Balduin Möllhausen Das Mormonenmädchen. Band II Inhalt 1. Der Schwarze Biber 2. Im Wahsatchgebirge. 3. In der Gefangenschaft 4. Der Vertrag 5. Die Nacht in der Salzsee-Stadt. 6. Das Wiedersehen 7. Onkel und Nichte 8. Die dargebotene Hand 9. Der Schutzengel 10. Die Taufe Die Gefangene 1. Der Schwarze Biber Hertha Jansen, welcher sich Demoiselle Corbillon, noch immer zitternd vor Angst, wieder zugesellte, hatte vom Innern der Hütte aus alle Vorgänge, die draußen stattfanden, mit regster Teilnahme verfolgt. Es war ihr nicht entgangen, daß mit Elliot's Erscheinen das Vertrauen der ganzen Karawane sich wieder befestigte, und sprach sein Äußeres sie auch wenig an, so konnte sie doch nicht umhin, einen hohen Grad von Achtung vor ihm zu empfinden, für die verständige und menschenfreundliche Art, in welcher er die Indianer behandelte und das drohende Ungewitter verscheuchte. Ihr zweiter Gedanke war, daß der Abgesandte, dessen Namen sie nicht einmal kannte, geraden Weges vom Salzsee komme, und ihr also Nachrichten von ihrer Schwester überbringe. Eine bange und zugleich freudige Hoffnung beseelte sie infolgedessen, und natürlicherweise spiegelten sich derartige Gefühle auf ihrem vor innerer Aufregung geröteten Antlitz, als sie dem sie begrüßenden Elliot entgegentrat und ihm mit ihrem holdesten Lächeln die kleine Hand reichte. Mochte Elliot, dieser finstere Fanatiker, alle Gebräuche und Sitten, welche der Mormonismus Vorschrieb, nur als Mittel und Wege zur ewigen Seligkeit betrachten, welche, ob nun mit Freude, oder mit Abneigung, pünktlich zu beobachten seien; mochte er seinen Ehrgeiz auch dahin deuten, daß ein Erreichen höherer kirchlicher Ämter ebenfalls zu erhöhter Heiligkeit im Jenseits berechtige; als er Hertha Jansen, dieses reine, unschuldvolle Wesen, in ihrer ganzen Anmut vor sich sah, da waren vergessen die Lehren, denen er mit unerbittlicher Strenge huldigte, vergessen der durch seine Vereinigung mit Hertha ihm zufallende Reichtum, welcher ihm behilflich sein konnte, allmählich zu den höchsten politischen und kirchlichen Ehren eines Mormonenpropheten emporzusteigen. Alles vergaß er Angesichts der lieblichen Erscheinung, und indem er bedachte, daß sie sein Eigen werden solle, drohte sein wild erregtes Blut ihm die Schläfen zu sprengen, während eine sonst nie gekannte Befangenheit seine Zunge lähmte. »Ich bringe Euch Gruß und Segen des Propheten, des Nachfolgers unseres heiligen Märtyrers Joseph Smith, meine geliebte Schwester«, preßte er endlich heraus. »Von ganzem Herzen danke ich Euch für den Segen und den freundlichen Empfang«, antwortete Hertha, ihr kindliches Antlitz wieder voll auf Elliot richtend, wobei ihr entging, daß ihr Onkel sie fortwährend mit einem seltsamen, sinnenden Ausdruck beobachtete. »Ihr kommt direkt vom Salzsee«, fuhr sie gleich darauf fort, und in dem Ton ihrer Stimme verriet sich ihre ängstliche Spannung, »Ihr werdet mir daher Näheres über meine Schwester, die Mrs. Holmsten, mitteilen können.« »Nicht direkt vom Salzsee«, antwortete Elliot, der allmählich seine ruhige Überlegung wiedergewonnen hatte; »ich komme von Fort Utah, meiner derzeitigen Heimat.« »So habe ich also wieder vergeblich auf Nachricht von meiner Schwester gehofft?« unterbrach Hertha mit klagender Stimme Elliot, und die Tränen traten ihr in die Augen. »Und dennoch bringe ich Nachrichten, wenn auch keine ganz neuen«, versetzte Elliot, der sich bei dem ausbrechenden Schmerze des jungen Mädchens unfähig fühlte, ihr sogleich den vollen Umfang ihres Verlustes einzugestehen. »Sie selbst habe ich seit langer Zeit nicht gesehen, komme ich doch so selten nach dem Salzsee hinauf, aber ihr Kind sah ich, einen lieben, prächtigen Knaben; von ihm kann ich Euch erzählen, denn ihn traf ich ja erst vor kurzer Zeit in Fort Utah in Holmsten's Gesellschaft. O, er ist ein lieber, herziger Junge, und ich bin überzeugt, er wird seiner Tante ein Herz voll kindlicher Liebe entgegentragen.« Während Elliot so sprach, schienen die weicheren Gefühle wieder die Oberhand über den starren Mann zu gewinnen, denn indem er sinnend vor sich niederschaute, klang seine Stimme immer milder, ja fast zärtlich. Jansen und Rynolds aber wechselten, sobald das Kind erwähnt wurde, erstaunte Blicke. Sie wußten nicht, sprach Elliot die Wahrheit, oder stand er, um Hertha den Kummer vorläufig noch zu ersparen, im Begriff, das junge Mädchen zu täuschen. Ihr Erstaunen und ihre Verwirrung wuchsen aber, als sie aus der fortgesetzten Unterhaltung entnahmen, daß es sich hier um Tatsachen handle, und das Kind, welches sie, gemäß der durch Abraham erhaltenen Aufschlüsse, für mit der Mutter zugrunde gegangen halten mußten, dennoch auf irgend eine geheimnisvolle Art gerettet worden sei. Mit doppelter Spannung achteten sie daher auf das Gespräch, welches zwischen Elliot und Hertha geführt wurde. »Der Knabe soll ein Engel und das Ebenbild seiner Mutter sein; meine Schwester schrieb mir wenigstens in jedem Briefe davon«, sagte Hertha, und etwas wie Stolz leuchtete aus ihren noch von Tränen umflorten Augen. »Ein Engel ist er, das läßt sich nicht leugnen«, versetzte Elliot mit dem Gepräge aufrichtigster Wahrheit, »dagegen bezweifle ich, daß Ihr eine Ähnlichkeit zwischen ihm und Eurer Schwester zu entdecken vermöchtet. Mütter sind zu sehr geneigt, sich in ihren Kindern verjüngt zu sehen; sie erblicken in denselben gern ihr Ebenbild. Allerdings besitzt der Knabe große blaue Augen und blonde Haare, die nur wenig dunkler als die Eurigen sind.« »Aber meine Schwester, meine Schwester? wißt Ihr denn gar nichts von ihr?« fragte Hertha besorgt, denn während der Unterhaltung über das Kind waren ihre Gedanken von der Mutter abgelenkt worden. »Ich sagte Euch schon, daß ich in neuerer Zeit nichts von ihr hörte«, entgegnete Elliot wieder ausweichend; »gar keine Nachricht ist dagegen oft die beste Nachricht. Doch sollen wir Menschen uns nie zu festen Hoffnungen hinreißen lassen, ohne dabei auch der trüben Möglichkeiten zu gedenken –« »Meiner Schwester ist ein Unglück widerfahren!« rief Hertha erbleichend aus, indem sie beide Hände auf ihr Herz preßte. »Mißversteht mich nicht, geliebte Schwester«, versetzte Elliot ernst, und in seinem Wesen bekundete sich wieder der fanatische Marmone, »ich wollte nur im Allgemeinen andeuten, wie es sich für die Gläubigen geziemt, sich im Glück auf das Unglück vorzubereiten, um das Kreuz, welches der Herr uns zu unserer Läuterung zu tragen auferlegt, williger und freudiger auf uns zu nehmen. Hertha, durch ihre Erziehung empfänglich geworden für religiöse Schwärmereien, hatte Elliot so andächtig zugehört, als wenn sie sich in einer Kirche befunden hätte. Sie ahnte nicht, daß der gewiegte Mormone, nur um ihr nicht direkt ihre Frage zu beantworten, dagegen ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, sich in allgemeinen Betrachtungen erging, welche sie dann im Guten oder Bösen auf ihre eigene Lage anwenden konnte. Seine Absicht gelang indessen nur teilweise, denn so lange er sprach, leuchteten Hertha's sanfte blauen Augen wohl in enthusiastischem Feuer, als er aber geendigt, da ging auch ihre Spannung verloren, und ihr Haupt traurig auf die Brust neigend, schritt sie langsam nach dem Fenster hinüber, wo sie sich auf eine alte Bank niederließ. Es war das erste Mal, seit sie ihrer alten, angestammten Heimat Lebewohl gesagt, daß ihr Herz von Besorgnissen und bangen Ahnungen beschlichen wurde, und ganz in sich versunken, achtete sie nicht darauf, daß Elliot, sobald er die Gouvernante mit einigen salbungsreichen Worten begrüßt hatte, sich mit Vorbedacht entfernte. Gefolgt von Jansen und Holmsten, begab er sich hinaus, um die verschiedenen Wachposten zu besuchen und die nächste Umgebung des Lagers genau kennen zu lernen. Auch Demoiselle Corbillon verließ, nach mehreren vergeblichen Versuchen, ein Gespräch mit Hertha anzuknüpfen, die Hütte. Die Nähe der vor der Tür kauernden Mohaves, denen sich auch noch der schweigsame La Bataille zugesellte, mochte ihr unheimliche Gefühle erwecken; sie schritt daher in weitem Bogen um die kriegerischen Gestalten herum und eilte nach einem der entferntesten Wagen hinüber, in dessen Schatten sich die zu demselben gehörende und ihr befreundete Familie behaglich auf Decken und Büffelpelzen gelagert hatte. Hertha befand sich also ganz allein in dem Gemach, und fast unbeweglich saß sie noch immer auf derselben Stelle, auf welcher sie nach ihrer Unterredung mit Elliot Platz genommen. Mit tiefer Wehmut und Besorgnis gedachte sie ihrer Schwester. Schien es doch, als habe das Schicksal sich gegen sie verschworen, sie im Ungewissen über deren Ergehen zu lassen. Hertha fuhr erschreckt empor; ein Schatten war über das Fenster hingeglitten, an welchem sie saß, und zugleich hatte sich eine Hand mit leiser Berührung auf ihre Schulter gelegt. Ein Schrei schwebte auf ihren Lippen, als sie den riesenhaften Mohavehäuptling erkannte, der von außen an das Fenster herangetreten war. Sie drängte den Ausbruch des Schreckens aber beschämt zurück, sobald sie einen Blick auf Kairuk's freundlich ernstes Gesicht geworfen und in demselben eine an Verwirrung grenzende Verlegenheit entdeckte. »Achotka, Kairuk achotka – viel gut Mohave, viel gut«, sagte der Häuptling leise, indem er wiederholt mit seinen Fingerspitzen über Hertha's Schulter strich. Es war nämlich seinem Scharfblick nicht entgangen, daß sein plötzliches Erscheinen ihr Furcht eingeflößt hatte; er wollte sie daher beruhigen, und um sie nicht auch durch seine Stimme zu erschrecken, dämpfte er dieselbe so sehr, daß die Worte sich als tiefes Murmeln seiner Brust entwanden. Hertha verkannte seine Absicht nicht; sie reichte ihm daher die Hand, indem sie ihm versicherte, durchaus keine Besorgnis vor ihm zu hegen. Kairuk lächelte und schaute ratlos um sich. Er hatte das junge Mädchen nicht verstanden und überlegte offenbar, wie er das, was er mitzuteilen wünschte, am besten erklären könne. »Viel Mohaves, viel, viel Mohaves«, sagte er endlich, indem er seine ausgestreckte Hand im Halbkreise nach dem Colorado zu bewegte. »Mohaves gut, viel gut, nicht töten Amerikaner, nicht töten Mormonen; Mohaves viel gut, Mormonentaube nicht Angst.« Ohne Zweifel hatte der Häuptling schon längere Zeit von dem Feuer aus Hertha beobachtet und die Tränen, die ihren Augen entquollen, für eine Äußerung der Furcht vor seinen Stammesgenossen gehalten. Dieselbe zu verscheuchen, war seine nächste Absicht, und er führte dieselbe in einer Weise aus, wie sie ihm eben zu Gebote stand, und da er Hertha nicht anders zu benennen wußte, so deutete er mit der Hand auf sie, indem er mit Nachdruck das Wort »Mormonentaube« wiederholte. »Keine Angst vor den Mohaves«, entgegnete Hertha, die Hand auf ihre Brust legend; denn indem die Unterhaltung mit dem redlichen, noch nicht durch die Einflüsse der Zivilisation berührten und verdorbenen Urwilden sie zu ergötzen begann, suchte sie sich dadurch verständlich zu machen, daß sie des Häuptlings eigene Worte stets nachsprach und, je nach der beabsichtigten Antwort, entweder bejahend nickte oder verneinend den Kopf schüttelte. »Kairuk, Häuptling, Mohave-Häuptling, gut«, fuhr der Krieger fort, Hertha seinen langen Bogen und ein Bündel Rohrpfeile, deren zierlich geschlagene Obsidian-Spitzen im Sonnenschein funkelten, durch das Fenster darreichend, ein sicherer Beweis, daß er alles aufbiete, seine und seines Stammes friedlichen Absichten an den Tag zu legen. Hertha schüttelte ihr schönes Haupt und wies die Waffen zurück, doch nicht eher nahm Kairuk dieselben wieder an sich, als bis Hertha sie einen Augenblick in ihren Händen gehalten hatte und sie ihm dann gewissermaßen wiederschenkte. Hiernach schien das beiderseitige Vertrauen sich gefestigt zu haben, denn Kairuk benahm sich freier und zutraulicher, während Hertha, deren Phantasie ein ganz anderes Bild von den amerikanischen Ureinwohnern vorgeschwebt hatte, erstaunt war über die gutmütige Einfalt des wilden Kriegers, der, je länger er mit ihr verkehrte, um so schneller und leichter ihre Gedanken erriet und ihr selbst das Verstehen seiner Mitteilungen in nicht geringerem Grade erleichterte. Eine Viertelstunde mochte der Häuptling in dieser Weise bei ihr am Fenster gestanden haben, bald fragend nach der englischen Bezeichnung der sie umgebenden Gegenstände, bald die Mohavenamen dafür zurückgebend, da lehnte er sich plötzlich mit beiden Armen auf das Fensterbrett, und seinen Mund ihrem Ohr nähernd sagte er mit ausdrucksvoller Gebärde: »Mormonen nicht gut, Mormonentaube nicht dahin gehen, Mormonentaube gehen dorthin«, und um seine Worte zu verdeutlichen, wies er zuerst gegen Norden und dann gegen Südwesten. »Also sogar bis unter die unbekanntesten Eingeborenen ist der Haß gegen die neue Lehre und ihre Anhänger verbreitet worden?« fragte Hertha, mit einer eigentümlichen Erregtheit zu Kairuk aufschauend. »Achotka, Achotka«, beruhigte dieser freundlich, denn Hertha's Blicke schienen ihm zu sagen, daß ein bitterer Vorwurf in ihren Worten gelegen habe. Ihre Verstimmung wich indessen schnell wieder, als sie in des Häuptlings Antlitz weder einen Ausdruck von Haß, noch von Hinterlist, sondern einen fast kindlichen Zug von Offenherzigkeit und natürlicher Unbefangenheit entdeckte, wie ihn nur eben solche Menschen zur Schau tragen können, die noch nicht viel Ungerechtigkeiten von ihren Mitmenschen zu erdulden gehabt haben. »Armer Häuptling«, sagte sie sinnend, ohne zu bedenken, daß er sie nicht verstand, »Deine Einfalt und Leichtgläubigkeit sind nur von böswilligen Leuten mißbraucht worden. Man hat die Mormonen bei Dir verleumdet, um Dich in einen Ausrottungskrieg gegen sie zu verwickeln; denn Du hast nicht das Aussehen eines Menschen, in dessen Herzen Falschheit wohnt.« Kairuk spähte wieder verlegen um sich. Er hätte so gern gewußt, was Hertha gesprochen; hätte ihr so gern mitgeteilt, daß er unter den Mormonen, die zeitweise am Rio Virgin rasteten und in neuerer Zeit das Tal des Colorado besuchten, auch schlechte Menschen kennengelernt habe, welche unter den Mohaves Lügen verbreiteten, um sie zum Blutvergießen zu veranlassen; das alles hätte er ihr erzählen mögen, und so gern abgeraten, dahin zu ziehen, wo in nächster Zeit der Krieg entbrennen mußte, allein ihm standen keine Worte zu Gebote. Einen Augenblick betrachtete er nachdenkend die kriegerische Gestalt La Vataille's, als ob er seine Dienste als Dolmetscher hätte in Anspruch nehmen mögen. Doch nur einen Augenblick, denn im nächsten hatte er diesen Plan schon wieder aufgegeben, und indem er sich abwendete, bekundete ein Zug von Hohn und Verachtung, der über seine dunkle Physiognomie glitt, die große Abneigung, welche er gegen den Schlangen-Indianer hegte. Endlich kehrte er sich wieder Hertha zu, und mit einer Mischung von Bewunderung und Scheu ließ er seine großen schwarzen Augen auf der lieblichen Gestalt haften. Er war traurig und niedergeschlagen, weil er nicht die Macht besaß, sich dankbar gegen sie zu erweisen; denn blieben ihre Worte ihm auch unverständlich, so hatte ein instinktartiges Gefühl ihn bei seinem ersten Eintritt in die Hütte doch darüber belehrt, daß sie sich ihrem Onkel gegenüber zu Gunsten der Mohaves ausgesprochen. Seine Dankbarkeit aber wollte er an den Tag legen, indem er ihr riet umzukehren; und als Hertha auf seine Warnung nicht achtete, da hatte er alle seine Mittel erschöpft. Noch einmal legte er seine Hand leise auf ihre Schulter. »Mormonentaube dahin ziehen, Kairuk dahin auch ziehen«, sagte er, mit einer unbeschreiblichen natürlichen Würde gegen Norden deutend, und ohne eine Antwort des jungen Mädchens abzuwarten, begab er sich an das Feuer, wo er sich neben seinem Freunde Jreteba niederließ. Elliot, Jansen und Rynolds hatten um diese Zeit schon die Runde fast um das ganze Tal herum gemacht, doch galt ihre Wanderung weniger den verschiedenen Schildwachen und der Prüfung der Sicherheitsmaßregeln, als dem Wunsch, sich ungestört zu unterhalten. Namentlich hofften die beiden letzteren von Elliot nähere Aufschlüsse zu erhalten; denn durch die Erwähnung des Kindes, welches sie für tot gehalten hatten, war ihre Neugierde bis aufs äußerste gesteigert worden, und ungeduldig harrten sie darauf, ohne Zeugen miteinander sprechen zu können. »Der Knabe ist also dennoch gerettet worden?« fragte Jansen, sobald sie sich außerhalb der Hörweite der bei den Wagen verkehrenden Leute befanden. »Allerdings ist er gerettet worden«, antwortete Elliot zögernd, »ich kenne zwar die näheren Umstände nicht genau, allein ich glaube, vorüberziehende Indianer nahmen ihn mit sich und verkauften ihn später an Holmsten. Ich selbst habe den Knaben längere Zeit bei mir im Hause gehabt. Es war für Holmsten drückend, diejenige, wegen der seine erste Gattin ihn verließ, von dem Kinde ›Mutter‹ genannt zu hören. Er hat sich indessen allmählich damit ausgesöhnt und vor wenigen Wochen das Kind wieder zu sich genommen. Ungern gaben wir den blühenden Knaben fort; wir hatten ihn sehr lieb gewonnen, denn er gleicht auf ein Haar einem verstorbenen Zwillingskinde meiner ersten Frau. Doch auch das Kind soll noch immer nach seinen vermeintlichen Geschwistern und denjenigen fragen, die so lange Elternstelle bei ihm vertraten.« »Von der Mutter ist also nie wieder eine Spur entdeckt worden?« fragte Jansen, und seine Stimme klang ungewöhnlich mitleidig. »Keine Spur«, erwiderte Elliot; ihre Gebeine liegen im Wüstensand begraben, und kein äußeres Zeichen gibt Kunde von ihrer letzten Ruhestätte.« »So jung und so schön; o, wohin hat ihre Störrigkeit sie geführt!« versetzte Jansen, wie zu sich selbst sprechend. »Elliot, hört mich«, fuhr er gleich darauf mit diesem Ernst fort, »geht zart mit der Euch bestimmten Tochter meines verstorbenen Bruders um; sie ist, außer ihrem Schwesterkinde, die letzte ihres Stammes. Sie muß erhalten bleiben.« »Und sie wird es auch«, versicherte Elliot mit Eifer, »es sind alle Fälle vorgesehen, und namentlich ist auf ihre Jugend Rücksicht genommen worden. Unbewußt und Schritt für Schritt soll sie auf der Bahn des wahren Glaubens weitergeführt werden. Im engeren Verkehr mit solchen Schwestern und Brüdern, die schon hinlänglich im Glauben erstarkten, wird sie sich allmählich an das gewöhnen, was ihr heute noch als verwerflich erscheinen würde. Ich bin sogar fest überzeugt, die Zeit ist nicht fern, in welcher sie die patriarchalischen Einrichtungen unserer Kirche in so hohem Grade segnet, wie sie dieselben heute ohne Zweifel noch verdammen würde.« »Meine Nichte ist also unwiderruflich und nach reiflicher Überlegung, wie ja auch aus dem Briefe des Propheten hervorgeht, für Euch bestimmt worden«, bemerkte Jansen nach einer Pause, während welcher er schweigend zwischen Elliot und Rynolds hingeschritten war: »Ihr besitzt aber schon Familie; fürchtet Ihr nicht, sie unvorbereitet in Euer Haus einzuführen?« »Es ist durchaus kein Grund zu Besorgnissen vorhanden«, entgegnete Elliot mit überzeugender Ruhe; »Ihr sowohl, wie sie und ihre Gouvernante, werdet allerdings vorläufig in meinem Hause wohnen; doch sind die Mitglieder meiner Familie so instruiert, daß wohl kaum ein unüberlegtes Wort über deren Lippen kommen dürfte, obgleich ich diese Vorsicht, einem Charakter, wie dem Eurer Nichte gegenüber, für vollständig überflüssig halte. Ob ich für meine Person auf kurze Zeit allein nach der Salzseestadt übersiedeln und erst nach geschlossener Verbindung und nachdem Eure Nichte sich über den Tod ihrer Schwester einigermaßen getröstet hat, meine Familie nachkommen lasse, um für immer dort zu bleiben, hängt eben davon ab, wie bald wir sie mit Satzungen, betreffs der geistigen Ehe, vertraut machen dürfen, und wie leicht sie selbst sich mit denselben aussöhnt. Jedenfalls wird die Nähe des Sohnes ihrer Schwester einen segensreichen Einfluß auf das noch nicht erprobte Gemüt ausüben, allein schon deshalb ist meine vollständige Übersiedelung nach der Salzseestadt wünschenswert.« »Gewiß wird der Anblick des Knaben sie trösten und aufrichten«, pflichtete Rynolds bei, der so lange geschwiegen, aber um desto aufmerksamer auf die Worte seiner Gefährten gelauscht hatte. »Ich betrachte es aber auch von einem andern Standpunkte aus als ein großes Glück, daß der Knabe noch lebt; hätte er das traurige Los seiner Mutter geteilt, so hätte das letzte Band, welches unsere Schutzbefohlene an den neuen Glauben fesselt, trotz ihrer großen Hingebung und Frömmigkeit, sehr gelockert, wer weiß, vielleicht durch eine einzige heftige Gemütsbewegung ganz zerrissen werden können. Aber sieht das Kind wirklich seiner Mutter nicht ähnlich?« fragte er dann, scheinbar gleichgültig, aber mit den Blicken eines Luchses Elliot von der Seite beobachtend. »Nicht daß ich wüßte«, antwortete dieser, sich abwendend, um einen Anflug von Verlegenheit zu verbergen. Dem listigen Rynolds entging diese Bewegung nicht, und wer nur genau und aufmerksam sein Mienenspiel beobachtet hätte, der würde einen hellen Triumph entdeckt haben, der schnell, wie der Blitz, in seinen Augen aufleuchtete, aber ebenso schnell wieder spurlos verschwand. Jansen hatte von dem allem nichts bemerkt; Elliot's Mitteilungen schienen ihn zu tiefen Grübeln veranlaßt zu haben. Ob aber freundliche oder ernste Gedanken seinen Geist erfüllten, das war aus den eisernen, verschlossenen Zügen nicht zu entziffern. »Sind die Leute so vorbereitet, daß wir schon morgen aufbrechen können?« fragte Elliot, nicht ohne Absicht das Gespräch auf einen ändern Gegenstand lenkend, »denn nachdem das Coloradodampfboot für uns verloren, hat unser längeres Verweilen am Rio Virgin keinen Zweck mehr.« »Ich denke, wenn Ihr jetzt den Befehl zum Rüsten erteilt, so kann der Aufbruch ohne Schwierigkeit morgen in den ersten Frühstunden erfolgen«, antwortete Jansen, aus seinem Brüten emporfahrend. »Gut, dann bleibt es dabei, wir verlassen morgen dieses Tal, um in Gewaltmärschen durch die Wüste dem Utahsee zuzueilen. Nur eine kleine Gesellschaft unserer entschlossensten Männer wird die Bewachung der Hütten übernehmen, um zugleich die vom Colorado zurückkehrenden Späher und die von der kalifornischen Küste eintreffenden Karawanen zu erwarten.« »Die Geschütze gehen natürlich mit?« fragte Jansen eifrig, denn nachdem er die in ihm wach gerufenen trüben Gedanken gleichsam abgeschüttelt, war er wieder mit Leib und Seele zum fanatischen Mormonen geworden. »Wer kommandiert dieselben?« fragte Elliot zurück, indem er seine Blicke mechanisch nach den Munitionswagen und den beiden Haubitzen hinübersandte. »Zwei Leute, die im Auslande Offizierstellen bekleideten.« »Keine gute Wahl«, versetzte Elliot mißbilligend, »ein paar ausländische Corporale wären geeigneter gewesen. Ich lege keinen großen Wert auf Leute, die aus irgend einem geheimnisvollen Grunde den trägen Dienst in der Heimat aufgaben, um hier dem flüchtigen Glücke nachzujagen. Gewöhnlich bilden sie sich ein, in der Fremde, wie einst in der Heimat, dominieren zu dürfen.« »Diese nicht; Abraham hat dafür Sorge getragen, daß ihnen der Strick beständig um den Hals liegt«, bemerkte Rynolds, die Achseln zuckend; »aus den albernen Stutzern, die einst zum Ergötzen verständigerer Leute mit ihrem widerwärtigen, gedrechselten Benehmen die Straßen der Städte verunzierten, sind jetzt ein paar diensteifrige Sklaven geworden, die man zu allem verwenden kann, zu welchem man wirkliche Mormonen für zu gut hält.« »Sie sind also noch nicht getauft?« »Nein, und ich glaube kaum, daß sie jemals getauft werden. Überleben sie den Krieg und wir bedürfen ihrer Dienste nicht weiter, dann braucht man sie nur zu verabschieden«, nahm Jansen wieder das Wort. Die drei Männer waren jetzt wieder bei einer Schildwache angelangt, von deren Standpunkt aus sie ihre Blicke ziemlich weit um sich, namentlich aber über das sich dem Colorado zu senkende zerklüftete Terrain zu werfen vermochten. Sie brachen daher fast unwillkürlich ihre Unterhaltung ab, und ebenso unwillkürlich versenkten sie sich in das Anschauen der furchtbar wilden, wüstenähnlichen Landschaft, die sich nach allen Richtungen hin, bald mehr, bald minder weit, je nachdem die aufstrebenen Felsenhügel die Aussicht beschränkten, vor ihnen ausdehnte. Mit ihrer Ankunft im Lager schien indessen plötzlich ein ganz anderes Leben unter den Leuten zu erwachen, denn kaum war durch eine einberufene Versammlung der Ältesten die Nachricht von dem bevorstehenden Aufbruch vorbereitet worden, so begab sich auch alles mit größter Geschäftigkeit an's Packen und Rüsten. Als dann zur späten Nachmittagsstunde die scheidende Sonne ihre letzten Strahlen, indem sie sich hinter der westlichen Bergreihe verbarg, aus dem kleinen Tale an sich zog, da waren alle Vorbereitungen so getroffen, daß am nächsten Morgen dem Befehl zur Weiterreise ohne Säumen Folge geleistet werden konnte. Gruppenweise lagen und saßen die Familien zum letzten Mal in der gastlichen Niederung umher; zum letzten Mal sollten sie die nächtliche Ruhe suchen an einer Stelle, wo sie sich seit vierzehn Tagen einer erquickenden Rast hingegeben hatten. Müde und erschöpft waren sie dort angekommen, mit einem an Wonne grenzenden Gefühl hatten sie die kleinen Wiesenflächen begrüßt, doch erfüllte jetzt freudige Hoffnung ihre Brust, weil sie die Oase wieder verlassen sollten. Umsichtiger hatte man die Maßregeln zur allgemeinen Sicherheit getroffen, und früher als gewöhnlich wurde es still in dem Mormonenlager. Auch die Mohaves waren, um sich der nächtlichen Kälte zu erwehren, dichter um ihr Feuer zusammengerückt. La Bataille, der Schlangen-Indianer, befand sich nicht bei ihnen. Mochte er nun den Mohaves nicht trauen, oder hielt er sich zu vornehm, ihr Lager mit ihnen zu teilen, genug abgesondert von allen übrigen Menschen hatte er einen alten verfallenen Ziegenstall zu seinem Obdach gewählt und sein Pferd dicht vor der Tür desselben angebunden. Die Phantasie des Schlangen-Indianers blieb vom fernen Rauschen des Stromes unberührt. Er war ja ein Sohn der Wüste, in welcher das Wasser nur in Quellen und kleinen Bächlein dem Erdreich entsprudelte. Um so aufmerksamer lauschte er dafür auf jedes Geräusch im Lager und auf die Fußtritte der Wachen, die sich von Zeit zu Zeit näherten und wieder entfernten. – Es mochte noch eine Stunde bis Mitternacht sein, da gab La Bataille's Pferd, welches dicht vor dem Ziegenstall seinen Platz gefunden hatte, Zeichen der Unruhe von sich. Indessen beruhigte es sich schnell wieder, als es seinen Herrn erkannte, der zwischen seinen Vorderfüßen hindurch aus der schmalen Türöffnung des Stalles kroch und sich dann an ihm emporrichtete, und zutraulich beschnupperte es ihn, während er ihm mit den Händen kreuzweise über Stirn und Augen strich und ihm demnächst einige Maiskolben darreichte. Kaum zermalmte aber das erfreute Tier, ein lautes, krachendes Geräusch erzeugend, mit scharfen Zähnen den harten Leckerbissen, da zog La Bataille seine Decke dichter um seinen Oberkörper zusammen, und nachdem er noch einmal scharf lauschend um sich geschaut, schlich er behutsam nach dem nördlichen Ende des Tales hinüber, wobei er sorgfältig vermied, mit einer der umherstreifenden Patrouillen zusammenzutreffen. Unbemerkt erreichte er die äußerste Grenze der Niederung, und einen kleinen Umweg um die mitten auf der alten Emigrantenstraße aufgestellten Schildwache beschreibend, gelangte er gegen zweihundert Ellen weit vor derselben an den eben bezeichneten Weg, wo ihn also das schärfste Auge von der Talgrenze aus nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Eine kurze Strecke noch behielt er seinen vorsichtigen Schritt bei, dann aber verfiel er in eine langsam trabende Bewegung, die ihn indessen sehr schnell vorwärts brachte. Nach Verlauf einer halben Stunde, während welcher Zeit er ungefähr zwei englische Meilen zurückgelegt hatte, mäßigte er seine Eile, jedoch nicht, weil er vielleicht ermüdet gewesen wäre, sondern um schärfer um sich zu spähen, und namentlich die schwarzen Schluchten, die vielfach die unwegsame Straße durchschnitten, einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Wie sicher und entschieden auch seine Bewegungen waren, und wie wenig die Dunkelheit seine scharfen Augen hindern mochte, so schien sein Spähen doch längere Zeit hindurch vergeblich bleiben zu sollen; denn immer langsamer wurden seine Schritte, und durchdringender waren die Blicke, welche er in die Schluchtöffnungen sandte. Plötzlich stand er still. Er hatte weit abwärts in einer Vertiefung den Schimmer eines Feuers entdeckt, welches das zunächst liegende Gestein rot färbte, ohne daß er aber imstande gewesen wäre, einen Blick auf das Feuer selbst oder die Personen, welche dasselbe schürten, zu erhaschen. Zweifelnd blieb er stehen, dann aber hob er die Hände an den Mund, und indem er dieselben in Form einer Muschel zusammendrückte, sandte er ein so natürliches jauchzendes Kläffen in die Schlucht hinein, daß der erfahrenste Präriewolf dadurch hätte getäuscht werden können. Bei dem Feuer regte sich nichts; offenbar waren die Töne für die dort hausenden Geschöpfe etwas zu Gewöhnliches, um sich dadurch aus ihrer Ruhe stören zu lassen. »Wallpais«, murmelte La Bataille, und um sich von der Richtigkeit seiner Mutmaßung zu überzeugen, nahm er einen Stein, den er klappernd auf die nächste Geröllanhäufung warf, worauf er das behagliche Wiehern eines frei umherstreichenden Pferdes nachahmte. Die Wirkung dieses Verfahrens war fast augenblicklich; denn La Bataille hatte die Hände noch nicht von seinem Munde zurückgezogen, da glitten, wie eine Rotte ungestaltener Berggeister, ein halbes Dutzend schwarzer Gestalten in den Feuerschein, um demnächst sogleich wieder in dem finsteren Schatten zu verschwinden. Augenscheinlich glaubten dieselben das Wiehern eines in der Dunkelheit heimlich davongegangenen Mormonenpferdes vernommen zu haben, denn wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzten sie nach der Richtung hin, wo sie die leicht zu gewinnende Beute zu finden erwarteten. »Wallpais«, wiederholte La Bataille, verächtlich die Achseln zuckend, und indem er den Tomahawk aus seinen Gürtel zog und in die rechte Hand nahm, setzte er, nunmehr aber wieder trabend, seinen Weg auf der unebenen Landstraße fort, unbekümmert darum, daß hinter ihm die Wallpais, ähnlich Bluthunden, welche die Spur des verfolgten Wildes verloren, nach dem vermeintlichen Pferde umherspähten. Da wurde er plötzlich in seinem Laufe durch das Rasseln einer Klapperschlange aufgehalten, welches aus einer Vertiefung neben dem Wege zu ihm heraufschallte, jedoch zu laut war, um wirklich von dem giftigen Reptil herzurühren, also nur ein Signal für ihn sein konnte. »Sikitomaker«, rief La Bataille leise aus, indem er den Griff seines Kriegsbeils fester umklammerte. »La Bataille«, lautete die ebenso geheimnisvoll gesprochene Antwort, und gleichzeitig erhob sich eine Gestalt von der Erde, deren äußere Umrisse sich in der Umhüllung einer großen Decke verloren, die sich aber, neben den Schlangen-Indianer hintretend, noch etwas kleiner als dieser auswies. Ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, schritt Sikitomaker, wie der Fremde von La Bataille angeredet worden war, über den Weg hinüber in eine zwischen den Kieshügeln ausgewaschene Regenschlucht hinein, wohin letzterer ihm ebenso schweigend nachfolgte. Nachdem sie sich ungefähr fünfhundert Ellen weit von der Straße entfernt hatten, bogen sie kurz um einen durch Regengüsse unterwühlten Kieshügel herum, und gleich darauf befanden sie sich vor einem kleinen, nur durch übelriechende dürre Artemisiastauden genährten Feuer. Vor dem Feuer war nur eine Person sichtbar. Dieselbe, ebenfalls in eine dunkelfarbige Decke gehüllt, hatte so lange geruht, bis die sich nähernden Fußtritte sie veranlaßten, sich zu erheben und die Waffen zu ergreifen. »Die aufgehende Sonne findet Schwarzen Biber und seinen Gefährten weit von hier«, sagte La Bataille, sobald er in den Schein der flackernden Flammen getreten war, sich als Mittel zur Verständigung der englischen Sprache in ziemlich geläufiger Weise bedienend. Sikitomaker, der Schwarze Biber, einer der wenigen Delawaren, welche von dem einst so mächtigen und kriegerischen Stamme übrig geblieben, und John, sein jüngerer Jagdgefährte, nickten, zum Zeichen, daß sie La Bataille verstanden, und dieser fuhr fort: »Sonnenaufgang Alle verlassen den Rio Virgin. Mormonen bald in Fort Utah und am Salzsee sein.« »Ist das bleiche Mädchen eingetroffen?« fragte der Schwarze Biber, einen klugen Blick unter seinen schläfrig niederhängenden Augenlidern hervor auf La Bataille werfend. »Bleiches Mädchen und alle, die zu bleiches Mädchen gehören«, antwortete dieser. »Hat der berühmte Häuptling der Schlangen-Indianer sonst nichts mitzuteilen?« fragte der Schwarze Biber weiter, und der kaum bemerkbare höhnische Zug, der um seine schmalen Lippen spielte, bekundete, wie erhaben er sich über alle indianischen Eitelkeiten fühlte, und daß er La Bataille nur schmeichelte, um ihn gesprächiger zu machen. Die prunkvolle Anrede, die gewissermaßen ein Kompliment des unter fast allen Indianerstämmen bekannten und gefürchteten Delawaren enthielt, verfehlte in der Tat nicht ihre Wirkung auf La Bataille, denn indem er sich zu seiner ganzen Höhe aufrichtete, so daß er den Schwarzen Biber fast um eine Handbreit überragte, zog er die rote Decke in malerische Falten um seine Schultern zusammen. »La Bataille's Augen und Ohren offen, wenn scheint zu schlafen«, hob er an, das schlaue Lächeln auf des Delawaren etwas krankhaften und leidenden Zügen zu seinen Gunsten deutend; »La Bataille viel hören, viel sehen, was Freunden des großen Delawarenkriegers sagen, damit sie ihre Hände öffnen und bereitwillig spenden, was erfreut das Herz eines Schlangen-Kriegers.« »Mein Bruder ist ein tapferer Krieger, aber er ist auch weise«, versetzte der Schwarze Biber listig; »er kann seiner Zunge freien Lauf lassen, meine Ohren sind offen, meine Zunge ist bereit, seine Worte wiederzugeben, und meine Freunde spenden mit vollen Händen für die ihnen geleisteten Dienste.« »Gut«, sagte La Bataille mit Nachdruck, »ich traue großem Delawaren; seine Zunge nicht gespalten. Sagen Euern Freunden, bleiches Mormonenmädchen da sein, sagen, der Kommandant von Fort Utah bleiches Mädchen für sein Wigwam bestimmt, Mutter seiner Kinder werden. Aber auch sagen, bleiches Mädchen haben Furcht, und La Bataille gesehen Tautropfen in bleiches Mädchen Augen.« »Sonst nichts?« fragte der Schwarze Biber. »Sonst nichts«, antwortete La Bataille, »wollen mehr wissen, nach dreimal sieben Tagen kommen nach Fort Utah und selbst sehen.« »Will mein Bruder essen? Dort ist gedörrtes Fleisch«, sagte jetzt der Delaware, auf ein Bündel deutend, welches neben zwei aufrecht stehenden Sätteln in der Nähe des Feuers lag; »mein Bruder hat einen weiten Weg zurückgelegt, er muß hungrig sein; und ein weiter Weg liegt vor ihm, wenn er nach dem Rio Virgin zurückkehrt.« »Der Weg ist weit, La Bataille auf seinem Lager erwachen, wenn Pferde auf die Weide getrieben werden«, entgegnete dieser, die Einladung ablehnend, und indem er sich dichter in seine Dekke hüllte, glitt er um die scharfe Hügelecke herum. Die beiden Delawaren lauschten ihm so lange nach, bis sie seine leichten Fußtritte und das Knirschen des Kieses unter seinen Mocassins nicht mehr vernahmen. Dann aber legten sie neue Reiser auf die niedergebrannte Glut, um sich das Zusammenpacken ihrer wenigen Habseligkeiten und das Satteln der Pferde durch die Vermehrung der Helle zu erleichtern. Sie hatten die Decken nunmehr abgeworfen, und da die Flammen zwischen den leicht brennbaren Stauden hoch aufschlugen, so traten auch ihre Figuren und Gesichtszüge ziemlich scharf und deutlich hervor. Der Schwarze Biber war der ältere, wie auch schon sein hageres Gesicht besagte. Wenn man aber den leidenden Ausdruck in seinen fast weiblichen, keineswegs häßlichen Zügen betrachtete, so erschien es fast unglaublich, daß man einen der verschlagensten und listigsten Indianer des amerikanischen Kontinents vor sich habe. Noch weniger traute man ihm zu, daß er sich eben so sehr durch seinen Scharfsinn, wie durch Mut und ungewöhnliche Sprachkenntnis auszeichne und der Vereinigte Staaten-Regierung als Führer, Dolmetscher und Jäger im Kriege, wie im Frieden schon so vielfach gedient habe. John, sein Gefährte, mochte um zwölf Jahre jünger als er selbst sein, konnte also das dreißigste Jahr noch nicht erreicht haben. Auch dieser war nur schlank und leicht gebaut; allein die viel gerühmten Eigenschaften seiner Vorfahren hatten sich auf ihn ebenfalls teilweise vererbt, und man brauchte nur auf sein kluges, noch jugendfrisches Gesicht zu schauen, um eine solche Annahme vollkommen gerechtfertigt zu finden. Diese beiden kühnen Jäger waren also zuerst dem Apostel und La Bataille vom Salzsee aus nach Fort Utah, und demnächst Elliot von letzterem Ort aus beständig in der Entfernung einer halben Tagesreise heimlich und unbeachtet nachgefolgt. Unterwegs hatten sie mehrfach Gelegenheit gefunden, während der Nacht mit dem verräterischen und von ihnen bestochenen Schlangen-Indianer zu verkehren. Ihre angeborene Sucht nach Abenteuern ließ sie die ihnen gewordenen Aufträge pünktlich und gewissenhaft ausführen, und nicht die geringste Spur von Ungeduld verrieten sie, als La Bataille bei ihnen eintraf und sie zur schleunigen Umkehr aufforderte. Es schien sogar, als seien sie auf eine derartige Nachricht vorbereitet gewesen, denn noch keine zehn Minuten waren nach der Entfernung des Schlangen-Indianers verstrichen, da holten sie schon ihre bei einer nahen verborgenen Quelle gepflöckten Pferde herbei, und vorsichtig begannen sie dieselben zu satteln und danach ihre ganzen Habseligkeiten, die nur aus ihren Waffen, Decken und etwas gedörrtem Fleisch bestanden, auf denselben zu befestigen. Nachdem sie sich durch einen letzten Blick überzeugt, daß sie vor dem niederglimmenden Feuer nichts vergessen hatten, schritten sie ihren Pferden voran in die Regenschlucht hinein, welche nach der Emigrantenstraße führte. Kaum aber fühlten sie gangbareren Boden unter ihren Füßen, da schwangen sie sich in ihre Sättel, und die Pferde zu einem langen Paßgang zwingend, zogen sie schweigend in nördlicher Richtung durch die Nacht dahin. – 2. Im Wahsatchgebirge. Der Paß, welcher sich durch das Tal des »Emigrations-Baches« hinzieht und, dabei einen Bergrücken übersteigend, dem »Canyon-Creek« folgt, darf, seiner Nähe wegen, als Hauptausgang aus dem Salzseetal gegen Osten betrachtet werden. Die Mormonen, dieses erkennend, haben schon in den ersten Jahren an diesem Paß gebaut und gebessert, und den Weg für die schwersten Trains zugänglich gemacht, wofür sie dann, um die Kosten der schon geschehenen und noch fortlaufenden Arbeiten zu bestreiten, ein ganz geringes Wegegeld für jeden dort fahrenden Wagen und jedes dort getriebene Stück Vieh von den Reisenden einforderten. Wie die Wichtigkeit dieses Passes in Friedenszeiten nicht unterschätzt wurde, so trat dieselbe in dem Winter von 1857 – 1858, und in dem darauf folgenden Frühling, als auf der Ostseite des Wahsatchgebirges die Vereinigte Staaten-Truppen lagerten, noch merklicher hervor. Von Seiten der Mormonen war daher alles aufgeboten worden, an geeigneten Stellen solche Vorkehrungen zu treffen, daß mit einer geringen Zahl von Streitern einer hundertfachen Übermacht der Eintritt in das heimatliche Tal verwehrt werden konnte. Das Wahsatchgebirge bildete also in seiner ganzen Ausdehnung eine mächtige Vormauer der Mormonen, und wo nur immer die Bodengestaltung einen Übergang als möglich erscheinen ließ, da hatten sie, weithin gegen Norden und Süden, kleine, ziemlich rohe Befestigungen errichtet, von welchen aus sie dann alle Zugänge vollkommen beherrschten. – Der Schnee war aus den Tälern und Niederungen verschwunden, und immer höher nach den Bergabhängen hinauf dehnte sich die heitere grüne Farbe aus, welche die milden warmen Frühlingslüfte überall dem vom langen Winterschlaf erwachenden Erdreich, und wenn es das leblose Gestein kaum bedeckte, wie durch Zauber entlockten. Es war um die Zeit des flüchtigen Frühlingsschmuckes und in den späten Nachmittagstunden eines sonnigen Tages, als seitwärts von dem zwischen dem Canyon-Creek und dem Emigrations- Creek gelegenen »Mountain-Paß«, in einem abgeschlossenen, kaum zugänglich erscheinenden Felsenwinkel ein kleines, mit trockenem Holze unterhaltenes und daher rauchloses Feuer loderte. Dasselbe brannte so lustig und flackerte so hell, als wenn es die Strahlen der sinkenden Sonne, die nicht mehr in den Felsenwinkel zu dringen vermochten, hätte ersetzen und zugleich die beiden Männer, die vor demselben saßen und sinnend in die Glut schauten, erfreuen und unterhalten wollen. Nach ihrer Umgebung zu schließen, hatten die beiden einsamen Jäger schon längere Zeit an diesem Orte zugebracht. Der Boden war nämlich ringsum wie eine Tenne festgestampft, und hart an der nördlichen überhängenden Felswand war aus duftenden Tannenzweigen eine kleine Hütte errichtet worden, die, obgleich nur winzig, doch dicht und fest genug erschien, selbst den rauhesten Regen- und Schneestürmen Trotz zu bieten und den in ihr Lagernden einen behaglichen Schutz zu gewähren. Dicht neben der Hütte, an einem von Pfählen und Zweigen hergestellten Gerüst hingen Waffen, wie sie im fernen Westen gebräuchlich, und außerdem ein Vorrat von gedörrtem und frischem Wildfleisch, ein sicheres Zeichen, daß die Bewohner der Hütte, mochten sie auch sonst die triftigsten Gründe haben, sich verborgen zu halten, am allerwenigsten gegen Not zu kämpfen hatten. So klein dieses halb unterirdische Reich also war, so wunderbar schön hatte es die Natur ausgestattet; dann wohin man die Blicke auch wenden mochte, überall trafen sie auf die malerischste Zusammenstellung von riesenhaften Tannen, bemoosten grauen Felsen, abgestorbenen Baumstämmen und niedrigem, immergrünem Gestrüpp. Dazu hatte sich, wie um dem ganzen Bilde noch mehr Leben zu verleihen, in der Mitte der kleinen Fläche, in einer Vertiefung des undurchdringlichen Gesteins, durch den Zufluß des geschmolzenen Schneewassers ein seichter Teich gebildet, in welchem sich die schief gewachsenen Tannen und die zerrissenen Felswände, als seien sie wer weiß wie gefallsüchtig, gar anmutig spiegelten. Daß die vor dem Feuer sitzenden Bewohner dieses wunderlieblichen Verstecks nicht blind für Naturschönheiten waren, dafür erhielt man die sprechendsten Beweise, wenn man in die nach der Südseite zu offen gelassene Hütte hineinblickte und dort eine aufgeschlagene Zeichenmappe gewahrte, auf welcher eine mit Künstlerhand sauber ausgeführte, aber noch nicht ganz beendigte Bleistiftskizze der Hütte mit der nächsten Umgebung hingelegt worden war. Wer von den beiden Männern der Künstler war, erriet man auf den ersten Blick, beide in ihrer hinterwäldlerischen Bekleidung kaum eine Verschiedenheit zeigten. Denn während in der Physiognomie des einen tieferer Ernst und eine gewisse militärische Entschlossenheit zu Tage traten, schaute der andere so keck und sorglos in die Welt hinein, wie eben nur ein mit einem glücklichen Temperament begabter Künstler vermag, der sich überall zu Hause fühlt, wo er für Geist und Hand Beschäftigung findet, und der es mit zu den höchsten Genüssen des Lebens rechnet, aus einer romantischen Naturumgebung immer neue Eindrücke zu gewinnen, welche, tief und nachhaltig, dereinst nur mit seinem Leben von ihm scheiden. Wären nun eine »Hand« von der Bemannung des Leoparden, und ein Kunsthändler von New York urplötzlich vor die beiden Gefährten hinversetzt worden, so würden sie in denselben, trotz der Verkleidung und trotz der übermäßig langen Barte und der wetterzerrissenen Gesichtszüge, den Lieutenant Weatherton und seinen Freund Falk sogleich wiedererkannt und als alte gute Freunde begrüßt haben. Ja, die beiden Männer, welche vor fünf Monaten erst in New York durch einen wunderbaren Zufall zusammengeführt worden waren, saßen jetzt als unzertrennliche Gefährten mitten im Wahsatchgebirge, umgeben von doppelten Gefahren. Auf der einen Seite nämlich die Mormonen, von denen sie leicht als Spione betrachtet und gefangen genommen werden konnten, auf der ändern Seite die amerikanische Armee mit hochgestellten Offizieren, in deren Macht es lag, Weatherton die abenteuerlichen Fahrten zu verbieten, die, wie so oft große Folgen aus kleinen Ursachen entspringen, leicht zu einem verfrühten blutigen Zusammenstoß der einander gegenüberstehenden erbitterten Streiter führen konnten. Sie hatten also doppelten Grund, sich verborgen zu halten, und es war ihnen bis jetzt auch so vollkommen gelungen, daß sie sich nicht nur schon ganz an ihre Lage gewöhnt, sondern auch allmählich die Besorgnisse, welche sie anfangs hegten, verloren hatten und mit einer gewissen behaglichen Ruhe in den Tag hinein lebten. Sechs Wochen waren ihnen also in dieser Weise vergangen; sechs Wochen, in welchen sie den bösen Schneestürmen, die gewöhnlich den Übergang des Winters zum Frühling bezeichnen, Trotz geboten, sechs Wochen, in welchen sie von allem Verkehr mit der äußern Welt abgeschnitten gewesen und andere Menschen höchstens aus der Ferne von sicheren Verstecken aus beobachtet hatten. Sie befanden sich tief genug im Gebirge, um der Jagd nach Herzenslust obliegen zu können, während ihre Pferde in einer nahen Sackschlucht, die kaum jemals ein Weißer betreten haben mochte, untergebracht worden waren. Da ferner ringsum die unzugänglichsten Gebirgswildnisse sie umgaben, durch welche sie, Dank ihren Führern, auf, selbst den Mormonen noch unbekannten Wildpfaden gewandert waren, der Knall ihrer Büchsen eben so wenig den von den Mormonen besetzten Engpaß, wie das noch weiter entfernte Lager der Vereinigte-Staaten-Armee erreichte, so war das Gefühl der Sicherheit, welchem sie sich hingaben, gerechtfertigt, und lange noch hätten sie dort zubringen können, ohne in ihrem Einsiedlerleben gestört zu werden, sogar auch dann, wenn auf allen Seiten die wilde Kriegsfackel entzündet worden wäre. – Die Strahlen der Sonne drangen also nicht mehr in den anmutig geschmückten Felsenkessel hinein, und sehr bald machte sich daher in demselben die dem Gestein entströmende feuchte, winterliche Kälte fühlbar. Weatherton schürte mechanisch mit einem dürren Holzsplitter zwischen den Kohlen, und hielt denselben, sobald er Feuer gefangen hatte, wie eine brennende Kerze in beiden Händen, aufmerksam die kleine Flamme betrachtend, die sich allmählich seinen Fingern näherte. »Gerade sechs Wochen leben wir nun schon in unserem Gefängnis«, unterbrach er die schon wenigstens zehn Minuten dauernde Stille, »ja, gerade sechs Wochen, und wir sind noch immer so klug, wie an dem Tage, an welchem wir zum ersten Mal dieses Feuer hier anzündeten.« »Geduld, Geduld«, versetzte Falk mit seiner unverwüstlich guten Laune; »unsere wackeren Freunde werden zur rechten Zeit bei uns eintreffen, denn wie sie sich auf ihr Handwerk verstehen, haben sie schon allein dadurch bewiesen, daß sie uns an einen Ort führten, von dem man behaupten könnte, er läge auf dem Monde, so ungestört sind wir während der ganzen Zeit geblieben. In der Tat merkwürdig, es scheint auf dem nordamerikanischen Kontinent keinen Punkt zu geben, welchen die Delawaren-Jäger nicht wenigstens einmal in ihrem Leben besuchten, keine Landstrecke, auf welcher sie sich nicht ebenso leicht zurechtzufinden wüßten, wie auf ihren heimatlichen Jagdgründen am Arkansas. Die Sucht nach Abenteuern ist ihnen angeboren, denn irre ich nicht, so leisten sie uns ihre Dienste eben so sehr aus Lust zur Sache, wie des zugesicherten Lohnes halber.« Weatherton nickte; seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt, als mit Indianern. »Wo der Leopard jetzt wohl kreuzen mag«, fragte er plötzlich, wie aus einem Traume erwachend. »Hoho!« erwiderte Falk laut auflachend, »es geht Euch wohl wie Jim Raft, der am Heimweh nach den blauen Wassern des Ozeans leidet?« »Das Meer ist allerdings mein Element, und wird es auch bis zu meinem Lebensende bleiben«, entgegnete Weatherton, indem er sich zwang, in des Freundes Fröhlichkeit einzustimmen, »doch würde es unehrlich von mir sein, wollte ich behaupten, daß ich mich in diesem Augenblick an Bord des Leoparden zurücksehnte. Meine Äußerung entsprang aus ganz anderen Gefühlen; ich gedachte der letzten Tage, die ich auf dem braven Schiff zugebracht habe.« »Ihr gedachtet des schönen Mormonenmädchens, auf dessen erste Bekanntschaft ich neugierig bin, wie auf die ewige Seligkeit, und ferner fragtet Ihr Euch, ob der von Euch getane Schritt nicht voreilig gewesen«, fügte Falk mit glücklich sorglosem Ausdruck hinzu. »Nein, gewiß nicht«, versetzte Weatherton mit entschiedenem Wesen. »Ich leugne nicht, daß mir Hertha Jansen's Bild vorschwebte, zugleich fühlte ich aber auch, daß es mir weder an Mut noch Ausdauer gebreche, das einmal begonnene Werk als Mann zu Ende zu führen. Ich möchte fast behaupten, mein guter Wille befestige sich mit jedem nutzlos verbrachten Tage mehr und mehr; nur stelle ich mir oftmals die Frage, ob unsere Mühe und die Opfer an Zeit, welche wir bringen, endlich von dem gewünschten Erfolg gekrönt sein werden, denn streng genommen, ist der Brief Eures kalifornischen Freundes doch nur ein schwaches Argument, um unser bisheriges Verfahren, selbst unsere ganze Reise zu rechtfertigen und verständig erscheinen zu lassen.« »Ein schwaches Argument nennt Ihr Werner's Brief?« fragte Falk, und seine sorglosen Züge nahmen auf einen Augenblick einen tiefernsten Ausdruck an, »ich selbst halte ihn für das stärkste Argument, welches uns hätte geboten werden können. Ich kenne Werner schon lange und weiß, daß ich auf jedes seiner Worte so fest wie auf die uns umgebenden Felsen bauen darf. Sein Brief wurde von Panama aus zurückgeschickt; er hatte daher volle zehn Tage Zeit gehabt, die Mormonengesellschaft zu beobachten und betreffs ihrer ferneren Pläne zu belauschen und auszuforschen. Wenn er also schreibt, dieselbe gedenke von San Diego aus die Reise nach dem Salzsee anzutreten, so muß es wahr sein, und da von dort aus nur der eine Weg hierher führt, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß es den Delawaren gelingt, genaueres über die von uns Gesuchten auszukundschaften.