Balduin Möllhausen Die Familie Melville Erstes Kapitel. Am Dardanell-Felsen. Es war zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges. Die ersten Schlachten, gleichsam Schulschlachten, waren zwischen den beiden sich wild aufrüttelnden mächtigen Gegnern mit wechselndem Glück geschlagen worden, und bis in die entferntesten Gebiete der Union hinein fanden Gefechte und Scharmützel von geringerer Bedeutung statt. Am entsetzlichsten wütete die Kriegsfurie in ihrem jähen Erwachen westlich vom Mississippi. Im Staate Missouri zeugten brennende Ortschaften, ausgeplünderte und verwüstete Farmen, kühne Guerilla- oder vielmehr Räuberbanden und obdachlose Flüchtlinge von einer Erbitterung und Erbarmungslosigkeit, wie sie eben nur in einem Bürgerkriege gezeitigt werden können. Auf seiten des Nordens wie auf seiten der Rebellen fochten Indianerstämme. Die Tage des Unabhängigkeitskrieges der Union schienen zurückgekehrt zu sein. Sogar bereits halbzivilisierte Eingeborene griffen zum Skalpiermesser und huldigten altem barbarischem Brauch. Im Staate Arkansas stießen die Rebellen unter Cooper und die Cherokesen unter ihrem Häuptling Opoth-lei-hoho aufeinander. Bald in größeren Abteilungen, bald in kleineren Gruppen stellten sie sich gegenseitig nach. Wo die Übermacht auf seiten der Rebellen war, da glichen Scharfsinn und Verschlagenheit der braunen Krieger und Jäger das Mißverhältnis wieder aus. Eine entscheidende Wirkung auf das Ganze war von dem Treiben dieser nur wenig zahlreichen Gegner allerdings nicht zu erwarten; wohl aber erhöhte es die Unsicherheit des von ihnen beherrschten Bodens.   Es war im Spätsommer des Jahres 1861, an dem Tage, an dem der Dardanellfelsen, ein Punkt etwa 150 englische Meilen oberhalb der Mündung des Arkansas in den Mississippi, als Marke für eine nächtliche Zusammenkunft galt! Schäumend und wirbelreich wälzte der nach schweren Regengüssen geschwollene Arkansas seine jetzt beinahe ziegelfarbigen Fluten dem Vater der Flüsse, dem Mississippi, zu. Es war ein wildes, unheimliches Tosen und Brausen; doppelt unheimlich unter dem Mantel einer stürmischen Nacht und in der wechselnden Beleuchtung des zeitweise zwischen jagendem Gewölk hervorlugenden Mondes. In dem breiten Kamin des am Dardanellfelsen gelegenen, nur ein einziges Gemach umschließenden Fährhauses brannte seit langer Zeit zum ersten Male wieder ein mit Holz verschwenderisch genährtes Feuer. Unstet beleuchteten die in den schwarzen Schlot hineinschlagenden Flammen vier nackte Blockwände und zwei mit diesen gewissermaßen aus einem Stück bestehende rohgezimmerte leere Bettstellen. Außer einem elenden Tisch, zwei lahmen Schemeln und zwei Bänken waren keine Möbel sichtbar. Was nur irgend fortzuschaffen gewesen war, hatte der frühere Bewohner, sobald er sich dort nicht mehr sicher fühlte, mitgenommen, den eintreffenden Reisenden anheimgebend, ihren Übergang über den Strom bei der weiter westlich gelegenen Stadt Van Buren zu bewerkstelligen. Zwei Gestalten saßen vor dem Kamin, die eines älteren, bereits etwas ergrauten Mannes im hellblauen Soldatenmantel und entsprechender Kopfbedeckung, und eine junge Frau, die zum Schutz gegen das Unwetter einen roten Baschlick um Haupt und Hals geschlungen hatte. Beide trugen im Äußeren die unverkennbaren Spuren eines langen Rittes auf morastigen Wegen und unter einem regnerischen Himmel. Nur selten fielen einige Worte zwischen ihnen, und diese klangen wie beiläufige Bemerkungen. Eine längere Pause des Schweigens war verronnen. Das Holz in dem Kamin knisterte und knackte unter dem verzehrenden Feuer und sandte dumpf polternd seine Flammen in den schadhaften Lehmschornstein hinein. Da erscholl an der Außenseite der Kaminwand das Stampfen und Scharren eines Pferdehufes, dem mehrfaches Schnauben folgte. »Die Tiere werden ungeduldig,« bemerkte der Mann, ohne die Blicke von dem Feuer abzuziehen, »kein Wunder bei diesem Wetter. Wir hätten einen günstigeren Tag wählen sollen.« Die junge Frau warf das Haupt empor. Ihre Augen sprühten förmlich in feindseliger Erregung. Um den lieblichen Mund vertiefte sich dagegen der Leidenszug, indem sie antwortete: »Deinetwegen und um der Tiere willen wäre ein anderer Tag mir recht gewesen. Ich selbst aber hätte um keinen Preis die letzte Entscheidung auch nur um eine Stunde weiter hinausschieben mögen. Lange und schwer genug habe ich gelitten. Entweder alles oder nichts! Einen Mittelweg kenne ich nicht.« Der Offizier wiegte billigend das Haupt. Auf seinem verwitterten Antlitz einten sich ein Anflug von Befriedigung und der Ausdruck fanatischer Entschlossenheit. »Recht so,« sprach er finster in den Kamin hinein, »du bewährst dich als meine Tochter, als eine Melville, als ein echtes Kind deines südlichen Vaterlandes. Das soll dir und deinen Kindern gesegnet sein, wie auch immer alles enden mag.« Er sah empor und rief laut: »Wigham!« »Herr!« antwortete es von draußen herein. Schwere Schritte wurden vernehmbar. Gleich darauf trat durch die offene Tür ein Mann, der in seinem blauen Militärmantel und dem wasserschweren Filzhut als Mittelding zwischen Soldat und Diener erschien. »Die Pferde stehen doch unter ihren Decken?« fragte Melville halb über die Schulter. »Zu Befehl, Kolonel, eingehüllt wie ein krankes Sechswochenkind,« erklärte der gelbhaarige, vierschrötige Bursche mit scharf ausgeprägtem irländischen Akzent. »Gut, Wigham,« hieß es zurück, »es mag noch Stunden dauern, bevor wir von hier fort kommen. Bis dahin werden die Gäule nicht zugrunde gehen. Sage das den anderen und rate ihnen, die Augen offen zu halten. Dann begib dich nach der Fähre hinunter und erkundige dich, ob von der anderen Seite des Stromes her noch kein Signal erfolgte.« »Dem Kolonel zu Befehl,« versetzte Wigham, indem er sich der Türe zukehrte, worauf Vater und Tochter wieder in ihr finsteres Brüten versanken. Wigham war nach dem Kamingiebel herumgeschritten, wo in geringer Entfernung eine auf starken Pfählen ruhende einfache Bedachung eine Art Schuppen bildete. Ein kleines Feuer brannte auf einer durch aufgetürmte Zweige gegen den Wind geschützten Stelle. Es beleuchtete unstet ein halbes Dutzend gesattelter und aufgezäumter Pferde, ferner drei blaumäntelige Soldaten, die sich mit ihren Tonpfeifen die Zeit verkürzten. »Dauert's noch lange?« fragte der eine gedämpft, als Wigham herantrat. »Die Nacht mag darüber hingehen,« antwortete dieser mißvergnügt. »Beim heiligen Patrik, ich wartete lieber an jeder anderen Stelle, als gerade hier.« »Weshalb?« fragte ein anderer. »Bei Jesus,« flüsterte Wigham, und den feuchten Hut vom Haupte nehmend, strich er mit den gespreizten Fingern durch sein langes, wirres Kraushaar, »ich gehöre gerade nicht zu den Verzagten, allein wir befinden uns hier in dem Bereiche des verdammten Cherokesen Opoth-lei-hoho. Erhält der Wind von unserer Anwesenheit, so gebe ich keine Pfeife Tabak für unserer aller Leben, Mr. Stocton mit eingerechnet. Der streift Euch die Haut schneller vom Schädel, als Ihr eine Nuß knackt.« »Zum Skalpieren gehören gemeinhin zwei,« spöttelte der Soldat, »nämlich einer, der's Messer hantiert, und einer, der stillehält. Und überall zugleich kann der schlaue Häuptling nicht sein. Gestern erst hörte ich, daß er vier Tagereisen von hier einige der Unsrigen abgefangen habe.« »Ich will hoffen, daß der rothäutige Schurke etwas weniger schnell reiste, als die Nachricht, und die hat doch denselben Weg zurückgelegt,« versetzte Wigham nachdenklich. »Der Kolonel meint selber, Ihr möchtet die Augen offen halten. Ich soll zur Fähre hinunter, um auszukundschaften, wie's dort steht.« Wigham hatte kaum die Hälfte des Weges nach der Fähre zurückgelegt, als ein Schatten vor die offene Türe hinglitt. Nach kurzem argwöhnischen Umherspähen trat ein hochgewachsener Mann geräuschlos auf die Schwelle, wo er abermals säumte, offenbar um sich mit der vor ihm liegenden Räumlichkeit vertraut zu machen. Der flackernde Schein des Feuers streifte ihn nur teilweise, jedoch hinlänglich, um einen Indianer in ihm erkennen zu lassen. Sein braunes Antlitz charakterisierte eine eigentümliche, an Stumpfheit grenzende Ruhe. Nachdem der geheimnisvolle Fremde sich von der Sicherheit der nächsten Umgebung überzeugt hatte, glitt er auf seinen nassen hirschledernen Schuhen mit einer Gewandtheit und Sicherheit in das Gemach hinein, daß die beiden in ihren Betrachtungen versunkenen Gestalten vor dem Kamin seine Annäherung selbst dann noch nicht merkten, als er schon auf Armeslänge hinter ihnen stand. »Kolonel Melville,« hob er mit vorsichtig gedämpfter Stimme in fließendem, wenn auch etwas entstelltem Englisch an, »ich bin hier, um Ihnen einen guten Rat zu erteilen. Sie und die junge Lady da schweben in großer Gefahr, wenn Sie nicht vernünftig zu Werke gehen. Still,« fügte er dringend hinzu und legte die Hand flüchtig auf seine Lippen, als Melville und seine Tochter, die beim ersten Ton seiner Stimme aufgesprungen waren und sich ihm zugekehrt hatten, Miene machten, die Wachmannschaft herbeizurufen, »still; die draußen brauchen meine Botschaft nicht zuhören, oder sie mögen ebensogut wieder dahin gehen, woher sie gekommen sind.« Der Kolonel beruhigte sich, wogegen seine Tochter den braunen Krieger fortgesetzt mißtrauisch, sogar ängstlich betrachtete. »Wer seid Ihr und wer schickt Euch?« fragte der Offizier nach kurzem Sinnen, »ich vermute, Ihr gehört zu einem der getreuen Stämme, die sich dem für seine und ihre Freiheit kämpfenden Süden angeschlossen haben.« »Wer ich bin, kümmert niemand, auch nicht, wer mich schickt und wem ich diene,« erwiderte der Indianer gleichmütig, »ich denke, Sie können zufrieden sein, wenn ich Sie warne –« »Vor wem?« fiel Melville lebhaft ein, und er sandte seiner Tochter einen besorgten Blick zu. »Ich habe nicht viel Zeit,« versetzte der Indianer spöttisch, »solange gefragt wird, kann ich nicht reden. Ohren und Mund arbeiten nicht gern zugleich. Wollen Sie mich hören, ist es gut; sonst kann ich gehen; mein Weg ist offen.« »Das klingt vernünftig, Freund,« sprach der Kolonel nunmehr zuversichtlich, und nicht ohne Teilnahme betrachtete er die kriegerische Gestalt, »offenbart daher, was Euch hierher führt.« »Warnen will ich Sie. Opoth-lei-hoho und seine Cherokesen weilen in der Nachbarschaft. Sie sind hier, um den Kapitän Stocton, den Mann der jungen Lady da, zu erwarten. Kapitän Stocton ist ein Freund Opoth-lei-hohos. Opoth-lei-hoho duldet nicht, daß seine Freunde verraten werden. Kolonel Melville brachte vier Soldaten hierher mit sich. Vier Soldaten warten unten bei der Fähre. Viermal vier und mehr halten sich im Walde verborgen. Kapitän Stocton kommt allein. Will man ihn verraten, verläßt kein Soldat diesen Wald lebendig.« Sobald der Indianer schwieg, glitt ein Lächeln der Überlegenheit über Melvilles wettergebräunte Züge; dann sprach er in gehässigem Tone: »Ihr bekennt also, auf seiten der Unionisten zu stehen? Gut; niemand kann es Euch verwehren. Mich kann dagegen niemand zwingen, Euren Worten zu trauen. Erstens befindet der Cherokesen-Häuptling sich mehrere Tagereisen weit von hier, und ferner würde ich ihn nicht fürchten, wäre er mit seiner ganzen Bande zur Hand.« Um den sich zuspitzenden Blick zu verheimlichen, senkte der Indianer die Lider träge über seine Augen und mit einem Anfluge von Spott erwiderte er: »Opoth-lei-hoho ist wie der Wind. Niemand sieht ihn, bevor er ihn fühlt. Seine Männer tun, was er ihnen anbefiehlt. Sagt er, die Cherokesen stehen zu den Nördlichen, so ist es gut. Die Cherokesen wollen in Frieden ihre Äcker bestellen und den Hirsch jagen. Die Südlichen sind Feinde der Cherokesen: sie haben um nichts den Krieg begonnen.« »Was würdet Ihr sagen, wenn ich daraufhin meinen Leuten den Befehl erteilte, Euch als Feind zu behandeln und unschädlich zu machen?« fragte Melville gespannt. »Es würde mit dreißig Kugeln beantwortet werden,« erklärte der Indianer ruhig. »Wir sind also umstellt?« »Umstellt, Kolonel Melville. Sie trauen mir nicht, ich traue keinem Südlichen. Geht Kapitän Stocton ungestört von hier fort, so erfährt kein Soldat, daß inzwischen die Büchse eines Cherokesen auf ihn gerichtet gewesen. Sie mögen ungestört hingehen, woher sie gekommen sind.« »Wer behauptet, daß man Verrat gegen Kapitän Stocton plant?« fragte die junge Frau, die solange gespannt und mit wechselnden Empfindungen gelauscht hatte, nunmehr entschlossen. »Niemand behauptet es,« lautete die ruhige Antwort, »aber unter den Leuten des Kolonel Melville mag es einen Verräter geben, der ihm hinterrücks eine Kugel zusendet. Geschieht das, so mögen die Pferde ohne ihre Reiter heimkehren; das Weib des Kapitän Stocton dagegen soll die Gastfreundschaft der Cherokesen kennen lernen.« Das Antlitz der jungen Frau erhielt eine noch bleichere Farbe, ohne indessen den eigentümlichen Ausdruck fanatischer Entschlossenheit zu verlieren. »Ich bürge für seine Sicherheit,« sprach sie, und gewaltsam unterdrückte sie das Beben ihrer Stimme, »ich selbst würde ihn mit meinem Leben verteidigen. Eure Vorsicht ist daher überflüssig. Das hätte Kapitän Stocton selber wissen müssen.« Der Cherokese lächelte geringschätzig. »Kann die junge Lady eine Kugel zurückrufen, nachdem sie den Pistolenlauf verließ?« fragte er ruhig; »kann sie Stahl in Blei verwandeln, daß eine Messerspitze sich auf warmem Menschenfleisch umlegt? Nein. Ihre Bürgschaft ist nicht wert ein welkes Blatt. Geladene Büchsen sind eine bessere Bürgschaft. Aber auch ich rufe keine abgeschossene Kugel zurück; jede muß an ihr Ziel gehen.« Ratlos sah die junge Frau auf ihren Vater. Dieser starrte einige Sekunden finster vor sich nieder und kehrte sich dem Indianer wieder zu. »Gilt die Bürgschaft meiner Tochter nicht, so ist die meinige kaum mehr wert. Ich will indessen noch einmal den Befehl an meine Leute erteilen, daß derjenige, der Verrat an dem Kapitän Stocton begeht – und das könnte nur hinter meinem Rücken geschehen – sein Tun mit dem Leben büßt. Ich hoffe, dies Versprechen genügt Euch.« »Es genügt, wenn Kapitän Stocton wohlbehalten von hier fortgeht,« antwortete der Indianer gelassen. »Seine Sicherheit kann nur mein Wunsch sein,« versetzte der Kolonel kalt, »im übrigen hatte ich ihm mehr Mut zugetraut, mehr Zuversicht in das Wort eines Ehrenmannes. Nicht zum Zweck gegenseitiger feindlicher Angriffe ist diese Zusammenkunft verabredet worden. Es lag für ihn daher die Notwendigkeit nicht vor, hinter einer Rotte Eingeborener Schutz zu suchen.« Der Cherokese zuckte die Achseln und erklärte geringschätzig: »Kapitän Stocton ist ein Mann; einem furchtsamen Weibe würde Opoth-lei-hoho seinen Beistand nicht leihen. Kapitän Stocton weiß nicht, daß Opoth-lei-hoho ihn überwacht; er hätte es ihm verwehrt. Opoth-lei-hoho kennt seine Freunde, kennt seine Feinde; er weiß, wem er trauen darf,« »Zum Henker mit Eurem ewigen Opoth-lei-hoho,« versetzte der Kolonel ungeduldig, »er ist kein Gott, daß er einen freien Mann zu etwas zwingen dürfte.« »Kennt der Kolonel Melville den Cherokesen-Häuptling?« fragte der braune Krieger. »Leider sah ich ihn nie, hoffe aber, über kurz oder lang einem Manne zu begegnen, der in kindischer Verblendung wähnt, mit einer Handvoll Jäger dem Süden Abbruch tun zu können. Vielleicht vergeht ihm dann die Kriegslust.« »Sie vergeht ihm nicht, Kolonel,« nahm der Cherokese wieder das Wort, und schärfer prägte sich Spott in seinen braunen Zügen aus, »an Mut fehlt es ihm ebenfalls nicht, oder er stände jetzt nicht vor dem Kolonel Melville.« »Opoth-lei-hoho?« sprach der Kolonel erstaunt, indem er den sich nachlässig auf seine Büchse lehnenden Krieger ungläubig betrachtete. »Opoth-lei-hoho,« bestätigte dieser, und den Büchsenkolben wieder unter seine Decke bergend, schritt er in zuversichtlicher Haltung zur Türe hinaus. Erst nachdem er aus der nächsten Nachbarschaft verschwunden war, ohne die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich gezogen zu haben, kehrte der Kolonel sich seiner bestürzten Tochter zu. »War es der verschlagene Häuptling selber,« sprach er zweifelnd, »so sind wir in der Tat umstellt. Unmittelbare Gefahr droht uns indessen nicht – wer möchte wagen, gegen meine Befehle zu handeln – aber ein eigentümliches Licht wirft es auf den Unionisten-Kapitän Stocton, daß er sich zum Freunde und Genossen wilder Eingeborener herabwürdigte.« »Es kann nur geschehen sein, um die Zusammenkunft überhaupt zu ermöglichen,« versetzte die junge Frau noch immer heftig erregt, »ich kenne ihn; nach dieser Richtung hin trifft ihn kein Vorwurf; er ist zu stolz. Du hörtest, was der Häuptling sagte: Stocton ahnt nicht, daß ihn jemand überwacht.« »Gleichviel,« erwiderte Melville düster, »meine Hoffnung, der Konföderation einen begabten Offizier, dir den Gatten und deinen Kindern ihren Vater zu erhalten, ist vernichtet. Hinge es von mir allein ab, so ließe ich sofort die Pferde vorführen –« »Nein, Vater,« fiel Mrs. Stocton leidenschaftlich ein, »ich will ihn sehen, muß ihn sehen. Ein letztes Wort will ich an ihn richten, bleibt er auch dann noch ungerührt, so bin ich nicht verantwortlich für die Folgen, und ergebungsvoll beuge ich mich unter das Verhängnis. Aber des Häuptlings Worte klangen so zuversichtlich, zeugten von einer so genauen Kenntnis aller Vorgänge: sollte er nicht dennoch ausgekundschaftet haben, daß einer der Unsrigen in blindem Eifer oder im Auftrage eines weniger gewissenhaften Patrioten sich mit irgendeinem unheilvollen Plane trägt? Ich zittere bei dem Gedanken, daß die Zusammenkunft, zu der ich selbst ihn herbeirief, ihm zum Verderben gereichen könne,« und als hätte ein ihr vorschwebendes Schreckensbild sie erschüttert, ließ sie sich schwerfällig auf ihren Schemel nieder. »Fürchte nichts,« beruhigte sie der Kolonel finster, »Möglichkeiten, wie sie deine Phantasie schafft, sind ausgeschlossen. Ich wäre ja entehrt, wenn – doch nein, meine Befehle lauteten unzweideutig; aber ich will sie erneuern, mag es immerhin überflüssig sein.« Er schritt aus dem Gemach und nach dem Schuppen hinüber. »Korporal!« rief Melville in den Schuppen hinein, »besteigen Sie Ihr Pferd und reiten Sie zum Nachtrab. Schärfen Sie den Leuten ein, daß der Kapitän Stocton unter meinem eigensten persönlichen Schutz stehe. Eine feindselige Handlung gegen ihn wäre gleichbedeutend mit einem Angriff auf mich oder meine Tochter selbst!« »Dem Kolonel zu Befehl,« lautete die Antwort des Korporals, der aufgesprungen und neben sein Pferd hingetreten war. Er hatte die Decke vom Sattel genommen, als Melville streng hinzufügte: »Raten Sie zur größten Wachsamkeit. Der Teufel traue dem listigen Cherokesen-Häuptling, Er kann ebenso gut in der Nachbarschaft, wie auf jeder anderen Stelle lauern. Was sich auch ereignen mag, es wird nicht angegriffen. Kein Schuß darf, vor einem unzweifelhaften feindlichen Angriff abgegeben werden.« »Zu Befehl,« wiederholte der Korporal, indem er sein Pferd aus dem Schuppten führte, und gleich darauf trabte er davon. »Es ist nichts mehr zu befürchten, selbst wenn der braune Schurke die Wahrheit gesprochen haben sollte,« begann Melville, als er wieder neben seiner Tochter vor dem Kamin Platz genommen hatte, »Fasse also Mut; zeige dich auch fernerhin als eine würdige Tochter des Südens, die nicht schwankt, sogar ihr Herz auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen.« Zweites Kapitel. Der Anschlag. Während Opoth-lei-hoho in dem Fährhause weilte, war Wigham nicht müßig geblieben. Von dem natürlichen Drange beseelt, wieder in den Schutz des Schuppens zu gelangen, beschleunigte er seine Schritte. Die weniger morastige Mitte des Weges haltend, hatte er die Hälfte der ihn von der Fähre trennenden Strecke zurückgelegt, als er plötzlich in der nahen dichten Straßeneinfassung seinen Namen nennen hörte. Bestürzt blieb er stehen, und sich dahin kehrend, von woher die Stimme zu ihm gedrungen war, fragte er mißtrauisch, wer ihn rufe. »Jemand, der Sie für einen tapferen und getreuen Burschen hält, jedoch Ursache hat, seine Anwesenheit hier vor allen, außer vor Ihnen, zu verheimlichen,« hieß es zurück. Zögernd trat Wigham bis an das von hohen Bäumen überdachte Gebüsch vor. Wohl entdeckte er am Rande desselben eine schattenähnliche Gestalt, allein vergeblich mühte er sich, sie zu erkennen. »So müssen Sie auch eine Ursache haben, mich hier zu erwarten,« meinte er, »da möchte ich zunächst wissen, mit wem ich rede.« »Das ist vorläufig unwesentlich,« lautete die Erwiderung, »es handelt sich in erster Reihe darum, ob Sie hinlänglich Unerschrockenheit besitzen, dem Lande, welchem Sie jetzt angehören, einen Dienst zu leisten, der Ihnen zugleich eine hübsche runde Summe einträgt.« »Sie selber können's nicht?« fragte der schlaue Irländer. »Nein,« antwortete der geheimnisvolle Fremde kurz, »wenigstens nicht im ganzen Umfange. Doch ich traue Ihnen und will daher offen sein. Ich kann ein wichtiges Ereignis wohl einleiten, dagegen würde die letzte Entscheidung durch meine Hand mir an maßgebender Stelle verdacht werden. Ihnen dagegen brächte sie als die gerechtfertigte Handlung eines blindlings für eine gute Sache kämpfenden Patrioten Ehre und schließlich Vorteil ein. Stelle ich Ihnen aber eine klingende Belohnung in Aussicht, so geschieht es, um Sie zu entschädigen, wenn eine schnelle Tat hier oder da einen ernsten Verweis zur Folge haben sollte.« Argwöhnisch säumte der Irländer einige Sekunden, bevor er listig berechnend antwortete: »Der Kolonel Melville erwartet mich bald zurück, daher möchte der Herr sich mit seinen Aufschlüssen lieber beeilen.« »In dieser Zeit und in diesem Teil des Landes ist jede Verspätung leicht entschuldigt,« versetzte der Fremde ungeduldig, »damit Sie aber begreifen, daß ich's ernstlich meine, und die Angelegenheit von hoher Wichtigkeit ist, nehmen Sie das,« und er drückte dem Irländer eine Münze in die Hand, an deren Form und Gewicht dieser ein goldenes Zwanzigdollarstück erkannte. »Was habe ich dafür zu tun?« fragte Wigham eifrig. »Für diese Anzahlung nicht mehr, als daß Sie das Geld in die Tasche stecken und, im Falle mein Vorschlag Ihnen nicht behagt, darüber schweigen, hier überhaupt jemand gesehen und gesprochen zu haben. Ich finde wohl einen anderen, der sich als ein zuverlässiger Sezessionist ausweist und gern ein halbes Dutzend solcher Münzen mit in den Kauf nimmt.« »Zuvor müßte ich wissen, was bezweckt wird. Der Henker mag sich in einer Sache entscheiden, die ihm so dunkel ist, wie das Innere einer leeren Tonne.« »Recht so, Mann, anderes erwarte und verlange ich nicht. Des Kolonels Schwiegersohn, der Kapitän Stocton, ist Ihnen nicht fremd?« »Sah ihn zwar nur einmal und flüchtig obenein, aber auf hundert Ellen würd' ich ihn wiedererkennen, und wär's nicht heller, als 'ne halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Nebenbei ein Verräter erster Klasse, der Kapitän –« »Ohne Zweifel,« fiel der Fremde gehässig ein, »ein so hinterlistiger Landesverräter, wie nur je einer verdiente, gehangen zu werden. Und einen solchen ehrlosen Menschen erwarten der Kolonel und seine Tochter noch in dieser Nacht.« »Ich befand mich eben auf dem Wege, nachzuforschen, ob er von der anderen Seite des Stromes her noch kein Signal gab.« »Er kann also in der nächsten halben Stunde auf dieser Seite landen? Wohlan denn, den Zweck dieser Zusammenkunft errät jeder. Man will versuchen, ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen. Das weitere ist zweifelhaft. Gesellt er sich seinen Angehörigen wieder zu, so ist der Süden um eine vorzügliche Kraft bereichert; lehnt er dagegen die Einigung ab, so mag der Kolonel ihn als Gefangenen mit fortnehmen, was gleichbedeutend damit ist, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt und nach kurzem Prozeß füsiliert wird. Daran glaube ich indessen nicht. Der Kolonel, und mehr noch seine Tochter, werden nie die Hand zu einem derartigen Verfahren bieten, man wird ihm vielmehr freien Abzug gewähren, das soll aber nicht geschehen. Wo und wie nur immer möglich, müssen die Unionisten geschädigt und geschwächt werden, und deshalb darf dieser Stocton, wenn er starrsinnig auf seinem ersten Entschlusse beharrt, das jenseitige Ufer nicht mehr erreichen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?« »Sie meinen, daß eine sich zufällig entladende Pistole ihre Kugel durch seinen Schädel sendete?« »Nicht genau das. Der Schuß würde den Kolonel herbeirufen und damit dessen Tochter; welche Szenen sich dann aber abspielen würden, ist nicht abzusehen, zumal es mehr als wahrscheinlich ist, daß der Kolonel sein Ehrenwort für des Verräters Sicherheit verpfändete.« »Da möchte er es dem schlechten Dank wissen, der sein Ehrenwort vor die Hunde warf,« wendete Wigham mürrisch ein. »Für das, was ohne sein Dazutun geschieht, wird dem Kolonel keine Schuld zugemessen,« erklärte der Fremde etwas dringlicher, »sein Ehrenwort bleibt unangetastet, und wer weiß, ob er die einfachste Lösung des ihn selbst und seine Tochter entwürdigenden Verhältnisses nicht nachträglich willkommen heißt. Am wenigsten trifft den Täter ein Vorwurf. Will der eine oder der andere sich durch eine kühne Tat auszeichnen, bleibt's ihm unbenommen. Wer kann überhaupt einen Täter zur Rechenschaft ziehen, wenn alles geräuschlos erledigt wird? Bedürfte es doch nur einer kleinen Nachhilfe, um jemand vom Uferrande aus in dem wütenden Strome verschwinden zulassen.« »Sie selbst möchten die kleine Nachhilfe nicht übernehmen?« »Mit wahrer Lust wollte ich nicht nur Stocton, sondern alle nordstaatlichen Offiziere auf einen Schlag vernichten – im Kriege gilt ja jedes Mittel – wäre ich nicht gezwungen, dem Kolonel gegenüber Rücksichten walten zu lassen. So darf dieser auch nie erfahren, daß er selber überwacht wurde; das ist zugleich Ursache der Verheimlichung meiner Anwesenheit hier. Also entscheiden Sie sich, ob ich auf Ihren Dienst zählen kann oder nicht.« »Die Angelegenheit möchte ich mir zuvor ein wenig überlegen,« versetzte Wigham nachdenklich, doch offenbarte sich in seiner Stimme, daß der Vorschlag eines Mordes, den er als im Einklang mit dem Kriegsrecht stehend betrachtete, nicht mißfällig von ihm beurteilt wurde, »ich kalkuliere, bevor der Kapitän wirklich auf dieser Seite landete, läßt sich nicht viel machen –« Er verstummte erschrocken. Mit dem Brausen des Sturmes einte sich der Ruf der großen Ohreule, der von der Höhe des Dardanellfelsens herniederzudringen schien. Geisterhaft hohl und dennoch scharf vibrierend glich er dem unheimlich klagenden Lachen, von einem Wahnwitzigen entsendet. »Das klingt grausig,« flüsterte Wigham, und ängstlich spähte er die vom Monde notdürftig beleuchtete Straße aufwärts und abwärts. Plötzlich kehrte er sich dem ihn gespannt beobachtenden Fremden zu. »Es kommt jemand,« sprach er noch leiser, als hätte er bereits den Mordstahl auf jemand gezückt gehabt, »da – jetzt befindet er sich im Schatten – vielleicht der Kolonel selber –« »Unsinn,« fiel der Fremde ein, und sich nach vorn neigend suchte er ebenfalls die Straße aufwärts zu überblicken, nicht achtend, daß ein Streifen Mondlicht sein Antlitz voll traf und Wigham dasselbe mit einem Ausdruck des Erstaunens und des Verständnisses betrachtete. »Unsinn, Mann,« wiederholte er, »was sollte den Kolonel bewegen, Ihnen nachzuschleichen? Ich sehe niemand. Sie haben den Schatten eines vom Winde geschwungenen Zweiges für einen Menschen angesehen.« Wighams Erstaunen war bereits wieder hinter neu erwachender Besorgnis zurückgetreten. Den zum Teil beleuchteten Weg entlangspähend, raunte er dem Fremden zu: »Nein, nein, ich verschwöre meine Seele, daß ich einen Mann sah –« »So müßte er wieder zum Vorschein kommen, denn in den nassen Wald einzudringen, hätte er sicher keine Veranlassung.« »Wüßte ich nicht, daß diese Gegend augenblicklich frei von dem schuftigen Gesindel, möcht ich vermuten, daß da drüben eine Rothaut herumkroch.« »Woher sollte die kommen? Das Mondlicht spielte Ihnen einen Streich, das ist alles.« Wigham, der keine weitere Bewegung entdeckte, hatte sich beruhigt und kehrte sich dem Fremden wieder zu. »War mir doch, als hätte ich Ihre Stimme schon früher gehört, Mr. Slowfield,« begann er, scheinbar nicht bemerkend, daß dieser unwillkürlich einen Schritt zurücktrat, »es bedurfte also nur einer Probe Mondlicht, um einen alten Freund des Kolonels festzustellen, und das ist ein Vorteil obendrein. Weiß ich doch, woran ich bin, und ein ordentliches Vertrauen zu Ihnen besitze ich ebenfalls. Das erleichtert nämlich die ganze Angelegenheit. Aber ich muß fort. Sagen Sie mir, wo ich Sie finde, nachdem ich mir die Angelegenheit gehörig überlegt habe.« Slowfield hatte sich gefaßt und antwortete, als wäre es ihm gleichgültig, erkannt worden zu sein: »Hier auf dieser Stelle, höchstens etwas weiter abwärts der Fähre zu. Halten Sie sich auf dieser Seite des Weges. Ich rufe Sie wieder an.« »Gut, gut,« versetzte der Irländer hastig, und einen letzten scheuen Blick nach der Stelle hinüber sendend, auf der er eine verdächtige Bewegung entdeckt zu haben glaubte, begab er sich eiligen Schrittes nach der Fähre. Gleich darauf tönte ihm ein kurzes: »Wer geht da?« entgegen, begleitet von dem Knacken eines Büchsenhahns. »Wigham selber,« antwortete der Ire, »strapaziere dein Schießholz nicht ohne Not.« »Verdammtes Wetter,« hieß es aus dem Schatten der mit den Kronen dicht ineinander verschlungenen Bäume zurück, »der Kolonel hätte immerhin 'nen besseren Tag zu seinem Ausfluge wählen Können.« »Wo steckt Moulder?« fragte Wigham nach der ersten flüchtigen Begrüßung. »Steht Wache auf dem Ufervorsprung,« lautete die Antwort, »das ist der einzige Punkt, von dem aus man 'nen Blick um den Dardanellfelsen herumwerfen kann, und was hier landen will, muß von oben herunter kommen.« »Dem Alten wird die Zeit lang,« nahm Wigham wieder das Wort, »ich soll fragen, ob noch kein Signal erfolgte.« »Bis jetzt nichts zu hören oder zu sehen. Nur da oben auf dem Dardanellfelsen schreit ein Höllenvogel. Man sollte glauben, des Teufels Großmutter lache in den Wind hinein.« »Also nichts,« sprach Wigham verdrossen, »freilich, es gehört schon viel Lust dazu, sich dem wilden Wasser anzuvertrauen; aber Kapitän Stocton ist nicht der Mann, vor einer Gefahr zurückzuschrecken.« »Soll mich wundern, ob die beiden sich aussöhnen,« bemerkte der eine Soldat. »Viel Glauben daran habe ich nicht, wenn's auch der beste Ausweg wäre,« sprach Wigham zögernd, wie in Gedanken, »eine Schande nenn ich's obendrein, solch seinen Offizier an die Nördlichen abzutreten. Ihr sollt ihn wohl wie 'nen Deserteur behandeln?« »Gerade das Gegenteil. Er käme im Vertrauen, hieß es, und das müsse geachtet werden. Das Fährhaus findet er ohne uns; aber seine Begleiter sollen wir nicht von dannen lassen und scharf überwachen. Es gehören schon ein gut halb Dutzend Paar Hände dazu, den Prahm, oder welcher Art Fahrzeug es sein mag, durch die Strudel und zwischen dem Treibholz hindurchzulotsen.« Der Mann, der so lange auf dem Ufervorsprung gestanden hatte, erschien vor dem Feuer. »Es meldet sich jemand,« sprach er, während er in dem Feuer störte, und einen armdicken Ast, dessen oberes Ende rote Kohlen umhüllten, aus der Glut ziehend, fügte er hinzu: »Der hält eine Weile aus, und 'ne Ewigkeit dauert's ja nicht.« Er schwang ihn vor sich im Kreise, bis er flammte und flackerte, und träge kehrte er auf seinen Posten zurück. Wigham, aus doppelten Gründen neugierig, folgte ihm nach. Sich über den Uferrand vorbeugend, gewahrte er stromaufwärts in der Entfernung von etwa tausend Ellen auf dem jenseitigen Ufer ein schnell an Umfang gewinnendes Feuer, neben dem ein fackelartig brennendes Holzscheit geschwungen wurde. »Das ist das richtige Signal,« bemerkte der Posten, seinen Feuerbrand ebenfalls schwingend, »werden ihre Not haben, den Strom zu kreuzen. Wir können nicht mehr tun, als ihnen den Weg zeigen.« »So will ich's dem Kolonel melden,« erwiderte Wigham, und er kehrte sich der Lagerstätte wieder zu, »er mag schon ungeduldig geworden sein.« Indem er an dem Feuer vorüberschritt, tönte von dem Gipfel des Dardanellfelsens abermals das Lachen des Uhu nieder. »Das Vieh hat mehr Vergnügen an dem Hundewetter, als unsereins,« sprach der eine Soldat unwirsch. »Eine irische Nachtigall singt lieblicher, beim heiligen Patrik,« versetzte Wigham, und um das Strauchdickicht herumbiegend begab er sich in den Hohlweg hinunter. Wiederum wurde er unterwegs angehalten. »Ihre Augen haben Ihnen einen Streich gespielt,« redete Slowfield ihn an, als er zu ihm in den Schatten des Gebüsches trat, »seitdem Sie gingen, wendete ich keinen Blick von der verdächtigen Stelle; die Ohren spitzte ich, wie der Fuchs vor dem Hühnerstall, aber ich sah weder eine Bewegung, noch hörte ich eine solche.« Dann, nachdem Wigham ihn über das Aufflammen des Signalfeuers belehrt hatte, kam er auf das früher geführte Gespräch zurück. Wohl fünf Minuten verhandelten sie flüsternd miteinander; als Wigham sich endlich von ihm trennte, geschah es mit einem kräftigen Händedruck. Ein wenig später trat der Irländer bei dem Kolonel ein, seine längere Abwesenheit damit entschuldigend, daß er das Signal abgewartet habe. »So muß er bald hier sein,« antwortete Melville. Er erhob sich und warf einen Blick des Zweifels auf seine Tochter, die bei dieser Kunde schauderte und Haupt und Nacken etwas tiefer beugte. Erzwungen gleichmütig fügte er hinzu: »Es ist gut, Wigham; geh' hinaus zu den anderen und sorge dafür, daß während des Kapitäns Anwesenheit niemand den Schuppen verläßt. Sobald er eingetreten ist, begib dich nach der Fähre hinunter und rufe die Wache hierher. Es soll auch der Schein gemieden werden, als mißtrauten wir ihm oder seiner Eskorte.« Er säumte, bis der ???unleserlich aus der Tür getreten war, und sich Mrs. Stocton zuwendend fuhr er fort: »Auch ich gehe; ungestört sollst du mit ihm verhandeln. Du aber zeige dich stark. Vergiß nicht, daß du eine Melville bist, daß das Vaterland ein heiliges Recht besitzt, Gut und Blut, Leib und Leben von seinen Kindern zu fordern.« Da richtete die junge Frau sich stolz empor. Matte Röte breitete sich über ihr schönes Antlitz aus. Die aus den großen braunen Augen sprühende Begeisterung verlieh demselben einen feindseligen Charakter. »Ich vergesse nichts,« sprach sie fest, »nicht, daß die Gemeinschaft mit den verhaßten Feinden unserer südlichen Institutionen ihm höher galt, als seine Familie, nicht, daß er durch Mitnahme seiner Kompagnie zum doppelten Verräter an uns wurde. Nein, ich vergesse nichts.« »Du denkst und sprichst wie eine edle Römerin des Altertums,« versetzte Melville, und zügelloser Fanatismus trieb auch ihm das Blut bis in die Schläfen hinauf, färbte sein Antlitz braunrot; »trotzdem besitzest du ein Herz, ein zärtliches Gemüt, welches nicht immer gewappnet ist gegen verweichlichende Regungen. Wenn du also derartige Anwandlungen befürchtest, verschollene Kinderträume deinen klaren Blick zu trüben, dein Urteil zu beeinflussen drohen, dann vergegenwärtige dir, daß durch jenes Fenster die Augen deines Vaters mit Stolz auf dich gerichtet sind, daß ich jedes einzelne deiner Worte höre und verstehe. Ja, meine Tochter, das tue in den Minuten der Anfechtung, und neue Kraft wird dich durchströmen, deinen Willen zu dem einer wirklichen Heldin erhärten.« Er drückte Mrs. Stocton die Hand, die die seinige ehrerbietig an die Lippen hob; dann schritt er in aufrechter, zuversichtlicher Haltung ins Freie hinaus.   Das Signalfeuer, nach welchem der Wachtposten ausschaute, hatte sich gleich nach Wigharns Entfernung vom Ufer getrennt und war der Mitte des Stromes zugeglitten. Bald darauf erwies sich, daß dasselbe auf dem Vorderteil eines Prahms brannte, der heftig gegen die wütende Strömung kämpfte. Inzwischen ertönte ???hoch das geisterhafte Lachen des Uhus. Niemand achtete darauf, noch weniger unterschied jemand, daß ein Mann, der so lange neben dem die Spitze des Felsens krönenden halbverwitterten Baumskelett gestanden hatte, seine Warte verließ und, behutsam den Schatten suchend, in das den natürlichen Bau umringende Dickicht hinabkletterte. Die Soldaten, denen die Bewachung der Fährstelle oblag, waren unterdessen auf den äußersten Rand des Vorsprungs getreten, von wo aus sie den Prahm scharf im Auge behielten. Bis auf etwa zwanzig Meter trieb er heran, als es zu ihnen herüberschallte: »Achtung! Fangt die Leine!« Gleich darauf fiel ein Tau, im Fluge sorgfältig zusammengelegten Ringen sich entwindend, zwischen den Männern nieder. Hastig ergriffen sie es und schlangen es einige Male um den nächsten Stamm. Indem das Seil sich aber anspannte, erschütterte die Strömung den Prahm in einer Weise, daß er umzuschlagen drohte und das seitlängs von ihm sich stauende Wasser in einer breiten Welle über Bord schlug. Doch kundige Arme handhabten Ruder und Stangen; in einigen Sekunden war das Gleichgewicht wieder hergestellt, der Prahm schwang vor dem straffen Tau herum, und dieselbe Strömung, die eben noch dem unbeholfenen Fahrzeug verderblich zu werden drohte, preßte es nunmehr ans Ufer, um es dort festzuhalten. »Ist Kapitän Stocton an Bord?« fragte der mit der Führung der Wache beauftragte Gefreite, sobald das Fahrzeug zum Stillstand gelangt war. »An Bord!« tönte eine tiefe, befehlshaberische Stimme zurück, und aus einer Gruppe von acht Männern, anscheinend bewaffnete Indianer zivilisierterer Stämme, trat eine hohe, breitschulterige Gestalt bis dicht an das Ufer vor. »So wird Kapitän Stocton gebeten, sich nach dem Fährhause zu begeben,« erklärte der Gefreite, »seine Begleitung wird dagegen auf dem Prahm zurückbleiben. Ich soll vermelden, in Kriegszeiten müßte auf die Formen der Sicherheit gehalten werden.« »Ich verstehe,« antwortete Stocton bitter, »hegte ich selber ähnliches Mißtrauen, wie diejenigen, die mich erwarten, so würde die Zusammenkunft schwerlich stattgefunden haben.« Dann kehrte er sich nach seinen Begleitern um. »Verliert nicht die Geduld,« rief er ihnen zu, »eine Stunde mag's dauern und länger. Sollte ich bei Tagesanbruch nicht zurück sein, so laßt's Opoth-lei-hoho wissen.« Dann wendete er sich wieder zu dem Gefreiten: »Ihr seht, mein Freund, auch ich weiß die Formen der Sicherheit zu beobachten; wir leben ja in einem Kriege, in dem Hinterlist und Verrat an der Tagesordnung sind.« »Ich erfüllte nur den mir erteilten Befehl,« versetzte der Gefreite, sich unwillkürlich der Autorität des feindlichen Offiziers unterordnend. »Ich weiß, ich weiß,« beruhigte Stocton, »diejenigen aber, die Euch den Befehl erteilten, müssen mich wenig kennen,« und den weiten Militärmantel, den ein Windstoß ihm von den Schultern zu reißen drohte, um sich zusammenschlagend, schritt er davon. Stocton schien nicht unempfindlich gegen das Wetter zu sein; denn soweit gelangt, daß die erhellte offene Tür des Blockhauses in seinem Gesichtskreise lag, blieb er plötzlich stehen, als ob Unentschlossenheit und Zweifel sich seiner bemächtigt hätten. Der heftig gepeitschte Regen traf ihn ins Gesicht, doch er rührte sich nicht. Kleiner wurde seine Gestalt, indem er, wie vor Ermattung, Haupt und Schultern beugte, unsicherer, schlaff seine Haltung. Erst nach einer längeren Pause ermannte er sich wieder und festen Schrittes ging er auf das Fährhaus zu. Mit derselben erzwungenen, beinahe an Trotz grenzenden Ruhe trat er durch die Türe und bis in die Mitte des Gemaches vor, wo er stehen blieb. Durch einen flüchtigen Blick überzeugte er sich, daß außer der jungen Frau niemand anwesend war, dann kehrte er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu. Mrs. Stocton hatte sich erhoben und betrachtete ihn ohne das leiseste Zeichen innerer Erregung. Wohl eine Minute standen die einst so innig Vertrauten einander schweigend gegenüber. Einer sonnigen Vergangenheit, der Tage eines ungetrübten glücklichen Familienlebens gedachten sie schwerlich. In der tödlichen Spannung dagegen, die sich in den Zügen beider ausprägte, in der Scheu, das peinliche Schweigen zu brechen, offenbarte sich, daß jene Regungen, die sie einst jauchzenden Herzens zusammenführten, noch in ihnen lebten. »Marianne, welch ein Wiedersehen,« hob Stocton endlich an, und seine bewegte Stimme übertönte kaum das Prasseln des Regens auf dem Schindeldach und das Rauschen in den schwankenden Baumwipfeln, »und doch ist die letzte Hoffnung nicht ausgeschlossen, oder du hättest die schreckliche Reise hierher nicht unternommen.« »Ja, ich unternahm sie,« antwortete Marianne herbe, »ich wollte nicht den Vorwurf auf mich laden, dir die Überbrückung der uns scheidenden Kluft, deine Rückkehr zu Frau und Kind unmöglich gemacht zu haben.« Tiefer prägte sich nach diesen Worten der Leidenszug auf dem Antlitz des Kapitäns aus. Enthielten sie doch alles, was eine weitere Unterredung eigentlich überflüssig machte. Eine Weile betrachtete er die Gattin, die Mutter seiner Kinder, wie sich fragend, ob es denn Wirklichkeit sein könne, daß in einer mit so vielen holden Reizen geschmückten Gestalt ein derartiger fanatischer Starrsinn wohne, dann bemerkte er sichtbar ergriffen: »Nein, Marianne, die letzte Hoffnung gab ich nicht auf. Ich fühle sie sogar wachsen, indem ich erwäge, daß dein Vater, der dich hierher begleitete, sich mit unzweideutiger Absicht fern hält. Dankbar erkenne ich seinen dadurch offenbarten Wunsch an, dich in keiner Weise zu beeinflussen. Es fände wohl gar seine Billigung, wenn wir nach der schweren Prüfungszeit aufs neue geeinigt dieses Haus verließen.« In Mariannes Antlitz schoß jähe Röte. Es bestürmte sie das Bewußtsein, zurzeit von ihrem Vater überwacht zu werden und also eine Täuschung an dem zu begehen, der ihr gegenüber nur die hingebendste Offenheit kannte. Doch fast ebenso schnell machte sich gerade jener Einfluß, den Stocton heimlich fürchtete, bei ihr geltend, und so antwortete sie entschlossen: »Gewiß, Charles, es würde meinen Vater hoch beglücken, verließen wir dieses Haus Hand in Hand. Er würde die Stunde segnen, in der ich mich entschloß, deiner Aufforderung Folge zu leisten, trotz aller Hindernisse und Gefahren ein Wiedersehen herbeizuführen. Ich begriff ja, daß briefliche Erörterungen zum Ausgleich von Gegensätzen nicht genügen, das geschriebene Wort uns kalt entgegenstarrt, wo die Stimme inniger zum Herzen spricht. Ja, Charles, wie damals unser erstes heimliches Verlöbnis, o, höher noch würde es mich beglücken, gingen wir vereinigt von dannen; dieses Glück aber mir zu bereiten, unseren Kindern den Vater zurückzugeben – alles, alles liegt allein in deiner Hand.« »Mit anderen Worten: du verlangst, ich soll auf dem von mir eingeschlagenen Wege umkehren,« versetzte Stocton düster; »du übersiehst, daß nicht ich von dir ging, sondern du meine Abwesenheit benütztest, unter Mitnahme der Kinder dich von deinem Heim zu entfernen, unserer Kinder, an die du kein heiligeres Anrecht hast, als ich. Du übersiehst, daß mit der von dir herbeigeführten Trennung du eine schwere Verantwortlichkeit auf dich ludest, dich versündigtest an dem Gebot, unter dem unsere Hände einst ineinander gelegt wurden, an dem Gebot: Du sollst dem Manne deiner Wahl folgen, ihm untertan und treu sein unter allen Wechselfällen des Lebens. Kehre daher um, Marianne; laß es wieder so sein, wie es gewesen.« »Und was übersiehst du?« fiel Marianne bitter ein, und ein Zornesblitz zuckte aus ihren großen, glanzvollen Augen. »Wohl war es ein schöner Tag, als ich mit dir vor den Altar trat; wohl folgten schöne Jahre, in denen du, der in der Welt vereinsamt Dastehende, dich aus vollem Herzen als Mitglied der Familie der Melvilles bekanntest, Freud und Leid getreulich mit uns allen teiltest, ich selbst mein höchstes Glück darin fand, in deinen Augen innige Zufriedenheit zu lesen, und doch war alles nur ein Traum. Der Süden zerbrach im hehren Bewußtsein unerschütterlicher Kraft und stolz auf die Institutionen, die seinen Eigentümlichkeiten angepaßt worden, die Fesseln, die der krämerische, von innerer Korruption angefressene Norden ihm anzulegen trachtete. Das aber genügte, dich zu einem Verräter an deiner Familie und allen denjenigen zu machen, die so lange mit unerschütterlichem Vertrauen auf dich geblickt hatten. Ja, ich wiederhole es ausdrücklich, du wurdest zum Verräter, und zwar nicht nur für dich allein, sondern hundertfach für andere, indem du deine Stellung mißbrauchtest, deine Untergebenen mit in das feindliche Lager hinüberzogst. Und dennoch, Charles, ist es zur Sühne nicht zu spät,« und wärmer klang ihre Stimme und milder blickten ihre Augen, »es soll alles vergeben und vergessen sein, wenn du jetzt noch umkehrst. In unseren Kreisen werden dich offene Arme als einen der Unsrigen empfangen, als einen Mann, dazu auserkoren, in den bevorstehenden Ereignissen eine ruhmvolle Rolle zu spielen. Und dann deine Kinder, Charles – von mir nicht zu reden – bedenke, deine Kinder, die kleinen süßen Geschöpfe, die nicht dazu geboren wurden, vaterlos heranzureifen.« »Du hast sie mir geraubt. Ich stand im Felde, ich konnte es nicht hindern. Die aber, die dir ihren Beistand liehen, werden sich dereinst dafür vor dem höchsten Richter zu verantworten haben,« erwiderte Stocton zähneknirschend. »Und vaterlos meinst du? Mögen sie vaterlos heranreifen – eine mitleidige Kugel wird mich ja zu finden wissen – so ist es besser, als wenn sie von denjenigen, denen ein Urteil über mein Verfahren rechtlich zusteht, den Namen ihres Vaters als den eines Abtrünnigen genannt hören. Nein, mag mir das Teuerste, was ich auf Erden besitze, vorenthalten werden: eine solche Schmach soll meinen Kindern erspart bleiben. Und du selbst hast mich wohl nie geliebt,« stieß er dann förmlich hervor. »Doch, doch, Charles,« erwiderte die junge Frau sanfter, »treu und wahr liebte ich dich; und mehr noch: ich liebe dich heute noch, werde dich lieben immerdar. Doch welche Höhe du mit deiner Begabung auf seiten unserer Feinde ersteigen magst: ich werde dich beweinen wie einen Toten, dich beweinen in Liebe und unverbrüchlicher Treue, zu deinen Kindern von dir sprechen, wie von einem teuren Verstorbenen.« »Und dies alles nur, weil ich die Ehre als meinen Leitstern betrachtete, weil ich dem auf das Banner der Union geschworenen Eide treu blieb, weil ich meinen Namen rein und frei von einem Schandflecken erhalten wollte!« versetzte Stocton bitter. »Freilich, unter solchen Verhältnissen darf ich nicht darauf rechnen, wie unnatürlich auch immer eine auf Grund politischer Meinungsverschiedenheiten zwischen Eheleuten erfolgte Trennung sein mag, schon jetzt eine Einigung zu erzielen. Meine Hoffnung, daß über kurz oder lang du dennoch zur besseren Einsicht gelangst, dich an mein Herz flüchtest, welches nie aufhören wird, in heißer Liebe für dich zu schlagen, kann indessen dadurch nicht gänzlich vernichtet werden.« »Du verkennst mich,« erwiderte Marianne, sich etwas höher emporrichtend, »so fest, wie du an deinen Grundsätzen hängst, hänge ich an den meinigen, und daran müssen unsere beiderseitigen Hoffnungen scheitern.« Der Kapitän starrte sinnend vor sich nieder. Er gewahrte daher nicht, daß Mariannes Blicke mit einem Ausdruck tiefer Wehmut an ihm hingen. Es war ersichtlich, ihre Zuneigung zu ihm, den sie heute vielleicht zum letzten Male in ihrem Leben sah, hatte noch keine Wandlung erfahren. Ihren planlos durcheinander schwirrenden Betrachtungen hingegeben, erschrak sie, als Stocton endlich wieder emporsah und mit schmerzlicher Entsagung anhob: »Wollte Gott, unser Wiedersehen wäre von einem anderen Ergebnis begleitet gewesen. Doch der Würfel ist gefallen, und nach deinem entscheidenden Ausspruch wäre es Torheit, noch weiter in dich dringen zu wollen. Ist es dir lieb, daraufhin eine gerichtliche Scheidung eintreten zu lassen, so bin ich auch dazu bereit. Diesen Vorschlag nimm hin als einen letzten Beweis meiner Liebe zu dir. Fesseln, die dich drücken, sollst du nicht tragen.« Da flackerte, es in dem schönen Antlitz der jungen Frau auf, und schärfer gelangte ein eigentümlicher Ausdruck unerschütterlicher Willenskraft um die emporgekräuselten Lippen zum Ausdruck. »Nein,« sprach sie fest, »ich trage deinen Namen, und weit, wie unsere Ansichten auseinandergehen mögen, durch mich soll kein Schatten auf denselben geworfen werden. Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß ich frei sein soll. Auf alle Fälle beteuere ich, daß ich dieser Freiheit nicht bedarf, sie nicht wünsche. Im Gegenteil, das zwischen uns bestehende Band soll mein Schutz sein vor der Welt, soll mich davor bewahren, daß unsere Trennung eine falsche Auslegung erfährt.« »Dein Wille ist der meinige,« erklärte Stocton schwermütig und doch mit innerer Befriedigung, »zugleich ist deine Entscheidung mein letzter Hoffnungsanker. Die Rückgabe der Kinder, wenn auch nur des Knaben, strebe ich nicht an. Die kleinen Herzchen dürfen nicht voneinander gerissen werden; außerdem sind sie bei der Mutter am sichersten aufgehoben. Denn meine Heimat ist fortan das Feldlager, mein Sehnen die Schlacht: und wer weiß, wie bald ich von einer Kugel hingerafft werde. Und nun meine letzte Bitte: küsse die Kinder, lege deine Hand auf ihre Häupter und segne sie in meinem Namen. Mich werden sie bald genug vergessen haben.« Bei den letzten Worten zitterte Stoctons Stimme merklich. Marianne kehrte ihr Antlitz ab, um die sich auf demselben spiegelnde Bewegung zu verheimlichen. Ruhig kehrte sie sich dann Stocton wieder zu und ernst floß es von ihren Lippen: »Deinen Segen trage ich ihnen aus vollem Herzen zu. Auch meine Hoffnung, dich über kurz oder lang auf die dir gebührende Stelle zurückkehren zu sehen, will ich sorgsam pflegen und mit meinen Gebeten begleiten.« Stocton zuckte die Achseln. Das Gespräch in dieser Richtung weiterzuspinnen, erschien ihm überflüssig, und so bemerkte er beinahe ausdruckslos: »Bevor wir, und wohl auf Nimmerwiedersehen, voneinander gehen, möchte ich einiges über Personen erfahren, mit welchen ich so lange in innigem Verkehr stand. Da ist dein Bruder Gilbert. In wahrer Freundschaft hingen wir aneinander, bis die dem unheilvollen Kriege vorausgehenden öffentlichen erbitterten Verhandlungen zu einem Zerwürfnis zwischen uns führten. Wie ergeht es ihm?« Harsch klang Mariannes Stimme, indem sie antwortete: »Heldenmütig kreuzt er mit seinem Kaper auf dem Meere. Lachend trotzt er den Elementen wie den Feinden, die sich vergeblich mühen, seinem vernichtenden Treiben Einhalt zu tun.« »Ich wünsche ihm das Beste,« fuhr Stocton düster fort, »aber Edith, seine Frau, das sanfte liebe Wesen; ich hoffe, sie befindet sich wohlbehalten auf der Plantage?« Und noch metallener, sogar feindselig ertönte Mariannes Erwiderung: »Dorthin hätte sie gehört, allein es sollte nicht sein. Sie rühmte sich deutscher Abkunft; kein Wunder, daß sie einer hinterlistigen Handlung an ihrem Adoptivvaterlande und mittelbar an ihrem Gatten sich schuldig machte. Aufgefangene Briefe lieferten den Beweis, daß sie einem Unionistenweibe Auskunft über Truppenbewegungen erteilt hatte –« »So hat sie es in ihrer Unschuld getan,« fiel Stocton ein, »was versteht Edith überhaupt von Truppenbewegungen? Wer weiß, die Auskunft mag den Angehörigen einer Freundin oder Verwandten betroffen haben. Ich hoffe, es erwuchsen ihr daraus keine bösen Folgen?« »Sie wurde verhaftet,« hieß es scharf zurück. »Da der Vater und Gilbert abwesend, also nicht für sie eintreten konnten, nahm Tante Sarah die Sache in die Hand –« »Arme Edith,« bemerkte Stocton mitleidig einfallend, »wenn die über dich entschied, so bist auch du ein Opfer heilloser Ränke geworden.« »Ein Opfer ihrer eigenen Charakterlosigkeit,« nahm Marianne schnell wieder das Wort und ein strafender Blick schoß aus ihren dunklen Augen, »es lag sonst nicht in deiner Natur, Abwesende zu schmähen. In diesem Falle kann ich indessen noch besonders beteuern, daß Tante Sarah die größte Schonung walten ließ, wenigstens so weit es die Ehre unseres Hauses gestattete. Im Süden war Edith unmöglich geworden, und jemand unseres Namens, eine Melville, im Gefängnis zu wissen, wäre eine Schmach für uns alle gewesen. Es wurde ihr daher die Flucht nach dem Norden erleichtert; drei Monate ist's jetzt her. Ihr kleines Kind gönnte man ihr großmütig. Auch Geld erhielt sie zur Reise.« »Aber Gilbert, der sie stets mit so viel ungeheuchelter Liebe umfing?« »Ich wiederhole: er befand sich zu derselben Zeit auf See. Als er die Kunde von ihrem Verrat erhielt, beauftragte er Tante Sarah, die traurige Angelegenheit in ihrem eigenen Sinne zu ordnen. Er selbst würde nicht anders gehandelt haben.« Stocton sah wieder vor sich nieder. »Arme Edith,« wiederholte er wie in Gedanken, »also auch über dich ist ein schreckliches Verhängnis hereingebrochen. Arme Edith: dir mit deiner zarten Gesundheit gab das den Todesstoß.« Er blickte auf, und in Mariannes Antlitz den Ausdruck einer gewissen Härte entdeckend, sprach er weiter: »Da ist noch dein Vetter, Gregor Melville. Ich liebte den Knaben von jeher wegen seines männlichen Wesens. Ich hoffe, er hat sich nicht verleiten lassen, in Kriegsdienste zu treten, er ist noch zu jung.« »Auch er weilt nicht mehr auf der Plantage,« erteilte Marianne gedämpft Auskunft, wie befürchtend, von dem lauschenden Kolonel verstanden zu werden. »Der Vater hatte ihn freilich zum Soldaten bestimmt, sobald er ein oder zwei Jahre älter sein würde, aber die Vermutung liegt nahe, daß Ediths Einfluß auf ihn ein verderblicher gewesen ist und er sich mehr zu unseren Feinden hingezogen fühlte. Der strengeren Aufsicht seines Onkels und Wohltäters ledig, wurde er zunächst aufsässig gegen Tante Sarah, und bevor jemand ahnte, daß irgendwelche bestimmte Pläne ihn beschäftigten, war er eines Tages verschwunden. Vielleicht führte heimlich glühende Begeisterung ihn dennoch zu einem südlichen Regiment.« Teilnahmlos, wie von den Lippen einer Somnambulen, klangen Mariannes Worte. Träumerisch, als ob sein Geist nicht dabei beteiligt gewesen wäre, bemerkte Stocton: »Eine Begeisterung, die bei seiner Jugend durch einen jähen Tod vielleicht ihren verfrühten Abschluß erhält.« »So stirbt er den Tod eines Helden,« versetzte Marianne gelassen, »ein goldenes Los im Vergleich mit dem Ende eines Verräters –« »Halt ein, Marianne,« unterbrach Stocton sie wie beschwörend, »entstelle das Bild, das ich von dir mit fortnehme, nicht dadurch, daß du Herzlosigkeit zur Schau trägst. Die Wunden, die du meiner Seele schlugst, brennen hinlänglich; es bedarf keiner neuen mehr. Dir kann ich nicht antworten, wie es ein Fremder von mir zu gewärtigen hätte; füge daher nicht neue Schmähungen zu den alten. Der Abschied wird mir ohnehin schwer genug.« »Indem ich meine verborgensten Gedanken rückhaltlos vor dir offenbare, bezwecke ich nur, uns beiden die Trennung zu erleichtern,« gab Marianne kalt zu. »Je schwärzer mein Bild in deiner Erinnerung fortlebt, um so lieber soll es mir sein, um deinetwillen und – um meinetwillen.« »So weilte ich schon zu lange hier,« erklärte Stocton lebhaft, und auch auf seinem Antlitz begann es nunmehr feindselig zu zucken; »überflüssig wäre es, noch irgendwelchen besänftigenden Vorstellungen Raum zu geben. Lebe wohl. Möge die Reue dereinst, wenn es zur Sühne zu spät, nicht zu unbarmherzig an dir nagen. Dann aber mag dir tröstlich vorschweben, daß ich, schon allein um meiner lieben Kinder willen, alles Leid verzieh, das du in heilloser Verblendung auf mich, auf uns alle herabbeschworst.« Hastig, als hätte er nur unter äußerster Anstrengung seine Fassung bewahrt, kehrte er sich ab, und den Mantel um die Schultern werfend, schritt er aus der Hütte. Eine Erwiderung erstarb Marianne auf den geöffneten Lippen. Wahre Leichenfarbe hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Indem sie sich nach vorn neigte, wie um den Scheidenden zurückzurufen, erstarrten gleichsam ihre Augen; und als er ihren Blicken entschwand, da lauschte sie ihm nach mit angehaltenem Atem und ohne ihre Stellung zu verändern. Tiefer beugte sie sich, wie unter einer erdrückenden Last; das Haupt auf Arme und Knie neigend, weinte sie krampfhaft. Was um sie her vorging, sah sie nicht. Sie hörte nicht, daß Melville eintrat, neben ihr stehen blieb und sie finster betrachtete. Es war seine einzige Tochter, die sich vor seinen Augen in Seelenqual verzehrte, und doch blieb er unbewegt bei ihrem Anblick. Einem in seine Beobachtungen vertieften Arzte ähnlich, berechnete er aus den Zuckungen der gebrochenen Gestalt die Dauer des wilden Paroxysmus Als das Schluchzen kein Ende nahm, der Körper fortgesetzt in mitleiderregender Weise sich wand, legte er endlich seine Hand auf das gebeugte Haupt. Als wäre es ein Zauberschlag gewesen, sprang Marianne bei der ersten Berührung empor. Ein Ausruf schwebte ihr auf den Lippen, die Arme breitete sie weit aus, aber wie vor einem Schreckgebilde prallte sie zurück, sobald sie ihren Vater erkannte. »Ich sehe, wie es steht,« hob dieser an, bevor sie Worte zu einer Entschuldigung fand, »ja, ich sehe es, ich habe deine Kraft überschätzt. Aber ich tadle dich nicht, wenn in dir die Regungen des Weibes die einer Heldin überwuchern. Gelang es dir nicht, den Abtrünnigen zu seiner Pflicht zurückzuführen, so verstand er dafür um so besser, dich den angestammten Grundsätzen untreu zu machen. Doch ich wiederhole, ich verdamme dich deshalb nicht, sondern trage allen Verhältnissen Rechnung. Und noch ist es ja nicht zu spät. Ich selbst will ihn zurückrufen, auf daß er dich mit fortnehme, zur Wahrheit werde das Wort, daß das Weib dem Gatten zu folgen habe, und wäre es in Schande und Schmach. Ja, du magst gehen, wohin es dein Herz zieht. Du trägst ja nicht meinen Namen; deine Kinder dagegen gehören mir, gehören dem Lande –« So lange hatte Marianne den Kolonel angestarrt, wie ihren Sinnen nicht trauend. Seine wohlberechneten Worte schienen sie versteinert zu haben. Sobald er aber ihrer Kinder erwähnte, unterbrach sie ihn leidenschaftlich. »Nein!« rief sie aus, »ich konnte wohl unter der Wucht des auf mich hereingebrochenen Verhängnisses zusammensinken, ich konnte vorübergehend jenen Regungen ohnmächtig nachgeben; mein Sinnen und Denken aber, meine ganze Natur konnte sich nicht verwandeln. Getrost sehe ich der Zukunft entgegen, und wenn dieses Brechen mit der Vergangenheit nicht ohne Seelenkampf sich vollzog, so dürfte mir dies wohl kaum zum Vorwurf gereichen. Jetzt verfüge über mich; keinen anderen Herrn erkenne ich an, als das Vaterland.« »Jetzt erkenne ich dich wieder,« sprach der Kolonel düster und küßte Marianne auf die Stirne; »in dir wohnt die Seele eines Helden – doch setze dich, der Kampf, welchen du eben siegreich bestandest, war schwerer, als hättest du Tod und Verderben sprühenden Feuerschlünden die Stirne geboten. Du bedarfst der Ruhe, um auch den Anforderungen, welche an Deine körperlichen Kräfte gestellt werden, gewachsen zu sein.« »Ich bedarf keiner Ruhe,« antwortete Marianne entschlossen, »je eher wir von dannen ziehen, um so willkommener soll es mir sein. Sturm und Regen wirken wohltätiger auf mich ein, als die erstickende Atmosphäre in dieser Hütte. Fort, nur fort von hier.« »Gut, so wollen wir keine Zeit verlieren. Der Posten bei der Fähre ist bereits eingezogen; der Regen hat nachgelassen, es hindert uns also nichts, die Pferde zu besteigen. Bevor neue Wolken heraufziehen, mag der Tag angebrochen sein, ein wirtliches Obdach vor uns liegen.« Er trat ins Freie und rief nach Wigham. Dieser war nicht anwesend. Er weilte noch, wie es hieß, bei der Fähre, um Kapitän Stoctons Abfahrt zu überwachen und die Meldung davon dem Kolonel zu überbringen. »So mögen zwei Mann ihn hier erwarten und uns nach seinem Eintreffen ohne Säumen folgen,« befahl der Kolonel, dann ließ er die Pferde vorführen. Marianne wandelte unterdessen in dem Fährhause wie um durch lebhafte Bewegung marternden Betrachtungen den Boden zu entziehen, ungeduldig auf und ab. Erst als sie im Sattel saß und an ihres Vaters Seite, gefolgt von der kleinen Eskorte, auf morastigem Wege in den triefenden Wald eindrang, gewann sie ihre Ruhe einigermaßen zurück. Der ihr Antlitz peitschende Sturm schien in der Tat eine wohltätige Wirkung auf sie auszuüben. Drittes Kapitel. Das Ende eines Verräters. Durch den Befehl, die Wache bei der Fähre abzuberufen, war es Wigham erleichtert worden, sich abermals unbemerkt mit Slowfield in Verkehr zu setzen. Wie zuvor, traf er mit ihm im Schatten der die Landstraße begrenzenden Vegetation zusammen. Das niedrighängende Gewölk und der strömende Regen hatten die Atmosphäre verfinstert. Freier bewegten die beiden sich daher auf der Mitte des Weges dem Strome zu. In eifrigem Gespräch legten sie eine kurze Strecke zurück, dann stellte Slowfield sich in der Mündung eines von weidendem Vieh getretenen Seitenpfades auf und wartete dort, bis Wigham der Fährwache den Befehl des Kolonels überbracht hatte, worauf beide schweigend in den Pfad einbogen. Das Brausen des Windes wie das Rauschen des Regens umhüllten gewissermaßen ihre Schritte, daß weder die vorbeireitenden Soldaten, noch die in dem Prahm befindlichen Cherokesen aufmerksam auf sie wurden. Aber auch ihnen selbst entging, daß ein Mann, dessen Bewegungen man mit dem Einherschleichen einer Wildkatze hätte vergleichen können, ihnen fast auf dem Fuße nachfolgte. So erreichten sie das Ufer etwa sechzig Ellen weit unterhalb der Fähre. Die Vegetation war dort ein wenig lichter; dagegen hatten große Waldbäume ihre Wurzeln tief in das Erdreich hinabgesenkt, wodurch das unterspülte Ufer den anprallenden Fluten ausgiebigen Widerstand leistete. So durften die beiden Genossen auch unbesorgt bis auf den äußersten Rand vortreten, von wo aus sie einen notdürftigen Blick auf das vereinsamt niederbrennende Wachtfeuer und den matt beleuchteten Prahm gewannen. »Dies ist die richtige Stelle,« flüsterte Slowfield dem Irländer zu, »ich lernte sie schon vor Jahren kennen, als Landankäufe mich in diese Gegend führten. Die Strömung kommt schräg vom jenseitigen Ufer herüber und prallt hier vor uns an. Sie sehen, der Boden, auf dem wir stehen, ist schroff abgespült, streckenweise sogar unterwaschen. Wer hier einmal im Sturz ist, der findet keinen Halt, bevor er unten eingetroffen ist. Da aber hat er seine fünfzehn Fuß brandendes Wasser über sich, und es müßte ein erstaunlicher Schwimmer sein, der sich wieder herausarbeitete. Was meinen Sie, Wigham? Werden Sie es leisten können? Bedenken Sie, die Unsrigen von einem gefährlichen Feinde befreit zu haben, dürfte Ihnen mit der Zeit einen höheren Lohn eintragen, als Sie ihn heute von mir empfingen. Und eine preisenswerte Handlung bleibt's immerhin – abgesehen von der Kriegszeit, in der jeder Vorteil gilt – Ihren Herrn und dessen Familie von den unwürdigen Beziehungen zu einem Landesverräter zu befreien.« »Gut genug klingt's,« antwortete Wigham ebenso vorsichtig, »trotzdem bleibt's ein gefährliches Unternehmen. Aber immerhin, versuchen will ich's. Doch wir wollen umkehren; hier schaudert's mich.« Von jetzt ab wurde kein Wort mehr gewechselt, bis sie die Landstraße erreichten. Dort erteilte Slowfield dem Irländer noch einige Ratschläge, worauf er nach der anderen Seite des Weges hinüberschlich und eine kurze Strecke in das Dickicht eindrang. Wigham blieb in der Einmündung des Pfades stehen, von wo aus er die Landstraße bis beinahe zum Fährhause zu überblicken vermochte. Beinahe eine Viertelstunde dauerte es indessen noch, bevor Wigham des Kapitäns ansichtig wurde und ihm langsam entgegenging. Stocton achtete seiner nicht, hatte ihn, versenkt in schmerzliche Grübeleien, wohl kaum bemerkt. Erst als Wigham ihn höflich anredete, blieb er stehen, ihn kurz nach seinem Begehr fragend. »Ich soll dem Kapitän melden,« antwortete Wigham diensteifrig, »daß die Patrouille bei der Fähre eingezogen worden ist. Das Tau war gerissen und der Prahm eine Strecke abwärts getrieben, bevor man seiner wieder Herr wurde und ihn abermals festlegte. Von der Fähre aus auf dem Ufer zu ihm zu gelangen, hinderts Gesträuch. Auch wär's gefährlich, weil niemand weiß, ob er nicht beim nächsten Schritt mit 'ner Ladung Sand in den Strom hinabgleitet. Da bin ich beauftragt, den Kapitän auf einem näheren Wege durch den Wald zu führen. In zwei Minuten ist's gemacht.« Stocton, für den keine Ursache zu Mißtrauen vorlag, zumal der Militärmantel den vor ihm Stehenden als einen Untergebenen Melvilles kennzeichnete, forderte Wigham auf, voranzugehen. Sofort bog Wigham in den Pfad ein, dem Kapitän höflich ratend, dicht in seinen Spuren zu folgen. Kaum verhallte das von ihnen erzeugte Geräusch, da trat Slowfield wieder auf die Straße hinaus. Argwöhnisch um sich spähend, schlich er auf das Fährhaus zu. Bevor er dasselbe erreichte, kreuzte er den Weg, der fast parallel mit dem Flusse von Ortschaft zu Ortschaft führte. In diesen lenkte er ein, um nach wenigen Schritten im Gebüsch eine Stellung einzunehmen, die es ihm ermöglichte, den Schuppen mit den daselbst weilenden beiden Reitern und Wighams Pferd einigermaßen im Auge zu behalten. Wigham hatte unterdessen mit zuversichtlichen Bewegungen den Weg so weit verfolgt, bis er das Rauschen der brandenden Fluten unterschied. Dort blieb er plötzlich stehen, wie über irgendeine Angelegenheit mit sich zu Rate gehend. Ernste Zweifel schienen ihn zu bestürmen; denn als Stocton ihn mißmutig fragte, ob er den Weg verfehlt habe, antwortete er stotternd und mit eigentümlich heiserer Stimme: »Nein, Kapitän, aber ich höre die Männer nicht. Der Prahm mag noch weiter abwärts getrieben sein, Feuerschein seh' ich wohl noch, aber der Prahm – bei meiner Seligkeit, der ist abwärts getrieben – da ist er – ich kann's nicht recht herausfinden –« Was der heimtückische Bursche erwartet hatte, geschah, Stocton, bereits ungeduldig, trat neben ihn hin und neigte sich ebenfalls über den Abhang. Dies war der Zeitpunkt, den der feige Mörder zur Erfüllung seines Auftrages gewählt hatte. Wie befürchtend, daß der doppelt belastete Uferrand niederbrechen könne, wich er einen Schritt zurück, und den mit einem langen breiten Messer bewaffneten Arm unter dem Mantelkragen hervorstreckend, holte er zum Stoße aus. »Mann, Ihr seid entweder blind oder wollt mich blind machen,« fuhr Stocton heftig auf. In diesem Augenblick senkte sich die Waffe. Gleichzeitig aber rauschte es zu beiden Seiten in dem Gebüsch; es schien, als würfen sich zwei Schatten aus entgegengesetzten Richtungen auf den Irländer, und während eine eiserne Faust den bewaffneten Arm auffing, fühlte er sich auch auf der linken Seite gehalten, und den Hut von seinem Kopfe geschlagen. Wohl versuchte er in jäh erwachter Todesangst, sich zu befreien, doch nur einige Sekunden. Ein mit vollster Kraft geschwungenes Beil zerschmetterte ihm die Schädeldecke und drang tief in das Gehirn ein. Sein letzter Blick erfaßte im vollen Umfange die Unabwendbarkeit seines Todes; das aber erpreßte ihm einen furchtbaren Schrei. Kurz brach er ab unter dem mit verhängnisvoller Sicherheit geführten Hiebe; aber grauenhaft hallte er nach, weithin durch den Wald das Tosen des Sturmes übertönend, weithin nach dem Dardanellfelsen hinüber, der ihn im Echo nicht minder grauenhaft zurücksandte. Der gräßliche Schrei vibrierte noch in der Atmosphäre, da lag der entseelte Mörder zu Füßen des wie durch ein Wunder geretteten Kapitäns, der, auf dem äußersten Uferrande um das Gleichgewicht kämpfend, von zwei kräftigen Fäusten gepackt und zurückgerissen wurde. »Still,« raunte Opoth-lei-hoho dem vor Bestürzung Sprachlosen zu, »still, oder es vergeht keine Minute, bis der Wald sich ringsum belebt; dann aber möchten die wenigsten von Kolonel Melvilles Leuten die Sonne aufgehen sehen. Der da,« und nachlässig stieß er mit dem Fuß an den toten Irländer, »machte ohnehin schon mehr Aufhebens von der Sache, als notwendig war.« »Ihr hier?« fragte Stocton in seinem maßlosen Erstaunen. »Hier,« bestätigte der Häuptling gleichmütig, »Sie wollten's nicht, daß ich Sie überwachte. Sie trauten den Südlichen, ich nicht. Wohin hätte es geführt, wären wir nicht zur Hand gewesen,« und er wies auf zwei im Schatten stehende Cherokesen, die sich an dem blutigen Werk beteiligt hatten. »Wer hätte das für möglich gehalten,« versetzte Stocton. Ihn schauderte, indem er sich vergegenwärtigte, von wem der bedachtsam eingeleitete Verrat ausgegangen sein könne. Von Grauen erfüllt, trachtete er, das vor seinem Geiste sich aufbauende Dunkel zu lichten; dann schüttelte er sich, wie eine böse Vision abwehrend, und finster bemerkte er: »Trotz eures Einschreitens wurde ich verwundet.« »Bis zum letzten Augenblick mußte ich warten,« erklärte Opoth-lei-hoho. »Mit der Wunde kann's nicht viel sein. Ich meine, ich traf ihn, bevor das Messer den Kapitän berührte.« »Sie hindert mich wenigstens nicht; ich fühle nur Blut über meinen Rücken rieseln. Wem aber hätte es Vorteil gebracht, wenn ich im Strome spurlos verschwand?« »Ich weiß es nicht,« antwortete der Häuptling, »von dem, der hier liegt, ging's nicht aus. Er wurde bezahlt für sein Tun, und er bezahlte es selber mit dem Leben. Vielleicht erfahren wir es,« fügte er hinzu, und sich niederbückend, nahm er das Messer aus der erstarrenden Hand des Irländers, worauf er es Stocton überreichte, »da, nehmen Sie es an sich; es ist nicht das seinige. Jemand gab es ihm. Er selber besaß nur ein Taschenmesser. Vielleicht dient es, wenn Ihnen daran gelegen, den feigen Burschen kennen zu lernen, der ihn zur Tat verleitete,« und wiederum bückte er sich zu dem Toten nieder. »Was soll das werden?« fragte Stocton entsetzt, sobald er gewahrte, daß der Häuptling sich in seltsamer Weise mit dem Kopfe des Irländers zu schaffen machte. Opoth-lei-hoho richtete sich nach einer kurzen Pause des Schweigens auf und ließ einen formlosen Gegenstand, über dessen Bedeutung Stocton keinen Augenblick länger in Zweifel war, unter seiner Decke verschwinden. »Es ist sonst nicht meine Art,« sprach er dabei, »wer aber Verrat übt, lügt auch. Vielleicht gefällt's dem Kapitän eines Tages, die gelben Locken jemand unter die Augen zu halten. Ich glaubte, es läge Ihnen daran, auszukundschaften, welcher von Ihren Verwandten Sie auf die Seite zu schaffen wünschte. Weiber sind oft hinterlistiger, als –« »Nicht weiter,« fiel Stocton schaudernd ein. »Überlebe ich die nächsten Zeiten, so muß ich meinen hinterlistigen Feind kennen lernen, um den Verdacht nicht auf Unschuldige zu werfen. Bis dahin sollen meine Füße mich nicht mehr dahin tragen, wo unter dem Deckmantel der Ehrenhaftigkeit feigen Mörderhänden freies Spiel gelassen wird. Doch wir wollen gehen. Ich höre die Leute in dem Prahm. Wer weiß, ob der Kolonel, der den Schrei gehört haben muß, seine Mannschaft uns nicht auf den Hals schickt.« Er säumte, bis die Cherokesen den Toten in den Strom hinabgestoßen hatten, und bemerkte dann: »Laßt sie nach dem Burschen suchen, solange es ihnen gefällt. Die letzten Spuren verwischt der Regen. Finden sie ihn nicht, bleibt's für die bei dem Mordplan Beteiligten eine Drohung immerdar. Sie mögen glauben, daß wir ihn als einen lebendigen Zeugen mitnahmen.« Auf dem Wege, den Stocton mit dem erschlagenen Irländer gekommen war, führte Opoth-lei-hoho ihn auf die Landstraße zurück, und ohne Zeitverlust begaben sie sich zur Fähre hinunter. Schweigend bestiegen sie den Prahm. Ein obenstehender Cherokese löste das Tau, und langsam setzte sich das fortgesetzt von der Strömung gegen das Ufer gepreßte schwere Fahrzeug in Bewegung. Erst als es die Grenze erreichte, auf welcher die Strömung ihre Richtung änderte, glitt es, von dieser erfaßt, schneller einher und schräg nach dem jenseitigen Ufer hinüber. Den Todesschrei des Irländers hatten Melville und seine Tochter nicht mehr vernommen. Er war hinter ihnen vom Sturm verweht worden. Schaudernd hörten ihn dagegen die beiden im Schuppen zurückgebliebenen Soldaten. Schaudernd hörte ihn auch Slowfield. Sein Werk wähnte er gelungen, und doch wichen die Knie unter ihm, daß er sich nur noch mit Mühe aufrecht zu halten vermochte. Eine Lähmung schien ihn befallen zu haben. Nachdem das Echo längst verstummt war, vibrierte der gräßliche Ton noch immer in seinen Ohren. An einen Baumstamm gelehnt, verharrte er regungslos, wie in Zweifel, in welcher Richtung er entfliehen könne, um nicht einer rächenden Hand zu begegnen. Da drangen die dumpfen Eulenrufe zu ihm herüber. Deren Ursprung erriet er leicht, und damit erwachte der Selbsterhaltungstrieb. Bei jedem schwereren Windstoß oder dem Knarren zweier sich aufeinander reibender Äste fuhr er entsetzt zusammen, als ob über seinem Haupte bereits die Todeswaffe schwebe. Als die unheimlichen Signale nicht mehr wiederholt wurden, kehrte seine Besonnenheit einigermaßen zurück. Allmählich beschleunigte er seine Schritte, bis er endlich in einen schnell fördernden Lauf verfiel. Was aus Wigham und den beiden Soldaten wurde, kümmerte ihn wenig. In dem krankhaften Streben, einen möglichst großen Zwischenraum zwischen sich und die unsichtbaren Feinde zu legen, gehetzt von den furchtbarsten Schreckbildern, schienen seine Sehnen aus Stahl gewebt zu sein. Und doch brach er beinahe ohnmächtig zusammen, als er nach halbstündiger wilder Flucht eine den Weg begrenzende verlassene Farm erreichte. Dort betrachtete er sich als gerettet. Keuchend und mühsam nach Luft ringend, verschwand er zwischen den halb in Trümmern liegenden Baulichkeiten. Etwas später erschien er zu Pferde wieder auf der Landstraße, und mit einem gewissen Sicherheitsbewußtsein setzte er die Flucht in der bisher innegehaltenen Richtung fort. – – Kolonel Melville hatte durch das Sturmesbrausen hindurch ebenfalls einzelne der ihm näheren Signalrufe vernommen. Doch auf des Häuptlings Versprechen bauend, hegte er keine Besorgnis für die zurückgebliebenen Leute, und der Marsch wurde daher nicht unterbrochen. Um die Mittagszeit erreichte er mit den Seinigen eine Farm, auf der er bis zum folgenden Tage zu rasten beschloß. Kurz vor Abend erst gesellten die beiden Soldaten mit Wighams Pferd sich wieder zu ihm. Das erste Tageslicht hatten sie dazu benutzt, sorgfältige Nachforschungen nach dem Verschwundenen anzustellen. Auf Spuren von ihm waren sie nicht gestoßen; dagegen hatten sie den Eindruck gewonnen, daß er sich Stocton angeschlossen habe oder von einem der umherstreifenden Cherokesen erschlagen und ausgeplündert worden sei. Als man dem Kolonel diese Meldung überbrachte, befand Marianne sich in seiner Nähe. Äußerlich ruhig vernahm sie die Kunde. Erst als sie mit ihrem Vater wieder allein war, kehrte sie sich diesem mit den Worten zu: »Stocton würde nimmermehr einen Mord geduldet haben.« »Ich pflichte dir bei,« versetzte der Kolonel finster, »wäre er Zeuge gewesen, so hätte er ihn sicher nicht geduldet. Das schwächt indessen den Vorwurf nicht ab, daß er im Bunde mit Leuten ist, deren Gewerbe der Mord, nicht den Vorwurf, gemeinschaftlich mit ihnen gegen uns zu Felde zu ziehen.« Der Hufschlag eines scharf getriebenen Pferdes störte das Gespräch. Beide warfen einen Blick durch das Fenster. »Slowfield,« sprach Marianne mit unzweideutigem Widerwillen, sobald sie des Reiters ansichtig wurde, »was führt ihn hierher? Wie kommt er überhaupt in diese Gegend?« Melville antwortete nicht. Auch ihn schien Slowfields Anblick zu befremden. Ein Dragoner hatte unterdessen das sichtbar erschöpfte Pferd in Empfang genommen. Gleich darauf trat Slowfield bei ihnen ein. Auch er trug im Äußeren die Spuren eines beschwerlichen Rittes auf morastigen Straßen durch Sturm und Regen. Statt des Militärmantels umhüllte ihn ein wasserdichter Rock, der tief über die langen Stiefel niederfiel. Um die Hüften wurde derselbe durch einen Gurt zusammengehalten, an welchem in Laufschlingen ein im Futteral steckender Revolver und eine leere Messerscheibe befestigt waren. Beides hatte er, um beim Reiten weniger gehindert zu sein, auf den Rücken herumgeschoben. Wie in dem rastlos unsteten Blick, verriet sich auch in seiner mißtönenden Stimme heftige Erregung, als er, eintretend und den wasserschweren Hut ziehend, in die Worte ausbrach: »Gott sei Dank, daß ich Sie wohlbehalten wiedersehe. Tag und Nacht bin ich geritten, kaum so viel Rast gönnte ich mir, wie unumgänglich notwendig, das Pferd aufrecht zu erhalten –« »Was lag dem zugrunde?« fiel Melville erstaunt ein. »Die dringendste Besorgnis, zu spät zu kommen,« antwortete Slowfield lebhaft, und nach der ersten freundschaftlich ehrerbietigen Verneigung vor der jungen Frau vermied er ängstlich, deren ernstem Blick zu begegnen. »Seitdem ich den Fuß in den Steigbügel stellte, folterte mich eine Angst, welche zu beschreiben ich nicht unternehme. Es hatte sich die Kunde verbreitet, der Cherokose Opoth-lei-hoho habe mit seinem Anhang den Arkansas überschritten und in der Nachbarschaft des Dardanellfelsens sich in den Hinterhalt gelegt. Schreckliche Bilder schwebten mir vor. Im Geiste sah ich Sie und Mrs. Stocton unter den Beilen der wilden Räuber verbluten – freilich, ich hätte mir sagen können, daß Stocton nimmermehr mit den braunen Schurken, wenn sie wirklich einen Überfall –« »Lassen wir ihn aus dem Spiel,« bemerkte Melville, mit einem bezeichnenden Blick auf seine Tochter, »er ist tot für uns alle, wenn auch nicht körperlich.« »So trafen Sie ihn?« forschte Slowfield hastig. »Wir trafen ihn, jedoch nur, um zu erfahren, daß wir ebensogut seine Aufforderung unberücksichtigt hätten lassen können. Die Gerüchte über die Bewegungen der Cherokesen entbehrten übrigens nicht der Begründung. Sie, mein teurer Freund, machten nur zuviel davon; Sie sind eben kein Soldat. Leider kostet die Reise uns einen zuverlässigen Mann, meinen Diener Wigham –« »Wigham?« rief Slowfield mit übermäßigem Erstaunen aus, um die Bestürzung zu verheimlichen, die sich bei dieser Nachricht seiner bemächtigte; »Wigham? Wie kommt er dazu? Es ist sonst nicht seine Art, sich weit aus der Umgebung seines Herrn zu entfernen.« »Und doch vermissen wir ihn seit unserem Aufbruch. Die Cherokesen haben ihn entweder erschlagen, oder er benutzte die Gelegenheit, zu desertieren. Schade um jeden brauchbaren Mann, den wir aus unseren Reihen verlieren. Legen Sie ab. Hier im Hause wird sich wohl ein Plätzchen für Sie finden.« Slowfield warf den Hut auf den nächsten Stuhl und öffnete seinen Gurt; indem derselbe zur Seite sank, wurde Melville der leeren Scheide ansichtig. »Sie verloren Ihr Messer,« bemerkte er wie beiläufig. Slowfields Antlitz rötete sich, um alsbald wieder tödlich zu erbleichen. »In der Tat,« versetzte er nach kurzem Sinnen, während er die Scheide von dem Gurt löste. »Es ist aber kein Wunder; ritt ich doch auf Leben und Tod.« Nach dieser flüchtigen Unterhaltung knüpfte Melville ein neues Gespräch an, indem er Slowfield nach den Ereignissen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen befragte. Dieser war einsilbiger geworden. Seine Antworten lauteten sogar oft verwirrt; trotzdem benutzte er jede Gelegenheit, bei welcher er glaubte, es unbemerkt tun zu können, die ernste Gestalt der schönen jungen Frau mit heißen und doch scheuen Blicken zu betrachten. So brach allmählich die Nacht herein, und das einfache Mahl war kaum beendigt, als Marianne sich in die ihr eingeräumte Kammer zurückzog. Durch ein Leben des Überflusses, sogar des Reichtums verwöhnt, schien sie jetzt empfindungslos gegen Beschwerden und Entbehrungen geworden zu sein. Lange lag sie schlaflos auf ihrem harten Lager in der einsamen Kammer der Farm. Weit fort schweiften ihre Gedanken, hin zu ihren Kindern, die fortan nur auf die Mutter allein angewiesen sein sollten. Dann aber durchströmte sie wieder gehässige Befriedigung. Sie schwelgte gewissermaßen in dem Schmerz um ein entschwundenes häusliches Glück. Ob sie desjenigen gedachte, der bisher ihr alles gewesen, ob auch nur eine der Tränen, die hin und wieder ihr Kopfkissen netzten, ihm galt – wer hätte das zu erraten vermocht! Und wie sie, sehnte auch Stocton vergeblich den Schlaf und damit einige Stunden des Vergessens herbei. Weitab auf schwer zugänglicher Stätte inmitten einer waldigen Sumpfniederung lag er im Zelt seines Freundes Opoth-lei-hoho, den Sattel als Unterlage für den Kopf. Die Wunde, die der Cherokese mit kundiger Hand verbunden hatte, verursachte ihm kaum noch Unbequemlichkeit; aber fortgesetzt mahnte sie ihn an den Verrat, der gegen ihn geplant gewesen und dessen Folgen er nur mit genauer Not entrann. Viertes Kapitel. Ein Krankenlager. Die Sonne neigte sich den Scott-Bluffs zu. Geröteten Antlitzes, wie ermüdet, betrachtete sie die sich östlich erstreckende Ebene. Mit zauberischen Reflexen schmückte sie die Ränder der abgesondert stehenden Felstürme. Die sich träge senkenden Sommerfäden zeugten dafür, daß die atmosphärischen Strömungen vollständig entschlummerten. Hier und da weidete wohl noch eine Gruppe Büffel und trieben zierlich gebaute Antilopen ihr munteres Spiel, allein diese Bewegungen verschwanden inmitten der gewaltigen starren Einöde. Ähnlich verhielt es sich mit einem verhältnismäßig leichten Reisewagen auf dem Ufer des Nordarmes, dessen weißes Leinwandverdeck weithin leuchtete, mit zwei Pferden, die in dessen Nähe grasten, und endlich mit einer schmalen Rauchsäule, die einige Schritte abwärts einer kleinen Feuerstelle entquoll und steil in die regungslose Atmosphäre emporstieg. Von dem Seitenbrett des Wagens aus war ein Stück Segeltuch zeltartig mittels Pflöcken und Schnüren auf dem Erdboden befestigt worden. Alles, was zur Bequemlichkeit in dem Wagen mitgeführt worden, hatte zur Herstellung eines Lagers unterhalb dieses notdürftigen Schutzdaches gedient. Wollene Decken bildeten dessen Hauptbestandteile; ein weiches Pfühl lag zu Häupten, gewiß ein für dortige Verhältnisse üppiges Bett; aber wie unzureichend erschien es, wenn man diejenige betrachtete, für die es mit so viel Bedacht und treuer Sorgfalt geordnet worden war. Eine junge Frau lag darauf. Durch die obere Decke hindurch ließen sich notdürftig die Formen einer schlanken Gestalt erkennen. Die bis zu den Ellenbogen hinauf sichtbaren weißen Arme waren von erschreckender Hagerkeit und zeugten von unheilbarem Siechtum. Der eine ruhte auf der Decke; den anderen hatte sie um ein neben ihr schlummerndes Kind von höchstens einem Jahr geschlungen. Dieselbe Hagerkeit trat in dem Antlitz der jungen Dulderin zutage, nur daß hier der Eindruck durch eine gewisse Engelsschönheit gemildert wurde und das einzige Gefühl schmerzlicher Teilnahme wachrief. Das erhöht ruhende Haupt war unbedeckt. In langen lichtblonden Wellen floß das aufgelöste seidenweiche Haar über das Pfühl und die Schultern bis weit über die Decken hin. Die arme junge Frau war offenbar in trauriges Nachdenken versunken. Ausdruckslos, gleichsam mechanisch schweiften ihre Blicke im Kreise. Bald überflogen sie die in ihrer Nähe stehenden Blechgefäße, die dürftige Erfrischungen für sie und das Kind enthielten, bald die beiden kräftigen, wenn auch mageren Pferde, oder die in ihrem Gesichtskreise befindlichen Büffelherden, um immer wieder mit einem rührenden Ausdruck inniger Herzensgüte zu dem vor dem Feuer beschäftigten jungen Manne zurückzukehren. Dieser, fast noch ein Knabe, jedoch für das Alter von siebzehn Jahren ungewöhnlich hoch und kräftig gewachsen, überwachte einen Kessel, in dem siedendes Wasser um einige ausgesuchte Stücke Büffelfleisch herumbrodelte, und einen anderen Behälter, der zur Bereitung des Tees diente, beides zur Nahrung für die Kranke bestimmt; ferner eine Pfanne mit einem Vorrat in Fett zischenden Fleisches für seinen eigenen Bedarf. Seine einfachen abgetragenen Kleidungsstücke erzählten von langer beschwerlicher Reise und anstrengender Arbeit. Dagegen brauchte man nur einen Blick auf sein braungelocktes Haupt, auf das noch jugendweiche sonnverbrannte Antlitz oder in die ruhigen blauen Augen zu werfen, um ihn nicht in einen Rang mit gewöhnlichen Knechten und Viehtreibern zu stellen. Rege beschäftigt, fand er doch Zeit, immer wieder zu der jungen Frau und deren Kind hinüberzuspähen; dann offenbarte sich in seinen Zügen ein Ausdruck, als hätte er in lautes Klagen und Jammern ausbrechen mögen. Eine Weile war in Schweigen verstrichen, als er, aufschauend, einem traurigen Blick der jungen Frau begegnete. »Edith,« sprach er ermutigend hinüber, »es ist jetzt soweit, daß du etwas genießen kannst. Fleischbrühe und Tee sind fertig.« »Ich möchte warten,« antwortete eine sanfte, matte Stimme. »Ich fühle noch kein rechtes Bedürfnis, außerdem schläft die Kleine so sanft, ich würde sie wecken. Schiebe die Gefäße so weit von der Glut zurück, daß der Inhalt abkühlt, jedoch nicht ganz erkaltet. Nachher will ich mit Thusnelda gemeinschaftlich essen. Aber du selber – laß dich dadurch nicht hindern –« »Ich verspüre keinen Hunger,« fiel der junge Mann fast rauh ein, und etwas regsamer ordnete er zwischen den Gefäßen. »Ich kenne dich, Gregor,« versetzte Edith Melville dringlich, »es widerstrebt dir, allein zu essen, und doch gewährt es mir Freude, dich bei einer kräftigen Mahlzeit zu beobachten.« »Ich wiederhol's,« bekräftigte Gregor erzwungen sorglos, »ich verspüre nichts weniger als Hunger.« Er sann einige Sekunden nach, und mit der unverkennbaren Absicht, die arme Dulderin dadurch zu ermuntern, erzählte er in beinahe fröhlichem Tone: »Ein Glück, daß ich das Tier erlegte. Die frische Fleischbrühe ist geradezu Arznei für dich. Wir haben überhaupt vorläufig keine Not zu befürchten, und lange kann es nicht dauern, bis Jessie und Jones uns Hilfe schicken.« Durch einen Blick auf Edith überzeugte er sich, daß sie seinen Worten mit freundlicher Teilnahme lauschte, und ohne Säumen fuhr er lebhaft fort: »Hättest nur sehen sollen, wie die junge Kuh sich überschlug, als ich ihr auf 30 Meter die Kugel ins Auge schoß. Schade drum, daß wir uns mit den Wölfen in das Fleisch teilen müssen. Ich werde indessen für mehr sorgen. Ist's doch eine Lust, hier herum zu jagen. Wenn eine Herde das Strombett kreuzt, brauche ich mich nur in den Hinterhalt zu legen, um das beste Stück auszusuchen. Wärest du erst wieder ganz gesund, möchte ich nie eine feinere Zeit erleben.« Ein schmerzliches Lächeln belebte flüchtig das zarte Antlitz der Leidenden. »Ich und gesund!« seufzte sie; »aber ein Glück, daß du den Mut nicht verlierst. Durch dein Beispiel fühle auch ich mich ermutigt, seit einigen Stunden sogar körperlich erleichtert. Oder fiel dir nicht auf, daß ich kaum noch huste? Und es kann ja nicht Gottes Wille sein, daß wir hier in der endlosen Wildnis zugrunde gehen.« »Unsinn,« versetzte Gregor achselzuckend, sah aber in eine andere Richtung, »solange uns die Pferde, der Wagen und meine Büchse bleiben, gibt es keine Gefahr; und der Tag kommt ebenfalls, an dem das Fahren dir keine Qual mehr bereitet. Ob die Hilfe etwas früher oder später eintrifft, fällt daher nicht ins Gewicht.« »Du meinst wirklich, daß Jessie und Jones nur davongingen, um die Leute auf dem Fort für uns in Bewegung zu setzen?« fragte Edith ungläubig. »Warum sollten sie nicht? Auf alle Fälle kehren sie nicht zurück, bevor sie Beistand gefunden haben,« tröstete Gregor, und wiederum kehrte er sein Antlitz ab, um die auf demselben wirkende Besorgnis zu verheimlichen. Denn unter dem Schutze der Nacht und ohne sich zu verabschieden hatten die beiden Dienstboten sich auf den Pferden entfernt, unzweifelhaft, um eine vorausgeeilte Karawane einzuholen und sich dieser anzuschließen. Nach einer Pause hob die junge Frau wieder an: »Gregor, setze dich zu mir. Ich möchte mit dir reden. Bleibst du dort, so bin ich gezwungen, meine Stimme zu sehr anzustrengen; und ich muß mich schonen, obwohl ich mich heute freier fühle als seit Wochen.« Gregor erhob sich schnell, und dem Ruf Folge leistend, streckte er sich so hin, daß sein Oberkörper unter das Zeltdach reichte, sein Kopf sich also beinahe neben dem Haupte Ediths befand. »Also wohler fühlst du dich,« begann er fast zu heiter für den Ausdruck der Wahrheit, »nun ja, du wirst die eigentliche Krankheit überstanden haben, so daß du nur noch Kräfte zu sammeln brauchst. Deine Stimme klingt wirklich freier, und in der Tat, du hustest kaum noch.« »Gott sei Dank, Gregor, wer weiß, ich mag es dennoch überstehen. Ich wollte ja so dankbar sein, wenn ich mit dem Kinde nur noch die ersten Ansiedelungen erreichte. Aber gerade weil ich mich heute auffällig besser befinde, möchte ich ein ernstes Wort mit dir sprechen. Bisher brachte ich es nicht übers Herz, die Möglichkeit zu erwähnen, daß mein armes kleines Töchterchen auch mutterlos werden könnte, nachdem es bereits den Vater verlor –« »Nenne ihn nicht,« fiel Gregor bitter ein, »er ist zwar mein naher Verwandter und dein Mann; seitdem er sich aber gegen dich verhärtete und versündigte, weil du unschuldige Menschen vor der Rachsucht der Rebellen zu bewahren suchtest, spreche ich seinen Namen nur noch mit Widerwillen aus.« »Urteile nicht so streng über ihn,« versetzte Edith klagend, »bedenke, er war abwesend, außerdem den Einflüssen seines Vaters und zahlreicher Verwandten ausgesetzt, namentlich dem der unbarmherzigen Tante Sarah.« »Das war ich ebenfalls,« erwiderte Gregor heftig, »aber gerade, weil man mich gewaltsam in die Reihen der Rebellen drängen wollte, hasse ich die Sezession doppelt. Jetzt bin ich ein freier Amerikaner und bahne mir meinen Weg ohne fremde Hilfe durchs Leben. Du aber und die kleine Thusnelda hier, ihr sollt keine Not leiden, solange ich noch ein Glied zu rühren vermag, darauf magst du bauen und alle deine Sorgen von dir abstreifen.« Während Gregor mit einem Gemisch von Haß und Begeisterung sprach, betrachtete Edith ihn mit ängstlicher Spannung. Dann reichte sie ihm die Hand und liebreich hob sie an: »Deine Anhänglichkeit wird dir noch einmal reich gesegnet werden, und hörst du es gern, lieber Gregor, so gestehe ich, daß deine Freundschaft und dein Schutz mir lieber sind, als hätten hundert andere sich zu meinem Beistand um mich geschart. Und welchen Verlaß bieten mir andere? Die, denen wir uns am Missouri angeschlossen, waren froh, uns der langsameren Reise wegen endlich abschütteln zu können, und die beiden Dienstleute, die gegen vorausbezahlten Lohn sich verpflichteten, bei uns auszuharren – ich würde mich mehr wundern, kehrten sie mit den Pferden zurück, als wenn wir sie nie wiedersähen. Ich bin es zu sehr gewohnt, von allen Seiten hintergangen, bedrängt und verstoßen zu werden.« »Nein, Edith,« fiel Gregor anscheinend zuversichtlich ein, »so trostlos, wie du glaubst, ist unsere Lage sicher nicht. Und läge Kalifornien so weit, wie der trübselig dareinschauende Mond da oben von der Erde, so brächte ich euch wohlbehalten dahin. Also sorge nicht; sage lieber, daß ich dir Erfrischungen reichen soll.« »Noch nicht, Gregor; ich muß mich zuvor ausgesprochen haben. Alles mußt du wissen, was mein Herz beschwert, soll ich überhaupt noch eine ruhige Stunde verleben. Dein Mut ist mein Trost, und gelänge es dir auch nur, das Kind zu gewissenhaften Menschen in Pflege zu bringen, so wollte ich dich noch aus meinem Grabe tausendfach segnen.« »Euch beide, Edith, euch beide. Ich habe meine Ahnungen, und die täuschen mich nie.« »Gut, Gregor, von Herzen gern will ich's glauben. Doch die Zukunft zu durchdringen und nach unseren Wünschen zu gestalten, sind die Kräfte Sterblicher zu schwach; wir müssen daher alle Fälle ins Auge fassen, auch den, daß es mir vielleicht nicht vergönnt ist, unser Ziel zu erreichen. Deshalb sehne ich mich, meinen letzten Willen in deine Hände niederzulegen – zu meiner eigenen Beruhigung. Und so höre: Sollte das Schlimmste für mein kleines Kind eingetreten sein – und Verhängnisvolleres gibt es ja nicht für solch zartes, hilfloses Wesen, als den Verlust der Mutter – so fällt Thusnelda dir als Erbteil zu. Dir allein vertraue ich sie an, denn ich weiß, daß kein Zweiter in der Welt so gewissenhaft über sie wachen würde, wie du. Dir gehört sie; du wirst für sie sorgen, sie nie aus den Augen verlieren. Wohl weiß ich, daß du im Kampf ums Dasein dich nicht an eine bestimmte Scholle binden kannst, wohl begreife ich, daß du mit deinem frischen Geist nach Höherem strebst, sogar streben mußt, anstatt dumpf hin zu vegetieren; allein das wird dich nicht hindern, Thusnelda an sicherer Stelle unterzubringen, von Zeit zu Zeit dich zu überzeugen, daß es ihr an nichts fehlt. Willst du mir das versprechen, Gregor? Willst du mir diesen Trost, wenn wir vielleicht voneinander scheiden sollten, mit in das Jenseits hinüber geben?