Hermann Kurz Gesammelte kleinere Erzählungen Vierter Teil. Inhalt Einleitung. Das Wirtshaus gegenüber. Die beiden Tubus. Einleitung. Dieser Band enthält nur zwei Erzählungen, aber zwei Meisterstücke, unter den kleinen Sachen des Dichters zweifellos die vorzüglichsten. Von beiden läßt sich rühmen, was Heyse von der zweiten gerühmt hat, »die glückliche Steigerung des Charakteristischen, die es um eine Haaresbreite über die Wirklichkeit erhebt, ohne es je von der typischen Wahrheit zu entfernen«. Zugleich fordern die beiden Erzählungen auch dadurch zur Vergleichung heraus, daß die erste den Dichter am Anfang, die zweite am Ende seiner poetischen Laufbahn zeigt. Der Humor in beiden ist nicht ganz von derselben Art: in der älteren jugendlich wallend, burschikos, von entzückender Fülle der Phantasie und einem dionysischen Übermut, wie man ihn nur etwa in Hauffs Phantasien im Bremer Ratskeller wiederfindet; in der späteren ironisch-satirisch, in der Haltung weit mehr an Jean Paul erinnernd. Beiden aber ist wiederum gemein, daß sie in der Form des Humors oder der Parodie ein Bild der Zustände geben, das voll des packendsten Realismus und der gesättigtsten Lokalfarbe ist. » Das Wirtshaus gegenüber « ist in der Novellensammlung »Genzianen« (1887) erschienen, mit dem Zusatz »im Juli 1836«, der sich aber nur auf die Vollendung der Erzählung beziehen kann, denn sie ist nicht nur früher begonnen, sondern wurzelt ganz in Tübingen, das Kurz im Herbst 1835 verlassen hat. Die äußere Umrahmung durch die Liebesgeschichte von Paul und Emilie ist ganz Nebensache; den Kern bildet die Darstellung einer geistreichen studentischen Tafelrunde, welche es liebt, sich an dem Bewußtsein ihrer geistigen Aristokratie zu erfreuen und, mit der vollen philosophischen und literarischen Bildung der Zeit gewappnet, wie Simson unter die Philister zu fahren. Kurz haftet hier ebenso fest in der Wirklichkeit, in dem geselligen Leben der Tübinger Stiftler (wie sie wenigstens früher waren) mit ihrer Neigung zur Dialektik, zum Geistreichtun und Parodieren, wie er hinwiederum einen poetischen Glanz über das Gemälde verbreitet hat, der es verrät, daß er Platos Symposion nicht umsonst gelesen hatte. Der Schauplatz ist ein früher vielbesuchtes Wirtshaus in Tübingen. Cäruleus ist Kurz selbst, der als Student den Cerevisnamen des »Blauen« oder des »blauen Genies« geführt hat. »Ruwald« ist Rudolf Kausler, einer der Lebensfreunde des Dichters und selbst als Poet und Kritiker tätig; seine Mutter wohnte in Winnenden, worauf das letzte Gedicht anspielt. Der »Ostjäcke« ist der fruchtbare Übersetzer Friedrich Gottlob Finck, der Altersgenosse von Kurz. Nicht das kleinste Interesse erregt aber die Erzählung auch noch dadurch, daß hier wohl zum erstenmal auf den unvergleichlichen Wert der Poesie Mörikes hingewiesen ist, mit dem noch für lange, wenn man will für immer richtigen Zusatz: »Es werden außer uns nicht viele sein, die den reichen Lorbeer auf dem Haupte dieses Dichters schauen.« »Die beiden Tubus« hat erst Heyse so betitelt. Ursprünglich stand die Novelle im zweiten Bande der »Erzählungen« (1859) hinter dem sechsten Buch der »Denk- und Glaubwürdigkeiten«, unter dem Titel »Zwischen dem sechsten und siebenten Buch. Ein Roman.« Heyse als entzückter Verehrer der Erzählung wollte sie seinem »Novellenschatz« einverleiben. Dazu sollte sie aber nach Kurz' Meinung einen anderen Schluß bekommen. So, wie sie hinter den »Denkwürdigkeiten« stand, war weiter erzählt erstens, wie Wilhelm in das Seminar Maulbronn kommt, und zweitens, wie schließlich die Feindschaft der Väter gesühnt wird durch das Liebesbündnis zwischen ihm und Eduards Schwester. Der zweite Schlußteil, in seiner parodistischen philisterhaften Sentimentalität unübertrefflich, stimmte vollkommen zum Ton des Ganzen; dagegen hatten die Schilderungen aus Maulbronn nur einen Sinn als Fortsetzung der Denkwürdigkeiten. Kurz mühte sich wieder und wieder, einen anderen Schluß zu finden, und ist darüber weggestorben. Heyse hat dann die Erzählung ohne den Schluß gegeben im achtzehnten Bande des Novellenschatzes, dem letzten, der noch Kurz' Namen mit trug. Sie ist in dieser Form vollkommen befriedigend und wird deshalb hier ebenso gegeben, ohne den alten, von Kurz selbst verworfenen Schluß. Die Novelle ist eines der ausgezeichnetsten Muster parodistischer Erzählung, jener Gattung, welche schon das Altertum in Gedichten wie die pseudo-homerische Batrachomyomachie hervorgebracht hat und welche durch den absichtlichen Widerspruch zwischen ernst-feierlichem Ton und niedrigem Inhalt komisch wirkt. Zugleich aber auch hier ein gesättigter Realismus, eine genaue Kenntnis der Menschentypen und des Bodens, auf dem sie gewachsen sind. Irgendwelche bestimmte Personen oder Lokalitäten dahinter zu suchen, wäre vergeblich. Genug, daß die kleinen Schwächen eines bestimmten lokalen Kulturzustandes ganz meisterhaft getroffen sind. Die eigenartige Welt der württembergischen Pfarrersexistenzen ist öfters Gegenstand humoristischer Zeichnung gewesen; nirgends einer so geistreichen wie hier. Das Wirtshaus gegenüber. »Und wie sich auch der Most absurd gebärdet, Er gibt zuletzt doch noch'n Wein!« »Sehen Sie nur, Jungfer,« rief das Mädchen der jungen Emilie zu: »Sehen Sie, da ist er schon wieder und sitzt hinter seinem Glase Wein! Ach, es ist doch jammerschade, daß so ein bildhübscher junger Mensch ein solcher Taugenichts ist.« »Laß mich zufrieden, Gundel,« sagte Emilie, »was geht mich der Trunkenbold an! Ich glaube gar, du meinst am Ende, ich bekümmere mich etwas um ihn. Was trinkt er denn?« – Mit diesen Worten stand sie vom Nähtischchen auf, legte ihre Arbeit beiseite und trat hinter ihr Mädchen ans Fenster, »Wein trinkt er,« sagte diese, »und keinen schlechten, wie mir vorkommt; ja, der ist ein Kenner, ich wette, der trinkt keinen Fünfunddreißiger; sehen Sie nur einmal, wie er in sein Glas blickt! Vielleicht meint er, es liege ein köstlicher Schatz in seinem Grunde: haha, der ist ein Seitenstück zu Schillers Taucher!« »Du bist ja recht gelehrt,« bemerkte Fräulein Emilie. »Ja, unsereins hat auch was gelesen,« versetzte Gundel, »aber warum trinkt er denn nicht? Ich glaube, er hat ein wenig herübergesehen, ist es Ihnen nicht auch so vorgekommen?« »Nein.« »Sehen Sie nur, wie er auf einmal so rot wird! Wahrscheinlich schämt er sich vor uns, daß wir ihn über seinem schlechten Lebenswandel ertappt haben.« »Der schämt sich nicht, sonst ginge er nicht so viel ins Wirtshaus. Was wird's weiter sein? Der Wein ist ihm in den Kopf gestiegen und macht ihm das Gesicht so rot.« »Ja, ja,« sagte Gundel, »der ist gründlich, zuerst kostet er den Wein mit der Nase, und trinkt ihn erst, wenn er schon einen halben Dusel hat; der ist einer von den Schmeckern. Wissen Sie, der Weinhändler Zäpflein, der gewöhnlich nach Tische zu uns kommt, sagte neulich, so müsse man den Vierunddreißiger trinken, wenn man ihn mit Verstand trinken wolle. Und Herr Zäpflein versteht's: man darf nur sein weingrünes Gesicht ansehen.« »Komm, Gundel,« rief Emilie und zog die Magd vom Fenster weg, »komm und laß uns wieder an die Arbeit gehen. Der Mensch da drüben ist nicht wert, daß man einen Blick an ihn verschwendet; und wenn dich die Leute beständig am Fenster sehen, so glauben sie zuletzt, du habest etwas auf dem Herzen.« »Gegen den Schreiber? Ach gehen Sie, wer wird das glauben?« Emilie hatte sich eben wieder an ihr Tischchen gesetzt; sie stand auf und entgegnete heftig: »Ich hab' es dir schon oft gesagt, er ist kein Schreiber, er ist ein Student, so gut wie jeder andere.« »Er ist aber eben doch Schreiber beim Oberamtsgericht.« »Jawohl, aber er studiert daneben und hört Kollegia bei den Professoren –« »Und lebt so schlimm wie die anderen Studenten,« fügte Gundel hinzu. »Ja, das muß man ihm lassen, in diesem Punkte gibt er ihnen nichts nach. Ach, der Vierunddreißiger wird noch manches Muttersöhnchen ins Verderben führen.« »Den wollt' ich ihm noch verzeihen,« sagte Emilie, »er findet nun eben einmal Geschmack daran: aber wenn er nur nicht schon vormittags ins Wirtshaus ginge. Jetzt ist's erst halb elf Uhr: das kann kein guter Mensch tun, das ist unverzeihlich, das ist geradezu liederlich.« »Jetzt wird drüben wieder gesungen,« fiel Gundel ein, »aha, jetzt ist wieder die ganze saubere Gesellschaft beieinander.« Sie trat ans Fenster und fuhr fort: »Da sitzen sie bereits hinter den vollen Flaschen, wie kann man nur die Gabe Gottes so mißbrauchen? Ihr Rädelsführer ist auch dabei, der hantiert immer am ärgsten; ich glaube, er hat sie alle verführt, daß sie nach seiner Pfeife tanzen müssen. Wie heißt er doch nur? Ich kann den wunderlichen Namen mein Tage nicht behalten, Jungfer Emilie, wie heißt der Student, der die längsten Haare und die längsten Beine auf der ganzen Universität hat?« »Schweig still von dem,« sagte Emilie verdrießlich, »ich will nichts von ihm hören, es ist ein bösartiger Mensch, der allein klug zu sein glaubt und jedermann für die Zielscheibe seines Witzes hält. Er meint wunder wie gebildet er sei, und hat doch keinen Funken guter Lebensart.« »Nicht wahr? das ist derselbe, der von Ihnen gesagt hat –« »Sei still von dem häßlichen Menschen. Was brauchst du zu wissen, was er von mir gesagt hat.« »Sie sind heute nicht in der besten Laune.« »So warte, bis ich in besserer bin.« »Hu, das ist ein wildes Lied, und sie singen, daß es einem durch Mark und Bein geht. Ich möchte nur auch die Worte davon verstehen.« »Pfui, Gundel, schäme dich, daß du an solche Sachen denkst! Was wird's weiter sein als ein unartiges Lied, wie sie nur zu viele haben. – Ich möchte nur wissen, wie sie den in ihre Gesellschaft gelockt haben.« »Wen?« »Nun, den andern.« »Welchen andern?« »Ach, du verstehst mich wohl; was hast du denn wieder?« »Ja so, den Schreiber.« »Ich sage dir aber,« fuhr Emilie auf, »er ist kein Schreiber.« »Ach, ich bitte um Verzeihung. – Vorhin aber saß er nicht bei den anderen.« »Sieh doch einmal, ob er noch da ist; es wäre gottvergessen von ihm.« »Freilich ist er noch da,« rief Gundel boshaft, indem sie wieder aus dem Fenster sah, »bei den anderen sitzt er nicht, aber er befindet sich in einer noch viel besseren Gesellschaft und unterhält sich aufs angenehmste; sehen Sie nur.« Emilie trat neugierig ans Fenster, fuhr aber sogleich mit dem höchsten Unwillen wieder zurück und rief: »Wie? Mit der Kellnerin amüsiert er sich!« »Ja,« sagte Gundel lachend, »und er muß ihr eben was Hübsches gesagt haben, denn sie beugt sich ganz vertraulich zu ihm herab; kommen Sie doch! Das Ding sieht aus wie zum Malen.« – »Ich mag nicht,« erwiderte Emilie mit erzwungener Fassung, »ich würde mich schämen so etwas mit anzusehen, und du, geh du auch vom Fenster weg und genier ihn nicht, Gundel,« fing sie auf einmal gebieterisch an, »ich muß diesen Kragen heute noch fertig bringen; geh sogleich zu dem Musiklehrer und sag ihm, ich brauche ihn heute nicht, oder vielmehr sag, ich lasse mich gehorsamst empfehlen und ihn bitten, sich heute nicht zu mir zu bemühen. Geh!« – Gundel gehorchte und verlieh das Zimmer mit schadenfrohem Lächeln. Als sie das Mädchen auf dem Weg nach dem entlegenen Hause wußte, warf Emilie ihre Arbeit weg, die mühsam verhaltenen Tränen brachen ihr in Strömen aus den Augen, sie legte ihr Haupt auf das Tischchen und rief einmal übers andere: »O der unwürdige Mensch!« – Um die Ursache ihres Kummers näher kennen zu lernen, müssen wir die Weinende verlassen und mit den Fröhlichen fröhlich sein. Paul, der studierende Schreiber, der bei seinem schönen Gegenüber in so schlechtem Rufe stand, saß an einem der vielen kleinen Wirtstischchen in dem geräumigen Zimmer und schaute träumend in das mäßige Weinglas, das er sich hatte reichen lassen. Er war nicht wie andere Studenten locker und lustig gekleidet, sondern trug einen anständigen bürgerlichen Überrock, sein Hals barg sich in einer strengen Krawatte und auf seinem blühenden Gesichte ruhte jenes schätzbare Etwas, welches man auf Universitäten mit dem Namen Solidität zu bezeichnen pflegt. Was bewog denn nun aber den löblichen Jüngling, seit geraumer Zeit fast jeden Vormittag dieses Wirtshaus zu besuchen, und zwar in der Stunde von zehn bis elf Uhr, wo Herr Dr. Krummfalter, der gelehrteste Professor auf der ganzen Akademie, über die Novellen las, aber nicht über die des Boccaccio oder Cervantes, sondern über die Novellen des Corpus juris! Nun, daß er zu dieser Stunde kam, ist sehr erklärlich, denn er mußte die Zeit, die er nicht auf die Kollegien verwendete, bei seinem Patron, dem Oberamtsrichter, in unablässiger Tätigkeit zubringen, und konnte seinen Geschmack für das Wirtshausgehen auf keine andere Weise befriedigen, als indem er Unterschleif mit seinen Kollegien trieb; daß diese just in die Vormittagsstunden fielen, mußte freilich dazu beitragen, seinem lasterhaften Hang eine noch viel grellere Farbe zu geben. Aber warum geht er überhaupt ins Wirtshaus? Ist er, wie Gundel vermutet hat, einer jener inkorrigibeln Weinschmecker, die vom frühen Morgen bis an den späten Abend im Zuge bleiben und mit ihren halben Schöppchen nach Art der Sekundenzeiger in kleinen Dimensionen, aber mit reißender Schnelligkeit vorrücken? Zwar bemerken wir bei ihm zuvörderst das Hauptkennzeichen dieser Gattung: er hat ein halbes Schöppchen vor sich stehen, aber dies überführt ihn noch nicht, der ganze übrige Charakter eines Weinschmeckers geht ihm ab. Er ist jung und entbehrt somit zwei wesentlicher Eigenschaften, der Erfahrung und der Langsamkeit im Genüsse; was weiß die Jugend jenes köstliche Naß zu schätzen und »mit Verstand« zu schlürfen? Sie stürzt es mit heroischen Zügen hinunter, daß es ihr gleich wieder in lichten Flammen zum Kopf herausschlägt: ein Schmecker wird sich nie berauschen, höchstens, wenn der Tag sich neigt, hat er einen Haarbeutel, und während es in einer solchen Epoche bei der Jugend »rauschet und brauset«, so wird dagegen der Schmecker immer stiller und sinniger, eine kabbalistische Weisheit bemächtigt sich seiner, er sieht der Schönheit der Welt bis in die verborgensten Nerven und Adern, eine Tiefe der Erkenntnis geht ihm auf, die er vor dem unheiligen Laien mit priesterlichem Stolze zu verbergen bemüht ist, die nur ein Eingeweihter aus seinem feinen Lächeln lesen kann. Diese fromme Behaglichkeit, womit der Schmecker seinen Schöpfer preist, ist nicht in dem Gesicht unseres Helden zu finden, aber ein noch bedeutenderer Mangel beweist uns, wie oberflächlich die Beobachtung war, welche die beiden Mädchen angestellt haben: die Blüte seines Gesichts ist die unbefangene, verdienstlose Blüte der Jugend und Gesundheit; wie kann man sie verwechseln mit jener glühenden Farbenpracht eines Schmeckerantlitzes, wo der Wein aus dem üppigen Boden, den er vermöge seiner schaffenden Kraft im Innern angesetzt hat, eine zweite und schönere Nebenblüte emportreibt, eine vollständigere, welche die ganze unterirdische Verwandtschaft des Weinstocks, den königlichen Stamm der Metalle und Edelsteine vielgestaltig in sich aufgenommen hat! Was ist die tatenlose Schönheit eines jugendlichen Gesichtes gegen diesen Reichtum einer durchgearbeiteten Bildung, woraus alle Geheimnisse eines begeisterten Naturkultus blendend und tiefsinnig hervorfunkeln? Nur ein unwissendes Mädchen kann einem jungen Menschen den Rang eines Weinschmeckers erteilen. Ich kenne den Weinschmecker, denn ich habe ihn studiert, und zwar an einem seltenen Exemplar. Es war ein Wirt, bei dem ich in heiterer Gesellschaft manche gute Stunde zugebracht habe. Übrigens wich er von dem hier gegebenen Bild in etwas ab, nämlich sein Kultus war nicht reiner und ausschließlicher Naturkultus, sondern spielte auf das Gebiet des sittlichen Geistes hinüber. Ich habe nie gesehen, daß er sich ganz nur um des Genusses willen in den Genuß vertiefte, sondern seine Libationen waren vielmehr immer das Akkompagnement zu dem Text der Tagesgeschichte. Wenn einer aus der Gesellschaft einen lustigen Einfall vorbrachte oder wenn es überhaupt lebhaft herging, wenn eine schlagende Anekdote erzählt wurde, so pflegte er immer das Siegel darauf zu drücken, indem er seiner Kellnerin rief: »Rickchen, jetzt bring mir ein halbes Schöppchen!« Aber er war zu ehrenhaft, um sich dies bloß von Fremden verdienen zu lassen, er legte selbst Hand an und erzählte eine Anekdote, eine einzige, aber einen Löwen, nur mit dem Unterschiede, daß eine Löwin jährlich einmal ein Junges bringt, er aber den seinen wöchentlich zwei bis dreimal warf: er versteckte nämlich seine gewaltigste Leidenschaft, die Todesfurcht, dahinter und erzählte mit vielem Humor von einem Sterbenden, der seinen Arzt im letzten Augenblicke gefragt habe, ob er das Sterben wohl auch ohne Gefahr durchmachen werde. Wenn diese Erzählung die gewöhnliche Wirkung getan hatte, so pflegte er befriedigt um sich zu blicken und zu rufen: »Rickchen, jetzt bring mir ein halbes Schöppchen!« Ohne eine sittliche Einleitung geschah dies nie: wenn die Gesellschaft nicht im Zuge war, wenn nichts vorfiel, nicht einmal etwas, woran er seine Anekdote hätte anknüpfen können, wenn, wie man zu sagen pflegt, ein Engel durchs Zimmer ging, so hielt er sich an diesem stillen Ereignis fest und rief: »Nun, es ist ja eins! Rickchen, jetzt bring mir einmal ein halbes Schöppchen!« Aber nur die Einleitung ging von diesem historischen Boden aus: sobald er sein »halbes Schöppchen« vor sich hatte, nahm er einen feinen Blick an, verlor sich in das unergründlich mystische Naturleben, das ich oben geschildert habe, und ließ uns junges Volk unbekümmert schalten bis er wieder einer neuen Einleitung bedurfte. Also, um auf unseren Helden zurückzukommen, ein Weinschmecker ist er nicht. Er ist aber auch kein Säufer, denn er hat bis, jetzt nur ein einziges Mal, und wie es schien mit Widerstreben, aus seinem Glase genippt. Was ist er denn? Nenne mir, Muse, den Mann, den vormittags ins Wirtshaus Verschlagnen! Sollte er ein geheimer Emissär einer Weinverbesserungsgesellschaft sein? Sehr zweifelhaft! Zwar wär' es möglich, daß ihm der Wein nicht mundete und er eben auf einen schlimmen Bericht an seine Kommittenten sänne, aber der Wein ist gut, wie ich gewiß weiß, und was wird eine Weinverbesserungsgesellschaft einen solchen Kieckindiewelt als Agenten ausschicken? Die hat ihre Schmecker zur Hand und benützt sie, wie man Affen benützt, um die Kastanien aus dem Feuer zu langen, – Also keine von all diesen Vermutungen ist stichhaltig gewesen: der rätselhafte Jüngling sitzt noch immer da, schaut sinnend in das Glas, das nicht leerer werden will, und gibt keine Antwort auf unser akademisches Dic cur hic Ich würde der schönen Leserin, aus Furcht, er möchte bei ihr wie bei Emilien in Mißkredit kommen, das ganze Geheimnis seines Hierseins im voraus anvertrauen, aber ich sehe, sie hat es aus einem einzigen schüchternen Seitenblick von ihm bereits erraten, während der geneigte Leser immer noch im unklaren ist, den Helden von allen Seiten vergebens umgeht und sich in einem Labyrinthe von Vermutungen verirrt. Aber das leise Geflüster der Mutmaßungen verstummt vor dem Geräusche, das sich jetzt erhebt. Die Türe flog krachend auf und herein brauste eine wilde Studentenschar, die gierig, wie eine Herde Geier über ein Aas herfällt, sich der alsbald herbeigebrachten Weinflaschen bemächtigte. »O Katzenjammer!« rief einer und sogleich wurde auf den Vorschlag eines anderen dieser Schattenseite des Studentenlebens ein Pereat gebracht. »Wie steht's?« fragte einer den andern, und nun ertönten die bittersten Klagen darüber, daß Freud und Leid im menschlichen Dasein so verschwistert seien. »Als ich diesen Morgen erwachte,« sagte einer, »hatte ich ein Gefühl, als ob ich ein pelziger Rettich wäre.« »Und ich,« sagte ein anderer, »war wie ein eingeschlafener Fuß, und bedurfte meiner ganzen moralischen Kraft, um endlich aus dem Bett und in die Kleider zu kommen.« Ein dritter erzählte: »Mir hat es diese Nacht geträumt, ich sei in der Hölle; zwei Teufel mit unendlichen Schwänzen führten mich vor den Rhadamant, der mich grimmig ansah. »Abscheulicher Säufer«, sprach er, »geh hin und empfange die Strafe, welche diesem Laster bestimmt ist!« Hierauf schleppten mich meine zwei schwarzen Schergen fort, ich schrie und sträubte mich, denn ich glaubte, man werde mich ins Feuer werfen; aber wie war mir, als sie mich in ein ungeheueres Wirtszimmer brachten! Lange Tische und Bänke standen unübersehbar umher: die Teufel banden mich an eine Bank fest und stellten einen großen Humpen vor mich hin. »Soll das meine Strafe sein?« rief ich lachend, »wartet, ich will euch gleich beweisen wie zerknirscht ich bin!« Ich hob den Humpen mit Mühe und tat einen guten Zug: das Ding sah aus wie Wein, hatte aber gar keinen Geschmack. Auf einmal, da ich kaum den Humpen abgesetzt hatte, fühlte ich einen heftigen Durst und mußte wieder trinken, aber je mehr ich trank, desto durstiger wurde ich, so daß ich den Humpen aus Verzweiflung mit einem Zuge leeren wollte, obgleich er fast ein halbes Imi zu enthalten schien. Doch meine Anstrengung war vergeblich: ich mochte trinken so viel ich wollte, das Getränke nahm gar nicht ab, der Humpen blieb so voll wie zuvor. Dagegen wurde mein Durst immer größer, es war mir heiß und schwül, daß ich zu vergehen meinte. Einer der beiden Teufel fächelte mir aus Mitleid mit seinem Schweif einige Kühlung zu, aber auf einen Wink des anderen unterließ er es wieder; endlich gingen sie fort und ließen mich allein. Nun merkte ich erst wie unheimlich mein Aufenthalt war: das lange Zimmer, die dunkelgrünen Wände, die leeren Tische! Es ist nirgends unangenehmer, als in einem leeren Wirtszimmer, und ich war so ganz allein. Ich wäre froh gewesen, wenn die beiden Teufel wiedergekommen wären, ich sehnte mich mit einer wahren Freundschaft nach ihnen und dachte in meiner Herablassung: der Teufel ist auch ein Mensch – so zu sagen. Zum Zeitvertreib fing ich an alle Trinklieder zu singen die mir einfielen, aber ich war heiser und die Zunge versagte mir den Dienst. Es war ein abscheulicher Zustand, der eine ganze Ewigkeit dauerte. Ich danke Gott, daß ich zuletzt erwachte und meinen unsinnigen Durst mit einer Flasche Bier löschen konnte, die ich gestern abend aus Instinkt mit heimgenommen und unters Bett gestellt hatte.« Während alle lachten, trat noch einer ins Zimmer, den wir an der Länge seiner Haare und Beine sogleich für das grand mauvais sujet erkennen, von dem die beiden Mädchen vorhin sprachen. »Guten Morgen, Ruwald!« riefen alle zusammen, »guten Morgen! Wie steht's mit dir, du Erznebelkappe?« Der Angeredete zuckte die Achseln und seufzte: »O Freunde! ›der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.‹« »Ho,« riefen die andern, »da seh einer den Philosophen! Wir haben's doch nur jeder mit sich selbst zu tun, aber er fühlt sich gleich berufen, die Schmerzen der ganzen Welt zu tragen.« »Und mit Recht!« erwiderte Ruwald, »hat mich doch gleich beim Aufwachen meine eigene Infirmität an die eurige erinnert, und um unser aller Elend zu mildern und erträglicher zu machen, hab' ich sogleich ein Lied verfaßt.« Nicht für mich allein, Nicht für dich allein, Nein, für uns alle. »Also ein Katzenjammerlied?« »Ja, es trägt das Motto von dem großen Dichter: ›Perser nennen's Bidamag buden, Deutsche sagen Katzenjammer.‹ »Ein Katzenjammerlied!« riefen alle, »holla, ein Katzenjammerlied! Silentium, ad loca! Gib's preis, Ruwald, gib's preis!« »Wenn ihr schon im voraus einen solchen Lärmen macht, so könntet ihr den Autor beinah verschüchtern, denn bedenkt: »Ein Jammernder hat es geschrieben, Und Jammervolle singen's auch.« »Singen?« riefen die andern, »also kann man's gleich singen? Nach welcher Melodie?« »Nun, nach der bekannten, in welcher wir alle unsere selbstgedichteten Lieder abzusingen pflegen: – ›Katone, Katone bezwingt der Liebe Macht.‹« »Nun, so fang an.« »Halt, zuvor muß ich eine Stärkung zu mir nehmen!« – Er trank dem nächsten besten sein Glas aus, schob sich die Locken aus dem Gesicht, und wandte sich noch einmal herum. »Aber gebt Achtung, daß ihr auch mit Anstand in den Chorus einfallt! Ein Gedicht mag so gering sein, als es will, in Gegenwart des Poeten muß es honett behandelt werden.« »Sei ohne Sorgen, Ruwald, fang an!« Er strich sich die Locken noch einmal aus dem Gesicht, räusperte sich und sang: Ein Haar von der Katze, Die dich gebissen hat, Eine Kralle von der Tatze, Die dich gerissen hat, Das nimm am frühen Morgen, Zu stillen deine Sorgen, Sei es nun Bier oder Schnaps oder Wein, Nimm es zum Morgensegen ein. Bomieren, Bomieren, Ist revolutionär! Man tut sich mit blamieren Und hat davon keine Ehr! Statt revolutionieren Ist nun das Reformieren Sache des Zeitgeists, des Geschmacks, der Politik: Bleibe nicht hinter dem Zeitgeist zurück! Ein mildes Reformieren Acht' für die beste Kur, Und still' mit sauren Nieren Die seufzende Kreatur: Ein wohlgesalzner Harung Ist auch kein' üble Nahrung, Milcher und Roger sei gleich ästimiert, Wenn er den Magen nur restauriert! Dann gehst du wieder mutig Zu Leib dem falschen Trank, Der dich geliefert blutig Nächt auf die Marterbank. Ein Haar von jener Katze, Eine Kralle von jener Tatze, Sei es nun Bier oder Schnaps oder Wein, Nimm es zum Morgensegen ein! Kaum hatte der Chor ausgesungen, so erhob sich ein allgemeines Klatschen und ein Bravo! Da capo! Rufen. Dies war übrigens keineswegs ein Beweis von speziellem Beifall, sondern ein altherkömmlicher Brauch in dieser Gesellschaft, den Ruwald eingeführt hatte: »Ein Poet,« pflegte er zu sagen, »muß Aufmunterung haben!« Und demzufolge wurde jedes Gedicht in diesem Kreise applaudiert; es war, sozusagen, der offizielle Empfang, der ihm zuteil werden mußte, und hinderte nicht im mindesten die Äußerungen von Mißlieben oder Spott, welche sich gleich darauf geltend machen wollten. Der Beifall war noch nicht ganz verraucht, als ein schmächtiger Jüngling mit einem kleinen blonden Schnurrbart, den die anderen seiner von blauen Schnupftüchern stets gefärbten Nase wegen Cäruleus nannten, sich erhob und sagte: »Dieses jammervolle Gedicht hebt die materiellen Interessen mit vieler Sachkenntnis hervor und verdient nach dieser Seite sehr belobt zu werden, ja, man möchte den Verfasser aufmuntern, sämtliche Küchenrezepte in kulante Verse zu bringen, wofür, namentlich wenn er hie und da noch ein Sentiment einfließen ließe, die Frauenzimmer ihm gewiß sehr dankbar sein würden. Auch unsern Dank verdient er, um so mehr, als er dieses Lied in einem Zustand anzufertigen sich bemüht hat, in dem der Mensch gewöhnlich nur zu Elegien und Klageliedern, worin Käuzchen krächzen und melancholische Heimchen zirpsen, aufgelegt ist. Eben deshalb kann aber auch nicht der strengste Maßstab an seine Produktion angelegt werden und die Kritik verstummt – aus pathologischen Rücksichten« Ruwald wurde ausgelacht und lachte mit. »Also an einem ideellen Teile hat es bei mir gefehlt,« sagte er, »und ich gestehe, der Katzenjammer ist eine so interessante Erscheinung, daß er von allen Seiten beleuchtet zu werden verdient. Wir wollen demnach das Fehlende nachholen und ich verbinde hiemit einen Antrag, den ich schon längst zu stellen im Sinne hatte. Von jeher hab' ich die alten Griechen vorzüglich in einem Punkte bewundert und auch beneidet, nämlich wegen der schönen Reden, die bei ihren geselligen Zusammenkünften gehalten wurden. In jener genialen Zeit, in die uns Platos Symposion zurückführt, war es die Pflicht jedes Gastes und zugleich seine Ehre, durch einen zusammenhängenden Vortrag auf heitere Weise die Tischgenossen zum Denken anzuregen; bei solchen Anlässen hat Sokrates seine Lehrweisheit entwickelt, der geistreiche Aristophanes unter leichten Scherzen tiefsinnige Philosopheme verborgen. Damals war jeder Gast ein Redner, durch die Einladung zu einem solchen Mahle war er als aufgenommen in die Aristokratie des Geistes, des Geschmacks, der Bildung erklärt. Später, und wenn unbedeutendere Sprechtalente miteinander schmausten, mußte wenigstens einer zugegen sein, der der Gesellschaft zugleich einen geistigen Genuß gewährte; man lud einen solchen ausdrücklich zu diesem Zweck an die Tafel und wenn sich gar zwei zusammenfanden, die durch Kontrovers-Reden dem Denkstoff vielfache Formen und verschiedene Wendungen zu geben wußten, so war das Hauptbedürfnis einer gebildeten Tischgenossenschaft befriedigt. Auch die Römer, wenn ich nicht irre (denn ihr habt mich nie einen Gelehrten zu schelten Ursache gehabt), ahmten diese Sitte nach. Wer keinen Cicero, keinen Horaz einladen konnte, zog einen Rhetor zu Tische, der um einer guten Mahlzeit willen Lunge und Logik gern in Atem setzte; denn es muß in Rom mehr arme Magister gegeben haben als in Leipzig. In den mittelalterlichen Refektorien wurden zu jeder Mahlzeit Gebete oder Legenden oder Psalmen vorgelesen, an den weltlichen Höfen war der Gesang, der zwar dem Altertum auch nicht ganz fehlte, aber in seiner eigentümlichen und eigentlichen Entwicklung ein Kind des germanischen Geistes ist, die Würze der leiblichen Genüsse. Daß er aber zuweilen über seine lyrische Natur hinaus nach jener antiken Form der Tafelreden zurückstrebte, davon gibt uns der Sängerkrieg auf der Wartburg einen interessanten Beweis. Bei dem Übergang des Mittelalters in die neuere Zeit emanzipierte sich die Rede von der Tafel und wurde zur Disputation, welche, obgleich sie sich von jener leiblichen Seite nicht ganz befreien konnte, obgleich die Kämpfer nach geschlossener Arena zu den besetzten Tischen und gefüllten Pokalen eilten, doch durch diese Trennung von ihrem wahren Wesen degeneriert und eben darum so trocken geworden ist. Wir haben hier, meine Freunde, eine jener Epochen in der Geschichte, wo man zuversichtlich von einem Rückschritt reden darf. Wie das rhetorische Element, so wäre auch das konvivialische bei dieser Katastrophe zu kurz gekommen, wenn es sich nicht einen reichhaltigen Ersatz geschaffen hätte in dem nationalen Institute der Hofnarren. In der Geschichte dieses Ordens stoßen wir auf eine Periode, welche eine bedeutende Ähnlichkeit mit den antiken Tafelunterhaltungen darbietet. Bekanntlich oder unbekanntlich –« Hier applaudierte die Gesellschaft. »– waren die Hofnarren gelehrte und zum Teil sehr achtungswerte Männer und wurden dazu benutzt, durch wissenschaftliche Vorträge, namentlich mit ihren großen historischen Kenntnissen den speisenden Hof zu unterrichten. Manchmal wurden auch zwei oder mehrere zusammengeladen, um sich in ihren Ansichten zu unterstützen oder zu berichtigen, und hier setzte das Institut seine wissenschaftliche Würde freilich oft nur gar zu sehr auf das Spiel, denn der Becher der Gelehrsamkeit hat mehr als jeder andere seine Hefe und seinen Schaum; jene, ist der Neid, dieser die Eitelkeit. So geschah es, daß diese Gespräche der Hofgelehrten oder Hofnarren meist, je nach den verschiedenen Tiergattungen, welche sich in den Charakteren der Menschen aufhalten, in englische Hahnenkämpfe oder spanische Stiergefechte ausarteten. Sie wurden ganz zu einer rohen Belustigung der Höfe, denen es nach der damaligen Weise nicht um die Ansicht, sondern um den Spaß zu tun war, und freilich bot auch die Ansicht, die Ausgeburt einer geistlosen Wissenschaftlichkeit so wenig Erquickliches dar, daß wir es den Großen nicht verargen können, daß sie mehr Befriedigung darin fanden, solch grundgelehrtes Kunstvieh gegeneinander zu hetzen und vor Lust zu jubeln, wenn die Bosheit der Kämpfer, welche trotz des Bewußtseins, daß sie nur zum Gespötte da seien, dennoch keinen Fußbreit weichen wollten und recht eigentlich vom Satan in den Kampf geritten wurden, auf eine unglaubliche Höhe stieg und der Streit natürlich nur noch zugunsten desjenigen entschieden werden konnte, der seinen Gegner am dicksten mit Kot zu bedienen imstande war. Aber auch dieser ganz ausgearteten Form der konvivialischen Rhetorik lag doch immer noch ihr Ursprung, das geistige Bedürfnis, wenn auch noch so sehr entstellt, zugrunde, und eine bessere Zeit würde sie aufs tüchtigste reformiert haben, wenn sie sie noch vorgefunden hätte. Denn jetzt brach plötzlich die Periode der Prüderie und Perückenhaftigkeit herein, die Hanswurste mußten von Thron und Bühne fliehen, die Hofnarren verwandelten sich in Hofräte, und Gottsched, in seiner allegorischen Bedeutung dem ewigen Juden und dem alten Nicolai, dem Prinzip der deutschen Kritik, vergleichbar, bemächtigte sich des Jahrhunderts. Werfen wir einen Schleier über jene Zeit! Ihr Bann ist längst gebrochen, der hochherzige Kämpe von Weimar hat das gefangene Dornröschen befreit, und nur hie und da schnurrt noch eine erfolglose Spindel auf dem Boden des deutschen Papiers umher. Diese literarische Revolution hat alle Kreise des Lebens durchdrungen; auch der Gegenstand, von dem hier die Rede ist, das Gebiet der Tafelunterhaltung, gewann dadurch einen neuen Schwung. Die Konversation bei Tische ist freier und belebter geworden, das Zusprechen und Nötigen hat aufgehört, es ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine liberale Freßfreiheit eingetreten, und die Gäste, welche nicht mehr vor der Ehre des Opfertodes beben dürfen, haben nun einen größeren Spielraum für den Geist und seine Bedürfnisse. Aber die Kunst, diese zu befriedigen, ist noch nicht ganz zu ihrer Reife gediehen. Witze und Anekdoten, die ich das kleine Backwerk der Konversation nennen möchte, sind, wenn sie ihrem Begriff entsprechen, zu leicht und zu schaumig, um sättigen zu können; daher bleibt nach geendeter Mahlzeit immer ein unbefriedigtes Etwas zurück: man darf nur die Gäste betrachten, wenn sie von der Tafel aufstehen, sie sind verlegen, halb verdrießlich, sie wissen nicht, wo es ihnen fehlt, nicht, was sie einander sagen sollen, in ihren Augen schwimmt eine gewisse schmerzliche Sehnsucht, und dies ist nichts anderes als der Hunger nach einer soliden geistigen Kost. Unsre Nachbarn über dem Kanal, die in so manchen Beziehungen vor den übrigen europäischen Völkern voraus sind, haben auch hierin sehr viel getan: bei ihnen vergeht kein Mahl, wo nicht von den bedeutendsten Gästen – und zwar, was als ein Fortschritt gegen das Altertum rühmlichst hervorzuheben ist, mit dem Pokal in der Hand – Reden gehalten werden; aber in diesen Reden ist nur von der Politik die Rede, und wenn unser jovialer Freund Röthling, der nun leider, unserm Kreis entrissen, in der Einsamkeit und im Schatten seines Vikariats sich grämt, wenn dieser zu sagen pflegte: ›Sprecht mir von allen Schrecken des Gewissens, Von einigen aber sprecht mir nicht!‹ so hat er gewiß unter diesen rätselhaften ›einigen‹ auch die Politik verstanden. So wollen wir denn nun, meine Freunde, diese subjektive Einseitigkeit zur geistigen Allgemeinheit erheben, von den Engländern das Beispiel, von der antiken Welt die Form nehmen und in Zukunft jede unserer geselligen Zusammenkünfte mit solennen Reden würzen. Wie ich sehe, so hab' ich selbst bereits dieses Beispiel gegeben und einen, wie ich aus meinem Durste schließen kann, ziemlich langen Vortrag gehalten, dem ihr den begreiflich von den Gedichten auch auf die Reden überzutragenden Beifall nicht versagen werdet. Die Gesellschaft erhob ein heftiges Beifallsgeschrei, worauf Ruwald fortfuhr: »Um also auf den unterbrochenen Gegenstand zurückzukommen, so ist meiner langen Rede kurzer Sinn – ›so viel Arbeit um ein Leichentuch!‹ würde Röthling hier sagen – daß die von mir übergangenen Seiten des Katzenjammers in einer förmlichen Rede herausgehoben werden und, in der Sprache des ehrwürdigen Dr. Baderer zu reden, ›sich herausstellen sollen‹. Gewiß geschieht es einstimmig im Sinne der edlen Versammlung, wenn ich das Amt, diese und überhaupt jede in Zukunft zu beliebende und schicklich zu findende Rede zu halten, unserem trefflichen Freunde Cäruleus übertrage. Er hat von uns allen unbestreitbar das beneidenswerteste Mundstück –« Cäruleus verneigte sich feierlich gegen ihn. »– und wenn irgend einer von uns verdient, dereinst als Geist einen neuen Beweis für die Unsterblichkeit zu liefern, so ist er es: seine Ansichten werden ihn im Grabe nicht schlafen lassen und er wird sich mehr wie einmal gedrungen fühlen, zu uns zu kommen und sie in ihrer ganzen Stärke und Gewichtigkeit uns mitzuteilen. Es versteht sich von selbst, daß jeder von uns, wenn der Geist über ihn kommt, berechtigt ist, sich vernehmen zu lassen, aber zum offiziellen und bei jedem Anlaß gerüsteten Redner ernenne ich hiemit, wenn niemand etwas dagegen zu erinnern hat, unsern verehrten Cäruleus.« »Fiat!« rief die Gesellschaft, »Piccolomini soll unser Sprecher sein!« »Ich nehme,« begann Cäruleus – »Du nimmst mir's nicht übel,« unterbrach ihn Ruwald, »wenn ich dich noch zu einem augenblicklichen Stillschweigen nötige. Ich habe nämlich mit dieser Ernennung noch eine andere zu verbinden. Freunde! wir müssen die vielen schätzbaren Eigenschaften unseres neuen Redners noch besser ausbeuten. Er hat besonders eine, die, gehörig entwickelt, uns recht fördersam und zugleich erheiternd werden kann, nämlich das Talent Hypothesen aufzustellen: es existiert in Geschichte und Leben nichts so Wunderbares und Abenteuerliches, dessen er sich nicht sogleich durch eine ebenso naupengeheuerliche Erklärung zu bemächtigen imstande wäre. Ich erinnere mich soeben: als ich gestern mit ihm spazieren ging, um vor dem Schmause, den wir dem abgeschiedenen Freunde Rubens gaben, noch etwas frische Luft zu schöpfen, kamen wir – der Himmel weiß wie – auf das Stillstehen der Sonne bei Gideon und dann auf den Irrtum der Alten Welt hinsichtlich der Sonne und Erde zu sprechen. ›Es ist doch seltsam‹ – sagte Cäruleus – ›daß die Gelehrten des klassischen Altertums, diese gründlichen, tiefsinnigen Geister, in einer Sache sich geirrt haben sollten, über die jetzt jeder Schulknabe im klaren ist; und sie besaßen doch eine Menge Entdeckungen und Geschicklichkeiten, die wir mit all unserem Scharfsinn und unserer vorgerückten Technik uns nicht mehr zu erwerben imstande sind. Sollten sie nicht mit jener Ansicht dennoch recht gehabt haben? Wäre es nicht möglich, daß in der antiken Welt die Erde stand und die Sonne sie umkreiste? Die ungeheure Revolution, durch welche dieses Verhältnis umgekehrt wurde, wäre dann in den Anfang unsrer Zeitrechnung zu setzen. Hier entstand eine ganz neue Welt, die mit der alten beinahe gar keine Verwandtschaft mehr hat, und da ein verjährter Glaube der Menschen den sittlichen Revolutionen auch physische zugesellt, so ist es sehr plausibel, daß zu jener Zeit, wo der Sonnengeist über den Erdgeist Meister wurde, auch der Sieg der Sonne über die Erde stattfand, daß die Sonne plötzlich sich ins Zentrum stellte und die Erde ihren Trabantenlauf begann. Hieraus wird noch ein anderer rätselhafter Zug in der Geschichte erklärlich: wie die Erde zu schweben und zu kreisen anfing, wurden die Menschen natürlich schwindlig und purzelten übereinander, von diesem Schwindelwesen blieb ein Rest in ihnen zurück, auch als sie von der eisten Purzelhaftigkeit geheilt waren; das Rollen des Bodens zog sie fort, der Geist der Bewegung fuhr ihnen in die Beine, eine Wanderlust kam über sie, wie sie in der antiken Welt nicht stattgefunden hatte, und das ist die Völkerwanderung. Hieraus würde zugleich hervorgehen, daß Pythagoras und seine Schüler, welche wegen ihres dem Kopernikanischen ziemlich anähnelnden Planetensystems jetzt gepriesen werden, au contraire im Irrtum waren.‹ – Nun frage ich billig, ob man einen Mann nicht ehren und preisen soll, der eine Ansicht von so nachdrücklicher Wichtigkeit für den Naturforscher wie für den Theologen aufstellt? Aber hier, glaube ich, steckt der Knoten: ich fürchte, die Wissenschaft wird um diese bedeutende Hypothese zu kurz kommen, wenn nicht einer von uns sich entschließt, Patenstelle bei derselben zu vertreten –« »Ich verbitte mir's,« rief Cäruleus. »– denn unser Freund, wie ich ihn kenne, wird der Orthodoxie nicht in die Hände arbeiten wollen, und diese bekäme einen mächtigen Vorschub, wenn wenigstens die Möglichkeit jenes alttestamentlichen Wunders dargetan würde. Er ist in diesem Punkt ein wenig geschossen, lassen wir jedoch dies auf sich beruhen: ich schließe hiemit und erteile ihm den Titel ›Gottlieb David Cäruleus, Doktor der wunderbaren Ansichten, Gesellschaftsredner und Privatdozent der Hypothesen.‹ – Sei ruhig, Cäruleus, sträube dich nicht, du Feind aller Staatsbürgerlichkeit! Es ist ein brotloses Amt, zu dem ich dich ernenne. Schnaube drum nicht so erbost mit deiner bläulichen Nase!« »Blitz, Sir John! Ich wollte, meine Nase säße Euch im Bauche!« rief Cäruleus ärgerlich in Bardolphs Ton. »Hu,« entgegnete Ruwald bedächtig, »da müßt' ich vor Blähungen umkommen. Schweifen wir jetzt aber nicht weiter ab: bequeme dich endlich an deine Rede zu gehen, guter Cäruleus.« »Wohlan,« sagte dieser, »ich bin euch für alle die edlen auf meinen Ehrenscheitel gehäuften Qualitäten sehr verbunden und will mich dabei herausziehen so gut ich kann. Zuerst hoffe ich meine hypothetische Würde so ziemlich behaupten zu können, werde übrigens jeden interessanten Beitrag von der Gesellschaft mit Dank annehmen, auch auf Verlangen honorieren; was sodann das mir übertragene rhetorische Amt betrifft, so will ich mich auch dagegen nicht sträuben, bitte mir aber das Recht aus nach jeder Rede einen Antrag stellen zu dürfen, den die Gesellschaft unbedingt anzunehmen hat.« »Daraus wird nichts,« fuhr einer dazwischen, der einen kolossalen Bart trug und wegen seiner vorderasiatischen Physiognomie von den andern der Ostjäcke genannt wurde. »Da kann nichts geschnupft werden, sonst mutet er uns am Ende zu, seinen unsichtbaren Schnurrbart anzuerkennen.« »O, du Ost-West-Nord- und Schubjack!« entgegnete Cäruleus, »du herzloser Verleumder! Kannst du mir beweisen, daß ich meinen Bart je zu einem public character habe machen wollen? Hab' ich ihn nicht immer als meinen Privatschnauzbart gehalten? Hab' ich je der Welt zugemutet, Notiz davon zu nehmen?« »Sei ruhig, du Guter!« versetzte Ostjack, »es wäre auch nicht geschehen. Ich versichere, dich, Hegel hätte keine Beweise für sein Dasein geschrieben.« »So brauchst du auch keine für sein Nichtdasein zu schreiben. Ich versichere dich, ich möchte nicht mit dir tauschen: deine affektierte Bärtigkeit verleitet dich, einen übertriebenen Maßstab anzulegen. Das ist der Humor davon.« »Genug des Streits, ihr Fürsten!« rief Ruwald, »kommt doch endlich zur Sache! Ich glaube beinahe, Cäruleus, du fürchtest dich vor deiner Jungfernrede.« »Es könnte fast so etwas sein: gebt mir ein Glas Sekt! das meinige ist leer; es ist mir so wunderlich ums Herz. – Ja so! meine Petition ist noch nicht bewilligt: ich verlange also nach jeder Rede einen Antrag stellen zu dürfen, versteht sich, einen, der bloß auf die Feststellung, Vermehrung und Ausbreitung unseres geselligen Lebens abzwecken darf.« »Zugestanden im Namen aller,« sagte Ruwald, »aber geh jetzt dran, Cäruleus.« »Nun, so will ich sie denn halten! jacta est alea! Ich kann nicht länger retardieren. Aber nicht wahr, so lang als Ruwalds Rede braucht sie nicht zu sein? – Nun, so bereitet euch und hört stillschweigend und mit Anstand zu: ich werde also vorgeschriebenermaßen reden über den Nutzen des menschlichen Katzenjammers.« »Der Mensch –« »– Ein Erbauungsbuch für denkende Christen von Grävell,« fiel Ostjäck ein. »Ruhig, ungebildetes Publikum! – Der Mensch –« »– als Mensch betrachtet, ist Mensch und bleibt Mensch,« sagte ein anderer dazwischen. »Stillgeschwiegen, Spelz!« rief Ruwald, »stille, hört den edlen Antonius!« »Also, zum Teufel! Der Mensch –« Hier entstand ein anhaltendes mächtiges Gelächter, in das Cäruleus wohl oder übel mit einstimmen mußte. Es ging in die verschiedensten Tonarten über und lautete zuletzt wie ein Donnerwetter auf der Orgel: so oft es dem Erlöschen nahe war, flackerte es nur um so heller wieder auf, bis es zuletzt an den Folgen allgemeiner Entkräftung verschied. Es gibt nichts Imposanteres in der Welt, als ein recht ernstliches Studentengelächter; man kann hier auf wahrhafte Talente stoßen, die dem Zuhörer Bewunderung abnötigen. Ich selbst hatte einen akademischen Freund, den ich nie ohne Neid und Groll lachen hören konnte: er nahm es in diesem Stück mit einer ganzen Gesellschaft auf und drückte jedes Gelächter, das neben ihm aufkommen wollte, durch die Wut des seinigen zu Boden; er wäre imstande gewesen, eine Abteilung Polizeisoldaten in die Flucht zu lachen. Ich habe mich in seiner Gegenwart immer bemüht, von ernsthaften und langweiligen Dingen zu sprechen, weil mir, der ich nur ein geringer Lacher bin, sein Gelächter den Stachel der Mißgunst tief in die Seele drückte. »Ich muß also meiner Rede eine andere Fassung geben,« sagte Cäruleus, »da jener Anfang nun einmal den Stempel der Heiterkeit trägt: »Es gibt im Menschenleben –« »Augenblicke,« fiel Ruwald ein, ohne sich halten zu können. »Oder vielmehr,« sagte Ostjäck, »wie ich gestern abend jemanden sagen hörte: ›es gibt im Augenblicke Menschenleben!‹« »Wißt ihr was?« donnerte Cäruleus: »Haltet ihr die Rede oder verschreibt euch meinetwegen einen Bauchredner! Ich will nichts mehr davon!« »›Ihr verfluchten Kerls, sprach Seine Majestät!‹ Ruhig jetzt, alles geschwiegen!« befahl Ruwald, »gib dich zufrieden, guter lieber Cäruleus, sag dein Sprüchel und teil's uns mit. Tantaene animis caerulibus irae ?