Frederick Marryat Kapitän Marryat Der Pascha 1845 Erstes Kapitel. Wer mit den Sitten und Gebräuchen des Morgenlandes bekannt ist, weiß auch zugleich, daß keine hohe Stellung wandelbarer und gefährlicher für ihren Besitzer ist, als die eines Pascha. Vielleicht bietet nichts einen überzeugenderen Beweis von der großen Geneigtheit, ein derartiges jeweiliges Ansehen über die Nebenmenschen anzunehmen, als die Gier, nach der Bestallung von dem Sultan wieder fortzukommen, da der hohe Herr, wie sich der Neuangestellte aus seinen eigenen Erlebnissen erinnern kann, ganze Schocke seiner Vorfahren mit der seidenen Schnur heimsuchen ließ. Es gewinnt fast den Anschein, als ob der Despot ein Haupt nur umdeßwillen aus der Menge erhebe, damit es seinem Scimetar einen besseren Schwung biete, wenn er es abhauen will – ein eigentümlicher Geschmack, der nur durch den des Königs von Dahomy überboten wird; denn der Sage nach ließ Letzterer mit jeder wiederkehrenden Sonne die Stufen seines Pallastes mit frischabgetrennten Köpfen zieren, wie wir etwa die Dekoration unserer Parterrezimmer zu erneuern pflegen. Ich mache diese Bemerkungen; damit man mich nicht einer falschen Chronologie beschuldige, wenn ich nicht ganz genau das Jahr oder die Monate angebe, in deren Verlauf ein Geschlecht blühte, das, wie die Blume des Cistus, an dem einen Morgen in voller Pracht dastand, am andern aber leblos auf den Boden gestreut war, um einer nachfolgenden Platz zu machen. Wenn von solchen ephemeren Schöpfungen die Rede ist, so wird es zureichen, wenn ich sage: »es war einmal ein Pascha.« Fragt man nun, durch welche Mittel er zu dieser Bezeichnung erhoben wurde? Eine eitle Neugierde. In dieser Welt läßt sich die Erhöhung über Andere nur dadurch erringen, daß man sie auf der Laufbahn der Tugend oder des Lasters weit hinter sich zurückläßt. Je nach den Neigungen der Herrscher werden treue Dienste auf dem einen oder dem anderen Pfade stets Ehrenstellen auf die betreffende Person niederregnen lassen, die durch den Hauch der Könige soweit erhoben wird, um auf ihre früheren Standesgenossen herabschauen zu können. Und da die Welt sich einmal im Kreise dreht, so ist das Warum von geringem Belang. Die Ehrenstellen werden vererbt, nicht aber die guten und schlimmen Thaten oder die Talente, durch welche sie gewonnen wurden. An den Letzteren haben wir nur das Interesse des Lebens, denn das Fideikommiß wird durch den Tod abgeschnitten. Der Adel mit allen seinen Abschaltungen ist so nothwendig für den Zusammenhang der Gesellschaft, wie die verschiedenen Grade zwischen dem General und dem gemeinen Soldaten auf dem Schlachtfelde. Man braucht daher nicht zu fragen, warum dieser oder jener über seine Nebenmenschen erhoben wurde; dagegen mögen wir aber, so oft wir zu Bette gehen, dem Himmel danken, daß wir keine Könige sind. Man erlaube mir die Abschweifung einer Bemerkung. In unsrem Lande gibt es ein Ehrenzeichen, welches ich nie betrachten kann, ohne daß sich ernste Gedanken in meinem Geiste erheben. Ich meine die blutige Hand in dem rechten Wappenschilde eines Baronets, die jetzt allerdings oft genug von solchen getragen wird, welche vielleicht in ihrem ganzen Leben nie ihre Hände im Zorn erhoben. Aber meine Gedanken kehrten zurück zu den Tagen von ehedem – zu den eisernen Tagen der eisernen Männer, als die vorgedachte Devise des Symbol treuen Dienstes im Feld war – als man sie wirklich der in blutgetauchten Hand verlieh; und es fällt mir stets dabei ein, ob diese Hand, welche man auf Erden mit Jubel zur Schau trägt, nicht in der nächsten Welt sich zitternd erheben mag, um sich selbst das Urtheil zu sprechen. Und ich kann, wenn mein Gedächtnis von einem gesetzlichen Mord zum andern wandert, trockenen Fußes über den weiten Raum von fünf und zwanzig Jahren hingehen; aber die »verdammten Flecken« wollen nicht heraus – so stecke ich denn meine Hände in die Taschen und gehe weiter. Das Gewissen gestattet uns – ich weiß nicht soll ich glücklicher- oder unglücklicherweise sagen – politische und religiöse Glaubensbekenntnisse zu bilden, wie sie eben am besten geeignet sind, unsre Sünden zu bemänteln. Mein Gewissen ist militärisch, und ich theile die Ansicht von Bates und Williams, welche in der Zeit Heinrichs V. blühten und sich dahin aussprachen, »es gehöre ganz dem König.« Das heißt, damals war es so: aber jetzt ist unsre Constitution so unverzeihlich vollkommen geworden, daß »der König nicht Unrecht thun kann.« Es wird ihm nicht schwer Minister zu finden, die, weil sie sich freiwillig zum Pfande hergeben für alle seine Handlungen in dieser Welt, wahrscheinlich den Klauen des großen Auspfänders in der nächsten nicht entgehen werden – Thatsachen, aus denen ich folgende Schlüsse ziehe: – Erstens, daß Seine Majestät (Gott segne sie) in den Himmel kommen wird. Zweitens, daß alle Minister Seiner Majestät zum Teufel fahren müssen; »Drittens, daß ich – – – in meiner Geschichte fortfahren will. Da eine Kenntniß der früheren Geschichte unseres Pascha für die Entwickelung unserer Erzählung nothwendig seyn wird, so wollen wir hier den billigen Anforderungen unseres Lesers entsprechen. Er wurde zu dem Berufe eines Barbiers erzogen; da er aber großen persönlichen Muth besaß, so stellte er sich zu Gunsten seines Vorgängers an die Spitze einer Volksbewegung und wurde dafür durch einen bedeutenden Posten in der Armee belohnt. Glücklich im detachirten Dienste, während sein General unglücklich im Felde war, wurde ihm befohlen, seinem Befehlshaber den Kopf abzunehmen und an dessen Statt das Haupt der Truppen zu werden – ein paar Dienstleistungen, die er mit gleicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit ausführte. Es ging ihm Alles gut von Statten, und da der Pascha, sein Vorgänger, sowohl in seiner, als in des Sultans Meinung, ungewöhnlich lange Zeit im Amte blieb, so wußte er durch eine Anklage, welcher er durch tausend Beutel Goldes Nachdruck gab, für seinen Wohlthäter eine seidene Schnur zu erringen. Der Firman des Sultan ernannte ihn zu dem erledigten Paschalick. Seine Befähigungen für das Amt bestanden in lauter Superlativen, er war sehr klein, sehr beleibt, sehr unwissend, sehr jähzornig und sehr einfältig. An dem Morgen nach seinem Amtsantritt befand er sich unter den Händen seines Barbiers, eines schlauen, einsichtsvollen Griechen, Namens Mustapha. Barbiere sind aus vielen Gründen privilegirte Personen. Da sie zu Erringung ihres Lebensunterhaltes von einem Kunden zum anderen laufen, so gewinnen sie auch Unterhaltungsstoff, welcher, so ungebührlich er auch bisweilen seyn mag, doch dazu dient, die Langeweile einer Operation zu kürzen, welche den Gebrauch eines jeden Organes nur nicht den des Ohres ausschließt. Außerdem stehen wir gern in gutem Verhältniße mit einem Manne, in dessen Macht es gegeben ist, uns, so bald es ihm beliebt, die Kehlen abzuschneiden; und schließlich machen die persönliche Freiheiten, welche der vorliegende Beruf mit sich bringt, alles Andere zu einer Kleinigkeit – denn dem Manne, welcher seinen Souverän an der Nase nimmt, kann nicht wohl die Freiheit der Rede verweigert werden. Mustapha war ein Grieche von Geburt, welcher die ganze Klugheit und Gewandtheit seiner Race geerbt hatte. Er war als Sklave für sein Gewerbe gebildet worden, begleitete aber in einem Alter von neunzehn Jahren seinen Gebieter an Bord eines Kauffahrers, der nach Scio bestimmt war. Dieses Schiff wurde von einem Seeräuber genommen, und Demetrius (denn so hieß sein eigentlicher Name) schloß sich dieser Bande von Elenden an, getreulich seine Lehrzeit im Gurgelschneiden durchmachend, bis das Schiff von einer englischen Fregatte gekapert wurde. Da er eine thätige, verständige Person war, so wurde ihm auf seine Bitte erlaubt, unter die Schiffsmannschaft einzutreten; er machte mehrere Gefechte mit und kam, nachdem er drei Jahre gedient hatte, nach England, wo das Schiff abbezahlt wurde. Eine Zeitlang versuchte Demetrius sein Glück zu machen, aber ohne Erfolg, und erst als er fast seinen letzten Schilling aufgezehrt hatte, begann er einen Hausirhandel mit Rhabarberpulver, das er in Schächtelchen verkaufte. Diese Spekulation erwies sich so einträglich, daß er in kurzer Zeit auf ein Schiff gehen konnte, welches nach seiner Heimath Smyrna bestimmt war. Das Fahrzeug wurde von einem französischem Kaper genommen. Man setzte ihn ans Land und ließ ihn, da man ihn nicht als Gefangenen betrachtete, handeln, wie ihm gutdünkte. Nach kurzer Zeit erhielt er die Stelle eines Kammerdieners und Barbiers bei einem »Millionär,« welchen er um einige hundert Napoleons bestahl, worauf er nach seinem eigenen Lande entfloh. Demetrius hatte nun einige Kenntniße von der Welt gewonnen und sah die Nothwendigkeit, ein wahrer Gläubiger zu werden ein, weil er durch einen derartigen Schritt weit mehr Aussicht hatte, es in einem türkischen Lande vorwärts zu bringen. Er wünschte den Patriarchen zu allen Teufeln und griff zu dem Turban und Mahomed. Dann verließ er den Schauplatz seines Abfalles und begann sein Barbiergewerbe in dem Territorium des Paschas, dessen Geneigtheit er sich zu gewinnen gewußt hatte, noch ehe dieser das Paschalick angetreten. »Mustapha,« bemerkte der Pascha, »du weißt, daß ich allen denen, welche ihre Pantoffeln an der Thüre des vormaligen Paschas ließen, die Köpfe stutzte.« »Allah Kebur! Gott ist höchst mächtig! So gehen die Feinde Eurer erhabenen Hoheit zu Grunde. Waren sie nicht die Söhne von Shitan?« versetzte Mustapha. »Sehr wahr: aber Mustapha, die Folge davon ist, daß es mir an einem Vezier fehlt. Welchen fähigen Mann könnte ich wohl zu diesem Posten befördern?« »So lange Eure erhabene Hoheit Pascha ist, muß sogar ein Kind dem Amte gewachsen seyn. Wer könnte straucheln, wenn er durch die nicht irrende Weisheit geleitet wird?« »Ich weiß das recht wohl,« erwiederte der Pascha; »aber wenn ich ihm immer Anweisungen geben sollte, so könnte ich eben so gut selbst Vezier seyn. Und außerdem – wen hätte ich dann, auf den sich die Schuld schieben ließe, wenn die Angelegenheiten schlecht bei dem Sultan gehen? Insch allah! so Gott will, kann der Kopf des Veziers bisweilen meinen eigenen retten.« »Sind wir nicht blose Hunde vor Euch?« versetzte Mustapha. »Glücklich ist der Mann, der durch das Opfer seines eigenen Kopfes den von Eurer erlauchten Hoheit retten kann! Es müßte der stolzeste Tag seines Lebens seyn.« »Jedenfalls wäre es auch der letzte,« entgegnete der Pascha. »Möge Eure durchlauchtigste Hoheit geruhen,« bemerkte Mustapha nach einer Pause – »wenn Euer Sklave so hoch geehrt würde, in Eurer Gegenwart sprechen zu dürfen, so sollte ein Vezier eine Person von großem Takte seyn; er muß die Linie so genau ziehen können, wie ich, wenn ich Euren durchlauchtigen Kopf rasiere – keine Spur eines Haars darf stehen bleiben, während zugleich auch der leichteste Einschnitt in die Haut vermieden werden muß.« »Sehr wahr, Mustapha.« »Er muß ein scharfes Auge haben auf diejenigen, welche mit dem Gouvernement unzufrieden sind, sie auswählen und aus dem Volke entfernen wie ich es mit den wenigen weißen Haaren mir erlaube, welche sich in Euren durchlauchtigen und großartigen Bart mischen.« »Sehr wahr, Mustapha.« »Er muß sorgfältig alle Unreinigkeiten aus dem Staate entfernen, wie ich es diesen Morgen mit Euren durchlauchtigen Ohren gehalten habe.« »Ganz richtig, Mustapha.« »Er muß wohl bekannt seyn mit den geheimen Triebfedern der Bewegungen, etwa so, wie ich es eben bewiesen habe, indem ich Eurer durchlauchtigen Hoheit den Aermel zuerst zupfte.« »Sehr wahr, Mustapha.« »Außerdem sollte er Eurer Hoheit stets dankbar seyn für die ausgezeichnete Ehre, die ihm übertragen wurde.« »Alles dies ist ganz wahr Mustapha; aber wo soll ich einen solchen Mann treffen?« »Diese Welt ist in einigen Punkten wohl bequem,« fuhr Mustapha fort; »denn wenn man einen Dummkopf oder einen Schurken haben will; so braucht man nicht weit zu gehen. Aber es ist keine leichte Aufgabe, die Person aufzufinden, die Ihr braucht. Ich kenne nur eine einzige.« »Und wer wäre diese?« »Jemand, der seinen Kopf nur als Euren Fußschemel betrachtet,« antwortete der Barbier, sich vor dem Pascha niederwerfend. »Eurer durchlauchtigsten Hoheit unterwürfigster Sklave, Mustapha.« »Heiliger Prophet! So meinst du also dich selbst – na, wenn ich nur die Sache bedenke, so sehe ich nicht ein, warum ein Barbier nicht Vezier werden könnte, da ein anderer Pascha geworden ist. Aber wie soll ich wieder einen Barbier kriegen? Nein, nein, Mustapha – ein guter Vezier ist leicht zu finden; aber du weißt so gut, wie ich, daß zu einem guten Barbier einiges Talent gehört.« »Euer Sklave sieht dies wohl ein,« versetzte Mustapha; aber er ist in andern Ländern herumgekommen, wo gar nicht selten der Fall eintritt, daß Leute mehr als ein Regierungs-Amt versehen, welche bisweilen weit unverträglicherer mit einander sind, als die Posten eines Barbiers und eines Veziers, die eigentlich in nahem Zusammenhange stehen. Die Angelegenheiten der meisten Nationen werden von den Machthabern während ihrer Toilette bereinigt. So lange ich den Kopf Eurer durchlauchtigen Hoheit rasiere; kann ich Eure Befehle, Anderen die Köpfe abzurasieren, entgegennehmen, und Ihr habt dann Eure Person und Euren Staat zu ein und derselben Zeit in Ordnung gebracht.« »Sehr wahr, Mustapha. Unter der Bedingung also, daß Du das Amt des Barbiers fortsetzest, habe ich nichts dagegen, Dir auch das eines Veziers zuzuwerfen.« Mustapha warf sich, sein Bestecke in der Hand, abermals zur Erde, stand dann wieder auf und setzte seine Verrichtung fort. »Du kannst schreiben, Mustapha?« bemerkte der Pascha nach einem kurzen Schweigen. »Min Allah! Gott verhüte, daß ich etwas der Art zugestehen müßte; denn ich würde mich dann für ganz unpassend halten, das Amt zu übernehmen, mit welchem mich Eure durchlauchtige Hoheit bekleidet hat.« »Obschon es unnöthig für mich ist, habe ich doch geglaubt, es dürfte von einem Vezier gefordert werden,« bemerkte der Pascha. »Lesen mag nöthig seyn, wie ich zugeben will,« erwiederte Mustapha; »aber ich getraue mir, Eurer Hoheit bald den Beweis zu liefern, daß Schreiben eben so gefährlich, als nutzlos ist. Durch diese unglückselige Kunst sind mehr Menschen zu Grunde gerichtet worden, als durch irgend eine andere. Sie ist nicht nur gefährlich für Alle, sondern insbesondere gefährlich für Männer, welche mit hoher Gewalt bekleidet sind. Eure durchlauchtige Hoheit schickt zum Beispiel eine schriftliche Depesche ab, welche schlimme Aufnahme findet und gegen Euch vorgelegt wird. Wäre der Auftrag mündlich ausgerichtet worden, so könntet Ihr ihn abläugnen und dem Tartaren, welcher sie überbrachte, zum Beweis Eurer Aufrichtigkeit eine Bastonade ertheilen lassen, bis er auf dem Platze bleibt.« »Sehr wahr, Mustapha.« »Der Großvater Eures Sklaven,« fuhr der Barbier-Vezier fort, »war Generaleinnehmer im Zollhause und gerieth stets in Wuth, wenn er sich genöthigt sah, die Feder aufzunehmen. Er hielt sich an das Glaubensbekenntniß, daß keine Regierung gedeihen könne, wenn das Schreiben allgemein in Brauch komme. ›Gib Acht, Mustapha‹ sagte er eines Tages zu mir, ›welch' ein Fluch in dem Schreiben liegt. Für alles Geld, welches einbezahlt wird, muß ich eine Quittung geben. Was ist die Folge davon? Daß die Regierung jedes Jahr viele tausend Zecchinen verliert, denn wenn ich die Leuten um nochmalige Zahlung angehe, weisen sie ihre Quittung vor. Wenn nun diese verfluchte Erfindung des Schreibens nicht wäre – Insh-allah! so hätten sie zweimal wo nicht gar dreimal zahlen müssen. ›Merke dir's wohl, Mustapha‹ fuhr er fort, ›daß Lesen und Schreiben nur Hemmeblöcke an den Rädern der Regierung sind.‹« »Sehr wahr, Mustapha,« bemerkte der Pascha. »Wir wollen also nichts vom Schreiben wissen.« »Ja, Eure durchlauchtige Hoheit – alles Schriftliche muß von Andern kommen, aber nichts von uns selbst. Ich habe einen jungen griechischen Sklaven, der sich in derartigen Sachen verwenden läßt. Er liest gut. Ich habe ihn letzter Zeit damit beauftragt, mir die Mährchen von tausend und Einer Nacht vorzulesen.« »Mährchen?« rief der Pascha. »Von was handeln sie? Ich habe nie etwas davon gehört und bin ein großer Freund von Mährchen.« »Wenn Eure durchlauchtige Hoheit geruhen wollen, diese Mährchen anzuhören, so wird der Sklave Eurer Befehle gewärtig seyn,« entgegnete der Vezier. »Bring' ihn diesen Abend Mustapha; wir wollen eine Pfeife rauchen und zuhören. Ich bin ein großer Freund von Mährchen – sie bringen mich stets in einen sanften Schlaf.« Das Geschäft des Tages wurde durch die beiden quondam Barbiere mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und Eile abgethan; sie bewiesen damit, wie leicht es wäre, zu herrschen, wenn es nicht »die drei Stände« gäbe, um die Leute zu verwirren. Sie saßen in dem Divan gleich Räubern an der Landstraße, und bei Allen, die sich blicken ließen, hieß es: »deine Börse oder Dein Leben!« Um die gewöhnliche Stunde brach der Hof auf, die Wachen zogen sich zurück, das Geld wurde in den Schatz gebracht, der Henker wischte sein Schwerdt ab, und die Unterthanen des Pascha's wiegten sich in vergleichungsweiser Sicherheit, bis die Angelegenheiten des Landes am folgenden Tage wieder zur Verhandlung kommen sollten. In Gemäßheit des von dem Pascha ausgedrückten Wunsches erschien Mustapha Nachmittags mit dem jungen griechischen Sklaven. Der neue Vezier hatte auf einem Kissen zu den Füßen des Pascha's Platz genommen; die Pfeifen wurden angezündet und der Sklave erhielt die Weisung, in seinem Geschäfte zu beginnen. Der Grieche war bei dem Ende der ersten Nacht angelangt in welcher Sherezade ihr Mährchen beginnt und der Sultan welcher das Ende derselben zu hören wünscht, ihre Hinrichtung auf den folgenden Tag verschiebt. »Halt,« rief der Pascha die Pfeife aus seinem Munde nehmend; »Wie lang vor Tagesanbruch weckte diese Person ihre Schwester?« »Ungefähr eine halbe Stunde, durchlauchtige Hoheit.« »Wallah! ist das Alles, was sie von ihrem Mährlein in einer halben Stunde erzählen konnte? In meinem Harem ist nicht ein einziges Weib, welches nicht eben so viel in fünf Minuten hätte sagen können.« Der Pascha erbaute sich so sehr an den Mährchen, daß er sich nicht ein einzigesmal zum Schlafe geneigt fühlte; im Gegentheile sah sich der griechische Sklave genöthigt, jeden Nachmittag zu lesen, bis seine Beine so müd waren, daß er kaum mehr stehen konnte, und seine Lunge ihm fast den Dienst versagte. Das Buch war deßhalb bald durchgemacht, und da Mustapha keine weiteren Mährlein beizuschaffen wußte, so wurden die alten zum zweiten Male gelesen. Dann aber empfand der Pascha den Mangel an Abendunterhaltung empfindlich. Er wußte anfangs nicht, wie er die Zeit hinbringen sollte, wurde dann hypochondrisch und zuletzt so reizbar, daß sogar Mustapha sich ihm zu Zeiten nicht ohne Angst näherte. »Ich habe nachgedacht,« bemerkte der Pascha eines Morgens, als er sich eben unter Mustapha's Barbierhänden befand, »daß es mir wohl eben so leicht werden müßte, meine eigene Mährchenerzähler zu haben, wie dem Kalifen in den arabischen Nächten.« »Es wundert mich nicht, daß Eure Hoheit Verlangen darnach tragen. Diese Mährchen gleichen dem Opium der Thereakis; sie erfüllen die Seele für den Augenblick mit entzückenden Gesichten, lassen aber, wenn die Wirkung vorüber ist, durch den Ueberreiz eine Lähmung zurück. Wie gedenken Eure durchlauchtige Hoheit diesen Zweck zu erreichen, und in welcher Weise kann Euch Euer Sklave für Eure Wünsche behülflich seyn?« »Ich werde es ohne Beistand einzuleiten wissen. Komm diesen Abend, Mustapha, und Du wirst es sehen.« Mustapha erschien dem Auftrage gemäß. Der Pascha rauchte eine Weile seine Pfeife und schien mit sich selbst zu Rathe zu gehen. Dann legte er seinen Rauchapparat nieder, schlug in die Hände und befahl einem der Sklaven, seiner Favoritin Zeinab zu melden, daß er ihre Gegenwart wünsche.« Zeinab trat mit niedergelassenem Schleier ein. »Deine Sklavin harrt der Befehle ihres Herrn.« »Zeinab,« sagte der Pascha; »liebst Du mich? »Bete ich nicht den Staub an, auf den der Fuß meines Gebieters tritt?« »Sehr wahr – dann habe ich also eine Gunst zu erbitten – merke auf, Zeinab – es ist mein Wunsch, daß« – hier that der Pascha einige Züge aus seiner Pfeife – »die Sache verhält sich nämlich so – ich verlange von dir, daß du meinen Harem so bald als möglich entehrest.« »Wallah sel Nebi!! – Bei Allah und dem Propheten! Deine Hoheit ist heute Abend in einer heiteren Laune,« versetzte Zeinab, indem sie sich umwandte um das Gemach zu verlassen. »Im Gegentheile, es ist mir völliger Ernst, und ich erwarte, daß du meinen Wünschen willfahren wirst.« »Ist mein Gebieter von Sinnen, oder hat er zu reichlich geschwelgt in dem Safte der Traube, den unser Prophet verboten hat? Allah Kebur! Gott ist höchst gewaltig – man muß nach dem Hakim schicken.« »Willst du thun, wie ich dir befehle?« sagte der Pascha zornig. »Hat mein Herr nach seiner Sklavin geschickt, um sie zu kränken? Mein Blut wird wie Wasser bei dem schrecklichen Gedanken. Den Harem entehren! Min Allah! Gott verhüte! Würde da nicht schnell der Eunuch bereit seyn und der Sack?« »Allerdings, ich gebe es zu – aber dennoch muß es geschehen.« »Es soll nicht geschehen,« versetzte die Dame. »Ist mein Herr vom Himmel heimgesucht worden oder von dem Shitan besessen?« Und die Dame brach in Thränen der Wuth und des Aergers aus, als sie das Gemach verließ. »Da haben wir die Halsstarrigkeit – Weiber sind nichts als Widerspruch. Will man sie treu haben, so versuchen sie Tag und Nacht, Einen zu täuschen; giebt man aber ihren Begierden Raum und sagt ihnen, sie sollen falsch seyn, so weigern sie sich. Alles war so gut eingeleitet – ich hätte Allen können die Köpfe abschneiden lassen und jede Nacht ein frisches Weib gehabt, bis mir eine in den Wurf gekommen wäre, die Mährchen erzählen konnte. Denn würde ich aufgestanden seyn und ihre Hinrichtung auf den folgenden Tag verschoben haben.« Mustapha, welcher über den sonderbaren Einfall des Pascha's in's Fäustchen gelacht hatte, wurde demungeachtet nicht wenig unruhig; denn er bemerkte in der festgewurzelten Manie seines Gebieters, daß das Ergebniß sogar für ihn selbst unangenehm ausfallen könnte, wenn er derselben nicht Befriedigung schaffte. Da fiel ihm ein Mittel ein, die Wünsche des Pascha's zu erfüllen, ohne daß zu so gewaltsamen Maßregeln geschritten werden mußte. Er wartete eine Weile, bis sich die Glut des Zorns und Aergers im Gesichte des Pascha's gelegt hatte, und redete ihn dann folgendermaßen an: »Der Plan Eurer durchlauchtigen Hoheit war so, wie er sich von Eurer unendlichen Weisheit erwarten ließ; aber hat nicht der Prophet gesagt, daß auch die weisesten Männer nur zu oft in der Thorheit und dem Starrsinn des andern Geschlechts Widerspruch finden? Möge es Eurem Sklaven erlaubt seyn, zu bemerken, daß der Kalif Harun und sein Vezier Meßrur viele sehr schöne Mährchen erfuhren, als sie verkleidet durch die Stadt gingen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ließe sich ein ähnliches Resultat erzielen, wenn Eure Hoheit, von den niedrigsten Eurer Sklaven Mustapha begleitet, denselben Schritt einschlagen wollten.« »Sehr wahr,« versetzte der Pascha, hoch entzückt über diese Aussicht. »Halte ein paar Verkleidungen bereit, und wir wollen in weniger als einer Stunde aufbrechen. Insh-Allah! so es dem Herrn beliebt, haben wir endlich den rechten Weg aufgefunden!« Mustapha war nicht wenig erfreut, die Ideen des Pascha in einem harmloseren Kanal abgeleitet zu haben, und besorgte zwei Kaufmannsanzüge, weil dies die gewöhnlichen Verkleidungen waren, in denen der Kalif und sein Vezier in Tausend und einer Nacht auszuziehen pflegten; denn er bemerkte wohl, daß die Eitelkeit seines Gebieters sich geschmeichelt fühlen würde durch den Gedanken, eine so berühmte Person nachzuahmen. Es war bereits dunkel, als sie ihre Abenteuer antraten. Mustapha hatte einigen Sklaven die Weisung ertheilt, ihnen wohl bewaffnet in einiger Entfernung zu folgen, um im Nothfalle mit ihrem Beistande zur Hand zu seyn. Die gemessenen Befehle, welche der neue Pascha bei seinem Amtsantritte erlassen hatte, um Tumulten und Volksaufständen vorzubeugen, wurden durch beharrliche Soldaten Patrouillen eingeschärft, und die Straßen waren daher ganz verlassen. Eine Zeitlang gingen der Pascha und Mustapha die eine Straße hinauf und die andere hinunter, ohne auf etwas zu treffen, was ihren Wünschen entsprach. Ersterer, der sich in der letzten Zeit nicht viel mit Bewegung zu Fuß bemüht hatte, begann schon zu keuchen und Merkmale von Verdruß und Müdigkeit an den Tag zu legen, als sie an der Ecke einer Straße auf zwei Männer trafen, welche im Gespräche da saßen. Wie sie sich ebendenselben leise näherten, bemerkte der Eine gegen den Andern: »Ich sage Dir, Coja, glücklich ist der Mensch, dem stets eine harte Kruste, wie diese, die nun meine Zähne abnützt, zu Gebot steht.« »Ich muß den Grund dieser Bemerkung kennen lernen,« flüsterte der Pascha. »Meßrur – Mustapha, wollte ich sagen – du wirst mir morgen, nachdem der Divan geschlossen ist, diesen Mann bringen.« Mustapha verbeugte sich unterwürfig, befahl den nachfolgenden Sklaven, den Mann in Haft zu nehmen und folgte dem Pascha nach, welcher, von der ungewöhnlichen Anstrengung erschöpft und durch die Aussicht auf einen endlichen Erfolg zufrieden gestellt, seine Schritte jetzt dem Palaste zulenkte und sich zu Bette begab. Zeinab, welche wach da gelegen hatte, bis sie die Augen nicht mehr offen halten konnte, um der durchlauchtigen Hoheit mit einer Vorlesung über Anstand und Nüchternheit zuzusetzen, war zuletzt eingeschlafen, und der müde Pascha konnte daher ungestört ein Gleiches thun. Als Mustapha in seiner Wohnung anlangte, ließ er den verhafteten Mann vor sich beugen. »Mein guter Mann,« begann der Vezier, »du hast diesen Abend eine Bemerkung fallen lassen, welche Seine Hoheit der Pascha mitanhörte. Er wünscht nun zu erfahren, was dich zu der Aeußerung veranlaßte, »glücklich sey der Mann, dem stets eine harte Kruste wie derjenige zu Gebote stehe, die nun deine Zahne abnütze.« Der Mann fiel zitternd auf seine Kniee nieder und entgegnete mit stockender Stimme: »Ich betheure Eurer Hoheit bei dem Kameele des heiligen Propheten, daß mir dabei weder Hochverrath noch Mißvergnügen gegen die Regierung zu Sinne kam.« »Sklave! davon bin ich nicht ganz überzeugt,« versetzte Mustapha mit strenger Miene, indem er hoffte, durch Einschüchterung den Mann willfährig zu Eingehung auf seine Wünsche zu machen. »Es lag etwas sehr Räthselhaftes in diesen Worten. Unter deiner › harten Kruste ‹ kannst du Seine durchlauchtige Hoheit den Pascha verstehen, und das › Abnützen der Zähne ‹ geht vielleicht auf die scharfen Maßregeln der Regierung. Da du ferner behauptet hast, glücklich sey der Mann, dem die harte Kruste zu Gebot stehe, so kann darin wohl der Sinn liegen, daß du mit Freuden eine Rebellion anfangen würdest.« »Heiliger Prophet! Möge die Seele Eures Sklaven nie in den ersten Himmel eingehen,« rief der Mann, »wenn er je etwas Andres meinte, als was er sagte. Und wenn Eure Hoheit so oft ohne Mundvoll Brod gewesen wären, wie Euer Sklave, so würdet Ihr in die Wahrheit der Bemerkung einstimmen.« »Es ist von wenig Belang, ob ich mit Dir einstimme, oder nicht,« erwiederte der Vezier. »Ich habe Dir nur zu sagen, daß Seine durchlauchtige Hoheit, der Pascha nicht zufrieden seyn wird, wenn Du deine Bemerkungen nicht durch ein damit zusammenhängendes Mährchen erklärst.« »Min Allah! Gott verhüte, daß Euer Sklave ein Mährlein erzählen sollte, um Seine Hoheit zu täuschen.« »Der Herr habe Erbarmen mit Dir, wenn Du es nicht thust,« entgegnete der Vezier. »Aber, um kurz zu seyn, wenn Du ein gutes und interessantes Mährlein erfinden und so den Argwohn des Pascha beseitigen kannst, so wirst Du wahrscheinlich mit einigen Geldstücken belohnt werden ; andernfalls aber mußt Du Dich auf die Bastonade oder gar auf den Tod gefaßt halten. Du wirst nicht vor Morgen Nachmittag vor der durchlauchtigen Hoheit zu erscheinen haben; es bleibt Dir daher noch hinreichend Zeit, etwas zu erfinden.« »Wollen Eure Hoheit Eurem Sklaven erlauben, nach Haus zu gehen und sein Weib um Rath zu fragen? Weiber haben großes Talent für's Mährchenerzählen. Mit ihrem Beistand könnte es mir gelingen, Euren Einschärfungen nachzukommen.« »Nein,« erwiederte Mustapha; »Du mußt in Haft bleiben. Aber da sie Dir in dieser Sache wahrscheinlich am besten an die Hand gehen kann, so magst Du nach ihr schicken. Weiber haben allerdings ein Talent! Wie das junge Krokodil instinktgemäß in den Nil läuft, sobald es die Schaale seines Eis zerbrochen hat, so neigt sich das Weib von Natur aus zur Täuschung, noch ehe ihre Zunge den Lügen, welche ihre fruchtbare Einbildungskraft ersinnt, Worte leihen kann.« Mit diesem schönen Compliment gegen das zartere Geschlecht ertheilte Mustapha seine Schlußbefehle und begab sich zur Ruhe. Ob der unglückliche, des Verraths beschuldigte Mann aus dem ihm verwilligten »Anwalte« Nutzen zog, wird aus folgender Geschichte erhalten, welche am anderen Tage dem Pascha erzählt wurde. 17 Die Erzählung des Kameeltreibers. Daß Eure Hoheit eine Erklärung wünscht über die sehr zweideutige Bemerkung, die Ihr gestern Nacht mit anhörtet, nimmt mich nicht Wunder; ich hoffe aber, Ihr werdet sie vollkommen gerechtfertigt finden, wenn ich meine Erzählung zu Ende gebracht habe. Wie mein Anzug bekundet, bin ich ein Fellah dieses Landes, obschon ich nicht immer so arm war, als ich jetzt bin. Mein Vater besaß viele Kameele, welche er an die Kaufleute der verschiedenen Karavanen, die alljährlich von dieser Stadt ausziehen, vermiethete. Als er starb, kam ich in den Besitz seines Eigenthums und der Kundschaft, welche er auf's Treueste bedient hatte. Die Folge davon war, daß ich volle Beschäftigung fand; meine Kameele waren stets verliehen, und da ich sie immer begleitete, damit sie keine üble Behandlung erführen, so bin ich auch mehreremale nach Mecca gekommen, wie dieser zerlumpte, grüne Turban bezeugen wird. Mein Leben bestand aus einer Abwechselung von Mühsal und Glück. Nach den Leiden und der Entbehrung meiner Reisen kehrte ich entzückt zu Weib und Kindern zurück und lernte in ihrem Kreise während der kurzen Zeit, die mir von meinem Geschäfte frei blieb, den vollen Werth meiner Heimath würdigen. Ich ließ mir's sauer werden und wurde reich. Einmal, während eines beschwerlichen Marsches durch die Wüste, brachte eines meiner werthvollsten Kameele ein Junges. Anfangs wollte ich das Fohlen seinem Schicksal überlassen, da meine Kameele bereits viel gelitten hatten; als ich es aber näher untersuchte, zeigte das junge Thier eine solche Kraft und Symmetrie, daß ich beschloß, es aufzuziehen. Ich theilte daher eine halbe Kameellast unter die andern Kameele und band das Fohlen auf das eine Thier, welches ich zu diesem Zwecke theilweise erleichtert hatte. Wir langten wohlbehalten zu Kairo an, und wie das Fohlen heranwuchs, hatte ich mehr als je Grund, mich darüber zu freuen, daß ich sein Leben gerettet hatte. Alle Sachverständigen betrachteten es als ein wahres Wunder von Schönheit und Kraft und prophezeiten, es werde eines Tages zu dem heiligen Kameele erwählt werden, welches in der Pilgerfahrt nach Mecca den Koran zu tragen habe. Dies traf auch fünf Jahre später ein, während welcher Zeit ich die Caravanen wie zuvor begleitete und meinen Reichthum jedes Jahr vergrößerte. Mein Kameel hatte inzwischen seine größte Vollkommenheit erreicht. Es war fast drei Fuß höher, als jedes andere, und als die Caravane vorbereitet wurde, führte ich es zu den Sheiks, um es als Candidaten für die Ehre anzubieten. Sie würden es auch augenblicklich angenommen haben, wenn nicht ein Marabut, welcher es aus dem einen oder dem andern Grunde nicht verwendet wissen wollte, die Behauptung aufgestellt hatte, die Caravane werde unglücklich seyn, wenn mein Kameel den heiligen Koran trage. Da man den Mann für einen Propheten hielt, so scheuten sich die Sheiks und wollten keine entschiedene Antwort geben. Aufgebracht über diese Einmengung schimpfte ich auf den Marabut, der nun ein Geschrei gegen mich erhob, und da sich ihm das Volk anschloß, so wurde ich beinahe umgebracht. Wie ich hinwegeilte, warf mir der Elende eine Handvoll Sand nach und rief: »so soll die Caravane zu Grunde gehen durch das Gericht des Himmels, wenn diesem verfluchten Kameel gestattet wird, das heilige Wort des Propheten zu tragen.« Die Folge davon war, daß man ein schlechteres Kameel auswählte und ich in meiner Hoffnung getäuscht wurde. Im folgenden Jahre aber war der Marabut nicht zu Kairo, und da kein Thier dem meinigen an Schönheit glich, so wurde es von den Sheiks einmüthig gewählt. Hocherfreut über mein gutes Glück, von dem ich hoffte, es werde Segen über mein Haus bringen, kehrte ich zu meinem Weibe zurück. Sie war gleichfalls erfreut und auch mein schönes Kameel schien der Ehre, zu welcher es bestimmt war, bewußt zu seyn, denn es erwiederte unsere Liebkosungen, indem es, den langen Hals krümmend und drehend, seinen Kopf auf unsre Schulter legte. Die Caravane versammelte sich. Es war die größte, welche seit vielen Jahren Kairo verlassen hatte, da sie im Ganzen aus achtzehntausend Kameelen bestand. Ihr könnt Euch den Stolz denken, mit welchem ich, als die Prozession durch die Straßen zog, meinem Weibe das herrliche Thier mit dem Gold- und Juwelenzügel zeigte, wie es von den heiligen Sheiks in, ihrer grünen Kleidung geführt wurde und auf seinem Rücken die Kiste trug, welche daß Gesetz unsres Propheten enthielt. Es sah sich Weiterziehen stolz nach allen Seiten um, während hinter ihm Musik und der laute Chor der singenden Männer und Weiber erscholl. Da sich am anderen Tage die Caravane vor der Stadt aufstellen sollte, so kehrte ich zu meiner Familie zurück, um mich bis auf den letzten Augenblick ihrer Gesellschaft zu erfreuen. Meine übrigen Kameele, welche von den Pilgrimen gemiethet waren, überließ ich der Obhut eines Gehülfen, der mich auf meinen Reisen zu begleiten pflegte. Am andern Morgen sagte ich meinem Weibe und meinen Kindern Lebewohl. Ich wollte das Haus verlassen, als mein jüngstes Kind, welches ungefähr zwei Jahre alt war, mir zurief; es bat mich, einen Augenblick zurückzukehren und ihm eine Abschieds- Liebkosung zu geben. Als ich das Mädchen auf den Arm. nahm, fuhr es wie gewöhnlich mit der Hand in meine Tasche, um, wie ich meinte, nach der Frucht zu langen, die ich ihm gewöhnlich mitbrachte, wenn ich von dem Bazar zurückkehrte. Es war aber nichts vorhanden, und nachdem ich sie ihrer Mutter zurückgegeben hatte, eilte ich hinweg, um nicht zu spät auf meinem Posten einzutreffen. Ich muß nun Euer Hoheit mittheilen, daß wir nicht hintereinander zogen, wie die meisten, Caravanen thun, sondern in einer geraden Linie, Seite an Seite. Die nöthigen Vorbereitungen nahmen den ganzen Tag vor dem Antritt unserer Reise in Anspruch, und letztere fand unmittelbar nach Sonnenuntergang statt. Wir brachen denselben Abend auf und langten nach einem Marsch von zwei Nächten zu Ascheroth an, wo wir drei Tage blieben, um von Suez Wasservorrath beizuschaffen und die Thiere zu erfrischen, ehe wir unsern Weg durch die Wüste el Teih antraten. Am letzten Tage unserer Ruhe, als ich eben meine Pfeife rauchte und meine Kameele um mich her knieten, sah ich ein Herie Ein schnelles Dromedar. schnellen Laufs aus der Richtung von Kairo kommen. Es flog wie ein Blitz an mir vorbei; aber dennoch hatte ich noch hinreichend Zeit, in seinem Reiter den Marabut zu erkennen, welcher bei der Pilgerfahrt des vorigen Jahres Unheil prophezeit hatte, wenn mein Kameel zum Tragen des Koran verwendet würde. Der Marabut ließ sein Dromedar an dem Zelte des Emirs Hadschi, welcher die Caravane befehligte, Halt machen. Begierig, den Grund zu erfahren, warum er uns gefolgt war, und in einer schlimmen Verahnung, daß sein Erscheinen auf mein Kameel Bezug habe, eilte ich nach dem Platze. Da fand ich nun, wie er den Emir und das umstehende Volk bearbeitete, indem er der ganzen Caravane Weh und Tod ankündigte, wenn mein Kameel nicht augenblicklich umgebracht und ein anderes an seiner Statt gewählt werde. Nachdem er eine Weile in so energischer Weise deklamirt hatte, daß sich durch das ganze Lager Bestürzung verbreitete, wandte er sein Dromedar wieder gen Westen und war nach einigen Minuten außer Sicht. Der Emir wußte nicht, was er thun sollte. Unter dem Volke kam es nun zu Gemurmel und Beratungen. Ich fürchtete man würde den Andeutungen des Emirs Gehör schenken, und da ich mein Kameel nicht zum Opfer bringen und die ihm übertragene Ehre nicht aufgeben wollte, so machte ich mich einer Lüge schuldig. »O Emir,« sagte ich, »höre nicht auf diesen Mann, der mein Feind ist. Er kam in mein Haus, aß von meinem Brode und machte sich des schnödesten Undanks schuldig, indem er die Mutter meiner Kinder zu verführen suchte. Ich trieb ihn von meiner Thüre, und jetzt möchte er sich gerne an mir rächen. Möge es mir und der Karavane so ergehen, wie ich die Wahrheit spreche!« Meine Angabe fand Glauben. Man achtete nichts auf die Warnungen des Marabut, und in derselben Nacht traten wir unsern Marsch durch die Ebene von el Teih an. Da Eure Hoheit die Pilgerfahrt noch nicht gemacht hat, so könnt Ihr Euch keine Vorstellung von dem Lande bilden, das wir nun zu durchziehen hatten. Es war eine einzige endlose Sandwüste, wo die Spuren der darüber Wandernden von dem Winde ausgelöscht wurden – ein weites Meer ohne Wasser – eine unabsehbare Fläche der Verödung. Wir drangen in die Wüste, und da die ungeheure Anzahl Thiere, welche sich so weit ausdehnte, als das Auge reichte, lautlos weiter zog, so gewann es den Anschein, als bewegten sich Gespenster dahin. Trotz der Prophezeiungen des Marabut begegnete uns kein Unfall. Wir langten nach sieben Nachtmärschen wohlbehalten zu Nakhel an, wo wir unsere leeren Wasserschläuche wieder füllten. Als ich mit meinen Bekannten an dem Brunnen zusammentraf, scherzten sie mit mir über die falschen Prophezeiungen meines Feindes. Indeß hatten wir noch immer drei erschöpfende Tagmärsche vor uns, ehe wir das Schloß Akaba erreichten, und so begann denn wieder die beschwerliche Reise. Am Morgen des zweiten Tages, ungefähr eine Stunde, nachdem wir unsere Zelte eingeschlagen hatten, traf die verhängnißvolle Prophezeihung des Marabut ein, und Allahs Gericht ging wegen der Lüge, zu deren Bezeugung ich seinen Namen aufgerufen, an mir in Erfüllung. Eine dunkle Wolke zeigte sich über dem Horizont, die allmählig größer wurde und eine hellgelbe Farbe annahm: Sie hob und hob sich, bis sie die eine Hälfte des Firmaments bedeckt hatte; dann brach plötzlich ein Orkan gegen uns los, der Alles vor sich hinfegte, ganze Sandberge aufhub und sie auf unsere zum Opfer geweihte Häupter schleuderte. Das prachtvolle Zelt des Emirs, auf welches der Windstoß zuerst traf, flog mit der Schnelligkeit des Herie an mir vorbei, während Alles Andere entweder dem Boden gleich gemacht oder in die Luft geschleudert wurde, wo es in wilden Kreisen umherwirbelte. Bewegliche Sandsäulen gingen über uns hin und erstickten Menschen und Vieh. Die Kameele steckten ihre Nasen in den Boden, und ihren Instinkt zum Muster nehmend, thaten wir das Gleiche, in stummem Zittern unserer Geschicke entgegensehend. Aber der Samum hatte noch nicht alle seine Schrecken über uns ausgegossen. Nach einigen Minuten ließ sich nichts mehr unterscheiden. Alles war dunkel – eine schreckliche Finsterniß, die noch schauervoller wurde durch das Rasen sterbender Menschen, das Geschrei der Weiber und das tolle Rennen von Pferden und anderen Thieren, welche ihre Stricke zerrißen und in ihren Bemühungen, der überwältigenden Wuth des Wüstensturmes zu entkommen, tausende niedertraten. Ich hatte mich neben einem meiner Kameele niedergelegt, den Kopf unter dessen Seite gesteckt, und erwartete meinen Tod mit dem ganzen Entsetzen eines Menschen, welcher fühlt, daß er mit Recht vom Zorne des Himmels betroffen wird. Eine Stunde blieb ich in dieser Lage, und gewiß können die Schmerzen der Hölle nicht größer sehn, als diejenigen, welche ich in jenen Augenblicken empfand. Der brennende Sand wühlte sich in meine Kleider, die Poren meiner Haut wurden verschlossen, und ich wagte es kaum, die heiße Gluth zu athmen, welche sich mir als das einzige Mittel zur Verlängerung meines Daseyns darbot. Endlich konnte ich freier Athem holen, und von dem Geheul des Sturmes war nichts mehr zu hören. Allmählig erhob ich mein Haupt; aber meine Augen hatten ihre Sehkraft verloren – ich konnte nichts mehr unterscheiden, als ein grelles Gelb. Ich meinte, erblindet zu seyn, und welche Aussicht konnte ein Blinder in der Wüste von el Teih haben? Abermals legte ich mein Haupt nieder, dachte an Weib und Kinder und überließ mich unter bitterlichem Weinen der Verzweiflung. Die Thränen übten eine belebende Wirkung auf meinen Körper. Ich fühlte neue Kraft in mir und erhob mein Haupt abermals – ich konnte sehen! In demüthigem Danke gegen Allah warf ich mich auf die Erde und stand dann wieder auf. Ja, ich konnte sehen – aber welch' ein Anblick bot sich meinen Augen! Wie würde ich Allah gedankt haben, wenn ich sie hätte für immer schließen können! Der Himmel war wieder heiter und die endlose Fernsicht so ununterbrochen, wie zuvor; aber wo befanden sich die Tausende, die mich begleitet hatten, die herrliche Reihe von Menschen und Thieren? Wo waren der Emir Hadschi und seine Garde? wo die Mamelucken, die Agas, die Janitscharen und die heiligen Sheiks – das heilige Kameel, die Sänger und Musiker – die Menschen aus verschiedenen Völkern und Stämmen, die sich der Caravane angeschlossen hatten? – Alle zu Grunde gegangen!! Berge von Sand bezeichneten die Stellen, wo sie begraben lagen, ohne daß sich andere Monumente blicken ließen, als da und dort die Theile eines menschlichen Körpers oder eines Thierleibes, welcher nicht von den Wellen der Wüste bedeckt wurde. Alle, alle waren dahin – bis auf Einen; und dieser Eine, der einzige Schuldige – war ich selbst. Mir war es gestattet worden, zu leben, damit ich Zeuge sein möge des entsetzlichen Unglückes, welches ich durch meine Vermessenheit und meine Sünde herbeigeführt hatte. Einige Minuten betrachtete ich die Scene mit verzweifelnder Gleichgültigkeit, denn ich glaubte, ich sey blos verschont geblieben, um eines noch schrecklicheren Todes zu sterben. Aber mein Weib und meine Kinder traten vor mein geistiges Auge, und um ihretwillen beschloß ich, wo möglich mein Leben zu retten, welches keine andere Bande mehr an diese Erde feßelten. Ich riß ein Stück von meinem Turban ab, reinigte meine blutigen Nasenlöcher von dem Sande und ging über das Feld des Todes. Zwischen den verschiedenen Hügeln fand ich mehrere Kameele, welche der Sand nicht zugedeckt hatte. Ich bemerkte einen Wasserschlauch und stürzte darauf zu, um meinen brennenden Durst zu stillen; aber der Inhalt war vertrocknet – kein Tropfen übrig geblieben. Ich fand einen zweiten, aber der Erfolg war nicht besser. Nun beschloß ich, einem der Kameele den Leib zu öffnen und mir zudem Wasser zu verhelfen, welches sich vielleicht noch in dessen Magen befand. Nachdem ich in dieser Weise meinen Durst gelöscht hatte – denn sogar das erhitzte Element, welches ich hinuntergoß, brachte mir eine entzückende Labung – beeilte ich mich, ehe die Fäulniß einträte, eine gleiche Verrichtung an den übrigen Thieren vorzunehmen und die spärlichen Vorräthe in den Wasserschlauch zu sammeln. So füllte ich meinen Schlauch mehr als zur Hälfte und kehrte dann zu meinem eigenen Kameel zurück, an dessen Seite ich während des Samums gelegen hatte. Ich setzte mich auf den Körper des Thieres und stellte Betrachtungen an, was ich jetzt wohl am besten vornehmen könne. Es war mir bekannt, daß ich nur eine Tagreise von den Quellen entfernt war; aber wie wenig Aussicht hatte ich, sie zu erreichen! Ich wußte auch, welche Richtung ich einschlagen mußte. Der Tag war beinahe zu Ende, und ich beschloß den Versuch zu machen. Sobald die Sonne verschwunden war, stand ich auf und trat, den Wasserschlauch auf dem Rücken, meine hoffnungslose Reise an. Ich lief die ganze Nacht durch und meinte, mit Tagesanbruch ungefähr die Hälfte des Karavanenweges zurückgelegt zu haben. Noch einen Tag also sollte ich in der Wüste zubringen, ohne Schutz gegen die verzehrende Hitze; und dann stand mir die Anstrengung einer schweren Nacht bevor. Obgleich ich hinreichend Wasser hatte, fehlte es mir doch an Lebensmitteln. Als die Sonne aufging, setzte ich mich auf einer Anhöhe in dem brennenden Sande nieder und war so zwölf ewige Stunden der sengenden Gluth ausgesetzt. Noch ehe der Mittag herankam, fühlte sich mein Gehirn so erhitzt, daß ich fast den Verstand verlor. Mein Gesichtssinn wurde unvollkommen, oder vielmehr, ich sah, was nicht existirte. Das einemal zeigten sich meinen verlangenden Augen weite Seen, und ich glaubte ihres Vorhandenseyns so gewiß zu seyn, daß ich aufstand und auf sie zuging, bis ich erschöpft zusammenbrach. Ein andermal erblickte ich in der Ferne Bäume, und ich konnte die Akazienzweige in der Luft wehen sehen. Ich eilte, um mich unter ihren Schatten zu werfen, traf aber nur einen kleinen Strauch der sich mir also vergrößert dargestellt hatte. So quälend und täuschend wurde mir jener ganze schreckliche Tag, der mich noch immer in meinen Träumen verfolgt. Endlich brach die Nacht an; die Sterne funkelten und winkten mir, meine Reise fortzusetzen. Nach einem tiefen Zuge aus meinem Wasserschlauch begann ich meinen einsamen Weg. Ich verfolgte die Fährte nach den Knochen der Kameele und Pferde früherer Karavanen, welche in der Wüste zu Grunde gegangen waren, und als der Tag anbrach, bemerkte ich das Schloß Akaba in kurzer Entfernung. Von neuem Leben beseelt, warf ich den Wasserschlauch weg, verdoppelte meine Eile und warf mich nach einer halben Stunde neben der Quelle nieder, nachdem ich mich zuvor reichlich an der erfrischenden Flüssigkeit gelabt hatte. Wie glücklich fühlte ich mich damals! Welch' ein himmlischer Genuß, unter dem Schatten zu liegen, die kühle Luft zu athmen, auf das Trillern der Vögel zu lauschen und den Wohlgeruch der Blumen einzuathmen, die an jener herrlichen Stelle üppig gediehen. Nach einer Stunde zog ich meine Kleider aus, nahm ein Bad, erfrischte mich wieder mit einem Trunke und sank in tiefen Schlaf. Ich erwachte neu belebt, litt aber nun unter einem verzehrenden Hunger. Ich war drei Tag ohne Nahrung gewesen; aber bisher hatte ich diesen Mangel nicht empfunden, da der noch lästigere Durst das nagende Gefühl überwältigt hatte. Nachdem das größere Uebel beseitigt war, steigerte sich das geringere und wurde mit jeder Stunde gebieterischer. Ich ging hinaus und spähte an dem Horizont umher, ob sich nicht etwa eine Karavane blicken lasse; aber vergeblich. Dann kehrte ich wieder nach der Quelle zurück. Zwei weitere Tage entschwanden, ohne daß sich Beistand nähern wollte. Meine Kräfte verließen mich und ich fühlte mich dem Tode nah. Die Quelle murmelte zwar, die Vögel sangen und die kühle Luft fächelte meine Wangen; aber ich dachte doch, es wäre weit besser gewesen, der Sand der Wüste hätte mich begraben, als daß ich mich hier in einem Paradies langsam aufreiben sollte. Ich legte mich nieder, um zu sterben, denn ich konnte nicht mehr aufrecht sitzen. Während ich mich aber umwandte, um mein brechendes Auge dem rinnenden Wasser zuzukehren, welches mein Daseyn verlängert hatte, drückte etwas hart gegen meine Seite. Ich meinte, es sey ein Stein, und streckte meine Hand aus, um ihn wegzuschaffen und mir so meine letzten Augenblicke zu erleichtern. Aber als ich hintastete war kein Stein da, sondern ich fühlte einen Gegenstand, der in meiner Tasche stack. Ich konnte mir nicht denken, was es seyn möchte, und griff danach; wie ich aber den belästigenden Körper herauszog und ihn, ehe ich ihn wegwürfe, betrachtete, fand ich, daß es ein Stück harten, trockenen Brodes war. Ich meinte, es sey mir vom Himmel geschickt worden – und wirklich war es auch ein so reines Opfer, als wäre es von dorther gekommen, denn es war die Gabe der Unschuld und Liebe – das Stück Brod, welches mein liebes, kleines Mädchen zum Frühstück erhalten und mir, als ich meinte, es suche nach einer Frucht, vor meiner Abreise in die Tasche gesteckt hatte. Ich kroch nach der Quelle hin, feuchtete es an und aß es, dem Himmel unter Thränen dankend, während sich mein Herz mit der innigsten Vatersehnsucht erfüllte. Die Brodkruste rettete mein Leben, denn am nächsten Tage langte eine kleine Karavane an, welche nach Kairo zog. Die Kaufleute behandelten mich sehr wohlwollend, banden mich auf eines der Kameele, und ich umarmte wieder meine Familie, die ich nimmermehr zu sehen erwartet hatte. Seitdem bin ich arm, aber zufrieden – ich verdiente um meiner Gottlosigkeit willen, daß ich all mein Eigenthum verlor, und füge mich ergebungsvoll in Allahs Willen. Und nun hoffe, ich, daß Eure Hoheit zugestehen wird, ich sey vollkommen befugt, zu sagen: glücklich der Mann, welchem stets eine Brodkruste zu Gebot steht!«   »Sehr wahr,« bemerkte der Pascha. »Das ist keine üble Geschichte. Mustapha gib ihm fünf Goldstücke und laß ihn ziehen.« Der Kameeltreiber warf sich vor dem Pascha nieder und verließ dann den Divan, hocherfreut über den glücklichen Ausgang einer Sache, von der er so viele Gefahr befürchtet hatte. Der Pascha blieb eine Weile stumm und rauchte seine Pfeife fort – dann aber begann er: »Allah Kebur! Gott ist höchst gewaltig! Dieser Mann hat viel gelitten – und was hat er dafür zu zeigen? – Einen grünen Turban. – Er ist ein Hadschi. Ich hätte mir nie gedacht, nie gedacht, daß wir über eine Brodkruste eine so gute Geschichte zu hören kriegen würden. Seine Beschreibung des Samum hat mir alle meine Eingeweide ausgetrocknet. Was meinst du, Mustapha – kann ein wahrer Gläubiger in den Himmel kommen, ohne daß er das Grab des Propheten besucht hat?« »Der heilige Koran fordert dies nicht ausdrücklich, durchlauchtigste Hoheit; es steht darin nur geschrieben, daß diejenigen, welche in der Lage dazu sind, es thun sollen, um sich den Pfad dahin zu erleichtern. Mie Allah! Gott verhüte! Hat Eure Hoheit je Zeit gehabt, nach Mecca zu gehen – und ist nicht Eure Hoheit auf dem geraden Wege zum Himmel?« »Sehr wahr, Mustapha; ich habe nie Zeit gehabt. In meiner Jugend mußte ich stets Köpfe rasiren; nachher – Waliah! hatte ich genug zu thun, sie zu spalten, und bin ich nicht jetzt ganz von dem Geschäfte in Anspruch genommen, sie abhauen zu lassen? Ist's nicht so Mustapha, – sind meine Worte nicht der Wahrheit gemäß?« »Eure Hoheit ist die Weisheit selbst. Es ist nur Ein Gott und Mahomed sein Prophet. Wenn nun der letztere sagt, ein Besuch bei dem heiligen Sarge sey ein Paß für den Himmel, so sollen dadurch nur diejenigen beschäftigt werden, welche nichts zu thun haben, damit sie wahre Gläubige nicht belästigen, welche sich's im Namen des Allerhöchsten sauer werden lassen!« »Min Allah! Gott behüte! Der Fall ist klar,« entgegnete der Pascha. »Wenn Jedermann nach Mekka gehen wollte, wie stände es denn, Mustapha? »Eure Hoheit, – wenn dieß stattfinden sollte, so ist es die Ansicht Eures Sklaven, daß alle Narren das Land würden verlassen haben.« »Sehr wahr, Mustapha. Aber mein Mund ist von dem Sande dieses Samum ganz ausgetrocknet. Scherbet kann ich nicht trinken, den Rakie hat mir der Hakim verboten; was ist da anzufangen, Mustapha?« »Hat der heilige Prophet den wahren Gläubigen im Falle der Krankheit den Wein verboten? Ist nicht Eure Hoheit krank? Hat Allah den Wein von Schiras gegeben, damit man ihn wegschütte? Allah Kerim! Gott ist höchst barmherzig! Und der Wein mußte wachsen, damit die wahren Gläubigen in dieser Welt einen Vorschmack gewannen von den Freuden, die ihrer in der nächsten harren.« »Mustapha,« entgegnete der Pascha, indem er seine Pfeife aus dem Munde nahm, »bei dem Wort des heiligen Propheten, deine Worte sind Worte der Weisheit. Soll ein Pascha von Wassermelonen leben? Steffir Allah, glauben wir weniger, wenn wir Wein trinken? Sklave, bring den Krug. Es ist nur Ein Gott und Mahomed ist sein Prophet.« »Die Worte des Propheten sind klar, durchlauchtige Hoheit. Er sagt: »wahre Gläubige trinken keinen Wein,« was soviel heißen will, – seine Anhänger laufen nicht betrunken wie die Giaurs von Frankistan, welche von ihren Schiffen hieher kommen, in den Straßen umher. Warum ist der Wein verboten? Weil er den Menschen trunken macht. Wenn wir uns also nicht betrinken, so halten wir uns innerhalb des Gesetzes. Warum wurde das Gesetz gemacht? Gesetze können nicht für Alle gemacht werden und haben eben die Leitung der Mehrheit zum Zweck, – ist's nicht so? Aus wem besteht aber diese Mehrheit? Aus den Armen. Wenn man für die Reichen und Mächtigen Gesetze machte, so könnten sie nicht für das Allgemeine passen. Maschallah! Es gibt keine Gesetze für Pascha's, welche blos zu glauben haben, daß es nur Einen Gott gibt und Mahomed sein Prophet ist. Hat Euer Sklave recht gesprochen?« »Ausgezeichnet gut, Mustapha,« erwiderte der Pascha, indem er den Krug für eine Minute an seinen Mund brachte und ihn dann Mustapha hinüberbot. »Allah Kerim! Gott ist höchst barmherzig, Euer Sklave muß trinken, denn ist es nicht der Wille Eurer Hoheit? Wie der Wein, der durch Eurer Hoheit Kehle hinunterfloß, durch Euren ganzen Körper bis zu den äußersten Gliedspitzen dringt, so ergießt sich auch Euer Wohlwollen auf Euern Sklaven. Sitze ich nicht in Eurer erhabenen Gegenwart? Kann die Sonne scheinen, ohne Wärme zu verbreiten? Wenn daher Eure Hoheit trinken, muß ich nicht auch trinken? Allah Akbar! wer dürfte sich erdreisten, nicht dem Beispiel des Pascha zu folgen?« Mit diesen Worten erhob Mustapha den Krug, der einige Minuten lang wie an seine Lippen geleimt zu seyn schien. »Ich denke, diese Geschichte sollte aufgeschrieben werden,« bemerkte der Pascha nach einer kurzen Pause.« »Ich habe bereits Anweisung dazu gegeben, durchlauchtige Hoheit, und der griechische Sklave ist eben jetzt damit beschäftigt, die Sprache zu verbessern, um sie angenehmer für die Ohren Eurer durchlauchtigsten Hoheit zu machen, im Falle es Euch belieben sollte, sie Euch künftighin einmal vorlesen zu lassen.« »Das ist recht, Mustapha. Wenn ich nicht irre, so pflegte der Kalif Harun zu gebieten, daß die Geschichten mit goldenen Buchstaben aufgeschrieben und in dem Archiv niedergelegt werden sollten. Wir müssen das Nämliche thun.« »Man versteht diese Kunst nicht mehr, durchlauchtige Hoheit.« »Dann müssen wir uns mit indianischer Dinte begnügen,« erwiederte der Pascha, indem er den Krug wieder an seinen Mund hob und leerte. »Die Sonne wird bald untergegangen seyn, Mustapha, und wir müssen uns auf den Weg machen.« Zweites Kapitel. Der Pascha ließ sich Kaffee reichen und zog einige Minuten nachher wieder, von Mustapha und dem bewaffneten Sklaven begleitet, durch die Stadt, um einen Geschichtenerzähler aufzusuchen. Das Glück begünstigte ihn abermals, denn er war kaum eine halbe Stunde gegangen, als er einen lauten Streit hörte. Er rührte von zwei Männern her, welche an der Thüre eines kleinen, von den in der Stadt lebenden Griechen und Franken häufig besuchten Weinhauses standen, nach welchem man manchen Sklaven schleichen und mit einem vollen Kruge für die Abendunterhaltung seines türkischen Gebieters zurückkehren sehen konnte; denn es gab unter den Gläubigen Viele, welche eben so gut, wie ihre Herrscher, heimlich die Gebote des Korans verletzten. Der Pascha machte Halt, um zu lauschen, und einer der Streitenden rief nun: »Ich sage dir, Anselmo, es ist das schnödeste Gemisch, welches nur jemals getrunken wurde, und ich denke ich muß es wohl wissen, nachdem ich die Essenz eines Aethiopiers, eines Juden und eines Türken destillirt habe.« »Ich kümmre mich wenig um deine Destillate, Charis,« versetzte der Andere, »und betrachte mich als einen weit bessern Sachverständigen, als Du bist. Ich bin nicht fünfzehn Jahre Dominikaner-Mönch gewesen, ohne den Werth aller Arten von Weinen kennen zu lernen.« »Ich möchte doch wissen, was der Kerl mit dem Destilliren von Leuten meint, bemerkte der Pascha, »und warum ein Dominikanermönch sich besser auf Weine verstehen soll, als andere Personen. Mustapha, du mußt diese zwei Männer zu mir bringen.« Am andern Morgen wurden sie vorgestellt, und der Pascha verlangte eine Aufklärung von dem, der zuerst gesprochen hatte. Der Mann warf sich vor der durchlauchtigen Hoheit nieder, berührte mit dem Kopf den Boden des Divans und sagte: »Durchlauchtige Hoheit, versprecht mir zuerst, bei dem Schwerte des Propheten, daß mir nichts Leides geschehen soll, wenn ich Eurem Befehle willfahre, und dann will ich Euch mit Vergnügen gehorchen.« »Maschallah! Vor was fürchtet sich der Kafir? Welche Verbrechen hat er begangen, daß er Begnadigung verlangt, ehe er seine Geschichte erzählt?« sagte der Pascha zu Mustapha. »Kein Verbrechen gegen Euren Staat, durchlauchtige Hoheit; aber in einem andern Lande bin ich unglücklich gewesen,« fuhr der Mann fort. – »Ich kann meine Geschichte nicht erzählen, wenn sich Eure Hoheit nicht herabläßt, mir das Versprechen zu geben.« »Eure Hoheit mag es immerhin thun,« bemerkte Mustapha, »da er behauptet, sein Verbrechen sey in einem andern Staate begangen worden. Vielleicht ist es schwer, und ich vermuthe fast, daß sich's um einen Mord handelt. Aber obgleich wir die Blumen beschützen, welche unsere Gärten ziehen, und diejenigen bestrafen, welche sie knicken, so kümmern wir uns doch nicht darum, wer unsere Nachbarn belästigt und beraubt. Ein gleiches Verhältnis trifft meiner Ansicht nach bei den Staaten zu, durchlauchtige Hoheit, und es genügt für die Herrscher, wenn sie über das Leben ihrer eigenen Unterthanen wachen.« »Sehr wahr Mustapha,« erwiederte der Pascha. »Ausserdem möchten wir die Geschichte nicht gerne verlieren. Kafir, du hast unser Versprechen und magst fortfahren.« Der griechische Sklave (denn dies war er) stand sodann auf und erzählte seine Geschichte in folgenden Worten: Geschichte des griechischen Sklaven Ich bin ein Grieche von Geburt, und meine Eltern waren arme Leute, die zu Smyrna wohnten. Als einziger Sohn wurde ich zu dem Gewerbe meines Vaters, der ein Küfer war, erzogen. Als ich zwanzig Jahre zählte, hatte ich bereits meine Eltern begraben, und ich mußte nun für mich selbst sorgen. Eine Zeitlang stand ich im Dienste eines jüdischen Weinhändlers und blieb bei demselben drei Jahre nach meines Vaters Tode, bis sich ein Umstand zutrug, der zu meinem spätern Wohlstand und meiner nunmehrigen Herabwürdigung führte. Um die Zeit, von der ich spreche, hatte ich durch Fleiß und Nüchternheit so sehr das Vertrauen meines Brodherrn gewonnen, daß er mich zu seinem Obergehülfen machte, und obgleich ich noch immer die Aufsicht führte und hin und wieder auf dem Küfergewerke arbeitete, wurde mir doch vorzugsweise das Abziehen und Verfeinern der Weine, um sie für den Markt vorzubereiten, überlassen. Wir hatten einen äthiopischen Sklaven im Hause, der unter mir arbeitete, – einen kräftigen, breitschulterigen und höchst boshaften Kerl, den mein Herr fast unmöglich zu bändigen wußte; denn er lachte über die Bastonade wie über jede andern Züchtigung und wurde hintendrein nur unzufriedener und starrsinniger als je. Wenn ich seiner Nachlässigkeit auf den Sprung kam, so leuchtete aus seinen Augen ein so drohendes Feuer, daß ich jeden Tag von ihm ermordet zu werden erwartete, und ich lag meinem Herrn wiederholt an, er möchte ihn aus dem Hause schaffen. Aber der Aethiopier war ein sehr kräftiger Mensch und konnte, wenn er wollte, ein Pipe Wein ohne Beistand weiter tragen, weßhalb sich der geizige Jude nicht bewegen ließ, meinen vielen Bitten Gehör zu schenken. Eines Morgens trat ich in die Küferei und fand den Aethiopier an der Seite eines Fasses eingeschlafen, das ich schon seit einiger Zeit brauchte und bereit zu finden hoffte. Da ich mich scheute, ihn selber zur Strafe zu ziehen, so holte ich meinen Herrn herbei, damit er Zeuge des ungebührlichen Benehmens sey. Der Jude, über seine Trägheit erbost, schlug ihn mit einer der Dauben auf den Kopf. Der Aethiopier sprang wüthend auf; als er jedoch seinen Gebieter mit der Daube in der Hand dastehen sah, so begnügte er sich, vor sich hinzumurmeln, daß er sich nicht in dieser Weise schlagen lasse, und nahm seine Arbeit auf. Sobald mein Herr die Küferei verlassen hatte, ergoß der Aethiopier seinen Grimm gegen mich, weil ich ihn angegeben hätte, ergriff eine Daube und stürzte auf mich zu, um mir das Gehirn einzuschlagen. Ich schlüpfte hinter das Faß: er folgte mir, und ich hatte eben zu meiner Selbstverteidigung nach einem Dächsel gegriffen, als er über den Schemel fiel, der ihm in dem Wege lag. Er sprang wieder auf, um den Angriff zu erneuern, und nun versetzte ich ihm mit dem Dächsel einen Schlag, der ihm den Schädel zerschmetterte und ihn todt zu meinen Füßen hinstreckte. Ich erschrack sehr über den Vorfall; denn obgleich ich nur aus Nothwehr gehandelt hatte, wußte ich doch wohl, daß der Herr über den Verlust des Sklaven sehr zürnen würde, und da keine Zeugen zugegen gewesen waren, so konnte es mir schlimm ergehen, wenn ich vor den Kadi gebracht wurde. Nach einiger Ueberlegung entsann ich mich der Worte des Sklaven, daß er sich nicht so schlagen lasse, und beschloß, die Leiche zu verbergen und meinen Herrn auf den Glauben zu bringen, daß er entlaufen sey. Freilich war dies einen große Schwierigkeit, da ich ihn nicht unbemerkt aus der Küferei fortschaffen konnte. Nach einigem Ueberlegen kam ich auf den Gedanken, ihn in das Faß zu stecken und dasselbe wieder aufzustellen. Ich mußte zwar aller meiner Kraft aufbieten, um die Leiche hineinzubringen, aber endlich gelang es mir doch. Nachdem ich den Deckel aufgesetzt und die Reife hinab gehämmert hatte, rollte ich das Faß in das Magazin, wo es für das Bedürfniß des nächsten Jahres mit Wein gefüllt werden sollte. Sobald es dort stand, pumpte ich den Wein aus der Kufe, füllte das Faß und schlug den Spund ein. Es war mir damit eine schwere Last von der Seele genommen, denn ich hatte jetzt wenigstens keine augenblickliche Entdeckung zu befürchten. Kaum war mein Geschäft abgethan, als mein Herr hereinkam, und nach dem Sklaven fragte. Ich antwortete ihm, er habe die Küferei verlassen und hoch und theuer geschworen, daß er nicht mehr arbeiten wolle. Der Jude, welcher ihn zu verlieren fürchtete, beeilte sich, den Behörden Nachricht zu geben, damit man ihn wieder aufgriffe; aber da man geraume Zeit nichts mehr von dem vermeintlich Entlaufenen hörte, so glaubte man, er habe sich aus Trotz ersäuft, und Niemand dachte mehr an ihn. Mittlerweile fuhr ich fort, wie zuvor zu arbeiten, und da mir die Obhut über Alles vertraut war, so zweifelte ich nicht, zu gelegener Zeit die Mittel zu finden, um die Belästigung ruhig bei Seite zu bringen. Im nächsten Frühjahr war ich eben beschäftigt, nach unserem Brauch Wein aus einem Fasse in das andere zu pumpen, als der Janitscharen Aga hereinkam. Er war ein großer Weinkenner und einer unserer besten Kunden. Da man seine sämmtliche Dienerschaft kannte, so ließ er den Wein nicht durch sie holen, sondern kam selbst in das Magazin, um sich ein Fäßchen auszulesen. Dies wurde dann von acht starken Sklaven in einer Sänfte, deren Vorhänge niedergelassen waren, fortgeschafft, damit man meinen sollte, er habe einen neuen Ankauf zu Vergrößerung seines Harems gemacht. Mein Herr zeigte ihm die Fässer, welche für den Markt desselben Jahres vorbereitet worden waren und in zwei Reihen dastanden; ich brauche kaum zu bemerken, daß das, welches den Aethiopier enthielt, nicht in die vorderste gehörte. Nachdem der Aga ein paar Pröbchen gekostet hatte, die ihm nicht zuzusagen schienen, bemerkte er: »Freund Issaschar, Dein Stamm will stets wo möglich die schlechtste Waare zuerst absetzen, und ich glaube daher, daß Du die besseren Sorten in der zweiten Reihe, nicht aber in der hast, welche Du mir da empfehlen willst. Laß Deinen Griechen den Heber in dieses Faß setzen,« fuhr er fort, indem er auf dasselbe deutete, in welches ich den schwarzen Sklaven gesteckt hatte. In der Ueberzeugung, er werde, den Inhalt sobald er ihn gekostet habe, wieder ausspeien, zögerte ich nicht, von dem Weine abzulassen und ihm ein Glasvoll anzubieten. Er kostete davon, hielt ihn ans Licht, kostete wieder, schmatzte mit den Lippen und wandte sich dann mit dem Ausruf an meinen Herrn: »Du Hund von einem Juden – willst mir da Dein elendes Gedresche anhängen, während Du doch hier einen Wein hast, wie ihn die Huris in Paradies nicht besser trinken können.« Der Jude berief sich auf mich, ob der Wein nicht ganz von derselben Qualität sey, und ich bestätigte seine Behauptung. »So koste ihn,« versetzte der Aga, »und koste dann den, welchen Du mir zuerst empfohlen hast.« Mein Herr that es und gerieth in großes Erstaunen. »Er hat freilich mehr Körper,« versetzte er; »aber wie es zugeht, kann ich mir nie erklären. Da koste einmal, Charis.« Ich hielt das Glas an meine Lippen, hätte aber um keine Welt den Inhalt versuchen mögen. Ich begnügte mich, die Ansicht meines Meisters, wie ich es auch gewissenhaft thun konnte, zu bekräftigen, indem ich sagte, »daß er mehr Körper habe, als die übrigen. Der Aga war über den Wein so vergnügt, daß er zwei oder drei weitere Fässer in der hintern Reihe probirte, ob er nicht weiteren Wein von ähnlicher Qualität finde, weil er sich wahrscheinlich einen großen Vorrath davon einzulegen gedachte. Da sich aber kein Stoff mit dergleichen Blume vorfand, so befahl er seinen Sklaven, das eine Faß, welches die Leiche enthielt, in die Sänfte zu rollen und es nach seinem Hause zu bringen.   »Halt einen Augenblick, Du lügenhafter Kafir!« rief der Pascha, »Willst Du uns wirklich weiß machen, daß der Wein besser gewesen sey als der übrige?« »Warum sollte ich Eurer durchlauchtigen Hoheit eine Lüge sagen? Bin ich nicht ein Wurm, den Ihr erdrücken könnt? Aber wie ich zuvor bemerkte, ich habe ihn nicht gekostet.«   Nachdem sich der Aga entfernt hatte, drückte mein Gebieter seine Ueberraschung über die Vortrefflichkeit des Weines aus, welchen er für besser erklärte, als irgend etwas, was er je gekostet hatte, und es that ihm nur leid, daß der Aga das Faß mit fortgenommen hatte, weil es ihm dadurch unmöglich wurde, die Ursache zu erforschen. Aber eines Tages erzählte ich den Umstand hierorts einem Franken, welcher sich gar nicht darüber wunderte, daß der Wein besser geworden sey. Er war in England Weinhändler gewesen und theilte mir mit, es sey dort Brauch, große Stücke rohen Ochsenfleisches in den Wein zu werfen, um ihn damit zu nähren; gewisse Weinsorten würden dadurch sehr veredelt.   »Allah Kebur! Gott ist groß!« rief der Pascha. »Dann muß es wohl so seyn – ich habe gehört, daß die Engländer große Freunde von Ochsenfleisch sind. Nun, so fahre fort in Deiner Geschichte.«   »Eure Hoheit kann sich den Schrecken denken, den ich fühlte, als das Faß von den Sklaven des Aga fortgenommen wurde. Ich hielt mich für einen verlorenen Mann und beschloß, augenblicklich von Smyrna zu entfliehen. Ich berechnete die Zeit, die der Aga wohl zum Trinken des Weines brauchen konnte, und traf demgemäß meine Vorbereitungen. Meinem Herrn, sagte ich, daß ich ihn zu verlassen beabsichtige, weil mir ein Erbieten gemacht worden sey, in das Geschäft eines Verwandten zu Zante einzutreten. Mein Herr, der mich nicht gut entbehren konnte, bat mich, zu bleiben; aber ich beharrte auf meinem Entschlusse, selbst als er mir einen Antheil seines Geschäftes abtreten wollte. Bei jedem Klopfen an der Thüre meinte ich, der Aga werde mit seinen Janitscharen kommen, um mich zu holen. Ich beschleunigte meine Abreise, die ich für den folgenden Tag festsetzte, als Abends mein Herr mit einem Papier in der Hand nach dem Magazine kam. »Charis,« sagte er, »vielleicht hast Du geglaubt, ich wolle Dich nur täuschen, indem ich mich erbot, Dich als Associé in mein Geschäft aufzunehmen. Um Dir das Gegentheil zu beweisen, habe ich hier eine Urkunde aufsetzen lassen, vermöge welcher Du Theilnehmer bist und ein Anrecht an ein Drittel des künftigen Gewinns hast. Sieh das Blatt an, und Du wirst finden, daß es in gebührende Form vor dem Kadi ausgestellt wurde.« Er hatte mir das Papier in die Hand gedrückt, und ich wollte es eben mit einer Weigerung zurückgeben, als ein lautes Klopfen an der Thüre uns beide erschreckte. Es war ein Janitscharenhaufen, welchen der Aga abgeschickt hatte, um uns beide auf der Stelle zu ihm zu bringen. Ich wußte wohl, um was es sich handelte, und verwünschte meine Thorheit, daß ich so lange gezögert hatte. Indeß war der Wein dem Gaumen des Aga so lieblich geworden, daß er ihn viel schneller als gewöhnlich trank, und außerdem nahm die Leiche des Sklaven wenigstens ein Drittheil Platz weg, so daß also der Inhalt in demselben Verhältniß gemindert wurde. Es half keine Gegenrede, keine Ausflucht. Mein Herr, der von Allem nichts wußte, war durchaus nicht unruhig, sondern folgte den Soldaten bereitwillig; ich dagegen war vor Angst halb todt. Als wir anlangten, brach der Aga gegen meinen Herrn in die ungestümsten Schimpfreden aus. »Du Schurke von einem Juden!« sagte er. »Meinst Du, Du könnest einen wahren Gläubiger also betrügen, indem Du ihm eine Pipe Wein verkaufst, die nur zu zwei Drittheilen voll ist, und den Rest mit irgend einer Schmiererei auffüllst? Sage mir, was ist so Schweres in dem jetzt leeren Fasse?« Der Jude betheuerte seine Unwissenheit und berief sich auf mich, während ich natürlich auch dergleichen that, als könne ich mir die Sache nicht erklären. »Na, wir werden bald sehen,« versetzte der Aga. »Laß Deinen Griechen seinen Werkzeug holen und das Faß in meiner Gegenwart öffnen; dann wirst Du wahrscheinlich Deine eigene Spitzbuberei anerkennen müssen.« Ich wurde mit zwei Janitscharen abgeschickt, um den Werkzeug zu holen, und dann aufgefordert, den Deckel des Fasses abzunehmen. Jetzt hielt ich meinen Tod für gewiß – nur das Einzige gab mir noch Hoffnung, daß der Zorn des Aga mehr gegen meinen Herrn, als gegen mich gerichtet war. Aber dennoch dachte ich, wenn das Faß geöffnet sey, müsse man den schwarzen Sklaven augenblicklich erkennen, und das Zeugniß des Meisters werde den Mord auf mich wälzen. Mit zitternder Hand gehorchte ich dem Befehle des Aga. Der Deckel wurde abgenommen, und zum Entsetzen aller Anwesenden sah man die Leiche in dem Fasse liegen. Aber statt schwarz zu seyn, war sie während der langen Zeit ihrer Eintauchung weiß geworden. Ich ermuthigte mich ein wenig bei diesem Umstande, denn so weit war wenigstens der Argwohn beseitigt. »Heiliger Abraham!« rief meine Herr, »was seh ich da! – ein todter Körper, so wahr mir Gott helfe! Aber ich weiß nichts davon – weißt Du's, Charis?« Ich betheuerte, daß mir die Sache ebenso räthselhaft sey, und rief gleichfalls den Patriarchen auf, die Wahrheit meiner Behauptung zu bezeugen. Doch während wir uns in solchen Versicherungen ergingen, heftete der Aga einen tödlich starren Blick der Entrüstung, in welchem sich ganze Bände aussprachen auf meinen Herrn. Die übrigen Anwesenden bleiben zwar stumm, schienen aber doch gute Lust zu haben, ihn in Stücke zerreißen. »Verfluchter Ungläubiger! donnerte zuletzt der Türke. »So also bereitest Du den Wein zu für die Anhänger des Propheten?« »Heiliger Vater Abraham! Ich weiß ebenso wenig, als Ihr, Aga, wie die Leiche da hineingekommen ist. Aber ich will das Faß mit Vergnügen auswechseln und Euch ein anderes schicken.« »Sey es so,« versetzte der Aga. »Meine Sklaven sollen es sogleich holen.« Er gab demgemäß seine Weisungen, und bald erschien die Sänfte mit einem andern Fasse Wein. »Es ist freilich ein schwerer Verlust für einen armen Juden – ein ganzes Faß guten Weins,« bemerkte mein Herr, als es aus der Sänfte gerollt wurde. Dann nahm er seinen Hut auf, um sich zu entfernen. »Halt,« rief der Aga; es fällt mir nicht ein, Dich Deines Weins zu berauben.« »Ah so – Ihr wollt mich also dafür bezahlen,« entgegnete mein Herr. »Ihr seyd ein sehr verständiger, billig denkender Mann, Aga.« »Das sollst Du sehen,« erwiederte der Aga, welcher nun seinem Sklaven Befehl ertheilte, den Wein im Gefässe abzuziehen.« Sobald das Faß leer war, forderte er mich auf, den Deckel herauszunehmen. Ich gehorchte und nun befahl er den Janitscharen, meinen Herrn hineinzustecken. In einer Minute war er geknebelt, gebunden und hineingestoßen. Jetzt erging der Befehl an mich, den Deckel wieder aufzusetzen. Ich gehorchte nur ungern, denn ich hatte keinen Grund, mich über meinen Herrn zu beschweren, und wußte, daß er wegen des Fehlers gestraft wurde, dessen ich mich schuldig gemacht hatte. Aber es handelte sich dabei um Leben oder Tod, und die Tage der Selbstaufopferung sind in unsrem Lande längst entschwunden. Außerdem hatte ich die Urkunde in meiner Tasche, welche mich zum Associé in dem Geschäft machte, und da mein Herr keine Erben hatte, so blühte mir die Schönste Aussicht, in den Besitz seines ganzen Vermögens zu kommen. Dazu –« »Ich will nichts von Deinen Gründen,« bemerkte der Pascha. »Du hast also den Deckel über ihm eingesetzt – fahre fort« »Ja, durchlauchtige Hoheit; aber obgleich ich es nicht wagte, ungehorsam zu seyn, so versichere ich Euch doch, daß es mit schwerem Herzen geschah – um so mehr da ich nicht wußte, welches Geschick mir selbst vorbehalten war. Sobald der Deckel aufgesetzt und die Reife hinabgetrieben waren, befahl der Aga seinen Sklaven, das Faß wieder mit dem Weine zu füllen und so ging mein alter Herr elend zu Grunde. »Schlage den Spund ein, Grieche.« befahl der Aga in strengem Tone. Ich gehorchte und blieb zitternd vor ihm stehen. »Sprich, was weißt Du von dieser Geschichte?« Ich glaubte, da der Aga meinem Herrn bereits das Leben genommen hatte, so könne es ihm nichts schaden, wenn ich ihm ein bischen von seinem Rufe nähme. Meine Antwort lautete, daß ich in der That nichts wisse, als daß eines Tages ein schwarzer Sklave in sehr verdächtiger Weise verschwunden sey; mein Herr habe nur wenig nach ihm gefragt, und ich vermuthe jetzt sehr, daß der Neger wohl das gleiche Schicksal erlitten habe. Ich fügte bei, mein Herr habe sehr bedauert, daß Seine Hoheit das Faß fortgenommen, weil er es noch länger habe aufbewahren wollen. »Der verfluchte Jude!« entgegnete der Aga. »Ich zweifle nicht, daß er ein ganzes Dutzend in dieser Weise ermordet hat.« »Ich fürchte selbst auch, Sir,« erwiederte ich, »und argwöhne, daß er mich zu seinem nächsten Opfer ausersehen hatte; denn als ich ihn verlassen wollte, beredete er mich, zu bleiben, und gab mir dieses Papier, durch welches ich sein Associé und Theilhaber an einen Drittel des Gewinnes werden sollte. Ich vermuthe, daß ich mich dessen nicht lange zu erfreuen gehabt hätte.« »Gut, Grieche,« bemerkte der Aga; »das ist ein Glück für Dich, da Du unter gewissen Bedingungen nun zu dem ganzen Vermögen kommen kannst. Eine davon ist, daß Du dieses Faß mit dem schuftigen Juden aufbewahrest, denn ich möchte das Vergnügen haben, mich hin und wieder an meiner Rache zu waiden. Auch dieses hier mit der andern Leiche bewahre auf, damit es meinen Zorn rege erhalte. Und schließlich wirst Du mich mit Wein von bester Qualität versehen, soviel ich brauche, ohne daß Du mir dafür eine Anrechnung machst. Willst Du auf diese Bedingungen eingehen, oder soll ich Dich als Theilhaber an diesem schändlichen Handel traktiren?« Ich brauche kaum zu bemerken, daß ich mit Freuden auf diese Vorschläge einging. Eure Hoheit muß nämlich wissen, daß sich Niemand viel aus einem Juden macht. Als ich über sein Verschwinden befragt wurde, zuckte ich die Achseln und theilte den Neugierigen im Vertrauen mit, der Janitscharen-Aga habe ihn in's Gefängniß gesetzt und ich führe das Geschäft bis zu seiner Befreiung fort. In Gemäßheit der Wünsche des Aga wurden die beiden Fässer, welche den Juden und den äthiopischen Sklaven bargen, in die Mitte des Vorrathskellers auf zwei höhere Widerlager gesetzt. Er pflegte Abends zu kommen und über dasjenige, welches meinen vormaligen Herrn enthielt, wohl stundenlange zu spötteln, während er dabei so viel Wein trank, daß er nicht selten bis zum nächsten Morgen im Hause bleiben mußte. Eure Hoheit darf übrigens nicht glauben, daß ich versäumte, die Eigenthümlichkeit des Weins, welchen jene Fässer enthielten, für mich auszubeuten – natürlich ohne daß der Aga etwas davon wußte. Ich hatte sie unten angebohrt und ließ beständig den Wein ablaufen, während ich oben wieder nachgoß. In kurzer Zeit war nicht eine Gallone mehr in meinem Besitz, welche nicht entweder von dem Aethiopier oder von dem Juden ein Gefährte führte. Meine Weine verbesserten sich dadurch sosehr, daß ich sie reißend verkaufte und bald reich wurde. Drei Jahre ging alles glücklich von statten, als mit einemmale der Aga, welcher während dieser Zeit mein beharrlicher Gast gewesen war, und sich wenigstens dreimal wöchentlich in meinem Hause betrunken hatte, den Befehl erhielt, sich mit seinen Truppen der Armee des Sultans anzuschließen. In seiner Gesellschaft hatte auch ich den Wein sehr liebgewonnen, obschon ich mich nie betrank. Den Tag vor dem Abmarsch der Truppen machte der Aga vor meiner Thüre Halt, stieg von seinem Araber, aber befahl seinen Leuten weiter zu ziehen, da er ihnen bald nachfolgen werde, und kam herein, um noch ein Abschiedsgläschen zu holen. Ein Glas kam um's andere, und die Zeit entschwand rasch. Der Abend brach herein und der Aga war wie gewöhnlich betrunken. In diesem Zustande wollte er noch einmal in den Keller hinunter gehen, und zu guter Letzt seine Witzeleien über das Faß zu machen, welches die Leiche des Juden enthielt. Wir standen längst auf dem freundlichsten Fuße, und da wir an jenem Abend mehr als gewöhnlich getrunken hatten, so war ich unvorsichtig genug, zu sagen: »Bitte, Aga, spottet nicht mehr über meinen armen Meister, denn er hat mein Glück gemacht. Ehe Ihr abreist, will ich ein Geheimniß vertrauen – es ist nicht ein Tropfen Wein in meinem Keller, der nicht entweder durch ihn oder durch den Sklaven im andern Faß gewürzt worden wäre. Dies ist der Grund, warum er um soviel besser schmeckt, als der von andern Weinhändlern.« »Wie!« rief der Aga, der nun nur noch lallen konnte. »Ganz gut, schurkischer Grieche! Du sollst sterben wie Dein Meister. Heiliger Prophet! Welch' ein Zustand für einen Muselmann, in's Paradies einzugehen – geschwängert mit der Essenz eines verfluchten Juden! Elender! Du sollst sterben – Du sollst sterben!« Er griff nach mir, aber sein Fuß glitt aus, und er fiel in seiner Trunkenheit zu Boden, ohne wieder aufstehen zu können. Ich wußte, er würde, wenn er wieder nüchtern wäre, nicht vergessen, was stattgefunden hatte, und mich seiner Rache zum Opfer bringen. Die Furcht vor dem Tode und der Wein, den ich getrunken hatte, bewogen mich zum Handeln. Ich schleppte ihn nach einem leeren Fasse, steckte ihn hinein, setzte den Deckel auf, schlug die Reife nieder und rollte das Faß in die Reihe, wo ich es mit Wein füllte. So rächte ich meinen armen Herrn und befreite mich von allen weitern Belästigungen, die mir der Aga zufügen konnte.«   »Wie!« rief der Pascha in Wuth, »Du hast einen wahren Gläubigen ersäuft – einen Janitscharen Aga? Du Hund von einem Kafir – Du Sohn von Shitan – und Du wagst es noch, es einzugestehen! Ruft den Henker herein!« »Erbarmen, durchlauchtige Hoheit – Erbarmen!« rief der Grieche. »Habe ich nicht Euer Versprechen bei'm Schwerte des Propheten? Außerdem war er kein wahrer Gläubiger, sonst würde er nicht dem Gesetz ungehorsam gewesen seyn. Ein guter Muselmann wird nie einen Tropfen Wein anrühren.« »Ich habe versprochen, Dir den Mord des schwarzen Sklaven zu vergeben und vergab Dir auch; aber ein Janitscharen Aga – ist das nicht etwas ganz Anderes?« wandte sich der Pascha an Mustapha. »Eure Hoheit ist mit vollem Rechte entrüstet – der Kafir verdient gespießt zu werden. Indeß gibt es doch zwei Rücksichten, auf die Euer Sklave Eure erhabene Weisheit aufmerksam zu machen sich erlaubt. Erstlich hat Eure Hoheit ein unbedingtes Versprechen gegeben und bei dem Schwerte des Propheten geschworen.« »Staffir Allah, was kümmere ich mich um dies? Wenn ich den Eid einem wahren Gläubiger geleistet hatte, so wäre es etwas Anderes.« »Und dann ist der Sklave mit seiner Geschichte noch nicht zu Ende, die sehr interessant zu werden scheint.« »Wallah! Das ist wahr. Er soll in seiner Geschichte fortfahren.« Aber der Grieche blieb mit dem Gesichte auf dem Boden liegen und richtete sich nicht wieder auf, bis ihm der Pascha das Versprechen erneuert und dasselbe bei der heiligen Fahne, welche aus dem Unterkleide des Propheten gemacht war, beschworen hatte. Seine Hoheit war wieder zu guter Laune gekommen und sehnte sich nach dem Schluß der Geschichte; so fuhr denn der Grieche folgendermaßen fort: –   Nachdem ich das Faß zugespundet hatte, ging ich nach dem Hof hinunter, wo das Pferd des Aga stand, versetzte demselben eine schwere Wunde und ließ es los, damit es nach Hause galopiren möchte. Der Hufschlag des armen Thieres mitten in der Nacht weckte seine Familie, und als sie entdeckten, daß es verwundet und ohne seinen Reiter angelangt sey, meinten sie, der Aga sey, als er seinen Truppen nachfolgte, von Banditen angegriffen und ermordet worden. Sie schickten zu mir, um zu fragen, um welche Zeit er mein Haus verlassen habe, und ich erwiederte, er sey eine Stunde nach Dunkel in schwerer Betrunkenheit aufgebrochen und habe seinen Säbel bei mir gelassen, den ich zurückgab. Niemand beargwöhnte den wirklichen Thatbestand, und so glaubte man, er sey auf dem Wege umgekommen. Ich war nun meiner gefährlichen Bekanntschaft los, und obschon er mir viel Wein weggetrunken hatte, so gewann ich doch den Werth desselben mit Interessen aus der Blume, die ich von seiner Leiche erzielte und meinen übrigen Vorräthen mittheilte. Ich stellte seinen Behälter neben den beiden andern Fässern auf. Mein Handel wurde einträglicher, und meine Weine standen in größerem Rufe als je. Eines Tages aber kam der Kadi, welcher meinen Wein hatte loben hören, heimlich nach meinem Hause. Ich beugte mich bis zur Erde über die Ehre, die er mir erwies, denn ich hatte längst gewünscht, ihn unter meine Kundschaft zu zählen. Einiges von meinem Besten ablassend, sagte ich zu ihm, als ich ihm das Glas anbot : »Dieser Saft, Euer Gestrengen, nenne ich meinen Aga-Wein, weil ihn der verstorbene Aga so sehr liebte. Er pflegte jedesmal ein ganzes Faß zu kaufen und ließ es in einer Sänfte nach seinem Hause bringen.« »Kein übler Einfall,« versetzte der Kadi. »Viel besser, als wenn man einen Sklaven mit einem Krug schickt, denn dies gibt immer Anlaß zu Bemerkungen. Ich will das Gleiche thun, aber zuerst laßt mich Alles kosten, was Ihr habt.« Er versuchte den Inhalt mehrerer Fässer, aber kein Wein wollte ihm so gut behagen, als derjenige, welchen ich ihm zuerst empfohlen hatte. Endlich fielen seine Blicke auf die drei Fässer, welche höher als die andern da lagen. »Und was ist dies?« fragte er. »Leere Fässer,« versetzte ich. Aber er hatte seinen Stock in der Hand und stieß an eines derselben an. »Grieche, Du sagst mir, diese Fässer seyen leer, aber sie klingen nicht darnach. Wahrscheinlich ist darin noch besserer Wein als ich gekostet habe. Lasse mir augenblicklich davon ab.« Ich mußte willfahren – er kostete – erklärte den Wein für ausgesucht und wollte das Ganze kaufen. Ich entgegnete, daß der Wein in diesen Fässern als Würze für den übrigen gebraucht werde und stehe so hoch im Preise, daß er wahrscheinlich nicht so viel dafür bezahlen wolle. Er fragte, wie hoch er zu stehen komme, und ich forderte viermal den Preis der andern Weine. »Es gilt,« sagte der Kadi. »Zwar ist er theuer – aber man kann keinen guten Wein haben, ohne dafür zu bezahlen. Der Handel ist geschlossen.« Ich wurde nun sehr unruhig und erwiederte, daß ich diese Fässer nicht ablassen könne, denn ich sey außer Stande, mein Geschäft mit Reputation fortzuführen, wenn ich die Mittel verliere, meine Weine zu würzen. Aber vergeblich. Er sagte, ich habe einen Preis gefordert, und er sey darauf eingegangen, ihn zu bezahlen. Sofort befahl er seinen Sklaven, eine Sänfte zu bringen und wich nicht aus dem Keller, bis alle drei Fässer fortgeschafft waren. In dieser Weise verlor ich mit einemale meinen Aethiopier, meinen Juden und meinen Aga. Ich konnte mir wohl denken, daß das Geheimniß bald entdeckt werden mußte, und traf deßhalb schon am nächsten Tage meine Vorbereitungen zur Abreise. Der Kadi zahlte mir mein Geld, und ich gab ihm meine Absicht zu erkennen, die Gegend zu verlassen; denn da er mich genöthigt habe, ihm diese Weine zu verkaufen, so könne ich nicht länger hoffen, mein Geschäft mit Erfolg fortzuführen. Abermals bat ich ihn, mir die Fässer zurückzugeben und bot ihm dafür drei andere als Geschenk an, aber vergeblich. Ich miethete ein Schiff, auf das ich meine übrigen Vorrathe lud, nahm all mein Geld mit mir und segelte, ehe eine Entdeckung stattgefunden hatte, nach Corfu aus. Wir wurden jedoch von einem Sturme befallen, der uns nach vierzehn Tagen, während welcher Zeit wir vergeblich gegen ihn ankämpften, wieder nach Smyrna zurücktrieb. Als sich das Wetter gemäßigt hatte, ertheilte ich dem Capitän die Weisung das Schiff in die äußere Rhede zu nehmen, damit ich sobald wie möglich wieder aussegeln könne. Wir hatten aber noch keine fünf Minuten geankert, als ich ein Boot vom Ufer abstoßen sah, in welchem sich der Kadi und die Diener der Gerechtigkeit befanden. Dies gab mir die Ueberzeugung, daß ich verrathen sey, und ich wußte nicht, was ich anfangen sollte. Endlich kam mir der Gedanke, meinen eigenen Leib in einem Fasse zu verbergen, wie ich es früher mit denen von anderen gehalten hatte. Ich rief den Capitän in die Cajüte herunter, theilte ihm mit, daß ich Grund zu haben glaube, der Kadi wolle mir ans Leben, und bot ihm einen großen Theil der Ladung an, wenn er mir beistehen wolle. Der Kapitän, welcher zum Unglück für mich eine Grieche war, sagte zu. Wir gingen in den Raum hinunter, ließen eines der Fäßer ab und nahmen der Deckel heraus. Dann kroch ich hinein und die Reife wurden wieder niedergeschlagen. Unmittelbar darauf kam der Kadi an Bord und fragte nach mir. Der Kapitän gab an, ich sey in dem Sturme über Bord gefallen und er deßhalb wieder umgekehrt, weil das Schiff an kein Haus in Corfu addressirt gewesen sey. »So ist denn dieser verfluchte Schurke meiner Rache entkommen!« rief der Kadi – »der Mörder, der seine Weine mit den Körpern seiner Nebenmenschen raffinirte. Aber Du könntest mich täuschen, Grieche; wir wollen das Schiff durchsuchen.« Die Schergen, welche den Kadi begleiteten, durchsuchten nun jeden Theil des Schiffes auf's Sorgfältigste. Da sie mich nicht auffinden konnten, so schenkte man dem griechischen Kapitän Glauben, und der Kadi entfernte sich mit seinen Leuten, indem er tausend Verwünschungen über meine Seele ausschüttete. Ich athmete nun freier, obschon ich fast berauscht war von der Weinhefe, die an dem Holze des Fasses hing, und sehnte mich danach, wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Aber der türkische Kapitän dachte nicht entfernt daran und kam nie in meine Nähe. In der Nacht lichtete er den Anker und segelte aus. Ich hörte das Gespräch zweier Matrosen mit an und entnahm daraus dessen Absichten; er wollte mich nähmlich während der Fahrt über Bord werfen und mein Eigenthum in Besitz nehmen. Ich rief diesen Leuten durch das Spundloch zu und schrie um Erbarmen; aber vergeblich. Einer derselben antwortete mir, ich habe Andere umgebracht und in Fässer gesteckt – deßhalb müsse ich in derselben Weise behandelt werden. Ich mußte im Geiste die Gerechtigkeit meiner Strafe anerkennen und ergab mich in mein Schicksal, indem ich jetzt nur noch wünschte, schnell über Bord geworfen und so meines Elends enthoben zu werden; denn die Furcht vor dem Tode schien mir weit schrecklicher zu seyn, als die Wirklichkeit. Es war jedoch anders beschlossen. Ein Sturm, der mit aller Gewalt losbrach, nahm den Kapitän und die Mannschaft ausschließlich in Anspruch, und ich wurde entweder vergessen, oder sollte bei passenderer Gelegenheit mein Urtheil erleiden. Am dritten Tage hörte ich die Matrosen sagen, mit einem solchen Bösewicht an Bord, wie ich sey, müsse das Schiff unvermeidlich zu Grunde gehen. Es wurden nun die Lucken geöffnet; man hißte mich herauf und warf mich in die tobende See. Der Spund des Fasses war herausgenommen; aber ich stopfte, wenn das Loch unter Wasser war, mein Schnupftuch hinein und hinderte so, daß sich mein Behälter füllte; befand sich die Oeffnung oben, so nahm ich es wieder heraus, um einige Augenblick frische Luft zu gewinnen. Von dem beständigen Rollen auf den sturmbewegten Wellen wurde ich furchtbar zerbeult, und die Schmerzen sowohl, als die Erschöpfung bewogen mich zu dem Entschlusse, das Wasser hereinzulassen und so meinem Leben ein Ende zu machen. Da fing mit einemmale das Faß mit furchtbarer Geschwindigkeit an zu rollen, und nach etlichen Umwälzungen fand ich, daß es von einer Brandung ans Ufer geworfen worden war. Einen Augenblick nachher hörte ich Stimmen. Leute kamen zu dem Fasse herauf und rollten mich fort. Ich wollte nicht sprechen, um die Personen nicht also zu erschrecken, daß sie mich am Ufer liegen ließen, wo mich die Wellen hätten wieder erfassen können; aber sobald sie Halt machten, rief ich mit matter Stimme durch das Spundloch und bat sie um die Barmherzigkeit, mich hinauszulassen. Anfangs schienen sie zu erschrecken; aber auf meine wiederholten Bitten und auf meine Angabe, daß ich der Eigenthümer des in der Nähe liegenden Schiffes sey, den Kapitän und Mannschaft meuterischer Weise über Bord geworfen hatten, brachten sie Werkzeug herzu und setzten mich in Freiheit. Der erste Anblick, welcher nach meiner Befreiung meinen Blicken begegnete, war mein als Wrack daliegendes Schiff, welches von jeder Welle weiter an dem Ufer heraufgetrieben und mehr in Stücke zerschellt wurde. Es war bereits in der Mitte aus einander gebrochen, und in der schäumenden weißen Brandung schwammen Weinfässer, die, sobald sie das Ufer berührten, von den Leuten, welche mich erlöst hatten, aufwärts gerollt wurden. Ich war so erschöpft, daß ich an der Stelle, wo ich lag, ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einer Höhle auf einem Bündel alten Kleider und in meiner Nähe saßen vierzig oder fünfzig Männer um ein großes Feuer her, welche sich bei meinen Weinfässern gütlich thaten. Sobald sie bemerkten, daß ich wieder zur Besinnung gekommen war, gossen sie mir etwas Wein ein, der mich wieder kräftigte. Nun befahl mir einer aus dem Haufen, welcher der Häuptling zu sehn schien, hereinzukommen. »Die Männer, welche wir von dem Wrack gerettet haben, erzählten mir seltsame Geschichten von Deinen ungeheuren Verbrechen. Setz' Dich nieder und erzähle mir die Wahrheit – wenn ich Dir glauben kann, so soll Dir Gerechtigkeit werden. Ich bin hier Kadi – Du bist hier auf der Insel Ischia – und wenn Du wissen willst, in was für Gesellschaft Du Dich befindest, so magst Du erfahren, daß wir von einfältigen Leuten Seeräuber genannt werden. Jetzt sprich die Wahrheit.« Ich dachte, bei Seeräubern könne meine Geschichte eine weit bessere Aufnahme finden, als bei andern Leuten, und erzählte sie daher in denselben Worten, wie ich es jetzt vor Eurer Hoheit gethan habe. Nachdem ich zu Ende gekommen war, bemerkte der Kapitän der Bande: »Wohlan denn – da Du zugibst, Du habest einen Sklaven getödtet, bei dem Morde eines Juden Beistand geleistet und einen Aga ertränkt, so verdienst Du zuverlässig den Tod; aber in Rücksicht auf die Vortrefflichkeit des Weines und auf das Geheimniß, das Du uns mitgetheilt hast, will ich Dein Urtheil umwandeln. Der Kapitän und die Matrosen haben sich des Verraths und Raubs auf hoher See schuldig gemacht – ein sehr schlimmes Verbrechen, das augenscheinlich Tod verdient; aber da wir durch ihre Vermittlung in den Besitz dieses Weines gekommen sind, so will ich mild gegen sie seyn. Ich verurtheile euch alle zu harter Arbeit für Lebenszeit. Ihr sollt als Sklaven nach Kairo verkauft werden, während wir das Geld einstecken und Euern Wein trinken. Die Piraten zollten der Gerechtigkeit einer Entscheidung, welche ihnen so vorteilhaft war, lauten Beifall und wiesen alle Appellation von unserer Seite zurück. Sobald das Wetter besser wurde, brachte man uns an Bord einer kleinen Schebecke, und nach unserer Ankunft in diesem Hafen wurden wir auf dem Markt ausgestellt und verkauft.   Dies ist die Geschichte, Pascha, welche mich zu der Aeußerung veranlaßte, deren Erklärung Ihr wünschtet. Ich hoffe, Ihr werdet mir zugestehen, daß ich mehr unglücklich, als schuldig war, da ich bei jeder Gelegenheit, in welcher ich einem Andern das Leben nahm, nur zwischen dem seinigen und meinem eigenen die Wahl hatte.« »Das ist eine wundersame Geschichte,« bemerkte der Pascha; »aber dennoch – wenn mein Versprechen nicht wäre, so würde ich Dir zuverlässig den Kopf abschlagen lassen, weil Du den Aga ertränkt hast. Es ist doch die Unverschämtheit zu weit getrieben, wenn ein ungläubiger Grieche meint, sein Leben sey von demselben Werthe, wie das eines Janitscharen Agas und Prophetenanhängers. Wie dem übrigens seyn mag, Du hast mein Versprechen und magst gehen.« »Die Weisheit Eurer Hoheit ist glänzender, als die Sterne des Himmels,« bemerkte Mustapha. »Soll der Sklave noch weiter mit Eurer Güte beehrt werden?« »Maschallah! Güte? Ich lasse ihm das Leben, und da er es für werthvoller hält, als das eines Agas, so glaube ich, daß er ein schönes Geschenk davon trägt. Ja wohl da, einen Aga zu ersäufen!« fuhr der Pascha fort, indem er aufstand. »Aber es ist gewiß eine sehr merkwürdige Geschichte. Laß sie aufschreiben, Mustapha. Wir wollen morgen den andern Mann anhören.« Drittes Kapitel. »Mustapha,« sagte der Pascha am anderen Tage, nachdem die Audienzhalle geschlossen war, »ist der andere Giaur bereit?« »Baschem Ustun! Möge jede Säumigkeit über meinen Kopf kommen, durchlauchtige Hoheit. Der ungläubige Hund harrt nur Eures Gebots, um sich kriechend Eurer erhabener Person zu nähern.« »Er soll kommen, damit unser Ohr erquickt werde. Barek Allah! Gott sey gepriesen! Es gibt außer dem Kalifen Harun noch andere Leute, welche Geschichten zusammenkriegen können.« Der Sklave erhielt Befehl, vor dem Pascha zu erscheinen. Er war ein bräunlicher Mann mit schönen Zügen und trat mit einer stolzen Haltung ein, welche weder durch seine Lage, noch durch seine zerrissenen Kleider verdeckt werden konnte. Als er noch einen Schritt von dem Staatsteppich entfernt war, verbeugte er sich und kreuzte stumm seine Arme. »Ich wünsche zu wissen, aus welchem Grunde Du Dich letzthin, als Du mit dem griechischen Sklaven Streit hattest, für einen so guten Weinkenner erklärtest.« »Durchlauchtige Hoheit, ich gab damals als Grund an, weil ich viele Jahre Dominikaner-Mönch gewesen sey.« »Ich erinnere mich, daß Du so sagtest. Was ist das für ein Gewerbe, Mustapha?« fragte der Pascha. »Wenn Euer Sklave nicht irrt, so ist es allenthalben ein gutes Gewerbe. Der Ungläubige meint, er sey ein Mollah oder Derwisch unter den Anhängern von Isauri Jesus Christus gewesen.« »Mögen sie und die Gräber ihrer Väter in Ewigkeit befleckt seyn!« rief der Pascha. »Trinken sie nicht Wein und essen Schweinefleisch? Hast Du nichts weiter zu sagen?« fragte der Pascha. »Mein Leben ist nicht uninteressant gewesen,« versetzte der Sklave, »und wenn es Eurer Hoheit beliebt, mich anzuhören, so will ich meine Geschichte erzählen.« »Ja, wir wollen uns herablassen. Setz' Dich und fange an.« Geschichte des Mönchs. Ich bin ein Spanier und in Sevilla geboren; ob aber mein Vater ein Grand oder von bescheidenerer Herkunft war, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben. Ich weiß nur so viel, daß ich mich, als meine Vernunft zu tagen begann, in dem von der Regierung errichteten Zufluchtsort für jene unglücklichen Wesen befand, die mit Schwarzbrod und Oel auferzogen werden, weil ihre unnatürlichen Eltern entweder den Aufwand für ihren Unterhalt nicht bestreiten mögen, oder zuerst durch ungesetzliche Liebe die Schaam, und zuletzt durch die Schaam die mütterliche Liebe besiegen ließen. In einem gewissen Alter werden diese Kinder für verschiedene Berufe und Gewerbe bestimmt, und diejenigen, welche frühzeitig Talent zeigen, finden oft Aufnahme im Schooß der Kirche. Da mich die Natur mit einer sehr schönen Stimme und einem richtigen Ohr für Musik ausgestattet hat, so wurde ich ausgewählt, um als Chorsänger in einem Dominikanerkloster von großem Rufe aufgezogen zu werden. Ich war zehn Jahre alt, als man mich der Obhut des Chorregenten übergab. Unter seiner Leitung erhielt ich Singunterricht, während ich zu anderen Zeiten den Ministrantendienst der Kirche versehen und bei den Prozessionen das Weihrauchfaß oder eine große Wachskerze tragen mußte. Als Kind wurde meine Stimme viel bewundert, und nachdem der Gottesdienst vorüber war, schenkten mir die Damen oft Confekt, das sie in ihren Taschen für den kleinen Anselmo mitgebracht hatten. Mit meinem heranwachsenden Alter vervollkommnete ich mich in der Musik und in meinem zwanzigsten Jahre hatte ich einen schönen Tenor. Der Superior des Klosters und andere Würdenträger der Kirche lagen mir nun auf das Schmeichelhafteste an, so daß ich endlich einwilligte, das Gelübde abzulegen und ein Mönch zu werden. Obgleich man in unserem Kloster viel Freiheit hatte, wurde mir doch noch mehr nachgesehen als den übrigen Mönchen. Ich ertheilte Unterricht in der Musik und im Singen, und ein Theil meines Verdiensts fiel zum Besten der Brüderschaft in die Hände des Superiors. Doch abgesehen hievon verbreitete sich mein Ruf bald über ganz Sevilla, und Hunderte pflegten in unserer Kirche blos deßhalb die Messe zu besuchen, um die Stimme des Bruders Anselmo zu hören. Ich wurde daher als ein sehr werthvolles Eigenthum betrachtet, und das Kloster würde bedeutend gelitten haben, wenn ich es verlassen hätte. Obschon ich meiner Gelübde nicht entbunden werden konnte, war doch der Fall denkbar, daß ich durch Verwendung nach Madrid kam, und der Superior, der dies wußte, gestattete mir jede Nachsicht, um mich nur zum Bleiben zu vermögen. Das Geld, welches ich für meine Bedürfnisse erhielt, setzte mich in die Lage, den Pförtner zu meinem Freunde zu machen, so daß ich zu jeder Stunde ein- oder ausgehen konnte. Ich verstand mich vortrefflich auf die Guitarre, und so wenig es sich auch mit meinen mönchischen Gelübden zusammen zu reimen scheint, eilte ich doch oft vom Abendgottesdienste fort, um bei einer Serenade für irgend eine schöne Sennora mitzuwirken, deren Inamorato der Gewalt meiner Stimme bedurfte, um sie seinen Wünschen geneigt zu machen. Meine Sedillas und Conzonettas wurden sehr bewundert, und zuletzt galt keine Serenade für vollkommen, wenn nicht Anselmos Tenor dabei war. Ich brauche kaum zu bemerken, daß dies ein sehr einträgliches Geschäft war und ich dadurch die Mittel gewann, einer Ueppigkeit zu pflegen, welche die Regel unser Orden nicht gestattete. Ich wurde bald ein Schlemmer und blieb oft ganze Nächte durch bei den jungen Cavalieren sitzen, um mit ihnen zu trinken und ihnen zur Unterhaltung Liebeslieder vorzusingen. Dennoch wurde mein Benehmen nicht bekannt, oder vielleicht aus den bereits angedeuteten Gründen übersehen. Wenn der Mensch sich einmal einem übermäßigen Weingenusse hingibt, so ist er auch jedem anderen Laster zugänglich und wird ihm leicht zur Beute. Der erste Irrthum führte mich in andere, und ohne Rücksicht auf meine mönchischen Gelübde fühlte ich mich oft geneigter, für eigene Rechnung, als für die meiner Gönner eine Serenade zu bringen. Ich hatte zwar ein sehr schönes Gesicht, aber es war entstellt durch die geschorne Glatze und durch den häßlichen Schnitt des Haares. Die rauhe, ungestalte Mönchskutte verhüllte das Ebenmaß meiner Glieder, welches sonst vielleicht auf dem Prado Aufmerksamkeit geweckt haben würde, und ich bemerkte bald, daß sich die Bewunderung des anderen Geschlechts auf nichts weiter als auf meinen Gesang erstreckte. Die Damen schienen zu glauben, ich sey, wie es meine Pflicht heischte, in jeden andern Punkte für die Welt todt. Da war nun eine junge Dame, Donna Sophia, welcher ich einige Zeit Musikunterricht ertheilt hatte und die mir geneigt zu seyn schien. Sie war eine vortreffliche Dilettantin und liebte die Musik leidenschaftlich; auch besteht zwischen den wahren Freunden der Tonkunst eine Sympathie, eine Art von Freimaurerei, welche sie augenblicklich auf den Fuß der Gleichheit und in ein sehr inniges Verhältniß setzt, so zwar, daß ich, wenn ich ein verheiratheter Mann wäre und eine Musikfreundin zur Frau hätte, mich sehr hüten würde, ihr einen Mann von ähnlichen Gefühlen vorzustellen, im Falle ich sie nicht selbst besäße. Ich kam bei dieser jungen Dame sehr in Gunst und schmeichelte mir schon mit einem erfolgreichen Ausgang, als eines Tages, wie wir eben ein Duett sangen, ein schöner, junger Officier eintrat. Sein braunes Haar wallte in natürlichen Locken nieder und seine Kleider paßten vortrefflich zu seiner schmächtigen, anmuthigen Gestalt. Er war ein Cousin, welcher eben erst von Carthagena zurückgekommen, und erwies sich gegen die Dame so aufmerksam, daß ich bald bemerkte, alle Bemühungen seyen verloren, und ich trete mit jedem weiteren Morgen mehr in den Hintergrund zurück. Darüber ärgerlich wagte ich es, mich frei auszusprechen, und schmähte auch in seiner Abwesenheit vor Donna Sophia über ihn, weil ich hoffte, mich auf diese Weise wieder in ihrer Gunst festzusetzen. Dies war jedoch ein trauriger Irrthum, dann sie verbat sich für die Zukunft nicht nur meine Dienstleistungen, sondern ich mußte auch nachher erfahren, daß sie ihrem Cousin den Grund meiner Entlassung mitgetheilt hatte. Ich kehrte in keiner angenehmen Stimmung nach das Kloster zurück, wo mir mitgetheilt wurde, daß der Superior mich zu sprechen wünsche. Als ich vor ihm erschien, erklärte er gegen mich, daß er von meinen zügellosen Benehmen Kunde erhalten habe, schmählte bitterlich und schloß damit, daß er mir eine schwere Buße auflegte. Da ich wohl wußte, Ungehorsam würde nur größere Strenge zur Folge haben, so verbeugte ich mich mit demüthiger Miene, obschon meine Brust vor Entrüstung schwoll, und kehrte nach meiner Zelle zurück, fest entschlossen, augenblicklich um meine Versetzung nach Madrid einzukommen. Ich war noch nicht lange allein, als mir der Pförtner ein Billet brachte. Es war von Donna Sophia, welche mich bat, sie denselben Abend zu besuchen, und sich wegen der scheinbaren übeln Behandlung entschuldigte; sie habe sich nur so anstellen müssen, um ihre Absichten besser verbergen zu können, weil sie bei unserer letzten Zusammenkunft befürchtet habe, daß ihre Mutter in der Nähe sey. Ich war entzückt über dieses Billet und beeilte mich, ihrem Wunsche zu entsprechen. Sie hatte mich angewiesen an der Hinterthüre, welche gegen das Feld hinausging, zu erscheinen und dreimal anzuklopfen. Aber kaum war mein Hand erhoben, um das Signal zu geben, als ich von vier verlarvten Männern ergriffen wurde, die mich knebelten und banden. Dann streiften sie mir meine Kutte ab und peitschten mich mit Nesseln, daß ich vor Schmerz fast wüthend wurde. Nachdem sie also ihre Rache befriedigt hatten, ließen sie mich los, nahmen mir den Knebel ab und liefen davon. Ich vermuthete damals, was sich auch später als richtig herausstellte, daß ich diese Behandlung dem jungen Officier zu danken hatte, welcher also die Schmähungen, die ich vor seiner Geliebten gegen ihn ausgestoßen, an mir rächen wollte. Die Hiebe brannten auf meiner Haut, und kochend vor Wuth zog ich, so gut es gehen wollte, meine Kleider an. Dann begann ich nachzudenken, in welcher Weise ich handeln sollte. Vor den übrigen Mitgliedern des Klosters konnte ich meine Lage nicht geheim halten, und eine wahrheitsgemäße Erklärung wäre nicht nur allzu demüthigend gewesen, sondern hätte mich auch einer viel strengeren Zucht unterworfen. Endlich kam ich aus den Gedanken, daß aus dem Uebel noch Gutes entspringen könne. Ich sammelte einen großen Büschel Nesseln, die unter den Mauern wuchsen, und schleppte mich nach dem Kloster zurück. In meiner Zelle angelangt, warf ich mein Gewand ab, das ich wegen meiner geschwollenen Glieder nicht länger tragen konnte, und begann die Wände und mein Bett mit den Nesseln zu peitschen. Nach einer Weile stöhnte ich kläglich und immer lauter und lauter, bis endlich einige Mönche hereinkamen, um nach dem Grunde zu fragen. Da fanden sie nun, wie ich augenscheinlich mich selber auf die grausamste Weise kasteit hatte. Als sie die Thüre öffneten, warf ich mich auf das Brett und schrie noch lauter. Dies war freilich der einzige Theil meines Benehmens, welcher nicht in Täuschung bestand, denn ich fühlte die bittersten Schmerzen. Auf ihre Frage erwiederte ich ihnen, daß ich mich schwerer Vergehungen schuldig gemacht habe; der Superior haben mir einen Verweis ertheilt und mir Buße aufgelegt, wodurch ich bewogen worden sey, mich mit Nesseln zu peitschen. Ich bitte sie nunmehr, da ich selbst nicht mehr könne, die Operation fortzusetzen. Sie waren nicht so unmenschlich, um auf das Letztere einzugehen, sondern schickten nach dem Arzt des Klosters und meldeten den Vorgang dem Superior. Ersterer wandte Mittel an, um meinen Schmerz zu stillen, und Letzterer war über meine scheinbare Zerknirschung so erfreut, daß er mir die Absolution ertheilte und mir die auferlegte Buße abnahm. Nachdem ich wiederhergestellt war, kam ich bei ihm mehr in Gunst, als je, und hatte mich der vollen früheren Nachsicht zu erfreuen. Während ich mich jedoch auf meinem Schmerzenslager befand, stellte ich unaufhörlich Betrachtungen über das Vorgefallene an. Mit bitterem Leide bemerkte ich die Schranke, welche die Kutte zwischen mir und der Welt gezogen hatte, während mich doch mein Temperament unfähig machte, mein Gelübde zu erfüllen. Ich fluchte meinen Eltern, welche die Ursache meiner gegenwärtigen Lage waren und fluchte meinem Mönchsgewand, welches dieselbe überall zur Schau trug. Dann dachte ich an das verrätherische Mädchen und entwarf Rachepläne. Ich verglich meine persönlichen Eigenschaften mit denen des jungen Officiers, und die Eitelkeit flüsterte mir ein, daß der Vortheil auf meiner Seite seyn würde, wenn mich nicht die schnöde Tracht meines Berufs entstellte. Endlich kam ich über meine Maßregeln zu einem Beschlusse. Wie bereits gesagt, befand sich in Folge meiner Musikstunden und meines Beistandes bei den Serenaden meine Börse in einem guten Zustande. Nachdem ich mich hinreichend erholt hatte, um auszugehen, begab ich mich zu einem Barbier, dem ich sagte, man habe mir wegen beharrlichen Kopfwehs das Abrasiren des ganzen Kopfes anempfohlen, er solle mir daher eine falsche Tonsur machen. Diese war in einigen Tagen bereit und so gut angefertigt, daß kein Unterschied zwischen der Perücke und meinem eignen Haare, das ich nun entfernte, zu bemerken war. Soweit waren meine Einleitungen gelungen; da aber bei einem derartigen Unterfangen zu Vermeidung allen Verdachtes die größte Vorsicht nöthig war, so kehrte ich wieder nach dem Kloster zurück, wo ich mich mehrere Tage ruhig verhielt. Eines Abends, als es bereits dunkel war, ging ich wieder aus und begab mich in die Trödelbunde eines Juden, wo ich einen Cavaliersanzug, der mir passend schien, kaufte. Ich verbarg die Kleider in meiner Zelle und machte mich am andern Tage auf den Weg, um an irgend einem abgelegenen Theile eine kleine Wohnung aufzusuchen, wo ich keiner Beobachtung ausgesetzt wäre. Dies war nicht leicht; aber südlich gelang es mir, ein Quartier zu finden, das mit einem gemeinschaftlichen Treppenhause in Verbindung stand, in welchem die verschiedenen Hausbewohner unaufhörlich ab- und zugingen. Ich zahlte den ersten Monat voraus, sagte, mein Bruder, den ich mit jedem Tage erwarte, werde es nächstens beziehen, und nahm inzwischen den Schlüssel in Besitz. Ich kaufte einen kleinen Koffer, ließ ihn nach meiner Wohnung bringen und schloß darin meinen Cavalieranzug, den ich aus dem Kloster holte, ein. Dann verhielt ich mich wieder ruhig, einerseits um allem Verdacht vorzubeugen, dann aber auch um mich durch meine vermeintliche Besserung bei dem Superior in Gunst zu setzen. Einige Tage später ging ich wieder aus und ließ bei einem der geschicktesten Perückenmacher Sevillas ein Billet zurück, in welchem ich denselben aufforderte, mich zu einer gewissen Stunde in meiner Wohnung zu besuchen. In der letzteren angelangt, nahm ich meine Mönchskutte und falsche Tonsur ab, verschloß sie in meinem Koffer, band ein seidenes Tuch um meinen Kopf und legte mich zu Bette, den Cavalieranzug auf dem Stuhle neben mir liegen lassend. Zu der anberaumten Zeit klopfte der Perückenmacher. Ich hieß ihn eintreten, entschuldigte mich, daß mein Diener in einem Auftrage abwesend sey, und ersuchte ihn, mir eine schöne Perücke anzufertigen, weil ich mir wegen eines Fiebers, von dem ich jetzt genesen sey, den Kopf habe scheeren lassen müssen. Auf seine Frage über die Farbe und Art des verlorenen Haares schilderte ich ihm dasselbe weit heller, als mein eigenes war, und ungefähr in derselben Weise, wie es der junge Offizier trug, dessen Locken die Ursache meines kürzlichen Unglücks gewesen waren. Ich zahlte ihm einen Theil des Preises voraus, und nachdem er zu einer bestimmten Stunde die Perücke abzuliefern versprochen hatte, entließ ich ihn. Dann stieg ich aus meinem Bette, nahm Kutte und Tonsur wieder auf und kehrte nach dem Kloster zurück. Während ich alle diese Vorbereitungen traf, hatte ich eifrig mein Geld zusammengespart, das ich früher eben so schnell verschwendete, als ich es gewonnen hatte. Ich konnte nicht umhin, mich jetzt mit einer Puppe vor ihrer Umwandlung zu vergleichen. Zuvor war ich die Raupe gewesen, jetzt aber stand ich im Begriffe, mein Gefängniß zu sprengen und als ein bunter Schmetterling umherzufliegen. Ich setzte mein kluges Benehmen noch eine Woche fort, nach deren Verfluß ich mich zu meinem Superior begab und seinen Händen eine Geldsumme überlieferte, die ich bequem entbehren konnte. Er ertheilte mir dafür seinen Segen und lobte mich, daß ich mir meine früheren Ausschweifungen abgewöhnt habe. Mit hochklopfendem Herzen eilte ich nach meiner Wohnung, warf die verhaßte Kutte sammt der Tonsur ab und kleidete mich in meinen neuen Anzug. Die Umwandlung war vollkommen, denn ich erkannte mich selbst nicht mehr. Kaum konnte ich glauben, daß der schmucke junge Cavalier, der mir ans dem Spiegel entgegen sah, der Bruder Anselmo sey. »Soll dieses Gesicht durch eine schnöde Tonsur entstellt werden?« sagte ich zu mir selber. »Sollen sich diese Glieder unter einer garstigen Mönchskutte bergen?