhl und sah das Bild an, das dahinter verborgen gewesen war. Es stellte seine verstorbene Frau dar in der Schönheit ihrer Jugend. Man kann nicht sagen, dass Herr Bolten sentimental war, aber er hatte eine Schwäche, wenigstens nannte er es oft vor sich selber so, das war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Und diese hing unwiderruflich mit dem eben gehörten Liede zusammen. Auch der festeste Mann hat einen Punkt, den das härtende Drachenblut nicht umpanzerte, weil ein Lindenblatt der Liebe darauf fiel. Für den Alten waren diese Erinnerungen gerade in dieser Stunde von besonderer Bedeutsamkeit. Dass dies Lied in einem Augenblick ertönte, wo er schroff sein Wort gegen ein anderes Wort setzen wollte, hatte ihn wie eine geisterhafte Mahnung berührt. Er war im Begriff gewesen, ein Versprechen zu brechen, das er einst in heiliger Stunde gegeben. Es war in Vergessenheit gerathen; die lange Zeit, welche dahinter lag, hatte es verwischt, er hatte auch niemals daran gedacht, dass einst eine Möglichkeit kommen könne, wo er es erfüllen müsse. Nun kam zur rechten Stunde, im rechten Moment ein Lied, das wie der Auslöser in einer Uhr das Räderwerk seiner Gedanken entfesselte, bis schlagkräftig und bestimmt Alles wieder vor seiner Seele stand. Seine Frau war schön und jung, als sie ihm die Hand reichte. Sie folgte nicht der eigenen Neigung, sondern dem Zwang ihrer Eltern, denn ihre Liebe gehörte einem jungen, talentvollen Musiker, der arm und ohne Stellung in der Welt war. Dieser verfiel nach ihrer Hochzeit, es ist nicht aufgeklärt, aus welchen Gründen, ob um seinen Schmerz zu betäuben, ob aus Haltlosigkeit, in ein wüstes Leben und ging darin unter. Die junge Frau schrieb Alles natürlich dem ersten Grunde zu, und anstatt sich mit Abscheu von ihm zu wenden, blieben die Regungen der Liebe und des Mitleids bis an sein Ende für ihn wach. Sie unterstützte ihn und Bolten wusste es. Er wusste aber auch, dass er seiner Frau vertrauen könne. Aber es trat eine Wendung ein, die von eigenthümlicher Wirkung war, er fing an, seine Frau wirklich zu lieben. Diese Liebe steigerte sich zu einer Höhe, die ihn selber beängstigte und die ihm die unerträglichsten Qualen schuf. Zu wissen, dass dieser verkommene Mensch mehr Anspruch auf die Neigung seiner Frau habe als er, das trieb ihn oft fast zum Wahnsinn. Von dieser Zeit her schrieb sich sein ungerechter Hass gegen die Musiker. Er beschloss, seine Frau für sich zu erwerben. Mit rastloser Geduld, mit nie aufhörender Sorge diente er um ihre Neigung. Und da seine Liebe echt und treu, und vor allen Dingen, da er ein Mann war, gelang es ihm. Alle Zartheit und alle Liebe, der seine Natur fähig war, brachte er ihr entgegen und nach langem Werben ward sie sein. Wie die Sonne nach langem, regnerischem Wolkentag oft noch am Abend mit selig verklärendem Strahl hervorbricht, so ward ihm noch eine kurze und glückliche Zeit zu Theil. Ein Jahr etwa nach dem Eintritt dieser späten Herzensvereinigung starb seine Frau nach der Geburt eines Töchterleins. In der letzten Stunde nahm sie ihm das Versprechen ab, bei dieser Tochter das zu sühnen, was an der Mutter verbrochen war, und ihr einen Gemahl zu geben nach der freien Wahl des Herzens. Dies Alles rief das Lied zurück, das einst das Lieblingslied seiner Frau war. Sie hatte es oft gesungen im Schmerz ihres einsamen, verkauften Lebens, erst in dem letzten, glücklichen Jahre war es verstummt. Herr Bolten sass lange in seinem Lehnsessel da, die Augen auf das Bild gerichtet und doch wie in sich versunken. Die Dämmerung brach herein und hüllte es in Schatten, er schien es nicht zu bemerken, denn er sah mit den Augen seines Geistes, Dann stand er auf und ging mit gesenktem Haupt einige Male im Zimmer auf und ab. Er trat an's Fenster und schaute eine Weile in das kalte Abendroth, das über den dunklen, entlaubten Wipfeln des Thiergartens stand. Der Diener kam mit Licht, setzte es schweigend auf den Schreibtisch und entfernte sich wieder. Herr Bolten sah noch einmal nach der Thüre, dann nach dem Bilde, setzte sich an den Tisch und schrieb. Als er fertig war, klingelte er: »Herrn Musikdirektor Leonhard Brunn, sofort zu bestellen,« sagte er, indem er dem Diener den Brief übergab. * * * Diese denkwürdigen Vorgänge ereigneten sich am 23. December. Der Brief, welchen Leonhard noch an dem Abend desselbigen Tages erhielt, hatte folgenden Inhalt: »Sehr geehrter Herr Musikdirektor! Wenn Sie die Güte haben wollen, sich morgen, am 24. December, Abends 6 Uhr, zu mir zu bemühen, so würden Sie mich sehr verbinden, da ich Ihnen noch einige Mittheilungen zu machen habe. Hochachtungsvoll                               Ihr             Andreas Bolten.« Vor jede Oase des Glückes streckt sich eine Sahara der Entbehrung und Erwartung einher, geschmückt mit Spiegelbildern der Hoffnung und Sehnsucht. Dornenvolle Kräuter waren es, durch welche Leonhard's Gedanken in diesen vierundzwanzig Stunden ihren Weg nahmen. Herr Bolten war heiter; er hatte Mühe, beim Abendessen seine grosse Fröhlichkeit vor seiner Tochter zu verbergen. Sie wagte nicht zu fragen und heimlich hingen ihre Augen an den strengen Zügen ihres Vaters. Zuweilen war es ihr, als lächle ein kleiner, freundlicher Kobold, der seinen bescheidenen Sitz in dem väterlichen Mundwinkel hatte, ihr aufmunternd zu. Leonhard fand am andern Tage sich pünktlich ein. Herr Bolten stand mitten in der Stube, hatte die Hände auf dem Rücken zusammengelegt und betrachtete wohlwollend einen langen weissen Korb, wie man ihn zum Transport von kostbaren und empfindlichen Frauenkleidern benützt. Wie ein Blitz durchschoss Leonhard ein Gedanke, als er diesen ungeheuren Korb sah. Zu einer Komödie der schändlichsten Verhöhnung hatte ihn der Alte bestellt und hatte das schmachvolle Symbol der Ablehnung in einer seinem Hass entsprechenden Grösse ausgewählt. Der Zorn stieg dem Armen purpurroth in das Antlitz. »Herr Bolten, was bedeutet dieser Korb?« rief er. Den Alten belustigte diese Auffassung höchlichst, dies Missverständniss war noch eine angenehme und humoristische Zugabe, auf die er noch garnicht einmal gerechnet hatte. »Der Korb ist für Sie,« sagte dieser boshafte alte Sünder. Aber er kam dem Ausbruch zuvor, welcher sich bei Leonhard ankündigte. »Ereifern Sie sich nicht, mein Lieber, der Korb ist nicht für Sie ein symbolischer Korb, sondern ein Korb in seiner eigentlichen Bedeutung, ein Futteral, eine Emballage. Wenn Sie mir den kleinen Dienst erweisen wollen, gefälligst hineinzuspazieren, so werden Sie mit den Folgen dieser Handlung sehr zufrieden sein.« Damit hatte er den Deckel geöffnet und stand mit einladender Handbewegung da. »Wissen Sie, was ein Julklapp ist?« fragte er dann. Leonhard bejahte es unwillig. »Nun, ich möchte Sie meiner Tochter als Julklapp werfen. Wollen Sie nicht, dann ist es auch gut, Sie bekommen sie doch, aber ich denke, Sie werden es mir nicht abschlagen. Eine Liebe ist der andern werth.« Was sollte Leonhard machen? Liebe, Zorn, Hoffnungen und Befürchtungen hatten ihn genugsam geschüttelt und mürbe gemacht, warum sollte er am Ende nicht auch noch in einen Korb steigen? Der Alte schloss den Deckel und klingelte. Zwei riesenhafte Rollkutscher traten ein, nahmen den Korb und trugen ihn davon. Agnes sass in dem glänzenden Weihnachtszimmer unter dem brennenden Tannenbaum mit traurigem Herzen. Herr Bolten trat ein, sie wischte eine heimliche Thräne fort und zwang sich ihm mit frohem Angesicht entgegen zu gehen und ihm zu danken für so viele kostbare Geschenke. Da wurde plötzlich die Thür aufgerissen, eine furchtbare Rollkutscherstimme rief »Julklapp« und der bewusste Korb ward hereingeschoben. Agnes kannte schon dieses Möbel. Ihr Vater pflegte ihr an jedem Weihnachten auf dieselbe Weise ein kostbares Kleid zu schenken, allein sie fürchtete sich immer ein wenig davor, denn das Talent, die Schönheiten eines weiblichen Anzuges zu beurtheilen, ging Vater Bolten ab, und es kamen bisweilen unsägliche Dinge aus diesem Korb zum Vorschein. Herr Bolten bemerkte den ängstlichen, zögernden Ausdruck in ihrem Gesicht. »Nur Muth, Agnes,« sagte dieser raffinirte alte Heuchler, »diesmal hab' ich's getroffen, und wenn es Dir doch nicht gefällt, darfst Du's nur umtauschen!« Zögernd schlug Agnes den Deckel zurück. In blaue Seide gehüllt lag das Unbekannte vor ihr. Sie hob einen Zipfel auf. »Ein Tuchkleid!« rief sie, denn ein Stück von Leonhard's Aermel kam zum Vorschein. Ihre Neugierde ward wach, denn Weib bleibt Weib und ehe das Interesse für ein neues Kleid aufhört, muss es arg kommen. Ein Schreck, ein Schrei, im Korb ward es lebendig und rappelte sich empor und fiel ihr um den Hals, und Vater Bolten und die ganze Welt versanken in einen blauen Nebel des Glückes und waren eine Weile so gut wie gar nicht vorhanden. Dem Alten wurde es so sonderbar und so flimmerig vor den Augen, er ging an das Fenster und starrte in die schwarze Nacht und schliesslich musste er doch mit dem Gesicht an der Gardine einherfahren, und als das nicht völlig half, ging er leise hinaus, über den hell erleuchteten Gang in sein Zimmer. Es war dunkel dort, nur das Licht der Strassenlaterne warf einen sanften Schimmer auf die Wand, an welcher das Bild hing. Er zog den Vorhang zurück, setzte sich in den Lehnstuhl und schaute auf das sanfte Antlitz, das in ungewissen Scheine aus dem dunklen Hintergrunde hervortrat. In seinen Zügen arbeitete es seltsam und seine Lippen zuckten: »Bist Du nun zufrieden?« sprach er zu dem Bilde, »hab' ich es recht gemacht? Sie sollen ihren Willen haben, die Kinder, und ich will glauben, dass es das Beste ist.« – Dem festgefügten Mann rannen die Thränen über das zuckende Gesicht. »Warum gingst Du so früh?« fuhr er fort, »wir kannten uns doch kaum. Und nun, da Dein liebster Wunsch erfüllt wird, bist Du fern, ewig fern, in jenem Lande, dahin wir Alle kommen werden und das doch Niemand kennt, und ich kann Dein zufriedenes Lächeln nicht sehen und den dankbaren Schein Deiner sanften Augen. Du blickst auf mich herab wie immer still und friedlich und kannst mir kein Zeichen geben, dass Du mir gut bist für das, was ich heute that!« Der alte Mann hielt seine Augen fest auf das Bild geheftet und war es das Flackern des Lichtes, oder war es Wirklichkeit, es schien einen Augenblick als ginge ein Lächeln wie ein freundlicher Schimmer über das stille Antlitz. Lange noch sass er, die Augen auf das Bild gerichtet, die Gedanken versenkt in jene Zeiten, die nicht wiederkehren: »Lang, lang ist's her!« –     Hans Hinderlich. Es giebt allerlei Arten von Sammlungen, und unter den Sammlern mancherlei Sonderlinge. Zu diesen gehört mein Freund Abendroth, denn er hat die ganz besondere Leidenschaft, Menschen zu sammeln. Es würde ihn mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt bringen, wollte er einen anthropologischen Garten anlegen und die merkwürdigen Exemplare seiner Sammlung hinter soliden Eisengittern aufbewahren, auch würde es den humanen Anschauungen unserer Zeit nicht entsprechen, wollte er sie in Spiritus setzen oder mit Wickersheimerscher Flüssigkeit durchtränkt dauerhaft konserviren, deshalb betreibt er die Sache mehr auf eine ideelle Weise und trägt die ganze Sammlung in einem kleinen Kasten stets mit sich herum, in seinem Hirnkasten nämlich, woselbst er sie vermittelst eines scharfen und untrüglichen Gedächtnisses gleichsam geistig einbalsamirt hat. Es gewährt ihm das grösste Vergnügen, einem Menschen, an welchem er einen originellen oder komischen Zug entdeckt hat, nachzusetzen wie ein Knabe einem seltenen Schmetterling, seine Bekanntschaft zu suchen und dem Kenner gleich, der einen neuen trefflichen Jahrgang behaglich schlürft, den ganzen geistigen Inhalt seines Opfers in sich hineinzusaugen, bis an dem vollständigen Charakterbilde nichts mehr fehlt und jegliche kleine Absonderlichkeit bis in's Kleinste sauber festgestellt ist. Dann wird es klassifizirt, rubrizirt und in das betreffende Gedächtnissfach eingereiht. Die behaglichsten Stunden meines Freundes Abendroth sind diejenigen, wo er, nach des Tages Arbeit gemächlich auf dem Sopha liegend, seine Pfeife raucht und dazu seine Sammlung revidirt. Bei einer solchen Gelegenheit kam eines Tages die Frau, bei welcher er wohnte, ins Zimmer und sagte, als sie ihn allein fand, ganz verwundert: »Du liebe Zeit, Herr Abendroth, ich glaubte, Sie hätten Besuch, weil Sie fortwährend so laut gelacht haben.« »O nein, Verehrteste,« sagte dieser, »ich revidirte nur meine Sammlung, und da kam mir der alte Major in die Quere, der immer die Geschichten ohne Pointe erzählt.