« »Nun, so sei's denn,« sagte dieser lachend, »es ist nur, damit ihr seht, was ich für ein gutmütiger Schöps bin. Also zum dritten und letzten Mal: »Die menschliche Natur ist ein Teil der allgemeinen und erlebt in sich dieselben Epochen und Prozesse, welche in dem großen Weltorganismus vorgehen. Wie nun dieser Momente hat, wo er in eine völlige Desorganisation und Erschlaffung gesunken ist – ich ziele auf die schwüle Sommerzeit – und sich nur durch eine gewaltsame Revolution, das heißt, durch die purifizirende Kraftäußerung eines tüchtigen Donnerwetters zu helfen vermag, so kommen auch für die menschliche Natur Epochen, wo sie von dem Staub und der Hitze dieses Erdenlebens so sehr übermannt und darniedergedrückt ist, daß sie, um wieder zu ihrer alten Spannkraft zu gelangen, notwendig eines kleinen Krawalls bedarf. Derselbe Fall tritt oft im Völkerleben ein. Der Segen eines langen Friedens verkehrt sich in den bittersten Fluch, die materielle Tätigkeit ist über die spirituelle Meister geworden, niemand ist mehr einer Begeisterung fähig, ja alles Große und wahrhaft Edle erscheint als Torheit, man hat kaum das Herz, davon zu reden, der Philister ist Herr der Welt, und etwas Unphilisterhaftes kann man nur durch Einschwärzung an den Mann bringen, indem man ihm einen philisterhaften Anstrich gibt, es also anschwärzt, wie man vor Zeiten der Sicherheit halber Goldplatten, die man versenden wollte, mit Ruß überstrich. In einer solchen betrübten Zeit, die dann aber auch gewöhnlich die letzte ist, empfindet der Freund der Menschheit, daß nun eine chirurgische Kur durch Schneiden und Brennen notwendig geworden ist, daß ein tüchtiger Skandal losbrechen, alles drunter und drüber gehen muß, damit der Mensch in seiner friedlichen Ruchlosigkeit die Götter wieder fürchten lerne und erkenne, die Welt sei nicht um seinetwillen da, und der Himmel habe ihm den lebendigen Geist gegeben, nicht aber allein den Dampf. Gerade die Unmenschlichkeit des Krieges dient dazu, den Menschen wieder menschlich zu machen: wieviel edle Kräfte hat Napoleon in uns geweckt, von denen sich das heilige Römische Reich unter seiner Schlafmütze nicht das leiseste träumen ließ! »Ich fahre fort: »Ein solcher Krawall ist auch der Rausch. Ferner könnte ich ihn mit dem Ausbruch eines feuerspeienden Berges vergleichen; dieses Bild ist in der Tat noch viel passender: es hat sich nach und nach eine Masse von Verdrießlichkeiten aufgehäuft, welche durch eine plötzliche Explosion schleunig beiseite geschafft werden; Ursache und Wirkung sind auf beiden Seiten gleich, ja die Wirkung wird sogar bei beiden mit demselben Worte ausgedrückt. Und noch mehr: selbst den Namen, meine Freunde, können wir uns von den Vulkanen aneignen, um unser ganzes vulkanisches Wesen aufs passendste zu bezeichnen. Wie heißt es in dem Trinklied? ›Aus Feuer ward der Geist geschaffen, Drum schenkt mir süßes Feuer ein!‹ »Verfolgen wir diesen Gedanken. Es versteht sich von selbst, daß es mit dem Einschenken sein Bewenden nicht hat, das Feuer wird getrunken, geht ins Blut über, oder vielmehr das Blut wird zu Feuer, und dieser Verwandlungsprozeß setzt sich solange fort, bis kein Tropfen wässeriges Blut mehr da ist, sondern lauter Feuer, in welchem Zustande man somit den Menschen feuervoll nennen könnte; die Volkssprache gebraucht dafür das gleichbedeutende, aber noch poetischere Wort ›sternvoll‹. Nun aber hat das Feuer seine Pflicht getan und den ganzen innern Menschen gefegt und gescheuert; nachdem es alle unedeln und unreinen Substanzen in ihm aufgezehrt hat, würde es auch die edlen Teile, ja das Mark des Lebens selbst angreifen, wenn diesen nicht die Kraft des Noli me taugere zugeteilt wäre: beim ersten Anlauf, den das Feuer gegen sie nimmt, empören sie sich, die Feuerteile werden aus dem ganzen Körper auf einen Punkt zusammengetrieben und von da unter lautem Jubel in einer heftigen Entladung ausgestoßen, in welchem Kampfe der Sternvolle, wenn er auch lieber neutral bleiben möchte, unwillkürlich Partei nehmen muß. Es wird keiner unter uns sein, meine Freunde, der nicht schon in einem solchen Kriege seine Rolle hat spielen müssen; es ist die leichteste Rolle von der Welt, sie spielt sich ohne unser Zutun von selbst. Ich glaube nunmehr durch diese Deduktion bewiesen zu haben, daß wir, wenn das Feuer in uns alle Stadien seines Prozesses durchlaufen hat und in die Katastrophe der Eruption eintritt, uns mit demselben Rechte wie der Vesuv und Ätna, diese beiden uralten Rülpse, feuerspeiende Naturen nennen können. – In dieser Weise den Gegenstand zu fassen, nämlich als Blutreinigung, habe ich eine bedeutende Autorität für mich, den Dr. Drudenfuß, ordentlichen Professor der Medizin und außerordentlichen Lehrer der Mystik, der neben seinen dunklen Ansichten über Natur und Geschichte auch manchmal sehr lichte praktische Ideen hat: dieser würdige Mann, der sich gewiß mehr als jeder andere der Mäßigkeit befleißt, empfiehlt in seinen Vorlesungen über daß menschliche Ahnungsvermögen den Zuhörern bei einem seiner vielen gelegentlichen Exkurse, alle acht Wochen einen Rausch zu trinken, indem dieser das geeignetste, ja oft das einzige Mittel sei, durch seine Folgen allerlei fremdartigen Stoff, der nach und nach schädlich werden könnte, auf einmal aus dem Organismus auszuscheiden. Aber acht Wochen, bedenkt, das ist eine ungeheure Zeit! In acht Wochen kann ein Königreich gewonnen und wieder verloren werden, in acht Wochen kann Beelzebub mit sieben noch viel schlimmeren Geistern in uns Platz nehmen, so daß ein simpler Rausch nicht mehr imstande wäre, ihn zu verjagen, daß man am Ende gar zu dem heillosen norddeutschen Schnaps die Zuflucht nehmen und den Teufel durch der Teufel Obersten austreiben müßte. Für so vulkanische Wesen wie wir, die wir in einem ewigen Selbstverbrennungsprozesse leben, sind acht Wochen ein viel zu langer Termin; denn eben jenem innern Feuer, das so mächtig an uns zehrt, müssen wir das äußere, das ›süße Feuer‹, wie es der Dichter nennt, auf den Hals schicken, damit sie sich beide im Kampfe gegeneinander aufreiben. Es ist sehr zu bedauern, daß Jakob Böhme nicht auf diesen Gedankengang gekommen ist: er würde das innere Feuer, als das herbe, bittere, dem süßen entgegengesetzt, mit diesem Verhältnis das des Meerwassers und des süßen Wassers in Verbindung gebracht und aus diesen Prämissen die tiefsinnigsten Folgerungen gezogen haben; ich will mich aber von den Irrgängen der Mystik für diesmal ferne halten und von dem physischen Nutzen des menschlichen Katzenjammers auf den sittlichen, somit auf den zweiten Teil meiner Rede übergehen. »Hier kann ich mich etwas kürzer fassen, weil dieser Teil noch viel einleuchtender ist als der erste. Ich will wieder von der Vergleichung ausgehen, mit welcher ich meinen Vortrag begonnen habe. Geht einmal hinaus, meine Freunde, und betrachtet die Natur nach einem Gewitter! Welch erquickende Kühle! Welch frischer Duft! Welch neues Leben! Die ganze Kreatur hat sich aus einem dumpfen Schmerz, aus einer ohnmächtigen Verzweiflung erholt, mutig pulsieren die Adern des großen Weltkörpers, tausend Keime ringen sich aus dem Nichts hervor und erwachen zu Licht und Leben, Und was gleicht der seligen Zeit, wenn die Völker den ersten, reinen Hauch des schwer erkauften Friedens genießen, ›wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit, Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten, Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch.‹ »Doch – kehren wir zu unsrem Thema zurück. Ebenso befindet sich die menschliche Natur nach ihren Donnerwettern und Revolutionen. Sobald der erste Schmerz eines so gewaltsamen Sturmes vorüber ist, tritt eine süße Ermattung ein. ›Ein sanfter Friede kommt auf mich, Weiß nicht, wie mir geschehn,‹ es ist mir, als ob meine Haut von Samt wäre, ich komme mir selbst ganz liebenswürdig vor. Und doch, in dieser Ermattung welche Kraft! Man fühlt sich so ausgefegt, so rein, man hat eine Empfindung, als könnte man jetzt wieder von vorn anfangen. In diesem Zustande werden künftige Taten geboren, in diesem Zustande hat der Mensch seine besten Gedanken, Ich kenne einen Poeten, der im Katzenjammer die schönsten Gedichte macht, und alle sind Liebeslieder. Dies führt mich auf den Hauptpunkt: das ist die bedeutendste Folge jener sanften Abspannung, daß die Liebe im Herzen erwacht, nicht nur die einzelne, sondern die Liebe zur ganzen Menschheit, diese schöne Humanität, ohne welche das Geschlecht nicht bestehen könnte, das Mitleid mit all der Not und Gebrechlichkeit der Sterblichen, die Versöhnlichkeit, der Entschluß, an all diesem Jammer brüderlich mitzutragen. Der Gedanke der Toleranz kann nur in diesem Zustande gefaßt worden sein: ›Emollit mores nec sinit esse feros‹. »Dies ist das milde gedämpfte Licht, durch welches die Natur nach einem Gewitter verklärt wird. »Möchte doch die Menschheit, möchten vor allem wir, meine Freunde, von dem hier Erkannten und Vorgetragenen die gehörige Nutzanwendung machen! Möchte doch kein Rezensent zu seiner Mordwaffe greifen, ohne sich in diesen Zustand der Humanität versetzt zu haben! Totschlagen tut weh: möchte er wenigstens mit Sanftmut totschlagen, so daß der getroffene Dichter oder allgemeine Autor lächelnd sagen könnte: ›Pätus, es schmerzt nicht!‹ Möchten doch die Minister und landtäglichen Kommissarien keine Hauptfrage zur Debatte kommen lassen, ohne die gesamten Stände, namentlich aber die Opposition, durch ein tags zuvor gehaltenes Gelage in eine gelinde Stimmung versetzt zu haben, möchten sie eine ernstliche Blutreinigung vornehmen, so daß man nicht nachher sagen könnte: es hat heute bei der Debatte über die Preßfreiheit oder über die Ablösungsgesetze böses Blut gegeben. Möchten endlich, um auch für die liebe Schuljugend einen Wunsch auszusprechen, möchten doch alle Lehrer unseres Vaterlandes nur am Montag eine Generalbestrafung vornehmen!« Ein stürmischer Beifall belohnte den Redner. Ruwald erhob sein Glas und rief: »O du Cäsius Cäruleus! Hoch und abermals hoch! und zum drittenmal hoch!« »Leichtsinnige Gesellen!« dachte Paul und sah tiefer in sein Glas. »Hättet ihr gestern mehr Enthaltsamkeit gehabt, so wär't ihr jetzt dieses Übermutes nicht benötigt. Übrigens gefällt mir's doch, daß sie gute Miene zum bösen Spiele machen und ihr Elend so hübsch als möglich herausputzen.« Nun erhob sich Cäruleus und sprach: »Da ich meine Pflicht erfüllt habe, so will ich jetzt auch mein Recht ansprechen und den Vorschlag tun, dessen Annahme ihr mir im voraus versprochen habt. Ich verlange die Einführung vollkommener Freizüngigkeit in der Gesellschaft und entledige mich hiedurch des mir geschenkten Monopols. Überdies trage ich darauf an, daß jeder Redner nach geendigtem Vortrag seinen Nachfolger zu ernennen und diesem seinen Gegenstand vorzuschreiben habe.« »Nu Schlangenkopf,« rief Ruwald, »ich habe deiner Bereitwilligkeit doch gleich von Anfang an nicht getraut. Nun, wir sind durch unser Wort gebunden, so ernenne denn deinen Nachfolger.« »Das soll gleich geschehen, übrigens postuliere ich, daß ein emeritierter Redner das Recht habe, einen passenden Moment abzuwarten und dann erst den Gegenstand einer neuen Rede nebst dem Redner zu designieren. Für jetzt aber glaube ich, daß die Materie noch nicht erschöpft, sondern vielmehr noch ihre polemische Seite hervorzuheben ist; daher will ich jetzt eine Apologie des Katzenjammers, und zwar von unserem kriegerischen Mitglied?, dem Ostjäcken, vernehmen. Tendimus Ostiacum! « »O weh,« seufzte dieser, »hol' der Henker eure Freizüngigkeit! Ihr wißt ja, daß ich keine leichte Zunge habe.« »So mach dir die Rede desto leichter,« sagte Cäruleus. »Was hilft alles nichts,« riefen die andern, »stille mit dem Ächzen und Krächzen! Ostjäck, tu deine Pflicht!« »In Gottes Namen! Aber wenn ich stecken bleibe, so kommt mir zu Hilfe und klatscht solange, bis ich mich wieder gesammelt habe: »Man hält den Katzenjammer gewöhnlich für unmoralisch. Nämlich – nämlich – also für unmoralisch – –« Ein anhaltender Applaus erfolgte, während dessen der Redner sich ringsherum verneigte. Dann strich er sich durch den Bart, winkte mit den Händen Stillschweigen und nahm einen neuen Anlauf: »Ich habe neulich in einer Novelle, die manche geistreiche Einfälle enthält, gelesen: ›Wer in Gegenwart seiner Geliebten Käse essen kann, ist ein Verworfener.‹ Ich wende dies auf das vorliegende Thema an und sage: wer sich in Gegenwart seiner Geliebten betrinkt, ist ein Schweinigel. – Da machen es die Engländer viel klüger: wenn das Essen vorbei ist, so gehen die Frauen, die Männer sitzen zusammen, und dann geht's erst an. Wenn einem was Menschliches passiert, so sehen's die Frauen nicht, höchstens lesen sie's den andern Tag in der Zeitung. Aber bei uns müssen sie ex officio dabei sein, sie müssen das dumme Lallen ihrer betrunkenen Männer mit anhören,, Händel schlichten und am Ende gar die wackelnden Philister nach Hause schleppen. Pfui Teufel! das paßt nicht zusammen, die Frauen werden den ›Zopf‹ an einem Manne nie begreifen können, so wenig als wir die Gebräuche der Chinesen. Das sind zwei ganz geschiedene Welten. – Und dann ist's gleich um die Achtung geschehen. – Ich sage, einen Rest von altgermanischer Mannhaftigkeit müssen wir beibehalten, aber auf die Art, wie's die Engländer machen. Die Weiber sollen ihren Putz- und Kleiderrat aparte halten und wir unsere Trinkgelage. – Ich weiß nicht, inwiefern meine Rede zu ihrem Thema patzt, aber einen sozialen Zweck hat sie doch. Dixi.« »Brav gemeint und wohl gesprochen!« sagte Cäruleus, »nun will ich die ganze Verhandlung mit einem poetischen Gedicht, wie unsere deutschen Vorfahren zu sagen pflegten, beschließen und krönen.« – Er ließ, obgleich es heller Tag war, zwei Lichter vor sich stellen, zog ein Papier aus der Tasche und las, wie folgt: »Ein gelehrter Theologe, Der die Exegese trieb Und wie Jakob an dem Troge Weiß' und bunte Stäbe hieb, – Diesem ist der Fund geglücket, Daß der Baum, von dem das Paar Unsrer Eltern einst gepflücket, Ein verfluchter Giftbaum war. Und so haben die's gestiftet, Wie der große Mann bewies, Daß die Menschheit ist vergiftet Seit dem Fall im Paradies: Daß der eine tobt und kochet, Dem das Gift den Sinn verkehrt, Daß der andre schleicht und fochet, Dem es an dem Marke zehrt. Doch an grünen Bergen gnädig Schuf der Herr ein Gegengift: ›Braucht es herzhaft, werdet ledig Von dem Fluch, der euch betrifft: Wer es abweist, hat gefrevelt, Stürzt hinunter unerlöst, Wo geheizt und wohl geschwefelt Flamme sich an Flamme stößt.‹ – Freunde, laßt euch nicht verdrießen, Von der kräft'gen Arzenei Oft und kräftig zu genießen, Daß sie euch zum Heile sei. Bricht sie auch einmal die Kammer, Nun, dann ist die Stätte rein, Glaubt mir, und im Katzenjammer Zieht der neue Adam ein!« Die Gesellschaft klatschte wie gewöhnlich; hierauf erhob sich Ruwald als Rezensent und sagte: »Ich kann von diesem Gedichte nicht so günstig denken, als von der Rede desselben Herrn Verfassers, ja ich muß es im direkten Widerspruche mit ihm ein unpoetisches Gedicht nennen. Sein antitheologischer Grimm und Feuereifer hat ihm hier einen Streich gespielt und ihn verleitet, den Status depravatus und die Gratia applicatrix zu parodieren, ohne daß die Gattung rein herausträte, das Ding schwankt zwischen Satire, Ironie und tieferer Bedeutung mitten inne, und ich wüßte es kaum anders zu benennen, als einen Witz ohne Spaß. Oder vielmehr will ich noch einen bessern Ausdruck, den Goethe von Byron brauchte, darauf anwenden: es ist ›eine verhaltene Parlamentsrede‹, die sich sehr zu ihrem Unglück in die Poesie verirrt hat. Ich diktiere dem Herrn Verfasser pro poena , daß er ein anderes, echtes Weinlied verfertige und bis dahin sich alles Weingenusses enthalte.« »Ich gebe meine Protestation zu Protokoll!« rief Cäruleus um so heftiger, als ihm Ruwald zu gleicher Zeit sein Glas austrinken wollte, »ich bitte den ehrenwerten Redner um Verzeihung, aber was er da gesagt hat, ist geradezu abgeschmackt. Seine Rezension lasse ich dahingestellt sein, daß er mir jedoch bis zur Vollendung eines echten Weinliedes den Wein verbieten will, kommt mir vor, wie der Schwur jenes Pinsels, nicht eher wieder ins Wasser zu gehen, als bis er schwimmen könne.« »Ich kann in diesem Gedicht auch keinen sonderlichen Witz finden,« sagte Spelz, »und überhaupt seh' ich nicht ein, was der Witz mit diesen Dingen zu schaffen hat; das sind gelehrte Sachen, bei denen man weiter nichts denkt und über die man sich am allerwenigsten zu erbosen braucht.« »Philister über dir, Simson!« entgegnete Cäruleüs, »ich glaube dir gern, daß du den Witz nicht dran begreifst, du begreifst auch den Ernst nicht, denn du hast keine Gesinnung, und deshalb wirst du dereinst ein Licht der Wissenschaft werden.« »Ich habe jetzt nicht Zeit,« fügte Spelz, »dir auf deine abgedroschenen Anzüglichkeiten etwas zu erwidern, denn ich muß fort.« »Wohin?« riefen alle: »Nun, ins Kolleg, es ist Zeit.« »Wer wird denn heute ins Kolleg gehen?« sagte Ostjäck. »Ich!« erwiderte Spelz, »Müßiggehen hat seine Zeit, und Arbeiten hat auch seine Zeit; ich mag die Vorlesung nicht nachholen.« »O laßt ihn gehn!« rief Cäruleus: »Bedecke deinen Hörsaal, Spelz, Mit Tintenfässern, Und übe, dem Esel gleich, Der Disteln frißt, An –« »Still,« fiel Ruwald ein, »still, Cäruleus! das ist unparlamentarisch. Du willst also in den Hörsaal, Spelz?« »Ja, wenn du's erlaubst.« »Nun gut, ich will dich mit einer kurzen Anrede entlassen. Deine Loyalität nimmt sich bei uns etwas seltsam aus, da du gar wohl weißt, daß der Grund unserer Kollegienversäumnisse etwas tiefer liegt als im gewöhnlichen Müßiggang und Schlaraffenleben. Weißt du nicht, daß man uns mit Auszeichnung die schlechte Gesellschaft nennt? Aber ich kenne dich, Spiegelberg, und werde nächstens Musterung halten. Du bist zu uns gekommen mit einem weltlichen Herzen und in der Absicht, zu deiner Karriere, da auch diese sich in unserer Zeit mit etwas Kultur umgeben muß, ein paar Phrasen aufzufangen, um gelegentlich, und besonders in Berlin, wohin du doch deine erste Geschäftsreise machen wirst, den schönen Geist spielen zu können. Wie bist du imstande, eine so fledermausartige Stellung in diesem Pantheon der schlechten Gesellschaft zu rechtfertigen?« »Ihr habt heut alle einen Sparren zu viel,« sagte Spelz, indem er aufbrach. Ruwald lieh ihn bis zur Türe gehen, dann rief er: »Spelz!« Dieser wandte sich um und fragte: »Was gibts noch?« »Spelz! Ich will dich in einer Zichorienfabrik unterbringen.« »Du! der Witz ist gestohlen,« rief Spelz, indem er die Türe krachend hinter sich zuschlug. »Tut nichts,« sagte Ruwald, »ich halte es für eine ärmliche Anmaßung, immer selbst produzieren zu wollen; man muß einem guten Einfall, er mag gefallen sein, wo er will, sein Recht und seine Ehre widerfahren lassen, man muß ihn aufbewahren und am passenden Orte zitieren. Und dazu ist man berechtigt, sobald man mit seinen eigenen nicht zu viel Aufhebens macht.« »Ja,« sagte Cäruleus, »Ruwalds Sammlerfleiß verdient großes Lob.« »Ich bin froh,« fiel Ostjäck ein, »daß du den Spelz so abgeführt hast; der Bursche war mir immer widerwärtig mit seinem absurdsarkastischen Gesicht, man merkte ihm an jedem Zuge an, daß er nicht zu uns gehörte. Du hast ganz recht gesagt, er kam nur, um einiges bei uns aufzufangen und abzugucken. Eigentlich sollte ich jetzt, um den unangenehmen Eindruck dieses Vorfalls zu verwischen, eine Rede kommandieren, und zwar über den Philister im allgemeinen, aber ich möchte keinen durch ein so ausgeschöpftes Thema in Verlegenheit bringen, denn was kann man von dem Philister in der Kürze andres sagen, als er sitze, wie es in dem tollen Liede heißt: ›Im Schatten kühler Denkungsart, Wo Liebe sich mit Zwiebeln paart,‹ und zudem fürchte ich, wenn ich das Schwert jetzt aus der Hand gäbe, so möchte es sich im Lauf des Tages noch einmal wider mich kehren.« Ruwald ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und summte ein Lied vor sich hin, der Auftritt mit Spelz hatte ihn ein wenig verstimmt. »Seht einmal,« rief einer aus der Gesellschaft, »die ungeheuren Stelzen, auf denen unser Freund einherschreitet! Ist es nicht, als wollte er den Olymp stürmen?« »Nein,« erwiderte Ruwald: »Es sind zwei lange Pilgerstäbe, Auf denen ich durchs Leben strebe.« »Doch bin ich froh, wenn ich auf dieser Pilgerschaft zuweilen von einem süßen Feigenbaum einige Erfrischung holen kann.« – Mit diesen Worten faßte er die hübsche Kellnerin, die eben an ihm vorbeikam, unter dem Kinn und zwang ihr einen Kuß auf: dann wischte er sich den Mund und sprach pathetisch: »Solche Früchte, reif und süß, möchte man wohl an einem Tage genießen, den man unter die schönsten seines Lebens zu zählen sich für berechtigt halten dürfte.« »Pfui, Ruwald,« rief Cäruleus, »ich sehe dich sträflich an!« Dieser Ausdruck zog ein großes Gelächter nach sich; er war der altern Gerichtssprache entnommen, in der es zuweilen heißt: ›und soll Inkulpat um ein Pfund Heller sträflich angesehen werden‹. »Sei mir nicht prüde, Cäruleus!« entgegnete Ruwald, »du weißt, ohne Parodieren kann ich nicht leben, und ich behaupte, was keine Parodie aushält, ist auch nicht viel wert. Probiere an Goethe herum, so viel du willst: du kannst manchen hübschen Spaß mit ihm machen, aber keinen, wobei dem Original ein Leid geschähe. Die echte Pietät ist ein unbefangenes Kind, das seinen Vater im Mutwillen auch hie und da am Barte zu zupfen wagt.« Paul, der die ganze Zeit über schweigend und nur als halber Zuhörer dagesessen hatte, schien wenig Vergnügen bei diesem Auftritt zu empfinden. Er schlug heftig an sein Glas und fragte, was er schuldig sei. Die geschmeidige Kellnerin, welche seine üble Laune der Eifersucht zuschrieb, schlüpfte lacertenartig zu ihm hinüber und blieb ihm, während er bezahlte, mit der gewinnendsten Freundlichkeit zur Seite. Eben wollte er sie, kalt und verächtlich abfertigen, da lief Ostjäck: »Ei seht doch! das hübsche Milchen läßt sich auch wieder am Fenster sehen!« – Ruwald lachte: »Wir sind eigentlich reiche Leute,« sagte er, »auch das schöne Kind da drüben lebt von uns, nämlich vom Ärger und der Mißbilligung unseres zügellosen Lebens.« – Paul warf das Geld auf den Tisch, stieß in der Eile ein paar Stühle um und war verschwunden. »Exiit, excessit, evasit, erupit, echapsit,« sagte Ostjäck, indem er ihm verwundert nachblickte. »Wer ist denn eigentlich der junge Mann?« fragte Ruwald, »und was tut er jeden Vormittag hier? Er ist mir schon einige Male aufgefallen.« Keiner wußte Bescheid zu geben, bis Cäruleus versetzte: »Ich finde gar nichts Rätselhaftes in diesem bescheidenen Zuhörer. Solltet ihr wirklich nicht erraten können, warum wir so oft mit ihm zusammentreffen? Wir wollen ihn das nächste Mal einladen, zu uns zu sitzen.« »Du glaubst also, er komme unsertwegen?« fragte Ruwald mit einem ruhigen Tone, hinter dem er seine Bosheit verbarg. »Und warum denn nicht,« erwiderte Cäruleus naiv, »sind wir denn so gar uninteressante Leute –« Das Gelächter seiner Freunde unterbrach ihn. »O Eitelkeit,« rief Ruwald, »dein Name ist Cäruleus! Dieser würdige Jüngling hier meint sich beständig von einer unsichtbaren Galerie umgeben, welche begierig sei, seine weisen Lehren, seine geistreichen Worte zu erhaschen, und wenn er zufällig an einem Wirtstische mit einem Fremden zusammentrifft, so glaubt er, dieser habe sich ausdrücklich seinetwegen aufgemacht, was dann dem Fremden sehr zugute kommt, weil sich unser Freund in allen erdenklichen Höflichkeiten gegen ihn überbietet.« »Ich darf doch – ich habe –« »Du hast deine Pflicht getan,«, fiel Ruwald ein, »du hast in deinem Berufe gearbeitet, und niemand soll dich darum schelten: bist du nicht der angestellte Privatdozent der Hypothesen und sonderbaren Vorstellungen? Du hast unsere Meinung von dir gerechtfertigt und uns eine sehr ergötzliche Hypothese zum besten gegeben. Ich möchte aber doch wissen, was eigentlich von der Sache zu halten wäre.« – Er rief der Kellnerin und fragte: »Mein schönes Kind, berichte mich, wer ist das junge Milchgesicht?« »Er ist Schreiber beim Oberamtsgericht und studiert daneben den Jura –« »Gut gegeben! Aber was tut denn der Kielhase täglich im Wirtshaus zu einer Zeit, wo sich nur Tag- und Nachtdiebe, wie unsereins, drin blicken lassen?« »Raten Sie 'mal!« rief das Mädchen und hüpfte kichernd fort. »Schon wieder eine Hypothese,« sagte Ostjäck, »die meint, er komme ihretwegen, das ist klar.« »Aber nicht wahrscheinlich,« entgegnete Ruwald, »der Mensch fängt mir jetzt in der Tat interessant zu werden an, und da ich kein Geheimnis leiden kann, so beauftrage ich unseren Privatdozenten hier, das nächste Mal eine erkleckliche Hypothese über diesen Vormittagskunden, diesen unheimlichen Gast, oder wie ihr ihn heißen wollt, mitzubringen.« »Da hätt' ich viel zu tun,« brummte Cäruleus verdrießlich, »laßt mich in Ruhe mit dem Burschen, was wird's denn weiter sein? Er hat einen schlechten Magen und will sich stärken, daß ihm der Fleiß nicht zu sehr schadet.« »Wieder eine,« lachte Ruwald, »auf diese Art werden wir heute reich und können zuletzt noch einen Beitrag zu den neuesten Erklärungen der Apokalypse geben. Soviel übrigens die letzte Vermutung für sich hat, so reicht sie mir doch nicht ganz aus, denn ein gewisses Vorgefühl, das mich noch nie getäuscht hat, sagt mir, daß an dieser Erscheinung etwas Wundersames ist: es schwebt eine romantische Atmosphäre um dieses milchbärtige Gesicht.« »Nun, da seh' einer zu,« rief Cäruleus und stieß ein schallendes Gelächter aus, »der hat Ursache, mich der Phantasterei zu bezichtigen! Gibt es einen traurigeren Aberglauben, einen krasseren Mystizismus, als wenn man einen Menschen romantisch finden will, der die personifizierte Brotwissenschaft ist?« »Ich sehe auch nichts Romantisches an ihm,« sagte Ostjäck, »und begreife nicht, was Ruwald in dieser unschädlichen Physiognomie für Geister schauen will: ein alltägliches blondes Haar, höchst nichtssagende blaue Augen, eine zwar große, aber doch unbedeutende Nase, gedankenlose rote Backen –« »Ein Mund,« fiel Cäruleus ein, »auf dem nichts geschrieben steht als drei und zwei ist fünfe und schaffet, daß ihr nicht durchs Examen fallet, mit Furcht und Zittern!« »Es ist einer von denen,« rief ein anderer, »welche, wie Röthling zu sagen pflegte, in einer Schreibstube empfangen und an einem Posttage geboren sind.« »Mit einem Wort,« sagte Cäruleus, »es ist der Universitätstypus. Ihre Zahl ist Legion, und ihnen ist's wohl. Das nimmt nun so gräßlich überhand, daß ich mit nächstem, um den Grimm loszuwerden, ein Epos verfertigen will, dessen Held der aus dem Virgil rühmlichst bekannte Labor improbus sein soll.« »Der Labor improbus! « rief Ostjäck, »da war' ich doch begierig, was du mit dem anfangen würdest. Ist's denn eine Person?« »Freilich, aber das ganze Epos geht darauf hinaus, zu beweisen, daß er keine ist.« »Das läßt sich hören,« sagte Ruwald, »du machst mich begierig, teil' uns von seinem Leben, Taten und Sterben etwas mit.« »Die erste Stanze ist schon geschrieben,« hub Cäruleus an, »sie lautet folgendermaßen: ›Als Gott der Herr, den Menschenklotz beseelend, Sogleich prädestinierend sich erwies, Den einen Teil der Seelen in das Elend, In schwarze Nacht und ew'ge Qualen stieß, Den anderen zum pour le mérite erwählend, Zu einem Freibillett ins Paradies, Hat in Adamii lumbis schon gegoren Der Keim, aus welchem unser Held geboren.‹ »Seine Entstehung ist jedoch mythisch, von seinem Vater und seiner Mutter weiß man nichts, man vermutet, er habe gar keine Eltern gehabt, und unter verschiedenen Sagen ist diejenige die wahrscheinlichste, welche angibt, daß er, um das Licht der Welt zu erblicken, habe nachgedruckt werden müssen. Dann kommt er in eine Homuncun1us -Fabrik. Aus dieser geht er, als Mensch gestaltet, hervor. Des Verlassenen, Heimatlosen, nimmt sich der alte Nicolai an, weil er ihn für einen sehr hoffnungsvollen jungen Menschen erkennt. An seinem Tauftage, denn, wie gesagt, einen Geburtstag hat er nicht, errichtet Nicolai, wie man sonst bei solchen Gelegenheiten Bäume zu pflanzen pflegt, die allgemeine deutsche Bibliothek. ›Vorahnend in der Taufe heiligem Guß Ward er geheißen Labor improbus .‹ »Wie er größer wird, tut ihn Nicolai in die Schule zu seinem vertrauten Freunde, dem Präzeptor Erbsenschrot, der wegen seiner pädagogischen Gewandtheit weit und breit berühmt ist. Aber keine Doktrin will bei ihm anschlagen, er ist und bleibt ein papierener Wisch. Nachdem sich der Lehrer alle erdenkliche Mühe vergebens mit ihm gegeben hat, gerät er auf den Gedanken, den Nürnberger Trichter anzuschaffen. Hier nun tritt die Maschinerie der oberen und unteren Welt ins Spiel, die Theo- und Dämonophanien beginnen. Nämlich bei der Prädestination, war der Labor improbus ein für allemal unter die Verworfenen, Thedel aber, der Sohn des Präzeptors Erbsenschrot, ein junges Genie, unter die Erwählten geschrieben worden. Deswegen bietet der Himmel allem auf, den Präzeptor Erbsenschrot vom Nürnberger Trichter ferne zu halten, während die Hölle sich auf des Präzeptors Seite schlägt, weil sie dem Himmel einen Possen spielen und zugleich statt des papierenen Helden den jungen Thedel, der einige Neigung zum Leichtsinn verrät, als einen lustigen Kumpan zu gewinnen wünscht. Es entspinnt sich daher ein großer Kampf um die Stadt Nürnberg, wie einst um Troja, und Erbsenschrot, der ganz unbefangen daselbst angekommen ist, um die Sache wie ein anderes Geschäft abzumachen, findet zu seinem großen Erstaunen seine harmlosen Wege von Engeln und Teufeln durchkreuzt. Auch der Nürnberger Senat ist unter seinen Gegnern: ein altes Orakel nämlich knüpft das Heil der Stadt an das Dasein des Trichters, und der Senat hat weislich beschlossen, um aller Gefahr vorzubeugen, sogar die Existenz des Talismans zu verhehlen. Dies ist jedoch nicht gelungen: Märchen, die kleine Schwätzerin, hat etwas von der Sache ausgebracht, und man munkelt im Volk allerlei von dem seltsamen Zauberschatz, Erbsenschrot begehrt in einer feierlichen Rede (ich werde bei dieser Gelegenheit lateinische Stanzen schreiben) den Trichter auf dem Rathause und verspricht ein bedeutendes Mietgeld und ehrliche Zurückgabe, erhält aber die lachende Antwort, man wisse nichts von einem solchen Trichter und sei derselbe ein abgeschmacktes Märchen, das heutzutage kein Vernünftiger mehr glaube. Präzeptor Erbsenschrot ist ein zu aufgeklärter Mann, als daß er sich durch diese Finte hinters Licht führen ließe, und beschließt nun, des Kleinods durch List habhaft zu werden, weiß aber nicht wie. In dieser Not erscheint ihm der Teufel unverhohlen, hat zuerst große Mühe, ihm seine Realität zu demonstrieren, und erbietet sich ihm sodann zum Bundesgenossen, unter der Bedingung, daß er ihm seinen Sohn Thedel verschreibe. Präzeptor Erbsenschrot ist sehr geneigt hierzu, weil er Thedel im Verdachte hat, nicht sein leiblicher Sohn zu sein. Diesen Argwohn benützt Satan sogleich und beschwört einen verstorbenen Leutnant aus der Hölle, welcher den Präzeptor versichert, Thedel sei sein, des Leutnants, Kind und rühre von einem Durchmarsch in den Kriegsjahren her. Der erbitterte Erbsenschrot geht unverzüglich den Kontrakt ein, und sie beginnen ihre Operationen. Augustinus aber, dessen Ehre hier am meisten auf dem Spiele steht, versammelt sogleich den ganzen Himmel und verkündet, das doppelte Prinzip der Prädestination sei gefährdet. Einige der Himmlischen sind nicht gut auf Thedel zu sprechen, er habe, heißt es, unverkennbare Anlagen zur Liederlichkeit, aber Augustin versichert, dies sei die Eigenschaft jedes Genies, und liest ihnen seine Konfessionen vor, mit deren Übersetzung ich einen Gesang anfüllen würde. Hierauf werden die himmlischen Maßregeln beschlossen. Die Stadt Nürnberg bewahrt seit uralter Zeit ihren Trichter im Ratskeller, wo er hinter einem leeren Fasse hängt und einem alten Küper, dessen Haupteigenschaften Wachsamkeit und Mäßigkeit sein müssen, anvertraut ist. Dem gegenwärtigen Würdenträger dieser Dynastie – Schmalhans ist sein Name – gesellt nun der Himmel den großen Christoph als Amtsgenossen bei und unterrichtet zugleich den Stadtrat von der drohenden Gefahr. Luzifer aber, der Gott der Hitze, des Durstes und der weinglühenden Nasen, facht in Schmalhansens Leber eine unauslöschliche Flamme an: da derselbe kein Wasser trinken mag, zieht er die edlen Ratsweine ins Gespräch, wobei ihm der große Christoph, ein guter Gesell, aus Leibeskräften behilflich ist. So schlafen sie einsmals beide ein, die höllischen Spione tun es kund, und ein heller Haufen von Teufeln schleicht herein. Schon hat einer seinen langen Schweif durch das Öhr des Trichters gesteckt, um ihn herunterzuschnellen, da erwacht der große Christoph von dem höllischen Gerüche, reibt sich die Augen aus, schüttelt den Dusel ab, tritt dem Diebe den Schwanz vom Leib und jagt die anderen in die Flucht. Hierauf beschließt der Himmel und der Stadtrat in gemeinschaftlicher Sitzung, die beiden Wächter abzusetzen; der Stadtrat vertraut den Talisman der Tochter des alten Küpers, einem jungen Mädchen von großer Klugheit, und der Himmel gibt ihr seinerseits einen jungen Engel bei. Eins von beiden muß immer auf dem großen Fasse sitzen, hinter welchem der Trichter hängt. So geht es lange vortrefflich fort, und Präzeptor Erbsenschrot will verzweifeln, bis endlich Asmodi der Küperstochter ihr Andachtsbüchlein entwendet und die Stunden der Andacht, mit Claurens Mimili durchschossen, dafür unterschiebt. Diese liest sie nun gemeinschaftlich mit dem Engel, sie saugen das Gift ein, und leider ist keine verriegelte Türe dazwischen, um das Unglück abzuwenden. Zu spät werden sie von ihrem Gewissen aufgeschreckt und finden den Trichter nicht mehr. Die beiden armen Sünder werden exemplarisch bestraft, und Präzeptor Erbsenschrot zieht triumphierend mit dem Trichter davon. Jetzt fängt der Held zu lernen an, er kapiert zwar langsam, aber was er kapiert, behält er fest, während Thedel mit einer reißenden Schnelligkeit lernt, um mit keiner kleineren alles wieder zu vergessen. Die Hölle macht jetzt ihre Rechte auf den Unglücklichen geltend, sie spielt ihm den Eulenspiegel und den Falstaff in die Hände: diese Bücher wandeln ihn plötzlich um, er wird ein Humorist, und sein Unglück ist entschieden. Sein Vater enterbt ihn und adoptiert den Improbus. Thedel geht, von einem alten General unterstützt, auf die Universität, auch Improbus wird darauf vorbereitet, Nicolai und Erbsenschrot arbeiten unausgesetzt an seiner Bildung, so daß sie ihn bald mit Stolz zum Studenten der Philosophie machen können. Augustin ist in Verzweiflung, er weckt die gewaltigsten Geister, die sublimsten Gedanken wachsen aus dem Boden, und schon glaubt er unübersteigliche Schranken aufgerichtet zu haben, aber seine Feinde treiben eine Menge von Hähnen, Hühnern, Gänsen und Enten auf den Kampfplatz, welche die junge Gedankensaat aufpicken und gehörig verdaut wieder von sich geben; unser Held haut den glücklichen Instinkt, sich dieses Niederschlags zu bemächtigen und somit den ganzen Reichtum in sein Bewußtsein aufzunehmen. Thedel, mit dem er auf der Universität wieder zusammentrifft, wird überall von ihm ausgestochen, Improbus weiß über alles mitzusprechen, und immer mit mehr Zusammenhang, mit größerer Klarheit. Von da an entbrennt ein tödlicher Haß zwischen den beiden Brüdern. Augustin wendet seinen ganzen Grimm gegen Nicolai und schickt ihm die Frankfurter Jugend, später die Genien und die romantische Komödie auf den Hals, aber vergebens, die Wunden sind nicht tödlich und haben, wie bei gewissen Pflanzen, nur ein desto wuchernderes Wachstum zur Folge. Die allgemeine deutsche Bibliothek schwillt riesenmäßig an. Improbus geht, aus enzyklopädischem Perfektionstrieb, sowie Thedel aus Unzufriedenheit, durch alle Fakultäten durch und erringt überall die Palme. Ich kann dies nur andeuten, das Epos muß natürlich hier sehr ausführlich werden. In der Theologie hat er erstaunlichen Sukzeß, die Pietisten, welche mit großer Tapferkeit gegen ihn kämpfen, versöhnt er durch eine Dissertation über die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft. Thedel ist indes immer unzufriedener und zuletzt ein Demagoge geworden, bei den landständischen Wahlen findet er in seinem Stiefbruder seinen Nebenbuhler. Es entsteht ein hartnäckiger Kampf, die Stimmen sind geteilt, es ist eine ungeheure Aufregung im Volke. Obere und untere Gottheiten mischen sich in Masse darein, wie beim Nürnberger Kriege, zuletzt aber gewinnt die Hölle wieder den Sieg, indem sie bei der Virilabstimmung der Schneiderzunft einen verkappten Bock einschwärzt und hierdurch eine Stimme mehr erhält. Thedel erfährt dies durch Augustin und, macht es öffentlich bekannt, wird aber als Verleumder, Ehrabschneider und Demagog aus die Festung gesetzt. Augustin zieht sich von den Begebenheiten zurück. Improbus nimmt nun seinen Sitz auf dem Landtag ein und stimmt immer mit dem besten Gewissen und aus innigster Überzeugung, aber die Oppositionsjournale spielen ihm arg mit, sie behandeln ihn bloß als ein Abstraktum und nennen ihn die konstitutionelle Illusion. Beim Schlusse des Landtags wird ihm wegen seiner patriotischen Verdienste eine mühsame, aber ehrenvolle Richterstelle auf der Grenze des Reichs erteilt, wo er seinen Bruder wiederfindet und die Katastrophe dieser Feindschaft eintritt. Thedel nämlich ist indessen von der Festung entflohen und hat sich, mit der Menschheit zerfallen, gereizt durch ›der Zeiten Spott und Geißel, des Mächt'gen Druck, den Übermut der Ämter‹, an die Spitze einer Schar von Gleichgesinnten gestellt, die in diesen Grenzgebirgen haust. Hier werde ich eine wehmütige Episode einflechten: Thedel hat seine Geliebte, Perdita, mitgebracht, und es gibt ein tragischidyllisches Bild, wie das Reinmenschliche, aus den Städten und Wohnungen der Menschen vertrieben, in diesen Waldklüften verborgen blüht. – Der Held leistet in der Verfolgung der Geächteten das Unmögliche: da er die Bedürfnisse gewöhnlicher Menschen nicht kennt und sich Schlaf und Nahrung abbrechen kann, so jagt er Tag und Nacht in den Bergen und hetzt seine Feinde wie wilde Tiere. Diese aber bestehen ihn aufs mannhafteste, alle seine Bemühungen sind fruchtlos, bis er endlich zur List seine Zuflucht nimmt. Ein Abkömmling eines Ablegers der allgemeinen deutschen Bibliothek schleicht sich bei dem Hauptmann ein, gewinnt sein ganzes Vertrauen und verrät ihn im entscheidenden Augenblick. Die Geächteten müssen ihren letzten Schlupfwinkel verteidigen. Perdita stirbt im Gefecht, und Thedel wird gefangen. Improbus führt einen unsterblichen Kriminal-Prozeß, worin Thedel zum Tode verurteilt wird. Er gibt sich ruhig in sein Schicksal, aber der Henker bekommt einen solchen Respekt vor ihm, daß er sich unfähig zur Vollstreckung des Urteils erklärt. Da wirft sich der Held den roten Mantel um, bindet eine Maske vor und übernimmt im Pflicht- und Amtseifer, wie der Henker Karls des Ersten, selbst das Amt des Nachrichters. Nach Thedels Tode bricht die Rache herein. Ein kleine Schar, die bei Thedels Niederlage entronnen ist, überfällt den Helden bei Nacht und spricht ihm sein Urteil, aber die Todesart setzt sie in große Verlegenheit: sie stechen ihn, sie hauen ihn, sie sieden ihn, sie braten ihn, es hilft alles nichts, er bleibt ganz und spottet ihrer vergeblichen Versuche. Nun erscheint Thedels Geist, belehrt sie, daß, er kein eigentliches Individuum sei, und gibt ihnen die nötigen Mittel zu seiner Vernichtung an. Zuerst gebietet er ihnen, Glaubersalz zu sich zu nehmen, und ist sehr geschäftig, solches in hinreichender Quantität herbeizuschaffen. ›Denn in dem Salz von Glauber, Sprach Thedels Geist, da steckt der ganze Zauber.‹ Sie bedienen sich der Arznei, und so wie sie die Wirkung derselben verspüren, reißen sie ihren Feind in Fetzen und gebrauchen ihn, wie man Makulatur zu gebrauchen pflegt. Hiermit ist jede Spur unseres Helden von der Erde vertilgt, nun aber beginnt seine Apotheose. Das Prinzip der Prädestination ist überwältigt, er hat alle göttlichen und menschlichen Gesetze erfüllt, und die Gerechtigkeit kann ihm den Platz im Himmel nicht vorenthalten. Es gibt zwar starke Debatten, und Augustinus hält eine Zornrede, welche er beschließt: ›Ja, wär's für einen Kirchenvater schicklich, Zur Hölle reist' ich nieder augenblicklich!‹ aber sein Grimm ist vergeblich, unser Held hat gesiegt und den Himmel aller Fügung zuwider mit stürmender Hand erobert. Was kümmert es ihn, daß sich die ganze Himmelsbürgerschaft von ihm zurückzieht! Die Erzväter, wenn sie ihm begegnen, spucken in ihre langen Bärte, am himmlischen Mahle darf er nicht unmittelbar teilnehmen, sondern muß in einer Ecke des Saals an einem sogenannten Katzentischchen sitzen, dort aber sitzt er mit stillem Selbstgefühl, seines Triumphes sich bewußt! – Thedel ist indes in die Hölle gekommen, an deren Pforte er mit festlichem Jubel empfangen wird. Mephistopheles kommt ihm entgegen und führt ihn an einen Tisch, wo Faust und Hamlet präsidieren, Falstaff führt die Unterhaltung, woran Thedel, neben Perdita sitzend, vergnüglich Anteil nimmt, Shakespeare, der im Himmel unbeschränkte poetische Licenz genießt, kommt zuweilen an einem Feiertag herunter und tut sich gütlich in dem lustigen Kreis.« Cäruleus schwieg. Die Gesellschaft äußerte eine schüchterne Teilnahme, und Ruwald sprach: »Das Ding ist eigentlich ›inkommensurabel‹ und ich kann dir im Augenblick nichts darüber sagen, nur befürchte ich, du werdest übel damit ankommen, denn man wird etwas vom Giovine darin finden wollen, und es läutet ja immer noch von Zeit zu Zeit die alte Türkenglocke gegen das junge Deutschland.« Ostjäck sagte: »Das gibt ja eine Epopöe in aller Form Rechtens, ganz auf die antike Art zugeschnitten, mit Göttern und Heroen bevölkert und noch obendrein mit Teufeln bereichert; du kannst, wie Homer, zwei große Abteilungen daraus machen und die erste, den nürnbergischen Krieg, die Ilias, und die andere die Odyssee nennen.« »Es ist mir aber nicht bange um dich,« fuhr Ruwald fort, »denn ich bin fest überzeugt, du hast nicht den Mut und Fleiß, dich an eine so langwierige Arbeit zu machen.« Cäruleus ärgerte sich insgeheim sehr über diese Äußerung, überhaupt bemerken mir, daß die beiden Freunde immer leise gegen einander im Harnisch sind; woher dies kommt, wüßten wir nicht zu sagen, vielleicht vom gegenseitigen Rezensieren, was freilich immer ein Übelstand bleibt; übrigens können wir versichern, daß es nur eine vorübergehende Stimmung ist und nicht tief geht. »Auch ist es mir in gewissem Betrachte lieb,« sprach Ruwald weiter, »wenn dein Plan nicht zur Ausführung kommt, denn wo du deinen Helden die Universität beziehen und die Fakultäten durchwandern lässest, da würde ich auf sehr bedenkliche Stellen, auf eine große Menge verhaltener Parlamentsreden zu stoßen fürchten.« »Was hast du denn nur mit den Universitäten?« rief Cäruleus bitter, »willst du denn, ich soll einen Hymnus auf sie schreiben?« »Nein, das verlang' ich nicht, aber was ich verlange, ist, daß du deinen tödlichen Haß aufgeben sollst. Ich leugne ja nicht die Mangelhaftigkeit, aber sie ist in allen menschlichen Einrichtungen zu finden, und hier bedrängt sie dich nur deswegen am meisten, weil du sie am nächsten hast. Du findest auf den Universitäten doch noch das echteste Leben –« »Schönes Leben, ja!« »Du mußt auch den indirekten Nutzen berechnen: du bist hergekommen, um zu lernen, und hast leben gelernt. Was hättest du denn in dem Landstädtchen, wo du geboren bist, für Gesellschaft gefunden? Mein Sohn, das sage mir!« »O!« fiel Ostjäck ein. »In jedem Lande,« fuhr Ruwald fort, »ist die Universität das Haupt des intellektuellen Leibes –« »Ja, das caput mortuum!« rief Cäruleus. »Geh, sei mir stille von den Universitäten, ich will nichts davon hören, ihre Uhr hat ausgeschlagen, sie sind rotten boroughs. Wenn irgendwo noch ein Leben zu hoffen ist, so ist es in der Literatur, von welcher, glaub' ich, die Universitäten ausgegangen find und in die sie wieder übergehen müssen.« »Die Literatur! das geht mir durch Mark und Bein, ich höre sie schon kratzen und schrillen, die tausend und abertausend Federn; ich zweifle, ob meine Nerven das aushalten würden.« »Man klagt, es werde zu viel geschrieben. Im Gegenteil, es muß noch zwanzigmal mehr geschrieben werden, wenn's recht werden soll. Fünfzehnjährige Knaben sollen schreiben und überhaupt, wer einen Gedanken im Kopfe hat! Begreiflich wird dann niemand Meisterstücke von ihnen verlangen, sondern es sollen Übungen sein, sie sollen ihre Bildung durch's Schreiben und durch Zurechtweisung erlangen. Die Typographie beginnt sich in Schönheit und Schnelligkeit so sehr zu vervollkommnen, daß bald niemand mehr etwas Geschriebenes lesen wollen und der Setzer allein zu diesem Unglück verdammt sein wird. Der ganze Unterschied ist dann der, daß die Schüler ihre Aufsätze den Lehrern gedruckt überreichen.« »Und die Kritiker sollen Schulmeister oder die Schulmeister Kritiker werden?« »Ganz recht! Zum Teil ist's auch schon der Fall –« »O weh! das gäbe einen polnischen Reichstag, da würde jeder Schulmeister und keiner Schüler sein wollen, das gäbe ein Geschrei, ein Beißen, ein Kratzen –« »Lieber Freund, sieh dich um: du beschreibst keine Zukunft, so ist es bereits. Wenn aber die Sache in die gehörige Richtung gebracht würde, so kämen die Rechten bald, welche die Anstalt zu Ehren bringen würden. Ich weiß Leute, die sehr gut schreiben könnten, und keine Feder anrühren, Locken wir diese aus ihrem Versteck hervor und machen sie, wie den Cincinnatus, zu Diktatoren! – Auf diese Art bekämen wir wieder ein Universitätsleben, und zwar ein öffentliches, wie es auch zu Anfang war. Unbrauchbare Köpfe, deren so viele auf die Universitäten geschickt werden, weil sie Geld haben, würden sich bald zurückziehen, und wenn einmal einem unrecht geschähe, so würde darum die Welt nicht untergehen: tut doch auch der beste Lehrer oft unrecht, und die Öffentlichkeit des Verfahrens würde das Unrecht sehr beschränken. Den einzigen Nutzen, den wir von der Universität haben, die materielle Beförderung unseres Zusammentreffens würden wir auch nicht entbehrt haben: in der Literatur kennt sich bald heraus, was zusammentaugt. Und dann versteht sich von selbst, daß ich auch ein örtliches Beisammensein postuliere: der Betrieb, die Unterhandlung ruft die Beteiligten zusammen, die Hörsäle bevölkern sich mit Druckerpressen, es bilden sich geistige Landsmannschaften, und das Publikum bezahlt der Jugend durch den Buchhandel ihre Studierkosten, das ist recht und billig.« »So spricht das Recht und das Gesetz Venedigs!