« Ich betrachtete mich abermals und konnte mich nur mit Mühe von dem Spiegelbilde meiner Umwandlung losreißen. Ich war in der That ein Schmetterling. Endlich nahm ich mir vor, auszugehen. Ich schloß meine Kutte ein und stieg die Treppe hinunter. Freilich wagte ich mich nur mit Zittern auf die Straße: aber ich fand bald Grund zuversichtlicher zu werden, denn auf der Straße begegnete mir einer meiner vertrautesten Freunde, der mir in's Gesicht sah und ohne ein Zeichen der Erkennung an mir vorbei ging. Hocherfreut über diesen Umstand ermuthigte ich mich und ging keck nach dem Prado, wo ich von den Frauen mit günstigen Blicken, von den Männern aber mit Sticheleien begrüßt wurde, die ich beide für gleich schmeichelhaft hielt. Abends begab ich mich wieder nach meiner Wohnung, legte meine Kutte an und kehrte in das Kloster zurück. Ich fühlte nun wohl, daß ich keine Entdeckung zu befürchten habe und schwelgte in dem Vorgenusse eines Glückes, das mir bisher versagt gewesen war. Später ließ ich mir die modischsten und kostbarsten Kleider anfertigen, miethete mein Quartier auf sechs Monate und legte mir den Namen Don Pedro bei. So machte ich nun die Bekanntschaft vieler jungen Männer, darunter auch die das jungen Officiers, welcher mich so übel behandelt hatte. Letzterer faßte eine Zuneigung zu mir, die ich zu Förderung meiner Absichten ermuthigte. Ich wurde sein Vertrauter. Er theilte mir sein Liebesverhältniß mit seiner Cousine mit, erklärte aber, daß er der Sache müde sey und mit ihr zu brechen wünsche; deßgleichen erwähnte er als eines vortrefflichen Spasses der Züchtigung, welche er dem Mönche Anselmo hatte angedeihen lassen. Er führte den Degen vortrefflich – eine Eigenschaft, die natürlich durch meine Erziehung vernachläßigt worden war und die ich dadurch erklärte, daß man mich bis zu dem Tode meines älteren Bruders für die Kirche bestimmt habe. Ich nahm sein Erbieten, mich zu unterrichten, an und wurde von ihm in den ersten Anfangsgründen der Fechtkunst eingeweiht. Später nahm ich Stunden bei einem Fechtmeister, und da ich mich unaufhörlich übte, so fand ich schon nach einigen Monaten aus den gelegentlichen Versuchen, die ich mit dem Officiere machte, daß ich ihm überlegen war. Meine Rache, die ich bisher hatte unterdrücken müssen, war nun zur Reife gediehen. Aber trotz meiner auswärtigen Abenteuer bot ich doch aller Klugheit und Vorsicht auf, um eine Entdeckung zu vermeiden, indem ich mich aufs Sorgfältigste hütete, durch irgend eine Unbesonnenheit Anlaß zu Argwohn zu geben. In der Regel weihte ich vier Tage in der Woche dem Kloster und meinen Singstunden. Um die Schwierigkeit einer Identitäts-Nachweisung zu erhöhen, wurde ich als Bruder Anselmo weit ernster und auch in meinem Aeußeren schmutziger. Ich that dergleichen, als hätte ich eine ungemeine Vorliebe für den Schnupftabak gewonnen, besudelte damit mein Gesicht und meine Kutte und sprach stets nur mit sehr feierlicher Stimme. Weit entfernt also, Argwohn zu erregen, setzte ich mich vielmehr jeden Tag mehr in der Gunst der Superiors fest. Meine Abwesenheit bei Tag blieb unbeachtet, weil man wußte, daß ich Musikstunden gab, und meine nächtlichen Unregelmässigkeiten blieben ein Geheimniß, in das nur ich und der Pförtner eingeweiht waren. Ich brauche kaum zu bemerken, daß ich als Don Pedro stets bedauerte, nicht mit einer Singstimme begabt zu seyn; ja ich schickte sogar in Gegenwart meiner Gefährten einmal ein Billet an Bruder Anselmo, daß er bei einer Serenade für eine Dame, welcher ich als Don Pedro den Hof machte, mitwirke. Ich glaube nicht, daß es damals je einem meiner Bekannten auch nur entfernt zu Sinne kam, ich könnte, unter verschiedener Kleidung eine und dieselbe Person seyn. Um jedoch fortzufahren – eines Tages vertraute mir der junge Officier, welcher Don Lopez hieß, daß er sich nicht zu rathen und zu helfen wisse; er werde von der Eifersucht und den Vorwürfen seiner Geliebten bitterlich gequält – ich solle ihm daher rathen, was er anfangen solle. Ich lachte über seine Verlegenheit. »Mein theurer Lopez, versetzte ich, stellt mich ihr vor und verlaßt Euch darauf, daß sie Euch nicht mehr viel lästig fallen wird. Ich will ihr den Hof machen, und über die neue Eroberung erfreut, wird sie Euch bald vergessen.« »Euer Rath ist vortrefflich, mein guter Freund,« entgegnete er. »Wollt Ihr diesen Nachmittag mit mir kommen?« Abermals stand ich der gegenüber, welche ich geliebt hatte, nun aber nicht mehr liebte, denn ich lebte jetzt nur der Rache. Sie erkannte mich durchaus nicht. Ihr Verdruß über Don Lopez und das Vergnügen über meine Bemühungen, ihr zu gefallen, verschafften mir bald Einfluß; aber sie liebte zwischen den Paroxismen ihres Hasses Don Lopez noch immer. Das einemal bot sie Alles auf, ihn wieder zu gewinnen, das andere Mal hörte sie auf meine Liebesworte; aber endlich beschuldigte er sie der Treulosigkeit und gab ihr für immer den Abschied. Nun brach ihr ganzes Ungestüm los, und sie verlangte von mir als einen Beweis meiner Liebe, daß ich ihn zum Zweikampf herausfordere. Nichts konnte mir gelegener kommen. Indem ich mich anstellte, als sey ich ganz wahnsinnig in sie verliebt, ersah ich eine Gelegenheit, als er eben über mich lachte, ihn der Lüge zu zeihen und Genugthuung zu fordern. Da dies in Gegenwart von Anderen geschehen war, so konnte von einem Widerruf oder einer Erklärung keine Rede seyn. Wir bestellten uns und trafen allein in demselben Felde zusammen, wo ich meine Züchtigung erhalten hatte. Zugleich hatte ich meine Mönchskleider und die Tonsur mitgebracht, die ich vor seiner Ankunft unter denselben Nesseln versteckte, welche er zu meiner Beschimpfung sammeln ließ. Der Kampf währte nicht lange. Nach einigen Stößen und Paraden lag er sterbend zu meinen Füßen. Ich warf nun schnell meine Kutte über, vertauschte die Perücke gegen die Tonsur und trat an seine Seite. Er öffnete seine Augen, welche ihm eine Ohnmacht – die Folge der plötzlichen Blutung – geschlossen hatte, und sah mich erstaunt an. »Ja, Don Lopez,« sagte ich; »erblicke in Don Pedro den Mönch Anselmo, den Du mit Nesseln peitschen ließest, und der jetzt den Schimpf gerächt hat.« Dann warf ich die Kutte ab, ließ ihn den Anzug erblicken, welchen ich unter derselben trug, und vertauschte meine Tonsur mit der Perrücke. »Du bist jetzt von der Wahrheit überzeugt,« fügte ich bei, »und ich bin gerächt.« »Ich sehe, wie es steht,« versetzte er mit matter Stimme. »Aber wenn Ihr mich als Don Pedro erschlagen habt, so bitte ich Euch, mir, nun ich im Sterben liege, als Bruder Anselmo die Absolution zu ertheilen. Treibt Eure Rache nicht so weit, um mir dies zu verweigern.« Ich konnte ihm diesen Trost nicht versagen und ertheilte dem Manne, welcher unter der Maske des einen Costüms von meiner Hand gefallen war, die Absolution in der andern; denn es wäre eine Abgeschmacktheit gewesen, wenn sich jetzt meine Rachsucht nicht begnügt hätte. Einige Minuten später starb er. Ich eilte nach meiner Wohnung, wechselte meine Kleider und begab mich nach dem Kloster, von wo aus ich als Don Pedro an Donna Sophia schrieb, ihr das Vorgefallene mittheilte und ihr zugleich bedeutete, daß ich mich verborgen halten müsse, bis der Lärm vorüber sey. Drei Wochen blieb ich im Kloster und ließ mich auswärts nur als Pater Anselmo blicken. Ich brachte den Superior eine beträchtliche Summe zum Gebrauch der Kirche theilweise um die Gewissensstürme zu beschwichtigen, die mich wegen des begangenen Verbrechens ängstigten, theilweise, um mich in seiner Gunst zu erhalten. Nach Abfluß der gedachten Zeit schickte ich der jungen Dame in meiner Eigenschaft als Don Pedro ein Billet, in welchem ich ihr meine Rückkehr meldete und ihr zu wissen that, daß ich sie im Dunkel des Abends zu besuchen gedenke. Ich ging nach meinem Quartier, kleidete mich als Cavallier, klopfte an ihre Thüre und wurde eingelassen. Aber statt der erwarteten herzlichen Begrüßungen überhäufte sie mich mit Schmähungen und erklärte mich für einen Gegenstand des Abscheus. Es schien also, daß sie zwar in der Wuth über die Untreue ihres Liebhabers den Einflüsterungen der Rache Gehör geschenkt hatte, nun aber, als er nicht mehr unter den Lebenden weilte, alle ihre Liebe zu ihm wieder neu erwacht war. Ich zürnte jetzt gleichfalls und wollte das Haus verlassen; aber es lag nicht in ihrer Absicht, daß ich so leicht entkommen sollte, denn sie hatte zwei ihrer Verwandten unten aufgestellt, damit sie mich auffingen. Während ich die Treppe hinunter stieg, rief sie den unten Stehenden zu, und ich fand ein paar gezogenen Degen, welche mir den Durchgang streitig machten. Es blieb mir daher keine andere Wahl, als mir meinen Weg zu erkämpfen. In einem wüthenden Angriffe brachte ich zuerst dem Einen eine schwere Wunde bei und entwaffnete bald nachher den Anderen in demselben Augenblicke, als meine erboste Schöne, welche bemerkte, daß ich das Feld behaupten werde, hinter mich hingelaufen war und mir die Arme gehalten hatte. Aber sie kam zu spät. Ich schleuderte sie entrüstet auf den Verwundeten und ging zum Hause hinaus. Sobald ich auf der Straße war, zahlte ich Fersengeld, eilte nach meiner Wohnung, wechselte meinen Anzug und begab mich nach dem Kloster. Dieses Abenteuer machte mich um Vieles nüchterner. Ich blieb nun einige Monate ruhig und wagte es nicht, mich als Don Pedro zu zeigen, damit die Diener der Gerechtigkeit nicht Hand an mich legten. Ich wurde pünktlicher in meinen Pflichten und strenger in meinem Benehmen. Die verschiedenen Beichtstühle in unserer Kirche waren gewöhnlich von den älteren Mönchen besetzt, obgleich auch hin und wieder die jüngeren eintreten mußten, wenn einer der ersteren durch Krankheit oder andere Ursachen verhindert war. Einer der Patres wurde ernstlich krank, und ich wußte, daß die Mutter der jungen Dame, welche sehr pünktlich in ihren religiösen Obliegenheiten war, jeden Freitag in dem Stuhle dieses Mannes zu beichten pflegte. Ich nahm Besitz davon, weil ich hoffte, irgend ein Mittel aufzufinden, um meine Rache zu verfolgen. Auch die junge Dame pflegte in demselben Stuhle zu beichten, obschon sie nur selten kam; namentlich hatte sie sich seit dem Tode ihres Liebhabers nicht wieder blicken lassen. Wie ich mir vorgestellt hatte; kam die Mutter richtig und beichtete eine lange Reihe kleiner Sünden, für die ich ihr eine leichte Buße auflegte. Dann fragte ich sie durch das Gitter des Beichtstuhls, ob sie keine Kinder habe, worauf sie bejahend antwortete. Ich erkundigte mich dann, wann ihre Tochter zum letztenmal gebeichtet habe. Sie nannte ein längst vergangenes Datum, und ich begann nun mich über die Nachlässigkeit der Eltern zu verbreiten, indem ich sie aufforderte, ihre Tochter zur Beichte zu schicken, da ich ihr andernfalls eine Buße von einigen hundert Paternostern und Ave Marias auflegen müsse, weil sie ihren mütterlichen Obliegenheiten nicht nachkomme. Die alte Dame, welche sich einer derartigen Buße nicht zu unterwerfen wünschte, versprach, ihre Tochter am andern Tage herzubringen, und hielt Wort. Donna Sophia kam augenscheinlich nicht sehr bereitwillig. Indes knieete sie in dem Beichtstühle nieder, bekannte hundert Kleinigkeiten, schloß dann ihr Register und wartete auf die Absolution. »Habt Ihr sonst nichts mehr auf dem Herzen?« fragte ich in dem gedämpften, murmelnden Tone, der im Beichtstühle gewöhnlich ist; denn obgleich sich gegenseitig die Persönlichkeit nicht unterscheiden ließ, wünschte ich doch nicht, daß sie meine Stimme erkenne. »Nein,« versetzte sie mit schwachem Flüstern. »Meine Tochter,« entgegnete ich, »aus Eurer zitternden Antwort entnehme ich, daß Ihr Euch selbst und mich täuscht. Ich bin ein alter Mann und habe schon zu viele Jahre diesem Beichtstuhl vorgestanden, um nicht aus den Antworten, die ich erhalte, entnehmen zu können, ob das Gewissen wirklich entlastet ist. Ich bin überzeugt, auch das Eure drückt noch etwas schwer – eine Sünde, für die Ihr gerne Absolution haben möchtet, aber die Ihr Euch zu enthüllen scheut. Wenn Ihr auch nicht hauptsächlich dabei thätig wart, so habt Ihr doch zu dem Verbrechen mitgeholfen, und ich muß Euch die Absolution verweigern, bis von Euch ein volles Bekenntniß abgelegt worden ist.« Ihre Brust hob sich in stürmischer Aufregung; sie versuchte zu sprechen, konnte aber nichts als Thränen hervorbringen. »Das sind gute Vorboten,« bemerkte ich, »und ich gewinne daraus die Ueberzeugung, daß meine Muthmaßung richtig war. Forscht in Eurem Gewissen nach und nehmet den Trost hin den ich Euch zu geben vermag. Muth, meine Tochter; auch die Besten von uns sind schwere Sünder.« Sobald es ihr möglich geworden war, ihr Schluchzen zu unterdrücken, begann sie ihre Beichte. Sie erzählte ihre Zuneigung zu mir, ihre spätere Liebe für den jungen Officier, meine Schmähreden über denselben und die darauf folgende Züchtigung – die Untreue ihres Liebhabers, die Einführung des Don Pedro, ihre Reue über den Umstand, daß sie ihn gespornt habe, ihren Geliebten zu tödten, den Tod desselben – kurz Alles, was ich Eurer Hoheit bereits mitgetheilt habe. »Das sind ernstliche Verbrechen, meine Tochter – in der That schwere Verbrechen. Ihr seyd dem Versucher in Eurer eigenen Person unterlegen, führtet den Tod eines Menschen herbei, und habt den andern getäuscht, als er den Lohn seiner Ungerechtigkeit forderte. Aber Alles dies ist nur eine Kleinigkeit in Vergleichung mit dem Vergehen an dem heiligen Mönch, welches ich als Kirchenschändung bezeichnen muß. Und was war sein Vergehen? Daß er Euch vor einer Person warnte, welche durch ihr späteres Benehmen bewies, wie sehr der würdige Mann in seinen Muthmaßungen Recht hatte. »Ihr habt in jeder Weise gegen den Himmel gesündigt. Euer ganzes Leben wird für die Aufgabe der Buße kaum zureichen, das ungeheure Verbrechen der Kirchenschändung gar nicht eingerechnet, welches von Rechtswegen eigentlich der Inquisition vorgelegt werden sollte. In Eurem Falle ist Excommunication weit eher am Ort, als Absolution.« Ich wartete eine Weile, ehe ich weiter sprach, und das Mädchen schluchzte inzwischen bitterlich. »Meine Tochter,« bemerkte ich, »ehe ich mich darüber entscheiden kann, was anzufangen ist, um Euch dem ewigen Verderben zu entreißen, ist es nöthig, daß Ihr Euch vor dem frommem Manne demüthigt, dessen Person Ihr beschimpft habt. Schickt nach dem Kloster, zu welchem er gehört, und bittet ihn, zu Euch zu kommen. Habt Ihr dann Euer Verbrechen gebeichtet, so bietet ihm dieselben Züchtigungswerkzeuge an, durch welche er durch Eure Anstiftung zu Schaden gekommen ist. Unterwerft Euch seinem Urtheil und der Buße, die er Euch verschreiben wird. Habt Ihr dies gethan, so kommt wieder hieher. Ich werde übermorgen abermals in diesem Stuhle sitzen.« Das Mädchen verhüllte ihr Gesicht, wartete einige Minuten, um sich zu fassen und kehrte dann zu ihrer Mutter zurück, welche nicht wenig darüber verwundert war, daß man sie so lange im Beichtstuhle behalten hatte. Am nämlichen Abende erhielt ich von Donna Sophia ein Billet, in welchem sie mich bat, daß ich sie am andern Tage besuchen möchte. Ich fand sie in ihren Zimmer. Sie hatte bitterlich geweint und erröthete bei meinem Eintreten vor Schaam und Verdruß; indeß war sie Tags zuvor viel zu sehr eingeschüchtert worden, um den erhaltenen Einschärfungen Widerstand zu leisten. Ein großer Bund Nesseln lag auf dem Stuhl, und sobald ich eingetreten war, drehte sie den Thürschlüssel um, fiel auf ihre Kniee nieder und legte unter vielen Thränen ein volles Bekenntniß ab. Ich drückte das größte Entsetzen aus; sie aber umklammerte meine Füße, bat mich um Vergebung, deutete dann auf die Nesseln und ersuchte mich, davon Gebrauch zu machen, wie es mir passend dünke. Nachdem sie dies gesagt hatte, bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und blieb stumm auf ihren Knieen liegen. Ich muß gestehen, daß ich mich, wenn ich an die Art der über mich verhängten Züchtigung und an den Verrath dachte, der mich beinahe dem Tode preisgegeben hatte – sehr geneigt fühlte, durch eine scharfe Geißelung Rache zu nehmen; aber obgleich die Liebe, welche ich vordem zu ihr gefühlt hatte, entschwunden war, so besaß ich doch von Natur aus zu viele Zärtlichkeit für das schöne Geschlecht, um den Einflüsterungen meines Zornes Raum zu geben. Mein Zweck war, sie fortzuschaffen, damit ich nicht in meinem weltlichen Anzuge erkannt werden möchte, denn ich wußte wohl, daß sie die einzige Person war, durch welche mir bewiesen werden konnte, daß ich ihren Liebhaber getödtet habe. Ich richtete sie daher auf, sagte ihr, daß ich mit ihrer Reue zufrieden sey, und verzieh ihr für meine Person die üble Behandlung, welche ich erlitten hatte; zugleich aber forderte ich sie auf, sich wieder zu ihrem Beichtvater zu begeben, welcher ganz die geeignete Person sey, ihr für ihre schwere Sünde Buße aufzulegen. Am andern Tage fand ich mich wieder in dem Beichtstuhl ein, und sie erzählte mir nun, was vorgefallen war. Ich erwiederte ihr, sie könne durch nichts Anderes den Himmel sich versöhnen, als daß sie ihre musikalischen Talente seinem Dienste weihe; denn nur darin könne sie noch Heil finden, wenn sie augenblicklich den Schleier nehme. Ich weigerte mich, auf ihren Vorschlag zu jeder anderen auch noch so schweren Art von Buße zu hören, gegen welche sie gerne das Urtheil umgetauscht hätte. Von ihrem Gewissen gegeißelt, unglücklich durch die Untreue und den Tod ihres Geliebten und erschreckt durch die Bedrohung mit Exkommunication, begab sie sich im Laufe der nächsten Woche nach den Urselinerinen-Kloster, wo sie nach kurzer Probezeit den Schleier annahm und in den Orden eintrat. Sobald ich meinen einzigen Ankläger hinter Thor und Riegel wußte, nahm ich gelegentlich meine Cavaliertracht und meine Perücke wieder auf. Ich sage gelegentlich, weil es in der Gesellschaft, in der ich mich hauptsächlich umtrieb und in welcher ich der gute Weinkenner wurde, für den ich mich in Euren Hoheit Gegenwart ausgab – nicht nöthig war; denn ich fand mit meinem Gesang und mit meinen Guitarrespiel in meiner Kutte eben so gute Aufnahme, als in jedem andern Gewande. Außerdem brauchte ich nie zu bezahlen, wenn ich als Mönch erschien, während ich als Cavalier stets ausblechen müßte; deßhalb legte ich die letztere Tracht nur an, wenn ich mich einer Schönen angenehm zu machen wünschte. Ich brauche kaum zu bemerken, daß ich mich sorgfältig in Acht nahm, in der einen Eigenschaft mit derselben Gesellschaft zu verkehren, bei welcher ich in der anderen gut bekannt war. Ich führte meine Verkleidung mit trefflichern Erfolg drei Jahre fort; dann aber fand ein Ereigniß statt, welches mit meiner Entdeckung endete und zuletzt dahin führte, daß ich Sklave in Eurer Hoheit Besitzungen wurde. Ich hatte eine Zeitlang die Nichte einer ältlichen Dame unterrichtet, welche von edler Familie und sehr reich war. Die Tante war während der Lehrstunden stets anwesend, und da ich sie als eine sehr fromme Frau kannte, so wählte ich lauter unanfechtbare Arien, in denen durchaus nichts von Liebe vorkam. In meinem Benehmen war ich stets gesetzt und achtungsvoll, demüthig und ascetisch. Wenn ich von der alten Dame mein Geld empfing, pflegte ich ihr in Namen unsres Klosters zu danken, zu dessen Nutzen es verwendet werde, und nannte es eine Gabe der Mildthätigkeit, für die ich ihr Gottes Lohn wünschte. Ihr Beichtvater starb, und sie wählte mich an seine Stelle. Danach hatte ich längst getrachtet, und ich verdoppelte meinen Eifer, meine Demuth und meine Schmeicheleien. Ursprünglich hatte ich es nicht auf die Liebe der Nichte abgesehen, obschon sie ein sehr hübsches Mädchen war, sondern mehr auf den Beutel der alten Frau, weil ich wußte daß sie nicht mehr sehr lange leben konnte. Im Gegentheil war mir angelegentlichst darum zu thun, die Nichte zu entfernen, weil man glaubte, sie werde die Dublonen der alten Dame erben. Aber dazu war Zeit und Gelegenheit nöthig, und ich kultivirte inzwischen die Gunst meines vornehmen Beichtkindes. Sie pflegte alle Wochen zu beichten, und ich bemerke oft, daß sie sich's als Sünde anrechnete, weil sie zu viel an Jemand denke, der sie in ihren jüngeren Tagen vom Pfade der Pflicht abgeführt habe, und für den sie noch immer zu viel weltliche Leidenschaft empfinde. Wir hatten eines Abends, weil es der Tag und die gewöhnliche Stunde ihrer Beichte war, um zehn Uhr die Karten niedergelegt, welche wir hin und wieder miteinander spielten. Sie wiederholte dasselbe Vorgehen, und ich deutete nun zart an, daß sie vielleicht ruhiger seyn könne, wenn sie mir die Umstände vertraue, die mit ihren Gewissensbissen zusammenhiengen. Sie stockte; aber als ich sie darauf aufmerksam machte, daß es da keiner Zurückhaltung bedürft, und daß das Zugeständnis von Gewissensbissen, die aus einer Sünde hervorgingen, nicht das Bekenntniß der Sünde selbst sey, so fügte sie sich. Ihre Beichte bezog sich auf ihre frühe Jugend, als sie gegen die Wünsche ihrer Eltern einen jungen Cavalier liebte und denselben unter der feierlichen Zusage der Ehe in ihrem Gemache empfing. Ihre Verhältnis dauerte einige Zeit Art, bis es endlich entdeckt wurde. Ihre Verwandten lauerten dem Liebhaber auf, ermordeten ihn, und sie selbst wurde in ein Kloster geworfen. Dort gebar sie einen Knaben, den man sogleich nach seiner Geburt beseitigte. Sie hatte allen Gewaltmaßregeln und Drohungen, durch welche man sie zu zwingen suchte, den Schleier zu nehmen, Widerstand geleistet und kam nach dem Tode ihres Vaters in den Besitz ihres Eigenthums, dessen man sie nicht berauben konnte. Jetzt gab sie sich alle Mühe, zu entdecken, wohin ihr Kind gebracht worden war, und erfuhr zuletzt, daß man es nach den Findelhause geschickt hatte. Aber diese Kunde erhielt sie erst einige Jahre später, als die Kinder, welche um jene Periode in die Anstalt gebracht worden, bereits durch die Welt zerstreut waren. Sie hatte nie geheirathet, und ihre Gedanken kehrten stets wieder zu den Stunden zurück, die sie mit ihrem angebeteten Felix verlebt hatte, obschon sie glaubte, es sey Unrecht, bei einem Verhältnis zu verweilen, das an sich sündig war. Ich hörte ihrer Geschichte mit großer Theilnahme zu, denn es kam mir der Gedanke, daß ich der unglückliche Sprößling ihrer Liebe seyn oder doch die alte Dame wahrscheinlich dahin gebracht werden könnte, es zu glauben. Ich fragte ob ihr Kind Merkmale getragen habe, an denen es sich wieder erkennen lasse, und erhielt die Antwort, sie habe die Leute, welche sie bedienten, auf's Sorgfältigste ins Verhör genommen, und von einer der Frauen erfahren, das Kind sey an der Hinterseite seines Halses mit einer großen Warze versetzen gewesen; da jedoch diese wahrscheinlich später verging, so habe sie alle, ihre Hoffnung, die Frucht ihres Leibes wieder zu finden, aufgegeben. Ich bemerkte, daß Warzen, wenn sie zufällig entstanden, zwar leicht wieder vergingen, dagegen aber eben so wenig, als Muttermäler zu entfernen wären, wenn sie mit auf die Welt gebracht würden. Ich gab dann dem Gespräch eine andere Wendung, indem ich sagte, ich könne ihr Benehmen nicht für sündig halten, denn es liege in der menschlichen Natur, daß man die Liebe für eine Person beibehalte, mit welcher man so zu sagen in der Ehe gelebt habe und die um eines solchen Verhältnißes willen vom Tod ereilt worden sey. Ich ertheilte ihr die Absolution, legte ihr als Buße ein Dutzend Ava Maries auf und verabschiedete mich. Als ich auf meinem Bette lag, dachte ich über das Vorgefallene nach. Jahr und Monat stimmten genau mit der Zeit zusammen, in welcher ich nach dem Findelhause gebracht worden war. Eine Warze konnte, wie sie ganz richtig bemerkt hatte, verschwinden – war dann vielleicht nicht ich derselbe Sohn, dessen Verlust sie beklagte? Ich begab mich am andern Morgen nach der Anstalt und erkundigte mich nach dem Datum meiner Aufnahme sammt allen Einzelnheiten, die stets aufgezeichnet wurden, für den Fall, daß man die Kinder später wieder reklamirte. Man nannte mir den Februar; aber in demselben Monat, am nämlichen Tage und fast zu dergleichen Stunde war auch ein anderer Name eingetragen. »Abends neun Uhr wurde ein männliches Kind in einem Korbe an der Thüre gelassen; die Ueberbringer verschwanden schnell wieder – keine Kennzeichen – Namen Anselmo.« »Um zehn Uhr wurde ein männliches Kind in einem Cabok an die Thüre gebracht. Ueberbringer unbekannt – keine Merkzeichen – Namen Jacobo.« Augenscheinlich waren also in einem Zwischenraum von einer Stunde zwei Kinder nach dem Findelhaus gebracht worden, von denen das eine ich war. Abends kehrte ich zu der alten Dame zurück und brachte gelegentlich die Rede auf ihre Nachforschungen nach dem Kinde, indem ich sie zugleich fragte, ob sie mir nicht das Datum genau angeben könne. Sie antwortete, sie habe dies nur zu genau in ihrem Gedächtniß aufbewahrt – ihre Entbindung habe am achtzehnten Februar stattgefunden. Auch ihre Anfrage in dem Findelhause sey ihr die Mittheilung gegeben worden, daß die im Februar eingebrachten Kinder keine Zeichen gehabt hätten; alle seyen im Lande herum zerstreut – wo sie aber seyen, wisse man nicht zu sagen, da der frühere Hausmeister, welcher allein hätte Auskunft geben können, gestorben sey. Es war klar, entweder ich oder Jacobo mußte ihr Kind seyn; aber wie wäre es möglich gewesen, einen Beweis herzustellen? Ich trug jedoch kein Bedenken, meinen Plan zu verfolgen und mich mit dem Kinde, das sie verloren hatte, zu identifiziren. Der Beweis, daß ich an demselben Tage eingebracht wurde, war nutzlos, weil ich einen Competenten hatte, und außerdem standen meine Klostergelübde im Widerstreite mit meinen Spekulationen. Deßhalb beschloß ich, wenigstens sie zu überzeugen, wenn es auch nicht genügend vor mir selbst oder vor der übrigen Welt geschehen konnte, und traf demgemäß meine Maßregeln. Ich nahm mir vor, meinen Zweck in meiner weltlichen Verkleidung zu erreichen, und weil ich dazu einer Warze an dem Halse bedurfte, so wollte ich mir dieselbe möglichst schnell beilegen. Dies war leicht bewerkstelligt. Ein Mönch des Klosters war mit dergleichen Excrescenzen sehr belästigt, und ich schlug ihm scherzhafter Weise vor, wir wollten den Versuch machen ob es wahr sey, daß man sich mit Warzenblut Warzen inoculiren könne. Nach vierzehn Tagen hatte ich eine Warze an meinem Finger, die bald groß wurde, und dann wandte ich das Blut derselben auf meinen Hals an. Nach drei Monaten hatte ich durch Inoculation und durch beharrliche Reibung eine große Warze oder vielmehr ein ganzes Conglomerat derselben an der Hinterseite meines Halses hervorgerufen. Während dieser Periode besuchte ich die alte Dame nicht so häufig und entschuldigte mich bei ihr mit meinen klösterlichen Pflichten. Zunächst handelte sich's nun darum, wie ich mich ihr in einer andern Gestalt vorführen konnte. Nach einiger Ueberlegung beschloß ich, daß mir die Nichte Beistand leisten sollte, weil ich wußte, daß sie auf jeden Fall, selbst wenn mir mein Plan gelänge, einen Theil des Vermögens erhalten würde, das ich mir zu sichern wünschte. Da ich oft mit ihr allein war, so ersah ich die Gelegenheit, mit ihr von einem jungen Freund zu sprechen, den ich höchlich herausstrich, indem ich zugleich lachend erwähnte, ich vermuthe, daß er von ihren Reizen bezaubert sey, weil ich ihn oft in dem gegenüberliegenden Hause auf der Lauer gesehen habe. Ein Bewunderer wird für ein junges Mädchen stets zur Quelle geheimer Freude; ihre Eitelkeit fühlte sich geschmeichelt, und sie befragte mich über allerlei Einzelheiten. Ich antwortete ihr so, daß ihre Neugierde entzündet wurde, beschrieb seine Persönlichkeit auf's Günstigste und erhob seine guten Eigenschaften. Auch versäumte ich nicht, ausführlich seinen Anzug zu schildern. Nachdem der Musikunterricht vorüber war, begab ich mich nach meiner Wohnung, zog meine besten Kleider an, setzte meine Lockenperücke auf und ging vor den Fenstern des Hauses hin und her. Die Nichte erkannte in mir bald die Person, deren Anzug und Außenseite ich so umständlich beschrieben hatte, zeigte sich einen Augenblick an dem Fenster und fuhr in dem nächsten mit der ganzen Koketterie ihres Geschlechtes zurück. Ich bemerkte, daß ihr die Eroberung Freude machte, und entfernte mich nach kurzer Parade Als ich am andern Tage in meiner Mönchstracht vorsprach, hielt ich ein Billet doux in meiner Tasche bereit. Der Gesangunterricht begann. Ich fand bald, daß sie Feuer gefangen hatte; denn sie wählte ein Lied, welches ich in Gegenwart ihrer Tante bei Seite gelegt haben würde, jetzt aber passiren ließ, weil es zu meinem Zwecke paßte. Als die Tante erschien, hielten wir inne und begannen ein anderes. Durch diese kleine List wurde ich eine Art Vertrauter, und dies wars, was ich haben wollte. Nachdem wir zwei oder, drei Arien gesungen hatten, verließ die Tante, Donna Celia, das Gemach. Ich bemerkte sodann gegen das Mädchen, ich habe den jungen Cavallier, von dem ich gesprochen, gesehen, und er scheine bethörter zu seyn, als je. Er habe mich um den Gefallen gebeten, ihm das Wort zu reden; dagegen aber hätte ich ihm gedroht, wenn er auf seiner Thorheit beharre, werde ich die Tante davon unterrichten, denn ich sey der Ansicht, daß es sich mit meiner Pflicht als Beichtvater der Familie nicht vertrage, heimliche Liebesbotschaften zu überbringen. Ich gab zu, daß ich seine Lage bemitleide, denn es hatte ein Steinherz rühren müssen, Zeuge seiner Thränen und Bitten zu seyn; aber trotz meiner großen Zuneigung zu ihm vertrage es sich doch nicht mit meinem Gewissen, mich in einen solchen Handel zu mischen. Ich fügte bei, er habe mir mitgetheilt, daß er gestern Nachmittag vor dem Hause auf- und abgegangen sey, weil er einen Diener zu treffen hoffte, den er zu Ueberbringung eines Briefchen bestechen könnte; indeß habe ich ihm abermals gedroht, die Sache der Donna Celia mitzutheilen. Donna Clara (denn so war ihr Name) schien mit meiner Strenge gar nicht zufrieden zu seyn, sagte aber nichts. Nach einer Weile fragte ich sie, ob sie ihn gesehen habe, und sie antwortete mit ja, ohne sich auf eine weitere Bemerkung einzulassen. Ihr Arbeitskörbchen lag auf dem Sopha, auf welchem sie Platz genommen hatte, und ich wußte das Billet unbemerkt hinein zu praktiziren. Nach beendigter Unterrichtsstunde begab ich mich nach dem Zimmer ihrer Tante, um ihr in meiner beichtvaterlichen Eigenschaft einen Besuch abzustatten. Nach einer halben Stunde kehrte ich durch den Salon zurück, in welchem ich Donna Clara verlassen hatte. Sie saß an ihrer Stickerei und hatte augenscheinlich das Billet gelesen, denn sie erröthete bei meinem Eintritte. Zufrieden mit dieser Ueberzeugung, nahm ich keine weitere Notiz davon und verabschiedete mich von ihr. In dem Billet bat ich sie um eine Antwort und deutete ihr an, daß ich die ganze Nacht über unter ihrem Fenster seyn werde. Sobald es dunkel war, kleidete ich mich als Don Pedro, ging nach ihrem Hause und schlug einige Noten auf der Guitarre an, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich war etwas mehr als eine halbe Stunde dort gewesen, als sich das Fenster öffnete und eine kleine Hand zum Vorschein kam, welche zu meinen Füßen ein Billet niederfallen ließ. Ich that, als ob ich es mit Entzücken küßte, und entfernte mich. In meiner Wohnung angelangt, öffnete ich es und fand es so günstig, als ich nur hoffen konnte. Nun entwarf ich den Plan, ihr Vertrauen zu gewinnen. Als ich sie am nächsten Tage besuchte, sagte ich ihr, die Ueberzeugung von den ehrenhaften Absichten des jungen Cavaliers habe meine Bedenklichkeiten überwunden und mich bewogen, für ihn das Wort zu nehmen; freilich glaube ich, nicht recht zu handeln, aber der Zustand des jungen Mannes sey so beklagenswerth, daß ich seinen Bitten nicht habe widerstehen können. Ich erwarte übrigens, daß beiderseits kein Schritt ohne mein Vorwissen geschehe, und unter dieser Bedingung wolle ich, wenn ihn der junge Cavalier gefalle, meinen Einfluß zu ihren Gunsten aufbieten. Donna Claras Gesicht leuchtete vor Freude über meine Mittheilung, und sie gestand aufrichtig ein, was sie schon zuvor in ihrem Billet gethan hatte, daß ihr seine Person und sein Charakter durchaus nicht mißfielen. Ich zog dann ein anderes Billet hervor, zu dessen Überlieferung ich mich, wie ich sagte, hatte bewegen lassen. Nun nahmen die Angelegenheiten einen erfolgreichen Fortgang. Ich traf wiederholt Abends mit ihr zusammen und obschon ich anfangs gleichgiltig war, fesselten mich doch bald die vielen liebenswürdigen Eigenschaften das Mädchens, welche durch die Liebe ans Licht gefördert wurden. Eines Tages bemerkte sie gegen mich, daß zwischen mir und Don Pedro eine große Aehnlichkeit stattfinde, indeß kam ihr auch nie entfernt der Gedanke einer Möglichkeit, daß der ernste, geschorne Mann mit dem lebenslustigen Cavalier in den krausen Locken ein und dieselbe Person seyn könnte. Als ich die Sache endlich für reif hielt, machte ich Donna Clara einen Besuch, bedeutete ihr zur Einleitung daß ich ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe, und entdeckte ihr, daß ein junger Mann in ihre Nichte verliebt sey und, wie ich stark vermuthe, wieder geliebt werde. Ich kenne zwar den jungen Cavalier, der sehr liebenswürdig sey und viele gute Eigenschaften besitze, persönlich ganz genau; indeß scheine doch über seiner Familie ein Geheimniß zu liegen, da er derselben nie Erwähnung thue. Ich schloß mit der Bemerkung, daß ich es für mein Pflicht halte, sie von der Sache in Kenntniß zu setzen, damit sie, wenn sie etwas gegen die Partie einzuwenden oder mit ihrer Nichte andere Absichten habe, dem Liebeshandel ohne Weiteres ein Ziel setzen könne. Die alte Dame war sehr erstaunt über die Nachricht und wurde sehr ungehalten über die Nichte, weil sie sich erdreistet hatte, ohne ihr Vorwissen eine Bekanntschaft anzuknüpfen. Ich ließ sie aussprechen und nahm mir dann ganz ruhig das Recht eines Beichtvaters, indem ich sie darauf aufmerksam machte, daß sie in ihren jüngeren Jahren denselben Fehler begangen habe. Der junge Mann habe mir gebeichtet, daß seine Absichten ehrenhaft seien, obschon es ihm unbekannt gewesen, daß ich in irgend einer Verbindung mit der Familie stehe. Donna Celia schien sich nun mehr zufrieden zu geben und stellte viele Fragen an mich, aus denen ich entnahm, daß ihr das Geheimniß über die Familie des Freiers am anstößigsten war. Auf ihre Bitte versprach ich ihr, darüber Aufklärung einzuholen, ehe weitere Schritte geschehen sollen. Nachdem ich sie gewarnt hatte, sich gegen ihre Nichte ja nicht zur Heftigkeit hinreißen zu lassen, verabschiedete ich mich. Zuvor aber sprach ich noch einige Worte mit Clara, theilte ihr den dermaligen Stand der Dinge mit und empfahl ihr, ihre Tante nicht zu reizen, sondern sich bei ihren Verweisen reuig zu benehmen. Das Mädchen leistete meinen Einschärfungen Folge, und als ich am anderen Tage meinen Besuch machte, fand ich sie neben Donna Celia sitzen, welche augenscheinlich wieder versöhnt war. Ich bedeutete Clara durch einen Wink, daß sie das Zimmer verlassen möchte. Donna Celia theilte mir nun mit, die Nichte habe ihren Irrthum erkannt und sie deren Unklugheit nachgesehen, weil das Mädchen ihr versprochen habe, künftighin sich nur durch ihren Rath leiten zu lassen. Nachdem sie fertig war begann ich: »Macht Euch auf seltsame Neuigkeiten gefaßt, Madame – die Wege des Himmels sind wunderbar. Gestern Abend nahm ich Rücksprache mit dem jungen Cavalier Don Pedro, und es stellte sich dabei heraus, daß er – der Sohn ist, dessen Verlust Ihr so schmerzlich beklagt habt.« »Barmherziger Himmel!« rief die Dame und sank ohnmächtig zurück. Sobald sie sich wieder erholt hatte, rief sie aus: »Oh, wo ist er! Bringt ihn zu mir, damit das Mutterauge gesegnet werde durch seinen Anblick! Laßt das Sehnen eines Mutterherzens seinen Lohn finden in seiner Umarmung – laßt mich die Thränen der Liebe an seinem Busen weinen!« »Beruhigt Euch, meine theure Madame, versetzte ich; denn Ihr habt die Beweise noch nicht gesehen. Zuerst überzeugt Euch und dann gebt Euch dem entzückenden Vorgenusse hin. Als ich in Don Pedro drang, daß er mir seine Familienangelegenheiten mittheile, erklärte ich ihm unverhohlen, daß nur in rückhaltlosem Vertrauen Aussicht für ihn vorhanden sey. Er erwiederte mir sodann, daß er als Kind in das Findelhaus geschickt worden sey und nichts von seinen Eltern wisse; das Geheimniß und das auf seiner Geburt haftende Brandmal seyen ihm das ganze Leben über zur Quelle bitteren Schmerzens geworden. Ich fragte ihn, ob er wisse, wie alt er sey oder ob er einen Auszug aus dem Aufnahme-Register besitze. Er holte nun aus einem Schranke ein Papier, auf welchem der 18. Februar desselben Jahres, in welchem Euer Kind dahin geschickt wurde, verzeichnet war. Da ich noch nicht ganz überzeugt war, so erklärte ich ihm, daß ich ihn diesen Morgen wieder besuchen und sehen wolle, was sich thun lasse, indem ich ihm zugleich versicherte, daß sein aufrichtiges Zugeständniß ihm mein ganzes Interesse gewonnen habe. Diesen Morgen begab ich mich nach den Findelhaus, wo ich das Register untersuchte. In derselben Nacht waren zwei Kinder eingebracht worden – hier ist der Auszug, und Ihr werdet finden, daß ärgerlicher Weise keine Kennzeichen aufgeführt sind. Wenn daher die Warze von der Ihr gesprochen habt, nicht noch immer vorhanden war, so blieb die Ungewißheit so groß, als nur je. Vor ungefähr einer Stunde besuchte ich ihn wieder, sprach abermals über den Gegenstand mit ihm und bedeutete ihm, so viel ich wisse, sey es Brauch, die besonderen Merkmale der Kinder, die zu einer spätere Reklamation dienen könnten, aufzuzeichnen. Er antwortete, dies sey nur dann der Fall, wenn sich's um unzerstörliche Merkmale handle; mit einem solchen sey er nicht behaftet, obschon sich, solang er denken könne, eine große Warze an der Hinterseite seines Halses befinde. »Aber wozu auch dies?« fügte er bei. »Ich habe die Hoffnung, meine Eltern zu entdecken, längst aufgegeben, und muß mich eben in mein unglückliches Schicksal fügen. Ich habe über das Vorgegangene nachgedacht und fühle, daß ich unrecht gehandelt habe. Ich bin ohne Familie und ohne Namen – welch ein Recht habe ich also, nach der Hand einer jungen Dame von guter Herkunft zu trachten? Ich habe den Entschluß gefaßt, mein Gefühl zu überwinden, und will daher, ehe unsre Vertraulichkeit zu weit gediehen ist, um den Bruch für das angebetete Wesen schmerzlich zu machen, Sevilla verlassen, um in der Einsamkeit meine unglückliche Lage zu beweinen.« »Seyd Ihr eines solchen Opfers fähig, Don Pedro?« fragte ich. »Ja, Vater Anselmo,« antwortete er. »Ich werde stets wie ein Mann von Ehre und Familie handeln, obschon ich meine Abkunft nicht beweisen kann.« »Dann erweist mir die Gunst, Don Pedro,« entgegnete ich, »mich diesen Abend in meinem Kloster zu besuchen. Ich hoffe, Euch eine angenehme Kunde mittheilen zu können.« Dann verließ ich ihn, um hieher zu eilen und Euch die frohe Kunde zu bringen. »Aber warum habt Ihr ihn nicht augenblicklich mitgebracht?« rief Donna Celia. »Madame, ich habe im Kloster wichtige Obliegenheiten zu erfüllen, welche mich bis spät in die Nacht hinein bei dem Superior zurückhalten werden. Diese dürfen nicht verabsäumt werden. Ueberhaupt ist es nicht unmöglich, daß die Angelegenheiten unsres Klosters für einige Zeit meine Abwesenheit fordern: denn es handelt sich um eine neue Verpachtung unsrer Ländereien, und ich habe Grund, zu erwarten, daß mich der Superior mit dieser Angelegenheit beauftragt. Ich will dem jungen Mann mittheilen, was wir entdeckt haben, und ihn dann in Eure Arme senden. Ich möchte Euch übrigens rathen, nach der gegenwärtigen Aufregung Euch einige Stunde Ruhe zu gönnen, um für die ergreifende Scene, welche natürlich folgen wird, Kraft zu sammeln. Es wäre mir lieb, wenn ich dabei zugegen seyn könnte, denn es kömmt auf dieser Welt nicht oft vor, daß wir Zeuge seyn dürfen, wie sich die besten Gefühle des Herzens in ihrer tugendhaften Thätigkeit entfalten.« Ich verabschiedete mich sodann mit der Bitte, Donna Celia möchte ihre Nichte von den Umständen unterrichten, da sie vermuthlich einer wechselseitigen Zuneigung von Seiten der jungen Leute kein Hinderniß in den Weg legen werde. Ich brach deßhalb so bald auf, um die Geschichte ordnen zu können, die ich meiner neuen Mutter als Don Pedro über mein Leben vormalen wollte. Auch wußte ich mir Urlaub verschaffen, den ich dadurch gewann, daß ich einen Brief von einem ältlichen Herrn, der zu Alicant wohnte, vorzeigte; es stund darin, daß derselbe auf dem Sterbebette liege und meine Anwesenheit wünsche – ein Gesuch, auf das von Seiten des Superiors, zu dem ich auf dem besten Fuße stand, um so bereitwilliger eingegangen wurde, weil dabei einige Gelderwerbung in Aussicht stand. Um bei dem Kranken in Zeiten einzutreffen, sollte ich meine Reise schon am nämlichen Abend antreten. Ich verabschiedete mich von dem Superior und den übrigen Mönchen, in der Absicht, nie wieder zurückzukehren, und eilte nach meiner Wohnung, wo ich meine Mönchskutte abwarf und sie von jener Stunde an nie wieder aufnahm. Ich begab mich nach Donna Celias Hause, wurde eingelassen und in ein Zimmer geführt, wo ich ihre Ankunft erwarten sollte. Meine Person hatte ich aufs Vorteilhafteste herausgeputzt; denn ich trug eine neue Perücke, einen prächtigen Samtmantel, ein seidenes Wams und seidene Beinkleider. Als ich mich ein paar Augenblicke im Spiegel betrachtete, fühlte ich, hocherfreut über meine schöne Außenseite, daß ich unmöglich erkannt werden könne. Die Thüre ging auf und Donna Celia trat zitternd vor Beklommenheit ein. Ich warf mich auf meine Kniee und bat sie mit einer vor Bewegung fast erstickten Stimme um ihren Segen. Von ihren Gefühlen überwältigt wankte sie zu dem Sopha; ich blieb noch immer auf meinen Knieen liegen und ergriff ihre Hand, die ich mit Küssen bedeckte. »Es ist – es ist mein Kind,« rief sie endlich – »die allgewaltige Natur würde mir's gesagt haben, selbst wenn es an allen anderen Beweisen fehlte.« Und sie schlang ihre Arme um meinen Nacken, beugte sich über mich und vergoß Thränen dankbaren Entzückens. Ich versichre Euch, Hoheit, daß ihre Aufregung ansteckend wirkte und auch ich meine Thränen mit der ihrigen mischte; denn ich fühlte damals und lebe auch jetzt noch der festen Ueberzeugung, daß ich ihr Sohn war. Obschon mir mein Gewissen während einer Scene, welche die Gefühle der Tugend in meine Brust zurückführte, für einen Augenblick Vorwürfe machte, war ich doch der Ansicht, daß eine Täuschung, welche soviel Entzücken und Freude hervorrufe, fast verzeihlich seyn müsse. Ich nahm meinen Sitz an ihrer Seite ein, und sie küßte mich wieder, indem sie mich das einemal in ihre Arme zog, das anderemal von sich zurück drückte, um mich betrachten zu können. »Du bist ganz das Ebenbild deines Vaters, Pedro,« bemerkte, sie in wehmüthigem Tone. »Aber Gottes Wille geschehe. Wenn er auch genommen hat, so hat er doch wieder gegeben, und ich danke ihm aus voller Seele für seine Güte.« Sobald wir uns einigermaßen von unsrer Aufregung erholt hatten, bat ich sie, mir die Geschichte meines Vaters zu erzählen, von der mir nur der gute Vater Anselmo Einiges mitgetheilt habe, und sie wiederholte mir nun alle Ereignisse ihrer Jugendzeit, welche bereits berichtet wurden. »Aber du bist Clara noch nicht vorgestellt worden. Das schlimme Mädchen ließ sich wenig träumen, daß sie einen Liebeshandel mit ihrem Cousin unterhielt.« Donna Celia rief sie herunter, und ich trug kein Bedenken, das theure Mädchen an mein Herz und einen Kuß auf ihre Lippen zu drücken. Unsre Augen strahlten von Liebe und Freude. Wir setzten uns auf das Sopha, ich in die Mitte, und hielten gegenseitig unsre Hände eng verschlungen. »Und nun, mein theurer Pedro, möchte ich auch die Geschichte deines Lebens hören,« sagte Donna Celia, denn ich fühle mich überzeugt, daß du dir nichts Unehrenhaftes vorzuwerfen hast.« Ich dankte ihr für ihre gute Meinung, drückte meine Hoffnung aus, daß ich sie weder in der Vergangenheit verscherzt habe noch durch die Zukunft je verlieren werde, und begann die Geschichte meines Lebens in folgenden Worten:   »Du begannst die Geschichte deines Lebens?« unterbrach ihn der Pascha. »Lacht uns der Sklave in den Bart? Was war denn das Alles, was Du uns bisher erzählt hast?« »Die Wahrheit, durchlauchtige Hoheit,« entgegnete der Spanier. »Das aber, was ich jetzt zu erzählen im Begriffe bin, ist die Geschichte meines Lebens, wie ich sie erfunden hatte, um Donna Celia zu täuschen – diese ist falsch.« »Ah, ich begreife, Mustapha; dieser Kafir ist ein regelmäßiger Kesseguh Orientalischer Märchenerzähler. und läßt eine Geschichte aus der andere hervorgehen. Aber es ist schon spät; sorge dafür, daß er morgen Abend wieder erscheine, Bero! Geh, Ungläubiger – der Muezzin ruft zum Gebet.« Der Spanier verließ das Gemach, und dem Rufe des Muezzin gehorsam begingen der Pascha und Mustapha ihre gewöhnliche Abendandacht – das heißt, sie weihten sich der Flasche. Viertes Kapitel. Am andern Tage wurde der spanische Sklave vorgerufen, damit er seine Erzählung fortsetze. »Eure durchlauchtige Hoheit erinnert sich natürlich, wo ich gestern Abend aufgehört habe,« begann der Sklave. »Vollkommen,« versetzte der Pascha. »Du brachst ab bei dem Beginn deiner Geschichte; aber ich hoffe, Du wirst diesen Abend fertig werden, da ich bereits einen großen Theil von dem, was Du sagtest, wieder vergessen habe.« »Eure Hoheit erinnert sich, daß ich Platz genommen hatte – –« »Ja, in unser Gegenwart,« unterbrach ihn der Pascha. »So herablassend benehmen wir uns gegen einen Giaur. Aber jetzt fahre fort in Deiner Geschichte.« »Mit gebührender Ehrerbietigkeit gegen Eure Hoheit – ich hatte Platz genommen auf dem Sopha zwischen meiner Mutter Donna Celia und meiner Geliebten Donna Clara.« »Ja, ja – ich entsinne mich jetzt.« »Jede der Damen hielt eine meiner Hände fest.« »Das wissen wir schon,« erwiederte der Pascha ungeduldig. »Und ich war im Begriffe, meine Mährchen von eigener Erfindung zu erzählen, um die alte Dame, meine Mutter, zu täuschen.« »Anna Senna! Fluch über deine Mutter!« rief der Pascha in zornigem Tone. »Setz Dich nieder und spinne Deine Geschichte fort. Gilt Dir ein Pascha für nichts? Soll sich der Esel an dem Löwen reiben dürfen? Wallah el Nebi! bei Gott und dem Propheten – lachst Du uns in den Bart? Die Geschichte!« »Die Geschichte, welche Eure Hoheit zu hören wünscht,« erwiederte der Sklave mit großer Gelassenheit, »begann in folgenden Worten:« Fortsetzung der Erzählung des Mönches. Auf die Geschichte meiner frühesten Kindheit kann ich mich nicht mehr erinnern, theuerste Mutter. Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, fand ich mich in der Gesellschaft vieler anderen Kinder, von dem schreienden Windelkinde an bis zu den Knaben meines eigenen Alters. Ich erinnere mich auch, daß wir nur sehr spärliche Kost erhielten und strengen Züchtigungen ausgesetzt wurden. »Das arme Kind!« rief Donna Celia, indem sie meine Hand drückte, welche sie noch immer in der ihrigen festhielt. »Da blieb ich nun bis in mein zehntes Jahr, als eine alte Dame nach dem Findelhause kam, die eine Vorliebe zu mir faßte; denn ich hörte oft sagen, daß ich ein sehr schöner Knabe sey, obschon ich in der letzten Zeit an gutem Aussehen verloren habe, Clara.« Nun wurde meine andere Hand gedrückt, und ein verneinendes Lächeln bildete die Antwort. »Ich fuhr fort: »Die alte Dame, Donna Isabella, welche der edlen Familie der Guzmans angehörte, bedurfte eines Pagen und hatte im Sinne, mir in dieser Eigenschaft weitere Erziehung angedeihen zu lassen. Sie nahm mich nach ihrem Hause und ließ mich nach ihren Geschmacke kleiden. Ich pflegte an ihrer Seite auf dem Teppich zu sitzen und besorgte ihre Aufträge: kurz, ich war eine Art menschlicher Klingel, welche Jedermann herbeirufen und Alles, was man brauchte, holen mußte. Indeß wurde ich gut genährt, und ich bildete mir nicht wenig ein auf den kleinen Dolch, den ich in meinen Gürtel trug. Der einzige Theil meiner Erziehung, der mir nicht gefallen wollte, war, daß ich von einem Priester, der in der Familie heimisch war, lesen und schreiben lernen sollte, um so mehr, da derselbe eine eben so große Abneigung gegen das Lehren hatte, als ich gegen das Lernen. Wäre die Sache blos auf uns angekommen, so würden wir sie zur Zufriedenheit beider Partieen bereinigt haben; da jedoch die alte Dame meine Fortschritte dadurch auf die Probe setzen wollte, daß ich ihr, während sie strickte, vorlesen sollte, so sahen wir uns genöthigt, unsere Obliegenheiten zu erfüllen. Durch Schreien und Schläge wurde ich endlich hinreichend erleuchtet, um meiner Gebieterin einen Roman vorlesen oder in ihrem Namen ein Einladungs-Billet bejahet oder verneinend beantworten zu können. Donna Isabella hatte zwei Nichten, die bei ihr wohnten, und zur Zeit meines Eintrittes in die Familie beinahe erwachsen waren. Sie machten sich das Vergnügen, mich im Tanzen und in vielen anderen Dingen zu unterrichten; überhaupt gewann ich viel von ihnen, sogar im Lesen und Schreiben. Obgleich ich noch ein Kind war, machte es mir doch Freude, von zwei hübschen Mädchen unterrichtet zu werden. Es ist jedoch nöthig, daß ich diese jungen Damen ausführlicher schildere. Die älteste davon, welche Donna Emilia hieß, war von verständigem, gesetztem Charakter, zwar stets heiter, aber nie geräuschvoll; sie lächelte stets, obschon sie nur selten oder vielleicht nie lachte. Die jüngere, Donna Theresa, war ganz anders – ein frohsinniges, leichtherziges Wesen von offenen, vertrauensvollem und edelmüthigem Charakter: ihre Fehler bestanden blos in einem Untermaß in allen ihren Gefühlen, da sie gerne in Extreme überging. Nie hatte sich ein Schwesternpaar mehr geliebt, und es schien, als ob die Verschiedenheit ihrer Charaktere nur die gegenseitige Zuneigung erhöhe. Der Ernst der älteren wurde durch die Lebhaftigkeit der jüngeren bis zur Heiterkeit umgewandelt, und die Ausgelassenheit der jüngeren durch die Klugheit der älteren in Schranken erhalten. Als Kind liebte ich zwar Donna Emilia, aber für Donna Theresa wäre ich durch's Feuer gegangen. Ich hatte mich drei Jahre in dieser Stellung befunden, als eine Rechtsangelegenheit Donna Isabella nach Madrid führte. Die jungen Damen, die sehr schön waren und in ihren Aeußern große Aehnlichkeit mit einander hatten, wurden von den Cavalieren sehr bewundert. Zwei derselben gewannen ihren Nebenbuhlern den Vorrang ab. Don Perez war der begünstigte Anbeter von Donna Emilia, während sich Don Florez rühmen konnte, die Fesseln der lebhaften Theresa zu tragen. Donna Isabella hatte jedoch nicht die Absicht, ihre Nichten so bald von sich zu lassen, und da sie aus den Serenaden, welche jede Nacht statt fanden, entnahm, daß die Mädchen Anbeter hatten, so eilte sie früher, als sie beabsichtigt, nach Sevilla zurück. Obgleich ich in das Vertrauen der jungen Damen nicht eingeweiht war, begriff ich doch einigermaßen, was vorging; aber klüger als die meisten Knaben meines Alters, machte ich weder gegen meine Gebieterin, noch gegen die Mädchen Bemerkungen darüber. Wir befanden uns wieder einen Monat in Sevilla, als mich Donna Emilia bei Seite rief und zu mir sagte: »Pedro kannst Du ein Geheimniß bewahren?« »Ja, wenn ich dafür bezahlt werde,« – lautete meine Antwort. »Und was willst Du dafür haben, Du kleiner Geizhals?« »Von Euch nur einen Kuß,« – erwiederte ich. Sie nannte mich einen kleinen Schelm, gab mir den Kuß und sagte mir dann, daß sich ein wenig nach der Vesperglocke ein Cavalier unter dem Fenster einfinden würde, dem ich das Billet das sie mir in die Hand drückte, übergeben müßte. Da ich zum Voraus meine Bezahlung erhalten hatte, so willigte ich natürlich ein. Um die erwähnte Zeit sah ich zum Thore hinaus, und da ich ein Cavalier unter den Fenster bemerkte, so redete ich ihn an: »Seyd Ihr es, Sennor; der etwas von einer schönen Dame erwartet?« »Ja, mein kleiner Page; ich erwarte ein Billet,« versetzte er. »So nehmt es,« entgegnete ich, indem ich es aus meiner Weste heraus holte. Er drückte mir eine Dublone in die Hand und verschwand augenblicklich. Das Gold gefiel mir sehr wohl, aber die andere Bezahlung war mir noch lieber. Ich steckte das Geld in meine Tasche und kehrte in das Haus zurück. Kaum hatte ich die Halle wieder erreicht als mich Donna Therese anredete: »Pedro, ich habe mich nach dir umgesehen – kannst du ein Geheimniß bewahren?« »Ja, wenn ich dafür bezahlt werde,« versetzte ich wie zuvor. »Und was willst du haben, damit deine kleine Plapperzunge im Zaume gehalten werde?« »Von Euch muß es ein Kuß seyn,« versetzte ich. »O du kleines Aeffchen – ich will dir zwanzig geben.« Und sie küßte mich bis mir fast der Athem verging. »Und nun,« sagte sie, »mußt du einem Sennor, der unten wartet, ein Billet bringen.« Ich nahm das Billet, und als ich an das Thor kam, fand ich daselbst, wie sie gesagt hatte, einen Cavalier. »Auf was wartet Ihr, Sennor?« fragte ich. »Vielleicht auf ein Billet doux von einer holden Dame?« »Ja, mein hübscher Knabe,« antwortete er. »Vielleicht macht Euch dieses Freude,« versetzte ich, indem ich ihm das Billet hinbot. Er riß es aus meiner Hand und wollte sich entfernen. »Sennor,« sagte ich, »ich kann nicht dulden, daß meine Gebieterin gekränkt werde. Ihre Gunstbezeugungen sind zwar unschätzbar, aber dennoch muß stets Gold dabei in Rede kommen. Wenn ihr so arm seyd, so ist hier ein Stück für Euch, damit Ihr den Ueberbringer des Billets belohnen könnt.« Und ich bot ihm die Dublone an, die ich von dem andern Cavalier erhalten hatte. »Du bist ein witziger Knabe, versetzte er, und hast meine Nachläßigkeit verbessert – denn ich versichre dich, weiter war es nicht. Thue dies zu dem andern.« Er drückte mir eine Viertelsdublone in die Hand und verschwand. Ich kehrte nach dem Hause zurück, und da ich schon einige Zeit von der alten Dame fern gewesen war, so begab ich mir in den Salon, wo ich sie allein antraf. »Pedro, komm hierher Kind; du weißt, wie gütig ich gegen dich gewesen bin und wie sorgfältig ich dich erzogen habe. Sage mir jetzt, kannst du ein Geheimniß bewahren?« »Ja, Madame,« versetzte ich; »die eurigen wohl, denn es ist meine Pflicht.« »Du bist ein gutes Kind. Wohlan denn, es kommt mir vor, als ob meine beiden Nichten von einigen Cavalieren belagert werden, welche sie zu Madrid kennen gelernt haben, und ich wünsche, du möchtest mir ausfindig machen, ob es wahr ist. – Verstehst du mich?« »O ja, Madame,« versetzte ich; »vollkommen.« »Gut; so gib Acht – und da hast du zwei Realen, Pedro, um dir dafür Zuckerpflaumen zu kaufen.« So wurde ich an einem Tage in die eigentliche Beschäftigung eines Pagen eingeführt. Ich fügte die beiden Realen dem Golde bei, und Ihr könnt Euch denken, daß ich mir vornahm, je nach der geleisteten Bezahlung meine Dienste einzurichten. Ich fand jedoch nachher, daß ich in Betreff der Billets einen argen Irrthum begangen hatte. Das der Donna Emilia hatte ich dem Don Florez, Donna Theresas Anbeter, übergeben, und des der Donna Theresa hatte Don Perez erhalten, welcher Donna Emilia liebte. Es wird hier am Ort seyn, zu erklären, was mir erst nach der Lösung des Knotens zur Kunde kam. Don Perez, der Liebhaber Emiliens, war ein junger Mann, welcher nach dem Tode eines Onkels, dessen Fideikommißerbe er war, ein großes Vermögen zu erwarten hatte; Don Florez dagegen war schon vorderhand im Besitz eines großen Reichthums und konnte für sich selbst wählen. Aus Furcht vor Entdeckung waren beide Billets mit verstellter Hand geschrieben und nicht mit den Taufnamen der Mädchen unterzeichnet worden. Das der Donna Emilia lautete folgendermaaßen: »Ich habe Euer Billet an dem angedeuteten Orte gefunden; aber meine Tante nahm den Schlüssel zu dem Parke an sich und hegt, glaube ich, Argwohn. – Warum drängt Ihr so sehr? – Ich hoffe, Eure Liebe wird sich, wie die meinige, durch die Zögerung nur erhöhen. Unmöglich kann ich heute Nacht mit Euch zusammentreffen; aber ich habe meinen Pagen für unsere Dienst gewonnen und will Euch bald schreiben.« Das Billet der Donna Theresa, welches in die Hände des Don Perez gerieth, lautete also: »Ich kann Euren Bitten um eine Zusammenkunft nicht länger Wiederstand leisten. Meine Tante hat zwar den Park verschlossen, aber wenn Ihr Muth genug habt, über die Gartenmauer zu steigen, so will ich Euch in dem Salon treffen, welcher gegen den Garten hinausgeht. Laut sprechen dürfen wir nicht, da die Dienerschaft stets an der Thüre vorbeigehe auch können wir kein Licht haben – ich muß mich daher ganz auf Eure Ehre verlassen.« Don Perez war hoch entzückt, daß Donna Emilia endlich in seine Bitten, ihm eine Zusammenkunft zu gestatten, gewilligt hatte, und Don Florez, der sich über das rückhaltige Benehmen seiner Geliebten sehr ärgerte, klagte sie in Nachhausegehen der Koketterie an. Zu der anberaumten Stunde traf Don Perez seine vermeintliche Geliebte in dem Salon. Die beiden Schwestern waren Vertraute, und da ich in ihr Geheimniß eingeweiht war, so trugen sie kein Bedenken, vor mir zu sprechen. Als am andern Tage die Tante das Zimmer verlassen hatte, begannen sie, sich über die persönlichen Vorzüge ihrer Cavaliere zu besprechen, und beriefen sich nach einem humoristischen Streite auf mich. »Komm, Pedro,« sagte Theresa; »du sollst entscheiden. – Welchen hältst du für den schönsten Cavalier?« »Je nun,« antwortete ich, »ich glaube, Euer Sennor ist für einen blonden Mann der schönste, den ich je gesehen habe – aber die schönen schwarzen Augen, welche Donna Emilias Cavalier besitzt, sind nicht minder einnehmend.« »Ei, Pedro, du hast dich in den beiden geirrt,« sagte Emilia. »Der Blonde, Don Perez, ist mein Anbeter; der dunkle Sennor, Don Florez, macht meiner Schwester den Hof.« Ich bemerkte, daß bei Überlieferung der Billete ein Irrthum stattgefunden hatte, und Theresa erröthete. Aber ich hatte Verstand genug zu antworten: »Sehr wahr, Fräulein, Ihr habt Recht; ich erinnere mich jetzt, daß ich die beiden verwechselte.« Bald nachher kam die Tante in das Zimmer, und Theresa winkte mir, ihr zu folgen. Sobald ich mit ihr draußen angelangt war, begann sie: »Sage mir die Wahrheit, Pedro, hast du dich wirklich nicht versehen, oder überliefertest du mein Billet an den blonden Cavalier, Don Perez?« Ich antwortete, das letztere sey allerdings geschehen, den ich habe Emilias Billet bereits an den dunkeln Gentleman abgegeben gehabt. Donna Theresa hielt nun ihre Hand vor das Gesicht und weinte bitterlich. »Pedro,« sagte sie, »du mußt dieses Geheimniß bewahren, denn es ist von der größten Wichtigkeit – mein Gott, was wird aus mir werden?« rief sie, eine Zeitlang sich der größten Betrübniß hingebend. Endlich wischte sie ihre Augen, holte nach vieler Ueberlegung Papier und schrieb ein Billet. »Pedro, überliefere dies an die Adresse; merke dir aber wohl, daß es dem dunkeln Cavalier zugedacht ist.« Therese hatte Emiliens Billet an Don Perez, welches in die Hände des Don Florez gekommen war, gelesen, und das ihrige lautete deßhalb folgendermaßen; »Ihr mögt mich vielleicht für hart halten, weil ich Euch gestern Nacht eine Zusammenkunft verweigerte, aber ich fürchtete mich. Glaubt ja nicht, daß ich mit Euern Gefühlen spielen wolle; Ihr werdet mich in dem nach den Garten führenden Salon treffen, der gestern Nacht besetzt war. Kommt um zehn Uhr.« Ich entfernte mich mit den Billet und übergab es Don Florez. »Mein lieber Knabe,« erwiederte er, »sage Donna Theresa, ich werde nicht ermangeln. Ich weiß jetzt, warum sie mich gestern Nacht nicht empfangen konnte, und hoffe nun, gleichfalls so glücklich zu seyn, wie Don Perez.« Er drückte mir eine Dublone in die Hand, und ich entfernte mich. Kaum hatte ich jedoch seine Straße verlassen, als mir Don Perez begegnete. »Ah, mein kleiner Page, daß trifft sich ja recht glücklich. Komm auf einen Augenblick mit mir, damit ich Donna Emilia ein Billet schreibe.« Ich folgte ihm, und er gab mir wie früher eine Viertels- Dublone. »Ich danke Euch Sennor,« versetzte ich. »Mit den Dublonen des Don Perez und Euren Viertels-Dublonen werde ich bald ein reicher Mann seyn.« »Wie sagst du? entgegnete er. »Don Florez gibt dir Dublonen? – Dann verderbt er den Markt. Aber ich darf nicht zugeben, daß er dich besser bezahle, als ich, sonst werde ich weniger treu bedient werden. Da hast du noch anderthalb Dublonen, welche mit dem, was du bereits erhalten hast, den Betrag gleichstellen.« Ich machte meine Verbeugung und entfernte mich unter vielen Dankesäußerungen. So jung ich auch war, dachte ich mir doch, daß bei der Zusammenkunft der letzten Nacht etwas vorgefallen seyn müsse, was Donna Theresa ernstlich berühre. Da ich sie mehr liebte, als ihre Schwester, so beschloß ich, Emilia das Billet des Don Perez nicht zu überliefern, bis ich zuvor Donna Theresa darüber befragt hätte. Bei meiner Rückkehr winckte ich ihr nach ihrem Gemache und überlieferte ihr die Antwort ihres Liebhabers, nebst dessen Bemerkung, daß er hoffe, er werde so glücklich sehn, wie Don Perez in der letzten Nacht. Sie erröthete vor Schaam und Aerger; dann sagte ich ihr, wie ich Don Perez getroffen und was sich weiter zugetragen hatte. Ich gab ihr das Billet und fragte sie, ob ich es überliefern solle oder nicht. Sie riß es hastig auf – es lautet also: »Wie kann ich Euch, meine angebetete Emilia, genügend meinen Dank ausdrücken für die Güte, die Ihr mir in der letzten Nacht erwiesen habt? Sagt mir, mein theuerster Engel, wann Ihr mir abermals die Wonne bereiten wollt, Euch wieder in dem Salon zu sehen? Mein Leben ist eine Oede, so lange ich mich nach der Erneuerung Eurer Gunst nur sehnen muß.« »Pedro,« sagte sie, »du hast mir in der That einen großen Dienst geleistet – bist mein Retter gewesen. Wie kann ich dich je belohnen?« »Gebt mir dießmal eine doppelte Portion Küsse,« versetzte ich. »Du sollst Tausend haben,« antwortete sie, mich küßend und segnend, während ihr Thränen die Wangen herunterliefen. Dann nahm sie Papier, ahmte die Handschrift nach und schrieb: »Ich muß mich Euren Wünschen unterwerfen, Donna Emilia, und mich der Strenge Eures Charakters fügen, während Eure Schwester Don Florez beglückt. Dennoch hoffe ich, daß Ihr Euch erweichen lassen werdet. Ich bin sehr elend; schreibt mir, wenn Ihr anders noch ein Fünkchen Liebe bergt für Euren Verehrer – –                 Perez. »Bring dies Emilia, mein liebes Kind. – Wie kann ich dich belohnen?« »Ihr müßt für mein Geld Sorge tragen« sagte ich, »denn wenn die gnädige Frau dahinter kommt, werde ich nicht sagen können, wie ich es erhalten habe.« Sie lächelte wehmüthig, während sie meine Dublonen in Empfang nahm, und schloß sie in ihr Geschmeide-Etuis ein. »Ich will auch meine Beiträge zu Vergrößerung deines Reichthums geben, Pedro,« sagte sie. »Nein, antwortete ich; »von Euch nur Küsse.« Ich sagte ihr nun, warum mir ihre Tante die beiden Realen gegeben hatte, und wir trennten uns. Ich übergab sodann das Billet an Donna Emilia, welche mir Nachmittags ihre Antwort einhändigte; aber ich wollte nichts ohne Donna Theresas Vorwissen thun, da hiedurch vielleicht das Unheil wieder gut gemacht werden konnte, welches durch meinen Irrthum herbeigeführt worden war. Ich brachte daher das Billet der Donna Emilia ihrer Schwester und theilte ihr meine Gedanken mit. »Mein theurer Pedro, du bist in der That ein Schatz für mich,« versetzte Theresa. Sie öffnete Emilias Schreiben, welches folgendermaßen lautete: – »Ihr beschuldigt mich der Lieblosigkeit, ohne daß ich diesen Vorwurf verdiene. Der Himmel weiß, daß mein Herz nur zu nachgiebig ist. Ich will Euch, sobald es möglicherweise geschehen kann, zu einer Zusammenkunst Anlaß geben; aber wie bereits gesagt, meine Tante ist argwöhnisch, und ich kann mich nicht wie Theresa entschließen, auf die Gefahr einer Entdeckung hin einen derartigen Schritt zu wagen.« Theresa zerriß dieses Billet und schrieb folgende Antwort: »Wenn ein Mädchen das Unglück gehabt hat, dem Drängen eines Liebhabers allzuviel nachzugeben, so wird er anmaßend und fordert als Recht, was er nur als Gunst aufnehmen sollte. Das, was in der Dunkelheit vorging, sollte als ein Geheimniß tief in der Brust bewahrt bleiben und nie durch die Zunge laut werden. Ich sage Euch daher unverhohlen, daß ich es als eine Kränkung betrachten werde, wenn Ihr je wieder auf die Zusammenkunft der letzten Nacht anspielt, und um Euch dafür zu strafen, daß Ihr anmaßender Weise eine zweite fordert, werde ich Euch mit derselben Zurückhaltung wie früher behandeln. Vergeßt nicht – die mindeste Hindeutung darauf, wie privatim sie auch geschehen mag, wird das Signal Eurer Entlassung seyn. Ich erwarte in Betreff dieses Befehls unbedingten Gehorsam, und in solcher Voraussetzung werde ich Euch nicht weiter strafen, im Falle Ihr nicht durch eine neue Kränkung dazu Anlaß gebt. Wenn ich mich geneigt fühle, Euch zu sehen, will ich es Euch wissen lassen. Bis dahin – – die Eurige u. s. w.« Ich brachte dieses Billet Don Perez welchen ich in seiner Wohnung mit Don Florez, vor dem er keine Geheimnisse hatte, bei der Weinflasche traf. Perez öffnete das Bittet und war augenscheinlich erstaunt. »Lies dies, Florez,« sagte er, »und sage mir, ob die Weiber nicht ein wahres Räthsel sind.« »Ihr Geist gefällt mir,« versetzte Florez. »Manche Mädchen würden wohl vor Angst sterben, daß man sie verlassen könnte; sie aber scheint im Gegentheil anzunehmen, daß Du unter einer größeren Verpflichtung stehest, als vorher, und behauptet ihre Herrschaft. Ich empfehle dir, ihren Einschärfungen zu entsprechen, wenn du dir anders ihre Liebe zu bewahren wünschest.« »Ich glaube, du hast Recht, Florez; und da wir nach der Hochzeit Herrn und Meister sind, so ist es nur billig, daß sie vor derselben den Scepter schwingen. Ich bin ihr mehr als je zugethan, und wenn sie den Tyrannen spielen will, so sey's darum. Sie zeigt damit ihren guten Verstand, denn der einzige Weg, uns fest zu ködern, besteht darin, daß man uns fern hält.« Ich kehrte nach Hause zurück, übergab ein Billet von Don Perez an Emilia, in welchem der Cavalier seine Absicht ausdrückte, sich in ihre Wünsche zu fügen, und theilte Donna Theresa Alles mit, was zwischen den beiden Freunden vorgegangen war. »Dank sey es deiner Klugheit und deinem Scharfsinn, mein lieber kleiner Pedro – es steht jetzt Alles gut; aber doch wäre eine Entdeckung möglich, denn ich will dir nur vertrauen, daß die Zärtlichkeit der letzten Nacht, welche Don Florez zugedacht war, durch deinen Irrthum, durch die Dunkelheit und durch das bei der Zusammenkunft nöthige Schweigen, an den Verehrer meiner Schwester verschwendet wurde. Ich hoffe übrigens, daß Alles noch gut gehen werde und das unabsichtliche Unglück mir nicht zu Schaden komme.« Am selben Abend wurde Don Florez von Theresa in dem Salon empfangen. Als ich am andern Morgen wie gewöhnlich bei meiner Gebieterin war, stellte sie die Frage an mich: »Wie steht's Pedro – hast du keine Entdeckung gemacht?« »Ja, gnädige Frau,« versetzte ich. »Und worin bestände sie, Kind?« »Ein Herr hat mich aufgefordert, einen Brief zu überbringen; aber ich wollte nicht.« »An wen, mein Kind?« »Ich weiß nicht, gnädige Frau; denn ich weigerte mich, ihn in die Hand zu nehmen.« »Du hast Recht daran gethan, Pedro; aber wenn man dir das nächstemal wieder einen Brief anbietet, so nimmst du ihn, um ihn mir zu bringen.« »Gut, gnädige Frau,« entgegnete ich. »Da hast du zwei Realen, Kind – hast du diejenigen, welche ich dir letzthin gab, schon verbraucht?« Ich verließ das Gemach. Außen begegnete mir Donna Emilia und übergab mir ein Bittet für Don Perez, das ich zuerst meiner Freundin Theresa brachte. Sie öffnete es und las: »Endlich hat meine Liebe über meinen Entschluß den Sieg davon getragen, und ich will Euch einen Besuch gestatten. Es ist kein anderes Mittel dazu vorhanden, als der Salon. Nehmet Euch in Acht, mich zu kränken, oder es ist das letzte Mal.« »Dieß mag angehen,« Pedro sagte Teresa. »im Vorbeigehn machst du auch einen Besuch in der Wohnung des Don Florez.« Ich überlieferte das Billet an Don Perez, und noch ehe er es ausgelesen hatte, trat Don Florez in das Zimmer. »Wünsche mir Glück, mein lieber Freund,« sagte er, »ich wurde so gütig empfangen, als ich nur wünschen konnte.« »Und meine Schöne ist bald wieder weicher geworden,« antwortete Perez, »denn sie bestellt mich auf diesen Abend. Pedro, sage deiner Gebieterin, daß ich nicht schreiben wolle; aber ich segne sie für ihre Güte und werde nicht ermangeln, mich einzufinden. – Verstehst du? – Nun, auf was wartest du, – ah du kleiner Schelm, ich begreife.« Und er warf mir eine Dublone zu. – »Florez, du gibst dem Knaben zu viel Geld, und ich muß nun das Gleiche thun.« Florez lachte und ich entfernte mich. So dauerte mein Zwischenträgergeschäft einige Zeit fort, bis die alte Dame krank wurde und starb. Sie theilte ihr Vermögen zwischen ihren beiden Nichten, und da sie jetzt unabhängig waren, heiratheten sie ihre Liebhaber. Die alte Frau vergaß jedoch, meiner in ihrem Testamente Erwähnung zu thun, und so wäre ich denn in die Welt hinausgeschleudert worden, wenn mich nicht Donna Teresa alsbald in ihre eigenen Dienste genommen hätte. Ich war so glücklich wie zuvor, obgleich nach der Hochzeit keine Dublonen mehr in meine Hände fielen. Don Perez mußte sich wohl sehr gefürchtet haben, Donna Emilia Anstoß zu geben, denn er sprach vor der Hochzeit nie von der Zusammenkunft, die er im Salon mit ihr gehabt zu haben wähnte; dann aber lachte er sie über den Gegenstand aus. Donna Emilia war höchlich erstaunt und erklärte auf's Bestimmteste, daß nichts dergleichen stattgefunden habe. Er machte sich jedoch anfangs über ihr Abläugnen lustig, berief sich auf ihre Billete, die er noch in seinem Besitze habe, brachte sie herbei und zeigte ihr dasjenige, in welchem sie ihm verbot, von der Sache zu sprechen. Donna Emilia betheuerte, daß sie dies nicht geschrieben habe, und war über das augenscheinliche Geheimniß nicht wenig betroffen. Sie gab an, Teresa habe Don Florez zugesagt, selbige Nacht im Salon mit ihm zusammen zu treffen. »Im Gegentheil,« versetzte Don Perez; »er erhielt zur selbigen Zeit, um welche ich dieses Bittet von Euch erhielt, von Donna Teresa eine Verweigerung des Rendez-vous .« Donna Emilia brach in Thränen aus. »Ich sehe, wie es steht,« versetzte sie. »Der Page hat irrthümlicher Weise das Bittet, welches ich schrieb, Don Florez gegeben, und das meiner Schwester ist in Eure Hände gefallen. Ihr habt von dem Umstand unwürdigen Vortheil gezogen, denn Ihr werdet mich doch nicht glauben machen wollen, Don Perez, daß Ihr das Versehen nicht bemerktet, als Euch Teresa in dem Salon empfing, – oder, daß sie Euch nicht von Don Florez unterscheiden konnte. Grausame Schwester, – mußtest du mir so mein Glück rauben! Verräterischer Don Perez, konntet Ihr also Eueren Freund und mich verrathen!« Don Perez bot allen seinen Kräften auf, um seine Gattin zu beschwichtigen, aber vergeblich. Ihre Eifersucht, ihr Stolz und ihre Gewissensbedenken wurden mit einemmale rege, und sie wollte weder auf Vorstellungen, noch auf Betheurungen hören. Obschon er sich fest überzeugt fühlte, die Sache müsse sich so verhalten, wie seine Gattin angebe, beschloß er doch, der größeren Sicherheit wegen auch mich zu befragen. Er kam in die Wohnung des Don Florez und blieb eine Weile bei seinem Freunde und dessen Gattin, benahm sich aber während seines Besuches so unruhig, daß sie ihn fragten, ob er unwohl sey; er entfernte sich jedoch bald und bedeutete mir durch ein Zeichen, daß ich ihm folgen möchte. Er ging dann auf alle Einzelnheiten ein und befragte mich in Betreff der Ueberlieferung jener Billete. Ich nahm es für ausgemacht an, daß zwischen ihm und seiner Gattin eine Erklärung stattgefunden habe; indeß hatte ich mir's zur vornehmlichsten Aufgabe gesetzt, Donna Teresa zu retten. »Ich weiß nicht, Sennor, was an Donna Emilia's Aussage wahr seyn mag,« versetzte ich; »aber daß nicht Donna Teresa mit Euch zusammentraf, kann ich mit Gewißheit behaupten, – denn ich war selbige Nacht, bis sie zu Bette ging, auf ihrem Zimmer und spielte mit ihr Piquet um Zuckerbohnen.« »Wer kann es dann gewesen seyn?« bemerkte er. »Ich weiß es nicht, Sennor. Ich ging nicht nach dem Stocke hinunter, wo die gnädige Frau wohnte, weil sie mich zu Bette geschickt hatte und ich wohl wußte, daß sie mich schmälen würde, wenn sie mich noch auffände. Ich kann daher nicht sagen, ob Donna Emilia bei Euch war, oder nicht.« Don Perez dachte eine Weile nach und kam endlich zu dem Schlusse, seine Gattin schäme sich ihrer Nachsicht gegen ihn in einem unbewachten Augenblicke und wolle dieselbe nicht zugestehen. Dennoch war er weit entfernt, zufrieden zu seyn. Er kehrte nach Hause zurück, um seiner Gattin mitzutheilen, was er erfahren, hörte aber, sie habe vor einiger Zeit die Wohnung verlassen, ohne anzugeben, wohin sie gegangen sey. Sobald Don Perez fort war, eilte ich zu meiner Gebieterin, um ihr das Vorgefallene mitzutheilen. »Ich danke dir für deine wohlmeinende Absicht, Pedro, fürchte aber, daß jetzt Alles an den Tag kommen wird. Es ist ein Gericht, das mich wegen meiner Thorheit und Unbesonnenheit treffen mußte.« Inzwischen hatte Donna Emilia ihre Zuflucht zu einem benachbarten Kloster genommen und beschied daselbst Don Florez zu sich. Er fand sie in Thränen aufgelöst. Durch ihre Eifersucht überzeugt, daß zwischen ihrer Schwester und Don Perez ein wechselseitiges Liebesverständniß stattgefunden habe, theilte sie Don Florez alle Umstände mit, sagte ihm, wie verräterisch sie beide behandelt worden seyen, und erklärte ihm ihre Absicht, sich aus der Welt zurückzuziehen. Diese Kunde brachte Don Florez bis zum Wahnsinne auf. »Deßhalb also,« rief er, »hat sie mich in jener Nacht abgewiesen und war in der nächstfolgenden so freundlich gegen mich. Verwünschter Pinsel, der ich war! Aber dem Himmel sey Dank, es ist nicht zu spät, Rache zu nehmen. Don Perez, Du sollst mir theuer dafür bezahlen.« Mit diesen Worten verließ er Donna Emilia, ohne zu wissen, ob er seine Rache zuerst an Don Perez oder an seiner Gattin auslassen sollte. Dieser Punkt kam jedoch bald zur Entscheidung, denn am Klosterthor begegnete er dem Ersteren, welcher inzwischen Nachrichten erhalten hatte, wo er seine Gattin zu suchen habe. »Ah, Don Perez – gerade Ihr seyd die Person, die ich zu sehen verlangte. Verräterischer, ehrloser Schurke.« »Nicht doch, Don Florez. Ich bin ein unglücklicher Mann, den ein grausamer Irrthum, welcher vorgefallen ist, fast in Wahnsinn hetzt. Ruft Eure Worte zurück, denn sie sind ungerecht.« »Ich gedenke nicht, irgend etwas zurückzunehmen, sondern will die Wahrheit mit der Spitze meines Degens behaupten. Wenn Ihr nicht eben so sehr Memme, als Schurke seyd, so folgt mir.« »Eine solche Sprache läßt keine weitere Gegenrede zu – ich stehe zu Diensten,« erwiederte Don Perez. Die beiden Schwäger gingen nun schweigend weiter, bis sie ein nahe gelegenes Feld erreicht hatten, wo sie ihre Mäntel abwarfen und mit dämonischer Wuth gegen einander kämpften. Der Sieg entschied sich zu Gunsten des Don Perez, dessen Degen das Herz des Gegners durchdrang, so daß dieser lautlos zusammenbrach. Don Perez betrachtete die Leiche mit wehmüthigem Gesichte, wischte die Klinge ab, nahm seinen Mantel wieder auf und begab sich geraden Weges nach dem Hause des Gefallenen. »Donna Teresa,« sagte er in meinem Beiseyn, »wenn Ihr am Tage des Gerichts Rettung hofft, so fordere ich Euch auf, mir die Wahrheit zu sagen. Seyd Ihr's gewesen, mit der ich in Folge eines unseligen Irrthums jene einzige Nacht in dem Salon zusammenkam, – und waren die Liebkosungen, welche ich genoß, Don Florez zugedacht?« Seine Miene verrieth eine Wildheit, welche Donna Teresa einschüchterte. Endlich aber stammelte sie: »Ach, ich arme Sünderin, es ist wahr; aber Ihr wißt zu gut, daß mein Herz nie ungetreu war, obschon ich meine Unbesonnenheit zu verbergen suchte, sobald ich meinen Irrthum entdeckt hatte.« »Wärt Ihr so tugendhaft gewesen, wie Eure Schwester, Madame, so hättet Ihr uns allen dieses Unglück erspart, und Euer Gatte läge jetzt nicht als Leiche da, erschlagen von der Hand seines Schwagers.« Donna Teresa wurde auf diese Nachricht hin ohnmächtig, und Don Perez verließ augenblicklich das Haus. Ich eilte ihr zu Hülfe, und es gelang mir, sie wieder in's Leben zu rufen. »Es ist nur zu wahr,« rief sie weheklagend; »das Verbrechen findet stets seine Strafe – in dieser oder in der nächsten Welt. Meine allzu große Liebe gegen meinen Gatten, welche mich die Gebote der Tugend mißachten ließ, hat ihn ermordet. O Gott! Ich bin seine Mörderin und habe noch zwei anderen Wesen das Leben eben so sehr zur Last gemacht, wie mir selber. Meine liebe, arme Schwester, – wo ist sie?« Ich bot allen meinen Kräften auf, sie zu trösten, aber vergeblich. Sie verlangte blos von wir, ich solle ausfindig machen, wo ihre Schwester sey, und ihr die Kunde überbringen. Ich trat diesen traurigen Auftrag an und begegnete auf meinem Wege den Leuten, welche die Leiche des Don Florez herbeibrachten. Ich schauderte, wenn ich bedachte, welche Hauptrolle ich in der Tragödie gespielt hatte. Bald hatte ich erfahren, was ich zu erforschen ausgesandt war, und kehrte zu Donna Teresa zurück. Sie kleidete sich in tiefe Trauer, forderte mich auf, ihr zu folgen, klopfte an das Klosterthor und wurde auf ihre Erklärung, daß sie die Priorin zu sprechen wünsche, eingelassen. Letztere kam aus dem Sprechzimmer heraus, um sie zu empfangen, denn sie wollte Niemand einlassen, so lange sich Donna Emilia in einem solchen Zustand von Verzweiflung befand. »Ich will zu meiner Schwester, gnädige Frau, und lasse mich nicht zurückweisen. Führt mich zu ihr, – Ihr mögt, wenn Ihr wollt, Zeugin unserer Begegnung seyn.« Die Priorin, welche nicht wußte, daß Emilia ihre Schwester zurückgewiesen haben würde, ging voran, und wir wurden Emilia vorgeführt, welche sich voll Abscheu abwandte, als sie Donna Teresa eintreten sah. »Emilia,« rief meine Gebieterin, »wir haben unter demselben Herzen gelegen und sind als Kinder mit einander aufgewachsen; nie zuvor hatten wir ein Geheimniß vor einander, bis dieser unglückselige Irrthum stattfand. Auf meinen Knieen bitte ich Dich, mich anzuhören und meinen Worten Glauben zu schenken.« »Mache die Sache mit deinem Gatten aus, Teresa; es ist nöthiger, ihn zufrieden zu stellen, als mich.« »Ach! ich habe keinen Gatten mehr, Emilia; er hat nun vor Gott seine eigene Sache auszumachen, – denn er ist gefallen durch das Schwerdt des Deinigen.« Donna Emilia fuhr zurück. »Ja, Emilia – liebe, theure Schwester, es ist nur zu wahr, – und noch wahrer, daß Du seinen Tod herbeigeführt hast. Tödte mich nicht gleichfalls Emilia, indem Du Dich weigerst, mir Glauben zu schenken, wenn ich Dir bei meiner Hoffnung. auf die ewige Seligkeit erkläre, daß ich nichts von dem Irrthume ahnete, bis mir der Knabe Tags darauf denselben enthüllte. Wenn du wüßtest, wie mich Schaam, Reue und die Furcht vor Entdeckung von dem Augenblicke an folterte, als ich die unglückselige Ueberzeugung gewonnen hatte, so würdest du mir vergeben, daß ich es versuchte, einen Fehltritt zu verbergen, dessen Kundwerdung Andere eben so unglücklich gemacht hätte, wie mich. Sage, daß du mir glaubest, – sage, daß du mir verzeihest, Emilia. O Emilia, kannst du deiner Schwester nicht vergeben?« Emilia antwortete nicht, und Teresa umklammerte ihre Kniee mit krampfhaftem Schluchzen. In diesem Augenblicke trat Don Perez ein, dem man den Besuch seiner Gattin nicht verweigert hatte, näherte sich der Stelle, wo sich die beiden unglücklichen Damen sich in der gedachten Haltung befanden, und sagte: »Obschon Ihr die Grundursache dieser unglücklichen Angelegenheit seyd, Teresa, so will ich Euch doch keinen Vorwurf mehr machen; denn die Strafe, die Euch ereilt hat, ist größer, als Euer Verbrechen. An Euch muß ich mich jetzt wenden, Madame, die Ihr, weil Ihr den Worten der Wahrheit keinen Glauben schenktet, mich bewogen habt, meinen theuersten Freund und Bruder zu erschlagen. Ja, ich hatte ihn, ohne es zu wissen, im zartesten Punkte verletzt und mußte nun die Unbill dadurch noch erhöhen, daß ich ihm das Leben nahm. Seyd Ihr jetzt zufrieden, Madame? Macht es Euch glücklich, daß Ihr meine Tage durch Eure Ungerechtigkeit und Euren unwürdigen Argwohn verbittert habt, – daß Ihr Eure unglückliche und nicht einmal schuldige Schwester zu einer trostlosen, verlassenen Wittwe machtet, die jetzt vergeblich zu Euren Füßen um Verzeihung steht, – daß Ihr zu dem Tode Eures Schwagers, ihres Gatten und meines Freundes, Anlaß gabt? Sprecht, Madame; seyd Ihr jetzt zufrieden, oder fordert Euer Unglaube noch mehr Opfer?« Emilia antwortete nicht, sondern hielt noch immer ihr Antlitz abgewandt. »So sey es denn, Madame,« versetzte Perez, und hatte, ehe Jemand seine Absicht ahnete, seinen Degen gezogen; in welchen er sich stürzte »So sey denn das Opfer meines Lebens Euch ein Beweis meiner Aufrichtigkeit, Emilia. So wahr ich auf die Vergebung meines Schöpfers hoffe, ich habe Euch die Wahrheit gesagt.« Mit diesen Worten drehte er sich auf den Rucken und war todt. Bei seinem Falle fuhr Emilia auf und warf sich mit Entsetzen und Staunen an seiner Seite nieder. Der Nebel der Leidenschaft, welcher ihr Auge getrübt hatte, war entfernt, und sie sah jetzt die letzten traurigen Folgen ihres Unglaubens. Wie Don Perez zu sprechen aufgehört hatte, warf sie sich im bittersten Schmerze über ihn hin. »O ich glaube, ich glaube – Perez. ich schenke Dir ja herzlich gerne Glauben! – Sprich mit mir, Perez! – O Gott, er stirbt! – Schwester, Teresa – komm, mit Dir wird er sprechen, – mit Dir zürnt er nicht! – Schwester, Schwester, so rede doch – o Gott! o Gott!« kreischte die unglückliche Frau; »er ist todt – und ich habe ihn ermordet!« Sie zerstieß jetzt ihre Stirne an dem Boden. Teresa eilte zu ihrer Schwester und umschlang sie mit ihren Armen, während ihre Thränen reichlich entströmten. Es stund einige Zeit an, ehe Emilias Vernunft wieder zurückkehrte; endlich aber erschöpfte sich das Ungestüm ihrer Gefühle, und sie fand in einem reichlichen Weinen Erleichterung. »Wer ist dieß? – O bist du's Teresa, – meine gütige Schwester, die ich so übel behandelt habe, – ich glaube Dir, – ich glaube Dir, Teresa! Möge mir Gott vergeben! Küsse mich, Schwester, und sage mir, daß Du mir verzeihest, – denn bin ich nicht schrecklich gestraft?« »Die Schuld liegt ganz auf mir,« antwortete Teresa in Thränen ausbrechend; »oh, wie sündhaft, wie thöricht bin ich gewesen!« »Nicht doch, Schwester; Dein Vergehen ist klein in Begleichung mit dem meinigen. Du ließest dich durch die Leidenschaft überwältigen; aber sie entsprang aus einem Uebermaße der Liebe, aus dem besten Gefühle unsrer Natur, – dem einzigen Ueberreste des Himmels, der uns nach unserem Falle geblieben ist. Auch ich habe mich der Leidenschaft hingegeben; aber aus was entsprang die meinige? – Aus dem Hasse und der Eifersucht, – aus Empfindungen, welche die Hölle, wo sie herrschen, erzeugt und eingepflanzt hat. Aber es ist geschehen, und die Reue kommt jetzt zu spät.« Die unglücklichen Schwestern umarmten einander und verwischten ihre Thränen. Ich brauche kaum zu sagen, daß die Frau Aebtissin und ich unserer innigen Theilnahme an der rührenden Scene keine Zügel anlegen konnten. Als der Abend einbrach, trennten sie sich, um in ihren verschiedenen Wohnungen dem gleichen traurigen Dienste obzuliegen, – nämlich bei der Leiche ihres Gatten zu wachen und sie mit Thränen zu bethauen. Einige Tage nachher fand die Beerdigung statt. Emilia schickte nach ihrer Schwester verabschiedete sich auf's Zärtlichste von ihr und nahm den Schleier, ihr ganzes Eigenthum an die Kirche vergebend. Donna Teresa ging nicht in's Kloster, sondern gab sich den thätigeren Pflichten der Barmherzigkeit und des Wohlwollens hin; aber sie zehrte sich allmählig ab, denn ihr Herz war gebrochen. Ich blieb noch drei Jahre, das heißt bis zu ihrem Tode bei ihr, und ihr Testament bedachte mich mit einer beträchtlichen Summe, während der Rest ihres großen Vermögens auf wohlthätige Anstalten verwendet wurde. Sie starb vor ungefähr fünf Jahren, und ich lebte während dieser Zeit von ihrem Vermächtnisse, das übrigens jetzt fast ganz erschöpft ist. Das Brandmal meiner Geburt war das Einzige, was schwer auf meiner Seele lastete. Doch Gott sey Dank, die Vorsehung hat es endlich beseitigt, und ich hoffe, ich werde der Mutter, welche mich so wohlwollend anerkannt hat, oder dem theuren Mädchen, das meine arme Person mit seiner Zuneigung beehrte, nichts zur Schande gereichen.« Meine Mutter und Clara dankten mir, nachdem ich meine Erzählung zu Ende gebracht hatte, und wir blieben bis in die späte Nacht hinein beisammen, um unsere Familienangelegenheiten zu besprechen und für die Zukunft Pläne zu entwerfen. Meine Mutter theilte mir mit, sie beziehe von ihren Gütern die Renten nur auf Lebensdauer, da sie Fideicommiß seyen und auf einen Cousin übergehen müßten; indeß habe sie eine beträchtliche Summe erspart, die sie vor ihrem Tode noch zu vergrößern hoffe und meiner Clara als Morgengabe zu übermachen gedenke. Da es mir darum zu thun war, von Sevilla fortzukommen, wo ich mit jedem Tag entdeckt zu werden befürchtete, so machte ich den Vorschlag, wir sollten uns auf die Güter in der Nähe von Carthagena begeben, da hiedurch nicht nur ein beträchtlicher Aufwand erspart würde, sondern ich mich auch ihrer und Claras Gesellschaft ganz hingeben könne. Meine Mutter und meine Zukünftige gingen mit Freuden auf meinen Antrag ein, weil ihnen einerseits die obigen Gründe einleuchteten, und außerdem die Fragen, welche um meinetwillen gestellt werden konnten, ihren Ruf beeinträchtigen mußten. In weniger als vierzehn Tagen war der Haushalt zu Sevilla aufgegeben, und wir verfügten uns auf's Land, wo ich mich im Besitze meiner Clara glücklich fühlte. Ich hielt mich jetzt vor jeder Entdeckung sicher und hatte mir fest vorgenommen, durch künftiges gutes Verhalten die Vergangenheit wieder gut zu machen. Mochte nun Donna Celia meine Mutter seyn, oder nicht – mein Herz betrachtete sie als solche, und die Gewohnheit ließ mich zuletzt keinen Zweifel mehr in die Thatsache sitzen. Meine Clara war das freundlichste, liebevollste Wesen, und fünf Jahre lang erfreute ich mich eines Glückes, wie ich es nur wünschen konnte. Aber so sollte es nicht fortdauern, und ich wurde für meinen Betrug gestraft. Meine Heirath mit Clara und das Geheimniß, das sich an meine Geburt heftete, hatte den Erben der Güter aufgebracht; denn es lag in seinem Plane, Clara selbst zu heirathen, um sich auf diese Weise sowohl das persönliche, als das Grundeigenthum zu sichern. Wir trafen hin und wieder zusammen, aber stets nur mit grollendem Herzen, da mich sein Benehmen empfindlich berührte. Aus Furcht vor Entdeckung hatte ich seit meiner Heirath nie der Musik Aufmerksamkeit geschenkt und stets dergleichen gethan, als ob ich nicht singen könne. Sogar meine Gattin wußte nichts von meinem Talente, und obgleich ich in der letzten Zeit nichts mehr fürchtete, mochte ich doch meine Gabe nicht zur Schau stellen – denn da ich sie bisher verheimlicht hatte, so konnte ich den Grund eines solchen Benehmens nicht einmal meiner Gattin und Mutter erklären, ohne die Täuschung einzugestehen, der ich mich schuldig gemacht hatte. Eines Abends befand ich mich in großer Gesellschaft bei meinem Cousin, dem Erben des Fideicommisses. Wir waren sehr vergnügt und hatten mehr als gewöhnlich getrunken. Der Wein übte an den meisten von uns seine Wirkung, und während der Abend in fröhlichem Gesang verbracht wurde, stellten sich allmählig noch mehr Gäste ein. Mein Cousin fühlte sich durch den Wein aufgeregt und erlaubte sich gegen mich mehrere boshafte Bemerkungen, von denen ich anfangs keine Notiz nahm; da er aber fortfuhr, so beantwortete ich sie endlich in einer Weise, welche seine Entrüstung wecken mußte. Auch mir kochte das Blut; aber die Vermittlung wechselseitiger Freunde beschwichtigte uns für eine Weile, und wir griffen wieder zur Flasche. Mein Cousin wurde um ein Lied angegangen; er hatte eine schöne Stimme, sang mit Geschmack und fand vielen Beifall. »Vielleicht wird jetzt Don Pedro die Gesellschaft mit seiner Kunstfertigkeit erfreuen,« sagte er in ironischem Tone, »obgleich er ihr am Ende den größten Gefallen damit erweist, daß er nicht versucht, wessen er nicht fähig ist.« Von diesem Sarkasmus gereizt und vom Weine erhitzt, ließ ich alle Klugheit außer Acht. Ich entriß ihm die Guitarre und begann nach einem Vorspiel, welches das Erstaunen aller Anwesenden weckte, eine meiner erfolgreichsten Arien. Ich sang in meinem besten Style, und die ganze Gesellschaft fühlte sich elektrisirt. Lauter Jubel verkündigte meinen Sieg und die Niederlage meines Verwandten. Einige umarmten mich in ihrer Begeisterung, und Alle riefen laut Da Capo; aber sobald ein augenblickliches Schweigen eintrat, hörte ich eine Stimme hinter mir bemerken: »Diese Stimme gehört entweder dem Mönch Anselmo oder dem Teufel.« Ich stutzte über diese Worte und wandte mich nach dem Sprecher um; dieser aber hatte sich in dem Gedränge verloren, und ich konnte nicht entdecken, wer es gewesen war. Ich bemerkte, daß mein Verwandter ihm folgte, und verwünschte jetzt meine Unklugheit. Sobald es mir möglich wurde, verließ ich die Gesellschaft und kehrte nach Hause zurück. Wie ich nachher vernahm, hatte mein Cousin augenblicklich mit der Person, welche die verhängnißvollen Worte geäußert, Rücksprache genommen. Sie war einer von den Priestern, welche mich zu Sevilla gekannt hatten. Aus dieser Quelle nun schöpfte mein Vetter die Kunde, Bruder Anselmo habe vor fünf Jahren sein Kloster verlassen und sey nicht mehr dahin zurückgekehrt, weßhalb man angenommen, daß ihm ein Unfall zugestoßen sey. Seitdem habe man aber eine Entdeckung gemacht, welche auf die Vermuthung führe, daß Bruder Anselmo eine Zeitlang ein System von Täuschung fortgeführt habe. Ihr erinnert Euch vielleicht, daß ich, als ich mich weltlich kleidete, um mich der Donna Celia als Sohn vorzustellen, in meiner Wohnung den Anzug wechselte. Ich schloß meine Mönchskutte und die falsche Tonsur in den Koffer, um beides, wenn ich zurückkehrte, zerstören zu können, hatte aber ganz darauf vergessen und, als ich Sevilla verließ, den Schlüssel zu meiner Wohnung mitgenommen. Der Hauswirth wartete, bis seine Miethe fällig war, und da er nichts weiter von mir hörte, so ließ er die Thüre aufbrechen und fand den Koffer. Als er denselben öffnete, fand er die falsche Tonsur und die Kutte. Er kannte den Orden, welchem die Tracht angehörte, und da er Unfug witterte, so brachte er das Gewand in unser Kloster, wo es augenblicklich erkannt wurde, weil die Mönchskutten innen numerirt waren. Die falsche Tonsur verrieth, daß ich wahrscheinlich die Regeln meines Ordens gebrochen habe, und es wurden geraume Zeit die sorgfältigsten Nachforschungen nach mir angestellt, die jedoch zu keinem Erfolge führten. In Folge dieser Mittheilungen begab sich mein rachsüchtiger Cousin nach Sevilla, um sich über die Zeit meines Entweichens aus dem Kloster zu unterrichten, und fand bei dieser Gelegenheit, daß sie ungefähr vierzehn Tage vor die Periode fiel, in welcher Donna Celia abgereist war. Er verfügte sich sodann zu meinem vormaligen Hausherrn, um weitere Auskunft einzuholen. Dieser gab an, das Quartier sey von einem Mönch für dessen Bruder gemiethet worden, der es einige Zeit bewohnt habe. Seine Beschreibung dieses angeblichen Bruders paßte genau auf mich, und mein Cousin gewann nun die Ueberzeugung, daß der Mönch Anselmo und Don Pedro ein und dieselbe Person seyen. Er machte augenblicklich der Inquisition die Anzeige. Inzwischen befand ich mich in der größten Bestürzung. Ich fühlte, daß mir Entdeckung bevorstand, und stellte Erwägungen an, wie ich mich benehmen sollte. Ich hatte in der letzten Zeit allem Betruge abgeschworen und mit jedem Tage einen Schritt weiter auf dem Pfade der Tugend gewonnen; jetzt mußte ich aber mit Bitterkeit empfinden, daß ich Alles, was mich bedrohte, wohl verdient hatte, und daß die Sünde früh oder spät ihren Lohn finde. Hätte ich Donna Celia meine Lage gleich anfangs mitgetheilt, so würde sie, da sie mich für ihren Sohn hielt, Einfluß genug besessen haben, eine Lösung meiner Gelübde zu erwirken. Dann hätte ich kühn vor die Welt hintreten können – aber ein einziger Akt des Truges bedurfte zu seiner Unterstützung noch anderer, und so hatte ich mich in meiner eigenen Schlinge verstrickt, die sich endlich über mir zusammenzog. Aber um mich selbst kümmerte ich mich nicht so sehr, sondern vielmehr um meine Gattin, die ich anbetete – um meine Mutter, (oder vermeintliche Mutter) welche die Aufklärung mit der Bitterkeit des Todes erfüllen mußte. Der Gedanke, Andere ebenso elend zu machen, wie ich selbst war, trieb mich zur Verzweiflung, und ich wußte nicht, wie ich handeln sollte. Nach vieler Erwägung beschloß ich als letzte Zuflucht, mich an den Edelmuth meines Gegners zu wenden; denn obschon er mein Feind war, stand er doch als spanischer Cavalier im besten Rufe. Ich traf Maßregeln, daß mir augenblicklich seine Rückkehr gemeldet werde, und als die Nachricht einkam, begab ich mich unverweilt nach seinem Hause, ihn um Gehör bitten lassend. Man wies mich zu Don Alvarez (denn so hieß er), der mich folgendermaßen anredete. »Ihr wünscht mich zu sprechen, Don Pedro – es sind jetzt Andere in Eurem Hause, die Euch zu sprechen wünschen.« Ich konnte mir wohl denken, daß er die Beamten der Inquisition meinte, that aber dergleichen, als verstehe ich die Bemerkung nicht, und antwortete ihm: »Don Alvarez, die Feindschaft die Ihr stets gegen mich an den Tag legtet, rührt ohne Zweifel von dem Umstande her, daß Ihr Eure edle Familie für beschimpft haltet, weil Eure Cousine eine Verbindung mit einem Manne einging, dessen Herkunft unbekannt war. Ich habe lange Eure Verunglimpfungen getragen, aus Achtung für die Dame, welche mir das Leben gab; aber jetzt muß ich mich an Euren Edelmuth wenden, und wenn ich Euch mittheile, daß ich der unglückliche Sprößling einer früheren Liebe der Donna Celia bin, von welcher Ihr wahrscheinlich gehört habt, so wird mir der Umstand, daß wenigstens Einiges von demselben edlen Blut in meinen Adern rinnt, Anspruch an Euer Mitleid, wo nicht an Eure Freundschaft verleihen.« »Das habe ich in der That nicht gewußt,« versetzte Don Alvarez in großer Aufregung, »und wollte der Himmel, daß Ihr mir früher vertraut hättet.« »Vielleicht wäre es besser,« entgegnete ich; »aber erlaubt mir, meine Behauptungen zu beweisen.« Ich gab dann zu, daß ich früher der Mönch Anselmo gewesen, und theilte ihm mit, wie ich durch Zufall Kunde von meiner Geburt erhalten und welche Schritte ich eingeschlagen habe. »Ich weiß zwar wohl,« fuhr ich fort, »daß ich sehr zu tadeln bin; aber meine Liebe zu Donna Clara ließ mich alle Folgen außer Acht setzen. Eure unglückliche Feindschaft bewog mich, mir in einem unbewachten Augenblicke eine Blöße zu geben, die wahrscheinlich mit meinem Untergange enden wird.« »Ich gebe zu, daß Eure Bemerkung wahr ist und keine Macht Euch retten kann. Ich beklage es, Don Pedro, aber was geschehen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen. In diesem Augenblicke sind die Beamten der Inquisition in Eurem Hause.« Während er diese Worte sprach, kündigte ein lautes Klopfen an der Thüre an, daß sie mir gefolgt waren. »Nein, das darf nicht geschehen, Don Pedro,« sagte Don Alvarez. »Verbergt Euch hier.« Er öffnete eine geheime Thüre in der Wand und hieß mich hinein gehen; er hatte jedoch kaum Zeit gehabt, sie wieder zu schließen, als die Beamten in das Zimmer traten. »Ihr habt ihn hier, Don Alvarez, oder nicht?« fragte der Führer. »Leider nein,« versetzte er. »Ich versuchte ihn aufzuhalten; aber da er eine Entdeckung vermuthete, so erzwang er sich den Abzug mit dem Degen in der Hand und entfernte sich, ohne daß ich die Richtung, welche er eingeschlagen, anzugeben wüßte. Indeß kann er nicht weit seyn. Laßt alle Pferde in meinem Stalle satteln und verfolgt den kirchenschänderischen Elenden. Ich wollte die Hälfte meines Vermögens opfern, um mir meine Rache zu sichern. Da Don Alvarez der Angeber war und er diese Worte in grimmigem Tone ausstieß, so hegten die Inquisitionsbeamten keinen Argwohn, sondern beeilten sich, um seiner Aufforderung zu entsprechen. Sobald sie sich entfernt hatten, öffnete er die Thüre wieder und ließ mich heraus. »Soweit habe ich Euch bewiesen, Don Pedro, daß es mir mit meiner Versicherung Ernst ist. Aber was bleibt jetzt zu thun?« »Nur Eines, Don Alvarez – die Wahrheit vor meiner armen Gattin und meiner Mutter zu verbergen. Wären sie nicht, so könnte ich Alles mit Standhaftigkeit über mich ergehen lassen.« Ich sank auf das Sopha und brach in Thränen aus. Don Alvarez war sehr ergriffen. »O Don Pedro, es ist jetzt zu spät, sonst würde ich Euch sagen: laßt es Euch stets zur Warnung dienen, daß Ehrlichkeit am längsten wahre. Hättet Ihr mir das Geheimniß Eurer Geburt vertraut, so wäre dieß nie vorgefallen; denn Ihr hättet dann statt eines Verfolgers einen Freund in mir gewonnen. – Was kann ich thun?« »Tödtet mich, Don Alverez,« versetzte ich, indem ich meine Brust entblößte, »und ich will Euch segnen für diese That. Mein Tod wird sie wohl schmerzen, aber sie werden sich bald wieder von ihrem Gram erholen. Wenn sie jedoch entdecken müssen, ich sey als ein kirchenschänderischer Betrüger von der Inquisition ermordet worden, so wird Scham und Schande sie in die Grube bringen.« »Eure Bemerkung ist richtig, aber tödten kann ich Euch nicht. In sofern will ich übrigens Euren Wünschen willfahren, daß ich die Kunde von Eurem Tode ausstreuen und den Haß Eurer Angehörigen auf mich laden will, damit nur die Familie nicht beschimpft werde.« Er ging dann an sein Pult und nahm einen Beutel mit tausend Pistolen heraus. »Dies ist alles Geld, das ich im Augenblick bei Händen habe – es wird Euch für einige Zeit Dienste leisten. Steckt Euch in den Anzug eines meiner Diener – ich will Euch dann nach einem Seehafen begleiten und für Euch Sorge tragen, bis ich Euch sicher weiß. Ich gebe dann an, Ihr seyet in einem ehrlichen Duell gefallen und will die Beamten der Inquisition bestechen, daß sie über die Umstände, welche ich ihnen mitgetheilt habe, reinen Mund halten. Der Rath war gut, und ich ging mit Freuden darauf ein. Ihm als Diener folgend, langte ich wohlbehalten zu Carthagena an, wo ich mich nach Neu-Spanien einschiffte. Wir segelten aus, und ehe wir nach die Meerenge von Gibraltar im Rücken hatten, wurden wir von einem Kreuzer angegriffen. Wir fochten verzweifelt, wurden aber durch die Mehrzahl überwältigt, die uns kaperte, nachdem wir mehr als die Hälfte unserer Mannschaft verloren hatten. Die Gefangenen wurden in diesen Hafen gebracht und ich nebst den übrigen in die Sklaverei verkauft.   Dies ist meine Geschichte,« schloß der Spanier »und ich hoffe, daß sie Eurer durchlauchtigen Hoheit einiges Vergnügen gewährt hat.« Die Antwort des Pascha bestand blos in einem lauten Gähnen. »Schukur Allah! Gottlob daß Du einmal fertig bist! Ich habe nicht viel davon verstanden,« fuhr der Pascha fort, indem er sich an Mustapha wendete, »aber wie läßt sich auch von einem ungläubigen Christenhunde eine gute Geschichte erwarten!« »Wallah Thaib! Wohl gesprochen, bei Gott!« versetzte Mustapha. »Wer war Lokman, daß man von seiner Weisheit sprechen mag? Sind nicht diese Worte mehr werth, als Perlenschnüre? »Wie heißt das Land, aus welchem dieser Sklave gekommen ist?« fragte der Pascha. »Spanien, durchlauchtige Hoheit. Die ungläubigen Stämme, denen Ihr dort zu bleiben gestattet, beschäftigen sich mit der Cultur des Oelbaums zum Besten wahrer Gläubigen.« »Sehr wahr,« entgegnete der Pascha; »ich erinnere mich jetzt«. Laß dem Kafir einen Beweis meiner Freigebigkeit zu gute kommen. Gib ihm zwei Goldstücke, und laß ihn gehen.« »Möge der Schatten Eurer durchlauchtigen Hoheit nie kleiner werden!« sagte der Spanier. Ich habe hier ein Manuskript, das mir ein alter Mönch unsres Ordens auf dem Sterbebette anvertraute. Als unser Schiff in die Hände der Feinde gerieth, wurde es bei Seite geworfen, und ich habe es als Merkwürdigkeit aufbewahrt. Es bezieht sich auf die erste Entdeckung einer Insel. Da Eure Hoheit an Geschichten Gefallen findet, so dürfte es sich wohl der Mühe einer Uebersetzung verlohnen.« Der Dominikaner zog dann aus seiner Brust ein mißfarbiges Stück Pergament hervor. »Sehr gut,« versetzte der Pascha, indem er aufstand. »Mustapha, laß es durch den griechischen Sklaven ins Arabische übersetzen, damit er es uns eines Abends, wenn wir keine Geschichten zu erzählen haben, vorlesen könne.« »Be Chesm, es möge auf meine Augen kommen,« versetzte Mustapha, mit einer tiefen Verbeugung, während sich der Pascha nach seinem Harem begab. Fünftes Kapitel Der Pascha hatte seine Wanderungen viele Abende wiederholt ohne daß er zu einem günstigen Resultate gelangt wäre, und Mustapha, welcher bemerkte, daß sein Gebieter sehr ungeduldig wurde, hielt es für nöthig, auf die Beischaffung von Unterhaltungsstoffen besondere Sorgfalt zu verwenden. Unter denjenigen, welche sich bei Mustapha, als er noch auf seinem früheren Gewerbe arbeitete, einzufinden pflegten, war auch ein französischer Renegat, ein sehr talentvoller Mann von schnellfertiger Erfindungsgabe, aber zugleich der grundsatzloseste Schurke, welcher vor Mustaphas Erhebung je seinen Unterhalt durch kecke piratische Versuche in einem offenen Boot gewonnen hatte. Er war jetzt im Dienste des Vezier und kommandirte eine bewaffnete Schebecke, welche letzterer angekauft hatte. Das Fahrzeug galt für einen Gouvernementkreuzer, war aber in Wirklichkeit nichts Anderes, als ein Pirat. Selim, denn dies war der Name, welchen der Renegat bei Abschwörung seines Glaubens angenommen hatte, verurtheilte jedes Schiff, das ihm unglücklicher Weise begegnete, nahm die Ladung heraus, verbrannte den Rumpf und warf die Mannschaft über Bord, damit sie, wenn sie könne, ans Land schwimme. Auf diese Weise wurde die Unbequemlichkeit einer Appellation gegen die Gerichtsbarkeit des hohen Admiralitätshofes, den er über die See gesetzt hatte, umgangen. Die Folge davon war, daß seine Kreuzzüge erfolgreicher gingen, als je, und Mustapha, welcher sich nicht damit begnügte, die Unterthanen des Paschas auf trocknen Lande zu plündern, sammelte sich auf ihre Kosten ein großes Vermögen, indem er zur See spekulirte. Hin und wieder erkannte man zwar an den Marken und Zahlen der Ballots oder Pakete die erst vor vierzehn Tagen vom Kai eingeschifften Kaufmannsgüter; aber der Renegat konnte dem Vezir stets befriedigende Auskunft geben, und nachdem ein Jude, welcher die Idee nicht ertragen konnte, daß er sich ohne Geschrei von seinem Eigenthum trennen sollte, gespießt worden war, zuckten die Leute ihre Achseln und sagten nichts. Da fiel es nun Mustapha ein, Selim könne zu Erfüllung seiner Absichten mitwirken. Der Mann sprach schnell und laut, prahlte mit seinen eigenen Heldenthaten, drehte seinen Schnauzbart, während er die unwahrscheinlichsten Versicherungen beschwor, und war, seit er des Veziers Schutz erhalten, allenthalben ein Gräuel und Aergerniß geworden. Mustapha schickte nach ihm und fragte ihn zur Einleitung, ob er je Tausend und Eine Nacht gelesen habe. »Ja, Vezier,« versetzte der Renegat; »schon viele Jahre vorher, ehe ich Türke wurde.« »Erinnerst Du Dich der Reisen des Matrosen Sindbad?« »O freilich, er ist der einzige Mann, der mir je im Lügen das Licht halten konnte.« »Wohlan denn, Seine Hoheit, der Pascha hat eine Freude an derartigen Geschichten, und ich wünsche, daß Du einen Bericht deiner eigenen Reisen zusammenstoppelst, wie Sindbad vor dir gethan hat.« »Aber was erhalte ich dafür?« »Meine Gunst und meinen Schutz; außerdem wird seine Hoheit, wenn sie mit Deiner Erzählung zufrieden ist, nicht versäumen Dich mit einem schönen Geschenke zu belohnen.« »Na,« versetzte Selim, »jeder, der in dieser Welt Gold produziren kann, wird stets in der Lage seyn, es gegen schlechtes Metall auszutauschen. Ich kann in meiner Münze schneller Lügen ausprägen, als er Zechinen in der seinigen; und da Ihr es wünscht und die Sache einträglich seyn soll – je nun, so stehe ich zu seinen Diensten.« »Merke aber auf meine Anweisungen, Selim; denn Alles muß zufällig erscheinen.« Den von Mustapha erhaltenen Aufträgen gemäß blieb der Renegat selbigen Abend an der Ecke einer gewissen Straße, durch welche der Vezier den Pascha führte. Als Selim sie herankommen sah, rief er aus: »Allah, Allah! Wann wird die glückliche Zeit kommen, welche mir in meiner siebenten und letzten Reise versprochen ist?« »Wer bist Du und warum rufst Du zum Himmel um glückliche Zeiten?« fragte der Pascha. »Ich bin Huckaback, der Matrose,« versetzte der Renegat, »welcher nach einem Leben voll Gefahr und Unglück sehnlichst auf die Erfüllung eines Versprechens harrt, das ihm von dem Höchsten geworden ist.« »Ich muß diesen Mann morgen sehen,« bemerkte der Pascha. »Mustapha, so lieb dir dein Leben ist, sieh zu, daß er morgen erscheine.« Der Vezier verbeugte sich, und der Pascha kehrte ohne weiteres Abenteuer nach dem Pallaste zurück. Am andern Tage, sobald das Geschäft des Divans geschlossen war, erhielt der Renegat Befehl, einzutreten. Er warf sich vor dem Pascha nieder, stand dann wieder auf, kreuzte die Arme über seiner Brust und erwartete stumm, bis man ihm zu sprechen geböte. »Ich habe nach Dir geschickt, Huckaback, um dich nach dem Sinne der Worte zu fragen, von denen du gestern Nacht Gebrauch gemacht hast. Ich mochte erfahren was Dir für Deine siebente und letzte Reise versprochen wurde, werde es Dir aber Dank wissen, wenn Du mit der ersten anfängst, da ich die Geschichte aller Deiner Reisen zu hören wünsche.« »Durchlauchtige Hoheit, da ich nur lebe, um Euch zu gehorchen, so soll, wenn Ihr es befehlt. Alles, was mir in meinem ereignißreichen Leben zugestoßen ist, Euren Ohren vertraut werden. Es wird jedoch nöthig seyn, daß ich zur Zeit meiner früheren Jugend zurückkehre, um Eure Hoheit in den Stand zu setzen, das Ganze vollständiger zu begreifen.« »Aferin! wohlgesprochen,« versetzte der Pascha. »Ich mache mir nichts daraus, wie lang eine Geschichte ist – nur muß sie gut seyn.« Er machte sofort ein Zeichen, daß sich der Erzähler setzen solle, und Selim begann, nachdem er dem Winke Folge geleistet hatte, in nachstehender Weise: Huckaback. Durchlauchtige Hoheit, ich bin in Marseille geboren, wo ich zu dem Gewerbe meines Vaters erzogen wurde – zu einem Gewerbe (fuhr der verschmitzte Renegat fort) das, wie ich zu behaupten keinen Anstand nehme, weit mehr gebildete und talentvolle Männer erzeugt hat, als irgend ein anderes – ich meine das eines Barbiers.« »Wallah Thaib; wohl gesprochen, beim Allah!« bemerkte Mustapha. Der Pascha nickte seinen Beifall, und der Renegat fuhr in seiner Geschichte fort. Die Natur hatte mich mit einer schnellfertigen Erfindungsgabe versehen, und auf meine Erziehung wurde einige Sorgfalt verwendet. Mein Vater hatte mit seinem Barbiergewerbe auch das eines Aderlassers und Zahnausziehers verbunden. In meinem zehnten Lebensjahre konnte ich schon ziemlich gut Haare schneiden. Die Leute sagten zwar, die Köpfe, an welchen ich mich versucht habe, sähen aus, als ob sie von den Ratten abgenagt worden sehen; aber dieß war nur die Bemerkung des Neides, und mein Vater meinte, Alles müsse seinen Anfang haben. Mit Fünfzehn wurde ich in die Elemente des Rasirens eingeführt, und nachdem ich durch die Pfunde von Fleisch, die ich mit den Barthaaren meiner Kunden abtrug, den Kredit meines Vaters, welcher sich wieder mit der Bemerkung tröstete, daß Alles seinen Anfang haben müsse, fast ganz zu Grunde gerichtet hatte, war ich gelegentlich ein ganz geschicktes Bürschlein geworden. Später wurde ich in die höheren Zweige des Zahnausreißens und Aderlassens eingeweiht. In dem ersteren konnte ich's anfangs den Leuten gar nicht zu Gefallen machen, indem ich entweder einen mürben Zahn abbrach und die Wurzel in der Höhle zurückließ, oder mich in dem angedeuteten versah und statt dessen ein gesundes Kauwerkzeug auszog. Aber in der letzteren Branche beging ich noch ernstlichere Mißgriffe, da ich mehr als einmal so tief schlug, daß die Arterie zu spritzen begann, während ich die Vene verfehlt hatte. Die Folge davon war, daß meine Geschicklichkeit höchstens bei Ehemännern, die sich eines keifenden Weibes zu entledigen wünschten, oder bei Neffen in Nachfrage kam, welchen die Gesundheit eines unverwüstlichen Onkels an Herzen lag. Aber wie mein Vater weislich bemerkte – Alles muß seinen Anfang haben; und da sich die Proben nur an lebenden Gegenständen vornehmen ließ, so mußten eben einzelne Individuen für das allgemeine Beste leiden. Im meinem zwanzigsten Lebensjahre war ich eine vollendeter Barbier. So rasch auch übrigens meine Laufbahn war, wollte es das Geschick doch nicht, daß ich sie lange fortsetzte. Wie die Kugel, die aus der Mündung der Kanone geschleudert wird und auch in ihrer größten Schnelligkeit durch das Vorbeistreifen an der schwächsten Substanz eine Abbeugung von ihrer Richtung erleidet, so wurde der Gang meines Lebens durch mein Zusammentreffen mit einem Frauenzimmer verändert. Mein Vater hatte einen guten Kunden, den er seit Jahren jeden Morgen rasirt hatte, dem er bereits jeden Zahn aus dem Kopf gezogen und gegen den er jetzt seine lange Rechnung abzuschließen im Begriffe war, indem er ihn unter der Anweisung eines unwissenden Apothekers täglich zur Ader ließ. Ich war oft in dem Hause – nicht gerade, um den Patienten zur Ader zu lassen; denn mein Vater hielt ihn entweder für zu werthvoll oder war zu dankbar für vergangene Gunstbezeugungen, um ihn meinen Händen anzuvertrauen – aber ich hielt das Becken, holte das Wasser herbei und ordnete den Verband. Der Patient hatte eine Tochter, ein liebliches Mädchen, das ich im Geheim anbetete; aber ihr Rang im Leben stand zu hoch über dem meinigen, um mir eine Aeußerung meiner Gefühle zu gestatten. Ich war damals ein schöner, junger Mann, obschon die Zeit in ihrer Mißgunst seitdem Alles aufgeboten hat, um mich so alt und garstig erscheinen zu lassen, als sie selbst ist. Das Mädchen faßte eine Neigung zu mir, beklagte sich über Zahnweh und bat mich um Rath. Ich erbot mich, den Zahn auszuziehen; aber entweder hatte sie von meiner Kunstfertigkeit gehört, oder wünschte sie den Vorwand für unsere Zusammenkünfte nicht zu entfernen – möglich auch und vielleicht das Allerwahrscheinlichste, daß sie gar kein Zahnweh hatte – kurz, sie wollte sich nicht dazu hergeben. Der Tod ihrer Mutter, welcher stattgefunden, als sie noch ein Kind war, hatte sie ohne Führung gelassen, während sie ausserdem unter dem hoffnungslosen Zustand ihres Vaters allen Schutzes entbehrte. Von der Natur mit einem warmen Temperamente ausgestattet und dem Impulse ihrer Gefühle sich hingebend, führte sie eine Vertraulichkeit fort, die nur mit ihrer Schande enden konnte, und nach Abfluß eines Jahres ließ sich ihre Lage nicht länger verbergen. Ich war nun in einer schönen Klemme. Sie hatte zwei Brüder in der Armee, deren Rückkehr baldigst erwartet wurde, und ich fürchtete ihre Rache. Ich liebte sie von Herzen, aber doch mich selbst noch mehr, weßhalb ich eines Abends Alles, was ich mein Eigenthum nennen oder meinem geehrten Vater wegmausen konnte, zusammenpackte und mich an Bord eines genuesischen Schiffes begab, welches eben damals auszufahren in Begriffe war. Das Fahrzeug hatte zwölf lange Kanonen, eine Bemannung von sechzig Köpfen und war ein sogenannter Kaper. Man versteht unter diesem Ausdrucke ein Schiff, welches sich ohne Convoy durch die Meere schlägt und alle feindlichen Schiffe, auf die es trifft, wegnimmt, im Falle dieselben nicht stark genug sind, um Widerstand zu leisten. Unsere Clarirung lautete: nach Genua eine Ladung Blei, welche unten im Raum lag und fast nur als Ballast diente. Aus den Gesprächen der Mannschaft machte ich bald die Entdeckung, daß wir nicht unmittelbar nach Genua fahren sollten. Mit einem Worte, durchlauchtige Hoheit, das Schiff war ein Seeräuber und hatte eine ganz verzweifelte Bande an Bord. Sobald meine Qualifikationen bekannt waren, hatte ich die Ehre, sechzig der größten Schurken, die nur je existirt hatten, die Bärte abzunehmen, ohne für meine Mühe etwas Anderes als Hiebe und Flüche zu erhalten. Ich vervollkommnete mich allerdings sehr in meinem Berufe; denn ich mußte, so lieb mir mein Leben war, Blut abzapfen, obschon sie keinen Anstand nahmen, während der ganzen Zeit der Operation eine Unterhaltung fortzuführen. Wir hatten die Ladungen aus mehreren Schiffen genommen, welche durch unsern pünktlichen Kapitän dem »Manifest« beigefügt worden waren, als wir eines Tages von einer englischen Fregatte gejagt wurden. Ich traf die Engländer nie am Land, muß aber sagen, daß sie zur See die unverschämtesten Leute sind, die man nur herumschwimmen sieht. Nie begnügen sie sich, vor ihrer eigenen Thüre zu kehren, obschon sie da genug zu schaffen hätten, sondern mengen sich stets in die Angelegenheiten von Andern. Sie kommen an Bord, wollen wissen, woher man kömmt, wohin man will und was man für Ladung hat – kurz, sie examiniren Einen so genau, als seyen sie die eigentlichen Zollhausbeamten der ganzen Welt. Nun sagte es unserem Kapitän nicht eben zu, sich einer so strengen Nachforschung zu unterwerfen; er setzte daher alle seine Segel bei, um eine sieben Meilen entfernte Insel zu erreichen, und ankerte unter dem Schutze einer Batterie. Oesterreich – die Nation, welcher die Insel gehörte – stand nicht im Kriege mit England, sondern behauptete eine sogenannte »bewaffnete Neutralität.