« Da die Frau diese dunkle Rede gar nicht verstand, so ward ihr dadurch wenig Aufklärung und sie musste sich ohne Befriedigung ihrer Neugier mit innerlichem Kopfschütteln wieder entfernen. Sie soll übrigens ihrer intimsten Freundin, der geheimen Kanzleisekretärswittwe Kägebein, einmal im Vertrauen mitgetheilt haben, sie glaube, bei ihrem Miethsmann rappelte es zuweilen ein wenig. Die Neigung meines Freundes Abendroth, Menschen zu sammeln, ist nun auf mich übergegangen, und wenn ich darin auch weniger Gewandtheit und Spürkraft besitze, als mein Vorbild, so habe ich doch im Laufe der Zeiten auch ein recht nettes Sortiment zusammengetragen. Zuweilen besuche ich meinen Freund deswegen; wir vergleichen und bestimmen dann unsere Exemplare, tauschen Dubletten aus und erfreuen uns gemeinschaftlich an besonders seltenen und guterhaltenen Musterstücken. Dabei stellte es sich kürzlich heraus, dass wir zufällig beide ein und dasselbe Objekt gesammelt hatten, aber während er es so zu sagen im Jugendkleide besass, hatte ich Gelegenheit gehabt, das ausgefärbte Männchen zu beobachten, woraus sich dann eine sehr anregende und genussreiche Vergleichung ergab, aus welcher wir beide Gewinn und Belehrung zogen. Es war dies ein Mensch, Namens Hans Hinderlich, einer der grössten Lügner, die mir in meinem Leben begegnet sind, und da ich bereits früher schon aus meiner Sammlung einige bemerkenswerthe Exemplare beschrieben und diese Beschreibungen in Druck gegeben habe, so sei es mir gestattet, auch dieser Spezies einige wenige Worte zu widmen. Lügen und Lügen ist am Ende ein Unterschied. Mein Freund Abendroth versteht sich zum Beispiel ebenfalls wundervoll auf diese Kunst. Er ist ein vortrefflicher Geschichten-Erzähler und wendet bei dieser Gelegenheit, um der Sache mehr Lebendigkeit zu geben, gern das Kunstmittel an, Alles als eigenes Erlebniss vorzutragen. wodurch der Reichthum an sonderbaren Begebenheiten, welcher sich in sein kurzes Leben zusammendrängt, als ein wahrhaft staunenswerther erscheint. Jedoch hat er meines Wissens niemals Nutzen daraus gezogen und niemals die Naivetät besessen, wirklichen Glauben für seine Geschichten zu erwarten. Dies wäre auch zu viel verlangt gewesen für die unglaublichen Erzählungen von den Thaten seines verstorbenen Hundes Polly, dem er alle die bekannten Geschichten aufhalste, welche aufschneiderische Jäger-Erfindung je in glücklichen Augenblicken ausgeheckt hat, von dem er behauptet, er habe die warme Stelle auf dem Sopha, welche den verbotenen Lagerplatz verrieth, vor der Ankunft seines Herrn mit dem Schweife wieder kühl gewedelt und habe einmal, als man ihm Mittags sein gewohntes Futter nicht gegeben, als Erinnerungszeichen aus dem Garten ein Vergissmeinnicht überbracht. Wie sollte mein Freund auch Glauben erwarten für die geniale Methode, durch welche er sein einstmals beim Baden verlorenes Gebiss wieder erhielt, indem er, da alles Tauchen vergeblich war, ein wenig von seinem Lieblingsgericht Thüringische Kartoffelklösse an eine Angel band, worauf es sofort anbiss und emporgezogen werden konnte – wie sollte er dafür Glauben erwarten, zumal er keinen einzigen falschen Zahn besass und mit seinem gesunden Gebiss Tische aufheben konnte. Auch verlangte er wohl niemals, dass Jemand dasjenige als historische Thatsache betrachte, was er von dem grossen Orkan erzählte, welchen er in Berlin im Jahre 1869 erlebt haben wollte. Er hatte sich unter den Linden vor der Gewalt des Sturmes an einen Laternenpfahl geklammert, allein die ungestüme Windsbraut riss ihm die Beine unter dem Leibe weg, sodass er eine Weile horizontal wie eine Windfahne an dem Laternenpfahl in der Luft hing, während gleichzeitig eine Droschke in den benachbarten Baum geweht wurde, woselbst sich das Pferd in den Zweigen verwickelte, indess der Kutscher angstvoll auf der flatternden Droschke sass und voll Entsetzen auf die fliegenden Geheimräthe und Schneidermamsellen hinstierte, welche die Luft erfüllten. Der Kutscher hatte Glück, denn der Ast brach, Pferd und Droschke fielen herab und er fuhr in einer Athempause des Sturmes nach Hause. Mein armer Freund jedoch, welcher den schützenden Laternenpfahl nicht zu verlassen wagte, gerieth kurz darauf in einen Wirbelsturm, welcher ihn nöthigte, um den Pfahl herum eine Minute lang in horizontaler Lage die grosse Riesenwelle auszuüben. Wie gesagt, mein Freund verlangte für diese Dinge keinen unbedingten Glauben und würde von dem Verstande desjenigen, der ihm solchen geschenkt hätte, am Ende keine allzuhohe Meinung gehabt haben. Hans Hinderlich dagegen, das gemeinschaftliche Exemplar unserer Sammlungen, betrieb das Geschäft des Lügens in ganz anderer Weise. Er gehörte zu denjenigen Menschen, welchen die Wahrheit als so etwas Alltägliches, Gewöhnliches und Reizloses erscheint, dass es ihnen förmlich widerlich und gemein vorkommt, von derselben Gebrauch zu machen, wo es ihnen doch ein Leichtes ist, durch ihren allzeit erfinderischen Geist das einförmige Leben zu bereichern und zu erweitern. Er log nicht allein, wenn er sich Nutzen davon versprach, wie wir am Ende ja alle thun, nein er log aus Bedürfniss, aus Liebhaberei, er log, weil er nicht anders konnte. Diese Erscheinung, welcher man nicht allzu selten im Leben begegnet, scheint mir ein missgeleiteter Dichtungstrieb zu sein; vielleicht wäre unser Mann bei seiner stets regen Erfindungsgabe durch eine andere und bessere Erziehung ein grosser Poet geworden und hätte auf dem Gebiet der schönen Lüge, die wieder zur Wahrheit wird, Beträchtliches geleistet. Jedenfalls verschwendete er auf die Aufrechterhaltung seiner mannigfachen Lügengespinnste eine solche Summe von geistiger Arbeit und Nachdenken, dass, wenn er diese auf etwas Nützliches gewendet hätte, damit sicher erfreuliche Resultate erreicht haben würde. So aber ward seine geistige Kraft durch diese lügnerischen Erfindungen vollständig aufgezehrt, so dass ihm für Anderes nichts übrig blieb, und er es auch nicht weiter gebracht hatte, als zu einem derjenigen untergeordneten Bauzeichner, welche der Bureauwitz, weil sie sich vorzugsweise mit dem mechanischen Durchpausen von Zeichnungen zu beschäftigen haben, mit dem klassischen Namen Pausanias zu bezeichnen pflegt. In Folge seiner allgemeinen Unbrauchbarkeit und einiger anderer Eigenschaften, welche bald erwähnt werden sollen, hatte er selten irgendwo auf längere Zeit eine bleibende Stätte. Nur bei einer besonders nachsichtigen und gutmüthigen Behörde – und dies ist der Ort, wo er meinem Freunde Abendroth in's Netz lief – hat er sich einmal länger als einige Monate gehalten. Hans Hinderlich betrachtete seine Anstellung bei irgend einer Bahn vor allen Dingen als eine Gelegenheit Urlaub zu bekommen, womit in diesem Falle freie Fahrt auf allen Eisenbahnen Deutschlands verknüpft war. Da dringende Familienangelegenheiten bekanntlich der beste Grund sind, welchen man in Urlaubsgesuchen vorschützen kann, so war er um dergleichen nicht im Geringsten verlegen. Er brachte zunächst seinen Vater um, dann seine Mutter und schonte schliesslich auch seine Geschwister nicht. Da er seinen Vater in Breslau, seine Mutter in Königsberg, seinen Bruder in Hamburg und seine Schwester in Stuttgart draufgehen liess, so bekam er durch diese auffallende Familiensterblichkeit ein schönes Stück von Deutschland zu sehen. Als er einsah, dass die Sache anfing, eintönig zu werden, schien er in Besorgnisse zu gerathen über den Fortbestand seines Geschlechtes und nahm, so bald es anging, Urlaub, um sich zu verheirathen. Er beantragte dafür acht Tage, allein, da ihm die Antwort ward, fünf Tage seien für diesen Zweck vollkommen ausreichend, so begnügte er sich auch damit, und nachdem er auf dem Bureau eine ausschweifende Schilderung von der Schönheit, den Tugenden und dem Reichthum seiner Zukünftigen entworfen hatte, reiste er ab, diesmal nach Halberstadt. Nach Ablauf des Urlaubes kehrte er ziemlich niedergeschlagen wieder zurück, erzählte eine romanhafte Geschichte von unliebsamen Entdeckungen, welche er gemacht hatte, die er mit reichlichen Tiraden über die Falschheit der Weiber ausschmückte und gestand, dass aus der Sache nichts geworden sei. Jedoch schien ihn dies nicht abgeschreckt zu haben, denn nach einer Weile begehrte und erhielt er wiederum Urlaub zum Zweck seiner Verheirathung mit einer Braut, welche er sich – auf welche geheimnissvolle Weise, ist nie aufgeklärt worden – unterdess in dem entfernten Prag angeschafft haben wollte. Da auch dies nicht zum Ziele führte und er nach einiger Zeit zum dritten Male ein Gesuch einreichte, für denselben Zweck, der diesmal in Hildesheim erfüllt werden sollte, riss auch seiner langmüthigen Ober-Behörde die Geduld und er bekam das Gesuch zwar genehmigt zurück, jedoch mit der Randbemerkung, es sei im höchsten Grade wünschenswerth, dass diesmal aus der Sache etwas werde. Aber, siehe da es gelang ihm wiederum nicht. Genaue Nachforschungen, welche wir späterhin anstellten, haben ergeben, dass er innerhalb des, an den verschiedensten Anstellungen reichen, Zeitraums von zehn Jahren zum Zweck der Erlangung von Urlaub seinen Vater sieben Mal, seine Mutter vier Mal, seinen Bruder und seine Schwester je drei Mal umgebracht hatte, und dass trotzdem diese ganze Verwandtschaft frisch und munter war und sich einer zufriedenstellenden Gesundheit erfreute. Den Versuch, eine Lebensgefährtin zu gewinnen, hatte er in dieser Zeit acht Mal angestellt. Als ich ihn kennen lernte, war ihm dies bereits gelungen und zwar hatte sich, was er so oft in der Ferne gesucht, in nächster Nähe erfüllt. Jedoch schien er mit ihr nicht sehr nett umzugehen, denn ich erinnere mich, dass er, um einen Tag Urlaub zu erhalten, ihr einmal plötzlich ein Bein brach. Die Heilkraft, welche dem Blute dieser Frau innewohnte, musste aber grenzenlos sein, denn am anderen Tage sah man sie schon wieder ganz munter auf der Strasse an seinem Arme wandeln. In dieser Zeit sprach er gerne von seinen Erlebnissen im französischen Kriege, wozu ich gleich bemerken muss, dass er ganz kriegsuntüchtig und niemals Soldat gewesen war. Nur mit Mühe konnte er zuweilen verhindert werden, die vernarbte Schusswunde zu zeigen, welche er an seinem rechten Schenkel tragen wollte, obgleich seine Beine zu jenen gehörten, von welchen die Sage geht, dass sie niemals von einer Kugel getroffen werden, da sie vermöge ihrer krummen Beschaffenheit sich stets an einem Orte befinden, wo man sie nicht vermuthet. Die Andeutungen über die Verwüstungen, welche er in Frankreich in den Reihen der Männer und den Herzen der Weiber angerichtet hatte, liessen es als ein unsagbares Glück für dieses Land erscheinen, dass dergleichen gefährliche Charaktere unter der Invasions-Armee doch nur verhältnissmässig selten gewesen sind. Schon lange hatte er sich bitter beklagt über die Ungerechtigkeit in der Vertheilung der Ehrenzeichen, bis er eines Tages freudestrahlend hereingestürzt kam und verkündigte, man habe ihm nachträglich doch noch das eiserne Kreuz zuertheilt. Man hat es später freilich niemals an ihm gesehen, und er hatte es auch nicht gern, wenn man sich darnach erkundigte. In Augenblicken, wo eine Ueberraschung durch den Bureau-Chef nicht zu befürchten war, arbeitete er an einer abscheulich getuschten Fassade einer kleinen unmöglichen Villa, die er weder im Grundriss noch in irgend einem Schnitt dargestellt hatte, und deren Inneres ihm wahrscheinlich selber ein düsteres Geheimniss war. Er erzählte dazu mit grosser Wichtigkeit, dass dieses räthselhafte Wohngehäuse bereits auf seinem Grundstück in Lichterfelde im Bau begriffen sei und er seine Frau damit überraschen wolle. Daran knüpfte er weise Belehrungen über die Spekulation mit Grundstücken und rühmte seine reiche Erfahrung in diesem Fache, während er doch in seinem Leben nie mehr Grund und Boden besessen hatte, als denjenigen, welcher sich bei feuchtem Wetter an seine Stiefel hing. Zuweilen ward er von einem meiner Kollegen in einer abgelegenen Kneipe entdeckt, woselbst ihn die Leute mit Herr Oberingenieur oder Baurath anredeten und ihn mit Ehrfurcht behandelten. Solche Zusammenkünfte fielen dann meist recht beschämend für ihn aus, und er pflegte diese Kneipe später zu vermeiden. Zuletzt ereilte ihn sein gewohntes Schicksal und er ward entlassen. Als er fort war, kam noch ein Nachspiel in Gestalt einer fetten, athemlosen Frau, welche sich nach dem »Ober-Ingenieur« Hinderlich erkundigte. Als man ihr klar gemacht hatte, dass es einen solchen nicht gebe, sondern nur einen Zeichner dieses Namens, der wegen Unbrauchbarkeit entlassen sei, schnappte sie nach Luft und fiel in Ohnmacht. Als sie sehr bald wieder zu sich kam, verkündigte sie unter kläglichem Gejammer, er sei ja nun doch Ober-Ingenieur geworden und hätte die schöne Dienstwohnung und zwölftausend Mark Gehalt und er hätte doch die Möbel von ihr darauf hin bekommen und hätte doch noch keinen Pfennig bezahlt, und nun sei das Alles nicht wahr, und sie sei eine geschlagene Frau. Es muss hierzu bemerkt werden, dass eine Ernennung Hans Hinderlich's zum Ober-Ingenieur ohngefähr dieselbe Bedeutung gehabt haben würde und ebenso ausser dem Bereiche der Möglichkeit lag, wie die Beförderung des Portiers im Parlamentsgebäude zum Reichskanzler, ja dass dieser sein Amt in solchem Falle vielleicht noch besser ausgefüllt haben würde, als jener. Ich habe seitdem nichts wieder von ihm gehört. Nur einmal ging die Sage, seine Familie habe ihn auf gemeinschaftliche Kosten nach Amerika spedirt, und er sei dort Methodisten-Prediger geworden. Da aber letztere Nachricht wahrscheinlich von ihm selber ausgeht, so ist sie mit Vorsicht aufzunehmen.     