« »Ich will, ja, ich will,« antwortete Gregor hastig und halb erstickt, als hätte er befürchtet, durch die in ihm wirkende Rührung übermannt zu werden, »ja, Edith, das verspreche ich dir. Sollte mir wirklich die Gelegenheit geraubt werden, das an dir zu sühnen, was andere schamlos verbrachen, so trenne ich mich nie von Thusnelda. Unter meinen Augen soll sie aufwachsen, soll sie lernen und sich ausbilden.« »Du warst von jeher mein treuester Freund,« erwiderte Edith, und inniger, als die sich matt regenden Lippen, zeugte der schwermütige Blick von ihrer Dankbarkeit. »Du bist noch jung, aber in dir wohnt der Wille und die Tatkraft eines gereiften Mannes. Was du versprichst, das führst du aus: mein Kind wirst du beschützen und beschirmen immerdar, daß ich ruhig schlafen kann.« »Edith, was ängstigst du dich und sorgst du?« sprach er weich. »Über solche Dinge mögen wir später sprechen, nachdem wir wohlbehalten in Kalifornien eingetroffen sind. Und je aufmerksamer ich dich betrachte, um so mehr schwinden meine Zweifel, daß in deinem Befinden eine entschiedene Wandlung zum Besseren eingetreten ist –« »Ja, ja, Gregor, das fühle ich selber, und gerade deshalb, ich wiederhole es, möchte ich dies Gespräch mit dir zu Ende führen. Und wer sagt vorher, wie lange das Wohlbefinden andauert? Wer so viel erduldete, wie ich, dessen Lebenskräfte müssen sich schließlich erschöpfen.« »Nein, nein, Edith,« unterbrach Gregor sie nunmehr bewegt, »so rede nicht, am wenigsten jetzt, da wir zu den besten Hoffnungen berechtigt sind. Wozu diese peinlichen Aufregungen –« »Und dann noch eins,« fiel Edith leise ein, als hätte die Unterbrechung nicht stattgefunden, »kränkte es mich auch tief, daß mein eigenes kleines Vermögen mir mit auf den Weg gegeben wurde, zum Beweise der gänzlichen Lossagung von mir, so betrachte ich jetzt diesen Umstand als einen Segen. Du bist klug, du bist umsichtig weit über deine Jahre; du wirst getreulich mit dem Gelde haushalten, leicht jemand ausfindig machen, dessen Rat du vertrauen kannst. Im übrigen brauchst du über die Verwendung des Geldes keinem Rechenschaft abzulegen. In meinem Wäschekoffer findest du mehrere Pakete Briefe und sonstige Schriftstücke, die sich auf Thusneldas und meine Geburt beziehen. Dieses und jenes Papier mag auch zu irgendwelchen Ansprüchen berechtigen – ich weiß es nicht – und daher von Wert für sie sein. Hätte ich selbst es nie über mich gewonnen, Ansprüche irgendeiner Art geltend zu machen, so darf ich dir nicht wehren, für deinen Schützling einzutreten. Das wäre also mein letzter Wille –« »Edith, Edith, nicht weiter in diesem Sinne,« nahm Gregor schnell wieder das Wort; »bevor es Zeit wird, derartiges zu beraten, geht noch manches Jahr hin – da – Thusnelda hat die Augen aufgeschlagen – so verständig betrachtet sie mich, als hätte sie jedes Wort verstanden.« »Mein Kind, mein Engelskind,« lispelte Edith kaum vernehmbar, und da die Last der Kleinen ihre Kräfte überstieg, hob Gregor sie empor, ihr zugleich eine solche Lage gebend, daß die Mutter sie zu herzen und zu küssen vermochte. »Mein Töchterchen, mein Engelskind,« wiederholte diese immer wieder, während heiße Tränen ihren Augen entstürzten und sie nur mit Mühe lautes Schluchzen unterdrückte: »Du, mein liebes, liebes Kind; jetzt kann ich getröstet von dir gehen, wann auch immer es sein mag –« »Sie wird trinken wollen,« warf Gregor ein, um Edith an der Fortsetzung des ihn marternden Gespräches zu hindern. »So gib ihr schnell,« antwortete diese lebhaft, und aufs neue beschäftigte sie sich mit dem lieblichen Kinde, bis Gregor mit einer gefüllten Flasche zurückkehrte. Mütterlich sorgsam überwachte sie, wie die Kleine mit allen äußeren Zeichen des Behagens die Flasche leerte. Auf Gregors dringende Bitte nahm auch sie eine gefüllte Tasse, stellte sie indessen zur Seite, nachdem sie den Inhalt kaum mit den Lippen berührt hatte. Mit Gregors Hilfe bettete sie das Kind darauf wieder so neben sich, daß sie es, ohne die Lage ihres Hauptes zu ändern, im Auge behalten konnte. Als Spielzeug reichte sie ihm eine ihrer langen weichen Locken, die sich unter den regsamen kleinen Händchen alsbald in eine Art Gewebe verwandelte. »Ich werde meine Not haben, das Haar wieder zu entwirren,« sprach sie leise zu Gregor, der wieder neben ihr kniete: »arme kleine Waise, wachte dein guter Engel nicht, was sollte da wohl aus uns werden.« Und wieder zu Gregor, der sich ihr zuneigte, um sich keines ihrer hauchähnlich gelispelten Worte entgehen zu lassen: »Ich fürchte, trotz der wiederholten Pausen, mit dem anhaltenden Sprechen mir zu viel zugemutet zu haben. Ich atme zwar freier, als seit Wochen, allein mich beschleicht eine unwiderstehliche Müdigkeit – nachdem ich eingeschlafen bin, höre ich die Kleine vielleicht gar nicht – du hast solch leisen Schlaf, Gregor; sollte sie sich melden, so wecke mich augenblicklich – gute Nacht, mein holder Liebling – gute Nacht, du lieber getreuer Gregor – welch wohltuende Müdigkeit –« Das Händchen entzog sich ihrem sanften Griff; ihre Augen schlossen sich, in leisen, aber regelmäßigen Zügen entwand der Atem sich den von den weißen Zähnen etwas zurückgewichenen Lippen. Ernst betrachtete Gregor das Wehmut erzeugende Bild. Behutsam wollte er die spielenden Hände von dem Haar befreien, stand aber davon ab, als die Kleine laut ihren Unmut zu erkennen gab. Er glaubte, daß deren Klagen störender auf den Schlaf der Mutter einwirken würden, als das gelegentliche Zerren, durch das sie an die Nähe und das Wohlbefinden ihres Kindes erinnert wurde. Ein Schleiertuch von zartem Gewebe, das zur Hand lag, breitete er vorsichtig über das stille bleiche Antlitz zum Schutz gegen den nächtlichen Tau und lästige Fluginsekten. Ebenso vorsichtig zog er die Decke über Hände und Unterarme. Edith rührte sich nicht. Einen letzten freundlichen Blick warf er auf die Kleine, und geräuschlos schlich er unter dem Zeltdach hervor und nach der anderen Seite des Wagens herum, um nochmals nach den Pferden zu sehen. Dann erst begab er sich ans Feuer zurück, wo er sein Abendbrot verzehrte und die nötigen Vorbereitungen für den folgenden Tag traf. Bevor er sich zum Schlaf unterhalb des Wagens in seine Decken hüllte, leuchtete er mit einem brennenden Holzspan unter das Zeltdach. Die junge Frau hatte sich noch nicht gerührt. Auch das Kind war eingeschlafen. Die kleinen Fäuste hatten sich in das seidenähnliche helle Gelock der Mutter verwickelt. Straff waren die dicken Haarsträhne angespannt, daß Gregor sich schier wunderte, wie Edith dabei hatte einschlafen können. Aber eine Beruhigung nahm er mit auf sein dürftiges Lager, die zuversichtliche Hoffnung, daß mit der Wendung zum Guten in dem Befinden der geliebten Verwandten die schwerste Besorgnis von seiner jungen Seele genommen worden. Fünftes Kapitel. Tsung-Tsang. Die Sonne war bereits der östlichen Prärie entstiegen. Wie ein dichtes Diamantengewebe ruhte der schwere nächtliche Tau auf Gräsern und Halmen. Indem die ersten Wärme spendenden Strahlen der nahe dem Erdboden lagernden feuchtkalten Luftschicht begegneten, schien die Ebene zu dampfen. Wie aus milchweißem Gewässer ragte der obere Teil des Wagens aus dem Nebelschleier hervor. Eine kleine Herde alter Büffelstiere hatte eine kurze Strecke weiter oberhalb das Flußbett gekreuzt. Gemächlich einherwandernd, rief es den Eindruck hervor, als ob sie schwimmend im Bade ihre Riesenleiber kühlten. Plötzlich standen sie still. Die sanfte westliche Luftströmung mußte ihnen die Witterung von den blutigen Resten des von den Wölfen zerfleischten Stammesgenossen zugetragen haben; denn in drohendes Brüllen ausbrechend, begannen einzelne den Erdboden zu scharren und sich schwerfällig durcheinander zu winden. Beim ersten Ton der unwirschen Tiere war Gregor aufgesprungen. Leicht überzeugte er sich, daß das Geräusch der grollenden Nachbarschaft vollständig harmlos war. Er griff daher zur Büchse, um die günstige Gelegenheit zur Beschaffung eines frischen Fleischvorrates sich zunutze zu machen, als die ergrimmten Tiere verstummten, ihre Bewegungen einstellten, die mächtigen Körper emporwarfen und die Nüstern dem Winde entgegenspreizten. Indem Gregor noch zweifelte, ob sie durch die Nähe eines Wolfes oder eines Menschen beunruhigt worden, hoben sie die kurzen Schweife mit den flatternden Büscheln und polternd stürmten sie davon. Er sann noch über die Ursache der auffälligen Bewegung nach, als die Stimme der kleinen Thusnelda zu ihm herüberdrang und ihn an das Trostlose seiner Lage erinnerte. Schnell eilte er um den Wagen herum, und unter das Zeltdach schlüpfend, sah er das Kind, wie es mit offenen Augen dalag und an der zwischen seine Fäustchen geklemmten Haarsträhne ungeduldig zerrte. Sein zweiter Blick galt der jungen Mutter. Sie hatte sich augenscheinlich die ganze Nacht hindurch nicht gerührt; denn noch ruhten die Unterarme verborgen in den Falten der Decke. Jäher Schrecken bemächtigte sich seiner. Seine Bestürzung war so groß, daß er, wie an allen Gliedern gelähmt, eine Weile auf den Knien liegen blieb, bevor er wagte, den ihm zunächst befindlichen Arm bloß zu legen und die schmale weiße Hand zu berühren. Entsetzt fuhr er zurück. Die Hand war unheimlich kalt. Nachdem er seine Besinnung einigermaßen zurückgewonnen hatte, überzeugte er sich durch einen neuen zaghaften Griff, daß die Armgelenke bereits erstarrt waren. Trotzdem konnte, wollte er nicht glauben, daß das Leben, dessen neuem Erblühen er abends zuvor noch mit so viel Zuversicht entgegensah, entflohen sei. Zögernd, wie um eine Schlummernde nicht zu wecken, hob er nunmehr den Schleier empor, und ein mit tiefem Stöhnen vereinigter Ausruf des Jammers entschlüpfte seinen Lippen, als er in ein marmorbleiches Totenantlitz blickte. Wohl ruhte ein Ausdruck himmlischen Friedens auf den leicht geschlossenen Lidern, wohl lag zutage, daß der Heimgang im Schlafe ohne jeglichen Kampf erfolgte; doch welche Wirkung konnte das auf ihn nur ausüben, in dessen Ohren es wie mit betäubenden Posaunentönen dröhnte: »Tot, tot! Unwiederbringlich verloren! Dahin, um nie mehr zurückzukehren! Verstummt, um nie mehr ein Wort freundlicher Ermutigung von sich zu geben!« Da weinte das der Nahrung harrende Kind, und bestürzt kehrte er diesem seine Aufmerksamkeit zu. Ungeduldiger noch zerrte es an dem lichten Haar, die Empfindung in ihm erzeugend, daß es der Toten Schmerz verursache. Behutsam löste er das feine Haargewebe von den kleinen Fingern, es zugleich sorgfältig aus deren Bereich bringend; dann aber, nachdem er die Kleine bequemer gebettet hatte, ergriff ihn neue Angst. Wenn auch sie aus Mangel an richtiger Pflege starb, so war er ganz allein in der traurigen Einöde. Denn mochte sie immerhin seine ganze Kraft, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, ihn zwingen, sich gleichsam aufzureiben, so besaß er in ihr doch eine Gefährtin, wußte er in seiner Nähe ein, wenn auch nur hilfloses menschliches Wesen. Gewissenhafter noch, denn je zuvor, bereitete er der kleinen Waise den gewohnten Frühtrunk. Ängstlich beobachtete er, wie sie mit kräftigen Zügen die Nahrung zu sich nahm, mit lieblicher Ahnungslosigkeit um sich sah und spielend nach den ihr gereichten Kieseln griff, und jetzt erst wälzte sich das Bewußtsein der ihm zugefallenen Verantwortlichkeit mit ganzer Schwere auf seine Seele. Sanft verhüllte er das noch immer schöne Antlitz der Toten, und gebeugt wie unter einer erdrückenden Last schlich er wieder um den Wagen herum. Dort ließ er sich auf die Deichsel nieder, und gegen wilde Verzweiflung ringend, suchte er zunächst seine Gedanken zu ordnen. »Wie soll das werden, wie soll das werden!« sprach er in seiner Verzweiflung vernehmlich vor sich hin. »Gilbert, Gilbert, eine schwere Verantwortlichkeit hast du auf dein Gewissen geladen. In den Tod ließest du die arme zarte Edith jagen, in den Tod dein eigenes hilfloses Kind, und mir wälztest du eine Aufgabe zu, die zu erfüllen meine Kräfte nimmermehr ausreichen.« Seine Betrachtungen stockten. Ein Ausdruck tiefer Erbitterung gelangte auf dem gebräunten, jugendfrischen Antlitz zum Durchbruch. Fester legten sich seine Zähne aufeinander und gleichsam zischend entwanden sich die Worte den geöffneten Lippen, indem er rückhaltlos seinen gehässigen Empfindungen nachgab. »Noch lebe ich, noch bin ich gesund,« hieß es da bedrohlich, »und sollte es mich das Leben kosten, ich will tun, was in meinen Kräften steht. Mein Ziel soll sein, Rechenschaft von dir zu fordern. Vergeltung will ich üben, indem ich dir ein Bild vor Augen führe, angesichts dessen ich jetzt selber vor Jammer sterben möchte. Deine Tochter aber, mein Erbe – nein, nimmermehr sollst du sie wiedersehen, und wärest du imstande, ihr das höchste irdische Glück zu bieten. Was ich litt, was ich selber leide, das soll dir nicht vergessen sein. Ich lebe ja noch, will leben, will dein Kind retten, Edith, oder gemeinschaftlich mit ihm zugrunde gehen!« Mit den letzten Worten sprang er empor. Sein Antlitz trug nur noch unbeugsamen Trotz zur Schau. Die letzte Spur knabenhaften Zagens war von ihm gewichen, um starrem Manneswillen und Mannesmut seine Stelle einzuräumen. Er kehrte sich dem Zeltdach zu. Deutlich erkannte er die Gestalt der Toten durch die sie verhüllende Decke hindurch. Ein Schauder durchrieselte ihn, während seine Züge sich wie im Krampf verzerrten und die Zähne sich knirschend aufeinander rieben. Es schwebte ihm vor, daß er derjenigen, die so lange seine treu anhängliche Gefährtin gewesen, den letzten Liebesdienst zu erweisen, sie gegen die Angriffe der Wölfe zu sichern habe. Ratlos spähte er um sich. Im weitesten Umkreise dasselbe Tierleben, wie am vorhergehenden Tage, und doch meinte er, daß die Prärie noch viel öder geworden sei. Sein Blick streifte die Überreste des am vergangenen Tage erlegten Büffels. Es befremdete ihn, daß sieben oder acht Wölfe, anstatt unersättlich das blutige Gebein zu benagen, dasselbe scheu umschlichen, oder, in sicherer Entfernung sitzend, lüstern betrachteten. Er entsann sich des seltsamen Benehmens der Büffel, die er beim Verlassen seines Lagers beobachtete, und sein Argwohn ward rege. Allmählich entdeckte er eine unbestimmte Bewegung neben der Tierleiche. Die Ursache derselben zu erkennen, hinderte ihn indessen die Entfernung. Sein erster Gedanke war, daß ein größeres Raubtier Besitz von der Beute ergriffen habe, dann aber hätten dessen äußere Formen sich deutlicher auszeichnen müssen. Zweifelnd spähte er noch hinüber, als plötzlich eine menschliche Gestalt sich aufrichtete und anscheinend mühsam nach dem nahen Flußbett hinüberschritt. Nach Haltung und Bekleidung zu schließen, war es kein Eingeborener, aber auch kein weißer Jäger oder Wüstenwanderer. In ihren Bewegungen offenbarte sich sogar eine gewisse Scheu, die er auf die Nähe der Wölfe glaubte zurückführen zu dürfen. »Auf alle Fälle ein menschliches Wesen,« dachte Gregor, und erleichtert aufatmend fügte er in der Erregung sprechend hinzu: »Und wäre es das elendeste Geschöpf, so befände ich mich doch nicht mehr allein.« Da er durch das stark qualmende Feuer das Kind gegen Raubtiere hinlänglich geschützt wußte, griff er zur Büchse und schritt schnell auf den rätselhaften Fremden zu. Dieser hatte unterdessen das Strombett verlassen. Auf dem äußersten Uferrande stand er und sah, offenbar von Zweifeln befangen, Gregors Ankunft entgegen. Noch immer wußte Gregor nicht, was er aus der seltsamen Erscheinung machen sollte. Erst als diese sich auf ihn zu bewegte und dadurch die zwischen ihnen bestehende Entfernung um so schneller verminderte, erkannte er einen Chinesen. Derselbe hob, bevor er noch in Sprechweite getreten war, beide Arme empor, und mit flehendem Ausdruck und dem eigentümlichen chinesischen Akzent tönte es zu Gregor herüber: »Ein armer verhungerter Mann bittet um Barmherzigkeit! Ich bin ehrlich und treu; ich will dienen und arbeiten. Rette den armen gequälten Chinamann; sonst nimm deine Büchse und schieße ihm eine Kugel durch den Kopf.« Gregor antwortete nicht gleich, sondern benutzte die Zeit bis zu ihrem Zusammentreffen, das Äußere des Hilfe Flehenden zu prüfen. Ein weitärmeliger, hemdenartiger blauer Rock fiel ihm bis über die Knie nieder. Unter diesem lugten bauschige Beinkleider hervor, an die genähte Zeugstrümpfe und wunderlich dicksohlige Schuhe sich anschlossen. Seinen Kopf bedeckte eine runde Filzmütze mit schmaler, ringsum aufgeschlagener Krämpe und beschattete dürftig ein gelbes, schlitzäugiges Mongolengesicht, von denen das Alter abzulesen, einem mit den Kindern des Reiches der Mitte wenig Vertrauten sicher schwer geworden wäre. Gregor gewann nur den Eindruck, daß es von abschreckender Häßlichkeit war. Die zu der Nase in einem stumpfen Winkel liegenden kleinen Augen aber dienten am wenigsten dazu, den ersten Eindruck abzuschwächen, dagegen meinte er neben großer Angst unzweideutige Gutmütigkeit in dem schüchternen Blick zu entdecken. »Wie kommst du so ganz allein in diese Wildnis und obenein ohne jegliches Mittel, das Leben zu fristen?« fragte Gregor, und in seiner Freude reichte er dem Chinesen die Hand. »Das ist eine lange, böse Geschichte,« antwortete dieser etwas ermutigt, »die Menschen haben mich geschlagen auf den Tod und beraubt –« »So wollen wir uns nach meinem Wagen begeben,« fiel Gregor in seiner Besorgnis um die kleine Thusnelda ein, »während des Gehens spricht es sich nicht schlechter, und dort ist meine Anwesenheit sehr notwendig. Im übrigen magst du unbesorgt sein. Willst du mir treu dienen, soll es dein Schade nicht sein. Du mußt dich nur entschließen, anstatt an den Missouri zu ziehen, mich nach Kalifornien zu begleiten.« »Mein Weg führt nach Kalifornien,« fiel der Chinese befangen ein, »bin nur davongelaufen in dieser Richtung. Sie wollten mich umbringen, mein Geld haben sie geraubt, ich bin sehr arm.« »Um so besser,« erklärte Gregor befriedigt, »bist du arm und hungrig, so bist du der Mann für mich, und dienst du mir treu, so teile ich mein letztes Stück Brot mit dir. Doch vertraue mir zunächst an, wie du gerade hierher verschlagen wurdest. Irgendeine Ursache muß auf alle Fälle vorliegen. Was bist du und woher kommst du?« »Ich bin ein Künstler,« antwortete der Chinese etwas selbstbewußter, »Tsung-Tsang ist mein Name. Ich habe viel gelernt. Die Menschen sagen, ich verstände mehr, als Brotessen.« »Welche Kunst erlerntest du?« Tsung-Tsang holte aus seinem Ärmel ein Paketchen Zigarettenpapier hervor, riß drei der zarten Blättchen ab, und jedes auf beiden Enden zusammenfassend, drehte er es in der Mitte zusammen, wodurch es die Form eines Schmetterlings erhielt. Einen Fächer zog er aus den Falten seines verschlissenen Rockes, und denselben öffnend, warf er die drei Papierchen empor, sie mittels gemächlicher Schwingungen des Fächers während des Gehens in der Schwebe erhaltend. Abwechselnd hinauf und hinunter wirbelten sie in der stillen Atmosphäre, ohne jemals aus dem Bereich seiner Gewalt zu geraten, hinauf und hinunter und immer ein wenig voraus mit munteren Bewegungen, wie wirkliche Schmetterlinge. Durch einen matt triumphierenden Seitenblick überzeugte er sich, daß Gregor ihn erstaunt betrachtete, und ohne sein Papierchen außer acht zu lassen, begann er zu erzählen: »Ich gehe eine Stunde und keines fällt auf den Erdboden. Ich kann auch sechs Dinger nehmen. Wohin ich gehe, fliegen sie voraus. Aber ich verstehe noch mehr,« und während des seltsamen Spiels schienen seine Gewandtheit und Kraft zu wachsen und etwas mehr Zuversicht offenbarte sich in seiner Haltung, »vielmehr. Ich werfe mit Messern und treffe auf zehn Ellen einen Kupferzent. Ich lasse Bäumchen wachsen und blühen in einer Viertelstunde –« »Säh' ich dich nicht mit den Dingern hantieren, würde ich dich für einen Lügner halten,« bemerkte Gregor ungläubig. »Ich spreche die Wahrheit,« beteuerte Tsung-Tsang, »und alles zeige ich meinem großmütigen Freunde; auch wie ich mit zwölf Bällen spiele, meinen Körper winde, wie eine Schlange, und einen Brief durchs Fenster im vierten Stock sende, daß er mitten auf den Tisch fällt. Meine Eltern waren berühmte Künstler, die erzogen einen Mann aus mir. In meiner Heimat gab's nicht viel Geld zu verdienen; da waren meine Künste nichts Neues. Aber ein Amerikaner lernte mich kennen und meinte, ich könne reich werden, wenn ich mit ihm zöge. Er versprach mir viel Geld, und ich folgte ihm in die Fremde. Da vermietete er mich bald hier, bald dort in Theater und Zirkus gegen hohe Bezahlung, und die Menschen erstaunten über meine Kunst. Ich dagegen war zufrieden, wenn ich jeden Monat meinen Lohn erhielt. So sparte ich sechzehnhundert Dollars in drei Jahren. Damit konnte ich in Kanton leben wie ein vornehmer Herr, und beschloß daher, in meine Heimat zurückzukehren. In New-York verabschiedete ich mich von meinem Geschäftsfreunde; der Krieg war ohnehin im Gange und mit den Vorstellungen war's vorbei. Ich hätte zu Schiff reisen können, aber ich berechnete die Kosten und zog vor, über Land nach San Franzisko zu gehen. Dort gibt's alle Tage Gelegenheit nach Kanton. Am Missouri, wo die Emigranten sich sammelten, vermietete ich mich bei einer kleineren Gesellschaft als Koch. Anfänglich gab's keine Ursache zum Klagen. Als wir aber erst so weit waren, daß es zu spät war zur Umkehr, behandelten sie mich wie einen Hund. Sie stießen und schlugen mich und nannten mich einen verfluchten Chinamann. Geduldig ertrug ich alles. Je unbarmherziger sie wurden, um so freundlicher und gefälliger diente ich ihnen. Ich hoffte, in San Franzisko würde die Qual ihr Ende erreichen. Auch meine Künste zeigte ich ihnen; da schworen sie, ich sei vom Teufel besessen und verdiene gehangen zu werden. Aber sie trachteten nach meinem Gelde und suchten nur nach einer Ursache, mich zu berauben. Acht oder neun Tage ist es her, da schlugen sie mich wieder unbarmherzig. Ich mußte es ertragen. Ich war allein, und sie zählten acht Männer und drei Frauen, und was sie redeten, war schlecht; auf sechs Worte kam immer ein Fluch. Da sagte ich, ich sei ihnen im Wege, ich wollte mich von ihnen trennen und einen anderen Wagenzug erwarten, sie möchten mir nur einen kleinen Vorrat Lebensmittel verkaufen. Dafür nannten sie mich einen Verräter. Neue Schläge mußte ich hinnehmen; auf die Erde warfen sie mich und mein Haar schnitten sie ab, damit ich verlacht werde, wenn ich meinen Landsleuten unter die Augen trete. Als mein Zopf unter der Schere knirschte, geriet ich in Verzweiflung. Ich zog mein Messer. Ich wußte nicht, was ich tat, aber verletzt habe ich niemand. Nur drohen wollte ich. Da schlugen und traten sie mich, daß ich besinnungslos liegen blieb, und mich verhöhnend, raubten sie mir meine ganzen Ersparnisse.« Hier übermannte ihn der Gram um das verlorene Geld, das er so lange als die erste Staffel zu seinem Glück betrachtet hatte. Er fing die beweglichen Papierchen mit dem Fächer auf, zerknitterte sie in krampfhaft geschlossener Faust und warf sie zur Seite, worauf er den Fächer wieder auf seinem Körper barg. »Auch der Wurm liebt sein Leben, und um das meinige zu retten, entfloh ich, sobald es Nacht geworden war. Bis dahin hatte ich still gelegen, daß sie meinten, es sei vorbei mit mir. Hätten sie mich am folgenden Morgen lebend vorgefunden, so wäre ich sicher umgebracht worden. Wie ich hier gehe und stehe, lief ich davon und den nächsten Bergen zu. Dort hielt ich mich versteckt, bis meine Peiniger aus der Nachbarschaft verschwunden waren. Eine neue Karawane zog vorüber, aber ich wagte nicht, zu ihr zu gehen. Ich glaubte, die bei derselben befindlichen Menschen würden nicht besser sein, als die anderen. Wer hätte mir getraut, wenn ich meine Erlebnisse erzählte? Und doch konnte ich nicht allein in dieser Wildnis bleiben. Ich mußte verhungern, verdursten. Da hoffte ich, mit braunen Menschen zusammen zu treffen, die vielleicht Mitleid mit mir haben würden, wenn ich ihnen meine Zauberkünste zeigte. Ich ging also den Weg zurück, den ich gekommen war. Dabei quälte mich der schrecklichste Hunger; denn die Wurzeln, die ich ausgrub und verzehrte, halfen mir nicht mehr, als daß ich gerade das Leben behielt. Um nicht zu verdursten, blieb ich in der Nähe des Flusses; da konnte ich mich verbergen, wenn Menschen sich näherten, denen ich nicht traute. Doch Menschen und Wagen erschienen nicht mehr. Die letzten Leute sah ich gestern. Ein Weib war's und ein Mann. Die ritten in großer Eile –« »Daß sie in ihrer Eile das Genick brechen möchten,« warf Gregor zähneknirschend ein, »denn meine Pferde ritten sie, und was sie sonst noch mit sich führten hatten sie mir gestohlen.« »Sie lachten und sangen,« erzählte Tsung-Tsang lebhaft weiter, »und auch vor ihnen fürchtete ich mich, so daß ich bis zum Einbruch der Dunkelheit mein Versteck in dem Flußbett nicht verließ. Dann setzte ich meine Wanderung fort Schritt für Schritt die ganze Nacht hindurch, und als es wieder Tag wurde, sah ich einen toten Büffel vor mir, an dem die Wölfe herumzerrten, und dahinter einen Wagen. Wiederum ergriff mich Angst. Doch der Hunger war so groß, daß ich's nicht länger ertragen konnte. Was auch daraus werden mochte, ich mußte essen. Ich schlich nach dem Büffel hin, von dem die Wölfe bei meiner Annäherung zurückwichen, und wie die Tiere zuvor getan hatten, nagte ich an den rohen Fleischresten und trank dazu aus dem Flusse. Als ich Ihrer ansichtig wurde, glaubte ich abermals, es sei zu Ende mit mir. Sie aber sind ein guter Mann. Freundliche Worte sprechen Sie zu mir, dafür will ich Ihnen als Knecht treu dienen.« Georg blieb stehen. Eine kurze Strecke trennte sie nur noch von dem Wagen, von dem er in der letzten Zeit kaum einen Blick gewendet hatte. »Wenn du hältst, was du versprichst,« kehrte er sich dem Chinesen zu, »so betrachte ich mein Zusammentreffen mit dir als ein Glück. Einzeln geht jeder von uns in dieser Einöde zugrunde. Bleiben wir dagegen beisammen, so mögen wir die ersten kalifornischen Ansiedelungen noch vor dem Hereinbrechen des Winters erreichen. Jetzt beantworte mir zunächst eine Frage: Verstehst du ein kleines Kind zu pflegen, daß es mir erhalten bleibt?« »Ich verstehe alles,« antwortete Tsung-Tsang, »geben Sie mir die geringsten Mittel, und ich pflege Ihr Kind, wie ich's einst mit meinen jüngeren Geschwistern getan habe.« »Ich glaube dir. Nun komm; nimm dich des Kindes an, als ob es dein eigenes wäre, und es soll dir nicht unbelohnt bleiben. Vorher aber müssen wir gemeinschaftlich ein traurig Stück Arbeit verrichten.« Mit den letzten Worten setzte er sich so schnell in Bewegung, daß der Chinese nicht gleichen Schritt mit ihm zu halten vermochte und erst etwas später vor dem Zeltdach eintraf. »Sieh her, Tsung-Tsang,« redete Gregor ihn alsbald an, »da liegt die Mutter neben ihrem Kinde. Beide schlafen, die Mutter, um nie, nie wieder zu erwachen. Zuvor wirst du dich ein wenig durch Speise und Trank kräftigen; nachher hilfst du mir, die arme Verstorbene sanft in die Erde legen. Schaufel und Hacke befinden sich im Wagen, da wollen wir tun, was unsere Pflicht ist.« Tsung-Tsang stand da und starrte regungslos auf die Tote nieder. Ihr stilles, noch immer liebliches, marmorbleiches Antlitz, zumal im Gegensatz zu dem rosigen Gesichtchen der schlummernden Kleinen, übte sichtbar einen tiefen Eindruck auf ihn aus. So verrann eine Minute in Schweigen; dann ergriff er zutraulich Gregors Hand. »Ich habe genug da hinten gegessen,« sprach er traurig, »jetzt kann ich arbeiten; geben Sie mir die Geräte –« »Recht so,« unterbrach Gregor ihn bewegt, »du bist ein braver Mann, und gehst du gleich ans Werk, ist's um so besser. Denn Zeit verlieren dürfen wir nicht. Jede verlorene Stunde kann verhängnisvoll für uns alle werden. Komm, wir wollen die Geräte hervorsuchen, und getreulich wechseln wir ab. Während der eine schaufelt, beschäftigt der andere sich hier und vor dem Feuer –« Das Weinen des plötzlich erwachten Kindes unterbrach ihn. Als er es emporheben wollte, kam Tsung-Tsang ihm zuvor, und mit stiller Freude beobachtete Gregor, wie derselbe die Kleine auf den Arm nahm und durch Worte und Bewegungen leicht beruhigte. Ohne Säumen begaben sie sich nach dem Feuer hinüber, und Gregors Hoffnung, seinen Schützling am Leben zu erhalten, wuchs in demselben Maße, in dem Tsung-Tsang sich mehr und mehr als seiner Aufgabe gewachsen auswies. Alles ging ihm von Händen, als ob er sich in seinem Element befunden habe, und eine Freude verriet der seltsame Bursche an dem zarten jungen Leben, daß es Gregor tief rührte. Schien er doch alle Leiden, Entbehrungen und Verluste vergessen zu haben, so eifrig war er bestrebt, dem kleinen blauäugigen Antlitz ein Lächeln zu entlocken. Eine Stunde war verronnen. Die Kleine saß auf einem von Decken hergestellten Lager und vergnügte sich mit bunten Kieseln. Die beiden neuen Gefährten hatten ihr Frühmahl beendigt und schickten sich an, ein Werk zu beginnen, dessen Gregor fortgesetzt wie einer ihn erdrückenden Last gedachte. Etwa zwanzig Ellen vom Uferrande steckte er eine Fläche ab, auf der Tsung-Tsang ohne Zeitverlust mit der seiner Rasse eigentümlichen Geschäftigkeit die Erde auszuheben begann. Gregor begab sich unterdessen zu der Toten hinüber. Lange kniete er neben ihr unter dem Zeltdach, die Blicke starr auf das bleiche Antlitz gerichtet; Träne auf Träne rann über seine gebräunten Wangen. Mit verschränkten Armen trat er dann vor das spielende Kind hin und düsteren Blickes betrachtete er es. Erst als Thusnelda lächelnd zu ihm emporsah, glitt es wie ein Abglanz herzlichen Wohlwollens über seine ernsten Züge. Er bückte sich, und mit der Hand über die feinen weißlichen Locken hinstreichend, sprach er wie unbewußt: »Du gehörst jetzt mir allein. Wir trennen uns nicht mehr voneinander.« Lallend verriet die liebliche Kleine ihre Zuneigung zu ihm. Leise klopfte er ihre rosigen Wangen und festen Schrittes begab er sich zu Tsung-Tsang hinüber, der sich bereits bis über die Knie in das nachgiebige Erdreich hineingearbeitet hatte. Schweigend beteiligte er sich an dem Werk. Eine Stunde und länger schafften beide unermüdlich. Erst nachdem sie auf dem einen Ende der Gruft Stufen ausgestochen hatten, um das Hinabtragen der stillen Schläferin zu erleichtern, verließen sie die Tiefe. Sie legten die Tote auf eine Decke, und behutsam, wie um eine Schlummernde nicht zu wecken, betteten sie Edith in ihr einsames Grab. Als Gregor noch mit Widerstreben der Aufgabe gedachte, sie mit Erde zu überschütten, eilte Tsung-Tsang in das Flußbett hinab, wo hier und da Weidengestrüpp aus dem Ufer hervorwucherte. Von diesem schnitt er, was ihm erreichbar, ab, und die schwanken, mit herbstlich gefärbtem Laub behangenen Zweige nach dem Grabe hinübertragend, bedeckte er die Tote mit einer schützenden Lage. Sanft ließen sie nunmehr die Erde auf die Entschlafene niederrieseln. Auf die erste mäßig starke Sandschicht folgten wieder Zweige und alles am Wagen entbehrliche Holzwerk. Zwischen dieses wurde eine Anzahl aus dem Flußbett herbeigeschaffter Steine festgeklemmt, um den Wölfen das Scharren unmöglich zu machen, dann erst füllten sie die Grube vollständig aus. Den sich über derselben wölbenden Hügel belegten sie mit Rasen. Auf ein dem Wagen entnommenes Brett schnitzte Gregor den Namen und Sterbetag der Toten, und das befestigte er ihr zu Häupten in der Erde. Die Mittagsstunde war unterdessen verstrichen und westlich neigte sich die Sonne. Während Gregor ans Werk ging, den Wagen zur Weiterreise herzurichten, beschäftigte Tsung-Tsang sich damit, den vorhandenen Fleischvorrat in schmale Streifen zu schneiden und zum Dörren an das Leinwandverdeck zu befestigen. Was irgend entbehrlich, wurde, um den Wagen zu erleichtern, entfernt, und als die Sonne in die Scott-Bluffs hinabtauchte, da meinten die beiden Gefährten, alle Vorkehrungen getroffen zu haben, um mit Zuversicht die Weiterreise anzutreten zu können. Bei Tagesanbruch spannten sie die Pferde ein. Einen letzten langen Blick senkte Gregor auf den einsamen Grabhügel; dann ergriff er die Zügel, zugleich lehnten die Pferde sich in die Geschirre. Wie er, schritt auch der Chinese neben dem Wagen einher, abwechselnd die kleine Waise tragend, oder sie unter dem aufgeschürzten Verdeck hindurch mit erheiternden Spielereien in guter Laune erhaltend. Eine halbe Stunde waren sie gewandert, als sie eine sanfte Bodenerhebung überschritten. Auf deren höchsten Punkt hielt Gregor die Pferde an. Schwermütig blickte er östlich. Tsung-Tsang war neben ihn hingetreten. Als er gewahrte, daß Gregors Blick sich allmählich verfinsterte, wies er mit dem ausgestreckten Arm gen Osten. »Der eine schläft in der Prärie, der andere im Gebirge, mancher auf dem Boden des Meeres,« sprach er zutraulich. »Ruhen sie da schlechter, als in einem Garten? Meine Gebeine möchte ich freilich – wenn es irgend angeht – im Reich der Mitte begraben lassen, so erheischt es die Sitte. Wenn ich gestorben bin, verscharren Sie mich indes, wo es Ihnen gefällt; bei dem Kinde bleibe ich, solange ich atme.« Gregor sah durchdringend in des wunderlichen Burschen zwinkernde Schlitzaugen und erwiderte ernst: »Auch ich mag sterben. Was aus meinem Körper wird, kümmert mich wenig. Das Kind aber sollst du nicht von dir lassen, bis es mit eigenem Willen von dannen geht.« Er blickte wieder nach dem Grabe hinüber. Wie unbewußt zog er seinen Hut. »Schlafe wohl, Edith,« sprach er mit bebenden Lippen, »dein Kind ist mein Eigentum geworden. Mein Wünschen und Hoffen steht hinter dessen Wohlfahrt zurück.« Wie zum Gelöbnis reichte er dem Chinesen die Hand und hastig griff er zu Zügel und Peitsche. Westlich stand sein Sinn; westlich über alle Fährnisse hinweg; bis der Ozean ihm endlich Halt gebot. Sechstes Kapitel. In den Außenwerken von Vicksburg. Ein furchtbares Ringen war es um das stark befestigte Vicksburg, das den Mississippi gerade in seiner großen Biegung beherrschte. Vom Strom aus wie von allen Landseiten erfolgten die wütenden Angriffe der Unionisten unter General Grant, bis die halb verhungerten Konföderierten endlich am Morgen des 3. Juli 1863 nach siebenundvierzigtägiger Belagerung die Parlamentärflagge aufzogen und tags darauf der Einmarsch der Unionisten erfolgte. Den Tag über hatte die Sonne unbarmherzig auf die zerschossene, rauchende Stadt und deren blutgetränkte Umgebung niedergebrannt. Massenhaft waren die Leichen der jüngst Gefallenen eingescharrt worden, und noch immer suchte man erfolgreich nach Toten und Verwundeten. Die landesübliche brennende Tonpfeife zwischen den Zähnen, walteten die zu dem traurigen Werk Kommandierten ihres Amtes. Ihnen war der Anblick der Szenen des Grausens und Entsetzens nichts Neues. Die Gewohnheit hatte sie abgestumpft. Arbeit war ihnen Arbeit, gleichviel ob es galt, Axt und Beil zu schwingen, blutüberströmte Bahren zu tragen oder neue Gruben auszuwerfen. Der Krieg verhärtet, die milderen Empfindungen gehen verloren. Sichtbar von Grauen erfüllt, bewegte auf der Ostseite der Stadt ein einzelner Wanderer sich zwischen den Außenwerken einher. Scheu spähte er bald in diese, bald in jene Richtung. Wohin er blicken mochte, überall begegnete er Merkmalen der Zerstörung. Gefurchtes und trichterförmig aufgewühltes Erdreich, Granatsplitter, zerschossene Lafetten und Wagen, aus ihrer Lage gewichene und zersprungene Geschütze, Handwaffen, Uniformstücke, Kopfbedeckungen, Feldflaschen und wer weiß, was sonst noch – alles, alles zeugte von den furchtbaren Leiden, denen die Belagerten Wochen und Wochen hindurch unterworfen gewesen. Es war ein Anblick, auch den Beherztesten zaghaft zu stimmen, um so mehr jemand, dem man, wie jenem Fremden, leicht ansah, daß er an dem erbitterten Kampfe weder mittelbar noch unmittelbar beteiligt gewesen, überhaupt für mannhaftes Ringen nicht geschaffen war. Zwei Soldaten zwischen sich eine Bahre, deren unheimliche Ladung eine wollene Decke verbarg, schritten an ihm vorüber. »Heda, meine Freunde,« redete er sie an, »ich suche einen gewissen Kolonel Melville, könnt ihr mir auf seine Spur helfen?« »Von welcher Seite?« hieß es mürrisch zurück. »Von der sezessionistischen,« lautete die Antwort. »Die Konföderierten sind meistens aus der Stadt heraus. Was noch drinnen ist, befindet sich in Gefangenschaft, wird aber bald nachgeschoben werden. Da mag der Henker in dem Gewirre nach 'nem einzelnen Mann suchen. Sie sind selber Sezessionist?« »Das tut nichts zur Sache. Hier ist ein Passierschein vom Stabe des Generals. Auch suche ich keinen gesunden Mann, sondern einen Schwerverwundeten. Von einem Gefangenen seines Regiments erfuhr ich, daß er hier irgendwo liege, da sein Zustand das Fortschaffen verboten habe.« »So wird er da drüben in einer Munitionskammer liegen,« versetzte der eine Leichenträger, indem er durch eine gleichmütige Kopfbewegung nach der nächsten Schanze hinüberwies, und mit einem aufmunternden: »Vorwärts« zu dem Gefährten setzte er sich wieder in Bewegung. Der Wanderer schlug die Richtung nach dem Wall ein, wo zwischen den Geschützeinschnitten ihm die schwarzen Öffnungen der bombenfesten Kammern entgegengähnten. Patrouillen gingen ab und zu; Schildwachen standen hier und dort, mit seinem Passierscheine kam er ungehindert überall vorbei. Auf seine Frage wurde er von einem zum andern gewiesen, bis er endlich die Antwort erhielt, daß in der nächsten Kammer allerdings ein Verwundeter liege, mit dem es indessen wohl vorbei sein dürfte. Man habe wenigstens den Chirurgen nach sehr kurzem Besuche heraustreten und sich entfernen gesehen. Gleich darauf stand der Fremde vor dem mittels schwerer Balken gestützten und überwölbten Eingange. Mißtrauisch spähte er in die schwarze Finsternis hinein. »Ist hier jemand?« fragte er nach einer Pause des Zweifelns. Alsbald trat ihm die verwitterte und zerlumpte Gestalt eines südstaatlichen Kavalleristen entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Den Kolonel Melville suche ich,« antwortete er scheu, »er soll hier irgendwo untergebracht sein.« »Da sind Sie vor die richtige Tür gelangt,« hieß es mürrisch zurück, »Sie könnten aber Besseres tun, als einen Verscheidenden zu stören, es sei denn, Sie wären der Mr. Slowfield selber.« »Der bin ich, und einem günstigen Zufall ist's zu verdanken, daß der nach mir entsendete Bote ein Stück unzerbrochenen Telegraphendrahtes fand, oder es sollte ihm schwer geworden sein, mich hierher zu bescheiden.« »Der Kolonel erwartet Sie seit frühmorgens.« »Und ich nenne es Glück, daß ich überhaupt hier bin. Vierzehn Stunden ritt ich ohne eine Minute mehr Rast, als ich zum Wechseln des Pferdes gebrauchte. Steht es denn in der Tat so böse mit ihm?« Der Soldat, offenbar der Diener Melvilles, zuckte die Achseln und fügte mitleidig hinzu: »Wem ein Granatsplitter die eine Hüfte fortriß, auch wohl noch 'n Stück Eisen in die Eingeweide trieb, der darf nicht mehr auf viel Zeit rechnen.« »Das ist ja furchtbar,« versetzte Slowfield zaghaft, als hätte Scheu vor dem Anblick des so gräßlich Zerfleischten ihn beseelt; »hoffentlich ist er noch bei Besinnung, daß ich zu ihm sprechen kann?« »Mehr als zuviel. Ich hätte ihm längst 'nen sanften Tod gewünscht, um seiner Qualen willen.« »So darf ich zu ihm gehen?« »Will Sie anmelden. Vielleicht ist ihm 's Reden leid geworden; mag auch nicht recht mehr können. Ich kalkulier', in der letzten Stunde vergeht einem die Lust, viel zu verhandeln,« Mit diesen Worten schritt der Soldat in die Kammer zurück. Slowfield lauschte ihm ängstlich nach und hörte, wie er im Hintergrunde mit unverkennbarer Teilnahme zu jemand sprach. »Gott sei Dank,« ertönte eine vertraute Stimme, jedoch durch Todesmattigkeit entstellt, zu ihm heraus; »ich hatte schon alles aufgegeben – rufe ihn herein – schnell!« Slowfield wartete die Rückkehr des Mannes nicht ab, sondern trat ein. Nach den ersten Schritten blieb er stehen, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Erst als Melville ihn bei Namen nannte, bewegte er sich auf die Stimme zu. Gleich darauf kniete er neben einem aus Decken und Mänteln hergestellten Lager, auf welchem der Verwundete, wie er bei dem durch die Türe hereinfallenden gedämpften Lichtschein allmählich zu unterscheiden vermochte, lang ausgestreckt ruhte. Seinen Körper verhüllte eine wollene Decke, wogegen sein Kopf durch einen zusammengerollten Mantel gestützt wurde. »Mein armer Freund und Gönner, wie muß ich Sie wiedersehen,« redete Slowfield ihn alsbald an und ergriff seine beiden erkalteten Hände, »und hier in dem elenden dumpfigen Raum ohne jede Bequemlichkeit –« »Sagen Sie lieber: wie muß ich die gerechte Sache der Konföderierten finden,« fiel Melville mit krampfhafter Hast und unter Aufbietung der letzten ihm gebliebenen Kräfte ein, »denn zum Sterben ist jeder Winkel gut genug. Man wollte mich fortbringen, aber ich litt es nicht. Ich wäre unterwegs gestorben. Nur durch ungestörte Ruhe konnte mein Leben noch ein wenig aufgehalten werden – und leben mußte ich – ich durfte nicht sterben, ohne Sie vorher gesprochen zu haben. Geh hinaus und sorge dafür, daß niemand uns stört,« kehrte er sich dem Soldaten zu, dann fuhr er wieder zu Slowfield gewendet fort: »Er braucht nicht zu erfahren, was ich Ihnen anzuvertrauen habe.« »Kann ich Ihre Lage in irgendeiner Weise erleichtern?« fragte Slowfield. »Durch nichts, mein teurer Freund. Hier oben mir zu Häupten steht eine Flasche Wasser mit etwas Whisky drinnen – ein erbärmlicher Trunk – wollen Sie die hin und wieder an meinen Mund halten, so danke ich es Ihnen. Mein Durst ist unauslöschlich.« Bereitwillig reichte Slowfield ihm die Flasche und ohne Säumen fuhr der Kolonel fort: »Wir müssen uns beeilen. Jede neue Minute mag meine letzte sein, und ich habe Ihnen noch so viel mitzuteilen. Zunächst meine Kinder. Wie ergeht es Marianne?« »Sie ist wohlauf samt ihren Kleinen. Erst gestern hörte ich von ihr,« antwortete Slowfield. »Meine gute, meine starke Tochter,« flüsterte Melville wie im Traume, dann wieder lauter: »Sie war von jeher mein Stolz, und das soll ihr und ihren Nachkommen reich gesegnet sein. Und Gilbert? Hörten Sie von ihm?« »In neuester Zeit nichts. Er kreuzt auf hoher See. Die Unionisten wissen von zahlreichen Schiffen zu erzählen, die er verbrannte. Tief sind die Wunden, die er ihrem Handel schlägt.« »Mein kühner Sohn,« flüsterte Melville wieder zärtlich, »mag es ihm beschieden sein, diese schrecklichen Zeiten gesund zu überleben. Sie wissen nichts von Stocton?« »Von Stocton?« fragte Slowfield erschrocken, und in seiner Stimme offenbarte sich, trotz der unheimlichen, zum Ernst mahnenden Umgebung, gehässige Enttäuschung. »Ja, von ihm, von dem Gatten meiner Tochter, dem Vater meiner Enkel,« versetzte Melville. »Er ist tot, es waltet kein Zweifel mehr,« erklärte Slowfield zögernd, »er muß bald nach der Zusammenkunft am Arkansas ums Leben gekommen sein, und das ist an die zwei Jahre her. Ein Mann von seinen Fähigkeiten hätte unmöglich lange unbeachtet bleiben können. In ihm wohnten alle Eigenschaften eines Heerführers, die, wären sie zugunsten des Südens ausgenützt worden, uns manchen glänzenden Erfolg eingetragen hätten.« »Jetzt nichts von solchen Dingen,« bat der Kolonel matt, »der Tod sühnt alles, seine Fehler, wie das, was ich selber, wenn auch in der ehrenwertesten Absicht verbrach. Von Edith ist ebenfalls keine Kunde eingelaufen, von ihr und dem Töchterchen meines Sohnes?« »Nicht die leiseste Nachricht. Seit wir ihr von dannen halfen, um sie dem Volksunwillen zu entziehen, ist sie verschollen. Ich fürchte, sie lebt, um peinlichen Begegnungen auszuweichen, im Verborgenen bei irgendeinem ihrer unionistischen Freunde.« »Armes junges Weib,« klagte Melville, »jetzt, da ich auf der äußersten Grenze des Lebens stehe, fällt mir schwer auf die Seele, daß ich im Übereifer mich dennoch schwer an den Meinigen versündigte. Ich mußte anders auftreten. Ich durfte nicht dulden, daß sich voneinander trennte, was der Himmel zusammenfügte.« »Sie trifft keine Schuld,« beruhigte Slowfield, »Sie haben gehandelt, wie ein Mann von Ehre, wie ein Mann, dem das Wohl des Vaterlandes, die heimischen, althergebrachten Institutionen höher stehen, als alle anderen, selbst die heiligsten Rücksichten. Als Held, wie als Mann und Patriot stehen Sie gleich erhaben da, ein hehres Beispiel für kommende Geschlechter.« »Meine Grundsätze besiegle ich mit meinem Tode,« erwiderte der Kolonel unsäglich bitter, »und alles, alles vergeblich. Wie mein Haus, so wird auch der Süden zusammenbrechen. Ich sterbe und nehme das Bewußtsein mit hinüber, daß die schweren Opfer, die ich brachte, nutzlos waren. Wie viel leichter erschiene mir der Tod, wäre mir ein letzter Blick auf siegreich wehende Banner, auf meine Angehörigen vergönnt gewesen, wie sie über die allmählich vernarbende Kluft hinweg sich wieder die Hände reichten. Alles, alles verloren, unheilbar vernichtet. Seitdem die Befreiung der Sklaven ausgesprochen wurde, ist dem einst so mächtigen Süden die Lebensader durchschnitten. Selbst im glücklichsten Falle könnte es nicht mehr so werden, wie es gewesen ist.« Er schwieg. Der Eifer, mit dem er sprach und der ihm anfänglich neue Kräfte zu verleihen schien, hatte ihn erschöpft. Slowfield beobachtete ihn ängstlich. Es erwachte in ihm die Besorgnis, daß der Kolonel sterben könne, bevor er das, was sein Gemüt unzweifelhaft beschwerte, vor ihm offenbarte. Er versuchte daher, seine Lebensgeister dadurch wieder anzuregen, daß er seinen, einst mit so viel Begeisterung gehegten politischen Hoffnungen neue Nahrung bot. »Die Befreiung der Sklaven ist freilich ausgesprochen,« hob er an, »allein wer besitzt das Recht, dem Süden derartige Befehle zu erteilen?« »Der Stärkere,« warf Melville etwas lebhafter ein. »Wer ist der Stärkere?« fragte Slowfield wie in Entrüstung, »in jedem gewaltigen Ringen geht es hinauf und hinunter; so wird auch die Konföderation schließlich die Oberhand gewinnen.« »So geschähe es aus ausgebrannten Trümmern, aus denen weder Gott noch die Menschen neues Leben hervorzurufen vermöchten,« versetzte Melville spöttisch. »Die auseinandergerissenen Familienmitglieder mögen sich wieder vereinigen, geläutert und zufrieden aus den vermessen heraufbeschworenen Prüfungen hervorgehen, soweit ein feindseliges Geschick sie nicht von der Erde nahm; aber ebensowenig, wie die Toten erweckt werden können, ersteht der Süden jemals wieder zu seinem alten vornehmen Glanz.« »Sie leiden,« bemerkte Slowfield, als der Kolonel kurz abbrach, und führte die Flasche wieder an dessen Lippen, »die Schmerzen sind es, die Ihnen alles in der düstersten Färbung vorschweben lassen,« Melville hob die Hand abwehrend. »Die Schmerzen sind erträglich,« sprach er geringschätzig, »ich beobachtete solche Merkmale zu oft an anderen, ich weiß, was sie bedeuten. Dumpfer und dumpfer wird die Pein, bis sie plötzlich ganz aufhört. Indem es kühl und zugleich lähmend durch meine Gebeine rieselt, könnte ich die Zeit berechnen, innerhalb welcher ich Ruhe finde. Bis dahin aber wird mein Geist ziemlich klar bleiben. Wollte der Körper in der letzten Stunde seinen Dienst versagen: der Geist, der um meine Kinder und Enkel tief besorgte Geist würde es nicht dulden. Lassen wir daher das, was nicht geändert werden kann. Meine Pflicht gegen das Vaterland habe ich bis zu dem Augenblick treu erfüllt, in welchem das mörderische Geschoß mich traf; über diese Grenze reichen meine Verbindlichkeiten nicht hinaus. Der letzte Atemzug gehört meinen Kindern und Kindeskindern; meine letzte Aufgabe ist, deren irdische Wohlfahrt nach besten Kräften zu sichern, und zu solchem Zweck habe ich Sie herbeirufen lassen. Wie eine Vergünstigung des Himmels aber erscheint es mir, daß meine Botschaft Sie erreichte und Sie derselben Folge zu leisten vermochten.« Tiefer neigte Slowfield sich nunmehr über den Verwundeten hin. Hätten Melvilles matte Augen das tiefe Dämmerlicht durchdringen können, so wären vielleicht die ferneren Mitteilungen ihm auf den Lippen erstorben vor der zügellosen Gier, die aus Slowfields sich verschärfenden Blicken hervorleuchtete. »Eine Vergünstigung des Himmels,« wiederholte dieser inbrünstig, »oder es wäre unmöglich gewesen, alle sich mir auf Schritt und Tritt entgegenstellenden Hindernisse zu besiegen. Sie hingegen, mein verehrter Gönner, mögen, wenn es Ihnen zur Beruhigung gereicht, mein Versprechen hinnehmen, daß jeder von Ihnen erteilte Auftrag mir heilig sein wird.« »Ich weiß es, Slowfield, ja, ich weiß es, und das gewährt mir großen Trost. Wie bedachtsam ich meine Anordnungen zugunsten meiner Kinder traf, werden Sie wie diese seiner Zeit erfahren. Nichts verabsäumte ich, was dazu dienen kann, meine bewegliche Habe oder vielmehr die ihrer verstorbenen Mutter für sie zu retten. Denn die Plantage hat, seitdem die Sklaven angesichts der ihnen lachenden Freiheit entflohen, ihren Wert in einer Weise verloren, daß die auf ihr lastenden Schulden wohl kaum zur Hälfte Deckung finden. Aber immerhin: werden die Gläubiger geschädigt, so bin ich unschuldig. Ich konnte die Ereignisse nicht vorhersehen, mußte auf den Sieg des Südens rechnen, der heute mehr denn je zuvor zweifelhaft ist. Das Vermögen meiner verstorbenen Frau blieb dagegen unantastbar; es gehörte Marianne und Gilbert. Stelle ich es ihnen nicht sogleich zur Verfügung, so bewegen zwingende Gründe mich dazu. So traf ich auch meine Vorkehrungen, daß es ihnen vor Beendigung des Krieges unzugänglich bleibt. Mißbilligen sie mein Verfahren jetzt, so werden sie es später um so dankbarer anerkennen. Wo ich das Vermögen zu einem mäßigen Zinsfuß sicher unterbrachte, bleibt auch Ihnen Geheimnis. So viel will ich indessen andeuten, daß ich es außer Landes schaffte und Sie die Zinsen nur durch die dritte Hand erheben können. Legen Sie mir das nicht als einen Mangel an Vertrauen aus. Ich mußte so handeln; denn ein einziges unbedachtes Wort kann noch heute die Gefahr herbeiführen, daß der Moloch des Verzweiflungskampfes auch das verschlingt.« »Liegt in diesen Mitteilungen nicht das größte Vertrauen?« fragte Slowfield, als der Verwundete, von Erschöpfung überwältigt, wieder eine Pause eintreten ließ, und besorgt lauschte er auf dessen Atemzüge. »Welche Wege auch immer Sie zur Verwirklichung Ihrer von väterlicher Liebe getragenen Pläne einschlugen: mir fällt einzig und allein die Aufgabe zu, ohne rechts oder links zu schauen, mich genau an die mir erteilten Anweisungen zu halten. Und hätten Sie meine ganze Tatkraft, meine ganze Zeit beansprucht, so würde meine freundschaftliche Bereitwilligkeit dadurch nicht verringert werden,« glaubte Slowfield hinzufügen zu dürfen. »Ich weiß, ich weiß,« fuhr Melville mit einer Anwandlung von Ungeduld fort, »zwischen uns bedarf es keiner Freundschaftsbeteuerungen mehr. – Und nun zu der Lage, in der die Plantage sich befindet,« spann der Kolonel nach einer längeren Pause seine Mitteilungen wie im Traume weiter. »Mich vor den Gläubigern zu rechtfertigen, brauche ich Sie nicht zu bitten: Sie wissen am besten, daß die Plantage ursprünglich nicht über die Gebühr belastet wurde, daß aber die ausgesprochene Aufhebung der Sklaverei unausbleiblich den Grundbesitz auf Jahrzehnte hinaus entwertet. Durch Ihre Vermittlung bezog ich nicht unerhebliche Vorschüsse, die in die Kriegskasse flössen. Wie hoch dieselben sich belaufen, weiß ich nicht; wohl aber, daß über die letzten Summen Sie nur einfache Empfangsscheine erhielten. Es wurde damals zwischen uns verabredet, Ihre ganzen Forderungen ebenfalls ungeteilt auf die Plantage eintragen zu lassen. Ist das geschehen?« »Insoweit, daß es nur Ihrer Namensunterschrift bedarf, um dem Hypothekendokument Rechtsgültigkeit zu verleihen.« »Führen Sie das zur Vollziehung Erforderliche bei sich? Sonst dürfte Ihre Mühe wohl vergeblich gewesen sein.« »Ich trug Ihrer früheren Aufforderung Rechnung, hätte indessen ohne Ihre Mahnung nicht gewagt, daran zu erinnern.« »So beeilen wir uns. Ist diese letzte Sorge von meiner Seele, so bleibt mir vielleicht noch etwas Zeit, mit meinen Kindern und Enkeln im Geiste mich zu beschäftigen.« Slowfield zog ein Schriftstück hervor, und es in den durch die Türe hereinfallenden Lichtstreifen haltend, begann er zu lesen. »Nicht doch,« wendete der Kolonel ungeduldig ein, »nennen Sie die Summe und geben Sie mir die Feder.« »Achtundvierzigtausend Dollars,« antwortete Slowfield schüchtern, aber durchdringend sah er auf die halbgeschlossenen sterbensmüden Augen des Leidenden nieder. »Ich glaubte, es sei mehr gewesen,« hieß es träumerisch zurück. »Ein genauer Auszug aus meinen Rechnungen,« erklärte Slowfield, indem er das Taschenschreibzeug ordnete und Melville eine befeuchtete Feder reichte. Dann legte er das Papier auf sein Notizbuch, dieses auf die Decke, und Melvilles Hand ergreifend, führte er sie behutsam nach der Stelle hin, auf welche der Name zu stehen kommen sollte. »Sie zittern,« bemerkte der Kolonel spöttisch, während er mit sichtbarer Anstrengung seinen Namen niederschrieb. »Von Ihnen scheiden zu müssen – ich kann es nicht fassen – kann es nicht fassen,« antwortete Slowfield mit plötzlich veränderter Stimme, als hätte schmerzliche Bewegung ihn in der Tat übermannt. Dann schwang er das Papier langsam hin und her, um das Trocknen der Tinte zu beschleunigen. »Der eine heute, der andere morgen,« versetzte Melville leise, jedoch beinahe heiter, »für eine edle, wenn auch voraussichtlich verlorene Sache verbluten zu müssen, ist immer noch nicht das härteste Los. Ich bin jetzt ruhig. Das Bewußtsein, nach bestem Können und Wissen allen Menschen gerecht geworden zu sein, verleiht mir einen unbeschreiblichen Frieden.« Slowfield hatte des Leidenden Hand ergriffen. Schweigend hielt er sie, die eben noch über ein Vermögen verfügte, bis er sich überzeugt hatte, daß Bewußtlosigkeit eingetreten war. Dann schlich er leise hinaus, wo er dem Soldaten riet, nunmehr wieder die Wache bei seinem Herrn zu übernehmen. Nachdem dieser sich entfernt hatte, zog er das Hypothekendokument noch einmal hervor. Aufmerksam prüfte er den Namen Melvilles, der klar und deutlich oberhalb eines, mehrere Monate zurückreichenden Datums stand. Demnächst las er die in dem Dokument vermerkte Summe. »Hundertzwanzigtausend Dollars,« sprach er im Übermaß seines Triumphes unbewußt vor sich hin, und unersättliche Gier sprühte aus seinen Augen, »fiele die Hälfte aus, so wäre ich gedeckt und mit guten Zinsen obenein. Jetzt mag's kommen, wie es will, und müßte ich selber die Plantage übernehmen.« Während der Nacht ließ sich Slowfield neben dem Lager des Kolonels nieder. Erst gegen Morgen regte sich dieser wieder. Lauter und röchelnd wurde sein unregelmäßiger Atem, bis er endlich, ohne die Augen zu öffnen, in kurzen Absätzen zu lispeln begann. Zu Marianne sprach er und zu Gilbert, als hätten beide vor ihm gestanden. Dann wieder zu Edith, Stocton und Gregor. Er ermahnte zur Versöhnung und Eintracht, bat um Verzeihung, wenn sein Einfluß vielleicht verderblichen Entschlüssen Vorschub geleistet habe. Eine Pause folgte, während deren Slowfield die Brieftasche des Kolonels an sich nahm. Dann atmete dieser noch einmal tief auf. Ein Segensspruch für die Seinigen erstarb auf seinen Lippen, wohltätige Ruhe umfing den zerschlagenen und gemarterten Körper; es strebte die befreite Seele dem ewigen Lichte zu. Nur noch einen Tag weilte Slowfield in der unheimlichen Umgebung; nur so lange, bis es ihm geglückt war, den Kolonel in ein gesondertes Grab zu betten und seine Ruhestätte mit einem dauernden Merkmal zu versehen. Dann eilte er südwärts, um Marianne und Gilbert die Trauerkunde zu übermitteln und sie seines tiefen, aufrichtigen Beileids zu versichern. Siebentes Kapitel. Der Kaper. Noch zwei Stunden und die Sonne taucht ins Meer hinab. Kein Lüftchen regt sich. Mit glatter Oberfläche rollen die nimmer rastenden Dünungen von Osten her in den Floridakanal hinein. Purpurne Reflexe schmücken Riff und Klippe, die sich, argwöhnischen jedoch trägen Wächtern ähnlich, mehr oder minder hoch über den Meeresspiegel erheben. Da schleicht es plötzlich schwarz und schlank hinter einer der in der Ferne verschwimmenden Südküste von Florida gegenüberliegenden höheren Inseln hervor, mit katzenartiger Gewandtheit und Vorsicht bald hier, bald da den Schutz der Felsenwälle suchend. Ein dreimastiger, verhältnismäßig kleiner eiserner Schraubendampfer ist es, mit durchaus harmlosem Äußeren. Es braucht indessen nur auf jeder Seite der Verschluß von sechs Stückpforten zurück zu fallen, um ebenso viele Geschütze aus dem Inneren drohend hervorlugen zulassen. Ein schwereres Geschütz, auf Ringschienen laufend und daher nach allen Richtungen verwendbar, steht auf dem Vorderdeck. Mit geteertem Segeltuch verhangen, gleicht es einer gegen Regen und Sprühwasser gesicherten Warenanhäufung. Die Segel sind eingeholt und dicht befestigt. Ein Dutzend verwitterter, sorglos dareinschauender Matrosen verschiedener Rasse und Farbe und in allen nur denkbaren Seemannsanzügen, nur nicht in solchen, die an das Kriegshandwerk erinnern, beleben das Deck. Fünfmal so viele weilen unterhalb desselben in der Batterie. Barfuß und halb entkleidet liegen und sitzen sie trage umher, jedoch in jedem Augenblick bereit, an die Geschütze zu springen oder zu Revolver und Enterbeil zu greifen. In der Mitte des Schiffes, hinter dem hochgelegenen Steuerrad, steht ein untersetzter struppiger Bursche wie eine Bildsäule. Nur seine Arme regen sich hin und wieder, wenn er in die Speichen greift und das Ruder nach backbord oder steuerbord dreht. Seine Augen sind beinahe starr auf die sich vor ihm erhebende Kommandobrücke gerichtet. Ein hagerer, knochig gebauter Mann im einfachen Seemannsanzuge wandelte daselbst langsam auf und ab, jenem durch leichte Handbewegungen den Kurs vorschreibend. Ein eigentümlicher, gleichsam verbissener Ernst charakterisierte sein etwa fünfzigjähriges, wetterzerrissenes Gesicht mit der glatt geschorenen Oberlippe und dem langen, schwarzen, grau gemischten Kinnbart. Aufmerksam um sich spähend und die Stellung der verschiedenen Klippen zueinander sorgfältig prüfend, sandte er gelegentlich einen Blick nach oben, wo ein jüngerer Seemann vom Mastkorbe aus mittels eines Fernrohrs Umschau hielt. Eine Viertelstunde mochte dieser auf seiner luftigen Warte verbracht haben, als er auf den Wanten seinen Weg gemächlich abwärts nahm und sich sogleich nach der Kommandobrücke hinauf begab. Bei seinem Eintreffen blieb der alte Offizier stehen, sah etwas schärfer in seine Augen, und noch finsterer wurde das gebräunte Antlitz. Was er wissen wollte, hatte er in den Augen des jüngeren gelesen. Zu fragen brauchte er nicht weiter. Er nahm daher seinen Gang wieder auf, aber seine Finger knackten vor der Gewalt, mit der er die Fäuste ballte. Der jüngere Offizier, trotz der verschlissenen Bekleidung eine vornehme Erscheinung, sandte einen prüfenden Blick über das Deck. »Kit Kotton!« rief er nach dem Vorderschiff hinüber. »Kapitän Melville!« antwortete eine etwas belegte Stimme neben dem Buggeschütz. »Halte die holländische Flagge zum Hissen bereit! Wecke den Unterleutnant. Sage ihm, ich ließe ihn bitten, mit dem Fernrohr nach oben zu gehen!« lauteten die schnell aufeinanderfolgenden Befehle. »Aye Aye, Zustimmende Antwort der englischen oder amerikanischen Seeleute anstatt des im Winde leicht verklingenden yes (ja). Kapitän!« hieß es diensteifrig zurück, und ein barfüßiger Geselle mit offenem blauen Hemde und aufgerollten Ärmeln verschwand durch eine Luke unter Deck. Einige Minuten stand Gilbert Melville, der Kommandant des Kapers »Seeigel«, nachdenklich, die Blicke westlich in die Ferne gerichtet, wo eine schwarze Rauchsäule einer Klippengruppe zu entsteigen schien. Sein Gesicht war nicht minder düster, als das seines älteren Gefährten, jedoch einnehmender und von jenem Ausdruck, den man auf eine tiefe Gemütsverbitterung hätte zurückführen mögen. Sonnverbrannt, trugen seine Züge ein gleichsam Achtung gebietendes Gepräge von Entschlossenheit und ruhiger Überlegung. Der starke braune Bart um Mund und Kinn vervollständigte das Bild eines unerschrockenen Kriegers. Die sprechenden Merkmale eines unauslöschlichen Hasses vermochten selbst die großen blauen Augen nicht zu mildern. Der Seeigel verfolgte unterdessen mit gemäßigter Eile seinen Weg östlich, jedoch sich fortgesetzt in der Nähe der Inselreihe haltend. »Sind Sie Ihrer Sache noch immer sicher, Robinson?« fragte der Kommandant endlich den alten Offizier, einen früheren Lotsen, dessen Glieder aus Eisen, und dessen Blut aus Gift und Galle zu bestehen schienen. Ein grimmiges Lächeln eilte über die harten Züge Robinsons, indem er antwortete: »Geben Sie mir so viel Licht, wie erforderlich, um auf hundert Ellen einen Schiffszwieback von einer Boje zu unterscheiden, und ich führe den Seeigel im lustigsten Zickzack über die Bahamabänke.« »Es gibt mehr Lotsen in diesem Teil der Welt,« versetzte der Kapitän, und sich einem in den Maschinenraum führenden Blechrohr zuneigend, rief er hinab: »Heizt auf! Schlagt einer Tonne Teer den Boden ein und fettet damit Kohlen und Holz! Mit einem Viertel Dampf vorwärts! Drei Viertel laßt ins Wasser schießen bis auf weiters!« Dann sich Robinson zukehrend: »Wenn der heutige Abend nicht unser letzter ist, will ich zugeben, noch nie in meinem Leben einen richtigen Schluß auf die nächste Zukunft gezogen zu haben.« »Sollte es wohl!« meinte Robinson so gelassen, als hätten sie über den Wert eines Glases Grog gesprochen. »Unzweifelhaft, beide sind Kriegsdampfer, und überraschen sollte es mich nicht, tauchte ein dritter auf, eine schlechte Zugabe in dieser Enge. Wir sind vor den Bahamabänken beobachtet worden, da hat der Telegraph uns nach Mobile und New-Orleans verraten.« »Die Mannschaft der letzten Prise, die wir mit ihren Böten freigaben, hat's besorgt. In vierundzwanzig Stunden konnten sie die Küste bequem erreichen, da werden sie die Mäuler aufgerissen haben. Es war gescheiter, sie in dem angebohrten Schiff zu belassen.« »Nicht doch, Robinson; wir führen gegen den Handel der Union Krieg, nicht gegen wehrlose arme Teufel.« »Weshalb es jetzt uns selbst an die Kehle geht.« »So schließen wir als brave Seeleute ab,« bemerkte der Kapitän ruhig. »Trifft's uns,« erklärte Robinson nachlässig, »so tragen sie wenigstens die Spuren unserer Zähne davon.« »Wir haben das Unsrige getan,« erwiderte Melville kaltblütig, »geht der Seeigel ein, geschieht's mit Ehren; bezahlt gemacht hat er sich hundertfach.« »Wir müssen uns indessen bald entscheiden,« riet Robinson. »Einer von ihnen muß der erste sein; jede neue Minute bringt sie einander näher.« »Soll geschehen, sobald außer Zweifel, welcher von den beiden der schwächere ist. Nebenbei bringt jede neue Minute uns selber der Nacht näher, und die wird pechschwarz, nach der Gewitterwand da drüben zu schließen, was für uns von unschätzbarem Werte. Glückt es uns, den einen über den Haufen zu rennen, so gebe ich die Hoffnung nicht auf.« Während des letzten Teiles seiner Rede war der Mann, den er kurz zuvor mit Kit Kotton angeredet hatte, die teerige Mütze in der Hand, auf die Kommandobrücke getreten. »Alles in Ordnung, Kapitän,« meldete er dienstlich, jedoch mit einer gewissen Vertraulichkeit, die darauf hindeutete, daß er, ursprünglich Schiffskoch, in das Verhältnis eines Dieners und Faktotums des Kommandanten emporgestiegen war. »Holländische Flagge zum Hissen bereit; Unterleutnant auf dem Wege nach oben.« »Gut, Kit,« antwortete Melville, »dir will ich noch besonders anvertrauen, daß es heute wahrscheinlich harte Arbeit gibt. Lege also ein Faß Whisky auf und schraube den Hahn ein. Stelle auch Flaschen zur Hand. Im Vorbeigehen sage dem Chirurgen, er fände vielleicht bald etwas zu tun und möchte daher seine Vorkehrungen treffen. Die Geschützmeister und Bootmannsmaats sollen sich unten bei der Treppe versammeln. Ich will sie sprechen.« »Dem Kapitän zu Befehl,« erwiderte Kit Kotton, und wie bei einem Renner, der des Zeichens zum Ablauf gewärtig, sprühte helle Kampfeslust aus seinen kleinen Augen; mit zwei Sätzen war er von der Kommandobrücke herunter und verschwand gleich darauf unter Deck. »Schade um solch Material,« bemerkte Melville zu Robinson, der seines Gespräches mit Kit anscheinend nicht geachtet hatte, »aber es wird wohl keinen anderen Ausweg mehr geben, als hinunter mit uns allen.« »Verdammt,« meinte Robinson nachlässig, »die Jungens haben wenigstens etwas geleistet bei ihrem Seefahren; ewig können sie doch nicht leben wollen.« »Auf alle Fälle hätte ich ihnen ein besseres Los gegönnt,« erklärte Melville mit einem Anfluge von Mitleid, »doch gleichviel: wo sie bleiben, bleiben wir, und ich hoffe, eine gute Anzahl Unionisten begleitet uns.« – Melville, der die Geschützmeister und Bootsmannsmaats mit einigen Worten auf die schwierige Lage des Seeigel aufmerksam gemacht hatte, traf gerade früh genug auf der Kommandobrücke ein, um vom Mastkorbe herunter den Ruf zu vernehmen: »Dampfer vor dem Turmfelsen vollständig in Sicht! Er wendet nördlich; wird bald unser Kielwasser kreuzen!« Robinson stieß einen grimmigen Fluch aus und lachte höhnisch, wogegen Melville sich dem Sprechrohr zuneigte und in den Maschinenraum hinab befahl: »Vollen Dampf auf! Heizt, daß die Kessel bersten!« Dann zu Robinson, indem er östlich spähte, wo der andere Dampfer jetzt deutlicher hinter den ihn bisher zum Teil verbergenden Klippen hervortrat: »Nach der dürftigen Rauchsäule zu schließen, hat er keine große Eile.« »Der da hinten desto mehr,« warf Robinson wie beiläufig ein, »und duftet's aus seinem Schornstein nicht nach Pech und Schwefel, wie aus 'nem leibhaftigen Höllenpfuhl, will ich einräumen, noch nie eine feindliche Kraft richtig taxiert zu haben – da – da tauchen seine Spieren auf. Bei Gott, er kreuzt die Klippen, das verrät einen seinen Lotsen. Jetzt strengt er sich an, heraufzukommen, bevor wir dem anderen die Seiten eingeschossen haben. Freilich, aus unserer Esse riecht's ebenfalls nicht nach Sandelholz,« fügte er mit einem hämischen Blick nach oben hinzu, wo es mit unheimlichem Getöse schwarz und von unten rötlich angehaucht dem eisernen Schlot entquoll. »Bei der ewigen Verdammnis, meine linke Hand gäbe ich drum, wäre unser Fahrwasser um ein halb Dutzend Seemeilen breiter. Steuerbord, Mann, hart steuerbord,« zu dem in die Radspeichen greifenden Matrosen; und wiederum zu Melville: »Wir sind jetzt aus der unsicheren Nachbarschaft heraus, da möchten Sie vielleicht selber die Wache hier übernehmen.« »Gern, Robinson. Sie kennen Ihre Aufgabe besser, als es Ihnen jemand sagen könnte. Schicken Sie noch einen Mann ans Rad und kommandieren Sie zwei andere für den Fall, daß einer weggeschossen wird; auch zwei Mann ans Reserverad im Schiffsraum. Ferner wählen Sie die geeignetsten Hände zum Beseitigen der Havarie aus. Im Vorbeigehen richten Sie ein aufmunterndes Wort an die Kanoniere.« »Dessen bedürfen sie nicht,« versetzte Robinson achselzuckend, »die wissen, daß es ihnen ans Leben geht, da tut man gern ein übriges.« Er sandte einen Ruf nach dem Mastkorb hinauf, wo der Unterleutnant nunmehr überflüssig geworden, und gemächlichen Schrittes verließ er die Kommandobrücke. Die Entfernung zwischen dem nunmehr im Kielwasser nachfolgenden Dampfer und dem Seeigel hatte sich kaum verändert; höchstens war sie um eine Kleinigkeit gewachsen. Dagegen betrug es bis zu dem entgegenkommenden nur noch etwa vier englische Meilen, die bei der rasenden Gewalt, mit der die Maschinen des Seeigels arbeiteten, schnell abnahmen. Bis zum letzten Augenblick wollte Melville seinem Schiff den äußeren Charakter eines friedlichen Kauffahrers bewahrt wissen; so entschied er sich auch dafür, seinen bisherigen Kurs, der ihn ziemlich nahe an dem Gegner vorüberführen mußte, vorläufig beizubehalten. Selbst als auf den beiden feindlichen Dampfern zur gegenseitigen Verständigung die Signalflaggen spielten, änderte er nichts an den bereits getroffenen Anordnungen. Nur den auf Deck zerstreuten Männern gebot er, in der Nachbarschaft des Buggeschützes zu bleiben und seines Winkes gewärtig zu sein. Der Seeigel verfolgte unterdessen unbeirrt die ihm vorgeschriebene Bahn. Die Maschinen ächzten und stöhnten. Schnaubend entwichen die ausgenutzten Dämpfe. Das ganze Schiffsgebäude erzitterte unter der Gewalt, mit der die Schraube das Wasser aufwühlte. Ein langer schwarzer Rauchstreifen lagerte, schwerfällig zerrinnend, in geringer Höhe oberhalb des Meeresspiegels und bezeichnete den zurückgelegten Weg. Robinson schaute nach alter Weise giftig darein. Nicht die leiseste Wandlung fand auf seinen Zügen statt; gleichviel wohin er spähte, ob auf die feindlichen Dampfer, ob auf die Klippen oder die im Westen emporwachsende Gewitterwand. Melvilles Antlitz hatte sich gerötet und zugleich verhärtet. Finster, sogar grausam blickten seine Augen, während die Nasenflügel sich hin und wieder erweiterten und es dann seltsam um seine Lippen zuckte. Er war nur noch Kommandant, kannte nur noch das Streben, wenn ihm selbst der Untergang beschieden sein sollte, so viele der verhaßten Feinde mit fortzureißen, wie irgend möglich. Er hatte das Fernrohr abgesetzt und kehrte sich Robinson zu. »Acht Geschütze, aber schwerer als die unsrigen,« sprach er, nach dem vorderen Dampfer hinüber weisend. »Auf alle Fälle sind wir erkannt; denn zum Vergnügen macht man drüben nicht zum Gefecht klar. Den Unterleutnant kommandieren Sie in die Batterie. Sie selbst beaufsichtigen Deck und Takelage. Falle ich, so treten Sie an meine Stelle, als ob sich gar nichts ereignet hätte, und dann tun Sie ihr Bestes. Kit soll mir Säbel und Revolver bringen – da – man hißt die Sterne und Streifen« – er warf einen Blick nach dem Hinterschiff hinüber, gab ein Zeichen mit der Hand, und an dünner Leine flog ein Knäuel zum Gaffel empor, um sich dort als holländische Flagge zu entfalten. »Spielerei,« bemerkte er spöttisch, »aber vorläufig genügt das. Je mehr Zeit wir gewinnen, um so sicherer die Wirkung der Geschütze, um so näher die Nacht.« Robinson entfernte sich. Gleich darauf legte Kit Kotton die verlangten Waffen auf die Kommandobrücke. Er selbst war unbewaffnet, um beim Bedienen des Buggeschützes nicht behindert zu sein. »Kit,« sprach Melville zu ihm nieder, »ich gebrauche dich jetzt nicht länger. Du hast ein scharfes Auge. Kein Schuß darf da vorn abgefeuert werden, bevor du deine Nase über das Rohr hinstrecktest.« »Aye, Aye, Herr,« hieß es zurück. Kit begab sich auf den ihm angewiesenen Posten, dann herrschte auf dem Schiffe unheimliche, erwartungsvolle Stille. Der Seeigel befand sich um diese Zeit dem feindlichen Dampfer schräge gegenüber. Wie um einem möglichen Zusammenstoß vorzubeugen, ließ Melville das Schiff nunmehr aus seinem Kurse weichen. Sein Gegner schien auch in der Tat geneigt, ihn als Handelsschiff gelten zu lassen, um dann aber von seinem Durchsuchungsrecht Gebrauch zu machen, denn durch einen Kanonenschuß forderte er ihn auf, beizulegen. Da der Seeigel, wie seine Absicht nicht verstehend, trotzdem weiter dampfte, schickte er ihm eine Vollkugel zu, welche zwischen der Takelage hindurchfuhr und eine Spiere zersplitterte. Melville befahl in den Maschinenraum hinab, die Geschwindigkeit der Fahrt zu mäßigen. Doch sein Gegner, damit nicht zufrieden, ließ nach kurzer Pause eine zweite Kugel folgen, die indessen harmlos vorbeiflog. »Stopp die Maschinen!« rief Melville nunmehr hinab, und einem anderen Sprechrohr sich zuneigend, fuhr er fort: »Alle Hand klar zum Gefecht! Geschütze geladen! Fertig zum Feuern! sobald die Klappen fallen!« Funkelnden Blickes sah er nach dem feindlichen Schiff hinüber. Dasselbe hatte seine Schnelligkeit gemäßigt, augenscheinlich um dem herbeieilenden Gefährten immer noch einige Minuten Zeit zu verschaffen. Melville begriff den Zweck dieser Bewegung vollkommen. »Was meinen Sie, Robinson,« rief er diesem zu, der mit einem gewissen gallichten Behagen die Bewegungen des feindlichen Schiffes überwachte, »sollen wir fliegen lassen, oder lohnt es sich, noch eine Minute zu warten?« »Ich kalkuliere, je schneller jetzt, um so besser,« antwortete Robinson gedehnt. »Voll Dampf auf!« kommandierte Melville wieder hinab. Dann zu den beiden Männern am Steuerrad: »Hart backbord!« Das Schiff schwang so weit herum, daß es dem sichtbar überraschten Gegner die Breitseite voll zukehrte, zugleich sandte Melville einen schrillen Pfiff über Deck, der unverzüglich an fünf, sechs Stellen ähnlich beantwortet wurde. Wie durch Zauberschlag sank die Hülle von dem Buggeschütz und öffneten sich die Stückpforten; beinahe gleichzeitig entluden sich die dem Gegner zugekehrten sechs Geschütze, welchen die schwere Deckkanone ihr Feuer sofort beigesellte. Unter betäubendem Krachen hüllte der Rumpf des Seeigels sich in weißen Rauch. Durch den furchtbaren Druck bedingt, lehnte er sich ein wenig über, während ein wahrer Hagel von Kartätschen in Begleitung von Sprenggeschossen den Gegner förmlich überschüttete. Doch die Antwort folgte beinahe in derselben Sekunde, in der die eiserne Frage gestellt wurde. Dann aber entspann sich ein regelmäßiger Geschützkampf, der um so verderblicher, weil der Seeigel noch immer vorbeizuschlüpfen, der feindliche Dampfer dagegen ihm in demselben Maße den Weg zu verlegen trachtete, daher die zwischen ihnen bestehende Entfernung sich noch verminderte. So verstrich eine Viertelstunde, während hüben und drüben Planken splitterten, Eisenwände sich bogen und zerrissen, hüben und drüben Sprenggeschosse und Kugeln die Reihen der Bedienungsmannschaften lichteten und die beiden Gegner unter dem Schleier des weißen Dampfes durch ihre Bewegungen einer über den anderen Vorteile zu erringen suchten. An Zielen war kaum mehr zu denken. Nur die über die auf dem Wasser lagernden schweren Dampfschichten hinausragenden Mastspitzen ermöglichten es noch, den Geschossen eine einigermaßen sichere Richtung zu geben. Melville hatte Robinson zu sich nach der Kommandobrücke herausgewinkt und übertrug ihm die Führung des Schiffes. »Alles arbeitet wie ein gut geöltes Uhrwerk, nachdem es aufgezogen worden,« schrie Robinson dem Kapitän zu, indem er, um durch das Getöse hindurch sich verständlich zu machen, seine Lippen dessen Ohr näherte, »hätt's nicht geglaubt, daß wir es zu dreien schaffen würden mit dem Kommando!« und boshaft wie ein Höllengeist lachte er in den Pulverdampf hinein. »Jeder kennt seinen Dienst und arbeitet um den höchsten Preis,« erwiderte Melville gelassen, während er die Brücke verließ, um sich nach dem Buggeschütz hinüber zu begeben. Die Sonne war bereits untergegangen. Die nunmehr mit erhöhter Eile emporwachsende Wolkenschicht hatte sie in sich aufgenommen. Nur noch eine halbe Stunde, und der Tag verwandelte sich mit der den Tropen eigentümlichen Schnelligkeit in schwarze Nacht. Düsteren Blickes näherte Melville sich dem Geschütz. Ein Drittel der Bedienungsmannschaft lag mit zerrissenen Gliedern etwas abseits, wohin sie, um nicht zu hindern, geschoben worden war. Ein die Schanzverkleidung zertrümmerndes Geschoß hatte vier Mann auf einmal fortgerissen. Zwei waren tot. Die anderen beiden, grauenhaft zerschmettert und die geschwärzten Physiognomien in rasendem Schmerz verzerrt, sahen zu dem Kommandanten empor, als wäre von ihm noch Rettung zu erwarten gewesen. »Arme Burschen,« rief er ihnen im Vorbeigehen tröstlich zu, »den einen trifft's früher, den anderen etwas später, hinunter müssen wir alle, da wollen wir wenigstens bis auf den letzten Mann unsere Schuldigkeit tun.« Die beiden Verwundeten versuchten eine Erwiderung. Das Krachen des nahen Geschützes hinderte indessen das Verständnis. Mit einem einzigen Blick umfaßte Melville die bei denselben beschäftigten pulvergeschwärzten Gestalten. Ihre Gesichter glühten infolge der furchtbaren Anstrengung. Schwere Schweißtropfen rieselten ihnen von den Stirnen in die wirren Bärte hinab. Sie arbeiteten mit dem Ausdruck von Schmiedegesellen, welche die rote Bildsamkeit des Eisens bis aufs äußerste auszunützen trachten und daher keine Schonung weder der Arme noch der Lungen kennen. Ruhig beobachtete Melville, wie ein Hohlgeschoß in das Rohr geschoben wurde und Kit förmlich begeistert über dasselbe hinspähte. »Fertig!« hieß es. Näher neigte Kit sich dem Rohr und wilder funkelten seine kleinen Augen. Die beiden Männer mit den zum Richten dienenden Hebeln folgten pünktlich den Zeichen seiner Hand. Mit dem gellenden Ruf »Feuer!« sprang er zur Seite; gleichzeitig entsandte das Rohr mit betäubendem Krachen seinen Todesboten in einen Berg weißer Dampfwolken hinein, aus welchem in unregelmäßiger Folge eisensprühende Flammengarben donnernd hervorschlugen. »Wenn der Schuß nicht saß, mögt Ihr mich selber ins Rohr bugsieren und über Bord schicken!« meinte Kit Kotton gellend. Triumphierend schwang er die Mütze ums Haupt und hastig griff er wieder zur Handspeiche. »Der andere wird bald heran sein,« kehrte Melville sich dem Geschützmeister zu, »sollten wir zwischen zwei Feuer geraten, so wartet keinen Befehl ab, sondern gebt's dem neuen Feinde. Berechnet die Entfernung und haltet die Augen offen. Vergeßt nicht Kartätschen und Flintenkugeln, sobald Ihr ein Deck bestreichen könnt.« »Aye, Aye, Herr,« lautete die rauhe Antwort, »möchten Sie uns nur Ersatz für die armen Jungens da schicken. Holt der Teufel noch zwei oder drei von uns, so schaffen wir's nicht mehr.« »Ich werde dafür sorgen,« versetzte Melville, Gleich darauf schritt er unter der Kommandobrücke hindurch, auf der Robinson eifrig damit beschäftigt war, unter Benutzung der Sprechröhren die Gangart der Maschinen bald mehr, bald minder zu beeinflussen und das Schiff dem Steuer gefügiger zu machen. »Robinson, gelangen wir vorbei?« fragte er hinauf. »Schwerlich,« antwortete dieser, »der Schurke ist im Vorteil, kann sich jederzeit an uns hängen wie 'ne Klette an 'nen ungeschorenen Hammelbauch. Bei der ewigen Verdammnis! Wir müssen versuchen, ihn lahmzulegen –« Von unten herauf drang polterndes Getöse, welchem alsbald ein eigentümliches Stoßen und Knirschen folgte, als ob der Schiffsboden über ein scharfes Riff hinweggeschrammt wäre. »Da sind wir selber lahmgelegt worden,« fuhr Robinson grimmig auf, und sich dem Blechrohr zuneigend, kommandierte er hinab: »Stopp die Maschinen! Schaft oder Schraube zertrümmert! Nachsehen, ob geholfen werden kann!« Zu dem Donner der Geschütze gesellte sich nunmehr das durchdringende Zischen, mit dem die eingeengten Dämpfe den geöffneten Ventilen entströmten. An eine Verständigung durch Zurufe war nicht mehr zu denken. In zwei Sprüngen war Melville auf der Brücke. Sein Antlitz war noch ruhiger geworden, wogegen das Robinsons gleichsam in Gift und Galle schwamm. »Robinson,« redete er diesen an, »es ist alles vorbei. Es handelt sich nur noch darum, das Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.« »Richtig, Kapitän,« meinte Robinson, »etwa noch 'n hundert Ellen wirkt der Druck nach vorne, und der Seeigel liegt so still wie 'n verfaulter Hulk im Binnenhafen. Dadurch werden wir beide hier oben überflüssig –« In diesem Augenblick drang von der Westseite der Donner eines schweren Geschützes herüber, und einige Taue zerreißend flog eine Kugel durch die Takelage. »Der hat's eilig, bei Gott,« fuhr Robinson höhnisch grinsend fort, indem er sich nach dem Verfolger umkehrte, »ein Bummboot käme früh genug heran, seitdem uns die Beine unter dem Leibe fortgeschossen worden sind.« Melville sann einige Sekunden nach. Die Kanonade hatte bisher noch keine Unterbrechung erfahren, höchstens auf so lange, wie es dauerte, ein demontiertes Geschütz durch eins von der anderen Seite zu ersetzen. Wie es mit dem ersten Gegner stand, war durch den massigen Dampfschleier hindurch nicht zu unterscheiden. Auf alle Fälle waren keine Masten mehr sichtbar. Der Seeigel befand sich dagegen in einer Verfassung, die sein allmähliches Sinken kaum noch bezweifeln ließ. Die Außenwände waren förmlich zerfetzt, das Verdeck geborsten und zersplittert. Nur die Stützen der Brücke und das Steuerrad standen noch ziemlich unversehrt, während die zerschossenen Masten und Rahen durch das Tauwerk in der Schwebe gehalten wurden. »Bei der ewigen Verdammnis, hier oben wird's unkomfortabel,« meinte Robinson grinsend und zähneknirschend, »die ganze Geschichte fängt überhaupt an, lächerlich zu werden. Hier angenagelt zu stehen, wie 'ne Scheibe auf dem Schießstand – beim Satan, wär's nicht schade um jedes Stück Eisen, das sich noch in Unionistenfleisch graben könnte, möchten wir gleich ein Ende damit machen.« »So wollen wir das letzte tun, was uns noch übrig bleibt,« antwortete Melville dem alten unverzagten Maat, und beide stiegen die zersplitterte Treppe hinunter, »die Jungens kämpfen wie die Löwen. Sie sollen uns wenigstens neben sich sehen. Gehen Sie nach vorn. Ich selbst werde die Batterie überwachen. Ein Geschütz nach dem anderen soll schweigen. Sie müssen wähnen, wir hätten den letzten Widerstand aufgegeben. Mit dem Anrammen wird's wohl nicht viel mehr; aber einen Hagel können wir ihnen noch über Deck senden, daß kein Mann darauf verschont bleibt. Und nun auf Wiedersehen, gleichviel wo.« Er reichte Robinson die Hand, die von diesem in Begleitung eines bezeichnenden Grinsens kräftig gedrückt wurde, und förmlich heiter klang des alten Lotsenoffiziers Stimme, indem er hinzufügte: »Wiedersehen? Zum Henker damit. Aber nebeneinander liegen da unten,« und er wies über Bord, »wie's sich geziemt für Männer, die manch liebes Mal Schulter an Schulter gefochten haben.« Er kehrte sich ab und schritt nach dem Vorderdeck hinüber, wogegen Melville in die nächste Luke hinabtauchte. Der neue Gegner war unterdessen bis auf etwa sechshundert Faden herangekommen und ließ sein Buggeschütz fortgesetzt mit verderblicher Sicherheit spielen. Trotz der bereits herrschenden Dämmerung und des Pulverdampfes hatte Robinson in ihm eine Korvette mit allen Geschützen auf Deck erkannt, und teuflische Freude leuchtete in seinem verbissenen Antlitz auf. Er glich einem Raubtier, das die Beute in den Bereich seines Sprunges treten sieht. Keinen Blick wendete er von dem feindlichen Schiff. In dem Maße aber, in dem es sich näherte, wurden die Schüsse auf dem Seeigel seltener, bis sie endlich ganz verstummten. Infolgedessen wurde auch auf den Unionsdampfern das Feuer eingestellt. Langsam schoben die weißen Rauchmassen sich zur Seite, und jetzt erst wurde man gewahr, wie verheerend auf den beiden Kämpfern die von geübten Händen und mit sicheren Augen bedienten Geschütze gewirkt hatten. Wie der Seeigel, glich auch der östliche Unionistendampfer nur noch einem Wrack, jedoch mit dem Unterschiede, daß die Maschinen des letzteren trotz des Verlustes des Schornsteins noch arbeiteten. Die gänzliche Hilflosigkeit des Seeigels war unverkennbar. Sein Schweigen konnte daher nur für ein Ergeben ins Unabänderliche gehalten werden. Als Robinson aber, von unauslöschlichem Rachedurst beseelt, auf dem Seeigel selbst unbeachtet, eine weiße Flagge aufhißte, beschleunigte der neue Gegner seine Eile, um, solange noch ein Restchen Tageslicht es begünstigte, dem Gegner nahe zu kommen. Die noch kampffähige Bemannung des Seeigels lauerte zu derselben Zeit bis zum Wahnwitz erbittert bei den bis zum Bersten mit Blei und Eisen überladenen Geschützen auf der Steuerbordseite. Melville stand neben dem Eingange zur Batterie und überwachte scharf die Bewegungen des noch unberührten Feindes. Ungestört ließ er ihn den vierten Teil eines Kreises beschreiben, ahnungslos, daß Robinson die weiße Flagge wie spielend hinauf und hinunter zog und dadurch Unterwerfung ankündigte. Sobald der Dampfer aber so weit gelangte, daß der Seeigel und dessen erster Gegner sich für ihn fast in derselben Linie befanden, die von ihm entsendeten Geschosse also beiden gefährlich werden konnten, führte Melville die Kommandopfeife an die Lippen. Noch aber vibrierte der von ihm erzeugte schrille Ton durch die Schiffsräume, da entluden die sorgfältig gerichteten Geschütze sich mit betäubendem Krachen. Breite Flammen schlugen aus den Stückpforten und von dem Bug, und ein solcher Hagel von Kugeln und Sprengstücken heulte auf das feindliche Schiff ein, daß es dadurch bis in seinen Kielraum hinunter erschüttert wurde und die fürchterlich dezimierte Bedienungsmannschaft auf Deck in Verwirrung geriet. Doch wenn je die Besatzung des Kapers unter Aufbieten der äußersten Kräfte arbeitete, so geschah es jetzt, um auch mit der zweiten Breitseite dem Gegner zuvorzukommen. Und es gelang, wenn auch nur insoweit, daß das Brüllen der Geschütze auf allen drei Schiffen sich zu einem einzigen Donner vereinigte, der nicht eher sein Ende erreichen sollte, als bis der Seeigel zum Sinken gebracht worden. Nachdem man durch Robinsons verräterische Signale getäuscht worden war, kannte man, zumal angesichts der unter der Besatzung angerichteten Verheerung, keine Gnade mehr. Melville hielt seine Aufgabe nunmehr für abgeschlossen. Wie um den hereinsausenden Geschossen ein bequemes Ziel zu bieten, erstieg er die Schanze. Sein Ende war unausbleiblich, da hieß er es willkommen, je eher, um so lieber. Doch sein Leben schien gefeit zu sein; Eisen- und Holzsplitter flogen um ihn her, ohne ihn zu berühren. Kit Kotton trat heran, um zu verkünden, daß das Buggeschütz unbrauchbar geworden sei. Ein aus der Batterie emporsteigender Matrose meldete, daß bei der sich verdichtenden Dunkelheit man ebensogut auf das Blitze sprühende Gewölk feuern könne, wie auf den Feind; wieder ein anderer brüllte von unten herauf, die noch kampffähigen Männer wären im Begriff, das Magazin zu erbrechen und sich des Branntweins zu bemächtigen. Zu allem nickte Melville finster. Gleichmütig, sogar rauh erklärte er, daß man aufs Ärgste gefaßt sein müsse, und weiter splitterte und krachte es ringsum. Endlich verließ Melville seine Warte. Gleichzeitig schlug ein Geschoß durch den Großmast, und unheimlich knirschend kam der obere Teil samt der bereits lose hängenden letzten Rahe nieder, Melville im Fallen unter sich begrabend. Laut aufschreiend verkündete Kit Kotton, daß der Kommandant erschlagen sei, überzeugte sich indessen bald, daß das schwere Holz nur quer über seine Oberschenkel zu liegen gekommen war, sich aber zwischen Tauwerk und Schanzen so festgeklemmt hatte, daß es durch keine Gewalt von der Stelle bewegt werden konnte. »Laß nur, Kit,« riet Melville diesem, »es lohnt nicht mehr der Mühe. Ich fühle, die Beine sind gebrochen.« »Kappt die Taue!« brüllte Kit Kotton auf dem Gipfel der Verzweiflung einigen sich herandrängenden Maats zu, »los alles bis auf den letzten Bindfaden, oder der Kommandant erleidet einen Hundetod!« und mit Messer und Enterbeilen sprangen die zerfetzten Gestalten von Tau zu Tau, mit wuchtigen Hieben innerhalb kurzer Frist den Maststumpfen gänzlich freilegend. Bevor sie damit zustande gekommen waren, schritt Robinson, beide Hände in den Taschen, gemächlich vorüber. Als er Melville durch die Dunkelheit hindurch erkannte, reichte er ihm die Hand. »Gute Nacht, Kapitän,« sprach er aufmunternd, »das Glück war wider uns, da mag der Henker die Oberhand behalten. Was sollten wir auch noch auf der Welt, Sie mit Ihrem Herzeleid, und ich, mit dem das Schicksal nicht minder rauh hantierte? Noch einmal gute Nacht!« und wie ein Dämon verschwand er in der nächsten Luke. In der Batterie, die nur noch durch die ächzenden Stimmen der Verwundeten belebt wurde, sah er kaum um sich. Zu einem in seinem Wege mit dem Tode ringenden Verstümmelten neigte er sich nieder, und ihm sanft die Wange klopfend, tröstete er ihn mit den Worten: »Braver Junge! Ich gehe, um dir ein Pflaster zu holen, da wird's besser in einer und 'ner halben Minute!« und weiter wandelte er gleichgültig nach der Luke hinüber, durch die er in den untersten Schiffsraum hinab gelangte. Und eine und eine halbe Minute dauerte es in der Tat nur noch, bis die Schmerzen aller Verwundeten endgültig gestillt wurden, die nach der furchtbaren Arbeit Erschöpften und zum Teil Trunkenen endlich Gelegenheit zu ungestörtem Rasten fanden. Kit Kotton war wieder neben Melville hingetreten. »Der Mast ist jetzt klar,« redete er ihn an. »Wenn Sie nur 'ne Kleinigkeit helfen könnten. Die Schurken von Maats haben alles aufgegeben und saufen den Whisky quartweise hinein, um dem Wasser keinen Raum in den Eingeweiden zu gönnen – zum Satan, wie's von beiden Seiten her kracht. Die Unionisten sollten uns wenigstens in Gemütlichkeit zugrunde gehen lassen – jetzt, Kapitän – richten Sie sich ein wenig auf und halten Sie diese Handspeiche – ich helfe mit der anderen nach.« »Es lohnt nicht, Kit, in wenigen Minuten sinkt der ›Seeigel‹.« »Doch, doch, es lohnt. Die Hölle über die Dunkelheit –« Ein Krachen, als ob alle Geschütze noch einmal zugleich abgefeuert worden wären, nur dumpfer, schnitt ihm das letzte Wort ab. Eine Feuersäule loderte aus dem Hinterschiff empor, Holzwerk, Eisenstücke und menschliche Glieder mit sich in die grell erhellte Atmosphäre hinauf nehmend. Das Hinterschiff war vollständig zerschmettert, das Vorderdeck beinahe in seiner ganzen Länge aufgerissen und emporgehoben worden, sank aber sogleich wieder zurück. Auf die schwefelige Helligkeit folgte um so schwärzer erscheinende Dunkelheit; auf das betäubende Krachen tiefe Stille; sogar die Kanonen auf den Unionsschiffen waren verstummt. Nur die niederprasselnden und plätschernden Trümmer erzählten noch hörbar von dem furchtbaren Ereignis. Doch keine Minute dauerte das Todesschweigen. Dann erhob sich im Innern des Schiffes grauenhaftes Fluchen und Heulen. Ein Knäuel Rettung suchender, berauschter Männer drängte sich der Batterietreppe zu, wo es sich staute, daß kein einziger das Deck zu erreichen vermochte. »Gute Nacht, mein lieber Herr,« raunte Kit Kotton Melville zu, und er legte sich neben ihn, seinen Arm um dessen Nacken schlingend und ihn stützend. »Jetzt brauchen wir uns nicht länger zu sorgen. Wohin wir gehen, da finden wir die herzige Frau Edith und ihr kleines Kind.