«   »Halt da – was versteht man unter einer bewaffneten Neutralität?« fragte der Pascha. »Das ist je nach den Umständen verschieden, durchlauchtige Hoheit; aber in der Regel wird ein Angriff mit Bajonetten darunter verstanden.«   Die Fregatte folgte, und da das seichte Wasser sie hinderte, uns allzu nahe zu kommen, so schickten sie ihre Boote aus, um uns zu visitiren. Es waren ihrer sechs mit vollzähliger Bemannung und je einer Kanone in den Bugen, so daß es unser Kapitain für räthlich hielt, ihnen die Erlaubniß, bei uns an Bord kommen zu dürfen, zu verweigern. Als Wink, daß er in Betreff ihrer Maßregeln durchaus nicht mit ihnen einverstanden sey, schickte er ihnen, als sie noch etwa eine Viertelmeile entfernt waren, eine volle Kartätschenlage zu; aber sie riefen ein dreimaliges Hurrah und waren so starrköpfig, schneller als je zu rudern. Wir empfingen sie mit allen Ehren des Kriegs, die sich durch Stutzsäbel, Pistolen und Enterpiken ausdrücken lassen; aber sie waren sehr entschieden. Sobald der Eine niedergeschlagen war, sprang ein Anderer an seinen Platz, und so kam es denn, daß sie das Schiff in kürzerer Frist gewonnen hatten, als ich zur Erzählung der Geschichte brauchte. Ich stand auf der Hütte, als ein englischer Matrose mit einem Zopfe so dick wie ein Ankertau einen Hieb nach mir führte. Ich wich zurück, um seiner Waffe auszuweichen, und prallte dabei mit solcher Macht gegen einen andern Engländer an, daß wir beide miteinander über Bord purzelten. Ich hatte meinen Säbel verloren, er aber den seinigen noch immer in der Faust und sobald wir wieder an der Oberfläche auftauchten, faßte er mich am Kragen, mir die Spitze seines Seitengewehrs auf die Brust setzend. Ihm schien es ganz gleich zu seyn, ob er auf dem Decke oder im Wasser focht. Zum Glück konnte ich mich ein wenig seitwärts drehen, und so drang der Säbel nur durch meine Jacke. Ich erinnerte mich, daß ich mein Rasirmesser in meiner Tasche hatte. Dieses nahm ich nun unbemerkt unter dem Wasser heraus, schwamm, eh' er seinen Stoß wiederholen konnte, auf ihn zu, schnitt ihm von Ohr zu Ohr die Kehle durch und suchte dann in möglichster Eile das Land zu gewinnen. Da ich merkwürdig gut schwimmen konnte, so wurde mir dies nicht schwer. Sobald ich das Ufer erreicht hatte, schaute ich zurück, und als ich bemerkte, daß die englischen Boote unser Schiff hinaustaueten, so eilte ich nach dem nahe gelegenen Fort. Ich fand daselbst eine gastfreundliche Aufnahme, und wir blieben bis nach Mitternacht unter Trinken, Rauchen und Schimpfen auf die Engländer sitzen. Am anderen Morgen ankerte eine Felucke, um Wasser einzunehmen, und da sie nach Toulon reiste, so bat ich, man möchte mir Fahrt geben. Wir segelten mit einer schönen Brise aus, die sich aber bald in einen schweren Sturm umwandelte. Wir wurden viele Tage umhergestoßen, und der Schiffer konnte sich gar nicht denken, wohin wir getrieben wurden. Er tröstete uns jedoch mit der Versicherung, wir könnten nicht untergehen, da eine Dame von großer Heiligkeit als Kajütenpassagier mitziehe; die Heiligen würden dieselbe ohne allen Zweifel behüten, da sie ausgeschickt worden sey, um in einem Kloster bei Marseille das Amt einer Aebtissin zu übernehmen. Dies war einiger Trost, obschon uns schönes Wetter unendlich lieber gewesen wäre. Der Sturm machte fort, und am andern Morgen meinten wir Land in unsrem Lee zu entdecken. Am Abend darauf gewannen wir die Ueberzeugung, daß unsere Vermuthung richtig gewesen war, denn das Schiff wurde an die Küste geworfen und ging nach einigen Minuten in Trümmer. Ich war so glücklich, mich auf einem Theile des Wracks zu retten, und blieb bis zum Morgen halb todt am Gestade liegen. Als der Tag anbrach, blickte ich umher; die Trümmer des Schiffs lagen zerstreut am Ufer oder trieben spottend in der Brandung. Dicht neben mir befand sich die Leiche der Dame, deren Heiligkeit der Kapitän als Schutz für uns Alle angesehen hatte. Dann wandte ich mich von der See ab, um landeinwärts zu schauen und bemerkte zu meinem großen Erstaunen, daß ich nicht drei Meilen von meiner Heimath Marseille entfernt war. Das war eine schreckliche Entdeckung; denn ich wußte, daß ich keine Schonung erhalten würde, und doch konnte ich keine Meile weit ziehen, ohne erkannt zu werden. Was war da anzufangen? Endlich fielen meine Blicke wieder auf die Leiche der todten Frau und da kam mir nun der Gedanke, ich könnte mich für sie ausgeben. Ich zog der Leiche die Kleider aus, legte ihr die meinigen an und bedeckte sie mit Seegras; dann kroch ich in die Nonnentracht, welche sie getragen und setzte mich nieder, um die Ankunft der Leute zu erwarten, der ich, wie ich wohl wußte, in Bälde entgegensehen konnte. Ich war damals ohne eine Spur von Bart und in Folge der übeln Behandlung, welche ich an Bord des Genuesen erlitten blaß und schmächtig im Gesichte. In einem Nonnenhabit konnte man mich wohl für ein Frauenzimmer von fünf und dreißig Jahren halten, das in einem Kloster abgeschieden gewesen war. In den Taschen ihrer Kleider fand ich Briefe, welche mir die nöthige Aufklärung über ihre Geschichte gaben, und ich beschloß, lieber die Schwester Custasia vorzustellen, als mich in's Gefängniß werfen oder gar mit dem Degen durchrennen zu lassen. Ich hatte kaum Zeit gehabt, diese Dokumente zu Ende zu lesen, als ein Häuflein Leute, welche durch die Trümmer am Ufer aufmerksam gemacht worden waren, auf mich zu kamen. Ich berichtete den Verlust des Schiffs, den Tod der gesammten Mannschaft, meinen Namen und Stand und den Grund meiner Hieherkunft, – daß mich nämlich der Bischoff ersucht habe, die Führung des Klosters Sankta Teresia zu übernehmen. Ich fügte noch bei, ich habe in meiner Noth die heilige Jungfrau angerufen, die mir zu Hülfe gekommen sey und mich mit soviel Sorgfalt und Gemächlichkeit schwimmend ans Land geführt habe, als hätte ich auf Daunenkissen gelegen. Die Kunde kam schnell in Umlauf und fand Glauben; denn der Umstand, daß ein hülfloses Frauenzimmer mit dem Leben davon gekommen sey, während doch die gesammte Mannschaft zu Grunde ging, hatte an sich Mirakelhaftes genug. Der Bischof schickte mir seinen Wagen, und ich wurde nach der Stadt gebracht – hinter mir her ein Haufe von Priestern, Mönchen und gemeinem Volk, welche sich sehnten, sogar den Boden zu küssen, den eine Person betreten hatte, welche so ganz besonders unter dem Schutze des Himmels stand. Ich wurde nach dem Palaste des Bischofs geführt, wo ich eine Art Hof hielt, da mir Deputationen der Collegien, der Gouverneur und Leute vom höchsten Rang die Aufwartung machten. Nach einem Aufenthalte von drei Tagen verfügte ich mich nach dem Kloster, dessen Aebtissin ich vorstellen sollte, und wurde begeistert von den Nonnen aufgenommen, welche mich mit dem gemischten Gefühle der Ehrfurcht und des Entzückens umschaarten. Am zweiten Tage meines Regiments als Aebtissin führten mir die beiden ältesten Schwestern, welche fast nie von meiner Seite wichen und kaum fortgeschafft werden konnten, als ich mich Tages zuvor zu Bette legte, der Reihe nach sämmtliche Nonnen vor, indem sie mit den älteren begannen und mit denen aufhörten, welche zuletzt das Gelübde der Keuschheit abgelegt hatten. Ich muß sagen, daß der Beginn dieses Levers nicht viel Interesse für mich hatte; je näher es aber zum Schluße ging, desto mehr fesselten die vielen schönen Gesichter meine Aufmerksamkeit, und ich ertheilte ihnen den Friedenskuß mit mehr Eifer, als sich wohl durch die Klugheit rechtfertigte. Nun kam die zuletzt eingetretene Nonne heran und wurde mir als Schwester Marie vorgestellt. Barmherziger Himmel! es war das arme Mädchen, welches ich verlassen hatte. Ich stutzte, als ich sie herankommen sah; ihre Augen waren zur Erde gesenkt, wie in tiefer Verehrung gegen meine anerkannte Heiligkeit, und wurden erst aufgeschlagen, als sie sich vor mir auf die Kniee niederließ, um den Kuß entgegenzunehmen. Die Liebe kann alle Bekleidungen durchblicken. Einen Moment glaubte sie ihren flüchtigen Liebhaber vor sich zu sehen, und der Athem stockte ihr vor Erstaunen; aber bald entsann sie sich, wie unmöglich dies sey. Sie seufzte über die ungemeine Aehnlichkeit, als sie den Kuß von den Lippen empfing, welche früher die ihrigen so oft gedrückt hatten. Nachdem die Ceremonie durchgemacht war, beklagte ich mich über Müdigkeit und drückte den Wunsch aus, allein gelassen zu werden. Ich wollte über die Vergangenheit nachdenken und über meine sofortigen Schritte einen Entschluß fassen; denn um der Gefahr, welche mich bedrohte, zu entgehen, hatte ich mich in eine noch weit schwierigere Lage versetzt. Wo konnte dieß enden? Nach einem langen Brüten beschloß ich, Maria zu meiner Vertrauten zu machen und in Betreff meines weiteren Benehmens mich durch die Umstände leiten zu lassen. Ich zog die Klingel und beschied die Priorin des Klosters vor, damit sie mir Auskunst über den Charakter der Nonnen, welche mir vorgestellt worden, ertheile. Durch dieses Vertrauen sich geschmeichelt fühlend, konnte die alte Hexe in ihrer Geschwätzigkeit und ihren boshaften Bemerkungen kein Ende finden; sie hatte die Liste in der Hand und trug die Familien- und Privatgeschichte einer jeden einzeln vor. Es währte zwei Stunden, bis sie zu Ende kam. Die letzte war Maria, deren Geschichte sie mir aufs Umständlichste mittheilte, und wenn die Priorin in ihren Berichten über alle übrigen mit dergleichen Pünktlichkeit zu Werke ging, so hatte ich gewiß keinen Grund, mir wegen meiner Aebtissin-Würde ein Compliment zu machen, sofern nämlich die frühere Lebensweise der Nonnen, welche meiner Hut vertraut waren, in Frage kam. »Gute Schwester,« versetzte ich, »habt Dank für Eure Mitteilungen, die ich in meinem Plane für die sittliche Hebung meiner Pflegbefohlenen zu benützen nicht versäumen werde. Ich habe es mir stets zur Regel gemacht, daß eine von der Schwesterschaft jede Nacht in meinem Zimmer bleibe, um zu wachen und Buße zu thun, weil ich gefunden habe, daß dies in Verbindung mit zweckmäßigen Ermahnungen eine vortreffliche Wirkung übt. Natürlich betrifft dieß nicht so weise und andächtige Frauen, wie Ihr seyd; ich meine nur diejenigen, welche sich in ihrer Thorheit und in der Aufwallung jugendlicher Leidenschaftlichkeit noch nicht durch Abstinenz und Selbstkreuzigung hinreichend gedemüthigt haben. Wen werdet Ihr für diese Nacht zum Wachen vorschlagen?« Die alte Hexe, welche, wie ich aus dem Ungestüm ihrer Bemerkungen entnommen hatte, eine große Abneigung gegen Maria hegte bezeichnete sie augenblicklich als eine Person, welcher eine schwere Buße besonders zu Statten kommen dürfte. Ich unterhielt mich mit ihr noch eine halbe Stunde, wünschte ihr gute Nacht und ertheilte ihr noch, ehe ich zu Bette ging, die Weisung, Maria zu mir zu schicken. Maria trat, ihr Gebetbuch in der Hand, ein, verbeugte sich demüthig, als sie an mir vorüberging, setzte sich neben der Lampe nieder, welche an dem andern Ende des Zimmers vor einem Muttergottesbilde angezündet war, und begann die Aufgabe des Wachens und Betens. »Marie,« sagte ich von dem Bette aus. Da sie meine Stimme jetzt zum erstenmale hörte, stieß sie einen leichten Schrei aus, warf sich vor dem Bilde der Jungfrau auf ihre Kniee nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schien sich in stummes, aber angelegentliches Flehen zu vertiefen. »Marie,« sagte ich wieder; »komm her.« Sie stand auf und näherte sich zitternd dem unteren Theile des Bettes. »Dir – und Dir allein vertrau' ich ein Geheimniß, das, wenn es entdeckt würde, mich einem schmerzlichen und schimpflichen Tode unterwürfe. Du hast Dich nicht getäuscht, als Du über das Gesicht in Nonnentracht erstauntest, und mußt nun aus meiner Stimme entnommen haben, das ich wirklich François bin. Du sollst übrigens jetzt erfahren, wie ich die Aebtissin dieses Klosters wurde.« Ich theilte ihr sodann mit, was ich bereits Eurer durchlauchtigen Hoheit erzählt habe. »Wie ich mich aus dieser gefährlichen Lage winden soll, weiß ich nicht,« fuhr ich fort; »indeß gereicht es mir doch zum Troste, daß ich wieder einmal in Gesellschaft des Gegenstandes meiner Liebe bin. Komm hieher, Marie; es ist wirklich dein François.« Maria blieb zu den Füßen des Bettes und rührte sich nicht von der Stelle. Ich konnte bemerken, daß ihr reichliche Thränen entströmten, während sie ihre Augen gen Himmel aufschlug. »So sprich doch, Marie, wenn du mich je geliebt hast.« »Daß ich Dich liebte, François, weißt Du nur zu gut, und selbst Deine lieblose Flucht konnte das unwandelbare Gefühl in meiner Seele nicht austilgen. Um deinetwillen habe ich Allem Trotz geboten. Weder mein Vater noch meine Brüder konnten mir das Geheimniß erpressen, und obschon sie auf dich Argwohn hatten, konnten sie doch zu keiner Gewißheit kommen. Ich trug die Frucht meiner Schuld in einsamer Angst, wurde nachher, als ich des Trostes bedurft hatte, mit Vorwürfen überhäuft, und wenn ich Nutze nöthig hatte, trafen mich betäubende Verwünschungen. Ich begrub mein Kind mit Scham, Schmerz und Schande. Du verließest mich und ich fühlte, daß mich kein Band mehr an diese Welt fesselte. So griff ich denn zum Schleier, und nie ist wohl ein armes, geopfertes Wesen so gerne aus der Welt geschieden. Ich habe hier Friede, wenn auch nicht Glück gefunden.« »Und nun sollst Du glücklich seyn, Marie,« rief ich, ihr meine Arme entgegenbietend. »Komm zu mir; ich will Dir auseinandersetzen, warum ich Marseille verließ, und was ich für die Zukunft im Sinne hatte, wenn meine Absichten nicht durch unvorhergesehene Ereignisse vereitelt worden waren. Alles kann noch recht werden.« »François, es ist Alles recht. Ich habe ein feierliches Gelübde abgelegt, und es ist im Himmel aufgezeichnet. Du bist durch List und Trug an diesen heiligen Ort gekommen und hast einen heiligen Charakter angenommen; erhöhe nicht Dein Verbrechen dadurch, daß Du auch nur einem Gedanken an Ungebühr Raum gibst, und tritt mich nicht noch mehr in den Staub, indem Du auch nur einen Augenblick glaubst, ich könne mich einer Mitschuld theilhaftig machen.« »Heilige Jungfrau!« rief sie, auf ihre Kniee niederfallend, »ich gehe zu Dir um Deine mächtige Hülfe in diesem Kampfe weltlicher Leidenschaften und heiliger Wünsche. O laß mich für Alles ersterben, nur für Dich nicht und den Bräutigam, den ich aus deinen Händen empfangen habe.« Sie stand dann auf und fuhr fort: »Ich weiß nicht, wie es Dir möglich werden wird, dieses Kloster zu verlassen, François; aber dein Geheimniß ist sicher bei mir, vorausgesetzt, daß Du nicht wieder meine Anwesenheit verlangst, wie Du heute Nacht gethan hast. Ich werde stets für Dich beten, aber wir dürfen uns nicht wieder sehen.« Und Marie winkte traurig mit ihrer Hand und verließ das Gemach. Obschon ich nie einen großen Respekt vor der katholischen Religion hatte, der ich damals noch angehörte, so flößte mir doch die Schönheit der Tugend, wie sie sich in Marie aussprach, Ehrfurcht ein, und ich verbrachte die Nacht in melancholischen Betrachtungen. Ich fühlte, daß ich sie mehr als je liebte, und beschloß, sie zu überreden daß sie das Kloster verlasse und mein Weib werde. Am andern Morgen ließ ich sie rufen. »Marie, Du ergabst Dich dem Himmel, als Du glaubtest. Du habest kein anderes Band mehr auf Erden. Darin warst Du im Irrthum, denn es gibt einen Mann, den Du noch liebst und der auch Dich anbetetet. Der Himmel hört nicht auf Gelübde, die in der Verblendung abgelegt werden; verlaß daher mit mir dieses Kloster, werde meine Frau und Du wirst deine Pflichten weit besser erfüllen, als wenn Du Dich zwischen diesen Mauern abhärmst, welche nichts als Neid, Haß und Gewissensbisse bergen.« »François, Du hast bereits meine Antwort gehört. Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Rette Dich selbst und überlaß mich meinem unglücklichen Schicksal,« antwortete Marie in Thränen ausbrechend. »O François, warum hast Du mich verlassen, ohne mir auch nur ein einziges Wort zu sagen? Hattest Du mich nur auf Deine Gefahr aufmerksam gemacht, so würde ich zuerst auf Deine Entfernung gedrungen und um Deinetwillen Alles mit Geduld, wo nicht mit Freude ertragen haben. Wäre das, was Du jetzt sagst, wahr gewesen, so hätte Alles gut werden können; aber fortan gibt es nichts mehr, was mich in meiner einsamen Pilgerfahrt aufheitern könnte – denn ich berge nur noch den Wunsch, daß sie bald ihr Ende erreichen möge. Ich verzeihe Dir, François; aber habe Mitleid mit mir, denn ich habe es um Dich wohl verdient.« »Noch einmal, Marie, bitte ich Dich flehentlich, daß Du in meinen Vorschlag willigest.« »Nimmermehr, François. Ich werde meinem Gott nicht weniger treu sey, als ich es Dir war. – Er verläßt mich nicht, und wenn ich auch jetzt leide, so werde ich doch jenseits meinen Lohn finden.« Und Marie verließ mein Zimmer abermals. Meine Lage in dem Nonnenkloster wurde mir nun unerträglich, und ich beschloß zu entweichen. Ich stellte mich krank und blieb in meinem Bette liegen. Gegen meine Wünsche schickte man nach dem Arzte eines benachbarten Klosters, der in großem Rufe stand. Als ich von seiner Ankunft hörte, kleidete ich mich an, um ihn zu empfangen, da ich mich vor einer genaueren Untersuchung scheuete. Der Arzt fragte mich, was mir fehle. Ich antwortete, daß ich keine Schmerzen empfände, aber doch der Ueberzeugung lebe, daß ich bald heimgehen werde. Er untersuchte meinen Puls und entfernte sich sofort, da er keine Krankheitssymptome entdecken konnte. Gegen die altern Schwestern, welche mich besuchten, sprach ich in Räthseln und erklärte ihnen, es seien Offenbarungen an mich ergangen, in deren Folge sie sich darauf gefaßt halten müßten, mich in Bälde nicht mehr unter sich zu sehen. Die Heiligkeit meines Rufes bewog sie, meine Winke als Prophezeiungen zu betrachten. Eines Abends beklagte ich mich, daß ich mich viel unwohler fühle, und bat meine Umgebung, daß sie sich zeitig zurückziehen möge. Man wollte nach dem Arzte schicken; aber ich verbot es mit dem Bedeuten, daß mich kein Arzt kuriren könne, küßte die ältern Schwestern, sprach einen feierlichen Segen über sie und entließ sie. Sobald es dunkel war, warf ich meinen Nonnenhabit ab und ließ ihn in meinem Bette liegen. Da die Fenster meines Zimmers, welche in den Klostergarten hinausgingen, nicht mit Eisenstangen versehen waren, so stieg ich ungekleidet, wie ich war, hinaus, ließ mich nieder und erreichte wohlbehalten den Boden. Als ich außen war, traf ich die Vorsichtsmaßregel, das Fenster zu schließen, damit Niemand an eine Flucht denken möge, kletterte auf einen Baum an der Gartenmauer, ließ mich an einem Zweige desselben auf der andern Seite nieder und war jetzt in Freiheit. Je weiter ich von dem Nonnenkloster weg war, desto weniger hatte ich zu befürchten, als Betrüger beargwöhnt zu werden; ich suchte daher die Landstraße auf und eilte, so schnell ich konnte, in der Richtung von Marseille nach Toulouse. Ich war eine ziemliche Strecke Wegs weit gekommen, ohne zu dieser Stunde der Nacht Jemand zu begegnen, und wurde nur hin und wieder durch das Bellen eines Hundes erschreckt, wenn ich auf meinem Wege durch Dörfer kam. Endlich setzte ich mich, vom Laufen und von der Kälte erschöpft, unter eine Hecke, um mich gegen den frostigen Wind zu schützen. Sobald letzterer ein wenig eingelullt war, hörte ich klagende Stimmen, welche in nicht großer Entfernung von der Straße herzukommen schienen. Ich stand auf und setzte meinen Weg fort, strauchelte aber mit einemmale über den Körper eines Menschen, den ich beim matten Sternenlichte untersuchte. Er war völlig todt, und es kam mir augenblicklich der Gedanke, daß hier ein Raub verübt worden sey: die Weheklagen, welche ich gehört hatte, rührten wahrscheinlich von denjenigen her, welche mit dem Leben davongekommen waren. Der Mantel des Ermordeten lag unter der Leiche – es war eine Kapote, wie sie von Offizieren getragen wird. Ich machte sie von seinem Halse los, um den sie mit zwei in Silber getriebenen Bärentatzen befestigt war, hüllte meine erfrornen Glieder darein und ging weiter nach einer Stelle, wo ich nun gelegentlich viel deutlicher als zuvor Stimmen hörte. Ich traf wieder auf zwei ausgestreckte Körper, und da der Tag nunmehr aufzudämmern begann, so bemerkte ich, daß sie wie Leute aus der niederen Classe gekleidet waren. Ich fuhr mit meiner Hand über ihre Gesichter und fühlte, daß dieselben ganz starr und todt waren. Da fürchtete ich nun, wenn ich mich an einer solchen Stelle betreten lasse und keine Auskunft über mich zu geben vermöge, so könnte ich des Mordes angeklagt werden, und dachte deßhalb auf augenblickliche Flucht; aber nun schlug eine klägliche Weiberstimme an mein Ohr, und dieß war ein Aufruf, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich ging einige Schritte weiter und bemerkte nun einen Wagen, dessen Pferde nebst dem Kutscher todt in den Radspuren lagen. An die hinteren Räder war ein ältlicher Mann und eine junge Frauensperson mit Stricken festgebunden. »Gott sey gepriesen, mein theurer Vater, Hülfe ist zur Hand!« rief das Frauenzimmer, als ich mich näherte, und fügte dann alsbald bei: »o ich kenne ihn an seinem Mantel; es ist der Gentleman, der uns so ritterlich vertheidigte und den wir für todt hielten. Seyd Ihr schwer verwundet, Herr?« Da ich wohl einsah, ich könne besser jeden andern Menschen, als mich selbst vorstellen, so entgegnete ich mit meiner gewöhnlichen Erfindungsgabe und Geistesgegenwart: »Dem Himmel sey Dank, nicht viel, Madame! Ich war betäubt, und sie ließen mich für todt liegen. Ich schätze mich glücklich, noch am Leben zu seyn und Euch Dienste leisten zu können.« Dann schickte ich mich ohne Weiteres an, die Taue loszumachen, durch welche der Vater und die Tochter (denn dies schienen sie ihrem Gespräche nach zu seyn) an den Rädern befestigt waren. Die Räuber hatten beide fast bis auf die Haut ausgezogen, und sie waren nun so durchfroren, daß sie kaum zu stehen vermochten; namentlich schauderte das arme Mädchen, als ob sie an einem kalten Fieber leide. Ich machte ihnen den Vorschlag, sie sollten in den Wagen steigen, da er ihnen den besten Schutz gegen den bitter kalten Wind verleihen könne, und sie entsprachen meiner Andeutung. »Wenn ich Euch nicht um eine allzu große Gunst bitte, Herr,« sagte der alte Mann, so möchte ich den Wunsch ausdrücken, daß Ihr meiner armen Tochter diesen Mantel leiht; denn sie geht vor Kälte fast zu Grunde.« »Mit Vergnügen, sobald ihr beide in dem Wagen seyd,« entgegnete ich; denn ich war schon mit mir einig, wie ich mich benehmen wollte. Ich half ihnen hinein, schloß den Schlag, ließ den Mantel fallen, bot ihn zum Fenster hinein und sagte: »Glaubt mir, Fräulein, ich würde ihn Euch schon zuvor angeboten haben; aber die Schurken haben mich, als ich betäubt da lag, in derselben Weise bedient, wie Euch, und ich muß nun gehen, ob ich nicht etwas auffinden kann, um mich selbst zu bedecken.« Ich entfernte mich sodann schnellen Schrittes und hörte das Mädchen noch rufen: »O mein Vater, er hat sich entkleidet, um mir eine Hülle zu bieten!« Ich kehrte alsbald zu der Leiche des Gentleman zurück, dessen Mantel ich geborgt hatte und für den ich mich jetzt ohne Zweifel ausgeben konnte. Ich streifte ihm die Kleider von den starren Gliedern und legte sie an: sie paßten mir vortrefflich und waren zum Glück nicht mit Blut besteckt, da ihm eine Kugel ins Gehirn den Tod gebracht hatte. Ich schleppte dann die Leiche nach der andern Seite der Hecke, wo ich sie in einen Graben warf und mit langem Gras bedeckte, damit sie nicht aufgefunden werden möchte. Der Morgen war bereits angebrochen, als ich mit meiner Toilette zu Ende war und wie ich nach dem Wagen zurückkam, erging sich der alte Herr in lauten Danksagungen. Ich theilte ihm mit, während als ich zurückgekehrt sey, um eine der andern Leichen auszuziehen, habe ich meine eigenen Kleider in einem Bündel gefunden, welches die Räuber in der Eile ihrer Flucht zurückgelassen hatten. Die junge Dame sagte nichts, sondern blieb, von dem Mantel umhüllt, in einer Ecke des Wagens sitzen. Ich begann nun ein Gespräch mit dem alten Herrn, der mir aus einander setzte, wie der Angriff begonnen habe, ehe ich ihnen zu Hülfe gekommen sey, und aus den Mitteilungen, die ich von ihm erhielt, konnte ich mir schon eine recht artige Vorstellung von der Geschichte bilden, die ich erzählen wollte. Ich fand, daß ich zu Pferd mit einem Diener ihnen zu Hülfe geeilt sey, daß man uns beide für todt gehalten, und daß wir noch ungefähr zwei Stunden von einer Poststadt entfernt wären. Mittlerweile war es heller Tag geworden, und ich machte nun die weitere Entdeckung, daß ich die Halbuniform eines Offiziers trug. Neugierig, auch die junge Dame zu betrachten, wandte ich mich an sie, wie sie in den Mantel eingehüllt da lag, und drückte die Hoffnung aus, daß es sie nicht friere. Sie steckte ihr Köpfchen hervor und antwortete verneinend; ein süßes Lächeln lag auf einem so süßen Gesichte, wie ich nie zuvor eines gesehen hatte. Ich betrachtete sie wie bezaubert und verwandte mein Auge nicht von ihr, bis sie erröthete und wie zuvor sich wieder in den Mantel verkroch. Dieses brachte mich zur Besinnung. Ich erbot mich, Beistand herbeizuholen, und meine Dienste wurden dankbar angenommen. Auf meinem Wege kam ich an den Erschlagenen vorbei: der eine davon hatte eine ähnliche Livree, wie der Kutscher, welcher todt bei seinen Pferden lag; der andere trug die Tracht eines Reitknechts, und ich nahm es für ausgemacht an, daß er mein Diener gewesen war. Ich visitirte seine Taschen, um weitere Aufklärungen zu finden, sammelte den Inhalt und begann unterwegs zu lesen. Vermittelst dieser Notizen fand ich, daß ich von Aix kam. Die Briefe und Papiere in meiner eigenen Tasche belehrten mich, wie ich hieß, wer mein Vater war, zu welchem Regiment ich gehörte, daß ich in Urlaub war, und daß ich einen Bruder besaß, dessen liebevollen Brief ich sorgfältig um der weiteren Auskunft willen durchging. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, die beträchtliche Geldsumme, welche in meiner Börse war, zu zählen, als ich auf einen Bauern traf, der seine Pferde auf den Acker hinaustrieb. Ich theilte ihm kurz die Umstände mit und bot ihm eine schöne Belohnung an, wenn er auf eines seiner Pferde steigen und alsbald Beistand herbei holen wolle. Nachdem er in einem Handgalopp aufgebrochen war, kehrte ich nach dem Wagen zurück, um zu versuchen, ob ich nicht das schöne Antlitz wieder zu sehen kriege, das mich so bezaubert hatte. Ich erstattete Bericht über das gute Glück, das mir begegnet war, und drückte meine Hoffnung aus, daß sie schleunigst ihrer Ungelegenheiten entnommen werden dürfte. Die Frage des alten Herrn über den Namen und Stand der Person, welcher er und seine Tochter so tief verschuldet seyen, beantwortete ich unverhohlen nach meinen Papieren, sprach viel von meinem Vater, dem Grafen de Rouillé, von meinem Regiment und bat dann um ein ähnliches Vertrauen. Er war der Marquis de Fonseca und die junge Dame seine Tochter; sie wollten nach ihrem etwa drei Stunden entlegenen Schlosse reisen, und der Marquis drückte die Hoffnung aus, ich werde sie begleiten, und ihm Gelegenheit geben, mir seine Dankbarkeit zu beweisen. Ich zögerte und sprach von Bestellungen – nicht daß ich die Einladung zurückzuweisen gedacht hatte, aber die junge Dame hatte sich der Bitte noch nicht angeschlossen. Mein Plan übte die gewünschte Wirkung. Das liebliche Gesicht kam abermals unter dem Mantel zum Vorschein, und die süßeste Stimme von der Welt drückte den Wunsch aus, ich möchte der Bitte ihres Vaters entsprechen. Ich erröthete und stotterte meine Zustimmung. Vergnügt über ihren Sieg lächelte sie und verhüllte sich wieder mit dem Mantel, den ich um seiner neidischen Falten willen hätte in Stücken reißen mögen. Jetzt kam Beistand herzu. Ein Haufen Volkes näherte sich, einen Polizeibeamten an der Spitze, der uns alsbald ins Verhör nahm, und während die angelangten zwei Paar Postpferde eingespannt wurden, zeichnete der Mann der öffentlichen Sicherheit in Kürze meine und des Marquis Angaben auf – erstere »nach meinem besten Wissen und Glauben,« letztere »wie sie von den Betheiligten erlebt worden waren.« Die Papiere wurden unterzeichnet, die Leichen fortgeführt, und auf die Bitte des Marquis nahm ich meinen Sitz zwischen ihm und seiner Tochter, worauf wir nach dem Schlosse fuhren. Nach zwei Stunden langten wir an einem herrlichen Gebäude an, welches den Reichthum und den alten Adel des Besitzers bekundete. Ich hatte jetzt das Vergnügen, das in den Mantel gehüllte schöne Mädchen in meinen Armen die lange Treppenflucht hinanzutragen, welche wir von dem Eingänge an ersteigen mußten. Sobald ich sie auf ein Sopha niedergelegt hatte, überließ ich sie der Sorgfalt ihrer weiblichen Dienerschaft und entfernte mich aus dem Gemach. Der Marquis hatte sich nach seinem eigenen Zimmer zurückgezogen, um den Mangel seiner Garderobe zu verbessern, und ich blieb eine Weile allein meinen Betrachtungen überlassen. Wozu soll alles dieß führen? dachte ich. Muß ich denn immer die Kleider und Titel anderer Leute annehmen – soll diese ewige Seelenwanderung vor dem Tode kein Ende nehmen? Und wie viel war nicht von alledem weit mehr auf Rechnung der Umstände als auf meine eigene gekommen? Nach reiflicher Erwägung beschloß ich, der Sache den Lauf zu lassen und mich in Betreff des Ausgangs auf meine stets fertige Erfindungsgabe und auf das Glück zu verlassen. Ich fühlte, daß es mir unmöglich war, mich von dem süßen Wesen los zu reißen, dessen persönliche Reize mich bereits bezaubert hatten, und gelobte mir, jeder Gefahr kühn entgegen zu treten, um mir ihre Liebe zu gewinnen. Nach einer Stunde trafen wir bei dem Frühstücktische zusammen und ich war mehr als je bezaubert. Indeß will ich Eure Hoheit nicht in Spannung erhalten, indem ich allzulang bei diesem Gegenstand verweile.   »Ya-ha – da thust Du recht daran, mein Freund,« entgegnete der Pascha gähnend. »Deine Geschichte fängt an, sehr trocken zu werden. Wir wollen Dir auch den Cypressenleib, die Hirschaugen und den Vollmond ihres Gesichtes schenken. Der Muselmann spricht nicht so viel von Weibspersonen; aber ich kann mir denken – Du warst ein Franzose und damals sehr jung, verstundest's also nicht besser. Warum auch von Weibern sprechen, als ob sie Seele hätten!« Der Renegat hielt es nicht für passend, eine Ansicht auszudrücken, welche mit der Seiner Hoheit und der Behauptung des Propheten im Widerspruch stand. »Man kann mir nicht nachsagen, daß ich mich gegen sie benommen habe, als ob ich ihnen etwas der Art zutraute,« versetzte er, »und ehe ich meine Religion wechselte, machte mir mein Gewissen oft Vorwürfe wegen meines selbstsüchtigen und gefühllosen Benehmens gegen Marie. Aber seit ich ein Türke bin, ist alles dieß vorbei.« Der Renegat fuhr bei diesen Worten mit der Hand über seine Stirne, denn sein Gewissen hatte ein lang ersticktes Gefühl der Tugend heraufbeschworen. Er erinnerte sich an die verbrecherische Laufbahn, auf der er fortgeschritten war und welcher er durch die Verläugnung seines Erlösers die Krone aufgesetzt hatte. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:   Ich blieb eine Woche in der Gesellschaft des Marquis und seiner Tochter, bei denen ich mich täglich mehr und mehr in Gunst setzte. Ich hatte der Dame meine Leidenschaft nicht erklärt, da mich etwas Unwiderstehliches daran hinderte, aber dennoch wußte ich, daß ich nicht mit Gleichgültigkeit betrachtet wurde. Unsre Gesellschaft erhielt noch einen Zuwachs durch den Bischof von Toulouse, den Bruder des Marquis, welcher nach dem Schlosse gekommen war, um ihm und seiner Nichte wegen ihres glücklichen Entkommens zu gratuliren. Ich wurde als der Edelmann vorgestellt, welcher bei ihrer Rettung so wesentlichen Beistand geleistet hätte. Der Bischof sah mich überrascht und mit großen Augen an. »Es ist seltsam,« bemerkte er, »daß in der Nähe der Stelle, wo der Raub vorging, in einem Graben eine Leiche gefunden wurde, in welcher man denselben jungen Offizier erkannte, den Ihr mir jetzt vorstellt, wie kann dieß seyn?« Der Marquis und seine Tochter waren über diese Kunde erstaunt, und ich fühlte mich gleichfalls betroffen, aber nur für einen Augenblick. »Wie, sagt Ihr,« rief ich mit Beben – »in einer Leiche wurde der Sohn des Grafen de Rouillé erkannt? Mein armer, armer Bruder! Mein theurer Viktor, so hast du also umkommen müssen! Welch' ein Unrecht habe ich Dir gethan!« Ich warf mich sodann auf den Fauteuil und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuche, als sey ich von Schmerz überwältigt, obschon ich in Wirklichkeit nur nachdenken wollte, was ich zunächst sagen konnte. »Euer Bruder?« rief der Marquis erstaunt. »Ja, Marquis, mein Bruder. Ich will nun den Umstand angeben, welche mich bewogen, vor Euch geheim zu halten, daß er zur Zeit des Angriffs in meiner Gesellschaft war. Als ich zu Eurem Beistand herzu eilte, folgte mir mein Bruder, der mit mir nach Marseille reiten wollte, und von dem ich, wie Ihr Euch erinnern werdet, bereits gesprochen habe; aber nach der ersten Entladung der Feuerwaffen fand ich, daß er nicht an meiner Seite war, und ich glaubte, er habe mich aus Furcht im Stiche gelassen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein solcher Schimpf bekannt wurde, und habe deßhalb seiner keine Erwähnung gethan. Wie wenig dachte ich, als ihn mein Herz der Feigheit beschuldigte, daran, daß er todt sey und sein Herzblut in meiner Verteidigung vergossen habe. Viktor, mein theurer Viktor!« fuhr ich fort, »wie schwer that ich Dir Unrecht, und was kann mich für Deinen Verlust entschädigen!« Und mit den wildesten Schmerzesäußerungen warf ich mich auf das Sopha nieder.   »Huckaback,« bemerkte der Pascha, »es scheint mir, als seyest Du in Deinen jungen Tagen ein großer Schurke gewesen.« »Ich gebe es zu,« versetzte der Renegat. »Aber zu meiner Entschuldigung wird sich Eure Hoheit daran erinnern, daß ich damals ein Christ war.« »Bei dem Bart des Propheten, das ist wohlgesprochen und sehr wahr!« entgegnete der Pascha.   Der Marquis und sein Bruder waren sehr erschüttert, daß sie mich unabsichtlich in so große Betrübniß versetzt hatten, und boten mir Trost an; als sie jedoch ihre Bemühungen fruchtlos sahen, entfernten sie sich aus dem Gemache, weil sie es für besser hielten, wenn sie mich allein ließen. Nur Cerise, die Tochter, blieb zurück, kam nach einer kurzen Pause zu mir, legte ihre Hand auf meine Schulter und redete mich mit ihrer Silberstimme an: »Tröstet Euch, mein theurer Felix.« Aber ich gab keine Antwort. »Wie unglücklich bin ich!« sagte sie. »In meiner Verteidigung hat er sein Leben verloren, und Eurem Muthe verdanke ich meine Erhaltung. Er ist todt und Ihr seyd elend. Kann Euch nichts den Verlust Eures Bruders ersetzen – gar nichts, Felix?« Ich richtete meinen Kopf auf, und sah ihre Augen, in welchen die innigste Liebe strahlte, in Thränen schwimmen. Als ich meinen Sitz wieder auf dem Sopha einnahm, zog ich sie sanft an mich. Sie leistete keinen Widerstand, und im Nu war sie mir an die Brust gesunken, während meine Arme ihre schöne Gestalt umschlossen hielten. »Ja Cerise,« murmelte ich; »ich habe einen Ersatz gefunden.« Mit erröthendem Lächeln machte sie sich los und stand auf, um sich zu entfernen, kehrte aber auf meine Bitte noch einmal zurück, und ich drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Sie winkte mit der Hand und eilte aus dem Gemache.   »Deiner Beschreibung nach muß dies ein sehr hübsches Mädchen gewesen seyn,« nahm der Pascha das Wort. »Sprich, was wird in Eurem Land für eine solche Person bezahlt?« »Sie war über allen Preis erhaben,« versetzte der Renegat zerstreut, als blicke er zurück auf vergangene Zeiten. »Die Liebe läßt sich nicht mit Geld bezahlen. – Der Moslem kauft die Sklavin und unterwirft sie blindlings seinem Willen, freit aber nicht in Liebe um sie.« »Nein, er kauft die Liebe mit,« versetzte der Pascha, »und ich muß sagen, daß es mir lieb wäre, Du hättest das Gleiche gethan; denn mit all' Deiner Liebeswerbung kommst Du nur sehr langsam mit Deiner Geschichte voran. Fahre fort.«   Ich blieb noch eine Woche, als der Bischof, welcher noch nicht abgereist war, eines Morgens nach Marseille hinüber fuhr und zum Mittagsessen wieder zurückkam. »Man hat mich berufen,« bemerkte er, als wir uns zur Tafel setzten, »um mich zu Rath zu ziehen, ob es passend sey, den Papst um die Canonisation der Schwester Eustasia anzugehen, von welcher Ihr so viel gehört habt und deren Verschwinden man für ein Mirakel betrachtet. Aber während unserer Berathung lief eine Kunde ein, durch welche in Betreff der Ansichten über ihre vermeintliche Heiligkeit ein großer Wechsel herbeigeführt wurde. Es stellte sich nämlich heraus, daß in der Nähe der Stelle, wo das Schiff scheiterte, die Leiche einer Frauensperson, welche in Mannskleider gehüllt war, aufgefunden wurde, und man glaubt jetzt, daß irgend ein Elender ihre Person im Kloster vorgestellt und sich hintendrein flüchtig gemacht hat. Die Polizei hat die strengsten Untersuchungen angeordnet, und wenn der Mensch aufgefunden wird, so steht nicht zu bezweifeln, daß man ihn nach Rom an die Inquisition ausliefert.« Wie Eure Hoheit sich denken kann, war mir dies keine sehr angenehme Kunde. Fast wäre ich von meinem Stuhl aufgefahren. Aber ich wußte mich hinreichend zu beherrschen und meine Gefühle zu verheimlichen, obgleich mir jeder Bissen im Munde quoll. Aber ehe noch das Mittagsmahl vorüber war, wurde der Knoten verwickelter. Von meinem Adoptivvater lief an den Marquis ein Schreiben ein, in welchem der Graf de Rouillé erklärte, er höre von so verschiedenen Gerüchten, daß er über die Wahrheit nicht ins Klare kommen könne. Einerseits sage man, sein ältester Sohn sey noch am Leben und auf dem Schlosse des Marquis, von Andern aber müsse er vernehmen, daß derselbe ermordet worden sey; wieder Andere wünschten ihm in ihren Briefen Glück, daß doch einer seine Söhne sich gerettet habe. Er bat nun den Marquis, ihm den wahren Stand der Angelegenheit mitzutheilen und ihn durch den Ueberbringer wissen zu lassen, ob sein ältester Sohn wirklich bei ihm sey, oder ob es mit dessen unglücklichem Tode seine Richtigkeit habe. Der jüngere Sohn befinde sich schon seit einigen Monaten in der Heimath, und er müsse fast glauben, da in den Berichten beider Erwähnung gethan sey, daß bei der Sache ein Betrug mit unterlaufe. Ich bemerkte aus der Veränderung auf dem Gesichte des Marquis, daß die Angelegenheiten nicht ganz gut gingen, und hatte mich schon bis auf einen gewissen Grad vorbereitet. Der alte Herr übergab nun ernst den Brief an den Bischof, welcher ihn, nach dem er ihn gelesen hatte, mit einem finstern Blicke mir hinbot. »Die Sache betrifft Euch, Herr,« sagte er. Ich las den Inhalt mit ruhiger Miene, gab das Blatt an den Marquis zurück und bemerkte mit einem Seufzer: »Es ist ein verfehltes Wohlwollen, daß man den alten Mann also in einem Wahne erhält, denn der Schlag wird ihn nur um so schwerer betreffen, wenn er endlich nicht mehr verheimlicht werden kann. Ich habe Euch mitgetheilt, Herr – oder that ich's vielleicht nur gegen Mademoiselle Cerise – daß mein Vater schon seit zwei Jahren blind ist. Man scheut sich, ihm die Wahrheit zu sagen, und läßt ihn auf dem Glauben, daß Viktor in seiner Nähe sey. Ihr müßt nämlich wissen, daß mein Bruder in meiner Begleitung das Haus unseres Vaters im Geheim verließ. Unselige Stunde, in welcher ich seinen Bitten nachgab! Aber Monsieur le Marquis, ich bemerke, wie gebieterisch nothwendig es jetzt ist, daß ich zu meinem Vater gehe; er wird der zuverlässigsten Ueberzeugung von meinem Vorhandenseyn bedürfen, um seinem Schmerze nicht zu erliegen. Mit Eurer Erlaubniß, will ich dem Ueberbringer dieses Schreibens einige Zeilen mitgeben, und so ungern ich mich auch von Eurer angenehmen Gesellschaft trenne, muß ich doch morgen mit Tagesanbruch meine Reise antreten.« Die ruhige, zuversichtliche Miene, mit welcher ich antwortete, beseitigte allen Argwohn. Nachdem ich einige Zeilen an den Grafen geschrieben hatte, bat ich den Marquis, mir sein Siegel zu borgen, drückte es dem Wachse auf und händigte das Schreiben dem Diener ein, damit er es dem Boten übergebe, welchen ich bald darauf zu meiner großen Freude an dem Fenster vorbei galoppiren sah. »Oh!« rief ich; »das ist ja Pierre. Hätte ich dies gewußt, so würde ich einige Fragen an ihn gestellt haben.« Dieser zeitgemäße Ausruf übte, wie ich wohl bemerkte, die erwartete Wirkung. Wir setzten uns wieder zu Tisch, und ich wurde von dem Marquis sowohl, als von dessen Bruder mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit behandelt, da sie der Ansicht seyn mochten, sie seyen mir Genugthuung schuldig, weil sie für einen Augenblick Verdacht in meine Ehrlichkeit gesetzt hatten. Indeß war mir doch gar nicht wohl zu Muthe, und ich fühlte, daß ich nie mit mehr Klugheit gehandelt hatte, als indem ich von meinem baldigen Aufbruche sprach. Am Abende war ich allein mit Cerise. Seit der Kunde von meines Bruders Tod und der darauf folgenden Scene hatten wir uns unverbrüchliche Liebe geschworen, und in dem gegenwärtigen Falle war es mir auch völlig Ernst. Ich liebte sie bis zur Verzweiflung und bete noch jetzt ihr Andenken an, obschon inzwischen Jahre verschwunden sind und sich ihr Staub längst mit der Erde gemischt hat. Ja, Cerise, wenn Du aus den Regionen des Glückes, wo Dein reiner Geist weilt, niederschauen kannst auf einen schuldbeladenen Elenden – o so wende Dich nicht entsetzt ab, sondern blicke mit Mitleid auf den, der Dich so zärtlich liebte, als nur ein Mann lieben kann, und der sich jenseits wenig um allen Segen kümmern wird, welchen ihm das Paradies bietet, wenn ihm nicht Dein schöner Geist zum Willkomm entgegentritt!   »Ich wünsche, Huckaback,« bemerkte der Pascha unmuthig, »daß Du in Deiner Geschichte fortfahrest und vor einem lebendigen Pascha nicht von todten Weibern plapperst.« »Ich bitte um Verzeihung,« versetzte der Renegat; »aber Euerer Hoheit zu Gefallen bin ich auf Scenen eingegangen, die meinem Gedächtniß lange fremd blieben. Die Gefühle, welche daraus entspringen, lassen sich nicht unterdrücken. Ich will in meiner ferneren Erzählung behutsamer seyn.«   Cerise war sehr traurig bei dem Gedanken an meine Abreise. Ich küßte ihr die Thränen weg und die Zeit entschwand rasch. Zugleich bat ich sie, mir noch, nachdem sich die Familie zu Bette begeben hätte, eine Zusammenkunft zu gestatten, da ich ihr noch viel zu sagen habe.   »Schon gut – wir können uns all' das denken,« bemerkte der Pascha ungeduldig. »Fahre fort, Du weißt, daß Du am Morgen aufbrechen wolltest.« »Ja, ja, durchlauchteste Hoheit,« entgegnete der Renegat, etwas mißvergnügt über diese Unterbrechung. Ich trat am andern Morgen auf einem Pferde des Marquis meine Reise an und ritt, so scharf ich nur konnte, Toulon zu. Dort wollte ich mein Glück wieder zur See versuchen; denn ich fürchtete, entdeckt zu werden, wenn ich am Lande bliebe. Mit dem Gelde in meiner Börse kaufte ich einige Waaren auf Spekulation, schloß einen Vertrag mit dem Kapitän eines nach San Domingo bestimmten Schiffes, tauschte meinen Anzug gegen eine Jacke und Matrosenhosen um und sah mich nun wieder der Gnade der Wellen preisgegeben. »Dieß, durchlauchtige Hoheit, ist die Geschichte meiner ersten Reise nebst den daraus entsprungenen Resultaten.«   »Na,« versetzte der Pascha, sich erhebend, »es war viel zu viel Liebe und zu wenig See darin; aber ich denke, wenn Du die erstere ausgelassen hättest, so wäre sie nicht so lang geworden. Mustapha, gib ihm fünf Goldstücke – wir wollen morgen seine zweite Reise anhören.« Sobald sich der Pascha entfernt hatte, brummte der Renegat: »Wenn ich noch weitere Geschichten erzählen soll, so darf man mich nicht unterbrechen und mir in dieser Weise Gesetze vorschreiben. Wäre ich nicht gestört worden, so hätte ich von Cerise noch eine Stunde lang reden können; so aber wurde die Sache gar zu kurz abgeschnitten.« »Der Pascha ist kein Freund von derartigen Abenteuern, Selim,« versetzte Mustapha; »er möchte gern etwas Wunderbares haben. Könntest Du's nicht ein bischen mehr ausschmücken?« »Wie meint Ihr dieß?« »Heiliger Prophet! Wie soll ich's meinen? Flicke einige Lügen ein; Du mußt Dich nicht so ganz an die Thatsachen halten.« »An die Thatsachen halten, Vezier? Ei, ich habe ja noch nicht eine einzige Thatsache erzählt.« »Wie, ist nicht Alles dies wahr gewesen?« »Kein Wort davon, so wahr ich in den Himmel zu kommen hoffe!« »Bismillah! – Wie, auch das nicht von der Marie und dem Kloster – die Geschichte der Cerise?« »Lauter Lügen von Anfang bis zum Ende.« »Und Du bist nie ein Barbier gewesen?« »In meinem Leben nie.« »Aber warum so lange Apostrophen über die todte Cerise, während Du doch bemerktest, daß der Pascha ungeduldig wurde?« »Blos, weil ich ein bischen in Verlegenheit war, Vezier. Ich wünschte Zeit zu gewinnen, um nachdenken zu können, was ich zunächst sagen wollte.« »Selim,« entgegnete Mustapha, »Du hast großes Talent. Aber merke Dir, daß Deine nächste Reise wunderbarer seyn muß. Es kann Dir wohl gleichgültig seyn, wie Du sie einrichtest.« »Das allerdings; aber der Pascha ist kein Mann von Geschmack. Na, gebt mir meine fünf Goldstücke, und ich will mich fortmachen. Die Zunge klebt mir am Gaumen, und es wird mir nicht wieder wohl werden, bis ich wenigstens ein Gallone Wein im Leibe habe!« »Heiliger Prophet! Welch ein Türke!« rief der Vezier, indem er seine Hände erhob. »Da ist Dein Geld, Kafir; vergiß nicht, Dich morgen hier einzufinden.« »Habt keine Sorge, Vezier. Euer Sklave lebt nur, um Euch zu gehorchen, wie wir Türken sagen.« »Wir Türken?« murmelte der Vezier, als er seine Blicke auf die sich entfernende Gestalt des Renegaten heftete. »In der That von allen Schurken – « »Ja wohl,« murmelte der Renegat, sobald er außer Hörweite war, »von allen Schurken – « Was sie beide in ihren getrennten Selbstgesprächen meinten, müssen wir der Einbildungskraft unserer Leser anheim geben; denn die Vorsicht hinderte jede der betreffenden Personen, ihre übrigen Gedanken laut werden zu lassen. Sechstes Kapitel. »Maschallah! Wie wundervoll ist Gott! Hat der Kalif Harun je solche Geschichten gehört?« bemerkte der Pascha, indem er, während ihm Mustapha Gesellschaft leistete, die Pfeife aus dem Munde nahm. »Dieser Ungläubige erzählt seltsame Geschichten von fremden Ländern. – Was wird er wohl zunächst vorbringen?« »Der Shaitan Bacheh – denn ein Sohn des Teufels ist er dennoch, obschon er den Turban trägt und sich vor Allah beugt – wird Eurer durchlauchtigen Hoheit zu einem wahren Schatze der Unterhaltung werden,« versetzte Mustapha. »Aber wie lauten die Worte des Reichen? Wenn Du Gold hast in Deinem Hazneh, so halte es wohl verschlossen und füge noch mehr hinzu: so wirst Du reich werden.« »Das sind Worte der Weisheit,« entgegnete der Pascha. »Ich möchte daher Eurer Hoheit rathen, diesen Abend auszugehen und weitere Erzähler auszusuchen, damit wir das, was wir in unserm Besitze haben, nicht erschöpfen.« »Wallah Thaib! das ist wohl gesprochen,« erwiederte der Pascha, indem er sich von seinem Musnud oder Staatsteppich erhob. »Der Mond ist aufgegangen – wenn Alles bereit ist, so wollen wir uns auf den Weg machen.« Eine Stunde später war der Pascha, wie zuvor von Mustapha und den bewaffneten Sklaven begleitet, auf der Straße und machte seine Wanderung durch die Stadt Cairo. Sie waren noch keine halbe Stunde gegangen, als sie an der Thüre eines Fruchtladens zwei Männer sitzen sahen, zwischen denen es zu hohen Worten gekommen war. Der Pascha erhob seinen Finger gegen Mustapha und gebot ihm in dieser Weise, zu halten, damit sie das Gespräch anhören könnten. »Ich sage Dir, Ali, es ist unmöglich, Deine langen Geschichten anzuhören, ohne den Gleichmuth zu verlieren.« »Lange Geschichten?« flüsterte der Pascha entzückt seinem Begleiter zu. »Das ist's eben, was wir brauchen können – Shukur Allah! Gott sey Dank.« »Und ich sage Dir, Hussan, daß die Deinigen zehnmal schlimmer sind. Du kannst keine zehn Minuten sprechen, ohne daß ich eine Neigung in mir verspürte, Deinen Mund mit dem Absatze meines Pantoffels zu begrüßen. Ich wollte nur, daß Jemand zur Hand wäre, der uns beide anhörte und ein Urtheil darüber fällte.« »Das will ich auf mich nehmen« sagte der Pascha, indem er auf sie zuging. »Morgen will ich euch beide abhören und den Werth eurer Geschichten würdigen.« »Und wer seyd Ihr?« bemerkte einer der Männer überrascht. »Es ist Seine Hoheit, der Pascha,« versetzte Mustapha, der jetzt gleichfalls herantrat. Die beiden Männer warfen sich zu Boden, während der Pascha seinen Begleiter beauftragte, die Personen am anderen Tage vor ihn zu bringen. Der Vezier ertheilte nun den Sklaven, welche in der Ferne nachfolgten, Befehl, die Männer festzunehmen, und kehrte mit dem Pascha nach Hause zurück. Letzterer war nicht wenig entzückt über die reiche Erndte, deren er sich von Leuten versah, welche sich gegenseitig ihre langen Geschichten zum Vorwurfe machten. Sobald am folgenden Tage der Divan geschlossen worden war, erhielten die beiden Männer Befehl, vor dem Pascha zu erscheinen. »Ich will mir nun ein Urtheil bilden, was an euren Geschichten seyn mag,« bemerkte er. »Setzt euch beide nieder und macht es mit einander aus, wer von euch beginnen soll.« »Halten Eure Hoheit zu Gnaden – Ihr werdet nie im Stande seyn, diesen Mann Ali anzuhören,« bemerkte Hussan. »Es ist daher das Beste, wenn Ihr ihn fortschickt.« »Allah bewahre Eure Hoheit vor allem Uebel,« versetzte Ali, »am meisten aber vor Hussans Reden, die so bedrückend sind, wie der heiße Wind der Wüste.« »Ich habe euch nicht rufen lassen, um eueren Streit, sondern eure Geschichten anzuhören. Mach Du den Anfang, Ali.« »Ich versichere Eure Hoheit,« fiel Hussan ein, »daß Ihr schon in drei Minuten genug haben werdet.« »Und ich versichere Dir,« erwiederte der Pascha, »daß Du für Deine Mühe mit der Bastonade belohnt werden sollst, wenn Du nur noch ein Wort sprichst, ohne daß es Dir geboten wird. Ali, beginn mit Deiner Geschichte.« »Gut, Eure Hoheit; Ihr wißt , es ist ungefähr dreißig Jahre her, daß ich ein kleiner Knabe war, wie Ihr wißt. « Hier erhob Hussan seine Hand und lächelte. »Also Eure Hoheit, Ihr wißt – –« »Ich weiß nichts, Ali; wie kann ich wissen, eh' Du mir's erzählt hast?« bemerkte der Pascha. »Wohlan denn, Eure Hoheit muß wissen, daß ich von meiner Geburt an stets in derselben Straße gewohnt habe, wo Eure Hoheit uns die letzte Nacht sitzen sah; und Ihr wißt , dreißig Jahre sind eine lange Periode im Leben eines Menschen. Mein Vater war ein Gärtner, und Ihr wißt , Leute dieses Standes müssen früh aufstehen, um in Zeiten für den Markt bereit zu seyn, auf dem sie, wie Ihr wißt , ihre Gemüse zum Verkauf bringen.« »Ich gestehe, das mag Alles sehr wahr seyn,« bemerkte der Pascha; »aber Du thust mir einen Gefallen, wenn Du alle Deine ›Ihr wißt‹ wegläßt; denn ich bin ganz der Ansicht Deines Kameraden Hussan, daß sie sehr widerlich sind.« »Das ist's was ich ihm immer sage, durchlauchtige Hoheit. ›Ali,‹ sage ich, ›wenn Du nur Deine ›Ihr wißt‹ weglassen könntest,‹ sage ich , so könnte Deine Geschichte unterhaltlich seyn. Aber › sage ich , –‹ »Stille da mit Deinem ›sage ich' «, bemerkte der Pascha. »Hast Du die Bastonade vergessen? Ihr scheint mir ein sauberes Paar zu seyn. Ali, fahre fort in Deiner Geschichte und merke Dir meine Einschärfungen; der Felek und die Ferasches sind zur Hand.« »Nun, Eure Hoheit, eines Morgens stand er früher als gewöhnlich auf, weil es ihm darum zu thun war, mit einigen Zwiebeln, an denen es, Ihr wißt, keinen Mangel hat, der Erste auf dem Markt zu seyn. Nachdem er seinen Esel geladen hatte, ließ er ihn der Stadt zutraben. Dort langte er, Ihr wißt, ein wenig nach Morgengrauen auf dem Markte an, wo er, Ihr wißt –« »Hast Du nicht meinen Befehl vernommen, Dein Ihr wißt auszulassen? Kann ich Gehorsam finden, oder nicht? Fahre fort, und wenn Du noch einmal gegen mein Gebot verstößst, so sollst Du die Bastonade erhalten, bis Dir die Nägel abfallen.« »Ich werde Eurer Hoheit Wünschen nachzukommen suchen,« versetzte Ali. – »Ein wenig nach Tagesgrauen, Ihr – nein, er meine ich – bemerkte er eine alte Frau, die neben einem Früchtenstand saß und ihren Kopf mit einer alten, dunkelblauen Kapote bedeckt hatte; und als er an ihr vorbeikam, Ihr – sie, wollte ich sagen – hielt sie einen ihre Finger aus, und sagte: ›Ali Baba,‹ denn so lautete der Name meines Vaters, hört auf guten Rath und laßt Euer beladenes Thier stehen, um mir zu folgen.« »Nun war mein Vater, Ihr wißt, nicht geneigt, einem solchen alten Weibe – Ihr wißt – Aufmerksamkeit zu schenken und er antwortete, Ihr wißt –« »Heiliger Allah!« rief die der Pascha ergrimmt Mustapha zu, »was verdient dieser Mensch?« »Die Züchtigung, welche all' denjenigen gebührt, die sich unterstehen, Eurer Hoheit Geboten nicht Folge zu leisten.« »Und die soll er haben. Nehmt ihn hinaus und gebt ihm hundert Sohlenstreiche. Setzt ihn auf einen Esel, das Gesicht dem Schwanze zugedreht, und der Polizeidiener, der ihn durch die Stadt führt, soll ausrufen: »dieß ist die Strafe, welche der Pascha denjenigen ertheilt, die sich zu sagen herausnehmen, daß Seine Hoheit etwas wisse, während sie in der That doch nichts weiß.« Die Wachen ergriffen den unglücklichen Ali, um den Willen des Paschas an ihm zu vollziehen. Als derselbe fortgeschleppt wurde, rief Hussan: »Habe ich's nicht gesagt? Aber Ihr wollet mir nicht glauben.« »Na, ich habe doch noch den Trost,« versetzte Ali, »daß meine Geschichte noch nicht erzählt ist. Seine Hoheit wird entscheiden, welche die Beste ist.« Nach einigen Minuten, deren der Pascha benöthigt war, um sich von seinem Grimme zu erholen, redete er den andern Mann an: »Wohlan, Hussan, beginne mit Deiner Geschichte – aber merke Dir wohl, daß ich nicht in der besten Stimmung bin.« »Wie wäre es auch anders möglich, nachdem Eure Hoheit von Ali so sehr geärgert wurde? Ich sagte es ja. ›Ali‹ sagte ich –« »Komm einmal an Deine Erzählung,« wiederholte der Pascha ärgerlich. »Es ist ungefähr zwei Jahre her, Eure Hoheit, daß ich eines Tages in der Thüre des Fruchtladens saß, vor dem uns Eure Hoheit gestern Abend bemerkte. Da kam ein junges Frauenzimmer, welches nicht zu der gewöhnlichen Klasse zu gehören schien, in Begleitung eines Lastträgers herein. ›Ich möchte gerne einige Melonen haben‹ sagt sie. ›Spaziert nur herein, denn ich habe sehr schöne,‹ sage ich. Und ich langte nach den oberen Gesims hinauf, wo ich vier oder fünf Muskat- und vier oder fünf Wassermelonen aufgelegt hatte. »›Nun‹ sage ich, ›junges Frauenzimmer, Ihr werdet bemerken, daß dieß weit schönere Melonen sind‹ sage ich, ›als man gewöhnlich findet, weßhalb ich auch den geringsten Preis, den ich dafür ansetzen kann‹, sage ich – –« »Ei, Deine sage ich sind viel schlimmer als Alis Ihr wißt, Sey so gut, sie wegzulassen, und fahre in Deiner Geschichte fort,« rief der Pasche in sich steigerndem Unmuthe. »Ich will Eurer Hoheit gehorchen, wenn es mir möglich ist. Ich machte den niedrigsten Preis namhaft, und sie schlug ihren Schleier zurück. ›Ich habe geglaubt‹ sagte sie, nachdem sie mir erlaubt hatte, eines der hübschsten Gesichter von der Welt zu sehen, ›daß sie weit wohlfeiler zu haben seyen.‹« »Ich war von ihrer Schönheit so betroffen, daß ich ganz sprachlos dastand. ›Habe ich nicht recht?‹ sagte sie lächelnd, ›Von Euch, Frau‹ sage ich, ›kann ich nichts nehmen. Legt so viele in den Korb Eures Lastträgers, als Euch gut dünkt.‹ Sie dankte mir und legte Alle, die ich herunter gelangt hatte, in den Korb. ›Nun,‹ sagt sie , ›möchte ich einige Datteln – die besten und schönsten, die Ihr habt.‹ Ich holte einige herunter, welche sogar die Frauen von Eurer Hoheit Harem bewundert haben würden. ›Diese, schöne Frau,‹ sage ich , ›sind die besten, die in Cairo aufgefunden werden können.‹ Sie kostete dieselben und fragte nach dem Preis, den ich ihr nannte. ›Sie sind theuer,‹ versetzte sie; ›Ihr müßt sie wohlfeiler geben.‹ Und abermals lüftete sie ihren Schleier. ›Frau,‹ sage ich, ›diese Datteln sind viel zu wohlfeil um den von mir namhaft gemachten Preis, und es ist in der That unmöglich, auch nur einen Para weniger zu nehmen. Seht nur ihre Schönheit an, Frau,‹ sage ich; ›fühlt das Gewicht und kostet sie,‹ sage ich, ›und Ihr müßt einräumen,‹ sage ich, ›daß ich sie Euch zu einem Preise angeboten habe,‹ sage ich – –« »Heiliger Prophet!« rief der Pascha wuthentbrannt; »ich will nichts mehr von Deinen sage ich hören. Wenn Du nicht ohne dasselbe in Deiner Geschichte fortkommen kannst, so soll es Dir noch schlechter ergehen, als dem Ali.« »Halten Eure Hoheit zu Gnaden, aber wie ist es möglich, daß Ihr erfahret was ich gesagt habe, wenn ich Euch nicht bemerklich mache, was ich sagte? Ich kann meine Geschichte anders nicht fortsetzen.« »Das will ich doch sehen,« erwiederte der Pascha in grimmigem Tone und winkte durch ein Zeichen dem Henker zum Eintreten. »Erzähle jetzt weiter; und Du, Henker, schlägst ihm den Kopf ab, sobald er sein sage ich dreimal wiederholt hat. Fahre fort.« »Ich werde nicht im Stande seyn, fortzufahren, durchlauchtige Hoheit. Aber erwägt nur einen Augenblick, wie harmlos mein sage ich gegen das abscheuliche Ihr wißt des Ali ist. Ich habe ihm dieß immer gesagt. ›Ali‹ sage ich, ›wenn Du nur wüßtest,‹ sage ich, ›wie ärgerlich Du bist! Ja, dann‹ sage ich. – – In diesem Augenblicke fiel der Scymetar nieder und der Kopf Hussans rollte auf den Boden. Gewohnheitshalber zuckten die Lippen noch in ihren Convulsionen mit einer Bewegung, welche noch ein sage ich hervorgestoßen haben würden, wenn der Kanal des Lautes nicht so wirksam in seiner Thätigkeit unterbrochen worden wäre. »Diese Geschichte ist zu Ende!« bemerkte der Pascha in Wuth. »Von allen Widerwärtigkeiten, die mir je begegnet sind, ist keine so schlimm gewesen, als die Heimsuchung mit zwei solchen Personen. Allah verhüte, daß ich je wieder mit einem sage ich oder mit einem Ihr wißt zusammentreffe!« »Eure Hoheit ist die Weisheit selbst,« bemerkte Mustapha; »und möge gleiches Geschick alle diejenigen treffen, welche ihre Geschichte nicht erzählen können, ohne daß sie sagen, was sie gesagt haben.« Aufgebracht über die getäuschte Erwartung und durch Mustaphas Bemerkung ein wenig beschwichtigt, war der Pascha im Begriffe, sich nach seinem Harem zurückzuziehen, als ihm Mustapha mit einer tiefen Verbeugung meldete, daß der Renegat in der Nähe sey, um seine zweite Reise zu erzählen, im Falle es demselben gestattet werden sollte, den Staub von Seiner Hoheit Füßen zu küssen. »Khoda shefa midéhed – Gott gibt Erleichterung,« entgegnete der Pascha, indem er seinen Sitz wieder einnahm. »Er soll kommen.« Der Renegat trat ein, machte die gewohnte Begrüßung, nahm Platz und begann die Geschichte seiner zweiten Reise. Huckabacks zweite Reise. Mit Eurer durchlauchtigen Hoheit Wohlnehmen – den Tag nachdem ich mich eingeschifft hatte, segelten wir mit günstigem Wind aus, brachten die Meerenge hinter uns und schmeichelten uns schon mit der Aussicht einer glücklichen Fahrt, wurden aber in unserer Erwartung elendiglich getäuscht; denn drei Tage nachher trafen wir auf eine kleine Brigg unter englischer Farbe. Da sie wie ein Kauffahrer aussah, so achteten wir nicht darauf, daß sie sich uns näherte, weil wir meinten, sie haben ihre Hissung verloren und wünsche nur zu wissen, wo sie stehe. Aber sobald sie dicht an uns war, fuhr sie nicht an unserem Stern vorbei, wie wir erwartet hatten, sondern rundete, und legte die Enterhaken ein. Wir hatten keine Waffen und sahen uns daher in Folge dieser Ueberraschung bald in den Raum hinunter geschlagen; nach einigen Minuten befand sich das Schiff im Besitze unserer Angreifer. Sie hielten eine kurze Berathung, öffneten dann die Lucken, und ein Hochbootsmann zog seine Pfeife heraus, indem er mit furchtbarer Stimme dazu brüllte: » all hands ahoy !« Dann folgte der Ruf: » tumble up there, tumble up !« Da wir dies für ein Signal hielten, auf dem Deck zu erscheinen, so gehorchten wir der Aufforderung. Als wir oben standen, fanden wir, daß es uns leicht geworden wäre, diese Männer, wenn wir sie nur entfernt für Feinde gehalten hätten, zurückzuschlagen; denn sie waren nur fünfzehn an Zahl, während wir sechzehn Köpfe musterten. Aber es war zu spät. Wir hatten keine Waffen, und von den Engländern war jeder mit einem Stutzsäbel nebst zwei im Gürtel steckenden Pistolen versehen. Sobald wir Alle auf dem Decke waren, banden sie uns mit Tauen die Arme auf den Rücken und stellten uns in einer Zeile auf; nachdem sie uns nach unserem Range und unserem Gewerbe gefragt hatten, hielten sie eine kurze Berathung, und der Hochbootsmann redete mich folgendermaßen an: »Danke dem Himmel, Du Schurke, daß Du Barbier geworden bist; dann dies hat Dir das Leben gerettet!« Er zerhieb dann die Taue, mit welchen ich gebunden war, und ich blieb in Freiheit. »Wohlan denn, meine Jungen!« fuhr der Bootsmann fort, »nehme jetzt jeder seinen Vogel aufs Korn.« Und mit diesen Worten ergriff er den Kapitän unseres Schiffes, führte ihn nach der Planke, rannte ihm sein Schwert durch den Leib und stieß ihn in die See. In derselben Weise führte jeder von den mörderischen Schurken seinen ausgewählten Mann nach vorne, tödtete ihn entweder mit dem Schwerte oder mit der Pistole, und schleuderte die Leiche in die Wellen. Das Blut erstarrte mir in den Adern, als ich diese Scene mit ansah; aber ich sagte nichts, da ich mich nur allzuglücklich schätzte, mit dem Leben davon gekommen zu seyn. Nachdem all dies abgethan war, brüllte der Hochbootsmann: »Das Geschäft ist vorbei! Jetzt fege das Blut da auf, Meister Barbier, und sey verdammt! Vergiß nicht, daß Du fortan einer von den Unsrigen bist.« Ich gehorchte in stummer Furcht und kehrte dann nach meinem früheren Standorte in der Nähe des Hackebords zurück. Die Leute, welche uns gekapert hatten, waren, wie ich später entdeckte, ein Theil der Mannschaft eines englischen Guineafahrers, welche ihren Meister und Maten ermordet und das Schiff in Besitz genommen hatten. Da unsere Brigg in jeder Hinsicht ein viel schöneres Fahrzeug war, so beschlossen sie, es zu behalten und ihr eigenes zu versenken. Noch vor Einbruch der Nacht hatten sie alle ihre Maßregeln getroffen und steuerten dann unter einer schönen Brise gen Westen. Aber genau, als die Glocke um Mitternacht achtmal angezogen wurde, ließ sich über der Lucke eine furchtbare Stimme hören, die womöglich noch hundertmal lauter lautete, als die des Hochbootsmanns; sie brüllte: » all hands ahoy! « Die Erschütterung der Luft war so stark, daß das Schiff zitterte, als wäre es von einem Donnerschlage getroffen worden, und sobald sich die Bewegung ein wenig gelegt hatte, hörte man durch alle Theile des Raumes Wasser rauschen. Von dem Tone erschreckt, eilte Alles auf das Deck, und man erwartete, das Schiff werde augenblicklich untergehen. Die Leute waren nur mit ihren Hemden bekleidet und sahen einander zitternd und voll Entsetzen an. Das Wasser fuhr fort in das Schiff einzudringen, bis es das Kuhbrückengebälk erreicht hatte; dann aber hielt es plötzlich inne. Nachdem sich der panische Schreck bis zu einem gewissen Grade gemindert hatte, griffen die Matrosen, welche bemerkten, daß das Wasser nicht mehr höher stieg, nach den Pumpen, und um acht Uhr Morgens war das Schiff befreit. Dennoch lag der unerklärliche Vorgang wie eine Centnerlast auf dem Gemüthern der Seeleute, welche auf dem Deck umhergingen, ohne sich anzureden oder dem Schiffskurse Aufmerksamkeit zu schenken. Da Niemand das Kommando übernahm, so blieb auch das Steuer unbesetzt. Ich für meinen Theil hielt den Vorgang für ein Gericht, das sie wegen ihrer Grausamkeit betroffen habe, und machte mich bereits aufs Schlimmste gefaßt, weil ich fest annahm, daß das Aergste noch nicht gekommen sey. Ich dachte an Marie und gelobte in meinem Innern, wenn ich entkommen sollte, ein anderes Leben anzufangen. Nachts begaben wir uns wieder nach unseren Hängematten; aber wir Alle hatten so große Angst vor einer zweiten Heimsuchung, daß Niemand zum Schlafen kommen konnte. Die Glocke wurde nicht von den Leuten angezogen, sondern schlug von selbst und lauter, als ich sie je zuvor gehört hatte. Auch ließ sich abermals die schreckliche Stimme vernehmen: » all hands ahoy! « und abermals trieb uns das hereinstürzende Wasser auf das Deck. Wie in der letzten Nacht stieg es wieder bis zum Kuhbrückengebälk, hielt dann inne und wurde bis acht Uhr am folgenden Morgen wieder ausgepumpt. Einen Monat lang, während welcher Zeit wir nie Land sahen, – denn wir hatten alle Gissung verloren, und Niemand kümmerte sich um das Steuer – fand jede Nacht die schreckliche Heimsuchung statt. Die Gewohnheit hatte die Leute einigermaßen abgehärtet. Sie fluchten und tranken wieder wie zuvor und scherzten sogar über den Hochbootsmann der Mittelwache , wie sie ihn nannten; aber zu gleicher Zeit erschöpfte sie die beharrliche Anstrengung dermaßen, daß sie einmal in der Nacht erklärten, sie wollten nicht länger pumpen. Das Wasser blieb den ganzen Tag über im Schiff, und Abends begaben wir uns wie gewöhnlich nach unsern Hängematten. Um Mitternacht ließ sich dieselbe Stimme über der Lücke wieder hören; aber es folgte jetzt kein Wasserrauschen, sondern der schrille Ruf: » tumble up there, tumble up! « Wir Alle sprangen auf und eilten auf das Deck, denn wir fühlten uns wider Willen dahin getrieben. Nie werde ich den schrecklichen Anblick vergessen, der sich jetzt darbot; denn auf dem Decke des Schiffes lagen in einer Reihe die fünfzehn blutigen Leichen meiner ermordeten Schiffskameraden. Wir standen entsetzt da, und das Haar sträubte sich auf unseren Häuptern, als wir die übernatürliche Erscheinung betrachteten. Nach einer Pause von ungefähr fünf Minuten, während welcher Niemand ein Wort sprach oder sich auch nur rührte, rief eine der Leichen mit einer Grabesstimme, indem sie ihre Arme erhob: »Kommt, nehme jeder seinen Vogel aufs Korn! « Der Mann, welcher den lebendigen Körper nach der Laufplanke genommen, ihn getödtet und über Bord geworfen hatte, trat nun heran; er wurde augenscheinlich durch eine übernatürliche Kraft getrieben, denn nie werde ich den Blick des Entsetzens und den matten Ausruf der Todesangst vergessen, der ihm entwischte, als er der Aufforderung Folge leistete. Gleich dem zitternden Vogel, der von der Schlange bezaubert wird, sank er in die Arme der Leiche, die ihn fest umklammerte, in schlangenartigen Windungen mit ihm weiter rollte, bis sie den Rand der Laufplanke erreicht hatte, und dann mit ihrem Mörder in die See stürzte. Es folgte nun ein Blitz, der uns mehrere Minuten lang blendete. Und als wir unser Gesicht wieder gewannen, waren die übrigen Leichen verschwunden. Der Eindruck auf die schuldbeladenen Elenden war schrecklich. Sie lagen auf dem Decke niedergekauert da, wie in demselben Augenblicke, als der Blitz über ihnen hingeglitten war. Die Sonne ging jetzt auf, aber sie rührten sich nicht; die Strahlen trafen um Mittag ihre nackten Körper, aber dennoch blieben sie liegen; der Abend brach ein und traf sie noch immer in derselben Lage. Endlich schien die Dunkelheit den Zauber zu lösen, denn sie krochen jetzt hinunter und legten sich in ihre Hängematten. Um Mitternacht schlug die Glocke wieder an. Abermals ließ sich die Stimme vernehmen – der Schrei folgte und sie begaben sich aufs Neue nach dem Decke. Die vierzehn übrigen Leichen lagen in einer Reihe da. Ein weiterer Mörder wurde aufgeboten, gehorchte und verschwand. Abermals brach ein Blitz herein, und die Leichen wurden unsichtbar. So währte es fort – jede Nacht, bis der Hochbootsmann, welcher auf die letzte aufbewahrt geblieben war, von der Leiche des Kapitäns den übrigen nach über Bord gezogen wurde. Dann ließ sich eine dröhnende Stimme von dem großen Mars vernehmen; sie rief: »das Geschäft ist vorbei!« und dann folgte ein jubelndes Gelächter. Unmittelbar darauf rauschte das Wasser aus dem Schiffsraum hinaus, und das Fahrzeug war wieder so frei, wie zuvor. Dem Himmel dankend, der mich mit dem Geschick der Uebrigen verschont hatte, legte ich mich nieder und versank zum erstenmal seit vielen Wochen in einen tiefen Schlaf. Wie lange er angehalten hat, weiß ich nicht, obschon ich seine Dauer auf viele Tage zählen möchte. Endlich wurde ich durch den Ton von Stimmen geweckt, und ich fand jetzt, daß die Leute an Bord eines von Mexico nach dem südlichen Spanien bestimmten Schiffes ein Boot ausgeschickt hatten, um die Brigg, welche mit zerrissenen Segeln und nicht gesetzten Raen dalag, zu untersuchen. Ich fürchtete, man werde mir, wenn ich das Vorgefallene erzähle, keinen Glauben schenken, oder falls es je geschähe, eine Person nicht an Bord nehmen wollen, welche in Gesellschaft von Menschen gewesen war, an denen sich die göttliche Rache so augenscheinlich kund gegeben hatte, und berichtete deßhalb, wir seyen vor sechs Wochen von der Ruhr befallen worden, welche die gesammte Mannschaft hingerafft habe, mich, den Superkargo der Brigg, ausgenommen. Da das Schiff der Mexicaner nur halb voll war und ihre Ladung hauptsächlich aus Cochenille und Kupfer bestand, die nur einen kleinen Raum einnahmen, so erbot sich der Kapitän, von der Brigg so viele Güter, als er unterbringen konnte, an Bord zu nehmen, vorausgesetzt, daß ich ihm die Fracht überlasse. Ich ging bereitwillig darauf ein und las, nachdem ich das Manifest untersucht hatte, die werthvollsten Gegenstände aus, die ich nach dem spanischen Schiffe brachte. Wir hatten günstigen Wind. Nachdem wir durch die Meerenge eingefahren waren, hofften wir, in einem oder zwei Tagen unsern Hafen Valencia zu erreichen, wurden aber jetzt von einem Nordoststurme befallen, welcher viele Tage anhielt und uns auf die afrikanische Küste zutrieb. Um unser Unglück zu erhöhen, mußte das Schiff einen Leck kriegen, durch welchen es so viel Wasser fing, daß wir es durch Pumpen kaum wieder befreien konnten. Die Spanier sind sehr träge Matrosen, durchlauchtige Hoheit, und in einem Sturme weit mehr geneigt, zu beten, als zu arbeiten. In ihrem Schrecken gaben sie das Pumpen auf, zündeten vor dem Bilde des heiligen Antonius, welches im Stern des Schiffes aufgestellt war, eine Kerze an und begannen dessen Beistand anzurufen. Da der Heilige ihren Bitten nicht augenblicklich entsprach, so nahmen sie das Bild aus dem Tabernackel heraus, mißhandelten es, gaben ihm alle nur erdenkliche schnöde Namen und machten damit den Schluß, daß sie es an den großen Mast banden und mit Seilstumpen züchtigten. Inzwischen füllte sich das Schiff mehr und mehr. Hätten sie, statt zu beten, an den Pumpen fortgearbeitet, so würde es uns gut genug ergangen seyn, denn der Sturm war im Abnehmen und das Fahrzeug fing nicht mehr so viel Wasser, wie zuvor. Wüthend über diese Unthätigkeit und den Gedanken, mein werthvolles Eigenthum an Bord zu verlieren (denn ich betrachtete es als meine Habe), riß ich das Bild von dem Maste, warf es über Bord und erklärte ihnen, sie sollten an die Pumpen gehen, wenn sie gerettet zu werden wünschten. Die ganze Mannschaft stieß nun einen Schrei des Entsetzens aus und würde mich wohl dem Bilde nachgeschickt haben, wenn ich mich nicht in das Takelwerk hinauf geflüchtet hätte, aus dem ich mich viele Stunden nicht herunter wagte. Da die Spanier sich an keinen Heiligen mehr wenden konnten, so griffen sie abermals zu den Pumpen. Zu ihrem Erstaunen zog das Schiff kein Wasser mehr und war im Laufe von einigen Stunden frei. Am nächsten Morgen hatte der Sturm ausgeblasen und wir steuerten auf Valencia zu. Ich bemerkte, daß der Capitän und die Matrosen mich vermieden, kümmerte mich aber wenig darum; denn ich fühlte, mein Benehmen habe das Schiff und mein Eigenthum gerettet. Am zweiten Tage ankerten wir in der Bai. Die Behörden kamen an Bord und gingen mit dem Kapitän in die Kajüte hinunter, um sich daselbst lange mit demselben zu besprechen. Eine Stunde, nachdem sie das Schiff verlassen hatten, wollte ich ans Land gehen; der Kapitän erklärte jedoch, daß er mir dies vor dem nächsten Morgen nicht erlauben könne. Während ich ihm noch wegen seiner Weigerung Vorstellungen machte, ruderte ein Boot heran, aus welchem zwei schwarz gekleidete Personen an Bord stiegen. Ich erkannte in ihnen die Vertrauten der Inquisition. Da fiel mir augenblicklich ein, wie ich die Aebtissin vorgestellt hatte; ich glaubte, ich sey entdeckt, und hielt mein Urtheil für besiegelt. Der Kapitän deutete auf mich hin. Die Schwarzen ergriffen mich am Kragen, hoben mich in das Boot und ruderten schweigend dem Ufer zu. Nachdem wir gelandet hatten, wurde ich in eine schwarze Kutsche gebracht und nach dem Inquisitionspalaste geschafft, wo man mich in einen der tiefsten Kerker warf. Am nächsten Tage erschienen die Vertrauten und führten mich nach der Gerichtshalle, wo ich gefragt wurde, ob ich mein Verbrechen bekennen wolle. Ich versetzte, daß ich nicht wisse, wessen ich angeschuldigt sey. Man fragte mich wieder, ob ich bekennen wolle, und da ich dieselbe Antwort gab, so wurde die Tortur über mich verhängt. Ich wußte wohl, daß ich keine Aussicht hatte, und weil ich es nicht für nöthig hielt, mich einer nutzlosen Qual auszusetzen, so erklärte ich, daß ich bekenne. »Was hat dich zu der That bewogen?« Die Antwort machte mich verlegen, da mir die Natur meines Vergehens nicht ganz klar war; ich antwortete deßhalb, die heilige Jungfrau sey es gewesen. »Gotteslästerer!« rief der Großinquisitor. »Wie! Die heilige Jungfrau hätte dich aufgefordert, den San Antonio über Bord zu werfen?« »Ja,« versetzte ich, hocherfreut, daß nicht von demjenigen Verbrechen die Rede war, welches ich vermuthet hatte. »Sie that es und sagte mir, das Schiff werde dadurch gerettet werden!« »Wo warst du bei dieser Gelegenheit?« »Auf dem Deck.« »Wo hast Du sie gesehen?« »Sie saß auf einer kleinen blauen Wolke, ein wenig über der Marssegelraa.« ›Fürchte Dich nicht, François,‹ sagte sie, indem sie mir mit der Hand winkte, ›sondern wirf das Bild über Bord.‹ Die Inquisitoren waren erstaunt über meine Kühnheit. Es folgte nun eine Berathung, welche sich die Ermittelung zur Aufgabe stellte, ob ich als ein Gotteslästerer behandelt oder die Sache als ein Mirakel ausgerufen werden solle. Zum Unglück für mich hatte sich jedoch erst vor kurzer Zeit ein Wunder zugetragen, und es waren nur wenige Leute vorhanden, die bei dem Auto-da-fé des nächsten Monats verbrannt werden konnten. Die Entscheidung fiel daher gegen mich aus. Ich wurde geschmäht, mißhandelt und zum Flammentode verurtheilt. Gleichwohl nahm ich mir vor, als meine einzige Aussicht, bis auf den letzten Augenblick eine gute Miene zur Sache zu machen. Ich blickte in die Höhe, als hätte ich irgend einen Punkt in der Decke der dunkeln Gerichtshalle vor Augen, und erhob wie in größtem Erstaunen meine Hände. »Heilige Jungfrau! rief ich, indem ich meine Knie beugte, »ich danke Dir für dieses Zeichen. Gnädiger Herr,« fuhr ich trotzig fort, »ich fürchte mich nicht. Ihr habt mich verurtheilt, in den Flammen zu sterben; ich aber sage Euch, daß ich meinen Kerker mit Ehren verlassen werde, und daß mir eben so viele Lobpreisungen bevorstehen, als mir jetzt Beschimpfungen zu Theil werden.« Die Inquisitoren waren einen Augenblick verdutzt. Ihre Ueberraschung wich aber bald wieder ihrer Grausamkeit, denn sie dachten daran, wie viele Tausende sie schon gefoltert hatten, weil sie Dinge bezweifelten, denen sie selbst nie einen Augenblick Glauben schenkten. Ich wurde nach meinem Kerker zurückgeführt. Der Schließer, welcher nie zuvor in der Gerichtshalle soviel Kühnheit gesehen hatte, und deshalb der Ueberzeugung lebte, daß ich die Wahrheit gesprochen, behandelte mich mit Wohlwollen und versah mich mit Bequemlichkeiten, die ihn seine Stelle gekostet haben würden, wenn sein Benehmen bekannt worden wäre. Mittlerweile wurde die Ladung des Schiffes bei dem Zollhause gelandet, das Fahrzeug selbst aber ans Ufer gezogen, damit der Boden ausgestopft und verpicht werden konnte. Da zeigte sich nun zum großen Erstaunen des Kapitäns und der Mannschaft, daß der Kopf des Heiligen, den ich über Bord geworfen hatte, in dem Lecke stack und so fest eingekeilt war, daß man ihn nur mit Gewalt herausbringen konnte. »Ein Wunder! Ein Wunder!« tönte es nun von den Kais und durch alle Theile der Stadt. Man sah jetzt deutlich, daß mich die heilige Jungfrau bewogen hatte, das Bild über Bord zu werfen, weil dies das einzige Mittel gewesen, das Leck zu verstopfen. Die Mönche des nächsten Klosters nahmen den heiligen Antonius für sich in Anspruch und kamen in großartiger Procession nach dem Schiffe herunter, um ihn nach ihrer Kirche zu tragen. Als der Großinquisitor von diesem Umstande Kunde erhielt, bezeugte er vor dem Bischof und der höchsten Geistlichkeit mein unerschrockenes Benehmen in der Gerichtshalle, und das Schiff war noch keine drei Stunde ans Land geholt werden, als ich in meinem Kerker von dem Großinquisitor, dem Bischof und einer langen Procession besucht wurde. Sie baten mich um Verzeihung und ertheilten mir auf mein Verlangen den Kuß des Friedens. So wurde ich denn unter allen Zeichen von Achtung in Freiheit gesetzt und fortan als ein Mensch betrachtet, der unter dem besondern Schutze der Jungfrau stand. »Hab' ich Euch nicht gesagt, gnädiger Herr, daß ich mit Ehren meinen Kerker verlassen würde?« sagte ich zu dem Großinquisitor. »Ja, das thatest Du, mein Freund,« antwortete er. Ich hörte ihn noch murmelnd hinzufügen: »Entweder gibt es wirklich eine Jungfrau Maria, oder dieser Mensch ist der pfiffigste Schurke, der sich weit und breit auffinden läßt.« Während meines Aufenthalts zu Valencia war meine Gesellschaft sehr gesucht und geehrt. Ich verkaufte meine Waaren zu ungeheurem Preise, denn Jedermann glaubte, es müsse ihm Glück bringen, wenn er etwas besitze, was mir gehört hatte. Ich erhielt viele schöne Geschenke; die verschiedenen Klöster lagen mir an, als Mönch in ihren Orden zu treten, und ich verließ endlich die Stadt mit einer große Geldsumme, mit welcher ich mich nach Toulon begab, um mich nach meiner theuren Cerise zu erkundigen, deren Bild noch immer der Gegenstand meiner Träume sowohl als meiner wachen Gedanken vor.« »Halt,« sagte der Pascha; »ich mochte wissen, ob Du glaubst daß die Jungfrau, wie Du sie nennst, den Kopf des Bildes in das Loch steckte, welches sich in dem Schiffsboden befand.« »Eure Hoheit halten zu Gnaden, ich glaube es nicht, sondern bin der Ansicht, daß die ganze Sache blos auf dem Gesetz der Ursache und Wirkung beruhte. Es liegt in der Natur eines Wirbels, alles einzusaugen, was in seinen Bereich kommt. Das Wasser, welches in den Schiffsboden strömte, war nur der Scheitel eines Wirbels. Als ich das Bild des Heiligen leewärts von dem Schiffe über Bord warf, wurde es von der Gewalt des Windes unter das Wasser gedrängt, bis es von dem Wirbel des Lecks ergriffen wurde, und so fand es ganz natürlich seinen Weg in das Loch.« »Du scheinst mir ganz recht zu haben,« antwortete der Pascha, »obschon ich kein Wort von dem verstehe, was Du gesagt hast.« »Dies, durchlauchtige Hoheit, waren die Abenteuer, welche meine zweite Reise begleiteten,« schloß der Renegat mit einer Verneigung seines Kopfes. »Und es ist obendrein eine recht gute Reise gewesen – sie hat mir besser gefallen, als Deine erste. Mustapha gib ihm zehn Goldstücke. Du wirst ihn morgen wieder herbringen, und wir wollen dann hören, was ihm auf seiner dritten zugestoßen ist.« »Du siehst, daß mein Rath gut war,« sagte Mustapha, sobald sich der Pascha entfernt hatte. »Ganz vortrefflich,« versetzte der Renegat, indem er seine Hand ausstreckte, um das Geld in Empfang zu nehmen. »Morgen will ich lügen, wie nur irgend ein Barbier.« Siebentes Kapitel. »Khoda Chefa midèhed – Gott gibt Erleichterung!« rief der Pascha nach dem Schlusse des Divans – und in der That waren im Laufe der Tagesverhandlungen Viele um ihre irdische Güter erleichtert worden, während einige Andere in die Lage gekommen waren, sich nicht weiter mit weltlichen Gedanken oder Wanderungen plagen zu müssen. »Was haben wir heute, Mustapha?« »Möge Eurer Hoheit Schatten nie geringer werden!« versetzte der Vezier. Haben wir nicht den Sklaven, der sich erbot, seine Geschichte zu Eurer Hoheit Füßen niederzulegen? Es geschah an demselben Abende, an welchem wir auf jene Söhne des Shitan trafen – auf Ali und Hussan, welchen die Züchtigung zu Theil wurde, die sie durch ihre ungeheuren Verbrechen verdienten. Haben wir nicht ferner das Manuscript des spanischen Sklaven, das mein treuer Grieche übersetzt hat? Er sagt mir, die Worte fließen von Honig, und ihre Musik gleiche der des Bulbul, wenn er seiner Lieblingsrose zusingt.« »Und der Giaur, welcher seine Wanderungen und Reisen erzählt,« unterbrach ihn der Pascha – wo ist er? Kein Keffeguh unsres eigenen Geschlechts erzählt Geschichten, die den seinigen gleichen.« »Der Giaur ist auf dem Wasser, durchlauchtige Hoheit. Er ist ein wahrer Rustam an Bord eines Schiffes und bringt Schätze nach dem Hazneh Eurer durchlauchtigen Hoheit. Er hat die Astrologen zu Rath gezogen, und die Sterne waren günstig. Ich erwarte, daß er morgen zurückkommen wird.« »Wohlan denn, so müssen wir uns mit dem begnügen, was uns geboten wird. Laß den Sklaven kommen, damit wir seine Geschichte anhören, weil es doch unmöglich ist, daß wir heute die wundervollen Erzählungen Huckabacks genießen können.« »Was für ein Hund war Lockman in Vergleichung mit der Weisheit Euer durchlauchtigen Hoheit!« entgegnete Mustapha. »Wie lauten Hafis Worte: – jeden Augenblick, dessen du dich erfreust, zähle für Gewinn. Wer kann sagen, wie etwas enden wird.« Der Sklave, der auf Mustaphas Befehl festgenommen worden, erhielt jetzt die Weisung, zu erscheinen. Zwar hatten dem Vezir seine Leute mitgetheilt, er sey »von Allah heimgesucht« – oder mit andern Worten, wahnsinnig; aber Mustapha wagte es nicht, einen Mann oder vielmehr eine Geschichte ohne Einwilligung des Paschas loszulassen, und da ihm der Renegat nicht mit Aushülfe zu Gebot stand, so war er der Ansicht, es sey in Ganzen doch das Beste, wenn der Sklave dem Pascha vorgeführt werde. »Du hast mich aufgefordert, Deine Geschichte zu hören,« bemerkte der Pascha, »und ich willigte ein – nicht Dir, sondern mir selbst zu lieb, weil ich ein Freund von guten Geschichten bin. Ich nehme es für ausgemacht an, daß die Deinigen darunter zu zählen seyn werden, sonst würdest Du Dich nicht erdreistet haben, ein derartiges Gesuch vorzubringen. Fange an.« »Pascha,« versetzte der Sklave, welcher sich in eine Ecke niedergesetzt hatte und seinen Körper immer vorwärts und rückwärts bewegte, »es ist das Unglück derjenigen, welche nichts wissen – von der Aufregung, welche, wie ich Euer Hoheit zuvor angedeutet habe – an Höhe den stolzen, schneebedeckten Gipfel des Hebron übersteigt, – und dennoch nicht mehr werth seyn kann, als vier oder fünf Paras– –« »Heiliger Prophet, was ist Alles dies?« unterbrach ihn der Pascha. »Ich kann kein Wort von dem verstehen, was du sagst. Lachst Du uns in die Bärte? Sprich verständlicher, besinne Dich!« »Ich entsinne mich, als ob es von heute wäre,« fuhr der Wahnsinnige fort, »obschon Jahre darüber hingerollt sind. Nie wird es aus meinem Gedächtnisse entschwinden, so lange dieses Herz, so gebrochen es auch ist, zu schlagen fortfährt oder dieses Gehirn brennen darf. Die Sonne ist eben hinter dem zackigen Gipfel des Berges verschwunden, der meinen Wohnplatz gegen den unfreundlichen Nordostwind schützte. Die Blätter der Reben, die in Gewinden an dem Gatter vor meiner Hütte hängen – sie waren vor einer Minute noch von ihren herrlichen Strahlen durchbohrt und schienen so klar und durchsichtig – aber jetzt haben sie einen brauneren Schatten angenommen, und so weit das Augen reichen kann, steigt ein dünner blauer Dunst aus der Schlucht auf. Die ferne See hat ihr tiefes Blau gegen ein düsteres Grau vertauscht, während die Brandung wild an der Küste rollt, als sey sie unzufrieden, daß sie nicht länger die Farben des Prismas reflektiren kann; denn erst kürzlich noch tanzte sie vor Freude unter der funkelnden Beleuchtung des Tagesgottes – –« »Pu-uff!« rief der Pascha, indem er sich Luft zufächelte. »Mein Boot lag an dem Gestade, und meine Augen waren in glücklicher Vergessenheit darauf geheftet, bis der Schatten der Nacht mich hinderte, die Netze zu unterscheiden, die ich auf dem Schanddecke ausgebreitet hatte. Ich wandte mich um bei der sanften Stimme meiner Etana, welche, ihr Kind auf den Armen, neben mir saß und der Ungeduld des Kleinen zusah, als fordre es einen rascheren Milchstrom von der schneeigen Brust, und ein holdes Lächeln überflog die entzückte Mutter, als sie sich über das erste theure Pfand unsrer Liebe niederbeugte. Ich fühlte mich glücklich – fast allzuglücklich. Ich hatte Alles, was ich wünschte – ja, ich hatte es –« Der Wahnsinnige hielt jetzt inne und schlug sich mit der Faust vor die Stirne – »aber jetzt ist's vorbei.« Nach einigen Sekunden nahm er wieder auf: »Ich für meine Person bin stets der Ansicht gewesen, wenn der Wind gegen Südosten umschlage, begeben sich die Fische nach dem tiefen Wasser; und wenn Ihr beim Lesen der Trauben Euch in Acht nehmt, nicht auch die Stengel hineinzuwerfen, so wird der Wein, wie ich Eurer Hoheit zuvor andeutete, nur die ungeheure Schwierigkeit der Ueberzeugung erhöhen, wie weit ein Mensch mit gutem Gewissen gehen könne, das heißt im Verhältniß zu dem Grade des Verstandes, der durch gewisse Zwischenräume angedeutet ist und sich bis hinab in die tiefsten Ritzen der ganzen Schlucht erstreckt.« »Wahrhaftig, ich kann kein Wort von alledem verstehen!« rief der Pascha aufgebracht. »Kannst du's, Mustapha?« »Wie wäre es möglich, daß Euer Sklave etwas begriffe, was der Weisheit Eurer Hoheit verborgen ist?« »Sehr wahr,« versetzte der Pascha. »Eure Hoheit wird nach und nach schon eine geeignte Einsicht bekommen,« bemerkte der Wahnsinnige. »Aber es ist nöthig, daß Ihr abwartet, bis ich die Geschichte zu Ende gebracht habe. Was gegenwärtig noch wirr ist, wird sich dann abwinden lassen, wie ein Strang Seide.« »Wohlan denn,« erwiederte der Pascha, »so möchte ich nur, Du begännest mit dem Ende deiner Geschichte und schlößest mit dem Anfang. Fahre fort.« »Es ist unter dem Himmel nichts so interessant – so anmuthig – so lieblich zu betrachten, als eine junge Mutter mit ihrem Erstgebornen an der Brust. Das sanfte Lispeln und Liebkosen der Kindheit – die sich entfaltende Anmuth der knospenden Jungfrau – die erröthende, lächelnde, aber doch zitternde Braut, Alles verliert in Vergleichung mit dem Weibe in ihrer Schönheit, wenn sie ihre Bestimmung auf Erden erfüllt. Ihr Gesicht strahlt von jenem tiefen Gefühl des Entzückens, welches ihr die früheren Stunden der Sorge und der Angst mehr als vergütet. Aber ich fürchte Eure Hoheit zu ermüden.« »Wallah el Nebi! bei Gott und seinem Propheten, das thust du in der That. Lautet Alles so wie dieses?« »Nein, Pascha. Wollte der Himmel, es wäre so. Barmherziger Gott – warum hast Du diesen Schlag zugelassen? – War ich nicht dankbar? – Waren meine Augen nicht reich an Thränen, die aus der Wonne der Dankbarkeit und Liebe quollen – ja sogar in demselben Augenblicke, als sie hereinstürzten – als ihre mörderischen Waffen auf meine Brust gezückt waren – als die Mutter laut aufschrie, während sie das Kind als eine nutzlose Last wegrißen und es zur Erde schleuderten – als ich es aufgriff und die Pistole des wilden Türken seinem Daseyn ein Ende machte? Es ist mir noch gegenwärtig, wie ich den kleinen rubinrothen Brunnen küßte, der aus seinem Herzen sprudelte; ich sehe auch sie noch, wie man sie sinnlos von hinnen trug. Pascha, in einer kurzen Minute wurde mir Alles geraubt – Weib, Kind, Heimath, Freiheit und Vernunft – und hier bin ich ein Wahnsinniger und ein Sklave!« Der Tolle hielt inne, sprang dann auf und begann mit lauter Stimme: »Aber ich weiß, wer sie sind – ich kenne sie Alle; ich weiß auch, wo sie ist, und nun sollst Du mir Gerechtigkeit verschaffen, Pascha. Dieser ist's, welcher mir mein Weib stahl – dieser ist's, der mir mein Kind ermordete – dieser hält sie fern von meinen Armen und so will ich ihm Trotz bieten in Deiner Gegenwart.« Wie er mit seinen Ausrufen zu Ende war, sprang er auf den erschreckten Mustapha los und zerraufte ihm mit der einen Hand den Bart, während er ihm mit den andern den Turban vom Kopfe schlug. Die Wachen stürzten herein und befreiten den Vezier aus der unangenehmen Lage, in welche er sich durch seine eigene Unklugheit versetzt hatte, indem er diesen Mann vor dem Pascha erscheinen ließ. Die Wuth der durchlauchtigen Hoheit kannte keine Grenzen, und der Wahnsinnige hätte wohl mit seinem Kopfe büßen müssen, wenn nicht Mustapha sich ins Mittel gelegt hätte; denn letzterer wußte Wohl, daß das gemeine Volk von Blödsinnigen und Wahnwitzigen annimmt, sie stünden unter dem besonderen Schutze des Himmels – so daß also ein derartiges rasches Verfahren leicht einen Aufstand hatte zur Folge haben können. Auf seine Fürsprache wurde der Mann von den Wachen fortgeschleppt und ersterer in bedeutender Entfernung von dem Palaste wieder losgelassen. »Allah Kerim – Gott ist barmherzig!« rief der Pascha, sobald der Wahnsinnige fortgebracht worden war. »Es ist mir lieb, daß er nicht am Ende gar glaubte, ich habe sein Weib.« »Allah verhüte, daß Eurer Hoheit eine solche Behandlung zu Theil werde. Er hat den Bart Eures Sklaven ganz zu Schanden gerissen,« entgegnete der Vezier, indem er die Falten seines Turbans wieder zurechte machte. »Mustapha, zeichne Dir's auf – wir wollen nie mehr ein Anerbieten annehmen. Ich bin überzeugt, daß eine freiwillige Geschichte nichts werth ist.« »Eure Hoheit spricht Wahrheit – Niemand trennt sich gerne von dem, was des Behaltens werth ist. Geld stößt man nicht mit den Füßen fort, und Diamanten findet man nicht glitzernd im nächsten besten Sonnenstrahls. Wenn wir sie erhalten wollen, müssen wir darnach suchen und sie aus den dunkeln Minen heraus arbeiten. Ist es Eurer Hoheit genehm, das Manuscript anzuhören, welches der griechische Sklave übersetzt hat?« »Sey es darum,« versetzte der Pascha, nicht in der besten Laune. Der Grieche erschien, machte seine Verbeugung und begann dann folgende Vorlesung. Manuscript des Mönchs, berichtend die Entdeckung der Insel Madeira. Ehe ich vor jenes beleidigte Tribunal trete, das zu versöhnen ich viele Jahre in Buße und Gebet verbrachte, will ich zum Besten Anderer die Geschichte eines Menschen niederschreiben, welcher, indem er sich einer verhängnißvollen Leidenschaft hingab, den Rest seiner eigenen Tage verbitterte und das Leben der angebeteten Genossin seiner Schuld verkürzte. Mein Bekenntniß soll öffentlich seyn, damit mein Beispiel zur Warnung diene, und möge die Aufrichtigkeit, mit welcher ich mein Vergehen anerkenne – mögen die Thränen, welche ich vergossen habe, meine Sünde austilgen aus den bändereichen Annalen menschlichen Starrsinns und Ungehorsams! In wenigen Tagen wird sich diese abgezehrte Gestalt mit dem Staube mischen, dem sie entsprossen ist, um, je nachdem es der Zufall gebietet, die Distel zu nähren, welche gegen die Fruchtbarkeit der Natur Krieg führt, oder den Getreidehalm, der unser Daseyn fristet – den Nachtschatten mit seiner tödtlichen Frucht oder das bescheidene Veilchen mit seinen süßen Dufte. Das Herz, welches so ungestüm schlug im Entzücken der Liebe und verödet wurde durch das Uebermaaß des Wehs, wird bald ausgepocht haben. Der Geist, welcher der unwiderstehlichen Gewalt der Leidenschaft erlag, sich vergeblich gegen den Strom derselben anstemmte und wüst und öde da lag, seit sie ihn verließ gleich dem einst fruchtbaren Thale, das die Ueberschwemmung verheert hat – wird in Kurzem aufhören, thätig zu seyn. Nach einigen kurzen Tagen muß ich vor dem Thron eines beleidigten, aber doch barmherzigen Erlösers treten, der, indem er Alles opferte, über den Wahnsinn unserer Herzenshärtigkeit weint. Mögen dann Henrique's Bekenntnisse als ein Warnezeicher dienen für diejenigen, welche sich dem ersten Impulse hinzugeben geneigt sind. Wenn sie erst über die Entdeckung ihrer Irrthümer erschrecken, so werden sie finden, daß die Ueberzeugung zu spät kommt, und daß sie, gleich mir, unwiderstehlich fortgerissen werden, wie auch ihre Vernunft und ihr Gewissen dagegen ankämpfen mag. Ich bin ein Engländer von Geburt. Meine Eltern starben, noch ehe ich fünf Jahre alt war. Dennoch schwebt mir meine Mutter wie in einem Traume vor – ich habe eine matte Erinnerung an diejenige, auf deren Knieen ich jede Nacht zu sitzen pflegte, während sie meine kleinen Händchen zum Gebete faltete und ihr Kind segnete, ehe sie es zur Ruhe legte. Aber ich verlor die Eltern, deren Lehren mir im späteren Leben so werthvoll hätten seyn können, und blieb der Vormundschaft eines Mannes überlassen, welcher seine volle Pflicht erfüllt zu haben meinte, wenn er für meine zeitlichen Interessen Sorge trug. Meine Erziehung wurde nicht vernachlässigt: aber ich hatte Niemand, der mir in Punkten von ernsterer Wichtigkeit an die Hand gegangen wäre. Von Natur mit einem feurigen, ungestümen Temperament ausgestattet und mit einer Ausdauer begabt, welche durch Hindernisse nur gesteigert wurde, wollte ich in meiner Seele lieber jedes Gefühl ermuthigen, um mich nur nicht einer verhaßten Ruhe hingeben zu müssen. Schwierigkeiten und Gefahren, ja sogar Schmerz und Reue waren mir weit lieber, als der sonnige Seelenfriede, den Andere für so beneidenswerth halten. Ich konnte nur in kräftigen Aufregungen leben; fehlten mir diese, so fühlte ich mich so abgespannt, wie der Gewohnheitstrinker am Morgen, ehe er seine Nerven durch eine Wiederholung seiner Libationen stimulirt hat. Mein Treiben war von derselben Beschaffenheit – ich sehnte mich nach beharrlicher Veränderung und nach einem ewigen Scenenwechsel. Ich fühlte den Wunsch, »gefangen zu seyn von den unsichtbaren Winden und mit ruhelosem Ungestüm hingejagt zu werden über die schwebende Welt.« Nachts war ich glücklich; denn sobald der Schlaf meine Augen besiegelt hatte, träumte ich stets, daß ich mit Flugkraft begabt sey. Meine Phantasie trug mich auf Adlersfittigen durch die Luft – ich schwirrte über meinen Nebenmenschen dahin und sah mit Verachtung nieder auf sie und ihre endlose Plackerei. Bei einem Geist von dieser Beschaffenheit, welchem nicht durch Weisen Rath Zügel angelegt wurden, ist es nicht zu verwundern, daß mein Lieblingswunsch, mein beharrliches Sehnen darauf hinausging, die Welt zu durchstreifen. Das endlose Meer, welches mir die Mittel bot, meine Leidenschaft zu befriedigen, war mir ein Gegenstand der Liebe und Anbetung. Wenn ich auch nicht die Schwingen des Adlers hatte, mit denen mich meine Träume versahen, so konnte ich doch vor den Fittigen des Windes dahin fliegen und, wie in Luftfahrten meines Schlafes, keine Spur hinter mir zurücklassen. Sobald ich das Alter erreicht hatte, welches mich befähigte, von meinem Eigenthum Besitz zu nehmen, suchte ich das Element auf, welches meinem Charakter so sehr zusagte. Einige Jahre folgte ich dem Berufe eines Seemanns und war glücklich in meinen Spekulationen. Aber ich kümmerte mich wenig um den Gewinn; es war mir eine Lust, von einem Klima zum andern zu schweifen, vor dem Sturme dahin zu fliegen, trotzend auf die ungeheuren Wellenberge zu blicken, die mich zu überwältigen drohten, den Wind und die tobende Brandung brüllen zu hören, in dem Getümmel der Schlacht zu stehen oder sogar die Zerstörung und das Unglück eines Schiffbruchs durchzumachen. Es mag überraschend erscheinen, daß ich das Alter von Dreißig erreichte, ohne je Liebe gefühlt zu haben; aber es war so. Diese gewaltigste von allen Aufregungen, welche auf mein späteres Daseyn so großen Einfluß üben sollte, war noch nicht in Thätigkeit getreten; aber sie wurde zuletzt geweckt und wandelte gleich dem Orkan Alles vor sich her in Untergang und Verödung um. Ich war zu Cadix mit einer werthvollen Ladung angelangt, und man machte mir den Vorschlag, Zeuge der Einkleidung einer Nonne zu seyn. Da das Mädchen, welches Profeß that, einer vornehmen Familie angehörte und die Feierlichkeit mit dem größten Prunke vorgenommen werden sollte, so willigte ich ein. Die prachtvollen Verzierungen der Kirche, die Harmonie des Gesangs, die feierlichen Töne der Orgel, die prächtigen Gewänder der Priester im Gegensatz zu der düstereren Tracht der Mönche und Nonnen, das Schwenken der Rauchfässer, die aufsteigenden Weihrauchwolken und vor Allem die außerordentliche Schönheit der Einzukleidenden – alles dies weckte ein Gefühl der Theilnahme in mir, wie es nie zuvor durch irgend einen Prunkzug hervorgerufen worden war. Nachdem die Ceremonieen vorüber waren, verließ ich die Kirche mit neuen, überwältigenden Empfindungen, welche ich mir damals noch nicht zu zergliedern wußte. Aber als ich auf meinem Ruhebette lag, bemerkte ich, daß das Bild des holden Mädchens, wie es vor dem Altar kniete, tief in mein Herz gegraben war, während der übrige Glanz des Ritus nur in matten Umrissen vor meinem geistigen Auge schwebte. Ich fühlte eine Unruhe, eine Leere in meiner Brust, welche, gleich der in der Atmosphäre, die Vorläuferin eines Sturmes war. Ich konnte nicht schlafen, sondern warf mich die ganze Nacht über von einer Seite auf die andere, um am andern Morgen fieberisch und unerfrischt wieder aufzustehen. Wie gewöhnlich den Impulsen meiner Gefühle folgend, begab ich mich zu einem Verwandten des Mädchens, der mich zu der Ceremonie mitgenommen hatte, und beredete ihn, mich in dem Kloster einzuführen. Da sie die Probezeit eines Jahres zu erstehen hatte, ehe sie vollends das Gelübde ablegte, durch welches sie für immer von der Welt geschieden werden sollte, so hielt es nicht schwer, sie zu sehen. Ihre pflichtgetreue Ergebung in den Willen ihrer Eltern, ihr heiteres, schönes Antlitz, ihr engelgleiches Lächeln – Alles trug dazu bei, meine Leidenschaft zu erhöhen, und nach der Unterhaltung einer Stunde verließ ich sie mit stürmisch bewegtem Herzen. Ich wiederholte meine Besuche mehreremale, erklärte ihr bald meine Gefühle und fand, daß sie mir Gehör schenkte, ohne an meinem Wort Anstoß zu nehmen. Meine Geschäfte forderten es gebieterisch, daß ich Cadix verließ; aber ehe ich abreiste, erhielt ich die Versicherung ihrer Gegenliebe. Sie hatte noch neun Monate Zeit, ehe sie sich ganz dem Klosterleben einverleibte, und ich versprach ihr, vor Ablauf dieser Frist zurückzukehren, und sie als mein Eigenthum in Anspruch zu nehmen. Da wir dergleichen Confession angehörten und sie nur deßhalb geopfert worden war, damit das Erbe ihrer Brüder durch ihre Morgengabe nicht geschmälert würde, so versah ich mich von Seite der Eltern keiner Einwendung. Ich bedurfte keiner Mitgift, da ich mehr als hinreichend Vermögen besaß, um sie mit jedem Luxus zu umgeben. Wir schieden. Unsere Hände zitterten, als sich unsere Finger durch das Gitter berührten; unsere Thränen entströmten, ohne sich vermischen zu können; unsere Lippen bebten, durften sich aber nicht gegenseitig berühren; unsere Herzen schlugen laut im Uebermaaße der Liebe, aber ich konnte sie nicht in meine Umarmung ziehen. »Noch drei Monate, Rosina!« rief ich aus, als ich rücklings von dem Sprachgitter mich entfernte, die Augen noch immer auf sie heftend. »Bis dahin lebe wohl, Henrique! Im Vertrauen auf Dein Wort und Deine Ehre werde ich kein Bedenken tragen, Dein theures Bild in meinem Herzen zu bewahren.« Von ihren Gefühlen überwältigt, brach sie in Thränen aus, und eilte von hinnen. Ich segelte mit günstigen Winde und langte wohlbehalten in meinem Vaterlande an. Meine Güter wurden verkauft. Ich gewann dadurch eine große Summe Geldes, traf alle meine Vorbereitungen und beabsichtigte nach Ablauf einiger Tage aufs Neue meine Reise anzutreten, um meine Zusage an Rosina zu erfüllen. Ich war in London und sah ungeduldig der endlichen Befrachtung des Schiffes entgegen, in welchem ich meine Fahrt machen wollte. Eines Abends schlenderte ich in dem Park umher, mich in den süßesten Liebesträumen ergehend, als ich plötzlich roh von einer reich gekleideten Person, welche zwei Hofdamen am Arme hatte, bei Seite gestoßen wurde. Ergrimmt über diese Kränkung und wie gewöhnlich nur dem Eindrucke des Augenblicks Folge gebend, schlug ich sie ins Gesicht und zog meinen Degen – ganz vergessend, daß ich mich im Bereiche des Palastes befand. Ich wurde ergriffen und ins Gefängniß geworfen. Mein Vergehen wurde für todeswürdig erklärt, weil mein Gegner ein Verwandter des Königs war. Ich bot eine große Summe für meine Befreiung; aber als man fand, daß ich reich war, wies man meine Erbietung so lange zurück, bis ich mich geneigt zeigte, die Hälfte meiner Habe zum Opfer zu bringen, um der Strenge der Sternkammer zu entrinnen. Aber der Verlust irdischer Güter focht mich nicht an, da ich immer noch genug hatte; um so quälender wurde mir die schrecklich lange Dauer meiner Haft, – die Spannung schwellte die Stunden zu Tagen und Tage zu Monaten der peinlichsten Folter an. Ich war mehr als ein Jahr eingekerkert gewesen, ehe ich meine Befreiung erhalten konnte. Meine Einbildungskraft vergegenwärtigte mir Rosina, wie sie meine Untreue beweinte, mir in ihrer Einsamkeit das gebrochene Gelübde vorhielt und in ihrem Schmerze (schon in dem Gedanken lag Wahnsinn) dem Drängen ihrer Eltern, daß sie den Schleier nehme, nachgab. Ich kam ganz von Sinnen, zerraufte mein Haar, zerstieß den Kopf an den Wänden meines Gefängnisses, tobte nach meiner Freiheit und erbot mich, jeden Schilling meines Besitzthums herzugeben. »Bei den Bart des Propheten, dies ermüdet mich,« rief der Pascha. »Murakhas, Du bist entlassen.« Der griechische Sklave verbeugte sich und trat ab. Achtes Kapitel. Am andern Morgen bemerkte der Pascha gegen Mustapha: »Wir haben heute keine Geschichte, und da dachte ich denn, ob es nicht doch das Beste wäre, wenn wir den Griechen die gestern begonnene Geschichte zu Ende bringen ließen.« »Sehr wahr, o Pascha,« versetzte Mustapha. »Besser trocken Brod, als gar nichts zu essen. Wenn wir nicht Pillau haben können, müssen wir uns mit gekochtem Reis begnügen.« »Wohl gesprochen, Mustapha; er soll fortfahren.« Der griechische Sklave wurde herbei beschieden und begann abermals seine Vorlesung. Fortsetzung des Manuscripts. Endlich hatte ich meine Freiheit errungen. Ich eilte nach der Küste miethete ein kleines Schiff und langte – zürnend mit den Winden, weil sie nicht mit einer Gewalt blasen wollten, die meinen ungestümen Wünschen entsprach – zu Cadix an. Es war Abends spät, als ich mich ausschiffte und nach dem Kloster begab. Der Widerstreit von Furcht und Hoffnung hatte mich dermaßen erschöpft, daß ich mich nur mit Mühe fortschleppen konnte. Ich wankte nach dem Pförtchen und fragte nach meiner Rosina. Seyd Ihr ein naher Verwandter,« entgegnete die Pförtnerin, »daß Ihr zu einer Schwester wollt?« Ihre Frage setzte mich mit einemmale ins Klare. Rosina hatte den Schleier genommen – hatte der Welt und mir für immer abgeschworen. Mein Gehirn schwindelte und ich sank besinnungslos auf das Pflaster nieder. Ueber diesen Vorgang erschrocken, eilte die Pförtnerin zur Aebtissin und theilte ihr mit, ein Mann habe an dem Pförtchen nach der Schwester Rosina gefragt, und sey auf ihre Antwort hin bewußtlos niedergefallen. Rosina war bei der Erzählung anwesend; ihr Herz sagte ihr, von wem die Rede war, und daß ich nicht treulos gewesen sey. Die Freude über diese Ueberzeugung und der Schmerz über ihre eigene Voreiligkeit, welche jetzt Alles nutzlos machte, überwältigten sie dermaßen, daß man sie in einem eben so kläglichen Zustande, als der meine war, nach ihrer Zelle bringen mußte. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich in einem Bette. Ich war mehrere Wochen irre gewesen. Mit der Vernunft und dem Gedächtniß kehrte aber auch mein Elend zurück. Der Wahnsinn der Aufregung war vorüber; aber mein Geist lag in derselben Erschöpfung, wie mein Körper, und ich fühlte eine Art ruhiger Verzweiflung. Ueberzeugt, daß Alles verloren sey und eine unübersteigliche Schranke zwischen mir und Rosina sich befinde, raisonnirte ich mich in eine Art Philosophie hinein und beschloß, sobald ich wieder hinreichend Kraft besäße, einen Ort zu meiden, von dem ich mir so viel Glück geträumt hatte, während er mir jetzt nichts als Wehe bot. Nur Ein Wunsch blieb in mir übrig; ich wollte Rosina noch einmal sehen, ehe ich abreiste, um ihr die Gründe meiner Zögerung erklären zu können. Der Verstand sagte mir, daß ich darin Unrecht thue; aber ich konnte den Einflüsterungen des Augenblicks keinen Widerstand leisten. Hätte ich mich ihm nicht hingegeben, so wäre ich zwar unglücklich, aber doch nicht schuldig gewesen. Ich schrieb an sie, machte ihr Vorwürfe wegen ihrer Uebereilung, und bat sie um eine letzte Zusammenkunft. Ihre Antwort war rührend – sie entlockte meinen Augen Ströme von Thränen und entzündete meine Liebe aufs Neue. Die Zusammenkunft wurde mir verweigert, da sie doch zu nichts führen könne und nur Gefühle in ihr wecken müßte, die zu ihrer Pflicht im Widerstreite ständen. Aber ihre Worte waren so gütig – die Absage so mild, daß ich deutlich sehen konnte, ihre Neigung stehe nicht im Einklange mit ihr Feder. Ich bat wiederholt, und da ich dieses Wiedersehen als einen Beweis ihrer aufrichtigen Liebe forderte, so willigte sie mit Widerstreben ein. Wir sahen uns – ach dieses Wiedersehen! – Es war die Quelle unsres Elends, unsrer Schuld. Von diesem Augenblicke an beschloß ich, nie von ihr zu lassen – Religion, Tugend, Moral, jedes andere Gefühl schwand dahin vor dem Wiedererscheinen des Gegenstandes meiner Anbetung, und ehe wir uns trennten, wagte ich es auf's Neue, die Gelübde der Treue gegen ein Wesen auszusprechen, das sich seinem Gotte geweiht hatte. »Das kann nicht seyn, Henrique,« sagte Rosina. »Wir dürfen uns nicht wiedersehen. Besinne Dich doch und Du wirst Dich selbst überzeugen, daß es nicht schicklich ist. Meine Eltern werden nie in eine Dispensation von meine Gelübden willigen – alle Hoffnungen einer Vereinigung in dieser Welt sind dahin – ach! mögen wir uns im Himmel wieder treffen!