Kapitän Marryat Jacob Ehrlich 1860 Erstes Buch. Erstes Kapitel. Meine Geburt, meine Eltern und Familienansprüche. – Es zeigt sich, das ich ein jüngerer Sohn bin: ein Umstand, dem jedoch durch einen unglücklichen Zufall abgeholfen wird. Kaum werde ich durch meinen Vater in die ersten Elemente der Wissenschaft eingeweiht, als sich die Elemente gegen mich verschwören und mich zur Waise machen. Ich ward auf dem Wasser geboren, geneigter Leser – nicht auf dem salzigen, ergrimmten Ocean, sondern auf dem süßen, rasch dahin fluthenden Strome. Auf einer Art Schwimmküste, genannt Lichter, und auf der Temse war es, wo ich bei niedrigem Wasserstande zum ersten Male den Geruch von Schlamm in mich sog. Mein Vater, meine Mutter und des Lesers gehorsamer Diener bildeten die Mannschaft (ein Ausdruck, der etwas prahlerisch erscheinen könnte, wenn ich nicht das Recht der Kindschaft in Anspruch nähme). Mein Vater hatte die ausschließliche Leitung; er war Monarch auf dem Verdecke; meine Mutter natürlich die Königin, und ich der muthmaßliche Thronerbe. Bevor ich ein Wort von mir selbst rede, bitte ich um die Erlaubniß, eine gewissenhafte Beschreibung von meinen Eltern zu geben. Zuerst will ich ein Gemälde von meiner königlichen Mutter entwerfen. Die Tradition erzählt, daß nie eine leichtere Gestalt und ein leichterer Fuß über die Planken des Lichters hintanzte, als sie zum ersten Male an Bord kam; aber so weit mein Gedächtniß reicht, war sie immer eine dicke und schwerfällige Frau. Ortsveränderung war nicht ihre schwache Seite, wohl aber der Wachholderbranntwein. Die Kajüte verließ sie selten – den Lichter nie, weßhalb auch ihre Schuhe so wenig abgenutzt wurden, daß sie mit einem Paar fünf Jahre ausreichte. Bei dieser Liebe zur Häuslichkeit, welche sich alle verheirathete Damen zum Muster nehmen sollten, konnte man sie immer antreffen, wenn man ihrer bedurfte; aber war sie auch stets bei der Hand, so war sie doch nicht immer auf den Füßen. Wie der Tag sich neigte, legte sie sich auf's Bett – eine weise Vorsicht für diejenigen, welche nicht mehr stehen können. Die Wahrheit ist, daß meine verehrte Mutter, trotz ihres tadellosen Wandels, häufig vom starken Geiste verführt, und trotz ihrer ehelichen Treue bisweilen mit dem heimtückischen Feinde der weiblichen Tugend – dem Wachholder, im Bette gefunden wurde. Der Lichter wurde, wie ein zweites Eden, worin meine Mutter die Eva und mein Vater den Adam spielte, von dieser Schlange heimgesucht, und wenn die Königin auch keinen Apfel speiste, so wußte sie dafür das Glas zu führen, was im Grunde noch schlimmer war. Anfangs – ich erwähne dieß zum Beweise, wie schlau sich der Böse immer unter einer verführerischen Gestalt einzuschleichen weiß – anfangs trank sie nur in der Absicht, ihren Magen gegen die Kälte zu schützen, und die Nebeldünste, die aus dem Wasser aufstiegen, schienen eine solche Vorsichtsmaßregel völlig zu rechtfertigen. Mein Vater griff aus demselben Grunde zu seiner Pfeife; aber zu der Zeit, als ich geboren wurde, war die Gewohnheit in den Besitz ihrer vollen Rechte getreten: er rauchte und sie trank von Morgen bis in die liebe Nacht. An seinen Lippen hing die Pfeife, an den ihrigen das Glas, als wäre dieß nun einmal ein notwendiges Bedürfniß ihrer Existenz. Ich hätte jede Kälte herausfordern dürfen, in den Magen meiner werthen Eltern würde sie nicht eingedrungen sein. – Doch ich habe für jetzt genug von meiner Mutter gesprochen, und will daher auf meinen Vater übergehen. Mein Vater war ein aufgedunsener, wohlgerundeter, langarmiger, kleiner Mann, der für seine Stellung in oder vielmehr außer der Gesellschaft geboren schien. Er konnte einen Lichter führen, wie nur irgend Jemand; aber mehr konnte er nicht, da er nur zu diesem Geschäfte von Jugend auf erzogen worden war. Das einzige merkwürdige Ereigniß in seinem Leben war allenfalls ein Gang für meine Mutter an's Land und die Rückkehr an Bord, sein einziger Genuß die Pfeife, und da ein geheimnißvolles Band zwischen dem Geschäfte des Rauchens und der Philosophie besteht, so brachte er es durch lauter Rauchen zu einer gewissen Vollkommenheit in der letzteren. Es ist eben so seltsam, als wahr, daß wir unsere Sorgen durch den Tabak wegdämpfen können, während sie ohne dieses Mittel schwer auf unserer Seele lasten. Es gibt keinen beruhigenderen Zug, als den Zug durch das Rohr einer Pfeife. Die wilden Krieger von Nordamerika erfreuten sich dieser herrlichen Gabe der Natur vor uns, und der Pfeife wird die Weisheit ihrer Berathung und die lakonische Aeußerung ihrer Gedanken zugeschrieben. Es wäre gut, wenn sie auch in unsren gesetzgebenden Versammlungen eingeführt würde. Freilich könnten dann die Damen nicht mehr durch die Luftlöcher hinunterschielen, aber wir würden mehr Vernunft und weniger Worte haben. Auch der stoische Gleichmuth, womit diese amerikanischen Krieger mit der Pfeife im Mund alle Foltern ihrer Feinde ertragen, ist eine Folge des Tabaks; und von der wohlbekannten Wirkung dieses Wunderkrautes rührt der sonderbare Ausdruck her, daß man sagt, man habe »einem Andern die Pfeife ausgelöscht,« wenn man ihn erzürnt hat. Meines Vaters Pfeife erlosch niemals, weder im buchstäblichen, noch im bildlichen Sinne. Er besaß einige Sprüche, die jeden Unfall zu einem glücklichen Ende brachten; und weil er sich selten oder nie in viele Worte ergoß, so prägten sich diese Sätze tief in mein junges Gedächtniß ein. Einer heißt: »Mit Weinen gewinnt man nichts; geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« Waren einmal diese Worte über seine Lippen getreten, so wurde der Sache nicht weiter erwähnt. Nichts schien ihn zu berühren. Die Führer der übrigen Lichter, Barken, Schiffe und Boote aller Art, welche mit uns um den Extrafuß Wasser stritten, wenn wir mit der Fluth hinauf- oder hinabtrieben, brachten durch ihre Flüche keine andere Wirkung auf ihn hervor, als ein paar Extrarauchsäulen aus seinem Pfeifenkopf. An meine Mutter richtete er nur die einzige Ermahnung: »Nimm's kaltblütig;« aber sie verfehlte ihren Zweck völlig, da sie im Gegentheil ihre Leidenschaften steigerte und Oel in's Feuer goß. Gleichwohl war der Rath gut, und er wäre noch besser gewesen, wenn sie ihn befolgt hätte. Ein anderer Lieblingsausdruck meines Vaters, der nach demselben Muster seiner Philosophie gebildet war, und dessen er sich bediente, wenn etwas nicht nach seinem Wunsch ging, lautete: »Das nächste Mal mehr Glück.« Diese Denksprüche prägten sich tief in mein Gedächtniß. Ich wiederholte sie mir unaufhörlich, und wurde dadurch ein Philosoph, als meine Weisheitszähne noch lange im Keime schlummerten und ich noch die erste Zahnreihe hatte, womit uns die Natur beschenkt, damit wir uns ohne Gefahr den Genüssen des Sauglappens hingeben können. Meines Vaters Erziehung war vernachlässigt worden. Er konnte weder lesen noch schreiben; aber wenn er auch nicht gerade ein Erfinder der Buchstaben genannt werden konnte, wie Cadmus, so gewöhnte er sich doch an gewisse Hieroglyphen, die gewöhnlich ihrem Zwecke hinreichend entsprachen und als ein künstliches Gedächtniß betrachtet werden konnten. »Ich kann weder schreiben, noch lesen, Jacob,« sagte er; »ich wollt', ich könnt' es, aber sieh', Junge, dieses Zeichen bedeutet drei Viertel von einem Buschel, merke dir's, wenn ich dich frage, oder ich will des Kukuks sein, wenn ich dich nicht bläue.« Nur in besondern schwierigen Fällen bedurfte er einer neuen Hieroglyphe – oder einer so langen Rede, wie die ebengenannte. Ich war vertraut mit seinen gewöhnlichen Zeichen und Streichen, und da ich ein gutes Gedächtniß hatte, konnte ich ihm auf den Sprung helfen, wenn er beim Augenblicke eines mißgestalteten x oder z nicht wußte, was er daraus machen sollte, um die unbekannte Größe zu finden, welche diese Buchstaben, wie in der Algebra, bezeichneten. Ich habe zwar gesagt, daß ich der muthmaßliche Erbe, nicht aber, daß ich auch das einzige Kind war, das meinem Vater in der Ehe geboren wurde. Meine verehrte Mutter hatte außer mir noch zwei Sprößlinge zur Welt gebracht; aber das erste, ein Mädchen, war durch die Masern den Leiden der Welt entrückt worden, das zweite, mein älterer Bruder, hatte im dritten Lebensjahre sein Unterkommen durch einen Sturz vom Sterne des Lichters gefunden. Zur Zeit dieses Ereignisses war meine Mutter, unter Begleitung des starken Geistes, zu Bett gegangen, während mein Vater auf dem Verdeck stand und, behaglich seine Pfeife schmauchend, am Haspel lehnte. »Was war das?« rief er, lauschend und seine Pfeife aus dem Mund nehmend; »soll mich wundern, wenn es nicht Joe gewesen ist.« Und er steckte die Pfeife wieder zwischen die Lippen und rauchte wie zuvor. Die Vermuthung meines Vaters erwies sich als richtig. Niemand anders als Joe hatte das Geräusch im Wasser erregt, das meinen Vater aus seinen Betrachtungen weckte, denn am andern Morgen war er nicht zu finden. Einige Tage später wurde er zwar aufgefischt, aber begreiflichermaßen war »der Lebensfunke erloschen,« wie die Zeitungen zu sagen pflegen; ja noch mehr, die Aale und Kaulbarsche hatten dermaßen an seiner Nase und seinem dickbackigen Gesichte genagt, daß er, wie sich mein Vater ausdrückte, »zu nichts mehr zu gebrauchen« war. Am Morgen nach diesem Unfall stand mein Vater früh auf und vermißte den armen Joe. Er ging in die Kajüte, rauchte seine Pfeife und sagte nichts. Da mein Bruder zur gewöhnlichen Stunde nicht beim Frühstück erschien, rief meine Mutter mit heiserer Stimme seinen Namen; aber Joe befand sich außer Hörweite und blieb stumm wie ein Fisch. Da mein Vater gleichfalls den Mund nicht zur Antwort öffnete, so verließ meine Mutter die Kajüte und durchsuchte den ganzen Lichter; ja, sie warf sogar ihre Blicke in den Hundestall, um sich zu überzeugen, ob er nicht vielleicht bei dem großen Hunde schlafe– aber Joe war nirgends zu finden. »Wo mag er denn hingekommen sein?« rief meine Mutter mit dem Ausdrucke mütterlicher Besorgniß auf ihrem Gesichte, indem sie sich auf dem Rückwege nach der Kajüte an meinen Vater wandte. Mein Vater nahm seine Pfeife aus dem Munde, senkte den Kopf derselben in lothrechter Richtung, bis er sanft auf dem Verdecke landete, steckte sie dann wieder in den Mund, rauchte mit kummervoller Miene und schwieg. »Du wirst doch nicht sagen wollen, er sei über Bord gefallen?« schrie meine Mutter. Mein Vater nickte mit dem Kopfe und blies eine dichtere Rauchwolke von sich. Ein Strom von Thränen, Ausrufungen und Vorwürfen folgte diesen bejahenden Zeichen. Mein Vater störte den Ausbruch mütterlichen Schmerzes mit keiner Sylbe. Und als er in Schluchzen dahinstarb, war auch die Glut seiner Pfeife erloschen. Er klopfte die Asche aus und bemerkte mit ruhiger Miene: »Mit Weinen gewinnt man nichts; geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« Damit füllte er seine Pfeife aufs Neue. »Nicht ändern?« rief meine Mutter, »hätten aber können geändert werden.« »Nimm's kaltblütig,« versetzte mein Vater. »Nimm's kaltblütig!« wiederholte meine Mutter mit Wuth – »nimm's kaltblütig! Ja, du nimmst Alles kaltblütig; ich glaube, du würdest es kaltblütig nehmen, wenn ich über Bord fiele.« »Auf jeden Fall würdest dann du es kaltblütig aufnehmen müssen,« versetzte mein unerschütterlicher Vater. »Ach Gott! ach Gott!« rief meine arme Mutter, »zwei so arme Würmlein, und beide verloren!« »Das nächste Mal mehr Glück,« tröstete sie mein Vater; »also sprich jetzt nicht mehr von der Sache, Sally.« Mein Vater rauchte seine Pfeife und meine Mutter trocknete ihre Augen, bis endlich der gutherzige Mann von der Kiste, auf welcher er gesessen, aufstand, an den Schrank trat, eine Theetasse mit Wachholder füllte und sie meiner Mutter anbot. Es war freundlich von ihm, und meine Mutter war für Freundlichkeit empfänglich. Es war ein reines Opfer im Geiste der Liebe und wurde in dem Geiste angenommen, in dem es dargebracht wurde. Nach einigen Wiederholungen des Trankopfers, die um so notwendiger waren, als ihre Thränen die Kräfte desselben geschwächt hatten, waren Schmerz und Erinnerung ertrunken, wie zwei Liebende, die sich in einem feuchten Tode umarmten. Mit dieser schönen Metapher beschließe ich die Episode von meinem unglücklichen Bruder Joe. Ungefähr ein Jahr nach dem Verluste meines Bruders wurde ich zur Welt befördert, ohne einen andern Beistand oder Zuschauer, als meinen Vater und Mutter Natur, welche meines Erachtens eine sehr geschickte Hebamme ist, wenn man ihr nicht in die Quere kommt. Mein Vater, der einige schwache Begriffe von Christenthum hatte, vollzog die Taufhandlung, indem er mit dem Mundstücke seiner Pfeife das Zeichen des Kreuzes über meine Stirne machte und mich Jacob nannte. Was den Kirchgang meiner Mutter betrifft, so war sie nur einmal in ihrem Leben in einem Gotteshause gewesen. Ich habe schon gesagt, daß sie den Lichter nie verließ, und mein Vater stieg nur auf einige Minuten an's Land, wenn er beim Aus- oder Einladen vom Aufseher oder Eigenthümer der Schiffsgüter gerufen wurde, oder wenn er, was des Monats einmal geschah, die nöthigen Einkäufe besorgte. Die Erinnerungen meiner Kindheit beschränken sich auf wenige; aber das liegt mir noch im Gedächtniß, daß der Lichter oft glänzend roth und blau bemalt war, und daß mich meine Mutter mit den Worten: »wie hübsch« darauf aufmerksam machte, wenn sie mich beschwichtigen wollte. Doch ich übergehe das, und beginne mit meinem fünften Jahre, in welchem ich meinem Vater bereits Handreichung that. Ich war damals beinahe so weit, als manche Kinder im zehnten. Dieß mag seltsam erscheinen, aber wenn auch meine Begriffe blos das Prädikat »beschränkt« verdienten, so waren sie doch in einem Mittelpunkte vereinigt. Der Lichter, seine Ausrüstung und seine Bestimmung bildeten die Welt meiner jungen Einbildungskraft; da alle meine Gedanken auf so wenige Gegenstände gerichtet waren, so hatten sie gehörig Muße, sich dieselben tief einzuprägen und ihren Werth vollkommen zu schätzen. Bis zu meinem eilften Jahre, in welchem ich den Lichter verließ, bildeten die Ufer des Flusses die Gränze meiner Meditationen. Ich hatte eine gewisse Vorstellung von Bäumen und Häusern; aber ich wußte, glaube ich, nicht, daß die ersteren wachsen. So lange ich mir sie am Ufer denken konnte, schienen sie mir immer die gleiche Größe zu haben, in der ich sie zuerst gesehen hatte, und andere Leute fragte ich nicht. Aber schon in meinem zehnten Jahre kannte ich den Namen einer jeden Strecke des Flusses, den Namen eines jeden Vorsprungs, die Tiefen des Wassers, die seichten Stellen, den Strich der Strömung und sogar die Ebbe und Fluth. Deßgleichen wußte ich auch den Lichter zu führen, wenn er mit der Ebbe hinabtrieb; denn was mir an Stärke abging, ersetzte ich durch Gewandtheit, die ich mir durch beständige Uebung erworben hatte. Als ich eilf Jahre zählte, trat eine Katastrophe in meinem Leben ein, welche auf einmal meine Aussichten umgestaltete. Doch ich muß noch Einiges von meinem Vater und meiner Mutter erzählen, um den Leser aus diesen Zeitpunkt meiner Geschichte vorzubereiten. Die Neigung meiner Mutter zu geistigen Getränken hatte nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur mit der Zeit zugenommen, und in demselben Maße sich auch der Umfang ihrer Gestalt erweitert; sie war jetzt eine höchst unförmliche, aufgedunsene Fleischmasse, wie mir seitdem keine mehr zu Gesicht gekommen ist. Indessen empfand ich doch keinen Widerwillen bei ihrem Anblick, da ich unaufhörlich in ihrer Umgebung war, und andere Mitglieder des schönen Geschlechts nur in der Entfernung sah. Seit zwei Jahren verließ sie das Bett nur noch selten, denn höchstens kroch sie jetzt einmal in der Woche aus ihrer Kajüte hervor, um nach fünf Minuten wieder zurückzukriechen, weil ihre Körperfülle und fortwährende Trunkenheit sie zu weiterer Bewegung unfähig gemacht hatte. Mein Vater ging jeden Monat einmal auf eine Viertelstunde an's Land, um Wachholder, Tabak, Pücklinge und verdorbenen Schiffszwieback einzukaufen; – der letztere bildete meine gewöhnliche Kost, wenn ich sie nicht allenfalls dadurch verbesserte, daß ich an Orten, wo wir vor Anker lagen, hin und wieder mit meiner Angel ein Fischlein aus dem Wasser herausholte. Ich wurde daher zu einem großen Wassertrinker, nicht sowohl aus eigener Wahl, als vielmehr in Folge der salzigen Natur meiner Speisen, und der Vorsorge meiner Mutter, die immer noch Besinnung genug hatte, um die Wahrheit einzusehen, daß der Wachholder nicht für kleine Jungen sei. Mit meinem Vater war jedoch eine große Veränderung vorgegangen. Ich hatte das Verdeck beinahe ganz allein zu besorgen; mein Vater kam selten heraus, und lieh mir seinen Beistand nur, wenn wir unter den Brücken durchschossen, oder wenn eine größere Kraft erfordert wurde, um uns zwischen dem Gedränge der Fahrzeuge, die uns einschlossen, durchzuwinden. Je tüchtiger ich wurde, desto untüchtiger wurde mein Vater. Er brachte den größten Theil seiner Zeit in der Kajüte zu, wo er meiner Mutter den großen steinernen Krug leeren half. Das Weib hatte den Mann überredet, und nun genossen beide von der verbotenen Frucht des Wachholderbaumes. So standen die Angelegenheiten in unserem kleinen Königreich, als die Katastrophe eintrat, die ich jetzt berichten will. An einem schönen Sommerabende fuhren wir mit der Fluth stromaufwärts. Der Lichter war schwer mit Kohlen befrachtet, welche in einiger Entfernung oberhalb der Putney-Brücke an der Werfte des Eigenthümers ausgeladen werden sollten. Ein starker Landwind erhob sich und hemmte unsere Fahrt. Wir konnten die Werfte nicht mehr am gleichen Abende erreichen, wie wir im Sinne gehabt hatten. Als wir uns ungefähr anderthalb Meilen ob der Brücke befanden, trat die Ebbe ein, und wir mußten Anker werfen. Mein Vater, der, in der Hoffnung, noch am nämlichen Abend anzukommen, ungern nüchtern geblieben, wartete noch, bis der Lichter in die Strömung getreten war, und sagte dann: »Jacob, morgen früh müssen wir an der Werfte sein; bleibe munter.« Nach diesen Worten stieg er in die Kajüte hinab, um sein Trankopfer darzubringen, und ließ mich allein im Besitze des Verdecks und meines Abendessens, das ich nie im untern Räume zu mir nahm, weil die enge dumpfe Kajüte durchaus nicht einladend war. Ich hielt überhaupt alle meine Mahlzeiten sub divo , und wenn die Nächte nicht allzu kalt waren, schlief ich auch auf dem Verdeck, und zwar in der geräumigen Hütte, welche einst vom großen Kettenhunde bewohnt gewesen war. Vor einigen Jahren war derselbe gestorben, über Bord geworfen und aller Wahrscheinlichkeit nach in Cervelatwürste, das Pfund zu einem Schilling, verwandelt worden. Einige Zeit nach seinem Hintritte hatte ich von seinem Gemache Besitz genommen, und versah seitdem auch sein Hüteramt. Ich hatte meine Mahlzeit beschlossen und mit einer ordentlichen Menge Themsewasser niedergeschwemmt; denn oberhalb der Brücke trank ich immer mehr, weil mir das Wasser reiner und frischer vorkam. Nachdem ich noch einmal nach dem Ankertau gesehen und meine sämmtlichen Geschäfte beendet hatte, legte ich mich auf dem Verdecke nieder, und überließ mich den tiefen Spekulationen eines eilfjährigen Jungen. Ich beobachtete die Sterne, die im matten Zwielichte über mir schimmerten und von Zeit zu Zeit zu verschwinden oder wieder hervorzutreten schienen. »Aus welchem Stoffe mögen sie wohl gemacht sein,« fragte ich mich selbst, »und wie kommen sie da hinauf?« Da wurde ich plötzlich durch einen lauten Schrei aus meinen Träumereien aufgeschreckt, und ich verspürte einen seltsamen brandigen Geruch. Das Geschrei verstummte und begann auf's Neue; kaum war ich aber aufgesprungen, als mein Vater aus der Kajüte hervorstürzte, über Bord sprang und unter dem Wasser verschwand. Ich hatte einen Blick von seinen Zügen erhascht und Angst und Betrunkenheit darin erblickt. Sogleich eilte ich an die Stelle, wo er verschwunden war, konnte aber bei der raschen Strömung nur noch einige Wasserkreise bemerken, die sich an der Seite des Fahrzeuges brachen. Einige Sekunden lang blieb ich im Zustande der Betäubung über das plötzliche Verschwinden und den augenscheinlichen Tod meines Vaters stehen, aber der Rauch, der mich umgab, und das Geschrei meiner Mutter, das immer schwächer und schwächer wurde, riefen mich bald wieder zum Bewußtsein; ich eilte fort, um meiner Mutter beizustehen. Ein starker brandiger Rauch drang die Kajütentreppe herauf und stieg, weil eben Windstille eingetreten war, in einer dichten Säule in die Luft. Ich versuchte hinabzugehen, aber der Rauch machte es unmöglich, denn er würde mich in einer halben Minute erstickt haben. Ich that, wie die meisten Kinder in einem solchen Zustande von Aufregung und Rathlosigkeit gethan haben würden, – ich setzte mich nieder und weinte bitterlich. In ungefähr zehn Minuten nahm ich die Hände von meinem Gesichte und sah nach der Kajütenluke. Der Rauch war verschwunden und Alles stille. Ich ging auf die Treppe zu. Der Rauch war zwar noch immer stark genug, aber doch konnte ich ihn ertragen. Ich stieg die kleine, drei Stufen hohe Treppe hinab und rief: »Mutter!«, erhielt aber keine Antwort. Die Glaslampe, die am Hinterbalken befestigt war, brannte noch hell genug, um jeden Winkel der Kajüte zu beleuchten. Nirgends bemerkte ich eine Spur von Feuer; nicht einmal die Vorhänge des Bettes meiner Mutter schienen versengt. Ich war bestürzt; die Furcht versetzte mir den Athem. Mit zitternder Stimme wiederholte ich den Ruf: »Mutter!« Länger als eine Minute rang ich nach Athem. Dann wagte ich, die Vorhänge des Bettes zurückzuschlagen. Meine Mutter war nicht da, aber in der Mitte des Bettes lag eine schwarze Masse. Angstvoll streckte ich die Hand darnach aus – es war eine fette ölige Asche. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr mir – mein Kopf schwindelte – ich schwankte aus der Kajüte, und in einem Zustande, der an Wahnsinn gränzte, fiel ich auf's Verdeck nieder. Dann folgte eine Art von Betäubung, welche mehrere Stunden lang dauerte. Da der Leser vielleicht in einigem Zweifel über die Veranlassung des Todes meiner Mutter schweben könnte, so muß ich ihn benachrichtigen, daß sie auf jene furchtbare und entsetzliche Weise zu Grunde ging, welche bisweilen diejenigen trifft, die dem unmäßigen Genusse geistiger Getränke fröhnen. Fälle der Art ereignen sich vielleicht nur alle Jahrhunderte einmal, aber die Thatsache läßt sich nicht bestreiten. Sie starb durch Selbstverbrennung , eine Folge von Entzündung der Gase, mit denen der Organismus durch die geistigen Getränke geschwängert wird. Wahrscheinlich beraubte der furchtbare Anblick der Flammen, die aus dem Körper meiner Mutter hervorbrachen, meinen Vater, der sich gleichfalls angetrunken hatte, seines Bewußtseins, und so verlor ich in demselben Augenblicke Vater und Mutter, den einen durch das Wasser, die andere durch das Feuer. Zweites Kapitel. Ich erfülle die letzten Befehle meines Vaters und werde auf einem neuen Elemente eingeschifft. – Mein erster Handel in der Welt ist sehr einträglich, meine erste Trennung von alten Freunden sehr schmerzlich. – Mein erster Eintritt in das gesittete Leben fällt für alle Theile sehr unbefriedigend aus. Es war heller Tag, als ich aus meinem Zustande körperlicher und geistiger Ermattung erwachte. Eine Zeit lang konnte ich mich des Vorgefallenen gar nicht entsinnen; aber die Last, die auf meinem Herzen lag, sagte mir, daß es etwas Furchtbares war. Endlich fiel mein Auge auf die Kajütenthüre, die noch immer offen stand. Alle Schrecken des vergangenen Abends traten vor meine Seele, und ich erinnerte mich, daß ich allein auf dem Lichter war. In stummer Verzweiflung erhob ich mich und sah mich rings um. – Der Morgennebel hing über dem Flusse, und kaum konnte ich die Gegenstände am Ufer unterscheiden. Der kalte Thau, dem ich die ganze Nacht ausgesetzt gewesen, und vielleicht noch mehr durch die vorhergegangene außerordentliche Aufregung lag mir wie Blei in meinen Gliedern. Ich wagte es nicht, in meine Kajüte hinabzugehen. Eine unbeschreibliche Furcht, eine Art von Abscheu vor dem, was ich gesehen hatte, schreckte mich mit lähmender Gewalt zurück, und doch war ich nicht befriedigt. Ich hätte Welten gegeben (wenn ich sie gehabt hätte), den Schleier des Geheimnisses zu lüften. Meine Augen fielen auf den Strom. Ich gedachte meines Vaters, und mehr als eine halbe Stunde lang starrte ich in die hinaufrauschende Fluth. – Mein Geist war in einem Zustande völliger Gedankenlosigkeit. Die Sonne erhob sich, der Nebel rollte allmälig dahin; Bäume, Häuser und Matten tauchten empor, Barken schwammen mit der Fluth herauf, Boote fuhren hin und wieder, Hunde ließen ihr Gebell erschallen, Rauchsäulen stiegen aus den verschiedenen Schornsteinen in die Lüfte – und Alles das erinnerte mich, daß ich mich in einer geschäftigen Welt befand und selbst ein Geschäft zu verrichten hatte. Die letzten Worte meines Vaters – und seine Worte waren mir stets Befehle gewesen – hatten gelautet: »Jacob, Morgen früh müssen wir an der Werfte sein, bleibe munter.