« »Wenn sie auf dem zweiten Teil der Seereise ihre Absichten nicht geändert haben und, anstatt nach San Diego, nach San Francisco gegangen sind«, wendete Weatherton unmutig ein. »Was kaum denkbar ist«, erwiderte Falk, denn San Francisco ist, wie Ihr selbst mir mehrfach versichert habt, nicht der Ort, so viel Kriegsmaterial, welches gegen die Vereinigte-Staaten-Armee bestimmt ist, auszuschiffen; und daß sich eine verhältnismäßig große Masse desselben an Bord befand, hatte Werner ja schon ausgeforscht, noch eh' der Dampfer die Höhe von Cap Hatteras erreichte. Gesetzt aber den Fall, Eure alten Passagiere, die mit der Munitionssendung vielleicht nur in mittelbarer Verbindung standen, hätten sich von derselben getrennt, um von San Francisco aus aufzubrechen, so könnte ihr nächstes Ziel doch nur immer der Salzsee sein. Der strengere Winter auf der nördlichen Route würde allerdings ihren Aufbruch verzögert haben, allein gewiß keine Stunde länger, als unumgänglich notwendig; denn des jungen Mädchens Begleiter sind schlau genug, einzusehen, daß ein allzu langer Verkehr unter den »verfluchten Gentiles«, wie sie alle Nichtmormonen unhöflicher Weise zu nennen belieben, Gefahr bringend für das Seelenheil und das Vermögen ihres armen Opfers werden und die Augen der Obrigkeit auf ihr finsteres Treiben lenken dürfte. Befinden sie sich aber erst am Salzsee, dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wollten wir sie nicht ausfindig machen.« »Das Übelste bleibt, daß wir keinem einzigen Mormonen, wenn uns ein solcher begegnen sollte, trauen dürfen«, sagte Weatherton sinnend, »und das, was wir sowohl über Hertha Jansen, wie über das traurige Geschick ihrer verheirateten Schwester zu wissen wünschen, können wir bei der jetzigen drohenden Zeit auf keine andere Weise, als eben nur durch die Mormonen selbst erfahren. Sie sind in zu hohem Grade fanatisiert, um noch bestechlich zu sein, und eine Gelegenheit zum Belauschen, wie damals in dem Garten, dürfte sich in diesen Regionen kaum bieten.« Weatherton schwieg, und zündete einen neuen Holzsplitter an, um ihn ebenfalls langsam in der Hand verbrennen zu lassen. »Ich bin neugierig, zu erfahren, hob er endlich an, »ob der Deutsche, der mich damals so hinterlistig in die Falle lockte, einer von den beiden Abenteurern ist, deren Ihr mehrfach in Euern Mitteilungen als untergegangener Charakter erwähntet?« »Ohne Zweifel«, antwortete Falk schnell, »doch wartet, ich will Euch den Beweis liefern«; mit diesen Worten sprang er auf, und nachdem er ein kleines Skizzenbuch und Bleistift aus der Hütte geholt, nahm er wieder neben Weatherton Platz, worauf er eifrig zu zeichnen begann. »Jedenfalls haben sich die beiden sauberen Gesellen anwerben lassen, wie wären sie sonst wohl auf den Gedanken gekommen, sich auf demselben Dampfboot, mit welchem die Mormonen und Werner reisten, einzuschiffen?« fuhr er fort, während die Bleifeder in schnellen Zügen über das Papier flog; »ihr falsches Kartenspiel war kein Geheimnis mehr, und da mag ihnen das Pflaster von New York etwas zu heiß geworden sein. Nach Eurer Beschreibung wäre es dieser«, sagte er dann, Weatherton das, obgleich nur mit wenigen Strichen ausgeführte, aber doch unverkennbare Portrait des Grafen darreichend. »Ja, der war's!« rief Weatherton überrascht aus, indem er die Skizze aufmerksam betrachtete, »ein Irrtum kann nicht obwalten, denn zwei einander so ähnliche Menschen kann es auf der Welt nicht geben. Nun, ich hoffe ihm noch zu begegnen, und dann soll er mir büßen, sowohl für den schweren Fall und die Wunde, als auch für das Entwenden der Durchsuchungsordre.« »Daß er die Ordre entwendete, bleibt noch zu beweisen«, versetzte Falk, mit Wohlgefallen seinen stattlichen Gefährten beobachtend, der offenbar darüber nachdachte, wie es wohl möglich sei, mit ein paar Strichen nicht nur ein ähnliches Portrait zu entwerfen, sondern auch den Ausdruck des Originals in demselben getreulich wiederzugeben, »viel eher ist anzunehmen, daß sein Busenfreund den Diebstahl ausführte, während er selbst mit Euch beschäftigt war. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wozu Leute fähig sind, wenn sie erst einen gewissen Grad der Gesunkenheit erreicht haben. Streng genommen, leistete Euch der Graf übrigens einen Dienst, denn hättet Ihr nicht an Eurer Kopfwunde darniedergelegen, so würde es Euch schwerlich gelungen sein, für Euch und Raft einen so langen Urlaub zu erhalten.« »Was ohne die Ursache der Kopfwunde auch wohl nicht nötig gewesen wäre«, fügte Weatherton in demselben Tone hinzu, »denn wer weiß, wozu die Durchsuchung vielleicht geführt hätte, vielleicht zur Befreiung des armen Mädchens.« »Hätte es nun zum Guten oder Bösen geführt«, entgegnete Falk, »so wollen wir vorläufig nicht unzufrieden mit unserer Lage sein. Wir haben die Reise hierher, Dank den auf der Emigrantenstraße zerstreuten Regierungskaravanen, trotz des Winters und der Schneestürme in verhältnismäßig kurzer Zeit zurückgelegt; ferner hatten wir das gute Glück, mit den besten Führern des ganzen Kontinents zusammenzutreffen, und dann endlich befinden wir uns hier so wohl, wie sich zwei bescheidene Menschenkinder unter freiem Himmel nur immer befinden können, und das ist originell, wie Mr. Raft sagt.« »Segel in Sicht, Herr!« ließ sich Raft's Stimme von dem östlichen Rande des Felsenkessels her vernehmen, wo eine Gruppe hundertjähriger Tannen dicht am Fuße der Felswand dem spärlichen Erdreich entsprossen war und unter dem Schutz der aufstrebenden Gesteinsmassen eine solche Höhe erreicht hatte, daß die dichten Wipfel noch über die angrenzende Mauer hinausschauten. Weatherton und Falk fuhren bei dem ungewöhnlichen Ruf empor und näherten sich mechanisch ihren Waffen, während erste- rer mit gedämpfter Kommandostimme hinaufrief: »Welche Richtung?« »Nordnordost bei Nord, denk' ich, Herr!« lautete die Antwort, und indem der Bootsmann noch sprach, teilten sich die dunkelgrünen Zweige des hervorragendsten Tannengipfels noch weiter auseinander, und aus der dadurch entstandenen Öffnung schoben sich zwei mächtige Fäuste, die ein Fernrohr so fest und regungslos in der Hand hielten, als wenn sich dasselbe in einem Schraubstock befunden hätte. »Wie viel sind es ihrer?« fragte Weatherton, nachdem er Raft hinlänglich Zeit gelassen, die fraglichen Gegenstände genauer in's Auge zu fassen. »Kann's nicht ausmachen, Herr! sind gerade hinter einer steinernen Schwellung!« »Sollten es die Delawaren sein?« wendete Falk sich jetzt an seinen Gefährten. »Sie sind, außer einigen Utah-Wurzelfressern, die Einzigen, welche den Pfad nach diesem Versteck kennen«, gab Weatherton zur Antwort. »Der Winter ist vorbei, und die elenden Wilden, die so lange am Rande der Niederungen verborgen gewesen, beginnen, ihre Ausflüge in die Gebirge hinauf zu unternehmen. Unmöglich wäre es nicht, daß wir Besuch von einigen dieser armseligen Geschöpfe erhielten.« »Indianer, die unter der Flagge der weißen Menschenkinder segeln!« rief der Bootsmann von seinem luftigen Sitz herunter, denn er hatte das Fernrohr wieder gestellt und einen Blick auf die sich nähernden Gestalten erhascht, als dieselben eben am Rande eines Abgrundes um einen Felsvorsprung herumbogen. »Jetzt sind sie wieder außer Sicht, zwei Mann hoch; gehen zu Fuß und haben die Pferde im Schlepptau! sah sie ganz genau!« rapportierte er, als wenn er sich im Mastkorbe des Leoparden befunden hätte. . »Wie weit sind sie noch entfernt?« fragte hierauf Weatherton nach einer Weile wieder. »Denke, vier oder fünf Kabellängen«, antwortete Raft nach kurzem Sinnen. »Da kommen sie wieder hervor, verdammt! anderthalb Knoten die Stunde!« rief er plötzlich aus, schärfer hinüberspähend »sehe aber nur einen Mann mit zwei Gäulen im Schlepptau; muß vorhin doppelt gesehen haben, macht aber die Landluft, das ist originell!« »Ein Mann mit zwei Pferden?« fragte Weatherton gespannt. »Ein Mann mit zwei vierfüßigen Kreaturen, denke, 's können nur Pferde sein!« »Herunter, Jim!« rief der Lieutenant dringend, denn er bezweifelte die Ankunft der Delawaren nicht länger; aber daß einer derselben so urplötzlich zurückgeblieben war, erfüllte ihn mit Besorgnis, weshalb er sich mit eigenen Augen von der Wahrheit der Sache überzeugen wollte. »Aye, Aye, Herr!« antwortete Raft auf Weatherton's Kommando, und nachdem er das Fernrohr behutsam zusammengeschoben und in das mittels eines Riemens an seinem Halse befestigte Futteral gesteckt, begann er, eilfertig und gewandt auf den Zweigen der Tanne wie auf den Sprossen einer Leiter niederzusteigen. Da die Tanne den einzigen Ausweg aus dem Felsenkessel bildete, so waren, um das Hinauf- und Heruntersteigen zu erleichtern, auf der Seite, auf welcher andere Bäume es den vom Rande des Abgrundes aus in die Tiefe Spähenden verbargen, die hindernden Zweige entfernt worden. Der auf diese Weise geschaffene Weg war indessen so schmal, daß eben nur ein Mann zur Zeit sich auf demselben fortbewegen konnte. Weatherton wartete daher so lange, bis Raft sich unten befand, ehe er selbst sich, nachdem er das Fernrohr an sich genommen, nach dem Mastkorb, wie der Bootsmann den luftigen Sitz nannte, hinaufbegab. »Jim hat Recht«, rief Weatherton in diesem Augenblick nieder, »es ist der Schwarze Biber mit den beiden Pferden; von John sehe ich indessen keine Spur. Der Biber hat seine Richtung geändert, und anstatt zuerst bei uns vorzusprechen, lenkt er seine Schritte niederwärts nach der Schlucht hin, in welcher wir unsere Pferde untergebracht haben.« »Mr. Raft, die Sache ist verdächtig«, sagte Falk zu dem Bootsmann, »denn ich glaube kaum, daß die Delawaren ohne einen triftigen Grund von ihrer gewohnten Weise abweichen würden.« »Will verdammt sein«, entgegnete Raft, die Achseln zuckend, »wenn ich etwas Verdächtiges darin sehe. Laßt kommen, wer Lust hat, wir liegen schon seit sechs Wochen hier; gehören also gute Hände dazu, uns den Ankerplatz streitig zu machen.« »Jim, komm schnell herauf und beziehe die Wache, ich muß den Biber sprechen und erfahren, wie seine Sendung abgelaufen ist!« schallte es von den Baumwipfeln nieder, und fast gleichzeitig begann die Krone, in welcher Weatherton saß, zu schwanken, als ob ein Sturm sie heftig bewegt hätte. Das Schwanken verstärkte sich immer mehr, und als dann endlich die äußersten Zweige den Rand der Felsenmauer berührten, da sah man plötzlich eine Gestalt sich von dem zurückschnellenden Baume trennen, und fast gleichzeitig stand Weatherton wohlbehalten auf festem Boden. Er überzeugte sich dann noch durch einen Blick rückwärts, daß Raft im Begriff war, seinen Befehl auszuführen, und so schnell es der mit scharfem Gerölle bedeckte abschüssige Boden gestattete, eile er den Abhang hinunter, um in der vorbeilaufenden Schluchtsenkung mit dem Delawaren zusammenzutreffen. Noch hatte er die Hälfte der Entfernung, welche ihn von der Schlucht trennte, nicht zurückgelegt, da gewahrte er plötzlich John, wie derselbe in gebückter Stellung über einen Felsenkamm hinüberglitt und danach die Richtung nach dem versteckten Lager einschlug. Offenbar hatte er Weatherton nicht bemerkt, denn erst nachdem er eine kurze Strecke gelaufen war, stand er plötzlich still, worauf er dem Offizier die unzweideutigsten Zeichen gab, unverzüglich wieder umzukehren. Dieser, gewohnt, den wohlüberlegten Anordnungen der scharfsinnigen Delawarenjäger stets pünktlich Folge zu leisten, wartete nicht auf eine Wiederholung des Zeichens, sondern schlug sogleich den Rückweg am. Da er aber jetzt bergan zu steigen hatte, und Steinblöcke und Felstrümmer ihn bei jedem Schritte hinderten, so kam er nur sehr langsam von der Stelle. Er befand sich daher noch gegen hundert Schritte weit von den aus dem Felsenkessel hervorragenden Tannen entfernt, als John bereits am Rande des Abgrundes eingetroffen war und sich in ein anscheinend sehr eifriges Gespräch mit dem Bootsmann und Falk eingelassen hatte. Plötzlich traf ein leiser Ausruf sein Ohr, und indem er emporschaute, bemerkte er, daß John sich niederwarf, zugleich aber durch eine Handbewegung ihn bedeutete, sich so schnell als möglich zu verbergen. Er nahm sich keine Zeit, nach der Ursache der Warnung zu forschen, aber die Gefahr von daher erwartend, von woher die Delawaren gekommen waren, kauerte er sich hinter einen nahen Felsblock so nieder, daß er von dorther nicht entdeckt werden könnte, er selbst aber hinüberzuspähen vermochte. Mehrere Minuten vergingen; auf den Abhängen wurde es so still, als ob noch nie ein lebendes Wesen dieselben betreten habe. Der Schwarze Biber war hinter einer Biegung der Schlucht verschwunden, das von den Pferden auf dem Gehsteig erzeugte Geräusch längst verhallt, und fast unmerklich senkte sich die Dämmerung auf Berg und Tal, die entfernteren Gegenstände in unbestimmte Formen einhüllend. Da glaubte Weatherton auf dem nördlich ihm gegenüberliegenden Abhänge eine Bewegung zu bemerken. Er richtete das Fernrohr auf den fraglichen Punkt hin, und ein eigentümliches Gefühl der Besorgnis bemächtigte sich seiner, als er eine lange Reihe nackter, aber wohl bewaffneter Eingeborener entdeckte, die, einer hinter dem ändern, behutsam auf der schmalen Abflachung am Rande der tiefen Schlucht hinschlichen, in welche der Schwarze Biber sich mit den Pferden hinabbegeben hatte. Aus ihrem Benehmen ging hervor, daß sie vorläufig nur den beiden Delawaren nachspähten und an nichts weniger als an die Nähe weißer Jäger dachten. Indem aber die Reihe der dunkeln Figuren sich weiter,vorwärts bewegte und immer neue Gestalten im Hintergrunde auftauchten, entdeckte Weatherton auch mehrere Mitglieder, die nicht nur nach Art der Dacotah-Indianer vollständig bekleidet und in Decken gehüllt waren, sondern auch mit Federn geschmückte Mützen auf ihren Häuptern und lange Büchsen auf den Schultern trugen. Die Dämmerung verdichtete sich indessen so schnell, daß ihm die Möglichkeit geraubt wurde, mehr zu unterscheiden, und lange dauerte es dann nicht mehr, so fielen auch die äußeren Umrisse der geheimnisvollen Gesellschaft mit den nächtlichen Schatten zusammen. Weatherton schaute noch immer unverwandt nach der Richtung hinüber, in welcher er die verdächtige Bande wußte. Nichts war zu sehen, als die schwarzen Massen der zerklüfteten Berge, so wie der mit Sternen übersäte Himmel, der sich in unbeschreiblicher Pracht über der starren Wildnis wölbte. Seine Gedanken waren aber mehr mit den Mitteilungen beschäftigt, welche er von den Delawaren zu erwarten hatte, als mit seiner augenblicklichen Lage, und ungeduldig harrte er auf ein Zeichen von John, sich wieder mit seinen Gefährten zu vereinigen. Da legte sich eine Hand mit leisem Druck auf seine Schulter. Erschreckt fuhr er empor, doch ebenso schnell beruhigte er sich wieder, als er John's Stimme erkannte, der ihn warnte, keinen Laut von sich zu geben. »Habt Ihr die Mormonen mit dem Mädchen gefunden?« fragte er den Delawaren, und seine Stimme bebte vor ängstlicher Spannung. »Wir haben sie gefunden, und innerhalb einer oder zwei Wochen werden sie in Fort Utah eintreffen«, antwortete John, der wohl einsah, daß es vergebliche Mühe sein würde, zu versuchen, mit Weatherton eine Beratung anzuknüpfen, ohne ihm vorher, wenigstens oberflächlich, den Erfolg ihrer Sendung an den Rio Virgin mitgeteilt zu haben. »La Bataille, der schurkische Schlangenindianer, dieses Mal nicht lügen, als er uns riet, ihm und dem Kommandanten von Fort Utah unbemerkt nachzureisen. Aber Geduld – sagt mir, was Ihr durch Euer Augenglas entdeckt habt?« »Eine Bande nackter Indianer, mutmaßlich Utahs, die von mehreren Kriegern eines ändern reicheren Stammes geführt werden.« »Sonst nichts?« »Sonst nichts, es sei denn die Richtung, welche sie eingeschlagen haben; die einbrechende Dunkelheit verhinderte mich, mehr zusehen.« »Müßt ein schlechtes Glas haben«, versetzte der Delaware leise, »schlechter als meine Augen. Sah ich doch deutlich weiße Männer mit farbigen Decken auf den Schultern und Federn auf ihren Kopfbedeckungen.« »Was? weiße Männer?« »Ja, weiße Männer als Indianer verkleidet. Wohin gingen sie?« »Wenn ich mich nicht täuschte, dann folgten sie dem Schwarzen Biber nach. Die Pferde müssen die Aufmerksamkeit der Bande auf sich gelenkt haben.« »Ganz recht, folgten Sikitomaker nach«, bekräftigte John, »folgten uns schon nach, als wir in dem Emigrations-Paß seitwärts abbogen, um hierher zu gelangen. Wir hatten die Reise an Fort Utah vorbei, den Jordan hinauf und durch das Salzseetal zurückgelegt, ohne bemerkt oder beachtet worden zu sein. Wer uns so frei reiten sah, hielt uns für Mitglieder von befreundeten Stämmen, weil sie nicht glaubten, daß andere Menschen sich durch ihre Postenketten hätten hindurchschleichen können. Erst in dem Engpaß selbst sind die Kundschafter aufmerksam auf uns geworden, denn seit jener Zeit wurden wir erst gewahr, daß man uns nachspürte. Möglich, die Mormonen wollen sich über die Richtung des unbekannten Pfades Gewißheit verschaffen. Wahrscheinlicher mißtrauten sie uns, und setzten deshalb eine Bande ihrer Utah-Späher auf unsere Fährte. Wäre leicht gewesen, sie in die Irre zu führen; lag aber nicht in unserer Absicht. Wollten Euch vorher warnen und zugleich die Bande vorbeiziehen lassen. Sikitomaker erwartet sie bei den Pferden. Gelingt es ihm, sie zu überzeugen, daß nur zwei Delawaren-Jäger, die sich um ihren Krieg nicht kümmern, in ihre Reviere eingedrungen sind, dann mögt Ihr Euch für gesichert betrachten, denn lange halten sie sich nicht ohne Grund hier auf.« »Wollen wir nicht nach unserm Lager zurückkehren?« fragte Weatherton, dessen Besorgnisse nach diesen Eröffnungen zum Teil geschwunden waren. »Nicht von der Stelle rühren«, entgegnete John ruhig, aber bestimmt. »Wir nicht wissen, wie nahe die Utahs. Einige Utahs kennen ganz gewiß das Versteck, in welchem Ihr so lange zugebracht habe. Den Salzwassermann und die Malende Hand habe ich auf einen Besuch der Utahs vorbereitet; das Feuer ist vollständig ausgelöscht« »Bei Gott, Lieutenant Dickie, ich dachte schon, Ihr würdet die ganze Nacht zwischen den Steinen zubringen wollen!« ertönte jetzt Raft's heißere Stimme von seinem Mastkorbe her. Weatherton machte eine Bewegung, wie um emporzuspringen; der Delaware aber hielt ihn zurück, indem er die Hand auf seinen Arm legte und ihm zuflüsterte, wenn ihm seine Freiheit und sein Leben lieb seine, seine Anwesenheit nicht zu verraten. »Wer seid Ihr?« fragte eine unbekannte Stimme, die sich, dem Schall nach zu schließen, ganz in Raft's Nähe befinden mußte. »Wer, beim Satan, seid Ihr selbst?« schnaubte Raft, der seinen Irrtum zu spät eingesehen hatte und sich vor Wut über sich selbst, wie über die fremde Störung nicht mehr zu mäßigen vermochte. »Ich frage Euch, wer Ihr selbst seid, und woher Ihr kommt, und verdammt sollt Ihr sein, wenn Ihr mir nicht antwortet!« rief er noch grimmiger aus, und gleichzeitig knackte der Hahn seiner Pistole. »Wir sind Mormonen und bei dem jetzigen Stande der Dinge gebietet uns die Pflicht der Selbsterhaltung, keine fremden Gesichter auf unserm Gebiete zu dulden. Ihr wißt, Herr, Spione sind vor dem eigentlichen Ausbruche des Krieges ebenso gefährlich, ja, noch gefährlicher, als nach gelieferten Schlachten«, lautete die Antwort, die indessen mit einem gewissen Grade von Höflichkeit erteilt wurde. »Meine Gefährten und ich sind keine Spione«, erwiderte Weatherton mit Würde. »Ich gehöre nicht zu denjenigen, die gegen die Mormonen entsendet wurden. Unsere Absichten sind friedlicherer Natur; schon seit Wochen haben wir hier gehaust und einzig und allein der Jagd gefrönt. »Ihr verratet in Eurer Sprache den Gentleman«, versetzte der Wortführer der Mormonen nach kurzem Sinnen, »könnt Ihr uns daher als Gentleman auf Euer Wort versichern, daß nur die Jagd Euch hierherführte?« »Das kann ich nicht versichern, wohl aber, daß ich in keiner Beziehung zu dem ausbrechenden Kriege stehe. Die Waffen, die mein Gefährte und ich führen, sind nicht dazu bestimmt, gegen die Mormonen erhoben zu werden.« »Auf welche Veranlassung seid Ihr hierhergekommen, und warum habt Ihr Euch so lange verborgen gehalten?« »Die Gründe, die mich bewogen, die Reise von den Vereinigten Staaten bis hierher und noch weiter zu unternehmen, sind nicht mein eigenes Geheimnis, ich muß mich daher weigern, nähere Auskunft darüber zu erteilen. Warum ich mich aber verborgen hielt, ist nicht schwer zu erraten. Hier befindet sich eine geeignete Lagerstelle, weiter unterhalb notdürftige Weide für meine Pferde; dort drüben stehen die Regimenter der Vereinigten Staaten, denen ich mich in diesem Augenblick nicht zu nähern wünsche, und auf der entgegengesetzten Seite wieder die Feldwachen der Mormonen, die meinen freien Bewegungen wohl ebenfalls Beschränkungen auferlegen würden. Was blieb mir daher in einer solchen Lage übrig, als hier, wo es nicht an Wild mangelt, mich gleichsam häuslich niederzulassen?« »Wir nehmen also Euer Ehrenwort dafür, daß nicht feindliche Absichten gegen die Mormonen Euch hierher brachten?« fragte der Wortführer ausdrucksvoll. »Es verstößt gegen meine Grundsätze, bei jeder Gelegenheit mein Ehrenwort anzubieten, am allerwenigsten mir fremden Personen gegenüber-« »Gut, Dickie, gut«, wagte der Bootsmann seinen Lieutenant murmelnd zu unterbrechen, »je mehr Ehre auf der Zunge, je weniger Ehre im Herzen, das ist originell, oder ich will zum letzten Mal im Leben »Alle Hand an Deck!« gepfiffen haben.« »Ihr hört, was mein Gefährte sagt«, fuhr Weatherton fort, indem er ein Lächeln unterdrückte, »was er eben aussprach, sind nicht weniger meine eigenen Gesinnungen. Da Ihr Euch aber für Mormonen ausgebt, was ich natürlich keinen Grund habe zu bezweifeln, da ich mich ferner auf dem Gebiet der Mormonengemeinde befinde und Euch daher, als einer kriegführenden Partei, das Recht zugestehen muß, mich auszufragen und Euch über meine Persönlichkeit und meine Zwecke zu unterrichten, so versichere ich gern auf mein Ehrenwort, daß ich durchaus keine feindlichen Absichten gegen das Mormonentum hege.« »Wer führte Euch an diesen Ort, der selbst unseren besten Jägern so lange verborgen blieb?« »Zwei Delawaren, mit denen ich in den Rocky Mountains zusammentraf. Sie haben einen Jagdzug unternommen, um nach Biberdörfern zu forschen, und schon seit mehreren Tagen erwarte ich sie zurück.« Der Mormone schien nachzudenken, wenigstens trat ein längeres Schweigen ein, welches nur zeitweise durch das Stöhnen des verwundeten Indianers unterbrochen wurde, dessen mit einem dichten Haarwuchs bedeckter harter Schädel ihn allein davor bewahrt hatte, daß Raft's Cutlaß ihm den Kopf in zwei gleiche Teile spaltete. »Die Delawaren sind schon zurück«, sagte der Mormone endlich. »Schon zurück?« fragte Weatherton mit erheuchelter Verwunderung. »Schon zurück, und zwar waren sie es, die uns den Weg hierher zeigten.« »Ich sehe keinen Grund, warum sie es hätten nicht tun sollen«, entgegnete Weatherton, der auf eine derartige Mitteilung vorbereitet war, »wundere mich aber, daß sie mir noch keine Gelegenheit gegeben haben, sie zu begrüßen.« »Sie sind in der Querschlucht dort unten weiter abwärts gezogen.« »O, ich weiß, sie wollen ihre Pferde den meinigen zugesellen; auch lieben sie es, in deren Nähe zu schlafen, während ich es vorziehe, mich mehr häuslich einzurichten. Ich bin kein geborener Kavallerist. »Nach Euerm groben Gefährten zu schließen, seid Ihr Seemann?« »Allerdings bin ich das; das Seeleben ist mein selbstgewählter Beruf.« »Vereinigte-Staaten-Marine?« »Vereinigte-Staaten-Marine«, antwortete Weatherton. Diese letzte Mitteilung schien den Mormonen abermals zum Nachdenken zu veranlassen. Offenbar ging er mit sich zu Rate, welches Benehmen einem Offizier der Vereinigten Staaten gegenüber, ohne sich oder die Sache seines Volkes zu kompromittieren, wohl am ratsamsten und geeignetsten sein dürfte.« »Ihr werdet zugestehen«, sagte er auffallend höflich, nachdem er zu einem Entschluß gekommen, »daß Ihr Euch auf feindlichem Boden befindet.« »Ohne Zweifel, seit meine Regierung es für gut befunden hat, Euch den Krieg zu erklären und nach Abbruch der letzten Friedensunterhandlungen die Feindseligkeiten zu eröffnen.« »Wohlan denn, Euch gegenüber besitze ich die Macht, und befinde mich daher im Vorteil. Ich will indessen keinen Schritt weiter tun, ehe ich Euch nicht die Frage vorgelegt habe: welche Handlungsweise Ihr von mir erwartet?« »Ich erwarte von Euch die Behandlung eines Gentleman«, antwortete Weatherton schnell, und hoffe, daß Ihr geneigt seid, Euch nicht weiter um mich zu kümmern, mit anderen Worten, mich in dieser Wildnis meinem Schicksal zu überlassen.« »Es gibt nur zwei Wege für Euch, zwischen welchen ich Euch die Wahl lasse«, entgegnete der Mormone bestimmt. »Hier bleiben dürft Ihr nicht, denn auch mir obliegen Pflichten, ebenso gut wie Euch, wenn Ihr Euch auf Eurem Schiffe befindet. Ich werde Euch also eskortieren, und zwar entweder bis ins Lager der Vereinigten-Staaten-Truppen, wo ich Euch dem Kommandierenden übergebe, oder nach Fort Utah, wo Ihr Euch allerdings als Gefangener zu betrachten habt, bis über kurz oder lang eine Auswechslung stattfindet.« »Das eine wäre so unangenehm wie das andere«, versetzte Weatherton, das Für und Wider beider Fälle flüchtig erwägend, »es scheint daraus hervorzugehen, daß eine Beschränkung meiner Freiheit unvermeidlich geworden ist. Aber Ihr sagtet ja wohl Fort Utah?« »Ja, Fort Utah, es ist dieses der Ort, an welchem wir unsere Kriegsgefangenen zum Teil unterzubringen gedenken.« »Ihr werdet mich doch nicht als Kriegsgefangenen betrachten?« fragte Weatherton, dem es immer schwerer auf die Seele fiel, seiner Freiheit beraubt zu werden. »Darüber vermögen nur Höhere zu entscheiden«, antwortete der Mormone mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Kälte. Weatherton gab sich wieder einem trüben Sinnen hin. Er fühlte, daß es vergebliche Mühe sei, den Mormonen zu einem Vergleich aufzufordern, laut dessen er sich vielleicht an einem bestimmten Tage an irgend einem zu verabredenden Orte zu stellen haben würde. Übrigens widerstrebte es ihm auch, gute Worte an jemanden zu vergeuden, der seinen gefährlichen Fanatismus schon allein dadurch bekundete, daß er, um seinen geheimnisvollen, vielleicht finsteren Zwecken zu dienen, die Verkleidung eines Indianers angelegt hatte. Er mußte sich also entscheiden. An die Truppen der Vereinigten Staaten ausgeliefert werden hieß, die ganze Reise umsonst gemacht haben. Bei den Mormonen dagegen, namentlich in Fort Utah, wohin es ihn nach des Delawaren jüngsten Mitteilungen zog, durfte er darauf rechnen, unter den Höhergestellten und Einflußreicheren mit zugänglicheren Personen in Berührung zu kommen, die nicht nur seinen Vorstellungen williges Gehör schenken, sondern vielleicht auch, begabt mit wärmeren Herzen, sich zur freundlichen Teilnahme für Hertha Jansen und deren Geschick bereden lassen würden. »Gentlemen, ich bin bereit, Euch zu folgen«, sagte er dann mit ernster Würde, »und zwar nach Fort Utah; ich wünsche indessen, meinen Gefährten und meine geringen Habseligkeiten, die dort unten liegen, nebst meinen Pferden mit mir zu nehmen. Meine Waffen bleiben selbstverständlich in meinen Händen. Späterhin, wenn wir an Ort und Stelle angekommen sind und ich weiß, wem ich dieselben zu übergeben habe, werde ich mich in die Notwendigkeit und in die Lage eines Gefangenen fügen. Vorher aber, Gentlemen, trennen sich dieselben nur mit meinem Leben von mir.« »Es ist Euch alles zugestanden, was einem Gentleman geziemt«, sagte der Mormone höflich, vielleicht mehr mit schlauer Berechnung und weil er von Weatherton's Benehmen unwillkürlich Achtung empfand, als aus Neigung, einem Gentile überhaupt mit Höflichkeit zu begegnen. »Bis wir in Fort Utah eingetroffen sind, wo andere über Euch zu bestimmen haben, macht Ihr sowohl, als Euer Gefährte nur Ansprüche auf den Namen und das Verhältnis unserer Begleiter. Ihr sollt sogar nicht einmal durch ausgestellte Wachen an den Zwang erinnert werden, welcher gewiß durch die gegenwärtige Lage der Mormonen gerechtfertigt wäre.« Weatherton antwortete durch eine anerkennende stumme Verbeugung. Er fühlte, daß er sich einem den gebildeteren Ständen entsprossenen Manne gegenüber befand, und wußte nicht, sollte er sich mehr über die Entsagung und Energie wundern, mit welcher derselbe die Rolle eines eingeborenen Kriegers übernommen hatte, oder über die Kraft und schlaue Berechnung, mit welcher er die ihm untergebene wilde Bande nach Willkür lenkte und bändigte. Dabei entging ihm aber, daß er ein großes Gewicht darauf legte, ihn scheinbar auf seinen eigenen Wunsch nach Fort Utah zu bringen; noch weniger ahnte er, daß man ihm schließlich dennoch nicht gestattet haben würde, sich zu den Vereinigte- Staaten-Truppen hinüber zu begeben. Lagen doch die triftigsten Gründe vor, nicht ruchbar werden zu lassen, daß die Banden der Eingeborenen, welche die feindlichen Lager umschwärmten und die noch unterwegs befindlichen Provisionskaravanen beunruhigten, abschnitten, überfielen und sogar verbrannten, von verkleideten Mormonen geführt wurden. Der Trupp brach nun auf. Weatherton, Raft und die drei Mormonen beschlossen den Zug. Alle waren schweigsam. Letztere sprachen nicht, aus Achtung vor des jungen Offiziers Gefühlen; dieser dagegen war versunken in Betrachtungen über die seltsame Lage, in welche er, wie es ihm jetzt schien, einem Phantom nachjagend, sich blindlings gestürzt hatte. Und dennoch war es kein Phantom; denn schwebte nicht Hertha Jansen seinem Geiste so deutlich in ihrer bezaubernden Anmut vor, daß er sie wirklich von Angesicht zu Angesicht vor sich zu sehen wähnte? Und befand er sich nicht auf dem Wege nach Fort Utah, wo er voraussichtlich auf die eine oder die andere Art mit ihr zusammentreffen mußte? Er erschrak fast, als er sich bei einer kurzen Biegung der Schlucht einem hellflackernden Feuer gegenüber befand, um welches sich noch gegen dreißig Utahs in weitem Kreise gelagert hatten, die mit einem Ausdruck hämischer Freude und gespannter Neugier ihre finsteren, unheimlichen Blicke auf ihn richteten. Langsam und ruhig wanderten seine Augen über die wilde Bande. Es waren lauter kleine, aber sehnige Gestalten, die außer ihren gräßlichen, ungekünstelten Malereien nur wenig Kleidungsstücke aufzuweisen hatten. Am folgenden Morgen schon in aller Frühe brach man auf, und kurz war der Gruß, welchen die Mormonen mit den zurückbleibenden Delawaren austauschten. Man hatte keinen Versuch gemacht, dieselben zur Mitreise zu veranlassen, noch weniger wagte man ihnen mit irgendwelchem Zwange zu drohen. Die Mormonen hegten eine heimliche Scheu, sich mit ihnen zu verfeinden, und wenn sie auch nicht auf ihren Beistand gegen die Vereinigten Staaten hoffen durften, so genügte es ihnen schon, wenn diese verwegenen und listigen Jäger neutral blieben und ihre oft unschätzbaren Führerdienste nicht ihren Feinden anboten. – Die letzten Nachzügler der Bande der Utahs waren kaum zwischen den nächsten Felsenhügeln und Schluchten verschwunden, da schritten Sikitomaker und John langsam zu dem Felsenkessel hinauf. Sie trafen Falk besorgnisvoll in der Tanne sitzend und trübe nach der Richtung hinüberschauend, in welcher der Freund ihm entführt worden war. »Ich hätte ihn nicht verlassen sollen«, rief er den sich nähernden Delawaren vorwurfsvoll zu. »Ich fürchte, es ist keine edle Rolle, welche ich übernommen habe«. »Rolle?« antwortete der Schwarze Biber, die Achseln mitleidig zuckend, »weiß nicht, was Ihr meint. Denke, Ihr sollte lachen, daß Ihr noch frei seid, wie der Habicht, der dort oben den schmelzenden Schnee auf den Bergen umkreist. Besser zwei gefangen, als drei. Traue den Mormonen nicht weiter, wie ich sie sehe; können immerhin auf den Gedanken kommen, Euern Freund und den Salzwassermann als Spione zu erschießen«. »Gerade deshalb, Delaware, hätte ich nicht von ihrer Seite weichen sollen«, versetzte Falk, den des Indianers Worte mit Schrecken erfüllten. »Merkwürdige Ansichten«, erwiderte der Schwarze Biber, und auf seinem gelblich-braunen Gesicht spiegelte sich die spöttische Verwunderung, die er empfand. »Scheint, Ihr wollt lieber mit erschossen werden, als noch länger Bilder mit Eurer Zauberhand schaffen. Nein, nein, es ist besser so; zwei Delawarenjäger vermögen viel, zwei Delawarenjäger und eine weiße Zauberhand aber noch mehr. Ihr müßt helfen, Euern Freund befreien, und frei soll der Gefährte des Schwarzen Bibers, der mit ihm vor demselben Feuer aß, und schlief, werden, und müßte ich Fort Utah an allen vier Enden anzünden und die ganze amerikanische Armee mitten in die heilige Salzseestadt führen. Aber steigt herunter, Mann, und macht uns Platz; unsere Pferde müssen ruhen und wir auch; dort unten ist es besser, als hier oben«. So sprechend, zog er an dem ihm von Falk zugeworfenen Strick die schwanke Baumkrone nach sich, und bald darauf hatten sich die drei Gefährten zum gemeinschaftlichen Mahl und zur Beratung vor der kleinen Hütte vereinigt. 3. In der Gefangenschaft Vierzehn Tage waren seit Weatherton's Gefangennahme verstrichen, vierzehn Tage, von welchen er schon zehn in Fort Utah in strenger Haft zugebracht hatte. Über die Behandlung fand er im allgemeinen keinen Grund zu klagen. Es war ihm ein sauberes Gemach in einem festen Blockhause eingeräumt worden, in welchem er sogar beständig die Gesellschaft des alten getreuen Raft genoß. Auch wurde ihm an Speisen das Beste verabreicht, was überhaupt dort aufgetrieben werden konnte; doch trugen dergleichen Rücksichten wenig dazu bei, seine Mißstimmung zu verscheuchen. Er war und blieb Gefangener im vollsten Sinne des Wortes, ein Gefangener, der nicht nur während der Nacht auf das strengste bewacht wurde, sondern der auch am Tage den ihm angewiesenen Raum nicht nach Willkür verlassen und nur zu gewissen Stunden sich in der Begleitung einer mit Büchse und Revolver bewaffneten Schildwache im Freien ergehen durfte. Nicht im entferntesten ahnte er, was über ihn beschlossen worden war, denn er kam mit niemand in Berührung, der ihm irgendwelche Aufklärung zu geben vermocht hätte. Alle, die ihm etwa begegneten, wichen ihm aus, oder zeigten sich ernst und verschlossen gegen ihn. Offenbar betrachtete man ihn nicht weniger als einen Feind des Mormonentums, als die täglich durch neue Truppensendungen anwachsende Armee auf der andern Seite des Wahsatchgebirges. Noch weniger, als über seine eigene nächste Zukunft, wußte er über den Stand der Politik. Er erriet allerdings, daß der Kampf noch nicht begonnen habe; eben so entging ihm nicht der Eifer, mit welchem die Mormonen sich rüsteten und im Gebrauch der Waffen übten, Verschanzungen aufwarfen, und sogar Frauen und Knaben zu allem mit heranzogen. Dagegen wurde sorgfältig vor ihm geheim gehalten, daß von der Regierung in Washington schon vor Monaten wirklich ein Ultimatum an die Mormonen gerichtet worden sei. Laut diesem nun sollten sie bis zu einem bestimmten Tage den Vereinigte-Staaten-Truppen und dem ihnen von der Regierung zu Washington bestimmten Gouverneur ihre Gebirgspässe öffnen, widrigenfalls dieselben mit Waffengewalt angegriffen und genommen werden würden. Bedingungen also, die in ihrer unveränderten Form von den Mormonen einstimmig verworfen wurden und sie außerdem veranlaßten, nur noch energischere Maßregeln zur Verteidigung ihrer Religion und ihrer Unabhängigkeit zu treffen; doch hatten sie nicht versäumt, auch ihrerseits ein Ultimatum zu stellen, bis zu welcher Grenze sie die Unabhängigkeit ihrer Staatsverfassung dem Frieden zum Opfer zu bringen geneigt seien, wenn man auch kaum auf etwas anderes als den Donner der Geschütze in Beantwortung dieser Gegenbedingungen gefaßt war. Daß sie bereits vor dem unvermeidlich erscheinenden blutigen Kampfe um ihre Existenz einen feindlichen Offizier in ihre Gewalt bekommen hatten, einen Offizier, von dessen Anwesenheit man im feindlichen Lager vorläufig noch nichts wußte, war ihnen doppelt lieb und erwünscht. Sie eröffneten ihren Gefangenen zwar, daß man sie binnen kurzer Frist frei ziehen lassen würde, doch beabsichtigten sie in Wahrheit nichts weniger, als ein Mittel aus den Händen zu geben, durch welches sie in entsprechenden Fällen einen Druck auf die Entschließungen ihrer Feinde meinten ausüben zu können. Weatherton verstrich die Zeit unterdessen langsam und träge. Vergeblich hoffte er auf Nachricht von Falk und den Delawaren, vergeblich spähte er durch das vergitterte Fenster nach Zeichen von der Ankunft und Nähe Hertha's, und oft bereute er schon, sich mit so zweifelhaften Aussichten auf Erfolg seiner jugendlich phantastischen Pläne in die Hände der erbitterten Feinde seines Landes und seiner Regierung gegeben zu haben. So saß er eines Nachmittags auf dem kleinen Hügel, von welchem aus der eine volle Aussicht auf das Fort und die hinter demselben aufstrebenden malerischen Bergketten genoß. Jim Raft hatte sich neben ihn auf das Gras geworfen, und war, nachdem er sich müde geärgert und die Mormonen bis in den Abgrund der Hölle verwünscht, in ein dumpfes Brüten verfallen. Nichts störte ihn also in seinen Betrachtungen, es sei denn, daß seine Blicke den Wachposten streiften, der sich in geringer Entfernung von ihm ebenfalls niedergekauert hatte und, die lange Büchse quer vor sich auf den Knieen, die seiner Wachsamkeit so streng Anempfohlenen beständig im Auge behielt. Weatherton hatte seine Blicke auf das Tor gerichtet, während Raft allmählich auf den Rücken gesunken war, den sonnigen Himmel grimmig anstarrte und dabei den Tabak ungeduldig in seinem Munde hin und her rollte. Beide waren so sehr in ihre Gedanken vertieft, daß sie nicht merkten, wie sich von der andern Seite her, immer an dem Flüßchen hinauf und dann auf den Hügel zu, auf welchem sie sich sonnten, mehrere Reiter näherten, die, in einer augenscheinlich sehr ernsten Unterhaltung begriffen, die Gefangenen ebenfalls nicht beachteten. Erst als eins der auf dem sandigen Wege geräuschlos einherschreitenden Pferde am Fuße des Hügels laut schnaubte, schnellte Raft wie eine Sprungfeder aus seiner nachlässigen Lage empor, und gleichzeitig wendete Weatherton sich langsam nach den Fremden um. Eine seltsame Überraschung spiegelte sich in ihren Zügen, als sie die Reiter gewahrten, eine Überraschung, die als eine unangenehme, aber auch als eine freudige gedeutet werden konnte. Auf die Reiter dagegen schien der Anblick der Gefangenen einen noch viel tiefern und offenbar einen erschreckenden Eindruck auszuüben, denn zwei von ihnen hielten ihre Pferde so heftig an, daß dieselben sich hoch aufbäumten. Indem Weatherton seine Augen mit ruhigem Ausdruck auf sie heftete, bemerkte er, daß sie erbleichten und ihn wie eine Erscheinung aus der Geisterwelt anstarrten, die Worte aber, welche sie im Begriff gewesen zu sprechen, ihnen auf der Zunge erstarben. Er triumphierte innerlich, denn Jansen und Rynolds, die Schiffbrüchigen, welche er einst retten half, und die jetzt bebenden Herzens vor ihm hielten, lieferten ihm ja selbst durch ihr Benehmen den unwiderleglichen Beweis, daß sie wenigstens mit um den Angriff wußten, der auf dem Werft von New York gegen sein Leben unternommen worden war. Doch nur kurze Zeit blieb es ihm gestattet, sich an dem Entsetzen der beiden Mormonen zu weiden, denn kehrte auch die Farbe nicht so schnell auf ihre Gesichter zurück, so trugen dieselben in der nächsten Minute schon wieder einen vollständig ruhigen Ausdruck, der nur noch einen Anflug von Erstaunen über das unvermutete Zusammentreffen zeigte. Elliot, der durch das plötzliche Anhalten seiner Begleiter um einige Schritte vorausgekommen war, und La Bataille, der sich eine kurze Strecke hinter ihnen befand, hatten ebenfalls ihre Pferde zum Stehen gebracht, und befremdet beobachteten sie eben so wohl ihre Gefährten, wie die ihnen unbekannten Gefangenen, welche noch immer in ihrer alten Stellung auf dem kleinen Hügel verharrten. Denn auch La Bataille, der feige Schlangen-Indianer, obgleich er sich zu Dienstleistungen für Weatherton benutzen ließ, hatte letzteren noch nie gesehen, und war, als er das Übereinkommen abschloß, allein mit den Delawaren in Berührung gekommen. Jansen's und Rynolds' Verwirrung dauerte also nur einige Minuten, und der Wachposten hatte Elliot den Rapport über seine Gefangenen noch nicht abgestattet, da ritten die beiden ersteren schon zu Weatherton heran, um ihn zu begrüßen und auf dem Mormonengebiet willkommen zu heißen. »Ihr seid der letzte, mit dem ich hier zusammenzutreffen erwartet hätte«, sagte Rynolds, der zuerst seine volle Ruhe wiedergewann, indem er sich mit gezwungener Höflichkeit vor dem Offizier verneigte. »Ich glaub' es wohl«, antwortete Weatherton mit einem bezeichnenden Lächeln, sich von der Erde erhebend und die kalte Begrüßung eben so förmlich erwidernd. Rynolds biß sich auf die Lippen und blickte auf Jansen, der das Wort ergriff. »Ich freue mich, Gelegenheit zu finden, die Gastfreundschaft vergelten zu können, die uns einst am Bord Eures Schiffes erwiesen wurde«, hob er an, »bedauere aber, Euch als Gefangenen wiederzusehen. Wie ich hoffe, sind die Ursachen Eurer Haft von der Art, daß es meinen Einfluß nicht übersteigt, Euch innerhalb ganz kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt zu sehen. Ich habe ja die Ehre, Euch lange genug zu kennen, um für Euch als Bürge auftreten zu dürfen«. Hier verzog er sein Gesicht zu einem ähnlichen bezeichnenden Lächeln, wie Weatherton kurz vorher Rynolds gegenüber getan. »Für Euren guten Willen sage ich Euch meinen aufrichtigsten Dank«, entgegnete Weatherton, der auf den Zügen der beiden Mormonen noch immer zu lesen glaubte, wie sie vergeblich strebten, sich seine Anwesenheit und überhaupt sein Weilen unter den Lebenden zu erklären. »Ich muß Euch indessen dringend ersuchen, Euch meinetwegen nicht weiter zu bemühen. Mein Freund Raft und ich sind auf den Verdacht hin, das Amt von Spionen übernommen zu haben, hierher gebracht worden. Das Ungerechtfertigte eines solchen Verdachtes wird auch ohne Euer Zutun erkannt werden, und ich bin dann der Notwendigkeit überhoben, Eure freundlich angebotenen Dienste als eine Art Bezahlung für erzeigte kleine Gefälligkeiten entgegenzunehmen«. Auf Jansen's Lippen schwebte eine bittere Antwort; er besann sich indessen und machte nur eine kurze stumme Verbeugung. »Ihr habt die Reise von New York wohlbehalten zurückgelegt, wie ich sehe«, fuhr Weatherton nach einer kurzen Pause fort. »Ihr werdet es daher wohl natürlich und deshalb verzeihlich finden, wenn ich mich auch nach dem Ergehen der anderen zu Eurer Gesellschaft gehörenden Mitglieder erkundige«. Eine Wolke verfinsterte Jansen's Gesicht bei dieser Frage. Dieselbe schien eine Menge widerwärtiger Erinnerungen wachgerufen zu haben, denn verlegen drehte er sich im Sattel, um seine Blicke rückwärts zu senden, wo ein langer Zug von Wagen und Reitern sich langsam am Flüßchen hinaufbewegte und schon bis auf eine kleine Viertelmeile herangekommen war. Der Karawane vorauf, etwa in der Mitte zwischen dieser und dem Fort, war ein leichter, von sechs Maultieren gezogener Reisewagen sichtbar, hinter welchem mehrere hochgewachsene, unbekleidete Indianer herschritten, denen sich wieder ein Trupp Reiter anschloß. Während Jansen, von Gefühlen der widersprechendsten Art bewegt, über eine zu erteilende Antwort nachsann, hatte Rynolds sich zu Elliot hinüberbegeben, dem er mit allen Zeichen großer Besorgnis eine Reihe von Erklärungen zuflüsterte, wobei er verstohlen mit den Augen auf Weatherton deutete. Was er mitteilte, konnte nur wenig freundlicher Art sein, denn indem er noch sprach, wurde des Kommandanten Gesicht düsterer und drohender Blicke des giftigsten Hasses schossen aus seinen unter den buschigen Brauen fast verschwindenden Augen hervor, und heftig rieben sich seine Zähne aufeinander, als er Weatherton's schlanke Gestalt so aufrecht und mit einem bezeichnenden Ausdruck von stolzer Würde vor Jansen stehen sah. »Allerdings finde ich es natürlich, daß Ihr Teilnahme für diejenigen hegt, die einst Eure Gastfreundschaft genossen«, sagte Jansen endlich zu dem auf eine Antwort harrenden Leutnant, und ängstlich flogen seine Blicke zwischen der sich nähernden Kalesche und den Blockhütten des Forts hin und her, »gewiß sehr natürlich, und ich schätze mich, glücklich, Euch benachrichtigen zu können, daß Alle die Beschwerden der Reise auf überraschend leichte Art überwanden, in der Tat, ohne jemals erhebliche Spuren von Erschöpfung an den Tag zu legen, obwohl wir mehrere Monate in dem unwirtlichsten Teil der nordamerikanischen Wüsten zubrachten«. »Wilson, bringt die Gefangenen in ihre Zelle zurück!« rief Elliot jetzt der nur wenige Schritte vor ihm stehenden Schildwache zu, aber absichtlich so laut, daß sein Befehl von Weatherton vernommen werden mußte. »So lange noch keine anderen Bestimmungen getroffen sind, habt Ihr für deren Sicherheit zu haften, und in dem Gewirr eines ankommenden Trains läßt sich befürchten–«. Jansen hatte sich abgewendet. Offenbar scheute er sich, Weatherton's Blicken zu begegnen. Rynolds dagegen vermochte ein schadenfrohes Lächeln nicht zu unterdrücken, als die Gefangenen schweigend bei ihm vorüber dem Hofe des Forts zuschritten, und die Schildwache, mit der Büchse auf der Schulter, ihnen auf dem Fuße nachfolgte. »Es wäre jetzt gerade die geeignetste Zeit, Eure Nichte den Burschen sehen zu lassen«, sagte er dann spöttisch zu Jansen, indem sie sich der Toröffnung des Forts zu in Bewegung setzten; »gerade die rechte Zeit, um an der Brust des unvergessenen Freundes Trost über den Verlust der abtrünnigen Schwester zu suchen. Es hätte ein rührendes Wiedersehen werden können, ohne den glücklichen Gedanken des Kommandanten«. Elliot fuhr bei der Erwähnung seiner Person wild empor. »Glaubt Ihr wirklich, daß er einen so tiefen Eindruck auf das Mädchen gemacht?« fragte er, und seine Lippen bebten vor innerer Wut bei dem Gedanken, daß die ihm bestimmte Gattin, den Gesetzen zum Trotz, vielleicht freundliche Gefühle gegen ein Mitglied der so verhaßten Gentiles hege. »Ich hatte Gelegenheit genug, Herta Jansen zu beobachten«, antwortete Rynolds, seine Worte langsam abmessend, um deren Wirkung nachhaltiger zu machen, »und ich tat es mit einer Eifersucht, als wäre sie mein Eigentum gewesen. Ich spreche daher aus innigster Überzeugung, indem ich behaupte, daß die größte Vorsicht geboten ist, wenn sie nicht eines guten Tages dem Beispiel ihrer unglücklichen Schwester folgen soll. Nur würde sie alsdann nicht allein dem eitlen Seeleutnant nacheilen, sondern auch noch das Erbteil ihrer Schwester, nämlich deren Knaben, mit sich fortnehmen. Es wäre ein Triumph für die Gentiles, die beiden einzigen rechtmäßigen Besitzer des großen Vermögens plötzlich als abtrünnige Mormonen unter sich erscheinen zu sehen«. »Den Knaben meint Ihr?« fragte Elliot erbleichend, »des Knaben sollten wir geraubt werden?« wiederholte er tonlos; gleich darauf war er aber wieder Herr seiner selbst; ein Strahl von Rynold's lauernden Blicken, den er in seinen Augen aufgefangen hatte, schien ihn zum Bewußtsein zurückgerufen zu haben, und ruhiger, aber mit unheilverkündendem, drohendem Tone fuhr er fort: »Mag er sich hüten, nicht zu große Opferwilligkeit für sie zu zeigen; mag sie sich vorsehen, nicht zu warme Teilnahme für ihn an den Tag zu legen. Sein Wächter erzählte mir, er sei auf den Verdacht des Spionierens eingebracht worden, und zwischen einem Spion und einer Kugel liegt nur ein einziges auszusprechendes Wort«. Ehe sie in den Eingang des Hüttenvierecks einbogen, wo schon eine große Anzahl der Bewohner des Forts zum Empfang der neuen Ankömmlinge versammelt war, hielt Elliot sein Pferd noch einmal an, und nachdem er sich überzeugt, daß La Bataille sich außerhalb der Hörweite befand, wendete er sich an seine Begleiter. »Ihr behauptet also, es bestehe eine heimliche Neigung zwischen Hertha Jansen und dem Schiffsleutnant«, sagte er, seine Blicke in die Augen der beiden Schweden förmlich einbohrend, »gut, es mag darum sein, laßt sie sich lieben, so viel sie nur immer wollen; was das junge, im Glauben an unsere heiligen Satzungen noch schwanke Rohr nicht aus frommer Neigung und Hingebung für die geläuterte Religion tut, das geschieht ebenso sicher, vielleicht noch sicherer, wenn dadurch ein geliebtes Haupt von dem sicheren Verderben gerettet wird. Schweigt über Alles, meine Brüder; ich kenne die hiesigen Verhältnisse genau; überlaßt mir, nach eigenem Ermessen zu handeln, und es wird mir gelingen, alles zur Ehre des Erlösers und zur Verherrlichung des neu gegründeten Zion auszuführen«. Bei diesen Worten leuchtete Elliot's Gesicht in wildem Enthusiasmus, und Grausamkeit und eine ungewöhnliche Willenskraft sprühten zugleich aus seinen finster beschatteten Augen. »So geschehe es zur Ehre des Erlösers und zur Verherrlichung des neu gegründeten Zion«, wiederholten Jansen und Rynolds, indem sie, Elliot's Beispiel folgend, ihre Pferde anspornten. Gleich darauf wurden sie auf dem Hofe von den herbeieilenden Männern mit zutraulichem, aber eigentümlich gemessenem Wesen als Brüder willkommen geheißen. – Weatherton und Raft waren um diese Zeit bereits in ihr Gefängnis zurückgekehrt. Ursprünglich war die Hütte nicht zu einem Gefängnis bestimmt gewesen, man hätte bei dem ganzen Bau sonst wohl mehr Rücksicht auf Festigkeit genommen. Außerdem sah man es der eisernen Fenstervergitterung sowohl, als auch den übrigen Beschlägen an, daß sie erst nachträglich, als man vielleicht in Verlegenheit um ein Gewahrsam für eingefangene böswillige Eingeborene geriet, angebracht worden waren. Wenn nun die vier nackten Wände, der staubige Lehmfußboden und der einfache Kamin als hinreichende Bequemlichkeit für Indianer erachtet wurden, so hatte man sie doch als ungenügend für zivilisierte Menschen befunden, und deshalb nach Weatherton's Ankunft einen Tisch und zwei Feldstühle in das Gemach gestellt, wie auch eine Schütte duftendes Heu hinzugefügt, welche die Gefangenen dann durch Ausbreiten ihrer Decken in erträgliche Lager verwandelten. Die Waffen waren ihnen bei ihrem Eintritt abgefordert worden, dagegen hatten sie alle übrigen Sachen, welche sie bei sich führten, mit hinein nehmen dürfen. Sie erfreuten sich daher derselben Bequemlichkeiten, welche ihnen das Leben im Freien geboten hatte, vielleicht noch größerer, indem sie sich unter einem sichern, schützenden Obdach befanden. Während Raft also auf und ab wanderte und jedesmal, wenn er an dem vergitterten Fenster vorüberkam, seine Blicke in's Freie sandte, wurde seine Aufmerksamkeit bald durch diesen, bald durch jenen Gegenstand gefesselt, und indem er sich dann, je nachdem er gestimmt war, lauten Schmähungen oder philosophischen Betrachtungen hingab, verschaffte er Weatherton eine Art von Unterhaltung, welche ihm, trotz seiner trüben Stimmung, manches Lächeln entlockte. »Ich sage Euch, Dickie, der Heilige mit dem verbissenen Gesicht ankert seitlängs von zwei Frauensleuten und spricht zu ihnen, daß eine blinde Stückpforte in denselben seine Ehefrauen erraten würde«. »Woraus schließt Du das, Jim?