Der Tulpenbaum. In früherer Zeit hatte in dem Dorfe ein Gutsbesitzer gewohnt, welcher ein grosser Freund der Bäume und des Waldes gewesen war. Mit besonderer Liebe aber hatte er einen Park gepflegt und vergrössert, welcher in der Nähe seines Wohnhauses bis an die schräge abfallenden Ufer des Sees sich erstreckte. Allerlei verschiedene Bäume und Sträucher aus allen Welttheilen hatte er dort angepflanzt und so bot dieser Park im Frühling den Anblick der fremdartigsten Blüthen und im Herbst eine Fülle unbekannter Beeren und eine Abwechselung der Laubfärbung vom tiefsten Purpurbraun bis zum hellsten Gelb. Dieser freundliche und immer thätige Mann, dessen sich die ältesten Einwohner des Gutes noch aus ihrer Kindheit erinnern konnten, war hochbetagt ohne Hinterlassung von Kindern gestorben, und das Gut war in andere Hände übergegangen. Der Nachfolger hatte solche Liebhaberei nicht getheilt, sondern den Park zwar bestehen, doch verwildern lassen und nur zuweilen nothdürftig für die Offenhaltung der Steige gesorgt, während Gesträuch und Bäume üppig wucherten und wuchsen wie sie wollten und wilder Hopfen, Geisblatt und Brombeeren dazwischen ihre Ranken spannen. Wo der Park mit einer kleinen Landzunge in den See vorsprang, stand auf der Höhe des schräg abfallenden Ufers ein prächtiger Tulpenbaum, der einzige seiner Art in dieser ganzen Gegend. In früherer Zeit war darunter eine Bank gewesen und dort hatte der alte Herr an schönen Abenden gerne gesessen, um über den See hinweg der untergehenden Sonne zuzuschauen, wie sie hinter fernen; bewaldeten Höhenzügen in einem Bette von Gold und Rosen zur Ruhe ging. Wer jetzt dort sitzen wollte, der fand keine Bank mehr. aber er konnte ausruhen auf einem mächtigen Granitblock, der, von Epheu überrankt, in einer kleinen Insel von Sinngrün lag und des Abends die letzten Strahlen der Sonne empfing anstatt dessen, der unter ihm ruhte, denn dort lag der alte Herr begraben. Der jetzige dritte Besitzer des Gutes war ein tüchtiger Landmann und hatte für unnütze Zierrathe, wie Parks und Lustgärten ebenfalls wenig übrig. Sein Ideal war ein Garten, »wo was ordentliches wächst«, wie er sich ausdrückte, und darunter verstand er Aepfel, Birnen, Erdbeeren und dergleichen Obst, ferner Spargel, Erbsen, Kohl und Kartoffeln. Nach beendigter Tagesarbeit liebte er es, mit seiner langen Pfeife behaglich in seinem wohlgepflegten Obst- und Gemüsegarten auf und ab zu spazieren, und die stattlichen Gurken und Stangenbohnen, welche dort prächtig gediehen, mit Wohlwollen zu betrachten, während er für den verwilderten Park immer nur eine leise Verachtung hatte oder höchstens im Stillen ausrechnete, wie viel er lösen würde, wenn er das Holz schlagen liesse und wie viel schöner Weizen dann auf dem ausgezeichneten Boden wachsen könne. Aber er hatte auf dem etwas verwahrlosten Gute so viel zu verbessern und zu bauen, dass dies seine ganze Arbeits- und Kapitalskraft in Anspruch nahm und solches war wohl der Hauptgrund, dass der Park einstweilen erhalten blieb. Dieser Gutsbesitzer hatte zwei Söhne, deren ältester, Robert, ganz die Neigungen seines Vaters geerbt hatte, während dagegen der um zwei Jahre jüngere Johannes so verschieden von seinem Bruder geartet war, dass Beide fast niemals bei einander gesehen wurden, weil sie gar nichts mit einander anzufangen wussten, da die Neigungen des Einen dem Andern ganz unverständlich waren. Für Johannes gab es nun keinen schöneren Aufenthalt, als den verwilderten Park und alle seine freie Zeit brachte er dort zu. Dort las er alle Bücher, deren er habhaft werden konnte, dort baute er seine heimlichen Hütten und Räuberhöhlen, dort spielte er Robinson oder Einsiedler und dort sass er gern an stillen Abenden auf dem Grabstein unter dem schönen Tulpenbaum, schaute in das verglimmende Farbenspiel des Abendrothes und träumte von Amerika, dem Lande der untergehenden Sonne. Dies war ein goldenes Wunderland für ihn und das Ziel seiner Sehnsucht, er hörte es nennen die »neue Welt« und »das Land der Freiheit«, er hörte erzählen, wie Viele dorthin ausgewandert und ihr Glück gefunden in dem Lande, wo das Gold auf der Strasse liegt, er hörte und las von seinen mächtigen Strömen, ungeheueren Wasserfällen und riesigen Urwäldern, und Alles umkleidete seine kindliche Phantasie mit märchenhaftem Zauber, sowie die versunkene Sonne die grauen Wolken mit leuchtend rothem Golde verbrämt. Ausserdem zog ihn eine andere Ursache in diesen Ort, insbesondere im Juni, wenn der Tulpenbaum blühte und ganz bedeckt war mit den fremdartigen blassgrün und rothgelb gefärbten grossen Blumenkelchen. Auch dieser märchenhafte Baum, der seines Gleichen unter den einheimischen nicht hatte, stammte aus dem Wunderlande Amerika. In der Umgegend ging die Sage, dass um die Zeit der Sommersonnenwende sich zuweilen unbekannte goldene Vögel in ihm zeigen sollten, welche unter zauberischem sehnsüchtigen Gesange sich auf seinen Zweigen wiegten, um dann bei dem letzten Strahle der versinkenden Sonne, in den goldenen Abendschimmer hineinfliegend, zu verschwinden. Es musste wohl nur eine Sage sein, denn obwohl Johannes zu der richtigen Zeit an jedem sonnigen Abend dort weilte, war er doch niemals dieses Anblicks theilhaftig geworden. Da sass er eines Abends am Tag der Sommersonnenwende wieder unter dem Tulpenbaum und hing seinen wunderlichen Träumereien nach. Die Luft war so still, dass sich kein Grashalm rührte, dass selbst die Blätter der Zitterpappel regungslos an ihren beweglichen Stielen hingen und der See da lag, wie polirtes Glas; nur wo die Taucher oder Wasserhühner schwammen, zogen sie einen feinen, allmählig verblassenden Streifen hinter sich her. Aber sonst war es nicht still, denn in dem sonnigen Grase der Uferhänge zirpte, wetzte und schwirrte unendliches kleines Gethier, wie in seltsamer Hast, als ahnten sie, dass der Wendepunkt der schönen Zeit nun da sei; in dem Uferschilf lärmten die Rohrsänger, hier und dort warf eine Nachtigall eine Strophe dazwischen, aus allen Gebüschen klang das schnell dahingleitende Flöten und Schwatzen der Grasmücken, in der Höhe waren die Laubsänger thätig und in dem Wipfel einer ungeheueren Silberpappel sassen sämmtliche Staare aus der ganzen Umgegend und hielten Abendschule. Plötzlich horchte der Knabe auf, denn mitten aus diesem unendlichen Klanggewirr von Tönen heraus vernahm sein geübtes Ohr ein seltsam wunderbares Singen, das er nie zuvor gehört. Aus dem Tulpenbaum zu seinen Häupten schien es zu kommen. Er ging leise bis an den Rand des abfallenden Ufers und blickte in den schönen Baum empor, der über und über voll seiner tulpenartigen Blüthen hing und von den Strahlen der sinkenden Sonne angeleuchtet war. O welch ein Wunder sah er dort! In den Zweigen bewegten sich goldglänzende Vögel, die sich hin und wieder schwangen, während ihre leuchtenden Schweife sanft nachschwebten und gleissende Funken von den schimmernden Spiegeln ihrer Flügel sprühten. Andere wieder sassen mit geblähtem Kropfe und sangen so herrlich, dass das Herz sich in der Brust bewegte vor sehnsüchtiger Wonne. Voll stiller Andacht stand Johannes eine lange Weile ohne sich zu rühren. Unterdess ging die Sonne langsam nieder zum Horizont, versank hinter den waldigen Höhenzügen, warf noch einmal durch eine Lücke zwischen zwei Wipfeln einen langen Strahl und verschwand, eine grosse goldene Gluth hinter sich lassend. In diesem Augenblick verstummten die Vögel, erhoben sich alle zugleich und schwangen sich in reissendem Fluge der sinkenden Sonne nach, wohin über das Wasser eine goldene Strasse gebreitet war. Mit gefalteten Händen blickte Johannes ihnen nach, so lange er sie sehen konnte, bis sie endlich in dem schimmernden Dunste entschwanden. Noch einmal sah er sie aufblitzen wie leuchtende Funken und dann nichts mehr. Auch sie zogen nach Westen zu dem Wunderlande der untergehenden Sonne, wo ihre Heimath war. * * * Als Johannes schon eine Weile erwachsen war, starb sein Vater und der älteste Sohn übernahm das Gut. Johannes aber nahm sein Erbtheil und machte sich unverweilt auf nach dem Lande seiner Sehnsucht. Er durchstreifte es zuerst nach allen Richtungen. Er sah die mächtigen Seen des Nordens und mit zitterndem Herzen die ungeheuere Wassermasse des Niagara in die Tiefe donnern. Er befuhr die mächtigen Ströme, durchschweifte die Steppen und Wüsten, sah die ungeheuren Riesentannen in Californien und alle Wunder, welche dieses reiche Land bietet. Ja, das Land gefiel ihm wohl, aber die Menschen, welche es bewohnten, blieben seinem Herzen fremd. Zwar die edlen Indianer, von welchen seine Bücher erzählten, hatte er wohl kaum zu finden gehofft, aber solche schmutzige betrügerische Strolche hatte er doch nicht erwartet. Ach, und die weissen Eingeborenen des Landes der Freiheit entsprachen ebenso wenig seinen Träumen. Sie waren eine Art von weissen Indianern, ewig auf dem Kriegspfade nach dem Dollar und stets bereit, dem listig Ueberwundenen den Skalp recht gründlich abzuziehen. Dennoch blieb er dort, weil er sich schämte, so früh mit Enttäuschung zurückzukehren. Des Landes und seiner Bewohner noch zu unkundig, verlor er sein Vermögen, aber der tüchtige Kern, welcher in ihm steckte, liess ihn nicht verzagen und jeder Arbeit sich zuwendend, welche ihm geboten ward, kam er langsam wieder empor und brachte es zu einer kleinen Unternehmung, welche ihn ernährte und noch etwas darüber abwarf. Er hatte längst Verzicht geleistet und lächelte über seine kindischen Träume, aber es war ein wehmüthiges Lächeln. Er lernte nun im Laufe der Zeit das Land seiner Sehnsucht gründlich kennen. Er sah die ersten Vertreter dieses stolzen Reiches dem schnapsduftenden Pöbel schmeicheln und um seine Gunst buhlen, und fand, dass sie keinen anderen Gott hatten als den Dollar. Im Munde führten sie hochtönende Phrasen und hinter dem Rücken machten sie die Hand hohl. Er sah eine Corruption, wie sie unter Culturvölkern nur noch in Russland vorkommt und sah mit Abscheu, wie, wenn bei einer Präsidentenwahl die gegnerische Partei hochkam, die widerliche Theilung der Beute vor sich ging und alle einflussreichen Posten mit Stellenjägern und Creaturen besetzt wurden, welche oft für ihr Amt nicht die geringste Kenntniss mitbrachten und nur die einzige Absicht hatten, die Macht ihrer Stellung auszunützen und möglichst viel Geld daraus zu machen. Er sah, dass in diesem Lande Alles nur Geschäft war, dass Religionsunternehmungen gegründet wurden, einzig um sich damit zu bereichern, und dass der Kampf um das Recht nur ein Kampf der Geldbeutel war. Er sah, wie dieses sogenannte freie Volk sich gegenseitig knechtete, schlimmer als Tyrannen es können, deren es statt einem unzählige hatte, nämlich sich selbst, den vielköpfigen Pöbel. Dazu fand er überall einen unglaublichen nationalen Dünkel verbreitet, der von Kind auf anerzogen, in dem fruchtbaren Boden allgemeiner Unwissenheit die reichste Nahrung fand und wie Unkraut, auch in den besten Köpfen wucherte. Es überfiel ihn manchmal das Heimweh aber er blieb. Er hatte sich so in den engen Kreis seiner gleichförmigen Thätigkeit eingesponnen, dass er sich nicht herausfinden konnte. Seit lange trug er sich mit dem Vorsatze, im nächsten Jahre in die Heimat zurückzukehren; aber dabei blieb es auch, es ward immer wieder ein nächstes Jahr daraus. Er war einsam geblieben, denn die rechnenden, selbstbewussten Weiber dieses Landes gefielen ihm nicht. Sie waren wie schöne Blumen ohne Duft und glichen den glänzenden Puppen der Spielwaarenläden, welche inwendig mit Kleie ausgestopft sind. So ward er allmählig grau und ein müder Mann. In seinen nächtlichen Träumen wanderte er oft durch die verschlungenen Gänge des schönen Parks in seinem Heimatsdorfe. Er wanderte und wanderte und konnte doch nicht ins Freie gelangen, obwohl er das Abendroth durch die Zweige schimmern sah und die goldenen Vögel in dem Tulpenbaume singen hörte. Da geschah es, dass er einmal dem Stiftungsfeste eines deutschen Gesangvereins beiwohnte, wo er in einer verborgenen Ecke den Klängen seiner vaterländischen Weisen lauschte. Da hörte er von einer schönen Stimme das wunderbare Lied von Heinrich Heine: Ich hatte einst ein schönes Vaterland, Der Eichenbaum Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft, Es war ein Traum. Das küsste mich auf deutsch und sprach auf deutsch (Man glaubt es kaum, Wie gut es klang) das Wort: »Ich liebe dich!