« Ich schickte mich an, zu gehorchen. Den Anker zu lichten vermochte ich nicht, deßhalb löste ich das Kabel, band ein zerbrochenes Ruderstück als Ankerboje daran, und der Lichter trieb wieder auf dem Strome, unter der Leitung eines Kindes von eilf Jahren. Nach zwei Stunden war ich ungefähr noch hundert Ellen von der Werfte entfernt und ganz in der Nähe des Ufers. Ich rief um Beistand, worauf zwei Männer, die zu den an dem Kai liegenden Lichtern gehörten, auf mich zuruderten, und nach meinem Begehren fragten. Ich sagte ihnen, daß ich mich allein auf meinem Schifflein befinde, ohne Anker und Kabel. Sie stiegen an Bord, und in einigen Minuten lag mein Lichter ruhig neben den andern. Sobald er festgebunden war, fragten sie mich nach dem Vorgefallenen, aber wenn auch die Erfüllung der letzten Befehle meines Vaters meinem Geiste einige Schwungkraft gegeben hatte, so forderte jetzt, da dieß geschehen war, die Natur ihre Rechte zurück. Ich vermochte kein Wort hervorzubringen. Im Uebermaße des Schmerzes warf ich mich auf's Verdeck und weinte wieder, als ob mir das Herz brechen müßte. Die Männer waren erstaunt, mich allein auf dem Lichter zu finden, und wußten sich eben so wenig mein Benehmen zu erklären. Sie stiegen an's Land und benachrichtigten den Werftenschreiber von dem Vorfalle. Dieser kam mit ihnen an Bord des Lichters und legte mir einige Fragen vor; da sich jedoch der Ausbruch meines Schmerzes noch nicht vertobt hatte, so waren meine vom Schluchzen unterbrochene Antworten durchaus unverständlich. Ohne weiter in mich zu dringen, stieg der Schreiber mit den beiden Männern in die Kajüte, trat aber eilends wieder heraus und verließ den Lichter. Ungefähr nach einer Viertelstunde ward ich abgeholt und vor den Eigentümer meines Lichters geführt – es war das erstemal in meinem Leben, daß mein Fuß die terra firma betrat. Man wies mich in das Wohnzimmer, wo ich den Herrn des Hauses mit seiner Frau und seiner Tochter, einem neunjährigen Mädchen, beim Frühstücke fand. Ich hatte mich wieder erholt und erzählte auf ihre Fragen meine Geschichte kurz, aber verständlich, während schwere Thränen über mein beschmutztes Gesicht hinabrollten. »Wie seltsam und grauenvoll,« sagte die Dame des Hauses zu ihrem Gemahl; »ich kann es gar nicht begreifen.« »Auch mir geht es so, und doch muß es nach dem, was der Werftenschreiber Johnson mit eigenen Augen angesehen hat, wahr sein.« Mittlerweile hielten meine Augen Musterung im Zimmer. Meine Unbekanntschaft mit der Welt glaubte ein Golkonda von Pracht und Reichthum zu sehen. Ich erblickte eine Menge Gegenstände, die ich früher nie gesehen hatte, aber eine Art von Naturgefühl sagte mir, daß Vieles davon von großem Werth wäre. Den silbernen Theetopf, die zischende Urne, die Löffel, die Gemälde in ihren prächtigen Rahmen, jedes Stück des Zimmergeräthes erregte meine Aufmerksamkeit und Bewunderung, und auf einige Zeit vergaß ich Vater und Mutter, bis mich die Frage des Hausherrn, wie weit ich den Lichter ohne Beistand gebracht habe, aus meiner spekulativen Welt in die natürliche zurücklief. »Hast du Verwandte, armer Junge,« fragte die Dame. »Nein.« »Was, keine Verwandten am Lande?« »Ich war früher in meinem Leben nie am Lande.« »Weißt du, daß du eine verlassene Waise bist?« »Was ist das?« »Daß du weder Vater noch Mutter hast,« bemerkte das kleine Mädchen. »Nun,« versetzte ich mit meines Vaters Worten, weil ich nichts Besseres zu erwiedern wußte, »mit Weinen gewinnt man nichts, und geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« »Aber, was willst du jetzt beginnen?« fragte der Herr des Hauses, und faßte mich auf die eben gegebene Antwort scharf in's Auge. »Das weiß ich wahrhaftig nicht,« versetzte ich weinend; »nimm's kaltblütig.« »Welch ein seltsames Kind!« bemerkte die Dame. »Kennt es wohl auch den ganzen Umfang seines Unglücks.« »Das nächste Mal mehr Glück, Ma'am,« versetzte ich, meine Augen mit dem Rücken der Hand abwischend. »Welch wunderliche Antworten von einem Kinde, das so viel Gefühl verrathen hat,« sagte der Lichter-Eigenthümerzu seiner Frau. »Wie nennst du dich?« »Jacob Ehrlich.« »Kannst du schreiben oder lesen?« »Nein,« erwiederte ich, und bediente mich abermals der Worte meines Vaters: »nein, ich kann's nicht, aber ich wollt', ich könnt's.« »Schon gut, mein armer Junge, wir wollen sehen, was zu thun ist,« bemerkte der Herr des Hauses. »Ich weiß, was zu thun ist,« versetzte ich, »Sie müssen ein Paar Leute ausschicken, um den Anker und das Kabel zu holen, bevor die Boje abgeschnitten wird.« »Du hast Recht, Junge, das muß augenblicklich geschehen,« erwiederte der Herr des Hauses; »aber nun würde ich dir rathen, mit Sarah in die Küche zu gehen, wo die Köchin Sorge für dich tragen wird. Liebe Sarah, führe ihn hinunter.« Das kleine Mädchen winkte mir, und ich folgte. Die Länge und Mannigfaltigkeit der Schiffsleitern – denn für solche hielt ich die Treppen, – setzte mich in Erstaunen. Endlich langten wir unten an. Die kleine Sarah gab der Köchin den Auftrag, Sorge für mich zu tragen, und trippelte wieder zu ihrer Mutter hinauf. Ich fand, daß der Ausdruck »Sorge tragen« am Lande eine ganz andere Bedeutung hatte, als auf dem Wasser; denn wenn man mir zurief: »Trag' Sorge,« so hieß dieß so viel als: »nimm dich in Acht, gehe aus dem Wege und halte dich ferne.« Die Landbedeutung gefiel mir weit besser. Die Köchin trug Sorge für mich: sie war eine gutherzige, beleibte Weibsperson, welche bei einer Schmerzgeschichte vor Rührung zerschmolz, obgleich das Feuer keinen Eindruck auf sie machte. Ich sah nicht nur, ich verschlang auch Dinge, die mir noch nie in den Sinn, geschweige denn in den Mund gekommen waren. Der Kummer hatte meinen Appetit nicht beeinträchtigt. Von Zeit zu Zeit hielt ich jedoch einen Augenblick inne, um zu weinen, trocknete dann meine Thränen und setzte mich wieder. Zwei volle Stunden waren auf diese Art verflossen, als ich endlich Messer und Gabel aus der Hand legte, wiewohl ich nicht eher »genug« rief, als bis sich an der Nähe meines Kehlkopfes ernstliche Symptome der Erstickung zeigten. Ein gewisser Jemand hat ein Epigramm über die ungeheuren Begriffe gemacht, die eines Geizhalses Pferd vom Hafer haben müsse. Wenn solche Vorstellungen wirklich existiren, so zweifle ich, ob sie meinem Erstaunen über eine Hammelskeule gleichkommen könnten. Ein solches Stück Fleisch hatte ich noch nie gesehen, und ich war begierig, ob es grün oder geräuchert wäre. Nach einer solchen Mahlzeit übermannte mich die Neigung zum Schlafe, und in wenigen Minuten lag ich schon schnarchend auf zwei Stühlen, welche die Köchin mit ihrer Schürze verhängte, um mich gegen die Fliegen zu schützen. So war ich denn auf einem neuen Elemente – der Mutter Erde – eingeschifft, und es dürfte jetzt gerade der rechte Zeitpunkt sein, einen Blick auf das Kapital zu werfen, das ich zu meinem neuen Anfange besaß. Was meine Persönlichkeit betrifft, so sah ich gerade nicht so übel aus; ich war hübsch gewachsen, stark und flink. Von meiner Kleidung möchte ich sagen, je weniger Worte, desto besser. Ich hatte ein Paar Hosen ohne Hintertheil; aber dieser Mangel wurde, wenn ich stand, durch meine Jacke verdeckt, die von einer alten Weste meines Vaters abstammte, und so weit hinabreichte, als der Morgenrock unserer Zeit. Ein Hemde von grobem Zwilch, und eine Pelzmütze, die dermaßen mitgenommen war, als wäre sie der von Hunden zerrissene Balg einer Katze gewesen, vollendete meinen Anzug. Schuhe und Strümpfe besaß ich nicht, denn solche überzählige Kleidungsstücke hatten die Thätigkeit meiner Füße nie beschränkt. Die Schätze meines Geistes waren nicht minder werthvoll; – sie bestanden in einer ordentlichen Bekanntschaft mit der Tiefe des Wassers, den Namen der Landspitzen und Wasserstrecken in der Themse, – Kenntnisse, die ihre Bedeutung auf dem trockenen Lande freilich verloren – und in den wenigen Hieroglyphen meines Vaters, welche nach dem Ausdrucke des Ausrufers, »für Niemand brauchbar waren, als für den Eigentümer«. Rechnet man zu diesen Reichthümern noch die drei Lieblingsgrundsätze meines schweigsamen Vaters, welche unauslöschlich in mein Gedächtniß eingegraben waren, so hat man das ganze Inventarium meines Handelskapitals. Die drei Maximen meines verehrlichen Erzeugers hatten sich durch beständige Wiederholung gleichsam völlig in meinen Gedanken verkörpert, und ehe ich mich an diesem Abende schlafen legte, sagte ich sie mir noch einmal vor. Das Sprüchlein: »Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern«, tröstete mich über das Mißgeschick meines Lebens; »das nächste Mal mehr Glück« erheiterte meine Aussicht in die Zukunft, und »nimm's kaltblütig« war ein Gegenstand tiefen Nachdenkens, bis ich in gesunden Schlaf sank; denn ich besaß Scharfsinn genug, um die Beobachtung zu machen, daß mein Vater sein Leben verlor, weil er seinen eigenen Grundsätzen untreu war, und diese Wahrnehmung steigerte meinen Glauben an die Unfehlbarkeit dieser Maximen zur unerschütterlichen Ueberzeugung. Ich habe angegeben, worin der Nachlaß meines Vaters bestand, und der Leser wird vermuthen, daß mein mütterliches Erbe ziemlich genau gleich Null war. Unmittelbar läßt sich dieß allerdings nicht in Abrede ziehen, aber mittelbar bewährte sie sich doch als eine sehr gute Mutter, und zwar durch die außerordentliche Weise, in welcher sie sich von dieser Welt trennte. Wäre sie eines gewöhnlichen Todes gestorben, so hätte sie nichts für mich thun können. Selbst für Burke hätte sie keinen Werth gehabt; aber da sie auf eine so eigenthümliche Weise aus dem Leben schied, so wurde ihre Asche eine Quelle des Reichthums für mich. Das Bett, worin ihre irdischen Ueberreste lagen, sogar die Vorhänge desselben wurden an's Land gebracht, und in einem Nebenhause verschlossen. Der Leichenschauer fuhr auf Kosten der Grafschaft in einer vierspännigen Postkutsche heran; die Geschworenen wurden erwählt, meine Aussage zu Protokoll genommen, Wundärzte und Apotheker kamen aus der Nähe und Ferne, um ihre Meinung abzugeben, und nach mancher Untersuchung, Muthmaßung und Widerlegung wurde der Ausspruch zu Tage gefördert, »daß sie an der Heimsuchung Gottes gestorben sei«. Da das in einer andern Ausdrucksweise so viel hieß, als: »Gott allein weiß, wie sie gestorben ist«, so ward er nem. con. angenommen und befriedigte alle Theile. Die Erzählung des außerordentlichen Vorfalls verbreitete sich mit den gehörigen Erweiterungen nach allen Seiten, und Tausende von Neugierigen strömten nach den Hause des Werftmeisters, um die Wirkungen einer Selbstverbrennung mit eigenen Augen zu sehen. Alsbald kam der Lichter-Eigenthümer auf den Gedanken, daß er die öffentliche Neugierde zu meinem Vortheile benutzen könne. Ein Teller mit einigen Silber- und Goldstücken wurde unten an der wollenen Matratze meiner armen Mutter hingestellt, und mit großen Buchstaben darüber geschrieben: »zum Besten der Waise«. Manche Shillinge und halbe Kronen, ja noch größere Summen wurden von den Zuschauern hineingeworfen, welche sich schaudernd von dem furchtbaren Beweise der Wirkungen einer beständigen Betrunkenheit abwandten. Die Zeit der Ausstellung, welche viele Tage lang dauerte, brachte ich bei der Köchin zu, der ich die Pfannen scheuerte und in andern Geschäften – wozu eben meine geringen Dienste verwendbar waren – an die Hand ging; daß meine arme Mutter zu meinem Vortheil Levée halte, fiel mir nicht ein. Am eilften Tage endlich wurde die Ausstellung geschlossen. Der Lichter-Eigenthümer ließ mich nun rufen, und als ich auf seinem Zimmer erschien, traf ich einen kleinen, schwarz gekleideten Herrn bei ihm. Es war ein Wundarzt, der sich zum Ankauf der irdischen Ueberreste meiner Mutter sammt Bette und Vorhängen erboten hatte. Mein Beschützer fühlte sich geneigt, sie auf eine so vorteilhafte Weise loszuschlagen, glaubte sich aber nicht befugt, diesen Schritt zu thun, ohne vorher die Zustimmung des gesetzlichen Erben einzuholen. »Jacob,« sagte er, »hier ist ein Herr, der für die Asche deiner armen Mutter zwanzig Pfund bietet – eine große Summe Geldes. Hast du etwas dagegen, wenn sie ihm überlassen wird.« »Was haben Sie damit vor?« fragte ich. »Ich möchte sie aufbewahren, und werde Sorge dafür tragen,« erwiederte der Wundarzt. »Wenn Sie Sorge für die alte Frau tragen wollen,« antwortete ich nach einer kleinen Pause, »gut, so können Sie dieselbe haben.« Damit war der Kauf geschlossen. Das erste Handelsgeschäft, das ich in der Welt machte, war also, seltsam genug, der Verkauf meiner eigenen Mutter. Ausstellung und Verkauf trug mir im Ganzen siebenundvierzig Pfund und etwas darüber ein, die der würdige Eigenthümer des Lichters, nach Abzug der Auslagen für eine neue Gewandung, zu meinem Besten auf Zinsen anlegte. – So endet die Geschichte meiner Mutter, welche durch ihre irdischen Ueberreste weit mehr für mich that, als sie in ihrem Leben jemals für mich gethan hatte. Sie bildete in Betreff ihres Schicksals gewissermaßen das Gegenstück zu Semele: die Letztere wurde mit einem Goldregen begrüßt, um sodann im Feuer der Umarmungen eines Gottes zu sterben, während meine arme Mutter zuerst das Opfer dieses Elementes werden mußte, ehe der Goldregen auf ihren einzigen Sohn herabfließen konnte – ein Unterschied im Lose der Sterblichkeit, der sich leicht erklären läßt. Semele war sehr schön und trank keinen Wachholder – meine Mutter aber stand ihr in Allem contradictorisch gegenüber. Als ich vor meinen Beschützer beschieden wurde, um meine Einwilligung zum Verkaufe meiner Mutter zu geben, hatte ich die große Weste, die ich gleichsam als Ueberwurf benützte, im Interesse meines einstweiligen Berufes abgelegt, um beim Holzspalten weniger gehindert zu sein, und der dienstbare Geist, der mich abrief, ließ mir keine Zeit mehr, sie wieder anzulegen. Nachdem der Handel abgeschlossen war, drehte ich mich nach der Thüre, um wieder abzugehen; da ich aber, wie schon bemerkt, kein Hintertheil in meinen Beinkleidern führte, so wurde dieser Mangel an ordentlicher Verbindung von einem Wachtelhündchen bemerkt, das von einem Ruhepolster herabsprang, und sich in einiger Entfernung aufstellte, um die Blöße anzubellen. Das Hündchen war in einem gesitteten Kreise erzogen worden, und hatte noch nie eine derartige Ausstellung gesehen. Herr Drummond, dieß war der Name des Lichter-Eigenthümers, bemerkte die Mangelhaftigkeit, welche sich die Rüge des vierbeinigen Kunstrichters zuzog, und ließ mir alsbald einen neuen Anzug bestellen, der in der That dem Bedürfnisse nicht zuvor kam. Vierundzwanzig Stunden darauf wurde ich unter Mitwirkung meiner Gönnerin, der Köchin, von einem sichelbeinigen Schneider in eine neue Kleidung gesteckt, und nun konnte ich mich drehen, wie ich wollte, ohne den Anstand zu verletzen. Eine neue Gewandung ist gewöhnlich ein Gegenstand des Ehrgeizes für Jung und Alt, und schmeichelt der Eitelkeit – bei mir war es anders. Ich fühlte mich in meinem neuen Kleide höchst unbehaglich. Die Schuhe drückten mich, die gestrickten Strümpfe verursachten mir Jucken, und weil ich gewöhnt war, meines Vaters abgestreifte Häutungen, die für meine Extremitäten eine Elle zu weit waren, zu ererben, so schien es mir jetzt bei dem geringen Umfange meiner Begriffe, als sei ich zum Umfange der ungewohnten Kleidungsstücke zusammengeschmolzen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß diese vielmehr auf meine Dimensionen reducirt worden waren. Ich hielt mich für einen Mann, aber nun war ich sehr verlegen mit meiner Mannheit, da es mich bei jedem Schritte, den ich that, dünkte, als würde ich durch Hemmstricke festgehalten. Ich konnte mit dem Arme nicht mehr frei ausholen, und wankte in meinen Schuhen, wie ein Kind, das mit der englischen Krankheit behaftet ist. Die Köchin hatte meine alten Lumpen in's Kehrichtloch geworfen; aber so oft ich an demselben vorüber ging, warf ich einen sehnsüchtigen Blick auf meine abgelegte Kleidung, wobei ich den Wunsch nicht zu unterdrücken vermochte, sie wieder hervorzuziehen und gegen die neue einzutauschen. Ich wußte, welchen Werth sie für mich hatten; ich hätte daher, wie der Zauberer in Aladins Mährchen, gerne neue Lumpen für alte geboten, und mich mit tausend Freuden verlachen lassen, wenn ich nur wieder in den Besitz meines früheren Schatzes gekommen wäre. Mit der Küche und ihrem Inhalt war ich jetzt völlig vertraut, aber jeder andere Theil des Hauses und des Hausgeräthes war ein Gegenstand des Erstaunens für mich. Alles kam mir fremd, seltsam und unnatürlich vor, und weder Prinz Libuh, noch irgend ein anderer Wilder verwunderte sich mehr, als ich, da mir von den meisten Dingen der Gebrauch, von manchen sogar der Name unbekannt war. Ich konnte im buchstäblichen Sinne ein Wilder genannt werden, obgleich ich ein gutartiger und gelehriger Wilder war. Am Tage nach meiner neuen Einkleidung ward ich in's Wohnzimmer gerufen. Herr Drummond und seine Frau musterten mich in meinem veränderten Anzug, und erlustigten sich an meiner Unbehülflichkeit, während sie auf der andern Seite meinen wohlgefügten, kräftigen und geraden Gliederbau bewunderten, der in einem Rahmenwerk aufgespannt war, welches mir viel zu enge vorkam. Die kleine Sarah, die mir eine große Aufmerksamkeit schenkte, ging zu ihrer Mutter, und flüsterte ihr etwas in's Ohr. »Du mußt den Papa fragen,« lautete die Antwort. Ein zweites Geflüster und ein Kuß, und Herr Drummond sagte mir, ich möchte mit ihnen essen. Nach einigen Minuten folgte ich der Familie in's Speisezimmer, und zum ersten Male setzte ich mich zu einer Mahlzeit, welche sich einiger von den überzähligen Behaglichkeiten des gesitteten Lebens rühmen konnte. Hier saß ich aufgepflanzt auf einem Stuhle, und meine Füße machten ihre Pendelschwingungen dicht über dem Bodenteppiche, während mein Kopf vom Drucke meiner Kleider, wie auch von der Neuheit meiner Lage und Umgebung glühte. Herr Drummond legte mir eine siedend heiße Suppe vor, und ein silberner Löffel wurde mir in die Hand gesteckt. Ich besah ihn um und um, und betrachtete das Miniaturbild meines Gesichtes, das mir aus seiner Glanzfläche entgegenstrahlte. »Nun, Jacob,« sagte die kleine Sarah lachend, »mit dem Löffel mußt du die Suppe essen; spute dich, wir sind schnell fertig.« »Nimm's kaltblütig,« versetzte ich, meinen Löffel tief in die siedende Masse tauchend und in den Mund steckend. Aber alsbald brach ein Schauerregen aus meinem mißhandelten Schlunde hervor, und ein Schmerzgeheul begleitete die Erruption. »Der arme Junge hat sich den Mund verbrannt,« rief die Dame, einen Becher mit Wasser füllend. »Mit Weinen gewinnt man nichts,« versetzte ich unter einem Strom von Thränen, »geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« »Besser, es wäre nicht geschehen,« bemerkte Herr Drummond und wischte seinen Antheil an der freigebigen Spende von Rock und Weste. »Der arme Junge ist entsetzlich vernachlässigt,« sagte die gutherzige Frau Drummond. »Komm Jacob, setze dich und versuche es noch einmal; jetzt wird es dich nicht mehr brennen.« »Das nächste Mal mehr Glück,« bemerkte ich, eine Portion aufladend und mit zitternder Hand langsam zum Munde führend, so daß die Hälfte unterwegs über Bord fiel. Es war jetzt kalt, aber dennoch ging das Geschäft nicht sehr schnell von Statten; ich hielt meinen Löffel schief und beschmutzte meine Kleider. Frau Drummond trat in's Mittel und zeigte mir freundlich, wie ich mich anzustellen hätte, allein Herr Drummond meinte: »Laß den Jungen essen, wie er will, meine Liebe – nur etwas flink, Jacob; wir warten.« »Dann sehe ich nicht ein, warum ich so viel verschütten soll,« bemerkte ich, »indem ich es auf die Schaufel lade, während ich in einer Minute Alles auf einmal einschiffen kann.« Ich legte meinen Löffel weg, senke meinen Kopf, setzte meinen Mund an den Rand des Tellers und schlürfte den Rest in meinen Schlund, ohne einen Tropfen zu vergeuden. Mit vergnügter Miene sah ich mich nach Beifall um, und vernahm von Frau Drummond mit Erstaunen die ruhige Bemerkung: »Das ist nicht die rechte Art, Suppe zu essen.« Ich machte während des Essens so viele linkische Streiche, daß die kleine Sarah einmal über das andere laut auflachte, und dieß machte mich so unglücklich, daß ich mich von ganzem Herzen in meine Hundehütte an Bord des Lichters zurückwünschte, wo ich sonst mit dem ganzen Seligkeitsgefühl der Zufriedenheit und der ganzen Würde patriarchalischer Einfalt an meinem Zwieback nagte. Zum ersten Male fühlte ich die Pein der Demüthigung. Die Unwissenheit ist nicht immer mit Mangel an Selbstgefühl gepaart. An Bord des Lichters genügte ich mir, meiner Gesellschaft und meinen Pflichten. Wenn mein Arm hinreichte, um die ungeheure Masse durch das Gewässer zu leiten, fühlte ich eine Elasticität und Kraftfülle in mir, die mir Achtung gegen mich selbst einflößte. Dort war ich, ohne meine Empfindungen zergliedern zu können, der Lenker einer kleinen Welt, und an diesem Tische unter vernünftigen und gesitteten Wesen fühlte ich mich gedemüthigt und herabgewürdigt. Mein Herz überströmte vor Scham, und auf ein ungewöhnlich lautes Gelächter der kleinen Sarah überströmte auch das überfüllte Maß meiner Pein in eine Fluth von Thränen. Vom Gefühle meines verwundeten Stolzes überwältigt, legte ich, ohne alle Rücksicht auf die fürchterlichen Gesetze des Anstandes, meinen Kopf auf das Tafeltuch und schluchzte aus tiefstem Grunde meines Herzens. Da fühlte ich plötzlich einen warmen Hauch an meiner Wange. Ich sah furchtsam empor und erblickte das glühende, schöne Gesicht der kleinen Sarah, die sanften Augen mit Thränen gefüllt, und mit einem so schmeichelnden Ausdrucke auf mich gerichtet, daß mir auf einmal der Gedanke kam, ich müsse einigen Werth haben, und wolle mir Mühe geben, diesen Werth zu erhöhen. »Ich will nicht mehr über dich lachen, Jacob,« sagte sie, »höre auf zu weinen.« »Ich will nicht mehr weinen,« versetzte ich und heiterte mich auf. Sie blieb bei mir stehen, und im Gefühle der Dankbarkeit flüsterte ich: »Sobald ich ein Stück Holz bekomme, will ich dir einen Kahn ausschneiden.« »Papa, Jacob sagt, er wolle mir einen Kahn ausschneiden.« »Der Junge hat ein Herz,« sagte Herr Drummond zu seiner Frau. »Aber wird er auch schwimmen, Jacob?« fragte das Mädchen. »Ja, und wenn er sich auf die Lofseite legt, so nennt mich einen Pfuscher.« »Was ist das, Lofseite und Pfuscher?« fragte Sarah. »Nun weißt du das nicht?