« rief Ruwald unter lautem Gelächter der Gesellschaft über den Ernst und die Heftigkeit, womit Cäruleus seine ideale Republik geweissagt hatte. Natürlich erlitt er großen Widerspruch und geriet mit Ruwald in eine hitzige Disputation, worin beide eine Eigenschaft, die ihnen gemeinsam war, zur Belustigung der anderen entwickelten. Sie hatten nämlich die Untugend des Tabakschnupfens sich angewöhnt, der sie hinter dem Weinglase mehr als sonst irgendwo zur Beute wurden. Man konnte darauf zählen, daß, wenn ihre Köpfe sich etwas erwärmten, die Dosen in immer lebhaftere Bewegung gerieten, und dann folgten sich in immer kürzeren Zwischenräumen gewisse Explosionen, womit sie einzelne Körner des Tabaks, die ihnen zu tief in die Nase gekommen waren, wieder hervorzustoßen suchten, und welche ich, um bezeichnend zu sein, nicht anders als mit dem Worte Knuxen benennen kann. So sitzen sie sich denn mit Feuerblicken gegenüber, zwischen ihnen liegt die intellektuelle Frage des Jahrhunderts, diese kneten sie im heftigsten Streite hin und her und trinken, schnupfen und knuxen ohne Unterlaß. Wir wollen uns die Gruppe noch einmal ansehen und dann den Vorhang drüberfallen lassen. – So. – Einige Tage nach diesen Begebenheiten wurde das Maienfest gehalten. Eine lange Allee, die sich, durch den Fluß von ihr getrennt, neben der Universitätsstadt hinzog, war mit Tischen und Bänken besetzt, in deren Mitte ein blumenbekränzter Altar stand. An diesem predigte ein Geistlicher den Kindern und Erwachsenen von der Güte des Herrn und der »ernstheiteren Bedeutung« dieses Tages, nicht ohne vielen Schweiß zu vergießen, denn die Sonne schien mit voller Kraft auf die Versammlung herab. Sodann trug ein junger Lehrer ein Gedicht vor, das er auf dieses Fest verfaßt hatte, und als dies vorüber war, zogen die Kinder unter Anführung der Lehrer, die Knaben bunt, die Mädchen weiß gekleidet, alle mit Blumenkränzen geschmückt und Maienlieder singend, an eine große Tafel, wo sie mit einem eigentümlichen Gebäck aus aufgequollenem Butterteige gespeist wurden. Auch die Erwachsenen ließen sich nieder, man packte die mitgebrachten Kuchen und Weinflaschen aus und bewirtete sich gegenseitig. Bald erhob sich ein gemischtes Geräusch: an der langen Tafel jauchzten die Kinder; hier saßen an einem Tische zwei Kaufleute und unterhielten sich über die Korn- und Weinpreise, nachdem sie einander vertraut hatten, es sei heute ein hübscher Tag, dort belehrte ein Professor einen Privatdozenten über die Irrtümer einer gegen ihn erschienenen Rezension, deren Verfasser insgeheim eben jener Privatdozent wär; an einem anderen Tische saß eine Gesellschaft von Frauen, ein junger Referendar unterhielt sie, und sie brachen von Zeit zu Zeit in ein lustiges Gelächter aus. Daneben stand ein Tisch mit Studenten, welche aus ihren ungeheuren Biergläsern einander tapfer zutranken und durch ihre Trinklieder oft alles andere Geräusch übertäubten. Hinter ihnen hielt ein Bierwirt mit einem Wagen voll Fässer; Kellner und Kellnerinnen rannten mit großem Getöse durcheinander. Paul ging nachdenklich die Allee entlang, seine Blicke schweiften unstet über die bunte Verwirrung hin: eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen, als er Emilien bei den beiden Kaufleuten erblickte, welche über die Korn- und Weinpreise sprachen, und von denen der eine ihr Vater war. Jetzt wurde sie ihn ebenfalls gewahr, ihr hübsches Gesicht nahm einen höchst verwerfenden Ausdruck an, und sie wandte sich mit einer schnellen Frage zu ihrem Vater. In diesem Augenblicke kam die Gesellschaft vorbei, die sich die schlechte nannte; sie schlenderten Arm in Arm umher, um sich an dieser »Borjerfreide«, wie Ruwald das Fest betitelte, zu belustigen. »Das summt wie eine Schachtel Maienkäfer«, sagte Ostjäck. »Ach«, seufzte Ruwald, indem er auf die Kleinen blickte, welche hier allein noch ein wiewohl ebenfalls schwaches Talent zum Lebensgenusse blicken ließen: ›Es beugt der Schmerz des Lebens Die Balken auf dem Dach.‹ Cäruleus kam spionierend hintendrein, er hatte das Mienenspiel der beiden guten Kinder entdeckt, lächelte pfiffig, versuchte seinen kleinen Schnurrbart zu drehen, was ihm jedoch nicht gelang, und folgte den anderen. Paul ging trübselig nach Hause und verbrachte eine unruhige Nacht. Am anderen Morgen, als die gewohnte Stunde herangekommen war, bestand er einen schweren Kampf: sein Verstand suchte ihn vom Besuch des Wirtshauses abzuhalten, denn er hatte deutlich in Emiliens Augen gelesen, aber sein Herz zog ihn unwiderstehlich hin. Auch befürchtete er, die schlechte Gesellschaft dort zu finden, und wäre namentlich mit Cäruleus ungern zusammengetroffen, denn die Liebe schärft das Gesicht und macht, daß man nach entgegengesetzten Seiten zugleich hinsehen kann: so war denn unser junger Freund sich deutlich bewußt, nicht mehr allein im Besitze seines Geheimnisses zu sein; aber die Liebe macht auch blind – er vergaß alle diese Hindernisse, er bedachte nicht, daß der Rest, den er in seinen Kollegien machte, immer höher anwuchs, er erwog nicht, daß seine Geldkasse, die ihm der strenge Vater nicht übermäßig gefüllt hatte, infolge seiner unrechtmäßigen Ausgaben immer schwindsüchtiger wurde, die Liebe, diese »Sonne des Gemüts«, wie Doktor Drudenfuß sie in einer seiner Vorlesungen benannte, hatte dem unter ihrem Äquator Befindlichen die Sehkraft völlig versengt, und er stürzte sich ins Wirtshaus auf Leben und Sterben. Seine Ahnung trog ihn nicht: die schlechte Gesellschaft war in pleno beisammen, sie hatte gestern das Rad auf eine Weise stehen lassen, daß es sich heute von selbst wieder in Bewegung setzte. Eben als Paul eintrat, sangen sie das großartigste aller Trinklieder, das klassische Mihi est propositum , von Gualterus de Mapes. Ruwald bemerkte den Eintretenden sogleich und flüsterte zu Cäruleus: »Wie steht's mit der Hypothese?« – »Wird sich produzieren, wenn's an der Zeit ist,« warf dieser hin, sehr ärgerlich, daß er im Singen unterbrochen worden war. Gegen den Schluß des Liedes erheitert sich sein Gesicht wieder, ich sehe ihm an, er will eine Rede über dasselbe halten, das soll er mir aber nicht, denn ich kann es nicht leiden, wenn einer, dem die letzte Note eines Liedes noch in der Kehle schwirrt, schon wieder ansetzt, um darüber zu predigen, und überdies muß ich gestehen, daß ich bei der Redseligkeit dieser Leute einen gewissen Neid empfinde; es ist mir zumute, als säße ich auch unter ihnen, aber sie ließen mich nicht zu Worte kommen und ich hätte weiter nichts als das verdrießliche Geschäft, nachher hinzusitzen und ihre Einfälle aufs Papier zu bringen. Es geht mir wie dem wackeren Schmelzle, der sich in der Kirche immer gedrungen fühlte, gegen die Kanzel hinaufzurufen: »Herr Pfarrer, ich bin auch da!« Ich falle also dem Redner, der bereits den Mund offen hat, ins Wort und nehme seinen Gegenstand frischweg für mich in Beschlag. Ich habe das Lied Mihi est propositum ein klassisches genannt, und es verdient diesen Namen nicht bloß wegen der Ausdrücke Bacchus, Phoebus, Praesul, Naso , sondern überhaupt wegen der antiken Weltanschauung, von welcher es durchdrungen ist. Es ruht noch ganz auf der einfachen Unmittelbarkeit des Glaubens, es hat keine Spur von Wissen, Reflexion, Zerrissenheit. Nicht als ob ihm die Idee fehlte, aber sie ist als einfache Überzeugung, als unmittelbare Maxime ausgesprochen: dieser Grundgedanke ist nämlich der, daß alles menschliche Denken und Dichten nicht ohne den Wein bestehen könne, vielmehr nur aus ihm hervorgehe, wie die markigen Worte besagen: ›Poculis accendutur Animi luserna.‹ Nur im Grunde voller Becher, meint der treffliche Mönch Gualterus, ruhe die Poesie: wenn ihm der Wein zu Kopfe steige, so reiche der größte Dichter nicht mehr an ihn: Quum in arce cerebri Bacchus dominatur, In me Phoebus irruit Ac miranda fatur! Nihil valet penitus, Quod jejunus scribo: Naso, te post calices Carmine praeibo! Diese Idee fehlt zwar auch der modernen Weltanschauung nicht, und ich kenne einen Poeten, der mir einst eine große Wirtsrechnung mit Goethes Worten vorwies: »Ich, ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.« Aber einerseits wird dieser Gedanke nicht so fundamental ausgesprochen, andererseits unterliegt er der Unwahrheit, denn in Berlin sind schon trunkene Weinlieder hinter einem Glase Wasser verfertigt worden, und die Kritik mag sagen, was sie will, ein guter Weinkenner wird es diesen Liedern, so schön sie auch sein mögen, anmerken: sie funkeln wohl, aber sie haben keinen Duft, keine Blume. – Durch wie viele Vorstellungen und Reflexionen muß ein neuerer Weindichter hindurchgehen, bis er bei einem erklecklichen Satze stehen bleiben kann! Aber, unser Gualterus sagt seine Philosophie nur so unbefangen hin, als ob er gar nicht darüber nachgedacht hätte: Kopfbrechen hat ihm sein Lied gewiß keines gekostet, trotz der vollendeten Form. Manche neuere Weindichter polemisieren ein langes und breites gegen das Wasser, einer sogar, den ich für einen heimlichen Mystiker halte, sucht den Grund der jedem echten Trinker gebührenden Wasserscheu darin, daß die Welt unmittelbar vor der Erfindung des Weinbaues durch Wasser untergegangen sei: Dieweil darin ersäufet sind All sündhaft Vieh und Menschenkind. Unser Dichter fühlt diesen Gegensatz ebenfalls, aber nur wieder unter der Form der Unmittelbarkeit: es kommt ihm nicht bei, darüber zu sinnen und zu grübeln, er versichert uns arglos und freundlich, ihm behage der Wein in der Taberne besser als der, den des Präsuls Schenke mit Wasser gemischt habe. Punktum! Große Seele! – Er hat nur einen Gedanken, den er mit aller Feierlichkeit des Glaubens ausspricht, nur eine Leidenschaft beseelt ihn, die sich nach ihren verschiedenen Seiten als Lieb' und Haß manifestiert, als Liebe bis in den Tod: ›Vinum sit, appositum Morentis ori!‹ und als Haß bis in den Tod: ›Sitim et jejunium Odi tanquam funus!‹ Aber bei all dieser Glaubenskraft, welche Toleranz, welche Liberalität! Er trägt es anderen nicht nach, wenn sie nüchtern dichten können, er begnügt sich zu sagen: ›Suum cuique proprium Dat Natura munus.‹ Und der Verfasser war ein Mönch! während ein neuerer protestantischer Dichter in seiner Unduldsamkeit den Wassertrinker mit Fröschen, Kröten, Drachen, ja mit der ganzen Würmerschaft identifiziert. – Daß unser Dichter gelegentlich auch das Essen besingt, diesen kindlichen Realismus darf man ihm nicht verargen. Seine Poesie fragt nichts darnach, was vornehm oder geringe sei. Ich führe zuletzt noch einen Zug an, der den Kontrast seines Denkens gegen die moderne zerrissene Weltanschauung aufs deutlichste hervorhebt. Einer aus der Gesellschaft, in deren Mitte wir uns befinden, hat geträumt, er werde zur Strafe für sein lästerliches Trinken von Teufeln gepeinigt: aber wie lautet die Lehre von den letzten Dingen bei dem fröhlichen Gualterus? Er will in der Schenke, beim Wein oder, wie Bürger es etwas grob gegeben hat, vor dem Japsen sterben, Engelchöre umschweben den verscheidenden Trinker und enden, während er sein brechendes Auge gen Himmel schlägt, mit der seliglächelnden Ironie: ›Deus sit propitus Huic potatori‹ Wegen dieser unzerstörbaren Gläubigkeit könnte man sein Gedicht vorzugsweise auch das geistliche unter den Trinkliedern nennen: überdies war ja dieser frommste aller Trinker ein Mönch, und auch die Melodie drückt dem Liebe den geistlichen Charakter auf, sie ist ein feierlicher Choral Die Gesellschaft teilte diese Ansicht, ging aber nichtsdestoweniger von diesem Lied der Lieder sogleich zu anderen fort, die sie ebenfalls in Affektion genommen hatte. Da wurde gesungen »Der liebste Buhle, den ich han«, »Auf grünen Bergen wird geboren«, »Wir sind nicht mehr am ersten Glas« und noch andere mehr. Als diese Lieblingslieder erschöpft waren, beklagte sich einer darüber, daß jetzt so selten ein gutes Trinklied gedichtet werde; die anderen fielen ihm bei. »Humoristische und witzige Trinklieder sind doch in neuerer Zeit entstanden« – erwiderte Cäruleus – »denen niemand seine Anerkennung versagen wird: wie sehr haben wir gelacht, da wir das Lied von Kopisch ›Als Noah aus dem Kasten war‹, zum erstenmal vernahmen. Aber es ist wahr, die Trink- und Glaubenskraft fehlt ihnen, der große volle Zug, woran man erkennt, wie gründlich der Dichter in den Pokal geschaut haben müsse, eh' er seine Wunder auftat. Wenn ihr es jedoch mit dem Prädikate Trinklied nicht allzu genau nehmen, sondern überhaupt jedes Wein- und Herbstlied in dieser Sphäre gelten lassen wollt, so kann ich euch ein wunderbares Gedicht mitteilen, das nicht bloß den Schaum vom Becher der Poesie abschöpft, sondern tief in seine Fluten taucht, das nicht scherzhaft mit seinem Gegenstande spielt, sondern nach Art jener älteren Lieder ihn zum feierlichen Kultus erhebt: ich stelle es kühnlich den schönsten Liedern von Goethe und Schiller zur Seite.« Hierauf zog er ein Buch hervor und las das Bacchusfest von Möricke: Hier im traubenschwersten Tale Stellt ein Fest des Bacchus an. Ein ungeteilter Beifall folgte seiner Vorlesung, Ruwald jubelte: »Das,« rief er, »ist nun einmal wieder die reine Poesie, die gar keine andere Absicht hat, als eben Poesie zu sein; ich empfinde es als ein wahres Glück, dieses köstliche Gedicht kennen gelernt zu haben, und werde in Zukunft blindlings nach allem greifen, was mir dieser Dichter bietet, er kann gar nichts schreiben, was nicht vortrefflich ist, alles verwandelt sich unter seiner Hand in Gold!« – Die Jünglinge vereinigten sich in der begeistertsten Bewunderung dieses Dichters, sie priesen seinen Maler Nolten und hoben besonders die darin so tiefsinnig geschilderte Figur des Larkens, der sie an eine ihrem Kreise befreundete Erscheinung gemahnen wollte, hervor, Ruwald erklärte diese Dichtung für den bedeutendsten deutschen Roman seit den Wahlverwandtschaften, er erwähnte der komischen Personen in der darein verwobenen dramatischen Phantasmagorie und wies ihren nationalen Gehalt nach: »Hier,« sagte er, »haben wir den Beweis, daß man komische Charaktere nicht jenseits des Kanals zu holen braucht, sondern daß Deutschland deren eine reiche Ausbeute gewährt: gibt es nationalere Figuren als diesen Wispel, diesen Buchdrucker? Wem sind nicht schon solche windige Friseurs, solche großartig flegelhafte Lumpen vorgekommen? Dabei aber hat er ihnen einen phantastischen Überflug zu geben gewußt, so daß man sie nicht etwa von heute und gestern her, sondern nur wie aus frühester Jugend zu kennen glaubt. Es ist jedoch ungerecht, nur von einigen Figuren zu sprechen, jede verdiente hervorgehoben zu werden, die in dieser von Geist und Poesie fast überflutenden Dichtung lebt.« Ruwald schwieg, und Cäruleus nahm das Wort: »Dasselbe Buch, worin sich das Bacchusfest befindet, enthält ein Märchen von ihm, ›der Schatz‹, welches wohl ein Schatz der Poesie genannt zu werden verdient. Nach meiner Ansicht besteht der Begriff des Märchens darin, die geheimnisvollen Seiten des Lebens, welche den abgelegenen Winkeln eines Hauses gleichen und von dem Ahnungsvermögen der Kindheit am lebendigsten aufgefaßt werden, hervorzuziehen und zu erklären, indem der Dichter sie in individuelle Gestalten verwandelt. Auf diese Weise erfinden begabte Kinder märchenhafte Situationen, auf diese Weise hat das deutsche Volk seine in Humor und Ernst immer gleich wundervollen und unübertrefflichen Märchen gedichtet. Dieser Begriff liegt auch Goethes neuer Melusine zugrunde, deren artige Scherzhaftigkeit jedoch nicht an den dichterischen Vollgehalt dieses Märchens reicht, während das allegorisierende Märchen des Novalis und Goethes mystifizierendes in den Ausgewanderten gar nicht damit verglichen werden können, Hoffmanns Nußknacker und Mäusekönig, welches Märchen gewiß unter die besten gehört, hat ebenfalls keinen so reinen und durchaus überwältigenden Eindruck auf mich gemacht, wie der Schatz. Diese Fee Briskarlatina, die Frau Lichtlein mit ihren Fieberäpfeln, die rätselhafte Edelfrau, der Wegweiser, der die hölzernen Hände zusammenklatscht, was gewiß mehr besagen will, als das Nicken einer Statue, der kleine Feldmesser, der Europa auf der Homannschen Landkarte bereist, das Waidefegerfest, das unbefangene liebliche Mädchen Josephe – das sind köstliche Gaben, welche die Poesie nur ihren Sonntagskindern schenkt. Ich habe dieses Märchen mehr als einmal gelesen und, was gewiß nicht oft der Fall ist, mit jedesmal erneuertem Entzücken.« Jeder bezeigte Verlangen nach dem Buche, und da es nicht alle zugleich haben konnten, wurde ein Abend festgesetzt, an welchem Cäruleus das Märchen vorlesen sollte. »Ich freue mich auf diese Zusammenkunft von wenigen Getreuen,« sagte er wehmütig, »denn es werden außer uns nicht viele sein, die den reichen Lorbeer auf dem Haupte dieses Dichters schauen. In dieser Marschallsperiode nimmt sich keiner die Zeit –« »Was verstehst du unter dem Ausdruck?« unterbrach ihn Ruwald. »Nun! Als Alexander gestorben war, rauften sich seine hinterlassenen Feldmarschälle, und wenn er alt geworden wäre, so hätten sie es ohne Zweifel schon zu seinen Lebzeiten getan. Wer an diesen Balgereien keinen Anteil nahm, konnte nicht aufkommen.« »Jetzt verstehe ich dich und gebe dir recht. Allerdings, weil die Poesie keine Tendenz hat, darum bleibt Mörike seinen Zeitgenossen so fremd. In seinem Vaterlande weiß vollends niemand etwas von ihm: freilich, dort hat man das Herz nicht, sich ohne Vorgang für einen Genius zu erklären.« »Bewahre,« rief Cäruleus unmutig; »die müssen ihre einheimischen Produkte erst vom Ausland plombiert zurückerhalten, ehe sie daran glauben können. O, dieses Land ist das Nazareth von Deutschland! Es erzeugt den Geist, aber ihm ist er der Zimmermannssohn.« »Ich wüßte,« hub Ruwald an, »für Mörike ein probates Mittel, das ihn auf einmal zur allgemeinen Anerkennung bringen würde.« »Welches?« fragten die anderen neugierig. Ruwald lachte. »Schon Petrarca,« sagte er, »verschrieb es einem Freunde, der sich über die undankbare Mitwelt gegen ihn beklagte. ›Wenn du berühmt sein willst,‹ rief er ihm zu, ›so stirb! Im Leben wird dir keine Anerkennung zu teil.‹ Dies ist das Mittel, das ich meine. Er braucht nur zu sterben, um ein marmornes Denkmal von der Nation und die lauten Lobsprüche der Kritik zu erhalten: ›Das nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.‹ Da wollen wir ihm unsertwegen lieber ein langes und unberühmtes Leben wünschen.« »Ich möchte nur wissen,« nahm Cäruleus das Wort: was Schiller geantwortet haben würde, wenn man ihn zu Mannheim, wo er in Not und Elend schmachtete, mit der Aussicht getröstet hatte: ›Sei ruhig, Dichter der Räuber! Labor hic tibi proderit olim! Ein teilnehmender Freund wird dereinst, wenn du längst nicht mehr bist, mit der Geschichte deiner Leiden einen Beitrag zu den Kosten deines Denkmals geben; das Minus wird dem P1us zugute kommen.‹« »In der Behandlung unserer Dichter,« sagte Ruwald, »zeigt sich unser ganzer Idealismus. Wir lieben nur den Geist, um den Körper kümmern wir uns nicht, der mag sterben und verderben.« »Noch mehr!« rief Cäruleus: »weil wir so sehr darauf versessen sind, unseren großen Geistern Denkmale zu errichten, und diese Ehre nun einmal bloß den Toten zu teil werden kann, so scheint mir ein allgemeines Komplott zur schleunigen Herbeiführung dieser ersehnten Gelegenheit zu bestehen.« Hier unterbrach er sich: »die Hypothese, die Hypothese!« stich er leise gegen Ruwald aus, den er heftig mit dem Ellbogen bearbeitete: »seht, Brüder!« rief er dann laut, »da sieht wieder die hübsche Emilie zum Fenster heraus! O du Engel!« Alle wandten ihre Augen hinüber, am schnellsten Paul, der die in seinem Gesicht aufsteigende Röte nicht verbergen konnte. Aber, o weh! es war nicht sein Engel, was er sah, es war der alte Kaufmann, ihr Vater, den wir vom gestrigen Maienfeste her kennen; er lag, mit einem vieljährigen Schlafrock angetan, eine lange, weiße Zipfelmütze auf dem Haupt, im Fenster und wurde eben, indem er in das Wirtshaus herüberblickte, von einem schaudererregenden Gähnen befallen. »O holder Mund, zum Küssen wie geschaffen!« deklamierte Ostjäck, als er dies gewahr wurde, Paul wandte sich ab, höchst ärgerlich, daß er unter dieser Mystifikation hatte mit leiden müssen, aber wie ward ihm, als er Ruwalds und Cärulei Blicke scharf auf sich gerichtet sah, als er ihr spottendes Gelächter vernahm, als die ganze Gesellschaft endlich dieser Spur folgte, das Geheimnis begriff, alle nach ihm schauten und unanständig lachten! Er sah sich verraten, dem Spott, der Schande preisgegeben. Er fuhr auf, warf ihnen einen Blick zu, den man auf jener Universität einen Friedrichsblick zu nennen pflegte, und öffnete den Mund, um geflügelte, pfeilspitzige Worte zu sprechen, aber einer jener unseligen Momente im Leben war bei ihm eingetreten, wo, wenn ich mich eines Gleichnisses bedienen darf, ein feindlicher Dämon das Zündkraut von der Pistole geblasen zu haben scheint? das Gewehr ist wohl geladen, scharf geladen, aber du drückst ab, und der Schuß geht nicht los. So widerfuhr es unserem Helden; er hatte einen Gedanken auf der Zunge, womit er seine Spötter insgesamt hätte entwaffnen können, den Gedanken, wie ein so schlechter Witz zu dem begeisterten Gespräch über einen herrlichen Dichter passe: es wäre eine schlagende Erwiderung gewesen, doch er fand den Anfang nicht, das erste bedeutende Wort, das den folgenden Respekt verschaffen muß. Unglücklicher Flötenspieler! du mußt noch wenig angefeindet worden sein. Aber indem wir reden, zerrinnt ein Sandkorn ums andere, der Friedrichsblick ist verpufft, die Replik, die schnell wie Blitz und Donner, wenn's einschlägt, hätte folgen sollen, ist ausgeblieben. An Taktik jedoch fehlt es unserem Helden nicht er sieht ein, daß er die Schlacht verloren hat, und denkt auf einen schleunigen Rückzug. Er nimmt einen Abgang, wie er ihn schon einmal genommen hat, und ist, wie ein guter Schauspieler, deshalb auf eine Steigerung bedacht; statt daß er also den im Wege stehenden Stuhl umwirft, läßt er sich von dem Stuhl über den Haufen werfen. So liegt er denn der Länge nach gestreckt am Boden, ein trauriges Bild menschlicher Leidenschaften und Entwürfe. Im Gefühl dieser tragischen Bedeutung der Situation kann sich Cäruleus nicht enthalten, mit Pathos auszurufen: ›Das Rätsel ist gelöst, die Sphinx gestürzt, O Ödipus, du jammervoller Mann!‹ »Wenn aber,« fiel Ostjäck ein, ›Wenn aber so der Menschheit Kraft und Glut Dahinfährt ohne Wiederkehr, dann bebt – Ein menschlich Herz.‹ Diese erhebenden Worte helfen dem Gestürzten wieder auf die Beine, er steht, gibt einen unartikulierten Laut von sich und rennt hinaus, ohne noch einmal umzublicken: ich habe, denkt er, keinen zweiten zu versenden. Ein heftiges, lang nachhallendes Gelächter begleitet ihn, Ruwald aber setzt sich mit gerunzelter Stirn zur Seite und sieht vor sich hin. »Das war einmal jocos,« rief Ostjäck, indem er sich die Tränen aus dem Auge wischte: »einen Philister mit einem anderen abzuführen!« »Eine homöopathische Kur,« fiel Cäruleus ein. »Ja, bis auf die Quantität der Dosis; die war aber stark: großes Haupt, Zipfelmütze, Klemm- und Nasenbrille, ein von hier aus zu erblickender stachlichter Bart und ein weit wie die Pforten der Hölle gähnender Mund. Das war kein homöopathischer Tropfen. Was meinst du dazu, Ruwald?« »Es war ein deutscher Maientag, Der keinen Griechen freuen mag,« erwiderte dieser, aus einem tiefen Nachdenken erwachend. »Ich glaube, du bist hellsehend geworden durch den erschütternden Auftritt,« lachte Ostjäck: »an welchem Kapitel sind wir denn?« »Ach, ich dachte an gestern.« »An die Borjerfreide?« »Ich hätte darüber weinen mögen.« »Ich muß gestehen,« sagte Cäruleus, in die Gedanken des Freundes eingehend, »es ist mir nirgends unwohler, als bei einem solchen sogenannten Feste. Ihr wißt, daß ich gegen die Tiere immer ein mit Grausen gemischtes Mitleid empfinde, wenn ich sehe, daß sie lustig sind, miteinander scherzen, und so gerne lachen möchten. Sie fühlen diese Unmöglichkeit ganz deutlich, deswegen ist in all ihrer Freude ein gewisses Mißbehagen, ein Ärger zu bemerken, und dieses Bewußtsein ist daran schuldig, daß ihre Scherze bald in abgeschmackten Unsinn, in langweilige Plumpheiten übergehen. Ebenso kommen mir diese Leute immer bei ihren Festen vor; sie sitzen hin und machen offiziellermaßen vergnügte Gesichter, versichern, es sei sehr heiter, reden einander zu: ›ach, sein Sie doch auch vergnügt, lieber Herr Professor! so kommt's nicht oft, sehen Sie doch nur, wie seelenvergnügt ich bin!‹ und im Herzen wünschen sie die ganze Komödie zum Henker, denn sie merken wohl, wo's fehlt. Ich mag anfangen, wo ich will, bei keiner von allen Gattungen standen die Aktien gestern auch nur erträglich: die Kinder – gleich von vornherein auf Dank und Freude dressiert, was bei den Knaben zwar weniger anschlug, denn diesen war teils die Historie gleichgültig, teils waren sie verdrießlich, aber die Mädchen, weiße, mit Blumen aufgeputzte Gänschen, begriffen schon eher, wie sie die Sache anfassen mußten, nämlich, daß sie zum erstenmal auf die Weide geführt wurden und ihre Schule im Gaffen und Begafftwerden machten. Das gebildete Publikum gewinnt mir nicht einmal ein Scheltwort ab – Zuckerwasser! Die Studenten –« »Gerstenschleim und Haberbrei Lieben wir ja alle!« unterbrach ihn Ostjack. »Gut, von ihren intellektuellen Bedürfnissen und deren Befriedigung kannst du das ganz wohl sagen, sonst aber lieben sie nur den Gerstensaft. Seit dieses heillose, dumm und sumpfig machende Getränke eingeführt ist, sinken die Leute immer mehr herab; früher gab es auch nicht lauter Genies, aber der Wein hielt sie doch aufrecht, und es war in der Tat ein anderes, heroischeres Geschlecht. Als das depravierende Prinzip unserer Zeit wird die künftige Kulturgeschichte den Gambrinus nennen und ihn neben dem Jesuitentum und der Inquisition der früheren Perioden aufführen.« »Gott steh uns bei!« rief Ostjack; »jetzt ist er wieder im Zuge! – Trinkst du denn nicht selbst auch Bier?« »Ein Glas hie und da für den Durst; dann trink' ich aber gleich Wein, um nicht dumm zu werden.« »Cäruleus,« sagte Ruwald, »hat doch nicht so ganz unrecht gehabt mit seiner Philippika gegen die Universitäten; ich habe mir die Sache gestern so bedacht und bin auf allerlei Einfälle gekommen, aus denen ich sehr geneigt wäre, ein Lustspiel zusammenzusetzen. Da ich aber nichts Dramatisches zustande bringen kann, so will ich es dir abtreten, Cäruleus; ich will dir den Inhalt sagen, und dann arbeite das Stück aus und nenne es: › Rübezahl auf der hohen Schule ‹.« »Da haben wir wieder den alten Stofflieferanten,« sagte dieser, »nun, laß hören.« » Rübezahl ,« begann Ruwald, »der seit langer Zeit nicht unter die Menschen gekommen und in seiner Bergeseinsamkeit verwildert ist, beschließt im Gefühl dieses Zustandes, sich nach Bildung umzusehen, und geht mit einem angenommenen Namen und vielem Geld auf die Universität. Hier überlasse ich es dir, ihn seine Karriere durch die Hörsäle, Bierkneipen und Singtees machen zu lassen. Unter den Studenten sagt ihm nur ein einziger zu, welcher unglücklich liebt; nämlich der Vater seines Mädchens will ihn nicht zum Schwiegersohne haben, weil er ein Poet ist und gar keine Anlagen zum Philistertum aufweisen kann. Rübezahl tröstet die Liebenden und verheißt ihnen geheimnisvoll seinen Schutz. Indessen sieht er aber ein, daß er hier nirgends seine Rechnung findet; die verschiedenen Ansichten, die von den Kathedern vorgetragen werden, verwirren ihn, ohne daß ihm eine über den Graben hilft, und er beschließt endlich, sich nur an einen einzigen Lehrer zu halten. Zu diesem Behuf entführt er einen handfesten Philosophen – du kannst ihn Professor Sutterer nennen – auf sein Bergschloß, zugleich rät er seinem Freunde, mit dem Liebchen zu entfliehen, gibt ihm Geld und bestellt ihn an einen gewissen Platz auf dem Harze. Auf seinem Schlosse gibt er sich dem Professor zu erkennen und verlangt Unterricht, ist aber sehr erstaunt, von ihm zu vernehmen, man könne nicht so aus dem Blauen und ins Blaue hinein unterrichten; dazu bedürfe man eines großen Apparats. ›Wie?‹ fragt Rübezahl, ›habt Ihr denn das nicht alles im Kopfe?‹ – ›Ach! was werd' ich?‹ entgegnet Sutterer verdrießlich; ›sehen Sie, Herr Rübezahl, solche Gedanken kommen von einer falschen Genialität her, die Ihnen in jüngeren Jahren beigebracht worden sein muß.‹ – Nun entdeckt es sich, daß der Professor philosophischer Wahrheiten bedarf, die er bei der gewaltsamen Abreise zu Hause gelassen hat; er bittet um Urlaub, um dieselben zu holen, Rübezahl aber befürchtet, er möchte nicht mehr kommen, und verspricht ihm in der Eile Ideen anzuschaffen. Er erinnert sich seiner ersten Liebe und des Ereignisses, das ihm den Namen gab, und entschließt sich trotz der schmerzlichen Erinnerung, das Kunststück zu wiederholen. Rüben sind nicht gerade zur Hand, das nächste beste, was er aufraffen kann, ist ein Bündel Binsen. Diese bringt er mit und verwandelt sie mit Hilfe des Professors in philosophische Wahrheiten. Sutterer beginnt jetzt den Kursus, wird aber bald genug durch die Entdeckung unterbrochen, daß die Wahrheiten sehr hinfällig sind; ehe man sich's versieht, welkt eine nach der andern ab, besonders zeigt sich's, daß die Notwendigkeit und die Freiheit am Beinfraß leiden, am schlimmsten aber ergeht es der Allgemeinheit; die Individualität, welche sie in sich hat, bringt ihr den Tod, und sie verscheidet an Unverdaulichkeit und grausamen Leibschmerzen. Der Philosoph ist in großer Not, er versichert, so etwas hätte er sich gar nicht träumen lassen, er könne nicht genug beschreiben, wie stattlich sich diese Wahrheiten auf dem Papier ausnehmen; Rübezahl aber ist sehr entrüstet und beginnt den Unrat zu merken. In diesem Augenblick treten die Liebenden ein, von einem dienstbaren Geiste hiehergeführt. Rübezahl erblickt sie, und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen, er sieht die wahre blühende Individualität vor sich, seine Bildungswut kommt ihm lächerlich vor, und jetzt erinnert er sich auf einmal seines Freundes Novalis, mit dem er einst in diesem Gebirge heimliche Unterredungen gepflogen, und gedenkt eines magischen Spruches, den ihm dieser gab. ›Ich will eine Prüfung anstellen,‹ ruft er; ›stellt Euch dorthin, Professor, und ihr beiden, kommt daher und haltet euch umfaßt; wenn ich den Stab gegen euch wende, so küßt ihr einander. Wehe dem, der die Prüfung nicht besteht!‹ – Dem Professor wird es todesangst, er will in der Not ein Vaterunser beten, verwechselt es aber in der Verwirrung und ruft mit gefalteten Händen: ›Nach den Quellen der menschlichen Erkenntnis zu forschen, ist für jeden, der auf den Namen eines Gebildeten Anspruch macht, wo nicht wichtig und notwendig, so doch nützlich und anständig. Amen‹ Rübezahl aber schwingt den Stab und spricht den Zaubersegen: ›Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren Sind Schlüssel aller Kreaturen, Wenn die, so singen oder küssen, Mehr als die Tiefgelehrten wissen, Dann fliegt vor einem geheimen Wort Das ganze verkehrte Wesen fort. ‹ Hierauf gibt er das Zeichen, die Liebenden küssen sich, es fällt ein Donnerschlag, und die Stelle, wo sie stehen, wird in eine herrliche Gegend verwandelt, aus deren Hintergrund ein kristallenes Schloß hervorstrahlt, der Berggeist steht als schöner Jüngling in riesiger Größe da, die Liebenden haben Kronen auf den Häuptern, und Professor Sutterer flattert, in einen Gänsekiel verwandelt, langsam in die Landschaft hinaus. Der Vorhang fällt.« Ehe die andern etwas sagen konnten, wurde das Mittagessen aufgetragen. Nun war keine Zeit, weder zur Kritik, noch zu irgend einer Art von Besprechung, denn die Jugend ist zwar mehr als jedes andere Lebensalter dem Enthusiasmus und energischen Geistesleben hold, aber auch die irdischen Bedürfnisse üben eine unbesiegbare Macht über sie: Essen, Trinken und vor allem der Schlaf sind ihr unentbehrlich. Fast schien es, als ob Ruwald der Macht des letzteren anheimgefallen wäre; er saß schweigend unter seinen Freunden, aß wenig, beantwortete keine Frage oder gab, aus seiner Zerstreuung aufgeschreckt, verkehrte Antworten. Seine Freunde, die nicht gewohnt waren, ihn in einem solchen Zustande zu setzen, beobachteten ihn mit stiller Verwunderung. So erlahmte das Gespräch nach und nach und wurde auch auf einem nach Tische angetretenen Spaziergang nicht viel lebendiger. Nachdem sie lange in der schönen Gegend umhergewandelt waren, warf sich Ruwald unter einer Linde nieder, die Freunde um ihn her. Cäruleus erzählte eine lustige Geschichte, die aber, da die Stimmung einmal verflogen war, nicht recht greifen wollte, es kam keine Unterhaltung zustande, nur unsichere, halberstickte Worte flatterten hin und her, bis endlich Cäruleus ausbrach: »Freunde, wenn ihr euch nicht alsbald mit Riesenkräften aus diesem langweiligen Betragen herausarbeitet, so werde ich euch durch eine glänzende Vergleichung beschämen und an den Hof im Ardenner Walde erinnern. Lagern wir nicht in einer ebenso anmutigen Wildnis? Dürfen wir uns nicht mit allem Recht als Geächtete, Gesetzlose betrachten, die der Geist der Freiheit, die Liebe zum Licht aus den dumpfen, über alle Gebühr finstern Hörsälen herausgeführt hat? Und da liegen wir nun und sehen einander mit höchst geistreichen Mienen an: ich möchte beinahe den Vorschlag tun, lange Pfeifen herschaffen zu lassen und bei einem tüchtigen Humpen Bier in stummer Selbstgenügsamkeit einander zu berauchen. Du aber, o du Mittelpunkt all unsers Humors, der du deine langen Beine mit so wehmütiger Krümmung, so musikalischer Ausweichung ins Grüne hinausstreckst und den Schnurrbart in tragischer Hoffnungslosigkeit hängen lassest, in dir erkenn' ich allerdings eine Shakespearsche Figur: seht ihn an, ihr Männer, Freunde! ist er nicht leibhaftig der melancholische Jaques? er scheint die Erde zu bedauern, daß sie ihn tragen, die Luft, daß sie durch seine Nase ein- und ausgehen muß. Nun, so teil uns doch etwas von deinen kläglichen Betrachtungen mit, du vom Schmerz des Lebens Gebeugter! Wahrhaftig, so muß der arme Jaques ausgesehen haben, als er an der Quelle saß und über den angeschossenen Hirsch philosophierte.« »Du hast nicht so ganz unrecht,« sagte Ruwald bitter lächelnd: »Das waren in der Tat soeben meine Gedanken, ich philosophierte über eine höchst ungerechte Jagd.« »Und über was für eine, mein trefflicher Denker, wenn man fragen darf?« »Laß mich, laß mich! ich bin nicht zum Sprechen gestimmt: philosophiert ihr indessen auf eigene Hand weiter! – Oder vielmehr: soeben fällt mir ein, daß ich das letzte Mal einen Vortrag gehalten habe und nunmehr nach unsern Gesetzen den nächsten Redner bestimmen darf. Rede also, Cäruleus, wenn du das Stillschweigen nicht leiden kannst, und rede meinetwegen über das Thema: ›Was von der Ewigkeit zu halten?‹« – Hiemit legte er sich zurück und drückte das Gesicht in die Arme. »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« sagte Cäruleus gähnend, »eine nicht aufzuwerfende Frage, bei der mir immer eine schmerzliche Erinnerung aus den Kinderjahren zurückkommt. – Ich war schon als Knabe ein mächtiger Philosoph und philosophierte über alles im Himmel und auf Erden, vom Ysop bis zur Zeder, vornehmlich aber philosophierte ich über die Ewigkeit. Und das griff ich folgendermaßen an: ich dachte, wie geht es denn zu, daß die Ewigkeit ewig dauert und gar kein Ende nehmen will? Kann es denn etwas geben, das gar nicht aufhört? Dabei stellte ich mich etwa auf den Marktplatz meiner Vaterstadt, sah langsam, ganz langsam an mir hinunter, dann auf dem Boden weiter, immer langsamer, nun kamen die Häuser, hinter diesen der Kirchturm und endlich eine Kette von ziemlich hohen Bergen; wenn ich nun bis an den Turm mit den Augen gekommen war, wurde es mir schon bange, ich rückte unmerklich, fast nur wie ein Stundenzeiger, vor, aber es half nichts, die grauen Steine schwanden, es wurde grün, ich hatte die Berge erreicht, und zuletzt war ich auch mit diesen fertig. Ach! ich hatte eine Ewigkeit zu dieser Aussicht gebraucht, und nun war die Ewigkeit doch herum! Wie kann denn etwas ewig dauern? Tag um Tag und kein letzter! Ein Schauer faßte mich, und ich lief mit bitteren Tränen nach Hause, wo ich mich an meine erstaunte Mutter schmiegte. In solchen Gedankenqualen hab' ich manche Stunde zugebracht, und nur eines kommt mir jetzt seltsam vor: mit dem Anfangspunkte der Ewigkeit gab ich mich niemals ab, nur der andere, das Ende, machte mir zu schaffen.« »Das ist übrigens sehr natürlich,« fiel Ostjäck ein; »um den Anfang bekümmert man sich nicht, man denkt, es ist eben von Anfang so gewesen; aber das Ende –« »Das interessierte mich allerdings mehr, weil ich es selbst miterleben oder vielmehr nicht erleben sollte; als ein frommes Kind (denn auf dieses Prädikat könnt' ich Anspruch machen) hatte ich wohl Hoffnung, dereinst auch in den Himmel zu kommen, und da malte ich mir die himmlischen Freuden so aus, und wie sie immer und immer fortdauern und ein himmlischer Tag sich an den anderen reiht – ich versichere euch, mich überfiel bei all der Seligkeit eine Angst, die mich zum unglücklichsten Menschen machte.« »Ja, das Unendliche kann einem schon Respekt einflößen,« sagte Ostjäck; »hier erinnere ich mich des Porträts, das dich als Kind vorstellt, hier machst du ein so sonderbares Gesicht, daß ich fast glauben möchte, der Maler habe dich unmittelbar in deinem Philosophieren abkonterfeit.« »Es mag wohl so etwas gewesen sein,« erwiderte Cäruleus, »wenigstens weiß ich, daß ich während des Malens unendliche Langeweile empfand, und kann mir jetzt noch nicht vorstellen, wie die Leute sich eine bedeutende Physiognomie geben können, wenn sie der Staffelei gegenüber sitzen. Wenn ich noch einmal dran müßte, so würde ich den Maler bitten, mich, ohne daß ich es wüßte, durch ein Schlüsselloch zu malen.« Ruwald erhob sich und sprach: »Mit der Ewigkeit ist es eine eigene Sache, denn man kann sie nun einmal doch nicht los werden; sie ist wie eine Quelle, die, hier verschüttet, dort wieder zum Vorschein kommt. Die Philosophen haben sehr triumphiert, als sie der jenseitigen langen Bank, wie sie sie nannten, die Füße abgesägt hatten, nun bleibt ihnen aber doch die diesseitige übrig, und man muß immer fragen, wenn alle Geschichte nur in dieser Welt vor sich gehen soll, wird das ewig so fortgehen oder wird etwas einmal zu nichts werden müssen? Am Ende ist das Endliche ebenfalls unendlich. Was ist noch lange nicht vorüber – Stehet auf und lasset uns von hinnen gehen.« Unterwegs wurde beschlossen, noch einmal in das bekannte Wirtshaus zu gehen und einige Gläser draufzusetzen. – Ich muß endlich gestehen, daß ich meinen Helden nur mit großem Widerwillen dahin folge, um so mehr, als ich sie schon auf dem Spaziergang ungern begleitet habe. Nur die Pflicht einer getreuen, wahrheitsliebenden Schilderung konnte mich bewegen, diese abspringende, eckige, unzusammenhängende, erzwungene Konversation darzustellen. Ich weiß nicht, was diese Leute treiben, aber es ist eine wahre Schande. Ruwald fährt einmal übers andere aus einer unbegreiflichen Zerstreuung empor und gerät auf Gegenstände, die ganz außer dem Gang des Gesprächs liegen, Cäruleus nimmt sie mit Vergnügen auf und verfolgt sie mit einer Hast, als ob auch er etwas Unangenehmes zu verreden hätte; sie sprechen nur, um zu sprechen; es ist, als ob ein Kainsgefühl sie unstet und flüchtig durch alle Gebiete des Gedankens hindurchgeißelte. Sollten wir hierin eine Nemesis erkennen? Wohl ist es ihnen nicht. Ich will ihnen die Schmach nicht antun, was jetzt folgt, mit epischer Breite auszuführen, sondern nur kurz erzählen, daß Ruwald sich plötzlich zu einem Humor zwang, an dem keine gesunde Faser war. Er erblickte in der Nähe des besagten Wirtshauses einen Bauersmann, ließ diesen sogleich kommen, setzte ihm die feinsten Weine und ein in der Küche soeben fertig gewordenes Spanferkel vor, das er um seines frühen Todes willen glücklich pries, indem es jetzt, mit einer Zitrone im Munde, sich in einer anständigen Gesellschaft bewegen dürfe, während es, zu reiferen Jahren gelangt, in höchst unwürdigem Umgang mit Standesgenossen Kot gefressen hätte; hierauf entwickelte er in einem langen Vortrage die Notwendigkeit, das Gemeinbewußtsein nicht erst nach und nach zur Bildung heranzuziehen, sondern über Hals und Kopf in dieselbe zu stürzen; »denn,« fügte er hinzu, »wofür man den Menschen erklärt, das ist er auch, und wenn dieser unvorbereitete Landmann sich so vornehm behandelt fühlt, so wird er plötzlich die edelsten Gedanken von sich geben.« Als aber dieser versicherte, das Ding schmecke eben auch wie Essen und Trinken, riß er ihm den köstlichen Burgunder aus der Hand, hielt wiederum eine Rede über die Unmündigkeit des Volks und entließ den Verblüfften mit den Zeichen der höchsten Ungnade. Die anderen erhuben ein unmäßiges Gelächter, auch Ruwald stimmte ein, aber es war nicht das natürliche gesunde Lachen, das wir bei einem anderen Anlaß oben mit angehört haben, sondern ein künstliches, das etwas von jenen Worten Byrons in sich hatte: ›Und manchmal lach' ich nur, um nicht zu weinen,‹ Weinen! ja dies wäre hier das Passendste gewesen, und in meiner Schilderung mit Widerstreben an diesen Punkt gelangt, erinnere ich mich unwillkürlich der Äußerung eines Lehrers aus meinen jüngeren Jahren, der bei einer ähnlichen Gelegenheit mit dem Propheten ausrief: »O, daß ich Wasser genug im Kopfe hätte, zu weinen über das Tun dieser verkehrten Jünglinge!« Ruwald sank bald wieder in die alte Lethargie zurück. Die anderen tranken aus und mahnten ihn zum Fortgehen, er schüttelte aber den Kopf und winkte ablehnend mit der Hand; jene, die seine Weise kannten, gingen und ließen ihn sitzen. Kaum sah er sich allein, so sprang er auf und ging mit großen Schritten hastig im Zimmer auf und ab. »Kaum kann ich mich bezwingen,« rief er aus, »daß ich nicht selber Hand an mich lege und mich links und rechts ins Gesicht schlage! Könnt' ich diesen schmählichen Vorfall aus meinem Gedächtnisse verwischen! Das war wohl eine Kunst, einen armen Jungen zu verhöhnen, der am Ende besser ist als wir alle! Diese großen Geister! Nichts ist ihnen zu hoch, nach allem greifen sie und tun es ab mit höchst überschwenglicher Weisheit; aber dazu sind sie nicht zu vornehm, ihren schlechten Knabenwitz gegen einen Unschuldigen zu kehren – warum? weil er verliebt ist! Verliebt! das ist, wenn ich mich nicht irre, vornehmlich dem Philister eine Torheit, und als solche haben wir uns betragen, mit der Roheit des gemeinen Haufens haben wir ein gutes Herz gekränkt! Armer Jüngling! das hättest du nicht erwartet von Leuten, die mit so viel Bildung prunken! In argloser Sicherheit gesellst du dich zu uns, und es geht dir wie dem Fremdling, der, unbefangen in ein nobel aussehendes Haus tretend, von einem kläffenden Kettenhund angefahren wird. Und das alles einem trivialen Witze zulieb! Nein, das hat er nicht verdient; wäre er ein gewöhnlicher Kollegienreiter, so hatte er sich ganz anders benommen. Welche Schüchternheit und welche Liebe! Die wenigen Stunden, die sich die gute Seele erobern kann, widmet er dem Liebchen, die er vielleicht zweimal flüchtig am Fenster sieht, setzt, was dem Menschen in einer kleinen Universitätsstadt das Höchste sein muß, den guten Ruf aufs Spiel, läßt sich in der Nähe einer verrufenen Gesellschaft blicken und hat wahrscheinlich keinen Dank davon, als daß das Mädchen ihn mit wilden Trinkern zusammenwirft, verdammt und verachtet. In der Nacht bricht er sich den Schlaf ab und schreibt die bei Tage versäumten Vorlesungen nach, nicht ahnend, daß in derselben Stunde die Geliebte vielleicht mit Abscheu an ihn denkt und ihn weit von ihrem Angesichte wünscht. Nein, so liebt kein Philister, keine gewöhnliche Seele. Und ich konnte ihn verkennen, und bin doch auch so jung und so verliebt gewesen!« Er wurde weich, er erinnerte sich der schönen Zeit, da sein Herz um erstenmal erwachte, er sagte sich jenes erste Liebeslied wieder vor, das er, ein fünfzehnjähriger Dichter, mit freudigem Schrecken einst im Walde gesungen hatte: ›Immer, Teure, schwebt dein Bild Meinen Augen vor, Deine Stimme, sanft und mild, Tönet in mein Ohr, Deiner blauen Augen Schein Leuchtet mir ins Herz hinein.‹ Seine Augen wurden feucht: »Wie unbedeutend und doch wie herzlich,« sprach er, »klingen diese Worte, wahrer als alles, was man in gereifteren Jahren und mit gereifterer Kunst hervorbringt! O du schöne, unwiederbringlich verschwundene Zeit des Glücks! Und gegen dich habe ich mich verschwören können!« Er trat an den Tisch und stürzte ein Glas hinunter. In vino veritas: sein Gesicht erheiterte sich, er ging ruhig auf und ab und bedachte einen Entschluß. In diesem Augenblicke trat ein Student ein, den er halb und halb kannte, und nun war sein Entschluß gefaßt. Er bat den Ankömmling in der üblichen Weise, sein Kartellträger zu sein, und sandte ihn zu Paul mit dem Anerbieten, er wolle ihm für den heutigen Vorfall im Namen der dabei zugegen gewesenen Gesellschaft vollständige Genugtuung geben. Nach einer Viertelstunde kam jener zurück und sagte lachend: »Sie haben keinen gefährlichen Gegner gefunden, der Hasenfuß hat das Duell abgelehnt und mir aufgetragen, Ihnen zu melden, er hätte von Leuten, die sich einer überlegenen Bildung rühmten, nicht geglaubt, daß sie Veranlassung zu einer alltäglichen Katzbalgerei gäben oder gar suchten.« – »Der Junge gefällt mir immer besser,« rief Ruwald: »haben Sie jetzt die Gefälligkeit, mich zu ihm zu begleiten und Zeuge meines Benehmens zu sein.« Paul saß in der übelsten Laune auf seinem Zimmer; die Studierlampe verbreitete ein düsteres Licht auf das Handbuch des Staatsrechts, das, an der aufgeschlagenen Stelle gewaltig zerknittert, vor ihm lag. Er hatte alle Ursache, mißmutig zu sein: die Geliebte verkannte ihn und die Absicht seines Wirtshausbesuches aufs schmählichste; ach! und er konnte die stumme Rolle eines Toggenburg jetzt nicht einmal mehr spielen, der Schauplatz seiner Demütigung war ihm auf ewig verschlossen! Dazu kam das drückende Bewußtsein, mit den väterlichen Vorschriften im schneidendsten Widerspruche zu stehen; seine vormittäglichen Gänge, so wenig Aufwand er dabei machte, hatten ihn mehr Geld gekostet, als er bei seinem strengen Vater verantworten zu können glaubte, auch die Kollegienversäumnisse beschwerten ihm das Gewissen, das in der jetzigen Aufregung die Nachtarbeiten, womit er in der Tat das Defizit regelmäßig zu decken suchte, eine Umgehung, ja eine Heuchelei nannte. Und nun hatte er sich noch, ohne zu wissen wodurch, geistreiche und höhnische Feinde zugezogen, die ihn auf jede Weise zu verfolgen suchten; denn wofür anders konnte er Ruwalds Botschaft nehmen, als für die hartnäckige Bestrebung, um jeden Preis Feindseligkeiten anzuspinnen! In diesen unbehaglichen Gedanken quälte er sich ab, und Ruwald, als er eintrat, konnte sich nur mit Mühe enthalten, die Worte der Überschrift über der Eröffnungsszene, des Faust auszurufen, worin der Held in einem engen Zimmer unruhig am Pulte sitzend geschildert wird. Paul wußte nicht, wie ihm geschah, als die beiden Fremden hereinkamen, er sprang ängstlich auf, aber Ruwald trat ihm mit Anstand entgegen und sprach: »Sie haben die übliche Form der Genugtuung, die ich Ihnen anbot, nicht angenommen, ich achte Sie deshalb nur um so höher, denn das Duell hat in neuerer Zeit nach meiner Ansicht, wenigstens auf unserer Universität, sehr viel von seiner Würde verloren. Mir aber werden Sie auch nicht verargen, daß ich, der ich Sie nicht kannte, in dieser Sache zunächst den gewöhnlichen Weg einschlug. Nachdem Sie nun, ganz mit meiner Zustimmung, diesen verschmäht haben, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als daß ich Sie hiemit vor diesem Herrn in meinem und meiner Freunde Namen für die heutige Kränkung förmlich und aufrichtig um Verzeihung bitte.