« Es war ein Traum.« Dem ergrauten Manne liefen die schweren Thränen über die Wangen und von dieser Zeit ab hatte er keine Ruhe mehr im Lande. Er löste seine Verbindungen, zog seine Gelder ein und machte sich auf nach seiner Heimat. Den Bruder traf er in behaglichen Verhältnissen von einer rundlichen Frau und einer stattlichen Kinderschaar umgeben. Er erntete den besten Weizen, hatte die glattesten Pferde und zog die fettesten Schweine in der ganzen Umgegend. Den schönen Park hatte er, wie schon der Vater es plante, wieder in Ackerland verwandelt und es standen gerade Kartoffeln darauf. Nur um das Grab herum war ein Stückchen erhalten geblieben und der schöne Tulpenbaum hatte an Pracht und Grösse zugenommen. Johannes verbrachte den Rest seines Lebens als ein stiller Mann, er wandelte in der Gegend umher, las die Bücher, welche er als Kind gelesen hatte, und an schönen Abenden sass er unter dem Tulpenbaum und schaute in das Gold der untergehenden Sonne, während seine Gedanken im Lande seiner Jugend weilten. Als die Füsse ihm den Dienst versagten, liess er sich doch, so oft es anging, auf einem Fahrstuhl hinausbringen, doch auch dies hörte allmählig auf, als das Alter zunahm. Dann kam wieder einmal der Tag der Sommersonnenwende und da der kranke Mann sich nach Tagen grosser Schwäche seltsam wohl fühlte, liess er sich in den Wagen tragen und noch einmal hinausfahren an den geliebten Ort. Seine jüngste Nichte, ein rosiges Mädchen von sechzehn Jahren, schob ihn dorthin, rückte ihm die Kissen zurecht und sprang dann hinab, um am Seeufer Vergissmeinnicht zu suchen. Durch all' das Getön der Vögel am buschigen Abhang und im Rohre hörte man zuweilen ihre frische Stimme, wie sie sang: »Blau blüht ein Blümelein, Das heisst Vergissnichtmein . . . .« Es war ein Abend, gerade wie damals in der Knabenzeit, und eine selige Schwäche und ein träumerisches Erinnern kam über den alten Mann. Die Augen fielen ihm zu und auf dem bleichen Gesichte lag der Glanz der Abendsonne. Was war das plötzlich für ein wundervolles Singen, gerade so wie damals, dass sich das Herz füllte mit sehnsüchtiger Wonne? Der alte Mann schlug die Augen auf und sah zwischen dem grün leuchtenden Gezweige und den schimmernden Glocken des Tulpenbaumes die goldenen Vögel schweben und hörte sie singen, aber es klang so traumverloren und wie weit aus der Ferne. Und als der letzte Strahl der Sonne hinter den Wipfeln des fernen Waldes verschwunden war, schwangen sie sich auf und zogen eilenden Fluges hinein in das goldene Abendroth. Der müde Mann erhob mit letzter Kraftanstrengung seine Arme nach ihnen, sank dann hintenüber in den Fahrstuhl zurück und seine Seele zog mit den goldenen Vögeln in jenes Land der wahren Freiheit, aus dessen Gefilden Niemand zurückkehrt.     Die Monate. Ein Sylvestermärchen. I. Die Brüder. In einer kleinen Stadt im Norden von Deutschland lebten zwei Brüder, deren Glücksumstände in ganz verschiedener Art sich gestaltet hatten. Obwohl beider väterliches Erbtheil das gleiche gewesen, so befand sich doch nach einigen Jahren Johann Bobertag, der ältere von beiden, in behaglichem Wohlstande, während der jüngere Bruder Christian in die höchste Noth gerieth. Jener war von einer misstrauischen und übelwollenden Gemüthsart und stets geneigt, von Menschen und Dingen das Schlimmste zu denken. Es erfreute seine hämische Seele und that seinem neidischen Herzen wohl, überall die hässlichen Seiten und Fehler aufzufinden, und dies ging so weit, dass er an unserer lieben Sonne zum erstenmal eine Freude hatte, als ihm kund ward, dass auch ihr strahlender Glanz nicht ohne Flecken sei. Dabei war er ein rechter Geizkragen, und indem er einzig und allein auf die Vermehrung seiner irdischen Güter bedacht war, verschmähte er auch das verächtliche Mittel nicht, die Noth seiner Mitbürger auszunutzen und ihnen durch wucherische Künste das Letzte abzupressen. Dabei liess er sich selber nichts abgehen und schleckte im geheimen Törtchen, Pasteten, gebratene Schnepfen oder sonstige leckerhafte Gerichte, wozu er schmunzelnd manch Gläschen köstlichen Weines leerte, und wenn er dadurch in heitere Stimmung gerieth, so pflegte er wohl höchlich vergnügt über die Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen und seine eigene Schlauheit sich kichernd die Hände zu reiben. Von ganz anderer Art war Christian, der jüngere Bruder. Konnte man ihn auch nicht gerade leichtsinnig nennen, so war er doch leichten Sinnes und stets geneigt, von Menschen und Dingen das Beste anzunehmen, ja es betrübte ihn, wenn er irgendwo einen Fehler und eine schlechte Seite entdeckte, und er bemühte sich, darüber hinwegzusehen. Da er nun so vertrauensvoll, gutmüthig und dienstfertig war, so vermochte er selten eine Bitte abzuschlagen, und so war ihm, ehe er es sich versah, im Lauf einiger Jahre sein Geld und Gut durch die Finger gerollt, obwohl er selber für seine Person anspruchslos war und wenig genug brauchte. Aber leichtsinnige Freunde und vor dem Bankrott stehende Geschäftsleute hatten es ihm abgeborgt, und durch eine Bürgschaft für einen spekulierenden Bekannten, dessen Luftschlösser plötzlich spurlos in den Boden versanken und nichts weiter als einen grossen Sumpf von Schulden hinterliessen, hatte er zuletzt den Rest seines Vermögens verloren. Als es nun so weit gekommen war, dass die Noth mit spitzem Knöchel bei ihm anklopfte. erschien ihm nichts natürlicher, als sich an seinen reichen Bruder zu wenden. Da kam er aber ganz an den Unrechten und fand statt Rath nur Hohn, statt Hilfe eitel harte Worte und Vorwürfe. Traurig ging Christian heim, verkaufte das Letzte, das er entbehren konnte, zog mit dem geringen Reste seiner Habe in ein kleines ärmliches Kämmerchen und war eifrig bemüht, seine Umstände zu verbessern und sich wieder vorwärts zu bringen. Allein dies wollte ihm auf keine Weise gelingen. Die Freunde, welchen er früher geborgt hatte, besassen entweder selber nichts oder verleugneten ihre Habe; vergeblich waren die Bemühungen des Verarmten, eine Stellung zu erringen, die ihm etwas einbrachte, und so ging das Jahr und mit ihm seine geringe Habe zu Ende. Am Sylvestertage besass er nicht mehr so viel, sich satt zu essen, und mit dem Beginn des neuen Jahres sollte er auch sein ärmliches Kämmerchen verlassen, weil er die Miethe nicht mehr zu bezahlen vermochte. Nur ein werthvoller Ring, ein Andenken an seine verstorbene Mutter, war noch sein eigen, aber diesen hätte er nur in der äussersten Noth aus der Hand gegeben. Lieber beschloss er, sich noch einmal an seinen hartherzigen Bruder zu wenden und ihn um ein wenig Reisegeld zu bitten, denn seine einzige Hoffnung setzte er darauf, dass er in einer zwei Tagereisen entfernten Stadt noch eine Schuld ausstehen hatte, deren Einziehung ihm vielleicht glücken mochte, wenn er selber an Ort und Stelle sich befand. Als er kurz vor Mittag in das Haus seines Bruders eintrat, wehte ihm ein verlockender Küchenduft entgegen, als wenn dort allerlei köstliche Dinge gebraten und geschmort würden, und in seiner hungrigen Seele entstand die ausschweifende Hoffnung, der Bruder möge ihn vielleicht heute zum Essen einladen. Dieser aber empfing ihn unwirsch mit der Frage, ob er schon wieder zu betteln käme, und als Christian seine Bitte vorbrachte, bemerkte der andere den Ring, welcher gar lieblich blitzte und funkelte. Dann sagte er: »Du hast dein Gut leichtsinnig vertrödelt und kommst nun zu mir, der das seinige zusammengehalten hat, als Bettler mit einem kostbaren Ring am Finger. Es muss dir doch wohl nicht so schlecht gehen, wie du sagst.« »Es ist das letzte Andenken an unsere Mutter,« sagte Christian, »und das Einzige, was ich noch besitze. Es thäte mir weh, ihn in fremde, gleichgültige Hände zu geben.« Johannes Augen leuchteten gierig, denn ihm kam plötzlich ein guter Gedanke. Er suchte einen milden Klang in seine Stimme zu legen und sprach in heuchlerischem Ton: »Jawohl, ich verstehe, lieber Bruder. Der Ring ist ja auch so ungemein kostbar nicht und der Stein hat, soviel ich weiss, einen Fehler, der seinen Werth beeinträchtigt. Aber es wäre doch unrecht, wenn ein solches Familienandenken in fremde Hände käme. Darum will ich dir gerne behilflich sein in deiner Noth und dir den Ring für einen Dukaten abnehmen. Da hast du ein schönes Reisegeld und der Ring bleibt in der Familie. Später, wenn deine Umstände sich bessern, da magst du ihn wieder zurückkaufen.« Obwohl nun Christian dies Gebot sehr gering erschien, so leuchtete ihm doch diese Wendung der Sache sehr ein, und nach einigem Zögern und einem schüchternen Versuche, einen höheren Preis zu erhalten, gab er den Ring hin. Johann begab sich innerlich schmunzelnd in ein Nebenzimmer, wo er ziemlich mit Schlüsseln rasselte und sich das Knacken verschiedener Schlösser vernehmen liess. Sodann klimperte er eine Weile mit Goldstücken und kam endlich mit dem beschnittensten Dukaten, welchen er finden konnte, zurück, händigte ihn Christian mit einer Miene ein, als erweise er ihm die höchste Wohlthat, und nahm den Ring dafür in Empfang. Indes hatte die Wirtschafterin bereits den Kopf durch die Thür gesteckt, um anzukündigen, dass das Essen bereit stände, und nun sagte Johann: »An deiner Stelle, lieber Bruder, würde ich mich keinen Augenblick mehr hier aufhalten, sondern mich ohne Zeitverlust auf den Weg machen.« Mit stillem Bedauern sah der arme Christian seine Hoffnung, zum Essen bleiben zu dürfen, schwinden und entfernte sich. Auf dem Flur begegnete ihm die Wirtschafterin, welche einen schöngespickten und köstlich braun gebratenen Hasen vorübertrug, der eine verlockende Wolke herrlichen Duftes hinter sich liess. Das stieg dem Hungrigen gar lieblich in die Nase und seufzend ging er die Treppe hinab. Als er dann kurze Zeit später seine wenigen Habseligkeiten in die Wandertasche packte und dazu sein trockenes Brot mit Wasser hinabspülte, sass Johann behaglich an seinem wohlgedeckten Tische und verzehrte die zarten Schlegel und den grössten Theil des saftigen Rückens nebst köstlichem Apfelmus mit Zimmt bestreut und leerte dazu ein Fläschchen alten Rheinweins. Der neuerworbene Ring lag vor ihm und in den Zwischenpausen, wo er Kraft schöpfte zu neuem Angriff auf den trefflichen Hasen, nahm er das Geschmeide in die Hand, liess den Stein wohlgefällig im Lichte funkeln und schmunzelte vergnüglich, denn es war ein Rubin von reinsten Wasser und wohl an die fünfzig Dukaten werth. Es war ein Augenblick des Glücks, und Herr Johann Bobertag war mit sich zufrieden. Christian marschierte derweil wohlgemuth in den kalten Dezembertag hinaus. Sein hoffnungsreiches Gemüth spiegelte ihm die schönsten Bilder vor, wie alles glücklich ablaufen werde, und was er dann mit dem geretteten Gelde für kluge Dinge beginnen wolle, damit es sich vermehre und ihn ernähre. »Es wird mit mir auch gehen, wie mit dieser verschneiten Welt,« dachte er. »Ueber ein kleines und statt krächzender Raben über öden, verschneiten Fluren werden hier jauchzende Lerchen sein über hoffnungsgrünen Saatfeldern, und die Bäume und Sträucher werden mit einem neuen Schnee von schimmernden Blüthen bedeckt sein. Ja, und dann wird es mir Spass machen, daran zu denken, dass ich einmal nicht genug hatte, mich satt zu essen und mich mit dem Dufte des Bratens begnügen musste, der andern Leuten wohlschmeckte.