« Sie rang ihre Hände in tiefem Schmerze und verschwand. Ich kehrte nach Hause zurück. In jedem meiner Pulse klopfte Wahnsinn. Ich wandte mich wieder an sie und bat sie nochmals um eine Zusammenkunft, erhielt aber eine bestimmte Verweigerung. Die Hindernisse jedoch, die sich mir in den Weg stellten, schlugen mich nicht nieder, sondern erhöheten im Gegentheil meinen Entschluß, sie zu überwältigen. Es galt jetzt ihr Pflichtgefühl gegen ihre Eltern zu besiegen, sie zu veranlassen, daß sie ihr Gelübde gegen Gott mit Füßen trete, den Foltern der Inquisition Trotz zu bieten, Thor und Riegel vor ihr niederzubrechen, aus einer befestigten, mit Menschen überfüllten Stadt zu flüchten – aber alle und jede Schwierigkeit fachte meine Glut nur noch mehr an – meine starrsinnige Entschlossenheit verhöhnte nur die Stimme des Gewissens. Obgleich mir bisher jeder Trug ein Gräuel gewesen war, erniedrigte ich mich jetzt doch zum erstenmale zu einer Lüge. Ich schrieb ihr daß ich ihre Verwandten gesprochen und ihnen das Vorgefallene mitgetheilt habe; sie hätten mir Gehör geschenkt und wären geneigt, nachzugeben. Man wolle es zwar vor ihr geheim halten, aber in einigen Monaten werde sie ihrer Gelübde entbunden seyn. Wie grausam – wie selbstsüchtig war mein Benehmen! Aber es entsprach meiner Absicht. Von der Aussicht auf ein künftiges Glück getragen, kämpfte Rosina nicht länger gegen die verhängnißvolle Leidenschaft; sie weigerte sich nicht mehr, mich zu sehen, und auf meine Gelübde ewiger Treue zu hören. Tiefer und tiefer sog sie den berauschenden Trank ein, bis er an ihr die gleiche Wirkung geübt hatte, wie an mir, indem er jedes andere Gefühl als das der Liebe erstickte. Obgleich ich den Boden hätte küssen mögen, den ihr Fuß betrat, und mich bereitwillig für sie allen Qualen eines Märtyres hingegeben haben würde, erfüllte mich doch eine teuflische Lust, als ich meinen Erfolg sah. Ihr Abfall von Religion und Tugend wurde mir zur Wonne. Sechs Monate waren entschwunden, während welcher es mir durch Bestechungen an die Pförtnerin und durch die Nachgiebigkeit meiner Geliebten gelang, Nachts Zutritt zu dem Klostergarten zu gewinnen. Eines Abends theilte ich ihr mit, ihre Eltern hätten auf die Drohung ihres Beichtvaters ihre Zusage an mich zurückgenommen und den Entschluß gefaßt, sich nicht für ihre Dispensation zu verwenden. Ich hatte alles vorbereitet, damit sie keine Zeit zur Ueberlegung gewinnen möchte, und von ihren eigenen Gefühlen sowohl, als durch meine Ueberredungen hingerissen, willigte sie ein, mit mir nach England zu entfliehen. Ich trug das zitternde, halb ohnmächtige Mädchen in meinen Armen fort, kam glücklich aus dem Kloster und aus der Stadt, schiffte mich an Bord eines Fahrzeugs ein, das auf meinen Wink die Anker lichten mußte, und hatte bald den Hafen von Cadix weit im Rücken. Es war fast Mitternacht, als wir uns einschifften, und ich trug meinen Schatz in meinen Mantel gehüllt nach der Kajüte hinunter. Sie hatte ihr Nonnengewand nicht bei Seite gelegt, weil es mir außer Acht gekommen war, mich mit andern Gewändern vorzusehen. Gegen Morgen blies der Wind frisch. Rosina sowohl als ich – wir beide hatten uns ganz jener allgewaltigen Liebe hingegeben, die uns erfüllte. Sie lag in meinen Armen, als der Kapitän des Schiffs, welcher mich sprechen wollte, herunterkam und die Nonnentracht meiner Geliebten bemerkte. Er stutzte und verließ schnell wieder die Kajüte. Ich hatte eine Ahnung, daß nicht Alles recht sey, riß mich von Rosina los, und ging auf das Deck, wo sich der Kapitän eben mit der Mannschaft berieth. Der Gegenstand der Verhandlung betraf eine augenblickliche Rückkehr nach Cadix, um uns der Inquisition auszuliefern. Ich setzte mich diesem Vorschlag entgegen, nahm das Schiff als mein Eigenthum in Anspruch, da ich es gemiethet habe, und drohte jedem, der es wagen sollte, den Kurs zu ändern, mit augenblicklichem Tode. Aber vergeblich. Ihr Entsetzen über den Kirchenraub und ihre Furcht, wegen Theilnahme daran die schrecklichsten Strafen erleiden zu müssen, überwogen alle meine Gründe, und meine Versprechungen sowohl, als meine Drohungen blieben unbeachtet. Ich wurde ergriffen, überwältigt und das Schiff steuerte land einwärts. Ich tobte, stampfte und flehte, aber vergeblich. Endlich erklärte ich jedoch, sie sollten es Alle büßen, denn ich werde aussagen, daß sie um meine Absichten gewußt und nur deßhalb ihren Vertrag nicht erfüllt hätten, weil ich mich nicht weiter ihren Erpressungen habe unterwerfen wollen. Dies machte sie betroffen, weil ihnen bekannt war, daß die Inquisition bereitwillig nach allen Vorwänden griff, und wenn sie auch nicht verurtheilt wurden, stand ihnen doch auf alle Fälle lange Gefangenschaft bevor. Sie beriethen sich wieder, worauf sie das Schiff an den Wind brachten und das Langboot heraus hißten. Das Fahrzeug versahen sie mit spärlichem Mund- und Wasservorrath nebst einigen sonstigen Erfordernissen; dann holten sie die erschreckte Rosina aus der Kajüte herauf, setzten sie in das Boot und befahlen mir, ihr zu folgen. Sobald ich in dem Fahrzeuge war, kappten sie das Schlepptau, und wir lagen bald weit im Sterne des Schiffs. Hocherfreut, wenigstens der Grausamkeit der Menschen entronnen zu sehn, kümmerte ich mich wenig um die Gefahr, mit welcher mich die Elemente bedrohten. Ich tröstete die arme Rosina, pflanzte den Mast auf, hißte die Segel und steuerte in südlicher Richtung, um an irgend einem Theile der afrikanischen Küste zu landen. Weit entfernt, durch meine Lage beunruhigt zu werden, fühlte ich mich im Gegentheile glücklich. Ich schwamm zwar nur in einer gebrechlichen Barke, hatte aber in ihren engen Grenzen Alles, um was ich mich in dieser Welt kümmerte. Ich segelte, ohne zu wissen wohin, aber Rosina war in meiner Gesellschaft; ich fühlte die Unsicherheit unsres Geschickes, wurde aber durch die Gewißheit des Besitzes mehr als entschädigt. Der Wind hob sich, die See ging hoch und kräuselte sich zu drohendem Schaum; wir schoßen pfeilschnell dahin, und während ich mit dem einen Arm steuerte, mit dem andern aber Rosina umfaßt hielt, fühlte ich mich hochentzückt über unsre romantische Lage. Die wonnige Aufregung machte mich blind gegen alle Gefahren, die uns in Aussicht standen. Sechs Tage liefen wir vor dem Wind, als eine sich häufende Wolkenmasse am südlichen Horizont verkündigte, daß ein Wechsel eintreten würde. Ich besaß keinen Compaß, sondern hatte Tags nach der Sonne, Nachts aber nach den Sternen gesteuert. Ich glaubte nun gut südlich zu seyn und beschloß, ostwärts zu laufen, um das afrikanische Ufer zu gewinnen; aber die Kühlte war zu stark, um mir zu gestatten, die Breitseite meiner kleinen Barke an den Wind zu bringen, und ich sah mich genöthigt, in südlicher Richtung fortzusteuern. Zum ersten Mal bemächtigte sich jetzt meiner ein Gefühl der Unruhe. Wir hatten nur noch auf zwei Tage Lebensmittel, und Rosina empfand die Einwirkung von Wind und Wetter in ihren abnehmenden Kräften. Ich selbst fühlte die Notwendigkeit der Ruhe. Nur mit Schwierigkeit konnte ich meine Augenlider offen erhalten; denn jede Minute forderte die Natur gebieterischer ihre Rechte und ich nickte am Steuer. Ich war in eine melancholische Träumerei vertieft, als es mir auf einmal vorkam, die Wolken am Horizont thäten sich hin und wieder auf und ließen mich den Gipfel eines Berges entdecken. Sie schloßen sich wieder, und ich blickte in größter Spannung danach hin, bis sie endlich allmählig wegrollten und eine hohe Insel enthüllten, welche mit Bäumen und Grün bis an den Wasserrand herunter bedeckt war. Ich schrie laut auf vor Entzücken und machte Rosina darauf aufmerksam, welche meinen Jubel mit einem matten Lächeln beantwortete. Mein Blut erstarrte über den Ausdruck ihres Gesichts. Sie hatte viele Stunden in tiefem Brüten da gesessen, und ich bemerkte, daß sie sich nur mir zu Liebe zu dem Lächeln zwang, da ihr die Kunde selbst nur wenig Freude machte. Ich schrieb dies jedoch der Erschöpfung zu und steuerte in der Hoffnung, sie bald wieder anders zu sehen, geradenwegs auf dem einzigen Theil der Küste zu, welcher uns eine sichere Landung versprach. In einer Stunde war ich ganz nahe an dem Ufer, und da mir angelegentlich darum zu thun war, noch vor der Dunkelheit ans Land zu kommen, so steuerte ich mit aufgehißten Segeln durch die Brandung, welche weit schwerer war, als ich erwartet hatte. Sobald der Bug das Gestade berührte, wurde das Boot auf die Seite geworfen und es bedurfte aller meiner Anstrengung, die Geliebte zu retten. Wir wurden bei dieser Gelegenheit ganz von der Brandung übergossen, welche nach wenigen Minuten das Boot in Stücke zerschellte. Ich trug Rosina nach einer Höhle unfern des Ufers, hüllte sie in einen Mantel, welchen ich aus dem Boote geborgen hatte, nahm ihr den Nonnenhabit ab und breitete ihn unter den warmen Strahlen der Sonne zum Trocknen aus. Sofort machte ich mich auf den Weg, um Nahrung zu suchen, welche ich auch alsbald fand; denn Bananas und Cocusnüsse waren in Menge vorhanden und frisches Wasser rann in rauschenden Bächlein nieder. Ich brachte ihr das Aufgefundene und wünschte ihr Glück, daß wir nunmehr jeglicher Verfolgung entronnen seyen und einen Ort gefunden hätten, der uns Alles, was wir brauchten, zu bieten verspreche. Sie antwortete mir mit einem matten Lächeln, denn ihre Gedanken waren anderswo. Die Sonne hatte inzwischen ihre Kleider getrocknet, und ich brachte sie ihr; sie aber schauderte, als sie derselben ansichtig wurde, und es kostete sie augenscheinlich einen schweren Kampf, bis sie sich entschließen konnte, die Nonnentracht wieder anzulegen. Die Nacht brach ein und wir blieben in der Höhle. Unser Bette bestand aus dem Mantel und aus dem Segel des Boots. Getrennt von aller Welt und nur uns selbst lebend, umschloßen wir uns mit den Armen und sanken in Schlaf. Der Morgen brach an. Kein Wölkchen ließ sich an dem ganzen blauen Himmelszelt blicken. Wir gingen aus und betrachteten in stummer Bewunderung die prächtige Landschaft. Die Insel war in Schönheit gekleidet; die Sonne goß ihre lieblichen Strahlen über die wilde Fruchtbarkeit der Natur aus, die Vögel trillerten ihre Freudenlieder, und die ruhige, spiegelklare See ließ die hohen Berge, welche sich über einander thürmten, wiederstrahlen. »Hier also Rosina,« rief ich endlich entzückt aus, »haben wir Alles, was wir brauchen, und sind gesegnet in unsrer gegenseitigen Liebe.« Rosina brach in Thränen aus. »Alles – Alles, Henrique, nur kein ruhiges Gewissen, ohne das ich, wie ich wohl fühle, nicht leben kann. Ich liebe Dich – liebe Dich innig – bete Dich an, Henrique; nach Allen was vorgegangen ist, kannst Du nicht daran zweifeln. Aber nun der Wahnsinn der Leidenschaft sich gelegt hat, erwacht die Thätigkeit des Gewissens – ach, es ist nur zu thätig, denn es hat mir Alles verbittert, und ich fühle, daß für mich das Glück auf immer dahin ist. Ich habe mich meinem Gott vermählt und meinen Erlöser zum Bräutigam erkoren; ihm gelten meine Gelübde, und ich brachte sie ihm am Altare dar. Um der künftigen willen habe ich diese Welt verlassen – und was that ich?– ich bin ihm untreu geworden – verließ ihn, um mich einer weltlichen Leidenschaft hinzugeben, opferte die Ewigkeit für eine vergängliche Sterblichkeit, und eine schreckliche Stimme in meinem Inneren sagt mir, daß ich mich losgesagt habe von allen Freuden des Himmels. Trage Geduld mit mir, theuerer Henrique – ich will dir keinen Vorwurf machen, aber mich selbst muß ich verdammen. Ich fühle, daß meines Bleibens nicht lange mehr hier ist, sondern daß ich bald abgerufen seyn werde vor meinen beleidigten Herrn.« »Barmherziger Erlöser!« rief sie, indem sie auf die Kniee niederfiel und die Augen stehend zum Herrn erhob, »strafe ihn nicht – vergib ihm seinen Fehler; denn was ist er in Vergleichung mit meiner Sünde? Er hat kein Gelübde abgelegt, keine Untreue begangen und ist nicht der schuldige Theil. Schone ihn, o Herr, und laß die gerechte Strafe nur diejenige treffen, welche ihn zum Verbrechen verführt hat.« Ein herbes Herzweh bemächtigte sich meiner; ich warf mich auf den Boden und weinte bitterlich. Ich fühlte, daß ich durch meine Lüge ihre tugendhaften Entschließungen zerstört hatte; meine Selbstsucht hatte ihren Seelenfrieden zu Grunde gerichtet und sie in Schuld verstrickt. Sie kniete an meiner Seite nieder, beredete mich aufzustehen, unterdrückte ihre eigenen Gefühle, indem sie die Thränen von meinen Wangen küßt, und versprach mir, nie wieder meinen Frieden zu stören. Aber er war dahin – dahin für immer. Mein Verbrechen trat in seiner ganzen Größe vor mich hin; ich fühlte, daß ich mich einer schweren, unverzeihlichen Sünde schuldig gemacht und daß ich diejenige, welche ich liebte, eben so gut, als mich selbst zu Grunde gerichtet hatte. Sie lag noch immer auf ihren Knieen und an ihrer Seite flehte ich zu dem beleidigten Himmel um Erbarmen und Vergebung. Sie schloß sich meinem glühenden Gebete an; Thränen der Reue strömten über unsre Wangen nieder, und wir blieben einige Zeit in unsrer bittenden Stellung. Endlich erhoben wir uns wieder. »Fühlst du Dich nicht glücklicher, Rosina?« fragte ich. Rosinas Antwort bestand in einem traurigen Lächeln, und wir kehrten nach der Höhle zurück. Viele Stunden wurde kein Wort gesprochen und wir ergingen uns stumm in unsern wehmüthigen Gedanken. Die Nacht brach wieder herein und wir legten uns zur Ruhe nieder. Als ich sie in meine Armen schlingen wollte, fühlte ich, daß sie schauderte und zurückwich. Ich ließ sie los und machte nun mein Lager an der andern Seite der Höhle, denn ich kannte ihre Gefühle und achtete sie. Von dieser Stunde an war sie mir nicht weiter, als eine theure, gekränkte Schwester, und obgleich ihr Körper mit jeder Stunde mehr dahin schwand, schien doch ihr Geist sich allmählig wieder zu beleben. Nach vierzehn Tagen fühlte sie sich so geschwächt, daß sie sich nicht mehr von ihrem Lager erheben konnte. Ich verbrachte Tag und Nacht unter Reuethränen an ihrer Seite, denn ich wußte daß sie dem Tode nahe war. Einige Stunden vor ihrem letzten Athemzuge schien sie sich ein wenig zu erholen und redete mich folgendermaßen an. – »Henrique, diese Stunde hat Balsam in meine Brust gegossen, denn eine Stimme sagt mir, daß uns beiden vergeben ist. Unser Verbrechen ist groß gewesen, aber unsre Reue war aufrichtig, und ich fühle die Ueberzeugung, daß wir uns im Himmel wieder sehen werden. Für Deine Freundlichkeit – für Deine unwandelbare Liebe nimm meinen Dank und eine Zuneigung, welche der Himmel nicht verbietet – denn jetzt ist sie rein. Wir haben gesündigt, im Gebete gerungen und mit einander Verzeihung erhalten; jenseits werden wir wieder beisammen seyn. Gott segne Dich, Henrique! bete für meine Seele, die noch immer an ihrer irdischen Liebe haftet, aber Verzeihung gefunden hat bei Dem, welcher unsre Unvollkommenheit kennt. Reine Mutter Gottes, bitt für mich! Göttlicher Erlöser der Du die Thränen und Zerknirschung der Magdalena nicht verschmäht hast, nimm eine treulose, aber reuige Braut gnädig auf! denn als ich meine Gelübde ablegte, wußtest Du, daß mein Herz – « Mit welchem Schmerz warf ich mich über die Leiche hin! Mit welch bittern Thränen wusch ich das kalte Antlitz –so schön, so engelgleich in seiner Ruhe! Am Morgen grub ich ihr Grab. Nachdem ich meine Hände, die ich mir bei den Geschäfte blutig kratzte, gereinigt hatte, kehrte ich zu der Leiche zurück und trug sie in ihrem Nonnengewande nach der Stätte, die ich ihr zubereitet hatte. Ich legte sie hinein, sammelte die Blumen, welche rund umher blühten, streute sie darüber hin und blieb bis Sonnenuntergang neben dem Grabe sitzen. Als ich sie bedeckte, legte ich die Erde handvollweise so leicht über ihre theuren Reste, wie eine Mutter ihren schlafenden Säugling bedeckt. Es stund lange an, ehe ich es über mich gewinnen konnte, das himmlische Antlitz mit Erde zu verhüllen oder es vor meinen schmerzenden Augen zu verbergen. Erst als dies geschehen, fühlte ich in der That, daß Rosina dahin und ich allein war. Noch zwei Jahre blieb ich in der Einsamkeit. Ich errichtete über ihrem Grabe eine rohgearbeitete Kapelle und verbrachte daselbst meine Tage in Reue und Zerknirschung. Schiffe, welche einer fremden Nation gehörten, besuchten die Insel, kehrten mit der Kunde ihrer Entdeckung nach Hause zurück, und das Land wurde zum Zweck der Colonisation in Besitz genommen. Zu ihrem Erstaunen fanden sie mich auf, und nachdem ich ihnen meine Geschichte erzählt und meine Wünsche mitgetheilt hatte, gestatteten sie mir die Ueberfahrt nach ihren Lande. Wieder schiffte ich mich auf den bahnlosen Wellen ein, die mir nicht länger zur Wonne gereichten. Wie das Ufer zurückwich, hafteten meine Blicke stets auf dem bescheidenen Gebäude, das ich über der Asche meiner Rosina errichtet hatte. Es däuchte mir, ein Stern glänze über der Stelle, und ich begrüßte ihn als einen Boten der Gnade. Nach meiner Landung begab ich mich in das Kloster, zu welchem ich jetzt gehöre. Ich legte das Gelübde der Enthaltsamkeit und Kasteiung ab und verbrachte den Rest meiner Tage in Messen für die Seele meiner Rosina und in Gebeten für meine eigene Erlösung. Dieß ist die Geschichte Henrique's, und möge sie denen zur Warnung dienen, welche ihre Vernunft durch die Leidenschaften bestechen lassen, und nicht den ersten Impuls zum Unrecht zügeln, wenn ihnen das Gewissen sagt, daß sie von dem Pfade der Tugend ausgleiten.   »Heiliger Allah!« rief der Pascha gähnend. »Ist dies der Bulbul, welcher der Rose singt? Was ist überhaupt daran, Mustapha? Oder wurde die Geschichte in einer andern Absicht geschrieben, als um die Leute einzuschläfern? Murakhas, Du bist entlassen,« fuhr er gegen den griechischen Sklaven fort, welcher sich auf dieses Geheiß entfernte. Mustapha, welcher bemerkte, daß der Pascha über die Unterhaltung des Abends unzufrieden war, redete ihn folgendermaßen an: »Die Seele Eurer durchlauchtigen Hoheit ist traurig, und Euer Geist ist müde. Was sagt der Weise, und sind nicht seine Worte mehr werth als Perlen? Wenn Du krank bist und Du Deinen Geist schwer fühlst, so laß Dir Wein bringen. Trinke und danke Allah, daß er Erleichterung gegeben hat.« »Wallah Thaib, das ist Wohl gesprochen,« versetzte der Pascha. »Läßt sich nicht etwas von dem Feuerwasser der Franken bekommen?« »Ist nicht die Erde und was die Erde birgt, für Eure durchlauchtige Hoheit geschaffen?« entgegnete Mustapha, aus seiner Brusttasche eine Flasche Branntwein hervorziehend. »Gott ist groß,« sagte der Pascha, nach einen langen Zuge die Flasche von seinen Munde absetzend und sie dem Vezir hinbietend. »Gott ist höchst barmherzig!« erwiederte Mustapha, sich zum Athmen Zeit lassend und den Bart mit dem Aermel seines Kalaat abwischend, während er achtungsvoll die Flasche seinem Gebieter zurückgab. Neuntes Kapitel. »Hham d'illah! Preis sey Gott!« rief der Pascha, nach dem Schlusse des Divan. »Es ist trockene Arbeit, drei Stunden lang Bitten anhören zu müssen, ohne daß auch nur eine einzige Zechine meinem Schatze zugeflossen wäre. Mustapha, ist der Renegat zurückgekehrt?« »Der Kafir harrt darauf, den Staub von Eurer Hoheit Füßen küssen zu dürfen,« versetzte der Vezier. »So laß ihn eintreten, Mustapha,« entgegnete der Pascha vergnügt. Und der Renegat wurde unverweilt eingeführt. »Kosh amedeid, Du bist willkommen, Huckaback. Seit Du fort bist, sind uns die Ohren vergiftet worden. Ich vergaß, wo Du zuletzt aufgehört hast.« »Eure Hoheit halten zu Gnaden, am Ende meiner zweiten Reise, in welcher – – « »Ich erinnere mich – die fränkische Göttin verstopfte das Leck. Du magst fortfahren.« Der Renegat verbeugte sich und begann die Geschichte seiner dritten Reise mit folgenden Worten: »Ich glaube, daß ich Eure Hoheit am Schlusse meiner zweiten Reise andeutete, ich habe mir vorgenommen, nach Toulon zu gehen und wegen meiner theuren Cerise Nachfragen anzustellen?« »Ich entsinne mich,« unterbrach ihn der Pascha, »muß Dir aber, wie ich schon früher sagte, aufs Neue bemerken, daß ich nichts von ihr wissen will. Sey so gut, diesen Theil zu überspringen, oder es wird dich fünf Zecchinen aus deinem Gurte kosten.« »Ich gehorche, Euer Hoheit,« erwiederte der Renegat, welcher nach kurzem Nachsinnen fortfuhr. Huckabacks dritte Reise. Ich war über die Kunde von Cerisens Selbstmorde so ergriffen, daß es mir unmöglich wurde, am Lande zu bleiben. Auf den Rath eines Wallfischfängerkapitäns, welcher sich über das große Vermögen verbreitete, das sich durch eine derartigen Spekulation erringen lasse, kaufte ich ein großes Schiff und stattete es zu einer Reise in die Baffinsbai aus. Dieß zehrte all' mein übriges Geld auf; da ich jedoch mit einer zehnmal größeren Summe heimzukehren hoffte, so nahm ich keinen Anstand, mich davon zu trennen. Meine Mannschaft bestand aus ungefähr dreißig kräftigen Burschen, unter denen sich zehn Engländer befanden; die übrigen gehörten meinem eigenen Lande an. Wir steuerten nordwärts, bis wir das Eis erreichten, welches berghoch umherschwamm, fuhren zwischen durch und kamen endlich in schönes, freies Wasser, wo eine große Menge Wallfische in allen Richtungen ihre Wasserstrahlen in die Luft bliesen. Unsere Boote waren bald hinausgehißt, und wir fühlten uns ungemein glücklich, denn wir kriegten drei und zwanzig Fische an Bord, die wir auskochten, noch ehe die Jahreszeit vorüber war Ich hielt jetzt mein Glück für gemacht. Das Schiff war bis oben voll, und wir setzten die Segel zur Heimfahrt. Aber nun traf uns ein schwerer Sturm aus Süden, welcher alles Eis zusammentrieb und uns in Gefahr brachte, in Atome zerdrückt zu werden. Zum Glücke trafen wir auf eine Bucht im Lee eines großen Eisberges, welche uns bewahrte, und wir sahen sehnlich dem Ende des Sturms entgegen, um unsre Fahrt fortsetzen zu können. Aber als sich das Unwetter legte, trat harter Frost ein, und wir froren an, wo wir lagen. Das Eis gewann um uns her eine Dicke von mehreren Fußen und hob das Schiff – geladen, wie es war – aus dem Wasser. Die Engländer, welche erfahrne Fischer waren, sagten uns, wir hätten keine Aussicht, vor dem nächsten Frühling befreit zu werden. Ich stieg auf den Mast hinauf und bemerkte auf Meilen hin, soweit das Auge am Horizont streifen konnte, eine ununterbrochene Reihe von Eisbergen und Eisfeldern, die unzertrennlich mit einander verbunden waren. Auf jede Erlösung verzichtend, bis das kalte Wetter bräche, traf ich daher alle Vorbereitungen zum Ueberwintern. Unsere Mundvorräthe waren sehr spärlich und wir sahen uns genöthigt, zu unserem Unterhalt den Thran zu benützen, der aber bald solche Durchfälle erzeugte, daß wir davon abstehen mußten. Nach zwei Monaten wurde die Kälte furchtbar, und unser Brennstoff ging auf die Neige. Einen Monat später beklagte sich die Mannschaft über den Scharbock und konnte nicht auf dem Deck umhergehen. Zu Ende des vierten Monats waren alle hingestorben, den Oberharpunier, der ein fetter Engländer war, und mich selbst ausgenommen. Die Leichen blieben auf dem Decke, denn die Kälte war so maßlos, daß sie auf Jahrhunderte vor Fäulniß bewahrt geblieben wären. Zu Ende des fünften Monats war all' unser Mundvorrath erschöpft, und wir sahen uns genöthigt, wieder unsere Zuflucht zu dem Thrane zu nehmen. Der Thran erzeugte abermals die alten Beschwerden, und da wir keine anderen Hülfsquellen hatten, so sahen wir uns durch den drängenden Hunger genöthigt, die Leichen unsrer Kameraden zu verzehren. Sie waren so hart, daß man nur mit Mühe vermittelst der Art ein Stück davon los trennen konnte; auch war das Fleisch so spröde, daß es wie ein Stück Granit splitterte. Wir thaueten es jedoch vor dem Feuer auf, zu dem wir als Material die Bollwerke des Halbdecks nahmen, indem wir dieselben nach Bedürfniß niederhieben. Der alte Harpunier und ich lebten einen Monat lang auf dem besten Fuße miteinander und verließen während dieser Zeit nur selten die Schiffskajüte. Wir hatten jetzt die dritte Leiche heruntergeholt und dieselbe nach Bedarf zerhauen, was jetzt um des Wechsels in der Witterung willen weit leichter ging, als zuvor. Das Eis fuhr fort zu brechen, und Tag und Nacht wurden wir durch das laute Krachen erschreckt, wenn die Eisberge sich von einander trennten. Aber mein Widerwillen gegen das Menschenfleisch hatte eine Art von Wahnsinn herbeigeführt. Ich war stets ein großer Freund von gutem Essen gewesen und verstand mich selbst nicht übel auf die Bereitung der Speisen, weßhalb ich mir vornahm, den Versuch zu machen, ob sich für unsre Mahlzeiten nicht etwas Schmackhaftes auftreiben ließe. Dieser Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht, bis ich mir zuletzt vorstellte, ich sey ein französischer Restaurateur. Ich band mir ein Tellertuch als Schürze vor, setzte statt einer Pelzkappe eine baumwollene Nachtmütze auf und war eben im Begriffe, meine Geschicklichkeit zu erproben, als ich die Entdeckung machte, daß ich weder Butter noch sonstiges Fett hatte, den Thran ausgenommen, welchen ich als unpassend für ein cuisine française hielt. Meine todten Kameraden wurden nun der Reihe nach untersucht; aber sie waren vor ihrem Hinscheiden so abgemagert, daß sich keine Spur von Fett an ihnen bemerken ließ. Ohne Fett war nichts anzufangen, und während ich mich schon ganz der Verzweiflung hingab, fielen meine Augen auf den runden Wanst, welchen der englische Harpunier, das einzige außer mir noch lebende Wesen, fortwährend beibehalten hatte. »Ich muß Fett haben,« rief ich wild, während ich seinen derben Körper betrachtete. Er stutzte, als er meine rollenden Augen bemerkte, und wie er gar sah, daß ich, das Messer wetzend, auf ihn zukam, hielt er es nicht für räthlich, sich länger meiner Gesellschaft anzuvertrauen. Zwei oder drei Decken aufgreifend eilte er nach dem Decke, und es gelang ihm, nach dem großen Mars hinanzusteigen, ehe ich ihm folgen konnte. Hier hielt er mich im Schach, und ich beobachtete ihn stets von unten, mein großes Vorlegmesser in der Hand, das ich gelegentlich wetzte. Er blieb die ganze Nacht oben und ich auf dem Decke, damit ich ihn alsbald in Empfang nehmen konnte, sobald er herunterstieg. Meine Wuth, mich seiner zu bemächtigen, war so übermäßig, daß ich weder Kälte noch Hunger spürte. Schon den Tag über war das Wetter nicht warm genug, um angenehm zu seyn; aber Nachts trat vollends ein schneidender Frost ein. Mein fetter Schiffskamerad blieb drei Tage und drei Nächte auf dem Mars, während welcher Zeit ich mich keinen Augenblick von meinem Posten rührte. Am Schlusse des dritten Tages schauete er über den Marsrand nieder und flehte um Gnade; aber als er sich zeigte, kannte ich ihn kaum mehr – so sehr hatte er abgenommen. Da fiel mir denn ein, wenn er noch länger oben bliebe, werde er nicht mehr Fett haben, als die Uebrigen, und durchaus nicht für meine Zwecke passen. Ich gab ihm deßhalb mein Ehrenwort, daß ich zehn Tage lang nichts gegen sein Leben versuchen wolle, und da er vor Kälte fast zu Grunde ging, so ließ er sich den Waffenstillstand gefallen und stieg auf das Deck herunter. Das Verbrechen des Mords blieb mir übrigens erspart, denn er brachte einen solchen Wolfshunger mit herunter, daß er fast einen ganzen Mannsschenkel aufzehrte und im Laufe der Nacht an Ueberladung starb. Ich kann Eurer Hoheit die Freude kaum ausdrücken, welche ich empfand, als ich sah, daß der Körper des Harpuniers in meinem Besitz war. Ich betrachtete meinen Schatz wieder und wieder mit Entzücken, denn ich konnte jetzt meine französischen Speisen kochen. Er war bald zergliedert, und alle fetten Theile wurden sorgfältig zusammengeschmolzen. Ich fand dann, daß ich einen hinreichenden Vorrath besaß, um mich, so lange die Leichen währten, in meiner Geschicklichkeit zu üben. Am ersten Tage gelang mir dieß wunderbar. Ich kochte – als meine Speisen bereit waren, nahm ich die Nachtmütze und Schürze ab, fuhr mit den Fingern durch das Haar und stellte mir vor, daß ich garçon bei einem Restaurateur sey. Ich legte das Tuch, trug die Gerichte auf, und als Alles fertig war, begab ich mich auf das Deck, um als der Bonvivant zurückzukehren, welcher das Diner bestellt hatte. Nie zuvor hatte mir ein Mahl so köstlich geschmeckt. In meinem Wahnsinne verzehrte ich Alles, was ich gekocht hatte, und trank Wasser für Champagner. Dann dachte ich nach, was ich mir am folgenden Tage zum Diner bereiten wollte, und begab mich zu Bette. Mittlerweile hatte sich das Eis gebrochen und das Schiff war wieder flott; aber ich kümmerte mich nicht darum. Alle meine Gedanken concentrirten sich nur auf die Freuden der Tafel; aber als ich Tags darauf nach dem Deck ging, um mir ein Stück Fleisch zu holen, wurde ich durch ein furchtbares Geheul erschreckt. Ich wandte meinen Kopf um und bemerkte einen ungeheuren weißen Bären, welcher traurige Verwüstungen in meiner Speisekammer anrichtete, denn er hatte bereits den Leib eines meiner todten Kameraden fast ganz aufgezehrt. Er war so groß, wie ein Ochse – so groß, daß er, als er auf mich zustürzte und ich die Treppe hinunterglitt, mir nicht folgen konnte. Ich schaute wieder hinauf und bemerkte, daß er mit seinem Mahle zu Ende war. Er marschirte zwei oder drei Mal um die Decke, beschnüffelte Alles, sprang dann über Bord und verschwand. Froh, von einem so unangenehmen Gaste befreit zu seyn, kam ich wieder herauf, hieb mir das erforderliche Fleisch ab, versuchte abermals meine Kochkunst, hielt ein gutes Diner und legte mich zum Schlafe nieder. Nie hatte ich mich so glücklich gefühlt, als in meinem Wahnsinn. Alles, an was ich dachte oder was ich wünschte, stand mir zu Gebot – mein Glück concentrirte sich auf das Verzehren meiner Nebenmenschen, die ich in passender Weise kochte, statt nach der gewöhnlichen Methode das Fleisch roh hinunter zu schlucken, um das gebieterische Drängen des Hungers zu beschwichtigen. Als ich am Morgen erwachte und wieder auf das Deck kroch, wurde ich auf's Neue mit dem zornigen Geheul des Bären begrüßt, der sich eine zweite Leiche behagen ließ. Nachdem er damit fertig war, plumpte er wieder wie früher in die See. Jetzt hielt ich es für hohe Zeit, derartigen Eingriffen in meine Speisekammer ein Ende zu machen, da mir sonst nach wenigen Tagen nichts mehr übrig blieb. Ich setzte meine Erfindungsgabe in Thätigkeit und ersann einen Plan, von dem ich glaubte, daß er gelingen müsse. Sobald ich alle Leichen nach dem hintern Theil des Halbdecks geschleppt hatte, pflanzte ich davor die Kajütenlucke mit Schwabbern und kleinen Segeln auf, um so einen acht Zoll hohen Damm zu bilden. Dann stieg ich wieder in den Raum und holte vierzig oder fünfzig Eimer Thran herauf, die ich hinten über das Deck ausgoß, so daß es mehrere Zoll hoch mit Oel bedeckt war. Am folgenden Morgen kam, wie ich erwartet hatte, der Bär wieder und begann sein Mahl. Ich selbst hatte mich in dem Besahnmars aufgestellt und mehrere Eimer Oel mitgenommen, die ich auf ihn niedergoß. Sein Pelz war ohnehin schon gut getränkt von dem Oele des Decks, auf das er sich niedergelegt hatte, um die Leiche gemächlicher verzehren zu können. Nachdem sich alle meine Thraneimer über ihn ausgeschüttet hatte, warf ich die leeren Gefäße auf ihn nieder. Dieß brachte ihn in Wuth, und er stieg ins Takelwerk, um Rache zu nehmen. Ich wartete, bis er in den Kreuzbaumwänden angelangt war; dann aber goß ich meinen letzten Eimer über ihn aus, der ihn völlig blendete, und glitt auf der andern Seite an den Backstagen auf das Deck nieder. Ein Bär kann zwar schnell aufwärts klettern, aber nur sehr langsam herabsteigen; ich hatte daher hinreichend Zeit, meine Vorbereitungen zu treffen. In dem Raum zündete ich eine Wergfackel an, die ich zuvor bereit gehalten hatte, und hielt die Flamme an das Hintertheil des niedersteigenden Thieres. Die Wirkung war, wie ich erwartet hatte. Sein dicker, allenthalben mit Oel getränkter Pelz loderte im Nu hell auf und brannte mit solcher Geschwindigkeit, daß der Bär, noch ehe er das Deck erreichen konnte, wie eine ungeheure Feuerkugel aussah. Ich zog mich nun nach der Hüttenlucke zurück, um seine Bewegungen zu beobachten. Sobald das Thier das Halbdeck erreicht hatte, rollte es sich zuerst in dem Oele, weil es dadurch die Flammen zu erlöschen hoffte; aber dies mehrte nur den Brennstoff, und der Bär sprang endlich vor Schmerz laut brüllend in die See, in welcher er verschwand. Nachdem ich mir so den Eindringling vom Halse geschafft hatte, kehrte ich zu meiner Kocherei zurück. Das Schiff war jetzt ganz vom Eise befreit, das Wetter warm, und die Leichen meiner Schiffs- Kameraden entsandten einen garstigen Geruch; aber ich sah und schmeckte nichts. Nur dies fiel mir auf, daß der Weizen, welchen die Hühner auf der Decke zerstreut hatten, zu sprossen angefangen hatten, und ich wünschte mir Glück zu der Abwechslung, welche hiedurch meiner Kochkunst in Aussicht gestellt wurde. Ich fuhr fort, wie früher zu kochen, zu essen und zu schlafen, als sich mit einem Male ein Umstand zutrug, welcher aller meiner culinarischen Tollheit ein Ende machte. In einer Nacht fand ich, daß das Wasser die Seite meiner Bettstatt in der Kajüte bespülte, und als ich erschrocken heraussprang, um mich von der Ursache zu überzeugen plumpte ich über Kopf und Ohren in das feuchte Element. Das Schiff hatte, als es von dem Eis gehoben wurde, ein Leck erhalten, durch welches es sich allmählig füllte, ohne daß ich es bemerkte. Meine Furcht vor dem Ertrinken war so groß, daß ich mich in dieselbe Gefahr stürzte, die ich vermeiden wollte. Ich sprang durch die Kajütenfenster in die See hinaus, während ich doch Sicherheit gefunden hätte, wenn ich auf das Deck gegangen wäre; denn ein kurzes Nachdenken belehrte mich, daß ein mit Oel geladenes Schiff nicht sinken könne. Die Erwägung kam jedoch zu spät, und von der Kälte des Wassers gelähmt hätte ich kaum ein paar Sekunden länger schwimmen können, als ich plötzlich in Berührung mit einer Spiere kam, die etwas größer war, als ein Bootsmast. Ich faßte sie, um mich daran festzuhalten, war aber nicht wenig erstaunt, finden zu müssen, daß sie hin und wieder von mir weggezerrt wurde, als hielte sich Jemand anders daran fest, der mich zum Loslassen zwingen wollte. Es war jedoch zu dunkel, als daß ich etwas hätte unterscheiden können. Ich hielt mich angeklammert, bis es Tag wurde; aber nun entdeckte ich zu meinem größten Entsetzen dicht neben mir einen ungeheuren Hayfisch. Ich hätte beinahe meine Stütze losgelassen und wäre in den Wellen versunken – so sehr hatte mich die Furcht gelähmt. Mit jedem Augenblick erwartete ich, die grimmigen Zähne würden mich in zwei Hälften quetschen, und ich schloß meine Augen, um nicht die Schrecken meines Todes durch den Anblick des Mittels dazu zu erhöhen. Es entschwanden einige Minuten, die mir wie eben so viele Stunden vorkamen, und erstaunt, daß ich noch immer am Leben war, wagte ich es endlich, meine Augen zu öffnen. Der Hayfisch stand noch immer in der gleichen Entfernung, und als ich die Sache näher untersuchte, bemerkte ich, daß der Bootsmast oder die Spiere, an welcher ich hing, der Bestie quer durch die Nase gegangen war – in einer Weise sogar, daß sich das Holz zu beiden Seiten das Gleichgewicht hielt. Der Hayfisch gehört zu der Art, welche man in der nördlichen See findet, und die von den Matrosen der blinde Hayfisch genannt wird. Ich begriff nun vollkommen, daß man das Unthier gefangen, mit der sogenannten Sprietsegelraa versehen und dann wieder zum Spasse losgelassen hatte. Die Leichtigkeit der Spiere hinderte den Hayfisch, unter das Wasser zu sinken, und die Matrosen machen sich ein Vergnügen daraus, ihren gefürchteten Feind in dieser Weise zu züchtigen. Ich bot nun allen meinen Muth auf, und da ich es satt hatte, mich an dem Spiere festzuhalten, so beschloß ich, auf den Rücken des Thiers zu steigen, was sich ohne Schwierigkeit bewerkstelligen ließ. Ich fand den Sitz auf seiner Schulter vor der Rückenfinne nicht nur sicher, sondern auch sehr gemächlich. Der Hayfisch, welcher nicht ans Lastentragen gewöhnt war, machte mehrere Versuche, sich meiner zu entledigen; aber da er nicht sinken konnte, so behauptete ich meinen Sitz. Er vergrößerte nun seine Schnelligkeit, und wir schoßen mit einer Geschwindigkeit von ungefähr vier Knoten in der Stunde über eine glatte See. Zwei Tage lang setzte ich auf meinem neumodischen Rosse den Ritt nach Süden fort, ohne während dieser Zeit eine andere Nahrung einzunehmen, als einige kleine Muscheln und Würmer, die ich unter den Finnen des Thieres entdeckte. Auch fand ich in der Nähe des Schwanzes eine kleine Remora oder einen Saugfisch; aber kaum hatte ich ihn an meinen Mund gebracht, als er sich an meine Lippen so festsetzte, daß ich meinte sie seyen mir für immer versiegelt. Keine Gewalt war im Stande, ihn los zu machen, und er blieb mir zu meinem großen Verdrusse mehrere Stunden wie ein Schloß vor dem Munde hangen, bis er zuletzt, weil er so lang aus dem Wasser war, starb und abfiel. Jetzt verzehrte ich ihn. Am dritten Tage bemerkte ich in der Entfernung Land. Es schien mir eine Insel zu seyn, obschon ich mir nicht vorstellen konnte, wie sie wohl heißen mochte. Mein Roß rannte geraden Wegs darauf zu und stieß um seiner Blindheit willen mit der Nase auf die Küste; aber ehe es seinen Irrthum entdeckte, glitt ich von seinem Rücken herunter, kletterte das steile Gestade hinan und befand mich wieder einmal, wie ich wähnte, auf festem Lande. Vom langen Wachen ermüdet, legte ich mich nieder und schlief ein. Eine Berührung an der Schulter weckte mich, und als ich meine Augen aufschlug, bemerkte ich, daß ich von mehreren Leuten umgeben war, welche ich natürlich für Eingeborne der Insel hielt. Ihre Kleidung schien mir aus schwarzem Leder zu bestehen. Sie trugen Hosen und lange Jacken, ähnlich denen der Eskimo-Indianer, mit welchen wir hin und wieder in dem nördlichen Meere zusammengetroffen waren. Jeder hielt eine ganz aus Bein gefertigte, lange Harpune in seiner rechten Hand. Ich war nicht wenig überrascht, mich in dem Patois-Dialekt der Basken meines eigenen Landes, wie er zu Bayonne und an andern Orten der Pyrenäen gesprochen wird, angeredet zu hören. Auf ihre Fragen antwortete ich, daß ich von der Mannschaft eines Wallfischfängers, welche den Winter über im Eis eingefroren, allein noch am Leben sey; das Schiff habe sich mit Wasser gefüllt, und ich sey auf dem Rücken eines Hayfischs entronnen. Sie drückten keine Ueberraschung über meine unerhörte Lokomotive aus, sondern bemerkten im Gegentheil bloß, daß Hayfische gar schlimme Pferde seyen, und baten mich sodann, sie nach ihrer Stadt zu begleiten – eine Einladung, die ich mit Freude annahm. Im Weitergehen bemerkte ich, daß die Insel aus weißem porösem Bimsstein bestand und nicht die mindeste Spur von Vegetation zeigte. Nicht einmal ein Fleckchen Moos konnte ich entdecken – überall nur der kahle Bimsstein mit Tausenden von schönen grünen etwa zehn Zoll langen Eidechsen, die allenthalben umher huschten. Der Weg war steil und an manchen Stellen mit eingehauenen Stufen versehen, vermittelst derer man hinaufsteigen könnte. Nach einem erschöpfenden Gange von ungefähr einer Stunde, den ich in meinem geschwächten Zustand nicht hätte vollbringen können, wenn mir die Inselbewohner nicht Beistand geleistet haben würden, erreichten wir den Gipfel. Hier bot sich mir ein auffallender Anblick. Ich befand mich auf dem Kamme einer Bergkette, die ein ungeheures Amphitheater bildete, und ein Thal von ungefähr sechs Stunden im Durchmesser umschloß, dessen größerer Theil aus einem See bestand. An den Ufern des Letzteren konnte ich Gegenstände unterscheiden, die mir wie menschliche Wohnungen vorkamen; aber nirgends war ein Baum oder ein Strauch zu sehen. »Wie«, fragte ich den Mann, welcher der Anführer der Uebrigen zu seyn schien, »habt ihr denn keinen Baum hier?« »Nein; aber wir können recht wohl ohne sie ausreichen. Bemerkt Ihr nicht, daß kein Boden da ist und die Insel ganz aus Bimsstein besteht?« »Ja, das sehe ich wohl«, versetzte ich. »Aber sagt mir, wie heißt denn euer Land oder Ort – und in welchem Theile der Welt sind wir?« »Was den Namen betrifft, so nennen wir die Insel das Wallfisch-Eiland,« versetzte der Mann; »aber wo wir sind, können wir selbst nicht genau sagen; denn wir sind auf einer schwimmenden Insel. Sie besteht ganz aus Bimsstein, dessen spezifische Schwere, wie Ihr wissen müßt, viel leichter ist, als die des Wassers.« »Wie seltsam,« bemerkte ich. »Ich kann unmöglich glauben, daß es Euch Ernst ist.« »Nicht so ganz seltsam, als Ihr Euch vorstellt,« entgegnete mein Führer. »Wenn Ihr den Bau dieser Insel von unserem Standpunkt aus untersucht, so werdet Ihr mit einem Male bemerken, daß sie der Krater irgend eines großen Vulkans gewesen ist. Man kann sich leicht denken, wie in Folge einer jener plötzlichen Launen der stets wirkenden Natur die Basis des gehobenen Vulkans wieder versank und der Gipfel des Kraters auf dem Meere schwimmen blieb. Dieß ist unsre Ansicht von Formation dieser Insel, und ich zweifle, ob Euere Festland-Geologen eine genügendere Theorie aufstellen können.« »Wie Ihr steht also im Verkehr mit Europa?« rief ich hocherfreut über die Hoffnung einer Heimkehr. »Wir hatten Verkehr damit, aber jetzt ist's nicht mehr der Fall. So sonderbar es Euch erscheinen mag, wechselt diese Insel im Laufe von Jahrhunderten ihre Stellung nicht um viele hundert Meilen, und Winters ist sie im Norden von Eisbergen umschlossen. Mit dem Eintritt des Frühlings werden wir frei und trifften dann einen Grad oder zwei nach Süden ab, aber selten weiter.« »Ueben Wind und Fluth keine Einwirkung auf euch?« »Allerdings; aber es findet durch die ganze Natur ein allgemeines Gleichgewicht statt und Alles erreicht seinen Höhepunkt. Auch in der scheinbaren Unordnung liegt Regelmäßigkeit, und kein Strom läuft in die eine Richtung, ohne daß eine Gegenströmung vorhanden wäre, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Sofern die Unterströmungen und die Wechsel, welche unaufhörlich stattfinden, in Frage kommen, so möchte ich sagen, daß wir im Ganzen nur sehr wenig oder am Ende gar nicht durch die Fluth berührt werden; und wir betrachten sie als eine Art Leibesübung, von der Natur vorgeschrieben, um den Ocean in guter Gesundheit zu erhalten. Dasselbe läßt sich in Betreff der Winde behaupten. Der Wind ist eine Substanz, so gut wie das Wasser, zwar einer größern Ausdehnung fähig, aber dennoch eine Substanz. Ein gewisser Antheil davon ist der Welt zu ihrer Bequemlichkeit zugewiesen, und auch in seiner scheinbaren Veränderlichkeit liegt eine gewisse Regel. Es ist augenscheinlich, wenn alle Winde durch die Nordwestkühlten, die im Winter vorkommen, sich im Osten sammeln, so müssen sie sich in diesem Theile anhäufen, aber ihre bekannte Expansivkraft zwingt sie zur Rückkehr und zur Herstellung des Gleichgewichts. Dies ist der Grund, warum wir in den Monaten Februar und März so lange Ostwind haben.« »Ihr sagtet, daß Ihr im Verkehr mit Europa standet?« »Wir kriegen hin und wieder nothgedrungene Besuche von denen, welche in Schiffen oder Booten verschlagen werden, aber die Leute, welche hierherkamen, sind nie zurückgekehrt. Es ist sehr schwer die Insel zu verlassen, und wir schmeicheln uns, daß wenige, welche sich eine Zeitlang unter uns aufhalten, je ein Verlangen darnach getragen hätten.« »Wie, sie wollen einen öden Fels, auf dem kein Hälmchen Gras wächst, nicht verlassen?« »Das Glück,« versetzte mein Führer, »besteht nicht in den Verschiedenheiten unsers Besitzthums, sondern darin, daß man mit dem zufrieden ist, was man hat.« Und er begann den Weg hinabzusteigen. Ich folgte ihm in trübseliger Stimmung, da ich mir von einem so unfruchtbaren Ort nicht viel Tröstliches versprechen konnte. »Ich bin kein Eingeborener dieser Insel,« bemerkte er im Weitergehen. »Ihre ersten Bewohner erhielt sie vor mehr als einhundert Jahren durch die Mannschaft eines französischen Schiffes, welches in dem nördlichen Ocean verloren ging. Allein ich wünsche nicht wieder fortzuziehen. Ich wurde vor ungefähr zwanzig Jahren in einem Wallfischboot, das in einem Schneesturm von seinem Schiffe abkam, hierher verschlagen. Jetzt bin ich ein verheirateter Mann, habe Familie und gelte für einen der reichsten Einwohner der Insel, denn ich besitze vierzig bis fünfzig Wallfische.« »Wallfische?« rief ich erstaunt. »Ja,« versetzte mein Führer, »Wallfische. Sie sind das Stapelgut dieser Insel, und ohne sie könnten wir nicht so wohlhabend und so glücklich seyn, als es wirklich der Fall ist. Doch Ihr werdet viel sehen und erfahren, zugleich aber auch gelegentlich erkennen, daß es nichts in der Welt giebt, was sich der Mensch im Drange der Noth und durch Beharrlichkeit nicht nützlich machen könnte. Jener See, welcher den Boden unseres Thales bedeckt, ist die Quelle unseres Reichthums und unserer Gemächlichkeit: er giebt uns einen so reichlichen Ertrag, wie die fruchtbarste Ebene Italiens und Frankreichs.« Als wir an dem Fuße des Gebirges anlangten, bemerkte ich an dem Seeufer mehrere schwarze Gegenstände. »Sind dies Wallfische?« fragte ich. »Es waren Wallfische, jetzt aber sind es Häuser. Dieses einzeln stehende gehört mir, und ich hoffe, Ihr werdet es als das Eurige betrachten, bis Ihr mit Euch einig geworden seyd, was Ihr thun wollt.« Wir stiegen nach dem Ufer hinunter, und die übrigen Inselbewohner überließen mich nun meinem Führer, der nach seinem Hause voranging. Es bestand aus der Haut eines einzigen Wallfisches, der viel größer gewesen war als irgend einer, den ich je in dem nördlichen Ocean gesehen hatte. Die Wirbelsäule und die Rippen des Thieres dienten als Gebälk, um die Haut aufzuspannen. Das Ganze hatte Aehnlichkeit mit einem langen Zelte, das noch weiter durch oben angebrachte Stricken von gedrehten Sehnen befestigt war; auch befanden sich zu beiden Seiten eingerammte Pfähle, die gleichfalls aus Knochen bestanden. Als ich eintrat, bemerkte ich zu meiner großen Verwunderung, daß es durchaus nicht an Licht fehlte. Dieses fiel durch dünn geschabtes Fischbein ein, und am Kopfende des Thiers war die Küche angebracht, deren Rauch durch die Athemlöcher entwich. An der einen Seite des Zimmers, in welches ich eingeführt wurde, standen Sitze, die mit Seehundsfellen bedeckt waren, und das andere Ende des Hauses war durch eine Art schwarzer Haut in Schlafgemächern für den Hausherrn und seine Familie abgetheilt. Es war nicht der mindeste üble Geruch zu verspüren, obwohl ich etwas der Art vor meinem Eintritt in diese seltsame Wohnung vermuthet hatte. Mein Führer stellte mir seine Frau vor, die mich mit großer Herzlichkeit bewillkommnete. Sie war in dieselbe dunkle Haut gekleidet, wie ihr Mann, obschon ihr Anzug ein viel feineres Gewebe hatte. Auf dem Kopfe trug sie eine Scharlachhaube, und die Vorderseite so wohl, als der untere Rand ihres Kleides war gleichfalls mit Scharlach verziert, so daß sie sich im Ganzen recht nett und zierlich ausnahm. Es wurde mir ein Napf mit Milch angeboten, um mich nach meinem Spaziergang und meinem langen Fasten zu erfrischen. »Wie,« bemerkte ich, »habt ihr Milch hier ohne Weide?« »Ja,« versetzte mein Wirth; »trinkt davon, ob sie Euch schmackhaft vorkommt.« Ich that so und fand sie nur sehr wenig von der Eselsmilch meines Vaterlandes verschieden, nur vielleicht ein Bischen herber im Geschmack. Mittlerweile wurden mehrere Arten Muscheln und ein großer Käselaib auf den Tisch gelegt, der, wie die Stühle, ganz aus Knochenmasse bestand. »Auch Käse?« fragte ich. »Ja und Ihr werdet ihn nicht schlecht finden. Ihr habt die Milch des Wallfisches getrunken, und aus derselben bereiten wir auch Käse.«   Freund Huckaback,« bemerkte der Pascha, »es kömmt mir vor, als ob Du mir Lügen aufbindest. Wer hat je von Wallfischmilch gehört!« »Allah verhüte, daß ich es versuchen sollte, einen Mann von Eurer Hoheit Verstand zu tauschen; da wäre ich lange nicht gewitzt genug.« »Das ist sehr wahr,« bemerkte der Pascha. »Eure Hoheit dachte nur einen Augenblick nicht daran, daß der Wallfisch ein sogenanntes warmblütiges Thier ist, daß er Blutgefäße hat, ähnlich denen der menschlichen Spezies, und daß er lebendige Jungen gebiert, die er an seiner Brust säugt.« »Sehr wahr, bemerkte der Pascha; »ich hatte dies ganz vergessen.«   Mein Wirth fuhr nun folgendermaßen fort: »Wie ich euch zuvor sagte, ist der Wallfisch das Stapelgut dieser Insel. Ihr bemerkt, daß seine Haut uns als Haus dient, aus seinen Knochen machen wir alle unsere Gerätschaften, und aus seinen Sehnen fertigen wir die dicksten Taue bis zum feinsten Faden herab. Der Anzug, den wir tragen, besteht aus der Bauchhaut, die mit einer Art Seife zu bearbeitet ist. Letztere gewinnen wir aus dem Alkali der Tangen, welche man überflüssig in dem See findet, und aus dem Thran des Wallfisches. Das Wallrath dient uns als Licht und Brennstoff, das Fleisch giebt uns Nahrung, und die Milch ist uns unschätzbar. Allerdings haben wir auch noch andere Hilfsquellen, zum Beispiel unsere Eidechsen, allerlei Fische und Muscheln, auch verschaffen wir uns, wenn wir Winters unter den Eisbergen eingeschlossen sind, das Fleisch und die Häute der Seehunde und des Weißen Bären. An Pflanzenstoffen fehlt es übrigens ganz und gar, und obgleich der Mangel des Brodes Anfangs sehr lästig wird, so findet man sich doch schon in wenigen Wochen darein. Es ist übrigens Zeit, daß Ihr nach Eurer Anstrengung ausruht; ich will Euch Eure Kammer anweisen und Eure Ankunft dem Oberharpunier melden.« Er führte mich sodann in ein inneres Gemach, wo ich ein gutes Lager aus Eisbärenhäuten fand, warf mich darauf nieder und war nach einigen Minuten fest eingeschlafen. Am andern Morgen wurde ich von meinem Wirthe geweckt. »Wenn Ihr zu sehen wünscht, wie man die Wallfische milkt, so ist jetzt die Stunde, in welcher sie hereingerufen werden. Ein kurzer Spaziergang wird Euch mehr Aufklärung geben, als das Erzählen vieler Stunden.« Völlig erfrischt durch meinen langen Schlaf, stand ich auf und folgte meinem Führer. Wir kamen an einem großen Wasserbehälter vorbei. »Dies ist unser Wasser. Wir dürfen es nicht verschwenden, obschon wir es im Ueberfluß haben. Der Behälter ist mit einem Kalkcäment ausgekleidet, das wir durch Brennen der Muschelschalen erhalten. Wir machen alle unsere Gefäße, welche dem Feuer ausgesetzt werden, von derselben Substanz, die wir mit zerstoßener Lava mischen; sie werden dann im Feuer gebrannt und mit Seesalz verglast.« Wir gelangten nun an den Rand des Sees, wo ein großes seichtes Dock in die Lava eingehalten war. Hier sah ich ungefähr zwei Dutzend junge Wallfische, welche meinem Wirthe folgten, während er am Strande hinging. »Dies sind meine Kälber. Sie dürfen nicht zu ihren Müttern, bis wir die Milch, welche wir selbst brauchen, gemolken haben.« Mehrere Männer kamen nun nach dem Ufer herunter. Einer derselben blies auf einer Pfeife, gebildet aus einem Stücke des Hornes von einem Seeeinhorn, und alsbald sammelte sich eine Herde von Wallfischen, welche nah auf das Ufer zuschwammen. Sie gingen alle auf den Ruf ihrer Namen, und als die Männer knietief ins Wasser wateten, legten sich die Thiere ruhig auf die Seite, so daß eines ihrer Euter aus dem Wasser hervorsah. Dieses wurde von vier Männern gedrückt und der Inhalt in einem großen Eimer von Wallfischknochen, der mit Reifen von derselben Substanz gebunden war, aufgefangen. Sobald die Brust des Thieres leer war, rutschte es mit einem Schlage seines Schwanzes wieder in's tiefe Wasser und schwamm nicht weit von dem Melkorte in kleinen Kreisen umher. »Die eine Brust überlassen wir stets dem Kalbe,« bemerkte mein Wirth. »Wenn sie alle gemolken sind, werde ich den Pferch öffnen und die Mütter hinein lassen.« »Was sind denn dort für ungeheure Wallfische, die in der Ferne spielen?« »Das sind unsere Wallochsen, antwortete mein Wirth. »Wir finden, daß sie zu einer Ungeheuern Größe anwachsen, und bauen dann aus ihren Häuten unsere Häuser.« »Ist das dort am Ufer ein todter Wallfisch? »Es ist eines unserer Wallfischboote,« versetzte er, »aber, wie Ihr Euch denken könnt, aus der Haut eines Wallfisches gebaut, die wir durch häufige Anwendung von Oel und Kalk gehärtet haben. Wir bedienen uns solcher Fahrzeuge, um die Thiere zu fangen, wenn wir ihrer bedürfen.« »Ihr bedient Euch also nicht der Harpunen?« »Nur wenn wir sie tödten. In der Regel werfen wir um den Schwanz eine Schlinge und befestigen das Tau an eines dieser Boote, welche so leicht schwimmen, daß der Wallfisch sie nicht mit hinunternehmen kann und bald seiner Anstrengungen müde wird. Ich spreche jetzt von den Männchen, die für die Zucht aufbehalten werden, oder von fremden Wallfischen, die sich hin und wieder Winters in unsern See verlieren. Unsere eigenen sind von Kindheit an so heimisch gewöhnt, daß wir nur wenige Mühe mit ihnen haben. Aber es ist Zeit, daß wir zurückkehren.« »Hier ist eine von unsern Manufakturieen,« bemerkte mein Wirth als wir an einem Wallfischhause vorbeikamen. »Wir wollen eintreten. Dies ist der grobe Stoff des Landes, der zu Scheidewänden in den Häusern u. dgl. verwendet wird. Der dort ist von feinerer Sorte und dient zu dem Anzuge, wie ich ihn gegenwärtig trage. Hier ist die Haut eines Wallkalbes, welche gewöhnlich zu Frauenkleidern benützt wird, und hier haben wir unsern kostbarsten Manufakturartikel, die Bauchhaut des Wallkalbes, welche weiß ist und sich durch den Saft des Myrex, eines Schalthieres, welches häufig an unserm Ufer vorkommt, färben läßt.« »Habt Ihr Geld?« fragte ich. »Nein, unser Verkehr geschieht durch Tausch. Der Haupttauschartikel aber, der uns statt des Geldes dient, ist der Wallfischkäse, welcher Jahrelang aufbewahrt wird und durch die Zeit sehr an Güte gewinnt. Dieses feine Tuch ist acht Quadrat Ellen neuen Käses werth und daher ein sehr theurer Artikel.« Wir langten an dem Hause an und fanden daselbst unser Mahl bereit – ein vortreffliches Ragout, das ich nur hoch loben konnte. »Es ist eines unserer Lieblingsgerichte,« versetzte mein Wirth, »und besteht aus Eidechsenschwänzen.« »Aus Eidechsenschwänzen?« »Ja; ich habe im Sinne, einige für das Mittagessen zu sammeln, und Ihr sollt dann meinen Eidechsengraben sehen.« Im Laufe des Tages begleitete ich meinen Wirth eine Strecke weit den Berg hinauf, bis wir endlich an einer großen Grube halt machten; sie war mit einem Flechtwerke aus Wallfischsehnen bedeckt. Der Mann; welcher uns begleitete, stieg hinab und kehrte bald mit einem Eimer voll Eidechsen zurück, der mit einem ähnlichen Netze umschlossen war. Er nahm sie dann der Reihe nach heraus und riß an ihren Schwänzen, die ihm augenblicklich in der Hand blieben; dann machte er eine Kerbe in den Stumpf und warf das Thier wieder in die Grube. »Wozu aber die Thiere wieder zurückwerfen?« fragte ich. »Weil ihre Schwänze das nächste Jahr wieder gewachsen sind.« »Und warum kerbt Ihr den Stumpf in der Mitte ein?« »Damit statt des einen Schwanzes zwei wachsen, was unausbleiblich der Fall ist,« entgegnete mein Wirth. Aber ich will Eure Hoheit nicht mit einem Berichte alles dessen ermüden, was ich sah und was sich während meines Aufenthaltes auf der Insel zutrug. Wenn ich auf die Vortrefflichkeit der dortigen Regierung, welche aus einem Oberharpunier und zwei Kammern von ersten und zweiten Harpuniren bestand, auf die Sitten und Gebräuche der Einwohner, auf die Ceremonien bei Geburten, Heirathen und Todesfällen, auf ihre Vergnügungen und ihre scharfsinnige Art, sich in allen ihren Bedürfnissen zu helfen, eingehen wollte, so hätte ich Stoff genug, um wenigstens zwei Quartbände ohne Rand zu füllen. Ich beschränke mich daher auf die Angabe, daß ich nach einem Aufenthalte von sechs Monaten höchst ungeduldig wurde, die Insel wieder zu verlassen, und daher den Entschluß faßte, mich lieber jeder Gefahr zu unterziehen, als von der Ausführung meines Wunsches abzustehen.« Mein Wirth und die ersten Einwohner der Insel willigten, weil sie sahen, daß sie mich durch ihre Ueberredungen nicht zum Bleiben vermögen konnten, endlich ein, mich mit den Mitteln zu versehen, auf die ich verfallen war, um mein Entkommen zu bewerkstelligen. Ich habe Eurer Hoheit zu bemerken vergessen, daß die Wallfische äußerst gelehrige Thiere waren, und sich nicht nur zum Ziehen auf dem See, sondern auch zum Tragen auf dem Rücken gebrauchen ließen. Allerdings war ich nicht zu bewegen, ein solches Thier zu besteigen, denn nach meiner Reise auf dem Hayfisch hatte ich ein wahres Grausen vor dem Ritte auf einem Fischrücken. Indeß fuhr ich oft in einem der großen Wallfischboote auf dem See umher und ließ mich von einem oder zwei Thieren führen, denen man die Zugriemen um die Schwänze geschlungen hatte. Diese Art Fuhrwerk brachte mich auf den Gedanken, einen Abzug von der Insel durch eines dieser großen Wallfischboote zu bewerkstelligen; ich wollte dasselbe Vollständig bedecken und mich durch einen Zug-Wallfisch aus der Mündung des Sees hinaustauen lassen. Auf meine Bitten wurde ein Boot zubereitet und mit Fischbeinscheiben bedeckt, um Licht einzulassen. Ich that genügenden Mundvorrath für eine lange Reise ein, ließ den Wallfisch anspannen und schied unter den Thränen der freundlichen Inselbewohner, welche mich als einen Mann betrachteten, der mit Gewalt in sein Verderben rennen wollte. Aber ich wußte, daß der Fischfang bald beginnen werde, und hatte große Hoffnung, von einem der Schiffe aufgelesen zu werden. Ich war bald aus dem See. Der Knabe, welcher auf dem Rücken des Zugwallfischs ritt, hatte mich der ihm ertheilten Weisung gemäß, hinausgetaut, bis sich die Insel am Horizont nur noch wie eine Wolke ausnahm, worauf er die Zugriemen abschnitt und zurückeilte, um vor Einbruch der Nacht wieder zu Hause anzulangen. Drei Wochen lang wurde ich innerhalb dieses Ungeheuern Bootes oder vielmehr Fisches auf den Wellen umhergeworfen, ohne jedoch Schaden zu nehmen, weil mein Fahrzeug ungemein leicht schwamm. Da wurde ich eines Morgens aus einem gesunden Schlafe durch einen plötzlichen Stoß gegen die Außenseite eines Schiffes geweckt. Ich meinte, mit einem Eisberge in Berührung gekommen zu seyn, aber der Ton von Stimmen überzeugte mich, daß ich endlich auf Menschen gerathen war. Eine Harpune wurde jetzt hereingetrieben, der ich nur mit knapper Noth entkam, und aus einer Salve von Flüchen, die darauf erfolgte, erkannte ich augenblicklich, daß die Leute Engländer waren. Nach einigen Minuten begannen sie ein Loch in die Seiten meines Wallfischbootes zu hauen, und sobald ein Stück weggenommen war, guckte ein Kopf herein. Da ich mich vor einer zweiten Harpune fürchtete, so hatte ich als Schutzmittel meine große Eisbärenhaut aufgezogen. Sobald der Mann dies bemerkte, zog er augenblicklich seinen Kopf wieder zurück und betheuerte mit einem Schwure, daß in dem Bauche des Wallfisches ein weißer Bär stecke. Das Boot fuhr zurück und sie begannen nun, Musketkugeln abzuschießen, welche mein Fahrzeug allenthalben durchlöcherten. Ich mußte mich auf den Boden niederlegen, um mein Leben zu retten. Nach ungefähr zwanzig Schüssen kam das Boot wieder heran, und ein Mann steckte abermals seinen Kopf durch das Loch. Da er mich mit der Bärenhaut bedeckt auf dem Boden liegen sah, so meinte er, das Thier sey getödtet, und theilte seinen Kameraden diese Kunde mit. Mit einiger Besorgniß kletterten sie nun durch das Loch herein, welches sie ausgehauen hatten, und als sie meine Bärenhaut aufhoben, entdeckten sie meine Person, welche in die schwarze Haut gekleidet war, wie sie von den Bewohnern des Wallfischeilandes getragen wurde. Dies erschreckte sie noch mehr. Einer brüllte hinaus, der Teufel sey da, und Alle beeilten sich, wieder zu dem Loche hinauszukommen, durch das sie hereingestiegen waren. Aber eben ihre Hast vereitelte dieses Vorhaben, da jeder dadurch den andern hinderte. Nur mit Schwierigkeit gelang es mir, sie endlich zu überzeugen, daß ich ein unschädliches Menschenkind sey. Nachdem ich ihnen in kurzen Worten erklärt hatte, wie ich hieher gekommen, erlaubten sie mir, mit ihnen an Bord ihres Schiffes zu gehen. Als der Kapitän diese Geschichte hörte, wurde er sehr verdrießlich, denn er hatte mein Fahrzeug für einen todten Wallfisch gehalten und Befehl ertheilt, denselben an die Seite seines Schiffes zu ziehen, um die Thranschwarten abzuhauen. In seiner Erwartung getäuscht, schwor er, daß ich ein Jonas sey, der aus dem Bauche des Wallfisches komme, und das Schiff werde kein Glück haben, wenn ich an Bord bleibe. Die Matrosen, deren Gewinn von der Anzahl der gefangenen Fische abhing, hielten dies für einen vortrefflichen Grund, mich in die See zu werfen, und wären nicht zwei Segel in Sicht gewesen, welche auf uns zusteuerten, so hatte ich wahrscheinlich nie mehr Gelegenheit gefunden, meine Abenteuer zu erzählen. Endlich aber vereinigten sie sich dahin, mich an Bord des Fahrzeugs zu setzen, welches französische Farben aufgehissen hatte. Es war von Havre und bereits auf dem Heimweg weil es schon zwölf Fische gefangen hatte. Der Kapitän ließ sichs gefallen, mich einzunehmen, und nach zwei Monaten war ich wieder in meinem Vaterlande angelangt. Dies, durchlauchtige Hoheit, sind die abenteuerlichen Erlebnisse meiner dritten Reise.« »Gut; die Geschichte von der Insel ist freilich ein bischen zu lang gewesen,« bemerkte der Pascha; »indeß ist gleichwohl viel Unterhaltendes darin vorgekommen. Mustapha, ich meine, sie sey dennoch zehn Goldstücke werth.« Zehntes Kapitel. Am andern Tage begann der Renegat seine vierte Reise mit folgenden Worten: Huckabacks vierte Reise. Eure Hoheit wird denken, ich hätte jetzt nach so vielen Unfällen die Seereisen ziemlich satt haben können; aber wenn man einmal an ein unstätes Leben gewöhnt wurde, so ist man von einer Unruhe besessen, die Einen von Gemächlichkeit und Ueberfluß forttreibt, um in künftiger Gefahr und Schwierigkeit Abwechslung zu suchen. Dennoch kann ich sah mich genöthigt, daß dies im gegenwärtigen Falle bei mir zutraf; denn ich sah mich genöthigt, mich gegen meine Neigung wieder einzuschiffen. Der Kapitän des Schiffes, welcher mich mit nach Hause genommen, machte mir eine kleine Geldsumme zum Geschenk, und ich wanderte durch Frankreich nach Marseille; denn ich fühlte mich gedrungen, nachzusehen, ob mein Vater noch am Leben sey. Wegen der Aebtissin-Geschichte hegte ich keine Besorgnisse mehr, denn ich wußte, wie bald in dieser Welt Alles vergessen wird, und Zeit und Mühesal hatten mich dermaßen verändert, daß kaum zu erwarten stand, ich dürfte wieder erkannt werden. In meiner Vaterstadt angelangt, begab ich mich nach der wohlbekannten Rasirstube, wo ich unter väterlicher Leitung meine Talente zu üben pflegte. Die Stange ragte zwar noch immer über der Thüre heraus, und das Becken pendelte im Winde; aber als ich in die gedrängt volle Stube trat (es war nämlich Samstag Nachmittag) bemerkte ich, daß mir sämmtliche Operateure unbekannt waren. Meinen Vater bekam ich nicht zu Gesicht. Einer der Exspektanten, welcher wartete, bis die Reihe an ihn käme, machte mir höflich auf der Bank neben sich Platz, und ich hatte Zeit, mich umzuschauen, ehe ich Fragen stellte. Die Rasirstube war neu gemalt, ein Spiegel von beträchtlichem Umfang hatte den kleinen verdrängt, und das Ganze trug das Ansehen eines gedeihlicheren Etablissements. »Ihr seyd ein Fremder, Monsieur?« bemerkte mein Nachbar. »Ja,« versetzte ich. »Aber ich bin schon früher in Marseille gewesen, und während meiner letzten Anwesenheit pflegte ich mich hier rasiren zu lassen. Der Meister war ein kleiner, beleibter Mann; aber ich kann mich seines Namens nicht mehr entsinnen.« »Oh – Monsieur Maurepas. Er ist todt – er starb vor ungefähr zwei Monaten.« »Und was ist aus seiner Familie geworden?« »Er hatte nur einen einzigen Sohn, der eine Intrige mit der Tochter eines alten Offiziers in hiesiger Stadt anfing und sich flüchtig machen mußte. Niemand hatte seitdem von ihm gehört. Man meint, er sey zur See umgekommen, weil das Fahrzeug, in welchem er sich eingeschifft hatte, nie den Hafen seiner Bestimmung erreichte. Der alte Mann hat ein schönes Vermögen hinterlassen, und zwei entfernte Verwandte führen nun Proceß wegen der Erbschaft.« »Was wurde aus dem Frauenzimmer, von dem Ihr sprecht?« »Sie ging in ein Kloster, das keine drei Meilen von hier liegt, und ist seitdem gestorben. Es handelte sich daselbst um ein Geheimniß wegen der Aebtissin, und man glaubte, sie sey im Stande, es aufzuklären. Wenn ich nicht irre, wurde sie von der Inquisition als eine Widerspenstige behandelt und in's Gefängniß geworfen, wo sie in Folge der an ihr geübten Strenge starb.« Bei diesen Worten ging mir ein Stich durchs Herz. Das arme Mädchen hatte also um meinetwillen die grausamste Behandlung erlitten und war mir bis auf den letzten Augenblick treu geblieben. Ich verfiel in eine schmerzliche Träumerei. Auch Cerise, über deren Geschick ich mich zu Toulouse erkundigt hatte – die liebe, theure Cerise!«   »Ich sage dir noch einmal Huckeback, ich will nichts mehr von der Cerise hören,« rief der Pascha. »Sie ist todt, und hat also hier nichts weiter zu schaffen.«   Die erhaltene Nachricht erregte in mir Zweifel über meine künftigen Schritte. Ich konnte zwar leicht meine Identität beweisen, fürchtete übrigens, ich möchte in einer Weise katechisirt werden, die Verdacht erregte. Da ich aber keinen Sous mehr im Vermögen hatte, wollte mir doch der Gedanke, auf das Eigenthum meines Vaters ganz und gar Verzicht zu leisten, nicht einleuchten. Ich pflegte früher die Perücke eines alten Advokaten, der große Stücke auf mich hielt, in Ordnung zu erhalten. Da seit meiner Flucht erst fünf Jahre verstrichen waren, so dachte ich, er könnte wohl noch am Leben seyn, und beschloß, ihn aufzusuchen. Ich pochte an seine Thüre, und fragte, ob der Herr zu Hause sey. Das Mädchen, welches mir öffnete, antwortete bejahend und wies mich in dasselbe kleine, mit Papieren angefüllte Studirzimmer, nach welchem ich früher seine Perücke zu bringen pflegte. »Was ist Euer Belieben, Monsieur?« fragte der alte Mann, durch seine Brille nach mir hinblickend. »Ich wünsche wegen einer bestrittenen Erbschaft Euer Gutachten zu hören,« lautete meine Antwort. »Was ist's für eine Hinterlassenschaft?« »Die des Monsieur Maurepas, welcher kürzlich in hiesiger Stadt das Zeitliche segnete.« »Wie, wieder ein neuer Ansprucherheber? Thut mir leid. Ich bin bereits von der einen Partie angenommen – Ihr müßt daher anderswohin gehen. Wenn nur François wieder käme und sein Eigenthum in Anspruch nähme – der arme Bursche!« Entzückt darüber, daß der alte Herr mich noch immer im Andenken hatte, trug ich kein Bedenken, mich ihm zu entdecken. »Ich bin François, Monsieur,« versetzte ich. Der Advokat stand von seinem Sitze auf, trat dicht vor mich hin, und sah mir angelegentlich in's Gesicht. Nachdem er mich einige Minuten gemustert hatte, sagte er: »Gut – ich glaube, Ihr seyd's. Aber darf ich fragen, Monsieur, wo Ihr diese ganze Zeit über gesteckt habt?« »Ich kann darüber nicht gut Auskunft geben und nur sagen, daß ich viel gesehen und gelitten habe.« »Und dennoch muß ich diese Auskunft haben, wenn Ihr Euer Eigenthum zu gewinnen wünscht, das heißt, Ihr müßt rund heraus mit der Farbe – fürchtet Euch nicht, François. Es ist ein Theil unseres Berufes, in seltsame Geheimnisse eingeweiht zu werden, und ich denke, es sind manche viel wichtigere in dieser Brust verschlossen, als diejenigen seyn werden, welche Ihr enthüllen könnt.« »Aber wenn mein Leben dabei in Frage käme?« »Was dann? Euer Leben wird sicher seyn. Wenn ich Alles ausplaudern wollte, was ich weiß, könnte ich halb Marseille an den Galgen bringen. Aber abgesehen von meinen Berufspflichten, bin ich Euch wohl geneigt; setzt Euch daher nieder und laßt mich Eure Geschichte hören.« Ich fühlte, daß ich meinem alten Bekannten wohl vertrauen konnte, und begann deßhalb meine Abenteuer ausführlich zu berichten. Als ich ihm meinen Schiffbruch in der Nähe von Marseille mittheilte, unterbrach er mich lachend: »Und Ihr wart die heilige Aebtissin?« »Ja.« »Gut; meinte ich doch Euer Gesicht zu erkennen, als ich mit den andern Hansnarren Euch meine Aufwartung machte. Wie man sich zuletzt gar zuflüsterte, eine Mannsperson habe die heilige Aebtissin vorgestellt, sagte ich zu mir selbst: ›das ist entweder François oder der Teufel gewesen.‹ Habe aber nie meinen Argwohn laut werden lassen.« Nachdem ich meine Erzählung beendigt hatte, bemerkte er: »Wohlan, François, es wird etwas gefährlich seyn, vor dem Gerichtshofe Eure Identität zu beweisen, und die anderen Partien werden natürlich darauf bestehen. Ich möchte Euch daher rathen. Euch mit der Partie, welche mich angenommen hat, zu vergleichen. Laßt das ganze Eigenthum auf ihn übertragen, unter der Bedingung, daß er Euch die Hälfte oder je mehr desto lieber überlasse. Ich stelle Euch als einen sorglosen jungen Menschen vor, der gerne geschwind Geld erhalten möchte, um es verjubeln zu können. Geht es auf diese Weise, so erhaltet Ihr eine schöne, runde Summe ohne Gefahr, und ich kann meinen beiden Klienten einen Gefallen erweisen. Es ist mir immer lieb, wenn ich's so einleiten kann.« Das Verständige dieses Vorschlages leuchtete mir ein, und mein alter Freund schoß mir einige Louisd'or vor, um mich in die Lage zu versetzen, mein Aussehen zu verbessern. Er rieth mir, mich nicht zu viel zu zeigen, und bot mir ein Bett in seinem Hause an. Ich überließ es ihm, mir für eine anständigere Garderobe zu sorgen, und er wählte zu meiner besseren Verkleidung eine Offiziers-Halbuniform. Nachdem er außerdem noch einige andere Bedürfnisse eingekauft hatte, kehrte er nach seinem Hause zurück. »Na, parole d'honneur , Ihr macht Eurem Anzuge Ehre. Es wundert mich nicht, daß Mademoiselle de Fonseca sich in Euch verliebte. Das ist übrigens eine traurige Geschichte – ich weiß nicht ob ich Euch meine Haushälterin anvertrauen darf, denn sie ist sehr jung und sehr hübsch. Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr dem armen Mädchen nicht den Hof machen wollt, denn ich liebe sie und möchte nicht gerne, daß Ihr Eure Liste von gebrochenen Herzen mit dem ihrigen vergrößert.« »Ich bitte, sprecht nicht davon,« versetzte ich traurig. »Mein Herz ist todt und begraben mit derjenigen, deren Namen ich eben genannt habe.« »Wohlan denn, so geht die Treppe hinauf und stellt Euch selbst vor. Im nächsten Zimmer warten Leute auf mich.« Ich gehorchte seiner Anweisung, und als ich in das obere Zimmer trat, bemerkte ich eine jugendliche Gestalt, die mir den Rücken zugekehrt hielt, vor einem Stickrahmen. Wie ich mich näherte, wandte sie ihr Antlitz um – aber denkt Euch mein Erstaunen, mein Entzücken, als ich Cerise erblickte!«   »Heiliger Prophet,« rief der Pascha, »ist das Weibsbild wieder lebendig geworden?« »Sie war nie todt, durchlauchtige Hoheit, und wird Eure Aufmerksamkeit noch mehr als einmal in Anspruch nehmen, wenn ich ln Erzählung meiner Reisen fortfahren soll.« »Aber ich hoffe, es kommt zu keinen weiteren Liebesscenen.« »Nur noch die gegenwärtige,« durchlauchtige Hoheit; »denn nachher wurden wir verheirathet.«   Cerise sah mich einen Augenblick an, schrie laut auf und fiel besinnungslos zu Boden. Ich fing sie mit meinen Armen auf, rief sie, während sie bewußtlos da lag, bei ihrem Namen und drückte ihr hundert Küsse auf die Lippen. Das Geräusch hatte den alten Herrn erschreckt; er war unbemerkt hereingetreten und sah die Scene mit an. »Auf Ehre, Monsieur, in Anbetracht Eures eben gegebenen Versprechens benehmt Ihr Euch etwas frei.« »Es ist Cerise, mein theurer Herr – Cerise!« »Cerise de Fonseca?« »Ja, dieselbe; das theure Mädchen, das ich stets beklagt habe.« »Bei meiner Seele, Monsieur François, Ihr habt Talent für Abenteuer,« sagte der alte Herr, indem er das Zimmer verließ und mit einem Glas Wasser zurückkehrte. Cerise war bald wieder hergestellt und lag nun zitternd in meinen Armen. Unser alter Freund, welcher sich ›de trop‹ hielt, entfernte sich und ließ uns allein. Ich will nicht bei einer Scene verweilen, welche keinen Reiz für solche haben kann, die, gleich Eurer Hoheit, die Liebe bereits fertig kaufen, und werde mich daher auf eine Erzählung von Cerisens Geschichte beschränken, wie sie mir von derselben mitgetheilt wurde, nachdem ich ihr zuvor ein ähnliches Vertrauen erwiesen hatte. »Erlaubt mir zu bemerken, Felix – oder, wie Euer Name seyn mag, Ihr Betrüger« – sagte Cerise halb vorwurfsvoll, halb im Scherze. »Mein Name ist François.« »Wohlan denn, François; aber dieser Name wird mir nie so gefallen, wie Felix – den gegen Felix – doch was hängt zuletzt von dem Namen ab? – Genug daß der erste in mein Herz eingegraben ist und sich nicht aus demselben verwischen läßt. Ich will Euch übrigens jetzt meine Geschichte erzählen. Erlaubt mir, mit einer Bemerkung zu beginnen, welche mir die Bekanntschaft mit Euch und späteres Nachdenken tief in die Seele eingeprägt haben. Es ist ein großes Unglück, daß diejenigen, welche in dieser Welt dem Range nach am höchsten stehen, ihre Stellung in einem Punkte, auf dem fast alles wahre Lebensglück beruht, theuer bezahlen müssen. Ich meine in der Wahl eines Gefährten, mit dem man Hand in Hand die Pilgerfahrt durch's Leben machen soll. Je höher der Rang, desto mehr ist der freie Wille beschränkt, dessen sich doch der gemeinste Bauer ungebunden erfreuen kann. »Ein König hat keine Wahl, sondern muß sich den Wünschen seiner Unterthanen und den Interessen seines Landes unterwerfen. Die Aristokratie in unserem Lande ist nur wenig besser daran – wenigstens der weibliche Theil derselben; denn man schleppt die armen Wesen von den Klöstern zum Altar und bringt sie den Familienverbindungen zum Opfer. »Um die Zeit, als Ihr uns an der Landstraße beistandet, oder wir doch wenigstens dieser Meinung waren – denn die Sache ist mir bis jetzt noch ein Geheimniß –« »In einem Punkte wenigstens ist es mehr als bloße Annahme, meine Cerise, denn ich beraubte mich meines einzigen Kleidungsstückes, um Euch zu bedecken.« »Ja, das thatet Ihr – das thatet Ihr – ich meine Euch noch zu sehen, wie Ihr von der Seite des Wagens wegtratet. Ich liebte Euch von jenem Augenblicke an – aber um fortzufahren: ich war damals aus dem Wege nach dem Schlosse begriffen, um meinem künftigen Gatten vorgestellt zu werden, den ich nie zuvor gesehen hatte, obschon die Partie längst zuvor beschlossen war. »Meinem Vater fiel es nicht entfernt ein, daß aus unserer kurzen Bekanntschaft Schaden erwachsen könnte, und hegte gegen Euch zu sehr die Gefühle des Dankes, um Euch das Haus zu verbieten. Freilich wußte er nicht, wie Umstände und Gelegenheit wirksamer sind, als die Zeit, und ich lernte Euch in einigen Tagen mehr kennen, als ich es, was für immer einem Manne gegenüber in eben so vielen Jahren für möglich gehalten hatte. Daß ich Euch liebte – mit Innigkeit liebte, – ist Euch wohl bekannt. »Um jedoch fortzufahren – (wie! küßt mich nicht so, oder ich kann Euch meine Geschichte nicht erzählen) – am andern Morgen hörte ich, daß Ihr Eurer, Tags zuvor ausgesprochenen Absicht zufolge abgereist seyet; aber das Pferd meines Vaters kam nicht wieder zurück. Mein Vater wurde ernst, und der Bischof düsterer, als gewöhnlich. Zwei Tage nachher theilte mir mein Vater mit, daß Ihr ein Betrüger wäret; Alles sey entdeckt, und Ihr würdet im Betretungsfalle wahrscheinlich der Inquisition übergeben. Ihr hättet Euch übrigens aus dem Lande geflüchtet, und seyet vermuthlich zu Schiff nach Toulon gegangen; zugleich kündigte er mir an, daß mein künftiger Gatte in ein paar Tagen eintreffen würde. »Ich überlegte mir Alles dies und zog daraus meine Folgerungen. Zuerst mußte ich annehmen. Ihr seyet nicht die Person, für die Ihr Euch ausgegeben hattet, und zweitens glaubte ich, mein Vater habe unsere Zuneigung entdeckt und deßhalb darauf bestanden, daß Ihr Euch nicht wieder blicken lasset – aber daß Ihr mich aufgegeben und das Land verlassen hättet, erschien mir nach dem Vorgefallenen als eine Unmöglichkeit . Mochtet Ihr übrigens Monsieur de Rouillé seyn oder nicht – ich sehnte mich blos nach Euch, und Ihr wart der Gegenstand meiner Anbetung, für den ich zu leben oder zu sterben gelobt hatte. Ich fühlte mich überzeugt, Ihr würdet eines Tags wieder zurückkommen, und dieser Glaube hielt mich aufrecht. Mein künftiger Gatte erschien – er war abscheulich. Der für unsere Hochzeit festgesetzte Tag nahte heran – ich sah nur einen einzigen Ausweg, nämlich die Flucht. Ich wußte, daß das Mädchen, welches mich bediente (Ihr erinnert Euch – sie kam zu uns in den Garten und theilte uns mit, daß der Bischof angelangt sey) mir treulich zugethan war. Ich zog sie ins Vertrauen, und durch ihre Vermittlung kam ich in den Besitz eines Bauernmädchenkleides; auch versprach sie mir Schutz in der Hütte ihres Vaters, der in der Entfernung einiger Stunden von dem Schlosse wohnte. Am Abend vor der beabsichtigten Vermählung eilte ich nach dem Flusse hinunter, warf Hut und Halstuch ans Ufer und eilte dann weiter nach der Stelle, wo der Vater meines Mädchens mit einem Wägelchen auf mich wartete. Das Mädchen selbst, welches zurückblieb, wußte Alles bewunderungswürdig einzuleiten. Man glaubte, ich hatte mich ertränkt, und da man ihrer Dienste nicht weiter benöthigt war, so wurde sie entlassen und kam mir nach der Hütte ihres Vaters nach. Dort blieb ich mehr als ein Jahr, bis ich es endlich für räthlich hielt, nach Marseille zu kommen, wo ich bald nachher die Haushaltung des alten Herrn übernahm, der mich seitdem mehr wie eine Tochter, als wie einen Dienstboten behandelt hat. Nun, Monsieur François, könnt Ihr mir eben so gute Auskunft über Euch selbst geben?« »Nicht ganz, Cerise; aber ich kann Euch ehrlich erklären, daß ich Euch nie vergaß, so lange ich Euch am Leben glaubte, und als ich Euch für todt hielt, hörte ich nie auf, Euch zu beklagen; auch habe ich seitdem nie wieder ein Frauenzimmer ansehen mögen. Unser alter Freund unten kann dies aus der Antwort beweisen, die ich ihm gab, als er mich vor den Reizen seiner Haushälterin verwarnte.« Durchlauchtige Hoheit, ich sagte Cerise nicht die ganze Wahrheit, denn ich habe es stets für vollkommen rechtfertigbar gehalten, Thatsachen zu verschweigen, welche nicht zu dem Glücke anderer Leute beitragen können. Ich erklärte ihr, ich habe sie verlassen, weil ich mein Leben verwirkt haben würde, wenn ich geblieben wäre; und um ihretwillen sey mir dasselbe werth geworden. Ich habe immer beabsichtigt, wieder zurückzukehren; namentlich habe ich, nachdem ich von Valencia aus als reicher Mann anlangte, augenblicklich Erkundigungen über sie eingezogen, dadurch aber nur die Nachricht von ihrem Tode erhalten. Auch verschwieg ich vor ihr das Gewerbe, zu welchem ich erzogen worden, indem ich ihr blos andeutete, mein Vater sey ein vornehmer Mann gewesen und reich gestorben – denn obgleich Leute von guter Familie sich bisweilen der Liebe beugen, ohne vornweg nach der Geburt zu fragen, so sind sie doch stets ärgerlich, wenn sie die Entdeckung machen müssen, ihr Lotterieloos sey eine Niete gewesen. Cerise war zufrieden – wir erneuerten unser Gelübde, und der alte Herr bedauerte es nicht, daß wir den Bund der Ehe schlossen und sein Haus verließen, weil er meinte, unsere Geheimnisse könnten, wenn sein Mitwissen entdeckt würde, für ihn höchst gefährlich werden. Ich erhielt von dem Ansprucherheber zwei Drittheile meines Vermögens, mit denen ich mich in Gesellschaft meiner Frau nach Toulon begab. Ein Jahr lang erfreute ich mich eines ungetrübten Glücks. Meine Gattin war mir Alles, und weit entfernt, sie verlassen zu wollen, um Abwechselung zu suchen, konnte ich nicht einmal den Gedanken ertragen, ohne ihre Begleitung nur aus dem Hause zu gehen. Aber wir lebten viel zu schnell, und am Schlusse des Jahres fand ich, daß ein Drittheil meines Vermögens aufgebraucht war. Meine Liebe gestattete mir nicht, meine Gattin dem Bettelstabe preiszugeben, und ich beschloß daher, einige Maßregeln zu treffen, um uns die Mittel für eine künftige Existenz zu sichern. Ich berieth mich mit ihr, und Cerise erkannte unter vielen Thränen meine Klugheit an. Ich theilte den Rest meines Eigenthums, legte die eine Hälfte in Kaufmannsgütern an, überließ ihr die andere für ihren Unterhalt während meiner Abwesenheit und schiffte mich an Bord eines nach Westindien bestimmten Schiffes ein. Wir erreichten die Inseln ohne Unfall, und ich war ungemein glücklich in meinen Spekulationen. Fortuna schien einmal müde zu seyn, mich mit ihrer Ungunst zu verfolgen; aber ich kannte ihre Tücke und schiffte die Hälfte meiner Rückfracht in einem andern Fahrzeuge ein, um mir eine doppelte Aussicht zu sichern. Unser Kapitän war zur Abfahrt bereit, und die Passagiere kamen an Bord. Unter den letzteren befand sich ein reicher, alter Herr, der von Mexico gekommen war und nach Frankreich reisen wollte. Als er an Bord kam, fühlte er sich sehr unwohl, und ich empfahl ihm eine kleine Aderlässe, für die ich ihm meine Dienste anbot. Sie wurden angenommen, der alte Herr genas, und wir kamen nachher auf einen sehr vertrauten Fuß. Wir waren etwa vierzehn Tage auf der Fahrt, als ein Orkan losbrach, wie ich nie zuvor einen ähnlichen erlebt hatte. Die See war eine einzige Schaummasse, die Luft mit Sprüh gefüllt, welche uns mit blendender Gewalt ins Gesicht schlug, und der Wind blies so heftig, daß ihm Niemand stehen konnte. Das Schiff wurde auf die Seite geworfen, und wir gaben uns für verloren. Zum Glück gingen die Masten über Bord und das Fahrzeug richtete sich wieder auf. Als aber der Orkan ausgeblasen hatte, befanden wir uns in einer sehr schlimmen Lage, denn alle ledigen Spieren waren über Bord gewaschen worden, und wir entbehrten aller Mittel, um Nothmasten aufzurichten und die Segel zu hissen. Wir lagen rollend in der nun folgenden Windstille und triffteten unter dem Einflusse des sogenannten Golfstroms nach Norden. Eines Morgens, als wir uns ängstlich nach einem Schiffe umsahen, bemerkten wir einen Gegenstand in der Ferne, über den wir nicht ins Klare kommen konnten. Anfangs meinten wir, es seyen mehrere schwimmende Fässer, die über Bord geworfen wurden oder aus dem Raume eines gescheiterten Schiffes brachen. Endlich aber entdeckten wir, daß es eine ungeheure Schlange war, welche mit einer Geschwindigkeit von sechs oder acht Seemeilen in der Stunde unmittelbar auf unser Schiff zukam. Als sie sich näherte, bemerkten wir zu unserm Entsetzen, daß sie eine Länge von ungefähr hundert Fußen und die Dicke des Hauptmastes auf einem Vierundsiebenziger hatte. Gelegentlich erhob sie ihren Kopf viele Fuß über die Oberfläche, senkte ihn dann wieder ins Wasser, und setzte ihren raschen Lauf fort. Als sie sich uns auf ungefähr eine halbe Meile genähert hatte, eilten wir Alle in unserm Schrecken nach dem Raume hinunter. Das Thier kam an das Schiff und erhob seinen Leib mehr als um die Hälfte aus dem Wasser, so daß der Kopf unsere Marssegelraaen erreicht haben würde, wenn unsere Masten noch gestanden hätten. Die Schlange senkte sodann den großen, rautenförmigen Kopf, steckte ihn in die Luke hinunter, ergriff einen von der Mannschaft mit ihren Zähnen, stürzte sich in die See und verschwand. Wir waren Alle höchlich entsetzt, denn wir sahen mit jedem Augenblicke dem Wiedererscheinen der Bestie entgegen und hatten doch keine Mittel, uns unten zu sichern, denn jedes Gitter und jedes Fenster war in dem Orkan über Bord gewaschen worden. Der alte Herr war der Unruhigste von Allen. Er schickte nach mir und sagte: »Ich hoffte, meine Verwandten in Frankreich noch einmal zu sehen, aber es wird mir nicht mehr so gut werden. Mein Name ist Fonseca. Ich bin ein jüngerer Bruder in der edlen Familie dieses Namens und hatte im Sinne, nicht gerade meinen Bruder, aber doch seine Tochter mit den Schätzen zu bereichern, die ich mit mir bringe. Sollten sich meine Besorgnisse verwirklichen, so baue ich auf Eure Ehre, daß Ihr meine Bitte erfüllen werdet. Sie besteht darin, daß Ihr diese Kiste, welche von großem Werth ist, den Händen meines Bruders oder seiner Tochter überliefert. Hier ist ein Brief mit der Adresse und hier der Schlüssel; der Rest meines an Bord befindlichen Eigenthums soll, im Falle ich sterbe und das Schiff gerettet wird, Euch gehören. Hier habt Ihr eine Schenkungsurkunde, die Ihr im Nothfalle vorzeigen könnt.« Ich übernahm die Kiste, sagte ihm aber nicht, daß ich der Gatte seiner Nichte sey; denn er hätte sie enterben können, weil sie sich so tief unter ihrem Range verheirathet hatte. Der alte Gentleman hatte mit seiner Besorgniß Recht gehabt. Die Schlange kehrte Nachmittags zurück, ergriff ihn ebenso, wie am Morgen den Matrosen, und stürzte wieder in die See. So fuhr sie fort, jeden Tag zwei oder drei abzulangen, bis nur noch ich allein übrig war. Am achten Tage hatte sie den letzten Mann außer mir geholt und ich wußte, daß auch mein Schicksal Abends zur Entscheidung kommen mußte; denn so groß auch die Bestie war, konnte sie doch in jeden Theil des Schiffes dringen und durch den Wind ihres Athems viele Fuß entfernte Körper zu sich hinziehen. Zufälligerweise befanden sich zwei Tonnen mit einem neuen, in England erfundenen Material an Bord, das wir Versuchs halber nach Frankreich nehmen wollten. Während des Orkans war das eine geplatzt und verbreitete einen unerträglichen Gestank. Obschon die Substanz allmählig verdunstet war, so bemerkte ich doch, daß die Schlange, so oft sie sich einem Gegenstande näherte, der damit besudelt war, sich augenblicklich abwandte, als ob ihr der Geruch eben so unerträglich sey, als uns. Ich weiß nicht, aus was der Stoff bestand; aber die Engländer nannten ihn Steinkohlentheer . Da fiel nur denn ein, ich könnte mich vielleicht vermittelst dieses widerlichen Präparats retten. Ich schlug den Deckel des noch ganzen Fasses ein, bewaffnete mich mit einem Besen, sprang in das Faß und erwartete in höchster Todesangst mein Schicksal. Die Schlange kam, zwängte, wie gewöhnlich, ihren Vorderleib die Luke herunter, wurde meiner ansichtig und reckte mit feuersprühenden Augen den Kopf aus, um mich zu ergreifen. Ich fuhr ihr nun mit dem eingetauchten Besen in den Rachen und duckte mich bis über den Kopf unter den Kohlentheer. Als ich mich fast erstickt wieder erhob, war das Thier verschwunden. Ich kletterte heraus, sah über die Schiffsseite hinunter und bemerkte nur, wie die Schlange wüthend den Ocean peitschte, um sich schlug und untertauchte, um sich des ekelhaften Gemisches, womit ich ihr den Rachen gefüllt hatte, zu entledigen. Nachdem sie sich in ihren gewaltigen Anstrengungen ganz erschöpft hatte, versank sie, ohne daß ich ihrer je wieder ansichtig wurde.   »Du hast sie also nie mehr gesehen?« fragte der Pascha. »Nie mehr. Auch wurde das Thier sonst nie von Jemandem bemerkt, als von den Amerikanern, welche viel bessere Augen haben, als sich die Europäer deren rühmen können.«   Das Schiff trifftete mit dem Golfstrom nordwärts, bis es ganz in Landnähe gelangte. Nun kam ein Lootsenboot heran und enterte. Die Schiffer waren sehr ärgerlich, mich an Bord zu finden; denn wäre das Fahrzeug aller Mannschaft baar gewesen, so hätten sie es sammt der Ladung für sich behalten können, während sie so nur an ein Achtel berechtigt waren. Ich verstand genug Englisch, um aus ihren Worten zu entnehmen, daß sie mich über Bord zu werfen gedachten und eilte deßhalb augenblicklich in den Raum hinunter, um meine Kiste in Sicherheit zu bringen; wie ich aber wieder auf das Deck zurückkehrte, schleuderten sie mich in die See. Ich sank, tauchte unter das Heck und hielt mich, ohne daß ich von ihnen bemerkt wurde, an den Ruderketten fest. Inzwischen war ein anderes Lootsenboot herangekommen, um das Schiff gleichfalls zu untersuchen. Ich schwamm darauf zu und wurde eingenommen. Da die Capitäne einander nicht leiden konnten, so wurde ich nach New-York genommen, um Zeugniß abzulegen gegen die Leute, welche einen Mordversuch an mir verübt hatten. Dort blieb ich nun lange genug, um die sieben Achtel meiner Ladung zu verkaufen. Ich war noch Zeuge, wie die Mannschaft des ersten Bootes gehangen wurde, und begab mich dann an Bord eines Schiffs, welches nach Bordeaux bestimmt war, wo ich wohlbehalten anlangte. Von hier aus reiste ich nach Toulon und fand daselbst meine theure Cerise so schön und so zärtlich als nur je. Ich war jetzt ein reicher Mann und kaufte mir ein großes Gut, mit welchem der Titel eines Marquis verbunden war. Ferner brachte ich das Schloß Fonseca an mich und machte es meiner theuren Gattin zum Geschenke. Wie glücklich fühlte ich mich nicht im Besitze der Mittel, sie wieder zu dem Range in der Gesellschaft zu erheben, den sie um meinetwillen aufgegeben hatte. Wir lebten einige Jahre glücklich, ohne uns übrigens eines Kindersegens erfreuen zu dürfen. Dann traten Ereignisse ein, welche mich wieder auf die See schickten. Dies, durchlauchtige Hoheit, ist die Geschichte meiner vierten Reise.«   »Gut,« bemerkte der Pascha. »Ich habe nie zuvor von einer so großen Schlange gehört – vielleicht Du, Mustapha?« »Nie, durchlauchtige Hoheit; aber Reisende sehen wundersame Dinge. In welcher Ausdehnung wollt Ihr den Mann Eure Gnade kosten lassen?« »Gib ihm zehn Goldstücke,« sagte der Pascha, indem er sich von feinem Thronsessel erhob und hinter den Vorhang wackelte. Mustapha zahlte die Zecchinen aus. »Nimm guten Rath an, Selim,« sagte er. »Es würde Seiner Hoheit viel besser gefallen, wenn Du mehr auf der See bliebest und ein bischen mehr Wunderbares erzähltest. Dein Weib da, die Cerise, wie Du sie nennst, ist eine gar langweilige Person.« »Na, ich will sie mir morgen vom Halse schaffen. Aber ich kann Euch sagen, Vezier, daß ich mein Geld redlich verdienen muß, denn 's ist eine erschöpfende Arbeit – und außerdem mein Gewissen.« »Heiliger Prophet! Da höre man nur – sein Gewissen! Geh', Heuchler; ertränke es heute Nacht in Wein, und es wird morgen todt seyn. Vergiß mir nur nicht, Dein Weib umzubringen.« »Erlaubt mir, zu bemerken, daß ihr Türken sehr wenig Geschmack habt. Gleichwohl will ich sie mir nach eurer eigenen Methode vom Halse schaffen – sie soll im Meere ertrinken.« » Bashem ostun – auf mein Haupt komme es!« Eilftes Kapitel. Am andern Tage brachte der Pascha seine Geschäfte in großer Eile zu Ende, denn Mustapha hatte ihm angedeutet, daß der Renegat seine fünfte Reise für die allerwunderbarste halte. Selim wurde wie früher eingeführt und begann die Erzählung. Huckabacks fünfte Reise. »Eure Hoheit mag sich wohl wundern, daß ich mich wieder auf den trügerischen Ocean hinauswagte, nachdem ich doch jetzt im Besitze von Reichthum, Rang und einer bezaubernden Gattin war. Indeß hat Eure Hoheit natürlich von der gräuelvollen Revolution gehört, die in Frankreich stattfand.«   »Frankreich? Ja, ich glaube, es gibt ein Land, das so heißt. Indeß kann ich nicht sagen, daß ich je etwas von der Revolution gehört hätte. Heiliger Prophet, was diese Leute nicht für seltsame Vorstellungen haben!« fuhr der Pascha gegen den Vezir fort. »Bilden sie sich ein, wir kümmerten uns um das, was in ihren barbarischen Ländern vorgeht! Du magst fortfahren, Huckaback.«   Es wird nöthig seyn, durchlauchtige Hoheit, einige Worte über den Gegenstand zu sagen; ich will mich jedoch so kurz wie möglich fassen. Eines Tages umgab ein Haufen Marseiller Bürger, die rothe Mützen auf den Köpfen trugen, ihre Hemdärmel aufgeschlagen hatten und mit verschiedenen Waffen ausgerüstet waren, mein Schloß und verlangten von mir eine unvorzügliche Erklärung, ob ich für die Einberufung der Generalstaaten sey. Ich antwortete: »von Herzen gerne, wenn sie es wünschten.« Sie brachten mir sodann ein Vivat und zogen weiter. Bald nachher kamen sie wieder und wollten von nur wissen, ob ich für den National-Convent sey. Meine bejahende Antwort stellte sie zufrieden und sie verschwanden abermals. Zum dritten Male erschienen sie, um mich zu fragen, ob ich ein Republikaner sey, und ich fertigte sie auf's Neue mit einem Ja ab. Das vierte Mal wollten sie wissen, ob ich es mit den Girondisten halte. Ich erklärte mich für einen Angehörigen dieser Partei und hoffte, nunmehr mit keinen weiteren Fragen behelligt zu werden. Aber ehe zwei oder drei Monate abgelaufen waren, kam ein anderer Haufen, welcher sich überzeugen wollte, ob ich ein ächter Jakobiner sey, – eine Eigenschaft, zu der ich mich feierlich bekannte. Wieder einmal frugen sie mich, ob ich lieber Bürger heißen oder mir den Kopf abschlagen lassen wolle. Ich erklärte mich zu Gunsten des erstern und machte ihnen mit meinem Marquis-Titel ein Geschenk. Aber endlich umringten sie mein Haus unter lautem Geschrei, erklärten mich für einen Aristokraten und bestanden darauf, meinen Kopf auf einer Pike fortzutragen. Ich betrachtete dies für einen Punkt, gegen den ich Vorstellungen erheben müsse, und gab ihnen die Versicherung, daß ich, obschon ich das Eigenthum gekauft habe, kein Aristokrat, sondern im Gegentheil ein bürgerlicher Barbier von Marseille sey. Den Marquis-Titel, den ich mit dem Eigenthum erworben, habe ich aufgegeben, und es stünden mir deßhalb durchaus keine aristokratischen Ansprüche zu. Sie bestanden jedoch auf dem Beweise, befahlen einem Diener, die geeigneten Materialien herbeizubringen, und forderten mich auf, ein Dutzend aus ihrem Haufen zu rasiren. Ich schabte aus Leibeskräften darauf los und entledigte mich der Aufgabe so sehr zu ihrer Zufriedenheit, daß sie mich umarmten und schon wieder aufbrechen wollten, als mit einem Male eines der Weiber verlangte, daß ich zum Beweise meiner Aufrichtigkeit meine Gattin, deren aristokratische Herkunft bekannt war, ausliefern solle. Wir Alle haben unsere Augenblicke der Schwäche. Wäre ich klug genug gewesen, dem Ansinnen zu willfahren, so hätte Alles gut ablaufen können; aber, obgleich ich schon zwölf Jahre in der Ehe gelebt hatte, war ich doch thöricht genug, vor der Aussicht Anstand zu nehmen, daß der Kopf meiner bezaubernden Cerise auf einer Pike weggetragen werden sollte. Meine Gattin konnte sich nur von mir des Schutzes versehen und ich stellte den Eindringlingen vor, obgleich von adeliger Abkunft, habe sie sich doch auf eine Höhe mit mir gestellt, indem sie einen Bürger-Barbier heirathete. Nach kurzer Berathung kamen sie darin überein, daß sie genugsam herabgewürdigt sey, um am Leben bleiben zu dürfen, und nachdem sie meine Keller aufgebrochen hatten, um meine Gesundheit zu trinken, entfernten sie sich. Ich hatte jedoch bald Ursache, meine Thorheit zu bereuen. Cerise war eine schöne Frau, die im Unglück treu an mir gehangen hatte; aber der Wohlstand war sowohl ihr, als mein Verderben. Sie hatte bereits eine Affaire mit einem Grafen gehabt, und denselben letzter Zeit gegen einen schönen, jungen Abbé vertauscht. Indeß macht man sich in unserm Lande nicht viel aus solchen kleinen Egarements, und ich hatte weder Zeit noch Neigung, mich in ihre Angelegenheiten zu mischen. Mit ihrer aufrichtigen Freundschaft mich begnügend, konnte ich ihr wohl einige kleine Treulosigkeiten vergeben, und nichts hatte die Ruhe und die Heiterkeit unsers Hauswesens getrübt, bis ich mich zu dem unglücklichen Exposé genöthigt sah, in ihrer Gegenwart zu beweisen, daß ich ein Barbier gewesen sey. Ihr Stolz empörte sich über den Gedanken, einen solchen Bund eingegangen zu haben, und ihre Gefühle gegen mich wandelten sich in die des tödtlichsten Hasses um. Obgleich ich ihr Leben gerettet hatte, beschloß sie doch undankbarer Weise, das meine zu opfern. Dem kleinen Abbé war vor einigen Wochen der Kopf abgeschlagen worden, und sie bildete jetzt eine Liaison mit einem Jakobiner, welcher ihr seine Liebe dadurch beweisen sollte, daß er mich als einen Aristokraten anschwärzte. Zum Glück erhielt ich noch in Zeiten Kunde, um nach Toulon entwischen zu können. Mein Weib und – was von noch größerer Bedeutung war – mein ganzes Eigenthum den Händen des Jakobiners überlassend, schloß ich mich dem Pöbel an. Ich gelobte Rache allen Aristokraten und wurde einer der ungestümsten Sansculotten-Führer. Zwei Monate später, als sich Toulons Thore der Armee öffneten und ich eben bei einer Noyade mithalf, hatte ich das Vergnügen, meinen jakobinischen Stellvertreter, welcher nun seinerseits verklagt worden war, Rücken an Rücken mit einem Frauenzimmer zusammengebunden zu sehen. Die Dame war meine angebetete Cerise. Ich hatte keine Zeit, sie anzureden, denn das Pärlein wurde an Bord des Schiffes geschleudert. Es versank mit ihnen und einigen hundert Andern. Das aufgelöste nußbraune Haar meiner Gattin schwamm noch ein paar Sekunden auf den Wellen, nachdem ihr Kopf bereits verschwunden war, und ich seufzte bei der Rückerinnerung an die vergängliche Wonne, die mir Wohlstand und Liebe eine Zeitlang an der Seite meiner bezaubernden Cerise gesichert hatten.   »Und sie ist jetzt wirklich todt, Huckaback?« fragte der Pascha. »Ja, durchlauchtige Hoheit.« »Allah Kerim – Gott ist höchst barmherzig. So wären wir doch endlich mit dem Weibsbild fertig, und die Geschichte kann nun ungestört fortgehen.«   Ich habe Grund zu glauben, daß ich wahrscheinlich eine bedeutende Person geworden wäre, wenn ich hätte in Frankreich bleiben können; doch ein abermaliger, thörichter Versuch von meiner Seite, das Leben des alten Advokaten zu Marseille zu retten, welcher mir zur Wiedererwerbung meines väterlichen Eigenthums verholfen hatte, machte mich verdächtig. Wohl wissend, daß zwischen Argwohn und Guillotine nur wenige Stunden lagen, stahl ich mich an Bord einer italienischen Brigg, welche durch das schlechte Wetter hereingetrieben worden war, und bewirkte so mein Entkommen. Das Schiff wollte in Nordamerika eine Ladung Salzfische holen, welche im nächsten Frühjahr verzehrt werden sollte, und hatte fünfzehn Mann Matrosen an Bord. Der Kapitän war bei der Ausfahrt sehr krank und schrieb die Schuld auf Rechnung eines Becher Weins, den seine Frau mit ihren Thränen gemischt und ihm beim Abschied zum Trinken gegeben hatte. Im Verlauf unserer Reise siechte er allmählig mehr und mehr dahin, bis er endlich sein Bette nicht mehr verlassen konnte, und da sich außer mir Niemand an Bord befand, welcher eine Schiffsgissung führen konnte, so wurde diese Obliegenheit auf mich übertragen. Einige Tage vor seinem Tode ließ mich der Kapitän rufen. »François,« sagte er, »mein Weib hat mich vergiftet, damit ich nicht wieder zurückkehre, um ein Verhältniß zu stören, das sie während meiner Anwesenheit angeknüpft hatte. Ich habe weder Kinder noch Verwandte, die sich je um mich gekümmert hatten, und da ich eben so gut Eigentümer der Ladung, als Kapitän dieses Schiffes bin, so ist meine Absicht, das Ganze Euch zu übermachen. Ihr habt die größten Ansprüche daran, denn es ist außer Euch Niemand an Bord, der das Fahrzeug schiffen könnte. Versteht mich wohl – ich wähle Euch nicht so fast aus besonderer Vorliebe zum Erben, sondern nur deßhalb, damit mein Eigenthum nicht in die Hände meines Weibes komme. Ihr habt daher mehr dem Himmel, als mir für Euer gutes Glück zu danken. Zur Erwiederung müßt Ihr mir nur Eines versprechen und es auch bei Eurer Ankunft in Italien treulich halten – laßt für meine Seele fünfhundert Messen lesen.« Ich leistete bereitwillig das mir abverlangte Versprechen, worauf der Kapitän sein Testament aufsetzte und es der ganzen Schiffsmannschaft als Zeugen vorlas: es enthielt die Verfügung, daß Schiff und Ladung nach seinem Tode mir gehören sollten. Zwei Tage darauf verschied er. Wir nähten ihn in eine Hängematte und warfen ihn über Bord. Obgleich es damals ganz windstill war, trat doch unmittelbar nachher ein Sturm ein, der sich bis zu einem Orkan steigerte. Wir mußten vor dem Winde segeln und lenseten mehrere Tage unter kahlen Stangen, bis ich endlich fand, daß wir mitten im atlantischen Ocean und außer der Fahrstraße aller Schiffe standen. Das Wetter wurde allmählig milder und wir breiteten wieder unser Tuch vor der Brise aus. Meiner Gissung zufolge waren wir viele hundert Stunden von was immer für einem Lande entfernt; aber zu meinem Erstaunen sah ich mehrere Wasservögel von einer Art, die sich nur selten weit von der Küste entfernt, das Schiff umschwirren. Ich sah ihnen bis Sonnenuntergang zu und bemerkte, daß sie ihren Flug nach Südosten nahmen. In der Hoffnung, ein bis jetzt noch nicht entdecktes Land aufzufinden, steuerte ich das Schiff die Nacht über in dieselbe Richtung, und am andern Morgen früh fanden wir uns in der Nähe einer sehr hohen, konisch geformten Insel, die ungefähr vier bis sechs Stunden lang seyn mochte und auf keiner Karte angezeigt war. Ich beschloß, sie zu untersuchen, und warf in einer kleinen Bai Anker. Einige Häuser, die in der Nähe des Ufers standen, verkündigten mir, daß sie bewohnt sey; indeß konnte ich weder Kanonen, noch Festungswerke unterscheiden. Wir hatten unsere Segel noch nicht beschlagen, als ein Boot von der Küste abschob und auf uns zuruderte. Es langte bald neben uns an und setzte uns eben so sehr durch die Eigentümlichkeit seines Baues, als durch das Aussehen der Leute, welche sich an Bord befanden, in Erstaunen. Das Fahrzeug war ein weiter Kahn mit schönem Schnitzwerk und eingelegten Goldverzieruugen. Von einem im Stern aufgepflanzten Stabe wehte eine Flagge herunter, die in weißem Felde die Goldstickerei einer Fontaine zeigte. Die drei Männer, namentlich aber derjenige, welcher in den Sternschooten saß, trugen eine Kleidung, die reich mit Goldfäden verziert war. Am meisten setzte uns aber die Eigenthümlichkeit ihrer Farbe in Erstaunen; ihre Gesichter waren zwar gut geformt, aber vom schönsten Himmelblau; dabei hatten sie schwarze Augen und braune Haare. Der Mann in den Sternschooten kam zu uns an Bord, redete mich in vortrefflichem Portugiesisch an und fragte mich, ob ich diese Sprache verstehe. Nachdem ich ihm mit Ja geantwortet hatte, bewillkommte er mich im Namen des Königs und erkundigte sich nach der Zahl meiner Mannschaft – ob ich Kranke an Bord hätte, und was dergleichen mehr war. Er schrieb sodann alle meine Angaben mit einem Stücke rothen Zinnobers auf goldene Täfelchen nieder. Nachdem er mit seinen Fragen zu Ende war, theilte er mir folgende Einzelnheiten mit. Die ursprüngliche Bevölkerung dieser Insel stamme von einem der Schiffe her, welches zu Vasco de Gamas Geschwader gehörte; es habe, mit den Produkten des Ostens und Probe-Exemplaren der verschiedenen Einwohner aus den neu entdeckten Gebieten beladen, den Rückweg antreten wollen, sey aber verschlagen worden und gescheitert. Die sehr fruchtbare und wohl versehene Insel sey eine einzige Goldmine, deren Erzeugniß sie in Ermangelung anderer Metalle zu den gewöhnlichen Geräthschaften verwenden müßten. Die größte Merkwürdigkeit der Insel bestehe aber in einer Wasserquelle, die am Fuße des mittleren Berges entspringe; sie sey von schöner Farbe und bringe langes Leben allen denen, die daraus tränken; von ihr habe die Insel den Namen »Insel der goldenen Quelle« erhalten. Vor dreihundert Jahren hätten die ersten Ankömmlinge aus Männern und Weibern bestanden, die verschiedenen Nationen und Farben angehörten; das Clima aber und der Gebrauch des Wassers habe im Lauf der Zeit ihre Farbe in Blau umgewandelt. Man finde das gleiche Pigment bei allen Einwohnern, nur mit dem Unterschiede, daß die Weiber nicht so dunkel seyen, wie die Männer. Nur wenige Schiffe seyen je an der Insel angelangt, und die Mannschaft derselben habe es stets vorgezogen, an Ort und Stelle zu bleiben. Dies erkläre den Umstand, daß sie so ganz unbekannt sey. Der König habe eine große Vorliebe für Fremde und beherberge sie stets in seinem Palaste, welcher dicht neben der goldenen Quelle stehe. Er schloß mit der Bitte, daß ich ihn an's Land begleiten und dem König meine Aufwartung machen möchte, indem er zugleich andeutete, wenn ich nicht zu bleiben wünsche, werde mir Seine Majestät gestatten, mein Schiff mit so viel Gold zu beladen, als es führen könne, da dieses Metall, welches in andern Ländern so hoch geschätzt werde, auf der Insel nur wenig Werth habe. Ich muß gestehen, daß ich über diese Erzählung höchlich erfreut war. Ich hielt mein Glück für gemacht und beeilte mich, den Gesandten zu begleiten, welcher mir bedeutete, der König werde nicht zufrieden seyn, wenn ich nicht dem größeren Theile meiner Schiffsmannschaft gestatte, mit nach dem Palaste zu kommen. Nach dem erhaltenen Berichte war es meinen Leuten gleichfalls sehr darum zu thun, an's Land zu gehen, und da mir meine Führer versicherten, die Bai liege auf der Leeseite der Insel und es stehe deßhalb von dem Winde für mein Schiff nichts zu besorgen, so willigte ich in ihre Wünsche, indem ich Allen, bis auf zwei, erlaubte, das Schiff zu verlassen. Als wir bei dem Dorfe an's Land stiegen, waren wir nicht wenig überrascht, bemerken zu müssen, daß sogar die Schweinströge, die Pfosten, die Geländer – kurz alle Artikel, die in Metall ausgeführt werden konnten, aus gediegenem Golde bestanden. Indeß hatten wir keine Zeit zu weiterer Untersuchung, denn wir trafen auf mehrere Schleifen, die in der Nähe des Ufers auf uns warteten und mit kleinen Stieren bespannt waren. Wir stiegen auf, und die Thiere eilten raschen Trabes einen glatten Weg hinan. In weniger als zwei Stunden erreichten wir den Palast des Königs, ein ausgedehntes Gebäude von nicht besondere merkwürdiger Architektur, das sich aber doch durch den ungewöhnlichen Anblick großer goldener Säulen auszeichnete, welche einen Portikus bildeten und sich von einer Seite zur anderen erstreckten. Aber wie erstaunten wir erst, als wir abgestiegen waren und durch den Portikus gingen über die wunderbar schönen Statuen, mit welchen er verziert war. Sie standen auf Gestellen von polirtem Gold und waren aus einer Art lichtblauen Chalcedons geschnitten, welcher ihnen in Vereinigung mit der meisterhaften Ausführung den Anschein des Lebens gab. Ich staunte jedoch sehr über die wunderlichen Haltungen, welche die Bildhauer gewählt hatten; denn sie waren mehr oder weniger verdreht, obschon das Ebenmaß der Figuren bewunderungswürdig genannt werden konnte. Einige sahen aus, als wären sie im Schlaf auf die Beine gestellt worden. Andere lachten oder weinten und ein paar Andere waren gar im Akte des Erbrechens dargestellt. In der ganzen Reihe konnte ich auch nicht ein einziges Bild bemerken, welches die menschliche Form in einer edlen oder anmuthigen Haltung darstellte, und es that mir wahrhaftig leid um den Geschmack derjenigen, welche so außerordentlich talentvolle Künstler veranlassen konnten, das Ebenbild ihres Schöpfers in so herabwürdigenden Stellungen auszuführen. Ich wollte eben gegen meinen Führer meine Ansicht aussprechen, wurde aber durch die Bemerkung daran gehindert, daß ich im Palaste eines Königs nicht aber in einem Museum sey; Könige hätten ihre Liebhabereien und seyen nicht geneigt, dieselben einer öffentlichen Kritik zu unterwerfen. Als wir an dem Ende des Portikus anlangten, flogen zwei hohe Thüren auf, und das Erstaunen über die Pracht, die sich jetzt vor unsern Augen enthüllte, ließ unsere Lippen verstummen. Der König saß auf einem herrlich ausgearbeiteten Throne. Das köstliche Metall war in allen Farben-Nüancen oxydirt und in wunderschöner Mosaik verarbeitet. Die Decke und die Wände waren gleichfalls mit Gold bedeckt, an einigen Stellen so blank polirt, daß man sich darin spiegeln konnte, an andern aber mit gemeiselten Verzierungen versehen, die sich eben so sehr durch ihre Eleganz, als durch ihre vortreffliche Arbeit auszeichneten. An jeder Seite des Thrones erstreckte sich bis zu der Thüre, durch welche wir eingetreten waren, eine Reihe von Damen, und hinter denselben stand auf einer zwei Fuß hohen Platform eine Reihe von Höflingen – alle in Goldstoff gekleidet, der in verschiedenen Farben Blumenstickereien enthielt, welche die Natur auf's Treueste nachahmten. Die Frauen waren in Vergleichung mit den Männern sehr schön, und ihre bläuliche Farbe machte sie durchaus nicht unangenehm, da ihre Haut dadurch eine gewisse Durchsichtigkeit gewann. Aber keine derselben konnte der Königstochter an die Seite gestellt werden: denn diese war fast weiß und zeigte in ihrem Antlitz sowohl, als in ihrer Form, das vollkommenste Edenmaß. Ihr braunes Haar fiel bis auf ihre Schleppe nieder und war mit kleinen Ketten polirten Stahles verziert, welche sich durch die Zöpfe schlangen. Sie saß zu den Füßen des Thrones in der Nähe des Königs, und ich war so erstaunt über ihre himmlische Gestalt, daß ich mich auf die Komplimente, die ich Seiner Majestät zugedacht hatte, gar nicht mehr besinnen konnte, sondern sprachlos stehen blieb. Der König empfing uns sehr huldreich. Er stellte viele Fragen an mich und forderte, als er nach einer halben Stunde die Audienz schloß, einige der schönsten Damen auf, sie sollten sich je einen meiner Begleiter auslesen und für dessen Bequemlichkeit und Unterhaltung Sorge tragen. Jedes Land hat seine eigenen Gebräuche, und ich vergesse zu erwähnen, daß mir hierorts einer ganz besonders auffiel. Als ich nämlich den Ceremonienmeister fragte, welche Huldigung gewöhnlich dem König des Landes gezollt wurde, theilte er mir mit, man strecke gegen denselben in gleicher Höhe mit dem Gesichte die Hand aus und schnippe mit den Fingern nach ihm. Je lauter man schnalzen konnte, als desto eleganter und begabter wurde man betrachtet. Aber in meiner Verwirrung hatte ich diese Weisung ganz vergessen, die mir erst wieder in's Gedächtniß kam, als ich sämmtliche Damen, den Befehlen ihres Souverains gehorsam, die Finger schnippen sah. Ehe sich der König zurückzog, bedeutete er mir, er hoffe, wir würden für einige Tage in seinem Palaste Quartier nehmen; er wolle uns die Ehre erweisen, diesen Nachmittag mit uns zu tafeln. Die ganze Gesellschaft trennte sich jetzt. Diejenigen, welche meine Begleiter in ihre Obhut genommen hatten, führten sie nach verschiedener Richtung ab und ließen mich mit der Princessin allein, die sich nun auf die Weisung ihres Vaters von ihrem Sitze erhob, um mich mit ihrer Sorgfalt zu beehren. Ich hätte vor ihr niederfallen und sie anbeten mögen. Unwillkürlich ließ ich mich auf das eine Knie nieder und sah zu ihrem Antlitz auf, als hätte ich einen himmlischen Besuch vor mir. Sie lächelte und redete mich an: »Es ist mir befohlen worden, für Eure Gemächlichkeit Sorge zu tragen, und ich gehorche den Geboten meines Vaters mit Vergnügen. Nur hoffe ich, daß Euer Glück dauernder seyn möge, als es gewöhnlich in dieser trügerischen Welt der Fall ist.« Und sie seufzte tief. Ich verblieb in meiner knieenden Stellung, und ergieng mich, durch ihre Leutseligkeit ermuthigt, in einen Strom von Lobpreisungen, die von vielen zwar für Complimente gehalten werden würden, ihr gegenüber aber blose Wahrheiten waren. Die Aufregung machte mich beredt, und da ich, wie ich Eurer Hoheit bereits bemerkte, keine üble Person war, so konnte ich aus ihrem Benehmen wohl ersehen, daß ihr meine Bemühungen, ihre Gunst zu erwerben, durchaus nicht unangenehm waren. »Dieselbe Pflicht ist mir, wenn Fremde die Insel besuchten, mehr als einmal zugewiesen worden,« sagte sie; »aber ich wurde ihrer stets bald satt und mußte meine Frauen herbeirufen, daß sie mir Beistand leisteten. Nie zuvor habe ich Jemand gesehen, der Euch gliche; Ihr seyd sanft und ganz anders, als diejenigen, welche in der Regel als die Kapitäne der hier angelangten Schiffe vorgestellt wurden. Ich war dann gleichgültig, wo nicht gar froh, wenn meine Obliegenheit zu Ende ging; aber jetzt sind meine Gefühle anders.« Und sie seufzte abermals. »Wenn es nach mir und meinen Wünsche ginge, schöne Princessin, so fürchte ich, Ihr würdet die Dauer derselben, für sehr lästig halten. Nie habe ich ein so vollkommenes und schönes Wesen erblickt! O daß Eure Aufgabe kein Ende nähme während der ganzen Dauer meines Daseyns!« »Das wäre möglich,« antwortete sie ernst; dann aber schien sie sich zu sammeln, nahm eine heitere Miene an und fuhr fort: »doch wir verlieren Zeit, die wir anders verwenden sollten. Erlaubt mir Herr, den Befehlen meines Vaters zu gehorchen. Ich will versuchen, Euch die Stunden zu verkürzen, indem ich zu Eurer Unterhaltung beitrage.« Sie bot mir ihre Hand, die ich achtungsvoll an meine Lippen erhob, führte mich durch den Palast und lenkte meine Aufmerksamkeit auf jeden Gegenstand, den sie für beachtenswerth hielt. So hatten wir zwei oder drei Stunden im Gespräch oder in Bemerkungen über unsere Umgebung verbracht, als ich noch den Wunsch ausdrückte, die merkwürdige Quelle zu sehen, von welcher die Insel ihren Namen führte. »Ich werde Euch gehorchen,« versetzte sie, und ihr Antlitz nahm abermals einen Ausdruck von Trauer an. Sie ging sodann nach einer Halle von schwarzem Marmor voran, in deren Mitte die Quelle ihr Wasser zwölf oder vierzehn Fuß weit in die Höhe sprudelte; es wurde von einem geräumigen Becken wieder aufgefangen. Das Wasser in Masse hatte alle Farben des Regensbogens, und die funkelnden Tropfen der Fontaine glänzten wie das reinste Gold. »Wie schön!« rief ich nach einigen Minuten stummer Bewunderung. »Dies ist also das Wasser der langen Lebensdauer?« »Und auch der Trunkenheit,« versetzte die Princessin. »Es wird bei der Bankette des Königs auf den Tisch kommen; aber seyd mäßig, Herr, sehr mäßig im Gebrauche desselben.« Ich versprach ihr dies, und wir setzten unsern Spaziergang nach dem Portikus des Palastes fort, wo ich sie auf die Statuen aus blauem Chalcedon aufmerksam machte, indem ich sie bat, mir mitzutheilen von wem sie ausgeführt worden und warum sie sich in so grotesken und ungereimten Stellungen befänden. »Auf diese Frage kann ich nicht weiter antworten, als daß sie auf der Insel gefertigt wurden. Wir müssen jetzt zurückkehren, denn das Bankett des Königs wird bereit seyn.