« Hierauf wandte er sich zu seinem Begleiter und sagte: »Ich danke Ihnen für die Gefälligkeit, womit Sie unserer Unterredung bis hieher als Zeuge haben anwohnen wollen.« – Dieser merkte den Wink und nahm mit einem unaussprechlichen Ausdruck im Gesichte seine Entlassung. Als Ruwald mit dem erstaunten Paul, der nicht wußte, ob er wachte oder träumte, allein war, begann er eine herzliche Entschuldigung des heutigen Auftritts. »Der Humor,« fügte er,»der allerdings von keinem Zweck und keiner Rücksicht wisse, könne doch nur bei einer gänzlichen Verstimmung auf solche Sprünge kommen.« Er beklagte sich über die Schiefheit aller Lebensverhältnisse, über die Gottesverlassenheit dieser Zeit, wie er es nannte, und als er einmal im Zuge war, machte er mit einer unbegreiflichen Gnade Gott und Welt herunter und ließ keine Sphäre des Lebens unangetastet. Paul hatte sich indessen vom Staunen über den unerwarteten Besuch erholt und war bereits im Herzen sein Freund geworden; er ging in seine seltsamen Reden ein und trat ihnen, nunmehr von allem, was ihn gedrückt hatte, sich befreit fühlend, mit der ganzen unverwüstlichen Heiterkeit seines Gemüts entgegen. »Schon lange,« sagte er, »muß ich diese Sprache hören; was ist es doch mit der heutigen Jugend? Woher hat sie diese Hypochondrie, diesen scharfen Altjungfernzug um den blühenden Mund? Es scheint, man habe sie zu früh in die Schule gepfercht und mit Weisheit vollgepfropft, bis ihr der Kopf davon dumm und das Herz öde geworden ist. Ich preise mich glücklich, daß ich wie ein wildes Reh im Walde den Netzen der Philosophen fern geblieben bin. Ihr denkt zu viel – lacht mich nicht aus, wenn ich so barbarisch rede, aber ich habe gewiß recht; Ihr denkt zu viel! Darin handelten unsere Vorfahren klug, daß sie mit Kriegen und Abenteuern ihren Söhnen von Anfang an alle Hände voll zu tun gaben, so daß ihnen zum Grübeln wenig Zeit übrig blieb; denn ich glaube, man kann nur dann leben, wenn man in einer beständigen Tätigkeit erhalten wird. Aber Ihr arbeitet Euch im Kopfe ab, während die Hände müßig sind, und kommt mir, wenn Ihr's nicht übel nehmen wollt, wie eine Kaffeemühle vor, die immer und immer getrieben wird, ohne daß man ihr etwas zum Zermalmen gibt, und die sich deshalb notwendig abnutzen muß, oder wie einer, der beständig, kaut und nagt, aber nichts zwischen den Zähnen hat; da nagt Ihr Euch gelegentlich die Nägel ab und habt ein unangenehmes Gefühl in den Fingerspitzen.« Ruwald biß sich in die Lippen, denn das letztere traf ihn nicht bloß als Vergleichung, sondern er hatte diese Untugend in Wirklichkeit. Um etwas zu erwidern, sagte er; »Es mag wohl so sein, und ich glaube es selbst, daß diese Alterskrankheit der Jugend vornehmlich daher rührt, daß sie gar nicht mehr dazu kommt, jung zu sein. Ach! es geht uns allen wie dem unglücklichen Kaspar Hauser; wir haben gar keine echte Jugend, keine Kindheit gehabt, wir sind schändlich darum betrogen worden.« »Das läßt sich nicht ganz leugnen,« versetzte Paul; »aber meint Ihr denn, die Alten seien in ihrer Kindheit immer in Wald und Gebirg mit angenehmen Kobolden herumgesprungen, und so mitten im Schoße der Wunder aufgewachsen? Die Menschen haben von jeher eine harte Schule durchmachen müssen, ja eine härtere als jetzt, denn Ihr werdet gestehen müssen, daß Ihr keine so barbarische Erziehung erlitten habt, als Euer Großvater und Urgroßvater.« »Im Gegenteil!« fiel Ruwald ein; »die Humanität unseres Zeitalters, wie man das Ding nennt, diese ist es eben, aus der die schlimmsten Übel entsprungen sind. Die veralteten Institutionen, denen die Jugend aufgeopfert wird, waren wohl streng und rauh zu ihrer Zeit, aber sie waren zu äußerlich, um den innersten Kern des Menschen anzugreifen. Nun aber soll der Buchstabe mit Geist gehandhabt werden, und ach! mit welchem Geist! Sie haben das Alte, das nicht mehr paßt, stehen lassen, weil sie nicht wissen, was sie daraus machen sollen: indessen dringt das Neue an allen Teilen durch den Moder und bildet eine lebendige Verwesung, von der die gesundeste Lunge verpestet wird. Ach! ich mag nicht daran denken! diese Humanität, unter deren Deckmantel der Geist mißhandelt wird und der Mensch unheilbarere Wunden davonträgt, als von der rohesten Behandlung früherer Zeiten; diese moralische Heuchelei, die jedem, der sie kennen gelernt hat, das Leben auf immer verbittert!« »Macht mir die Sache nicht so arg!« rief Paul: »der Geist bleibt immer ganz, der ist nicht umzubringen! Und wenn es so schlimm hergeht, so zieht gegen das Wesen ins Feld, greift zur Axt und haut die faulen Bäume um! Helft an Euerem Teile mit und arbeitet, daß es besser wird! Das ist es ja eben, was ich vorhin gesagt habe: um leben zu können, muß man etwas tun; deshalb sollet Ihr Gott danken, wenn er Euch ein Feld der Tätigkeit erkennen läßt. Mit Eurer Jugend ist es noch nicht Matthäi am letzten: wem es in der Kindheit nicht möglich war, ein Kind zu sein, der kann es immer noch werden und mit mehr Genuß als so eine kleine unverständige Kreatur selbst! Macht ja ein gutes Märchen den Erwachsenen eben so viel Freude als den Kindern, ja noch mehr, weil sie sich wieder als Kinder darin fühlen. Wendet das auf Euch an und überzeugt Euch, daß die alte Sonne immer noch scheint, die schon so manches Jahrhundert frohen Menschen geleuchtet hat. Soll ich den alten abgeschabenen Satz wiederholen, daß die Welt sich zu allen Zeiten gleich gewesen ist? daß es nicht gut wäre und die Welt schläfrig würde, wenn immer alles im Gleise bliebe? Die besten Menschen haben sich's gefallen lassen müssen, die Welt so anzutreffen, wie sie gerade war; sie ist ihnen zu lieb auch nicht anders geworden; haben sie's anders gewollt, so mußten sie selbst Hand anlegen.« »Das ist eben der trübseligste Punkt,« sagte Ruwald, »daß alles Reformieren ohne ein erkleckliches Resultat bleibt! Das alte Gift kommt immer wieder dazwischen, der Urheber selbst kann das in der Wirklichkeit nicht so hinstellen, was er sich im Geiste gedacht hat, und es wird hernach gewöhnlich noch schlimmer als zuvor. Die Schlechtigkeit, die Teufelei, die Dummheit ist unsterblich: sie kann durch keine Reformation bezwungen werden, ja ›Von vornen geht sie unter, Von hinten kommt sie zurück,‹ »Das führt mich zu tief hinein,« versetzte Paul, »und ich bin ein schlechter Philosoph, aber ich meine, es müsse so sein, daß immer wieder eine neue Reform nötig werde. Wenn es auch nachher schief geht, so ist doch der erste Gedanke schön und ein Menschenleben wert gewesen; was aber vor allem hoch anzuschlagen ist, ist dies, daß die Welt dadurch auch einmal wieder in Bewegung gesetzt wird, denn ich bleibe bei meinem System: wenn der Mensch leben, die Welt frisch bleiben soll, so ist ein beständiges Tun, ein fortdauerndes Geschehen nötig. Der Zweck liegt eben im Mittel. Aber Eure Krankheit besteht darin, daß Ihr zwar das Bessere oder gar das Beste wollt und auch gerne dafür tätig wäret, nur wißt Ihr nicht recht wie, auch müßte es auf einen Schlag geschehen und dann unwandelbar in alle Ewigkeit so bleiben. Ich wüßte auch nicht, wie das anzugreifen wäre. Das kann die ganze Menschheit nicht, und wenn sie mit vereinten Gesinnungen auf einem Allerweltskongreß zusammenkäme, die doch ein Allgemeines und Ganzes ist; Ihr aber seid ein einzelner, ein Teil, und denkt an so ungeheuere Dinge. Besser wäre es, Ihr machtet Euch auch an etwas Einzelnes, meinetwegen an eine Kleinigkeit, der Ihr Euer Leben lang treu bliebet und die Ihr aufs beste durchzuführen fleißig wäret; die Beziehung zum Ganzen würde sich schon von selbst ergeben und Ihr hättet ebensoviel getan, als wenn Ihr dem lieben Gott eine neue Welt geschaffen hättet. Wollt Ihr aber durchaus einer von denen sein, die es nicht anders Wort haben wollen, als daß sie an den edelsten Teilen zum Tode verletzt seien, könnt Ihr den Werther um keinen Preis von den Nerven abschütteln, so macht die Sache lieber kurz ab! sprecht das Urteil und vollzieht es sogleich; die geringste Zögerung raubt in diesem Falle jedes Recht zu weiterer Klage und Unzufriedenheit. Übrigens,« setzte er hinzu, indem er lächelnd näher trat, »übrigens glaube ich, daß es bei Euch schon zu spät ist zu einer so trotzigen Tat: mich dünkt, die Hauptkrisis sei schon überstanden und es zeigen sich nur noch einige leichte Nachwehen, daher verbiete ich Euch ernstlich, den gordischen Knoten gewaltsam zu zerhauen, und befehle Euch, Euren Frieden mit der Welt zu machen, denn,« sagte er und strich ihm die Locken aus dem Gesicht, »Deucht mir doch, in frischer Luft Hätt'st du manches noch zu schaffen!« Mit hochgeröteten Wangen hatte Paul die letzten Worte gesprochen; er war warm geworden, denn er hatte lange keine Gelegenheit gefunden, so frei von der Brust weg zu reden. Ruwald sah mit Erstaunen, wie ihm die Schwingen plötzlich gewachsen waren; er hatte, die freie Sprache seines Herzens entfesselnd, den vollständigsten Triumph über seine Beleidiger errungen, und einen um so edleren Triumph, je weniger dieser beabsichtigt und berechnet gewesen war. Ruwald umarmte ihn: »O Weisheit,« rief er, indem er ihn herzlich küßte, »o Weisheit, du red'st wie eine Taube!« Im Verlauf des Gesprächs kam Ruwald auf jene Uhlandschen Strophen zurück, welche Paul angeführt hatte, und hier ergab es sich, daß der junge Freund, den wir so unvermutet kennen gelernt und liebgewonnen haben, ein entschiedener Verehrer dieses Dichters war. »Während ich ihn lese,« sagte er, »glaube ich selbst ein Poet zu sein, er regt mich so eigentümlich an, wie kaum ein anderer, denn er überläßt es immer dem Leser, den Hauptgedanken eines Gedichtes auszusprechen und selbst gleichsam produzierend fortzuspinnen; seine Gedichte brechen schnell ab und eröffnen eine Aussicht wie in eine unermeßliche Landschaft.« »So ist es,« sprach Ruwald, »und hierin liegt das Geheimnis seiner großen Wirkung, um so mehr als er dieses Mittel immer höchst natürlich und ungezwungen handhabt. Man nennt seinen poetischen Stil mit Recht im höheren Sinn epigrammatisch, indem nämlich seine Lieder kurze, sprechende Aufschriften zu sein scheinen zu einem großen, ungeschriebenen, durch Natur und Leben hindurchgehenden Gedichte: der prägnante, ahnungsvolle Schluß, den er ihnen zu geben pflegt, wirkt aufs wunderbarste, weil er den Leser fast wider seinen Willen selbst zum Dichter macht. Diese Prägnanz ist jedoch in allem vorherrschend, nicht bloß in Anschauung und Ausführung, sondern sogar in den einzelnen Worten, und es ist kaum zu ermessen, welch' einen unscheinbaren, aber tiefen Reichtum er in diesen aufgehäuft hat; kein einziges, das nicht schlagend wäre, nicht als unumgänglich notwendig an seinem Platze stände, kein müßiges Epitheton! sondern aus der großen Masse, die ihm zu Gebote steht, greift er mit sicherer Hand immer nur solche heraus, die wieder einen Blick in die poetische Tiefe seiner Idee gewähren. Die Sparsamkeit eines edlen Reichen wird schwerlich an einem anderen Dichter so schön nachgewiesen werden können als an Uhland: wahrhaftig, ein Finanzminister könnte an seinem Stil die Ökonomie studieren, oder, um ein poetischeres Bild zu gebrauchen, er erinnert an jenes magische Zelt in der Tausend und Einen Nacht, das den unscheinbarsten Raum einnimmt und dennoch imstande ist, ein ganzes Heer in sich zu fassen. Dies gibt ihm die vollendete, klassische Sprache, die Worte die er, wie der große Gottfried von Strasburg im Urteil über einen Zeitgenossen sagt, gleich Messern nach dem Zwecke wirft! Überhaupt möchte ich die ganze Schilderung, worin dieses Bild enthalten ist, auf Uhlands Poesie anwenden. – Wer den philosophischen Geist, die Kraft und Freiheit des Denkens in der Poesie sucht, der wird sich zu Rückert wenden, aber wer sich an den Quellen des Gemüts und der poetischen Tiefe, Schönheit und Anmut erlaben will, der wird immer wieder zu dem lautern Born der Uhlandschen Lieder zurückkehren. Seine Glossen und das Fragment des Fortunat, welche noch einer eigenen und abgesonderten Betrachtung bedürfen, müssen nach meinem Erachten als durchaus unerreichte Muster humoristischer Poesie aufgestellt werden. –« Welch eine glückliche Unruhe ist doch im Geist eines Jünglings! Den ersten erwünschten Anlaß ergreifend, ist unser feuriger Redner über die Erinnerung an die begangene Unbill, über die heftige Fehde mit der Gegenwart hinweggeeilt und zur reinen Verehrung eines edlen Dichterhauptes, zu einer Empfindung, die den Geist über jedes Mißverhältnis in Leben und Wissenschaft aufrichten kann, zu der Erkenntnis, daß es trotz allem eigenen Mißlingen Großes und Schönes genug in der Welt gibt, übergegangen. Wir würden uns vergeblich bemühen, den Strom seiner Rede, die sich noch weit über diesen und verwandte Gegenstände verbreitete, zu fesseln und hier wiederzugeben, und begnügen uns daher, das Gespräch, wie es sich später gestaltete, wieder aufzunehmen und einiges daraus mitzuteilen, wodurch wir mit Ruwalds liebenswürdigem Freunde näher bekannt werden. Paul war, wie er seinem Gast erzählte, der Sohn eines vermöglichen Gutsbesitzers, der ihn durch eine strenge, nüchterne Erziehung gegen alle Ungerechtigkeiten des Lebens abzuhärten gesucht hatte. Als einziger Sohn und Erbe seines Vaters war er, und wie er anzudeuten schien, nicht ganz mit seinem Willen, zur Ausübung der Landwirtschaft bestimmt worden, hatte aber, ehe er einige Güter seines Vaters unter dessen Aufsicht übernehmen sollte, die Universität beziehen müssen, um sich das bißchen Bildung, das der alte Mann für nötig hielt, und vornehmlich die Geheimnisse der Rechtswissenschaft zu eigen zu machen, deren Kenntnis ihn vor unglücklichen Prozessen besser als den Vater bewahren und, wenn auch nicht zur eigenen Führung der etwa vorkommenden Rechtsfälle, so doch zu einer klugen Wahl und wenigstens zur Beaufsichtigung seines Advokaten befähigen sollte. Welche innere Begebenheit den ruhigen Gang seiner Studien unterbrochen, wissen wir bereits, und es war komisch anzusehen, wie der herzhafte Held, der den älteren, überlegenen Freund so tapfer zurechtgewiesen hatte, nun auf einmal den Mut verlor und die Waffen senkte, als Ruwald diese empfindliche Saite seines Herzens berührte. »Aber Herzensjunge!« rief dieser: »sei doch nicht verschämt wie ein Mädchen! du wirst ja nicht vom Anschauen deines Liebchens leben und zuletzt an der Sentimentalität sterben wollen.« »Du kannst mich meinetwegen auslachen,« erwiderte Paul: »aber ich versichere dich, daß ich eher imstand wäre, um die Mitternachtsstunde alle Gespenster und Kobolde herauszufordern, als ein entscheidendes Wort gegen sie zu wagen.« »Still! still! das ist nicht männlich gesprochen, und ich muß in deinem Namen stolzer denken; hältst du es denn für eine so große Wegwerfung, wenn sie sich dir ergibt? Steh dich einmal um und sage mir, welchem von den vielen verkrüppelten Geistern, die um sie werben können, du den Preis zusprechen würdest! Zum Teufel, sie kann sich was drauf zugute tun, wenn du um sie wirbst.« »O sprich nicht so, ich bitte dich!« rief Paul: »ich kann mir keine solchen Gedanken erlauben, sondern muß mir immer sagen, daß ich ihrer nicht wert bin: sie ist – ich kann nichts Affektiertes über die Lippen bringen, aber sie ist –« »Ein Engel, willst du sagen, und ich habe nichts dagegen, wiewohl ich mir einst eine etwas lose Rede gegen sie erlaubt habe; das bitt' ich ihr jetzt im Herzen ab, und sie erscheint mir doppelt liebenswürdig durch dich. Aber vielleicht mit eben so großem Recht, als du sie, erklärt sie dich insgeheim ebenfalls für einen Engel.« »Was kommt mir nicht sehr glaubwürdig vor,« versetzte Paul: »ich wüßte nicht, wie ich dabei aussehen sollte, wenn man mich so hoch avancieren ließe, und zudem hab' ich sehr deutlich bemerkt, daß sie mich keineswegs in einem so glänzenden Lichte sieht.« »Daran sind mir schuldig,« sagte Ruwald nachdenklich: »du hast dich mit der echten Verblendung der Verliebten auf ein deiner Liebe nachteiliges Terrain begeben, du hast die bequemste Gelegenheit sie zu sehen gewählt, auf die Gefahr hin, für etwas dissolut zu gelten; denn, sagt Rückert, ›Wer sich unter die Dichter mischt, Den fressen die Rezensenten.‹ Doch ich will nicht wieder in den alten schlimmen Ton zurückfallen, sondern hier muß Rat und Hilfe geschafft werden, und höre,« rief er, indem er ihn bei der Hand faßte, »dazu fühl' ich mich berufen; ich nehme es als eine Ehrensache, weil wir dich mit unserer Gesellschaft in die Patsche geführt haben.« »Aber was willst du tun?« fragte Paul ängstlich. »Eine Kleinigkeit! es ist nicht mehr lang' bis zum nächsten Balle; daß ihn Emilie besucht, ist außer allem Zweifel, und bei dieser Gelegenheit will ich auch einmal wieder einen Pas probieren –« »Um Gotteswillen nicht! du wirst alles verderben!« »Sei ganz ruhig! es mag sein, daß mir in meinen eigenen Angelegenheiten die nötige Unbefangenheit abginge, aber für dich will ich plädieren, daß es eine Art haben soll. Die ganze Ciceromanische Rede schwebt mir bereits vor. Ach wie wird das gute Kind gerührt sein!« Es bedurfte einer langen Überredung, bis Paul in den Vorschlag einging, aber die feurige Beredsamkeit, womit Ruwald ihm zusetzte, machte ihn endlich hoffen, er werde sie zur rechten Zeit mit glücklichem Erfolg anwenden können. »Ich betrachte dich wie meinen Vormund,« rief er, »und ergebe mich in deinen Willen wie ein Kind, das zu furchtsam ist, um selbst zu gehen, das sich gerne gängeln und leiten läßt.« Auf dieses wurde verabredet, Ruwald solle auf dem Balle mit Emilien, tanzen und. dem schüchternen Liebhaber die ersten und größten Steine aus dem Wege räumen, dieser aber hernach seinen Platz einnehmen und den letzten entscheidenden Schlag führen. Paul war kaum seiner mächtig, als er das ersehnte Ziel sich so nahe gerückt sah: Furcht, Hoffnung und Liebe hielten ihn in ihrem Zauberkreise fest, und er scheute sich nicht, sein ganzes Glück der Freundschaft verdanken zu wollen. Ruwald malte ihm neckend und lächelnd die schöne ländliche Zukunft vor und sagte, als er spät in der Nacht von ihm Abschied nahm: »Meinen Lohn bedinge ich mir vorher aus; ich werde mich manchmal auf ein frisches Butterbrot zu euch einladen, das mir deine Frau mit eigenen Händen aufstreichen soll.« Paul fiel ihm errötend um den Hals und war nicht imstande, das verlangte Versprechen zu geben. Ostjäck wunderte sich am nächsten Tage nicht wenig, als er, auf dem Wege zum Fechtboden begriffen, Ruwald Arm in Arm mit Paul über die Straße gehen sah. Er wollte auf die beiden zusteuern, um sich das Rätsel lösen zu lassen, aber sie bogen eben, ohne ihn zu bemerken, um eine Ecke und waren, da er ihnen nacheilte, bereits verschwunden. Er kam zur gewöhnlichen Stunde in das Wirtshaus, wo er Cäruleus und die zwei oder drei übrigen Mitglieder der Gesellschaft, welche wir in unserer Erzählung nicht näher bezeichnet haben, antraf und ihnen das seltsame Ereignis mitteilte. Sie harrten mit Begierde auf Ruwalds Ankunft, und jeder rüstete einen Witz, womit er empfangen werden sollte; aber sie mußten diesmal ihren Humor pro Patria , wie man zu sagen pflegt, verwenden, denn der Freund erschien nicht. Ehe sie auseinander gingen, wurde eine feierliche Note, von Cäruleus verfaßt, an ihn erlassen, worin ihm seine Nachlässigkeit scharf verwiesen und Auskunft über das Abenteuer mit dem verliebten Schreiber gefordert wurde. Die Gesellschaft versammelte sich den Tag darauf sehr zeitig und mit großer Neugierde, was Ruwald, den sie persönlich erwarteten, antworten würde. Nach einiger Zeit erschien ein Diener mit einem Schreiben an Cäruleus. Dieser erkannte Ruwalds Hand, erbrach den Brief und las: »Verehrungswürdiger Hypothetiker und Sprecher des Pantheons der schlechten Gesellschaft! Über der Frage, die Ew. Nichtswürden an mich zu richten beliebt hat, muß ich zu meinem Bedauern derzeit noch das Dunkel Eurer eigenen kühnen Vermutungen ruhen lassen, welchen ich Euch hiemit übergebe, und sage für jetzt nur soviel: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden! – Baupläne, die ich mit besagtem Ecksteine vorhabe, verhindern mich einige Zeit, im Rate der Schlechten und Spotter zu sitzen, ich werde jedoch ›Nach einer Übung kurzer Tage‹ wieder erscheinen und das Rätsel hoffentlich zu allgemeiner Zufriedenheit lösen. Indessen halte ich es für schicklich, als abwesendes Mitglied der Gesellschaft mich pflichtig zu erweisen und sende somit einen Beitrag zur Unterhaltung ein: ich wähle für diesen Zweck ein Gedicht, wozu mir die Werte und das Leben des Druckergesellen Retif, mit dem ich mich bekanntlich die letzte Zeit über beschäftigte, Anlaß gegeben haben. Ruwald , derzeit datierendes Mitglied der Schlechten.« Cäruleus schlug hierauf das Gedicht neugierig auseinander und las es vor: Der wüste Dichter. »Da kommt der tolle Amadis, Retif de la Bretonne, Den ganzen Tag Mondfinsternis, Doch unsrer Nächte Sonne! Bei Tage geht er nicht vors Haus, Sein Rock hat zu viel Löcher; Doch mit der Dämm'rung schleicht er aus Als Buhler und als Zecher. Er dichtet, nur bei Tageslicht, Novellen zum Vergöttern: Weil Tint' und Feder ihm gebricht, Seht er sie gleich in Lettern. Und aller Dirnen Minnesold Erblüht dem witz'gen Drucker, Und alle Trinker sind ihm hold, Dem armen lust'gen Schlucker. ›Was kam dir gestern nacht in Sinn, Retif, du wackrer Zecher? Du warfst die Karten plötzlich hin Und stießest um den Becher. Du warfst die Karten auf die Seit' Und gingst mit krauser Stirne: Rief dich ein Feind zu Kampf und Streit, Rief eine wilde Dirne?‹ ›Nein,‹ sprach der lustige Gesell Retif, mit bleichem Munde: ›Nicht schlug die Glocke zum Duell Und nicht zur Schäferstunde. Doch was mich gestern nacht befing, Kaum wag' ich's euch zu sagen, Ich, dessen Schiff am höchsten ging Bei allen Trinkgelagen! Ihr wißt, wir saßen bei dem Spiel, Der Mond schien hell durchs Fenster, Der Becher klang, die Karte fiel, Da sah ich‹ – ›Was?‹ – ›Gespenster!‹ Ich sah, erglüht von Lust und Wein, Dort auf der linken Seite, Dicht an der Wand im Mondenschein Ein Häufchen trunkner Leute. Die saßen, so wie wir, beim Spiel Mit lichterlohen Mienen, Und wenn bei uns die Karte fiel, So fiel sie auch bei ihnen. Und wenn die Becher klangen hier, Ward drüben angestoßen: Die Freude würzten doppelt mir Die braven Zechgenossen. Mich zog's zu diesem edlen Rat, Ich eilt', als hätt' ich Flügel: Da sah ich, als ich näher trat, Lacht nicht! – in einen Spiegel! Wir also waren's, wir allein In dieser toten Stunde! Wie bleich trat der Gesichter Schein Jetzt aus des Spiegels Grunde! Da ward mir wunderlich im Kopf, Als ob ich Grillen hätte, Es nahm mich wie ein Geist beim Schopf, Und riß mich fort – zu Bette. Und einsam schlief ich diese Nacht, In Träumen unergötzlich, Und wieder kam, da ich erwacht, Das bleiche Bild mir plötzlich.‹ ›Doch warum hat's dich so verstört?‹ Ich kann's euch nicht entsiegeln, Doch wer mein Abenteu'r gehört, Der mag sich drin bespiegeln.‹« »Das ist eine wunderliche Geschichte,« sagte Cäruleus, als er gelesen hatte, »aber so viel sehe ich jedenfalls, daß sie eine unartige Beziehung auf uns hat.« »Ruwald hat den Katzenjammer!« lief Ostjäck lachend: »ich schlage vor, ihm den folgenden Vers als Antwort zu senden: ›Der Sinn, worauf dein Unmut zielt, Wird uns nicht schwer bedrängen; Doch wo man künftig trinkt und spielt, Da soll kein Spiegel hängen. –‹« »Laßt ihn nur!« sagte Cäruleus, »er wird schon wiederkommen. Ruwald ist eine eigene, bohrende Natur, die nach allem Neuen, Unbekannten drängt. Ich weiß, daß er sogar einem Menschen bloß deswegen feind sein kann, weil er ihn nicht kennt und das Unbekannte ihn beunruhigt. Jede, neue Persönlichkeit imponiert ihm; dies dauert aber nur so lange, bis sie ihm alt und bekannt ist, dann läßt er sie wieder fahren. Deshalb seid ganz ruhig: die schlechte Gesellschaft wird bald wieder komplett sein.« Dazu hatte es aber um so geringeren Anschein, als auch Cäruleus in den folgenden Tagen ausblieb: er konnte sich wochenlang, wie er es nannte, der Faulheit befleißigen, kehrte aber dann unerwartet wieder zu einer eben so langen und unausgesetzten Tätigkeit zurück. Diesmal mochte jedoch, was er sich vielleicht selbst nicht gestand, Ruwalds Abwesenheit die Ursache sein, die ihn an seinen Schreibtisch zurücktrieb. Wir übergehen die nächste Zeit, die nur für Paul und Ruwald bedeutend war durch die Befestigung einer innigen Freundschaft auf der einzigen dauerhaften Grundlage, der Bildung, und nehmen unsere Geschichte an dem Abend, welchem das Herz des jungen Schreibers ängstlich und hoffend entgegenbebte, wieder auf. Es war gut, daß der Ballabend von jenem, an dem die Verschwörung der beiden neuen Freunde gestiftet wurde, nicht gar zu weit entfernt war, denn Ruwald hatte, wie ein General, der lauter Rekruten in die Schlacht führt, seine liebe Not, den wankenden Mut seines Kriegsgefährten immer aufzufrischen und im Feuer zu erhalten. Die Fenster des Ballsaals waren hell erleuchtet. Unten auf den steinernen Stufen drängte sich die akademische Jugend, welche jedoch großenteils nicht gekommen war, um zu tanzen, sondern den Flor der Stadt zu beschauen und dann, süße Gefühle im Busen, in die graugerauchten Bierkneipen und zu den schäumenden »Bierstiefeln« abzuziehen. Wenn eine Schöne, von der sorgsamen Mutter, vielleicht gar von dem gesetzten Vater geleitet, erschien, so machten die martialischen Jünglinge auf beiden Seiten Front und bildeten eine Gasse, durch welche sie mit niedergeschlagenen Augen hindurchging, zitternd vor dem verheerenden Geschütz, das von allen Seiten aus weitgeöffneten, zum Teil sogar mit Brillen verstärkten Augen gegen sie losgebrannt wurde. Keine entging diesem grausamen Lose des Gassenlaufens, denn es war eine herkömmliche, durch Verjährung geheiligte Sitte. Als Emilie, von einigen Freundinnen umgeben, in ihrem rosenroten Ballkleid erschien, das wunderbar zu ihrem seinen Gesichtchen patzte, da entstand ein leises Gemurmel unter der Menge der Zuschauer, und die wilden Barte, die schweren Kanonenstiefeln wichen ehrerbietig zurück, um dem schönen Mädchen freien Raum zu lassen. Bald darauf kam Ruwald, in einen großen Mantel gehüllt: wir wissen nicht, ob er darunter seine Tänzeruniform, den Frack, verbergen wollte, gegen welche Tracht er einen heftigen Widerwillen empfand und schon oft in donnernden Reden beteuert hatte, sie sei recht geeignet, die Ansicht einiger Naturforscher, daß der Mensch nach seiner Entstehung nur der Übergang des Affen in eine höhere Sphäre sei, zu unterstützen, – oder ob er durch diese Verhüllung einen gewissen Umweg, den seine Beine in der Gegend des Knies nahmen und den Cäruleus mit zarter Schonung eine musikalische Ausweichung genannt hat, den Blicken der Kritiker zu entziehen beabsichtigte; genug, die Studenten, welche die durchwandelnden Tänzer vielfach verhöhnten, ließen ihn ruhig ziehen, denn er hatte das Privilegium des Mantels, weil man wußte, daß er im Frühling und Herbste häufig an Fieberschauern litt, die er zu ungeduldig war, im Bette zu verschwitzen. Pauls Anmarsch können wir nicht beschreiben, denn er hatte sich schon seit mehreren Stunden in der Leseanstalt, die in demselben Haus errichtet war, hinter einem großen Buche verborgen; es war die Enzyklopädie von Ersch und Gruber, worin der launige Zufall ihn auf den Artikel »Angst« geführt hatte; diesen buchstabierte er zwar ziemlich gedankenlos durch, doch vermehrte der darin abgehandelte Begriff, dessen er, sich halb und halb bewußt wurde, seine Beklemmung. Eben las er zum sechsten Male, die Angst rühre namentlich oft von einem Herzfehler her, da ertönten die Striche des ersten Walzers, er warf das Buch auf die Seite und eilte bebend die Treppe zu dem Saale hinab. Indem er sich durch ein Gedränge von Tänzern, die gerade an der Türe standen, durchzuarbeiten versuchte, trat er jemanden ziemlich empfindlich auf den Fuß. Ein grimmiges Gesicht wandte sich herum, das sich aber bei seinem Anblick alsbald wieder in die Falten der Gelassenheit legte: »Donner und Doria,« rief Ruwald, denn er war der Getretene: »ist dir der berühmte Choral: ›Tret' der Herr auf seine Füße nicht bekannt? ich glaube, die Liebestorheit ist dir in die Beine gefahren! Weißt du was? bring dieses Manöver lieber bei deinen Nebenbuhlern an und mache sie dadurch invalid, sonst werden wir am Ende kein Terrain fassen können, denn ich habe soeben bemerkt, daß mir einer deine Rose weggepflückt hat.« »Himmel!« rief Paul: »wie kannst du nur scherzen jetzt –« »Scherzen?« unterbrach ihn Ruwald: »scherzen, in dieser fürchterlichen Stunde? Doch komm, sei vernünftig und stelle dich neben mich, aber mit einiger Rücksicht für meine Beine! laß uns dem Tanz ein wenig zusehen; wo ist denn deine Liebste?« »Dort, sieh! in dem Rosakleide.« »Götter! was doch die Liebe einen schnellen Blick hat! Ich mußte lange suchen, bis ich sie gefunden hatte. Aber nicht wahr, sie ist wunderhübsch in diesem Anzug? – Seufze nur nicht so laut: der Polizeikommissar, der da vor uns steht, könnte glauben, deine Seufzer gelten dem Vaterlande. – O brich nicht, Herz! ich bitte dich, halte dein Gesicht besser in Ordnung! die Eifersucht richtet dich abscheulich zu.« »Wer ist der verdammte Mensch?« rief Paul leise, indem er auf Emiliens gewandten Tänzer blickte. »Ich weiß es nicht,« sagte Ruwald: »das aber fühl' ich und erkenn' es klar, daß er sehr galant ist. Wenn er nur immerfort tanzen müßte! aber die häufigen Pausen, die geben einer beredten Zunge gar zu viel Gelegenheit. Und seine Worte scheinen nicht in den Wind gesprochen zu sein; sieh, wie sie lächelt! das ist zwar ein großes Unglück, aber auch ein Glück für dich, denn es vergönnt dir, ihren hübschen Mund, ihre weißen Zähne zu sehen. Ich versichere dich, das Lachen steht wenigen Mädchen gut, aber dein Liebchen greift es ganz herrlich an, sie lacht allerliebst.« »Ich kann es nicht länger aushalten,« flüsterte Paul, indem er ihm krampfhaft die Hand drückte: »Komm, wir wollen gehen und den unbesonnenen Plan aufgeben. Du wirst sehen, es läuft schlecht ab.« »Mut, Hasenfuß!« entgegnete Ruwald ebenso leise und gab ihm den Druck zurück: »Mut gefaßt! Frisch gewagt ist halb gewonnen! Meinst du, ich wolle diesen abscheulichen Frack vergebens angezogen haben? Die Sache muß in ihrem Laufe bleiben, und wenn es auch nur deswegen wäre. Komm,« fuhr er fort, indem er ihn in eine Fensternische zog, wo sie weniger beobachtet waren: »komm hieher und ziehe den roten Vorhang etwas über deinen schwarzen Konfirmationsfrack her; so! das steht dir gar gut. Jetzt will ich dir etwas sagen und will dabei Goethe nachahmen, wie er zu tun pflegte, wenn er seinem Freund Eckermann eine bedeutende Maxime mitteilte; er führte ihn nämlich an ein Fenster und begann geheimnisvoll: ›Ich will Ihnen jetzt etwas anvertrauen, das Ihnen in Ihrem ganzen Denken und Tun förderlich sein wird.‹ – Also, ich will dir jetzt etwas sagen, was dir für dein ganzes Leben nützlich sein soll: behalt' es in einem feinen Herzen und handle darnach.« Er faßte ihn am Ohr und sprach leise in ihn hinein: »Benutze doch den Augenblick, Er streicht so schnell vorbei! Und ruft die Henne Glück! Glück! Glück! So nimm ihr gleich das Ei!« »Aber ich sehe soeben, daß der Walzer zu Ende geht. Jetzt oder nie! Courage, mein Bester! Bete für uns beide!« Mit zwei Sprüngen war er fort, und Paul sah ihm zitternd nach wie er sich im Gewühle der Hin- und Hergehenden verlor. Ruwald stand bereits vor Emilien; er verneigte sich und hob sein Sprüchlein an: »Mein Fräulein, kann ich die Ehre haben« – Aber ach! sie ließ ihn nicht einmal seine zierliche Phrase vollenden, mit trotzigem Gesicht fiel sie ihm in die Rede und sagte ganz leise, nur ihm vernehmlich: »Nein!« – Ruwald zog sich sachte zurück und sprach zu sich, nachdem er einige aufdringliche Flüche unterdrückt hatte: »Sie denkt doch nicht so übel von mir, als es scheint; sie muß mich wahrhaftig für einen sehr chevaleresken Menschen halten, da sie mir so etwas zu bieten wagt; denn sie weiß sehr wohl, daß ich jetzt das Recht hätte, sie öffentlich zu demütigen.« – Er blickte noch einmal zurück und glaubte in ihren Mienen den Ausdruck der Angst und Reue zu lesen. In diesem Augenblick fühlte er sich am Arm ergriffen: es war Paul: »Ich sehe dir's an,« flüsterte er: »wir haben verloren.« »Paule, du rasest!« entgegnete Ruwald: »sie ist für die nächsten drei Tänze versagt; – sieh doch um Gottesmillen nicht so verzweifelt aus, die Leute werden ja aufmerksam auf dich. Es ist nichts als eine kleine Geduldprobe: sei froh, daß wir nicht ganz abgewiesen sind. Aber wir wollen uns jetzt ein wenig trennen, es ist unserem Plane nicht förderlich, wenn wir immer die Köpfe zusammenstecken. Zwinge dich und tanz indes mit einer andern, sei unbefangen und nimm dich zusammen, ich bitte dich.« »Das ist mir nicht möglich,« erwiderte Paul: »ich will lieber den Saal auf eine halbe Stunde verlassen.« »Nun so geh und komm bald wieder.« »Ich habe,« dachte Ruwald, als er ihn gehen sah, »ich habe doch meine Klassiker nicht umsonst gelesen: die Reden der alten Generäle, wie sie in den mißlichsten Umständen ihre Soldaten anlogen, es stehe alles ganz herrlich, die sind mir heute zustatten gekommen. Aber was zum Kuckuck fangen wir an? das Spiel geb' ich noch nicht verloren, das ist klar.« Er blickte sinnend im Saal umher: »Gesegneter Zufall!« rief er plötzlich aus: »du bringst mir unerwarteten Sukkurs, da sitzt ja meine treffliche Freundin Lucie und hat, wie es einem geistreichen Frauenzimmer gebührt, keinen Tänzer gefunden. Sie ist, wie ich weiß, mit Emilien bekannt: o ich Tor, daß ich so verwickelte Händel mit meinem geringen Talente lösen zu können meinte! Weiberhilfe, Weiberhilfe, das ist das einzige, was hier not tut!« Mit diesen Worten ging er auf die genannte Freundin zu, die schon seit geraumer Zeit mehr seinen Geist als sein Herz gefesselt und eines jener seltenen Freundschaftsbündnisse mit ihm geschlossen hatte, wo eine unbefangene Neigung, ein spielender Scherz die Stelle der Leidenschaft vertritt und zwei nach Alter und Schicksal verschiedene Wesen, eine Frau, die nicht mehr im ersten Lenz des Lebens steht, und einen jungen Mann von feurigem Geist und unbefriedigtem Gemüte, zu einem freien, aber dauernden Verhältnis zusammenführt. Lucie war ein lebenslustiges Mädchen und ließ sich, obgleich sie die Generation, welche heute mit Eroberungsplänen ausgezogen war, um ein Ziemliches überschritten hatte, doch noch gern auf einem Balle sehen; um so mehr aber war sie verwundert, als sie ihren Freund, dem sie oft neckend vorgeworfen hatte, er sei aus einem schweren Stoffe geformt, in seiner ungewöhnlichen Uniform erblickte: »Wie? Saul auch unter den Propheten?« rief sie ihm lachend entgegen, als er sich näherte. »Zuerst, meine witzige Freundin,« entgegnete Ruwald, »muß ich Sie bitten, mit mir zu tanzen und mir Gelegenheit zu einer Mitteilung zu geben.« »Welche feierliche Sprache! was werd' ich hören müssen?« rief Lucie mit neckischem Pathos, indem sie sich von ihm in die Reihen der Tanzenden führen ließ: »Nun, weil Sie einen besonderen Zweck vorgeben, will ich nach Ihrem Willen tun, denn sonst hätte mir's meine Eitelkeit nicht zugelassen; ich habe wohl bemerkt, daß Sie mich nur zum Ersatz aufgefordert haben –« »Wie? Sie haben bemerkt, daß ich einen Korb bekam?« »Freilich, Sie unglücklicher Ritter! und am Ende verlangen Sie gar, ich soll so uneigennützig sein und Ihre schlimme Sache bei meiner spröden Freundin verfechten?« »Etwas der Art ist es, was mich zu Ihnen führt, ich kann es nicht leugnen, aber ich nehme Ihre Güte nicht für mich in Anspruch, wie auch jener Korb nicht eigentlich mich so empfindlich trifft, als einen Freund.« »Was muß ich hören?« unterbrach sie ihn lachend: »da haben Sie ein schönes Gewerbe übernommen! Nun, wo ist denn Ihr ungeschickter Faust, der sich sein Gretchen nicht selbst erobern kann?« »Wenn Sie mich zum Mephistopheles machen,« fuhr Ruwald tanzend fort, »so kann ich mir's schon gefallen lassen, nur muß ich Sie dann inständig bitten, die Rolle der Frau Marthe zu übernehmen.« – Hierauf trug er ihr die Lage der Sachen in gedrängter Kürze vor und bat sie zuletzt, mit der Verzweiflung seines Freundes Barmherzigkeit zu haben und vermittelnd einzuschreiten. Lucie nahm seine Erzählung mit großer Lustigkeit auf und rief, als er geendet hatte: »Was ist ein seltenes Exemplar von einem Liebenden! wenn mir ein solcher aufstieße, ich weiß nicht, wozu ich mich entschließen könnte! Welch ein romantischer Jüngling! also bei Nacht schreibt er die Lektionen nach, die er über seinen Rekognoszierungen versäumt hat? den sollten Sie sich zum Muster nehmen, mein lockerer Herr! wenn Sie auch so exemplarisch wären, so hätten Sie den Armen bei seinem Liebchen nicht in so schlechten Kredit gebracht. Aber hier muß geholfen werben! eine solche Tugend verdient einen ausgezeichneten Lohn, und ich verspreche, mich aus allen Kräften bei der Kleinen zu verwenden; ich will ihr heiß und bange machen und vorstellen, welche Genugtuung sie Ihnen schuldig sei. Mein Gott! welch ein Frevel, einen der ersten Geister dieser Universität, un ingenio de esta corte , so zu behandeln!« »Spotten Sie nur, liebe Lucie; ich will gerne die Unkosten tragen, da ich mich nicht vergebens an Ihre Güte gewendet habe.« »Güte, mein Herr! o das ist nur Temperament! Sie wissen, Frauenzimmer in gewissen Jahren lieben es, zu schlichten, zu vermitteln und – zusammenzuführen. Genug! sobald der Walzer aus ist, spreche ich mit der Kleinen: Sie müssen es nun schon ertragen, beim nächsten Tanze mir noch einmal anheimzufallen, da sollen Sie Antwort bekommen.« Ruwald drückte ihr dankbar die Hand und führte sie, da eben der Walzer zu Ende war, an ihren Platz zurück. Nicht ohne Herzklopfen sah er zu, wie sie Emilien aufsuchte, von ihren Freundinnen losmachte und sodann in eifrigem Gespräch mit ihr im Saale auf und ab ging. Mit atemloser Aufmerksamkeit folgte er ihren Bewegungen, ihrem Mienenspiel: als er aber Emilien erröten, Lucien lachen und Emilien freundlich werden sah, verlieh er mit beruhigtem Herzen den Saal, um etwas frische Luft zu schöpfen. »Unsere Aktien stehen vortrefflich,« sagte Lucie, als er sie bald darauf im schnellen Galopp dahinschwang: »meine Kleine habe ich mit Sturm genommen, Sie wollte sich Ihrethalb ausreden und behaupten, sie hätte keineswegs die Absicht gehabt, Sie geradezu abzuweisen, sondern sie sei nur damals schon versagt gewesen, aber ich unterbrach sie und hielt ihr eine derbe Strafrede, worauf sie die Bitte an Sie ergehen ließ, der Sache nicht mehr zu erwähnen. Unter uns gesagt, sie weiß schon alles, der Form wegen aber müssen Sie noch eine wohlgesetzte Rede an sie halten; es wäre auch jammerschade, wenn das nicht geschähe, denn die Rede ist doch schon fertig, nicht wahr? Tun Sie sich aber ja nichts auf den Erfolg zugute, der ist Ihnen sicher, und wenn Sie wie der unbehilflichste Abgeordnete sprechen würden! ich versichere Sie, die Kleine ist bis zur Verzweiflung verliebt: ich mochte nur den Adonis sehen. Apropos, für den Kotillon, der gleich hernach an die Reihe kommt, hat sich Emilie an Sie versagt.« »Was ist vortrefflich,« jubelte Ruwald: »nur Ihrer Honigzunge konnte solch ein Sieg gelingen. Und daß gerade jetzt ein Kotillon kommen muß, ist unbezahlbar! Diesen hübschen treulosen Tanz müssen wir benützen: ich schlage vor, daß Sie ihn mit meinem Freund antreten, Sie haben dadurch Gelegenheit, Ihren Klienten kennen zu lernen, zu instruieren und ihm die gebundene Zunge zu lösen; ich führe Emilien zum Tanz, und wenn ich das meinige getan habe, so wechseln wir unsere Schönen.« »Bravo,« entgegnete Lucie, »das ist ein Plan der Ihrem intriganten Geist alle Ehre macht; dadurch erhält nun einmal der Kotillon seine wahre Bedeutung.« »Und wir bilden ein wundervolles Quartett,« fiel Ruwald ein: »belieben Sie zu bemerken: dort Faust und Gretchen, hier Mephistopheles und – ich will Ihnen doch beim nächsten Besuch das treffliche Blatt von Retzsch mitbringen.« Paul hatte sich indessen, von der Unruhe getrieben, wieder eingestellt. Sobald die Musik schwieg, drängte er sich zu Ruwald durch und fragte nach dem Stande der Angelegenheiten. »Zuerst befehle ich dir,« erwiderte Ruwald, »augenblicklich jenes Mädchen mit dem klugen Gesicht und dem grünen Gürtel zum Kotillon aufzufordern: sie ist deine sehr gute Freundin. Was das übrige betrifft, so wird sich alles geben, und ich sage dir vorerst nur so viel, daß du insgeheim aus dem Schlaraffenlande gebürtig bist und eine Anwartschaft auf gebratene Tauben hast.« Emilie errötete und atmete tief, als die Musik zum Kotillon begann. Ruwald wußte es schlau abzukarten, daß er in der Reihe der Paare mit ihr zuletzt zu stehen kam und dadurch eine gute Zeit zum Reden gewann; etwas von den anderen abwärts zu stehen, war nicht einmal nötig, denn sein Nachbar, vermutlich ein Architekt, unterhielt seine Name von der Bauart und der Baufälligkeit des Saales so laut, daß Ruwald seine Stimme, um von niemand gehört zu werden, kaum zu dämpfen brauchte. »Ein kluger Redner,« hub er an, »spricht zuerst von seiner Person und streicht sich dabei aufs beste heraus, um durch den günstigen Eindruck, den er hiedurch auf die Richter macht, seinen Gründen desto mehr Eingang zu verschaffen.« – Nun kam er auf sich, seine Lebensweise und Gesellschaft zu sprechen und verteidigte diese gegen die vielen üblen Nachreden, welche in der Stadt in Umlauf gesetzt worden seien. »Ich kann,« sprach er lachend, »mit Maria Stuart sagen: ›ich bin besser als mein Ruf!‹« dann entschuldigte er, daß die angegriffene Gesellschaft sich an ihren Feinden durch gelinde und derbe Scherze und Witze gerächt habe, wobei vielleicht auch gelegentlich Unschuldige getroffen worden seien. »Man muß es mit solchen Sachen nicht so genau nehmen,« wandte er ein: »eine verwegene Jugend, die sich unter sich selbst nicht verschont, geniert sich auch nicht gegen andere, und ein Witz ist so schwer zu unterdrücken, er will heraus. Wer mich kennt, der weiß gewiß, daß so etwas bei mir nicht böse gemeint ist, und ein christliches Herz vergibt mir leicht; es wird schwerlich einen Menschen geben, der sich, vorausgesetzt, daß seine Sprachorgane in Ordnung sind, nicht schon auf diese Weise gegen einen anderen vergangen und vielleicht gar einen Fehler verspottet hätte, den jener unschuldig an sich trägt.« – Emilie wurde hier feuerrot, denn sie blickte gerade zufällig auf seine Knie und erinnerte sich, daß sie einmal deren eigentümliche Struktur in Gesellschaft von Freundinnen nicht eben so gelinde wie Cäruleus berührt hatte. Seine treuherzige Art, zu reden, bewegte sie, sie wollte sprechen, aber Ruwald ging jetzt auf seinen Schützling über, schilderte sein schüchternes, liebevolles Wesen, beschrieb die Art; wie er jenes Wirtshaus in der einzigen für ihn freien Stunde zu besuchen pflegte, wie er aus Liebe zu ihr alle Bedenklichkeiten überwunden und gerne die Versäumnisse des Tages mit Nachtwachen vergütet habe, ließ scherzweise einfließen, wie fanatisch sein Freund verliebt sei, so sehr, daß er außer dem Gegenstande seiner Leidenschaft kein weibliches Wesen ansehen möge, ja die hübsche Kellnerin, die ihm täglich den Wein so freundlich gebracht, immer sehr schnöde, sogar verächtlich behandelt habe, und vertiefte sich ganz in seine demosthenische Beredsamkeit, ohne nur zu bemerken, wie viel er damit ausrichtete. Wir glauben wohl daran zu tun, wenn wir seine Rede nicht ln ihrer ganzen Ausführlichkeit wiederholen, indem wir unserer Erzählung zu schaden fürchteten, wenn wir mit diesem Hauptcoup nicht ganz den Glauben der Leser in Anspruch nehmen würden. Zudem können wir wesentliche Elemente jener Rede nicht mit der Feder fixieren, und dies sind vor allem das anmutige Organ, das geistig belebte, von wohlwollendem Humor glänzende Auge des Redners. Eher könnte man uns vorwerfen, wir haben die Heldin unserer Erzählung zu sparsam ausgestattet und noch fast gar keine Züge, woraus sich ihr Charakter erkennen ließe, beigebracht, aber wir entgegnen hierauf: Emilie ist ein Mädchen, von dem sich nicht mehr sagen laßt, als hier geschehen ist; sie hat bisher beständig in der innern Welt ihres Heizens gelebt und sich ihre Zukunft nur in leisen Ahnungen vorausgeträumt, eine Zukunft, worin sie unsere Überzeugung von ihr rechtfertigen und ihre innern Besitztümer in den mannigfachen Bewegungen des Lebens aufs liebenswürdigste entwickeln wird. Zu dieser Überzeugung berechtigt uns die ungezierte, von Charakter zeugende Weise, womit sie Ruwalds Worte aufnahm und erwiderte. »Sie geben sich,« sagte sie, »fast zu viele Mühe mit einem einfältigen Mädchen, das tief unter Ihnen steht; wenn wir uns herausnehmen, das Tun der Männer zu kritisieren, so sollte man billig gar keine Notiz davon nehmen. Wie ganz anders ein Mensch, der gegen die Welt eine unbekümmerte Haltung angenommen hat, nach innen aussehen kann, das lerne ich jetzt an der edeln Art, wie Sie Ihren neuen Freund erworben haben, wie Sie ihn bei mir vertreten. Ich fühle es tief, daß ich ihn aufs unverantwortlichste beleidigt habe, und weiß nicht, wie ich die unartigen Blicke, die ich ihm oft zuwarf, wieder gut machen soll.« »Das wird nicht schwer halten,« bemerkte Ruwald lächelnd: »ich denke nach, wie glücklich ein Gewisser an meinem Platz sein würde.« »Ich bin in Ihren Händen,« versetzte Emilie hoch errötend: »tun Sie, was Ihnen gut dünkt! wiewohl,« setzte sie mit einer verbindlichen Verneigung hinzu, »wiewohl ich es sehr bedauern müßte, einen so angenehmen Partner zu entbehren.