« Und auf diese guten Aussichten hin überlegte er, ob er sich nicht heute abend bei der Einkehr in ein Wirthshaus die Güte anthun solle, eine tüchtige Schüssel Schweinsknöchlein und ein grosses Glas Bier zu bestellen. Aber der Nobiskrug, das Ziel seiner heutigen Wanderschaft, war noch weit, und der frühe Winterabend breitete schon rings seine Dämmer aus, als Christian den mächtigen Tannenwald betrat, welchen die breite Landstrasse schnurgerade durchschnitt. Vor ihm in der Ferne des scheinbar endlosen Weges brannte das Abendroth und verklärte die schneebedeckten Tannenäste mit rosigem Schimmer; es war, als läge eine schöne himmlische Welt dort vor ihm ausgebreitet, die zu erreichen er nur tapfer darauf loszugehen brauche. Aber das ferne Feuer verdämmerte in einen zarten, rosigen Schein, und auch dieser verblasste allgemach. Nun segelte ihm zur Seite über den Wipfeln der Bäume die schmale Silbersichel des Mondes dahin wie ein mit Schätzen hochbeladener Kahn, und ringsum blitzten und funkelten die Sterne mit unsäglichem Glanze gleich köstlichen Edelsteinen. Christian vernahm nur das Tönen der eigenen Schritte auf dem knirschenden Schnee, und als er einmal stand und lauschte, weil er vermeinte, in der Ferne eine liebliche Musik zu hören, war es so still, dass nur ein sanftes Sieden in seinem Ohre war und er das leise Geknister der brennenden Sterne zu vernehmen glaubte. So schritt er immer schneller dahin, denn die Nacht war bitter kalt und ihn begann zu frieren. Aber immer noch wollte der Nobiskrug nicht kommen und der Weg kein Ende nehmen. Ihm fielen nun manche Geschichten ein, welche man von diesem Wirthshause erzählte. Allerlei wunderliches Volk sollte da zu gewissen Zeiten verkehren, und besonders in der Sylvesternacht hütete sich jedermann, dort einzukehren, denn dann war es im Nobiskruge gar nicht richtig. Auch wenn jemand dort zu dieser Zeit vorsprechen wollte, so nützte es ihm nichts, denn der Wirth wies vornehm und gering mit der Einwendung zurück, sein Haus sei besetzt. Vorüberfahrende hatten dann wohl eine liebliche, geisterhafte Musik oder fröhlichen Gesang aus dem hellerleuchteten Hause tönen hören, was ihnen trotzdem ein seltsames Grausen einflösste, zumal in dem hellerleuchteten Zimmer, aus welchem diese Töne kamen, niemand zu sehen war. Zugleich verbreitete sich dann in der ganzen Gegend ein köstlicher Geruch von Gebratenem und Gebackenem und von herrlichem Punsch. Solches fiel dem guten Christian plötzlich schwer auf die Seele, denn er hatte bis dahin noch gar nicht daran gedacht, dass er sich gerade die Sylvesternacht zu seiner Einkehr ausersehen hatte. Was sollte er nun wohl anfangen, müd, durchfroren und hungrig wie er war, da doch die nächste Wirtschaft noch drei Stunden weiter entfernt war? Unter diesen trüben Gedanken hatte er das Haupt hängen lassen, und als er es nun erhob, sah er mit einemmal einen hellen Lichtschein in den Schnee fallen und bemerkte, dass der Nobiskrug ganz dicht vor ihm lag. Er wollte jedenfalls sein Heil versuchen und schritt auf das aus allen Fenstern festlich leuchtende Haus zu. Als er auf den Flur trat, kam gerade der Wirth aus der Küche und trug, ganz feurig im Gesicht und unter mächtigem Schnaufen, eine gewaltige Schale mit dampfendem Punsch vor sich her, während ein alter Herr, der einen langen talarähnlichen Pelz trug und ein rosiges, freundliches Antlitz mit einem ungeheuren, schneeweissen Bart zeigte, ihm bedächtig folgte. Als der Wirth den fremden Gast bemerkte, rief er ihm unter Schütteln des Kopfes abwehrend zu: »Ich kann Euch kein Quartier geben, es ist alles besetzt. Ihr könnt auch heute nichts bekommen, ich habe mein Haus an eine geschlossene Gesellschaft vergeben, die ungestört sein will.« Dazu mochte wohl der hungrige und frierende Christian ein sehr trübseliges Gesicht machen, denn der alte Herr, welcher den Fremdling mit theilnehmenden Blicken beobachtet hatte, sagte plötzlich: »Lasst den Mann nur ein zu uns. Er hat ein gutes Gesicht und ein Plätzchen wird sich schon finden.« Der Wirth zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: »Nun, ich habe das Meinige gethan,« öffnete dann mit dem Ellbogen die Thür des grossen Gastzimmers, aus welchem das Rauschen eines fröhlichen Gespräches hervorschallte, und trug den Punsch hinein. Der alte Herr und Christian folgten ihm.     II. Das Abenteuer im Nobiskrug. In dem hellerleuchteten Gastzimmer des Nobiskruges stand ein grosser, runder Tisch, bedeckt mit den Resten einer reichlichen Abendmahlzeit, und um diesen Tisch herum sass eine höchst sonderbare Gesellschaft von elf Personen, zu welchen als die zwölfte sich jener alte Herr gesellte, welcher Christian hier eingeführt hatte. Diese zwölf Männer waren in die allerverschiedensten Trachten gekleidet, welche man sich nur denken kann, von der leichtesten Sommergewandung bis zum schwersten Winterpelz, so dass man hätte denken können, hier sei eine etwas verfrühte Karnevalsgesellschaft beisammen. Sie beachteten Christian gar nicht, welcher sich still hinter den grossen, glasierten Kachelofen drückte, sondern wandten ihre Aufmerksamkeit dem mächtigen Gefäss mit Punsch zu, welches der Wirth stöhnend auf den Tisch setzte. Der alte Herr mit dem grossen, weissen Barte füllte bedächtig die Gläser, welche von Hand zu Hand wanderten, bis ein jeglicher versehen war. Darnach entstand eine tiefe Stille, alle erhoben bedächtig die Gläser und thaten einen nachdenklichen Zug. Sodann verklärten sich alle Angesichter und Laute des Beifalls und des Entzückens liessen sich vernehmen. Der eine erhob Daumen und Zeigefinger der Linken, als prüfe er die Güte des Getränks zwischen den Fingerspitzen, und flüsterte: »Köstlich!« Der andere lehnte sich in den Stuhl zurück, erhob die Augen gen Himmel und schmunzelte: »Deliziös!« Ein dritter wieder schlug, von Begeisterung ergriffen, auf den Tisch, dass Gläser und Geschirr klirrten, und schrie: »Donnerwetter!« Ein vierter aber rief: »Ja, der Alte versteht es, das muss man sagen!« und hielt dem weissbärtigen Herrn sein Glas entgegen, und nun stiessen alle an mit diesem, dessen gutmüthiges, rothes Gesicht vor Vergnügen glänzte, während der behäbige Wirth, die Hände über dem Bäuchlein gefaltet, schmunzelnd daneben stand und bald den einen, bald den andern anblickte. Darnach erhielt dieser den Auftrag, den Tisch abzuräumen und dem fremden Gaste die Reste der Mahlzeit vorzusetzen. Hei, das kam dem hungrigen Christian gelegen und er fing an, tüchtig einzuhauen. Zwischendurch betrachtete er immer wieder mit Verwunderung die sonderbare Gesellschaft, welche an dem grossen Tische lustig pokulierte. Er bemerkte nun, dass jeglicher von ihnen ein schön gearbeitetes Musikinstrument neben sich lehnen oder an seinem Stuhlpfosten hängen hatte. Sollten es wandernde Musikanten sein? Aber einige von ihnen waren so leicht bekleidet, dass sie auf der Stelle draussen in der scharfen Winterkälte hätten erfrieren müssen. Als Christian sich satt fühlte, war die Gesellschaft bereits in eine behagliche mittheilsame Stimmung gerathen und man forderte ihn auf, sich an den grossen runden Tisch neben den Herrn mit dem weissen Bart zu setzen. Als er dort bescheiden Platz genommen hatte und ihm ein Glas von dem köstlichen Punsch vorgesetzt worden war, fragte der Nachbar, indem er ihn wohlwollend anblickte: »Nun, Fremder, war't Ihr mit dem letzten Jahre zufrieden?« Christian antwortete: »Das Jahr war schon gut; wenn es mir dennoch schlecht ergangen ist, so trug ich wohl selbst die Schuld.« »Wir hören gerne etwas Neues,« sagte darauf der Alte, »wenn Ihr mögt, so lasst uns Eure Geschichte hören.« Obgleich nun Christian meinte, diese Geschichte sei gar nicht ergötzlich und mehr trübselig als lustig zu berichten, so musste er doch erzählen. Als er nun zum Schluss von seiner heutigen Reise sprach und den schönen, wenn auch kalten Dezembertag lobte und von der herrlichen Abendröthe sprach, in welche er hineinmarschiert sei, gute Hoffnungen für die Zukunft aus ihr schöpfend, da schmunzelte der alte weissbärtige Nachbar wohlgefällig und die andern sahen sich bedeutungsvoll an, als ob sie es in der Macht hätten, solche Hoffnungen zu erfüllen. Als er nun fertig war, entstand eine kleine Stille. Sodann räusperte sich Christians anderer Nachbar sehr laut und kräftig, so dass unser guter Reisender fast erschrak und ihn verwundert ansah. Es war ein grosser stattlicher Herr in kurzem weissem Wams mit schneeweissem Pelz besetzt, ja, alles war weiss an ihm, bis auf das rosige, von Gesundheit leuchtende Antlitz, den hellblonden Schnurrbart und die gleichfarbigen Haare. Seine Beine steckten in enganschliessenden Hosen, und bis über die Kniee waren Stiefel gezogen von weichem Leder, oben mit Pelz besetzt. An dem einen seiner Stuhlpfosten hing eine weisse Pelzmütze, und an dem andern eine glänzende silberne Posaune. Als dieser Herr sich nun ausgeräuspert hatte, sprach er mit einer Stimme, die dem Hallen glich welches in kalten Wintern durch die Eisfläche grosser Seen dahindonnert: »Nun, guter Freund, Ihr habt da eben so nette Sachen über den Dezember gesagt, was haltet Ihr von dem Januar?« »O,« sagte Christian, »der Januar ist ein frischer Monat, den hab' ich schon lieb. Herrlich ist er, wenn er die klingende Kälte bringt, dass die Seen wie ein Spiegel glänzen und die Bäume im Schmuck des glitzernden Reifes dastehen, wie silberne Korallen. Wenn man da auf dem Schlittschuh über die blanke Fläche dahinfliegt, giesst sein frischer, nordischer Hauch Kraft, Muth und Feuer durch die Adern, wie es sonst nur der sonnenreichste südliche Wein vermag. Herrlich sind auch seine klaren sternfunkelnden Nächte, wenn das Nordlicht seine schwankenden Strahlen über den Himmel schiesst und in die feste Decke mächtiger Seen unaufhörlich mit langhindonnerndem Krachen die Spalten springen; das ist die echte Wintermusik!« Das Gesicht des weissgekleideten Mannes war bei diesen Worten immer strahlender geworden, und als Christian geendet hatte, schlug jener mit der Faust auf den Tisch, dass es donnerte, und rief: »Famos gesagt, das lass' ich mir gefallen!« Sodann stiess er mit Christian an und leerte sein ungeheures Glas Punsch auf einen Zug. Nun beugte sich hinter diesem Kraftmenschen ein zweiter der zwölf Gesellen hervor; der war nur ziemlich klein und der behendeste von allen. Er war auch weiss gekleidet, aber in die faltigen und bauschigen Gewänder eines Pierrots und nur die kugelförmigen Knöpfe seines Wamses waren roth und so gross wie Apfelsinen. Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschoren gleich dem Sammet und trat mit einer kleinen Schneppe in die niedrige Stirn des weissgepuderten Gesichtes. Indes er mit den Fingern leise auf einer Schellentrommel trillerte, die vor ihm auf dem Tische lag, blickte er Christian mit den schwarzen, glänzenden Augen pfiffig an und fragte: »Nun, und was wisst Ihr vom Narrenmonat Februar zu sagen?« »Ja, da habt Ihr recht,« sagte Christian, »ein lustiger Monat ist's. Man hat ihn auch darum zum kürzesten gemacht, weil die Leute so viel Spasshaftigkeit sonst gar nicht zu ertragen vermöchten. Alle Welt macht er zu Narren, die ehrbarsten Leute verführt er zum Possenreissen und die feierlichsten Esel zum Hintenausschlagen; diesen Monat hab' ich immer gern gehabt, denn ein herzhafter Spass ist Goldes werth!« Solche Antwort musste dem kleinen Manne wohl besonders gefallen, denn plötzlich war er auf dem Tisch und ging dort, jedenfalls weil er sein Vergnügen nicht anders zu bändigen wusste, unter dem Beifall aller Anwesenden auf den Händen herum. Sodann stand er wieder vor seinem Platze, überschlug sich in der Luft, dass er hinter seinen Stuhl zu stehen kam, grätschte mit einem mächtigen Satze über die Lehne und sass plötzlich wieder so ruhig da, als sei er es gar nicht gewesen. Ein solches verwunderliches Benehmen erzeugte bei Christian die Vermuthung, dass er unter eine Gesellschaft von Seilspringern und Kunststückmachern gerathen sei. Unterdes war der Dritte in der Runde unruhig geworden, ein gesetzter Herr, der einem Pächter ähnlich sah und einen Brummbass neben sich lehnen hatte. Er sprach dann: »Und wie denkt Ihr über den März?« »Ueber den März lässt sich viel Gutes sagen,« antwortete Christian. »Das ist ein wichtiger Monat für den Landmann, dem er die Felder befreit und den Frost aus der Erde thaut. O, so köstliche, sanfte Frühlingstage hat er schon, wo die Lerchen über der grünen Saat tirelieren und die Drosseln im knospenden Walde flöten, wo man meint, nun müsse der Frühling gleich über die Berge schauen und rufen: »Ja, ich komme schon!« In den Gärten duftet mit kräftigem Erdgeruch das gegrabene Ackerland, und um das unsägliche Grün der Stachelbeerbüsche, die mit lauter zarten braunen Glöcklein behängt sind, summen die Bienen. Aus der schwarzen Erde steigen nun liebliche Wunder empor, zarte Schneeglöckchen, schimmernde Krokus und leuchtende Narzissen und gegen Ende gar, da bannt ein holdes Duften deinen Schritt und siehe: die Veilchen blühen. Ja, der März, den lass' ich schon gelten.« Dies schien dem Manne in dem Pächteranzuge sehr zu gefallen, er bekam vor heimlicher und unterdrückter Freude ordentliche rothe Ringe um die Augen und sagte fast abwehrend: »Na, na, nur nicht so poetisch, das kann ich ja gar nicht verlangen!« Das Spiel mit den Monaten sagte den zwölf Leuten scheinbar ungemein zu, sie waren sehr aufmerksam, wenn Christian sprach, und gaben ihre Zustimmung durch Nicken und beifälliges Gemurmel kund. Nun meldete sich auch schon wieder der Nächste in der Runde, ein sehr sonderbar und narrenhaft gekleideter junger Mann. Die rechte Hälfte seines ausgezackten, mit Schellen besetzten Wamses war blau, die linke orangegelb, ebenso war es mit den Beinen bestellt und mit seiner Mütze, nur dass hier die Farben in umgekehrter Reihenfolge angebracht waren, und wenn man dem Manne genau in sein ewig bewegliches Gesicht sah, bemerkte man, dass es auch hier an Abwechselung nicht fehlte, denn eines seiner Augen war blau, das andere braun. »Ich möchte nun vom April ein wenig hören!