« »Hm, die eine lacht ihm freundlich zu und nickt, und die andere schaut vor sich nieder und weint wie 'ne tropische Regenwolke. Goddam! hat er sich auch mit zwei Weibern zusammensplissen lassen, so geschieht ihm das doch kein Recht, die eine auf die andere eifersüchtig zu machen«. »Wer weiß, Jim, Du magst Dich irren«. »Nein, Herr, 's ist originell! Halt! jetzt läßt er sie backbordwärts abtreiben und steuert seiner Wege. Aha, die Wagen sind in Sicht, er geht ihnen entgegen, bei Gott! eine Kalesche kommt den Hof heraufgesegelt, wie sie die Königin von England nicht leichter hat; hält mit vollem Winde gerade auf den Heiligen zu«. So weit war Raft mit seinem Rapport gekommen, da stand Weatherton an seiner Seite, und mit einer Spannung, von welcher er sich kaum Rechenschaft abzulegen wußte, schien er den bezeichneten Wagen mit den Augen gleichsam verschlingen zu wollen. Was der Wagen enthielt, blieb ihm indessen verborgen, denn das Gefährt war eins jener mit einem kastenähnlichen ledernen Verdeck versehenen Wägelchen, wie sie zur Beförderung der Postsachen durch die Prärien gebräuchlich sind. Die mittelsten Seitenleder des Verdecks waren aufgerollt worden, der Rest derselben verbarg daher die in dem Wagen Sitzenden noch immer so, daß Weatherton eben nur teilweise die Gestalten von Damen zu unterscheiden vermochte. Der Kutscher hatte unterdessen die Pferde gerade auf Elliot zugelenkt, und da dieser mit der Hand auf sein Haus deutete, so fuhr er im scharfen Trabe vor der bezeichneten Tür vor. Obschon Weatherton, seit er neben Raft am Fenster stand, für weiter nichts als die Kalesche Teilnahme hegte, so glaubte er doch zu entdecken, daß von den Bewohnern des Forts, namentlich von den Frauen und Kindern, eine gewisse Zurückhaltung und Kälte beobachtet wurde, die allerdings für die Ankommenden manches Angenehme hatte, von einer ändern Seite aber auch wieder unsanft berühren, die nach einem freundlichen Willkommen sich Sehnenden sogar zurückstoßen mußte. Weatherton achtete nicht auf das wirre Getreibe; er achtete nicht einmal darauf, daß eine Gesellschaft ungewöhnlich hochgewachsener Indianer, geführt von La Bataille, unter der Plattform ihr höchst einfaches Lager aufschlug. Er achtete nur auf den kleinen Wagen und harrte mit ungeduldiger Spannung auf den Zeitpunkt, in welchem die noch immer nicht sichtbaren Frauen aussteigen und sich endlich ihm zeigen würden. Da trat Elliot, der noch einmal in sein Haus und namentlich in die für die Fremden hergestellte Beratungshalle zurückgekehrt war, an den Wagenschlag heran. Nach ihm folgten Jansen, Rynolds und der stellvertretende Kommandant des Platzes, während Elliot's beide Frauen in der Tür stehen blieben, um, als »seine Verwandte«, die junge Reisende mit einem freundlichen Willkommen in die für sie vorläufig bestimmte Wohnung zu führen. Was man sprach, vernahm Weatherton nicht, er befand sich zu weit entfernt, und nur als leises Murmeln drangen die verschiedenen Stimmen zu ihm herüber; doch glaubte er jene eigentümliche stille Ehrerbietung zu bemerken, welche man so gern geneigt ist denjenigen zu zollen, die durch harte Schicksalsschläge in tiefe Trauer versetzt wurden. Endlich stieg eine der Damen, unterstützt von Elliot, aus. Weatherton blickte schärfer hinüber; es war nicht die, welche er suchte, aber wäre er noch dreimal so weit entfernt von dem Wagen gewesen, so würde er an den gezwungenen und gezierten Bewegungen, wie auch an der Art, in welcher sie sich mit ihrer ganzen Schwere auf Elliot's Arm lehnte, die französische Gouvernante erkannt haben. »Bei Gott, das alte kauderwelsche Wrack!« sagte Raft mit einem Anflug von guter Laune, denn er erinnerte sich in diesem Augenblick aller der Scherze, welche das Schiffsvolk des Leoparden über die dürre, anspruchsvolle Französin hatte vom Stapel laufen lassen. »Ja, das kauderwelsche Wrack; der schöne Lotsenvogel kann also nicht fern sein«. Weatherton antwortete nicht, aber auf seinen erregten Zügen stand geschrieben, daß er Raft's Meinung teilte. Jetzt stieg die zweite Dame aus dem Wagen und schritt, Jan- sen's Arm ergreifend, der Haustür zu. »Hertha Jansen«, sagte Weatherton unbewußt vor sich hin, aber mit einem solchen Ausdruck von Wehmut und inniger Teilnahme, daß Raft, als habe er die Wunde, von welcher die gräßliche Narbe in seinem Gesicht herrührte, zum zweiten Male erhalten, einen Schritt zurücktrat und mit einer Mischung von Entsetzen und Erstaunen auf seinen Liebling hinstarrte. Weatherton verfolgte fast atemlos vor innerer Gemütsbewegung Hertha mit den Augen, bis sie endlich in der Haustür verschwand. Nur einmal öffnete er seine, wie vor Schmerz zusammengepreßten Lippen, und: »armes, armes Kind!« murmelte er leise und unbewußt vor sich hin. Und wohl hatte er Ursache zu dieser Bezeichnung; denn außerdem, daß er ahnte, welches Los Hertha, wenn ihr keine Hilfe wurde, bevorstand, war sie ja auch nicht mehr das enthusiastische, kindlich heitere Wesen, welches so vertrauensvoll in die Zukunft schaute, so wie er sie an Bord des Leoparden kennengelernt hatte. Ihre Gestalt schien gebeugt, ihr Lebensmut gebrochen zu sein, und tiefe Trauer und fromme Ergebenheit sprachen aus ihren Bewegungen, indem sie mit sanftem Neigen ihres Hauptes die Umstehenden begrüßte und, ohne den Ort, der ihr zum vorläufigen Aufenthalt bestimmt war, auch nur einer oberflächlichen Prüfung zu unterwerfen, Elliot's Gattinnen die Hand reichte, um sich von ihnen in die neue Heimat einführen zu lassen. 4. Der Vertrag Wer, weniger vertraut mit den westlich von den Rocky Mountains sich erstreckenden Territorien, erzählen hört von dem großen Salzsee, an welchem die Mormonen ihre neue Heimat gründeten und sich innerhalb weniger Jahre durch seltene Energie und Ausdauer in einen blühenden Wohlstand hineinarbeiteten, der schafft sich mit reger Phantasie in den meisten Fällen das Bild eines paradiesischen, mit allen die Kultur begünstigenden Eigenschaften gesegneten Landstriches. Im Geiste sieht er den weiten, blauen und regungslosen Wasserspiegel, geschmückt mit malerisch emporstrebenden gebirgigen Inseln; er sieht die im heitersten Grün prangenden Ufer, welche wieder von schneegekrönten Felsenketten unterbrochen und begrenzt werden; er denkt an schattige Wälder und an das behagliche Murmeln und Sprudeln von Bächen und kleinen diamantklaren Bergströmen, und zwischen alles dieses hin zaubert er den Menschen mit seinen idyllisch gelegenen Wohnungen und den übrigen seinen Fleiß verratenden Werken und Schöpfungen. Wie ganz anders erscheinen dagegen der große Salzsee und sein Gebiet in der Wirklichkeit! Der schöne Wasserspiegel ist allerdings vorhanden und in demselben spiegelt sich den größten Teil des Jahres hindurch ein lieblich blauer Himmel. Doch die Inseln, welche die Oberfläche des Sees bis zu dreitausend Fuß hoch überragen, steigen als nackte, unwirtliche Gesteinsmassen aus den stillen Fluten empor und zeigen, außer den malerischen Konturen, nichts, was den allgemeinen Charakter trauriger Öde und Einsamkeit milderte. Die schattigen Wälder, von denen man in der Ferne vielleicht träumte, sinken zu unabsehbaren, mit übelriechenden Artemisiabüschen bedeckten Sandebenen herab. Wo am Strande lichtgrüne Streifen die Triebkraft des beständig feuchten Bodens verraten, da erblickt man zugleich den zarten weißen Schimmer der feinen Salzteilchen, die sich, wie Reif, an jeden einzelnen Hahn angeschmiegt haben und demselben einen bittern Beigeschmack verleihen. Aber auch ganz weiße Flächen erblickt man, auf welchen, nachdem das Wasser zurückgetreten, das von dem porösen Erdreich eingesogene Salz sich über der Oberfläche zu einer festen Kruste kristallisierte. Dergleichen Gedanken erwachen, wenn man sich auf dem höchsten Gipfel der Antilopen-Insel befindet und die Blicke nach allen Richtungen hin in die Ferne schweifen läßt. Die Insel selbst, eigentlich eine von Südosten nach Nordwesten laufende Bergkette, liegt in der südlichen Hälfte des Salzsees und ist mit ihrer südlichen Spitze durch eine Sandbank mit dem Ufer verbunden, welche gewöhnlich trocken und nur bei anhaltenden Nord- und Nordweststürmen mit einigen Zoll Wasser bedeckt wird. Benutzt man die Sandbank als Brücke, so beträgt die Entfernung der Inseln von der am Jordan gelegenen Salzseestadt eine kleine Tagesreise. Wählt man dagegen den Wasserweg, der indessen wegen der Untiefen in und vor der Mündung des Jordans nur unter den größten Schwierigkeiten und mit ganz flachen Booten überwunden werden kann, so ist die Entfernung wenigstens doppelt so groß. Die Insel bietet übrigens nichts, was Leute veranlassen könnte, sie zu besuchen, es sei denn, daß Jäger auf derselben dem Wild nachstellen, oder Forscher, dem unbesiegbaren Drange nachgebend, sich von dort aus ein umfassendes Bild vom Tale des so merkwürdigen Salzsees zu verschaffen wünschen. Und wohl lohnt es sich der Mühe, einen der hervorragendsten Berge zu ersteigen, denn was man von dort erblickt, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben, nicht würdig genug mit dem Pinsel darstellen. Man übersieht den weiten umfangreichen See in seiner ganzen Ausdehnung; man übersieht die Bergjoche, welche demselben als Inseln entsteigen oder von fern her ihre Ausläufer bis dicht an denselben heransenden; man übersieht die dürren Sandflächen und die segenspendenden Flüßchen mit ihren schmalen, grünen Tälern, welche erstere wie Fäden in mancherlei Windungen durchkreuzen. An den Rauchsäulen und den regelmäßig ausgelegten viereckigen Feldern erkennt man die Stellen, auf welchen zivilisierte Menschen sich niederließen; über alles dieses hinaus aber treten immer neue Gebirgsketten in den Gesichtskreis, welche, bald schimmernd im weißen Schneekleide, bald gehüllt in blauen Dunst, wie ein undurchdringliches Chaos ineinander verschwimmen und, außer den stark beschwingten Adlern und den auf sicheren Füßen gleichsam schwebenden Bergschafen, allen übrigen Geschöpfen den Eintritt in diesen abgeschlossenen Erdenwinkel zu verwehren scheinen. Nachdem Weatherton und Raft von ihren Freunden und Gefährten getrennt worden waren, hatten Falk, der Schwarze Biber und John die Antilopen-Insel zu ihrem Aufenthalt gewählt. Sie befanden sich dort weit aus dem Bereich der doppelten Postenketten der sich einander gegenüberstehenden Streitkräfte. Außerdem durften sie darauf rechnen, daß die Insel, ihrer Unzugänglichkeit wegen, ganz unbeachtet bleiben würde; zugleich vermochten sie aber auch leichter Weatherton im Auge zu behalten und sich Kenntnis von seinem Ergehen zu verschaffen. Wenn nun die beiden Delawaren die Mormonen nicht zu scheuen brauchten, und Falk, als umherreisender deutscher Künstler, ohne Verdacht zu erregen, in der Salzseestadt hätte auftreten können, so hielten sich alle drei doch auf das sorgfältigste verborgen; denn wurde ihre Anwesenheit in der Nähe der Salzseestadt erst ruchbar, dann mußten sie darauf gefaßt sein, zum allerwenigsten beobachtet zu werden, und dem ersten Zeichen von ihnen, welches auf ihre Verbindung mit den Gefangenen gedeutet hätte, würde unbedingt eine Ausweisung aus dem Tale gefolgt sein. Entdeckte man sie wirklich einmal, wenn sie ihre Nachforschungen bis in die Hauptstadt selbst oder bis nach Fort Utah ausdehnten, dann blieb ihnen ja noch immer der Ausweg, mit irgendeinem Verwande hervorzutreten und die Mormonen offen um Gastfreundschaft zu bitten. Ein zufälliges Zusammentreffen mit Rynolds und Jansen mußte allerdings auf alle Fälle und um jeden Preis vermieden werden, weil ein Wiedererkennen Falk's zu befürchten stand und demnächst Verdacht gegen ihn und seine indianischen Gefährten wachgerufen worden wäre. – Obwohl sich die beiden Abenteurer nur mit der größten Vorsicht bewegten, war es ihnen doch gelungen, Zuverlässiges über Weatherton's Lage zu erfahren. Ebenso hatten sie durch geschicktes Ausfragen von Kindern Kunde von dem Eintreffen der Karawane in Fort Utah erhalten. Über Hertha Jansen und ihre Begleitung wußten sie indessen nur sehr wenig, doch brachten sie den lebhafteren Verkehr zwischen Fort Utah und der Salzseestadt mit diesen sowohl, als mit Weatherton's Geschick in Verbindung, zumal der Verkehr vielfach und gewöhnlich durch dieselben Personen aufrecht erhalten wurde. Sie wendeten ihre Aufmerksamkeit daher vorzugsweise diesen vermittelnden Boten zu und scheuten keine Mühe, keine Anstrengung, wenn sie dadurch auch nur im entferntesten ihren Zwecken zu dienen glaubten. Nicht weit von der Stelle, wo die Sandbank gewissermaßen die Überbrückung von der Insel nach dem Festlande bildete, saßen der Schwarze Biber und Falk in ernster Unterhaltung beieinander. Außer den Sätteln und ihren Waffen, die neben ihnen lagen, war keine Spur von einem Lager sichtbar. Dasselbe befand sich weiter oberhalb hart am Rande des Sees unter einem höhlenartig ausgespülten Felsen, wo eine süße Quelle spärlich dem geborstenen Gestein entrieselte. Aus dem Wesen der beiden Gefährten und aus der Aufmerksamkeit, mit welcher wenigstens immer einer von ihnen die ferne Mündung des Jordan im Auge behielt, ging hervor, daß ganz besondere Gründe sie veranlaßt hatten, gerade diesen Punkt zu ihrem zeitweiligen Aufenthalte zu wählen. Ihre Pferde und das des abwesenden John wateten in dem seichten Wasser umher und vergnügten sich damit, die äußersten Spitzen der Binsen abzubeißen, die, sehr dünn zerstreut, kaum eine Elle hoch, dafür aber umso zarter und saftreicher, über das Wasser emporgeschossen waren. Sie mußten längere Zeit daselbst zugebracht haben, denn Falk begann schon deutliche Zeichen von Ungeduld von sich zu geben, und fast alle fünf Minuten blickte er zu der Sonne hinauf, die sich den westlichen Höhen zuneigte. »Ich hoffe, John hat sich nicht getäuscht, als er gestern die beiden schwedischen Mormonen zu erkennen glaubte«, sagte er nach einem längeren Schweigen zum Schwarzen Biber, der mit stoischer Ruhe, indem er seinen Tomahawk, welcher durch eine sinnige Vorrichtung zugleich die Stelle einer Mordwaffe und einer Tabakspfeife vertrat, dichte Rauchwolken entlockte, nach der Mündung des Jordan hinüberschaute. »John besitzt ein gutes Auge und Ihr habt eine kunstvolle Hand«, antwortete der Delaware nächlässig; »er hat die Männer beobachtet, als sie am Jordan übernachteten, und er hat ihre Gesichter auf Euerm Papier gesehen. Es gibt nicht zwei Menschen, die nur ein Gesicht haben«. »Aber ich sah sie nur einmal und zwar flüchtig, es ist nicht anzunehmen, daß ich ihre Züge so genau getroffen habe«, wendete Falk zweifelnd ein. »Wir wollen warten und sehen«, gab der Biber zur Antwort. »Und was wird unsere nächste Aufgabe sein?« fragte Falk, und im Tone seiner Stimme bekundete sich Unruhe und Besorgnis. »Seit Wochen streifen wir umher wie gehetztes Wild, und alles, was wir gewonnen haben, sind eigentlich doch nur Mutmaßungen. Wir wissen nicht einmal genau, in welchem Hause sie Weatherton gefangen halten, noch weniger, was sie über ihn beschlossen haben«. »Ihr seid sehr ungeduldig«, entgegnete der Schwarze Biber, die Achseln mitleidig zuckend. »Ihr wollt Euerm Freunde helfen, und wißt nicht, wie. Zeit genug für ihn und für uns; warten und sehen und keinen Schlag vergebens tun. Ehe aber ein Schlag geführt wird, alles wissen, was die Mormonen bezwecken«. »Ihr habt recht, ich sehe es ein«, versetzte Falk trübselig, »doch begreife ich nicht, wie wir, ohne mit den Mormonen selbst offen zu verkehren, hinter ihre Geheimnisse kommen wollen«. »Hören und sehen«, antwortete der Schwarze Biber mit einem verschmitzten Lächeln, »hören und sehen, und selbst nicht gehört und gesehen werden«. »Dann vermögt Ihr mehr, als andere Menschen, zumal in einer Zeit, in welcher die Mormonen so wachsam sind«, bemerkte Falk mißmutig. »Ich denke, ich kann«, bestätigte der Delaware, »und was die Wachsamkeit anbetrifft, so befinden sich ihre schärfsten Augen im Gebirge den Amerikanern gegenüber, während in der Stadt nicht schärfere Augen wachen, als der Maulwurf aufzuweisen hat«. Hier schwiegen die beiden Männer wieder längere Zeit. Obschon der Delaware mit einer Zuversicht sprach, als gehöre ein Fehlschlagen seiner Pläne mit zu den Unmöglichkeiten, wurden Falk's Zweifel und Besorgnisse dadurch doch keineswegs verscheucht, und nach wie vor beobachtete er ungeduldig den Stand der Sonne, bis dieselbe endlich den äußersten Rand der Bergkette berührte. »Da ist John«, sagte der Schwarze Biber plötzlich, indem er wie eine Feder emporschnellte. »Aber er mahnt zur Eile«, fuhr er lebhaft fort, mit der Hand auf die Mündung des Jordan deutend, wo zwei schmale Rauchsäulen in geringer Entfernung voneinander emporwirbelten. »Zu Pferde denn«, versetzte Falk, und er war im Begriff, seinen Vorsatz auszuführen, als der Delaware ihn plötzlich daran verhinderte. »Geduld«, sagte er ernst und entschieden, und zugleich wich der leidende, schläfrige Ausdruck aus seinen hellbraunen Zügen; »Geduld; wir müssen vor allen Dingen erfahren, wohin wir uns zu wenden haben«, und während er so sprach, spähte er schärfer nach der Richtung hinüber, in welcher die beiden Rauchsäulen auf einige Minuten sichtbar gewesen und dann wieder zusammengesunken waren. Nach etwa zehn Minuten zeigte sich südlich von den ersten Rauchsignalen, also mehr in der Richtung nach der Salzseestadt, ein drittes, welches indessen noch schneller als die anderen verschwand und offenbar dadurch erzeugt worden war, daß jemand angefeuchtetes Pulver über einigen glühenden Kohlen verbrannt hatte. »Also auf dem nächsten Wege nach der Stadt«, sagte Sikitomaker, behende nach den Pferden eilend, um sie herbeizuholen. Falk antwortete nicht mehr, sondern folgte dem Beispiele des Delawaren. Bald darauf standen ihre Pferde und das John's gesattelt vor ihnen, und nachdem sie sodann die Waffen zweckmäßig auf ihren Körpern befestigt, schwangen sie sich in den Sattel, und dahin ging es im gestreckten Galopp über die Sandbank, und demnächst durch das hohe Artemisia-Gestrüpp auf die Salzseestadt zu. Der Delaware ritt voran und führte John's Pferd am Zügel, während Falk sich dicht hinter ihm in seiner Spur hielt und zeitweise das lose Pferd zur Eile antrieb. Welche Aufgabe die beiden Delawaren sich nunmehr gestellt hatten, vermochte er nicht zu ergründen, und wunderbar erschien es ihm, daß der Schwarze Biber ein so großes Gewicht auf einen Besuch in der Mormonenstadt legte, während er doch wußte, daß Weatherton sich noch immer im Fort Utah befand. Es blieb ihm indessen keine Zeit, darüber nachzudenken und alle ihm bekannten Nebenumstände zu erwägen, denn sein Pferd und der wenig gangbare Boden, über welchen sie hingaloppierten, nahmen seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und keine Minute durften sie verlieren, wenn sie bald nach Einbruch der Nacht bei der hinter der Stadt über den Jordan führenden Brücke eintreffen wollten, wo sie von John erwartet wurden. – Es war, als ob die Kälte nur den Einbruch der Nacht abgewartet habe, um sich zu senken und mit den Nebeln zu vereinigen, welche, den moorigen Niederungen milchweiß entsteigend, die Menschen mit bösartigen klimatischen Fiebern bedrohten. Die beiden Delawaren und ihr Gefährte schienen indessen unempfindlich gegen die Kälte zu sein; denn während letzterer mit größter Spannung die Delawaren beobachtete, lauschten diese mit einer Aufmerksamkeit nach der Stadt hinüber, als wenn sie im Stande gewesen wären, in jedes Haus hineinzuhorchen und jedes einzelne der dort gesprochenen Worte zu vernehmen. Da drang von der Mitte der Stadt her ein gedämpftes Murmeln vieler Männerstimmen durch die stille Atmosphäre zu ihnen herüber, und gleichzeitig erhob sich John, um sich zu entfernen. »Das Haus dort drüben auf der äußersten Ecke behaltet im Auge«, sagte er leise, ehe er davonschritt, zu Sikitomaker und Falk; »jetzt sind nur die beiden Fenster auf der linken Seite der Haustür erleuchtet. Erhellen sich die Fenster auf der andern Seite, dann sind diejenigen zurückgekehrt, die am meisten bei der Gefangenhaltung der Salzwassermänner beteiligt zu sein scheinen. Es sind ihrer vier; gestern Abend waren es wenigstens vier Männer, die dort beratend beieinander saßen, bis lange nach Mitternacht. Ich verstand ihre Worte nicht; ein Wolfshund lag in der Nähe des Hause und knurrte grimmig, sobald ich mich näherte. Ich durfte ihn nicht töten, wollte ich nicht Verdacht erregen und unser heutiges Unternehmen unmöglich machen«, fügte er, wie sich entschuldigend, hinzu. Im nächsten Augenblick stand er auf dem Ufer des Flusses, und geräuschlos glitt er über die Brücke hinüber gerade auf die nächsten Häuser zu, wo er bald darauf in der Dunkelheit verschwand. »Ein guter Junge«, sagte der Schwarze Biber zu Falk, indem er wohlgefällig mit der Hand hinter John herdeutete; »zwei Otterbälge würden ihm nicht mehr Freude machen, als dieses geheime Kundschaften. Ja, ja, 's geht nichts über etwas Abenteuer. Lebt man sonst zu Hause auf der Farm, ohne alle Aufregung, einen Tag wie den ändern. Die Negersklaven bestellen das Feld und unsereins schaut zu. Ja, es ist durchaus notwendig, hin und wieder eine kleine Jagdreise zu unternehmen; bringt zwar nicht mehr viel ein, aber zuweilen stößt man noch auf etwas Aufregung. Ein glücklicher Zufall war's, der mich mit Euch und Euren Gefährten zusammenführte.« So sprach der halbzivilisierte Indianer behaglich vor sich hin. Er gedachte seiner sorgenfreien Heimat und der Sklaven, die er sich allmählich durch seine Dienstleistungen von den Amerikanern erworben hatte, wie eines notwendigen Übels. Je mehr aber seine Geisteskräfte in der gegenwärtigen Lage angespannt wurden, um so sichtbarer traten die Neigungen seiner kriegerischen Vorfahren in den Vordergrund, nur daß er, etwas gesprächiger als diese, seine Freude über die bevorstehende Aufregung in Worten an den Tag legte, während Falk fast Unwillen darüber empfand, daß er die Sache so leicht zu nehmen schien. Das Geräusch, welches das Signal zu John's Aufbruch gewesen, rührte von einer großen Gesellschaft von Männern her, die, nach einer Beratung in der öffentlichen Halle, dieselbe eben verließ und sich in kleinere und größere Gruppen auflöste. Indem diese sich nun nach allen Richtungen hin den verschiedenen Stadtteilen zubewegten, verstummte allerdings der summende Lärm, dafür aber machten sich die einzelnen Gesellschaften wieder bemerklicher, indessen weniger durch lautes Sprechen, als daß ihre Fußtritte zwischen den weit auseinander stehenden Häuser wiederhallten, und hin und wieder von den Heimkehrenden eine Tür zugeschlagen wurde. Auch in der Straße, welche gerade auf die Brücke zuführte, ließen sich Schritte vernehmen, die sich schnell näherten. Dieselben rührten von zwei Männern her, die in einer leisen, aber sehr ernsten Unterhaltung vertieft, offenbar unbeobachten bleiben wollten; denn trotzdem sie eifrig zueinander sprachen und ihre Schritte beschleunigten, versäumten sie doch nicht, von Zeit zu Zeit rückwärts zu schauen, als wenn sie befürchtet hätten, von unberufenen Zeugen eingeholt und belauscht zu werden. Als sie am Ende der Straße auf das sich zwischen dem Fluß und der Stadt hinziehende und zum Teil in Gärten umgewandelte freie Feld gelangten, bogen sie gleich gegen Norden an den Häusern und den noch unbenutzten Bauplätzen hinunter. Wie Falk zu unterscheiden glaubte, lenkten sie gerade auf das abgesondert in einem eingefriedigten Garten stehende Haus zu, auf welches John, ehe er sich entfernte, hingewiesen hatte. Kaum erriet der Schwarze Biber aber, daß diese zwei von den bezeichneten Persönlichkeiten seien, so schlich er, gefolgt von dem Maler, über die Brücke hinüber. Dann sich unter dem Schutz des Ufers im Bett des Flusses fortbewegend, gelangte er bald so weit, daß er sich dem seiner Wachsamkeit empfohlenen Hause gerade gegenüber befand, ihm also ein von John gegebenes Zeichen nicht entgehen konnte. Von diesem hatten sie seit seiner Entfernung nichts mehr gesehen oder gehört. Wenn aber die beiden Mormonen, nachdem sie aus der Stadt herausgetreten waren, anstatt nur rückwärts zu schauen und zu lauschen, sich einige Schritte zurückbewegt und dicht an den Häusern hingespäht hätten, so würden sie wahrscheinlich zu ihrem Verdruß entdeckt haben, daß ihnen die Gestalt eines Mannes in ganz geringer Entfernung nachschlich und immer näher an sie heran zu kommen trachtete. Es war dies der Delaware, der, obgleich er wußte, daß sein Leben von einer Entdeckung abhing, alles aufbot, aus den Worten der vor ihm her Schreitenden nähere Aufschlüsse über das Weatherton bestimmte Geschick zu erlangen. Dieselben schienen sich indessen weniger um den gefangenen Offizier zu kümmern, denn auf der ganzen Strecke, auf welcher John sich in ihrer Nähe befand, hörte er nicht ein einziges Mal Weatherton's Namen nennen. Dagegen verhandelten sie eifrig über einen Knaben, von welchem John aber nichts wußte, und daher auch das Erlauschte in keine Beziehung mit Weatherton oder dessen Plänen zu bringen vermochte. In dem Augenblick, in welchem sie um die Ecke bogen und den daselbst verborgenen Delawaren fast streiften, hatte der kleinere von beiden das Wort ergriffen. »Ihr haltet es also für ratsam, den Knaben nach Fort Utah zu senden?« fragte er mit zweifelndem Ausdruck. »Ganz gewiß«, antwortete der andere mit Entschiedenheit, »es ist notwendig, ebenso wohl des Mädchens wegen, als auch – nun, Ihr wißt ja, Weiber denken anders als Männer, und einer Mutter ist nicht zu verargen, wenn sie sich nach ihrem Kinde sehnt.« »Bruder Elliot«, antwortete Holmsten, »habt Ihr bedacht, daß ein einziges unvorsichtiges Wort von Euch oder von Eurer Gattin unsere Pläne scheitern machen kann?« »Es wäre möglich«, entgegnete Elliot, »aber daß es nicht geschehen wird, dafür stehe ich ein. In meinem Hause wissen nur die Mutter und ich um das Kind; selbst meine zweite Frau hat noch keine Ahnung davon, indem ich sie erst in mein Haus nahm, nachdem unser Vertrag schon seit Monaten bestanden hatte –« »Aber die übrigen Bewohner des Forts?« unterbrach Holmsten seinen Gefährten. »Die übrigen Bewohner des Forts?« fragte Elliot geringschätzig zurück, »o, die wissen, daß meine erste Frau die Mutter von Zwillingen wurde. Außerdem wissen sie aber auch, daß eins der beiden Kinder, noch kein volles Jahr alt, auf einer Reise, welche ich, nur begleitet von Weib und Kind, hierher unternahm, starb und auf dem Ufer des Jordans begraben wurde; ferner, daß meine Frau dann Euer Kind, welches von Indianern aus dem Sandsturm gerettet und Euch gerade zu jener Zeit zurückgebracht worden war, zu sich nahm, um es vorläufig zu pflegen und zu erziehen. Ein Jahr hatte der Knabe, ehe Ihr ihn wieder zu Euch nahmt, in meinem Hause verlebt und daselbst die liebevollste Pflege genossen, ist es daher auffällig, wenn er diejenigen Mutter und Vater nennt, die er so lange gewohnt war als solche zu betrachten? Man tadelte sogar allgemein, daß der arme Junge wieder zu Euch zurückgebracht wurde, weil man voraussetzte, er würde nur schwer, nachdem er uns so lange Eltern genannt, Zutrauen zu Euch und Eurer neuen Gattin fassen. Beruhigt Euch also, das Erscheinen des Kindes wird jetzt, nachdem die Schwester seiner Mutter in Fort Utah eingetroffen ist, von allen Seiten doppelt gut geheißen werden.« »Wo ist der Hund?« fragte Holmsten, plötzlich an der Pforte des Vorgartens seines Hauses stehen bleibend. »Er pflegt mich immer an dieser Stelle zu erwarten; fort kann er nicht sein, denn als ich mich zur Ratsversammlung begab, begleitete er mich noch eine Strecke.« »Er befindet sich vielleicht im Hause«, versetzte Elliot sich umschauend. »Es ist seine Art sonst nicht«, entgegnete Holmsten noch immer befremdet. »Vielleicht hat meine Frau ihn hereingelockt, weil sie weiß, daß ich Besuch erwarte. Er fällt nämlich nach Einbruch der Dunkelheit jeden mit grimmigem Geheul an, der in den Garten einzudringen versucht. Ja ja, so wird es sein«, und über die Abwesenheit des Hundes beruhigt, öffnete er die Pforte, um Elliot den Vortritt zu lassen. »Noch ein Wort«, sagte er dann, sobald er die Pforte hinter sich geschlossen, indem er wieder stehen blieb; »wie benahmt Ihr Euch dem jungen Mädchen gegenüber und welche Stellung behauptet sie Euch gegenüber. Ich sollte denken, im Verkehr mit Euern Frauen kann ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben, was sich alle ihr offen mitzuteilen scheuen.« »In Fort Utah ist die notwendige und zweckmäßige Täuschung noch immer weit eher durchzuführen, als hier oben in der Salzseestadt«, erwiderte Elliot mit einem leisen Anflug von Trauer im Tone seiner sonst fast ausdruckslos ernsten Stimme. »Außerdem drängt der Schmerz um ihre Schwester alle anderen Gefühle und Gedanken weit in den Hintergrund zurück; sie kommt indessen mit niemandem, als mit meiner Familie, in Berührung, und da ich den einzelnen Mitgliedern ihr zu beobachtendes Benehmen aufs strengste vorgeschrieben habe, so erblickt sie in denselben nur Verwandte von mir, deren Gatten zum Dienst in's Gebirge befohlen worden sind.« »Aber der Knabe, er wird Euch in ihrer Gegenwart Vater nennen?« »Kinder in diesem Alter plaudern, wie es ihnen der Zufall gerade eingibt, mag das brave, liebe Bürschchen daher immerhin Vater zu mir sagen. Ich räume aber ein, die Maskerade, welche wir zum Besten unserer Kirche und mit Rücksicht auf das Wachstum unserer Gemeinde aufzuführen gezwungen sind, kann nicht lange andauern. Eure Schwägerin muß mir angetraut werden, ehe sie zur ruhigen Überlegung gelangt, und bei ihrer Frömmigkeit und der sichtbaren Ergebenheit in den neuen Glauben wird sie sich gewiß recht bald über die ungewöhnlichen Satzungen unserer Religion beruhigen, zumal sie dann jeden Rücktritt abgeschnitten weiß.« »Nicht, wenn sie den Charakter ihrer untergegangenen Schwester besitzt«, bemerkte Holmsten mit einem tiefen Seufzer. »O, es gibt Mittel, unfehlbare Mittel«, antwortete Elliot, und seine Stimme bebte seltsam vor leidenschaftlicher Aufregung und innerem Grimm. »Welche Mittel?« fragte Holmsten bestürzt. Elliot biß sich auf die Lippen, im nächsten Augenblick hatte er seine Ruhe aber schon wieder gewonnen. Offenbar dachte er darüber nach, ob es ratsam sei, zu Holmsten von Herta's Verhältnis zu Weatherton zu sprechen, und der Hoffnungen zu erwähnen, welche sich zu seinem eigenen Vorteil an die Ausdeutung des Geheimnisses knüpften. »Das erste Mittel«, hob er endlich nach kurzem Sinnen an, »bleibt, daß ich ihr das Kind ihrer Schwester zuführe. Sie wird sich nicht weigern, da Mutterstelle zu übernehmen, wo ich die Stelle des Vaters vertrete. Nein, sie wird sich nicht weigern, ich verspreche es Euch«, fügte er mit Unheil verkündender Ruhe hinzu; »innerhalb vier Wochen ist sie mir angetraut, und noch vor dieser Zeit wird Euch das Vermögen Eurer verstorbenen Frau, welches dadurch, daß deren Kind noch lebt, an Euch fällt, unverkürzt ausgehändigt werden.« »Und Ihr gelangt, da deren Kind noch lebt, durch meine Vermittlung in den Besitz eines ebenso großen Vermögens und einer der schönsten Frauen am Salzsee«, versetzte Holmsten, jedes einzelne Wort besonders betonend. »Schön ist sie«, bekräftigte Elliot nachdenkend, »warum aber deutet Ihr schon wieder auf einen zwischen uns beiden abgeschlossenen Vertrag hin?« fuhr er gleich darauf lebhafter fort. »Was zwischen uns verabredet wurde, ruht vergraben in unserer Brust, um nie wieder an's Tageslicht gezogen zu werden.« »So sei es«, antwortete Holmsten finster, »Eure Vereinigung mit Herta Jansen findet statt, sobald alle Vorbedingungen erfüllt und auf ewige Zeiten unantastbar gemacht worden sind.« »Und der Knabe bleibt fortan in meiner Familie«, fügte Elliot eben so finster hinzu, »und Ihr erhebt keine Einsprache, wenn ich später, auf Herta's Wunsch vielleicht, meinen Namen auf ihn übertrage, ohne indessen dadurch dem Drittel des Euch von Eurer Gattin zugefallenen Vermögens für ihn zu entsagen.« Holmsten reichte Elliot zum Zeichen des Einverständnisses die Hand, und schweigend schritten sie dann durch das Gärtchen der Haustür zu. Kaum waren sie eingetreten und die Tür hinter ihnen in's Schloß gefallen, da erhob sich dicht am Zaune, kaum zwei Schritte von der Pforte, wo sie so lange innerhalb der Einfriedigung gestanden hatten, John's schlanke Gestalt aus dem Grase, und gleichzeitig sandte er leise und gedämpft, als wäre es aus den Lüften gekommen, das Pfeifen des kleinen Regenvogels nach dem Jordan hinüber. Ein ähnliches Pfeifen antwortete, und John, dadurch zufriedengestellt, legte sich wieder hin, um die Ankunft der Gefährten abzuwarten. Ehe er indessen ein weiteres Zeichen von ihnen vernahm, störten ihn plötzlich die Schritte eines einzelnen Wanderers, der mit großer Eile auf demselben Wege daher kam, auf welchem er selbst kurz vorher Elliot und Holmsten nachgefolgt war. Er mußte befürchten, daß derselbe gerade mit dem Schwarzen Biber und Falk zusammentreffen und von letzterem sogar für seine eigene Person gehalten und möglichenfalls angesprochen werden würde. Er stieß daher den verabredeten Warnungsruf der kleinen gekrönten Rebhühner aus. Derselbe wurde kaum dreißig Schritte weit von ihm sogleich wiederholt, der sicherste Beweis, daß der Schwarze Biber den Fußgänger rechtzeitig entdeckt hatte und daher auf der Hut war. Der Wanderer näherte sich unterdessen schnell, und da er mit der Örtlichkeit nicht sehr vertraut war, die Pforte sich aber in der Dunkelheit gar nicht von der Einfriedigung auszeichnete, so begann er, nachdem er bei der Ecke des Gartens angekommen, sich langsam an dem Zaune hinzutasten, um auf diese Weise die Pforte und demnächst den hölzernen Riegel an derselben zu finden. John sah ein, daß einer Entdeckung gar nicht mehr vorzubeugen sei, und der Fremde, wenn er ihm nicht ausweiche, über ihn hinstolpern müsse. Ohne zu zögern, sprang er daher geräuschlos empor, und als ob er den Dienst eines patrouillirenden Wachtpostens versehe, schritt er mit einem höflichen »Guten Abend« ihm entgegen und an ihm vorbei. »In diesem Hause wohnt doch wohl Holmsten?« fragte Rynolds, sich nach dem Delawaren umwendend. »Holmsten wohnt hier«, gab der Angeredete zur Antwort, und indem er einige Schritte zurücktrat, öffnete er Rynolds die Pforte, worauf er sich mit einem kalten »Gute Nacht« entfernte und hinter dem nächsten Hause verschwand. Die Fenster auf der rechten Seite der Tür waren seit Holmsten's und Elliot's Eintritt in's Haus erleuchtet worden. Falk und die beiden Delawaren, die ebenso schnell an die Einfriedigung des Gartens gelangten, wie Rynolds das Haus erreichte, konnten daher deutlich sehen, daß dieser, ehe er seine Anwesenheit kund gab, nach den zuletzt erhellten Fenstern hinschlich und vorsichtig in das Innere des Gemaches spähte. Indem er sodann sein Ohr dem Rande der untersten Fensterscheibe näherte, versuchte er zu horchen, doch befürchtete er entweder eine Entdeckung von Innen, oder der gedämpfte Schall der Stimmen ging für ihn verloren, denn nachdem er noch einmal einen langen Blick in das Gemach geworfen, schlich er eine kurze Strecke weit auf dem Gartenwege zurück, worauf er sich schnell wieder, jetzt aber mit geräuschvollen Schritten, der Haustür näherte. Auf sein Anklopfen wurde sogleich geöffnet. Als er auf den Flur trat, bemerkte er, wie Holmsten ebendaselbst einen kleinen blondlockigen Knaben von zwei bis drei Jahren von Elliot's Arm nahm, in die links liegende Tür hineinschob und zugleich eine ihm nicht sichtbare Frau bat, das Kind nicht wieder hinauszulassen, während Elliot ihm die Hand zum Gruß entgegenreichte und seine Verwunderung darüber aussprach, daß er allein komme. »Der Apostel und Jansen werden bald nachfolgen, ich eilte voraus, um Euch vorher allein zu sprechen«, antwortete Rynolds, Holmsten's Bewegung nicht beachtend, aber innerlich noch triumphierend über das, was er durch das Fenster entdeckt hatte. Er war nämlich gerade zur rechten Zeit eingetroffen, um zu gewahren, daß Elliot, der sich unbemerkt glaubte, das Kind auf seinen Knieen hielt und mit einem auffallend weichen Ausdruck in seinen Zügen herzte und küßte, Holmsten dagegen sich abgewendet hatte und nach dem Flur hinauslauschte, wie um einer zufälligen Störung durch seine Frau rechtzeitig vorbeugen zu können. Indem er die beiden Männer nun vor sich stehen sah, flogen seine scharfen Blicke prüfend über ihre Gesichter hin. Dieselben waren wieder so undurchdringlich und verschlossen, wie nur je, und vergeblich strengte er sich an, aus ihren Augen etwas von der Gemütsstimmung herauszulesen, in welcher sie sich zur Zeit, als er sie durch das Fenster beobachtete, befunden hatten. Wie jemand, der gewohnt ist, überall gastfreundlich aufgenommen zu werden, trat er auf Holmsten's einladende Handbewegung in das Gemach ein, welches zu des Hausherrn ausschließlichem Gebrauch bestimmt zu sein schien, und überrascht schaute er sich um, als er in der ganzen Einrichtung desselben eine gewisse Üppigkeit bemerkte. Es war das erste Mal, daß er Holmsten besuchte, denn am vorhergehenden Abend war er durch anderweitige Verpflichtungen abgehalten worden, sich an der dort stattgehabten Beratung zu beteiligen. Unwillkürlich verglich er die Einfachheit, die er bisher fast durchgängig bei seinen Glaubensgenossen gefunden, mit dieser an Luxus gränzenden Ausstattung, und er irrte nicht, als er überall den Geschmack einer jungen Frau zu erkennen glaubte, welche einen großen Teil ihrer Zeit darauf verwendet hatte, ihre Häuslichkeit sinnig zu schmücken. Namentlich waren es Stickereien mancherlei Art, die einen freundlichen Schimmer über das Gemach verbreiteten, dessen Möbel allerdings einen Vergleich mit den Fabrikaten östlicher Städte nicht aushielten, aber doch so sauber und gediegen waren, wie sie nur immer am Salzsee hergestellt werden konnten. Rynolds gedachte Holmsten's unglücklicher Gattin; er sah im Geiste das harmlose und freundliche Wesen vor sich, welches er als Kind in der Heimat fast täglich gesehen und beobachtet, und welches dann, beseelt von religiöser Schwärmerei, dem Manne seiner Wahl weit über den Ozean hin nachfolgte. Die den Lehren des Mormonentums geopferte junge Frau verkörperte sich gewissermaßen in seiner Phantasie, aber er blieb kalt und gefühllos. Nur der Gedanke: eine unumschränkte Gewalt über Elliot und Holmsten durch die Mitwissenschaft ihres tiefsten Geheimnisses errungen zu haben, erfüllte ihn, als er die teilweise ihm nicht fremden Gegenstände in seiner Umgebung betrachtete. Holmsten war mit den Augen der Richtung seiner Blicke gefolgt. Er mochte Rynolds' Gedanken erraten, denn über seine nicht unschönen, aber durch religiösen Fanatismus und die aus demselben hervorgehenden sträflichen Leidenschaften gleichsam versteinerten Züge zuckte es wie ein tiefer, unheilbarer Schmerz, und fast vergaß er, seine Gäste zum Niedersitzen einzuladen. »Ich komme etwas früher und allein«, hob Rynolds an, nachdem sie vor dem kleinen Feuer, welches in dem Kamin brannte, Platz genommen, und während er sprach, hielt er seine Blicke fest auf die blauen Flämmchen geheftet, die, wie um ihr Leben bettelnd, über den verkohlten Holzscheiten tanzten und flackerten; »ich komme allein, weil das, was ich mitzuteilen haben, nur einzig und allein für Eure Ohren bestimmt ist. Selbst der oberste Prophet darf nicht erfahren, was hier zwischen uns verhandelt wird.« Hier schwieg er, scheinbar um sich zu sammeln, im Grunde aber, um die Spannung Elliot's und Holmsten's zu steigern und demnächst um so erfolgreicher auf sie einwirken zu können. Diese dagegen blickten sich gegenseitig befremdet in die Augen. Rynolds' geheimnisvolles Wesen erfüllte sie mit bösen Ahnungen, und im Zweifel darüber, wie sie selbst sich zu benehmen haben würden, schwiegen sie, um vorerst auf weitere Eröffnungen zu harren. »Ihr wißt, liebe Brüder, daß ich zum Vormunde über Herta Jansen und ihre unglückliche verstorbene Schwester, die nachherige Mrs. Holmsten gewählt wurde«, fuhr Rynolds endlich wieder mit erheuchelter Sanftmut fort; »ferner kann es Euch nicht fremd geblieben sein, daß unter meiner und Jansen's Verwaltung das ohnehin schon namhafte Vermögen der beiden Waisen noch um ein Beträchtliches vermehrt wurde, was nunmehr dem zukünftigen Gatten Herta's und den rechtmäßigen Erben von deren verstorbenen Schwester zu Gute kommt.« Während Rynolds so sprach und noch immer mit einer feierlich ernsten Miene in das Feuer schaute, fühlten die Männer, die zu beiden Seiten von ihm saßen, eine seltsame Beklemmung. – Kaum wagten sie vor ängstlicher Spannung zu atmen, und noch weniger hätten sie sich getraut, die kurze Pause, welche Rynolds absichtlich wieder eintreten ließ, mit Worten zu unterbrechen. »Nach dem, was ich vorausschickte, meine Brüder, wird es Euch nicht überraschen, mich von der wunderbaren Fügung des Schicksals tief ergriffen zu sehen«, sagte er leise vor sich hin. Dann aber sprang er, wie aus einem tiefen Traum erwachend, empor, und seine Hand auf Holmsten's Schulter legend, rief er aus: »Euer und Editha's Kind ist in der Tat aus dem Sandsturm, der seiner Mutter trauriges Ende herbeiführte, gerettet worden!« Wäre ein Blitz vor den beiden Männern in den Boden gefahren, so hätte das nicht furchtbarer auf sie wirken können, als die von Rynolds in einer Art von Verzückung ausgestoßenen Worte. »Wo ist der Knabe?« fragte Holmsten endlich, mit drohender Gebärde vor Rynolds hintretend; »antwortet mir, wo ist das Kind? ich will es zurückhaben, das Einzige, was mir von einer geträumten irdischen Glückseligkeit blieb«, und indem er so sprach, sank seine wild erregte Stimme zu einem ängstlichen Flüstern herab, während ein unbeschreiblich weicher Ausdruck seinen regelmäßigen Zügen auf Augenblicke den ursprünglichen Charakter männlicher Schönheit verlieh. »Und Ihr fragt?« entgegnete Rynolds mit einem Seitenblick auf Elliot, der noch immer nach Fassung rang und seine heftige Gemütsbewegung vergeblich hinter einer Maske von Verschlossenheit zu verbergen trachtete. »Ihr fragt?« wiederholte er lauter, »und ich sah eben ein Kind an Eurer Hand, welches doch nur das gerettete gewesen sein kann.« Bei diesen Worten sprangen Elliot und Holmsten, wie von einer giftigen Schlange gebissen, empor, und wenn sie bei der ersten Nachricht nur Schrecken und Entsetzen an den Tag gelegt hatten, so schien sich jetzt die furchtbarste Wut ihrer zu bemächtigen. War ihre Haltung doch so drohend, und sprühten ihre Augen doch ein solches Feuer des Hasses und Rachedurstes, daß Rynolds, hätten sie sich an einem andern Ort befunden, für sein Leben würde gefürchtet haben. »Rynolds«, begannen nach einer kurzen Pause Holmsten mit tiefer, zitternder Stimme, sich gleich Elliot wieder auf seinen Stuhl niederlassend, »ich kannte Euch schon drüben in der alten Heimat, und zwar als jemanden, dem freundliche und aufrichtige Gefühle fremd waren, Ihr habt Euch in den Jahren, die zwischen dem damals und jetzt liegen, nicht geändert. Vergeßt nicht, daß Ihr Euch nunmehr am Salzsee befindet, wo Euch jederzeit die Rache für eine Beleidigung treffen kann. Sagt, was veranlaßt Euch dazu, Euer Spiel mit Männern zu treiben, die im Stande sind, Euch zu zermalmen, zu zertreten?« »Ich will niemanden beleidigen, noch treibe ich Spiel mit Euch«, antwortete Rynolds kalt und ruhig, seine Blicke wieder auf die glimmenden und knisternden Kohlen heftend; »ich will mich nur in Einvernehmen mit Euch setzten, und zwar als Vormund von Herta Jansen und als gewissenhafter Verwalter ihres Vermögens und dem Teil des Vermögens, welcher noch an die Erben Eurer verstorbenen Frau ausgezahlt werden soll. Es war ja verhältnismäßig nur eine geringe Summe, welche Euch nach Eurer Verheiratung übergeben wurde.« »Wollt Ihr nicht auch in die Rechte des obersten Propheten und in die Jansen's eingreifen, indem Ihr über die Hand des jungen Mädchens verfügt?« fragte Elliot spöttisch, denn daß Rynolds des Knabens nicht weiter erwähnte, hatte ihn wieder einigermaßen beruhigt. »Das nicht, meine lieben Brüder«, erwiderte Rynolds eben so spöttisch, »aber ein Wort mitsprechen möchte ich, und namentlich bin ich entschlossen, nicht eher Rechnung abzulegen, als bis das geheimnisvolle Dunkel, welches den Knaben umschwebt, gewichen ist. Es sind Gerüchte in Umlauf, die, wenn sie sich bewahrheiten, Euch, Bruder Holmsten, die erwartete Erbschaft, und Euch, Bruder Elliot, das junge Mädchen samt der reichen Mitgift kosten dürften.« »Gerüchte?« riefen Elliot und Holmsten gleichzeitig aus, von ihren Stühlen emporfahrend; »wer spricht von Gerüchten, und wer wagt es, Gerüchte über uns in Umlauf zu setzen!?« »Vorläufig spreche nur ich allein davon«, antwortete Rynolds, dessen Kaltblütigkeit in demselben Grade wuchs, in welchem seine Gefährten ihre Selbstbeherrschung und ruhige Überlegung verloren. »Doch wozu diese Neckereien, meine geliebten Brüder«, fuhr er fort, ehe seine beiden Gegner Zeit gewannen, ihm irgend etwas zu erwidern; »sprechen wir offen miteinander und verständigen wir uns; mit einem Worte, ich wünsche in Eurem Bunde als Dritter aufgenommen zu werden, und wenigstens einen Teil von dem Vorteil zu beziehen, welchen das zwischen Euch verabredete Geschäft abwirft. Ich bin nicht unbescheiden«, erklärte er weiter, als er die Verwirrung und Ratlosigkeit seiner Gefährten bemerkte, welche die verhaltene Wut nicht wollten zum Durchbruch kommen lassen; »nein, gewiß nicht, ich bin nicht unbescheiden; da ich indessen mein Amt als Verwalter des Vermögens gewissenhaft erfüllte und kaum meine Auslagen berechnete, und da ferner sogar auch am Salzsee der Einfluß einer Stellung von den Mitteln abhängig ist, die man aufzuweisen hat, so ist es mein Wunsch und meine Bitte an Euch, mir wenigstens ein Viertel von der Gesamtsumme zuerkennen zu wollen.« »Und auf welchen Grund hin?« fragte Elliot entrüstet, »es ist ja bekannt, daß Ihr bei Eurer gepriesenen Verwaltung der Kindergelder selbst immer wohlhabender wurdet, mithin nicht schlecht für Euch gesorgt haben müßt. Habt Ihr aber wirklich noch gerechte Ansprüche wegen Zurückerstattung von Auslagen zu erheben, oder wollt Ihr Eure verlorene Zeit bezahlt haben, so wendet Euch an Jansen, den Onkel und Mitvormund der Kinder, und nicht an uns. Wir vermögen das Gerechtfertigte Eurer mutmaßlichen Forderungen nicht zu beurteilen, noch weniger steht es in unserer Macht, dieselben zu befriedigen.« »Ihr mißversteht mich«, versetzte Rynolds mit erheuchelter Gutmütigkeit; »Ihr, ja gerade Ihr seid die Personen, vor denen ich meine Ansprüche geltend zu machen habe, und die mir, wenn ich nicht irre, auch meine Forderungen gern bewilligen werden. Doch ich will deutlicher sein. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Editha Holmsten, als sie sich durch die Flucht der Gewalt ihres zu einer zweiten Ehe schreitenden Gatten entziehen wollte, samt ihrem Kinde während eines Sandsturms in der Wüste schrecklich zu Grunde ging. Wäre ihr Kind gerettet worden, so würde sich von selbst ergeben haben, wer der eigentliche und rechtmäßige Erbe der ihr zufallenden achtzigtausend Dollar gewesen. »Es mußte also ein anderes Kind geschafft werden, und da in dem Alter von fünfviertel Jahren die Kinder einander sehr ähnlich sind, in dem nächsten halben Jahre aber eine bedeutende Veränderung in ihrem Äußern vorgehen kann, so wurde ein bindender Vertrag zwischen Euch geschlossen. Laut dessen sollte der Sohn Elliot's vom Utahsee auf kurze Zeit hierher, dann wieder zu seinen Eltern zurück, endlich wieder hierher gebracht werden und für den geretteten Sohn der verstorbenen Mrs. Holmsten gelten. Das Wechseln des Aufenthaltes, die Zeit, welche zwischen den verschiedenen Entschlüssen und Beschlüssen lag, und überhaupt das weise Benutzen von glücklichen Nebenumständen erleichterten den ganzen Plan. Das Märchen von den Indianern, welche das Kind gerettet haben sollten, wurde von keiner Seite in Zweifel gezogen, und ich glaube kaum, daß, weder in Fort Utah, noch hier am Salzsee jemand lebt, der nicht darauf schwört, der kleine blondlockige Knabe, welchen Elliot kurz vor meiner Ankunft herzte und küßte, wie nur ein Vater sein Kind zu herzen und zu küssen vermag, sei der wiedergefundene Sohn Holmsten's.« »Und was bezweckt Ihr damit, daß Ihr hierher kommt und selbst ein phantastisches Märchen erzählt, welches nur in einem verbrannten Gehirn, oder in einem beabsichtigten Betruge seinen Ursprung haben kann?« fragte Elliot zähneknirschend, indem er sich mit drohender Gebärde Rynolds näherte. »Ich denke, ich war deutlich genug«, antwortete dieser, nicht ohne Ängstlichkeit die kraftvolle Gestalt des ergrimmten Kommandanten messend, »ich bin der einzige, der um Euer Geheimnis weiß, weil Ihr selbst es mir vor wenigen Minuten erst in seinem ganzen Umfang verraten habt; und wie Ihr Euern Vorteil aus demselben zieht, so will auch ich nicht umsonst unverbrüchliches Stillschweigen bewahren.« Elliot und Holmsten blickten sich gegenseitig betroffen an, als hätten sie fragen wollen, was unter solchen Umständen zu beginnen sei. Offenbar waren sie noch im Zweifel darüber, ob Rynolds schon früher den wahren Sachverhalt erraten habe, oder ob seine Mitwissenschaft nur auf Vermutungen beruhe, welche durch ihre eigenen unvorsichtigen Äußerungen Bekräftigung erhielten. Da wendete Elliot sich plötzlich wieder an Rynolds, der mit einer gut gespielten Unbefangenheit das Feuer schürte und einige Holzscheite auf die Kohlen legte. »Es lassen sich Märchen erfinden«, hob er an, und die Worte entrangen sich mit röchelndem Ton seiner trockenen Kehle, »Märchen, um jemandem zu schaden, indem man sich für irgendwelche Unbilde zu rächen wünscht. Ich weiß nicht, ob ich oder Holmsten Euch jemals Grund zu derartigen Verleumdungen gegeben haben; jedenfalls sind Eure feindlichen Gesinnungen nicht zu verkennen. Ich gehe daher auf Eure betrügerische Anklage ein und antworte Euch demgemäß: Wenn jemand einen andern eines Verbrechens zeiht, so ist er auch verpflichtet, seinen Aussagen Beweise beizufügen.