« »Gute Nacht, Kit,« antwortete Melville sanft trotz der rasenden Schmerzen, die ihm aus seiner schrecklichen Lage erwuchsen; »ich hätte dir ein besseres Ende gewünscht – du bist gesund – versuch's, dich oben zu halten – magst noch aufgefischt werden –« »Verdammt, um den Unionisten in die Hände zu fallen –« weiter kam der ehrliche Bursche nicht. Das Vorderschiff bäumte sich hoch auf und folgte dem sich schnell füllenden Hinterschiff in die Tiefe nach. Was noch an Deck, gleichviel, ob tot oder lebendig, ob Eisen oder Holz: es wurde von dem Strudel erfaßt und mit hinabgewirbelt. Wo eben noch der verwegene flinke Kaper Tod und Verderben spie, um dafür Tod und Verderben in Empfang zu nehmen, da herrschten jetzt das Schweigen des Grabes und unheimliche Öde. In den schäumenden Wirbeln blitzte und funkelte es, wo die gereizten Infusorien ihre phosphorische Leuchtkraft ausströmten. Es war wie ein geisterhafter Abglanz der dem Schiff den Untergang bereitenden Feuersäule. Aber als hätte der beendigte Kampf durch einen anderen ersetzt werden sollen, ertönte das Grollen des heraufziehenden Gewitters und flammte es bläulich zwischen dem schweren Gewölk hervor. Zugleich erwachte eine scharfe Nordwestbrise. Es kräuselten sich, an dem geisterhaften Leuchten erkennbar, die glatten Dünungen, um allmählich ihre Richtung zu ändern und brandend den nahen Inseln zuzurollen. – Eine kurze Rundfahrt machte der zuletzt eingetroffene Unionsdampfer auf der Stätte, die das Grab des »Seeigel« geworden, um vielleicht noch den einen oder den anderen von dessen Besatzung aufzufischen, allein vergeblich. Nirgends verriet sich eine Spur von Leben. Eine halbe Stunde später, da schlug er, den arg zerschossenen Gefährten im Schlepptau, die westliche Richtung ein. Achtes Kapitel. In Fort Napoleon. Der Frühling ist da. Blumenglöckchen haben ihn pünktlich eingeläutet. In neues Grün kleidete er alles, was dem kurzen, vorzugsweise aus rauhem Regenwetter bestehenden Winter seinen Tribut an gestorbenen Blättern und verblichenen Halmen zollte. Nicht mehr kriegerisch ausgerüstete Dampfer kommen auf dem Arkansas vorüber – der letzte Kanonenschuß verhallte schon vor Jahresfrist – sondern andere, die dem erst schüchtern erwachenden Handel und Verkehr dienen. Die Menschen atmen auf. Die einen nach herben materiellen Verlusten, die anderen nach Sicherung des reichen Gewinns, welchen sie mit kluger Berechnung aus dem Kriege selber zogen. Wo aber dem Herzen Wunden geschlagen wurden, da ist an ein Verharschen nicht zu denken. Der Trauer um Unersetzliches gegenüber bleiben die dahinrollenden Jahre wirkungslos. Es ist Nachmittag. Eine schwarzgekleidete Frau sitzt in dem Vorgarten jenes Häuschens unter dem Magnoliabaum vor einem großen runden Tisch, mit dem Anfertigen eines Kinderkleides beschäftigt. Obgleich der Lebensfrühling hinter ihr liegt, ist ihr Antlitz noch immer sehr schön. Scharf kontrastieren zu der zarten Hautfarbe das dunkle Haar und die schwarzen Brauen und Wimpern. Die Augen überwachen ernst die regsamen Hände und wenn sie ihre Blicke langsam um den Tisch herumschweifen läßt, erhellt innige Freude ihre Züge. Drei Kinder sitzen vor ihr, ein Knabe von etwa zwölf Jahren und zwei Mädchen im Alter von zehn und acht, und alle drei, je nach ihrer Befähigung, mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt. Lieblicher Eifer thront auf den kleinen Gesichtern, hin und wieder unterbrochen durch eine Meinungsverschiedenheit über den jedem gebührenden Raum oder die gleichzeitige Benützung des Tintenfasses. Die Jüngste, ein beinahe zu ätherisches Wesen, reicht auch wohl gelegentlich ihr Heft der Mutter, die zugleich Lehrerin ist, um einen besonders gutgelungenen Buchstaben bewundern zu lassen. Die Mutter lächelt schwermütig und doch mit einem Ausdruck des Glücks, und die Kleinen nehmen ihre Arbeit wieder auf. Eine Dampfpfeife läßt vom Strom her ihre heulende Stimme erschallen. Die Kinder springen auf. »Der kommt von New-Orleans herauf und landet hier; ich hör's am Ton,« meint der Knabe mit großer Entschiedenheit, dann vereinigt er seine Bitten mit denen der Schwestern, nach der Landungsstätte hinübergehen zu dürfen. Die Erlaubnis wird erteilt, jedoch unter der strengen Bedingung, daß man sich abseits vom Gedränge und außerhalb des Weges halte, auch dem Ufer nicht zu nahe trete. Lustig eilt die kleine Gesellschaft aus dem Vorgarten quer über eine wüste Baustelle dem nahen Strome zu. Die bleiche Frau ließ ihre Hände rasten und sah den davonstürmenden Kindern nach. Wie lange sie so dagesessen hatte, wußte sie selbst kaum. Mit ganzer Seele ernsten Betrachtungen hingegeben, war ihrem Ohr das Geräusch entgangen, mit dem der herbeikeuchende Dampfer anlegte und das Ausladen von Gütern und das Einnehmen von Brennholz für die Maschinen ins Werk gesetzt wurde. Wie aus einem Traume schrak sie daher auf, als plötzlich die Gartenpforte sich knarrend öffnete und ein Herr im Reiseanzuge sich schnellen Schrittes näherte. Kaum aber hatte sie einen vollen Anblick des gelblichen Kreolengesichtes mit dem dünnen schwarzen Vollbart gewonnen, als es wie eine Wolke peinlichen Erstaunens ihr Antlitz umdüsterte, zugleich eine matte Röte sich über das selbe ausbreitete. »Seien Sie mir von ganzem Herzen gegrüßt, Mrs. Stocton,« redete der Ankömmling sie alsbald mit einer gewissen ehrerbietigen Vertraulichkeit an, und er reichte der sich kalt Verneigenden die Hand, »eben von New-Orleans eingetroffen, eile ich hierher, um mich einiger dringender Aufträge zu entledigen. Aus solchen Gründen unterließ ich es auch, Ihre Kleinen, die ich aus der Ferne wahrnahm, zu begrüßen. Eine liebliche Gruppe bildeten sie, wie sie, an sicherem Ort auf einem Baumstamm sitzend, die bei dem Dampfer sich entwickelnden Szenen eifrig besprachen.« »Wer könnte noch Aufträge an mich haben?» fragte Marianne ernst zurück, die den Kindern gespendeten Lobpreisungen überhörend. »Aber bitte, Mr. Slowfield, nehmen Sie Platz. Legen Sie es nicht als Mangel an Gastfreundschaft aus, wenn meine Einladung nicht weiter reicht. Sie wissen, ich bin nicht in der Lage, Gäste so zu empfangen, wie es einst in dem Hause meiner Eltern geschah.« »Die Aufträge rühren von Ihrer verehrten Tante Sarah her,« erwiderte Slowfield verbindlich, »und ich müßte mich sehr täuschen, wenn es nicht in ihre Hand gegeben wäre, Ihre Lage in einer Weise zu verbessern, daß ein Unterschied zwischen dem Früher und dem Jetzt kaum bemerkbar.« »So?« fragte Marianne eintönig, »es liegt also in Ihrer oder meiner Tante Gewalt, Tote ins Leben zurückzurufen?« Slowfield zögerte einige Sekunden, dann sprach er mit vor Teilnahme bebender Stimme: »Mrs. Stocton, Sie besitzen drei liebliche, hoffnungsvolle Kinder; schon um derentwillen allein sollten Sie es aufgeben, die Trauer um teure Dahingeschiedene ausschließlich bei allem Denken, Sinnen und Handeln als maßgebend gelten zu lassen. Sie entsinnen sich, daß es mir vergönnt gewesen ist, Ihres edlen Vaters letzte Stunden treu zu überwachen, seine letzten Worte und Segnungen für Sie in Empfang zu nehmen. Daraufhin aber darf ich die Behauptung aufstellen, daß, stände er jetzt hier vor uns, mein eben ausgesprochener Rat seine Billigung fände, er allem zustimmen würde, was vor Ihnen zu offenbaren ich mir erlaube. So war er es auch – und heute mag ich frei darüber sprechen – der mir anvertraute, daß er Sie sowohl wie den armen Gilbert mit Abschriften testamentarischer Bestimmungen versah, deren Ausführung freilich nur in Ihrem gemeinschaftlichen Handeln mit Miß Sarah Melville ermöglicht werden kann. Die Gründe für sein Verfahren gehören jetzt nicht mehr hierher. Wohl aber darf ich beteuern, daß er dabei von der innigsten Anhänglichkeit für seine Kinder und der treuesten Sorge um deren Zukunft geleitet wurde.« »Nie bezweifelte ich das,« versetzte Marianne schwermütig, »allein die von aufrichtiger Liebe getragene Erinnerung an ihn kann mich nimmermehr zu dem Versuch bewegen, ein Vermögen in meinen Besitz zu bringen, das ich als den Kaufpreis für die Trennung von Stocton betrachten müßte.« Slowfield sann eine Weile nach, bevor er antwortete: »Ich achte und ehre Ihre Gründe zu hoch, als daß ich wagen möchte, Einsprache gegen dieselben zu erheben. Wohl aber darf ich darauf hinweisen, daß Sie Kinder besitzen und Ihnen das Recht kaum zusteht, diesen zu entziehen, was ihnen von dem Großvater zugedacht worden.« »Sie werden einräumen, daß ich das, was meinen Kindern frommt, als Mutter am besten zu beurteilen vermag,« erklärte Marianne leidenschaftslos, »meinen Kindern stand ihr Vater näher, als der Großvater; darnach richten sich meine Entschlüsse.« »Auch dieser Auffassung gegenüber fühle ich mich unfähig, Einwendungen zu erheben,« versetzte Slowfield beinahe klagend. »Wenn ich trotzdem versuche, dieses und jenes in ein günstigeres Licht zu stellen, so deuten Sie das nur allein dahin, daß in Erinnerung der jahrelangen innigen Beziehungen zu der Familie Ihres Vaters, beseelt von der aufrichtigsten Verehrung und herzlichsten Anhänglichkeit für seine hochherzige Tochter, ich dennoch alles in meinen Kräften stehende aufbieten möchte, Ihre Lage zu einer sorgenfreieren zu gestalten.« »Ich danke Ihnen für den guten Willen, Mr. Slowfield, allein ich bedarf weder des einen noch des anderen. In meinen Augen tragen die Zinsen denselben Stempel, wie das Kapital. Daher bitte ich dringend, auch nach dieser Richtung mich fernerhin mit irgendwelchen Zumutungen zu verschonen. Sie sehen, ich lebe hier mit meinen Kindern, wenn auch nicht in glänzenden Verhältnissen, doch so, daß ich unseren bescheidenen Ansprüchen Genüge zu leisten vermag. Ich sehne mich nicht nach mehr. Am wenigsten möchte ich meine Hand auf ein Vermächtnis legen, vor dem ich wie vor Blutgeld zurückschaudern würde.« »Aber es ist doch nur das, was unter anderen Umständen Ihnen ebenfalls zuerkannt worden wäre.« »Das mag sein, mildert indessen nicht den Makel, der ihm unter den jetzigen anhaftet. Was ich mit Stocton nicht teilen durfte, will ich allein nicht besitzen.« »So kennen Sie den Inhalt der letztwilligen Schrift?« fragte Slowfield, und die Augen mit den Lidern halb verschleiernd, suchte er die tödliche Spannung zu verheimlichen, welche ihn beseelte. Marianne sah ihn befremdet an, antwortete aber ruhig: »Nein, ich kenne ihn nicht. Ich gab mir nicht die Mühe, sie zu lesen. Was hätte sie enthalten können? Am wenigsten Dinge, geeignet, den leisesten freundlichen Eindruck auf mich auszuüben. Wohl wußte ich, daß die Flüssigmachung des Vermögens nur im Verein mit Taute Sarah ausführbar; das aber konnte nur dazu beitragen, mich in meinem Entschluß zu bestärken. Ich wiederhole daher ausdrücklich: den Inhalt dieses Schriftstückes kenne ich nicht, will ich nicht kennen lernen, trotz der Beweise der Liebe, denen ich vielleicht begegnete. Nein, nimmermehr! Bin ich erst tot – Sie selber und Tante Sarah werden mich ja lange überleben – und Sie hegen auch dann noch freundschaftliche Gesinnungen für meine Familie, so bleibt es Ihnen unbenommen, den Kindern in vollem Maße alle jene Vorteile zuzuwenden, die selbst anzunehmen ich mich standhaft weigere. Ich gehe davon aus, daß ich kein Recht besitze, meinen Kindern das Vermögen ihrer Großeltern unzugänglich zu machen, sie hingegen keine Ursache haben, dasselbe abzulehnen. Das darauf bezügliche Schriftstück, seit Gilberts Tod das einzige noch vorhandene, werden Sie zu seiner Zeit in meinem Nachlaß finden.« »Nein, nein, teuerste Marianne,« versetzte Slowfield dringlich, und er suchte ihre in feuchtem Glanz schwimmende Augen, »sprechen Sie nicht von Tod und Grab, wo Ihnen unzweifelhaft eine lange Lebenszeit, ein freundlicher, wenn auch mit wehmütigen Streiflichtern durchwobener Lebensabend beschieden ist. Und das Glück, das Ihnen anderweitig jäh abgeschnitten worden, es wird ersetzt werden durch Hoffnungen und Freuden, die in Ihren Kindern sich fortgesetzt erneuern, sich in erhöhtem Maße für Sie vorbereiten. Zwei Jahre ist es her, seitdem ich Ihnen die erschütternde Kunde von dem Tode Ihres edlen Vaters überbrachte. Sie war begleitet von seinem besten Segen für Sie und die teuren Kleinen. Seit jener Zeit hielt ich mich fern von Ihnen, mag ich immerhin – ich gestehe es freimütig – Sie unablässig heimlich überwacht haben, um bei irgendwelchen neuen Prüfungen zur Hand zu sein. Ängstlicher vermied ich, Worte zu Ihnen zu sprechen, wie Ihr sterbender Vater sie mir gewissermaßen in den Mund legte. Für Entweihung hielt ich es, für unwürdig, auch nur den Schein herauszufordern, als hätte ich den Sie beugenden Schmerz, die Trauer in ihrer ersten Heftigkeit zu irgendwelchen Zwecken ausnützen wollen. Zwei Jahre sind seitdem verstrichen; eine gewisse Ruhe hat sich nach den schrecklichen Erfahrungen und Ereignissen bei uns allen eingestellt. Fast wie ein Traum schweben uns heute jene wilden Kriegszeiten vor. Unvergänglich frisch, als seien sie gestern erst gesprochen worden, leben dagegen in meinem Inneren die Beschwörungen fort, die Ihr Vater, sichtbar von Angst um Sie erfüllt, an mich richtete, doppelt frisch, weil sie in meinem eigenen Herzen einen so tief ergreifenden Nachhall fanden, im Einklange standen mit allem, was mich einst zu den kühnsten Hoffnungen anregte, freilich aber auch die bitterste Entsagung im Gefolge hatte.« Hier ließ Slowfield eine Pause eintreten. Er wollte Marianne Zeit gönnen, mit dem Vernommenen sich vertraut zu machen, sich gewissermaßen auf das vorzubereiten, was ihm noch auf den Lippen schwebte. Nicht ohne Besorgnis beobachtete er, daß sie wieder befremdet in seinen Augen zu lesen trachtete, banges Erstaunen sich in ihrem Blick offenbarte. »Ich hoffe,« begann sie endlich, die zu erwartenden Offenbarungen in Zusammenhang mit den letztwillligen Verfügungen bringend, »die mündlichen Mitteilungen meines Vaters sind nicht auf irgendeinen Zwang berechnet gewesen. In solchem Falle müßte ich bitten, sie ungesagt zu lassen.« »Auf keinen Zwang,« beteuerte Slowfield überzeugend; »nein, nicht auf den leisesten Zwang, oder ich würde mich nie zu deren Träger gemacht, sondern sie als ein unveräußerliches Geheimnis in meiner Brust verschlossen haben. ›Sorgen Sie für meine Tochter und deren Kinder,‹ sprach er mit letzter schwindender Kraft, ›wie beruhigt wollte ich sterben, dürfte ich das Bewußtsein mit hinübernehmen, daß der Schutz, den Sie der Witwe und den verwaisten Kindern angedeihen lassen werden, ein durch Gesetzeskraft berechtigter, durch die Kirche geheiligter wäre.« Nach einer Pause, während welcher er vergeblich auf eine Erwiderung der noch immer wie betäubt Dasitzenden gewartet hatte, fuhr er eindringlicher fort: »Marianne, geliebte Marianne, ich schweife in die Vergangenheit zurück, in jene Tage, in denen ich, wenn auch unberechtigt, auf ein überschwängliches Glück an Ihrer Seite glaubte hoffen zu dürfen. Es sollte nicht sein. Meine Hoffnungen zerschellten; aber was nicht untergehen konnte, das war meine heiße Liebe zu Ihnen, die, anstatt eine Wandlung zum Gegenteil zu erfahren, sich allmählich auf alle Mitglieder der Familie Ihres unvergeßlichen Vaters übertrug. Jene Empfindungen leben heute noch, mögen sie immerhin ruhiger geworden sein, das Ungestüm früherer Jahre abgestreift haben; ruhiger, indem ich mich damit begnüge, als Freund und Beschützer, als der Vater Ihrer Kinder an Ihre Seite treten zu dürfen. Dann aber soll Ihr und der Ihrigen Glück und Seelenfriede mein eigenes Glück sein, mein Lohn dagegen, wenn auch erst nach Jahren, ein wenig Wohlwollen, vielleicht Dankbarkeit aus Ihren Augen zu lesen.« Da richtete Marianne, wie beängstigenden Träumen sich entwindend, sich schwerfällig empor. Es war ersichtlich, sie hatte so lange geschwiegen, um sich mit ihrer neuen Lage vertraut zu machen, sich für eine Antwort zu entscheiden. »Mr. Slowfield,« hob sie ruhig an, und einen ihren Körper durchrieselnden Schauder gewaltsam unterdrückend, sah sie fest in die flehentlich blickenden Augen, »zu dem Antrage sind Sie berechtigt, wie jeder andere ehrenwerte Mann, und ich weiß Ihnen Dank für das Wohlwollen, welches aus demselben spricht. Doch wer sagt Ihnen, wer mir, daß Stocton in der Tat nicht mehr unter den Lebenden weilt? Ich für meine Person kann mich von der Hoffnung nicht lossagen, den Vater meiner Kinder noch einmal wiederzusehen.« »Weshalb diese Frage anregen?« rief Slowfield klagend aus, »weshalb mich in die traurige Lage versetzen, Sie beschwören zu müssen, der letzten Hoffnung endgültig zu entsagen? Teuerste Marianne,« und seine Stimme bebte vor erheuchelter Wehmut, »eine schreckliche Gewißheit ist in ihrer Wirkung immerhin milder, als eine verzehrende Ungewißheit; und so will ich einräumen, daß Stocton in der Tat gestorben. Ich erhielt die Kunde schon vor Jahren; kaum eine Stunde nach Ihrer Zusammenkunft mit ihm fand er seinen Tod in den Fluten des Arkansas.« Marianne bebte. Sie errang indessen einen gewissen Grad von Selbstbeherrschung und versetzte mit einem unsäglich wehevollen und doch harten Ausdruck: »So hätte ich ihn in den Tod gelockt.« »Nein, nicht Ihnen fällt das Unglück zur Last, geliebte Marianne,« antwortete Slowfield dringlich, und wie durch Zufall bedingt, wich er den gleichsam ersterbenden Blicken der schönen bleichen Frau aus, »was nur unseligen Verhältnissen zugeschrieben werden darf, sollen wir nicht auf unser Gewissen nehmen. O, wie bereue ich jetzt, daß ich, Ihre heiligsten Gefühle schonend, nicht vor Jahren mit der ungeschminkten verhängnisvollen Wahrheit vor Sie hintrat! Wie viele Stunden bangen Zweifels wären Ihnen erspart geblieben! Anstatt heute von einem neuen Schlage gebeugt zu werden, hätten wir gemeinschaftlich in Wehmut des teuren Verstorbenen gedenken mögen. Doch fassen Sie sich, geliebte Marianne. Das, was ich glaubte, mit gutem Gewissen hier anregen zu dürfen: in Ihrer jetzigen Gemütsverfassung kann das begonnene Gespräch nicht weitergeführt werden. Beruhigen Sie sich vor allen Dingen; erwarten Sie die Stunden, in welchen Sie fähig sind, über meinen ehrenhaften Vorschlag nachzudenken, und wie dann auch Ihre Entscheidung lauten mag: Ihr Freund, der Hort und Schirm Ihrer Kinder, bleibe ich immerdar. Das einzige, um was ich heute noch zu bitten wage, ist, nach Ablauf einer von Ihnen zu bestimmenden Frist wieder vor Ihnen erscheinen zu dürfen.« Da tönte das Heulen der Dampfpfeife, begleitet von Glockengeläute, herüber, womit das Schiff alle an Bord rief und sich zum Aufbruch rüstete. Marianne schrak empor. Verstört sah sie um sich. Sie schien sich zu besinnen, wo sie weilte. »Die Kinder werden gleich hier sein,« sprach sie darauf mit ängstlicher Hast, »sie sind schon so klug – in meiner jetzigen Verfassung dürfen sie mich nicht sehen – es ist besser, Sie gehen – ja, gönnen Sie mir Zeit zum Überlegen. Ich bedarf ungestörter Muße, um mich zu sammeln, mit ruhigem Gewissen einen Entschluß für die Zukunft zu fassen. Mr. Slowfield – nur zwei Wochen Bedenkzeit erbitte ich mir. Dann aber mögen Sie zu jeder Stunde kommen, und meine Entscheidung soll Ihnen nicht vorenthalten werden.« Slowfield, in seinem Bestreben, Mariannens Wünschen entgegenzukommen, hatte sich erhoben. »So sei es denn, teuerste Marianne,« antwortete er innig, »nach vierzehn Tagen werde ich von Ihrer Erlaubnis Gebrauch machen. Möge bis dahin ein freundlicher Stern über Ihnen walten, daß Sie das erwählen, was am segensreichsten für Sie, für Ihre Kinder und – für mich ist.« Er reichte Marianne die Hand und fuhr in zärtlichem Tone fort: »Leben Sie wohl, geliebte Marianne. Leben Sie recht, recht wohl, und auf ein tröstliches Wiedersehen.« Marianne verneigte sich stumm. Gleich darauf verließ Slowfield den Vorgarten. Als er auf die Straße hinaustrat, sah er noch einmal zurück. Marianne hatte Arme und Haupt vor sich auf den Tisch gelegt. Krampfhaft zuckte ihr Körper im Ausbruch eines unheilbaren Schmerzes, welchen sie bisher mit dem Mute der Verzweiflung bekämpft hatte. Wären die Worte, welche sich hin und wieder mit ihrem Schluchzen einten, zu Slowfields Ohren gedrungen, so würde er weniger zuversichtlich seinen Heimweg angetreten haben. »Und das wagt er,« entwand es sich leise den bebenden Lippen, »er – jetzt begreife ich es erst – der wie ein böser Geist sich in unser Haus einschlich, hinterlistig überall den Boden ausspähte, der empfänglich für die von ihm ausgestreute verderbliche Saat. Stocton tot – ich glaube es nicht, kann es nicht glauben. Er lebt, er muß leben, und der Elende wagt noch –« Aufs neue ertönten Pfeife und Glocke, begleitet von den zischenden Dämpfen, die in ihrer Befreiung die gewaltigen Schaufelräder des scheidenden Kolosses herumwälzten. Marianne richtete sich empor. Ein Weilchen fächelte sie den heißen Augen Kühlung zu, dann griff sie eifrig nach ihrer Arbeit. Kurze Zeit dauerte es nur noch, bis die hellen Stimmen der Kinder herüberdrangen und ihr gequältes Herz vor Stolz und Freude erzittern machten. – – – – Die vierzehn Tage waren verronnen und am fünfzehnten stellte Slowfield sich pünktlich ein. Er fand ein verschlossenes Haus und oberhalb der Türe einen Zettel mit den Worten: »Zu vermieten.« Eine Weile stierte er wie gelähmt auf die unzweideutige Inschrift. Erst allmählich gewann er seine Fassung zurück und damit die entsprechende Überlegung, Nachforschungen nach der Verschwundenen anzustellen. Was er auskundschaftete, beschränkte sich darauf, daß Mrs. Stocton schon vor einer Woche mit ihren Kindern und allem Gepäck ohne Angabe ihres Zieles sich auf einem Dampfer zur Reise nördlich eingeschifft habe. Wohin war sie geflohen? Weithin gen Norden erstreckte sich der Mississippi; weithin gen Osten und Westen erstreckten sich seine Nebenflüsse als bequeme Fahrstraßen. Der Kontinent war groß genug, um es Tausenden und Tausenden zu ermöglichen, sich verborgen zu halten, wenn sie ernstlich nicht gefunden werden wollten. Wut im Herzen wendete Slowfield sich heimwärts. Die Beute, die er sich erkoren hatte und seit Jahren mit so viel Geduld und Ausdauer raubgierig umkreiste, war seinem Gesichtskreise entschwunden, mit ihr die rätselhaften letztwilligen Verfügungen, die ihm den Weg zur Vermehrung seines übel erworbenen Reichtums zeigen sollten. Neuntes Kapitel. Der Pferdebändiger. Grün schimmert die weite Ebene zwischen der Sierra Nevada und den kalifornischen Küstengebirgen; blau wölbt der wolkenlose Himmel sich darüber hin; es zittert die Atmosphäre unter dem Einfluß der goldig herniederstrahlenden Sonne. Hier und da tritt ein Hain in den Gesichtskreis; scheinbar ein Hain, denn in Wirklichkeit drängen sich daselbst Obstbäume in umfangreichen Gärten zusammen und bilden eine Art Vorhang. So auch vor der Hazienda des begüterten Don Cristobal. Zu Hunderten und Tausenden werden Rinder, Pferde und Schafe nach allen Richtungen, umschwärmt von berittenen Vaqueros , in der Faust, statt der Peitsche, den zusammengerollten wurfbereiten Lasso. – Rechts von der Hazienda, einsam im Schatten dicht belaubter und mit Früchten beladener Bäume lag ein schmuckes Häuschen. Heute, an dem echt kalifornischen prächtigen Spätsommernachmittage, standen Tür und Fenster offen, so daß man von draußen beinahe die ganze Wohnung zu überblicken vermochte. Aus einem größeren Zimmer bestand sie und zwei kleineren Nebengemächern. Als Küche diente eine Art Kamin zur ebenen Erde in ersterem, der zur rauhen Winterszeit zugleich zum Heizen benutzt wurde. Trotz der einfach weißgekalkten Wände und des tennenartig hergestellten Fußbodens herrschte eine gewisse behagliche Üppigkeit in allen Räumen. Teppiche, wenn auch von weniger kostbarem Gewebe, bedeckten den harten Estrich, bunt überzogene Matratzen mit zusammengerollten, farbenreichen mexikanischen Decken vertraten nach alter kalifornischer Sitte Sofa und Bett. Was sonst noch an Möbeln vorhanden, war ziemlich einfach von rohem Holz hergestellt worden, so ein großer Tisch, mehrere Stühle, Schemel und Bänke, wie ein offenes Gerüst, welches als Schrank und Vorratskiste benutzt wurde. Nur das kleine Nebengemach, in das man vom Wohnzimmer aus unter zwei aufgeschürzten bunten Decken hindurch sah, hatte eine andere Ausstattung erhalten. Da erblickte man zunächst zwei zierliche, schwarzlackierte und mit Bronzemalerei geschmückte Rohrstühle, einen ähnlich gearbeiteten Wiegenstuhl, einen nicht allzu hohen polierten Tisch und ein Schränkchen, das in ihrem Boudoir aufzustellen eine Senatorstochter sich nicht hätte zu schämen brauchen. Wer aber in das luftige Gemach eintrat, der wurde noch besonders überrascht durch den Anblick eines kleinen Bettes, das eigens für eine Märchenprinzessin hergestellt zu sein schien. Außerdem stand in dem einen Winkel ein sinnig zusammengefügtes schlankes Gerüst, das eine Anzahl seidener und wollener Kleider mit reichem Besatz trug, augenscheinlich für ein Mädchen von fünf bis sechs Jahren berechnet. Auf eine so jugendliche Bewohnerin deuteten auch die Spielereien, die peinlich geordnet auf einer fein gewebten Strohmatte umherstanden und durchgängig von der Kunstfertigkeit und der eigentümlichen Geschmacksrichtung der schlitzäugigen »Kinder des himmlischen Reiches der Mitte« zeugten. – Die erste Hälfte des Nachmittags war verstrichen, und wer sich um diese Zeit dem Häuschen genähert hätte, der wäre vielleicht überrascht gewesen durch den Kontrast, den zwei aus dem Inneren ins Freie herausdringende Stimmen zueinander bildeten. Die eine, abwechselnd gurgelnd und krächzend, schien zuweilen vor lauter Wohlwollen ganz ersticken zu wollen, wogegen die andere, fein und silberhell, den Mutwillen und die glückliche, fröhliche Sorglosigkeit eines verzogenen Kindes verriet. Wer noch näher heranschlich, würde in erhöhtem Grade erstaunt gewesen sein über die seltsame Szene, die sich durch die offene Tür den Blicken bot. Vor dem Tisch auf der Bank kniete ein wunderliebliches Kind, die kleine Bewohnerin des übermäßig verschwenderisch ausgestatteten Nebengemachs. Ein hellblau wollenes Kleidchen mit rotem Schnurbesatz umhüllte den kleinen Körper, daß die runden Arme bis fast zu den Schultern, die nicht minder runden Beinchen bis zu den Knien hinauf unbedeckt blieben. Die zierlichen Füße steckten in Schuhen von feinem bronzeglänzenden Saffian. Vor der Kleinen auf dem Tisch lag eine Anhäufung steifer Karten, deren jede mit einem kräftig gemalten Buchstaben versehen war. Zwischen diesen störten und suchten die runden Händchen eifrig, während derselbe Eifer aus den sich rastlos regenden Augen hervorleuchtete. Der Kleinen gegenüber saß eine mittelgroße behäbige Gestalt, die man auch ohne die runde Filzmütze, den weiten Kittel von blauem Baumwollstoff, die dicksohligen Atlasschuhe und den beinah zwei Ellen langen Zopf als einen Sohn des himmlischen Reiches erkannt hätte, so scharf war in dem gelben, breiten Gesicht der mongolische Schnitt ausgeprägt. Auch er war emsig beschäftigt, und zwar mit Nadel und Faden, aus rot- und blaugestreifter Seide ein neues Kleid für den kleinen munteren Hausgeist anzufertigen. »Fertig!« rief die kleine seidenlockige Gelehrte nach einer längeren Pause der Stille aus, und sich zurücklehnend, betrachtete sie ihr Werk mit großer Befriedigung, »sieh zu, ob es richtig ist.« Gehorsam lehnte der Chinese sich über den Tisch und las gutmütig lächelnd: »Singsang ist schön.« »Gut,« fügte er sprechend hinzu, »wenn wir so fortfahren, schreiben und lesen wir beide bald besser als ein Advokat. Jetzt lege einmal deinen eigenen Namen.« Es folgte wieder eine Pause der Stille. Die kleinen Hände suchten und ordneten, die großen stichelten aus Leibeskräften, und abermals hieß es: »Fertig,« woran sich ein tiefer Seufzer der Überanstrengung schloß. »Thusnelda ist häßlich,« las Singsang, in welche Form der edle Name Tsung-Tsang durch des Kindes Machtspruch entstellt worden war. Ergötzt schüttelte er sein weises Haupt und riet schmeichelnd: »Nunmehr lege den Namen unseres allerbesten Freundes.« »Ich soll mich tot arbeiten?« fragte Thusnelda lustig. »Nichts da, Singsang; jetzt wird gespielt. Wir wollen Kunststücke machen.« Singsang sah entzückt über die Brille hinweg auf das liebliche Kind, schraubte die schmalen schwarzen Brauen hoch nach der Stirn hinauf und antwortete mit erheucheltem Ernst: »Nein, Thusnelda, das geht nicht. Gregor hat es verboten, da müssen wir gehorchen. Er sagt, du dürftest keine Seiltänzerin werden.« »Singsang, es werden Kunststücke gemacht; Gregor ist nicht da,« erklärte Thusnelda eigenwillig. »Wenn er nicht da ist, dürfen wir es um so weniger,« belehrte Singsang bittend. »Unsinn. Wenn ich es ihm erzähle, lacht er. Gregor schilt mich noch lange nicht. Entweder wir machen jetzt Kunststücke oder ich warte, bis du schläfst und schneide dir den Zopf ab. Es ist überhaupt ein falscher Zopf. Nicht halb so lang wäre er, hättest du nicht die schwarzen Seidenfäden eingeflochten.« Singsang lachte in sich hinein, daß der ganze behäbige Körper wackelte, und antwortete, ohne die Blicke zu erheben, über die regsamen Hände hinweg: »Und schnittest du mir zwei Zöpfe ab, so handelte ich dem Befehl Gregors nicht entgegen.« Wie eine Wiesel glitt Thusnelda von der Bank, und auf Singsangs Schoß kletternd, legte sie den einen Arm um seinen Nacken, und sein rundes dickes Haupt an sich ziehend, streichelte sie ihm mit der freien Hand zärtlich die Wange. »Lieber, guter; schöner Singsang, ich bitte dich so sehr, tu mir den Gefallen und mache Kunststücke mit mir,« flehte sie mit ihrer süßen Stimme. »Ich kann nicht, ich darf nicht,« röchelte Singsang förmlich vor Behagen. »Ist das dein letztes Wort?« »Mein allerletztes Wort.« »Singsang, du bist häßlich, du bist ein Scheusal, und tust dennoch, was ich dir anbefehle,« erklärte Thusnelda trotzig, indem sie von des alten Burschen Schoß sprang. Schnell glitt sie hinter ihn, und in die Falten seines Kaftans greifend und die Stuhllehne als Leiter benutzend, kletterte sie gewandt auf seinen Rücken, wodurch Singsang gezwungen wurde, mit wahrhafter Duldermiene die Arbeit einzustellen. Gleich darauf stand sie auf seinen Schultern. »Willst du jetzt Kunststücke mit mir machen?« fragte sie drohend, und herausfordernd verschränkte sie die Arme. »Komm herunter, liebes Kind, komm herunter. Bedenke nur, wenn du fielest,« bat Singsang kläglich. »Ja, fallen, Singsang. Versprich jetzt, meinen Willen zu tun, oder ich falle wirklich und schlage mir ein großes blutiges Loch mitten auf der Stirn.« »Nun ja denn, ich verspreche es,« beteuerte Singsang in seiner Not, denn schon allein der Gedanke an die Möglichkeit einer Verwundung seines Lieblings erfüllte ihn mit Entsetzen. Er legte die Arbeit vor sich auf den Tisch, und wiederum die Arme nach oben streckend, wartete er, bis Thusnelda seine Hände ergriffen hatte, und auf ein Zeichen von ihm sprang sie auf seine Knie. »So,« meinte er mit einem Seufzer, »wenn Gregor böse wird, ist's nicht meine Schuld.« »Haha!« spöttelte Thusnelda lustig, »Gregor tut mir nichts. Der kann mich nicht einmal böse ansehen.« »Aber mich.« »Dir schadet's nichts, lieber schöner Singsang.« »So wollen wir wenigstens zuvor dies neue prachtvolle Kleid anpassen, auch dein Haar ein wenig kämmen.« »Nichts da, Singsang. Du willst nur, ich soll darüber die Kunststücke vergessen. Vielleicht nachher, wenn wir uns müde gespielt haben.« Singsang erhob sich. Bedächtig legte er die schweren Schuhe ab, daß er in seinen blauen Leinwandstrümpfen dastand. Thusnelda hatte unterdessen nicht nur die Schuhe ausgezogen und in verschiedene Richtungen davon geschleudert, sondern auch die kurzen roten Strümpfe, und leuchtenden Blickes überwachte sie, wie Singsang sich niederlegte und, die Ellenbogen auf den Fußboden stützend, die Unterarme emporhielt. Gewandt den linken Fuß in die nächste offene Hand stellend, gab sie sich einen Schwung, und mit einem lustigen Ausruf den rechten nach sich ziehend, fand sie für denselben auf der anderen Seite einen ähnlichen Halt. Lachend und jubelnd duldete sie, daß Singsang die Arme nunmehr ganz nach oben ausstreckte, sie hinauf und hinunter wiegte und schließlich ihr gestattete, das Gewicht des Körpers dem einen Fuß allein anzuvertrauen. Dabei lobte er den kleinen Wagehals über die Maßen und belehrte ihn, daß, wenn er das Gleichgewicht verlieren sollte, er sich nur fallen zu lassen brauche, um von ihm sanft aufgefangen zu werden. Nach diesen Vorübungen streckte er auch die Füße empor, sie den Händen so weit nähernd, daß Thusnelda, wie auf einer Brücke, im Kreise herumzuschreiten vermochte. Hin und wieder schwankte sie wohl ein wenig, dagegen besaß Singsang eine solche Sicherheit der Bewegungen, daß sie mit seiner Hilfe das Gleichgewicht schnell wieder zurückgewann und die eigene Kunstfertigkeit jubelnd pries. Die erste Übung schloß damit ab, daß Singsang, die kleinen Füße in den Händen, die Arme nach oben lang ausstreckte, sich zunächst in eine sitzende Stellung emporrichtete und endlich ganz erhob, Ein Weilchen gönnte er der Kleinen die Freude, die Zimmerdecke zu betasten. Dann ließ er sie plötzlich vor sich niedergleiten, um sie in seiner Brusthöhe wieder aufzufangen, und im nächsten Augenblick hing sie an seinem Halse, das gelbe Mongolengesicht küssend und klopfend und ihren Singsang den schönsten Mann der Welt nennend, daß dem alten Burschen die Tränen der Rührung in die Augen drangen. Doch die Kleine war unermüdlich. Kaum daß sie Singsang Zeit gab, ihre wirren Locken zu kämmen, zu bürsten und mit einem hellblau seidenen Band zu umschlingen. Gregor, der eigentliche Hausherr, befand sich um diese Zeit noch eine Strecke abwärts. Mit Cristobal, seinem Brotherrn, und gefolgt von einigen Arrieros , war er gleich nach dem Mittagessen fortgeritten, um eine Anzahl Pferde in Augenschein zu nehmen, die man in eine Einfriedigung getrieben hatte. Unter diesen befand sich ein dunkelbrauner fünfjähriger Hengst von hervorragender Kraft und Schönheit, der weder Sattel noch Zaum jemals getragen hatte. Ohne Brandzeichen, also herrenlos, wild bis zur Bosheit und Tücke und mißtrauisch gegen jeden Menschen, namentlich berittene, weilte er in dem weiten Tale bald bei dieser, bald bei jener Herde. Seine Freiheit zu bewahren kostete ihn bei seiner Schnelligkeit und dem nie schlummernden Argwohn kaum noch Anstrengung, zumal man längst für vergebliche Mühe hielt, die so oft fehlgeschlagenen Versuche, seiner habhaft zu werden, zu erneuern. Als aber die Kunde auf der Hazienda eintraf, daß er unbedachtsam, vielleicht auch in einem instinktartigen Gefühl seiner Unantastbarkeit, mit anderen Pferden in den Korral, eine hohe, widerstandsfähige Umzäunung, gegangen, die alsbald hinter ihm geschlossen wurde, packte Cristobal und Gregor eine Art Fieber. Nach kurzer Beratung kamen sie überein, alles mögliche aufzubieten, das ebenso berüchtigte wie schöne Tier in ihre Gewalt zu bringen. Der Reichtum Cristobals verriet sich schon allein in den großen kostbaren Pferden, die seine Begleiter sowohl, wie er selber ritten. Trotzdem verschwand er fast mit seiner kurzen Gestalt neben Gregor, der auch im gemächlichen Schritt auf seinem Renner saß, als ob er mit ihm verwachsen gewesen wäre. Überhaupt hätte schwerlich jemand in ihm den lang aufgeschossenen knochigen Burschen wiedererkannt, der vor fünf Jahren in der Prärie, nach Entdeckung des Todes seiner geliebten Verwandten, trostlos und verzweifelnd in die Zukunft schaute. Ein Mann war er geworden von tadellos schönem Körperbau. Jede Muskel an ihm, jede Bewegung verriet ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit. Sein von halblangen dunkelbraunen Locken umwalltes und von einem breitrandigen schwarzen Sombrero überschattetes Antlitz war von auffallender Schönheit, die durch den Sonnenbrand und den noch jugendlich weichen dunklen Vollbart einen erhöhten Charakter des Männlichen erhielt. Sie waren in der Nachbarschaft des von Vaqueros bewachten Pferchs eingetroffen, als Cristobal eine Unterhaltung anknüpfte. »Gregor,« begann er schmeichelnd, »der Hengst ist ein Pferd, das ich zum eigenen Gebrauch in meinem Stalle haben möchte; gelingt es Ihnen, den Burschen zu bändigen und reitfromm zu machen, trägt's Ihnen fünfzig Dollars ein.« »Um Geld verkaufe ich mein Leben nicht,« antwortete Gregor ruhig; »ich stehe bei Ihnen in Lohn und Brot, das genügt. Sie wünschen, den Hengst gebrochen zu sehen, da ist es meine Pflicht, den Versuch zu wagen. Es wäre ja nicht der erste, den ich bemeisterte. Freilich, ein Satan von seiner Sorte ist mir noch nicht unter die Hände gekommen.« »So wäre es vielleicht ratsam, ganz davon abzustehen?« meinte der Haziendero gutmütig. »Caramba, so viel liegt mir nicht an der Bestie, daß ich deshalb das Leben des ersten Reiters Kaliforniens aufs Spiel setzen möchte.« In Gregors Augen leuchtete es geheimnisvoll auf. Es war wie das Zucken eines Blitzes. »Sennor,« erwiderte er etwas lebhafter, »Sie wissen, Pferde liebe ich über alles. Seit meiner Kindheit bin ich mit ihnen verbrüdert gewesen. Ich lernte beinahe früher reiten, als gehen. Meine Neigung zu den Pferden wuchs in demselben Maße, in dem ich selber reifte und erstarkte, in demselben Maße, in dem man mich davon abzubringen suchte. Ich kenne keinen höheren Genuß, als ein edles Tier, das mir an Kräften weit überlegen, in meinen Sklaven zu verwandeln. Um solchen Genuß rechte ich nicht mit ein wenig Gefahr. Trifft mich ein Unglück,« und um seine Lippen zuckte leiser Spott, »so werden Sie sich des Kindes annehmen, es jedoch nie von meinem Singsang trennen.« »Das geschieht, ja, das geschieht,« beteuerte der Kalifornier eifrig; »Caramba, schon allein um des lieblichen Mädchens selber willen möchte ich es in meine Familie aufnehmen. Aber noch einmal, Gregor, besinnen Sie sich –« »Was ich mir einmal vorgenommen habe, führe ich aus,« fiel Gregor gelassen ein, »ich will entweder der Erste sein in meinem Fach, oder gar nichts.« »Sie hätten statt des schweren spanischen Sattels einen englischen mitnehmen sollen. Sie kommen leichter heraus, wenn es zum Stürzen und Überschlagen kommt.« »Auch ein englischer hindert mich noch. Der glatte Pferderücken bleibt am sichersten.« Der Pferch lag vor ihnen. Cristobal und Gregor schwangen sich aus den Sätteln und überließen ihre Pferde einem herbeieilenden Vaquero. Vier Arrieros hatten unterdessen ihre Stellung vor dem Ausgange des Pferchs eingenommen, und zwar auf jeder Seite zwei in angemessener Entfernung voneinander, so daß die freigegebene Herde zwischen ihnen hindurch mußte. Jetzt waren sie damit beschäftigt, die Lassos vom Sattelknopf zu lösen und mit einer und einer halben Windung in der rechten Faust zu ordnen. Gregor lehnte sich mit Armen und Kopf auf das oberste Riegel der Einfriedigung. Aufmerksam betrachtete er den berüchtigten Hengst, der, wie in Vorahnung ihm drohender Freiheitsentziehung, Kopf und Schweif erhoben, in einem eigentümlich federnden langsamen Trab zwischen den anderen Pferden unruhig umherstreifte und den heißen Atem schnaubend von sich stieß. Ein schönes, ein edles Geschöpf; aber aus seinen großen klaren Augen funkelte es wie aus denen eines Raubtiers, das sich von den Jägern eingekreist sieht. Doch auch Gregors Augen hatten plötzlich einen anderen Ausdruck angenommen. Indem er jede einzelne Bewegung des stolzen Tieres scharf überwachte, wie um aus denselben Schlüsse auf dessen Gemütsart zu ziehen, glühten sie förmlich in Begeisterung. »Ich denke, es wird gehen,« sprach er nach einer langen Pause zu dem neben ihm stehenden Cristobal, und etwas heiser klang seine Stimme vor Erregung. Dann entledigte er sich der Jacke, der weiten Calzoneros oder Reitbeinkleider und Schnallsporen nebst Stiefeln, worauf er weiche Mokassins anlegte und gamaschenartig geformte steife Leder um die Unterschenkel befestigte. Ebenso entkleidete er sich des Hutes, an dessen Stelle ein Tuch fest um seinen Kopf windend. Im übrigen bestand seine Ausrüstung nur aus einer vom rechten Handgelenk niederhängenden kurzen, aber scharfen Geißel von geflochtenem Rohleder; ferner aus einem einfachen Kandarenzaum, dessen Gebiß nach innen zu mit einer runden Eisenplatte versehen war, darauf berechnet, beim Anholen der Zügel den Gaumen schmerzhaft zu pressen und den Rachen des Pferdes aufzusperren. Einen letzten prüfenden Blick warf er auf den Hengst, und sich den Arrieros zukehrend, erklärte er, bereit zu sein. Alsbald entfernten die Vaqueros die Schutzwehr vor dem Eingang des Korrals, wogegen die Arrieros ihre Pferde etwas weiter zurückdrängten und die Schleifen der Lassos durch langsame Schwingungen in Kreisform öffneten. Auf ein Zeichen Cristobals überstiegen einige Vaqueros auf der entgegengesetzten Seite die Einfriedigung und trieben mit Peitschengeknall und Schreien die Herde dem Ausgange zu. Einige alte Stuten verließen den Pferch gemächlich. Gleich darauf folgten die übrigen Pferde in schärferer Gangart; doch in der Erwartung, den Hengst sich gewaltsam zwischen sie drängen und den Arrieros Gelegenheit geben zu sehen, die Lassos um sein erhobenes Haupt zu werfen, fand man sich getäuscht. Selbst nachdem die letzten Nachzügler ins Freie galoppiert waren, trabte er noch immer wild schnaubend und Hals und Kopf bald rechts, bald links herumwerfend auf dem nunmehr leeren Platze umher. Plötzlich aber wirbelte er blitzschnell auf derselben Stelle herum, und in der nächsten Sekunde stürmte er mit langen Sätzen aus der Einfriedigung und zwischen den Arrieros hindurch. Zugleich aber legte sich von jeder Seite eine mit unglaublicher Sicherheit geworfene Schlinge um seinen Hals. Um indessen den schweren Stoß, der dem Tier das Genick ausrenken konnte, zu mäßigen, folgten die beiden Reiter eine kurze Strecke nach, und das lose Ende des Lassos um den Sattelknopf windend, gelang es ihnen leicht, den sich hoch aufbäumenden Gefangenen zu Boden zu werfen. Noch einmal raffte er sich empor. Wild schlug er um sich, und gerade diese vorhergesehene Gelegenheit benutzten die beiden anderen Arrieros, durch geschickte Würfe der Lassos auch seine Hufe zu fesseln. Krachend stürzte er zu Boden. Doch auch jetzt noch kämpfte das entsetzte Tier mit aller Macht um seine Freiheit; allein indem die Pferde der Arrieros sich mit voller Wucht in die straffen Lassos lehnten, erlahmte seine letzte Kraft schnell, bis es endlich im Gefühl des Erstickens wie verendend dalag. Jetzt erst trat Gregor vor den angstvoll keuchenden und röchelnden Gefangenen hin. Wiederholt strich er ihm mit der Hand über Stirn, Augen und Nüstern, seine Berührungen mit besänftigenden Worten und Tönen begleitend. Zugleich lockerte er die ihm die Luftröhre zuschnürenden Schlingen, worauf er aus dem Mähnhaar dicht vor dem Widerrist zwei starke Flechten wand und durch deren Vereinigung eine feste, schleifenähnliche Handhabe herstellte. Ihm den Zaum überzustreifen, kostete jetzt kaum noch Mühe. Ebenso gelang es leicht, die Lassos zu öffnen und ganz zurückzuziehen. Trotzdem rührte er sich nicht. Betäubung schien sich seiner bemächtigt zu haben. Gewaltig schlugen seine Seiten, aber freier und voller entwand der Atem sich wieder den gespreizten Nüstern. Alle, die bisher mit ihm beschäftigt gewesen, hatten sich zurückgezogen. Nur Gregor stand gebückt neben ihm, in beiden Fäusten die Zügel zusammen mit der Mähnhaarschleife, und seinen Kopf scharf überwachend. Mit atemloser Spannung beobachteten ihn Cristobal und dessen Leute. Keiner wagte einen Laut von sich zu geben, aus Besorgnis, des jungen Pferdebändigers mit sichtbarer Überlegung eingeleitetes Verfahren störend zu durchkreuzen. Dieser ließ unterdessen fortgesetzt seine besänftigende Stimme ertönen, jedoch ohne sichtbare Wirkung. Sobald er aber, um ihn zu ermuntern, mit der Fußspitze des Hengstes Kreuz berührte, sprang dieser, wie von einer Bogensehne geschnellt, empor, und was sich nunmehr entwickelte, spann sich mit einer solchen Schnelligkeit ab, daß die Augen kaum noch die einzelnen Bewegungen zu verfolgen vermochten. Wie Gregor auf den Rücken des Pferdes gelangte, war nicht zu unterscheiden gewesen. Man gewahrte eben nur, als dasselbe sich aufbäumte und mit einem mächtigen Satze nach vorn schoß, daß er oben saß. Nach diesem ersten Sprunge stand es indessen wieder wie festgewurzelt. Am ganzen Körper zitternd und wütend auf die Kandare beißend, schien es zu überlegen, wie es der ungewohnten Last sich entledigen könne. Plötzlich aber verfiel es in förmliche Raserei. Nach hinten und nach vorn schlug es aus; dann folgte wieder Bäumen und Drehen auf derselben Stelle. Bald den einen, bald den anderen Fuß des Reiters suchte es mit den Zähnen zu packen, und als es durch das Zaumeisen daran gehindert wurde, warf es sich mit vollster Wucht zur Erde. Doch ebenso schnell stand Gregor auf der gegen die Hufe geschützten Seite, in beiden Händen wieder die Mähnhaarschleife. Indem aber der Hengst, wähnend seine Last abgeworfen zu haben, wieder emporsprang und zu wilder Flucht ansetzte, sah man Gregor eine Sekunde fast horizontal oberhalb seines Rückens schweben, und sich gleichzeitig ähnlich einem Panther, der in genau berechnetem Sprunge seine Beute erreichte, an ihn anzuschmiegen. »Caramba!« kehrte Cristobal sich seinen Leuten zu, die dem davonstürmenden Reiter mit stummer Bewunderung nachsahen, »jetzt hat's keine Not mehr. Der Hengst bricht entweder tot unter ihm zusammen, oder er reitet ihn binnen einer Stunde uns hier im Schritt vor. Ich kenne den Gregor. Hatte es nimmer geglaubt, was in ihm steckte, als er vor vier Jahren auf der Hazienda vorsprach. Santa Maria! Dergleichen muß angeboren sein. So kann's wenigstens keiner lernen.« Niemand antwortete, in so hohem Grade fesselte der ebenso verwegene wie gewandte Reiter die allgemeine Aufmerksamkeit. Und der Hengst schien in der Tat mehr einherzufliegen, als den Erdboden mit den Hufen zu berühren. Dabei gewahrte man, daß Gregor hin und wieder die Peitsche schwang, offenbar um dadurch die gänzliche Erschöpfung des geängstigten Tieres zu beschleunigen. Bald zwischen auseinanderstäubenden Rinderherden, bald zwischen weidenden Pferden hindurch ging es in rasendem Lauf, und immer wieder schwang Gregor seine Geißel, bis Roß und Reiter in der Ferne beinah verschwanden. Endlich aber änderten sie die bisherige Richtung der Flucht, und mit einem Jubelruf begrüßte es Cristobal, als sie dem Gebirge zu einen weiten Bogen beschrieben. Langsamer wurden darauf des abgehetzten Pferdes Bewegungen und schwerfälliger, bis es nur noch einherzuschwanken schien und nach Ablauf einer weiteren halben Stunde zu Cristobals Entzücken im Schritt dem Korral sich näherte. Doch welche Wandlung war mit dem stolzen Tier während dieses Rennens auf Tod und Leben vorgegangen! Es rief den Eindruck hervor, als hätte die letzte Lebenskraft den prachtvollen Körper verlassen gehabt. Triefend, gleichsam in Schweiß gebadet, atmete es wie im Fieber. Weit spreizten sich die Nüstern vor der ihnen entströmenden heißen Luft. Blut mischte sich mit den Schaumflocken, die an den Kandarenbügeln sich immer wieder erneuerten, weit quollen die todesmatt blickenden Augen aus ihren Höhlen hervor. Gregor, anfänglich kaum minder heftig erregt als das ihn tragende Tier, hatte seine Ruhe bereits zurückgewonnen. Nur tiefer gerötet war sein Antlitz noch; innere Befriedigung prägte sich auf ihm aus, indem er die Bewegungen des Hengstes unablässig überwachte. Vor Cristobal eingetroffen, sprang er zur Erde. Liebreich sprach er zu dem förmlich stumpf dareinschauenden Tier. In die Nüstern hauchte er ihm zärtlich, über Stirn und Augen strich er wieder, sanft und schmeichelnd klopfte er den schaumbedeckten Hals, als hätte er es für das ihm zugefügte Leid um Verzeihung bitten wollen. »Wird er's überstehen?« fragte der Haziendero mit unverkennbarer Achtung, während die übrigen Männer ehrerbietig und seiner ferneren Anordnungen harrend zu dem finsteren jungen Zentauren emporsahen. »Ich hoffe es,« antwortete Gregor ruhig, ohne sich in den Liebkosungen stören zu lassen. »Jetzt mag ihn jeder reiten; ob morgen noch, muß abgewartet werden. Ich selber werde auf alle Fälle mit ihm fertig. Für heute ist mein Werk getan,« und er verneigte sich höflich vor Cristobal. Dieser drückte ihm die Hand, ihn in seiner Begeisterung mit den zärtlichsten Namen und überschwänglichsten Lobeserhebungen überschüttend. Eine Weile überwachten sie noch gemeinschaftlich die Pflege des sich nur langsam erholenden Hengstes; dann stiegen sie zu Pferde und in langem Galopp ritten sie nach der Hazienda zurück. – – – Gregor brachte sein Dienstpferd auf der Hazienda unter und begab sich durch die Gärten nach seinem einsam gelegenen Häuschen hinüber. Unter dem Arm trug er ein Paketchen Zeitungen, die Cristobal ihm zuvorkommend mitgegeben hatte. Aus dem Obstgarten tretend, lag sein bescheidener Wohnsitz vor ihm; nur noch wenige Schritte und er unterschied das glückliche Lachen Thusneldas und Singsangs kosende Stimme. Zugleich machte sich auf seinen Zügen eine eigentümliche Wandlung bemerkbar. Der undurchdringliche Ernst milderte sich zur Innigkeit. Wie unbewußt beschleunigte er seine weiteren Bewegungen; vorsichtig aber vermied er, seine Annäherung zu verraten. So gelangte er unbemerkt auf die Vorderseite des Hauses. Dort blieb er stehen und mit herzlichem Wohlwollen überwachte er durch die offene Tür die liebliche Szene, welche sich vor seinen Blicken in dem hellen Zimmer abspann. Mit der Würde und dem ganzen Stolze eines Mandarins wandelte Singsang langsam im Kreise herum. In der rechten Hand führte er einen Fächer von mäßigem Umfange, mittels dessen er ein halbes Dutzend Papierschmetterlinge in der Schwebe erhielt. Vor ihm bewegte Thusnelda sich mit der natürlichen Anmut einer kleinen Elfe einher. Sie schwang ebenfalls einen Fächer und sandte die von Singsang absichtlich vernachlässigten Papierchen immer wieder hoch empor. Das seidenlockige Haupt in den Nacken geworfen, hatte sie nur Blicke für das lustige Spiel, wogegen Singsang seine Aufmerksamkeit zwischen den Schmetterlingen und der zärtlich geliebten Kleinen teilte, mit überschwänglichen Lobpreisungen die mutwilligen Bemerkungen lohnte, die Thusnelda bald diesem, bald jenem von ihr emporgewirbelten Papierchen nachrief. Bei diesem Anblick gelangte in Gregors Zügen mehr und mehr ein Ausdruck von Rührung zum Durchbruch; und wer weiß, wie lange er sich an dem freundlichen Bilde ergötzt hätte, wäre nicht eins der Papierchen, von einem unberechneten Luftzuge getroffen, aus seiner Bahn gewichen und seitwärts davongeflogen. Hell auflachend stürmte Thusnelda ihm nach, um es vor dem Niedersinken zu erhaschen; zugleich wurde sie Gregors ansichtig. Ebenso schnell flog der Fächer zur Seite, jubelnd eilte sie auf ihren kleinen nackten Füßen hinaus und im nächsten Augenblick hing sie, von Gregor emporgehoben, an seinem Halse, den Hut von seinem Kopfe werfend, ihn herzend und küssend, und schließlich ihre Hände in seine wilden Locken vergrabend, sie hier und da lang ausreckend. »Gregor, lieber Gregor, du bist so sehr lange fortgeblieben,« plauderte sie fröhlich, »hättest du nur dein Pferd wieder mitgebracht, um mich reiten zu lassen, ich reite zu gern!« Dann nach der offenen Haustür hinüber: »Singsang, komm schnell hierher! Sieh, wie der Gregor erhitzt ist – schnell, Singsang, gib mir ein Tuch!« und da Singsang sich beeilte, ihren Befehl auszuführen, begab sie sich ans Werk, Gregors feuchte Stirn zu trocknen und im kindlichen Übermut auch die übrigen Teile seines Gesichtes aus Leibeskräften zu reiben. Gregor duldete die an Mißhandlung grenzende Fürsorge, wie etwa der Löwe das Zausen und Beißen eines Schoßhündchens, wogegen Singsang stolz auf beide hinsah, als wäre er die sie belebende Kraft gewesen. »Ihr habt wieder halsbrechende Künste getrieben,« bemerkte Gregor endlich erkünstelt ernsthaft. Schnell preßten die kleinen Hände das Tuch auf seinen Mund und lustig beteuerte das feine Stimmchen: »Nein! Nein! Nein!« Gregor sah auf Singsang. Dieser neigte zustimmend sein rundes Haupt. In Gregors Augen erwachte es wie Unwille, und das Tuch sanft von seinen Lippen fortschiebend, fragte er wiederum: »Thusnelda, ihr habt halsbrechende Künste –« Das Tuch schloß wieder seinen Mund und lachend tönte es von den kleinen Rosenlippen: »Ja, ja, ja! Aber der Singsang hat keine Schuld! Ich habe ihn gezwungen. Ich sagte, ich wollte mir ein großes blutiges Loch in die Stirn schlagen,« und Gregor war entwaffnet. »Ich konnte es ihr nicht abschlagen,« erklärte Singsang weinerlich. »Ist ja nichts Neues,« schnitt Gregor ab, was er weiter hinzufügen wollte, und die Kleine auf dem Arm, begab er sich nach der Haustür hinüber: »ich gönne ihr ja gern jede Freude, aber wir müssen darauf achten, daß sie nicht zu große Vorliebe dafür gewinnt. Sie ist zu gut, um in öffentlichen Schaustellungen ihren Beruf zu finden. Nein, Singsang, das wäre ein Unglück; dergleichen dürfen wir nicht dulden.« Singsang verneigte sich höflich, und während Gregor sich neben dem Tisch niederließ und mit der auf seinen Knien stehenden Kleinen plauderte und tändelte, stellte er zunächst die durch das Spiel etwas gestörte Ordnung in der Umgebung wieder her. Unter kleinen Scheinkämpfen bekleidete er Thusneldas Füße, dann beeilte er sich, Feuer anzuzünden und Vorkehrungen zu dem gemeinschaftlichen Mahl zutreffen. Kaum eine halbe Stunde dauerte es darauf, da saßen alle drei vor dem gedeckten Tisch und sprachen den schmackhaft zubereiteten Speisen nach Herzenslust zu. Thusnelda nahm den Ehrenplatz am oberen Ende ein. Zu beiden Seiten von ihr saßen Gregor und Singsang, mit gleicher Aufmerksamkeit ihren Liebling bedienend, ihm wehrend, wo er des Guten zuviel zu tun gedachte, zärtlich aufmunternd, wo die den jungen Jahren mehr entsprechenden Milchspeisen weniger munden wollten. In dem Kinde, das sie mit unsäglicher Mühe und Geduld in den widrigsten Lagen und unter den schwierigsten Verhältnissen am Leben erhalten hatten, war ihnen ein Schatz erwachsen, der ihnen um so teurer war, je mehr sie um ihn sorgten und je inniger das kleine Herzchen sich an sie anschmiegte. Sie förmlich eifersüchtig überwachend, hatten sie sich nie dazu entschließen können, Thusnelda zum Zweck der Erziehung anderen Händen anzuvertrauen. Sie mußten sie täglich sehen, sie um sich haben zu jeder Stunde. Wenn aber Singsang sich hoch und teuer vermaß, die mütterliche Pflege vollständig zu ersetzen, so traute Gregor sich zu, die spätere Ausbildung mit gutem Gewissen übernehmen und ausführen zu können. In gewohnter freundlicher Weise verlief das Mahl. Ein Stündchen wurde noch verplaudert und die Zeit war da, in der Thusnelda sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Wie eine zärtliche Mutter führte Singsang sie in ihr Zimmer. Wie eine Mutter fortgesetzt von allen möglichen und unmöglichen Dingen erzählend, bediente er sie, bis er sie endlich zwischen ihren Pfühlen und seidenen Decken gebettet sah. Dann ließ er sich neben ihrem Lager auf einem Stuhl nieder. Das rosa Moskitonetz hatte er aufgeschürzt, und unter diesem hindurch wehte er mit dem von ihm unzertrennlichen Fächer dem kleinen Engelsangesicht Kühlung zu. Damit nicht zufrieden, forderte Thusnelda ihn gebieterisch auf, nach alter Weise seine Stimme zum einschläfernden Gesänge ertönen zu lassen. Und er sang in der Tat. Glich seine Stimme aber mehr dem Gurgeln eines über hinderndes Gestein hinwegsprudelnden Bächleins und unterschieden seine Melodien sich nur wenig von der einer gackernden Henne oder einer schnarrenden Säge, so übten sie doch auf Thusnelda die beabsichtigte Wirkung aus. Ihre Augen schlossen sich, in langen, ruhigen Zügen entwand der Atem sich der kleinen Brust. – Gregor hatte zu einer Zeitung gegriffen und sich in diese vertieft, Spalte auf Spalte las er, ohne viel Teilnahme zu verraten. Sobald sein Blick aber die den politischen Nachrichten folgenden Anzeigen streifte, fuhr er plötzlich wie im Schrecken empor. Als hätte er seinen Augen nicht getraut, näherte er das Blatt der Lampe. »Fünfhundert Dollars Belohnung! Wo ist Edith Melville? Wo ist ihr Kind? Darauf bezügliche Auskunft wird erbeten New-Orleans unter Adresse X.Y.Z. Postrestante. Alle dadurch verursachten Kosten werden außerdem umgehend ersetzt,« las er halblaut. Die Hand mit der Zeitung sank auf seine Knie, wie betäubt starrte er auf dieselbe hin. »Also dennoch,« lispelte er im Übermaß seiner Erregung vor sich hin, »nachdem ich mein ganzes Dasein, meine ganze Zukunft daran setzte, es dem Leben zu erhalten, nachdem ich mich daran gewöhnte, es als mein Eigentum zu betrachten, soll das Kind mir geraubt werden. In eine Schule will man es bringen, in der es den Grundsätzen seiner Mutter entfremdet wird. Untreu soll ich dem heiligen Versprechen werden, das ich einst ein armer Märtyrerin gab. Nach langen Jahren hält man es endlich für der Mühe wert, die schamlos Verachtete und Verstoßene wieder an sich zu ziehen. Sucht nur, sucht! Die Mutter ist euren Ränken auf ewig entrückt, und ihr Kind – nein, nimmermehr sollt ihr mein Erbe mir entreißen; nimmermehr Gewalt über ein unschuldiges Herz gewinnen; nimmermehr sollt ihr, anstatt der Rache und der Vergeltung anheimzufallen, eines unverdienten holden Lohnes euch erfreuen.« Als Singsang bei Gregor eintrat und zu ihm aufsah, erriet er scharfsinnig, daß nicht alles so war, wie es hätte sein sollen. Bevor er eine Frage zu stellen vermochte, ergriff Gregor seine Hände, und sie pressend, als hätte er sie zermalmen wollen, zog er ihn nach dem Tische hin, wo sich beide einander gegenüber niederließen. »Singsang,« begann er ungesäumt, und er wies auf die Anzeige hin, »da liegt der Beweis, daß man Thusnelda von uns nehmen möchte. Längst ahnte ich dergleichen. Alle Hebel hat man in Bewegung gesetzt, um sie auszukundschaften; treffen wir keine Gegenmaßregeln, so ist sie für uns verloren. Noch ein Dutzend solcher Aufrufe wie dieser hier und es findet sich auch jemand, der uns oder vielmehr Thusnelda an unsere erbittersten Feinde verrät und ausliefert. Wir dürfen nicht länger in Kalifornien bleiben, noch weniger nach den östlichen Staaten zurückkehren. Aber die Welt ist groß; es wird wohl einen Winkel geben, in welchen jene Nachforschungen nicht dringen. Ja, Singsang, in nächster Zeit ziehe ich mit Thusnelda von hier fort. Wohin, das weiß ich selber nicht. Vorsicht, äußerste Vorsicht müssen wir aber walten lassen, soll unser aller Friede nicht durch ein schweres Verhängnis vernichtet werden. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst.« »Alles verstehe ich,« antwortete Singsang, sein nichtssagendes gelbes Antlitz in die allerwohlwollendsten Falten kneifend, »wo die Gefahr waltet, daß Thusnelda uns geraubt werden könnte, verschwinden wir.« »Recht so, Singsang, da verschwinden wir spurlos. Denn es können Ansprüche erhoben werden, vor welchen die unserigen zurückstehen müssen. Mich aber mit jemand in den Besitz des Mädchens zu teilen, zumal mit jemand, den ich verabscheue, hasse, verachte,« und wie giftige Pfeile schoß es aus Gregors Augen, während er die auf dem Tisch ruhende Hand krampfhaft ballte, »nein, nie geschieht das, und müßte ich Weltmeere zwischen uns und ihn legen, in den ödesten Wildnissen eine Zufluchtsstätte suchen. Doch ich habe einen Plan, Singsang, und heute erst ist er in mir erwacht, als ich einen Tiger in Pferdegestalt in ein Lamm verwandelte, ein Werk zustande brachte, welches jedem anderen das Leben gekostet hätte. Ja, Singsang, einen Plan, der, wenn er glückt, mich in die Lage versetzt, Thusnelda nicht allein in Sammet und Seide, sondern auch in Gold und Edelgestein kleiden zu können.« Er säumte, während überschwängliche Begeisterung aus seinen Augen leuchtete, wie sonst nur geschah, wenn er mit einem wilden Pferde um dessen Sklaventum rang. Seine breite Brust hob und senkte sich gewaltig und mit einem tiefen Seufzer begann er von neuem: »Ja, Singsang, der Plan, der mir kam, erhielt eine greifbare Gestalt, als ich den Aufruf in dem elenden Papier las, und nicht um alle Schätze Kaliforniens gäbe ich den hin. Der birgt eine Rache, eine Vergeltung, wie sie nicht schneidender, vernichtender gedacht werden kann. Zwischen unseren Verfolgern und Thusnelda will ich eine Scheidewand errichten, die durch nichts mehr zu überbrücken ist. Sie selbst soll darunter nicht leiden. Im Gegenteil: ihren Frieden, ihr Glück will ich befestigen. Einen Schutzwall will ich um sie errichten, der stärker ist als Mauern und Ketten. Verachtungsvoll wird sie auf diejenigen herabblicken, die es wagen, ihr mit irgendwelchen Vorstellungen zu nahen. Glücklich, glücklich soll sie sein; mein Lohn aber wird blühen, wenn die Stunde gekommen, in der ich dem Elenden ins Ohr schreie: ›Sieh her‹«; – er schüttelte sich, wie eine böse Vision abwehrend, und mit seiner gewöhnlichen eisigen Ruhe fügte er hinzu: »Lassen wir für heut' das weitere; es ist zu sehr geeignet, uns zu verbittern. Anderes und Wichtigeres gibt es zu beraten. Wie lange wir noch hier verweilen, ich weiß es nicht, höchstens einige Wochen. Bis dahin bleibe ich für dich wie für alle anderen Gregor Melville; dasselbe gilt von Thusnelda. Ziehen wir fort, so erreicht das sein Ende im dritten Nachtquartier. Unter dem alten Namen legen wir uns zum Schlaf nieder, um folgenden Morgens als neue Menschen die Reise fortzusetzen. Von da ab heiße ich nur Gregor und Thusnelda ist meine Schwester. Merke dir das, Singsang: Thusnelda Gregor, also die Geschwister Gregor. Indem ich das bestimme, denke ich weit über die nächsten Jahre hinaus. Ein Ziel schwebt mir vor, und das werde ich erreichen, unbekümmert darum, wessen Haupt die Folgen bedrohen, wenn nur der Friede Thusneldas, der Tochter der armen verfolgten Schläferin in ferner Wildnis, ungestört bleibt.« Drei Wochen später, da rüstete Gregor sich zum Aufbruch. Vergeblich hatte Cristobal versucht, ihn zum Bleiben zu bestimmen. Dann aber ging er ihm freundlich zur Hand, seinen Hausrat zu verwerten und ihm die Reise nach besten Kräften zu erleichtern. In einem von zwei kräftigen Pferden gezogenen leichten Planwagen verließen Singsang und Thusnelda ihr bisheriges Heim. Gregor ritt neben dem Wagen. Des frohen Kindes Jubel erleichterte den Abschied von einer Stätte, an die sich nur freundliche Erfahrungen knüpften. Ihr nächstes Ziel war San Franzisko. Von dort aus sollte ein Schiff sie südwärts tragen. Zehntes Kapitel. Melvillehouse. Achtzehn Jahre waren verstrichen. Deren vier erste entfielen auf einen so brudermörderischen Krieg, wie nur je einer einen ganzen Kontinent erschütterte und zerriß. Melvillehouse stand noch. Wer die Plantage aber früher sah, hätte sie kaum wiedererkannt. Das Herrenhaus wie die Negerhütten und übrigen Gebäude schienen dem Verfall geweiht zu sein. Unkraut wucherte in den Gartenpfaden; es verwilderten Baum, Strauch und Rasen in ungehemmtem Wuchs. Niedergebrochen waren zum Teil die Einfriedigungen wie die Balustrade der Veranda. Einzelne Fenster mit zersprungenen und zersplitterten Scheiben hingen, ein Spiel jedes beliebigen Luftzuges, lose in ihren Angeln. Hinter denselben lagen öde und leere Räume. Die Gardinen waren verschwunden; nur noch wenige verwitterte Möbel zeugten von entschwundenem Glanze. Weiter abwärts erstreckten sich die brachen Felder. Hier und da fristete eine entartete Baumwollstaude oder Tabakspflanze, vom Zufall angesät, ihr kümmerliches Dasein. Trostlose Vereinsamung war überall an Stelle des früheren regen Lebens getreten. Ein Mann näherte sich der verödeten Plantage. Aus dem Schatten einer verwilderten Allee tretend, blieb er auf dem Punkt stehen, von dem aus er einen vollen Anblick des Herrenhauses und eines Teils des Negerdorfes gewann. Sich schwer auf einen ihm fast bis zur Schulter reichenden Wanderstab stützend, betrachtete er traurig das Bild einer grenzenlosen Vernachlässigung und Verwüstung. Obgleich gebeugt, verriet seine lange Gestalt noch immer Kraft und Zähigkeit. Das Gewicht des in Wachstuch eingeschlagenen umfangreichen Ballens, der seinen Rücken beschwerte, schien er ebensowenig zu empfinden, wie die Wirkung der bereits hochstehenden Sonne. Bekleidet war er der Jahreszeit entsprechend. Ein Anzug von leichtem grauem Sommerzeug umhüllte den hageren, knochigen Körper. Sein Haupt beschattete ein breitrandiger Strohhut von grobem Gewebe. Unter demselben quoll stark ergrautes braunes Haar hervor und fiel ihm beinahe bis auf den Nacken nieder. Zwei große blaue Augen schauten schwermütig darein, so schwermütig, wie es kaum im Einklang stand mit dem Gewerbe eines Pedlars oder Hausierers, der darauf angewiesen ist, von Ort zu Ort zu wandern, heute hier, morgen da sein Heim zu wählen, seine Waren mit heiteren Scherzreden anzupreisen und etwaigen Käufern gewissermaßen mundgerecht zu machen. Ja, sehr schwermütig, indem sie nach der Veranda hinübersahen und langsam von Fenster zu Fenster schweiften. Auf den zwei letzten ruhten sie etwas länger, als hätten sie in das dahinterliegende Gemach hineinspähen mögen. Beide standen offen, waren aber von innen mit Topfgewächsen geringen Wertes verstellt worden, offenbar, um zwischen ihnen hindurch den wüsten Vorgarten jederzeit unbemerkt übersehen zu können. Außerdem waren verblichene rotseidene Gardinen sichtbar und die hohe Lehne eines Polsterstuhls, über die ein Umschlagetuch nachlässig geworfen worden war. In seinem trüben Sinnen störte den Pedlar eine durch die Entfernung gedämpfte krächzende Stimme, die in unwirschem Schmälen eine überaus üble Laune verriet. Unwillkürlich folgte er der Richtung des Schalles mit den Blicken: noch einmal sah er nach den Fenstern des einzigen bewohnten Hausteiles hinüber, und den langen Stab über die rechte Schulter unter den Tragriemen des Hausierballens schiebend, begab er sich nach dem verödeten Negerdorf. Als er in die zwischen den beiden Hüttenreihen hinlaufende breite Straße einbog, wurde er einer alten Negerin ansichtig, die, ein Urbild aller Häßlichkeit, mit unbeholfenen Bewegungen mehrere frischgewaschene Zeugstücke über eine ausgespannte Leine hing. Ihre grollenden Worte galten einem hinfälligen Negergreise, der im Schatten einer weitverzweigten Sykomore auf einem einfach gezimmerten Lehnstuhl saß und eine kurze, braungebrannte Tonpfeife rauchte. »Ich sage dir, Pompy« – eine Abkürzung für das klassische Pompejus – erklärte die Alte gesprächig, »und du wirst's nicht leugnen, daß einer von uns zuerst sterben muß. Möchtest du nur den Anfang machen, alter Gentleman; denn träf's mich zuerst, da würdest du bald genug einsehen, was die Welt ohne die alte Dina ist. Bei Gingo, ich möchte den Buchweizenkuchen sehen, den du mit deinen morschen Knochen anfertigtest. Besäßest du überhaupt noch 'nen Zahn im Munde, so bissest du ihn dir schneller aus, als jemand mit den Augen zwinkert, so hart wäre er gebrannt.« »Einer muß der erste sein,« bestätigte Pompy grämlich, und mit der linken Hand die Pfeife aus dem zahnlosen Munde nehmend, kratzte er mit der anderen verzweiflungsvoll die seinen schwarzen kahlen Scheitel umkränzende weiße Wolle, »ja, Dina, einer der erste. Ich kalkulier, wir hätten gescheiter getan, davonzugehen, als wir noch das Beinwerk dazu hatten.« »Gehen, alter Gentleman?« fiel Dina spöttisch ein, »gehen kann jeder sagen; aber wohin? Waren schon damals zu alt, um noch viel ums Leben arbeiten zu können; und unsere Kinder und Kindeskinder, die alle davonliefen in den grausamen Krieg, die macht keiner mehr lebendig. Wer weiß, wo die ihr Ende genommen haben. Hätte die Susanna nicht 'nen kürzeren Fuß gehabt – Gott segne sie dafür – daß ihr's Laufen schwer wurde, so säßen wir ganz allein. Überhaupt ein erstaunliches Glück, daß wir nicht von hier vertrieben wurden und ungestört eine Kleinigkeit Buchweizen und Kürbisse bauen dürfen –« »Und Tabak,« meinte der offenbar schon kindische Greis. »Ja, Tabak,« wiederholte die Alte geringschätzig, »wüchse der nicht wild, sollten wir's Pflanzen und Ernten wohl bleiben lassen. Und dabei ist's schlechtes Zeug. Bei Gingo, brennt's mir doch auf der Zunge wie roter Pfeffer, wenn ich mehr als 'n halb Dutzend Pfeifen hintereinander rauche. Miß Sarah ist aber froh, daß sie selber nichts hat, aber sie möchte uns hin und wieder einmal ein Pfund echten Pflocktabak zukommen lassen.« – Sie wurde des Hausierers ansichtig, und ihre dürren Arme im Erstaunen hoch emporhebend, rief sie laut aus: »Bei Gingo, Pompy, da kommt jemand, und ein Pedlar obenein. Der muß seinen Weg verfehlt haben, oder er hätte sich nicht hierher gefunden.« »So wollen wir ihm abkaufen, was wir gebrauchen,« versetzte Pomyp, sein breites, zu einem fahlen Grau verblichenes Antlitz dem Fremden zukehrend, »ich gebrauche 'nen neuen Hut, ein rotes Flanellhemde, ein Paar Stiefel –« »Wohl gar 'ne Kutsche und Wiegenstuhl,« fiel Dina heiser lachend ein. »Bei Gingo, Pompy, kaufe immerhin, wenn's ohne Geld was zu kaufen gibt. Armer Junge du; hab's immer gesagt, mit deinem Gedächtnis geht's zu Ende. Du vergißt noch eines Tages, die eigenen Beine mitzunehmen. Halloh, Fremder, seien Sie willkommen, wenn Sie weiter nichts verlangen, als 'nen Sitz im Schatten da neben meinem alten schwarzen Gentleman, und 'nen Trunk kühles Obstwasser. Denn was Besseres möchten Sie auf sechs Meilen in der Runde nicht finden.« »Das ist gerade so viel, wie ich gebrauche,« antwortete der Pedlar. Er ließ seinen Ballen zur Erde gleiten und nahm auf dem zur Hand stehenden Schemel Platz, worauf er fortfuhr: »Gerade genug für meine Bedürfnisse, und umsonst verlange ich nichts. Wenn ich gehe, will ich deinem alten Gentleman ein Pfund Tabak schenken, wie er nie kräftiger in Pflöcke zusammengepreßt wurde, und dir selber, alte Lady, ein neues rotes Kopftuch.« »Dank Ihnen, Herr,« erwiderte die Alte, ihr turbanartig um den Kopf geschlungenes zerfetztes Tuch flüchtig betastend, »aber schlechte Geschäfte werden Sie machen, wenn Sie mit den Waren um sich werfen, als wären's abgekörnte Maiskolben.« »Die Zeiten ändern sich,« versetzte der Pedlar ruhig, »und ich setze voraus, Ihr habt Tage kennen gelernt, die besser waren als die jetzigen.« »Bessere, Herr, bei Gingo, viel bessere,« beteuerte Dina, »aber sie hörten auf, als der grausame Krieg ausbrach. Ja, Herr, da hätten Sie unser Dorf sehen sollen. Da lebte es drinnen, wie in 'nem Bienenkorb – ich sag' Ihnen, ausgesucht schönes farbiges Volk – und jetzt sind der Pompy und ich und unsere Enkelin Susanna die einzigen. Was nicht in den grausamen Krieg geschickt wurde, um Erde aufzuschütten, Tote zu begraben und selber begraben zu werden, das lief davon, und als die Farbigen erst ganz freigesprochen waren, gab's kein Halten mehr. Was rennen konnte, rückte aus mit Weib und Kind, mit Sack und Pack.« »Ich seh es, ich seh es,« sprach der Pedlar auf die Klagen des Negerpaares etwas lebhafter, wie unter dem Eindruck peinlicher Rückerinnerungen, »das Dorf liegt so still, wie ein Kirchhof. Doch auch das Herrenhaus scheint verödet zu sein; ich vermute, es wurde nicht erbaut, um nur Spinnen und Fledermäusen ein Obdach zu gewähren.« »Sicher nicht, Herr,« erklärte die alte Dina eifrig, und etwas aufmerksamer betrachtete sie das vernarbte Antlitz des Pedlars, sah aber alsbald wieder gleichmütig von ihm fort, »sondern für eine Familie, wie man nicht leicht eine schönere findet. Alt und jung wie aus 'nem Ei geschält, der Kolonel Melville, wie seine Lady und die Kinder. Aber es war nicht von Dauer. Der Krieg hat alle umgebracht. Die alte Lady starb lange vor dem grausamen Krieg. Dann wurde der Kolonel irgendwo totgeschossen; war auch sein Bestes, denn die Leute sagten, von der Plantage habe ihm kein Grashalm mehr gehört. Und was ist 'ne Plantage ohne Farbige? Ja, ja, die guten alten Zeiten sind zu Ende und wir mögen ihnen nachsingen.« »Aber die Kinder, was ist aus ihnen geworden?« fragte der Pedlar wie beiläufig, und doch arbeitete es auf seinem vernarbten Antlitz, als hätte es ihn unsägliche Mühe gekostet, die Worte hervorzubringen. »Ja, die Kinder,« wiederholte die Alte, und in der Voraussicht, ihrer Neigung zum Erzählen endlich einmal wieder nach Herzenslust fröhnen zu können, kauerte sie sich auf den Rasen nieder, »ja, die beiden Kinder, Gott habe sie selig,« und nicht achtend, daß der Pedlar bei diesen Worten die Farbe wechselte, dann aber, wie in verhaltenem Schmerz, die Lippen fester aufeinander legte, fuhr sie redselig fort: »Auf diesen meinen Armen hab ich sie getragen, und liebe Kinder waren's obenein; die hingen an der schwarzen Dina mit erstaunlicher Liebe. War selber damals noch in meinen besten Jahren. Die armen Dinger, jetzt sind sie längst tot, und ihre eigene Schuld ist's obendrein. Was brauchten sie sich um den schrecklichen Krieg zu kümmern? Da war der Gilbert, der stand seine drei Ellen in den Schuhen; bei Gingo, ein schöner Mann und eine verwegene Natur. Dem ward's auf dem Lande zu enge, da ging er zu Schiff als ein großer Offizier. Bevor der Krieg ausbrach, heiratete er eine nördliche Lady, solch süßes liebes Herz, und alle meinten, sie seien erstaunlich glücklich. Aber der grausame Krieg hat's auch ihnen angetan, denn als der noch nicht lange wütete, und der Gilbert war draußen auf dem Wasser, da hieß es, seine Lady – Edith war ihr Name – halte es mit den Nördlichen, und sie mußte ins Gefängnis. Was aus ihr geworden, ich weiß es nicht. Manche wollten behaupten, sie sei geflüchtet; da mag sie mit ihrem kleinen Kinde auf der Landstraße gestorben sein. War der Gilbert daheim, kam's vielleicht anders. Doch auch ihn traf's. Der ist nämlich mit seinem Schiffe zugrunde gegangen, und das hörte die Susanna von dem Mr. Slowfield, als der es der Miß Sarah erzählte, und die Susanna hat Ohren wie ein Opossum.« Hier entfernte Dina mit dem Rücken der knöchernen Hand zwei große Tränen von ihren schwarzen, runzeligen Wangen; sie gewahrte also nicht, hätte es auch wohl kaum bemerkt, daß bei Nennung des Namens Slowfield des Pedlars Antlitz in Gehässigkeit sich verfinsterte. Nach kurzer Pause nahm sie indessen, offenbar glücklich, ihrer Redseligkeit freien Spielraum geben zu können, ihre Mitteilungen wieder auf: »Ja, unser Gilbert, wer hätte das gedacht, wenn ich ihn hier auf meinen Knien hielt; Herr, ein prächtiger Junge,« sprach sie begeistert, und etwas schärfer sah sie wieder auf das geneigte Antlitz des Pedlars, »ein prächtiger Junge und ein herziger Mann – aber Herr, indem ich Sie betrachte, meine ich, Ihnen schon früher begegnet zu sein.« »Richtig, alte Lady, der Jahre fünf oder sechs mag's her sein, da kam ich hier vorüber,« antwortete der Pedlar eintönig, »damals fand ich noch ein Dutzend Farbige vor. Ich verhandelte ihnen einige Kleinigkeiten, auch du kauftest mir eine Schnur Glasperlen ab und ein schönes rotes Tuch –« »Bei Gingo, Herr, das stimmt,« fiel Dina mit gurgelndem Lachen ein, »Sie ließen es mir erstaunlich billig. Einen Kupferzent zahlte ich dafür. Ganz schenken wollten Sie, es nicht, auf daß ich nicht zu danken brauchte –« »Ich hatte an dem Tage auf einer anderen Stelle gute Geschäfte abgeschlossen,« unterbrach der Pedlar ihren Redefluß, »da konnte ich mir erlauben, solch ehrenwerter alter Lady den Preis zu ermäßigen.« Und noch schärfer prüfte Dina das von Narben entstellte Antlitz. Zweifelnd schüttelte sie den Kopf, worauf sie bemerkte: »Aber auch schon damals kamen Sie mir bekannt vor; ich erinnere mich jetzt –« »Es ergeht mir häufig so,« versetzte der Pedlar etwas lebhafter, um die gesprächige Alte auf andere Gedanken zu bringen; »blatternarbige Menschen laufen nicht zu Dutzenden auf der Straße umher. Trifft man einen, so betrachtet man ihn genauer und glaubt, ihn nicht zum ersten Male zu sehen.« »So wird's sein,« erklärte Dina nunmehr gänzlich befriedigt, »ja, so ist's; ich könnte drei, vier blatternarbige Menschen aufzählen, und die sehen einander ähnlich, wie die Eier in 'nem Korbe – aber da wollte ich von unserem zweiten Kinde erzählen, ebenfalls mein Liebling, ein Mädchen mit Kirschenlippen und so schön wie die Sonne da. Marianne hieß sie, ein Ebenbild ihrer schönen Mutter. Die heiratete nämlich einen gewissen Stocton, einen stolzen Offizier, einen Mann, wie's nicht leicht 'nen feineren gibt. Drei Kinder hatten sie, aber in einer fernen Stadt lebten sie, daß ich das kleine süße Volk, leibhaftige Engel, nicht oft sah. Gott mag wissen, wo die alle ihr Ende nahmen. Seit vielen Jahren hörte man nichts von ihnen; mögen ebenfalls längst tot und begraben sein – aber Herr, die Sonne hat's Ihnen angetan, daß Sie so bleich dreinschauen, wie 'ne Kalkwand – hält ich nur ein oder zwei Tröpfchen Whisky zur Hand –« »Nein, nein,« unterbrach der Pedlar sie rauh, »wohl hat die Sonne es mir angetan, allein dagegen hilft nichts schneller, als ein Trunk frischen Wassers –« »Auf der Stelle,« rief Dina aus, und sich erhebend, schlurfte sie in die Hütte, aus welcher sie nach kurzer Frist mit der gefüllten Schale eines Flaschenkürbis zurückkehrte und sie dem Pedlar darreichte. »Da, Herr,« sprach sie dabei, »das ist so gutes Wasser, wie's nur je aus 'nem kühlen Brunnen heraufgeholt wurde. Trinken Sie ordentlich, da wird Ihnen frischer ums Herz.« »Ja,« bestätigte der Pedlar, nach einigen tiefen Zügen die Kürbisschale zurückgebend, »das erquickt in der Tat. Jetzt noch ein Weilchen der Rast, und ich laufe meine vier Stunden mit Bequemlichkeit. Rede ich selber nicht viel, so laß dich dadurch in deinem Erzählen nicht stören; ich höre gern Geschichten aus alten Zeiten.« »Ja, die alten Zeiten,« versetzte Dina klagend, »die haben keinem viel Gutes gebracht. O, der Krieg! Kam der nicht, möchten wir heut noch alle miteinander unseren lustigen Tag leben, möchte heut noch die Zuckermaschine gehen und der Wind nicht durchs Herrenhaus und die leeren Ställe und Magazine pfeifen. Plantage und Menschen, alles zugrunde gegangen, und der erste, den's traf, war der gute Kapitän Stocton, nämlich unser Schwiegersohn. Der hielt's mit den Nördlichen; da gerieten die im Herrenhause in große Wut, auch Marianne, die gerade zum Besuch gekommen, und die verschwor sich, ihrem Manne so lange gram zu sein, wie er's mit den Nördlichen halte. Armes süßes Ding; in ihrem Kopf hatten solche argen Gedanken sonst keinen Platz. Aber ihr Vater, der hatte sich nämlich wieder als Kolonel einreihen lassen, der redete auf sie ein Tag und Nacht, und Miß Sarah da drüben machte es nicht besser. Miß Sarah hat ebenfalls ihr ganzes Geld hingegeben, damit der Kapitän Stocton und alle Nördlichen von der Welt gefegt würden, und jetzt lebt sie zum Lohn in Armut. Der Kapitän Stocton ist tot an die fünfzehn Jahre oder länger. Den sollen die Cherokesen umgebracht haben, so erzählte der Mr. Slowfield der Miß Sarah, daß Susanna es hörte. Es ist erstaunlich, wie es in der Welt zugeht. Und nun kommt noch einer, ein prächtiger Junge war's –« »Aber die Marianne, die Frau des Kapitäns, was ist aus ihr und den Kindern geworden?« fragte der Pedlar einfallend, und ein aufmerksamer Beobachter hätte entdeckt, wie schwer ihm die Frage wurde. »Richtig, Herr,« lenkte die Alte sofort ein, »beinah hätt' ich's vergessen – die Jahre tun's, daß es mit dem Gedächtnis schwach wird. Ja, die Mrs. Stocton, meine kleine süße Marianne. Die sah ich nur noch einmal wieder, und das war, als es mit dem Krieg beinah zu Ende. Da kam sie eines schönes Tages hier an, aber sie hielt sich nicht auf. Sie wechselte mit Tante Sarah einige harte Worte; dann kam sie hierher, um mir Lebewohl zu sagen. Und wir beide weinten, daß wir nicht reden konnten; ich verstand nur, daß sie sagte: ›Gute Dina, lebe wohl, wir sehen uns nicht wieder; meine Füße tragen mich nie mehr hierher‹.Darauf ging sie und wiedergesehen hab' ich sie wirklich nicht – Herr, jetzt packts Sie's wieder; ich seh's Ihnen an,« schaltete Dina hier ein und sie griff wieder nach der Kürbisschale, »da, trinken Sie, Mann, trinken Sie.« Und der Pedlar, als sei der Negerin Rat ein Befehl für ihn gewesen, führte das Gefäß an den Mund, gab es indessen, nachdem er kaum die Lippen befeuchtet hatte, wieder zurück. »So,« sprach er heiser, »der Anfall ist überstanden, alte Lady; nun erzähle weiter und achte nicht auf mich, wenn die Hitze mich abermals übermannen sollte. Das kommt und geht, hat aber nichts zu bedeuten.« »Ja, Herr, das war ein trauriger Abschied von der süßen Marianne, das Herz möcht mir heut noch brechen, wenn ich daran denke. Schrecklich, schrecklich; der grausame Krieg hat alles Unglück verschuldet, und besser wird's nimmer.« »Hörtest du nichts mehr von ihr?« fragte der Pedlar eintönig, und sein entstelltes Antlitz hatte einen Ausdruck angenommen, als ob er eben dem Grabe entstiegen wäre. »Nur einmal noch, Herr; das war bald nach dem Kriege. Da kam nämlich der Slowfield, und was Miß Sarah selber nicht verriet – die war nämlich verschlossen wie 'ne eiserne Truhe – das erlauschte die Susanna. So hatte sie auch herausgehört, daß der Slowfield unsere Marianne heiraten wollte« – die Alte stockte in ihren Mitteilungen und sah befremdet auf den Pedlar, der sich mit einer heftigen Bewegung erhoben hatte, aber sogleich auf seinen Sitz zurückgesunken war. »Weiter, weiter,« sprach er gleich darauf zwischen den fest aufeinander ruhenden Zähnen hindurch, »weiter, gute alte Lady. Kümmere dich nicht um mich, wenn's zuweilen in meinem alten Körper bohrt und die Pein mich erregt. Weiter, ich hör dich gerne reden; das beruhigt mein erhitztes Blut.« »Nun ja, Herr,« hob Dina beschwichtigt wieder an, »heiraten wollte er unsere Marianne, das hatte Susanna deutlich herausgehört, als er mit der Tante Sarah drüber sprach; bevor es aber soweit kam, war sie samt ihren Kindern verschwunden. Noch öfter war später die Rede auf sie gekommen, und da hieß es jedesmal, daß Slowfield trotz seines vielen Kundschaftens nie eine Spur von ihr entdeckte, und so ist's geblieben, bis auf den heutigen Tag. Arme süße Marianne, sie wird wohl an Herzeleid gestorben sein, und wer weiß, in welche Hände die armen Kinder geraten sind. Doch was sich ereignet haben mag: Miß Sarah und der Slowfield haben alles auf dem Gewissen. Und der Slowfield ist ein erstaunlicher Schurke. Der ist mir ein Greuel erster Klasse, seitdem ich ihn dazu lachen sah, als mein jüngster Sohn vor den Augen seiner eigenen Kinder die Peitsche erhielt, und das nur, weil er den Slowfield mit seinem Schandmaul über das farbige Volk arg bedrohte.« »So verkehrt Slowfield jetzt noch hier?« fragte der Pedlar mit sichtbar schwer errungener Ruhe. »Von Zeit zu Zeit kommt er, um Miß Sarah etwas Geld zu bringen,« antwortete Dina bereitwillig, »auch zu heut hat er sich wieder einmal angemeldet, denn Susanna hat ein Huhn schlachten und frisches Maisbrot backen müssen. Wär's nicht von wegen der Miß Sarah, der Schwester des Kolonels – bei Gingo, so möchte sie ihm lieber ein Gemüse von giftigen Kräutern anfertigen.« Der Pedlar war ein wenig tiefer in sich zusammengesunken und starrte wie geistesabwesend vor sich nieder. »Es ist, als ob ein Fluch auf dem Hause der Melvilles gelastet habe,« entwand es sich dumpf, wie unbewußt, seinen Lippen. »Ja, Herr, ein Fluch,« hieß es redselig zurück, »ein arger Fluch, und der ist gewachsen aus dem Jammern, wenn der Aufseher die Peitsche auf farbiges Fleisch legte, wenn Müttern die Kinder genommen und auf den Markt gebracht wurden. O, ich kenne das. Ich hab's erlebt an Kindern und Kindeskindern, und keins sah ich wieder. Ja, Herr, der Fluch ist heut noch nicht gestorben; der sitzt da drinnen im Herrenhause. Es ist nur keiner mehr da, den's treffen könnte. Ich kalkulier, die Plantage wird allmählich wieder 'ne Wildnis, dann sind wir alle vergessen.« »Alle vergessen,« wiederholte Pompy, der so lange mit stumpfen Ausdruck seine Pfeife geraucht hatte. »Alle vergessen,« sprach auch der Pedlar wie unbewußt und er atmete tief auf. »Verschollen und vergessen.« Er schüttelte sich, wie von einem Schauder durchrieselt, und der alten Dina sich zukehrend, auf deren gerunzeltem Antlitz nicht zu unterscheiden war, welcher Art die Regungen, die ihr Grinsen erzeugten, fuhr er fort: »Wohin ich kommen mag, und ich rühre an die alten Zeiten, da höre ich nicht viel Gutes. Doch ein weiter Weg liegt noch vor mir und erholt habe ich mich ebenfalls, so daß die Sonnenglut mir keine Beschwerden mehr bereitet.« Er öffnete den Ballen, entnahm demselben ein Paket Tabak und legte es auf die Knie des erstaunt dareinschauenden Greises. Dina überreichte er zwei rote Kopftücher, deren eines er für die im Herrenhause beschäftigte Enkelin bestimmte. »Bezahlt ist alles zehnfach mit der Rast unter diesem Baum, mit dem kühlen Trunk und den vielen Neuigkeiten, mögen sie immerhin böse gewesen sein,« sprach er, als er gewahrte, daß Dina ungläubig und doch entzückt zu ihm aufsah; und seinen Ballen wieder zuschnürend, fragte er anscheinend gleichmütig: »Also da drüben wohnt Miß Sarah Melville?« »Lassen Sie die,« riet Dina dringend, »die hat's im Blick, daß sie niemand Gutes einträgt.« »Was sollte sie mir?« fragte der Pedlar mit einem unbeschreiblich gehässigen und zugleich wehevollen Lächeln zurück, »Dank müßte sie es mir wissen, wenn ich ihr meine Waren anbiete – freilich, ihr schenke ich nichts,« und scharf klangen seine Worte, indem er sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurchpreßte. Wie von heimlicher Furcht beseelt, sah Dina abermals auf ihn hin. Ihre mit braunem und rotem Geäder übersponnenen Augäpfel schienen etwas weiter aus den Höhlen hervorzuquellen. Sie suchte offenbar in der Vergangenheit, schüttelte aber ihr Haupt, wie einen fruchtlosen Versuch aufgebend. Der Pedlar war unterdessen mit dem Ordnen seines Ballens fertig geworden. Schweigend hob er ihn auf den Schemel. Auf seine Bitte legte Dina mit Hand an, und rückwärts herantretend, nahm er ihn mit Leichtigkeit auf die Schultern. Nachdem er ihn durch einige kurze Schwingungen in eine günstige Lage gebracht hatte, schob er den langen Stab wieder unter den Trageriemen und mit kurzem Gruß entfernte er sich. Festen Schrittes begab er sich nach der Veranda des Herrenhauses hinauf, und dumpf dröhnte das verwitterte, schwammige Holzwerk, indem er nach den beiden Blumenfenstern hinüberschritt. Bevor er dort eintraf, trat aus einer der auf die Veranda sich öffnenden Glastüren eine in verschlissene Seide gekleidete, hoch und schlank gewachsene, jedoch infolge ihrer Hagerkeit jeder Reize entbehrende Frauengestalt ihm entgegen. Ob sie die Begegnung absichtlich herbeiführte, war nicht zu unterscheiden; es erzeugte indessen den Eindruck, als hätte sie die ihr vielleicht selten gebotene Gelegenheit zum Einkauf einzelner ihr fehlender Gegenstände benutzten wollen. »Wie steht es, meine verehrte Dame,« redete der Pedlar sie höflich an, und indem er in das regungslose, gelblich bleiche, hagere Antlitz sah, schien sein Blick sich zu verschärfen; »ich führe mancherlei bei mir, was auf den Nähtisch einer Lady gehört; doppelt soll es mich freuen, wenn Sie dazu beitragen, meine Last, wär's auch nur um eine Kleinigkeit, zu erleichtern.« Hatte Miß Sarah Melville, und keine andere war es, bis dahin ihre starre, gleichsam zurückweisende hochmütige Haltung bewahrt, so schien nach den ersten Worten des Pedlars ihre immerhin noch zarte Haut plötzlich den äußeren Charakter von Pergamentleder anzunehmen. Jeder Blutstropfen war aus derselben zurückgetreten. Die schmalen Lippen legten sich fest aufeinander, daß sie beinah verschwanden, während ihre dunklen, gleichsam exotisch glühenden Augen in zweifelndem Erstaunen sich vergrößerten und deren Blicke sich in die des Pedlars förmlich einbohrten. Eine Antwort stand ihr nicht gleich zu Gebote, sie sann auch nicht auf eine solche. Wenn aber je tödliche Feindschaft in Physiognomien sich ausprägte, so geschah es hier, indem die beiden so verschiedenen Gestalten sich gegenseitig stumm betrachteten, einer in des anderen Augen zu lesen suchte. Bei dem Pedlar konnte kein Zweifel über die vor ihm Stehende walten. Wenn aber Miß Sarah dem entstellten Antlitz gegenüber ihrer Sache nicht gewiß war, so genügte ihr schon allein eine entfernte Ähnlichkeit oder vielmehr eine traumhafte Mahnung, sogar einem Fremden feindliche Gesinnungen zu verstehen zu geben. »Ich erlaube mir, meine Frage zu wiederholen,« brach der Pedlar endlich das Schweigen, und seine Stimme klang eigentümlich hart, »sind Sie um dieses oder jenes benötigt, so bin ich bereit, meinen Ballen zu öffnen.« Miß Sarah richtete sich noch straffer empor. Jede Linie ihres Antlitzes war an Verachtung grenzende Geringschätzung, indem sie erzwungen teilnahmslos fragte: »Nach den Beschreibungen meiner Leute müssen Sie schon vor Jahren einmal hier gewesen sein. Warum gaben Sie mir damals keine Gelegenheit zu Einkäufen?« »Sie waren nicht zu Hause,« antwortete der Pedlar gelassen, »und zum Warten fehlte mir die Zeit. Seitdem habe ich die ganzen Vereinigten Staaten abgewandert, bis der Weg mich endlich wieder einmal hierher führte.« »Und fanden nicht, was Sie suchten?« fragte Miß Sarah, und um ihre schmalen Lippen zuckte es wie böser Hohn. »Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ich suchte meinen Broterwerb und fand ihn,« erklärte der Pedlar, ohne die Blicke von den sprühenden dunklen Augen abzuziehen, »was könnte ein Hausierer sonst suchen? Sollte er etwa die alten Schlachtfelder nach den Gebeinen unschuldig Gemordeter durchwühlen?« Miß Sarah zuckte die Achseln. Ihre Gesichtsfarbe war um eine Schattierung fahler geworden: neue ernste Zweifel verrieten sich in ihren Zügen, indem sie erwiderte: »Das Blut unschuldig Gemordeter fällt auf die Häupter derjenigen zurück, die sie dem Leben erhalten konnten, jedoch vorzogen, sie ihrem Schicksal zu überlassen.« »Unzweifelhaft,« versetzte der Pedlar leidenschaftslos, »diesen Ausspruch vertrete ich mit ganzer Seele, verschärfe ihn aber dahin, daß kein Verbrecher seinem Richter entgeht, am wenigsten der, der ruchlos voneinander trennte, was Gott zusammenfügte, und dadurch Tod und Verderben um sich her verbreitete.« Und noch leichenähnlicher wurde Miß Sarahs Antlitz, während ein seltsames Lächeln des Hasses sich auf ihre Lippen stahl. »Ich bin mit allem versehen,« sprach sie hochmütig, »fehlt mir dieses oder jenes, so beziehe ich es aus der Stadt, wo mir eine größere Auswahl geboten wird.« »Gut,« antwortete der Pedlar, durch eine kurze Bewegung der Schultern den Ballen etwas höher auf den Rücken hinaufschwingend, »ist es heute nichts mit meinem Geschäft, so macht es sich vielleicht später. Und einmal erlaube ich mir noch hier vorzusprechen, wenn auch erst nach Jahren. Dann gibt's sicher einen kurzen Handel und eine endgültige Abrechnung.« Die letzten Worte, obwohl ruhig gesprochen, klangen so unheimlich drohend, und seine Augen blickten so unversöhnlich, daß Miß Sarah einen Schritt zurücktrat. Sie öffnete die Lippen zu einer Erwiderung, bevor sie aber einen Laut hervorzubringen vermochte, schritt der Pedlar von der Veranda hinunter. Starr, wie eine Bildsäule, blickte sie ihm nach. Dann schrak sie auf. Sie mochte erwägen, daß er sich noch einmal nach ihr umsehen würde, denn hastig trat sie in das Haus zurück. Gleich darauf stand sie hinter dem einen Blumenfenster. Zwischen Blättern und Blüten hindurch spähte sie über den verwilderten Vorgarten hinweg dem Pedlar nach, der langsam seinen Weg verfolgte. »Wie verändert, wie verändert, wenn er es wirklich war,« lispelte sie unbewußt über die noch ineinander ruhenden Hände hin, »einst ein Bild männlicher Schönheit und Kraft, und heute eine Ruine – nein, unmöglich – er kann es nicht gewesen sein. Die Stimme ist eine andere; aber die Augen, der Blick des Hasses – ich kann mich nicht getäuscht haben; die bedeutungsvollen Worte, sie können nicht vom Zufall geboren sein. Und wenn er es war, wie müßte er gelitten haben! Alles hätte anders kommen können, aber er wollte nicht. Ich – ich hätte mich nie von ihm getrennt – wäre ihm gefolgt –« Wie ein tödliches Geschoß schien der letzte Gedanke auf sie einzuwirken. Mit einer heftigen Bewegung stieß sie das vor ihr stehende Arbeitstischchen zurück, daß es umfiel und die auf demselben befindliche Wasserflasche und Trinkglas zertrümmerten. Ihr Antlitz hatte sich wieder in das einer Mänade verwandelt. »Und er wagte, mir zu drohen,« spann sie ihre gehässigen Betrachtungen weiter, »gut; gleichviel, wen das entstellte Antlitz birgt; wir wollen sehen, wessen Haß der ausgiebigere, wessen Feindschaft die gefährlichere ist.