« Ruwald war schon fort und stand vor Paul: »Herzog, lassen Sie in allen Kirchen ein Tedeum singen! der Sieg ist unser!« rief er. »Hat sie –«fragte Lucie. »Der Marquis wird künftig ungemeldet vorgelassen! Mach, daß du fortkommst! hole sie aus der Tour und dann behalte sie, für den Kotillon, für den Abend, für das ganze Leben!« Paul wollte zögern: »Marsch!« kommandierte Ruwald: »ich bitte dich, hebe dich hinweg, die Leute könnten ja glauben, du wolltest mir deine Dame streitig machen. Sieh doch, dein galanter Nebenbuhler kommt dir zuvor.« Dies wirkte: Paul war wie der Blitz bei seiner Geliebten, und seine Freunde sahen ihm lächelnd nach. »Alles geht gut,« sagte Ruwald: »haben Sie ihn ins Gebet genommen?« »So ziemlich,« erwiderte Lucie: »das ist ein liebes Gemüt; hören Sie, wir haben etwas ganz Hübsches gestiftet!« »Meinen Sie? ich denke auch so. Und, liebe Lucie, haben Sie auch schon den Vorteil berechnet, daß wir zwei vornehmen Geister dadurch Gelegenheit bekommen, von Zeit zu Zeit ein idyllisches Landleben zu produzieren? Was halten Sie davon? Ich habe mich bereits auf eine Partie Butterbrot engagiert,« So scherzten sie miteinander und sahen dem Paare zu, das sich anfangs ziemlich verlegen gebürdete, endlich aber in ein eifriges Gespräch geriet, wobei Emilie oft hell auflachte. »Gewiß,« sagte Ruwald zu Lucien, »gewiß ist ihm sein Glück in den Kopf gestiegen und er schwatzt tolles Zeug.« Als nachher in den Verwicklungen des Tanzes der Zufall es fügte, daß die beiden Jünglinge mit verschlungenen Händen eine Pforte bildeten, unter welcher die beiden Mädchen durchschlüpften, da konnten die viere sich eines bedeutsamen Lächelns nicht erwehren. Ruwald zog sich hierauf in eines der Nebenzimmer zurück und setzte sich behaglich hinter ein Flasche Wein. Erst als der Ball zu Ende war, fand sich Paul bei ihm ein, umarmte ihn stürmisch und rief: »Bruder, sag' mir einmal, wie sieht ein Bräutigam aus?« »Etwa wie du!« »Erraten! ich habe ihr Wort.« »Nun, ich hab' es dir ja gleich gesagt, daß du aus dem Schlaraffenland« seist. Ja, ja, ich gratuliere. Die Eltern werden sich nicht sperren: ein fester Wille bringt alles zustande, und die Hauptsache ist ja richtig.« »Und das verdanke ich dir,« rief Paul, »du guter Mensch!« »Purer Eigennutz,« sagte Ruwald: »ich bringe so was gern zustande, siehst du, um mir die Hände an eurem Sonnenschein auch wieder einmal ein wenig zu wärmen.« »Und die Universität verlass' ich gleich,« jauchzte Paul, »und trete meine Güter an! Ich habe genug studiert, um zu wissen quid juris , wenn einer Händel mit mir anfangen will.« »So ist's recht,« versetzte Ruwald: »Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Busen verschmachet!« Er ließ hierauf zwei Gläser Punsch einschenken und sagte: »Komm, setz' dich zu mir her, jetzt will ich dir einmal beweisen, wenn du's noch nicht weißt, wie glücklich du bist.« Sie setzten sich zusammen, und Ruwald erzählte eine einfache Geschichte aus seinen jüngern Jahren, Paul legte das Haupt auf seine Schultern, und seine Augen standen voll Tränen, während er ihm zuhörte. Als die Erzählung zu Ende war, umarmte er ihn, wehmütig durch die Tränen lächelnd, und wiederholte jene Worte, die er beim Maienfest im Vorübergehen von ihm gehört hatte: »Es beugt der Schmerz des Lebens Die Balken auf dem Dach!« Hiermit schließen wir die Reihe der anspruchslosen Bilder, die wir, oft mit strauchelndem Kiele, vor den Augen des Lesers vorübergeführt haben. Jeder gibt nach seinem Vermögen, und so haben wir es vorgezogen, treulich auf dem sichern Boden der Wirklichkeit und des Erlebten zu bleiben, statt Phantasiegebilde heranzaubern zu wollen, bei welchen sich vielleicht die magische Rute, die sie berief, als eine gewöhnliche Mispel ausgewiesen hätte. So unbedeutend auch der Rahmen ist, in dem wir unsere Personen aufgeführt haben, so glauben wir doch nicht ohne Grund hoffen zu dürfen, es werde da und dort ein Freund Gestalten, die seiner Erinnerung einverleibt sind, gerne wieder erkennen, es werde selbst ein weiterer Kreis von Lesern diesen ihm unbekannten Gestalten seine Teilnahme nicht versagen und sie für sich zu Bekannten machen. Eine treue Schilderung des Lebens, wenn auch keine romantischen Verwicklungen, keine Haupt- und Staatsaktionen drin vorkommen, kann ihre Wirkung auf unbefangene Gemüter nicht verfehlen, und dies wird für uns die Probe sein, ob es eine wahrhafte Schilderung wirklicher Lebenszustände gewesen ist, was wir geboten haben. Sollte man jedoch – gewiß zu unserem großen Leidwesen – den jugendlichen Mutwillen unsrer Trojaner gar zu ungebärdig finden wollen, so verweisen wir auf das Motto, das wir als Ägide und Schild an dieses » Wirtshaus « zu hängen für gut gefunden haben, und würden uns sehr glücklich schätzen, wenn solchen Stimmen gegenüber ein aus dem Lenz des Lebens hinausgeschrittener Leser freundlich lächelnd sagen würde: Semel insanivimus omnes! Unsere Erzählung ist zu Ende, und wir haben nur noch wenig nachzutragen. Die Einwilligung der beiderseitigen Eltern, welche nach einem kurzen billigen Zögern und einiger Erkundigung um notwendige, aber prosaische Tatsachen erfolgte, berühren wir kaum: Eltern von Verliebten sind in einer Dichtung selten poetische Elemente, und die humoristischen Flausen und Quängeleien, welche die beiden Väter nach der ersten Entdeckung etwa gemacht haben könnten, wären jedenfalls eine abgedroschene Ware, wobei Freund Röthling sagen würde: »Über diesen Strom von Jahren Bin ich gar zu oft gefahren.« Genug, Emilie wurde in aller Form Rechtens Pauls Braut, und er durfte sie von da an, wie Ruwald spottend bemerkte, »spazieren führen, Nachmittags von eins bis zwei.« Er verließ bald darauf die Universität, und fast zu gleicher Zeit absolvierten die sämtlichen Mitglieder der schlechten Gesellschaft, weswegen man hoffen darf, es werde sich in der Folge ein besserer Geist jener Akademie bemächtiget haben. In der letzten Zeit ihres Zusammenlebens – Ruwald führte seinen liebenswürdigen Philister mit Emiliens Erlaubnis bei ihnen ein – wurden noch einige heitere Abende zugebracht und, ehe sie sich trennten, ein Abschiedsfest gefeiert, das sie durch die lange verschobene Vorlesung des Märchens von Mörike verherrlichten; den Beschluß machte das schöne Lied: Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein! Es läßt sich denken, daß bei den Libationen dieses letzten Abends die Dosen unserer beiden Dioskuren, sei es die Rührung zu vermehren oder zu dämpfen, gewaltig geklappt haben werden; indem wir uns dieses Element unsrer Erzählung ins Gedächtnis rufen, halten wir es für eine schickliche Gelegenheit, hier, wo soeben der Poesie gedacht worden ist, die Geduld des Lesers, der so viele unnützerweise eingelegten Arien kaum verschnupft, hat, noch einmal auf die Probe zu stellen und zu guter letzt aus den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, ein Gedicht, welches Ruwald von Cäruleus in Form einer Apothekersignatur an eine Flasche Makubatabaks angeheftet erhielt, für die Wohlwollenden mitzuteilen, wobei wir diejenigen, welche dieser Gesinnung in geringerem Grade teilhaftig und unter dem in der ersten Strophe angedeuteten Örtchen einen bestimmten Namen sich vorzustellen geneigt sind, um des besungenen Freundes willen inständigst gebeten haben wollen, sich jeder geographisch-statistischen Bosheit zu enthalten und lieber die vielen anderen Blößen der vorliegenden Novelle abzuweiden; wir können versichern, daß der Tabak, den wir selbst in vorurteilsfreien Stunden versucht haben, echter Makuba war und mit dem Kraute von Antizyra nicht die entfernteste Ähnlichkeit hatte. Das Tabaks- und Abschiedsgedicht aber lautet nach einer diplomatisch genauen Abschrift also: Makuba. Ein didaktisches Gedicht. Dem schnupfenden Freunde zu Ehren. Mit doppeltem Motto in Bulwers Manier. Prenez.                     (Paroles d'un Croyant) Nimm diesen Kuß im Geist an deinem Rheine.                     (Seume an Münchhausen.) Nimm diesen »Pris« mit Geist in deinem W*** Und denk' mit einem Herzen, einem sinnenden, An einen schnupfenden Biedermann, Den dort an Kretas westlichem Gestade, Im Labyrinthe unschmackhafter Pfade, Einst deine Nase liebgewann. Bewahr' ihn stets an einem kühlen Orte, Denn wenn er in der Wärme dir verdorrte, So würd' er wie der Nebelwind, Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt Und widerwärtig in die Nase bräuselt, So unerquicklich und so ungelind. Und stößt du in die Rezensententuba, Nimm immer vorher einen Pris Makuba Und singe einen Schlachtgesang, Der von dem Felsenfuß der Pyrenäen Bis zu des Samojeden Winterseen In grellen Noten wiederklang. Durchstöre nicht der Schulen alte Kriege, Noch aufgeblähter Weisheit Federsiege, Die schnell die Skepse dir verwischt; Begnüge dich, um gut und froh zu leben, Salzwasser hie und da dem Pris zu geben, Wovon die Nase mild und freundlich zischt. Und wenn beim Donner einer Riesenode Mir Herz und Kehle springt im Schwanentode, Und du den Todesboten hörst, Dann zieh dein Tüchlein männlich aus der Tasche Und setze mir bei dieser Tabaksflasche Ein kritisch Werk, mit dem du Helden ehrst. Jetzt lebe wohl und höre von dem Freunde, Als ob er scheidend dir im Arme weinte, Ein Wort, das seine Seele spricht: Nicht daß ich deine Nase dir mißgönnte! Nimm diesen Pris in meinem Testamente, Denn Gold und Silber hab' ich nicht. Nimm diesen Pris mit Geist etc. (Mit Grazie in infinitum ) Paul, der seine Braut nach dem Willen der Eltern mit aufs Land nahm, angeblich um ihre neuen Schwiegereltern zu besuchen, eigentlich aber, um die nötigen Vorstudien zu dem nahe bevorstehenden Antritt ihrer Haus- und Landwirtschaft zu machen, schrieb kurze Zeit nach seiner Ankunft den noch auf der Universität anwesenden Freunden: »Die Szenen der letzten Abende brausen mir noch immer im Kopfe herum und kommen mir oft aufs wunderlichste zwischen die Hochzeitsanstalten; ich kann von diesem Wesen nicht so viel vertragen wie ihr, und hoffe, es werde jetzt eine wohltätige Stille in meinem Leben eintreten.« Die anderen haben sich nach allen Weltgegenden zerstreut, eine dumpfe Sage berichtet, Ostjäck habe die Redaktion des Hellermagazins übernommen; Cäruleus lebt in einem ihm befreundeten Pfarrhause: wir hoffen zu Gott und zur Rechtfertigung seiner Ehre gegen Ruwald, daß er mit der Ausarbeitung des Labor improbus beschäftigt sei, und wünschen, der Geist seines Helden möge ihm beiwohnen und die Arbeit aufs beste fördern, Ruwald ist gleich nach dem Abgang von der Universität nach Norden gezogen und hat, einer eingewurzelten übeln Gewohnheit gemäß, seine Freunde keine Silbe von sich hören lassen; wie erfreut waren sie daher, als sie neulich im Nürnberger Korrespondenten von und für Deutschland lasen, er reise den Rhein herauf und arbeite an einem Hochzeitliede nach der Melodie: Nun ruhen alle Wälder ! Die beiden Tubus. Es war ein wunderschöner Aprilmorgen. Kein Wölkchen ließ sich am ultramarinblauen Himmel blicken. Ein leichter frischer Morgenwind hauchte zephirisch am Gebirge hin, und die erwachende Natur dehnte gleichsam alle Glieder aus, um neubelebt und gestärkt an ihr Tagewerk zu gehen. Die beneidenswerte Mission, diese heitere Stimmung in einem Morgenliede auszusprechen, war auf dem Schauplatze, den wir nun sogleich eröffnen werden, einem kleinen Naturdichter zugefallen, nämlich einer frühen Lerche, die sich aus der Ebene einige tausend Fuß hoch eigens zu der Bergplatte in der Region des Steingerölls heraufbemüht hatte, um dem Pfarrer von A ... berg eine musikalische Matinee zu geben. Dieser jedoch, obwohl die freundlichste Menschenseele von der Welt, hatte diesmal für seinen Lieblingssänger, seinen Haus- und Hoflyriker, kein Ohr. Und doch stand er am Fenster, und die arme Lerche, das genus irritabile vatum repräsentierend, schrie ihm in ihrem durch Empfindlichkeit gesteigerten Eifer beide Ohren so voll, daß er hätte taub werden sollen. Allein dieses war er bereits, nicht im buchstäblichen Sinn des Wortes, sondern im uneigentlichen. Er gab sich nämlich, gleichfalls in großem Eifer, einer Beschäftigung hin, die ihn ganz Auge sein ließ, so daß er vor lauter Sehen gar nicht zum Hören kam. Die Beschäftigung des Pfarrers von A...berg war die gewohnte, mir möchten sagen obligate, der er seit zwanzig Jahren jeden Morgen oblag. Er sah nämlich spazieren, indem er einen langen Tubus vor das Auge hielt und über die Ferne hin und her bewegte. Derselbe war weder ein Dollond noch ein Frauenhofer, sondern ein selbstverfertigtes Rohr aus steifem Papier, worin er die teleskopischen Gläser nach freundschaftlicher Anleitung des berühmten Mechanttus Butzengeiger in T... der sein Vetter war, eingesetzt hatte. Dieses Sparfernrohr bildete neben seinem Sohne Wilhelm, von dessen Entwicklung er sich Wunderdinge versprach, sein größten Stolz und, wie schon gesagt, seine tägliche Morgenergötzlichkeit. Es trug wohl zwanzig Stunden weit und ließ in der Landschaft die wellenförmigen Hügelreihen, die dichtgesäeten Dörfer mit den blinkenden Kirchentürmen, in den Bergen aber, die sich links und rechts in langer Front an den hohen Standpunkt unseres Beobachters anschlossen, die verstecktesten Taleinschnitte, die abgelegensten Felsenzacken und die verborgensten Ruinen sehr deutlich vor das Auge treten. Um das Bild, das wir dem Leser aufgerollt haben, flüchtig zu ergänzen, fügen wir nur noch bei, daß das Gebirgsdörfchen, dessen Pfarrer wir mit dem Tubus in den Händen am Fenster erblicken, ebenso reich an landschaftlichen Schönheiten als arm an den materiellen Erfordernissen des Lebens ist. Beide Ausstattungen ergeben sich jedoch nach ihren verschiedenen Seiten hin aus der bereits angedeuteten Lage dieses ländlichen Hochsitzes von selbst, daher wir auf ihre umständlichere Ausmalung verzichten zu können glauben. Doch wird der wasserkarge Ziehbrunnen unter dem Fenster festzuhalten sein, benebst dem bäuerlichen Liebespaare, das, im Schöpfen begriffen, unter hühnisch verneinendem Wortwechsel eine rauhe Werbung und ein noch abstoßender eingekleidetes Ja verhandelt. Zwar bedürfen wir des Brunnens in der Folge nicht weiter, und »Bub« und »Mädle« sind uns noch überflüssiger, weil der kleine Roman, den wir hier beginnen, ausschließlich in den »besseren Klassen« spielt; wir wissen aber, was wir einem gebildeten Publikum der Gegenwart schuldig sind, und haben es daher nur um so mehr für unsere Pflicht erachtet, wenigstens den Anfang unseres Gemäldes mit einigen volkstümlichen Pinselstrichen abzurunden. Was jedoch das bewaffnete Auge des Pfarrers von A... berg so gänzlich gefangen nahm und ihn selbst gleichsam zur Statue entgeisterte, war nicht der längst gewohnte Anblick der Morgenlandschaft, obwohl er sich demselben stets mit Liebe hinzugeben pflegte. Es war etwas Neues, Überraschendes und, wie wir wohl vorausschicken mögen, eine verhängnisvolle Epoche in seinem Leben heraufzuführen Bestimmtes. Während er nämlich von Morgen gegen Abend gerichtet zwischen den am Fuße des Gebirges nach dem unteren Lande hinziehenden Hügeln, die schon vom jungen Grün des Lenzes überflogen glänzten, ein sonderbar schiefes Türmchen aufsuchte, nach welchem er jeden Morgen teilnehmend sah, ob es noch nicht eingefallen sei, trat eine Erscheinung in sein Sehfeld, die ihn beinahe erschreckt hätte, bald aber mit einer fast närrischen Freude erfüllte. Er hatte bei seinen bisherigen Beobachtungen ein kleines Haus übersehen, dessen Oberteil in einiger Entfernung von dem wehmütig geneigten Türmchen über eine von Bäumen halb versteckte Mauer hervorragte. Erst heute machte er dessen Entdeckung. Aber eine noch größere war ihm vorbehalten: er entdeckte nämlich am Fenster des Häuschens einen Mann, der genau wie er selbst ein Fernrohr handhabte und, so schien es ihm wenigstens, gerade jetzt seine eigene Person rekognoszierte. Er glaubte in einen entfernten Spiegel zu blicken oder gar einen Doppelgänger wahrzunehmen. Bei näherer Untersuchung jedoch fand er, daß dieses »zweite Gesicht«, das ihm ausgestoßen, in Wirklichkeit ein zweites war, das heißt ein anderes. Wenn ihn nämlich sein Butzengeiger, wie er das Instrument zu nennen pflegte, nicht trog, so erkannte er ziemlich deutlich eine schwärzliche Komplexion und einen eckigen Knochenbau mit harten düsteren Zügen, während er selbst blond und glatt wie Hamlet, dabei aber freundlich und gemütlich wie der liebe Vollmond aussah. Kein Zweifel, das Wunder löste sich in Natur, der Doppelgänger sich in einen Kunst- oder vielmehr Liebhabereigenossen auf. Und dennoch blieb es wunderbar, daß diese verwandten Seelen, wer weiß nach wie langem unbewußten Umhersuchen, sich in so seltener, vielleicht noch nie dagewesener Weise begegnen und eine optische Schäferstunde feiern sollten! Indessen verschob der Pfarrer von A ... berg das Nachdenken auf eine gelegenere Minute, da es ihm für den Augenblick vor allem darum zu tun sein mußte, die so unerwartet gefundene teleskopische Freundschaft hand- oder, wenn man will, augenfest zu machen und sich ihrer dauernd zu versichern. Er holte daher, den schwerfälligen Tubus für eine Weile einhändig regierend und vor Mühe keuchend, sein Taschentuch aus dem Schlafrocke hervor und schwenkte es wiederholt, wobei es ihm nicht wenig Schweiß kostete, den Gegenstand seiner Beobachtung vor dem Glase zu behalten oder, wenn er ihn von Zelt zu Zeit verlor, schnell wieder vor dasselbe zurückzuführen. Doch aller seiner Bemühungen schien ein neidisches Geschick spotten zu wollen, denn der Unbekannte gab kein Zeichen der Erkennung, obgleich in seiner Stellung und der Richtung seines Fernrohrs keine Veränderung sichtbar geworden war. Sein Entdecker kniete auf den Boden, legte die angeschlagene Augenwaffe auf das Fenstergesims und begann das Taschentuch mit Macht zu schwingen; da er aber bedachte, daß durch dieses Verfahren gerade das breiteste Objekt des Gesehenwerdenkönnens, nämlich sein wohlgerundetes Selbst, dem Bereiche einer gegenseitigen Wiederentdeckung entrückt sei, so band er mit ebensoviel Kunst als Anstrengung die Signalflagge um den unausgesetzt in Arbeit begriffenen Tubus fest, ließ das freie Ende flattern und nahm seinen früheren Standpunkt in dem Fenster, das er vollkommen ausfüllte, wieder ein. Das Fernrohr jetzt mit beiden Händen, wie vorher, zu bequemeren Evolutionen beherrschend, schüttelte er es von Zeit zu Zeit, um die daran befestigte Flagge tanzen zu lassen. Allein dies war gleichfalls ein mißliches Manöver, worin er jeden Augenblick inne halten mußte, um den durch die Schwankungen gestörten Gesichtswinkel herzustellen, ehe die in demselben befindliche Erscheinung unwiederbringlich verschwinden konnte. Da kam ihm endlich der steifer werdende Morgenwind zu Hilfe und blähte das Taschentuch auf, so daß es lustig zu wehen und ordentlich zu rauschen begann. Der Pfarrer beugte sich jetzt mit dem beflaggten Tubus weit aus dem Fenster, um sich so bemerklich als möglich zu machen, und suchte seinen Doppelgänger gleichfalls im Geist auf die Nase zu stoßen, die, weil dessen Sehrohr in die Höhe gerichtet war, ganz merklich unter demselben zum Vorschein kam. Vergebens jedoch! Der andere rührte sich nicht, und er hielt ihn nachgerade für einen Gliedermann, den irgend ein Spaßvogel aus unbekannter Absicht dort ans Fenster gestellt habe. Etwa gar um ihn selbst und seine unschuldige Liebhaberei, die man dort bemerkt haben mochte, zu parodieren? Dieser Gedanke, der nahezu an eine Regung von bösem Gewissen hinstreifte, fuhr unserem Beobachter einen Augenblick durch den Kopf; aber der Gedanke war zu wenig wahrscheinlich und der Pfarrer zu gutmütig, als daß er bei ihm verweilt hätte. Auch unterbrach ihn ein plötzlicher Szenenwechsel auf dem Schauplätze seiner Forschungen; der Doppelgänger setzte das Fernrohr an, zog sich zurück, und gleich darauf war das Fenster geschlossen. Er war also kein Gliedermann gewesen. Dafür war er aber jetzt weg, vielleicht auf Nimmerwiedersehen und der Pfarrer von A...berg hatte Zeit und Mühe umsonst verschwendet. »Reisen Sie glücklich nacher Asia und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin!« sagte er ärgerlich hinter ihm drein. Dieses aus dem Leben gegriffene Zitat wurzelte mit dem Ursprung seines Daseins im Komplimentierbuch eines kulanten Posthalters der Umgegend. Derselbe hatte einst einen türkischen Gesandten, der, den nächsten Weg von Paris nach Konstantinopel über den Aalbuch einschlagend, bei ihm vorfuhr, Relais für seinen Wagen, für sich selbst aber, als Surrogat für den Scherbet, ein Glas Zuckerwasser zu nehmen, beim Wegfahren mit abgezogener seidener Zipfelmütze und unter einem tiefen Bückling die angeführten goldenen Beurlaubungsworte nachgerufen. Sie waren, von seinen Gästen verbreitet, nach und nach landläufig geworden und wurden, wo nur »Geist, Gemüt und Publizität« ihre Flügel regten, von allen geistreichen Leuten, mit anderem Wort also von allen »Honoratioren«, bei mehr oder weniger passenden Gelegenheiten unfehlbar angewendet. Der Pfarrer hatte inzwischen eine vorübergehende gemäßigte Verzweiflung über den unbefriedigenden Ausgang seines Abenteuers bald verdaut und stieg nun ziemlich selig zu seiner getreuen Gattin in das Wohnzimmer hinab, um derselben die unerhörte Überraschung, die ihm soeben geworden war, mitzuteilen. Will man sich hier im Vorübergehen einen allgemeinen Begriff von den Zuständen des Pfarrhauses in A... berg bilden, so versetze man sich einfach in die Geschichte des Landpredigers von Wakefield, nur daß man sich allerlei wegzudenken hat, zum Beispiel die beiden Mädchen mit ihren Liebhabern, den pedantischen Nestkegel, sowie auch den wackern musikalischen Vagabunden nebst seiner musterhaften Liebe, vor allem aber den theologischen Traktat. Von Arbeiten letzterer Art war unser Pfarrer nun ganz und gar kein Freund, und schon bei der Wahl seiner magern Pfarrstelle hatte ihn neben dem Wunsche, die Erkorene seines Herzens schnell heiraten zu können, der weitere Lebensplan bestimmt, auf dem ersten besten Anfangsdienste das Ziel seiner Tage heranzusitzen und jedem Beförderungsanspruch zu entsagen, der ihn nur genötigt haben würde, seine dogmatischen Bücher abzustäuben und sich als alter Knabe noch einmal zum Examen zu melden. Dieser Lebensplan beruhte auf der breiten Grundlage eines ganz stattlichen Vermögens, das beide Eheleute zusammengebracht hatten und das ihnen ihr Gericht Kraut nicht bloß mit Liebe, sondern mit jedem beliebigen Genuß des Lebens zu würzen gestattete. Und zu all dem Behagen kam noch, daß der gefürchtete Ökonomiebeamte des Bezirks, der Kameralverwalter, der die Aufsicht über die öffentlichen Gebäude zu führen hatte, mit dem Pfarrer im dritten und mit der Pfarrerin sogar im zweiten Grade verwandt war, welches Verhältnis die angenehme Folge hatte, daß das Pfarrhaus von A ... berg nicht nur unter den Pfarrhäusern des Landes als eines der schönsten gepriesen wurde, sondern auch mit Recht ein allerliebstes Häuschen hieß, in der dürftigsten Umgebung der artigste und komfortabelste Felsensitz für ein wohlhäbiges Paar, das Hände genug zur Verfügung hatte, um sich die Nützlichkeiten und Süßigkeiten einer wohlbestellten Haushaltung von allen Seiten die schroffen Bergwege heraustragen zu lassen. Fällt hienach mit so manchen anderen Vergleichungspunkten zwischen A ... berg und Wakefield auch noch der der Armut hinweg, so bleiben doch immerhin Mr. und Mrs. Primrose übrig, denn das waren die beiden liebenswürdigen Pfarrhälften durch und durch, ein wenig vielleicht schon darum, weil sie sich in ihrer Jugend mit Vorliebe in diese Rolle hineingelesen hatten. Ihr Wilhelm sodann, der ihnen Ältester und Jüngster, Sohn und Tochter, nämlich das einzige Kind war, mochte den braven George und den bedächtigen Moses, ja gar die schwärmerische Olivia und die praktische Sophia alle in einer Person vereinigen; doch ist uns zur Stunde seine nähere Bekanntschaft noch vorenthalten, da er sich auswärts in einer lateinischen Kostschule befindet. Das Behagen, in welchem unsere Primroses schwammen, teilte sich allen mit, die sie berührten, und da sie sehr mitteilend waren, so erstreckten sich diese Berührungen in ziemlich weite Kreise. Ihre Gastfreundschaft war so groß, daß niemand ihr steiles Schwalbennest unzugänglich fand, und die Gemeinde selbst, obgleich sie nicht erwarten durfte, einen Steinriegel in eine Kornkammer und Dornsträuche in Feigenbäume verwandelt zu sehen, befand sich doch wenigstens bei dem Wohlstand ihres Pfarrers weit besser, als wenn sie, wie es in ähnlicher Lage meist der Fall ist, zu ihrem eigenen Mangel an Wolle auch noch einen kahlen Hirten gehabt hätte. Sonach, wenn der geneigte Leser den Pfarrer von A... berg vielleicht auf den ersten Anblick wegen seines Papierfernrohrs für einen armen Schlucker oder gar für einen Filz gehalten hat, so ist dies nur einer von den vielen Beweisen für die Wahrheit des Sprichworts, daß der Schein zuzeiten trügt. Der Spartubus stellte bloß ein Stückchen Robinsonade im Studierzimmer, ein Symbol für das »Selbst ist der Mann« und ein Füllhorn des aus der Unabhängigkeit der Selbstfabrikation fließenden gesteigerten Genusses, zugleich aber auch eine Art Ablaß zur Abkaufung aller anderen Unbequemlichkeiten des Lebens vor. Da unter diesen der Anblick fremden Elends eine der störenderen ist, da ferner unserem Pfarrer seine Mittel gestatteten, solcher Störung vorzubeugen, da er endlich den Grundsatz, zu leben und leben zu lassen, rings umher an Arm und Reich betätigte, so wird man der Versicherung, mit der wir sein Charakterbild abschließen, Glauben schenken, daß er einer der wenigen Menschen war, die keinen Feind haben. Mit unbeschreiblicher Überraschung und grenzenlosem Vergnügen vernahm die Pfarrerin, was sich soeben zwischen Morgen und Abend zugetragen hatte. Als eine Frau, die eine Freude des Gatten wie ihre eigene Freude freute, interessierte sie sich höchlich für den unbekannten Seelenverwandten ihres Mannes und sprach mit Hochachtung und Freundschaft von ihm, jedoch nicht ohne zugleich ihrem Verdrusse Luft zu machen, daß der »dumme Kerl«, wie ihr im Eifer entfuhr, »keine Augen im Kopf gehabt« habe. Sofort eröffnete sich eine lebhafte Beratung über die Fragen, wer derselbe sein möge, wo er wohne, und wie es komme, daß er dem regelmäßigsten aller Beobachter bisher entgangen sei. Die letztere Frage zerfiel wieder in mehrere Unterfragen: war der Fremde vielleicht erst seit gestern oder heute in der Gegend seßhaft, in der er sich hatte entdecken lassen? oder, mochte er nun ständig oder vorübergehend seinen Aufenthalt dort unten haben, entstammte seine heutige Rekognoszierung bloß einer flüchtigen Laune oder einer soliden Gewohnheit? konnte man also darauf rechnen, ihm künftig abermals auf dem heutigen Wege zu begegnen, oder nicht? Oder aber, hatte er vielleicht schon längere Zeit, wohl gar jahrelang, jeden Morgen und nur zu einer anderen Stunde, als der Fernseher von A ... berg, aus jenem Fenster heraufgeschaut? Denn »die Menschen lieben sich zu ungleichen Stunden«, sagt ein grundwahrer Spruch, der dadurch, daß er an jenem Tage noch nicht gedruckt war, gar nichts von seiner Wahrheit verliert. Eine geheime Ahnung flüsterte der Pfarrerin zu, daß die letztere Hypothese die richtige sei, und mit gewohntem Scharfsinn machte sie ihren Mann auf die Fügung aufmerksam, durch welche ein Moment, das bis jetzt nur in der abstrakten, sich noch nicht objektiv gewordenen Idee gelebt habe, in die von sich wissende und ihrer selbst gewisse Wirklichkeit umgeschlagen sei. Wenn sie sich zur Entwicklung ihrer Ansicht vielleicht auch nicht gerade unserer streng wissenschaftlichen Kategorien bediente, so hoffen wir doch den Sinn ihrer Worte annähernd genau wiedergegeben zu haben. Der Pfarrer hatte nämlich seine gewohnte Morgenandacht heute zur ungewohnten Zeit verrichtet, und zwar eine ganze Stunde später als sonst. Da die Ursache dieser Verspätung auch vom spitzfindigsten Leser wohl schwerlich erraten werden würde, so dürfte es nicht unpassend sein, einen kurzen Bericht darüber hier einzuflechten. Das Pfarrhaus von A... berg hatte gestern die Ehre gehabt, den neuen Dekan auf seiner ersten Parochialvisitationsrundreise zu bewirten. Ein Wechsel im Amte des Obergeistlichen einer Diözese war und ist für sämtliche Pfarrhäuser derselben von höchster Wichtigkeit; denn kaum gibt es in der Welt ein diplomatischeres Verhältnis als das zwischen diesem Vormann und seiner ehrwürdigen Schar, die zugleich seine Pairs sind, ein Verhältnis, in welchem, wenn beiderseits ein harmonischer Gleichklang herrschen soll, er sich als Primus inter Pares akzentuieren, von ihnen aber als inter Pares Primus akzentuiert werden muß. Man urteile hiernach, wie schwierig es ist, dieses gegenseitige Modifikationsthema durch die vielen, oft so unmerklich kleinen Nuancen und Koloraturen des persönlichen Verkehrs hindurch zu variieren, und wie entscheidend es wirkt, wenn man gleich bei dem ersten Zusammensein den richtigen Ton zu treffen und mit jener anmutigen Leichtigkeit der Modulierung anzugeben versteht, die nur an einer einzigen Universität des protestantisch-gelehrten Europa erworben werden kann oder, damals wenigstens, erworben werden konnte. Unser Pfarrer, dem außerordentlich viel daran lag, mit dem neuen Dekan von Anfang an in dasselbe herzliche Einvernehmen zu kommen, worin er mit dessen Amtsvorgänger gestanden war, schrieb gleich nach Empfang der Ankündigung des Visitationsbesuches einen Brief an seinen Nachbar, den Pfarrer von Sch...ingen, von dem er wußte, daß er ein Jugendfreund der noch unbekannten Größe war, und lud ihn dringend ein, dem Erwarteten Gesellschaft zu leisten, mit dem Ersuchen, womöglich etwas früher einzutreffen und ihm selbst über Charakter, Temperamentsqualitäten, Gemütsneigungen, Angewöhnungen, besonders jedoch über etwaige Eigenheiten des Fraglichen diensame Auskunft zu geben oder, im Fall einer bedauerlichen Verhinderung, ihn über diese tuskulanischen Quästionen mit Wendung des Boten schriftlich aufzuklären. Der Abgesandte kam mit einem Briefe zurück, worin der Nachbar unter Entschuldigung, daß er durch Familienangelegenheiten abgehalten sei, an dem bestimmten Tage zu kommen, den gewünschten Bescheid erteilte. Dekanus, schrieb er, sei ein sehr humaner Mann, unter Umständen sogar ein kordiales, ja, wenn desipere in loco statthaft, ein kreuzfideles Haus. Besondere Kennzeichen wisse er Dekano keine beizulegen, maßen selbiger in Amtssachen mit Gewissenhaftigkeit facil, in allen anderen Dingen aber absolut traktabel und demgemäß beim Traktament im eigentlichen Sinne des Worts, je nachdem Gott es beschieden, mit wenigem und auch mit vielem kontent sei. Übrigens habe er allerdings eine individuelle Eigenheit, eine sehr sonderbare, jedoch eine solche, mit deren Hilfe man sein ganzes Herz erobern könne. Er putze nämlich für sein Leben gern Lichter. Könne man daher, was ja in Betracht der schlechten Wege leicht zu bewerkstelligen, Dekanum über Nacht festhalten, und wolle man ihm Gelegenheit geben, abends das Licht oder vielmehr die Lichter fleißig zu putzen, so werde er ganz in seinem Esse Kirchengeschichtlicher Ausdruck für à son aise. sein. Unser Pfarrer war nicht so einfältig, sich zum Opfer dieser plumpen Lüge zu machen, da er, wie alle Welt, seinen Amtsbruder von Sch...ingen als losen Vogel und Exmystifikator kannte. Er wunderte sich nur, daß dem versatilen Kopfe in der Geschwindigkeit nichts besseres eingefallen sei. Aber gerade darum hieß er die Eulenspiegelei, von der er eine Probe halb und halb erwartet hatte, höchlich willkommen; denn sie bot ihm die gewünschte Form für die Begründung jener bereits bezeichneten höheren Umgangsweise, nämlich, in der Kunstsprache eines hierseits spezifischen Esprit zu reden, einen ausgezeichnet »schlechten Witz«, dessen Schuld und etwaiger Stachel sich von selbst auf einen andern ablud, und einen um so unschädlicheren, weil die jedenfalls lustige Lösung des Mißverständnisses nicht lang auf sich warten lassen konnte. Der Pfarrer ging also mit Vergnügen in die Falle. Er stellte sich, als ob er die Mystifikation von ganzem Herzen und von ganzer Seele glaubte, hielt es jedoch für geraten, die Pfarrerin, deren er sich zu seiner Operation zu bedienen gedachte, nicht in die Tiefe der Verwicklung und auf den Boden seines Planes blicken zu lassen. Indem er ihr daher die theophrastische Charakteristik des Dekans mitteilte, verschwieg er, daß der Urheber derselben ein Duzfreund des Geschilderten sei, der sich etwas gegen diesen erlauben konnte, und brachte so die sonst gescheite Frau dahin, daß sie seinen scheinbaren Glauben in Wirklichkeit teilte. Hierdurch gewann er einerseits, daß sie ihre Rolle, die nicht durch heimliche Zweifel oder gar Gewissensbisse beeinträchtigt sein durfte, mit natürlichster Unbefangenheit spielte, und andererseits hielt er sich selbst für alle Fälle einigermaßen rückenfrei. Die Visitation ging zur Zufriedenheit beider Teile vorüber. Nachdem die geschäftliche Seite des Besuchs erledigt war, legte der Dekan seine Amtsmiene ab, um der Frau Pfarrerin die Aufwartung zu machen. Trotz seiner Versicherung, daß er nur die Kirche und Schule, nicht aber die Küche zu visitieren gekommen sei, mußte er einem altehrwürdigen Brauch zufolge ihre Einladung zu Tische annehmen, und wie er sich in der Erfüllung dieser amtlichen Nebenpflicht befunden, das würde von dem ganzen Amtsbezirke für eine müßige Frage erklärt worden sein. Mit Gewandtheit wurde sodann die Tafelzeit verlängert, bis man erklären konnte, daß es einem Morde gleich zu achten wäre, wenn man den verehrten Gast bei schon sinkendem Abend die halsbrechende Felsensteige hinabführen ließe. Nach langer und lebhafter Weigerung mußte er sich endlich in das Unvermeidliche fügen, und der Anblick des damastenen Tischtuches, das einen Schluß auf komfortables Bettzeug gestattete, stellte ihm sein Schicksal als ein höchst erträgliches dar. Der Pfarrer schlug zur Ausfüllung der Zwischenzeit einen kleinen romantischen Spaziergang vor und führte dann den Gast zum Abendimbiß zurück. Der Dekan starrte verwundert in das Lichtermeer, das ihn hier empfing. Die Pfarrerin hatte aber auch nicht bloß ihren eigenen Leuchterschatz, der nicht klein war, in voller Heerschau aufgestellt, sondern auch sämtliche disponible Prachtstücke der Revierförsterin, ja selbst ein paar Antiquitäten von der Schulmeisterin – im Hause des Ortsvorstehers gab es nur autochthonische Ampeln – ins Feuer geführt. Zur Entfaltung aller dieser Schlachtreihen war es nötig gewesen, mehrere Tische zusammenzurücken. Der Dekan unterdrückte ein Lächeln über die vermeintliche Geschmacklosigkeit, und man setzte sich. Während der Hauptschüsseln gönnte man ihm Ruhe; doch hatte er auch da schon in seinem angeblichen Lieblingsfache genug zu arbeiten, weil niemand der Kerzen in den beiden größten, fast Kandelabern zu vergleichenden Leuchtern, die vor seinem Platze standen, sich annahm und er als Mann von Erziehung sie fort und fort allein bedienen mußte. Die kurzen, scharfen, sicheren Bewegungen, womit er in dieser Verrichtung die Lichtputze handhabte, verrieten übrigens in der Tat eine gewisse Virtuosität, und der Pfarrer, der beständig in sich hineinlächelte, begann zu ahnen, daß der Charakteristiker denn doch vielleicht eine Art von schwacher Seite aufs Korn genommen haben könnte. Mit dem Nachtisch eröffnete sich ein ganzer Sternenhimmel voll Beglückung für den Dekan. Die Pfarrerin manövrierte sehr geschickt, indem sie mitten in der lebhaftesten Unterhaltung zwischen die beiden Riesenleuchter die kleineren Kontingente einzudirigieren, die von dem dienstfertigen Gaste abgefertigten hinter die Schlachtordnung zu bringen und, alles in größter Geräuschlosigkeit, frische Truppen nachzuschieben verstand. Der Dekan hatte eine Zeitlang gar nichts zu tun, als Lichter zu putzen. Endlich aber wurde ihm das Ding zu arg, und da er nicht auf den Kopf gefallen war, so merkte er nachgerade, daß irgend eine verborgene Absicht dabei mit im Spiele sein müsse. Verbindlich, doch mit etwas spitzem Tone, wendete er sich an den Pfarrer und bemerkte, die Frau Pfarrerin scheine ihm in symbolischer Weise über die Kirchenlichter der Diözese eine regulative Gewalt einräumen zu wollen, der er sich keineswegs gewachsen fühle. Der Pfarrer, in gutgespielter Verlegenheit und Unschuld, aber nicht ohne schlaues Augenzwinkern, erwiderte, seine Frau befasse sich sonst nicht mit Symbolik, im gegenwärtigen Falle aber, als Rationalist zu reden, dürfte sie vielleicht ihre Vernunft etwas zu sehr unter den Glauben an den Herrn Kollega in Sch ... ingen gefangen genommen haben. »So, der Vokativus?« rief der Dekan, bereits einer Enthüllung gewärtig, »was hat der wieder für einen Trumpf ausgespielt?« Der Pfarrer setzte mit Glück seine Rolle als Unparteiischer fort und berichtete, wie seine Frau, angeblich ganz ohne sein Zutun und gegen seine bessere Überzeugung, von dem Erzschelm in den April geschickt worden sei. Der Dekan brach in ein homerisches Gelächter aus, das er erst mäßigte, als er den Todesschrecken der Pfarrerin gewahrte, die sich zum erstenmal von ihrem Manne verlassen und verraten sah. Sie war wie vom Donner gerührt. Da sie jedoch, durch einen geheimen Wink des Pfarrers verständigt, den klugen Ausweg ergriff, plötzlich in das Lachen der beiden Herren einzustimmen, so nahm solches einen neuen Aufschwung, und in glücklicher Stimmenmischung wurde ein rauschendes Lachterzett aufgeführt. Als die erschöpften Kräfte eine Pause forderten, erzählte der Dekan eine Reihe lustiger Streiche ähnlichen Schlages, die sein Freund während ihrer gemeinsamen Jugendjahre ausgeheckt hatte, und für jeden gab der Pfarrer ein Seitenstück aus dem neueren Leben desselben zum besten, so daß die Munterkeit immer wieder frische Nahrung erhielt. Alsdann bedurfte es nur von Zeit zu Zeit eines Blicks auf die Lichter, eines gegenseitigen Anschauens, und die Lachmusik ging mit erneuter Starke fort. Der Pfarrer machte endlich den Vorschlag, noch zu dieser späten Stunde an den Missetäter ein Citatur ad Magnificum zu erlassen, und der Dekan erteilte wohlgelaunt der Maßregel seine Genehmigung. Kaum war jedoch der Bote zum Haus hinaus, so klopfte es an der Türe, und der Delinquent trat herein. Er hatte den vermutlichen Erfolg seiner Anstifterei erlauert, sich schon von ferne an dem Lichterglanz des Pfarrhauses innigst erfreut und kam nun der vorausgesehenen Zitation zuvor. Sein Erscheinen erregte ungeheure Heiterkeit. Die Pfarrerin stellte sofort den Antrag, ihn für die ganze Dauer des Abends zum ausschließlich alleinigen Lichterputzen zu verurteilen, und der Dekan trat diesem Strafantrage bei, doch erst nachdem er eine ansehnliche Reduktion der aufgestellten Heeresmassen beantragt und durchgesetzt hatte. Hierauf bereitete die Pfarrerin einen Punsch, als in welchem Artikel sie weit und breit berühmt war. Zuletzt, als dem Lachen der Nachlaß der Natur ein Ziel steckte, wurde der lustige Abend durch ein Tarok zu Drei, das Feinste für exquisite geistliche Spieler, gekrönt. Dieses Spiel wollte jedoch nicht ganz regelrecht zu Ende kommen; es scheiterte noch vor der gesetzten Zeit an vielfachen und allseitigen Verstößen, als da sind »Vergeben«, »Verzählen« und dergleichen mehr, und man brach es daher ab in freundlichem Einverständnis und mit der Verabredung, sich an einem gelegeneren Tage Revanche zu geben. Die Lichtputze war zuletzt in die Hand der Pfarrerin gewandert, nachdem der Dekan, der dem Sträfling bei dessen zunehmender Ungeschicklichkeit den Dienst abgenommen, einmal um das andere mit allzu knapper Präzision das Licht, dem er seine Kunst widmen wollte, ausgelöscht hatte. Indessen verschmähte der Pfarrer von Sch...ingen das angebotene Nachtlager; er wollte sich nicht nachsagen lassen, daß er sich nicht habe nach Hause finden können. »Mit ihm oder auf ihm!« rief er mit einem spartanischen Gesichtsausdruck und donnerndem Gelächter. Um jedoch nur die erstere der beiden heroischen Chancen zuzulassen, beorderte die Pfarrerin den vorhin schnell zurückgerufenen Boten zu seiner Begleitung, und die Sage meldet nicht, daß ihm auf dem Heimwege irgend ein Abenteuer zugestoßen sei. So harmlos gemütlich lebte die geistliche Welt in jener mythischen Zeit, da der Lebensmut noch nicht durch Ablösungsgesetze gedämpft, und das theologische Bewußtsein noch nicht durch Kirchentage, Pfarrgemeinderäte und so manches andere vom Zeitgeist getragene Compelle geschärft war. Und dies war der Grund, warum der Pfarrer von A...berg heute seinen Posten am Fenster eine ganze Stunde später als gewöhnlich eingenommen hatte. Wie leicht zu erachten, war der Dekan nicht so früh aus den Federn gekommen und zur Abreise fertig geworden, als er gestern bestellt; sodann hatte man beim Scheiden der wiederholten Zwerchfellerschütterung über den »köstlichen Spaß« noch eine gute Zeitfrist einräumen müssen, so daß es acht Uhr längst vorüber war, als der Gast endlich in sein Chaischen gelangte. Der Pfarrer begleitete ihn sorgfältig mit dem Tubus vom Fenster aus den Berg hinab, um wenigstens mitfühlender Augenzeuge zu sein, falls dem gebrechlichen Fuhrwerk auf der Via mala etwas Menschliches widerführe, und erst, als er es glücklich unten angelangt sah, ließ er seinen Butzengeiger die gewohnten luftigen Pfade wandeln, bei welcher Gelegenheit er die große Entdeckung machte, zu der wir nunmehr zurückkehren. Ob die Pfarrerin, welche die erlittene Scharte durch einen Triumph ihres Scharfsinns auszuwetzen strebte, diese Gabe Gottes richtig angewendet hatte oder nicht, das mußte der folgende Tag entscheiden. In der Nacht, die diesem Tage vorausging, taten Pfarrer und Pfarrerin vor Erwartung kein Auge zu. Endlich graute der Morgen. Punkt acht Uhr stand der Pfarrer, der auch das Überflüssige nicht versäumen wollte, auf seinem Posten, und zwar, wie er emphatisch bemerkte, »harrend ohne Schmerz und Klage, bis das Fenster klang«. Auch war ihm in der Tat Geduld vonnöten, denn er mußte die ganze Stunde vergebens harren. Die Lerche, die auch an diesem Tage ihren Besuch wiederholte, blieb abermals unbeachtet und verschwebte endlich mißmutig im unendlichen Blau. Erst um neun Uhr gesellte sich die Pfarrerin, ihrer Theorie gemäß, zu ihrem Manne, um seinen schon etwas erlahmenden Eifer wieder zu befeuern. Und siehe da, nach kurzer Weile tat er einen hellen Freudenschrei. Er sah den Unbekannten, wie gestern, an dem Fenster in der Gegend des baufälligen Türmchens erscheinen. Er sah, wie derselbe ein wenig mit seinem Tubus in der Welt umherschweifte, dann aber ihn gerade herauf lichtete und, so zu sagen, gegen das Pfarrhaus von A ... berg im Anschlage liegen blieb. »Wedle, wedle!« rief er der Pfarrerin zu. Diese legte sich, weil sie keinen Raum neben ihm im Fenster hatte, mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf seine rechte Schulter und wedelte mit dem bereit gehaltenen Schnupftuch, so weit sie nur konnte, in die Lüfte hinaus. Vergebens, der Unbekannte nahm keine Notiz von dem Signal. Der Pfarrer gab der Pfarrerin den Tubus, um ihn auf seiner Schulter aufzulegen und die Beobachtungsrolle zu übernehmen, wählend er selbst mit Hand und Tuch alle seine verfügbaren Kräfte aufbot, um endlich die Aufmerksamkeit des hartnäckigen Blinden zu erobern. Da diese heftigen Bewegungen die Obliegenheit der Pfarrerin wesentlich beeinträchtigten und zum Teil völlig paralysierten, so lief der Versuch nicht ohne kleine Ehedissidien ab, die sich jedoch immer friedlich lösten. Die beiden Gatten tauschten die Rollen wieder, aber was sie auch vornehmen mochten, um ihren Zweck zu erreichen, es blieb alles fruchtlos, und eine saure Stunde war verstrichen, als der Pfarrer mit einem tiefen Seufzer seinen Doppelgänger vom Fenster verschwinden sah. Womöglich noch unzufriedener als er war sie, die ihre Hypothese ln dem Augenblicke, da sie so glänzend bestätigt werden sollte, für zwecklos und jedes praktischen Weites entkleidet erkennen mußte. Daß dieser Tag im Pfarrhaus« von A ... berg nicht so heiter wie der vorgestrige und nicht so bewegt wie der gestrige verlief, kann unter den angegebenen Umständen wohl keinem Zweifel unterliegen. Am dritten Morgen, diesmal aber erst um neun Uhr, machte der Pfarrer seinen letzten Versuch. Den letzten: denn nicht bloß hatte er geschworen, sich kein einziges Mal ferner narren zu lassen – o daß ein freundlich Geschick dieses Gelübde begünstigt hätte! – sondern auch die Witterung schien, für einige Zeit wenigstens, mit seinem Vorsatz im Einverständnis zu sein, und der April begann ein so launisches Gesicht zu machen, daß man dem Fernrohr kaum für heute, geschweige noch für morgen, eine ungestörte Entfaltung seiner Tätigkeit prophezeien konnte. Auch hatte sich ein ungestümer Wind erhoben, der jedoch die von dem Pfarrer trotz seiner Hoffnungslosigkeit getroffenen Anstalten kräftig unterstützte. Denn als der sonderbare Gegenäugler auch heute wieder der Pfarrerin die Ehre erwies, die habituelle Leidenschaft zu zeigen, die sie von Anfang an bei ihm vermutet hatte, so flogen zwölf aneinander gebundene Taschentücher in die Lüfte, einen flatternden Baldachin über dem Pfarrer und seinem Tubus bildend, und ein Stockwerk höher wehte ein großes Leintuch, mit welchem die Pfarrmagd an das Dachfenster postiert worden war. Die Lerche glänzte an diesem Morgen durch ihre Abwesenheit: ob aus gekränkter Freundschaft oder Windes und Wetters halber, wagen wir nicht zu entscheiden. »Victoria!