« »Beweise?« fragte Rynolds achselzuckend, »Beweise besitze ich nicht; es käme aber darauf an, die Sache vor einen Gerichtshof zu bringen und untersuchen zu lassen. Vielleicht, daß die wahre Mutter, eine dauernde Trennung von ihrem Kind befürchtend, sich zu bestimmten Aussagen und Zeugnissen verleiten ließe. Doch, warum noch mehr Worte verlieren? Ihr weist mich zurück, das Gericht wird es nicht tun; und ob Euch oder mich dabei der größte Verlust trifft, müßt Ihr selbst am besten beurteilen können. Ich betrachte die ganze Angelegenheit jetzt als eine Geschäftssache, glaube aber vollständig im Interesse meiner noch nicht volljährigen Mündel zu handeln, wenn ich sie frage, ob sie geneigt sei, die dritte Gattin des Kommandanten Elliot zu werden, desselben Elliot, der sein Kind an den Gatten ihrer verstorbenen Schwester verhandelte.« »Schurke!« preßte Elliot zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor, und seine Faust hob sich, um Rynolds in das Gesicht zu treffen. Ehe sich dieselbe aber senkte, fühlte er sich von Holmsten gehalten, der bleich wie ein Toter dastand und, vor Entsetzen unfähig zu sprechen, mit der andern Hand auf das nach dem Vorgarten hinausliegende Fenster wies. »Man kommt«, sagte Elliot, nach der angedeuteten Richtung hinüberlauschend, indem er den gehobenen Arm schlaff an seinem Körper herunterfallen ließ. »Ja, man kommt«, wiederholte Rynolds mit einem tiefen Seufzer, in welchem sich aussprach, wie erleichtert er sich dadurch fühlte, die Stimmen von sich nähernden Personen zu vernehmen. »Wollen wir die begonnene Unterhaltung in Gegenwart von Zeugen fortsetzen, oder seht Ihr es lieber, wenn wir zur endgültigen Vereinbarung einen anderen Zeitpunkt wählen?« fragte er dann schadenfroh und mit innerlichem Triumpf den Seelenkampf der beiden Genossen beobachtend. Diese schwiegen; sie fühlten, daß sie durch ihre Zustimmung das ihnen zur Last gelegte Verbrechen gleichsam bestätigten und auf Rynolds' Anerbieten eingingen. Auf der andern Seite aber bebten sie vor dem Gedanken zurück, durch die versuchte Verteidigung auch noch bei anderen Menschen Argwohn zu erwecken, der zu weiteren Nachforschungen führen konnte. Da klopfte es laut an die Haustür. Elliot und Holmsten fuhren zusammen. »Es sei, wählen wir einen andern Zeitpunkt«, sagte letzterer endlich, indem er sich beeilte, die erwarteten Gäste einzulassen. »Ja, es sei, wiederholte Elliot, die Hände auf dem Rücken zusammenlegend, worauf er, wie in tiefes Nachdenken versunken, mit langsamen Schritten das Gemach durchmaß. »Es sei«, sagte er abermals, als er wieder bei Rynolds angekommen war, »von zwei Übeln soll man immer das kleinste wählen; sprechen wir also zu gelegenerer Zeit weiter darüber; bis dahin aber Schweigen, tiefes, unverbrüchliches Schweigen.« »Tiefes, unverbrüchliches Schweigen«, bekräftigte Rynolds, der kam noch sein Frohlocken zu unterdrücken vermochte. Was er etwa noch weiter sagen wollte, das hielt er zurück, weil in demselben Augenblick die Stubentür geöffnet wurde. 5. Die Nacht in der Salzsee-Stadt. Auf das Geräusch blieb Elliot stehen, und gleich Rynolds wendete er sich mit höflichem Gruß den Ankommenden zu. »Ah, schon hier?« sagte der Apostel, dem man den Vortritt gelassen hatte, sobald er Rynolds erblickte; »Ihr waret so plötzlich im Gedränge der von der Versammlung heimkehrenden Brüder verschwunden, daß ich glaubte, Ihr wäret wieder nach der Halle zurückgekehrt, um vielleicht noch einen alten Bekannten zu sprechen.« »Ich dagegen vermutete Euch schon auf dem Wege hierher, und beschleunigte meine Schritte, um Euch einzuholen«, antwortete Rynolds, zuerst dem Apostel mit höflicher Würde, und danach Jansen, der sich in des Apostels Begleitung befand, mit vertraulicherem Wesen die Hand reichend. »Erst nachdem ich hier eingetreten war, entdeckte ich meinen Irrtum, und nur den Versicherungen unserer Freunde hier, die behaupteten, Ihr würdet bald nachfolgen, ist es zuzuschreiben, daß ich nicht sofort umkehrte, um Euch hierher zu begleiten.« In Elliot's und Holmsten's Ohren klangen Rynolds' Worte wie der schrecklichste Hohn. Sie hatten sich indessen schon einigermaßen mit ihrer gefährlichen Lage vertraut gemacht und ihre Ruhe in so hohem Grade wiedergewonnen, daß weder Jansen noch der Apostel eine Änderung ihrer Gemütsstimmung wahrzunehmen vermochten, selbst auch dann nicht, wenn sie ihre Gesichtszüge einer sorgfältigen Prüfung unterworfen hätten. Sie waren wieder mit Leib und Seele die finsteren, einsilbigen Mormonen, bei welchen es entweder einer bis zum Fanatismus gesteigerten religiösen Aufregung, oder einer an Tollwut grenzenden Gereiztheit bedurfte, um ihre verschlossenen, gleichsam versteinerten Züge zu beleben. Jansen unterschied sich in seinem Wesen wenig oder gar nicht von ihnen. Die Beratungen, welchen er in der öffentlichen Versammlung beigewohnt hatte, und welche ausschließlich die ernsten Zeiten betrafen, mochten mit dazu beigetragen haben, ihn noch wortkarger zu machen. Der Apostel dagegen, ein kleiner lebhafter Mann von etwa sechzig Jahren, gefiel sich darin, trotz der bedrohlichen Zukunft ein freudiges und leutseliges Benehmen gegen seine Glaubensgenossen, im Allgemeinen aber ein unerschütterliches Vertrauen auf den Schutz Gottes und auf die Unumstößlichkeit des Mormonenthums zur Schau zu tragen. In Rynolds nun fand er jemanden, der allerdings nicht so leicht zu fanatisieren war, wie die übrigen Mitglieder der heiligen Herde, der aber, wenn auch nicht aus inniger religiöser Überzeugung, dafür aber mit der Verschlagenheit eines echten Jesuiten sogleich auf alle seine Andeutungen einzugehen wußte und listig die eigene Stimmung nach der des Apostels abmaß. Seitdem Rynolds Elliot und Holmsten in seiner Gewalt wußte, kümmerte es ihn ja nicht weiter, ob ihn dieselben für einen gewissenlosen Betrüger hielten. In der Gunst Jansen's aber hatte er sich im Laufe der Jahre so sehr zu befestigen verstanden, daß es mehr als gewöhnlicher Umstände bedurft hätte, um das Vertrauen, welches derselbe ihm schenkte, wankend zu machen. Für die Anwesenden selbst zeigte also niemand ein besonderes und auffallendes Benehmen. Es herrschte derselbe Ernst, wie zu allen Zeiten; die Stimmen wurden nicht über das gewöhnliche Maß gehoben; eine zur anderen Natur gewordene Feierlichkeit ruhte auf den Zügen und in den Bewegungen, und mit derselben Feierlichkeit ließen sich auf Holmsten's Einladung alle auf die vor dem Kamin im Halbkreise aufgestellten Stühle nieder. Man war indessen noch nicht über die ersten einleitenden Bemerkungen hinweggekommen, da änderte der Rauch, der den glimmenden und teilweise noch nicht vollständig ausgetrockneten Holzscheiten in zahlreichen blauen Wolken und Wölkchen entströmte, plötzlich seine Richtung, und anstatt in den weiten, nach oben zu sich verengenden Schlot hineinzuschlagen, erfüllte er in dichten Massen das Gemach. Hustend und die tränenden Augen reibend, rückten die Männer schleunigst von dem Kamin fort; Holmsten dagegen ergriff ein Schüreisen, und trockene Späne über den Kohlen aufhäufend, gab er sich die größte Mühe, wieder helle Flammen zu erzeugen, die nach seiner Ansicht den Rauch verzehren oder durch den Druck der Wärme wieder in den Schornstein hineintreiben sollten. Seine Bemühungen erwiesen sich indessen als vergebliche. Es gelang ihm wohl, das Feuer hell aufflackern zu machen, allein wenn früher nur Rauch in die Stube gedrungen war, so folgten jetzt Funken und Aschenstaub nach, so daß auch er sich endlich genötigt sah, wenn er nicht ersticken wollte, sich aus dem Qualm zurückzuziehen. »So lange das Haus steht, bin ich noch nicht durch Rauch belästigt worden«, rief er keuchend aus, indem er nach den Fenstern hinsprang und dieselben eins nach dem andern emporschob. »Vielleicht ein Windstoß, der sich in den Schornstein verirrte, oder das Holz ist noch zu grün«, bemerkte der Apostel, sich einem Fenster nähernd, um die durch dasselbe eindringende frische Luft einzuatmen. »Nein, nein, das ist es nicht«, versetzte Holmsten mit einer Anwandlung von Ungeduld, »draußen regt sich kein Lüftchen, denn seht nur, wie zögernd der Rauch sich in's Freie drängt. Nein, es muß einen anderen Grund haben.« Kaum hatte er ausgesprochen, da schien es, als habe das Feuer neues Leben erhalten, denn die Flammen schlugen wieder lustig in den Schlot hinein, und ihnen nach folgte allmählich der Rauch, der sich in dem Gemach angesammelt hatte. Durch Wehen mit Tüchern und Decken gelang es den vereinigten Kräften der fünf Männer, die Atmosphäre in dem Gemach zu reinigen, und da man die Ursache, welche so störend gewirkt hatte, für beseitigt hielt, so nahmen alle wieder auf ihren Stühlen Platz, während Holmsten von einem Fenster zum andern hinschritt und dieselben schloß. Sobald aber der letzte Flügel in seine alte Lage zurückrollte, strömte der Rauch auch wieder in die Stube hinein, und nicht eher erwies sich dieser Übelstand als gehoben, als bis Holmsten von neuem alle Fenster aufgestützt hatte. »Ich fürchte, wir werden bei offenen Fenstern zubringen müssen«, sagte Holmsten verdrießlich, zu den Genossen herantretend, die sich wieder im Halbkreise um das Feuer ordneten. »Die Zugluft trifft uns nicht«, versetzte der Apostel begütigend, »und gegen die eindringende Kälte können wir uns leicht schützen. Ihr habt ja für einen ausreichenden Holzvorrat gesorgt.« »Ich bedauere nur –« »Kein Bedauern, kein Bedauern«, fiel der Apostel Holmsten in die Rede, als er sich entschuldigen wollte, »schüren wir das Feuer und vergessen wir nicht, daß die Zeit enteilt.« So sprechend ergriff er das Schüreisen und eifrig störte er die Glut auf, während Holmsten noch einige starke Blöcke leicht brennenden Zedernholzes über die weißglühenden Kohlen aufschichtete. Nach wenigen Minuten herrschte eine so angenehme Temperatur in dem Gemach, daß man das Eindringen der kalten Nachluft gar nicht mehr fühlte. Der Schein der hoch auflodernden Flammen verdrängte das matte Licht der auf dem Tische stehenden Lampte, und je größere Helle sich in dem Gemach verbreitete, um so schwärzer und undurchdringlicher erschien die schwarze Finsternis, welche hinter den geöffneten Fenstern lag und diesen den eigentümlichen Charakter von gähnenden Abgründen verlieh. Finstere, fanatisierte Männer unterhielten sich über Tod und Blutvergießen, wie über alltägliche und ganz gewöhnliche Dinge, und dazwischen rezitierten sie fromme Bibelsprüche und andere, die auf Krieg und Märtyrtum Bezug hatten. Oben auf dem schrägen Schindeldach aber, neben dem engen Schornstein, der aus dem Kamin der eben beschriebenen Stube in's Freie führte, kauerte, wie ein neckischer Geist der Unterwelt, John, der gewandte Delaware. Es war ihm ein leichtes gewesen, mit Hilfe seiner Gefährten nach dem einstöckigen Häuschen hinauf zu gelangen; zu welchem Zweck, das verriet die wollene Decke, die auf dem Rande des Schornsteins hing, und die er mit leichter Mühe über die schwarze, dampfspeiende Röhre hing, sobald er das Geräusch vernahm, mit welchem die geöffneten Fenster niedergelassen wurden. Unter dem Giebelfenster dagegen, hart an die Mauer gedrängt, so daß ein zufällig in's Freie gesendeter Blick über ihn hinstreifen mußte, lag Falk, während Sikitomaker sich in ähnlicher Weise vor das dem Kamin am nächsten befindliche Vorderfenster hingestreckt hatte. Sie vernahmen dort fast jedes Wort, welches in dem Gemach gesprochen wurde, und wenn ihnen auch hin und wieder die leiser gemurmelten Stellen der Unterhaltung entgingen, so vermochten sie doch dieselben aus dem Vorhergegangenen und dem Nachfolgenden zu ergänzen. – »Nachdem wir an dem heutigen Abend in der Mitte der Apostel und Ältesten und unter dem Vorsitz des Propheten unsere Beschlüsse, betreffs einer energischen Kriegführung und des Verwerfens der von den Gentiles gemachten entwürdigenden Vorschläge und Bedingungen, gefaßt haben, meine Brüder im Glauben, dürfte es wohl angemessen sein, unsere Aufmerksamkeit auch einzelnen Privat- und Familien-Angelegenheiten zuzuwenden«, begann der Apostel, nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten und eine weitere Störung durch den Rauch nicht mehr zu befürchten war. »Ich komme zu Euch, mit dem Segen und im Auftrage unseres Propheten, um Eure Ansichten zu erwägen, so weit es tunlich, in seinem Namen die nötigen Anordnungen zu treffen und ihm demnächst Bericht über das Resultat unserer Beratung abzustatten.« Die vier Zuhörer erklärten durch zustimmende Zeichen und einzelne Worte, daß sie bereit seien, den von dem Propheten erlassenen Befehlen nachzukommen, und der Apostel fuhr fort: »Da es im Interesse unserer Kirche wie unserer Politik liegt, die Gewalt, namentlich die Gewalt, welche durch Reichtum begründet wird, in solchen Händen zu wissen, welche dieselbe auch weise zur Ehre Gottes und unserer Gemeinde zu gebrauchen verstehen, so erklärt sich der Prophet vollkommen damit einverstanden, er fordert sogar, daß die Nichte unseres treuen Bruders Jansen unserm Bruder Elliot, dem Kommandanten von Fort Utah, als seine rechtmäßige Gattin angesiegelt werde. Ihr, die Ihr Euch hier versammelt habt, seid die einzigen, denen es freisteht, Einwände zu erheben, Einwände, denen vor höchster Seite Beachtung geschenkt werden würde. Ich frage daher nochmals an, ob Eure Wünsche mit den Ansichten des Propheten im Einklänge stehen?« Alle äußerten sich in beifälliger Weise, doch konnten Elliot und Holmsten nicht umhin, mit einer Art von Beklemmung Rynolds zu beobachten, als derselbe nur einfach nickte und mit der Miene größter Unbefangenheit in's Feuer schaute. »Es ist gut«, fuhr der Apostel fort, indem er ein Buch aus der Tasche zog und etwas in dasselbe niederschrieb. »Wie groß ist das Vermögen des Mädchens?« fragte er sodann, sich an Rynolds wendend. »Die Gesamtmasse beträgt gegen hundertundsechzigtausend Dollar«, antwortete dieser im Geschäftstone, »doch würden davon noch sechzigtausend oder etwas mehr auf den Erben der verstorbenen Schwester fallen.« »Also auf Euch?« fragte der Apostel Holmsten, und wiederum schrieb er einige Worte in sein Taschenbuch ein. Holmsten bejahte die Frage, doch entging es Rynolds nicht, daß er befangen wurde und seinem Blick zu begegnen vermied. »Die kleinere Hälfte würde also schon, ohne weiteres Dazutun, in der Salzsee-Stadt untergebracht werden«, sagte der Apostel, nachdem er eine Weile nachgesonnen hatte; »das genügt indessen nicht. Wie unsere Stadt der Mittelpunkt ist, um welchen sich die Heiligen der letzten Tage scharen und ansiedeln, so soll sie auch der Mittelpunkt des Glanzes und des Reichtums sein. Ihr werdet daher innerhalb kurzer Zeit den Befehl erhalten, hierher überzusiedeln«, wendete er sich an Elliot. »Meldet nur, zu wann Ihr Eure Vereinigung mit dem jungen Mädchen festgesetzt habt, damit darauf Rücksicht genommen werden kann. Je eher, je lieber; denn die Geschäfte häufen sich, und es ist vorauszusehen, daß die nächste Antwort auf unser Ultimatum, welche kaum noch drei Wochen ausbleiben kann, vom Donner der Geschütze begleitet sein wird.« »Die Wahl des Zeitpunktes der Verbindung soll meiner Nichte überlassen bleiben«, versetzte Jansen, den es unangenehm berührte, daß hier so frei über die Tochter seines Bruders verfügt wurde. »Und wenn sie die Wahl noch auf Jahre hinausschiebt?« fragte der Apostel schnell in vorwurfsvollem Tone, »wenn sie die Wahl hinausschiebt, bis der Tod dereinst ihren Lebensfaden durchschneidet, wer soll dann verantwortlich gemacht werden für ihr Seelenheil? Nein, mein Bruder, Ihr habt zu bestimmen, und möget Ihr den Tag so nahe wie möglich ansetzen, damit wir außer Besorgnis über das sein können, was ihr im andern Leben bevorsteht.« »Ihr habt recht«, antwortete Jansen, und ein leichter Schauder durchrieselte ihn, als habe er alle Gedanken an irdische Rücksichten abschütteln wollen, während ein wildes, schwärmerisches Feuer aus seinen Augen leuchtete. »Ich werde mit meiner Nichte Rücksprache nehmen und sie, im Falle sie Bedenken hegen sollte, zu beeinflussen wissen. Verlaßt Euch auf mein Wort, sie wird sich nicht weigern, sie ist fromm, sie ist unverdorben, und wenn es sich darum handelt, ihre Seele von der ewigen Verdammnis zu retten, dann ist es meine heilige Pflicht, zu den äußersten Mitteln zu greifen, zu welchen mich meine Stellung als Vormund und Onkel berechtigt.« »Ihr seid stark im Glauben, mein Bruder«, versetzte der Apostel, indem er Jansen feierlich die Hand reichte, »Ihr seid ein wahrer Streiter in dem auserwählten Heere des Erlösers, und schon in dieser Welt werdet Ihr den Lohn für Eure fromme Hingebung empfangen.« Um Rynolds' Lippen spielte ein feines, kaum bemerkbares Lächeln, als er diese prahlenden Worte vernahm und zugleich bemerkte, welchen Eindruck sie auf die drei übrigen Männer ausübten. Für ihn gab es ja weder ein Mormonentum, noch irgend eine andere Religion. Er hatte sich die Aufgabe gestellt, die Verirrungen und Verblendungen anderer Menschen zu seinem eigenen Vorteil auszubeuten, und woran ihn in seinem Heimatlande die Gesetze hinderten, das hoffte er hier in der Fremde ungestraft auszuführen. Nach dem Golde seiner Schutzbefohlenen stand schon seit Jahren sein Sinn, und kaum am Salzsee angekommen, spielte ihm der Zufall die Mittel in die Hand, wenigstens einen beträchtlichen Teil desselben sich aneignen zu können. Er glaubte ein begünstigendes Lächeln der Glücksgöttin zu erkennen, und indem er sich für einen Liebling derselben ansah, wuchs auch sein Vertrauen auf seine List und seine Kühnheit, mit welcher er an die weitere Ausführung seiner langgehegten Pläne zu gehen gedachte. Vertraute und Freunde, auf deren Hilfe er zählen durfte, besaß er nicht, dafür hatte er aber auch keinen Verrat zu befürchten, und seine ehrgeizigen Wünsche reichten ja, neben seinem Durst nach Schätzen, hoch hinauf, höher noch, als er selbst es sich zuzugestehen wagte. – Niemand hatte auf sein Mienenspiel geachtet, und wenn Elliot oder Holmsten es bemerkt hätten, so würden sie es gewiß als ein Zeichen höhnischen Triumphes gedeutet haben, welchen er darüber empfand, sie nunmehr, unbeschadet seiner eigenen äußeren Würde, nach Willkür knechten und pressen zu dürfen. Das Schweigen, welches auf die zwischen dem Apostel und Jansen stattgefundenen Erörterungen folgte, schien Rynolds zuerst drückend zu werden, denn er wendete sich plötzlich mit der Frage an den Apostel, was an höchster Stelle über den in Fort Utah befindlichen Gefangenen beschlossen worden sei. »Die Hand Gottes hat diesen jungen Abenteurer in unsere Gewalt gegeben«, antwortete der Apostel mit Salbung; »Vorläufig ist derselbe festzuhalten. Man weiß nicht, zu welchem Zwecke er noch verwendet werden kann, ob zum Auswechseln, oder zum Erschießen, im Falle es angemessen erscheinen sollte, Repressalien zu üben, denn Aug' um Auge, und Zahn um Zahn, spricht der Herr.« »Sind von Seiten unserer Feinde noch keine Nachforschungen nach ihm angestellt worden?« fragte Jansen mit seiner tiefen, eine gefährliche Entschlossenheit verkündenden Stimme. »Bis jetzt noch nicht, und es ist kaum wahrscheinlich, daß überhaupt solche nach ihm angestellt werden«, antwortete der Apostel, einen fragenden Blick auf Jansen werfend. »Wohlan, so weiß niemand um seine Gefangenschaft, wir können ihn, ohne Besorgnis vor neuen Verwickelungen, bis nach dem wirklichen Ausbruch des Krieges in Gewahrsam behalten«, entgegnete Jansen. »Wir haben aber die volle Berechtigung, ihn jetzt schon als Spion zu betrachten«, bemerkte Elliot, und in seinen ehernen Gesichtszügen prägte sich so viel Haß und Rachedurst aus, daß selbst Rynolds dabei ein unheimlich ängstliches Gefühl beschlich. »Nicht nur die Berechtigung«, fügte Jansen hinzu, »sondern ich halte auch in meinen Händen die Beweise, daß er feindliche Absichten schon lange vor seinem Eintreffen am Salzsee gegen die freie Gemeinde der Mormonen hegte und nur verräterische Absichten ihn zu der Reise bewegten, zu welcher er als Seeoffizier gewiß nie in seinem Leben kommandiert worden wäre.« »Beweise?« fragte der Apostel verwundert. »Ja, Beweise«, bekräftigte Jansen; »doch, sie kommen nicht aus meinem Besitz. Die Beweise sind der Art, daß das Urteil jeden Augenblick an ihm vollzogen werden könnte. Jedoch erst im entscheidenden Augenblick gedenke ich, Gebrauch davon zu machen. Vielleicht bleibt es mir erspart, mit so durchgreifenden Mitteln gegen den sinnlosen jungen Abenteurer aufzutreten; er gehört ja zu denjenigen, welchen wir unsere Rettung verdanken, weshalb ich ihn lieber ausgewechselt sehen möchte.« Offenbar verletzte es den Apostel, daß ein Mitglied der Gemeinde etwas vor ihm verbarg, denn er enthielt sich fernerer Bemerkungen und schaute nachdenklich in's Feuer, während er mit dem noch in seiner Hand befindlichen Eisen mechanisch zwischen den Kohlen schürte. »Trotz der Beweise würde aber doch immer das Urteil einer Bestätigung des Propheten bedürfen«, sagte er endlich mit schlauer Berechnung. »Die Bestätigung nicht allein, sondern vielleicht sogar der Befehl dazu würde meiner dienstlichen Anzeige folgen«, entgegnete Jansen, ohne die Mißstimmung des Apostels weiter zu beachten. »Glaubt mir, es liegt in unser aller Interesse, wenn ich mit meiner Anklage noch zurückhalte; und wissen einzelne meiner Freunde auch, um was es sich handelt, ihre Anklagen würden ohne die erwähnten Beweismittel den hohlen Tönen des Erzes gleichen. Ihr mögt aber fest darauf bauen, keine Rücksichten, sogar nicht der Umstand, daß er uns aus dem Schiffbruch retten half, würden mich dazu bewegen, Gnade für Recht ergehen zu lassen, wenn es dem Seelenheil auch nur eines einzigen Schafes der auserwählten Herde des Herrn gilt. Mag Feuer und Schwert unser Tal heimsuchen, mögen sogar die Hände unserer Weiber und Kinder von dem Blute der Amalekiter gerötet sein, um so herrlicher wird das neue Zion aus Staub und Asche erstehen, und um so glanzvoller der Tempel des Erlösers über den Erdball strahlen.« Während Jansen, ergriffen von religiöser Wut, sich in eine Art von Verzückung hineinredete und die in seiner Brust laut werdenden milderen Gefühle sogleich wieder erstickte, hatte der Apostel allmählich seine Augen zu ihm erhoben, und ein Ausdruck des Verständnisses glitt über sein schlaues Gesicht, als er vernahm, daß Jansen die mögliche Vollstreckung des Todesurteils gewissermaßen von der Errettung einer Seele von der ewigen Verdamnis abhängig machte. »Ich will Euch sagen, was Euch noch fehlt«, sagte er dann langsam. »Es fehlt Euch ein ausgefertigtes Urteil, welchem Ihr nur Namen, Tag und Stunde hinzuzufügen braucht, um mit Nachdruck drohen zu können.« »Ja, das ist es!« rief Elliot aus, und der von einem jähen Schrecken ergriffene Maler, der sich an dem Fenster, um besser zu hören, auf die Kniee erhoben hatte, glaubte das Knirschen seiner Zähne zu vernehmen; »verschafft mir ein solches Urteil und ich stehe dafür ein, was mir jetzt manchmal in unerreichbare Ferne gerückt erscheint, wird zu unser aller Zufriedenheit endigen.« Indem er so sprach, suchte er Rynolds' Augen, um ihm zu verstehen zu geben, daß ihm sowohl wie Holmsten diese Versicherung gelte. Es wurde von beiden auch so aufgefaßt, denn die düsteren nachdenkenden Züge der letzteren erhellten sich flüchtig, während Rynolds ohne Scheu, zum Zeichen, daß er mit dieser Erklärung zufrieden sei, offen und zustimmend nickte. Jansen dagegen war erbleichend auf seinen Stuhl zurückgesunken, und mächtig arbeitete seine Brust unter den widerstrebenden Gefühlen, welche ihn bestürmten. Doch der Kampf in seinem Innern wurde schnell entschieden, als er plötzlich die vorwurfsvollen Blicke Rynold's auf sich gerichtet sah. Der auf künstliche Art wach gehaltene Fanatismus siegte über alle Bedenklichkeiten. Aber er wurde noch finsterer und verschlossener, und das Haupt sinnend auf die Brust neigend, schien er sich an der ferneren Beratung nicht mehr beteiligen zu wollen. »Ich werde sehen, was sich tun läßt«, erwiderte der Apostel, der hier eine willkommene Gelegenheit sah, die Genossen an sein Übergewicht zu erinnern. »Wird Euch das Verlangte zugestellt, so betrachtet es als einen Beweis des unbedingtesten Vertrauens, welches in Eure Umsicht gesetzt wird; denn Ihr werdet einräumen, meine teuren Brüder, eine solche Vollmacht in den Händen von Leuten, die ihre Leidenschaften nicht vollständig zu beherrschen verstehen, ist eine sehr gefährliche Waffe, eine Waffe, deren Schneide bei unbesonnenem Gebrauch sehr leicht gegen unsere Kirche gewendet werden kann«. »Wir sind Mormonen und Männer, die im Kampfe gegen die Verhältnisse ihre Leidenschaften beherrschen lernten«, versetzte Elliot mit kalter Ruhe. »Gewiß, gewiß«, pflichtete der Apostel bei, »was Ihr unserer Kirche seid, bleibt unvergessen; besäßen alle Männer, die wir zählen, nur die Hälfte Eurer Willenskraft, so dürften wir mit weniger Besorgnis der nächsten Zukunft entgegensehen«. Für Falk hatte dieses kein Interesse mehr, doch wagte er nicht, sich von der Stelle zu rühren, aus Besorgnis, durch ein zufällig erzeugtes Geräusch eine Entdeckung herbeizuführen und in Folge dessen dem gefangenen Freunde den letzten Weg der Befreiung abzuschneiden. Erst nach Verlauf einer weiteren halben Stunde, als Holmsten abermals einen Versuch mit dem Schließen der Fenster machte, ohne daß dadurch die Stube sich mit Rauch angefüllt hätte, änderte er seine gezwungene Stellung. Er schloß sich darauf dem jungen Delawaren an, der, seine Aufgabe auf dem Dache als beendigt betrachtend, wieder geräuschlos hinuntergestiegen und an seine Seite geschlichen war. Schnell gelangten sie sodann in den an dem Garten vorbeiführenden Weg, wo sie von dem vorausgeeilten Biber erwartet wurden, doch zogen sie sich nur so weit in der Richtung nach dem Flusse zurück, daß sie, ohne von dem Hause aus entdeckt zu werden, über ihre weitere Handlungsweise beratschlagen konnten. Sie waren noch zu keinem bestimmten Entschlusse gelangt, da öffnete sich die Tür von Holmsten's Haus, und vor dem schwachen Lichtschimmer erkannten sie deutlich, daß der Apostel, Jansen, Elliot und Rynolds sich verabschiedeten, während Holmsten mit der Lampe in der Tür stehen blieb und ihnen von dort aus durch den Garten nachleuchtete. Die kleine Pforte fiel in's Schloß, der Apostel rief noch ein sehr leutseliges Lebewohl zurück, welches Holmsten mit entsprechender Höflichkeit erwiderte, und gleich darauf verschwand letzterer im Innern des Hauses. Die Tür wurde mit lautem Geräusch zugeworfen und dann nicht nur der Schlüssel zweimal im Schloß umgedreht, sondern auch noch eben so geräuschvoll zwei Riegel von innen vorgeschoben. Die Delawaren und Falk beabsichtigten, jetzt nur noch so lange zu warten, bis die Mormonen sich ein wenig entfernt haben würden, um dann gleichfalls den Rückzug anzutreten, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich wieder nach dem Hause hinübergelenkt wurde. Sie entdeckten nämlich, daß in dem Gemach, in welchem die Beratung stattgefunden hatte, jemand das Licht auslöschte. Da aber das Kaminfeuer noch immer einige Helligkeit verbreitete, so konnte es auf keiner Täuschung beruhen, als sie eine männliche Gestalt zu bemerken glaubten, welche das eine Fenster in die Höhe schob, mit vorsichtiger Bewegung durch dasselben in den Garten hinausstieg und danach ebenso behutsam das Fenster wieder niederzog. Gleich darauf verschwand die Gestalt im Schatten, doch hörte sie in der nächsten Minute, daß die Gartenpforte leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Wohin die Gestalt, in welcher sie Holmsten errieten, sich bewegte, vermochten sie nicht zu unterscheiden, weil die schwarzen Häusermassen den Hintergrund bildeten. Sie vermuteten indessen, daß er eine dringende Veranlassung habe, seinen Genossen unbemerkt nachzufolgen, und da sie hofften, aus einer Beobachtung seines heimlichen Treibens Vorteil für ihre eigenen, zum Besten Weatherton's gefaßten Pläne zu ziehen, so kamen sie überein, ihm nachzuschleichen und ihn nicht eher wieder aus den Augen zu lassen, als bis er nach seiner Wohnung zurückgekehrt sein würde. Obwohl Holmsten seine Schritte nach besten Kräften beschleunigte, gelangten Falk und seine gewandten Gefährten doch nach kurzer Zeit so dicht hinter ihn, daß über seine Person kein Zweifel mehr bestehen konnte, zugleich überzeugten sie sich aber auch, daß sein Spähen den übrigen Mormonen galt, deren Stimmen dumpf und undeutlich zu ihnen herüberdrangen. Die verschiedenen Parteien verfolgten also denselben Weg, auf welchem John einige Stunden früher Rynolds nach Holmsten's Wohnung nachgespäht hatte. Die vier vordersten Mormonen bewegten sich nur langsam dahin, weshalb es wohl eine Viertelstunde dauerte, ehe sie die vor der weiter abwärts gelegenen Brücke mündende Straße erreichten. Dort nun blieben sie, ehe sie sich in die Stadt hineinwendeten, einige Minuten stehen, wie um über irgend einen Gegenstand ihre voneinander abweichenden Meinungen auszutauschen, und mit ihnen standen regungslos Holmsten und, etwa dreißig Schritte hinter diesem, die spähenden Delawaren mit ihrem weißen Gefährten. Als der Apostel und seine Begleiter und danach Holmsten ihren Weg in die Stadt hinein wieder fortsetzten und ihre Verfolger bei der Straßenecke anlangten, schlichen Falk und der Schwarze Biber nach der andern Seite der Straße hinüber, wo sie etwas weiter zurückblieben, während John so dicht an Holmsten heranglitt, wie er es ohne Gefahr, entdeckt zu werden, wagen durfte. In dieser Ordnung bewegte sich sodann die ganze Gesellschaft über die nächsten zwei Querstraßen fort. Bei der dritten endlich blieb die vorderste Abteilung wieder einige Minuten stehen, worauf man sich voneinander trennte, um sich nach den in verschiedenen Richtungen liegenden Wohnungen zu begeben. Der Apostel und Jansen folgten der Straße noch weiter aufwärts; Rynolds und Elliot dagegen bogen nach rechts in die Querstraße ein, in welcher sie ihren Weg mit vergrößerter Eile fortsetzten. Nach Zurücklegung von ungefähr hundert Schritten, auf welcher Strecke kein einziges Wort gewechselt wurde, blieb Elliot plötzlich stehen. »Dies ist das Haus, in welchem ich bei einem alten Freunde mein gewöhnliches Absteigequartier habe, wenn Geschäfte mich nach der Salzseestadt führen«; sagte er, indem er dicht an das nächste Haus herantrat und laut an die Tür pochte. »So wünsche ich Euch denn angenehme Nachtruhe«, bemerkte Rynolds in sarkastischem Tone, indem er sich Elliot noch einmal näherte; »hoffentlich werdet Ihr meiner in Euern Träumen gedenken und einen Entschluß zu meinen Gunsten fassen. Ihr waret sehr schweigsam heute Abend, schweigsamer, als man sonst gegen seine guten Freunde zu sein pflegt. Bei unserer nächsten Zusammenkunft müßt Ihr gesprächiger sein und nicht vergessen, daß ich durch weise Verwaltung nicht wenig dazu beitrug, die Mitgift Eurer neuen Zukünftigen ansehnlich zu vermehren, und daher wohl verdiene, etwas berücksichtigt zu werden«. Elliot knirschte vor Wut mit den Zähnen, und seine Finger umschlossen den Türgriff so krampfhaft, als wenn er denselben hätte aus dem Schloß herausdrehen wollen. Eine seinen Gefühlen entsprechende Antwort schwebte auf seinen Lippen; doch fürchtete er, Rynolds noch mehr gegen sich zu erbittern. Da kam ihm der Wirt des Hauses in seiner peinlichen Lage zu Hilfe, indem derselbe den Riegel zurückschob und mit einem Licht in der geöffneten Tür erschien. »Gute Nacht«, sagte Elliot, Rynolds mürrisch die Hand reichend. »Auf Wiedersehen«, antwortete dieser spöttisch. Elliot trat ein, die Tür schloß sich und Rynolds befand sich wieder im Dunkeln und allein. Er mußte glauben, ein gutes Tagewerk vor sich gebracht zu haben, denn indem er die Straße weiter hinunterschritt, lachte er behaglich vor sich hin, und gleich darauf begann er eine so lustige Melodie vor sich hinzusummen, wie sie in so ernster Zeit wohl selten in der Salzsee-Stadt gehört wurde. Plötzlich stand er still, und besorgt lauschte er rückwärts. Er glaubte dicht hinter sich Schritte vernommen zu haben, und da es eine alte Gewohnheit von ihm war, sich den Rücken immer frei zu halten, so wartete er, um den später Wanderer bei sich vorübergehen zu lassen. Derselbe näherte sich schnell, und bald unterschied er eine hohe Gestalt, die sich gerade auf ihn zu bewegte, in Folge dessen er mechanisch die Hand auf den Griff des in seiner Tasche steckenden Revolvers legte. »Ich muß Euch durchaus noch in dieser Nacht sprechen«, sagte Holmsten leise, indem er dicht vor Rynolds hintrat, dem bei dem Klang der bekannten Stimme eine Zentnerlast von der Brust sank; »ich habe keine ruhige Minute, ehe die bewußte Angelegenheit zwischen uns nicht vollständig geordnet ist –« »Aber ohne Elliot?« fragte Rynolds überrascht. »Ja, ohne Elliot«, antwortete dieser, sich scheu umsehend, »hätte ich ihn zum Zeugen unserer Unterredung haben wollen, so wäre es mir ein leichtes gewesen, Euch schon in meinem Hause von meinen Wünschen in Kenntnis zu setzen. Ich schlich Euch heimlich nach, um Euch wichtige Mitteilungen zu machen. Ihr müßt auf alles vorbereitet sein, ehe Ihr wieder mit ihm zusammentrefft. Aber kommt, kommt; laßt uns nicht auf der selben Stelle stehen bleiben; die Mauern haben Ohren, wir müssen frei um uns schauen können«. »Aber wohin wollt Ihr mich führen?« fragte Rynolds befremdet, als Holmsten mit der Hand unter seinem Arme durchfuhr und sodann, ihn mit sich fortziehend, den Rückweg einschlug. »Nach meinem Hause«, antwortete Holmsten flüsternd; »dämpft Eure Stimme, bis wir an Elliot's Wohnung vorbei sind, der Zufall könnte ihn an's Fenster geführt haben«. »Es wäre vergebliche Mühe, Eurem Scharfsinn gegenüber leugnen zu wollen, daß zwischen Elliot und mir wirklich ein geheimer Vertrag besteht«, sagte Holmsten, sobald sie weit genug von Elliot's Wohnung entfernt waren, um von dort aus nicht mehr gehört und gesehen zu werden. »Der Vertrag besteht in der Tat, und da Ihr demselben auf die Spur gekommen seid, so finde ich es Eurem Charakter entsprechend, daß Ihr Vorteil daraus zu ziehen sucht«. »Wenn Elliot gerade so dächte, so würde es keiner großen Vereinbarungen mehr zwischen uns bedürfen«, bemerkte Rynolds mit geheuchelten Gleichmute. »Ein paar Worte von jeder Seite, ein kleines Schriftstück und drei Unterschriften, und alles wäre beseitigt«. »Glaubt Ihr, ich würde mich dazu verstehen, Euch eine namhafte Summe für Euer Schweigen auszuzahlen, wenn ich einen andern Ausweg wüßte?« fragte Holmsten mit verhaltenem Grimm. »Ich müßte Euch schlecht kennen, wollte ich Euch dergleichen liberale Gesinnungen zutrauen«, antwortete Rynolds, dem das offene Geständnis viel besser gefiel, als wenn der sonst so verschlossene Mormone ihm mit einer unnatürlichen, gleißnerischen Freundlichkeit entgegengetreten wäre. »Wohlan«, fuhr Holmsten in derselben Weise fort, »der Zwang, welchem ich unterworfen bin, hat eine ganz ähnliche Wirkung auf Elliot. Auch er wird sich, kann sich nicht weigern, auf Eure Bedingungen einzugehen, vorausgesetzt, dieselben sind nicht so hoch gespannt, um dadurch unannehmbar zu werden«. »Fürchtet nichts, ich bin sehr bescheiden in meinen Forderungen«. »Es kommt darauf an, was Ihr bescheiden nennt, doch davon später; es handelt sich jetzt darum, daß mir, dem doch ein bedeutend kleinerer Anteil von der Erbschaft zufällt, auch geringere Verbindlichkeiten gegen Euch obliegen«. »Ich glaube kaum; die beiden Schwestern sind ganz gleich bedacht worden, und was Elliot's Braut jetzt mehr erhält, das hat Euere verstorbene Frau schon im voraus bezogen«. »So lautet das Urteil jetzt, es wird aber anders lauten, wenn Ihr einen Blick in einige Dokumente geworfen habt, die ich unter dem Nachlaß meiner Frau entdeckte, und von deren Wichtigkeit sie keinen Begriff gehabt zu haben scheint«. »Dokumente?« fragte Rynolds, indem er vor Erstaunen stehen blieb. »Dokumente, kraft deren meiner verstorbenen Frau, als der ältesten Tochter, noch einige besondere Vorrechte eingeräumt waren«, antwortete Holmsten, sich wieder in Bewegung setzend. »Hier herum, hier herum«, versetzte Rynolds plötzlich, als er gewahrte, daß sein Gefährte, anstatt die Richtung nach seinem Hause einzuschlagen, dem über die Brücke führenden Wege nachfolgte. »Laßt nur«, beruhigte Holmsten, »ich habe Euch noch viel, sehr viel mitzuteilen, wir gehen den Fluß entlang, wo wir überzeugt sein dürfen, von niemand belauscht zu werden. In meinem Hause kann ich nicht dafür einstehen, daß meine Frau, befremdet durch Euern späten Besuch, nicht dem natürlichen Triebe der Neugier nachgibt und uns belauscht; und ihr wißt ja, Weiber bleiben Weiber –« »Also Dokumente?« unterbrach Rynolds seinen Begleiter, denn die unerwartete Kunde hatte ihn in eine so fieberhafte Spannung versetzt, daß er alles andere darüber vergaß und an weiter nichts mehr dachte, als näheres über die ihm unbekannten Schriftstücke zu erfahren. »Glaubte ich doch, die Familienverhältnisse der beiden Mädchen so genau zu kennen«, fuhr er nach kurzem Sinnen fort, »und dennoch sind Dokumente aufgefunden, von deren Vorhandensein ich nichts weiß? Sonderbar, sonderbar; wer dieselben wohl vor mir verborgen gehalten haben mag? Aber sagt vor allen Dingen, worauf beziehen sie sich und wie gedenkt Ihr dieselben zu verwerten?« »Worauf sie sich beziehen, sollt Ihr nachher selbst lesen, und zu verwenden gedenke ich sie derartig, daß die an Euch zu zahlende Summe nicht von dem mir zufallenden Gelde, sondern von dem Elliot's zu entrichten ist. Durch Euer Eingehen auf meine Wünsche dürfte auch Euch ein höherer Gewinn berechnet werden können.« »Sehen, sehen, lieber Freund, sehen muß ich die Dokumente, ehe ich über deren Wert zu urteilen vermag, entgegnete Rynolds; sich mit berechneter Schlauheit vertrauensvoll an Holmsten's Arm anschmiegend, innerlich aber triumphierend, daß derselbe sich so rücksichtslos immer tiefer in seine Gewalt gab. »Ihr sollt sie ja sehen«, versetzte Holmsten wie erzürnt über Rynolds' Ungeduld, »es ist aber für meine eigene Sicherstellung unerläßlich, vorher über einzelne Punkte mit Euch Rücksprache zu nehmen; so zum Beispiel: ob eine zugleich mit Zahlen und Buchstaben angegebene kleinere Summe sich in eine größere, in eine bedeutend größere verwandeln läßt.« »Ihr wollt mich aufs Glatteis führen?« fragte Rynolds, der, obgleich bebend vor Erwartung, eine ihm gestellte Falle vermutete. »Seid kein Tor«, antwortete Holmsten mit tiefer, hohler Stimme, die auf eine schreckliche Gemütsbewegung deutete. »Ihr traut mir nicht und überseht, daß ich mit meinen Vorschlägen mich vollständig auf Gnade und Ungnade in Eure Hände gebe. Doch hört, die Bevorzugungen, auf welche in den erwähnten Dokumenten hingewiesen wird, beziehen sich eben nur auf Kleinigkeiten –« »Worauf?« fragte Rynolds heftig erregt, sich wieder dichter an Holmsten herandrängend und an dessen Seite, ohne auf den Weg zu achten, gerade auf die Brücke zuschreitend. Was nun weiter zwischen den sich gegenseitig feindlich gesinnten Genossen, die einer den andern zu hintergehen trachteten, erörtert wurde, mußte ihnen über alles wichtig erscheinen und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erheischen, denn sie sprachen jetzt nur noch in flüsterndem Tone, und immer langsamer wurde der Schritt, in welchem sie sich der Brücke näherten. In sicherer Entfernung hinter ihnen aber folgten Falk und die Delawaren. Dieselben hatten es aufgegeben, irgend etwas von der Beratung der beiden Männer zu erlauschen, und wünschten nur noch unbemerkt über die Brücke zu gelangen, um sich dann zu ihren Pferden und nach ihrer Insel hinzubegeben. In der Erwartung, daß die beiden Mormonen von der Brücke abbiegen und ihnen den Weg frei machen würden, waren sie unwillkürlich so dicht an sie herangeschlichen, daß sie die schwarzen Umrisse ihrer Gestalten zu unterscheiden vermochten und sogar ihre leise murmelnden Stimmen vernahmen. Zu dem Murmeln der Stimmen gesellte sich aber das Plätschern des Flußes, der sich eilfertig unter der Brücke durchdrängte und seinen gewundenen Weg gegen Norden verfolgte. Das Schneewasser der Gebirge hatte ihn angeschwellt, doch nicht so sehr, daß er sein ganzes Bett ausgefüllt hätte; aber das Geräusch, welches er erzeugte, indem er dahinschoß, verriet, daß in seiner Strömung eine Kraft verborgen sei, die das Durchwaten gefährlich und an manchen Stellen sogar unmöglich mache. Zu ihrer größten Überraschung entdeckten sie, daß die beiden nächtlichen Wanderer nicht, wie sie vermutet hatten, auf dem Ufer des Jordan hinunterschritten, sondern sich langsam nach der Brücke hinaufbewegten. Auf der Mitte derselben blieben sie plötzlich stehen und Rynolds ' etwas gehobene Stimme drang zu den verborgenen Spähern herüber. »Über die Brücke? Wohin wollt Ihr mich denn eigentlich führen?« rief er befremdet aus. »So vertieft in die Unterhaltung« – antwortete Holmsten mit erheuchelter Zerstreutheit, »doch –« »Kommt, kommt«, unterbrach ihn Rynolds ängstlich, »laßt uns nach Euerm Hause gehen, die Nacht ist kalt und unfreundlich«. »Nur auf ein Wort«, versetzte Holmsten, ohne sich von der Stelle zu bewegen, und, seine Stimme klang röchelnd und zitternd; »ich mache Euch einen letzten Vorschlag; tausend Dollar von mir, tausend Dollar von Elliot, und ewiges, unverbrüchliches Schweigen von Eurer Seite«. »Nicht hier«, antwortete Rynolds, »Euer Anerbieten kann überhaupt nur auf einem Scherz beruhen; aber nicht hier, ich bitte Euch!« »So geht Eures Weges!« zischte Holmsten vor Wut zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Was dann noch weiter vorging, das vermochten weder die Delawaren noch Falk zu unterscheiden. Sie hörten die Bewegung eines Davonschreitenden, gleich darauf die mit entsetzlicher Todesangst ausgestoßenen Worte: »Alles sollt Ihr!« – die von zwei rasch aufeinander folgenden dumpfen Schlägen erstickt wurden; es folgte ein schwerer Fall auf die Planken der Brücke und in die eilenden Fluten, die sich rauschend auseinander teilten, und dann herrschte ringsum mehrere Minuten hindurch die unheimliche Stille des Grabes. Nur der Jordan plätscherte lauter und unwilliger um einen nicht ganz von den Fluten bedeckten Leichnam herum. Er plätscherte, als habe er denselben nur mit dem größten Widerstreben in sich aufgenommen, oder als wenn er den Mörder, der, über das Brückengeländer geneigt, in die schwarze Tiefe hinabstierte, an die dereinstige Vergeltung hätte mahnen wollen. – Bei dem ersten Zeichen von einer Gewalttätigkeit war Falk aus seiner gebückten Stellung emporgeschnellt. Fast gleichzeitig legte sich aber auch John's Hand auf seinen Mund; während ihn der Schwarze Biber niederzog und ihm die Worte: »zu spät« zuflüsterte. Er sah ein, daß es wirklich zu spät sei, den schon geschehenen Mord noch zu verhindern; er sah ein, daß ihm möglicherweise die Rettung des Freundes nicht nur erschwert, sondern auch sogar gänzlich abgeschnitten werden könne, wenn er öffentlich als Zeuge oder Ankläger auftrete, und willenlos ließ er es sich gefallen, daß die Delawaren ihn wie einen Gefangenen zwischen sich hielten. »Gott, mein Gott, wohin ist es mit mir gekommen!« stöhnte es jetzt von der Brücke zu ihm herüber. Minuten waren erst seit Ausübung der schwarzen Tat verstrichen, und schon peitschten Holmsten die Furien seines Gewissens über Felder und durch Gärten dahin. Als Holmsten's Schritte in der Ferne verhallt waren, sprangen Falk und seine indianischen Freunde empor, und von dem gleichen Gedanken beseelt, eilten sie hin, um sich von Rynold's Zustand Kenntnis zu verschaffen. Sie fanden ihn, nach vielem Umhertasten, noch auf derselben Stelle, auf welche er von der Brücke aus niedergefallen war. Das Wasser bedeckte ihn nicht ganz, und sprudelte so lustig und guter Dinge um ihn herum, als sei er ein modernder Baumstamm oder ein alter Felsblock gewesen, welchen der Zufall dorthin geführt. Um indessen dem Mörder mittelbar den Beweis zu liefern, daß seine finstere Handlung nicht unentdeckt geblieben sei, und daß Leute lebten, die zur gelegenen Zeit als seine Ankläger auftreten würden, legten sie den Leichnam gerade vor der Brücke nieder, wo er von dem Ersten, der nach Tagesanbruch des Weges kam, bemerkt werden mußte. Die Ungewißheit darüber, wie er aus dem Wasser dorthin gekommen, sollte für Holmsten eine Quelle endloser Besorgnis sein; das bezweckten die Delawaren, und es gelang ihnen auch vollkommen. – Nach diesen Vorkehrungen begaben sich die drei Gefährten wieder zu ihren weit abwärts weidenden Pferden, und bald darauf sprengten sie durch das dichte Artemisia-Gestrüpp auf die südliche Spitze der bekannten Insel zu. 6. Das Wiedersehen Nur wenige Mitglieder der von Jansen und später von Elliot geführten Emigrantenkarawane waren in Fort Utah zurückgeblieben. Die meisten hatten sich nach den ihnen angewiesenen Ländereien hinbegeben; andere, die ein Gewerbe erlernt, waren, je nach Bedürfnis, in der Salzsee-Stadt selbst, oder auch in entstehenden Dorfschaften untergebracht worden, und wieder andere, welche nicht durch engere Familienbande gefesselt wurden, waren bei schon angesiedelten Mormonen in Dienst getreten, oder hatten sich auch sogleich den in den Pässen aufgestellten streitbaren Männern zugesellt. Genug, es war noch keine Woche nach dem Eintreffen der Karawane verstrichen, da bot Fort Utah wieder den Anblick von früher. Nur die in der Nähe des Utahsees weidenden Herden hatten sich etwas vergrößert, auf dem Ufer des Timpanogas standen noch zwei bis drei Zelte und ebensoviele verdeckte Wagen, und endlich waren auf dem kleinen Hügel vor dem Fort die beiden Berghaubitzen und Munitionswagen aufgefahren worden, wo sie beständig von einer wenig soldatisch, aber nichtsdestoweniger kriegerisch aussehenden Gestalt bewacht wurden. Was an einzelnen Leuten, hauptsächlich an erwachsenen Söhnen neu eingewanderter Mormonenfamilien in dem Fort selbst hatte untergebracht werden können, das war allerdings zurückbehalten worden. Man bezweckte nämlich, die reifere Jugend im Gebrauch der Handwaffen, vorzugsweise aber in der Bedienung der Geschütze zu üben, bei welcher Beschäftigung die beiden heruntergekommenen deutschen Edelleute sich nicht nur nützlich machten, sondern auch allgemein als eine gewisse Autorität betrachtet wurden. Sie hatten zwar beide in ihrer Heimat nicht bei der Artillerie gestanden, in welchem Falle sie sich wahrscheinlich dafür entschieden haben würden, anstatt als gewöhnliche Söldlinge in fremde Kriegsdienste zu treten, als Feldmesser, Eisenbahningenieure, Lehrer oder sogar Kaufleute sich ihr mehr als ausreichendes Brot zu erwerben. Da indessen die Mormonen größtenteils noch weniger als sie selbst mit dem Geschützwesen vertraut waren, sie dagegen auf Manövern einzelnes gesehen und abgelauscht hatten, was ihnen jetzt einen Anhalt bot, so füllten sie ihre Stellen als Bombardiere genügend aus. Was sie aber selbst noch nicht wußten, das lernten sie allmählich in ihrem täglichen Verkehr mit den beiden Haubitzen, die, sobald sie auf entsprechende Art mit wohl ausexerzierten Leuten bemannt sein würden, nach irgendeinem noch nicht ausreichend befestigten Engpaß geschickt werden sollten. Von Weatherton's Anwesenheit auf dem Fort hatten sie keine Ahnung. Die Nachricht von seiner Rettung würde sonst wohl nicht ohne nachhaltigen wohltuenden Einfluß auf ihre gedrückte Gemütsstimmung geblieben sein. Doch gerade dieses wurde von Seiten der Mormonen nicht gewünscht, und mit vieler Überlegung trafen Jansen und Elliot solche Maßregeln, daß die beiden unglücklichen Abenteurer sogar nicht einmal durch Zufall über den wahren Sachverhalt aufgeklärt werden konnten. Weatherton selbst hatte dadurch mitzuleiden, denn seitdem die Karawane eingetroffen war, wurde ihm nur zur nächtlichen Stunde der Aufenthalt im Freien gestattet, und auch dann begleitete ihn stets noch eine doppelte Wache, wodurch diese einsamen Spaziergänge mehr eine Qual, als ein Genuß für ihn wurden, und nur aus Gesundheitsrücksichten für sich und seinen alten, getreuen Raft verstand er sich dazu, von der ihm gewährten Vergünstigung Gebrauch zu machen. Wie man seine Anwesenheit und Gefangenschaft vor den beiden Edelleuten geheim hielt, so erfuhr auch Hertha nichts über ihn. – Dieses war um so leichter und erklärlicher, weil außer Jansen, Rynolds und Elliot kaum noch drei andere Personen Weatherton's Namen kannten. Man wußte wohl allgemein, daß zwei Männer, in welchen man Spione vermutete, in derselben Blockhütte gefangengehalten wurden, doch bei der strengen Disziplin unter den Mormonen kümmerte sich niemand darum, wer sie seien und woher sie gekommen. Man vermied sogar, darüber zu sprechen, weil man die Überzeugung hegte, daß die Oberen der Gemeinde nichts versäumen würden, was nur irgend Vorteil bringen oder drohendem Nachteil vorbeugen könne. So wußte auch Hertha um die Gefangenen; sie sprach sich sogar vor ihrem Onkel bedauernd über dieselben aus und schickte mit dessen Erlaubnis Speisen von ihrem Tisch zu ihnen hinüber. Sie befürchtete nämlich, daß die Gefangenenkost auf alle Fälle nur eine äußerst einfache, wenn nicht gar eine unzureichende sei; allein daß dort jemand ihren Blicken entzogen wurde, dessen sie, seit die Nachricht vom Tode ihrer Schwester sie erreichte, mehr als jemals gedacht, und dessen Bild immer häufiger in ihrer Erinnerung als ein freundlicher Lichtpunkt auftauchte, das durfte, das konnte sie nicht im entferntesten ahnen; es lag zu weit außer aller menschlichen Berechnung. – Seit Elliot in Jansen's und Rynold's Gesellschaft die Reise nach dem Norden unternommen hatte, schien indessen eine Milderung in der Ausübung der strengen Haftbefehle eingetreten zu sein. Denn obgleich noch immer die Dunkelheit abgewartet wurde, ehe man Weatherton und Raft die Tür öffnete, so folgten ihnen die Wachen doch nicht mehr auf Schritt und Tritt nach, und auf ihr Wort hin, das Innere des Forts nicht verlassen zu wollen, stellte man ihnen sogar anheim, sich nach Willkür auf dem Hofe zu ergehen, oder, sich an irgend einem geeigneten Plätzchen lagernd, die frische Abendluft nach Herzenslust zu genießen. Am dritten Abend nach Elliot's Abreise war es, als Weatherton, wie um seinen eigenen Gedanken zu entrinnen, nach der fast in der Mitte des Hofes befindlichen Plattform hinüberwandelte, unter welcher die fünf Mohave-Indianer ihr höchst einfaches Lager aufgeschlagen hatten. Mit dem Ausdruck größter Behaglichkeit und Sorglosigkeit kauerten die riesenhaften Gestalten um ein kleines Feuer, und abwechselnd nahmen sie einige Züge aus einem mit amerikanischem Tabak gefüllten Tonpfeifchen, dessen Dampf sie in ihre Lungen einsogen und erst einige Minuten später wieder mit den Zeichen des höchsten Genusses durch die Nase in dichten Wolken von sich bliesen. Teilnahmslos blickte er auf dieselben hin; als sie ihm aber ihre gräßlich bemalten, jedoch freundlichen Gesichter zukehrten und ihn zutraulich begrüßten, da war ihm, als hätten sie sein besonderes Wohlwollen wachgerufen, und mit weit mehr als gewöhnlichem Interesse betrachtete er die harmlose Weise, in welcher sich die stattlichen Krieger, dergleichen er bisher noch nicht kennengelernt, untereinander bewegten. Dieselben schienen, nach ihren Begriffen von Wohlstand und Reichtum, sich eines ungewöhnlichen Überflußes zu erfreuen, denn außerdem, daß sie keinen Mangel an Nahrungsmitteln litten, welche ihren Neigungen entsprachen, waren sie auch von den schlau berechnenden Mormonen jeder mit zwei farbigen wollenen Decken, einem Beutelchen mit weißen Porzellanperlen und einigen Blöcken schweren, gepreßten Tabaks beschenkt worden. Für diese, in so großartigem Maßstabe ausgeübte Gastfreundschaft wurde von ihnen weiter nichts verlangt, als sich gelegentlich im Jordan taufen zu lassen, ein Aufgabe, welche Leuten, die einen großen Teil ihres Lebens schwimmend in den Fluten des Colorado verbrachten, gerade nicht schwerfallen konnte. Auf Raft, nach dessen eigenen vielfachen Erfahrungen körperliche Kräfte eine ganz besondere Bevorzugung waren und deshalb einen hohen Grad von Achtung verdienten, machten die prächtig gebauten Krieger einen nichts weniger als ungünstigen Eindruck, denn nachdem er sie eine Weile aufmerksam mit dem Blick eines Kenners geprüft, bemerkte er sehr entschieden, daß es Gestalten wären, wie er deren noch nicht viel in seinem Leben gefunden. »Nur etwas zu lang gebaut für die hohe See«, schloß er wohlgefällig seine Betrachtungen; »lange Fahrzeuge schlingern zu sehr. Aber seht, Dickie, dort den Burschen, raucht er nicht wie der Leopard, wenn der Dampf abgelassen wird? s'ist originell! Bei Gott! möchte wissen, wo er die ganze Wolke auf einmal hingestaut gehabt hat«. Indem er so sprach, wies er mit dem Finger auf Ireteba. Dieser, in der Meinung, Raft wolle ebenfalls einige Züge tun, stand sogleich auf und reichte ihm das gerade in seinen Händen befindliche Pfeifchen dar, wobei er mehrere Male mit einladender Gebärde, die Worte »Achotka« und »gut« wiederholte. Raft, sonst gewohnt; seinen Mitmenschen über den Kopf wegzusehen, war förmlich erstaunt, als er plötzlich einen Indianer vor sich sah, der ihn noch um ein Beträchtliches überragte. Er reckte sich aus und drückte seine Schultern zurück, aber alles vergeblich; Ireteba war und blieb größer, und halb aus Ärger halb aus Achtung nahm er die Pfeife und schob sie zwischen seine Zähne, wie um sie nicht eher zurückzugeben, als bis sie ausgebrannt sei. Es wäre auch wohl nicht anders gekommen, wenn Ireteba ihm dieselbe nicht durch Zeichen wieder abgefordert und sie demnächst Weatherton hingereicht hätte. »Bitt' um Verzeihung, Dickie«, sagte Raft, als er bemerkte, daß dieser, dem Indianer zu gefallen, gleichfalls einige Züge rauchte, denn er glaubte durch seinen Vortritt bei der Zeremonie einen argen Verstoß gegen die gewöhnliche Schiffsordnung begangen zu haben. »Diese unzivilisierten Menschen wissen nichts von Rang oder Disziplin, Goddam! Denke, es soll so 'ne Art Friedenspfeife sein, meinen's gewiß gut, das ist originell!