« Elftes Kapitel. Eine Fahrt aufs Land. Während Miß Sarah in einer wahren Flut marternder Zweifel und zügellosen Hasses gleichsam schwelgte, und in dieser Stimmung kaum der sich dienstfertig um sie her bewegenden lahmen jungen Negerin achtete, verfolgte der Pedlar gemessenen Schrittes seinen Weg. Sengend brannte die Mittagssonne auf ihn nieder. Deren Glut bereitete ihm ebensowenig Beschwerden, wie die auf seinen breiten Schultern hängende Last. Und doch ging er jetzt gebeugter, als vor seinem Besuch auf der verwahrlosten Plantage. Traurig schweiften seine Blicke im Kreise. Wie eine Ewigkeit erschien ihm die Zeit, die vorüberrollte, seitdem er dieselben fruchtbaren Niederungen reich belebt sah, von allen Seiten die Merkmale eines, wenn auch durch Sklavenarbeit begründeten Wohlstandes ihm entgegenlachten. Heut waren sogar die Landstraßen vereinsamt. Ein Fluch schien die Lebenskraft der ganzen Gegend erstickt zu haben. Und dennoch – in der Richtung, in welcher sein Ziel lag, regte es sich auf dem breiten Wege, und zwar mit einer Lebhaftigkeit, die gleichsam im Widerspruch zu der stillen Umgebung stand. Schärfer hinüberspähend, erkannte er durch die wellenförmig zitternde, sonnendurchglühte Atmosphäre hindurch ein von zwei hellfarbigen Pferden gezogenes Fuhrwerk, das sich ihm mit großer Schnelligkeit näherte. Als habe er dadurch der Gelegenheit, angesprochen zu werden, vorbeugen wollen, schob er den Stab, auf den er sich so lange gestützt hatte, unter den Tragriemen, und mit gemäßigter Eile schritt er weiter, wie zuvor den Nacken gebeugt und die Augen vor sich auf den Erdboden gerichtet. Bald darauf fuhr der Wagen bei ihm vorüber. Er gab sich kaum die Mühe, zu beachten, daß zwei weißmähnige Falben von hoher Schönheit in scharfem Trabe einen leichtgebauten Buggy hinter sich herzogen, eine Dame Peitsche und Zügel führte, ein Herr neben ihr nachlässig in der Bankecke lehnte und ein Diener den kleinen Sitz hinter ihnen einnahm. Einige Sekunden brachten ihn und das flinke Gespann weit auseinander und damit war es für ihn vergessen. »Der trägt doppelt,« bemerkte der auffallend kräftig gebaute Herr, der zugleich ein Urbild männlicher Schönheit, und sorglos strich er mit der Hand über seinen weichen braunen Vollbart, »sogar dreifach: einmal an seinem Warenballen, einmal an der Hitze und schließlich an seinem Alter. Eine gute Fahrgelegenheit wäre ihm zu gönnen.« Die junge Dame, die auf dem festgepolsterten Sitzkissen mit dem Haupte das ihres Begleiters beinahe überragte, antwortete nicht. Dagegen knallte sie mit der Peitsche, daß die Pferde schärfer ausgriffen, dann aber unter dem Druck ihrer kräftigen kleinen Hände eine kunstgerechte Volte beschrieben und die Richtung einschlugen, aus der sie eben gekommen waren. »Was soll das?« fragte der Herr und seine ernsten Augen richteten sich forschend auf das liebliche Profil seiner Nachbarin. »Ich will den armen Pedlar eine Strecke fahren,« lautete die gleichmütige Antwort; »ich glaubte wenigstens aus deiner Bemerkung die Aufforderung dazu herauszuhören.« »Unsinn, Thusnelda, kehr um,« versetzte der Herr, und als jene sofort eine neue Volte fuhr, fügte er wohlwollend hinzu: »Zu jeder anderen Zeit möchte es angebracht gewesen sein, heute hingegen müssen wir mit den Minuten geizen, aber auch mit dem Atem der Tiere. Sieh doch, wie sie schäumen.« »Alles Sonnenhitze, lieber Gregor,« erwiderte die jugendliche Rosselenkerin sorglos, »ängstige dich also nicht um die Tiere. Denen ergeht's nicht anders, als mir: je schwerer die Arbeit, um so mehr wächst ihre Begeisterung. Das Blut beginnt zu kochen; dann gilt das Leben nicht so viel, wie der Dampf da von deiner Zigarre. Ich dächte, darin wärest du nicht besser – o, schlechter, sollte ich sagen, als die Gäule und ich.« Gregor schwieg. Ob Befriedigung über die Antwort ihn erfüllte, ob Mißmut, wäre schwer auf seinem undurchdringlichen Antlitz zu erkennen gewesen, ebensowenig der Eindruck, den er empfing, als er Thusnelda wieder von der Seite betrachtete. Ein weißes Musselinkleid umhüllte ihre schlanke, kräftige Gestalt von dem stolzgetragenen Nacken bis zu den zierlichen Füßen hinunter. Diese waren mit langen Schnürstiefeln von bronzeschillerndem Saffian bekleidet und stützten sich so fest gegen das Trittbrett, daß sie dadurch beinahe zum Stehen gelangte. Den Oberkörper umschloß lose eine leichte faltige Jacke von hellblauer Seide, deren Farbe einen freundlichen Gegensatz zu dem ins Weißliche spielenden Blond des weichen Haares bildete. Als Schmuck trug sie nur eine aus breiten Goldplatten zusammengefügte Halskette. Ähnliche Armbänder verschwanden unter den Stulpen der aus starkem Leder angefertigten Handschuhe. Verriet sie aber in der Wahl der Farben wie in der ganzen Bekleidung einen eigentümlichen, bestechenden Geschmack, so hätte man in ihrem Antlitz vergeblich nach Merkmalen gesucht, die von wirklicher Gefallsucht zeugten. Es rief sogar den Eindruck hervor, als wäre sie ihrer Schönheit sich nicht einmal bewußt gewesen. Auf alle Fälle ging sie zurzeit in dem Verkehr mit den beiden Falben förmlich auf, unbekümmert um die ernsten Blicke Gregors, unbekümmert um das gelbe, schlitzäugige Gesicht, das von dem beinah freischwebenden Sitz hinter der Bank aus bald auf der rechten, bald auf der linken Seite einen flüchtigen Anblick dieser oder jener Gesichtshälfte zu erhaschen trachtete und dabei alle jene Eitelkeit, jenen Stolz und jene Selbstgefälligkeit zur Schau trug, die man bei ihr vergeblich suchte. Ja, der alte Singsang war es selber, der dahinten auf dem luftigen Sitz sorglos das Gleichgewicht bewahrte; derselbe alte Singsang, wohlgenährt, in seinem unveränderlichen blauen Kittel, mit der runden Filzmütze und einem Zopf, der dem würdigsten Mandarinen zur Ehre gereicht haben würde. Einige Minuten waren in Schweigen verronnen, als Gregor wie beiläufig bemerkte: »Fast will mir scheinen, du hältst die Zügel ein wenig zu straff. Gib den Tieren mehr Spielraum, das erleichtert ihnen bei der Hitze das Atmen. Wir machen ja keine Paradefahrt; oder fürchtest du, sie möchten mit uns durchgehen?« Thusnelda sah ihn mutwillig lachend an, runzelte die dunklen Brauen im Scherz und rief aus: »Und wenn sie durchgingen! Ich wäre die letzte, die dadurch eingeschüchtert würde.« »Ich möchte es dir trotzdem nicht gönnen,« erwiderte Gregor belehrend, »du kennst die dabei waltenden Gefahren noch nicht.« »Je mehr Gefahr, um so aufregender,« versetzte Thusnelda. Sie warf einen flüchtigen Blick um sich. Weder Baum, noch Prellstein oder Graben beengten den Weg, während zu beiden Seiten ebene, brache Felder sich ausdehnten. »Eine schöne Gelegenheit zum Durchgehen,« bemerkte sie darauf spöttisch. Sie zog die Zügel fester an, traf mit der Peitsche die beiden Falben, diese bäumten sich auf und drängten gewaltsam nach vorne. »Mädchen, du bist des Teufels!« rief Gregor warnend aus, mochte es in seinen ruhigen Augen immerhin wie Stolz aufleuchten. »Ja, Gregor, des Teufels!« wiederholte Thusnelda hell auflachend, und aufmerksam verfolgte sie die Bewegungen der beiden flotten Renner. Irgendeine muntere Frage schwebte ihr auf den Lippen, als Gregor ihr mit den Worten zuvorkam: »Nachdem du die Gäule ausgiebig bewundert hast, wende deine Aufmerksamkeit auch der weiteren Umgebung ein wenig zu. Beachte, wie alles verödet und verwahrlost daliegt. Als ich diese Gegend zum letzten Male durcheilte, kostete es mich mein schönes, gelehriges Pferd. In Fortsetzung der Flucht wäre es mir hinderlich gewesen, und denen, die mich verfolgten, gönnte ich das kluge Tier nicht. Sie hätten es sicher um meinetwillen mißhandelt, wohl gar vor einen Wagen gespannt oder vor ein Geschütz. Ich setzte ihm daher die Mündung der Pistole hinters Ohr, schloß die Augen und schmerzlos war es allen drohenden Leiden entzogen. Es waren schreckliche Stunden für mich, aber sie mußten durchlebt werden. Damals herrschte noch etwas, wenn auch nur wenig Regsamkeit hier. Aber in jenen Tagen, in denen deine schöne, sanfte Mutter im glänzenden Brautstaat diesen Weg fuhr, hättest du unsere Landschaft sehen sollen. Wie deine Mutter, prangten auch Wiesen und Felder, Haine und Wälder in so lieblichem bräutlichen Schmuck, wie nur je ein lachender Frühling ihn erschloß. Und das ist jetzt alles dahin, dahin auf Nimmerwiederkehr. Die Kriegsfackel leuchtete über das ganze Land, und wohin ihr unheimliches Licht nicht drang, da machte ihre grauenhafte Wirkung sich doch nicht weniger fühlbar. Der vernichtete Wohlstand wäre wohl noch zu verschmerzen gewesen, aber die Menschen, die Menschen, die mit fortgerissen wurden, und so manches vernichtete Familienglück – dergleichen konnte nicht mehr ersetzt werden.« Thusnelda, obwohl aufmerksam lauschend, hatte die Pferde wieder ins Auge gefaßt, aber sie blickte traurig. Sie kannte das Ende ihrer Mutter, wenn auch nicht alle Umstände, die es verschuldeten. Und so mochte ihr ein sie zärtlich überwachendes Antlitz vorschweben, dem eine bestimmte Form zu geben ihre Phantasie indessen nicht ausreichte. »Also diesen Weg,« sagte sie endlich träumerisch, »und auf dem, was hier vor mir liegt, ruhten einst ihre Augen. Wie bei solchen Gedanken mich alles anheimelt –« »Und was für Augen!« fiel Gregor wieder lebhafter ein. »Ach, Kind, das Bild, das sie damals auf dem Gipfel ihres so kurz bemessenen Glückes bot, es wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Ich zählte kaum fünfzehn Jahre, und doch liebte ich sie mit einer weit über mein Alter hinausreichenden Innigkeit, und dafür fand ich meinen Lohn in der Herzensgüte, mit der sie mir stets begegnete. Ja, ich war sogar eifersüchtig auf deinen Vater, dem ich in meinem knabenhaften Sinnen und Trachten den kostbaren Schatz nicht gönnte. Bisher sprach ich nie mit dir darüber; aber hier, auf den Stätten, auf denen ich meine Kindheit verbrachte und deine Mutter meinem Geiste doppelt lebhaft vorschwebt, mag ich der alten Zeiten vor dir gedenken. Dadurch gewinnst du zugleich ein klares Bild von den Ursachen, die mich bis zu ihrem Tode so innig an sie und später an dich fesselten.« »Nachdem du diese Gegend verlassen hattest, sahst du meinen Vater nicht wieder?« »Nie wieder. Wer weiß, wo und wie er sein Ende fand. Sind doch Tausende in dem unheilvollen Kriege verschollen, ohne daß je die leiseste Nachricht von ihnen in die Öffentlichkeit drang.« »Wäre es nicht möglich, daß mein Vater dennoch lebte,« forschte Thusnelda, »vielleicht irgendwo gegen seinen Willen zurückgehalten wird? Auch mag er, gleich uns, die Welt durchstreifen und nach meiner Mutter und seiner Tochter suchen.« Gregors Züge hatten sich bei dieser Frage verfinstert. Unheimlich sprühte es aus seinen sonst so ruhigen Augen. Einige Sekunden betrachtete er Thusneldas den Pferden wieder zugekehrtes Antlitz nachdenklich, dann sprach er wie unter dem Druck einer sein Gemüt beschwerenden Last: »Nein, mein Kind, das halte ich für mehr als unwahrscheinlich. Sollte es aber der Fall sein, wer weiß, ob dann das Wiedersehen auf Grund mancherlei Erfahrungen ein beglückendes wäre – doch laß die Pferde ruhig wieder ausgreifen,« verfiel er in seine gewöhnliche, beinah ausdruckslose Weise, »die Mittagssonne drückt auf uns alle. Je früher die Tiere Schatten finden, um so wohltätiger für sie. Sie werden ohnehin eine Weile rasten müssen, bevor ihnen Wasser gereicht werden darf.« Thusnelda, vertraut mit den jäh wechselnden Stimmungen ihres Beschützers, trieb die Pferde wieder schärfer an. Sie fühlte, daß er seinen Gedanken ungestört nachzuhängen wünschte, begriff, daß der Besuch der Stätten seiner Kindheit nicht ohne Einfluß auf ihn bleiben konnte. So gelangten sie binnen kurzer Frist bis dahin, wo ein mit Gras und Kraut überwucherter Weg sich von der Landstraße abzweigte und zwischen eingefriedigten Parkanlagen hinführte. Von den einst aus weißangestrichenen Pfosten und Latten hergestellten Zäunen war nur noch wenig vorhanden. Einzelne Reste lagen modernd im Grase. Das meiste mochte den letzten Bewohnern des Negerdorfes als Brennholz gedient haben. Beim Anblick dieser Verwüstung lachte Gregor spöttisch vor sich hin. Thusnelda gab sich das Ansehen, es nicht zu gewahren, und ließ die Pferde ihre Gangart zu einem bequemen Schritt mäßigen. Sie fürchtete förmlich Gregors etwaige Bemerkungen über den heillosen Verfall alles dessen, was einst mit so viel Geschmack und Kunstsinn angelegt wurde. Kurz bevor sie die Grenze erreichten, die die Parkanlagen von dem Vorgarten des Herrenhauses schied, kamen sie an einem auf gewaltiger Holzsäule schirmartig errichteten japanischen Dach vorüber. Auf Gregors Rat hielt Thusnelda die Pferde an. »Sieh das Lusthaus,« sprach er gleichmütig, »ich bin erstaunt, es nicht ebenfalls in Trümmern liegen zu sehen. Das war einst mein Lieblingsplätzchen. Da auf der um die Säule herumlaufenden vermorschten Bank habe ich manche Stunde gelegen und meine Zeit mit Lesen und Nichtstun ausgefüllt.« Er warf einen prüfenden Blick um sich und fuhr fort: »Wenn ich es mir recht überlege, stehen die Pferde hier besser, als in einem dumpfigen Stall. Fahre dort nach der rasigen Fläche hinauf. Das war einst ein mit Kies bestreuter Platz, der, überdacht von den schattigen Bäumen, sich vortrefflich zu geselligen Zusammenkünften und heiteren Spielen eignete. Mehrfach hat auch deine schöne Mutter dort im Tanz die Sohlen ihrer kleinen Schuhe in den Sand ausgeprägt.« Schweigend lenkte Thusnelda die Pferde vom Wege ab, und nach einigen vorsichtig ausgeführten Wendungen zwischen lichter stehenden alten Bäumen hindurch hielt sie vor dem Pavillon an. Gewandt sprang sie vom Wagen. Gregor gesellte sich ihr fast ebenso schnell zu; etwas gemächlicher folgte Singsang, und wenn je Pferde unter freundlichem Zuspruch ihrer Geschirre entledigt und durch linnene Fliegendecken gegen Bremsen geschützt wurden, so geschah es hier, indem die drei befreundeten Gestalten sich gleich fürsorglich um die beiden Falben herum bewegten. So dauerte es nur wenige Minuten, bis diese an leichten Gurtenhalftern vor der Säule des Pavillons standen und den für sie auf die Bank geschnittenen Brotscheiben eifrig zusprachen. Singsang begab sich darauf an die Arbeit, sie abzureiben, wogegen Gregor und Thusnelda sich anschickten, ihren Rundgang auf dem verfallenden Gehöft anzutreten. »Wenn sie die Hälfte des Brotes verzehrt haben, gieße jedem eine halbe Flasche Wein in die Kehle. Tränken wollen wir sie später!« rief Gregor dem dienstfertigen Chinesen zu, und Thusnelda den Arm bietend, schritt er mit ihr in den Weg zurück. Zwölftes Kapitel. Miß Sarah. Eine kurze Strecke legten Gregor und sein lieblicher Schützling auf dem schattigen Wege schweigend zurück; dann hob Thusnelda, um die offenbar düstere Stimmung Gregors freundlich zu beeinflussen, in ihrer treuherzigen, kindlich heiteren Weise an: »Wie viele Menschen wären glücklich, erfreuten sie sich einer ähnlichen Behandlung, wie unsere Pferde. Man sieht ihnen an, wie wohl sie sich bei unserer Pflege fühlen.« »Weil sie eine Empfindung dafür besitzen, daß wir ihnen aufrichtig zugetan sind,« erwiderte Gregor zerstreut. »Gib sie einem Menschen, der nur aus Pflichtgefühl für sie sorgt, so wird er nimmermehr ihr Zutrauen erwerben, und mästete er sie mit dem schönsten Korn. Oft scheint mir, als webten sich geistige Fäden zwischen uns und unseren Lieblingen aus dem Tierreich; sie könnten sonst unmöglich so bereitwillig auf unsere Absichten – o, ich möchte sagen: auf unsere Gedanken eingehen.« Bitter fügte er hinzu: »Geh hin und erweise den Menschen dieselbe Sorgfalt, dieselben Wohltaten, aber rechne nicht auf Dank. Ja, die Menschen: bringst du sie in Vergleich mit edlen Tieren, so müssen sie im allgemeinen hinter diesen zurückstehen. Egoismus leitete sie zu allem, Heuchelei ebnet ihnen die Wege. Das Wort Ehre auf den Lippen, Gottseligkeit im Blick, dagegen Schurkerei im Herzen, das stempelt sie zu den verworfensten Schöpfungswerken, trotz des äußeren Glanzes, mit welchem sie sich zu umgeben trachten. Pah, ich habe genug von den Menschen kennen gelernt, namentlich von denen, die sich zu den Bevorzugteren rechnen, um sie zu verachten, ihnen überall mit Mißtrauen zu begegnen.« »Und doch entsinne ich mich nicht, jemals Unfreundlichkeiten von ihnen erfahren zu haben; auch du kannst dich im Grunde nicht beklagen,« versetzte Thusnelda begütigend. »Soweit deine Erinnerungen reichen, allerdings nicht,« gab Gregor zu, »allein vorher, Kind, vorher; da sammelte ich Erfahrungen, die mein Gemüt tief verbitterten. Das eingesogene Gift wirkt aber heute noch, doppelt hier auf dieser Scholle, auf die meine Kindheit entfällt.« Sie hatten die Stelle erreicht, von der aus sie den wüsten Vorgarten zu überblicken vermochten. Gregor blieb stehen. Eine Weile betrachtete er das vor ihm liegende Bild trauriger Verödung, dann lachte er so gehässig, daß es Thusnelda peinlich, sogar unheimlich berührte. »Nicht anders, als ich es zu finden erwartete,« sprach er, und seine sonst stets leidenschaftslose Stimme klang rauh, »aber es konnte nicht anders sein; denn unter jenem Dach« – und er wies mit dem ausgestreckten Arm nach dem Herrenhause hinüber – »wohnte von jeher ein lebendiger Fluch – nicht doch, Thusnelda, zittere nicht. Es ist doch sonst nicht deine Art, kleinmütig zu zagen, und wir beide weilten zu lange außerhalb des Bereiches dieses Fluches, als daß wir noch unter ihm zu leiden haben könnten. Komm, komm; ich wünsche, daß du die Umgebung kennen lernst, in der deine Mutter die glücklichsten Tage verlebte, und ich selbst trotz mancher Anfeindungen heranwuchs so fröhlich und frei, wie nur je ein junges Pferd in seiner Koppel.« Thusnelda antwortete nicht. Wer sie jetzt beobachtete, wie sie mit unvergleichlicher Anmut und doch eingeschüchtert am Arme ihres hünenhaften Begleiters einherschritt, der hätte in ihr kaum die junge Amazone wiedererkannt, die kurz zuvor noch im tollen Rennen gewissermaßen mit Leben und Tod spielte. Es rief fast den Eindruck hervor, als habe sie auf festem Boden sich nicht heimisch gefühlt, ähnlich dem Seemann, der im Laufe der Jahre sich an die Bewegungen des vom Sturm gepeitschten Meeres gewöhnte. Indem sie um den Vorgarten herumschritten, trat allmählich das verödete Negerdorf in ihren Gesichtskreis. Zugleich wurde Gregor der greisen Dina ansichtig, die dem alten Pompy eben in einer Schüssel das Mittagsbrot zugetragen hatte. »Wenigstens ein Bekannter aus alter Zeit,« sprach er, die Richtung nach dem gleichsam vorweltlichen Ehepaar einschlagend. »Dina, wie sie leibt und lebt. So sah sie schon vor einem Vierteljahrhundert aus. Wie sie ihren Gatten sorgsam pflegt! Ob sie mich wiedererkennen? Wenn nicht, so wollen wir ihnen wenigstens vorläufig die Wahrheit verschweigen.« Die bewohnte Ecke des Herrenhauses fesselte seine Aufmerksamkeit. Als hätte er die Blicke gefühlt, die hinter den Blumenstöcken hervor mit durchdringender Schärfe auf ihm ruhten, nahm er nach kurzem Sinnen sein Gespräch wieder auf: »Wer da haust, ist wohl schwerlich zu dem Obdach berechtigt; sonst kann es nur jemand sein, der am besten nie geboren wäre. Lebt sie wirklich noch, so müssen Teufelsränke besonders zähe machen.« In diesem Augenblick wurde Dina seiner ansichtig. »Alter Gentleman,« rief sie Pompy so laut zu, daß die sich langsam Nähernden ihre Worte verstanden, »das ist ein großer Tag heute, bei Eingo! Zuerst besucht uns der Pedlar, und jetzt kommen ein feiner Herr und eine vornehme Lady.« Bei den letzten Worten strich sie mit den Händen über das neue Tuch, das sie bereits um ihr Haupt geschlungen hatte, ebenso ordnete sie, wie um sich zum Empfang der Fremden zu rüsten, mit einigen flüchtigen Strichen ihre Schürze. Nach der ersten Begrüßung der alten Leute überzeugte Gregor sich leicht, mochten immerhin zwei Paar Augen mit reger Spannung auf ihm ruhen, daß er nicht erkannt wurde. Ihn aber beschlich Mitleid beim Anblick der beiden hinfälligen Gestalten, deren besonderer Freundschaft, sogar Bewunderung er sich einst erfreute, und so fragte er gütig: »Es hindert uns wohl niemand, auf der Plantage ein wenig Umschau zu halten?« »Niemand hindert Sie und die schöne junge Lady,« antwortete Dina wohlwollend; »aber ich sag's vorher: nicht viel mehr zu sehen hier. Alles zerfallen und tot. Mit dem schwarzen Gentleman da wird's ebenfalls bald zu Ende sein, dann ist alles vorbei.« »Trotzdem will ich die Plantage in Augenschein nehmen. Vielleicht wandelt mich die Lust an, sie über kurz oder lang zu kaufen.« »Ach, Herr, das wäre ein rechter Segen,« meinte Dina ungläubig, »aber es wird schwerhalten. Ich dächte, die Menschen, die vor alters in dem Herrenhause wohnten, müßten's erlauben, und die sind alle tot.« »Alle tot?« fragte Gregor wie beiläufig, und es entging ihm nicht, daß die Greisin mit unverkennbar wachsender Aufmerksamkeit Thusneldas Antlitz betrachtete, dann wie in Zweifel ihr Haupt schüttelte. »Alle, alle,« bestätigte Dina mit einem tiefen Seufzer, »Miß Sarah lebt wohl noch, aber mit der ist's nichts. Bei Gingo, wären wir nicht und die Susanna, müßte sie verhungern.« Gregor sah durchdringend in die trüben Augen der Alten. Er überhörte, daß Pompy gedankenlos wiederholte: »Müßte sie verhungern.« »Du scheinst keine große Vorliebe für diese Dame zu hegen?« fragte er ruhig. Dina sandte einen argwöhnischen Blick nach dem Herrenhaus hinüber und antwortete gedämpft: »Ich rede nicht gern zu Fremden darüber, aber ich meine, es müßte ein böser Zaubergeist in sie gefahren sein, daß sie alles verjagte, was anderen eine Freude. Der letzte war ein stattlicher Junge und mein Liebling. Gregor hieß der; vor dem bogen sich die Bäume im Park und knieten die wildesten Gäule. Aber was half's? Den quälte sie, bis er davonlief, und nie wieder hörte man von ihm. Armer Master Gregor! Ja, wenn der noch lebte –« und mit dem Rücken der Hand fuhr sie über ihre Augen hin. Gregor hatte sich abgewendet. Ängstlich sah Thusnelda zu ihm auf. Sie entdeckte trotz der Verschlossenheit seines Antlitzes, daß er gegen Rührung kämpfte. Nur einige Sekunden dauerte diese Regung und er kehrte sich Dina wieder zu. »Hin ist hin, gute Alte,« sprach er milder, als es sonst seine Gewohnheit; »wer aber der Toten so freundlich gedenkt, verdient, daß er selber freundlich bedacht werde.« Er zog einen Silberdollar hervor und legte ihn in die Hand der Greisin. »Wenn jetzt der Pedlar kommen wollte,« rief diese entzückt aus, »da wollte ich von ihm kaufen –« »Gut, gut,« beschwichtigte Gregor und er schickte sich zum Gehen an, »kaufe, was nur immer dein Herz begehrt. Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder; bis dahin Gott befohlen.« Er kehrte sich um und vor ihm stand Susanna, eine verschmitzt dareinschauende junge Negerin, deren schiefe Haltung von der Verkrüppelung des einen Fußes zeugte. Lachend sah sie zu ihm empor, zugleich knicksend und sich verneigend, was Gregor und Thusnelda mit freundlichem Gruß beantworteten. Auch ihr schenkte Gregor einen Dollar mit der Weisung, einige Eimer Wasser für die Pferde nach dem Pavillon hinüberzutragen. Bereitwillig sagte die junge Negerin zu, und ihre Freundschaft versprach sie den Herrschaften unter den überschwänglichsten Beteuerungen ihrer erstaunlichen Dankbarkeit für das reiche Geschenk. »Sie wird wohl kaum Gelegenheit finden, ihre Dankbarkeit zu beweisen,« bemerkte Gregor träumerisch, indem er sich mit Thusnelda entfernte, »und doch hatte ich ihr den Wahn nicht rauben mögen, daß ihre Freundschaft mir von hohem Wert.« »Wie die beiden Alten wohl beglückt gewesen wären, hattest du dich zu erkennen gegeben,« spann Thusnelda das Gespräch weiter, um Gregors Stimmung freundlicher zu gestalten. »Gewiß, Kind,« hieß es eintönig zurück, »aber gerade geräuschvolle Freudenbezeugungen vermeide ich gern, namentlich jetzt. Denke deshalb nicht schlechter von mir, sondern erwäge: hier und in der weiteren Umgebung liegt meine Jugendzeit begraben, und mit dieser mein Jugendfrohsinn. Um alles wurde ich betrogen, was sonst das Herz eines Knaben erfreut. Mit rauher, unbarmherziger Hand wurde ich aus der Kindheit ins Mannesalter hineingestoßen, und das ging von denjenigen aus, die – doch was rede ich von mir? Andere sind es, und deckte sie zehnmal der Rasen, für die ich eintrete. Das an ihnen begangene Unrecht will ich sühnen, und führte der Weg dazu über Leichen hinweg – da erschrickst du wieder. Du mußt die Ausdrücke meines gerechtfertigten Hasses nicht wörtlich nehmen. Lebe du sorglos in den Tag hinein, und auch die Stunde wird kommen, in der du manches, was dir jetzt an mir rätselhaft erscheint, verstehst und aus vollem Herzen billigst – sieh da den mit Unkraut überwucherten Platz. Das war meine Reitbahn. Da bändigte ich schon Pferde, als ich noch über den Büchern brüten mußte. Es lag einmal in meiner Natur, und dagegen kämpfen zu wollen, wäre eine Art Selbstmord. Der gesunde Menschenverstand gleicht das auf den Schulbänken Versäumte schnell genug aus. Ähnliches liegt in deinem Charakter, und darnach bestimmte ich den Plan deiner Erziehung, was mir bis heute noch nicht leid geworden – hoffentlich dir auch nicht.« »Nein, Gregor, sicher nicht,« beteuerte Thusnelda begeistert, und mit beiden Händen drückte sie die starke Faust ihres Beschützers. »Du ersetztest mir die Eltern, warst mein Wohltäter –« »Unsinn, Thusnelda. Bist du mit deinem Los zufrieden, so dankst du es nicht mir, sondern dem Umstande, – Zufall sollte ich sagen – daß ich deine Neigung früh genug entdeckte. Meine Aufgabe war nur, darüber zu wachen, daß deine Fähigkeiten nicht zu einem handwerksmäßigen Schaffen herabgewürdigt wurden.« Sie waren vor einem Stalle eingetroffen, dessen verwitterte Tür, längst aus ihren Angeln gebrochen, abseits auf der Erde lag. »Wie manches liebe Mal führte ich mein Pferd hier aus und ein,« erzählte Gregor weiter, »heraus mit gespreizten Nüstern, hinein keuchend und schäumend, und doch liebten wir einander zärtlich. Komm, wir wollen uns den Stand ansehen und die Krippe – zum Henker, wie kommt dieses Scheusal von Mähre dahin!« rief er mißmutig aus, als er, in den Stall eintretend, auf der bezeichneten Stelle einen gesattelten Klepper stehen sah, der unter dem Einfluß der Hitze träge an einem Bündel nahrungslosen Grases nagte. »Ist schon mehr Kuh,« bemerkte Thusnelda geringschätzig, »sieh doch den kurzen steifen Hals – pfui, wie kann man solchem Karrengaul einen Sattel auflegen!« »Und einen anständigen Sattel obenein,« fügte Gregor hinzu, »das arme Tier muß sich verborgener Tugenden rühmen, daß der Besitzer eines solchen Sattels sich nicht schämt, damit auf der Straße zu erscheinen.« Er trat zu dem Pferde, es freundlich klopfend und mit der Hand über seinen Rücken fahrend. Das Tier bog den Kopf nach Gregor herum und wieherte leise, daß es wie Lachen klang. »Alter Bursche, mit den Jugendjahren hast du abgeschlossen,« redete Gregor es wie einen Menschen an, »wer dich wohl sein Eigentum nennt –« »Slowfield, dem schrecklichen Slowfield gehört's!« tönte eine unmelodische, jedoch lustige Stimme von der Tür herüber, und als Gregor und Thusnelda sich darnach umkehrten, sahen sie ein vor Schadenfreude grinsendes schwarzes Gesicht hinter dem Türpfosten hervorlugen und ihnen freundschaftlich zunicken. »Susanna, du selber?« fragte Gregor verwundert. »Wie kommst du hierher?« »Wollte den Herrschaften zu Diensten sein, da schlich ich Ihnen nach,« antwortete Susanna munter; »ich vermute, Sie reißen mir die Wolle nicht aus dem Schädel, wie der schreckliche Slowfield, wenn ich mit meinem kurzen Fuß nicht schnell genug für ihn laufe.« »Slowfield?« fragte Gregor befremdet, »wie kommt der hierher?« »Auf dem Gaul da, Herr. Drinnen sitzt er bei der Miß Sarah. Da reden sie heimlich miteinander; aber ich bin erstaunlich scharf. Jedes Wort höre ich und keins wird vergessen. Ihren Pferden trag ich Wasser zu. Dem Slowfield-Gaul gebe ich nichts. Den mag der schreckliche Slowfield selber tränken.« Die letzte Bemerkung der kindischen Negerin schien Gregor zu überhören, in so hohem Grade bemächtigte sich seiner heimliche Wut, und drohend erklang seine Stimme, indem er ausrief: »Slowfield? Dieses elende kriechende Gewürm, das schon zu meiner Zeit an dem Frieden in unserer Familie nagte –« »Gregor, lieber Gregor, was hast du? Du flößest mir Furcht ein!« bat Thusnelda, die in der Mitte des Stalles stehen geblieben war. »Was ich habe, Kind?« hieß es gelassen zurück. »Weiter nichts, als daß der verräterischste Schurke, den je die Erde trug, gewagt hat, seine Mähre vor dieselbe Krippe zu stellen, aus der einst mein eigen Pferd fraß. Ja, dieser Slowfield, dieses Scheusal, das, wenn auch nur mittelbar, verschuldete, daß ich meinem guten Tier eine Kugel durch den Kopf schoß. Bei Gott, hätte ich nicht Mitleid mit dem armen Geschöpf, sollte es diesen hinterlistigen Verräter zum letzten Male getragen haben. Doch gleichviel, hier stehen soll es wenigstens nicht, als geschähe es meinen Erinnerungen zum Hohn.« »Schießen Sie es tot,« rief Susanna wieder lachend um den Türpfosten herum, »zuerst das Pferd, dann den schrecklichen Slowfield!« Während Thusnelda, wie ihren Sinnen nicht trauend, dastand und sprachlos vor Besorgnis zu Gregor hinübersah, löste dieser den Halfterriemen von der Krippe, und das geduldig folgende Pferd mit sich ziehend, schritt er nach der Tür hinüber. Dort streifte er den Halfter von dessen Kopf, und ihm mit demselben einen leichten Schlag versetzend, trieb er es ins Freie hinaus. Spöttisch blickte er ihm nach, als es in kurzem Hundetrab den verwilderten Gärten hinter den Negerhütten zueilte. »Wäre ich an deiner Stelle, so bräche ich mir lieber das Genick, als daß ich fernerhin einem Auswurf der Menschheit diente,« sprach er vor sich hin. Dann sah er sich nach der Negerin um. Sie war verschwunden. Dagegen drang aus einem nahen zerfallenen Schuppen schrilles, mutwilliges Lachen zu ihm herüber, an das sich die Worte schlossen: »Den Slowfield bringe ich um! Er hat mich geschlagen und zerzaust, und das gute alte Volk dahinten sagt, es gäbe keine Sklaven mehr, die sich brauchten schlagen zu lassen. Sie sind ein guter Herr; die junge Lady ist ein Engel! Ihnen diene ich, ob Sie's wollen oder nicht,« »Ja, dieser Auswurf,« hob Gregor wieder an, nachdem die Negerin geendigt hatte; er verstummte, als er plötzlich Thusneldas Hand in der seinigen fühlte. Ihrem ängstlichen Blick mit einem matten Lächeln begegnend, sprach er wie entschuldigend: »Alte Erinnerungen, Kind, alles alte Erinnerungen; die spielen mir oft einen Streich, wenn ich am wenigsten darauf vorbereitet bin. Ferner die Umgebung. Unheimlich erscheint mir alles und gespenstisch. Die beiden lebensmüden Alten da drüben, wie das arme Geschöpf dort in dem Schuppen, die Tante Sarah, wie der bei ihr weilende Höllengeist. Es ist nicht möglich, hier kann kein Glück mehr blühen. Es erneuert der auf der Plantage lastende Fluch sich mit jeder kommenden Stunde.« »Das arme Tier hat doch nichts verbrochen,« erwiderte Thusnelda freundlich. »Gewiß nicht,« gab Gregor bereitwillig zu, »und ich dächte, es fände keine Strafe darin, wenn es sich ein wenig im Freien ergeht, anstatt in dem dumpfigen Stalle vor Langeweile zu sterben. Aber aus der Krippe meines Pferdes soll kein anderes mehr fressen, am wenigsten eins, das durch seinen Besitzer entwürdigt wird.« Nicht achtend Thusneldas flehender Blicke, die plötzlich ihre letzte besänftigende Gewalt über ihn verloren zu haben schien, begab er sich in den Stall zurück, und die Krippe mit beiden Fäusten packend, riß er sie aus ihren Fugen, worauf er sie durch einen schweren Schlag auf das Steinpflaster zertrümmerte. Ebenso verfuhr er mit der gußeisernen Raufe, daß Thusnelda, die nie zuvor eine derartige Erregung an ihm kennen lernte, förmlich entsetzt zu ihm hinübersah. »So,« kehrte er sich dieser zu, »da gelangte meine Wildheit, die ich längst gestorben wähnte, wieder einmal zum Durchbruch, und doch gewährt mein sinnloses Tun mir eine gewisse Befriedigung.« Er sah in die erstaunt zu ihm aufblickenden großen Augen, und wie beschämt lächelnd, fuhr er fort: »Du wunderst dich, daß ich an einem toten Gegenstande meinen Zorn kühle? Jetzt ergeht es mir ebenso. Wenn du nur wüßtest.« Wiederum ertönte das schadenfrohe Lachen der hinkenden Susanna, diesmal aber durch ein Loch in der Giebelwand des Stalles, das sie mit ihrem schwarzen Antlitz gerade ausfüllte. »Soll ich Feuer holen, damit wir den ganzen Stall niederbrennen?« fragte sie förmlich entzückt herein. »Wenn dir an meiner Freundschaft gelegen ist, so wirst du dergleichen bleiben lassen,« antwortete Gregor streng, worauf Susanna in die klagenden Worte ausbrach: »Alles, was der Herr mir anbefehlt, soll geschehen. Für ihn und die schöne junge Lady gehe ich durch Wasser und Feuer,« und bei dem letzten Wort verschwand das grinsende Antlitz mit den weißen Zahnreihen und den großen Glotzaugen blitzschnell aus der Maueröffnung. »Das arme Geschöpf flößt mir Grauen ein,« bemerkte Thusnelda, indem sie ihren Arm auf den Gregors lehnte, »und doch könnte ich ihm nicht zürnen.« »Kleide es manierlich und stelle es in einen freundlichen Garten, und du ergötzest dich an seinen drolligen Einfällen,« beruhigte Gregor, »die Eindrücke, welche man empfängt, sind in den meisten Fällen abhängig von der Umgebung.« Sie befanden sich im Freien. Susanna war verschwunden. Lustwandelnd, bald im Schatten, bald in heißer Sonne, schlugen sie die Richtung nach den anderen Baulichkeiten ein. Alles wollte Gregor noch einmal wiedersehen, alles seiner holden Begleiterin zeigen; und überall gab es ja etwas, womit diese oder jene Erinnerung sich verwebte. Pietätvoll suchte er vor Thusneldas geistigem Blick ein Bild der Plantage hinzuzaubern, wie sie ihm selbst noch als Paradies traumähnlich vorschwebte, und immer wieder wurde er durch Schutt und Trümmer an die Gegenwart gemahnt.   Miß Sarah Melville saß zu derselben Zeit in ihrem Wohnzimmer neben dem Blumenfenster. Ihr Antlitz hatte sich vor der in ihr wogenden Erregung fieberhaft gerötet. In den Händen hielt sie ein weißes Taschentuch; das zerrte und drehte sie, als hätte sie es für alles verantwortlich machen wollen, was immer wieder sie erbitterte, ihr Blut gleichsam in Gift verwandelte. Ihr gegenüber saß Slowfield, derselbe Slowfield, der einst in wilder Kriegszeit und unter dem Deckmantel des erheuchelten Patriotismus einem feilen Söldling den Mordstahl in die Hand drückte. Auch er war gealtert, lederartiger war seine gelbe Haut geworden, hagerer sein dünnknochiger Körper. Dagegen hatte er es verstanden, durch jugendlich gewählte Bekleidung, Färbestoffe für Haar und Bart und sonstige Mittel die größere Hälfte der seit jenem Tage über sein Haupt hingegangenen Jahre zu verheimlichen. Auch mehr Bedachtsamkeit offenbarte sich in seinem Wesen; er hatte gelernt, sich in erhöhtem Grade zu beherrschen, die in seinen tückischen Augen wohnende Hinterlist durch würdevolles Senken der Lider zu verschleiern. Eine halbe Stunde, nachdem der Pedlar in dem Herrenhause vorgesprochen hatte, war er eingetroffen. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten und Auszahlung der Quartalsrate einer kleinen jährlichen Rente, über die Miß Sarah peinlich genau quittierte, hatten sie gemeinsam ihr sehr einfaches Mahl eingenommen. Dann gingen sie zu einer ernsten, bei jeder Zusammenkunft sich regelmäßig wiederholenden Beratung über. Wohl gewahrte Slowfield, daß tiefe Unruhe Miß Sarah beherrschte, allein den Grund dafür in ihrer immerhin wenig günstigen Lage suchend, wählte er diese zum Ausgangspunkte eines neuen Gesprächs. »Ich gewinne den Eindruck,« hob er an und warme Teilnahme offenbarte sich in Stimme wie Haltung, »als ob dieses Vergraben in eine trostlose Einsamkeit Ihre Stimmung, sogar Ihren körperlichen Zustand nachteilig beeinflußte. Wie oft riet ich als treu ergebener Freund, diese elende Umgebung hinter sich zu legen, nach irgendeiner Stadt zu ziehen und ein anderes Leben zu beginnen.« »Wovon?« fuhr Miß Sarah heftig auf, daß Slowfield förmlich zurückschrak. Doch seit vielen Jahren vertraut mit ihrem Wesen, antwortete er alsbald verbindlich: »Gern bin ich bereit, Vorschüsse zu leisten –« Gehässig lachte Miß Sarah. »Mir Vorschüsse?« fragte sie schneidend. »Wären Sie sicher, jemals einen Cent davon zurückzuerhalten?« »Ich gab die Hoffnung noch nicht auf, daß des Kolonels rätselhaftes Verfahren dennoch einen günstigen Abschluß findet,« »Vermutungen, aber keine Sicherheit,« erwiderte Miß Sarah erregt, »und auf Vermutungen hin nehme ich keine Unterstützung irgendeiner Art an. Die Melvilles können verhungern, allein almosenartige Dienstleistungen weisen sie von jedem mit Verachtung zurück.« »Ich ehre und achte Ihre Grundsätze,« entgegnete Slowfield beinahe demütig, »allein ich kann nicht umhin, Sie zu ersuchen, der Zuversicht ein wenig Rechnung zu tragen, mit der ich der endlichen Lösung des Rätsels entgegensehe. Glauben Sie mir, eine Viertelmillion Dollars verschwindet nicht leicht spurlos.« »Sind das keine Spuren, Mr. Slowfield?« fragte Miß Sarah höhnisch, und sie wies auf eine kleine Reihe Goldstücke, die auf der Kommode vor der Spiegelwand lagen, »wo gäbe es handgreiflichere Spuren, als in den wenn auch nur als Brosamen abfallenden Zinsen? Blieb das täglich wachsende Vermögen seit so vielen Jahren unbeansprucht – sogar unentdeckt, so mögen wir beide darüber hinsterben, bevor sich darin etwas ändert.« »Und dennoch glaube ich auf der richtigen Fährte zu sein«. »Zu was soll das helfen, Herr? Wenn das ganze Vermögen aufgestapelt vor Ihnen läge, wären Sie da etwa imstande, ohne einen der Hauptfaktoren auch nur einen Kupferzent aus seiner Lage zu entfernen? Gelänge es Ihnen trotzdem, die ganze Masse flüssig zu machen, glauben Sie da, ich würde meine Zustimmung zu etwas erteilen, was dem Willen meines verstorbenen Bruders zuwiderliefe, also ungesetzlich wäre? Nein, Mr. Slowfield, trauen Sie mir dergleichen zu, so kennen Sie mich nicht. Ich bin eine Melville, das behalten Sie jederzeit im Auge.« »Ich vergesse das nicht, Miß Sarah; allein mit gutem Gewissen darf ich behaupten, daß es die Billigung des Kolonels fände, verwendeten Sie im günstigen Falle die reichen Mittel dazu, den Stammsitz des Melvilles wieder zur Blüte zu bringen.« »Ich denke anders, Mr. Slowfield, und so hören Sie meine letzte Entscheidung: Fehlt einer der Hauptfaktoren, so behält die letztwillige Verfügung meines Bruders Gültigkeit, und wäre es bis in die Ewigkeit hinein.« Hier lachte Miß Sarah in ihrer verbitterten Weise und höhnisch fügte sie hinzu: »Sparen Sie also Ihre Mühe; sie würde vergeblich sein. Es sei denn, es gelänge Ihnen, Marianne mir zuzuführen. Und auch dann noch würde ich mich besinnen, sie zu unterstützen. Sie ist abtrünnig geworden, und für Abtrünnige habe ich kein Herz, ist das Vermögen ihrer Großeltern nicht angesammelt worden. Vielleicht hörten Sie von ihr?« »Seit dem Tage, an dem sie auf geheimnisvolle Weise aus Fort Napoleon verschwand, keine Silbe. Alle meine Nachforschungen, die noch jetzt ihre Fortsetzung finden, blieben erfolglos,« »Ein Zeichen, daß ihr neuer politischer Glaube ihr höher steht, als Geld und Gut,« versetzte Miß Sarah ingrimmig, »vielleicht fürchtet sie auch Ihre erneuerten Bewerbungen, denn von der Erde verschwunden kann sie nicht sein. Wäre sie aber gestorben, würden die zurzeit erwachsenen Kinder schwerlich zögern, die Hand auf das ihnen gebührende Vermögen zu legen, und zu solchem Zweck sich bei mir melden.« Plötzlich, wie sich eines Umstandes von erschreckender Wichtigkeit entsinnend, richtete sie sich straff empor. Matte Röte hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Haß und Hohn glühten zugleich aus ihren Augen, indem sie fragte: »Wenn Sie Marianne mit einem Heiratsantrag beehrten, so müssen Sie überzeugt gewesen sein, daß Stocton wirklich tot?« Wie von einer giftigen Waffe getroffen fuhr Slowfield zurück, sammelte sich indessen schnell und fragte stotternd: »Stocton? Wie soll ich diese Bemerkung deuten?« »Nun ja,« fuhr Miß Sarah mit einem bösen Lächeln fort, »es kam mir nämlich vor einer Stunde der Gedanke, was Stocton gesagt haben würde, wenn er plötzlich wieder unter den Lebenden aufgetaucht wäre und Sie im Besitz seiner Frau gefunden hätte.« »Stocton ist tot,« versetzte Slowfield mit unsicherer Stimme, und auf seinem erbleichten Antlitz offenbarte sich, daß seine Gedanken in die ferne Vergangenheit schweiften, »er ist tot seit dem ersten Kriegsjahre. Ich kenne sogar einigermaßen die Umstände, unter denen er sein Ende fand. Miß Melville – wenn Sie mir die Frage erlauben – was veranlaßte Sie zu dieser Bemerkung?« »Weiter nichts, als daß ich vor einiger Zeit jemand sah, der mich lebhaft an Stocton erinnerte. Es fehlte nicht viel, daß ich ihn als Kapitän Stocton begrüßte,« antwortete Miß Sarah, das Antlitz Slowfields aufmerksam überwachend. »Unmöglich – unmöglich!« stieß Slowfield förmlich hervor. Er verstummte entsetzt, denn von der Zimmerdecke herunter rieselten Sand und Kalkteilchen, die stäubend seine Knie trafen. Sein Blick richtete sich nach oben. Er gewahrte ein rundes Loch in dem Kalkputz, wie solche hier und da auf der seit Jahren nicht ausgebesserten Decke sich wiederholten. Weder er noch Miß Sarah ahnten, daß das eine große Glotzauge Susannas durch die mit Bedacht geschaffene Öffnung so lange zu ihnen niedergespäht hatte und schließlich ihr Abscheu vor Slowfield sie dazu bewegte, ihn mit dem zur Hand liegenden Schutt zu bewerfen. An Slowfields Schreck sich ergötzend, bemerkte Miß Sarah spöttisch: »Es ist nichts. Hier im Hause regieren Ratten und Mäuse, eine würdige Nachbarschaft für die Letzte der Melvilles.« Nachlässig sah sie aus dem Fenster und anscheinend sorglos fuhr sie fort: »Unmöglich, meinen Sie? Warum denn? Weshalb sollte es nicht Ähnlichkeiten aller Art geben? Sogar täuschende Ähnlichkeiten, die uns vorübergehend –« Eine Bewegung hinter dem Buschwerk des Vorgartens fesselte ihre Aufmerksamkeit. Schärfer spähte sie hinüber. Slowfield, noch immer nach Fassung ringend und überall neue erschütternde Kundgebungen fürchtend, hatte sich erhoben und war neben sie hingetreten. »Fremde, wie kommen die hierher?« bemerkte er, als Gregor und Thusnelda in seinen Gesichtskreis traten. »Ja, Fremde,« wiederholte Miß Sarah nachdenklich, als jene vor einer breiteren Öffnung in der Vegetation vorüberwandelten. Dann lehnte sie sich zurück, und mit der linken Hand die Armlehne ihres Stuhls fest umklammernd, wies sie mit der anderen zwischen den Blumenstöcken hindurch. Worte vermochte sie nicht hervorzubringen, aber das Entsetzen, das sich in ihren gleichsam erstarrenden Zügen ausprägte, war genügend, auch Slowfield mit den bösen Mutmaßungen zu erfüllen. »Geben die Gräber ihre Toten wieder heraus?« entwand es sich endlich den farblosen Lippen Miß Sarahs, ohne daß sie ihre Stellung veränderte. Unheimlich berührten diese Worte den elenden Feigling an ihrer Seite. Schärfer spähte er zu den beiden Fremden hinüber. Schon meinte er, daß die langjährige, hinterlistig ausgenutzte Stütze seiner verräterischen Pläne ein Opfer krankhafter Visionen geworden, als diese den ausgestreckten Arm erschöpft sinken ließ. Die Richtung ihrer Blicke blieb dagegen unverändert, und als hätte sie befürchtet, daß ihre Stimme zu den Fremden hinübergetragen werden könne, lispelte sie geheimnisvoll: »Das ist er. Es kann kein anderer sein. Derselbe Kopf, dieselbe trotzige, herausfordernde Haltung, dasselbe Gesicht, nur gealtert und – schöner geworden. Auf jeder anderen Stelle möchte ich zweifeln, auf dieser nicht. Die an seiner Seite kenne ich nicht. Vielleicht seine Frau. Was wollen die hier?« Sie lachte erbittert und gleichsam zischend sprach sie weiter: »Nicht der Zufall führte sie hierher. Sie handeln mit jemand im Einverständnis! – Mr. Slowfield – haben Sie immer noch nicht die Empfindung, als ob sich düstere Wolken über unseren Häuptern zusammenziehen, mir die letzte Zufluchtsstätte geraubt, und zwar von einem entarteten Melville geraubt werden soll? Aber es mußte so kommen: das Geschick war Wider uns. Wie unsere edle, aristokratische Nation den Keulenschlägen eines Volkes elender Krämer und Sklavenräuber erlag, soll der einzelne noch besonders vernichtet werden. –« »Ich verstehe Sie nicht,« fiel Slowfield völlig ratlos ein, »Ihre Phantasie ist erregt – die ewige Einsamkeit – nach unserem vorhergegangenen Gespräch sind Sie geneigt, überall Gespenster zu sehen –« »Gespenster?« unterbrach Miß Sarah ihn gereizt, »nennen Sie Gespenster, was in Fleisch und Blut vor mir steht, nennen Sie das Bilder einer wirren Phantasie? Sehen Sie ihn an, den Gregor Melville, den früheren verhätschelten Taugenichts von Melvillehouse. Betrachten Sie ihn, den ich längst verwest und vermodert wähnte, und unter dessen brudermörderischen Händen gewiß mancher ehrenwerte Sohn des Südens seinen Atem aushauchte. Betrachten Sie ihn genau, diesen Schandfleck unseres Hauses, und versuchen Sie, Gespenster zu nennen, was als eine lebendige Drohung vor uns hingetreten ist!« »Gregor Melville,« versetzte Slowfield kleinlaut, und in seinem Geiste webte es wie eine Vorahnung drohenden Unheils, »jener berüchtigte Gregor – nimmermehr hätte ich den wiedererkannt – freilich, nur selten sah ich ihn und dann flüchtig. Doch beruhigen Sie sich, Miß Melville. Wen brauchen wir überhaupt zu fürchten? Wir stehen auf festem Boden, und ein entfernter Verwandter des Kolonels wäre der letzte, der sich irgendwelche Eingriffe in die hiesigen Verhältnisse erlauben dürfte.« »Auch nicht, nachdem er mit einem wirklichen Mitgliede unseres Hauses sich verbündete?« fragte Miß Sarah scharf, und des Pedlars rätselhafte Gestalt tauchte in ihrer Erinnerung auf. »Und jetzt, da ich den längst Totgeglaubten wieder vor mir sehe, halte ich nichts mehr für unmöglich.« »Ob Sie nicht dennoch sich täuschen,« versetzte Slowfield zweifelnd, »beobachten Sie ihn im Verkehr mit den beiden Schwarzen. Das sieht nicht nach alter Bekanntschaft aus. Es wäre wunderbar, erblickte Dina in jemand, mit dem sie einst aus vertrautem Fuße stand, nur einen Fremden.« »Die mit ihren getrübten Augen sollte jemand erkennen, der vielleicht gar nicht erkannt sein will?« fragte Miß Sarah gehässig. Slowfield antwortete nicht. Erst als Gregor und Thusnelda sich von den beiden alten Leuten und der herbeihinkenden Susanna verabschiedeten, kehrte er sich Miß Sarah wieder zu. »Ist es in der Tat Gregor Melville, so stattet er seiner Tante unfehlbar einen Besuch ab,« meinte er gedämpft. »So darf er Sie nicht hier finden,« fiel Miß Sarah gedämpft ein, »kommt er, so treten Sie dort in mein Schlafzimmer und verhalten sich ruhig. Eine Spanne weit mag die Tür offenbleiben, damit Sie jedes hier gewechselte Wort verstehen – sie schlagen die Richtung nach den Wirtschaftsgebäuden ein – ob die schlanke Gestalt neben ihm seine Frau ist? Sie erinnert mich an jemand, ich weiß nur nicht an wen. Wie sie sich auffällig mit Federn und buntem Tand geschmückt hat!« Sie trat an das Giebelfenster, von wo aus sie die beiden ahnungslosen Wanderer etwas länger im Auge zu behalten vermochte. »Ein neuer Beweis für meine Behauptung,« sprach sie weiter und ihre Stimme bebte vor Erregung, »kein anderer wäre vor seiner alten Reitbahn stehengeblieben – ei, wie er der jungen Person lebhaft erzählt. Er mag ihr schildern, wie er mir zum Hohn gerade vor meinem Fenster mit seinen Gäulen sich herumbalgte. Sie biegen nach den Ställen hinüber. Wie er frohlocken mag, alles in einem heillosen Zustande des Verfalls vorzufinden –« »So entdeckt er auch mein Pferd,« fuhr Slowfield erschrocken auf. Miß Sarah biß auf ihre dünne Unterlippe. Einige Sekunden sann sie nach, bevor sie antwortete: »Das läßt sich jetzt nicht mehr ändern. Finden sie Ihr Pferd, so mögen sie nach Belieben darüber urteilen; was kümmert's mich? Ich bin niemand Rechenschaft schuldig.« Gregor und Thusnelda waren aus ihrem Gesichtskreise getreten. Die beiden Verbündeten begaben sich daher nach dem Blumenfenster zurück, wo sie ihre alten Plätze einnahmen. Obwohl hinauslauschend, um Gregors mutmaßliches Eintreffen rechtzeitig zu unterscheiden, vertieften sie sich alsbald wieder in eifriges Gespräch. Unwillkürlich, wie eines Unrechts sich bewußt, dämpften sie ihre Stimmen, Freundliches war es am wenigsten, was zwischen ihnen zur Beratung gelangte, das offenbarte sich in ihren Blicken, in jedem einzelnen Zuge der erregten Physiognomien. Eine halbe Stunde und darüber war verstrichen, als Gregors Stimme aus der Ferne zu ihnen hereindrang. Die beiden Verbündeten horchten hoch auf. Etwas später erdröhnten auf der Veranda feste Schritte; im nächsten Augenblick griff Slowfield nach seinem Hut und trat in das Nebenzimmer. Miß Sarah hatte unterdessen Slowfields Stuhl zur Seite geschoben, und mit den eckigen Bewegungen eines künstlich belebten Gebildes aus Eisen und Holz nahm sie ihren Platz neben dem Blumenfenster wieder ein. »Hier raste ein wenig,« unterschied sie Gregors tiefe Stimme »hoffentlich trägt die verwitterte Bank dort dein Gewicht noch. Ich kehre bald zurück. Mit hineinnehmen möchte ich dich ungern.« Dann verhallten seine Schritte im Flurgange, um alsbald in der Nähe ihres Zimmers wieder laut zu werden. Auf das Klopfen folgte ein dürres »Herein«. Die Tür öffnete sich und in ihr erschien Gregor, blieb aber, um zuvörderst kurze Umschau zu halten und von deren Erfolg sein Verfahren abhängig zu machen, in der Nähe der Tür stehen. Durch den ersten Blick überzeugte er sich, daß die häßlich gealterte Verwandte noch nichts von jener kalt abstoßenden Haltung eingebüßt hatte, die ihn schon in früher Kindheit mit Scheu, später hingegen mit Abneigung erfüllte. Die großen dunklen Augen blickten sogar noch eisiger; jede einzelne Linie ihres verbitterten Antlitzes zeugte dafür, daß ihr gleichsam fanatischer Hochmut selbst durch überstandene Leiden und Entbehrungen nicht hatte gebeugt werden können. So klang auch ihre Stimme frostig, indem sie, ohne ihre Stellung zu verändern, fragte: »Was verschafft mir die Ehre deines Besuches?« Jetzt erst belebte sich Gregors Gestalt. Er wußte, daß er mit einer Feindin zu rechten habe, und durchdrungen von dieser Überzeugung, antwortete er kaltblütig: »Ihr Empfang beweist mir zweierlei,« und einen Stuhl seiner Tante gegenüber hinstellend, ließ er sich gemächlich auf denselben nieder; »zunächst, daß Ihre Augen noch schärfer sind, als die meiner alten Freundin Dina, die mich nicht erkannte, und ferner, daß ich heute auf keine freundlicheren Gesinnungen zu zählen habe, als in den Zeiten, in denen ich Ihnen stets ein Dorn im Auge gewesen.« »Der Vergleich paßt nicht,« erwiderte Miß Sarah eintönig, jedoch laut genug, um in dem Nebenzimmer verstanden zu werden. »In den Zeiten, auf die du dich beziehst, warst du zu unbedeutend, als daß ich mich viel mit dir hätte beschäftigen mögen. Später hingegen, nachdem sich herausstellte, daß du mit Leib und Seele zu den Feinden deines engeren Vaterlandes hinneigtest, durftest du keine besondere Achtung von mir erwarten. Wer gegen die nächsten Verwandten kämpfte, wohl gar selber das Geschoß entsendete, das den eigenen Wohltäter niederstreckte, in dem kann ich auch heute nur einen Feind erblicken.« »Ich vermeide, Ihre Voraussetzungen zu berichtigen,« versetzte Gregor gelassen, »und welchen Glauben fände ich unter solchen Umstanden bei Ihnen? Ich kam überhaupt nur, um die einst so blühende Plantage –« »Die durch Verrat und Raubmord einer ganzen Nation in eine Wüstenei verwandelt wurde,« schaltete Miß Sarah schneidend ein. »Gut, nennen Sie es nach Belieben,« fuhr Gregor unbeirrt fort, »ich dagegen wiederhole: um den Zustand der Plantage kennen zu lernen, entschloß ich mich zur Reise hierher, um Erkundigungen über diesen und jenen einzuziehen, deren aufrichtiger Zuneigung ich einst mich erfreute. Über den Onkel erfuhr ich bereits früher, und zwar zufällig, daß er in Vicksburg gefallen –« »Von ruchlosen Feinden ermordet wurde,« warf Miß Sarah wieder herbe ein. »Auch in Erinnerung eines Bruderkrieges sollte man nur von Kämpfen sprechen, mögen diese immerhin erbarmungsloser gewesen sein, als wenn nachbarliche Nationen sich gegenseitig mit Krieg überziehen – doch rechten wir nicht über Bezeichnungen. Wenn ich je einen Mann aufrichtig betrauerte, so war es mein großmütiger Onkel. Aber da sind noch andere, um die ich sorgte und heute noch sorge. Zunächst Stocton. Gern sähe ich ihn wieder. Vor kurzem erst nach vieljährigem Aufenthalt in überseeischen Ländern nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, kann es nicht überraschen, wenn mein Weg nicht schon früher mich hierher führte.« Miß Sarah atmete auf. Matte Röte breitete sich wieder über ihr Antlitz aus, ein sicheres Merkmal ihrer heftigen Erregung, gleichviel, ob freundlicher oder feindseliger Natur. Durch seine Frage hatte Gregor den Argwohn verscheucht, daß seine Anwesenheit auf der Plantage in Beziehung zu dem vorhergegangenen Besuche des Pedlars stehe, und es verbleichte die Ähnlichkeit, welche sie an diesem entdeckt zu haben meinte. Sie zürnte der eigenen Phantasie, die ihr ein bedrohliches Bild vor Augen geführt hatte. »Stocton?« hob sie daher nach einer Pause undurchdringlichen Sinnens an, welches Gregor nicht befremdete, »Stocton? Ich hatte mir einst gelobt, den Namen dieses Verräters nicht mehr über meine Lippen zu bringen. Fragst du mich aber nach ihm, so bleibt mir nichts anderes übrig, als dir zu antworten. Stocton, dem verzerrte Begriffe von eingebildeter Ehre höher standen, als Weib und Kind, ist im ersten Jahre des Krieges zugrunde gegangen. Die Art seines Endes kenne ich nicht, hat auch keinen Wert für mich. Traf ihn ein schweres Verhängnis, so hat er selbst es für sich heraufbeschworen.« »Tot!« versetzte Gregor düster und der Schmähungen nicht achtend, die einem Verstorbenen galten. Er mochte sich das Bild des einst so herzlich befreundeten stolzen Offiziers vergegenwärtigen, denn eine Minute verrann, während der die Blicke seiner Tante mit der Schärfe von Nadeln auf ihm ruhten, bevor er wieder emporsah und zugleich fragte: »Seine Frau, Marianne und ihre Kinder, sie blieben hoffentlich von schweren Schicksalsschlägen verschont?« »Nachdem ihr Mann sich treulos von ihr wendete, konnte nichts Schwereres mehr auf sie hereinbrechen. Sie ist verschwunden und verschollen seit einer langen Reihe von Jahren. Sie war eine ehrenwerte, stolze Tochter des Südens; zu stolz, um selbst Freunden zur Last zu fallen. So mag sie einen Winkel aufgesucht haben, in dem niemand sie kennt. Wüßte ich aber, wo sie weilte, so wärest du der letzte, dem ich es anvertraute. Um keinen Preis gönnte ich ihr, daß durch deinen Besuch ihr Friede gestört würde.« Gregor runzelte die Brauen und sah wieder vor sich auf den abgenutzten, schäbigen Teppich nieder. Auch jetzt noch überhörte er die erbitterten Schmähungen, und wie zuvor ruhten Miß Sarahs Blicke mit eigentümlicher Schärfe auf ihm. »Da ist noch einer,« sprach er, und vergeblich mühte er sich, die gewohnte Ruhe in seine Stimme zu legen, »ich meine Gilbert. Ich hoffe, er lebt noch –« »Tot,« warf Miß Sarah frostig ein, »er liegt auf dem Meeresboden. Ein Glück für ihn; da braucht er sich nicht länger um eine Person zu grämen, die seine Liebe mit der Befleckung seines Namens lohnte.« Da richtete sich Gregor noch höher auf, und so durchdringend sah er in Miß Sarahs Augen, daß diese den Kreislauf ihres Blutes stocken fühlte. »Häufen Sie Ihre Beschimpfungen auf wen Sie wollen,« sprach er feierlich, als hätte er ein Todesurteil abgelesen, »verfolgen Sie mit Ihrem Haß noch in ihren Gräbern alle, die einst in Ihre Nähe traten. Dagegen warne ich Sie, den Namen einer Heiligen fernerhin mit Ihren sinnlosen Anklagen zu besudeln. Oder wissen Sie etwa, wo und wie Edith Melville ihr Ende nahm?« Miß Sarah zuckte die Achseln und antwortete erzwungen gleichmütig: »Ich hatte nie Gelegenheit, auch keine Neigung, mich nach jemand zu erkundigen, der eine unüberschreitbare Kluft zwischen sich und Melvillehouse eröffnete.« »Wohlan, so will ich es Ihnen offenbaren,« erwiderte Gregor, »in ferner Wildnis, abgeschieden von allen, an denen ihr treues Herz einst mit so viel Innigkeit hing, hauchte sie ihren letzten Atem aus. Dort liegt sie auch begraben, und ihr Schlummer wird deshalb nicht weniger sanft sein. Weiß Gott, ich hätte ihr ein längeres Leben gegönnt, und dennoch handelte der Himmel vielleicht mit weisem Bedacht, als er sie im Schlaf endgültig allem Leid, allen Verfolgungen entzog. Doch was ergehe ich mich in Schilderungen, von welchen ich voraussetzen muß, daß sie bei Ihnen keiner Teilnahme begegnen? Sprechen wir von weniger ernsten Dingen, wenn es Ihnen nicht zuviel wird. Gibt es Mittel, die Plantage zu verwerten oder wieder emporzubringen?« Mit einer gewissen Hast ging Miß Sarah auf diese Wendung ein. »Weiltest du so lange im Auslande,« antwortete sie spöttisch »so müssen die hiesigen Verhältnisse dir allerdings fremd geworden sein. Wie so viele tausend andere Besitzungen, denen man die Arbeitskräfte stahl, mußte auch Melvillehouse den letzten Wert verlieren. Wenn aber die Gläubiger sich scheuen, ihre Ansprüche an die verwilderte Scholle geltend zu machen, so haben etwaige Erben um so weniger Ursache zu irgendwelchen Hoffnungen.« »Keines schönes Bild, das Sie entwerfen,« nahm Gregor wieder das Wort, »doch gleichviel. Was ich zu wissen wünschte, habe ich erfahren; wollte Gott, ich hätte befriedigter von dannen gehen können.« Er erhob sich. »Jetzt möchte auch ich eine Frage an dich richten,« kam Miß Sarah seinem letzten Abschiedswort zuvor, »Du kamst nicht allein. Ich sah dich in Begleitung einer jungen Person –« Gregor unterbrach sie durch die leidenschaftslose Bemerkung: »Auch Sie waren bisher nicht allein. Ich glaube wenigstens, es daraus entnehmen zu dürfen, daß ich das Reitpferd eines gewissen Slowfield im Stalle vorfand. Ich vermute, der Herr wird bei ferneren Besuchen einen anderen Stand für sein Tier wählen,« Einige Sekunden starrte Miß Sarah befremdet in Gregors unerbittlich strenge Augen. Da Slowfield selber die Bemerkung gehört haben mußte, ging sie nicht näher auf sie ein, sondern antwortete mit versteckter Wut: »Die Plantage in ihrer Verwahrlosung ist gewissermaßen Gemeingut geworden. In meiner Macht liegt es nicht, jemand zu wehren, wenn er herrenloses Gut sich zunutze macht. Du bist mir noch die Erklärung schuldig, wenn es dir überhaupt gefällt, mir eine solche zu erteilen. Ich vermute, die junge Person – Dame sollte ich vielleicht sagen – ist deine Frau –« Sie stockte vor der Art, in welcher Gregors Antlitz sich verfinsterte. Böser Hohn zuckte um seine Lippen. »Nicht meine Frau,« sprach er kurz, »sondern mein Schützling. Ich will Sie indessen vollständig aufklären. Als Edith, grausam verfolgt, in ferner Wildnis zum Sterben kam, war ich der einzige, der ihren letzten Atem überwachte. Aus ihren erstarrenden Armen nahm ich das hilflose Kind; meinem Versprechen getreu, ließ ich es seitdem nicht mehr von mir. Treu habe ich es überwacht, nach besten Kräften erzogen und ausgebildet, was durch eine reiche Begabung mir allerdings erleichtert wurde. Jetzt ist Thusnelda eine Dame, die dem stolzesten Fürstenhause zur Zierde gereichen würde, es ist dieselbe junge Person« – und er betonte das letzte Wort schärfer – »die draußen auf mich wartet. Sollte die Enkelin meines Onkels und Wohltäters noch irgendwelche Ansprüche an dessen Hinterlassenschaft haben, so betrachte ich es als meine Pflicht, dieselben geltend zu machen,« und mit einer leichten Verbeugung sich abkehrend, schritt er aus dem Zimmer. Gleich darauf erschien Slowfield in der Tür des Schlafgemachs. »Ein recht angenehmer Besuch,« sprach er hämisch, und erschrocken kehrte Miß Sarah sich ihm zu, »von dem Burschen, dem Gregor, war freilich nichts anderes zu erwarten.« Miß Sarah seufzte tief auf; es verhärteten ihre Züge sich wieder in gärendem Zorn. »Sprechen wir nicht weiter von ihnen,« antwortete sie eintönig, »ich fühle mich erschöpft. Es sind heute schon so viele Ansprüche an meine Kräfte gestellt worden.« Singsang rastete behaglich auf der Bank unter dem Baldachin. Neben ihm saß Susanna, die das Wasser herbeigetragen hatte. Die Pferde ließen die Köpfe hängen. Träge senkten sie die Lider über die klaren Augen. Sie schienen zu träumen. Plötzlich richteten sie sich auf, und die Ohren spitzend, sahen sie nach dem Fahrweg hinüber. Singsang und Susanna folgten ihrem Beispiel, und das mongolische wie das afrikanische Gesicht erhellten sich in gleichem Maße zu einem Grinsen der Befriedigung, als sie Gregors und Thusneldas ansichtig wurden. Diese gingen Arm in Arm, wie gute Kameraden. Seitdem sie die Veranda verließen, hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wie ein böser Bann ruhte es auf ihren Gemütern. Da drang das leise Wiehern herüber, mit dem der eine Falbe sie begrüßte, und einem belebenden Sonnenstrahl ähnlich eilte es über ihre Züge. »Die Tiere sind doch besser als die Menschen,« bemerkte Gregor, und er atmete auf, wie einem Chaos peinlicher Betrachtungen sich entwindend. »Doch wohl mit einzelnen Ausnahmen,« pflichtete Thusnelda freundlich bei. »Nun ja, dich nehme ich aus,« meinte Gregor freier, »und dennoch, von Egoismus, und wäre es nur eine Probe, darf sich kein Sterblicher freisprechen, auf Selbstsucht aber wuchern mehr oder minder Eigenschaften, die den Tieren fremd sind.« Thusnelda trat zwischen die beiden Falben, sie liebkosend und herzige Worte an sie verschwendend. Ein Weilchen betrachtete Gregor das freundliche Bild mit ernster Teilnahme. Dann kehrte er sich Susanna zu, die vor ihn hinhinkte und ihr glückselig strahlendes Antlitz zu ihm erhob. »Master Gregor,« redete sie ihn an und sie zeigte zwei Reihen Zähne, die einem Wolf zur Ehre gereicht hätten, »Wasser hab' ich zugetragen und gelauscht hier und da.« »Wer verriet dir meinen Namen?« fragte Gregor befremdet. »Miß Sarah,« hieß es triumphierend zurück; »auf dem Hausboden saß ich und nach unten horchte ich, wo Miß Sarah und der schreckliche Slowfield redeten. Wüßten sie's, so schlügen sie mich tot. Vor Ihnen fürchten sie sich – hab's deutlich gehört. Sie verraten mich nicht, Master Gregor. Sie sind gut. Großmutter und Großvater erzählten Erstaunliches von dem Master Gregor. Wir lieben ihn sehr. Auch den Kapitän Stocton fürchten sie. Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren. Aber der ist tot; Tote braucht man nicht zu fürchten. Vielleicht erfahre ich mehr; das erzähle ich dem Master Gregor, wenn er wieder hierher kommt.« »Gut, Susanna, das tue,« versetzte Gregor, als die junge Schwarze mit ihrem von unzweideutigem Haß zeugenden Bericht, auf den er keinen hohen Wert legte, zu Ende gekommen war; »aber sei vorsichtig, damit die Neugierde dir keine Strafe eintragt. Kehre ich hierher zurück, so magst du mir alles erzählen, was du weißt. Doch jetzt geh' zu der alten Dina; grüße sie und meinen alten Freund Pompy; hier hast du auch noch etwas für deine Dienstleistung,« und er drückte der hochbeglückten Negerin einige kleine Geldmünzen in die Hand. Auf sein Geheiß legten Singsang und Thusnelda einen Teil der mitgebrachten Speisen in den leeren Eimer; als Susanna aber mit ihren Schätzen heimwärtshinkte, blickte Gregor ihr sinnend nach. Er begriff, daß in demselben Maße, in dem er das Vertrauen des armen Geschöpfes gewonnen hatte, dessen Haß gegen seine Peiniger wuchs. – – Einsilbiger, als es sonst ihre Art, verkehrten die drei befreundeten Gestalten bei ihrem Mahl unter dem Baldachin miteinander. Erst als sie eine Stunde später den Wagen bestiegen und Thusnelda die Pferde in den Weg zurücklenkte, entwanden sie sich den bei dem Besuch der Plantage empfangenen Eindrücken, die seither wie ein böser Alp auf ihnen lasteten. Dreizehntes Kapitel. Im Zirkus. Vor einer Straßenecke in New-Orleans, auf welcher riesenhafte buntfarbige Plakate den Vorübergehenden Wunderbares verkündigten, stand jener Pedlar, der tags zuvor Melvillehouse besuchte. Den Warenballen hatte er in einem Kosthause, seinem zeitweiligen Heim, abgelegt, um, gleichsam rastend, die Straßen zu durchwandeln. Im Vorbeigehen streiften seine Blicke das Plakat. Als wäre irgend etwas an demselben ihm aufgefallen, trat er näher, und befremdet las er: »Nachdem die Geschwister Gregor von ihrer vieljährigen Kunstreise durch alle europäischen Staaten in ihre Heimat zurückgekehrt sind, ist es uns gelungen, dieselben für zehn Vorstellungen zu gewinnen. Die Geschwister Charles und Thusnelda Gregor in ihren Übungen auf zwei ungesattelten Pferden.« Ferner: »Der Chinese Tsung-Tsang als Zauberkünstler,« und endlich am Schluß: »Die Pferde sind Eigentum des Mr. Gregor und von ihm selbst dressiert.« – »Gregor und Thusnelda,« wiederholte der Pedlar, sichtbar betroffen, halblaut. »Und doch kann es nicht sein,« spann er seine Betrachtungen in Gedanken weiter, ohne die Blicke von den beiden Namen abzuziehen. »Der Zufall treibt oft sein wunderbares Spiel, und von der Gemütsstimmung ist es abhängig, ob man darüber hinwegsieht oder sich von ihm in die Irre führen läßt.« Zweifelnd schüttelte er sein Haupt. »Gregor – Thusnelda,« lispelte er wiederum; »wie diese alten befreundeten Namen mich anheimeln! Woher mögen deren Träger stammen?« Er sah nach der Uhr und verglich die Zeit mit dem auf dem Plakat verkündeten Anfang der Vorstellung und den Nummern des Programms. Der Abend senkte sich bereits feucht und kühl auf die sonnendurchglühte Stadt. Der erste Teil der Vorstellung mußte bald sein Ende erreichen. Dann eine Pause, und die Träger der beiden für ihn rätselhaften Namen folgten als dritte oder vierte Nummer. Abermals sah er nach der Uhr. »Es wäre Torheit,« folgten seine Gedanken aufeinander; »ich als neugieriger Besucher eines Zirkus,« und ein unsäglich herbes Lächeln trat auf sein vernarbtes Antlitz. »Ginge ich nicht hin, so würde das eine neue Quelle beunruhigender Grübeleien für mich sein. Ich muß wissen, wer sich hinter diesen Namen verbirgt, ich muß es wissen, um sie zu vergessen, oder – es könnte doch sein, daß gerade ein Zufall –« Wie sich selbst verspottend, lächelte er in seinen weißgemischten, durch die schreckliche Krankheit gelichteten Vollbart hinein. Einen letzten Blick warf er auf den Zettel und ungesäumt verfolgte er die Richtung, die ihn ganz aus der Stadt hinausführte. »Alles ausverkauft bis auf den letzten Platz,« lautete die mit einer gewissen Erhabenheit erteilte Antwort, als er am Kassenschalter des Zirkus eine Eintrittskarte verlangte, »morgen findet indessen dieselbe Vorstellung statt.« »Schade,« versetzte der Pedlar und am wenigsten mit dem Ausdruck jemandes, der seinen Abend bei heiteren Genüssen zu verbringen wünscht, »wer weiß, ob ich morgen noch hier bin. Vielleicht fände ich im Eingange ein bescheidenes Plätzchen? Nur einen Blick möchte ich auf die beiden Hauptkünstler werfen –« »Dann beeilen Sie sich: die sind eben in die Manege geritten,« fiel der Mann am Kassentisch nunmehr zuvorkommend ein, und als der Pedlar einen Dollar vor ihn hinlegte, fügte er hinzu: »Die Hälfte der Vorstellung ist vorbei, ich kann nur die Hälfte des Preises für einen elenden Stehplatz beanspruchen.« »Lassen Sie,« unterbrach der Pedlar ihn mit unverkennbarer Hast, und gleich darauf verschwand er hinter dem grünen Friesvorhang. Der plötzliche Übergang von dem letzten scheidenden Tageslicht zu einer durch Hunderte von Flammen erzeugten, glänzenden Beleuchtung war so jäh, daß der Pedlar sich anfänglich geblendet fühlte. Über die Köpfe der vor ihm Stehenden hinweg unterschied er nur vorüberflatternde farbige und glitzernde Gewänder. Seine Augen gewöhnten sich indessen schnell an das künstliche Licht, und sich nach vorn schiebend, erreichte er eine Stelle, von der aus er die Manege notdürftig zu überblicken vermochte. Und als auf ein Zeichen des die Peitsche führenden Chinesen die Pferde in einen gemächlichen Schritt verfielen, Reiter und Reiterin zur kurzen Rast sich auf deren Rücken niederließen und statt der Musik betäubender Beifallslärm das geräumige Zelt erfüllte, fand er Gelegenheit, auch deren Gesichtszüge aufmerksamer zu betrachten. Als sie aber gleich darauf dicht vor ihm vorübergetragen wurden, da war es, als ob ein Vorhang vor seinem Geiste zur Seite gezogen worden wäre, die holdesten Bilder einer fernen Vergangenheit entschleiernd. Tief atmete er auf. Gespannt folgten seine Blicke der schönen Gruppe, die Gregor und Thusnelda in ihrer Zusammenstellung mit den beiden edlen Pferden bildeten. Er sah nicht, wie ein von bronzierten Weiden geflochtenes leeres Füllhorn hereingebracht und dem Chinesen übergeben wurde, nicht, wie dieser den leichten Behälter nach allen Seiten schwang, schließlich umkehrte und mit einer tiefen Verbeugung Gregor nach dem Pferde hinaufreichte. Kaum aber hatte er seine Stelle in der Mitte der Manege wieder eingenommen, als die Musik ertönte und die Pferde sich in Galopp setzten. Gregor und Thusnelda schnellten auf ihre Füße empor. Einen Rundlauf vollendeten sie wie zur Probe; dann schwang Thusnelda, von dem Gefährten unterstützt, sich auf dessen vorgebeugtes Knie, und in gleichsam schwebender Stellung sich nach vorn neigend, nahm sie das Füllhorn in Empfang. Fast gleichzeitig griff sie in dasselbe hinein, zum Erstaunen der in einen Beifallssturm ausbrechenden Zuschauer ein Blumensträußchen hervorziehend. In weitem Bogen warf sie es unter die Menge, und wieder und immer wieder holte sie neue Blumenspenden hervor, um sie nach allen Richtungen auszustreuen. Wilder tobten, stampften und kreischten die begeisterten Zuschauer. Der Blumenvorrat schien kein Ende nehmen zu wollen. Woher er kam, blieb selbst dem nüchternsten Beobachter rätselhaft, und daß keine Sinnestäuschung waltete, davon vermochte sich jeder leicht zu überzeugen, der in den Besitz einer der kleinen duftenden Gaben gelangte. Als endlich das letzte Sträußchen Thusneldas Hand entglitten war, kehrte sie den Behälter um, und es entströmte demselben eine solche Fülle zarter Rosenblätter, daß sie, durch die Schnelligkeit der Bewegung bedingt, wie die Flocken bei einem Schneetreiben davonwirbelten. Der betäubende Jubel, der diese letzte Szene begleitete, dauerte noch, nachdem Gregor den Lauf der Pferde abermals zu einer langsamen Gangart gemäßigt hatte. Er schwand und steigerte sich wieder. Durchdringender erschollen die Beifallsrufe und Aufforderungen zur Wiederholung, als Singsang dadurch wieder eine erträgliche Ruhe herstellte, daß er das Füllhorn nach einigen seltsamen Schwingungen in der Mitte der Manege umgestürzt hinstellte. Die wenigsten achteten auf ihn. Beinahe alle Blicke waren unverwandt auf Gregor und Thusnelda gerichtet, die nachlässig auf ihren Pferden saßen und aufmerksam den bezopften und trotz seiner Wohlbeleibtheit unerklärlich gewandten Gefährten beobachteten. Endlich gab Gregor ein Zeichen nach dem Orchester hinauf, welches das letzte Rennen sofort mit einem Geschwindmarsch einleitete. Beim ersten Ton der Musik sprang das Reiterpaar empor, nunmehr aber nebeneinander auf den Pferden festen Fuß fassend. Gregor hielt mit der ausgestreckten rechten Hand, Thusnelda mit der linken eine Endquaste der Scharlachtoga, daß dieselbe sich hinter ihnen bauschte, und ein Ritt begann, als hatte es sich um Leben und Tod gehandelt. Auf Singsang und seine geheimnisvollen Bewegungen achtete jetzt keiner mehr. Erst nachdem er das Füllhorn emporgehoben hatte, eine neue Blumenflut unter demselben hervorquoll und dieser zwei weiße Tauben entflatterten, richteten sich alle Augen auf ihn. Ein neuer Beifallssturm brach los, als die beiden Tierchen, anfänglich geblendet, bis zur Höhe des Kronleuchters hinaufflogen, dann aber dem Reiterpaar folgten und, fortgesetzt lebhaft die Schwingen rührend, auf dessen Schultern und ausgestreckten Armen sich niederzulassen suchten. Einige Male vollendeten die beiden Renner in dieser Weise ihren Rundlauf; die Barriere wurde geöffnet, und anstatt abzusteigen und für den Beifall zu danken, verschwanden Gregor und Thusnelda, noch immer umflattert von den Tauben, hinter einem vor ihnen geöffneten Vorhang. Singsang, die Beseitigung der Blumen und des Füllhorns den Stallbediensteten anheimgebend, folgte ihnen ungesäumt nach. Einige Sekunden herrschte noch Schweigen auf den dichtgefüllten Bänken. Dann aber erhob sich ein Poltern, Pfeifen und Brüllen, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet gehabt und einen Teil ihrer wahnwitzigen Bewohner entsendet. Wohl trachtete eine Anzahl Glieder verrenkender Clowns, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und beschwichtigend zu wirken, allein vergeblich. Wann immer der Lärm sich ein wenig legte, genügten einige Rufe nach Gregor und Thusnelda, die Begeisterung wieder auf den Gipfel zu treiben. Mit Gewalt wollte man sie wiedersehen, um ihnen eine letzte, alles Vorhergegangene übertreffende Huldigung darzubringen. Doch während auf den Bänken das Toben seinen ungestümen Fortgang nahm, waren Gregor und Thusnelda hinter dem Vorhang von den Pferden gestiegen. »Wollen wir noch einmal hinein?« fragte Thusnelda, die beiden Tauben nunmehr auf den Schultern. »Nein,« antwortete Gregor kurz, »du weißt, es verstößt gegen meine Anschauungen.« »Hör', wie sie toben. Ich fange an, mich zu ängstigen –« »Du wirst dich bald an die amerikanischen Sitten gewöhnen,« erklärte Gregor; »geh' und kleide dich um. Das braune Voltigierpferd!« rief er nach den Stallräumen hinüber, und wieder zu Thusnelda: »Ich werde sie allein befriedigen – beeile dich also.« Thusnelda schickte sich zum Gehen an, als ein junger Offizier vor sie hintrat und ihr einen Strauß der schönsten Blumen überreichte. Finster betrachtete Gregor zuerst ihn, dann Thusnelda, deren Blicke seine Augen suchten, wie um aus denselben das von ihr zu beobachtende Verfahren herauszulesen. Nur einer Sekunde bedurfte sie, um sich zu entscheiden. Hochmütig dankend neigte sie das Haupt kaum merklich und sich abkehrend, schritt sie davon. Der junge Mann erschrak. Seine Verwirrung wurde aber dadurch gesteigert, daß der Raum sich mit Zugehörigen des Zirkus füllte, unter diesen mehrere im Flitterstaat, die ihm Blicke der Schadenfreude zusandten. »Nehmen Sie vorlieb mit dieser Lehre,« wendete Gregor sich an ihn, sobald Thusnelda fortgetreten war, und seine Beschämung mochte ihn dauern, zumal er in ein frisches, beinahe mädchenhaft zartes Antlitz sah, »glauben Sie mir, hätte ich hier zu befehlen, dürfte kein Fremder auch nur einen Blick hinter diesen Vorhang werfen.« »Der Eintritt wurde mir nicht verwehrt, da hielt ich mich für berechtigt, einer hervorragenden Künstlerin in aller Ehrerbietung meine Huldigung darzubringen. Ich wählte vielleicht nicht den richtigen Weg, und dafür empfing ich allerdings eine demütigende Lehre,« erwiderte der junge Mann, und sich stolz umkehrend, begab er sich in den Zirkusraum zurück. Einen Blick des Wohlgefallens sandte Gregor ihm nach. »In dem steckt bei aller Zudringlichkeit Anstandsgefühl,« sprach er vor sich hin; dann zu dem herantretenden Singsang: »Ich muß noch einmal hinein, oder die Menschen brechen mit den Bänken zusammen. Sorge für das Springtuch. Dessen Ausspannen wird sie vorläufig etwas beruhigen. Du hältst das eine Ende. Acht Fuß hoch, senken kannst du es jederzeit.« Singsang entfernte sich. Keine zwei Minuten dauerte es, und Gregor erschien wieder, jetzt aber ohne Kopfreif. Den Scharlachrock hatte er abgelegt, dafür schmückte ihn ein funkelnd gestickter Schurz. Zugleich wurde unter dem gehobenen Stallvorhang ein ungewöhnlich hohes, kräftig gebautes Pferd sichtbar. Gregors Züge verklärten sich förmlich. Schnell trat er zu dem Pferde heran. Sorgfältig prüfte er den Zaum und den mit einem starken Griff versehenen Gurt; dann lauschte er in den Zirkus hinaus, wo man eben einige lustige Streiche der Clowns belachte. Ja, alles lachte. Nur einer nicht, und das war der Pedlar, der seit seinem Eintritt seine Stellung noch nicht verändert hatte. Das Haupt auf den ihn stützenden Arm gelehnt, schien das, was ihm vor Augen flirrte und flimmerte, seinen Blicken verloren zu gehen. Selbst Gregor und Thusnelda hatten, nachdem seine erste Erregung sich einigermaßen ebnete, keine Wandlung mehr in dem gramdurchfurchten Antlitz zu bewirken vermocht. Nur ein aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht entdeckt, daß seine Brust wie vor einem verhaltenen schmerzlichen Seufzer sich erweiterte, hin und wieder eine Träne an seinen Wimpern zitterte. Nachdem Gregor und Thusnelda seinen Blicken entschwunden waren, wollte er sich entfernen. Doch voraussehend, daß sie auf die dringenden Zurufe noch einmal erscheinen würden, beschloß er, bis dahin auszuharren. Seine Vermutung erhielt ihre Bestätigung, als unter des Chinesen Leitung oberhalb des Eingangs ein roter Zeugstreifen ausgespannt wurde. Die Musik begann, die Clowns stoben nach allen Richtungen auseinander und alle Blicke richteten sich auf den Vorhang. Er öffnete sich, doch nur ein leeres Pferd stürmte unter ihm hervor. Indem es aber mit einem gewaltigen Sprunge über den Zeugstreifen hinwegsetzte, wurde oberhalb desselben eine in horizontaler Lage schwebende Gestalt sichtbar, die mit ihm zugleich den sandigen Boden der Manege berührte, augenblicklich aber wieder emporschnellte und beim nächsten Sprunge auf des Tieres Rücken saß. Betäubender Jubel folgte, sobald man Gregor erkannte, der nunmehr, bald mit der rechten Hand, bald mit der linken, bald mit beiden den Griff des Gurtes packend, im vollsten Rennen eine Reihe von Voltigen ausführte, bei denen in erhöhtem Grade seine ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit zur Geltung gelangten. Schon beim dritten Rundlauf streifte er den Zaum vom Kopf des Pferdes, für dieses ein Zeichen, seine Kräfte aufs äußerste anzuspannen. Und so ging es dahin in wildem und doch regelmäßigem Galopp. Man wußte nicht, befand Gregor sich mehr auf der Erde oder in den verschiedensten Stellungen auf dem glatten Rücken des Pferdes. Wie bei diesem, war auch sein Blut in ungestüme Wallung geraten. Nichts hörte er, als das Keuchen des ihm pünktlich dienenden Tieres, und das klang in seinen Ohren wie zärtliches Liebesgeflüster. Wie er in die Manege gesprengt war, verließ er diese wieder, und kaum hatte der Vorhang sich hinter ihm geschlossen, als auch betäubender Lärm das Zelt bis in seine äußersten Winkel erfüllte. Wohl erreichte er ihn, allein er achtete nicht darauf. Das Pferd liebreich klopfend und ihm schmeichelnd, schritt er um dasselbe herum. Einige Augenblicke drückte er dessen sammetweiche Nüstern an seine Wangen, und nachdem er es der Fürsorge eines Stallknechtes streng anempfohlen hatte, kehrte er sich dem herzutretenden Singsang zu. »Bleibe, bis die Tiere sich ausgiebig beruhigt und abgekühlt haben,« riet er ihm, »ich begleite Thusnelda nach Hause, Ich fürchte, der heutige Abend erschöpfte sie mehr, als je einer zuvor. Einen derartigen Beifall erlebte sie nie. Man hätte glauben mögen, daß die Menschen uns ans Leben wollten,« »Thusnelda ist kräftiger, als wir beide zusammengenommen,« erklärte Singsang stolz und er wiegte sein rundes Haupt unendlich weise, »je toller das Rennen, um so lustiger schaut sie darein.« »Ich leugne es nicht, Singsang; den Wagen möchte ich sie indessen nicht ohne Begleitung besteigen lassen. Hatte ich doch meine Not, einen zudringlichen Burschen, der ihr Blumen darbrachte, ohne viel Aufsehen fern zu halten. Sorge auch für die Tauben – morgen mögen wir deren vier nehmen. Einen neuen Blumenvorrat bestelle ebenfalls. Es ist erstaunlich, was die Menschen auf derartige harmlose Ausschmückungen geben; aber Klappern gehört zum Handwerk, so widerwärtig, wie es mir sein mag.« »Gilt alles als Zauberei,« meinte Singsang, verständnisinnig lächelnd, »morgen lasse ich ein Bäumchen aus der Erde wachsen, blühen und Früchte tragen. Thusnelda könnte unterdessen einige Dutzend Bilderbriefe nach den höchsten Bänken hinaufwirbeln lassen.« »Nein, Singsang, für sie ist das nichts – doch wir sprechen noch darüber,« und den alten Freund vertraulich auf die Schulter schlagend, begab er sich in seinen Ankleideraum. Der Pedlar hatte um diese Zeit den Zirkus verlassen. Was er wissen wollte, hatte er erfahren, und jetzt erst wirkte das Beobachtete mit voller Gewalt in ihm nach. Denn am wenigsten hätte er erwartet, Gregor sowohl wie Thusnelda als Leute wiederzufinden, die ihren Erwerb in öffentlichen Schaustellungen suchten. Er blieb stehen und sah um sich. Sommerliche Dunkelheit hatte sich unter dem südlichen Sternenhimmel auf die Stadt gesenkt. Bei dem Licht mehrerer Laternen erkannte er eine mit zwei Pferden bespannte geschlossene Kutsche, die neben einem Ausbau des Zeltes hielt und offenbar jemand erwartete. Langsam schritt er hinüber. »Ich vermute, Sie warten auf die Geschwister Gregor?« redete er den Kutscher an. »Sie sprechen es aus,« antwortete der Mann auf dem Bock gelangweilt. »Wo wohnen die Herrschaften?« forschte der Pedlar weiter. »Ich vermute, Leute, wie die, suchen ihre Unterkunft nicht in einem Gasthofe zweiten Ranges.« »Bei Gott, Herr,« versetzte der Kutscher etwas lebhafter, »wenn ich je gute, freundliche und freigebige Herrschaften fuhr, so sind's die beiden Geschwister und ihr wunderlicher Chinamann; und wenn je einer verdiente, im ersten Hotel der Welt einquartiert zu werden, so sind's die beiden jungen Herrschaften ebenfalls. Nein, Herr, dies sind keine alltäglichen Reiter. Hatte nämlich Gelegenheit, vor einem Viertelstündchen einen Blick in den Bau zu werfen. Die reiten wie Teufel und nicht wie sterbliche Menschen.« »Also in einem Gasthofe erster Klasse? Der Kutscher nannte bereitwillig den Namen eines der ersten Hotels der Stadt. Der Pedlar wünschte einen guten Abend und schritt weiter. »Besser heut, als morgen,« sprach er vor sich hin, nachdem der Wagen seinen Blicken entschwunden war, »aber nicht gleich, nein, nicht gleich,« und das Haupt geneigt und die Schultern gebeugt, wie nach Aufnahme seines Warenballens, folgte er langsam dem um die Stadt herumführenden, noch immer sehr belebten Wege nach. Vierzehntes Kapitel. Im Hause eines Landagenten. Unter den Menschen, die nach Schluß der Zirkusvorstellung in dichten Gruppen der Stadt zuwanderten, von flinken Gespannen oder ehrbaren Mietsgäulen heimwärts geführt wurden, befand sich auch Slowfield. Seine Aufmerksamkeit hatten, zumal nach den Erfahrungen in Melvillehouse, die beiden vertraut klingenden Namen auf den Plakaten ebenfalls erregt. Über deren Träger walteten bei ihm keine Zweifel, und doch beseelte ihn das Verlangen, sich von der Wahrheit seiner Mutmaßung zu überzeugen. In Besorgnis, von Gregor erkannt zu werden, hatte er seinen Platz auf einer der letzten, amphitheatralisch übereinander liegenden Bänke gewählt, und zwar oberhalb des Eingangs. Es war dadurch die Möglichkeit für ihn ausgeschlossen, des Pedlars ansichtig zu werden, wie er selbst diesem verborgen blieb. Der erste Eindruck, den das verwegene Reiterpaar auf ihn ausübte, war ein fesselnder. Erst allmählich entwand er sich dem von demselben ausströmenden Zauber, um sich zunächst einem Gefühl triumphierender Befriedigung hinzugeben. Dies Gefühl verließ ihn selbst dann nicht, als er eine Stunde später in das Gewirre enger Gassen und Straßen eines der ältesten Stadtteile sich vertiefte. Es war dies die Region der Magazine und Warenlager, der Kontore und bescheiden wohnender Buchhalter; also eine Gegend, in der jemand, der wenig beachtet zu leben wünschte, leicht ein seinen Neigungen entsprechendes Unterkommen fand. In einer dieser Straßen lag Slowfields Haus. Es war schon seit einer langen Reihe von Jahren in seinem Besitz gewesen. Dafür zeugte schon allein das von Grünspan zerfressene Messingschild oberhalb des Türklopfers, auf dem indessen noch immer deutlich zu lesen war: »Slowfield, Agent für Häuser- und Landverkäufe.« Um die Stunde, zu welcher in den lichteren Stadtvierteln der heitere gesellige Verkehr erst seinen Anfang nahm, herrschte in der Umgebung jenes Hauses bereits nächtliche Ruhe. Nur wenig Menschen belebten die melancholisch beleuchtete Straße. Überraschend erschien es daher, daß eine kleine Gestalt, die so lange den Schatten der Mauern gesucht hatte, vor Slowfields Tür stehen blieb und, den Arm nach oben ausstreckend, den Klopfer dreimal mit mäßiger Gewalt auf seinen Ambos niederfallen ließ. Dann kehrte sie sich der Straße wieder zu, mit unverkennbarer Scheu aufwärts und abwärts spähend. Eine Minute verrann. Ängstlicher sah die kleine Gestalt, ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, um sich, als im Innern des Hauses leichte Schritte vernehmbar wurden. Gleich darauf drehte sich knirschend ein Schlüssel und geräuschlos wich die Tür nach innen. »Louis, bist du es?« fragte eine gedämpfte Frauenstimme aus dem finsteren Flurgange heraus. »Ich bin's,« hieß es ebenso geheimnisvoll zurück, »treff' ich dich allein zu Hause?« »Ganz allein, Louis. Trete unbesorgt näher. Mr. Slowfield kehrt in der ersten Stunde nicht heim, kommt er aber, bist du bei mir sicher vor ihm.« Louis schlüpfte in den Flurgang, die Tür wurde geschlossen und verriegelt. »So, Louis,« begann die Frauenstimme endlich wieder, indem sie im Hinterhause eine angelehnte Tür zurückstieß und dadurch den Eingang zu einem matt erhellten kleinen Zimmer freilegte, »hier stört uns niemand, da mögen wir ein halbes Stündchen nach Herzenslust plaudern.« Louis atmete erleichtert auf, und in den Schein einer düster brennenden Lampe tretend, nahm er einen Blechkasten unter dem Arm hervor, ihn wie im Triumph vor sich hochhebend. »Das war ein gefährlich Stück Arbeit,« erzählte er, und sein krankhaft hageres Mulattengesicht erhielt einen schadenfrohen Ausdruck, »aber ich hab's geschafft, Tante Nelly; und eine weiß ich noch, die bring' ich, und müßte ich eine Woche auf sie lauern.« »Nun zeige, was du hast,« ergriff Tante Nelly alsbald das Wort, und den Kasten zu sich heranziehend, hob sie dessen Deckel empor. Eine Weile starrte sie finster in den kleinen Behälter hinab. Eine seltsame Befriedigung gelangte dabei auf dem bleichen Antlitz zum Durchbruch. »Die ist schön,« lispelte sie nach einer Pause dumpfen Schweigens, »die übertrifft alle anderen, die du bisher brachtest. Aber mehr noch mußt du anschaffen, Louis, mindestens ein Dutzend.« Sie erhob sich, holte einen flachen Teller und ein Fläschchen herbei, außerdem einen zugespitzten Federkiel. In dem Fläschchen befand sich eine trübe Flüssigkeit, höchstens ein Fingerhut voll. Behutsam öffnete sie dasselbe. Dann holte sie aus dem Kasten den abgeschnittenen dreieckigen Kopf einer ungewöhnlich großen Klapperschlange hervor. Aufmerksam betrachtete sie das scheußliche Gebilde, und zu einem Messer greifend, trennte sie den Unterkiefer behutsam von dem oberen. »Die hat gut geladen,« sprach sie wie zu sich selbst, und wohlgefällig schob sie den Hautsack von dem einen Giftzahn zurück. Sobald aber ein Tröpfchen sich an der Spitze des Zahns bildete, nahm sie das Fläschchen zur Hand, und den Zahn über dessen Öffnung haltend, benutzte sie den Federkiel zu neuem Pressen und Drücken, infolgedessen drei oder vier Tropfen des tödlichen Giftes ihren Weg in die Flasche hinabfanden. Genau ebenso verfuhr sie mit dem anderen Zahn, worauf sie die Reste des Schlangenkopfes in Papier wickelte, um alles in dem eisernen Kochofen zu verbrennen. Nachdem sie das Fläschchen mit peinlicher Sorgfalt zugekorkt hatte, hielt sie es zwischen Auge und Lampe. »Der Vorrat ist wieder etwas gewachsen,« bemerkte sie spöttisch, während es in ihren dunklen Augen seltsam aufleuchtete, »je mehr, um so besser, und daher, Louis, laß es dich nicht verdrießen, deine Jagd fortzusetzen. Nur auf der Hut mußt du sein. Das kleinste Hautritzchen, von einem dieser Scheusale geschlagen, und du bist nach 'ner halben Stunde eine Leiche.« Der Mulatte grinste boshaft. »Ich bin ihnen zu schlau,« versetzte er selbstbewußt, »ein leichter Schlag mit der Gerte dicht hinter den Kopf und sie rühren sich nicht mehr. Nur die Klappern rasseln noch, wenn ich ihnen den Kopf abschneide. Doch sage, Tante Nelly, was willst du mit dem vielen Gift?« Nellys Antlitz verfinsterte sich; erst nachdem sie das Fläschchen verwahrt und alle Merkmale ihres unheimlichen Beginnens beseitigt hatte, antwortete sie mit geisterhafter Ruhe: »Wie oft soll ich dir's wiederholen: eine Arznei stelle ich her, wie sie alle Ärzte der Welt nicht feiner erfinden. Die heilt nämlich alles von Grund aus, Rheumatismus wie kranke Herzen. Doch wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden. Ich seh' dirs an, du bist hungrig; da sollst du essen nach Herzenslust.« Und wie sie gesagt hatte, so geschah es. Sie speiste den elenden Knaben und weidete sich an der Gier, mit dem er seinen Appetit befriedigte und zugleich ihren Belehrungen lauschte. Seinen gesäuberten Blechkasten füllte sie unterdessen mit Brot und Fleischresten, denen sie etwas Tee, Kaffee und Zucker beifügte. Dabei verstrich die Zeit unmerklich, und erschrocken sah sie auf, als zwei laute Schläge, mit welchen Slowfield sich anmeldete, durch das Haus schallten. Louis zitterte. »Er bringt mich um, er bringt mich um,« flüsterte er entsetzt, als Nelly ihn durch einen Blick beschwichtigte. »Hier bleib' und rühr' dich nicht,« rief sie ihm über die Schulter zu, indem sie mit der Lampe das Gemach verließ. Gleich darauf schob sie die Riegel von der Haustür zurück. »Ist jemand hiergewesen?« fragte Slowfield, sobald er eingetreten war. »Ein Doktor Hawkins,« lautete die eintönige Antwort. »Hawkins?« wiederholte Slowfield, sichtbar befremdet. »Doktor Hawkins. Er bedauerte, Sie nicht getroffen zu haben. Als ich ihm jagte, Sie würden um elf Uhr hier sein, versprach er wiederzukommen.« »Du bist ein bedachtsames Frauenzimmer,« versetzte Slowfield, und während sie ihm leuchtete, öffnete er die Tür, die zu seiner Wohnung führte. Als er eintrat, folgte Nelly ihm nach. Mit beängstigender Ruhe zündete sie die auf dem Tisch stehende Lampe an; dann heftete sie ihre großen dunklen Augen fest auf ihn. Slowfield wurde unruhig und trachtete, ihren Blicken auszuweichen. Als sie aber fortgesetzt regungslos verharrte, versuchte er, durch Spenden von Lobpreisungen sie zu besänftigen. »Du bist ein bedachtsames Frauenzimmer,« wiederholte er schmeichelnd, »und in diesem Falle danke ich es dir besonders, weil mir viel daran gelegen, den Doktor zu sprechen. Zuvor möchte ich indessen einen kurzen Brief schreiben. Wenn ich nur jemand wüßte, der ihn heut noch zum nächsten Briefeinwurf tragen könnte.« »Louis befindet sich in meinem Zimmer,« antwortete Nelly, »er mag ihn mitnehmen. Was ich ihm aufgebe, erfüllt er pünktlich.« »Das trifft sich glücklich, Nelly. Gib ihm zum Lohne etwas zu essen – ja, geh; wenn der Brief fertig ist, rufe ich dich.« »Ich warte lieber,« erklärte Nelly entschieden, »sitzt Louis so lange im Dunkeln, ist's kein Unglück.« Slowfield runzelte die Brauen. Eine harte Erwiderung mochte ihm auf den Lippen schweben; allein er bezwang sich angesichts der finsteren Entschlossenheit, die auf der Quaterone Zügen sich ausprägte. »Tue, wie du willst,« sprach er in versöhnlichem Tone, »ich meinte es gut mir dir, oder ich hätte dir anders geraten.« Er ließ sich vor dem Schreibtisch nieder und unter seiner Feder entstand: »Verehrte Freundin! Eine Entdeckung machte ich, wie ich sie kaum erwartet hätte. Gregor, dieser erbitterte, von seiner eingebildeten Große und Unfehlbarkeit durchdrungene Feind, und seine theatralische Begleiterin sind nicht mehr und nicht weniger als zwei abenteuernde Gaukler und Kunstreiter, also eine Schmach des Hauses Melville und damit ausgeschlossen von jeder Beziehung zu Ihnen. In Verehrung Ihr treu ergebener Slowfield .« »An Miß Sarah Melville, Melvillehouse,« lautete die Adresse, mit der er den Brief versah. Als er sich darauf Nelly wieder zukehrte, erschrak er vor dem unheimlichen Ausdruck, mit dem sie ihn noch immer betrachtete. Wie eine Bildsäule stand sie, die eine Hand auf den Tisch gestützt, die andere aufs Herz gelegt. Als habe er nichts Auffälliges in ihrem Wesen entdeckt, überreichte er ihr den Brief. Zugleich bemerkte er erzwungen heiter: »So, Nelly, das hätten wir geschafft. Präge dem Louis ein, daß er ihn nicht verliert oder vergißt.