« rief da der Pfarrer auf einmal aus; denn er glaubte bei dem Unbekannten eine kleine Wendung des Instruments und dann in seinem Gesicht einen Ausdruck des Stutzens und der Neugier wahrgenommen zu haben. Mit geflügelten Worten hieß er die Magd ihr Topsegel reffen und die Frau ihre Tränenflagge einziehen, die jedoch, von dem umspringenden Winde wie eine Schlange umhergewirbelt, sich an einem Haken verfangen hatte und vorderhand in der Geschwindigkeit ihrem Schicksal überlassen werden mußte. Die Pfarrerin gebrauchte ihre nunmehr frei gewordenen Hände, um rechts und links vom Pfarrer nach der Richtung seines Tubus hin zu winken. Über diesem Bestreben wurde er bedeutend gequetscht und vermochte nicht alles und jegliches Stöhnen zu unterdrücken, aber als standhafter Märtyrer ermahnte er sie, seiner Ungemächlichkeit nicht zu achten und mit ihren Signalen fortzufahren. Er selbst, so oft und so lang er eine Hand vom Tubus entfernen konnte, bediente sich derselben, um gleichfalls zu winken, auch mit dem Finger abwechselnd bald auf das Werkzeug, bald auf den Gegenstand der Entdeckung zu zeigen und letzterem hierdurch anzudeuten, wen und was dieses vehemente Salutieren betreffe. Solcher Aufwand von Zeichen und Kundgebungen durfte nicht unbelohnt bleiben, und es ereignete sich, was der Pfarrer während des Schauens in raschen Mitteilungen seiner Frau berichtete. Der Doppelgänger erkannte, daß die endlich zu seiner Wahrnehmung gelangten Ferngrüße ihm galten. Überrascht erwiderte er die Aufmerksamkeit mit einer Verbeugung, wobei er zugleich in nicht uneleganter Manier den Tubus senkte, gerade wie der Offizier den Degen oder der Wagenlenker von Welt die Peitsche salutierend senkt. Aber gleichbald schien er eingesehen zu haben, daß diese Courtoisie die eingegangenen optischen Beziehungen aufrecht zu erhalten nicht besonders geeignet sei. Er erhob daher schnell sein Instrument zu der früheren Lage, indem er sich bemühte, gleich seinem Entdecker den Händen eine Arbeitsteilung anzuweisen und mit der einen zu winken, wählend die andere den Tubus hielt. »O weh!« rief der Pfarrer von A...berg und unterrichtete sofort seine Frau über die Ursache dieser schmerzlichen Interjektion. Dem andern war, sei es nun, daß das Instrument zu schwer oder die Hand zu schwach war, der Tubus entfallen! Mitten in der besten Freude alle Freude, für immer vielleicht, verdorben! Die Pfarrerin schrie laut vor Schreck und Jammer auf. Der Pfarrer war unwillkürlich mit weit auslangendem Blick dem verunglückten Instrumente gefolgt, als ob er es im Sturz aufhalten müßte und könnte. Auch schien er in der Tat mit seiner Sympathie dem Tubus ein guter Engel gewesen zu sein; denn er sah den Oberteil desselben über das schon geschilderte Mäuerchen hervorragen und sogar, wunderbarerweise! sich weiterbewegen. Die Bewegung ging sodann aufwärts, indem mit dem Tubus ein Kübel und unter dem Kübel eine weibliche Figur zum Vorschein kam. Alle drei schwebten an der Seite des Hauses eine von dem Beobachter bis jetzt übersehene dunkle Linie empor, in welcher er nun mit der äußersten Anstrengung seiner Sehkraft eine Stiege erkannte, dergleichen an den Bauernhäusern außen angebracht sind. Aus dem Schwanken des nur teilweise sichtbaren Tubus war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu erraten, daß derselbe zum Glück in einen eben vorbeigetragenen Kübel Wasser gefallen und hierdurch dem Verderben, dem gänzlichen wenigstens, entgangen war. Aber war er auch völlig unbeschädigt geblieben? Hatte er nicht so weit Not gelitten, um die unverzügliche Fortsetzung des so glücklich eröffneten Augendialogs zu vereiteln? Die Spannung des Pfarrers und der Pfarrerin wuchs von Sekunde zu Sekunde. Jetzt trat auch der Inhaber des Tubus in den Schatten der dunkeln Linie und nahm sein Instrument aus dem Kübel in Empfang. Bald stand er wieder am Fenster, mit Putzen, Untersuchen, Herstellen und Richten des Fernrohrs beschäftigt. Darauf griff er weit hinaus, zog einen Gegenstand herbei, worin sich eine an der Wand des Hauses lehnende, bis in das Fenster ragende Baumstütze zu erkennen gab, legte den Tubus bequem in die Gabel derselben und nahm die unterbrochene Zwiesprache wieder auf. Der Pfarrer von A ... berg ahmte das gegebene Beispiel nach, sofern er sich von seiner Frau im Halten des Fernrohrs unterstützen ließ, und machte mit der ledigen Hand allerlei phantastische Gestikulationen, durch welche er anzufragen beabsichtigte, ob die Gefahr ohne Schaden abgelaufen sei. Sein Gegenüber schien die Frage zu verstehen, denn er sah eine Weile neben dem Tubus hervor, deutete durch vergnügtes Nicken an, daß derselbe keine Not gelitten habe, und schaute dann wieder eifrig hinein. Ein gegenseitiges jubelvolles Händeschütteln erfolgte, zum Zeichen und zur Feier, daß die raumbeherrschende Verbindung der beiden Fenster nunmehr vollständig ins Leben gerufen sei. Im gleichen Augenblicke jedoch begann es durch die Luft zu stillen und zu rieseln, der Himmel verdunkelte sich, und ein schwerer Wolkenvorhang schied den Doppelschauplatz des noch im ersten Akt begriffenen vielversprechenden Dramas in seine entlegenen, einander plötzlich unsichtbaren Hälften. Indessen fühlte sich unser Pfarrer durch diese etwas unzeitige Störung keineswegs entmutigt. Die Bahn war ja gebrochen, und am nächsten hellen Morgen konnte, darüber gab es keinen Zweifel mehr, der zweite Akt des optischen Dioskurenspiels in Szene gehen. Heiter gestimmt, setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb seinem in Pension gegebenen Sohne Wilhelm einen langen Brief, worin er ihm die soeben erlebte wunderbare Begebenheit berichtete, mit dem Versprechen, ihm, sobald die Stillung seiner eigenen brennenden Neugier es gestatte, mitzuteilen, wer der Mann sei, der, mit der gewiß nicht bäurischen Liebhaberei des Fernesehens behaftet, in einem Bauernhause wohne. Am folgenden Tage, der Regen und Schnee in lebhafter, dem toten Einerlei vorzuziehender Abwechslung brachte, griff er abermals zur Feder, um den Pfarrer des mutmaßlichen Orts, den er erspäht hatte, um die gewünschte Aufklärung anzugehen, An dem hängenden Turme von Pisa, schrieb er, und seinen »narbenvollen Zügen« (Phrase aus einer bekannten Elegie) glaube er unwiderleglich das Dorf Y ... burg erkannt zu haben. Das fragliche Häuschen selbst, setzte er vorsichtig für alle Fälle hinzu, befinde sich in einer der Beobachtung nicht ganz günstigen Lage, indem es durch verschiedene Gegenstände dem Fernrohr etwas minder zugänglich gemacht sei; indessen sei der Bewohner desselben durch den Charakter der wahrgenommenen Beschäftigung als Mann von wissenschaftlicher Bildung nachgewiesen und festgestellt. Da nun, schloß er, ein Pastor loci in geistlichen nicht nur, sondern überhaupt in allen geistigen Angelegenheiten das Faktotum seiner Gemeinde sei, so richte er an den Herrn Kollega die vertrauensvolle Bitte, den interessanten Unbekannten zu erkunden und seiner herzinnigen Freude über die auf so beispiellose Weise gemachte Bekanntschaft zu versichern, für sich selbst aber die wahre amtsbrüderliche Hochachtung zu genehmigen, womit er im voraus dankend verharre usf. Schon den nächsten Abend brachte der Bote, den die Pfarrerin zur Vervollständigung ihrer Hausapotheke abgesendet hatte, nebst dem bestellten Melissenöl einen Brief, der, als er eröffnet wurde, die Unterschrift des Pfarrers von Y... burg trug. Dieser Brief war und konnte noch keine Antwort auf das soeben erst erlassene Schreiben sein, sondern er führte, man denke sich zu welcher Überraschung des Empfängers! den genannten Pfarrer selbst als den gesuchten Doppelgänger ein, der seinerseits gleichfalls und gleichzeitig die Initiative ergriffen hatte. Auch er drückte großes Vergnügen über das optische Pas de deux , wie er es nannte, aus. Mit wem er dasselbe aufzuführen die Ehre gehabt habe, schrieb er, brauche er nicht zu fragen, denn jedermann wisse ja, daß das in die Lande glänzende Schlößchen neben dem mit blauen Ziegeln ausgelegten Kirchturme das Pfarrhaus von A ... berg sei. Er müsse eigentlich um Verzeihung bitten, daß er seit fünfzehn Jahren, denn so weit datieren seine täglichen Okularreisen zurück, an diesem der Beachtung so würdigen Hause gewissermaßen vorbeigesehen habe. Allein seine Aufmerksamkeit sei stets durch einen nahgelegenen Felsen in Anspruch genommen worden, dessen höchst singuläre Formation, darstellend einen Kopf mit vorspringender Nase von scharfem Schnitt und einen aus dem Rumpfe der Gesteinsmasse hervorwachsenden, aufwärts wider die Nase anstrebenden Finger, auffallend eine alte Universitätserinnerung, deren der Herr Kollega wohl auch noch eingedenk sein werde, vergegenwärtige. Er schloß mit dem Wunsche, zu erfahren, ob das plastische Gebilde in der Nähe den gleichen naturwahren Eindruck mache, der ihn jeden Morgen aus der Entfernung labe. Die beiden Briefe hatten sich gekreuzt. Der Pfarrer von A ... berg verfügte sich zur Stunde, ungeachtet des strömenden Regens, zu dem nach allen Anforderungen der Ortsbestimmung genau bezeichneten Felsen und antwortete umgehend, so lebhaft auch in ihm die angedeutete Erinnerung schon bei dem ersten Worte wieder aufgegangen sei, so habe er doch in der Nähe keine Idee von einer Ähnlichkeit finden können, freue sich aber nur um so mehr, zu vernehmen, daß er unter seiner Felsengarde eine so unvergeßliche Gestalt besitze. Indem er jedoch fortfahren wollte, empfand er eine nicht geringe Verlegenheit im Gedanken, daß das Häuschen, das er der ganzen Sachlage nach jetzt als das Pfarrhaus von U ... burg anerkennen mußte, in seinem gestrigen Briefe, wenn auch mit vieler Schonung berührt, so doch mehr mit Schatten- als Lichttönen behandelt war. Er entschuldigte sich mit der weiten Entfernung desselben von dem Türmchen, die ihn nicht habe ahnen lassen, daß es mit der Kirche in näherem und nächstem Grade verwandt sei. Um jedoch über diesen kitzlichen und ihm vorerst unerklärlichen Punkt rasch wegzukommen, unterbrach er die Erörterung durch die in seinem ersten Briefe zu stellen vergessene Frage, ob der Tubus wirklich in einen Kübel mit Wasser gefallen sei, und verweilte zum Schlüsse auf dem Ausdruck seines freudigen Hochgefühls, in den beiden Individuen, zwischen welchen er gestern seine Gesinnungen teilen zu müssen geglaubt, ein einziges gefunden zu haben, dazu emen Standesgenossen, der somit gebeten werde, dieselben doppelt für einfach gutzuschreiben. Ein kaufmännischer Zug, der in Familienverbindungen des Briefschreibers begründet war. Die Briefe kreuzten sich abermals. Der Pfarrer von Y ... burg antwortete dem Pfarrer von A ... berg auf dessen erste Anfrage, die Identität seines Ich und Nicht-Ich, die dem Herrn Kollega eine Neuigkeit gewesen sein werde, wolle freilich auch ihm selbst mitunter beinahe zweifelhaft erscheinen. Derselbe würde ihn mit bloßen Augen noch ungünstiger situiert finden, als durch das Fernglas; denn seine Behausung (dies auf den Fühler) sei eine Hütte »still und ländlich«, nämlich ein veritables Bauernhaus. Seit seinem Amtsantritt lasse ihn die Oberkirchenbehörde in dieser Baracke schmachten, deren Umgebung zudem so beschaffen sei, daß er bei schlechtem Wetter den weiten Weg zur Kirche nur in hohen Stiefeln, einer Art von Kotgondeln, durchsegeln könne. Folgten bittere Bemerkungen und Ausfälle, bei deren Lesung den Pfarrer von A... berg eine Gänsehaut überlief, jedoch nicht ohne einen gewissen Wonneschauer; denn welcher Pfarrer hätte nicht zuweilen eine Klage über das Konsistorium auf dem Herzen und fühlte nicht bei dem Naturlaut einer gleichgestimmten Seele dieses in solchem Falle von Mitverantwortlichkeit freie Herz erleichtert? Er schrieb einen teilnehmenden und zugleich begütigenden Brief, in so durchdachten Wendungen, daß derselbe ein Kunstwerk genannt werden durfte. Gleich darauf kam aus Y ... burg die Antwort auf sein zweites Schreiben, mit der Bestätigung, daß der geschmeidige Tubus richtig in einen dem Hause zu wandelnden Wasserkübel gefallen sei und, eine leichte Verstauchung am Metall abgerechnet, keine Verletzung davongetragen habe. »Ein merkwürdiges Beispiel von Rettung durch Schwimmen!« hatte der Pfarrer von Y ... burg hinzugefügt. Zum drittenmal hatten die Briefe sich gekreuzt. Glücklicherweise fiel jetzt bessere Witterung ein, und es schlug die Stunde des Wiedersehens. Da bezog der Pfarrer von A... berg seinen Posten mit einem mächtigen Briefe in der Hand, auf den ein beinahe tellergroßes Siegel gedruckt war. Er hielt ihn hoch und holte mit einer kühnen Bewegung aus, als ob er ihn geradewegs in einem Schwung über Hügel und Täler dem ebenfalls präsenten Gegenseher zuschleudern wollte, der auch alsbald die Hand ausstreckte, wie um den Brief aufzufangen. Er aber zog den Brief zurück und steckte ihn in die Botentasche, die seine Frau neben ihm zum Fenster herausbot, worauf er mit einer Handbewegung andeutete, daß der Brief nunmehr ungesäumt seiner Bestimmung entgegengehen werde. Der Pfarrer von Y ... burg telegraphierte sogleich zurück, daß ihm der Rebus vollkommen klar gewesen sei. Er verließ das Fenster auf einen Augenblick und kam sofort wieder mit einem symbolischen Blatt Papier, das er, nachdem er es gleichfalls in die Höhe gehalten hatte, langsam in seiner Brusttasche begrub. Hiedurch versinnlichte er die Erwiderung, daß er seinerseits mit Absendung eines Briefes zuwarten wolle, bis er den soeben signalisierten in Empfang genommen haben würde. Der auf diese Weise telegrammatisch geregelte Briefwechsel wurde nunmehr mit großer Lebhaftigkeit fortgeführt, und die zierlichen Einfälle des Pfarrers von A... berg wie die kaustischen Auslassungen des Pfarrers von Y... burg gaben auf beiden Seiten eine immer frisch sprudelnde Quelle des Vergnügens ab. Man verabredete nach und nach eine Zeichensprache, in der man sich an jedem günstigen Morgen unterhielt und deren Lücken nachher durch den schriftlichen Verkehr ausgefüllt wurden. Eine lange Kontroverse entspann sich von Anfang an über die Entfernung der beiden Standpunkte, wobei es sich zugleich um die Güte der beiden Fernrohre handelte. Bei der Hartnäckigkeit des Pfarrers von A...berg, der in majorem gloriam seines Butzengeigers die gerade Linie so viel als möglich zu verlängern suchte, konnte man sich nicht völlig vereinigen; doch näherten sich die Ansichten einander zuletzt bis auf die Distanz einer halben Stunde. Die Freundschaft, die sich auf so ungewöhnlichem Wege entsponnen hatte, wurde immer inniger, und besonders der Pfarrer von A ... berg hätte nicht mehr ohne dieses Verhältnis leben zu können geglaubt. Die Vertraulichkeit seiner Mitteilungen stieg von Brief zu Briefe. Er versäumte nicht, seine Frau »als unbekannt« sich empfehlen zu lassen, worauf auch die Pfarrerin von Y ... burg, der er sich selbst in gleicher Eigenschaft zu Füßen legte, in den Austausch der freundschaftlichen Gefühle und Gesinnungen gezogen wurde. Im Verfolge seiner Herzensergüsse vertraute er dem Freunde, sein aus mehrjährig kinderloser Ehe geborner einziger Sohn Wilhelm, dem geistlichen Stande gewidmet, werde auf den Herbst das Landexamen in dritter Instanz mitmachen; und obgleich er sich anstellte, als ob er wegen des Ausgangs der Prüfung in tausend Ängsten wäre, so tat er dies doch in so scherzhaften Ausdrücken, daß deutlich der Vaterstolz durchschimmerte, der alle diese Besorgnisse nichtig hieß. Der Pfarrer von Y ... burg antwortete darauf, vermöge einer sonderbaren Verkettung der Umstände werde sein Schlingel Eduard zu gleicher Zeit, auf derselben Wage gewogen und in demselben ›Siebe gesiebt werden, des einer wohlberechneten Sonnenfinsternis gleichenden Schicksals gewärtig, zu leicht erfunden zu werden und dennoch trotz dieses Gewichtsmangels mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Pariser Fuß auf die Sekunde durchzufallen. »Bei Philipp« also sehen wir uns wieder,« schloß der Brief. Welche Wonne für den Pfarrer von A... berg, der die finistre Prophezeiung für ebensowenig ernstlich gemeint hielt, wie die seinige! Und wie wenig ahnte er, daß er mit der Eröffnung der Aussicht auf ein persönliches Zusammentreffen – denn gingen die Söhne ins Landexamen, so verstand es sich von selbst, daß die Väter sie begleiteten – den ersten Nagel in den Sarg der neuen Freundschaft geschlagen hatte! Um uns über dieses psychologische Geheimnis klar zu werden, müssen wir uns, nicht eben gerne, von A...berg nach Y...burg hinab versetzen. Der Pfarrer von Y...burg war ein dunkler Charakter. Nach einer heiter verlebten Universitätszeit, während welcher er den Musen und Grazien geopfert, und einem beneidenswerten Bildungsjahre, das er als Hofmeister in den günstigsten Verhältnissen und zum Teil auf Reisen zugebracht, hatte er, da sich eine seinen höheren Ansprüchen genügende Versorgung für den Augenblick nicht finden wollte, einen Winkel der Heimat, den ihm nicht leicht jemand streitig machte, zu seinem Herde gewählt, um eine jener frühen Brautschaften, die der theologischen Laufbahn vorzugsweise anzukleben scheinen, wenn auch langst nicht mehr im ersten Grün, so doch nicht ganz als dürres Heu unter Dach und Fach zu bringen. »Bumps, da hat der Herr eine Pfarre!« sagte Friedrich Wilhelm I., wie erzählt wird, zu dem Kandidaten, der ihm mit den Worten »Bumps, da hat der Herr Feuer!« die Tabakspfeife angezündet hatte. Fast ebenso prompt ging es bei der Vergebung des Pfarrdienstes von Y...burg her, aber er war auch darnach. Eine vormals adelige Niederlassung, aus zusammengelaufenen Leuten gebildet, um die Einkünfte der Grundherrschaft durch Schutzgelder zu erhöhen, war das zerstreut liegende Dörfchen in den Besitz des Staates gekommen, der es unter strengere Aufsicht nahm, ohne seinen Zustand fühlbar verbessern zu können. Die Wartung war die kleinste, die sich von einer Gemeinde denken läßt, dazu schlechter Grund und Boden, meist in Einbuchtungen von Hügelzügen eingeklemmt. Wohl konnte man diesen Aufenthalt einen abgelegenen Winkel nennen, denn keine Straße berührte ihn, und die Wege waren trostlos. In geringer Entfernung freilich umgab ihn lachende Ebene, blühender Wohlstand, »rings umher schöne grüne Weide«, wodurch indessen, wie begreiflich, die Traurigkeit der Einöde nur verstärkt wurde. Daß die Besoldung mit der ganzen Beschaffenheit dieses Pfarrdienstes in Einklang war, braucht wohl kaum bemerkt zu werden. Die beiden Pfarrer von A... berg und Y... burg – daß Familienrücksichten uns von einer deutlicheren Nennung der Namen abhalten, wird der Leser längst ein- und nachgesehen haben – waren somit ziemlich ähnlich gestellt, nur mit dem großen Unterschiede, daß jener etwas zuzusetzen hatte und dieser nicht. Doch suhlte er in den Honigmonaten der Ehe den Druck der Armut wenig; er lebte seiner Liebe und fand, wie der Jüngling am Bache, daß für ein glücklich liebend Paar Raum in der kleinsten Hütte sei. Denn viel mehr als eine solche war das Pfarrhaus von Y... burg nicht, und nicht mit Unrecht mochte man es einem Bauernhause vergleichen, obwohl, wenn man der Wahrheit die Ehre geben wollte, die Freitreppe etwas breiter war und im Innern noch eine zweite, allerdings enge Stiege nach einem kleinen Oberstübchen führte. Die Geburt eines Sohnes, den er auf die Bitte seiner Gattin nach seinem eigenen Namen Eduard taufte, erhöhte für einen Augenblick sein Glück; aber mit ihr zugleich begann auch eine Reihe von Enttäuschungen und Ernüchterungen, die, wie immer sie auch gestaltet sein mochten, doch alle von der Grundlage ausgingen, daß das Einkommen nicht mehr reichte. Schon bei der Geburt des zweiten Kindes, einer Tochter, ließ sich der Humor des Pfarrers so scharf und schartig an, daß er sie Kunigunde taufte, bloß um das Spottlied »Eduard und Kunigunde« in seiner Familie verkörpert zu besitzen. Die Hoffnung, seinen Anfangsdienst mit einem besseren zu vertauschen schlug zu wiederholten Malen fehl, so daß er ihr zuletzt entsagte. Finsterer Mißmut bemächtigte sich seiner Seele, er zerfiel mit der ganzen Welt wie mit sich selbst, die Quellen seines Gemüts versiegten. Innerlich versauert, äußerlich verbauert, hatte er nur seinen Humor noch übrig behalten, der aber über der Vergleichung einstiger Lebensaussichten und jetzigen Entbehrens bis zur Ungenießbarkeit herb geworden war. Wenn die physiologische Lehre Grund hat, daß von dem, was der Mensch zu sich nimmt, seine geistigen Ausflüsse bis zu einem nicht unbedeutenden Grade bedingt sind, so kann uns diese Ungenießbarkeit nicht wundernehmen. Der Pfarrer von Y...burg pflegte sich sein Bier selbst zu brauen. Et verwendete hiezu den schlechtesten Teil vom Fruchtzehnten, nämlich eine mit Schwindelhafer sehr reichlich vermischte magere Gerste, die ihm seine Frau gerne überließ, weil die Kinder schon mehrmals davon erkrankt waren, und statt des Hopfens nahm er die Spitzen von Weidenschößlingen. Diesen Trank, dem es weder an Narkose noch an Bitterkeit gebrach, nannte er mit schneidendem Hohne, auf die Worte des Tacitus anspielend, welchem das Bier der Deutschen ein »humor in quandam similtudinem vini corruptus« ist, sein »Korruptionsgesöff«. Noch abschreckender als die flüssige Einfuhr war der feste Import, der, wenn ein sonst nur im uneigentlichen Sinn gebrauchter Ausdruck hier zulässig ist, seinen Hauptnahrungszweig ausmachte. Einige Familien des Orts, die nur Wiesen und keine Äcker besaßen, verfertigten eine Art Backsteinkäse von sehr untergeordneter Qualität, womit sie in der Nachbarschaft Handel trieben und wovon sie, in Ermanglung des Getreides, den Zehnten an das Pfarrhaus ablieferten. Diesen Käsezehnten hatte der Pfarrer, der mit der Küche seiner Frau auf gespanntem Fuße stand, für sich in Beschlag genommen und das Produkt zu einer Veredlung, wie er behauptete, gebracht, die aber von Tacitus sicherlich mit einer abschätzigeren Bezeichnung belegt worden wäre, als das braukünstlerische Verfahren unserer germanischen Vorvordern. Seiner düsteren Sinnesart gemäß liebte er es vor allem, dunkle Taten und peinliche Seelengemälde zu lesen, wie sie vornehmlich in Kriminalgeschichten sich finden. In einer derselben stieß ihm ein casus tragicus von sonderbarer Gattung auf, darin bestehend, daß in einer großen norddeutschen Stadt ein Freund den andern, ohne ihm gram geworden zu sein, in bloßer Trunkenheit, mit einem Heringsbratspieß erstach. Über dieser Lektüre erwachte in ihm die Erinnerung, daß er selbst jeweils im Norden unseres Vaterlandes, wo diese Speise beliebt ist, gebratene Heringe gegessen und nicht eben unschmackhaft befunden hatte. In seinen damaligen Verhältnissen hatte er auf dieses populäre Gericht vornehm herabsehen können: in seinen jetzigen wäre es ein Leckerbissen, ein Luxusartikel für ihn gewesen. Da ihm nun aber diese nicht erlaubten, Heringe überhaupt und irgendwie, im gewöhnlichen oder marinierten oder gebratenen Zustande, zu genießen, so erfand er für die letztere Bereitungsweise ein Surrogat, indem er auf den Einfall geriet, seine Käse zu braten. Zu diesem Ende machte er sich eine alte abgebrochene Klinge vom Universitätsfechtboden her zurecht, gebrauchte sie als Bratspieß und sprach fortan die unerschütterliche Überzeugung aus, daß der Käse durch diese norddeutsche Behandlung nicht bloß wohlschmeckender, sondern auch nahrhafter werde. Jedenfalls erreichte er dadurch zweierlei: einmal gönnten Frau und Kinder, die das Kunsterzeugnis zu pikant fanden, um es hinunterzubringen, ihm den ganzen Vorrat unverkürzt, und dann hielt der entsetzlich muffige Geruch, der jahraus jahrein im Hause herrschte, alle und jede Besuche fern. Mit seinem korrumpierten Schwindelhaferweine begehrte gleichfalls niemand bewirtet zu werden: und so saß er Abend für Abend im oberen Stübchen, seinen Käsebraten verdauend, einsam hinter seinem Kruge und rauchte dazu seine gleichfalls selbstbereitete Hanfzigarre, mit Lesen von Kriminalgeschichten beschäftigt, oder auch in dumpfem Brüten, das er nur zuweilen durch ein grimmiges Auflachen unterbrach. Aus diesen wenigen Konturen mag man sich das Charakterbild des Mannes vervollständigen, das in ausgeführter Schilderung wohl kaum zu erschöpfen sein mochte. Denn leider, wo viel Schatten, da drangt sich eine effektvollere Färbung dem Pinsel entgegen, während, wo das Licht vorherrscht, das Gemälde freundlich, aber eintönig wird. Nichtsdestoweniger sehnen wir uns hinweg von der düsteren Skizze, auf die wir uns beschränken zu müssen geglaubt haben. Tag muß es sein, wo unsere Sterne strahlen – so würden wir gerne ausrufen, wenn diese Erscheinung anders als bei einer totalen Sonnenfinsternis möglich wäre. Wir aber lieben das Helle und gehen, so viel an uns ist, den sonnigeren Spuren des menschlichen Gemüts und Daseins nach, auch auf die Gefahr hin, daß dürftigere Farben unserer Palette entfließen. Allein uns leitet noch ein anderes Motiv bei der Verzichtleistung, die wir uns auferlegt haben: das Gefühl, berufeneren Federn nicht vorgreifen zu wollen. Wir vernehmen aus sicherer Quelle, daß einer berühmten Sammlung merkwürdiger Pfarrhäuser eine zweite von anderer Hand demnächst zur Seite, ja mit ihr in die Arena treten und daß darin der Charakter, an dessen Schattenriß wir uns nur schüchtern gewagt haben, unter dem Titel: »Der gebratene Backsteinkäsepfarrer« , lebensgroß und lebenswahr gezeichnet, vorgeführt werden wird. Auf dieses Werk, vor welchem wir nach Gebühr zurücktreten, wollen wir hiermit voraus verwiesen haben. Inzwischen sehen wir uns gleichwohl genötigt, bei dem unerfreulichen Bilde, von dem wir so sehr uns loszureißen wünschten, noch ein wenig zu verweilen. Haben wir uns ja doch noch nicht der Pflicht entledigt, zu erklären, wie der Pfarrer von Y...burg, angesichts der Umstände, in denen wir ihn gefunden haben, zum Besitze eines Tubus gekommen war, der nicht bloß, was wir bereits wissen, aus edlerem Stoffe bestand als der schlichte Butzengeiger seines bemittelten Entdeckers, sondern, wie wir hinzufügen können, in der Tat und Wirklichkeit zu den schönsten und ausgezeichnetsten seiner Art gehörte. Ach, und auch dies war eine, ja es war die letzte und höchste von den Bitterkeiten des Schicksals gewesen, das ihn noch einmal mit einer tauben Blüte der Hoffnung gehöhnt und dann ohne Hoffnung, ohne Glauben, ohne Liebe, auf kahlem Lebenspfade weitergestoßen hatte. Der niederschlagenden Begebenheit, auf die wir hier anspielen, gerecht zu werden, schreiten wir um fünfzehn Jahre rückwärts, wobei wir jedoch, unserem Plane treu, die Form des flüchtigen Umrisses nicht zu verlassen gedenken. Es war an einem stürmischen, nachtrabenschwarzen Herbstabend zu später Stunde, daß das Pfarrhaus von Y...burg in der Person des Erbprinzen von ***, der, aus Italien an das Krankenbette seines Vaters heimeilend, durch einen ungeschickten Postillion von der gebahnten Straße auf die verhängnisvolle Y...burger Markung abgeführt und in einem nahen Hohlweg umgeworfen worden war, einen höchst unerwarteten Gast erhielt. Der Pfarrer, der damals bereits jeden Gedanken an ein Vorwärtskommen auf gewöhnlichem Wege aufgegeben hatte, begrüßte in dem hohen Obdachsuchenden eine himmlische Erscheinung, ein Werkzeug des Glücks. Er bot seine halbe Gemeinde auf und verpfändete seinen ganzen Zehnten, um aus einem Umkreise von mehreren Stunden die ausgesuchtesten Speisen und Getränke nebst anderen zweckmäßigen Bewirtungsrequisiten jeder Art herbeischaffen zu lassen. Mittlerweile stellte er alle noch vorrätigen Schätze seines Geistes aus, um den fürstlichen Gast würdig zu unterhalten. Durch seinen Aufenthalt in den nördlichen Staaten Deutschlands mit der Residenz desselben und ihren Verhältnissen einigermaßen bekannt, zog er die dortigen Beziehungen, wie sie ihm beifielen, eine nach der anderen ins Gespräch, und die Gewandtheit, mit der er dies tat, erfüllte ihn selbst, den so lange von der Welt Abgeschiedenen, innerlich mit Erstaunen, besonders im Gegensatze zu seiner Frau, die gleichsam nur in halber Lebensgröße umherging, da sie vor ehrfurchtsvollem Schrecken beständig wie in den Boden gesunken war. Er sah sich bereits in *** auf weithin sichtbarem Posten angestellt, ein Monument der Blindheit seiner engeren Heimat, die eine ihrer besten Kräfte nicht zu schätzen gewußt. Die schon halb eingerostete Technik seines einst so beweglichen Kopfes kam immer besser in Gang – er sprühte – sprühte vielleicht etwas zu stark für einen ermüdeten und von dem erlittenen Unfall noch angegriffenen Reisenden, der nicht bloß Fürst, sondern auch Mensch war und zuletzt mit melancholischer Energie zu Bette verlangte, so daß das Geistesfeuerwerk seines Wirtes, der ihn nicht länger aufzuhalten vermochte, noch vor Anwendung der zündendsten Effekte unterbrochen wurde. Die Verzweiflung desselben, dem hohen Gaste ein schlechtes Nachtlager anweisen zu müssen, während modernste Matratzen, gesteppte Decken, französische Teppiche, um schweres Geld und die besten Worte aus einem berühmten Gasthofe der Umgegend gemietet, im Anzüge waren – ihn ungegessen zu Bett zu schicken, während ein pfarrhäuslicher Nahrungsstand für Monate zu einem einzigen Souper homöopathisiert herangeflogen kam – mit Worten ist diese Verzweiflung nicht zu schildern. Aber auch dem Prinzen, dem ohnehin nicht auf Rosen gebettet war, folgte die Strafe für seine Ungeduld auf dem Fuße nach; denn kaum mochte Se. Hoheit eine Stunde zu ruhen geruht haben, so war es mit der Nachtruhe gänzlich vorbei. Der erste Vortrab der Lieferungsemissäre erschien, von Viertelstunde zu Viertelstunde langten andere an, je nach den Entfernungen und den Gesetzen ihrer eigenen Bewegung, und das Getrappel und Getrampel hörte die ganze Nacht nicht auf. Die Pfarrfamilie war aufgeblieben, um die bestellten Gegenstände, man denke sich mit welchen Gefühlen! nach und nach in Empfang zu nehmen. Mit dem frühsten Morgen traf das fürstliche Gefolge auf dem Schauplatz ein. Es hatte seinen Herrn die Nacht hindurch nach allen Richtungen gesucht, mancherlei Abenteuer bestanden und erst im Dämmerungsgrauen, durch einen mit leeren Händen heimkehrenden Nachzügler zurechtgewiesen, die Fährte des edlen Wildes aufgespürt. Der Prinz, froh, aus den Federn oder vielmehr aus der Spreu und dem Seegras zu kommen, eilte zu den Seinigen hinab, die ihn mit Begeisterung umringten, so daß er die Wohnstube, in der eine ganze Christbescherung ihm erzählt haben würde, wie hoch man ihn zu ehren bestrebt gewesen sei, gar nicht mehr zu sehen bekam. Er bedeutete dem nachstürzenden Pfarrer, daß er jetzt doppelte Eile nötig habe, um die versäumte Zeit einzubringen, und da er zugleich in der Weise der Großen, die das Wort sehr geschickt von der Tat abzuschälen wissen, den größten Eifer bezeigte, die Name des Hauses aufzusuchen, ohne jedoch einen Fuß zu rühren, so blieb dem Pfarrer nichts übrig, als seine Frau herabzurufen. Der Abschied wurde am Fuße der uns schon bekannten Freitreppe genommen. Der Prinz ging zu seinem Wagen und winkte seinen Reisemarschall heran, der nach kurzer Unterredung zu dem Pfarrer kam und ihm einige Goldstücke »für die Dienerschaft« einhändigen wollte. Der Pfarrer verbeugte sich ablehnend, indem er mit anständiger Freimütigkeit erklärte, daß er weder Knecht noch Magd habe, und daß die Bedienung in seinem Hause rein patriarchalisch sei. Exzellenz zog sich mit Apprehension zurück und erstattete dem Gebieter Rapport, worauf der Pfarrer an den fürstlichen Wagen gerufen wurde. Der Prinz drückte ihm wiederholt seinen Dank in den gnädigsten Worten aus und reichte ihm sodann nach einem verlegenen Zaudern von ein paar Sekunden aus einer Nische des Wagens sein kostbares Reisefernrohr mit der Bitte, es zum Andenken zu behalten, dar. Eine graziöse Handbewegung, die Pferde zogen an, die anderen Wagen folgten, und der Pfarrer sah, den Tubus in der Hand, jedoch mit bloßem Auge, der Erscheinung nach, die trotz der Grundlosigkeit des Weges bald wie ein Traum entschwunden war. Darauf kehrte er zu dem unterbrochenen Opferfeste der Gastfreundschaft zurück. Da lagen sie nun, die Kostbarkeiten alle; das meiste war gekauft und bezahlt, das wenigste konnte zurückgegeben werden. Ein Teil der Eßwaren forderte schleunigst in Angriff genommen zu werden, wenn er nicht verderben sollte. So war denn im Pfarrhause von Y... burg der Luxus eingezogen, freilich für ein paar Tage bloß, und in den paar teuer erkauften Tagen gedachte der Pfarrer alter unnennbarer Stunden, und ging der Frau und den Kindern ein Begriff vom Paradies der Reichen auf. Wie aber die seinen Genüsse auch auf die Verfeinerung der Seelenvermögen, besonders der Vorstellungskraft, einwirken, so kam den Pfarrer bei Gänseleberpastete und Bordeaux, bei Rehbraten und Champagner, plötzlich ein Gedanke an, der glücklich genannt zu werden verdiente, falls er nämlich begründet war. Der Erbprinz von *** galt für einen Fürsten von Geist, idealer Richtung und duftig zartem Gemüt, Die beiden letzteren Eigenschaften hatte er sicherlich bewiesen, als er seinem Wirt, anstatt einer Erkenntlichkeit substantiellerer, zugleich aber auch gemeinerer Art, seinen Tubus zum Geschenk gemacht hatte. Wie aber, wenn man auch die erstere der drei Eigenschaften mit in Rechnung nahm, war dann nicht noch eine weitere Deutung des Geschenks erlaubt, ja geboten? War's nicht möglich, war's nicht wahrscheinlich, daß der hohe Geber, der ja gegenwärtig selbst noch nicht freie Hand hatte, dem Pfarrer durch diese Hieroglyphe ganz leise sagen wollte, er solle in die Ferne blicken, er solle sich als auf die Zukunft angewiesen betrachten? Je länger er dem Gedanken nachhing, desto mehr wurde ihm derselbe zur Gewißheit und durfte daher auf alle Fälle mit Recht ein glücklicher heißen, weil er seinen Urheber glücklich machte, aber auch freilich nur, so lang' er dies tat. Leider jedoch wurde der Pfarrer schon nach wenigen Tagen aus seinen Himmeln herabgestürzt. Die Zeitungen brachten aus jenem nördlichen Staate die Nachricht vom Hintritt des regierenden Fürsten, vom Regierungsantritt des Erbprinzen und einem zugleich damit eingetretenen großen Systemwechsel, wobei die neuen Ernennungen, sowohl in geistlichen als weltlichen Ämtern, dem Pfarrer sogleich klar machten, daß jetzt oder nie die Anweisung auf die Zukunft, wenn er sie richtig verstanden habe, sich verwirklichen müsse. Während er aber stündlich auf eine Vokation wartete, kam ein Schreiben vom Privatsekretär des auf den Thron gelangten Prinzen, das in verbindlichen, jedoch kahlen Ausdrücken noch einmal den nunmehr allerhöchsten Dank seines gnädigsten Herrn für die freundliche Beherbergung aussprach. Der Blick in dieses Schreiben glich dem Blicke in ein Fernrohr, dessen anderes Ende mit einem Deckel versehen ist. »Durlach!« sagte der Pfarrer von Y...burg und leerte mit einem trotzigen Zuge sein letztes Glas Bordeaux. Der Name der vormaligen markgräflichen Haupt- und Residenzstadt, den er bei diesem Anlaß und seitdem häufig im Munde führte, trug für ihn eine sprichwörtliche Bedeutung. Er hatte in seinen Universitätsjahren einen alten blödsinnigen Spitaliten gekannt, der sich auf den Gassen herumtrieb und besonders den Studenten zur Belustigung diente. Diesem hatte vor unzählig vielen Jahren einmal ein Student versprochen, ihn in den Ferien auf eine Reise nach der genannten Stadt mitzunehmen, eine Aussicht, die fortan die Wonne seines Lebens blieb. Was dem liebenden Herzen die Erfüllung des schönsten Traumes, dem ringenden Forscher die Entdeckung der höchsten transszendenten Wahrheit ist, alles, was das Leben schmückt, was wert ist, ein Ziel des Wünschens und Hoffens zu sein, stellte sich diesem kindlichen Gemüte in dem einen Worte »Durlach« dar. Er rief es jedem Begegnenden zu, wobei er den Mund bis zu den Ohren verzog. Daß der Traum nie zur Wirklichkeit wurde, kümmerte ihn nicht; ihm genügte, ihn beseligte der bloße Gedanke, und er lebte und webte darin sein ganzes, an die achtzig Jahre füllendes Leben lang, bis er zur ewigen Ruhe und, wie ein frommer Student in der Leichenrede hinzufügte, in das himmlische Durlach einging. Die Erinnerung an diesen glücklichen Idioten war es, bei welcher der Pfarrer den Ausdruck borgte, um in bitterster Selbstverhöhnung eine zerplatzte Seifenblase und seinen Glauben an sie zu bezeichnen. Das Haus erholte sich niemals wieder von dem ökonomischen Schlage, den es durch jene Seifenblase erlitten hatte. War es ja doch schon vorher in einer Verfassung gewesen, von der man sich nur schwer erholt! Der Pfarrer hatte sich mit der ihm eigenen finstern Entschlossenheit gleich von der letzten Nagelprobe des französischen Weines weg auf die Bereitung der korrupten Konsumtionsmittel geworfen, die wir bereits geschildert haben. Wovon Frau und Kinder sich nährten, ist uns ein Geheimnis geblieben. Wir wissen nur, daß letztere im Sommer einen großen Teil des Tages im nahen Walde verbrachten, wo der liebe Gott – oder, nach anderer Ansicht, die gütige Natur – verschiedenerlei Beeren wachsen ließ. Das sonderbare Geschenk des norddeutschen Prinzen hatte unser seit diesem Erlebnis vollendeter Timon erst unwillig in eine Ecke geworfen, und als es ihm wieder in die Augen fiel, so fehlte wenig, daß er es an dem nächsten besten harten Gegenstand zerschmetterte. Indessen besann er sich doch eines Besseren; er begnadigte den Erinnerungszeugen getäuschter Hoffnung und bediente sich desselben fortan zu den Exkursionen seiner selbstpeinigenden, weltverachtenden Ironie, indem er jeden Morgen, sobald er aufgestanden war, was, wie wir bereits wissen, etwas spät geschah, sich darin gefiel, mit dem Tubus spöttisch durch die leere Luft nach den »besseren künftigen Tagen«, nach dem »glücklichen goldenen Ziele« auszuspähen, sodann aber alle Mängel, die ihm die Erde darbot, schiefgewachsene Bäume, schlechtgestellte Zweige und Blätter, plumpgeformte Berge und häßlich knopfige Türme aufzusuchen, kurz, die ganze Schöpfung recht erbärmlich und besonders die Gegenwart ganz und gar schuftig zu finden. Eine Art Universalrezension, der er, wie gesagt, täglich oblag, und nach deren Beendigung er sich jedesmal mit herabgezogenen Mundwinkeln vom Fenster abwandte, gleich wie man einem mißratenen Poem, das man soeben gelesen hat, den Rücken kehrt. Wie sich dieses Rezensierhandwerk mit seiner dem Preise des Schöpfers gewidmeten Lebensstellung vertrug, ist eine wohl auszuwerfende Frage, die wir aber leider nicht zu beantworten vermögen. Von den Predigten dieses mit Gott und der Welt zerfallenen Pfarrers hat sich keine einzige erhalten. Schade, daß sie nicht aufgezeichnet worden sind, sie würden vielleicht einen beachtenswerten Beitrag zur Geschichte der Kanzelberedsamkeit geliefert haben. Vielleicht auch nicht; denn nicht immer ist der Zwiespalt sichtbar, der zwischen dem inneren Leben und der äußeren Berufstreue eines Mannes klaffen kann, und es mag wohl auch vorkommen, daß Sauer und Süß aus einem Brunnen quillt. Eine tägliche Gewohnheit, und wäre es auch die des Hasses, prägt gleichwohl der Seele des Menschen eine gewisse Spur von Liebe ein. Der Tubus war dem Pfarrer, trotz der gallenbitteren Eindrücke, die am Ursprung seines Besitzes hafteten, bald unentbehrlich geworden, und das Vergnügen, das er jeden Morgen empfand, wenn er, mit Blicken der Verachtung zwar, die Welt musterte, hatte sich, obwohl er dies standhaft abgeleugnet haben würde, zu einem integrierenden Teile seines Wesens ausgebildet, » Etwas muß der Mensch haben,« sagt die Weisheit der Völker, und wir sehen an dem vor Augen liegenden Beispiel, daß sie die Wahrheit sagt. Die unbewußte Befriedigung unseres schwarzsichtigen Fernsehers erreichte jedoch noch einen höheren Grad, als er eines Tages, von Abend nach Morgen schauend, jene Felsennase in der Nähe von A ... berg entdeckte, von welcher bereits die Rede gewesen ist. Er erkannte in diesem Naturgebilde das entschiedene Konterfei eines einstigen Universitätsvorgesetzten, von dem er seinerzeit der Nasen manche erhalten hatte, und gegen den er aus diesem Grunde eine übrigens ungerechte Abneigung bewahrte. In diesem plastischen Porträt konzentrierte sich nun alles, was ihm die Erde Hassenswertes enthielt. In rauhe Bergesöde gebannt, entsprach dieses Phantasma für ihn einigermaßen dem Sündenbocke, den das auserwählte Volk Gottes zu den Zeiten des Alten Bundes, mit allen Missetaten Israels beschwert, dem Asasel in die Wüste jagte. Die übrige Welt konnte jetzt gleichsam von dem Alpdruck seiner täglichen Strafblicke aufatmen – gleichviel ob sie sich diese Vergünstigung zu Nutzen machte oder nicht – während er die ganze Last seines Grolles gegen das steinerne Gesicht entlud. Jeden Morgen zog er es künstlich zu sich heran, gab ihm die Allokutionen zurück, die der wohlmeinende Vorsteher einst an ihn gehalten hatte, wobei er dessen Stimme und Mienenspiel nachahmte, und überhäufte die arme wehrlose Felsenbüste mit Schmähreden ohne Zahl und Ende. Auf diese Weise war es gekommen, daß er die ganze Zeit über täglich das Pfarrhaus von A ... berg mit dem Tubus hart gestreift hatte, ohne von demselben nähere Notiz zu nehmen, bis endlich die bei heftigem Winde weitflatternden Signalflaggen, die wir in Tätigkeit gesehen haben, an dem beobachteten Gegenstände eine leichte Eklipse bewirkten, wodurch die Aufmerksamkeit des Beobachters auf deren Ursache gelenkt und so jener Blick-, Zeichen- und Briefwechsel zweier Deutschen herbeigefühhrt wurde, der wohl in der Zeitgeschichte kaum seinesgleichen finden dürfte. Das menschliche Herz ist und bleibt ein unergründliches Rätsel. Der Pfarrer von Y... burg, dieser verbissene Einsiedler, dieser eingefleischte Hypochondrist, dieser unheilbare Misanthrop, war durch die lachende Erscheinung des ihm in A ... berg aufgegangenen Vollmondes hingerissen und, für einige Zeit wenigstens, völlig umgewandelt. Der deutlichste Beweis hiefür war, daß er sich entschließen konnte oder vielmehr sich gedrungen fühlte, sein vertrocknetes Tintenfaß aufzufrischen und aus eigenem Antriebe von der entfernteren Bekanntschaft durch das Sehrohr zu der näheren Befreundung durch die Schreibfeder überzugehen. Der frischen Tinte bedurfte er nämlich, weil er seine Predigten aus dem Stegreif zu halten und auch sonst, amtliche Anlässe ausgenommen, die ihn von Zeit zu Zeit Berichte, Disputationsthesen und dergleichen zu Papier zu bringen nötigten, von der Erfindung des Thot keinen Gebrauch zu machen pflegte, so daß sein Tintenfaß anhaltenden periodischen Trocknissen unterworfen war. Diese vorübergehende Umwandlung war indessen mehr eine innere als eine äußere; denn auch das Briefschreiben, mit so gutem Recht es in gewissem Sinn ein Herausgehen aus unserm Selbst genannt werden kann, gehört doch immer noch, wenn man es mit dem Reden und mündlich-persönlichen Gebaren vergleicht, den mehr innerlichen Handlungen an und brachte daher in der einsiedlerischen Lebensweise des Stubenvogels von Y...burg keine Veränderung hervor. Doch verspürte seine Umgebung etwas von dem Freudenschimmer, der in dieses verdüsterte Dasein gefallen war; sie verspürte es aber nur an dem Umstände, daß er sich etwas weniger mürrisch gegen Frau und Kinder anließ, als sonst. Der Grund dieser flüchtigen Aufhellung ihres sonst stets bewölkten Lebenshimmels blieb ihnen verborgen. Wenn daher der Pfarrer von Y...burg, durch die Höflichkeit des Pfarrers und der Pfarrerin von A...berg gezwungen, seine Frau in dem angeknüpften Briefwechsel mit auftreten ließ, so war dies reine Fiktion. Er hätte ihr nicht den hundertsten Teil der Worte gegönnt, die erforderlich gewesen wären, ihr zu erklären, warum sie sich diesem unbekannten Paare zu empfehlen habe, und die gute Seele hat vermutlich während ihres ganzen Erdenwallens niemals eine Silbe davon erfahren, daß einmal eine Zeitlang ein lebhafter und inniger Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern bestand. So verhielten sich die Dinge nach außen, so nach innen, als in Y...burg jener Brief des Pfarrers von A...berg ankam, der die diesem selbst noch nicht geoffenbarte Aussicht auf ein persönliches Zusammentreffen beim Landexamen eröffnete. Der Pfarrer von Y...burg las, und ein Gewitter stand auf seiner Stirne. Er warf den Brief zu Boden, Worte ausstoßend, die im Munde eines Exorzisten am Platz gewesen wären. Darauf hatte er nicht gewettet! Von weitem, mit dem Tubus oder mit der Feder in der Hand, in abstracto, wenn man so sagen darf, konnte er den großen Wurf, eines Freundes Freund zu sein, zur Not an sich herankommen lassen – aber ein konkretes Menschenwesen in die Arme schließen, stunden- oder wohl tagelang in seiner Atmosphäre aushalten, seinen physischen, moralischen und Gott weiß was noch für weiteren Idiosynkrasien Rücksicht erweisen, Rechnung tragen zu müssen – nein, das war zu viel für ihn! Dazu die Figur, die er in seines finanziellen Nichts durchbohrendem Gefühle neben der Großmacht von A...berg zu spielen verurteilt war! Er verfluchte den Dämon der Menschenliebe, den er längst aus sich ausgetrieben zu haben glaubte und der ihm nun so unversehens ein Bein gestellt hatte. Ausweichen konnte er der Begegnung nicht, das war ihm klar. Sein Eduard mußte dieses Jahr ins Examen. Schon zweimal hatte er's mit ihm versäumt und sich dadurch in die verdrießliche Lage versetzt, um besondere Erlaubnis einkommen zu müssen, daß der Knabe die dritte und letzte Prüfung mit seiner Altersklasse gleichsam in Bausch und Bogen erstehen dürfe. Dies war eine Anomalie, die nicht gern gestattet wurde und in einer Welt, in der alles Exzeptionelle anstößig ist, schon im voraus ein der Entscheidung ungünstiges Vorurteil erweckte. Allein das kümmerte den Pfarrer von Y...burg wenig, denn ihm war es nur um das Examen selbst zu tun, nicht aber um dessen Erfolg. Daß er den letzteren mit der Zuversicht des Astronomen, der eine Naturerscheinung berechnet, vorausgesagt hatte, war sein völliger Ernst gewesen. Es hatte aber auch zu dieser Sicherheit des Vorherwissens weder einer Kunst noch Wissenschaft bedurft: Eduards Erziehung bürgte hinlänglich für das Eintreffen der Prophezeiung. Aus Mangel an Dispositionsfonds auf das fast immer zweifelhafte Auskunftsmittel des Selbstunterrichts und auf seine eigenen Kenntnisse, die zwar in ihren Trümmern noch schön sein mochten, beschränkt, hatte er in seiner mißlaunischen Unlust an seinem eigenen Fleisch und Blut ein wahres Mietlingswerk getan und den übelberatenen Schüler wenig über das buchstäbliche Verständnis von Typto hinaus gefördert, indem er ihn nämlich aus den spärlichen Lehrstunden, die er ihm erteilte, fast regelmäßig unter Verabreichung etwelcher Ohrfeigen fortjagte, um ihn, wie man sagt, auf der Weide laufen zu lassen. Zu einiger Rechtfertigung des so unnatürlich scheinenden Vaters darf indessen nicht verschwiegen werden, daß der Sohn in der Tat auch gar kein genügendes Organ für jene geistigen Sphären zeigte, die man Humaniora nennt. Im Freien aufgewachsen, von Kindheit auf wind- und wetterhart, wußte er Pferde zu tummeln, Ochsen zu bändigen, sämtliche Hantierungen, die in dem Orte getrieben wurden, hatte er spielend erlernt, aber im Lateinischen war er, was ein gewisser großer Philosoph laut Schulzeugnis im Fach der Beredsamkeit gewesen sein soll, haud magnus , das Griechische bot ihm nur einen homogenen Dialekt, der zum Unglück nicht in den Lehrplan taugte, den böotischen, und für das Hebräische hatten ihm die Götter ein ehernes Band um die Stirne geschmiedet. Wenn sein Vater ausnahmsweise gut auf ihn zu sprechen war, so konnte er sagen, es stecke vielleicht in dem Jungen ein Mann der Tat, der mehr wert wäre als ein Dutzend Gelehrte zusammen, aber bei einer Nation, die, nach Hölderlins Ausspruch, tatenarm und gedankenvoll sei, möge er zusehen, wie er sich mit dieser Eigenschaft durchschlagen werde. Und dennoch mußte er diesen Durchfallskandidaten in das Examen schicken, aus welchem der künftige Klerus des Landes hervorgehen sollte. Warum? Es gibt einen Druck der öffentlichen Meinung, der auch den trotzigsten Eigenwillen zwingt. Die öffentliche Meinung aber huldigte nicht bloß der Heiligkeit des geistlichen Berufes, sondern in fast höherem Grade noch der zeitlichen Wohlfahrt, die mit dieser Bestimmung in Perspektive stand. Nahrung, Kleidung, Behausung und Heranbildung der jungen Leute auf öffentliche Kosten – später, wenn auch nach mehr oder minder langem Warten, ein sicheres Brot – mit einem Wort, Versorgung vom zurückgelegten vierzehnten Jahre an auf Lebenszeit – dazu noch, wie nun einmal die öffentliche Meinung glaubte und wie es wohl auch nicht anders als billig war, möglichste Bevorzugung der Pfarrerssöhne, der Kinder vom Stamme Levi, vor der übrigen dem Tempeldienste zuströmenden Jugend des Landes – alle diese Vorteile für seinen Sohn zu vergeben, ja unversucht in den Wind zu schlagen, das ging nicht an. Er lief Gefahr, anstatt des Sohnes selbst in einer Geistesanstalt untergebracht zu werden, nur in keiner bildenden. Von einem Handwerk, falls er nämlich das Lehrgeld aufbrachte, konnte, ohne Empörung aller Standesgefühle, erst dann die Rede sein, wenn sich der Junge zum Studieren unfähig gezeigt hatte, und das einzige unentgeltliche Studium war das, zu welchem der Weg durch das Landexamen führte. Der Versuch mußte also gemacht werden, das stand fest. Fiel der Junge durch – wohl ihm! Blieb er im Siebe liegen, wie es der Zufall manchmal wunderlich fügt, daß der Mensch die paar Brocken Wissen, die an ihm hängen geblieben sind, verwerten kann – dann noch besser oder schlimmer! Im einen wie im anderen Falle, Kardinal! – so apostrophierte der Pfarrer von Y...burg die unsichtbare Gewalt, die ihn drängte – habe ich das meinige getan. Unter diesen Umständen konnte er es nicht vermeiden, mit dem bisherigen Geistesfreunde nun auch körperlich zusammenzutreffen; denn selbst wenn es ihm gelang, jeder persönlichen Begegnung vorzubeugen, so mußte jener doch seine Anwesenheit, die in keiner Weise verborgen bleiben konnte, erfahren, und der Widerspruch zwischen diesem unfreundschaftlichen Betragen und dem mit fast leidenschaftlicher Freundschaft geführten Briefwechsel war zu groß, zu auffallend, zu unerklärlich, als daß er sich denselben hätte zuschulden kommen lassen dürfen. Hatte er einmal A gesagt, so mußte er jetzt B sagen. So schrieb er denn, wie wir bereits wissen, anscheinend höchst vergnügt zurück, daß er gleichfalls einen Sohn ins Examen bringen und daß hieraus auch den Vätern die Gelegenheit, sich zu sprechen, erblühen werde. Im Herzen aber war er über dieses bevorstehende Freudenfest voll Gift und Galle, und manchen Morgen, wenn er nach A...berg hinauf telegraphierte, begleitete er seine Signale mit schandbaren Reden, jenen ähnlich, die er vordem an den steinernen Nachbar des Freundes zu richten gepflegt hatte. Ahnungslos, wie seinerzeit die Felsennase, nahm der die versteckten Demonstrationen entgegen und schrieb ihm zum Danke dafür manch wohlgesinnten Brief. Aber auch er selbst hatte in dem Briefwechsel zu viele Unterhaltung gefunden, als daß er diese Form des Verhältnisses gar und gänzlich zu den Raben hätte wünschen können. Im Gegenteil war es ihm eine nicht unwillkommene, jedenfalls eine vergleichungsweise tröstliche Aussicht, nach überstandenem Martyrium der Mündlichkeit dereinst zu dem neutraleren schriftlichen Verfahren zurückzukehren. »Die Zeit kam heran, welche niemals ausbleibt« – sagt Cervantes gerne, wenn er eine Zwischenzeit überspringen und mit seiner Erzählung zu dem angekündigten Zeitpunkt übergehen will. Zum gleichen Zwecke bietet sich eine in Schwaben geläufige Redensart: »Man spricht das ganze Jahr von der Kirchweih', endlich ist sie.