« »Raft, Mr. Raft! Ihr hier!« ertönte plötzlich eine freundliche, sanfte Stimme, aber mit dem Ausdruck freudigen Erstaunens und banger Erwartung, aus der Dunkelheit zu dem alten Bootsmann herüber, und gleichzeitig trat Hertha Jansen, ein Körbchen mit Speisen tragend, zu den Indianern an's Feuer. Raft stand nämlich so, daß er mit seinem Körper Weatherton ganz verdeckte, Hertha diesen also nicht sogleich bemerken konnte. In dem tiefen Schatten würde sie auch schwerlich den Bootsmann so schnell erkannt haben, wenn dessen eigentümliche Redeweise ihn nicht schon von weitem verraten hätte. »Ja, hier, Miß Jansen«, antwortete Raft ohne die geringste Überraschung, denn er war ja schon längst darauf vorbereitet, dem jungen Mädchen in nächster Zeit auf die eine oder die andere Art zu begegnen, »aber nicht allein«, fuhr er fort, einen Schritt zurücktretend und auf Weatherton weisend; »'S war 'ne harte Jagd, Miß Jansen, aber hier sind wir, jedoch leider so fest und unbeweglich, wie 'n leckes Fahrzeug im Drydock«. Was der ehrliche Raft noch sprach, nachdem er vor Weatherton fortgetreten war, vernahm Hertha nicht mehr. Bleich und zitternd stand sie da, das Körbchen drohte ihren Händen zu entfallen, die Füße ihr den Dienst zu versagen, und so starrte sie Weatherton an, als sei es ihr nicht möglich, an die Wahrheit dessen zu glauben, was doch im nächsten Bereich ihres Fassungsvermögens lag. »Hertha, Miß Hertha«, sagte er endlich nähertretend und dem jungen Mädchen die Hand entgegenreichend, »wie muß ich Euch wiedersehen?« Da brach die Erstarrung, in welcher sich Hertha seit Weatherton's erstem Anblick befunden; ihre Züge nahmen einen noch milderen, weicheren Ausdruck an, bittere Tränen entquollen ihren Augen, und indem sie mit der linken Hand dem nunmehr wieder beruhigten Mohave das Körbchen übergab, legte sie ihre Rechte in die dargebotene Weatherton's. »Meine Schwester ist tot«, sagte sie leise schluchzend, als habe sie gefühlt, daß in diesen Worten die ganze Erklärung liege, welche Weatherton von ihr wünschte. »Ich ahnte, ich wußte, teure Miß Hertha, daß Ihr nicht alles so finden würdet, wie Ihr nach dem, was man Euch über Eure neue Heimat berichtete, zu hoffen berechtigt wart«, entgegnete Weatherton, mit Gewalt seine Rührung zurückdrängend. »Ihr wußtet es?« fragte Hertha mit einem leisen Vorwurf im Ton ihrer Stimme; »Ihr wußtet es, und habt mich nicht darauf vorbereitet? O, es war ein schreckliches Willkommen, welches mir bei meiner Ankunft geboten wurde!« Hier hustete Raft heftig, und indem er sich abwendete, fuhr er grollend mit dem Ärmel seiner zerrissenen Teerjacke über seine Augen, während die Mohaves, als hätten sie Hertha's Schmerz verstanden, mitleidig zu ihr emporschauten und die für sie bestimmten Speisen unangerührt zwischen sich stehen ließen. »Verkennt mich und meine redlichen Absichten nicht, Miß Hertha«, antwortete Weatherton, die gebrochene Gestalt des jungen Mädchens mit dem innigsten Mitleiden betrachtend; »von allen Menschen der Erde wärt Ihr die letzte, die ich auch nur in Gedanken betrügen oder gar zu täuschen vermöchte. Glaubt mir, seit jenem mir unvergeßlichen Abend an Bord des Leoparden habe ich alles, was in meinen Kräften lag, aufgeboten, Euch wieder zu begegnen. Wohin ich aber meine Schritte lenkte, zu welchen Mitteln ich meine Zuflucht nahm, überall stieß ich auf unübersteigliche Hindernisse, bis ich endlich den letzten Ausweg wählte und mich entschloß, Euch am Salzsee aufzusuchen«. »Meinetwegen habt Ihr die Reise hierher unternommen?« fragte Hertha, und eine seltsame Überraschung leuchtete aus ihren umflorten Augen. »Warum soll ich es leugnen«, begann er, »daß ich die Reise nur unternahm, um Euch wiederzusehen? Und jetzt, da ich wieder vor Euch stehe, kann ich nur mit Euch trauern und Euch meine Dienste, im Fall Ihr derselben jemals bedürfen solltet, anbieten«. »Habt Dank für Euern Edelmut«, entgegnete Hertha ergriffen, so treuherzig zu Weatherton emporschauend, als habe sie ihn schon seit langen Jahren gekannt und auf dem vertrautesten Fuße mit ihm gestanden. »Wenn Ihr nicht vor der gefahrvollen Reise zurückschrecktet, um einem bedauernswerten, alleinstehenden Mädchen freundlichen Trost zu bringen, dann werdet Ihr gewiß nicht weniger gern bereit sein, zur Erfüllung desjenigen Wunsches beizutragen, der mir in diesem Augenblick am nächsten liegt, am nächsten liegen muß.« »Sprecht, Miß Hertha, sprecht es aus, womit ich Euch zu dienen, Euch eine Freude zu bereiten vermag«, antwortete Weatherton erregt, »wenn es die Kräfte eines Sterblichen nicht übersteigt, dann sollen Eure Wünsche gewiß erfüllt werden!« »Meine Schwester hat einen Knaben hinterlassen«, begann sie traurig, und ihre Lippen bebten von der Anstrengung, mit welcher sie das Schluchzen unterdrückte, »einen lieben, herzigen Knaben, wie ich Euch ja schon früher erzählte. Er befindet sich noch bei seinem Vater in der Salzseestadt. Ich klage nicht, daß der Gatte meiner verstorbenen Schwester mich noch nicht willkommen geheißen hat, denn es mag in den unglücklichen Zeitverhältnissen liegen, daß er die Reise hierher nicht unternehmen darf; vielleicht scheut er auch, durch das Wiedersehen die Wunden aufzureißen, welche das unerbittliche Geschick ihm schlug. Allein das Kind hätte man immerhin in meine Arme führen können. Es ist ja das einzige, was mir von meiner Schwester blieb und worauf ich nunmehr die ungeteilte Liebe, mit welcher ich an ihr hing, zu übertragen habe. Scheint es mir doch manchmal, als halte man die arme Waise mit Absicht fern von mir; denn selbst mein Onkel versichert, nicht in die Rechte des Vaters eingreifen zu dürfen. Der Vater muß sich also doch wohl weigern, ihn von sich zu lassen. Ich will ihm das Kind ja nicht rauben oder entfremden, nur zeitweise sehen will ich es und mich an ihm erfreuen. In dem Hause des Kommandanten, in welchem wir vorläufig unsere Wohnung aufgeschlagen haben, leben Verwandte von Mr. Elliot. Die eine derselben, eine junge Engländerin, deren Gatte augenblicklich Kriegsdienste im Gebirge leistet, kennt den Knaben genau und weiß mir nicht genug Liebes und Gutes von dem kleinen Engel zu erzählen. Doch verzeiht«, unterbrach sich Hertha selbst, als sie bei dem heller aufflammenden Schein des von den Mohaves geschürten Feuers einen seltsamen, ängstlichen und verlegenen Ausdruck auf Weatherton's Zügen entdeckte, »ich streife ab von der eigentlichen Bitte, die ich an Euch zu richten gedachte. O, führt mir den Sohn meiner unglücklichen Schwester zu. Wenn Ihr es nicht tut, edler Freund, der Ihr auf bloße trübe Ahnungen und Besorgnisse hin so viel gewagt habt«, fügte sie in herzzerreißendem Tone hinzu, »dann mögen noch Wochen und Monate darüber hingehen, ehe ich den Knaben an mein Herz drücke. Bedenkt das, Mr. Weatherton, und Ihr werdet meine Bitte natürlich finden. Euren Vermitllungen gelingt vielleicht, um was ich nun schon so lange vergeblich flehte«. Während Hertha so sprach und sich immer mehr von der Besorgnis um das Kind ihrer Schwester fortreißen ließ, wendete Weatherton seine Augen nicht von ihr. Als sie aber geendigt, da seufzte er tief auf. »Mr. Weatherton, Ihr haltet ein Unglück vor mir geheim!« rief das gequälte Mädchen plötzlich aus, noch ehe er zu sprechen begonnen hatte, »ich sehe es, ein Kampf geht in Eurem Innern vor; Ihr wißt nicht, sollt Ihr sprechen oder schweigen; der Knabe ist tot, sagt es geradeheraus, ich bin gefaßt und darauf vorbereitet, die härtesten Schicksalsschläge ohne Murren entgegenzunehmen!« »Nein, Miß Hertha, ich weiß von dem Knaben nichts«, antwortete Weatherton hastig, um der aufgeregten Phantasie des jungen Mädchens den Spielraum abzuschneiden; »nach meiner Überzeugung sind die Nachrichten, die Ihr über das Kind erhalten habt, durchaus zuverlässig, und es ist kein Grund vorhanden, auch nur im geringsten an dessen Wohlergehen zu zweifeln. Was Ihr für einen Kampf in meinem Innern angesehen habt, ist nur der Ausdruck des Schmerzes, welchen ich darüber empfand, Euch nicht so, wie Ihr es wünschtet und wie ich es so zuversichtlich hoffte, dienen zu können! Miß Hertha, ich bin Gefangener, meine Freiheit reicht nicht über die Palisaden dieses Forts hinaus. »Gefangen?« fragte Hertha tonlos, »gefangen auf einen leeren Verdacht hin? O, ich ahne, man hält Euch für einen erbitterten Feind unserer Religion, darauf fußend, daß Euch damals in New York auf Eure eigene Anregung, wie man fälschlich vermutete, der Durchsuchungsbefehl ausgefertigt wurde. Aber ich will mit meinem Onkel sprechen; er ist hart und verschlossen, jedoch nicht ohne Anhänglichkeit an sein Bruderkind. Er wird Eure Befreiung bei dem Kommandanten und selbst bei dem Propheten auswirken, und sollte ich ihn auf meinen Knieen darum anflehen.« »Versprecht nicht zu viel, Miß Hertha«, sagte er freundlich tröstend, »bis jetzt glaubte ich, man halte mich auf den Verdacht, die Rolle eines Spions übernommen zu haben, hier zurück. Dergleichen Fälle sind im Kriege nicht selten und dauern in der Regel nur so lange, bis das Gegenteil erwiesen ist. Sollte man aber außerdem noch die Anklage gegen mich erheben wollen, in New York auf eine Durchsuchungsorder für das California-Dampfboot angetragen zu haben, so würde ich dieselbe nur bestätigen können und meine Haft dadurch noch auf unbestimmte Zeit verlängern. Allerdings läge einem solchen Verfahren wohl mehr persönliche Feindschaft zugrunde, indem der Krieg hoffentlich noch nicht so weit gediehen ist, um vor dem Völkerrecht die gegen einzelne und sogar vollständig unbeteiligte Personen ausgeübten Feindseligkeiten gerechtfertigt erscheinen zu lassen. »Ist es denn wahr, hegtet Ihr die Absicht, das Dampfboot vor seiner Abfahrt zu durchsuchen?« fragte Hertha traurig, nachdem sie eine Weile sinnend vor sich niedergeschaut. »So wahr, wie eine richtige Breiten- und Längenmessung bei klarem Wetter!« fuhr Raft, bei dem böse Erinnerungen wachgerufen worden waren, grimmig dazwischen, »und kielholen will ich mich lassen von dem ersten besten Mormonenkonstabler, wenn wir nicht jedes Bündel im Schiffsraum übergeholt hätten; wäre Dickie, wollte sagen Leutnant Weatherton nicht von den verdammten Werftpiraten in die Falle gelockt worden«. Hertha schaute zuerst auf den erbosten Seemann, und wendete sodann ihre fragenden Blicke Weatherton wieder zu. »Er hat recht«, sagte dieser lächelnd, die in des jungen Mädchens Augen liegende Bitte um Erklärung beantwortend. »Was hatte Euch unser armes Volk getan?« fragte Hertha weiter, und ihre Stimme klang so weich und klagend, als hätte sie einen großen Verlust zu betrauern gehabt. »Miß Hertha, auf Eure Frage bin ich gewissermaßen verpflichtet, eine Antwort zu erteilen, obwohl nur mit Widerstreben, weil sie vielleicht einer Verleumdung ähnlich sieht. Nachdem ich in New York lange vergeblich nach Euch geforscht hatte und stets zweifelsohne absichtlich auf falsche Spuren gelenkt worden war, blieb mir nur dieser eine letzte Ausweg. Ich wollte Euch auf alle Fälle wiedersehen, um nicht, in Folge meiner an Bord des Leoparden abgelegten Erklärungen, für unwürdig Eures Vertrauens zu gelten. Meine Absicht mißlang; und dennoch hatte mich meine Ahnung nicht getäuscht; Ihr befandet Euch auf dem bewußten Dampfboot, obgleich ein Freund von mir, der gewissenhaft Wache hielt, Euch nicht hatte an Bord gehen sehen. Doch laßt das ruhen jetzt, Miß Hertha; suchen wir nicht zu enträtseln, durch wen ich damals an der Ausführung meines Planes gehindert wurde. Es war kein schweres Opfer für mich, die westlichen Wildnisse jagend zu durchstreifen, um hierher zu gelangen, und meine Reise ist ja auch insoweit von dem besten Erfolg gekrönt gewesen, als ich wieder vor Euch stehe, um das noch einmal zu wiederholen, was ich am letzten Abende unseres Zusammenseins zu Euch sprach«. Während des ersten Teils seiner Rede hatte Hertha sinnend vor sich niedergeschaut. Auf ihrer reinen Stirn, auf den leicht zusammengezogenen, schön gezeichneten Brauen stand geschrieben, daß sie sich vergeblich bemühte, das Geheimnis zu durchdringen, auf welches Raft hingedeutet hatte, das Weatherton aber, offenbar aus freundlicher Teilnahme für sie, mit Vorbedacht nicht weiter berühren wollte. Als er dagegen ihrer letzten, an Bord des Leoparden geführten Unterhaltung gedachte, da schaute sie mit einem unbeschreiblich kindlichen und wehmütigen Lächeln zu ihm empor. »Freundliche, uneigennützige und wohlwollende Worte werden nicht so schnell vergessen, wie herbe und bittere Erfahrungen«, begann sie mit innigem Tone. »Ist nun der Grund darin zu suchen, daß bei dem ernsten Charakter der mir nahestehenden Personen nur selten dergleichen gütige Worte an mich gerichtet wurden, oder ist es jenem zauberischen Abend zuzuschreiben, genug, die Worte, welche Ihr damals zu mir spracht, leben noch immer in mir fort. Sie gereichten mir zur Aufmunterung, wenn auf der langen Reise die Beschwerden meine Kräfte zu übersteigen drohten, sie bildeten aber meinen Trost, als ich, nachdem man mir die schreckliche, niederschmetternde Nachricht vom Tode meiner Schwester überbracht hatte, erst wieder imstande war, mit Ruhe und Überlegung zu denken. »Sollte das Gefühl des Alleinstehens, der Verlassenheit bei Euch zum Durchbruch kommen, dann erinnert Euch Eurer Freunde«, sagtet Ihr damals, und glaubt mir, die Erinnerung an die fernen Freunde trug mit dazu bei, mich in den Stunden, die ich glaubte nicht überleben zu können, zu trösten und aufzurichten«. »Die Lage, in welcher ich mich gegenwärtig befinde, entspricht allerdings wenig meinen Worten«, entgegnete Weatherton, und er fühlte, daß alles Blut ihm zum Herzen drang, »allein die Stunde der Befreiung muß ja endlich auch für mich schlagen, und wohl darf ich daher noch einmal auf meine früheren Äußerungen zurückkommen. Wenn das Gefühl des Alleinstehens schwer auf Euch lastet und Euern Lebensmut zu brechen droht, scheucht es von Euch und blickt vertrauensvoll in die Zukunft. Bedenkt, ich bin nicht der einzige Freund, der in Eurer Nähe weilt, es gibt deren noch mehrere, die ihre wachsamen Augen beständig auf Euch gerichtet halten, und die gewiß nicht fern oder unentschlossen bleiben werden, wenn es gilt, Euch nicht nur mit Rat, sondern auch tatkräftig zur Seite zu stehen. Sie werden jederzeit bereit sein, Euch einer Lage zu entreißen, die Euch über kurz oder lang unerträglich werden muß«. Bei den letzten Worten glaubte Weatherton zu bemerken, daß Hertha erschreckt zusammenfuhr und ein Ausdruck tiefster Traurigkeit sich über ihr kummervolles Antlitz verbreitete. Sie faßte sich indessen schnell wieder, und ihre großen redlichen Augen voll auf ihn richtend, suchte sie in seinen Zügen gleichsam nach einer Erklärung zu seinen Äußerungen. »Eure Gefangenschaft ist der bitterste, schwerste, jedoch ein gerechter Vorwurf gegen die noch nicht geordneten gesellschaftlichen und gesetzlichen Zustände in unserer jungen Gemeinde«, begann sie endlich mit einem Anflug von Befangenheit. »Aber es wäre unedel, wollte man deshalb das ganze Mormonentum verdammen und ihm jede segensreiche Zukunft absprechen. Nein, Mr. Weatherton, es kann Euer Ernst nicht sein wenn Ihr auf eine mir drohende Gefahr hindeutet, die aus meiner Gemeinschaft mit den Heiligen der letzten Tage entspringen soll, ich verstand wenigstens Eure Worte nicht anders; es spricht aus Euch vielleicht nur der gerechte Unwille über das gesetzwidrige Verfahren, welches man gegen Euch eingeschlagen hat«. »Nein, Miß Hertha, nehmt meine Ehre zum Pfande, ich selbst bin der letzte, an den ich mit Besorgnis denke. Wenn ich Befürchtungen hege und wenn ich mir erlaubte, darauf hinzuweisen, daß Eure Lage dereinst eine, um mich mild auszudrücken, unerträgliche werden dürfte, so geschah es nicht, weil ich vielleicht feindliche Gefühle gegen das Mormonentum in meiner Brust genährt hätte, nein, gewiß nicht. Ich habe keinen Grund dazu, am allerwenigsten könnte eine vorübergehende Gefangenschaft, die bei den jetzigen unglückseligen politischen Verwicklungen vielleicht zu entschuldigen ist, mich zu Haß und Rachsucht reizen. Indem ich vergeblich nach Euch in New York forschte, indem ich Euch bis hierher nachreiste und nicht scheute, selbst auf die Gefahr einer dauernden Gefangenschaft hin, mich durch die doppelten Postenketten hindurchzuschleichen, indem ich endlich auf Schritt und Tritt, zu jeder Stunde, ob nun wachend oder träumend, von ernsten Besorgnissen um Euch erfüllt war, leitete mich die feste Überzeugung, und sie leitet mich heute nicht weniger: daß die religiösen und politischen Gesetze des Mormonentums Punkte und Vorschriften enthalten, die, sobald sie ihre Anwendung auf Euch finden, Euch sehr, sehr unglücklich machen müssen, weil sie eben in krassem Widerspruch zu Euerm natürlichen Gefühl, zu Eurer reinen, edlen Denkungsweise, zu Eurem ganzen Charakter stehen.« »Genug, genug«, unterbrach ihn Hertha, indem sie ihre Hand, die sie mit einer hastigen Bewegung zurückgezogen hatte, ihm wieder darreichte; »in Euern Worten und in Eurer Stimme sprechen sich wahre Teilnahme und die ernstesten Besorgnisse aus; ja, eine so aufrichtige und opferwillige Freundschaft, wie ich sie nicht verdiene. Eure uneigennützig gebotene Freundschaft nehme ich mit überströmendem Herzen an und erwidere, so glaubt mir, ebenso aufrichtig, doch die Anklagen, welche Ihr gegen das Mormonentum schleudert, die weise ich zurück, die muß ich zurückweisen. Ich könnte darauf eingehen, Eure Anklagen widerlegen«, eiferte sie weiter, während in ihrem Wesen ein schwärmerischer Enthusiasmus anstelle der früheren Niedergeschlagenheit trat und ihr liebes, freundliches Antlitz erglühen machte, »ja alles könnte ich widerlegen; doch zu welchem Zweck? Mir wird es ebensowenig gelingen, Euch zu überzeugen und die gebührende Achtung und Verehrung vor der geläuterten Lehre Joseph Smith's einzuflößen, als Euch, mich derselben abtrünnig zu machen und dadurch die Ruhe und den Frieden meiner Seele zu untergraben. Ich bitte Euch daher, ich beschwöre Euch bei unserer jungen, von Eurer Seite so erprobten Freundschaft, brecht ab davon und laßt die religiösen Ansichten nicht wieder feindlich drohend zwischen uns treten! O, Ihr wißt nicht, Ihr könnt nicht wissen, wie tief Ihr mich, ohne es zu wollen oder zu ahnen, verwundet«. Während Hertha so sprach, war es Weatherton, als sei ihm das Urteil einer lebenslänglichen Haft oder gar des Todes zuerkannt worden. Er überzeugte sich, daß vorläufig, ehe Hertha nicht noch trübere Erfahrungen gemacht, alle seine Bemühungen an dem unerschütterlichen Vertrauen und der tiefen Frömmigkeit, mit welcher sie sich der neuen Lehre ergeben, kraftlos abprallen würden. – Wenn sie aber erst diese Erfahrungen gemacht hatte, dann, ja dann war es vielleicht zu spät, sie vor dem Elend zu bewahren. Seine letzte Hoffnung, durch eine freie, ehrliche Offenbarung eine glückliche Entscheidung herbeizuführen, scheitert vollständig an der Pietät, mit welcher sie das Andenken ihrer Schwester bewahrte, und deren Beispiel bis an's Ende ihrer Tage zu folgen gedachte. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, es war die einzige Antwort, welche ihm auf Hertha's Erklärung zu Gebote stand. Sein von dem flackernden Feuer der Mohaves beleuchtetes Gesicht mußte indessen einen hohen Grad bitterer Täuschung verraten, denn Hertha glaubte nun ihrerseits, ihn verletzt zu haben, und der augenblicklichen Regung ihres Herzens folgend, trat sie wieder dicht an ihn heran. »Mr. Weatherton«, sagte sie in ihrer treuherzigen Weise, indem sie ihre Hand zutraulich auf des jungen Offiziers Arm legte. »Ich wollte Euch nicht wehe tun, und wenn meine vielleicht unüberlegt ausgesprochenen Ansichten Euch unsanft berührten, dann geschah es ohne meinen Willen. Laßt uns freundlichere Bilder zum Gegenstande unserer Unterhaltung wählen; die ohnehin nur noch wenige Minuten dauern darf. Laßt uns sprechen von Euern Freunden, die Euch hierher begleiten und sicher nicht fern sein können. Seht, auch ich habe auf meiner Reise Freunde gewonnen«, fügte sie mit einem schwermütigen Lächeln hinzu, indem sie auf die Gruppe der aufmerksam lauschenden Mohaves wies, die, als ob sie den Inhalt ihrer Worte verstanden hätten, mit glücklichem Lachen zu ihr emporschauten. »Es sind allerdings nur Urwilde, und die Mittel zu unserer Verständigung sehr gering, allein ich kann Euch versichern, die Herzen, welche sie in der Brust tragen, und die Gefühle, welche zu verbergen sie nicht verstehen, würden manchem hochzivilisierten Weißen zur Ehre gereichen. Ja, gewiß, diese Mohaves sind gute Menschen, und wie Ihr erklärtet, daß Eure Freunde auch die meinigen wären, so sollen diese braven Krieger hier nicht weniger die Eurigen sein; Kairuk«, fuhr sie dann zu dem Häuptling gewendet fort, seine Aufmerksamkeit auf Weatherton lenkend, »er ist sehr gut, sehr achotka«. »Hagh, Amerikan achotka, achotka«, rief Kairuk mit tiefer wohltönender Stimme aus, und indem er emporsprang, klopfte er zuerst Weatherton und danach dem etwas abseits stehenden Raft schmeichelnd auf die Schultern. »Amerikan gefangen«, sagte er darauf, seinen Arm in der Richtung des Gefängnisses ausstreckend. »Ja, gefangen«, antwortete Weatherton bitter, dem Häuptling aber freundlich zunickend, »Eure Augen müssen gut sein, daß Ihr mich auf diese Entfernung hinter dem vergitterten Fenster gesehen habt«. »Mohaves gut sehen«, antwortete Kairuk selbstgefällig, »Mohaves gut hören, hören Amerikan sprechen, hören Amerikan Goddam sprechen«. »Was wird mit diesen Mohaves beabsichtigt und zu welchem Zweck befinden sie sich hier?« fragte Weatherton scheinbar zerstreut, in Wirklichkeit aber noch immer über Hertha's Erklärung und die an ihn selbst gerichtete Bitte grübelnd. »Der Zweck, der sie hierher führte und die Absicht, die man betreffs ihrer hegt, sind gleich edel, gleich anerkennenswert. Sie sollen getauft werden, um das Mormonentum auch unter den Indianerstämmen zu verbreiten, oder vielmehr, um sie zu befähigen, die Mitglieder ihrer Stämme auf die später durch einen Apostel zu vollziehende Taufe vorzubereiten«. »Und glaubt man, daß sie die Zeremonie und deren Bedeutung verstehen?« fragte Weatherton mechanisch, um keine Stockung in der Unterhaltung eintreten zu lassen, für welche Hertha eine so rege Teilnahme zu hegen schien. »Auch ich sprach diese Bedenken aus, als ich davon in Kenntnis gesetzt wurde«, antwortete Hertha, die Riesengestalten, die jetzt mit dem Verzehren der ihnen gebotenen Leckerbissen beschäftigt waren, nachdenklich betrachtend; »ich hielt sogar eine Taufe ohne die entsprechenden Vorbereitungen für nicht vereinbar mit den Lehren des Mormonentums. In der Art aber, in welcher mir ein solches Verfahren von dem Kommandanten dieser Station erklärt wurde, konnte ich nichts Verwerfliches entdecken, und ich muß gestehen, daß ich es jetzt, wenn auch vielleicht nicht streng religiös, doch gewiß sehr verständig und weise finde. Die Indianer sollen nämlich vor allen Dingen durch die Zeremonie der Taufe an uns gefesselt werden; sie sollen sich als unsere Brüder betrachten und sich vertrauensvoll jederzeit nähern, um dann immer weiter auf dem Pfade des Glaubens und der Wahrheit geführt zu werden«. »Aber auch zu Bundesgenossen in diesem Kriege will man sie machen«, entgegnete Weatherton bitter, denn er glaubte hier eine willkommene Gelegenheit zu erhaschen, das Gespräch wieder, ohne Hertha unmittelbar zu verletzen, auf ein anderes sträfliches Verfahren der Mormonenregierung lenken zu können. »Ja, zu Bundesgenossen gegen die Vereinigten Staaten. O, diese Mohaves müssen mutige Krieger sein und sich gut verwenden lassen. Daß man aber Tod und Verderben unter zahlreiche eingeborene Familien verbreitet, die bisher gewiß erst sehr wenig von den weißen Menschen und deren Gebrechen gesehen haben, daß ferner die Vereinigte-Staaten-Regierung das feindliche Auftreten der Coloradostämme nicht ungestraft lassen und zur Ausführung der Strafe leider ihre allergewissenlosesten Diener entsenden wird, die keinen Gedanken an Erbarmen und Gnade zur Geltung kommen lassen, bis die letzte Rothaut von dem amerikanischen Kontinent verschwunden ist, das erwägen oder beachten die Mormonenmissionare nicht. Um einem augenblicklichen Zweck zu genügen, werden kaltblütig Tausende von menschlichen Geschöpfen hingeopfert werden, und auf dem blutgetränkten Boden tröstet man sich dann mit dem Gedanken, daß sie als Märtyrer für eine heilige Sache starben«. – »Haltet ein, o, haltet ein!« rief Hertha schmerzlich aus, mit einem Ausdruck der Verzweiflung Weatherton beide Hände, wie abwehrend, entgegenstreckend, »habe ich noch nicht Kummer genug, noch nicht genug Schmerz und bittere Täuschung erlitten? Müßt Ihr, dessen Anblick mir so trostbringend war, immer neue Zweifel in mir wachrufen, die zu bekämpfen ich mich noch nicht stark genug fühle? O, zeigt mir nicht immer die Schattenseiten der hiesigen Verhältnisse, ohne mich zugleich auf die Lichtpunkte aufmerksam zu machen! Sagt selbst, wenn Zweifel mich von allen Seiten bestürmen, wenn der Geist gleichsam rastlos umherirrt und vergeblich nach einem Ruhepunkt späht, wenn das Vertrauen auf alles, was mir jetzt heilig ist, erschüttert wird und schreckliche Bilder mich sogar in meinen Träumen martern und foltern, sagt, an wen soll ich mich wenden? Vor wem mein bedrängtes Herz ausschütten? Etwa vor denen, die mir allerdings am nächsten stehen, deren strafende Blicke mich aber zum Wahnsinn treiben würden? Unsere Religion empfängt mit offenen Armen alle, die Schutz suchend sich ihr vertrauensvoll nahen, sie trachtet danach, ihre Segnungen allen Menschen der Erde zu Teil werden zu lassen; aber streng, unerbittlich streng ist sie gegen diejenigen, welche an ihr zweifeln. Was die Weisesten unserer Gemeinde beschließen, das dürfen die übrigen Mitglieder nicht tadelnd zerlegen und verdammen. Mag Euch manches von Eurem Standpunkte aus als nicht vereinbar mit dem Christentum in seiner ursprünglichsten Form erscheinen, die späteren Erfolge werden Euch darüber belehren, daß stets nur der richtige, Gott wohlgefällige Weg eingeschlagen wurde. Doch, ich weilte schon zu lange hier, die gute Corbillon wird in Sorge um mich sein« – unterbrach sie plötzlich ihren Redefluß, indem sie mit einem Tuch leicht über ihre Augen hinfuhr. »Nehmt noch einmal meinen wärmsten Dank für das freundliche Andenken, welches Ihr mir bewahrt habt, und glaubt sicherlich, es gereicht mir zum Trost und zur Beruhigung, Euch in der Nähe zu wissen, obgleich ich keine Ursache habe, über die Begegnung der mir allerdings noch fremden Menschen hier zu klagen. Eure Gefangenschaft aber soll aufgehoben werden, sobald mein Onkel und diejenigen, die darüber zu verfügen haben, heimgekehrt sind«. »Muß ich hier meine Aufgabe als beendigt betrachten, soll dieses das letzte Mal sein, daß ich vor Euch hintreten durfte?« fragte Weatherton mit halblauter Stimme, um seine ängstliche Spannung zu verbergen. »Nein, Mr. Weatherton, gewiß nicht«, antwortete Hertha entschieden; »sobald man Euch der Haft entlassen hat, werdet Ihr bei uns ganz dieselbe Gastfreundschaft finden, deren wir uns einst nach jener schrecklichen Katastrophe auf dem Leoparden erfreuten«. »Aber bis dahin?«, fragte Weatherton leise. »Bis dahin?« entgegnete Hertha sinnend, indem sie einen Augenblick die Hand an ihre Stirn legte; »bis dahin? Nun, ich bringe jeden Abend um diese Zeit meinen Mohavenfreunden einige warme Speisen, und wenn Eure Zeit –« »Ich werde hier sein, ja, ich werde hier sein«, unterbrach Weatherton das junge Mädchen, welches die letzten Worte, wie von Zweifeln befangen, zögernd hervorbrachte, »meine Freiheit reicht ja ohnehin nur wenige Schritte weiter, als diese Plattform. Die Hoffnung aber, Euch wiederzusehen, wird mir die trüben Stunden im Gefängnis weniger langsam und schmerzlich dahinschleichen lassen, wenn nämlich Euer Verkehr mit mir, der ich in dem Verdacht verräterischen Spionierens stehe, keine Unannehmlichkeiten für Euch im Gefolge hat«. »Wie mögt Ihr dergleichen befürchten?« »Weil Euer Onkel und Rynolds um meine Gefangenschaft wissen; weil seit ihrer und des Kommandanten Ankunft meine Haft noch bedeutend verschärft wurde, und weil seit ihrer Abreise wieder eine Vernachlässigung der meinetwegen angeordneten Sicherheitsmaßregeln gar nicht abgeleugnet werden kann. Ich schließe daraus, daß sie besonders feindliche Gefühle gegen mich hegen und gerade einer Zusammenkunft mit Euch vorbeugen wollen«. »Es ist wahr«, erwiderte Hertha in holder Verwirrung, indem sie sich vom Feuer abwendete, denn sie hatte annähernd den Grund erraten, warum ihr Onkel Weatherton vorzugsweise fern von ihr zu halten wünschte; »ja, es ist wahr, der Schein spricht gegen meinen Onkel, das darf mich indessen nicht hindern, die guten Mohaves zu besuchen, und Euch ebensowenig, Eure Schritte zu derselben Zeit hierher zu lenken. Für mich fürchte ich nicht, aber ich befürchte, daß man Eure Freiheit noch mehr beschränkt, wenn man weiß, daß – daß – jedenfalls ist es besser, gegen andere über den Zufall zu schweigen, der uns hier ja unvermutet zusammenführte«. In diesem Augenblick trat Raft heran, der so lange außerhalb der Plattform mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen auf und ab gegangen war und aus alter Gewohnheit die von ihm durchmessene Entfernung nicht weiter ausgedehnt hatte, als die Breite des Vorderdecks auf einem Bollschiff beträgt. »Verzeihung, Leutnant«, hob er an, die Rechte dienstlich an den Rand seines Hutes legend, »die Wache ist um, der Posten ruft zur Koje«. »Gute Nacht denn, Mr. Weatherton«, sagte Hertha, welche den Sinn von des Bootsmanns Rede verstand, und ihre Stimme klang herzlich und tröstend, indem sie dem jungen Seemann mit kindlichem Vertrauen die Hand reichte; »morgen sehen wir uns, so Gott will, wieder. Gebt Euch unterdessen keinen trüben Gedanken und nutzlosem Grübeln hin, sondern bauet fest auf mich. Ich selbst werde Euch zu seiner Zeit die Nachricht Eurer Befreiung überbringen und die Tore öffnen, die Euch jetzt noch den Rückweg nach Eurer Heimat versperren«. Die letzten Worte sprach sie so leise, daß Weatherton sie kaum verstand, aber überwältigt von tiefer Wehmut und süßem Entzücken führte er ihre Hand an seine Lippen. »Gute Nacht«, murmelte er. Das war alles, was er hervorzubringen vermochte. 7. Onkel und Nichte Die Zusammenkunft, welche zwischen Hertha und Weatherton verabredet worden war, fand am folgenden Abend nicht statt. Elliot und Jansen waren, wider allen Erwartens, während der Nacht zurückgekehrt, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter den Bewohnern des Forts die Kunde von Rynolds' Ermordung. Nur Weatherton und Jim Raft erfuhren nicht die Bedeutung, als sie von ihrem Gefängnis aus hin und wieder Gruppen von Männern und Frauen bemerkten, die mit ernsten, geheimnisvollen Mienen zueinander sprachen und dem Anschein nach eine sehr wichtige, offenbar in alle Verhältnisse eingreifende Begebenheit besprachen. Anfänglich glaubte Weatherton, es sei zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den beiden einander gegenüberstehenden Armeen gekommen; doch bezweifelte er dies wieder, als er nirgends bewaffnete Männer gewahrte, die sich vielleicht zum Abmarsch nach irgendeinem bedrohten Punkte gerüstet hätten, oder daß vielleicht Vorbereitungen zu einer energischen Verteidigung des Platzes selbst getroffen worden wären. So erging er sich in Vermutungen mancher Art, und obgleich er die Überzeugung hegte, daß Elliot's und Jansen's Heimkehr eine Änderung in seiner Lage, vielleicht gar, auf Hertha's Verwendung, seine Befreiung zur Folge haben würde, so empfand er auf der andern Seite wieder Trauer darüber, seine verabredete Zusammenkunft mit Hertha durch das unerwartete Erscheinen ihres Onkels hintertrieben zu wissen. Mit Besorgnis gedachte er der Möglichkeit, sogleich auf freien Fuß gesetzt und ebensoschnell aus dem Tale der Mormonen zu den Vereinigten-Staaten-Truppen hinüber verwiesen zu werden. Er wäre in solchem Falle vollständig und unabänderlich von Hertha getrennt gewesen, und gelang es ihm später auch wirklich, sie wieder aufzufinden, dann war ihr Geschick voraussichtlich schon besiegelt, und ihm blieb weiter nichts mehr, als die Erinnerung an einen entschwundenen Jugendtraum, an eine süße, aber getäuschte Hoffnung. – Der Tag war träge und eintönig dahingegangen, und weithin erstreckten sich die Schatten von Berg und Hügel über den stillen Utahsee und die denselben einfassende Landschaft. Jansen hatte sich kaum vor seiner Nichte blicken lassen. Nachdem er ihr den gewaltsamen Tod Rynold's mit dürren, seinem ernsten Charakter entsprechenden Worten mitgeteilt, hatte er sich in ein Nebengemach zurückgezogen und dort, in Elliot's Gegenwart, alles, was von Rynolds hinterlassen worden war, geöffnet und durchsucht, namentlich aber sich eine genaue Übersicht derjenigen Dokumente und Papiere verschafft, welche, laut des in seinen eigenen Händen befindlichen Registers, das Vermögen von Hertha und deren Schwester bildeten. Sie fanden alles genau so, wie sie erwartet hatten. Es fehlte an dem Vermögen nichts. Auch die Art und Weise, in welcher dasselbe von New York aus, wenn die Gefahren des Krieges beseitigt sein würden, nach dem Salzsee befördert werden solle, ob nun bar, als Viehherden oder als in der Salzseestadt aufzustellende Dampfmaschinen, war pünktlich, hier als Rat, dort als feste Bestimmung, angegeben worden. Genug, in allen Anordnungen ließ sich ein berechnender und gediegener Sachwalter gar nicht verkennen; dagegen stellte sich ganz wider Erwarten heraus, daß Rynolds selbst im Besitz eines größeren Vermögens gewesen, als er jemals zugestanden, oder als andere ihm zugetraut hatten. Aus einer Anzahl von Briefen, die von Abraham in New York an ihn gerichtet worden waren und die sorgfältig geordnet zwischen den Dokumenten lagen, ging übrigens hervor, daß er in der Wahl seiner Mittel, seine Schätze zu vermehren, gerade nicht sehr schwierig gewesen. Namentlich hatte er durch gewagte Spekulationen mit den ihm anvertrauten Geldern den Grund zu seinem eigenen Reichtum gelegt, ohne seinen Schutzbefohlenen mehr als die allerniedrigsten Zinsen zu berechnen. Jansen, dessen strenge Rechtlichkeit ebenso unerschütterlich war, wie sein eiserner Wille, wenn es sich um die Ausübung religiöser Vorschriften handelte, trennte mit der größten Sorgfalt alles, was seinen Bruderkindern und deren Erben gebührte, von dem, was auch nur annähernd als Rynolds' Eigentum betrachtet werden konnte. Nachdem er sodann genaue Verzeichnisse über alles angefertigt, versiegelte er Rynolds' Eigentum doppelt, mit seinem eigenen und mit Elliot's Petschaft, um es gelegentlich in die Hände der obersten Behörde niederzulegen und dieser die weitere Verfügung zu überlassen. »Mag er ein treuloser Vormund gewesen sein«, sagte er zu Elliot, indem er das Paket wieder verschloß, »mag er das Vermögen seiner Mündel leichtsinnig zu seinen eigenen Zwecken benutzt haben, was er für das Seinige erklärt hat, das sollen weder meine, noch Hertha's, noch deren Schwestersohnes Hände besudeln. Das Glück war ihm günstig, und ich bin zufrieden, daß die Kapitalien noch vollständig vorhanden sind.« »Wenn er nun die ihm anvertrauten Gelder bei seinen gewissenlosen Spekulationen eingebüßt hätte?« fragte Elliot, der, weniger rechtlich, als Jansen, und bekannter mit Rynolds' betrügerischem Charakter, sich nicht gescheut haben würde, die mit den Kindergeldern gewonnenen Summen den Kapitalien wieder beizufügen. »Hätte er sie verloren, so wäre das ein Unglück gewesen«, antwortete Jansen, seine Stirn in düstere Falten legend, »jedenfalls berechtigt uns eine solche Annahme nicht, auch nur einen Cent von seinem Eigentum zu berühren.« Elliot schwieg; er mochte sich erinnern, daß er im Begriff stand, gemeinschaftlich mit Holmsten einen noch viel größeren Betrug auszuführen, und wenn auch seit Rynolds' Tode eine große Furcht von seiner Seele genommen war, so befand er sich doch noch immer unter dem Einfluß jener Stimmung, die bei seinem letzten Zusammensein mit dem Ermordeten von diesem durch die ernsthaftesten Drohungen hervorgerufen worden war. Mit einer fast krankhaften Spannung beobachtete er daher Jansen, als dieser den übrigen Teil der vor ihm liegenden Papiere, welche die Summe von hundertundsechzigtausend Dollar enthielten, abermals in zwei Teile voneinander absonderte und dabei immer eine neben ihm liegende Liste zu Rate zog, wodurch der eine Teil erheblich größer als der andere wurde. Als er damit zu Ende gekommen, siegelte er auch diese in besondere Pakete ein, worauf er auf das eine den Namen »Hertha Jansen« und auf das andere »Editha Holmsten und deren gesetzliche Erben« schrieb. »Besaß Rynolds eine überwiegende Neigung zur Unredlichkeit«, sagte er dann, die beiden Pakete nachdenklich betrachtend, »so läßt sich nicht leugnen, daß er, was Geldangelegenheiten betrifft, wenigstens sehr ordnungsliebend gewesen sein muß, es würde mir sonst schwerlich gelungen sein, mich so leicht und schnell zwischen allen diesen Papieren hindurchzufinden. Dieses hier«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, indem er auf das größere Paket deutete, »ist das Eurige, sobald Ihr meine Nichte Hertha die Eurige nennt, und das andere soll an demselben Tage, an welchem Euch das Mädchen angetraut wird, zur Verwaltung in Holmstens's Hände niedergelegt werden, vorbehaltlich, daß er uns die Vormundschaft über den Knaben zugesteht und ihn in Eurer Familie erziehen läßt; wir sind Hertha diese Rücksicht schuldig.« Elliot nickte zustimmend; seine Blicke hafteten an dem Gelde, welches das seinige werden sollte, seine Lippen bebten, und ein eigentümliches Feuer sprühte aus seinen, von den buschigen Brauen fast verdeckten Augen. Doch wäre es schwer zu entscheiden gewesen, ob seine Phantasie sich in diesem Augenblicke mehr mit den ihm zugesagten Schätzen beschäftigte, als mit dem jungen, anmutigen Mädchen, welches innerhalb kurzer Zeit ihm als Gattin in seine Häuslichkeit zu folgen bestimmt war. »Habt Ihr schon den Tag festgesetzt, an welchem die Zeremonie vollzogen werden soll?« fragte er, ohne aufzublicken, offenbar, um Jansen nicht die innere Aufregung aus seinen Zügen herauslesen zu lassen. »Den Tag habe ich nicht bestimmt«, antwortete dieser mit unerschütterlicher Ruhe, »allein mein Wunsch ist, das Mädchen, welches ich liebe, als wäre es meine eigene Tochter, sobald als möglich der Fürsorge eines braven Gatten anzuvertrauen. Wer vermag in die Zukunft zu blicken, wer das Ende des Krieges vorher zu bestimmen? Die Verhältnisse mögen mir eine Trennung von Hertha gebieten, und beruhigt ziehe ich hin, wohin es auch immer sei, wenn ich ihr Los nicht nur auf Erden, sondern auch im künftigen Leben gesichert weiß. Außerdem ist auch von einer andern Seite Eile geboten, denn lange wird sie, trotz ihrer Kindlichkeit, nicht in der jetzigen Umgebung weilen können, ohne das zu erfahren, was wir uns bis jetzt immer bestrebten geheim vor ihr zu halten. Ihrer selbst wegen wünsche ich daher, daß ihr die nicht zu vermeidenden Eröffnungen erst dann gemacht werden, wenn sie mit unauflöslichen Banden an Euch gefesselt ist. Sie wird das, was sie augenblicklich vielleicht noch mit zu entschuldigendem Entsetzen erfüllt, bei dem vorgeschlagenen Verfahren leichter überwinden und sich mit doppelter Hingebung der Religion in die Arme werfen. O, sie ist und war immer ein gutes Kind; möget Ihr das nie vergessen und ihr in Eurem Hausstande eine Stellung einräumen, in welcher ihr Kränkungen und Kummer, die leider sogar in der Mormonengemeinde nicht selten ihren Weg bis in das innerste Familienleben finden, erspart bleiben.« »Beruhigt Euch«, entgegnete Elliot, indem er sich bemühte, seinem harten, leidenschaftlich erregten Gesicht einen müderen Ausdruck zu verleihen; »ich habe Hertha auf der Reise vom Rio Virgin hierher schätzen- und verehren gelernt, und lieber verlöre ich meine rechte Hand, ehe ich ihr freundliches Gesicht durch Kummer entstellt, oder ihren frischen Jugendmut gebrochen sehen möchte. Übrigens darf ich mit Recht behaupten, daß mich das Glück schon in anderer Beziehung begünstigte; denn Ihr werdet Euch gewiß längst überzeugt haben, daß die beiden Gattinnen, die ich mir bereits wählte, gutherzige, treue Seelen sind, die nicht nur für Hertha eine ihrem lebhaften Charakter entsprechende Gesellschaft bilden, sondern ihr auch als treue, opferwillige Freundinnen stets mit Rat und Tat zur Seite stehen werden.« »Ihr habt noch nichts über unseren Plan vor ihr verlauten lassen?« fragte Jansen plötzlich. »Nein, es war ja Euer Wille, vorläufig noch alles geheim zu halten, um ihr später selbst die erforderlichen Aufschlüsse zu erteilen.« »Ja, es ist besser so; sie wird von mir gern und ruhig anhören, was ihr aus Euerm Munde vielleicht unangemessen klingt. Rynolds riet mir vor einigen Tagen erst, noch zwei oder drei Wochen zu warten, um den Widerstand, auf welchen wir voraussichtlich stoßen würden, leichter abschwächen zu können. Sein plötzlicher Tod erscheint mir indessen als ein genügender Grund, alle übrigen Rücksichten zur Seite zu stellen und heute noch frei und offen mit Hertha zu reden. Ich habe das Gefühl, als wenn es mir dem frommen und folgsamen Kinde gegenüber erspart bleiben würde, zu herberen Mitteln meine Zuflucht zu nehmen. Denn wäre ich dazu gezwungen, so würde sie meine treue Fürsorge, vorläufig gewiß, zu meinem größten Schmerz verkennen. Ihr werdet dafür Sorge tragen, daß ich während meiner Unterredung mit ihr nicht gestört werde. Haltet jeden fern von uns, namentlich beschäftigt die Französin, die in ihrem gläubigen Eifer für das Mormonentum oft die nötige Klugheit vergißt und, erfüllt vom Geiste des Herrn, sich zu unzeitigen Erklärungen und Ermahnungen hinreißen läßt.« Elliot war im Begriff, sich zu entfernen, um den ihm gewordenen Aufträgen nachzukommen, als er plötzlich wieder stehen blieb und sich Jansen zuwendete. »Ist über die Französin ein endgültiger Beschluß gefaßt worden?« fragte er mit einer gewissen Besorgnis im Ton seiner Stimme. »Demoiselle Corbillon hat sich durch Hertha's Erziehung große Verdienste erworben; es muß daher nicht allein ihr Seelenheil, sondern auch schon ihre irdische Wohlfahrt berücksichtigt werden«, antwortete Jansen so eisig kalt und mit so beängstigendem Ernst, als wenn es sich um den Verkauf von toten Gegenständen gehandelt hätte. Es trat dies um so mehr hervor, weil er, so lange er über seine Nichte sprach, ein aufrichtiges Wohlwollen hatte durchblicken lassen. »Der Plan, sie durch eine Verheiratung mit Euch auch fernerhin in Hertha's nächste Nähe zu fesseln, hat man auf meinen Antrag fallen lassen«, fuhr er wieder mit mehr Teilnahme fort. »Bei der Verschiedenartigkeit der Charaktere wäre es doch nie ein gutes Verhältnis zwischen ihnen geworden, und ich liebe die Tochter meines früh verstorbenen Bruders zu sehr, als daß ich sie den Launen einer nicht immer liebenswürdigen Person unterworfen oder vielmehr vollständig preisgegeben wissen möchte. Der Prophet hat meine Gründe der Beachtung wert gehalten und sich dafür entschieden, sie Holmsten, dessen Vermögensverhältnisse durch die reiche Erbschaft einen so bedeutenden Aufschwung erhalten, anzusiegeln.« »Haltet Ihr es für geraten, zu ihr darüber zu sprechen?« fragte Elliot, und eine helle Schadenfreude blitzte ganz verstohlen aus seinen unheimlich düsteren Augen. »Ihr besitzt in manchen Dingen eine klarere Einsicht als ich, mein Bruder«, gab Jansen zur Antwort, indem er die beiden versiegelten Pakete mitten auf den Tisch legte, so daß die Blicke eines Eintretenden sogleich auf dieselben fallen mußten; »handelt nach eigenem Ermessen; ich selbst würde ihr gegenüber einräumen, daß auf ihren Wunsch und Antrag voraussichtlich zu ihrer Zufriedenheit verfügt worden sei, doch würde ich noch mit dem Namen zurückhalten. Sendet mir also baldmöglichst meine Nichte, der Abend sinkt, und eh' die Nacht weit vorgeschritten ist, muß ich die drückende Last von meiner Brust gewälzt haben.« Elliot blieb noch eine Weile stehen, wie um sich, nachdem er während seiner Unterhaltung mit Jansen hin und wieder seine Leidenschaften hatte durchblicken lassen, mit einem feierlichen, undurchdringlichen Ernst zu umgeben, und dann entfernte er sich schweigend. Mehrere Minuten waren verstrichen, da öffnete sich leise die nach den zuletzt erwähnten Gemächern führende Tür, und behutsam, als ob sie zu stören befürchtet hätte, trat Hertha durch dieselbe ein. Als sie ihren Onkel so ganz in sich versunken auf und ab schreiten sah, glitt ein Zug inniger Teilnahme über ihr, trotz des in demselben vorherrschenden wehmütigen Ernstes, überaus liebliches Antlitz, und fast eine Minute zögerte sie, eh' sie es über sich gewann, ihn in seinen Betrachtungen zu unterbrechen. »Du hast mich rufen lassen, lieber Onkel«, begann sie endlich mit schüchterner Freundlichkeit, indem sie, als Jansen, vor ihr angekommen, eben wieder umkehren wollte, ihre beiden Hände auf seine verschränkten Arme legte. Der Angeredete stand still und heftete einen langen, tiefen Blick auf Hertha's große unschuldvolle Augen, wie um durch dieselben in ihrem Herzen zu lesen. »Ich habe Dich rufen lassen, mein Kind«, sagte er dann, seine Hand leise auf ihr schönes Haupt legend; »ich habe viel und über wichtige Dinge mit Dir zu reden, denn seit Rynolds ein so unglückliches Ende genommen, ruht die ganze Verantwortlichkeit für Dein Wohl und Wehe auf meinen Schultern. Auch ich kann plötzlich einmal abgerufen werden; notwendig ist es daher, Dich mit Deiner ganzen Lage bekannt und vertraut zu machen, um Dich zu befähigen, schlimmstenfalls selbständig handeln und Deine Bestimmungen treffen zu können.« »Sprich nicht so, lieber Onkel«, antwortete Hertha, ihre Arme zärtlich um Jansen's Hals schlingend; »sprich nicht so; mein Wohl und Wehe ruht in Deinen Händen besser und sicherer, als in den meinigen, und wenn der arme Rynolds von einem schrecklichen und so furchtbaren Geschick ereilt wurde, so ist damit doch nicht gesagt, daß auch über Deinem Haupte eine unbekannte Gefahr schweben muß. O, mein teuerster Onkel, beschwöre doch nicht mehr böse Ahnungen und Besorgnisse herauf, als mich jetzt schon quälen!