« Wie eine Somnambule nahm Nelly den Brief in Empfang. »Mr. Slowfield,« hob sie an, und ihr bleiches Antlitz erhielt einen förmlich leichenhaften Charakter, »wo sind meine Kinder? Wo ist Fanny? Wo ist Harry?« Bestürzt trat Slowfield einen Schritt zurück; er faßte sich indessen schnell wieder und antwortete mit unsicherer Stimme: »Wie oft fragst du mich darnach –« »Ich werde so oft darnach fragen, wie ich vor Sie hintrete,« fiel die Quaterone frostig ein. »Aber ich kann keine andere Erklärung geben, als ich sie dir schon tausendmal erteilte,« »Das genügt mir nicht. Sehen will ich meine Kinder, in meine Arme schließen will ich sie, an mein Herz drücken.« »So gedulde dich wenigstens,« versetzte Slowfield beschwichtigend. »Die Kinder sind in guten Händen. Du begreifst, hier im Hause konnte ich sie nicht dulden; ich brachte sie daher zu guten Leuten –« »Heimlich, hinter meinem Rücken,« unterbrach Nelly ihn nunmehr heftig, »ich hätte sie sonst nicht von mir gelassen oder ich wäre mit ihnen gegangen –« »Was hindert dich, heute noch zu gehen, wenn es dir nicht länger hier gefällt?« fuhr Slowfield ungeduldig auf, »du bist eine freie Farbige, und ich bin der letzte, der dich halten möchte; ein gut Stück Geld gebe ich dir mit auf den Weg.« Wie im Wahnsinn lachte Nelly auf. Sie sah, daß Slowfields Verwirrung wuchs, und mit schneidendem Hohn rief sie ihm zu: »Ich sollte gehen? Damit wären Sie freilich einverstanden; denn jetzt bin ich Ihnen hier überall im Wege. Nun ja, ich will von meiner Freiheit Gebrauch machen, jedoch erst dann, wenn ich meine Kinder vor mir sehe. Vorher weiche ich keinen Schritt von Ihnen. Habe ich zwanzig Jahre bei Ihnen ausgehalten, mag ich auch länger bleiben. Ihr Schatten will ich sein, Tag und Nacht Ihnen zurufen: wo sind meine Kinder? Fortgebracht haben Sie dieselben und seit acht Jahren sah und hörte ich nichts von ihnen, als Ihre Vorspiegelungen, und die sind erlogen. Nein, ich gehe nicht. Sie sollen mir Bürge sein für das, was Sie mir raubten, und müßte ich meine Fingernägel vergiften und in Ihr Fleisch bohren.« »Du redest wieder im Wahnwitz,« entgegnete Slowfield, welchem, trotz der in seinem Wesen sich offenbarenden Furcht, derartige Szenen nichts Neues zu sein schienen, »geh' hin und schlafe aus, morgen früh hat dein Blut sich abgekühlt und wir sind wieder die alten Freunde.« »Die alten Freunde,« wiederholte Nelly scharf und ihre schwarzen Augen funkelten unheilverkündend, daß man sie mit dem eines Reptils hätte vergleichen mögen, wie sie solchen ihr Gift entnahm, »ja, gute Freunde; so gut, daß wir nicht voneinander lassen, bis der Tod zwischen uns tritt, Mr. Slowfield, geben Sie mir meine Kinder zurück –« Ein einfacher Schlag des Türklopfers unterbrach sie, und wie durch Zauber ebneten sich ihre feindselig wogenden Leidenschaften. An Stelle der bisherigen drohenden Haltung trat eine gewisse Unterwürfigkeit; ihre Züge erschlafften, wogegen die plötzlich abgestumpften Blicke nur noch von endlosem, unheilbarem Gram zeugten. Auch in Slowfield war eine Wandlung vor sich gegangen. Er fühlte sich wieder im Besitz des Übergewichtes über die erbitterte Hausgenossin, und darnach bemaß er sein Verfahren im Verkehr mit ihr. »Da ist Hawkins,« sprach er anscheinend sorglos, und strenger fügte er hinzu: »Ich werde ihn selbst einlassen. Er braucht dich nicht zu sehen. Geh' in dein Zimmer und vergiß nicht den Brief.« Schweigend gehorchte Nelly; gleich darauf entriegelte Slowfield die Haustür. Ein hagerer, hochgewachsener Herr in schwarzem Anzüge trat zu ihm herein. Eine kurze Begrüßung folgte, und gedämpft zueinander sprechend begaben sie sich in das Vorzimmer. Nachdem beide einander gegenüber Platz genommen hatten, gingen sie alsbald zu dem Zweck über, zu dem Hawkins sich eingestellt hatte. »Wie steht es mit unserem Patienten?« fragte Slowfield, und gespannt suchte er die gelbbraunen Augen des Doktors, die so kalt schauten, als wären sie aus einem Glaswerk hervorgegangen. Hawkins strich mit der unförmlich großen Hand über sein schwarz und dünn behaartes Haupt, über sein hageres, glattgeschorenes Iltisgesicht und den langen Kinnbart; dabei zwinkerte er mit den Lidern, wie im Kampfe mit einigen in die Augen geflogenen Schnupftabakskörnchen. »Es geht langsam bergab,« antwortete er gelassen, »Die Zeit ist absehbar, in der kein anderer Ausweg bleibt, als ihm ein sicheres Unterkommen zu verschaffen.« »Sie haben sich bereits für einen Ort entschieden?« hieß es geschäftsmäßig zurück. »Die alte Gelegenheit. Ich wüßte keine bessere.« »Wie offenbart sich das Schwinden der Vernunft?« »In einem tiefen Haß gegen alle, mit denen er in früheren Zeiten verkehrte, namentlich gegen Verwandte. Er stürbe lieber Hungers, bevor er seine Hand zu irgendwelchen gewinnbringenden Vereinbarungen böte.« »Sprach er je über in seinem Besitz befindliche Anhaltepunkte, ich meine Schriften oder sonstige Dokumente?« »Nie eine Silbe, doch entnahm ich einzelnen seiner gedankenlosen Bemerkungen, daß er um rätselhafte Dinge ängstlich sorgt. Meinen harmlosen Fragen begegnete er mit unzweideutigem Mißtrauen.« »Er verriet also keine Neigung, mit mir oder Miß Melville in näheren Verkehr zu treten?« »Die bloße Nennung Ihrer Namen würde wahrscheinlich genügen, ihn auf Wochen hinaus vollständig unzugänglich zu machen.« »Steht er mit irgend jemand in Briefwechsel?« »Mit niemand; ich bürge dafür. Habe ich doch die beste Gelegenheit, darüber zu wachen.« »Das ist sehr wichtig,« versetzte Slowfield lebhaft, »will er selbst nicht aus seiner Verborgenheit heraustreten, ist es Ihnen erleichtert, ihn darin zu bestärken. Halten Sie seinen Gemütszustand wirklich für unheilbar?« fügte er fragend hinzu, und scharfer sah er in die seltsam zwinkernden Augen des Doktors. Dieser nickte bezeichnend und antwortete mit einem häßlichen verschmitzten Lächeln: »Für so unheilbar, daß er, ich wiederhole es, binnen kurzer Frist zu seiner eigenen wie zu anderer Sicherheit in eine Anstalt gebracht werden muß.« Slowfield neigte billigend das Haupt. Unter den lauernden Blicken Hawkins' sah er eine Weile nachdenklich vor sich nieder, bevor er wieder anhob: »Macht sich die Überführung notwendig, was ich nicht bezweifle, ich hebe ausdrücklich hervor: was ich nicht bezweifle , so muß alles aufgeboten werden, in den Besitz seiner Papiere zu gelangen. Glückt das nicht, so ist es mir unmöglich, seine Gerechtsame an entsprechender Stelle zu vertreten, und der Ärmste hat seine Störrigkeit durch schwere Verluste zu büßen.« »Ich verstehe,« warf Hawkins ein, und den wahren Ausdruck seiner Augen verheimlichend, bekämpfte er wieder einige Schnupftabakskörner. »Was geschehen kann, geschieht, und mit gutem Gewissen leihe ich meinen Beistand, zumal, wie Sie sagen, sein eigener Vorteil es bedingt. Leicht ist es übrigens nicht; drei Paar Augen überwachen ihn auf Schritt und Tritt.« »Ich baue auf Ihre Umsicht; sind Vorschüsse erforderlich, so stehe ich zu Diensten,« erwiderte Slowfield billigend. »Ich lasse Ihnen vollkommen freie Hand und erwarte nur, über alle Vorkommnisse rechtzeitig unterrichtet zu werden. Wie steht es mit den beiden Kindern? Deren Mutter machte mir nämlich vor kurzem wieder einmal eine Szene.« »Nun, so leidlich; das heißt, für die Welt sind sie rettungslos verloren. Wunderbar, daß beide dem Irrsinn verfielen.« »Ihre Mutter ist eine exzentrische Person,« erklärte Slowfield wie beiläufig, »da kann's nicht überraschen. Doch gleichviel, hätte ich geahnt, daß sie derartig ungebärdig werden würde, möchte ich mich besonnen haben, die Kinder von ihr zu nehmen. Von Tag zu Tag wird sie mir unbequemer. Jede andere Person besorgt meinen Hausstand ebensogut« »Für eine Anstalt ist sie noch nicht reif?« »Längst; dagegen stößt es auf unüberwindliche Schwierigkeiten, sie vor hier fortzuschaffen. Das sicherste wäre, sie mit ihren Kindern zu vereinigen. Um solchen Preis ginge sie bis ans Ende der Welt.« »Unmöglich,« versetzte Hawkins unter beteuerndem Blinzeln, »ich selber möchte wenigstens die Verantwortlichkeit für deren Überführung in andere Verhältnisse nicht übernehmen.« »Schade drum,« meinte Slowfield nachdenklich, »aber läßt sich nichts ändern, so müssen wir eben das Beste davon machen, mag's mich immerhin mehr kosten, als mir lieb ist.« »Die Kosten können bei Ihnen unmöglich ins Gewicht fallen; man redet davon, die Stellung als Bevollmächtigter des verstorbenen Kolonel Melville trage Ihnen manchen greifbaren Vorteil ein,« bemerkte Hawkins, und zwischen den zuckenden Lidern hervor beobachtete er aufmerksam Slowfields Physiognomie. Dieser war indessen auf der Hut und erwiderte gedehnt: »Kaum auf meine Kosten komme ich. Da gibt es so viele Wenns und Abers, daß ich das Geschäft jedem anderen lieber gönne als mir selber. Und dann vergessen Sie nicht: Miß Melvilles Hand liegt auf allem. Ohne ihre Zustimmung fällt auf der Plantage kein Blatt vom Baum.« Hawkins lachte wie jemand, der eine Sache besser kennt, als sie darzustellen er geneigt ist, und Slowfield fuhr fort, indem er nach dem Schreibtisch hinüberschritt und ein neben demselben stehendes feuerfestes Geldspind öffnete: »Kommen Sie, lieber Doktor. Zunächst erledigen wir den geschäftlichen Teil der zwischen uns schwebenden Angelegenheit; nachher bleibt uns wohl noch Zeit, eine oder zwei Flaschen zu leeren.« Hawkins leistete bereitwillig Folge, und ohne Zeitverlust vertieften sie sich so ernst in ein neues Gespräch, daß sie nicht einmal hörten, wie Nelly die Haustür öffnete und den Mulattenknaben hinausließ. Sie rechneten und berieten, erhebliche Summen wurden zwischen ihnen genannt, auch wohl um deren Höhe gefeilscht. Zwei Handelsleute, die einen Ausgleich zwischen ihnen schwebender Differenzen anstreben, hätten nicht geschäftlicher zu Werke gehen können, als die beiden würdigen Genossen über fremdes Eigentum, über Gesundheit und Leben anderer verfügten. Fünfzehntes Kapitel. Kapitän Stocton. Es mochte um dieselbe Zeit sein, zu der Slowfield seinem Geschäftsfreunde die Haustür öffnete, als der Pedlar in die glänzend erleuchtete Vorhalle eines der ersten Hotels der Stadt eintrat. In demselben Augenblick schlüpfte ein junger Offizier von der Straße her durch das Portal an ihm vorüber. Den nächsten Aufwärter anrufend, überreichte er ihm einen prachtvollen Blumenstrauß nebst Brief mit der Weisung, beides Herrn Gregor einzuhändigen, und ohne eine Antwort abzuwarten, kehrte er sich dem Ausgange wieder zu. Indem er abermals an dem Pedlar vorüberschritt, sah er ihn fest an. Dieser erwiderte den Blick mit dem ihm eigentümlichen schwermütigen Ernst. In der Haltung beider verriet sich, daß bei günstiger Gelegenheit sie vielleicht ein Gespräch an ihre Begegnung angeknüpft hätten. Wie der junge Offizier an der anspruchslosen Erscheinung des Pedlars, dessen Blick ihn förmlich bannte, fand dieser unverkennbar Wohlgefallen an dem schlanken jungen Herrn mit dem gebräunten Antlitz und dem jugendlichen blonden Vollbart. Er spähte ihm sogar nach, als hätte er in der Vergangenheit nach jemand gesucht, an den er erinnert worden. Gleich darauf lag die breite Glastür zwischen ihnen, und damit hatten sie sich gegenseitig vergessen. Bevor der Aufwärter mit Blumen und Brief sich entfernte, trat der Pedlar mit der Frage zu ihm heran, ob er trotz der vorgeschrittenen Stunde Mr. Gregor sprechen könne. »Ich vermute, denn die Herrschaften pflegen spät aufzusitzen,« lautete der Bescheid. »So befindet sich Besuch bei ihnen?« »Sie empfangen überhaupt keine Besuche. Ich bin sogar beauftragt, jeden, der vorgelassen zu werden wünscht, abzuweisen. Haben Sie indessen Geschäfte mit ihm, so will ich Sie wenigstens anmelden.« »Geschäfte dringender Art,« bestätigte der Pedlar ruhig, und doch hämmerte das Blut in seinen Schläfen, als hätte es sich daselbst einen Ausweg bahnen wollen. »So folgen Sie mir,« entgegnete der Aufwärter, »ich habe dies an Mr. Gregor abzugeben,« und er hob die Blumen empor, »da mag ich die Gelegenheit benutzen.« Nachdem sie zwei breite, mit Teppichstoff belegte Treppen erstiegen hatten, betraten sie einen zwielichtartig erleuchteten Korridor. Eine kurze Strecke legten sie auf demselben zurück, und vor einer breiten Flügeltür anhaltend, pochte der Aufwärter bescheiden. Durch eine etwas größere Entfernung gedämpft, ertönte auf der anderen Seite ein sorgloses »Herein!« Der Aufwärter öffnete, und gefolgt von dem Pedlar überschritt er die Schwelle eines üppig eingerichteten und hell erleuchteten Gemachs. »Dies ist das Vorzimmer; warten Sie hier eine Minute,« raunte er dem Pedlar zu, und gleich darauf verschwand er durch eine offene Seitentür in dem Nebenzimmer. Der Pedlar fand unterdessen Zeit, seine Umgebung flüchtig zu prüfen. Es war ersichtlich, Gregor hatte eine der geräumigsten und bequemsten Wohnungen im Hotel gemietet. Da dicker Teppichstoff den Schall seiner Schritte dämpfte, schlich der Pedlar, einem unwiderstehlichen Drange nachgebend, bis in die Mitte des Zimmers vor, von wo aus er einen Blick in den Salon zu werfen vermochte. Ihn selbst entdeckte niemand, indem der Aufwärter vor Gregor hintrat und ihm dadurch die Aussicht verlegte. »Was soll das?« fragte Gregor, als jener ihm die Blumen überreichte. »Ein junger Herr gab es unten ab. Auf Antwort wollte er nicht warten,« hieß es zurück. Gregor nahm den Brief. »Legen Sie die Blumen da auf den Tisch,« bemerkte er gleichmütig. Ebenso sorglos öffnete er den Brief. Dann las er: »Geehrter Mr. Gregor! Auf die Lehre, welche ich heute empfing, glaube ich nicht besser antworten zu können, als indem ich Sie bitte, in beifolgenden, für Miß Gregor bestimmten Blumen nur eine anspruchslose Anerkennung zu erblicken für den Genuß, den ich heut im Zirkus fand. Die Annahme setze ich voraus. Mit derselben befreien Sie mich von dem Selbstvorwurf, mich eines Fehls schuldig gemacht zu haben, wo ich unter dem Eindruck aufrichtiger Begeisterung handelte. Ein Unbekannter, der schon morgen die Stadt wieder verläßt »Das nenne ich anstandsvoll,« bemerkte Gregor, und nachlässig reichte er Thusnelda den Brief, »da, lies und überzeuge dich, wie richtig du dich benommen hast. Seine zudringliche Bewunderung lehntest du, deine Würde wahrend, als leeres Wortgeklingel ab; dafür legt er jetzt einen Beweis seiner Hochachtung vor dir nieder.« Dann überwachte er aufmerksam seinen lieblichen Schützling, während dieser las, so daß der Aufwärter mit dem zweiten Auftrage höflich säumte. Der Pedlar hatte sich bis dahin nicht von der Stelle gerührt. Die Hände vor sich ineinander gelegt, betrachtete er regungslos die freundliche Gruppe. »Da ist noch jemand im Vorzimmer, der den Mr, Gregor zu sprechen wünscht,« glaubte der Aufwärter jetzt bemerken zu dürfen. »Zum Henker damit,« fuhr Gregor rauh auf und absichtlich laut genug, um in dem Nebengemach verstanden zu werden, »Sie wissen, daß wir nie Besuche annehmen, am wenigsten die neugieriger Reporter; Bekannte besitze ich in New-Orleans nicht.« »Ein Geschäftsmann,« entschuldigte jener, »er meinte, er hätte es sehr dringend.« »Das ist ein anderes,« versetzte Gregor, »sagen Sie ihm, er möchte ein wenig warten, ich käme gleich.« Der Aufwärter entfernte sich. »Sie haben's gehört,« sprach er im Vorbeigehen zu dem Pedlar, dann trat er ans den Korridor hinaus. In dem Wohnzimmer ertönten feste Schritte, gleich darauf erschien Gregor in der Tür. »Selbst für dringende Geschäfte ist es schon etwas spät,« redete er in der ihm eigentümlichen kalten Weise den Pedlar an, welcher, den Rücken noch etwas tiefer gebeugt, ihn mit einem seltsamen Ausdruck wehmütigen Sinnens betrachtete. Als dieser auf seine Anrede nichts erwiderte, nicht die leiseste Wandlung in seinem Äußeren stattfand, sah Gregor schärfer auf ihn hin und fragte befremdet: »Womit kann ich dienen? Bitte, erwägen Sie die späte Stunde.« Da seufzte der Pedlar tief auf. Er öffnete die Lippen zu einer Antwort, brachte aber nur leise hervor: »Gregor, mich wiederzuerkennen – es wäre zu viel verlangt.« Beim ersten Wort, das sein Ohr traf, erbleichte Gregor tödlich. Wie vor einem dem Grabe Entstiegenen prallte er einen Schritt zurück, besaß indessen die Überlegung, das Wohnzimmer zu schließen, nachdem er hineingesprochen hatte: »Ich möchte eine Weile ungestört bleiben,« Dann dem Pedlar sich wieder zukehrend, heftete er seine Blicke durchdringend auf das traurig vernarbte und entstellte Antlitz. Sobald er aber gewahrte, wie in den großen schwermütigen Augen Tränen zusammenliefen, legte er, wie unter dem Eindruck einer Sinnestäuschung, die Hand auf seine Stirn. »Charles – Stocton –« entwand es sich seinen Lippen, »es ist unmöglich –« »Und doch Wirklichkeit, lieber Gregor,« versetzte der Pedlar schmerzlich lächelnd, »hier, fasse meine Hand, überzeuge dich – ja, Gregor, wir haben uns beide in den vielen Jahren verändert, und ich am wenigsten so, daß es dir Freude bereiten könnte, wie dein Anblick mir.« »Armer, armer Charles,« hob Gregor nunmehr gefaßter an und er ergriff Stoctons beide Hände, »welche Stürme sind über dich hingerast! Wie mußt du gelitten haben!« »Ja, Gregor, schwer gelitten und am schmerzlichsten dadurch, daß ich bisher vergeblich nach Marianne und meinen Kindern forschte. Dein Name und der Thusneldas führten mich in den Zirkus; als ich dich sah, Thusnelda dagegen an der Ähnlichkeit mit ihrer Mutter erkannte, da tagte in mir die Hoffnung, daß ihr vielleicht imstande wäret, mir Auskunft zu erteilen.« Gehässig lachte Gregor auf. »Traue keiner Kunde mehr,« sprach er finster, »am wenigsten einer, die ihren Weg über Melvillehouse nahm, und käme sie aus meinem Munde; denn diejenigen, die einst Zwietracht in eine glückliche Familie trugen, deren Mitglieder schamlos auseinanderrissen und in alle Winde zerstreuten, dieselben Kräfte wirken heute noch, bieten heute noch ihr Äußerstes auf – nein, ich täusche mich nicht – eine Vereinigung der Überlebenden zu erschweren, unmöglich zu machen.« »Ja, Gregor, es konnte nicht anders sein, oder ich hätte nicht so viele Jahre vergeblich nach den Meinigen gesucht,« erwiderte Stocton wie mit Widerstreben, »ja, alle meine Anstrengungen mußten erfolglos bleiben, so lange fanatischer Haß und Hinterlist sich gegen mich verbündeten.« »Armer Charles,« wiederholte Gregor unverändert düster, und er hielt noch immer Stoctons beide Hände, »komm in mein Schlafzimmer, da wollen wir unsere Herzen vor einander öffnen und erleichtern. Nachher sollst du der toten Edith Tochter, meinen Schützling, deine eigene Nichte kennen lernen, an ihr ermessen, wie gewissenlos und grausam man gegen uns alle verfuhr und weiter verfahren wird. Wie oft frage ich mich, ob es nicht vermessen gewesen sei, das liebe Kind, diese zartsinnige Natur, allen Fährnissen unseres Berufes ausgesetzt zu haben. Doch zur Umkehr ist es zu spät. In meiner Gewalt liegt nur, die Zeit unseres abenteuerlichen Lebens nach besten Kräften abzukürzen. Noch vier bis fünf Jahre, und meine Aufgabe, die von den ersparten Geldmitteln abhängig, ist erfüllt, es sei denn, daß es mir vorher gelänge, Thusneldas Ansprüche an eine etwaige Hinterlassenschaft ihrer Großeltern zu verwerten. Wer aber sagt mir, was in dem genannten Zeitraum für uns verborgen liegt! Ein Mißgriff, das plötzliche Erlahmen meines Armes, ein Fehltritt der Pferde, und alles ist dahin!« Bei den letzten Worten strich Gregor mit der Hand über seine Augen, wie ein ihm vorschwebendes beängstigendes Bild verscheuchend. Dann sah er in Stoctons wehmütig erregtes Antlitz, und wie dadurch beruhigt, fuhr er in freierem Tone fort: »Vor zwei Wochen mit meinen Pferden hier gelandet, begrüßte ich es als einen glücklichen Zufall, eine der ersten Künstlergesellschaften vorzufinden. Auf eine Reihe von Vorstellungen habe ich mich bei derselben verpflichtet, dann aber will ich eine Pause eintreten lassen, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit den Verhältnissen in Melvillehouse zuzuwenden. Wer weiß, ob ich dadurch nicht ein ruhigeres Dasein für Thusnelda anbahne, oder vielmehr eine unabhängige Zukunft. Für meine Person hege ich keinerlei Hoffnungen, wäre zu solchen auch nicht berechtigt; ich bin überhaupt zu sehr gewohnt, meine Entschlüsse von der Wirkung des Augenblicks abhängig zu machen. Ist Thusnelda gut versorgt, so mag aus mir werden, was da wolle: ich kenne keine Klagen, keine wirklichen Triumphe. Lachen und Jubeln ist mir schon in meinen Knabenjahren fremd geworden.« »So jung und doch so verbittert?« bemerkte Stocton schwermütig, als Gregor wieder eine Pause eintreten ließ. »Sage lieber: so jung und doch so reich an herben Erfahrungen,« entgegnete Gregor gelassen; »die vor mir liegende Aufgabe erforderte eben einen ernsten Willen, und ging dieser Ernst allmählich in mein ganzes Wesen über, so kann es nicht befremden. Aber du, Charles, was mußt du diese langen Jahre hindurch erduldet haben! Ich beziehe mich nicht auf die Krankheit, die verheerend über dein Äußeres hinzog – die konnte an deinem Gemüt nichts ändern – dagegen dieses verzweiflungsvolle Suchen! Charles – jetzt weißt du wenigstens, daß du nicht mehr ganz vereinsamt dastehst, ich mit treuem Eifer deine Aufgabe zu der meinigen mache.« »Das mag dir und Thusnelda tausendfach gesegnet sein,« erwiderte Stocton gerührt, »ist das Zusammentreffen mit euch doch der erste freundliche Lichtstrahl, der meine Bahn erhellt, seitdem ich in den Abgrund der Verzweiflung hineingestoßen wurde. Ja, Gregor, ich erduldete viel, so viel, daß ich oft genug mit der Vorsehung haderte, die mitleidlos immer neue Prüfungen über mich ergehen ließ. So magst du die Freude dir vergegenwärtigen, die mich bei deinem und Thusneldas Anblick durchzitterte. Was aber sonst noch uns beiden gemeinschaftlich am Herzen liegt – nun ja, Gregor, da ist es wohl ratsam, die zwischen uns schwebenden Beziehungen aufrecht zu erhalten und unserer hinterlistigen Feinde wegen in wenig auffälligem Verkehr miteinander zu bleiben.« »Der uns vielleicht schließlich dennoch an das uns vorschwebende Ziel führt, zunächst aber erleichtert, einen klaren Blick in das verderbliche Gewebe unserer Widersacher zu gewinnen,« fügte Gregor hinzu, indem er sich erhob, welchem Beispiel Stocton alsbald folgte. Dann fuhr er fort: »Jetzt komm. Nach diesem ersten Austausch schmerzlich wirkender Erinnerungen wollen wir uns freundlicheren Bildern zuwenden,« und Stoctons Arm ergreifend, schritt er mit ihm durch das Vorzimmer nach der Tür des Salons hinüber. Als diese sich unter seiner Hand öffnete, erkannte Stocton, daß Thusnelda und Singsang so lange in heiterem Geplauder beieinander gesessen und Nadel und Schere gehandhabt hatten. Er hörte noch, daß Thusnelda, offenbar in dem Glauben, Gregor kehre allein zurück, ohne aufzuschauen scherzhaft ausrief: »Singsang, du bist nicht nur die liebenswürdigste und schönste aller Kammerjungfern, sondern auch eine Damenschneiderin, die ihresgleichen sucht.« Sie kehrte sich der Türe zu, und tiefer erglühten ihre rosigen Wangen, als sie Stocton an Gregors Seite eintreten sah. Indem sie aber scharfsinnig entdeckte, daß auf den Zügen beider tiefe Erregung sich ausprägte, und Stocton sie mit einem eigentümlichen Ausdruck herzlichen Wohlwollens betrachtete, erhob sie sich. Zugleich wich auf ihrem lieblichen Antlitz das sorglose Lächeln vor dem jungfräulicher Befangenheit, wogegen Singsangs volles, schlitzäugiges Gesicht unzweideutige Unzufriedenheit über die Störung frei zur Schau trug. »Thusnelda,« redete Gregor sie an, »ich erzählte dir häufig von einem gewissen Kapitän Stocton, einem lieben Verwandten von uns beiden. Wohlan, Kind, hier stelle ich ihn dir vor. An dir ist es jetzt, zu beweisen, daß die Teilnahme, die du jedesmal für ihn an den Tag legtest, eine ungeheuchelte gewesen.« Und als er wachsende Verwirrung in dem holden Antlitz entdeckte, fügte er liebreich hinzu: »Auch er spiegelte sich in den Augen deiner Mutter, und das geschah zum letzten Male, kurz bevor eine ununterbrochene Kette tiefer Trübsal für ihn ihren Anfang nahm.« Da lächelte Thusnelda noch befangener, jedoch so innig, daß Stocton, dem sie die Hand reichte, von Rührung überwältigt, sie an sich zog und zärtlich auf die Stirn küßte. »Auf meinen Armen habe ich dich gehalten,« sprach er bewegt, »in der Tat über dich hinweggeblickt in die lieben, treuen Augen deiner schönen Mutter.« Thusnelda kämpfte gegen Rührung. »Ich kenne dich so lange, wie ich Verständnis für Gregors Schilderungen besitze,« entgegnete sie zutraulich. Stocton warf Gregor einen dankbaren Blick zu. Bewunderungswerter noch, als in buntem Flitterstaat auf dem Rücken wild einherstürmender Pferde erschien ihm die von ruhigem Selbstbewußtsein getragene kraftvolle Gestalt in der unscheinbaren Umhüllung; schöner noch, anmutiger und verlockender Thusnelda im anspruchslosen Hauskleide, geschmückt mit dem ganzen Zauber holder Jungfräulichkeit. »Ich bin nicht mehr vereinsamt,« bemerkte er freundlich, »und das ist weit, weit mehr, als ich jetzt noch zu erhoffen wagte.« »Auch er gehört zu uns,« versetzte Gregor, und er wies auf Singsang, der von seiner Arbeit aufsah und über die große Hornbrille hinweg Stocton schärfer ins Auge faßte, »wir drei bilden eine Familie, in der es keine Geheimnisse gibt, fremde Elemente zu den unbekannten Dingen zählen.« Stocton reichte ihm die Hand. »So müssen auch wir gute Freunde werden,« sprach er herzlich. Singsangs Antlitz erhielt, soweit es überhaupt möglich, einen triumphierenden Ausdruck. Bedächtig blinzelte er mit den Augen; der von dem langen dünnen Schnurrbart beschattete Mund wuchs um etwa anderthalb Zoll in die Breite. Indem er, die linke Hand beteuernd aufs Herz gelegt, sich überaus würdevoll verneigte, erklärte er feierlich: »Wer zu meinen Herrschaften gehört, zu dem gehöre ich ebenfalls. Tsung-Tsang ist Ihr ehrfurchtsvoller Knecht.« Nach dieser Vorstellung ließen sich alle um den Tisch nieder, und es entspann sich alsbald ein Gespräch, das sich vorzugsweise um die jüngsten Erlebnisse bewegte. Innige Teilnahme waltete auf allen Seiten; mehr und mehr öffneten und erwärmten sich die Herzen im zutraulichen verwandtschaftlichen Verkehr. Länger als eine Stunde war Mitternacht vorüber, als Stocton sich endlich verabschiedete und, von Gregor bis an die Haustür begleitet, auf die verödete Straße hinaustrat. Sechzehntes Kapitel. Klein-Melvillehouse. Einförmig dehnt sich die Südküste der Halbinsel Florida aus. Hier und da mit Waldungen bedeckt, die im allgemeinen den Charakter tropischer Breiten tragen, strichweise wieder nackt und kahl, oder landeinwärts übergehend in üppig tragende Felder und Wiesen und hinter diesen in umfangreiche Sumpfniederungen mit dazwischen gestreuten Savannen und oasenartigen tannenbewaldeten Bodenanschwellungen, bietet sie wenig, was geeignet wäre, das Auge länger zu fesseln. Eine kurze Strecke entfernt von dem schroff abfallenden Meeresstrande, auf drei Seiten umringt von hohem Baumwuchs, aus welchem vereinzelte Palmenkronen hervorragen, erhebt sich ein einsames Haus nebst daranstoßender schuppenartiger Stallung. Von weißgestrichenen Balken und Brettern errichtet, kontrastiert es freundlich zu der tiefgrünen Vegetation, der die feuchte See-Atmosphäre eine gleichsam unverwelkliche Frische verleiht. Einstöckig, ist es nur auf eine geringe Zahl von Bewohnern berechnet. Eine drei Stufen hohe Veranda erstreckt sich nach Landessitte über dessen Vorderseite. Um die Aussicht in vollerem Maße zu genießen, ist in dem sorgfältig gepflegten Vorgarten ein etwa zehn Fuß hohes Balkengerüst mit runder Plattform errichtet worden, über die ein achteckiges Schindeldach sich wölbt. Ein Anbau, ähnlich der Kommandobrücke eines Seedampfers, nach dem eine bequeme Treppe hinaufführt, lehnt sich an das Gerüst. Dieser ist nicht überdeckt. Auf der Plattform ermöglichen dagegen Zuggardinen von Segeltuch das Ausschließen scharfer Winde, des Regens und lästig werdender Sonnenstrahlen. Ein großer runder Tisch, mehrere Korblehnstühle, Sessel, und sonstige auf Bequemlichkeit berechnete Gegenstände zeugen dafür, daß die Plattform ein Lieblingsplatz des Besitzers des einsamen Heimwesens ist. Ein mit zierlicher Takelage versehener mastartiger Flaggenstock auf der anderen Ecke des Gartens verrät eine gewisse Vorliebe für das Seewesen. Obwohl der Sezessionskrieg beinahe vergessen, weht von dem Mast noch immer das alte Rebellenbanner. Dafür ist aber auch der Besitzer ein freier Amerikaner, der auch die Flaggen von Venezuela und Marokko und sonstiger Raubstaaten ungestört aufhissen darf, wenn es ihm Vergnügen bereitet. Das ist Klein-Melvillehouse.   Eine leichte Brise wehte von dem Meere herein und erzeugte nach den heißen Mittagsstunden eine doppelt willkommene Kühle. Wie ausgestorben lag das Strandhaus. Fenster und Türen waren dem erquickenden Luftzuge geöffnet worden. Außer den Vogelstimmen in dem benachbarten Hain war kein Geräusch vernehmbar. Wie eine Störung des Friedens, der das stille Heimwesen umlagerte, erschien es daher, als aus dem Hause eine heisere, rauhe Stimme ins Freie drang, indem sie mit einem gewissen respektvollen Ausdruck sprach: »Kapitän Melville, halb sechs Uhr. Wind südsüdwest. Feine Zeit draußen. Recht geeignet zu 'n paar Stunden auf der Kommandobrücke.« Eine Antwort erfolgte nicht; dagegen ließ sich das Schurren eines zurückgeschobenen Stuhls vernehmen, dem alsbald langsame Schritte folgten. Eine Minute verrann; dann trat, schwer auf einen Bambusstab gestützt, ein langer hagerer Mann in grauleinenem Sommeranzuge auf die Veranda. Dort blieb er stehen, und den Strohhut vom Haupte nehmend, strich er das weiße, etwas gekräuselte Haar von Stirn und Schläfen zurück. Zugleich spähte er mechanisch auf das in seinem Gesichtskreise befindliche Meer hinaus. Er schien in der Ferne etwas zu suchen, denn wie Spannung prägte es sich in dem stark gebräunten hageren Antlitz aus, dessen untere Hälfte in einem weißen krausen Vollbart verschwand. Nachdem seine Blicke kurze Zeit etwas schärfer auf einem der entferntesten Eilande geruht hatten, fragte er über die Schulter ins Haus hinein: »Kit Kotton, hast du das Fernrohr?« »Dem Kapitän zu Befehl,« tönte es aus dem Hintergrunde dienstlich zurück. Schwere Schritte wurden vernehmbar, und heraus trat ein Matrose, dem schwerlich jemand angesehen hätte, daß eine lange Reihe von Jahren vorübergegangen, seitdem er sich zum letzten Male über die Schanze eines Kriegsschiffes schwang. Auch sein Haar, das buschig unter einer weit nach hinten geschobenen schottischen Mütze hervorquoll, war mit Weiß gemischt, ebenso der ursprünglich schwarze Bart, der ihm bis auf die Brust niederreichte; dagegen hätte man in seinem lederartig verwitterten, etwas vollen Antlitz vergeblich nach weiteren Merkmalen der über sein Haupt hingerauschten fünfzig und einige Jahre gesucht. Wie einst auf dem »Seeigel«, schienen die Beinkleider von grauem englischen Leder auch heute nur mit Widerwillen sich dem Zwange eines um die Hüften geschnallten Riemens zu fügen, und wie damals waren auch heute die Ärmel seines blauwollenen Hemdes so weit aufgerollt, daß man ohne viel Unbequemlichkeit die wunderlichen Tättowierungen auf der eisernen Muskulatur zu bewundern vermochte. Das Fernrohr trug er in der linken Faust, ein Paket alter Zeitungen hatte er unter denselben Arm geklemmt, während die rechte Hand nachlässig mit der an messingener Kette von seinem Halse niederhängenden silbernen Bootsmannspfeife spielte. »Kit Kotton,« fuhr Gilbert Melville nach einer Pause fort, »vergiß nicht die Zeitungen.« »All right, Kapitän,« hieß es zurück, »wir mögen immerhin losmachen.« Melville setzte sich nach Kit Kottons Worten in Bewegung. Die aufrechte Haltung ging dabei nicht verloren; dagegen verriet sich in der Art, in der er das Bambusrohr benutzte und die Füße voreinanderstellte, daß das Gehen ihm große Schwierigkeiten verursachte. Als er vor den drei Stufen eintraf, schob Kit Kotton die rechte Faust unter seinen Arm und zärtlich, wie eine Mutter ihr Kind bei den ersten Gehversuchen unterstützt, half er seinem Herrn in den Vorgarten hinunter. Dort zog er die Faust zurück, um die Führung erst wieder vor der Treppe des Gerüstes zu übernehmen. Langsam schritten sie nach der Plattform hinüber. Dort stellte Kit Kotton einen Armstuhl so neben den Tisch, daß das Meer vor ihm lag. Melville ließ sich auf demselben nieder, worauf Kit ein eigentümlich geformtes Bänkchen mit schräger Rücklehne zur Rast unter seine Füße schob und das Fernrohr herrichtete. Melville nahm es und spähte nach demselben Punkt hinüber, den er kurz zuvor von der Veranda aus ins Auge gefaßt hatte. »Es war doch ein böser Tag da drüben, Kit Kotton,« sprach er, halb zu diesem gewendet. »Ein böser, aber auch ein feiner,« versetzte Kit lebhaft, »und wenn je ein halb Hundert gesunder Jungen lustig mit ihrem Schiff auf den Meeresboden gingen, anstatt sich von den Nördlichen ins Schlepptau nehmen zu lassen, so geschah es an jenem gesegneten Tage.« »Und ich, ihr Kommandant, lebe heute noch,« wendete Melville traurig ein, »und du nicht minder. Dir gönn ich's gern, Kit Kotton; ließest du mich aber in der Gesellschaft der anderen, war's um so viel besser.« »Hab nur meine Pflicht erfüllt, und bereut hab ich's bis jetzt nie,« erklärte Kit anspruchslos. »Und doch wäre mir viel Leid erspart geblieben.« »Das behauptet der Kapitän schon an die zehn, zwölf Jahre, und ich wüßte nicht, daß dadurch etwas besser geworden wäre.« »Das nicht, Kit Kotton, doch setz dich und nimm die Zeitungen zur Hand. Laß mich den Beweis hören, daß ich nichts verabsäumte, was dazu hätte dienen können, ein himmelschreiendes Unrecht zu sühnen, zu dem mich andere treulos aufstachelten.« Kit schlug die Zeitungen auseinander. Unter den ihn ängstlich überwachenden Augen Melvilles suchte er eine Weile mit sichtbarem Widerstreben zwischen den zermürbten Blättern, dann las er geläufig, aber ausdruckslos: »Fünfhundert Dollars Belohnung! Wo ist Edith Melville? Wo ist ihr Kind? Darauf bezügliche Auskunft wird erbeten New-Orleans X. Y. Z., Postrestante. Alle dadurch verursachten Kosten werden umgehend ersetzt.« »Welches Blatt?« fragte Melville wie geistesabwesend. »›New-Orleans Pickayune‹. Hier ist auch der ›Cincinnati-Advertiser‹ hier der ›San Francisco Miner‹ –« »Nun ja, Kit, kaum eine größere Stadt gibt es auf dem Kontinent, in der wir den Aufruf nicht veröffentlichten, und immer vergeblich. Lebte sie noch oder das Kind, so hätten wir von ihnen hören müssen. Glaube mir, Kit, beide sind tot,« und die letzten Worte erstarben in kaum verständlichem Flüstern. »Wir möchten wieder einmal etliche Aufrufe ablaufen lassen, vielleicht im Auslande,« riet Kit Kotton zuvorkommend. »Wenn du meinst, kann es geschehen. Ich fürchte nur die neuen Aufregungen, und die befallen mich, sobald ich auf irgendetwas ängstlich warte. Ach, Kit, es ist alles vorbei. Ich steige mit dem Bewußtsein in die Erde hinab, in heilloser Verblendung anderen zu viel Einfluß auf mich eingeräumt zu haben. Der ganze Krieg war nicht wert, daß ein einziges Familienglück deshalb zerstört wurde; und wie viele wurden unbarmherzig vernichtet!« »Ein feiner Tag war's trotzdem, Kapitän, und 'ne Schönheit bleibt's, wenn so viele herzige Maats auf beiden Seiten mit 'nem Hurra in den Tod gehen, als ob sie sich zu 'nem Rundtanz ordneten.« »Ja, Kit Kotton, indem ich seewärts blicke, sehe ich nicht nur die beiden Unionsdampfer, gegen welche der Seeigel sich wehrte, wie ein angeschossener Panther, sondern ich höre auch den Donner der Geschütze –« »All right, Kapitän, und 'ne Melodie erster Klasse war's, was sie aufspielten,« warf Kit begeistert ein. »Wenigstens laut genug, Kit Kotton. Und mehr noch höre und sehe ich. Ich seh die Feuergarbe aus dem Schiff emporschlagen, hör das Rauschen in meinen Ohren, mit dem der Strudel uns dem Seeigel nach hinabriß und die Gegenströmung uns wieder nach oben warf. Ich meine sogar, den Griff deiner Faust an meinem Kragen zu fühlen; hättest du nicht so fest gepackt gehabt, läge ich jetzt da drüben bei den anderen. Wunderbar, wie im letzten entscheidenden Augenblick der Selbsterhaltungstrieb erstarkt und der Mensch mit aller Macht um sein elendes Dasein kämpft, im übrigen war viel Glück mit im Spiel.« »Sehr viel Glück, Kapitän,« beteuerte Kit aus vollem Herzen, »zunächst der Gewittersturm, der wehte aus Nordwesten und kehrte die Dünungen südwärts, daß wir da drüben ziemlich komfortabel auf den Sand geworfen wurden. Dann die Schildkrötenjäger. Mochte es immerhin schwarzes und braunes Gesindel sein, das von den Plantagen ausgerückt, so waren wir doch gut genug bei ihm aufgehoben. Möglich ist's ja, daß ein studierter Doktor des Kapitäns Knochen regelrechter zusammengesplißt hätte, allein wir konnten froh sein, überhaupt jemand gefunden zu haben, der 'ne Kleinigkeit vom Verbinden verstand. Und als wir zehn Monate später auf hier hielten, war Friede im Lande und niemand hinderte uns, beizulegen und ein richtiges Seemannsheim zu begründen. Und dann, Kapitän, ist's auch eine große Sache, von wegen der Nachbarschaft der alten Maats und des Seeigel. Wenn ich so des Morgens 'nen Blick hinüber tue, wird mir gar komfortabel ums Herz, als ob mir jemand 'nen schönen Gruß zurufe.« Müden Auges spähte Melville wieder über das still wogende Meer, in dem die schräge hereinfallenden Sonnenstrahlen sich gleichsam badeten. Plötzlich kehrte er sich dem alten Gefährten zu. Sein Antlitz hatte sich gerötet, eigentümlich glühte es aus seinen Augen, indem er anhob: »Kit Kotton, ich habe dich stets für einen treuen Freund gehalten. Außer Flora bist du der einzige Mensch, der mein vollstes Vertrauen besitzt. Dein Lohn wird sein, daß du nach meinem Tode eine Rente beziehst, gerade groß genug, um deinen Lebensabend in aller Behaglichkeit verbringen zu können –« »Weiß alles, Herr,« warf Kit ein, um Melvilles Ideengang in andere Bahnen zu lenken, »viel zu gut sorgten der Kapitän–« »Nein, Kit, gerade ausreichend und nicht drüber. Ich hätte mehr tun können, allein für dich wär's kein Segen. Deine gewohnte Lebensweise darf keine Unterbrechung erleiden, oder du bist unglücklich. Warte also alles getrost ab, und ich denke, du wirst nicht unzufrieden sein. Und so will ich heute abermals wiederholen, was ich schon unzählige Mal dir ans Herz legte: Wenn du merkst, daß es eines Tages zu Ende mit mir geht, so bringst du zunächst das Mahagonikistchen in Sicherheit; ebenso nimmst du alle meine Briefe und die Dokumente, die sich auf meinen letzten Willen beziehen, an dich, um sie Flora zu übermitteln, wenn sie nicht zur Hand sein sollte. Unser Haus schenkte ich dir bereits; du bist also in der Lage, jeden fremden Eindringling, und die werden nicht auf sich warten lassen, vor die Tür zu werfen. Du kennst die betreffende Gerichtsperson, die du hierher zu berufen hast, um alles gesetzlich bestätigen zu lassen.« Darauf versank er in Nachdenken. Während seine Augen wieder das ferne Eiland suchten, überwachte Kit Kotton ihn eine Weile verstohlen. Dann blätterte er zwischen den Zeitungen nach irgendeinem Bericht, von dem er eine erheiternde Wirkung auf seinen Herrn erwartete. Da neigte dieser sich ihm zu, als hätte er gefürchtet, belauscht zu werden, flüsterte er: »Rücke näher, Kit Kotton, ich muß dir noch etwas anvertrauen. Was du da sprichst, ist Unsinn, Denn ein ehrloser Trick war's immerhin, daß ich den Seeigel feige verließ. Das verzeihen die Maats, namentlich der eiserne Robinson, mir nie. Ich fühle schon jetzt die vielen vorwurfsvollen Blicke; dazwischen sehe ich liebe blaue Himmelsaugen – zwei Paar, Kit Kotton –« »Unsinn selber, Kapitän,« fiel Kit in seiner Not grimmig ein, »und wenn der Doktor Hawkins Ihnen den nicht eintrichterte, will ich noch heutigen Tages kieloberst zur Hölle fahren.« »Nicht doch, Kit,« lispelte Melville noch geheimnisvoller, »der Hawkins ist ein überaus gescheiter Arzt; der sieht mit einem Auge mehr, als wir beide mit unseren vier –« »Wofür er zehntausendmal verdammt sein möge,« warf Kit wiederum unwirsch ein. »Womit mir am wenigsten gedient wäre, Kit,« nahm Melville schnell das Wort, »du bist eine einfache Natur, die nicht halb soweit sieht, wie ein Mann, dessen Beruf es ist, die Menschen als Arzt zu betrachten. Aber Hawkins findet nicht deinen Beifall, da wollen wir ihn lieber ganz beiseite lassen. Nun sage mir eins, Kit, aber aufrichtig: Ist dir nicht längst etwas an mir aufgefallen?« »Weiter nichts, Kapitän, als daß Sie von Tag zu Tag herzhafter aussehen.« »Ich spreche nicht vom Aussehen, denn gerade hinter dem kräftigsten Äußeren verbirgt sich oft das furchtbarste Leiden. Ich meine, ob du nicht Seltsamkeiten an mir entdecktest, die im Laufe der Zeit schärfer hervortraten.« »Zum Henker damit,« fuhr Kit bestürzt auf und seine Brust schnürte sich im Schrecken zusammen, »Sie haben überhaupt keine Seltsamkeiten, es können also auch keine anwachsen.« »Weil du sie nicht sehen oder vielmehr nicht darüber sprechen willst.« »Nein, Kapitän, ich kann's beschwören mit den heiligsten Eiden: Sie sind heut derselbe Mann, wie vor fünfzehn, zwanzig Jahren, und der Satan über jeden, der Sie eines anderen belehren möchte.« »Nach deiner Meinung, Kit, aber glaube meinen Worten: ein furchtbares Gespenst schwebt mir vor, wo ich auch gehe und stehe, gleichviel, ob wachend oder schlafend –« »Wofür derjenige, der es Ihnen vor Augen stellte, verdammt sein mag!« rief Kit aus, in seiner Verzweiflung jeden Zwang abwerfend und allein dem Drange seines ehrlichen Herzens folgend. »Du bist ungläubig,« versetzte Melville, und stumpfer wurde sein Blick, hinfälliger seine ganze Erscheinung, »und doch liegt es in meiner Gewalt, dich mit wenigen Worten zu überzeugen. Also höre, sprich indessen nie zu einer sterblichen Seele darüber: wenn jemand, der es gut mit dir meint, das Gespenst des Wahnsinns vor dich hinstellte, wie würde dir zumute sein?« »Fein, Herr, erstaunlich fein. Zuerst würde ich ihn mit meinen Fäusten verarbeiten, daß kein Knochen in seinem Körper unzerbrochen bliebe; dann würde ich ihn höflich fragen, ob das die Hiebe eines Verrückten wären.« »Da hast du's, Kit. Als vollkommen gesunder Mensch würdest du ihn verlachen, wogegen es mir zu denken gibt, und darin liegt der Unterschied, ein böser Unterschied. Nein, Kit, ich vermag die Befürchtungen vor dem Gräßlichsten nicht abzustreifen, wie du eine Teerjacke.« »Körperliche Schwäche, Kapitän,« erklärte Kit eifrig und der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn, »ständen Sie noch auf Ihren gesunden Füßen, möchte ich keinem raten, Ihnen mit solchen Verdächtigungen zu kommen. Aber einen geladenen Revolver werde ich überall neben Sie hinlegen; da wollen wir sehen, ob jemand wagt, Sie fernerhin zu beunruhigen.« »Nein, Kit, das tue nicht. Im Gegenteil, du sollst mich stets im Auge behalten; jede Art von Waffe aus meinem Bereich schaffen. Ein Unglück ist bald geschehen und, unter uns, Kit, ich traue mir selber nicht. Jetzt noch eins, Kit, ich baue auf deine Gewissenhaftigkeit: sollte mein Zustand dir jemals bedenklich erscheinen, so daß fremder Beistand herangezogen werden muß, so verfährst du mit meinen Schriften, überhaupt mit meinem ganzen Eigentum, wie ich dir sagte, daß es nach meinem Tode geschehen sollte –« »Aber in alles Guten Namen,« rief Kit flehentlich aus, »so weit ist's ja noch nicht, und es kommt auch nicht so weit, kann nicht so weit kommen, wenn es überhaupt noch 'nen Funken von Vernunft in der Welt gibt.« Melville wiegte das Haupt ungläubig und sah unverständlich lispelnd vor sich nieder. Kit, in wachsender Verzweiflung, spähte ratlos um sich. Plötzlich erhellte sein Antlitz sich im Triumph. Er war einer riesenhaften rotbraunen Bulldogge ansichtig geworden, die gemächlich auf das Gerüst zutrabte; zugleich unterschied er von dem nahen Waldwege her lustiges Pfeifen. »Da kommt Miß Flora selber!« rief er aus, den Arm in der Richtung des Gehölzes ausstreckend. Wie ein elektrischer Schlag wirkte diese Kunde auf Melville. Seine erschlafften Züge spannten sich an. Indem er mit den Blicken der angedeuteten Richtung folgte, leuchtete überschwängliche Freude in seinen Augen auf, um indessen ebenso schnell wieder zu erlöschen. »Kit,« flüsterte er ängstlich, »kein Wort von dem, was wir hier verhandelten, zu Flora. Sie würde sich entsetzen, ihr Vertrauen zu mir verlieren, mich gar fürchten. Hörst du, Kit? Ich verpflichte dich, mein Geheimnis treu zu bewahren. Muß ich vielleicht eine Kur über mich ergehen lassen, so kann es unter einem anderen Namen geschehen – nein, Kit – sie darf die Wahrheit nicht ahnen, oder mit unserem freundlichen Verhältnis ist es auf ewig vorbei.« »Keine Silbe davon,« beteuerte Kit Kotton, und er seufzte erleichtert auf, »hab' überhaupt alles für leeres Gerede gehalten. In 'ner Minute und 'ner halben ist's vergessen.« Während des letzten Teils des Gesprächs hatte die Bulldogge, deren mächtiges, zähnefletschendes Haupt ungefähr den dritten Teil des ganzen Körperumfanges betrug, die Treppe erstiegen und begrüßte, nach besten Kräften den anderthalb Zoll langen Schweif wedelnd, in täppischer Weise zunächst Kit Kotton, dann Melville. Selbstzufrieden legte sie sich darauf am Rande der Plattform nieder, und geräuschvoll über die aus dem furchtbaren Rachen hängende Zunge atmend, stierte sie nach der Stelle hinüber, auf der Miß Flora in ihren Gesichtskreis treten mußte. Melville und Kit Kotton sahen ebenfalls hinüber. Ihre Geduld wurde nur kurze Zeit in Anspruch genommen. Ein hellfarbiges Kleid und ein italienischer Strohhut schimmerten zwischen den letzten Sträuchern hindurch, und noch immer pfeifend und eine frischgeschnittene, mit einigen Blättern versehene Gerte munter vor sich schwingend, trat Miß Flora ins Freie. Ihr erster Blick galt der Plattform. Wohl in dem Bewußtsein, von dort aus überwacht zu werden, stellte sie das Pfeifen ein; dagegen fuhr sie fort, mit der Gerte vor sich in der Luft Kreise und Achten zu beschreiben. Ja, Miß Flora selber war es, auf der die drei Paar Augen mit derselben Teilnahme ruhten, Miß Flora in vollster sechzehnjähriger Jugendanmut und mit einer Haltung, die Frohsinn, Unerschrockenheit, Sorglosigkeit und Entschiedenheit eigentümlich charakterisierten. In ihrer ganzen Erscheinung offenbarte sich eben, daß sie seit früher Kindheit verwaist und daher, vorzugsweise auf sich selbst angewiesen, ein gewisses Unabhängigkeitsgefühl sich zu eigen gemacht hatte. Zustatten waren ihr dabei gekommen ein hoher Grad von Scharfsinn und die Gabe, sich in Verhältnisse wie Personen zu fügen. Es wurde ihr dadurch erleichtert, spielend alle diejenigen Vorteile sich zunutze zu machen, welche ihr daraus erwuchsen, daß Melville sich des elternlosen Kindes annahm und für dessen Wohlfahrt Sorge trug. Der Zufall hatte sie ihm in den Weg geführt; da bedurfte es für ihn nur eines Blickes in die fröhlichen, unschuldigen braunen Augen, um den Entschluß zu reifen, aus dem kleinen Wesen eine Angehörige heranzubilden und alle die Liebe auf sie zu übertragen, die der eigenen Tochter zu erweisen ihm nicht vergönnt gewesen. In dem Städtchen, das man von dem einsamen Strandhause aus innerhalb einer guten halben Stunde mäßigen Ausschreitens bequem erreichte, hatte er sie bei einer achtbaren Lehrerfamilie zur Pflege untergebracht, und zwar mit der ausdrücklichen Bedingung, ihrem frischen, fröhlichen Mut keine Fesseln anzulegen, sondern ihr alle und jede mit der guten Sitte vereinbare Freiheit zu gewährleisten. Als nächste Folge durfte bezeichnet werden, daß Flora im allmählichen Heranreifen ihre Zeit zwischen dem Strandhause und der Stadt ziemlich regelmäßig teilte, hier so oft zu finden war, wie dort, auf beiden Seiten sich gleich heimisch fühlte, aber auch gleich herzlich willkommen geheißen wurde. Durch ein Seitenpförtchen betrat sie den zierlich eingefriedigten Vorgarten und leichten Schrittes näherte sie sich der Kommandobrücke. Kaum mittelgroß, dagegen tadellos gewachsen, war alles an ihr Leben, Geschmeidigkeit und Grazie. Von der Brücke auf die Plattform tretend, nahm sie den Hut von ihrem mit prachtvollen kastanienbraunen Haarflechten umschlungenen Haupt, und neben Melville hinschlüpfend, küßte sie mit heiterem Gruß dessen Hand. Freundschaftlich begrüßte sie auch Kit Kotton, der sich höflich erhoben hatte, zum Überfluß Wasp, die täppische Bulldogge, deren Rachen vor freudiger Erregung den ganzen Kopf in zwei Hälften zu spalten drohte; dann erst ließ sie sich ihrem Wohltäter gegenüber auf den für sie herbeigeschobenen Korbstuhl nieder. »Blackbird war bei mir,« begann sie ohne Säumen ihren Bericht, und als wären ihre roten Lippen der Urquell aller Weisheit gewesen, hingen die Blicke von Mann und Tier mit gleicher Aufmerksamkeit an denselben, »er gab mir den Zettel, da kaufte ich alles höchsteigenhändig ein. Für die nächste Zeit ist also noch keine Not in Klein-Melvillehouse zu befürchten. Blackbird war längst fort, als ich mich auf den Weg begab; trotzdem holte ich ihn bald ein. Ein Weilchen hielt ich gleichen Schritt mit ihm. Als er aber durch nichts zu bewegen war, seinen Mustang anzutreiben, ließ ich ihn zurück. Es kann zehn Minuten dauern, bevor er eintrifft, und noch länger, wenn es ihm einfallen sollte, den alten Gaul ein wenig grasen zu lassen.« »Blackbird hat seinen eigenen Kopf, wie du im Besitz eigener flinker Füße bist,« bemerkte Melville, aus dessen Wesen beim Anblick der lieblichen Erscheinung mehr und mehr die Spuren des vorausgegangenen peinlichen Gesprächs mit Kit schwanden, »eh' der seinem Tier einen Schlag versetzt, bleibt er drei Stunden auf derselben Stelle halten. Wie du gesund aussiehst, kleiner Irrwisch. Hoffentlich bleibst du eine Woche bei uns.« »Leider muß ich nach Hause,« hieß es munter zurück, »die guten alten Leute sind nämlich in Unkenntnis über die Richtung meines Ausfluges. Doktor Hawkins suchte mich auf. Er wollte hierher und bot mir an, mit ihm zu fahren. Ich schlug es natürlich aus; als ob ich meinen Weg nicht ohne ihn fände!« »Wir dürfen ihn also heut noch erwarten?« fragte Melville mit schwer erheucheltem Gleichmut, denn schon allein die Erwähnung des Doktors beunruhigte ihn tief. »Unbedingt,« antworte Flora lebhaft, »und schaden kann es nie, wenn der Hausarzt auch ohne ernsten Grund nach seinen Freunden sich umsieht. Von Hawkins will ich es nicht behaupten – ich verabscheue ihn nämlich – allein im allgemeinen wirkt der Anblick des Doktors, sofern er unser Vertrauen besitzt, beruhigend auf Gesunde wie auf Kranke.« »Gewiß, gewiß,« bestätigte Melville mit eigentümlicher Hast, »ebenso fasse ich selbst es auf. Und wie oft ereignet es sich, daß der Arzt Symptome einer Krankheit entdeckt, lange bevor wir selbst eine Ahnung davon erhalten.« »Sie befinden sich also wirklich vollkommen gesund?« forschte Flora, ihren Wohltäter etwas aufmerksamer betrachtend, als wäre in dessen Wesen ihr irgend etwas aufgefallen. »Ich befinde mich in der Tat sehr wohl,« erwiderte Melville, »das schließt indessen nicht aus, daß es zuweilen recht empfindlich in meinen Gliedern zuckt. Da kommt Hawkins heut gerade wie gerufen – wenn er nur erst hier wäre! Sobald er erscheint – ich werde ihn hier oben empfangen – bist du so gut, mich allein mit ihm zu lassen. Vor Zeugen offenbart man nicht gern die kleinen Leiden, die von dem höheren Alter unzertrennlich sind, so lächerlich diese falsche Scham sein mag.« »Ich werde unterdessen hier oben bleiben und auf die Befehle des Kapitäns warten,« bemerkte Kit Kotton dienstfertig, denn es beseelte ihn tiefe Scheu, seinen Herrn dem Doktor gewissermaßen auf Gnade und Ungnade zu überantworten. »Nein, Kit,« versetzte Melville ruhig und ohne mit einer Miene zu verraten, daß er den alten Burschen durchschaute, »du wirst dir im Hause zu schaffen machen und Flora bei ihrer Besichtigung zur Hand gehen. Ob du dort weilst oder hier oben: trotz deines gesunden Menschenverstandes würdest du nicht den zehnten Teil von dem verstehen, was ich mit dem Doktor verhandle' dazu müßtest du Medizin studiert haben.« Kit grinste sauersüß, rückte die Mütze unruhig hin und her und entgegnete zutraulich: »Wie der Kapitän befehlen. Ich meinte nur, daß ich zur Hand sein möchte, wenn der Doktor Anweisungen erteilt von wegen einer richtigen Pflege.« »Wenn ich dir sage, wie es mit meiner Pflege zu halten ist, so genügt das,« erklärte Melville unmutig, »du machst überhaupt viel zuviel Aufhebens um Kleinigkeiten – aber da ist Blackbird,« und er lenkte die Aufmerksamkeit nach dem Waldwege hinüber, auf dem ein Reiter sich langsam in seinen Gesichtskreis schob. »Schon?« rief Flora lachend aus, »ich glaube, der gute Blackbird übernachtete lieber auf offener Landstraße, bevor er seinen Mustang aus dem gemächlichen Schritt brächte.« Kit schickte sich an, die Plattform zu verlassen, um die Vorräte zu prüfen, nach denen Blackbird ausgeschickt worden. Flora sah fragend auf Melville; als dieser das Haupt zustimmend neigte, eilte sie, von dem zurückbleibenden Wasp mit den Blicken verfolgt, Kit die Treppe hinunter nach. Gleich darauf befand sie sich an dessen Seite, ihm vertraulich zuraunend, daß der Doktor sie unnötigerweise geängstigt habe. »Wenn der nur aus unserem Fahrwasser bleiben wollte,« erklärte Kit, sich förmlich windend unter dem Zwange, in seinen Mitteilungen Vorsicht walten zu lassen, »hab' nämlich die Meinung, daß ein Doktor an 'nem gesunden Menschen gerade so viel verdirbt, wie ein halb Dutzend gewissenhafter Pfleger an ihm ausflicken können.« Flora betrachtete den alten Schiffskoch befremdet von der Seite. Sein feierliches Antlitz reizte sie zum Lachen und heiter versetzte sie: »Was willst du mit deinem Rabengekrächz? Laß den Kapitän leben, wie es ihm am meisten behagt; gerade darin liegt die wirkliche Arznei. In seiner Einsamkeit bietet ein Plauderstündchen mit dem Doktor ihm eine willkommene Unterhaltung, und die darf nicht verkümmert werden. Was hat der Ärmste sonst vom Leben – da ist Blackbird! Betrachte ihn. Hängt er nicht auf seinem Mustang, als wollte er das Ende aller Dinge erwarten?« Kit, den sich langsam Nähernden im Auge, antwortete verdrossen: »Und doch besitzt er ein Gedächtnis zum Erstaunen. Noch soll er zum erstenmal etwas vergessen.« Und wie Flora scherzhaft sagte, verhielt es sich: langsam, ganz langsam schlich der Mustang mit seinem Reiter herbei, und wie, in Haltung und Bewegungen, trugen sie auch im Äußeren eine auffallende Ähnlichkeit. Struppig waren die Häupter beider. Schwarzes Stirnhaar verschleierte ihre schläfrigen Augen. Wie den Kopf des Pferdes ein mit Muscheln besetzter Riemen, umschlang den des Indianers ein rotes Band, und verhältnismäßig gleich alt, beugten beide ihre Nacken unter der Zahl der Jahre. Aber runder und wohlgenährter war der braune Mustang, wogegen der Körper des betagten Seminolenkriegers nur aus Haut, Knochen und Sehnen zu bestehen schien. Vor der Veranda, auf der Flora und Kit ihn erwarteten, hielt Blackbird seinen stumpf dareinschauenden Mustangveteranen an. Kalt, wie aus den Augen einer Wachsfigur, ließ er die Blicke über die beiden hingleiten, und deren Gruß mit einem kurzen Neigen des Hauptes erwidernd, begann er, die Vorräte aus seinem Quersack hervorzuholen und Kit darzureichen. Dieser war jetzt wieder Koch von seinem buschigen Scheitel bis zu den dicken Stiefelsohlen herunter. Abwechselnd lobte und tadelte er zu Floras Ergötzen, die bereitwillig dieses und jenes ins Haus hineintrug und ihm dadurch Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit dem Indianer bot. »Blackbird,« bemerkte er gedämpft, während er diesem einen Beutel Mehl aus dem Quersack hervorziehen half, »der Satan ist wieder los. Wir erwarten nämlich den Doktor.« Blackbirds Augen vergrößerten sich ein wenig. Einen finsteren Blick sandte er zu Kit nieder, indem er antwortete: »Das Mädchen mit den flinken Füßen sagte es mir auf dem Wege. Hawkins ein schlechter Medizinmann. Seine Worte sind Gift. Sie fressen am Herzen des Kapitäns, machen ihn zum Weibe.« »Richtig, Blackbird,« gab Kit grimmig zu, »und wenn ich jemand wünsche, daß er sich das Genick dreimal breche, so ist's dieser Doktor mit seinen unstäten ???Vortoplichtern. Der kann nämlich keinen Menschen gerade ansehen, und geht das länger so weiter, so erleben wir ein Unglück an dem Kapitän. Jetzt höre: ist dieser Schurke von Doktor erst da, so beachte alles, was auf der Plattform vor sich geht. Ich selbst darf nicht hinaus; dir mißtraut dagegen niemand, da magst du die beiden wenigstens aus der Ferne überwachen.« Blackbird gab ein zustimmendes Zeichen. Bevor Kit aber das Gespräch weiter zu spinnen vermochte, erschien Flora auf der Veranda, in lieblicher hausmütterlicher Weise die Herrschaft sich aneignend. Während sie darauf geschäftig in der sich regte und gefolgt von Kit Kotton, mit klirrenden Schlüsseln von Gemach zu Gemach, von Schrank zu Schrank eilte, wurde auf dem Waldwege das Rollen eines Wagens vernehmbar. Gleich darauf hielt in geringer Entfernung von der Garteneinfriedigung ein Einspänner, gelenkt von einem etwa siebenzehnjährigen Burschen, und zur Erde sprang Doktor Hawkins. »Fahre langsam auf und ab,« befahl er dem Burschen, und einen argwöhnisch forschenden Blick nach der vereinsamten Veranda hinübersendend, schlug er die nächste Richtung nach der Kommandobrücke ein. In dem Bewußtsein, von Melville ängstlich beobachtet zu werden, erstieg er die Treppe mit bedachtsam zur Schau getragener Sorglosigkeit. Kaum aber trat er mit ausgestreckter Hand und einen heiteren Gruß auf den Lippen vor jenen hin, als er plötzlich erschrocken stehen blieb, einen durchdringenden Blick in Melvilles Augen senkte und, wie von seinen Empfindungen überwältigt, sich auf dem nächsten Stuhl niederließ. »Mein armer Freund,« hob er nach einer kurzen Pause des Schweigens an, und seine gedämpfte Stimme zitterte anscheinend vor Wehmut, »wie muß ich Sie heute finden! Ich ahnte dergleichen, oder ich hätte meinen Besuch noch einige Tage aufgeschoben – Sie blicken seltsam, als ob Sie jemand fürchteten. Was ist vorgefallen? Fassen Sie Mut, teuerster Kapitän; vergessen Sie nicht, daß Ihnen jemand zur Seite steht, der, wenn auch nicht immer sichtbar, Sie stets im Auge behält, mit Treue und Gewissenhaftigkeit Ihren bedrohlichen Gemütszustand überwacht. Und dennoch – sollten Sie nicht das unbedingteste Vertrauen zu mir besitzen, sollten die leisesten Zweifel über meinen klaren Blick Sie beschleichen, so bekennen Sie es offen. Wähnen Sie nicht, daß ich mich dadurch verletzt fühle. Im Gegenteil, ich selbst empfehle Ihnen bereitwilligst einen anderen Arzt; denn gerade in zweifelhaften Fällen, wie der Ihrige, ist es streng geboten, die geringfügigsten Regungen peinlich zu berücksichtigen, sollen nicht unberechenbaren Folgen die Pforten geöffnet werden.« Solange Hawkins sprach – und einem ruhigen Beobachter wäre nicht entgangen, daß er mit scharfer Berechnung eine rätselhafte und daher doppelt beängstigende Bemerkung an die andere knüpfte – hatte Melville mit sichtbarer Bestürzung in seinem Antlitz zu lesen getrachtet. Sobald Hawkins aber schwieg, ergriff er dessen Hand und leise, wie besorgend, im Hause verstanden zu werden, sprach er: »Doktor, mein Vertrauen zu Ihnen ist ein unbedingtes. Sie sind der erste, der mich auf eine gräßliche Gefahr aufmerksam machte, der einzige, der keinen Anstand nahm, mich über meine Gemütsstimmung aufzuklären. Und ich sollte einen anderen zu Rate ziehen? Einem anderen das furchtbare Geheimnis anvertrauen, damit er es verbreite? Nein, Doktor, verlassen Sie mich nicht in meiner Todesangst. Sie sind es allein, der mir zu helfen vermag; wehren Sie dem Gespenst, welches mich unablässig umkreist und martert, dem Gespenst des Wahnsinns, der Furcht, von denjenigen, die in Treue zu mir stehen, bange gemieden und geflohen zu werden. Lieber tot als länger ein Opfer solcher Qualen. Wie sehr ich mich dagegen sträuben mag: immer mehr befestigt sich in mir die schreckliche Überzeugung, daß ich der unheimlichsten aller Erkrankungen rettungslos verfallen. Wie lange kann es nur noch dauern, bis das, was Sie entdeckten, vor jedermann offenkundig daliegt?« »Es wäre ein Verbrechen, mit der Wahrheit vor Ihnen zurückhalten zu wollen,« versetzte Hawkins, und seine seltsam stechenden Blicke bohrten sich förmlich in Melvilles Augen ein, »denn nur dadurch, daß Sie vertraut mit der Gefahr, ist es mir möglich, gemeinschaftlich mit Ihnen dieselbe zu bekämpfen und vielleicht zu besiegen, bevor sie einen bis zur Unheilbarkeit sich steigernden Umfang gewinnt. Wie starren Sie jetzt wieder ausdruckslos! Das darf nicht sein, muß unterdrückt werden, wenn es auch nicht mit einem Schlage beseitigt werden kann. Indem ich Sie beobachte, kann ich leider nur zu dem Glauben hinneigen, daß Ihr Gedächtnis bereits gelitten hat –« »Nein, noch nicht,« unterbrach Melville ihn schaudernd, »wenn es nur ganz sterben wollte! Aber es lebt in furchtbarer Frische, und das ist die unerschöpfliche Quelle meines Trübsinns, Was mußte ich alles erfahren! Wie schwebt jedes verhängnisvolle Ereignis meinem Geiste mit entsetzlicher Klarheit vor! Wie gellen Flüche und bittere Vorwürfe mir Tag und Nacht in den Ohren!« »So müssen wir das Unsrige tun, die allerdings berechtigten Eindrücke zu mildern,« versetzte Hawkins zuversichtlich. »Trachten Sie zunächst, alles, was Sie beängstigt, so oft wie möglich fest ins Auge zu fassen, um sich an den Anblick gewissermaßen zu gewöhnen. Vergegenwärtigen Sie sich den bluttriefenden Seeigel, der da drüben auf dem Meeresboden liegt, bis Sie ihn wirklich vor sich zu sehen meinen; vergegenwärtigen Sie sich die verglasten Augen der tapferen Bemannung, die ohne ihren Kommandanten von dannen mußte, bis dieselben ihre Schrecken für Sie verloren haben. Vergegenwärtigen Sie sich aber auch mutig das holde Wesen, welches einst zu Ihnen gehörte, seitdem in unbekannter Ferne verscholl, und das liebe, herzige kleine Kind –« »Halten Sie ein, Doktor, halten Sie ein!« ächzte Melville, und sein fahles, in Schweiß gebadetes Antlitz erstarrte gleichsam, »ich ertrage es nicht – ach, diese Augen – die Liebe einer Heiligen –« Sanft verweisend unterbrach ihn Hawkins, indem er die Hand auf seine Schulter legte. »Sie müssen durchaus meine Ratschläge befolgen, oder ich stehe für nichts,« sprach er eindringlich, und wie um Tränen der innigsten Teilnahme zu erzeugen, blinzelte er heftig mit den regsamen Lidern. »Ganz verwischen lassen die bösen Eindrücke sich zwar nie; dagegen vermögen wir bei etwas ernstem Willen uns bis zu einem gewissen Grade mit denselben zu befreunden.« Nachdem Hawkins geendigt hatte, beobachtete er sein unglückliches Opfer eine Weile lauernden Blickes. Melville saß da, wie dem Leben nicht mehr angehörend. Den Nacken gebeugt, stierte er vor sich nieder. Es war ersichtlich, Hawkins Aufforderung hatte Zweifel in ihm wachgerufen, welche zu bekämpfen er unter Aufbietung aller Kräfte sich bestrebte. »Wünschen Sie die Prüfung Ihres Gemütszustandes einige Tage aufzuschieben, so bin ich gern dazu bereit,« brach der Doktor endlich das dumpfe Schweigen, »zugleich aber muß ich darauf hinweisen, daß ein derartig ernstes Gespräch sich nur so lange empfiehlt, wie es Ihnen noch verständlich. Später verbietet es sich von selbst.« Melville sah empor. Unter dem Einfluß des seine körperlichen und geistigen Leiden hinterlistig ausnutzenden Verräters hatte der einst so verwegene Mann die letzte Willenskraft verloren. »Fragen Sie, Doktor,« sprach er leise, als ob sein Todesurteil zu erwarten gewesen Ware, »machen Sie mit mir, was Sie wollen. Allem unterwerfe ich mich, nur die letzte Hoffnung rauben Sie mir nicht.« »Freundliche Hoffnungen anregen möchte ich,« erklärte Hawkins unter heftigem Augenzwinkern, »Hoffnungen, an deren Hand es Ihnen möglich, die finsteren Dämonen des Wahnsinns erfolgreich zu bekämpfen. So befremdet mich zunächst, daß Sie einer Ihnen sehr nahestehenden Dame, einer gewissen Miß Melville, sich störrisch fernhalten, sogar Ihr Leben vor derselben verheimlichen. Ferner, daß Sie bisher nie die Neigung verrieten, nach Ihrem väterlichen Stammsitz zurückzukehren. Sie entsinnen sich der Tante Sarah?« Wie seinen Ohren nicht trauend, sah Melville in Hawkins Augen. »Was wissen Sie von der?« fragte er verstört. »Viel, sehr viel,« antwortete Hawkins freundlich besänftigend, »und zwar durch Sie selbst. Oder erinnern Sie sich nicht, mehrfach darauf bezügliche Anmerkungen fallen gelassen zu haben? »Ich?« rief Melville ungläubig aus, während sein geängstigter Geist in der Vergangenheit suchte. »Sie selbst, mein armer Freund. Doch ich sehe, wie es damit steht; mehr, als ich fürchtete, entschwand Ihrem Gedächtnis, so auch, daß Sie bei meinem letzten Besuch mir anvertrauten, weder in brieflichem noch in sonstigem Verkehr mit der Schwester Ihres Vaters zu stehen. Und doch glaube ich, einzelnen Ihrer Andeutungen entnehmen zu dürfen, daß gemeinschaftliche Interessen zwischen Ihnen schweben. Sie bedienten sich mehrfach der Bezeichnung ›Dokument‹, wofür mir allerdings eine nähere Erklärung fehlt. Lege ich darauf aber hohen Wert, so darf Sie das nicht befremden. Ich muß vor allem die Ursachen der schwarzen Gedanken ergründen, die Ihren Geist peinlich beschäftigen! nur dann erst bin ich fähig, wohltätig wirkende Entscheidungen für Sie zu treffen. Sollte es sich also empfehlen, Sie wieder in Beziehung zu jener rätselhaften Dame zu bringen, so wäre ich mit Freuden bereit, die Rolle eines Vermittlers –« »Unter keiner Bedingung geschieht das,« fiel Melville leidenschaftlich ein und matte Röte breitete sich über sein Antlitz aus, »nein, Doktor, ich habe gebrochen mit meiner Vergangenheit, gebrochen mit der väterlichen Heimstätte, gebrochen mit allen, die mir einst nahestanden und mittelbar oder unmittelbar zu meinem Dahinsinken beitrugen. Nein, von keinem will ich hören, keinen will ich wiedersehen, an keinen mehr erinnert werden. Da ich unbewußt so viel verriet, nehme ich keinen Anstand, vor Ihnen auch fernerhin mich frei darüber zu äußern.« Durch krampfhaftes Zucken der Lider verheimlichte Hawkins die Befriedigung, die in seinen Augen aufleuchtete, und das Haupt nachdenklich wiegend, hob er an: »Als Sie eines Schriftstückes erwähnten, mich des Behälters, in dem Sie es aufbewahren, gewann ich den Eindruck, als ob es in Ihrer Gewalt läge, ein ansehnliches Vermögen flüssig zu machen. Ich würde alles als ein mir nicht gehörendes Eigentum in meiner Brust verschlossen gehalten haben, allein Ihr Zustand fordert gebieterisch, nichts unversucht zu lassen, den eigentlichen Urquell Ihres Leidens genau kennen zu lernen.« »Also auch von dem Mahagonikasten sprach ich,« erwiderte Melville bestürzt, »unglaublich! Freilich, nur ich allein kann meine eigensten Geheimnisse verraten haben, Gott sei Dank, bei Ihnen ruhen sie sicher genug; und so mag ich Ihnen weiter beteuern – und augenblicklich ist mein Geist vollkommen klar – weder bei der Tante Sarah, noch in den rätselhaften Vermögensverhältnissen ist irgendeine böse Beunruhigung meines Gemütes zu suchen. Besäße ich aber die Macht, gemeinschaftlich mit jener Feindin in Melvillehouse Millionen zu erheben, so würde ich, um jeder Versuchung zu widerstehen, lieber das Schriftstück verbrennen und Hungers sterben, bevor ich deshalb auch nur ein Wort an jemand richtete, der die Haupttriebfeder war zu meinem Verderben. Anders wäre es, wenn meine arme, hingeopferte Frau und unsere Tochter noch lebten. Dann wollte ich mich allerdings nicht müßig finden lassen –« er brach ab, und wie in der Besorgnis, zu viel gesagt zu haben, sah er befangen in Hawkins' Antlitz. »Und dennoch würde eine Verbesserung Ihrer äußeren Lage, die Möglichkeit, Ihren Wohnsitz zeitweise zu wechseln und größere Reisen mit aller Bequemlichkeit zu unternehmen, unzweifelhaft einen wohltätigen Einfluß auf Ihre Gemütsverfassung ausüben,« erklärte Hawkins teilnahmvoll. »Ja, fort von hier,« unterbrach Melville den Doktor in Todesangst, »fort von einer Stätte, auf der ich so lange namenlos litt, fort, bevor das Ärgste auf mich hereingebrochen ist – aber heimlich, Doktor, ganz heimlich, so daß niemand die wahre Ursache meiner Entfernung ahnt« – und seine Stimme sank zu schwer verständlichem Flüstern herab – »Sie sind erfinderisch, Doktor; wir können vorgeben, ich habe eine Badereise unternommen, gleichviel, wohin. Nur die Wahrheit dürfen die zu mir Gehörenden nicht ahnen, vor allen Dingen nicht Flora, das liebe, zutrauliche Kind.« Bei diesem Vorschlage leuchtete hinter den zwinkernden Lidern Hawkins' heimlicher Triumph auf. Indem Melville aber flehentlich zu ihm emporsah, begegnete er nur dem einzigen Ausdruck tiefen Mitleids und herzlicher Teilnahme. »Ihre Bereitwilligkeit begrüße ich als ein günstiges Symptom,« begann er ernst; »daß Ihre bedrohliche Gemütsstimmung vorzugsweise auf eine Überreizung der Nerven zurückzuführen ist. So kann ich auch nur billigen, wenn Sie alles als tiefes Geheimnis bewahrt haben möchten.« Melville hatte das Haupt tief gebeugt. Zu den Schweißtropfen, welche auf den Schläfen perlten, gesellten sich Tränen, die in seinen trostlos blickenden Augen zusammenliefen. Er gewahrte daher nicht, daß Hawkins ihn überwachte, wie wohl geschieht, wenn das durch chemisches Verfahren bewirkte Gefrieren des Wassers die Aufmerksamkeit fesselt. Und wie dem Wasser künstlich Leben und Beweglichkeit genommen wird, sollte ja hier der erschöpft um sein Bewußtsein kämpfende Geist in Erstarrung und Nacht versenkt werden. Ähnlich aber, wie Hawkins sein unglückseliges Opfer, beobachteten ihn selber von dem Hause aus Kit Kotton und Blackbird, während Flora arglos in dem Wohnzimmer ihres Wohltäters waltete. Endlich richtete Melville sich wieder empor. Auf seinem entstellten Antlitz prägten sich Angst und Zweifel aus. Als wäre von diesen allein nur noch Rettung zu hoffen gewesen, hingen seine Blicke gespannt an Hawkins' Lippen. »Da ist Kit Kotton,« sprach er schüchtern, »er ist der einzige, der mein Unglück ahnt. Ihn möchte ich mit mir nehmen. Im Laufe der Jahre gewöhnte ich mich an seine Bedienung. Er kennt meine Eigentümlichkeiten; überall würde er mir fehlen. Auch sprach ich zuweilen über mein Befinden mit ihm. Bliebe er zurück, so würde er mein heimliches Davongehen richtig deuten, nichts ihn hindern, zu Flora und anderen seine Mutmaßungen zu offenbaren.« »Zu ihm sprachen Sie darüber?« erwiderte Hawkins, die Brauen runzelnd, »das ist allerdings sehr bedauerlich. Glücklicherweise sind solche einfachen Naturen leicht zu beruhigen, sogar vom Gegenteil der Wahrheit zu überzeugen. Es bedarf nur, daß Sie die letzte Zeit Ihres Zusammenseins mit ihm dazu benutzen, den etwa in ihm wachgerufenen Verdacht wieder zu ersticken. Denn gegen seine Begleitung muß ich strengen Widerspruch erheben, Beständen Sie dennoch darauf, so könnte ich die Verantwortlichkeit für die Zukunft nicht übernehmen. Ich würde es sogar als meine Pflicht betrachten, mich gänzlich zurückzuziehen –« »Nein, Doktor, das dürfen Sie nicht,« fiel Melville mit einem ergreifenden Ausdruck der Verzweiflung ein, »nein, Sie dürfen mich meinem Schicksal nicht überlassen – schon allein der Gedanke daran macht mich erbeben – da – jetzt hämmert es wieder in meinen Schläfen – retten Sie mich, Doktor, wenn noch ein Funke von Mitgefühl in Ihnen wohnt.« »Nicht doch, teurer Freund,« riet Hawkins nunmehr dringend, »bedenken Sie, wir mögen von dem Hause aus beobachtet werden. Sogar der Hund hier blickt befremdet zu Ihnen auf. Jede neue Aufregung vergrößert die Gefahr – mein Gott, wie blicken Sie wieder stumpf und unheimlich! Sehen Sie aufs Meer hinaus, welches Sie so lange trug, Sie in der Blüte der Jahre und der Kraft kennen lernte. Fassen Sie Mut, mein armer Freund, erleichtern Sie mir die schwere Aufgabe und sagen Sie sich auf kurze Zeit von jemand los, dessen Anblick Sie nur peinlich an dieses oder jenes erinnern würde,« »Wohin wollen Sie mich führen?« fragte Melville befangen, wie in Sorge, durch Neugierde sich Tadel zuzuziehen. »An einen Ort, wo Sie sich wohl und zufrieden fühlen werden. Den Namen nenne ich nicht. Er möchte Ihnen entschlüpfen und Sie wären nicht sicher, von Kit Kotton aufgesucht zu werden, und das darf nicht geschehen. Nur so viel: in ländlicher Einsamkeit finden Sie, die reichste Augenweide und eine Ihrem Zustande entsprechende liebevolle Begegnung. Glauben Sie mir, ich wählte das Beste für Sie.« »Aber dann bald,« bat Melville dringend, »so bald wie möglich; ich fühle, wie diese Ungewißheit in meinem armen Kopfe arbeitet und bohrt.« »Ihren schnellen Entschluß begrüße ich ebenfalls als ein günstiges Zeichen. Wer weiß, ob es nach drei Tagen noch ebenso ist. Bestimmen wir daher vorläufig den morgigen Nachmittag. Ein Wagen wird Sie abholen. Sie selbst haben nur nötig, dafür zu sorgen, daß Kit und der Seminole nicht daheim sind. Sie sind ja noch klar genug, um irgendeinen Vorwand zu erfinden, unter welchem Sie beide nach der Stadt schicken.« »So muß ich ohne Kit Kottons Beistand meine Reisevorkehrungen treffen,« bemerkte er nach einer Pause eintönig, »und was soll ich da mitnehmen?« »Vorläufig nur das Allernotdürftigste zum täglichen Gebrauch,« antwortete Hawkins, und lauernder wurde der Blick hinter den regsamen Augenlidern. »Zum heimlichen Packen bleibt Ihnen ohnehin keine Zeit und Gelegenheit.« »Aber Geld?« »Wollen Sie einige hundert Dollars zu sich stecken, so tun Sie es unbesorgt; im übrigen genügt zu größeren Auslagen meine Bürgschaft. Am ratsamsten ist es für Sie, jede Sorge um materielle Dinge ganz abzustreifen, und für das, was Sie hier zurücklassen, bietet Kit Kotton gewiß ausreichende Sicherheit. Nur wenn Sie irgend etwas besitzen, worauf Sie besonderen Wert legen, vielleicht Andenken oder Briefschaften, welche pietätvoll selbst zu überwachen Sie sich gewöhnten, so tun sie gut, sich auch fernerhin nicht davon zu trennen. Da – Ihr Gesichtsausdruck wechselt wieder. Ich lese in Ihren Zügen Furcht, daß dieses oder jenes in fremde Hände fallen könnte. Gestehen Sie offen: habe ich recht?« Melville sah verstört in Hawkins Augen. In seinem Blick offenbarte sich erwachendes Mißtrauen, für jenen ein verständliches Zeichen. Eine Weile ging er mit sich zu Rate, dann antwortete er erzwungen sorglos: »Jeder Mensch besitzt Dinge, die er ungern verliert. In den meisten Fällen sind es gerade die wertlosesten Gegenstände, die durch Erinnerungen geheiligt sind. So ergeht es mir.« »Um so mehr Grund, sich nicht davon zu trennen,« versetzte Hawkins gelassen, »doch handeln Sie, wie es am meisten Ihren Neigungen entspricht. Nach dieser Richtung hin darf ich Ihnen keinen Zwang auferlegen.« In diesem Augenblick erschien Flora, ein Bild holder hausmütterlicher Geschäftigkeit, auf der Veranda und spähte nach der Plattform hinüber. »Wir werden von scharfen Augen beobachtet,« verfiel Hawkins in einen sorgloseren Ton, »und darnach müssen wir uns ein wenig richten. Was zu vereinbaren unabweislich gewesen, haben wir erledigt. Zweifel können nicht mehr walten. Morgen nachmittag um diese Zeit sind Sie unterwegs, und gereicht es Ihnen zur Beruhigung, so verspreche ich gern, Sie von Zeit zu Zeit zu besuchen –« »Ja, Doktor, das tun Sie,« warf Melville lebhaft ein und auch er befleißigte sich einer freieren Haltung, »Sie sind meine einzige Hoffnung; unbelohnt soll es Ihnen nicht bleiben, wenn ich zu seiner Zeit geheilt wieder hier einziehe.« »Nebendinge, mein verehrter Kapitän. Hauptsache bleibt für Sie, nicht durch die leiseste Miene zu verraten, was zwischen uns schwebt. Raffen Sie sich auf, versuchen Sie, in die Ihnen sonst so geläufige Rolle eines aufmerksamen Gastfreundes einzutreten; um Ihrer selbst willen müssen wir uns aufs Täuschen verlegen.« Der Abend war nicht mehr fern, als Hawkins sich verabschiedete. Seine Aufforderung, mit ihm zugleich die Gelegenheit zur Heimkehr zu benutzen, lehnte Flora höflich ab. Dagegen begleitete Kit Kotton ihn auf einen nicht mißzuverstehenden Wink bis zum Wagen. »Kit Kotton,« redete er diesen an, sobald sie sich außerhalb der Hörweite Melvilles befanden, »ich habe Sie stets für einen treuen und gewissenhaften Diener gehalten; da stehe ich nicht an, Ihnen im Vertrauen einige ernste Ratschläge zu erteilen. Ich fasse mich kurz, um auf der Plattform keinen Argwohn zu erregen. Zu meiner tiefen Betrübnis entdeckte ich bei Ihrem Herrn die ersten Anzeichen einer bösen Geistesverwirrung. Noch ist es vielleicht nicht zu spät, dem Unglück durch weise Maßregeln vorzubeugen; dagegen müssen wir streng vermeiden, unseren Verdacht durchblicken zu lassen. Miß Flora bleibt selbstverständlich ganz aus dem Spiel; Weibernaturen sind nicht geschaffen, peinlich wirkende Geheimnisse in sich zu verschließen, und offenbarten sie dieselben auch nur in Blick und Mienen. Mit Ihnen ist es etwas anderes. Daher muß die ganze Last, die ganze Verantwortlichkeit auf Ihre Schultern gewälzt werden. Jetzt merken Sie auf: durch klug gestellte Fragen entlockte ich Ihrem Herrn das Geständnis, daß in nächtlichen Stunden der Schlaflosigkeit zuweilen Lebensüberdruß ihn fast übermannt, so daß das ärgste zu befürchten, wenn er nicht aufmerksam überwacht wird. Ich rate Ihnen daher, unter irgendeinem harmlosen Vorwande Ihr Bett in der Nachbarschaft des Kapitäns aufzuschlagen. Dann sorgen Sie dafür, daß alle seinen Launen, Wünsche und Befehle so pünktlich und schnell wie möglich erfüllt werden. Ich wiederhole: Wachsamkeit, Vorsicht und bereitwilliges Eingehen auf alle Launen, und wären sie noch so wunderlich, sind Hauptbedingungen.« Sie waren bei dem Wagen eingetroffen. Mit kurzem Gruß und ohne eine Erwiderung abzuwarten, bestieg Hawkins denselben und gleich darauf rollte er davon. Förmlich verwirrt blickte Kit Kotton ihm nach. Derartige Aufklärungen und vertrauensvolle Ratschläge waren das letzte, was er gerade von Hawkins erwartet hatte. Seine Abneigung gegen ihn konnte dadurch freilich nicht erschüttert werden; dagegen erschienen die seit längerer Zeit beobachteten Seltsamkeiten seines Herrn ihm plötzlich in einem anderen Lichte, Vorsicht, Wachsamkeit und Nachgiebigkeit waren ihn: zur Pflicht gemacht worden; das klang ehrenwert und vernünftig genug. Trotzdem vermochte er nicht von dem Verdachte sich loszusagen, daß Hawkins einen bösen Einfluß auf den Kapitän ausübe. Sorgenvoll kehrte er sich der Plattform zu. In der Nähe der Veranda trat Flora ihm heiteren Blickes entgegen. Sie war zur Heimkehr gerüstet; ihr auf dem Fuß folgte Wasp in seltsamen Paßschritt. Als sie ihm zum Lebewohl mit ihrem glücklichsten Lächeln die Hand reichte, kostete es ihm keine geringe Mühe, ebenfalls munter dareinzuschauen. Nicht um die Welt hätte er das fröhliche Mädchen zur Mitwisserin des bösen Geheimnisses gemacht. Siebzehntes Kapitel. Die Flucht. Nachdem Flora auf dem Waldwege verschwunden war, erschien es einige Minuten, als hätte Melville, der ihr so lange nachsah, einem Gefühl tiefer Erschöpfung nur unter äußerster Anstrengung Widerstand geleistet. Sobald er aber Kit Kottons Schritte vernahm, der zurückkehrte, um den Tisch abzudecken, richtete er sich empor, und ein Kind hätte nicht harmloser schauen können, als er, indem er jenen aufforderte, seine Arbeit aufzuschieben und sich zu ihm zu setzen. Kit leistete Folge. Ein Blick in Melvilles mattgerötetes Antlitz überzeugte ihn, daß es keine finsteren Gedanken waren, was seinen Herrn bewegte. Er griff daher zu den alten Zeitungen, um aus denselben irgendeinen Kriegsbericht vorzulesen, von denen er wußte, daß er mit Vorliebe gehört würde. »Heute nicht mehr,« erklärte Melville freundlich, »nein, heute nicht. Nach der Unterhaltung mit meinem Freunde Hawkins will ich von Schlachtenlärm und Blutvergießen nichts mehr wissen,« und zu Kits namenlosem Erstaunen fügte er hinzu: »Die Unionisten sind schließlich ebensogut Menschen wie die Sezessionisten, da soll man den Haß nicht bis zur Unversöhnlichkeit treiben. Es befremdet dich, solch mildes Urteil von mir zu vernehmen? Da hättest du nur den Doktor hören sollen, wie er auf mich einredete, mir vorwarf, mit offenen Augen in mein Elend zu rennen. Er bestand darauf, daß ich ein neues Leben zu beginnen habe, alles aus meinem Wege räumen müsse, was auch nur im entferntesten zu schmerzlichen Betrachtungen Veranlassung geben könne. Jeder Sorge soll ich mich entschlagen, in den Tag hinein leben wie ein Vogel, der sich um nichts kümmert, solange ihm die Freiheit bleibt, und da habe ich mich entschlossen, mein ganzes Wohl und Wehe deinen Händen anzuvertrauen. Ich werde dir daher meine Kasse übergeben. Damit wirtschaftest du, wie es dir angemessen erscheint, und wo du etwa in Zweifel, da wendest du dich an Flora. Also mit anderen Worten: ich will gänzlich unbehelligt bleiben, nur meinem Vergnügen leben, soweit dies überhaupt noch möglich.« Hier ließ er eine Pause eintreten. Wahrend er nachdenklich vor sich niedersah, betrachtete Kit ihn mit wachsender Unruhe. Er wußte nicht, ob er die plötzliche Wandlung im Wesen seines Herrn freudig begrüßen oder, zumal nach Hawkins Mitteilungen, beklagen sollte. Und so erschrak er sichtlich, als Melville das Haupt wieder emporwarf und mit einem eigentümlich mutwilligen, sogar verschmitzten Lächeln geheimnisvoll anhob: »Noch eins, Kit; auch der Besorgnis, daß dieses oder jenes mir entwendet werden könnte, will ich überhoben sein, und das erreiche ich am einfachsten, indem ich dich zum alleinigen Wächter über meine wertvollste Habe einsetze. So werde ich vor allen Dingen das Mahagonikästchen deinen Händen anvertrauen, und das sollst du behüten wie dein eigen Leben. Verstecke es, vergrabe es, jedoch so, daß ich es zu jeder Stunde von dir zurückfordern mag; bis dahin aber will ich nichts mehr davon hören oder sehen. Zu lange schon quälte und marterte mich dessen Anblick. Es ist zum Erstaunen, daß wir nicht früher darauf verfielen. Sobald der Doktor dergleichen andeutete, leuchtete es freilich in meinem Geiste auf, und ebenso schnell faßte ich den Entschluß, die Hauptlast meines Daseins auf deine breiten Schultern zu wälzen. Die ganze Wahrheit gestand ich selbstverständlich dem Doktor nicht ein – was kümmert den überhaupt das Kästchen?« – und noch geheimnisvoller und listiger blickte er – »so darfst du auch zu niemand darüber reden. Versprichst du mir das heilig, so trägt das nicht wenig zu meiner Beruhigung bei.« Kit Kotton verpflichtete sich durch Handschlag zu ewigem Schweigen und gewissenhafter Überwachung des ihm anvertrauten Gutes, und Melville fuhr fort: »Wie du befremdet tust, Kit. Aber ich sehe dir bis in dein ehrliches Herz hinein; da entdecke ich, daß du, von dem ich es am wenigsten erwartete, an meinen gesunden Sinnen zweifelst –« »Nein, Kapitän,« unterbrach Kit ihn lebhaft, »ich halte Sie für den gescheitesten Mann, der je eine Länge und Breite berechnete, und wenn's mich befremdete, den Herrn plötzlich verändert zu sehen, ist's kein Wunder.« »Nein, Kit Kotton, kein Wunder, darin ergeht es dir nicht anders, als mir selber. Doch wir wollen uns dieser Wandlung freuen und hoffen, daß es so bleibt. Ich fühle mich nämlich leicht, wie seit Jahren nicht, und das verdanke ich den ernsten Ratschlägen des Doktors. Er wird mich übrigens fortan häufiger besuchen, und da müssen wir beide es uns angelegen sein lassen, den guten Eindruck, den er heute empfing, nicht zu verwischen. Jetzt weißt du alles, Kit. Räume den Tisch ab und richte mein Bett her. Bevor ich mich zur Ruhe begebe, will ich indessen noch ein Stündchen die frische Seeluft hier oben genießen. Morgen früh besprechen wir das weitere. Bis dahin überlege dir, wo du namentlich das Kästchen am sichersten unterbringst. Den Schlüssel magst du in der Tasche bei dir tragen. Auch mir verrate das Versteck nicht. Es könnte mir nämlich eines Tages einfallen, die alten Scharteken zu durchsuchen, und das möchte mir nicht dienlich sein.« Kit Kotton antwortete mit einem einfachen: » All right! « Mehr vermochte er nicht hervorzubringen, in so hohem Grade beängstigten ihn die seltsamen Einfälle seines Herrn. Als er eine Stunde später den Kapitän ins Haus führte, glaubte er, eine größere Erschlaffung an ihm zu entdecken. Er beruhigte sich indessen wieder, als dieser, nachdem er sich niedergelegt hatte, schnell in einen tiefen Schlaf verfiel. Eingedenk der Ratschläge Hawkins, streckte er sich im Vorzimmer auf dem Teppich aus. Die beiden Fenster hatte er der kühlen Nachtluft geöffnet. Sichtbar gestärkt erhob Melville sich folgenden Morgen von seinem Lager. Nicht mehr krankhafte Heiterkeit offenbarte sich in seinem Wesen, sondern eine gewisse träumerische Ruhe. Lächelnd, als ob es sich darum gehandelt habe, ein einmal ausgesprochenes Wort nicht zurückzunehmen, übergab er Kit seine angeblichen Schätze, und als ein neues günstiges Zeichen begrüßte dieser die Aufforderung, nachmittags in Begleitung des Seminolen zum Zwecke einiger Einkäufe nach der Stadt zu gehen. Zugleich erhielt er den Auftrag, Flora zum folgenden Tage einzuladen mit der Bitte, ihren Aufenthalt in dem Strandhause auf eine Woche und länger auszudehnen. Indem die beiden alten Gefährten mit dem Mustang in den Waldweg einbogen, sandte Kit Kotton einen letzten Blick zu Melville hinüber. Auf der Veranda saß er, neben sich einen Tisch mit Büchern und Erfrischungen. In den Händen eine Zeitung, schien er eifrig zu lesen; in Wahrheit aber lauschte er auf den allmählich schwindenden Hufschlag des Pferdes, zählte er ängstlich die Minuten, bis er sicher zu sein glaubte, daß Kit nicht mehr zurückkehre. Nunmehr erhob er sich. Nachdem er eine Weile argwöhnisch um sich gespäht hatte, begab er sich in seine Wohnung. Gleich darauf konnte man ihn hören, wie er Schubfächer öffnete, eine Anzahl Goldstücke klirrend zählte und in seine Tasche schob. Dann schurrte er wieder mit Stühlen und einem Reisekoffer, indem er diesen mit Wäsche und Kleidungsstücken füllte. Er war noch mit der ungewohnten, seine ganzen Kräfte in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigt, als schwere Tritte auf der Veranda ihn veranlaßten, an das nächste offene Fenster zu treten. Sein erster Blick fiel auf eine sonntäglich gekleidete, kurze, vierschrötige Arbeitergestalt, welche sich, den Hut tief ziehend, dem Fenster näherte und höflich fragte, ob man die Ehre habe, vor dem Kapitän Melville zu stehen. Diesem stockte der Atem. Kaum verständlich brachte er hervor: »Melville ist mein Name; womit kann ich dienen?« »So habe ich die besten Grüße von dem Doktor Hawkins auszurichten,« hieß es in breitem Dialekt zurück, »zugleich soll ich mich zur Verfügung stellen, wenn der Kapitän geneigt wäre, eine kleine Reise anzutreten.« Diese Antwort, die Melville überzeugte, daß der Fremde notgedrungen mit seinem Gemütszustande vertraut sein müsse, trieb ihm das Blut der Verwirrung und der Scham in das Antlitz. Es erschütterte ihn förmlich, das, was er als ein zwischen ihm und Hawkins schwebendes unverbrüchliches Geheimnis betrachtete, Plötzlich von einem Menschen, den er nie zuvor sah, geschäftsmäßig angedeutet zu hören. »Also von Doktor Hawkins,« fragte Melville nach einer kurzen Pause des Sinnens schüchtern; »nun ja, ich erwarte jemand, aber ich glaubte, er würde einen Wagen schicken.« – »Hält eine kurze Strecke von hier,« fiel der Fremde mit widerwärtiger Vertraulichkeit ein, welche Melvilles ursprünglich vornehmes Gefühl nur deshalb nicht verletzte, weil heftige Erregung ihn unempfindlich gegen äußere Eindrücke gemacht hatte; »der Doktor befahl mir nämlich, die eigentliche Landstraße zu meiden und fürs erste Nebenwege zu halten. Er meinte, es sei Ihnen angenehmer, Menschen auszuweichen, die Arges von Ihrer Reise denken möchten.« »Gut, gut, lieber Freund,« versetzte Melville ängstlich billigend, »das war bedachtsam gehandelt. Es wäre mir wirklich sehr peinlich, erführe ein Unberufener den Zweck meiner Fahrt – aber wir wollen nicht säumen. Trotz aller Vorkehrungen könnte uns jemand überraschen – bitte, treten Sie näher – schnell, schnell. Sie müssen meinen Koffer tragen – ich selbst bin zu schwach auf meinen Füßen,« und er kehrte sich hastig ab, um seinem Gepäck noch einige Kleinigkeiten beizufügen. Bevor der Fremde seiner Aufforderung Folge leistete, trat er bis an die Balustrade der Veranda vor, und den gekrümmten Zeigefinger in den Mund legend, sandte er einen kurzen, schrillen Pfiff nach der entgegengesetzten Richtung von der hinüber, in der Kit und Blackbird sich entfernt hatten. Er säumte, bis hinter dem Buschwerk hervor ein unansehnlicher, zum Teil mit Stroh gefüllter leichter Arbeitswagen von zwei Pferden in seinen Gesichtskreis gezogen wurde, und nach einem Wink mit dem Hut, der dem Kutscher galt, begab er sich in das Haus hinein. Melville war eben damit beschäftigt, den Koffer zu schließen, als der Fremde sich ihm zugesellte. Bereitwillig leistete dieser ihm Beistand, worauf er dringend fragte, ob die Wertsachen, von denen er nach Hawkins' Ausspruch sich nicht trennen dürfe, nicht vergessen seien. »Alles drinnen, alles drinnen,« flüsterte Melville geheimnisvoll, indem er auf den Koffer wies, doch vermied er ängstlich, den lauernden Blicken des Fremden zu begegnen, »nichts vergaß ich, nein, nichts – aber von dannen jetzt, oder wir werden überrascht und alles ist vorbei.« Der Fremde grinste spöttisch. Den Besitzer des Hauses in wahrer Angst vor denjenigen zu sehen, die allein treu zu ihm standen, erschien ihm seltsam genug, um es als eine Offenbarung geistiger Schwache zu betrachten. Mit leichter Mühe schwang er den Koffer auf die Schulter; andere Dinge, die seine Gier reizten, fügte er im Vorbeigehen hinzu, und den freien Arm Melville bietend, führte er ihn vorsichtig aus dem Hause und in den Vorgarten hinaus. Der Wagen hielt in geringer Entfernung von der Einfriedigung. Weder für diesen, noch für den Menschen auf dem Vordersitz hatte Melville einen Blick. Wäre er auf der Flucht vor einem gewaltsamen Tode gewesen, so hätte er nicht kopfloser nach dem elenden Gefährt hinaufklettern können, auf welchem seine Sachen bereits untergebracht worden. Nachdem der Fremde einen Blick des Einverständnisses mit dem Kutscher, einem gaunerhaft dareinschauenden Burschen von etwa zwanzig Jahren, gewechselt hatte, nahm er an Melvilles Seite auf dem festgestopften Strohsack Platz; fast gleichzeitig setzten die Pferde sich in Bewegung. Eine kurze Strecke legten sie auf weglosem rasigen Boden zurück; dann verschwanden sie in niedrigem Gehölz auf einem nur wenig benutzten, anscheinend längst vergessenen, mit Gras und Kraut überwucherten Wege.   Kit Kotton und Blackbird hatten ihre Aufträge in der Stadt erfüllt, und der letzte Sonnenschein leuchtete ihnen noch, als sie mit dem beladenen Mustang vor dem Strandhause eintrafen. Wohl befremdete es ersteren, seinen Herrn nicht auf der Veranda vorzufinden, allein an dessen Seltsamkeiten gewöhnt, beruhigte er sich mit dem Gedanken, daß derselbe, wie häufig geschah, trotz der frühen Abendstunde sich bereits zur Ruhe begeben habe. Leise, um ihn nicht zu wecken, betrat er das Wohnzimmer. Die dort herrschende Unordnung erregte seinen Argwohn. Zögernd warf er durch die offene Tür einen Blick in das Schlafgemach; als er aber das Bett leer sah, bemächtigte sich seiner lähmender Schrecken. Er konnte nur glauben, zumal nach den gestrigen Mitteilungen Hawkins', daß Melville, der so oft das Leben als eine unerträgliche Bürde bezeichnete, diese Last abgeschüttelt habe. Er vergegenwärtigte sich den Ernst, mit dem er ihm den angeblich kostbarsten Teil seiner Habe anvertraute, und seine Befürchtung wuchs zur Überzeugung. Da wurde er eines offenen Briefes ansichtig, der mittels einer Nadel an das Kopfkissen befestigt worden. Bestürzt löste er denselben, dann las er: »Mein lieber Kit Kotton! Ich bin auf Reisen gegangen. Es kann Wochen, auch Monate dauern, bevor ich zurückkehre. Ich fühle das Bedürfnis, der tödlichen Einsamkeit mich hier zu entziehen und mit fremden Menschen zu verkehren. Wenn ich weder zu Dir, noch zu Flora oder dem Doktor über meinen Plan sprach, so geschah es, um von euch nicht anderen Sinnes gemacht und zurückgehalten zu werden. Ebenso wenig wünschte ich irgend jemandes Begleitung. Forscht also nicht nach mir, wenn ihr meine letzte Ruhe nicht untergraben wollt. Sei auch eingedenk aller Ratschläge, welche ich Dir gestern erteilte. Will Flora auf die Zeit meiner Abwesenheit nach dem Strandhause übersiedeln, so bin ich von Herzen damit einverstanden. Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Reise einen wohltätigen Einfluß auf mein körperliches Befinden, wie auf meine Gemütsstimmung ausübt. Sollte das Geld, das ich Dir einhändigte, zur Bestreitung aller Kosten nicht ausreichen, so wende Dich an Flora; sie weiß, wohin sie sich um Vorschüsse zu wenden hat. Grüße mir das liebe Kind. Auf Wiedersehen! Dein getreuer Gilbert Melville.« Zweimal las Kit den Brief, ohne dadurch von seinem ersten bösen Argwohn befreit zu werden. Und doch suchte er zwischen den Zeilen vergeblich nach Merkmalen einer wirklichen Geistesverwirrung. Klar und deutlich geschrieben, zeugten die Worte von ruhigem Denken und Überlegen, gleichviel, welchen unheilvollen Plan er damit zu verschleiern trachtete. In seiner Not begab er sich zu Blackbird. Dieser erstaunte nicht über die unheilvolle Kunde, sondern meinte, daß wenn jemand gegangen sei, er auch Fährten ausgeprägt habe, die aufzufinden wären. Und so benutzten die beiden Genossen das letzte Tageslicht, die Umgebung des Strandhauses abzuspüren. Schon nach wenigen Schritten entdeckten sie die Stelle, auf der der Wagen gehalten hatte und von wo aus die Geleise nach dem vergessenen Waldwege hinüberführten. Sie überzeugten sich noch, daß die Pferde im Trabe davongeeilt waren, und hereinbrechende Dunkelheit hemmte die weiteren Nachforschungen. Folgenden Morgens bald nach Tagesanbruch sattelte Blackbird sein Pferd. Kit Kotton versah ihn mit Lebensmitteln auf mehrere Tage und entließ ihn mit dem Rat, den Wagenspuren bis ans Ende nachzufolgen. Er selbst richtete alles zum Empfange Floras her, und als er eben im Begriff, nach der Stadt aufzubrechen, erschien sie in Wasps Begleitung plötzlich auf der Veranda. Durch einige Andeutungen, die Kit abends zuvor fallen ließ, beunruhigt, hatte sie sich in aller Frühe auf den Weg begeben. Schon aus der Ferne las sie in seinen Zügen die ihn beherrschenden Sorgen. Ihre unbestimmten Befürchtungen verwandelten sich aber in jähen Schrecken, als Kit ihr Melvilles Brief überreichte. Aufmerksam las sie diesen, nicht minder aufmerksam befragte sie Kit um alle Nebenumstände, die die mit so vielem Bedacht zur Ausführung gebrachte Flucht ihres Wohltäters begleiteten. In demselben Maße aber, in dem ihre Ruhe zurückkehrte, begann ihr junger frischer Geist zu arbeiten und Melvilles Verfahren in Beziehung zu Personen und Ereignissen zu bringen. »Mag er aus freiem Willen gegangen oder aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen zur Reise überredet worden sein,« sprach sie, »alles in unseren Kräften Stehende müssen wir aufbieten, auszukundschaften, wo er zurzeit weilt. Wir dürfen nicht dulden, daß er in seinem beinah hilflosen Zustande Fremden zur Last fällt. Und auf unsere eigenen Kräfte allein müssen wir uns verlassen, am wenigsten aber dürfen wir des Doktors Beistand in Anspruch nehmen. Denn aus allem, Kit, was du mir leider jetzt erst anvertrautest, geht wenigstens so viel hervor, daß dem widerwärtigen Hawkins nicht zu trauen ist. Wenn ich nur wüßte, wie wir unsere Nachforschungen am zweckmäßigsten einleiten.« »Vielleicht bringt Blackbird Nachricht, in welcher Gegend wir den Kapitän zu suchen haben,« meinte Kit sorgenvoll, »trotz seines hohen Alters ist er scharfsinnig und geschmeidig wie eine Fischotter, das heißt, wenn er will.« »Wahrscheinlich die Nachricht, daß er den Wagenspuren nur eine bestimmte Strecke zu folgen vermochte,« erwiderte Flora nachdenklich und ihr holdes Antlitz erglühte vor dem Eifer, mit welchem sie Mittel zur Auffindung des Flüchtlings zu ergründen trachtete. »Doch ob er heut oder morgen heimkehrt, auf Blackbird dürfen wir nicht warten. Du kennst die Zeitungen, in denen der Kapitän einst seine Aufrufe veröffentlichte?« »Alle, Miß Flora. Von jeder Sorte ist 'ne Probe vorhanden.« »Gut, Kit,« nahm Flora wieder das Wort, und zwar mit einer Entschiedenheit, die fast im Widerspruch zu ihrer heiter blühenden mädchenhaften Erscheinung stand, »indem wir Licht in das rätselhafte Verschwinden des Kapitäns zu bringen trachten, müssen wir die böseste Möglichkeit zum Ausgangspunkt wählen und die Aufmerksamkeit anderer auf ihn hinzulenken suchen. Das aber geschieht am einfachsten durch ähnliche Aufrufe, wie wir beide solche ihm oft genug vorgelesen haben. Ich werde sofort eine Anzahl niederschreiben. Hole du unterdessen die Zeitungen zum Anfertigen der Adressen. Heute kehre ich noch einmal zur Stadt zurück, da überwache ich die Beförderung der Briefe persönlich. Morgen siedle ich dagegen ganz nach hier über. Ich muß zur Hand sein, wenn Nachrichten einlaufen sollten. Auch ist nicht unmöglich, daß jemand erscheint, um sich des Kapitäns Abwesenheit zu irgendeinem Zweck zunutze zu machen, und da müssen wir auf der Hut sein. Ich traue jetzt keinem Menschen mehr, am wenigsten dem Hawkins.« Während Kit darauf die Zeitungen herbeibrachte, und ordnete verfaßte Flora den ersten Aufruf. Derselbe lautete: »Wo ist Kapitän Gilbert Melville? Derselbe entfernte sich auf rätselhafte Weise von seinem Landsitz, die zu ihm Gehörenden dadurch in größte Besorgnis stürzend. Etwaige Auskunft wird gegen umgehende Erstattung der dadurch verursachten Kosten erbeten unter Adresse: Klein-Melvillehouse, Florida.« Es folgten Angabe der Landschaft und der nächsten Stadt. Und wieder und immer wieder schrieb Flora den Aufruf nieder, und ebenso schnell verschloß Kit dieselben in Umschläge, worauf Flora sie mit den betreffenden Aufschriften versah. So mochten dreißig und einige Briefe entstanden sein, als Kit Kotton die letzte Zeitung zur Seite legte und die Arbeit für beendigt erklärt wurde. Dann begannen beide im Hause zu ordnen und nach Merkmalen zu suchen, die vielleicht Licht auf Melvilles beunruhigendes Verfahren hätten werfen können. Sie entdeckten nichts mehr. Dagegen kehrte gegen Abend, kurz bevor Flora sich auf den Weg zur Stadt begab, Blackbird von seinem Ausfluge heim. Sein Bericht lautete wenig ermutigend. Stunde auf Stunde war er den Räderspuren gefolgt. Dieselben hatten ihn an einen schmalen, nur für leichte Fahrzeuge schiffbaren Fluß geführt. Dort konnte er sich überzeugen, daß zwei Personen den Wagen verlassen und ein Kanoe bestiegen hatten, wogegen der Wagen in einen anderen, vor der Furt mündenden Weg eingebogen war. Ob das Boot die Richtung stromaufwärts oder -abwärts wählte, vermochte er nicht festzustellen, doch lag die Vermutung nahe, daß der Flüchtling die Meeresküste zu gewinnen trachtete, um von dort aus jede weitere Verfolgung unmöglich zu machen. Und so mußten die Fährten als gänzlich verwischt gelten, zumal der Wagen, dessen Geleisen Blackbird eine Strecke nachfolgte, schließlich eine Landstraße erreicht hatte, auf der durch anderes Fuhrwerk die letzten Spuren vernichtet worden. Nach diesen Mitteilungen zweifelten Kit und Flora nicht länger, daß die geheimnisvolle Flucht von Leuten vorbereitet worden, die mit ihrem Verfahren Zwecke verbanden, die das Tageslicht scheuten. Zugleich verschärfte sich ihr Argwohn gegen Hawkins, für sie der triftigste Grund, ihm gegenüber die größte Vorsicht und Zurückhaltung zu beobachten. Achtzehntes Kapitel. Besuch im Strandhause. Den zehn Vorstellungen, zu denen Gregor mit Thusnelda, Singsang und seinen Pferden sich verpflichtete, hatte er noch drei hinzugefügt; dann aber erklärte er, trotz der glänzendsten Anerbietungen, zunächst wieder eine längere Rast eintreten lassen zu wollen. Zu diesem Entschluß bestimmte ihn Stocton, mit dem er seither in regem, wenn auch wenig auffälligem Verkehr gestanden hatte. Aus ihren gegenseitigen Mitteilungen, die namentlich die erbitterte einsame Bewohnerin der Plantage und den ihr verbündeten ränkevollen Slowfield betrafen, wie aus den versteckten Feindseligkeiten, die sich bis vor Ausbruch des Krieges verfolgen ließen, glaubten sie entnehmen zu dürfen, daß jene in ihrem Tun durch in Aussicht stehende beträchtliche Vermögensvorteile geleitet wurden. Damit einte sich die Hoffnung, bei ihren Nachforschungen Spuren zu kreuzen, die zu Verschollenen führten, die also fälschlich für tot ausgegeben worden. Um in ihrem gemeinsamen Handeln ungestört zu bleiben, zugleich aber Slowfields Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken, waren sie nach einem Landstädtchen übergesiedelt. Außer Singsang begleiteten das Künstlerpaar zwei Stallknechte, denen die Pflege der Pferde oblag. Damit war abermals eine Woche hingegangen, und zwischen Stocton und Gregor schwebten Verhandlungen, die ihr Vorgehen gegen Slowfield betrafen, als ihnen eine Zeitung in die Hände fiel, in der Stocton auf den ersten Blick den mit fetter Schrift gedruckten Aufruf Floras entdeckte. Förmlich bestürzt las er denselben seinem jüngeren Verwandten vor. Unterlag es doch keinem Zweifel mehr, daß Gilbert, den man seit vielen Jahren auf dem Meeresboden wähnte, noch unter den Lebenden weilte, jedoch aus irgendwelchen rätselhaften Gründen für gut befunden hatte, die über ihn umlaufenden Gerüchte nicht zu widerlegen. Eine Weile saßen die beiden Männer einander schweigend gegenüber, Gregor, die Fäuste krampfhaft geballt, vor sich niederstarrend, Stocton ängstlich dessen Züge überwachend. »Gilbert Melville, der Gatte der schamlos gemordeten Edith, der Vater Thusneldas,« sprach Gregor endlich wie im Traume. Als hätte der Ton der eigenen Stimme ihn erschreckt, sah er empor und in Stoctons ernstes Antlitz. Aus seinen Augen leuchtete unheimliche Glut; wie bei einem Raubtier, das plötzlich einen Todfeind in den Bereich seiner Pranken treten sieht, dehnten sich seine Nasenflügel. »Hast du es in dich aufgenommen?« fragte er und seine tiefe Stimme hatte ihren alten Wohlklang verloren, »hast du es gelesen?« fügte er mit gehässigem Lachen hinzu. »Er, dessen Gemüt sich nicht aufbäumte, der nicht rächend einschritt, sogar billigte, daß man die unsäglichsten Qualen ersann, um ein treues Mutterherz zu brechen, der unbarmherzig verstieß, was ihm das Heiligste auf Erden hätte sein sollen, der sein eigen Kind in die Rennbahn jagte, um es zu öffentlichen Schaustellungen benutzen zu lassen, der mich selbst darum brachte, als Mann mit der Waffe in der Faust für das gefährdete Vaterland eintreten zu dürfen: er lebt noch! Ja, er lebt, er erfreut sich vielleicht eines sorglosen Daseins, besitzt Angehörige, wohl gar Weib und Kind, die in Liebe an ihm hängen« – und wiederum lachte er erbittert auf – »Weib und Kind, die um ihn sorgen, oder wer sonst hätte einen derartigen Aufruf in die Welt senden können?« Da ergriff Stocton seine Hand, und sie krampfhaft pressend, suchte er Gregors unheilverkündenden Blick, während sein eigenes vernarbtes Antlitz sich dunkler färbte. »Verdamme nicht vorschnell,« sprach er schwermütig warnend, »vergiß nicht, wir alle sind denselben Verfolgungen ausgesetzt gewesen. In den damaligen politischen Wirren, die alle Leidenschaften entfesselten, finden sich gewiß Milderungsgründe –« »Nein, Charles,« fuhr Gregor heftig auf, und indem er sich regte, schienen die gewaltigen Muskeln der breiten Schultern durch die leichte Sommerkleidung hindurch sich Bahn brechen zu wollen, »für das, was damals geschah, gibt es keine Entschuldigung, keine Milderungsgründe, und heute denke ich noch ernster darüber, als in jenen Tagen der Not und bitteren Jammers, nein, keine Entschuldigung! Du ahnst nicht, mit welcher Liebe ich an Edith gehangen, mit welcher Treue ich heute noch die Erinnerung an sie hege und pflege.« »Gregor,« versetzte Stocton erschüttert, »er, dem du den tiefsten Haß nachträgst, dein Vetter Gilbert, ist der Vater Thusneldas.« »Ja, Charles, Thusneldas Vater, aber nur noch dem Namen nach. Jetzt hoffe ich mehr, denn je zuvor, ihm das in die Ohren zu schreien gemeinsam mit der Kunde, daß seine Tochter eine Kunstreiterin geworden. Des weiteren erkenne ich seine Vaterschaft nicht an. Für mich ist er der Mörder Ediths, wie ich in Marianne –« »Nicht weiter in diesem Sinne,« wendete Stocton bestürzt ein, »vergegenwärtige dir, wie deine Worte mich martern müssen. Marianne, deine nahe Verwandte, ist die Mutter meiner eigenen lieben Kinder –« »Denen sie gewissenlos den Vater raubte, die sie mit feindseligem Bedacht fern von dir hielt, oder du hättest sie auf deinen langjährigen Wanderungen finden müssen.« »Gregor, Gregor, hättest du nicht die zahlreichen Beweise warmer Herzensregungen geliefert, so möchte man dich für einen Tiger halten.« »Bin ich ein Tiger, so fällt es denjenigen zur Last, die mich in einen solchen verwandelten,« erklärte Gregor finster, und milder, als hätte der Anblick Stoctons, der wie gebrochen vor ihm saß, plötzlich sein ganzes Mitgefühl wachgerufen, fügte er hinzu: »Doch du hast recht, Marianne war deine Frau, ist es vielleicht heute noch, zugleich die Mutter deiner Kinder. Möchten diese in deine Arme geführt werden, und was in meinen Kräften steht, zu ihrer Entdeckung beizutragen, das geschieht – glaube es mir – mit Freuden.« »Es wird vergebliche Mühe sein,« sprach Stocton schwermütig vor sich hin, »flackert in der einen Minute eine vermessene Hoffnung auf, so sinkt sie in der anderen wieder dahin. Wer weiß, ob sie überhaupt noch auf diesem Kontinent weilen, ob sie nicht, gleich dir und Thusnelda, nach fernen Erdteilen verschlagen wurden.« »Auch dann darfst du die letzte Hoffnung nicht verlieren,« nahm Gregor wieder das Wort, jetzt aber mit herzlich klingender Stimme, »unterschätze nicht, daß Gilbert noch lebt; von ihm ist vorauszusetzen, daß er und die einzige Schwester sich gegenseitig nicht aus den Augen verloren, zumal bei der früher wenigstens bestehenden Gleichartigkeit ihrer Gesinnungen. Weiß Gilbert aber um die Deinigen, so erfahre ich es, gleichviel ob durch Güte oder Gewalt.« »Du willst hin, wo man in Sorgen um ihn ist?« fragte Stocton und gespannt hingen seine Blicke an den Lippen des entschlossenen wilden Reiters, der in dem Vollbewußtsein der ihm innewohnenden Kraft durch ungestümes Entscheiden eine Art Herrschaft über ihn gewonnen hatte. »Auf, alle Fälle,« antwortete Gregor beinah herrisch, »hier ist mein Wegweiser,« und er legte die Hand auf die Zeitung, »hat man ernstlich einen Entschluß gefaßt, soll man mit Schwanken und Zweifeln keine Zeit verlieren. Morgen breche ich auf. Von dir erwarte ich nur das Zugeständnis, Thusnelda während meiner Abwesenheit zur Seite zu stehen. Die Ärmste, es geschieht zum ersten Male, daß ich mich auf längere Zeit von ihr trenne. Sie wird es beklagen, sich jedoch leichter in das Unabänderliche fügen, weil sie dich hat. Wunderbar,« schaltete er träumerisch ein, »wie wir uns aneinander gewöhnten. Ich werde sie recht vermissen, allein mitnehmen kann ich sie nicht, solange die Gefahr für sie waltet, ihrem Vater zu begegnen. Auch Singsang wird bleiben; ich wüßte nicht, wie sie ohne ihn fertig werden sollte. Gemeinsam mit ihm mag sie unseren Marstall überwachen. Schade, daß Singsang sich nicht auf den Rücken eines Pferdes getraut, er möchte sie sonst auf ihren Spazierritten begleiten. Vielleicht übernimmst du es; denn dem Verkehr mit den Pferden, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu entsagen, wäre für sie eine grausame Zumutung.« »Ich?« fragte Stocton mit einem schmerzlichen Lächeln, »ich, der seit so vielen Jahren sich unter der Last des Hausierballens einherbewegte?« »So wollen wir ihr anheimgeben, sich von einem der Stallknechte begleiten zu lassen. Ich bin schon beruhigt, wenn ich dich in ihrer Nähe weiß.« »Thusnelda gehört ja auch zu mir,« versetzte Stocton, und er reichte, wie ein Versprechen besiegelnd, Gregor die Hand, »meine ich doch, in ihr meine eigenen Töchter erblühen zu sehen. Reise daher unbesorgt und handle, wie es dir angemessen erscheint. In dir wohnen Jugendmut und Entschlossenheit; die sind bei mir längst schlafen gegangen.« Hier endigte die Unterhaltung zwischen den beiden Männern. In dem Strandhause hatte sich in den letzten zehn Tagen, also seit Melvilles geheimnisvollem Verschwinden, nichts geändert. In der bangen Erwartung, Nachricht über den Verbleib ihres Wohltäters zu erhalten, schlichen Flora die Tage langsam dahin. Kit, dessen sich ein gewisses Gefühl der Hilflosigkeit bemächtigt hatte, war am wenigsten geeignet, sie in ihren Hoffnungen zu bestärken. Hawkins war nur einmal nach dem Strandhause herübergekommen. Mit Rücksicht auf Melvilles Gemütszustand tadelte er ernst die in den Zeitungen erlassenen Aufrufe. Er wies darauf hin, daß nur einer derselben dem Kapitän vor Augen zu kommen brauche, um ihn durch die rücksichtslose Bloßstellung unversöhnlich zu erbittern, seine Erregbarkeit auf einen gefährlichen Gipfel zu treiben. Dagegen riet er dringend, mit weniger auffälligen Nachforschungen nicht müde zu werden, wie er selbst nichts unversucht lasse, um zunächst auf die Spuren des Entflohenen zu gelangen. Zugleich beklagte er das Fehlen von Anhaltepunkten, die ihm bei ferneren Nachforschungen zustatten kommen würden. Nach seiner Überzeugung mußten sich solche unter Melvilles Papieren befinden, namentlich in einem Mahagonikästchen, und da riet er dringend, ihm, als dem vertrautesten Freunde des Kapitäns, alles zur Einsicht vorzulegen. Flora durfte mit gutem Gewissen erklären, über den Verbleib der genannten Gegenstände nichts zu wissen, wogegen Kit Kotton mit allen nur denkbaren Seemannseiden beschwur, in seinem ganzen Leben kein Mahagonikästchen in Melvilles Händen gesehen zu haben. Hawkins schied bitter enttäuscht, hielt es indessen für ratsam, seine wahren Empfindungen hinter den freundschaftlichsten Beteuerungen zu verbergen. Kit aber säumte nunmehr nicht länger, Flora mit allem vertraut zu machen, was er bis dahin als ein ihm nicht gehörendes Geheimnis streng überwachte. Flora hatte ihre Freunde in der Stadt besucht und befand sich auf dem Wege nach dem Strandhause. Heute schwang sie keine Gerte, noch weniger vergnügte sie sich mit Singen oder Pfeifen, dagegen folgte Wasp ihr nach alter Weise so dicht auf dem Fuße, als wäre seine schwarze Doppelnase mit einigen flüchtigen Stichen an den Saum des flatternden Kleides festgeheftet gewesen. Die Hälfte des Weges lag hinter ihr, als sie in einiger Entfernung, da, wo ein Nebenweg sich abzweigte, eines einsamen Wanderers ansichtig wurde. Wie um zu rasten, hatte er sich auf einen Stein niedergelassen und sah, anscheinend teilnahmlos, ihrer Ankunft entgegen. Furcht kannte Flora nicht, trotzdem überwachte sie den Fremden aufmerksam. Erst als sie ihm so nahe, daß sie eine jugendliche Gestalt und ein frisches, wohlgebildetes Antlitz einigermaßen zu unterscheiden vermochte, sah sie in eine andere Richtung, um seiner nicht achtend vorüberzugehen. Wenige Schritte trennten sie noch von ihm, da erhob sich der Fremde und trat ihr mit höflichem Gruß entgegen. Flora blieb stehen und maß ihn mit ruhigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen. Gleichzeitig stellte Wasp sich vor ihr auf, und aus dem Sträuben der Rückenhaare ging hervor, daß der Weg zu seiner Herrin über seine Leiche führe. Der Eindruck, den diese nach der flüchtigen Prüfung von dem Fremden gewann, war unstreitig kein ungünstiger, denn leicht errötend beantwortete sie den Gruß mit der Warnung, nicht zu nahe zukommen, wenn er nicht Gefahr laufen wolle, von dem Hunde zerrissen zu werden. »So weit würden Sie ihm schwerlich freien Spielraum geben,« erwiderte der junge Fremde lachend, beachtete aber vorsichtig die Warnung, »müßte ich mich doch sehr täuschen, genügte ein Laut von den roten Lippen ihrer schönen Gebieterin nicht, die grimmige Bestie in ein Lamm zu verwandeln.« Flora zuckte die Achseln. Sie versuchte, dem mit heiteren Worten um sich werfenden jungen Mann zu zürnen, allein es gelang ihr nicht. Wenig bedrohlich klangen daher auch ihre Worte, indem sie versetzte: »Und doch würde ich Ihnen raten, mehr die Lippen der Bestie, nebenbei ein edles Tier, als die meinigen im Auge zu behalten. Es gibt nämlich eine Grenze, auf deren anderer Seite meine Gewalt über die sogenannte grimmige Bestie aufhört.« Auf des jungen Mannes anziehender Physiognomie spiegelte sich inniges Ergötzen. Hatte Floras anmutige Erscheinung beim ersten Anblick schon seine bewundernde Teilnahme erregt, so gewann sie durch das in ihrer Haltung sich offenbarende Selbstbewußtsein erhöhte Reize für ihn. Was er aber empfand, scheute er sich nicht, in seinen Zügen zu verraten und durch Worte gleichsam zu bekräftigen. »Die Augen sind eigenwillig und im Eigenwillen gerecht,« erklärte er, wie sich entschuldigend, »da darf ihnen nicht zugemutet werden, auf dem Riesenhaupte eines allerdings sehr edlen, jedoch nicht übermäßig mit Schönheit ausgestatteten Tieres zu haften, wenn sie nur ein wenig die Richtung der Blicke zu ändern brauchen, um in ein Antlitz zu schauen –« »Das übrige können Sie sich ersparen,« fiel Flora anscheinend ungeduldig ein, obwohl ihr ungewöhnlicher Scharfsinn sie belehrte, daß von dem Fremden keine Belästigungen zu befürchten, »und was die mangelnde Schönheit des Hundes betrifft, da ist er so schön, wie ein Vertreter seiner Rasse überhaupt nur sein kann. Ich hebe ausdrücklich hervor: je häßlicher, um so schöner.« »Ich pflichte aus vollem Herzen bei,« gab der junge Fremde sorglos zu, »es ist mit den Tieren wie mit den Menschen: die häßlichsten sind zuweilen die edelsten, und umgekehrt: eine Ungerechtigkeit des Himmels würde ich es nennen, wäre es anders.« »So sind wir einig, und Sie erlauben, daß ich weitergehe,« erwiderte Flora, unter den bewundernden Blicken des jungen Mannes nach besten Kräften die Brauen runzelnd. »Wasp, zurück!« rief sie diesem zu, der sich sofort an ihre Ferse heftete, und mit flinken Bewegungen setzte sie ihre Wanderung fort. »Und ich bitte um die Erlaubnis, Sie eine kurze Strecke begleiten zu dürfen,« entgegnete der Fremde ehrerbietig, indem er gleichen Schritt mit Flora hielt, »denn das, was mich dazu bewog, Sie kühnlich aufzuhalten, ist ja noch nicht erledigt,« Flora sandte ihrem Begleiter einen gleichsam begutachtenden Seitenblick zu und bemerkte gleichmütig: »Die Straße ist breit, ich kann Ihnen nicht verbieten, mit mir dieselbe Richtung zu verfolgen.« »Mehr beanspruche ich nicht,« hieß es herzlich zurück, »und säume ich daher nicht, mein Anliegen vorzutragen. Auf der Wanderung hierher stieß ich auf den Kreuzweg. Da hieß es – ich bin natürlich fremd in dieser Gegend – welcher Weg ist der richtige. Ratlos sah ich mich um. In der Ferne jemand entdeckend, der mir folgte, beschloß ich zu warten, um von Ihrer Güte mir Aufklärung zu erbitten.« »Das hatten Sie gleich sagen sollen. Jetzt sind Sie vielleicht in Notwendigkeit versetzt, umzukehren. Doch wohin wollen Sie?« »Nach Klein-Melvillehouse,« Erschrocken blieb Flora stehen, nahm aber sogleich ihre Bewegung wieder auf, und des Fremden Überraschung nicht achtend, bemerkte sie wie beiläufig: »Klein-Melvillehouse? Da befinden Sie sich auf dem rechten Wege. Es kommen übrigens nicht viele Menschen in diese Gegend, es ist daher wohl verzeihlich, zu fragen, was Sie gerade nach dem einsamen Strandhause führt?« Der Fremde köpfte, mit seinem Stabe spielend, einen am Wege stehenden Distelbusch und antwortete zögernd: »Was mich dahin führt? Nun – das ist nicht so schnell gesagt, wie gefragt –« »Mit anderen Worten,« fiel Flora lebhaft ein und ihr blühendes Antlitz färbte sich ein wenig tiefer, »Sie finden meine Frage unbescheiden. Wohlan, so will ich Sie der Antwort überheben; Sie lasen in den Zeitungen einen Aufruf, der Ihnen den Weg hierher zeigte.« »Sie haben es erraten,« versetzte der Fremde mit freudigem Erstaunen, »nur muß ich bekennen, daß nicht ich den Aufruf entdeckte, sondern meine Mutter. Ich selbst könnte ihn zehnmal gelesen haben, ohne hohen Wert darauf zu legen.« »So bringen Sie Kunde von ihm, ich meine von dem Kapitän Melville?« forschte Flora tief aufatmend und frei sah sie in die bewundernden ehrlichen Augen, »wir sind nämlich in großer Sorge um ihn. Er verließ uns unter beängstigenden Umständen; wir fürchten, eine ernste Krankheit hält ihn fern.« »Viel gäbe ich darum, der Träger einer beruhigenden Nachricht zu sein,« antwortete der junge Fremde, während auf seinem hübschen Antlitz freundliche Spannung sich ausprägte, »allein ich muß bekennen, daß ich nur den Auftrag erhielt, über die Person des Kapitäns Melville Näheres einzuziehen. Mein Name ist Frank Stocton, mein Beruf der eines Offiziers, meine Aufgabe, mich den Angehörigen des Kapitäns Melville zur Verfügung zu stellen, und nach Ihren bisherigen Mitteilungen liegt die Vermutung nahe, daß Sie wenigstens in Beziehung zu dessen Angehörigen stehen.« »Ich selbst verfaßte den Aufruf,« erklärte Flora mit einem Anfluge von Befangenheit. Jetzt blieb Frank stehen. Indem er die nunmehr tief errötende holde Erscheinung mit freudigem Erstaunen betrachtete, rief er gleichsam jubelnd aus: »Sie sind des Kapitäns Tochter! Meine eigene liebe Kusine!« »Nicht seine Tochter, Flora Hewet ist mein Name,« berichtete Flora freundlich, wie sich für ein Fehl entschuldigend, »aber gehen wir weiter. Sie mögen immerhin etwas näher zu mir herantreten; der Hund tut Ihnen nichts, nachdem er mich im friedlichen Verkehr mit Ihnen sah. Nein, leider nicht des Kapitäns Tochter; nur in dem Verhältnis einer Schutzbefohlenen stehe ich zu ihm, aber eine Tochter könnte nicht besorgter um ihren Vater sein, als ich um meinen edlen Wohltäter.« Sie säumte einige Atemzüge und fuhr etwas lebhafter fort: »Gedenken Sie in der Tat, mit Ihrem Rat mich zu unterstützen, so fällt Ihr Auftrag mit meinem herzlichen Wunsch zusammen, und sollen Sie uns in Klein-Melvillehouse doppelt willkommen sein.« »Hier ist meine Hand, Miß Flora, zum Bündnis in einer uns gleich heiligen Sache,« und ohne zu zögern, legte Flora ihre Hand in die seinige. »Wozu ich raten soll, ich ahne es freilich nicht, kann es nicht ahnen, bevor ich einen Blick in alle Verhältnisse geworfen habe; dann aber sollen Sie mich stets treu an Ihrer Seite finden, und müßte ich den ganzen Kontinent nach dem Verschwundenen absuchen.« »Stocton, Stocton,« sprach Flora nachdenklich vor sich hin, »ja, ich entsinne mich. Mehrfach sprach der Kapitän, wenn auch nur andeutungsweise, von einem Schwager Stocton, und zwar jedesmal wehmütig, als betrauerte er jemand aus tiefsten Herzen. Mein Gott, wie würde es ihn beglückt haben, seinen Schwestersohn in unserem stillen Heim zu empfangen! Wie traurig ist es aber für mich, in die Befugnisse meines Wohltäters eintreten zu müssen, an seiner Stelle die Pflichten der Gastfreundschaft zu üben, während die Angst um ihn mir keine ruhige Minute mehr gönnt. Ich setze voraus, Sie verstehen sich dazu, bei uns im Strandhause zu wohnen. Kit Kottons – der ist nämlich ein alter treuer Diener des Kapitäns – und meine Aufgabe soll es sein, Ihnen den Aufenthalt in unserem stillen Heim zu einem erträglichen zu machen.« Eine Erwiderung des Dankes war Frank im Begriffe zu erteilen, als die Aufmerksamkeit beider plötzlich nach einer anderen Richtung hingelenkt wurde. Sie waren in ein niedriges Gehölz eingetreten, welches strichweise sehr licht, hier und da eine weitere Umschau gestattete. Zunächst störte ihre Unterhaltung das Geräusch, mit dem seitwärts von ihnen ein Mensch im wilden Lauf durch die Büsche brach und in gleicher Richtung mit ihnen über die kleinen Waldblößen hinwegeilte. Sie lauschten noch gespannt auf die flüchtigen Schritte, als in der Entfernung von etwa hundert Ellen eine mittelgroße schmächtige Gestalt in unvollständigem zerlumpten Anzüge, anscheinend ein junger Bursche, aus dem Gebüsch auf den Weg hinaustrat und dort mit allen äußeren Zeichen der Todesangst stehenblieb. Sichtbar nach Atem ringend, spähte er um sich. Als er die beiden jungen Leute gewahr wurde, wandelte ihn offenbar die Neigung an, sich ihnen zuzugesellen. Einige Schritte tat er auf sie zu, mochte aber des Hundes ansichtig werden, der hinter seiner Herrin hervortrat und unter drohendem Knurren ihn scharf ins Auge faßte; denn er blieb abermals stehen, wodurch Frank und Flora Gelegenheit fanden, ein bleiches Gesicht mit großen dunklen Augen zu unterscheiden, welches das schwarze Haar des unbedeutenden Hauptes in dichtem Gelock wild umwogte. Doch nur auf die Dauer weniger Schritte war ihnen der Anblick der befremdenden Erscheinung vergönnt; denn der Bursche, ihnen offenbar mißtrauend, kehrte sich um und stürmte ans dem Wege so schnell davon, wie seine nackten Füße ihn nur zu tragen vermochten. Bevor Frank und seine liebliche Begleiterin Zeit fanden, in Worten ihr Erstaunen zu offenbaren, sprang auf derselben Stelle, auf der der Flüchtling das Gebüsch verlassen hatte, ein zweiter, jedoch kräftigerer Bursche in den Weg. Durch einen Blick überzeugte er sich, welche Richtung jener eingeschlagen hatte, und ohne die beiden ihm langsam folgenden Gestalten weiter zu beachten, setzte er ihm unter Aufbietung seiner äußersten Kräfte nach. Schweigend und unverkennbar unter dem Eindruck eines unbestimmten Mitleids beobachteten Frank und Flora nunmehr die sich vor ihnen entwickelnde Szene. Da das Gehölz hier vorzugsweise aus zerstreutem niedrigem Gebüsch bestand, das nur hier und da ein größerer Baum überragte, außerdem der einst planlos gebrochene breite Weg eine ziemlich gerade Richtung hielt, so reichten ihre Blicke noch über den davonstürzenden Jüngling hinaus. Sie vermochten daher zu unterscheiden, daß die Entfernung zwischen diesem und seinem Verfolger sich allmählich verringerte und der Zeitpunkt absehbar, der beide zusammenführte, zumal die Kräfte des ersteren erlahmten und er nur mit Mühe sich im Lauf erhielt. Gleichsam unwillkürlich beschleunigte Frank seine Bewegungen, Flora dadurch mit sich fortziehend. Es beseelte ihn das dumpfe Gefühl, daß er Augenzeuge einer unerhörten Gewalttätigkeit, und damit das Trachten, vermittelnd einzuschreiten und des bedrängten Burschen sich anzunehmen. Bevor dieser aber seinem Verfolger in die Hände fiel, brach eine kurze Strecke vor ihm ein von zwei scharf getriebenen Pferden gezogener Wagen aus dem lichten Gebüsch, um ihm, kurz wendend, den Weg zu verlegen. Auf den Flüchtling wirkte der Anblick des Gefährtes augenscheinlich lähmend ein; denn anstatt den Weg zu verlassen und wieder in dem Gebüsch Zuflucht zu suchen, warf er sich nieder, das Antlitz, wie um dadurch sich unsichtbar zu machen, zwischen den gekreuzten Armen auf den Rasen pressend. In der nächsten Minute befand sich nicht nur sein Verfolger neben ihm, sondern auch der Führer des Wagens, ein älterer vierschrötiger Mann, der zur Erde gesprungen war und die Peitsche mit unbarmherziger Gewalt auf den sich jammervoll Windenden und Klagenden niedersinken ließ. »Halt! Haltet ein!« rief Frank laut hinüber, und Flora zurücklassend, eilte er vollen Laufes auf die Stätte der grausigen Mißhandlung zu. Doch bevor er die Hälfte der ihn von derselben trennenden Strecke durchmessen hatte, schallte ein grimmiger Fluch zu ihm herüber. Die beiden Männer packten ihr unglückseliges Opfer an Händen und Füßen, und es nach dem nahen Wagen hintragend, warfen sie es mit einem heftigen Schwünge in das denselben zum Teil füllende Stroh. Gleich darauf saßen auch sie oben; die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und mit einer abermaligen Wendung drangen sie wieder in das lichte Gebüsch ein, wo sie sich bald außer Hörweite Franks befanden. Dieser hatte nur den flüchtigen Anblick eines auf einem Stiernacken sich ausbauenden viereckigen Hauptes gewonnen, wie eines rotbraunen Antlitzes, das ihn mit wahrhaft tierischer Wut angrinste. »Das war fürchterlich,« sprach er gleich darauf zu Flora, die verstört zu ihm aufsah, »andere Menschen, als Verbrecher, sind einer derartigen Handlung nicht fähig. Wäre ich doch rechtzeitig eingetroffen! Sie zu verfolgen, liegt außerhalb der Möglichkeit. Wohl aber erscheint das Ereignis ernst genug, um es nicht in Vergessenheit versinken zu lassen,« »Entsetzlich,« gab Flora noch immer unter dem vollen Eindruck des Erlebten zu, »warum konnte der schreckliche Anblick mir nicht erspart bleiben? Seit Jahren wandere ich zwischen der Stadt und dem Strandhause hin und her, ohne jemals die leiseste Anwandlung von Besorgnis zu empfinden. Für derartiges bin ich indessen nicht stark genug. So oft ich diesen Weg gehe, wird mir die jammervolle Gestalt des Flüchtlings vorschweben, wie er sich unter den rohen Mißhandlungen seiner Verfolger wand, werden in meinen Ohren die Klagerufe gellen, die die grausame Züchtigung ihm erpreßte. Was der Ärmste auch verbrochen haben mag, eine solche Strafe kann er nicht verdient haben!« »Er kann sie nicht verdient haben,« pflichtete Frank aus vollem Herzen bei, »und als eine heilige Pflicht betrachte ich es, die peinliche Kunde über das von uns Beobachtete dahin zu tragen, wo ich eine Verfolgung der Angelegenheit voraussetzen darf,« Er schwieg; da er vergeblich auf eine Erwiderung wartete, zugleich in Floras gutem Antlitz noch immer die Nachwirkung des empfundenen Schreckens bemerkte, führte er das Gespräch auf die Ursachen zurück, denen er seine Anwesenheit in der Gegend verdankte. Bereitwillig ging Flora darauf ein, und mehr und mehr gewann sie die alte heitere Regsamkeit des Geistes zurück, indem sie Frank mit allen Verhältnissen des Strandhauses und seiner Bewohner vertraut machte. Als sie endlich dort eintrafen, begrüßte Frank den erstaunten Kit Kotton wie einen langst gekannten Freund, um von diesem mit wahrer Begeisterung willkommen geheißen zu werden. Etwas später lernte er den Seminolen kennen. Nach zweitägiger Abwesenheit kehrte er zurück, und wiederum lautete seine Antwort auf die an ihn gestellten Fragen, daß er noch keine Spur entdeckt habe. Als man folgenden Morgens beim Frühmahl wieder zusammentraf, war Blackbird bereits verschwunden. Nur von Kit Kotton, der ihn fürsorglich mit Nahrungsmitteln ausrüstete, hatte er sich verabschiedet und ihm zugleich den Rat erteilt, nichts zu unternehmen, bevor er ihn nicht wiedergesehen habe. Neunzehntes Kapitel. Die beiden Verwandten. In lebhaftem Verkehr war den drei Verbündeten in dem Strandhause die Hälfte des folgenden Tages verstrichen. Man hatte beraten, erwogen und geprüft, Pläne geschmiedet und wieder als unausführbar verworfen; nur darin war man einig, daß vor Heimkehr des Seminolen keine Entschlüsse gefaßt werden konnten. Die Sorge um Melville war bei allem, was man unternahm, in den Gesprächen wie in den Empfindungen, allein maßgebend. – Das Mittagsmahl war beendigt. Flora und Kit Kotton beschäftigten sich im Hause, während Frank die Gelegenheit benutzte, in der Nachbarschaft umherzustreifen und sich mit der Umgebung vertraut zu machen. Einem Pfade durch den hinter dem Hause sich ausdehnenden Waldstreifen langsam folgend, gelangte er auf den Weg, den er tags zuvor gekommen war. Nachlässig in der Richtung nach der Stadt spähend, wurde er eines Fuhrwerks ansichtig, das sich schnell näherte. Bald darauf unterschied er einen von zwei Männern besetzten Einspänner. Indem allmählich die Gesichtszüge der beiden Reisenden deutlicher hervortraten, eilte ein Ausdruck unsäglichen Erstaunens über sein Antlitz, denn er erkannte in einem der Insassen des Wagens jenen Kunstreiter, auf dessen Veranlassung hin durch die gefeierte Thusnelda seine ihr im Zirkus dargebrachten Blumen zurückgewiesen worden waren. Franks Antlitz rötete sich tief, als der Fremde sich mit den Worten an ihn wandte: »Mein Ziel ist Klein-Melvillehouse, das hier ganz in der Nähe liegen soll. Ich bin wohl auf dem richtigen Wege?« Frank, eben noch gesonnen, eine trotzig zurückweisende Antwort zu erteilen, sah befremdet zu Gregor empor. Einige Sekunden zögerte er, dann sprach er mit sichtbarer Spannung: »Seit gestern wohne ich in Klein-Melvillehouse.« »Dann sollte mich kaum überraschen, wären auch Sie durch einen Zeitungsartikel hierher beschieden worden,« fuhr Gregor fort, und schärfer sah er in das zu ihm erhobene jugendfrische Antlitz. »Sie sprechen es aus,« hieß es nunmehr höflich zurück, »und ich nehme keinen Anstand, zu erklären, daß meine Berechtigung sich auf die sehr nahe Verwandtschaft mit dem Kapitän Melville begründet.« Durchdringender noch wurde der Blick, mit dem Gregor den jungen Mann betrachtete. Einige Sekunden sann er ernst nach. Dann eilte es wie ein Abglanz überschwänglicher innerer Freude über sein Antlitz, und dem Begleiter Zügel und Peitsche reichend, sprang er vom Wagen. »Fahren Sie nach dem Strandhause und warten Sie auf mich,« befahl er dem Kutscher. Er blickte dem sich langsam entfernenden Wagen so lange nach, bis dieser außerhalb der Hörweite war, und sich Frank zukehrend legte er beide Hände schwer auf dessen Schultern. »Frank,« hob er an, und seine tiefe Stimme bebte vor Bewegung, »Frank Stocton, jetzt erkenne ich dich wieder. Meiner wirst du dich schwerlich entsinnen; denn als wir uns das letztemal sahen, reichtest du mit deinem Scheitel kaum bis an meine Hüften, und ich war selber noch nicht ausgewachsen,« Er zögerte, wie sich werdend an der Verwirrung Franks, der in seinem Antlitz vergeblich nach bekannten Zügen suchte, und noch herzlicher sprach er weiter: »Frank Stocton, errätst du immer noch nicht, wer vor dir steht? Frank, ich begreife, mein Name hat dein Ohr nicht oft gefunden, oder deine Erinnerung hätte nicht so gänzlich entschlummern können. Versetze dich auf die Plantage deines Großvaters, wo du mit deiner Mutter zum Besuch weiltest. Vergegenwärtige dir einen sonnigen Tag, an dem du von einem knabenhaften tollen Reiter auf ein ungesatteltes Pferd gehoben wurdest. Vergegenwärtige dir den Ritt, den er darauf mit dir zu aller Entsetzen unternahm, und wie er jauchzte und jubelte, als das gestachelte Pferd uns beide im rasenden Lauf davontrug.« »Gregor Melville!« rief Frank aus, dessen Augen sich in namenlosem Erstaunen vergrößerten, »Gregor Melville!« und er ergriff dessen beide Hände, »jetzt ist es mir klar – ich hätte es erraten müssen, als ich dich auf dem Rücken der beiden Pferde sah und das schöne Mädchen dir zur Seite. Nur du konntest der kühne Reiter sein, nur du allein.« Mit offenkundigem Wohlgefallen lauschte Gregor den Worten, »Ja, Frank, Kunstreiter bin ich geworden. Damals hätte ich nie geglaubt, daß die unbesiegbare Vorliebe für Pferde noch einmal eine reiche Erwerbsquelle für mich werden würde. Aber zu was greift nicht der Mensch, wenn es gilt, im Kampf ums Dasein eine unabhängige Stellung zu erringen? Doch wir haben jetzt Dringenderes zu besprechen. Derselbe Zweck führte uns zusammen. Unsere gemeinschaftliche Aufgabe ist, Nachforschungen nach jemand anzustellen, der längst unserem Gesichtskreise entrückt wurde und den ich für meine Person ebensolange zu den Toten zählte.« »Mich schickte meine Mutter,« erklärte Frank, hin und wieder einen bewundernden Seitenblick zu dem ihn beinahe um Kopfeslänge überragenden Verwandten emporsendend, »ob sie ihren Bruder ebenfalls für tot hielt, ich weiß es nicht, vermute es aber, denn in tiefer Erregung erteilte sie mir den Auftrag, schleunigst hierher zu reisen. Nicht ruhen noch rasten soll ich, bis ich ihn gefunden habe; das aber wird, wie es mir nach den ersten hier empfangenen Eindrücken erscheint, auf große Schwierigkeiten stoßen.« »Auf Schwierigkeiten?« fragte Gregor, und von Frank unbemerkt eilte eine Wolke des Hasses über sein männlich schönes Antlitz, »Schwierigkeiten, meinst du? Wo gäbe es Schwierigkeiten, vor denen ein Mann zurückschrecken dürfte? In die aber, die sich uns entgegenstellen, teilen wir uns redlich, und mit dir sage ich: Keine Ruhe noch Rast, bevor es mir gelungen, Gilbert Melville auszukundschaften, – doch um auf anderes zu kommen: Deine Mutter lebt, so viel erfuhr ich ja bereits. Hörtest du nie von deinem Vater?« »Nie: nicht einmal sein Grab kennen wir,« bestätigte Frank trübe. »Auch er schwebt mir in der Gestalt vor, in der ich ihn zum letztenmal sah. So riesenhaft groß erschien er mir damals, so schön in seiner Uniform, daß ich ihn in der Erinnerung heute noch bewundere.« »Und du hattest Geschwister, kleine, süße Geschöpfe, was ist aus ihnen geworden?« fiel Gregor ein. »Zwei Schwestern besaß ich,« erklärte Frank plötzlich ernst, »beide jünger als ich, und beide wurden sehr früh die Stütze unserer Mutter. Vielleicht zu früh für ihren zarten Körper; denn die jüngere erkrankte, als sie eben ihr fünfzehntes Jahr vollendet hatte, an einem ihr bereits innewohnenden Brustleiden, Wenige Monate später, da legten wir die sanfte Dulderin ins Grab. Es war für uns alle ein schwerer Schlag; nur sehr langsam erholte meine Mutter sich nach demselben. Zu der Zeit, in der wir von dem unersetzlichen Verlust betroffen wurden, wohnten wir schon eine Reihe von Jahren im Staate Ohio in der Nähe des Erie-Sees. Das Grab ihres Lieblings fesselte die Mutter um so inniger an die neue heimatliche Scholle. Unter Beihilfe wohlwollender Menschen war es ihr gelungen, eine Mädchenschule zu gründen. Auf ihrem Beginnen ruhte Segen; die Schule kam sehr bald in Aufnahme, so daß die Erziehung der ihr gebliebenen beiden Kinder ihr keine größere Sorge mehr bereitete. Ich selbst trat bald in die Armee ein, wogegen meine Schwester ihr in der Leitung des Instituts treu zur Seite steht.« »Tot,« versetzte Gregor mit wehmutsvoller Innigkeit, und träumerisch sah er vor sich nieder. »Wie spricht dies Wort sich schwer aus, wenn wir es in Beziehung zu einem teuren Angehörigen bringen. Arme kleine Elly, du bist allem Leid verfrüht aus dem Wege gegangen; du fühlst nichts mehr. Aber deine – deine arme Mutter – o, ich weiß, was es bedeutet, wenn der Todesengel unbarmherzig zwischen ein Mutterherz und ein liebes Kind tritt; dem kommt nichts gleich.« Sie legten eine längere Strecke schweigend zurück, Gregor in schmerzliches Nachdenken versunken, Frank ihn mit achtungsvoller Scheu überwachend. Nach einiger Zeit blieb Gregor stehen und sah um sich. Von drei Seiten begrenzte Gehölz seinen Gesichtskreis. Vor ihm eröffnete sich dagegen die Aussicht aufs Meer. »Wir müssen bald am Ziel sein,« bemerkte er nachdenklich. »In wenigen Minuten,« erklärte Frank. »Wen finden wir in dem Strandhause?« »Des Kapitäns alten Diener und ein junges Mädchen –« »Gilberts Tochter?« fragte Gregor, die Brauen finster runzelnd. »Nein, eine angenommene Waise, eine überaus anmutige Erscheinung und von rührender Dankbarkeit und Anhänglichkeit für ihren Wohltäter beseelt.« »Er ist nicht verheiratet?« »Er war es, wie ich von meiner Mutter erfuhr, verlor aber seine Frau frühzeitig durch den Tod. Über das Wo und Wie wußte meine Mutter keine Auskunft zu erteilen. Mit ihr zugleich verscholl ihr Kind.« »So? Nun ja, der Tod ist ein seltsamer Schnitter,« versetzte Gregor, und um seine Lippen spielte wieder jenes böse Lächeln, »der fragt nicht, ob es reife Halme sind, die er achtlos niedergemäht, ob frühlingsgrüne oder kaum dem Erdreich entsprossene Keime. Pah, Frank, wo findest du Gerechtigkeit unter dem Himmel oder in demselben? Unsinn! Komm, legen wir uns hier in den Schatten,« und er warf sich neben dem Wege auf den Rasen; »das Strandhaus erreichen wir immer noch früh genug. Soll ich aber mit dessen Bewohnern verkehren, ist es mir lieber, vorher über die Verhältnisse unterrichtet zu sein, die Ursachen zu kennen, die den Aufruf veranlaßten.« Frank folgte Gregors Beispiel, setzte sich neben ihn auf den Rasen und alsbald vertieften die beiden Verwandten sich in ein Gespräch, das vorzugsweise die mutmaßliche Lage Melvilles betraf. Aber auch in die Vergangenheit führten die gegenseitigen Mitteilungen sie, in jene Zeiten, in welchen die wild empörten Leidenschaften über den Häuptern zusammenschlugen, unbekümmert darum, wie tief die Wunden waren, die arglosen Gemütern geschlagen wurden. Offenherzig bekannte Frank auch alles, was im Laufe der Jahre zu seiner Kenntnis gelangte. »Du weißt jetzt, was meine Zusammenkunft mit Gilbert streng erheischt,« schloß Gregor endlich, »aber du weißt nicht, kannst ebensowenig wissen, wie ich selber, ob es ratsam ist, daß Thusnelda je Kunde von dem Leben ihres Vaters erhält, und dieser von dem ihrigen. Erführe Gilbert die Wahrheit, so würde er voraussichtlich, gleichviel in welcher geistigen oder körperlichen Verfassung er sich befindet, kein Mittel unversucht lassen, sich mit seiner Tochter zu vereinigen, und das kann und darf nur unter ganz besonderen, bis jetzt unberechenbaren Bedingungen und Umständen geschehen. Jetzt ist Thusnelda glücklich; sie kennt keine Sorgen, keinen Gram. Ihr Beruf ist ihre Lebensfreude, ihr höchster Lebensgenuß. Würde es länger so sein, wenn sie ihren Vater in einem bejammernswerten Zustande wiederfände? Wenn sie ahnte, daß er diesen Zustand den eigenen frevelhaften Entschließungen verdankte, durch die sie und ihre arme Mutter in die unbarmherzige Welt hinausgestoßen wurden? Und welchen Eindruck könnte es nur auf ihr jetzt so frohes Gemüt ausüben, entdeckte sie in den Blicken des Vaters – vergiftender Worte nicht zu gedenken – den Vorwurf, daß sie Kunstreiterin geworden, ein Vorwurf, der sich in doppeltem Maße gegen mich richtete? Es bleibt daher bei meiner Entscheidung; von dir aber erwarte ich, daß du mein Vertrauen, meinen Willen und die Ursachen, welche denselben bestimmen, achtest und ehrst. Du wirst es dadurch beweisen, daß du nie den Versuch wagst, meine Entschlüsse, soweit sie das Verhältnis zwischen Thusnelda und ihrem Vater betreffen, mittelbar oder unmittelbar zu beeinflussen.« »Wohl verstehe ich dich jetzt,« antwortete Frank, hingerissen durch den tiefen Ernst, mit dem Gregor zu ihm sprach, »ich verstehe dich und pflichte deinen Ansichten bei.« Gregors Beispiel folgend, hatte sich Frank erhoben und ergriff den ihm gebotenen Arm; schweigend folgten sie dem Wege, der sie ganz aus dem Gehölz führte. Vor dem Strandhause neben der Einfriedigung hielt der Wagen. »Werde ich hier ein Unterkommen finden?« wendete Gregor sich an den jungen Verwandten. »Das mir eingeräumte Zimmer ist auf zwei Personen berechnet,« antwortete dieser. »Um so besser; ich denke, wir werden gute Kameradschaft halten,« versetzte Gregor. Dann zu dem Burschen auf dem Wagen: »Geben Sie mir die Sachen und fahren Sie nach Hause. Bestellen Sie, ich würde vorläufig hier wohnen bleiben. Hier das Fahrgeld. Was über den ausbedungenen Preis ist, gehört Ihnen.« Er warf dem Burschen ein kleines Goldstück zu, worauf dieser sich beeilte, einen Handkoffer nebst Reisetasche herunter zu reichen. Gleich darauf verschwand das Gefährt auf dem schattigen Wege. Frank und Gregor, das Gepäck zischen sich tragend, begaben sich durch den Vorgarten nach der Veranda hinüber, wo sie durch den Wagen gewissermaßen angemeldet, von Flora und Kit Kotton bereits erwartet wurden. Auf dem Wege dahin fand Gregor hinlänglich Zeit, jene mit scharfen Blicken zu prüfen. Der Eindruck, den ihre Erscheinung auf ihn ausübte, war offenbar ein freundlicher, denn sein nach dem jüngsten Gespräch noch immer ernstes, beinah finsteres Antlitz klärte sich auf, indem er Frank zuraunte: »Welch anziehenden Kontrast sie zueinander bilden!« »Du mußt sie näher kennen lernen, um sie gebührend zu würdigen,« entgegnete Frank ebenso leise, jedoch mit Wärme, daß Gregor ihm einen Blick der Überraschung zuwarf. »Alles gestaltet sich zugunsten unserer gemeinschaftlichen Aufgabe,« redete Frank, indem sie die Stufen erstiegen, das lieblich erglühende Mädchen an, »Ihr Aufruf erwies sich wirksamer, als Sie hätten erwarten können. Hier habe ich die Ehre, meinen Vetter Gregor Melville vorzustellen. Gleich mir ist er gekommen, um seine Bemühungen mit den Ihrigen zu einen, nicht von dannen zu gehen, bevor es uns gelungen, Zuverlässiges über den Kapitän zu erforschen.« Und zu Gregor: »Miß Flora Hewet, wie ich sie schilderte, und hier Kit Kotton, ein so gediegener alter Seemann, wie nur je einer sich mit seinem Herrn eins wußte.« Und noch tiefer errötete Flora. Sie mochte in Gregors Augen inniges Wohlgefallen lesen, daß es sich wie ein Anflug von Verwirrung über ihr gutes Antlitz ausbreitete. Sie faßte sich indessen schnell und reichte mit einem süßen Lächeln der Befangenheit Gregor die Hand. »Ich bin nicht Herrin hier,« sprach sie offenen Blickes, »aber als Vertreterin des abwesenden Hausbesitzers heiße ich Sie willkommen, und doppelt, wenn Sie uns wirklich mit Ihrem Rat zur Seite stehen wollen.« »Ja, das will ich,« antwortete Gregor, die schlanke kleine Hand noch immer in der seinigen haltend, und was kurz zuvor ihn feindselig bewegte, ging unter in lauterem Wohlwollen, »ja, das will ich, und nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat. Wo wir aber gemeinsam zu Werke gehen, da dürfen wir auch auf Erfolg hoffen. Ich bin von allem unterrichtet,« fügte er hinzu, als er gewahrte, daß Flora zu einer Erklärung die Lippen öffnete und ihre Augen zugleich flehentlich schauten, »es gibt daher zwischen uns nichts mehr zu erläutern. Ihre Sorgen sind die unsrigen, das bringt uns einander nahe genug, um auf allen Seiten offenes Vertrauen walten zu lassen.« Er begrüßte Kit, der in Bewunderung der stattlichen, kraftvollen Erscheinung die Mütze gezogen hatte und angelegentlich zwischen seinen knochigen Fäusten drehte. »Um welches zu bitten ich mir erlauben wollte,« bemerkte Flora mit dem ihr eigentümlichen reizvollen hausmütterlichen Wesen, »und dankbar bin ich dem Geschick, welches mir Freunde zuführte, auf deren Treue ich bauen darf. Was hätte ich allein unternehmen sollen –« »Sie unternahmen bereits das Verständigste, was nur hätte erdacht werden können,« fiel Gregor ermutigend ein und er wies auf Frank und sich selbst. »Sie wendeten sich an die Öffentlichkeit, und diesem Umstände verdanken wir unser Hiersein. Und wer weiß, ob Ihr kluges Verfahren nicht weitere Freunde herbeiführt, um sich Ihnen zu Diensten zu stellen.« »Die Dienste gelten allein der Wohlfahrt des Kapitän Melville,« erklärte Flora wieder befangener, »ich selbst kann nie in Frage kommen, wenigstens nicht weiter, als daß ich meine schwachen Kräfte dem gemeinsamen Unternehmen weihe.« Durch eine anmutige Verneigung lud sie die beiden Verwandten ein, Platz zu nehmen. »Es genügt nicht,« versetzte Gregor, »mit der augenblicklichen Lage vertraut zu sein, wir müssen auch ernst beraten und erwägen, alle Möglichkeiten sorgfältig in Betracht ziehen, um nicht vor jedem neuen Schritt die Zeit mit Schwanken und Zweifeln zu verlieren.« Er säumte, bis auch Flora, deren Blicke gespannt an seinen Lippen hingen, sich niedergelassen hatte, dann sprach er weiter: »Über den Doktor Hawkins erfuhr ich mehr als zuviel, um vom tiefsten Argwohn gegen ihn erfüllt zu sein. Ich halte ihn für einen Feind, dessen Einfluß nicht unterschätzt werden darf, mag der Preis hoch oder niedrig sein, um den er seine Dienste verkaufte.« »Er sollte im Auftrage anderer handeln?« fragte Frank erregt. »Bestätigt sich unser Argwohn, dann gewiß,« entschied Gregor, »und um Geringfügiges bietet schwerlich jemand die Hand dazu, einen Nebenmenschen auf die eine oder die andere Art zu beseitigen; gewiß, es muß sich um Wichtiges handeln.« »Und worin könnte das bestehen?« »In einem Vermögen oder in den Anrechten an ein solches, wie du selbst bereits andeutetest.« »Woher sollte das stammen? Wie ich durch meine Mutter erfuhr, starb der Großvater als ruinierter Mann. Er hinterließ die Plantage in einem Zustande, daß keiner sich getraut, sie zu übernehmen, sogar die Gläubiger nicht.« »So waltet eben ein Geheimnis,« fuhr Gregor fort. »Ich wiederhole: fällt Gilberts Verschwinden anderen zur Last, so muß eine Ursache vorhanden sein,« und zu Flora gewendet: »Sind Sie vielleicht in der Lage, über des Kapitäns Vermögensverhältnisse Aufschluß erteilen zu können?« »Nur bis zu einer bestimmten Grenze,« erklärte Flora nachdenklich. »Er bezieht eine Rente, die ihm gestattet, seine bescheidenen Wünsche zu befriedigen, allein so hoch ist sie bei weitem nicht, daß die Habsucht anderer dadurch gereizt werden könnte.« »Aus welcher Quelle stammen seine Einkünfte?« forschte Gregor weiter. »Aus Neuorleans. In den letzten Jahren ging die ganze Korrespondenz durch meine Hände. Es widerstrebte dem Kapitän, sie selbst zu führen.« »Wer vermittelte in Neuorleans die Zahlungen?« »Ein Mann, dessen Namen der Kapitän nur ungern aussprach, ein gewisser Slowfield –« »Slowfield?« fuhr Gregor heftig auf, daß Flora erschrak, und sichtbar feindselig erregt fügte er hinzu: »Und mit diesem Schurken stand er im Geschäftsverkehr?« »Ich glaube, er konnte nicht anders,« erklärte Flora wie entschuldigend. »Slowfield, überall Slowfield!« rief Gregor höhnisch lachend aus, »wohin ich höre: Slowfield und immer wieder Slowfield, als ob er der sich vervielfältigende böse Geist der Melvilles wäre. Nun, von ihm ist vorauszusetzen, daß er keinen Schritt tut, ohne zuvor den darauf entfallenden Gewinn berechnet zu haben.« Eine Minute verrann in Schweigen, bevor Flora fortfuhr: »Was an Papieren vorhanden, liegt auf des Kapitäns Schreibtisch zu jedermanns Einsicht frei und offen da. Er hatte wohl keine Ursache, vor Kit oder mir irgend etwas zu verschließen, und ein anderer betrat sein Zimmer nicht. Dann ist noch etwas – ich weiß nur nicht –« »Fahren Sie unbesorgt fort,« versetzte Gregor ermutigend, als Flora stockte, »ich errate, Sie wissen um ernstere Dinge.« »Ich weiß darum,« gab Flora befangen zu, »allein ich bezweifle, ob ich berechtigt bin, eines Umstandes zu erwähnen, der zwischen dem Kapitän und Kit vereinbart wurde –« »Kit gehört zu uns, wie wir zu ihm gehören,« erklärte Gregor, als Flora wieder verstummte; »wir möchten ihn selbst fragen, allein es erscheint angemessener, die erwünschten Aufschlüsse von Ihnen ausgehen zu lassen.« Flora seufzte tief auf. Dann berichtete sie zögernd: »Am Tage vor seiner geheimnisvollen Abreise vertraute der Kapitän Kit Kotton eine Kassette an mit der Weisung, sie wie sein Leben zu behüten. Er muß also wohl die Besorgnis gehegt haben, sie auf der Reise zu verlieren –« »Oder er mißtraute denen, die ihn von hier fortbegleiteten,« warf Frank erregt ein. »Gleichviel, was ihn dazu bewegte,« bemerkte Gregor ruhiger, »alles zeugt dafür, daß in dem ängstlich bewachten Behälter die Rätsel verborgen, deren Lösung wir erstreben. Also Kit ist in dessen Besitz?« »Er versteckte ihn in einer Weise, daß er, außer ihm selbst, keinem anderen zugänglich ist,« bestätigte Flora. »Die Angst um seinen Herrn bewog ihn, mich über sein Tun zu verständigen. So gab er mir auch den Schlüssel, um dem Verdacht vorzubeugen, daß, wenn später etwas fehlen sollte, es durch seine Schuld verloren gegangen sei.« »Dies alles bestärkt mich in der Voraussetzung, daß der Inhalt der Kassette maßgebend für unser weiteres Verfahren ist,« erklärte Gregor, »verlieren wir daher keine Zeit, mein liebes Kind. Betrachten Sie es als einen Beweis treuer Anhänglichkeit an Ihren Wohltäter, wenn Sie unsere Wünsche erfüllen.« Flora erhob sich. Trotz des Ernstes, der sie beseelte, lagerte um ihre Lippen jenes süße Lächeln, das man als einen Ausdruck der Befangenheit bezeichnen möchte. »So bliebe mir nur, den etwaigen Widerstand des guten Kit zu besiegen,« sprach sie, und gleich darauf verschwand sie im Hause. Bevor Gregor und Frank viele Worte über die mutmaßlichen Enthüllungen gewechselt hatten, gesellte Flora sich ihnen wieder zu. Ein wenig später erschien Kit Kotton, vor sich einen polierten, mit Messingnägeln beschlagenen Mahagonikasten tragend. »Hier ist das Ding,« sprach er, indem er die Kassette auf den Tisch stellte, »mag der Himmel mir verzeihen, wenn ich damit eine Sünde gegen den ausdrücklichen Befehl des Kapitäns begehe. Erlauben es die Herrschaften, so bleibe ich, bis Sie einen Blick hineingetan haben. Ich muß beschwören können, daß nichts in demselben abhanden gekommen.« Sein Vorschlag wurde gebilligt, und gleich darauf öffnete der Kasten sich unter Floras zitternden Händen. Ein in Wachsleinwand gehülltes Paketchen lag oben. Unter den ihn gespannt überwachenden Blicken hob Gregor es empor und schlug die Wachsleinwand auseinander. Ein zweiter Umschlag von steifem Papier mußte indessen noch entfernt werden, bevor er einen in Briefform zusammengelegten Bogen, dessen Äußeres ebenfalls von höherem Alter zeugte, in den Händen hielt. Als Aufschrift dienten die mit Bleistift geschriebenen, kaum noch leserlichen Worte: »Für Gilbert Melville. Ein Beweis der treuen Fürsorge seines Vaters.« Bedachtsam las es Gregor vor. Gleich darauf breitete er den geöffneten Doppelbogen auf dem Tische aus. Die Augen senkten sich auf denselben; aber sichtbar enttäuscht blickten alle, als sie die ganze Innenseite des gefalzten Papiers mit kleinen Ziffern bedeckt sahen, die, hin und wieder durch kleine Zwischenräume getrennt, sich reihenweise dicht aneinander drängten. Längere Zeit dauerte es, bevor man der ersten peinlichen Überraschung Herr wurde und Frank das Schweigen mit den Worten brach: »Unzweifelhaft Chiffreschrift« – erschrocken er zu Gregor auf. Der war geräuschvoll von dem Tische fortgetreten und begann, offenbar heftig erregt, auf und ab zu schreiten. Ein paarmal schritt er noch auf und ab, dann in der Nähe des Tisches stehenbleibend, ließ er seine Blicke mit eigentümlicher Glut von einem zum andern schweifen, bevor er anhob: »Unglaublich! Und dennoch kann es nicht anders sein. Bestätigen sich meine auf mündlichen Mitteilungen beruhenden Voraussetzungen, so mögen wir ein gutes Glück preisen, das uns dieses Schriftstück in die Hände spielte. Was es wert ist, ahne ich nicht. Der Inhalt,« und er schlug mit der Rückseite der Hand leicht auf den Bogen, »mag in gleichem Range mit den übrigen Erinnerungszeichen stehen, kann aber auch Geheimnisse von weittragender Wichtigkeit in sich bergen. Auf alle Fälle nehme ich das Papier an mich, um es zu seiner Zeit –« Da legte Kit Kotton die Faust auf den Bogen, und Gregor fest anschauend, sprach er mit rauher Entschiedenheit: »Den Inhalt des Kastens habe ich vor aller Augen freigegeben, weil ich meinte, daß es zum guten sei. Dagegen darf ich nicht dulden, daß auch nur der kleinste Papierfetzen fortgenommen wird. Mit meinem Leben bin ich verantwortlich für alles, so lautet das Kommando des Kapitäns.« Etwas höher richtete Gregor sich empor, und durchdringend, wie er vielleicht einem zu bändigenden Pferde in die Augen zu starren Pflegte, sah er in das breite Antlitz Kit Kottons, der seinen Blick ruhig aushielt. »Auch nicht, wenn das Wohl und Wehe einer ganzen Familie davon abhängt?« fragte er ruhig. »Auch nicht, wenn das Leben der ganzen Welt davon abhinge,« hieß es einfach zurück. Gregor beschattete wieder flüchtig seine Augen, durchmaß die ganze Länge der Veranda festen Schrittes und trat abermals vor Kit Kotton hin. »Ihre Treue ehrt Sie,« sprach er, des alten Burschen Hand drückend. »Ohne diese Rätselschrift bin ich indessen ohnmächtig. »Ich frage Sie daher, Kit Kotton, erheben Sie auch dann Einwendungen, wenn ich hier auf dieser Stelle eine Abschrift von dem Inhalt des Papiers nehme?« »Nein, Herr, keine,« antwortete Kit, »solange ich dadurch nicht gehindert werde, den Kasten samt seinem ganzen Inhalt dem Kapitän wieder einzuhändigen.« Auf Gregors Bitte brachte Flora Papier und Feder herbei. Etwas später, da saß Gregor über den Tisch geneigt, neben sich den alten Bogen, auf dem der linke Zeigefinger langsam von links nach rechts glitt, je nachdem er mit der rechten Hand unter gespannter Aufmerksamkeit Ziffer nach Ziffer niederschrieb. Kit Kotton saß zwei Schritte weit von ihm, die argwöhnischen Blicke abwechselnd auf den Kasten, die rätselhafte Schrift und die ausdruckslos schnarrende Feder gerichtet. Zwanzigstes Kapitel. Eine Irrenstation. Nicht allein Flora und Kit Kotton hatten den Beweis erhalten, daß der von ihnen entsendete Aufruf Beachtung fand, sondern auch Doktor Hawkins. An dem Tage, an welchem Frank in dem Strandhause eintraf, empfing er einen Brief folgenden Inhalts: »Wer die Hexe in Klein-Melvillehouse auf den Gedanken brachte, beiliegenden Aufruf in die Welt zu schicken, mag die Hölle wissen. Wahrscheinlich lernte sie es von dem blödsinnigen Kapitän, der einst Großes darin leistete. Wenn ich auch nicht daran glaube, so ist doch nicht unmöglich, daß der auffällig gedruckte Artikel vor unrechte Augen gerät; daraus aber können sich Schwierigkeiten entwickeln, die nicht vorherzusehen gewesen. Überwachen Sie daher das Strandhaus; merken Sie auf jeden, der dasselbe besucht. Der Teufel ist nämlich los, und zwar in der Gestalt eines abenteuerlichen, jedoch entschlossenen Kunstreiters, dem das ärgste zuzutrauen. Sollte Gefahr drohen, woran ich ebenfalls nicht glaube, so muß unser Kranker fortgeschafft und in größerer Entfernung untergebracht werden. Die Wahl der Zufluchtsstätte bleibt Ihnen überlassen. Ich bin erstaunt, daß die erwähnte Chiffreschrift nicht bei dem Kranken gefunden worden. In seinem Besitz muß sie auf alle Fälle sein, und wir dürfen weder Mühe noch Geld sparen, ihrer habhaft zu werden. Wozu ich raten soll, weiß ich nicht, hoffe aber zuversichtlich, daß es Ihnen gelingt, erfolgreich zu wirken. In der Wahl der Mittel dürfen wir nicht peinlich sein. Beherzigen Sie: wie die Arbeit, so der Lohn. Ihr Slowfield .« Infolge dieses Schreibens erkundete Hawkins, daß kurz zuvor ein mit der Post eingetroffener Reisender die Leute um den Weg nach Klein-Melvillehouse befragt und sich unverzüglich auf den Weg dahin begeben habe. Ebenso hörte er folgenden Tages von einem zweiten Reisenden, der einen leichten Wagen gemietet und denselben Weg eingeschlagen habe. Dies alles war mehr als genug, ihn mit Besorgnis zu erfüllen, und so sah man ihn selbigen Nachmittags zu Pferde das Städtchen verlassen, wie häufig geschah, wenn er über Land zu einem Kranken gerufen wurde. Wohin er sich begab, wußte niemand, kümmerte auch keinen. Und dennoch blieb er auf diesem Ritt nicht unbeachtet. – Seit dem Tage, an welchem Melville entführt worden, hatte Blackbird zunächst mit nur kurzen Unterbrechungen die Nachbarschaft des Strandhauses wie der Stadt in weiterem Umkreise durchstreift. Dann aber wendete er seine Aufmerksamkeit ausschließlich Hawkins zu, wo nur immer es wenig auffällig geschehen konnte, dessen Bewegungen argwöhnisch überwachend. Stundenlang saß er auf der Straße, neben sich den alten Mustang, was an dem stumpf dareinschauenden vereinsamten braunen Krieger kaum jemand befremdete; stundenlang auf einer benachbarten, mit Strauchwerk bewachsenen Anhöhe, von welcher aus er das Städtchen einigermaßen zu überblicken vermochte. So oft Hawkins einen Ritt über Land unternahm, konnte man sicher sein, daß Blackbird etwas später aufbrach und, wenn auch nur eine Strecke, in seinen Spuren folgte. Auch an dem Nachmittage, welchen Hawkins, durch Gregors Eintreffen beunruhigt, zu einem größeren Ausfluge benutzte, weilte Blackbird auf seiner gewohnten Stelle im Schatten des die Anhöhe krönenden Gesträuches. Der Mustang befand sich in seiner Nähe und rupfte wie aus Gnade und Barmherzigkeit zwischen dem schon etwas herbstlich harten Rasen. Plötzlich erweiterten sich des Seminolen Augen ein wenig. Er war eines Reiters ansichtig geworden, der den Ort in östlicher Richtung verließ. Ebenso schnell hatte er Hawkins erkannt; doch weder in seinem tiefgerunzelten braunen Antlitz, noch in seiner Haltung machte sich eine Wandlung bemerkbar. Ruhig, wie etwa den Flug eines Geiers, beobachtete er, wie jener den um den Hügel herumführenden Landweg verfolgte und nach etwa zehn Minuten mäßig schnellen Reitens auf einem sich abzweigenden Wege in das bis zu den großen Sumpfniederungen sich erstreckende Gehölz einbog. Dann erst sattelte er den Mustang, und mit demselben Gleichmute, den er bisher bewahrte, folgte er Hawkins nach. Nicht der aufmerksamste Beobachter hätte erraten, daß feindselige Absichten ihn beseelten, er die Fährte des Doktors aufnahm. Erst im Walde beschleunigte er die Gangart seines Tieres in einer Weise, daß er allmählich bis in die Hörweite des vor ihm in scharfem Paß einherschreitenden Pferdes gelangte. Stunde auf Stunde ritten beide darauf ihres Weges, ohne daß der zwischen ihnen bestehende Zwischenraum eine merkliche Änderung erfahren hätte. Derselbe finstere Eifer beseelte beide, verlieh beiden Geduld und Ausdauer, ließ sie vergessen die Überanstrengung der sie tragenden Tiere. Erst um Mitternacht wurde diesen Gelegenheit zu einer längeren Rast geboten. Es geschah, als Blackbird in einiger Entfernung vor sich dumpfes Pochen unterschied, das bald darauf zwei Stimmen in lautem Wortwechsel folgten, in deren einer er die Hawkins erkannte. Eine Tür hörte er noch zuschlagen, dann war alles still. Eine Weile sann er ernst nach. Wo er sich befand, wußte er genau. Gab es doch auf Tagereisen im Umkreise keinen Baum, keine Waldblöße, kein mit grünen Wasserlinsen und breiten Mummelblättern bedecktes Sumpfwasser, auf den seine Blicke nicht schon geruht hätten. Er stieg ab. Den Zaum streifte er von dem zottigen Kopfe des Mustangs, worauf er ihn, um ihm Gelegenheit zum Grasen zu geben, mittels des Lassos so an einem Baum befestigte, daß er in seinen freien Bewegungen nicht gehindert wurde. Dann schlich er in der Richtung davon, aus welcher die Stimmen zu ihm herübergedrungen waren, und nach Zurücklegung einiger hundert Ellen befand er sich am Rande einer umfangreicheren Lichtung, die von einem hohem Pfahlzaun begrenzt wurde. Was hinter demselben lag, Gebäude und Bäume, fiel in unförmliche schwarze Schatten zusammen, die silhouettenartig in unbestimmten Linien sich von dem sternenbesäten Himmel abhoben. Mit einer Gewandtheit, die man kaum in dem alternden Körper gesucht hätte, stieg Blackbird nach der Einfriedigung hinauf. Einige Minuten lauschte er argwöhnisch, die Blicke dahin gerichtet, wo mehrere Baulichkeiten sich als dunklere Schatten auszeichneten. Alles blieb still. Plötzlich aber tauchten zwei Reihen regelmäßig übereinanderliegender Lichtstreifen vor ihm in der Finsternis auf, und alsbald ließ er sich auf der anderen Seite des Zaunes behutsam niedergleiten und schlich vorsichtig auf die Lichtstreifen zu. – Im Innern des Hauses erfolgte Schurren von Stühlen. »Ja, mein bester Dark,« begann Hawkins ohne Säumen, nachdem er sich, dem Beispiel des Vierschrötigen folgend, auf einen gebrechlichen Schemel niedergelassen hatte, »der Teufel ist los, oder ich hätte den langen Ritt gescheut. Da sind nämlich zwei Männer im Strandhause eingetroffen, vermutlich Verwandte des Kapitäns, und wenn die auf den Gedanken geraten, Nachforschungen anzustellen, so ist ihnen zuzutrauen, daß sie unter Mithilfe des alten Schiffskochs und des Seminolen ihren Weg auch hierher finden. Dies Ihnen mitzuteilen, ist der eigentliche Zweck meines Besuchs. Ich mußte Sie warnen, keinem zu trauen, der unter irgendeinem Vorwande vor Ihre Tür kommt.« Dark, der unterdessen eine Pfeife gefüllt und angeraucht hatte, lachte in seiner tückischen Weise. »Laß sie kommen,« erwiderte er höhnisch, und mit den gespreizten Fingern sein wirres Haar pflügend, richtete er dieses herausfordernd empor, »ich kalkulier', ich und der Toby, das Frauenzimmer nicht zu vergessen, sind Manns genug, das Haus rein zu halten. Tut's nicht eine handliche Speiche, so verstehen wir auch mit Schießhölzern umzugehen.« »Keine Gewalttat,« riet Hawkins dringend, »nichts darf geschehen, wodurch die Aufmerksamkeit der Behörden auf diesen Bau gelenkt wird, oder ich bürge für nichts. Nein, keine Gewalt, solange es andere Mittel gibt. Sollte wirklich jemand hier erscheinen, so läßt sich voraussetzen, daß er vorläufig nur Erkundigungen einziehen möchte. Wird er abgewiesen und dadurch sein Argwohn geweckt, so unterliegt's kaum einem Zweifel, daß er nach kurzer Frist abermals vorspricht, dann aber in Begleitung von Gerichtspersonen, und das möchte Ihnen wenig gefallen. Es ist also ratsam, die Pause zu benutzen, mit Ihrem Kranken von hier zu verschwinden. Sie kennen gewiß in den Sümpfen irgendeinen sicheren Schlupfwinkel, in dem Sie es mit Ihren Schutzbefohlenen eine Weile aushalten. Hat man sich erst beruhigt, hindert Sie nichts, hierher zurückzukehren. Schlimmstenfalls müßten wir die Kranken in eine andere Heilanstalt schaffen.« »Und mir den Verdienst entziehen?« fragte Dark grimmig. »Ich dächte, Mann, Sie hätten bisher keinen Grund zum Klagen gehabt; und schließlich geht die Sicherheit doch über alles. Wie viele Patienten haben Sie überhaupt noch?« »Außer dem Kapitän nur noch den Harry.« »Was? Und Fanny?« »Ist schon seit sechs Wochen hinüber.« »Und das hindert Sie nicht, das Kostgeld für sie weiter zu beziehen.« »Ich schlag's auf die Mühe, die mir der Satansjunge bereitet. Verdammt, der klemmt sich durch Ritzen, die kaum zwei Finger breit, und weg ist er. War erst vor einigen Tagen ausgerückt, und zweimal vierundzwanzig Stunden gebrauchten ich und der Toby, um ihn wieder einzufangen. Bis in die Nachbarschaft des Strandhauses war er gelaufen.« »Nun, Mann, den kleinen Nebenverdienst mißgönne ich für meine Person Ihnen am wenigsten, solange ich auf Ihre Gewissenhaftigkeit bauen kann. Und ein angenehmes Gewerbe ist das Ihrige nicht, das weiß niemand besser als ich, oder ich möchte Ihnen nicht so bereitwillig die Gesundheitsatteste für Ihre Pflegebefohlenen ausfertigen. Es sind wohl schon ihrer acht, die noch zahlen und Ihnen keine Unbequemlichkeit mehr bereiten?« »Auf den Kopf acht, und wenn Sie Gelegenheit fanden, mir noch einige neue zuzuweisen – Platz genug wäre da.« »Die fliegen einem nicht um die Ohren, wie wilde Tauben in der Zugzeit. Doch wie steht's mit dem Kapitän Melville? Ich fürchte, seine Kräfte müssen sich bald aufreiben.« »Der ist zähe wie ein rohlederner Riemen,« warf Dark geringschätzig ein, »tobt er sich den einen Tag gehörig aus, ist er den anderen sanft wie ein Jährlingslamm, daß ihn kein vernünftiger Mensch für verrückt halten möchte.« In zynischer Weise schilderte Dark, in welcher Weise er auf das Gemüt Melvilles einwirkte, um diesen nach und nach zum Wahnsinn zu treiben. Doch blieb er immer dabei, daß seiner Meinung nach Melville noch völlig gesund sei. »Alles Verstellung, mein lieber Dark, und darnach behandeln Sie ihn,« fiel Hawkins ein. »Ich kenne das; die Schlauheit Irrsinniger übersteigt die eines Opossums, das lebendig geröstet werden kann, ohne ein Glied zu rühren. Aber ich möchte ihn sehen, um mir mein Urteil selbst zu bilden. Schläft er, ist's kein Unglück, ihn zu wecken.« Dark erhob sich, nahm die Lampe und begab sich mit Hawkins in den Hinteren Teil des Hauses. Dort blieb der Doktor beim Öffnen von Melvilles Tür im Schatten stehen und konnte nun mit eigenen Ohren hören, wie meisterhaft Dark seines Amtes waltete. Er kargte daher auch nicht mit dem Lobe, fuhr aber dann fort: »Doch vor allen Dingen sorgen Sie immerhin dafür, daß die Nachforschungen, die möglichenfalls hier angestellt werden, kein Ergebnis liefern.« »Ungern gehe ich, wenn auch nur auf 'ne kurze Zeit, von hier fort,« erklärte Dark verdrossen, »es bringt zu große Störung in mein komfortables Leben. Und 'ne Lust ist der Gedanke, daß während meiner Abwesenheit fremde Hände hier alles zu unterst und zu oberst kehren, ebenfalls nicht.« »Glaub's gern; sicherer bleibt's indessen auf alle Fälle. Besser dem komfortablen Leben vorübergehend zu entsagen, als ganz vertrieben zu werden. Auch ist ja nicht ausgeschlossen, daß Sie gänzlich unbehelligt bleiben.« »Überlegen will ich mir die Sache,« gab Dark nunmehr zu, »und 'nen Ausweg finde ich ebenfalls. Und so eilig werden's die Schurken nicht haben, daß ich sie morgen oder übermorgen schon zu erwarten brauchte. Doch wie wär's, Doktor? 'nen weiten Weg haben Sie zurückgelegt, ein genau ebenso weiter liegt vor Ihnen; da möchte 'ne kleine Herzstärkung nicht zu verachten sein.« Hawkins warf einen Blick um sich, als hätte er den Zustand der ihm etwa verabreichten Speisen nach der Unsauberkeit der Umgebung bemessen wollen; dann antwortete er gedehnt: »Eigentlich fühle ich kein Bedürfnis. Ein Trunk möchte dagegen in der feuchten Fieberluft nicht schaden.« »Nicht 'n Bissen Fleisch und Maiskuchen?« »Nichts von der Sorte. Ein kräftiger Schluck genügt für alles, und die Zeit, die ich damit vertrödle, kommt dem Gaul zustatten.« Gleich darauf standen eine Flasche Whisky und zwei Gläser zwischen ihnen. Sie tranken und plauderten. Harmlos klangen ihre Stimmen. Und doch hätte man jeden Laut mit neuen Flüchen vergleichen mögen, die, den branntweinfeuchten Lippen entschlüpfend, das alte Haus von seinen Kellerräumen bis unter das Dach hinauf in allen seinen Räumen erfüllten. – Die beiden würdigen Genossen, heimlich überwacht von der schlumpigen Hexe im Nebenzimmer, mochten beim dritten Glase angekommen sein, als Blackbird, der so lange unterhalb des Fensters gelegen hatte, hinter dem Melville ohnmächtig gegen die künstlich heraufbeschworenen Dämonen des Wahnsinns kämpfte, sich erhob. Zwischen den Eisenstäben und den Maschen des Drahtgewebes hindurch, noch besonders gelenkt durch die nach unten weisenden Öffnungen zwischen den Jalousiebrettern, waren die Stimmen Darks und Melvilles deutlich zu ihm herausgedrungen. Er war hinlänglich vertraut mit der englischen Sprache, um die gewechselten Worte zum Teil verstehen zu können. Doch auch ohne das hätte die jammervoll klingende Stimme Melvilles genügt, ihn zu belehren, daß derselbe in grausiger qualvoller Gefangenschaft gehalten wurde. Eine Weile lauschte er nach dem Vorplatz des Hauses hinüber, von woher das gelegentliche Schnauben und Scharren des Pferdes zu ihm herüberdrang, dann schlich er geräuschlos in der Richtung davon, aus der er gekommen war. Wie er den Garten betreten hatte, verließ er ihn wieder. Etwas später finden wir ihn auf seinem Mustang auf dem Wege. Einundzwanzigstes Kapitel. Nach dem Fort. Es war am zweiten Tage nach Hawkins' Besuch der von ihm ins Leben gerufenen und begünstigten Irrenstation und in der zweiten Hälfte des Vormittags, als vor der Veranda des Strandhauses sich etwas regeres Leben entwickelte. Alle Männer, der Seminole an der Spitze, hatten sich zu einem größeren Ausfluge gerüstet; gesattelt und bepackt stand der Mustang, es brauchte nur noch Abschied von Flora genommen zu werden. Was zu dem heimlich geplanten Unternehmen erforderlich erschien, war dem geduldigen Tier aufgebürdet, nichts vergessen worden, was auch nur ein wenig zu einem günstigen Erfolg beitragen konnte. So wurde auch Wasp gezwungen, ungern, wie er sich von seiner jugendlichen Gebieterin trennen mochte, an dem abenteuerlichen Zuge teilzunehmen. Schweren Herzens und von bangen Ahnungen bestürmt, sah Flora die Freunde auf demselben Wege, den Dark mit seinem Pflegebefohlenen eingeschlagen hatte, hinter Baum und Strauch verschwinden; dann aber wuchsen ihre Besorgnisse zur wahren Angst. Eingedenk der ihr erteilten Ratschläge, zumal ohne Wasp, schickte sie sich an, Tür und Fenster zu verschließen und bis zum Eintreffen weiterer Nachrichten sich zu ihren Freunden nach der Stadt zu begeben. Zum letztenmal schritt sie von Gemach zu Gemach, die Ordnung, in der sie alles zurückließ, ihrem Gedächtnis gewissermaßen einprägend, und als sie dann auf die Veranda hinaustrat, stand Hawkins vor ihr. In ihrer ersten Bestürzung vermochte sie kaum, seinen Gruß zu erwidern: um so mehr entging ihr, daß auch auf des Doktors Antlitz gewaltsam bekämpfte Unruhe sich ausprägte. »Ich bin erstaunt,« redete dieser sie erregt an, »da hörte ich von Besuchen, die hier eingetroffen seien, und beeilte mich, meine Dienste zu irgendwelchen gemeinschaftlichen Schritten rücksichtlich meines verschwundenen Freundes anzubieten, und das nächste, was ich erlebe, ist, daß das Strandhaus wie ausgestorben daliegt,« und indem er in Floras Augen sah, verschärften hinter den zuckenden Lidern hervor seine Blicke sich eigentümlich. Über Floras Antlitz hatte sich dunkle Glut ausgebreitet. Es konnte als Ausdruck der Befangenheit gelten, erzeugt durch den frei spähenden Blick Hawkins', aber auch als eine unbewußte Kundgebung peinlichen Erstaunens, sogar des Entsetzens, den Kapitän von jemand verleugnet zu hören, der, nach Blackbirds glaubwürdigen Berichten, vor zwei Tagen erst in nahem, wenn auch nur mittelbarem Verkehr mit ihm gestanden hatte. Über alles aber verwirrte sie der Zwang, zu Täuschungen ihre Zuflucht nehmen zu müssen, das Gefühl, einem scharfsinnigen Beobachter gegenüber solcher Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Stotternd antwortete sie daher, indem sie die Blicke von Hawkins abzog: »Zwei Verwandte des Kapitäns waren hier, um Erkundigungen über ihn einzuziehen. Was ich ihnen mitteilen konnte, wissen sie; da entfernten die beiden Herren sich heute wieder.« Hawkins preßte die Lippen flüchtig aufeinander. Ein Blitz versteckter Wut schoß aus seinen zwinkernden Augen auf das liebliche Haupt. Er hätte ja nicht der geübte Beobachter menschlicher Regungen sein müssen, wäre ihm verborgen geblieben, daß Flora ihn hinterging, man also Ursache gefunden zu haben glaubte, ihm zu mißtrauen. Er verstand es indessen, sich zu beherrschen, und bemerkte wie in argloser Verwunderung: »Schon fort? Und heute? Da hätte ich ja in der Stadt von ihnen hören, ihnen wohl gar auf dem Wege dahin begegnen müssen.« »Sie wählten eine andere Richtung,« versetzte Flora in ihrer Ratlosigkeit, »Blackbird versprach, ihnen einen kürzeren Weg zu zeigen.« »Und doch führt von hier aus der einzige Weg nach Einschiffungsstellen und Eisenbahnstationen durch unseren Ort,« wendete Hawkins ein, und Floras wachsende Verwirrung gewahrend, fügte er erkünstelt sorglos hinzu: »Also der Seminole? Nun ja, der ist vertraut mit jedem Pfade auf Tagereisen im Umkreise; da mögen unter seiner Leitung die Herren etwas Zeit ersparen. Aber wo ist Kit Kotton? Ich setze voraus, man hat Sie nicht gänzlich schutzlos hier gelassen?« »Kit Kotton begleitete sie,« hieß es mit unsicherer Stimme zurück, »er glaubte, den Verwandten seines Herrn die kleine Aufmerksamkeit schuldig zu sein, und ich billigte seinen Entschluß.« »So kehrt er heute noch zurück?« »Er wußte es selbst nicht genau.« »So, hm, meine teure Miß Flora,« nahm Hawkins wieder zögernd das Wort, und in seinen verschleierten Augen verdrängte heimlicher Triumph vorübergehend den Ausdruck tiefer Unruhe, »so wären Sie gezwungen, die Nacht hier ganz allem zu verbringen? Nein, mein liebes Kind, das kann ich nimmermehr dulden, und geschähe es, so würde ich es vor meinem Freunde Melville nicht verantworten können. Nein, Sie müssen fort. Drüben steht mein Wagen; den besteigen Sie mit mir, und in einer halben Stunde sind Sie bei Ihren Freunden,« Flora, über das verräterische Treiben Hawkins' unterrichtet, schauderte bei dem Gedanken, an seiner Seite zu sitzen. Sie faßte sich indessen und antwortete mit notdürftiger Ruhe: »Es ist meine Absicht, auf einige Tage nach der Stadt überzusiedeln; aber ich gehe lieber. Komme ich etwas später an, so erfreue ich mich dafür eines freundlichen Spazierganges.« »Nein, Miß Flora,« erklärte Hawkins dringlicher, und er ergriff des bebenden Mädchens Hand, »dergleichen dulde ich nicht, und müßte ich, um von Ihrer Sicherheit überzeugt zu sein, neben Ihnen einherfahren. Doch wo ist Wasp? Ich bin erstaunt, das getreue Tier nicht bei Ihnen zu sehen.« »Wasp?« fragte Flora, und wie nach ihm suchend sah sie um sich, »Wasp?« und die Stimme schien ihr versagen zu wollen, »ah, ich entsinne mich: Kit Kotton nahm ihn mit. Der erzog ihn nämlich, da folgte er ihm gern,« Hawkins sah aufs Meer hinaus, um zu verheimlichen, daß er die Farbe wechselte. Bezweifelte er doch nicht länger, daß die Gesellschaft zu einem bestimmten, wohlüberlegten, für ihn selbst bedrohlichen Zweck ausgezogen war. Er klammerte sich indessen an die Hoffnung an, daß Dark, im Falle ihm der Besuch galt, zurzeit samt seinen Pflegebefohlenen das Fort verlassen habe, und Flora sich wieder zukehrend, versetzte er anscheinend wohlwollend: »Das Fehlen des Hundes ist ein anderer Grund, auf meinen Vorschlag zu bestehen. Ist es Ihnen also genehm, so rüsten Sie sich zum Aufbruch.« Flora, die keinen anderen Ausweg mehr sah, vielleicht auch in Erinnerung der gemeinschaftlich mit Frank überwachten unheimlichen Szene im nahen Gehölz, willigte nunmehr ein. Sie verschloß die Haustür, und den Schlüssel ihrer Verabredung mit Kit gemäß unterhalb des die Veranda begrenzenden Gitters in eine Fuge schiebend, erklärte sie sich bereit. Ihr war entgangen, daß während sie sich bückte, Hawkins ihr Tun mit dem Ausdruck eines Geiers überwachte und das Versteck des Schlüssels mit einem tückischen Lächeln begrüßte. Gleich darauf bestiegen sie den Wagen. Hawkins nahm Zügel und Peitsche aus den Händen des hinter der Bank auf einer Art Bock sitzenden Burschen, und dahin ging es in scharfem Trabe der Stadt zu.   Gregor, Frank und Kit Kotton hatten um diese Zeit bereits einen weiten Weg zurückgelegt. Durch Gehölze und über Wiesen, durch Moore und über Sümpfe hinweg führte der Seminole sie auf Pfaden, die, ursprünglich vom Wild gebrochen, oft streckenweise nur von einem scharfen Auge ermittelt werden konnten; auf Pfaden, von denen man nur einen Schritt abzuweichen brauchte, um zu versinken und, wenn keine Hilfe zur Hand, elendiglich zu ersticken. Es war eine mühevolle Wanderung, allein sie wurde dadurch gefördert, daß zahlreiche Umwege erspart blieben, und die Nacht hatte sich noch nicht lange auf die Everglades Großes, mit Cedern, Palmettos und Riedgras bewachsenes Sumpfgebiet im südlichen Florida. gesenkt, als die vier Gefährten in der Entfernung einer guten Viertelstunde von Melvilles Gefängnis auf den alten Waldweg stießen. Auch heute suchte Blackbird die kleine Lichtung auf, die er schon einmal zum Versteck für den Mustang wählte. Dort entledigten die Männer sich alles dessen, wodurch sie in ihren Bewegungen hätten behindert werden können. Die Waffen wurden geprüft und handgerecht auf dem Körper geborgen, Kit Kotton nahm den Hund an eine Leine, und von dem Seminolen geführt, begaben sich alle in den Weg zurück. Es war nicht weit mehr von Mitternacht, als sie daselbst eintrafen und mit äußerster Vorsicht auf das Haus zuschlichen. Hatten sie zu ihrem Verdruß von dorther bereits Stimmen vernommen, die von der Wachsamkeit der Bewohner zeugten, so überraschte sie noch mehr, hinter einer Biegung des Weges hervor ein hell loderndes Feuer zu entdecken, das auf dem Vorplatz brannte. Außerdem bemerkten sie einen mit zwei Pferden bespannten Wagen, zwischen dem und dem Hause mehrere nicht genau erkennbare Gestalten lebhaft verkehrten. Ihr ursprünglicher Plan, unter harmlosem Vorwande Einlaß zu begehren und die erste Verwirrung der aus dem Schlaf Gestörten zu einem, wenn nötig, gewaltsamen Eindringen in die geöffnete Haustür zu benutzen, mußte natürlich als gescheitert betrachtet werden. Dagegen befestigte sich ihr Argwohn, daß trotz aller Vorsicht ihr Unternehmen verraten worden und die Bewohner des Forts nicht nur im Begriff, mit ihren Gefangenen zu flüchten, sondern auch darauf vorbereitet seien, etwaige Angriffe mit der Waffe in der Faust zurückzuweisen; wie hoch aber die gewiß beherzten Feinde sich bezifferten, wußte selbst der Seminole nicht. Auf alle Fälle schien die Hoffnung, ihren Zweck ohne einen ernsten Zusammenstoß zu erreichen, sich nicht erfüllen zu sollen. Nach kurzer Beratung setzten sie indessen, jedes Geräusch sorgfältig vermeidend, ihren Weg auf das Feuer zu fort. Durch kleine Zwischenräume voneinander getrennt, war es ihnen erleichtert, den Schatten von Baum und Strauch zu halten, und endlich, als die Beleuchtung der Flammen sie verräterisch streifte, ihrem Ziel kriechend Zoll um Zoll näher zu rücken. In der Entfernung von etwa fünfzig Metern stellten sie ihre Bewegungen ganz ein. Dort befanden sie sich nahe genug, um nicht nur jedes vor dem Hause gewechselte Wort zu verstehen, sondern auch durch Augenschein mit dem äußeren Charakter der daselbst beschäftigten Menschen, wie mit der nächsten Umgebung sich vertraut zu machen. Zunächst unterschieden sie, daß neben der Haustür drei Büchsen an der Mauer lehnten, deren Besitzer also nur die Hand auszustrecken brauchten, um kampfbereit dazustehen. Dark, in der roten Beleuchtung das Urbild eines verworfenen trägen Wegelagerers, stand neben dem Feuer, zwischen den Zähnen die brennende Tonpfeife und die Arme auf der Brust verschränkt. Er sprach nach dem Wagen hinauf, auf den Jessie die ihr von dem boshaft spottenden Toby dargereichten Gegenstände zwischen die bereits verladenen schob. Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß sie eher an den Einbruch des Himmels, als an die Nähe irgendeiner Gefahr geglaubt hätten. Gewissermaßen unter dem Schutze dieses Sicherheitsgefühls rückten die vier Gefährten einander so nahe, daß eine Verständigung zwischen ihnen, wenn auch nur durch Zeichen, möglich wurde. Kit Kotton hatte sich dicht neben Gregor hingeschoben; etwas weiter abseits lagen Frank und Blackbird, letzterer ein wenig voraus. So verharrten alle regungslos, daß sie in dem Schatten sich kaum von den Unebenheiten des dicht bewucherten Erdbodens unterschieden. Was bei den Männern klare Überlegung, das bedingte bei Wasp scharf unterscheidender Instinkt. Er fühlte gleichsam, daß auf ihn gerechnet wurde, und mit der seiner Rasse eigentümlichen tückischen Ruhe wartete er geduldig auf das Zeichen, um, ohne einen Laut von sich zu geben, diesem oder jenem an die Kehle zu springen. Eng zwischen Gregor und Kit geschmiegt, erkannten diese an dem Zittern seiner Muskeln, wie die Kampfeslust sich in ihm regte. »Ich sag's noch einmal,« keifte Jessie von dem Wagen herunter, »hier oben findet kein Sechswochenkind mehr Platz, geschweige denn zwei ausgewachsene Menschen; denn laßt Ihr den Harry zu Fuß laufen, verschwindet er euch unter den Händen, wie 'n Mundvoll Tabaksrauch vor deinem Kalkstummel.« »Wer sagt, daß die noch hinauf sollen?« fragte Dark gleichmütig, ohne seine Stellung zu verändern; »zuerst schaffen wir die Sachen in den Prahm, hernach holen wir die beiden Gentlemen mit dem leeren Wagen ab; da drauf werden sie schon Platz finden.« »Hätten wir das vor Abend besorgt, so wären wir jetzt fertig,« gellte das erzürnte Weib, »aber von euch ist einer fauler als der andere. Der Henker mag viel arbeiten, wenn er nur mit den Fingern sieht.« »Du redest ins Gelag hinein,« versetzte Dark unter dem zustimmenden Lachen seines hoffnungsvollen Sohnes, »waren wir vor Abend fertig, so hätten wir mit dem Abschied immerhin bis zum Morgen warten müssen. Der Teufel mag im Dunkeln den Prahm, ohne zu kentern, auf dem elenden Wasser regieren. Verdammt, Jessie, in Reiseangelegenheiten bin ich 'ne große Hand, das merke dir. Geht die Sonne auf, dann gleiten wir zu viert gemächlich stromabwärts, wogegen Toby mit dem Gespann seinen Weg weiter sucht. Wer dann nach uns sucht, mag zusehen, wo er bleibt.« »So können die paar Kleinigkeiten zu den beiden Gentlemen in den leeren Wagen geworfen werden,« erklärte Jessie und sie sprang zur Erde, »ich hab's satt, mich hier oben zu quälen wie jemand, der verstreute Kaffeebohnen aus der Asche sammelt.« »Jessie, das ist das vernünftigste Wort, das heute über deine Zähne gekommen, und da wollen wir denn ein Ende damit machen,« erwiderte Dark nachlässig, »geh nur hinein, schür 's Feuer und halte einen ordentlichen Whiskypunsch bereit. Wir verladen unterdessen die Sachen. Kehren wir zurück – und das dauert keine halbe Stunde – muß er fertig sein; aber nicht zu matt, hörst du? Die feuchte Nachtluft verlangt Hitze von innen, oder das Sumpffieber packt einen schneller, als du 'n halb Dutzend Speckscheiben röstest.« Unwillig grunzend entfernte sich das Weib. Während Dark zu den Pferden trat, um die Geschirre zu ordnen, suchte Toby aus dem Feuer einen Brand hervor, der nach einigen Schwingungen fackelartig flammte und leuchtete. Auf einen Zuruf seines Vaters, der Leine und Peitsche nahm, schritt er voraus, und schwer ziehend folgten die Pferde ihm mit dem Wagen. »Das nenne ich Glück,« raunte Gregor Kit Kotton zu, als das Schlagen und Stoßen des Wagens auf dem unebenen Wege in der Ferne verhallte, »wer auch in dem Hause weilen mag, wir sind jetzt Herr desselben.« Er sandte einen Blick zu dem Seminolen hinüber. Derselbe hatte sich auf die Knie erhoben, bedeutete aber die Gefährten, liegen zu bleiben. Dann beobachteten diese ihn, wie er, fortgesetzt den Schatten suchend, nach dem Hause hinüberschlich. In der Nähe des Eingangs dicht an die Mauer geschmiegt, lauschte er; dann bemächtigte er sich der drei Büchsen, mit welchen er hinter dem Hausgiebel verschwand. Gleich darauf erschien er ohne dieselben wieder in der Beleuchtung des niederbrennenden Feuers und nunmehr erst winkte er die Gefährten zu sich heran. Bei ihm eintreffend unterschieden sie im Innern des Hauses, durch dazwischenliegende Mauern und Räumlichkeiten gedämpft, das Krähen eines Hahns, dann wieder das Klappern einzelner Küchengeräte. Dasselbe begleitete die keifende Stimme des Weibes, das in Ermangelung lebender Wesen eine üble Laune an gefühllosen Gegenständen ausließ. Flüsternd berieten die vier Männer noch über die jedem zufallende Rolle, als das Geräusch schlurfender Schritte laut wurde, welche sich der Haustüre schnell näherten. Frank, Kit und Blackbird verschwanden, indem sie sich zur Erde warfen und dicht an das Mauerwerk anschmiegten. Gregor war dagegen neben der Tür stehengeblieben. Gleich darauf trat Jessie auf die Schwelle. Eine Lampe vor sich tragend, richtete sie die Blicke, wie etwas suchend, auf die noch auf dem Rasen zerstreut umherliegenden Hausgeräte. »Haben die Esel den Zuckersack auf den Wagen geworfen,« grollte sie vor sich hin, »so mögen sie ihren Grog mit Holzasche versüßen –« sie verstummte. Wie durch dessen Anblick gelähmt, starrte sie auf Gregor, der vor sie hingetreten war und ihr den Weg ins Freie hinaus verlegte. »Sie werden so gut sein und das Haus nicht verlassen,« redete er sie gebieterisch an und in Stimme und Haltung offenbarte sich eine Strenge, die das Weib sichtbar einschüchterte. Es tat wenigstens einen Schritt zurück, hob die Lampe empor und Gregor ins Gesicht leuchtend fragte es stotternd: »Wer sind Sie, daß Sie sich getrauen, in fremder Leute Haus einzudringen und gar Befehle zu erteilen?« »Das kümmert Sie nicht,« antwortete Gregor kurz, »Sie haben nur meinem Befehl Folge zu geben. Was mich überhaupt hierherführt, wissen Sie besser, als es Ihnen jemand sagen könnte. Zuvörderst leuchten Sie mir in das nächste Zimmer. Ich habe mit Ihnen zu reden; von Ihrer Willfährigkeit allein hängt es ab, wieweit Sie von dem Ihnen drohenden Verhängnis betroffen werden.« Mochte Jessie immerhin von unbestimmter Besorgnis erfüllt sein, so war sie doch keine Person, die der ersten Bestürzung lange Einfluß auf sich eingeräumt hätte; denn während Gregor noch sprach, sann sie schon auf Mittel, sich seiner Gewalt zu entziehen und den Beistand Darks und Tobys herbeizuschaffen. »So?« fragte sie höhnisch, und fortfahrend steigerte sie ihr Gellen zu durchdringendem Kreischen, »in meine Wohnung soll ich Sie führen? Ihnen zu Diensten sein? Hüten Sie sich, daß das Verhängnis nicht auf Sie selber hereinbricht –« »Mäßigen Sie Ihre Stimme,« fiel Gregor, des hinterlistigen Weibes Absicht durchschauend, herrisch ein, »die Ihrigen kehren ohnehin früh genug zurück, um einen Empfang zu finden, wie sie ihn verdienen.