« rief ich und fühlte wieder Selbstvertrauen, weil ich sah, daß ich in diesem unbedeutenden Falle mehr wußte, als sie. Drittes Kapitel. Ich werde in eine Armenschule geschickt, worin das Benehmen gegen die Armen kein Gegenstand der Erziehung ist. – Die Eigentümlichkeiten des Schulmeisters und die Zauberwirkungen des Schneuzens. – Eine Untersuchung über den Buchstaben A , welche meinen ganzen Schatz von Gelehrsamkeit über Bord wirft. Ehe ich das Zimmer verließ, standen Sarah und ich in tiefer Unterhaltung am Fenster, während Herr und Frau Drummond, in ähnlicher Weise beschäftigt, am Tische saßen. Das Ergebniß des Gespräches zwischen Sarah und mir war die Vertraulichkeit der Kinder, das Ergebniß des Gespräches zwischen Herr und Frau Drummond der Vernunftschluß, je früher ich irgendwo untergebracht werde, desto besser sei es für mich. Herr Drummond war bei der Leitung einer Armenschule in der Nähe von Brentford betheiligt und verlor keine Zeit, mir die Aufnahme in dieselbe zu verschaffen. Noch ehe meine Kleider völlig zu Grunde gerichtet waren (ich hatte sie nämlich bald drei Wochen getragen), erhielt ich einen neuen Anzug, und zwar eine Uniform, bestehend in einem langen Pfeffer- und salzfarbigen Rock, gelbe Lederkniehosen, eine gestrickte Mütze mit einer Trottel, ein Paar Strümpfe nebst Schuhen, und ein großes blechernes Brustschild mit der Nummer 63, welche, da ich der zuletzt eingetretene Knabe war, die Totalsumme der Schüler anzeigte. Mit Bedauern verließ ich die Wohnung des Herrn Drummond, der es zu Miß Sarah's und meinem Leidwesen nicht für gerathen hielt, die Vollendung des Kahnes abzuwarten. Herr Drummond begleitete mich selbst nach der Schule, und unterwegs begegneten wir dem ganzen Zuge auf einem Spaziergange. Ich ward eingereiht und erhielt noch zum Abschied eine freundliche Ermahnung von meinen würdigen Beschützern. Wie wir so dahinschritten, glichen wir einem Regimente gelbschenklichter Krammetsvögel, welche zu menschlichen Pendelstangen aufgestrafft waren. Man denke sich den letzten Sprößling der Ehrliche, gepfeffert, gesalzen und geschildet, so daß die ganze Welt erkennen konnte, er sei ein Armenschüler, und man nehme noch Rücksicht auf die Armen in der Welt. Aber wenn Helden, Könige, große und gewichtige Männer dem Verhängnisse unterworfen find, so kann man nicht erwarten, daß ihm Lichterknaben entgehen sollten. Ich ward vom Geschick dazu verdammt, Erziehung, Kost, Wohnung und Kleidung frei, gratis und umsonst zu bekommen. Jede Gesellschaft hat ihr Haupt und, ich wollte eben hinzufügen, jeder Kreis seinen Mittelpunkt, aber die Vergleichung paßt nicht auf meinen Fall, denn unser Kreis hatte zwei Mittelpunkte, oder um dem Gange des ersten Gedankens zu folgen, zwei Häupter – das Schulhaupt und das Haushaupt – das Haupt mit der Ruthe und das Haupt mit Schwefel und Syrup – der männliche und der weibliche Vorstand, von denen jedes wieder sein Anhängsel hatte – der eine den Unterlehrer, der andere das Hausmädchen. Aber von diesem Quartett war der Herr des Hauses nicht nur das wichtigste, sondern auch das würdigste Glied; und da er noch lange nach der Vollendung meiner Erziehungslaufbahn auf den Blättern meiner Erzählung auftreten wird, so will ich bei meiner Beschreibung des Domine Dobiensis, wie er sich gerne betiteln ließ, oder des Trauerdobbs, wie ihn seine pflichtgetreue Schuljugend zu nennen pflegte, etwas länger verweilen. Da in unserer Schule der Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen die Hauptsache war, so hatten die Direktoren gerade den Domine als den Tauglichsten unter den Bewerbern gewählt, weil er erstens ein Werk über die griechischen Partikeln geschrieben hatte, welches Niemand verstand, und zweitens besonders als Mathematiker ausgezeichnet war, indem er, wie die Sage geht, mittelst imaginärer Größen die Quadratur des Zirkels entdeckt hatte: eine Entdeckung, die er aus Furcht, durch Verrätherei um den Ruhm derselben gebracht zu werden, bis jetzt noch der Welt vorenthielt. Außerdem hatte er auch eben so viele Fehler in den Beweisen Euklid's aufgefunden, als Joey Hume in den Armee- und Flottenlisten, wodurch er auch dem Vaterlande einen eben so großen Dienst leistete, als besagter Edelmann mit den Ergebnissen seines Scharfsinnes. Domine Dobiensis vegetirte in unserem Jahrhundert und Lande, lebte aber im klassischen Alterthume und im Reiche der Algebra. Einmal erfaßt von einem mathematischen Problem oder einer griechischen Reminiscenz, trat er aus dem wirklichen Leben heraus und war für die Außenwelt verloren. Sein Körper blieb am Pulte und athmete, aber seine Seele war weg. Diese Eigenthümlichkeit war den Schülern gar wohl bekannt, und sie pflegten zu sagen: »Domine weilt im Reich der Träume und spricht im Schlaf.« Domine Dobiensis überließ das Lesen und Schreiben dem Unterlehrer und suchte, gegen die Statuten der Anstalt, die Knaben wo möglich in die Mathematik, das Lateinische und Griechische hineinzuzwängen. Der Unterlehrer besaß keine überwiegende Fähigkeit, die beiden erstgenannten Fächer zu lehren, und die Knaben keinen überwiegenden Willen, die drei letztgenannten zu lernen. Der Schulmeister war zu gelehrt, der Unterlehrer zu unwissend, und deßhalb lernten die Schüler wenig. Der Domine war ernst und reizbar, aber er besaß eine innere Heiterkeit und das beste Herz. Seine Züge konnten nicht lachen, aber sein Kehlkopf. Die Erschütterung verbreitete sich nicht weiter, als durch die Knorpelringe der Luftröhre, und wurde von dort an durch den Impuls des Ernstes in die Region des Herzens zurückgedrängt, in dessen dunklem Mittelpunkt sich die Heiterkeit ihrem verborgenen Genusse hingab. Der Domine war ein Freund von Wortspielen, mochten sie englischen, griechischen oder lateinischen Ursprungs sein. Wortspiele in den beiden letztgenannten Sprachen wurden nur von ihm gemacht, und da sie außer ihm Niemand verstand, so erfreuten sie auch Niemand, als ihn. Aber seine Liebe zu dieser Art von Witz war ernster Natur; er liebte sie mit Würde – sie war für ihn kein Gegenstand des Lachens. Von Person war Domine Dobiensis ungefähr sechs Fuß hoch, ein mit Sehnen und Knochenbändern überkleidetes Gerippe. Sein Gesicht war lang und seine Züge groß; aber sein vorherrschender Zug war die Nase, welche die andern trotz ihrer großen Verhältnisse völlig in Schatten stellte. Sie war ein Wunder, eine Lächerlichkeit, aber er tröstete sich – Ovid hieß Naso. Es war weder eine Adlernase, noch das Gegentheil davon – weder eine stumpfe, noch eine dicke, weder eine kupferrothe, noch eine pfeifende, sondern trotz der Größe ihrer Verhältnisse eine geistreiche Nase, dünn, hornartig durchsichtig und sonor. Ihr Schnauben war voll Wirkung und ihr Schneuzen die Stimme eines Orakels. Ihr bloßer Anblick war Achtung gebietend, ihr Laut in den Schulstunden verhängnißvoll. Aber die Schüler liebten diese Nase wegen der Warnung, die sie ihnen gab. Gleich den Klappern der gefürchteten Schlange, wodurch dieses Gewürm seine Nähe verräth, gab sie den Schülern den Wink, auf der Hut zu sein. Ein Paar Stunden widmete der Domine dieser Welt und seiner Pflicht, dann vergaß er die Schule und Schüler und machte eine Reise in die Welt Griechenlands oder der Algebra. Wenn er dann seine x , y und z machte, wußten die Zöglinge, daß sie sicher waren, und ließen ihre Arbeit liegen. Warst du je Augenzeuge der magischen Wirkung einer Trommel in einem Dorfe, wenn das Werbekommando mit seinen buntfarbigen Bändern einen geistaufwirbelnden Wirbel schlägt? Die Weiber verlassen ihre häuslichen Geschäfte und eilen an die Thüre der Hütte, während die Dirnen staunend und voll Furcht über ihre Schultern wegschielen. Die jungen Bursche strecken zögernd die Köpfe in die Höhe und stehen endlich aufrecht und stolz; der linkische Bauer verschwindet, der schwerfällige Gang verwandelt sich in einen elastischen Schritt, jede Muskel scheint straffer angezogen, jede Sehne neu gespannt; das Blut kreist in schnellerem Laufe; die Pulse schlagen, die Herzen pochen, die Augen funkeln, und sobald der kriegerische Laut das Gerüste ihres Bauernkörpers durchschüttert, sind die Cimone des Pfluges wie durch einen Zauberschlag in angehende Kriegshelden umgewandelt: – alle diese Wunder werden durch Schläge auf die Haut des sanftesten und harmlosesten Geschöpfes von der Welt hervorgebracht. Aus Mangel an einem synthetischen Gleichniß haben wir unsere Zuflucht zu einem antithetischen genommen. Das Schneuzen der Nase des Domine brachte die entgegengesetzte Wirkung hervor. Es war das Signal, daß er seine Geistesreise beendigt und wieder in der Schule sein Absteigequartier genommen hatte, – daß der Lehrer mit seinen x , y und z fertig und die Zeit nun an den Schülern war, an ihre p und q zu denken. Auf dieses Warnungszeichen eilte Jeder an seinen Platz, wie die Soldaten auf das Signal zum Antreten. Halb abgebissene Aepfel wurden in die nächste beste Tasche gesteckt – Schlüsselbüchsen verschwanden – Schlachten verschob man auf eine gelegenere Zeit – Bücher wurden aufgeschlagen und die Augen darauf gerichtet – Gestalten, welche ihrem Bildungstrieb nach allen Seiten Raum gegeben hatten, nahmen eine gleichförmige, über die Pulte hingebogene Haltung an – die Stille ward wieder hergestellt, die Ordnung wieder in ihre Rechte eingesetzt, und Mr. Knapps, der Unterlehrer, der sich diese Interregna ebensowohl zu Nutzen machte, als die Schüler, eilte auf den wohlbekannten Warnungslaut aus dem Zimmer der Wirthschafterin, in das er entwichen war, an das Folterpult zurück. – Dieß waren die Zauberwirkungen eines Schneuzens der sonoren und friedenbringenden Nase des Domine Dobiensis. »Jacob Ehrlich, komm herbei,« waren die ersten Worte, welche den andern Morgen an mein Trommelfell schlugen, als ich meinen Sitz am untersten Ende der Schule eingenommen hatte. Ich stand auf und bahnte mir den Weg durch zwei Linien Knaben, welche die Beine vorstreckten, um mich auf meinem Gange durch ihre Reihen zu Falle zu bringen. Nachdem ich alle Schwierigkeiten überwunden hatte, stand ich in einer Entfernung von drei Fuß dem hohen Pulte des Schulmeisters gegenüber, der von seinem Throne auf mich niederblickte, wie der olympische Jupiter in der guten alten Zeit auf die Sterblichen. »Jacob Ehrlich, kannst du lesen?« »Nein, ich kann es nicht,« erwiederte ich; »wollt' ich könnt's.« »Brav geantwortet, Jacob, dein Wunsch soll erfüllt werden. Kannst du das ABC?« »Ich weiß nicht, was das ist.« »Dann kannst du es nicht. Herr Knapps wird dich unterrichten. Du wirst sofort zu Herrn Knapps gehen, welcher den Schülern die Anfangsgründe beibringt, Lucide Puer , Lichterknabe, du hast ein gescheides Aussehen.« Bei diesen Worten hörte ich ein Geräusch aus seiner Brusthöhle, das dem »Gluck, Gluck« ähnlich war, wenn meine arme Mutter Wachholder aus dem großen steinernen Kruge goß. »Mein kleiner Seefahrer,« fuhr er fort, »du bist ein angespültes Kraut, ein aufgefangenes Wrack von der Mutter Themse. » Fluviorum rex Eridanu ».« (Gluck, Gluck.) »Bei deinem Lernen sei du selbst – das heißt ehrlich. Herr Knapps, führen Sie ihn sofort in die cadmäische Kunst ein.« Bei diesen Worten steckte der Domine Dobiensis seine große Hand in die rechte Rocktasche, in welcher er seinen Schnupftabak führte, ohne ihn in ein zweites Gehäuse einzuschließen, und holte eine große Prise, welche wegen Mangels an Vorrath größtentheils aus Härchen und Baumwollenfasern bestand, die sich in der Ecke der Tasche gesammelt hatten. Nach diesem nahm er die erste Klasse vor, während mich Herr Knapps zu meiner ersten Unterrichtsstunde rief. Herr Knapps war ein hagerer, schwindsüchtig aussehender, junger Mann von durchaus verjüngten Verhältnissen, dem Anscheine nach neunzehn bis zwanzig Jahre alt, mit rothen Iltisaugen und ohne das geringste Merkmal beginnender Mannbarkeit, aber nichts desto weniger sehr hochfahrend; da es ihm jedoch nicht gestattet war, den Schülern Puffe zu versetzen, wenn der Domine im Zimmer war, so spielte er den Tyrannen mit um so größerem Nachdruck, wenn ihm der Oberbefehl übertragen war. Der Lärm und die Unordnung rechtfertigten dann allerdings sein Eingreifen, aber die Rücksicht, die man auf ihn nahm, reducirte sich auf Null. Er hatte die Gewohnheit, den augenfälligsten Uebelthäter zur Zielscheibe zu wählen und sein Lineal nach ihm zu schleudern, mit dem Befehle, dasselbe sogleich zurückzubringen. Diesem Befehle wurde aus mehr als einem Grunde Folge geleistet; denn wurde der Verbrecher getroffen, so war er froh, daß nun die Reihe an einen Andern kam, verfehlte aber Herr Knapps – der eben kein ausgezeichneter Schütze war, da er noch nie ein Kamtschatkalisches Hundegespann geleitet hatte, – wie gewöhnlich sein Ziel und traf einen Andern, der die Strafe, wenn er sie auch nicht gerade in diesem Augenblicke verdiente, entweder früher schon verschuldet hatte oder später noch verschuldete, so wurde das Lineal aus dem Grunde zurückgebracht, weil in solchem Falle keine Züchtigung damit verbunden war, wiewohl sie der Monarch beabsichtigt hatte. Dem sei indessen, wie da wolle, das Lineal wurde regelmäßig zurückgebracht und Herr Knapps schleuderte es nach seinen Knaben, als wären es Fastnachtshähne, zu großer Gefahr für ihre Köpfe und Extremitäten. Außerdem weiß ich von Herrn Knapps wenig mehr zu sagen, als daß er einen weiten Oberrock von schwarzem Rasch trug, an dessen linkem Aermel er seine Feder und am rechten seine Triefnase abwischte. »Was ist das, Junge?« fragte Herr Knapps, auf den Buchstaben A deutend. Ich betrachtete ihn aufmerksam und glaubte, eine von meines Vaters Hieroglyphen zu erkennen. Deßhalb antwortete ich: »das ist ein halbes Bushel,« und meine Vermuthung hatte gewiß ihre Gründe. »Ein halbes Bushel! Du bist mehr als ein halber Narr. Das ist der Buchstabe A.« »Nein, es ist ein halbes Bushel, mein Vater hat es mir gesagt.« »Dann war dein Vater ein so großer Narr, als du.« »Mein Vater wußte, was ein halbes Bushel ist, und ich weiß es auch: das ist ein halbes Bushel.« »Ich sage dir, es ist der Buchstabe A,« rief Herr Knapps wüthend. »Es ist ein halbes Bushel,« versetzte ich mürrisch, und blieb bei meiner Behauptung. Herr Knapps, der mich nicht zu strafen wagte, weil der Domine zugegen war, stieg von seinem einstufigen Throne herab und führte mich vor den Schulmeister. »Mit diesem Jungen ist nichts anzufangen, Sir,« sagte er, roth wie Feuer; »er leugnet den ersten Buchstaben im Alphabet, und beharrt darauf, A sei nicht A, sondern ein halbes Bushel.« »Glaubst du, in deiner Unwissenheit lehren zu müssen, wo du gekommen bist, um zu lernen, Jacob Ehrlich?« »Mein Vater sagt immer, das bedeute ein halbes Bushel.« »Dein Vater mag sich vielleicht dieses Buchstabens bedient haben, um das Maß zu bezeichnen, von dem du sprichst, wie ich in meiner Mathematik verschiedene Buchstaben für bekannte und unbekannte Größen sehe; aber du mußt vergessen, was dich dein Vater gelehrt hat; du mußt de novo anfangen, verstehst du?« »Nein.« »Nun, das stellt den Buchstaben A vor, Jacob, und was dir Herr Knapps sagt, mußt du Alles glauben. Gehe jetzt und sei folgsam.« Viertes Kapitel. Fertigkeit der Hand auf Kosten meiner Füße. – Eines Mannes Taschen füllen ist ein eben so großes Verbrechen, als sie leeren, und wird demgemäß bestraft. – Ein Ausfall, ein Ueberfall und ein Fall. – Frühere Eindrücke werden verbannt und die vordringenden Gedanken durch die Zauberkraft des Spanischen Rohrs zurückgeschlagen. Nachdem ich das ganze Alphabet durchlaufen hatte, ward ich von Herrn Knapps entlassen. Ich kehrte an meinen Platz zurück, um es nach Muße wiederzukäuen, wurde aber durch die seltsame Zusammensetzung der Formen verwirrt, aus welchen das Alphabet bestand. Ich fühlte mich unbehaglich und gespannt in meinen Schuhen; sie waren schon vom ersten Augenblick an ein Gegenstand des Abscheus für mich gewesen. Zuerst streifte ich den einen ab, dann entledigte ich mich des andern, und dachte eine Zeitlang nicht mehr an diesen Theil meiner Bekleidung. Mittlerweile hatten sie die zunächst sitzenden Knaben mit den Füßen zu den entfernteren fortgeschoben, und so waren sie immer weiter gewandert, bis sie endlich hart am Pulte des Domine standen. Ich vermißte sie, und als ich bemerkte, daß man sich auf meine Kosten lustig machte, stellte ich in der Stille meine Beobachtungen an. Ich blickte hinauf und hinunter, und sah endlich, wie einer von den Ersten, der dem Domine zunächst saß, einen meiner Schuhe vom Boden nahm, und dem Domine, dessen Geist auf der Wanderschaft war, in die Rocktasche steckte. Kurze Zeit darauf stand der Knabe auf, ging zu Herrn Knapps, richtete eine Frage an ihn, steckte ihm, während sie beantwortet wurde, den andern Schuh in die Tasche und kehrte, gegen die andern Knaben kichernd, zu seinem Sitze zurück. Ich sagte nichts. Als aber die Schulstunden vorüber waren, sah der Domine auf seine Uhr, schneuzte seine Nase (worauf die Knaben ihre Köpfe emporstreckten, wie Roderich Dhu's Clansmänner, wenn sie sein Horn vernahmen), faltete langsam und würdevoll sein großes Taschentuch zusammen, als wäre es eine Fahne, steckte es in die Tasche und sprach mit feierlichem Tone: » Tempus est ludendi .« Da diese lateinische Redensart täglich zur nämlichen Stunde wiederkehrte, so verstand jeder Knabe so viel Latein. Ein allgemeiner Lärm erhob sich. Schreiend, jauchzend und springend verschwanden Alle. Nur ich blieb fest auf meiner Bank sitzen. Der Domine stand von seinem Pulte auf und stieg herab, der Unterlehrer that das Gleiche, und beide näherten sich mir auf ihrem Wege zu ihren betreffenden Zimmern. »Jacob Ehrlich, warum bist du so vertieft in dein Buch, – hast du nicht verstanden, daß die Stunde der Erholung gekommen ist? Warum machst du dich nicht auf die Beine, wie die Uebrigen?« »Weil ich meine Schuhe nicht habe.« »Und wo sind deine Schuhe, Jacob?« »Der eine ist in Ihrer Tasche,« versetzte ich, »und der andere in seiner.« Beide griffen nun in ihre Tasche und überzeugten sich durch den Tastsinn von der Wahrheit meiner Aussage. »Erkläre, Jacob,« sagte der Domine, »wer hat das gethan?« »Der große Junge mit dem rothen Haar und einem Gesichte, das so durchlöchert ist, wie die blechernen Seiher in der Küche des Herrn Schulmeisters,« versetzte ich. »Herr Knapps, es wäre infra dig. – unter meiner und Ihrer Würde, wenn wir diesen Mangel an Ehrerbietung ungestraft ließen. Läuten Sie den Jungen.« Die Knaben erschienen auf das Glockenzeichen und ich wurde aufgefordert, den Frevler zu bezeichnen, was auch sofort geschah. Er läugnete hartnäckig; aber er hatte meine Schuhriemen aufgelöst und in seine eigenen Schuhe befestigt. Ich erkannte sie, und dieß reichte hin. »Barnabas Hosengürtel,« sagte der Domine, »du bist nicht nur der Unehrerbietigkeit gegen mich und Herrn Knapps, sondern auch der schweren Sünde des Lügens überwiesen. Simon Swapps, fasse ihn.« Er ward gefaßt, seine Untergewandung fiel, und dann fiel das Birkenreiß mit der ganzen Kraft des nervigen Armes unseres Domine auf sein Opfer. Barnabas Hosengürtel deutete seine Mißbilligung der genommenen Maßregel auf alle Weise an, aber Simon Swapps hielt fest, und der Domine blieb fest im Takte. Eine Minute dauerte die Geißelung, dann ward Barnabas losgegeben; seine gelben Hosen wurden hinaufgezogen und die Knaben entlassen. Barnabas' Gesicht war roth, aber das Gegenstück desselben war röther. Der Domine entfernte sich. Wir blieben allein – er mit seinen Unaussprechlichen, ich mit meinen Schuhriemen beschäftigt. Barnabas hatte endlich seine Beinkleider befestigt, desgleichen auch seine Augen getrocknet, und ich stand in meinen Schuhen. Wir waren tête-à-tête. »So komm' jetzt auf den Spielplatz, Meister Aschenbrödel,« sagte Barnabas, mir die Faust unter die Nase haltend und mit der andern Hand das Gesicht reibend, »ich will dir einmal das Fell durchgerben.« »Mit Weinen gewinnt man nichts,« versetzte ich besänftigend, denn ich hatte nicht gewollt, daß er gegeißelt werden sollte. »Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Hat es dir weh gethan?« Meine beabsichtigte Tröstung wurde als Hohn ausgelegt. Barnabas schäumte. »Nimm's kaltblütig,« sagte ich. Barnabas wurde noch grimmiger. »Das nächste Mal mehr Glück,« fuhr ich ihn zu besänftigen fort. Barnabas ward wüthend. – Er schüttelte die Faust, rannte auf den Spielplatz und forderte mich heraus, ihm zu folgen. Seine Drohungen hatten kein Gewicht bei mir. Ich mochte nicht im Zimmer bleiben und folgte ihm daher nach ein Paar Minuten. Er stand in der Mitte der übrigen Knaben, wo er laut und heftig declamirte. »Aschenbrödel, wo hast du deine gläsernen Pantoffeln?« riefen die Knaben, als ich erschien. »Heraus, du Wasserratte!« rief Barnabas, »du Sohn eines Aschenhaufens.« »Heraus und mit ihm gebalgt, oder du bist eine Memme!« rief der ganze Schwarm von Nro. 1 bis Nro. 62 inclusive . »Ich meine, er habe seinen Theil,« versetzte ich, »er thäte besser, mich nicht anzurühren, – ich weiß meine Arme zu gebrauchen.« Es wurde ein Kreis geschlossen, in dessen Mitte Barnabas und ich standen. Er warf seine Kleider ab, ich deßgleichen. Er war weit älter und beleibter als ich, und konnte mit der Faust umgehen. Nur ein Knabe trat mir als Sekundant zur Seite. Barnabas trat vor und streckte seine Hand aus. Ich glaubte, es sei Alles vorüber, und schüttelte sie herzlich; aber bald hatte ich eins auf der rechten und eins auf der linken Wange, so daß ich zurücktaumelte. Dieß war mir ein vollkommenes Räthsel, aber es rührte meine Galle auf, und ich gab das Empfangene mit Zinsen zurück. Ich besaß, wie sich leicht vermuthen läßt, eine ordentliche Stärke in meinen Armen und warf sie umher, wie die Flügel einer Windmühle, denn ich fiel nie gerade aus, sondern immer in Halbkreisen, und traf stets an oder um die Ohren. Mein Widersacher dagegen führte immer gerade Hiebe und bald war meine Nase und Gesicht mit Blut bedeckt. Schmerz und Zorn machten mich warm; ich ließ meine Arme auf Gerathewohl kreisen, und Barnabas versetzte mir einen Streich, der mich zu Boden streckte. Ich ward aufgerichtet und auf meines Sekundanten Kniee gelegt; während ich das Blut aus meinem Munde spuckte, flüsterte mir dieser zu: »Nimm's kaltblütig und ziele besser.« Mein eigener – meines Vaters Grundsatz – ausgesprochen von einem Andern, traf mich mit doppelter Gewalt, und ich vergaß ihn während der ganzen Dauer des Gefechtes nicht mehr. Wir standen wieder Stirn gegen Stirn. Ich hatte eins, rechts und eins links, und gab es an's rechte und linke Ohr zurück. Barnabas fiel aus – ich lag wieder am Boden. »Das nächste Mal mehr Glück,« sagte ich zu meinem Sekundanten so kaltblütig, wie eine Gurke. Es folgte ein dritter und ein vierter Gang, wobei dem Anscheine nach Barnabas, in der That aber ich im Vortheile war. Mein Gesicht war zu einer Mumie zerschlagen, aber mein Gegner wurde durch die fortwährenden Angriffe auf seine Schläfe gleichsam betrunken. Keuchend und erschöpft standen wir wieder auf. Barnabas stürzte auf mich los; ich wich ihm aus, und ehe er den Angriff wiederholen konnte, hatte er wieder zwei so tüchtige Streiche an den Ohren, daß er taumelte. Er schüttelte den Kopf und fragte mich, seine Fäuste zur Vertheidigung bereit haltend, ob ich genug hätte. »Er hat's, « sagte mein Sekundant, »stecke ihm, Jacob, und er stürzt.« Ich versetzte ihm drei oder vier Streiche an meinen gewohnten Zielpunkt. Er fiel besinnungslos zu Boden. »Der hat seinen Treff,« rief mein Sekundant. »Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern,« sagte ich. »Ist er todt?« »Was soll das?« rief Herr Knapps, sich in Begleitung der Hausmutter durch das Gedränge arbeitend. »Barnabas und Aschenbrödel machen's miteinander aus, Sir,« versetzte einer der älteren Knaben. Die Frau, die bereits eine gewiße Vorliebe für mich gefaßt hatte, weil ich gut aussah und ihr von Frau Drummond empfohlen worden war, eilte auf mich zu. »Schön,« sagte sie, »wenn der Domine dieses plumpe Vieh nicht durchwalkt, so will ich sehen, wer Herr im Hause ist.« Damit nahm sie mich bei der Hand und führte mich von dannen. Herr Knapps beschäftigte sich mit Barnabas, der immer noch bewußtlos dalag, und ließ ihn durch einige Knaben zu Bette bringen. Er athmete, aber die Besinnung wollte nicht zurückkehren, weßhalb ein Wundarzt gerufen wurde, der es für nöthig hielt, einige starke Aderlässe vorzunehmen. Auf das Verlangen der Hausfrau kam der Heilkünstler auch zu mir. Meine Züge waren nicht mehr erkennbar, aber alles Uebrige in Ordnung. Bei der Untersuchung meiner Arme bemerkte der Wundarzt: »Es scheint sonderbar, daß der größere Knabe so hart mitgenommen wurde; aber dieser Junge hat Arme, wie zwei kleine Schmiedehämmer . Ich empfehle euch,« fuhr er, zu den umstehenden Knaben gewendet, fort, »machet euch nicht an ihn, er könnte früher oder später einen von euch todtschlagen.« Diese Empfehlung wurde von den Knaben nicht vergessen, und von diesem Tage an war ich der Schulhahn. Der Name Aschenbrödel, der mir von Barnabas gegeben wurde, um mich wegen des Todes meiner Mutter zu verspotten, ward alsbald verabschiedet, und ich litt keine Verfolgung mehr. Es war die Gewohnheit des Domine, wenn sich zwei Schüler balgten, beide durchzuprügeln: aber in diesem Falle trat Begnadigung ein, weil ich nicht der angreifende Theil, und mein Gegner kaum mit dem Leben davon gekommen war. Eine Woche lang blieb ich unter der Pflege der Hausmutter, und Barnabas ungefähr eben so lange unter den Händen des Wundarztes. Auch in meinen Studien blieb ich nicht zurück. Nachdem ich mich durch die Anfangsgründe durchgekämpft hatte, machte ich reißende Fortschritte; aber ich hatte eine eigenthümliche Schwierigkeit zu überwinden – nämlich die Gewohnheit, Alles meinen beschränken Begriffen anzupassen. Die Ideenverbindung war so herrisch in mir geworden, daß ich sie lange nicht zu bemustern vermochte. Herr Knapps beklagte sich beständig über mein starrköpfiges Wesen, während ich nichts sehnlicher wünschte, als ihn zu befriedigen und etwas zu lernen. Beim Buchstabiren rief zum Beispiel die erste Sylbe irgend eine Begriffsverbindung in mir hervor, die mit meiner frühern Lebensweise zusammenhing. Ich erinnere mich, daß mir der Domine, nachdem ich ungefähr vierzehn Tage in der Schule war, einmal, aber nur einmal, das spanische Rohr zu kosten gab. Ich war ihm von Herrn Knapps als muthwillig bezeichnet worden. »Jacob Ehrlich, was soll das heißen? Du hast einen guten Kopf und weigerst dich zu lernen. Sag' mir einmal, was heißt K-a-tz?« Es war der Ansatz zu Katzenkopf , und ich antwortete demgemäß: »Katzenkopf.