« »Komm, sei verständig«, entgegnete Jansen, indem er Hertha an den Tisch führte, wo beide einander gegenüber auf niedrigen Bretterstühlen Platz nahmen; »der Krieg ist vor der Tür, jeden Augenblick können wir Kunde von dem ersten Blutvergießen erhalten. Ist es doch kaum zu bezweifeln, daß Rynolds von umherstreifenden feindlichen Spionen hinterlistig erschlagen wurde, warum sollte daher nicht auch ich in der Verteidigung unserer heiligen Lehre, zur Ehre des Erlösers und zum Frommen unserer Gemeinde, mein Leben auf den Altar des Herrn niederlegen müssen? Bedenke das, mein Kind, und Du wirst gerechtfertigt finden, daß ich mich auf alle nur möglichen Fälle vorbereite und in erster Reihe mich der Pflichten gegen Dich als Onkel und Vormund entledige.« Bei diesen Worten blickte Hertha mit ängstlicher Spannung, aber ergeben zu Jansen empor. Sie wußte, daß, wenn ihr Onkel sich in dieser Weise äußerte, jeder weitere Widerspruch vergeblich sei. Ein von ihm gefaßter Entschluß machte ihn unbeugsam bis zur Härte, ja bis zur Grausamkeit. Sie kannte seinen eisernen Charakter, der durch religiöse Grübeleien gleichsam gestählt worden war, und eine seltsame Beklemmung bemächtigte sich ihrer, als sie deutlicher, als jemals, aus seinem feierlichen Wesen herauslas, daß er betreffs ihrer wirklich zu irgend einer geheimen, aber endgültigen Entscheidung gelangt sei. »Hier ist das Erbe Deiner verstorbenen Eltern«, fuhr Jansen nach kurzem Sinnen mit kaum wahrnehmbarer wehmütiger Erregung fort, indem er auf die beiden Pakete wies, »der eine Teil gehört Dir, der andere Deiner Schwester, oder vielmehr deren hinterlassenem Sohne –« »O, warum hast Du ihn nicht mit hierhergebracht«, wagte Hertha ihren Onkel mit klagender Stimme zu unterbrechen, »ich sehne mich so nach dem Kinde, Du weißt es, und dennoch –« »Du wirst den Knaben sehen, Du wirst ihn längere Zeit, vielleicht sogar ganz bei Dir behalten«, fiel Jansen ihr schnell in die Rede, »ich hätte ihn Dir auch schon jetzt zugeführt, wäre das entsetzliche Unglück wahrscheinlich nicht vorgefallen. Ich eilte hierher, in anderthalb Tagen die ganze Strecke zurücklegend; das wäre kein Ritt für ein dreijähriges Kind gewesen. – Ich sprach also von dem Dir zufallenden Erbteil, welches Dir seinerzeit vorgelegt und berechnet werden wird. Doch die Güter dieser Welt sind vergänglich, sie sind nicht imstande, die Zukunft eines Menschen, weder auf Erden, noch in der Ewigkeit, zu sichern. Die Stützen des irdischen Glücks und des ewigen Seelenheils sind edler und fester, sie beruhen mit auf den patriarchalischen, auf den von Gott selbst eingesetzten Bestimmungen, laut deren der Mensch nicht allein bleiben soll, Es ist der heilige Stand der Ehe, in welchem dem Sterblichen vorzugsweise Gelegenheit geboten wird, treue Pflichterfüllung zu üben und ein Gott geweihtes Leben zu führen. Abgesehen davon, daß Du jemandes bedarfst zur Verwaltung Deines Vermögens, und der alle irdischen Sorgen mit Dir teilt, muß ich jemanden haben, dessen Händen ich Dich mit ruhigem Gewissen anvertrauen darf und von dem ich überzeugt bin, daß er Dich auf dem Wege des Heils leitet und lenkt bis an das Ende Deiner Tage. Hertha, Tochter meines zu früh dahingeschiedenen, einzigen Bruders, Du sollst Dich verheiraten. Das Glaubensbekenntnis des Mormonentums schreibt es vor, und daher ist es auch mein Wunsch und mein Wille.« Während Jansen so sprach, hatte Hertha kaum zu atmen gewagt. Bleich und regungslos wie eine Bildsäule saß sie da, und erst lange, nachdem ihr Onkel geendigt, schien sie mit einem tiefen Seufzer zu dem plötzlichen Bewußtsein ihrer Lage zu erwachen. »Onkel, ich soll heiraten?« fragte sie flüsternd, als habe der Schrecken ihr die Sprache geraubt. »Ja, mein gutes Kind, bereite Dich vor, Du wirst heiraten innerhalb kurzer Zeit, und zwar hast Du den Kommandanten dieses Platzes, den ehrenwerten und würdigen Bruder Elliot fortan als denjenigen zu betrachten, dessen Lebensglück eng und unauflöslich mit dem Deinen verflochten werden wird.« »Elliot? Unmöglich!« rief Hertha emporspringend mit dem Ausdruck des größten Entsetzens aus. »Beruhige Dich, Hertha, und lerne die Dinge um Dich her mit Überlegung betrachten«, versetzte Jansen, der angesichts des sich ihm entgegenstellenden Widerstandes immer ruhiger und entschlossener wurde. »Der Herr hat durch seinen auserwählten Propheten seinen Willen kund getan, und Du wirst Dich den göttlichen Anordnungen fügen, vor welchen Dein eigener Wille ohnmächtig in Staub zusammensinkt.« »Onkel, guter, teurer Onkel«, sagte Hertha jetzt mit rührender Zärtlichkeit, indem sie den harten Mann kindlich umschlang und ihr Haupt auf seine Schulter legte; »meine Eltern sind lange tot, meine einzige Schwester ist ihnen nachgefolgt, deren Sohn wird mir vorenthalten, willst nun auch Du Dich von mir trennen, mich verstoßen, mich fremden Menschen, die ich fürchte und verabscheue, in die Arme schleudern? Nein, Onkel, Du kannst es nicht«, antwortete sie auf ihre eigene Frage, jetzt nicht mehr länger im Stande, die hervorquellenden Tränen zurückzuhalten, »sage, daß Du mich hast strafen wollen, sage, daß Du Scherz mit mir getrieben, aber nimm zurück den grausamen Ausspruch, der nicht aus Deinem Herzen gekommen sein kann!« »Der Ausspruch kam aus meinem Herzen, er kam aus meinem Kopfe«, antwortete Jansen, auf den Hertha's Schmerz nicht ganz ohne Wirkung geblieben war; »Du betrachtest jetzt allerdings die getroffene Bestimmung als ein böses Verhängnis, allein die Zeit wird kommen, in welcher Du meinen Beschluß segnest und vielleicht mitleidig lächelst beim Rückblick auf Deine jetzigen leeren Befürchtungen. Ich, dem die Wohlfahrt meiner Brudertochter am meisten am Herzen liegen muß, ich wiederhole Dir nochmals ernst und wohlmeinend: Du wirst Elliot die Hand zum Bunde fürs Leben reichen, und ihn lieben und ihm Untertan sein.« »Nie, niemals!« rief das geängstigte Mädchen aus, von Jansen zurückprallend, als wenn seine Berührung es verwundet hätte, »lieber den Tod, den zehnfachen Tod, als eine Verbindung eingehen, bei welcher das Herz nicht mitspricht. O, Onkel, es ist nicht möglich, Du kannst es nicht verlangen, daß ich unglücklich, namenlos elend werden soll! Ich habe keinen andern Wunsch gehegt, als immer bei Dir zu bleiben, und nun stößt Du mich unbarmherzig zurück, um mich jenem schrecklichen Elliot anheimfallen zu lassen, den ich über alles fürchte und verabscheue! Ja, ich wiederhole es, ich verabscheue ihn, weil ich endlich weiß, was er mit seinen Aufmerksamkeiten, mit seiner erheuchelten Teilnahme während der Reise bezweckte. Sein Sinn steht nach meinem Gelde, dort liegt es; Du selbst hast mir freigestellt, darüber zu verfügen; wohlan denn, Onkel, gib ihm alles, über das zu bestimmen ich ein Recht habe, aber ihm als Gattin folgen? Nein, ich wiederhole es nochmals, lieber den Tod in seiner schrecklichsten Gestalt!« Nach diesem wilden Ausbruch ihrer Gefühle schienen Hertha's körperliche wie geistige Kräfte gebrochen zu sein. Sie warf sich wieder auf ihren Stuhl, und das Antlitz zwischen ihren auf dem Tische ruhenden Händen verbergend, schluchzte sie so heftig, als sei sie von Krämpfen befallen worden. Jansen beobachtete sie während der ganzen Zeit mit ernster Aufmerksamkeit, ohne daß auch nur ein Muskel in seinem wettergebräunten Gesicht gezuckt hätte; seine Augenwinkel dagegen erglänzten feucht, als wenn er eine Träne in denselben zerdrückt hätte. Hertha's Verzweiflung hatte sein Herz berührt, er betrachtete dieselbe aber, wie der Arzt eine bittere Arznei, welche, wenn auch in ihrer ersten Wirkung unangenehm, schließlich doch Heilung herbeiführt. »Höre mich ruhig an, mein Kind«, sagte er endlich, sobald das krampfhafte Schluchzen etwas milder geworden war, »ich habe noch viel mit Dir zu reden, denn es ist meine Absicht, ja mein fester Wille, Dich zu überzeugen, daß ich es in der Tat nur gut und aufrichtig mit Dir meine. Glaube mir, teures Kind, indem ich unerschütterlich auf meinen eben geäußerten Vorschlägen beharre, leitet mich nicht weniger die bange Sorge um Dein irdisches Wohlergehen, als auch um Dein Seelenheil, »Du hast vielleicht schon die Gefangenen gesehen, welche auf der andern Seite des Hofes in strenger Haft gehalten werden?« fragte er dann, plötzlich abspringend. Hertha richtete sich mit einer raschen Bewegung empor, und Jansen ihr von einer dunkeln Glut übergossenes Antlitz zuwendend, rief sie aus: »Den Leutnant Weatherton? Ich habe ihn gesehen und gesprochen, und eine Schmach ist es, daß er, dem wir zu so hohem Danke verpflichtet sind, statt die ungebundenste Gastfreundschaft zu genießen, wie ein Verbrecher im Kerker schmachten muß. Ich habe ihm meine Verwendung zugesagt, ohne daß er mich darum gebeten oder auch nur eine Klage ausgesprochen hätte, und ich erfülle eine heilige Pflicht, indem ich Dich jetzt bitte, Deinen,ganzen Einfluß zu seiner Befreiung aufzubieten. Ja, Onkel, ich bitte Dich darum. Er hat edel an uns gehandelt; wende Dich nicht von ihm ab. Siehe, ich bürge dafür, der Verdacht, auf welchen hin man ihm seine Freiheit vorenthält, ist vollständig unbegründet, und nicht im entferntesten verdient er das Mißtrauen, welches Du, seit unserer ersten Bekanntschaft mit ihm, stets so offenkundig an den Tag gelegt hast. Und wenn Du Deine Abneigung gegen ihn nicht hinlänglich zu überwinden vermagst, um ihm Deinen Beistand angedeihen zu lassen, dann tue es wenigstens meinetwegen; ich flehe ja so inständig darum.« Während Hertha so sprach, hatte sie sich ihrem Onkel wieder genähert, und als ob sie alles Vorhergegangene vergessen hätte, legte sie mit holdseligem Erröten und schwankend zwischen Hoffnung und Besorgnis ihren Arm um seine Schulter. Jansen, von dem man mit Recht behaupten durfte, daß er niemals ein Wort sprach, ohne vorher überlegt zu haben, schaute noch eine Weile düster vor sich nieder, nicht beachtend die wachsende Spannung, mit welcher Hertha's Blicke an seinem Munde hingen. Endlich ergriff er ihre auf seiner Schulter ruhende Hand, und sie sanft zurückdrängend, zwang er sie gewissermaßen zum Niedersitzen. »Also gesehen und gesprochen hast Du ihn«, sagte er, beifällig nickend; »und Deinetwegen soll ich ihm zur Freiheit verhelfen. Es muß eine feste Freundschaft sein, die auf dem Schiffe zwischen Euch geschlossen wurde, eine Freundschaft, stark genug, um ihn bis hierher Dir nachzutreiben, Dich aber zu seiner warmen Fürsprecherin zu machen.« »Und meinst Du, es sei tadelnswert, wenn Menschen sich gegenseitig Beweise von Achtung und freundschaftlichen Gesinnungen erteilen?« fragte Hertha, indem sie ihre großen blauen Augen mit einem wahren Ausdruck kindlicher Unschuld auf Jansen richtete. Sie ahnete ja nicht, daß ihr fanatischer, überlegender Onkel sie nur ausfragen und einen Blick in ihr Herz tun wollte, um sie demnächst desto leichter und sicherer seinem Willen unterwerfen zu können. »Du würdest Dich vielleicht nicht sträuben zu heiraten, wenn Mr. Weatherton anstatt Elliot Kommandant von Fort Utah wäre?« fragte er dann scheinbar harmlos, aber seine forschenden Blicke durchdringend auf das geängstigte Mädchen heftend. »Onkel!« rief Hertha betroffen aus, und in diesem einzigen Ausruf offenbarte sich die ganze jungfräuliche Scham und die Verwirrung, die sie über eine Frage empfand, an welche sie selbst nie gedacht haben würde. »Gut, gut, beruhige Dich, mein Kind, und lege einer harmlosen Frage keine zu große Wichtigkeit bei«, fuhr Jansen in seiner ernsten, gemessenen Weise fort; aber indem er dies sagte, hatte er schon die Gewißheit gewonnen, daß Weatherton's Bild tiefer in dem Herzen seiner Nichte eingegraben sei, wie er selbst jemals geglaubt hatte. »Du verwendest Dich übrigens so warm für ihn«, begann er nach kurzem Nachdenken wieder. »Weißt Du auch, für wen Du Dich verwendest, und was ihm zur Last gelegt wird?« »Ich weiß es«, antwortete Hertha, erschreckt über diese Frage, die eine unbestimmte Drohung zu enthalten schien; »man will sich an ihm rächen für den Durchsuchungsbefehl, welchen er sich in New York ausstellen ließ. Aber ich habe ihn selbst darüber befragt; es waren nur edle, unselbstsüchtige Beweggründe, welche ihn zu solchem Verfahren veranlaßten. Ja, es ist wahr«, bekräftigte sie eifrig ihre Worte, als sie ein ungläubiges Lächeln ihres Onkels gewahrte, »er ist durchaus schuldlos; er hegt nichts weniger als feindliche Absichten gegen unsere Gemeinde; er selbst hat es mir versichert, und er ist nicht der Mann, der es vermöchte, eine Unwahrheit zu sprechen. Ich verbürge mich für ihn, Onkel, ich bürge für seine Rechtlichkeit mit meinem Leben!« »Du mußt ihn sehr genau kennen, um in solcher Weise für ihn aufzutreten«, versetzte Jansen, mit innerer Bewunderung das erregte junge Mädchen betrachtend, aus dessen schwärmerischen Blicken eine unbeschreibliche Kühnheit und Entschlossenheit hervorleuchtete. »So schwer es mir auch fällt, Dir Kummer zu bereiten, so bin ich doch gezwungen, Dich aus Deinem Irrtum zu reißen. Höre mir aufmerksam zu, mein liebes Kind, und unterbrich mich nicht, und sollte die freundliche Teilnahme, welche Du für den Fremdling hegst, Dir Tränen entlocken, so laß denselben freien Lauf; ich zürne Dir darum nicht. Ich hege die größte Achtung vor Deinem edlen Herzen und vor jedem Schmerz, welchen Die Vorsehung Dir aufzuerlegen für gut befindet. Schenke aber auch Du dafür mir offenes Vertrauen und setz mir keinen nutzlosen Widerstand entgegen, wenn ich Dich auf den Weg des Heils zurückzuführen suche.« »Was ist es, Onkel? Deine Worte deuten auf ein großes Unglück; o sage, was ist es!« rief Hertha, von namenloser Angst ergriffen, indem sie die Hände faltete und ihre Blicke starr auf Jansen richtete. »Zuerst, mein Kind«, begann dieser zögernd, ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche ziehend und es geöffnet vor Hertha auf den Tisch legend, »ist hier die wirkliche Ordre, laut deren der Leutnant Weatherton beauftragt war, auf den von New York abfahrenden Dampfbooten nach Widerstandskämpfern der Mormonen zu forschen. Dieser Leutnant Weatherton nun ist einige Monate später unter sehr verdächtigen Umständen im Mormonengebiete gefunden und verhaftet worden. Es läßt sich daher nicht bezweifeln, daß er mit zu den erbittersten Feinden unseres Volkes gehört, der nach den schon jetzt in Kraft tretenden Kriegsgesetzen den Tod durch die Kugel verdient hat.« Hier schwieg er, um zu beobachten, welchen Eindruck die unerwartete Nachricht auf seine Nichte ausüben würde. Diese aber verharrte regungslos in ihrer alten Stellung; nur wich die letzte Spur von Farbe aus ihren Wangen, während ihre gefalteten Hände sich krampfhaft ineinander rangen. »Sein Leben steht also, außer in Gottes Hand, auch in den Händen des zeitigen Kommandanten von Fort Utah«, fuhr Jansen von neuem fort, »Elliot ist der Mann, der es in seiner Gewalt hat, schon morgen das Urteil an ihm zu vollstrecken, oder ihn sicher über die Grenze unserer Vorpostenkette hinausgeleiten zu lassen. Hier ist der Beweis, daß ich die Wahrheit spreche und nicht zu leeren Worten meine Zuflucht nehme, um Dich in Deinen Entschlüssen zu bestimmen«, fügte er hinzu, das von dem Propheten unterschriebene Todesurteil Weatherton's, auf welchem nur noch Tag und Stunde ausgefüllt zu werden brauchte, vor seine halb ohnmächtige Nichte ausbreitend. »Auf das Versprechen, es ihm umgehend wieder auszuhändigen, überwand Elliot sich dazu, mir dasselbe auf eine Stunde anzuvertrauen.« »Ein solches Urteil mag Dir hart und ungerecht erscheinen«, begann er wieder, als er bemerkte, daß das erschütterte Mädchen kaum noch die Kraft besaß, einen Blick auf das bezeichnete Papier zu werfen, »allein im Kampfe um unsere Existenz sind wir gezwungen, zu den äußersten Mitteln zu greifen.« »Meinetwegen ist er hier, meinetwegen geht er in den Tod«, flüsterten die bleichen Lippen kaum vernehmbar, und fester klammerten sich die zarten Finger ineinander. »Es ist indessen nicht hart, nicht ungerecht«, erklärte Jansen weiter, ohne Hertha's Verzweiflung sichtbar zu beobachten, »nein, nicht ungerecht, wenn man in Betracht zieht, daß seine Helfershelfer in unserm Tal umherschleichen, und Rynolds bereits als erstes Opfer ihrer Hinterlist und Rachsucht gefallen ist. Leutnant Weatherton ist also mittelbar an einer im Herzen unseres Gebietes von seinen Gefährten ausgeübten Mordtat beteiligt.« »Es ist nicht wahr! es ist eine schmachvolle Lüge, die man ersonnen hat, um ihn zu verderben!« rief Hertha aus, indem sie emporsprang und unter Aufbietung aller Kräfte mit herausfordernder Miene ihrem Onkel gegenübertrat; »mag die schreckliche Tat verübt haben, wer will, Weatherton hat keine Ahnung davon; er ist unschuldig, die Freunde aber, welche ihn bis hierher begleiteten, sind nicht fähig, ein solches Verbrechen zu begehen, oder er hätte sie nie zu seinen Freunden gewählt! Nein, Onkel, er ist unschuldig, so wahr mir Gott helfe! Die Hand, die sich gegen sein Leben erhebt, gibt mir zugleich das Zeichen, den Salzsee zu verlassen und aller Welt zu verkünden, wie in der Gemeinde der Heiligen der letzten Tage ein Unschuldiger kaltblütig gemordet wurde!« »Würdest Du dadurch das entflohene Leben zurückrufen?« fragte Jansen mit eisiger Kälte, denn die ausgesprochene Drohung ließ ihm schon jetzt Hertha als eine Abtrünnige erscheinen, gegen die er sich mit der äußersten Strenge und Unerbittlichkeit zu benehmen habe; »würdest Du über die Grenzen unseres Gebietes hinausgelangen, wenn Du auszögest, um Verrat an denjenigen zu üben, mit welchen Du Dich in der heiligsten und geläutertsten Religion verbunden? in der Religion, der Du mit Leib und Seele angehörst? Hertha, Deine Eltern waren keine Mormonen, aber ihr Zorn, ihr Fluch würde sich noch heute gegen Dich kehren, wüßten sie, daß ihr jüngstes, ihr Lieblingskind im Begriff stehe, das Verbrechen des Meineides, der Pflichtvergessenheit auf sich zu laden. Hertha, gedenke Deiner Schwester, folge deren edlem Beispiele und sei getreu bis in den Tod. Aber fasse Dich, mein Kind, der Weg, der in's Himmelreich führt, ist dornenvoll; Dir wird ebenfalls die irdische Laufbahn dornenvoll erscheinen, bis Du plötzlich entdeckst, daß himmlische Ruhe und Zufriedenheit in Dein Gemüte ingezogen sind!« »Du magst recht haben, Onkel«, flehte Hertha mit herzzerreißendem Ausdruck, »und habe ich in Worten gesündigt, so wird Gott mir vergeben um des Kummers willen, den ich zu tragen bestimmt bin. Doch wenn ich mich auch dadurch versündige!« rief sie, ihren ganzen Mut zusammenfassend, aus. »Ich wiederhole es und werde es wiederholen, so lange der Atem mir vergönnt ist, Weatherton ist unschuldig, unschuldig an allem und jedem Verbrechen, welches man ihm zur Last legt, dagegen begehen die Machthaber dieses Tales ein Verbrechen, indem sie ihn auch nur noch eine Stunde länger im Gefängnis schmachten lassen!« »Unschuldig, sagst Du?« entgegnete Jansen ohne Zorn oder Haß, aber so kalt und ausdruckslos, daß es in Hertha's Ohren wie der gräßlichste Hohn klang; »unschuldig, und dennoch räumst Du ein, daß sich noch Freunde von ihm in diesem Tale befinden? Es geht daraus hervor, daß er Dir die betreffenden Mitteilungen bereits machte, und Dich dadurch zu seiner Mitschuldigen an Rynolds' Tode stempelte. Sei dem nun, wie ihm wolle«, fuhr er fort, ohne darauf zu achten, daß Hertha, der die Füße den Dienst versagten, sich wieder auf ihren Stuhl warf und sprachlos vor Entsetzen und Seelenqual zu ihm hinüberschaute und ihn ruhig weitersprechen ließ. »In einer ernsten Zeit, wie die jetzige, namentlich wenn so unwiderlegliche Beweise vorliegen, wäre es töricht, ja, geradezu unrecht gehandelt, wollten wir auch nur eine Stunde mit Voruntersuchungen verlieren. Das Geschick des unklugen Menschen und seines vielleicht weniger schuldigen Gefährten ist besiegelt, sein Blut komme über ihn selbst. Niemand hat ihn geheißen, sich in den Rachen des Löwen zu wagen, nachdem er denselben nicht nur verraten, sondern ihm auch an Leib und Leben geschadet hat.« »Verloren, rettungslos verloren«, lispelte Hertha mit bleichen Lippen, »verloren, weil er den Regungen seines edlen Herzens folgte. O, Onkel, habe Erbarmen mit mir! Siehe, ich halte nicht vor Dir geheim; er kam nicht in verräterischer Absicht, nicht mit feindlichen Gefühlen gegen unser Volk. Er gestand es mir damals in New York, und hat es mir hier wiederholt: er wähnte mich von unbekannten Gefahren umringt und bedroht, und sein Wunsch, mich zu warnen und zu beschützen, bewog ihn dazu, den unseligen Schritt zu unternehmen. Sollte ihm dies als Fehler angerechnet werden, dann hat er durch seine Gefangenschaft schon mehr als zu viel dafür gebüßt, und selbst der schrecklichste Krieg könnte ein – ein blutiges Urteil nicht rechtfertigen. O Gott! hätte ich mein friedliches Heimatland doch nie verlassen!« Sie legte bei diesen mit rührender, sanfter Stimme gesprochenen Worten das Haupt auf ihre gefalteten Hände und weinte bitterlich. Jansen blickte sie eine Weile ernst und sinnend an, seine Brust hob und senkte sich, als ob ein Kampf in seinem Innern tobte. Doch wie um die milderen Gefühle hinter seine starren, religiösen Ansichten zurückzudrängen, strich er leicht mit der Hand über sein Gesicht, worauf er versuchte, durch eine leise Berührung Hertha's Kopf wieder emporzurichten. »Ich weiß, Du bist keiner Falschheit fähig«, hob er an; Du sprichst aus reiner Überzeugung, wenn Du behauptest, der junge Tor sei nur gekommen, um Dich zu beschützen und über Dich zu wachen. Du behauptest das, was er Dir, im Vertrauen auf Dein edles, nur zu weiches Herz, vorspiegelte. Doch was ist das Wort jemandes, der schon offenkundig als Feind und Verräter auftrat? Seine Versicherungen zerfallen den gegen ihn vorliegenden Anklagen und Beweisen gegenüber in nichts; sie werden nicht berücksichtigt werden.« Hier hielt Jansen eine Weile inne. Hertha dagegen, als habe sie seine Worte nicht vernommen, verharrte in ihrer, die Außenwelt gleichsam von sich ausschließenden Stellung, nur daß zuweilen heftiges Schluchzen ihre gebeugte Gestalt erschütterte. »Und dennoch könnte er gerettet werden«, begann er dann wieder in demselben Tone. Hertha fuhr empor. »Gerettet?« rief sie aus, und ihre ganze Lebenskraft schien sich in dem einzigen Blick ihrer großen, tränenverschleierten Augen zusammengedrängt zu haben. »Gerettet, und zwar durch Dich«, wiederholte Jansen. »Durch mich? o, sage, Onkel, wie ich es zu beginnen habe!« flehte Hertha mit innigem und zugleich herzzerreißendem Ausdruck. »Elliot ist Kommandant dieses Platzes«, fuhr Jansen, jedes einzelne Wort besonders betonend, fort, »in seiner Hand allein liegt es, in diesem Falle über Tod und Leben zu entscheiden. Das heißt, über das Leben nicht auf gesetzlichem Wege; allein er kann ihn entfliehen und sogar heimlich bis in das Lager unserer Feinde hinüberbegleiten lassen. Doch der Preis, um welchen Elliot sich zu einer so großen Pflichtverletzung verleiten lassen wird, ist ein hoher, und ich weiß, er geht von demselben nicht ab. Hertha, mein Kind, weise ihn nicht zurück, werde seine Gattin, füge Dich mit frommer Ergebung in die göttlichen Bestimmungen, wenn sie Dir auch gegen alles Bisherige, was Du kennen lerntest, zu verstoßen scheinen. Tue mit freudigem Herzen, was zu tun Du zur Ehre des Erlösers dennoch gezwungen werden würdest; reiche Elliot die Hand zum ewigen Bunde, und ich verspreche Dir, der Fremdling, der sich mit keckem Mute, das Geschick herausfordernd, in Deinen Weg drängte, er soll gerettet, seiner Heimat und den Seinigen wiedergegeben werden.« »Elliot soll ich zum Bunde für's ganze Leben die Hand reichen«, wiederholte Hertha mechanisch, und die Hoffnung, die beim Beginn von Jansen's Erklärung aus ihren Zügen geleuchtet hatte, verwandelte sich schnell wieder in den Ausdruck der bittersten Täuschung und Verzweiflung; »und dennoch kann er gerettet werden, um wohlbehalten zu den Seinigen zurückzukehren«, sagte sie in derselben Weise, sinnend vor sich niederschauend. »Gewiß, mnein gutes Kind, gewiß«, versetzte Jansen nach diesen weniger gesprochenen, als laut gedachten Worten. »Warum geschieht es denn nicht?« fragte Hertha, so traurig und klagend, als wenn ihr das Herz hätte brechen wollen; »warum soll ich denn einem Manne geopfert werden, den ich fürchte und seiner schmachvollen Absichten wegen verabscheue? Er will nur mein Geld, ich weiß es, ich fühle es. Dort liegt es, gib es ihm als Lohn für Weatherton's Befreiung, und ich will mich glücklich schätzen, mit meinem Erbteil, welches mich elend zu machen droht, wenigstens etwas Gutes gestiftet zu haben. Onkel, hilf mir, hilf mir!« rief Hertha jetzt plötzlich aus, indem sie vor Jansen hinstürzte und tief erschüttert seine Kniee umschlang. »Du selbst sagtst, seine Rettung ist möglich; so laß ihn denn gerettet werden, ohne mich dem geldgierigen Manne vor die Füße zu werfen, der mich um schnöden Gewinn und um den Preis des Lebens eines Unschuldigen erkaufen will! Rette ihn, Onkel, rette ihn, und wenn das Geld, welches ich besitze, nicht hinreicht, Elliot's Gier zu befriedigen, so will ich ja die Seine werden; aber Onkel, ich schwöre Dir auf meinen Knieen, Du verkaufst nicht nur das Lebensglück Deiner Brudertochter, Du verkaufst auch ihr Leben! Ja, Onkel, ich will die Seine werden, um vor seinen harten Blicken zu sterben! O, meine armen Eltern, hätten sie ahnen können, daß ihr Kind nur geboren sei, um namenlos elend zu werden! Aber sei es, hier liege ich vor Dir, bereit, den Todesstoß zu empfangen; mache mit mir, was Du willst, aber gib, mir die heilige Versicherung, daß er, er und sein treuer Gefährte gerettet werden!« Immer leiser und leiser sprechend senkte Hertha zuletzt ihr Haupt auf Jansen's Kniee, und sich fest an ihn schmiegend, suchte sie gleichsam den Schreckbildern zu entfliehen, die unaufhörlich ihren Geist bestürmten. Jansen schaute eine Weile auf die gebrochene Gestalt des sonst so lebensfrischen, glücklichen Wesens nieder, und wiederum begann seine hohe breite Brust mächtig zu arbeiten. »Stehe auf, mein liebes Kind«, sagte er endlich, gewaltsam ein leises Zittern seiner Stimme unterdrückend. Hertha gab keine Antwort, aber fester drückte sie ihr Antlitz auf seine Kniee. Sanft und behutsam, als ob sie ein kleines Kind gewesen wäre, befreite er sich sodann von ihrem krampfhaften Griff, und nachdem er sie emporgehoben, führte er sie an sein Lager, auf welches er sie vorsichtig niederdrückte. Hertha ließ alles ruhig mit sich geschehen, und als der heftigste Ausbruch ihres Schmerzes sich erst gelegt hatte, weinte sie still und ergeben vor sich hin. Jansen durchmaß unterdessen mit langsamen, schweren Schritten das Gemach; die Arme hatte er verschränkt, das Kinn mit dem buschigen Bart ruhte wieder auf seiner Brust, und starr, als hätten sie die Sehkraft verloren, waren seine Augen auf den Fußboden gerichtet. Nach seiner Nichte, die, überwältigt von der Last ihres Kummers, auf die Seite gesunken war, blickte er kein einziges Mal hinüber. Wenn aber zeitweise heftigeres Schluchzen zu seinen Ohren drang, dann seufzte er wohl tief auf, und wie um sich der weicheren Gefühle zu erwehren, ging er einige Schritte im schnelleren Takt. Minuten verrannen; der Schimmer der Abendröte erhielt eine tiefere Schattierung, und dunkler wurde es in den Ecken und Winkeln. Da blieb Jansen plötzlich vor Hertha stehen. »Eine Frage beantworte mir, mein Kind«, sagte er so freundlich und milde, wie es ihm bei seinem, durch langjährige Gewohnheit zur andern Natur gewordenen Ernst nur möglich war. Hertha richtete sich auf und harrte, ergeben in ihr Geschick, schweigend der Worte, die ihr Onkel ihr zu sagen haben würde. »Der fremde Offizier hat mit Dir gesprochen, wie es sonst nur zwischen den vertrautesten Freunden gebräuchlich, und was ein Gentile eigentlich nicht zu einem Mormonenmädchen sprechen sollte. Besinne Dich genau, mein Kind, was für Gründe gab er an, die ihn veranlaßt hätten, damals in New-York von der beabsichtigten Durchsuchung des Dampfbootes abzusehen?« Hertha sann etwa eine Minute lang nach. »Unübersteigliche Hindernisse hätten ihn abgehalten, unter dem Vorwand einer gesetzlichen Durchsuchung nach mir auf dem Dampfboote zu forschen; das sind seine eigenen Worte«, entgegnete sie dann, da es ihrem Gefühl widersprach, noch irgend etwas zu verschweigen oder vor ihrem Onkel geheim zu halten. Jansen nickte beifällig und schritt noch einmal in der Stube auf und ab, worauf er wieder vor seine Nichte hintrat. »Ist das alles? Hat er nicht erwähnt, welcher Art die Hindernisse gewesen? Hat er nicht von Abraham, Rynolds oder von mir gesprochen?« »Weder von dem einen, noch von dem andern«, gab Hertha zur Antwort, »er ließ mich aber erraten, daß er glaube, man habe ihn absichtlich von mir fern gehalten, und daß es ihm sehr – leid getan, mich nicht vor meiner Abreise gesehen und gesprochen zu haben.« »Sonst sagte er nichts?« »Wenigstens nichts, auf das Deine Frage Bezug haben könnte.« »Hat er nicht geschmäht auf Rynolds, auf mich oder irgend jemand, der Dir nahesteht?« »Geschmäht hat er überhaupt nicht, nur auf eine Gefahr wies er hin, die mir aus dem Mormonentum selbst erwachsen könne; aber auch davon schwieg er, sobald ich ihn bat, nicht die Religion zum Gegenstand der Erörterungen zwischen uns zu wählen.« Hertha sagte dieses ohne alle äußere Erregung, aber in dem leisen, klagenden Ton ihrer Stimme lag eine ganze Welt voll Schmerz und Entsagung. Jansen blickte schweigend auf sie nieder. Es war schon zu dunkel geworden, um sein Gesicht, welches der durch das Fenster eindringenden schwachen Beleuchtung abgewendet war, noch genau zu betrachten. Hertha würde sonst wohl kaum übersehen haben, daß ein ungewöhnlich milder, feierlicher Ausdruck das eherne, männliche Gesicht förmlich verschönte. Der Umstand, daß er seit mehreren Tagen dem leitenden Einfluß Rynolds' entzogen gewesen, machte sich schon jetzt geltend bei ihm. Die Stille des Gemachs unterbrachen nur die tiefen, regelmäßigen Atemzüge Jansen's und das letzte krampfhafte Aufschluchzen des jungen Mädchens, wie es wohl bei Kindern geschieht, wenn sie sich in den Schlaf geweint haben. »Hertha, bleibe ruhig hier«, sagte Jansen dann, nachdem er endlich zu einem festen Entschluß gelangt war. »Niemand soll Dich stören. Hoffe und vertraue auf die Allmacht des Erlösers. Sei stark, um jedem drohenden Mißgeschick mit ruhiger Überlegung zu begegnen, und die Bürden, welche Dir zu tragen von dem Herrn zuerkannt werden, fromm und ohne Murren auf Dich zu nehmen. Erwarte auf dieser Stelle meine Rückkehr, und möge Gott Dich segnen, meine liebe Tochter, Du heiliges Vermächtnis meines ehrenwerten Bruders und seiner braven, engelgleichen Gattin.« Bei diesen Worten neigte er sich zu Hertha nieder, die bei der Erinnerung an ihre Eltern wieder heftiger zu schluchzen begonnen hatte, und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Leise schlich er nach der Tür hin, welche zu Hertha's und der Demoiselle Corbillon Wohngemach führte. Sorgfältig verriegelte er dieselbe, und dann entfernte er sich ebenso leise durch die unmittelbar auf den Hof führende kleine Pforte. Auch diese verschloß er, um jeden Eindringling von dem jungen Mädchen fern zu halten; und nachdem er den Schlüssel ausgezogen und oben unter das niedrige Dach zwischen zwei Balken geschoben, begab er sich langsam und gesenkten Hauptes über den nunmehr schon ganz dunkeln Hof nach dem Gefängnis hinüber. »Ich will zu den Gefangenen hinein«, sagte er zu dem Wächter, der vor der Haustür saß und ein kurzes Tonpfeifchen rauchte. Dieser, ein wortkarger Mann, nickte stumm mit dem Haupte, stand aber sogleich auf und schritt Jansen voran in den Hauptflur hinein. Nach einigen Minuten kehrte der Schließer wieder zurück, aber nicht allein, sondern Raft begleitete ihn. Nachbarlich setzten sich beide sodann auf den Holzblock nebeneinander nieder; der Bootsmann zündete ebenfalls sein Pfeifchen an, allein es dauerte lange, ehe sie die gegenseitige Abneigung so weit überwanden, daß sie zuerst, einzelne Worte wechselten und sich endlich in eine oberflächliche, mit sarkastischen Bemerkungen durchflochtene Unterhaltung vertieften. – 8. Die dargebotene Hand Nachdem Hertha zu ihrem Onkel hineingegangen war, hatte Elliot Demoiselle Corbillon aufgefordert, ihn auf einem kurzen Spaziergange zu begleiten. Da die hinterlistige Französin nicht weniger als er selbst ihre eigenen, allerdings leicht zu durchschauenden Pläne hegte, so kostete es ihm keine große Mühe, sie für seine Dienste zu gewinnen und die Ausführung von Aufträgen zu erlangen, vor welchen ein wahrhaft weibliches Gemüt unter allen Verhältnissen mit Abscheu zurückgebebt wäre. In ihrer krankhaften Sehnsucht aber, sich nach langem, vergeblichem Harren endlich als den Mittelpunkt eines gemächlichen Familienlebens zu erblicken und im Kreise der Ihrigen als würdige Hausfrau weise zu schalten und zu walten, war es ihr schnell zur Gewohnheit geworden, sich trotz ihres vorgeblich zarten Nervensystems über alle sonst gebotenen Rücksichten hinwegzusetzen und sich schon dann zu beruhigen, wenn nur die äußeren Formen beobachtet wurden. Was man sich scheute, Hertha offen mitzuteilen, war ihr längst kein Geheimnis mehr; dafür hatte der schlau berechnende Rynolds in der Heimat bereits Sorge getragen. Die Umstände nun, welche sie damals veranlaßten, sich ohne Bedenken der Lehre des Mormonentums in die Arme zu werfen, die bestimmten sie jetzt, sich jeder, noch so unwürdigen Handlung zu unterziehen, wenn sie dafür eine Gelegenheit zu entdecken glaubte, sich als eifrige Anhängerin der geläuterten Religion auszuweisen und infolge dessen einer um so günstigeren Bestimmung hinsichtlich ihrer eigenen Person entgegensehen zu dürfen. So war sie auch schnell bereit, Elliot's Aufforderung pünktlich nachzukommen. Sie bat ihn nur, so lange zu zögern, bis sie sich durch das Umhängen von wärmeren Kleidungsstücken gegen den schädlichen Einfluß der kühlen Abendluft geschützt haben würde, da es doch möglich sei, daß der Genuß der schönen Natur sie länger, als ursprünglich beabsichtigt, im Freien zurückhalten würde. Sie erschien auch wirklich schon nach einigen Minuten, doch war die Umhüllung weniger erwärmend, als glänzend. Es sei denn, daß eine Unzahl von seidenen Schleifen und Bändern, die um ihren Kopf und überall, wo sie sich nur hatten anbringen lassen, lustig flatterten und wehten, gute Wärmeleiter gewesen wären und die löbliche Eigenschaft besessen hätten, einen mehr knöchernen als zarten Körper vor Erkältung zu bewahren. Als sie auf den Flur hinaustrat, traf sie daselbst Elliot in tiefem Gespräch mit seiner ersten Gattin. Sie war zu sehr von Eifer, sich pünktlich zu zeigen, erfüllt, um den wehmütigen Ausdruck in den noch immer schönen, aber abgehärmten Zügen zu bemerken, mit welchem diese zu Eilliot emporschaute und zugleich flüsternd zu ihm sprach. »Noch einige Tage soll ich warten, ehe ich ihn wiedersehe?« fragte sie leise und mit einem scheuen Seitenblick auf die herbeirauschende Französin. »Gedulde Dich, sie gehen schnell dahin«, antwortete Elliot ernst, indem er ihr die Hand reichte und sich dann der Haustür zuwendete. Die trauernde Mutter seufzte tief auf und wollte sich in ihr Gemach zurückziehen; da näherte, sich ihr Demoiselle Corbillon mit ihrem süßesten, herablassendsten Lächeln. »Ich grüße Dich, meine Schwester«, sagte sie, die junge Frau auf die Stirn küssend, und dann den mit flatternden Bändern und künstlichen Blumen fast verhüllten Kopf mit jugendlichem Übermut zurückwerfend, beeilte sie sich, an Elliot's Seite zu gelangen. »Ein süßes, liebes Wesen, Eure Frau«, sagte sie nach einer Weile, als Elliot, der die Richtung nach dem Ausgange des Hofes eingeschlagen hatte, noch immer keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, »ich könnte sie lieben wie meine wirkliche Schwester, und möchte sie stets um mich sehen.« Elliot verzog den Mund zu einem leisen spöttischen Lächeln, antwortete aber nicht. Auch Demoiselle Corbillon schwieg infolge dessen, doch unterließ sie nicht, hierhin und dorthin, so sie vor den Türen nur immer ein Gesicht entdeckte, welches sie schon einmal in ihrem Leben gesehen, mit liebenswürdigster Gebärde zu grüßen und zu nicken. Erst als sie eine Strecke von dem Fort entfernt waren, ihr Gespräch also nicht mehr belauscht werden konnte, schien Elliot sich zu erinnern, daß er nicht allein sei und zu welchem Zweck er die Französin um ihre Begleitung gebeten habe. »Miß Corbillon«, hob er an, indem er stehen blieb und scheinbar teilnahmlos seine Blicke auf das zu seinen Füßen munter da hinsprudelnde Flüßchen heftete, »ich brauche wohl nicht zu wiederholen, daß Euer kluges Benehmen, Eure Hingebung für das Mormonentum die allgemeine Anerkennung findet, und dadurch sogar schon die Aufmerksamkeit des Propheten auf Euch hingelenkt worden ist.« Die Französin lächelte mit erkünstelter Anmut und Bescheidenheit, während ihr scharfes Vogelgesicht sich vor innerem Entzücken gelblich rot färbte. »Ich bin in den ernstesten Grundsätzen erzogen worden«, antwortete sie nach kurzem Zögern, ihre Augen niederschlagend und einen tiefen Seufzer ausstoßend, »mein Leben hat, indem ich schon im zarten Alter eines noch nicht zur Jungfrau herangereiften Kindes als Lehrerin und Leiterin mir an Jahren weit überlegener Damen auftrat, eine doppelt ernste Richtung erhalten. Es ist daher wohl ziemlich natürlich, daß ich mit Leib und Seele mich einer Religion hingebe, welche ihre Anhänger, ohne Unterschied des Ranges oder irdischer Bevorzugungen, mit gleicher Liebe in ihr Herz schließt und ihre Flügel schirmend über sie ausbreitet.« Um Elliot's Mund spielte wieder der kaum bemerkbare höhnische Zug, doch schien die Antwort der Französin ihn zu befriedigen, wenigstens lag dieses in der Art, in welcher er mit dem Haupte nickte. »Wir wissen alles«, sagte er dann, indem er auf dem Ufer langsam dem Lauf des Flüßchens folgte; »ausgerüstet mit ungewöhnlichem Scharfsinn, habt Ihr begriffen, daß es nicht genug ist, nur in der vorgeschriebenen Weise Gott zu verehren. Wir sollen auch unsere ganzen Kräfte aufbieten, die Gemeinde der Heiligen der letzten Tage durch Zuführung von neuen Gläubigen zu vermehren und ihren Glanz zu vergrößern. Ebenso dürfen wir aber auch vor keinem Mittel zurückschrecken, um die Wankelmütigen im Glauben zu befestigen. Ihr, meine würdige Schwester, werdet daher nicht versäumt haben, das junge Mädchen, ich meine Eure Schutzbefohlene, welche dazu bestimmt ist, meiner Familie einverleibt zu werden, genau zu beobachten.« »Ich habe es nicht versäumt«, antwortete Demoiselle Corbillon triumphierend, »und wahrscheinlich sind es wichtige Entdeckungen, welche ich Euch infolge dessen zu eröffnen habe.« »Hertha Jansen und der junge Abenteurer haben sich also gesehen und gesprochen?« fragte Elliot, die Stirn tief runzelnd. »Sie haben sich gesehen, und zwar unter den glücklichsten Umständen. Keiner von ihnen ahnt, daß sie absichtlich zusammengeführt wurden. Streng genommen war es ja auch nur ein Zufall, der eben aus Euern wohlberechneten Anordnungen betreffs der Gefangenen entsprang.« »Und Ihr habt gehört, was sie miteinander sprachen?« fragte Elliot, ohne sich die Mühe zu geben, seine Neugier zu verbergen. »Nur teilweise vermochte ich ihre Worte zu unterscheiden«, entgegnete Demoiselle Corbillon, »sie standen in der Nähe jener schrecklichen Indianer, denen ein junges, unbescholtenes Mädchen stets weit ausweichen sollte. Der Anstand gebot mir, mich fern zu halten. Auch leugne ich nicht, daß ich diese Wilden fürchte, ich bin sogar überzeugt, sie würden, trotz der Dunkelheit, sogleich meine Nähe gewittert und mich verraten haben. Allein verstand ich auch nicht jede ihrer Äußerungen, so darf ich doch frei behaupten, daß beide von einer tiefen Leidenschaft füreinander ergriffen sind.« »Also das Mädchen auch für ihn?« fragte Elliot, einen durchbohrenden Blick auf die Französin werfend. »Ganz gewiß«, antwortete diese nach einem mißglückten Versuch, ihre schmale Oberlippe verächtlich emporzukräuseln; »ich begreife zwar nicht, was Hertha, deren Geschmack zu bilden ich mir die unsäglichste Mühe gab, an dem jungen Toren bewundert; das aber kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß sie nicht minder zärtliche Gefühle für ihn hegt, wie er für sie.« »O, sie wird ihn bald genug vergessen«, versetzte Elliot mit drohender Gebärde. »Glaubt das nicht«, erwiderte Demoiselle Corbillon bedauernd, ihre dürre Hand vertraulich auf des Kommandanten Arm legend, »Hertha ist noch ein Kind, und man hat Beispiele erlebt, daß eine romantische Jugendliebe viele Jahre hindurch nicht vergessen worden ist. Ich stimme indessen Euern Ansichten vollkommen bei, eine derartige Jugendneigung kann auf das wahre eheliche Glück keinen erheblichen Einfluß ausüben, und mit einiger Konsequenz und Überlegung bekämpft, muß sich dieselbe allmählich verbluten; und dann«, fügte sie mit einem verschämten Seitenblick, in welchen sie ihren ganzen Liebreiz zu legen versuchte, hinzu, »das wahre Glück stellt sich auch erst in den späteren Jahren ein, wenn die Flatterhaftigkeit der Jugend etwas verrauscht und ernsteren, nachhaltigeren Gefühlen gewichen ist.« In Elliot's Gesicht wurde ein Zug der Schadenfreunde sichtbar. Er dachte an Holmsten, der durch die ernsteren und nachhaltigeren Gefühle beglückt werden sollte. Die Schadenfreude ging indessen schnell in einen Ausdruck des verhaltenen Grimmes über, indem Weatherton's Bevorzugung durch Hertha Jansen lebhaft vor seine Seele trat. »Oh, ich halte Dich in meiner Hand«, murmelte er zähneknirschend vor sich hin, »Dein Leben für ihre Liebe, oder Deinen Tod für ihre Halsstarrigkeit; und schließlich noch ihren – Besitz.« »Was sagtet Ihr?« fragte die Französin neugierig. »Ich sagte, daß ich Eure treuen Dienste noch weiter würde in Anspruch nehmen müssen«, antwortete Elliot in fast wegwerfendem Tone, »es ist indessen nicht genug, trügerische Schlüsse zu ziehen, wenn sich dieselben auch wirklich der Wahrheit nähern. Ich verlange mehr von Euch, soll ich mich entschließen, in das Euch beschiedene Los lenkend mit einzugreifen –« »Und welches Los ist mir zuerkannt worden?« unterbrach die Französin schnell ihren Gefährten. »Ich verdenke Euch nicht, daß Ihr gespannt seid, einen Blick in die Zukunft zu werfen«, versetzte Elliot mürrisch, »und ich will Euch gern verraten, daß, wenn meine Wünsche in Betracht gezogen werden, Ihr wahrscheinlich die Stelle von Hertha's verstorbener Schwester einnehmen werdet.« Als die Französin dieses hörte, bebte sie vor Entzücken. Die Aussicht, die Gattin eines so begüterten Mannes zu werden, übertrag ihre kühnsten Hoffnungen, und kaum achtete sie noch auf das, was Elliot ihr noch mitteilte und von ihr verlangte. »Ich wiederhole also, fuhr Elliot nach kurzem Überlegen fort, »Ihr müßt mir auf alle Fälle verbürgte Nachrichten verschaffen. Merkt auf jedes Wort, welches Hertha äußert, mag sie sprechen, zu wem sie wolle. Eine Andeutung, wenn sie nicht gerade auf einem Irrtum beruht, kann von entscheidender Wirkung sein. So bitte ich Euch vor allem, noch heute Abend Euern Scharfsinn in Anwendung zu bringen. Es geht zwischen Onkel und Nichte irgend etwas vor, und ich fürchte, daß Jansen sich schwach gegen das Mädchen zeigen wird. Auf Euch beruht jetzt viel; Ihr müßt, mit mir vereinigt dahin wirken, daß unsere wohl überlegten und durch ihre Zwecke geheiligten Pläne nicht durch eine leicht zu entschuldigende väterliche Liebe durchkreuzt werden. Ihr gehört, kraft der in Euch wohnenden Energie und Umsicht, schon jetzt mit zu den Stützen des Mormonentums, seid mit dazu auserkoren, den Tempel in dem neu gegründeten Zion zu verherrlichen. Darum gehet denn hin, meine Schwester, und handelt, wie eine höhere Stimme es Euch durch mich geheißen.« So sprechend streckte Elliot seine Hand gebieterisch nach dem Fort zu aus, über welches das flammende Abendrot seine ganze Glut ausgegossen hatte. Seine hohe Gestalt wurde ebenfalls von dem purpurroten Schimmer beleuchtet, und wie er so stolz aufgerichtet da stand, sein Gesicht den Fanatismus ausstrahlend, in welchen er sich teils selbst hineingeredet hatte, den er aber auch teilweise erheuchelte, um einen desto tieferen Eindruck auf die Frazösin auszuüben, da bebte letztere scheu vor ihm zurück, als wenn sie in der Tat einen drohenden Heiligen der Wüste vor sich gesehen hätte. Zum ersten Mal beschlich sie die unbestimmte Ahnung, daß sie sich in der Gewalt von Leuten befände, welche sie als ein willenloses Werkzeug betrachteten und am allerwenigsten von ihr einen Widerspruch dulden würden. Hatte sie sich vorher schon fest entschlossen um sich allmählich eine ihren Neigungen und Wünschen entsprechende Stellung unter den Mormonen zu sichern, alles, was in ihren Kräften stand, aufzubieten, so trat jetzt als zweite Triebfeder noch eine unerklärliche Furcht hinzu, etwa wie bei einem auf dem Markt verkauften Sklaven, der sich, erfüllt von Besorgnissen, in mancherlei Mutmaßungen über seinen neuen Herrn ergeht. Schweigend wanderte sie nach dem Fort zurück. Die Hoffnung einer baldigen Vereinigung mit Holmsten, welche sie eben noch in so hohem Grade beglückte, hatte viel von dem geträumten Glanze verloren. Ihre aufrechte, stolze Haltung war plötzlich verschwunden; sogar die Schleifen und Bänder auf ihrem Kopfe, durch die feuchte Nachtluft erschlafft, schienen nicht mehr so lustig und frei flattern zu wollen, seit sie zu dem eigentlichen Bewußtsein ihrer Ohnmacht, ihrer geradezu hilflosen Lage gelangt war. Aber in ihrem Herzen kochte und gährte es; sie beneidete Hertha Jansen um ihre Jugend und Schönheit, und hätte sie alle, die in näherer Beziehung zu derselben standen, mit einem Schlage vernichten können, so würde sie es in diesem Augenblick mit Freuden getan haben. Sie wünschte ja so sehnlich, sich dafür zu rächen, daß sich alles um jene drehte, während sie selbst eine untergeordnete Rolle zu übernehmen gezwungen war. – Als Demoiselle Corbillon sich entfernte, blickte Elliot ihr noch eine Weile nach. Das höhnische Lächeln war wieder auf seine Lippen getreten und verkündete, in wie hohem Grade er ihren falschen, zur Verräterei hinneigenden Charakter verachtete. »Auch solche Leute muß es geben«, sprach er bitter vor sich hin, »ihre Dienste sind oft wichtiger, als die schwersten Opfer redlicher Menschen.« Indem der finstere Mormone so sprach, ballten sich seine Fäuste krampfhaft; einen unheilvollen, drohenden Blick sandte er nach der Richtung hinüber, wo das Gefängnis lag, und gesenkten Hauptes schlug er dann den Rückweg nach dem Fort ein. – Die Dämmerung war schon eingetreten, als er den Eingang des abgeschlossenen Hofes erreichte. Da drang aus einer offenstehenden Tür das Geräusch von Männerstimmen zu ihm herüber. Dasselbe rührte von den Leuten her, welche die stehende Wache des Postens bildeten und zugleich den Beruf hatten, die streitbaren Männer des Forts in der Bedienung der Geschütze einzuüben. Einen Augenblick blieb er stehen, wie um das Gespräch zu belauschen; dann aber, als sei ihm plötzlich ein Umstand von größter Wichtigkeit eingefallen, schritt er schnell auf die Tür zu, und seinen Kopf in dieselbe hineinsteckend, rief er mit gebieterischem Ausdruck den Namen »Absalon!« Eine Stimme antwortete aus dem Innern des Gemaches, und gleich darauf trat die verkommene und verwilderte Gestalt des Grafen zu ihm in's Freie. Derselbe hatte es nämlich für zweckmäßig gehalten, seinen angestammten Namen mit einem andern zu vertauschen, der nach seiner Ansicht angenehmer in den Ohren der Mormonen klingen mußte. Der Wunsch, seine Ahnen nicht dadurch zu beleidigen, daß er in der untergeordneten Stellung eines Bombardiers ihren Namen verunziere, mochte indessen mit zu diesem Wechsel beigetragen und ihn in seinem Entschlusse bestimmt haben. Elliot antwortete auf des Grafen Begrüßung nur durch ein leichtes Kopfnicken, worauf er ihn aufforderte, ihn auf einem Spaziergang um das Fort zu begleiten. Schweigend und ganz langsam traten sie ihren Weg an; offenbar wollte Elliot, um sich jeder Beobachtung zu entziehen, den Einbruch der Dunkelheit abwarten, denn mehrere Male blieb er stehen, seine Blicke, wie bewundernd, zu dem immer mehr schwindenden Abendrot emporsendend. »Ein schöner Abend, Mr. Absalon«, sagte er endlich, nachdem sie sich wohl eine Viertelstunde in weitem Bogen um das Fort hinbewegt hatten. »Ein sehr schöner Abend«, antwortete der Graf mechanisch, während er vergeblich darüber nachsann, zu welchem Zweck Elliot seine Begleitung gewünscht haben könne. Nachdem sie wiederum eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, stand Elliot plötzlich still. »Ihr seid ein alter Soldat«, hob er zu dem Grafen gewendet an, und seine Blicke hefteten sich mit solcher Festigkeit auf den Angeredeten, daß dieser deren Wirkung durch die Dunkelheit hindurch förmlich zu fühlen glaubte, »ein Soldat, vertraut mit der militärischen Disziplin, ein Soldat, dem man ohne Besorgnis einen Auftrag von der höchsten Wichtigkeit anvertrauen darf.« »Ich bin Soldat und Edelmann«, antwortete der Graf, sich stolz emporrichtend, denn die Gelegenheit war zu verlockend, als daß er nicht nach langer Zeit endlich einmal wieder der Vergangenheit hätte gedenken sollen. »Ihr würdet also bereit sein, mit Rücksicht auf den jetzigen Kriegszustand, im Falle es sich als notwendig herausstellen sollte, ein Stückchen blutige Arbeit zu übernehmen?« »Es wäre nicht das erste Mal«, entgegnete der Graf in derselben Weise; »im Duell und auf dem Schlachtfelde habe ich meine Faust vielfach erprobt.« »Es gilt weder einem Duell, noch einer Feldschlacht«, versetzte Elliot zögernd, denn er begann leise Zweifel zu hegen, ob er in dem Grafen auch den rechten Mann gefunden habe, »es gilt nur, einen gefährlichen Gefangenen, den man zu befreien beabsichtigt, an der Flucht zu verhindern und ihm nötigenfalls eine Kugel durch den Kopf zu jagen. – Es ist eine sehr mißliche Angelegenheit«, fuhr er nacheiner kurzen Pause fort, als er eine gewisse Unentschlossenheit an dem Grafen zu bemerken glaubte, »nicht jeder ist imstande, dieselbe zu ordnen, ohne die politischen Wirren nach außerhalb noch mehr zu verwickeln. Ihr wißt, der eigentliche Krieg hat noch nicht begonnen; noch stehen die beiden Heere sich nur gerüstet einander gegenüber, und noch ist es möglich, daß, wenn die Regierung der Vereinigten Staaten auf unser Ultimatum eingeht, die fraglichen Punkte auf friedlichem Wege entschieden werden. Aus diesen Gründen also darf der erwähnte Auftrag nur in die Hände eines solchen Mannes niedergelegt werden, den ein scharfer Blick und ein höherer Grad von Weltbildung dazu befähigen, eine derartige Aufgabe, ohne nach der einen oder der andern Richtung hin zu verstoßen, zu lösen.