« sagte dieser. »Die Leute,« antwortete Christian, »schelten den April einen unbeständigen Monat, aber das ist ja gerade das Hübsche an ihm. Es ist wie im Theater, immer giebt es etwas Neues zu sehen. Oder ist es nicht herrlich, wenn die Sonne durch den Regen lacht, dass es von den grüngoldenen Bäumen rinnt wie Perlen und Edelgestein und am Abend hoch über dem Sammetgrau abziehenden Gewölkes der leuchtende Regenbogen steht? Oder wenn der Sturm dahinbraust durch den knospenden Wald und dennoch plötzlich ein Sonnenstrahl hervorbricht aus finsterem Gewölk und in der Ferne ein leuchtendes Saatengrün oder eine schimmernde Wasserfläche hervorhebt wie eine selige Verheissung? Er versteht sich auf das Durcheinander, Lachen ist nicht schwer und Weinen ist nicht schwer, aber Lachen und Weinen zugleich, das ist die Kunst!« Der närrische Mann, als wollte er zeigen, dass er dieser Fertigkeit mächtig sei, fing gewaltig an zu lachen, während ihm die Thränen sowohl aus dem blauen als dem braunen Auge liefen. Sodann sprang er ganz begeistert auf, hing die Pauke um, welche neben ihm stand und tanzte, während er sie tüchtig mit dem Schlegel bearbeitete und dazu die Becken fleissig tönen liess, eine Weile im Zimmer herum. Unterdes stimmte der junge Mann, welcher nun zunächst am Tische sass, ein wenig an seiner kunstreich mit Blumen und Vögeln eingelegten Mandoline und klimperte dann erwartungsvoll darauf. Diesen Jüngling hatte Christian schon immer mit Bewunderung angesehen, denn er war über die Massen schön. In dem seidenweichen, etwas gewellten Goldhaar trug er einen Kranz von Maiblumen und aus seinem rosigen Antlitz schauten sonnenhaft und siegreich zwei leuchtende blaue Augen. Bekleidet war er mit einem kurzärmligen, griechischen Gewande, das um den Leib durch einen goldenen Gürtel zusammengefasst wurde und auf weissem Grunde köstliches Blumenwerk eingewebt zeigte, in dessen farbigen Ranken schimmernde Vögel und glänzende Schmetterlinge sich wiegten; an den Füssen jedoch trug er Sandalen mit übers Kreuz geschnürten Bändern. Dieser schöne Jüngling griff auf seiner Mandoline ein paar Accorde und sang dann mit angenehmer Stimme: »Nun, lieber Fremder sagt mir frei, Wag haltet Ihr vom Monat Mai?« »Ich möchte wohl,« erwiderte Christian, »dass ich verstünde wie Ihr die Mandoline zu schlagen, und dass mir Gott eine so schöne Stimme verliehen hätte, dann wollte ich Euch singen von diesem Monat, wie er es wohl verdient, denn er ist ein Zauberer, der für alle Sinne das Lieblichste bietet. Dem Auge schmeichelt er durch das zarteste Grün und die schönsten Farben, er betäubt fast das Ohr durch die Fülle wechselnden Gesanges, er lässt den weichen Westwind dahingehen über blühende Gefilde, dass er sich mit Düften erfülle, und sendet ihn dann, uns zärtlich die Wangen zu streicheln; er treibt aus den geheimnissvollen Tiefen der Erde köstliche Kräuter und leckere Schossen hervor, dass auch die Zunge nicht leer ausgehe, ja, der Mai ist ein Monat, der so recht aus dem Vollen seine Schätze ausstreut, und leicht ist es, sein Lob zu singen.« Der schöne Jüngling verneigte sich, dass ihm die goldenen Haare vornüber fielen, winkte dann Christian wohlwollend mit der weissen, schlanken Hand, griff auf seiner Mandoline einige Accorde und liess ihnen eine liebliche Musik folgen, welche klang wie Quellengeriesel und Flüstern des Frühlingswindes in blühenden Zweigen. Sein Nachbar, ein junger Mann in studentischer Tracht, der eine Rose im Knopfloch trug und aus leuchtenden Augen gar munter in die Welt blickte, nahm mit seiner Geige die Melodie auf und beide musizierten eine kurze Weile gar anmuthig. Dann fragte er sofort: »Und nun der Juni, wie steht es mit dem?« Christian antwortete: »Vom Frühling und vom Sommer vereinigt er das Schönste. Er bringt die Rosen und die Erdbeeren, thaufrische glänzende Morgen, glühende Mittage, stille sonnige Abende und helle, träumerische Nächte. Die Sonne und das Jahr sind auf der Höhe angelangt, am Feldrand blühen die wilden Rosen und ihr Duften mischt sich mit dem köstlichen Geruch frischgemähter Wiesen. Wohl dem, der nun wandern kann in die herrliche Welt hinaus, dass er all diese Schönheit sein eigen nennen darf!« »Das will ich meinen!« rief der studentisch gekleidete Jüngling und trank Christian ein ganzes Glas zu. Ehe nun der Folgende, ein etwas träumerisch aussehender junger Mann in leichter Hirtentracht, der mit einer Flöte und einem Schäferstabe ausgerüstet war, den Mund öffnen konnte, sagte Christian: »Ich weiss es schon, Ihr wollt nun vom Juli etwas wissen. Das ist der wahre Sommermonat, der das Korn reift und einen Segen von köstlichem Gemüse ausschüttet. Da ist es schön um die Mittagszeit in den weiten Kornfeldern, wenn die Glut der Sonne über all dem reichen Segen brütet und nur zuweilen leise wie im Traum das weite Meer der Aehren sich flüsternd regt. Alle Vögel sind verstummt; einzig die Ammern spinnen unermüdlich den dünnen Faden ihres Gesanges, aber zwischen den Halmen und an den Rainen schwirrt und wetzt und zirpt und summt und brummt es von unsäglichem Insektenvolk; Schwebefliegen und Libellen stehen in der Luft und schiessen dann plötzlich davon, während die Schmetterlinge wie trunken von Duft und Gluth dahintaumeln. Aber auch gewaltig kann dieser Monat sein. Das schimmernde Gebirge von Wolken dort hinter dem Walde thürmt immer höher sich empor und verdichtet sich zu einem finsteren Graublau, das nur noch an den Bändern mit Silber gesäumt ist. Zuweilen tönt es von ferne wie ein dumpfes Gemurmel grollender Stimmen durch die stille Luft. Nun steigt es schneller empor und verschlingt die Sonne und dann jagt es heran mit Sturm und Regen über die wogenden Felder und ineinander schlingt sich unter dem Zucken der Blitze die endlose Kette rollender Donner und knatternder Schläge bei dem unendlichen Strömen des Regens. Aber weiter saust das Unwetter und vergrollt in der Ferne. Am Himmel wird ein schimmerndes Thor aufgethan und hervor tritt auf leuchtendem Blau die siegreiche Sonne in ihrer alten Pracht; ja, schön und gewaltig ist der Juli!« Besonders dass Christian diesen Monat gewaltig nannte, schien dem Hirtenjüngling zu gefallen, denn er winkte wohlgefällig bei diesem Worte und blickte triumphierend um sich. Dann legte er die Hand aufs Herz, verbeugte sich und warf dem Gaste eine Kusshand zu. Der nun kam, war wie ein Schnitter anzusehen; er trug einen Kranz von Aehren, Mohn und Kornblumen im Haar, war gebräunt von der Sonne und vor ihm lag eine Klarinette. Er sagte weiter nichts als: »Nun weiter!« Christian sprach: »So wie der Mai und der Juni ein wenig zusammengehören, so auch der Juli und der August. In dem einen wird die Ernte begonnen, in dem anderen vollendet. Der August ist aber der richtige Erntemonat, und es ist eine lustige Sache, trotz harter Thätigkeit nur fröhliche Gesichter zu sehen und Menschen, die zur Arbeit sich schmücken mit hellen Gewändern und bunten Farben. Wenn nun all der Segen eingebracht ist und der letzte schwer beladene Erntewagen, dunkel sich abhebend gegen den goldenen Abendhimmel, unter Jauchzen und Gesang in die Scheune gebracht ist, wenn das Wetzen der Sensen am Tage und das Dengeln am Abend verstummte, da hebt sich bald ein anderes Tönen an von Fidel, Klarinette, Horn und Brummbass, die Röcke fliegen und die Juchzer schallen – ja lustig ist der Erntemonat!« Der braune Schnitter stiess einen Juhschrei aus, dass die Fenster klirrten, man hörte, dass er die Sache verstand, und merkte wohl, dass ihm Christians Rede gut gefallen hatte. Dieser fuhr nun fort indem er sich an den Nächsten wendete, einen Mann mit behäbigen apfelrothen Backen, der einem Gärtner gleichsah: »Nun kommt der September und schüttet seine Früchte vor uns aus, köstliche Pflaumen von zartem Hauch bereift, thaufrische Aepfel, deren einer schon das ganze Haus mit Duft erfüllt, und Birnen, die fast von süssem Safte überquellen. Du rührst den Nussbusch nur an, und ein Segen von sauberen Nüssen prasselt hernieder, am Gartenzaun liegen die Kürbisse, gross wie Schweine, und am Geländer schwillt und röthet sich die Traube, süsser Verheissung voll, o, ein köstlicher Monat, ich liebe ihn!« schloss Christian ganz in Erinnerung und Anschauung vertieft. Der Gärtner rieb sich behaglich die Hände und sah vergnügt um sich. Dann nickte er ein paarmal schnell mit dem Kopfe und lehnte sich befriedigt in seinen Stuhl zurück. Mit grosser Spannung hatte ein Mann in der Ausrüstung eines Jägers, dem ein goldenes Waldhorn zur Seite hing, bis dahin gewartet. Nun beugte er sich vor und rief: »Hallo, Fremder, nun der Oktober!« »Er bringt mit Macht den Herbst,« sagte Christian, »und damit Abwechselung in die Welt. Das wenig unterschiedene Grün des Waldes färbt er um in Gold und Braun und Purpur, zum Zeichen, dass das Feuer des Sommers nun verglüht, und ist überhaupt ein Maler, der die bunten Farben liebt. Und da ihm an Blumen nicht viel zu Gebote steht, so lässt er die seltsamen Teller und Hüte der Pilze aus dem Waldboden hervortauchen und malt sie mit Scharlach, Eiergelb und Sammtbraun. Aus dem goldgelben Laub der Eberesche leuchten die Beeren wie rothe Korallen, und wo der Juni an der Heckenrose blasse Tellerchen aufthat, glüht nun purpurn die Hagebutte. Schön ist es an stillen sonnigen Oktobertagen auf einer einsamen Waldblösse, wenn ringsum die Bäume im Schmuck des Herbstes glühen und die späten Schmetterlinge, der bunte Admiral und der sammtbraune Trauermantel, mit den blauen Pünktchen und dem goldenen Rande sich an den Stämmen sonnen. Silberne Fäden spinnen sich durch die Luft dahin und hoch aus dem Blauen schallt ein Wanderruf von Vögeln, die nach Süden ziehen, indes von Zeit zu Zeit in der Ferne ein Schuss verhallt. Schön ist es auch, wenn zu fröhlicher Jagd die Waidhörner klingen, das Geläut der Meute durch den Wald hallt, die rothröckigen Reiter zwischen den Kieferstämmen dahinjagend in der Ferne verschwinden, und das Geräusch der Jagd leiser und leiser wird, so dass am Ende nur das sanfte Singen der Zweige übrig bleibt, bis dann schliesslich wie aus traumhafter Ferne das Halali herübertönt!« Wunderbar, klang dieses Jagdsignal nicht wirklich aus der Weite? Nein, der Jäger war es, der ganz heimlich das Horn an den Mund gesetzt hatte und es leise ertönen liess. Kaum war dies beendet, so kam eine Gestalt zum Vorschein, welche Christian bis dahin gar nicht bemerkt hatte, da sie in einem grossen Lehnstuhl mit Ohrenklappen ganz in sich zusammengekrochen neben dem weissbärtigen Nachbar gesessen hatte. Der alte Herr musste wohl Zahnweh haben, denn er trug ein buntes seidenes Tuch um sein graues grämliches Gesicht und darüber hatte er eine Zipfelmütze bis auf die Ohren gezogen. Er war gekleidet in einen Schlafrock von der Farbe des gewelkten Laubes und seine Füsse steckten in ungeheuren Filzschuhen. Indes nur seine mageren Finger mit einer Maultrommel spielten, welche vor ihm auf dem Tische lag, beugte er sich hinter den Ohrenklappen seines alten Lehnstuhls hervor, sah mit seinen gelben Augen Christian starr an und sagte gar nichts. Dieser kratzte sich ein wenig hinter den Ohren und sagte: »Ja, der November. Die Leute wollen nicht viel von ihm wissen und schelten ihn einen verdriesslichen Monat, aber ich kann das nicht finden. Er hat manchmal so stille graue Regentage, wo die Luft eigentlich nur sehr nass ist und es an jeder Knospe und jedem welken Blatt wie eine dicke Thräne hängt, das ist eine herrliche Zeit zum Träume spinnen und Luftschlösser bauen, wie ja auch die Maler auf dem grauen Grunde der Leinwand ihre farbigen Kunstwerke hervorzaubern. Aber die Stille und Verdrossenheit ist eigentlich gar nicht sein Element, er kann ein sehr gewaltiger Herr sein. Ja, schön ist es zu sehen, wenn er dann auf seinem wilden Ross, dem Nordwind, unter fliegendem Regen dahinsaust, das letzte Laub von den Bäumen reisst und wirbelnd vor sich her jagt, das Wasser zu sprühendem Schaum in die Höhe peitscht und durch die Wipfel des Waldes dahinstürmt, dass sie donnernd brausen!« Es war merkwürdig zu sehen, wie bei dieser Schilderung der alte grämliche Herr sich veränderte; er richtete sich gerade empor und seine Schultern schienen sich zu verbreitern, seine welken Züge spannten sich und wurden fest wie Eisen, während aus den sonst so matten Augen ein seltsames Leuchten hervorbrach. Als Christian aber geendet hatte, sank der Alte jedoch plötzlich wieder in sich zusammen in seinen Lehnstuhl und murmelte: »Ich bin zufrieden.