« »Nein, Jacob, es heißt Katz; nimm du deinen Kopf bei der nächsten Antwort in Acht. Verstehe mich, Kopf gehört nicht dazu. Jacob, dein Kopf ist in Gefahr. Nun, Jacob, was heißt Z-e-u-g?« » Reibzeug .« antwortete ich. »Einfältiger Junge, es heißt nur Zeug; das Reiben wird nächstens angehen. Nun, Jacob, was heißt H-u-n-d?« » Hundstall .« »Hund, Jacob, ohne den Stall. Du bist sehr muthwillig und verdienst in den Stall gesperrt zu werden. Nun, Jacob, dieß ist das letzte Mal, daß du dein Spiel mit mir treibst, was heißt H-u-t?« » Pelzmütze ,« versetzte ich nach einigem Zögern. »Jacob, die Galle regt sich in mir, und doch möchte ich dich gern verschonen. Wenn Hut Pelzmütze heißt, was heißt dann P-e-l-z?« » Schafspelz .« »Gib Acht. Jacob, daß ich dich nicht durchpelze, du Schafskopf; vermuthlich heißt dann F-i-sch Stockfisch?« »Ja, Sir,« erwiederte ich, und freute mich, daß er mit mir übereinstimmte. »Was heißt nach demselben Grundsatze S-u-p-p-e?« » Suppe , Sir,« antwortete ich. »Nein, Jacob, S-u-p-p-e muß Prügelsuppe heißen; und da du gegen deine eigene Buchstabirmethode gefehlt haft, so soll es auch nicht an der Prügelsuppe fehlen.« Nach diesen Worten bearbeitete der Domine meine Schultern mit gehöriger Salbung, zur nicht geringen Freude des Herrn Knapps, der die Strafe im Vergleich mit meinem Vergehen für noch viel zu gelind hielt; doch wie sich meine Begriffe erweiterten, sagte ich mich allmälig von diesen Ideenverbindungen los und wurde bald von Domine für den fähigsten Knaben in der Schule erklärt. Sei es, daß ich von Natur mit einer besonderen Fassungskraft begabt war, oder daß mein Gehirn durch das vieljährige Brachlegen besondere Kräfte erlangt hatte, ich lernte einmal, als wäre es mir eingegossen. Wenn ich meine Aufgabe einmal überlesen hatte, legte ich mein Buch bei Seite, denn ich wußte sie auswendig. Auch war ich noch keine sechs Monate in der Schule, als ich die Entdeckung machte, daß in tausend Fällen unter der rauhen Schale des Domine eine väterliche Liebe gegen mich hervorschimmerte. Am dritten Tage des siebenten Monats war es, glaube ich, daß ich ihm einen Tag des Triumphes und der Seligkeit bereitete. Er nahm mich zum ersten Male in sein kleines Studierzimmer und gab mir die lateinische Elementargrammatik in die Hand. In einer Viertelstunde lernte ich meine Lection, und ich erinnere mich noch genau, wie mir der ernste, niemals lächelnde Mann in die lachenden Augen schaute, die kastanienbraunen Locken, welche mir die Hausmutter nicht abschneiden wollte, aus der Stirne strich und sagte: » Bene fecisti, Jacobe .« Wenn die Lection vorüber war, lehnte er sich in seinem Stuhle zurück und betrachtete mich mit unverwandten Blicken. Dann mußte ich ihm Alles erzählen, was ich noch von meinem früheren Leben wußte. Dieß bestand jedoch blos in Erinnerungen an Vorstellungen und Gefühle. Er hörte mir aufmerksam zu, und wenn ich einen frühen und sonderbaren Eindruck schilderte, oder eine Vermuthung über einen Gegenstand aussprach, den ich an dem für mich unnahbaren Ufer gesehen hatte, ohne ihn mir erklären zu können, rieb er sich voll Begeisterung die Hände und sagte: »Ich habe ein neues Buch gefunden – ein Album, in das ich die Thaten der Helden, und die Worte der Weisen schreiben will, Carissime Jacobe , wie glücklich werden wir sein, wenn wir an den Virgil kommen!« Ich brauche kaum zu sagen, daß ich ihn liebte. Ja, ich liebte ihn von Herzen und lernte mit Eifer, um ihm zu gefallen. Ich fühlte mich – mein Selbstvertrauen war unbegränzt. Stolz ging ich einher, aber eitel war ich nicht. Meine Mitschüler haßten mich, aber sie fürchteten mich auch, und zwar sowohl wegen meiner Tapferkeit, als auch wegen des Verhältnisses, in welchem ich zum Schulmeister stand; dennoch fehlte es nicht an bittern Bemerkungen und Stichelreden, die ich mit anhören mußte, wenn wir uns zu Tische setzten. Uebrigens unterhielt ich mich meistens mit dem Domine, der würdigen alten Dame und meinen Büchern. Täglich machten wir einen Spaziergang, wobei uns Anfangs Herr Knapps begleitete. Mit mir gingen die Knaben nie ohne ausdrücklichen Befehl, und wenn es ihnen befohlen wurde, so geschah es mit größtem Widerwillen, obwohl ich keinen derselben beleidigt hatte. Die Hausmutter, welche dieß bemerkte, theilte es dem Domine mit, und von dieser Zeit begleitete der Domine die Knaben, wobei er mich an der Hand führte. Dieß war höchst vorteilhaft für mich, da er alle meine Fragen beantwortete, deren ich nicht wenige an ihn richtete. Täglich erweiterte ich den Umfang meiner Kenntnisse in jeder Richtung. Ehe ich anderthalb Jahre in der Schule war, fühlte sich der Domine unglücklich, wenn er nicht bei mir war, und ich suchte eben so begierig seine Gesellschaft. Er war ein Vater gegen mich, und ich liebte ihn, wie ein Sohn seinen Vater lieben soll. Er blieb, wie es sich später zeigen wird, mein Führer durch das ganze Leben. Aber ob mir gleich mein Sieg über Barnabas Hosengürtel und die Probe von meiner Tapferkeit Achtung gewann, gab doch die wohlwollende Gesinnung des Domine gegen mich Veranlassung zu einem tief gewurzelten Haß. Mich zu beschimpfen und offen anzugreifen, wagte Niemand, aber unter dem Beistande des Herrn Knapps, der nicht minder eifersüchtig auf mich war, und gleichfalls eine kleine Seele hatte, verschworen sich meine Mitschüler, mich durch geheime Umtriebe wo möglich in der guten Meinung meines Lehrers zu stürzen. Barnabas Hosengürtel hatte Talent für Zerrbilderzeichnungen, was, außer dem Domine, Allen wohlbekannt war. Sein erster Versuch gegen mich war eine Karikatur meiner Mutter, worin sie als eine Lampe dargestellt war, die von einer Wachholderflasche genährt wird, während die Flamme aus ihrem Munde schlägt. So wurde mir gesagt, gesehen habe ich das Bild nicht. Barnabas gab es Herrn Knapps, der es sehr lobte und in sein Pult verschloß. Nachher machte Barnabas eine häufig wiederholte Karikatur des Domine, mit einer ungeheuren Nase, die er dem Unterlehrer als meine Zeichnung wies. Der Unterlehrer verstand, was Barnabas wollte, und verschloß sie in sein Pult, ohne ein Wort zu sprechen. Es wurden noch mehrere lächerliche Zerrbilder des Domine und der Hausmutter entworfen, welche dem Unterlehrer von den Knaben sämmtlich als meine Productionen gezeigt wurden: aber dieß war noch nicht genug; es bedurfte einer bestimmteren Nachweisung. Als ich eines Abends bei dem Domine an meinem lateinischen Pensum saß, während die Hausmutter und Herr Knapps im anstoßenden Zimmer waren, fiel das tief niedergebrannte Licht in die Röhre des Leuchters und erlosch. Der Domine stand auf, um ein anderes zu holen; während die Matrone sich ebenfalls erhob, um in derselben Absicht den Leuchter fortzunehmen. Sie begegneten sich in der Finsterniß und stießen ihre Köpfe hart aneinander. Da dieser Vorfall nur Herrn Knapps und mir bekannt war, so theilte er ihn Barnabas mit und bemerkte, es sollte ihn Wunder nehmen, wenn ich ihn nicht zum Gegenstande einer meiner Karikaturen machen würde. Barnabas faßte den Wink auf, und nach wenigen Stunden lag diese Karikatur neben den übrigen. Um seinen Absichten den Weg zu bahnen, nahm Herr Knapps Gelegenheit, meines Talentes zur Zeichnungskunst lobend zu erwähnen, indem er hinzufügte, er habe schon einige meiner Arbeiten gesehen. »Der Junge hat Talent,« versetzte der Domine, »er ist eine reiche Mine, aus der manch' kostbares Metall gewonnen werden kann. »Ich höre, daß du Talent zum Zeichnen hast, Jacob,« sagte er ein paar Tage darauf zu mir. »Das habe ich in meinem Leben noch nie gehört,« erwiederte ich. »Nun Jacob, ich liebe die Bescheidenheit, aber sie darf nicht bis zur Verläugnung der Wahrheit gehen. Hüte dich in Zukunft vor diesem Fehler, Jacob.« Ich gab keine Antwort, denn ich wußte, daß ich keinen Fehler begangen hatte; aber am Abend bat ich den Domine, mir ein Bleistift zu leihen, weil ich mich im Zeichnen versuchen wollte. Nach einigen Tagen waren verschiedene Skizzen von meiner Hand fertig. Sie wurden mit Beifall aufgenommen. »Der Knabe zeichnet gut,« sagte der Domine zu Herrn Knapps, als er meine Arbeit mit der Brille betrachtete. »Warum mag er wohl seine Kunst verläugnet haben?« fragte der Unterlehrer. »Es war ein Fehler von ihm, der aus Bescheidenheit oder Mangel an Zutrauen entsprang – sogar eine Tugend kann in einen Fehler ausarten, wenn sie zu weit getrieben wird.« Der nächste Versuch, den Barnabas machte, war die Entwendung des Cornelius Nepos, den ich damals las. Sie wurde durch Herrn Knapps bewerkstelligt, der ihn aus des Domine's Studierzimmer holte und meinem Feinde auslieferte. Dieser zeichnete auf das Schmutzblatt, worauf mein Name stand, eine Karrikatur vom Kopfe des Domine, und setzte unter meinen Namen, den ich selbst geschrieben hatte, mit Nachahmung meiner Hand, das Wort fecit bei, so daß es hieß, Jacob Ehrlich fecit . Hierauf wurde das Blatt herausgeschnitten und dem Unterlehrer eingehändigt, um es zu den übrigen zu legen. Jetzt war der Anschlag reif, und bald erfolgte die Explosion. Herr Knapps sagte dem Domine, ich entwerfe Karrikaturen von meinen Mitschülern. Der Domine stellte mich zu Rede, und ich läugnete es. »Du hast auch geläugnet, daß du zeichnest,« bemerkte der Unterlehrer. Einige Tage waren verstrichen, als Herr Knapps dem Domine mittheilte, ich habe eine Karrikatur von ihm und Mrs. Bately gezeichnet, und er sei im Besitze von Beweismitteln. Ich lag bereits zu Bette; der Domine war äußerst überrascht und hielt es für unmöglich, daß ich so undankbar sein könnte. Herr Knaps erbot sich, die Anklage öffentlich vorzubringen und am folgenden Morgen in der Schule zu beweisen. Er schürzte den Knoten vollends, indem er mich überhaupt als einen verschmitzten und verdorbenen, wiewohl fähigen Knaben schilderte. Fünftes Kapitel. Herr Knapps denkt mich durch Hinterlist zu fangen, aber der Anschlag wird entdeckt, und Barnabas Hosengürtel muß um meinetwillen zum zweiten Male seine Hosen lassen. – Das Karrikaturenzeichnen endet mit Blutstriemen. – Der Unterlehrer wird aus der Schule und ich beinahe in's Elysium befördert; statt jedoch in die Liste der Bewohner einer andern Welt, werde ich in die Liste der Fährmannslehrlinge eingetragen. Unbekannt mit dem, was vorging, schlief ich gesund, aber am nächsten Morgen bemerkte ich, daß die Frau des Hauses nicht gut auf mich zu sprechen war, was ich nicht begreifen konnte. Auch der Domine nahm keine Notiz von meinem Morgengruße. Ich glaubte ihn in den Euklid verloren, und machte mir wenig daraus. Das Frühstück ging vorüber und die Glocke rief zur Schule. Wir waren alle versammelt; der Domine trat mit feierlicher Amtsmiene herein. Ihm folgte Herr Knapps, der nicht wie gewöhnlich stehen blieb, wenn er an seinem Pulte angekommen war, sondern mit dem Domine bis an dessen Katheder ging. Wir wußten Alle, daß etwas im Werk war, aber von Allen war vielleicht keiner ruhiger als ich. Der Domine entfaltete sein großes Taschentuch, schüttelte es und schneuzte die Schule in die tiefste Stille. »Jacob Ehrlich, tritt vor!« begann er in einem Tone, der zu erkennen gab, daß die Sache ernster Natur war. Ich trat näher, und war begierig, was da kommen sollte. »Du bist von Herrn Knapps beschuldigt, Zerrbilder zu zeichnen und mich – deinen Lehrer, zum Gegenstande des Gespöttes zu machen. An jedem Knaben müßte eine solche Verletzung der Ehrerbietigkeit strenge bestraft werden; aber von dir, Jacob, muß ich mit den Worten Cäsars › et tu Brute ‹ hinzusetzen, von dir hätte ich's nicht erwartet, da du dich am allerwenigsten also hättest benehmen sollen. In se animi igrati erimen vitia omnia condit . Du verstehst mich, Jacob – schuldig, oder nicht schuldig?« »Nicht schuldig, Sir,« antwortete ich mit festem Tone. »Er erklärt sich für nicht schuldig, Herr Knapps; beweisen Sie Ihre Anklage.« Herr Knapps trat an seinen Pult und zog die Zeichnungen hervor, die er von Barnabas Hosengürtel und den andern Knaben gesammelt hatte. »Diese Zeichnungen, Sir, die Sie gefälligst ansehen wollen, wurden mir alle als Arbeiten des Jacob Ehrlich übergeben. Anfangs konnte ich unmöglich glauben, daß sie wirklich von ihm herrührten; aber Sie werden sogleich finden, daß sie sämmtlich von der nämlichen Hand sind.« »Das sehe ich,« sagte der Domine, »und alle betreffen meine Nase. Es ist wahr, meine Nase ist allerdings in großen Verhältnissen angelegt, aber es war der Wille des Himmels, daß ich so reichlich bedacht werden sollte. Indessen sind die Nasen dieser Gestalten noch größer, als es meine Nase rechtfertigen würde, wenn der Zeichner genau und nicht boshaft gewesen wäre. Dennoch haben sie ihr Verdienst,« fuhr der Domine fort, indem er einige genauer betrachtete, und ich hörte ein leises »Gluck, Gluck,« in seiner Kehle, als er über seine eigenen verzerrten Gesichtszüge lachte. »›Artis adumbratae meruit ceu sedula laudem‹, wie Prudentius sagt. Ich habe keine Zeit, die Stelle ganz anzuführen.« »Hier ist eine Zeichnung, Sir,« sagte Herr Knapps weiter, »welche mir zum Beweise dient, daß Jacob Ehrlich der Verfertiger ist. Sie und Frau Bately sind hier in's Lächerliche gezogen. Wer konnte es wissen, daß das Licht in Ihrem Studirzimmer erloschen war, als Jacob Ehrlich?« »Begreiflich,« versetzte der Domine, das Blatt, das ihm in die Hand gesteckt wurde, mit der Brille betrachtend; »die Geheimnisse des Studirzimmers sind verletzt worden.« »Aber, Sir,« fuhr Herr Knapps fort, »hier ist noch ein überzeugenderer Beweis. Sie bemerken diese Karritatur ihrer Person mit seinem eigenen Namen darunter – seiner eigenen Handschrift. Ich erkannte sie augenblicklich: und als ich zufälliger Weise seinen Cornelius Nepos aufschlug, fand ich das erste Blatt herausgerissen. Das ist es, Sir, und Sie werden bemerken, daß es genau in den Riß paßt.« »Ich sehe mit Bedauern, daß dieß der Fall ist. Jacob Ehrlich, du bist der Unehrerbietigkeit und Falschheit überwiesen. Wo ist Simon Swapps?« »Darf ich mich nicht vertheidigen, Sir?« erwiederte ich; »soll ich ungehört gegeißelt werden?« »Nein, das wäre eine Ungerechtigkeit,« versetzte der Domine; »aber welche Vertheidigung kannst du vorbringen? O puer infelix et sceleratus! « »Darf ich die Zeichnungen sehen, Sir?« fragte ich. Schweigend händigte sie mir der Domine ein. Ich durchlief sie alle, und erkannte auf den ersten Blick, daß sie von Barnabas Hosengürtel waren. Die letzte fiel mir besonders auf. Ich war anfangs durch die schweren Bezüchte, die man gegen mich vorgebracht hatte, erschreckt und verwirrt worden, aber dies gab mir meine Zuversicht zurück, und ich sagte keck. »Diese Zeichnungen sind von Barnabas Hosengürtel, Sir, und nicht von mir. Ich habe in meinem Leben noch nie ein Zerrbild gefertigt.« »Du hast auch behauptet, du zeichnest überhaupt nicht, Jacob Ehrlich, und nachher bewiesest du durch dein Bleistift das Gegentheil.« »Als ich das sagte, wußte ich nicht, daß ich Geschick zum Zeichnen hatte; aber ich wünschte mir diese Kunst anzueignen, weil Sie mir dieselbe zutrauten – es war mir nicht lieb, daß Sie eine Fertigkeit in mir voraussetzten, die ich nicht hatte. Und um Ihnen zu gefallen, Sir, bat ich Sie um das Bleistift.« »Ich wollt es wäre, wie du sagst, Jacob; ich wollte im Innersten meiner Seele, du wärest nicht schuldig.« »Wollen Sie Herrn Knapps fragen, von wem und zu welcher Zeit er diese Zeichnungen erhalten? Es sind gar viele.« »Antworten Sie Herr Knapps, auf die Frage Jacob Ehrlich's.« »Sie wurden mir im Laufe dieses Monats, zu verschiedenen Zeiten, von den Knaben gegeben.« »Nennen Sie diese Knaben, Herr Knapps.« Herr Knapps nannte acht bis zehn Knaben, welche vortraten. »Gab Ihnen Barnabas Hosengürtel keine derselben, Herr Knapps?« fragte ich, als ich bemerkte, daß er diesen nicht genannt hatte. »Nein,« erwiederte Herr Knapps. »Was das Blatt aus meinem Nepos betrifft,« sagte ich zum Domine gewendet, »so schrieb ich meinen Namen, Jacob Ehrlich, an dem Tage hin, an welchem Sie mir das Buch gaben; aber das Fecit und die Karikatur ist nicht von mir. Wie dies auf das Blatt kam, weiß ich nicht.« »Damit hast du noch nichts wiederlegt, Jacob,« versetzte der Domine. »Aber etwas belegt , Sir. An welchem Tage bat ich Sie um das Bleistift? War es nicht am Sonnabend?« »Letzten Sonnabend, glaube ich, war es.« »Gut, Sir, und sagte nicht Herr Knapps den Tag zuvor, ich könne zeichnen?« »Allerdings und du läugnetest es.« »Nun so soll sich Herr Knapps rechtfertigen, warum er diese Karikaturen nicht vorwies, von denen er sagt, daß er sie im Laufe des ganzen Monats gesammelt habe. Warum gab er sie Ihnen nicht früher?« »Du greifst die Sache schlau an,« versetzte der Domine. »Antworten Sie, Herr Knapps, warum verschwiegen Sie mir dieses Vergehen wenigstens vierzehn Tage lang?« »Ich wünschte mehr Beweise zu sammeln,« erwiederte der Unterlehrer. »Du hörst es, Jacob Ehrlich.« »Sir, hörten Sie mich jemals anders von meiner armen Mutter sprechen, als in Worten der Liebe?« »Nein, Jacob, du zeigtest stets Pflichtgefühl.« »Wollen Sie gütigst John Williams aufrufen?« »John Williams, Nr. 37, tritt vor.« »Williams,« sagte ich, »hast du mir nicht erzählt, Barnabas Hosengürtel habe meine Mutter mit flammendem Munde gezeichnet?« »Ja, das that ich.« Mein empörtes Gefühl machte sich durch einen Strom von Thränen Luft. »Nun,« rief ich, »wenn Sie glauben, Sir, daß ich die Karikaturen von Ihnen und Frau Bateley gezeichnet habe – zeichnete ich auch diese, die von derselben Hand ist?« »Damit händigte ich dem Domine die Karikatur meiner Mutter ein, welche Herr Knapps, ohne es zu wissen, mit den übrigen hervorgezogen hatte. Herr Knapps wurde so weiß, wie ein frisch gewaschenes Handtuch. Der Domine betrachtete die Karikatur, und schwieg eine Zeit lang. Endlich wendete er sich zum Unterlehrer. »Von wem empfingen Sie diese, Herr Knapps?« Herr Knapps erwiederte in seiner Verwirrung: »Von Barnabas Hosengürtel.« »Und doch wollten Sie erst vor einem Augenblick noch keine dieser Zeichnungen von Barnabas Hosengürtel empfangen haben? Sie gerathen mit sich in Widerspruch, Herr Knapps. Jacob zeichnete seine Mutter nicht. Diese Bleifeder ist dieselbe, womit die übrigen gezeichnet sind – ergo bin ich überzeugt, er zeichnete keine von allen. Ite procul fraudes . Gott, ich danke dir, daß die Unschuld beschützt wurde. Kaum bist du noch entronnen, Jacob – cum populo et duce fraudulento . Und nun zur Bestrafung! Barnabas Hosengürtel, gabst du diese Karikatur Herrn Knapps? Woher hast du sie? Lüge nicht.« Barnabas wurde roth und weiß, und gestand, daß es seine eigene Zeichnung sei. »Knaben,« rief der Domine, das Rohr schwingend, das er ergriffen hatte, »ihr gabt diese Zeichnungen Herrn Knapps; sprecht, woher kamen sie?« Erschrocken über die Blicke des Domine, riefen die Knaben sogleich in einem Athem: »Von Barnabas Hosengürtel.« »Und von wem hast du sie bekommen, Barnabas Hosengürtel?« fragte der Domine. Barnabas verstummte. »Sprich die Wahrheit; hast du sie nicht selbst gemacht, wenn du sie nicht von Andern empfingest?« Barnabas fiel auf seine Kniee und erzählte den ganzen Zusammenhang, besonders die Art und Weise, wie er durch Herrn Knapps Vermittlung zum Cornelius Nepos gekommen war. Die Entrüstung des Domine kannte keine Gränzen. So aufgeregt hatte ich ihn noch nie gesehen. Er schien wenigstens um einen Fuß höher als sonst. Seine Augen funkelten, seine große Nase glühte, seine Nasenflügel dehnten sich aus und sein Mund öffnete sich weit, um den schweren Athemzügen aus seiner Brust Luft zu machen. Sein ganzes Wesen schien für die Schuldigen Unheil zu verkünden. »Was dich betrifft, du niederträchtige, entartete, hohlköpfige und giftige Mißgeburt von einem Menschen, so habe ich keine Worte, um meine Verachtung auszudrücken. Die Vorsteher der Anstalt mögen dich richten, aber bis ihr Urtheil gesprochen wird, sollst du die Luft dieser Schule nicht mehr durch deine Gegenwart verpesten. Wenn du noch einen Funken von Gefühl in deinem verschrumpften Gerippe hast, so bitte diesen armen Knaben um Verzeihung, den du durch deine Verrätherei zu Grunde zu richten im Sinne hattest. Wo nicht, so säume keinen Augenblick, von hinnen zu eilen, ich möchte sonst in der Aufwallung meines Zornes am Lehrer die Strafe vollziehen, die für den Schüler bestimmt ist, aber dir noch in höherem Grade gebührt, als selbst Barnabas Hosengürtel.« Herr Knapps erwiederte keine Sylbe und stürzte aus der Schule, um im nächsten Augenblicke seine Wohnung zu verlassen. Als die Sache vor die Vorsteher kam, entließen sie ihn mit Schmach. »Simon Swapps, fasse Barnabas Hosengürtel!« – Zum zweiten Male ward Barnabas um meinetwillen die Ruthe mit unermüdetem Eifer aufgemessen. Er heulte und stampfte aus Leibeskräften. Endlich war die Kraft des Domine erschöpft, » Consonat omne nemus strepidu (statt nemus lies Schulzimmer),« rief der Domine, legte die Ruthe weg und zog sein Taschentuch heraus, um sich den Schweiß von der Stirne zu wischen. »Calcitrat, ardescunt germani caede bimembres, diese Citation ist glücklich« (Gluck, Gluck). Er schneuzte seine Nase, hielt eine lange Rede an die Knaben – belobte mich wegen meiner gewandten Verteidigung – bewies Allen, die ihm Gehör zu schenken für gut fanden, daß die Unschuld stets über die Schuld triumphire – gab dem Barnabas zu verstehen, er möchte die Schule verlassen, und bewilligte aus eigener Erschöpfung den Schülern, um über das Vergangene nachzudenken, einen Vakanztag, den sie denn auch pflichtschuldigst zum Knickern und Pflockspielen anwandten. Hierauf entließ er die Versammlung, nahm mich bei der Hand, und führte mich in sein Studirzimmer, wo er der Fülle seiner Empfindungen gegen mich Raum gab, bis uns die Gebieterin des Hauses zum Mittagessen abrief. Von dieser Katastrophe an ging Alles trefflich. Die Güte und Aufmerksamkeit des Domine nahm täglich zu, und Niemanden kam es mehr in den Sinn, geheime Umtriebe gegen mich anzuspinnen. Meine Fortschritte waren reißend. Ich hatte den Virgil erobert, den Tacitus im Sturm genommen, und las bereits die Oden des Horaz. Im Triumphe war ich durch das Decimalsystem vorgedrungen, und bereits emsig mit der Ausmessung der Körper beschäftigt, als ich eines Abends von einem heftigen Schwindel befallen wurde. Ich klagte es der Hausmutter. Sie fühlte mir den Puls, sagte, ich habe Fieber und schickte mich zu Bette. Es folgte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen versuchte ich aufzustehen, aber es war mir, als wälzte sich eine schwere glühende Kugel in meinem Gehirn, und ich sank auf's Kissen zurück. Meine wohlwollende Freundin besuchte mich, erschrak über meinen Zustand und ließ den Wundarzt rufen. Dieser erklärte, ich habe das Nervenfieber, welches damals in der Umgegend herrschte. Dies war das erste Mal in meinem Leben, daß ich einen Tag krank war – es war eine Lehre für mich, ich hatte noch zu lernen. Der Wundarzt öffnete mir eine Ader, gab der Hausmutter Verhaltungsbefehle und versprach wieder zu kommen. Nach einigen Stunden lag ich im Fieberwahnsinn. Einen Augenblick glaubte ich an der Hand der kleinen Sarah durch grünende Felder hinzugehen. Ich wandte mich um, und sie war verschwunden. Ich befand mich auf dem Lichter, und meine Hand faßte die Asche meiner Mutter. Mein Vater stand vor mir, sprang über Bord und war nicht mehr zu sehen. Eine schwarze Rauchsäule stieg aus der Kajüte empor, und ich warf mich wieder auf das Verdeck. Dann war ich wieder allein auf dem stillen und edlen Strome; der Mond schien hell. Ich führte das Ruder, steuerte mit der Fluth hinauf, und bewunderte das Blättergehänge, das seine schwarzen Schatten über die Ufer warf. In sanftem Lichte erglänzten die grünen, saftigen Matten; in der Ferne schimmerten die zahllosen Thürme der ungeheuren Stadt, und ich sah die verschiedenen Brücken, welche das Wasser überwölbten. Das sanfte Rauschen der Fluth schlug harmonisch an mein Ohr, und das widerstrahlende Mondlicht entzückte meine Augen. Wonne erfüllte mein Herz; ich war nicht länger mehr der Zögling der Armenschule, sondern der Steuermann einer Barke. Aber wie ich das Schauspiel betrachten wollte, drängte sich immer ein Drittes zwischen mein Auge und den Gegenstand meiner Aufmerksamkeit. Wohin ich meine Blicke wandte, trat es mir in den Weg, und ich konnte es nicht entfernen. Es war das Bild einer Wolke, durchsichtig und ohne bestimmten Umriß. Ich suchte es zu gestalten, aber es war umsonst – ich vermochte es nicht. Endlich schien es sich in eine Form zu fügen – es war des Domine große Nase, zum »Thurme angewachsen, der nach Damaskus blickte.