« Einige Sekunden sann Jessie nach; diese kurze Zeit genügte ihr, einen Plan zur Reife zu bringen, in dessen Ausführung sie gemeinschaftlich mit Dark und Toby das Übergewicht über den Fremden zu gewinnen hoffte. »So?« fragte sie wiederum höhnisch, »also einen warmen Empfang meinen Sie? Wenn's Ihnen nur nicht leid wird,« und die Lampe abermals erhebend, wie um Gregor zu beleuchten, warf sie dieselbe nach seinem Kopf. Zugleich flüchtete sie in den Gang hinein, augenscheinlich in der Absicht, das Haus auf einer anderen Stelle zu verlassen. Gregor, der ihre Bewegungen fortgesetzt argwöhnisch überwachte, entging dem Wurf mit genauer Not. Dicht an ihm vorbei flog die Lampe auf den Rasen hinaus, auf dem Wege dahin verlöschend. »Kit, den Hund her!« rief er aus, als das Weib vor ihm in der Finsternis gleichsam versank. »Wasp, pack sie!« ertönte Kits Stimme, und blitzschnell schlüpfte der Hund in den Gang hinein. Im Hintergrunde erklang ein gellender Aufschrei; ein schwerer Fall folgte. Dann war nur noch das gurgelnde Knurren vernehmbar, mit welchem Wasp sein Opfer niederhielt, und das Wimmern des entsetzten Weibes. »Kit Kotton, er wird sie zerreißen!« rief Gregor verstört aus, »Kit, wehren Sie der Bestie –« »Nicht so arg,« fiel Kit wohlgemut ein, »der beißt nur auf Kommando. Mag er sie halten, bis ich Licht geschafft habe,« und nicht eher erlöste er das Weib aus seiner Not und Gregor aus seiner Besorgnis, als bis es ihm mit Blackbirds Hilfe gelungen war, die verbogene Lampe wieder einigermaßen herzustellen und anzuzünden. Als Frank ihm folgen wollte, hielt der Seminole ihn zurück, um gemeinschaftlich mit ihm die Tür zu bewachen und einer Überraschung durch Dark und Toby vorzubeugen. Aber im Flurgange selber stellten sie sich auf, wo sie von den Heimkehrenden nicht zu früh entdeckt werden konnten. Gregor und Kit waren unterdessen dem Knurren des ergrimmten Hundes nachgefolgt. Ihr erster Blick streifte Wasp. Auf dem Weibe stand er, welches mit dem Gesicht zu Boden geschlagen war. Am ganzen Körper zitternd und den Nacken seiner Gefangenen mit der schwarzen gespaltenen Nase beinahe berührend, mühte er sich, durch Wedeln des unansehnlichen Schweifrestes seinen Triumph zu offenbaren. Auf Kits Ruf ließ er von seinem Opfer ab, und in dem Bewußtsein glänzender Pflichterfüllung grinste er offenen Rachens zu den Herzutretenden empor. Jessie hatte sich schwerfällig herumgewälzt und in eine sitzende Stellung aufgerichtet. Ohnehin schon ein Bild häßlichster Verworfenheit, glich sie jetzt kaum noch einem menschlichen Wesen. Wut und Todesangst verzerrten ihr leichenfahles, von wirren Haarsträhnen halb verschleiertes Gesicht, aus welchem die tückischen Augen unheimlich zwischen den Männern und dem Hunde hin und her schweiften. Von Widerwillen erfüllt, sah Gregor auf sie nieder. Es kostete ihn förmlich Überwindung, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. »Behandelte der Hund Sie unsanft, so haben Sie es sich selbst zuzuschreiben,« begann er nach kurzem Sinnen. »Sie eröffneten die Feindseligkeiten, da kann es Sie kaum überraschen, wenn man Ihnen nicht zuvorkommend begegnet.« »Ich besitze ein Recht, mein Haus gegen fremde Eindringlinge zu verteidigen,« entgegnete Jessie giftig. »Und ich besitze das Recht, jemand, der hier gefangen gehalten wird, gewaltsam zu befreien, solange keine Aussicht vorhanden, auf gütlichem Wege seine Entlassung zu bewirken,« versetzte Gregor mit eisiger Ruhe, die sichtbar nicht ohne Einfluß auf die Verrat brütende Megäre blieb. »Nach dem Vorhergegangenen erscheint es also ratsam, zunächst Ihrer Person mich zu versichern,« und zu Kit: »Wir müssen sie fesseln, die Hände auf dem Rücken und die Füße so weit, daß sie dadurch am Entlaufen gehindert wird.« »Nur Schurken vergreifen sich an Weibern,« hob Jessie wieder kreischend an, als Gregor ihr mit einer schweren Drohung Schweigen gebot. Wie stumpfsinnig brach sie in sich zusammen. In ihrer verzehrenden Wut duldete sie lautlos, daß Kit, nachdem er die Leine von dem Halsbande des Hundes gelöst hatte, sichtbar hochbefriedigt in der vorgeschriebenen Weise mit ihr verfuhr. Dann half er ihr auf die Füße empor, und unter Hinweis auf die Klugheit des Hundes, der schon früher aufsässige Menschen in Lämmer verwandelt habe, bewog er sie leicht dazu, von dem ersten Versuch, jede Bewegung störrisch zu verweigern, abzustehen. Unter demselben Einfluß verriet sie die Stelle, wo der Schlüssel zu Melvilles Gefängnis aufbewahrt wurde, worauf sie mit kurzen Schritten die beiden Männer an dessen Tür führte. Kit öffnete. Zugleich wurde die Tür mit Heftigkeit nach außen gestoßen, und bevor Kit recht begriff, um was es sich handelte, war der blödsinnige Harry an ihm vorbeigeschlüpft und in dem finsteren Gange verschwunden. »Harry!« gellte Jessie ihm mit wunderbarer Geistesgegenwart nach, »Harry, lauf an den Fluß, sage dem Mr. Dark, es seien Räuber eingebrochen« – weiter kam sie nicht, indem Kit sie an der Kehle packte und Wasp sich wieder an ihr aufrichtete. »Laß sie,« wehrte Gregor anscheinend gleichmütig, »trifft sie oder einen der ihrigen ein Unglück, so fällt es ihr selbst zur Last. Ihnen aber sage ich,« wendete er sich an das Weib, »verläßt noch ein einziger Laut Ihre Lippen, so bleibt uns kein anderes Mittel, als einen Knebel zwischen Ihre Zähne zu zwängen.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Befreiung. Nachdem Kit eingetreten war, blieb er bestürzt stehen. Er schien nicht fassen zu können, daß man seinen Herrn, in dem er einen Halbgott verehrte, in einem derartigen scheußlichen Raum untergebracht habe. Erst als von der Pritsche her ein schmerzlicher Seufzer ihn erreichte und er in ein entsetzlich abgezehrtes Antlitz sah, aus welchem zwei große Augen ihn mit stumpfem Ausdruck anstierten, schritt er hinüber und mit dem Ruf: »Die Hölle über die Schurken!« warf er sich vor dem widerwärtigen Lager auf die Knie. Schärfer blickte Melville in das breite Gesicht des ehrlichen alten Burschen, dann sprach er wie im Traume: »Kit Kotton, wenn es kein Gebilde einer kranken Phantasie, sage mir nur das eine: zähle ich wirklich zu den vernunftlosen Geschöpfen? Mein Gott, mein Gott, wann endet diese Pein –« »Bald, bald endigt sie, Kapitän,« fiel Kit in seiner rauhen herzlichen Weise ein, »und ich bin hier, um Sie ein wenig vorzubereiten – vernünftig sind Sie ebenfalls, so vernünftig, wie ich und Miß Flora nur sein können.« »Kein Traum, keine Täuschung,« versetzte Melville, und er stöhnte verzweiflungsvoll, indem er Kits Hand ergriff und krampfhaft drückte. »Keine Täuschung,« beteuerte dieser, »bin ich's doch selber, ich, der Kit Kotton, und hier neben mir Wasp – wie er Sie betrachtet – legen Sie die Hand auf seinen Schädel, damit Sie's glauben. Wir sind gekommen mit anderen, um Sie zu befreien –« »Bin ich denn gefangen, Kit? Meines Wissens begab ich mich in die Behandlung –« »Ja, Kapitän Melville, in die Behandlung eines Rings so niederträchtiger Schurken, wie nur je einer verdiente, an der Raanocke aufgehißt zu werden, und der Doktor Hawkins ist der ärgste von allen. Denn ich wiederhol's, Sie sind so gesund wie ich, Miß Flora und Wasp zusammengenommen. Nur über Seite wollte man Sie schaffen; da sind wir noch gerade zur rechten Zeit eingetroffen, doch ermuntern Sie sich, das erleichtert uns die Sache, damit morgen um diese Zeit wir uns wohlbehalten in dem Strandhause befinden.« »Kit, Du magst recht haben; ich fiel in gewissenlose Hände. Augenblicklich bin ich klaren Geistes. Rate daher, was ich tun soll.« »Sie sind noch nie unklaren Geistes gewesen, Kapitän, denn die paar Schrullen rechnen nicht. Und tun sollen Sie weiter nichts, als mit uns gehen.« »Kit, du weißt, wie es mit meinen Füßen steht, und heute fühle ich mich schwächer, denn je zuvor.« »Die Hölle über die Schurken, die Ihre Schwäche verschulden,« versetzte Kit zähneknirschend, »für Ihr Fortkommen sorgen wir, und besäßen Sie nicht mehr Kraft in den Beinen, als ein krankes Huhn. Aber bei Gott! Sind wir erst daheim, so halten wir Abrechnung mit allen. Ausplündern wollte man Sie; da sollten Sie zuvor verrückt gemacht werden. Jetzt aber raffen Sie sich auf, wie einstmals, als Sie auf der Kommandobrücke lustig mit Tod und Teufel hantierten und dem Kartätschenhagel ins Angesicht lachten.« »Kit, Kit,« seufzte Melville, wie jemand, der bereits mit dem Leben abschloß, »erinnere mich nicht an jene Zeiten, die mein ganzes Unglück in sich bergen. Ich fühle mich zu krank. Was vor einer halben Stunde geschah, vergeß ich in der nächsten Minute. Mein Gedächtnis hat gelitten –« »Unsinn, Kapitän,« fiel Kit verstört ein, und er schob seinen Arm unter Melvilles Kopf, um ihn zu stützen, »Ihr Gedächtnis war von jeher ein feines, zu fein in der Güte für andere, zu fein im Argen für Sie selbst, und so ist's heute noch. Belogen und betrogen hat man Sie, und der Schurke, der Hawkins, machte den Anfang. Hinterher ist's mir so klar geworden, wie 'n deutlich geschriebener Küchenzettel. Sogar an den Mahagonikasten wollten sie –« Melville richtete sich erschrocken auf. »Kit Kotton!« rief er unter sichtbarer Anstrengung aus, »der Kasten – man raubte ihn dir – der Verräter Slowfield – das Weib auf der Plantage – mögen sie verflucht sein für den Dienst, den sie mir und zwei unschuldigen Wesen –« »Mögen sie zehnmal verdammt sein,« benutzte Kit einen Atemzug der Pause in Melvilles krankhaft überstürzten Mitteilungen, »und um zu dem Kasten zu gelangen, hätten sie durch meine eigenen Augen sehen müssen; denn der liegt so sicher verstaut, wie ein gekappter Anker im Binnenhafen –« Bis dahin hatte Gregor regungslos vor dem Türchen gestanden; jetzt aber trat er zur Seite. Wie in einem Anfall von Schwäche lehnte er sich an die Wand. Was die beiden in der feuchten Höhle sprachen, es war für ihn verloren gegangen, so starr hatten seine Blicke an der gebrochenen Gestalt Melvilles gehangen. Dem ersten Entsetzen über dessen Erscheinung war ein eigentümliches Gefühl innerer Befriedigung gefolgt. Als einen Mann in der Blüte der Jahre und im Vollbesitz üppiger Jugendkraft und ungestümen Mannesmutes hatte er ihn zum letzten Male gesehen, und jetzt lag er vor ihm, ein hinfälliger Greis, der nur noch unter Beihilfe anderer sich einherzubewegen vermochte. Aus dem dumpfen Gemach drang Melvilles jammervoll klagende Stimme zu ihm heraus; neben ihm keuchte das verbrecherische Weib in verzehrender Wut: für ihn floß beides ineinander. Erst als Kits rauhes Organ erklang, wie er seinen Herrn treuherzig ermutigte und tröstete, wurde er milderen Regungen wieder zugänglich. Er verglich dessen unerschütterliche Anhänglichkeit mit der opferwilligen Hingebung Singsangs, und neue Bilder, die ihn in eine weite Vergangenheit zurückführten, erstanden vor seiner Seele. Aus dem vor ihm liegenden finsteren Gange tönte Franks Stimme zu ihm herüber. »Was gibt's?« fragte er, sich Frank langsam entgegentastend. »Der Irrsinnige, der zwischen uns hindurchschlüpfte, hat die beiden Männer gerufen,« berichtete Frank hastig. »Dann schnell auf deinen Posten zurück,« riet Gregor dringend, und vom Scheitel bis zu den Sohlen herunter war er wieder der besonnene, rasch urteilende und entscheidende Mann, »laßt keinen herein; in zwei Minuten bin ich bei euch.« Er trat vor die kleine Maueröffnung. »Kit!« rief er herein, »kommen Sie eiligst mit der Lampe. Es geht alles nach Wunsch. In kurzer Frist mögen Sie sich mit Ihrem Herrn auf den Heimweg begeben.« Kit verlor keine Zeit, zumal in Gregors bedachtsam gewählten Worten die ernsteste Beruhigung für Melville enthalten gewesen war. Auf Gregors Rat verschloß er die Tür, worauf er den Schlüssel zu sich steckte, dann traten beide vor das verräterische Weib hin. »Setzen Sie sich nieder,« befahl Gregor mit einer Strenge, daß Jessie wie ein gepeitschter tückischer Hund in die Knie brach; und zu Kit: »Ziehen Sie die Leine fester an. Schnüren Sie ihr die Füße zusammen, bis das Blut hervorquillt, oder sie stiftet hinter unserem Rücken Unheil.« Kits flinke Hände aufmerksam überwachend, zögerte er, bis dieser seine Arbeit kunstgerecht beendigt hatte, und abermals sprach er zu dem Weibe: »Hier sehen Sie den Hund; der findet seinen Weg im Dunkeln. Beim ersten Laut, den Sie von sich geben, schicke ich Ihnen die Bestie auf den Hals; dann aber dürfte sie weniger sanft mit Ihnen Verfahren, als Sie mit dem Manne da drinnen.« Mit dem letzten Wort kehrte er sich ab, und dem vorausleuchtenden Kit folgend, schritt er nach der Haustür hinüber. »Der traue der Teufel,« meinte Kit verdrossen während des Einherschreitens, »ein ordentlicher Schlag auf ihren Schädel möchte ein sichreres Mittel gewesen sein.« »Nicht doch, Kit,« antwortete Gregor ruhig, »wir sind hier, um jemand zu befreien, nicht um Gericht zu halten. Da ist die Tür. Löschen Sie die Lampe aus, oder es fliegen uns vom Walde her Kugeln um die Ohren.« Kit befolgte den Rat und die letzten Schritte legten sie im Dunkeln zurück. Frank und Blackbird standen zu beiden Seiten des Eingangs und spähten ins Freie hinaus. Auf des Seminolen Rat stellten Gregor und Kit sich neben ihnen auf; dann war es so still, daß man beinah die Atemzüge jedes einzelnen hätte zählen können. Draußen knisterte und knackte dagegen das niedergebrannte Feuer, während aus dem Waldesdickicht das Krähen, Gackern und Bellen herüberdrang, mit welchem der unglückliche Irre bei seinem planlosen Umherschweifen sich vergnügte. Die Stimmen Darks und Tobys waren verstummt; ebenso lauschte man vergeblich auf das Rollen des Wagens, den man nunmehr glaubte zurückerwarten zu dürfen. Das Schweigen deutete man daher in günstigem Sinne, davon ausgehend, daß, wenn der Blödsinnige die ihm von Jessie übertragene Botschaft wirklich ausrichtete, dieselbe als eine Ausgeburt seines Irrwahns aufgenommen worden sei. Die zuvor lautgewordenen Flüche betrachtete man dagegen als eine Kundgebung des Verdrusses über den mißlungenen Versuch, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden. So verrann eine Viertelstunde, ohne daß in der näheren wie in der weiteren Umgebung eine Bewegung stattgefunden hätte. Unter den vier Gefährten begann der erste Argwohn sich zu regen. Nach kurzer Verständigung glitt Blackbird ins Freie hinaus und kroch hart an dem Hause hin nach dessen Giebel herum. Minuten der äußersten Spannung schlichen wieder dahin, als Wasp, der so lange, ins Freie hinausspähend, auf der Schwelle gelegen hatte, sich plötzlich umkehrte und seine Aufmerksamkeit dem Inneren des Hauses zuwendete. Zugleich unterschieden die drei Gefährten ein schnurrendes Geräusch, das aus der Richtung zu ihnen herüberdrang, in welcher Jessie gefesselt lag. »Es ist nichts,« beruhigte Gregor, »dem Weibe mag die gezwungene Lage unbequem geworden sein, daß es sich herumwälzte.« »Und ich verschürzte die Knoten so fest, daß eine gute Hand dazu gehört, sie wieder zu lösen,« fügte Kit schadenfroh hinzu. Er hatte kaum geendigt, als Blackbird in der Tür auftauchte und einen als schwarze unförmliche Masse sich auszeichnenden Gegenstand vorsichtig in den Türwinkel legte. »Stiefel sind es,« sprach er leise, »vier Stiefel. Die standen neben der Hoftüre. Zwei Männer sind im Hause. Sie gehen barfuß. Sie wollen nicht gehört werden. Keiner darf sich rühren. Das Feuer da schickt Helligkeit herein. Hier in dem Gang ist's gefährlich. Draußen ist es sicher.« »Wir möchten den Hund hineinschicken,« meinte Kit, indem er den anderen ins Freie hinausfolgte, »der hat die Schurken längst gewittert; umsonst ist er nicht unruhig geworden.« »Noch nicht,« riet Blackbird zuversichtlich, »wir müssen beide fangen. Bleiben sie frei, so folgen sie uns durch den Wald. Da schießen sie auf uns, und wir sehen sie nicht. Wir müssen beide fangen.« Nachdem er Kit und Frank angewiesen hatte, ihren Platz neben der Tür nicht zu verlassen, noch weniger das Haus zu betreten, wo sie auf jedem Schritt von den unsichtbaren Feinden niedergeschossen werden konnten, forderte er Gregor auf, ihm nach dem Feuer hinüber zu folgen. Dort nahmen sie einige wenig leuchtende glimmende Holzstücke und von dem zur Hand liegenden dürren Reisig so viel, wie sie bequem zu tragen vermochten, und mit äußerster Vorsicht schlichen sie nach der Hofseite des Hauses herum. Da Toby und Dark ihre Aufmerksamkeit ausschließlich der Vorderseite zukehrten, so erreichten sie unentdeckt die Hoftür. Diese stand halb offen, so daß nichts sie hinderte, das leicht brennbare Reisig auf der Schwelle aufzutürmen. Durch einige Schwingungen setzten sie die Feuerbrände in Flammen, so daß, als sie dieselben unter das Reisig schoben, es alsbald zu knistern und zu flackern begann; zugleich sandte es, begünstigt durch den ins Haus hineinströmenden Luftzug, eine ätzende Rauchwolke in die Gänge hinein. Sie waren noch mit Schüren beschäftigt, als eine Bewegung auf der anderen Seite des Feuers ihre Aufmerksamkeit erregte. Aufschauend erkannten sie das seiner Banden entledigte Weib, wie es mit unverkennbarem Entsetzen beide Arme emporhob, sich hastig umkehrte und im Innern des Hauses verschwand. Ein Schuß, durch die Windungen der Flurgänge gedämpft, dröhnte aus dem Vorderhause herüber. Ein zweiter folgte; dann aber erhob sich ein Brüllen, das, durch Wut und Todesangst erpreßt, nichts Menschlichem mehr glich. Gregor gedachte Franks und Kit Kottons. Im Begriff, ihnen zu Hilfe zu eilen, wurde er durch Laufen und Schreien auf der anderen Seite des Feuers zurückgehalten. »Mir nach!« hieß es da gellend, »mir nach, wenn du nicht geröstet werden willst, wie 'ne Hammelrippe!« Ein Schuß, offenbar blindlings abgefeuert, um den Weg frei zu legen, einte sich mit den letzten Worten; ein hochgeschwungener Arm, mit einem Revolver bewaffnet, wurde oberhalb des Feuers sichtbar, und in der nächsten Sekunde setzte Toby mit einem mächtigen Sprunge über dasselbe hinweg. Bevor er aber festen Fuß faßte oder die Pistole zur Gegenwehr abermals zu erheben vermochte, traf Gregors Faust ihn mit einer Gewalt vor die Stirn, daß er mitten durch das Feuer hindurch in den Gang zurücktaumelte und dort zusammenbrach. Gregor sah nur noch, daß die wie wahnwitzig aufkreischende Megäre sich flüchtig zu dem Gefallenen niederbückte und in entgegengesetzter Richtung davoneilte; dann schmetterte er die Tür ins Schloß, den auf der Außenseite steckenden Schlüssel zweimal umdrehend. »So,« sprach er zu Blackbird, »hier sind sie vorläufig sicher genug verwahrt; durch die Fenster zu brechen, möchten sie doch die Eisenstäbe hindern,« und des Seminolen nicht weiter achtend, eilte er nach dem Vorderhause herum. Als er daselbst eintraf, war bereits Ruhe eingetreten. Dagegen fand er den Flurgang erhellt. Frank leuchtete mit einem fackelartig brennenden Holzscheit, während Kit eifrig damit beschäftigt war, dem auf der Erde liegenden Dark die Handgelenke unbarmherzig zusammenzuschnüren. Dark selbst gebärdete sich wie ein von der Axt gefällter Stier. Schnaubend stieß er den Atem von sich; Fluch auf Fluch entquoll seinen Lippen, über die von beiden Seiten stark blutende Risse hinliefen. Aus dem Bericht, mit dem Kit seine Arbeit begleitete, ging hervor, daß Wasp, durch die Nähe des herbeischleichenden Dark gereizt, den ersten Angriff auf eigene Faust unternommen hatte. Die beiden auf ihn abgefeuerten Schüsse aber waren Ursache gewesen, daß Kit ihn durch Hetzrufe anfeuerte. Vor seinem ersten Anprall war Dark auf den Rücken gefallen, und bevor er sich dagegen zu schützen vermochte, hatte das ergrimmte Tier mit seinem furchtbaren Rachen ihn quer über das Gesicht gepackt. »Wir sind noch nicht fertig,« bemerkte Gregor finster, als er den elenden Verbrecher endlich wehrlos vor sich liegen sah, »was ferner mit ihm werden soll, mögen die Behörden entscheiden. Wir haben nur dafür zu sorgen, daß er nicht entkommt,« und Frank zur Bewachung des Gefesselten zurücklassend, folgte er in der Begleitung Kits, der die Lampe wieder angezündet hatte, der Richtung des sich ihnen entgegenwälzenden Rauchs. Nach wenigen Schritten stieß er auf Toby. Noch halb betäubt gegen die Folgen des furchtbaren Schlages kämpfend, trachtete er, aus der Nähe des schwälenden Feuers fortzukommen. Durch den Lichtschein und das von seiner Stirn rieselnde Blut geblendet, sah er wild zu Gregor empor. Er schien darauf gefaßt zu sein, einen zweiten Schlag zu empfangen, enthielt sich aber in seiner tückischen Verbissenheit jeder Äußerung der Furcht oder des Trotzes. Auf Gregors Rat schnürte Kit auch ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, worauf er gezwungen wurde, in das nächste Gemach einzutreten. Indem Gregor dessen Tür öffnete, fiel sein erster Blick auf Jessie. In einem Winkel kauerte sie auf der Erde, eine zerfetzte wollene Decke halb über sich hingezogen. Nachdem nunmehr auch Tobys Füße gefesselt worden, wurde das Weib in ähnlicher Weise unfähig zu jeder selbständigen Bewegung gemacht. Dessen von Todesangst getragene Einwendungen blieben unbeachtet. Nur als es die Besorgnis kundgab, unter den Trümmern des brennenden Hauses begraben zu werden, beruhigte Gregor es durch das Versprechen, daß er nicht von dannen gehe, ohne zuvor die letzte Feuersgefahr beseitigt zu haben. Noch einmal überzeugte er sich von der Sicherheit der Umgebung, indem er in alle Räume hineinleuchtete; dann erst beauftragte er Kit und Frank, den Kapitän ins Freie zu führen. Es war verabredet worden, um jede heftige Erregung zu vermeiden, Melville vorläufig im Ungewissen über diejenigen zu lassen, die zu seiner Rettung herbeigeeilt waren. Seinen Gemütszustand berücksichtigend, beschloß man, die Enthüllungen, soweit Gregor sie nicht einschränkte, Flora anheimzugeben. – Gregor, offenbar scheuend, an dem Hinausschaffen Melvilles sich zu beteiligen, ging nach dem Fluß hinüber, um den Wagen herbeizuholen. Zu derselben Zeit begab Blackbird sich auf den Weg zu seinem Mustang. Als ersterer nach einer Viertelstunde vorfuhr, saß Melville in der Nähe des frisch geschürten Feuers auf einem Stuhl. Vor ihm saß Wasp, den Riesenkopf auf seinen Knien rastend. Der plötzliche Übergang von einer entsetzlichen Gefangenschaft zur Freiheit, von einer erstickenden Atmosphäre zum Vollgenuß der kühlen Nachtluft hatte ihn offenbar tief erschüttert. Nicht einmal nach den Namen seiner Retter fragte er. Nach den bisherigen boshaften Täuschungen schien er die Wirklichkeit des jähen Wechsels noch immer zu bezweifeln. Bedachtsam wurde vermieden, ihn in seinem Ringen nach Klarheit des Geistes zu stören. Kit und Frank standen neben ihm. Blackbird, der mit dem Mustang früher eingetroffen war, lehnte sich neben dem Feuer auf seine Büchse; hin und wieder schweiften seine Blicke zu Melville hinüber, in dem er auf Grund von dessen Gemütsstimmung und nach indianischen Begriffen ein von dem großen Geist bevorzugtes Wesen zu entdecken meinte. Als Gregor mit einem ernsten, aber kurzen Gruß vor Melville hintrat, sah dieser schwerfällig empor. »Es ist nicht wahr,« sprach er wie in erwachendem Unwillen, »seit ich an diesem Ort weilte, bin ich kein einziges Mal in die freie Luft geführt worden. Nein, den Genuß hätte ich nie vergessen. Man hat mich belogen und betrogen –« »Die Schurken werden ihrer Strafe nicht entgehen,« fiel Gregor mit Unheil verkündender Ruhe ein, »jagten wir jedem einzelnen im Hause eine Kugel durch den Kopf, so geschähe ihnen nach Gebühr,« und nach dem Wagen hinüberschreitend, begab er sich ans Werk, auf demselben einen bequemen Sitz für Melville herzurichten. Frank blieb in der Nähe Melvilles, während Blackbird und Kit sich beeilten, von den mitgenommenen Vorräten ein Mahl herzurichten. – – – Als die Sonne ihre ersten Strahlen über die mit schweren Tautropfen behangenen Baumwipfel hinwegsandte, befanden die Reisenden sich weit abwärts. Wie hoch oben, funkelte und glitzerte es auch auf dem Erdboden in allen Regenbogenfarben, wohin nur immer ein bißchen Sonnenlicht seinen Weg fand.   Vor dem alten Gebäude im Schatten eines Hickorybaumes schlummerte, nachdem er sich zuvor gesättigt hatte, sorglos der arme Harry. Ihn beschirmte der Engel der Barmherzigkeit. Ein finsterer Höllengeist stand den gefesselten Verbrechern mit Rat zur Seite, daß Dark sich neben seine Genossin hinwälzte und es dieser ermöglichte, die seine Hände auf dem Rücken zusammenhaltenden Banden mit den Zähnen allmählich durchzunagen. – Wenn auch nach anstrengender Fahrt und nach mancher Rast, hatte Melville das Strandhaus doch wohlbehalten erreicht. Er lebte auf unter dem Eindruck der Kunde, daß es nahe Verwandte, welche ihn in ihren Schutz genommen hatten; es befestigte sich sein Denkvermögen unter dem ernsten Zuspruch Gregors, der, ein unumschränkter Herr des eigenen Willens, mit seinen Offenbarungen nicht über eine genau abgemessene Grenze hinausging und dadurch Frank ebenfalls in seinem Verhalten bestimmte. Kit hatte seinen Weg durch die Stadt genommen und traf etwas später mit Flora im Strandhause ein. Gemeinschaftlich mit dem Fuhrwerk übermittelte Gregor die Anzeige der jüngsten Erlebnisse an die betreffende Behörde, die alsbald Anstalt traf, des Verbrecherkleeblattes wie des jungen Irren sich zu versichern. Die nach dem Hause entsendeten Leute fanden nur noch letzteren vor. Vor dem alten Gebäude kauerte er, sich ergötzend an den Rauchwolken, die noch immer den geschwärzten nackten Mauern entstiegen. Weitere Nachforschungen ergaben, daß es Dark und den Seinigen gelungen war, sich der Fesseln zu entledigen und die Tür zu sprengen. Bevor sie in dem schwerbefrachteten Prahm die Reise stromabwärts antraten, hatten sie Feuer an die Gebäude gelegt. Man spähte den Flüchtlingen wohl nach, allein nirgends entdeckte man eine Spur von ihnen. Nachdem sie bis dahin gelangt waren, wo ein sicherer Weg in die Sümpfe hinein sich vor ihnen öffnete, hatten sie, nach Ausschiffen ihrer Habseligkeiten, das Fahrzeug wahrscheinlich versenkt. Auch den von schwerem Verdacht belasteten Doktor Hawkins fand man nicht mehr in seiner Wohnung. Anfänglich hieß es, er habe sich zu einem Kranken über Land begeben. Als er aber auch folgenden Tages nicht zurückkehrte, wurden Erkundigungen nach ihm angestellt, und die ergaben, daß er zur nächsten Dampfschiffstation gefahren und von dort aus mit zwei Koffern seine Reise ohne Angabe irgendeines Zieles zu Wasser fortgesetzt habe. Und so blieb von allen, die in näherer Beziehung zu dem Fort gestanden, nur noch Harry, für den auf Melvilles Kosten in angemessener Weise Sorge getragen wurde, bis dieser ihn endlich zu sich nach dem Strandhause nahm. Es konnte ohne Besorgnis geschehen, indem nach der unausgesetzten furchtbaren Überreizung und unter dem Einfluß einer gütigen Behandlung ein in mildester Form auftretender Stumpfsinn bei dem armen Burschen die Oberhand behielt. Sein sanftes, freundliches Wesen stand in engster Beziehung zu den körperlichen Leiden, welche ihm keine allzulange Lebenszeit mehr verhießen. – Gregor blieb nur wenige Tage in dem Strandhause; gerade lange genug, um sich über die von ihm einzuschlagenden Schritte mit Frank genau ins Einvernehmen zu setzen, lange genug, um sich zu überzeugen, daß die jähen Kontraste in der jüngsten Vergangenheit die wohltätigste Wirkung auf Melville ausübten. Frank gab ihm das Geleite bis zur Stadt. »Mein nächster Weg führt zu deiner Mutter, um ihr über dein Ergehen Bericht zu erstatten,« wiederholte Gregor, kurz bevor sie sich voneinander trennten. »Du wirst hier ausharren, bis man dich ruft, und ich müßte mich sehr täuschen, bliebest du nicht ebensogern, wie zwei schöne freundliche Augen den deinigen begegnen;« er lächelte bezeichnend und fuhr fort: »Was ich dir anvertraute, achte als fremdes Eigentum. Beherzige meine Ratschläge, befolge pünktlich die Anweisungen, die ich dir erteilte und voraussichtlich noch brieflich erteilen werde. Sei überzeugt, ich tue keinen Schritt, ohne zuvor dessen Tragweite genau berechnet zu haben.« Was Frank erwidern wollte, schnitt Gregor mit einem herzlichen »Auf Wiedersehen!« ab, und davon rollte der Wagen, der ihn nach der nächsten Dampferstation trug. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Am Grabe der Tochter. Etwa zwei Wochen später verließ eine kleine Gesellschaft rüstiger Fußgänger lustwandelnd die reizend gelegene Stadt und schlug die Richtung nach dem nahen Walde ein, wo eine Kapelle mit ihrem Türmchen über die Baumwipfel hinauslugte. Erst abends zuvor in Euyahoga-Falls eingetroffen, hatten sie kaum das Frühmahl beendigt, als sie zu dem Gange ins Freie sich rüsteten. Ihrer vier waren es. Vorauf, in ein ernstes Gespräch vertieft, schritten Gregor und Stocton. In einiger Entfernung, als hätten sie außer Hörweite bleiben wollen, folgten Thusnelda und Singsang. Nicht minder eifrig als jene gedachten sie der jüngsten harmlosen Erlebnisse und der Pferde, die unter der Obhut eines gewissenhaften Reitknechtes im Süden zurückgeblieben waren. Auf Gregors Zügen ruhte die gewöhnliche ernste Ruhe, die wohl im Verlauf einer frohen Unterhaltung den Eindrücken fremder Heiterkeit flüchtig nachgab, am wenigsten aber durch unvorhergesehene Ereignisse erschüttert werden konnte. Aufrecht bewegte er sich einher, wogegen Stocton, wie unter einer Bürde schmerzlicher Betrachtungen, das Haupt geneigt trug. »Wenn mein Kind hier beerdigt wurde,« sprach er und die Worte schienen sich mit Widerstreben seinen Lippen zu entwinden, »so muß Marianne notgedrungen längere Zeit in der Nachbarschaft geweilt haben.« »Ohne Zweifel geschah das,« erwiderte Gregor, den Gefährten teilnahmvoll von der Seite betrachtend, »und meine Aufgabe soll sein, das Nähere zu erkunden. Zuvor aber müssen wir uns überzeugen, daß kein Irrtum waltet. Aus der Quelle, aus der ich, vom Zufall begünstigt, schöpfte, erfuhr ich nur von einem Grabstein mit dem Namen Ellen, dem Tage der Geburt und dem des Todes. Finden wir die unbestimmte Mitteilung bestätigt, so hindert uns nichts, unsere Nachforschungen weiter auszudehnen und die einmal entdeckten Spuren bis ans Ende zu verfolgen. Ich rate aber – und mein Urteil ist in diesem Falle doch Wohl das unbefangenere – dich keinen überschwänglichen Hoffnungen hinzugeben.« »Ich pflichte dir bei,« versetzte Stocton traurig, »mein Urteil wird durch zu viele Nebenumstände bedingt. Und wie könnte es anders sein? Ist mir doch ums Herz, als hatte ich mein Kind vor wenigen Tagen noch in den Armen gehalten, um heute vor seinen frisch aufgeworfenen Grabhügel hinzutreten. Ja, Gregor, so wirkte die erschütternde Kunde trotz der langen Trennung auf mich ein. Mein Gott, wie die alten Wunden wieder bluten! Wann werde ich endlich Ruhe finden –« »Nicht doch, Charles,« unterbrach Gregor ihn ermutigend, »vermeide es, dich fortgesetzt mit trüben Bildern zu umgeben. Noch liegt ein langes Leben vor dir, und jeder neue Tag mag Trost und Frieden bringen. Erkennst du das Grab an dem auf dem Stein verzeichneten Geburtstage als das richtige an, so betrachte das als einen Fingerzeig des Geschicks, das dich dennoch mit den Deinigen zusammenführen möchte. Deiner Trauer um die kleine Verlorene brauchst du deshalb nicht zu entsagen; doch sollst du freundlichen Hoffnungen dich nicht verschließen, sondern sie hegen und dich an ihnen ausrichten. Was hätte aus mir werden sollen, wäre ich leicht zu beugen gewesen? Und ich geriet gewiß in Lagen, geeignet, ein armes, vor Jammer und Not zuckendes Knabenherz zu brechen. Dann aber vergleiche unsere beiderseitigen Aussichten miteinander. Dir lächeln unstreitig, noch glückliche Tage im Kreise der dir gebliebenen Deinigen; und ich?« Er lachte herbe und fuhr anscheinend gleichmütig fort: »Vor mir eröffnet sich die Aussicht, nachdem Thusnelda sich vielleicht verheiratete, die Welt einsam zu durchstreifen, wohin ich komme, als Fremdling kalt begrüßt und aufgenommen zu werden. Nicht einmal Singsang wird mir zur Seite stehen, denn ihn von Thusnelda trennen, hieße, ihn ins Verderben stürzen.« »Ein Fremdling überall,« versetzte Stocton etwas lebhafter, »jedoch nur so lange, bis auch du einen eigenen Herd dir gründetest –« »Unsinn, Charles,« fiel Gregor spöttisch ein, »um im Familienleben meine Befriedigung zu suchen, müßte ich ein anderer sein, einen anderen Beruf gewählt haben – das heißt, ich verwahre mich gegen den Verdacht, diesen Schritt jemals bereut zu haben. Nein, Charles, für das Familienleben bin ich abgestumpft, ich mußte abstumpfen durch die Erfahrungen, die hinter mir liegen. Doch vergessen wir das. Sieh da die Kapelle, wie sie freundlich zwischen den Bäumen hervorlugt. Eine liebliche Stätte, auf der dein Töchterchen schläft. Vor dem Grabhügel wollen wir beide der alten Zeiten gedenken, ungehemmt den auf uns einstürmenden Betrachtungen Raum geben; das ist unser Recht, unsere Pflicht.« Stocton antwortete nicht. Er schien sich gänzlich dem Eindruck des Bewußtseins hingegeben zu haben, nach wenigen Minuten vor das Grab einer Tochter hinzutreten, die ihm in der Erinnerung als ein lachender Engel vorschwebte. Gregor vermied, ihn in seinem traurigen Brüten zu stören. Heiter, wenn auch nicht ganz frei von Besorgnissen, verkehrten dagegen Thusnelda und Singsang miteinander. Wenige Minuten lebhaften Einherschreitens brachten sie nach der Kapelle und vor die Einfriedigungsmauer des Friedhofes. Neben der Pforte blieben sie stehen, um die Rückkehr der beiden Verwandten abzuwarten. So war es verabredet worden. In Gregors Plan lag es, Zeugen fernzuhalten, wenn Stocton vor dem Grabe seines Kindes von Wehmut übermannt werden sollte. Über die Lage der Stätte war er auf seine wie beiläufig gestellten Fragen durch Frank, der den Zweck nicht ahnte, einigermaßen unterrichtet worden. Es bedurfte daher nur kurzen Spähens und Suchens, um an sein Ziel zu gelangen. Stocton überließ sich vollständig seiner Führung. Er war zu ergriffen, um seinen Empfindungen noch Ausdruck verleihen zu können. Als er aber endlich vor einem mit üppig blühenden Pflanzen, mit älteren und neueren Blumengewinden geschmückten Hügel stand, zu dessen Häupten eine Marmortafel den Namen der unter demselben ruhenden stillen Schläferin trug, da atmete und seufzte er so schwer, als hätte er sich mit dem Tode in hartem Ringen befunden. Während seine Hände sich krampfhaft ineinander wanden, brach seine hohe breite Gestalt förmlich in sich zusammen. »Armes, liebes Kind,« lispelte er über den kleinen Hügel hin, »warum ist es mir nicht vergönnt gewesen, dir noch einmal in die klaren, unschuldigen Augen zu schauen, nur noch ein einzig Mal deinen lieblichen Kindermund zu küssen. Ellen, Ellen, hier steht dein Vater vor dir und sendet seine Herzensgrüße zu dir hinab. Möchten sie sich in deine Träume verflechten – mein armes, liebes Töchterchen – wo weilt deine Mutter, wo sind deine Geschwister?« Tiefer beugte der sonst so starke Mann sich unter den seine Seele wie den Körper durchrieselnden Erschütterungen. Gregor war einige Schritte zurückgetreten. Einen Blick sandte er nach der Pforte hinüber, wo Thusnelda und Singsang bereits ein Weilchen gestanden hatten. Dann überwachte er mit ernster Teilnahme Stocton, der in Schmerz versunken nunmehr regungslos auf das in Blumen gekleidete Grab niederstarrte. Der Trauer wollte er ihr Recht einräumen, wie der Freude. Jene sollte gewissermaßen die Vorbereitung zu dieser bilden. So hatte es in seiner Absicht gelegen, seitdem Frank ihm das Heim seiner Mutter und der Schwester wie deren Tätigkeit schilderte, ahnungslos, daß er dadurch dem eigenen verschollenen Vater den Weg in den Schoß seiner Familie zeigte.   Thusnelda und Singsang, die schweigend zu den beiden Männern hinübersahen, wurden in ihrem Sinnen durch eine leichte Bewegung gestört. Als sie sich umkehrten, schritt eine bleiche Frau in dunklem Anzuge und vor sich einen Blumenstrauß tragend bei ihnen vorüber. Befremdet hatte diese schon aus der Ferne die seltsame Erscheinung des Chinesen betrachtet. Indem sie aber einen vollen Blick in Thusneldas Antlitz gewann, glitt es wie ein Ausdruck der Bewunderung über ihre schwermütig erregten Züge. Ihre Überraschung offenbarte sich gleichsam unwillkürlich durch eine freundliche Verneigung, die Thusnelda höflich erwiderte; dann schritt sie durch die Pforte auf nächstem Wege nach der Stelle hinüber, auf der Stocton und Gregor noch immer weilten. »Singsang,« kehrte Thusnelda sich dem Chinesen mit gedämpfter Stimme zu, »die trägt die Blumen einem teuren Verstorbenen zu. Wenn auch ich das könnte,« und ihre Gedanken suchten den Schleier zu durchdringen, hinter dem ihre erste Kindheit lag. Singsang verstand die Andeutung und antwortete in der ihm eigentümlichen Weise tröstlich: »Unser liebes Grab schmückt die Natur –« er brach ab, und durch Thusnelda darauf aufmerksam gemacht, sah er zu der schwarz gekleideten Dame hinüber. Diese war stehen geblieben. Sichtbar erstaunt, Fremde vor dem von ihr selbst aufgesuchten Grabe zu finden, zögerte sie, ihren Weg fortzusetzen. Nach kurzem Sinnen entschloß sie sich, deren Entfernung abzuwarten. Während Stocton, gleichsam unempfindlich gegen äußere Eindrücke, in Schmerz versunken das Haupt neigte, hatte Gregor sich nach dem kaum vernehmbaren Geräusch der leichten Schritte umgekehrt. Der erste Blick belehrte ihn, daß die einsame Wanderin durch seine und Stoctons Anwesenheit gestört wurde. Eine dumpfe Ahnung erwachte in ihm. Sie wurde aber zur Überzeugung, als er in das bleiche Antlitz sah und, trotz des Einflusses vieler langer, in endlosem Grame verlebter Jahre, Gesichtszüge wiedererkannte, die in seinem Knabenalter ihm so vertraut gewesen waren. Zweifel bestürmten ihn. Er wußte nicht, war es als eine glückliche Fügung zu preisen oder zu bedauern, daß das bedachtsam vorbereitete Wiedersehen sich schon hier vollziehen sollte. Ernste Besorgnisse stiegen in ihm auf. Wie von seiner Anwesenheit einen nachteiligen Einfluß befürchtend, schritt er eine Strecke weiter, die Aufmerksamkeit scheinbar einem größeren Grabdenkmal zuwendend. In der Tat aber lauschte er gleichsam atemlos auf die hinter ihm sich entwickelnden Vorgänge. Eine Weile herrschte noch Stille. Gregor, dadurch beängstigt, sandte einen verstohlenen Blick nach der bleichen Frau hinüber. Sie hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt, aber kleiner schien sie geworden zu sein, und in den unsteten Bewegungen, mit denen sie nunmehr Stocton näher trat, verriet sich, daß irgendein sie unwiderstehlich fesselndes und doch schmerzlich erregendes Bild ihr vorschwebte, dessen alsbaldiges Zerrinnen sie vorhersah. Wenige Schritte trennten sie noch von Stocton, als dieser sich umkehrte, dann aber, wie mit einer Vision ringend, auf sie hinstarrte. Doch nur einige Sekunden dauerte dieser, einer Lähmung ähnliche Zustand. Er sah, wie die vor ihm Stehende tödlich erbleichte, sah, wie beim Anblick seiner vernarbten Züge ein Ausdruck unsäglichen Jammers über ihr Antlitz hineilte, heiße Tränen ihren Augen entstürzten, die Blumen zerstreut zur Erde fielen, ihre Arme sich weit ausbreiteten und ihn dann fest umschlangen. »Charles, Charles, wie hast du gelitten – Verzeihung – Verzeihung! Charles, was hast du erduldet,« einte es sich mit ihrem krampfhaften Schluchzen, und von Stocton in die Arme geschlossen, weinten die nach langen Jahren der Trennung wieder vereinigten Gatten heiße Tränen des Schmerzes und der Freude; des Schmerzes um unwiederbringlich Verlorenes, der Freude, daß es ihnen beschieden sein sollte, anstatt in unbekannter Ferne und ohne voneinander zu wissen, selber zur ewigen Ruhe gebettet zu werden, versöhnt und Hand in Hand die noch vor ihnen liegende Bahn zu durchwandeln. Gregor war unbemerkt davongeschlichen. Wehmut durchzitterte sein Herz. Die Augen des Mannes, dessen ehernen Körper ein eherner Wille beherrschte, umflorten sich. An ihn dachte niemand in den heiligen Minuten. Im ersten Gedankenaustausch blieb unbeachtet, daß es sein Werk war, wenn ein freundliches Abendrot an Stelle der bisherigen düsteren Wolkenschattens trat. Vierundzwanzigstes Kapitel. Im neuen Heim. Stocton endlich, durch Nennung dieses oder jenes Namens daran erinnert, nach Gregor sich umsah, entdeckte er ihn, wie er auf der Außenseite der Einfriedigungsmauer mit Thusnelda und Singsang sich langsam entfernte. »Sie schlagen die Richtung nach meinem – nach unserem Hause ein,« bemerkte Marianne, die einst so jugendschöne, braunlockige, jetzt mit dem ersten Schnee des Lebenswinters matronenhaft geschmückte Marianne tief bewegt. »Es sieht ihm ähnlich,« antwortete Stocton liebreich, und nach einem letzten schwermütigen Blick auf den Grabhügel setzte er sich mit Marianne ebenfalls in Bewegung, »ja, es sieht ihm ähnlich. Aus dem wilden Knaben ist ein wahrer Mann geworden. Er möchte uns Zeit gönnen, ungestört auszutauschen, was unsere Herzen bis zum Überströmen erfüllt. Von dir selbst soll ich erfahren, was er bisher geheim vor mir hielt – jetzt ist es mir freilich kein Rätsel mehr, weshalb er nur von einem Grabe sprach, wo es doch galt, so lange und so tief betrauerte Lebende aufzusuchen. Und wie schonend und überlegend er zu Werke ging! Frank, dessen Namen er mir nicht einmal nannte, im Hause des armen Gilbert, beide ahnungslos, was für Enthüllungen ihrer von hier aus harren, und Frank zugleich sein Wegweiser hierher.« »Unser Sohn, er wird kommen, muß bald kommen,« versetzte Marianne still beglückt und doch wehmuterfüllt. »Mein Gott, wer hätte geahnt, daß der geheimnisvolle Aufruf, auf den hin ich Frank zu der Reise riet, derartige Folgen nach sich ziehen würde.« Sie bogen vom Friedhofe hinunter. Zugleich gewannen sie einen flüchtigen Anblick Gregors, Thusneldas und Singsangs, bevor dieselben hinter einer Biegung des schattigen Weges verschwanden. Marianne sah zu Stocton empor und wiederum rannen Tränen in ihren Augen zusammen. Sie mochte sich das Bild vergegenwärtigen, das Stocton vor ihrer Trennung bot, es vergleichen mit den jetzt von Narben entstellten, gramdurchfurchten Zügen. »Wie mußt du gelitten haben,« sprach sie bewegt, »und keine liebende Hand war da, in der furchtbaren Krankheit dich zu pflegen, kein treues Auge, dich zu überwachen, kein Herz, dich zu trösten. Aber du lebst, Charles, du lebst. Wäre von dir nichts geblieben, als der Blick deiner Augen, ich würde dich erkannt haben.« Stocton lächelte matt. »Ich lebe,« sprach er wehmütig, »ich lebe und fand dich und unsere Kinder. Weiter erflehte und erhoffte ich von dem Geschick nichts. Ja, Marianne, unsere Kinder, wenn auch das eine im ewigen Schlaf.« Marianne war zu ergriffen, um antworten zu können. Und so schritten sie schweigend einher. Gregor, Thusnelda und Singsang befanden sich weit voraus. Gregor war noch wortkarger geworden, seitdem er das Begegnen der beiden Gatten schilderte. Thusnelda, an sein ernstes Wesen gewöhnt, befremdete es nach dem vorhergegangenen ergreifenden Ereignis nicht. Sie verstand ihn, als er zögerte, sie Stoctons Gattin, der Schwester ihres vermeintlich toten Vaters zuzuführen. Aber zärtlicher noch erklang ihre Stimme, indem sie seine Hand nahm, sich von ihm führen ließ, wie in fern zurückliegenden Zeiten, den Eindruck beschrieb, den der erste Anblick der bleichen schönen Dame auf sie ausübte. So gelangten sie bis in die Nähe des alten Landhauses, über das nach den von Frank ausgehenden Mitteilungen keine Zweifel walten konnten. Einzelne helle Kinderstimmen drangen bis auf die Landstraße hinaus, indem diese an sie gerichtete Fragen beantworteten. »Mag Marianne ihn zuvor in ihr Haus einführen,« bemerkte Gregor, und vom Wege abbiegend, schlug er die Richtung nach dem Cuyahoga ein, »vorher würden wir sie stören. Und Stoctons harrt ja noch ein anderes Wiedersehen. Wir kommen immer früh genug.« – Etwas später trafen Stocton und Marianne angesichts des Herrenhauses ein. Als letztere den ersten Anblick desselben gewann, lehnte sie sich schwerer auf des Gatten Arm; ihre Stimme zitterte vor Bewegung, indem sie anhob: »Charles, armer lieber Charles, hier liegt deine Heimat vor dir. Hier findest du Rast nach dem langen trostlosen Umherschweifen; hier findest du eine so treue Pflege, wie nur immer unvergängliche Liebe sie zu bieten vermag. Armer Charles, unserer verstorbenen Tochter galt dein erster Besuch, dafür magst du tausendfach gesegnet sein – nein Charles, seufze nicht so namenlos schmerzlich; es fehlt mir sonst die Kraft, dich in dein Haus zu führen. Die Toten können nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden, aber Ereignisse mögen eintreten, die die Trauer um die Dahingeschiedenen mildern. Und sieh doch,« fuhr sie fort, indem sie einige Blumen pflückte und sie ihm reichte, »wie alles um dein stilles Heim herum grünt und blüht; und wie hier draußen Baum und Strauch, so grünt da drinnen in kindlichen Gemütern das Gute, zu welchem mit Bedacht und Vorsicht die ersten Keime gelegt werden. Glaube mir, Charles, es ist eine freundliche Aufgabe, der ich mein Leben widmete.« Sie erreichten die Gartenpforte. Stoctons Blicke suchten das Porzellanschild auf dem Türpfosten. »Mrs. Everetts Töchterschule,« las er. Marianne sah mit ernster Spannung zu ihm auf. Sie entdeckte, daß peinliche Gedanken hinter der breiten vernarbten Stirn arbeiteten, bevor er sich ihr mit der schwermütigen Frage zukehrte: »Marianne, du ändertest deinen Namen?« In Mariannes Antlitz stieg leichte Röte empor. »Nicht meinen Namen, Charles,« sprach sie mit flehendem Ausdruck, »sondern nur den der Schulvorsteherin. Doch nicht, als ob ich nicht stolz darauf gewesen wäre, das mit reichem Erfolg gesegnete Unternehmen unter deinen Namen bestehen zu lassen. Nein, Charles, mich zwangen die ernstesten und sehr peinliche Gründe zu diesem Schritt. Ich wollte verschwinden, um nicht länger den Nachstellungen jemandes ausgesetzt zu sein, der sich wie ein böser Fluch an die Fersen aller Melvilles geheftet hatte.« »Slowfield,« warf Stocton ein und in seinen Augen leuchtete es feindselig auf. »Ja, Slowfield,« hieß es besänftigend zurück, »seinem Gesichtskreise wollte ich mich entrücken, und das wäre mir schwerlich gelungen, hätte ich die der Anstalt geltenden öffentlichen Empfehlungen mit meinem wahren Namen unterzeichnet gehabt.« »Du hast gehandelt, wie du nur konntest,« bemerkte er liebreich, »und fanden meine vor Jahren entsendeten Aufrufe keinen Widerhall, so hat es nicht sein sollen. Noch genug davon in der jetzigen Stunde. Wenden wir uns freundlicheren Dingen zu; – ja, dein Haus, wie es verlockend daliegt. Die Heimat der Zufriedenheit scheint es zu sein. Auch sprachst du von Ereignissen, geeignet, die Trauer um Verlorenes zu mildern. Worauf darf ich das zurückführen?« Über Mariannes Antlitz eilte es wie der Abglanz innerer, unaussprechlicher Freude. Bevor sie eine Antwort fand, wurde es in dem Hause lebendig. Summen vieler Stimmen, Lachen und Jubeln drang ins Freie zu den noch immer neben der geschlossenen Pforte Stehenden heraus. Beide sahen nach der Veranda hinüber. Eine schlanke, anmutige Mädchengestalt, ein Bild holdseliger, etwas ernster Jungfräulichkeit war aus der Tür getreten. Ein Schwarm fröhlicher Kinder, alle gerüstet, nach der schweren Arbeit des in die Frühstunden fallenden Unterrichts heimwärts zu eilen, drängte sich ihr nach. Vorauf die kleinsten; hinter ihnen her die etwas größeren und endlich diejenigen, die sich bereits der Grenze des Kinderalters näherten und daher eine gewisse mädchenhafte Würde zur Schau trugen. »Adieu, Miß Mary,« hieß es bald im Chor, bald vereinzelt, und kleinere und größere Händchen streckten sich der freundlichen jungen Dame entgegen. »Auf Wiedersehen heute nachmittag,« antwortete diese zärtlich, und hier wurde ein Strohhütchen geradegeschoben, dort ein Tuch in bessere Falten gezupft. »Auf Wiedersehen ihr alle! Lauft nicht übermäßig, damit ihr nicht erhitzt nach Hause kommt.« Marianne, sobald sie ihrer Tochter ansichtig wurde, hatte sich Stocton zugekehrt. Eine Weile sah dieser starr hinüber. Wie in maßlosem Erstaunen, daß die sich mit frauenhafter Würde tragende jugendlich anmutige Gestalt dasselbe Kind, welches er einst auf seinen Knien hielt, vergrößerten sich seine Augen. Milder und milder wurden seine Züge, wehmütiger sein Blick, bis endlich Tränen ihn verschleierten. Marianne öffnete die Pforte, und wie zuvor ihre Tochter, so hatte sie jetzt selbst genug zu tun, die ihr gereichten Händchen zu drücken und die lustig zutraulichen Abschiedsgrüße zu erwidern. Die letzten reiferen Nachzügler waren in ehrbarem Schritt den vorauseilenden jüngeren Gefährtinnen von der Veranda in den Garten hinunter gefolgt, als ein junger Mann neben Mary hintrat und gemeinsam mit ihr den Schülerinnen nachsah. Sie sprachen zueinander, und wenn ihre Blicke sich begegneten, so geschah es mit einem Ausdruck, in dem herzliche Zuneigung und schrankenloses, aufrichtiges Vertrauen sich offenbarten. Der junge Mann dagegen, durch seinen Anzug den Geistlichen verratend, hätte er mit Menschen- und Engelszungen geredet, so wäre er nicht imstande gewesen, das Entzücken würdig zu schildern, das ihn beim Anblick der blühenden Gefährtin durchströmte. Und doch entdeckte man nichts von jenem stürmischen Aufjubeln, wie solchem nur zu oft eine gewisse Ernüchterung folgt. Man hätte sie für gute Freunde und Kollegen halten mögen, so ruhig verkehrten sie miteinander. Der junge Geistliche stand im Begriff, sich ebenfalls nach seiner Wohnung in der Stadt zu begeben. Freundlich verabschiedete er sich von Mary, als diese ihrer Mutter neben der Pforte ansichtig wurde und sich schnell entschloß, ihm das Geleite bis dahin zu geben. Marianne legte leise die Hand aus Stoctons Arm. »Charles,« hob sie an, als dieser sich schwerfällig emporrichtete, »die Toten können nicht ins Leben zurückgerufen werden, ich wiederhole es, aber wo das Geschick auf der einen Stelle unheilbare Wunden schlagt, da trachtet es, auf einer anderen durch neuerblühendes Glück Ersatz zu bieten. Sieh deine Tochter, die mir so lange Freundin und zugleich Gehilfin gewesen ist, auch sie wird uns binnen kurzer Frist genommen werden, wenn du meine Einwilligung billigst; und der da neben ihr –« »Marianne,« fiel Stocton ergriffen ein, »so viel Freude und Glück nach den vielen langen Jahren – ich fasse es nicht –« Die beiden jungen Leute waren in geringer Entfernung von ihnen stehen geblieben. Ängstlich blickten sie in Mariannes fieberhaft erregtes Antlitz, befremdet auf den Mann an ihrer Seite, aus dessen vernarbtem, gebräuntem Antlitz zwei große blaue Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck innigen Wohlwollens, einer überschwänglichen Freude auf sie gerichtet waren. »Ihr kennt beide meine Vergangenheit,« redete Marianne sie an, und ihre Stimme zitterte vor Rührung, »Ihr kennt die Hoffnungen, von denen ich mich nie ganz lossagen konnte, versteht mich daher um so leichter – Mary, mein liebes Kind – hier ist dein Vater –« Sie konnte nicht weiter sprechen. Wie die Worte der Mutter in ihrer ganzen ungeahnten gewaltigen Bedeutung sich wiederholend, stand Mary da. Jäh wechselte die Farbe auf ihren blühenden Wangen. Dann aber, wie angezogen von den gütigen blauen Augen, trat sie schüchtern vor Stocton hin, um von diesem in die Arme geschlossen zu werden. »Er gehört zu mir,« sprach sie nach einer Pause, und indem sie auf den jungen Geistlichen wies, erhöhte süße Befangenheit die holden Reize ihres tief erglühenden Antlitzes; was sie weiter hinzufügen wollte, erstickte angesichts der Herzlichkeit, mit der ihr Vater jenen willkommen hieß. – Eine neue Begrüßung folgte eine halbe Stunde später, als Gregor in der kühlen Halle des Hauses erschien und den dort anwesenden Verwandten Thusnelda in die Arme führte. Marianne weinte heiße Tränen auf das liebliche Haupt der Tochter der ihr einst so vertrauten Edith und ihres unglücklichen Bruders. Zärtlich wie eine Schwester begrüßte Mary die junge Verwandte, wie zu einer Schwester sprach zu ihr der junge Geistliche in seiner herzgewinnenden Weise. Auf seiten derjenigen, die Gregor eben erst kennen gelernt hatten, wollte indessen eine gewisse Befangenheit nicht weichen. Heimlich bewunderte man seine schöne kraftvolle Gestalt, die sichere Entschiedenheit seiner Bewegungen wie seines Urteils. Dagegen vermochte man dem unerschütterlichen Ernst gegenüber des Gefühls sich nicht erwehren, daß, obwohl er die Triebfeder der glücklichen Wendung der jüngsten Ereignisse, ihm selbst eine volle Befriedigung fern blieb. In den heitersten Gesprächen wählte man die Worte vorsichtig. Überall fürchtete man, trübe Anklänge zu erzeugen, ihm zu mißfallen. Sogar auf Thusnelda lastete es wie ein Alp, wenn sie beobachtete, daß er sich schweigsam verhielt, ihre zutrauliche Annäherung nur mit einem matten Lächeln lohnte. Zwei Tage blieb Gregor noch in der Stadt, den größten Teil seiner Zeit in ernster Beratung mit Stocton und Marianne verbringend. Dann schied er, nachdem er Thusnelda ihrer Fürsorge anvertraut und das Versprechen von ihnen in Empfang genommen hatte, nicht nur jeglichen Schrittes, der ihn vielleicht in der Verfolgung seiner Pläne störte, sich zu enthalten, sondern auch zu jeder Stunde seines Rufes gewärtig zu sein, seiner Aufforderung blindlings Folge zu leisten, wie auch immer diese lauten würde. Von Thusnelda verabschiedete er sich wie der Vater von einem geliebten Kinde. Singsang nahm er mit sich fort, nachdem dieser seinen Pflegling noch besonders der treuen Fürsorge Mariannes und deren Tochter empfohlen hatte. – Dem Porzellanschilde auf dem Türpfosten des Garteneinganges wurde nur noch ein kurzes Leben zuerkannt. Es sollte durch ein anderes mit dem Namen des jungen Geistlichen und seiner Frau Mary ersetzt werden, und zwar am Tage der Hochzeit, mit dem die Leitung der Anstalt ihnen zufiel. So hatten Stocton und Marianne es bestimmt, ohne auf den leisesten Widerspruch bei den Hauptbeteiligten zu stoßen. Veränderungen überall; in der ganzen Stadt wurden sie eifrig besprochen, aber keinen gab es, der der schwergeprüften stillen Frau in dem Landhause die neue Ordnung der Dinge nicht von ganzem Herzen gegönnt hätte. – Wochen waren verstrichen, seitdem Gregor das Landhaus am Cuyahoga verließ, und häufiger wiederholten sich die grellen Herbstlichter im grünen Laub; Wochen, die in den verschiedenen Kreisen ebenso verschiedenartig verliefen. In dem Landhause hatte das kurze Beisammensein genügt, wehevolle Rückerinnerungen immer mehr in den Hintergrund zurückzudrängen. Auf der Trauer um Unersetzliches erblühten aufs neue Glück und Freude, innere Zufriedenheit und das Gefühl engster Zusammengehörigkeit. Nur Thusnelda, ihrem mit Begeisterung verfolgten Beruf entzogen, konnte sich nicht mehr zu der alten sorglosen Heiterkeit emporschwingen. Die ihr entgegengetragenen Beweise herzlicher Zuneigung schienen sie sogar noch träumerischer zu stimmen. Aus der tiefsten Tiefe ihrer Augen lugte es wie verhaltene Wehmut. Es fehlte ihr eben der Halt, den Gregor in seinem gleichartigen Streben ihr jederzeit bot. An ihm war sie gewohnt, daß er für sie dachte und handelte, alle kleinen Sorgen des täglichen Lebens fern von ihr hielt, während sie in der jetzigen neuen Umgebung zu einer gewissen Selbständigkeit gezwungen war. Wo sie ging und stand, gleichviel, ob einsam oder im lebhaften Verkehr mit anderen: überall fehlte ihr der getreue Beschützer. Es war heute noch wie in jenen Tagen, in denen sie bei den ersten Gehversuchen ihm Hilfe rufend die Hände entgegenstreckte. – Frank Stocton, ahnungslos, welche Freude seiner daheim harrte, befand sich noch immer in dem Strandhause, in seinen Bewegungen streng Gregors Anweisungen Folge leistend. Vor allen Dingen hatte dieser ihm eingeschärft, jeden fern zu halten, von welchem ein Verraten des auf Thusnelda bezüglichen Geheimnisses zu befürchten gewesen wäre. Denn freie Hand wollte er behalten, in keiner Weise gebunden oder behindert sein, im Falle die Dämonen des Hasses und der Strafe, oder die Regungen des Mitleids auf Kosten seines eigenen Friedens die Oberhand gewinnen sollten. Wenn die Rückkehr auf seine alte Heimstätte, zumal nach der martervollen Zeit, auf Gilberts Gemütsleben eine wohltätige Wirkung ausübte, Gregors und Franks plötzliches Auftauchen ihm wie eine Schickung vom Himmel erschien, so trugen Floras und Franks beständige Nähe und die Beobachtung des zutraulichen, heiteren Verkehrs zwischen ihnen in erhöhtem Grade dazu bei, neue Lebenswärme in seinem Herzen zu entzünden. Rührend war die Teilnahme; die er für den armen Harry an den Tag legte und dessen jahrelang erduldete Leiden nach den eigenen Qualen weniger Wochen abmaß. Trotz des geregelten Lebens, das dieser führte, nahmen seine Kräfte sichtbar ab; hinfälliger wurde sein Körper, bleicher sein ursprünglich wohlgebildetes Antlitz, zu dem das schwarze Lockenhaar so scharf kontrastierte. Der Todesengel hatte ihn geküßt, wartete nur auf die Gelegenheit, den mit furchtbarem Bedacht künstlich verkrüppelten Geist in eine bessere Heimat zu führen. Der arme Harry! – Der Name Hawkins' wurde kaum noch in dem Strandhause genannt. Er war und blieb verschwunden. Als einen anderen Beweis für seine verbrecherische Tätigkeit betrachtete man, daß das Haus während der Nacht, in der die Bewohner fern weilten, in allen seinen Räumen, wie reichliche Spuren ergaben, durchsucht worden war. Nichts fehlte; dagegen unterlag keinem Zweifel, daß der Mahagonikasten nur durch die Sorgfalt, mit der Kit Kotton ihn »verstaut« hatte, vor dem Verschwinden bewahrt geblieben war. Hawkins zu verfolgen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, wäre vergebliche Mühe in einem Lande gewesen, in dem es jedem erleichtert ist, unter angenommenem Namen inmitten der Bevölkerung dieses oder jenes Staates spurlos zu verschwinden. Sogar Slowfield, dessen Beziehungen zu Hawkins kaum noch jemand bezweifelte, wäre nicht imstande gewesen, Auskunft zu erteilen. Der lebte nämlich selbst in marternder Unruhe. Sein letzter Brief an Hawkins, in dem er Gregor gewissermaßen anmeldete, war unbeantwortet geblieben, ein um so verdächtigerer Umstand, weil er dem Doktor bei Gelegenheit seiner letzten Anwesenheit in Neuorleans beträchtliche Geldsummen zu bestimmten Zwecken anvertraut hatte. Wenn aber seine heimlichen Besorgnisse mit jedem neuen Tage wuchsen, der ihm keine Nachricht irgendeiner Art brachte, so erreichte die unbestimmte Angst ihren Gipfel, als ein Brief von Gregor Melville einlief. In demselben wurde ihm mit kurzen Worten angekündigt, daß die Überlebenden der Familie Melville oder deren Vertreter beschlossen hätten, an einem genau bezeichneten Tage in Melvillehouse zusammenzutreffen, um dort über den ferneren Besitz der Plantage zu beraten und sich zu vereinbaren. Zugleich wurde er aufgefordert, bei dieser Gelegenheit über die Verwaltung der Gelder, soweit deren Flüssigmachen seinen Händen anvertraut gewesen war, Rechenschaft abzulegen. Wie ein Donnerschlag wirkte diese Kunde auf ihn ein. Sie erschien ihm um so bedrohlicher, weil er auch von dieser Seite in gänzlicher Unkenntnis über irgendwelche Absichten und Zwecke erhalten wurde, er also unfähig war, zur Abwehr dieses oder jenes nach ihm geführten Schlages sich zu rüsten. Seine nächste Regung war, nach Melvillehouse hinauszueilen und mit Miß Sarah sich in Einvernehmen zu setzen. Er gab es indessen auf angesichts der Möglichkeit, daß diese infolge seiner Mitteilungen sich auf seiten seiner Gegner schlagen könne, wenn sie nicht schon in nähere Beziehung zu ihnen getreten war. Eine andere Gefahr lag für ihn in dem Umstände, daß er die Grenze nicht kannte, bis zu der Gregor in sein verbrecherisches Gewebe eingedrungen war. In seiner Ratlosigkeit beschränkte er sich darauf, beinah im letzten Augenblick erst Miß Sarah auf das Eintreffen einzelner Verwandten vorzubereiten und mit dürren Worten deren mutmaßlichen Zweck anzudeuten. Für deren standesgemäße Aufnahme und Bewirtung wollte er, wie er sich ausdrückte, um Miß Sarah jede Unruhe zu ersparen, selbst in ausgiebiger Weise Sorge tragen. Ihn beseelte die Hoffnung, daß, wie so oft in seinem Leben, auch dieses Mal zur entscheidenden Stunde das Glück ihm zur Seite stehen werde. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Zur Entscheidung. Der Tag, den Gregor für die Zusammenkunft der Melvilles bestimmt hatte, war angebrochen, einer jener lieblichen, sommerlich-warmen Tage, wie sie den amerikanischen Herbst, gleichviel ob im Norden oder im Süden auf der Tropengrenze, gewissermaßen charakterisieren. Was Gregor vor diesem Termin an Hindernissen zu überwinden, was er an reiflich erwogenen Anordnungen zu treffen gehabt hatte, wie viele Briefe er hierhin und dorthin entsendete, wußte nur er allein, konnte kein anderer ahnen. Seine ganzen geistigen Kräfte spannte er an, um Mittel zu ergründen, die ihre strafende Wirkung nicht versagten. Von finsterem Haß beseelt, vollführte er seine Nachforschungen mit der geräuschlosen Regsamkeit, mit welcher die Spinne das Netz für die von ihr ins Auge gefaßten Opfer webt. Was die Zukunft ihm dann brachte, ob innere Befriedigung, ob lebensfrohes Aufatmen, ob Reue, es kümmerte ihn nicht, wenn nur der Bann wich, der seit seinem ersten Besuch auf der Plantage, seitdem er die erste verbürgte Kunde von dem Leben Gilberts empfing, in erhöhtem Grade sein Sinnen und Denken umdüsterte. Senkte sich demnächst eine andere Last auf sein Gemüt, so war er der Mann dazu, sie auf sich zu nehmen, und ohne einen Laut oder Blick der Klage bis an sein Lebensende mit sich herumzuschleppen. Und eine Ahnung sagte ihm, daß er vor einem Wendepunkt seines Daseins stehe, nicht alles mehr so bleiben könne, wie es bisher gewesen war. Auf demselben Wege fuhr er heute, auf dem er zu seiner Zeit dem Pedlar begegnete und Thusnelda in verwegenem Übermute seine Kraft und Gewandtheit auf eine gefährliche Probe stellte. Das Fuhrwerk zogen heute nicht die beiden edlen Falben, sondern zwei kräftige Mietspferde, die vor dem offenen viersitzigen Reisewagen in gemächlichem Trabe sich einherbewegten. Bei ihm befanden sich Stocton und ein älterer Herr mit vornehmem Äußeren und feinen Manieren. Hinten auf einer breiten Gepäckbank hatte Singsang mit seinen Vorratskörben Platz gefunden. Ein zweiter ähnlicher Wagen folgte in einiger Entfernung. In diesem saßen Marianne, Thusnelda und Frank, der vor einigen Tagen erst zu seiner Mutter gestoßen war und erstaunt in seinem Vater denselben Pedlar wiedererkannte, der einst in dem Gasthofe seine herzliche Teilnahme erweckte. Gewiß wäre Ursache vorhanden gewesen, mit heiterer Zufriedenheit der jüngsten Ereignisse zu gedenken, allem es schien, als ob der undurchdringliche Ernst Gregors, der in letzter Zeit noch eine Steigerung erfuhr, sich auf alle übertragen habe, die in näherem Verkehr mit ihm standen. Fielen in dem vorderen Wagen nur gelegentlich kurze Bemerkungen, die sich auf gleichgültige Dinge bezogen, so vermochte Frank mit seinem sprühenden Jugendmut nur hin und wieder seiner Mutter wie Thusnelda, der einst so bewunderten und jetzt mit Entzücken als Verwandte begrüßten kühnen Reiterin, ein erzwungenes Lächeln zu entlocken. Obwohl immer neue harmlose Gespräche anknüpfend, weilten die Gedanken aller fortgesetzt in der nächsten Zukunft, die ihnen wie mit einem düsteren Schleier verhangen erschien. Wie Gregor als Thusneldas Beschützer und Vertreter die Reise angetreten hatte, so war Frank von Gilbert mit den erforderlichen Vollmachten versehen worden, und nur unter den dringendsten Vorstellungen hatte er es durchgesetzt, daß Gilbert mit Rücksicht auf sein körperliches Befinden davon abstand, an dem Familientage auf der Plantage sich zu beteiligen. Durch die Wahl des Ortes, wo man übernachtete, hatte Gregor es zu ermöglichen gewußt, daß sie auf der Plantage zur frühen Stunde eintrafen. Denn noch glitzerten in schattigen Winkeln nach dem nächtlichen schweren Herbstnebel Tautropfen auf Gras und Kraut, als Gregor dem japanischen Baldachin gegenüber die Pferde anhalten ließ, den Kutschenschlag öffnend, zur Erde sprang und die beiden Begleiter beim Aussteigen zuvorkommend unterstützte. Gleich darauf traf der andere Wagen ein. Auch hier forderte Gregor zum Aussteigen auf. Die beiden Wagen blieben im Wege; dagegen riet er den Kutschern, auszuspannen, die Pferde mit Futtersäcken zu versehen und im Schatten der Bäume auf geeigneter Stelle unterzubringen. Darin verfolgte er ebenfalls einen bestimmten, wohlüberlegten Zweck: bis zum letzten Augenblick sollte Miß Sarah im Ungewissen über die Zahl und die Persönlichkeiten der auf der Plantage einkehrenden Gäste erhalten werden. Er selbst führte die ganze Gesellschaft nach dem hinlänglich Schutz gewährenden Baldachin hinüber, wohin Singsang bereits mit seinen Vorräten vorausgeeilt war. Er hatte eben Stocton, Thusnelda, Frank und den fremden Herrn gebeten, zurückzubleiben und seiner ferneren Mitteilungen zu harren, als er der schwarzen Susanna ansichtig wurde. Eine Strecke abwärts stand sie hinter einem sie bis an die Schultern verbergenden Strauch, mit beiden hochgeschwungenen Armen ihn zu sich winkend. Irgendeine harmlose Kunde von ihr erwartend, schritt er hinüber, und als er vor ihr eintraf, da erstaunte er über die triumphierende Bosheit, die sich auf ihren schwarzen Zügen ausprägte. »Master Gregor,« hob sie ungestüm an, ohne auf seinen freundlichen Gruß zu achten, »Sie sind ein großer, lieber Herr; Ihnen verrate ich alles; Großmutter meint, das sei ein guter Gedanke. Tag und Nacht hab ich gelauert, aber der Slowfield, das schreckliche Untier, ist erst gestern abend gekommen –« »Schon gestern?« fiel Gregor überrascht ein. »Gestern abend, Master Gregor, gestern, kurz vor Dunkelwerden. Da habe ich gehorcht, was der und Miß Sarah miteinander redeten, und erstaunliche Dinge waren es, und nur wenig Gutes dabei. Von ihnen hörte ich, daß Master Gregor heute komme; da bin ich hierher gelaufen, als ich den Wagen rasseln hörte. Aber noch viel mehr redeten sie, so viel, daß ich nicht alles im Kopf behalten konnte. Etwas weiß ich doch: den Master Gregor nannten sie einen elenden Kunstreiter. Von dem Kapitän Stocton sagten sie, er wäre längst verfault; der könne nicht mehr kommen. Miß Sarah meinte, sie traue dem Frieden nicht, und Tote seien schon eher aufgestanden. In ihrer Stimme lag's, daß sie furchtbar wütig –« »Weiter, weiter, Susanna,« munterte Gregor freundlich auf, als die Negerin stockte und sichtbar ihr Gedächtnis anstrengte, »was du mir erzählst, ist sehr wichtig und mehr, als ich erwartete. Besinne dich, ob sie nicht von anderen Verstorbenen sprachen, die wieder aufgewacht seien.« »Gewiß, Master Gregor,« fuhr Susanne mit frischem Mute fort, »das Untier Slowfield sagte deutlich, der Master Gilbert – Großmutter hat ihn genau gekannt – lebe noch; da schrak Miß Sarah erstaunlich. Was sie dann redeten, war so bunt durcheinander, wie die roten und gelben Maiskörner in einer Röstpfanne, daß ich's nicht auseinander finden kann. Ich vermute, die beiden haben Arges im Sinn; da wollte ich dem Master Gregor raten, ihnen nicht zu trauen. Ich habe mich ordentlich geängstigt, so giftig lachte Miß Sarah, und der Slowfield redete wie eine Katze, wenn sie die Krallen einzieht. O, Master Gregor, die beiden sind sehr böse Menschen.« »Das ist alles, was du erlauschtest?« fragte Gregor nachdenklich. »Alles, alles, was ich im Kopfe behalten habe,« antwortete Susanna, die große schwarze Hand auf die Stelle legend, auf der ihr ehrliches Herz fröhlich pochte. »Gut, Susanna,« versetzte Gregor, dem armen Geschöpf leicht auf die Schulter klopfend, »so will ich dir meinerseits anvertrauen, daß ich sehr dankbar für deine Mitteilungen bin, und unbelohnt soll es dir ebenfalls nicht bleiben. Nun höre genau auf mich und handle pünktlich nach meinen Worten. Zunächst haben die beiden in dem Herrenhause Lügen gesprochen, denn der Master Gilbert liegt beinah ebensolange auf dem Meeresboden, wie du alt bist –« »Hab's mir gedacht, Master Gregor,« warf Susanna verschmitzt ein, »wer einmal gestorben ist, kann nicht mehr aufwachen.« »Recht so, Susanna, du bist eines der klügsten Negermädchen, die ich je sah. Jetzt aber gehe zu deinen Großeltern zurück, oder wohin du willst, nur den Herrschaften da unter dem Baldachin bleibst du fern. Verstehst du? Wenn sie dich rufen und um dieses und jenes befragen, so verrätst du nichts von dem, was wir miteinander verhandelten. Das ist nämlich ein großes Geheimnis, und Unglück brächte es, erführe es außer uns noch ein anderer. Gehe also; bevor ich heute abreise, sehen wir uns, und dann sollst du keine Ursache haben, dich über meinen Geiz zu beklagen.« Fröhlich lachend und ohne sich um die unter dem Baldachin Versammelten zu kümmern, hinkte Susanna davon. Sinnend blickte Gregor ihr nach. »Ich wandle auf unsicherem Boden,« sprach er vor sich hin, »selbst da, wo ich es am wenigsten erwarte, droht Verrat. Wenn das arme Geschöpf mit seinen Enthüllungen vor uns alle hintrat, und Thusnelda – entsetzlich! Nein, meines Bleibens ist nicht hier; fort, fort –« Wie um ferneren peinlichen Betrachtungen auszuweichen, kehrte er sich hastig um, und in seiner gewohnten zuversichtlichen Haltung begab er sich nach dem Baldachin zurück. Einige entschuldigende Worte richtete er dort an den in seiner Begleitung gekommenen Herrn, dann bot er Marianne den Arm, um sie ins Herrenhaus zu führen. Als sie sich verabschiedeten, thronte bange Erwartung auf allen Zügen, und die Hände reichte man sich, als hätte es einem Lebewohl auf Nimmerwiedersehen gegolten. Nur Gregor schien einem Anfluge von Heiterkeit nachzugeben, wie jemand, der nach langem Kreuzen auf unbegrenzter Wasserwüste endlich den ersehnten festen Boden unter den Füßen fühlt. Schweigend legten sie die Strecke bis zum Vorgarten des Herrenhauses zurück. Marianne, die seit vielen Jahren zum ersten Male die alte Heimat wiedersah, kämpfte gegen Tränen. Es erschütterte sie der Anblick des heillosen Verfalls einer Stätte, auf der einst Friede und Glück sich dauernd niedergelassen zu haben schienen. Als sie aber gleich darauf eine freie Aussicht auf das verödete und verwilderte Negerdorf gewann, in dem sie unzählige Male von alt und jung zutraulich begrüßt und angeredet wurde, da stützte sie sich schwerer auf Gregors Arm, um die Sicherheit ihrer Bewegungen zu bewahren. Gregor entging nicht, wie sie nach Fassung rang. Um ihr Zeit zur Beruhigung zu verschaffen, schlug er einen Umweg ein. »Ja, Marianne, es hat sich vieles hier geändert,« bemerkte er, indem sie, um den verwilderten Rasenplatz herumschreitend, einen vollen Anblick des Hauses mit der verwitterten und wirr überwucherten Veranda erhielten, »es mußte wohl so kommen. So es aber ein versöhntes Geschick nicht anders bestimmt, grünt aus den Ruinen wieder frisches, fröhliches Leben. Zeige dich also stark, und was du auch erfahren magst: klammere dich stets an die Überzeugung an, daß keine Szene von mir hervorgerufen, kein Wort gesprochen wird, das ich vorher nicht reiflich erwog und berechnete. So wirf auch die Scheu ab, wenn die Notwendigkeit an dich herantreten sollte, über Dinge dich zu äußern, die dir peinlich sind. Vergiß nicht, es handelt sich um den Vorteil deiner Kinder, um die Sicherstellung von deren Zukunft, dann auch wohl ein wenig um deine und Stoctons Lage, die immerhin eine Verbesserung erfahren kann.« »Wir haben uns daran gewöhnt, dich für uns denken und entscheiden zu lassen,« versetzte Marianne schwermütig, »wir kennen deine Treue, deine unbegreifliche Umsicht; so wird es mir auch gelingen, deinen Wünschen in allem zu entsprechen.« Gregor lachte geräuschlos und fuhr dann fort: »Vorwärts, vorwärts müssen wir blicken, und ich hoffe, es dauert nicht mehr lange, bis du und Stocton die Plantage, wenn auch in kleineren Verhältnissen, wie einen Phönix aus der Asche erstehen laßt.« »Wir?« fragte Marianne mit einem Ausdruck, von welchem schwer zu entscheiden, ob er freundliche Hoffnungen oder trübe Entsagung in sich barg, »wir sollten in die Lage geraten –« »Ich verspreche nichts; allein bevor die Nacht hereinbricht, hoffe ich euch in der Lage zu sehen, die Plantage übernehmen zu können, um so mehr, weil ihr nur mit Gilbert euch zu einigen habt, und der wird schwerlich geneigt sein, das ihm lieb gewordene Strandhaus aufzugeben. Thusneldas Ansprüche können und sollen erst nach dem Tode ihres Vaters geltend gemacht werden; daraus erwachsen euch ebenfalls keine Schwierigkeiten. Außerdem ist durch mich oder vielmehr durch unser gemeinsames Wirken glänzend für sie gesorgt.« »Gregor,« hob Marianne wieder zagend an, »mich ergreift Bangigkeit bei dem Gedanken, daß Charles und ich, die wir nur Sehnsucht nach Ruhe kennen, uns in eine lebhafte und geräuschvolle Tätigkeit stürzen sollen. Die freundliche Zurückgezogenheit, in der ich alle diese Jahre lebte, ist mir zu sehr Gewohnheit geworden, und von Charles weiß ich, daß er sich nur noch für stilles Wirken im Kreise seiner Familie erwärmt.« »Umstände ändern vielleicht die Anschauungen,« wendete Gregor ein, »und wie oft fügt sich alles anders, als wir voraussetzen. Es war überhaupt eine beiläufige Bemerkung. Zuvörderst Erfolg und dann Ausnutzung desselben. Doch komm jetzt,« fuhr er freundlich fort, die Richtung nach der Veranda einschlagend, »Du bist ja auf alles vorbereitet, wirst daher deine Ruhe bewahren. Irre ich nicht, so werden wir schon erwartet. Ich entdeckte wenigstens zwei Gesichter, die dort in dem Eckfenster über die Blumen hinweg zu uns herüberspähten.« Gleich darauf trafen sie vor dem Hause ein, und gedämpft über gleichgültige Dinge zueinander sprechend, stiegen sie nach der Veranda hinauf. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der erste Versuch. Wenige Schritte hatten Gregor und Marianne auf der Veranda zurückgelegt, als Slowfield ihnen aus der Haustür entgegentrat und sie mit ernst verbindlichem Wesen aufforderte, sich in die Halle zu begeben, wo ein einfaches Mahl angerichtet sei. Da Gregor die gebotene Gastfreundschaft stolz ablehnte, fuhr er mit einem argwöhnischen Seitenblick auf Marianne fort: »Ich rechnete auf mehr Gäste, nach den Andeutungen, die mir durch Ihr Schreiben zugingen. Aber wie Sie sich verändert haben; ich könnte Ihnen hundertmal begegnet sein, ohne Sie wiederzuerkennen,« Gregor zuckte die Achseln und erwiderte kalt: »Ich hätte Sie hundertmal erkennen mögen, ohne Sie nur einmal zu beachten,« und Bestürzung in Slowfields Zügen entdeckend, fügte er gleichmütig hinzu: »Verlieren wir indessen keine Zeit mit Reden, zumal diese am wenigsten unsere wahren Gesinnungen offenbaren. Gäste dürften übrigens vielleicht mehr erscheinen, als Ihnen willkommen sind, wenn nicht eine schleunige Einigung zwischen Miß Sarah Melville und uns bewirkt wird,« und Marianne höflich führend, trat er durch die Haustür, wo er sofort die Richtung nach Miß Sarahs Gemächern einschlug. Slowfield, von Wut und den bösesten Ahnungen erfüllt, folgte ihnen auf dem Fuße nach. Die Tür zu Miß Sarahs Wohnzimmer stand offen. Als Gregor und Marianne über die Schwelle schritten, fiel ihr erster Blick auf Miß Sarah, die sich von ihrem Sitz neben dem Fenster erhoben hatte und ihnen eine kurze Strecke entgegen gegangen war. Sie prangte in einem gewählten seidenen Anzuge, der, obschon verblichen, von entschwundenem Glanz zeugte. Dem verblichenen Glanz entsprach ihre hochmütige Haltung; herbe Entschlossenheit prägte sich auf ihren scharfen Zügen aus. »Ich kann niemand willkommen heißen,« sprach sie mit ihrem eigentümlich metallenen Organ auf die ehrerbietige Verneigung Gregors und Mariannes, und vergeblich harrte sie darauf, daß diese ihr die Hände entgegenstrecken würden, »nein, niemand, denn ich befinde mich selber hier nur als Gast meines verstorbenen Bruders. Im übrigen freue ich mich, Marianne, dich nach deiner langen Verborgenheit einmal wiederzusehen. Ich vergaß nie, daß du wenigstens eine Zeitlang eine echte Melville repräsentiertest.« »Mein Name ist Stocton,« antwortete Marianne entschlossen, und einer einladenden Handbewegung ihrer Tante Folge gebend, nahm sie auf dem nächsten Stuhle Platz, welchem Beispiel Gregor ohne Säumen folgte, »ich bin stolz auf diesen Namen, und vergaß ich das je in heilloser Verblendung, so habe ich bitter dafür leiden müssen, es ebenso bitter bereut.« »Wenn die Gerüchte, die bis in meine Einsamkeit drangen, nicht logen, so bist du wieder mit deinem Gatten vereint?« fragte Miß Sarah in tödlicher Spannung, und im Ton wie in ihren Zügen offenbarte sich ein Ausdruck, der es Marianne erleichterte, die bestehenden verwandtschaftlichen Beziehungen zu vergessen. »Gott sei Dank,« hieß es mit bebenden Lippen zurück, »und meine einzige Lebensaufgabe ist jetzt nur noch, durch treue Pflege das zu sühnen, was ich vermessen an Charles und dadurch an unseren Kindern verbrach.« Miß Sarahs Wangen röteten sich matt, indem sie scheinbar teilnahmlos erklärte: »So, so! Nun, das sind christliche Grundsätze.« Und zu Slowfield gewendet, der entsetzt seinen Sinnen nicht zu trauen schien: »Bitte, nehmen Sie Platz. Nach den mir gewordenen Mitteilungen glaube ich voraussetzen zu dürfen, daß die Herrschaften irgendwelche diese Plantage betreffende Fragen in Beratung zu ziehen wünschen, da möchte ich Ihres Beistandes nicht entbehren.« Nunmehr erst ergriff Gregor das Wort, und Slowfields Erwiderung zuvorkommend, wendete er sich an Miß Sarah: »Nicht Beratung, verehrte Tante, es ist vielmehr meine Absicht, eine zwischen Ihnen und Slowfield als des verstorbenen Kolonel Bevollmächtigten einerseits, und Marianne und Gilbert als dessen Erben andererseits schwebende Angelegenheit zu einem endgültigen Abschluß zu bringen. Kann dies mit wenigen Worten geschehen, so ist es für alle Beteiligte um so erfreulicher. Wir würden dadurch viel Zeit und Mühe sparen; außerdem aber geriete ich in die Lage, hinter uns liegende peinliche Ereignisse nicht unberührt zu lassen, zum Beispiel die Ränke eines gewissen Doktor Hawkins« – und er warf Slowfield einen eisigen, ihn bis ins Mark hinein erkältenden Blick zu – »ist aber erst eine Einigung über den fraglichen Punkt erfolgt, so dürfte es an Ihnen sein, Mr. Slowfield, Rechenschaft über die Verwaltung von Geldern abzulegen, über die zugunsten der Erben des Kolonel Melville zu verfügen Sie ein gewisses Recht besaßen.« »Zu jeder Stunde bin ich bereit,« antwortete Slowfield lebhaft, als hätte er die unheimliche Erwähnung Hawkins' nicht verstanden gehabt. »Die ganze Angelegenheit liegt übrigens ziemlich einfach. Die Summen, die ich auf Umwegen von einem Bankhause in der Havanna bezog, sind gebucht und für jede ist von den Empfängern eine Quittung ausgestellt und durch mich in gleicher Weise dem Bankhause übermittelt worden.« »Übereilen wir uns nicht,« versetzte Gregor, »zunächst handelt es sich darum, die Höhe des von dem Kolonel in der Havanna niedergelegten Vermögens kennen zu lernen, dann aber den Namen der Firma selbst, um mit ihr in unmittelbaren Verkehr zu treten.« »Ich bedaure, nicht in der Lage zu sein, Ihrem Wunsche genügen zu können,« erwiderte. Slowfield, nunmehr wieder im Vollbesitz seiner ränkevollen Überlegung, »weshalb der Kolonel so geheimnisvoll mit dieser Angelegenheit verfuhr, ahne ich nicht; dagegen steht außer Zweifel, daß die Zahlungen durch die betreffende Behörde in der Havanna als Mittelsperson geleistet wurden, ich daher auch an diese die Quittungen einzusenden hatte.« »Ganz recht,« gab Gregor zu, »der Kolonel hatte seine triftigen Gründe, bei Ausbruch des Sezessionskrieges über manche seiner Anordnungen Geheimnis walten zu lassen. Es lag indessen unzweifelhaft nicht in seiner Absicht, dieses Geheimnis eine bestimmte Frist überdauern zu lassen. Unstreitig wäre uns schon vor Jahren ein sicherer Anhaltspunkt zu einem bestimmten Vorgehen geboten worden, hätte der Tod ihn nicht verfrüht auf dem Schlachtfelde ereilt. Unsere Aufgabe ist es daher, zunächst Klarheit in die Sachlage zu bringen. Ist die erfüllt, so ordnet das weitere sich von selbst. Ihnen beiden ist nicht fremd, daß Gilbert und Marianne im Besitz gleichlautender Schriftstücke sind, welche sich zuverlässig auf die Vermögensverhältnisse des verstorbenen Kolonels beziehen. Dieselben sind in Chiffreschrift abgefaßt und gewinnen daher erst dann Wert, nachdem der Schlüssel zu derselben aufgefunden worden. Und mehr noch: es läßt sich voraussetzen, daß auch dann erst das rätselhafte Verfahren des Kolonels zusammen mit seinem letzten Willen verständlichen Ausdruck erhält.« »Die Gründe, die meinen Bruder in seinem Tun bestimmten, sind nicht schwer zu erraten,« erklärte Miß Sarah hochfahrend, und sie suchte in Slowfields Augen nach einem Zeichen der Billigung, »soviel ich weiß, ging er davon aus, nur denjenigen seiner Nachkommen das gerettete Vermögen zugänglich zu machen, die mit vollem Patriotismus zu seinen Grundsätzen sich bekannten, also dir, Marianne, und deinem Bruder Gilbert, der, wie du gewiß lange vor mir wußtest, gerettet worden ist. Zugleich wünschte er dadurch der Möglichkeit vorzubeugen, daß im Falle eures Todes der überlebende Gatte oder die überlebende Gattin als gesetzliche Erben das Geld flüssig machten und zugunsten der nördlichen Gewalthaber verwendeten.« Slowfield neigte sein Haupt billigend, und Gregor, der so lange aufmerksam gelauscht hatte, begann ohne Verzug: »Diese Erklärung mag viel Wahres enthalten, fällt aber jetzt noch nicht ins Gewicht. In erster Reihe steht unsere Aufgabe, die Lösung der rätselhaften Schriftstücke anzustreben, und das geschieht verhältnismäßig leicht, wenn Sie, verehrte Tante, mir den Schlüssel anvertrauen.« »Ich?« fragte Miß Sarah mit erkünsteltem Erstaunen. »Ich wiederhole: Sie allein,« bestätigte Gregor geschäftsmäßig. »Mir ist nämlich nicht fremd, daß' zu derselben Zeit, zu der die beiden Schriftstücke an die Geschwister abgeschickt wurden, der Schlüssel in Ihre Verwahrung überging, wahrscheinlich mit dem Auftrage, unter bestimmten Bedingungen und an einem bestimmten Termin Marianne wie Gilbert die Lösung zu ermöglichen.« Bei diesen Worten breitete sich über Miß Sarahs Antlitz ein eigentümlicher Ausdruck boshafter Schadenfreude aus, und Gregor mit wahren Basiliskenblicken anschauend, entgegnete sie: »Wohlan denn, ich besitze in der Tat den Schlüssel, bin aber nicht willens, aus den Händen zu geben, was mir einst unter ernsten Bedingungen anvertraut wurde.« Sie lachte gehässig und fügte hinzu: »Was würdest du antworten, wenn ich dich aufforderte, mir eins der beiden Schriftstücke auszuliefern?« »Ich würde erklären, sie seien Eigentum Mariannes und Gilberts und ihnen nicht zugefertigt, um sie an andere abzutreten. Der Schlüssel gehört dagegen zu ihnen, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er Ihnen nicht unter der Bedingung anvertraut worden, ihn für die berechtigten Erben stets in Bereitschaft zu halten.« »Ja, Tante Sarah,« glaubte Marianne nunmehr Gregor zu Hilfe kommen zu dürfen, »ich bitte dich um den Schlüssel. Er ist ein mir gebührendes, oder vielmehr meinen Kindern rechtlich gebührendes Gut, denn ich selbst befinde mich in der Lage, die jedes Haschen nach Geld und Geldeswert ausschließt.« »Du übersiehst nur eins,« erwiderte Miß Sarah spöttisch, »nämlich, daß dein Vater zu Mr. Slowfield und mir höheres Vertrauen besaß, als zu seinen Kindern, die mehr oder minder unter dem Einfluß ihrer aus feindlichen Landesteilen stammenden Ehepartner standen.« »Es ruft fast den Eindruck hervor, verehrte Tante, als hätten Sie die letzten fünfzehn Jahre verträumt,« bemerkte Gregor streng, »Sie könnten sonst unmöglich auf verschollene Zeiten sich berufen.« Wie eine gereizte Schlange fuhr Miß Sarah empor, und gleichsam zischend entwand sich ihren schmalen Lippen: »Vergiß nicht, wem du gegenüberstehst, daß ich ein Recht besitze, zum wenigsten hier in meiner Wohnung ehrerbietiges Benehmen zu verlangen.« »Ein Gebot, gegen das ich nie verstoßen werde,« versetzte Gregor gelassen, »das darf mich indessen nicht hindern, den Zweck, der uns zusammenführte, unbeirrt im Auge zu behalten. Und so erlaube ich mir, abermals höflich zu fragen, ob Sie mir oder Marianne den bewußten Schlüssel anvertrauen wollen oder nicht?« »Nun und nimmermehr,« erklärte Miß Sarah entschieden, und wie ihre Worte dadurch bekräftigend, trommelte sie mit den hageren Fingern der rechten Hand auf das neben ihr stehende Nähtischchen. »Gut,« sprach Gregor, »so mag das vorläufig ruhen. Vielleicht werden Sie anderen Sinnes, wenn Sie die Möglichkeit erwägen, daß in den rätselhaften Schriftstücken Bestimmungen enthalten, die Ihnen selbst einen freundlicheren Lebensabend zusprechen. So gestatten Sie vielleicht, daß jetzt, nachdem meine ernsten Andeutungen kein Verständnis gefunden, meine ehrlichen Bemühungen sich als fruchtlos erwiesen haben, diejenigen herbeizurufen, die bei den ferneren Verhandlungen wahrscheinlich mehr Einfluß auf Ihre Entschließungen ausüben.« »Tue nach Belieben,« antwortete Miß Sarah, ihr Antlitz hochmütig abkehrend, »überschätze indessen nicht die Wirkung deiner theatralischen Vorbereitungen. Wir sind nicht im Zirkus, wo Flitterkram und Luftsprünge den Grad des Beifalls bestimmen.« »Und dennoch wie im Zirkus,« wendete Gregor lächelnd ein, »denn auch dort bevorzugt man Schaustellungen, die gerade durch überraschende Wendungen wirken. Und an Überraschungen, die ich aus Achtung vor der Schwester meines Wohltäters lieber vermieden hätte, wird es heut nicht fehlen,« und sich höflich verneigend, schritt er aus dem Zimmer. – Während Gregor sich nach dem Baldachin begab, wurden unter den Zurückbleibenden nur kurze, eintönige Bemerkungen gewechselt. Mariannes Versuche, durch freundliche Vorstellungen ihre Tante milder zu stimmen, schnitt diese dadurch ab, daß sie klanglos nach deren Kindern sich erkundigte. Infolgedessen vermochte Marianne, gleichsam eisig angeweht, ebenfalls nur ablehnend zu antworten. Slowfield beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Wohl trug er eine sorglose Miene zur Schau, allein in den Blicken, die er zuweilen verstohlen zu Marianne hinübersandte, verriet sich, daß er von deren zagender Aufrichtigkeit ebensoviel fürchtete, wie von Gregors rücksichtsloser Entschiedenheit. Gern hätte er zu einem Vergleich geraten, zu dem Gregor und Marianne unzweideutig hinneigten, gern hätte er Miß Sarah beschworen, die Gegensätze nicht bis auf den Gipfel gelangen zu lassen, allein wie auf der einen Seite Mariannes Anwesenheit seiner Zunge Fesseln anlegte, bezweifelte er auf der anderen nicht, daß alle seine Vorstellungen an Miß Sarahs starrem Willen scheitern würden. Sie war eben eine Melville, und von ihr wußte er, daß sie, obwohl in manchen Beziehungen sein Werkzeug, nie den Eingebungen des Eigennutzes folgte. Ihre Entscheidungen waren ausschließlich von unversöhnlichem Haß abhängig. Schritte, die von der Veranda durch das offene Fenster hereintönten, waren Ursache, daß die Blicke der drei schweigsamen Gestalten sich mit beinah atemloser Spannung auf die Tür hefteten. Stocton erschien zuerst. Ihm folgte Frank auf dem Fuße, und an diesen schlossen Gregor und der fremde Herr sich an. Slowfield hatte sich erhoben und verneigte sich leicht. Ähnlich grüßten die Eintretenden. Diesen entging nicht, daß er die Farbe wechselte und, wie sich vor Schwanken bewahrend, beide Hände auf die nächste Stuhllehne stützte. Obwohl auf Stoctons Erscheinen einigermaßen vorbereitet, verriet jeder Zug seines gelblich-fahlen Gesichtes tödliches Erschrecken. Wie gebannt hingen seine Augen an dem vernarbten Antlitz, das er so viele Jahre hindurch im Tode erstarrt wähnte. Nicht minder war Miß Sarah einem sie fast überwältigenden Entsetzen unterworfen, als sie den Pedlar wiedererkannte, denselben Mann, der schon einmal wie ein der Erde entstiegenes Gespenst mit unheimlichen Andeutungen vor sie hingetreten war. Wenige Sekunden dauerte nach dem Eintreten der drei Herren das Schweigen; nur so lange, bis Gregor eine kurze Vorstellung folgen ließ, wodurch die allgemeine Aufmerksamkeit vorübergehend in Anspruch genommen wurde. Als er Stoctons Namen nannte, erschütterte flüchtiges Zittern Miß Sarahs Gestalt. »Mr. Stuart, Prokurist des Bankhauses Romero in der Havanna,« hatte Gregor den fremden Herrn vorgestellt, und wie Miß Sarah auf Stocton, so starrte Slowfield auf jenen. Er hatte ihn weder jemals gesehen, noch seinen oder der von ihm vertretenen Firma Namen gehört, und doch rief es den Eindruck hervor, als hätte seine Erscheinung die Wirkung eines Gorgonenhauptes auf ihn ausgeübt. In den beiden Worten: »Havanna« und »Bankhaus« lag für ihn eine furchtbare Drohung, lag der Beweis, mit wie viel Geduld und Scharfsinn Gregor aus allen Richtungen Hilfsmittel herbeizuziehen verstanden hatte, um die an ihn und Miß Sarah gestellten Forderungen zu verschärfen. Weit fort wünschte er sich angesichts des heraufziehenden Ungewitters, weit fort von seinem erbarmungslosen Gegner wie von Miß Sarah, auf deren Beistand er nach dem ersten Blick nicht länger glaubte zählen zu dürfen. Weit fort, und doch mußte er ausharren, um nicht den letzten Hoffnungsschimmer, schließlich dennoch gerechtfertigt aus den auf ihn hereinbrechenden Anklagen hervorzugehen, dahinsinken zu sehen. »Und hier, verehrte Tante,« nahm Gregor nach einer kurzen Pause das bedachtsam eingeleitete Verfahren wieder auf, »habe ich die Ehre, Ihnen Frank Stocton, den Sohn Mariannes, vorzustellen, in ihm zugleich des fern weilenden Gilbert Bevollmächtigten. Frank, du stehst hier vor der Schwester deines verstorbenen Großvaters.« Frank, gespannt überwacht von seinen Eltern, die von seiner Erscheinung einen günstigen Eindruck auf Miß Sarah erwarteten, verneigte sich höflich. Miß Sarah dagegen, als hätte Gregors Stimme eine feindselig belebende Kraft in sich geborgen, richtete sich hastig empor, und wenn kurz zuvor wirklich mildere Regungen in ihr erwachten, so verriet sie jetzt durch Haltung wie durch Miene, daß auf irgendein Nachgeben oder Entgegenkommen von ihrer Seite nicht mehr zu hoffen sei. Mit einem frostigen Blick maß sie Franks schlanke Gestalt. Mochte seine Erscheinung freundlich bestechend wirken: für sie war er der Sohn Stoctons, des Verräters, des abtrünnigen Mitgliedes der Familie der Melvilles, der nunmehr auch noch Marianne, die einst so stolze Vorkämpferin ihrer eigenen Grundsätze, zu sich herübergezogen hatte. »Recht hübsch,« bemerkte sie eintönig, »du dienst ebenfalls in der Armee, aus deren Reihen dein Großvater den Tod empfing? Doch darüber wirst du keinen klaren Begriff haben. Ob ich dir die Hand reiche, hängt davon ab, wie wir uns heut miteinander stellen.« Frank, über das zu beobachtende Verfahren genau unterrichtet, antwortete ehrerbietig, jedoch fest: »Die Hand, die mir einmal verweigert wurde, und wäre es die der Schwester meines Großvaters, darf ich nie wieder suchen.« Gregor wartete, bis alle Platz genommen hatten, und ohne durch das leiseste Merkmal Verdruß oder Empfindlichkeit zu verraten, hob er an: »Wir dürfen uns jetzt als vollzählig versammelt betrachten. Wer fehlt, besitzt hier seinen Vertreter. Leite ich gewissermaßen als Wortführer die Verhandlungen, so begründet sich das auf die ziemlich genaue Kenntnis der Sachlage, die mir anzueignen ich weder Mühe noch Zeit scheute. Unsere erste Aufgabe muß sein, einen Weg zur Einigung anzubahnen. Ist das gelungen, so wird das weitere, namentlich der gerichtlich zu vollziehende geschäftliche Teil, später sehr schnell erledigt.« Da von keiner Seite Einwendungen erhoben wurden, fuhr er nach kurzer Pause fort: »Melvillehouse, der alte Stammsitz der Melvilles, käme also zunächst in Frage. Ihm einen bestimmten Herrn zu geben und dadurch dem fortschreitenden Verfall Einhalt zu tun, erreichen wir meines Erachtens auf einfachstem Wege, wenn einer der beiden Erben oder eins von deren Kindern den Besitz der Plantage antritt, und zwar unter der Bedingung, daß er in erster Reihe mit den Gläubigern sich abfindet und dann erst mit den Miterben sich auseinandersetzt.