« Nun war Christian die Reihe herum, und sein Nachbar mit dem grossen weissen Barte und dem rosigen Antlitz sah ihn lächelnd an. Christian bemerkte nun, dass in dem weitläufigen Pelze des Alten eine Unzahl von Taschen angebracht war, in deren jeder etwas bauschte, ja zuweilen waren sie so angefüllt, dass allerlei Spielwerk oder auch kostbarere Gegenstände oben heraussahen. »Nun fehlt nur noch der Dezember,« sprach Christian. »Von dem brauche ich nur ein Wort zu sagen, dass er in vollem Glanze strahlt: Er ist der Weihnachtsmann und fürwahr, wenn ich Euch so ansehe, so muss ich sagen, dass ich mir denke, er muss gerade so aussehen wie Ihr.« »Das habt Ihr getroffen,« erwiderte der Alte, »und ich meine, Ihr müsst doch wohl schon gemerkt haben, in welcher Gesellschaft Ihr Euch heute Abend befindet, oder solltet Ihr noch nicht wissen, dass es die Monate sind, mit welchen Ihr hier an einem Tische sitzet?« »Gedacht habe ich es mir zuletzt schon halb und halb,« sagte Christian, »aber ich konnte doch kaum glauben, dass so grosse Herren so freundlich mit mir sein würden.« »Wir wollen allen guten Leuten wohl,« sagte der Dezember, »und zudem habt Ihr so hübsche Dinge über uns geäussert, dass wir damit zufrieden sind. Selten giebt es in heutiger Zeit so sonnige Gemüther, wie Eures, das überall nur das Gute und Schöne hervorhebt und von allen das Beste denkt. Darum glaube ich der Zustimmung meiner Genossen sicher zu sein, wenn ich zum Dank für Eure freundlichen Worte Euch eine Gabe mittheile, welche wohl geeignet ist, die Noth, in welche Euch Eure Herzensgüte versetzt hat, zu heben und Euch fernerhin glückliche Tage zu verschaffen.« Damit grub und wühlte er sich in eine seiner tiefsten Taschen ein, während die anderen Monate durch Geberden und Worte ihre freudige Zustimmung bekundeten. Endlich zog der Dezember ein sehr schönes viereckiges Kästchen hervor, an dessen Seiten die zwölf Monate in eingelegter Arbeit dargestellt waren, während auf den Deckel die vier Jahreszeiten in ewigem Reigentanze sich drehten, reichte es Christian dar und sprach weiter: »Wenn Ihr einen Wunsch heget, so öffnet nur dieses Kästchen, es wird alles darin sein, was Ihr begehrt. Wir wünschen, dass es Euch eitel Segen und Glück bringen möge. Aber eines dürft Ihr nicht vergessen. Nur auf ein Jahr können wir diese köstliche Gabe Euch verleihen, darum nutzet die Zeit, solange das Kästchen Euch zu Gebote steht. Am nächsten Sylvesterabend um dieselbe Zeit wird es plötzlich aus Eurem Besitze verschwinden, ob Ihr es auch in sieben eisernen Kisten verschlossen hieltet.« Als nun Christian seinen freudigen Dank aussprechen wollte, wehrte der Dezember dies ab und klopfte stark auf den Tisch. Infolge dieses Zeichens verstummte rings die Unterhaltung, alle Monate nahmen ihre Instrumente zur Hand, auch der September öffnete einen Kasten, der vor ihm stand, und holte eine Zither hervor, während der Dezember aus einer seiner unerschöpflichen Taschen allerlei Kinderinstrumente nahm, wie Kuckucksflöte, Wasserpfeife und dergleichen. Sodann begannen sie eine liebliche Musik, welche das Walten und Weben der Jahreszeiten darstellte, und zu seinem grossen Staunen erkannte Christian in diesen Tönen alles wieder, was er vorhin in Worten ausgedrückt hatte. Aber während sich die Musik in die Länge zog, überkam unseren Wandersmann infolge der späten Nachtzeit, des angestrengten Marsches vorher und des jetzt so reichlich genossenen Punsches die Müdigkeit, er sank in den Stuhl zurück und entschlief süss und sanft.     III. Das wunderbare Kästchen. Als Christian am anderen Morgen aufwachte, lag er auf der Ofenbank, im Zimmer war aufgeräumt und von den Spuren des gestrigen Gelages nichts mehr zu sehen, so dass er fast geneigt war, das ganze Abenteuer für einen sonderbaren Traum zu halten. Der Wirth kam ihm ganz höflich entgegen und auf die Frage nach der Schuldigkeit forderte er ein Geringes für Nachtquartier und Morgenzehrung. Danach marschierte Christian wieder munter in den kalten grauen Neujahrstag hinaus. Es wehte eine scharfe Luft und nach einer Weile begann es zu stäuben, von einem feinen prickelnden Schnee, der in alle Lücken der Kleidung eindrang. Trotzdem wanderte Christian muthig weiter, suchte sich durch eine raschere Gangart warm zu halten und war im Geiste fortwährend mit den sonderbaren Erlebnissen des gestrigen Abends beschäftigt. Je mehr er daran dachte, je unglaublicher erschien ihm alles und doch stand jede Einzelheit so klar vor seinem Gedächtniss, es musste jedenfalls eine sehr gründliche und deutliche Art von Traum gewesen sein. Mittlerweile mehrte sich der Schnee und der Weg ward immer beschwerlicher. Zudem fühlte Christian immer einen sonderbaren Druck auf der Brust wie von einem harten Gegenstande, und als er nachfühlte, fand er das Kästchen, welches er gestern Abend hatte in die Brusttasche gleiten lassen. Er zog es hervor und betrachtete es neugierig; die Sache war also doch kein Traum gewesen. Er öffnete es und besah das Inwendige. So reich geschmückt die Aussenseiten auch waren, so leer und schmucklos war es im Innern. Er klappte den Deckel wieder zu und dachte über die Worte nach, welche der Dezember bei der Ueberreichung gesprochen hatte. Er setzte zwar wenig Glauben in die verheissene Wunderkraft des Kästchens, allein er dachte doch unwillkürlich: »Wenn ich jetzt so eine schöne Staatskutsche hätte und zwar eine geheizte mit vier Pferden davor, Kutscher und Bedienten und allem, was dazu gehört, da wollte ich besser und bequemer vom Fleck kommen.« Kaum hatte er dies ausgedacht, so vernahm er ein leichtes Stampfen und Getrappel in dem Kästchen, und als er es verwundert öffnete, da hätte er es beinahe vor Schreck fallen lassen, denn es war nicht mehr leer, sondern eine kleine allerliebste Kutsche darin mit vier Pferden, nicht grösser als Zwergmäuse, und winzigem Kutscher und Bedienten, so klein wie die grauen Grashüpfer, welche im Sommer auf den Wiesen zirpen. Aus dem Verdeck der Kutsche kam ein kleines Kaminrohr hervor und liess ein zartes blaues Räuchlein in die Luft steigen. »Ja, was soll ich damit anfangen?« dachte Christian, als die erste Ueberraschung vorbei war, »für Geld sehen lassen ist das einzige.« Endlich verfiel er darauf, das Kästchen auf die Erde zu setzen, und damit war das Richtige getroffen, denn kaum war dies geschehen, als der Bediente vom Bock sprang und die Vorderwand des Kästchens gleich einem Thore öffnete. Sogleich fuhr der kleine Wagen hinaus und im Weiterfahren fing alles an mit grosser Schnelligkeit zu wachsen, so dass nach wenigen Sekunden die richtige Grösse erreicht war. Der Bediente sprang wieder vom Bock, riss die Wagenthüre auf und sah Christian erwartungsvoll an. Dieser war so verblüfft, dass er fast das Kästchen hätte stehen lassen. Zum guten Glück stolperte er aber fast darüber, als er weiter gehen wollte, steckte es schnell zu sich und stieg ein. In dieser Kutsche war es aber hübsch, das muss man sagen. Sie war wirklich geheizt und drinnen eine behagliche Wärme. Dabei hing sie in so vorzüglichen Federn, dass Christian auch bei dem schnellsten Dahinjagen kaum etwas von den Unebenheiten des Weges verspürte, und in den veilchenblauen Sammtpolstern sass er wie in Abrahams Schoss. Als ihm nun auf diese Art klar wurde, welchen unermesslichen Schatz er an diesem Kästchen besass, ward er fast unsinnig vor Freude, sprang in dem Wagen herum, hopste vom Vorder- auf den Rücksitz, schlug sich auf die Kniee, klatschte in die Hände und lachte und weinte in einem Athem. Endlich beruhigte er sich ein wenig und nun fiel ihm plötzlich auf, wie schlecht sein alter abgeschabter Anzug zu der schönen Kutsche passen wollte und wünschte sich schnell das Feinste. Sogleich fand er in dem Kästchen ein Röcklein vom herrlichsten Tuch mit goldgesticktem Kragen und Aufschlägen, eine geblümte Atlasweste, seidene Höschen und Strümpfe, Wäsche vom feinsten Battist, Schuhe mit goldenen Schnallen, kurz alles was dazu gehört, und alles wuchs zur richtigen Grösse, sobald es herausgenommen war. Er kleidete sich nun um und warf das alte Zeug zum Fenster hinaus. Aber in einem so schönen Anzug leere Taschen zu haben, das ging nicht, flugs wünschte er sich das Nöthige, und als er das Kästchen öffnete, war es gestrichen voll der schönsten Randdukaten. Das liess er sich gefallen. Als schliesslich Hunger und Durst sich regten, entnahm er dem unerschöpflichen Kästchen einen Esskober, gefüllt mit den herrlichsten Gerichten und ein Flaschenfutter mit den feinsten Weinen aller Länder und frühstückte wie ein Kaiser. Als um die Mittagszeit dieses Tages die vornehme und glänzende Kutsche vor dem ersten Gasthofe der Stadt anhielt, welche Christian aufsuchen wollte, und ein so kostbar gekleideter Herr ausstieg, da erstarb der Wirth fast vor Ehrfurcht und sein Antlitz leuchtete wie Vollmondschein, indes die Kellner den seltenen Gast dienend umschwärmten wie die Fliegen einen Honigtropfen. Solche Wendung hatte mit einemmal sein Schicksal durch das wunderbare Kästchen genommen. Natürlich dachte er jetzt nicht mehr an die Einziehung seines ausgeliehenen Geldes, nahm sich auch vor, noch nicht in seine Vaterstadt zurückzukehren, sondern beschloss einstweilen die Welt zu durchreisen, allenthalben sich aufzuhalten, wo es ihm gefiel, und die Gaben seines unvergleichlichen Schatzes recht auszukosten. So reiste er denn fast ein ganzes Jahr in Deutschland herum und hinterliess überall, wo er sich aufgehalten hatte, ein gutes Andenken, da er grosse Summen an die Armen schenkte, mittellose Brautpaare ausstattete und Leute aus dem Schuldthurm befreite. Dabei vergass er jedoch nicht, dass sein Schatz ihm nur auf die Dauer eines Jahres verliehen war, und liess durch einen Agenten in der Nähe seiner Vaterstadt eine grosse Herrschaft aufkaufen, zu welcher prächtige Wälder und Seen, viele Güter, ein herrliches Schloss auf dem Lande und ein wohleingerichtetes Haus in der Stadt gehörten, und alles aufs schönste und kostbarste wohnlich instandsetzen. Wegen seiner grossen Wohlthaten hatte ihn der Fürst eines Landes, wo er besonders den Armen hilfreich gewesen war, unter dem Namen Herr von Kästchen in den Adelsstand erhoben und als man nun in seiner Vaterstadt erfuhr, dass dieser Mann, dessen Reichthum und dessen Wohlthätigkeit schon überall sprichwörtlich geworden war, sich in der Umgegend niederlassen wollte, da herrschte grosse Freude und man fühlte sich durch diese Wahl höchlichst geehrt. Freilich hatte niemand eine Ahnung, wer sich unter diesem Namen verbarg, auch sein Bruder nicht. Um die Weihnachtszeit kehrte Christian in seine Vaterstadt zurück und die Leute konnten nicht genug erzählen von der Pracht seines Wagens, von der Schönheit seiner Pferde und der Leutseligkeit seines Wesens, denn niemand erkannte ihn wieder. Anfangs liess er sich wenig sehen, sondern sass fleissig die Tage über in einem Kämmerchen seines Hauses, das er ganz mit zolldicken Eisenplatten hatte austapezieren und mit schweren eisernen Thüren hatte versehen lassen, und war ausschliesslich damit beschäftigt, sein Kästchen voll Dukaten zu wünschen und das köstliche Gut dort wie Weizen auf einem Kornboden aufzuspeichern. Als endlich die goldene Last dort drei Fuss hoch lag, und nur einige schmale Gänge dazwischen frei gelassen waren, da schien es ihm genug, er verschloss diese Schatzkammer sorgfältig und dreifach mit den künstlichsten Schlössern und machte sich auf, seinen Bruder zu besuchen. Als er dort gerade wieder am Morgen des Sylvestertages vorfuhr und sich melden liess, war dieser sehr erstaunt und verwirrt über den vornehmen Besuch, allein noch mehr verwunderte er sich, als dieser ihm entgegentrat mit den Worten: »Da bin ich wieder, lieber Bruder und komme, meinen Ring zurückzukaufen. Ich vermag dir jetzt zehntausendfach zu vergelten, was Du damals an mir gethan hast.