« Meine Schläfe pochten – mein Körper glühte. Ich hatte keine deutliche Vorstellung, wie man anders im Bette sterben könne, als meine arme Mutter, und dachte, ein solcher Tod warte auch meiner. Die entsetzlichste Furcht ergriff mich, als sei diese Gluth nur der Vorbote der Flamme, die mich zu Asche verzehren sollte. Der Tod schwebte über meinem jungen Herzen und machte es zu Eis erstarrend, während mein Leib im Feuer brannte. Dies war meine letzte Erinnerung; dann war Alles schwarz. Lange Tage hatte ich keine Empfindung vom Schmerze des Daseins. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, und meine Sinne allmählig zurückkehrten, öffnete ich die Augen und sah etwas vor meinen Blicken im Zwielichte schwimmen, das mein Gesichte diagonal durchkreuzte. Der Nebel zog sich zurück, das Bewußtsein kehrte wieder, und ich erkannte, daß es die Nase des Domine Dobiensis war, die meine Bettdecke überschattete. Er kniete an meinem Bette, seine Brille war von Thränen getrübt und seine langen grauen Locken wallten, seine Augen verschleiernd, zu beiden Seiten nieder. Ich war nicht erschrocken, aber meine Schwäche hemmte Bewegung und Sprache. Ein Gebetbuch lag in seiner Hand. Er hatte für mich gebetet. In der Meinung, ich sei noch immer bewußtlos, brach er in folgendes Selbstgespräch aus: » Naviculator parvuspallidus – wie schön sogar im Tode! Mein armer Lichterknabe, du hast die Elemente überwunden und über die Schwierigkeiten der Grammatik triumphirt – und jetzt sollst du sterben! Lucide puer – ein kindisches Wortspiel, und doch liebe ich es, wie ich dich liebe. O wie blutet mein Herz für dich! Der eisige Hauch des Todes hat dich gebleicht, wie der rauhe Frost die herbstliche Rose. Warum wurdest du aus deinem Elemente versetzt? Junger Gebieter des Stromes – Herr des Lichters – Ratis rex et magister – muthmaßlicher Erbe des Steuers – verlobt dem Ruder – angetraut dem Verdeck – wie schwer liegst du jetzt darnieder! Wo ist die blühende Wange, von der bräunenden Luft geröthet? wo ist das helle schwimmende Auge? Ach wo? Tam breviter dirae mortis aperta vis est ! wie der liebliche Tibull singt.« Und der Domine seufzte auf's Neue. »Wäre der Streich auf mich gefallen, den Alten, Verachteten, Verspotteten, zum Grabe Reisen, er wäre willkommen gewesen – (und doch hätte ich dich gern noch länger unterrichtet, ehe ich diesen Schauplatz verließ – hätte dir gern den Mantel der Wissenschaft hinterlassen). Du weißt es, Herz, daß ich meine ermatteten Glieder dahin schleppe, wie eine Wüste, daß ich schwer beladen bin, daß meiner Schwäche kein Ende ist. Und um dich soll ich trauern, Stern meiner Hoffnung – muß ich mit dem Epigrammatisten sprechen – Hoc jacet in tumulo, raptus puerilibus anuis, Jacob Ehrlich domini cura dolorque sui? Wahr, nur zu wahr! Hast du das Element verlassen, das du so spielend beherrschtest, hast du deinen Fuß auf die terra firma gesetzt, um dein Grab zu graben? Sis licet inde sibi tellus placata levisque, Artificis levior non potes esse manu . Lege dich leicht auf den Lichterknaben, o Erde – auf die Lotusblüthe, die Wasserlilie, an's Ufer geworfen, um zu sterben. Hättest du länger gelebt, Jacob, ich würde dir die Humaniora beigebracht haben; wir hätten uns immer freundlicher unterhalten. Ich hätte Gelehrsamkeit auf dich überströmen lassen, mein Sohn, Absalon!« Er stand auf und beugte sich über mich; die Thränen floßen aus beiden Augen über die lange Nase, und fielen gleich einem träufelnden Regen auf meine Decke nieder. Verstand ich auch keines von seinen Worten, so verstand ich doch den Geist derselben – den Geist der Liebe. Ich machte eine kraftlose Bewegung mit meinem Arme und stammelte: »Domine«. Der alte Mann schlug in die Hände, blickte nach oben und sagte: »O Gott, ich danke dir – er wird leben. Bst! Bst! mein Süßer, du darfst nicht plaudern.« Auf den Zehen schlich er zurück, und ich hörte ihn triumphirend murmeln: »Er hat mich Domine genannt!« Von dieser Stunde an ging ich mit raschen Schritten meiner Genesung entgegen, und in drei Wochen saß ich wieder bei meinen Büchern. Noch sechs Monate fehlten mir zu vierzehn Jahren, und Herr Drummond, der mich von Zeit zu Zeit besucht hatte, um nach meinen Fortschritten zu sehen, besprach sich mit dem Domine über meine Zukunft. Alles, was ich für ihn thun kann, Herr Dobiensis,« sagte mein Beschützer, »ist, ihn als Lehrling einschreiben zu lassen, damit er seine Zeit auf der Themse ausdiene, und das kann nicht eher geschehen, als bis er vierzehn zählt. Würden es die Gesetze der Schule gestatten, daß er noch so lange hier bleibt?« »Die Gesetze erlauben es nicht bestimmt, aber ich nehme es auf mich,« erwiederte der Domine. »Ich habe für meine langen Dienste nichts verlangt, und die Vorsteher werden mir diese kleine Gunst nicht versagen; sollte es aber doch der Fall sein, so will ich ihn bei mir behalten, daß er seine kostbare Zeit nicht verliert. Was sagst du dazu, Jacob – fühlst du dich geneigt, zu deiner Mutter Themse zurückzukehren?« Ich gab eine bejahende Antwort, denn die Erinnerungen an mein früheres Leben sprachen von Freiheit und Thätigkeit. »Du hast Recht, Jacob, – der Schneider bei seiner Nadel, der Schuster bei seinem Leist, der Laufbursche bei einer bedürfnißvollen Gebieterin, und alle Lehrlinge bei den verschiedenen Handthierungen, finden keine Zeit zur weiteren Ausbildung, aber an Bord gibt es Momente der Ruhe und des Friedens – die stille Nacht zur Betrachtung, die Wache zum Nachdenken. Sogar der widrige Wind oder die entgegenströmende Fluth lassen Augenblicke der Muße frei, welche vorteilhaft angewendet werden können. Da kannst du aus dem Vorrath der Gelehrsamkeit schöpfen, die ich in deinem Geiste aufgespeichert habe, und deinen Schatz durch Ausdauer und Fleiß vermehren. Du hast jetzt noch ein halbes Jahr vor dir, und unter dem Beistande Gottes soll diese Zeit nicht spurlos verstreichen.« Nachdem Herr Drummond meine Zustimmung für die beabsichtigte Lehrlingsstelle erhalten hatte, wünschte er mir Lebewohl und schied. Der Domine strengte mich während der sechs Monate hart, beinahe nur zu hart an, aber ich arbeitete aus Liebe, und um seinen Beifall zu erlangen, war ich außerordentlich fleißig. Bald war die Zeit vorüber und die sechs Monate mehr als verstrichen, als Herr Drummond erschien. Er hatte einen Diener bei sich, der ein Bündel unter dem Arme trug. Mein Pfeffer und Salz, meine Gelben und meine Schildplatte wurden abgestreift und gegen eine Jacke und Beinkleider von schöner blauer Farbe vertauscht. Der Domine entließ mich mit vielen Ermahnungen, die Hausmutter mit vielen Segenswünschen. Ich sagte ihnen und der Armenschule Lebewohl, und nach einer Stunde befand ich mich wieder unter dem Dache der gütigen Mrs. Drummond. Wie verschieden waren meine jetzigen Empfindungen von den Gefühlen, die mich damals zu Boden drückten, als ich ihr Haus zum ersten Male betrat! Ich war nicht mehr der kleine Wilde, dem es an aller Erziehung und jedem klaren Begriffe fehlte. Im Gegentheil, ich hatte eine reiche Einbildungskraft, ein festes Vertrauen auf mich selbst, einen gebildeten Geist und einen gewissen Stolz auf meine erworbenen Kenntnisse. Die edleren Gefühle meines Wesens waren angeregt. Dankbarkeit, Demuth und Liebe vereinigten sich mit dem Bewußtsein meines Werthes. Mein Aeußeres hatte gewonnen und meine Gestalt war höher geworden. Mein Schritt war sicher und elastisch. Freudig trat ich in die Welt, voll Hoffnung auf das Leben und voll Liebe gegen meine Mitgeschöpfe. Ich erkannte, ich empfand die Ausbildung, ja die völlige Verwandlung meines Charakters, und mit funkelnden Augen sah ich zu dem Fenster hinauf, an welchem Frau Drummond und die kleine Sarah standen, um meine Rückkehr von einer dreijährigen Abwesenheit zu erwarten. Frau Drummond war von ihrem Gatten auf die große Veränderung vorbereitet worden, die sie an mir finden würde; dennoch starrte sie mich einige Sekunden lang voll Verwunderung an, als ich, mit dem Hute in der Hand, in's Zimmer trat und ihr meine Aufwartung machte. Hierauf bot sie mir die Hand und ich ergriff sie voll Ehrerbietung. »Ich hatte dich nicht erkannt, Jacob,« sagte sie lächelnd. »Du bist ja ein ganzer Mann geworden.« Sarah blieb hinter ihr stehen und betrachtete mich mit freudigem Erstaunen; aber ich trat auf sie zu, und schüchtern nahm sie meine dargebotene Hand. Als ich sie verlassen hatte, war sie mir überlegen gewesen, – ich kehrte zurück, und sie gewahrte bald, daß ich gegründete Ansprüche auf Anerkennung hatte. Es dauerte lange, bis sie mit mir sprechen wollte, und noch länger, bis sie vertraulich wurde; aber als sie es war, sah ich nicht mehr das Kind, das den schutzlosen Knaben durch Freundlichkeit aufmunterte oder wegen seiner Albernheiten belachte, sondern das reifere Mädchen, das ihn mit achtungsvoller Theilnahme betrachtete und ihre Meinung der seinigen unterwarf. Ich hatte die Macht des Wissens gewonnen. Nach den Gesetzen der Fährmannszunft muß Jeder, der einst ein eigenes Ruder auf dem Strome führen will, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre als Lehrling dienen – wenigstens jedenfalls eine Lehrzeit von sieben Jahren durchmachen, und vierzehn zurückgelegt haben, ehe er eingetragen wird. Diese Zeit kann auf jedem Fahrzeug erstanden werden, das auf dem Flusse segelt oder rudert, sei es eine Barke, ein Lichter, eine Fischersmacke oder ein größeres Boot; und erst wenn man seine Lehrzeit vollendet hat, kann man ein eigenes Fahrzeug übernehmen. Herr Drummond erbot sich, mich kostenfrei an Bord eines seiner Lichter einschreiben zu lassen, und es meiner Willkühr anheimzustellen, auf ein anderes Fahrzeug zu gehen, das mir besser gefiele. Dankbar nahm ich den Vorschlag an, ging mit ihm in die Halle, unterzeichnete den Lehrvertrag und war im Alter von vierzehn Jahren als Lehrbursche einem Flußschiffer beigegeben. Sechstes Kapitel. Man empfiehlt mir, schwimmen zu lernen. und ich befolge den freundlichen Rath. – Schwerer Verdacht an Bord des Lichters und ein Geheimniß, aus welchem Frau Radcliffe einen Roman gemacht haben würde. »Jacob, dieß ist Marables, welcher die Polly führt,« sagte Herr Drummond, der mich einige Tage nach meiner Ankunft in seinem Hause in seine Schreibstube berufen hatte. »Marables,« wendete er sich hierauf gegen den Mann, »ich habe Euch gesagt, daß dieser Bursche als Lehrling für die Polly eingeschrieben ist. Ich erwarte, daß Ihr nach ihm sehet und ihn freundlich behandelt. Keine Schläge, keine Mißhandlung! Wenn er sich nicht gut beträgt (wiewohl ich überzeugt bin, daß er sich gut aufführen wird), so laßt es mich wissen, wenn Ihr von Eurer Fahrt zurückkommt.« Während Herr Drummond also sprach, besah ich mir das Aeußere meines künftigen Vorgesetzten. Er war ein stattlicher hübscher Mann mit kleinen Augen, wohlwollenden Gesichtszügen und einiger Anlage zum Beleibtwerden. Sein Mund war nicht groß, und ein gutmüthiges Lächeln spielte auf seinen Lippen, als er antwortete: »Ich habe noch nie ein lebendes Wesen – nicht einmal eine Katze mißhandelt, Herr.« »Ich glaube es.« versetzte Herr Drummond; »aber ich will, daß Jacob in der Welt fortkomme, und darum sage ich Euch, er wird sich stets meines Schutzes erfreuen, so lange er sich untadelhaft beträgt. »Ich stehe dafür, wir werden trefflich mit einander auskommen, Sir, wenn sich anders aus dem Schnitte seines Ausliegers ein Schluß ziehen läßt,« erwiederte Marables, und bot mir eine ungeheure, eben so breite, als lange Hand. Nachdem wir einander vorgestellt waren, gab ihm Herr Drummond einige Verhaltungsbefehle und ließ uns allein. »Komm und betrachte dir die Fähre,« sagte Marables; und ich folgte ihm zur Barke. Sie führte einen Mast, der je nach Erforderniß aufgerichtet oder niedergelassen werden konnte, und segelte den Strom aufwärts und abwärts bis zum Nore, in den Sommermonaten ihr Ziel bisweilen noch weiter hinaus rückend. Hinten hatte sie eine große Kajüte und vorn einen Verschlag. Da die Kajüte verschlossen war, so konnte ich sie nicht sehen. »Das ist deine Schlafstätte,« sagte Marables auf den Verschlag deutend; »du hast sie ganz für dich. Der andere Mann und ich schlafen hinten.« »Haben Sie also noch einen andern Mann bei sich?« »Allerdings, Jacob,« versetzte er, und murmelte dann vor sich hin, »ich wollte, ich hatte ihn nicht – 's war' mir lieber, wir zwei säßen allein in der Barke, Jacob, oder meinetwegen auch, wenn man dich am Land behalten hätte,« fuhr er düster fort. »Es wäre besser gewesen, viel besser.« Er ging nach dem Hintertheile, pfiff leise vor sich hin und sah traurig auf den Boden. »Ist Ihre Kajüte groß?« fragte ich, als er wieder umkehrte. »So ziemlich, aber ich kann sie dir jetzt nicht zeigen – er hat den Schlüssel.« »Was, der Andere, der unter Ihnen steht?« »Ja,« erwiederte Marables hastig. »Ich denke, du könntest noch am Lande bleiben, bis wir abfahren, Jacob; wir sind deiner Dienste hier nicht benöthigt.« Ich hatte nichts einzuwenden; ich ging aber während der vierzehn Tage, die das Fahrzeug noch blieb, sehr häufig an Bord und gewann Marables bald sehr lieb. Er hatte eine Freundlichkeit an sich, die mein Herz gewann, und es that mir weh, ihn oft so schwermüthig zu sehen. Was mir am meisten auffiel, war der Umstand, daß ich die Kajüte in der ersten Woche nie offen fand, und Marables den Schlüssel nicht hatte; es kam mir höchst sonderbar vor, wie dem Führer der Barke von seinem Untergebenen seine eigene Kajüte verschlossen werden könnte. Eines Tages ging ich früh an Bord und fand nicht nur die Kajütenthüre offen, sondern auch den andern Mann auf dem Verdecke, auf dem er mit Marables auf- und abging. Es war ein hübscher, großer, rühriger junger Mann, dem Ansehen nach noch nicht dreißig. Der Ausdruck der Kühnheit, der auf seinem Gesichte lag, bildete einen scharfen Gegensatz mit dem unstäten, stechenden Blick seines Auges. Er trug eine blaue Blouse über seinen Kleidern, und die Hosen, welche darunter hervorsahen, waren von feinerem Stoff als man sie bei Leuten seines Standes zu treffen gewohnt ist. »Dieß ist der Bursche, welcher bei der Barke eingeschrieben ist,« sagte Marables; »Jacob, dieß ist Fleming.« »So, Junker,« bemerkte Fleming, nachdem er ein forschendes Auge auf mich geworfen hatte, »also du sollst bei uns wohnen – he? Nun, ich denke, es wird gut sein, wenn du dich mehr um deine Schlafstätte bekümmerst, als um deine Gesellschaft. Wenn du übrigens die Augen offen halten willst, so rathe ich dir, mit dem Munde das Gegentheil zu thun; denn wenn ich die Gesellschaft der Leute satt habe, so gebe ich ihnen bisweilen einen Stoß, der sie in den Strom wirft – nimm dich also in Acht, mein Junge.« Nicht sehr erbaut durch diese Anrede, antwortete ich: »Ich glaubte. Marables sei der Führer der Barke und von ihm habe ich Befehle zu erwarten.« »Glaubtest du?« versetzte Fleming grinsend. »Kannst du schwimmen, Junge?« »Nein,« antwortete ich, »wollt' aber, ich könnt's.« »Nun, so folge meinem Rathe – lerne es so bald wie möglich, denn es ist mir wie vor, als müßte ich dich früher oder später einmal am Genick nehmen und deinem Vater nachschicken.« »Fleming, Fleming, sei doch ruhig!« sagte Marables, der ihn schon mehrere Male an den Ellbogen gestoßen hatte. »Er scherzt nur, Jacob,« fuhr er gegen mich gewendet fort, als ich über die Anspielung auf den Tod meines Vaters unwillig wurde und über die andern Lichter nach dem Ufer zu ging. »Nun, wenn ich über Bord geworfen werden soll,« erwiederte ich, mich umwendend, »so wird es gut sein, zuvor Herrn Drummond davon in Kenntniß zu setzen, damit er weiß, was aus mir geworden ist, wenn ich vermißt werde.« »Pah! Unsinn!« sagte Fleming, indem er plötzlich sein Benehmen änderte und zu mir in die Barke trat, die unserem Lichter zunächst lag. »Gib mir deine Hand, Junge; ich wollte nur sehen aus welchem Teige du gebacken bist. Gib mir die Hand, es war nicht mein Ernst.« Ich nahm die dargebotene Hand und ging an's Ufer. »Dessen ungeachtet will ich schwimmen lernen,« dachte ich; »denn ich glaube doch, daß es sein Ernst war.« Am nämlichen Tage noch nahm ich meine erste Schwimmstunde, und erwarb mir durch fortgesetzte Uebung in Kurzem diese höchst nothwendige Kunst. Hätte mir Fleming nicht gedroht, so hätte ich wahrscheinlich gar nicht an sie gedacht; aber wenn ich auch nicht über Bord geworfen wurde, so konnte ich doch über Bord fallen, und unter allen Umständen trägt man nicht schwer daran, wenn man sich irgend eine Fertigkeit aneignet. Am Tage vor der Abfahrt der Barke mit einer Ladung Kohlen nach Scheerneß besuchte ich meinen würdigen alten Domine Dobiensis. » Salve puer !« rief der Greis, der in seinem Studirzimmer saß. »Schön. Jacob, du kommst gerade recht. Ich habe frei und will dir eine Lection geben. Setze dich, Kind.« Der Domine schlug die Aeneis auf und begann sofort seinen Unterricht. Ich war so glücklich, ihn mit meiner Übersetzung vom Blatte weg zu befriedigen, und als er das Buch schloß, eröffnete ich ihm, ich sei gekommen, um ihm Lebewohl zu sagen, da wir am andern Morgen mit Tagesanbruch abfahren müßten. »Jacob,« versetzte er, »du hast etwas gelernt bei dem Unterricht, den ich dir gegeben habe. Höre jetzt auch auf den Rath, den ich dir geben will. Viele werden zu dir sagen, dein Wissen habe keinen Werth für dich, denn wozu die lateinische Sprache bei einem Jungen an Bord eines Lichters? Andere werden denken, ich habe Unrecht gethan, dich so Vieles zu lehren, dein Wissen könnte dich eitel – nil exactius eruditiusque est – und unzufrieden mit deinen Verhältnissen machen. Ich weiß es, dieß ist nur zu oft der Fall, aber bloß aus dem Grunde, weil die Bildung nicht so allgemein ist, als sie sein sollte. Wären alle Menschen gebildet, so würde die erworbene oder angemaßte Überlegenheit der Bildung wegfallen und die Nation nicht nur weiser, sondern auch glücklicher sein. Sie würde richtiger urtheilen – würde die Maßregeln ihrer Beherrscher, welche sie nicht auf der Stelle versteht, nicht verdammen, und würde sich nicht durch das Geschrei und die falsche Darstellung der Unzufriedenen irre führen lassen. Doch ich darf nicht abschweifen, die Zeit ist kurz. Jacob, ich fühle, du wirft durch das Wissen, das ich dir eingeprägt habe, nicht verderbt werden; aber hüte dich, es zur Schau zu tragen, denn dieß gälte als ein Beweis von Eitelkeit, der dir Feinde machen würde. Bilde dich fort, so viel du kannst, aber nur zur gehörigen Zeit – denn Pflichten gegen den Vorgesetzten müssen zuerst erfüllt werden – bewahre was du hast, und sammle noch mehr, wenn du kannst. Betrachte es als einen verborgenen Reichthum, den du später auf Zinsen legen kannst. Jetzt bist du nur Lehrling auf einer Barke; aber, was kannst du nicht werden, Jacob, wenn du fleißig bist – wenn du Gott fürchtest, und recht thust? Ich will dir einige Beispiele nennen, um dich auf deiner Laufbahn zu spornen.« Damit führte der Domine vierzig bis fünfzig Beispiele von Männern aus der Geschichte an, die sich zu den höchsten Stufen der Gesellschaft emporschwangen; aber obgleich ich recht eifrig lauschte, so werden es meine Leser wahrscheinlich nicht bedauern, wenn ich ihnen die Liste des Domine vorenthalte. Nachdem er die Reihe geschlossen hatte, gab er mir ein lateinisches Testament, die »Ganze Pflicht des Menschen« und seinen Segen. Die Hausmutter fügte noch ein großes Stück Kuchen dazu, und als ich in Herrn Drummonds Wohnung ankam, waren sowohl des Domine Lehren, als auch die weise Zugabe der würdigen Matrone trefflich verdaut. Es war sechs Uhr des andern Morgen, als wir die Taue lösten und in den Strom stachen. Die Sonne war hinter den Bäumen aufgegangen, deren niedergebogene Zweige die geneigten Rasen vor den zahllosen Landhäusern des Adels und der Reichen überwölbten, welche die lachenden Ufer zieren, und die Königin des Tages goß einen Strom von Licht auf die glänzenden, rasch dahin eilenden Fluthen. Der schwere Thau, der während der Nacht gefallen war, hing an den Seiten der Barke und schimmerte gleich einer Halsschnur von Diamanten. Der Nebel hatte sich in die Lüfte verloren und verhüllte nur hie und da noch einen Theil der Landschaft. Boote mit Erzeugnissen der umliegenden Gemüsegärten glitten mit der Fluth hinab nach der Hauptstadt. Die Schiffer scheuerten die Fahrzeuge und harrten ihres Verdienstes. In gerader Linie stieg der Rauch der Kamine gen Himmel, und das ferne Zwitschern der Vögel auf den Bäumen vollendete die heitere Lust des Herzens, mit welcher ich meine Laufbahn als Lehrling begann. Ich stand auf dem Vorderdeck und sah auf den Strom nieder, als mir Marables zurief, ich solle das Steuerruder führen, während sie frühstückten. Er wollte mir Verhaltungsbefehle geben, aber ich kam denselben zuvor, indem ich ihm bewies, daß ich den Strom so gut kannte, als er. Vergnügt über diese Entdeckung ging er in die Kajüte, wo Fleming das Frühstück bereitete, und ich blieb allein mit meinen Gedanken auf dem Verdeck. Während wir an den Gegenständen vorüberglitten, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, aber augenblicklich wieder erkannte, tauchten auch eben so schnell alle daran sich knüpfende Erinnerungen in mir aus. Dort war die Herberge am Strand, in welcher mein Vater den steinernen Krug zu füllen pflegte; hier, wo die Barke eben schwamm, hatte ich den größten Kaulbarsch, den ich je gefangen, heraufgeschnellt. Jetzt war ich an der Stelle angekommen, wo wir einst mit einem andern Fahrzeug zusammenstießen, und mein Vater mit der Pfeife im Munde, seinem »Nimm's kaltblütig«, welches die andern Schiffer so sehr erbitterte, stand, wie er leibte und lebte, vor meinen Augen. Hier – ja hier war es – genau an dieser Stelle – wo wir in jener verhängnißvollen Nacht, die mich zur Waise machte, vor Anker lagen, – hier war es, wo mein Vater verschwand, und als ich in die Tiefe blickte, war es mir, als müßte sich das Wasser wieder über ihm schließen, wie damals, und hier war es, wo der schwarze Rauch – der ganze Auftritt stand vor meiner Seele, meine Augen füllten sich mit Thränen, und einige Momente konnte ich meinen Weg nicht mehr unterscheiden. Aber bald sammelte ich mich wieder. Die erfrischende Luft, das blaue Himmelszelt über meinem Haupte, das geschäftige Treiben in meiner Umgebung und die Notwendigkeit, meiner Pflicht zu genügen, verdrängte meine schmerzlichen Erinnerungen; sobald ich aber die Stelle hinter mir hatte, war ich wieder heiter und zufrieden. Nach einer halben Stunde hatte ich das Fahrzeug unter der Putney-Brücke hindurch geführt; ich leitete es eben zwischen den Untiefen, die den Schiffen eine Strecke weiter unten gefährlich werden, als Marables, als Fleming erschienen. »Wie!« rief Marables, »schon unter der Brücke durch? Warum hast du uns nicht gerufen?« »Ich bin schon hundertmal allein durchgeschossen, und zwar zu einer Zeit, als ich kaum zehn Jahre alt war,« versetzte ich. »Warum sollte ich Sie vom Frühstücke abrufen? Aber die Fluth geht hoch und der Strom ist reißend; ein Umschwung könnte nicht schaden, sonst treiben wir auf die Bank.« »Nun!« bemerkte Fleming erstaunt. »Ich ließ mir's nicht träumen, daß er uns nützlich sein könnte; aber es ist umso besser.« Hierauf flüsterte er leise mit Marables. Marables schüttelte den Kopf. »Mache keinen Versuch, Fleming; es geht nicht.« »So sagtest du einst auch von dir selbst,« versetzte Fleming lachend. »Ja – ja!« erwiederte Marables, die Hände, die er auf der Brust gekreuzt hatte, mit einem Blicke schmerzlicher Bewegung zusammenpressend, »dennoch sage ich, du machst keinen Versuch: nein, sage ich, du darfst keinen Versuch machen.« »Darf keinen Versuch machen?« versetzte Fleming in stolzem Tone. »Ja,« erwiederte Marables kaltblütig, »ich sage, du darfst keinen Versuch machen, und ich bürge für meine Worte. Nun, Jacob, gib mir das Ruder und gehe zu deinem Frühstück. »Ich gab das Ruder in Marables' Hände, und war im Begriff, in die Kajüte zu gehen, als mich Fleming am Arme faßte und im Kreise herumdrehte. »Junge, wir wollen lieber gleich beginnen, womit wir aufhören müssen. Verstehe mich wohl, die Kajüte darfst du nie betreten, und verstehe mich ferner, wenn ich dich je in der Kajüte treffe, sei es Tag oder Nacht, so schlage ich dir alle Knochen entzwei. Deine Schlafstätte ist vorn; und was deine Mahlzeiten betrifft, so kannst du sie entweder hier unten verzehren, oder auf dem Verdeck speisen.« Aus dem, was ich bis jetzt gesehen hatte, konnte ich schließen, daß Fleming aus irgend einem Grunde über Marables zu gebieten hatte; dessen ungeachtet erwiederte ich: »Wenn es Herr Marables so anordnet, dann ist's schön und gut; nur er hat die Leitung dieser Barke.« Marables äußerte nichts. Er erröthete, schien sehr verdrießlich und blickte gen Himmel. »Du wirst finden,« fuhr Fleming mit leiser Stimme gegen mich fort, »daß ich hier befehle – sei also klug. Vielleicht mag der Tag einst kommen, wo du nach Gefallen in der Kajüte aus- und eingehst, aber das hängt von dir ab. Bald, wenn wir einander näher kennen –« »Nein, Fleming, nie!