« Wir setzten uns an der Tafel des Königs nieder, das heißt ich und meine Gefährten; denn weder den Höflingen, noch den Hofdamen wurde dieselbe Ehre zu Theil. Jede Dame stand hinter der Person, welche ihrer Obhut anvertraut war, und besorgte die Aufwartung. Meine französische Galanterie fühlte sich schwer verletzt durch den Gedanken, daß meine bezaudernde Princessin die Pflicht eines Miethlings erfüllen sollte, und ich drückte meine Gesinnung in gedämpfter Stimme gegen sie aus. Sie schüttelte den Kopf, wie zum Verweise, und ich sagte nichts mehr. Nach Beendigung des Banketts ließ der König das Wasser der goldenen Quelle herbeibringen. Die Diener füllten unter lauter Erhebung seiner Tugenden für jeden Gast eine Schale, welche demselben durch seine aufwartende Dame überreicht wurde. Wahrend die Princessin mir den Becher anbot, drückte sie mit einem ihrer Finger meine Hand, um mich an mein Versprechen zu erinnern. Ich trank nur sparsam, aber die Wirkung war augenblicklich – meine Lebensgeister hoben sich und ich fühlte eine Art geistiger Trunkenheit. Auf ein Zeichen des Königs nahmen nun die Damen ihre Sitze an unserer Seite, und ihre Aufmerksamkeiten und Liebkosungen steigerten das Verlangen nach dem Wasser, welches sie im Ueberflusse verabreichten. Ich muß gestehen, daß mir bei jedem Schlucke die Princessin, welche an meiner Seite Platz genommen hatte, meinen Augen liebenswürdiger erschien, und obschon sie mich wiederholt durch einen Druck ihrer Füße an mein Versprechen erinnerte, konnte ich doch dem Antriebe zu trinken, nicht widerstehen Der Hochbootsmann und einer der Matrosen waren Trunkenbolde und hatten bald so viel von dem Wasser hinuntergegossen, daß sie ohne Bewußtseyn und Bewegungsfähigkeit von ihren Stühlen auf das Marmorpflaster niederfielen. Dies brachte mich wieder zur Besinnung, die mir rasch entschwinden wollte. Ich erhob mich von meinem Sitze, bemerkte meinen Begleitern, daß es sich schlecht ziemen würde, sich in der Gegenwart der Majestät zu berauschen und forderte sie auf, nicht nur nicht mehr zu trinken, sondern auch die Tafel zu verlassen, ehe sie unfähig wären, ihren schönen Führerinnen die gebührende Aufmerksamkeit zu erweisen. Das letztere Argument übte mehr Gewicht als das erste, und sie verließen die Tafel ungeachtet der Vorstellungen des Königs, welchem sehr viel daran gelegen zu seyn schien, daß sie blieben. Die beiden Betrunkenen wurden von einigen Höflingen weggetragen, und der König verließ augenscheinlich mißvergnügt die Halle. Ich war wieder mit meiner bezaubernden Prinzessin allein. Entzündet von dem aufregenden Trank den ich genossen, warf ich mich ihr zu Füßen und erklärte ihr meine ungestüme Leidenschaft nebst meinem Wunsche, die Insel nie zu verlassen, wenn sie mich mit ihrer Gegenliebe beglücken könne. Ich bemerkte daß ich Eindruck gemacht hatte, und bedrängte sie, die günstige Gelegenheit benützend, mit meinen Betheurungen, denen sie geduldig zuhörte, bis der Abend einbrach, der uns noch immer auf den Stufen des Thrones sitzend fand. Endlich stand sie auf und sagte: »Ich weiß nicht, ob Ihr es mit Euren Worten aufrichtig meint, obschon ich es hoffe; denn ich würde mich in der That sehr elend fühlen, wenn sich das Gegentheil herausstellen sollte. Aber Ihr steht jetzt unter dem Einfluß des berauschenden Wassers und könntet Euch selbst täuschen. Kommt, es ist Zeit, daß ich Euch nach Eurem Gemache führe, wo Ihr die aufregende Wirkung der goldenen Quelle wegschlafen müßt. Wenn Ihr morgen früh derselben Ansicht seyd, so finde ich vielleicht Anlaß, Euch eine Entdeckung zu machen.« Ich spürte am andern Morgen kein Kopfweh nach der Unmäßigkeit der vorangegangenen Nacht. Sobald ich das Gemach verließ, begegnete mir außen die Prinzessin. »Ich bin noch immer desselben Sinnes, theure Prinzessin,« sagte ich, indem ich einen Kuß auf ihre Hand drückte. »Für Euch allein will ich leben – oder sterben, wenn ich nicht bei Euch bleiben kann!« Sie lächelte und antwortete: »So will ich denn auch für Euch Alles opfern, denn bis ich Euch erblickte, wußte ich nie, daß ich ein Herz hatte. Steht auf und folgt mir – Ihr sollt Alles erfahren.« Wir gingen durch die große Halle, mit welcher sämmtliche Schlafgemächer in Verbindung standen, und sie führte mich durch einen großen Gang nach einem Saale, in welchem mehrere goldene Piedestale ohne Statuen standen. Am hintersten Ende bemerkte ich zu meinem Entsetzen, daß zwei derselben bereits mit den Gestalten des Hochbootsmanns und des Matrosen besetzt waren, die sich Abends zuvor betrunken hatten. Sie waren jetzt in denselben blauen Chalcedon umgewandelt, aus welchem die Statuen in dem Portikus bestanden. »Erkennt Ihr diese Gestalten?« fragte die Prinzessin. »Allerdings,« antwortete ich erstaunt. »Dies sind die Wirkungen,« fuhr sie fort, »wenn man sich in dem Wasser der goldenen Quelle betrinkt. Es enthält eine so große Menge Kieselerde in sich aufgelöst, daß man nur ein einzigesmal seine Sinne durch wiederholte Züge zu betäuben braucht, um in wenigen Stunden am eigenen Körper die Wirkung zu erfahren, die Ihr hier vor Augen seht. Auf diese Weise hat mein Vater die verschiedenen Statuen gewonnen. Sie rühren sämmtlich von Leuten her, welche vordem in verschiedenen Schiffen die Insel besuchten, und nicht ein einziger Mann ist je davon zurückgekehrt. Das Wasser hat auch die Kraft, das Leben zu verlängern und die Herzen derjenigen zu versteinern, welche es in Masse genießen. Die Grausamkeit meines Vaters findet daher bei seinen Unterthanen keinen Anstoß; denn wenn diese eines schweren Verbrechens überwiesen werden, müssen sie von dem Wasser trinken und werden als Denkzeichen seines Zornes an verschiedenen Theilen der Insel aufgestellt. Ihr fragt mich, wie es komme, daß ich nicht ebenso verhärtet sey, wie die anderen Einwohner? Der Grund liegt darin, daß ich von Natur aus ein welches, wohlwollendes Herz besitze. Meine Mutter beklagte dies, weil sie fühlte, es werde nicht dazu beitragen, in dieser Welt voll Grausamkeit und Täuschung mein Glück zu erhöhen, und ließ sichs sehr angelegen seyn, mich zum Trinken des Wassers zu bewegen. Aber was uns in der Kindheit aufgedrungen wird, erfüllt uns in der Regel bei zunehmenden Jahren mit Abscheu. Die Folge davon war, daß ich seit ihrem Tode, der sich in meinem siebenten Lebensjahre zutrug, nie mehr von dem Wasser genoß. Hätte ich Euch nicht diese Enthüllung gemacht, so würdet Ihr und alle Eure Gefährten wahrscheinlich heute Abend das Opfer geworden seyn, denn dem Bankette wird wieder wie gestern das Wasser folgen. Meine Zuneigung zu Euch, ist, wie ich hoffe, das Mittel gewesen, das Leben derjenigen, welche noch übrig sind, zu retten.« »Fluchwürdiger Verrath!« rief ich. »Aber was ist jetzt anzufangen?« »Ihr müßt fliehen. Ermahnt Eure Leute, diesen Abend nicht zu trinken, und besinnt Euch auf einen Vorwand, um morgen Vormittag auf ein paar Stunden an Bord zu gehen. Was mich betrifft – – »Ohne Euch, Prinzessin, kann und will ich nicht gehen. Entweder willigt Ihr ein, mich zu begleiten, oder ich bleibe hier und setze Alles aufs Spiel; denn ich will lieber als todte Statue in den Portikus Eures Palastes aufgestellt werden, als mit einem gebrochenen Herzen die Insel verlassen.« »Dann ist er also treu. Es gibt wirklich in dieser Welt Einige, die gut und nicht trügerisch sind!« rief die Prinzessin, und fiel auf ihre Kniee nieder, während ihr die Thränen über die Wangen herunterträufelten. »Ich bin überzeugt, Ihr werdet mich freundlich behandeln,« fuhr sie fort, indem sie meine Hand in der ihrigen hielt; »wo nicht, so wird es mein Tod seyn.« Ich drückte sie an meine Brust und gelobte ihr Liebe bis in den Tod. Wir eilten sodann nach meinem Gemache zurück, um daselbst unsere Vorbereitungen zu verabreden. Im Laufe des Vormittags fand ich Gelegenheit, meine Begleiter, bis auf einen einzigen, den ich nicht auffinden konnte, vor der ihnen bevorstehenden Gefahr zu warnen. Abends setzten wir uns wieder zu dem Bankett nieder; das Wasser wurde aufgetragen und der Eine, den ich nicht warnen konnte, sank bald in betrunkenem Zustand von seinem Stuhle herunter. Ich nahm dieß zum Vorwande, weiteres Trinken zu untersagen. Einen zürnenden Ton gegen meine Begleiter erkünstelnd, entschuldigte ich mich gegen den König wegen ihrer Respektswidrigkeit gegen die Majestät und stand trotz aller königlichen Vorstellungen von der Tafel auf. Am andern Morgen drückte ich meinen Wunsch aus, für einige Stunden nach meinem Schiff zurückzukehren, um für den König ein Geschenk in Elfenbein zu holen, weil ich gehört hatte, daß dies günstige Aufnahme finden dürfte. Die Prinzessin erbot sich uns zu begleiten, und der König, dem eine derartige Aufsicht gelegen kam, willigte in unsere Abreise unter der Bedingung, daß wir nicht ermangeln würden, uns beim Bankett wieder einzufinden. Wir sagten dies zu. Während die Schleifen zugerüstet wurden, bat ich die Prinzessin, mir einige Flaschen des goldenen Wassers zu besorgen, damit ich sie als Merkwürdigkeit den gelehrten Gesellschaften Europas zum Geschenke machen könne. Sie entsprach meinem Wunsche, verbarg die Flaschen in ihrer eigenen Schleife und nahm auch sonst noch unterschiedliche Anzugsartikel mit, die sie nicht nur unbemerkt aus dem Palaste fortschaffte, sondern auch ohne Vorwissen meiner Begleiter mit an Bord brachte. Ich kappte jetzt unverweilt meine Kabeln und segelte eiligst aus der Bai, ohne auch nur im mindesten belästigt zu werden, da die Eingebornen nichts von meinen Absichten ahneten. Nie zuvor hatte ich mich so glücklich gefühlt, wie jetzt, als ich wieder einmal in Gesellschaft meiner schönen Prinzessin, deren liebevolles Wesen sie mir mit jedem Tage theurer machte, auf den Wellen schwamm. Bei unsrer hastigen Flucht hatten wir unglücklicher Weise ganz vergessen, daß unsere Wasserfässer fast leer waren; denn wir sahen uns jetzt bald bis auf einen halben Schoppen für den Tag verkürzt. Um unsere Lage noch unseliger zu machen, wurde das Wetter übermäßig heiß, und allen meinen Gegenvorstellungen zum Trotze, wußten meine Leute doch jede Nacht einen Theil des noch nicht verbrauchten Wassers zu entwenden, so daß wir zuletzt in eine Windstille geriethen, ohne einen Tropfen Wassers am Bord zu haben. Aber alle meine Besorgnisse wurden nun durch eine weit größere Angst aufgezehrt. Meine theure Prinzessin, welche an jeden Luxus und an ein schönes Klima gewöhnt war, konnte die dumpfe Gefangenschaft in einem Schiffe unter einer Tropensonne nicht ertragen und wurde von einem Fieber befallen. Trotz aller meiner Sorge und Aufmerksamkeit starb sie am dritten Tage ihrer Krankheit in meinen Armen, segnete mich für meine treue Liebe und bedauerte nur, aus der Welt gerufen zu werden, nachdem sie so kürzlich erst einen Gegenstand gefunden, durch den ihr das Leben werth geworden wäre. Ich warf mich auf – – – «   Der Renegat schien jetzt sehr ergriffen zu seyn. Er bedeckte sein Gesicht mit den weiten Aermel seines Unterkleides und schwieg eine Weile. »Bei Gott und seinem Propheten! Diese Franken sind doch große Narren, wenn eine Weibsperson mit ins Spiel kömmt,« bemerkte der Pascha gegen Mustapha. »Gleichwohl muß ich zugeben, daß mir diese Prinzessin besser gefällt, als Cerise, und es thut mir leid, daß sie todt ist. Fahre fort, Huckaback – wohin warfst Du Dich?«   »Auf ihre Leiche,« fuhr der Renegat wehmüthig fort, »und blieb viele Stunden auf derselben liegen. Endlich steigerte sich meine Verzweiflung dermaßen, daß ich ganz gleichgültig war gegen Leben oder Tod. Ich begab mich aufs Deck, wo ich meine Mannschaft in demselben Zustande traf; denn der verzehrendste Durst sengte ihre Körper. Ich verhöhnte sie jedoch, lachte über die endlose Wasserfläche, die, so weit die Augen reichen konnten, auch nicht durch die leichteste Welle gekräuselt wurde, und blickte spottend nach der Sonne auf, welche ihre Licht- und Wärmestrahlen senkrecht niedergoß, als wolle sie uns Alle verzehren. Nur ein einziger Gegenstand schwebte meiner Seele vor – der Wunsch mich mit meiner angebeteten Freundin wieder zu verewigen. Plötzlich fielen mir die Flaschen mit dem goldenen Wasser ein, die ich bisher ganz vergessen hatte. Ich eilte in die Kajüte hinunter, fest entschlossen, mich zu berauschen und in dieser Weise aus einer Welt voll Täuschung und unverwirklichten Genusses zu scheiden. Als fürchtete ich, der Geist meiner geliebten Prinzessin sey mir schon zu weit nach den Gefilden des Segens vorangeeilt, daß ich nicht mehr im Stande sey, sie zu erkennen, wenn ich die Last eines irdischen Leibes abgeschüttelt habe und in der Lage sey, ihr zu folgen, ergriff ich eine Flasche und goß mir mit von Beklommenheit zitternder Hand ein Glas ein, welches ich austrank. Ich war eben im Begriff, es wieder zu füllen, als der gurgelnde Ton die Ohren meiner Gefährten traf. Sie stürzten herunter, gleich den hinsterbenden Thieren, wenn sie in der Wüste die Musik eines Quells hören, brachen tumultuarisch in die Kajüte, rissen mir trotz meiner Vorstellungen, daß sie mir doch so viel lassen möchten, als ich zu Erfüllung meines Wunsches brauche, die Flasche aus der Hand, griffen nach den übrigen und leerten sie in einigen Sekunden mit tiefen Zügen, worauf sie lachend und jubelnd nach dem Decke zurückkehrten. Das Wasser, welches ich bereits getrunken hatte, brachte wenigstens eine gute Wirkung hervor; es verhärtete mein Herz für eine Weile und ich verfiel in eine Art stoischer Gleichgültigkeit, welche viele Stunden anhielt. Dann begab ich mich auf das Deck, wo ich alle meine Begleiter in blauen Chalcedon verwandelt sah – nicht einer davon war mehr am Leben. Auch der Himmel hatte sich geändert . Wolken verdunkelten die Sonne, der Wind hob sich und hin und wieder blies ein ächzender Windstoß durch das Takelwerk. Die Vögel kreischten und die Wasserlinie des dunklen Horizonts säumte sich mit Schaum. In der Ferne rollte der Donner und ich bemerkte, daß ein Aufruhr der Elemente nahe war. Die Segel waren gesetzt und ich vermochte nicht, sie ohne Beistand einzuziehen; aber mein Schicksal war mir gleichgültig. Die Blitze zuckten nun in allen Richtungen und große Regentropfen plätscherten auf das Deck nieder. Mit den Mitteln zur Erhaltung meines Daseyns kehrte auch der Wunsch zum Leben zurück. Ich breitete die ledigen Segel aus, und während das Wasser in Strömen niederschoß, füllte ich die leeren Fässer, so oft sich das Schiff, dem Winde gehorsam, seitwärts neigte. Ich dachte an nichts Anderes, bis mein Geschäft vollendet war. Sorglos schritt ich über die Leichen meiner Gefährten hin. Die Segel wurden von den Raaen geblasen, die Raaen selbst knackten ab, die Stengen gingen über Bord, und das Schiff flog auf den kochenden Wellen dahin. Aber ich achtete nicht darauf, sondern füllte die Fässer mit Wasser. Nachdem meine Arbeit beendigt war, trat eine Gegenwirkung ein und ich erinnerte mich meines erlittenen Verlustes. Ich stieg nach der Kajüte hinunter. Da lag sie in all' ihrer Schönheit. Ich küßte die kalten Wangen, hüllte ihren theuern Leib ein, trug ihn aufs Deck und ließ ihn in die Wellen nieder. Während die Leiche unter den tobenden Wassern verschwand, war es mir zu Muth, als wolle mein Herz die Bande seines Busens sprengen und in die erzürnte Fluth nachhüpfen, um sich mit ihr zu vereinigen. Von der Aufregung meiner Gefühle erschöpft, sank ich ohnmächtig nieder. Wie lange ich so liegen blieb, kann ich nicht sagen; aber es war fast dunkel, als ich meine Besinnung verlor, und wie ich wieder zu mir kam, stand die Sonne hoch am Himmel. Das Schiff flog noch immer vor dem Sturme dahin, welcher jetzt in wiederstandloser Wuth tobte. Die zerrissenen Segel flogen vor den untern Raaen her, wie Bänder und Wimpel, und die Wracke der Stengen tauchen zur Seite durch die schäumenden Wellen. Die versteinerten Körper meiner Gefährten lagen auf den Decken und wurden von dem Wasser bespült, welches in das Schiff herein schoß, so oft es von der einen Seite gegen die andere rollte; die Schanddecke schienen mit einander zu wetteifern, welches die meiste Flüssigkeit schöpfen könne. »Bist du also deines Daseyns eben so müde, wie ich?« redete ich das Schiff an. »Hast du endlich entdeckt, daß du nur Schwierigkeiten und Gefahren zu erstehen hast, so lange du schwimmen kannst – daß die Einfahrt in den Hafen weiter nichts ist, als eine Erneuerung deiner Mühe, eine abermalige Umwandlung zum Lastthiere – daß du leer dich der leichtesten Brise beugen und beladen zum Besten Anderer stöhnen und arbeiten mußt? Hast du – –«   »Heiliger Prophet! Habe ich doch nie zuvor von Leuten gehört, die mit ihrem Schiffe redeten,« bemerkte der Pascha. »Nein, da steht mir der Verstand still. Laß Alles aus, was du zu dem Schiffe sagtest, und eben so das, was dir das Schiff antwortete – fahre fort in deiner Geschichte!«   Der Sturm hielt drei Tage an, und dann trat eben so plötzlich eine Windstille ein. Ich hatte aus dem Compaß bemerkt, daß wir ostwärts gelaufen waren, und vermuthete nun, das Schiff werde nicht mehr sehr weit von den Azoren stehen. Als ich die Leichen meiner Kameraden betrachtete, fiel mir ein, sie könnten in Italien als Kunstwerke einen großen Preis einbringen, weßhalb ich mir vornahm, sie als Werke von Menschenhänden zu verkaufen. Da ich nichts Anderes zu thun hatte, so holte ich die ledigen Planken aus dem Räume herauf und fertigte Packkisten für sie an. Nicht ohne Schwierigkeit gelang es mir, vermittelst der Tafeln sie in den Raum hinunterzulassen. Die Sache ging gut von Statten, einen einzigen Fall ausgenommen, in welchem das Ziehtau brach. Das Bild stürzte auf den Boden des Schiffes hinunter und splitterte, weil es sehr spröde war, in Stücke. Da es jetzt als Statue keinen Werth mehr hatte, so zerschlug ich es vollends, um es zu untersuchen, und ich kann Eure Hoheit versichern, daß es höchst wunderbar war, Zeuge zu seyn, wie jeder Theil des menschlichen Körpers in Kiesel von einer Farbe umgewandelt war, welche der des Organs im Leben entsprach. Das Herz war roth, und als ich in Italien anlangte, ließ ich mehrere Siegel daraus machen. Die Steinschneider erklärten das Mineral für den schönsten blutrothen Karniol. Ich bin noch jetzt im Besitze eines Stücks von dem dunkeln Steine, welcher vormals Leber war, und benütze ihn zum Feuerschlagen. Wie sich später herausstellte, war Alles sehr werthvoll; denn die Abwechslung von Fett und Mager bildete eine Varietät von schönen Onyxen, Sardonyren und Achaten, welche ich zu guten Preisen an die Cameen-Graveure verkaufte. Mein Packgeschäft nahm mich mehrere Tage in Anspruch; aber ich hatte reichlichen Mund – und Wasservorrath und hoffte von irgend einem Schiffe bemerkt zu werden, ehe Alles aufgebraucht wäre. So entschwanden drei Wochen, und als ich eines Morgens auf das Deck kam, bemerkte ich zu beiden Seiten Land. Ich erkannte augenblicklich den Fels von Gibraltar und die Meerenge, durch welche ich trifftete. Die Mannschaft eines spanischen Kanonenboots von Algesiras enterte mich, und da ich angab, alle meine Leute seyen vor zwei Monaten am gelben Fieber gestorben, so wurde ich einwärts getaut, vierzig Tage in die Quarantäne gesteckt, und durfte dann mein Schiff aufs Neue mit Matrosen versehen. Letzteres hatte keine Schwierigkeit; denn ich verkaufte zu diesem Zweck zwei von den Flaschen, in denen sich das Wasser befunden hatte und die, wie alle anderen Gerätschaften der Quelleninsel, aus lauterem Golde bestanden. Ich hielt es nicht für räthlich, nach Livorno zu gehen, weil daselbst mein Schiff erkannt werden mußte und mir die Wittwe Ungelegenheiten bereiten konnte. Wenn man noch obendrein in den Statuen die mit dem Schiffe ausgefahrnen Matrosen entdeckte, so war es möglich, daß mich die Inquisition als einen Zauberer verbrannte. Demgemäß bildete ich meinen Curs nach Neapel, wo ich wohlbehalten anlangte. Nachdem ich meine metamorphosirte Mannschaft ausgeschifft hatte, miethete ich einen großen Saal, um sie zur Schau zu stellen, und hoffte nun eine bedeutende Summe dafür zu erlösen; aber da ich den Künstler nicht namhaft machen konnte und die Figuren nicht die Anmuth besaßen, welche die Italiener bewundern, so blieben sie in meinen Händen, um so mehr, da man auch allerlei Fehler in der Ausführung finden wollte. Zwei der am wenigsten einnehmenden verkaufte ich an einen sizilianischen Edelmann, welcher dem Vernehmen nach einen großen Landsitz mit lauter Monstrositäten dekorirt hatte; weil ich jedoch für die Stücke des Zerschlagenen einen guten Preis gelöst hatte, so beschloß ich, die übrigen gleichfalls zu zertrümmern und das Material in derselben Weise zu veräußern. Diese Maßregel hatte gute Wirkung, denn ich erhielt mehr Geld für die Bruchstücke, als ich für eine unverstümmelte Statue erlöst hatte. Die übrigen goldenen Flaschen brachten mir gleichfalls eine große Summe ein; ich stellte sie nach einander aus und verkaufte sie an englische Sammler als Geräthschaften, welche von den Arbeitern an den Ruinen von Pompeji stipitzt worden seyen. Ich hatte nun reichlich Geld und beschloß, nach meiner Vaterstadt zurückzukehren. Sobald sich mir Gelegenheit darbot, schiffte ich mich ein und langte wohlbehalten zu Marseille an. »Habt Ihr dem italienischen Kapitän Wort gehalten und für seine Seele fünfhundert Messen lesen lassen?« fragte Mustapha. »Bei meinem ewigen Heil, ich habe bis auf diesen Augenblick nie daran gedacht,« versetzte der Renegat.   »Dies, durchlauchtige Hoheit sind die Abenteuer meiner fünften Reise, und ich hoffe ihre Erzählung hat Euch Vergnügen gewährt.« »Ja,« bemerkte der Pascha, indem er sich von seinem Sitze erhob, »das sah doch wenigstens wie eine Reise aus. Mustapha, gib ihm dreißig Goldstücke. Huckaback, wir wollen deine sechste Reise morgen hören.« Der Pascha zog sich nun hinter den Schirm zurück und ging, wie gewöhnlich, nach dem Frauengemache. »Sag einmal Selim, was ist in der Geschichte der Prinzessin Wahrheit? Anfangs meinte ich, es sey Alles nur Erfindung; aber als du weintest – – –« »Das geschah um des Effektes willen,« antwortete der Renegat. »Wann ich in meinen Geschichten warm werde, arbeite ich mich oft so in dieselben hinein, daß ich sie fast selbst glaube.« »Heiliger Prophet, welch' ein Talent!« erwiederte Mustapha. »Was für einen vortrefflichen Premierminister würdest Du nicht in Deinem eigenen Lande abgegeben haben! Hier ist Dein Geld; wird Deine nächste Reise eben so gut seyn?« »Ich will's jedenfalls versuchen, denn ich finde, daß sich das Kapital mit dem Interesse vermehrt,« sagte der Renegat, indem er die Zecchinen in seiner Hand klimpern ließ. » Au revoir , wie wir in Frankreich sagen.« Und der Renegat verließ den Divan. »Allah – welch' ein Talent,« murmelte der Vezier vor sich hin, sobald der Renegat verschwunden war. Nachdem am andern Tage die gewohnten Geschäfte des Divans abgethan waren, wurde der Renegat hereingeführt. Er nahm Platz und begann die Erzählung seiner sechsten Reise. Huckabacks sechste Reise. Möge sie Euer Hoheit Beifall finden. Nach so oftigem haarscharfen Entkommen und so vielen merkwürdigen Abenteuern war ich Willens, ruhig am Land zu bleiben, fand aber Frankreich so verändert, daß mir die Heimath ganz zuwider war. Alles war umgestürzt. Die Edeln, die Reichen, die Talentvollen waren entweder ermordet, oder lebten, der größten Armuth preisgegeben, in anderen Ländern, während sich die niedrigen Klassen ihren Platz angemaßt hatten und das Land beherrschten. Der Hauptgrund jedoch, welcher mich bewog, wieder zur See zu gehen, bestand in den unausgesetzten Truppenaushebungen zur Rekrutirung der republikanischen Armeen, denn ich sah wohl ein, daß die Reihe bald an mich kommen werde, und ich nicht lange ruhig bleiben könne. Von zwei Uebeln wollte ich lieber das kleinste wählen, denn es war doch immerhin besser, mich den Gefahren der See auszusetzen, als zu Lande in einem Graben umzukommen. Ich kaufte ein großes Schiff und stattete es zu einer Spekulationsfahrt nach Lima in Süd-Amerika aus. Da die englischen Kreuzer die Meere bedeckten und ich mir vorgenommen hatte, mich durch kein kleines Schiff kapern zu lassen, so verstärkte ich meine Mannschaft auf vierzig Köpfe und nahm zwölf Kanonen an Bord. Wir kamen glücklich durch die Meerenge von Gibraltar und bildeten unsern Kurs nach dem Cap Horn, der südlichen Spitze von Amerika. Es trug sich nichts Merkwürdiges zu, bis wir das Land anthaten; aber jetzt erhob sich ein starker Gegenwind, welcher, nachdem wir vergeblich gegen ihn angekämpft hatten, die meisten unsrer Segel wegblies und uns zuletzt zwang, südöstlich vor ihm dahinzulaufen. Durch die heftigen Anstrengungen des Schiffes waren die Decken so leck geworden, daß das Wasser aller Orte hereindrang. Unsere Mundvorräthe (namentlich das Brod) verdarben und mußten über Bord geworfen werden, so daß wir uns auf schmale Rationen herabgesetzt sahen. Da wir keine Hoffnung hatten, uns von den Ueberresten bis zu unsrer Ankunft in Lima zu ernähren, beschloß ich auf die nächste Insel zuzulaufen, um frische Vorräthe einzunehmen und unsern Versuch einer Umschiffung des Caps zu erneuern. Ich war zweifelhaft, wohin ich mich wenden sollte; aber nachdem wir vierzehn Tage nach Osten gelaufen waren, entdeckten wir auf dem Leebug Land, das ich für die unbewohnte Insel Neu-Georgia hielt. Wie wir uns übrigens näherten, glaubten wir am Gestade Leute zu bemerken, und als wir noch etwa zwei Stunden fern standen, konnten wir deutlich unterscheiden, daß es in Reih' und Glied aufgestellte, uniformirte Soldaten waren. Die Farbe ihrer Kleider ließ sich vermittelst des Glases nicht unterscheiden; indeß bemerkten wir deutlich die gelben Aufschläge, aus denen ich den Schluß zog, daß wir's hier mit unseren Feinden, den Engländern zu thun hatten. Pest! dachte ich, ist's möglich, daß diese gierigen Inselbewohner auf diesem Platze eine Niederlassung gegründet haben? Wie weit werden sie's wohl noch bringen? Die verschiedenen Compagnien schienen aus einem bis zwei Dutzend Mann zu bestehen. Bisweilen standen sie still, dann bewegten sie sich wieder an dem Ufer hin. Indeß behaupteten sie stets ihre Stellung in Reih' und Glied, und da ich keine Musketen an ihnen bemerken konnte, so vermuthete ich, daß sie sich bloß im Marschiren übten. Häuser oder Festungswerke ließen sich nicht unterscheiden, und ich beschloß, mein Schiff näher zu bringen, um die Bewegungen der Soldaten beobachten zu können. Nachdem ich keine Stunde mehr von der Insel entfernt war, vierte ich wieder, brachte mein Glas an's Auge und bemerkte nun zu meinem Erstaunen, daß ein ganzes Regiment in die Brandung eilte und an der Außenseite derselben in der Gestalt von Wasservögeln wieder zum Vorschein kam, welche in alle Richtungen schwammen und untertauchten. Ich begann nun zu vermuthen, daß es eine verzauberte Insel wäre, und da ich die Lehre der goldenen Quelle noch nicht vergessen hatte, so breitete ich alle meine Segel aus, so daß wir das Land bald in unserem Sterne außer Sicht verloren. Es wird hier am Orte seyn, Eurer Hoheit zu bemerken, daß ich diesen Umstand einmal gegen einen Engländer berührte, der sich mit dem Fange des Spermacet-Wallfisches abgab; dieser versicherte mich, es seyen wirkliche Vögel, welche patagonische Penguine hießen und auch Andere schon durch ihr kriegerisches Aussehen getäuscht hätten. Er gab an, sie hatten keine Flügel, sondern bloß Flapper, und stünden am Ufer stets so aufrecht, wie eine Soldatenkolonne; in dieser Haltung hatten sie ungefähr drei oder vier Fuß Höhe – auch seyen die Seiten ihrer Halse mit je zwei breiten gelben Streifen versehen. In wie weit diese Behauptungen richtig sind, weiß ich nicht, denn die Engländer, welche das Cap umschifft haben, halten sich für berechtigt, beliebige Lügen zu erzählen und denjenigen nieder zu schießen, der es wagt, Zweifel über ihre Wahrheitsliebe auszudrücken. Ich kann die Engländer hauptsächlich deßhalb nicht leiden, weil sie so abscheuliche Lügner sind. Wir steuerten nun mehr nach dem Süden und entdeckten nach drei Tagen eine andere kleine Insel. Sie war augenscheinlich sehr waldig, aber nicht groß. Wir legten windwärts davon bei, und da wir keine Einwohner bemerkten, so ließen wir ein Boot nieder und schickten den ersten Maten zum Recognosciren an's Ufer. Er kehrte nach einer Stunde zurück und theilte mir mit, die Insel sey mit tragenden Cocosbäumen bedeckt; auch habe er mehrere wilde Schweine, aber keine Spur von Bewohnern bemerkt. Einen Ankerplatz habe er nicht entdecken können, denn das Ufer steige senkrecht, wie eine Mauer aus dem Ocean auf. Wir liefen daher nach dem Lee, und entdeckten nun, daß sich ein Riff von Korallenfelsen fast eine Stunde weit an dieser Seite der Insel hinzog. Die Boote wurden wieder ausgesetzt, und nach einigem Untersuchen meldete der Mate, durch die Mitte des Riffs führe eine Passage, die hinreichend Wasser für das Schiff biete; man gelange auf diesem Wege in eine kleine Bai, wo es vollkommen sicher liegen könne. Vor Einbruch der Nacht gewannen wir Ankergrund und beschlugen unsre Segel. Am andern Morgen ging ich an's Ufer, um zu recognosciren. Wir fanden eine Quelle frischen Wassers, Cocosnüsse nebst andern Bäumen im Ueberfluß, und gelegentliche Herden von wilden Schweinen, welche mit Ausnahme der Vögel die einzigen lebendigen Wesen zu seyn schienen, die auf der Insel existirten. Zufrieden, daß ich nun Gelegenheit hatte, mein Schiff wieder zu viktualisiren, zog ich die Segel ein, strich meine Marsstenge, wickelte mein laufendes Takelwerk auseinander und traf mit einem Worte jede Vorbereitung zu einem längeren Aufenthalte. Ich schickte dann Leute an's Land, um Zelte aufzurichten und die wilden Schweine zu schießen, und ließ am Ufer die Kessel aufstellen, um aus dem Seewasser Salz zu sieden, dessen wir für die Erhaltung des Fleisches bedurften. Auch grub ich am Wasserrande seichte Pfannen in den Fels, um vermittelst der Verdunstung möglichst viel Salz zu gewinnen. Im Laufe des Tages war Alles zubereitet. Der größere Theil meiner Schiffsmannschaft zog an's Land und schlief in den Zelten. Nach drei Tagen hatten wir mehrere Tonnen Schweinefleisch eingesalzen, und eine große Menge Cocosnüsse gesammelt. Am vierten Morgen hörte ich einen Streit unter meinen Leuten, von denen einige schwuren, sie wollten nicht länger bleiben, und das Schiff müße augenblicklich wieder in die See stechen. Erstaunt über diese Bemerkungen, da die Matrosen früher so zufrieden gewesen, fragte ich nach dem Grunde. Sie antworteten, auf der Insel gehe es nicht mit rechten Dingen zu, und als ich eine Erklärung von ihnen verlangte, nahmen sie mich nach den Salzpfannen, die bei unsrer Ankunft, nur einen Fuß vom Wasserrande entfernt, in die Felsen eingehauen worden, nun aber um neun oder zehn Fuß vom Ufer zurückgewichen waren. Ich muß gestehen, daß mich die unerklärliche Erscheinung überraschte, fühlte mich aber doch nicht geneigt, die Insel zu verlassen, ohne zuvor die nöthigen Mundvorräthe eingenommen zu haben. Meinen Leuten bedeutete ich, der seltsame Umstand erscheine mir zwar unerklärlich – indeß hätten wir bis jetzt nichts gesehen und gehört, und da wir unfehlbar verhungern müßten, wenn wir mit so wenigen Lebensmitteln in die See stächen, so sey es doch auf alle Fälle besser, wenn wir blieben, bis wir uns mit genügendem Vorrath versehen hätten; außerdem sey es recht wohl möglich, daß das Wasser zurückgewichen, nicht aber die Insel vorgerückt sey. Die letzte Bemerkung schien sie zu beruhigen, obschon mir selbst die Unrichtigkeit derselben klar war, weil die Felsen in der Nähe des Ufers nicht höher aus dem Wasser standen, als zuvor. Die Matrosen hatten jedoch hierauf nicht geachtet, und ich hütete mich, sie darauf hinzuweisen. Sie theilten meine Vermuthung, daß das Wasser zurückgewichen sey, und sprachen nichts mehr von der Sache. Wir blieben vierzehn Tage länger, während welcher Zeit dasselbe Phänomen sich fortsetzte, denn mit jedem Tage entfernten sich die Salzpfannen und Kessel weiter von dem Ufer. Endlich wurden die Matrosen, welche nunmehr bemerkten, daß die Felsen sich nicht höher aus dem Wasser erhoben, wieder unruhig und brachen in offene Meuterei aus. Mittlerweile hatte ich hinreichend Fleisch eingesalzen und machte keine weiteren Einwendungen mehr, denn ich muß gestehen, daß mir bei so übernatürlichen Dingen keineswegs wohl zu Muthe war. Wir schlugen unsre Zelte ab, schickten Alles an Bord, zogen das Takelwerk auf, setzten die Segel, und bereiteten uns zu unsrer Abreise. Bald nachher schifften wir uns ein. Mein Blick traf zufälligerweise auf die Lothlinie, welche von den Hauptputtingen hinunterhing und ganz schlaff aussah; wie ich sie nun aufholen ließ, fand ich zu meiner großen Ueberraschung, daß wir statt der fünf Faden Wasser, in welchen wir geankert hatten, auf nicht ganz drei lagen. Anfangs kam mir der Gedanke, es möchte dieß wieder eine schwimmende Insel seyn, wie die, welche ich schon früher geschildert, und sie könnte sich allmählig an die Oberfläche gehoben haben, aber diese Idee befriedigte mich nicht. Ich warf die Lothlinie in das Boot, ruderte ab, sondirte in verschiedenen Richtungen und bemerkte nun zu meinem Verdrusse, daß sich in der Passage, durch welche das Schiff eingefahren war, nicht mehr hinreichend Wasser zur Ausfahrt befand, selbst wenn wir das Cargo ausluden. Der Grund dieses scheinbaren Geheimnisses wurde mir bald klar, denn bei der nähern Untersuchung der Pässe fand ich, daß an Theilen, die bei unserer Ankunft mehrere Faden Tiefe hatten, ganze Bäume und solide Massen von Korallen bis zur Höhe des Wasserspiegels gestiegen waren. Ich hatte oft gehört, daß die Inseln in jenen Meeren durch Korallen gebildet würden, ließ mir's aber nie einfallen, daß diese Landerzeugung so schnell von Statten gehe. Euere Hoheit muß nämlich wissen, daß alle Zoophyten oder Thierpflanzen aus kleinen Weichthieren bestehen, welche zu Millionen unter dem Wasser fortarbeiten, bis sie dessen Spiegel erreichen. Dies war auch hier der Fall; die Bemühungen der winzigsten Geschöpfe hatten also in einem kurzen Zeitraum von drei Wochen mein Schiff so eingeschlossen, daß an ein Entkommen nicht zu denken war. Ich kehrte an Bord zurück und erklärte meinen Matrosen die wahre Ursache der scheinbar übernatürlichen Wirkungen, deren Zeugen sie gewesen waren. Nachdem sie sich von der Richtigkeit meiner Behauptungen überzeugt hatten, schienen sie sich wenig mehr daraus zu machen, daß sie auf einer Insel bleiben sollten, welche ihnen die Mittel zu so behaglichem Unterhalte bot. Da für das Schiff nichts geschehen konnte, so gingen wir wieder an's Ufer, schlugen auf's Neue die Zelte auf und warteten ruhig, bis wir von irgend einem Schiffe aufgelesen würden, welches der Zufall in die Nähe unserer Insel führte. Nach vierzehn Tagen saß das Schiff auf dem Grunde auf, und die Insel vergrößerte sich so rasch, daß es nach zwei Monaten, ungefähr eine halbe Meile vom Ufer ab hoch und trocken außerhalb des Wassers lag. Die Vegetation schien eben so schnell und regelmäßig fortzuschreiten, wie die Insel, und nach der Regenzeit waren die Bäume so hoch aufgeschossen, daß unsere Fahrzeuge vollständig in einem großen Walde verborgen stand; man konnte nur noch seine Masten über den Zweigen unterscheiden. Eine Zeitlang schienen die Matrosen völlig zufrieden zu seyn. Wir hatten in den Schiffen reichliche Vorräthe aller Art, denn das Cargo, welches ich an Bord genommen, bestand hauptsächlich aus Manufacturen; da uns ferner die Insel mit frischem Fleisch, Fischen und Früchten versah, so litten wir an nichts Mangel. Matrosen sind aber so veränderliche und unruhige Wesen, daß ich glaube, sie würden selbst des Paradieses bald satt seyn. Nach einem Aufenthalte von neun Monaten, während welcher Zeit sie vielleicht besser lebten, als je zuvor, begannen sie zu murren, und sie redeten davon, daß sie in einer oder der andern Weise fortkommen wollten. Da mein Cargo werthvoll war, so gab ich die Hoffnung nicht auf, daß ein Schiff die Insel besuchen und es an Bord nehmen werde. Ich machte ihnen deßhalb alle erdenklichen Vorstellungen, um sie zur längern Geduld zu bewegen; aber sie wollten mich nicht hören und trafen Vorbereitungen zur Erbauung eines Schiffes an der Luvseite der Insel, das Material, welches das Schiff bot, dazu verwendend. Der Grund, warum sie die Luvseite wählten, lag in dem Umstande, daß sie die Bemerkung gemacht hatten, die Insel vergrößere sich nur gegen das Lee hin; windwärts dagegen befand sich ein senkrechter Korallenfels, vor dem sich in hundert Faden Tiefe noch kein Grund finden ließ. Sie hatten schon eine geneigte Bahn in den Felsen gehauen und waren bereits im Begriffe, die Bolzen und Klammern des im Wald stehenden Schiffes loszubrechen, als wir eines Abends eine große Flotte von Kanoes bemerkten, die auf uns zukam. Ich wußte, daß wir nicht weit von den Sandwichsinseln entfernt seyn konnten, und erklärte augenblicklich, daß sie aus dieser Richtung kamen, eine Muthmaßung, die sich auch als richtig erwies, denn obschon die Insel nicht bewohnt war, kannten doch die Insulaner seit Jahren ihr Vorhandenseyn und kamen alljährlich, um die Cocosnüsse einzuheimsen. Ich rieth meinen Leuten, sich ruhig in den Wäldern zu halten, die Zelte abzuschlagen und jeden Gegenstand zu beseitigen, welcher auf unsere Anwesenheit hindeuten konnte; sie waren jedoch anderer Meinung, und da sie in letzter Zeit ein Mittel entdeckt hatten, den Toddy aus den Cocosnußbäumen zu sammeln und Arac zu destilliren, so waren sie stets betrunken und in meuterischer Stimmung, welcher sie nicht auf mein Ansehen achten ließ. Sie dachten, es sey weit leichter, den Insulanern die großen Kanoes abzunehmen und sie zum eigenen Gebrauch zu verwenden, als ein Schiff zu bauen, weßhalb sie gegen alle meine Vorstellungen auf ihrem Entschlusse bestanden und den Versuch auszuführen beabsichtigten. Bei Annäherung der Kanoes, die alle sehr groß waren, konnten wir ihrer vierzehn zahlen; auch ließ mich mein Glas unterscheiden, daß jedes fünfzig oder sechzig Leute mit Einschluß der Weiber an Bord hatte. Ich machte die Matrosen darauf aufmerksam und bedeutete ihnen, daß in jedem Kahne nicht mehr als zehn Weiber zu seyn schienen, die Männer müßten daher gegen siebenhundert Köpfe stark seyn – jedenfalls eine zu große Macht, als daß sie bei ihrem übereilten Entschlusse nur entfernt auf Erfolg rechnen könnten. Aber meine Vorstellungen übten eher eine schlimme als eine gute Wirkung. Die Erwähnung der Weiber schien sie mit neuem Eifer zu beseelen, denn sie betheuerten, sie wollten sämmtliche Männer tödten und dann gerne mit den Weibern auf der Insel bleiben. Sie bewaffneten sich mit Musketen und zogen sich bei der Annäherung der Boote unter die Bäume zurück, weil sie fürchteten, die Insulaner möchten nicht landen, wenn sie Leute entdeckten. Die Kanoes liefen zwischen den Riffen durch, und nach einigen Minuten hatten sich sämmtliche Insulaner ausgeschifft, ohne daß sie es für nöthig hielten, Jemand anders als die Weiber in den Fahrzeugen zu lassen, da das Wasser so glatt war, wie ein Fischteich. Die Maßregeln meiner Leute waren ohne Zweifel sehr gut getroffen. Sie gestatteten den Insulanern, nach den Zelten hinaufzukommen, die nun ziemlich weit von dem Ufer abstanden, rückten dann unter dem Schutz der Bäume nach dem Gestade hinunter, stürzten auf die Kähne zu, setzten in jeden derselben einen Mann mit Musketen und Munition, ruderten ab und befestigten die Fahrzeuge in einer Entfernung von 200 Ellen an den Korallenfelsen. Das Schreien der Weiber und das Abfahren der Kanoes beunruhigte die Männer, welche nun herbeieilten, um sich von der Ursache zu überzeugen. Sobald sie auf halbe Musketenschußweite herangekommen waren, gaben die Matrosen am Lande, welche sich auf fünf und zwanzig Mann beliefen, aus dem Gehölz heraus eine Salve, durch welche eine große Anzahl getödtet oder verwundet wurde. Die Insulaner zogen sich verwirrt zurück, sammelten sich aber bald wieder unter lautem Geschrei und rückten vor. Eine zweite Salve folgte und sie wichen abermals zurück, ihre Todten und Verwundeten mit forttragend. Jetzt hielten sie eine Berathung, welche damit endigte daß sie sich in zwei Haufen theilten, um ihre Feinde im Gehölz von zwei verschiedenen Punkten anzugreifen. Mittlerweile waren mehrere von den Weibern über Bord gesprungen und ans Ufer geschwommen; auch hatten die Männer in den Booten so viel Noth, die anderen von einem gleichen Schritte abzuhalten, daß sie der Abtheilung im Gehölze keinen Beistand leisten konnten, obschon sie innerhalb Schußweite waren. Das Benehmen der Insulaner brachte meine Matrosen in Verlegenheit, und obgleich ich an dem mörderischen Angriff keinen Theil genommen hatte, hielt ich es jetzt doch für nöthig ihnen Beistand zu leisten, da mein eigenes Leben dabei auf dem Spiele stand. Ich rieth ihnen daher, sich nach dem Schiffe zurückzuziehen, von dem aus sie die Insulaner im Schach erhalten könnten. Mein Rath wurde befolgt. Wir krochen durch das dichte Unterholz, langten wohlbehalten bei dem Schiffe an und kletterten an der Strickleiter hinauf, welche wir angebracht hatten, um an Bord gehen und die Gegenstände, deren wir bedurften, holen zu können. Sofort zogen wir die Leiter nach und harrten auf den Ausgang. Nach einigen Minuten langte einer der Insulanerhaufen an, und als sie uns an Bord bemerkten, ließen sie unter lautem Zetergeschrei ihre Speere fliegen. Wir gaben eine Salve, welche viele unserer Feinde todt niederstreckte; aber sie hielten sich brav und setzten den Angriff fort, obschon wir zwanzig oder dreißigmal mit bestem Erfolge zum Schusse kamen. Jetzt kam auch der andere Haufen heran, und der Kampf wurde fortgesetzt. Sie versuchten, unser Schiff am Stern und an den Seiten zu erklettern, wurden aber stets zurück geschlagen, und mit Einbruch der Nacht wichen sie zurück, ihre Todten und Verwundeten, welche wir zu zweihundert Mann rechneten, mit sich fortnehmend. Wir feuerten jetzt einige unserer großen Kanonen gegen die Abziehenden, einestheils um die Insulaner zu erschrecken, anderntheils um unsere Kameraden in den Kanoes wissen zu lassen wo wir wären. Wir hielten scharfen Lugaus, bis es dunkel war, sahen aber nichts mehr von unseren Feinden. Ich machte nun meinen Leuten den Vorschlag, wir sollten einen Verkehr mit denen im Boot herzustellen suchen und dieselben auffordern, daß sie einige der Fahrzeuge, nachdem sie die Weiber herausgenommen, ans Ufer trifften ließen, weil die Insulaner dann wahrscheinlich abziehen würden. Aber meine Leute bemerkten ganz richtig, daß sich Niemand zu einem so gefährlichen Dienste hergeben werde, und wenn die Insulaner einige ihrer Kanoes gewonnen hätten, so würden sie die andern angreifen und die darin befindlichen Matrosen überwältigen. Mein Vorschlag wurde daher mit Recht überstimmt. Ich stellte nun den Antrag, es solle sich Einer ans Ufer hinunterstehlen, nach den Kähnen hinschwimmen und die Vierzehn ausfordern, alle Weiber in ein Kanoe zu bringen; sie könnten dann in der Nacht nach der Nordseite der Insel rudern und die übrigen Fahrzeuge den Insulanern zum Abzug überlassen. Dieser Plan wurde als sehr gut erfunden; aber Niemand wollte sich als Freiwilliger zu dem Dienste hergeben. und da ich ihn vorgeschlagen hatte, so hielt ich mich Ehren halber verpflichtet, selbst zu gehen, weil sonst in Zukunft die gute Meinung meiner Leute für mich verscherzt war. Ich kündigte ihnen daher meine Absicht an, nahm meine Muskete nebst Munition zu mir und ließ mich an einem Taue hinunter. Sobald ich auf meinen Beinen stand, bemerkte ich, daß etwas aus dem Gehölz auf das Schiff zukroch. Ich konnte nicht genau unterscheiden, was es war, und schlüpfte deßhalb unter das Heck des Schiffes, wo man mich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Der Gegenstand kam naher, und ich entdeckte nun, daß es ein Insulaner mit einem Holzbündel auf dem Rücken war; er legte seine Last an der Seite des Schiffes ab und kroch dann wieder wie zuvor zurück. Bei näherer Untersuchung entdeckte ich, daß schon hundert solcher Bündel, welche im Laufe der Nacht von den Insulanern herbeigetragen worden, um das Schiff herlagen; denn obgleich der Mond schien, war doch mein Fahrzeug so von Bäumen umgeben, daß das Licht nicht durchdringen konnte. Es war also ihre Absicht, das Schiff in Brand zu stecken, und ich wollte eben meinen Kameraden an Bord Nachricht davon ertheilen, als wieder ein paar aus dem Holz krochen und ihre Bündel so nahe vor mich hinlegten, daß sie fast mit mir in Berührung kamen. Ich sah mich daher genöthigt, meine Gefährten ihrer eigenen Hülfe zu überlassen, und kroch, das Beispiel der Insulaner nachahmend, von dem Schiffe aus in das Buschholz, mein Gewehr hinter mir nachschleppend. Es war ein Glück für mich, daß ich diese Vorsichtsmaßregel beobachtet hatte, denn in dem Theile des Waldes, auf welchen ich zukroch, waren Dutzende mit Anfertigung von Reißbündeln beschäftigt. Das Unterholz stand übrigens zu dick, und es war zu dunkel, um etwas unterscheiden zu können, obgleich ich sie ganz in meiner Nähe die Zweige abbrechen hörte. Um einer Entdeckung vorzubeugen, that ich im Weitergehen dasselbe, bis ich vor ihnen vorbei war; dann aber setzte ich meinen Weg in die Richtung fort, wo ich die Kanoes zuletzt gesehen hatte. Ich langte wohlbehalten am Rande des Waldes in der Nähe des Ufers an und bemerkte, daß die Kanoes wie früher an den Felsen lagen; aber der Mond schien hell und ich trug Bedenken, mich ins Licht hinaus zu wagen, ehe ich mich überzeugt hatte, ob nicht Insulaner an dem Ufer wären. Wie ich so eine Weile in dem dunkeln Schatten der Bäume dicht neben einer frischen Wasserquelle wartete, hörte ich dicht neben mir ein Stöhnen, und als ich in die Richtung sah, aus welcher der Laut kam, bemerkte ich einen auf dem Boden liegenden Körper. Ich ging darauf zu und konnte nun deutlich unterscheiden, daß es eine von den ans Land geschwommenen Weibern war. Sie gab fast kein Lebenszeichen von sich, und da ich, wie es jeder Mensch sollte, Mitleid mit ihrer unglücklichen Lage fühlte, so kniete ich neben ihr nieder, um zu sehen, ob ich ihr keinen Beistand bieten könne. Sie hatte nur sehr wenig Kleider auf dem Leibe, und als ich mit meiner Hand über sie hinfuhr, entdeckte ich, daß sie mit einer Musketenkugel über dem Kniee verwundet und von Schmerzen sowohl, als dem Blutverluste ganz erschöpft war. Ich riß mein Halstuch und Hemd in Streifen, verband ihr Bein und holte dann in meinem Hute etwas Quellwasser von welchem ich ihr Gesicht besprengte. Sie schien wieder aufzuleben, und ich fühlte mich glücklich, daß ich mich doch wenigstens einigermaßen hatte nützlich machen können. Da ich keine Insulaner sah, so ging ich weiter nach dem Ufer hin, um nach den Kähnen zu schwimmen; aber wie ich aus dem Schatten vortrat, wurden von denen an Bord zwei oder drei Musketen abgefeuert. Dann folgten noch weitere Schüsse und lautes Gezeter von den Insulanern, welche zu Hunderten hinüber geschwommen waren und unsre Leute angriffen. Der Kampf währte nur kurze Zeit. Die Matrosen, welche ihre Musketen nicht schnell genug wieder laden konnten, wurden von den Insulanern überwältigt, und in einigen Minuten befanden sich sämmtliche Kanoes an dem Gestade. Ich dachte es werde jetzt mit meinen Leuten am Bord des Schiffes Alles vorüber seyn, und so stellte sichs auch heraus; denn eine Stunde vor Tagesanbruch zündeten die Insulaner die Reisbündel an und machten zu gleicher Zeit einen wüthenden Angriff auf das Schiff. Das Feuer leckte höher und hoher, die Musketen knallten ohne Unterlaß, und das Geschrei währte ungefähr eine Stunde fort; dann hörte ich keine Schüsse mehr, und ich nahm es für ausgemacht an, daß meine Leute überwältigt waren. Wie ich später entdeckte, war dieß auch wirklich der Fall. Viele waren an Bord durch die Speerwürfe getödtet worden; Andere fanden in gleicher Weise ihr Ende, als sie aus dem Schiffe sprangen, um die Flammen zu vermeiden, und der Rest erstickte im Qualm des Feuers. Als die Sonne sich über dem Horizont erhob, fand ein lautes Krachen Statt. Ich entnahm daraus, daß sich die Flammen den Pulvermagazinen mitgetheilt hätten, und daß das Schiff aufgeflogen war. Um eine Entdeckung zu vermeiden, verkroch ich mich ins Gebüsch, machte aber zuvor noch einen hastigen Besuch bei dem armen verwundeten Weibe, um zu sehen, wie es ihr gehe. Es war heller Tag, und ich fand, daß ich einem sehr schönen, jungen Mädchen von ungefähr sechzehn oder siebenzehn Jahren Beistand geleistet hatte. Da sie noch immer sehr schwach zu seyn schien, so brachte ich ihr wieder etwas Wasser, und sie drückte mir ihren Dank durch ihre Blicke aus. Ich untersuchte den Verband, der ein wenig auf die Seite geglitten war, machte ihn wieder zurecht und verkroch mich dann in das dichteste Unterholz. Wie ich mich geduckt vorwärts drängte, kam mein Kopf plötzlich mit etwas Hartem in Berührung. Ich schaute auf und fand, daß es der Kopf eines Insulaners war, der sich gleichfalls durch das Gebüsch Bahn brach. Er war ein großer, gewaltiger Mann und säumte keinen Augenblick, auf mich zuzuspringen und mich zu Boden zu schlagen. Mehrere Andere, die in seinem Gefolge waren, eilten nun zu seinem Beistand herzu, und so war aller Widerstand fruchtlos. Sie rissen von den kriechenden Weiden, welche in jenen Gegenden wachsen, Zweige ab, banden mir Hände und Füße und lasen dann einen Baum zu einer großen Stange aus, um mich daran zu befestigen und fortzutragen. An den Ufer angelangt, wurde ich auf den Rücken gelegt und sah mich nun der sengenden Sonnenglut preisgegeben. Ich rief mir jetzt Alles ins Gedächtniß, was ich von den Reisen und Fahrten Anderer gelesen hatte, und kam dadurch zu dem Schlusse, daß ich ohne Zweifel ihren Göttern zum Opfer gebracht werden sollte. Aber was war zu thun? Ich betete zum Himmel um Erbarmen und ergab mich in mein Schicksal, dem ich nicht zu entrinnen hoffen durfte. Die Insulaner hatten sich nun in meiner Nähe am Ufer gesammelt. Die Leichen ihrer im Kampf gefallenen Kameraden und die Verwundeten wurden in die Kanoes gebracht. Sie bildeten um ein angezündetes Feuer einen Kreis, hielten mehrere Reden und führten dann einen Kriegestanz aus. Wie ich mich auf die Seite wandte, bemerkte ich zu meinen Entsetzen, daß sie alle Leichen meiner Begleiter gesammelt hatten und dieselben verzehrten. Was sie nicht gleich essen mochten, packten sie in Körbe und brachten es in die Kanoes. Ich sah einem gleichen Schicksale entgegen – für den Augenblick zwar nicht, da sie mehr hatten, als sie genießen konnten; aber wahrscheinlich wurde ich für eine Festlichkeit aufbewahrt, bei der ich, wenn sie in ihrem eigenen Lande angekommen waren, als Speise dienen sollte. Meine Vermuthung war auch durchaus nicht unrichtig. Sie sammelten alle Knochen, um sie mitzunehmen, brachten mich an Bord, hißten ihre Mattensegel auf und steuerten ihrer eigenen Insel zu. Am dritten Tage langten wir an. Ich wurde ans Ufer gebracht und an einen Orte eingesperrt, der mir wie ein Begräbnißplatz vorkam. Sie stopften mich jeden Tag mit Schweinefleisch und anderen Viktualien, um mich am Leben und gut bei Leibe zu erhalten, ließen mich aber nie von der Stange los, an welche ich gebunden war. Ich hörte, wie sie Provisionen anstellten, jubelten und um die Todten klagten, konnte aber nichts sehen, denn ich war jetzt zu schwach, um mich auf die Seite zu wenden. Nachdem ich eine Woche also gefesselt war, steigerte sich der Schmerz der unter den dicht angezogenen Banden geschwollenen Gliedmassen so sehr, daß ich um den Tod betete, der mich meiner Leiden entheben sollte, und als mich die Männer wieder einmal auf ihre Schulter nahmen, sah ich der herannahenden Erfüllung meines Geschicks so ungeduldig entgegen, als ich unter andern Umstanden nach meiner Befreiung verlangt hätte. Meine Sinne erlagen allmälig dem Schmerze, welcher durch meine schwebende Haltung ungemein vergrößert wurde. Ich entsinne mich noch, daß ich in einen großen Kreise auf den Boden gelegt wurde – es folgte darauf Geschrei der Weiber und ein wirres Getümmel. Als ich wieder zum Bewußtseyn kam, lag ich ungefesselt auf weichen Matten in einer Hütte, und meine Glieder waren in Umschläge gehüllt. Wie ich aber die Augen aufschlug, erblickte ich über mir mit einer Miene der zärtlichsten Besorgniß die schöne Wilde, welche ich verwundet gefunden und in der Nacht des Kampfes mit einem Verbande versehen hatte. Ich erfuhr später, sie habe in mir, als ich in den Kreis gebracht wurde, die Person erkannt, welche ihr Beistand geleistet hatte. Sie bat um mein Leben, deutete auf ihre Wunde und brachte die Bandagen herbei, mit denen ich sie verbunden hatte und die mit dem übrigen als ein Theil des Anzugs, den ich noch immer trug, erkannt wurden. Die Insulaner hielten nun eine Betrachtung und kamen zu dem Schlüsse, ich könne nicht beim Haufen im Schiff gewesen seyn, da ich in der Nähe des Gehölzes, wo das Mädchen lag, gefangen wurde. Nach vielem Für- und Widerreden fällten sie den Bescheid, daß mein Leben verschont bleiben und ich das Mädchen heirathen sollte, welche das Mittel zu meiner Erhaltung geworden war. Sie hatte mich nach ihrer Hütte gebracht und entrichtete mir nunmehr die Schuld der Dankbarkeit, welche sie gegen mich eingegangen hatte. Unter ihrer unermüdlichen Pflege und Sorgfalt genas ich bald wieder, und ehe ich noch wußte, daß ich ihr zum Gatten bestimmt war, freiete ich um sie durch Zeichen und alle die kleinen Aufmerksamkeiten, welche mir Liebe und Dankbarkeit eingaben. Sobald man mich für hinreichend hergestellt hielt, wurde ich in einen großen Kreis der Insulaner eingeführt, um förmlich in ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden. Ein ehrwürdiger, alter Mann hielt eine Rede, die wohl nicht sehr gut seyn mochte, weil sie ungemein lang war; dann ergriffen mich mehrere Männer, warfen mich, das Gesicht abwärts, auf den Boden, setzten sich rittlings auf mich und begannen den obern Theil meiner Dickbeine mit Nadeln zu stechen. Der Schmerz war übermäßig; da jedoch alle Insulaner um die Lenden tättowirt waren, so hielt ich das Ganze für eine Operation, der ich mich unterwerfen müsse, und ertrug sie mit Standhaftigkeit.   »Sag an, was versteht man unter Tättowiren?« »Eure Hoheit halten zu Gnaden, das Tättowiren ist ein Punktiren der Haut mit Nadeln oder scharfen Spitzen – es wird dann indianische Tinte oder Schießpulver in die Wunde gerieben. Dieses Verfahren läßt unzerstörliche Spuren von tiefblauer Farbe zurück. Alle Insulaner in jenen Seen sind tättowirt und tragen oft sehr schöne Zeichnungen an ihrem Leibe.« »Maschallah! Wie wunderbar ist Gott! Das möchte ich doch auch sehen,« versetzte der Pascha. »Allah verhüte,« entgegnete der Renegat, »daß ich meine Person vor Eurer Hoheit entblöße. Da kenne ich meine Pflicht besser.« »Ja, aber ich muß es sehen, mein Freund!« fuhr der Pascha ungeduldig fort. »Kümmre Dich nicht um meine Person, sondern gehorche meinen Befehlen.« Der Renegat fühlte sich nicht wenig verlegen, da er sich der von ihm beschriebenen Operation nie unterzogen hatte. Indeß traf sich's doch zu Unterstützung der Wahrhaftigkeit seiner Geschichte glücklicher Weise, daß er auf einem seiner Piraten-Ausflüge aus langer Weile einem Kameraden gestattet hatte, eine kleine Meerjungfer auf seinen Arm zu tättowiren. »Min Allah! Gott verhüte,« erwiederte der Renegat. »Mein Leben steht Eurer Hoheit zur Verfügung, und Ihr solltet es mir lieber nehmen, ehe ich Euer erhabenes Auge durch die fragliche Bloßstellung verletzen möchte. Glücklicher Weise kann ich übrigens Eurer Hoheit Neugierde zufrieden stellen, ohne den Anstand zu verletzen; denn nachdem die beschriebene Operation zu Ende war, zeichneten sie das Bild ihrer geachtetsten Gottheit auf meinen Arm.« Der Renegat strich nun seinen Aermel zurück und zeigte die Gestalt einer Meerjungfer mit einem sich ringelnden Schwanze, welche in der einen Hand einen Spiegel und in der andern einen Kamm hielt. »Eure Hoheit bemerkt hier ein Pröbchen von ihrer rohen Kunst. Dies ist das Bild ihrer Göttin Bo-gie. In der einen Hand hält sie einen eisernen Rechen, mit welchem sie die Guten tättowirt, und dieses Zeichen dient als Paß, wenn sie sich um Zulassung zu den Regionen des Segens melden. In der andern schwingt sie ein glühendes Bügeleisen, mit welchem sie diejenigen brandmarkt, welche verurtheilt sind, die Strafe ihrer Sünden zu erleiden.« »Allah Kerim – Gott ist barmherzig! Und warum hat sie einen Fischschwanz?« fragte der Pascha. »Die Leute, von denen ich gesprochen habe, bewohnen eine Inselgruppe, und sie braucht den Schwanz, um von einer zur andern schwimmen zu können, je nachdem ihre Anwesenheit erforderlich ist.« »Ah, ganz recht,« bemerkte der Pascha. »Du kannst jetzt wieder in Deiner Geschichte fortfahren.«   Wie ich Eurer Hoheit mittheilte, tättowirten sie mich ohne Erbarmen. Die Operation dauerte eine Stunde, worauf ich wieder auf die Beine gestellt wurde. Es kam abermals eine Rede an die Reihe, von der ich so wenig als von der ersten verstand; dann überließen sie mich meinem Weibe, und die Ceremonie war zu Ende. Ich muß sagen, es wäre mir lieber gewesen, wenn man mich nicht an ein und demselben Tage naturalisirt und verheirathet hätte. In Folge des Tättowirens, war ich so geschwollen und steif, daß ich nur mit Mühe und unter dem Beistand meines Weibes nach meiner Hütte zurückgehen konnte. Die Heilmittel jedoch, welche unablässig in Anwendung kamen, stellten mich im Laufe von drei Tagen so weit her, daß ich durchaus keine Unbequemlichkeit mehr verspürte. Ich meinte jetzt für den Rest meines Lebens heimisch geworden zu seyn. Meiner Nakapup (denn so hieß meine junge Frau) war ich leidenschaftlich zugethan, denn ich konnte trotz meiner französischen Erziehung nur anerkennen, daß ihr natürliches und ungekünsteltes Wesen weit anmuthiger und bezaubernder sey, als das studirte Benehmen meiner Landsmänninnen. Sie behauptete in ihrem Lande einen hohen Rang, da sie eine nahe Verwandte des Königs war, und zwei Jahre meines Lebens entschwanden mir in ununterbrochenem Glücke und Frieden. Aber ach! –«   Und der Renegat bedeckte sein Gesicht. »Laß das, Huckaback; Du mußt nachgerade zu sehr daran gewöhnt worden seyn, Deine Weiber zu verlieren, um viel Wesens davon zu machen. Diese Franken sind wunderliche Leute,« bemerkte der Pascha gegen den Vezir. »Für jedes Weib haben sie eine Thräne bereit.« Eure Hoheit muß mich entschuldigen – ich werde nicht wieder Anstoß geben, da dies meine letzte Heirath war. Meine bezaubernde Naka-pup starb im Kindbette, und die Insel wurde mir nun so verhaßt, daß ich sie zu verlassen beschloß. Gelegenheit dazu bot mir ein amerikanisches Schiff, welches mit einigen Missionären anlangte. »Was sind Missionäre?« fragte der Pascha. »Leute, welche kamen, um die Insulaner zu belehren, daß Bo-gie keine Göttin sey; sie suchten dieselben zu bereden, daß sie den wahren Glauben annehmen.« »Ganz recht,« entgegnete der Pascha. »Es ist nur ein Gott und Mohamed ist sein Prophet. Fahre fort.«   Da ich beide Sprachen verstand, so versah ich den Dienst eines Dollmetschers; es war jedoch unmöglich, ihnen zu erklären, was die Missionare wollten, da die Sprache der Insel keine gleichbedeutenden Worte hatte. Es wurde eine Berathung gehalten und den Missionären folgende Antwort ertheilt: »Ihr sagt uns, daß euer Gott die Guten belohne und die Bösen bestrafe – das thut Bo-gie auch. Wir sprechen eine Sprache, Ihr aber eine andere. Vielleicht heißt der Name eures Gottes in der unsrigen Bo-gie. Wir beten also denselben Gott nur unter verschiedenem Namen an. Es nützt nichts, weiter darüber zu sprechen. Verseht euch mit Schweinen und Jams und geht nach Hause.« Die Missionäre ließen sich rathen, nahmen die Schweine sammt den Jams und zogen damit ab. Wir langten zu New-York an, und die Bibelgesellschaft zahlte mir auf mein Ansuchen meinen Sold aus, den ich als Dollmetscher der Missionäre von der Zeit ihrer Landung an bis zum Tage unserer Rückkehr anzusprechen hatte. Ich würde nie eine derartige Forderung gestellt haben, wenn mir nicht einer der Missionäre, welcher mich sehr lieb gewonnen, dazu gerathen hätte. Mit dem Gelde zahlte ich meine Ueberfahrt in einem nach Genua bestimmten Schiffe, und ich langte wohlbehalten in dem Hafen an, ohne jedoch Mittel zu besitzen, um mich fortzubringen. Aber was sagt der Dichter? »Die Noth ist ein strenger Reiter und hat scharfe Sporen; sie veranlaßt die abgehetzte Mähre zu Leistungen, denen bisweilen das stärkste Pferd nicht gewachsen ist.« Da ich keine andere Hülfsquelle besaß, so beschloß ich noch einmal, mein Glück auf dem Ocean zu versuchen.   »Allah wakbar – Gott ist überall! Es war Dein Talleh – Deine Bestimmung, Huckaback.« »Es war sein Kismet – sein Geschick, durchlauchtige Hoheit, versetzte Mustapha, »daß er so viele Gefahren erstehen mußte, um Eure Mußestunden zu erheitern.« »Wallah Thaib – wohl gesprochen, bei Allah! Laß den Sklaven sich unserer Güte erfreuen. Gib ihm zehn Goldstücke; wir wollen morgen Unsere Ohren seiner nächsten Reise öffnen. Murakhas, Du bist entlassen.« »Möge Euer erhabener Schatten nie geringer werden,« versetzte Huckaback, indem er sich vor dem Pascha bis auf den Boden verneigte. Zwölftes Kapitel. Huckabacks letzte Reise. Eure Hoheit wird sich wundern über die unerhörten Abenteuer, die mir auf meiner letzten Reise zustießen; denn ich denke, dreist behaupten zu können, daß weder vorher noch nachher je ein Mensch so viel erfuhr, oder in so eigenthümlich gefährliche Lagen gerieth, als diejenigen waren, welche mir durch das Geschick zugewiesen wurden. Ungeachtet der Gefahr, in welche mich mein früherer Ausflug nach dem nördlichen Oceane versetzte, ließ ich mich doch bereden, das Commando eines Wallfischfängers zu übernehmen und wieder in dieselben Breiten zu ziehen. Wir segelten früh im Jahre von Marseille ab, um zu guter Zeit nach dem Norden zu kommen und das Eismeer vor dem Eintritt des Winters wieder verlassen zu können. Glücklich in der Baffins-Bai angelangt, hatten wir sehr bald achtzehn Fische an Bord. Schon mit dem Beginne des Herbstes dachte ich an die Rückkehr, und wir steuerten in südlicher Richtung, als wir mit einemmale auf zwei oder drei große Eisberge trafen, an deren Rand ganze Heerden von Wallrossen oder Seepferden lagen. Da wir noch einige leere Fässer hatten, so beschloß ich, sie mit dem Thrane dieser Thiere zu füllen, und ließ meine Boote hinaushissen, um sie anzugreifen. Wir tödteten eine große Anzahl, die wir an Bord schickten, und setzten unsere Jagd mit gutem Erfolge fort, ohne mehr, als ein einziges Boot zu verlieren, dessen Kiel durch die Zähne eines dieser ungeschlachten Thiere eingestoßen wurde. Aber plötzlich schlug der Wind gegen Süden um, und die kleinen Eisberge, welche damals windwärts lagen, schloßen sich rasch an den großen an, auf welchem wir unsere Jagd betrieben. Die Harpuniere bemerkten dieß und empfahlen mir, nach dem Schiffe zurückzukehren; aber der Fang machte mir so viele Unterhaltung, daß ich nicht auf ihren Rath achtete. Ein Wallroß lag in einer Bucht, die sich zufällig an der aufrechtstehenden Kante des Eisberges gebildet hatte, und da ich es anzugreifen wünschte, so ließ ich mein Boot darauf zurudern. Zwischen den beiden Eisbergen befand sich damals nur eine zwanzig Ellen breite Wasserstraße, und ein schneller Windstoß brachte die Massen rasch mit einander in Berührung. Die Leute in den andern Booten ruderten hurtig davon, entkamen und langten, wie ich später erfuhr, mit dem Schiffe in der Heimath an; ich aber war so angelegentlich auf die Jagd erpicht, daß ich auf nichts achtete, sondern mit meiner Harpune im Buge stand, um sie nach dem Thiere zu werfen, bis der Stern meines Bootes von dem anderen Eisberge berührt wurde. Die Cohäsion der schwimmenden Körper wirkte nun dermaßen, daß sie mit Blitzesschnelle an einander schlugen und die Menschen sowohl, als das Boot in Atome quetschten. Ich hörte im Buge des Bootes das Krachen und hatte in einem Augenblicke der Verzweiflung just noch Zeit, in die Bucht und auf den Rücken des Wallrosses zu springen. Unmittelbar darauf schlugen die beiden gewaltigen Eismassen zusammen. Ich zweifle nicht, daß das Getöse furchtbar war, hörte aber nichts davon, da mich das Eis augenblicklich einschloß. Anfangs bemerkte ich noch in die Zwischenräume; da jedoch der Südsturm die Eisberge vor sich her nördliche Region blies, so wurde bald Alles durch den Frost verkittet, und ich fand mich in einem keine acht Quadratfuß fassenden Raume bei einem Wallrosse eingesperrt. Ich will Eure Hoheit nicht mit einer Schilderung meiner Gefühle hinhalten. Ich stellte mir vor, ich könne nur eine gewisse Zeit leben und müsse dann aus Mangel an frischer Luft sterben; aber das war unrichtig. Anfangs wurde allerdings die Höhle durch die Ansammlung meines Athems unerträglich heiß und ich meinte bald ersticken zu müssen. Alle meine früheren Sünden kehrten in mein Gedächtniß zurück; ich flehte um Gnade und legte mich nieder, um zu sterben. Ich fand indeß bald, daß das Eis durch die Hitze schmolz und daß dadurch ein beträchtlicher Theil Luft frei wurde, so daß ich nach einigen Minuten wieder besser athmen konnte. Das Thier welches augenscheinlich über seine ungewohnte Lage sehr erschrocken war, verhielt sich vollkommen ruhig, und wie der Ertrinkende sogar nach dem schwächsten Strohhalme greift, so kam auch mir der Gedanke in den Kopf, wie ich mich vielleicht retten könne. Ich bedachte, wie viel Luft ein so ungeheures Thier verbrauchen müsse, und beschloß, es abzufertigen, damit mir mehr für mein eigenes Bedürfniß bleibe. Mein Messer herausziehend, bohrte ich es zwischen die Wirbelknochen, welche den Kopf mit dem Halse verbinden, und durchschnitt so das Rückenmark – eine Maßregel, welche den augenblicklichen Tod meines Mitgefangenen zur Folge hatte. Sobald ich bemerkte, daß das Thier völlig todt war, kletterte ich von seinen Schultern herunter und suchte mir ein bequemeres Plätzchen in jenem Theile der Höhe, wo der Kopf des Wallrosses gelegen hatte; denn dahin hatte ich mich zu seinen Lebzeiten nicht wagen mögen, weil ich mich vor seinen ungeheuren Zähnen fürchtete. Die Luft war bald reiner, und ich athmete mit mehr Freiheit. Eure Hoheit wundert sich vielleicht über meine Behauptung und ich weiß in der That nicht, ob die Luft von dem Eise selbst ausströmte oder ob das Eis hinreichend porös war, um dieses Lebenselement einzulassen; so viel aber ist gewiß, daß von Stunde an mein Athmungsprozeß nicht mehr beschwert war. Wir haben in unserem Lande Beispiele, daß Weiber und Kinder zwei Monate im Schnee begraben lagen und doch lebendig wieder herausgeholt wurden und wieder genasen, obschon sie während ihrer Einscharrung wenig oder keine Nahrung zu sich genommen hatten. Ich erinnerte mich hieran, und da ich wohl wußte, das Fleisch des Thieres könne mich Jahre lang ernähren, so begann ich mich der Hoffnung hinzugeben, daß ich noch gerettet werden könne, wenn mich der Wind weit genug südwärts treibe, um meiner Stube das Aufthauen möglich zu machen. Ich fühlte die Ueberzeugung, daß die Eiskruste um mich her nicht mehr als sechs oder acht Fuß in der Dicke habe, denn ich hatte hinreichend Licht, um den Tag von der Nacht unterscheiden zu können. Nachher verschärfte sich auch mein Gesichtssinn dermaßen, daß ich ganz gut in jede Ecke der Höhle sehen konnte, in welcher ich eingebettet war. Während des ersten Monats zwang mich der Hunger, häufig meinem Wallrosse zuzusprechen; mit der Zeit aber nahm mein Appetit ab, bis ich zuletzt Wochen lang keinen Mund voll zu genießen brauchte. Vermuthlich war dieß eine Folge des Mangels an frischer Luft und Bewegung, denn ich kann nicht sagen, daß ich im Stande war, mich dieser beiden Annehmlichkeiten zu erfreuen. Ich war ungefähr zwei Monate in meinem Loche gewesen, als plötzlich eine ungeheure Erschütterung ähnlich der eines Erdbebens stattfand; ich fiel von dem oberen Theile nach dem Boden nieder und wurde eine Zeitlang umhergeworfen wie eine Erbse in einer Klapper. Ehe dieß vorüber war, hatte ich fast meine Besinnung verloren und zuletzt lag ich auf dem vormaligen Dache der Höhle. Ich schloß hieraus, daß der Eisberg, welcher mich einschloß, mit einem andern zusammengeprallt und ich von der Hauptmasse losgerissen worden war; wahrscheinlich schwamm ich daher auf der See mit andern Stücken, die wenn sie sich zu größeren Massen sammeln, eine Eisfläche genannt werden. Ob sich meine Lage zum Bessern gewendet hatte, wußte ich nicht; aber schon der Wechsel flößte mir neue Hoffnungen ein. Meiner Rechnung nach waren jetzt fünf Monate entschwunden; es mußte tiefer Winter seyn, und ich hatte daher keine Hoffnung, vor dem nächsten Frühling erlöst zu werden.   »Allah wakbar, Gott ist überall!« unterbrach ihn der Pascha. »Indeß möchte ich doch wissen, Hukaback, wie Du die entschwundene Zeit so genau zu berechnen im Stande warst.« »Min Baschi und Haupt von Tausenden!« versetzte Huckaback, »ich will dieß Eurer Hoheit erklären. Ich klemmte einmal meinen Fingernagel in einen Schiffsboden und glaubte, ihn zu verlieren. Er fiel jedoch nicht ab, sondern wuchs wie früher fort, und ich gewann dadurch die Befriedigung, zu wissen, wie oft die Leute im Laufe des Jahres ihre Nägel wechseln. Dies geschieht genau in zwei Monaten und darauf begründete ich meine Rechnung. Ich bemerkte nämlich Flecken an meinen Nägeln und nach ihrem Vorwärtsschieben bemaß ich die Zeit.« »Maschallah, wie wunderbar ist Gott! Wattah thaib, wohlgesprochen, bei Allah! Daran hatte ich nie gedacht«, bemerkte der Pascha, »fahre fort in Deiner Erzählung.«   Nach meiner Berechnung waren die fünf Monate verflossen, als ich eines Morgens ganz in meiner Nahe ein kratzendes Getöse vernahm. Bald nachher bemerkte ich, daß die Zähne einer Säge in meine Wohnung eindrangen, woraus ich die richtige Folgerung zog, daß sich ein Schiff durch das Eis einen Weg bahnte. Obgleich ich mich nicht hörbar machen konnte, sah ich doch sehnlich meiner Befreiung entgegen. Die Säge näherte sich der Stelle, wo ich saß und ich fürchtete verwundet, wo nicht entzwei geschnitten zu werden; aber sie wurde just zwei Zolle von meiner Nase entfernt wieder zurückgezogen. Die Sache verhielt sich nämlich so, daß ich mich unter der Hauptfläche befand, welche zusammengefroren gewesen und sobald das feste Eis oben beseitigt war, stieg ich in die Höhe. Ein Strom frischer Luft drang augenblicklich durch den kleinen Einschnitt der Säge herein und benahm mir durch seine Schärfe nicht nur den Athem, sondern affizirte mich auch so sehr, daß ich Blut speien mußte. Da ich den Ton von Stimmen hörte, so hielt ich meine Befreiung für gewiß. Obgleich ich nur sehr wenig Englisch verstand, hörte ich doch den Namen » Captain Parry « häufig erwähnen – vermuthlich ist Eurer Hoheit diese Person nicht unbekannt.«   »Pah – habe nie von ihr gehört,« entgegnete der Pascha. »Das nimmt mich Wunder, durchlauchtige Hoheit, denn ich meinte, Jedermann müsse von diesem abenteuerlichen Seefahrer schon vernommen haben. Ich muß hier noch bemerken, daß ich seitdem seine Reisen gelesen habe. Er erwähnt als einer sonderbaren Thatsache des Dampfes, der von dem Eise aufstieg – dieser war weiter nichts, als die heiße Luft, die aus meiner Höhle entwich, als sie angesägt wurde: ein merkwürdiger Punkt, da er nicht nur die Genauigkeit seiner Beobachtungen, sondern auch den Umstand beweist, daß ich, wie ich Eurer Hoheit mittheilte, daselbst eingeschlossen war.«   Aber leider schwanden meine Hoffnungen bald wieder dahin, denn ich fühlte, daß ich abermals unter die Fläche gedrückt wurde, um für die Durchfahrt des Schiffes Platz zu machen. Als ich mich wieder hob, war das Wasser, welches den Sägeneinschnitt ausgefüllt hatte, fest gefroren, und ich sah mich auf's Neue eingeschlossen – vielleicht auf immer. Ich kam nun vor Verzweiflung ganz von Sinnen, zerriß meine Kleider, stieß meinen Kopf gegen die Ecken der Höhle und versuchte so meinem verhaßten Daseyn ein Ende zu machen. Endlich sank ich erschöpft von meinen ungestümen Anstrengungen nieder und verharrte mehrere Tage in düsterem Stumpfsinne. Aber der menschliche Geist besitzt eine Spannkraft, in deren Folge sich das Haupt über die Gewässer der Verzweiflung erhebt. Die Hoffnung verläßt uns nie, nicht einmal in einem Eisberge. Sie ist unsere Stütze und Begleiterin bis auf den letzten Augenblick, und obschon wir in unserer Wuth ihre freundlichen Dienste zurückweisen, bewacht sie uns doch immer, stets bereit, uns beizustehen und uns zu trösten, sobald wir geneigt sind, auf ihr ermutigendes Flüstern zu lauschen. Ich hörte wieder auf ihre Stimme und zehrte sechs weitere Monate an ihr, nur hin und wieder zur Abwechslung mir ein Stück von dem Fleische des Wallrosses zu Gemüth führend. Es war nun spät im Sommer, und das Eis, in welches ich eingeschlossen war, schmolz augenscheinlich dahin. Eines Morgens war ich nicht wenig erstaunt, zu bemerken, daß das Licht der Sonne regelmäßig jede Viertelstunde seine Stellung zu wechseln schien. Wäre dies den Tag über nur gelegentlich und nicht in bestimmten Zwischenräumen geschehen, so würde ich geglaubt haben, das Eis ändere nach den Winden und Strömungen seine Lage; aber die Regelmäßigkeit überraschte mich. Ich gab Acht und fand, wie das gleiche Phänomen fortdauerte, aber in stets kürzeren Zwischenräumen, bis das Licht zuletzt in jeder Minute von einer Seite zur andern umschlug. Nach einiger Ueberlegung kam mir der schreckliche Gedanke, ich müsse nach der Küste von Norwegen getrifftet und in den Einfluß des schrecklichen Wirbels, welcher der Maelstroom genannt wird, gerathen seyn. In einigen Minuten war ich vielleicht für immer verschlungen: und während ich über diese Möglichkeit nachdachte, sprang das Licht alle fünfzehn Sekunden um. »Es ist so!« rief ich in Verzweiflung, und wie ich diese Worte ausstieß, wurde es ganz dunkel. Ich wußte, daß mich der Wirbel Verschlungen hatte und jetzt Alles vorüber war. Es mag Eurer Hoheit sonderbar erscheinen, daß ich, nachdem die erste Erschütterung über den voraussichtlichen Untergang vorüber war, nicht weiter entsetzt war über meine Lage, sondern im Gegentheil darüber spottete und höhnte. Ich konnte nicht mehr fühlen und sah dem Resultate mit vollkommener Gleichgültigkeit entgegen. Aus den Zeichen aus meinen Nägeln entdeckte ich später, daß ich fast sechs Monate im Innern der Erde zugebracht haben mußte. Endlich wurde ich eines Tages durch das gewaltige Licht, welches in meine Behausung hereinbrach, fast geblendet und ich entnahm daraus, daß ich wieder auf dem Wasser schwamm.   »Allah Kebir! Gott ist höchst gewaltig!« rief der Pascha. »Heiliger Prophet und wo kamst Du wieder herauf?« »In dem Hafen von Port-Royal in Jamaika. Eure Hoheit werden es kaum glauben, aber es ist auf Ehre wahr.«   Die Hitze der Sonne war so groß, daß in kurzer Zeit das Eis, welches mich umgab, aufthauete und mich in Freiheit setzte; aber ich schwamm noch immer auf dem Körper des Wallrosses und auf dem Eise, das sich unter dem Wasser befand. Letzteres verschwand bald. Mit gespreizten Beinen auf dem Rücken des todten Thieres stehend, fast geblendet von den Strahlen der Sonne und beinahe erstickt von dem plötzlichen Wechsel des Klimas, wartete ich geduldig, bis ich das Ufer gewonnen, welches keine halbe Stunde entfernt lag; aber die Seebrise war noch nicht eingetreten und ehe ich dasselbe erreichen konnte, pflanzte sich an meiner Seite ein ungeheurer Hayfisch auf, der den Engländern unter dem Namen Port-Royal-Tom wohl bekannt war und von dem Gouvernement täglich Rationen erhielt, damit er in dem Hafen bleibe und die Matrosen hindere, ans Land zu schwimmen und zu desertiren. Ich hielt es für hart, daß ich, nachdem ich den Maelstroom hinuntergeschwommen war, solche neue Gefahren erstehen sollte; aber da war nicht zu helfen. Die Bestie öffnete ihren ungeheuren Rachen und hätte ich nicht augenblicklich mein Bein zurückgezogen, so würde sie mir es abgenommen haben. So aber begnügte sie sich mit einem Stücke von meinem Rosse, das auf diese Weise (wie es die Matrosen nennen) von der Seite gestutzt wurde. Sie machte einen abermaligen Angriff und fuhr fort, ein Stück nach dem andern von meinem Wallroß abzulangen, bis ich fürchtete, die Reihe werde endlich auch an den Reiter kommen. Zum Glück kam aber jetzt ein Boot voll Schwarzer heran, welche sich mit der Jagd auf den fliegenden Fisch abgaben und, als sie meiner ansichtig wurden, zu meinem Beistand herzuruderten. Sie nahmen mich ans Land und brachten mich vor den Gouverneur, dem ich meine Geschichte erzählte; aber die Engländer glauben, daß Niemand wunderbare Abenteuer erleben könne, als sie selbst. Er nannte mich einen Lügner, setzte mich in das Clink und erklärte, daß ich zu einem Piratenschooner gehöre, der kürzlich aufgegriffen worden war und dessen Mannschaft den Tod am Galgen hatte erleiden müssen. Es wurde übrigens klärlich dargethan, daß sich auf dem Schiffe nur dreißig Mann befunden hatten, und da bereits siebenundvierzig baumelten, so erlaubte man mir, die Insel zu verlassen. Ich bewerkstelligte dies in einem kleinen, nach Nordamerika bestimmten Schiffe, welches mich unter der Bedingung mitnahm, daß ich meine Fahrt abverdienen solle. Wir kamen nordwärts von den Bahama-Inseln und steuerten vor einer leichten Brise nach Westen, als sich eines Morgens in verschiedenen Richtungen die Bildung mehrerer Wasserhosen bemerken ließ. Ich hatte die Wache unten; da ich aber nie zuvor eine so merkwürdige Naturerscheinung gesehen hatte, ging ich auf das Deck, um meine Neugierde zu befriedigen.   »Sprich, was ist eine Wasserhose?« fragte der Pascha. »Ich habe nie zuvor etwas davon gehört.« »Eine Wasserhose, durchlauchtige Hoheit, ist das Ansteigen einer großen Wassermasse zu den Wolken – eine jener riesigen Operationen, durch welche die Natur scheinbar ohne Anstrengung ihren Willen erfüllt, indem sie den Menschen auf die Geringfügigkeit seiner gerühmtesten Unternehmungen aufmerksam macht.« »Hum – das ist also eine Wasserhose?« versetzte der Pascha. »Jetzt bin ich so klug wie vorher.« »Ich will sie Eurer Hoheit deutlicher beschreiben, denn es gibt Niemand, der ein besseres Recht hätte, zu wissen, was eine Wasserhose ist, als ich.«   Ueber unserm Kopfe schwebte eine schwarze Wolke, und wir bemerkten, daß sie sich eine Zeitlang rasch immer tiefer und tiefer herabließ. Die Hauptmasse blieb damals fest stehen, und ein gewisser Theil derselben fuhr fort, sich niederzubauchen, bis er die Gestalt eines Ungeheuern Filtrirbeutels angenommen hatte. Von dem Ende dieses Sacks lief eine dünne, drahtförmige, schwarze Dunstzunge aus, welche niederstieg, bis sie den halben Weg zwischen der Wolke und der See erreicht hatte. Das unten befindliche Wasser kräuselte sich nun und bewegte sich immer wilder und wilder, bis es wie ein großer Kessel sprudelte und kochte, nach allen Richtungen seinen Schaum hinauswerfend. Nach einigen Minuten sah man einen schmalen, spiralförmigen Wasserfaden in die Luft aufsteigen und sich auf der Zunge vereinigen, welche von der Wolke niederhing. Sobald die Vereinigung stattgefunden hatte, nahm der Faden mit jedem Augenblicke an Umfang zu, bis er zu einer Wassersäule von mehreren Fußen im Durchmesser anschwoll, und dieses dauerte fort, bis die Wolke gesättigt war und nicht mehr trinken konnte. Dann brach die Säule wieder zusammen; die See war so glatt, wie zuvor, und der Bote des Himmels flog auf den Fittigen des Windes dahin, um – seine Last über die ausgetrocknete Erde in erfrischenden, fruchtbar machenden Schauern hinzustreuen. Wahrend ich an dem Hackebord stand und dieses merkwürdige Hülfsmittel der Natur bewunderte, wich die große Spiere und traf mich mit solcher Gewalt, daß ich in die See geworfen wurde. Eine andere Wasserhose bildete sich dicht neben dem Schiffe. Der Kapitän und die Mannschaft setzten in ihrem Schreck alle Segel bei, um zu entkommen, und schenkten mir keine Beachtung, denn sie wußten, wenn die Wasserhose über ihnen zusammenbräche, so müßten sie mit Schiff, Mann und Maus unter der ungeheuren Last versinken. Ich hatte mich kaum wieder auf die Oberfläche gehoben, als ich bemerkte, daß das Wasser um mich her in Bewegung gerieth. Vergeblich bot ich alle meine Kräfte auf, um von der Stelle wegzuschwimmen, denn ich befand mich bereits in dem Kreise der Anziehung. So blieb ich meinem Schicksale überlassen, und überzeugt, daß es nun für geraume Zeit mit dem Schwimmen vorbei war, schluckte ich, so schnell ich konnte, Salzwasser, um meinem Kämpfen desto bälder ein Ende zu machen. Aber wie die See aufkochte, bemerkte ich, daß ich allmählig mehr gegen den Mittelpunkt gezogen wurde, und als ich mich genau in demselben befand, gerieth ich auf den spiralförmigen Wasserfaden, der, wie ich Eurer Hoheit auseinander gesetzt habe, sich gegen die Wolkenzunge erhob, in eine sitzende Stellung. Mit jeder Sekunde stieg ich höher und höher, im Gleichgewicht erhalten, wie die vergoldete Elfenbeinkugel, welche von dem senkrechten Wasserstrahle der Fontaine getragen wird, die in dem innern Hofe von Eurer Hoheit Palast spielt. Ich blickte abwärts und bemerkte in nicht weiter Entfernung das Schiff, dessen Mannschaft erstaunt dem außerordentlichen Schauspiele zusah.   »Das nimmt mich nicht Wunder,« bemerkte der Pascha.   Ich erreichte bald die Zunge der Wolke, welche mir ungeduldig entgegen zu lechzen schien. Das Haar meines Kopfes, welches zuerst in ihre Anziehungskraft gerieth, richtete sich auf, wurde dann erfaßt und im Kreise gedreht. Jeden Augenblick wurde ich mit erhöhter Schnelligkeit weiter gerissen und bei meinem Hinansteigen stets im Kreise gewirbelt. Endlich sah ich mich wohlbehalten gelandet, und ich setzte mich nieder, um meinen Athem Wieder zu gewinnen, der mir fast für immer ausgegangen war.   »Und auf was hast Du Dich niedergesetzt, Huckaback?« fragte der Pascha. »Auf die Wolke, durchlauchtige Hoheit.« »Heiliger Prophet! Wie, eine Wolke hätte Dein Gewicht tragen können?« »Wenn Eure Hoheit sich ins Gedächtniß rufen will, daß die Wolke zu gleicher Zeit mehrere Tonnen Wassers aufgenommen hatte, so kann es Euch nicht Wunder nehmen, wenn sie auch mich trug.« »Sehr wahr,« versetzte der Pascha. »Das ist eine höchster wunderbare Geschichte. Aber ehe Du fortfährst, möchte ich doch auch wissen, aus was die Wolke gemacht war.« »Dies Eurer Hoheit zu erklären, dürfte etwas schwierig sehn. Ich kann meine Unterlage nur mit einer nassen Decke vergleichen. Ich fand sie ungemein kalt und feucht, so daß ich mir bei diese Gelegenheit einen Rheumatismus holte, den ich noch heutigen Tages spüre.«   Sobald die Wolke gesättigt war, wich die Wassersäule zurück und wir stiegen rasch hinan, bis die Kälte ganz übermäßig war. Wir kamen im Weiterschwimmen an einem Regenbogen vorbei, und ich war nicht wenig überrascht, finden zu müssen, daß nicht nur mein Kofferschlüssel, sondern auch mein Taschenmesser sich durch das Tuch meiner Jacke einen Weg bahnten und mit großer Geschwindigkeit darauf zuflogen, um an den violetten Strahlen hängen zu bleiben. Daraus entnahm ich, daß der so gefärbte Theil des Regenbogens magnetisch war. Ich berührte diesen merkwürdigen Umstand gegen eine englische Reisende, mit der ich zusammentraf, und habe seitdem erfahren, daß sie den gelehrten Gesellschaften die Entdeckung als ihre eigene mittheilte. Na, sie ist eine sehr hübsche Frau und so will ich ihr verzeihen. Da es mir angelegentlich darum zu thun war, nach der Erde niederzuschauen, so bohrte ich mit meinem Finger ein Loch in den Boden der Wolke, und war nicht wenig erstaunt, mich nun durch den Augenschein zu überzeugen, wie schnell sie sich im Kreise dreht. Wir hatten uns über die Sphäre ihrer Anziehung erhoben und blieben deshalb fest stehen. Ich war ungefähr sechs Stunden oben gewesen, und obgleich ich dicht an der Küste von Amerika aufgestiegen, konnte ich doch bemerken, daß mir jetzt das Cap der guten Hoffnung in Sicht kam. Ich war nunmehr im Stande, mir eine sehr gute Idee von dem Bau der Erdkugel zu bilden, denn von dieser ungeheuren Höhe aus konnte ich bis auf den Boden des atlantischen Oceans sehen. Verlaßt Euch darauf, durchlauchtige Hoheit, wenn Ihr mehr zu entdecken wünscht, als andern Leuten möglich ist, so geht dies nicht anders an, als wenn Ihr Eure Beobachtungen von den Wolken aus anstellt.   »Sehr wahr,« entgegnete der Pascha; »aber fahre fort.« »Ich interessirte mich sehr für den chemischen Prozeß der Umwandelung von Seewasser in süßes Wasser, der während meiner Wolkenfahrt mit großer Geschwindigkeit von Statten ging. Vielleicht beliebt es Eurer Hoheit, die Erklärung anzuhören, da sie Eure Aufmerksamkeit nicht länger als eine Stunde in Anspruch nehmen wird.« »Nein, nein,« erwiederte der Pascha. »Ueberspring dies, Huckaback, und erzähle weiter.«   Sobald ich meine Neugierde befriedigt hatte, begann ich über meine Lage unruhig zu werden, – nicht so fast wegen der Unterhaltsmittel, denn deren waren mehr als zureichend vorhanden.   »Mehr als zureichend? Ei, was konntest Du denn da zu essen haben?«   »Frische Fische in Menge, durchlauchtige Hoheit, die zu gleicher Zeit mit mir von der Wassersäule in die Höhe genommen wurden; auch befand sich das süße Wasser bereits in kleinen Teichen um mich her. Aber die Kälte war furchtbar und ich fühlte, daß ich es nicht viele Stunden langer aushalten konnte, obschon ich mir das Problem nicht zu lösen vermochte, wie ich wieder herunter kommen sollte. Die eigene Lösung der Aufgabe blieb mir jedoch erspart; denn sobald die Wolke ihre chemische Arbeit vollendet hatte, fiel sie wieder eben so schnell, als sie sich gehoben hatte. Dabei traf sie auf so viele andere, daß es zu einem scharfen Kampfe kam. Als ich sie so gegen einander anstürmen und in dem Ungestüm ihres Zusammenpralls das elektrische Fluidum entladen sah, gerieth ich in höchste Angst; denn ich fürchtete beim Treffen auf einen Gegner in den Abgrund hinunter geschleudert oder durch die Artillerie des Himmels erschlagen zu werden. Indeß wollte es doch mein gutes Glück, daß ich entkommen sollte. Die Wolke, welche mich trug, sank bis auf hundert Fuß gegen die Erde nieder, und dann wurde ich von dem Winde mit solcher Schnelligkeit und so großem Getöse weiter gejagt, daß ich wohl bemerkte, wie wir bei einem Orkane mithalfen. Als wir uns der Erde näherten, konnte die Wolke der Anziehungskraft derselben nicht länger widerstehen und sah sich genöthigt, ihre Bürde auszuliefern. Ich fiel unter solchen Strömen Wassers hinunter, daß ich dadurch an die Sündfluth erinnert wurde. Aber der Tornado wüthete jetzt in voller Gewalt. Der Wind sauste und tobte in wildem Grimme, und so geschah es denn, daß ich in einem spitzigen Winkel niederfiel.   »In was fielst Du nieder?« unterbrach ihn der Pascha; »ich weiß nicht, was dies ist.« »Ich sank in einer schrägen Richtung, durchlauchtige Hoheit, die Hypothenuse zwischen der Basis und dem Perpendikel beschreibend, welche durch die Gewalt des Windes und die Gravitation der Erde gebildet wurden.« »Heiliger Prophet, wer kann solches Zeug verstehen! Sprich deutlich oder lachst Du uns in die Bärte?« »Min Allah! Gott verhüte dies! Euer Diener würde in der That lieber Staub essen,« versetzte Huckaback.   Ich wollte nur die Gewalt des Windes andeuten, der mich fast in der Luft festhielt, und als ich zum erstenmal auf das Wasser traf, hüpfte ich wieder auf und ricochettirte mehrere Male von einer Welle zur andern, gleich der Kugel, die aus einer Kanone längs der Meeresfläche abgefeuert wird, oder gleich der Austerschale, die ein müßiges Kind über dem See Hüpfsteine machen läßt. Der letzte Aufprall, den ich erlitt, stieß mich in das Takelwerk eines kleinen, auf der Seite liegenden Schiffes, und ich hatte kaum Zeit, Athem zu holen, als dasselbe ganz überstürzte. Ich kletterte die Krümmung hinan und setzte mich rittlings auf den Kiel. So blieb ich zwei oder drei Stunden, bis der Orkan ausgetobt hatte. Die Wolken verschwanden, die Sonne brach in aller ihrer Pracht hervor, das Meer gewann seine frühere Ruhe wieder und es schien, als lächle die Natur boshaft über den Schaden, den sie angerichtet hatte. Das Land war ganz in der Nahe und das Schiff trifftete ans Ufer. Ich fand, daß ich auf Isle de France war und im Laufe von zwölf Stunden in der wunderbarsten Weise die Fahrt von einer Seite des Erdballs nach der andern gemacht hatte. Die Insel war in einem traurigen Zustande von Verwüstung. Die Wuth einer Stunde hatte die Mühe von Jahren zerstört – die Ernten waren weggefegt – die Hauser dem Erdboden gleich gemacht – die Schiffe lagen zertrümmert an der Küste – überall nichts als ein Bild des Elends und der Verödung. Ich wurde jedoch von den Bewohnern der Inseln, meinen Landsleuten, freundlich aufgenommen und ehe noch vierundzwanzig Stunden vorüber waren, tanzten und sangen wir wieder wie zuvor. Ich erfand eine sehr hübsche Quadrille, der Orkan genannt, welche die ganze Insel in Ekstase versetzte und für alle Leiden reichlichen Ersatz leistete. Es war mir jedoch angelegentlichst darum zu thun, wieder nach Hause zu kommen, und da ein holländisches Schiff unmittelbar nach Marseille fuhr, so schätzte ich mich glücklich, an seinem Borde Ueberfahrt zu finden, indem ich mich bereitwillig denselben Bedingungen unterwarf, welche mich in die Lage gesetzt hatten, Westindien zu verlassen. Wir segelten aus; aber noch ehe wir vierundzwanzig Stunden zur See gewesen waren, machte ich die Entdeckung, daß der Kapitän ein ungestümer Mann war, der seine Leute aufs grausamste tyrannisirte. Ich war nicht sehr stark, und da ich den ungewohnten Dienst vor dem Mast nicht gehörig erfüllen konnte, so wurde ich so unbarmherzig geschlagen, daß ich mit mir zu Rathe ging, ob ich den Kapitän umbringen und dann über Bord springen, oder mich meinem harten Geschicke unterwerfen solle. Einmal Nachts aber, als ich nach einer Züchtigung, die ich von dem Kapitäne erhalten hatte, ächzend auf dem Vorderkastell lag und für den weitern Dienst unfähig war, trug sich ein erstaunlicher Umstand zu, welcher mich nicht nur bewog, die mahomedanische Religion anzunehmen, sondern auch von jenen Ausdrücken Gebrauch zu machen, welche Eurer Hoheit Aufmerksamkeit auf mich zogen, als Ihr verkleidet an mir vorüberginget. »Warum muß ich stets so verfolgt werden?« rief ich in meiner Verzweiflung. Aber kaum hatte ich diese Worte ausgestoßen, als ein ehrwürdiger Mann mit wallendem Barte und einem Buche in der Hand vor mich hintrat und mir antwortete: »Deshalb, Huckaback, weil Du Dich nicht zum wahren Glauben bekennst.« »Welches ist der wahre Glaube?« fragte ich voll Furcht und Erstaunen. »Es ist nur Ein Gott«, versetzte er, »und ich bin sein Prophet.«   »Barmherziger Allah!« rief der Pascha. »Ei das muß ja Mahomed selbst gewesen seyn!« Es war so, durchlauchtige Hoheit, obschon ich ihn damals noch nicht kannte.   »Beweise mir, daß dies der wahre Glaube ist,« sagte ich. »Ich will es thun,« versetzte er. »Ich werde das Herz des ungläubigen Kapitäns umwandeln.« Und mit diesen Worten verschwand er. Am andern Tage kam zu meinem großen Erstaunen der Kapitän des Schiffs zu mir nach dem Vorderkastell, bat mich um Verzeihung wegen der Grausamkeiten, die er an mir verübt hatte, vergoß Thränen an meiner Seite und ertheilte Befehl, mich nach seiner Kajüte zu bringen. Er legte mich in sein eigenes Bett und wachte über mir, wie über einem geliebten Kinde. Nach kurzer Frist war ich wieder genesen; aber nun wollte er mir nicht gestatten, wieder Dienst zu thun, sondern bestand darauf, daß ich sein Gast seyn müsse. Mit einem Worte, er überhäufte mich mit allem nur erdenklichen Wohlwollen.   »Gott ist groß!« rief der Pascha.   Ich lag in meinem Bette und dachte über alle diese Dinge nach, als die ehrwürdige Gestalt abermals vor mir erschien. »Bist Du jetzt überzeugt?« fragte sie. »Ja,« antwortete ich. »Dann beweise es dadurch, daß Du Dich dem Gesetz unterwirfst, sobald Du es im Stande bist. Du sollst belohnt werden – nicht sogleich, sondern erst, wenn Du die Treue Deines Glaubens bewiesen hast. Merke auf mich – verfolge Deinen Beruf auf dem Meere, und wenn Du einmal im Divan von Caïro, ohne Beiseyn einer weiteren Person, in der Gesellschaft von zwei Leuten sitzest, die ursprünglich Deinem Gewerbe angehörten, so sollst Du, nachdem Du ihnen dieses Geheimniß mitgetheilt hast, zum Commandeur der Flotte des Paschas ernannt werden, die unter Deinen Befehlen stets glücklich seyn wird. Dies soll der Lohn des treuen Glaubens seyn.« Es ist nun vier Jahre, daß ich mich zu dem wahren Glauben bekenne, und die drückende Last der Armuth bewog mich zu jenem Ausrufe, den Eure Hoheit mit anhörte; denn wie kann ich je hoffen, im Divan mit zwei Barbieren zusammenzutreffen, ohne daß andere Leute anwesend wären?«   »Heiliger Prophet! Wie wunderbar!« rief der Pascha. »Mustapha war ein Barbier, und ich war es gleichfalls.« »Gott ist groß!« antwortete der Renegat, sich auf sein Angesicht niederwerfend: »Dann werde ich also Eure Flotte kommandiren?« »Von dieser Stunde an,« entgegnete der Pascha. »Mustapha, mache meine Wünsche bekannt.« »Der gegenwärtige Commandeur ist bei der Mannschaft sehr beliebt,« versetzte Mustapha, der sich nicht in dieser Weise durch den schlauen Renegaten übertölpeln lassen wollte. »So schicke nach ihm und laß ihm den Kopf abschlagen. Darf er den Befehlen Mopands hinderlich in den Weg treten?« Der Vezier verbeugte sich, und der Pascha verließ den Divan. Der Renegat und Mustapha, ersterer mit einem Lächeln auf seinen Lippen und letzterer in höchlichem Erstaunen, sahen einander einige Sekunden an. »Du hast großes Talent, Selim,« bemerkte der Vezier. »Dank sey es Euch, der Ihr mich einführtet, und einer eigenen Erfindungsgabe, daß es endlich in Thätigkeit kommen soll. Vergeßt nicht, Vezir, daß ich dankbar bin – Ihr versteht mich.« Und der Renegat, entfernte sich, den Vezier noch immer in großer Verblüffung zurücklassend. Dreizehntes Kapitel. »Mustapha,« sagte der Pascha, seine Pfeife aus dem Munde nehmend, nachdem er eine halbe Stunde schweigend geraucht hatte; »ich habe über die Sache nachgedacht, und es kommt mir sonderbar vor, daß unser heiliger Prophet (gesegnet sey sein Name!) sich so viel Mühe gegeben haben soll um einen derartigen Shitan's-Sohn, wie dieser schurkische Renegate Huckaback ist, dessen Religion doch nur in seinem Turban besteht. Bei dem Schwerte des Propheten, ist es nicht seltsam, mir einen derartigen Menschen zu schicken, damit er meine Flotte kommandire?« »Es war der Wille Eurer Durchlauchtigen Hoheit,« versetzte Mustapha, »daß er den Befehl über Eure Schiffe übernehme.« »Mustapha, war es nicht der Wille des Propheten?« Mustapha rauchte seine Pfeife, und gab keine Antwort. »Er war ein guter Erzähler,« bemerkte der Pascha nach einer abermaligen Pause. »Ja,« entgegnete Mustapha trocken. »Kein Kesseguh unter unseren wahren Gläubigen konnte sich ihm vergleichen. Aber das ist jetzt vorüber, und der Hund von einem Isauri muß sich als ein Rustam in dem Dienste Eurer Durchlauchtigen Hoheit erweisen. Wohl wissend, daß Eure Hoheit Unterhaltung wünscht und daß Euer Sklave, der nur durch das Licht Eures Antlitzes leuchtet, dafür zu sorgen verpflichtet ist, habe ich – seit gestern die Sonne unterging, verzweifelnd, weil sie ihren Glanz durch den Eurer Durchlauchtigen Hoheit verdunkelt sehen mußte – durch die ganze Welt die sorgfältigsten Nachforschungen anstellen lassen und die Entdeckung gemacht, daß in der Karavane, welche zur Zeit vor der Stadt hält, ein berühmter Kessehguh sich befinde, welcher nach Mecca reisen will, um dem Sarge unsres Propheten seine Huldigung zu erweisen. Ich habe daher zuverläßige Boten abgeschickt, daß sie den Mann in die Gegenwart von Min Baschi bringen, vor dem Euer Sklave und die Tausende, die er beherrscht, nur Staub sind.« Und Mustapha verbeugte sich tief. »Aferin, vortrefflich!« rief der Pascha. »Und wann wird er hier seyn?« »Ehe das Rohr, das nun durch den Kuß von Eurer Hoheit Lippen geehrt wird, in seinem Entzücken den Weihrauch eines weiteren Kopfs, mit dem duftigen Kraute gefüllt, in die Luft geschickt hat, werden die Pantoffeln des Kessehguh an der Schwelle des Palastes zurückgelassen seyn. Bé Chésm! auf meine Augen komme es.« »Es ist gut, Mustapha. Sklave,« fuhr der Pascha fort, indem er sich an den aufwartenden Krieger wendete, der mit gekreuzten Armen und niedergeschlagenen Augen dastand; »Kaffee – und das starke Wasser der Giauren.« Des Pascha's Pfeife wurde wieder gefüllt, sie goßen ihren Kaffee die Kehlen hinunter, und der verbotene Branntwein erfüllte sie mit doppeltem Entzücken, schon um des einfachen Umstandes willen, weil er ihnen verboten war. »Sicherlich muß hier ein Irrthum obwalten, Mustapha. Sagt nicht der Koran, daß alles Gute den wahren Gläubigen zugedacht sey, und ist dieß nicht gut? Wie kann es also verboten seyn? Wäre es etwa nur für die Giauren bestimmt? – Mögen sie und die Gräber ihrer Väter auf ewig verunreinigt seyn!« »Amen,« versetzte Mustapha, indem er das Glas niedersetzte und tief aufathmete. Mustapha hatte ganz richtig gerechnet; denn noch ehe der Pascha mit seiner Pfeife zu Ende war, wurde die Ankunft des Geschichtenerzählers gemeldet. Nachdem man denselben Anstands halber einige Minuten, welche dem ungeduldigen Pascha wie eine Ewigkeit vorkamen, hatte warten lassen, klopfte Mustapha in seine Hände, und der Mann wurde eingeführt. » Kosh amedeid! Du bist willkommen,« sagte der Pascha, als der Kessehguh in den Divan trat; er war ein schmächtiger, zierlich gebildeter Mann von ungefähr dreißig Jahren. »Dem Winke des Pascha's gehorsam bin ich hier,« versetzte der Mann mit höchst musikalischer Stimme und einer tiefen Verbeugung. »Was verlangt Eure Hoheit von ihrem Sklaven Menouni?« »Seine Hoheit wünscht eine Probe Deines Talents zu hören, um Gelegenheit zu Ausübung von Dero Freigebigkeit zu finden.« »Ich bin weniger als Staub und bereit, mein Haupt mit Asche zu bestreuen, weil sich meine Seele nicht in den siebenten Himmel versteigen will über die Herablassung Seiner Hoheit. Dennoch würde ich gerne sein Geheiß erfüllen und aufbrechen; denn ein Gelübde an den Propheten ist heilig, und es steht im Koran geschrieben – –« »Wir wollen jetzt nichts vom Koran wissen, guter Menouni, sondern möchten gerne eine Probe Deiner Kunst hören. Erzähle mir eine Geschichte.« »Ich bin in hohem Grade stolz auf diese Ehre. Wird mein Gesicht nicht weiß seyn in alle Ewigkeit? Soll Euer Sklave die Liebe von Leilah und Majnoun berichten?« »Nein, nein,« versetzte der Pascha; »ich will etwas, was mich interessiren kann.« »So will ich die Geschichte des narbigen Liebhabers erzählen.« »Das klingt gut, Mustapha,« bemerkte der Pascha. »Wer kann so gut in die Zukunft sehen, als Eure Durchlauchtige Hoheit?« versetzte Mustapha. »Menouni, es ist der Wunsch des Pascha's, daß Du beginnest.« »Euer Sklave gehorcht. Der hohe Verstand von Min Baschi ist zu gut bekannt mit der Geographie – –« »Nicht, daß ich wüßte. Hat er je seine Pantoffeln an unsrer Schwelle gelassen, Mustapha?« »Ich vermuthe,« versetzte Mustapha, »daß er auch da gewesen seyn muß, weil er über die ganze Welt geht. Fahre fort, Menouni, und stelle keine solche Fragen. Kraft seines Amtes kennt die Durchlauchtige Hoheit Alles.« »Wahr,« sagte der Pascha, indem er mit großer Würde und Selbstgefälligkeit seinen Bart schüttelte. »Ich habe mich nur zu dieser Frage erdreistet,« erwiederte Menouni, dessen Stimme so reich und silbern tönte, wie eine Flöte am stillen Sommerabend, weil ich eine Kenntniß der gedachten Wissenschaft für nöthig hielt, um sich eine gute Vorstellung von dem Theile der Welt machen zu können, in welchem meine Geschichte spielt. Aber ich habe Staub gegessen, und Schande trifft mich für meine Unklugheit, die ich mir nicht erlaubt haben würde, wenn nicht der allergnädigste Sultan, als ich die Ehre hatte, ihm die Geschichte zu erzählen, mich zu unterbrechen geruht hätte, weil er nicht ganz überzeugt war, ob ihm die betreffenden Welttheile bekannt seyen. Ich will übrigens jetzt in meiner Geschichte fortfahren – sie soll vorwärts gehen mit dem majestätischen Schritte des Kameels, welches stolz ist auf seine Pilgerreise durch die Wüste nach dem Sarge unsres heiligen Propheten.« Der narbige Liebhaber. In den nordöstlichen Theilen der ungeheuren Halbinsel Indien befand sich ein blühendes, ausgedehntes Königreich, das sich besonders durch die Schönheit des Landes, die Fruchtbarkeit des Bodens und durch sein gesundes Klima auszeichnete. Das Königreich grenzte im Osten an ein Land Lusitania, genannt, und letzteres erstreckt sich nordwärts nach der Küste von Eisland, welches von der übermäßigen Hitze seiner Winter den Namen trägt. Die Südgrenze bestand aus einem Strich Landes, dessen Namen meinem Gedächtniß entwischt ist; so viel weiß ich aber, daß besagter Strich in das Meer hineinlauft, welches unter der Herrschaft des Großchans der Tartarei steht. Westlich befindet sich ein anderes Königreich, dessen Namen ich gleichfalls vergessen habe, und im Norden ist ein zweites – nun, ich kann mich des Namens nicht entsinnen. Nach dieser Auseinandersetzung werden Eurer Durchlauchtigen Hoheit Kenntnisse, gegen welche die des weisen Lokman nur sind, was der Samenkern gegen die Wassermelone – bereits ausgefunden haben, daß ich das alte Königreich Souffra meine.«   »Menouni, Du hast ganz Recht,« bemerkte der Pascha. »Fahre fort.« »Es ist ein Glück für Euern Sklave, daß er so viel Weisheit gegenüber sieht,« entgegnete Menouni; denn ich war im Zweifel. Der Glanz Eurer Anwesenheit hat mein Gedächtniß verwirrt, wie der Anblick der Karavane das Zebra-Fohlen der Wüste einschüchtert.« In diesem lieblichen Königreiche, wo die Nachtigallen ihr Daseyn verfangen in ihrer Liebe für die Rosen, und die Rosen ihren Wohlgeruch ausdufteten, bis die Luft eine einzige Essenz des Entzückens war, wie sie eingeathmet wird von den wahren Gläubigen, wenn sie sich zuerst den Thoren des Paradieses nähern und durch den Wink der Houris von den goldenen Wanden bezaubert werden – in dem lieblichen Königreich lebte eine schöne Hindu-Prinzessin, welche in Anmuth wandelte, und deren Lächeln Glück über Alle verbreitete, auf die es fiel. Dennoch hörte sie aus Gründen, welche meine Geschichte angeben wird, achtzehn Sommer die Nachtigall klagen, ohne den Bund der Ehe einzugehen. Dieses Land war damals von Allah mit Ungläubigen bevölkert, damit sie es fruchtbar machten für die wahren Gläubigen, und damit sie letzteren als Sklaven dienten nach ihrer Ankunft, welche erst einige Zeit nach den Ereignissen meiner gegenwärtigen Geschichte stattfand. Unter den Weibern von Souffra war es nicht Brauch, das Leben der Unsichtbarkeit zu führen, welches nur denen gestattet ist, die dem Vergnügen der Koransanhänger dienen; denn obgleich sie sonst ungemein bescheiden und gesetzt waren, gaben sie doch bei gewissen wichtigen Anlässen ihre Reize den öffentlichen Blicken preis – ein Irrthum, für den sie, trotz ihrer Schönheit, ohne Zweifel in alle Ewigkeit verdammt worden waren, wenn sie Seelen besessen hätten. Menou hat gesagt, die Civilisation müsse sich ferne und weit ausdehnen, ehe sich andere Nationen zu der Feinheit erhöben, um uns in der Pracht, in der Sicherheit, und in dem Glücke unsrer Harems nachzuahmen, und wenn ich Eurer Hoheit weiter bemerke – –«   »Fahre fort, guter Menounei,« unterbrach ihn Mustapha. »Der Durchlauchtige Pascha ist kein Freund von Bemerkungen. »Nein, bei unsrem Barte,« entgegnete der Pascha. »Es steht Dir zu, Deine Geschichte zu erzählen, und muß dann mir belassen bleiben, meine Bemerkungen zu machen, wenn sie vorüber ist.« »Ich stehe in dem Angesicht der Weisheit,« sagte Menouni, indem er sich tief verbeugte und fortfuhr: Die schöne Babebibobu (denn so lautete der Name der Prinzessin, welcher in der Sprache des Landes die »Rahmtorte des Entzückens« bezeichnet) wurde durch den Tod ihres Vaters Königin der Souffraner; auch wurde ihr in seinem Testamente, welches alle Großen des Reichs beschworen hatten, eingeschärft, sie solle sich in ihrem zwölften Lebensjahre einen Gatten wählen. In Betreff des letztern war übrigens ausdrücklich bestimmt, daß der so hoch begünstigte Jüngling einer gleich vornehmen Kaste angehören und ohne Narbe oder Mängel seyn müsse. Als daher zwei Jahre nach dem Tode ihres Vaters die schöne Babebibobu ihr zwölftes Lebensjahr erreicht hatte, wurden schnelle Läufer oder hurtige Boten, welche auf den flüchtigsten Dromedaren und arabischen Pferden der reinsten Race aufbrechen mußten, durch das ganze Königreich Souffra geschickt, um die Verfügung des Königs bekannt zu machen. Die Kunde davon gelangte endlich auch in die benachbarten Königreiche, und von diesen aus nach allen Enden des Erdenrunds, so daß Alles unterrichtet wurde. In dem Königreich Souffra, in welchem die Wahl getroffen werden sollte, befanden sich alle Jünglinge der erforderlichen Kaste in einem Zustande von Gährung, weil sie Aussicht hatten, die Ehre zu erringen, während die Jünglinge von niedrigeren Stufen gleichfalls stürmisch bewegt waren über den Gedanken, daß es für sie nicht einen Schatten von Hoffnung gab; und alle Weiber von hoher Kaste, niedriger Kaste, oder gar keiner Kaste befanden sich in einem Zustande von Gährung, weil – weil –«   »Weil sie's immer so sind,« unterbrach ihn der Pascha. »Fahre fort, Menouni.« »Ich danke Eurer Durchlauchtigen Hoheit, daß Ihr mir in meiner Schwierigkeit ausgeholfen habt; denn wer vermöchte auch für das Benehmen von Weibern Gründe anzugeben?« Es reicht zu, zu sagen, daß sich das ganze Land in einem Zustand von Gährung befand; die Gründe dazu bestanden in Hoffnung, Verzweiflung, Eifersucht, Neid, Neugierde, Muthmaßungen, Verwunderung, Zweifeln, Glauben, Hören, Erzählen, Plappern, Unterbrechen und in noch vielen andern, welche hier aufzuzählen allzu langweilig wäre. Auf die erste Kunde hin versah jeder Souffraner Jüngling seine Mandoline mit neuen Saiten und gab sich der schönen Aussicht hin, der erkiesene Glückliche zu werden. Die Hoffnung wurde triumphirend durch das Land. Die Rosen stiegen zu doppeltem Preise; den Attar verfälschte man, um nur die ungeheure Nachfrage befriedigen zu können, und die Nachtigallen wurden fast angebetet. Aber so konnte es nicht fortgehen. Dem Reiche der Hoffnung folgten Zweifel, und das Nachdenken deutete daraus hin, daß aus drei Millionen sehr wählbarer Jünglinge nur ein Einziger der Glückliche seyn konnte. Aber wo viele Räthe sind, geht es nur langsam mit der Entscheidung. Die Zusammenkünfte, Besprechungen, Debatten, Verhandlungen und Reden waren so zahlreich – die Großen des Reiches hatten so unterschiedliche Einwürfe vorzubringen, daß der schöne Paradiesvogel in einem Alter von achtzehn Jahren noch ungepaart war und einsam sein jungfräuliches Lied in den königlichen Hainen trillerte.   »Aber warum,« unterbrach ihn der Pascha, warum hat man sie nicht geheirathet, wenn doch drei Millionen junger Menschen da waren, welche Lust hatten, sie zu nehmen? Da kann ich doch wahrhaftig den Grund einer sechsjährigen Zögerung nicht einsehen.« »Der Grund, Durchlauchtigste Hoheit, bestand darin, daß die Großen von Souffra nicht mit Eurer leuchtenden Weisheit begabt waren; sonst hätte die schöne Babebibobu nicht so lange nach einem Gatten schmachten müssen. Die ganze Zögerung wurde durch Zweifel herbeigeführt, die von den Dichtern mit Wahrheit die Väter des Säumens genannt werden. Es handelte sich um ein Bedenken, das sich in dem Kopfe eines der Braminen erhob, und wenn dieser sich einmal mit einem Zweifel trug, so schob er denselben stets im Munde umher, ohne ihn je zu kauen, zu schlucken oder zu verdauen. Auf diese Weise kam es, daß die Erhaltung der königlichen Linie gefährdet wurde. Jahre lang hatten die Bewerber um die Königswürde, und eine mehr als königliche Schönheit den Hof umschwärmt. Die Jünglinge erschienen mit ihren Mandolinen in den Armen, und Sklaven mußten ihnen ungeheure Packe von Liebes-Sonetten nachtragen; aber doch blieb Alles im Anstande und die schöne Prinzessin Babebibobu unvermählt. »Ich zweifle, ob wir je zu dem Punkte des Zweifels kommen werden,« unterbrach ihn der Pascha ungeduldig; »oder ob die Prinzessin überhaupt einen Mann kriegt.«   »Der Zweifel soll jetzt unverweilt Eurer Hoheit zu Füßen gelegt werden. Es handelte sich um die genaue Bedeutung der Worte: »ohne Narbe oder Mängel « – ferner, ob Muttermäler als Narben oder Mängel zu betrachten seyen. Der Bramine war der Ansicht, die Muttermäler seyen wirklich Mängel und viele Andere stimmten mit ihm überein; das heißt alle diejenigen, welche keine Muttermäler hatten, theilten seine Meinung, während andererseits Personen, welche von der Natur durch derartige auszeichnende Merkmale begünstigt waren, die Erklärung abgaben, sie seyen nicht nur keine Narben oder Mängel, sondern müßten vielmehr als zugäbliche Schönheiten betrachtet werden, welche der Himmel seinen Lieblingen geschenkt hätte. Der Streit wurde mit Eifer fortgeführt und die schöne Prinzessin Babebibobu blieb unverheirathet. Die wichtige Frage ward zuletzt sehr passend dem Mufti vorgelegt. Die Geistlichkeit handhabte, zerrte, drehte, addirte, multiplizirte, subtrahirte, dividirte, debattirte mit leerem und vollem Magen, nickte oder träumte, schlief oder wachte darüber, analysirte und kritisirte die Sache, schrieb acht und vierzig Foliobände, von welchen vier und zwanzig pro und vier und zwanzig contra waren; aber der einzige Schluß, zu dem sie kommen konnten tief darauf hinaus, daß Muttermäler eben Muttermäler seyen, und die schöne Prinzessin Babebibobu blieb unverheirathet. Die Derwische und Fakirs des Landes griffen sodann die Frage von ihrem religiösen Gesichtspunkte auf. Sie spalteten sich in zwei Parteien und suchten sich durch eine Disputation unter einem Bannanenbaum zu vergleichen. Der Streit dauerte achtzehn Monate, und noch hatte nicht die Hälfte der heiligen Männer ihre Ansicht über die Sache abgegeben. Des Sprechens müde, kam es zu Schlägen, dann zu gegenseitigen Bannflüchen und Excommunicationen, bis sie zuletzt zu dem überzeugenden Beweise des Spießens griffen. Mehr als tausend gingen auf jeder Seite zu Grunde, und noch immer blieb die schöne Prinzessin Babebibobu unvermählt. Die Collegien und Schulen des Königreichs kamen gleichfalls an die Reihe, behandelten die Frage metaphysisch, und nachdem zwischen den beiden Seiten zwei und zwanzig Millionen Argumentationsfaden unwiederbringlich verloren gegangen waren, schien das Ganze so frisch, als je zu seyn, und die schöne Prinzessin Babebibobu blieb unverheirathet. Aber dies war noch nicht Alles; denn zuletzt nahm die ganze Nation an dem Streite Theil und spaltete sich in wilde, ungestüme Parteien. Stadt stand gegen Stadt, Einwohner gegen Einwohner, Haus gegen Haus, Familie gegen Familie, der Mann gegen das Weib, der Vater gegen den Sohn, der Bruder gegen die Schwester, und in manchen Fallen, wo die Bedenken beiderseitig waren, der Mann sogar gegen sich selber. Das ganze Volk griff zu den Waffen, und die Muttermäler stritten gegen die Nichtmuttermäler. Es kam zu vierhundert Aufständen und zu vier förmlichen Bürgerkriege, das Schlimmste aber war, daß die schöne Prinzessin Babebibobu noch immer unvermählt blieb. Eure durchlauchtige Hoheit wird zugeben, daß es eine sehr verfängliche Frage war – –«   »Was ist Deine Ansicht, Mustapha?« fragte der Pascha. »Wenn Euer Sklave sprechen darf, so möchte ich sagen, daß es abgeschmackt war, über ein Muttermal so großes Geschrei zu machen.« »Sehr wahr, Mustapha. Diese Prinzessin wird nie einen Mann kriegen. Fahre also fort guter Menonui.