« So ging es nämlich auch mit dem Landexamen. Es kam heran, es trat in die Reihe der seienden Dinge ein. Die Straßen der Hauptstadt füllten sich mit alten und jungen Schwarzröcken verschiedenen Schnitts, die einander nur darin gleich waren, daß sie von dem Residenzschnitt bedeutend abwichen. Ahnungsgrauend schritten die Alten, todesmutig die Jungen einher, um vorerst die zum Teil noch nie genossenen Herrlichkeiten, besonders die Wachtparade, in Augenschein und Ohrenschmaus zu nehmen. Die Residenzjugend war gleichfalls auf den Beinen und belustigte sich, die »Landpomeranzen«, wie sie die Fremdlinge nannte, auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Mancher würdige Vater eines hoffnungsvollen Sohnes mußte es ertragen, daß sich der beliebte Gänsemarsch an seine Fersen heftete. Mancher hoffnungsvolle Sohn eines würdigen Vaters mußte sich mit dem insolenten Cujas es? anschreien lassen, welche Frage nach der Herkunft in ihrer stereotypen Form zu einer höhnischen Bezeichnung des Gegensatzes zwischen Stadt- und Landlateiner dienen sollte. Die Jungen waren betäubt, die Alten betrübt über die Ruchlosigkeit dieser Jugend; entrüstet beide; beide aber auch zugleich von ganz geheimer Bewunderung ihrer freien, kecken Manieren erfüllt. Der erste der Entscheidungstage war angebrochen. Schon am frühen Morgen war das als Lokal des Examens dienende Gymnasiumsgebäude, von dem gebildeteren Teile der weiblichen Bevölkerung damals das »Gennasium« genannt, ein Schauplatz lebhafter Bewegung. Die Gruppen, die es umringten, bestanden aus Vätern und Verwandten der Prüfungskandidaten. Sie hatten diese ihre Säuglinge nach der Hauptstadt und bis an die Schwelle des Gymnasiums geleitet, wo dieselben streng abgesperrt wurden, um eine Reihe von Aufgaben in verschiedenen Fächern zunächst schriftlich zu lösen, und gingen nun hier ab und zu, um womöglich an der Luft zu spüren, wie die Examenswitterung beschaffen sei. Man steckte die Köpfe zusammen und teilte sich murmelnd die Vermutung mit, daß die Aufgaben dieses Jahr schwieriger sein werden, als je zuvor, weil die Prüfungsbehörde wegen des großen Andrangs der Bewerber beschlossen habe, es diesmal mit den Anforderungen an sie haarscharf zu nehmen. Dazwischen trafen sich alte Bekannte und redeten von ihren Jugendtagen, wo sie ebenfalls hier geschwitzt hatten, oder erzählten einander ihre gegenseitigen Familienerlebnisse in Freud und Leid. Am Mittag wurden diese Gruppen voller und drängten sich dichter um das Haus. Wer von den jungen Leuten mit seinem Pensum zu Ende war, wurde gegen Zurücklassung der Reinschrift in Freiheit gesetzt. Der erste, der herunterkam, erregte allgemeines Aufsehen. Er mußte sehr geschickt oder sehr leichtsinnig, jedenfalls sehr zuversichtlich sein, daß er es gewagt hatte, allen anderen zuvorzukommen. Man riß sich um ihn, las die Aufgaben vor, kritisierte sie, fand sie unbillig schwer, und die Spannung wuchs mit jedem Augenblicke. Allmählich kamen andere nach, und ihre Angehörigen säumten nicht, ihre Sudelschriften in Empfang zu nehmen und aus diesen sibyllinischen Blättern die Zukunft der jungen Verfasser zu erforschen. Die verschiedenen Abstufungen des Mienenspiels, welche hiebei zu beobachten waren, vom höchsten Entzücken bis zur äußersten Entmutigung hinab, boten ein belebtes Bild, das wohl einer malerischen Darstellung würdig gewesen wäre. Unter diesen Gruppen, doch außerhalb des dichtesten Gedränges, befand sich ein Mann von vorgeschrittenem Embonpoint und lebensfrohem Gesichtsausdruck, worin keine Spur einer Runzel an Bedenklichkeiten oder Zweifelsqualen erinnerte. Er trug einen Rock von sehr dunkelblauer Farbe, die zur Not, obwohl nicht ganz ordnungsmäßig, die schwarze ersetzen konnte, und war unser alter Freund, der Pfarrer von A...berg. Ein kleines Reisemißgeschick hatte zwar seine Heiterkeit etwas getrübt. Er war nämlich ungemein begierig gewesen, das Felsengesicht, das er in der Nähe nicht ganz sein nennen konnte, sich aus der gehörigen Entfernung anzueignen, und zu diesem Zwecke hatte er seinen Butzengeiger mitgenommen. Unser deutscher Himmel aber hatte ihm unterwegs den Streich gespielt, sich, wie zuweilen die deutsche Philosophie, in Unklarheit zu hüllen, was ihn wirklich auf einige Zeit ganz unglücklich machte. Doch tröstete er sich mit der Hoffnung, auf der Rückreise besseres Glück zu haben, und das Gleichgewicht seines Gemüts war bald wieder so vollkommen hergestellt, daß sämtliche Staaten des Kontinents, besonders diejenigen, welche soeben auf dem Wege von Laibach nach Verona waren, ihn um dasselbe hätten beneiden dürfen. Nichtsdestoweniger begann dieses Gleichgewicht jetzt ein wenig zu vibrieren, so daß unser untersetzter Freund sich genötigt sah, seinen Schwerpunkt in den Zehen zu suchen. Sein Sohn Wilhelm erschien nämlich im Portale des Gymnasiums, und um ihn im Auge zu behalten, mußte er es machen, wie ein gewisser Schauspieler, der, sonst einer der trefflichsten Künstler, als Lear bei den Worten: »Jeder Zoll ein König«, sich auf die Zehen zu erheben pflegte, um in der Tat und Wahrheit einen Zoll größer zu sein. Vater und Sohn lächelten sich von weitem an, wie ein Mond den andern anlächeln würde, und der Sohn glich auch dem Vater, wie ein Ei dem andern. Auf der hohen, weißen Krawatte ruhte behaglich dasselbe rotbackige Gesicht, rund und voll, wie sein Aszendent, nur in verjüngtem Maßstäbe, und die schneeweißen »Vatermörder«, die es einrahmten, beeinträchtigten so wenig, als bei dem Vater die weiße Halsbinde, das gesunde Rot der Wangen, Mit ruhiger Sicherheit, keinen Schritt beeilend, lavierte der Junge durch das Gewühl auf den Alten zu, der ihm die kurzen Arme entgegenstreckte, um mit beiden Händen nach dem Konzept seiner Ausarbeitungen zu greifen, und als ihre Finger sich berührten, da konnte man den kurzen wohlgenährten Fingern des Jungen den ernstlichen Vorsatz ansehen, dereinst ebenso dick und fleischig zu werden, wie die Finger des Alten waren. »Zuerst das Arithmetische!« sagte dieser, in dem Sudelhefte blätternd. »Um das übrige ist mir nicht bang, aber das Rechnen war nie deine starke Seite. Voilà ! Die Dauer des Dreißigjährigen und dann die des Siebenjährigen Krieges absteigend in Monaten, Wochen und Tagen zu berechnen – etwas kapriös, doch nicht übermenschlich! Richtig, ich hab' mir's gleich gedacht: du rechnest den Monat zu vier Wochen – gelt?« »Freilich,« sagte Wilhelm. »Wie denn anders?« »Da bekommst du ja nur achtundvierzig Wochen aufs Jahr,« bemerkte der Vater verdrießlich. »Nun, es wird manchem andern auch so gegangen sein,« setzte er erleichtert hinzu. »Aber halt – was muß ich sehen! Seit wann hat die Woche acht Tage?« »Man redet ja immer von acht Tagen, wenn man eine Woche bezeichnen will,« wendete Wilhelm ein. Der Pfarrer von A... berg ließ jenen gelinden Desperationslaut vernehmen, welcher hervorgebracht wird, wenn man ein Z ein paarmal hintereinander durch die Zähne einwärts zieht. Nach einer Pause stummen Kopfschüttelns sah er wieder in das Konzept, las, nickte von Zeit zu Zeit, und immer mehr klärte sich seine Miene auf. »In den Hauptfächern,« sagte er, »steht es ganz so, wie ich's von dir erwartet habe. Besonders dein Latein ist wahrhaft blühend. Nun, die Arithmetik ist ein Nebenfach, mit dem man's nicht so streng nimmt – und ich werde die Herren darauf aufmerksam machen, daß du, von den irrigen Voraussetzungen abgesehen, formell richtig gerechnet hast. Das ist alles, was man verlangt.« In dieser Weise wurden die einzelnen Arbeiten von den Interessenten durchgenommen, so daß in der kleinen Gelehrtenausstellung ein allgemeines Summen herrschte. Dasselbe wurde jedoch durch eine auffallende Szene unterbrochen. Während des soeben geschilderten Auftritts kam einer der jungen Kandidaten aus dem Gymnasium, den man unwillkürlich näher ansehen mußte. Er war eine hochaufgeschossene, spindeldürre Figur mit eckigem Gesichtsbau, schwarzen Haaren und dunkeln Augen, welche scheu und trutzig über das Gedränge hinschweiften; aus den Ärmeln seines fadenscheinigen, schwarzen Rockes ragten die Handgelenke nebst einem Teil der Vorderarme unbedeckt hervor. Während er eine Gasse suchte, um aus der Versammlung, die ihm unheimlich zu sein schien, zu entschlüpfen, stürzte ein Mann in einem schwarzen Rock herbei, welches Kleidungsstück ebenfalls sehr abgetragen und zerschlissen aussah, nur daß die Ärmel nicht zu kurz waren, und das vermutlich aus dem einzigen Grunde, weil der Inhaber nicht mehr wuchs. Dagegen waren die Arme dennoch sehr lang, und einen wundersamen Anblick gewährte es, wie er spinnenartig über ein halbes Dutzend Leute hinübergriff, um dem Jungen sein Konzept zu entreißen. Daß er dessen Vater war, konnte niemand bezweifeln, der ihn ins Auge faßte: dieselben schwarzen Haare und Augen, derselbe felsige Knochenbau des Gesichts, nur daß die Ecken viel schärfer hervorstachen, die Furchen viel tiefer eingegraben waren, und endlich in der Miene derselbe dunkle Zug, nur noch weit mehr schattiert. Wie ein Habicht war' der Alte auf die Sudelblätter gestoßen, die der Junge nicht sowohl hergab, als vielmehr sich bloß wegnehmen ließ. Und wie der Raubvogel seine Beute erhascht, so hatte das Auge des Vaters auf den ersten Blick eine Stelle entdeckt, die ihn jeder weiteren Untersuchung zu entheben schien. Die Wirkung dieser Stelle war so stark, daß sie seine Fassung überwältigte. Er ließ die Hand mit den Blättern sinken. »Unglücklicher!« rief er mit lauter Stimme, faßte den Jungen am Flügel, und – fort war er mit ihm um die nächste Ecke. Dieses tragische Zwischenspiel hatte allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Auch der Pfarrer von A...berg, der eben mit seinem kritischen Geschäft zu Ende kam, hatte noch den herzbrechenden Ausruf gehört, und sah noch die beiden langen, steifen, hageren Gestalten um die Ecke verschwinden. Er fragte, und zehn, zwölf andere Stimmen fragten mit ihm, wer dieser darniedergeschmetterte Vater sei. »Der Pfarrer von Y...burg!« wurde geantwortet. Der Pfarrer von A... berg nahm seinen Sohn an der Hand, zog ihn durch das Gedränge und eilte dem Freunde nach. Aber vergebens schaute er an der Ecke Straß' ab, Straß' auf. Die beiden Gestalten waren fortgeschossen wie Ladstöcke, die manchmal den Gewehren unvorsichtiger Schützen enteilen. Mißmutig begab er sich mit seinem Sohne in sein Quartier, das er bei einem hochgestellten Vetter aufgeschlagen hatte; denn die Residenz übte in den Zeiten, die dem völligen Aufhören der Naturalwirtschaft vorangingen, immer noch den schönen Brauch der Hauptstadt des jüdischen Landes, wo an den hohen Jahresfesten jedes Haus eine Gastherberge für Gefreundte und Bekannte vom Lande wurde, nur mit dem Unterschiede, daß hier das Fest der ungesäuerten Brote und dort das Landexamen der Magnet war, der den Landsturm von Gästen brachte. Ein treffliches Mittagsmahl erquickte die Lebensgeister unseres Pfarrers. Da sein Vetter, einer der Herren Examinatoren war, so konnte er über Tisch in Form einer Anekdote, die er auf Wilhelms Unkosten erzählte, seine arithmetische Herzensangelegenheit anbringen, was sehr zu seiner Aufrichtung diente. Er fand denn auch gleich bestätigt, daß der Fehler nicht groß geachtet wurde. Doch mußte der über und über rot gewordene Kandidat sich manche Neckerei gefallen lassen, daß er zwischen der asiatisch-ägyptisch-deutschen Woche von sieben Tagen und den Nundinen der Römer einen Vermittlungsversuch gewagt habe. Auf den Abend wandelte der glückliche Vater in einen öffentlichen Garten, der, damals der einzige in der Residenz, weit und breit eines großen Rufes genoß. »Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammenkamen?« Die Chargen des Militärs vom Leutnant aufwärts bis zum General, höhere Kanzleibeamte, alte und junge Richter, Lehrer der Künste und Wissenschaften und endlich schwere Bürger, welche mehr Geld in der Tasche hatten, als jene alle miteinander, das waren die allabendlichen Stammgäste. Hiezu kamen aber noch die vielen, die das Landexamen in die Stadt geführt hatte, und die nicht wenigen, welche diese Wimmelzeit zum Stelldichein benützten. Besonders waren es die verschiedenen Altersklassen der Geistlichkeit, die ihre regelmäßigen, jährlichen Zusammenkünfte auf diese Zeit zu verlegen liebten. Dieselben wurden im elegantesten Latein in der gelesensten Zeitung des Landes ausgeschrieben, die eben darum manchmal beinahe einem ungarischen Reichstagblatte glich, wenn nicht in der Latinität ein merklicher Unterschied gewesen wäre. Solchen Aufforderungen zum Zusammenkommen ward von den Betreffenden stets freudig nachgelebt. Man beobachtete dabei zugleich das werdende Geschlecht und gedachte mit gerechtem Bewußtsein »der alten Zeiten und der alten Schweiz«. Daß in diesem lebhaften Nationalgewimmel unser Freund von A...berg guter Dinge war, brauchen wir nicht erst zu versichern. Zwar, wer, wie er, eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft hatte, dem konnte es begegnen, daß ein Dutzend Freunde zu gleicher Zeit, ohne voneinander Notiz zu nehmen, sein Ohr belagerten, und wer, wie er, mit seinem ganzen Wesen darauf angelegt war, allen gerecht zu werden und keinen vor den Kopf zu stoßen, der mußte sich einigermaßen im Fegfeuer befinden, weil er nicht wußte, wem er zuerst antworten solle. »Lieber durch Leiden Möcht' ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen!« Indessen eine tüchtige Natur arbeitet sich auch durch Zentnerlasten des Glückes hindurch. »Der Braten war so fett, daß wir ihn nicht essen konnten, aber wir aßen ihn doch,« schrieb jener Knabe in der Schilderung eines Schmauses, zu dem er eingeladen war. Unser Freund lächelte alle zwölf Interpellanten gemütlich an, nickte in der Runde umher, segelte mit dem Glase durch die Luft, um gleichsam eine allgemeine Benediktion zu erteilen, und hiemit waren sämtliche Fragen und Zurufe dem Hauptinhalte nach beantwortet. Nur eines versetzte ihm den perlenden Kelch der Lebensfreude mit Wermut: sein Freund von Y...burg, den er bestimmt hier zu finden erwartet hatte, war nicht da und fand sich auch im ganzen Lauf des Abends nicht ein. Er fragte Bekannte und Unbekannte, beinahe Mann für Mann vergebens nach ihm. Niemand wußte auch nur von ihm zu sagen, wo er sein Zelt aufgeschlagen habe. »Es ist mir unbegreiflich!« murmelte der Pfarrer von A...berg beständig vor sich hin, bis er durch neue Begegnungen und Befreundungen jeweils wieder in den Strudel der heiteren Bewegung gerissen wurde. Schon am folgenden Morgen erfuhr er zweierlei Gründe, deren einer das rätselhafte Benehmen des Freundes rechtfertigte, durch den andern aber wieder aufgehoben wurde. Aus den entscheidenden Kreisen nämlich, das heißt, aus dem Gremium der Examinatoren, verbreitete sich die Nachricht, daß Eduard von Y...burg merkwürdige Arbeit gemacht habe. Nicht bloß hatte er im Griechischen mit den beiden intrikanten Verneinungswörtchen, die schon firmeren Gelehrten manches Bein gestellt haben, ein heilloses Blindekuhspiel getrieben, sondern noch obendrein im Lateinischen eine Todsünde begangen, die nur mit der jenes unglücklichen Helvetiers verglichen werden kann, der sich nirgends mehr in Gesellschaft blicken lassen durfte, weil die Rede von ihm ging, er habe seinen Grundstock angegriffen – kurz, er hatte Ut mit dem Indikativ gesetzt! Wenn der Vater diesen Schnitzer gestern zuerst ins Auge gefaßt hatte, dann war sein tragischer Ausruf freilich gerechtfertigt. Noch mehr war es sein Wegbleiben aus der Gesellschaft. Der Vater eines Sohnes, der Ut mit dem Indikativ gesetzt, konnte nicht unter die Leute gehen. Aber diesem Schaden Josefs stand ein wunderbarer Triumph gegenüber. Man erfuhr nämlich zugleich, daß der Pfarrerssohn von Y...burg hinwiederum der einzige gewesen sei, der die arithmetisch-historische Aufgabe vollkommen gelöst habe. Nicht nur hatte er, was von den wenigsten gerühmt werden konnte, das Verhältnis der Wochen zu den Monaten richtig ausgedrückt, sondern er hatte auch die wahre Dauer der beiden Kriege, von welchen die Frage gestellt war, allein genau angegeben. Während alle übrigen Kandidaten dem einen dreißig und dem anderen sieben Jahre zuschrieben, hatte er den ersten vom 23. Mai 1618 bis zum 24. Oktober 1648 und den zweiten vom 29. August 1756 bis zum 15. Februar 1763 datiert, mithin notfolglich ein ganz abweichendes Resultat gewonnen, das obendrein um so glänzender war, als die Berechnung unter diesen Umständen weit größere Schwierigkeiten gehabt hatte. Der Fall war unerhört in den Annalen des Landexamens: derselbe Kandidat, dessen Leistungen in den andern Fächern unter dem Gefrierpunkt geblieben waren, erhielt in der Arithmetik und Historie je zwei große A. Das will nämlich im Zeugnis so viel besagen, als: »Eminent!« Und wenn er nun auch dennoch durchfiel – und wenn seine historische Errungenschaft durch die unmaßgebliche Bemerkung, daß dabei vielleicht mehr Zahlengedächtnis als Geschichtssinn obgewaltet habe, starke Einbuße erleiden mochte – gleichviel, ein Vater eines Sohnes, der in seinem Testimonio vier große A besaß, dieser Vater durfte sich mit diesem Sohne sehen lassen. Der Pfarrer von A ... berg erteilte seinem Wilhelm, als er ihn wieder zum Gymnasialgebäude begleitete und den Pfarrer von Y ... burg daselbst abermals nirgends erblickte, den Auftrag, den Sohn desselben beim Hinein- oder Herausgehen aufzusuchen, sich nach dem Quartier der beiden Finsterlinge zu erkundigen, und sie jedenfalls für den Abend in »der W... in Garten« zu bestellen. Wilhelm tat sein Bestes. Allein der Löwe des Dreißig- und Siebenjährigen Krieges erschien so spät, daß er nur noch knapp seinen Platz erreichte, ehe das Diktieren der heutigen Aufgaben begann. Während des pythagoräischen Schweigens, das auf diese feierliche Handlung folgte, war kein Verkehr statthaft. Noch weniger konnte es am Schlüsse zu einer Annäherung kommen: denn ehe Wilhelm mit dem dritten Teile der Pensen fertig war, hatte Eduard seines Wissens Köcher ausgeleert, legte die Feder nieder, überreichte seine Arbeit dem wachthabenden Professor, und – schnell war seine Spur verloren. Wer Tag verging wie der gestrige. Vergebens fahndete der Pfarrer von A... berg im Abendzirkel nach dem Freunde, der ihm nur in der Ferne, nicht aber in der Nähe sichtbar sein zu wollen schien. Er schüttelte den Kopf einmal über das andere, ließ manches hinterschlächtige Z durch die Zähne zischen und entsagte zuletzt gänzlich der Hoffnung, den Unsichtbaren zu sehen, den Unbegreiflichen zu begreifen. Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an. Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den altertümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es den halben Mann von dem ganzen zu unterscheiden. »Wilhelm,« sagte der Pfarrer von A... berg zu seinem Sohne, den er heute zum letzten Male begleitete: »sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber – der Mensch mag noch so vieles wissen, alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du – nicht zu Hause bist?« »Freilich,« sagte Wilhelm mit Gleichmut. »In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüber zu spielen, denn es kommt nicht darauf an, daß man alles weiß, sondern darauf, daß man womöglich keine Antwort schuldig bleibt. Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter, »Wilhelm,« sagte er freudig bewegt, »an deiner Karriere hab' ich keinen Zweifel mehr.« Mit diesen Worten schieden sie vor der Schwelle des Gymnasiums. Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe unversehens von dem schwärzlichen Aufschößling aus Y ... burg angeredet, der ihm sagte, sein Vater lasse den Herrn Pfarrer von A ... berg bitten, sich doch ja heut' abend in »der W...in Garten« einzufinden. Wilhelm erwiderte ihm ebenso verwundert als erfreut, der seinige habe keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich einmal mit dem Herrn Pfarrer von Y... burg zusammenzutreffen, und erzählte, wie die Bemühungen, dieses Glückes teilhaftig zu werden, bis jetzt vergeblich geblieben seien. – Er fragte ihn, wo denn der Herr Vater logiere. »Bei Verwandten auf dem Lande in der Nähe,« antwortete Eduard und fügte hinzu, erst heute werde sein Vater von den Abhaltungen frei, die ihn bisher verhindert haben, den Abend in der Stadt zuzubringen. »Sie dürfen auch nicht wegbleiben,« sagte Wilhelm zutraulich zu ihm. »Mein Vater wird mich gleichfalls mitnehmen.« Eduard sagte zu, so weit es von ihm abhänge, und die Türe des Prüfungssaales schloß sich hinter ihnen. Die Angabe, daß er bei Verwandten auf dem Lande wohne, war eine Vexierklappe, mit welcher der Pfarrer von Y... burg seine wahre Adresse verdeckte. Er war vielmehr in der obskursten Winkelkneipe des winkligsten Gäßchens der innersten Altstadt abgestiegen. Seine Käsehändler, die er nach einer wohlfeilen Herberge gefragt, hatten ihm diese Spelunke verraten. Hier konnte er sein Haupt niederlegen, ohne seinen Etat zu überschreiten. Auch wurde er hier von seinem Y ... burger Käse, der zum Besten der Gebrüder Straubinger hierher geliefert wurde, angeheimelt, nur daß er ihn hier ungebraten essen mußte. Home, sweet home! Der Mensch mag auswärts auf Reisen ein Plätzchen finden, wo er sich beinahe heimisch fühlt – am eigenen Herd ist's eben doch immer noch besser! Dagegen traf er hier ein Bier, dem er, obgleich es billig schmeckte, doch den Vorrang vor seinem Korruptionsgebräu unbedingt zugestehen mußte. Und da er mit seinem Sohne ein eigenes Apartement – ein urmals ockergelb angestrichenes Kämmerchen von anderthalb Quadratschuh – inne hatte, so konnte er zu diesem Biere seine scythische Zigarre unangefochten verduften. Auf diese Weise hatte er den Abend nach seiner Ankunft unter stillen Verwünschungen über den Pfarrer von A ... berg, den schuldlos unwissenden Feind seiner Ruhe, dessen Anwesenheit er selbst in diesen angulus terraum hereinragen fühlte, nicht eben ganz ungemächlich durchlebt, und eine seinem Sohne vor dem Schlafengehen verabreichte Ohrfeige hatte seinen durch die ungewohnten Eindrücke der Außenwelt etwas gestörten Schwerpunkt vollkommen wieder hergestellt, Eduard hatte nämlich auf die Frage, wie es ihm wohl im Examen gehen werde, die allerdings unpassende Antwort gegeben: »Mir ist's Wurst.« Und doch trieb es ihn am anderen Morgen, am Morgen des ersten Prüfungstages, aus seiner Höhle hinaus. Es war Neugier, verbunden mit jenem dämonischen Zuge, der den Menschen manchmal antreibt, dem Schicksal eine Wette zu bieten. Wenn er dem Pfarrer von A... berg in die Hände fiel, so konnte er nicht mehr zurück, konnte sich ihm über die ganze Prüfungszeit, an den Abenden wenigstens, nicht mehr entziehen. Und dennoch wagte er den Gang, Wie derselbe abgelaufen, haben wir bereits erzählt. Die Hauptsünde wider den heiligen Donat, die ihm bei dem ersten Blick in Eduards Sudelheft entgegensprang, hatte sein nicht ganz eingeschlummertes philologisches Gewissen in allen Tiefen aufgerührt und ihm jenen Ausruf abgenötigt, der in den Herzen der Ohrenzeugen nachzitterte. Nachdem er aber um etliche Ecken gebogen, stellte sich die verlorene Fassung wieder ein, und es wurde ihm klar, daß der Unglücksfall, den er ja doch in der einen oder anderen Form als unvermeidlich vorhergesehen hatte, ihm gerade so gelegen komme, wie oft einem jungen Mädchen, das sich gern in einem schwarzen Kleide sieht, ein Trauerfall. Er hatte den legitimsten Grund, sich vor der Welt zu verbergen. Niemand konnte es ihm verargen, wenn er den Indikativ seines Sprößlings in Sack und Asche betrauerte. Er zog sich daher in sein göttliches Loch zurück, allwo er sich hermetisch verschloß und seinem Eduard in den Freistunden, die diesem das Examen ließ, hänfenen Weihrauch unter die Nase dampfte. Die übrige Zeit beschäftigte er sich mit einem alten, verstaubten, in Schweinsleder gebundenen Buche, das er im Hause aufgefunden hatte und das Spitzbubengesprache im Reiche der Toten enthielt, Unterredungen nämlich, worin Cartouche, Nickel List, die vom Schwert zum Rade begnadigten Schloßdiebe Friedlich Wilhelms I. und andere Zelebritäten ihres Jahrhunderts ihre Konfessionen gegeneinander austauschten. Den folgenden Tag schlug die Lage um, Eduard brachte seinem Erzeuger aus dem Examen die Neuigkeit mit, daß er vier große A in seinem Zeugnis habe. »Woher wußte der Junge dies?« Ei, sein Nebensitzer im Examen hatte es ihm unter der Arbeit zugeflüstert. Wie ein Stein, der, ins Wasser gefallen, immer weitere Wellenkreise zieht, hatte sich dieses und manches andere Examinalgeheimnis aus dem Konklave der Examinatoren zu ihren vertrauteren Freunden in der Schar der beteiligten Väter und Verwandten fortgepflanzt, von diesen war es im Wege gleicher Tradition zu den übrigen gekommen, die es sodann unter der Jugend selbst verbreiteten, so daß auch der Isolierteste im Laufe zweier Tage erfahren konnte, wie seine Aktien standen. Die Wichtigkeit des Gegenstandes, an welchem die teuersten Interessen des Landes hingen, rechtfertigte dieses geschäftige Treiben, das der offiziellen Bekanntmachung des Ergebnisses der Prüfung weit vorgriff. Dieses war, vermutlich in Verbindung mit dem kompendiösen Umfange dessen, was er zu Papier hatte bringen können, der Grund gewesen, der Eduarden gestern so früh, daß Wilhelm ihm nicht mehr beikommen konnte, aus dem Examen getrieben hatte. Der Pfarrer von Y...burg war unerachtet seiner in Essig eingemachten Stimmung immer noch Mensch, Vater und Lehrer genug, um den Sukzeß seines Sohnes mit einiger Genugtuung aufzunehmen. Über den Enderfolg des Examens machte er sich zwar nicht die mindeste Illusion, da er wohl wußte, daß Arithmetik und Geschichte nicht die Schlüssel waren, welche die Tür in das Reich Gottes öffneten. Aber er konnte ihm doch jetzt immerhin jenes Skaldenlied am Heldengrabe singen: »Ehrenvoll ist er gefallen!« Eben darum aber erkannte er auch, daß seine eigene Position sich verändert hatte, und daß die Entschuldigung, mit der er sich von der Gesellschaft fernhalten konnte, nunmehr wieder weggefallen war. Er entschloß sich daher, in den sauersüßen Apfel zu beißen und seine Spitzbubenhölle mit dem Purgatorium eines Honoratiorenzirkels zu vertauschen. Dies sein eigener cynischer Ausdruck, für den wir begreiflicherweise nicht verantwortlich sind. So gab er denn am Morgen des dritten und letzten Prüfungstages seinem Sohne den Auftrag, dessen Ausführung wir bereits kennen. Dann setzte er sich in dem grauen Kämmerlein mit den antediluvianischen Ockerspuren auf das wackelige, schneidend schmale Bettgestell, baumelte mit den Beinen, die er in dieser schwanken Stellung noch sehr künstlich an sich ziehen mußte, damit sie nicht auf dem Boden ausstanden, und studierte mit einer Attention, wie er sie niemals der Vorbereitung einer Predigt gewidmet hatte, auf sein Benehmen für den Abend. Er wollte so genießbar als möglich sein, freundlich, gemütlich sogar, aber dabei scharf genug, um jedermann auf der Zunge zu brennen, also sich ungefähr wie eine mit Zucker und Pfeffer behandelte Melone geben. War dieser Tanz auf dem Seil durchgemacht und das Kapital, das er für einen solchen Abend in Bereitschaft gesetzt hatte, aufgezehrt, dann gedachte er alsbald den Staub von den Füßen zu schütteln und die jedenfalls zwischen den Mühlsteinen des persönlichen Zusammentreffens hart bedrohte Freundschaft wieder auf dem Boden der Abstraktion und des schriftlichen Verfahrens in Sicherheit zu bringen. Während aber der Vater diese Anstalten machte, schob der Sohn die Lage der Dinge aus dem zweiten Stadium völlig in das erste zurück. Von den Examinatoren anfangs wegen seiner Kriegslorbeeren nicht ohne alle Achtung behandelt, verscherzte er diese stündlich mehr und mehr. Nachdem er im Lateinischen und Griechischen Böcke geschossen hatte, welche wegen ihrer Unglaublichkeit nicht mitteilbar sind, stieß er im Hebräischen – denn auch hierin wurde in jenem ehernen Zeitalter schon ein Scherflein Leistung gefordert – dem Fasse vollends den Boden aus. Zum Lesen und Übersetzen einer Stelle aufgefordert, konnte er weder das eine noch das andere, mußte sich Buchstaben für Buchstaben, Wort für Wort vorsagen lassen und zeichnete sich, als es zur Sinnerklärung kam, durch eine, man möchte sagen, pharaonische Verstocktheit aus. Die vorhergehenden Examinatoren hatten ihn nach und nach aufgegeben. Der Mann des Semitischen aber, ein sehr hartnäckiger Würmerbohrer, wollte ihn durchaus nicht loslassen, sondern setzte ihm erst mit grammatikalischen, dann mit religionsgeschichtlichen Fragen zu und wollte sich um jeden Preis rühmen können, eine Antwort aus ihm herausgefoltert zu haben. Der Vers enthielt unter anderem eine Anspielung auf die Erscheinung, die Moses im Busch gehabt. Da nun der Kandidat beharrlich schwieg, so sagte der Professor zuletzt verächtlich: »Dann werden Sie mir wenigstens sagen können, wer das ist, der dem großen Gesetzgeber im Busch erschien? – der Bewohner des Busches? – der da wohnete im Busch? – nun? – nun? – nun? es ist eine Kinderfrage – nun?« Der Kandidat schwieg und machte eine Miene, worauf ziemlich leserlich die Antwort geschrieben stand, die er vorgestern nacht seinem Vater gegeben hatte. Der Professor aber hörte nicht auf, mit dem zum Marterwerkzeuge geschliffenen, kurzgestoßenen »Nun?« auf ihn hineinzudolchen, bis das eckige Gesicht in konvulsivischen Bewegungen, gleich denen eines Nußknackers, arbeitete. »Der Wohner im Busche? – nun? – wer ist das – nun? – nun? – nun?« »Der Has'!« fuhr Eduard endlich mit finsterer Entschlossenheit heraus. Da erhob sich ein Gelächter, daß das Haus in seinen Grundfesten wankte. Ja, man will wissen, daß zu dem Neubau desselben, den die Oberschulbehörde nach Jahr und Tag anordnen mußte, an diesem Tage der erste Grund gelegt worden sei. Der Professor ging mit großen Schritten im Saale auf und ab. Er bohrte den Kopf in die Krawatte. Dreimal setzte er an, um etwas Fulminantes zu sagen, aber dreimal blieb ihm die Stimme in der Kehle kleben. Zuletzt trat er mit einer raschen Wendung zu einem anderen Kandidaten und setzte die Prüfung fort, den Verworfenen keines Blickes weiter würdigend. Eduard von Y...burg saß von nun an wie gezeichnet da. Auch seine Mitkandidaten, nachdem sie genug gelacht hatten, sahen ihn nur noch mit scheuen Augen an. Eine so titanische Unwissenheit mußte ihren Träger gleichsam von der übrigen Menschheit absondern. Er aber kümmerte sich nichts darum, vielmehr schien er froh zu sein, daß seine Ausgestoßenheit ihn allen ferneren Prüfungsqualen und Fragepeinigungen überhob. Wilhelm von A... berg befand sich in peinlicher Verlegenheit. Wie sollte er sich nunmehr gegen seinen neuen Bekannten verhalten, nachdem dieser zum Paria herabgesunken war? Er kam auf den schlauen Einfall, das gestrige Benehmen desselben zu adoptieren. Begüngstigt durch den Platz, den er ziemlich nahe bei der Türe hatte, drückte er sich nach beendigter Prüfung so rasch als möglich, entkam hierdurch jeder Berührung mit der fatal gewordenen Persönlichkeit, flog eilends zu seinem Vater und erzählte ihm, welche entsetzliche Eule dem Sohne des Pfarrers von Y... burg aufgesessen sei. »Nun kommt er heut abend zweimal nicht,« versetzte der Pfarrer von A... berg wehmütig. Eduard aber hütete sich wohl, seinem Vater etwas von dem Abenteuer zu sagen, das er in dem brennenden Busche bestanden hatte. Daher, als der Pfarrer von A... berg mit seinem Sohne abends in den uns schon bekannten Garten kam, war das erste, was Wilhelmen in die Augen fiel, der Held des Tages, der mit großer Gemütsruhe an der Kugelbahn stand und den Wechselschicksalen der Neune zusah. Die ältere Ausgabe desselben dunklen Textes befand sich nicht weit davon und schaute mit jener eigentümlichen Art von Behagen, die bei manchen Menschen mit einem ingrimmigen Gesichtsausdruck vereinbar, ja von ihm unzertrennlich ist, in das Menschengewühl, das zwischen den Tischen im Garten hin und her wogte. »Um's Himmels willen, Vater,« sagte Wilhelm ängstlich, indem er diesen am Handgelenke preßte, »da ist der Eduard von Y ... burg! Und das dort muß notwendig sein Vater sein!« »Wahrhaftig, so ist's!« sagte der Pfarrer von A...berg. »Komm, wir wollen gleich auf sie lossteuern. Nimm du dich des Jungen an, der hier sehr verlassen sein wird.« Wilhelm sah ihn fragend und bedenklich an. »Tu's nur!« flüsterte sein Vater. »Ich werde es den Herren schon im rechten Lichte darstellen, damit es deinem guten Ruf nicht schaden kann.« Nach diesen heimlich gewechselten Worten, während welcher beide scheinbar nach andern Seiten hingesehen hatten, eilte der Pfarrer von A...berg, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen konnten, mit einem Ausruf der Freude und Überraschung auf den Pfarrer von Y...burg zu, der ihn seinerseits ebenfalls sogleich erkannte. Er öffnete die langen Arme, der Freund stürzte sich hinein, und – zu gleicher Zeit prallten beide, jedoch nur im Herzen, voreinander zurück! Es ist gefährlich, eine Freundschaft auf dem Papier anzuknüpfen. Das Papier ist – wiewohl auch nicht immer – das Reich der schönen Formen, die Körperwelt ist – wenigstens sehr häufig – das Gegenteil davon. Wer hat nicht schon einen Schriftsteller aus seinen Werken liebgewonnen und sich die höchste persönliche Vorstellung von ihm gemacht? Es läßt ihm keine Ruhe, er muß sein Auge durch Anschauen der Persönlichkeit erquicken, er reist, er kommt und sieht – die Kehrseite der Stickerei! Es gibt, wo nicht Nationen und Völkerschaften, so doch Zeiten und Epochen in der Entwicklung derselben, wo die vollendete Form nur innerlich, äußerlich nur die vollendete Formlosigkeit oder gar die entschiedene Un- und Mißform zur Erscheinung kommt. Der Pfarrer von A...berg war zu dick und besonders im Gesicht zu fettglänzend, um geistreich, der Pfarrer von Y...burg zu dürr und besonders im Gesicht zu gelbtrocken, um liebreich auszusehen. Der Pfarrer von A...berg dachte: »Aus diesen Zügen spricht kein Herz.« Der Pfarrer von Y...burg dachte: »In diesem Talge brennt kein Licht.« Eine meilenweite Abstoßung war an die Stelle der Anziehung getreten, welche die beiderseitigen Briefe ausgeübt hatten. Beide verbargen jedoch ihre Empfindungen. Jeder am Halse des andern. Beide taten das möglichste, von Glück zu strahlen. Der Pfarrer von A...berg nahm den Freund an der Hand und führte ihn seiner Gesellschaft zu, welche mehrere Tische füllte. Da er bereits Abend für Abend die staunenswerte Geschichte der Genesis dieser Freundschaft erzählt hatte, so erkannte jedermann sofort den Pfarrer von Y...burg, der seinerseits das eigentümliche Lächeln, das er rings verbreitet sah, anfänglich auf Rechnung eben dieses Ereignisses schrieb. Er ließ sich daher ruhig nieder, die beiden Freunde tranken unverweilt Brüderschaft, und die Unterhaltung versprach in den besten Gang zu kommen. Mittlerweile war Wilhelm dem Gebote seines Vaters nachgekommen. Da jedoch ein Stückchen Diplomat in ihm steckte, hatte er Eduarden eingeladen, sich mit ihm nach dem See zu begeben, wo sie der zahlreich im Garten anwesenden Jugend, die den Umgang eines der Krösusse des Landexamens mit dem Irus desselben auffallend finden mußte, ziemlich aus den Augen gerückt waren. Der See war ein Ententeich an einer minder belebten Seite des Gartens. Er war stark mit wackelndem Geflügel bevölkert. Auch befand sich nicht weit davon das Hauptquartier der Landmacht, bestehend in einer großen Hühnerschar unter den Befehlen eines prächtigen schwarzen Hahns. Damals sah man noch nicht jene cochinchinesischen Podagristen, die zwar von den Eroberungen der abendländischen Zivilisation im fernsten Osten zeugen, dafür aber auch zugleich die sterbliche Ferse dieser Erfolge versinnbildlichen, indem sie, bei jedem Schritt in die Kniee zu sitzen genötigt, den schönsten Garten zu einer Invalidenanstalt machen. Damals herrschte noch in unsern Gärten und Höfen, frisch, fromm, fröhlich, frei, der deutsche Hahn in seinem Jünglings- oder Mannesbewußtsein, in seiner goldbraunen, seiner bläulichschwarzen Schönheit und mit jenem unergründlich dämonischen Zuge, der dem Herrn der Ratten und der Mäuse verwandt genug dünkte, um sich mit der Feder des wackern Jungen zu schmücken. Ein altergrauer offener Pavillon am Gestade des Teichs nahm die beiden ungleichen Gäste auf. Wilhelm, den sein Vater mit paraten Mitteln versehen hatte, machte den Wirt, sorgte für Bier, für Wurst und trippelte geschäftig hin und wieder, um der Verlegenheit einer Gesprächsanknüpfung so lang als möglich auszuweichen. Nachdem es aber nichts mehr zu sorgen gab, sofern der Wurstvorrat, als der Vergangenheit angehörig, keinen weiteren Zuspruch motivierte, und die Flasche, die zweite an der Zahl, sich in eine zu freimütige Selbstbewegung gesetzt hatte, um wiederholte Nötigung zu rechtfertigen, da fühlte Wilhelm, daß es für einen Sohn aus gebildetem Hause an der Zeit sei, einen soliden Redeaustausch herbeizuführen. Welchen Anlauf er jedoch nehmen mochte, immer lag der heutige Vorfall als Barrikade dazwischen. Bei jedem Worte fürchtete er, es könnte ihm als eine versteckte Anspielung ausgelegt werden, und faßte daher endlich den Entschluß, geradezu, jedoch mit einer abermals höchst diplomatischen Wendung, auf den Feind loszugehen. »Aber hören Sie,« begann er, »Sie sind ein rechter Strick! Sie haben heut den Claviculus Salomonis« – so nannte man den hebräischen Professor – »teufelmäßig verhöhnt!« Mochte er nun das Richtige getroffen haben, oder mochte es dem verunglückten Kandidaten schmeicheln, daß man seine Ignoranz für Bosheit hielt – Eduard erwiderte diese Anerkennung mit einem Blick der innigsten Freundschaft und stieß ein äußerst vergnügtes Gelächter aus. »Nun? – nun? – nun? –« rief er wiederholt, indem er mit großem Geschick die Stimme des Examinators nachahmte und dazu wie dieser den Kopf in den Hals hinunterbohrte, worüber Wilhelm vor Lachen platzen wollte. »Wenn das Faß auf allen Seiten rinnt,« sagte Eduard, als sich beide müde gelacht hatten, »so muß man ihm lieber selbst den Boden ausstoßen.« Er gestand nun seinem jungen Gönner, wie er sich glücklich fühle, dem geistlichen Elende für immer entgangen zu sein, und wie er absichtlich auf dieses Ziel hingearbeitet haben würde, wenn er nicht vorausgesehen hätte, daß die Sache sich ganz naturgemäß von selber machen werde. Wilhelm fragte ihn, was er denn aber werden wolle? »Am liebsten Has' im Busch!« erwiderte Eduard, seine eigene eckige Person dem Gelächter preisgebend, in welches alsbald beide von neuem einstimmten. » Lepus timidus! « rief Wilhelm. »Das wäre doch ein ruhmloser Beruf, von dem man obendrein nicht einmal sagen könnte: bene qui latuit bene vixit .« Eduard schämte sich nicht, um eine Übersetzung dieses Brockens zu bitten, »Und warum denn nicht?« fragte er dann, »Wenn ein gutes Versteck auch nur vor dem Examen schützt, so ist es schon mehr wert als eine Lebensversicherung.« »Zugegeben,« sagte Wilhelm lachend. »Aber vor dem Schwitztag, da die Hunde das Examen halten, ist er eben im besten Versteck nicht sicher, weil sie ihn doch zuletzt kriegen, den dummen Kerl.« Er hatte diese Bemerkung über den Hasen bloß gemacht, um etwas zu sagen, damit die Konversation nicht einschliefe. Unvermutet aber hatte er das rechte Register gezogen, bei dessen Klange Eduard ins Feuer geriet. »Da sind Sie schief gewickelt!« rief dieser eifrig, »Es ist bei den Hasen wie bei den Menschen, es gibt dumme und gescheite. Ich hab' einmal einem Hasen zugesehen, dem die Hunde über eine Stunde lang vergebens zugesetzt hatten. Als es ihm entleidet war, trieb er einen andern Hasen auf, legte sich in dessen Lager und sah pomadig zu, wie die Hunde, ohne die Verwechslung zu merken, diesen seinen Einsteher jagten und am Ende faßten.« »Das wäre!« rief Wilhelm. Eduard, der sich jetzt ganz auf seinem Felde fühlte, fuhr fort, die erstaunlichsten Geschichten aus dem Tierleben zu erzählen. Nachdem er gar von einem Hasen berichtet, der dem verfolgenden Hunde endlich ins Gesicht gesprungen sei, so daß dieser vor Schrecken Reißaus genommen habe, ging er auf den Specht über und erzählte, wie dieser Baumhacker ihn einmal, da er denselben mit der Flinte gefehlt, unter einem wahrhaft höllischen Hohngeschrei von Baum zu Baum bis an den Ausgang des Waldes begleitet habe, ohne sich durch das mehrmals nach ihm gerichtete Gewehr aus der Fassung bringen zu lassen, weil er wohl gewußt, daß kein Schuß mehr im Laufe sei. Dann erzählte er von den Raben, sie seien zwar sehr abgeführte Patrone, die auf sich zielen lassen, ohne sich zu rühren, bis sie den Finger am Drücker in Bewegung sehen; dann fliegen sie, eben noch im letzten Augenblick weg, den Schützen seinem Ärger überlassend. Nur zählen können sie nicht. Er belegte dies mit der Geschichte eines seiner Vertrauten, eines Wilderers, der den Raben in einem Versteck am Walde manchen Tag vergebens aufgelauert hatte. Sie hatten ihn mit dem Gewehr in seine Hütte gehen sehen und kamen nicht auf Schußweite heran. Zuletzt verfiel er darauf, einen andern, der gleichfalls ein Gewehr tragen mußte, in seine Hütte mitzunehmen und nach einiger Zeit wieder fortzuschicken. Nun glaubten die Raben, die den Mann mit der Flinte hatten fortgehen sehen, das Feld sei rein, und ließen sich seitdem nach Bequemlichkeit schießen, so oft dieser Kunstgriff angewendet wurde. Auch wurden sie nicht durch Schaden klug, daß sie hätten zwei zählen gelernt. »Da wär's ihnen wohl schwer geworden, die Dauer des Dreißigjährigen Krieges anzugeben,« bemerkte Wilhelm verbindlich. Eduard, nachdem er diese Höflichkeit mit einem dankbaren Lächeln erwidert, fuhr unermüdlich in seinen Geschichten fort. Er flunkerte zwar ein wenig. Er behauptete, er habe ein Eichhörnchen auf einem großen Schilfblatt über eine zum Überspringen zu breite Stelle eines Waldbaches schiffen sehen, wobei es seinen Schwanz als Segel aufgespannt, um den Wind zu fangen, und mit einem Fuße gerudert habe. Er erzählte ein wundervolles Beispiel von der Schlauheit eines Frosches, der, als eine Gans ihn habe fressen wollen, das Gegenteil von der bekannten Mechanik des Ulmer Spatzen angewendet habe. Dieser trug bekanntlich den Strohhalm im Schnabel den langen Weg durch das Tor, um den Bauleuten zu zeigen, wie sie es angreifen müssen, um den Balken hindurchzubringen. Der Frosch aber habe in seiner Gefahr und Todesnot geschwind ein Stecklein aufgerafft, dasselbe quer im Maul gehalten und so fest darauf gebissen, daß die Gans nicht imstande gewesen sei, ihren Verschlingungsversuch zu vollenden. Nun wissen jedoch die Naturforscher, daß die Gänse grundsätzlich keine Frösche fressen, folglich sie auch nicht zu Erfindungen in der Mechanik veranlassen. Die Überfahrt des Eichhörnchens sodann mochte wohl auch billig zu den vielen fabelhaften Seeabenteuern, woran die Geschichte der Schiffahrt so reich ist, gerechnet werden. Wilhelm jedoch war kein Naturkundiger und erfreute sich der Mitteilungen seines Freundes ohne alle Kritik. Eduard erzählte, nicht eben was der Wald sich erzählt, aber doch, was im Walde vorgeht. Er kannte alle Kräuter, Halme, Sträucher, Stauden und Bäume, und letztere nicht bloß von der Wurzel bis zum Gipfel, sondern auch in ihren wohnlichen Beziehungen und Verhältnissen, sofern es nämlich keinen Baum gab, den er nicht erklettert hatte, um in die Vogelnester zu gucken. Von jedem Vogel wußte er zu sagen, wie viele und welcherlei Farbe Eier er lege, und wie er sein Nest baue, bis auf jenen Sonderling, der kein eigen Haus hat, sondern sich, auf fremde Unkosten jedoch und ohne Hauszins zu bezahlen, in der Miete behilft. »Ist es denn wahr,« fragte Wilhelm hastig dazwischen, »daß dieser undankbare Kostgänger seine eigene Pflegemutter frißt?