« »Der Mann wäre gefunden«, bemerkte der Graf mit wachsender Spannung, »und wenn der Auftrag nur mit den Pflichten eines Edelmannes im Einklange steht, so wird er gewiß nicht zaudern, denselben zu übernehmen.« »Ich weiß nicht, was Ihr die Pflichten eines Edelmannes nennt? Mann ist Mann, und wer ist mehr?« versetzte Elliot mit schlecht verhehltem Unwillen; »jedenfalls kann ich Euch die Versicherung erteilen, daß der Auftrag nicht gegen die Pflichten des Mr. Absalon verstößt, so wie ich ihn kenne.« »So laßt denn hören«, erwiderte der Graf kleinlaut. »Es befinden sich hier im Fort Utah zwei Gefangene, gegen welche die Beweise eines an uns zu verübenden Verrates vorliegen«, begann Elliot langsam und jedes einzelne Wort gleichsam abwägend. »Ich hörte von ihnen, doch sind sie mir noch nicht zu Gesicht gekommen, nicht einmal ihre Namen kenne ich«, fiel der Graf Elliot in die Rede. »Namen tun nichts zur Sache«, versetzte dieser hastig; »es muß Euch genügen, zu wissen, daß sie mit feindlichen Absichten in unser Tal drangen, daß wir das Recht besitzen, sie als Spione hinrichten zu lassen, und daß unsere Feinde auf der andern Seite des Gebirges viel darum gäben, namentlich den einen wieder in ihrer Mitte zu sehen. Wie viel den Gentiles an unseren Gefangenen liegt, haben sie bewiesen, indem sie bereits Leute zu ihrer Befreiung aussandten, die damit begonnen haben, unsern gemeinschaftlichen Freund Rynolds hinterlistig zu ermorden.« »Es ist also doch wahr? Ich habe die Nachricht von Rynolds' Tode nur für ein Gerücht gehalten«, bemerkte der Graf so ruhig, als hätte er von dem Verenden eines Stückes Wild gesprochen. »Ja, Rynolds ist tot, und noch andere unserer Gemeinde werden der ausgesendeten Mordbande, unter welcher man auch Indianer vermutet, zum Opfer fallen, wenn wir nicht durch energische Mittel deren finsterem Treiben vorbeugen. Die in unserer Gewalt befindlichen Spione erschießen, dürfen wir noch nicht, um nicht die schwebenden Verhandlungen dadurch abzubrechen, sie aber entfliehen lassen, hieße zwei Bluthunde mehr auf unser verfolgtes Volk hetzen.« »So lasse man sie ruhig im Gefängnis sitzen«, wendete der Graf lakonisch ein. »Um ihren Helfershelfern immer neuen Grund zu geben, sich mordend in unserem Tale umherzutreiben, schließlich das Fort anzuzünden und mit den befreiten Gefangenen davon zu gehen. Nein, das wäre ebenfalls unweise gehandelt. Wir verfügen nicht über so viele Leute, um zugleich die in unser Tal führenden Pässe besetzt zu halten, den innerhalb unseres Gebietes umherschleichenden Mördern bis in ihre Schlupfwinkel nachzuspüren und unsere Niederlassungen und Familien vor nächtlichen Überfällen zu behüten. Der Grund des Übels muß behoben werden, und ist der behoben, dann dürfen wir unsere ungeteilte Aufmerksamkeit wieder den gegen uns heranrückenden Feinden zuwenden. – »Durch Zufall ist es mir gelungen, zu entdecken, daß die Freunde unserer Gefangenen, dieselben also, welche Rynolds ermordeten, auf mir unbegreifliche Weise noch immer in Verbindung mit letzteren stehen und ein Komplott zu deren Befreiung geschmiedet haben. Dieses zu hintertreiben, soll nun Eure Aufgabe sein. Doch versteht mich recht, es kommt nicht darauf an, die Gefangenen zurückzuhalten, sondern unseren Feinden eine Probe unserer Wachsamkeit zu liefern und auf gerechtfertigte Art das Urteil an den beiden Spionen zu vollstrecken.« »Was so viel heißt, ich soll sie hinterrücks wie Hunde totschießen«, bemerkte der Graf. »Mögt Ihr das halten, wie Ihr wollt«, versetzte der Mormone, den diese Antwort verdroß; »es herrscht jetzt der Kriegszustand an und um den großen Salzsee; wir verfügen nicht über den hundertsten Teil der Mittel, wie unsere Feinde, aber die Mittel, welche wir besitzen, müssen wir auf alle nur denkbare Weise benutzen und ausbeuten. Man erteilt Euch also zum Beispiel den Befehl, einen gewissen Punkt dieses Forts genau zu überwachen; man hat Euch gesagt, daß auf diesem Punkte zwei Spione gefangen gehalten werden; man bezeichnet Euch ferner die Stunde, zu welcher dieselben mit Hilfe ihrer Helfershelfer ausbrechen; was nun können wir von Euch in einem solchen Falle erwarten? Bedenkt aber wohl, es sind Rücksichten zu nehmen, zuerst auf unsere Feinde und dann auf die durch den jüngst verübten Mord aufgeregten Gemüter unseres Volkes.« »Eure Frage ist nicht schwer zu beantworten«, erwiderte der Graf in fast wegwerfendem Tone; »ich werde meine Schuldigkeit als Soldat tun; ich werde den entspringenden Gefangenen zurufen, still zu stehen, und wenn sie meiner Aufforderung nicht augenblicklich Folge leisten, so feuere ich auf sie. Treffe ich sie nicht, so ist es nicht meine Schuld, zumal sie zum Ausbrechen wohl nur die nächtliche Dunkelheit gewählt haben dürften.« »Gemäß der mir zugekommenen Angaben werdet Ihr Euch nahe genug bei ihnen befinden, um ihnen ein Messer in den Leib stoßen zu können. –« »Oder selbst einen guten Messerstich in Empfang zu nehmen«, unterbrach der Graf kaltblütig seinen Gefährten. »Eben darum seid auf Eurer Hut«, fuhr Elliot fort, »kommt ihnen zuvor, und Ihr leistet uns nicht nur einen großen Dienst, sondern Ihr leistet ihn auch in einer Weise, die nicht ohne erheblichen Einfluß auf Eure ganze Zukunft bleiben wird. Ich würde die Euch vorgeschlagene Rolle gern selbst übernehmen, wenn es sich mit meiner Stellung als Befehlshaber dieses Postens vereinigen ließe, und sonst befindet sich niemand hier, dem ich, der augenblicklich herrschenden blinden Erbitterung wegen, die Sache anvertrauen dürfte.« »Von meiner Zukunft sprecht Ihr?« fragte der Graf hohnlachend »meine Zukunft macht mir keine große Sorge, seit meine Vergangenheit nicht mehr zu ändern ist. Doch verzeiht, meine Vergangenheit kann kein Interesse für Euch haben, ich streifte ab von der Gegenwart, ich hätte Euch einfach mein Wort darauf geben sollen, daß ich den mir angewiesenen Posten vollständig ausfüllen werde.« »Ihr wollt ihn auch so ausfüllen, daß uns von Seiten unserer Feinde kein Vorwurf treffen kann?« »Ich verspreche es auf mein Ehrenwort.« »Auch die Sache geheim zu halten?« »Auch die Sache geheim zu halten!« »Wohlan denn, Euer Wort ist mir mehr wert, als zehntausend Eurer Eide und schriftlicher Versprechungen. Ersteres habt Ihr vielleicht noch nie gebrochen, letztere dagegen dutzendweise, oder Ihr hättet Eurem Vaterlande schwerlich den Rücken gekehrt.« »Mein Wort brach ich nie«, antwortete der Graf, der nicht übel Lust hatte, den Beleidigten zu spielen, sich aber schnell eines Bessern besann; »habe ich meine Verpflichtungen zuweilen nicht bis auf`s Jota gelöst, so lag das mehr in den unglücklichen Verhältnissen, als in meinem Willen. Übrigens, mein Herr, wenn alle diejenigen immer auswandern sollten, welche hin und wieder einen Juden prellten oder Wechsel ausstellten, die etwas über ihre Kräfte gingen, so möchte wohl ein großer Teil der Blüte der europäischen Nationen für dort verloren sein und Euer Heer einen beträchtlichen Zuwachs von mutigen und militärisch gebildeten jungen Leuten erhalten.« »Bah!« antwortete der Mormone geringschätzig, »wir gebrauchen Männer, und keine Marionetten. Aber hier ist das Gefängnis«, fügte er mit leiserer Stimme hinzu, auf die schwarze, von keiner Fensteröffnung unterbrochene Rückwand des bezeichneten Blockhauses deutend. »Ich weiß noch nicht genau, wie sie ihre Flucht bewerkstelligen wollen, jedenfalls aber wißt Ihr, wohin Ihr Euch auf ein Zeichen von mir zu begeben habt.« Er wollte noch weiter sprechen, die Worte erstarben ihm aber auf der Zunge, als er plötzlich durch die von Balken hergestellte Wand, deren Fugen an manchen Stellen nur sehr spärlich mit Lehm verkittet worden, den Ton einer bekannten Stimme vernahm, und zwar noch immer deutlich genug, um bei schärferem Lauschen die Worte sogar verstehen zu können. Einen Augenblick blieb er unentschlossen, dann aber bat er den Grafen noch einmal, sich die Stelle genau zu merken, worauf er ihn, unter dem Vorwande, den Spaziergang ganz allein weiter fortsetzen zu wollen, mit kalten und sehr wenig höflichen Worten entließ. »Schandmenschen, diese Mormonen«, murmelte der Graf im Davonschreiten, »zwar mutig wie die Löwen, aber keine Formen, keine Lebensart. Durchschaue den bäuerischen Wicht; will den Gefangenen aus dem Wege geräumt haben, und besitzt selbst nicht den Mut, den aus einer solchen Tat entspringenden Folgen mit kühner Stirn zu begegnen. Der reine Plebejer, trotz seines imponierenden Wesens. Kann's indessen nicht mit ihm verderben, und muß mich der Aufgabe notgedrungen unterziehen. Vielleicht besser, daß ich es übernehme, als ein anderer. Rufe die Kerle an, schieße hinter ihnen her, wobei ich doch genug halte, um sie nicht zu gefährden, und sind sie fort, so sind sie fort, und mich kann weiter kein Vörwurf treffen. Habe schon einmal, ohne die Folgen zu ahnen, meine Hand zum Verderben eines harmlosen, vertrauenden Mitmenschen geliehen – hu, schrecklich! könnte ich doch nur das Bild des schändlich gemordeten jungen Mannes aus meinem Gedächtnis verbannen!« Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte, wie um seinem erwachenden Gewissen und den ihn folternden Schreckbildern zu entrinnen. Elliot hatte sich unterdessen der Rückwand des Blockhauses, welche mit den die Häuser verbindenden Palisaden eine fortlaufende Linie bildete, genähert. Behutsam über die roh behauenen Balken hintastend, entdeckte er bald eine Stelle, an welcher er mit Leichtigkeit und ohne störendes Geräusch zu erzeugen, den Lehmkitt samt dem Heu aus einer breiteren Fuge entfernen konnte. Da er ein langes Bowiemesser bei sich führte, so gelang es ihm mittelst diesem sehr bald, die Fuge so weit zu öffnen, bis ihm das Durchschimmern von schwachen Lichtstrahlen durch die schmalen Ritzen des inwendig geborstenen Lehmüberzuges gebot, mit seiner Arbeit inne zu halten. Gern hätte er auch einen Blick in das Gemach geworfen, allein er mußte befürchten, durch das Niederfallen der zerbröckelnden Lehmteile nach innen eine Entdeckung herbeizuführen. Außerdem hatte er auch während seiner Arbeit einige Worte erhascht, welche ihn in solche Spannung versetzten, daß er jetzt nur noch daran dachte, auf das zu horchen und zu lauschen, was in dem Gefängnis verhandelt wurde. Er brachte daher sein Ohr in die Nähe der geöffneten Fuge, und da tiefe Dunkelheit alles verhüllte, er selbst aber, wie er an die Wand geschmiegt dastand, noch um so viel weniger bemerkt werden konnte, so gab er sich, ohne Besorgnis vor Entdeckung, gänzlich der Aufgabe hin, die ihn in den Besitz von so wichtigen Geheimnissen bringen sollte. Als Elliot's Aufmerksamkeit zuerst durch Jansen's Stimme gefesselt wurde, war dieser eben erst bei Weatherton eingetreten und hatte, nachdem der Wächter und Raft hinausgegangen waren, sich vorläufig erkundigt, ob man es ihm und seinem Gefährten in ihrer Haft an nichts fehlen lasse. »Ich komme eigentlich nicht, um mich nur nach Eurem Befinden zu erkundigen«, versetzte Jansen auf Weatherton's Erklärung, indem er das kleine Fenster schloß und dann auf einem der beiden Holzschemel Platz nahm; »andere Beweggründe sind es, welche mich zu diesem Besuch veranlassen. Vor allen Dingen aber betrachtet mich als Euern Freund und laßt Euch an meiner Seite nieder, damit wir unsere Stimmen dämpfen können. Ich wünsche nicht, daß außer Euch noch jemand meine Worte höre.« »Mein Freund?« fragte Weatherton befremdet, und die Erinnerung an seine Erlebnisse in New York gab seiner Stimme einen ironischen Ausdruck; »ich denke, es war kein Zeichen von übergroßer Freundschaft, daß man mich in eine Falle lockte; um welche Ihr unbedingt gewußt habt.« »Sprechen wir nicht davon«, versetzte der Mormone kalt, denn er war auf eine solche Anklage vorbereitet. »Genüge Euch die Versicherung, daß von meiner Seite nie ein Anschlag auf Euer Leben gebilligt worden wäre und noch weniger unternommen wurde, wenn ich auch hier am Salzsee offen mit denjenigen stimmte, die Euch als Spion behandelt und erschossen wissen wollen. Alles das liegt hinter uns; die Vereinigten Staaten sind uns an Hilfsmitteln hundert- und tausendfach überlegen, und wo uns die Macht fehlt, da sind wir gezwungen, in den äußersten Mitteln unsere Zuflucht zu nehmen. Als man Euch in New York nachstellte, beabsichtigte man einer Durchsuchung des Dampfbootes und der Entdeckung einer bedeutenden Waffe von Kriegsmaterial vorzubeugen. Es wurden dazu Wege gewählt, die vielleicht nicht mit den Gesetzen des geselligen Verkehrs übereinstimmen, die aber zwischen zwei Krieg führenden Mächten vollständig am rechten Orte sind. Der beabsichtigte Zweck ist erreicht worden, Ihr dagegen seid dem Verderben entronnen, wozu ich Euch jetzt von ganzem Herzen Glück wünsche.« Die Erklärung des sonst so ernsten und undurchdringlichen Mormonen klang so aufrichtig und wohlwollend, daß Weatherton, seltsam dadurch berührt, keinen Augenblick an seinen Worten zweifelte und die dargereichte Hand mit dem ihm angeborenen Edelmut ergriff und drückte. »Sprechen wir also nicht weiter über längst geschehene Dinge«, sagte er mit einer Anwandlung von jugendlich fröhlicher Laune, »ich bin hier, und zwar wohlbehalten, was ich meinem Freunde Raft zu danken habe. In der Reihe derjenigen aber, die mir zu meiner Rettung Glück wünschen, stehe ich selbst ganz gewiß obenan, und wäre ich auch nur gerettet worden, um hier, gegen alles Völkerrecht, auf einen lächerlichen Verdacht hin erschossen zu werden.« »Wollte man Euch erschießen, so fänden sich andere und triftigere Gründe dazu«, antwortete Jansen bedeutungsvoll, »es läge zum Beispiel die auf Euern Wunsch und Namen ausgestellte Durchsuchungsordre gegen Euch vor –« »Welche niemals und bei keinem Volke der Erde eine Hinrichtung rechtfertigen würde«, unterbrach Weatherton den Mormonen trotzig, um einen Anflug von Besorgnis zu verbergen. Er entsann sich nämlich, daß ihm die betreffende Ordre in New- York entwendet worden war, und mit Recht befürchtete er, daß ein solcher Beweis in den Händen erbitterter und fanatisierter Feinde diesen einen genügenden Grund biete, mit den allerstrengsten Maßregeln vorzugehen. »Die Ansichten darüber sind verschieden«, erwiderte Jansen; »ich glaube nicht, daß sich zehn Mormonen, und zwar zivillisierte Mormonen, am Salzsee befinden, die nicht mit ruhigem Gewissen, auf diese Anklage hin, Euer Todesurteil unterschreiben würden.« »So mögen sie es tun«, versetzte Weatherton kaltblütig, doch ich verspreche Euch, die Vereinigte-Staaten-Regierung wird die Mormonen dafür zur Rechenschaft ziehen.« »Aber nicht, wenn man Euch als den überführten Genossen und Helfershelfer von Mördern verurteilte!« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Weiter nichts, als daß Eure Freunde, welche sich eine Zeit lang auf der Antilopeninsel verborgen hielten, entweder aus Rache oder zum Zweck Eurer Befreiung Rynolds erschlagen haben.« »Das ist unmöglich!« rief Weatherton erbleichend aus, indem er mit einer schnellen Bewegung emporsprang. »Nicht nur möglich, sondern sogar erwiesen«, antwortete Jansen mit unerschüttlicher Ruhe, wobei er den jungen Offizier aufmerksam beobachtete, um aus dessen Benehmen zu erraten, in wie weit er mit den vermeintlichen Mördern in Verbindung stehe; »sie kamen auf drei Pferden von der Antilopeninsel nach der Salzsee-Stadt, töteten dort einen Hund, lockten Rynolds auf irgend eine Art aus der Stadt, legten ihn, nachdem sie ihn ermordet, zum Hohn mitten auf die Brücke und schlugen dann wieder die Richtung nach der bekannten Insel ein. »Alles dieses wurde durch unsere besten Utah-Späher festgestellt, doch ist es ihnen bis jetzt noch nicht gelungen, den Schlupfwinkel der verborgenen Feinde zu entdecken. Es müssen sich ganz hervorragende indianische Führer in ihrer Begleitung befinden, denn einem anderen wäre es kaum möglich, sich der Wachsamkeit unserer Kundschafter zu entziehen. Aber um auf Euch zurückzukommen; man hat Euch in der Gesellschaft von zwei Indianern gefunden, und es unterliegt wohl kaum noch einem Zweifel, daß diese, in Verbindung mit einem Weißen, darauf ausgehen, Euch zu befreien und den ihnen in den Weg tretenden Rynolds ihrer eigenen Sicherheit wegen ermordet haben. So lange nun die eigentlichen Mörder noch nicht eingefangen sind, wird man sich natürlich an Euch halten, und ob unter solchen Umständen Eure Lage eine gefahrlose ist, werdet Ihr selbst so gut wie ich ermessen.« Die Nachricht von Rynolds' Ermordung, und der Glaube daß die Tat wirklich von Falk und den beiden Delawaren ausgeführt worden sei, wirkten zu erschütternd auf Weatherton ein, als daß er die Aufregung, in welche er geraten war schnell zu besiegen vermocht hätte. »Mr. Jansen!« rief er aus, und zwar so laut, daß der Mormone, um ihn zu warnen, den Finger auf den Mund legte. »Ihr kennt mich lange genug, um beurteilen zu können, ob ich, selbst wenn mein Leben auf dem Spiele stände, zu einer entwürdigenden Lüge meine Zuflucht nehmen würde. Ich räume Euch gegenüber daher offen ein: daß Freunde von mir in der Nähe des Salzsee's weilen; wenn aber Jemand ermordet worden ist, so sind sie die letzten, von denen eine solche Tat erwartet werden darf, sie müßten denn in der Verteidigung ihres Lebens gehandelt haben. Weitere Nachforschungen, ich bezweifle es keinen Augenblick, werden, ergeben, daß sie so unschuldig sind, wie ich selbst, und Rynolds' Mörder ganz wo anders zu suchen sind, als unter friedlichen Jägern; welche mit nicht weniger als feindlichen Absichten Euer Tal betraten.« »Sei dem wie es wolle«, entgegnete Jansen, mit kalten Blicken, aber innerem Wohlgefallen Weathertons hohe kräftige Gestelt messend, »mich führte nicht die Absicht hierher, Euch einem Verhör zu unterwerfen, aber alle nur denkbaren Fälle mit Euch zu erwägen; im Gegenteil, ich wünschte Euch auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche Euch umringen und bedrohen, ehe ich näher auf den eigentlichen Zweck meines Besuches eingehe. Ich sagte Euch bereits, Ihr hättet mich in diesem Augenblicke als Euern Freund zu betrachten,« fuhr er fort, als Weatherton, noch immer bestürmt von den widerstreitenden Gefühlen, wieder Platz genommen hatte, »um so mehr noch als Euern Freund, weil Ihr, vielleicht ohne es zu wissen, mir einen Beweis Eurer achtungswerten Gesinnungen gegeben habt. Ihr sahet meine Nichte Hertha und unterhieltet Euch längere Zeit mit ihr?« fragte er dann, plötzlich von seiner Erklärung abspringend. »Einen glücklichen Zufall nenne ich es, der mich am gestrigen Abend mit Miß Jansen zusammenführte,« antwortete Weatherton etwas befangen, jedoch Jansen's durchbohrenden Blick eben so fest erwidernd. »Kein arger Zufall, wenn man Tausende von Meilen gereist ist, um jemandem zu begegnen,« versetzte der Mormone mit halb beifälligem Nicken. »Ich kann nicht leugnen, die Reise unternahm ich nur, um Eure Nichte wiederzusehen, weil ich –« »Weil Ihr sie leidenschaftlich liebt und weil Ihr sie für Euch zu gewinnen hoffet,« unterbrach ihn Jansen vollständig ruhig. »Ob ich die junge Dame liebe, ist eine Frage, die niemand ein Recht hat, an mich zu stellen,« erwiderte Weatherton nicht ohne einige Verwirrung, denn er hätte von dem strengen Mormonen alles andere eher erwartet, als eine solche Erklärung; »jedenfalls verdient sie einen höheren Grad von Liebe und Rücksicht, als ihr, wenn ich mich nicht täusche, von allen Seiten erzeigt wird. Beruhigt Euch indessen; mögen meine Gefühle für Hertha Jansen noch so tief und innig sein, ich kam nicht in der Hoffnung, sie für mich zu gewinnen, sondern aus Teilnahme für sie, um das ihr drohende Geschick vielleicht noch von ihr abzuwenden. Oder wollt Ihr etwa auch mir gegenüber die unter den Mormonen herrschende Sitte der Vielweiberei ableugnen?« »Junger Mann, seid nicht vorschnell in Sachen, die Euch zu fern liegen, als daß Ihr sie richtig zu beurteilen vermöchtet,« versetzte Jansen, seine forschenden Blicke noch immer fest auf den Offizier geheftet. »Meine Nichte ist Mormonin und darum wird sie sich in die Pflichten einer Mormonin fügen. Doch ich bin nicht gekommen, um mich in Erörterungen über religiöse Streitfragen mit Euch einzulassen. Die treueste Anhänglichkeit und Liebe zu dem Kinde meines früh verstorbenen Bruders hat mich zu einem Schritte bewogen, vor welchem ich in jedem anderen Falle zurückgebebt wäre. Wie Ihr meine Nichte leidenschaftlich liebt, so ist sie Euch nicht weniger in Liebe zugetan. Hättet Ihr je von Eurer Leidenschaft zu ihr gesprochen, so wüßte ich es, darauf dürft Ihr Euch verlassen, und ich wäre jetzt nicht bei Euch. Wenn ich aber Eure gegenseitige Zuneigung erwähne, so geschieht es eben sowohl, weil ich dazu berechtigt bin, als weil ich mich in meinen Beobachtungen, nicht getäuscht habe. Ich wußte es schon damals, als ich nach unserer Trennung sie fern von Euch zu halten wünschte, hoffte aber, die Zeit und die Entfernung würden ihren Einfluß auf das noch so kindlich fromme Gemüt des jungen Mädchens nicht verfehlen. Trotz meiner Vorsorge habt Ihr uns wieder aufzufinden gewußt, und Euer Erscheinen droht alle Pläne scheitern zu lassen, welche ich zum irdischen Glück und zum Seelenheil des Kindes schon seit Jahren entwarf und seitdem sorgfältig hegte.« Weatherton schaute unterdessen gespannt auf ihn hin, und wenn auch die Mitteilung daß Hertha ihm mit inniger, jungfräulichen Liebe zugetan sei, in seinem Herzen gleichsam fortvibrierte, so suchte er doch vergeblich zu enträtseln, welcher Zweck Jansen eigentlich bei seinen Eröffnungen leite. »Ich halte Euch für einen braven Mann,« begann der Mormone endlich wieder, »für einen Mann, der allerdings bis jetzt noch als ein Feind unseres Volkes betrachtet werden muß, dem es aber leicht sein würde, alle ihn treffenden Vorurteile und Anklagen zu besiegen und niederzuschlagen. In Eurer Hand liegt es, das Glück meiner Nichte zu begründen und sie vor den gebotenen, allein zu umgehenden patriarchalischen Gebräuchen unserer Kirche zu bewahren, die Euch bei Eurer Kurzsichtigkeit so verdammungswürdig erscheinen.« »Ich?« fragte Weatherton erregt, während ihm alles Blut zum Herzen drang, »ich soll sie vor dem traurigen Lose, welches ihrer hier harrt, bewahren können? O Mr. Jansen, glaubt meiner Versicherung, sollte mir das gelingen, dann hätte ich die heilige Aufgabe erfüllt, welche ich mir stellte, als ich mich zu der gefährlichen Reise entschloß!« »Mr. Weatherton,« fuhr Jansen dann nach einer längeren Pause plötzlich mit heftiger Erregtheit fort, indem er die eine Hand auf des Offiziers Schulter legte und mit der anderen dessen Rechte ergriff, »Mr. Weatherton, ich bin alt genug, um Euer Vater sein zu können, denkt daher, daß väterliche Gefühle für Euch mich beseelen. Mr. Weatherton, tretet zum Mormonentum über, und Hertha ist die Eurige! Unterbrecht mich nicht, unterbrecht mich nicht,« rief er mit Wärme aus, als er gewahrte, daß Weatherton, wie von einem tödlichen Schrecken befallen, die Hand abwehrend gegen ihn aufhob; »hört mich zu Ende, und dann nehmt Euch erst Zeit zum Überlegen, ehe Ihr eine Entscheidung trefft. Ihr als Mann habt es in Eurer Gewalt, die in unserer Glaubenslehre vorgeschriebenen und von Euch gemißbilligten Satzungen zu umgehen. Ihr seid nicht gezwungen, mehr als eine Gattin an Euch zu fesseln, zumal Ihr Euern Aufenthalt nicht hier zu nehmen brauchet und dort leben dürfet, wo Hertah sich am heimischsten fühlt. Überlegt das alles, mein junger Freund, vergeßt auch nicht, daß Hertha selbst eifrige Mormonin ist und lieber ihr Leben auf den Altar des Herrn niederlegt, als von ihrem Glauben läßt, daß sie dagegen an Eurer Seite das Glück finden würde, welches sie in so hohem Grade verdient, ein Glück, welches ihrer ganzen Denkungsweise, ihrem Charakter so vollkommen entspricht. Obgleich Weatherton nun noch immer bleich und mit hochwallender Brust fast regungslos dasaß, so hatte er während des Mormonen langer Rede doch Zeit genug gefunden, seine durcheinander wirbelnden Gedanken zu sammeln und neue Fassung zu gewinnen. Als Jansen geendigt, reichte er ihm mit wehmütigem, aber freundschaftlichem Ausdruck die Hand. »Mr. Jansen,« sagte er ruhig und fest, »Ihr habt mit ehrendem Vertrauen zu mir gesprochen, gestattet mir daher, daß ich Euch mit derselben rücksichtslosen Offenheit antworte, so wie es sich unter Männern geziemt. Sagt mir vor allen Dingen, weiß Eure Nichte um Euren Besuch und kennt sie den Zweck, welchen Ihr verfolgt?« »Sie ahnt es nicht und soll es auch nie erfahren, es sei denn, ich führe Euch als Mormonen bei ihr ein,« gab Jansen zur Antwort. »Mr. Jansen,« begann er tiefbewegt, »Ihr habt mir einen Blick in die irdische Seligkeit vergönnt; zugleich aber habt Ihr einen Preis gesetzt, welcher mir dieselbe in unerreichbare Ferne rückt. Ich kann nicht, ich darf nicht meinen Glauben ändern! Nehmt mir das Leben, behandelt mich als einen verächtlichen Spion, ja als Mörder, aber dringt nicht weiter in mich ein, einen Schritt zu tun, der mich meiner eigenen Verachtung preisgäbe. Und Hertha, dieses edeldenkende zartfühlende, holde Wesen? Müßte auch sie mich nicht verachten, wenn ich um irdischer Vorteile willen, selbst um in ihren Besitz zu gelangen, leichtsinnig die Religion, in welcher ich erzogen wurde, mit einer anderen vertauschte, deren Gebräuche meinen Ansichten von Gottesverehrung so sehr zuwiderlaufen? Nein, Eure Nichte steht zu hoch, ist mir zu heilig, um sie zum Gegenstand eines feilen Handels zu machen. Ich selbst aber besitze zu viel Selbstachtung, um mich zu irgend einer Handlung hinreißen zu lassen, die in so krassem Widerspruch zu meinen Begriffen von Ehre und männlichem Pflichtgefühl stände, und über welche ich ihr gegenüber vor Scham erröten müßte.« »Junger Tor!« versetzte Jansen, und sein Gesicht legte sich wieder in strenge Falten, während seine Augenwinkel noch feucht schimmerten, »ich will Euer Wort nicht gehört haben.« Eine Weile schaute Jansen noch finster vor sich nieder, dann stand er auf, und dem sich ebenfalls erhebenden Weatherton die Hand auf die Schulter legend, blickte er ihm ernst und bewegt in die Augen. »Weiß Gott, ich meinte es treu und redlich mich Euch und meiner Nichte,« hob er an, und seine Stimme zitterte vor verhaltener Wehmut. »Aber Ihr mögt recht haben; betrachten wir daher unsere Zusammenkunft als einen Traum, es sei denn, daß Ihr Euch eines andern besännet. Nicht, um noch weiter in Euch zu dringen, sage ich dies, sondern weil ich mich jetzt, namentlich nachdem ich einen so klaren Einblick in Euren ehrenwerten Charakter gewonnen, mich schwer und ungern von einem Gedanken trenne, der mir als eine Eingebung Gottes erschien.« »Gibt es denn gar keine Möglichkeit, Eure Nichte dem traurigen Lose zu entziehen, welches ihr aus den Gebräuchen – nun, Ihr nennt sie ja patriarchalische – notwendigerweise erwachsen muß?« fragte Weatherton mit einer gewissen Schüchternheit. »Hertha ist Mormonin,« antwortete Jansen streng, seine Hand von Weatherton's Schulter zurückziehend; »sie ist Mormonin und hat sich demnach den Gesetzen ihrer Religion zu unterwerfen. Ich stand im Begriff, Rücksicht auf ihre eigene Meinung zu nehmen, ihr eigenes Herz zu befragen; da dieses aber nicht ausführbar, ohne sie zu einer Abtrünnigen zu machen, so bleibt sie Mormonin im vollen Sinne des Wortes. Mit einem kalten »gute Nacht« entfernte sich darauf der Mormone. Als Jim Raft wieder eintrat, lag Weatherton auf seinen Decken, in tiefes Nachdenken versunken. Nirgends sah er einen Ausweg; wohin sich seine Gedanken auch wenden mochten, überall tauchte das verlockende Bild des lieblichen Mormonenmädchens mit dem süßen Geständnis auf den Lippen vor seiner erregten Phantasie auf; daneben aber stand immer, als unerbittliches Verhängnis, die drohende Gestalt Jansen's, der ihm in krankhafter religiöser Verzückung die sagenhaften goldenen Gesetzestafeln des Mormonentums als unübersteigliches Hindernis entgegenhielt. Um diese Zeit erst entfernte Elliot sich von der Stelle, von welcher aus er Jansen's und Weatherton's Gespräch belauscht hatte. Es war eine schwere Stunde gewesen, die er vor der geöffneten Fuge der Blockwand verbrachte; aber obwohl alle Furien der Eifersicht, der getäuschten Hoffnung und des Rachedurstes ihn geißelten, hatte er sich doch keinen Zoll breit von der schmalen Öffnung entfernt, aus Furcht, daß eines der in dem Raum gewechselten Worte seiner Aufmerksamkeit entgehen könne. Zähneknirschend über Jansen's Treulosigkeit, wie er dessen Besorgnis für Hertha nannte, bewegte er sich an den Palisaden und Häusern hin, dem Eingange des Hofes zu. Sein Blick kreiste wild, und die Gedanken, welche sein Gehirn durchkreuzten waren nur feindlicher Art. Sogar der freundliche Empfang seiner jüngeren Gattin, der ewig lachenden Französin, und der schwermütige Blick, mit welchem die junge Engländerin, die Mutter seiner Kinder, zu ihm emporschaute, sie mochten die düsteren Wolken nicht zu verscheuchen, die sich drohend auf seiner Stirn gelagert hatten.– 9. Der Schutzengel Zwei Tage waren verstrichen, für Hertha zwei Tage des bittersten Kummers und der Sorge. Ihr Onkel zeigte sich finsterer und verschlossener denn je, und vermied augenscheinlich, in seinen Gesprächen Weatherton's Lage zu berühren. Elliot, der sie nunmehr schon als seine Gattin betrachtete, hatte ganz oberflächlich erwähnt, daß er für das Leben der Gefangenen einige Befürchtungen hege, um sich demnächst mit einem Gefühl befriedigter Rache an ihrem Erbleichen zu weiden. Von Weatherton selbst hatte sie indessen nichts wieder gehört oder gesehen, woraus sie schloß, daß seit Elliot's Rückkehr die Haft wieder verschärft worden sei. Sogar die Französin schien sich ein anderes Benehmen gegen sie zum Gesetz gemacht zu haben, indem sie nicht mehr, wie sonst in ihren guten Stunden, die Rolle einer älteren Freundin spielte, sondern sie mehr wie ein kleines Kind behandelte, an welchem man in jeder Minute etwas anderes zu tadeln und auszusetzen findet. Hertha fügte sich in alles dieses mit einer himmlischen Ergebung, denn zu dem Kummer und der Seelenangst, welche sie zu dulden bestimmt war, hätten dergleichen kleine Leiden doch nicht mehr beitragen können. Sie beschäftigte sich mit den Kindern des Hauses, deren älteres kaum das vierte Jahr erreicht hatte, und welche zu ihrer Verwunderung sich vorzugsweise gegen den finstern Elliot zutraulich bewiesen; sie brachte den dankbaren und freundlichen Mehaves wie gewöhnlich Speisen, und lernte immer mehr, sich mit ihnen zu verständigen; aber vergeblich schaute sie nach dem geschlossenen Fenster des Gefängnisses hinüber, von Weatherton bemerkte sie nichts. Und so gern hätte sie ihn noch einmal wiedergesehen, so gern noch einmal zu ihm gesprochen und ihm die Versicherung gegeben, daß sie schließlich dennoch seine Befreiung erwirken würde. Daß seine Befreiung dagegen ihr selbst die Freiheit kosten und sie um diesen Preis für's ganze Leben an einen Mann gefesselt werden solle, gegen den sie nicht nur eine unüberwindliche Abneigung hegte, sondern den sie auch fürchtete, das brauchte er nicht zu wissen. Wenn sie ihn nur wohlbehalten seine Reise antreten sah und womöglich noch die Versicherung mit auf den Weg gab, daß sie selbst vollkommen glücklich und zufrieden mit ihrer Lage sei, dann waren ja ihre hauptsächlichen Wünsche erfüllt. Ihre trübe Gemütsstimmung erhielt eine wohltuende Unterbrechung, als in der Mitte des zweiten Tages Holmsten unvermutet eintraf und ihr einen lieblichen, blondgelockten zweijährigen Knaben als den Sohn ihrer verstorbenen Schwester vorstellte. Sprachlos überwältigt von ihren Gefühlen schloß sie das erstaunte Kind in ihre Arme; mit heiligen Tränen wehmütiger Freude benetzte sie sein liebes, freundliches Gesicht, und lange dauerte es, bis sie sich so weit gefaßt hatte, um in demselben nach einer Ähnlichkeit, einer sprechenden Erinnerung an ihre verewigte Schwester zu forschen. Da waren allerdings die lockigen blonden Haare, auch blaue Augen, so groß und so klar, doch kein Zug, keine Linie des kleinen runden Antlitzes trug die geringste Ähnlichkeit mit der Mutter oder mit Holmsten. Und der Gedanke, daß ihre verlorene Schwester ihr aus den Augen des Knaben entgegenlächeln würde, wie ihr ja so vielfach versichert worden war, hatte ihr doch, seit sie wußte, daß sie nunmehr vollständig verwaist sei, so sehr zum Trost gereicht. »Aber was schadet's«, flüsterte sie leise, ihr in Tränen schwimmendes Antlitz in die dichten, blonden Locken des Knaben vergrabend, »Du bist ihr Kind, ihr lieber, süßer Sohn, der durch eine größere Ähnlichkeit mit der Mutter weder ihr noch mir hätte teurer werden können. O mein lieber, lieber Erich, wenn ich mich nie wieder von Dir zu trennen brauchte, ich wollte ja nur für Dich allein leben, wirken und schaffen«. – Das Kind, welches sich anfänglich mit einer gewissen Befremdung in die Liebkosungen der schönen fremden Dame gefügt hatte, fühlte instinktartig die Aufrichtigkeit der ihm entgegengetragenen Zuneigung heraus; es wurde schnell zutraulich, bis es endlich seine Arme um Hertha's Nacken schlang und sich mit innigem Behagen an sie anschmiegte. Dieses Erwachen kindlicher Liebe und die Worte der Zärtlichkeit, mit welchen der kleine Knabe die Beweise seiner freundlichen Gesinnungen stammelnd begleitete, schienen Hertha wie neues Leben zu durchströmen, und so sehr vertiefte sie sich in das Anschauen des Kleinen, und so gespannt lauschte sie auf die noch schwer verständlichen Äußerungen, welche er nicht ohne Mühe hervorbrachte, daß sie nichts von dem gewahrte, was in ihrer Umgebung vorging. Sie bemerkte nicht die junge Engländerin, welche durch die Spalte der angelehnten Tür sie mit schwer zu beschreibender Eifersucht beobachtete, und wie die hellen Freudentränen ihr über die zarten, eingefallenen Wangen rollten; sie sah nicht, daß Elliot, dessen düsteres Gesicht sich aufgeklärt hatte, mit einem Ausdruck der Zufriedenheit auf sie niederschaute; sie sah nicht, daß ihr Onkel sich abwendete, um eine gewaltige innere Bewegung niederzukämpfen; noch weniger aber entdeckte sie, daß in der äußeren Erscheinung Holmsten's, den sie zwar nur flüchtig aber herzlich begrüßt hatte, eine so auffallende Veränderung vor sich gegangen war. Derselbe hatte in der Zeit, in welcher sie ihn nicht gesehen, trotzdem seine muskulöse Gestalt noch immer an die alten nordischen Helden erinnert, zum Erschrecken gealtert, und beugte sich förmlich unter der Last der Jahre. Der heitere, zuweilen schwärmerische Ausdruck, der einst seinem stattlichen Äußern so viel Reiz verlieh, war verschwunden. Dafür irrten aus seinen tief eingesunkenen Augen jene unheimliche, unsteten Blitze umher, vor welchen derjenige, den sie trafen, unwillkürlich eine nicht leicht zu besiegende Scheu empfand. Auf Hertha, die in dem Kinde ihr ganzes Lebensglück und neue Jugendkraft gefunden zu haben schien, starrte er hin, als sei sie seine Richterin gewesen, die gekommen, um ihre Schwester von ihm zu fordern, und jedes Wort der Liebe, welches sie an den Knaben richtete, drang wie ein bitterer, mit Gift getränkter Stachel in seine Brust. Endlich schlug sie ihre schönen blauen Augen mit wehmütigem Ernst zu ihm auf. Holmsten erbleichte, es waren die Augen seiner bitter getäuschten Gattin, die in der Wüste ihren schrecklichen Untergang gefunden. Als sie dann aber ihre Lippen öffnete, da glaubte er, daß sich denselben nur eine schreckliche Anklage entwinden könne. Doch kein Vorwurf, keine Klage traf ihn. Aber eine innige Teilnahme breitete sich über Hertha's Züge aus, als sie die große Veränderung an ihrem Schwager entdeckte. »Armer Erich«, sagte sie traurig und mild, indem sie ihm die Hand über den auf ihrem Schoße sitzenden Knaben darreichte; »armer Erich, Du mußt viel, sehr viel gelitten haben; der Kummer hat Dich entstellt, und kaum wage ich Dich zu bitten, mir den Knaben einige Tage zu lassen«. Auf so viel Milde und Güte war Holmsten nicht vorbereitet. Er hatte nur Fragen nach der Todesart und den letzten Stunden seiner Gattin erwartet, und ein Märchen ersonnen, um deren Flucht, die ja vor Hertha nicht geheim bleiben konnte, zu erklären. Der Ausdruck des aufrichtigen Mitgefühls wurde aber zuviel, selbst für sein verhärtetes Gemüt. Eine Weile stand er sprachlos da, seine Lippen bebten, und Totenblässe bedeckte seine Züge, indem die Bilder seiner Gattin, seines Kindes und die drohende Gestalt des erschlagenen Rynolds vor seiner Seele vorüberzogen. Auch Elliot ergriff ein jäher Schrecken, als er den Genossen so dastehen sah, bereit, wie es schien, unter dem Druck der auf ihn einstürmenden Gefühle, das ganze Gewebe von Falschheit vor Hertha aufzudecken, und nicht nur sich selbst der langersehnten Erbschaft zu berauben, sondern auch durch das offene Geständnis eine unübersteigliche Scheidewand zwischen ihn und Hertha zu ziehen. Hertha dagegen nahm Homsten's Schweigen für ein Zeichen des neuerwachten Schmerzes, und mit edler, zarter Weiblichkeit suchte sie den Kummer zu mildern, der, wie sie nicht anders erwarten konnte, durch ihren Anblick mit doppelter Gewalt wachgerufen worden war. »Tröste Dich«, sagte sie mit rührender Teilnahme, indem sie aufstand und Holmsten den Knaben in die Arme legte, »tröste Dich und blicke auf den Engel hier, den sie uns zurückgelassen hat. Ich nehme meine Bitte ja gern zurück und will es Deiner Freundlichkeit und Güte anheimstellen, mir ihn von Zeit zu Zeit zu bringen und aus seinem Anblick auch mich Trost für den unersetzlichen Verlust schöpfen zu lassen«. Als sie Holmsten das Kind darreichte, wurde dieser so verwirrt, daß es seinem unsichern Griff beinahe entschlüpft wäre. Ein schwacher Aufschrei von der Tür her, welchen Elliot mit einem furchtbar drohenden Blick, Hertha dagegen der vermeintlichen Pflegemutter mit ihrem süßesten Lächeln lohnte, brachte ihn indessen wieder zur Besinnung. Seine Züge erhielten allmählich einen ruhigen, überlegenden Ausdruck, der ihn so selten verließ, und indem er den sich sträubenden Knaben dichter zu sich heranzog, drückte er einen Kuß auf seine roten Lippen. »Was wir verloren haben, kann uns durch nichts ersetzt werden«, sagte er dann, seine Augen, um den unschuldsvollen Blicken Hertha's nicht zu begegnen, starr auf das Kind heftend; »der Knabe gereicht mir zum Trost, aber auch Du sollst dieses Trostes nicht entbehren. Hertha, ich trenne mich schwer von diesem Knaben«, fuhr er mit unsicherer Stimme fort, in welche etwas Herzlichkeit zu legen er sich vergeblich bemühte, »aber ich verspreche Dir, an dem Tage, an welchem Du meinem Freunde Elliot, dem einzigen Menschen auf dieser Welt, dessen väterlicher Fürsorge ich mein Kind anvertrauen möchte, Deine Hand vor dem Altar zum Bunde für's ganze Leben reichst, an demselben Tage lege ich dieses heilige Vermächtnis in Deine Arme und rufe Dir zu: Sei ihm Mutter«. Bei diesen Worten hatte Jansen sich abgewendet, um gleich Elliot zu beobachten, welchen Eindruck das Versprechen auf Hertha ausüben würde. Ersterer war erfüllt von einer unbestimmten Besorgnis, während der Kommandant nur zu berechnen wünschte, wie nahe oder wie weit entfernt er noch von seinem Ziele sei. Beide gewahrten, daß Hertha erbleichte, und beiden entging nicht, daß sie sich nur deshalb niedersetzte, weil ihre Füße ihr den Dienst zu versagen drohten. »Schweigen wir davon, lieber Schwager«, sagte sie fast tonlos, ihre Blicke starr auf die Erde heftend; »die Lage, in welcher ich mich hier befinde, ist mir noch zu neu, zu ungewohnt und zu weit verschieden von der, in welche zu gelangen ich erwartete, als daß ich immerwährend daran erinnert werden möchte. Gönne mir Zeit – und dann – sind ja auch noch Bedingungen zu erfüllen, von welchen meine Entscheidung abhängt«. Indem Hertha die letzten Worte mit erhobenerer und festerer Stimme sprach, suchte sie die Augen ihres Onkels, um aus denselben eine Bestätigung ihrer Wünsche herauszulesen; es gereichte ihr zur Beruhigung, daß derselbe, ihre Absicht verstehend, leise nickte. Elliot dagegen schoß unbemerkt einen Blick so grimmigen Zornes auf sie, daß, hätte sie denselben bemerkt, sie von einem jähen Schrecken befallen worden wäre, weniger ihrer selbst, als Weatherton's wegen, an welchen sie sowohl, wie Elliot in demselben Augenblick zugleich dachten. Holmsten hatte unterdessen das Kind an Hertha zurückgegeben, und da diese sich sogleich wieder mit mütterlicher Sorgfalt mit demselben beschäftigte und in ihrer Zärtlichkeit alle anderen um sich her vergaß, so entfernten sich Holmsten und Elliot aus einer Lage, die ihnen drückend zu werden begann. – Nur Jansen, ergriffen von einem unbestimmten Argwohn und erfüllt von Besorgnis für seine Nichte, blieb zurück, um sie aufzurichten und ihr Hoffnung für die Zukunft zuzusprechen. Nachdem er eine Weile stumm auf die Szene hingeschaut, welche sich nunmehr zwischen dem Kinde und dem jungen Mädchen entspann, und die ihn offenbar in jene Zeit zurückversetzte, in welcher er Hertha ganz in derselben Weise auf dem Schoße ihrer Mutter gesehen und mit dem innigsten Wohlgefallen beobachtet hatte, trat er endlich dicht an die liebliche Gruppe heran. »Du siehst, mein Kind«, hob er wohlwollend an, indem er freundlich mit den Fingern durch des Knaben blonde Locken strich, »das Opfer, welches Du nach Deiner Ansicht durch Deine Verbindung mit Elliot zu bringen gezwungen bist, wird Dir von allen Seiten erleichtert. Es muß Dir zum Trost für den Verlust Deiner Schwester gereichen, den lieben Knaben dereinst bei Dir behalten zu dürfen, ohne daß Du zu befürchten brauchtest, jemals wieder von ihm getrennt zu werden. Holmsten's Anerbieten befriedigt mich doppelt, weil es für ihn kein leichtes Opfer sein kann, der Freude, seinen Sohn beständig in seiner Umgebung zu sehen, fortan zu entsagen. Welche Beweise verlangst Du noch für die Reinheit unserer Religion? Würde eine andere Dir die Gelegenheit geboten haben, durch einen einzigen Schritt, vor welchem Du in Deiner kindlichen Einfalt jetzt noch zurückbebst, zugleich einem Gefangenen, dessen Leben an einem schwachen Faden hängt, die Freiheit schenken, und einem verwaisten Kinde die Mutter ersetzen zu können?« »O teuerster Onkel«, antwortete Hertha klagend, »ich bin bereit, die Aufgabe zu übernehmen, welche mir mit so unerbittlicher Strenge übertragen wird; wer aber steht mir dafür ein, daß die Zusagen, die mir betreffs Weatherton's gemacht sind, auch gehalten werden? Onkel, ich sage es Dir, in der Angst meines Herzens gestehe ich es Dir, ich fürchte Elliot und traue ihm nicht. Er hat Unheil mit den armen Gefangenen im Sinne; wozu hätte er Dir sonst das unterzeichnete Todesurteil wieder abverlangt, und Tag und Stunde hinzugefügt, wie Du mir ja selbst mitteiltest?« »Um zu verhüten, daß Du Dich einer Täuschung hingibst, und um Dich zu überzeugen, daß Du wirklich sein Leben rettest«, antwortete Jansen, dem ebenfalls immer mehr Zweifel aufstiegen, ob Elliot auch wirklich keine falsche Rolle spielte. »Ferner will man Weatherton auch durch das Vorlegen des Urteils dazu bewegen, Aufschlüsse über seine verborgenen Freunde zu erteilen, welche nicht nur unser Tal unsicher machen, sondern auch, was nicht mehr in Frage gezogen oder abgeleugnet werden kann, Rynolds auch hinterlistige Weise um's Leben gebracht haben«. »Ich kann es nicht glauben, ich glaube es nicht«, versetzte Hertha leise, den Knaben, wie um Trost bei ihm zu suchen, innig an sich drückend. »Wenn ich bis jetzt noch Deinen Glauben in einigen Beziehungen teilte, so hat Holmsten mir durch seine flüchtigen Berichte denselben vollständig erschüttert und geraubt. Die Beweise liegen vor, und eine Abteilung von Utah-Indianern, geführt von den besten Mormonenjägern, durchforscht augenblicklich unser Gebiet und alle angrenzenden Gebirge nach den Mördern«. »Mag es sein, lieber Onkel; aber als Elliot zu mir von Weatherton sprach, da klang seine Stimme so sarkastisch, so feindlich, daß ich darüber von einer unsagbaren Angst ergriffen wurde. Er hat mir zwar die Erfüllung meiner Bedingungen zugesagt und feierlich gelobt, aber glaube mir, er meint es nicht ehrlich, ich bin auf die eine oder die andere Art das Opfer einer Täuschung! Onkel? und solchem Manne, der sich nicht scheut, einen so unrechtlichen Druck auf meine Entschließungen auszuüben, soll ich meine Hand reichen, um hinterher dennoch betrogen zu werden? O mein Gott, wie vermag ich das zu ertragen!« »Beruhige Dich, mein Kind«, sagte Jansen, nachdem er einige Male in dem Gemach auf und ab gegangen war; »Du sollst nicht betrogen werden, ich, Dein Onkel, Dein Beschützer, ich verspreche es Dir: Weatherton und sein Gefährte sollen befreit werden; mag Elliot auch das Gegenteil wünschen und der Prophet selber ihn darin bestärken, nicht eher wird die so allgemein gewünschte und in der Tat wünschenswerte Verbindung geschlossen, als bis Weatherton unbehelligt die Grenzen unseres Gebietes verlassen hat. Vertraue meinen Worten, geliebte Tochter, auch ich wünsche dem jungen unbesonnenen Manne alles Gute. Er besitzt einen braven, edlen Charakter, einen Charakter, wie ich ihn liebe, wie er aber nicht für unsere Gemeinde passen würde, und gerade derselbe Grund, welcher Elliot vielleicht veranlaßt, feindliche Gefühle gegen ihn zu hegen, hat ihn meinem Herzen näher gebracht und den Entschluß gefördert, sogar mein eigenes Leben für ihn einzusetzen«. »Welcher Grund?« fragte Hertha hoch aufhorchend. »Denselben kennen zu lernen, hat jetzt keinen Wert mehr für Dich«, antwortete Jansen äußerlich kalt, aber seine gedämpfte und etwas zitternde Stimme verriet, daß er seiner letzten Unterredung mit Weatherton gedachte. »Beruhige Dich indessen und lebe der Zuversicht, daß er unter allen Umständen gerettet werden wird. Um aber auch Deine letzten Zweifel zu vescheuchen, will ich Dir sogar den Plan mitteilen, nach welchem ich zu handeln gedenke«. So sprechend, rückte er einen Stuhl an Hertha's Seite, und nachdem er einen flüchtigen Blick auf die verschlossene Tür und die Fenster geworfen, an welchen kurz vorher Demoiselle Corbillon vorübergeschritten war, begann er mit vorsichtig gedämpfter Stimme: »Wie die Spione unserer Feinde sich in unser Tal geschlichen haben, um sich über unsere Absichten und Verteidigungsmaßregeln zu unterrichten, so sind auch von unserer Seite starke Abteilungen gegen Osten entsendet worden, um dort nach besten Kräften in unserem Interesse zu wirken. Letztere bestehen vorzugsweise aus Eingeborenen, welchen sich aber die Mutigsten unseres Volkes angeschlossen haben, um die Indianer, die leicht zu weit gehen, zu lenken und im Zaume zu halten. Der eigentliche Krieg ist noch nicht eröffnet worden, es müssen daher kleine Übervorteilungen, die uns später zugute kommen sollen, möglichst geheim gehalten werden. Namentlich dürfen sie unseren Feinden nicht als von den Mormonen ausgehend erscheinen, um nicht durch vorzeitiges Blutvergießen die letzte Hoffnung auf einen ehrenhaften Friedensschluß leichtsinnig zu zerstören. Zu solchen Zwecken haben sich die Glaubensgenossen, welche derartige Expeditionen führen, als Indianer verkleidet«. »Eine dieser Expeditionen nun hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, auf jener Seite des Wahsatchgebirges einen Train von siebzig Wagen zur Nachtzeit überfallen, die schwache Eskorte verjagt, die weidenden Zugtiere nach allen Himmelsgegenden zerstreut, danach die Wagen, bis auf den letzten, samt ihrem wertvollen Inhalte verbrannt, und dann die Flucht ergriffen«. »Außer einigen leichten Verwundungen ist kein ernstes Blutvergießen zu beklagen gewesen; doch hatte er bedeutende und für die an unseren Grenzen lagernden Truppenmassen sehr empfindliche Verlust unsere Feinde aufs äußerste erbittert«. »Sie schickten daher sogleich entsprechend starke Patrouillen zur Verfolgung der Unsrigen aus, und es gelang ihnen auch, die Flüchtlinge zu erreichen und zu zersprengen. Alle entkamen glücklich in die Schluchten der Gebirge, bis auf einige weiße Jäger, die, weniger vertraut mit den Gebirgspfaden, sich den Blicken ihrer Verfolger nicht schnell genug zu entziehen vermochten. Dieselben leisteten grundsätzlich keine Gegenwehr; sie wurden daher gefangengenommen, und da man Weiße in ihnen entdeckte, nicht sogleich erschossen, sondern vor den kommandierenden General der Vereinigte-Staaten-Armee gebracht«. »Über ihr Herkommen befragt, bestritten sie, Mormonen zu sein. Sie wußten, was auf dem Spiele stand und gaben sich daher für Pelzjäger aus, die sich den Indianern angeschlossen, aber nicht Einfluß genug über dieselben besessen hätten, um sie von dem feindlichen Angriff zurückzuhalten«. »Ein Parlamentär wurde sodann nach der Salzsee-Stadt entsendet; doch hütete man sich dort wohlweislich, die gefangenen Frevler als Mormonen anzuerkennen. Sie wurden verleugnet und der Parlamentär kehrte unverrichteter Sache nach seinem Lager zurück«. »Meine Absicht ist nun folgende: Ich werde morgen, ohne jemanden weiter davon in Kenntnis zu setzen, nach der Salzsee-Stadt aufbrechen und mich von dort aus geraden Weges in das feindliche Lager begeben. Den Kommandeur der nächsten Truppenabteilung benachrichtige ich, daß ein Offizier, der im Verdacht steht, als Spion in unser Tal gedrungen zu sein, sich in unserer Gewalt befinde und Gefahr laufe, erschossen zu werden«. »Fürchte nichts, mein Kind«, fuhr Jansen beruhigend fort, als er in den Zügen seiner Nichte einen Ausdruck der Verzweiflung gewahrte; »ich traue Weatherton nicht zu, daß er um den Mord wußte, obschon er Rynolds schon früher kannte und wenig Ursache hatte, freundschaftliche Gefühle gegen ihn zu hegen. Doch ich wiederhole, es ist natürlich, daß Weatherton für das zur Rechenschaft gezogen wird, was seine Freunde und Gefährten verbrochen haben, wenn es nicht gelingt, derselben bald habhaft zu werden«. »Die Mormonen, die durch ihre eigene Schuld in die Hände unserer Feinde gelangten, können für diese nur sehr geringe Wichtigkeit haben, indem dieselben lieber einen zehnfachen Tod erlitten, als ihr wirkliches Herkommen verrieten. Überdies liegen nicht einmal Beweise vor, daß sie bei der Zerstörung des Wagentrains tätigen Beistand leisteten«. »Aus allen diesen Gründen nun, vielleicht auch mit Rücksicht auf meinen dringend ausgesprochenen Wunsch, wird man dort drüben gern dazu bereit sein, die Gefangenen gegen Auslieferung Weatherton's und dessen Gefährten auf freien Fuß zu setzen«. »Sollte mir die augenblickliche Befreiung Weatherton's wirklich nicht gelingen, so erreiche ich doch, daß man drüben um die Anwesenheit des Vereinigte-Staaten-Offiziers im Salzsee-Tal weiß. Man wird Nachforschungen nach ihm anstellen, sich von der Wahrheit meiner Angabe überzeugen und ohne Zweifel Gegenvorschläge zur Auswechselung machen, was dann zunächst zur Folge hätte, daß dem Gefangenen kein Haar mehr gekrümmt werden dürfte. Selbst Elliot, in dessen Händen sein Leben zur Zeit liegt, dürfte nicht mehr wagen, feindlieh gegen ihn aufzutreten, wollte er nicht das unauslösliche Rachegefühl der Gentiles heraufbeschwören, und sich durch leichtsinnig herbeigeführtes Unglück der Verachtung des eigenen Volkes preisgeben. Die Vorwürfe, welche mich vielleicht für meine Handlung treffen, will ich gern tragen, und gewiß wird man die Heimkehr unserer gefangenen Brüder höher anschlagen, als die Auslieferung Weatherton's und seines alten Gefährten«. »Also in's feindliche Lager willst Du hinüber, um auf alle Fälle Weatherton's Leben sicherzustellen?