«   Ich muß Eurer durchlauchtigen Hoheit bemerken, daß die Muttermäler die stärkste Partei bildeten und höchst anmaßend waren. Nicht zufrieden, die Abzeichen der Natur zu tragen, klebten sie auf ihre Gesichter künstliche Muttermäler von jeder Gestalt und Farbe, und die ungestümsten Parteigänger sahen aus, als litten sie an einer Hautkrankheit. Auch war es ein auffallender Umstand, daß kein Muttermäler je seine Seite wechselte, während man Viele der Anti- Muttermäler kannte, die nach einem Bade den schamlosesten Abfall begangen hatten. Alles ging aufs Unglückseligste und das Land befand sich im Zustand der Verwirrung, als die Frage endlich glücklicher Weise durch die Bemerkung eines kleinen ungefähr zwölfjährigen Sklaven gelöst wurde, den sein Gebieter jeden Morgen auf den Verdacht des Malismus hin, die Gebieterin aber Abends wegen muthmaßlichem Antimalismus peitschte. Dieser arme kleine Kerl flüsterte einem andern Knaben zu, daß die Muttermäler nur je nach der Denkweise der Leute Mängel wären oder nicht; er für seinen Theil halte durchaus nichts von der Sache. Das Spionensystem war damals so scharf im Gange, daß man sogar ein Geflüster auf meilenweite Entfernung hörte, und so wurden denn auch diese Worte gemeldet. Sie waren ohne Frage neu, weil sie eine Neutralität in sich faßten, und zwar zu einer Zeit, in welcher man weder neutral seyn wollte, noch an eine Neutralität dachte. Die Bemerkung wurde hin- und hergetragen, für wunderbar erklärt, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Vorstädte, kehrte durch die Stadt und erschütterte sogar den Thron des Palastes. Endlich erreichte sie den Heiligen im Divan, welcher sie für eine Eingebung der Gottheit erklärte, und nun wurde ein feierliches Edikt erlassen, welches den Souffranern als den positivsten und wichtigsten Glaubensartikel die tiefe Wahrheit ans Herz legte, daß Muttermäler keine Narben und nur dann Mängel seyen, wenn man sie als solche betrachte. Männiglich pries die Weisheit dieses Erlasses; man las und unterschrieb ihn als einen Glaubensartikel – Städte begrüßten Städte – ein Haus wünschte dem andern Glück – Verwandte drückten sich wieder die Hände – was noch seltsamer war, Männer und Weiber söhnten sich wieder mit einander aus – und die schöne Prinzessin Babebibobu hatte doch endlich einmal die entzückende Aussicht, nicht länger unverheirathet bleiben zu müssen. Dieses glückliche Edikt, aus welchem klärlich erhellte, daß diejenigen, welche ein Muttermal für einen Mangel hielten, ganz sicher waren, die Ungläubigen aber auch nichts zu befahren hatten – setzte Alles zurecht. Die Hauptstadt füllte sich wieder mit Bewerbern, die Ohren wurden von der Musik der Mandolinen gequält und die Luft schwängerte sich mit dem Attar der Rose. Wer kann versuchen, den prachtvollen Palast und die Herrlichkeit der Halle zu schildern, worin die schöne Prinzessin saß, um die Huldigung der auserlesensten Jugend ihres Königsreichs entgegen zu nehmen? Beschwichtigend weich – süß, liebend weich klangen die Silbertöne der trillernden Asparas oder singenden Mädchen, die jetzt in zarten melodischen Güssen ebbeten und dann wieder flutheten, während durch die zierliche, mit hohen Säulen versehene Halle andere Mädchen, jede so schön wie Artie selbst in ihrem Glänze, hin und her tanzten, in ihrer Gesammtheit fast den Blick der Huldigung zu fordern scheinend, der doch nur dem Unvergleichlichen Wesen gebührte, welches auf seinem Smaragd-Throne schmachtete und brannte. Drei Tage hatte die Prinzessin in dieser Halle des Entzückens gesessen, ermüdet und ärgerlich über das beharrliche Herbeiströmen der Souffra-Jünglinge, die sich vor ihr niederwarfen und vorbeizogen. Der vierte Morgen dämmerte, und Keiner konnte sich rühmen, daß er auch nur durch einen Schatten von Vorzug, durch eine Geberde, einen Seufzer oder einen Blick ausgezeichnet worden sey. Und die edlen Jünglinge benahmen sich in ihrer Verzweiflung mit einander und murmelten unter sich. Mancher Fuß stampfte in ungebührlicher Heftigkeit, und mancher Schnauzbart wurde in kleinlicher Entrüstung gedreht. Die Einwohner der Hauptstadt tadelten das Ungestüm der Jünglinge; wenn es auch nicht geradezu unloyal sey, so müsse es doch im mindesten Falle ungalant genannt werden, und was noch das Schlimmste sey, sie zeigten keine Rücksicht für das Wohl der Bürger, über die jeder als Souverän zu herrschen trachte, – denn sie müßten doch wissen, wie jetzt die Zeit sey, in welcher die Bürger von dem Zuströmen der Bewerber eine goldene Ernte zögen. Ferner fügten sie ganz richtig bei, eine Prinzessin, welche man gezwungen habe, zu Befriedigung der Bedenken Anderer sechs Jahre zu warten, sey aufs Unzweifelhafteste befugt, auf Lösung ihrer eigenen Anstände eben so viele Tage zu verwenden. Am vierten Tage nahm die schöne Babebibobu abermals ihren Sitz auf den goldenen Polstern ein. Ihre Beine waren gekreuzt, ihre kleinen Füße unter den Falten ihrer weiten, azurblauen, seidenen Hosen verborgen, und man glaubte, es lasse sich in ihren Augen mehr Feuer, in ihrem Gesichte mehr Leben blicken, als Tags zuvor. Aber dennoch zog die Menge unbeachtet vorbei. Sogar die gelehrten Braminen, welche in unbeweglichen Reihen zu jeder Seite des Thrones standen, wurden ungeduldig. Sie sprachen von dem Wankelmuth des weiblichen Geschlechtes, von der Unmöglichkeit, dasselbe zu einem Entschlusse zu bringen – flüsterten sich weise Sprüchlein von Ferdistan und Anderen zu über die Launenhaftigkeit der Weiber und die Unbeständigkeit ihrer Naturen – kurz je mehr sie von dem langen Stehen die Beine schmerzten, desto bitterer wurden sie in ihren Bemerkungen. Die armen, faselnden alten Narren! – Die schöne Prinzessin war schon längst mit sich einig, ohne während der sechs langen Jahre, in welchen die Bedenken und Verhandlungen der ehrwürdigen alten Hohlköpfe die ganze Nation in einen Mäler- und Antimälerzwist gestürzt hatte, auch nur ein einziges Mal von ihrem Entschlusse abzugehen. Es war ungefähr die erste Stunde des Nachmittags, als die schöne Babebibobu sich plötzlich aus ihrer ruhenden Haltung erhob, ihre hübschen Händchen, deren Finger schon mit Henna gefärbt waren, zusammenschlug, ihren Gesellschafterinnen winkte und sich anmuthig aus der Gerichtshalle zurückzog. Die Ueberraschung war groß, und ihr Benehmen erschien dadurch um so auffallender, weil der einzige Sohn des Oberbraminen, welcher zuerst die Frage aufgeworfen hatte und an der Spitze der Anti-Mäler-Parthie stand, in diesem Augenblicke ausgestreckt vor dem Throne lag. Seine Stirn war zwar zur Erde geneigt, aber seine Brust schwoll hoch auf in Hoffnung und Ehrgeiz. Die keuchende Prinzessin zog sich nach einer Laube von Orangenbäumen in den verborgensten Winkel des königlichen Gartens zurück. Sie wählte aus den umhergestreuten Blumen einige aus und schickte sie an ihren Lieblingsmusiker und Verehrer Acota ab. War Jemand im Königreiche Souffra, der die Mandoline so süß rühren konnte, wie Acota? Und doch – gab es nicht nur in Souffra, sondern in allen benachbarten Ländern irgendwo einen Menschen, der hin und wieder so mißtönige Noten anschlug, als Acota, und dieß noch obendrein vor den Ohren der schönen Prinzessin Babebibobu, die nicht einmal darüber mißvergnügt war, sondern das gelegentliche Ungestüm zu billigen schien, mit welchem er nicht nur die Saiten des Instruments, sondern auch die Trommelfelle der Zuhörer zu zerreißen drohte. Wie sehnten sich die Anwesenden zu entkommen und den Genuß der Dissonanz der Prinzessin ganz allein zu überlassen; es fiel ihnen freilich nicht entfernt ein, die Mißtöne dürften blos hervorgerufen seyn, damit die Harmonie der Seelen nicht gestört werden möge durch die Gegenwart Anderer, und die Prinzessin konnte reichen Ersatz finden für das Schnarren der Saiten durch die spätere Musik von Acotas Stimme. Auf ein Zeichen der Prinzessin setzte sich Acota und begann sein Spiel, wenn es so genannt werden konnte, durch ein heftiges Reißen und Zerren auf den Saiten seines Instrumentes, dadurch so widerliche Töne hervorrufend, daß das aufwartende Madchen sich die Finger in die Ohren steckte und den schlechten musikalischen Geschmack der schönen Babebibobu bemitleidete. »Ach, Acota,« sagte die Prinzessin, die volle Zärtlichkeit ihrer großen leuchtenden Augen gegen ihn aufschließend, »wie müde bin ich es, auf meinen Kissen zu sitzen und mitanzusehen, wie ein Laffe nach dem andern sein Gesicht vor mir in den Staub legt, während ich noch obendrein in ihren Parfümerien fast ersticke. Schlage Deine Mandoline wieder lauter, Geliebter meiner Seele – noch lauter, damit mir dieses unerwünschte Gedränge ferne bleibe.« Acota ergriff nun seine Mandoline und klimperte ein so unerträgliches Gemisch von falschen Tönen, daß alle Vögel auf hundert Schritte kreischend davon flogen und der wachsame alte Kammerherr, welcher sich stets in der Nähe der Prinzessin aufhielt – sie meinte, nur zu nahe, während er selbst ihr nie nahe genug seyn zu können wähnte – zähneklappernd und mit dem Ausrufe: »Yah – yah – Baba senna, Fluch auf seine Mutter und seine Mandoline obendrein!« so schnell von hinnen eilte, als es sein Fett gestatten wollte. Auch die treuen Kammerfräulein, welche die Prinzessin umgaben, konnten's nie länger aushalten; in ihrer Noth bissen sie die Zähne zusammen, und wenn endlich Acota mit einem einzigen furchtbaren Rucke jede Seite seines Instrumentes zerriß, rissen auch sie sich von den Zügeln der Pflicht los und flüchteten sich nach allen Richtungen des Gartens, die Prinzessin mit Acota allein lassend. »Geliebter meiner Seele,« sagte die Prinzessin; »endlich hab' ich einen Plan ersonnen, durch welchen unser Glück gesichert werden wird.« Und mit gedämpfter Stimme, aber ohne einander anzusehen, damit die Aufmerksamkeit des Kämmerers nicht gefesselt würde, ergingen sie sich in süßem Gespräch. Acota lauschte einige Minuten auf die holde Stimme der Prinzessin, nahm dann die Mandoline mit ihren zerbrochenen Saiten auf und entfernte sich, indem er zum Besten des alten Kammerherrn die tiefste Ehrfurcht zur Schau stellte. Mittlerweile verbreitete sich das Gerücht, daß mit Sonnenuntergang an den Ufern des rasch fließenden Stromes, welcher in der Nähe der Stadt durch eine geräumige Wiese rann, eine öffentliche Untersuchung sämmtlicher Bewerber stattfinden solle, damit diejenigen, welche durch was immer für eine Narbe oder einen Mangel dem Testamente des alten Königs nicht entsprachen, ausgeschieden werden könnten. Zwölf alte Fakirs und vier und zwanzig Mollahs mit Brillen wurden zu Inspektoren ernannt. Man nahm an, weil sich's um eine religiöse Ceremonie handle, so würden sämmtliche Frauenspersonen von Souffra, die sich durch ihre Frömmigkeit auszeichneten, bei der Feierlichkeit erscheinen, und alle Welt sehnte sich nach dem Beginne der Untersuchung. Wie angenehm war es nicht, mit anzusehen, wie die jungen Souffra-Nayahs, welche der Visitation anheim fallen sollten, beritten oder zu Fuße einherjagten. Ein Fremder würde ans den Tausenden und Tausenden, welche aus der Stadt hervorquollen, um die Ceremonie am Flußufer mitanzusehen, den Schluß gezogen haben, daß an dem Orte plötzlich eine verheerende Pest ausgebrochen seyn müsse. Zum Erstaunen der Leute aber verließen fast alle Rayas, sobald sie ihre Pferde bestiegen hatten, die Stadt in der entgegengesetzten Richtung, indem sie zum Theil erklärten, daß sie zwar völlig ohne Narbe oder Mangel seyen, aber doch nicht ihre Personen den Blicken so vieler Tausenden preisgeben möchten, theilweise aber ihre Narben und ehrenhaften Wunden in der Schlacht erhalten haben wollten – wirklich höchst interessante Vorwände, denn die Souffraner hatten bis auf diesen Nachmittag nicht gewußt, wie vieler Bescheidenheit und wie vielen Muthes sich ihr hoch begünstigtes Land zu rühmen hatte. Viele bedauerten, als sie die endlose Reihe tapferer junger Männer aufbrechen sahen, daß der Wille des verstorbenen Königs in der Schlacht gehabte Narben zu einem Hinderungsmittel der Beförderung gemacht hatte; aber die Braminen ertheilten ihnen ernste Verweise, indem sie erklärten, daß die erwähnte Einschärfung aus dem Testamente des alten Königs ein heiliges, tief liegendes Geheimniß berge.   »Bei dem Barte des Propheten, es braucht lange Zeit, bis diese Deine Prinzessin einen Mann kriegt, Menouni,« bemerkte der Pascha mit einem Gähnen. »Eure durchlauchtige Hoheit kann sich nicht darüber wundern, wenn Ihr die Bedingungen aus dem Testamente des alten Königs ins Auge faßt.«   Die Untersuchung wurde aufs Strengste vorgenommen und sogar die kleinste Ritze für zureichend erklärt, um einen jungen Mann als unwählbar zu prädiziren. Ein Hühnerauge erschien als ein Mangel, und wenn ein junger Mann einem Blutegelbisse die Rettung seines Lebens zu danken hatte, so war für ihn alle Aussicht auf die Hand der Prinzessin verloren. »Sey so gut, mir zu sagen, ob es auch als Narbe betrachtet wurde, wenn ihnen ein Barbier beim Rasiren ihrer Köpfe die Haut geritzt hatte?« »Aufs entschiedenste, durchlauchtige Hoheit.« »Dann waren diese Fakirs und Mollahs mit ihren Brillen, wie auch Deine Braminen weiter nichts, als ein Haufen dummer Tröpfe. Meinst Du nicht auch, Mustapha?« »Eure durchlauchtige Weisheit gleicht den Ueberströmen des Honigtopfes,« versetzte Mustapha. »Du weißt so gut, wie ich, Mustapha, daß es fast unmöglich ist, ohne ein bischen Blut auszureichen, wenn zufälligerweise eine Finne vorhanden oder das Rasirmesser schlecht ist. Doch fahre fort, Menouni, und bring' diese schöne Prinzessin wo möglich unter die Haube.«   Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang erschien die liebenswürdige Babebibobu, »die Rahmtorte des Entzückens,« prächtiger als zuvor gekleidet, wieder in der Audienzhalle und fand zu ihrer Ueberraschung, daß unter den vielen Tausenden junger Rayas nicht fünfzig zurückgeblieben waren, welche auf die Ehre einer Bewerbung um ihre Hand und um den Thron Anspruch machen konnten. Unter ihnen befand sich, nicht länger als Musiker, sondern in das Kostüm seiner hohen Kaste gekleidet, voll stolzen Selbstbewußtseyns Acota, und obgleich seine Juwelen bei den übrigen Bewerbern ihres Gleichen finden konnten, so war doch keiner der Anwesenden im Stande, sich im Glanze der Augen mit ihm zu messen. Neben Acota stand Mezrimbi, der Sohn des Oberbraminen, der allein an persönlicher Schönheit mit Acota zu vergleichen war; zugleich aber kannte man auch seinen stolzen, übermüthigen, grausamen Charakter. Die schöne Babebibobu fürchtete ihn, weil dem Testamente ihres Vaters eine Klausel angefügt war, vermöge welcher, im Falle die erste Wahl der Prinzessin durch einen dazwischen kommenden Zufall ungültig würde, sein Vater, der Oberbramin, die Ermächtigung erhielt, für die Prinzessin zu wählen; seine Entscheidung sollte dann für eben so unverletzlich gehalten werden. Die schönen Augen der Prinzessin flogen anfangs über Mezrimbis Gestalt hin, und sie zitterte; aber Acotas stolze Haltung flößte ihr wieder neuen Muth ein. Mit einem Winke ihrer Hand setzte sie sich nieder und redete die versammelten Jünglinge folgendermaßen an: – »Getreue und edle Rayas, schreibt es keinem Mangel an Bescheidenheit zu, daß ich die anmuthige Verschämtheit der Jungfrau fallen lasse und die dreistere Haltung der Königin annehme. Wo Alle augenscheinlich so viel Verdienst besitzen, möchte ich nicht durch die Macht eines Einzigen allen Uebrigen Kränkung bereiten. Ueberlassen wir daher dem unsterblichen Vishnu die Entscheidung, wer am würdigsten ist über dieses unser Königreich Souffra zu herrschen. Möge Euch Vishnu Eure Bestimmung lesen lassen. Ich habe eine Blume an diesem unwürdigen Busen verborgen, welcher in Bälde einen von Euch seinen Herrn nennen soll. Nennet mir den Namen dieser Blume, und wer ihn zuerst ausspricht, der soll als gesetzlicher König von Saffra ausgerufen werden. Nehmt daher Eure Instrumente, edle Nayas, um in gemessenem Vers den Namen der verborgenen Blume und den Grund meiner Wahl zu singen. Das Schicksal mag dann die Frage entscheiden, damit Niemand sage, seine Verdienste seyen gering geschätzt worden. Nachdem die schöne Prinzessin ihre Rede geendigt hatte, ließ sie ihren Schleier fallen und verstummte. Dann folgte ein lautes Beifallgeschrei und ein wildes Stimmen der Mandoline, nebst einem gelegentlichen Kratzen am Kopf oder Turban, um auf diese Weise dem Gedächtnisse oder den Versuchen einer improvisirten Versifikation zu Hülfe zu kommen. Die Zeit entschwand und Niemand von den Rayas schien geneigt zu seyn, den Anfang zu machen. Endlich trat Einer vor und nannte die Rose in einem geborgten Couplet. Die Prinzessin entließ ihn mit einem anmuthigen Winken ihrer Hand; er aber schlug ärgerlich seine Mandoline zusammen und verließ die Audienzhalle. So fuhren sie der Reihe nach fort – sie nannten Blume um Blume und verließen nach einander verzweifelnd die Audienzhalle. Man hätte damals die schönen Jünglinge selbst mit schönen Blumen vergleichen können, die in ihren Hoffnungen starke Wurzeln geschlagen hatten und sich in der Sonne der königlichen Gegenwart wärmten; sobald aber ihre Hoffnungen geknickt waren, erschienen sie wohl in einem andern Lichte, als in dem derselben Blumen, welche, losgetrennt von ihren Stengeln, unter den jetzt allzugewaltigen Sonnenstrahlen vertrockneten oder, von dem Thau der Thränen beladen, ferne und unbeachtet dahin welkten? Es waren nur noch Wenige übrig, als Mezrimbi mit seiner Mandoline vortrat; denn er glaubte den rechten Namen getroffen zu haben und las in Acotas Gesichte eine ungeduldige Sorglosigkeit, welche ihn auf den Glauben brachte, sein Gegner sey auf denselben Gedanken gekommen und dürfte ihm wohl den Vorsprung abgewinnen wollen. Mezrimbi galt als einer der besten Dichter in Souffra und besaß überhaupt jedes Talent, leider aber auch nicht eine einzige Tugend. Er beugte sich in zierlicher Haltung vorwärts und sang, wie folgt: Wie liebt die Nachtigall? Wir wissens ja. Sie singt ihr Schmachten in der stillen Nacht Und nennt doch nie den Namen der Geliebten. Was sind die Blumen, als der Liebe Sprache? Und ruht die Brust der Nachtigall nicht auf Dem Dorn, wenn schallen ihre Klagelieder? So nimm aus deiner Brust die süße Blüt' Des Mai's, die dort sich birgt, der Liebe Bild Selbst in dem süßen Schmerz, den sie erzeuget. Mezrimbi hatte die zwei ersten Verse geendigt; die schöne Prinzessin hätte vergehen mögen vor Angst, weil sie ihr Geheimniß entdeckt glaubte, und mit dem Gefühle einer halben Ohnmacht hörte sie dem letzten Vers zu. Aber ihrer Noth folgte das Entzücken der Freude, weil es dem Sänger nicht gelungen war, das rechte Wort zu errathen. Ungeduldig winkte sie mit der Hand, und eben so ungeduldig schied Mezrimbi aus ihrer Gegenwart. Nun trat Acota vor. Nach einem Vorspiele, dessen Schönheit die ganze Umgebung der Königin in Erstaunen setzte, weil man ihm nie die Fähigkeit zugetraut hatte, daß er eine ordentliche Arie durchführen könne, sang er mit klarer melodischer Stimme folgende Stanzen: Die holde Wange prangt in Rosen-Gluth Und streuet aus der Rose Duft nicht minder; Die Lilie auf Deinem Busen ruht Und Deine Worte selbst sind Floras Kinder. Doch Lilie und Ros' und jede Blüth' Aus Indiens Gärten müssen schnell ersterben An Deiner Brust; denn wonniglich durchglüht Sieht man verzücket um den Tod sie werben. Bescheiden schmiegt sich an Dein zartes Herz Die Blüthe, die Du pflücktest von der Nessel; Geboren unter Stacheln gibt nicht Schmerz Ihr grüner Kelch, getrennt von gift'ger Fessel. Acota verstummte. Sobald der Sänger geendigt hatte, erhob sich die schöne Prinzessin langsam und bebend von ihrem Polster, nahm die Blüthe einer Nessel aus ihrem Busen, legte sie in die Hand des glücklichen Acota und sprach mit viel Frömmigkeit: »Es ist der Wille des Himmels.«   »Aber wie wurde es Acota möglich, ausfindig zu machen, daß die Prinzessin eine Nesselblüthe in ihrem Busen hatte?« unterbrach ihn der Pascha. »Die hat Niemand errathen können. Ich kann mir die Sache nicht erklären – kannst Du's, Mustapha?« »Eure durchlauchtige Hoheit hat Recht, denn kein Mensch hätte je etwas der Art errathen können,« entgegnete Mustapha. »Ich kann mir nur einen einzigen Erklärungsgrund denken, welcher darin besteht, daß ihm die Prinzessin ihre Absichten mitgetheilt haben muß, als sie allein in dem königlichen Garten waren.« »Sehr wahr, Mustapha – nun, Allah sey Dank, die Prinzessin kriegt doch endlich einen Mann.« »Ich bitte Eure durchlauchtige Hoheit um Verzeihung, aber die schöne Prinzessin ist noch nicht verheiratet,« sagte Menouni. »Meine Geschichte hat ihr Ende noch nicht erreicht.« »Wallah el Nebi!« rief der Pascha. »Bei Gott und seinen Propheten, soll sie denn nie unter die Haube kommen?« »Ja durchlauchtige Hoheit, aber jetzt noch nicht. Soll ich fortfahren?« »Ja, Menouni, und je schneller Du vorwärts kömmst, desto besser ist es.«     Mitten unter dem Rufe: »lange lebe Acota Souffras legitimer König!« »Legitim? Sag' an, mein guter Menouni, was hat dies Wort zu bedeuten?« »Durchlauchtige Hoheit, der Ausdruck legitim faßt den Begriff in sich, daß ein König und seine Abkömmlinge von Allah erliesen seyen, über ein Volk zu herrschen.« »Gut, aber ich sehe nicht ein, daß Allah mit Acotas Wahl viel zu schaffen hätte.« »Vermuthlich ist es bei der Wahl eines jeden andern Königs der gleiche Fall, Hoheit, aber dennoch bringt man die Leute auf diesen Glauben, und das ist zureichend. Was kümmert sich Allah um die Wahl der Fürsten, welche nicht über die wahren Gläubigen herrschen? Der Sultan ist der Statthalter des heiligen Propheten auf Erden und bekleidet unter der Leitung des Propheten in den Personen seiner Paschas die Tugend und Weisheit mit dem Kalaats der Würde.« »Sehr wahr,« versetzte der Pascha, »der Sultan wird durch Allah geleitet und« – fuhr er in gedämpfterem Tone gegen Mustapha fort – »durch ein paar hundert Beutel obendrein. Menouni Du magst fortfahren.«   »Mitten unter dem Geschrei: »lange lebe Acota, Souffras legitimer König!« wurde Acota von den anwesenden Großen der Nation nach dem Throne geführt und nahm von hier aus die Huldigung der Versammelten entgegen. Die Großwürdenträger und Mollahs waren unter sich einig geworden, daß die Vermählung am nächsten Tage stattfinden sollte. Die Versammlung löste sich auf, und ihre Bestandteile eilten nach allen Richtungen, um die Vorbereitungen für die erwartete Ceremonie zu treffen. Aber wer vermag die Eifersucht, den Neid, den Unwillen und alle die Gefühle zu schildern, welche die Brust Mezrimbis und seines Vaters, des Oberbraminen, schwellten! Sie machten mit einander ihre Anschläge und Entwürfe. Trotz der erlassenen Proclamation war Acota noch nicht König und wurde es erst, nachdem die Trauung mit der schönen Prinzessin Babebibobu, »der Rahmtorte des Entzückens,« vollzogen war. Wenn man daher dem glücklichen Begünstigten vor der Hochzeit des andern Tages eine Narbe oder einen Mangel beibringen konnte, so mußte, dem Testament des alten Königs zufolge, der Bramin den Nachfolger wählen, und warum sollte er dabei nicht sein Augenmerk auf den eigenen Sohu richten können?« »Vater,« sagte der junge Mezrimbi, und sein schönes Gesicht wurde von den schnödesten Leidenschaften Jehanums verzerrt, »ich habe mir folgenden Plan erdacht. Meine Stummen sind bereitwillig, meinen Wünschen Folge zu leisten, und ich bin im Besitze einer ätzenden, brennenden Säure, welche tief in das Fleisch des stolzen Acota fressen soll. Er wird ohne Zweifel seine Zeit in dem königlichen Park zubringen, und ich kenne sogar die Laube, in welcher er um die schöne Prinzessin gefreit und sie gewonnen hat. Wir wollen die Stummen herbeirufen und ihnen erklären, was von ihnen verlangt wird; die morgige Sonne wird sodann den Thron von Souffra auf das Geschlecht der Mezrimbis übertragen. Sind wir nicht vom reinsten Blute der Ebenen, und ist Acota nicht ein bloßer Rajah des Gebirgs.« Der Oberbramin war sehr erfreut über den Antrag seines Sohnes, und die Stummen wurden herbeigerufen. Die schwarzen zungenlosen, garstigen Geschöpfe beugten sich demüthig nieder und folgten ihrem Gebieter, welcher in Gesellschaft des Oberbraminen auf einem weiten Umwege in den Bann des königlichen Parkes einzudringen wagte. Langsam und vorsichtig näherten sie sich der Laube, wo, wie Mezrimbi ganz richtig bemerkt hatte, Acota auf seine geliebte Prinzessin wartete. Zum Glück entlockte das zornige Zischen einer aufgestörten Schlange dem alten Bramin einen entsetzten Ausruf, welcher Acota aus seinen Wonneträumen weckte. Durch das Gebüsch bemerkte und erkannte er Mezrimbi, seinen Vater und die Stummen. Daß sie Schlimmes gegen ihn brüteten, war ihm augenblicklich klar, weßhalb er unter den Rosenbüschen einen Versteck suchte und sich ausgestreckt auf den Boden niederlegte, obschon er in der Eile seinen Mantel und seine Mandoline zurückließ. Mezrimbi trat in die Laube, erklärte den Stummen durch Zeichen, was er von ihnen wünschte, zeigte ihnen den Mantel und das Instrument, um sie den Gegenstand seines Zornes kennen zu lehren und übergab ihren Händen die Flasche mit ätzender Säure. Sie überzeugten ihn, daß sie ihn begriffen hatten, und das Häuflein zog sich dann zurück, der Oberbramin, um sich nach Hause zu begeben, die Stummen, um unter den Büschen auf Acotas Ankunft zu lauern, und Mezrimbi, um an den verborgensten Plätzen des Parkes umherzugehen und den Ausgang des Anschlags abzuwarten. Acota, welcher nun deutlich sah, was gegen ihn im Schilde geführt wurde, lachte ins Fäustchen und dankte Allah für seine glückliche Befreiung. Um nicht bemerkt zu werden, kroch er mit seinem Mantel und der Mandoline auf Händen und Knieen weg, suchte einen Versteck und bewachte nun seinerseits die Bewegungen der Uebrigen. So standen also sämmtliche Parteien auf der Lauer, bis sich die Sonne hinter die blauen Berge senkte, welche das Königreich Souffra von dem andern Königreiche trennten, dessen Namen mein trügerisches Gedächtniß in Eurer Hoheit durchlauchtigsten Gegenwart zu vergessen so dreist war. Mezrimbi war die einzige Person, welche nicht regungslos blieb. In der Beklommenheit des Vorgenusses und der Zweifel schritt er auf und nieder, bis er endlich, von widerstreitenden Gefühlen erschöpft, Halt machte und sich an dem Fuße eines Baumes dicht bei der Stelle niederließ, wo sich Acota verborgen hatte. Die Nachtigall erging sich in ihren süßen Melodieen und fuhr, den Liebenden freundlich, darin fort, bis endlich Mezrimbi, dessen zürnende Gefühle durch die lieblichen Noten gemildert waren, in Schlaf versank. Acota bemerkte dies, kam heran, legte seinen Mantel über den Schlummernden und berührte eine Saite der Mandoline, die, wie er wohl wußte, auf das scharfe Ohr der Stummen ihre Wirkung üben mußte, selbst wenn sie nicht laut genug tönte, um Mezrimbi zu wecken. Acota hatte Recht. Eine Minute nachher sah er die Schwarzen wie Schakals, welche Beute wittern, durch das Unterholz kriechen, was ihn bewog, sich hurtig wieder in das dichte Laubwerk zu verstecken. Schatten gleich kamen sie in der Dunkelheit heran und bemerkten den schlafenden Mezrimbi mit Acotas Mantel und Mandoline, die Acota, nachdem er sie angeschlagen, an seiner Seite niedergelegt hatte. Dies war zureichend. Mezrimbi's Gesicht war, noch ehe er erwachen konnte, mit der brennenden Säure bedeckt. Sein Geschrei wurde mit einem Tuche erstickt, und in der vollen Ueberzeugung, den Einschärfungen ihres Gebieters Folge gegeben zu haben, eilten die Stummen zurück, um ihren Erfolg zu berichten, nachdem sie zuvor Mezrimbi's Hände und Füße gebunden hatten, damit er nicht nach Hause gehe und in seiner Noth Hülfe suche. Sie entwischten aus dem Garten und meldeten dem Oberbraminen den Erfolg ihrer Operationen – deßgleichen, wie sie Acota in dem Gebüsche gelassen hätten. Nach einigem Nachdenken hielt es der alte Mezrimbi für räthlich Acotas Person in seine Gewalt zu bringen, damit er im Stande seyn möchte, sie erforderlichen Falls am andern Tage vorzuzeigen. Er forderte daher die Stummen auf, sie sollten zurückgehen, Acota nach Hause bringen und strenge Wache über ihn halten, damit er nicht entwische. Sobald die Stummen Mezrimbi verlassen hatten, erhob sich Acota aus seinem Verstecke und ging auf den unglücklichen Elenden zu, der noch immer vor Schmerzen ächzte; sein Gesicht war aber in das Tuch eingehüllt, so daß man dasselbe nicht sehen konnte. Anfangs wollte Acota den verrätherischen Feind verspotten, aber sein edles Herz gestattete ihm keine derartige Rache. Dann kam ihm ein anderer Gedanke in den Kopf. Er nahm Mezrimbri den Mantel ab und hängte ihm seinen eigenen um; dann tauschte er auch die Turbane und Scymetars, worauf er seinen Nebenbuhler verließ und nach Hause ging. Kurz nachdem Acota das Gebüsch verlassen hatte, kehrten die Stummen zurück, hoben den unglücklichen Mezrimbi auf ihre Schultern und trugen ihn nach dem Hause des Oberbraminen, welcher, nachdem er ihnen befohlen hatte, den Gefangenen in einem Außenhause zu bewachen, sein Gebet sprach und zu Bette ging. Die Sonne ging auf und goß ihre lieblichen Strahlen auf das Land Souffra. Tausende und Tausende von Einwohnern hatten sich vor ihr erhoben, um sich für die Wonne des Tages vorzubereiten – des Tages, der sie mit einem König segnen sollte – des Tages, an welchem die schöne Prinzessin Babebibobu. die Rahmtorte des Entzückens, einmal aufhörte, unvermählt zu seyn. Seidenstoffe aus China, Halstücher und Schärpen aus Kaschmir, Juwelen, Gold und Diamauten, Pferde, Kameele und Elephanten, kurz Alles sah man über der Ebene und durch die Stadt Souffra ausgebreitet. Ueberall Freude, Jubel und Festlichkeit, denn es war der Tag, an welchem die schöne Prinzessin Babebibobu heirathen sollte.   »Wollte der Himmel, daß es einmal so weit wäre,« bemerkte der Pascha ungeduldig. »Eure durchlauchtige Hoheit halten zu Gnaden, es wird bald geschehen seyn.«   Zu früher Stunde wurde die Proclamation erlassen, daß die Prinzessin im Begriff sey, sich einen Gatten aus den Rayah-Jünglingen Souffras zu wählen; wer sich daher für die Sache interessire, möge sich nach dem Palaste begeben, um der Ceremonie anzuwohnen. Da ganz Souffra daran Interesse nahm, so war auch ganz Souffra anwesend. Die Sonne hatte beinah ihr Zenith erreicht und blickte fast neidisch auf die frohe Scene nieder, das Gehirn der guten Leute von Souffra bratend, deren Köpfe das Land meilenweit gepflastert hatten, als die schöne Prinzessin Babebibobu, begleitet von ihren Kammerfräulein und den Großwürdenträgern Souffras, welche das Testament ihres Vaters zu vollziehen hatten, in der Audienzhalle erschien. Vorne an stand der Oberbramin, der sich angelegentlich unter dem Gedränge nach seinem Sohne Mezrimbi umsah, weil sich derselbe während des ganzen Morgens nicht vor ihm hatte blicken lassen. Endlich erspähte er seinen reichen Anzug, seinen Mantel, seinen Turban und den mit Juwelen besetzten Scymetar; aber sein Gesicht war mit einem Tuche eingehüllt, und der Oberbramin lächelte über den witzigen Einfall seines Sohnes, der seine eigene schöne Person ebensogut vermummt hatte, wie der jetzt mit Narben versehene Acota. Nun wurde durch tausend Trompeten und durch die Entladung von zweitausend Kanonen Stillschweigen geboten – ein Befehl, der von dem meilenlangen Köpfepflaster mit lautem Geschrei wiederholt wurde, bis endlich die Ordnung wieder zurückkehrte und Stille eintrat. Der Oberbramin stand auf, sprach ein extemporirtes Gebet, wie es für die Feierlichkeit und Wichtigkeit des Anlasses paßte, und verlas dann das Testament des verstorbenen Königs. Darauf kam die Rede auf die Maler-Controverse und wie es jetzt zu Suffra ein Glaubensartikel sey, dessen ketzerische Verläugnung den Spieß verdiene, »daß Muttermäler keine Narben und nur dann Mängel seyen, wenn man sie dafür betrachte.« Die Wahl der Prinzessin, fuhr der gelehrte Bramin fort, ist jedoch noch nicht getroffen; sie hat dem Zufall überlassen, was aus ihrem eigenen freien Willen hätte hervorgehen sollen, ohne daß sie darüber die Diener unserer heiligen Religion um Rath fragte. Schon gestern sagte mir mein Herz, daß dies nicht recht sey und nicht nur dem Testamente des Königs, sondern auch dem Willen des Himmels widerspreche. Ich habe den Gegenstand nach neunmaligem Gebet reiflich erwogen – ein Traum stieg während meines Schlafes auf mich nieder, und ich entnahm daraus, daß die Bedingungen des Testaments erfüllt werden würden. Wie ich diese Antwort von Oben erklären soll, weiß ich nicht; vielleicht ist der Jüngling, welcher so glücklich war, die Blume zu errathen, auch der Jüngling, den sich die Prinzessin auserlesen hat. »Es ist so,« versetzte die Prinzessin mit sanfter, melodischer Stimme, »und deßhalb soll dem Willen meines Vaters Folge geleistet werden.« »Und wo ist der glückliche Jüngling?« rief der Oberbramin. »Möge er vortreten.« Babebibobu, welche sich wie die Andern vergeblich nach Acota umgesehen hatte, war nicht wenig erstaunt über sein Ausbleiben, noch mehr aber, als er endlich mit verhülltem Gesichte und von vier schwarzen Stummen geführt erschien. »Dies ist also das Glückskind Acota« sagte der Oberbramin. »Entfernt sein Tuch und führt ihn der Prinzessin vor.« Die Stummen gehorchten, und zu Babebibobu's Entsetzen stand der vermeintliche Acota mit einem so vernarbten und verbrannten Gesichte da, daß seine Züge durchaus nicht mehr zu unterscheiden waren. Sie sprang von ihrem Throne auf, stieß einen so wilden Schrei aus, daß er dem Vernehmen nach von dem ganzen meilenweiten Köpfepflaster vernommen wurde, und sank ohnmächtig in die Arme ihrer Kammerfräulein. »Wir erkennen zwar seinen Anzug, höchst edle Großwürdenträger,« fuhr der Oberbramin fort, »aber wie können wir in diesem Gegenstand den Jüngling ohne Narbe oder Mängel entdecken? Es ist der Wille des Himmels!« fuhr er mit einer frommen und ehrfurchtsvollen Verbeugung fort, während alle übrigen Großen in derselben frommen Weise erwiederten: »Es ist der Wille des Himmels.« »Ich bin der Ansicht,« nahm der Oberbramin wieder auf, »daß der Grund davon in dem Umstande liegen muß, weil die Prinzessin nicht gewählt hat, wie es in dem Testament ihres Vaters verordnet war, sondern unfromm dem Zufall überließ, was durch ihren freien Willen entschieden werden sollte. Spricht sich nicht hier unverkennbar die Hand, der Finger der Vorsehung aus?« fuhr er mit einer Berufung an die Großen fort. Die Braminen verbeugten sich sammt und sonders tief und erklärten, die Hand und der Finger der Vorsehung ließen sich nicht verkennen, während die Stummen, welche wußten, daß ihre Hände und Finger die That gethan hatten, so gut als es bei ihren Zungenüberresten möglich war, vor sich hinkicherten. »Und nun,« sagte der Oberbramin, »müssen wir dem Testament des verstorbenen Königs gehorchen, welches ausdrücklich befiehlt; daß, im Falle nach der Wahl der Prinzessin ein Unfall eintreten sollte, ich, als das Oberhaupt unserer heiligen Religion, den Gatten für sie auswählen solle. Kraft meiner Gewalt also, rufe ich Dich auf, mein Sohn Mezrimbi, seinen Platz einzunehmen. Beugt Euch vor Mezrimbi, dem künftigen König von Souffra.« Bis an die Augen vermummt und in Mezrimbis Gewand eingehüllt trat Acota vor. Der Oberbramin und alle Anwesende warfen sich, in Gemäßheit des erlassenen Befehls, vor Acota nieder und berührten mit ihren Stirnen den Staub. Der Jüngling ersah die Gelegenheit, das Tuch zu entfernen, und als sich die Großen und das Volk wieder erhoben, stand er im vollen Glanze seiner Schönheit und seines Stolzes neben dem Thron. Ueber diesen Anblick stieß der Oberbramin einen Schrei aus, welcher nicht nur weiter als der Schrei der schönen Prinzessin Babebibobu gehört wurde, sondern auch die Wirkung übte, sie wieder ins Leben und zur Besinnung zu rufen. Alle stimmten in den Ruf des Erstaunens ein, als sie Acota in Mezrimbis Kleidern bemerkten. »Und wer bist denn Du?« rief der Oberbramin seinem Sohn in Acotas Kleidern zu. »Ich bin,« entgegnete sein Sohn, erschöpft von Schmerz und Verdruß – »ich bin – ich war Mezrimbi.« »Ihr Großen,« rief Acota, »wie bereits der Oberbramin behauptete und ihr durch euren Zuruf bekräftigtet, erblickt ihr hierin den Finger des Himmels, welcher stets die Heuchelei, die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit zur Strafe zieht.« Und der Oberbramin brach, von einem Schlage gerührt, zusammen, und wurde nebst seinem unglücklichen Sohne Mezrimbi fortgebracht. Inzwischen hatte sich die schöne Prinzessin Babebibobu wieder erholt und lag in den Armen Acotas, welcher, nachdem er sie ihren Kammerfräulein überantwortet hatte, an die Versammlung eine so schöne und nachdrucksvolle Rede hielt, daß sie, weil man nie etwas Aehnliches in der Souffra-Sprache gehört hatte, mit goldenen Buchstaben niedergeschrieben wurde; er erklärte den Anwesenden, wie schändlich Mezrimbi versucht hatte, dem Willen des Himmels entgegenzuhandeln, und wie er zuletzt in die Schlingen gefallen sey, die er anderen gelegt habe. Und nachdem er zum Schlusse gekommen, begrüßte ihn die ganze Versammlung als ihren König, und die Bevölkerung, deren Köpfe meilenweit den Raum pflasterte, rief: »Langes Leben dem König Acota und seiner schönen Prinzessin Babebibobu, der Rahmtorte des Entzückens!« Wer könnte wohl versuchen, die großartige Procession zu schildern, welche an demselben Abende stattfand? Wer vermag die stolze Haltung des Königs Acota und die leuchtenden Augen der schönen Prinzessin Babebibobu zu beschreiben? Soll ich erzählen wie sich die Nachtigallen zu Tode sangen? Soll ich –«   »Nein, laß das lieber bleiben, unterbrach ihn der Pascha. Wir wollen nur Eines wissen – hat die schöne Babebibobu endlich doch einen Mann gekriegt?« »Sie wurden am nämlichen Abende vermählt, durchlauchtige Hoheit.« »Allah sey gepriesen!« entgegnete der Pascha. »Mustapha, laß Menouni erfahren, was es heißt, einem Pascha eine Geschichte zu erzählen, selbst wenn sie etwas lang ist und man fast auf den Glauben kommen mußte, daß die Prinzessin nie unter die Haube kommen werde.« Der Pascha stand auf und humpelte nach seinem Harem. Fünfzehntes Kapitel. Am folgenden Tage saß der Pascha seiner Gewohnheit gemäß im Divan und Mustapha befand sich an seiner Seite, dem Flüstern verschiedener Leute, welche sich ihm in der hochachtungsvollsten Haltung näherten, bereitwillig Gehör schenkend. Die Bittsteller fanden höchst gnädige Aufnahme, denn der Zweck ihrer Aufdringlichkeit bestand darin, den Vezier zu bestimmen, daß er sich für sie interessire, wenn ihre Sache vor dem Pascha zur Entscheidung komme, denn man wußte wohl, daß sich derselbe stets durch die geflüsterte Ansicht Mustaphas leiten ließ. Mustapha war ein gutherziger Mann, stets sehr dankbar, und vergaß nie einen ihm geleisteten guten Dienst. Die Folge davon war, daß eine Andeutung, es werde ein Beutel von so und so vielen Zecchinen zu des Veziers Füßen niedergelegt werden, im Falle der Prozeß zu Gunsten des Bittstellers entschieden würde, unseren Mustapha stets für eine Person geneigt stimmte; und Mustaphas Ansicht traf noch außerdem stets mit der des Paschas zusammen, weil man annahm, daß derselbe die Hälfte der also angebotenen Zecchinen erhalte. Das Sprichwort sagt allerdings »man müsse zuerst gerecht und dann erst freigebig seyn,« aber Mustaphas Argumente, als er dem Pascha zum Erstemale diese Methode zu Füllung des königlichen Schatzes vorschlug, waren so vortrefflich, daß wir sie der Nachwelt überantworten müssen. »Erstlich,« sagte Mustapha, »ist es augenscheinlich daß in allen diesen Fällen die Kläger und die Beklagten gleich große Spitzbuben sind. Zweitens ist es unmöglich, was immer für einer Partei auch nur ein Wort zu glauben. Drittens kann man, selbst wenn man seine Urtheilskraft aufs Schärfste anstrengt, ebensogut einen unrechten als rechten Bescheid geben. Viertens, wenn ein Mensch durch unsere Entscheidung beeinträchtigt wird, so verdient er es als Strafe für seine übrigen Missethaten. Fünftens, da die einzige Achtbarkeit der Parteien in ihrem weltlichen Reichthum besteht, so gilt, wenn man dem Meistgebenden Recht gibt, die Entscheidung dem achtbarsten Manne. Sechstens ist es unsere Pflicht, dankbar zu seyn für empfangene Wohlthaten und wenn wir diesen Grundsatz zur Richtschnur unseres Urtheils machen, so üben wir eine Tugend, welche von dem Koran strenge eingeschärft wird. Siebentens gewinnen beide Parteien aus der raschen Entscheidung einen Vortheil, weil ein Verlust immer besser ist, als ein langer Prozeß. Achtens aber und letztens brauchen wir Geld.« An demselben Tage kam eine Rechtsfrage zur Abhör und obgleich gewichtige Gründe bereits das Verdikt entschieden hatten, so wurden doch pro forma noch die beiderseitigen Zeugen vernommen. Als man einen derselben fragte, was er über die Sache anzugeben wisse, versetzte er, »es sey ihm unzweifelhaft, daß in der Sache Zweifel obwalteten; indeß zweifle er doch, ob die Zweifel richtig seyen.« »Er zweifelt und zweifelt nicht – was soll Alles dieß heißen? Lachst du uns in die Bärte?« entgegnete Mustapha mit der strengen Miene, die er stets als Richter zur Schau zu tragen pflegte. »Ist es Thatsache oder nicht?« »Eure Hoheit, ich treffe selten auf eine sogenannte Thatsache, ohne daß sich ein halbes Dutzend Zweifel daran hängen. Ich erdreiste mich daher zu keiner Behauptung, ohne mir die Zweifel vorzubehalten.« »Antworte mir klärlich,« versetzte der Vezier, »oder die Ferasches und der Bambus werden sich in Bälde mit dir abgeben. Hast du das Geld ausbezahlen sehen?« »So viel ich irgend etwas in dieser Welt glauben kann, glaube ich, daß ich Geld bezahlen sah; aber ich stehe im Zweifel wegen der Summe, wegen des Metalls, und habe auch noch meine andere Zweifel. Eure Hoheit halten zu Gnaden, ich bin ein unglücklicher Mann und habe von Geburt an unter dem Einfluß der Zweifel gestanden; sie sind bei mir zu einer Krankheit geworden, welche ohne Zweifel nur mit meinem Daseyn enden wird. Ich zweifle stets an einer Thatsache, wenn nicht – –« »Was sagt der Esel? Ist Alles dieß etwas Anderes, als dummes Getratsche? Laßt ihn eine Thatsache versuchen.« Der Pascha gab ein Zeichen, – die Ferasches erschienen, – der Mann wurde niedergeworfen und erhielt fünfzig Hiebe auf die Fußsohlen. Dann befahl der Pascha aufzuhören. »Ha, bei unserem Barte, ist es nicht eine Thatsache, daß Du die Bastonade erhalten hast? Wenn du noch immer daran zweifelst, so wollen wir fortfahren.« »Das Faktum ist über jeden Zweifel erhaben,« versetzte der Mann sich niederwerfend. »Aber Eure durchlauchtige Hoheit möge mich entschuldigen, wenn ich zu behaupten fortfahre, daß ich nicht immer eine Thatsache anerkennen kann, wenn sie nicht durch so unläugbare Beweise erhärtet ist, wie Eure Weisheit sie beizubringen geruhte. Wenn Eine Hoheit mit der Geschichte meines Lebens bekannt wäre, so würdet Ihr zugestehen, daß ich Grund zum Zweifel habe.« »Die Geschichte seines Lebens, Mustapha? Der muß etwas zu erzählen haben.« »Noch fünfzig Sohlenstreiche dürften wohl alle seine Zweifel beseitigen, durchlauchtige Hoheit,« entgegnete Mustapha. »Ja; aber dann zerschlagen wir ihm auch seine Geschichte. Nein, nein, laß ihn bis auf den Abend einsperren, und dann wollen wir sehen, was wir aus seinem Falle machen können.« Dem Wunsche des Pascha gemäß ertheilte Mustapha seine Weisungen. Sobald sie Abends ihre Pfeifen angesteckt hatten, erhielt der Mann Befehl zum Eintreten und zugleich aus Rücksicht für seine verschwollenen Füße die Erlaubniß, sich niederzusetzen, damit er seine Geschichte gemächlicher erzählen könne. Hudusis Geschichte. Durchlauchtigster Pascha, erlaubt mir zuerst zu bemerken, daß ich, obgleich ich in der letzten Zeit meinen eigenen Ansichten folgte, doch nicht so intolerant bin, um nicht Anderen dieselbe Freiheit zu gestatten; das heißt, ich will nicht gerade in Abrede ziehen, daß es in der Welt überhaupt wirkliche Thatsachen gebe, und mache es auch denen nicht zum Vorwurf, welche nicht daran glauben. Man hat mir erzählt, es gebe fliegende Drachen, Greifen und andere wunderbare Thiere; für mich aber und für jeden Andern dürfte es wahrhaftig zureichen, an das Vorhandenseyn solcher Thiere zu glauben, wenn wir einmal so glücklich gewesen sind, sie zu sehen. In gleicher Weise bin ich geneigt, an ein Faktum zu glauben, wenn es von dem Nebel der Zweifel befreit ist; indeß kann ich wohl sagen, daß ich bisher nur selten auf eine ganz von Zweifeln freie Thatsache traf, und jedes Jahr bestärkt mich in der Ueberzeugung, es gebe überhaupt nur wenig ächte Fakta. Der Zweifel ist so in meine Organisation eingewoben, daß ich bisweilen nicht einmal mein eigenes Daseyn als Faktum anerkennen mag. Ich glaube zwar, daß ich existire, fühle aber doch, daß ich kein Recht habe zu dieser Behauptung, bis ich weiß, was der Tod ist, und hieraus einen Schluß ziehen kann, der mich vielleicht zu einer maßgebenden Folgerung führt. Mein Name ist Hudusi. Von meinen Eltern kann ich nur wenig sagen. Mein Vater behauptete, er sey der tapferste Janitschar in des Sultans Dienste und habe sich sehr ausgezeichnet. Er sprach stets von Rustam, der nur ein Einfaltspinsel gegen ihn selbst sey, von der Zahl seiner gefochtenen Schlachten, von den Wunden, die er erhalten, als er seinen Trupp in die verzweifeltsten Scharmützel führte; da jedoch mein Vater oft in meiner Gegenwart badete und ich keine andere Wunden an ihm bemerken konnte, als eine, die sein Hintertheil zierte, so kamen mir, wenn er von seiner Tapferkeit sprach, allerlei ernste Zweifel in Betreff der Thatsachen. Meine Mutter hätschelte mich sehr und hielt viel auf mich; sie erklärte, ich sey das Ebenbild meines Vaters, ein süßes Pfand ihrer Liebe und ein Segen, den der Himmel ihrer Ehe geschenkt habe. Doch mein Vater hatte eine Adlernase und einen großen Mund, ich dagegen eine Mops- oder umgekehrte Adlernase, nebst einem kleinen Mund; seine Augen waren roth und wieselartig, die meinen aber hervorstehend; da sie ferner eine sehr schöne Frau war, und häufig die Höhle eines heiligen Mannes zu besuchen pflegte der in hohem Rufe stand und dem ich sehr ähnlich sehen sollte, so bezweifelte ich sehr die Thatsache , wenn sie von der Vaterschaft des Janitscharen sprach. Ein alter Mollah lehrte mich lesen, schreiben und die Verse des Koran auswendig lernen. Ich war so weit vorgerückt wie irgend ein Knabe unter seiner Obhut; aber er konnte mich aus Gründen, die ich nie erfuhr, nicht leiden und töffelte mich unaufhörlich. Er erklärte, ich sey ein Bösewicht, ein Ungläubiger, ein Sohn von Jehanum, welcher nächstens dem Spieße verfallen werde. Ich bin übrigens fünf und vierzig Jahre alt geworden ohne einen Pfahl durch meinen Leib, und Eure Hoheit muß zugeben, daß ich gerechtfertigt war, das Faktum sehr zu bezweifeln , als er mir Alles dieß in die Ohren höhnte. Als ich heranwuchs, wollte mein Vater, daß ich mich in das Janitscharen-Corps einreihen lasse und ein Löwentödter werde, wie er selbst. Ich machte Gegenvorstellungen, aber vergeblich; er bewarb sich in meinem Namen, – ich wurde angenommen und erhielt auf meinen Arm das Zeichen, das mich zum Janitscharen stempelte. Ich steckte mich in die Montur und schwadronirte mit vielen andern jungen Leuten meiner Bekanntschaft, welche mit Schwüren betheuerten, sie wollten ihre Feinde lebendig auffressen, und ihre Schnurrbärte drehten, um die Wahrheit ihrer Behauptung zu betheuern. Da wurden wir eines Tages abgeschickt, um einen rebellischen Pascha zu Paaren zu treiben. Wir rannten mit einem Geschrei, das wohl den Teufel hätte in Angst jagen können, gegen seine Truppen an; aber diese ließen sich nicht einschüchtern, sondern hielten Stand, und da sie nicht davon laufen wollten, so thaten wir's, indem wir es den Narren überließen, sich in Stücke hauen zu lassen. Wenn nun später einer meiner Kameraden von seiner Tapferkeit sprach oder mein Vater erklärte, er werde bald zum Rang eines Spahis befördert werden, und ich sey das Junge eines Löwen, so bezweifelte ich sehr die Thatsache . Der Pascha hielt viel länger Stand, als man anfänglich erwartet hatte, – in der That so lange, daß man in der Hauptstadt nicht wenig in Angst gerieth. Der Sultan schickte zu seiner Ueberwältigung weitere Truppen ab, und da unsere Anstrengungen erfolglos blieben, so sah sich der Vezier nach altem Brauche in die unangenehme Notwendigkeit versetzt, seinen Kopf herzugeben, den man zu brauchen schien, weil wir dem Feinde den Steis zugewendet hatten. In der That hatte der Sultan nur uns zu Gefallen eingewilligt, sich der Dienste eines sehr fähigen Mannes zu berauben, denn wir umringten den Palast und behaupteten, daß die Schuld ganz an ihm liege. Wenn man übrigens unser Benehmen auf dem Schlachtfeld ins Auge faßt, so wird Eure Hoheit wohl zugeben, daß Grund vorhanden war, die Thatsache zu bezweifeln . Wir wurden abermals gegen den rebellischen Pascha ausgesandt, welcher auf den Böschungen seiner Veste saß und für jeden Janitscharenkopf, der ihm von seinen Truppen gebracht wurde, dreißig Zecchinen auszahlte, – eine Verschwendung, die, wie ich fürchte, ihn viel Geld kostete. Wir geriethen in einen Hinterhalt und die Hälfte des Corps, zu welchem mein Vater gehörte, wurde in Stücke gehauen, ehe wir Beistand gewinnen konnten. Endlich zog sich der Feind zurück. Ich sah mich nach meinem Vater um und fand ihn sterbend. Wie früher hatte er eine Wunde an der unrechten Seite erhalten, indem ihm ein Speer zwischen den Schultern stack. »Erzähle es weiter, wie ich als Tapferer gestorben sey,« redete er mich an, »und sage deiner Mutter, ich sey ins Paradies eingegangen.« Ich hatte den Charakter meines geehrten Vaters sehr genau gekannt und wußte, daß er ein Dieb, ein Lügner und eine Memme war; dennoch versprach ich ihm, seinem Auftrage Folge zu geben, obschon ich die Thatsache sehr bezweifelte. Damit Eure Hoheit begreife, wie es zuging, daß ich allein übrig blieb und lebend von dem Schlachtfeld kam, muß ich Euch mittheilen, daß ich eine beträchtliche Portion von meines Vaters Muth geerbt hatte. Es gefiel mir gar nicht, wenn man mir Pistolen ins Gesicht abschnappte, weßhalb ich mich auf den Boden warf und ruhig da liegen blieb, mich lieber zertreten lassend, als daß ich mich in das Treiben über mir eingemischt hätte.   »Bei dem Schwerte des Propheten, da haben wir wenigstens eine Thatsache, – Du bist eine sehr große Memme,« bemerkte der Pascha. »Unter meinen übrigen Zweifeln, durchlauchtige Hoheit, gehört gewiß auch ein kleiner Zweifel gegen meine Tapferkeit.« »Bei dem Barte des Pascha, dieser Gegenstand ist für mich über alle Zweifel erhaben,« bemerkte Mustapha. »Ohne mich auf die Vertheidigung meines Muthes einlassen zu wollen, möchte ich mir gegen Eure Hoheit die Bemerkung erlauben, daß es mir völlig gleichgültig war, ob der Sultan oder der Pascha den Sieg davon trug. Um harte Hiebe war mir's durchaus nicht zu thun, wenn sie mir nicht die Gelegenheit boten, einige Zecchinen für meine Tasche zu gewinnen. Ich habe nie einen Soldaten gekannt, der, wie tapfer er auch seyn mochte, aus bloßer Kampflust oder um der Unterhaltung willen gefochten hätte. Wir alle suchen in dieser Welt Geld zu gewinnen, und dieß ist, glaube ich, die geheime Triebfeder aller unserer Handlungen. »Ist dieß wahr, Mustapha?« fragte der Pascha. »Eure durchlauchtige Hoheit halten zu Gnaden, wenn es auch nicht gerade eine unumstößliche Wahrheit ist, so hat doch der Mann wenigstens nicht weit fehl geschossen. Fahre fort, Hudusi.« Die Gedanken, die ich vor Euer durchlauchtigen Hoheit auszudrücken wagte, beschäftigten eben meinen Geist, als ich so unter den Todten und Sterbenden saß. Ich stellte Betrachtungen an, wie weit besser die Soldaten des Paschas daran wären, als die unseres erhabenen Sultans, welche nichts als harte Schläge kriegten, während die ersteren für jeden Janitscharenkorps dreißig Zecchinen einstreichen durften; und wie ein Gedanke den andern nach sich zieht, so meinte ich, es dürfte, wie der Pascha augenscheinlich die Oberhand gewann, am räthlichsten seyn, auf die rechte Seite zu treten. Nachdem ich hierüber mit mir einig geworden, fiel mir ein, ich könnte bei dem Tausche noch einige Zecchinen gewinnen, wenn ich mit etlichen Janitscharenköpfen, die neben mir lägen, vor den Pascha träte. Dem gemäß legte ich Alles ab, was mich selbst als einen Janitscharen verrathen konnte, visitirte drei Kameraden die Taschen, schnitt ihnen die Köpfe ab, und war eben im Begriffe aufzubrechen, als ich mich noch meines geehrten Vaters entsann, zu welchem ich zurückkehrte, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Der Abschied von einem Vater ist schwer, und ich konnte mich nicht entschließen, mich ganz von ihm zu trennen; so fügte ich denn seinen Kopf und den Inhalt seines Beutels den drei andern Köpfen und Börsen bei, beschmierte mein Gesicht und meinen Leib mit Blut und machte mich, in der einen Hand meinen Scymetar und in der andern die vier in ein Tuch gebundenen Köpfe, nach der Festung des Paschas auf den Weg. Vor den Mauern aber wüthete noch immer der Kampf, und ich entwischte mit knapper Noth einem Janitscharencorps, das mich erkannt haben würde. Dennoch folgten mir ein paar bis an das Thor der Festung nach, und ich sah mich, trotz meiner Belastung, genöthigt, mich zum Kampfe umzuwenden. Niemand ficht besser, als ein Mensch, der nicht anders kann; denn in einem solchen Falle hält sich auch derjenige wacker, welcher sonst gar nicht kämpfen würde. In meinem Leben war ich nie so tapfer gewesen. Ich hieb den Einen nieder und der Andere lief davon. Da dies vor den Augen des Paschas geschehen war, welcher auf der Mauerzinne saß, so wurde ich in das Fort eingelassen. Ich eilte vor den Pascha und legte ihm die vier Köpfe zu Füßen. Er war über meine außerordentliche Tapferkeit so erfreut, daß er mir einen Beutel von fünfhundert Goldstücken zuwarf, zu meiner Beförderung Befehl ertheilte und mich fragte, zu welcher Abtheilung seiner Truppen ich gehöre. Ich versetzte, daß ich ein Freiwilliger sey. So wurde ich denn zum Offizier ernannt, und ich war mit einemmale ein reicher, vornehmer Mann, blos weil ich die Seite gewechselt hatte. »Das ist keine ganz so ungewöhnliche Methode, sich in der Welt fortzubringen, als Du wohl glauben magst,« bemerkte Mustapha trocken. »Mustapha,« sagte der Pascha, fast keuchend, »all dies ist nichts, als Wortklauberei, – Wind, – Geträtsche. Bei den Brunnen, die an dem Throne Mohameds spielen, meine Kehle ist mir von den Zweifeln dieses Kerls so heiß und so trocken geworden, als wäre sie mit glimmendem Zunder gepflastert. Ich zweifle, ob wir je im Stande seyn werden, sie wieder anzufeuchten.« »Diesen Zweifel muß Eure Hoheit ohne Zögerung lösen. Hudusi, Murakhas – mein Freund, Du bist entlassen.« Kaum hatte der Zweifler seine Pantoffeln wieder aufgenommen und dem Divan seinen Rücken zugekehrt, als der Pascha und sein Minister in ehrenhaftem Wetteifern ans Werk gingen, mit einemmale ihre Zweifel und ihren Durst zu beseitigen; auch gelangen ihnen ihre Versuche so gut, daß sie nach kurzer Zeit ihren Zustand des Bedenkens in den sehr glücklichen des Betrinkens umgewandelt hatten. Sechszehntes Kapitel. Am andern Tage hörten der Pascha und sein Minister nach den Geschäften des Divans nicht in der besten Stimmung von der Welt der Fortsetzung von Hudusis Geschichte zu; denn die Köpfe schmerzten sie noch in Folge der Zweifel des Erzählers oder doch in Folge der Mittel, welche sie angewandt hatten, um dieselben zu zerstreuen.   Ich habe sagen hören, fuhr Hudusi fort, daß der plötzliche Besitz von Gold auch den tapfersten Mann vorsichtig, die Memme aber noch viel feiger mache, als sie zuvor war. Ich verspürte etwas von einer derartigen Wirkung, denn meine fünfhundert Goldstücke hatten zur Folge, daß mir alle meine Tapferkeit zu den Fingerspitzen hinausschweißete. Ich stellte abermals Betrachtungen an und kam zu dem Entschlusse, mich nicht weiter mit der Sache zu befassen; weder dem Sultan noch dem Pascha sollten meine Bemühungen zu statten kommen. Wir machten in derselben Nacht einen Ausfall, und da man mich für ein Wunder der Tapferkeit hielt, so war ich unter denen, welchen der Befehl ertheilt wurde, einen Trupp anzuführen. Ich drehte meinen Schnurrbart, schwor, daß kein Janitschar mit dem Leben davon kommen solle, schwenkte meinen Seymetar, zog an der Spitze meiner Compagnie aus, zahlte dann Fersengeld und langte nach zwei Tagen wohlbehalten im Hause meiner Mutter an. Sobald ich daselbst eingetroffen war, zerriß ich meinen Turban, streute dem Andenken meines Vaters zu Ehren Staub auf meinen Kopf und setzte mich nieder. Meine Mutter umarmte mich, – wir waren allein. »Und wie stehts mit deinem Vater? Müssen wir um ihn trauern?« »Ja,« versetzte ich. »Er war ein Löwe und ist jetzt im Paradies.« »Meine Mutter begann nun ein bitterliches Wehgeheul, faßte sich aber bald wieder und sagte: »Aber es wäre eine Dummheit, Hudusi, sich die Haare und gute Kleider für nichts und wieder nichts zu zerraufen. Weißt du gewiß, daß dein Vater todt ist?« »Ganz gewiß,« lautete meine Antwort. »Ich sah ihn am Boden liegen.« »Aber es wäre möglich, daß er nur verwundet würde,« entgegnete meine Mutter. »Nicht doch, meine theuerste Mutter; gib alle Hoffnung auf, denn ich sah, wie ihm der Kopf abgeschnitten wurde.« »Weißt Du aber auch gewiß, daß der Körper, den Du ohne Kopf sahst, der seinige war?« »Ganz gewiß, liebe Mutter, denn ich war Zeuge, wie ihm der Kopf abgeschnitten wurde.« »Wenn dieß der Fall ist,« erwiederte meine Mutter, »so ist klar, daß er nicht wieder zurückkehren kann. Allah Acbar, – Gott ist groß, – dann müssen wir trauern.« Und meine Mutter eilte in die Straße hinaus, kreischte, schrie und zerraufte sich Haar und Kleider, so daß sie alle ihre Nachbarn voll mitleidiger Theilnahme fragten, was ihr zugestoßen sey. »Ah wahi! das Haupt meines Hauses ist nicht mehr!« rief sie. »Mein Herz ist voll Bitterkeit, meine Seele ist ausgetrocknet, – meine Leber ist nur wie Wasser. Ah wahi! ah wahi!« Und sie fuhr fort zu weinen, sich das Haar zu zerraufen und allen Trost zurückzuweisen. Die Nachbarinnen kamen ihr zu Hülfe, sprachen mit ihr, redeten ihr Vernunft ein, tadelten ihr Ungestüm und suchten sie zu beschwichtigen. Zwar waren alle der Ansicht, daß der Verlust schwer sey, aber als ein ächter Gläubiger müsse der Gestorbene nothwendig ins Paradies eingegangen seyn; zugleich erklärten sie, das Benehmen der Frau hätte nicht musterhafter seyn können, und es habe wohl nie ein Weib gegeben, die ihren Gatten mit mehr Liebe empfangen hätte. Ich sagte nichts, muß aber zugestehen, daß ihr vorläufiges Gespräch mit mir und die Quantität Pillau, welche sie zum Nachtessen verzehrt hatte, mich die Thatsache sehr bezweifeln ließen . Ich blieb nicht lange zu Hause; denn obgleich es meine Pflicht war, meine Mutter von dem Tode meines Vaters zu unterrichten, forderte es doch auch meine Obliegenheit, daß ich zu meinem Corps zurückkehrte. Freilich hatte ich zu dem letzteren durchaus keine Lust, und weil ich der Ansicht war, ein ruhiges gemächliches Leben sage meinem Charakter am besten zu, so nahm ich mir vor, mich einer religiösen Sekte anzuschließen. Ehe ich das Dach meiner Mutter verließ, reichte ich ihr dreißig Zecchinen, für die sie mir sehr dankbar war, da sie in sehr dürftigen Verhältnissen lebte. »Ah!« rief sie, als sie das Geld sorgfältig in einen alten Lappen einwickelte, »wenn Du nur den Kopf Deines armen Vaters hättest zurückbringen können, Hudusi.« Ich hatte gute Lust, ihr zu bedeuten, daß sie just die Summe erhalten habe, welche ich für denselben erlöste; doch fiel mir noch zu rechter Zeit ein, ich könne eben so gut über die Sache schweigen, weßhalb ich sie umarmte und ohne weitere Aufklärung von ihr schied. Es gab eine Art von Derwischen, die ihr Quartier etwa sieben Meilen von dem Städtchen aufgeschlagen hatten, wo meine Mutter wohnte, und da sie nie lang an dem gleichen Platze blieben, so machte ich mich eiligst auf den Weg, um mich ihnen anzuschließen. Bei meiner Ankunft bat ich um ein Gespräch mit ihrem Oberen, und da man der Meinung war, ich komme, um wegen eines ersehnten Gegenstandes beten zu lassen, so wurde ich ohne Weiteres eingeführt. »Khoda Shefa midehed – Gott gibt Erleichterung,« begann der alte Mann. »Was wünschest Du mein Sohn. Khosh amedid – Du bist willkommen.« Ich trug ihm meinen Wunsch vor, aus innerem religiösem Drang in die Sekte der Derwische einzutreten, und bat ihn um Aufnahme. »Du weißt nicht, was Du verlangst, mein Sohn; wir führen ein hartes Leben der Buße, der Zerknirschung und des Gebets – unsere Nahrung besteht blos aus Kräutern und Quellwasser – unsre Ruhe wird stets unterbrochen, und wir wissen nicht, wo wir unsre Häupter hinlegen sollen. Geh' weiter, mein Freund – fahre hin im Frieden.« »Auf Alles dieses bin ich wohl gefaßt, Vater,« versetzte ich, (denn Eurer Hoheit dir Wahrheit zu sagen, die Betheurungen des alten Mannes über die Strenge eines Derwischlebens kamen mir sehr zweifelhaft vor) »und will mich sogar im Nothfall noch strengeren Kasteiungen unterziehen. Ich habe meinen kleinen Reichthum mitgebracht, um ihn zu dem allgemeinen Vorrathe zu legen und zu der Wohlfahrt Eures frommen Häufleins beizutragen. Ihr dürft mich nicht zurückweisen.« Ich bemerkte, wie schon bei der bloßen Erwähnung des Goldes die Augen des Alten blinzelten, und zog daher aus meinem Gürtel fünfundzwanzig Zecchinen hervor, welche ich in der Absicht, sie zum Opfer zu bringen, von meinem übrigen Schatze getrennt hatte. »Seht, heiliger Vater,« fuhr ich fort; »dieß ist die Opfergabe, welche ich zu bringen im Stande bin.« »Barik Allah – gesegnet sey Gott,« rief der Derwisch, »daß er uns einen ächten Gläubigen geschickt hat. Dein Opfer soll angenommen werden, aber Du mußt nicht erwarten, daß Du sogleich zu der Strenge unsres heiligen Ordens zugelassen werden kannst. Ich habe viele Schüler hier, welche den Habit tragen und doch nicht so regelmäßig sind, wie gute Derwische seyn sollen. Alle Diese haben übrigens ihre Zeit und wenn sie einmal die Lust zum Unrechtthun verlieren, so werden sie – Inschallah, so es Gott gefällt – aller Wahrscheinlichkeit nach heiligere und andächtigere Männer werden. Du bist angenommen.« Und der Alte streckte seine Hand nach dem Gelde aus, das er mit einer wahren Heißgier zusammen krallte und unter seinem Gewande verbarg. »Ali,« sagte er zu einem der Derwische, welche während meiner Audienz in einiger Entfernung standen. »Dieser junge Mann – wie heißt Ihr doch? – Hudusi, ist in unsre Brüderschaft aufgenommen. Nimm ihn mit Dir, gib ihm die Ordenstracht, weihe ihn in unsre Geheimnisse ein und nimm ihm zuvörderst den Eid der Verschwiegenheit ab. Murakhas, guter Hudusi, Du bist entlassen.« Ich folgte dem Derwisch durch einen engen Gang, bis wir an eine Thüre gelangten, an welche er klopfte. Sie that sich auf und ich kam in einen Hof, wo ich mehrere Derwische in verschiedenen Haltungen bewußtlos und schwer athmend auf dem Boden ausgestreckt sah. »Dies sind heilige Männer,« sagte mein Führer, »welche bei Allah hoch in Gnade stehen. Sie befinden sich in einer Verzückung, werden in diesem Zustande von dem Propheten besucht und dürfen in den achten Himmel eingehen, um die Herrlichkeiten zu schauen, welche den wahren Gläubigen vorbehalten sind.« Ich gab keine Antwort auf diese Behauptung; aber da sie augenscheinlich im Zustand viehischer Betrunkenheit dalagen, so erlaubte ich mir, das Faktum sehr zu bezweifeln . Ich erhielt meinen Anzug, leistete den Eid der Verschwiegenheit und wurde meinen Gefährten vorgestellt, in denen ich bald eine Bande zügelloser Gesellen erkannte, die sich jedem Laster hingaben und jeder Tugend Hohn sprachen. Sie lebten ein Leben des Müßiggangs und fanden reichliche Unterstützung von den Leuten, welche fest an ihre angebliche Heiligkeit glaubten. Der alte Mann mit dem weißen Barte, welcher an ihrer Spitze stand, war der Einzige, welcher sich nicht der Schlemmerei hingab; er hatte die lasterhaften Triebe der Jugend überlebt und war dem Laster des Alters verfallen – nämlich einer unersättlichen Geldgier. Ich muß gestehen, daß mir diese Gesellschaft und Lebensweise weit behaglicher vorkam, als die Nachtwachen, die harte Kost und das beständige Gebet, womit mich der Alte bei meiner Anmeldung bedroht hatte; auch wußte ich mich bald herrlich in Heuchelei und Verstellung zu finden, und wurde bei meinen Genossen sehr beliebt. Ich hätte Eurer Hoheit bemerken sollen, daß die Sekte von Derwischen, welcher ich als Mitglied angehörte, durch den Namen der heulenden Derwische bezeichnet wurde: denn unsre religiösen Uebungen bestanden blos darin, daß wir wie Schackals oder Hyänen so aus voller Macht heulten, bis wir in wirkliche oder verstellte Zuckungen geriethen. Mein Geheul wurde für das schrecklichste und grausenhafteste gehalten, das man je gehört hatte, und natürlich steigerte sich auch der Ruf meiner Heiligkeit in demselben Grade. Wir waren auf dem Weg nach Scutari, unsrem eigentlichen Wohnplatze, begriffen und machten nur hin und wieder auf unsere Reise Quartier, um die frommen Schäflein zu scheeren. Ich war noch keine zehn Tage zu dem Haufen gestoßen, als sie ihre Pilgerfahrt wieder aufnahmen. Während einer Woche sehr einträglichen Reisens kamen wir durch Konstantinopel, setzten über den Bosporus, gewannen unsre Heimath und wurden von den Bewohnern Scutaris, denen der alte Oberderwisch und viele Andere aus unserer Truppe wohl bekannt waren, mit großer Freude bewillkommt. Eure durchlauchtige Hoheit muß wissen, daß die Derwische nicht nur häufig von den Einwohnern um Rath gefragt wurden, sondern auch oft die Geldgeschäfte derselben besorgten. Dem alten Oberderwisch, welcher Ulu-bibi hieß, hatten viele von den Leuten, mit welchen er bekannt war, große Summen anvertraut; aber sein Geiz bewog ihn, das Geld auf Wucherzinsen auszuleihen, und so war es im Falle eines schnellen Gebrauchs sehr schwer, es wieder zurückzuerhalten, obschon es später stets auf das gewissenhafteste bezahlt wurde. Ich hatte mich noch nicht viele Monate zu Scutari aufgehalten, als ich wegen meines vortrefflichen Heulens und wegen der Dauer meiner Konvulsionen sehr in Gnaden kam. Aber während dieses Zustandes, welcher durch die Gewohnheit bald zu einem chronischen Leiden wurde, indem er andauerte, bis die Lebensfunktionen fast ganz erloschen waren, verhielt sich mein Geist so thätig, als nur je, und ich lag da, in ein Meer der peinlichsten Zweifel versenkt. In meiner Erschöpfung zweifelte ich an gar Allem. Ich wußte nicht, waren meine Konvulsionen wirklich vorhanden, oder nur geheuchelt; ich zweifelte, ob ich schlief oder wachte; ich wußte nicht, war ich in einer Verzückung oder in einer andern Welt, todt oder –   »Freund Hudusi,« unterbrach ihn Mustapha, »wir möchten die Thatsachen Deiner Geschichte hören, nicht aber Deine Zweifel. Habe ich nicht Recht, durchlauchtige Hoheit. Was ist Alles dieß anders, als Geträtsche?« »Wohl gesprochen,« versetzte der Pascha. »Bisweilen däuchte es mich, als sey ich in den Besitz einer Thatsache gekommen; aber sie glitt mir wieder durch die Finger wie der Schwanz eines Aals.« »Laß uns die Thatsachen hören, welche Dir nicht entwischten, Freund. Die Nebel des Zweifels müssen sich verziehen vor dem Strahlenglanze des Pascha,« entgegnete Mustapha.   Eines Tages saß ich in der warmen Sonne auf dem Grabe eines wahren Gläubigen, als ein armes Weib mich anredete. »Du bist willkommen,« sagte ich. »Seyd Ihr in guter Stimmung?« versetzte sie. »O ja,« antwortete ich. »Sie setzte sich an meine Seite und fuhr nach einer Viertelstunde fort:« »Gott ist groß!« »Und Mohamed ist sein Prophet,« erwiederte ich. »Im Namen Allahs, was wünschest Du?« »Wo ist der heilige Mann? Ich möchte ihm Geld aufzuheben geben. Kann ich ihn nicht sehen.« »Er ist bei seiner Andacht – aber was liegt daran? Bin ich nicht das Gleiche? Wache ich nicht, wenn er betet? Inschallah – so es Gott beliebt, sind wir das Gleiche. Gib mir den Beutel.« »Hier ist er,« sagte sie das Geld herausziehend; »siebenhundert Zecchinen, meiner Tochter Heirathgut. Aber es gibt schlimme Menschen, welche stehlen, und es gibt gute Menschen, welchen wir trauen können. Sage ich nicht recht?« »Du sprichst wohl,« versetzte ich, »und Gott ist groß.« »Ihr werdet das Geld recht finden,« sagte sie. »Zählt es.« Ich zählte es und streifte es wieder in den Beutel von Ziegenhaut. »Es ist Alles recht. Verlaß mich Frau, denn ich muß wieder hinein gehen.« Die Alte verließ mich und dankte Allah, daß sie ihr Geld so sicher untergebracht hatte; indeß liefen mir allerlei Ideen durch den Kopf, welche mich die Thatsache sehr bezweifeln ließen. Mit Zweifeln erfüllt setzte ich mich nieder. Ich zweifelte, ob die Alte ehrlich zu dem Geld gekommen sey, oder ob ich es dem Oberderwisch geben sollte. Ferner zweifelte ich, ob ich es für mich behalten oder ob mir vielleicht Unheil daraus erwachsen könnte. Auch hatte ich meine Zweifel – –«   »Ich habe gar keine Zweifel,« unterbrach ihn Mustapha, »sondern bin überzeugt, daß Du es für Dich behieltest. Sag an – ist es nicht so?«   »Gerade so lösten sich meine Zweifel in diese Thatsache auf. Ich kam im Geiste mit mir ins Reine, daß siebenhundert Zecchinen, nebst den vierhunderten, welche noch in meinem Besitz waren, einige Zeit währen konnten; auch hatte ich das Leben eines heulenden Derwisches satt. Nach einem letzten, langen Schlußgeheule, durch welches ich meinem Vorgesetzten kund thun wollte, daß ich anwesend sey, machte ich mich unverweilt von hinnen und kaufte an verschiedenen Orten des Bazars Gegenstände ein – da eine Weste, dort ein Halstuch und an einem andern Platze einen Turban. Endlich warf ich meinen Derwischanzug ab, eilte nach dem Bad, einige Minuten nachher zu dem Barbier und kam dann wieder wie ein Schmetterling, der aus seiner dunklen Puppe gekrochen ist, zum Vorschein. Niemand würde in dem saubern jungen Türken den unfläthigen Derwisch erkannt haben. Ich begab mich nach Konstantinopel, lebte daselbst herrlich und in Freuden und verthat mein Geld. Indeß fand ich bald, daß man, wenn man sich in die Welt mischen will, nicht nur einen Yattaghan tragen, sondern auch den Muth besitzen muß, ihn zu gebrauchen. Meine Gewohnheit, mich allzuoft des starken Wassers der Giauren zu bedienen, verflocht mich mehreremale in Streitigkeiten, in welchen ich stets den Beweis führte, daß meine Stimme zwar die eines Löwen, mein Herz aber nur wie Wasser war, und der Finger der Verachtung traf nur zu oft das Wort der Anmaßung. Eines Abends flüchtete ich mich aus einem Kaffeehause, nachdem ich meinen Yattaghan gezogen hatte, ohne so viel Muth aufbieten zu können, um meinem Feinde entgegenzutreten, weßhalb mir derselbe mit seiner eigenen Waffe den Turban gespalten und eine tiefe Schramme im Kopfe beigebracht hatte. Auf den Flügeln der Furcht eilte ich durch die Straßen und prallte endlich gegen einen unbekannten Gegenstand an, den ich über den Haufen rannte. Dann stürzte ich gleichfalls und kugelte neben dem hingestreckten Ding im Koth. Sobald ich mich wieder erholt hatte und darnach hinsah, fand ich, daß die Sache zappelte, und im Uebermaße meines Schreckes meinte ich, den Shitan selbst neben mir zu haben. Aber es war nicht der Teufel in Person, sondern nur einer von den Söhnen Shitans – ein Ungläubiger, ein Giaur, ein Hund zum Anspeien, kurz ein fränkischer Hakim, welcher wegen seiner Geschicklichkeit in der Kur aller Krankheiten so berühmt war, daß man ihm nachsagte, er stehe mit dem Teufel im Bunde.«   »Lahnet be Shitan! Fluch über den Teufel,« sagte Mustapha, indem er seine Pfeife aus dem Munde nahm und ausspuckte. »Wallah thaib – wohlgesprochen,« entgegnete der Pascha.   In der Ueberzeugung, ich habe es mit einem Geschöpfe aus einer andern Welt zu thun, führte ich, sobald ich wieder auf die Beine gelangte, einen Hieb mit meinem Yattaghan nach ihm und erwartete zuverlässig, er werde bei der Berührung eines ächten Gläubigen in Feuer und Flammen verschwinden. Mittlerweile hatte er sich übrigens gleichfalls auf die Beine geholfen. Er führte ein großes Rohr mit einem goldenen Knopfe bei sich, parirte mit demselben meinen Hieb und begrüßte mich dann mit einem so tüchtigen Schlag auf meinen Kopf, daß ich wieder besinnungslos in den Koth sank. Als ich wieder zum Bewußtseyn kam, lag ich in einem Vorgebäude auf einer Matte und hat meinen Gegner vor mir, der mir den Kopf pflasterte. »Es ist nichts,« sagte er, nachdem er mir meinen Kopf verbunden hatte. Indeß litt ich doch viel Schmerz und fühlte mich von dem Blutverluste so erschöpft, daß ich trotz seiner Versicherung die Thatsache sehr bezweifelte . Soll ich diesen Sohn von Jehanum schildern? Und wenn ich es thue, wird nicht Eure Hoheit die Thatsache bezweifeln? Be chesm, auf meinen Kopf komme es, wenn ich lüge. Er war weniger als ein Mann, denn er hatte keinen Bart; auch trug er keinen Turban, sondern eine Art Geflecht, das mit dem Haar gestorbener Menschen bedeckt war. Letzteres besprenkelte er jeden Morgen mit Mehl aus dem Bäckerladen,, um so seinem Gehirn Nahrung zu geben. Um seinen Hals hatte er ein Stück Leinwand so dicht wie eine Bogenschnur angezogen, damit ihm nicht irgend ein andächtiger, wahrer Gläubiger den Kopf abschlage, wenn er durch die Straße ging. Sein Anzug war von der Farbe der Hölle – nämlich schwarz, und lag ganz an seinem Leibe an; aber dennoch mußte er in seinem eigenen Lande ein großer Mann gewesen seyn, denn er war augenscheinlich ein Pascha von zwei Roßschweifen, die hinter ihm niederhingen. Er war schrecklich anzusehen und fürchtete sich vor nichts, denn er ging in das Pesthaus, rührte Diejenigen an, welche Allah mit der Seuche geschlagen hatte, und wenn er an das Bette trat, stand der Kranke auf und ging. Er führte Krieg gegen das Geschick und Niemand konnte sagen, worin seine Bestimmung lag, bis der Hakim die Entscheidung abgegeben hatte. In seiner Hand hielt er den Schlüssel zu dem Thore, welches in die Regionen des Todes ging, und – was kann ich mehr sagen? – er sagte: lebe – und der Gläubige lebte; er sagte: stirb – und die Houris nahmen ihn auf in's Paradies.   »Ein Yessedi! Ein Anbeter des Teufel!« rief Mustapha. »Möge er und das Grab seiner Väter für ewige Zeiten verunreinigt seyn,« entgegnete der Pascha.   Ich blieb vierzehn Tage unter den Händen der Hakim, ehe ich so weit hergestellt war, um wieder gehen zu können, und wenn ich mich meinen Betrachtungen hingab, wandelten mich Zweifel an, ob es nicht klüger wäre, zu einem friedlicheren Gewerbe zu greifen. Der Hakim verstand sich gut auf unsere Sprache und sagte eines Tages zu mir: »Du bist mehr geeignet, Wunden zu kuriren, als Wunden zu schlagen; du sollst mir Beistand leisten, denn mein gegenwärtiger Gehülfe wird nicht bleiben.« Ich willigte ein, legte ein friedlicheres Gewand an und blieb viele Monate bei dem fränkischen Arzte, mit dem ich allenthalben umher reiste, ohne jedoch lange an dem nämlichen Platze zu verweilen. Er wanderte der Pest nach, statt vor ihr zu fliehen, und ich hatte meine Zweifel, ob mir nicht in Folge des beharrlichen Verkehrs mit Sterbenden selbst auch der Tod blühen könne, weßhalb ich mir vornahm, die erste günstige Gelegenheit zu benutzen, um ihn zu verlassen. Bereits hatte ich viele wundervolle Dinge von ihm gelernt – zum Beispiel, daß Blut zum Leben nothwendig sey – daß der Mensch ohne Athem sterben müsse, daß weiße Pulver das Fieber kurirten, und daß schwarze Tropfen den Durchfall stillten. Endlich langten wir auch hier in Cairo an, und wie ich eines Tages die Drogue der Betrachtung in dem Mörser der Geduld stampfte, forderte mich der Arzt auf, seine Lanzetten zu bringen und ihm zu folgen. Ich schritt hinter dem gelehrten Hakim durch die Straßen, bis wir an einem schlichten Hause in einem abgelegenen Theile dieser großartigen Stadt, über welche Eure Durchlaucht in Gerechtigkeit herrscht, anlangten. Ein altes Weib führte uns unter vielen Weheklagen nach dem Krankenbette, auf welchem ein Geschöpf lag, so schön anzusehen, wie eine Houri. Der fränkische Arzt wurde von der Alten aufgefordert, ihr den Puls durch den Vorhang zu fühlen; er lachte ihr aber nur in den Bart (denn sie war mit einem kleinen derartigen Anflug versehen), zog die Vorhänge bei Seite und bemächtigte sich einer so kleinen und zarten Hand, daß sie nur geschaffen zu seyn schien, den Propheten selbst in der Nähe des Thrones, auf welchem der Engel Gabriel sitzt, mit dem unsterblichen Pillau zu nähren, der für ächte Gläubigen bereitet wird. Ihr Gesicht war bedeckt, und der Franke verlangte, daß der Schleier entfernt werden solle. Die Alte weigerte sich, und er wandte sich der Thüre zu, um die Kranke den Angriffen des Todes zu überlassen. – Endlich aber besiegte die Liebe der Alten zu ihrem Kinde alle religiösen Bedenklichkeiten, und sie willigte ein, daß ihre Tochter sich vor einem Ungläubigen entschleiere. Ich war entzückt über ihre Reize und hätte sie mir auf der Stelle zum Weibe erbitten mögen; aber der Franke wollte nur ihre Zunge sehen. Nachdem er hievon Einsicht genommen, wandte er sich so gleichgiltig ab, als sey das Mädchen weiter nichts, denn ein sterbender Hund. Er forderte mich auf, ihr den Arm zu verbinden, ließ ihr ein Becken voll ihres goldenen Blutes ab und gab dann in die Hände der Alten ein weißes Pulver, indem er sagte, daß er wieder nach der Kranken sehen wolle. Ich streckte meine Hand aus, um das Gold in Empfang zu nehmen, aber es wollte nichts zum Vorschein kommen. »Wir sind arm,« rief die Alte dem Hakim zu; »aber Gott ist groß.« »Ich brauche Dein Geld nicht, gute Frau,« versetzte er, »und will Deine Tochter umsonst kuriren.« Er ging dann wieder an das Krankenbette, sprach der Leidenden Trost zu, und hieß sie guten Muthes seyn, da dann Alles recht gehen werde. Das Mädchen antwortete mit einer Stimme, weit süßer, als die einer Nachtigall, daß sie ihren Dank nur in Worten und Gebeten zum Allerhöchsten ausdrücken könne. »Ja,« sagte die Alte, ihre Stimme erhebend, »ein Schurke von einem heulenden Derwisch hat mir zu Scutari mein ganzes Vermögen und das Heirathgut meiner Tochter gestohlen – es waren siebenhundert Zechinen in einem Ziegenhautbeutel!« Und dann begann sie zu fluchen. Mögen die Hunde der Stadt ihrer Häßlichkeit nachheulen! Und wie sie fluchte! Sie verwünschte meinen Vater und meine Mutter – sie verfluchte ihre Gräber – schleuderte Schmutz auf meine Brüder und Schwestern und besudelte die ganze Generation mit Unrath. Mich selbst gab sie dem Jehanum und jeder Art von Entehrung preis. Es war etwas Schreckliches, das Fluchen des alten Weibes mitanzuhören. Ich drückte mir den Turban in die Augen, damit sie mich nicht erkenne, und erhob mein Gewand, um mein Gesicht zu bedecken, damit mich die Fluchschauer nicht träfen, die sie wie Koth nach mir hinwarf, So saß ich denn da, um abzuwarten, bis der Sturm vorüber Ware. Unglücklicher Weise kriegte bei Erhebung meines Gewandes die alte Hexe jenen verwünschten Ziegenhautbeutel zu Gesicht, der an meinem Gürtel hing und so nicht nur ihr Geld, sondern auch den Rest meines eigenen enthielt. »Maschallah – wie wundervoll ist Gott!« kreischte die Alte, stürzte wie eine Tigerin auf mich los und riß den Beutel von meinem Gürtel. Nachdem sie ihn in Sicherheit gebracht hatte, warf sie sich mit ihren zehn Nägeln auf mich und kerbte mir mein Gesicht, das ich anfangs so unglücklich bedeckt und dann so unglücklich wieder aufgedeckt hatte. Was soll ich weiter sagen? Die Nachbarn kamen herein, und ich wurde mit der Alten und dem fränkischen Arzte vor den Kadi geschleppt. Das Geld und der Beutel wurden mir abgenommen. Der Hakim entließ mich, und bald nachher that der Kadi ein gleiches, nachdem er zuvor den Befehl ertheilt hatte, mir hundert Hiebe aufzuzählen. Es war meine Bestimmung und ich habe meine Geschichte vorgetragen. Ist Euer Sklave entlassen?« »Nein,« versetzte der Pascha. »Bei unserm Bart, wir müssen da Einsicht nehmen, Mustapha. Sprich, Hudusi, wie lautete die Entscheidung des Kadi? Unsere Ohren sind offen.«   Das Urtheil des Kadi lautete dahin, daß ich das Geld gestohlen habe und deshalb mit der Bastonade zu züchtigen, sey; da jedoch die Alte angebe, der Beutel hätte siebenhundert Zecchinen enthalten, während doch mehr als einhundert darin sehen, so könne das Geld nicht ihr gehören. Er nahm es deshalb an sich, bis er den rechtmäßigen Eigenthümer ausfindig machen könne. Der Arzt wurde um fünfzig Zecchinen gebüßt, weil er ein türkisches Mädchen angesehen, und um weitere fünfzig, weil er seine Achseln gezuckt hatte. Das Mädchen selbst aber wurde in den Harem des Kadi beordert, weil sie ihr Heirathgut verloren habe, und die Alte erhielt die Weisung, ihren Geschäften nachzugehen. Alle Anwesenden erklärten, das Urtheil sey die Weisheit selbst: ich aber für meine Person bezweifelte sehr die Thatsache .   »Mustapha,« sagte der Pascha, »schicke nach dem Kadi, nach dem französischen Arzte, nach dem alten Weibe, nach dem Mädchen und nach dem Ziegenhautbeutel. Wir müssen diese Sache näher untersuchen.« Die Diener der Gerechtigkeit wurden abgeschickt, und nach weniger als einer Stunde, während welcher der Pascha und sein Vezier stumm fortrauchten, erschien der Kadi nebst den Uebrigen. »Möge der Schatten Eurer Hoheit nie geringer werden!« begann der Kadi beim Eintritte. »Mobarek! Mögest Du glücklich seyn!« versetzte der Pascha. »Was müssen wir da hören, Kadi? Man erzählt uns von einem Ziegenhautbeutel und einem Mädchen, ohne daß Unserer richterlichen Hoheit davon amtliche Meldung gethan worden wäre. Handelt sich's da um Geheimnisse, gleich denen, welche in dem Brunnen von Kasan verborgen wurden? – Sprich, was hast Du für Staub gegessen?« »Was soll ich sagen?« entgegnete der Kadi. »Ich bin nur wie Staub. Das Geld ist hier und das Mädchen gleichfalls. Soll der Pascha mit dem Lärmen eines jeden Weibes behelligt werden oder kann ich mit ein paar Goldstücken vor ihm erscheinen? – Min Allah – Gott verhüte dies! Habe ich nicht hier das Geld und sieben weitere Beutel ? War das Mädchen nicht vom Engel des Todes heimgesucht, und konnte sie vor Eurer Hoheit erscheinen, mager, wie ein Hund im Bazar? Ist sie nicht hier? Habe ich wohl gesprochen?« »Ja, Du hast wohl gesprochen, Kadi. Murakha – Du bist entlassen.« Der fränkische Arzt wurde dann um hundert weitere Zecchinen gebüßt – um fünfzig, weil er den Puls eines türkischen Mädchens gefühlt, und um die gleiche Summe, weil er ihre Zunge angesehen hatte. Das Mädchen wurde nach dem Harem des Pascha entlassen; der Alten aber gestattete man, nach Belieben zu fluchen, und Hudusi erhielt die volle Erlaubniß, Alles zu bezweifeln , nur nicht die Gerechtigkeit des Paschas. Siebenzehntes Kapitel. »Maschallah! Gott sey gepriesen! Sind wir doch endlich diesen Kerl und seine Zweifel los. Mustapha, als ich die Pfeife der Muthmaßung rauchte und dabei zu der Asche der Gewißheit gelangte, kam ich auf den Gedanken, ein Mann, der so viele Zweifel habe, könne unmöglich ein ächter Gläubiger seyn. Ich wollte, ich hätte ihn zu den Mollahs geschickt. Vielleicht wäre uns dann das Vergnügen geworden, daß sie ihn gespießt hätten; denn dies ist heutzutage ein seltenes Schauspiel.« »Gott ist groß,« versetzte Mustapha, »und ein Pfahl ist ein kräftiges Argument, das wohl viele Zweifel zu beseitigen vermag. Aber ich habe einen Ungläubigen im Hofe, der gar seltsame Dinge erzählt. Man hat ihn wie eine wilde Bestie gefangen. Er ist ein fränkischer Galiongi und hat eben so weite Reisen gemacht, als jener Shitan's-Sohn Huckaback. Man fand ihn, überwältigt von dem verbotenen Safte, in den Straßen, nachdem er viele von Eurer Hoheit Unterthanen geschlagen hatte. Der Kadi wollte bei ihm den Bambus in Anwendung bringen, aber er geberdete sich wie ein Löwe und schleuderte die Sklaven wie Spreu umher, bis er fiel und sich nicht wieder erheben konnte. Ich habe ihn von dem Kadi mitgenommen und hieher gebracht. Er spricht zwar nur die fränkische Zunge; aber die Sonne, welche auf mich scheint, weiß, daß ich im Frankenlande gewesen bin, und, Inschallah – so es dem Herrn beliebt, kann ich seine Worte dolmetschen.« »Was für eine Art Mensch mag er seyn, Mustapha?« »Er ist ein Baj-Baj – ein Dickbauch – ein starker Kerl – ein Anhunkher – ein Eisenfresser. Er segelte in den Kriegsschiffen der Franken und hält in der einen Hand eine Flasche der verbotenen Flüssigkeit, während er in der andern gegen diejenigen, welche ihn examiniren wollen, einen dicken Knittel schwingt. In einer seiner Backen steckt eine Faust voll des köstlichen Krauts, das wir für unsere Pfeifen brauchen, und sein Haar hängt ihm hinten bis auf den Gürtel nieder, so dick zusammengerollt, wie der Arm Eures Sklaven.« »Es ist gut, wir wollen ihn herein lassen; aber sorge dafür, daß bewaffnete Leute zur Hand seyen. Eine volle Pfeife für mich! Gott ist groß,« fuhr der Pascha fort, indem er sein Glas hinhielt, um es füllen zu lassen, und die Flasche beinahe leerte. »Stelle die Wachen aus und bringe den Ungläubigen herein.« Einige Minuten nachher führten die Wachen einen derb gebauten englischen Matrosen in der gewöhnlichen Seemannstracht und mit einem Zopfe, der ihm hinten armsdick bis über den Gurt niederhing, vor den Pascha. Dem Matrosen schien diese Behandlung nicht zu behagen, denn er schleuderte gelegentlich Dolchblicke auf seine Führer, die an ihm schoben und zerrten. Er war nüchtern, obschon seine Augen noch die Spuren kürzlicher Trunkenheit blicken ließen, und sein männlich schönes Gesicht wurde durch einen ungeheuren Tabackspflock entstellt, welcher ihm die rechte Wange unförmlich auftrieb. Sobald er dem Pascha nahe genug stand, ließen ihn seine Begleiter los. Jack schüttelte seine Jacke, zog seine Hosen auf, warf ihnen einen wüthenden Blick zu und rief: »Na, ihr Bettler, so seyd ihr endlich mit mir fertig?« Mustapha redete den Matrosen Englisch an und bedeutete ihm, daß er vor Sr. Hoheit, dem Pascha, stehe. »Wie, der alte Knasterbart, in Shawl und Pelzwerk eingehüllt – ist dies der Pascha? Ei, meinetwegen; ich mache mir nicht viel aus ihm.« Und in gaffender Verwunderung ließ der Matrose seine Augen durch das Gemach gleiten, ohne sich auch nur entfernt einfallen zu lassen, wie nahe er einem Manne stund, der ihm mit einer einzigen Handbewegung nicht nur seinen Zopf, sondern auch den daran hängenden Kopf abschneiden lassen konnte. »Was sagt der Franke, Mustapha?« fragte der Pascha. »Das Erstaunen über die Pracht Eurer Hoheit und die Verwunderung über Alles, was er erblickt, hat ihn verstummen gemacht.« »Wohlgesprochen, bei Allah!« »Ich denke, ich kann just so gut hier vor einen Anker kommen,« sagte der Matrose, indem er den Worten die That folgen ließ und sich auf die Matte niedersetzte. »So,« fuhr er fort, während er seine Beine nach der Weise der Türken kreuzte, »wenn's hier zu Lande Mode ist, ein Kreuz in der Klüse zu vieren, so kann ich so gut wie ihr ein bischen den Tölpel machen. Es käme mir auch nicht darauf an, nach Eurem Beispiel eine Wolke hinaus zu blasen, mein alter Kegel.« »Was sagt der Giaur? Welch' ein Hundesohn ist dies, in Unserer Gegenwart zu sitzen?« rief der Pascha. »Er meint,« entgegnete Mustapha, »in seinem Lande dürfe es Niemand wagen, vor dem fränkischen Könige zu stehen, und von seiner Unterwürfigkeit überwältigt, versagen ihm die Beine den Dienst, so daß er vor Euch in den Staub sinken müsse. Es ist wirklich so, wie er sagt, denn ich reiste in seinem Lande, und es ist so der Brauch bei jener uncivilisirten Nation. Maschallah! Aber er lebt in Ehrfurcht und Zittern.« »Bei dem Barte des Propheten, äußerlich zeigt er nichts davon,« entgegnete der Pascha. »Aber es mag vielleicht auch so Brauch seyn.« » Be chesm , auf meine Augen komme es,« versetzte Mustapha, »Es ist ganz so. Franke,« fuhr er gegen den Matrosen fort, »der Pascha hat nach Dir geschickt, um von Dir einen Bericht über alle die Wanderungen zu hören, welche Du gesehen hast. Du mußt Lügen sagen und wirst dafür Geld erhalten.« »Lügen sagen? Ah, das heißt man Garn spinnen. Na, das kann ich wohl thun. Aber mein Mund lechzet vor Durst, und ohne ein Tröpflein von etwas Starkem soll Euch auch nicht ein fingerlanges Stückchen Garn abgehaspelt werden! Das könnt Ihr immerhin dem alten Geisbart sagen.« »Was sagt der Sohn von Shitan?« fragte der Pascha in ungeduldigem Aufbrausen. »Der Ungläubige erklärt, der Schrecken von Eurer Hoheit Gegenwart habe ihm die Zunge an den Gaumen geleimt. Er lechzet nach Wasser, um sich wieder herzustellen, damit er zu sprechen im Stande sey.« »So laß ihm das Nöthige reichen,« erwiederte der Pascha. Aber Mustapha hatte genug gehört, um zu wissen, daß sich der Matrose nicht mit dem reinen Element begnügen würde, und fuhr daher fort: »Euer Sklave muß Euch sagen, daß sie in ihrem Lande nichts als das Feuerwasser trinken, an welchem sich die wahren Gläubigen nur hin und wieder zu letzen erlauben.« »Allah Acbar! Nichts als Feuerwasser? Was thun sie denn mit dem gewöhnlichen?« »Sie haben kein anderes, als das, welches von dem Himmel fällt. Die Flüsse sind sammt und sonders von der gleichen Stärke.« »Maschallah, wie wundervoll ist Gott – ich wollte, wir hätten gleichfalls einen solchen Fluß hier. So trage Sorge, daß seinen Bedürfnissen entsprochen werde, denn ich wünsche, seine Geschichte zu hören.« Es wurde eine Flasche Branntwein beschickt und dem Matrosen übergeben, welcher sie an den Mund setzte und in einem Athem eine solche Quantität daraus abließ, daß der Pascha zu der vollen Ueberzeugung kam, Mustaphas Behauptung müsse wahr seyn. »Na, das ist nicht so schlecht,« sagte der Matrose, die Flasche zwischen seine Beine steckend. »Und nun will ich meinem Worte Ehre machen und dem alten Knaster da ein Garn spinnen, so lang als das Vollen des großem Marses.« »Was sagt der Giaur?« fiel der Pascha ein. »Daß er im Begriffe sey, vor Eurer Hoheit die wunderbaren Ereignisse seines Lebens niederzulegen; er hoffe, sein Gesicht werde weiß seyn, ehe er sich aus Eurer durchlauchtigen Gegenwart entfernt. Franke, Du magst fortfahren.« »Ich soll also lügen, bis mir das Gesicht schwarz wird? Na, wenn Ihr's wünscht, so sey's drum; aber ich heiße nicht Frank, alter Bursche. Zufälligerweise heiße ich Bill – nun, für einen Türken ist auch das Erstere nicht allzu schlecht gerathen; und da ich jetzt hier bin, möchte ich Euch just eine Frage vorlegen. Wir hatten letzthin, als wir in einer Fregatte bei den Dardanellen droben waren, so ein Stück von einem Hargument, Eure Religion betreffend. Jack Soames sagte, ihr wäret keine Christen, oder wenn ihr's wäret, so könntet ihr nur Katholiken seyn; aber ich kann mir nicht denken, wie er etwas davon wissen soll, sintemal er nicht länger als sieben Wochen an Bord eines Kriegsschiffes war. Wie verhält sich denn jetzt die Sache? – Wenn ich anders zu fragen so frei seyn darf.« »Was spricht er?« fragte der Pascha ungeduldig. »Er sagt,« antwortete Mustapha, »daß er nicht so glücklich gewesen sey, in dem Lande der wahren Gläubigen geboren zu werden; er sey ans Licht getreten auf einer Insel voll Dunst und Nebel, wo nie die Sonne scheine und die Kälte so übermäßig sey, daß das Wasser so hart und kalt wie eine Kiesel vom Himmel falle.« »Dies erklärt mir den Umstand, daß sie es nicht trinken. Maschallah, Gott ist groß! Laß ihn fortfahren.« »Der Pascha fordert mich auf, Dir zu sagen, unsere Religion bestehe in dem Lehrsatze, daß es nur einen Gott gebe und Mahomed sein Prophet sey; auch verlangt er, daß Du einmal mit Deiner Geschichte anfangen sollst.« »Habe nie von diesem Kunden gehört – doch gleichviel – da ist Sägeholz. –« Erzählung des englischen Matrosen. Ich bin zu Shields geboren und zum Matrosen erzogen worden, diente meine Zeit aus in diesem Hafen und kriegte eine Stelle am Bord eines kleinen Schiffes, das zu Liverpool für den Sklavenhandel ausgestattet worden war. Wir thaten die Küste von Afrika an, statteten unsere Glasperlen, unseren Branntwein und unser Schießpulver aus und hatten bald eine ordentliche Ladung an Bord; aber schon am zweiten Tage unserer Fahrt nach der Havannah brach unter den Niggers die Ruhr aus – kein Wunder, wenn man in Betracht zog, wie die armen Teufel zusammengepackt waren, Kopf und Schwanz wie die Häringe in einer Tonne. Wir öffneten die Luken und brachten einen Theil davon auf das Deck; aber es nützte nichts, denn sie starben dahin, wie kranke Schaafe, und wir stießen täglich an dreißig über Bord. Viele Andere, die noch am Leben waren, sprangen ins Wasser und wurden augenblicklich von einem Haufen Hayfische verfolgt, welche plätschernd darauf losstürzten, untertauchten, die noch warmen Körper zerrissen und sich in dem blutigen Wasser gütlich thaten. Endlich waren sie Alle dahin, und wir kehrten nach der Küste zurück, um einen frischen Vorrath zu holen. Wir standen noch eine Tagfahrt vom Lande, als wir zwei Boote auf unserm Luvbuge bemerkten. Sie machten uns Signale, und da wir sie mit Leuten angefüllt fanden, so legten wir bei und nahmen sie an Bord. Nun erfuhren wir, daß sie zu einem französischen Sklavenschooner gehört hatten; eine Planke desselben war geborsten und das Schiff selber mit allen Niggers im Raume untergegangen, wie eine Kanonenkugel.   »Na, gebt dem alten Gentlemen einmal dies per Abschlag während ich mir ein wenig meinen Schnabel anfeuchte.« Mustapha dolmetschte, und der Matrose, welcher inzwischen der Flasche zugesprochen hatte, fuhr endlich wieder fort:   Es war uns gar nicht lieb, diese französischen Bettler an Bord nehmen zu sollen, und zwar nicht ohne Grund, denn sie musterten eben so viele Köpfe als wir. Die allererste Nacht hörte ein Neger, der zu uns gehörte und französisch gelernt hatte, mit an, wie sie den Plan entwarfen, uns zu überwältigen und sich in Besitz des Schiffes zu setzen; aber als wir dies hörten, war auch ihr Schicksal besiegelt. Unsere Leute traten auf dem Decke an, setzten die Luken über einige der Franzosen, packten die auf dem Decke, und in einer halben Stunde waren sie sammt und sonders über die Planke spaziert.   »Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst,« sagte Mustapha. Das kömmt daher, weil Ihr ein Landtölpel seyd. Das Lange und Kurze vom über die Plankespazieren besteht darin: wir legten eine breite Planke über das Schanddeck, schmierten sie am untern Ende gut ein, führten die Franzosen mit verbundenen Augen darauf und wünschten ihnen – just aus Höflichkeit – in ihrer eigenen Sprache » bon voyage «. Sie spazierten weiter, bis sie in die See purzelten, und die Hayfische verschmähten sie nicht, obschon sie einen Nigger allem Anderen vorziehen. »Was sagt er, Mustapha?« unterbrach ihn der Pascha. Mustapha dolmetschte. »Gut; das hätte ich mitansehen mögen«, entgegnete der Pascha.   Sobald wir uns der Franzosen entledigt hatten, thaten wir unsern Hafen an und nahmen wieder ein Cargo an Bord. Dann fuhren wir nach der Havannah, wo wir wohlbehalten anlangten und unsere Sklaven verkauften. Dieser Dienst gefiel mir übrigens nicht sonderlich, weshalb ich den Schooner aufgab und im Sommer wieder nach England zurücksegelte. Da traf ich denn mit Betsey zusammen, und da sie sich als ein Kapital-Weibsstück erwies, so splißte ich sie mir an. Das war eine famose Hochzeit, und wir trieben's lustig, so lange noch ein Heller in der Tasche war; aber Schade, daß dies nicht sehr lange dauerte. Ich ging daher wieder zur See. Als ich nach meinem Ausfluge zurückkam, fand ich, daß sich Betsey nicht ganz so gut benommen hatte, als sie hätte sollen; ich schnitt daher meinen Stecken und überließ sie ihrem Schicksal.   »Warum hast Du sie nicht in einen Sack gesteckt?« fragte der Pascha, nachdem Mustapha die Erzählung des Matrosen übersetzt hatte. »Ihr den Kopf in einen Sack stecken? Nein, so häßlich war sie im Grunde doch nicht,« versetzte der Matrose. »Indeß wir wollen darauf los wickeln.«   Ich ging auf eine Kaperbrigg, hatte nach drei Kreuzzügen ein hübsches Häuflein Geld beisammen und beschloß nun, mich wieder auf dem Lande umzuthun, um es mir in möglichster Bälde vom Hals zu schaffen. Dann las ich Sue auf und splißte sie mir wieder an; aber Gott behüt uns, sie wies sich als einen regelmäßig gebauten Tartaren aus – nichts als Gefecht um Gefecht, kratz, kratz, den lieben langen Tag, bis ich sie zu Meister Urian wünschte. Ich hatte sie satt, und da Sue eine Vorliebe zu einem anderen Burschen faßte, so sagte sie eines Tages: »Da wir gleichen Sinnes sind, so kannst Du mich ja verkaufen, und wir trennen uns dann in einer achtbaren Manier.« Ich willigte ein, legte ihr einen Strick um den Hals und führte sie nach dem Marktplatze, während der Kaufliebhaber uns folgte. »Wer bietet auf dieses Weib?« rufe ich. »Ich,« sagt er. »Was willst Du geben?« »Eine halbe Krone,« sagte er. »Willst Du dem Handel noch ein Glas Grog beifügen?« »Ja,« sagt er. »Dann gehört sie Dir und ich wünsche Dir viel Glück zu Deinem Kaufe.« So händigte ich ihm den Strick aus und er führte sie fort.   »Für wieviel sagst du, daß er sein Weib verkauft habe?« entgegnete der Pascha seinem Vezier, nachdem derselbe diesen Theil der Geschichte wiederholt hatte. »Für einen Piaster und für ein Glas Feuerwasser,« versetzte der Vezir. »Frage ihn, ob sie schön war«, sagte der Pascha. »Schön?« entgegnete der Matrose auf Mustaphas Frage; »ja sie war zum Ansehen ein so sauberes Fahrzeug, als Ihr nur je Eure Augen auf eins geklappt habt – schönes rundes Heck – sauber geschweift – schwellende Buge – einen guten Figurenkopf und Haar genug für eine Meerjungfer.« »Was sagt er?« fragte der Pascha. »Der Franke erklärt, ihre Augen seyen so hell gewesen, wie die der Gazelle, – ihre Augenbrauen hätten ausgesehen wie eine einzige – ihren Leib schildert er wie eine Cypresse – ihr Gesicht wie den vollen Mond; auch sagt er, sie sey so fett gewesen wie die Houris, welche der ächten Gläubigen harren.« »Maschallah! Alles dies für einen Piaster! Frag ihn, Mustapha, ob in seinem Lande mehr dergleichen Weiber verkauft werden?« »Mehr?« entgegnete der Matrose, als Antwort von Mustaphas Dolmetschung. »Zu jeder Stunde könnt Ihr ein ganzes Schiff voll haben. Es gibt in England manchen ehrlichen Kerl, der sich's noch eine hübsche Handvoll Geld kosten ließe, um nur sein Weib los zu werden. »Wir müssen uns da weiter erkundigen und uns Einsicht in dieser Sache verschaffen, Mustapha. Meinst du nicht auch?« »Eure Worte sind Weisheit,« erwiederte Mustapha. »Mein Herz brennt mir noch immer wie geröstetes Fleisch bei der Erinnerung an die Weiber jenes Landes, welche in der That, wie sie der Mann geschildert hat, den Houris gleich sehen. Fahre fort, Jaha Bibi mein Freund, und sage Seiner – – –« »Jaha Bibi? Ich habe Euch schon gesagt, daß ich Bill heiße, nicht Bibi; und ich giere nie von meinem Kurs ab, obschon ich bisweilen beilege, um Provision einzunehmen, wie es zum Beispiel eben jetzt geschieht.« Der Matrose that abermals einen Zug, wischte sich den Mund mit dem Handrücken und fuhr fort: »Jetzt also an eine gute Lüge.«   Ich segelte in meiner Brigg nach Brasilien aus und gerieth in einen Sturm, dergleichen ich nie zuvor gesehen hatte. Wir mußten drei Mann neben den Kapitän stationiren, um ihm das Haar auf dem Kopf zu erhalten, und ein kleiner Knabe wurde über den Mond weggeblasen; er glitt an zwei oder drei Strahlen wieder herunter, bis er, ohne Schaden zu nehmen, sich an dem großen Stage halten konnte.   »Gut,« sagte Mustapha und begann dann seine Übertragung. »Bei dem Bart des Propheten, das ist sehr wunderbar!« rief der Pascha.   Der Sturm währte eine Woche, bis wir endlich Nachts, als ich eben an dem Steuer war, auf die Felsen einer wüsten Insel geschleudert worden. Ich flog über die Berge weg und fiel auf der andern Seite der Insel ins Wasser, schwamm aber dann ans Land, und fand eine Höhle, wo ich mich zum Schlafen niederlegte. Am andern Morgen entdeckte ich, daß es auf der ganzen Insel nichts Eßbares gab, als Ratten, deren eine zahllose Menge vorhanden war; sie waren jedoch so hurtig, daß ich sie nicht fangen konnte. Ich wanderte umher und entdeckte endlich einen sehr großen Rattenhaufen bei einer Wasserquelle – wie ich später ausfindig machte, die einzige auf der ganzen Insel. Ratten können ohne Wasser nicht leben, und ich dachte, hier sey der Ort, wo ich sie erwischen könne. Ich füllte die Quelle auf und ließ nur ein Loch offen, das ich mit meinem Gesäße verdecken konnte. Wenn nun die Ratten kamen, so füllte ich meinen Mund mit Wasser und sperrte ihn weit auf. Sie sprangen an mir hinan und ich erwischte ihre Köpfe mit meinen Zähnen, also nach Herzensgelüsten mich mit Rattenfleisch versehend. »Aferin, vortrefflich!« rief der Pascha, sobald dies erklärt war. Endlich nahm mich ein Schiff wieder auf, und es that mir nicht leid, denn ungekochte Ratten sind keine sehr gute Kost. Ich ging wieder nach Hause, befand mich aber noch keine zwei Stunden am Lande, als ich mein erstes Weib Bet mit einem Rothbrüstlein im Schlepptau anziehen sah. »Das ist er!« sagte sie. Ich wehrte mich, wurde aber überwältigt und ins Käfig gesteckt, um wegen Biggery , wie sie es nennen, oder weil ich ein Weib zuviel hätte, vor Gericht gestellt zu werden.   »Wie meint er dies? Fordere ihn auf, daß er sich näher erkläre,« sagte der Pascha, nachdem ihm der Vezier die Worte des Matrosen übersetzt hatte. Mustapha gehorchte. »In unserem Lande gilt ein einziges Weib als die einem Mann zustehende Ration, und er darf nicht mehr nehmen. Ich hatte mich aber zweimal gesplißt, weßhalb ich verurtheilt und für Lebenszeit nach Botanybay geschickt wurde.« Die Erklärung verblüffte den Pascha nicht wenig. »Wie, – was für eine Art von Land muß das seyn, wenn der Mann nicht zwei Weiber haben soll? Inschallah! Gottlob, wir können Hunderte in unserem Harem haben! Oder lacht er uns vielleicht gar mit Lügen in den Bart und will uns Bären aufbinden?« »Es ist so, wieder Franke sagt,« versetzte Mustapha. »Sogar der König des Landes kann nur eine einzige Frau nehmen. Be chesm – auf meine Augen komme es, wenn es nicht Wahrheit ist.« »Nun, was sind sie auch anders, als Ungläubige?« erwiederte der Pascha. »Sie verdienen nicht mehr. Die Houris sind nur für die Gläubigen. Mögen die Gräber ihrer Väter verunreinigt seyn. Laß den Giaur fortfahren.«   Nun, wir brachen nach der andern Seite des Wassers auf und langten daselbst wohlbehalten genug an; hoffe nur, daß ich eines Tages bei so gutem Wind und Wetter in den Himmel einfahre. Aber es fiel mir nicht ein, ohne Lohn arbeiten zu wollen, und so entwich ich an einem schönen Morgen in die Wälder, wo ich mit drei oder vier Kameraden sechs Monate lang blieb. Wir nährten uns von Känguruhs und einem anderen seltsamen kleinen Thiere, und es erging uns ziemlich gut.   »Aus was mag wohl ein Gericht von Känguruhs bestehen?« fragte Mustapha, der Weisung des Paschas gehorsam. »Aus was es besteht? Je nun, ein Gericht von Känguruhs ist natürlich aus Känguruhs gemacht.« Aber ich will selbst zu einem Gerichte zerhackt werden, wenn ich von etwas Anderem sprach, als von dem Thiere, das uns zu tödten schwer genug wurde; denn es steht auf seinem dicken Schwanze und ficht mit allen vier Füßen. Es war auch noch außerdem ein sehr merkwürdiges Thier, denn seine Jungen sprangen ihm aus dem Magen heraus und wieder hinein – es war dort expreß ein Plätzchen für sie, just wie das große Loch am Bug eines Holzschiffes. Und was das andere kleine Thier betrifft, so schwimmt es in den Teichen, legt Eier und hat einen Entenschnabel; dennoch ist es aber ganz mit Haaren bedeckt, wie ein vierfüßiges Thier. Der Vezier dolmetschte. »Bei dem Propheten, der Mensch lacht uns in die Bärte!« rief der Pascha zornig. »Das sind einfältige Lügen.« »Du mußt dem Pascha nicht solche thörichte Lügen mittheilen,« sagte Mustapha, »er wird sonst zornig. Wenn Du lügen willst, mußt Du gut lügen.« »Tausend auch,« entgegnete der Matrose, »ich will verdammt seyn, wenn der alte Bettler nicht den einzigen wahren Theil in meinem ganzen Garn bezweifelt. Na, so will ichs ihm zu Gefallen mit was Anderem probiren.«   Nachdem ich ungefähr sechs Monate dort gewesen, hatte ich den Aufenthalt satt, und da nur zwanzig tausend Meilen zwischen diesem Lande und meinem eigenen lagen, so beschloß ich, zurück zu schwimmen.   »Maschallah! Zurückzuschwimmen – wie viele tausend Meilen?« rief Mustapha. »Nur zwanzig tausend – ein wahres Nichts.« So warf ich an einem schönen Morgen ein junges Känguruh auf meine Schulter und brach auf. Drei Monate lang schwamm ich Tag und Nacht fort, fühlte mich aber dann ein wenig müde und legte mich eine Weile auf den Rücken, um sodann meine Reise wieder fortzusetzen. Inzwischen hatten sich übrigens so viele Entenmuscheln an mir angesetzt, daß ich nur langsam vorwärts kam. Ich machte daher zu Ascension Halt, schabte und reinigte mich, zehrte etwa eine Woche an einer Schildkröte, nur um mir den Scharbock von den Gliedern fernzuhalten, und brach dann wieder auf. Wie ich nun durch die Meerenge hereinkam, dachte ich, ich könnte eben so gut hier einstellen, und so langte ich denn gestern um Glock drei in der Morgenwache, nach einer Reise von fünf Monaten und drei Tagen, in Cairo an.«   Nachdem Mustapha Alles dies dem Pascha übersetzt hatte, rief letzterer in größtem Erstaunen aus: Allah Acbar! Gott ist überall. Hast Du je von einem solchen Schwimmer gehört? Zwanzig tausend Meilen – fünf Monate und drei Tage – das ist eine wunderbare Geschichte! Fülle ihm den Mund mit Gold.« Mustapha bedeutete dem Matrosen in demselben Augenblicke, als er seine Flasche geleert hatte und sie bei Seite rollte, welch ein unerwartetes Compliment an ihm vollzogen werden sollte. »Na,« sagte er, »das ist eine kuriose Manier, einen Mann zu bezahlen. Habe ich doch nie gehört, daß man den Mund eines ehrlichen Kerls zum Beutel gemacht habe. Ist übrigens all' eins. Nun, seht ihr, wenn ihr den Raum vollstauen wollt, so wird's gut seyn, die Unterlast wegzuschaffen.« Der Matrose steckte darauf Daumen und Zeigefinger in die Backe und zog seinen ungeheuren Tabakpflock heraus. »So, jetzt bin ich bereit. – Ihr dürft nicht sorgen, daß Ihr mich ersticken könnt.« Einer von den Sklaven steckte nun dem Matrosen mehrere Goldstücke in den Mund. Er spie sie in seinen Hut, sprang auf, that einen Ruck mit seinem Kopf, schwenkte hinter dem Pascha den Fuß und erklärte, daß er der possirlichste und alte Bettler sey, mit dem er je zusammengetroffen. Dann nickte er Mustapha zu und eilte aus dem Divan. »Maschallah! Aber er schwimmt gut,« sagte der Pascha, die Audienz abbrechend. Achtzehntes Kapitel. Obschon es die Pflicht des Veziers war, der Karavane jeden möglichen Vorschub zu leisten, verzögerte er doch ihren Abgang unter verschiedenen Vorwänden um zwei oder drei Tage, damit Menouni Gelegenheit fände, noch Einiges zur Unterhaltung des Paschas beizutragen. Menouni war damit wohl zufrieden, da sich nicht jeden Tag ein so freigebiger Pascha auffinden ließ, und wurde am nächsten Abende wieder der durchlauchtigsten Hoheit vorgestellt. » Kosh amedeid! Du bist willkommen,« sagte der Pascha, als Menouni seine tiefe Verbeugung machte. »Laß uns eine andere Geschichte hören. Ich mache mir nichts daraus, wie lange sie ist – nur darf darin nicht wieder eine Prinzessin verheirathet werden. Jene Babebibobu hätte zugereicht, um die Geduld eines Derwisches zu erschöpfen.« »Eurer durchlauchtigen Hoheit soll gehorcht werden,« entgegnete Menouni. Beliebt es Euch, die Geschichte Yussuffs des Wasserträgers anzuhören ?« »Ja, das klingt besser, fange an.« Der Wasserträger. Eure Hoheit halten zu Gnaden – es traf sich, daß der große Harun al Raschid einmal Nachts von einem jener Anfälle schlafloser Melancholie betroffen wurde, mit welchen Allah den Glanz seines Geschickes mildern wollte. Ueberhaupt sind dergleichen Anfälle das gemeinsame Loos Solcher, welche durch das Glück über die gewöhnlichen Besorgnisse und Wechselfälle des Lebens erhoben wurden.   »Ich kann nicht sagen, daß ich je etwas davon verspürt hätte,« bemerkte der Pascha. »Wie kömmt dies, Mustapha?« »Eure Hoheit hat ohne Zweifel eben so gut ein Recht daran, wie der große Kalif,« versetzte Mustapha, sich verbeugend; »aber wenn ich es wagen darf, meine Ansicht darüber auszusprechen,« fuhr er fort, sich dem Ohre des Paschas nähernd, »so habt Ihr ein Heilmittel dagegen in dem starken Wasser der Giauren gefunden.« »Sehr wahr,« versetzte der Pascha. »Wenn ich mich recht erinnere, so hielt Harun al Raschid äußerst streng an die Beobachtung der Vorschriften des Korans. Im Grunde war er aber doch nur ein Pastek –eine Wassermelone. Du kannst fortfahren, Menouni.«   Der Kalif, welcher, wie ich Eurer Hoheit bereits bemerkte, von diesem Melancholie-Anfall heimgesucht war, schickte Meßrur nach seinem ersten Vezier Giaffar Vermutti, welcher solcher nächtlichen Aufgebote nicht ungewohnt war und sich unverweilt bei dem Beherrscher der Gläubigen einfand. »Vater der wahren Gläubigen! Nachkomme des Propheten!« sagte der Minister mit einer tiefen Verbeugung, »Dein Sklave wartet, um zu hören, und hört nur, um zu gehorchen.« »Giaffar,« versetzte der Kalif, »eine quälende Unruhe hat sich meiner bemächtigt, und es wäre mir lieb, wenn Du mir ein Erleichterungsmittel auffinden könntest. Sprich, was sagst Du?« »Eile, o mein Fürst, nach dem Lieblingsgarten des Tierbar, blicke daselbst nach dem glänzenden Monde, höre auf die Stimme des Bul Bul und erwarte in so angenehmer Betrachtung die Rückkehr der Sonne.« »Nicht doch,« entgegnete der Kalif. »Bei dem Bart des Propheten, der Kalif hatte Recht, und dieser Giaffar war ein Narr. Ich habe in meinem Leben nie gehört, daß es eine Unterhaltung sey, den Mond anzustieren,« bemerkte der Pascha. »Nicht doch,« versetzte der Kalif. »Meine Gärten, meine Paläste und meine Besitzungen können mir nicht länger Freude geben.« »Bei dem Schwerte des Propheten, jetzt scheint mir der Kalif ein Narr zu seyn,« unterbrach ihn der Pascha. »Oder wollen wir uns nach der Halle der Alten begeben und die Nacht verbringen, indem wir das Andenken der Weisen wieder aufleben lassen, deren Sprüche dort aufbewahrt sind?« fuhr Giaffar fort. »Dein Rath will nichts heißen,« entgegnete der Kalif. »Berichte über die Vergangenheit reichen nicht zu, um die Sorgen der Gegenwart zu verbannen.« »Dann will vielleicht das Licht der Welt Erleichterung suchen in einer Verkleidung?« sagte der Vezier. »Ist es Dir angenehm, den demüthigsten Deiner Sklaven mit Dir zu nehmen, um Dich durch den Augenschein von der Lage Deines Volkes zu überzeugen?« »Du hast wohl gesprochen,« erwiederte der Kalif. »Ich will mit Dir nach dem Bazar gehen und unerkannt Zeuge seyn, wie sich mein Volk nach den Mühen des Tages vergnügt.« Der Haupt-Eunuch Meßrur war zur Hand und beeilte sich, die nöthigen Verkleidungen herbei zu schaffen. Sie hüllten sich in eine Tracht, wie sie unter den Kaufleuten von Moussul üblich war, färbten sich die Gesichter olivenbraun, und dann verließ der Kalif mit Giaffar und Meßrur, welch' letzterer mit einen Scymetar bewaffnet war, das Serail durch die geheime Thüre. Giaffar, welcher aus Erfahrung die Stadttheile kannte, die am ehesten ein Abenteuer in Aussicht stellten, führte den Kalifen an der Moschee Zobeida vorbei, ging über die Schiffsbrücke des Tigris und verfolgte seinen Weg nach dem Stadttheile auf der mesopotamischen Seite des Flusses, welcher von Weinhändlern und anderen Personen bewohnt war, die eben, so gut zu den Unregelmäßigkeiten, als zu den Bedürfnissen der guten Bürgerschaft von Bagdad ihre Beiträge liefern. Sie gingen eine Weile auf und nieder, ohne auf Jemand zu treffen; als sie aber endlich durch eine schmale Gasse kamen, wurden ihre Schritte durch den Lärm des gewaltigsten Lungenpaares angehalten, welches nur je ein fröhliches Lied herausjubelte. Der Kalif wartete eine Weile, ob der Gesang nicht aufhöre, hätte aber wohl bis zum Morgen warten müssen, denn ein Vers folgte dem andern, und die kleinen Zwischenräume wurden durch das musikalische Gurgeln von einer Flüssigkeit aus einer Flasche, und die Rülpse des lustigen Trinkers ausgefüllt. Endlich erschöpfte sich Horuns Geduld, und er befahl Meßrur, laut an die Wohnung des Sängers zu klopfen. Sobald der Bursche dies hörte, öffnete er die Jalousie und kam auf die Veranda heraus. Wie er der drei Personen ansichtig wurde, die seine Heiterkeit störten, rief er ihnen zu: »Was für Schurken seyd Ihr, daß Ihr die Andacht eines ehrlichen Mannes stört! Hinweg – fort mit Euch, ihr Abschaum der Erde!« »In der That, barmherziger Herr,« versetzte Giaffar in demüthigem Tone, »wir sind verunglückte Kaufleute – sind Fremdlinge in dieser Stadt, haben uns verirrt und fürchten uns, von der Wache aufgegriffen, vielleicht gar vor den Kadi geführt zu werden. Wir bitten dich daher, daß Du uns deine Thüre öffnest, und Allah wird deine Menschenfreundlichkeit belohnen.« »Euch meine Thüre öffnen? – ja wohl da! Wie, ihr möchtet in mein Haus kommen, um auf meine Kosten gut zu essen und zu trinken? Geht – geht!« Der Kalif lachte herzlich über diese Antwort und rief dem Manne zu: »In der That, wir sind Kaufleute und suchen nur ein Obdach bis zur Stunde des Gebetes.