« – Diese Frage enthielt ungefähr alles, was er aus der Naturgeschichte wußte. »In der Geschwindigkeit mag's ihm mitunter passieren, absichtlich tut er's nicht,« belehrte ihn Eduard. »Es gibt nichts Heißhungrigeres, als einen jungen Kuckuck, und wenn die Grasmücke, oder wer ihn just in Kost genommen hat, ihm beim Ätzen den Schnabel und Kopf etwas zu tief in seinen weiten Rachen steckt, so ist er wohl kapabel, aus Freßgier das mütterliche Haupt mitzuschlucken, aber, wie gesagt, nur im unüberlegten Eifer und Geschäfte halber an nichts denkend.« Am ausführlichsten erzählte er von dem Staatsleben der Ameisen in Wald und Feld. Er beschrieb, mit welcher Aufopferung sie für die Zivilliste ihres königlichen Hauses sorgen, wie uneigennützig jeder einzelne für die Gesamtheit arbeite, wie tapfer jeder Soldat den Staat verteidige. Er konnte kaum aufhören, den industriellen Ehrgeiz dieser kleinen Arbeiter zu schildern, wie sie Lasten schleppen, die im Verhältnis zu ihrem Körper alles übertreffen, was der zweibeinige Lastträger sich auflade; wie sie sechsmal darunter zusammenbrechen und immer wieder von neuem angreifen, bis endlich andere dem erliegenden Arbeitsgenossen zu Hilfe kommen; wie der einzelne, wenn er kein eßbares Körnlein gefunden habe, wenigstens ein trockenes Blättchen oder ein Stückchen dürre Erde zum Boden der Speisekammer herbeischleppe, weil er sich schämen würde, mit leeren Händen heim zu kommen. Zu geschweigen von ihrem Witterungssinn, der sie lehre, ihren gemeinschaftlichen Vorrat, den sie bei gutem Wetter täglich zum Trocknen in die Sonne heraustragen, vor einem Regen stets so sicher ins Nest zurückzubringen, wie jene Reichsbürger ihre Spritzen immer acht Tage vor einer Feuersbrunst probierten, – hatte er einst einen Zug von Klugheit an ihnen belauscht, der seinen Zuhörer, unter Mitwirkung der dritten Flasche, bei welcher sie angelangt waren, bis zu Tränen rührte. Eine Ameisenrepublik war nämlich einmal auf den Einfall gekommen, ihr Korn zu monden, statt es zu sonnen. Als er sich nach der Ursache dieser seltsamen Maßregel umsah, entdeckte er, daß sich den Tag über Tauben in der Nähe aufhielten, welche den Körnerfrüchten gleichfalls nicht abhold sind. Er verjagte sie, und sobald die plagiarischen Vögel entfernt waren, brachten die Ameisen ihren Vorrat wieder bei Tage auf den Trockenplatz. Dürfen wir uns hier nebenbei eine Bemerkung erlauben, so meinen wir die letztere Beobachtung um so mehr für anerkennenswert erklären zu sollen, da die Lehre, daß auch der Mond einen gelinden Grad von Wärme entwickle, damals in der Naturwissenschaft noch wenig vertreten war. Dem sei indessen, wie ihm wolle – Wilhelms lateinische Seele, die ihre bisherige Knospenzeit über Büchern und Vokabeln verlebt hatte, sog die ungewohnten Naturtöne durstig ein. Der so günstig situierte Nutznießer dieser Seele ahnte heut zum erstenmal, daß ein voller Schulsack den Menschen nicht völlig ausfülle, auf die Dauer glücklich mache und vor allen Anfechtungen des Lebens bewahre. Es überkam ihn wie eine Erleuchtung, daß er neben diesem Auswürfling der werdenden gelehrten Welt nur etwas Halbes sei, daß, wenn er ihm allerdings auch mit einer schönen Dosis Grammatik auf die Beine helfen konnte, derselbe doch andererseits hinwiederum ihn selbst gar wesentlich ergänzen würde. » Animae dimidium meae ,« rief er in plötzlicher Begeisterung, »wir müssen notwendig smollieren!« Nachdem Eduard sich diese Ausdrücke hatte verdolmetschen lassen, erklärte er, daß er dabei sei, und die beiden Söhne tranken in so kunstgerechten Formen Brüderschaft, wie die Väter sie vorhin getrunken hatten. Es gehörte zu Wilhelms humanistischer Bildung, die Formen des Smollismus und Fiducit los zu haben. »Bruderherz,« begann er, nachdem die feierliche Pause auf diesen erhabenen Akt verstrichen war, »es ist doch teufelmäßig schade, daß du durchfallen wirst. »Sieh, wir beide, wenn wir in ein Individuum zusammengeschmolzen wären, oder wenn wir wenigstens miteinander unseren Lauf durch die Klöster machen könnten, wir wollten es mit der ganzen Welt aufnehmen. Was sagt Don Carlos? ›Arm in Arm mit dir, so fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken!‹« »Ja, das ist nun nicht anders zu machen,« versetzte Eduard. »Was hast du denn jetzt vor?« fragte Wilhelm. Eduard blickte sinnend in das fallende Laub der Bäume. »An die tausend Ohrfeigen,« begann er nach einer Weile, »hab' ich von meinem Alten nach und nach eingenommen. Ich führe strenge Rechnung darüber. Wenn das Tausend vollends voll ist – weit ist's nicht mehr davon, und da er nach dem Ausgang des Examens nicht weiß, was er mit mir anfangen soll, so wird er's bald dahin gebracht haben – dann warte ich die tausend und erste nicht ab, sondern gehe zum Teufel.« »Was? du wirst doch nicht per brennen wollen!« rief Wilhelm erschrocken. »Was heißt das?« fragte Eduard. »Nun, eben das, was du gesagt hast: durch die Latten gehen. Was wolltest du denn in der Welt anfange», allein und ohne Hilfe?« »Das ist meine geringste Sorge. Ich freue mich schon darauf, dir einmal meine Abenteuer zu erzählen.« Immer höher sah Wilhelm an diesem jungen Menschen empor, aus dessen Selbstvertrauen schon ein fertiger Mannescharakter sprechen zu wollen schien, neben welchem er selbst, in seiner festgesetzten, vorsorgenden, leitenden Laufbahn, sich fast wie das Kindlein in der Wiege vorkam. Es war ihm, dem Sohne des Glücks, als ob er in diesem seinem Widerspiel vielmehr eine Stütze und einen Stab gefunden hätte, den er nimmermehr von der Hand lassen sollte. »Werden wir uns denn jemals wiedersehen?« fragte er wehmütig. »Gewiß!« antwortete Eduard. »Wir wollen ein Losungswort verabreden, an dem wir einander wieder erkennen, wenn auch die Jahre uns noch so sehr verändert haben sollten. Wiewohl,« setzte er lachend hinzu, »meine Figur wird sich immer gleich bleiben, und ein Steckbrief, den man mir heut schriebe, würde noch nach zwanzig Jahren seine gute Wirkung tun.« »Gib die Parole,« sagte Wilhelm. »Gib du sie,« entgegnete Eduard. »Du weißt mehr als ich.« Wilhelm dachte eine Weile nach. »Biribinker !« sagte er endlich. »Was ist das für ein Tier?« fragte Eduard. Wilhelm hatte kürzlich, zur Erholung zwischen seinen Vorbereitungen auf das Examen, den Don Sylvio von Rosalva gelesen, worin die Geschichte des Prinzen jenes Namens eingeflochten ist. Er erzählte sie, und die beiden Knaben lachten mit unbefangener Ausgelassenheit über die verfänglichen, mutwilligen Einfälle, welche die ›zierliche Jungfrau von Weimar‹ in jenem Feenmärchen zum besten gibt. »Gut!« rief Eduard. »Biribinker soll unsere Losung sein.« Sie stießen darauf an und versicherten einander unter begeisterten Schwüren eines ewigen, unauslöschlichen Andenkens. Dann begaben sie sich in die an den Garten stoßenden Wirtschaftszimmer, in die sich die Gesellschaft bei der zunehmenden Kühle des Abends schon längst zurückgezogen hatte. Die übrige Jugend war nach Hause oder in ihre Gastquartiere entlassen worden. Die beiden Knaben setzten sich hinter den Ofen, um im Trocknen mit anzuhören, was von den Erwachsenen inter pocula gesprochen wurde, und des Aufbruchs ihrer Väter zu harren. Hier hatte sich der anfangs heitere Horizont nach und nach getrübt. Dem Pfarrer von Y...burg war das stehende Lächeln, das ihm die Gesellschaft entgegenhielt, allmählich mehr und mehr aufgefallen, und das um so unangenehmer, als es, bei einzelnen Mitgliedern wenigstens, mit einem stillen Mitleid tingiert erschien. Er fragte seinen Freund von A...berg mit großer Schärfe in Blick und Ton, was das sonderbare Benehmen der Leute bedeuten solle. Dieser befand sich in peinlicher Verlegenheit. Er wußte nicht, ob Eduard seinem Vater gestanden hatte, was ihm im heutigen Examen begegnet war; indessen hatte er allen Grund zu glauben, daß dies nicht geschehen sei, denn wie hätte der Pfarrer von Y...burg sonst so ruhig und selbstbewußt auftreten können? Daß aber die Geschichte mit dem brennenden Busch bereits zum Stadtgespräche geworden war, daß sämtliche Anwesende darum wußten – ihm das zu sagen, war vollends die reine Unmöglichkeit. Er gab daher vor, es sei hierorts eben einmal die Art, dem Fremden ein solches Gesicht zu machen; dasselbe bedeute eine gewisse Leutseligkeit, mit großstädtischem Selbstgefühl gepaart, jedoch nicht ganz ohne Verlegenheit, eine Mischung also, für die es keinen anderen Ausdruck gebe, als diese stehende Form. Der Pfarrer von Y...burg brummte dagegen, diese Form komme ihm ziemlich blödsinnig vor. Er sagte es zwar nur halblaut, aber doch mit so viel Nachdruck, daß seine Worte reichlich in ein halbes Dutzend Ohren fielen. Das Lächeln nahm alsbald von mehreren Seiten einen spitzeren Charakter an, wodurch seine Gereiztheit nur noch stieg. Er glaubte dem Freunde nicht, sondern fühlte sich als das Stichblatt einer stillen Geringschätzung, die nach seinem Dafürhalten wohl nur daher kommen konnte, daß er vom Lande, unbekannt und nicht in den besten Umständen war. In seinem menschenfeindlichen Herzen begann die Rache zu kochen. Er hatte in den paar Tagen seines Hierseins von seiner Wirtin, die er häufig vor der Türe seiner Spelunke mit Nachbarinnen und Mägden schwatzen hörte, unwillkürlich einen stattlichen Vorrat Beiträge zur Skandalchronik der Stadt und des Landes aufgeladen. Von diesen machte er jetzt zu seiner Genugtuung Gebrauch, indem er bei der ersten Gelegenheit ein Kreuzfeuer von Streifschüssen, Anspielungen und Hühneraugentritten eröffnete, welche um so furchtbarer wirkten, als ein Mann, der in seiner Einsiedelei so vieles aus der Welt erfahren zu haben schien, für noch weit allwissender gehalten werden mußte, als er in Wirklichkeit war. Es dauerte denn auch nur kurze Zeit, so war der dunkelgesichtige Pfarrer von Y... burg der gefürchtetste Gast am Tische; denn wer auch für sich selbst keine Hühneraugen hat, der ist doch häufig mit näheren oder ferneren Angehörigen begabt, so welche haben. Die spöttischen Mienen verschwanden, aber dafür tauchten Blicke des Hasses auf, die den armen Pfarrer von A ...berg auf glühende Kohlen setzten und jeden Augenblick eine gefährliche Katastrophe besorgen ließen. Da stürzten zu seiner großen Erleichterung ein paar Nachzügler mit einer politischen Neuigkeit in die Versammlung. »Wißt ihr's noch nicht?« liefen sie. »Soeben ist die Nachricht beim österreichischen Gesandten angekommen. Der Miaulis hat den Kapudan Pascha wieder einmal in die Luft geblasen, zum zweitenmal in einem Jahr!« Die ganze Gesellschaft sprang auf. »Hurra!« »Ein Teufelskerl, der Miaulis!« »Kapudan hoch!« »Ei, ei!« bemerkte ein bedächtiger alter Kanzleibeamter, »wenn der jetzt zweimal aufgefahren ist, so wird er wohl das Fliegen besser gelernt haben als der Schneider von Ulm.« Alles lachte, und man belehrte ihn, sich in die Luft sprengen zu lassen, sei eine Verrichtung, die den ganzen Mann in Anspruch nehme, oder, wie ein Buchhändler hinzufügte, bei einer Auflage von fraglichem Feuerwerk werde jeweils auch eine Auflage von Kapudan Pascha verbraucht. »Also da capo !« rief der Kanzleirat. » Vivat sequens !« rief ein junger Vikar, der frisch von der Universität herkam. »Und mögen alle die Pumphosen bis zum Großtürken hinauf hinter ihm drein fahren!« »Und der Metternich –« Ein junger Aktuarius hatte diesen Ausruf begonnen, konnte ihn aber nicht vollenden, denn ein vorsichtiger Finanzbeamter schnitt die Fortsetzung ab mit der Frage: »Was macht denn der Alexander Ypsilanti?« Und als ihm geantwortet wurde, der sitze immer noch, wandte er sich an einen pensionierten Steuerbeamten, der sich nebenher mit Poesie beschäftigte, und forderte ihn auf, diesem Patrioten ein Musenopfer zu bringen. »In meiner nächsten Muselstunde soll's geschehen!« beteuerte der Aufgeforderte mit geschmeicheltem Lächeln. Eine Bewegung unterdrückter Heiterkeit lief über den Tisch. Um dieselbe unmerkbarer zu machen, rief einer: »Es ist doch schändlich von den Österreichern, den griechischen Helden so mir nichts, dir nichts einzustecken!« »An England wär's, ihnen das zu verbieten!« rief ein anderer. »England soll seine Schuldigkeit tun!« »Nein, Rußland!« rief ein dritter. »Der Kaiser von Rußland ist ja der Griechen nächster Glaubensgenosse.« Über diesen Artikel erhob sich eine lebhafte Diskussion welche, da jeder nur auf sich selbst hörte, zu keinem Resultate zu führen versprach, bis der Pfarrer von Y... burg eine augenblickliche Pause des Atemholens benützte, um tückisch zu bemerken: »Ehe wir beraten, welche von diesen beiden auswärtigen Mächten wir dazu anhalten sollen, ihre Pflicht zu tun, möchte es vielleicht geratener sein, vorher anzufragen, welche von beiden am geneigtesten sei, unserem Ansinnen nachzukommen.« Diese Äußerung machte, wie begreiflich, einen unangenehmen Eindruck, und sämtliche Debattanten wollten sich gegen den gemeinsamen Widersacher vereinigen, als der Pfarrer von A...berg mit hochgehobenem Glase dazwischensprang, um die Traufe von dem Herausforderer des Schicksals abzulenken. »Die edlen Griechen sollen leben!« rief er mit dem ganzen Aufwand seiner etwas öligen Stimme, »Der Miaulis und seine Heldentat! Hoch, und abermals hoch, und zum drittenmal hoch!« Mit begeistertem Zuruf und Gläserklang stimmte alles in seinen Toast. Als er aber mit dem Glase an den Pfarrer von Y ... burg kam, zog dieser das seinige zurück, blieb sitzen und schüttelte spöttisch, lachend den Kopf. »Was?« rief der Pfarrer von A... berg bestürzt: »Du willst nicht auf die Griechen anstoßen?« Ein Gemurmel der Entrüstung erhob sich in der Gesellschaft. »Sie halten's also mit den Türken?« fragte einer geringschätzig. »Ich bin kein Politiker,« antwortete der Pfarrer von Y...burg. »Was geht der Türk' mich an –« »Das ist aus dem Wallenstein!« bemerkte ein Referendarius halblaut dazwischen, und einige lachten. »Aber muß ich deshalb die Partei der Griechen nehmen?« fuhr der Pfarrer von Y...burg fort. »Der Deutsche freilich hält's mit jedem Volk, das für ihn die Kastanien aus dem Feuer holt und eine Revolution macht. Warum immer nur andere vorschieben?« »Wollen Sie damit sagen, der Deutsche solle selbst eine Revolution machen?« fragte ein Justizbeamter mit strengem Ton, indem er ihn mißtrauisch ansah. »Nein,« entgegnete der Pfarrer von Y...burg, »ich glaube, er hat kein Genie dazu.« »Seien Sie außer Sorgen!« rief ein anderer. »Der Herr Pfarrer erlaubt ja nicht einmal den Griechen gegen die Türken aufzustehen.« »Gegen die Bluthunde!« rief alles zusammen. »Volkskriege,« bemerkte der Pfarrer von Y...burg, »werden nicht mit Samthandschuhen geführt, auf einer Seite so wenig wie auf der andern.« »Aber auf der einen Seite sind's doch Christen!« rief man ihm zu. Er blickte seine anwesenden Kollegen skeptisch an. »Ich weiß nicht, wie weit wir diese Schismatiker als Christen anerkennen dürfen,« warf er hin. »Übrigens,« setzte er gegen die weltlichen Mitglieder der Gesellschaft hinzu, »verbietet das Christentum alle und jede Revolution und gebietet noch obendrein, auch die Nichtchristen als Menschen gelten zu lassen.« »Die wackern Perser, ja! Es leben die Perser!« »Weil sie diesmal die Türken angegriffen haben,« erwiderte er. »Ein andermal geht's vielleicht umgekehrt, dann lassen wir die edeln Türken gegen die Hunde von Persern oder dergleichen hoch leben.« Die Wendung, die das Gespräch nahm, wurde immer verdrießlicher. Ein allgemeiner Sturm stand bevor. Der Pfarrer von A...berg fühlte sich daher von der menschenfreundlichen Absicht beseelt, sich selbst seinem Freunde als Hauptopponent gegenüber zu stellen und auf diese Weise den Streit womöglich in ein friedlicheres Fahrwasser einzuleiten. »Aber warum willst du denn nicht wenigstens auf den Miaulis mit mir anstoßen?« fragte er wehmütig. »Du wirst doch anerkennen müssen, daß es eine hohe und edle Tat von ihm war.« »Ich kenne den Mann nicht persönlich,« antwortete der Unverbesserliche mit einer Trockenheit, die jedes edlere Gemüt zur Verzweiflung bringen mußte. »Kann also den inneren Wert seiner allerdings heroischen Mordbrennerei nicht beurteilen.« »Mordbrennerei!« rief alles mit einem Schrei der Empörung. »An und für sich ist's nichts anderes,« behauptete er. »Und obendrein am Admiral seines bis jetzt rechtmäßigen Fürsten begangen! Freilich pflegt man das Mittel nach dem Zweck zu beurteilen, und wieder den Zweck nach dem Mittel, je nachdem es gerade bequem ist.« »Das ist kasuistisch gesprochen!« bemerkte der Justizbeamte, der vorhin auf Miaulis mit angestoßen hatte und nun von der Ahnung eines logischen Witterungsumschlags beunruhigt sein mochte. »Die Kasuistik ist nicht in mir, sie ist in den Köpfen der Leute,« entgegnete der Pfarrer von Y...burg. »Wo die Revolution für geheiligt gilt, da wird der Krieg als gerecht, die Brandstiftung als erlaubt, der Meuchelmord als gottgefällig angesehen: wo nicht, da verschreit man die unschuldigste Requisition als gemeinen Raub und Diebstahl. Was dem einen recht ist, muß dem andern billig sein. Haben wir da anerkannt, daß eine revolutionäre Tat mit Recht begangen worden sei, so müssen wir dort auf's allermindeste zugeben, daß sie wenigstens in gutem Glauben begangen worden ist, denn die Entscheidung über das wahre Recht steht uns nicht zu. Wohin führt aber das? Dürfen wir bei solchen Grundsätzen« – fügte er mit erhobener Stimme hinzu – »wenn zum Beispiel ein solcher Patriot, zufällig kein griechischer, dem Feinde seines Volkes, oder wen er just dafür hält, den Dolch bona fide für Freiheit und Vaterland in die Brust stößt, dürfen wir ihn in den Köpfstuhl des ordinären Mörders setzen?« Er hatte die letzten Worte gegen den Justizmann gerichtet, dem er ohnehin seine Interpellation von vorhin nachtrug, und blickte nun triumphierend um sich her. Diese ebenso behutsame als malitiöse Nutzanwendung brachte ein peinliches Stillschweigen hervor. Der Schatten einer verhängnisvollen Tat, die eben in der frischesten Wirkung stand, schwebte drückend über der Gesellschaft, und keiner konnte etwas sagen, ohne sich nach der einen oder andern Seite hin zu kompromittieren. Allein gerade das hatte der Menschenfeind beabsichtigt. Ein gesinnungsloser Widersacher der edlen Griechenbegeisterung – sei es nun aus Zerwürfnis mit den klassischen Studien, sei es, weil diese Begeisterung denen, die sie ausübten, nicht so gefährlich war, wie seine Mißgunst wünschen mochte, sei es aus purer Bosheit überhaupt – hatte er künstlich, ja man darf wohl sagen gewaltsam, auf die Frage vom politischen Meuchelmorde zu laviert, nur um die Gesellschaft durch schadenfrohe Konsequenzenzieherei in Verlegenheit zu bringen. Der Pfarrer von A...berg fühlte, daß der Moment den Versuch einer abermaligen Diversion gebiete. »Du bist vielleicht doch etwas zu streng gegen den Meuchelmord,« hob er sanftmütig an. »Nach deiner Theorie müßte auch die Tat des Tell verdammt werden, und doch stellt man sie auf dem Theater dar.« »Zu meinem Glück habe ich mit der Theaterzensur nichts zu schaffen,« erwiderte der Pfarrer von Y...burg, »und kann nur so viel sagen, daß mich Tell durch seine Disputation mit Parricida nicht völlig über die moralische Berechtigung seines Geßlerschusses aufgeklärt hat.« Die Gesellschaft atmete leichter und ging auf eine lebhafte Erörterung des neuen Themas ein, wobei sich die meisten Stimmen dahin vereinigten, daß allerdings zwischen diesen beiden Mordtaten ein meilenweiter Unterschied stattfinde, indem ja Geßler nicht Tells Vetter gewesen sei, und daß letzterer also von jedem Vorwurfe freigesprochen werden müsse. Der Pfarrer von Y...burg lachte hämisch vor sich hin, was jedoch im Geräusche der allgemeinen Diskussion überhört wurde. Überhaupt schien die Unterhaltung jetzt zu einem leidenschaftsloseren Gange zurückkehren zu wollen, als der Pfarrer von A...berg in seinem unseligen pazifikatorischen Eifer das eben erlöschende Feuer von neuem anschürte, um sich schließlich selbst die Finger daran zu verbrennen. Er hatte sich noch ein zweites historisches Beispiel in den Kopf gesetzt, durch dessen Aufstellung er die Kontroverse vollends recht weit von der Gegenwart und ihren epinösen Fragen hinwegführen zu können hoffte. »Und,« fuhr er daher fort, sobald eine Pause ihm wieder zu reden gestattete, »einen Harmodios, einen Aristogiton, deren Preis wir schon in der Schule fangen, willst du auch sie als Meuchelmörder brandmarken?« »Daß man in unsern Schulen den Meuchelmord predigt, hat in der Tat etwas Komisches,« bemerkte der Pfarrer von Y...burg mit sardonischem Lachen. »Indessen bin ich auch hier weder Angreifer noch Verteidiger, sondern bleibe auf dem Standpunkt, den ich von Anfang eingehalten habe. Die Sache selbst ist mir gleichgültig, ich frage einfach bloß nach der Konsequenz. Bekanntlich war Hipparch – auch Hippias bis zu jenem Unglückstage seines Hauses – ein so liberaler, ja ein liberalerer Fürst, als irgend ein heutiger. Wenn man nun irgendwo in der Welt, um die Republik einzuführen, einen liberalen Fürsten via Meuchelmord aus dem Wege räumen durfte oder darf–« »Halt!« rief der Pfarrer von A...berg, »das waren ganz andere Verhältnisse!« »Nein, nein!« unterbrach ihn der konservative Jurist, der sich selbst vielleicht in dem entfernten Verdacht haben mochte, vor Zeiten einmal für jene beiden athenischen Meuchelmörder und Märtyrer geschwärmt zu haben, und der die Gelegenheit zu einer gründlichen Disziplinierung seiner eigenen Ansichten ergreifen wollte. »Nein, gewiß wäre Athen unter den Pisistratiden viel glücklicher gewesen als unter der Republik, die mit der Zeit einen Gerber Kleon und derlei Halunken gebar.« Nun war es, als ob an einem Wehr die Floßgasse geöffnet wäre und die Fluten donnernd übereinander stürzten, so heftig brach in der Gesellschaft der Streit über die zujüngst aufgeworfene Frage aus. Da jedoch die meisten künftige konstitutionelle Monarchisten waren, so ereignete sich der sonderbare Umstand, daß Harmodios und Aristogiton, die armen Jungen, einst die Sterne der Jugend, jetzt aus politischen Rücksichten per majora , verurteilt wurden. Die Minderzahl, vielleicht aus embryonischen Ultras bestehend, gab sich alle Mühe, sie zu retten, und bot daher die ganze Kraft der Stimmen auf; allein dieses Vorbild wurde sogleich von der Mehrheit nachgeahmt, und so war bald vor lauter Hören gar nichts mehr zu vernehmen. Damals ruhte noch im Schöße der Zukunft die Wirksamkeit jenes berühmten rheinischen Kammerpräsidenten, der mit dem durchschlagenden Worte, das er in die Stürme der parlamentarischen Debatte schleuderte: »Meine Herren, es kann nur einer zugleich sprechen!« bekanntlich seither allem und jedem Geschrei in Süddeutschland ein Ende gemacht hat. Mitten in diesem allgemeinen Chaos und wilden. Durcheinanderwogen der Elemente ereignete sich jedoch auf einmal ein höchst unerwartetes, wahrhaft seltsames Schauspiel. Die beiden Pfarrer von A... berg und Y... burg hatten sich während der allgemeinen Schlacht in einen Einzelkampf miteinander verwickelt, wobei auf selten des letzteren neben dem Mißbehagen über die heutige Umgebung und ihren Lärm das schon von Hause mitgebrachte fatale Temperament, auf seiten des ersteren aber das Gefühl, daß durch eine so verbissene Opposition gegen alle hellenische Herrlichkeit alter und neuer Zeiten jegliches Maß des Unbilligen überschritten sei, sowie bei beiden der nicht ganz überwundene antipathische Eindruck des ersten Anblicks, gleichmäßig mitgewirkt haben mag. Was eigentlich Gang und Wendung ihres in dem allgemeinen Geräusche unhörbar gebliebenen Streites gewesen, ist niemals enträtselt worden, da der Pfarrer von A...berg es nachher selbst nicht mehr wußte und der Pfarrer von Y...burg, vielleicht aus dem gleichen Grunde, ein tiefes Stillschweigen darüber beobachtete. Gewiß ist, daß beide in ziemlicher Verwirrung und so zu sagen Auflösung aus dem Kampfe hervorgingen, gewiß aber auch, daß derselbe mit großer Erbitterung geführt worden sein mußte. So bezeugte später ein wohlwollender Rechnungsbeamter, der ihnen vergebens zugesprochen hatte, weder um der neuen noch alten Griechen willen Händel anzufangen, sondern sich als gute gemütliche Deutsche miteinander zu vertragen. Ein Protokoll ihres Wortwechsels konnte aber auch er nicht eröffnen; es war im Bier untergegangen. Als die Gesellschaft endlich Auge und Ohr dem überraschenden Zwischenfall zuwendete, nahm sie nur noch das letzte traurige Stadium und den beklagenswerten Ausgang des Kampfes wahr. Der Pfarrer von A.,.berg war fast blaurot vor Aufregung geworden, und seine Haare schienen nicht abgeneigt, sich zu sträuben. Der Pfarrer von Y...burg sah kälter aus, aber in seinen Augen brannte ein giftiges Feuer, daher das Schlagwort, das man jetzt leider aus dem sonst freundlichsten, leutseligsten Menschenmunde explodieren hörte, gleichwohl nicht ganz unbegründet war. »Giftmichel!« schrie ihn nämlich der Pfarrer von A...berg an. »Strohkopf!« gab der Pfarrer von Y...burg zurück. Der Pfarrer von A...berg holte Atem. »Metternichianer!« donnerte er dann. »Meuchelmörder!« warf ihm der Pfarrer von Y...burg ins Gesicht. Erstarrt über diese Donnerschläge aus blauem Himmel, saß die Gesellschaft sprachlos da. Der Pfarrer von A...berg, gleichfalls sprachlos über eine so ganz unerträgliche, mit geistlichen Waffen nicht abzuwehrende Beschuldigung, machte, obwohl nur sehr von weitem, eine etwas kriegerische Bewegung nach einer leeren Flasche, wurde jedoch von seinem Nachbar gehalten, welchen Freundschaftsdienst er ihm mit einem stummen, aber innigen Dankesblick vergalt. Hieran konnte jeder Billigdenkende ermessen, daß der sanfte Mann, selbst in der höchsten und gerechtesten Wut, mehr nicht als eine bloße Demonstration beabsichtigt hatte. Allein der Pfarrer von Y...burg nahm Glas und Flasche, um von ihm auszuwandern. »Ich will weder auf moderne, noch auf antike Art gemeuchelmordet werden,« sagte er hämisch und setzte sich mit eisiger Ruhe an eine andere Seite des Tisches. Die beiden Knaben hinter dem Ofen drückten einander die Hände, zum Zeichen, daß sie keinen Teil haben wollten an dem blutigen Haß der Häuser Friedland, Piccolomini. Die Gesellschaft war in stumme Bestürzung versunken. Sie blickte teilnehmend auf den Pfarrer von A...berg. Seine Wut legte sich, und stille Trauer trat an ihre Stelle. Die Tränen rollten ihm in das Bier. Seine Wehmut wurde laut und lauter. Er stieß mit den Freunden an, die ihm übrig geblieben waren, umarmte und küßte sie, tief gerührt, rief, es gebe doch trotz alledem und alledem immer noch gute Menschen in der Welt, und schluchzte unendlich über diese tröstliche Tatsache. Der Pfarrer von Y...burg dagegen saß bocksteif an seinem neuen Platz und trank in finsterem Schweigen ein Glas um das andere. Nur als einmal das vieljährige oberkellnerische Inventarstück des Hauses, der nunmehr längst selig heimgegangene krumme Philipp, einen unverlangten Kalbsbraten vor ihn hinstellte, öffnete er den Mund und hieß ihn einen Esel. Der gute Philipp, welcher sehr taub war, nickte ihm mit freundlichem Grinsen zu, nahm den Braten weg und kam gleich darauf mit einer noch einmal so großen Portion desselben zurück. Er hatte verstanden, der Gast wolle einen größeren , ein Mißhören, das bei der im Süden landüblich gleichen Aussprache von e und ö einem tauben Ohre gar leicht begegnen mag. Dem Pfarrer von Y...burg blieb keine weitere Maßregel, als seinen nagenden Grimm an dem Kalbsbraten auszulassen. Das Schicksal hatte jedoch dafür gesorgt, daß er ihn nicht ungestört aufessen sollte. Die poetische Gerechtigkeit, die er so vielfach herausgefordert, ereilte ihn in dem Augenblick, da er die Rache in der Form, wie er sie vollzog, süß zu finden begann. Ihr Werkzeug war ein kleiner Pfarrer mit spitzigem Gesicht, der neben ihm saß und sich an der Seite des unheimlichen Gastes nicht behaglich fühlte. Entschlossen, ihn für die Attentate, die er diesen Abend auf den Frieden einer vergnüglichen Gesellschaft gemacht, exemplarisch zu bestrafen, wartete er ab, bis sein Opfer einige Bissen verzehrt und den Appetit auf diejenige Stufe gebracht hatte, auf welcher es am wehsten tut, wenn er verdorben wird. »Habe doch recht Bedauern gehabt mit dem Herrn Sohn,« begann er nun gegen ihn. Der Pfarrer von Y...burg ließ den frischen Bissen an der Gabel vor dem Munde schweben und sah den Redner befremdet an. »Ich meine das Mißgeschick, das der Herr Sohn heut im Examen gehabt haben,« fuhr dieser fort, unbarmherzig direkt vorgehend. »Wie so? was denn?« fragte der andere und ließ Messer und Gabel sinken, unseligster Entwicklung gewärtig. »Wie? Sie wissen es noch nicht? merkwürdig!« rief der kleine Pfarrer und erzählte ihm hierauf, was jedermann außer dem unglücklichen Vater wußte. Er erzählte mit einem Genuß, für dessen unerwartete Bescherung er sich selbst in seinem Herzen Dank sagte. Er hatte geglaubt, nur leicht auf ein Hühnerauge tupfen zu können, und nun war ihm die Genugtuung geworden, dieses Hühnerauge dem noch unbewußten Träger weitläufig in seiner ganzen Größe aufdecken zu dürfen. Der Pfarrer von U... burg starrte ihn eine Weile an. Er übersah mit einem Blicke sein ganzes Verhältnis zu der Gesellschaft. Worte nannten es nicht, nicht Pinsel noch Griffel! Weiterhin wurde ihm klar, daß Kalbsbraten für ihn abermals ein nur in der Erinnerung lebender Mythus bleiben müsse. Um nicht mit dem tauben Philipp noch einmal in Konflikt zu kommen, legte er soviel Geld auf den Tisch, als die Zeche nach seiner Rechnung betragen mochte, winkte seinem Sohne, der alsbald an seiner Seite war, wiegte sich ein wenig auf dem Stuhle hin und her, um seine Kräfte zu erproben, stand dann bolzgerade auf, blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, und – weg war er! Auch Eduard war ebenso schnell den nacheilenden Blicken Wilhelms entschwunden. Indessen hatte die poetische Gerechtigkeit ihren Weg auch zu dem kleinen Pfarrer gefunden, durch dessen Bosheit dieser rasche Abgang bewirkt worden war. Er lag mit dem Stuhl am Boden und streckte die Beinchen in die Höhe. Ob der Pfarrer von Y...burg ihn bei seinem kometenartigen Dahinstrahlen unwillkürlich oder absichtlich, zum Entgelt für seine freundnachbarliche Mitteilung, zu Boden gerissen hatte, hierüber konnte man nur Mutmaßungen hegen: daß er es war, der ihn gefällt, das stand außer Zweifel. Nachdem der kleine Pfarrer wieder ajustiert war, erging sich die Gesellschaft in unverhohlenen Mißbilligungsäußerungen über den Abgegangenen, und ganz besonders auch über seine Unart, ohne Gutenacht fortzugehen. Französische Abschiede waren dazumal noch etwas Seltenes. Alles war zuletzt einig, er sei ein verkappter Jesuit. Indessen war und blieb die Stimmung gestört, der schöne Abend verdorben. Vergebens suchte man den Pfarrer von A...berg zu beschwichtigen. So oft er bedachte, daß er, ein so gediegener Mann, der alle Menschen liebte, und alle Menschen ihn, er, der bloße Theoretiker des Meuchelmords, ein praktischer Meuchelmörder sein sollte, so oft wurde er von neuer Rührung übermannt. Aus diesem Grunde hatte auch niemand an einen Vermittlungsversuch gedacht; denn, selbst wenn die allgemeine Abneigung gegen den Beleidiger zu überwinden gewesen wäre, so war die Beleidigung zu schwer, um verziehen, um vergessen werden zu können. Nach verschiedenen, mehr oder minder mißglückten Anstrengungen, dem Beisammensein wieder die frühere ungezwungene Heiterkeit zurückzugeben, glaubte man endlich den Abend beendigen zu müssen, und brach auf. Man fühlte die Unheilbarkeit des Risses, der zwei auf so seltene, wo nicht weit-, doch landhistorische Weise zusammengeführte Herzen für immer wieder auseinandergerissen hatte, man fühlte den Schmerz der Wunde, die in dem besseren dieser beiden Herzen – wer weiß wie lange – nachbluten mußte. Mir selbst, der ich diese Geschichte schreibe, blutet das Herz. Wenn der Leser wüßte, welche Mühe es mich gekostet hat, diese beiden ungleichen Freunde zusammenzubringen, dann würde er mir wohl eine Empfindung der Teilnahme weihen. Nun stehe ich auf den Trümmern meiner mit so vieler Anstrengung unternommenen Arbeit, Öl und Zeit habe ich verloren, und dieses – ist dein Werk, Miaulis! Leser, in dieser Lage gibt es für uns beide nur einen Trost. Sieh hin, dies war der Verlauf und Ausgang einer politischen Unterhaltung im Anfang der zwanziger Jahre. Deutschland im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts! Sieh hin und ermiß das Unermeßliche, ermiß die Riesenentwicklung, die wir seitdem durchgemacht haben. Von deiner politischen Bildung getragen, kannst du sie so gut, vielleicht besser ermessen, als ich selbst, und gerne will ich dir daher über diesen Gegenstand das Wort überlassen. Ein Nachtwächter, der in den abgelegenen Teilen der Stadt eben die Stunde ausrufen wollte, sah zwei lange, magere, steife Wesen an sich vorüberschweben. Das kleinere dieser beiden Wesen ging voraus, das größere kam hintendrein und hielt das kleinere an den Haaren gefaßt, wobei der Führer geächzt, der Gefühlte aber geschwankt haben soll. Der Nachtwächter murmelte: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn,« und rief die Stunde in einem andern Gäßchen. Am Morgen erzählte er jedem, der es hören wollte, von der grauslichen Erscheinung, die er gehabt. Wir aber ahnen, wer diese beiden Gestalten waren. Durch die breite Hauptstraße der Residenz bewegte sich um die gleiche Nachtstunde eine stumme Prozession. Im ersten Gliede wurde ein Schluchzender unter den Armen geführt. Die andern folgten gleichsam als Leidtragende. Der Schluchzende war der Pfarrer von A...berg. Sein Wilhelm ging nebenher und war in großer Not. Die Begleiter trösteten ihn jedoch. »Es sei nur ein, kleiner Zirkumflex,« sagten sie, »der bis morgen früh vorüber sein werde.« Hiermit verzog es sich jedoch bis tief in den Tag hinein, und die Sonne stand schon hoch über den rauchenden Schornsteinen, an deren Fuße die gastfreundlichen Hausfrauen der Hauptstadt von der gehabten Last und Hitze jetzt wieder ausatmen durften, als ein bequemer Wagen Vater und Sohn der Heimat zu durch das östliche Tor entführte. Beide sahen nachdenklich aus. Wo die große Südstraße sich nach Ost und Westen teilt, sah Wilhelm am späten Nachmittage die beiden Ladstöcke auftauchen, die in seines Vaters sowie in seinen eigenen jungen Lebenslauf so bedeutendes Zündkraut eingetrieben hatten. Sie schienen einen Botenwagen, der eben am Horizont verschwand, benutzt zu haben, waren am Fuß einer Anhöhe abgestiegen und schickten sich nun an, einen holprigen Fußweg zur Rechten einzuschlagen, an dessen Spitze ein baufälliger Wegweiser, aus einem kleinen Gebüsch hervortretend, die westliche Richtung nach Y...burg, den Weg zum Käsebraten, bezeichnete. Ehe sie jedoch denselben vollends erreichen konnten, drohte sie schon der schnelle Wagen der in glücklicherer Lebensstellung befindlichen beiden Reisenden einzuholen. Der Hufschlag und das Rollen der Räder bewog den Pfarrer von Y...burg, sich umzusehen. Als er die weiland befreundeten Gestalten erkannte, deren Begegnung ihm bevorstand, warf er aus den zusammengezogenen buschigen Augenbrauen einen wilden Blick auf sie und riß seinen Erzeugten mit sich in das Gebüsch. Wilhelm jedoch, der sich aus dem Wagen beugte, sah im Vorüberfahren, wie die Büsche sich teilten und Eduard den Kopf daraus hervorstreckte. Derselbe drückte die Lippen zusammen und riß sie wieder auseinander, wie man wohl zu tun pflegt, wenn man einen Kuß in die Ferne senden will. Wilhelm aber verstand ihn besser: das Zeichen bedeutete ein B, den Anfangsbuchstaben des Namens, den sie sich zum Losungswort erkoren hatten. Schöne Stunde, wirst du jemals wiederkehren, durch den nie veraltenden Zauber dieses Namens heraufbeschworen? Zugleich aber war Wilhelm noch Augenzeuge eines weiteren Schauspiels geworden. In der Lücke des Gebüsches war eine lange, knöcherne Hand erschienen, die dem armen Eduard eine wohlbemessene Ohrfeige gab. Der Wagen war längst vorbeigerollt, und Wilhelm lehnte schwermütig wieder in seiner Ecke. Er gedachte der arithmetischen Genauigkeit seines Freundes, und bange Ahnungen erfüllten seine treue Seele. Ob sein Vater die Erscheinung gleichfalls gesehen habe, wußte er nicht und hielt es jedenfalls für geratener, mit ihm nichts darüber zu reden. Jetzt bog der Wagen nach Osten auf die kleinere Straße ab, die sich den heimischen Bergen näherte. Der Pfarrer von A...berg hatte sich bis gestern abend unausgesetzt darauf gefreut, auf der Rückreise womöglich das vielbesprochene Felsengesicht zu beaugenscheinigen. Der Moment war jetzt gekommen, die Witterung konnte nicht günstiger sein. Instinktmäßig griff er in die Wagentasche, in welcher sich sein Butzengeiger befand, und holte denselben hervor. Kaum aber hatte er ihn erblickt, als sein Aussehen sich veränderte. Er wurde rot und blaß, ein Schauer überlief ihn, die Erinnerung schien mit tausend Freuden und Qualen in ihm aufzugehen, er steckte das Fernrohr wieder an seinen Ort und legte sich mit einem tiefen Seufzer in die Wagenecke zurück. Er hat das Felsengesicht, die vornehmste Merkwürdigkeit seiner Gegend, in diesem Leben nicht mit Augen gesehen! Er mußte sich mit dem bloßen, ungeformten Material begnügen, das ihm von der künstlerischen Bearbeitung durch die Ferne keinen Begriff gab, und mit einer Beschreibung, an die er nicht denken konnte, ohne daß ihm ein Stich durch das Herz ging. Inzwischen brachte er den ersten Abend, den er wieder im häuslichen Kreise verlebte, so heiter zu, als seine Erschöpfung von der Reise es nur gestatten wollte. Er mußte seiner Frau von dem glücklichen Examen, das Wilhelm gemacht, und von der schmeichelhaften Aufnahme bei den Verwandten in der Residenz so viel erzählen, daß ihm keine Zeit blieb, der Schattenseiten seiner Begebnisse zu gedenken. Am andern Morgen jedoch hatte Wilhelm, der sich bei seinem Vater auf dessen Studierzimmer befand, abermals einen Anblick, der ihm durch die Seele schnitt. Mit dem neuerdings gewohnten neunten Glockenschlage ging der Pfarrer so instinktmäßig wie gestern an die Beschäftigung, die ihm zur andern Natur geworden war. Er schritt zu der Schublade, in welche das Fernrohr von den sorgsam auspackenden Händen der Pfarrerin gleich nach seiner Ankunft wieder zurückgebracht worden war. Behaglich schob er es auseinander und trat zum Fenster. Hier aber, die Richtung vor Augen, in welcher Y...burg lag, erwachte er plötzlich wie aus einem Traume. Sein lachendes Antlitz umwölkte sich, niedergeschlagen ließ er den Tubus sinken, ohne nur einmal hinein gesehen zu haben. Dann schüttelte er den Kopf, schob das Instrument langsam zusammen, legte es wieder in die Schublade und verließ das Zimmer. Der gute Sohn sah ihm traurig nach. Er konnte sich denken, daß der Vater jetzt zur Mutter hinabgehen werde, um sein gepreßtes, getränktes Herz bei ihr auszuleeren. Wilhelm konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich zu vergewissern, wie der Pfarrer von Y...burg in der sonst von beiden Seiten jeden Morgen so sehnlich erwarteten optischen Begrüßungsstunde sich verhalte. Er holte daher das Fernrohr und blickte hinab. Der Pfarrer von Y...burg stand so gleichmütig wie immer an seinem Fenster und sah herauf, als wenn nichts vorgefallen wäre. Bei näherer Rekognoszierung entdeckte Wilhelm jedoch, daß der Wegelagerer an seinem Fernrohr eine sonderbare Vorrichtung angebracht hatte, welche an der einen Seite ein gutes Stück weit über dasselbe herausragte. Wilhelm sah genauer hin und zerbrach sich den Kopf; doch wurde er seiner Sache immer gewisser und konnte zuletzt nicht mehr zweifeln, daß es ein – Scheuleder war. Er hatte Verstand genug, um sich zu sagen, daß niemand im Ernste daran denken könne, einem Fernrohr durch eine Augenklappe die Beschränkung aufzuerlegen, welcher man ein Pferdsauge unterwirft, daß also die angebliche Vorkehrung nichts anderes sei, als ein Werk schwarzer Bosheit und phantastisch abgefeimter Tücke, ein Symbol, durch welches der Unhold den Bewohnern des Pfarrhauses von A...berg insinuieren wolle, daß sie aus dem Fokus seines Blickes ausgeschlossen seien und sich nicht beigehen lassen dürfen, denselben auf sich zu beziehen, mit einem Worte, daß er wieder, wie ehevordem, an ihnen vorüber sehe. Wilhelm war jetzt doppelt froh, daß sein Vater nicht hingeblickt hatte. Dieser Anblick würde ihm vollends das Herz abgedrückt haben. Sehnsuchtsvoll spähte er an allen sichtbaren Teilen des Hauses und seiner Umgebung herum, allein von Eduarden war nichts: wahrzunehmen. Während er noch mit dem Tubus am Fenster stand, trat sein Vater wieder ins Zimmer. »Du kannst ihn behalten, kannst ihn mit ins Kloster nehmen,« sagte er mit weicher Stimme. Wilhelm wußte, daß dem König von Thule jener goldene Becher nicht lieber sein konnte, als seinem Vater dieses Instrument. Er nahm das Geschenk mit unaussprechlicher Wehmut in Empfang, trug jedoch Sorgfalt, es mit guter Art sogleich aus dem Studierzimmer zu entfernen, um den geliebten Vater vor dem teleskopischen Dolchstoße zu bewahren, der ihm von Y...burg aus zugedacht war. Nein, Meuchelmörder du selbst! dir sollte nicht die Genugtuung werden, mit diesem Stoße getroffen zu haben. Wilhelm begrub in seinem Herzen, was er gesehen hatte. Nicht einmal seiner Mutter sagte er etwas davon. Zwischen Morgen und Abend war, wenigstens von Morgen aus, und das seitens des Pfarrers von A...berg unbedingt, der Vorhang für immer gefallen. Er hat diesseits nicht wieder durch seinen Butzengeiger hindurchgeschaut, niemals, niemals, niemals! Die Folgen dieser Entsagung blieben nicht aus. Man hätte ihm ebensogut ein Glied unterbinden können. Er lebte noch ein paar Jährchen fort, wie er gelebt hatte, menschenfreundlich, wohlwollend, heiter; aber in seiner Maschine war ein verborgenes Rädchen gebrochen. Erst litt er an periodischen Augenentzündungen, worin sich die wie durch eine Erkältung zurückgeschlagene Lebhaftigkeit seiner expansiven Augen krankhaft kundgab. Sie waren begleitet von intermittierendem Herzklopfen. Dieses weite Herz krampfte sich oft zusammen, weil ihm in dieser Welt ein Fleck zugeschlossen war, für den es nicht mehr schlagen durfte, wohin es nicht mehr schreiben konnte, woher es keine Briefe mehr empfangen sollte! Der sorgsamsten Pflege und rationellsten Behandlung gelang es zwar, diese Affektionen zu heben, aber das Übel zog sich jetzt tiefer in den Organismus zurück, wo es eine Zeitlang versteckt lauerte, um dann mit einer alle Wissenschaft überflügelnden Heftigkeit hervorzubrechen. Die bewährtesten Ärzte wurden gerufen. Leider konnten sie über die Prognose nicht einig werden. Der eine suchte die Krankheit in der Milz, der andere in der Leber, der dritte fand sie in den Nieren, der vierte im Pankreas. Da der Patient sich im voraus die Sektion verbat, so ist diese Streitfrage ungelöst geblieben, und die Jünger der Divinationskunst haben alle recht behalten. Er erlebte nicht mehr die erste Predigt seines Wilhelms! » Multis ille bonis flebilis occidit !« rief dieser in der Traueranzeige, die er in die große Landeszeitung einrücken ließ. Armer Pfarrer von A...berg, die Stunde ist gekommen, da wir dir Valet sagen müssen. Wir können jedoch nicht von dir scheiden, ohne deinem tragischen Geschick noch eine kurze Betrachtung gewidmet zu haben. Unglückliches Tubusspiel, das dir nie hätte einfallen sollen! Wir meinen nicht das einfach-kindliche Spiel, dem du in deinen glücklicheren Tagen um die achte Morgenstunde obzuliegen pflegtest; denn »hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel«. Nein, wir meinen das Doppelspiel, das dich verleitete, eine lang erprobte Gewohnheit abzudanken und von der achten Stunde zur neunten herabzusteigen, vom Monologe zum Dialoge fortzuschreiten! Hat keine Ahnung dir zugeflüstert, daß ein Tubus nicht die Laterne des Diogenes ist, daß unter den Rosen deiner Entdeckung eine Schlange nisten könnte? Warum aber auch, so muß bei diesem Totengerichte gefragt werden, warum mußtest du dich verführen lassen, deinen Dekan, dem du als deinem Vorgesetzten ernstere Ehrerbietung schuldig warst, zu harcelieren und ihm auf den Zahn des Humors zu fühlen? Denn ohne diesen, mit aller Schonung sei es bemerkt, doch immerhin vielleicht etwas losen Scherz wäre jener Abend nicht so sehr in die Länge gezogen, wäre der folgende Morgen nicht um eine Stunde verkürzt, wäre somit eine weisliche Weltordnung, die zwei so heterogene Individuen, um sie auseinander zu halten, mit der einzigen ihnen gemeinsamen Neigung auf verschiedene Stunden angewiesen hatte, nicht freventlich durchbrochen wurden. Ach, auch einem so reinen Gemüte, wie dem deinigen, war es nicht gegeben, ganz ohne Verschulden durch dieses sündige Leben zu gehen, und »alle Schuld rächt sich auf Erden«. Allein du hast die deine genug, ja mehr als genug gebüßt, und darum sei dir die Erde leicht!