« Damit winkte er dem Diener, welcher an der Thür stehen geblieben war und dieser lief nun an den Wagen und schleppte keuchend einen Geldsack herbei, welcher zehntausend Dukaten enthielt. Christian löste die Schnur, stiess den Sack um und leerte den mächtigen Haufen Gold auf den Tisch aus. Wie da Johannes' Augen gierig funkelten und wie er verblüfft war, das kann man sich wohl leicht vorstellen, fast wäre er vor seinem Bruder auf die Kniee gefallen und hätte ihn angebetet. Als er nun wohl zehnmal seinen verwirrten Dank gestammelt hatte, stürzte er fort und holte den Ring. Dann stierte er wieder auf den Goldhaufen hin; der Schweiss trat ihm auf die Stirn und das Wasser lief ihm im Munde zusammen – einmal musste er jetzt darin wühlen, anders hielt er es nicht aus. Wie ein Magnetberg zog es ihn an, er grub die Hände hinein und nun lief es ihm von den Fingerspitzen aus wie Wollust durch alle Glieder. Heimlich aber behielt er einen Dukaten in der Hand und während er allerlei von Bewirthung stammelte und seinen Bruder bat, einen Augenblick sich zu gedulden, lief er in das Nebenzimmer, wo sein Probierstein und seine Goldwage sich befand, und prüfte das Geldstück. Wahrhaftig, es war echt und von dem feinsten Dukatengolde. Nun rief er nach seiner Wirthschafterin und befahl ihr, das Beste aufzutischen, was im Hause zu finden war, und dann rannte er wieder hin, bedeckte den Goldhaufen mit einem Tuche, damit die Frau ihn nicht sehen sollte, kurz er war ganz ausser sich. Als die Brüder dann bei einer Flasche köstlichen französischen Weissweins sassen, erzählte Christian seine Geschichte. Da überkam seinen Bruder eine Gier nach dem wunderbaren Kästchen, welche ihn wie Feuer brannte. Heute, da die Monate wieder im Nobiskrug zusammenkamen, war ja gerade die Zeit günstig, dort musste er hin auf jeden Fall und ihm, als dem Klügern, musste es doch sicher gelingen, das Kästchen in seinen Besitz zu bringen. Den Monaten wollte er schon etwas Angenehmes sagen: Sirup und Zucker wollte er reden mit Honig dazwischen. Als darum Christian ihn verlassen und er sein Gold verwahrt hatte, lief er sofort hin und miethete für den Nachmittag einen Wagen, um dorthin zu fahren. Er bekam einen solchen, aber nur gegen eine hohe Summe, deren Hälfte er vorausbezahlen musste, weil die Fuhrleute in der Sylvesternacht diesen verrufenen Ort zu meiden pflegten. In der Dämmerung ging die Reise ab. Draussen war ein trübes, regnerisches Wetter; die Felder waren mit schmutzigem, zerfliessendem Schnee bedeckt und in den Wagenspuren stand das Wasser. Der Himmel war von einem verdriesslichen, einförmigem Grau, und der Tannenwald stand da wie eine schwarze Masse in finsterem Schweigen. Als er in dem Nobiskruge ankam, gerieth er sogleich in einen Wortwechsel mit dem Wirthe, welcher ihn nicht hineinlassen wollte, aber Johann war zäh und liess sich so leicht nicht abweisen. Da infolgedessen der Streit immer lauter wurde, öffnete sich die Thür und der Dezember schaute heraus. Als dieser erfuhr, worum es sich handelte, wies er den Wirth an, den Fremden eintreten zu lassen, und nun fügte sich anfangs alles, wie es bei Christian gewesen war. Schliesslich sass Johann ebenfalls mit in der Runde, und die verfänglichen Fragen begannen. Da bemerkte er mit Schrecken dass es mit Sirup, Zucker und Honig nichts war, denn dieser Gesellschaft gegenüber gab es keine Verstellung, und mochte man wollen oder nicht, es kam nur die innere Wahrheit, und damit bei Johann eiterfressendes Gift und bittere Galle zum Vorschein. Und ob er sich auch mit Anstrengung aller seiner Kräfte zwingen wollte, es half ihm nichts, er nannte den Januar einen störrischen Eisbock, der ausser den Kohlenhändlern keinen Freund auf der Welt habe; den Februar schalt er einen eitlen Fant und Leuteverführer, den März einen Schmutzfinken, den April einen Sausewind ohne Charakter, und über den Mai schimpfte er nun gar: Sein ganzer Ruhm sei erfunden von lügenhaften Dichterlingen und keine grössere Wonne kenne er, als eisigen Schnee in die blühenden Obstbäume zu werfen und durch tückische Nachtfröste die Hoffnungen des ganzen Jahres zu zerstören. Der Juni sei ein Mischling, halb Frühling, halb Sommer, aber beides nicht ordentlich, der Juli entweder zu trocken oder zu nass, der August bringe auf eine mässige sieben Missernten und fast nichts als Aerger und Enttäuschung, und ebenso halte es der September mit dem Obst. Den Oktober schimpfte er einen Lärmmacher und Weinverderber, den November nannte er einfach grässlich, darüber sei die ganze Welt sich einig, und der Dezember sei wieder dem Januar zu vergleichen, verführe ferner die Menschen zu unnützen Ausgaben, sich und ihre Kinder mit allerhand Albernheiten zu beschenken. So liess er an keinem ein gutes Haar, und als er geendet hatte, sassen alle in finsterem Schweigen da. Endlich räusperte sich der Dezember und sagte langsam und bedenklich: »Ei– ei – ei – ei – ei! Ja – ja!« Darauf grub er aus einer seiner tiefsten Taschen ein ganz schwarzes Kästchen hervor und sprach: »Nehmt hier dieses Andenken, es wird Euch die Stunde, da Ihr so sinnreiche Urtheile von Euch gabet, unvergesslich machen. Aber eines sage ich Euch: Wenn Euch das Leben lieb ist, so öffnet es nicht, bevor Ihr in Eurem Hause angelangt seid. Dies merkt Euch wohl!« Johann griff gierig nach dem Kästchen und wollte danken, der Dezember aber liess es nicht zu, sondern klopfte stark auf den Tisch. Da ergriffen alle Monate ihre Instrumente, und nun erhoben sie eine Musik, welche so über alle Beschreibung grässlich war, als seien alle Misstöne der Welt in diese Werkzeuge gesperrt und kämen nun mit einem Male zum Vorschein. Es klang wie ein Gemisch aus den Liebesmelodien freiender Kater, dem Kreischen ungeschmierter Thüren, den letzten Gesängen verblutender Schweine, dem nächtlichen Geheul mondsüchtiger Hunde und dem Gebrüll verliebter Ochsenfrösche. Und dabei sassen die Monate mit einer finsteren Andacht da und manche schlugen verklärt die Augen empor, als spielten sie das herrlichste Requiem der Welt. Johann erschrak zwar ein wenig, als dies losging, allein was kümmerte es ihn schliesslich, er hatte ja das Kästchen, und als die zwölf Gesellen sich immer mehr in ihre grauenhafte Musik vertieften, benutzte er einen günstigen Augenblick und huschte schnell zur Thür hinaus. Seinen Wagen fand er aber nicht mehr vor, denn sofort bei dem Beginn dieser furchtbaren musikalischen Orgie war der Kutscher von Entsetzen ergriffen davongejagt und längst im Dunkel der Nacht verschwunden. So musste er sich wohl oder übel entschliessen, zu Fusse nach Hause zu gehen. Aber was machte das, er hatte ja das Kästchen! So stampfte er denn in der Dunkelheit durch den nassen Schnee, stolperte, fiel in die schlammigen Gräben und kroch wieder heraus und tastete alle Augenblicke nach, ob er den Schatz auch noch in der Brusttasche habe. Die Anstrengung dieses nächtlichen Ganges durch die Nässe und den zerfliessenden Weg fühlte er nicht, denn vor den Augen seines Geistes flammte nichts als Gold und Gold und wieder Gold. Ja, er wollte es klüger machen als sein Bruder Christian. Sein ganzes Haus wollte er mit dem geliebten gelben Metall erfüllen und seine Phantasie schwelgte in den üppigsten Bildern. Wälzen wollte er sich auf lauter Dukaten und sich eingraben bis an den Hals und darin wühlen und mit den Händen unablässig einen goldenen Sprühregen in die Luft schleudern. Müde, durchnässt und beschmutzt kam er zu früher Morgenstunde in seinem Hause an, allein bevor er die Ruhe suchte, wollte er einen Beweis von der Kraft seines Schatzes sehen. Er stellte das Kästchen auf den Tisch und wünschte es gehäuft voll Kremnitzer Randdukaten. Mit zitternden Händen öffnete er den Deckel, allein statt funkelnden Goldglanzes bemerkte er nur etwas Schwarzes darin, das er nicht genau erkennen konnte. Er schob das Licht näher hinzu und nun sah er, dass es lauter dicht aneinander gedrängte Mäuseköpfe waren, deren blanke, schwarze Aeuglein ihn listig anfunkelten. Kaum war ihm dies klar geworden, als auch schon Bewegung in die Masse kam und wie ein aufquellendes Wasser die Mäuse über den Rand auf den Tisch strömten, wo sie mit hässlichem Quieken umherliefen. Als Johann sah, dass sich das Kästchen gar nicht erschöpfen wollte und unausgesetzt Mäuse daraus hervorquollen, so dass schon der ganze grosse Tisch von dem hässlichen Geziefer erfüllt war, klappte er schnell den Deckel zu, allein mit Gewalt sprang das Kästchen wieder auf und ergoss unablässig neue Mäuse. Zuletzt hatten sie auf dem Tische nicht mehr Platz, sie drängten sich gegenseitig herab und wie das Wasser bei einer Springbrunnenschale allseitig überfliesst, so strömten die Thiere über die Ränder und plumpsten auf den Fussboden. Hier rannten sie quiekend und pfeifend nach allen Seiten auseinander und nun fielen sie über alles her, das zu zernagen und zu zerbeissen war, und das war so ziemlich alles, denn selbst Eisen und Metall hielt vor den scharfen Zähnen dieser Unholde nicht stand. An den Fenstervorhängen huschten sie empor, und eine kurze Weile hinterher rauschten diese schon abgenagt zu Boden, um alsbald unter den knirschenden Gebissen zu verschwinden. Die Schränke waren im Nu durchnagt und nun rumorte und knabberte es inwendig; überall war nichts als Huschen und Nagen und Knirschen und funkelndes Blitzen tückischer Aeuglein. Und immer mehr der schrecklichen Thiere spie das teuflische Kästchen hervor, schon war das ganze Zimmer erfüllt und Hunderte nagten schon an den Ausgängen. Johann befiel eine furchtbare Angst, welche noch stärker wurde, als er sah, wie die eisenbeschlagene Thüre schon halb durchfressen war, welche zu seinem Allerheiligsten führte, wo er seine Kostbarkeiten, seine Papiere, sein Gold, sein Alles aufbewahrte. Halb wahnsinnig vor Aufregung rannte er in die Küche, wo seine beiden Katzen in der warmen Asche schliefen, holte sie herbei und warf sie unter das Ungeziefer. Aber in demselben Augenblicke schon waren die beiden Thiere von oben bis unten mit Mäusen bedeckt, dass man nur zwei schwarze, wimmelnde Haufen sah, aus denen ein schnell verstummendes, jämmerliches Miauen hervorbrach. Dann wurden diese beiden kleinen Hügel schnell flacher und flacher, und als die Mäuse wieder auseinanderliefen, waren die beiden Katzen bis auf einige wenige Haare spurlos verschwunden. Unterdess aber hatten andere Mäuse die eisenbeschlagene Thür durchnagt und durch diese Oeffnung ergoss sich sofort ein endloser Strom in die Schatzkammer, welche zugleich das Schlafzimmer des Geizhalses darstellte. Nun galt es zu retten, was noch zu retten war. Er schloss die Thür auf und stürzte hinein; unendliche Mäuse drängten nach. Ueber seinem Bette hingen eine Menge Waffen, von diesen riss er schnell einen scharfgeschliffenen Kavalleriesäbel herab und hieb in grenzenloser Wuth auf die fürchterlichen Mäuse ein, welche in dichten Haufen die eisenbeschlagene Kiste umdrängten, die alles enthielt, daran sein Herz hing. Aber wenn er mitten in das dickste Gewühl hineinschlug, erschallte nur ein höhnisches Quietschen und es war, als würden der grässlichen Thiere davon nur noch mehr. Plötzlich nun fiel die gänzlich zernagte Kiste auseinander und ein Strom glänzender Dukaten rollte heraus. O welch ein fürchterlicher Anblick bot sich nun dem entsetzten Geizhals dar! Sogleich waren Tausende dieser schrecklichen Mäuse über die Dukaten her, sassen manierlich auf den Hinterbeinen, drehten die glänzenden Goldstücke zierlich zwischen den Vorderpfötchen und frassen sie so sauber auf, als seien es Anisplätzchen. Andere machten sich über die Staatspapiere, andere über die Schmucksachen her und bald war dort nichts mehr vorhanden als ein wenig Staub und einige kleine Späne. Mit gesträubtem Haar und Schaum vor dem Munde hatte Johann mit starren irrsinnigen Augen auf diese furchtbare Scene hingeblickt, während ein dumpfes Stöhnen aus seinem Innern kam. Als alles vorüber war, stiess er einen furchtbaren heiseren Schrei aus, warf die Arme in die Luft und rannte vom Wahnsinn ergriffen die Treppen hinab zum Hause hinaus und so, indem er von Zeit zu Zeit aufschrie wie ein gepeinigtes Thier, durch die Strassen bis an den Strom. Dort heulte er noch einmal auf: »Die Mäuse, die Mäuse!« und sprang über das Bollwerk ins Wasser. Niemand hatte dies gesehen, da die Strassen zu der frühen Stunde noch dunkel und menschenleer waren. Als die Wirthschafterin am anderen Morgen aufgestanden war, fand sie zu ihrem Erstaunen alle Thüren im ganzen Hause geöffnet, das Bett ihres Herrn aber unberührt und leer. Sonst war alles im Hause wie gewöhnlich und von der furchtbaren Zerstörung durch die Mäuse keine Spur zu bemerken, alles war, wie sie es am Abend vorher verlassen hatte, auch die beiden Katzen kamen ihr wie sonst mit krummem Rücken und steil erhobenen Schwänzen schmeichelnd entgegen. Denselben Morgen aber noch fand man im Strom die Leiche, und nun erinnerte sich ein Schiffer, dass er in der Nacht von einem Schrei: »Die Mäuse! die Mäuse!« erwacht sei und dann einen Fall ins Wasser gehört hatte. Das Haus und das übrige Erbe fiel an Christian, der sich unterdess zu erkennen gegeben hatte, und dieser vertheilte alles unter diejenigen Leute, welche sein Bruder bei Lebzeiten durch wucherische Aussaugung besonders geschädigt hatte. Er selber aber betrauerte das unglückselige Schicksal seines Bruders und einzigen Verwandten, obwohl dieser es kaum verdient hatte, und war fernerhin bestrebt, von seinen Gütern den edelsten und hilfreichsten Gebrauch zu machen. Späterhin heirathete er ein schönes und tugendhaftes Fräulein aus gutem Geschlecht, welches ihn im Laufe der Zeit mit einer Anzahl wohlgebildeter Kinder beschenkte, und lebte vergnügt mit ihr bis an sein seliges Ende.