« »So sagt mir,« erwiederte der Mann. – »aber wohlgemerkt, ich möchte die Wahrheit hören – habt ihr gehörig zu Nacht gegessen und getrunken?« »Allah sey gepriesen, wir haben längst unser kräftiges Abendmahl eingenommen,« antwortete der Kalif. »Wenn dies der Fall ist, so mögt ihr herauf kommen; aber merkt Euch wohl, es geschieht nur unter einer einzigen Bedingung. Ihr müßt euch verpflichten, Eure Lippen nicht über das zu öffnen, was ihr mich thun seht, gleichviel, ob es Euch gefallen mag oder nicht.« »Dein Verlangen ist so vernünftig,« entgegnete der Kalif, »daß wir so unwissend seyn müßten, wie Yebuß, wenn wir uns nicht ohne weiteres dazu verstünden.« Der Mann musterte die angeblichen Kaufleute noch einmal und schien zu einem befriedigenden Resultate zu kommen, denn er stieg herab und öffnete die Thüre. Der Kalif und seine Begleiter folgten ihm nach einem Zimmer, wo sie einen Tisch zum Nachtessen gedeckt fanden. Das aufgelegte Mahl bestand aus einem großen Weinkruge, einem halben gerösteten Zickelchen, einer Flasche Raki, Confituren, Eingemachtem und Früchten verschiedener Art. Auf dem Tische standen wohlriechende Blumen umher, und das Zimmer war herrlich beleuchtet. Sobald sie eingetreten waren, leerte der Wirth auf einen Zug ein großes Glas Wein, als wolle er die verlorne Zeit wieder einbringen, deutete nach einer Ecke und forderte die Eindringlinge auf, sich daselbst nieder zu lassen und ihn nicht weiter zu stören. Er begann sein einsames Gelage wieder, schien aber nach einem zweiten Glase Wein seiner eigenen Gesellschaft schon ziemlich müde zu seyn, denn er fragte grämlich: »Woher kommt ihr Burschen, und wohin wollt ihr?« »Herr,« versetzte Giaffar, welcher inzwischen mit dem Kalifen geflüstert hatte, »wir sind Kaufleute von Moussul, welche auf dem Landsitze eines Khan von Bagdad bewirthet wurden. Wir haben ein treffliches' Mahl gehalten und unsern Freund just mit Einbruch der Nacht verlassen. Später verirrten wir, kamen in diese Straße und riefen, als wir den musikalischen Ton Deiner Stimme hörten: ›sind das nicht entzückende Laute? Wer eine so süße Stimme besitzt, muß auch einen lieblichen Charakter haben. Wir wollen unsern Bruder für den Rest der Nacht um seine Gastfreundschaft bitten und am Morgen im Frieden wieder weiter ziehen‹« »Ich glaube Dir kein Wort von dem, was Du gesagt hast, Du übelaussehender Dieb. Ihr seyd Spionen oder Spitzbuben, welche Vortheil daraus ziehen wollen, indem sie zu unzeitigen Stunden sich Zutritt in die Häuser verschaffen. Du Faßbauch mit einem Barte wie ein Bär,« fuhr er gegen den Vezier fort, »ich lasse mich hängen, wenn ich je ein so schurkiges Gesicht sah, wie das Deinige! Und Du schwarzgesichtiger Nigger, wende das Weiße Deiner Augen ab von meiner Abendtafel, oder, beim Allah, ich schicke Euch alle nach Jehanum. Ich sehe, ihr möchtet Eure Finger an dem Zickelchen versuchen, aber wenn Ihrs thut, so habe ich einen Knochenerweicher, mit dem ich – bei dem gebenedeiten Propheten! – jedes Beinlein unter Euern drei Häuten zerschlagen will.« Mit diesen Worten langte der Mann einen großen Knittel aus der Zimmerecke hervor, legte ihn neben die Schüssel mit dem Zickelchen, fuhr dann mit seinen Fingern hinein und begann mit großem Wohlbehagen zu essen. »Giaffar,« sagte der Kalif in gedämpftem Tone, »versuche aus diesem wilden Thiere herauszukriegen, wer er ist und wie er's angreift, um ein so lustiges Leben zu führen.« »Im Namen Allahs, wir wollen ihn lieber ungestört lassen,« versetzte Giaffar erschrocken, »denn wenn er uns mit jenem Knittel vor die Köpfe schlüge, so würden wir eine Abfertigung erhalten, ohne dadurch weiser zu werden. »Pfui! fürchte dich nicht,« entgegnete der Kalif; »frage ihn keck nach seinem Namen und seinem Gewerbe.« »O mein Gebieter,« erwiederte Giaffar, »ich höre nur, um zu gehorchen, aber dennoch zittere ich am ganzen Leibe ob den Drohungen dieses schuftigen Kerls. Ich bitte Dich daher flehentlich, jede Frage zu verschieben, bis der Wein seine Stimmung etwas milder gemacht hat.« »Du memmenhafter Vezier, so muß ich ihn wohl selbst fragen?« sagte der Kalif. »Allah verhüte dieß,« versetzte der Giaffar. »Ich will mich dem Zorne des niedrigsten aller Hunde aussetzen – möge sein Grab verunreinigt werden!« Während dieses Parlamentirens blickte der Zecher, der mit der zunehmenden Anzahl seiner Gläser immer gutmüthiger wurde, nach ihnen hin. »Im Namen Shitans, über was plappert und plaudert ihr Kunden?« fragte er. Giaffar bemerkte, daß seine Stimmung etwas günstiger war, und ersah die Gelegenheit ihn anzureden. »Höchst liebenswürdiger und mildthätiger Herr,« ergriff er das Wort, »wir sprachen von Eurer großen Güte, daß Ihr uns gestattet, uns also bei Eurem Gelage einzudrängen. Wir bitten daher blos aus Freundschaft um den Namen und das Gewerbe eines so würdigen Muselmannes, damit wir seiner in unsern Gebeten gedenken können.« »Ha, Du unverschämtes altes Meerschwein, hast Du nicht versprochen, keine Fragen zu stellen? Ja wohl da, aus Freundschaft – die ist freilich von schon langer Dauer.« »Dennoch bete ich zu Allah, daß sie inniger werden möge. Haben wir nicht schon beträchtliche Zeit in Deiner gesegneten Gegenwart gesessen – hast Du uns nicht ein Obdach gegeben? Wir wünschen nur noch den Namen und den Stand eines Mannes kennen zu lernen, der sich so liebreich und wohlwollend gegen uns benommen hat.« »Genug,« versetzte der Andere, durch die scheinbare Demuth des Veziers beschwichtigt. »Seyd stille und hört mir zu. Seht ihr jene Haut, die über meinem Kopfe hängt?« Der Kalif und sein Begleiter blickten auf und bemerkten die gegerbte Haut eines jungen Ochsen, die, wie es den Anschein hatte, zum Wassertragen benützt worden war. »Hiermit verdiene ich mein tägliches Brod. Ich bin Yussuff der Sohn von Abuch Ayoub, welcher ungefähr vor fünf Jahren starb und mir nichts zurückließ, als einige Dirhems und diesen starken Leib, mit dem ich mir meinen Unterhalt schaffe. Ich liebte stets Spiel und Zeitvertreib – überwand Jeden, der mit mir anband – ja, und wer mich beleidigt, erhält eine Feige an's Ohr, so daß es ihm acht Tage nachher noch klingelt.« »Allah verhüte, daß wir ihn beleidigen,« flüsterte der Kalif. »Nach dem Tode des alten Abuh bemerkte ich, daß mich wohl der Hunger bald zu seinem Nachfolger machen werde, wenn ich nicht schleunigst meine Kräfte zu etwas Rechtem verwende. Da fiel mir denn ein. Niemand führe ein lustigeres Leben, als die Wasserträger, welche für einige Paras die Häuser dieser Stadt mit weichem Flußwasser versehen. Ich beschloß daher, mich diesem Gewerbe zuzuwenden, aber statt mit der Gaishaut auf der Schulter zu- und abzugehen, begab ich mich zu einem Gerber, las die weiche Haut eines jungen Ochsen, die hier über mir hängt, aus, warf sie über meine Schulter, füllte sie am Flusse und marschirte nach dem Bazar hinauf. Aber kaum hatte ich mich dasselbst blicken lassen, als die Wasserträger ausriefen: ›dieser Schurke Yussuf will uns unser Brod wegnehmen, möge Shitan ihn holen! Wir wollen zum Kadi gehen und ihn verklagen.‹ Der Kadi hörte ihre Geschichte an, denn sie beschuldigten mich der Zauberei und erklärten, daß keine fünf Mann die gefüllte Haut vom Boden heben könnten. Er schickte einen seiner Bieldars nach mir aus, um mich vorzuladen. Ich hatte just am Flusse meine Haut gefüllt, als der Diener des Bastonadenaustheilers zu mir kam. Ich folgte ihm sammt meiner Last nach dem Gerichtshofe. Der Volkshaufe wich auseinander, um mich durchzulassen, und ich trat vor den Kadi hin, welcher nicht wenig erstaunt war, daß ich mich unter der Ungeheuern Last so wenig beschwert fühlte. »O Yussuf,« rief er, »höre und antworte. Du bist der Zauberei angeklagt.« »Wer klagt mich an, o Kadi?« versetzte ich, indem ich meine Wasserhaut niederwarf. Darauf traten ein paar Galgenstricke vor und riefen mit lauter Stimme: »sieh uns hier, o weiser und gerechter Richter.« Der Kadi ließ den Einen zurücktreten und befragte den Andern, welcher auf das Buch beschwor, der Teufel habe mir eine Schweins - Haut gegeben und mir zugleich versprochen, so lange ich die Anhänger des Propheten aus dem unreinen Gefäße bediene, wolle er mich in den Stand setzen, so viel wie zehn Männer zu tragen. Der zweite Zeuge bekräftigte diese Angabe und fügte bei, er habe mich mit dem Teufel reden hören: dieser habe sich erboten, sich in einen Esel umzuwandeln und Wasser für mich zu schleppen – ein Anerbieten, das ich höflich abgelehnt habe, obschon er den Grund hiervon nicht wisse, weil er den Rest der Unterredung nicht mit anhören könnte. »Auf dieses Zeugniß hin erhoben der Kadi und die Mollahs, welche neben ihm saßen, entsetzt ihre Augen und begannen sich über den Grad der Züchtigung zu berathschlagen, welchen ein so ungeheures Verbrechen verdiene; freilich vergaßen sie darüber ganz, mich zu fragen, ob ich nicht etwas zu meiner Vertheidigung vorzubringen habe. Endlich kamen sie miteinander überein, zum Beginn sollte ich fünfhundert Sohlenstreiche erhalten, und käme ich mit dem Leben davon, so habe mein Bauch eben so viele Hiebe zu gewärtigen. Der Kadi war eben im Begriffe, seinen unwiederruflichen Bescheid zu verkündigen, als ich mir die Freiheit nahm, dieses rasche Gerichtsverfahren zu unterbrechen. »O Kadi,« sagte ich, »und ihr Mollahs, deren Bärte von Weisheit träufen, erlaubt Euerm Sklaven am Fußschemel der Gerechtigkeit die kostbaren Beweise seiner Unschuld vorzubringen.« – »So beeile Dich damit, Du Bundesgenosse von Shitan und Jehanum,« versetzte der Kadi. Ich löste hierauf den Strick, mit welchem ich die Mündung verschlossen hatte, und ließ das Wasser aus der Mündung herauslaufen. Dann drehte ich das Innere nach Außen und zeigte die Hörner des jungen Ochsen vor, welche glücklicher Weise nicht abgeschnitten worden waren, indem ich zugleich den Kadi und die Mollahs fragte, ob sie je ein Schwein mit Hörnern gesehen hätten. Hierüber brach Alles in ein Gelächter aus, als ob ich einen Capitalwitz gemacht hätte. Meine Unschuld wurde erkannt, und meine beiden Ankläger hatten die fünfhundert Sohlenstreiche unter sich zu theilen. Das Resultat dieses Versuches erschreckte die Wasserträger dermaßen, daß sie mich mit weitern Angriffen verschonten, und die Art, wie ich mich von der Beschuldigung reinigte, daß ich meine Kunden durch den Gebrauch einer Schweinshaut befleckt hätte, führte mir viele Gönner zu. Kurz, ich hatte nur meine Haut zu füllen und sie wieder zu leeren, wodurch ich mir jeden Tag ein so schönes Einkommen gewann, daß ich die Sorgen vor die Hunde warf und nun jeden Abend in Heiterkeit verjuble, was ich mir durch mein hartes Tagwerk verdient habe. Sobald der Muezzin zum Abendgebet ruft, lege ich meine Haut bei Seite, gehe nach der Moschee, verrichte meine Abwaschungen und bringe Allah meinen Dank. Dann verfüge ich mich nach dem Bazar, kaufe für einen Dirhem Fleisch, für einen andern Rakie – ferner Früchte, Blumen, Kuchen, Confekt, Brod, Oel für meine Lampen, und das Uebrige wird auf Wein verwendet. Sobald dies gesammelt ist, bringe ich in meinem Hause Alles in Ordnung, zünde die Lampen an und thue mir nach meiner eigenen Methode gütlich. Ihr wißt nun Alles, was ich Euch mitzutheilen Lust habe, und kümmere mich wenig darum, ob Ihr Kaufleute oder verkleidete Spione seyd. Gebt Euch zufrieden und packt Euch jetzt von hinnen, denn die Morgenröthe dämmert auf.« Der Kalif, den Yussuffs Auskunft über seine eigene Persönlichkeit sehr unterhalten hatte, entgegnete: »Du bist in Wahrheit ein wunderbarer Mann, und man muß zugeben, daß Du Dich dadurch vielen Mühen und Verlegenheiten entziehst, indem Du Dich von Deinen Kameraden getrennt hältst.« »Ja,« versetzte Yussuff, »ich treibe es so seit fünf Jahren. Jede Nacht ist mein Haus so beleuchtet, wie Ihr es jetzt seht, und meine glücklichen Sterne ließen mich nie ohne Speise und Trank. Stets hatte ich ein ähnliches Mahl, wie dieses hier, das ihr drei jetzt schmeckt und schnüffelt, ohne daß ihr jedoch eure Finger daran versuchen dürftet.« »Aber mein Freund Yussuf,« bemerkte Giaffar, »setzen wir den Fall, daß Morgen der Kalif einen Befehl veröffentlichte, wonach dem Gewerbe der Wasserträger ein Ende gemacht und Jeder mit dem Galgen bedroht würde, der sich mit einer Haut voll betreten ließe ? Was würdest Du in einem solchen Fall anfangen? Du könntest dann keine Lampen mehr anzünden – könntest Dich nicht Deines Kabobs, Deines Pillaus erfreuen, und wärest ebensowenig im Stande, Dir Früchte, Eingemachtes oder auch nur einen Tropfen Wein zu kaufen.« »Möge Shitan Deine unglückselige Seele holen, Du dickwanstiges Vieh von übler Vorbedeutung –denn schon der Gedanke an etwas der Art – – Mache Dich von hinnen – mache Dich hurtig von hinnen und laß mich nie wieder Dein Angesicht sehen.« »Mein guter Freund Yussuf, ich habe nur gescherzt. Wie Du bemerkst, sind fünf Jahre entschwunden, ohne daß Deine Belustigung auch nur einen einzigen Tag gestört worden wäre, und es ist nicht wahrscheinlich, daß der Kalif einen so lächerlichen und unerhörten Befehl erlassen könnte. Meine Bemerkung zielt blos darauf hin, was Du wohl in einem solchen Falle anfangen könntest, wenn Du vom vorigen Tage nicht einen einzigen Asper übrig behalten hattest?« Ueber diese Wiederholung der Rede des Veziers wurde Yussuf nur noch aufgebrachter. »Wie kannst Du Dich unterstehen, mir dieselben Unglücksworte und bösen Vorzeichen zweimal vorzuhalten – und Du fragst, was ich thun würde? Nun so höre mich an. Beim Barte des Propheten, wenn der Kalif einen solchen Befehl erließe, so würde ich mit diesem guten Knittel ganz Bagdad durchsuchen, bis ich Euch alle gefunden hätte. Dich und Dich,« fuhr er fort, »indem er den Kalif und den Vezier grimmig anschaute, »würde ich zerprügeln, bis ihr so schwarz wäret, wie dieser hier (er deutete auf Meßrur) und den da wollte ich so weiß knitteln, wie das Fleisch des Kitzchens, an dem ich mich eben gelabt habe. Jetzt fort mit Euch, Ihr sollt mir nicht länger mein Dach beflecken.« Der Kalif war über Yussufs Zorn höchlich ergötzt, scheute sich aber doch, seine Heiterkeit blicken zu lassen, weßhalb er das Ende seines Kleides in den Mund steckte, und so zogen sie ab, während der Wasserträger noch einen ganzen Schauer von Flüchen nachschleuderte.   »Beim Schwerte des Produkten, sie sind gut aus dieser Klemme gekommen«, bemerkte der Pascha. »Möge das Grab der Mutter dieses Schurken verunreinigt werden! Dem Stellvertreter des Propheten den Knittel anzubieten!« »Der Kalif war in Verkleidung und Yussuf kannte ihn nicht,« versetzte Mustapha. »Wir schwörens bei unserem Barte, diejenigen, welche mir drohen, und wäre ich auch noch so sehr verkleidet, sollen keine Entschuldigung darin finden,« erwiederte der Pascha. »Fahre fort, Menouni.«   Es war Tag , ehe der große Harun wieder durch die verborgene Thüre in das Serail einging und sich zur Ruhe begab. Nach einem kurzen Schlummer stand er auf, verrichtete seine Abwaschungen und verfügte sich sodann nach dem Divan, wo die Hauptbeamten seines Hofes, die Veziers, Omras und Großen versammelt waren, um ihn zu empfangen. Seine Gedanken weilten jedoch noch immer bei den Ereignissen der vorigen Nacht, und nachdem die ordentlichen Geschäfte des Tages bereinigt, deßgleichen die Bittsteller entlassen waren, rief der Kalif seinen Großvezier, der sich unter den gewohnten Verbeugungen näherte. »Giaffar,« sagte der Kalif, »schicke an den Gouverneur der Stadt den Befehl, welcher durch alle Straßen von Bagdad verkündigt werden soll – es möge sich Niemand erdreisten, im Lauf der nächsten drei Tage Wasser aus dem Flusse nach den Bazars zum Verkaufe zu bringen; wer sich dagegen verfehlt, soll gehangen werden.« Sobald der Gouverneur Khalid ben Talid das Fetwa erhalten, traf er die geeigneten Maßregeln zu dessen Veröffentlichung. Herolde mußten die verschiedenen Stadtviertel durchziehen und den Willen des Kalifen verkündigen. Die Leute wunderten sich, unterwarfen sich aber den Befehlen. Yussuf hatte seine Morgenandacht vollendet und stand eben an den Ufern des Tigris, um die gefüllte Ochsenhaut über seine Schultern zu werfen, als das Erscheinen eines Herolds seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hörte auf die amtliche Veröffentlichung und ließ dann seine Ochsenhaut mit einem Fluche auf alle Kaufleute von Moussul wieder nieder. »Verderben über die Schurken, welche mir in der letzten Nacht ein solches Unglück prophezeiten! Wenn ich nur Hand an sie legen könnte!« rief er. »Sie haben nur darauf hingedeutet, und siehe, es ist geschehen!« Während Yussuf noch über seiner leeren Wasserhaut wehklagte, kamen einige andere Wasserträger herauf und fingen an, ihn nach der Weise von Hiobsfreunden zu trösten. »Dieser Befehl sollte Dich nicht so beunruhigen,« sagte der Eine, »denn Du verdienst jeden Tag mehr, als unserer Fünf, und hast doch weder Weib noch Kind zu versorgen. Was bin dagegen ich für ein unglücklicher Mann: mein Weib und meine Kinder Verhungern mir, noch ehe die drei Tage abgelaufen sind.« Ein Anderer sagte: »Tröste Dich, Yussuf, drei Tage sind bald vorbei, und dann werden Dir Deine Kabobs, Deine Confituren, Dein Rakie und Dein Wein weit besser schmecken, weil Du diese Genüsse eine Weile hast entbehren müssen.« »Außerdem mußt Du nicht vergessen, Yussuf,« fügte ein Dritter bei, »daß der Prophet den Mann mit Leib und Seele für ewig verdammt erklärt hat, welcher beständig so betrunken ist, wie Du.« Diese Bemerkungen regten Yussufs Galle in so hohem Grade auf, daß er beinahe seinen Spleen an den sarkastischen Tröstern Luft gemacht hätte. Er wandte sich jedoch ergrimmt ab, warf die leere Haut über seine Schultern und schlich sich nach der Moschee Zobaida hin, auf dem Wege alle Moussouler Kaufleute bis in's fünfzigste Glied hinunter verfluchend. Wie er an den großen Bädern vorbeikam, wurde er von einem der Aufwärter, mit dem er sehr vertraut war, angeredet und gefragt, warum er so niedergeschlagen sey.« »Unser herzloser Kalif Harun al Raschid hat mir auf drei Tage das Handwerk gelegt, indem er drohte jeden Wasserträger hängen zu lassen, der seine Last nach den Bazars bringe. Du weißt, mein Freund, daß ich nie einen einzigen Para bei Seite gelegt habe, und ich fürchte, nach drei Tagen wird mein Körper vor Hunger welk und aus Ermangelung einer Tasse Rakies ganz ausgetrocknet seyn.« »Na, Du hast früher oft mit mir getheilt,« versetzte der Andere; »so will ich auch jetzt meine Arbeit mit Dir theilen, Yussuf. Folge Mir, wenn Du nichts gegen eine Beschäftigung einzuwenden hast, die wenig mehr als Kraft fordert; denn bei Allah, letztere besitzest Du in reichlichem Grade. In einer Klemme, wie Deine gegenwärtige, kannst Du wohl eine feine Bürste und ein Stück Seife nehmen, um die Körper der Gläubigen zu reiben und zu säubern. Deine ungeheuren, fleischigen Hände sind wohl geeignet, die Muskeln der Gläubigen zu kneten und an ihren Gliedern zu renken. Komm', Du sollst während dieser drei Tage in den Badstuben mitarbeiten; dann kannst Du immerhin wieder zu deinem alten Geschäfte zurückkehren.« »Deine Trostesworte dringen tief in meinen Busen,« versetzte Yussuf, »und ich folge Dir.« Der Badaufwärter nahm ihn dann hinein, band ihm eine Schürze um den Leib und borgte ihm einen Beutel, drei Rasirmesser, Bimsstein zum Schaben der Fußsohlen, eine feine Bürste und einen Schwamm. Nachdem er Yussuf also aufgezäumt und ausgestattet hatte, führte er ihn nach dem Raume, wo sich der Behälter für das heiße Wasser befand, und gab ihm die Anweisung, auf einen Kunden zu warten. Yussuf hatte noch nicht lange an dem Rande des Marmorbades gesessen, als er aufgefordert wurde, seine Pflichten an einem Hadschi zu üben, welcher, mit Staub und Schmutz bedeckt, augenscheinlich eben von einer langen Pilgerfahrt zurückgekehrt war. Yussuf ging mit Energie ans Werk; er ergriff den Kunden mit der einen Hand, streifte ihm mit der andern die Kleider ab und bearbeitete dann seinen geschorenen Kopf mit dem Rasirmesser. Der Hadschi war hochentzückt über den Eifer des Aufwärters. Nachdem ihm Yussuf den Kopf so rein geschabt hatte, als es mit einem schlechten Rasirmesser möglich war, seifte, rieb und bürstete er die Haut des Pilgers, bis sie so glatt und glänzend war, wie der Rücken, eines Raben. Er wischte ihn sofort trocken, nahm dann seinen Sitz auf der Wirbelsäule des Kunden, zwickte und quetschte ihm das Fleisch, drückte seine Gliedmaßen mit dem Daumen und zerrte an jedem Gelenke, bis es gleich einem Reißbündel in der Flamme krachte und der arme Hadschi durch die Kraft des Wasserträgers fast zu einer Mumie umgewandelt worden war. Kaum hatte der arme Mann noch Kraft genug, auszurufen: »Höre auf, höre auf, um der Liebe Allahs willen – ich bin todt, ich bin hin,« und sank dann fast bewußtlos zusammen. Yussuf gerieth darüber nicht wenig in Schrecken. Er hob den Mann auf, goß warmes Wasser über ihn, trocknete ihn ab, legte ihn auf die Ottomane und deckte ihn zu. Der Hadschi verfiel in einen gesunden Schlummer und wachte nach einer halben Stunde so erfrischt wieder auf, daß er sich für einen neuen Menschen erklärte. »Nur den Hadschis gebe ich diesen großen Beweis von meiner Geschicklichkeit,« bemerkte Yussuf. Der Mann griff in die Tasche, zog drei Dirhems heraus und machte sie Yussuf zum Geschenke. Dieser war höchlich erstaunt über eine solche Freigebigkeit und drückte seine dankbare Zufriedenheit aus, worauf der Hadschi die Badanstalt verließ. Entzückt über diesen Erfolg setzte Yussuf seine Beschäftigung fort und bediente jeden neuen Kandidaten ganz wacker mit seiner gelenkeverrenkenden Geschicklichkeit. Um die Zeit des Abendgebetes hatte er ein halbes Dutzend weitere wahre Gläubige zu Mumien geknetet und sechs Dirhems eingenommen, weßhalb er sein Tagesgeschäft zu endigen beschloß. Nachdem er die Badstube verlassen hatte, kleidete er sich an und ging nach Hause, um seinen ledernen Krug, seine Schüssel und seinen Korb zu holen. Dann begab er sich nach dem Bazar, wo er sich ein Stück Schöpsenfleisch kaufte und es zu dem berühmtesten Kabob-Macher im Distrikt brachte, damit es derselbe ihm koche. Nun kam die Reihe des Einkaufs an den Wein, den Rakie, die Wachskerzen, die Blumen, die Pimpernüsse, getrocknete Früchte, Brod und Oel für seine Lampen. Nachdem alles dies geschehen war, sprach er wieder bei dem Koche vor, wo er sein Schöpsenfleisch, säuberlich an der Gluth geröstet und gewürzt, bereits in der Schüssel dampfend fand. Er bezahlte den Koch, legte das Gericht in seinen Korb und eilte, hoch entzückt über sein gutes Glück, über die Schiffsbrücke nach seiner Wohnung zurück. Dort angelangt, kehrte er seine Stube, steckte sich in bessere Kleider, zündete seine Lampen an, deckte seinen Tisch und hockte mit untergeschlagenen Beinen davor nieder, indem er ein Glas Wein nach dem andern leerte und dabei ausrief: »Na, ich kann immerhin von Glück sagen – aber gleichwohl Verderben über alle Moussouler Kaufleute mit ihren bösen Vorbedeutungen. Möge Allah heute Nacht ihre unseligen Fußtritte hieher lenken – weiter wünsche ich mir nichts.«   Hier hielt Menouni inne, und machte seinen Salaam. »Möge es Eurer Hoheit belieben, Euern Sklaven für diese Nacht zu entlassen, denn die Geschichte Yussufs, des Wasserträgers, kann Eurer Hoheit nicht in einem Abend mitgetheilt werden.« Der Pascha hatte zwar mit Vergnügen zugehört, fühlte sich aber gleichfalls ein wenig müde. »Sey es so, mein guter Menouni; aber vergiß nicht, Mustapha, daß die Karavane nicht abziehen darf, bis ich das Ende seiner Geschichte gehört habe.« »Be chesm, über meine Augen komme es,« versetzte Mustapha. Und sie Alle zogen sich für die Nacht zurück. »Um was handelt sich's?« fragte der Pascha am andern Tage, als Mustapha augenscheinlich mit großer Geduld der langen Auseinandersetzung eines Bewerbers um Gerechtigkeit zuhörte. »Um einen Streit zwischen diesen Männern, o Herr der Weisheit, über eine Summe Geldes, welche sie als Führer von einem Franken erhielten, der in das Innere reiste. Der Eine wurde für die Wanderung gemiethet, kannte aber den Weg nicht gut und bot den Beistand des Andern auf; sie streiten sich jetzt um ihren Antheile an dem Gelde, das in diesem Beutel zu meinen Füßen liegt.« »Es scheint also, daß der eine Gedungene den Weg nicht kannte?« »Ganz richtig,« versetzte Mustapha. »Dann war er kein Führer und verdient das Geld nicht. Der Andere aber wurde zur Beihülfe aufgeboten?« »Deine Worte sind Worte der Weisheit,« entgegnete Mustapha. »Dann war er kein Führer, sondern nur ein Gehülfe, und hat deßhalb in der Eigenschaft eines Wegweisers kein Anrecht an das Geld. Bei dem Worte des Propheten, mit der Gerechtigkeit darf man nicht also spielen, und ich will es nicht dulden, daß der Divan, welcher in Unserer Gegenwart abgehalten wird, durch solche Beschwerden lächerlich gemacht werde. Laß das Geld unter die Armen vertheilen und jedem von den Processirern fünfzig Sohlenstreiche aufzahlen. So lautet mein Befehl.« »Wallah thaib – das ist Wohl gesprochen,« versetzte Mustapha, und die beiden betheiligten Personen wurden abgeführt. »Rufe jetzt Menouni,« sagte der Pascha, »denn ich sehne mich, die Fortsetzung von Yussufs Geschichte und das weitere Benehmen des Kalifen zu hören. Ein Theil von dem Gelde dieses Beutels wird ihn für den Honig belohnen, der von seinen Lippen fällt. Menouni erschien und machte seine Verbeugung. Der griechische Sklave überreichte dem Pascha und Mustapha ihre Pfeifen, worauf der Kessehguh in seiner Geschichte fortfuhr. Fortsetzung der Geschichte des Wasserträgers. Nachdem der große Kalif Harun al Raschid seine gewöhnliche Nachmittags Audienz gehalten hatte, wurde der Hof entlassen. Harun dachte nun an Yussufs bankerotte Lage, und da er zu erfahren wünschte, was nach Veröffentlichung des Fetwa aus dem Wasserträger geworden, so schickte er nach seinem Vezier Giaffar. »Ich möchte wohl erfahren, sagte der Kalif zu dem Vezier, ob es dem unglücklichen Yussuf gelungen ist, die Mittel aufzubringen, um auch heute Nacht sich in der gewohnten Schlemmerei zu ergehen.« »O Statthalter des Propheten,« versetzte Giaffar, »ohne Zweifel sitzt der junge Mensch im Dunkeln, ist in der allerschlimmsten Laune und hat weder Wein, noch Kabob oder sonst etwas, was ihn trösten könnte.« »So schick nach Meßrur; wir wollen unsere Verkleidung wieder aufnehmen und ihm einen Besuch machen.« Ueber diese Worte des Kalifen gerieth Giaffar in großen Schreck und entgegnete: »Laß den demüthigsten deiner Sklaven vor dem Fußschemel Deiner Hoheit ein treues Bild von dem entwerfen, was uns bevorstehen wird. Ohne Zweifel hat dieser löwenumbringende Satanssohn in seinem Hunger unsere Prophezeihung nicht vergessen und schreibt die Erfüllung derselben unsrer bösen Vorbedeutung zu; in seiner üblen Laune wird er uns daher seinem leeren Magen opfern.« »Deine Weisheit ist groß, Giaffar,« entgegnete der Kalife. »Der Mensch ist in Wahrheit ein Wilder und wird ohne Zweifel vor Hunger wüthen. Aber dennoch wollen wir hingehen und uns von seinem Zustande überzeugen.« Giaffar zitterte schon bei dem Gedanken, dem Grimme eines Kerls, wie Yussuf, ausgesetzt zu seyn, gab aber keine Antwort. Er entfernte sich, um Meßrur und die Anzüge herbei zu holen, und nachdem sich das Kleeblatt in die Verkleidungen gesteckt hatte, zog es wieder durch das geheime Thor des Serails aus. Sie hatten kaum das Ende der schmalen Gasse erreicht, in welcher Yussufs Haus lag, als der starke Wiederschein der Lichter an den Fenstern ihnen bedeutete, daß er jedenfalls sein hartes Loos nicht in der Dunkelheit beklage, und wie sie näher kamen, bewies ihnen auch der Ton seiner lustigen Stimme, daß er sich nicht schweigend seinem Geschicke unterworfen habe. Als sie unter seinem Fenster anlangten, hörte er auf, zu singen, und stieß einen lauten Fluch über alle Moussuler Kaufleute aus, indem er zugleich den Wunsch beifügte, die Drei nur noch einmal zu sehen, ehe sie der Teufel holte. Der Kalif lachte über diesen frommen Stoßseufzer und griff eine Hand voll Kiesel auf, die er nach den Jalousien von Yussufs Fenster hinaufwarf. »Wer zum Teufel ist da?« brüllte der Wasserträger. »Seyd ihr's, ihr bankerotten Vagabunden, die ihr mich so geärgert habt? Hinweg mit Euch, oder beim Schwerte des Propheten, ich spieße Euch alle drei an meinen Besenstiel.« »Kennst Du uns nicht, Yussuf?« fragte der Kalif. »Wir sind Deine Freunde und bitten Dich abermals um Aufnahme unter Dein wirthliches Dach.« Yussuf kam auf die Veranda heraus. »Ah, so seyd Ihr's also? Laßt Euch rathen, und marschirt im Frieden weiter. Ich bin jetzt in guter Stimmung und zum Frieden geneigt; wäret Ihr mir übrigens im Laufe des Tages unter die Hände gekommen, so würde ich Euch die Hälse umgedreht haben.« »Was fällt Dir ein, mein guter Yussuf?« erwiderte Giaffar. »Wir haben von dem unerklärlichen und tollen Befehl des Kalifen gehört und sind gekommen, um zu hören, wie es Dir gehe und ob wir einem so gastfreundlichen und wohlwollenden Manne nicht dienstlich werden könnten.« »Ich glaube, Du belügst mich,« sagte Yussuf. »Aber ich bin in guter Stimmung, und so sollt Ihr denn, herein kommen und sehen wie es mir ergeht. Ich bin Yussuf und vertraue auf Gott.« »Er ging dann hinunter, um sie einzulassen, und die Verkleideten betrachteten nun mit Staunen die Ueberreste des Mahles.« »Wohlan denn,« bemerkte Yussuf, der mehr als halb betrunken war, »ihr kennt meine Bedingungen. Da ist mein Fleisch, hier mein Wein und dort sind meine Früchte – aber ihr sollt keinen Bissen oder Tropfen davon haben. Brauchst mein Eingemachtes nicht so anzusehen mit Deinen verwünschten scharfen Augen, Du schwarzbärtiger Halunke,« fuhr er gegen den Kalifen fort. »Nicht einmal mit Blicken sollst du mein Eigenthum verzehren helfen.« »In der That, mein höchst gastfreundlicher Herr, wir begehren nichts von Deinen Leckerbissen. Es ist uns nur darum zu thun, den Grund dieses unerhörten Befehls zu vernehmen und von Dir zu erfahren, wie es Dir gelungen ist, Deine Tafel in der gewohnten lustigen Weise zu beschicken.« »Das sollt Ihr hören,« entgegnete der Wasserträger. »Mein Name ist Yussuf und mein Vertrauen steht zu Gott. Als mir der Befehl des Kalifen diesen Morgen zu Ohren kam, wurde ich fast verrückt, und wie ich in die Nähe der Bader von Giaffar Bermukki umher schlenderte, redete mich ein freundlicher Badwärter an.« Yussuf erstattete dann einen erbaulichen Bericht, wie er zu seinem Geld gekommen war. »Jetzt will ich nicht länger Wasserträger seyn«, fuhr er fort, »sondern als Badewärter leben und sterben. Möge alles Unheil den kaltblütigen Kalifen betreffen; aber Allah sey Dank, es wird ihm nie einfallen, die Bäder zu schließen.« »Wenn er sich's aber morgen in den Kopf setzte, es dennoch zu thun?« bemerkte Giaffar. »Ha, mögen alle Wehrwölfe über dich herfallen, wenn Du das Grab Deines Vaters besuchst, Du bärenbärtiger Schurke!« rief Yussuf, wüthend aufspringend. »Habe ich Dich nicht vor schlimmen Prophezeiungen verwarnt – und schworst Du nicht, Du wollest nichts mehr mit Muthmaßungen zu thun haben? Der Teufel muß Dir zur Seite stehen und alle Deine Worte dem Ohr des Kalifen zutragen, sonst könnte dieser nicht so einfältige Fetwas ausfertigen.« »Ich bitte Dich aus dem Grunde meines Herzens um Verzeihung und will fortan stumm seyn,« entgegnete Giaffar. »Das ist ein weiser Entschluß; aber noch klüger wirst Du seyn, wenn Du Dich eiligst aus dem Staube machst, ehe Dich mein Knittel erreichen kann.« Sie bemerkten, daß Yussufs Augen zornig blinzelten, und hielten es deßhalb für passend, seinem Rathe zu folgen. »Wir werden Dich wieder sehen, mein guter Yusssuf,« sagte der Kalif, als sie hinunterstiegen. »Der Teufel hole Euch alle Drei und lasse mich nie wieder Eure häßlichen Gesichter schauen,« entgegnete der Wasserträger, indem er die Thüre hinter ihnen zuschlug. Der Kalif ging sehr belustigt von hinnen und zog mit seinen Begleitern wieder durch die geheime Pforte des Serails ein. Am nächsten Morgen hielt der Kalif einen feierlichen Divan, dem alle Mollahs und Oberbeamten anwohnten. Bei dieser Gelegenheit erließ er den Befehl, daß jedes Bad in Bagdad drei Tage lang bei Strafe des Spießens geschlossen bleiben solle. Die Einwohner von Bagdad wußten vor Erstaunen nicht mehr, was sie von der Sache halten sollten. »Wie,« riefen sie; »was soll dies bedeuten? Gestern verbot man uns, das Wasser des Tigris zu gebrauchen, und heute schließt man uns die Bäder. Vielleicht kommt morgen gar die Reihe an die Moscheen!« Und sie schüttelten die Köpfe, als wollten sie sich gegenseitig andeuten, der Kalif sey nicht bei Sinnen. Dann riefen sie: »In Allah allein ist Sicherheit zu finden.« Dennoch wurde dem Befehle durch die geeigneten Beamten, welche in den verschiedenen Bädern umhergingen, Nachdruck gegeben. Zuerst schlossen sie das Bad Al Raschid, dann das von Ziet Zobeida, dann das des Giaffar Bermukki, an welchem Yussuf Tags zuvor Beschäftigung gefunden hatte. Als letzteres geschlossen wurde, sahen die Bademeister und Aufwärter nach der Thüre und machten dem Gehülfen, welcher Yussuf eingeführt hatte, Vorwürfe, indem sie sagten, er sey ein Wasserträger gewesen und diesem Geschäft durch allerhöchsten Befehl Einhalt gethan worden. Man habe ihn nach den Bädern gebracht, und jetzt seyen auch diese geschlossen. Mittlerweile sah man Yussuf sich spreitzend auf das Bad zu stolziren, während er vor sich hin murmelte: »Ich bin Yussuf – mein Vertrauen steht auf Gott. Als Badknecht will ich leben und sterben!« Ohne etwas von dem Befehle zu wissen, näherte er sich der Thüre des Gebäudes, um welches sich die Dienstleute gesammelt hatten, und redete sie folgendermaßen an: »Wie steht's Freunde – wartet ihr auf den Schlüssel? Wenn an dem Schlosse etwas fehlt, so verlaßt Euch immerhin auf Yussufs Stärke.« »Hast Du nicht gehört, daß der Kalif bei Strafe des Spießens die Bäder auf drei Tage schließen ließ?« Yussuf fuhr erstaunt zurück. »Ha, mögen die Gräber ihrer Väter in alle Ewigkeit verunreinigt seyn – diese verwünschten Moussuler Kaufleute! Was sie vermuthen, trifft immer ein. Ich will sie aufsuchen und Rache an ihnen nehmen. Mit diesen Worten wandte sich Yussuf, der nur Seife, Bürsten und Rasirmesser angezogen war, wüthend um, und eilte einige Stunden durch die Straßen, alle Fremden ins Auge fassend, ob er unter denselben nicht diejenigen träfe, an denen er sein Müthchen kühlen könnte. Nach einer langen Wanderung setzte sich Yussuf endlich auf einen großen Stein nieder. »Na« sagte er, »ich bin dennoch Yussuf und mein Vertrauen steht auf Gott. Uebrigens wäre es doch vielleicht besser, wenn ich, statt diesen Spitzbuben nachzurennen, mich nach Mitteln umsähe, heute zu einem Nachtessen zu kommen. Mit diesen Worten stand er auf, ging nach Hause, legte bessere Kleider an, drehte seinen rothen Baumwollengürtel zu einem Turban und nahm seinen Betteppich auf, um denselben im Bazar für so viel zu verkaufen, als er daraus lösen mochte. Als er an der Moschee Hosein vorbeikam, bemerkte er mehrere Mollahs, welche die dunkleren Stellen des Korans vorlasen und erklärten. Yussuf kniete nieder, betete eine Weile und kehrte dann nach der Thüre der Moschee zurück, wo er von einem Weibe angeredet wurde, die auf Jemand zu warten schien. »Frommer Mann,« sagte sie, »ich bemerke an Deinem guten Anzug und Aeußeren, daß Du einer von des Kadis Gerichtsdiener bist.« »Man kann Alles aus mir machen – ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht auf Gott.« »O mein Hadschi, so werde mein Beschützer. Ich habe einen ungerechten Schuldner, der mir verweigert, was mir gebührt.« »Du könntest Dich keiner besseren Person anvertrauen,« versetzte Yussuf. »Ich bin ein starker Arm des Gesetzes und habe so großen Einfluß bei Hofe, daß ich bereits zwei Befehle veranlaßte.« »Daß sind große Worte, o Hadschi.« »So sage mir, wer ist Dein Schuldner, damit ich ihn greifen und vor den Kadi führen kann. Beeile Dich, es mir zu sagen, und für einige Dirhems sollst Du deine Sache gewinnen, mag sie nun recht oder unrecht seyn.« »Meine Beschwerde geht gegen meinen Mann, der sich von mir getrennt hat, aber mir dennoch mein Heirathgut von fünfzig Dinars, meine Kleider und meine Schmucksachen verweigert.« »Was treibt Dein Mann für ein Gewerbe?« »Frommer Herr, er ist ein Sticker.« »Wir wollen keine Zeit verlieren, meine gute Freundin. Zeige mir dieses Mirakel von Ungerechtigkeit, und bei Allah, ich will ihn zusammenwettern.« Das Weib machte nun die Münzenschnur von ihrem Kopfe los, schnitt drei Dirhems ab und reichte sie Yussuf hin. Letzterer nahm das Geld, schlug seine Aermel aus, um sich mehr das Aussehen eines Gerichtsdieners zu geben, und befahl sofort dem Weibe, sie solle ihn zu dem Delinquenten führen. Sie brachte ihn nach der großen Moschee, wo ihr Mann, ein eingehutzelter Knirps, eben mit großer Andacht sein Gebet verrichtete. Ohne ein Wort zu sprechen, hub ihn Yussuf sammt Teppich und Allem auf und schickte sich an, ihn fortzutragen. »Im Namen des Propheten, zu welcher Classe von Tollhäuslern gehörst Du?« kreischte der erschreckte Andächtige. »Laß mich los und zerdrücke mir nicht vollends meine armen Rippen. Setze mich nieder, und ich will mit Dir gehen, sobald ich meine Pantoffeln angezogen habe.« Die Leute drängten sich herzu, um zu sehen, was es gebe. »Ho, ho, das wird sich bald herausstellen,« versetzte Yussuf. »Sein Weib hat an ihm zu fordern, und ich bin ihr Rechtsvollstrecker. Ich verlange, daß Du ihr nicht nur ihre fünfzig Dinars, sondern außerdem auch alle Juwelen und sämmtlichen Schmuck zurückgibst, den sie in den letzten fünfzig Jahren besessen hat.« »Wie kann dies seyn?« versetzte der kleine Mann. »Du siehst ja, daß ich noch nicht vierzig alt bin.« »Das mag in Wirklichkeit wohl der Fall seyn,« entgegnete Yussuf; »aber das Recht ist ein gar schwieriges Ding, wie Du bald ausfindig machen wirst. Komm nur mit vor den Kadi.« Sie machten sich nun zu dem Kadi auf den Weg, waren aber noch nicht weit gekommen, als der Sticker Yussuf zuflüsterte: »Höchst tapferer und gewaltiger Herr, ich habe gestern Abend mit meinem Weibe wegen ihrer ungebührlichen Eifersucht Streit gekriegt und ihr dabei erklärt, daß ich mich für geschieden betrachte; aber es war Niemand da, der es mit angehört hätte. Wenn wir wieder einmal bei einander schliefen, würde sie sich schon zufrieden geben, und ich bitte Dich daher, daß Du Dich menschenfreundlich ins Mittel legest.« »Es war also kein Zeuge zugegen?« fragte Yussuf. »Nein, mein guter Herr,« entgegnete der Mann, indem er fünf Dirhems in Yussufs Hand gleiten ließ. »Dann geht mein Bescheid dahin, daß keine Scheidung statt gefunden hat,« versetzte Yussuf, indem er das Geld in die Tasche steckte, »und Du daher nicht als Schuldner betrachtet werden kannst. Weib, komm hieher. Es scheint, daß es nichts ist mit der Scheidung – so sagt wenigstens dein Mann – und Du hast keinen Zeugen, um es zu beweisen. Du erscheinst daher nicht im Lichte eines Gläubigers. Geh mit Deinem Manne zufrieden nach Haus; es ist allerdings nicht viel an ihm, aber was willst Du auch mehr für die drei Dirhems, welche Du mir bezahlt hast? Gott sey mit Euch! So lautet meine Entscheidung.« Das Weib, dem es durchaus nicht um eine Trennung zu thun war, kehrte gerne mit ihrem Manne wieder um, und beide verabschiedeten sich von Yussuf mit vielen Complimenten. »Bei Allah, das lasse ich mir gefallen,« rief Yussuf. »Ich will leben und sterben als Gerichtsdiener.« Mit diesen Worten kehrte er nach Hause zurück, um seinen Korb zu holen, kaufte Mundvorrath und Wein, beleuchtete sein Haus und verbrachte den Abend wieder wie früher in Schlemmen und Singen. Während Yusuf also beschäftigt war, verlangte es den Kalifen, sich zu überzeugen, welche Wirkungen sein neuer Befehl in Betreff der Bäder geübt habe. »Giaffar,« sagte er, »ich bin doch neugierig zu erfahren, ob es mir gelungen ist, diesen Weinzapf ohne Nachtessen zu Bette zu schicken. Komm, wir wollen ihm einen Besuch machen.« »Um der Sache des Islam willen, o Kalif,« versetzte Giaffar, »laß uns nicht mehr mit diesem tollhirnigen Trunkenbold ein Spiel treiben. Allah hat uns aus seinen Händen befreit, aber was mag uns bevorstehen, wenn er hungrig und in Noth ist?« »Deine Weisheit wird nie weniger,« entgegnete der Kalif, »und Deine Worte sind Worte der Wahrheit; aber dennoch muß ich hingehen und den verrückten Kerl noch einmal sehen.« Da alles Widerreden vergeblich war, so besorgte Giaffar die Anzüge, worauf der Kalif und der Vezier, von Meßrur begleitet, abermals durch die geheime Pforte des Serails auszogen. Sie waren nicht wenig überrascht, als sie das Haus wieder beleuchtet sahen. Der Wind hatte eine der Jalousien aufgerissen, und sie bemerkten Yussufs Schatten an der Wand, wie sein Bart über den Kabobs wackelte und seine Hand den Weinbecher hielt. »Wer ist da?« rief Yussuf, als Giaffar, dem Gebote des Kalifen gehorsam, an die Thür klopfte. »Deine Freunde, theurer Yussuf, Deine Freunde, die Moussuler Kaufleute. Der Friede sey mit Dir.« »Aber ich habe weder Frieden noch einen Willkomm für Euch, Ihr Eulen,« versetzte Yussuf, auf die Veranda hinausgehend. »Bei Allah, wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle von hinnen packt, so will ich mit meinem Knochenpolirer über Euch kommen.« »In der That, Freund Yussuf,« entgegnete Giaffar, »wir haben Dir nur zwei Worte zu sagen.« »So sagt sie geschwind, denn zu meiner Thüre sollt Ihr nicht herein, Ihr erbärmlichen Wichte, die Ihr alle Wasserträger und Badleute in Bagdad zu Grunde gerichtet habt.« »Was willst Du damit sagen?« erwiederte der Kalif, »Deine Worte sind uns ein Räthsel.« »Wie, so habt Ihr nichts von dem Befehl dieses Morgens gehört?« »Mein wackrer Herr, wir hatten diesen Morgen mit Sortiren unserer Waaren zu thun und sind den ganzen Tag nicht aus dem Hause gekommen, können also unmöglich wissen, was in Bagdad vorgegangen ist.« »Dann mögt Ihr heraufkommen und es erfahren; aber zuerst schwört mir bei Moses, Esau und den Propheten, daß Ihr nichts setzen wollt; denn Alles was Ihr Euch einbildetet, hat sich so richtig erwiesen, als wäre es auf den rothen Siegel Salomonis eingegraben gewesen.« Diese Bedingungen wurden bereitwillig von dem Kalif und seinen Begleitern angenommen. Sie gingen in's Haus hinauf, wo sie Alles in der gewöhnlichen Ordnung und in der gleichen Fülle antrafen. Nachdem sie in der Ecke des Zimmers Platz genommen hatten, sagte Yussuf: »Wohlan, meine Gäste, so wahr Ihr auf Vergebung hoffet, sagt mir aufrichtig, wißt Ihr nichts von dem, was mir heute begegnet und was den Holzkopf von einem Kalifen angewandelt hat?« Harun und der Vezier konnten kaum ihr Gelächter unterdrücken. »Ja,« fuhr Yussuf fort, »dieser Potentat mit seinem zerzausten Barte und einem noch ärger zerzausten Verstande hat den Befehl erlassen, daß die Bäder drei Tage geschlossen werden sollen – eine grausame Verordnung, durch welche ich wieder in das Meer der Nothwendigkeit hinausgeworfen wurde. Aber die Vorsehung stand mir freundlich bei, warf mir einige Dirhems in den Weg, und ich bin zu meinem gewohnten Leben gekommen, trotz des armseligen Tropfs von einem Kalifen, der, wie ich fest glaube, ein Atheist und kein wahrer Gläubiger ist.« »Inschallah,« sagte der Kalif zu sich selbst, »ich werde endlich doch noch mit Dir quitt werden.« Yussuf füllte dann seinen Becher mehrere Male und wurde immer aufgeräumter im Verlaufe seiner Erzählung, welche er mit den Worten schloß: »Ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht auf Gott. Als Gerichtsdiener will ich leben und sterben, und morgen werde ich mich in der Halle des Kadi einfinden.« »Aber gesetzt,« sagte Giaffar – – – » Gesetzt ? Beim Bart des Propheten, wenn Du Dich unterstehst, wieder in meiner Gegenwart etwas zu setzen , so will ich Dir Deinen fetten Wanst zu Brei zusammenhämmern,« rief Yussuf, nach seinem Knittel greifend »Nicht doch, mein Freund; ich wünschte blos zu sagen –« »Sage nichts,« brüllte Yussuf, oder das Sprechen soll Dir für immer gelegt werden.« »Dann wollen wir nur denken, mein Freund.« »Das will ich Euch meinetwegen erlauben, denn ich kann eben so gut denken, wie Ihr. Meine Gedanken sind aber, daß es für Euch räthlich ist, wenn Ihr so schnell wie möglich fortzukommen sucht, denn ich habe den Knittel in meiner Hand und befinde mich nicht eben in der besten Laune.« Der Kalif und seine Begleiter waren derselben Meinung, weshalb sie sich von ihrem aufgebrachten Wirthe trennten. Beim Lever des nächsten Morgens trat Giaffar an der Spitze der juridischen Oberbeamten und der Veziere in den verschiedenen Departements in den Divan, warf sich vor dem Throne nieder und wünschte dem Kalifen langes Leben und Glück. »Giaffar,« versetzte Harun, »erlasse augenblicklich unter der kaiserlichen Firma den Befehl, daß strenge Nachforschungen angestellt werden sollen in Betreff der Gerichtsdiener, welche in den Hallen der Kadis sich aufhalten. Alle Diejenigen, welche rechtmäßig erwählt wurden, sollen mit einem Geschenk und Vergrößerung ihres Gehaltes beibehalten werden; Diejenigen aber, welche sich Titel und Amt anmaßten, ohne eine Ermächtigung nachweisen zu können, sollen mit der Bastonade entlassen werden. Der Befehl des Kalifen wurde augenblicklich befolgt. Inzwischen war Yussuf über seinem Weine eingeschlafen und erst lange nach Sonnenaufgang erwacht. Er erhob sich von seinem Lager, kleidete sich sorgfältig, eilte nach der Halle des Kadi und nahm seine Stelle unter den übrigen Gerichtsdienern, welche ihn erstaunt und mit Mißvergnügen ansahen. In demselben Augenblicke wurde der Firman des Kalifen dem Kadi übergeben. Der Richter erhob das Papier zum Zeichen ehrfurchtsvollen Gehorsams an die Stirne und ließ sich dann dessen Inhalt vorlesen. »Schafft Beutel mit Gold herbei.« rief er dann mit lauter Stimme, »und laßt auch den Fellah mit den Gerten zur Bastonade hereinkommen. Schließt die Thore der Gerichtshalle, damit Niemand entkomme – und Ihr, ihr Diener der Gerechtigkeit, haltet Euch bereit, auf die Vorlesung Eurer Namen zu antworten.« Yussuf, dem die Augen eben so weit offen standen, als die Ohren, sagte zu sich selbst: »Mein Gott, was mag es da wieder geben!« Den Befehlen des Kadi wurde Folge geleistet. Die Gerichtsdiener traten bei Nennung ihrer Namen vor, wiesen ihre regelmäßige Bestallung nach, erhielten ihre Belohnungen und wurden entlassen. Yussufs Ideen waren in Folge seines vermeintlich unbeugsamen Geschicks so verwirrt, daß er nicht bemerkte, wie er zuletzt nur noch ganz allein da stand. Der Kadi mußte ihm zwei Mal zurufen, bis er näher trat. »Wer bist Du?« fragte der Kadi. »Ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht zu Gott,« versetzte er. »Was hast Du für ein Gewerbe?« »Ich bin ein Wasserträger.« »Wenn dies der Fall ist, warum hast Du Dich den Gerichtsdienern angeschlossen?« »Ich bin erst gestern in diesen Beruf eingetreten, o Kadi; aber mir ist nichts zu schwer. Wenn ich nur täglich meine sechs Dirhems verdiene, so habe ich nichts dagegen, sogar ein Mollah zu werden.« Der Kadi und die Umstehenden waren kaum im Stande, ihre Heiterkeit zu unterdrücken. Dennoch wurden Yussufs Füße an den Pfahl gebunden, aufgezogen und mit den Gerten bearbeitet, obschon der Vollstrecker der Strafe Sorge trug, öfter den Pfahl als seine Zehen zu treffen. Nachdem diese Operation abgethan war, wurde er wieder los gemacht und aus der Gerichtshalle gewiesen, ohne viel durch die Züchtigung gelitten zu haben, obschon sein Inneres vor Verdruß und Aerger kochte. »Na,« dachte Yussuf, »das Schicksal scheint mir's zur Aufgabe gestellt zu haben, daß ich jeden Tag die Manier, meinen Unterhalt zu verdienen, ändere. Hätte ich jene Moussuler Schurken nicht unter mein Dach treten lassen, so wäre mir dies nie begegnet.« Während er so sprach, bemerkte er einen Bieldar oder Diener vom Haushalte des Kalifen, welcher an ihm vorbeiging. »Das wäre kein übles Aemtchen,« dachte Yussuf, »und der Kalif zählt seine Leute nicht, wie der Kadi. Man braucht nur recht unverschämt zu schwadroniren, und man wird für das genommen wofür man sich ausgiebt.« Ohne sich durch die Vorgänge entmuthigen zu lassen und fest entschlossen, seine sechs Dirhems zu verdienen, kehrte er nach Hause zurück, zwängte seinen Leib so eng zusammen, als er konnte, drückte seinen Turban seitwärts auf den Kopf, wusch sich die Haare und versah sich mit einem geschälten Mandelstabe. Er wollte eben die Treppe hinunter gehen, als ihm noch einfiel, daß er auch einen Säbel brauche. Eine Scheide hatte er zwar, und er befestigte dieselbe an seinem Gürtel; dann aber schnitzte er ein Stück Palmholz in die Form eines Säbels, steckte es hinein und putzte den Griff mit farbigen Woll- und Seidenschnüren heraus. Sofort stolzirte er durch die Straßen und schwenkte den Mandelzweig in seiner Hand. Unterwegs machte ihm Alles Platz, denn männiglich hielt ihn für einen jener unverschämten Würdenträger, mit denen sich die Großchane zu umgeben pflegen. So ging er geradeaus, bis er endlich auf dem Markeplatze anlangte, wo er einen großen Volkshaufen versammelt sah, in dessen Mitte zwei Männer sich gegenseitig in verzweifeltem Kampfe zusetzten. Yussuf drängte vorwärts und die Menge machte ihm auf beiden Seiten Platz, weil man ihn entweder für einen Dienstmann des Kalifen hielt, oder die Kraft seiner muskeligen Verhältnisse fürchtete. Wie er bei den Kämpfern anlangte, waren sie mit Staub und Blut bedeckt und so wüthend an einander, daß Niemand sie zu trennen wagte. Yussuf bemerkte aus der Furcht, welche er einflößte, daß er für das genommen wurde, was er vorzustellen wünschte, nämlich für einen Bieldar; er klopfte anfangs mit der Hand an den Griff seines angeblichen Säbels, schlug dann die Fechtenden mehrere Male mit seinem Mandelstocke auf die Köpfe und bewog sie dadurch, von ihren Händeln abzulassen. Der Scheik oder das Oberhaupt der Bazars näherte sich sodann Yussuf, machte ihm eine Verbeugung, reichte ihm sechs Dirhems und bat ihn, die Schuldigen zu greifen und sie als Störer des öffentlichen Friedens zur Züchtigung vor den Kalifen zu führen. Nachdem Yussuf das Geld in seinen Gürtel gesteckt hatte, faßte er die beiden Friedensstörer, nahm jeden derselben unter einen Arm und marschirte mit ihnen von hinnen. Eine große Volksmenge folgte nach, und die Gefangenen baten unaufhörlich um Freilassung. Aber Yussuf lieh ihnen nur ein taubes Ohr, bis abermals sechs Dirhems mit der Bitte um Gnade in seine Weste fielen. Nun ließ sich Yussuf heran, sie in Freiheit zu setzen und ging weiter, kaum im Stande, seinem Jubel einen Zügel anzulegen. »Ich bin Yussuf,« rief er, »und mein Vertrauen steht auf Gott. Als Bieldar will ich leben und sterben. Bei Allah! ich will nach dem Palaste gehen und sehen, wie es dort meine Amtsbrüder treiben.« Nun gab es im Dienste des Kalifen dreißig Bieldars, welche sich der Reihe nach ablösten und täglich zehn Mann stark den Dienst im Palaste versahen. Als Yussuf den Schloßhof erreicht hatte, stellte er sich auf, wo die zehn diensttuenden Bieldars versammelt waren, bemerkte aber bald, daß sie sich sehr wesentlich von ihm unterschieden, denn es waren lauter schmächtige und viel besser gekleidete junge Männer. Ihr weibisches Aussehen, das einen schroffen Gegensatz gegen seinen eigenen muskeligen Bau bildete, flößte ihm Verachtung ein; aber dennoch konnte er seine Augen nicht von ihrem schönen, modischen Anzuge verwenden. Mittlerweile bemerkte ihn der Anführer der Bieldars, welcher wohl wußte, daß er nicht zum Palaste gehörte, aber aus seinem Aussehen und aus seinem Erscheinen im Schloßhofe die Folgerung zog, er stehe vielleicht im Dienste einer der großen Omras, welche in Bagdad wohnten, und sey als Besuch nach dem Palaste gekommen, weil er zu Hause nichts zu thun habe. Er bemerkte daher gegen seine Untergebenen: »Diesen schön gebauten Fremden müssen wir als Gast behandeln. Wir wollen ihm alle Höflichkeit erweisen, denn er gehört unsrem Stande an, und es würde uns zu schlechter Ehre gereichen, wenn wir ihm nicht bewiesen, daß es in unsrer Macht steht, ihm zu dienen.« Da die übrigen derselben Ansicht waren, so begab sich der Ober-Bieldar zu dem Sekretär der Schatzkammer und holte daselbst einen Preßbrief auf einen reichen Conditor, welcher die Summe von fünftausend Dirhems für verschiedene angedeutete Posten in die Schatzkammer zahlen sollte. Nachdem das Siegel des Veziers auf das Papier gedrückt war, kehrte er nach dem Orte zurück, wo er Yussuf verlassen hatte. »He, wie steht's, Bruder Bieldar?« sagte er. »Ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht auf Gott. Ich bin bereit, Euren Befehlen Gehorsam zu leisten,« entgegnete der Wasserträger, indem er mit großer Bescheidenheit hervortrat. »Darf ich Dich bitten, Bruder Bieldar, daß Du uns, die wir zu dem Palaste gehören, den großen Gefallen erweisest, dieses Papier, welches des Veziers Siegel tragt, dem großem Zuckerbäcker Mallem Osman zu überbringen und ihn zu augenblicklicher Zahlung der fünftausend Dirhems aufzufordern? Du kennst Deinen Beruf und weißt daher natürlich, daß das Geld nicht erwartet wird; aber was immer er Dir für die Fristgestattung anbieten mag, magst Du auf Rechnung der Freundschaft und Geneigtheit der Palast-Bieldars schreiben. Sey unsrer eingedenk, wenn Du Dich in Deiner eigenen Wohnung gütlich thust.« Yussuf steckte hoch entzückt das Mahnschreiben bei, machte einen tiefen Salaam und trat seinen Auftrag an. Da er es nicht mehr seiner neu beigelegten Würde angemessen hielt, zu Fuß zu gehen, so stieg er auf einen der Esel, welche an den Straßenecken vermiethet werden, und befahl dem Treiber, vorauszugehen und den Weg frei zu halten, zugleich aber auch sich zu erkundigen, wo der Zuckerbäcker wohne. Mallem Osmans Haus war bald aufgefunden, denn er war der Berühmteste seines Gewerbes und hatte ein sehr ausgedehntes Geschäft. Yussuf ritt auf dem Thiere, das nicht halb so groß war, als er selbst, weiter und machte vor dem Laden Halt, wo der Zuckerbäcker seine Arbeiter beaufsichtigte. »Ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht auf Gott,« sagte Yussuf, den Conditor ansehend, obschon dieser nicht auf den hereinstolzirenden Bieldar achtete. »Ich komme blos zu Dir, guter Mallem Osman, um Dich zu bitten, daß Du Dich augenblicklich nach dem Palaste begebest und fünf Beutel, je mit tausend Dirhems, mitbringest, denn es scheint vorderhand, als wolle kein Asper davon eingehen. Dieses mit dem Siegel des Vezirs versehene Papier enthält den Befehl, und da Du die Ehre hast, der Schuldner des Kalifen zu seyn, so wirst Du wohl thun, aufzustehen und mich unverweilt nach dem Palaste zu begleiten. Natürlich darf das Nöthige nicht vergessen werden.« Bei diesen Worten sprang Mallem von seinem Sitze auf, näherte sich Yussuf aufs Unterwürfigste, nahm das Papier, erhob es zu seiner Stirne und redete den Ueberbringer in den kriechendsten Ausdrücken an: »O höchst vortrefflicher, höchst tapferer und gewaltiger Bieldar, wie gut weiß der Kalif seine Diener auszuwählen! Wie hoch begünstigt mich Allah, indem er Dich mir zuführt! Ich bin Dein Sklave – erweise mir die Ehre, Dich in meiner Wohnung zu erfrischen.« Yussuf warf sodann dem Eseltreiber einen halben Dirhem zu, entließ ihn, schnaubte, als sei er ganz erschöpft von seiner Reise, und wischte sich die Stirn mit dem Aermel ab. Der Zuckerbäcker wies ihm seinen eigenen Sitz an, schickte hastig nach dem Bazar, um eine gute Schüssel voll gewürzten Fleisches herbeiholen zu lassen, breitete vor Yussuf ein Tuch aus, zerschnitt einen Granatapfel, bestreute ihn mit Zucker und legte ihm diese Frucht nebst einigen süßen Kuchen und etwas Honig vor. »O Oberster der Bieldars,« sagte der Zuckerbäcker, »ich bitte Dich, daß Du mich würdigest, im Hause Deines Dieners ein Frühstück einzunehmen. Willst Du mit diesen Kleinigkeiten vorlieb nehmen, während etwas Besseres zubereitet wird?« Einer der Ladendiener brachte nun eine Schaale, in welche der Conditor Sherbet von dem destillirten Safte der Lotosblume, mit Rosenwasser gemischt, goß. Nachdem er auch dies Yussuf vorgelegt hatte, bat er ihn, zu essen. Yussuf aber spielte den großen Mann, warf den Kopf in die Luft und wollte nicht einmal nach den Leckereien hinsehen. »Laß Dich herab, mich zu verbinden, indem Du diesen Sherbet kostest, o Herr!« fuhr der Zuckerbäcker fort, »oder ich schwöre bei Allah, daß ich mich von meinem jüngsten und liebsten Weibe trennen will.« »Halt – halt, Bruder!« versetzte Yussuf. »Ehe die Unschuldige leiden soll, will ich lieber auf Deine Bitte eingehen, obschon ich, die Wahrheit zu sagen, keinen Appetit habe. Mein Frühstück ist schon vorüber; ich erhielt zehn Schüsseln von der Tafel des Kalifen, und jede derselben enthielt drei Vögel, in der verschiedensten Weise zubereitet. Ich bin so voll, daß ich kaum athmen kann.« »Ich begreife vollkommen, daß Du nur aus Mitleid mit Deinem Sklaven auf mein Gesuch eingehest.« »Na, so will ich Dir den Gefallen thun,« sagte Yussuf. Er nahm sodann die Sherbet-Schaale auf, welche einige Quart faßte, und leerte sie, zum großen Erstaunen des Zuckerbäckers, in einem einzigen langen Zuge. Jetzt erschien auch das gewürzte Fleisch mit einer Beilage von dünnen Kuchen aus feinem Weizenmehl. Yussuf verschluckte auch dies mit einer Geschwindigkeit, die ganz überraschend anzusehen war, und hörte nicht auf zu essen, bis er den ganzen Tisch abgeräumt hatte. Der Conditor war nicht wenig verwundert. »Dieser Kerl,« dachte er, »hat schon zehn Schüsseln zu sich genommen, deren jede drei Vögel enthielt. Das ist ein Glück für mich! Was würde er erst angefangen haben, wenn er mit leerem Magen zu mir gekommen wäre? Nicht weniger, als ein mit Pimpernüssen gefüllter Ochse hätte ihn zufrieden stellen können. Wollte der Himmel, daß ich ihn wieder los hätte!« Mittlerweile rührte sich Yussuf nicht und nahm seine ganze Bedeutsamkeit wieder an. Der Zuckerbäcker erkundigte sich, ob Seine Hoheit wohl so lange warten könne, bis ein Mittagessen für ihn zubereitet sey. »In der That, Freund, es handelt sich um einen sehr wichtigen Gegenstand. Ich bin hieher gekommen, um Dich anzutreiben, damit Du unverweilt mit mir nach der Schatzkammer kommest, um daselbst die schuldigen fünftausend Dirhems zu bezahlen.« »Ich bitte um kurze Geduld, mein Aga,« versetzte der Zuckerbäcker. »Ich bin in einer Minute wieder hier.« Mallem Osman füllte sodann einen großen Beutel mit den auserlesensten Confitüren, wickelte dreißig Dirhems in ein Papier und näherte sich Yussuf mit den Worten: »Mein Fürst, ich bitte demüthig, daß Du dieses kleine Geschenk von Confitüren und diese dreißig Dirhems zu einem Bade, dessen Du nach Deiner erschöpfenden Reise bedürfen könntest, annehmen wollest. Habe die Güte, mich Deines Schutzes zu würdigen. Das Gewerbe geht schlecht und das Geld will nicht fließen. In kurzer Zeit werde ich Alles bezahlen. Yussuf, welcher wohl wußte, daß der Auftrag nur ertheilt worden war, um dem Zuckerbäcker einige Dirhems abzupressen, antwortete nun mit großer Höflichkeit: »Ich rathe Dir, Mallem, heute Deine Thüre nicht zu verlassen – es hat keine so große Eile, 's ist auf morgen, in einer Woche, in einem Monate, ja sogar in einem Jahre nicht einmal nöthig. Du brauchst Dich eigentlich gar nicht zu bemühen, denn Du stehst unter meinem Schutze, und es wird deshalb nicht nöthig werden, daß Du überhaupt nach dem Palaste gehest.« Die Sonne stand dem Untergange nahe, als diese Angelegenheit bereinigt war. Yussuf ging, seine beiden Hände voll von Geschenken, nach Hause und rief unterwegs: »Ich bin Yussuf, und meine Versorgung kommt von Gott!« Zu Hause angelangt, wechselte er im angenehmsten Vorgenusse seine Kleidung, nahm seinen Korb und seinen Krug heraus und kehrte mehr als gewöhnlich beladen zurück; denn da er zwei und vierzig Dirhems eingenommen hatte, so wollte er sich besonders gütlich thun. »Bei Allah!« rief er, »ich will meine Ration verdoppeln und auf den Untergang dieser spitzbübischen Moussuler Kaufleute trinken, die so schlimme Propheten-Vögel sind.« Demgemäß verdoppelte er seinen Aufwand, welcher denn auch seinen Wachskerzen und dem Oele zu Statten kam, so daß sein Haus ein eigentliches Lichtmeer war. Dann setzte er sich wie gewöhnlich zu seinem Festmahle nieder, um, glücklicher, als je, noch einmal so viel zu trinken und zweimal so laut zu singen, als er je zuvor gethan hatte. Während wir ihn seiner einsamen Schwelgerei überlassen, müssen wir bemerken, daß der Kalif nicht versäumt hatte, sich die Ueberzeugung zu verschaffen, ob Yussuf seine Bastonade auch richtig erhalten. Er zweifelte nun nicht mehr, den Wasserträger ohne Mundvorrath und Wein zu treffen, und beschloß daher, ihm einen abermaligen Besuch zu machen. »Ich denke, Giaffar, ich habe endlich diesen Schurken zum Lohn dafür, daß er mich einen Ungläubigen nannte, ohne Nachtessen zu Bett geschickt. Wir müssen hingehen und uns an seinem Zorne weiden, der natürlich nicht gemindert seyn wird durch den Schmerz der Schläge, welche er auf Befehl des Kadis erhielt.« Vergeblich stellte Giaffar vor, daß ein derartiger Versuch dem Angriffe eines zürnenden, verwundeten Löwen in seiner Höhle gleichen würde; seine Wuth werde übermäßig seyn, und seine Kraft sey so ungeheuer, daß sie, im Falle sie sich seiner Thüre näherten, nichts weniger, als urplötzliche Vernichtung erwarten dürften. »Das mag Alles wahr seyn,« versetzte der Kalif; »aber ich will auf jede Gefahr hingehen und ihn sehen.« »Ich habe meinen Dolch bei mir, Beherrscher der Gläubigen,« bemerkte Meßrur, »und fürchte ihn nicht.« »Du mußt keinen Gebrauch davon machen, Meßrur,« entgegnete der Kalif. »Halte die Anzüge bereit und laß uns aufbrechen.« »Ich kann mir denken, daß wir diesmal kein Licht mehr sehen werden, eine einzelne Lampe vielleicht ausgenommen, bei welcher er seine wunden Füße badet.« Sie zogen aus und waren nicht wenig erstaunt über den hellen Lichtstrahl, der aus Yussufs Hause hervorging. Auch sein Gesang war lärmender und er schien sehr betrunken zu seyn, denn er heulte zwischen seine Lieder hinein: »Ich bin Yussuf! Hole der Henker alle Moussuler Kaufleute – mein Vertrauen steht auf Gott.« »Bei dem Schwerte des Propheten!« rief der Kalif, »dieser Kerl vereitelt alle meine Anschläge. Habe ich nicht die ganze Stadt in Noth gebracht und Befehle erlassen, die von einem Tollhäusler ausgegangen zu seyn schienen, bloß um diesen Weinzapf zu züchtigen? – Und siehe da, er schlemmt nach- wie vorher! Ich bin es müde, mich weiter an ihm zu versuchen – indeß wollen wir doch sehen, ob wir nicht ausfindig machen können, durch welche Mittel er seine Tafel zu beschicken wußte. He da! Freund Yussuf, bist Du da? Deine Gäste sind hier, um sich über Dein gutes Glück zu freuen,« rief der Kalif von der Straße aus. »Wie, schon wieder?« brüllte Yussuf. »Na, so mögt ihr Euch für die Folgen bei Euch selbst bedanken. Flieht oder Ihr seyd todte Leute. Ich habe bei Allah geschworen. Ihr sollet mir nicht nur nicht wieder zu meiner Thüre herein kommen, sondern ich wolle Euch auch mit dem Knittel bearbeiten, wo immer ich Euch treffe.« »Nein, du Perle unter den Menschen, Du Ocean der guten Laune, erhebe Dich und laß uns ein. Es ist unsere Bestimmung, und wer kann dieser hindernd in den Weg treten.« »Wohlan denn,« entgegnete Yussuf, mit seinem Prügel auf die Veranda herauskommend, »wenn es Eure Bestimmung ist, so liegt die Schuld nicht an mir.« »So höre uns nur an, guter Yussuf,« erwiederte der Kalif. »Wir bitten Dich zum letztenmale um Einlaß. Du schimpfst über uns, als hätten wir Dir ein Leides gethan, während Du doch zugestehen mußt, daß Alles, wie unglücklich es auch Anfangs aussah, sich nur zu Deinem Vortheile wandte.« »Das ist wahr,« sagte Yussuf; »aber dennoch wurde ich durch Eure unseligen Prophezeiungen gezwungen, jeden Tag mein Gewerbe zu ändern. Was wird wohl zunächst an mich kommen?« »Steht nicht Dein Vertrauen auf Gott?« versetzte Giaffar, »Außerdem versprechen wir Dir getreulich, gegen Niemand ein Wort über die Sache zu sagen; auch soll es heute das letzte Mal seyn, daß wir Dich um Deine Gastfreundschaft angehen.« »Gut,« entgegnete Yussuf, der nun sehr betrunken war; »so will ich Euch dann zum letzten Male die Thüre öffnen, da ich doch nicht gegen die Bestimmung ankämpfen kann.« Mit diesen Worten taumelte er die Treppe hinunter und ließ sie ein. Der Kalif fand Alles in außerordentlichem Uebermaße. Yussuf sang eine Weile, ohne auf seine Gäste zu achten, und sagte zuletzt: »Ihr Moussuler Schurken, warum verlangt Ihr nicht, daß ich Euch erzähle, wie ich zu einem so guten Glückswurfe gekommen bin? Ich kann mir denken, daß Ihr von blassem Neide bersten möchtet; aber ihr sollt es dennoch hören, und wenn ihr Euch untersteht, wegzugehen, bis ich mit meiner Geschichte fertig bin, so soll es eine solche Menge Hiebe auf Eure Leichname niederregnen, daß Ihr Euch glücklich schätzen werdet, wenn ihr nur eine Bastonnade von fünfhundert erhalten hättet.« »Wir sind ganz Gehorsam und Demuth, Du Erster der Menschen!« versetzte der Kalif. Yussuf erzählte nun die Ereignisse des Tages und schloß mit den Worten: »Ich bin Yussuf, und mein Vertrauen steht auf Gott! Als ein Bieldar will ich leben und als ein Bieldar will ich sterben, dem Kalifen und seinem Großvezier zum Trotze. Möge sie beide das Verderben ereilen!« Er leerte dann eine Tasse Rakie, sank in einem Zustande betäubter Trunkenheit zurück und schlief ein. Der Kalif und Giaffar bliesen die Lichter aus, öffneten selbst die Hausthüre und gewannen, sehr belustigt von Yussufs Abenteuern, wieder das geheime Pförtchen des Serails. Als Yussuf am andern Morgen erwachte, fand er, daß es bereits spät war, weßhalb er sich beeilte, in seine besten Kleider zu kriechen. Während dieses Geschäftes sagte er zu sich selbst: »Ich bin ein Bieldar, und als ein Bieldar will ich sterben.« Dann kämmte er seinen Bart aus, drehte ihn martialischer, hängte seinen hölzernen Säbel um und verlor keine Zeit, sich nach dem Palast zu begeben, wo er seine Stellung wieder unter den diensttuenden Bieldaren einnahm, der getrosten Hoffnung lebend, der Anführer werde ihn wieder mit einem ähnlichen Auftrage, wie Tags zuvor, beehren. Bald nachher erschien der Kalif in dem Divan und erkannte augenblicklich Yussuf in seiner theilweisen Verkleidung. »Siehst Du da unsern Freund Yussuf?« bemerkte er gegen Giaffar. »Endlich habe ich ihn, und ehe er mir entwischt, soll er mir in keine kleine Patsche kommen.« Der Ober-Bieldar wurde aufgeboten, trat vor, und machte seine Verbeugung. »Wie stark ist Eure Anzahl?« fragte der Kalif. »Im Ganzen dreißig, höchster Herr, von denen jeden Tag zehn im Dienste stehen.« »Ich will die Anwesenden mustern und jeden Mann besonders vornehmen,« entgegnete der Kalif. Der Ober-Bieldar verbeugte sich tief, trat zu seinen Leuten zurück und rief mit lauter Stimme: »Bieldare, der Beherrscher der Gläubigen hat befohlen, daß ihr vor ihm erscheinen sollt.« Diesem Auftrage wurde augenblicklich Erfolge geleistet, und Yussuf sah sich genöthigt, mit den Uebrigen vor den Kalifen zu treten. Er gerieth darüber in nicht geringe Angst und sagte zu sich selbst: »Was kann alles dies zu bedeuten haben? Es ist mein böser Glücksstern. Gestern schloß ich meine Rechnung mit dem Kadi und zahlte die Bilanz mit meinen Fersen; wenn es nun gar mit dem Kalifen etwas auszugleichen gibt, so kann ich von Glück sagen, wenn ich noch mit dem Kopfe davon komme.« Inzwischen stellte der Kalif an die verschiedenen Bieldars einige Fragen, bis er zuletzt auch an Yussuf kam, der sich absichtlich im Hintergrunde aufgepflanzt hatte. Seine Geberdungen und seine Verlegenheit machten dem Kalifen und Giaffar so großes Vergnügen, daß sie sich kaum eines lauten Gelächters zu erwehren vermochten. Der letzte von den Bieldars war nun vorgenommen worden und zu den Andern auf die rechte Seite hinübergegangen, so daß Yussuf nur noch allein dastand. Er drehte sich hin und her, blickte bald nach der Thüre, bald nach dem Kalifen, und erwog bei sich, ob er nicht Fersengeld zahlen sollte; indeß fühlte er wohl, daß dies vergeblich war. Der Kalif mußte ihn drei Mal fragen, ehe ihm die Verwirrung eine Antwort gestattete, und der Ober-Bieldar erinnerte ihn durch mehrere Rippenstöße, weil er ihn für einen neu Eingetretenen hielt, der von einem seiner Collegen ohne sein Vorwissen aufgenommen worden wäre. »Antworte dem Kalifen, du langer, großer Esel,« sagte er zu Yussuf, indem er ihn abermals mit dem Hefte seines Dolches zwischen die Rippen traf. Aber Yussuf war die Zunge vor Angst wie an den Gaumen angeleimt und er stand zitternd da, ohne eine Antwort hervor zu bringen. Der Kalif wiederholte abermals die Fragen: »Wie heißt Du – wie heißt Dein Vater – welchen Gehalt beziehst Du als Bieldar – und wie bist Du zu Deiner Anstellung gekommen?« »Sprichst Du mit mir, großer Kalif?« stammelte endlich Yussuf heraus. »Ja,« versetzte der Kalif mit Strenge. Giaffar, welcher neben seinem Gebieter stand, rief nun: »Ja, du memmenhafter Tropf von einem Bieldar. Antworte hurtig, oder der Säbel wird an Deinem Halse in Anwendung kommen.« Yussuf murmelte vor sich hin: »so hoffe ich nur, daß es mein eigener Säbel seyn werde,« und antwortete sodann auf die Frage: »Ja es ist alles Recht – mein Vater war ein Bieldar, und auch meine Mutter war's vor ihm.« Ueber diese ungereimte Antwort konnten der Kalif und der ganze Hof ihrer Heiterkeit nicht länger Zwang anthun, und Yussuf faßte wieder einigermaßen Muth. »So scheint es also,« sagte Harun, »daß Du ein Bieldar und der Sohn eines Bieldars bist – ferner, daß Du jährlich zehn Dinars und täglich fünf Pfund Schöpsenfleisch erhältst?« »Ja, hoher Herr,« versetzt Yussuf, »ich glaube, so ist es. Mein Vertrauen steht auf Gott.« »Das ist recht. Wohlan, Yussuf, nimm drei andere Bieldare mit dir nach dem Blutkerker und bring die vier Räuber her, welche wegen ihrer mannigfachen Verbrechen zum Tode verurtheilt wurden.« Jetzt ergriff Giaffar das Wort und bemerkte gegen den Kalifen, ob es nicht besser seyn dürfte, wenn sie der Kerkermeister herbeibringe. Harun genehmigte diesen Vorschlag, und der gedachte Beamte erschien unverweilt mit den vier gebundenen baarhäuptigen Verbrechern. Nun befahl der Kalif unsren Yussuf nebst drei andern Bieldars, sie sollten je einen Gefangenen greifen, ihm die Augen verbinden, sein Obergewand zurückschlagen, ihre Säbel ziehen und des Commando-Wortes gewärtig seyn. Die drei Bieldars machten ihre Verbeugung und gehorchten, indem sie die Verbrecher in eine knieende Lage brachten, die Augen derselben verbanden und ihre Hälse entblößten; aber während sie also bereit standen, befand sich Yussuf in der schrecklichsten Verlegenheit. »Da ist kein Entkommen möglich,« sagte er zu sich selbst. »Wenn nur diese Moussuler Kaufleute in der Hölle wären. Sie konnten wohl sagen, daß sie nicht mehr kommen wollten, denn in einigen Minuten habe ich aufgehört, zu seyn, was ich jetzt bin.« »He, Du Bursche – Du bist einer von den aufgebotenen Bieldars – kennst Du Deine Pflicht nicht?« rief Giaffar. »Warum führst Du den Verbrecher nicht heraus, wie Deine Kameraden gethan haben?« Yussuf, der sich nun zum Gehorsam genöthigt sah, ergriff den vierten Gefangenen, bedeckte dessen Augen, entblößte ihm den Hals und trat hinter ihn, ohne jedoch seinen Säbel zu ziehen. »Nein, über dies komme ich nicht weg,« dachte Yussuf. »In einigen Sekunden stellt sich 's heraus, daß mein Säbel nur ein Stück Palmholz ist, und die Leute werden hohnlachen, während mein eigener Kopf fällt. Doch mein Vertrauen steht auf Gott – zum Shitan mit allen Moussuler Kaufleuten!« Er nahm übrigens seine Scheide nebst dem hölzernen Säbel aus seinem Gürtel und erhob Beides über seine Schulter. Der Kalif, welcher ihm genau zusah, war höchlich belustigt über dieses Manöver. »He, Bieldar, warum ziehst Du Deinen Säbel nicht?« fragte er ihn. »Mein Säbel,« versetzte Yussuf, »ist von der Art, daß er nicht allzu lange vor den Augen des Beherrschers der Gläubigen blinken darf.« Der Kalif schien zufrieden zu seyn und wandte sich nun an den ersten Bieldar, mit dem Befehle, den Hieb zu führen. Im Nu lag der Kopf des Räubers auf dem Boden. »Schön und wacker ausgeführt,« sagte der Kalif. »Man belohne diesen Mann.« Dann ertheilte er Befehl zur Hinrichtung des zweiten Gefangenen. Der Säbel schwirrte durch die Luft, und mit Einem Streiche war der Kopf des Räubers eine Strecke weit geflogen. Der dritte Verbrecher wurde mit derselben Geschicklichkeit abgefertigt. »Schlag auch Du Deinem Verbrecher den Kopf ab, Bieldar,« sagte der Kalif zu Yussuf, »und empfange dann die gleiche Belohnung für Deine Geschicklichkeit.« Yussuf hatte inzwischen bis zu einem gewissen Grade seine Geistesgegenwart wieder gewonnen; seine Ideen waren zwar noch nicht geordnet, schwammen aber doch unbestimmt durch sein Gehirn. »Wohlan, Eure Hoheit erlaube mir ein paar Worte zu dem Verbrecher zu sprechen,« sagte Yussuf, um Zeit zu gewinnen. »Sey es so,« versetzte der Kalif, indem er sich sein Kleid in den Mund stopfte, um das Gelächter zu verhindern. »Der Kalif hat befohlen, daß Dir der Kopf abgeschlagen werden solle. Wenn Du das Bekenntniß des wahren Glaubens aussprechen willst, so ist jetzt die Zeit dazu vorhanden, Räuber, denn Du hast nur noch kurze Zeit zu leben.« Der Verbrecher rief augenblicklich aus: »Es ist nur Ein Gott, und Mahomed ist sein Prophet.« Yussuf entblößte sodann seinen muskeligen Arm, rollte wild seine Augen und ging drei Mal um den Gefangenen herum. »Erkläre jetzt die Gerechtigkeit Deines Geschicks,« rief er laut, flüsterte ihm aber zu gleicher Zeit zu – »schwöre, Du seyest unschuldig – sage, ist Dein Urtheil nicht gerecht?« »Nein – nein,« entgegnete der Mann mit lauter Stimme: »ich bin unschuldig.« Der Kalif, welcher sorgfältig auf Alles, was vorging, achtete, war nicht wenig über Yussuf's Verfahren ergötzt und wunderte sich, was wohl zunächst kommen werde. Yussuf ging dann auf den Kalifen zu und warf sich vor ihm zu Boden. »O Kalif, Stadthalter des Propheten, würdige Deinen getreuen Bieldar eines gnädigen Gehörs, und erlaube ihm, Dir ein seltsames Abenteuer zu erzählen, welches ihm in den letzten Tagen begegnet ist.« »So sprich, Bieldar – wir sind ganz aufmerksam; aber nimm Dich in Acht, und laß Deine Worte Worte der Wahrheit seyn.« »An dem Abende, ehe Deine Hoheit den Befehl erließ, daß der Bazar nicht mit Wasser vom Tigris versehen werden dürfe, saß ich in meinem Hause, verrichtete meine Andacht und studirte im Koran, welchen ich eben in lauter Stimme las, als mir drei Kaufleute von Moussul zuriefen und mich um meine Gastfreundschaft ersuchten. Der Koran hat die Gastfreundschaft als eine Tugend bezeichnet, deren ein wahrer Gläubiger nicht entbehren dürfe, und ich eilte, meine Thüre zu öffnen und sie zu empfangen.« »Wirklich?« versetzte der Kalif, Giaffar ansehend. »So sag' an, Bieldar, wie sahen denn diese Moussuler Kaufleute aus?« »In hohem Grade von der Natur verwahrlost. Der eine war ein krugbäuchiger, schurkisch aussehender Kerl mit einem großen Barte; man hätte glauben mögen, daß er vom Galgen hergekommen sey. (Der Kalif blinzelte seinem Vezier zu, als wollte er sagen: ›das ist Dein Porträt‹) Der andere war ein schwarzbärtiger, finsterer, spitzbübischer Galgenhund (Giaffar verbeugte sich gegen den Kalifen) und der dritte ein dicklippiges, dünngesichtiges Skelett von einem Neger. (Meßrur legte mit Ungeduld die Hand an seinen Dolch.) Kurz ich kann gegen Deine Hoheit wohl behaupten, daß die drei Verbrecher, welche eben erst der Gerechtigkeit verfielen, hinsichtlich ihres Aeußern ehrliche Männer waren in Vergleichung mit den drei Moussuler Kaufleuten. Dennoch nahm ich sie pflichtlich auf, gab ihnen Obdach, und deckte vor ihnen einen Tisch mit dem Besten. Sie ließen sich die Kabobs schmecken, und da sie Wein und Rakie verlangten, welche ich, weil sie vom Gesetz verboten sind, nie koste, so ging ich aus, und kaufte für sie ein. Sie aßen und tranken bis zum Tagesanbruch, und entfernten sich dann.« »Wirklich?« entgegnete der Kalif. »Am nächsten Abend störten sie mich wieder zu meinem großen Aerger in meiner Andacht. Meine Vorräthe verschwanden unter ihren Anforderungen, und nachdem sie sich Speis und Trank hatten schmecken lassen, bis sie betrunken waren, gingen sie fort. Ich hoffte, sie nicht wieder zu sehen, da sie in ihren Bemerkungen über den neuen Befehl, welchen Deine Hoheit in Betreff der Bäder erlassen hatte, durchaus nicht schonsam waren.« »Fahre fort, guter Yussuf.« »In der dritten Nacht kamen sie wieder. Ich hatte kein Geld mehr übrig, und es war mir durchaus nicht lieb, daß sie mein Haus zu einer Schenke machen wollten, weßhalb ich hoffte, sie würden fortan ausbleiben; aber auch in der vierten Nacht stellten sie sich ein, benahmen sich höchst unanständig, sangen Zotenlieder und riefen so lange nach Wein und Rakie, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Ich erklärte ihnen daher, daß ich ihnen nicht länger Aufnahme gestatten werde. Der Fettwanst, dessen ich bereits Erwähnung gethan habe, stand dann auf und sagte: »Yussuf, wir haben Deine Gastfreundschaft genossen und danken Dir. Niemand würde drei so ungezogene Personen aufgenommen und um der Liebe Gottes willen bewirthet haben, wie Du es thatest. Wir wollen Dich übrigens dafür belohnen. Du bist ein Bieldar des Palastes und wir machen Dir jetzt ein Geschenk mit dem Schwerte der Gerechtigkeit, das seit den Tagen des großen Salomo verloren ging. Nimm es, und beurtheile es nicht nach dem äußeren Anschein. Wenn Du Befehl erhältst, einem Verbrecher den Kopf abzuschlagen, so wird, wenn er schuldig ist, das Schwert wie Feuer blitzen und nie fehlen; sollte er aber unschuldig seyn, so wird es sich zu einer harmlosen Holzlatte umwandeln.« »Ich nahm das Geschenk an, und wollte eben meinen Dank ausdrücken, als die garstig aussehenden Moussuler Kaufleute allmählig die Gestalt von himmlischen Wesen annahmen und verschwanden.« »Das ist wahrhaftig eine wunderbare Geschichte – wie, der dickbäuchige Kerl sah also wie ein Engel aus?« »Wie ein Engel des Lichtes, o Kalif.« »Und wie machte sich der schmalgesichtige Neger?« »Wie eine Houri, o Kalif.« »Wohlan denn,« entgegnete Harun, »so sollst Du jetzt die Kraft dieses wunderbaren Schwertes versuchen, Yussuf; schlage diesem Verbrecher den Kopf ab.« Yussuf kehrte zu dem Räuber zurück, der noch immer auf den Knieen da lag, ging um ihn herum und rief mit lauter Stimme: »O Schwert, wenn dieser Mann schuldig ist, so thue deine Pflicht; ist er aber, wie er in seinen letzten Augenblicken erklärt hat, unschuldig, so werde harmlos.« Mit diesen Worten zog Yussuf seine Waffe, und männiglich bekam nun die Palmholzlatte zu Gesicht. »Er ist unschuldig, o Kalif; dieser Mann, der ungerecht verurtheilt wurde, sollte in Freiheit gesetzt werden.« »Zuverläßig,« versetzte der Kalif über Yussuf's Manöver sehr ergötzt; »man setze den Mann in Freiheit. Ober-Bieldar, wir können uns nicht von einem Mann trennen, der, wie Yussuf, eine so merkwürdige Waffe besitzt. Thue daher noch zehn weitere Bieldars ein und laß Yussuf das Commando über sie führen. Gehalt und sonstige Emolumente bezieht er wie die übrigen Ober-Bieldars.« Hochentzückt über sein gutes Glück warf sich Yussuf vor den Kalifen nieder und rief, als er sich entfernte: »Ich bin Yussuf – mein Vertrauen steht auf Gott. Allah erhalte die drei Moussuler Kaufleute.« Es stund nicht lange an, als der Kalif, Giaffar und Meßrur sich wieder in der Eigenschaft von Kaufleuten vor Yussuf zeigten, und sich nicht wenig an der Verwirrung des Bieldars ergötzten, als dieser endlich entdeckte, mit welchen Personen er es zu thun gehabt hatte. Dennoch erfreute sich Yussuf der Gunst Haruns bis ans Ende seines Lebens und war glücklicher, als Giaffar und Andere, welche nur ein einziges Mal dem Zorne und dem Argwohn des allgewaltigen Kalifen anheim fielen.   »Dies, o Pascha, ist die Geschichte von Yussuf dem Wasserträger.« »Ja, und 's ist obendrein eine sehr gute Geschichte. Weißt Du keine andere mehr, Menouni?« »Durchlauchtige Hoheit,« versetzte Mustapha, »die Karavane wird mit Tagesanbruch sich auf den Weg machen, und Menouni hat nur noch drei Stunden übrig, um sich vorzubereiten. Sie kann nicht länger aufgehalten werden, ohne daß der Führer einen Bericht an die Behörden machte, und der Vorgang dürfte wohl nicht aufs Günstigste aufgenommen werden.« »So sey es denn,« erwiederte der Pascha. »Gieb Menouni seine Belohnung – wir wollen sehen, ob wir bis zu seiner Rückkehr von der Pilgerfahrt nicht einen anderen Geschichtenerzähler auffinden können.« Neunzehntes Kapitel. »Mustapha, bemerkte der Pascha, indem er die Pfeife aus seinem Munde nahm, was ist wohl der Grund, daß die Dichter so viel von dem Buche des Schicksals sprechen?« »Das Buch des Schicksals, durchlauchtige Hoheit, ist dasjenige, in welchem unser Talleh oder unsre Bestimmung aufgezeichnet ist. Kann ich mehr sagen?« »Allah Acbar – Gott ist groß – und Du hast wohl gesprochen. Aber warum ein Buch, wenn es Niemand lesen kann?« »Das sind große Worte, voll von der Würze der Weisheit. O Pascha sagte nicht Hafis: ›jeden Augenblick, dessen Du Dich erfreust, zähle für Gewinn?‹ Wer kann sagen, wie eine Sache enden wird!« »Wallah thaib! Wohl gesprochen, bei Allah! Warum also ein Buch, wenn das Buch versiegelt ist?« »Dennoch gibt es weise Männer, welche unser Kismet lesen und vorhersagen können.« »Ja, sehr wahr; aber ich habe bemerkt, daß sie erst mit ihren Prophezeiungen kommen, nachdem die Ereignisse sich bereits zugetragen haben. Was sind unsre Astrologen? Nichts. – Ich habe es gesagt.« Und der Pascha rauchte eine Weile schweigend seine Pfeife fort. »Eure Hoheit halten zu Gnaden,« bemerkte Mustapha, »ich habe draußen einen Menschen, welcher sich darnach sehnt, vor Euer Angesicht zu kriechen; er kommt aus dem weit entlegenen Lande Kalhay – ein Ungläubiger mit zwei Schwänzen.« »Mit zwei Schwänzen? War er ein Pascha in seinem eigenen Lande?« »Ein Pascha? Kaffir Allah! – Gott verzeih' mir! Ein Hund – ein ganz erbärmlicher Hund – über meine Augen komme es; aber dennoch hat er zwei Schwänze.« »So laß den Hund mit den zwei Schwänzen herein,« versetzte der Pascha. »Wir wollen es so.« Zwei Wachen führten nun einen gelbhäutigen, magern, runzeligen, alten Chinesen herein. Seine Augen waren sehr klein und triefend, seine Wangenknochen hervorstechend, und von seiner Nase ließ sich nichts entdecken, als unten die beiden weit ausgedehnten Nasenlöcher, während sein ungeheuer weiter Mund tintenschwarze Zähne zur Schau stellte. Sobald die Wachen Halt machten, glitt er zwischen ihnen auf die Kniee nieder, warf seinen Leib vorwärts, stieß den Kopf neunmal in den Staub und blieb dann mit dem Gesichte auf dem Boden liegen. »Laß den Hund mit zwei Schwänzen aufstehen,« sagte der Pascha. Da der unterwürfige Chinese diesem Befehle nicht augenblicklich gehorchte, so ergriff jede der beiden Wachen, die neben ihm standen, einen seiner geflochtenen Zöpfe, die fast eine Elle lang waren, und zerrte dessen Kopf vom Boden in die Höhe. Der Chinese blieb dann mit gekreuzten Beinen sitzen und hielt die Augen demüthig auf den Boden geheftet. »Wer bist Du Hund?« fragte der Pascha, dem die Unterwürfigkeit des Mannes wohl gefiel. »Ich bin von Kathay und Dein schlechtester Sklave,« versetzte der Mann in gutem Türkisch. »In meinem eigenen Lande war ich ein Dichter. Das Geschick hat mich hieher geführt, und ich arbeite jetzt in den Gärten des Palastes.« »Wenn Du ein Dichter bist, so mußt Du auch manche Geschichte erzählen können.« »Euer Sklave hat sein Leben über schon Tausende erzahlt, denn dies ist seine Bestimmung gewesen.« »Da Du aber von Bestimmung sprichst,« sagte Mustapha – »kannst Du Seiner Hoheit vielleicht eine Geschichte mittheilen, in welcher das Geschick vorausgesagt wurde und in Erfüllung ging? Wenn dies der Fall ist, so beginne.« »O Vezier, es gibt in meinem Lande eine solche Geschichte, in welcher ein Schicksal vorausgesagt wurde und sich aufs Allerunglücklichste erfüllte.« »Du magst fortfahren,« sagte Mustapha auf ein Zeichen von Seiten des Paschas. Der Chinese steckte die Hand in die Brust seines blaubaumwollenen Hemdes und zog eine Art Instrument heraus, das aus der Schaale einer Schildkröte gefertigt war; über derselben waren drei oder vier Saiten ausgespannt, und er begann mit gedämpfter, eintöniger Stimme, welche zwischen Singen und Winseln die Mitte hielt, aber nicht ganz unmusikalisch war, seine Geschichte. Zuerst strich er jedoch sein Instrument und machte ein kurzes Vorspiel, das sich in einer Reihe falscher Noten vorstellen laßt, die etwa folgendermaßen lauteten: Ti – tum, ti – tum, tilly – lilly, tilly – lilly, ti – tum, ti – tum, titty – lilly, tilly – lilly, ti – tum, ty. Im Verlauf seiner Erzählung pflegte er dann, so oft er außer Athem war, Halt zu machen und einige Noten seiner barbarischen Musik anzustimmen. Die wunderbare Geschichte von Han. Wer war leidenschaftlicher in seinem Wesen, wer mehr für die Liebe geschaffen, als der große Han Kong Tschu, in den himmlischen Archiven bekannt als der erhabene Youantee, der Bruder der Sonne und des Mondes? – Wessen Hof war so prachtvoll – wessen Heere waren so zahlreich – wessen Gebiete so ungeheuer, da sie nur die vier Meere zu Grenzen hatten, durch welche das ganze All eingeschlossen wird? Aber dennoch war ihm durch das Geschick bestimmt, unglücklich zu seyn, und ich beginne die wunderbare Geschichte von Han – von den Leiden des herrlichen Youantee. Ti – tum, tilly – lilly – – – Ja er fühlte, daß ihm noch etwas fehlte. Alle seine Macht, sein Reichthum und seine Würde konnten seiner Seele keine Freude geben. Er wandte sich ab von den Schriften des großen Fo und schloß das Buch. Ach! er seufzte nach einem zweiten Ich, um demselben sagen zu können – »Alles dies ist mein.« Sein Herz sehnte sich nach einer schönen Jungfrau, um sich vor ihr zu beugen. Ja, er, vor dem die ganze Welt im Staube lag, sehnte sich nach der Gefangenschaft der Liebe und seufzte nach Ketten. Aber wo war die Jungfrau aufzufinden, welche würdig gewesen wäre, dem Bruder der Sonne und des Mondes, dem großartigen Gebieter des Weltalls Fesseln anzulegen? Wo war sie aufzufinden? Ti–tum, tilly, lilly, ti–tum, ty. Ja, es gab Eine, aber nur eine Einzige, die würdig war, sich mit ihm zu gatten – würdig, die Königin zu seyn im Lande des ewigen Frühlings, das mit Bäumen gefüllt war, deren Stämme aus Gold, deren Zweige aus Silber, deren Blätter aus Smaragd und deren Früchte aus den würzigen Aepfeln der Unsterblichkeit bestanden. Und wo war dieser Mond – diese passende Braut für die Sonne? War sie nicht in Gram versenkt – begraben in den Brunnen ihrer eigenen Thränen sogar im Garten der Freude? Die Augen, welche ein Sonnenlicht verbreitet haben würden an einem Hofe von Fürsten, waren trübe von beharrlicher Sorge. Und wer anders war die Ursache dieser Finsterniß als der elende golddürstige Minister Suchong Polly-Hong Ka-te-tuh? Ti–tum, tilly, lilly. Die Mandarinen wurden von dem großen Youantee vorbeschieden, und der Hof in seiner ganzen Herrlichkeit beugte entzückt seine Köpfe in den Staub, als er dem Wunder von Hans Beredsamkeit zuhörte. Hört mich, ihr ersten Mandarinen, ihr Edeln, Herren und Fürsten des Reiches – hört auf die Worte Youantees. Hat nicht jeder Vogel, der durch die Luft fliegt, immer eine Genossin seines Nestes? Ist nicht jedes Thier gepaart? Habt nicht ihr Alle Augen, welche nur für Euch leuchten? Bin ich denn so unglücklich groß, oder so groß unglücklich, daß ich mich nicht soll zur Liebe herablassen dürfen? Sogar der Bruder der Sonne und des Mondes kann während seiner Erdenlaufbahn nicht allein bestehen. Suchet daher durch das ganze All für Euern Herrn eine Jungfrau, damit auch ich gleich meinem Bruder, der Sonne, welche jede Nacht in den Schooß des Meeres sinkt, am Busen meiner Gefährtin ausruhen möge. Durchsucht, sage ich, durchsucht jede Ecke der Welt, damit ihre Schätze ausgegossen werden mögen zu unsern goldenen Füßen und ich einen einzigen Edelstein auslesen könne zu meinem vornehmlichen Schmucke. Aber zuerst, ihr weisen Männer und Astrologen, befragt die Planeten und die Sterne des Geschicks, damit sie uns belehren, ob nicht durch eine derartige Verbindung unserer himmlischen Person oder unserm grenzenlosen Reiche Schlimmes drohen könnte.« Ti–tum, tilly, lilly, ti–tum ty. Wo ist der Stern, der nicht mit Entzücken aus seiner Bahn wiche, um den Wünschen des Bruders der Sonne und des Mondes zu gehorchen? Wo war der Planet, der sich nicht gefreut hätte, einem so nahen Verwandten Beistand zu leisten? Ja, sie alle hörten zu und beugten sich nieder zu den Astrolabien der Astrologen, gleich edlen Rossen, welche niederknien um ihre Reiter aufzunehmen. Aber wurde nicht ihr Glanz getrübt, als sie sich vereinigten, um ihr Licht auf das erforderliche Blatt des Geschicks zu werfen und beim Lesen bemerken mußten, daß es voll war von Thränen und daß die Freude nur wie eine Blase dahin schwamm? Die weisen Männer stutzten, als ihnen der Beschluß des Geschicks ausgehändigt wurde, und eröffneten dem herrlichen Youantee mit zur Erde gebeugten Gesichtern den Inhalt des geoffenbarten Blattes. »Der Bruder der Sonne und des Mondes will sich vermählen. Schönheit soll niedergelegt werden zu den goldenen Füßen; aber die unbezahlbare Perle wird gefunden und verloren. Es wird Freude und Leid vorhanden seyn – Freude im Leben und Leid für beide in Leben und Tod ; denn ein schwarzer Drache, der dem himmlischen Reiche feindlich ist, droht wie eine überhängende Wolke. Mehr dürfen die Sterne nicht enthüllen.« Ti-tum tilly, lilly, ti-tum.   Hier sah der Pascha Mustapha an und nickte beifällig mit dem Kopfe als wollte er sagen' »jetzt gehts an.« Mustapha verbeugte sich und der chinesische Dichter fuhr fort.   Die goldenen Augen des großen Yonantee füllten sich mit silbernen Thränen, als das Blatt des Geschicks bekannt gemacht wurde; aber die Sonne der Hoffnung ging auf und trug den geheiligten Thau gen Himmel. Dann ließ er den Minister Suchong Polly-Hong Ka-te-tuh kommen, welchen die Geschichte mit ewiger Schande brandmarkt, und der Kaiser forderte ihn auf, durch das All, seine Besitzungen, zu reisen, die schönsten Jungfrauen aufzusuchen und sie beim nächsten Feste der Laternen vor die himmlischen Füße zu bringen. Aber ehe ihnen gestattet werden sollte, Liebesstrahlen zu senden durch den Nebel der Herrlichkeit, welcher den kaiserlichen Thron umgab, ehe ihr Zauber auf die Seele der Großmuth einen Versuch machen durfte, war es nöthig, daß ihre Portraits in der Halle dem Entzückens dem großen Youantee vorgelegt würden. Das heißt, aus den zwanzigtausend Jungfrauen, deren Bilder auf Elfenbein gemalt wurden, sollten von einem Geschmacks-Comité, welches aus Mandarinen erster Classe und Fürsten bestand, nur hundert ausgewählt werden, damit ihnen der Strahl des himmlischen Auges Ehre erweise. Der habsüchtige, golddürstige Suchong Pollyhong Ka-te-tuh hatte seine Aufgabe erfüllt. Seine Truhen schwellten sich von Schätzen – den Geschenken ehrgeiziger Eltern, welche sich nach der Auszeichnung sehnten, mit dem Bruder der Sonne und des Mondes in Verwandtschaft zu treten; und viele häßlichen Portraits wurden von dem Geschmacks-Comité ausgeschieden, welches sich nicht genug über die Ideen verwundern konnte, die der Minister von Schönheit hatte. Nun war ein gewisser Mandarin vorhanden, dessen Tochter längst als ein Mirakel von Schönheit durch die Provinz Karteu ausgerufen worden war, und ihr Vater Whanghang brachte sie in einer Sänfte zu dem Minister Suchong Pollyhong Ka-te-tuh. Letzterer fühlte, daß ihre Reize so durchbohrend waren, wie ein Pfeil, und daß er eine passende Genossin für den Bruder der Sonne und des Mondes gefunden hatte; aber sein Geiz forderte eine Summe, welche der Vater nicht bezahlen wollte. Freilich durfte er es nicht wagen, die Einsendung ihres Portraits zu verweigern, weßhalb er es so gut wie die der übrigen aufnehmen ließ, und Whanghang betrachtete sich bereits als den Schwiegervater des himmlischen Youantee. Der junge Maler, dessen Pinsel in Anspruch genommen worden war, beendigte seine Aufgabe, legte dann seine Palette nieder und starb vor Liebesgram gegen eine so hohe Vollkommenheit, die er nie zu erringen hoffen durfte. Das Gemälde wurde dem treulosen Minister überschickt, der es für sich behielt und den Namen dieser unbezahlbaren Perle unter das Bild einer Andern schrieb, welche nicht einmal werth war, ihr als Kammermädchen den Gürtel zu lösen. Das Geschmacks-Comité wählte jedoch gerade dieses Portrait unter die hundert, welche in der Halle des Entzückens aufgestellt werden sollte – nicht weil es schön war, sondern weil der Ruf der Schönheit dieses Mädchens den Hof erreicht hatte und sie es für Passend hielten, dem Kaiser selbst das Urtheil an Heim zu stellen. Die Jungfrauen, deren Bilder also ausgelesen worden, erhielten Befehl, sich in dem kaiserlichen Palaste einzufinden, und der majestätische Youantee trat in die Halle des Entzückens, welche mit zehntausend Laternen erhellt war. Er betrachtete die Bilder der hundert Schönheiten; aber auch nicht ein einziges Gesicht rührte sein Herz, und er wandte sich mit Widerwillen ab von dem entarteten Geschlechte des Jahrhunderts. »Ist dies Alles, rief er, was die Welt ihrem Herrn zu Füßen legen kann?« Und das Geschmacks-Comité warf sich vor ihm zu Boden, als es Zeuge seiner Entrüstung war. »Und dies,« rief er, auf das vermeintliche Portrait der Tochter von Whanghang deutend – »wer ist diese Anmaßende, die sich erdreistet hat, mit ihrem Gesichte die Halle des Entzückens zu beschimpfen?« »Diese, o Kaiser,« sagte der schlaue Suchoug Polly-hong Ka-te-tuh, »ist die weit berühmte Schönheit Chaou-Keun, deren unverschämter Vater sich zu sagen erdreistet hat, wenn man ihr Portrait nicht aufnehme, werde er seine Beschwerde zu den himmlischen Füßen niederlegen. In ihrer Provinz steht der Ruf ihrer Schönheit hoch, und da ich mich nicht der Parteilichkeit beschuldigen lassen mochte, so trug ich Sorge dafür, daß das Bild vor die kaiserlichen Augen komme.« »So laßt denn zuerst verkündigen,« rief der Kaiser, »daß die ganze Provinz Karton von Narren bewohnt sey und zur Strafe für ihren Mangel an Geschmack hundert tausend Metzen Goldes zu bezahlen haben. Ferner soll dieses eitle Geschöpf einer ewigen Einsperrung im östlichen Thurme des Kaiserpalastes überantwortet werden. Die andern Jungfrauen schickt zu ihren Eltern zurück, denn bis jetzt hat sich noch keine auffinden lassen, welche eine passende Braut abgegeben hätte für den Bruder der Sonne und des Mondes.« Den kaiserlichen Befehlen wurde Folge geleistet, und so ging der erste Theil der Prophezeihung in Erfüllung, daß nämlich die unbezahlbare Perle gefunden und verloren wurde. Ti-tum, titty-tilly, ti-tum tilly-tilly – ti-tum, ty. Ja sie war verloren, denn die herrliche Chaou-Kenn wurde eingesperrt, damit ihre unvergleichliche Schönheit in Gram und Einsamkeit sich verzehre. Eine kleine Terasse war der einzige Ort, auf dem sie sich in frischer Himmelsluft ergehen durfte. Die Nacht schaute mit ihren zahllosen Augen auf die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Menschen nieder, als der großmächtige Youantee, welcher sich wenig träumen ließ, daß der Bruder der Sonne und des Mondes verurtheilt seyn konnte, den bitteren Pillau hinterlistiger Täuschung verschlucken zu müssen, seiner kürzlichen Gewohnheit zufolge den Palast verließ, um unbegleitet in dem Garten umher zu gehen und mit seinen eigenen Gedanken Rücksprache zu nehmen. Und es gefiel dem Geschicke, daß die unbezahlbare Perle, die vernachläßigte Chaou-Kenn gleichfalls durch die Schönheit und Stille der Nacht verlockt werden mußte, mit ihrem winzigen Fuße – er war so klein; daß sie fast im Gange wankte – den Sand, welcher den Terrassenweg bedeckte, knistern zu lassen. Eine Thräne zitterte in ihrem Auge bei dem Gedanken an ihre glückliche Heimath, und sie beweinte bitterlich die Schönheit, welche, statt ihre Erhebung zum Throne herbei zu führen, durch Bosheit und Geiz zu einem Mittel geworden war, sie einer ewigen Einsamkeit zu überantworten. Sie blickte zu dem Sternenhimmel auf, fühlte aber nichts von seiner Lieblichkeit; sie betrachtete von der Terrasse aus den herrlichen Garten, aber Alles schien ihr verödet zu seyn. In der letzten Zeit hatte sie keine anderen Gefährten gehabt, als ihre Thränen und ihre Laute, deren Töne eben so klagend waren, als ihre eigenen. »O meine Mutter!« rief sie: »geliebte, aber allzuehrgeizige Mutter! Daß ich nur für eine kleine Stunde dies Haupt an Deinen Busen legen könnte! Verhängnißvoll hat sich Dein Traum erwiesen, dessen Du Dich bei meiner Geburt erfreutest – der Mond hatte so herrlich geschienen und war dann zu Deinen Füßen in die Erde gestiegen. Ich habe nur eine kurze, kurze Weile geleuchtet und bin jetzt in dem Alter des Frohsinns, so zu sagen, in die Erde gegraben. Eingemauert in diesem einsamen Thurme sind alle meine Hoffnungen zerstört – mein Portrait kann nicht gesehen worden seyn – und nun bin ich für immer verloren. Du, o Laute, einzige Gefährtin meiner Schmerzen, laß uns unsre Stimmen vereinigen zur Klage. Laß uns vorstellen, daß die Blumen unserm Kummer zuhören, und daß der Thau der hellgeschlossenen Kelche Thränen seyen, die ihr Mitleid unserem Unglücke weint.« Und Chaou-Keun schlug ihre Laute an und erging sich in folgendem Klageliede: O sage mir, glorreicher Sonnenball, Gab's keine Erde, um Dein Licht zu trinken? Nahmst Du vergeblich Deinen Lauf durchs All, Und mußt' Dein Strahl in finstere Nacht versinken? Der Schönheit Zauber ist geboren bloß, Kann theuer in des Jünglings Herz sie thronen; Todt ist sie, wo ihr nicht gegönnt das Loos, Mit Liebe Eine treue Brust zu lohnen! Ti-tum, tilly-lilly, ti-tum, ty. Die musikalischen Töne der unvergleichlichen Chaou-Keun gingen nicht an tauben und stummen Blumen verloren, sondern zitterten in die Ohren des großmächtigen Youantee, der sich auf den Rücken eines ungeheuren Metalldrachen, welcher in dem Gange unter der Terrasse stand, niedergelassen hatte. Der Kaiser lauschte, überrascht auf ihr Selbstgespräch und hörte mit Bewunderung ihren Zaubergesang. Einige Minuten blieb er in tiefer Träumerei sitzen, stand dann von dem Drachen auf, ging auf das Thurmthor zu und klopfte in die Hände. Der Verschnittene erschien. »Hüter des gelben Thurmes,« sagte der Kaiser, »ich habe eben die Töne einer Laute gehört.« »Es ist so, o Zuflucht der Welt,« antwortete der Sklave. »War es ein Engel oder ein sterbliches Wesen, dessen Honigthauende Noten das Instrument begleiteten?« fragte der großmächtige Youantee. »Gewiß ist sie mehr, als irgend eine Sterbliche gesegnet, da ihr Gesang Gunst gefunden hat in den himmlischen Ohren,« versetzte der schwarze Hüter des gelben Thurmes. »So geh denn und rufe schnell unsre höchsten Staatsbeamten zusammen. Sie sollen ihre Gewänder auf den Boden legen und darüber hinschreitend, bei dem Drachen unter der Terrasse vor uns erscheinen.« Der großmächtige Youantee, der Bruder der Sonne und des Monds kehrte mit angenehmen Vorahnungen zu seinem früheren Sitze zurück, während der Verschnittene sich beeilte, die himmlischen Befehle zu vollziehen. Die Mandarinen der ersten Classe säumten nicht, Youantee's Geboten zu gehorchen; ihre Pelz- und Sammtmäntel mit den reichen Gold- und Silberverzierungen wurden von dem Thurme an bis zum Drachen an der Terrasse ausgebreitet und bildeten einen Pfad, so reich und schön, wie die Milchstraße am Himmel. Die unbezahlbare Perle, die unvergleichliche Chaou-Keun glitt darüber hin, in ihrer Herrlichkeit dem Monde gleich, und trat vor das Angesicht des großen Youantee. »Unsterblicher Fo!« rief der Kaiser, als die Mandarinen ihre Laternen erhoben, um das Licht derselben auf ihr Antlitz zu werfen, »durch welchen tückischen Unfall ist so viel Reiz vor unseren Blicken verborgen geblieben?« Dann erzahlte die unvergleichliche Chaou-Keun in einigen Worten den Verrath und die Habsucht des Ministers Suchong Pollyhong Ka-te-tuh. »Beeilt Euch, Mandarinen. Die Scheere der Ungnade soll diesem Elenden die zwei Zöpfe abschneiden, und dann möge das Schwert der Gerechtigkeit sein Haupt vom Rumpfe trennen.« Aber das Gerücht von diesem Urtheile wurde auf Fittigen des Windes zu Suchong Pollyhong Ka-te-tuh getragen. Noch ehe der Henker anlangte, war der Minister auf ein Pferd gestiegen, flüchtiger als der Wind, und hatte, das Portrait der unvergleichlichen Chaou-Keun in seiner Tasche, sogar das Gerücht weit hinter sich zurückgelassen. Ti-tum, tilly lilly, ti-tum, tilly-lilly, ti-tum, ty. Und wohin floh der elende Beamte, um sein dem Tode geweihtes Haupt zu verbergen? Er flüchtete sich zu den wilden Nationen des Nordens – zu den Reitern wilder Pferde mit scharfen Scimetars und langen Lanzen. Drei Tage und drei Nächte schlugen die Hufe seines Rosses Feuer aus den Steinen, die es in seinem ungestümen Rennen verachtete; dann aber beugte es, wie ein unsterblicher Poet bereits gesungen hat »sein Haupt und starb.« Das Portrait der unvergleichlichen Chaou-Keun in seinem Busen und die Mandarinenkleidung unter jedem Arme aufgehoben, erschien der elende Suchong Pollyhong Ka-te-tuh vor dem Angesichte des Großchan. »O Chan der Tartarei,« sagte er, »möge Dein Schwert immer scharf seyn, Deine Lanze nie ihres Zieles verfehlen und Dein Renner mit den Winden wetteifern. Ich bin Dein Sklave. O Du, der Du über hundert tausend Krieger gebietest – hat Dein Sklave die Erlaubniß, Dich anzureden?« »Sprich und sey verdammt,« versetzte der wortkarge Kriegshäuptling, dessen Zähne eben mit einigen Pfunden Pferdefleisch beschäftigt waren. »Du weißt, o Chan, es ist seit Jahrhunderten Sitte gewesen? daß das himmlische Reich Dich für Dein Ehebette mit einer schönen Jungfrau versehe, und daß dieser Preis von dem himmlischen Hof bezahlt wurde, um die Einfälle Deiner unersättlichen Krieger abzukaufen. O, Chan, es gibt ein Mädchen, dessen liebliches Abbild ich bei mir habe – es ist am allerwürdigsten, Dein Lager zu theilen.« Und der Elende legte das Portrait der unvergleichlichen Chaon-Keun zu den Füßen des Großchans nieder. Der Häuptling endigte sein Mahl und langte dann mit der Spitze seiner Lanze das Bild der unbezahlbaren Perle herüber. Nachdem er es angesehen hatte, gab er es seinen Nachbarn zu betrachten. Die wilden Krieger stierten das liebliche Bild mit großen Augen an, ohne es zu bewundern – aber sie sehnten sich nach Krieg. »Sagt mir, o Häuptlinge,« begann der Großchan, »ist dieses Kindergesicht wohl werth, daß man darum streite?« Und die Häuptlinge antworteten einstimmig, sie sey würdig, das Lager des Großchans zu theilen. »Sey es darum,« erwiederte er; »ich verstehe mich nicht auf Schönheit. Laßt das Lager aufbrechen – diesen Abend ziehen wir nach Süden.« Und der Tartarenhäuptling fiel mit seinen hunderttausend Kriegern in die nördlichen Provinzen des himmlischen Reiches ein, verwüstete Alles mit Feuer und Schwert und legte die Aufrichtigkeit seines Wunsches, sich mit der chinesischen Nation zu vereinigen, durch schonungsloses Ermorden von Mann, Weib und Kind an den Tag. Seine glühende Liebe für die unvergleichliche Chao-Keun bezeugte er damit, daß er jede Stadt und jedes Dorf zu einer Hochzeitfackel machte. Ti-tum, tilly-lilly, titum, ty. Aber wir müssen an den himmlischen Hof zurückkehren und die Welt in Erstaunen setzen mit den wundervollen Ereignissen, die daselbst stattfanden. Die Sternkundigen und die weisen Männer hatten den Himmel zu Rath gezogen und daraus erfahren, daß der Hochzeitszug in der drei und dreißigsten Minute nach der dreizehnten Stunde stattfinden müsse, wenn man sich anders von der Verbindung Glück versprechen wollte. Wer kann die Pracht und die Herrlichkeit des Schauspiels schildern oder nur einen annähernden Begriff davon geben? Ach, es wäre nicht möglich, und wenn zehntausend Dichter den Versuch machen wollten, deren jeder mit zehntausend Silberzungen versehen wäre und zehntausend Jahre lang fortsänge. Die Procession ging übrigens in folgender Ordnung: Zuerst kamen zehntausend Gerichtsdiener mit langen Bambusstäben, die nach Rechts und Links schlugen, um den Weg frei zu machen. Dies geschah unter den Tönen einer sanften Musik, in welche sich hin und wieder das klägliche Geschrei derjenigen mischte, die, ihre Schienbeine reibend, davon hinkten. Dann marschirten neben einander hunderttausend Laternen, um der Sonne Beistand zu leisten, welche theilweise durch den Glanz der Procession verfinstert war. Zunächst kamen, den langsamen Takt eines Todtenmarsches einhaltend, fünftausend Hingerichtete Verbrecher, deren jeder seinen eigenen Kopf an dem langen Zopfe trug.   »Staffir Allah! Was ist das anders als eine Lüge?« rief der Pascha. »Hast Du gehört, was uns der Hund in die Ohren zu hauchen sich erdreistet, Mustapha?« »Mächtiger Pascha,« versetzte der Chinese demüthig, »wenn es Eure Weisheit für eine Lüge erklärt, so muß es ohne Frage eine Lüge seyn; dennoch ist es nicht die Lüge Eures Sklaven, welcher die Geschichte nur wieder gibt, wie sie durch den unsterblichen Dichter des Morgenlandes auf uns gekommen ist.« »Gleichwohl scheint hier ein kleiner Irrthum stattzufinden,« bemerkte Mustapha. »Soll die Procession fortfahren, o Pascha?« »Ja, ja; aber bei dem Propheten, der Hund soll zittern, wenn er sich noch einmal erfrecht, uns in die Bärte zu lachen.«   Nach den enthaupteten Verbrechern, gegen welche Eure Hoheit Einwendung erhoben haben, kam ein Zug Verurteilter, denen die Köpfe noch auf den Rümpfen saßen, und die an diesem Tage des allgemeinen Glücks für ihre Vergehungen den Tod erleiden sollten. Zuerst erschienen zweitausend Räuber, deren Urtheil dahin lautete, an den Füßen aufgehangen zu werden. Diese Todesart sollte sinnbildlich ihren Wunsch andeuten, das Unterste zu Oberst zu kehren – sie sollten dann in der gedachten Lage bleiben, bis sie von den Krähen zu Tode gepickt oder von den Geiern in Stücken zerrissen wären. Das Banner der Neuerung. Einer der Räuberhäuptlinge, der mit einer um seinen Hals gehängten Säulenplatte erstickt werden sollte. Ein anderer Räuberhauptmann. Dieser hatte, obschon ein Anhänger des Hofes, der sich in der himmlischen Gegenwart des Kaisers sonnen durfte, schnöde Lügen gegen die himmlische Dynastie auszusprechen sich erdreistet. Sein Urtheil lautete, man solle ihm die Haut abziehen und ihn zwingen, seine eigenen Worte zu essen, bis er stürbe von dem schlimmen Gifte, das sie enthielten. Nun erschien der wichtigste von allen Verbrechern, der früher bei Hof groß in Gunst gestanden hatte und zu der hohen Stellung berufen worden war, das himmlische Gewissen ärztlich zu berathen. Man hatte ihn auf dem schnöden Versuche ertappt, dasselbe mit Opium zu vergiften, wie er denn auch über mehreren anderen Ungeheuerlichkeiten betroffen worden war. So hatte er sich zum Beispiel in seinen Mandarinenkleidern betrunken und den ersten Ober-Mandarin mit Schmutz beworfen, desgleichen seine Gewänder abgelegt, mit den niedrigen Klassen verkehrt und sich mit Gauklern, Marktschreiern und Seiltänzern umgetrieben. Seine Vergehungen standen auf einer langen Rolle geschrieben, die ihm um den Hals gehängt war, und sein Urtheil lautete: er solle die Qual der getäuschten Erwartung und des Neides zu erstehen haben, ehe er einem verdienten politischen Tode überantwortet werde. Hinter ihm kam ein abgesetzter gelber Mandarin, welcher ein großer Feind seines Vormannes gewesen war. Er saß auf einem Throne von Pech, und seine Arme wurden höhnend von zwei Preisfechtern unterstützt. Sein Verbrechen bestand darin, daß er mit den niedrigen Klassen Aufwerfen gespielt hatte, und seine Züchtigung beschränkte sich auf bloße Ausstellung. Dieß waren die Verbrecher, welche an jenem Tage des allgemeinen Glückes und Entzückens ihre Strafe erleiden sollten. Dann kamen fünfzigtausend Bogenschützen von dem blauen Drachen-Bataillon, die in ihren Händen Wedel von Pferdeschwänzen trugen, um die blauen Schmeißfliegen wegzujagen. Zunächst erschienen zehntausend Jungfrauen, alle bescheiden, lieblich und in leichten Gewändern, welche Ganesa auf der Ratte, den Gott der reinen Liebe, in Hymnen besangen. Sie waren begleitet von zehntausend Jünglingen, welche die besagten zehntausend Jungfrauen kitzelten und Hymnen zum Preise des aufrecht stehenden Fo sangen. Dann kamen fünfzigtausend Bogenschützen vom grünen Drachen-Bataillon. Jeder trug eine lange Pfaufeder in seiner Rechten, um sich zu überzeugen, aus welcher Richtung der Wind blase. Fünfhundert Aerzte begleiteten den himmlischen Hof, und jeder trug eine silberne Schachtel mit goldenen Pillen. Hinter ihnen kam der Oberarzt des himmlischen Verstandes, der stets auf eine Krisis wartete. Er trug einen Stab in der Rechten, an dessen Ende eine Blase mit Erbsen festgebunden war' um damit den Verstand Sr. Majestät zurückzurufen, wenn dieser irre wurde. Ihm folgten fünfzigtausend Narren, die fünf Mann hoch marschirten, und fünfzigtausend Schelme, welche mit Allem davon gingen, was sie erwischen konnten. Dann kam ein berühmter Fakir und Bettelmönch an der Spitze eines gefeierten Ordens. Statt der zwei Zöpfe, welche gewöhnlich von unserer Nation getragen werden, hatte er nur einen einzigen, der übrigens vierzig Fuß lang war. Ihm folgten viele Andächtige, die ihre weltliche Habe zu seinen Füßen niederwarfen; dafür beschenkte er sie mit Zettelchen und Reden, welche er für unfehlbare Mittel in allen Krankheiten erklärte. Zehntausend junge verheiratete Weiber, deren jede unter dem Schall von Clarinetten und Trompeten an ihrer linken Brust einen Säugling zur Ruhe wiegte – ein Sinnbild des friedlichen und ruhigen Ehestands. Das Banner der Unverschämtheit. Fünftausend politische Marktschreier, die einander widersprachen und alle ihre Kräfte aufboten, um das Volk zu belustigen, das jedoch unter ihren tollen Possen kläglich litt. Der Zweite im Commando, der ihr System in einer unbekannten Sprache erklärte. Des Kaisers Gaukler, welcher das ganze Reich durch seine außerordentlichen Heldenthaten und durch die Schnelligkeit, mit welchen er Allen das Geld aus der Tasche holte, in Erstaunen setzte. Das Banner der Liebe. Der himmlische Sekretär mit Gänseflügeln auf seinen Schultern und Gänsekielen in jeder Hand. Er hatte große Ähnlichkeit mit einer Gans ans einem Maulesel, der vierfarbig aufgezäumt und mit klingenden Messingschellen bedeckt war. Fünf tausend alte Weiber, welche das Lob des besagten Sekretärs sangen und zu dem Takte der Hoboe Schnupftaback nahmen. Der Wohlstand des himmlischen Reiches, von dem Hofnarren in einem Körbchen, schön aus einem wilden Kirschensteine geschnitzt, getragen und von fünfzig tausend Bogenschützen des rothen Drachen-Bataillons bewacht, die sich zu einer sanften Musik die Zähne ausstocherten. Zehn tausend Poeten, deren jeder zu gleicher Zeit und nach einer verschiedenen Weise seine Ode auf den erfreulichen Anlaß absang. Der unsterbliche Poet des Jahrhunderts, bis an die Füße mit Sammet gekleidet und prachtvoll mit Ringen, goldenen Ketten und köstlichen Steinen verziert. Er trug seine silberne Harfe in der Hand und saß auf einem schönen, weißen Esel, das Gesicht dem Schwänze zugedreht, damit er die Reize der unvergleichlichen Chaou-Keun, der unbezahlbaren Perle, betrachten und von denselben begeistert werden könne. Dann kamen der großmächtige Youantee und die unvergleichliche Chaou-Keun. Sie saßen auf einem massiven Wagen von Sommerfäden, der reichlich mit den Augen lebendiger Kolibris besäet war, und wurden von zwölf schönen, blauen Laststernen gezogen, welche von den Himmelskörpern dem Bruder der Sonne und des Mondes zum Geschenk gemacht worden waren. Zwanzigtausend engelschöne junge Männer, die in die Häute des schwarzen Fuchses gekleidet waren, elfenbeinerne Maultrommeln spielten und auf kohlschwarzen Rossen saßen. Zwanzigtausend teuflisch häßliche Neger, welche in die Häute des weißen Polarbären gekleidet waren, die honigsüß tönende Schreipfeife bliesen und auf milchweißen Arabern ritten. Sämmtliche Mandarinen erster Klasse im himmlischen Reiche, die ihre Augen zum Himmel richteten und in ihrem Innern wünschten, die Procession möchte vorüber seyn. Alle Mandarinen zweiter Klasse im himmlischen Reiche, die vom Staube erstickt wurden und die Procession zum Teufel wünschten. Zwanzig Millionen Leute, welche die Freigebigkeit des großen Kaisers priesen und um Brod schrieen. Zehn Millionen Weiber, welche im Gedränge ihre Kinder verloren hatten und nun unter bitterlichem Geheule darnach suchten. Zehn Millionen Kinder, welche im Getümmel ihre Mütter verloren hatten und bitterlich weinten, bis sie dieselben gefunden hatten. Der Rest der Einwohner des himmlischen Reiches. Dies war der großartige und prächtige Hochzeitszug, an dem die ganze Bevölkerung selbst Theil nahm, so daß es keine andere Zuschauer gab, als drei blinde alte Weiber, welche über den Anblick dermaßen in Entzücken geriethen, daß sie, als die Procession an ihnen vorbeikam, ihre Häupter senkten und starben. Ti-tum, tilly-lilly, ti-tum, tilly-lilly; ti – tum, ty. Die Procession langte an dem Palaste an; die unbezahlbare Perle war jetzt die Braut des Kaisers und das Herz von Youantee quoll über von Liebe. Sie saßen Seite an Seite auf einem Thron von Edelsteinen; aber was war der Glanz der Diamanten in Vergleichung mit einem einzigen Blicke ihres blitzenden Auges? Was waren die funkelnden rothen Rubinen gegen ihre Korallenlippen, oder das Weiß der Perlen gegen ihre Zähne, wenn sie dieselben beim Lächeln blicken ließ? Ihre gewölbten Augbraunen schienen herrlicher gezeichnet, als der Regenbogen; ob der Glut ihrer Wangen erblaßte neidisch jede Rose in den himmlischen Gärten, und aus Mitleid gegen die Höflinge, von denen viele bereits erblindet waren, weil sie zu rasch ihre Augen erhoben, um ihren Zauber zu schauen, war ein Edikt veröffentlicht worden, welches den Mandarinen gestattete, zu Schonung ihrer Augen grüne Brillen zu tragen. Der großmächtige Youantee wurde von Liebe verzehrt und die Aerzte des Kaisers fürchteten für seine himmlische Gesundheit; ihrem Rathe zufolge willigte Chaou-Keun ein, ihn nur in einem verdunkelten Gemache zu empfangen. Alles war Freude. Das ganze Reich hallte wieder vom Lobe der unbezahlbaren Perle. Die Gefängnisse sollten dem Erdboden gleich gemacht, die Verbrecher begnadigt, das Schwerdt der Gerechtigkeit in seiner Scheide gelassen und die Bastonade eingestellt werden. Sogar die gehässige Laternentaxe wurde zu Ehren der unvergleichlichen Chaou-Keun aufgehoben, und alle Dichter des Landes erschöpften sich im Preise der Herrlichen, bis sie zum Singen zu heiser, und die Leute des Zuhörens müde waren. Ti-tum, tilly lilly, ti-tum, tilly-lilly, ti-tum, ty.   »Wahrhaftig,« bemerkte der Pascha gähnend, »es nimmt mich nicht Wunder, daß die Leute des Hörens müde wurden, wenn die Dichter Dir glichen.« »Gott ist groß,« entgegnete Mustapha gleichfalls mit einem Gähnen. »Soll er fortfahren?« »Ja, laß ihn seine Geschichte zu Ende bringen und wecke mich, wenn sie vorbei ist,« erwiederte der Pascha, seine Pfeife niederlegend.   »Aber leider sollte dieser Wonnetaumel bald über den Haufen geworfen werden. Die Prophezeiung mußte sich erfüllen, daß ihr Leben nicht nur Freude, sondern auch Leid bergen sollte. Den großmächtigen Youantee weckten aus seinem entzückten Traume Couriere, die einer nach dem andern ankamen und zu den himmlischen Füßen die Kunde niederlegten, daß die hunderttausend Krieger vorrückten. Ein feierlicher Kabinetsrath trat zusammen, und es erging sofort das kaiserliche Edikt, daß die Barbaren des Nordens zurückgetrieben werden sollten in ihr Land des ewigen Frostes und Schnees. Die kaiserlichen Heere, jedes aus hunderttausend Mann bestehend, brachen von der Hauptstadt auf, und jeder Soldat gelobte bei seinen zwei Zöpfen, daß er Alles fressen wolle, was er tödte. Dieses blutige Gelübde ging in Erfüllung, denn sie tödteten Niemand, sondern kehrten ohne Bogen, Pfeile und Schwerter geschlagen und flüchtig vor der Wuth des Tartaren-Häuptlings zurück. Dann erhob sich der große Youantee im Grimme und erließ einen anderen Befehl, daß die Barbaren bis an das Meer getrieben werden sollten, welches das Reich der Welt begrenze. Und die Heere wurden wieder ausgeschickt, kehrten jedoch abermals geschlagen zurück und sagten: wie können wir, die wir Reis mit Hammelsrippchen essen, mit Barbaren kämpfen, die nicht nur auf Pferden reiten, sondern sie auch verzehren? Die Tartaren achteten nicht auf das himmlische Gebot, denn sie waren Barbaren und wußten es nicht besser. Immer weiter rückten sie vor, bis sie nur noch einen Tagmarsch von der himmlischen Hauptstadt standen, und der Bruder der Sonne und des Mondes, der großmächtige Youantee sah sich genöthigt, die Schmach der Annahme eines barbarischen Gesandten auf sich zu laden, welcher in nachstehenden verzuckerten Worten sprach: »Der Großchan der Tartarei grüßt den großmächtigen Youantee; er hat einige Millionen seiner Unterthanen geschlachtet, weil sie Verräther waren und den himmlischen Thron nicht vertheidigen wollten. Er bat einige Tausend seiner Städte niedergebrannt, damit der große Youantee sie mit größerer Schönheit wieder aufbauen lassen möge. Alles dies that er mit viel Mühe und Anstrengung, um den großmächtigen Youantee seine Achtung zu beweisen. Zum Lohne dafür fordert er nichts, als die unvergleichliche Chaou-Keun, die unbezahlbare Perle, zu seiner Braut.« Der große Youantee sprach von seinem himmlischen Throne: »Drücke dem Großchan, Deinem Gebieter, für sein rücksichtsvolles Betragen meinen Dank aus und sage ihm, daß er von unserem himmlischen Reiche wohl eine Braut verdient habe; aber die unbezahlbare Perle ist dem Bruder der Sonne und des Mondes vermählt. Jede andere Jungfrau in unserm Reiche soll ihm mit einer Morgengabe zugeschickt werden, wie sie des großen Youantee und des Großchans der Tartarei würdig ist. Dies soll ein Edikt seyn.« Aber der Tartar entgegnete: »O großer Monarch, mein Gebieter, der Großchan, verlangt kein Edikt, sondern die unvergleichliche Chaou-Keun. Wenn ich ohne sie zurückkehre, dringt er in die himmlische Stadt ein und schont weder Mann noch Weib oder Kind.« Dann fielen alle Fürsten und die Mandarinen sämmtlicher Klassen zu den himmlischen Füßen nieder, verrichteten feierlich den großen Cow Tow, und der erste Minister des Staates sprach folgendermaßen: »Herr des Weltalls, Bruder der Sonne und des Mondes, der Du die Welt mit Deinen Edikten beherrschest und dessen unüberwindliche Heere so zahlreich sind, wie der Sand an dem Ufer der vier Meere, höre auf Deinen getreuen Sklaven. Uebergieb diesem Barbaren die unvergleichliche Perle, so werden wir Alle am Leben bleiben, um uns vor Dir zu demüthigen.« Und alle Fürsten und Mandarinen riefen wie mit Einer Stimme: »Liefere die unbezahlbare Perle aus.« Und alle die tapferen Generale zogen ihre Schwerter, schwenkten sie in der Luft und riefen: »Uebergib diesen Barbaren die unbezahlbare Perle.« Und die ganze Armee und alles Volk schloß sich dem Rufe an. Dann erhob sich Youantee in großem Grimme und befahl, der erste Minister, sämmtliche Mandarine, die Fürsten, die Generale, die ganze Armee und alles Volk sollten beschimpft seyn und unverweilt enthauptet werden. »Dies soll ein Edikt seyn.« Da aber Niemand mehr vorhanden war, um das Edikt des großen Youantee in Kraft zu setzen, so fand es auch keinen Gehorsam. Der Bruder der Sonne und des Mondes bemerkte nun, daß er in der Minderheit war; er dämpfte daher seine Galle und befahl allergnädigst, für den Gesandten Erfrischungen herbeizubringen, indem er sagte: »Gebt dem Hunde zu essen.« Dann verfügte er sich nach dem Gemache der unvergleichlichen Chaou-Keun. Ti-tum tilly-lilly, ti-tum, tilly-lilly, ti-tum ty. Die schöne Kaiserin hatte Alles mitangehört, was in der großen Audienzhalle vorgegangen war, und warf sich jetzt mit den Worten zu den königlichen Füßen: »Laß mich das Opfer werden – es ist meine Bestimmung. Schicke Deine Sklavin zu dem großen Chan, damit er mit ihr anfange, was ihm gut dünkt – ich bin voll Unterwerfung. Man sagt, er sey ein schöner Mann, groß und voll Kraft – es ist meine Bestimmung.« Dann vergoß der große Youantee bittere Thränen über sein herbes Geschick; aber er wußte, es war seine Bestimmung – und, o Bestimmung, wer kann Dir widerstehen! Er wischte seine himmlischen Augen, führte die unvergleichliche Chaou-Keun hervor, übergab sie den Händen des barbarischen Gesandten und sagte: »Ich sende Deinem Gebieter die unbezahlbare Perle. Ich habe sie einige Zeit getragen, aber sie ist noch so gut, wie neu. Und nun möge Dein Gebieter, der Großchan, mit seinen hunderttausend Kriegern nach den Grenzen unsres Gebietes zurückkehren, wie es ausgemacht wurde. Du hörst, – es ist ein Edikt.« »Es reicht zu, daß mein großer Gebieter sein Wort gegeben und der große Youantee die unbezahlbare Perle ausgeliefert hat. Ein Edikt ist nicht weiter vonnöthen,« erwiederte der Gesandte, worauf er sich mit der unvergleichlichen Chaou-Keun entfernte. So war der großmächtige Youantee seiner Gemahlin beraubt. Sobald der Gesandte die unvergleichliche Chaoukeun in einer verschlossenen Sänfte nach dem Zelte des Großchans gebracht hatte, ertheilte er seinem Heere unvorzüglich den Befehl zum Aufbruch. Zum großen Verdrusse der unvergleichlichen Schönheit ließ er nicht einmal eine Neugierde blicken, sie zu sehen, sondern begann einen raschen Rückzug und langte nach einigen Tagen an der Grenze des himmlischen Gebietes an, welches von den tartarischen Besitzungen durch einen ungestümen Fluß getrennt wird. Er setzte über den Strom, schlug auf der andern Seite ein Lager und ließ sich mit seinen Generalen zu einem schwelgerischen Mahle von Pferdefleisch und Quaß nieder. Als er die Wirkungen des Branntweins im Kopfe spürte, verlangte er, die Sänfte, in welcher sich die unbezahlbare Perle befand, solle in die Nähe seines Zeltes gebracht werden, daß er nach ihr schicken könne, wenn er Lust habe. Und die unvergleichliche Chaou-Keun sah zu der Sänfte heraus und erblickte den schwelgenden Großchan. Und als sie seiner haarigten Gestalt, seiner glühenden Augen, seiner Mopsnase und seines furchtbar weiten Mundes ansichtig wurde – als sie bemerkte, daß er von Gesicht und Gestalt einem Gulen oder bösen Geiste gleich sah – da rang sie ihre Hände, weinte bitterlich und all' ihre Liebe zu dem großmächtigen Youantee kehrte wieder zurück. Der Großchan hatte sich jetzt in Quaß betrunken und befahl, daß die unbezahlbare Perle zu ihm gebracht werden solle; sie aber antwortete zitternd: »Sagt Eurem Herrn, daß ich nicht geeignet bin, vor Sr. Hoheit zu erscheinen, bis ich mich in dem Flusse gewaschen habe.« Und diejenigen, welche die Aufsicht über sie hatten, meldeten dies dem Großchan, welcher darauf erwiederte: »So mag sie sich denn waschen, wenn sie so schmutzig ist.« Dann wurde die Sänfte der unvergleichlichen Chaou-Kenn nach dem Flußufer hinunter genommen, und sie trat auf einen Fels, welcher gegen das schwarze Gewässer vorhing. »Wie nennt ihr diesen Fluß?« fragte sie ihre Begleiter. Und sie versetzten: »Dieser Fluß, o Prinzessin, scheidet das Reich der Tartaren von China und heißt der Strom des schwarzen Drachen.« »Dann ist die Prophezeiung erfüllt«, rief die unbezahlbare Perle. »Es ist meine Bestimmung, und wer kann seiner Bestimmung widerstreben?« Sie erhob ihre Arme zum Himmel, stieß einen lauten Schrei über ihr unglückliches Loos aus, stürzte sich köpflings in das kochende Wasser und verschwand für immer. So wurde die Prophezeiung erfüllt. Der Bruder der Sonne und des Mondes hatte gefreit – Schönheit war zu seinen goldenen Füßen niedergelegt worden – die unbezahlbare Perle wurde gefunden und verloren. Es hat Freude und Leid im Leben gegeben – und Leid im Tode. Der schwarze Drache hat sich als Feind des himmlischen Reiches bewiesen, denn er verschluckte die unbezahlbare Perle. Ti – tum, ti – tum, tilly – lilly, tilly – lilly, ti – tum, ty.   Der Ton des rohen Instrumentes weckte den Pascha, welcher seit einiger Zeit fest eingeschlafen war. »Ist er fertig, Mustapha?« fragte er, indem er sich die Augen ausrieb. »Ja, durchlauchtige Hoheit; und das Geschick, welches prophezeit wurde, ist treulich in Erfüllung gegangen.« »Bismillah! Das freut mich. Noch ehe er zehn Minuten gewinselt hatte, prophezeite ich, daß ich einschlafen würde. Auch meine Bestimmung ist in Erfüllung gegangen.« »Will Eure Hoheit nicht auch diesem Hunde mit zwei Zöpfen sein Geschick prophezeien?« »Ja, ja, ganz recht. Dies erinnert mich, daß wir erst Eine Geschichte von ihm gehört haben. Laß ihn morgen wieder herkommen, damit er uns eine zweite erzähle. Jedenfalls wird er uns zu einem gesunden Schlafe verhelfen. Gott ist groß.« Zwanzigstes Kapitel. »Mustapha«, sagte der Pascha, »ich fühle mich gleich dem Kalifen Harun al Raschid in der von Menonui erzählten Geschichte voll Sorge; meine Seele ist müd – mein Herz wie ein verbrannter Braten.« Mustapha hatte genug Verstand, um zu bemerken, daß von ihm die Rolle des Veziers Giaffar erwartet werde, und entgegnete augenblicklich: »O Pascha, groß und mannigfach sind die Sorgen des Staates. Wenn sich Euer demüthiger Sklave Euch mit Rath nähern darf, so werdet Ihr den chinesischen Hund mit den zwei Schwänzen hereinrufen, damit er Euch noch eine Geschichte erzähle.« »Nicht doch,« erwiederte der Pascha. »Ich bin seines ewigen Ti-tum tilly-lilly müde, denn es klingt mir noch immer in den Ohren. Weißt Du keinen andern Vorschlag?« »Alem Penah! Zuflucht der Welt, ist es Euch vielleicht genehm, Eure Truppen ausrücken zu lassen und ihre Uebungen mitanzusehen? Der Mond steht hoch am Himmel und es ist so hell wie am Tage.« »Nein,« versetzte der Pascha, »ich bin des Krieges und alles dessen, was dazu gehört, müde. Laß die Truppen im Frieden schlafen.« »Dann, o Pascha, werdet Ihr Eurem Sklaven gestatten, einige Flaschen von dem Feuerwasser der Giauren zu beschicken, damit wir trinken und rauchen können, bis wir zu den sieben Himmeln verzücket sind.« »Nein, mein guter Vezier, das muß das letzte Zufluchtsmittel seyn, weil es durch die Gesetze des Propheten verboten ist. Denke noch einmal nach, und Du müßtest nicht mehr Gehirn haben, als eine Wassermelone, wenn Du diesmal nicht auf einen Vorschlag träfest, der mich zu erleichtern im Stande wäre.« »Euer Sklave lebt nur, um zu hören, und hört nur, um zu gehorchen,« entgegnete Mustapha. »So wird mein Gebieter wohl geruhen, sich zu verkleiden und durch die Straßen von Cairo zu ziehen. Der Mond scheint hell, und die Hyäne streicht jetzt nicht umher, sondern mischt in weiter Ferne ihr Geheul mit dem des Schakal.« »Dein Gesicht ist weiß geworden, Mustapha, und es gefällt uns. Laß die Verkleidungen vorbereiten, damit wir aufbrechen können.« In kurzer Zeit waren die Verkleidungen bereit. Der Vezier hatte schlauer Weise die Tracht von armenischen Kaufleuten gewählt, weil er wußte, wie sehr sich der Pascha darin gefiel, wenn er sich dem großen Al Raschid gleich stellen zu können vermeinte. Zwei bewaffnete schwarze Sklaven folgten dem Pascha und seinem Vezier in einiger Entfernung. Die Straßen waren ganz leer und sie trafen auf nichts, als da und dort auf einen Hund, welcher Abfälle verzehrte und nach den Vorübergehenden schnappte und kläffte. Die Nacht schien keine Abenteuer bieten zu wollen und der Pascha gerieth in ganz üble Laune, bis endlich Mustapha durch die Ritzen eines geschlossenen Fensters, das zu einer kleinen Hütte gehörte, Licht bemerkte und den Ton einer Stimme hörte. Er blickte durch, während der Pascha an seiner Seite stehen blieb. Nach einigen Sekunden bedeutete der Vezier seinem Gebieter, daß er gleichfalls hinein sehen möchte. Letzterer mußte seinen fetten Körper nach der größten Höhe strecken und auf die Zehenspitzen treten, um mit seinen Augen den Spalt zu erreichen. Das Innere der Hütte war ohne Möbel. Eine Truhe in der Mitte des Thonbodens schien zugleich als Tisch und als Aufbewahrungsort für Alles zu dienen, denn die Wände waren kahl. Vor dem Heerde, auf dem nur einige Fünkchen glosteten, kauerte ein altes Weib, der man Hunger und Armuth schon aus der Ferne ansah. Sie wärmte ihre welken Hände über der Asche und fuhr hin und wieder mit einer derselben über ihre knöchernen Arme, indem sie sagte: »Ja, es ist die Zeit gewesen – es ist die Zeit gewesen.« »Was kann sie damit meinen?« flüsterte der Pascha seinem Vezier zu. »Warum sagt sie wohl, es sey die Zeit gewesen?« »Das bedarf einer Aufklärung,« versetzte Mustapha. »So viel ist gewiß, daß ein Sinn dahinter liegen muß.« »Du hast wohl gesprochen, Mustapha. Laß uns klopfen und Zutritt verlangen.« Mustapha klopfte an die Thüre der ärmlichen Hütte. »Ihr findet da nichts zum Stehlen und könnt deßhalb getrost weiter gehen,« kreischte die Alte; »aber,« fuhr sie mit sich selbst redend fort, »die Zeit ist gewesen – die Zeit ist gewesen.« Der Pascha forderte Mustapha auf, lauter zu klopfen. Der Vezier bediente sich zu diesem Zwecke des Dolchgriffes und trommelte damit gegen die Thüre. »Ja – ja – jetzt dürft ihr euch wohl erdreisten, zu klopfen, denn die Pantoffeln des Sultans stehen nicht an der Thüre,« sagte die Alte und fuhr dann in der vorigen Weise fort – »aber die Zeit ist gewesen – die Zeit ist gewesen.« »Sultans Pantoffeln und gewesene Zeiten?« rief der Pascha. »Was will die alte Hexe damit? Klopf noch einmal, Mustapha.« Mustapha wiederholte seine Schläge. »Ja – klopf – klopf – meine Thüre ist wie mein Mund; ich öffne, wenn ich will, und halte geschlossen, wenn ich will, wie man eines Tages wohl wußte. Die Zeit ist gewesen – die Zeit ist gewesen.« »Wir haben schon lange da gestanden, und ich bin des Wartens müde; so bin ich denn der Ansicht, Mustapha, die Zeit sey gekommen, um die Thüre einzustoßen. Sorge dafür.« Mustapha setzte nun seinen Fuß gegen die Thüre, die jedoch seinen Bemühungen Widerstand leistete. »Ich will Dir helfen,« sagte der Pascha, und zog sich einige Schritte zurück, worauf er und Mustapha mit aller Kraft gegen die Thüre anrannten. Sie flog jetzt mit Leichtigkeit auf und sie rollten auf den Boden der Hütte hinunter. Die Alte kreischte, sprang dann auf den Körper des Pascha, packte ihn an der Kehle und rief: »Diebe! Mörder!« Mustapha eilte seinem Gebieter zu Hülfe, und ein Gleiches thaten auch die beiden schwarzen Sklaven, welche auf das Geschrei alsbald herbei kamen und nur mit Mühe die Knöchel der alten Jesabel von der Kehle des Pascha losmachen konnten, der in seinem Zorne gute Lust hatte, sie augenblicklich niederhauen zu lassen. »Lahnet be Shitan! Fluch auf den Teufel,« rief der Pascha. »Das ist eine saubere Behandlung für einen Pascha.« »Weißt Du auch, elendes Weibsbild, daß Du den Herrn des Lebens, den Pascha selbst an der Kehle genommen und beinahe erdrosselt hast?« sagte Mustapha. »Nun, was dann?« versetzte die Alte kalt. »Es ist die Zeit gewesen – es ist die Zeit gewesen.« »Verfluchte Hexe, was meinst Du mit Deinem ›es ist die Zeit gewesen?‹« »Ich meine, daß es eine Zeit gab, in welcher ich mehr als einen Pascha erdrosselte. Ja,« fuhr sie fort, indem sie auf den Boden niederkauerte und vor sich hin murmelte; »die Zeit ist gewesen.« Des Paschas Wuth war nun ein wenig beschwichtigt. »Mustapha,« sagte er, »laß diese Alte sorgfältig bewachen. Morgen Nachmittag muß sie uns sagen, was sie unter den seltsamen Worten, ›die Zeit ist gewesen‹ versteht. Verlaß Dich darauf, es läuft auf eine gute Geschichte hinaus – die wollen wir zuerst haben – und dann« – flüsterte er dem Vezier ins Ohr – »herunter mit dem Kopfe.« Die Alte, welche den Befehl zu ihrer Verhaftung mitangehört hatte, wiederholte abermals: »Ah, ganz gut, die Zeit ist gewesen.« Die Sklaven bemächtigen sich ihrer; sie aber verteidigte sich mit Nägeln und Zähnen so kräftig, daß die Schwarzen sich genöthigt sahen, sie zu knebeln und ihr Hände und Füße zu binden. Dann nahmen sie die Gefangene auf ihre Schultern und marschirten mit ihr nach dem Palaste, während Mustapha und der Pascha, letzterer hoch entzückt über sein Abenteuer, nachfolgten. Nach dem Schlusse des Divans am andern Tage wurde die Alte vor den Pascha beschieden, und da sie sich zu gehen weigerte, so nahmen vier Wachen sie auf die Schultern und legten sie auf den Boden des Audienz-Gemaches. »Wie kannst Du Dich unterstehen, gegen die Befehle Sr. durchlauchtigen Hoheit zu rebelliren?« fragte Mustapha mit Strenge. »Wie ich zu rebelliren wage?« rief die Alte mit schriller Stimme. »Hu, was für ein Recht hat der Pascha, mich aus meiner armen Hütte heraus zu schleppen, und was kann er von einem alten Weibe, wie ich bin, verlangen? Ich denke nicht, daß er mich für seinen Harem braucht.« Ueber diese Bemerkung konnten sich der Pascha und Mustapha eines Gelächters nicht erwehren. Sobald jedoch der Vezier seine Gravität wieder gewonnen hatte, bemerkte er: »So ein altes Aas Du auch bist, sollte man doch meinen, daß Dir der Gedanke an eine Züchtigung, welche man Bastonade nennt, nie zu Sinne kam.« »Da bist Du im Irrthum, Herr Vezier, denn ich habe sowohl die Bastonade, als die seidene Schnur erlitten,« »Die seidene Schnur? Heiliger Prophet, wie die alte Hexe lügen kann!« rief der Pascha. »Keine Lüge, Pascha, keine Lüge!« kreischte die Alte in ihrer Wuth. »Ich habe gesagt, die Bastonade und die seidene Schnur. Ja, es hat eine Zeit gegeben, als ich jung und schön war, und weißt Du, warum ich litt? Ich will Dir's sagen – weil ich meinen Mund nicht halten konnte – und glaubst Du, ich werde das jetzt können, da ich nur noch ein altes, welkes Gerippe bin? Ja, ja – die Zeit ist gewesen.« »'s ist also ein Glück,« versetzte Mustapha, »daß der Pascha nicht von Dir verlangt, Du sollest den Mund halten. Man will von Dir gerade das Gegentheil – Du sollst nämlich sprechen.« »Und weißt Du, warum ich die seidene Schnur erhielt?« kreischte die alte Hexe. »Ich will Dir's sagen, weil ich nicht sprechen wollte; und das will ich auch jetzt nicht thun, weil ich sehe, daß Ihr es haben möchtet.« »Es scheint also,« sagte der Pascha, die Pfeife aus dem Munde nehmend, »daß die Bastonade eben so übel angebracht war, als die Schnur. In Cairo verstehen wir uns auf dergleichen Dinge besser. Höre mich, Du alte Mutter von Shitan! Ich wünsche zu erfahren, was Du mit dem Ausdrucke meinst, den Du stets in Deinem Munde führst – ›es sey eine Zeit gewesen.‹« »Es liegt viel darin, Pascha, denn es bezieht sich auf mein Leben. Du möchtest wohl die Geschichte desselben hören?« »Ja,« versetzte Mustapha. »So fang an.« »Aber Du mußt mich dafür bezahlen – sie ist zwanzig Goldstücke werth.« »Erdreistest Du Dich, Sr. durchlauchtigen Hoheit dem Pascha Bedingungen zu machen?« rief Mustapha. »Ha, Du Mutter von Afriten und Gulen, wenn Du nicht augenblicklich beginnst, soll Dein Leichnam über die Mauern geworfen werden, damit die wilden Hunde ihn beriechen und sich voll Abscheu wieder abwenden.« »Vezier, ich habe zu lange gelebt, um Jemand zu trauen. Mein Preis ist zwanzig Goldstücke, in diese welke Hand gezählt, ehe ich anfange; ohne daß sie bezahlt sind, geht kein Wort über meine Zunge.« Und die Alte kreuzte ihre Arme und sah dem Pascha dreist ins Gesicht. »Gott ist groß!« rief der Pascha. »Wir werden sehen.« Auf das wohlbekannte Signal trat der Henker ein, faßte die wenigen grauen Haare auf dem Kopfe der Alten, erhob seinen Scimetar und harrte des Nickens, welchem der verhängnißvolle Schlag folgen sollte. »Laß zuschlagen, Pascha, laß zuschlagen!« rief die Alte verächtlich. »Ich verliere nur ein Leben, dessen ich langst müde bin; Du aber kömmst um eine wunderbare Geschichte, an der Dir so viel gelegen ist. Laß zuschlagen – zum letzten Male sage ich: ›es hat eine Zeit gegeben.‹ Möge denn jetzt die Zeit mit mir ein Ende machen.« »Das ist wahr, Mustapha,« bemerkte der Pascha. »Ich vergesse die Geschichte. Was das für ein starrsinniger alter Teufel ist. Aber ich muß die Geschichte hören.« »Wenn es Eurer schrankenlosen Weisheit gutdünkt,« sagte Mustapha in gedämpfter Stimme, »dürfte es nicht besser seyn, dieser habsüchtigen alten Hexe die verlangten zwanzig Goldstücke auszubezahlen? Ist ihre Geschichte zu Ende, so wird es leicht seyn, das Geld wieder von ihr zu nehmen und ihr zugleich den Kopf von den Schultern zu holen. So werden die Forderungen des alten Weibes und die der Gerechtigkeit zufrieden gestellt. »Wallah thaib! das ist wohl gesprochen, bei Allah! Deine Worte sind wie Perlen. Zahle das Geld aus, Mustapha.« »Es hat Sr. Hoheit dem Pascha, in Rücksicht auf die Furcht und das Zittern, womit du vor ihm erschienst, gefallen, die Summe, welche du verlangst, Dir auszahlen zu lassen,« sagte Mustapha, die Börse aus seinem Gürtel ziehend. »Murakhas, Du bist entlassen,« fuhr er gegen den Scharfrichter fort, welcher dem Befehle gehorsam, die Alte los ließ und verschwand. Mustapha zählte zwanzig Goldstücke auf und schob sie der Alten hin, welche nach einigem Zögern, als erwarte sie, daß man ihr das Geld bringen solle, aufstand und es in Besitz nahm. Sie zählte es ab und gab ein Stück, welches zu leicht war, wieder zurück. Mustapha wechselte es mit einer Grimasse gegen ein anderes um, ohne sich übrigens eine Bemerkung zu erlauben. »Bei dem Wort des Propheten!« murmelte der Pascha. »Aber schon gut.« Die Alte nahm einen schmutzigen Lappen heraus, wickelte die Goldstücke ein, steckte sie in die Tasche, strich ihre schmutzigen Kleider glatt und begann dann wie folgt: –   »Pascha, ich habe nicht immer in einer so ärmlichen Hütte gelebt. Diese Augen waren nicht immer triefend und trübe, und meine Haut war vordem glatt und weiß. Nicht immer war ich mit diesem schmutzigen Lappen bedeckt, – nicht immer sehnte ich mich oder verlangte nach dem Golde, das Du mir eben gegeben hast. Ich lebte in Palästen und habe dort geherrscht. Ich kleidete mich in Gold und war mit Juwelen bedeckt. Ich habe über Leben und Tod verfügt, – habe Provinzen weggegeben, – Paschas zitterten vor meinem Stirnerunzeln, – erhielten auf meinen Befehl die seidene Schnur – denn es gab eine Zeit, in welcher ich die Favoritin des Großsultans war. Ja, es war eine Zeit.« »Das muß aber schon lange her seyn,« bemerkte der Pascha. »Freilich, versetzte die Alte. Doch ich will jetzt die Erzählung meiner Abenteuer beginnen.« Geschichte des alten Weibes. Ich wurde in Georgien geboren, dessen Frauen man für die schönsten in der Welt hält, das einzige Cirkassien ausgenommen; meiner Ansicht nach sind übrigens die Cirkassischen Weiber viel zu groß, um mit uns in die Schranken treten zu können, und es steht mir hierin wohl ein Urtheil zu, da ich Gelegenheit gehabt habe, viele Hunderte der Schönsten aus beiden Ländern zu vergleichen. Meine Eltern waren zwar nicht reich, aber doch in gemächlichen Umständen; denn mein Vater stand als Janitschar in des Sultans unmittelbarem Dienst und kehrte, nachdem er sich einiges Vermögen erworben hatte, nach seiner Heimath zurück, wo er einiges Land ankaufte und heirathete. Ich hatte nur einen einzigen Bruder, der drei Jahre älter war, als ich, und unter die schönsten Jünglinge des Landes gehörte. Nur war sein Hals ein wenig verstellt durch ein scharlachrothes Mal in der Gestalt einer Traube, welches die Nationaltracht nicht zu verbergen gestattete. Mein Vater wollte haben, daß er dem Sultan diene, und brachte ihm eine vollständige Kenntniß sämmtlicher kriegerischen Uebungen bei. Schon in seinem vierzehnten Jahre konnten nur Wenige im Gebrauche des Bogens und im Werfen des Dschirid mit ihm wetteifern und er verstand sich vortrefflich darauf, ein Roß zu tummeln. Was mich betraf, so wußte ich wohl, daß mir das Serail des Sultans in Aussicht stand, denn ich war als Kind so schön wie eine Houri. Mein Vater war ein Mann, der kein Bedenken trug, sich für Geld von seinen Kindern zu trennen, wenn er nur einen schönen Preis für sie erlösete. Man hielt mich, – und ich glaube mit Recht, – für das schönste Mädchen im Lande, und meine Eltern trugen Sorge, meinen Teint und mein Aeußeres nicht durch Haus- oder Feldarbeit zu beschädigen. Ich durfte meiner Mutter keine Beihülfe leisten, da letztere im Gegentheil, dem väterlichen Befehle gemäß, mich bedienen mußte. Man sah mir jede Grille nach und ich wuchs so eigensinnig und launenhaft auf, als ich schön war. Lächle nicht, Pascha, – es hat eine Zeit gegeben. Eines Tages, – ich war ungefähr vierzehn Jahre alt, – saß ich unter der Hausthüre, als plötzlich ein großer Hauf türkischer Reiter aus dem nahe gelegenen Walde hervorbrach und unser Haus umringte. Sie kamen augenscheinlich um meinetwillen, denn sie nannten meinen Namen und drohten das Haus niederzubrennen, wenn ich ihnen nicht augenblicklich ausgeliefert werde. Unsere Wohnung, die an der Grenze des Landes lag, war zur Verteidigung ausgerüstet und mein Vater, der sich auf den Beistand seiner Nachbarn verließ, weigerte sich, auf ihre Bedingungen einzugehen. Es kam nun zum Angriff; mein Vater, meine Mutter und der ganze Haushalt wurden ermordet, mein Bruder schwer verwundet, das Haus aber geplündert und bis auf die äußern Mauern niedergebrannt. Natürlich geriethen mein Bruder und ich in Gefangenschaft. Trotz seiner Wunden wurde er auf das eine, ich auf das andere Pferd gebunden, und in wenigen Stunden hatte der Trupp die Grenze wieder gewonnen. Ein junger, engelschöner Mann war der Führer der Bande, und ich bemerkte bald, daß er seine Aufmerksamkeit und alle seine Gedanken mir zuwandte. Er bewachte mich, wenn wir Halt machten, mit der größten Angelegentlichkeit, sorgte für meine Bedürfnisse, und hielt sich stets in meiner Nähe. Aus dem Gespräch der Soldaten entnahm ich, daß er der einzige Sohn des Großveziers in Stambul war. Er hatte von meiner Schönheit gehört, mich gesehen und meinem Vater eine große Summe angeboten; dieser aber weigerte sich, weil sein Ehrgeiz darnach trachtete, mich in dem Harem des Sultans unterzubringen, und die Folge davon war, daß ich mit Gewalt entfernt wurde. Ich hätte den schönen Jüngling lieben können, obschon er meinen Vater und meine Mutter ermordet hatte; aber der Umstand, daß er mich mit Gewalt in seine Hände gebracht, stählte mein Herz, und ich gelobte, nie auf seine Bewerbungen zu hören, obschon ich so vollständig in seiner Macht war. Die ganze Zeit über, während welcher ich mich in seinen Händen befand, sprach ich nie ein Wort, denn es war mir der Gedanke gekommen, mich stumm zu stellen. Nach drei Wochen langten wir zu Constantinopel an. Seit ich meine Heimath verlassen, hatte ich meinen Bruder nie wieder zu Gesicht bekommen; seine Wunde war zu bedeutend, als daß er mit gleicher Geschwindigkeit die Reise hätte fortsetzen können, und ich erfuhr erst Jahre nachher, was aus ihm geworden war. Ich wurde nach Osman Alis Harem genommen und durfte daselbst einige Tage von der Anstrengung der Reise ausruhen; dann aber erhielt ich, weil ich noch immer nur ein Kind war, die Weisung, Musik, Tanzen, Singen und alle anderen Fertigkeiten zu erlernen, welche man bei den Damen im Harem für nöthig hält. Aber ich beharrte bei meinem Entschlusse. Man versuchte es auf alle Weise, mich zum Sprechen zu bringen, aber vergeblich. Sogar Schlage, Kneipen und andere Mittel wurden in Anwendung gebracht, ohne daß ich mich in meinem Vorhaben irren ließ. Endlich kam man auf die Vermuthung, ich müsse entweder stumm geboren worden seyn, oder durch den Schreck über den Angriff und über die Ermordung meiner Familie die Sprache verloren haben. Im Laufe von achtzehn Monaten, die ich in Osmar Alis Harem zubrachte, hatte ich auch nicht eine Sylbe gesprochen.   »Maschallah! das ist gewiß wunderbar!« rief der Pascha »Ein Weib, das achtzehn Monate lang ihre Zunge im Zaume hält! Wer glaubt wohl dieß?« »Durchaus nicht wunderbar,« versetzte die Alte. »Man braucht nur daran zu denken, daß man von ihr verlangte, sie solle sprechen.«   Einmal, aber nur ein einzigesmal wurde ich beinahe in meinem Entschluß wankend. Zwei der ersten Favoritinnen unterhielten sich in meinem Beiseyn. »Ich kann mir nicht denken,« sagte die Eine, »was Ali an dieser kleinen Hexe sieht, daß er so in sie vernarrt ist. Sie ist sehr häßlich, – sieh nur ihren großen Mund und ihre gelben Zähne – auch haben ihre Augen nicht nur keinen Ausdruck, sondern schielen sogar. Ihre eine Schulter ist höher als die andere und das Schlimmste von Allem besteht darin, daß man sie, weil sie stumm ist, nichts lehren kann, als tanzen, wobei ihr garstiger breiter Fuß nur um so mehr ins Auge fällt.« »Das ist Alles wahr,« versetzte die Andere. »Wenn ich Ali wäre, so würde ich sie als gemeine Sklavin verwenden. Sie taugt zu nichts als zum Aufrollen und Ausklopfen der Teppiche, zum Kochen des Reises und zur Zubereitung unseres Kaffees. Ein bischen Pantoffel auf ihren Mund würde sie bald zum Verstande bringen.« Ich muß gestehen, daß ich nahe daran war, meinen Entschluß zu brechen, um mich rächen zu können, und wäre nicht plötzlich die Thüre aufgegangen, so würde ich ihnen bewiesen haben, daß ich sehr sachgemäß sprechen konnte; denn ich würde nicht aufgehört haben, bis man beide in Säcke genäht und in den Bosporus geworfen hätte. Aber ich that mir Zwang an, obschon meine Wangen von Wuth glühten und legte mehr als einmal die Hand an meinen mit Juwelen besetzten Dolch. Osman Ali besuchte mich oft und bot Alles auf, um mich zum Sprechen zu bringen; ich drückte jedoch stets meinen Schmerz oder meine Freude nur durch einen harten Kehlton aus. Nachdem er sich endlich überzeugt hatte, daß ich stumm sey, tauschte er mich bei einem Sklavenhändler gegen ein schönes Cirkassiermädchen aus. Meines vermeintlichen Gebrechens that er keine Erwähnung, indem er nur meine allzu große Jugend und meine mangelhafte Unterweisung als Grund angab, warum er sich meiner entäußerte. Sobald der Handel geschlossen war und der Kaufmann das Geld, welches Ali aufgeben mußte, eingestrichen hatte, wurde ich meines Anzugs und Schmuckes beraubt und in eine Sänfte gebracht, um nach dem Hause des Sklavenhändlers getragen zu werden. Du kannst Dir denken, Pascha, daß ich nach anderthalb Jahren des Schweigens ein wenig müde war – –«   »Bei dem Barte des Propheten, wir glauben Dir in diesem Punkte aufs Wort, gute Frau. Du magst fortfahren.« »Ja, ja, ich kann fortfahren. Du meinst, Weiber haben keine Entschlossenheit und keine Seelen – na, sey es drum – und was ihr bei eurem eigenen Geschlechte mir dem Namen Ausdauer beehrt, nennt ihr bei dem unsrigen Starrsinn. Sey es drum – es hat eine Zeit gegeben.«   Ich war kaum in der Sänfte, als ich meiner Zunge den Zügel ließ und den Weibern, welche mich nach der Thüre des Harems führen sollten, zurief: »Sagt Osman Ali, daß ich meine Sprache gefunden habe, nun ich nicht länger seine Sklavin sey.« Dann schloß ich die Vorhänge und wurde fortgetragen. Sobald ich im Hause meines Käufers angelangt war, theilte ich ihm mit, was vorgefallen war und warum mich Ali weggegeben habe. Der Kaufmann war höchlich erstaunt, einen so guten Handel gemacht zu haben, und lachte herzlich über meine Erzählung. Er theilte mir mit, daß er mich für das Serail des Sultans bestimmt habe, schmeichelte mir mit der Erklärung, daß ich gewiß die Favoritin werden würde, und rieth mir, den Unterricht der Lehrer, die er mir besorgen wolle, bestens zu benützen. Osman Ali hatte inzwischen von den Weibern gehört, was ich ihm sagen ließ, und kam in großem Zorn zu dem Sklavenhändler, um mich wieder an sich zu bringen; dieser aber entgegnete ihm, daß mich der Kislar Aga des Sultans bereits gesehen und Befehl ertheilt habe, mich für das kaiserliche Serail aufzubewahren. Durch diese Unwahrheit schirmte er sich nicht nur gegen Ali's Zudringlichkeit, sondern auch gegen dessen Rache. Ich befolgte den Rath meines Herrn und hatte nach wenig mehr als einem Jahr große Fortschritte in der Musik und in den meisten anderen Fertigkeiten gemacht. Ich lernte auch Schreiben und Lesen, desgleichen die meisten Verse von Hafis und anderen berühmten Dichtern deklamiren. In meinem siebenzehnten Jahre wurde ich dem Kislar Aga als ein Wunder von Schönheit und Talent angeboten. Der Kislar Aga kam, um mich zu sehen, und war erstaunt; er begriff mit einemmale, daß ich sogleich die erste Favoritin werden würde, ließ mich singen und spielen und fragte dann nach meinem Preise, der zu einer ungeheuren Summe namhaft gemacht wurde. Er erstattete dem Sultan Bericht über mich, mit dem Bemerken, daß er nie eine solche Vollkommenheit gesehen habe, erklärte ihm aber zugleich, daß der Sklavenhändler eine maßlose Forderung stelle. Der Sultan, der in der letzten Zeit wenig Interesse für die Angehörigen seines Harems gefühlt hatte und sich nach etwas Neuem sehnte, befahl, daß die Summe bezahlt werden solle, und ich wurde in einer königlichen Sänfte nach dem Serail gebracht. Ich gestehe, daß ich mich sehr darnach gesehnt hatte, von dem Sultan gekauft zu werden. Mein Stolz empörte sich gegen den Gedanken, eine Sklavin zu seyn, und wenn es einmal nicht anders möglich war, so wünschte ich, als solche wenigstens dem Sultan anzugehören. Ich schmeichelte mir mit dem Gedanken, daß ich ihn bald zur Unterwerfung bringen werde, und daß die Sklavin herrschen dürfte über den Gebieter, dessen Händen Leben und Tod, Ehre und Schande von Millionen anheim gegeben waren. Ich entwarf mir einen Plan über mein Benehmen, und die Dichter, die ich gelesen hatte, gingen mir dabei nur zu gut an die Hand. Ueberzeugt, daß um der Neuheit willen ein wenig Eigensinn den Mann am ehesten bezaubern könne, der an stummen und leidenden Gehorsam gewöhnt war, legte ich meinem natürlichen Temperament keine Zügel an. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft theilte mir der Kislar Aga mit, daß mir der Sultan die Ehre eines Besuches zugedacht habe und deshalb der Anzug und die Bäder bereit seyen. Ich versetzte, daß ich mich erst am Morgen gebadet habe und deshalb nicht Lust habe, ein zweites zu nehmen; was den Anzug und die Juwelen betreffe, so bedürfe ich derselben nicht, und wenn mein Herr, der Sultan, kommen wolle, so sey ich bereit, ihn zu empfangen. Erstaunt über meine Anmaßung riß der Kislar Aga seine Augen weit auf, wagte es aber nicht, gegen Diejenige Gewalt zu brauchen, welche seiner Ansicht nach wahrscheinlich die Favoritin werden mußte; er kehrte daher zu dem Sultan zurück und meldete ihm, was vorgefallen war. Wie ich erwartet hatte, fühlte sich der Sultan mehr über die Neuheit belustigt, als durch den Mangel an Achtung verletzt. »Sey es drum,« versetzte er; »diese Georgierin muß eine gute Meinung von ihren Reizen haben.« Am Abend erschien der Sultan, und ich warf mich zu seinen Füßen nieder, da ich nicht gleich von vornherein zu weit zu gehen wünschte. Er hub mich auf und war augenscheinlich hoch entzückt. »Du hast Recht, Zara,« sagte er. »Kein Kleiderputz, keine Kleinodien hätten den Reiz Deiner Schönheit erhöhen können.« »Verzeih mir, o gnädigster Gebieter,« versetzte ich, »aber wenn Dir Deine Sklavin gefallen soll, so möge es allein durch ihre natürlichen Reize geschehen. Soll ich die Ehre haben, mich der Fortdauer Deiner Gunst zu erfreuen, so will ich mich mit dem Geschmeide zieren, welches die Erkorene ihres Herrn schmücken muß; aber als Bewerberin um Deine Huld habe ich es verworfen – denn wer weiß, ob ich nach einigen Tagen nicht schon verlassen bin wegen eines Geschöpfes, das Deiner Gunst würdiger ist.« Der Sultan war über meine Entschuldigung entzückt, und auch ich fand großen Wohlgefallen an ihm. Er war damals ungefähr vierzig Jahre alt, sehr schön und wohl gebaut; aber dennoch bereitete es mir noch mehr Freude, zu finden, daß ihn meine Unterhaltung fesselte, denn er blieb viele Stunden länger bei mir, als er gewöhnlich im Frauengemache zu verweilen pflegte. Ich versprach mir daraus einen Einfluß, der vielleicht die persönlichen Reize überlebte. Um mich jedoch über die Sache nicht allzu weitläufig auszulassen, will ich blos angeben, daß der Sultan bald blos noch an mich dachte. Nicht nur meine persönlichen Eigenschaften, sondern auch meine beharrliche Veränderlichkeit, welche natürlich zu seyn schien, aber gewöhnlich vor seinen Besuchen aufs Sorgfältigste überlegt war, gewannen ihn so für mich, daß seine Leidenschaft – ja ich darf sagen, seine Liebe zu mir nicht nur nicht schwächer wurde, sondern sogar mit jedem Tage zunahm.   »Na, 's ist möglich , daß Alles dies wahr ist,« bemerkte der Pascha, die häßliche, runzelige Alte ansehend. »Was sagst Du, Mustapha?« »O Pascha, wir kennen ihre Geschichte noch nicht. Wie ich von meinem Vater hörte, war die Mutter Deiner Sklavin einmal sehr schön. Sie ist noch in unserem Harem – und pah –« sagte Mustapha, indem er wie im Abscheu ausspie. »Recht, guter Vezier – recht – erinnere Dich, Pascha, was ich gesagt habe. Die Zeit ist gewesen.« Der Pascha nickte und die Alte fuhr fort.   Nachdem ich einmal der Zuneigung des Sultans gewiß war, gab ich mich größeren Freiheiten hin – nicht mit ihm, sondern mit Andern; denn ich wußte, daß er über meine Possen lachte, wenn ich sie an Untergeordneten spielte, einen Achtungsmangel gegen ihn aber nicht so leicht nahm. So wurden denn die übrigen Angehörigen des Harems die Zielpunkte meiner Laune. Weit entfernt, den Sultan abzuhalten, daß er die übrigen Frauen des Harems beachtete, empfahl ich ihm sogar dieselben und lud sie oft nach meinen Gemächern ein, wenn er mich zu besuchen wünschte und ich lieber allein gewesen wäre. In der Regel wußte ich einen kleinen Streit herbeizuführen, der oft einen ganzen Monat währte und nur dazu beitrug, seine Leidenschaft zu erneuern. Kurz, der Sultan wurde, wie ich beabsichtigt hatte, so bethört, daß er ganz mein Sklave war; zugleich aber fühlte ich eine glühende Zuneigung zu ihm. Meine Macht war allbekannt. Ich erhielt unzählige Geschenke von Denen, die sich meine Dienstleistungen erbaten, behielt sie aber nie, sondern verehrte sie dem Sultan als Erwiederung der Präsente, die er mir so häufig zu schicken pflegte. Meine Gleichgültigkeit gegen das, auf was die Weiber in der Regel so sehr erpicht sind, erhöhete seine Achtung.   »Beim heiligen Propheten, aber Du scheinst jetzt scharf genug auf das Gold versessen zu seyn,« bemerkte der Pascha. »Es ist eine Zeit gewesen,« versetzte die Alte. »Ich spreche nicht von der Gegenwart. Zwei Jahre führte ich ein glückliches Leben; aber so sehnlich der Sultan mit mir wünschte, daß ich ihm einen Erben möchte geben können, blieb mir doch eine solche Wonne versagt, und dieser Umstand wurde endlich die Ursache meines Verderbens. Die Königin Mutter und der Kislar Aga, die ich beide beleidigt hatte, waren unermüdlich in ihren Versuchen, meine Macht zu untergraben, und ich darf wohl sagen, daß das ganze Weltall durchspäht wurde, um für das Serail einen Gegenstand aufzufinden, dessen Neuheit und Reiz den Sultan meinen Armen entführen könnte. Statt jedoch Gegenränke zu schmieden, wie mir leicht möglich gewesen wäre, machten mir ihre vergeblichen Bemühungen nur Spaß. Hätte ich den Wollenkopf des Einen gefordert und die Andere vergiftet, so würde ich klug gehandelt haben – daß ich es nicht gethan, bereue ich noch in dieser Stunde. Ich war eine Thörin und die Sache ist nicht zu ändern – aber es hat eine Zeit gegeben. Wie bei den meisten Männern bestand die herrschende Leidenschaft des Sultans in der Eitelkeit – eine Krankheit, welche sich in tausend verschiedenen Gestalten zeigte. Er war eigenthümlich stolz auf sein Aeußeres, und zwar nicht ohne Grund; denn er war ohne Mangel, eine kleine Ausnahme, die ich entdeckt hatte, abgerechnet: er besaß nämlich ein Mal von der Größe eines Taubeneis unter dem linken Arme. Ich hatte nie dergleichen gethan, als ob ich diesen Mangel entdeckt hätte; aber es ereignete sich ein Vorfall, der mich ärgerte, und ich vergaß meine Klugheit. Der Kislar Aga hatte endlich eine Cirkassierin aufgefunden, die, wie er glaubte, für seine Pläne paßte. Sie war schön und ich hatte bereits seit mehr als zwei Jahren die Aufmerksamkeit des Sultans fast ausschließlich in Anspruch genommen. Die Männer sind wankelmüthig, und ich erwartete nichts Anderes. Ich wünschte nur die Herrschaft über seinen Geist und kümmerte mich wenig um seine Schäckereien mit andern Weibern. Ich hoffte, er werde wie der zahme Vogel, der aus seinem Käfig fliegt und eine kurze Zeit ausbleibt, bald wieder nach dem gewohnten Plätzchen zurückkehren, und quälte ihn daher nie mit Thränen oder Vorwürfen, sondern suchte ihn mit Lächeln und guter Laune zu gewinnen. Ich sah voraus, das neue Gesicht werde ihn für eine kurze Zeit in Anspruch nehmen, und vierzehn Tage lang ließ er sich in meinem Zimmer nicht wieder blicken. Er war nie so lang fort geblieben, und ich wurde etwas unruhig. Eines Morgens besuchte er mich und ich bat ihn, bei mir zu Nacht zu speisen. Er sagte zu und ich lud drei oder vier der schönsten Frauen im Serail, darunter auch die Dame seiner neuen Neigung, zum Mahle ein. Ich hielt diesen Schritt für klug, um ihm damit zu beweisen, daß ich durchaus nicht mißvergnügt sey, und hoffte, die Cirkassierin dürfte in den Schatten zu stehen kommen, wenn sie sich neben anderen von gleicher Schönheit befand, die durch die Vernachlässigung wieder Neuheit gewinnen konnten. Die Cirkassierin war unzweifelhaft sehr schön, konnte aber doch, ohne Eitelkeit gesprochen, keineswegs mit mir verglichen werden. Sie hatte hoffentlich nichts weiter als den Vortheil der Neuheit; indeß fühlte ich wohl, welch' eine gefährliche Nebenbuhlerin sie für mich werden konnte, wenn ihr Verstand und ihre Talente ihren persönlichen Reizen entsprachen. Der Sultan kam, und ich gab mir alle Mühe, ihm zu gefallen, wurde aber zu meinem großen Verdrusse ganz vernachlässigt. Alle seine Aufmerksamkeiten galten nur meiner Nebenbuhlerin, welche ihre Rolle bewunderungswürdig spielte und ihm jene tiefe Achtung und jene kriechende Schmeichelei zollte, die ich ihm versagt hatte und die er deshalb wahrscheinlich um der Neuheit willen höher anschlug. Endlich behandelte er mich so auffallend kränkend, daß ich meinen Gleichmuth verlor und den Entschluß faßte, den Sultan zu ärgern. Ich bot ihm einen kleinen Apfel hin. »Will mein Gebieter diesen Apfel von der Hand seiner Sklavin annehmen? Ist er nicht merkwürdig von Gestalt? Er erinnert mich an das Mal unter Eurer Majestät linkem Arme.« Das Gesicht des Sultans röthete sich vor Zorn. »Ja, fuhr ich lachend fort, »es ist so, und Ihr wißt es wohl.« »Stille, Zara!« rief der Sultan im festen Tone. »Was, warum soll ich stille seyn, mein Gebieter? Habe ich nicht die Wahrheit gesprochen?« »Falsches Weib, nimm zurück, was du lügnerisch behauptet hast.« »Sultan, ich stehe der Wahrheit nicht ab, obschon ich schweigen will, wenn Ihr mir es gebietet.« »Eure Sklavin ist mit der Aufmerksamkeit ihres hohen Herrn beehrt worden und erklärt die Behauptung für eine Schmähung,« bemerkte meine Nebenbuhlerin. »Schweig, Elende! Du hast Dich dieser Ehre unwürdig bewiesen durch Deine lügenhafte Zunge.« »Und ich verlange von Dir, Zara, daß Du Deiner Zunge die Zügel anlegst, oder Du sollst meinen Unwillen fühlen.« Aber ich war nun zu aufgebracht und erwiederte: »Mein Gebieter, Ihr wißt wohl, daß ich einmal meine Zunge achtzehn Monate lang im Zaume hielt, und daß ich wohl schweigen kann, wenn ich will; aber ich kann auch sprechen, wenn ich will, und eben jetzt habe ich Lust dazu. Was ich gesagt habe, dabei bleibt es, und ich werde mein Wort nicht zurücknehmen.« Der Sultan wurde ganz weiß vor Wuth. Mein Leben hing an einem Faden, und die Cirkassierin bemerkte jetzt boshaft: »Die Bastonade könnte sie vielleicht zum Widerruf veranlassen.« »Ja, wir wollen dieß versuchen,« rief der Sultan und klatschte in seine Hände. Dem Winke des Sultans gehorsam erschien der Kislar Aga. Der Nachrichter des Harems und zwei Sklaven streckten mich auf den Boden aus, ohne daß ich Widerstand oder Beschwerde erhoben hätte. Die juwelenbesetzten Pantoffel wurden mir abgenommen und Alles war bereit für die schmachvolle Züchtigung. »Willst Du widerrufen, Zara?« fragte der Sultan feierlich. »Nein, mein Gebieter, ich will nicht. Ich wiederhole, daß Du ein Mal unter Deinem linken Arm hast.« »Schlagt zu,« rief der Sultan in einem Wuthanfalle. Der Bambus fiel und ich erhielt Dutzend Hiebe, welche ich ohne Schrei ertrug, da mich meine Gefühle fast erstickten. »Ich frage Dich nochmal, Zara, ob Du widerrufen willst«, fragte der Sultan in gedämpftem Tone. »Nimmermehr, Sultan; ich will Euch beweisen, daß ein Weib mehr Muth hat, als Ihr Euch vorstellen könnt; und wenn ich unter der Züchtigung sterbe, so soll meine Nebenbuhlerin nicht einmal die Freude haben, mich stöhnen zu hören. Ihr fordert mich zum Widerruf auf, aber ich werde nicht von der Wahrheit abgehen. Ihr habt ein Mal unter Eurem linken Arme und wißt dies wohl; auch kann es dem schnöden Schmarotzerthierchen an Eurer Seite nicht unbekannt seyn.« Ich war vor Schmerz fast ohnmächtig und meine schwache Stimme zitterte. »Macht fort!« rief der Sultan. Nachdem ich dreißig Schläge erhalten hatte, verlor ich die Besinnung, und der Sultan befahl nun den Sklaven, der Züchtigung Einhalt zu thun. »Ich hoffe, Zara, Du bist jetzt für Deinen Ungehorsam hinlänglich gestraft,« sagte er. Aber ich hörte ihn nicht, und als der Sultan bemerkte, daß ich ihm nicht antwortete, so sah er mich an und sein Herz schmolz in Mitleid. Er fühlte, wie willkührlich und grausam er gehandelt hatte. Die Cirkassierin näherte sich ihm; er befahl ihr aber mit einer Donnerstimme, sich zu entfernen, ließ mich durch die andere Frauen losbinden, legte mich auf das Sopha und sorgte dafür, daß belebende Mittel in Anwendung gebracht wurden. Als ich wieder zur Besinnung kam, war ich mit dem Sultan allein. »O Zara,« sagte er und die Thränen standen ihm im Auge – »warum hast du mich so gereizt – warum warst Du so starrsinnig?« »Mein Gebieter,« antwortete ich mit schwacher Stimme, »verlaßt Eure Sklavin und geht zu denen, welche ihre Zungen zur Lüge bereden konnten. Ich habe Euch nie getäuscht, obschon ich mir vielleicht öfters Euer Mißfallen zuzog. Ich liebte Euch mit Treue und Wahrheit, und nun Ihr mit Augen angesehen habt, wessen ich fähig bin, ehe ich mir eine Lüge zu Schulden kommen lasse, solltet Ihr mir Glauben schenken. Nehmt mein Leben, mein Gebieter, und ich will Euch segnen, denn ich habe Euch und mit Euch mehr als mein Leben verloren.« »Nicht doch, Zara« versetzte der Sultan, »ich liebe Dich inniger als je.« »Es freut mich, dies aus Eurem Munde zu hören, mein Gebieter, obgleich es jetzt nicht mehr nützt. Ich bin nicht länger die Eure und will es nie wieder seyn. Ich passe nicht mehr für Euch – meine Person ist beschimpft worden durch die Berührung der äthiopischen Sklaven – sie wurde befleckt durch die Hand des Henkers und herabgewürdigt durch eine Züchtigung, welche nur über gemeine Verbrecher verhängt werden sollte. Thut mir als letzten Beweis Eurer Liebe den Gefallen, mir ein Leben zu nehmen, das mir zur Last geworden ist.« So despotisch der Sultan auch sonst war, fühlte er sich doch tief ergriffen; er ärgerte sich, seiner bösen Laune nachgegeben zu haben, und seine leidenschaftliche Liebe für mich war zurückgekehrt. Unter Thränen mich um Verzeihung bittend, küßte er meine geschwollenen Füße und demüthigte sich so weit, daß mein Herz weich wurde, denn ich liebte ihn noch immer innig. »Zara,« rief er endlich, »willst Du mir nicht vergeben?« »Wann, mein Gebieter, habe ich mich je eifersüchtig erwiesen? Die wahre Liebe ist über die Eifersucht erhaben. Habe ich nicht, obschon ich in der letzten Zeit vernachlässigt wurde, erst diesen Abend Eure neue Favorite hierher gebeten, um Euch dadurch ein Vergnügen zu machen? Zur Belohnung wurde ich gröblich durch Geringschätzung und studirte Aufmerksamkeit gegen sie beschimpft. Ich war ärgerlich und rächte mich – denn ich bin nur ein Weib. Es war freilich nicht recht von mir, aber da ich einmal die Wahrheit gesagt hatte, so war es meine Pflicht, die Behauptung nicht zurück zu nehmen. Ihr habt mich herabgewürdigt – mich Euer unwerth gemacht, und nun dies geschehen ist, bittet Ihr mich, Euch zu vergeben.« »Ich flehe noch einmal darum, meine theure Zara!« »Hier sind meine Kleinodien, mein Gebieter. Ich habe kein anderes Eigenthum, als das, was ich von Euch erhielt und was ich als Euer Geschenk werth schätzte. Euer Schatzmeister weiß dies wohl. Nehmt diese Juwelen, mein Gebieter und gebt sie ihr; sie wird dadurch nur noch schöner werden in Euren Augen, und für mich sind sie jetzt doch werthlos. Geht zu ihr, und in wenigen Tagen werdet Ihr vergessen haben, daß es je eine Person gab, wie die unglückliche, die herabgewürdigte, die beschimpfte Zara.« Und ich brach in Thränen aus, denn trotz der erlittenen übeln Behandlung fühlte ich mich doch elend bei dem Gedanken, mich von ihm zu trennen. Ach was vergibt nicht ein Weib dem Manne, der ihre Gunst und ihre Liebe gewonnen hat! »Was kann ich thun, um Dir meine Reue zu beweisen?« rief der Sultan. »Sprich Zara. Ich habe Dich um Verzeihung gebeten – was forderst Du weiter von mir?« »So möge mein Herr alle Spuren und die Erinnerung an meine Schande vertilgen. Wurde ich nicht durch zwei elende Sklaven geschlagen, welche den Vorgang durch die Stadt ausplaudern werden? Hat mich nicht der Henker niedergehalten? Denkt Euch diese Arme, die sich nur um den Herrn der Welt und nie um Jemand anders gewunden hatten, von seinen Fäusten verunreinigt.« Der Sultan schlug die Hände zusammen und der Kislar Aga erschien. »Hurtig,« rief er, »die Köpfe des Henkers und der Sklaven, welche die Züchtigung vollzogen.« Nach einigen Minuten erschien der Kislar Aga wieder; er bemerkte, wie die Sachen standen, und zitterte für sein eigenes Leben. Nachdem er die drei Köpfe nach einander erhoben, warf er sie in den Sack mit Sägmehl zurück, in welchem er sie gebracht hatte. »Bist Du jetzt zufrieden Zara?« »Für mich selbst wohl, aber nicht für Euch. Wer hat Euch überredet, Eure Würde zu vergessen und Euch selbst zu erniedrigen, indem Ihr den Einflüsterungen der Bosheit nachgabt? Wer hat zu der Bastonade gerathen? Als Weib bin ich zu stolz, um auf sie eifersüchtig zu seyn, aber als eine Person, die Eure Ehre und Euern Ruf werth schätzt, kann ich nicht gestatten, daß Ihr eine so gefährliche Rathgeberin beibehaltet. Eure Jungfrauen, Eure Omras, Eure Fürsten werden alle ihrer Gnade preis gegeben seyn, und sie ist im Stande, durch Benutzung ihrer Gewalt Euren Thron umzustürzen.« Der Sultan zögerte. »Sultan, Ihr habt nur zwischen zwei Dingen zu wählen; wenn sie morgen Früh noch am Leben ist, findet Ihr mich getödtet von eigener Hand. Ihr wißt, daß ich nie lüge.« Der Sultan klatschte in die Hände und der Kislar Aga erschien wieder. » Ihren Kopf,« sagte er stockend. Der Kislar Aga wartete eine Weile, um sich zu überzeugen, ob kein Widerruf nachfolgen würde, denn eine allzu schnelle Befolgung der Befehle eines Despoten ist fast eben so gefährlich, wie Zögerung. Er sah mir ins Auge und erkannte daraus, wenn ihr Kopf nicht fiele, dürfte sein eigener das Opfer seyn, weßhalb er hurtig das Gemach verließ. Nach einigen Minuten hielt er das Haupt meiner schönen Nebenbuhlerin an ihren blonden Zöpfen in die Höhe. Ich sah ihre verzerrten Züge und war zufrieden. Auf einen Wink meiner Hand entfernte sich der Kislar Aga. »Vergibst Du mir jetzt, Zara? Glaubst Du mir nun, daß ich Dich aufrichtig liebe, und habe ich Deine Verzeihung erhalten?« »Ja, mein hoher Gebieter, antwortete ich, »ich verzeihe Euch Alles Und nun – – will ich Euch gestatten, daß Ihr an meiner Seite Platz nehmt und mir meine Füße badet!« Von jenem Tage an nahm ich meine Herrschaft mit despotischerer Gewalt als je wieder auf. Ich wies seine Besuche zurück, so oft ich Lust hatte, und wenn ich vermuthete, er könnte meiner auch nur im mindesten satt seyn, so durfte er darauf zählen wenigstens vierzehn Tage lang nicht vorgelassen zu werden. Ich wurde die Vertraute seiner Geheimnisse und die Triebfeder seiner Entschließungen. Mein Scepter waltete unbeschränkt, und ich machte nie Mißbrauch davon; denn ich liebte ihn, und seine Ehre, sein Wohl waren die einzigen Leitsterne meines Benehmens.   »Doch Du wirst müde seyn, o Pascha, und da ich Dir jetzt erzählt habe, wie ich die Bastonade erlitt, so ist es Dir vielleicht genehm, morgen die Geschichte der seidenen Schnur zu hören.« »Ich glaube, die Alte hat Recht«, sagte Mustapha gähnend; »es ist schon spät. Ist es Eurer Hoheit Wille, daß sie morgen Abend wieder hieher komme?« »Ja; aber halte sie in engem Gewahrsam. Du erinnerst Dich–« »Be chesm – auf meine Augen komme es. Wachen, entfernt dieses Weib aus des Paschas erhabener Gegenwart.« »Es däucht mich fast«, sagte der Pascha zu Mustapha, »daß die Geschichte dieser Alten wahr seyn könnte. Die Schilderung des Harems ist so richtig – am einen Tag das Commando, am andern die Bastonade.« »Wer kann die Thatsache bezweifeln, durchlauchtigste Hoheit? Der Herr des Lebens verfügt, wie es ihm gut dünkt.« »Sehr wahr; er könnte mir morgen die seidene Schnur schicken.« »Allah verhüte dies!« »Das bete ich mit Dir; aber das Leben ist ungewiß, und wir stehen unter der Fügung des Geschicks. Du bist zum Beispiel heute mein Vezier, was magst Du wohl morgen seyn?« »Was Eurer Hoheit über mich zu entscheiden beliebt,« versetzte Mustapha, dem die Wendung des Gesprächs nicht recht gefallen wollte. »Bin ich nicht Euer Sklave und wie der Staub unter Euren Füßen? Muß ich mich nicht beugen unter Euren allmächtigen Willen und unter mein Geschick?« »Wohl gesprochen – und das Gleiche ist bei mir der Fall, wenn mir der Kalif, was übrigens Allah verhüten wolle, einen Kapidschi Baschi schicken soll. Es ist nur ein Gott, und Mahomed ist sein Prophet.« »Amen,« entgegnete Mustapha. »Will Eure Hoheit von dem Wasser der Giauren trinken?« »Ja, allerdings; denn was sagte der Poet? ›Wir sind heut heiter und morgen sterben wir.‹« »Min Allah; Gott verhüte es! Diese Alte hat so lange gelebt, warum sollten wir's nicht auch?« »Ich weiß nicht, aber sie hat die seidene Schnur erhalten und ist noch nicht todt. Bei uns dürfte sich's nicht so glücklich fügen.« »Sie kömmt vielleicht nie an uns, und man kann ihr auch ausweichen, o Pascha.« »Du hast Recht Mustapha, So gib mir die Flasche.« Einundzwanzigstes Kapitel. Am nächsten Abend stellte sich die Alte, ohne Schwierigkeit zu erheben, nahm ihren Sitz vor dem Pascha und fuhr folgendermaßen fort: Fortsetzung der Geschichte des alten Weibes. Ich habe am gestrigen Abend meine Erzählung bei der Periode abgebrochen, als ich eben bei dem Sultan in der höchsten Gunst stand und dessen Vertraute war. Er sprach oft mit mir von den ausgezeichneten Diensten eines jungen Seraskiers, welchen er letzter Zeit zum Kapudan Pascha ernannt hatte, damit er im Norden gegen die barbarischen Slavonier oder Russen streite. Meine Neugier erwachte, und ich hätte gerne diesen Rustam von einem Krieger sehen mögen, denn seine Thaten und seine Siege gaben dem Sultan unaufhörlich Stoff zu Lobpreisungen. Eine georgische Sklavin, die vor meiner Ankunft die Favoritin gewesen und die mir meinen Sieg über sie nie verzeihen konnte, war ihm von dem Sultan als Compliment übermacht worden – eine seltene Auszeichnung, die ihn an dem nämlichen Tage zu Theil wurde, als ich meinen Gebieter um die Erlaubniß bat, in der Halle des Divans hinter dem Schirme bleiben zu dürfen, damit ich diesen berühmten und ausgezeichneten Mann sehen könne. Er war in der That eine herrliche Gestalt mit wunderschönem Gesichte und hatte ganz das Aeußere, wie ich mir nur einen Helden denken konnte. Während ich hinter dem Schirme hervor nach ihm hin sah, wandte er eben seinen Kopf von mir ab, und ich bemerkte zu meinem Erstaunen den rothen Flecken an seinem Hals, welcher mich mit einem Male belehrte, daß ich meinen längst verlornen Bruder gefunden hatte. Entzückt über diese glückliche Wendung, zog ich mich, sobald die Audienz vorüber war, zurück, und der Sultan kam nach meinem Zimmer, wo ich ihm die gemachte Entdeckung mittheilte. Der Sultan schien sich über diese Kunde zu freuen, schickte am andern Tage nach meinem Bruder, stellte einige Fragen über seine Abkunft und sein früheres Leben an ihn, wodurch er eine Bestätigung meiner Geschichte erhielt, überlud ihn mit neuen Ehren und entließ ihn. Ich war hocherfreut in meinem wieder aufgefundenen Bruder einen Mann entdeckt zu haben, welcher der Gunst des Sultans nicht unwürdig war, und betrachtete dies für einen äußerst glücklichen Umstand; aber wie blind sind die Sterblichen! Mein Bruder war die Ursache meiner Ungnade und meiner ewigen Trennung von dem Sultan. Ich habe Dir bereits mitgetheilt, o Pascha, daß die georgische Sklavin, welche meine Vorgängerin in der Gunst des Sultans gewesen, meinem Bruder zum Geschenke gemacht worden war. Dieses Weib, welches stets gegen mich Liebe heuchelte, war in Wahrheit meine bitterste Feindin. Sie war schön, verständig und gewann bald einen schrankenlosen Einfluß über meinen Bruder; aber dennoch liebte sie ihn nicht, denn sie lebte nur für die Befriedigung eines einzigen Gefühls – der Rache an mir. Mein Bruder hatte die Truppen so oft zum Siege geführt, daß er eine unbegrenzte Gewalt über sie übte. Durch ihre Einflüsterungen und seinen eigenen Ehrgeiz, der gleich dem meinigen maßlos war, gespornt, ließ er sich endlich bewegen, gegen seinen Herrn eine Verschwörung anzuzetteln, um denselben zu entthronen und an seiner Statt zu herrschen. Seinem neuen Weibe, der Georgierin, hatte er seine Pläne vertraut. Sie beschloß nun, die Gunst des Sultans wieder zu gewinnen und auf mein Verderben hin zu arbeiten, indem sie mich zur Mitwisserin des Complottes machte und dann die angezettelte Verschwörung an den Sultan verrieth. Sie machte meinem Bruder den Vorschlag, er solle mich von seiner Absicht unterrichten, da ich ihm wahrscheinlich Beihülfe leisten werde, weil ich mich nur wenig um den Sultan kümmere, und selbst im Falle, daß ich mich ihm nicht anschlösse, könne ihn mein Einfluß gegen den Zorn des Herrschers sicher stellen. Geraume Zeit weigerte er sich, derartigen Einflüsterungen Gehör zu geben; dann aber deutete sie darauf hin, daß ich, wenn der Anschlag entdeckt werde, als seine Schwester zuverlässig in sein Geschick verflochten werden würde; auch wisse sie wohl, ich habe die an mir verübte Bastonade nie vergeben und warte nur auf eine Gelegenheit, um mich zu rächen. Auf solche Vorstellungen hin entschloß er sich endlich, mich in sein Vertrauen zu ziehen. Es war meinem Bruder gestattet worden, mich zu besuchen, und er benützte die Gelegenheit, um mir seine Entwürfe zu entdecken. Ich fuhr entsetzt auf, machte ihn auf seinen Undank, seine Thorheit aufmerksam, und bat ihn flehentlichst, sein Vorhaben aufzugeben. Da er sich von meiner treuen Anhänglichkeit an den Sultan überzeugte, so schien er sich in meine Vorstellungen zu fügen; denn er bekannte sein Unrecht und versprach mir, von seinen verrätherischen Plänen abzustehen. Ich hielt ihn für aufrichtig und vergoß Thränen der Freude und des Dankes, daß er meinen Bitten nachgegeben hatte. Wir trennten uns und ich dachte bald nicht mehr an die Sache. Aber es fiel ihm nicht ein. von seinen Entwürfen abzustehen, da er sich schon zu weit eingelassen hatte, um es noch thun zu können. Seine Maßregeln nahmen einen raschen Fortgang, und sobald Alles zur Reife gediehen war, machte die Georgerin bei dem Sultan die Anzeige, indem sie sowohl mich, als meinen Bruder als Betheiligte verklagte. Als ich eines Morgens in meinem Gemache saß und eben auf einer Platte ein Geschenk für meinen Herrn und Gebieter ordnete, wurde ich durch das plötzliche Eintreten des Kislar Aga und seiner Wachen überrascht, welche mich ohne weitere Erklärung ergriffen und nach dem Audienz-Saale führten, wo der Sultan und alle Staatsbeamten versammelt waren. Da fiel mir plötzlich ein, daß mein Bruder mich getäuscht haben könnte. Blaß vor Angst, aber gleichwohl entzückt, daß das Complott entdeckt worden war, trat ich in den Divan, wo ich meinen Bruder unter dem Gewahrsam der Palastwache erblickte. Man hatte sich im Divan seiner bemächtigt, denn seine Popularität war so groß, daß einige Minuten freier Zeit nicht nur zum Entrinnen, sondern auch zur Ausführung seiner verräterischen Pläne zugereicht haben würden. Er hatte die Arme auf der Brust gekreuzt und stand in so stolzer Haltung da, daß ich glaubte, er könne dennoch unschuldig seyn, und habe versprochenermaßen alle Gedanken an Rebellion aufgegeben. Ich wandte mich an den Sultan, der mit zornig gerunzelter Stirne die Augen auf mich heftete und also begann: »Zara, Dein Bruder ist des Hochverrats angeklagt und läugnet sein Verbrechen. Auch Du bist beschuldigt, als habest Du um seine Plane gewußt. Antworte mir, weißt Du etwas von seinen Anschlägen?« Ich wußte nicht, wie ich aus diese Frage antworten sollte, und mochte doch auch keine Lüge sagen. Allerdings war mir etwas von seinen Entwürfen bekannt; da er aber die Anklage abgeläugnet hatte, so konnte man doch nicht von mir erwarten, daß er durch den Mund seiner einzigen Schwester verurtheilt werden sollte. Vielleicht hatte er sein Versprechen gehalten und war von dem Complotte abgestanden – vielleicht konnte ihm auch nichts bewiesen werden. Meine Antwort wäre das Signal zu seinem Tode gewesen. Da ich also die verlangte Erwiederung nicht geben konnte, so sagte ich blos: »Wenn mein Bruder schuldig erfunden wird, Empörung gegen seinen Herrn im Schilde geführt zu haben, so laßt ihn des Todes sterben. Ich, mein Gebieter, habe mich nie gegen Euch verschworen oder an einer Rebellion Theil genommen.« »Antworte mir auf meine Frage, Zara. Weißt Du etwas von diesem Complotte? Ja oder nein. Sage nein, und ich werde dir Glauben schenken.« »Eure Sklavin hat nie gegen ihren Herrn complottirt,« versetzte ich. »Weiter kann ich auf Eure Frage nicht antworten.« »Dann ist es wahr – und Zara – sogar Zara ist falsch,« rief der Sultan im tiefsten Schmerze seine Hände zusammenschlagend. »O wo kann ein Mann in meiner Lage ein treues und zuverlässiges Wesen finden, wenn Zara – sogar Zara falsch ist!« »Nein, nein, mein hoher Gebieter,« rief ich in Thränen ausbrechend. »Zara ist treu – ist stets treu gewesen, und wird es immer seyn. Dieß kann ich kühn beantworten, aber beharrt nicht auf der andern Frage.« Der Sultan sah mich eine Weile an und berieth sich sodann mit den Vezieren und den Uebrigen, welche mit gekreuzten Armen um den Thron her standen. Der Großvezier ergriff nun das Wort: »Diejenigen, welche von Hochverrath Kunde haben und ihn verbergen, sind Teilnehmer des Verbrechers.« »Wahr – sehr wahr. Zara zum letztenmale frage ich Dich was weißt Du von der beabsichtigten Empörung? Treibe nicht länger Dein Spiel mit mir: eine einfache Antwort, oder – –« »Ich kann diese Frage nicht beantworten, mein Gebieter.« »Zara, so lieb Dir Dein Leben ist, rede augenblicklich,« rief der Sultan heftig. Aber ich schwieg. Noch zwei Mal ließ sich der Sultan durch seine Nachsicht und Liebe bewegen, die Frage zu wiederholen: doch ich blieb stumm. Er winkte mit der Hand, ich wurde von den Stummen ergriffen, und die seidene Schnur schlang sich um meinen Hals. Alles war bereit; sie erwarteten nur das letzte Signal, um den verhängnißvollen Knoten zusammen zu ziehen. »Noch einmal, Zara – willst Du mir antworten, oder Dein eigenes Verderben von mir ertrotzen?« »Sultan, ich will wenigstens zu Euch sprechen, ehe ich sterbe. Ich wünsche nur, Euch in meinen letzten Augenblicken meine Treue und meine Liebe zu erklären – Euch zu sagen, daß ich Euch vergebe, was Ihr Euch selbst nie verzeihen würdet, wenn Ihr die Wahrheit wüßtet. Nur noch einen Augenblick. Laßt mich diese Juwelenkette von meinem Halse nehmen, über der jetzt die seidene Schnur liegt. Ihr habt mir sie zum Geschenk gemacht, als Ihr fest überzeugt waret von meiner Anhänglichkeit und Liebe – nehmt sie zurück, Sultan, und wenn Ihr ein Wesen findet, das so wahr und treu ist, wie ich, so macht sie ihm zum Geschenke. Bis dahin aber tragt sie zu Zaras Andenken. Und nun laßt mich meinen Schleier werfen über dieses Angesicht, das stets mit Liebe und Entzücken an Euch hing. Wenn ich todt bin, mögt Ihr Euch desselben erinnern, wie es sonst zu seyn pflegte, nicht aber geschwärzt und verzerrt von den Convulsionen des Todeskampfes. Mein Herr, mein theurer geehrter Gebieter, lebt wohl!« Der Sultan war tief ergriffen; er wandte das Gesicht ab und bedeckte es mit der einen Hand, während im Uebermaß der Gefühle die andere an seiner Seite niedersank. Obgleich der Sultan dies nicht beabsichtigt hatte, wurde doch das Fallen der Hand als das Signal zu meinem Tode betrachtet. Die Stummen zogen die Schnur an, welche tief in das Fleisch meines Halses einschnitt, der einmal so weiß und glatt, wie der polirte Marmor von Patras gewesen war. Die ersten Augenblicke war der Schmerz furchtbar; meine Augen quollen aus ihren Höhlen hervor, meine Zunge drängte sich aus dem Munde, mein Gehirn schien nur eine Glut zu seyn – aber bald schwand alles Bewußtseyn.«   »Stafur Allah! Gott verzeih mir! Aber lachst Du uns nicht in die Bärte, Du alte Vogelscheuche? Was meinst Du, Mustapha?« fuhr der Pascha fort, sich an den Vezier wendend. »Sind das nicht lauter Lügen ?« »Lügen?« kreischte die Alte. »Lügen! Du sagst mir, es seyen Lügen! Nun ja – es hat eine Zeit gegeben. Pascha, nach dem was ich gelitten habe, weil ich mein ganzes Leben über die Wahrheit sagte, ist es hart, wenn ich in meinem hohen Alter der Lüge bezüchtigt werde. Aber Du sollst Dich selbst überzeugen.« Die Alte legte nun ihre Hand an die runzelige, welke Haut ihres Halses, strich sie glatt und deutete auf eine tief blaue Marke, welche wie ein Halsband herum lief. »Bist Du jetzt zufrieden?« Der Pascha nickte Mustapha zu, als ob er sich überzeugt hätte und sagte sodann: »Du magst fortfahren.« »Ja, ich will fortfahren, muß Dir aber zugleich bemerken, Pascha, wenn Du je wieder eines meiner Worte bezweifelst, so werde ich Dir Deine zwanzig Goldstücke zurückgeben und keine Sylbe mehr über meine Lippen lassen. Ich habe in meiner Jugend bewiesen, daß ich schweigen kann, und wir werden mit dem Alter nur um so hartnäckiger.« »Das ist keine Lüge,« bemerkte Mustapha. »Erzähle weiter. Alte, und wir wollen Dich nicht wieder durch Zweifel unterbrechen.«   Mein Bruder, der jede Bewegung des Sultans beobachtet hatte und entschlossen war, lieber Alles zu enthüllen, als mich leiden zu lassen, stieß, sobald er, freilich einen Augenblick zu spät, den verhängnißvollen Irrthum bemerkte, einen lauten Schrei aus und versuchte, sich von seinen Wachen loszureißen. Durch den Ruf geweckt, blickte der Sultan auf und sah, was vorgefallen war. In demselben Augenblicke stürzte er von seinem Throne herunter und kniete unter wilden Ausrufen an meiner Seite nieder. Die Stummen rissen hastig die Schnur weg, aber ich war dem Anscheine nach todt. »Ja, Sultan, Du darfst wohl rasen,« rief mein Bruder, »denn Du hast guten Grund dazu. Du hast ein Wesen zerstört, das, wie sie mit ihrem letzten Athemzuge betheuerte, stets wahr und treu gegen Dich war. Ich gestehe mein Complott ein. Ich habe ihr meine Absicht mitgetheilt, und sie meinte, es sey ihr gelungen, mich davon abzubringen, denn ich versprach ihr's bei den Dreien , meinen Plan aufzugeben. Sie ist gegen Dich und mich treu gewesen, denn sie glaubte, obschon ich angeklagt wäre, habe ich meinen Fehler durch Reue gebüßt.« Der Sultan sah finster nach meinem Bruder hin, gab aber keine Antwort. Das eine Mal umarmte er mich mit Thränen, das nächste Mal rief er Hilfe herzu. Ich wurde nach meinem Gemache gebracht, und es gelang den Aerzten endlich, mich wieder ins Leben zu rufen; aber ich war viele Tage wirr und schwindlich – ein Zustand, in welchem alle Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf mich verwendet wurde. Eines Abends fühlte ich mich hinreichend hergestellt, um sprechen zu können, und fragte daher meine Wärterin, was vorgefallen sey. Sie theilte mir mit, der Sultan habe die Stummen, welche das Signal mißverstanden, spießen lassen; die Janitscharen hätten sich erhoben und die Auslieferung meines Bruders verlangt, dessen Hinrichtung verschoben worden sey; während des Aufruhrs aber habe der Großvezier Befehl ertheilt, meinen Bruder zu enthaupten und den abgeschlagenen Kopf den rebellischen Truppen hinauszuwerfen. Diese hatten sich sodann zerstreut und waren allmählig zur Unterwerfung gebracht worden; indeß habe doch der Aufstand die Hinrichtung von einigen hundert Rädelsführern zur Folge gehabt. Ich wandte mich bei dieser Kunde ab, denn ich liebte meinen edeln, aber irre geleiteten Bruder; die Bewegung verursachte mir jedoch einen peinlichen Schmerz, welcher von der tiefen Quetschung herrührte, die die Schnur an meinem Halse zurückgelassen hatte. Am andern Morgen stand ich auf, um mich im Spiegel zu betrachten, und bemerkte nun mit einemmale die vorgegangene Veränderung. In meinem Gesichte sprach sich eine gewisse Verzerrung aus, die, wie ich dachte, nimmer vergehen konnte. Der Sultan mochte mich vielleicht achten, aber ich fühlte, daß ich nicht mehr denselben Einfluß, die frühere ungetheilte Aufmerksamkeit erwecken konnte. Mit schwerem Herzen warf ich mich auf ein Ruhebette und machte Pläne für die Zukunft. Ich überlegte, wie unsicher die Bande seyen, durch welche sich die Zuneigung eines Despoten fesseln läßt, und beschloß, sie ganz und gar zu lösen. Ich liebte ihn zwar noch, liebte ihn trotz aller seiner Grausamkeit – aber mein Entschluß stand fest. Sechs Wochen weigerte ich mich, den Sultan zu sehen, obschon er jeden Tag nach mir fragte und mir prächtige Geschenke übermachte. Nach Ablauf dieser Zeit war ich wieder genesen und von der seidenen Schnur nichts weiter zurückgeblieben, als eine leichte Hautfalte und die tiefe blaue Marke um meinen Hals, die ich Dir, o Pascha, eben erst gezeigt habe. Als der Sultan das erste Mal vor mir erschien, war er sehr ergriffen. »Zara,« sagte er traurig, »ich schwöre Dir beim heiligen Propheten, daß ich kein Signal geben wollte.« »Ich glaube Euch, mein Gebieter,« versetzte ich ruhig. »Auch lag es nicht in meiner Absicht, Deinen Bruder hinrichten zu lassen, denn ich wollte mir durch seine Begnadigung Deine Geneigtheit wieder gewinnen.« »Er war ein Verräther, mein Gebieter, ein undankbarer Verräther und verdiente den Tod. Mögen alle wie er zu Grunde gehen!« »Und nun, Zara, darf ich auf Deine Verzeihung hoffen?« »Unter einer Bedingung, Sultan. Schwört mir, daß Ihr genehmigen wollt, was ich verlange.« »Ich schwöre es bei Allah!« »Mein Wunsch ist, daß Ihr mich wieder in mein Vaterland zurückschickt.« Pascha, ich will Dich nicht allzulange mit dem behelligen, was nun vorging, und mich mit der Andeutung begnügen, daß ungeachtet der Bitten des Sultans und der Einflüsterungen meines eigenen Herzens mein Entschluß unabänderlich fest stand. Es wurden alle Vorbereitungen für meine Reise getroffen, und während dies geschah, war der Sultan unaufhörlich bei mir, um mir den Gedanken wieder auszureden. Er überhäufte mich mit kostbaren Geschenken, damit ich reich und mit Ehren in meiner Heimath wieder anlangen möge, und die Großmuth und Freigebigkeit, die er hiebei an den Tag legte, machten mich mehr als einmal in meinem Vorhaben wankend. Den Abend vor meiner Abreise kam es noch zu einem letzten Versuche, der jedoch abermals fehlschlug. Ich milderte übrigens meine Weigerung durch die Thränen, die ich vergoß, denn da nunmehr die Zeit meines Aufbruchs so nahe war, fühlte ich erst recht, wie treu und innig ich ihn geliebt hatte. Wir trennten uns. Ich warf mich auf mein Lager, und der Tag, der mich zum Beginn meiner Reise rief, fand mich noch in Thränen. Dem gewöhnlichen Landesbrauche gemäß fiel nach der Hinrichtung alles Eigenthum meines Bruders an den Sultan, der es unter seine Günstlinge auftheilte. Der neue Capudan Pascha, welcher meinem Bruder folgte, hieß Abdallah und galt für einen vortrefflichen Soldaten. Ein Theil der Habe meines Bruders ging auf ihn über, darunter auch die georgische Sklavin, welche ihn zu Grunde gerichtet und mein Glück so verhängnisvoll zerstört hatte. Um mir jede Aufmerksamkeit und Achtung zu erweisen, hatte der Sultan befohlen, daß mich Abdallah in Person mit einem auserlesenen Reiterhaufen nach meinem Lande geleiten solle. Der Zug war großartig – Schätze wurden auf Schätze, Geschenke auf Geschenke gehäuft. Zwanzig Weiber aus meinem eigenen Lande und zahlreiche Sklaven hatten mich begleiten dürfen, und die Procession glich einem Prunkzuge. Mit schmerzendem Herzen stieg ich in meine Sänfte und langte in leichten Tagreisen endlich in meinem Geburtslande an. Die Grenze wurde überschritten und Abdallah bat mich, ihm ein Zeugniß zu schreiben, daß er seine Pflicht erfüllt habe, weil der Sultan nach seiner Rückkehr die Vorweisung eines derartigen Dokumentes verlangen werde. Ich entsprach seinem Wunsche. Er wünschte mir für die Zukunft alles Glück, sammelte seine Truppen, und die Köpfe der wiehernden Rosse wandten sich der Stadt zu, wo in der Wahrheit mein Herz zurückgeblieben war. Es wird jetzt nöthig seyn, auf die georgische Sklavin zurückzukommen, welche vom Sultan meinem Bruder zum Geschenke gemacht worden und später an Abdallah übergegangen war. Als sie hörte, daß ich mit Geschenken beladen in meine Heimath zurückkehren dürfe, kannte ihre Wuth keine Grenzen mehr. Schon hatten ihre Talente und ihre Schönheit großen Eindruck aus Abdallah gemacht, und sie wußte ihn bald für ein Complott zu gewinnen, das ihm vorteilhaft werden mußte und zu gleicher Zeit mich, welcher er mißtraute, in ihre Gewalt brachte. Sie machte Abdallah den Vorschlag, er solle, nachdem er mich an die Grenze begleitet, mir das von dem Sultan gewünschte Zeugniß abverlangen, dann aber meiner kleinen Bedeckung folgen, sie in Stücke hauen, sich meiner und aller meiner Schätze bemächtigen und mit mir nach Konstantinopel zurückkehren, wo er mich in seinem Harem einmauern könne. Abdallahs Habsucht war nicht im Stande, der Versuchung zu widerstehen, und willigte in den Vorschlag, weil er wußte, daß bei der schändlichen That keine Entdeckung zu befürchten stand. Am zweiten Abende, nachdem wir uns von Abdallah getrennt hatten, galoppirte ein Reiterhaufen auf uns zu, der alle meine Begleiter, Männer und Weiber, niedermachte. Ich wurde ergriffen, in einen Sack gesteckt und auf ein Pferd geworfen. Sobald meine Schätze gesammelt waren, ritten die Räuber in gestrecktem Galopp von hinnen. Beim nächsten Haltmachen war ich fast todt, und als ich aus meiner peinlichen Lage erlöst wurde, brach ich ohnmächtig zusammen. Abdallah hatte mein Gesicht nie gesehen, und die Soldaten meldeten mich als todt – eine Kunde, über die er froh war, da er nur seinem Weibe zu Gefallen das Versprechen gegeben hatte, mich zurück zu bringen. Er begab sich nun nach der Stelle, wo ich lag und verliebte sich trotz meines kläglichen Zustandes in meine Schönheit. Sein Herz erkannte an, daß ich der wertvollste Theil seiner ganzen Beute sey. Alle Sorgfalt und Aufmerksamkeit wurde auf mich verwendet. Er machte mehrere Stunden Halt, damit ich mich wieder erholen konnte; dann aber wurde ich in eine kleine Sänfte gebracht, und unsere Reise begann von Neuem. Er gab sich alle Mühe, meine Gunst zu gewinnen. Anfangs wies ich ihn mit Verachtung von mir; aber als er mir mittheilte, die georgische Sklavin habe ihn zu der That verleitet und ihn aufgefordert, mich zurückzubringen, dachte ich nur noch aus Rache, da ich mir wohl denken konnte, was sie mit mir vorhatte. Ich that dergleichen, als sey ich ihm weniger abgeneigt, und ehe unsere Reise vorüber war, hatte ich ihn ganz in meine Bande verstrickt. Endlich langten unsere müden Rosse in Stambul an. Wir erwarteten in der Vorstadt die Nacht, um durch unsern Zug keine Aufmerksamkeit zu erregen, und begaben uns nach dem Hause Abdallahs, wo ich abermals in einem Harem eingeführt wurde. Sobald die georgische Sklavin von unserer Ankunft unterrichtet war, eilte sie mir entgegen, nahm ihren Pantoffel ab und schlug mich verächtlich mit solcher Gewalt auf den Mund, daß das Blut nachfloß. »Jetzt ist der Tag mein, Sultana,« rief sie, »und Du sollst wieder die Bastonade erhalten. Ja und abermals soll Dir die Schnur um den stolzen Nacken gelegt werden. Dann aber wirksamer als das erste Mal.« Sie befahl sodann ihren Sklavinnen, mich zu entkleiden und mir den schlechtesten Anzug anzulegen. Nachdem dies geschehen war, spie sie mir ins Gesicht und schoß fort, ohne ein weiteres Wort zu sprechen; aber die Blitze ihrer Augen bekundeten die wilden Leidenschaften, die in ihrem Innern tobten. Mittlerweile war Abdallah nach dem Palaste gegangen, um dem Sultan das Dokument meiner wohlbehaltenen Ankunft zu überbringen, und kehrte, nachdem er sich dieses Geschäftes entledigt hatte, wieder nach seinem Hause zurück. In dem Harem angelangt, fragte er, statt die georgische Sklavin zu besuchen, welche sich für seinen Empfang vorbereitet hatte, zuerst bei den erstaunten Weibern, in welchem Gemach ich untergebracht sey. Sie antworteten nur mit Stocken und theilten ihm endlich den Sachbestand mit. Er kam zu mir und fand mich in den Anzug einer Sklavin gehüllt, während mein Gesicht noch immer mit Blut bedeckt war. Als ich ihm erzählte, welche Behandlung ich erlitten und wie mir mit der Bastonade und der Schnur gedroht worden sey, kannte seine Wuth keine Grenzen. Er befahl allen seinen Frauen, mich zu bedienen, und verließ mich, damit ich meinen frühern Anzug wieder aufnehmen könne, drückte aber zuvor noch seine Hoffnung aus, daß ich ihm erlauben werde, diesen Abend bei mir zu speisen. Mein Verlangen nach Rache bewog mich, seinem Gesuche zu willfahren, und er verließ den Harem, um nach den Schätzen zu sehen, deren ich beraubt worden war. Inzwischen hatten die andern Frauen der georgischen Sklavin alles Vorgefallene mitgetheilt, und sie gerieth ganz außer sich über die Kunde. Da ich mich vor ihr fürchtete, so hielt ich meine Thüre verschlossen, bis Abdallah wieder zurückkam, der mich fragen ließ ob ich ihn jetzt empfangen wolle. Er wurde eingelassen und drückte abermals seine Entrüstung über das Benehmen meiner Nebenbuhlerin aus, indem er sich zugleich erbot, mir den ersten Beweis seiner Liebe darin zu geben, daß er sie meiner Rache überließ. Ich hatte keine Zeit, zu antworten, als die Thüre aufflog, die Georgerin hereinstürzte und ihren Dolch gegen mein Herz zückte. Abdallah hatte Mühe, den Stoß abzuwenden; die Waffe fuhr durch seinen linken Arm, während er das wahnsinnige Weib mit seiner Rechten zu Boden schleuderte. Blaß vor Wuth und Schmerz rief er seine Leute herein. »Sie hat Dir mit der Bastonade und der Schnur gedroht, Zara,« sagte er, »und sich damit selbst ihr Urtheil gesprochen.« Seinem Befehle gemäß wurden ihr die Pantoffeln von den Füßen gerissen, und sie erhielt fünfzig Bastonadenstreiche. Vor Schmerz schrie sie laut hinaus und erhob ihre Hände um Erbarmen: aber nun wurde ein Stummer hereingerufen und ihr die Schnur angelegt. Meine Rache war mehr als befriedigt, und ich bedeckte meine Augen, um nicht Zeugin des schrecklichen Anblicks zu seyn. Als ich meine Hände wieder sinken ließ, fand ich nur noch Abdallah im Zimmer, und meine Nebenbuhlerin lag als schwarze Leiche auf dem Boden. Ich blieb drei Jahre in Abdallah's Harem und fügte mich in mein Schicksal, wenn ich auch nicht glücklich war. Er hegte eine innige Zuneigung zu mir, und wenn ich auch seine Liebe nicht erwiedern konnte, ließ ich es doch nicht an Dankbarkeit fehlen. Endlich brach ein zweiter Krieg zwischen den Türken und Russen aus. Abdallah erhielt den Befehl, sich an die Spitze der Truppen zu stellen und die Eindringlinge nach ihren Regionen des Frostes und Schnees zurückzutreiben. Nach der Sitte der türkischen Befehlshaber mußte ihn sein ganzer Harem begleiten, und nachdem wir bald als Verfolger, bald auf dem Rückzüge, von Gebiet zu Gebiet gewandert waren, wurden wir in der Festung Ismael eingeschlossen, die unsre Leute bis aufs Aeußerste vertheidigen sollten. Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten, die nun vorfielen, ermüden, o Pascha, sondern beschränke mich auf die Angabe, daß die Stadt endlich unter schrecklichem Blutvergießen im Sturme genommen wurde, nachdem sie zuvor durch die Bomben, welche wenigstens hundert Mal eine Feuersbrunst zur Folge hatten, fast in Asche gelegt worden war. Wir saßen in unsern Gemächern und hörten mit Entsetzen auf das wechselnde Jubeln und Weheklagen. Die Bomben krachten, die Kugeln sausten; schrecklich tönte das Geschrei der Verwundeten und wild brausten die Flammen, welche nun in ihrer Wuth die ganze Stadt verzehrten. Endlich wurde unsre Thüre gesprengt, und die Feinde brachen herein. Wir kreischten und wollten fliehen, aber vergeblich. Was aus den Uebrigen ward, weiß ich nicht; ich aber wurde über die Todten und Sterbenden durch Rauch und Flammen weggeschleppt, bis ich vor Angst und Erschöpfung das Bewußtseyn verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einer Hütte auf einem kleinen Bette, und neben mir befanden sich zwei bärtige Ungeheuer, die, wie ich nachher erfuhr, Kosacken waren. Sie rieben mir, ohne die mindeste Rücksicht auf den Anstand, mit ihren rauhen Händen die Glieder, und sobald ich meine Augen öffnete, goß mir einer derselben ein wenig Branntwein ein. Dann hüllten sie mich in einen Roßteppich und verließen mich, damit ich Zeit fände, über mein Unglück nachzudenken. Noch am nämlichen Abend entdeckte ich, daß ich durch das Geschick des Krieges das Eigenthum eines russischen Generals geworden war, welcher keine Zeit hatte, sich mit Liebeleien abzugeben, und es daher für natürlich hielt, daß es in solchen Dingen keiner Umstände bedürfe. Er war übrigens ein schöner Mann und edelmüthig, wenn er nicht gerade die Einwirkungen des Branntweins spürte, obschon die Bivouacs selbst für einen General durchaus nichts mit dem Luxus gemein hatten, an den ich gewöhnt war. Ich erhielt schlechte Kost und eine noch schlechtere Wohnung. Unglücklicher Weise mußte sich's treffen, daß mein Beschützer, wie alle Russen, ein großer Spieler war, und eines Morgens trat ein junger schöner Offizier zu mir in's Zelt, dem mich der General ohne Umstände übermachte. Meine Schönheit war im Lager bekannt geworden; der russische General hatte Abends zuvor all' sein Geld verloren und setzte daher mich gegen tausend Zecchinen, ohne jedoch dadurch sein schlimmes Glück zum Umschlagen zu bringen. Mein neuer Herr war ein sorgloser, schöner Jüngling – ein Obrist in der Armee, und ich hätte ihn lieben können, wenn mir Zeit dazu geblieben wäre; aber ich hatte mich kaum drei Wochen in seinem Zelte befunden, als ich schon wieder weggespielt und von einem Major gewonnen wurde. Noch ehe ich mir's in meinem neuen Aufenthalte bequem machen konnte, wurde ich schon wieder eingesetzt und verloren. Kurz ich kam während jenes Feldzugs bei vierzig oder fünfzig russischen Offizieren herum. Dies, die Erschöpfung des Marsches, die schlechten Lebensmittel und die stete körperliche und geistige Unruhe beeinträchtigten mein gutes Aussehen dermaßen, daß ich zuletzt statt der tausend nur noch zu zweihundert Zecchinen angeschlagen wurde. Ich kann Dir versichern, Pascha, daß es kein Spaß ist, in dieser Weise durch ein russisches Lager zu kommen – dahin und dorthin geworfen zu werden, wie ein Beutel Geld, der aus der Hand des Einem in die des Andern geht! Noch ehe der Feldzug vorüber war, hatte ich die Russen völlig satt bekommen, und ich wünschte nur, die türkische Armee möchte sie bis auf den letzten Mann vertilgen und mich wieder in einen Harem bringen. Damals beklagte ich zum ersten Mal mein und des Sultans hartes Geschick, und während ich über meine Lage nachdachte, kamen mir zum ersten Male die Worte über die Lippe: »die Zeit ist gewesen.« Endlich erhielt das Heer Befehl zum Rückmarsch. Ich war damals das Eigenthum eines Kosacken, der mich auf einen Gaul setzte und mich in gleicher Geschwindigkeit mit seiner Schwadron hielt, indem er das Thier mit seinem langen Speere vor sich hertrieb und es bald in die Hanken stach, bald Spaßes halber mit der Lanzenspitze mich verwundete. Ich war jedoch kaum zehn Tage auf dem Rückzug gewesen, als er mich sammt Gaul, Zügel und Sattel an einen Infanterie-Offizier verkaufte, der mich ohne Weiteres absteigen hieß, selbst aufsaß und mir befahl, mich an dem Schwanze des Thieres zu halten und ihm zu folgen. Im Quartier mußte ich ihm aufwarten und Alles thun, was er verlangte. Morgens stieg er wieder auf, und ich mußte wie zuvor zu Fuß nachfolgen. Dieß war ein schwerer Dienst für eine vormalige Favoritin des Sultans. Eine Woche lang gelang es mir, hinter ihm drein zu holpern, aber länger konnte ich's nicht treiben. Wir kamen durch eine Stadt, und sobald wir die Thore im Rücken hatten, ersah ich einen unbewachten Augenblick, um den Schwanz des Pferdes loszulassen und mich zu flüchten. Ich kam, halb ohnmächtig vor Hunger und Erschöpfung, nach der Stadt zurück und setzte mich auf die Treppe eines großen Hauses nieder. Eine reich mit Zobelpelz gekleidete Frau kam heraus, blieb, als sie meinen fremden Anzug bemerkte, stehen und fragte mich, wer ich sey. Ich antwortete ihr in kurzen Worten, worauf sie Befehl ertheilte, mich aufzunehmen und für mich Sorge zu tragen. Einige Tage nachher beschied sie mich vor, und ich erzählte ihr meine Geschichte. Sie war sehr gütig und edelmüthig; ich wurde ihre erste Dienerin, fühlte mich glücklich in meiner Lage und hoffte in ihrem Dienste zu sterben. Aber mein Unglück war noch nicht zur Hälfte vorüber. Meine Gebieterin war eine reiche Dame von Rang und stand in hoher Achtung. Sie machte ein großes Haus, gab glänzende Unterhaltungen und hatte stets viel Gesellschaft um sich. Ihren Gatten hatte sie vor ungefähr zwei Jahren verloren; indeß war sie noch immer sehr jung und ungemein schön. Eines Abends, als sie eben eine große Gesellschaft bei sich versammelt hatte, ging die Thüre auf, und ein Offizier trat herein, der ihr etwas in's Ohr flüsterte. Sie erröthete, zitterte und sagte, sie werde in einer Stunde bereit seyn. Ich befand mich in ihrer Nähe. Sie winkte mir, eilte auf ihr Zimmer und brach in einen Strom von Thränen aus. »Ich bin des Hochverrats angeklagt und habe Befehl erhalten, mich unverweilt nach Petersburg zu begeben. Mein Gewissen sagt mir zwar, daß ich nichts verbrochen habe; aber leider kennt der Kaiser kein Erbarmen. Ekaterina«, denn dies war der Name, welcher mir beigelegt wurde, »willst du mich begleiten? – Es wird eine lange traurige Reise seyn, und nur Gott weiß, wie sie enden mag.« Ich willigte augenblicklich ein und packte zusammen, was wir brauchten. So gelangten wir, ohne die anwesenden Gäste zu stören, nach dem Hofe und setzten uns mit dem Offizier in eine Britschke. Vier Tage nachher langten wir zu Petersburg an, wo meine Gebieterin von mir getrennt und in ein Gefängniß geworfen wurde. Ihre Ankläger oder Richter bekam sie nie zu Gesichte. Ihr Schreiben an den Kaiser blieb unbeachtet, und sie wurde für schuldig erklärt, obschon man über ihre Strafe nicht sogleich einig werden konnte. Meine Gebieterin blieb drei Wochen im Gefängnisse. Der Menschlichkeit des Offiziers, welcher mit ihrer Bewachung beauftragt war, hatte ich es zu danken, daß ich sie jeden Tag auf einige Minuten besuchen durfte, obschon stets eine dritte Person dabei zu gegen seyn mußte. Eines Morgens fiel mir die arme Dame um den Hals und schluchzte eine Weile ohne zu sprechen. Das Gesicht des Offiziers war gleichfalls traurig, und ich bemerkte, daß hin und wieder eine Thräne über seine männliche Wange niederträufelte. »Ekaterina,« sagte sie endlich, »ich habe mein Urtheil vernommen und soll morgen der Strafe unterworfen werden. O Gott, vergib ihnen ihre Grausamkeit und ihre Ungerechtigkeit.« Dann sank sie aus meinen Armen auf den Boden des Kerkers nieder. Wir richteten sie auf und sie erholte sich ein wenig. »Ja, Ekaterina, ich soll morgen für ein Verbrechen gestraft werden, an dem ich keine Schuld habe – barmherziger Gott! – und eine Züchtigung erleiden, die schlimmer als der Tod ist. Die Knute – die Knute – und dieß noch obendrein auf offenem Marktplatze. Möge Gott dem Kaiser seine Grausamkeit vergeben!« Ich hatte schon von dieser furchtbaren Strafe gehört, ohne jedoch zu wissen, daß sie auch an Frauen vollzogen wurde, da sie allzu barbarisch ist.   »Mir ist noch nie etwas davon zu Ohren gekommen,« bemerkte der Pascha. »Sprich Alte, ist sie schlimmer als die Bastonade?« »Ja, Pascha. Sie ist eine Peitsche von so ungeheurer Kraft, daß der Knutenmeister, wenn er besondern Befehl dafür hat, den unglücklichen Verurtheilten durch zwei oder drei Hiebe tödten kann. Du wirst aber die Art dieser Züchtigung besser begreifen, wenn ich Dir schildere, was ich mit eigenen Augen angesehen habe.«   Meine theure Gebieterin bat mich, ich möchte ihr den Gefallen erweisen, sie nach dem Strafplatze zu begleiten und ich willigte ein. Das arme Geschöpf! Sie sowohl, als ich – wir beide hatten nur eine unvollkommene Vorstellung von dem, was stattfinden sollte. Die Strafe sollte auf dem Marktplatze vorgenommen werden; die Truppen waren angetreten, und eine große Menschenmasse hatte sich versammelt. Sie erschien auf der erhöhten Platform, wo das Urtheil an ihr vollstreckt werden sollte, in einem leichten Gewande, welches ihre ungemeine Schönheit nur noch mehr erhöhete, und ihr liebliches Antlitz gewann ihr das Mitleid sogar derjenigen, welche daran gewöhnt waren, die Machtgebote eines despotischen und grausamen Kaisers zu vollstrecken. Jung, lebhaft, bewundert, ausgesucht, von Jedermann geliebkost, hohen Ranges und reich an weltlichen Schätzen stand sie jetzt da, nicht länger ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und Huldigung, welche ihren Talenten, ihrer Schönheit und ihrem Geiste gebührten, sondern nur von finstern Henkern umgeben. Erstaunt schaute sie dieselben an, als zweifle sie, ob derartige Vorbereitungen ihr gelten konnten. Einer der Schergen riß ihr einen Pelzkragen, der ihren Busen bedeckte, weg. Ihre Züchtigkeit entsetzte sich darüber; sie fuhr ein paar Schritte zurück, erblaßte und brach in Thränen aus. Dann wurde sie entkleidet, und in wenigen Augenblicken stand sie, den Blicken einer stumm zusehenden ungeheuren Menschenmenge ausgesetzt, bis auf den Gürtel nackt da. Einer der Henker ergriff sie an beiden Händen, drehte sie halb im Kreise, zog sie über seinen Rücken und beugte sich vorwärts, so daß ihre Füße einige Zolle von dem Boden abstanden. Der andere Scherge rückte sie nun mit seinen rauhen Händen, ohne eine Spur von Mitleiden blicken zu lassen, auf dem Rücken seines Kameraden zurecht, um die Unglückliche in eine Lage zu bringen, welche für die Vollziehung der Strafe am bequemsten war. Bisweilen drückte er seine breiten Hände roh auf ihren Kopf, um ihn nieder zuhalten; dann aber schien er sie wie ein Fleischer das Lamm zu streicheln, bis er sie in eine günstige Haltung gebracht hatte. Nun griff er nach der Knute, einer aus einem langen Lederstreifen bestehende Peitsche, trat einige Schritte zurück, maß mit stetigen Blicken die erforderliche Entfernung, schaute rückwärts und führte mit dem Ende der Peitsche einen Streich, so daß die Haut vom Halse an über den ganzen Rücken hinunter getrennt wurde. Dann stieß er mit den Füßen gegen den Boden und holte zu einem zweiten Streich aus, den er parallel mit dem ersten führte. So wurde in wenigen Minuten die ganze Rückenhaut der Unglücklichen in kleine Streifen zerschnitten, die großenteils an ihrem Hemde und ihren unteren Kleidern hängen blieben. Vor Entsetzen sank ich lange, ehe die Strafe vorüber war, in Ohnmacht. »Gütiger Himmel!« dachte ich; »die Bastonade und die seidene Schnur sind an mir in Anwendung gekommen, aber beide waren barmherzig, in Vergleichung mit dieser Züchtigung. Gibt es keinen Gott im Himmel, um eine solche despotische Grausamkeit zu strafen?« Meine Gebieterin war nicht todt, und die Wundärzte erhielten Befehl, ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken, um sie wieder herzustellen. Ich dachte, der Kaiser wolle hierdurch seine Barbarei wieder einigermaßen gut machen; aber Gott im Himmel! Sie wurde nur ins Leben gerufen, um noch grausamer behandelt zu werden. Sie hatte sich kaum so weit erholt, um die Strafe erstehen zu können, als man ihr die Zunge ausschnitt und sie sodann nach Sibirien verbannte. So, o Pascha, wurde meine schöne Gebieterin auf einen bloßen Verdacht hin behandelt, denn schuldig war sie nie gewesen. Man hatte mir gestattet, sie vor ihrer letzten Züchtigung zu besuchen. Das arme Geschöpf meinte damals, der Zorn des Kaisers habe sich gelegt, und man werde ihr gestatten, wieder nach Hause zurückzukehren. Aber die Zunge ward ihr ausgeschnitten, ohne daß man ihr zuvor angedeutet hatte, welche zweite Strafe ihr bevorstand. Man ließ mich nachher nicht wieder vor, und ich sah nichts mehr von meiner schönen mißhandelten Gebieterin. Erst von dem Offiziere, der sie bewacht hatte, erhielt ich die grausame Kunde, und das Herz wollte mir brechen vor Gram und Unwillen, als ich nach meiner Wohnung zurückkam. Ich hatte den Entschluß gefaßt, wo möglich aus einem Lande zu fliehen, wo den Weibern die Zungen ausgeschnitten werden, ohne jedoch zu wissen, wie ich es einleiten sollte. Ich hatte noch einiges Geld und werthvolle Gegenstände, die ich der Güte meiner Gebieterin verdankte, und erkundigte mich nach Mitteln, um nach Konstantinopel zu kommen, damit ich mich wieder des Glückes erfreuen könne, in einem civilisirten Lande zu wohnen. Endlich erbot sich ein Jude, welcher gehört hatte, daß ich nach dem Süden zu gehen wünschte, mich mitzunehmen, sobald der Schnee die Felder bedecke, und ich wurde mit ihm für fünfhundert Rubel einig. Vierzehn Tage später begann der Winter. Wir stiegen in eine Droschke und fuhren nach Moskau ab, von wo aus wir nach Konstantinopel gelangten. Bei meiner Ankunft las ich mein Gepäck aus, um die bedungene Summe bezahlen zu können; aber der alte Schurke entriß mir es und begrüßte mich noch obendrein mit einem Fußstoße, der mich fast getödtet hätte. Ich wurde in ein Zimmer eingeschlossen, und eine halbe Stunde nachher kam ein Sklavenhändler, an den ich für eine geringe Summe verkauft wurde. Der Mann nahm mich mit, ohne auf meine Klagen über die verübte Ungerechtigkeit zu achten. Meine Schönheit war jetzt dahin, denn ich war mehr als dreißig Jahre alt, und Drangsale hatten das Uebrige gethan. Mein späteres Leben war nichts als eine Reihe von Wechseln und Ungemach. Ich wurde von einen Pastetenbäcker gekauft und mußte über dem Ofen braten. Ich zeigte mich hartnäckig und wurde dafür mit Schlägen bestraft, um die ich mich übrigens nicht kümmerte. Das Haus meines Gebieters brannte ab, und ich wurde an einen Barbier verkauft, dessen Weib ein Zankteufel war und mich fast unter die Erde brachte. Zum Glücke wurde gegen den Barbier die Anklage aufgebracht, daß er einen Verbrecher rasirt habe, der aus dem Gefängnisse entwischt sey, und eines Morgens lag er, den Kopf unter seinem Arme, hingestreckt vor seiner eigenen Thüre. Sein Weib und ich, wir beide wurden wieder als Sklaven verkauft. So ging es mit jedem Jahre mehr abwärts. Man zahlte immer weniger und weniger für mich, und auch die Behandlung die ich erlitt, verschlimmerte sich mehr und mehr, bis ich zuletzt mit mehreren Andern an Bord eines Armeniers eingeschifft wurde, der nach Smyrna ging. Das Schiff ward von einem Algierer Piraten gekapert, und ich blieb geraume Zeit am Bord des Letzteren, um die Lebensmittel zu kochen. Endlich strandete der Corsar an dieser Küste. Wie ich entkam, weiß ich nicht, denn ich war des Lebens müde. Die Wellen warfen mich aus, und ich machte mich auf den Weg hieher, wo ich viele Jahre in Gesellschaft einer alten Elendsschwester lebte und Almosen bettelte. Sie starb ungefähr vor einem Jahre, und ich blieb allein in der ärmlichen Hütte zurück, um mein Daseyn durch Betteln zu fristen. Du hast jetzt meine Geschichte gehört, o Pascha, und ich denke, Du wirst einräumen, daß ich wohl zu sagen Ursache habe: »es ist eine Zeit gewesen.«   »Es war dein Kismet, Deine Bestimmung, gute Frau. Es ist nur Ein Gott, und Mahomed ist sein Prophet,« bemerkte der Pascha. »Du bist entlassen.« »Und das Gold, durchlauchtige Hoheit?« flüsterte Mustapha. »Laß sie's behalten. Ist sie nicht eine Sultana gewesen?« versetzte der Pascha mit einigem Gefühl. Die Alte hatte ein scharfes Ohr, und da sie Mustapha's Frage hörte, so konnte sie sich leicht das Uebrige deuten. Auch die Antwort des Paschas hatte sie vernommen. »Ich habe mich Deiner Güte erfreut, Pascha,« sagte sie, »und will daher, wenn du es gestattest, bevor ich scheide, Dir einen kleinen Rath ertheilen, der Dir von einigem Nutzen seyn kann; denn ich habe die Welt kennen gelernt und verstehe mich auf die Gesichter der Leute. Habe ich Deine Erlaubnis, o Pascha?« »Sprich,« entgegnete der Pascha. »So hüte Dich vor dem Mann, der an Deiner Seite sitzt, denn in seinem Gesichte liegt etwas, was mir sagt, er werde sich durch Deinen Fall erheben. Nimm Dich in Acht, Pascha!« »Hexe von Jehanum!« rief Mustapha, indem er von seinem Sitze auffuhr. Die Alte erhob ihren Finger und verließ den Divan. Der Pascha sah Mustapha argwöhnisch an, denn er war von Natur zum Mißtrauen geneigt, und Mustapha's Züge trugen eben nicht das Gepräge der Unschuld. »Schenkt mein Gebieter der lügenhaften Zunge eines alten Weibes Gehör?« sagte Mustapha, sich vor den Pascha niederwerfend, »hat sich Euer Sklave nicht treu erwiesen? Bin ich in Eurer Anwesenheit nicht wie Staub? Nehmt mein Leben, o Pascha, aber zweifelt nicht an der Treue Eures Sklaven. Der Pascha schien befriedigt. »Was ist Alles dieß als leeres Gerede?« sagte er, indem er sich erhob und den Divan verließ. »Jawohl leeres Gerede!« murmelte Mustapha. »Die verwünschte alte Hexe! Ich weiß es besser – es ist keine Zeit zu verlieren, und ich muß mich beeilen. »Wann wird der Renegat von Stambul zurückkommen? Es ist Zeit.« Und mit düsterem Gesichte entfernt sich Mustapha aus dem Gemache. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Pascha hatte den Rath der Alten nicht vergessen, obschon er mit der gewöhnlichen Diplomatik eines Türken keine Abneigung gegen Mustapha blicken ließ, sondern ihn eher mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit behandelte. Der einmal rege gemachte Argwohn ließ sich nicht beschwichtigen, und er berieth sich mit seinem Lieblingsweibe Fatima. In derartigen Fällen sind Frauen gute Rathgeberinnen. Der Pascha hatte nur von dem kaiserlichen Hof zu Stambul Gefahr zu befürchten, denn die Truppen waren ihm ergeben und die Bewohner des Landes hatten keine sehr ernstlichen Beschwerdegründe gegen ihn. Auf den Rath der Favoritin machte er Mustapha ein junges schönes Griechenmädchen zum Geschenk, die jedoch als Spionin in Fatimens Dienste stand und von dem beschlossenen Geschicke des Veziers Kunde hatte. Sie sollte wo möglich ausfindig zu machen suchen, ob zwischen dem Renegaten, welcher die Flotte kommandirte, und dem Vezier ein Verkehr bestehe, da nur von dieser Seite her Gefahr drohte. Die Griechin hatte sich noch keine Woche in Mustapha's Harem befunden, als ihr bereits mehr als zureichende Kunde zugekommen war. Der Pascha hatte die Flotte mit Geschenken an den Sultan nach Konstantinopel geschickt, und ihre Rückkehr wurde stündlich erwartet. Eines Nachmittags ließ sich die Flotte blicken und mußte wegen Windstille in einiger Entfernung auf hoher See liegen bleiben. Mustapha beeilte sich, diese Kunde dem Pascha zu überbringen, welcher eben in seinem Divan saß, Beschwerden anhörte und Recht sprach, obschon es ihm dabei nicht eben um die Gerechtigkeit zu thun war. Als der Pascha von der Rückkehr der Flotte hörte, erfüllte sich sein Herz um so mehr mit düsteren Ahnungen, da sich Mustapha unterwürfiger und einschmeichelnder, als je benahm. Er entfernte sich auf eine kurze Zeit aus dem Divan und eilte zu seiner Favoritin Fatime. »Pascha,« sagte sie, »die Flotte ist angelangt und Mustapha hat bereits mit dem Renegaten verkehrt. Verlaß Dich darauf, Du bist verloren, wenn Du ihnen nicht zuvor kommst. Verliere keine Zeit. Aber halt,« sagte sie, »beunruhigt nicht den Renegaten durch Gewaltthätigkeit gegen Mustapha. Morgen wird die Flotte ankern, und wenn sich's wirklich um Unheil handelt, so haben wir demselben erst morgen entgegen zu sehen. Schicke daher diesen Abend wie gewöhnlich nach Kaffee, während Du rauchst und den Erzählungen zuhörst, die Dir so viel Freude machen. Trinke Deinen Kaffee nicht, denn es liegt der Tod darin. Sey heiter und guter Laune; das Uebrige kannst Du mir überlassen.« Der Pascha nahm eine heitere Miene an und kehrte nach dem Divan zurück. Die Geschäfte nahmen wie gewöhnlich ihren Fortgang, bis endlich die Audienz geschlossen wurde. Der Pascha schien sehr aufgeräumt zu seyn, und der Vezier deßgleichen. »Ohne Zweifel,« sagte Mustapha, als die Pfeifen hereingebracht wurden, »wird Euch Seine kaiserliche Hoheit, der Sultan, irgend ein Kennzeichen seiner ausgezeichneten Gunst zugehen lassen.« »Gott ist groß, und der Sultan ist weise,« versetzte der Pascha. »Ich habe auch so gedacht, Mustapha. Wer weiß, ob er dem unter meiner Herrschaft stehenden Gebiet nicht noch ein weiteres Paschalik beifügt?« »Es schwebt mir gleichfalls eine derartige Ahnung vor,« entgegnete Mustapha. »Wenn nur der Renegat einmal an's Land käme. Aber es ist jetzt dunkel, und er wird sein Schiff nicht verlassen.« »Wir müssen die Nebel der Ungewißheit durch die Sonnenstrahlen der Hoffnung verscheuchen,« versetzte der Pascha. »Was bin ich anderes, als der Sklave des Sultans? Wollen wir nicht diesen Abend Labung holen in dem Wasser der Giauern?« »Was sagt Hafis?« bemerkte Mustapha. »Der Wein steigert den Menschen und erhebt ihn über Ungewißheit und Zweifel. Er überfluthet uns mit Muth und theilt uns Glücksträume mit.« »Wallah thaib, – das ist wohlgesprochen, Mustapha,« sagte der Pascha, indem er eine Tasse Kaffee nahm, welche der griechische Sklave darbot. Auch Mustapha erhielt seine Tasse. »Mein Herz ist diesen Abend leicht,« fuhr der Pascha fort, indem er seine Pfeife niederlegte. »Laß uns tiefe Züge thun von dem verbotenen Saft. Wo ist er, Mustapha?« »Hier,« entgegnete der Vezier, indem er seinen Kaffee austrank, während ihn der Pascha scharf aus dem Winkel seines kleinen grauen Auges beobachtete. Mustapha holte sodann den Branntwein hervor, welcher hinter der Ottomane, auf welcher sie saßen, verborgen war. Der Pascha setzte seinen Kaffee bei Seite und that einen tiefen Zug. »Gott ist groß! Trink, Mustapha,« sagte er, indem er ihm die Flasche hinbot. Mustapha folgte dem Beispiele des Paschas. »Wenn es Eurer Hoheit genehm ist,« bemerkte Mustapha, »so habe ich einen Mann draußen, der noch weit angenehmere Geschichten zu erzählen weiß, als Menouni. Euer Sklave hörte, daß er durch unsere Stadt reisen wollte, und ich habe ihn fest gehalten, damit er zu dem Vergnügen Eurer Hoheit beitrage. Ist es Euer Wohlnehmen, daß er eingelassen werde?« »Es sey so,« entgegnete der Pascha. Mustapha gab das Zeichen, und zum großen Erstaunen trat der Renegat, welcher die Flotte kommandirte, von Wachen begleitet ein. Er hatte den wohlbekannten Beamten des Sultans, den Kapidschi Baschi bei sich, welcher einem Firman an seine Stirne hielt. Der Pascha erblaßte, denn er wußte, daß seine Stunde gekommen war. »Bis millah! Im Namen des Allerhöchsten, Mann, wen suchst Du?« rief der Pascha in großer Bewegung. »Der Sultan, der Herr des Lebens, schickt Dir dies, Pascha, als ein Merkzeichen seiner Nachsicht und großen Gnade.« Der Kapidschi Baschi zog nun eine seidene Schnur hervor und händigte zu gleicher Zeit dem Pascha die verhängnisvolle Rolle ein. »Mustapha!« flüsterte der Pascha. »Sammle, während ich dies lese, meine Wachen, denn ich werde Widerstand leisten. In dieser Entfernung fürchte ich den Sultan nicht, der sich hintendrein durch Geschenke beschwichtigen lassen wird.« Aber Mustapha hegte kein derartiges Mitgefühl. »O Pascha,« versetzte er, »wer kann ankämpfen gegen die Gebote, welche der Statthalter des Herrn erläßt? Es ist nur Ein Gott und Mahomed ist sein Prophet.« »Dennoch will ich dagegen ankämpfen,« rief der Pascha. »Geh' hinaus und sammle meine treuesten Wachen.« Mustapha verließ den Divan und kehrte mit den Stummen nebst einigen Wachen zurück, welche er selbst ernannt hatte. »Verräther!« rief der Pascha. »La Allah, il Allah; es ist nur Ein Gott,« sagte Mustapha. Der Pascha sah, daß er geopfert war. Er las den Firman, drückte ihn zum Zeichen des Gehorsams an seine Stirne und bereitete sich zum Tod. Der Kapidschi Baschi zog nun einen andern Firman hervor und übergab ihn Mustapha. Das Paschalik wurde dadurch auf Letzteren übertragen. »Barik Allah! Preis sey Gott in allen Dingen,« bemerkte Mustapha demüthig. »Was bin ich anders, als der Sklave des Sultans, dessen Befehle ich vollstrecke? Auf mein Haupt komme es.« Mustapha gab das Zeichen und die Stummen ergriffen den unglücklichen Pascha. »Es ist nur Ein Gott, und Mahomed ist sein Prophet,« sagte der Pascha. »Mustapha,« fuhr er fort, indem er sich mit einem bittern Lächeln gegen ihn wandte, »möge Dein Schatten nie geringer werden – aber Du hast den Kaffee getrunken!« Die Stummen zogen die Schnur an, und eine Minute später wurde über die Leiche des Paschas ein Mantel geworfen. »Den Kaffee,« murmelte Mustapha, nachdem er des Paschas letzte Worte vernommen. »Kam es mir doch vor, als hätte er einen Geschmack. Doch er ist für seinen Verrath nach Jehanum geschickt.« Und alle Träume von Macht und Größe, welche den Geist des neuen Paschas erfüllt hatten, wurden durch die Angst und das Entsetzen verzehrt. Nachdem der Kapidschi Baschi seine Pflicht erfüllt hatte, entfernte er sich. »Und nun gebt mir meinen versprochenen Lohn,« rief der Renegat. »Deinen Lohn? – Du hast Recht, ich habe dies vergessen,« versetzte Mustapha, während in Folge des wirkenden Giftes der Schmerz ihm das Gesicht verzerrte. »Ja, ich hatte es vergessen,« fuhr Mustapha fort, welcher, da er sein Ende so nahe sah, durch das körperliche Leiden und durch das Fehlschlagen seines Ehrgeizes zur Wuth eines wilden Thieres gespornt wurde. »Ja ich hatte es vergessen. Wachen, ergreift den Renegaten!« »Da müßten sie schneller seyn, als Du wohl glaubst,« versetzte Huckaback, indem er von den Wachen zurücksprang, seinen Scimetar zog und mit den Fingern am Munde einen schrillen Pfiff that. Es stürzte ein großer Haufen Soldaten und Matrosen herein, durch welche die Wachen bald entwaffnet waren. »Nun, Du Pascha von einer Stunde, was sagst Du?« »Es ist meine Bestimmung,« entgegnete Mustapha, im Todeskampfe sich auf dem Boden wälzend. »Es gibt nur Einen Gott, und Mahomed ist sein Prophet.« Und Mustapha verschied. »Der alte Thor hat mir einige Mühe erspart,« bemerkte der Renegat. »Schafft diese Leichen fort und ruft Ali als den neuen Pascha aus.« So kamen die beiden Barbiere um, und so herrschte Huckaback unter dem Namen Ali an ihrer Statt; aber die Art und die Dauer seiner Herrschaft gehört unter die vielen Geschichten, welche nicht auf die Nachtwelt gekommen sind.