« unterbrach ihn Marables in lautem und festem Tone. »Es darf nicht sein.« Fleming murmelte etwas, was ich nicht verstehen konnte, und ging in die Kajüte, um mir mein Frühstück zu holen. Ich verzehrte es mit großem Appetit, und erbot mich dann, das Ruder zu übernehmen. Marables ließ sich den Vorschlag gefallen und zog sich mit Fleming in die Kajüte zurück, wo ich sie lange mit einander flüstern hörte. Es war ungefähr Dreiviertelebbe, als die Barke Millbank erreichte. Marables kam auf das Verdeck, ergriff das Ruder und befahl mir, nach dem Vorderdeck zu gehen und den Anker in Bereitschaft zu halten. »Den Anker in Bereitschaft halten!« rief ich, »wir haben noch eine gute Stunde bis zur Fluth.« »Das weiß ich so gut, als du, Jacob; aber wir werden heute nicht weiter fahren. Spute dich, und halte Alles bereit.« Ich ging nach dem Vorderdeck. Als der Anker sammt dem Kabel in Bereitschaft lag, ließen wir ihn fallen und bogen in die Strömung. Ich dachte, dieß sei gerade nicht der geeignetste Weg, den Pflichten gegen den Herrn der Barke nachzukommen; weil ich aber nicht wußte, welche Weisungen Marables erhalten hatte, so schwieg ich. Sei es, daß Fleming für zweckmäßig hielt, mich zu blenden, oder daß wirklich einem Befehle Folge geleistet werde; er fragte Marables, daß ich es hören konnte: »Willst du an's Land gehen, um die Briefe Herrn Drummond's Korrespondenten zu übergeben, oder soll ich für dich gehen.« »Es ist besser, du gehst,« erwiederte Marables gleichgültig. Bald darauf begaben sie sich zum Essen in die Kajüte, und Fleming brachte mir meinen Antheil nach dem Verdeck. Jetzt setzte die Fluth ein, und wir legten uns in die Strömung. Da ich nichts zu thun hatte und sowohl Marables, als Fleming mich zu vermeiden schienen, nahm ich das lateinische Testament des Domine und beschäftigte mich mit Lesen. Ungefähr eine Viertelstunde vor Dunkel erschien Fleming, um an's Land zu gehen. Er war anständig, ich möchte fast sagen elegant, in Schwarz gekleidet, und um seinen Hals schlang sich eine weiße Binde. Der Anblick dieser Verwandlung überraschte mich so sehr, daß ich ihn Anfangs nicht erkannte, und als ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, gingen meine Gedanken natürlich auf das Räthsel über, wie ein Mann, der als Untergebener auf einer Barke arbeite, auf einmal in der Kleidung und mit dem Anstande eines Gentleman auftreten könne. Marables legte das kleine Boot an, welches am Stern hing. Fleming sprang hinein und stieß ab. Ich folgte ihm mit den Augen, bis ich ihn am Landungsplatze anlegen sah; dann wandte ich mich gegen Marables und sagte: »Das kann ich Alles nicht verstehen.« »Glaub's wohl,« erwiederte Marables; »aber ich kann es dir erklären, wenn du mir ehrlich versprechen willst, kein Wort auszuplaudern. »Sobald Sie mich überzeugen, daß Alles in Ordnung ist, verspreche ich das,« war meine Antwort. »Was die Ordnung betrifft, Jacob, so wollen wir das dahingestellt sein lassen; aber wenn ich dir beweise, daß unserem Herrn kein Eintrag dadurch geschieht, so hoffe ich, wirst du das Geheimniß bei dir behalten. Indessen darfst du nicht schlechter von der Sache denken, als sie wirklich ist. Nein, ich will deinem guten Herzen vertrauen. Du wirst mir nicht schaden, Jacob?« Hierauf sagte mir Marables, Fleming habe einst bessere Tage gesehen, und ihm während der langen Krankheit und bei dem darauf folgenden Tode seiner (Marables) Frau eine Summe Geld vorgestreckt; später sei er etwas leichtsinnig geworden, habe sich in Schulden gestürzt, und werde nun von den Gerichten verfolgt. In dieser Bedrängniß habe er sich an ihn gewendet, und sei von ihm an Bord der Barke aufgenommen worden, wo man ihn gewiß nicht suchen würde; er habe Freunde und müsse Nachts an's Land gehen, um sie zu besuchen und ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen, während dessen seine Verwandten einen Vergleich mit seinen Gläubigern zu Stande zu bringen suchten. »Wie konnte ich umhin,« sagte Marables nach seiner Erzählung, »einen Mann abzuweisen, der so gütig gegen mich gewesen war? Und welchen Nachtheil hat Herr Drummond davon? Kann oder will Fleming seine Arbeit nicht verrichten, wenn wir ausladen, so bezahlt er einen Stellvertreter, und Herrn Drummond geschieht nicht im Mindesten Eintrag.« »Das mag Alles wahr sein,« sagte ich; »aber ich kann nur nicht begreifen, warum ich die Kajüte nicht betreten soll, und warum er hier den Gebieter spielt.« »Nun, du siehst, Jacob, ich bin ihm Geld schuldig, und er läßt mich eine Wochenmiethe aus der Kajüte ziehen, um meine Schuld nach und nach abzutragen. Verstehst du mich jetzt?« »Ja, ich verstehe, was Sie gesagt haben,« erwiederte ich. »Gut, Jacob, ich hoffe, du wirst es nicht weiter sagen. Es würde mich nur in Verlegenheit bringen und nichts Gutes herbeiführen.« »Dieß hängt von Flemings Benehmen gegen mich ab,« entgegnete ich. »Ich lasse mich einmal nicht von ihm verunglimpfen und mißhandeln, verlassen Sie sich darauf. Er hat an Bord dieser Barke nichts zu schaffen, das ist klar, und ich bin hier verpflichteter Lehrbursche. Ich wünsche Ihnen nicht zu schaden, und da ich voraussetze, Fleming werde nicht lange bleiben, so will ich nichts sagen, so lange er mich ordentlich behandelt.« Marables verließ mich, und ich dachte über seine Worte nach. Die Erzählung war sehr scheinbar, befriedigte mich aber nicht. Ich beschloß, genau Acht zu geben und, im Falle irgend etwas vorkommen sollte, was einen weitern Verdacht erwecken könnte, Herrn Drummond bei unserer Rückkehr in Kenntniß zu setzen. Bald darauf kam Marables zurück, und sagte, ich könnte zu Bett gehen; er wolle auf dem Verdeck bleiben, um Flemings Rückkehr abzuwarten. Ich war's zufrieden und ging in meinen Verschlag; aber diese Erlaubniß wollte mir nicht behagen, denn es schien mir, als wäre er gerne meiner los gewesen. Ich blieb daher wach und überlegte, was ich gesehen und gehört hatte. Ungefähr um zwei Uhr Morgens vernahm ich Ruderschläge, und das Boot stieß an die Barke. Ich blieb in meinem Verschlag, steckte aber den Kopf durch die Luke, um zu sehen, was vorging. Der Mond stand am Himmel, und es war beinahe so helle, wie am Tage. Fleming warf das Tau herauf, und als es Marables gefaßt hatte, gab er ihm einen blauen, anscheinend wohlgefüllten Sack, dessen Inhalt klingelte, als er auf das Verdeck gelegt wurde. Dann bot er ihm ein zweites Bündel hinauf, das mit einem gelbseidenen Taschentuch umwickelt war. Jetzt stieg Fleming auf das Verdeck, und Marables ging mit dem Tau in der Hand nach dem Hintertheil, um das Boot an den Stern zu befestigen. Dann trat er wieder zu Fleming, der neben dem blauen Sacke stehen geblieben war. Ich hörte Letzteren mit leiser Stimme fragen, ob ich im Bette seie, worauf Marables bejahend antwortete. Alsbald zog ich meinen Kopf zurück, um nicht entdeckt zu werden, und legte mich nieder. Lange wälzte ich mich unruhig umher; Gedanke um Gedanke, Vermuthung um Vermuthung, Argwohn um Argwohn, Zweifel um Zweifel zuckte durch mein Gehirn, bis ich endlich in Schlaf sank und zwar in einen so festen Schlaf, daß mich Fleming wecken mußte. Ich stand auf, und als ich das Verdeck betrat, sah ich. daß wir schon vor mehr als zwei Stunden Anker gelichtet und alle Brücken hinter uns hatten. »Du hast einen ordentlichen Schlaf, Jacob,« sagte Fleming mit anscheinend guter Laune; »gehe jetzt zu deinem Frühstück, es wartet schon seit einer halben Stunde auf dich.« Aus dem Benehmen Flemings zog ich den Schluß, daß ihm Marables unsere Unterhaltung mitgetheilt hatte, und wirklich erfuhr ich auch von dieser Zeit, während unserer ganzen Fahrt, eine freundliche und vertrauliche Behandlung von ihm. Aber das Verbot wegen der Kajüte ward nicht aufgehoben, und ich äußerte nicht mehr den Wunsch, sie zu betreten. Siebentes Kapitel. Das Geheimniß wird immer anziehender, und ich fasse den Entschluß, es ausfindig zu machen. – Indem ich nach eingeschlossenen Gegenständen fahnde, werde ich selbst eingeschlossen. – Fleming führt den Beweis, daß er mir einen guten Rath gab, als er mir empfahl, schwimmen zu lernen. Bei unserer Ankunft am Medway war ich gerade zu Bett gegangen und kleidete mich aus, als ich Fleming auf das Verdeck kommen und das Boot niederlassen hörte. Ich sah durch die Lücke; es war sehr finster, aber doch konnte ich bemerken, wie ihm Marables den Sack und das Taschentuch hinabbot, mit welchem er an's Land fuhr. Es war bereits lichter Tag, als er zurückkam. Ich traf ihn, wie er eben an Bord stieg. »Du hast mich ertappt, Jacob; sagte er. »Ich war am Lande bei meinem Liebchen; aber Knaben wie du, brauchen noch nichts von dergleichen Sachen zu wissen. Lege das Boot an. So ist's recht, Junge.« Als wir einmal Nachts unsere Ladung löschten, welche für die Regierung bestimmt war, hörte ich Stimmen neben mir. In Folge der Gewohnheit weckte mich das geringste Geräusch; beim Anstoßen eines Bootes war ich gewiß, daß ich erwachte. Es war ungefähr Mitternacht. Ich sah durch die Lücke und bemerkte zwei Männer, welche Gepäck an Bord brachten, und in die Kajüte trugen. Ungefähr nach zehn Minuten kamen sie mit Fleming wieder heraus und verließen die Barke. Nachdem wir ausgeladen hatten lichteten wir Anker und fuhren zurück. Drei Tage darauf lagen wir wieder vor Herrn Drummond's Werfte. Marables und Fleming waren beide sehr freundlich gegen mich. Sie lebten auf einem weit besseren Fuße, als man von Männern ihres Gewerbes erwarten sollte, und ich befand mich wohl dabei. Bei unserer Ankunft in der Werfte, kam Marables auf mich zu und sagte: »Ich habe dir mein Geheimniß redlich mitgetheilt, Jacob, hoffe aber auch, du wirst mich nicht verderben, und gegen Herrn Drummond zu schweigen wissen.« Schon vorher hatte ich den Entschluß gefaßt, nichts gegen meinen Herrn zu erwähnen, bis sich mein Verdacht bestätigen würde, und leistete deßhalb das Versprechen; aber ich hatte mir auch vorgenommen, sowohl was ich argwöhnte, als was ich gesehen hatte, dem alten Domine mitzutheilen. Dem zu Folge machte ich mich am dritten Tage nach unserer Ankunft auf den Weg nach der Schule, setzte den Domine von Allem, was vorgegangen war, in Kenntniß, und bat ihn um seinen Rath. »Du hast wohlgethan, Jacob,« sagte er, »aber du hättest noch besser thun können. Wenn du das Versprechen nicht gegeben hättest, das dir jetzt heilig sein muß, wäre ich mit dir zu Herrn Drummond gegangen, damit du ihn sogleich von Allem unterrichtet hättest. Die Sache will mir nicht gefallen. Böse Thaten werden in der Finsterniß verübt. Noctem peccatis et fraudibus objice nubem . Uebrigens ist, wie du sagtest, noch nichts bewiesen. Wache daher, Jacob, wache sorgfältig über das Wohl deines Herrn und das Wohl der Gesellschaft im Allgemeinen. Ich darf sagen, es ist deine Pflicht vigilare noctesque diesque . Es mag sein, wie Marables gesagt hat, und vielleicht kann Alles verantwortet werden; aber sei auf deiner Hut, sage ich, sei treu.« Ich folgte dem Rathe des Domine. Bald führten wir wieder eine Ladung von Backsteinen, welche an dieselbe Stelle geliefert werden mußten. Wir traten unsere Fahrt an. Da Marables und Fleming gefunden hatten, ich sei gegen Herrn Drummond stumm geblieben, so behandelten sie mich äußerst freundlich. Fleming bot mir eines Tags Geld an, aber ich lehnte es ab, indem ich sagte, ich habe keine Bedürfnisse. Ich stand in dem besten Vernehmen mit ihnen, während ich im Stillen auf Alles, was vorging, genau Acht gab, ohne mir auch nur Eine Bemerkung zu erlauben, welche Verdacht erwecken konnte. Doch um nicht allzu weitschweifig zu werden, sei es genug, wenn ich sage, daß wir im Laufe mehrerer Monate viele Fahrten machten, während welcher Zeit ich folgende Beobachtungen zu machen Gelegenheit fand. – An gewissen Stellen fuhr Fleming bei Nacht an's Land, und nahm Säcke und Bündel mit; dann kehrte er gewöhnlich mit neuem Gepäcke zurück, welches in die Kajüte geschafft wurde. Bisweilen erschienen des Nachts auch fremde Leute an Bord, und blieben eine Zeit lang bei ihm in der Kajüte, und dieß Alles geschah zu einer Zeit, wo man mich in tiefem Schlafe vermuthete. Wenn die Barke an den Werften lag, oder Fleming am Lande war, blieb die Kajüte stets verschlossen, und mir wurde der Eintritt zu keiner Zeit gestattet. Fleming betrachtete Marables als eine bloße Null. Er ordnete Alles an, wie es ihm beliebte; und in den Gesprächen, bei denen man sich weit weniger Zwang anthat, zeigte sich keine Spur, als wollte uns Fleming sobald verlassen. In der Ueberzeugung, daß ich ohne besondere Anstrengung von meiner Seite durchaus keine Aussicht auf Entdeckung habe, während doch mein Verdacht täglich stärker wurde, beschloß ich, etwas zu wagen. Mein Hauptwunsch ging dahin, die Kajüte zu betreten und ihren Inhalt zu untersuchen; aber das war nicht so leicht, und allem Anschein nach ein gefährlicher Versuch. In einer Nacht stieg ich im Hemde auf das Verdeck. Wir lagen bei Rotherhithe vor Anker, es war finster und seiner Regen rieselte auf das Verdeck. Ich wollte schnell wieder hinunter, als ich Licht in der Kajüte gewahrte, und Marables' und Fleming's Stimmen hörte. Die Gelegenheit schien mir günstig; da ich keine Schuhe hatte, so schlich ich auf dem nassen Boden nach der Kajütenthüre, welche nach vorn etwas offen war, und schielte durch die Spalte hinein. Marables und Fleming saßen einander gegenüber an einem kleinen Tische. Vor ihnen lagen einige Papiere, und sie theilten Geld unter einander. Marables behauptete, er bekomme zu wenig, Fleming aber sagte lachend, er habe nicht mehr verdient. Ich fürchtete Entdeckung und ergriff den Rückzug nach meiner Schlafstätte. Es war mein Glück, denn kaum hatte ich den Kopf unter der Luke, und das Brett vorgeschoben, als die Thüre geöffnet wurde, und Fleming heraustrat. Ich dachte über den Auftritt nach, und die Aeußerung Fleming's, Marables habe nicht mehr verdient, brachte mich zur Ueberzeugung, daß die Geschichte, die mir Marables von Fleming erzählt hatte, ein Mährchen sei. Mein Eifer wurde dadurch noch mehr angespornt. Manche Nacht durchwachte ich in der Hoffnung, eine Gelegenheit zur Untersuchung der Kajüte zu erlauern; aber es war umsonst. Immer befand sich der eine oder der andere von beiden Männern an Bord. Ich theilte dem Domine fortwährend Alles mit, was ich entdecken konnte, und er war endlich selbst der Ansicht, Herrn Drummond Alles zu verschweigen, bis ich die vollständigen Beweise über ihr Thun und Treiben in Händen hätte. Die Kajüte war jetzt der einzige Gegenstand meiner Gedanken, und ich entwarf Pläne auf Pläne, um mir dieselbe zugänglich zu machen. Fatima konnte keine größere Sehnsucht nach dem furchtbaren Gemache Blaubart's haben, als ich nach der Entdeckung der Geheimnisse dieses Verstecks. Einmal hatte Fleming Nachts die Barke verlassen, und ich stieg aus meinem Verschlage auf das Verdeck. Marables saß auf der Wassertonne, den Ellbogen auf die Brustwehr und den Kopf auf die Hand gestützt, als wäre er in tiefen Gedanken. Die Thüre der Kajüte war zu, aber das Licht brannte noch darin. Ich stand eine Zeitlang auf der Lauer, und als ich bemerkte, daß sich Marables nicht rührte, trat ich leise auf ihn zu. Er schlief; ich blieb eine Zeitlang neben ihm stehen. Endlich schnarchte er. Diese Gelegenheit durfte ich nicht versäumen. Ich schlich an die Kajütenthüre; sie war nicht verschlossen. Ob ich gleich den Zorn Marables, im Falle einer Entdeckung weniger fürchtete, als den Zorn Flemings; so öffnete ich doch nur mit klopfendem Herzen und zitternder Hand, ehe ich eintrat, eine Zeit lang stehen bleibend, um mich zu versichern, ob Marables nicht gestört worden sei. Er rührte sich nicht; ich ging hinein, und schloß die Thüre hinter mir ab. Ich ergriff das Licht und sah mich im Gemache um. Auf jeder Seite stand ein Bett, wie ich schon einige Mal im Vorübergehen bemerkt hatte, und vor jedem Bette ein Koffer zum Sitzen. Ich untersuchte sie, sie waren nicht verschlossen, und enthielten die Kleider Marables' und Fleming's. Im Hintergrunde der Kajüte waren drei Schränke. Ich öffnete den mittleren, er enthielt Porzellangeschirr, Gläser und Tischbestecke. Dann untersuchte ich den nächsten; er war verschlossen, aber der Schlüssel steckte. Ich drehte ihn langsam um, aber das Schloß war gut, und schnappte mit lautem Geräusch zurück. Aengstlich lauschte ich – Marables schlief fort. Der Schrank hatte drei Simse,, und auf jedem derselben lagen silberne Löffel, Gabeln und Platten, nebst Uhren, Armbändern und Schmucksachen aller Art. An jedem Stücke war ein Papier befestigt, das ein besonderes Zeichen hatte. Da ich Alles genau zu untersuchen wünschte, und durch meine Entdeckung ermuthigt war, trat ich an den dritten Kasten, der auf der Backbordseite stand, und öffnete auch diesen. Er enthielt seidene Taschentücher aller Art, Spitzenschleier, eine Menge anderer Gegenstände von Werth und auf dem untersten Brett lagen drei Paar Pistolen. Jetzt war ich befriedigt; ich lehnte die Thüre des letzten Schrankes, der nicht verschlossen gewesen war, wieder an, und war im Begriff, den Rückzug zu ergreifen, als ich mich erinnerte, daß ich den zweiten Kasten nicht verschlossen hatte. Aus Furcht, man möchte Verdacht schöpfen, wenn man ihn offen fände, drehte ich den Schlüssel. Die Feder schnappte lauter als vorhin. Ich hörte Marables aus seinem Schlafe auffahren. Augenblicklich blies ich das Licht aus und blieb regungslos stehen. Marables stand auf, ging ein paar Mal auf und nieder, sah nach der Kajütenthüre, welche zugedrückt war, und öffnete sie ein wenig; da er aber sah, daß die Lampe nicht mehr brannte, zog er sie wieder zu und drehte zu meiner Bestürzung den Schlüssel um. Da stand ich und war eingeschlossen, bis Fleming zurückkam, um mich seiner Wuth zu opfern. Ich wußte nicht, was ich thun sollte. Endlich entschloß ich mich, Marables zu rufen, weil ich seinen Zorn weniger fürchtete. Da fiel mir ein, Marables könnte von selbst hereinkommen um die Lampe wieder anzuzünden, und während er auf der einen Seite einträte, fände ich vielleicht Gelegenheit im Dunkeln auf der andern hinauszuschleichen. Diese schwache Hoffnung hielt mich immer noch zurück. Doch endlich entschloß ich mich, meinen Vorsatz auszuführen, und lief gegen die Thüre um zu rufen. Da vernahm ich Ruderschläge. Ich blieb stehen – zögerte – das Boot legte an, und ich hörte Fleming auf das Verdeck springen. »Hurtig!« sagte er zu Marables, als er an die Kajütenthüre kam und sie zu öffnen suchte; »wir haben keine Zeit zu verlieren, wir müssen alles in Säcke packen und versenken. Zwei von ihnen haben geplaudert, und das Versteck wird untersucht.« Er nahm den Schlüssel aus Marables' Hand und öffnete die Thüre. Ich hatte die Lampe wieder auf den Tisch gestellt. Fleming trat ein, setzte sich auf den Koffer an der Backbordseite und suchte die Lampe mit den Händen. Marables folgte seinem Beispiele und setzte sich auf den Koffer an der Steuerbordseite. – Flucht war unmöglich. Mit pochendem Herz erwartete ich mein Schicksal und rührte mich nicht. Mittlerweile hatte Fleming einen Phosphorfeuerzeug aus der Tasche genommen. Ich hörte das Klappen des zinnernen Deckels und vernahm das Knistern des Hölzchens. Noch eine Sekunde, das Schwefelholz war aus dem Fläschchen gezogen, und eine goldene Flamme erhellte die Kajüte, auch meine Gestalt ihren Blicken enthüllend. Erstarrt über meine Anwesenheit ließ Fleming das Holz fallen, und alles war wieder finster wie zuvor; aber die Finsterniß kam mir nicht mehr zu Statten, – man hatte mich bereits gesehen. »Jacob!« rief Marables. »Wird nicht so lange leben, um zu plaudern,« fügte Fleming mit entschlossenem Tone hinzu, als er ein zweites Hölzchen in das Fläschchen steckte und die Lampe anzündete. »Komm,« rief er grimmig; »marsch heraus aus der Kajüte.« Ich schickte mich an, ihm zu gehorchen. Fleming ging voran, und ich folgte ihm durch das Gemach, als Marables Einsprache that. »Halt, Fleming, was hast du vor?« »Ihn stumm zu machen!« erwiederte Fleming. »Du wirst ihn doch nicht ermorden?« rief Marables, am ganzen Leibe zitternd. »Du wirst nicht, du darfst nicht.« »Was wäre das, was ich nicht dürfte, Marables? Doch alle Worte sind hier unnütz – entweder er oder ich. Einer muß geopfert werden, und ich will nicht sterben um seinetwillen.« »Du sollst nicht – bei Gott, Fleming, du sollst nicht!« schrie Marables, mich beim andern Arme ergreifend und festhaltend. Ich verstärkte den Widerstand Marables mit meinem eigenen. Fleming sah, daß wir ihn überwältigen würden. Er nahm eine Pistole aus seiner Tasche und versetzte meinem Vertheidiger einen Schlag über den Kopf, der ihn der Besinnung beraubte. Dann warf er das Pistol weg und schleppte mich aus der Kajüte. Ich war stark, aber er hatte übermäßige Kräfte. Mein Widerstand war erfolglos. Er brachte mich nach und nach an den Rand der Barke, umfaßte mich mit seinen Armen, und schleuderte mich hinaus in die Finsterniß und in die rasch dahin fluthende Themse. Es war ein Glück für mich, daß ich den Rath, den mir Fleming gleich bei unserem ersten Zusammentreffen ertheilte, befolgt und mich im Schwimmen geübt hatte, aber ein noch größeres Glück, daß ich durch kein anderes Kleidungsstück in meinen Bewegungen gehemmt wurde, als durch mein Hemde, in welchem ich auf das Verdeck gestiegen war. Eine geraume Strecke riß mich die Fluth mit sich fort, und erst in einiger Entfernung, wo mich Fleming, der mich ohne Zweifel beobachtete, wahrscheinlich nicht mehr sehen konnte, tauchte ich aus dem Wasser empor. Dennoch hatte ich wenig Hoffnung, mich in der finstern Nacht zu retten; zumal da ich ungefähr eine Viertelmeile vom Ufer entfernt war. Ich kämpfte mit den Wellen, um mich über dem Wasser zu halten; da vernahm ich auf einmal Ruderschläge, und nach wenigen Secunden sah ich die Ruder über meinem Kopfe. Sie strichen über mich hin, ich griff darnach, erfaßte das Letzte und rief um Hülfe. »Was Teufel!« schrie der Mann, der es führte. »Die Ruder gestemmt, Männer; es ist Jemand über Bord.« Sie hielten. Er zog sein Ruder an sich, bis er mich fassen konnte; dann hoben sie mich in's Boot. Die Kälte und der Kampf mit den Wellen hatte meine Kräfte erschöpft; man mußte mich vorher in einen warmen Rock hüllen und mit gebrannten Wassern stärken, ehe ich sprechen konnte. Sie fragten mich, zu welchem Fahrzeuge ich gehöre. »Zu der Barke Polly.« »Eben diese suchen wir. Wo ist sie, Junge?« Ich bezeichnete ihnen die Richtung. Das Fahrzeug war groß und hatte sechs Ruder. Es gehörte zur Strompolizei. Der Beamte, der das Steuer führte, fragte mich, wie ich in's Wasser gekommen sei. »Ich wurde von einem Manne, Namens Fleming, über Bord geworfen,« antwortete ich. »Diesen Namen hat er sich beigelegt,« sagte der Beamte. »Vorwärts, Bursche! Da scheint also auch noch Mord zu den übrigen Anklagen zu kommen.« Nach einer Viertelstunde lagen wir an der Seite des Lichters. Der Beamte sprang mit vier Mann aus dem Boote und hieß mich mit den zwei übrigen zurückbleiben. Trotz der Kälte und Erschöpfung, die ich fühlte, war ich doch zu sehr bei der Sache betheiligt, um mich nicht aufzurichten und zu beobachten, was vorging. Als der Beamte mit seinen Begleitern das Verdeck erstiegen hatte, wurden sie von Fleming empfangen, wahrend Marables einige Schritte hinter ihm stehen blieb. »Was soll das?« rief Fleming mit trotzigem Tone. »Seid ihr Flußpiraten und kommt ihr uns zu plündern?« »Das gerade nicht,« antwortete der Beamte; »wir kommen nur, um euch zu besuchen. Gebt uns den Schlüssel zu Eurer Kajüte,« fuhr er fort, als er die Thüre verschlossen fand. »Herzlich gern, sobald Ihr Euch mit einer Vollmacht ausweiset,« erwiederte Fleming; »aber ich kann Euch sagen, Ihr werdet keinen Schmuggelbranntwein finden. Marables, gib den Schlüssel her; ich sehe, sie gehören zur Stromwache.« Marables, der noch kein Wort gesprochen hatte, überlieferte den Schlüssel. Der Beamte öffnete eine Blendlaterne, ging in die Kajüte und begann sein Geschäft, während er zwei seiner Männer zur Bewachung Marables' und Flemings zurückließ. Aber seine Untersuchung hatte keinen Erfolg. Er kehrte auf's Verdeck zurück, ohne etwas gefunden zu haben. »Nun, haben Sie einen Fang gemacht?« fragte Fleming spöttisch. »Etwas Geduld,« sagte der Beamte; »wie stark ist die Mannschaft dieser Barke?« »Sie sehen sie vor sich,« erwiederte Fleming. »Ja; aber ihr habt auch einen Jungen – wo ist er?« »Wir haben keinen Jungen,« versetzte Fleming; »zwei Mann sind für dieses Fahrzeug genug.