« fragte Hertha, die den Erklärungen ihres Onkels mit der ungeteilten Aufmerksamkeit gefolgt war und nur mechanisch mit dem Kinde auf ihrem Schoße, um dasselbe ruhig zu halten, Liebkosungen ausgetauscht hatte. »Du willst Dich der Gefahr aussetzen, dort ebenfalls wider Deinen Willen zurückgehalten zu werden?« fragte sie weiter, und ihr Antlitz rötete sich plötzlich, als sei ein kühner Entschluß vor ihrer Seele aufgetaucht und ebenso schnell zur Reife gelangt. »Hätte man bereits blutige Schlachten geschlagen, so wäre eine derartige Gefahr nicht zu befürchten, viel weniger noch jetzt«, antwortete Jansen, die Veränderung in Hertha's Zügen mit Befremdung gewahrend. »Parlamentäre stehen unter dem Schutze des Völkerrechts; frei gehen sie aus und ein, wenn auch die äußeren Vorsichtsmaßnahmen dabei nicht vernachlässigt werden«. »Bist Du auch fest davon überzeugt, daß man auf Deine Vorschläge eingeht und Dir Deine Bitte gewährt?« »Ich bin es, mein Kind«. »Onkel, ich bin es nicht, wenigstens vermag ich eine unbestimmte Besorgnis nicht zu unterdrücken. Was man Dir, einem Mormonen, vielleicht versagt, wird man einem flehenden Mädchen gewähren. Darum, lieber Onkel, gestatte mir, Dich zu begleiten; ich will bleiben, wo Du bleibst, ich will wissen, daß Deine Reise keine vergebliche sei«. »Liebes Kind, bedenke die beschwerliche Reise«, entgegnete Jansen, innerlich gerührt, »und übrigens muß dieselbe auch schnell zurückgelegt werden, wenn es nicht zu spät – ich meine, wenn Elliot seinerseits nicht Mißtrauen gegen Dich und Dein gegebenes Wort fassen soll«. »Habe ich jemals geklagt auf unserer langwierigen Fahrt durch die Wüsten? Habe ich geklagt, wenn die Sonne auf unsern Scheitel brannte und nur lauwarmes, übelschmeckendes Wasser uns zu Gebote stand, um den trockenen Gaumen zu erfrischen?« fragte Hertha, indem sie sich mit dem Knaben auf dem Arme erhob und demselben gestattete, die starken blonden Flechten, welche ihr schönes Haupt umschlangen, mit kindlicher Zutraulichkeit unbarmherzig auseinander zu zerren. »Nein!« antwortete sie selbst, und ihre feuchten Augen strahlten wieder einmal in dem alten schwärmerischen Feuer, »keine Klage kam über meine Lippen; im Gegenteil, ich fühlte meine Kräfte erstarken, und ein Ritt von einigen Tagen kann jetzt nur noch eine Erholung für meinen Körper, eine Erfrischung meines Geistes nach so vielen und herben Schicksalsschlägen sein«. »Aber das Kind?« fragte Jansen, auf den kleinen Knaben weisend, der seine verwunderten und neugierigen Blicke bald auf Hertha, bald auf deren Onkel richtete, »es sollte ja noch einige Tage Deiner alleinigen Fürsorge anvertraut bleiben«. Hertha sann einen Augenblick nach; dann preßte sie den Knaben an sich, und indem sie ihn zärtlich küßte, wendete sie sich wieder ihrem Onkel zu. »Ich muß das Opfer bringen und mich noch einmal von diesem süßen Engel trennen«, begann sie, das Kind, welches ihr zu schwer wurde, vor sich auf die Erde stellend und ihre Hand schmeichelnd auf dessen Lockenkopf legend; »mit der Bewilligung seines Vaters bleibt es so lange unter der Obhut seiner früheren Pflegemutter. Dieselbe liebt es über alle Beschreibung und hat selbst eine Tochter, die mit unserem Knaben in demselben Alter stehen muß. Du siehst, lieber Onkel, ich kann hier sehr gut entbehrt werden, und außerdem ist es besser, wenn Du nicht so allein reisest. Denke nur die lange Ungewißheit, und dann ich hier unter den fremden Menschen«. »Die lange Ungewißheit«, wiederholte Jansen leise, wie zu sich selbst sprechend, indem er Hertha mit trübem Sinnen in die großen leuchtenden Augen blickte; »aber mein gutes Kind«, fuhr er dann lauter fort, »wer soll während unserer Abwesenheit darüber wachen, daß unsere Gefangenen nicht einem tief gewurzelten Haß und einem allzu großen Diensteifer geopfert werden? Unsere Heimkehr könnte ja durch irgendeinen Zufall sich verzögern«. Hertha erbleichte und legte die Hand aufs Herz, wie um einen heftigen Schmerz in demselben zu beschwichtigen. »So gibst Du selbst die Möglichkeit von Elliot's Falschheit und Wortbrüchigkeit zu?« fragte sie mit bebenden Lippen, denn sie vergegenwärtigte sich in diesem Augenblick, daß sie ihr ganzes Leben an der Seite dieses gefürchteten Mannes zu vertrauern gezwungen sei. »Das nicht«, antwortete Jansen nicht ohne sichtbare Verlegenheit, »ich wollte damit nur andeuten, daß es doch wohl auf alle Fälle geratener sein dürfte, wenn Du hierbliebest«. »So befürchtest Du etwa, ich würde mich, im Fall Weatherton seine Befreiung meinen eigenen Bemühungen verdankte, meines Versprechens für entbunden halten?« »Auch das nicht, mein gutes Kind, denn Elliot mag nun so gut und rechtlich sein, wie er will, seine Neigung zu Dir würde ihn veranlassen, noch heute von dem ihm zustehenden Recht als Kommandant von Fort Utah im strengsten Sinne des Wortes Gebrauch zu machen, erneuertest Du ihm vor Deiner Abreise nicht feierlich die Versicherung, Dich auch fernerhin als an ihn gebunden zu betrachten«. »Fürchte nichts, Onkel«, entgegnete Hertha, und ihre Oberlippe kräuselte sich zu einem verachtenden Lächeln empor, »Elliot's treue Neigung zu mir und meinem Vermögen soll nicht unbelohnt bleiben, wenn auch nur um des holden Kindes willen«. Hier schwieg sie, und halb versunken in Betrachtungen, halb beschäftigt mit dem Kinde, schaute sie fast regungslos auf dasselbe nieder. Plötzlich schoß ihr das Blut wieder in die Wangen, und indem sie zu ihrem Onkel emporschaute, strahlte ihr liebliches Antlitz, als wären jetzt aller Kummer und alle Besorgnisse von ihr gewichen. »Onkel!« rief sie aus, das Kind einen Augenblick sich selbst überlassend und ihre Arme mit einem bittenden Lächeln um seinen Hals schlingend, »ich ziehe mit Dir; es gibt nichts mehr, was mich hier zurückhielte. Ich kenne ein Mittel, durch welches die Gefahr von Weatherton auch während unserer Abwesenheit fern gehalten wird; frage nicht, was es sei, sondern vertraue mir, und weigere Dich nicht länger, mich mit Dir zu nehmen!« »Wohl, meine geliebte Tochter«, antwortete Jansen, nachdem er seiner ersten Überraschung wieder Herr geworden war, »Du sollst mich begleiten; ich dränge nicht in Dich, mir mitzuteilen, was Dich so tief zu bewegen scheint, aber noch einmal wiederhole ich, daß wir die Reise nicht anders als zu Pferde zurücklegen können und wohl eines Zeitraums von sechs bis acht Tagen bedürfen, um unsere Aufgabe zu vollenden«. »Und sollte ich zu Fuß wandern müssen, so würde ich nicht davor zurückschrecken«, erwiderte Hertha mit Enthusiasmus, »ich erfülle durch diese Reise eine heilige Pflicht, und schon jetzt empfinde ich eine innere Befriedigung bei dem Gedanken: manches wieder gut zu machen, was von meinen Glaubensgenossen in blindem Eifer gefehlt und übertrieben wurde«. »Morgen in aller Frühe brechen wir auf«, versetzte Jansen, seine Nichte mit einem Gemisch von Wohlgefallen und Bedauern betrachtend. »Sage heute Abend, Onkel, und ich bin bereit«. »Nein, morgen in aller Frühe, und merke Dir wohl mein Kind, unsere Reise führt nach unserer heiligen Salzsee-Stadt, wenn jemand Dich fragen sollte«. »Nach der Salzsee-Stadt«, wiederholte Hertha, ihm freundlich zunickend; dann aber nahm sie den Knaben auf den Arm, um sogleich mit ihm nach der ändern Seite des Hauses hinüberzugehen und ihn dort der Obhut der jungen Frau, die der Knabe ja schon gewohnt war, Mutter zu nennen, für die Dauer ihrer Abwesenheit auf das wärmste anzuempfehlen. Jansen schaute ihr sinnend nach, als sie sich entfernte. Selbst als die Tür sich schon hinter ihr geschlossen hatte, hafteten seine Blicke noch längere Zeit mit einem ungewöhnlich milden, ja weichen Ausdruck auf der dünnen Scheidewand, hinter welcher sie verschwunden war. »O Rynolds, Rynolds!« murmelte er vorwurfsvoll, »hast Du mir immer recht geraten, als Du mir die größte Strenge und einen unerschütterlichen Ernst diesem edelherzigen, lieben guten Kinde gegenüber anempfahlst? Hast Du mir recht geraten, als Du darauf bestandest, der Religion und deren Lehren jedes sanftere Gefühl zum Opfer zu bringen? Armes Wesen; ihre Frömmigkeit, ihre Ergebenheit machen sie mit jedem Tage meinem Herzen teurer; möge der Allmächtige den Kampf, den sie noch zu bestehen hat, um eine wahre Rechtgläubige zu werden, einen kurzen sein lassen. O, Weatherton, an Deinen strengen Begriffen von Ehre, an Deinem starren Festhalten des angestammten Glaubens ist das irdische Glück dieses Engels gescheitert«. So sprach Jansen, indem er sich umwendete und der ändern, nach seiner eigenen Wohnung führenden Tür langsam zuschritt. Hätte er sich etwas mehr beeilt, so würde er wahrscheinlich noch die Gouvernante entdeckt haben, die sich, kurz vor seinem Eintreten in den zwischen seinem und Hertha's Wohngemache liegenden Gang, durch die gegenüberliegende Tür nach seiner Wohnstube entfernte und alsbald aus dieser, mit der Gewandtheit einer Katze, in's Freie glitt. Glühend vor triumphierender Aufregung eilte sie nach der Blockhütte hinüber, in welcher Holmsten eingekehrt war und wo sie diesen und Elliot gerade anwesend wußte. Später als gewöhnlich begab sich Hertha an diesem Abend zu den Mohave-Indianern, um ihnen zum letzten Mal einige sorgfältiger zubereitete Speisen und mit diesen kleine Geschenke und Andenken zu überbringen. Sie selbst sollte ja am folgenden Morgen schon vor Tagesanbruch die beabsichtigte Reise gegen Norden antreten, und wenn sie von ihrem Ausfluge zurückkehrte, dann waren die Mohaves bereits getauft und befanden sich vielleicht schon auf dem Wege nach ihrer Heimat im Tale des Colorado, des großen Wüstenstromes. Dieses den über ihre Güte entzückten Wilden zu erklären, und zugleich zu verstehen zu geben, daß sie gekommen sei, um Abschied von ihnen zu nehmen, war ihre erste Aufgabe. Kairuk und Ireteba, die beiden scharfsinnigsten der Gesellschaft, die mehr als die übrigen Mohaves von der Sprache und Ausdrucksweise der Amerikaner gelernt hatten, begriffen leicht, was Hertha bezweckte, und eine tiefe Traurigkeit verbreitete sich über ihre braunen, zum Teil wild bemalten Gesichter, als sie ihren Gefährten Hertha's Mitteilungen verdolmetschten, und dann auch diese trübselig zu dem jungen Mädchen emporschauten. Nachdem Hertha eine Weile bald die wilden Krieger mit eigentümlicher Teilnahme betrachtet, bald ihre Blicke besorgnisvoll über den dunklen Hof hatte hinschweifen lassen, als ob sie unschlüssig gewesen sei, welchen Weg sie nunmehr einzuschlagen habe, beugte sie sich plötzlich zu Kairuk nieder, und indem sie ihn leise an der Schulter berührte, wies sie mit der andern Hand nach dem spärlich erleuchteten Fenster des Gefängnisses hinüber. »Ein guter Amerikaner«, flüsterte sie mit ängstlicher Spannung dem Häuptling zu, denn sie befürchtete, nicht verstanden zu werden. Ein Blitz des Verständnisses zuckte über Kairuk's Gesicht, als er seine glänzend schwarzen Augen nach der angedeuteten Richtung hinwendete, und mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme wiederholte er mehrere Male: »Guter Amerikaner, gefangen, nicht gut, Mormonentaube sagen: Amerikaner frei sein, wie Mohaves«. »Ja, guter Kairuk, ich wünschte wohl, daß er frei wäre«, sagte sie, einen traurigen Blick nach dem Gefängnis hinübersendend, ohne zu bedenken, daß der Indianer wohl einzelne Worte, aber nicht ihre zusammenhängende Rede verstand. »Amerikaner frei, sehr frei achotka«, versetzte Kairuk, Hertha freundlich zunickend. »Er ist aber nicht frei, und wer weiß, wie lange er dort nach Freiheit wird schmachten müssen«, fuhr diese in derselben Weise fort, nun aber wieder ihre ganze Aufmerksamkeit dem Häuptling zuwendend. »Kairuk Freund von der Mormonentaube, Kairuk und Mohaves Freunde von dem Amerikaner«; sagte sie dann, mit Vorbedacht nur solche Worte wählend, von welchen sie wußte, daß die Mohaves dieselben schon teils früher, teils von ihr selbst gelernt hatten. »Kairuk Freund von Amerikaner, Kairuk sehr Freund, Freund, Freund von Mormonentaube«, bekräftigte der Häuptling unter dem zustimmenden »Achotka« seiner Genossen. »Gut denn, braver Kairuk«, versetzte Hertha, trübe lächelnd über die Art, in welcher der Indianer ihr begreiflich machte, daß er sie bevorzuge. Das Lächeln schwand indessen schnell wieder spurlos, als sie Miene machte, weiterzusprechen. »Mormonen wollen töten Amerikaner«, sagte sie langsam und ausdrucksvoll, wobei sich ihr Gesicht bleich färbte. Kairuk's Augen leuchteten bei dieser Nachricht in wildem, drohendem Feuer auf. »Amerikaner gut, Mormonen nicht töten Amerikaner«, versetzte er, wie um sich selbst zu beruhigen. Hertha sank der Mut, sie bezweifelte, daß es ihr gelingen würde, dem Mohave ihre Absichten zu verdeutlichen. »Aber sie werden ihn töten, wenn er nicht beschützt wird«, sagte sie so dringend und angstvoll, daß Kairuk emporschnellte und, wie um eine unbekannte Gefahr von ihr abzuhalten, an ihre Seite trat; »ja, guter Häuptling«, wiederholte sie, und die Besorgnis schien ihren eigenen Scharfsinn zu erhöhen; »Kairuk zwei Augen, Kairuk kann viel sehen!« »Kairuk viel, viel sehen, sehen in Nacht«, bemerkte der Häuptling wohlgefällig. »Kairuk sehen den Amerikaner, wenn sehen Mormonen ihn töten; Kairuk, sagen: nein, nicht töten Amerikaner«, fuhr Hertha fort. »Achotka«, entgegnete der Mohave, zum Zeichen, daß er die beabsichtigte Mitteilung errate; zugleich wich aber auch jeder Zug von freundlicher Unbefangenheit und heiterer Sorglosigkeit aus seinem Antlitz, und dafür zeigte dasselbe einen so hohen Grad von ernster Überlegung, versteckter Wildheit und mutiger Entschlossenheit, daß Hertha sich kaum einer gewissen Scheu zu erwehren vermochte. »Kairuk und alle Mohaves sind gut«, hob sie mit kindlich flehender Stimme an, ihre großen unschuldvollen Augen schüchtern zu dem riesenhaften Krieger emporschlagend, der mit seinen glühenden Blicken die von dem niederbrennenden Feuer schwach beleuchtete anmutige Gestalt gleichsam verschlang; »Kairuk und alle Mohaves lieben die Mormonentaube, lieben den Amerikaner dort drüben; Kairuk und Mohaves nicht sehen Amerikaner töten, wachen über den Amerikaner Tag und Nacht, bis die Mormonentaube zurückkehrt und ihnen wieder Speisen bringt«. »Kairuk lieben Mormonentaube«, wiederholte der Häuptling, sich mit einer Würde emporrichtend, die eine Heldenrolle auf der Bühne geziert haben würde. »Mormonentaube schlafen in Fort Utah eine Nacht, Mohaves schlafen in Fort Utah eine, noch eine, noch eine Nacht, dann Mohaves gehen, gehen fort, weit fort, sehen nicht mehr gute Mormonentaube. Sagen aber guten Mormonentaube: Mormonen töten Amerikaner, töten auch Kairuk, Ireteba, Mohaves«, und indem er dies sagte, schlug er mit der Faust auf seine hohe Brust, daß es laut dröhnte. »Guter Häuptling, wenn ich Dich recht verstehe, so willst Du des Amerikaners Leben mit dem Deinigen verteidigen«, versetzte Hertha sinnend. »Achotka, achotka«, antwortete Kairuk, unter dem zustimmenden »Hagh« seiner Gefährten; obwohl keiner von ihnen den Sinn von Hertha's Rede so recht begriffen hatte; doch wie sie das junge freundliche Mädchen kannten, hielten sie es für selbstverständlich, daß auf jedes ihrer Äußerungen unbedingt das einzige Wort »Achotka« passe. Kairuk's Versicherung, über Weatherton wachen zu wollen, wie Hertha seine Zeichen und Worte auslegte, trugen nicht wenig dazu bei, ihr von Besorgnis erfülltes Gemüt zu beruhigen, und leichteren Herzens, als sie gekommen war, reichte sie den auf der Erde kauernden Kriegern die Hand zum Abschied. »Lebe wohl, Kairuk«, sagte sie zuletzt zu dem Häuptling, der wie eine Eiche, welche eben die Zeit ihrer üppigsten Kraft erreichte, vor ihr stand; »möge Gott Dich lohnen und segnen für die Anhänglichkeit, die Du mir jederzeit bewahrtest, und möge es Dir vergönnt sein, dereinst Licht und Wahrheit, wozu in Deiner Brust hier schon der Keim gepflanzt wird, unter Deinen armen Stammesgenossen zu verbreiten«. Während Hertha noch sprach, legten des Indianers Finger sich immer fester um ihre zartgeformte Hand, während seine durch rohe Kunst entstellten Züge, als ob der Ton der herzlich und süß klingenden Stimme ihm den Inhalt der Rede verraten hätte, einen unbeschreiblich wehmütig lächelnden Ausdruck annahmen. Er hätte gewiß gern zu ihr gesprochen, ihr gewiß so gern mitgeteilt, wie zugetan er ihr sei, allein er sah die Unmöglichkeit ein, sich verständlich zu machen, und sogar die wenigen Worte, die er im Laufe der Zeit erlernt hatte, schien er plötzlich vergessen zu haben. »Achotka, Mormonentaube«, wiederholte er mehrere Male, indem er Hertha leise und schmeichelnd über den Arm, welchen er hielt, strich und ihr dabei so recht freundlich und harmlos in die großen Augen schaute; »Achotka, Mormonentaube, Kairuk schlechter, armer Indianer«. Dann eine Schnur kleiner weißer Muscheln von seinem Halse lösend, reichte er ihr dieselbe mit freundlichem, zutraulichem Nicken dar; »Mormonentaube Mohavehäuptling«, sagte er, als er bemerkte, daß Hertha das dargebotene Geschenk mit einer der Gabe entsprechenden Freude hinnahm, und nachdem er dann noch einmal schmeichelnd die Hand auf ihr Haupt gelegt, ließ er sich mit ernster Miene im Kreise seiner Krieger nieder. – Unbeachtet gelangte Hertha wieder in ihr Gemach zurück. Demoiselle Corbillon hatte ihr wohl nachgespäht und sie im Gespräch mit den Indianern bemerkt; ihre Scheu vor den wilden Kriegern hielt sie indessen ab, sich nahe genug heranzuwagen, um die gewechselten Worte zu vernehmen. Was hätte auch nach ihrer Ansicht ein solches Kind mit dergleichen schrecklichen Geschöpfen Wichtiges zu verhandeln vermocht? – Die Bewohner von Fort Utah schliefen schon längst, da drang von der Plattform her noch immer das Murmeln von Stimmen durch die nächtliche Stille. Es rührte von den Mohaves her. Dieselben hatten sich nicht, wie gewöhnlich, mit den Füßen, sondern mit dem Kopf dem kleinen Feuer zugekehrt, und über dasselbe hinweg beratschlagten sie in ihrer wenig auffallenden Weise. Was ihre Unterhaltung betraf, hätte nur Hertha Jansen, der freundliche Schutzengel, ahnen können; aber auch sie war einem wohltätigen Schlummer in die Arme gesunken. Sie träumte vielleicht einzig und allein von dem schönen blondlockigen Knaben, von welchem sie sich, nachdem sie ihn kaum kennengelernt, nun wieder auf unbestimmte Zeit trennen sollte. – Am folgenden Morgen traten Jansen und seine Nichte zu Pferde und ohne alle Begleitung die Reise nach dem Norden an. Sie durften wagen, allein zu reisen, weil sie in dem verhältnismäßig schon dicht bevölkerten Mormonengebiet darauf rechnen konnten, allabendlich auf eine Farm oder eine kleine Niederlassung zu stoßen, wo sie auf alle Fälle eine gastliche Aufnahme fanden. Selbst in den wilden Gebirgspässen brauchte Jansen nicht wegen mancher Bequemlichkeiten für die mutige Hertha zu fürchten, weil sie voraussichtlich einge ganze Reihe von kleinen stehenden Lagern und Verteidigungsposten berühren mußten. Daß man ihnen unterwegs keine Hindernisse in den Weg legen oder sie mit Fragen belästigen würde, dafür bürgte Jansen's Ansehen: denn wenn auch erst wenige Bewohner des Salzsee-Tales ihn persönlich kannten, so waren doch sein Ruf und der Ruf seiner Nichte ihm schon längst vorausgeeilt, und es bedurfte von seiner Seite nur der Mühe, sich über seine Person auszuweisen, um von allen Seiten der zuvorkommendsten Begegnung gewärtig zu sein. Der einzige, der ihnen Schwierigkeiten hätte bereiten können, war Elliot, welcher durch die treulose Gouvernante von ihren Plänen auf's genaueste unterrichtet worden war. Derselbe hatte indessen nicht nur keine Einwendungen erhoben, als Jansen ihn von dem beabsichtigten Ausfluge nach dem Norden in Kenntnis setzte, sondern sich sogar vollkommen einverstanden damit erklärt und nur bedauert, daß Hertha bei der Taufe der Mohave-Indianer nicht zugegen sein würde. Obwohl die beiden Reisenden sehr früh aufbrachen, hatte er sich doch nicht nehmen lassen, sie noch eine Strecke zu begleiten, und als sie sich dann voneinander trennten, erwähnte er als einer abgemachten und feststehenden Sache, daß Weatherton innerhalb kurzer Zeit aus seiner traurigen Lage entlassen werden würde. Auf sein dringendes Verlangen erhielt er denn auch das Gegenversprechen von Hertha, sich in das Unabänderliche fügen und, gehorsam den Wünschen ihres Onkels und des kirchlichen Oberhauptes, den an sie gestellten Forderungen keinen Widerstand entgegensetzen zu wollen. Sie sagte dies mit ruhiger Kälte, obgleich ihr das Herz dabei zu brechen drohte, und nur der Gedanke an Weatherton und das Kind gab ihr die Kraft, einen neuen Ausbruch der grenzenlosesten Verzweiflung niederzukämpfen. 10. Die Taufe Obgleich die Rüstungen der Mormonen ihren ununterbrochenen Fortgang nahmen und jeder nach seinen besten Kräften dazu beitrug, den Heiligen der letzten Tage den Sieg erringen und sichern zu helfen, so wurde doch nichts verabsäumt, was die Glaubensstarken hätte erbauen, die Zaghaften und Wankelmütigen dagegen zuversichtlicher und hingebender machen können. Es fehlte nicht an Predigten und öffentlichen Ermahnungen, vor allen Dingen aber sorgte man auch für die gelegentliche Wiederholung der mehr in die Augen fallenden Zeremonie des Taufens, die ganz darauf berechnet war, ebensowohl auf die Gemüter der eigenen Gemeinde, als auch auf die wilden eingeborenen Stämme, welche man als Verbündete mit in den Krieg hineinzuziehen wünschte, einen bleibenden Eindruck auszuüben. So war denn auch der Tag herangekommen, an welchem die Mohaves in den Fluten des Jordan die heilige Taufe empfangen sollten. Man hatte den Jordan gewählt, einesteils, um der feierlichen Handlung einen gewissen Nimbus zu verleihen, dann aber auch, weil der bestimmte Punkt sich nahe der Fort Utah mit der Salzsee-Stadt verbindenden Landstraße befand, mithin, wenn auch nicht genau in der Mitte zwischen diesen beiden Orten liegend, doch von ersterem aus in einem halben Tage, von der Hauptstadt dagegen in einem starken Tagesmarsche erreicht werden konnte. Während nun diejenigen Bewohner der Salzsee-Stadt, welche sich bei der Feierlichkeit zu beteiligen wünschten, schon am vorhergehenden Tage aufgebrochen waren, hatten die Bewohner von Fort Utah und den umliegenden Ansiedlungen sich erst in der Frühe desselben Tages in einer großen Karawane zu Roß und Wagen auf den Weg begeben. Da es sich indessen nicht allein um die Taufe handelte, welche in den Nachmittagstunden stattfinden sollte, sondern auch um den gesellschaftlichen Verkehr mit weit hergekommenen Verwandten und Freunden, so war die Heimkehr erst auf den folgenden Abend festgesetzt worden. Fort Utah schien daher, im Vergleich mit den vorhergehenden Tagen förmlich ausgestorben zu sein. Alles, was nicht durch Krankheit, Altersschwäche, oder durch die allernotwendigsten häuslichen Pflichten zurückgehalten wurde, hatte es möglich zu machen gesucht, sich an einem Feste zu beteiligen, auf welchem den fanatischen Gemütern so reiche geistige Speise geboten wurde, welches aber auch als eine willkommene Unterbrechung und Aufmunterung in den trüben und bedrohlichen Zeiten betrachtet werden durfte. Fort Utah war also still und leer. Nur in der zur Wachstube bestimmten Hütte am Eingang in den Hof erblickte man mehrere Männer, die zum Schutz zurückgelassen worden waren, und unter diesen die etwas gedrückten Gestalten des Grafen Absalon und des Barons Gabriel, wie sich letzterer umgetauft hatte. Auf dem Hofe selbst dagegen erschien hin und wieder an den Türen eine junge Frau, oder eine Greisin, den eigenen oder den anvertrauten Säugling tragend, während vereinzelte alte Männer sich im Schatten gelagert hatten und dort, mit irgendeinem frommen Buche oder mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, auf die behagliche Weise die Zeit verrinnen ließen. Der Posten, dem die Bewachung der Gefangenen übertragen worden war, hatte sich ebenfalls aus den glühenden Sonnenstrahlen des beginnenden Sommers zurückgezogen. Er saß auf einem Holzblock in der vor dem eigentlichen Gefängnis befindlichen kleinen Vorhalle, und ihm gegenüber kauerte, mit unerschütterlicher Gemütsruhe seine steinere Pfeife rauchend, La Bataille, der verräterische Schlangenindianer. Beide waren auffallend schweigsam; wenn sie indes einige Worte wechselten, dann ließ sich erraten, daß nicht der Zufall sie zusammengeführt hatte, sondern ein geheimer Zweck, welchem sie offenbar eine große Wichtigkeit beimaßen. Von Zeit zu Zeit schlichen sie auch wohl an die Tür des innern Gemachs, um die Gefangenen zu belauschen; doch kehrten sich dann immer wieder nach kurzer Frist zurück, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß Weatherton und Raft noch schweigsamer als sie selbst waren, und nur der auf und ab wandelnde Bootsmann zuweilen vor Ungeduld eine Verwünschung ausstieß, wenn sein grübelnder Gefährte durchaus nicht dazu zu bewegen war, auf irgend eine die Zeit verkürzende Unterhaltung einzugehen. Da erschien plötzlich eine noch rüstige Matrone in der Tür vor dem Mormonen und La Bataille. »Alles bereit,« sagte sie kurz, worauf sie sich wieder entfernte. Der Mormone nickte, stand auf und folgte der Matrone nach, kehrte aber schon nach Verlauf von wenigen Minuten wieder zurück, in der einen Hand einen dampfenden Kessel, in der anderen Teller, Löffel und Gabeln tragend. Nachdem er La Bataille angewiesen hatte, dafür zu sorgen, daß er nicht gestört werde, begab er sich zu den Gefangenen hinein, worauf er die Tür hinter sich abschloß. Weatherton und Raft beachteten ihn kaum, als er die Speisen auf den Tisch stellte, und erst als er sich nicht in gewohnter Weise sogleich wieder entfernte, wendete Weatherton sich ihm mit fragender Miene zu. »Ich denke, Ihr müßt Langeweile empfinden,« sagte der Mormone mit schlecht verhehlter Schadenfreude, halb zu Weatherton, halb zu Raft gewendet; »möchtet gewiß gern die frische Luft mit dieser dumpfen alten Baracke vertauschen.« Weatherton, in dieser Frage eine Verhöhnung vermutend, kehrte dem Mormonen, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, den Rücken zu, Raft dagegen ging auf die Unterhaltung ein, indem er dem Schließer mit einem herzhaften Fluch versicherte, daß dieses vielleicht die einzige Wahrheit sei, die jemals in seinem Leben über seine Lippen gekommen. Wie Weatherton den Mormonen nicht beachtet hatte, so beachtete dieser wieder nicht des Bootsmanns wenig schmeichelhafte Bemerkung; dafür aber trat er einen Schritt näher an den Offizier heran, und, einen Brief aus der Tasche ziehend, sagte er mit eigentümlichem Nachdruck: »Ihr habt Freunde hier unter den Mormonen, Freunde, die nicht zugeben wollen, daß Ihr für die Missetaten anderer leidet.« Raft war bei dieser Nachricht sprachlos vor Erstaunen; auch Weatherton glaubte nicht recht gehört zu haben, denn er wendete sich mit einer heftigen Bewegung dem Mormonen zu, und den Brief in dessen Hand gewahrend, fragte er hastig, ob derselbe für ihn bestimmt sei. »Unter gewissen Umständen ist der Brief für Euch bestimmt,« antwortete der Mormone kalt. »Warum nicht auf alle Fälle?« fragte Weatherton, die Stirn runzelnd. »Weil es Fälle gibt, in welchen der Brief vollständig nutzlos für Euch wäre, und dann nur der Person, von welcher er herrührt, Unannehmlichkeiten bereiten könnte.« Weatherton sann eine Weile nach. »So nennt mir die Bedingungen, unter welchen Ihr mir das Schreiben auszuhändigen angewiesen seid.« »Wollt Ihr frei sein?« fragte der Mormone kurz. »Ich dächte, Ihr könntet Euch diese Frage wohl selbst beantworten,« entgegnete Weatherton, während Raft sein bezeichnendes »originell« dazwischenschallen ließ. »Es handelt sich aber darum, ob Ihr Euch durch die Flucht der Gefangenschaft entziehen wollt?« »Ich soll fliehen, als ob ich wirklich ein Verbrechen begangen hätte? Das kann Euer Ernst nicht sein. Ich habe keinen Grund ein Verhör zu scheuen, und meine Flucht würde nicht nur den Verdacht feindseliger Handlungen noch mehr gegen mich lenken, sondern denselben auch in den Augen Eurer Glaubensgenossen rechtfertigen.« »Dickie, Dickie«, ermahnte der von Besorgnis ergriffene Bootsmann, »bedenke die frische, freie Luft. Löse den Anker und frage den Teufel danach, ob's Tau gekappt oder um's Gangspill gedreht wurde!« »Euer Bescheid ist vorhergesehen«, versetzte der Mormone, der in dem ungeduldigen Bootsmann einen willkommenen Beistand erblickte; »ich bin zwar nicht aufgefordert worden, Euch zu dem Schritt zu überreden, aber ich soll Euch daran erinnern, daß es für Eure fernere Sicherheit ratsam sei, die Dienste eines wohlwollenden Freundes nicht zurückzuweisen. Auch von jener Seite des Gebirges aus könnt Ihr den schweren Verdacht des Spionierens und der mittelbaren Beteiligung an dem Morde von Euch wälzen. Seid Ihr entflohen, so sind unsere Behörden der widerwärtigen Notwendigkeit enthoben, über Euch zu Gericht zu sitzen und voraussichtlich ein hartes Urteil sprechen zu müssen. Entscheidet Euch daher; es dürfte eine Zeit kommen, in welcher Ihr gern entfliehen möchtet, wenn es nicht zu spät wäre, und in welcher Euer Freund nicht mehr imstande ist, auch nur einen Finger zu Eurer Rettung zu erheben.« »Dickie, denke an den Leoparden, an Deine Mutter, und dann denke auch an diejenige, der Du von dieser verdammten Kombüse aus am wenigsten helfen kannst«, murmelte Raft, indem er seinen Mund Weatherton's Ohr näherte. »Willst Du allein fliehen und ihnen erzählen, wo ich geblieben bin?« fragte der Offizier, indem er sich dem Bootsmann freundlich zuwendete. »Bei Gott, Leutnant,« rief Raft bei dieser Zumutung aus, indem er sich in seiner ganzen Länge aufrichtete und eine halb dienstlich straffe Haltung annahm, »habe ich es verdient, daß Ihr mich wie überflüssigen Ballast über Bord werft? Ja, ja, Jim Raft wird alt und ist zu nichts mehr nütze«, krächzte er vor innerer Bewegung, wobei seine Narbe wie Stahl im Feuer dunkelblau anlief, »ja, zu nichts mehr nütze, als den Kehricht vor dem Invalidenhause fortzuräumen –« »Still, Jim, still,« unterbrach Weatherton seinen alten Lehrmeister, ihm gerührt die Hand drückend; »Du bleibst, wo ich bleibe, wo Du bleibst, aber nun laß mich ungestört überlegen. Es ist ja nicht die Freiheit, was Zweifel in mir erweckt, sondern die Art, auf welche ich sie erlange.« So sprechend, wendete er sich um, und in tiefes Sinnen versunken schritt er einigemal in dem Gemach auf und ab. Als der Mormone ihm mitteilte, daß er einen Freund auf dem Fort habe, gedachte er zuerst Hertha's und des Versprechens, welches sie ihm gegeben. Im nächsten Augenblick hielt er aber für wahrscheinlicher, daß Jansen selber hier seine Hand mit im Spiele habe. Außerdem war ja auch anzunehmen, daß eines jungen Mädchens Einfluß unter einer Gemeinde fanatischer Männer nicht weit genug reiche, um ohne Furcht vor Entdeckung seine Flucht aus dem Gefängnis mit Aussicht auf Erfolg einzuleiten. Ging aber die geheimnisvolle Aufforderung wirklich von Jansen aus, dann durfte er darauf bauen, daß er, der ihn genauer, als irgend ein anderer im Fort Utah, kennen gelernt hatte, dieselbe als streng geboten betrachte, zugleich aber auch die Überzeugung hege, daß er, ohne sich zu kompromittieren, von dem Anerbieten Gebrauch machen könne. Im nächsten Augenblick dachte er wieder an Hertha. Er sollte entfliehen, ohne sie auch nur ein einziges Mal wiederzusehen, ohne ihr die Aufschlüsse zu seinen Warnungen erteilt zu haben, wegen deren er ursprünglich die Reise unternahm. Was war ihr Los? Wie beurteilte sie seine Flucht, und wo oder wann durfte er hoffen, wieder mit ihr zusammenzutreffen und ihr sein rätselhaftes Verschwinden zu erklären? Und dennoch, wenn der Plan von ihrem Onkel ausging, dann mußte auch sie darum wissen, oder – da fiel ihm der Brief ein und die Möglichkeit, daß Hertha denselben vielleicht geschrieben habe, und hastig trat er auf den Mormonen zu, die Hand nach dem sorgfältig versiegelten Schreiben ausstreckend. »Ihr habt Euch also dafür entschieden, die Dienste Eures Freundes in Anspruch zu nehmen?« fragte der Mormone, indem er den Brief zögernd darreichte. Weatherton sann etwa eine Minute nach. Plötzlich bemerkte er die zierlichen aber festen Züge der Aufschrift. Dieselbe erinnerte ihn an den Brief, welchen er einst in New York erhielt. »Das Schreiben rührt von Jansen her?« fragte er dann wieder zweifelnd. »Ich weiß es nicht,« gab der Mormone zur Antwort; »ich weiß nur, daß Jansen schon heute in aller Frühe mit seiner Nichte nach der Salzsee-Stadt aufbrach; im übrigen handle ich nach ausdrücklichen Befehlen, die mir erteilt worden sind.« »Fort von hier?« fragte Weatherton mit freudigem Erstaunen, und schon im nächsten Augenblick hielt er den geöffneten Brief in seinen Händen. »Im Laufe dieser Nacht werden die Pforten Eures Gefängnisses geöffnet werden,« las er mit wachsender Spannung; »handelt genau so, wie die bei Euch eintretende Person Euch anweisen wird. Weicht aber keinen Schritt rechts oder links vom Wege ab, auf welchem man Euch führt. In einiger Entfernung vom Fort wird ein Schlangen-Indianer Eurer harren und Euch und Eurem Gefährten Waffen aushändigen. Derselbe ist beauftragt, Euch auf verborgenen Pfaden bis an die Postenkette der Amerikaner zu begleiten. Fragt nicht, wer ich bin? Vielleicht sehen wir uns bei den äußersten Feldwachen der Mormonen noch wieder. Verbrennt dieses Papier in Gegenwart des Überbringers, denn auch ich habe Ursache, auf meiner Hut zu sein.« Weatherton las den Brief zum zweiten und dritten Male, doch vergeblich strengte er sich an, von den Schriftzügen einen annähernd richtigen Schluß auf den Schreiber und dessen verborgene Absichten zu ziehen. Es waren wohl Jansen's Gedanken, aber eben so wenig seine Art, sich auszudrücken, wie die feinen Schriftzüge von einer männlichen Hand herrührten. Wäre der Brief aber von Hertha geschrieben worden, so würde sie doch, ganz gewiß eine andere Form wie diese gewählt haben, die ja so ganz im Widerspruch zu ihrem sanften, freundlichen Wesen stand. »Kennt Ihr den Inhalt dieses Briefes?« fragte er dann den Mormonen. »Ich kenne ihn nicht und habe nur die mir erteilten Befehle zu befolgen, vor allen Dingen die Vernichtung des in Euren Händen befindlichen Papier's zu überwachen.« »Seid Ihr die Person, welche ich zu erwarten habe?« »Ich weiß es nicht, denke aber, daß ich es sein werde, oder man hätte Euch nicht Gelegenheit gegeben, eine so unvorsichtige Frage an mich zu richten.« »Einer unsichern Person würde man kaum diesen Brief anvertraut haben.« »Ihr mögt nicht ganz unrecht haben!« Mit diesen Worten zündete der Schließer die auf dem Tische stehende Lampe an, und nachdem Weatherton den Brief noch einmal durchgelesen, hielt er ihn über die Flamme, worauf er ihn brennend in den Kamin warf. Der Mormone blieb so lang ruhig stehen, bis das letzte Schnitzelchen vollständig verkohlt war, und sich dann der Tür zuwendend, sagte er mit einem bedeutungsvollen Blick zu Weatherton: »Ihr werdet Euch also bereit halten?« »Ich werde dem Rate meines unbekannten Freundes folgen«, antwortete dieser nunmehr fest und bestimmt. »Dann merkt Euch die Mitternachtsstunde,« versetzte der Mormone, und im nächsten Augenblick schlug er die Tür hinter sich zu. Kaum hatte er wieder auf seinem Holzblock Platz genommen, so flüsterte er La Bataille einige Worte zu. In den schlaffen Zügen des Indianers leuchtete bei der heimlichen Mitteilung eine helle Schadenfreude auf. Er müßte dieselbe aber schon erwartet haben, denn er nickte mehrere Male zustimmend, worauf er leise aus der Haustür schlich und sich geraden Weges nach der als Wachstube dienenden Blockhütte begab. Er blickte hinein; die wenigen Leute, die sich in derselben befanden, lagen auf ihren Decken und schliefen. Rufen wollte er nicht, um nicht alle zu wecken. Er trat daher ein, erschien aber sehr bald wieder, gefolgt von dem Grafen Absalon, im Freien. Nach einigen kurzen Erörterungen machten sie, immer nebeneinander hinschreitend, einen Spaziergang ganz um das Fort herum; La Bataille hin und wieder erklärend, der Graf aufmerkend. In der Nähe des Gefängnisses blieben sie längere Zeit stehen, und der Indianer lenkte die Aufmerksamkeit seines Gefährten bald auf die Palisaden, bald auf das tief gelegene Bett des nahen Flüßchens, welches teilweise mit Schilf und Binsen dicht bewachsen war. Nach Verlauf einer Stunde kehrten sie wieder nach dem Eingang des Forts zurück, wo sie sich voneinander trennten; der Graf, um sich seinen Kameraden zuzugesellen, der Indianer, um den Rest des Tages auf dem Vorflur des Gefängnisses, in Gesellschaft der sich dort ablösenden Mormonen in süßem Nichtstun hinzubringen. Wo nun Menschen, welche eine hohe Stufe der Zivilisation erreicht haben, religiöse Gemeinden bilden, und es fehlen ihnen noch die Gotteshäuser, in welchen sie zum gemeinschaftlichen Gebete zusammentreten können, da wählen auch sie solch Punkte aus, die ihnen bei der Schöpfung bevorzugt zu sein scheinen. Es ist dieses eben die einfachste Art, vielleicht auch die edelste, auf welche sie vorläufig ihre Verehrung eines höheren Wesens an den Tag zu legen vermögen. Derartige Gründe mochten also wohl mit dazu beigetragen haben, daß die Mormonen zur Vollziehung der heiligen Taufhandlung einen Punkt an den Ufern des Jordans gewählt hatten, von welchem aus ihnen zugleich eine Aussicht auf den prächtig eingerahmten Utahsee, und diesem gegenüber auf das nördlich gelegene Felsentor, durch welches der Jordan sich hindurchdrängt, geboten wurde. Die nähere Umgebung entbehrte allerdings vieles, was das Auge freundlich berührt und das Gemüt zur Andacht hingerissen hätte; um so erhabener schimmerten dafür von allen Seiten die mächtigen Gebirgszüge herüber, und wohl war die feierliche Stille, welche auf dem glatten Wasserspiegel und auf den langgestreckten, allmählich in die Ebene übergehenden Abhängen ruhte, dazu angetan, den fühlenden Menschen zu ernstem Nachdenken zu mahnen. Der Eindruck, welchen die Einsamkeit der Wildnis, die hohen nackten Bergjoche, der blaue See und die eilenden Fluten des kristallklaren Jordan hervorriefen, wurde indessen verdrängt, als die Mormonen dort in großer Anzahl eintrafen und die an den Fluß stoßende Wiese zahlreich und seltsam belebten. Luftige Zelte und leichte Wagen standen hier dicht gedrängt nebeneinander, dort wieder durch größere Zwischenräume voneinander getrennt; Pferde und Maultiere weideten in kleinen Herden oder einzeln an langen Leinen gepflöckt. Nach allen Richtungen hin stieg der Rauch von Lagerfeuern in den klaren sonnigen Äther empor, und zwischen allem diesem bewegten sich hunderte von Männern, Weibern und Kindern in buntestem Gemisch durcheinander. Bei allem Gewirre entdeckte man indessen leicht, daß der größte Teil der Anwesenden, namentlich die Männer, nach dem Ufer des Stromes zu drängten, wo der aus der Salzsee-Stadt herbeigekommene Apostel sich zu der bevorstehenden feierlichen Handlung vorbereitete. Er hatte eine kleine Abflachung des Ufers zur Ausübung seines Amtes gewählt, und zwar eine Stelle, wo der Strom dicht vor seinen Füßen sich tief in das Erdreich hineingewühlt hatte. In seiner Nähe kauerten die Mohaves auf dem Boden. Dieselben schauten fröhlich und guten Mutes um sich und wechselten mit dem glücklichsten Ausdruck der Welt Worte und bezeichnende Blicke miteinander. Man sah ihnen an, wie wenig sie den Sinn der mit ihnen vorzunehmenden Zeremonie verstanden, und daß es sie im höchsten Grade ergötzte, sich als Mittelpunkt und die Hauptpersonen einer so zahlreichen Versammlung von weißen Menschen betrachten zu dürfen. DerApostel hatte seine Taufrede beendigt; dieselbe war den Mohaves immer stückweise von einem ihrer Sprache kundigen Utah-Indianer verdolmetscht worden, und es sollte nunmehr zu der heiligen Handlung selbst geschritten werden. Auf ein Zeichen des Apostels stiegen die Mohaves in den Strom und stellten sich so auf, daß er seine Hände bequem auf ihre Häupter legen konnte, ohne selbst in das Wasser treten zu müssen. Die Fluten reichten den Täuflingen bis über die Hüften, während ihre Köpfe sich in gleicher Höhe mit den Knieen des Apostels befanden, es hätte also kein günstigerer Punkt zu solchem Zweck gefunden werden können. Während diese Vorbereitungen getroffen wurden, entstand ringsum eine lautlose Stille; nur von dem äußersten Rande des Lagers her drang, wie das Summen in einem wohlgefüllten Bienenkorbe, das Geräusch der sprechenden Frauen und der spielenden Kinder herüber. »Der Herr ist Euch gnädig gewesen!« begann der Apostel endlich, nachdem er einige verzückte Blicke zuerst auf die verlegen lachenden Mohaves und anschließend im Halbkreise auf die Versammlung geworfen und dadurch die Spannung noch gesteigert hatte; »er war Euch gnädig, indem er Euch zusammenführte mit seinen Auserwählten, mit den Heiligen der letzten Tage, die dazu berufen sind, das neue Zion auf Erden zu gründen. »Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen spräche«, fuhr er, seine Hände über die Indianer ausbreitend, fort, »so würde ich dennoch zu schwach sein, Euch würdig genug zum Dank gegen den Erlöser zu ermahnen, daß er Euch gerade jetzt zu Euern Mormonenbrüdern führte. Krieg und Not bedrohen, unser Volk; Krieg und Not werden Eure Stämme bedrohen, sobald es ruchbar geworden, daß Ihr, schon lange vorher, ehe die große Republik gegründet wurde, lange vorher, ehe die goldenen Tafeln durch Joseph Smith wieder an das Tageslicht gezogen wurden, Mormonen ward und daher, ehe Ihr uns und ehe wir Euch gesehen, mit uns verbrüdert gewesen seid! »Eure Haut ist braun und die unsrige ist weiß; doch was ist die Farbe vor dem Herrn der Welten? Ihr seid unsere Brüder, und als solche fühlen wir uns verpflichtet, Euch mit Gut und Blut, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, im Falle die Amerikaner es wagen sollten, wie sie es schon vielfach bei anderen Stämmen getan, sich an Eurem Grund und Boden zu vergreifen.« Wiederum ließ der Apostel eine Pause eintreten und auf seinen ausdrücklichen Wunsch übersetzte der Dolmetscher das zuletzt Gesagte. Die Mohaves schauten nach diesen freundschaftlichen Eröffnungen verwundert zu dem Apostel empor; ihre behaglichen Mienen drückten aber doch seine Zweifel aus, als wenn sie nicht so ganz davon überzeugt wären, daß die Mormonen ihre Brüderlichkeit wirklich bis zu einem tätigen Beistande in den Zeiten der Gefahr ausdehnen würden. Sie gaben indessen ihre Zufriedenheit durch mehrfaches »Achotka« zu erkennen, und der Apostel fuhr fort: »So tretet denn näher, meine wiedergefundenen Brüder,« begann der Apostel endlich wieder, indem er die Mohaves, um ihrem Verständnis zu Hilfe zu kommen, mit der Hand zu sich heranwinkte. Die Indianer leisteten der an sie ergangenen Aufforderung Folge, und der Apostel bückte sich zuerst zu dem an dem einen Flügel stehenden Häuptling nieder. Bedächtig legte er sodann seine Hände auf des Kriegers Haupt, und einen verklärten Blick gen Himmel sendend, rief er aus: »Mein Bruder, ich taufe Dich und nehme Dich auf in die Gemeinschaft der Heiligen der letzten Tage! Ich taufe Dich mit dem Wasser des Jordan, welches alle Sünden von Dir abwaschen möge; ich taufe Dich im Namen des Vaters, des allmächtigen Schöpfers des Himmels und der Erde! Amen!« »Amen!« wiederholte die ganze Versammlung. Kairuk aber schnellte wie ein Blitz nach dem Ufer hinauf, wo er sich halb lachend, halb zornig wie ein Hund schüttelte, denn der Apostel hatte ihn bei den letzten Worten dreimal hintereinander mit dem Kopfe untergetaucht, was ihm in seiner erhöhten Stellung natürlich ohne großen Kraftaufwand gelang. Die übrigen noch im Wasser befindlichen Mohaves scheuten sich nicht, ihr Ergötzen durch lautes Lachen an den Tag zu legen, in welches Kairuk, nachdem er sich überzeugt, daß die Frisur seiner langen, in dicke Strähnen zusammengeklebten Haare nicht sonderlich gelitten hatte, aus vollem Herzen mit einstimmte. Als er aber bemerkte, daß seine Gefährten, trotz des Zurückhaltens des Apostels, Miene machten, dem Bade zu entschlüpfen, um ihren Stolz, nämlich ihren wunderbar starken und sorgfältig bepflegten Haarschmuck nicht benetzen zu lassen, da erhob er erneut Einspruch. Offenbar wollte er nicht der einzige bleiben, der von seinen Stammesgenossen verlacht wurde, und da er zugleich auf die, nach ihren Begriffen reichen Geschenke deutete, deren sie im Weigerungsfalle für verlustig erklärt werden würden, so verstanden sich dieselben endlich zu dem ganzen Verfahren, nur daß sie vorher ihre dicken Haarsträhnen wie einen Turban um ihr Haupt schlangen. Die Taufe wurde darauf ohne weitere störende Zwischenfälle vollzogen. Die Mormonen sprachen jedesmal ihr andächtiges »Amen«, die Indianer begrüßten jedes neue Untertauchen mit schallendem Gelächter, was indessen von keiner Seite übel aufgenommen wurde, und als dann endlich der letzte der neu bekehrten Krieger nach dem Ufer hinaufsprang und die ihm dargereichten Geschenke in Empfang nahm, da löste sich die erbaute Versammlung auf, um in geselligem Kreise die Zeit bis zum Abend zu verbringen und sich gewissermaßen auf die religiösen und politischen Vorträge vorzubereiten, welche, namentlich mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage des Mormonentums, von einigen namhaften Rednern gehalten werden sollten. Die Mohaves packten unterdessen ihre Geschenke in Bündel zusammen, und nachdem sie sich durch einige Worte und Zeichen untereinander verständigt, mischten sie sich unter die verschiedenen Gesellschaften, um mit jedem, der sich ihnen näherte und sie mit teilnehmenden oder neugierigen Blicken betrachtete, Händedrücke und einzelne, auf ewige Brüderschaft bezügliche Worte auszutauschen. Wenn nun die fünf Mohaves, so lange sie zusammenblieben, eine hervorragende Gruppe bildeten, so verloren sie sich einzeln fast in dem lebhaften Gewühl, und da man sich überall sehr bald in ernste Gespräche vertiefte, hier sich in Äußerungen der Freude über ein endliches Wiedersehen nach langer Trennung erging, dort Befürchtungen über den Ausgang des Krieges laut werden ließ, so waren die Täuflinge bald vergessen, und diesen gelang es, sich einzeln und ohne Aufsehen zu erregen aus der Versammlung zu entfernen. Nach einer kurzen Besprechung, welche augenscheinlich die Richtung ihres Weges und den Stand der Sonne betraf, stellte Kairuk sich an die Spitze; Jreteba trat sogleich hinter ihn, und an diesen schlossen sich dann die anderen drei Krieger in bestimmten Zwischenräumen an. Eine kurze Strecke legten sie noch mit langen Schritten zurück, dann aber verfielen sie in einenn kurzen Trab, der indessen immer schneller und schneller wurde, und zwar mehr dadurch, daß sie größere Sätze nahmen, als daß sie den Takt, in welchem die harten Sandalen klappernd auf den festen und steinigen Boden fielen, beschleunigt hätten. Zuletzt bewegten sie sich so schnell von der Stelle, daß ein trabendes Pferd Mühe gehabt hätte, gleichen Schritt mit ihnen zu halten, ungeachtet der sich vielfach wiederholenden breiten Regenfurchen und der aus Gestrüpp und scharfem Gestein bestehenden Hindernisse, über welche sie, um die nackten Glieder nicht zu verletzen, mit der Gewandtheit und Sicherheit von verfolgten Hirschen hinwegsprangen. Ja, das waren Menschen; sie kannten nicht den Nutzen der Pferde und Lasttiere, aber die Gelegenheit, Ausdauer und Kraft von solchen hatte die Natur ihnen verliehen. Und so ging es denn fort und fort; ihre Knie bogen sich, als hätten sich stählerne Adern statt der Sehnen in denselben befunden, und leicht und elastisch fielen die durch dickes Leder geschützten Füße auf den Erdboden. Die Wölfe, die bei Einbruch der Nacht ihre Schlupfwinkel verließen und beutegierig das Tal durchstreiften, brachen mitten in ihrem unheimlichen Geheul ab, wenn sie die fünf drohenden Gestalten erblickten, und weit abwärts sprengten die Antilopen, aus Furcht, im wilden Wettlauf um's Leben eingeholt zu werden. Die Mohaves dagegen kümmerten sich weder um die Wölfe, noch um die Antilopen; sie schauten nur auf den Weg vor sich und nach der Richtung hinüber, in welcher sie ihr Ziel, Fort Utah, wußten. – Fast ebenso schnell wie die Mohaves, allein mehr nach den Abhängen der Berge hin, näherte sich ganz zu derselben Zeit noch eine andere Gesellschaft dem Fort. Dieselbe bestand aus drei Reitern und zwei losen Pferden. In ihren Bewegungen waren diese geheimnisvollen Reisenden äußerst vorsichtig, und selbst als die Dunkelheit eingetreten, machten sie große Umwege, wenn sie an einem schwachen Lichtschimmer die Nähe einer einsamen Farm oder größeren Ansiedlung erkannten. Diese drei Reiter waren Falk und die beiden Delawaren. Und während die Mohaves getreu ihrem Versprechen gegenüber Hertha Jansen nach Fort Utah eilten, um Leutnant Weatherton zu beschützen, so ritten jene dorthin mit dem Vorsatz, ihn und das Mormonenmädchen endgültig zu befreien ...