« »Nach voller Befriedigung der Gläubiger dürften die Liegenschaften weit über ihren Wert bezahlt sein,« warf Slowfield im Tone der Überlegenheit ein. »Um so besser,« versetzte Gregor sorglos, »dadurch wird die Auseinandersetzung der Erben überflüssig. Sie, Mr. Slowfield, sind am höchsten an den Forderungen beteiligt?« »Am höchsten,« gab dieser zu, »um den Stammsitz der Melvilles nicht gänzlich für die Familie verloren gehen zu lassen, befriedigte ich pietätvoll zahlreiche kleinere Gläubiger.« »In vollem Umfange ihrer Forderungen?« »Natürlich unter Anrechnung des Risikos.« »So? Hm. Also immer noch kein schlechtes Geschäft. Doch wie hoch beläuft sich die ganze Summe?« »Auf etwa hundertundvierzigtausend Dollars.« »Gut,« versetzte Gregor sorglos, und zum ersten Male zuckte es auf seinem Antlitz wie verhaltener Spott, »so werden Sie heute vollständig befriedigt und abgefunden werden und damit fernerhin der Mühe des Mitsprechens in dieser Angelegenheit überhoben sein.« Er zögerte einige Sekunden, sich werdend an dem Ausdruck ängstlichen Erstaunens, das sich in Slowfields Zügen ausprägte, und in seiner ernsten, beinahe düsteren Weise fuhr er fort: »Bevor eine endgültige Entscheidung über den Besitz der Plantage getroffen werden kann, ist es notwendig, den Umfang der flüssigen Mittel kennen zu lernen, die der Kolonel bei Ausbruch des Krieges im Auslande unterbrachte. Über deren Höhe sind wir im Unklaren, weil der Kolonel, gleichviel, ob in Vorahnung seines Todes, oder weil er bei den von den Südstaaten geforderten Opfern seiner eigenen Festigkeit nicht traute und in kriegerischer Begeisterung das letzte hinzugeben fürchtete, seine Verfügungen in einer nur ihm allein verständlichen Zahlenschrift niederlegte. Merkwürdigerweise waren auch die Herren des Bankhauses in der Havanna nicht fähig, die Schrift zu übersetzen, oder es wären nähere Aufschlüsse von ihnen zu erwarten gewesen. Dagegen war ihnen unzweideutig und in aller Form des Rechtes aufgegeben worden, nur dann das Vermögen auszuhändigen, wenn eins der beiden gleichlautenden rätselhaften Schriftstücke oder beide zusammen in Begleitung der Übersetzung, selbstverständlich auch des Schlüssels, ihnen vorgelegt werden würde. Dadurch hätten zugleich die Erben sich legitimiert. Des weiteren ist aus einzelnen Vorgängen zu entnehmen, daß das Bankhaus nicht behindert gewesen, bis zu dem erwähnten Zeitpunkt den Erben die Zinsen zugute kommen zu lassen. In kluger Voraussicht war die Behörde in der Havanna als Mittelsperson gewählt worden, und diese zahlt die fälligen Zinsen, soweit sie beansprucht wurden, zum Zweck der Verteilung an den von dem Kolonel bestätigten Bevollmächtigten.« »Und pünktlich erfolgte die Verteilung, soweit Gilbert Melville und Miß Sarah Melville ihre Ansprüche geltend machten,« erklärte Slowfield. »Mrs. Marianne Stocton wies dagegen selbst in bedrängter Lage jede Unterstützung zurück.« »Wollen Sie den Grund dafür angeben?« fragte Kapitän Stocton, nachdem er mit Marianne einen Blick des Einverständnisses gewechselt hatte. »Ich wüßte keinen anderen, als daß es ihr widerstrebte, Geld anzunehmen, das sie als den Kaufpreis für die Trennung von ihrem Gatten betrachtete,« antwortete Slowfield besonnen. »Unter welcher Form eröffneten Sie vor meiner Frau die Aussicht nicht allein auf die Zinsen, sondern auch auf den ihr gebührenden Teil des nur unter Beihilfe der Miß Sarah Melville zugänglichen Vermögens?« forschte der Kapitän weiter. »In ehrenhafter Form,« räumte Slowfield mit großer Geistesgegenwart ein, »und ich dächte, es gereicht niemand zum Vorwurf, wenn er als unbescholtener Mann eine Witwe, und dafür galt Mrs. Stocton seit Jahren, um ihre Hand bittet.« »Als unbescholtener Mann,« hob Stocton tief erregt an, als Marianne ihn durch einen Händedruck mahnte, nicht zu weit zu gehen. Er beschränkte sich daher auf die Bemerkung: »Sie sehen, wohin die Erfüllung Ihres damaligen Vorschlages geführt hätte,« und sich Gregor zukehrend, gab er diesem zu verstehen, daß damit der Zwischenfall vorläufig erledigt sei. Gregor warf einen forschenden Blick auf Miß Sarah, die wie versteinert in hochmütiger Haltung verharrte, und begann »Aus allem bisher Gesagten ergibt sich, daß der Kolonel nach jeder Richtung hin mit äußerster Vorsicht zu Werke ging. Als wohldurchdachte Sicherheitsmaßregel bezeichne ich auch, daß er Marianne und Gilbert nur die Dokumente einhändigte, den Schlüssel dagegen seiner Schwester anvertraute, dieser zugleich anheimgebend, zu geeigneter Zeit in Gemeinschaft mit seinen Kindern die Entzifferung vorzunehmen –« »Die Vorschriften meines Bruders lauten anders,« warf Miß Sarah mit ihrem metallenen Organ ein, »er trug mir auf, darüber zu wachen, daß kein Nördlicher die Hand nach dem Gelde ausstrecke. Dabei schwebte ihm unstreitig die mögliche Wiedervereinigung der Gatten vor. Was er aber dachte und empfand, ist mir heilig geblieben bis auf den heutigen Tag.« »Die Enträtselung der Schriftstücke liefert vielleicht ein anderes Ergebnis,« meinte Gregor kaltblütig, »ich bitte daher noch einmal dringend um den Schlüssel.« Zu einem feindseligen Lächeln spitzten Miß Sarahs Züge sich zu. »Wenn ich mich wirklich zur Herausgabe des Schlüssels zu den Dokumenten verstände und dadurch die entsprechenden Mittel verfügbar würden, wer ist es, der dann Besitz von der Plantage ergriffe?« fragte sie schneidend. »Ich verzichte im Namen Gilberts darauf,« erklärte Frank, »er ist nicht in der Lage, eine neue Last auf seine Schultern nehmen zu können.« »So bliebe nur Marianne oder vielmehr Stocton,« fuhr Miß Sarah heftig auf. »Stocton und Marianne,« bestätigte Gregor. Mißtönend lachte Miß Sarah. »Stocton?« rief sie aus, und boshaft streifte ihr Blick die beiden Gatten, die traurig, wie die Zerrissenheit der Familie beklagend, auf sie hinsahen. »Stocton?« wiederholte sie beinahe gellend, »nein, nimmermehr soll dieser Name im Verein mit dem ehrwürdigen Stammsitz der Melvilles genannt werden!« Sie sprang empor und trat in fliegender Hast vor ihre Kommode hin. Mit derselben Heftigkeit riß sie die oberste Schublade auf. Eine, Weile tastete und suchte sie in derselben dann hob sie einen unscheinbaren Papierstreifen empor, und eine Mänade hätte nicht gehässiger dareinschauen können, als sie, indem sie hohnlachend ausrief: »Ja, ich will mich gegen jede Versuchung schützen, mich stählen gegen lächerliche sentimentale Anwandlungen – da – hier ist der Schlüssel!« Und mit einer Schnelligkeit, daß man kaum den Bewegungen ihrer Hände zu folgen vermochte, zerriß sie das Papier in die kleinsten Teilchen. »Da – hier habt Ihr den Schlüssel,« fügte sie giftig hinzu, »nun deutet und übersetzt nach Belieben!« und davon schleuderte sie die winzigen Schnitzel, daß sie wie Schneeflocken umherwirbelten. Mit einem Ausdruck wilden Triumphes begab sie sich auf ihren Platz zurück. Boshafte Schadenfreude leuchtete förmlich aus ihren Augen, indem sie die Blicke im Kreise schweifen ließ. Nur in dem bleichen Antlitz Slowfields entdeckte sie verhaltene Wut und bittere Enttäuschung. Die übrigen Anwesenden bewahrten dagegen ihre bisherige Ruhe. »Beruhigen Sie sich,« kehrte Gregor sich zunächst Slowfield zu, und der aufmerksamste Beobachter wäre nicht imstande gewesen, auch nur einen Anflug von Spott im Tone seiner Stimme zu entdecken, »Sie verlieren durch die Vernichtung des Schlüssels nichts. Bis auf den letzten Zent sollen Ihre gerechten Ansprüche befriedigt werden, ohne daß Sie deshalb eine Einigung mit den anderen Gläubigern anzustreben brauchen.« Dann zu Miß Sarah: »Durch die Vernichtung des geheimnisvollen Alphabets haben Sie mich des einzigen Mittels beraubt, diejenige Schonung walten zu lassen, wie eine solche ursprünglich in meinem wie der übrigen Verwandten Plan lag.« Er ließ eine kurze Pause eintreten, um seine Gegnerin, die nunmehr verstört dareinschaute, Zeit zu gönnen, die Bedeutung des eben Vernommenen zu prüfen, und mit tiefem, an Wehmut streifendem Ernst hob er wieder an: »Als Edith, die engelgleiche Gattin Gilberts und die Mutter seines kleinen Töchterchens, ihr Ende nahen fühlte oder vielmehr dasselbe ahnte, setzte sie mich nicht nur als Erben ihres Kindes ein, sondern auch als den Vollstrecker ihres letzten Willens. Zugleich übergab sie mir mancherlei Papiere und eine Anzahl Briefe, aus denen ich vieles erfuhr, was von Angesicht zu Angesicht mir anzuvertrauen der Tod sie hinderte. Von den beiden rätselhaften Schriftstücken, welche Marianne und Gilbert aus des Kolonels Händen empfingen, wußte sie ebensowenig, wie ich. Nur etwas befand sich in ihrem Besitz, was, wenn auch unverständlich, an dieselben erinnerte. Kurz bevor sie auf Anstiften derjenigen, die sie hätten schützen sollen, als Landesverräterin verwiesen und verstoßen wurde, erhielt sie einen Brief von dem Kolonel. Die Handschrift nach flüchtigem Hinblick erkennend, öffnete sie denselben, ahnungslos, daß bei dessen Einhändigung ein in jenen Zeiten sich häufig wiederholender Irrtum begangen worden war, also nicht Mrs. Melville die Empfängerin sein sollte, sondern Miß Melville. Erst als sie den Inhalt zu lesen begann, entdeckte sie den Mißgriff, der um so verzeihlicher, weil durch ihren vorübergehenden Aufenthalt hier auf der Plantage die beiderseitigen Adressen bis auf zwei oder drei Buchstaben sich nicht voneinander unterschieden. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen, so daß sie deren Inhalt gleichsam mit einem einzigen Blick in sich aufnahm. Da hieß es: ›Beiliegend das Angekündigte. Verwerte es zu seiner Zeit in der bewußten Weise zu Mariannes und Gilberts Bestem. In großer Eile.‹ Das war alles. Außerdem hatte er zwei Blätter beigefügt, die, gleichlautend, einen von dem Kolonel angefertigten Schlüssel zur Lösung einer Chiffreschrift enthielten. Edith, wähnend, daß das eine Blatt ihrem Manne zugedacht sei, zugleich für dessen Sicherheit fürchtend, wenn es in andere Hände fallen sollte – und die Familienzwistigkeiten und Anfeindungen hatten ja bereits begonnen – entschloß sich nach längerem Schwanken, das vermeintliche Eigentum Gilberts in ihre eigene Obhut zu nehmen. Der Fehler, den sie damit beging, ist gewiß verzeihlich; heute aber, nach dem, was wir eben beobachteten, nenne ich ihn eine glückliche Fügung des Geschicks. Sorgfältig schloß sie den nur noch mit einem Blatt versehenen Brief wieder. Es gelang um so leichter, weil der Kolonel, wahrscheinlich durch kriegerische Ereignisse gedrängt und in Ermangelung eines besonderen Umschlages, die eine Hälfte des Bogens durch künstliches Falten als Umschlag benutzt hatte. Durch Erneuerung des Siegels wurde die Täuschung vollständig verheimlicht, und Sie, verehrte Tante Sarah, hatten ja keine Ursache, beim darauf folgenden Empfang sich viel mit der Außenseite des Briefes zu beschäftigen; und das Wort: ›Einliegendes‹ konnte sich ebensogut auf ein Blatt, wie auf ein volles Dutzend beziehen. Bis zur letzten Minute hoffte ich, daß meine gerechte Forderung anerkannt werden würde. Es ist nicht geschehen, und ich muß zum letzten Hilfsmittel greifen.« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche und fuhr fort: »Hier ist die Übersetzung der beiden Dokumente, ohne Schwierigkeit angefertigt nach dem durch Edith geretteten Schlüssel. Deren Prüfung stelle ich nach Verlesung jedem anheim. Sie lautet übrigens, daß keiner vor derselben zurückzuschrecken braucht. Im Gegenteil: jedes Wort atmet Liebe und Versöhnung, treue Fürsorge für alle Hinterbliebenen.« Er schlug das Papier auseinander, und da niemand Einwendungen erhob, las er vor: »Der Krieg gewinnt an Umfang und Erbitterung. Er kann nur noch mit dem Untergange des einen Gegners enden. Unterliegt der Süden, so sind alle Opfer, die der einzelne seinem Vaterlande brachte, verloren. Ich sehe die Zeit kommen, in der meine Plantage so weit mit Schulden belastet sein wird, daß kein Stein der Gebäude, kein Halm auf den Feldern mehr mein Eigentum ist. Melvillehouse bildet mein eigenes Vermögen. Außerdem besitze ich an barem Gelde alles, was meine verstorbene Frau mir einbrachte, und das ist unantastbar. Stände ich allein, so würde ich auch das auf den Altar des Südbundes niederlegen. Aber ich besitze Kinder, von denen ich nicht weiß, ob sie den Krieg überleben, ob sie verkrüppelt oder siech aus ihm hervorgehen; und meine Tochter Marianne mit ihrem männlich starken Herzen ist ja denselben Gefahren ausgesetzt, wie Du, mein Sohn Gilbert. Ich will daher Euer mütterliches Vermögen für Euch retten. In edler patriotischer Begeisterung habt Ihr Euch von Eurem Liebsten getrennt. Ich billigte es, mußte es billigen, wenn auch nur, um die Schwachherzigen durch Euer Beispiel zu ermutigen. Ist der Krieg beendigt, ist eine Trennung des Südens von dem Norden erfolgt, so hindert Euch nichts mehr, mit den Eurigen Euch wieder zu vereinigen, und mein Segen gilt Euch allen in gleichem Maße. »Lange habe ich gesonnen, auf welche Art das Vermögen Eurer Mutter unverkürzt erhalten werden könne. Bliebe es im Lande, so wäre es gefährdet. Ginge es vor Beendigung des Krieges in Euren Besitz über, so würdet Ihr es, ähnlich Eurem Vater, für patriotische Zwecke hingeben. Aber auch davor möchte ich Euch bewahren, daß durch Verschreibungen oder auf dem Wege der Erbschaft durch Eure nächsten Angehörigen das Geld den Feinden unserer Institutionen zufließt. Ich habe daher das ungeteilte Kapital selbst nach der Havanna hinübergetragen und einem hochachtbaren Bankhause zur Verwaltung übergeben. Dort steht es vollkommen sicher. Ich mag vielleicht zu ängstlich sein, aber zu meiner eigenen Beruhigung glaubte ich nichts verabsäumen zu dürfen, was nur irgend zur erhöhten Sicherheit Eures Erbes beitragen kann. Mit unendlicher Geduld und Mühe schrieb ich nach einem zuvor von mir selbst angefertigten Alphabet diesen meinen letzten Willen in Ziffern und zwar in zwei gleichlautenden Exemplaren nieder. Das eine gehört dir, meine Tochter, das andere erhältst du, mein Sohn Gilbert. Die beiden dazu gehörenden Schlüssel bleiben Euch indessen vorenthalten; denn auch Ihr seid schwache Menschen und mögt in Lagen geraten, in denen Ihr, den Eindrücken des Augenblicks unterworfen, Verfügungen trefft, die zu bereuen Ihr später Ursache findet. Meiner Schwester Sarah, Eurer treuen Tante, übergebe ich daher die beiden Schlüssel. Sie wird sie gewissenhaft hüten, bis sie den Zeitpunkt für gekommen erachtet, in dem sie unbesorgt das Erheben des Vermögens in Eure Gewalt legen darf. »Das ganze Vermögen beläuft sich auf dreimalhundertundzwanzigtausend Dollars, angelegt zu einem mäßigen Zinsfuß in sicheren Papieren. Das Bankhaus heißt Romero \& Comp. in der Havanna. Bis zur Erhebung des ganzen Kapitals ist das Bankhaus verpflichtet, die Zinsen, soweit sie erforderlich, Euch zufließen zu lassen, jedoch nicht unmittelbar, sondern durch die von ihr selbst gewählte Behörde, die die Zahlungen an den von mir zum Bevollmächtigten ernannten Mr. Slowfield zu leisten hat. Von ihm, meinem bewahrten Freunde, weiß ich, daß er gewissenhaft zwischen Euch und jener Behörde vermittelt. Den Namen des Bankhauses kennt er ebenfalls nicht. Durch dieses seltsam erscheinende Verfahren erreichte ich, daß keiner sich mit der genannten Firma in unmittelbaren Verkehr setzen und sie durch Forderungen zur unrechten Zeit belästigen kann. Ist die Stunde da und Ihr habt Kenntnis von Euren Dokumenten genommen, so begebt Euch nach der Havanna und legt den Herren Chefs eine genaue Übersetzung vor, und nachdem Ihr Euch als wirkliche Melvilles ausgewiesen habt, steht der Auszahlung des Geldes nichts mehr im Wege. Darauf bezügliche, gerichtlich beglaubigte Verfügungen habe ich ebenfalls bei Romero \& Comp. niedergelegt. »Über die Plantage treffe ich keine Entscheidung. Es würde mir selbst wie Hohn erscheinen gegenüber den auf ihr lastenden Schulden. Sind erst friedliche Zeiten eingekehrt und Ihr befindet Euch im Besitz des Geldes, so einigt Euch geschwisterlich um die Übernahme. »Eure Tante Sarah, die so manches Jahr mich bei Euch vertrat, besitzt, wie Ihr wißt, kein Vermögen mehr. Ihr Letztes gab sie in edler Selbstverleugnung fürs Vaterland hin. Dafür sichere ich ihr bis ans Ende ihrer Tage eine Stätte in Melvillehouse zu und verpflichte Euch, zu gleichen Teilen die Summe von achthundert Dollars ihr jährlich auszuzahlen. Ihr werdet sie lieben und ehren, nie vergessen, daß ich sie zu einer Art Vorsehung für Euch erkor. Slowfield, mein treuer Freund und Berater, ist ermächtigt, von den jeweiligen Geldtransaktionen die üblichen Prozente für seine Mühewaltung zu erheben. Dadurch wird seine spätere Rechenschaftsablegung vereinfacht. Ich hoffe von Euch, daß Ihr auch in ihm den Freund Eures Vaters achtet und ehrt. »Da ist noch jemand, der unter meinen Augen aufwuchs, Gregor Melville, der Sohn meines Vetters. In ihm liebte ich nicht allein seine verstorbenen Eltern, sondern auch seiner ungewöhnlichen Gewandtheit und Verwegenheit wegen war er mir ans Herz gewachsen. Vielleicht berücksichtigte ich zu wenig seinen leicht in Trotz ausartenden Stolz, oder er möchte mir einen größeren Einfluß auf sich eingeräumt haben. Ich fürchtete für ihn und meine Ahnungen haben mich nicht betrogen: anstatt in ein südstaatliches Regiment einzutreten, verschwand er eines Tages in nördlicher Richtung. Ich hörte nichts mehr von ihm. Kehrt er zurück, so geschieht es als ganzer Mann, oder nie. In ihm wohnen der Stolz und der Starrsinn eines Melville, die, wenn in richtige Bahnen gelenkt, zum Guten, sonst aber auch im ungehemmten Einherstürmen zum Bösen, zum Unglück führen können. »Und nun, meine teuren Kinder, noch ein letztes Wort an Euch selbst. Sollten wir uns nicht wiedersehen, so erhebt aus meinem geheimnisvollen Verfahren keinen Vorwurf gegen mich. Jetzt, da Ihr meine letztwilligen Verfügungen kennt, und manches Jahr mag bis zu diesem Zeitpunkt verstrichen sein, werdet Ihr begreifen, wie treu und gewissenhaft ich für Euch sorgte, dachte und handelte. Ich aber werde vor dem Throne des allerhöchsten Weltenrichters für Euch eintreten. Und wenn alles zerstiebt, alles erlischt, was wir an freundlichen Hoffnungen auf ein ewiges Wiedersehen mit uns durchs Leben tragen: Eines kann nimmermehr vergehen, und das ist meine Liebe, die Erinnerung an die unsäglich schweren Opfer, die Ihr in edler Hingebung für die Unabhängigkeit des Vaterlandes darbrachtet. Zu Dir, Marianne, mag zurückkehren Dein Mann, der Vater Deiner Kinder, zu Dir, Gilbert, Deine zarte Frau und ihr unschuldiges Töchterchen in Deine Arme legen, nachdem beide ihr Abirren von den heiligsten Verpflichtungen einsehen lernten. »Mögen Eure Kinder heranwachsen zur Freude und zum Stolz ihrer Eltern, zur Ehre ihres Großvaters und seines Namens. Noch einmal Lebewohl zu Euch allen!« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Unerwarteter Besuch. Mit dem letzten Wort, das Gregor vorlas, faltete er das Schriftstück zusammen, behielt es aber in der Hand. Es war ersichtlich, der Inhalt, obwohl mit demselben vertraut, hatte ihn tief ergriffen, so daß er eine Pause eintreten lassen mußte, um zur Fortsetzung der Verhandlung seine Gedanken zu sammeln. Dann fuhr er nach kurzem Zögern fort: »So lautet also der letzte Wille des Kolonels, niedergeschrieben in Vorahnung seines in der Tat bald darauf erfolgten Endes. Er zeugt von rührender Liebe und treuer Fürsorge, die in ihrer Kundgebung wohl durch politische Grundsätze beeinflußt, jedoch nie erstickt werden konnten.« Wie eine Gegenbemerkung erwartend, ließ er eine kurze Pause eintreten; dann nahm er seine Mitteilungen wieder auf: »Den beiden Erben oder deren Vertretern, also Charles Stocton und Frank Stocton, steht es mithin frei, sich nach der Havanna zu begeben und das betreffende Vermögen flüssig zu machen. Es bleibt mir also nur noch eine endgültige Auseinandersetzung mit Mr. Slowfield anzustreben.« Und zu diesem gewendet: »Sind Sie bereit, in ebenso bündiger Weise, wie bisher alles abgesponnen wurde, Rechenschaft abzulegen? Ich füge hinzu, daß wir hier nicht um Dollars feilschen, sondern eingedenk sind des Vertrauens, das der Kolonel in Sie setzte.« Slowfield atmete auf. Einige Sekunden sann er nach, worauf er zögernd bemerkte: »Ohne Hilfe meiner Bücher ist eine genaue Rechenschaftsablegung mir freilich unmöglich. Pflichtgetreu vermittelte ich zwischen der Behörde und den Erben; ebenso gewissenhaft verteilte ich die Zinsen gegen doppelte Quittungen.« »Bis zu welchem Betrage bezogen Sie Gelder aus der Havanna?« »Ich wiederhole, ohne die Bücher bin ich nicht imstande, die ganze Summe auch nur annähernd zu nennen.« »Aber ich bat in meinem Briefe darum, Sie möchten zu der vorläufigen Vereinbarung sich einigermaßen vorbereiten. Doch vielleicht erzielen wir auch ohne das eine Einigung. Auf alle Fälle kennen Sie die Höhe der Summe, mit der Sie an der Plantage beteiligt sind?« »Laut des mir von dem Kolonel ausgestellten Empfangsscheines hundertundzwanzigtausend Dollars. Hinzuzurechnen wären noch die ausgefallenen Zinsen.« »Gut. Kolonel Melville opferte sein eigenes ganzes Vermögen. Sie dagegen, der Sie ihm stets zur Seite standen, dieselben Grundsätze mit ihm vertraten, wollen gänzlich ungeschädigt aus den Wirren hervorgehen? Ich verarge es Ihnen nicht. Eine Prüfung Ihrer Forderungen werden Sie sich indessen gefallen lassen müssen.« Und zu dem Prokuristen gewendet: »Ich darf darin wohl auf Ihre gütige Unterstützung rechnen.« Dieser verneigte sich zustimmend. Gregor sandte einen besorgten Blick zu Miß Sarah hinüber. Diese verharrte noch immer in ihrer Teilnahmlosigkeit. Was gesprochen wurde, schien für sie ungehört zu verhallen. Dann kehrte er sich Stuart mit den Worten zu: »Wollen Sie die Güte haben, die Summe zu nennen, die die Erben im Laufe der Jahre durch Vermittlung Slowfields von dem Hause Romero bezogen?« Stuart öffnete eine stark gefüllte Brieftasche, und nach kurzem Blättern bemerkte er mit geschäftlicher Kürze: »Nach den vorliegenden Quittungen belaufen die gezahlten Zinsen sich in runder Summe auf vierundsechzigtausend Dollars.« Bei dieser Ankündigung sahen Stocton und Marianne erschrocken empor. Sogar Miß Sarah sandte einen Blick des Erstaunens von unten herauf zu Slowfield hinüber, um alsbald wieder in sich zusammenzusinken. Als hätte er seinen Sinnen nicht getraut, starrte Slowfield auf den Prokuristen; nur mühsam brachte er hervor: »Unmöglich – es muß ein Irrtum walten –« »Unmöglich sind nur Irrtümer in dem Hause Romero \& Comp.,« schnitt Stuart mit eigentümlicher Schärfe ab, was Slowfield in seiner Bestürzung hinzufügen wollte. Gregor, des Zwischenfalls nicht achtend, wendete sich an den Prokuristen mit den Worten: »Mr. Stuart, legen Sie gefälligst Mrs. Stocton ihre Quittungen vor.« »Nie stellte ich eine Quittung aus, nie empfing ich Geld,« versetzte Marianne erregt, »ich weigerte mich sogar standhaft, das Geringste anzunehmen. Mr. Slowfield weiß es; ihm teilte ich meine Gründe dafür mit.« »Und dennoch sind hier deine Quittungen,« erklärte Gregor. Er nahm ein ihm von dem Prokuristen überreichtes Paketchen Papiere, anscheinend Wechselformulare, und schritt zu Marianne hinüber. Das oberste Blatt zurückschlagend und es Marianne vor Augen haltend, fragte er: »Ist das deine Unterschrift?« Verstört betrachtete Marianne ihren Namen; dann sprach sie mit einem Blick unsäglichen, verachtungsvollen Erstaunens auf den nunmehr völlig ratlosen Slowfield: »Ich würde sie für die meinige halten, wüßte ich nicht zu genau, daß nie ein derartiges Papier von mir unterzeichnet wurde.« »Gut,« versetzte Gregor, »diese Quittung lautet über den Empfang von zweitausend Dollars an jährlichen Zinsen. Die anderen sechzehn unterscheiden sich nicht von der ersten. Wir wollen daher das Verfahren nach Möglichkeit abkürzen und zwar in Erinnerung der uns von dem Kolonel anempfohlenen Rücksichten für seinen vertrauten Freund.« Er wendete sich an Frank: »Wie hoch belaufen sich die an deinen Onkel Gilbert gezahlten Zinsen?« »Tausend Dollars jährlich,« antwortete Frank lebhaft. »Hier stehen ebenfalls zweitausend,« bemerkte der Prokurist, Gregor ein zweites Päckchen überreichend. »Alle richtig vollzogen,« erklärte dieser, die Formulare flüchtig durchblätternd, »und wie hoch beläuft sich die an Miß Sarah gezahlte Pension?« »Auf achthundert Dollars,« antwortete Stuart. »Entsetzlich – dreihundert –« rief Miß Sarah mit eigentümlich veränderter Stimme aus. In ihrer Bestürzung wollte sie sich erheben, sank aber, wie von Schwäche übermannt, wieder zurück. »Kleine Irrtümer sind ja überall möglich,« suchte Gregor sie zu beruhigen, und zu Slowfield: »Sie räumen das gewiß gern ein, wenn auch nur, um des Kolonels Andenken zu ehren.« Slowfield verneigte sich zustimmend. Angesichts der erdrückenden Beweismittel schien nur noch das Leben eines künstlich geschaffenen Holzgebildes in ihm zu wohnen. »Mr. Stuart,« kehrte Gregor sich diesem wieder zu, »wie hoch berechnen Sie die Differenz zwischen den gezahlten Geldern und den irrtümlich vermerkten Summen?« »Auf nahe an vierzigtausend Dollars,« hieß es gelassen zurück, »eine genauere Berechnung muß ich mir vorbehalten.« »Es wird nicht nötig sein, wenn ich Mr. Slowfield richtig beurteile,« wendete Gregor ein, »ich gehe nämlich von dem Grundsatz aus, daß man dem zurückweichenden Feinde Brücken bauen soll. Ist Mr. Slowfield damit einverstanden, so verdoppeln wir die Summe auf Grund der erwähnten Kursdifferenzen, und ziehen also achtzigtausend Dollars von der Schuldforderung ab, wogegen der Rest zu seiner Zeit in Gold ausgezahlt werden soll. Um einige hundert oder tausend Dollars feilschen wir nicht. Was meinen Sie dazu, Mr. Slowfield?« »Einverstanden,« antwortete dieser sichtbar erleichtert, »wohl aber möchte ich um Gelegenheit bitten, eine Erklärung für die Irrtümer –« »Überflüssig,« unterbrach ihn Gregor, und zum erstenmal mit einem Ausdruck tiefster Verachtung, »wir haben uns vor Zeugen geeinigt, und Ihnen bleibt nur, das Dokument über die an den Kolonel geleisteten Vorschüsse an mich zu übermitteln. Und nun, meine Herrschaften, was jetzt noch zu besprechen, erledigen wir wohl besser im engsten Familienkreise, und damit wäre der auf mich entfallende Teil unserer gemeinschaftlichen Aufgabe für heute erfüllt.« Slowfield erhob sich. Die Zufriedenheit, von einem milden Richter abgeurteilt zu sein, wurde erhöht durch das Bewußtsein, immer noch keinen Schaden erlitten zu haben. Mit höflichem Gruß entfernte er sich. In diesem Augenblick wurde die Aufmerksamkeit aller auf Miß Sarah hingelenkt. Nach einem langen Blick unsäglicher Trostlosigkeit auf Stocton war sie plötzlich in sich zusammengebrochen. Nur das Hinzueilen Mariannes und Franks hinderte, daß sie von ihrem Stuhl zur Erde glitt. Zugleich hatte Leichenblässe ihr Antlitz überzogen; kaum verständlich klang ihre Stimme als sie bat, in ihr Schlafzimmer geführt zu werden. Mit äußerster Vorsicht wurde ihr Wunsch erfüllt; willig duldete sie, daß Kapitän Stocton selber sie in ihren Bewegungen unterstützte. Nur Gregor, Slowfield und der Prokurist waren in dem Wohnzimmer zurückgeblieben. »Meine Aufgabe hier ist wohl erfüllt,« bemerkte letzterer, als Gregor ihm durch einen Händedruck für seinen Beistand dankte; dann begab er sich hinaus, um in der Nähe des Baldachins in Thusneldas Gesellschaft das Weitere zu erwarten. Gleich darauf erschien Stocton, gefolgt von seinem Sohne, mit der beruhigenden Versicherung, daß nur eine ohnmachtähnliche Erschöpfung Miß Sarah unfähig gemacht habe, den ferneren Verhandlungen beizuwohnen, und Mariannes alleinige Pflege genüge. Kurz darauf kam auch Marianne. »Ist er fort?« fragte sie eintretend und spähte besorgt um sich. »Gegangen, um uns nie wieder unter die Augen zu treten,« antwortete Stocton. »Gott sei Dank, Charles. Ich habe gebebt, solange er in meiner Nähe weilte. Und den nannte der Vater seinen Freund und Vertrauten.« »Und doch hast du ihn nicht ganz kennen gelernt,« versetzte Gregor düster, »das Strandhaus deines Bruders war nicht minder ein Feld für seine verbrecherische Tätigkeit. Sein Arm reichte weit, seine Gewissenlosigkeit noch weiter. Freilich, er arbeitete um hohen Lohn.« »Gregor,« erwiderte Marianne flehentlich, »in dieser ernsten Stunde verzeihst du gewiß eine Frage an dein Herz. Bist du denn gänzlich unversöhnlich? Bedenke, was der arme Gilbert erduldete! Um seiner Leiden willen gönne ihm, daß der nur einzig denkbare Lichtblick seinen Lebensabend erhelle.« Gregors Antlitz hatte sich verfinstert. »Marianne, Marianne, laß ab davon, immer wieder die alten Wunden aufzureißen,« sprach er rauh, »mein Lebensweg wurde mir vom Geschick vorgezeichnet, und von dem weiche ich nicht ab. Was ich beschlossen habe, es bleibt bestehen. Nicht an mich denke ich, sondern an Thusneldas Seelenfrieden –-« Er lauschte auf die Veranda hinaus, wo Schritte sich der Haustüre genähert hatten. »Ich kenne den Weg noch,« glaubte er zu verstehen, und zwar in einem Tone gesprochen, der das Gefühl in ihm erzeugte, als ob eine erkältende giftige Strömung durch seinen Körper gerieselt wäre. Bestürzt kehrte er sich Frank zu, der, nicht minder erschrocken, auf die an ihn gerichtete stumme Frage antwortete: »Unmöglich! Es kann nicht sein. Alle nur denkbaren Vorkehrungen traf ich, ihn trotz seiner dringenden Einwendungen fern zu halten –« Er brach ab. Gleich den Übrigen heftete er die Blicke auf die Tür, auf deren anderer Seite schlürfende Schritte sich näherten, denen sich im langsamen Takt der Fall schwer bekleideter Füße zugesellte. Endlich öffnete sich dieselbe und über die Schwelle schritt, auf der einen Seite seinen Stab benutzend, auf der anderen liebreich geführt von Thusnelda, Gilbert Melville. Hinter ihm wurden die kurze breitschulterige Gestalt des entzückt vor sich hin grinsenden Kit Kotton und die jungfräulich zarte Floras sichtbar, denen Wasp bedächtig auf dem Fuße nachfolgte. Frohlocken spiegelte sich auch auf Gilberts Zügen, die dadurch, daß sie in fieberhafter Erregung glühten, sich gewissermaßen verjüngt hatten. In Thusneldas Augen glänzten Tränen. Wehmut und Freude verliehen dem holden Antlitz einen unbeschreiblichen Liebreiz. Nicht für ihre Umgebung hatte sie Sinn, sondern allein für den Vater, dessen schwerfällige Bewegungen sie nach besten Kräften zu erleichtern suchte. Anders Flora. Jungfräuliche Befangenheit lugte aus ihren sonst so fröhlichen Augen, indem diese nach allen Richtungen schweiften; tiefer erglühten ihre Wangen, als sie Franks ansichtig wurde und einen unzweideutigen Ausdruck freudigen Erstaunens auf seinem Antlitz entdeckte. Schweigen herrschte unter den in dem Zimmer Anwesenden. Ihn, den man in weiter Ferne wähnte, plötzlich vor sich zu sehen, die Furcht vor der Wirkung des ungeahnten Ereignisses auf Gregor, erzeugten ein gewisses Gefühl der Erstarrung. Die Eintretenden im Auge, wagte niemand zu ihm aufzuschauen. Als die Tür sich öffnete, war er, wie vor einem Abgrunde zurückschaudernd, bis nach der anderen Seite des Zimmers hinübergeschwankt. Dort stand er, als ob das Leben im Begriff gewesen wäre, ihn zu verlassen. Die breite Brust hob und senkte sich, wie bei einem Erstickenden. Totenbleich war sein männlich schönes Antlitz. Starr betrachtete er Gilbert, der vorsichtig darauf achtete, wohin er seine Füße stellte und daher nur flüchtig um sich spähte. Mit derselben Starrheit sah er auf Thusnelda. Alle Liebe, die unerschütterliche Anhänglichkeit, geboren und erstarkt auf dem Boden treuer Fürsorge vieler Jahre, schien plötzlich in ihm gestorben zu sein. Die Ähnlichkeit Thusneldas mit ihrer Mutter, zumal in der weiblich zarten fürsorglichen Haltung, rief ihm überwältigend ins Gedächtnis zurück, welchen Qualen die arme Dulderin ausgesetzt gewesen, bevor sie in ferner Wildnis ihr einsames Grab fand. Ein dumpfes Gefühl, daß er vor einem Wendepunkt seines Lebens stehe, beschlich ihn, die Empfindung, daß alles, was ihn bisher in seinem Tun und Denken leitete, seine Kraft wie seinen Willen stählte, ihn erfreute, noch eine letzte Probe von Zugänglichkeit für andere Menschen in ihm wach hielt, nunmehr unwiderruflich und auf ewig für ihn verloren sei. Da brach, nachdem sie mit ihrem Vater bis in die Mitte des Zimmers vorgeschritten war, Thusnelda das dumpfe Schweigen. »Gregor!« rief sie klagend aus, und zum schneidenden Vorwurf verwandelte ihre Stimme sich in dessen Ohren, »Gregor, du wußtest, daß mein Vater lebte, du sahst – du sprachst ihn!« Gregor hörte es, aber er rührte sich nicht. Verloren gingen für ihn die gleichsam beschwörenden Blicke Mariannens und Stoctons, die vergeblich seine Augen suchten. »Gregor, mein Kind hast du gerettet; du hast es beschützt und beschirmt. Gott segne dich, du lieber, lieber Gregor!« fügte Gilbert mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Dankbarkeit und Wehmut hinzu. Da richtete Gregor sich mit einer Heftigkeit empor, daß Gilbert und Thusnelda unwillkürlich stehen blieben, und weder Marianne noch Stocton in ihrer tiefen Besorgnis daran dachten, den nach so vielen Jahren wieder vor sie hintretenden Totgeglaubten verwandtschaftlich zu begrüßen. Ihre Blicke hingen wie gebannt an Gregors Lippen. Sie wagten kaum zu atmen. »Ja,« sprach dieser nunmehr mit einer Ruhe, welche unheimlich zu der Erregtheit der übrigen Anwesenden kontrastierte, »dein Kind rettete und beschützte ich. Ich nahm es aus den Armen seiner toten Mutter, des armen Opfers fluchwürdiger Ränke und unnatürlicher Lieblosigkeit. Deine Frau bettete ich in tiefer Wildnis in die Erde; den Schwur aber, den ich über die geliebte Tote hinsprach, den habe ich getreulich gehalten. Die Opfer, die es mich kostete, ich kenne sie allein, keinen anderen kümmern sie. Nach besten Kräften überwachte ich das mir anvertraute junge Wesen. Freilich, weit reichten meine Mittel nicht. Ich konnte Thusnelda nur nach mir selbst ausbilden, nämlich zu einer abenteuernden Kunstreiterin. Gefällt dir das nicht, so bist du allein verantwortlich dafür.« Nach dieser von zügelloser Gehässigkeit zeugenden Kundgebung neigte Gilbert das Haupt. Furchtsam schmiegte Thusnelda sich an ihn an. Ihre Augen suchten entsetzt die ihres alten Beschützers. Bis ins Mark hinein erbebte sie. Denn so hatte sie ihn noch nie gesehen, ihn noch nie, wie zurzeit gefürchtet. Sie besaß nicht einmal den Mut, ihrer Angst Ausdruck zu verleihen, die Gewalt ihrer Stimme, ihrer freundlichen Vorstellungen zu versuchen, vor denen er doch so oft, wenn sie seine düstere Stimmung zu verscheuchen trachtete, sich willenlos beugte. Da trat Kit Kotton, gefolgt von Flora, verstörten Antlitzes auf die andere Seite Gilberts. Ihn aufmerksam überwachend, war ihnen nicht entgangen, daß die Kräfte ihn verließen. Indem sie ihn gemeinschaftlich mit Thusnelda unterstützen wollten, belebten Stocton und Marianne sich wieder. Sie eilten zu ihm hinüber; ihn mit freundlichen Grüßen und Worten des Trostes und der Ermutigung überhäufend, führten sie ihn vorsichtig nach Miß Sarahs Lehnstuhl, auf den sie ihn sanft niedergleiten ließen. Gilbert ließ alles willenlos mit sich geschehen. Nur gedämpfte Stimmen vernahm man noch, indem Marianne und Stocton ermunternd zu ihm sprachen. Thusnelda hatte keine Worte. Die stand neben ihrem Vater; während sie schmerzlich bewegt auf ihn niedersah, rollte Träne auf Träne über ihre Wangen. Gregor verharrte dagegen noch immer auf seiner alten Stelle. Man schien ihn vergessen zu haben. Hin und wieder eilte ein dunkler Schimmer über sein bleiches Antlitz hin. Undurchdringliche Verschlossenheit prägte sich in Haltung wie Zügen aus. Konvulsivisch arbeitete zuweilen seine Brust; dann war es, als ob unter den dicht zusammengezogenen Brauen hervor Blitze des Hasses und bitterer Enttäuschung nach allen Richtungen gesprüht hätten. Flora, von niemand beachtet, beängstigt durch das, was um sie her vorging, hatte sich in erster Ratlosigkeit an Franks Seite geflüchtet. Dort fühlte sie sich nicht länger verlassen und vereinsamt; es kehrte zurück ihr unversiegbarer Jugendmut. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Entscheidung. Gewiß hatte Frank, durch Flora unterstützt, sein Äußerstes aufgeboten, Gilbert Melville in dem Strandhause zurückzuhalten und die Einwendungen zu bekämpfen, die derselbe immer wieder erhob. Wenn er aber glaubte, mit seinen Gründen durchgedrungen zu sein, so konnte er doch nicht verhüten, daß durch Ausfertigung der Vollmacht und die zu diesem Zweck unabweisbar notwendigen Erklärungen, namentlich durch Angabe des nahe bevorstehenden Termins und des Versammlungsortes, Gilberts Teilnahme für die in Aussicht gestellten Verhandlungen sich erhöhte, die plötzlich wieder ins Leben gerufene Sehnsucht nach der alten Heimstätte von Stunde zu Stunde wuchs. Nach Franks Abreise nahm seine Unruhe in demselben Maße zu, in der der Tag der Entscheidung näher rückte, bis er endlich glaubte, durch sein Zurückbleiben ein Fehl begangen zu haben. Kurz entschlossen ordnete er in aller Eile an, da er nun doch noch selbst den Verhandlungen beiwohnen wolle, daß Kitt Kotton und Flora alles zur Abreise rüsteten. – Wohlbehalten erreichten sie am Versammlungstage den Park von Melvillehouse, als die beiden in dem Wege haltenden Wagen sie zwangen, auszusteigen. Wehmuterfüllt betrachtete Gilbert, von Flora unterstützt, den verwitterten Baldachin, in dessen Schatten er einst die glücklichsten und hoffnungsreichsten Tage verlebte. Die Anwesenheit der Pferde und fremden Gestalten überraschten ihn an dem heutigen Tage nicht. Sobald er aber Thusneldas ansichtig wurde, die, von freundlicher Teilnahme für den hinfälligen Fremden bewegt, sich näherte, schienen die ohnehin geschwächten Füße plötzlich ihre letzte Kraft zu verlieren. »Edith!« rief er aus, und entsetzt starrte er auf Thusnelda, als hatte er das Hereinbrechen neuer wirrer Visionen befürchtet. Und was dann folgte? – – – Von den freundlichsten Hoffnungen beseelt, hatten Vater und Tochter sich nach dem Herrenhause hinüber begeben. Doch wo sie meinten, Ausbrüchen der Freude, jubelnd entgegengestreckten Händen und offenen Armen zu begegnen, da erschreckten sie finstere Blicke, in bangen Zweifeln schauende Augen, grausame Worte und dann unheimliches, dumpfes Schweigen. – Endlich aber belebte sich die Gruppe, die sich um Gilbert gebildet hatte, indem dieser die vor ihm Stehenden durch eine Handbewegung bat, ihm eine freie Aussicht auf Gregor zu gewähren. »Gregor,« rief er mit ergreifender Innigkeit aus, »du hast mir mein Kind erhalten – Gregor, Thusnelda lebt, und in ihr fand ich Edith wieder! Gregor, fiele meine Tochter Vergangenheit in die elendeste Gauklerbude, sie sollte mir deshalb nicht weniger willkommen sein; dich aber würde ich mit nicht weniger dankbarem Herzen segnen für das, was du an den Meinigen getan hast.« Alle Augen richteten sich auf Gregor. Besorgnis, die bei Thusnelda zu wahrer Todesangst anwuchs, offenbarte sich in jedem Blick. Doch auch jetzt noch verharrte er unbeweglich in seiner, dem Geschick gleichsam trotzenden Haltung. Düster betrachtete er Gilbert. Thusnelda schien er nicht mehr zu sehen, nicht zu kennen. Da rief diese ihm klagend zu: »Gregor, du, ängstigst mich! Was habe ich dir getan? Sprich zu mir – Gregor, du gabst mir dennoch den Vater wieder.« Da seufzte Gregor tief auf, und wie mit Widerstreben entwand sich seiner Brust: »Ich gab ihn dir nicht; denn ich war es nicht, der ihn rief. Ich gedachte, dich fern von ihm zu halten.« »Nein, Gregor, du nicht,« erwiderte Thusnelda eingeschüchtert, »ich weiß es, du lebtest unter dem Druck böser Verhältnisse – Gregor, lieber Gregor, wann hättest du mir je eine Freude vorenthalten!« Gregor lächelte matt. Fast rief es den Eindruck hervor, als hätte Thusneldas Stimme ihren alten besänftigenden Einfluß auf ihn zurückgewonnen. »Rechten wir nicht darum,« sprach er ruhig, während es in seinem Inneren noch immer feindselig wogte: »Du hast deinen Vater wiedergefunden, und zwar unter Bedingungen, die inne zu halten ich einst deiner sterbenden Mutter versprach. Was ich mir selber gelobte, ist jetzt hinfällig geworden.« Er schöpfte wieder tief Atem, und nicht beachtend, daß er allerseits der Gegenstand ängstlich gespannter Aufmerksamkeit war, fügte er hinzu: »Und so will ich dir einen letzten Liebesdienst erweisen, deine Freude und die anderer in eine vollkommene verwandeln: wenige Stunden, bevor deine Mutter entschlief, sprach sie zu mir folgende Worte: ›Wenn du Gilbert seine Tochter zuführst, dann sage ihm, ich sei versöhnt gestorben. Sage ihm, ich habe verziehen, wo nur immer etwas zu verzeihen gewesen. Sage das allen denjenigen, die einst wenig Nachsicht mit mir hatten. Sage, ich sei schlafen gegangen ohne einen bitteren Gedanken. Die Liebe aber, die mir verweigert worden, die möchten sie in vollem Maße meinem Kinde angedeihen lassen.‹« Abermals trat Stille ein. Sie erschien um so lautloser, weil Gregors ruhiges Organ den Raum gänzlich erfüllt hatte. Gleichsam unter dem Schutz seiner Stimme war es auch möglich gewesen, daß die Tür des Nebenzimmers sich unbemerkt öffnete und ein bleiches Antlitz in derselben sichtbar wurde. Rührung thronte auf allen Zügen; Rührung auch auf denen Miß Sarahs, die von ihrer geschützten Stelle aus Gilbert und die um ihn Versammelten zu beobachten vermochte. So verrann eine Minute. Die vernommenen Worte schien man nicht fassen zu können, im Geiste sich noch einmal zu wiederholen. Stocton hatte Mariannens Hand ergriffen. Er fürchtete, daß sie unter dem Drange ihrer Empfindungen vermittelnd einschreiten würde, kannte Gregor hinlänglich, um zu wissen, daß jeder Versuch, ihn zu beeinflussen, an seinem starren Willen scheiterte. »Auch das noch, Gregor,« hob Gilbert endlich wieder an, und schmerzliche Bewegung raubte ihm fast die Sprache, »du bist der gute Geist unseres Hauses geworden; wohin ich höre und sehe, erkenne ich dein Wirken und Walten. Du gehörst zu uns, hast uns angehört von jeher, bist das Band, das die von einem feindseligen Geschick grausam Auseinandergerissenen aufs neue und um so fester einigt. Du darfst die Dankbarkeit nicht zurückweisen, mit der wir alle dir ergeben sind.« »Ich bestreite, daß jemand mir Dank schuldet,« nahm Gregor anscheinend leidenschaftslos das Wort, »mein Wirken galt allein dem Andenken einer geliebten Verstorbenen, galt ihr da« – und er wies auf Thusnelda – »ihr, der ich die einzigen freundlichen Stunden verdanke, seitdem ich ein Mann geworden. Trennen mußte ich mich ohnehin einmal von ihr, darauf war ich seit lange vorbereitet –« »Nein, Gregor, nein!« rief Thusnelda ihm angstvoll zu, »du hast keine Ursache, von mir zu gehen –« »Du weißt, daß ich nie unüberlegt handelte, nie ein ernstes Wort unüberlegt sprach,« versetzte Gregor mit einer Härte, die Thusnelda erbeben machte, nicht minder die übrigen Anwesenden peinlich berührte. »So wirst du auch das, was ich jetzt zu dir sage, nicht als den Ausfluß einer vorübergehenden Laune betrachten. Vergiß das nicht. Es sind vielleicht die letzten Worte, welche ich je an dich richte, und daher um so sorgfältiger abgewogen. Du wirst hinfort deinem Vater zur Seite stehen, und zwar so lange, bis du gemeinschaftlich mit ihm einem anderen noch heiligere Anrechte an dich einräumst. Über das, was wir im Laufe der Jahre erwarben und ansammelten, werde ich nach meinem Gefühl verfügen. Schon lange sehnte ich den Tag herbei, an welchem du unserem gefährlichen Beruf endgültig entsagen würdest. Dein Lieblingspferd erhältst du selbstverständlich; so wird auch Singsang fortan dein treuer Freund und Diener bleiben. Ich gehe, Thusnelda,« fuhr Gregor fort, und wie zu einem, seine äußersten Kräfte beanspruchenden Werk sich rüstend, richtete er sich in seiner ganzen Höhe empor und hart klang seine Stimme, »aber ich gehe, als ob ich nach einigen Stunden hierher zurückkehrte; das erleichtert uns die Trennung. Singsang und Mr. Stuart werden mich zur Stadt begleiten, um, so weit es mir zufällt, die letzten Verhaltungsregeln in Empfang zu nehmen.« Dann zu Norton: »Das weitere, auch mit Rücksicht auf Melvillehouse, wirst du im Einverständnis mit den Deinigen spielend ordnen. Ich sage dir nicht Lebewohl,« und festen Schrittes trat er von dem Fenster fort, »auch dir nicht, Marianne, denn wir müssen uns wiedersehen, gleichviel, wo.« Er kehrte sich Gilbert zu, der wie gebrochen dasaß, Thusneldas beide Hände hielt und vor Bewegung kein Wort hervorzubringen vermochte: »Sie besitzen jetzt Ihre Tochter. Mag an ihr gesühnt werden, was man ihrer Mutter verbrach« – und ein feindseliger Blitz zuckte aus seinen Augen – »und sie verdient so viel Liebe, wie in der ganzen Welt nicht aufgeboten werden kann –« »Gregor, bleib,« sprach Thusnelda gedämpft zu ihm empor, und deutlicher noch offenbarte sich in ihren Augen die von wilder Verzweiflung getragene Bitte. Gregor legte die Hand auf ihr Haupt. Matt lächelnd suchte er in ihren erregten Zügen. Einige Sekunden sann er nach, dann sprach er förmlich heiter: »Sei stark, mein liebes Kind; erschwere mir nicht den Abschied. Glücklich und reich gesegnet lasse ich dich zurück, das gilt mir höher, als länger allabendlich um dich zittern zu müssen. Weine nicht, Thusnelda – dein getreuer Kamerad bleibe ich auch in der Ferne – von mir hören sollst du ebenfalls.« Hastig kehrte er sich ab und festen Schrittes bewegte er sich dem Ausgange zu. »Gregor, bleib!« tönte es ihm wehevoll wie eine tiefe Herzensklage von Thusneldas Lippen nach. Er schien es nicht zu hören. »Gregor, Gregor, besinne dich!« bat Marianne, während Stocton sich anschickte, ihm zu folgen. Doch Gregor achtete der Rufe nicht; unbeirrt entfernte er sich. »Gregor, bleibe!« drang aus dem Nebenzimmer eine zitternde Stimme zu ihm herüber; zugleich kehrte die Aufmerksamkeit aller sich der offenen Tür zu, in der Miß Sarah nunmehr ganz sichtbar geworden. Gregor hielt an und sah erstaunt in das ihm sonst stets feindselig entgegenstarrende Antlitz. Auch jetzt war es starr jedoch infolge der Anstrengungen, die es Miß Sarah koste sich aufrechtzuerhalten. »Ja, Gregor, bleib,« wiederholte sie dringlicher, »alle ??? Text fehlt und hörte ich, und wenn ich mein Leben lang ungerechterweise dir zürnte, so ist das jetzt verwischt. Ja, Gregor, ich selber bitte dich: bleib bei denjenigen, die in aufrichtiger Zuneigung dir ergeben sind. Schleudere nicht durch dein Gehen einen Mißklang in die sich friedlich gestaltenden Verhältnisse, keine Trauer in eben erst aufatmende treue Herzen.« Da lächelte Gregor befriedigt, und Miß Sarah die Hand reichend, sprach er wohlwollend: »Nur das fehlte mir noch, verehrte Tante. Das Bewußtsein, keinen bösen Willen hinter mir zurückzulassen, erleichtert mir das Scheiden, wird in Zukunft mir eine freundliche Beruhigung gewähren. Tausend Dank für soviel Güte, und ein herzliches Lebewohl, vielleicht auf – Wiedersehen.« Er kehrte sich ab, und während die eben noch von neuen Hoffnungen Beseelten ihm wieder bestürzt nachsahen, schritt er aus dem Zimmer. Thusneldas Tränen waren versiegt. Regungslos hingen ihre Blicke an der hohen Gestalt des im Flurgange Verschwindenden. Sie sah noch, wie er, sich außerhalb des Gesichtskreises der ihm Nachspähenden wähnend, das Haupt neigte und seine Haltung erschlaffte, und heftiges Zittern erschütterte ihren Körper. Aber schon nach wenigen tiefen Atemzügen hatte sie ihre Fassung zurückgewonnen. Zärtlich beugte sie sich über ihren Vater hin, und ihn auf die Stirn küssend, sprach sie gedämpft: »Vater, verzeihe mir – ich kann nicht anders. Ich gehöre zu ihm,« und gleich darauf verschwand sie ebenfalls in dem Flurgange. Gregor hatte unterdessen die Veranda erreicht. Er wollte eben die von derselben hinunterführenden Stufen betreten, als er hinter sich das Rauschen eines seidenen Kleides unterschied und er zugleich seinen Namen nennen hörte. Hastig kehrte er sich um und »Thusnelda!« rief er vorwurfsvoll aus, als er die Weinende auf sich zu fliehen sah, und im nächsten Augenblick hing sie an seinem Halse, ihr erglühendes Antlitz an seiner Brust bergend. »Ich kann mich von dir nicht trennen,« entwand es sich, erstickt durch Schluchzen, ihren Lippen, »Gregor, zürne mir nicht – ich mußte zu dir eilen – mag alles, alles hinter mir versinken; zu dir allein stehe ich. Mache mit mir, was du willst, ich weiche nicht von dir, oder ich sterbe vor Jammer, wie meine Mutter.« Wie mit Widerstreben, gleichsam mechanisch hatte Gregor den Arm um die anmutige Gestalt gelegt, die er sonst nur berührte, wenn sie im gefährlichen Rennen gewissermaßen aus einem Guß bestanden. Sein Antlitz war totenbleich geworden; eigentümlich wehevoll blickten seine Augen. »Thusnelda, besinne dich,« sprach er sanft abwehrend, »laß dich durch die unabweislich notwendige Trennung von deinem alten Kameraden nicht zu weit fortreißen. Du begreifst, einmal mußten wir voneinander scheiden, gleichviel ob heut, ob morgen oder erst nach Jahresfrist. Ermanne dich daher, liebes Kind –« »Ich gehe nicht, ich bleibe bei dir, oder mir ergeht es wie meiner Mutter, und die liebtest du doch so sehr,« fiel Thusnelda ihm klagend ins Wort, und fester schmiegte sie sich an ihn. »Deine Mutter rufst du an, liebes Kind,« fuhr Gregor mit sich selbst ringend fort, »glaube mir, sie würde nicht gutheißen, sähe sie, daß du mit dem Verlangen dich trügest, mich auch fernerhin auf meinen unsteten Wanderungen zu begleiten. Sie würde dir zurufen: ›Dein Vater bedarf deiner Pflege. Bleibe bei ihm; ersetze ihm alles, was er einst durch die Mißgunst eines grausamen Geschickes verlor.‹« »Ich kann nicht, Gregor, ich kann nicht! Deine Anrechte an mich sind die heiligsten, und so die meinigen an dich – Gregor! zertrete mich, aber verstoße mich nicht! Laß mich mit dir ziehen, wohin es auch sei, wie in den schönen alten Zeiten, nur verstoße mich nicht.« »Nein, Thusnelda, nach den heutigen Ereignissen kann es nicht mehr sein, wie es gewesen. Die elternlose Waise durfte ihren Beschützer sorglos überallhin begleiten; seitdem du aber Vater und Heimat fandest, ist dies alles dahin – nein, Thusnelda, es gibt Rücksichten, die die Trennung gebieterisch fordern – es kann nicht mehr sein, wie früher.« Da schlang Thusnelda ihre Arme noch fester um Gregors Hals, und unter heißen Tränen zu ihm aufschauend, flehte sie in wahrer Todesangst: »So laß mich deine Frau sein, und die einzigen Rücksichten, die du noch zu nehmen brauchst, sind die auf mich.« Erschrocken prallte Gregor zurück, dadurch Thusneldas Arme von seinem Halse lösend; dann aber ergriff er ihre beiden Hände. Einen Blick der Bangigkeit senkte er in die zu ihm erhobenen überströmenden Augen, und leise, als hätte er den Ton der eigenen Stimme gefürchtet, sprach er zu ihr: »Thusnelda, liebes Kind, du täuschest dich. Deine treue Anhänglichkeit führt dich auf Irrwege –« »Nein, Gregor, nein; bin ich dir gut genug, so will ich deine Frau werden,« unterbrach Thusnelda ihn mit gleichsam kopfloser Hast, »ich habe dich ja so lieb, so sehr lieb, wie keinen anderen Menschen auf der Welt. Das fühlte ich erst, als du vorhin meinen Blicken entschwandest und das Herz mir fülle stand, daß ich glaubte, sterben zu müssen,« und als sie nunmehr wie aus einem traumhaften Zustande erwachendes Entzücken, gepaart mit namenlosem Erstaunen in seinen sonst nur wenig veränderlichen ernsten Zügen las, da warf sie sich wiederum an seine Brust, um von ihm in eine innige Umarmung gezogen zu werden. – In diesem Augenblick traten Stocton und Marianne, die so lange unbemerkt in der Haustüre gestanden hatten, leise zurück. Ebenso verschwand Miß Sarah, die über die Blumenstöcke hinweg ihr Antlitz aus dem Fenster geneigt hatte. Neben Gilbert, der gebrochen und niedergebeugt dasaß, auf einen Stuhl sinkend und dessen Hand ergreifend, bat sie, wie von blendenden Visionen umfangen: »Gilbert, armer Gilbert, jetzt richte dich auf. Rüste dich zum Empfange einer freudigen Kunde – Gilbert, wie ist es jetzt anders mit mir! Woher kommt so viel Liebe in meinem Herzen! Wer hätte geahnt, daß sich noch einmal so viel Friede auf mein verbittertes Gemüt senken, ich Zeuge so vielen Glückes werden würde.« Kit Kotton vernahm diese Worte und trat neben Frank und Flora hin, die besorgnisvoll auf den sich schwerfällig emporrichtenden Kapitän hinsahen. »Es ist kein Wind so schlecht, daß er nicht wenigstens einem etwas Gutes brächte,« raunte er ihnen mit einem verschmitzten Seitenblick auf seinen Herrn zu. Gern hätte er noch einiges zu Thusneldas und Gregors Lob hinzugefügt, als Stocton und Marianne eintraten und sogleich nach dem Blumenfenster hinüberschritten. »Er bleibt dennoch,« wendete Stocton sich an Gilbert. »Er bleibt dennoch,« flüsterte Marianne ihrer Tante zu. Diese neigte das Haupt beipflichtend, Gilbert dagegen seufzte tief auf und antwortete aus vollem Herzen: »So wird sein unstetes Wanderleben ein Ende erreichen. Seine Augen nahmen den letzten Blick meiner armen Edith in sich auf; er ist der Retter meines Kindes.« In erwartungsvollem Schweigen verstrichen die nächsten Minuten. Dann öffnete die Tür sich wieder und herein schritten Hand in Hand Gregor und Thusnelda. Auf des ersteren Zügen hatte der Ausdruck eines ihm noch unfaßbar erscheinenden Glückes den bisherigen düsteren Ernst verdrängt. Süße Befangenheit, gepaart mit innigem Entzücken, thronte auf Thusneldas blühendem Antlitz. Sie traten vor Gilbert hin. »Gilbert,« redete Gregor ihn an, und er legte die Hand sanft auf des mit freudiger Spannung zu ihm Aufschauenden Schulter, »ich gab dir deine Tochter, um sie jetzt von dir zurückzufordern. Hier stehen wir in der heiligen Absicht, uns nie mehr voneinander zu trennen. Mit dem Beruf, dem wir so lange angehörten, haben wir gebrochen. Unser Sehnen gilt nur noch stillem, häuslichem Glück, unser Hoffen ungetrübter Zufriedenheit im Kreise der zu uns Gehörenden.« »Gregor – Thusnelda!« brachte Gilbert vor Rührung nur mühsam hervor, »ein neues mildes Abendrot steigt an meinem Lebenshimmel auf. Ich bin glücklich; über die Grenzen des Möglichen dürfen meine Wünsche ja nicht hinausreichen.« Thusnelda hatte sich Marianne zugeneigt, um von dieser zärtlich an sich gezogen zu werden. Miß Sarah weinte still vor sich hin. – »Ich gehe zu dem Chinamann,« raunte Kit Kotton Flora und Frank wieder zu, als diese sich den glücklichen Menschen neben dem Fenster zugesellten, »hier gibt's für mich und Wasp nichts mehr zu tun. Ich kalkuliere, das alte Zitronengesicht gehört mit zur Familie, da mag ich ihm verraten, was ich hier ausmachte.« Da in Melvillehouse die entsprechende Gelegenheit zum Übernachten fehlte, brach die Gesellschaft früh genug auf, um noch vor Abend die nächste Stadt zu erreichen. Nur Stocton und Marianne blieben zurück, um so lange in Miß Sarahs Umgebung zu weilen, bis die notdürftigsten Einrichtungen zur Aufnahme Gilberts und derjenigen, die zu ihm gehörten, getroffen sein würden. Der Abend war hereingebrochen. Miß Sarah hatte sich zur Ruhe begeben. Neben ihr auf dem Bett saß Marianne. Nach mancherlei Gesprächen war Stille eingetreten. Plötzlich zog Miß Sarah ihrer Nichte Haupt zu sich nieder, und leise, wie heimlich lauschende Ohren fürchtend, flüsterte sie: »Auch, du hast unter meinem Einfluß gelitten, wie die arme zarte Edith. An euch beiden habe ich in meinem, alle anderen Empfindungen überwuchernden Patriotismus mich schwer versündigt, aber auch schwer gebüßt, daß ich es über mich gewann, die engsten Familienbeziehungen so weit hintenan zu setzen.« »Tante, geliebte Tante,« versetzte Marianne bewegt, indem sie ihren Arm unter Miß Sarahs Nacken schob und sie zärtlich küßte, »wie du gelitten, was du erduldet hast, wer vermöchte das ernster zu würdigen, als ich.« »Nicht weiter, Marianne,« fiel Miß Sarah sanft ein, »alles kam, wie es kommen sollte. Dein erneutes Glück ist das meinige. Die Familie der Melvilles wird aufs neue erblühen, und mit ihr Melvillehouse, der alte Stammsitz. Ich habe keinen Grund mehr, zu klagen; ein unendlicher Friede hat sich auf mein Gemüt gesenkt. Mein Herz schlägt ruhiger, denn je zuvor seit meinen Kinderjahren. Doch nun gehe, Marianne. Ich fühle mich erschöpft nach den heutigen erschütternden Ereignissen und den mit diesen Hand in Hand gehenden Seelenkämpfen.« Ein Viertelstündchen später, da erlosch das letzte Licht in dem Herrenhause. Im Negerdorf blinzelte dagegen noch längere Zeit ein matt erhelltes Fenster. Hinter demselben wurde Susanna nicht müde, der Großmutter die erstaunlichsten Dinge zu berichten. Der greise Pompy, zwischen den Lippen die kalte Tonpfeife, nickte in seinem Lehnstuhl. Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Uhr ist abgelaufen. Wenn freundliche Hoffnungen diejenigen, die zu Melvillehouse gehörten, bis in ihre Träume hinein begleiteten, so wachten an Slowfields Lager alle Furien der Hölle. In tollem Reigen umkreisten sie ihn. Hohnlachend schwangen sie ihre Geißeln und zauberten sie Bilder des Entsetzens vor ihn hin, wenn nur immer der Schlaf Miene machte, ihn in Vergessenheit zu versenken. Wie die hereinbrechende Nacht mit den ihn umringenden Schreckgespenstern ihn bewog, in einem einsam gelegenen Gehöft Zuflucht zu suchen, so sehnte er jetzt den Tag herbei, um die ihn gastfrei bedienenden sorglosen Menschen zu fliehen und seine Reise fortzusetzen. Er fürchtete, was hinter ihm lag, gedachte mit Grauen der Zukunft. Sogar sein eigenes Haus erschien ihm wie ein Abgrund, seitdem die ihn unbarmherzig geißelnden Furien die Gesichtszüge Nellys in allen verschiedenen Lebensstadien: von der fröhlich in den Tag hinaus lachenden Jungfrau bis zu dem in Haß sich verzehrenden, verfrüht gealterten Weibe angenommen hatten. Doch wie ihm verstrich auch Nelly die Nacht schlaflos, nur daß sie Ruhe weder suchte noch wünschte. Seitdem durch Kit Kotton, der nicht geruht hatte, bis er Harrys Herkunft festgestellt hatte, ihr unglücklicher Sohn ihr zugeführt worden war, hatte sie den Charakter empfindungslosen Marmors angenommen. Kein Laut der Klage war mehr über ihre Lippen gekommen, keine Träne hatte ihren Blick verschleiert. Sie rieb sich gleichsam auf in der Pflege ihres Kindes, sie küßte es und beruhigte es schmeichelnd, allein vergeblich hätte man in ihren todbleichen Zügen nach einem Merkmal zärtlicher Empfindungen gesucht. Was sie sprach, was sie verrichtete: alles geschah mit dem unheimlichen Ausdruck einer Somnambulen, die ihre Bewegungen mechanisch ausführt, während der Geist planlos in unbegrenzten Räumen schweift. Nur einmal belebte ihr starres Antlitz sich ein wenig, und zwar am Morgen nach der ersten Nacht, die sie in ununterbrochener Überwachung ihres Sohnes verbrachte, als Louis, ihr junger brauner Verwandter, vorsprach und sich nach ihren Wünschen erkundigte. Ein kurzes Gespräch führte sie mit ihm in dem Flurgange; dann entließ sie ihn mit einem ungewöhnlich reichen Geldgeschenk und einem besonders wichtigen Auftrage. Und abermals begrüßte sie ihn lächelnd, als er abends nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte und demnächst die pünktliche Ausführung des ihm erteilten Auftrages meldete. Anstatt ihn in ihre eigene Wohnung zu führen, ließ sie ihn in Slowfields Zimmer eintreten. Dort überreichte er ihr ein längliches, mit grauem Sacklinnen lose umhülltes Paket. Hastig und doch vorsichtig öffnete sie dasselbe. Es enthielt etwa ein Dutzend dicht mit Dornen besetzter Zweigenden wilder Rosen. Aufmerksam prüfte sie jeden einzelnen Stab. Hin und wieder betastete sie auch die Dornen, wie um sich von deren Schärfe zu überzeugen. »Die sind sehr gut ausgewählt,« sprach sie träumerisch, die Stäbe wieder sorgfältig zusammenlegend, »ich hoffe, sie treiben nun Blätter, wenn ich sie in Blumentöpfe stecke und es nicht an Wasser fehlen lasse.« Sie sann einige Sekunden nach, und in der ihr eigentümlichen ausdruckslosen Weise fuhr sie fort: »Wenn du nach Hause kommst, sage deiner Mutter, ich stünde im Begriff, eine größere Reise anzutreten. Nun habe ich mir aber etwas Geld erspart, mehr als ich zur Reise gebrauche – über sechshundert Dollars sind's – und weil ich fürchte, daß sie mir während meiner Abwesenheit geraubt werden könnten – dem Slowfield ist nämlich das Ärgste zuzutrauen – lasse ich deine Mutter bitten, das Geld bis zu meiner Heimkehr in Verwahrung zu nehmen. Sage ihr, wenn ich ganz fortbliebe – ich kann ja sterben – so gehöre es ihr, und sie möchte es zu ihrem und ihrer Kinder Bestem verwenden.« Sie händigte dem erstaunten Burschen ein straff gefülltes Säckchen ein und fügte hinzu: »Lauter echte Goldadler sind es; obenauf liegt ein Zettel, auf dem steht geschrieben, daß ich sie deiner Mutter schenke. Den mag sie vorzeigen, wenn die Leute ihr Böses nachsagen sollten. Hier ist noch ein Dollar für dich besonders, denn auf heute abend habe ich nichts für deinen Hunger im Hause. Dafür kaufe dir, was dir beliebt, und nun gehe; ich will allein sein. Kannst dir denken, daß Reisevorbereitungen Zeit erfordern. Vor übermorgen abend laß dich hier nicht sehen; Slowfield mag in jeder Stunde eintreffen, und findet er dich, so bürge ich nicht dafür, daß du ungehärmt von dannen gehst.« Sie führte den vor Erstaunen sprachlosen Burschen auf den Flur hinaus, und mit einem letzten freundlichen Gruß entließ sie ihn. Fortgesetzt ihre geisterhafte Ruhe bewahrend, schloß sie die Tür hinter ihm ab, und die Dornenstäbe an sich nehmend, schlich sie in ihr Zimmer zurück. Ihr erster Weg führte zu ihrem Sohne. Auf ihrem Bett lag Harry schlafend, ein trauriges Bild der Schwäche und Hinfälligkeit. In der einen Hand die Lampe, in der anderen die Dornenstäbe, betrachtete sie ihn lange aufmerksam. Nur noch matt regten sich die Nasenflügel vor dem leise röchelnden Atem. Näher und näher hatte der Tod sich dem bejammernswerten Geschöpf zugeneigt; sein Leben zählte höchstens nach Tagen, vielleicht war die nächste Stunde seine letzte. Da regten sich seine farblosen Lippen und tiefer beugte Nelly sich über ihn. »Ein Alligator ist Slowfield,« lispelte er im Fiebertraum, »Mutter – Mutter – ein Alligator –« er verstummte und schlief anscheinend ruhig weiter. »Ein Alligator,« wiederholte Nelly ebenso leise. Wie ihn segnend, küßte sie ihn sanft auf die Stirn, und in ausdrucksloser Haltung schritt sie nach dem Tisch hinüber. Auf diesen stellte sie die Lampe, dann ordnete sie die Dornenstäbe seitwärts in eine Reihe. Nachdem sie das Fläschchen mit dem Schlangengift und einen von ihrem eigenen Haar angefertigten Pinsel herbeigeholt hatte, ließ sie sich vor dem Tisch nieder. Zunächst entfernte sie von dem unteren Ende der Stäbe so viel Dornen, daß sie diese, ohne sich zu verletzen, zu halten vermochte, und nunmehr begann ein Werk so finster, so Unheil verkündend, wie es eben nur von einem zur Verzweiflung getriebenen Mutterherzen, von unauslöschlichem Haß und nie schlummerndem Rachedurst eingegeben sein konnte. In der linken Hand einen der Stäbe, in der rechten den Pinsel und vor sich die offene Flasche, bestrich sie die Dornen einzeln mit dem tödlichen Gift, sorgfältig darauf achtend, daß namentlich die Spitzen reichlich getränkt wurden. Es war eine mühselige Arbeit; aber ihre Geduld war unerschöpflich. Eine mit Weißstickerei beschäftigte Nähterin hätte nicht eifriger und geschäftsmäßiger einen Stich an den anderen fügen können. Was sie trieb, was sie vorbereitete, sie war so vertraut damit, als hätte sie ihre Fertigkeit durch jahrelange Übung erlangt gehabt; und doch war diese Sicherheit nur das Ergebnis jahrelangen Sinnens und Grübelns. Den ersten Stab hatte sie getränkt. Vorsichtig legte sie ihn rechts von sich nieder, und ein anderer wurde zur Hand genommen und hergerichtet. Dem zweiten folgte der dritte, dem dritten der vierte, und weiter, bis alle ihren Weg von der linken Seite nach der rechten hinüber gefunden hatten. Die Flasche vor die Lampe haltend, prüfte sie deren trüben Inhalt. Die Hälfte hatte sie verbraucht und aufs neue die Hände regend, ließ sie die Stäbe einen nach dem anderen nunmehr von der rechten Seite nach der linken hinüberwandern. Stunde auf Stunde verrann. Nur dann stellte sie die Arbeit auf kurze Zeit ein, wenn ihr todkranker Sohn sich regte und sie ihn durch einen kühlen Trunk und beruhigende Worte wieder einzuschläfern trachtete. Hier heiße, unergründliche Mutterliebe, dort kalt überlegender, mit Tod und Verderben rechnender Rachedurst, und beides hinter demselben unbeweglichen, marmorstarren Antlitz! Was hatte dazu gehört, um ein ursprünglich loses, mit den höchsten äußeren Reizen verschwenderisch ausgestattetes Wesen so weit zu bringen! Stunde auf Stunde verrann. Der anbrechende Tag machte das Lampenlicht bereits überflüssig, als das letzte Gifttröpfchen verbraucht war und von jedem einzelnen Stabe hundertfacher Tod dräute. Wie der Meister eine gelungene Arbeit, betrachtete Nelly ihr Werk eine Weile nachdenklich. Dann überzeugte sie sich von dem festen Schlaf ihres Sohnes, und die Dornenstäbe in einen Korb legend, begab sie sich mit denselben in Slowfields Schlafgemach. Eine düstere Kammer war es mit eisernen Fensterladen und eisenbeschlagener Türe, durch die er unter der Last eines schuldbeschwerten Gewissens sich gegen hinterlistige nächtliche Angriffe gesichert zu haben wähnte. Selbst seiner langjährigen Hausgenossin traute er nicht, und ihr sogar weniger, als jedem anderen Menschen. Das Bett stand zur Aufnahme seines Besitzers bereit, die Decke war zurückgeschlagen. Unzählige Male hatte Nelly es geordnet; sie wußte genau, in welcher Weise Slowfield sich zur Ruhe begab, in welcher Lage er den Schlaf erwartete. Träumerischen Blickes entfernte sie das Laken; träumerisch verteilte sie die Dornenstäbe derartig auf der Matratze, daß gewissermaßen ein Eingang frei blieb, die Wirkung der Dornen daher erst beim Ausstrecken der Glieder sich bemerklich machen konnte. Nachdem sie die Sicherheit gewonnen zu haben meinte, daß ein Fehlschlagen ihres Planes nicht denkbar, zog sie das Laken wieder über die Matratze hin. Mit fester Hand glättete und befestigte sie es ringsum, daß selbst das argwöhnischste Auge nichts Ungewöhnliches an demselben entdeckt hätte. Bevor sie die Kammer verließ, blickte sie noch einmal um sich. So weiß, so sauber und einladend sah das Bett aus, als hätte es einen nach langem ermüdenden Ritt Heimkehrenden willkommen heißen wollen. Alles lag und stand, wie Slowfield es seit vielen Jahren nicht anders kennen gelernt hatte. Der hundertfache qualvolle Tod aber, der unter dem weißen Laken auf ihn lauerte, das war ja nicht mehr, als die unerbittliche Rächerin selbst so viele Jahre hindurch erduldet hatte. Leise, wie ein Schatten, begab Nelly sich in ihre Wohnung zurück. Der neue Tag schlich dahin. Wie an toten Gegenständen zogen die Stunden an Mutter und Sohn vorüber. Beide hatten die Berechnung für die Zeit verloren, dieser im Ersterben der Vernunft, jene in dem dumpfen Bewußtsein, eine letzte Pflicht pünktlich erfüllt zu haben. Die Uhr war aufgezogen, sie mußte ablaufen, gleichviel, in welcher Minute der Zeiger stehen blieb. Die Nacht war bereits vorgeschritten, als endlich das dumpfe Dröhnen des Türklopfers durch das stille Haus schallte, mit dem Slowfield Einlaß begehrte. Schon seit Stunden hatte er sich in der Stadt befunden. Die Sonne leuchtete noch, als er sein Pferd vor dem Stalle des Vermieters anhielt. Dann hatte er sich nach einem Gasthofe begeben, um bei einem schwelgerischen Mahl seine Sorgen zu vergessen. Unbesiegbare Scheu erfüllte ihn bei dem Gedanken an seine Heimkehr. Immer weiter schob er sie hinaus. Er fürchtete das eigene Haus, fürchtete die finster blickende Quarterone, vor allem aber die Speisen, die sie ihm vorsetzen würde. Er, der um schnöden Gewinn mit der Wohlfahrt und dem Leben anderer sein verbrecherisches Spiel trieb, witterte selber überall Verrat. Sich zu ermutigen, trank er Glas auf Glas; er trank, bis er endlich glaubte, die unheimliche Hausgenossin wie einen Wurm zertreten, sich dieses ewigen Drohgespenstes auf die eine oder die andere Art, selbst durch das eigene Davongehen entledigen zu können. Dieselbe trotzige Zuversicht beseelte ihn noch, als er den Türklopfer hob und niederfallen ließ; sie sank aber dahin, sobald er eingetreten war und er Nelly todbleichen Antlitzes in aufrechter Haltung vor sich stehen sah. Eintönig, daß ihm vor ihr graute, beantwortete sie seinen in herzliche Formen gekleideten Gruß; dann verschloß und verriegelte sie die Tür, und ihm vorausleuchtend begleitete sie ihn in seine Wohnung. Wie gewöhnlich bediente sie ihn, wie gewöhnlich fragte sie, ob er noch zu speisen wünsche. »Ich habe bereits gegessen,« antwortete Slowfield erzwungen sorglos, und in demselben Maße, in welchem Nelly mit ihrer starren Ruhe ihm bedrohlicher erschien, verflüchtigte sich die Wirkung der im Übermaß genossenen Getränke, »das einzige, was ich bedarf, ist Ruhe nach dem anstrengenden Ritt.« »Sie kommen von weit her,« versetzte Nelly vollständig ausdruckslos, »Sie haben viel gesehen und gehört: fanden Sie meine Kinder?« Slowfield fühlte das Blut in seinen Adern erstarren. Furchtbarer, denn je zuvor, erschien ihm diese unzählige Male an ihn gerichtete Mahnung. Er besaß indessen die Selbstbeherrschung, tröstlich zu antworten: »Um deine Kinder beruhige dich, Nelly, die befinden sich in guten Händen und gedeihen von Tag zu Tag.« »Auch mein Sohn Harry?« »Ein ganzer Mann ist er geworden.« Nelly zuckte mit keiner Miene und fragte weiter: »Und Fanny, meine Tochter?« »Man schrieb mir, sie entwickele sich immer schöner. Sie muß das Ebenbild ihrer Mutter werden. Du glaubst mir nicht; ich sehe es dir an. Aber ich will dich überzeugen. In einigen Tagen gebe ich dir Geld, da magst du zu ihnen reisen und sie hierher bringen. Den Weg beschreibe ich dir genau, daß du nicht irren kannst. Doch jetzt begib dich zur Ruhe und überlege dir die Sache. Was nur immer du wünschen magst, in allem komme ich dir gern entgegen.« Anstatt, wie Slowfield zuversichtlich erwartete, Ausdrücke des Dankes und freudiger Hoffnungen zu vernehmen, kehrte die Quarterone sich mit einem frostigen: »Gute Nacht« ab und in ihrer seltsam geräuschlosen Weise verließ sie das Zimmer. Slowfield lauschte ihr so lange nach, bis er sie ihr Gemach betreten hörte; dann verriegelte er die Tür und jetzt erst atmete er auf. »Das kann nicht so weiter gehen,« sprach er vor sich hin, »diese ewige Marter bringt mich um. Eines muß aus dem Hause, entweder sie oder ich, koste es, was es wolle.« Das Aussprechen dieses Entschlusses brachte ihm Beruhigung; nachdem er in seine Schlafkammer hineingeleuchtet und von der daselbst herrschenden Ordnung sich überzeugt hatte, begann er sich langsam zu entkleiden. Nelly saß zu derselben Zeit neben der offenen Tür ihres Zimmers. Das Haupt auf Arme und Knie gestützt, schien sie entschlafen zu sein, und doch lauschte sie mit tödlicher Spannung. Fünf, sieben, zehn Minuten verstrichen in lautloser Stille, dann aber wurde plötzlich die Tür zu Slowfields Wohnung aufgerissen und heraus schallte ihres Herrn Stimme, der sie laut bei Namen rief. Nelly richtete sich auf. Ein Blitz des Triumphes zuckte aus ihren großen dunklen Augen und sofort versteinerte ihr Antlitz sich wieder. »Ich komme!« antwortete sie, indem sie sich erhob und ihre Lampe nahm, und ohne ihre gemessenen Bewegungen zu beschleunigen, leistete sie dem Ruf Folge. Sie fand Slowfield in der Tür stehend. Er hatte den Schlafrock angezogen, also schon in seinem Bett gelegen. Wenn aber Wut sein Gesicht entstellte und die das Licht tragende Hand zittern machte, so wirkte Nellys Erscheinung geradezu einschüchternd auf ihn ein: denn anstatt in wilde Schmähungen auszubrechen, fragte er mit verhaltenem Grimm, wer sein Bett geordnet und Stacheln in demselben verborgen habe. »Stacheln?« fragte Nelly eintönig, »haben Sie sich etwa verletzt?« »Den ganzen Körper zerstach ich mir,« schnaubte Slowfield mit wachsender Wut, »Stacheln, sage ich, und die können nicht durch Zufall in mein Bett gekommen sein.« »Nein, nicht durch Zufall,« gab Nelly frostig zu, und zum erstenmal milderte ihr Gesichtsausdruck sich zu einem vergeistigten matten Lächeln, »ich selber habe auf Dornen geschlafen, seitdem ich die Schwelle dieses Hauses zum erstenmal überschritt; da legte ich Rosenzweige unter Ihr Laken, damit auch Sie kennen lernen sollten, wie es sich auf Dornen ruht.« »Das hat dir der Satan eingegeben,« fuhr Slowfield wild auf, und er folgte Nelly nach der Schlafkammer, »abgebrochen sind die Stacheln in meiner Haut, daß es schmerzt, wie höllisches Feuer. Der Doktor wird morgen eine Stunde gebrauchen, um sie alle herauszuziehen. Ich sage dir, Weib, bringst du mit deiner Tücke mich zum Äußersten, so stehe ich für nichts. Zu lange schon übte ich Geduld, und die erreichte mit dem heutigen Tage ihr Ende.« »Ihr Schmerz schwindet in einer Stunde,« erwiderte Nelly vollständig leidenschaftslos, »der meinige hat gedauert an die zwanzig Jahre, ohne sich jemals zu mildern.« Mit den letzten Worten schlug sie das Laken zurück, und neue Vorwürfe und Drohungen strömten auf sie ein, als Slowfield gewahrte, mit welchem Bedacht die dornigen Zweigenden geordnet worden waren. »Ich hätte Lust, dir eins der Dinger durch dein verräterisches Angesicht zu ziehen,« bemerkte er zähneknirschend, »faßt du sie doch an, als ob deine Haut ehrlicher wäre, als die meinige.« »Tun Sie das,« versetzte Nelly gleichmütig, »ich habe Ärgeres erduldet, als das,« und ohne Slowfield weiter zu beachten, der sich in immer neuen Verwünschungen erging, richtete sie sein Lager wieder her, das mit Blutflecken besäte Laken sorgfältig glättend, wie je in längst vergangenen Tagen, wenn es galt, ihre Kinder sanft zu betten. »Beeile dich und mache, daß du von dannen kommst,« fuhr Slowfield nach einer Pause wieder auf, »deine Fürsorge erspare für dein eigenes Lager; ist's doch verdammte Heuchelei – fort und der Satan über dich! Mich fröstelt; die Pein, die ich jetzt erdulde, soll dir nicht vergessen sein.« Schweigend ordnete Nelly die Stäbe mit den dornenlosen Enden in ihrer linken Hand, und die Lampe mit der anderen ergreifend, entfernte sie sich nach kurzem Gruß. In ihre Stube zurückgekehrt, schürte sie zunächst das Feuer in dem Kochofen, und die Stäbe mittels eines Hackmessers knickend, legte sie dieselben oben auf die knisternde Glut. Bevor dieselben noch ganz in Asche zerfielen, schüttete sie einen neuen, übermäßig großen Steinkohlenvorrat aus, und dann erst, nachdem sie von dem frischen Brennen des Feuers sich überzeugt hatte, begab sie sich wieder an das Lager ihres in einen todähnlichen Schlaf versunkenen Sohnes. Dort saß sie mit gefaltenen Händen wohl eine halbe Stunde. Weder Schmerz noch Spannung offenbarte sich in ihrem Antlitz. Die Uhr war aufgezogen, sie mußte ablaufen. Sie kannte nur noch geduldiges Warten, bis der Zeiger zum Stillstand gelangte. Da drang der Ton einer mit Heftigkeit gezogenen schrillen Klingel zu Nellys Ohren. »Schon?« sprach sie träumerisch vor sich hin; einen langen, schwermütigen Blick warf sie auf ihren Sohn, und die Lampe vom Tisch nehmend, folgte sie abermals dem Rufe ihres Herrn. Sie fand die Türen entriegelt, Slowfield dagegen in seinem Bett. Gleich nach dem Niederlegen war er eingeschlafen. Doch nur kurze Zeit, und es ermunterten ihn rasende Schmerzen, welche seinen ganzen Körper durchzogen, und unregelmäßiges Hämmern des Blutes in seinen Schläfen. Eine Weile dauerte es, bis er hinlänglich Besinnung gewann, ein Licht anzuzünden. Mühsam schleppte er sich nach der Tür, durch Zurückschieben des Nachtriegels den Weg für Nelly freilegend. Nachdem er darauf an der Klingelschnur gerissen hatte, blieb ihm nur noch gerade so viel Kraft, um sein Bett wieder aussuchen zu können. Als Nelly bei ihm eintrat, stierte er entsetzt zu ihr empor. »Nelly,« redete er sie keuchend an, »Nelly, ich fühle mich sehr krank. Die in meine Haut eingedrungenen Stacheln vergiften mein Blut. Dir fällt alle Schuld zu – eile zum Doktor – er soll auf der Stelle hierher kommen.« »Es ist nichts,« erwiderte Nelly fast tonlos, »ich kenne das; die Dornen in meinem Herzen verursachen mir viel größere Qualen, und manches Jahr ertrug ich sie ohne Klage. Doch ich will Ihnen helfen. Ich besitze eine Medizin, die heilt jedes Fieber, und mehr als etwas Wundfieber ist's bei Ihnen nicht.« »Dann schnell, Nelly, schnell,« keuchte Slowfield wiederum angstvoll, »hole es schnell herbei und rede mir nicht mehr von grauenhaften Dingen. Du siehst ja, daß ich sehr krank bin. Sobald ich mich wohler befinde, will ich selber hin, um deine Kinder herbeizuschaffen – nur schnell jetzt mit deiner Hilfe – schnell, oder die Schmerzen bringen mich um, bevor du zurückkehrst.« Nelly kehrte sich ab. Ihre Lampe stellte sie im Vorzimmer auf den Tisch und gleich darauf unterschied Slowfield, wie sie den Weg nach ihrem Zimmer einschlug. Länger, als er geglaubt hatte, blieb sie fort, und als er sie kommen hörte, da schlich sie langsam einher, als hätte sie ihn dadurch verhöhnen wollen. »Nelly! schnell! Nelly, um Gottes willen!« rief er wild aus, sobald sie in das Vorzimmer eingetreten war, »beeile dich oder ich ersticke! Nelly! Nell –« Er verstummte. In der Kammertür, voll beleuchtet durch das neben seinem Bett brennende Licht, stand Nelly, auf ihren starken Armen eine entsetzlich hagere Gestalt, die dem Leben nicht mehr anzugehören schien. Das Haupt ruhte auf ihrer rechten Schulter, während die langen Glieder schlaff niederhingen und den Fußboden beinah berührten. »Sie hätten's nicht geglaubt, darum bring ich ihn trotz seiner Schwäche,« begann Nelly in eisigem Tone. »Hier ist mein Sohn Harry, ein Vernunftloses Geschöpf; meine kleine Fanny liegt in der Erde, und dies alles fällt Ihnen zur Last. Heute halten wir Abrechnung miteinander. Die Stunde ist gekommen, Mr. Slowfield –« Schaudernd richtete Harry sich bei Nennung dieses Namens empor, einen angstvollen blöden Blick warf er um sich und sichtbar entsetzt rief er aus: »Slowfield ist ein Alligator!« Laut auf stöhnte Slowfield, dann entrang sich seiner Brust ein Angstruf, der an nichts Menschliches mehr erinnerte. Nelly dagegen, die Unruhe ihres Sohnes gewahrend, trug ihn schnell in das Vorzimmer zurück, wo sie ihn sanft auf das Sofa bettete und in seiner Kraftlosigkeit leicht beschwichtigte. In der nächsten Minute stand sie wieder in der Kammertür, mit kalten Blicken die Bewegungen ihres sich krampfhaft windenden Opfers verfolgend. Erst als Atemlosigkeit ihm die Stimme raubte, er gewissermaßen nur noch mit den weit aus ihren Höhlen hervorquellenden Augen zu sprechen vermochte, hob sie an: »Mr. Slowfield, Sie leiden; und doch sind Ihre Qualen Kinderspiel im Vergleich mit denjenigen, die Sie mir bereiteten. Damit Sie es wissen: Sie müssen sterben. Jeder einzelne Dorn, der in Ihr Fleisch drang, gibt Ihnen den Tod. In Schlangengift hatte ich die Stäbe getaucht, bevor ich Ihr Lager damit schmückte.« Das verzweiflungsvolle Geheul, untermischt mit den entsetzlichsten Flüchen, in das Slowfield nunmehr ausbrach, hinderte sie, weiter zu sprechen. Als hätte sie Beistand leisten wollen, schritt sie zu ihm hinüber. Doch nur den neben seinem Bett liegenden Revolver nahm sie, das Licht nebst Feuerzeug, und schweigend trat sie wieder auf die Türschwelle. Dort kehrte sie sich um, und dem wieder atemlos Daliegenden einen Blick des wildesten Hasses zuwerfend, sprach sie mit gleichsam zischender Stimme: »Sie sterben im Dunkeln ebensogut. Wenn morgen die Leute kommen und die Tür erbrechen, finden sie eine fürchterlich entstellte Leiche –« Mit letzter Kraft raffte Slowfield sich empor, doch er kämpfte noch ums Gleichgewicht, da hatte Nelly den Revolver zur Seite geworfen, den innen steckenden Schlüssel ausgezogen, die Tür zugeschmettert und von außen doppelt verschlossen. Nicht achtend des grauenhaften Brüllens, Flehens und Jammerns, das jetzt nur noch gedämpft zu ihr herausdrang, begab sie sich zu ihrem Sohne. Liebreich und mit der ganzen unergründlichen Zärtlichkeit einer Mutter sprach sie zu ihm in süßen Schmeicheltönen. Das Rachewerk war vollbracht, nichts mehr störte sie in der Sorge um ihr Kind. Als sei er nicht schwerer gewesen, als einer der in Gift gebadeten Stäbe, hob sie den sich ängstlich an sie Anschmiegenden empor. Vorsichtig in ihr Zimmer zurückkehrend, bettete sie ihn sanft auf sein bisheriges Lager, wo er unter ihrem liebevollen Zuspruch alsbald wieder in eine Art Betäubung verfiel. Der Ofen glühte und strömte beinah unerträgliche Hitze aus. Trotzdem versah sie ihn mit neuen Kohlen. Kurze Zeit beobachtete sie die blauen Flämmchen, die oberhalb derselben munter tanzten, dann schloß sie die Zugklappe des Rohrs. Bedachtsam stellte sie die Lampe so auf, daß deren Schein das Bett vom Kopfende her streifte; denn sehen wollte sie ihr unglückliches Kind bis zum letzten Augenblick, und wie jemand, der nach vollbrachtem Tagewerk übermüdet, legte sie sich an dessen Seite nieder. Den einen Arm schob sie sanft unter dem Halse des fest Schlummernden hindurch, mit dem anderen preßte sie ihn leise an sich, und ihre weit geöffneten traurigen Augen auf das stille abgezehrte Antlitz gerichtet, blieb sie bewegungslos liegen.   Zwei Tage später las man in den Zeitungen unter den Tagesneuigkeiten: »Wiederum hat die Befreiung der Farbigen ein Opfer gefordert. Ein hochgeachteter Landagent, namens Slowfield, ist von seiner Haushälterin, einer Quarterone, auf die ruchloseste Weise mittels Schlangengift ermordet worden. Da die Verbrecherin nach vollbrachter Tat sich selbst und ihren Sohn durch Einatmen von Kohlendunst tötete, ist anzunehmen, daß sie in einem Anfall von Wahnsinn handelte. Es kann nicht dringend genug zur Vorsicht den Abkömmlingen der afrikanischen Rasse gegenüber geraten werden. Der Anblick, den der Ermordete bot, nachdem man sich gewaltsam Zutritt zu ihm verschafft hatte, läßt sich nicht beschreiben. Er zeugte zugleich von der Raffiniertheit, mit der die Farbigen bei Ausübung von Verbrechen zu Werke gehen.« Dreißigstes Kapitel. Schluß. Der Winter ist dahin! Knospen entfalteten sich zu Blättern und Blüten, in ihr grünes Hochzeitsgewand kleidete, der Frühsommer die Natur. Der Dardanellfelsen! Vier Tagereisen weiter westlich in einer lieblichen Landschaft, lieblich durch die malerische Verteilung von Wald und Prärie, durch kleine Gehöfte mit daranstoßenden Gärten und Feldern, charakteristisch belebt durch Viehherden und braune Hirten und Jäger, erhebt sich auf dem Ufer eines kristallklaren Quellbaches eine etwas umfangreichere Blockhütte. Ähnlich errichtete Stalle und Schuppen, Anhäufungen von Stroh und Heu legen Zeugnis ab von der Art der Beschäftigung des Eigentümers. Unter der auf Pfählen ruhenden Verlängerung des Schindeldaches des Vorderhauses, auf einem bettstellenartigen Gerüst sitzen mit untergeschlagenen Beinen zwei Eingeborene. Der jüngere, ein Mann von etwa sechzig Jahren und Besitzer des anspruchslosen Heimwesens, lauscht anscheinend teilnahmlos den Erzählungen des Gefährten, über dessen Haupt der Winter sechsundsiebenzig hingezogen sein mögen. Opoth-lei-hoho ist's, der auf Gilbert Melvilles und Stoctons Verwendung den greisen Blackbird bei sich aufgenommen hat. Die brennende Pfeife wandert zwischen ihnen hin und her. Beide sind so zufrieden, wie es nach indianischen Begriffen nur möglich ist. Nach einem langen vielbewegten Leben betrachtet der Seminole die letzten sorgenfreien und mühelosen Tage als die vorbereitende Endstation vor seinem Eingehen in die glückseligen Jagdgefilde, wo ewige Jugend, unerschöpflicher Wildreichtum und die schönsten Squaws seiner harren. – Der Cuyahoga rauscht und schäumt in seinem engen Felsenbett. Zu dem von ihm erzeugten dumpfen Getöse gesellt sich harmonisch der Gesang der sorglosen Vogelwelt, der Gesang fröhlicher Kinder. Wie einst unter den gewissenhaft überwachenden Augen Mariannes, so blüht die Schule jetzt unter der Zeitung des würdigen Geistlichen und seiner holden Frau Mary. Stocton und Marianne haben sich in nächster Nachbarschaft ein stattliches Haus gebaut. Freundlich von außen, ist nichts verabsäumt worden, dessen ganzem Inneren den Ausdruck reicher, ansprechender Behaglichkeit zu verleihen. Ein großer, schattiger Garten, unter Schonung der edelsten Baumriesen dem Walde abgerungen, umgibt das verlockende Heim. Dessen sorgfältige Pflege bildet die Hauptbeschäftigung der beiden Gatten. Sie sind sehr glücklich. Es ist, als ob das Geschick es sich zur Aufgabe gemacht habe, sie im reichsten Maße für überstandenes Leid und unwiederbringlich Verlorenes zu entschädigen. Sie zählen die Jahre, innerhalb der die beiden ersten Töchter Marys ihre Stimmchen mit dem Jubel der kleinsten Schulkinder einen. Sie zählen die Monate und Wochen, nach deren Ablauf Frank, der auf zwei Jahre nach der Indianergrenze kommandiert worden war, heimkehrt und ihnen in Flora eine neue Tochter zuführt. Alljährlich, zur kühlen Herbstzeit, unternehmen sie einen längeren Ausflug nach dem Süden; alljährlich im Laufe der Sommermonate erhalten sie von dorther lieben Besuch. – Melvillehouse! Was Gregor einst voraussagte, ist eingetroffen. Wie ein Phönix aus der Asche ist die Plantage aus Schutt und Trümmern neu erstanden, und zwar in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum zweier Jahre. Verjüngt erheben sich das Herrenhaus und die Wirtschaftsgebäude, dagegen ist die Mehrzahl der Negerhütten abgetragen worden. Park und Gärten wieder herzustellen, kostete die geringste Mühe, indem es nur galt, die im ungehemmten Wachstum verwilderte Vegetation auf ein gefälliges Maß zurückzuführen. Wenn auch nicht mehr von Sklaven, so sind Felder und Magazinräume doch reich belebt von freien farbigen Arbeitern; es trägt der dankbare Boden nach vieljähriger Rast in doppeltem Maße. Außerdem ist ein umfangreiches Stück Land zu einer Koppel abgegrenzt worden, in der der junge Nachwuchs edler Pferde Sattel und Zaum sorglos entgegenreist. Auch die alte Dina prophezeite richtig, als sie dem greisen Pompy beteuerte, daß eines von ihnen zuerst hinüber müsse, und zwar traf es den schwarzen Gentleman selber. Damit wurde eine große Sorge von Dinas Seele genommen, indem sie nunmehr nicht länger zu befürchten brauchte, daß Pompy, ihrer Pflege beraubt, verhungern und verkommen müsse. Bei ihr lebt nach wie vor Susanna, die ihre Tätigkeit zwischen der Küche des Herrenhauses und der heimatlichen Hütte ziemlich willkürlich teilt. Dem greisen Pompy folgte Tante Sarah sehr bald nach. Still getragener Gram und herbe Selbstvorwürfe mochten zur Beschleunigung ihres Endes beigetragen haben. Seitdem sie ihr Herz wiederfand, wollte eine gewisse Schwermut nicht mehr aus ihrem Wesen weichen. Die liebreiche Begegnung von allen Seiten und die stete Beobachtung des sie umringenden Glückes wirkten sichtbar wohltuend, aber auch als eine peinvolle Mahnung verzehrend auf sie ein. Über ein mildes, schmerzliches Lächeln gelangte sie mit der Kundgebung ihrer freundlichen und dankbaren Gesinnungen nicht mehr hinaus. – Ein klarer, warmer Herbsttag neigt sich seinem Ende zu. Auf dem an der erneuerten Parkeinfriedigung hinlaufenden breiten Wege wird der Hufschlag zweier Pferde vernehmbar, die sich in scharfem Trabe nähern. Eine kurze Strecke vor dem in lustigen Farben und zierlicher Vergoldung prangenden Baldachin mäßigen sie ihre Gangart zu einem leichten, federnden Schritt, und es werden die Gestalten Gregors und Thusneldas, der Besitzer von Melvillehouse, sichtbar. Wie einst in verwegenen Stellungen auf wild einherstürmenden Rennern, bieten sie auch jetzt in ihrer Gemeinsamkeit ein überaus anziehendes, vielleicht ein noch anziehenderes Bild. Wie mit den Pferden verwachsen, schmiegen sie deren Bewegungen die eigenen unbewußt an. Und edle, kostbare Tiere sind es, die sie reiten. »So oft ich hier vorüber komme, gedenke ich des Tages, an dem wir als zwei Fremdlinge da drüben verkehrten,« bemerkt Gregor indem er mit der Reitpeitsche nach dem Baldachin hinüberweist. »Seitdem änderte sich manches,« antwortet Thusnelda mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Glückseligkeit. »Manches, Thusnelda,« bestätigt Gregor freundlich, und den ruhigen Ernst seines Antlitzes durchbricht es wie ein Sonnenstrahl, »manches, und keine Wandlung fand statt, die mit Freuden zu begrüßen wir nicht Ursache gehabt hätten.« »Wer hätte das jemals für möglich gehalten? Gregor, bedenke doch: sechsundzwanzig Wochen und vier Tage ist er heute alt.« Gregor lachte herzlich und fügte hinzu: »Und wer hätte dir jemals so viel Anlage zum Rechnungführen zugetraut?« Thusnelda sendet einen träumerischen Blick in der Richtung nach dem Herrenhause hinüber. Ihre großen blauen Augen schwimmen in Entzücken. Der Baldachin ist hinter ihnen zurückgeblieben. Vor ihnen in der Entfernung von etwa hundert Metern liegt der Vorgarten. Ein einfacher Schlagbaum mit niederhängendem Gitterwerk schließt die Einfahrt ab. Gregor hebt den Knopf der Reitpeitsche an die Lippen und sendet einen schrillen Pfiff nach dem Herrenhause hinüber, dadurch das Öffnen der Einfahrt anordnend. Fast gleichzeitig setzt Thusnelda ihr Pferd in Galopp. »Thusnelda, Thusnelda!« ruft Gregor ihr warnend nach. Thusnelda achtet des Rufes nicht, sondern schwingt die Reitpeitsche. Gregor folgt langsamer. Mißbilligend und doch mit einem Ausdruck des Stolzes schüttelt er das Haupt. Seine Blicke umfangen die schöne Gestalt in dem dunkelblauen Reitkleide, mit dem kleinen Federhut und dem lichtblonden, seidenartig wallenden Gelock, die mit unnachahmlicher Anmut und Sicherheit die Zügel führt. Wie ein Vogel fliegt der Schimmel über den Schlagbaum hinüber. Auf dessen anderer Seite hält Thusnelda an, und sich Gregor zukehrend, ruft sie ihm fröhlich zu: »Wer folgt?« Gleich darauf befindet Gregor sich an ihrer Seite und in ehrbarem Schritt erreichen sie den Vorplatz des Hauses, wo zwei Stallknechte bereit stehen, die Pferde in Empfang zu nehmen. Mit heiteren Grüßen ersteigen sie die Veranda, heitere Grüße schallen ihnen entgegen, glückliche Blicke wechseln hinüber und herüber. – Gilbert Melville sitzt auf einem bequemen Lehnstuhl. Innerer Friede prägt sich auf seinem freundlichen Antlitz aus, indem er den Eintreffenden die Arme zum Willkommen entgegenstreckt. Flora, in den Händen einen Brief aus weiter Ferne, auf dem holden Antlitz noch die Spuren einer überschwänglichen Freude, mit der sie denselben ihrem Wohltäter vorgelesen hat, tritt hastig an Thusneldas Seite, um sie ins Haus hinein an das Lager eines kleinen Engels zu begleiten. Etwas abseits steht ein runder, reich gedeckter Tisch. An einem Nebentischchen, auf dem über einer Spiritusflamme Wasser siedet, ist Singsang eifrig beschäftigt. In seinem Äußeren offenbart sich die Würde von mindestens drei Mandarinen. Sein durch schwarze Seidenfäden heuchlerisch verlängerter Zopf berührt beinah den Fußboden. Hin und wieder sendet er aus den kleinen Schlitzaugen einen Blick zu den verschiedenen Familienmitgliedern hinüber, als ob er die belebende und erhaltende Kraft aller wäre. Kit Kotton, obwohl in die verantwortliche Stellung eines Majordomo emporgerückt, noch immer in einem sein ursprüngliches Gewerbe verratenden Anzuge, erscheint auf der Veranda und meldet respektvoll, daß das Abendessen zu jeder Minute angerichtet werden könne. Wasp, der sich sehr lebhaft an der Begrüßungsszene beteiligte, muß ihn verstanden haben, denn er folgt ihm in die Küche, wo auch für ihn in der üblichen Hundeweise gedeckt worden ist. Die Sonne ist zur Rüste gegangen, hauchartig abstufenden Purpur bis zum Zenith emporsendend. Im klaren Äther tummeln sich lustig Fledermäuse. Süßer Duft entströmt den die Veranda schmückenden Topfgewächsen, wie den die Tragsäulen umschlingenden Geißblattranken. Holden Frieden atmet die Natur; holder Friede umlagert das Herrenhaus; holder Friede wohnt in der Brust jedes einzelnen der Bewohner von Melvillehouse. Ende.