« »Und doch muß ich fragen, was ist aus dem Jungen geworden? denn diesen Nachmittag war ein Junge bei euch auf dem Verdeck.« »Wenn dieß der Fall ist, so wird er vermuthlich wieder an's Land gegangen sein.« »Beantwortet mir eine andere Frage, welcher von euch Beiden hat ihn über Bord geworfen?« Auf diese Frage des Beamten stutzte Fleming, und Marables rief: »Ich nicht, ich wollte in retten. O, daß der Knabe hier wäre, um es zu bezeugen.« »Ich bin hier, Marables,« rief ich auf's Verdeck kommend, »und zeuge für Sie, daß Sie mich zu retten suchten, als Sie von diesem Meuchelmörder zu Boden gestreckt wurden; er aber warf mich über Bord, damit ich nichts von dem Silber und Gold aussagen könnte, das ich in der Kajüte gefunden und das ihr, wie ich ihn sagen hörte, in Säcke packen und versenken mußtet, weil zwei von den Leuten geplaudert hätten.« Fleming drehte sich bei meinem Anblicke um, als könnte er ihn nicht ertragen. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen: aber nachdem er einige Sekunden lang diese Stellung beibehalten hatte, streckte er schweigend seine Hände dem Polizeibeamten hin, der bereits die Handschellen aus der Tasche genommen hatte. Marables dagegen sprang, sobald ich geredet hatte, auf mich zu und schloß mich in seine Arme. »Guter, braver Junge! Gott sei Dank – Gott sei Dank! Alles, was er gesagt hat, ist wahr, Sir. Sie finden die Sachen am Stern versenkt und das Bojetau ist an der untern Ruderschleife befestigt. Jacob, Gott sei Dank, du bist gerettet. Ich dachte nicht, daß ich dich wiedersehen würde. Hier, Sir,« fuhr er zum Beamten fort, seine Hände hinhaltend, »ich verdiene Alles. Ich hatte nicht Stärke genug, ehrlich zu sein.« Beiden wurden die Handschellen angelegt. Mir erlaubte der Beamte, hinunter zu gehen und meine Kleider anzulegen; dann zog er die Säcke mit den versenkten Kostbarkeiten herauf, ließ zwei Männer auf der Barke zurück und ruderte auf seinem Boote mit uns an's Land. Es war ungefähr drei Uhr Morgens, und ich fühlte mich eigentlich glücklich, als wir das Wachthaus erreichten und ich mich am Feuer wärmen konnte. Sobald mir wohler war, streckte ich mich auf die Bank und fiel in einen festen Schlaf. Achtes Kapitel. Noch mehr von dem Hinauf und Hinunter im Leben. – Man führt mich in den Gerichtshof hinauf , und ich führe den Lichter auf der Themse hinunter . – Die beiden Tome. – Ein fröhliches Herz auf zwei Stümpfen. – Mein erster Unterricht im Singen. – Unser Lichter wohl bemannt mit zwei Jungen und einem Bruchstücke. Ich erwachte am andern Morgen nicht eher, als bis mich die Polizei weckte, um mich vor Gericht zu führen. Die Menge, welche uns verfolgte, schien keinen Unterschied zwischen den Gefangenen und Zeugen zu machen, und war sehr freigebig mit Bemerkungen, die für mich nicht sehr schmeichelhaft und unterhaltend waren. »Ein junger Bursche für ein solches Gewerbe,« rief Einer; »der Galgen ist ihm auf die Stirn gedrückt,« sagte ein Anderer, dem ich – so viel ich an seinen Zügen bemerkte, als ich mich nach ihm umwandte – die Schmeichelei mit Fug und Recht hätte zurückgeben können. Das Gericht war nicht weit vom Wachthause entfernt und wir langten bald daselbst an. Der Oberbeamte ging in's innere Zimmer und besprach sich mit den Geschworenen, bevor sie in die Amtsstube traten und ihre Sitze einnahmen. »Wo ist dieser Jacob Ehrlich? Junge, weißt du etwas von der Bedeutung eines Eides?« Ich antwortete bejahend. Der Eid wurde mir abgenommen und meine Aussage niedergeschrieben. Dann las man den Gefangenen die Anklage vor und fragte sie, ob sie etwas zu ihrer Vertheidigung vorzubringen wüßten. Fleming hatte von seinem Anwalt, den er berufen, die Weisung erhalten, keine Antwort zu geben. Marables erwiederte ruhig, die Angaben des Jungen seien sämmtlich richtig. »Glaubt aber ja nicht,« sagte der Beamte, »daß wir Euch als Königszeuge Königszeugniß wird die Aussage eines Mitschuldigen genannt, auf welche hin ein Verbrecher überwiesen wird. Das Königszeugniß hat für den, welcher es ablegt, Begnadigung zur Folge. annehmen können; das Zeugniß des Knaben ist hinreichend.« »Ich wollte auch nicht als Zeuge auftreten,« versetzte Marables; »ich suche nur mein Gewissen zu erleichtern, nicht Verzeihung zu erlangen.« Hierauf wurden die Verbrecher verhört und in's Gefängniß gebracht. Ich konnte nicht umhin, zu Marables hinzugehen und ihm die Hände zu drücken, ehe man ihn abführte. Er erhob seine beiden Hände, denn er hatte die Handschellen noch an, und wischte sich die Augen, indem er sagte: »Laß es dir eine Warnung sein Jacob – nicht als ob ich glaubte, du bedürftest einer Warnung; aber ich war einst eben so ehrlich, als du, und nun sehe mich jetzt an.« Er sah mit einem Schmerzensausdruck auf seine gefesselten Handgelenke. Sie verließen das Zimmer. Fleming warf mir einen Blick zu, der es deutlich genug aussprach, was ich zu gewarten hätte, wenn ich ihm je in die Hände fallen sollte. »Wir müssen dich hier behalten, Junge,« bemerkte einer der Geschworenen, »wenn du nicht einen genügenden Bürgen stellen kannst, daß du dich bei der Untersuchung als Zeuge einfindest.« Ich erwiederte, ich kenne Niemand, als Herrn Drummond und meinen Schulmeister, habe aber keine Mittel, sie von meiner Lage in Kenntniß zu setzen. Der Oberrichter beauftragte den Polizeidiener, mit der ersten Kutsche nach Brentford zu fahren, das Vorgefallene Herrn Drummond mitzutheilen und ihm zugleich zu eröffnen, daß der Lichter so lange unter der Aufsicht der Strompolizei bleibe, bis er Leute an Bord schicke. Ich erhielt die Erlaubniß, mich auf eine Bank hinter die Schranken zu setzen. Es war schon Mittag vorüber, als Herr Drummond in Begleitung des Domine erschien. Um Zeit zu ersparen, gab Ihnen der Beamte meine Aussage zum Durchlesen. Sie leisteten Bürgschaft, und ich konnte den Gerichtssaal verlassen. Wir fuhren mit einander in der Landkutsche hinab, aber da sie im Innern saßen und ich mich auf einem Außensitze befand, so hatte ich nicht viele Fragen zu beantworten, bis wir in Herrn Drummonds Hause anlangten, wo ich über alles Vorgefallene umständlichen Bericht erstattete. »Proh! Deus!« rief der Domine, als ich meine Erzählung beendet hatte. Welch ein Entrinnen! Wie nahe warst du daran, uns entrissen zu werden, wie Propertius, freilich in Beziehung auf ein Weib, sagt: ›Eripitur nobis jam pridem carus puer‹ . Wie gut war es, daß du schwimmen gelernt hattest – wahrlich, du mußt wacker um dein Leben gekämpft haben. ›Pugnat in adversas ire natator aquas‹ , ja, gewiß, wacker, mein Kind. Nun, Gott sei gepriesen!« Aber Herrn Drummond war daran gelegen, daß der Lichter in die Werfte zurückgebracht würde. Er ließ mir daher das Essen reichen (denn ich hatte den ganzen Tag noch nichts über die Lippen gebracht) und schickte mich in einem Boote mit zwei Männern nach der Barke, um sie heraufzuführen. Am nächsten Morgen kamen wir zurück; und da Herr Drummond noch keinen neuen Schiffer angenommen hatte, blieb ich wieder einige Tage lang am Lande, indem ich meine Zeit zwischen dem Domine und dem Drummond'schen Hause theilte, wo ich nicht nur von dem Herrn, sondern auch von seiner Gattin und der kleinen Sarah sehr freundlich behandelt wurde. Bald war ein Führer für den Lichter gefunden; und da ich eine geraume Zeit unter seiner Oberherrschaft stand, so muß ich ihn etwas genauer beschreiben. Er hatte den größten Theil seiner Lebenszeit als Soldat an Bord eines Kriegsschiffes zugebracht, manchem größeren und kleineren Seetreffen beigewohnt, und in der Schlacht bei Trafalgar seinen Dienst mit dem Verluste seiner beiden Beine beschlossen – ein Unglück, das ihm einen Jahrgehalt aus dem Greenwich-Hospital verschaffte, welchen er, als Gatte und Vater, der Aufnahme in diese Anstalt vorzog. Seit dieser Zeit arbeitete er auf dem Flusse. Er war sehr beweglich und breitschulterig, und hatte vor dem Verluste seiner Beine gewiß seine fünf Fuß elf Zoll, wo nicht volle sechs Fuß gemessen; als er aber fand, daß er sich auf kurzen Stümpfen besser im Gleichgewicht erhalten konnte, als auf langen, so hatte er seine hölzernen Beine ungefähr um acht Zoll gegen seine früheren verkürzt und dadurch bei seinem breiten Körperbau das Ansehen eines großen Zwerges gewonnen. Den vortrefflichen Ruf, dessen er sich erfreute, verdiente er in vollem Maße. Er war stets heiter und trank gern sein Gläschen. Ein leichter Sinn bildete den Grundzug seines Charakters. Er sang unaufhörlich. Seine Stimme war sehr schön und kräftig. So lange er an Bord des Kriegsschiffes war, mußte er häufig dem Kapitän und den Officieren singen, wie er denn überhaupt als die Seele der Back galt. Sein Gedächtniß war vorzüglich, sein Vorrath an Liedern unerschöpflich. Uebrigens sang er selten oder nie mehr als eine oder zwei Liederstrophen, die ihm bei irgend einer Veranlassung des Augenblicks beifielen, wobei er die Worte häufig veränderte, um sie der Gelegenheit anzupassen. Ihn begleitete sein Sohn Tom, ein Junge von meinem Alter, so lustig, als sein Vater, mit einer guten Tenorstimme und einem ordentlichen Vorrath an Humor. Häufig nahm er die Strophen seines Vaters auf, um sie mit Worten von seiner eigenen Erfindung und einem allzeit fertigen Witze in richtiger Tonweise weiter auszuführen. Wir drei bildeten die Mannschaft des Lichters, und da durch Verzögerung schon eine geraume Zeit verloren worden war, so schifften wir uns bei der Ankunft der beiden Tome sogleich ein. Der Vater hieß Tom Beazeley, war aber auf dem Flusse bekannter unter dem Namen »der alte Tom«, oder wie ihn irgend ein sachkundiger Spaßvogel getauft hatte, »der Meermann auf zwei Stümpfen «. Sobald wir unsere Armatur an Bord hatten, wie es der alte Tom nannte, erhielt er seine Verhaltungsbefehle, und wir stießen von der Werfte ab. Der Wind war günstig. Der junge Tom geberdete sich so ruhig und muthwillig, wie ein Affe. Sein Vater ergriff das Steuer. Wir Jungen spannten die Segel und ließen uns dabei von einem kleinen Neufoundländer Hunde helfen, den Tom dazu abgerichtet hatte, ein Tau mit den Zähnen zu halten und überhaupt beim Auftakeln Dienste zu leisten. – Die Barke glitt dahin und der alte Tom sang, daß man es an beiden Ufern hören konnte: »Wohlauf, die Segel gerichtet; Gebt allen Winden sie frei! Der See bin ich immer verpflichtet, Doch bleib' meinem Liebchen ich treu.« »Tom, du Betteljunge, ist der Bündel für deine Mutter fertig? Wir müssen auf Battersea-Revier den Kahn aussetzen, Jacob, und der Alten die Kleider an's Land schicken, sonst bekommen wir keine reinen Hemden auf den Sonntag. Lege auch die deinigen dazu, Jacob, sie wird nichts dagegen haben, denn sie hat sonst schon für die ganze Mannschaft gewaschen. Ziehet Beide an – noch einen Ruck, dann laßt das Lien fallen. So ist's recht, meine Hähnchen. »Die Segel dem Winde gerichtet, Er treibt uns die Fluthen entlang! So bringet noch, dem wir verpflichtet, Ein Gläschen beim frohen Gesang.« »Tom, wo ist mein Theetopf? Komm, Junge, wir müssen zum Frühstück pfeifen. Jacob, da hängt ein Tau über Bord. Nun Tom, gib mir meinen Thee; mit der einen Hand will ich trinken, mit der andern steuern, und was die Beine betrifft, je weniger wir davon sagen, desto besser ist's. Ich ford're nicht Schätze, noch Ehren, Ich sehne mich nicht nach der Höh', Nur Eins soll der Herr mir gewähren –« Hier fiel Tom mit seinem Tenor ein, indem er ihm den Topf hinreichte: »Zum Frühstück ein gutes Glas Thee.« »Still, du Seehahn! wie wagst du es, deine Pfenningspfeife hier anzustecken? Wie ist der Wasserstand, Tom? »Drei Viertel Ebbe.« »Nein, Schuft, es ist nicht wahr. Jacob, sprich du.« »Ungefähr halb, denke ich.« »Und du hast Recht.« »Was für Wasser haben wir hier unten auf der Seite?« »Ihr müßt um die Ecke biegen,« erwiederte ich; »die Bank springt vor.« »Dank, Junge, meinte es auch, war aber meiner Sache nicht gewiß.« Und nun stimmte der alte Tom in lieblicher Weise die Strophe an: »Wandelst du des Wassers Pfade, Gib dem Meinen kein Gewicht! Folge einem guten Rathe, Dieser Kompaß trüget nicht.« »Bist du es alter Tom?« rief ein Mann von einer anderen Barke. »Ja, was noch übrig ist, mein Herzblatt.« »Mit dieser Strömung wirst du nicht durch die Brücken kommen, – dort rechts auf den untern Revieren weht ein starker Wind.« »Hat nichts zu sagen, wir wollen sehen, wie wir's machen. ›Wenn nicht Sturm und Wetter toben, Und der Wind sich günstig weist, Sei die Stunde nicht verschoben, Welche uns Erfolg verheißt.«‹ »Bravo, alter Tom! warum werfen die Jungen die Angeln nicht aus? Alle Fische gehören dir zu.« rief der Mann, als Wind und Strömung die Barke trennte. »Ich diente meist auf einem kleinen Fahrzeuge, das sie Arion nannten,« sagte der alte Tom, »und von einem Kerle, der eben so hieß, erzählten sie, er habe die Fische hinter sich herlocken können, so oft es ihm beliebt habe. Wie wir in der Nordsee waren, sah ich selbst, daß Einem Schaaren von Seekälber folgten, wenn man pfiff; aber dieses Vieh hat Ohren – die Fische haben keine. ›Wohl denk' ich an's kalte und traurige Land, Wo des Nordlichts Pracht In des Winters Nacht Vergoldet den schneeigen Strand‹.« »Bist du mit deinem Frühstück«; fertig, Jacob? Da, nimm das Steuer; indessen will ich mit Tom das Fahrzeug wie eine Aepfeltorte aufstutzen.« Der alte Tom humpelte nach dem Vorderschiff und der Sohn folgte mit dem Neufoundländer Hunde, der sich als eine der brauchbarsten Personen an Bord zu betrachten schien. Sie wandten die Taue auf, scheuerten das Verdeck und gingen dann in die Kajüte, um dort ihre Anordnungen zu treffen. »Ein gutes Schloß, das, Tom,« rief der Vater, den Schlüssel am Wandschranke drehend. (Ich erinnerte mich desselben; es schnappte einst so laut, daß ich deßhalb über Bord geworfen wurde.) »Diesen Schrank, sage ich, Tom,« fuhr der Alte fort, »machst du mir nicht auf; darin will ich den Zucker und Grog verschließen, du Schuft. Es geht zu schnell damit, seitdem du Haus- und Hofmeister bist. ›Denn Grog ist der Backbord und Steuerbord, Der Hauptmast und Besan und Log; Am Land und zur See, im sichern Port, Ist's Matrosen Kompaß der Grog‹.« »Aber kein Kompaß, Vater, mit welchem man sicher steuert,« bemerkte Tom. »Darum mache dir nichts mit ihm zu schaffen, Tom.« »Ich trinke nur deßhalb ein wenig, Vater, damit Ihr nicht zu viel trinkt.« »Schönen Dank für Nichts! wann trinke ich zu viel, du Schuft?« »Nicht zu viel für einen Mann, der auf seinen eigenen Spazierhölzern einhergeht, aber zu viel für einen, auf zwei Besenstielen.« »Halte deine Zunge im Zaume, Musje Tom. oder ich schraube einen meiner Besenstiele ab und gebe dir damit eins auf's Dach.« »Und bevor er aus der Schraubenmutter ist, gebe ich Euch das Fersengeld . Was wollt Ihr dann thun, Vater?« »Dich fangen, sobald ich kann, Tom, wie die Spinne die Fliege.« »Wozu aber das, wenn Ihr den Aerger nicht zehn Minuten lang ertragen könnt?« »Sehr wahr, Tom; danke also dem Himmel, daß du zwei gute Fersen hast und dein armer Vater keine.« »Und sehr wahr, daß ich dem Himmel auch oft dafür danke; aber wozu sich über einen Tropfen Rum und eine Hand voll Zucker ärgern?« »Weil du mehr nimmst, als dir zusteht.« »Nun, so nehmet Ihr weniger, dann ist Alles in der Ordnung.« »Und warum soll ich weniger nehmen?« »Weil Ihr nur ein halber Mann seid; Ihr habt für keine Beine zu sorgen, wie ich.« »Ich sage dir aber, Tom, das ist eben der Grund, warum ich mehr bedarf; ich muß meinen alten Leib über den Verlust seiner Beine trösten.« »Wenn Ihr Eure Beine verlort, Vater, so verlort Ihr Euern Ballast, und deßhalb müßt Ihr nicht zu viel Segel beisetzen, sonst könntet Ihr in einer dunkeln Nacht über Bord humpeln. Wenn ich den Grog trinke, so geschieht es also zu Eurem Besten, wie Ihr seht.« »Du bist zwar in diesem Punkte ein gewissenhafter Sohn und so weit der Zucker in's Spiel kömmt, ein süßes Kind; aber doch soll Jacob bei mir in der Kajüte schlafen, und du kannst deine Federn vorne schütteln.« »Nun, das finde ich ganz unnatürlich; warum Vater und Sohn trennen?« »Nicht Vater und Sohn, blos Sohn und Rumflasche.« »Das ist eben so grausam, warum zwei so gute Freunde trennen?« »Von wegen, weil er für dich zu stark ist, Tom, und dich bisweilen wirft.« »Nun, ich vergebe es ihm; er thut das in der besten Laune von der Welt.« »Du bist ein spitzfindiger Kauz, aber du spitzest deine Zunge umsonst. Branntwein ist für einen Jungen, wie du, zu stark, und wächst dir über den Kopf.« »Nun, wachse ich nicht auch? wir wachsen mit einander.« »Du wirst aber höher wachsen ohne ihn.« »Ich möchte kein so hoher Mann werden, wie Ihr, mit verkürztem Unterstocke.« »Wäre ich nicht ein so hoher Mann gewesen, so würde mir auf immer der Athem verkürzt worden sein; die Kugel, welche mir die Beine abschlug, hätte dich mitten entzwei geschlagen.« »Und die Kugel, welche Euch den Kopf abschlüge, würde über den meinigen wegpfeifen; so sind wir also wieder gleich.« »Und hier ist der Grog aufgehoben,« versetzte der alte Tom, den Schlüssel umdrehend und in seine Tasche steckend, »und der Riegel vorgeschoben. So, jetzt wollen wir auf das Verdeck.« Ich schrieb die ganze Unterredung nieder, weil sie dem Leser den besten Begriff von Tom und seinem Benehmen gegen seinen Vater gibt. Tom liebte seinen Vater, und wenn er auch boshaft war und den starken Geist ebenfalls liebte, wo er ihn erhaschen konnte, so war er doch nicht ungehorsam oder lasterhaft. Wir hatten bereits Battersea-Fields erreicht, als sie auf das Verdeck zurückkehrten. »Weißt du, Jacob, wodurch das Kirchspiel Battersea in den Besitz dieser Felder kam? »Nein, ich weiß es nicht.« »Nun, so will ich dir's sagen; – weil die Leute von Battersea menschlicher und barmherziger waren, als ihre Nachbarn. Es war eine Zeit, wo diese Felder keinen Werth hatten, und jetzt sollen sie so viel werth sein, als eine Münzstätte. Die Leiche eines armen Teufels, der im Strome ertrank, wurde hier an's Land gespült, und keines der Kirchspiele wollte die Kosten der Beerdigung tragen; aber die Leute von Battersea, denen man die Last am wenigsten aufbürden konnte, mochten es nicht länger mit ansehen, daß der arme Tropf im Schlamm liegen blieb, und verstanden sich zu dem Begräbnisse. Wie nun die Felder einen Werth bekamen, waren die übrigen Kirchspiele mit ihren Ansprüchen gleich bei der Hand, aber man untersuchte die Sache, und weil nachgewiesen wurde, daß Battersea den Todten begraben hatte, wurden die Güter dieser Gemeinde zugesprochen. Auf diese Art wurden sie für ihre Menschlichkeit gut bezahlt, und sie verdienten es auch. Herr Drummond sagte mir, du kennest den Strom genau, Jacob.« »Ich ward auf demselben geboren.« »So hörte ich und weiß Alles von deines Vaters und deiner Mutter Tod. Ich erzählte es Tom, weil er auch ein Freund von der Rumflasche ist.« »Nun, Vater, wir wollen den Jacob nicht daran erinnern; die Thränen stehen ihm schon in den Augen,« sagte Tom theilnehmend. »Ich wollte, du hättest nie einen andern Tropfen im Auge, – aber vergiß es Jacob, ich bedachte nicht, was ich sagte. Siehst du dort jenes Häuschen mit den beiden Schornsteinen? – das ist mein, dort wohnt meine Alte – möchte wissen, was sie gerade schafft.« Der alte Tom schwieg eine Zeitlang. Seine Augen waren auf das Haus gerichtet. Dann begann er: »Ich kreuzte durch die Meere, ich suchte den fernen Strand, Ich triumphirt' in Schlachten, ich warf den Feuerbrand; Ich trug den wilden Donner durch wilder Wogen Graus, Ich fand nicht Ruhm, noch Schätze, – doch fand ich Herd und Haus.« »Tom, lasse das Boot hinab und rudere mit dem Bündel an's Land; frage die Alte, was sie macht und melde ihr, ich sei munter.« »Im nächsten Augenblicke stand Tom im Boot und ruderte lustig nach dem Ufer. »Das erinnert mich an meine Rückkehr zu meiner Mutter. Es war nach den ersten drei Jahren meines Seedienstes. Ich entlehnte den Nachen vom Schiffer – mein erstes Schiff war ein Grönländer – und steuerte nach meiner Mutter Hütte unter dem Riff. Die alte Seele wäre beinahe vor Freude gestorben.« Der alte Tom schwieg, wischte sich eine Thräne aus den Auge und stimmte wie gewöhnlich eine Strophe an, die er sotto voce vortrug. »Was kümmert's dich, wenn sich die Augen füllen? Auch in der Thräne liegt ein süßer Trost.« »Wie jammerte das alte Ding,« fuhr er nach einer Pause fort, »als ich zur See gehen wollte! – Das war ein Bitten und Betteln – Knaben haben kein Gefühl, – das ist nur zu gewiß.« »Kind, laß mich nicht im fernen Himmelsstrich! Kind, laß mich nicht, ich habe nichts als dich! Denk' an den Sturm, denk', eine Mutter fleht, Ach, eine Mutter, die am Grabe steht!« »Doch endlich gewöhnte sie sich daran, wie das Weib sagte, wenn sie den Aalen die Haut abzog. Tom ist ein guter Junge, Jacob, aber nicht so gesetzt, wie du dem Vernehmen nach sein sollst. Seine Mutter verzärtelt ihn und ich kann ihm auch nicht schief kommen; denn er hat eben doch das Herz am rechten Flecke. Dort schüttelt die alte als Signal das Tischtuch nach uns. Ich wollte, ich wäre selbst an's Land gegangen, aber ich kann diese kleinen papierenen Boote nicht besteigen, ohne den Boden mit meinen Zimmerhölzern zu durchstoßen.« Neuntes Kapitel. Die beiden Tome unterhandeln mit einander. – Friedenstraktat, abgeschlossen zwischen zwei kriegführenden Mächten. – Die größte Masse Braten seit Menschengedenken. – Lieder die Menge, und ein Nachtessen. Tom stieß den Nachen vom Lande. Als er halbwegs zwischen dem Lichter und der Küste war, legte er die Ruder weg. Seine Mutter beobachtete uns und rief mit aufgehobener Faust, während er sich bückte: »Tom, Tom! Wenn du es thust, Tom!« »Tom, Tom, wenn du dich unterstehst, Tom!« drohte sein Vater ebenfalls mit geballter Faust. Aber Tom stand außerhalb des Bereiches von Beiden; er zog daher eine Flasche aus dem Korbe, den ihm seine Mutter anvertraut hatte, setzte sie an den Mund und that einen langen Zug. »Genug, Tom!« kreischte seine Mutter an der Küste. »Zu viel, du Schurke!« rief sein Vater von der Barke. Allein keine von beiden Ermahnungen wurde beachtet. Tom trank so viel, als er für seine Gebühr hielt, fuhr dann ganz kaltblütig an den Lichter heran und bot den Korb nebst einem Bündel meiner Wäsche auf das Verdeck. Dann reichte er seinem Vater das Lien. Dieser hatte, wie ich bemerkte, keine andere Absicht, als ihn mit dem Ende desselben zu begrüßen, sobald er an Bord kommen würde; allein Tom war etwas zu schlau. Er legte das Boot vorn an, und ehe der Vater zu ihm hinhumpeln konnte, stand er auf dem Verdeck. Die Hauptlucke war offen, weßhalb er dieses Hinderniß zwischen sich und seinen Vater brachte, bevor er du Unterhandlungen eröffnete. »Was habt Ihr, Vater,« fragte er lächelnd mit einem Seitenblick auf mich. »Was ich habe, du Schurke? Wie kannst du dich unterstehen, die Flasche anzurühren?« »Die Flasche? Der Flasche ist nichts geschehen.« »Den Grog meine ich; wie kannst du dich unterstehen, Grog zu trinken?« »Ich war halbwegs zwischen meiner Mutter und Euch, und so trank ich auf Euer beiderseitiges Wohl und langes Leben. Heißt das nicht seine kindlichen Pflichten erfüllen?« »Ich wollte, ich hätte meine Beine noch, du Schurke.« »Ihr wolltet, Ihr hättet den Grog noch, meint Ihr; allein Ihr müßt zwischen beiden eine Wahl treffen – denn wenn Ihr den Grog habt, könnt Ihr Euch nicht auf den Beinen halten.« »Was den Grog betrifft, du Schlingel, so scheint es, als seist du entschlossen, in meine Schuhe zu treten.« »Nun, was wollt Ihr mit den Schuhen machen, mein Vater – warum sollte ich nicht? Ihr dürftet mir nur trauen. Hättet Ihr den Schrank nicht verschlossen, so wäre ich nicht zur Selbfthülfe geschritten.« Bei diesen Worten bückte sich Tom, um seine Schuhriemen zu binden, welche sich abgelöst hatten. Der alte Tom, der noch immer erzürnt war, hielt dies für eine treffliche Gelegenheit, seinen Sohn zu überrumpeln, dessen Gesicht nach einer andern Seite gekehrt war. Er schritt über die Backsteine weg, mit denen, wie oben gesagt, der Lichter bis an den Rand der Hauptlucke angefüllt war, und ohne Zweifel würde Tom, der keine Ahnung von dieser Bewegung des Feindes hatte, in die Falle gerathen sein, wäre nicht zum Glück für ihn einer der oberen Backsteine überschlagen, und dadurch eines der hölzernen Beine seines Vaters zwischen zwei Schichten festgeklemmt worden. Der alte Tom suchte sich loszumachen, aber er vermochte es nicht. »Tom, Tom,« rief er, »komm und hilf mir heraus.« »Ich nicht,« erwiederte Tom kaltblütig. »Jacob, Jacob, komm; geschwinde komm, Tom, ergreife das Steuer.« »Ich nicht,« versetzte Tom. »Jacob, kümmere dich nicht um das Steuer; der Lichter wird schon einige Minuten lang allein fortkommen,« rief der alte Tom, »komm und hilf mir.« Allein der Auftritt ergötzte mich zu sehr, und da der junge Tom einen Stein bei mir im Brette hatte, erklärte ich, es sei unmöglich, das Steuer zu verlassen, wenn wir nicht auf die Sandbänke treiben wollten. Ich blieb, um zu sehen, wie sich beide Tome aus ihren betreffenden Klemmen ziehen würden. »Daß euch der Teufel! Tom, du Schurke, soll ich den ganzen Tag stecken bleiben?« »Nein, Vater, das vermuthe ich nicht. Ich will Euch sogleich helfen.« »Nun, warum thust du es denn nicht?« »Weil ich zuerst einen Vergleich abschließen muß, Ihr werdet doch nicht glauben, daß ich mir zu einer Prügelsuppe helfen werde?« »Ich thue dir nichts, Tom. Du darfst meine Hölzer zerbrechen, wenn ich dir etwas thue.« »Nun, die sind eben auf dem besten Wege zum Zerbrechen. – So stehen wir also jetzt wieder gleich, Vater.« »Wieso?« »Nun, diesen Morgen habt Ihr mir einen Riegel vorgeschoben, und jetzt habt Ihr's Euch selbst gethan!« »Gut, so schiebe den meinigen zurück, und ich will es auch bei dem deinigen so machen.« »Ihr wollt also den Schrankschlüssel stecken lassen, wenn ich Euch nicht steckenlasse?« »Ja.« »Und Ihr versprechet mir ein Steifes nach dem Mittagessen?« »Ja, ja, so steif, als ich hier stehe.« »Nein, das wäre zu viel für mich, denn es würde mich werfen . Ich will's nur halb und halb, wie ich's eben nahm.« Tom war überzeugt, daß sein Vater die Bedingungen halten würde, er eilte daher alsbald zu seinem Beistande herbei, räumte einige von den Backsteinen weg und erlöste ihn aus seiner Gefangenschaft. Als der alte Tom auf dem Boden und seinen Beinen stand, bemerkte er: »Es muß ein böser Wind sein, der Niemanden Gutes bringt. Der Verlust meiner Beine ist schon oft dein Gewinn gewesen, Musje Tom.« Es war jetzt Zeit, Anker zu werfen, denn die Fluth brach herein. Tom, der das Küchenamt verwaltete, trug das Essen auf, das bereits auf uns wartete, und wir waren insgesammt guter Dinge. Tom legte das vollkommenste Zutrauen zu seinem Vater an den Tag. Wir konnten vor mehreren Stunden nicht lichten, und eilten daher nicht sehr mit unserer Mahlzeit. Der alte Tom hatte sein Versprechen wegen des Steifen erfüllt, und nahm selbst ein paar Steife zu sich, die ihn sehr gesprächig machten. »Spinnt uns einen hübschen Faden, Vater,« sagte der jüngere Tom, »wir haben nichts zu thun, und Jacob hört Euch gerne zu.« »Nun, so will ich's thun,« antwortete er, »aus welchem Stoffe soll er sein?« »Natürlich aus Feuer und Wasser,« erwiederte Tom. »Gut, so will ich euch von Beidem erzählen, weil ihr es wünscht. Wie ich durch Feuer in die Dienste Seiner Majestät kam, und der Lieutenant, der mich gepreßt hatte, durch Wasser aus demselben gewiesen wurde. Ich war Lehrling und hatte noch ein Vierteljahr zu dienen, nach dessen Verfluß mich natürlich nichts mehr vor dem Dienste auf der Flotte gesichert hätte, als das Schiff, worauf ich mich befand, mit einer Ladung Ochsen nach der Ostsee steuerte. Wir hatten deren wenigstens zweihundert Stück an Bord, welche auf den Verdecken angebunden waren, wo sie, den Kopf gegen die See und das Hintertheil gegen das Innere des Schiffes gekehrt, auf Plattformen neben einander standen. Als sie eingeschifft wurden, waren sie fett genug, aber sie schmolzen bald zusammen. Das Wetter war sehr schlecht, weßhalb die armen Geschöpfe herumgeworfen und aneinander gestoßen wurden, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Indessen waren sie so dicht in einander gepfropft, daß sie einander gegenseitig auf den Beinen hielten. Dieß kam ihnen um so besser zu statten, da wir mit Stürmen kämpfen mußten, durch die das Schiff herumgeworfen wurde, wie eine Erbse in einer Kinderklapper. Wir hatten uns an ein großes Geschwader angeschlossen und fuhren eben in den Sund ein, als, wie gewöhnlich, Windstille eintrat und uns die dänischen Kanonenboote entgegen kamen, um uns in Empfang zu nehmen. Die Kriegsschiffe, welche das Geschwader zu beschützen hatten, hielten sich wacker, aber sie hatten noch mit der Windstille zu kämpfen, und viele Fahrzeuge waren weit zurückgeblieben. Unser Schiff war so ziemlich unter den vorderen, aber es fuhr zu nahe an der Küste, und die Dänen segelten auf uns los, in der Hoffnung, einen Fang zu machen. Die Kriegsschiffe sahen, was der Feind im Schilde führte, und sandten Boote aus, um ihn abzutreiben; aber es war zu spät. Er stieg bereits an Bord. Da wir keine Lust hatten, die Welt durch die Gitter der Gefängnisse von Kopenhagen zu beäugeln, so setzten wir unsere Boote aus und verließen das Schiff auf der einen Seite, während es die Dänen auf der andern erstiegen. Die Kriegsboote, die uns zu Hülfe kamen, eilten darauf zu, um es wieder zu nehmen, und nahmen es auch wirklich; allein der Feind hatte es bereits in Brand gesteckt und sich nach einem andern unserer Fahrzeuge gewendet. Als die Kriegsboote dieß bemerkten, jagten sie den Dänen nach, und überließen es uns, die Flammen zu löschen. Das Feuer schlug bereits hinten und vorn hinaus, und leckte das Haupttakelwerk mit seinen blutrothen Zungen. Wir fanden bald, daß wir es nicht mehr bemeistern konnten, und blieben, so lange es Hitze und Rauch gestatteten, um es endlich doch im Stiche zu lassen. Aber nie werde ich das Gebrüll der armen Thiere vergessen, welche lebendig gebraten wurden. Es war grausam von den Dänen, ein Schiff anzuzünden, das mit so vielen lebendigen Geschöpfen beladen war. Einige rissen ab, schossen auf den Verdecken auf und nieder, spießten andere mit ihren Hörnern und taumelten die Luken hinunter; andere blieben zitternd stehen und suchten ein Maul voll frische Luft unter dem Rauche aufzuschnappen; und als das Schiff von allen Seiten in Brand stand und zweihundert solche arme Kreaturen auf einmal versengte, wurde der Lärm und das Gebrüll am Ende so entsetzlich, daß man es eine Meile weit hörte. Wir thaten, was wir konnten. Ich schnitt einem Dutzend die Kehlen ab, aber sie schlugen und stampften nach allen Seiten, fielen auf die Leute nieder und traten sie unter die Füße. Auf einmal lag ich selbst unter einem Stück und glaubte bereits mit ihm verbrennen zu müssen, denn ich vermochte mich erst unter dem armen Thiere hervorzuarbeiten, als man mir zu Hülfe kam. Wir blieben, so lange wir konnten, und überließen sie endlich ihrem Schicksal. Der Geruch, der uns von dem Riesenbraten nachdampfte, war so schauderhaft, als das Jammergeheul der armen Thiere. Die Dänen waren verjagt, die Kriegsboote kehrten zurück und hatten die Güte, uns Allen eine Freistätte auf ihrem Schiffe anzubieten, weil wir unser eigenes verloren hatten. Und so seht ihr also, wie ich durch Feuer in den Dienst Sr. Majestät getrieben wurde. Das Boot, welches uns aufnahm, gehörte zu einer von den Fregatten, welche dem Geschwader als Sicherheitsgeleite beigegeben waren, und der Lieutenant, der das Schiff befehligte, war ein Stück Menschenfleisch voll Fluchen und Schwören, das ein Leben führte, als sollte es ewig dauern. Nachdem ich an Bord aufgenommen war, fragte mich der Kapitän, ob ich Dienste nehmen wollte. Ich dachte, es wäre am räthlichsten, wenn ich mich hübsch ordentlich drein gäbe, und trat als Freiwilliger ein. Dieß ist immer das Beste, wenn man an Bord genommen wird und nicht mehr anders kann; man setzt mehr Vertrauen in einen Freiwilligen, als in einen Gepreßten, welcher starrköpfig ist. Anfangs gefiel mir der Dienst. – Der Kapitän war gerade nichts Besonderes; nach Begriffen, welche gewisse Leute vom Dienste haben, war nicht Alles, wie es auf einem Kriegsschiffe sein sollte; aber die Mannschaft war glücklich und Jeder wäre für den Kapitän durch's Feuer gelaufen. Diese Art von Schiffen ist für mich. Ich habe schon reinlichere Verdecke gesehen, aber nirgends frohere Herzen. Der Einzige unter den Offizieren, welchen die Mannschaft nicht liebte, war der Lieutenant, der mich gepreßt hatte. Er führte ein loses Maul, beobachtete keine Rücksicht, und was das Schwören betrifft, so war es wirklich fürchterlich, die Worte zu hören, die aus seinem Munde kamen. Ich habe nichts gegen einen Fluch, der in der Hitze des Augenblicks ausgestoßen wird; aber er erfand seine Flüche bei kaltem Blute und ließ sie vom Stapel, wenn er in Wuth kam. Nachdem das Geschwader sicher an Ort und Stelle war, traten wir unsern Rückweg an, als auf einmal einer der furchtbarsten Stürme gegen uns aufsprang, den ich je erlebte. Wir hatten bis jetzt heftigen Südwest gehabt, aber nun schlug der Wind nach Nordwest um und warf eine Sturzsee auf, welche ein wahres Entsetzen erregte. Nun war die Fregatte ein altes Schiff. Man hatte sie zwar schon oft zur Ausbesserung in der Werfte gehabt, aber flickte stets nur den Unterstock; das Oberwerk ließ man allmälig so faul werden, wie eine Mispel. Es war ungefähr drei Viertel in der Mittelwache, als der Wind durch das Takelwerk heulte, denn wir hatten keine Wandkleidung, als ein Setzsegel und ein Beisegel. Die Setzsegelschoten rissen, und ehe man es verhindern konnte, lag das Schiff breit vor dem Winde. Der Lieutenant, von dem ich gesprochen, hatte die Wache und seine Stimme war durch das Gebrüll des Windes vernehmlich. Er fluchte den Matrosen zu, das Setzsegel niederzulassen, und die Lumpen wieder herzurichten; allein die Fregatte lag, wie gesagt, breit vor dem Winde. Nun rollte eine Welle – ja, ich darf wohl sagen, beinahe so hoch als der Hauptmast, die ganze Breite des Schiffes hinauf, schnitt die Bollwerke des Hinterdeckes, die, wie gesagt, ganz faul waren, morsch an der Mittelwand ab, und schwemmte sie, Kanonen, Mannschaft und Alles mit einander über Bord. Der Besanmast wurde mit fortgerissen, aber der Hauptmast hielt, und ich stand gerade unter seinem Lee. Gleich einem Neger klammerte ich mich an und ward gerettet, nachdem ich eine Minute lang unter der Welle begraben gelegen, welche beinahe Alles nach der Leeseite über Bord geführt hatte. Sobald sich das Wasser über mich hingewälzt hatte, sah ich mich um. Es war ein furchtbarer Anblick. Das Hinterdeck war wie mit einem Messer abgeschnitten – keine Seele ließ sich blicken – kein Mann am Steuerbord – der Besanmast weg – die Taglichter fortgeschwemmt – die Wellen frei und offen hereinschlagend; die Boote vom Verdeck hinweggespült – oben Alles ruhig, unten auf dem Mitteldeck ein entsetzlicher Lärm; denn das Schiff war beinahe voll Wasser, und Alles stürzte im Hemde herauf, weil man der Meinung war, wir müßten untergehen. Zuletzt kroch auch der Kapitän auf's Verdeck und klammerte sich an das abgebrochene Gestänge. Ihm folgten der erste Lieutenant und die übrigen Offiziere. Nach und nach wurde es ruhig; das Schiff ward gesäubert und die Mannschaft unter dem Halbdecke zur Musterung versammelt. Sieben und vierzig Mann antworteten nicht auf ihre Namen – die armen Teufel hatten auf die Fragen über die Anwendung ihres Lebens zu antworten, – und unter ihnen befand sich auch der fluchende Lieutenant. Gut. Wir legten endlich Hand an die Arbeit und brachten das nackte Trümmerwerk unter den Wind. Als wir an's Taffarell kamen, dessen Bollwerk mit etwa sechs Fuß vom Hinterdeckbollwerke auf jeder Seite stehen geblieben war, bemerkten wir einen Gegenstand, der an der Sterntreppe hing und abwechselnd auf- und niedertauchte, wenn sie, von den Wellen bespült, das Ihrige dazu beitrug, das Fahrzeug vor den Wind zu bringen. Bald entdeckten wir, daß es ein Mensch war. Ich ging hinab und warf einen Schlingknoten um den armen Burschen. Mit einiger Mühe wurden wir mit einander hinaufgezogen. Es ergab sich, daß es der Lieutenant war, der, von der Sturzwelle hinweggeschwemmt, sich an der Sterntreppe festgeklammert hatte, und auf diese Art wunderbarer Weise erhalten worden war. Es währte lange, bis er zu sich selbst kam, und die ganze Woche, die wir noch auf der Fahrt zubrachten, that er keinen Dienst mehr, bis wir in Yarmouth-Roads einliefen. Ja er sprach kaum ein Wort mehr mit irgend Jemanden, und schien immer in düstere Gedanken vertieft. Bei unserer Ankunft gab er dem Kapitän seine Bestallung zurück, verfügte sich an's Land, ging, dem Vernehmen nach, wieder in die Schule und ließ sich zu einem Pfarrer machen. So viel ich weiß, wird er nächsten Sonntag irgendwo predigen. Also seht Ihr, Wasser warf ihn aus dem Dienste und Feuer trieb mich hinein. – Hier hast du einen Faden, Jacob.« »Er gefällt mir sehr,« bemerkte ich. »Und nun; Vater, gib uns ein ganzes Lied, keines von deinen Bruchstücken.« Der alte Tom sang den »Tod Nelsons« auf eine Weise, daß mir Melodie und Worte den ganzen Abend in den Ohren klangen. Ehe wir die Ebbe benützen konnten, stand der Mond am Himmel. Wir lichteten den Anker. Der alte Tom steuerte; sein Sohn bereitete das Abendessen, und ich stand vorn auf der Warte, auf Alles ein scharfes Auge haltend, damit wir nirgends anrennen möchten. Es war eine schöne Nacht, und als wir zwischen den verschiedenen Brücken durchfuhren, schien die Stadt festlich beleuchtet zu sein. Die Gasflamme bildete eine Art von Strahlenkranz über den Gipfeln der Gebäude, der die Hauptstraßen hin und wieder von der allgemeinen dunkeln Masse unterschied. – Von Zeit zu Zeit ließ sich die Stimme des alten Tom hören, je nachdem der Anblick Erinnerungen in seiner Seele weckte. »Komm und flüst're mit mir, Liebchen mein, Denn das Murmeln deiner süßen Lippen Tönt wie Ruder in dem Mondenschein, Welche plätschernd durch das Wasser wippen.« Nie fühlte ich eine reinere Luft in meinem Herzen, als wenn ich die lieblichen Töne hörte, die von den Lippen des alten Toms strömten und in der Stille der Nacht über das Wasser dahinglitten. Ich wandte mich nach dem Sänger um. Sein Auge war nach oben gerichtet. Er betrachtete den Mond, der majestätisch durch das Blau dahinschwebte und sein Silberlicht über die Landschaft ausgoß. Das Wasser war glatt wie ein Spiegel, und die rasche Strömung hatte uns schnell durch die Schiffe an die Einfahrt dahingetragen. Beide Ufer waren frei, als der alte Tom wieder begann: »Der Mond ist auf und läßt sein Silberlicht Weit über Berg und Thäler niedersteigen; Ein Strahlenmeer umfluthet sein Gesicht, Den Pfad zu dem Geliebten dir zu zeigen.« »Jacob, wie steht der dicke Thurm? Am Steuerbordbug?« »Ja – quer über dem Bug. Ihr solltet Euch einen halben Strich höher halten, die Ebbe treibt rasch.« »Du hast recht, Jacob, gib Acht und rufe, wenn's Zeit ist.« »Und wenn ein Wölkchen seine Scheibe deckt, Ist's, deiner Wangen Röthe zu umnachten, Der Freund hat seine Arme ausgestreckt; Der Mond ist auf – laß ihn nicht länger schmachten.« »Tom, was hast du zum Abendessen, Junge? Was prasselt so in deiner Schmorpfanne? Riecht wenigstens nicht übel.« »Ja, und ich hoffe, es soll eben so gut schmecken. Seht indessen nur nach dem Mond, Vater, und im Uebrigen laßt mich und die Schmorpfanne unsere Rolle spielen.« »Während ich die meinige singe , nicht wahr, Junge?« »Der Mond ist auf; im Tempel, den er baut, Sieht man der Liebe Pilger auf den Knieen: Der Himmel küßt die Erde, seine Braut, Die Liebenden zu sich emporzuziehen.« Der alte Tom hielt inne, während die Schmorpfanne fortprasselte und einen Geruch ausdampfte, der, wenn auch nicht dem Himmel, doch wenigstens uns, an denen die frische Abendluft zehrte, höchst angenehm war. »Wie gehen wir jetzt, Jacob?« »Nur so geblieben, und es ist Alles in Ordnung; aber im nächsten Revier werden wir Wind haben, und es wäre gut, wenn wir das große Segel aufzögen.« »So gehe, Tom, und hilf Jacob.« »Ich kann nicht von den Zwiebeln weg, Vater, und sollte der Lichter über Bord taumeln; es würde mich mehr Thränen kosten, sie verbrennen zu lassen, wo sie jetzt so lustig schmoren, als sie mir ausgepreßt haben, wo ich sie einschnitt. Auch die Leber würde schwarz, wie ein Bugholz.« »Stelle die Pfanne auf das Verdeck, Tom, und hilf Jacob, das Segel aufziehen. Bist ja sonst ein guter Junge; kannst sie nachher noch ein paarmal schütteln. ›Wie sanft das Schiff hinuntergleitet, Wo solch ein Strahlenaug' es leitet!‹ »So ist's recht, Jungen. Alles festgebunden, und nun wieder an eure Posten – Jacob auf die Warte, Tom an seine Schmorpfanne, und ich an das Steuerruder.« »Der Zauber wird durch keinen Laut gestört, Das murmeln nur der Fluth ist's, was man hört. Die Mitternacht ist in den Tag verkleidet, Und unser Pfad mit Mondlicht überbreitet.« »Ja, der Mond ist eine schöne Kreatur – Gott segne ihn! Wie oft habe ich mich in den dunkeln Winternächten nach ihm gesehnt, wenn wir im Kanale kreuzten, während die Wellen am Eddystone emporschlagen und in ihrer Bosheit die Leuchte auszulöschen suchten. Mich wundert's nicht, daß man Lieder an den Mond macht und ich sie singe. Wenn wir auf das nächste Revier kommen, wollen wir ankern.« Wir erreichten das nächste Revier mit der Ebbe, welche sich schnell zu verlaufen begann. Der Anker fiel, worauf wir uns zum Abendessen und von da zu Bette begaben. Ich war sehr ausführlich bei der Schilderung des ersten Tages, den ich mit meinen neuen Schiffsgenossen an Bord zubrachte; denn ich wollte überhaupt ein Musterbild unseres alltäglichen Lebens geben. Tom und sein Vater hatten Streit mit einander und machten Frieden; man kochte, sang und spann Fäden; allein es fielen noch mehr Dinge vor, die ich zu schildern habe. Unsere Fahrt war beendigt; wir nahmen Rückfracht ein und kamen in der Werfte unseres Herrn an, als es sich ergab, daß ich die nächste Reise nicht mitmachen konnte, da in wenigen Tagen über Fleming und Marables Gericht gehalten werden sollte. Der Lichter nahm seine Ladung ein und segelte ohne mich ab. Ich blieb wie gewöhnlich in Herrn Drummond's Hause. Zehntes Kapitel. Ich helfe meinen ehemaligen Lichtergefährten hängen für seinen Versuch, mich zu ertränken. – Ein Dienst ist des andern werth. – Die Sache wird in Newgate auf einmal abgemacht. – Ein Faden aus dem Netze der Rechtsgelehrsamkeit. – Mit den gehörigen Vorsichtsmaßregeln und Vorbereitungen macht der Domine seine erste Reise nach Gravesend. Wenn ich mich recht entsinne, es war am 7. November, als Fleming und Marables in Old-Baley vor Gericht gestellt wurden. Bald nach zehn Uhr befand ich mich mit Herrn Drummond und dem Domine im Gerichtssaal. Sie waren die Ersten auf der Liste, und sobald der Richter seinen Sitz eingenommen hatte, wurden sie vorgerufen. Beide waren reinlich und gut gekleidet. An Fleming bemerkte ich nichts Besonderes; er war blaß, aber entschlossen; der Anblick Marables dagegen setzte mich in Erstaunen. Herr Drummond erkannte ihn Anfangs gar nicht; – von siebenzehn Stein war er wenigstens auf dreizehn heruntergekommen – seine Kleider hingen ihm schlaff am Leibe – seine rothen Wangen waren verschwunden – seine Nase war schneidend geworden, und sein volles rundes Gesicht hatte sich in ein Oval verzogen. Aber immer lag noch der gleiche Ausdruck natürlicher Gutmüthigkeit auf seinen Zügen und ein sanftes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Seine Augen sahen sich scheu im Gerichtssaale um – er fühlte seine Schmach – das Blut stieg ihm bis über die Schläfe; dann wurde er plötzlich todesblaß und schlug die Augen zu Boden, als wünschte er nichts mehr zu sehen. Nachdem die Anklage verlesen war, wurden die Gefangenen vom Gerichtsschreiber gefragt, ob sie sich schuldig oder nicht schuldig bekennten. »Nicht schuldig,« antwortete Fleming mit keckem Tone. »John Marables – schuldig oder nicht schuldig?« »Schuldig,« erwiederte Marables – »schuldig, mein Lord,« und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Gegen Fleming waren drei Anklagen erhoben: – Angriff auf eine Person mit der Absicht, sie zu ermorden, Besitz gestohlener Güter, und Einbruch in einem Wohnhause an dem und dem Tage; aber ich erfuhr, daß noch gegen zwanzig weitere Beschuldigungen vorlagen, wenn diese nicht hingereicht hätten. Marables war der Theilnahme am letzten dieser drei Verbrechen angeklagt, indem er die gestohlenen Güter in Empfang genommen. Der Kronanwalt, der die Verhandlung eröffnete, wies nach, daß Fleming, alias Barkett, alias Wenn, und noch manche andere alias , lange Zeit an der Spitze der berüchtigtsten Diebsbande gestanden habe, welche die Hauptstadt seit einer Reihe von Jahren beunruhigt; daß ihn die Gerechtigkeit lange verfolgt, ohne eine Spur von ihm auffinden zu können, und daß man endlich angenommen, er habe das Königreich verlassen, um der Strafe des Gesetzes zu entgehen, der er durch seine Verbrechen verfallen gewesen sei. »Es zeigte sich jedoch,« fuhr der Staatsankläger fort, »daß er einen Schritt gethan hatte, welcher nicht allein die Polizeibeamten blendete, sondern es auch zugleich der Diebesbande möglich machte, ihr verbrecherisches Gewerbe ungestrafter als je fortzuführen. Er verbarg sich nämlich in einem Lichter auf dem Flusse, und wußte sich den Anschein zu geben, als sei er gewissenhaft in Erfüllung seiner Pflicht und erwerbe sein Brod als redlicher Mann. Dadurch gelang es ihm, seinen Einfluß sogar noch zu vergrößern und die Zahl seiner Spießgesellen, wie seiner verwegenen Entwürfe, zu vermehren. Das Hauptmittel der Entdeckung von Einbrüchen besteht in der Bezeichnung der gestohlenen Sachen und die größte Schwierigkeit für die Missethäter im Verkaufe derselben, da die Abnehmer wohl wissen, daß die Diebe völlig in ihrer Gewalt sind, und also diese nehmen müssen, was sie ihnen bieten. Aus diesem Grunde nun flüchtete sich Fleming, wie bereits bemerkt, vor dem Auge der Gerechtigkeit an Bord eines Themseschiffes und machte es zur Niederlage seiner gestohlenen Güter. Waaren, welche von ihm und seinen Genossen an einem bestimmten Orte geraubt worden waren, wurden in dem Fahrzeuge den Fluß hinauf und hinunter geführt und in weiter Entfernung abgesetzt. Deßhalb kamen sie nicht mehr an's Tageslicht, und die Polizei war außer Stande, sie wieder zu erkennen oder ihre Spur zu verfolgen. Dieses System wurde über zwölf Monate lang mit großem Erfolge in Anwendung gebracht, und wäre aller Wahrscheinlichkeit nach auch jetzt noch nicht entdeckt worden, wenn nicht Streit über die Austheilung des Gewinns entstanden wäre. Dieß veranlaßte zwei von den Diebsgenossen, die Sache bei der Behörde anzuzeigen; und diese Beide erhielten auch das Zugeständniß, wenn es nöthig werden sollte, bei einem Einbruche, wobei Fleming eine Hauptrolle gespielt hatte, als Königszeugen auftreten zu dürfen. Allein es liegt eine weit ernstere Klage gegen den Gefangenen vor – der Versuch eines Mordes an einem zu dem Lichter gehörigen Jungen, Namens Jacob Ehrlich, der, wie es scheint, vermuthete, was vorging, und als ein treuer Diener seines Herrn nicht nur Alles genau beobachtete, sondern auch seine Entdeckungen von Zeit zu Zeit andern Personen mittheilte. Dieser Knabe ist der Hauptzeuge gegen Fleming, wie gegen Marables, seinen Mitgefangenen, von dem ich übrigens bemerke, daß sich während der Verhandlung Umstände herausstellen werden, die Seine Lordschaft ohne Zweifel zu seinen Gunsten stimmen. – Um jedoch die Herren Geschworenen nicht länger hinzuhalten, will ich sogleich die Zeugen vorrufen.« Man forderte mich vor und stellte die frühere Frage in Betreff eines Eides an mich. Der Richter war mit meinen Antworten zufrieden, und als ich mein Zeugniß abgelegt hatte, bemerkte ich, wie es der Richter sorgfältig mit meiner ersten Aussage verglich, um sich zu überzeugen, ob es völlig damit übereinstimme. Hierauf begann Flemings Anwalt sein Kreuz- und Querverhör mit mir, konnte mich aber in keine Widersprüche verwickeln. Indessen ergriff ich jede Gelegenheit, von Marables Gutes zu sagen. Endlich erklärte der Anwalt, er habe mich nicht weiter zu fragen. Ich wurde entlassen, und der Polizeibeamte vorgerufen, der mich aus dem Wasser gezogen hatte. Hierauf hörte man die Beraubten über die Art und Weise, wie sie um ihr Eigenthum gekommen waren, und legte ihnen die gestohlenen Sachen vor, die sie denn alsbald erkannten. Der Beweis war zu klar, um noch irgend einem Zweifel Raum zu geben. Die Geschworenen sprachen über beide Gefangene ohne Weiteres das »Schuldig« aus, empfahlen aber Marables angelegentlichst der Gnade der Krone. Der Lord Oberrichter erhob sich, setzte seine schwarze Mütze auf und hielt nachstehende Anrede an die Gefangenen. Im ganzen Saal herrschte eine Stille, daß man eine Nadel hätte fallen hören. »Ihr, William Fleming, seid auf die Anklage des Besitzes gestohlener Güter, wozu noch das schwere Verbrechen des Mordversuches kommt, von einem Schwurgerichte Eurer Landsleute gerichtet. Es hat ein förmliches und unparteiisches Gericht über Euch gehalten und Euch schuldig erfunden, und wäret Ihr auch von diesen Anklagen freigesprochen worden, so lägen noch andere gleich schwere Punkte gegen Euch vor, welche dieselbe Strafe für Euch nach sich gezogen haben würden. Euer Leben war ein Leben voll Schuld, indem Ihr nicht nur selbst Verbrechen beginget, sondern auch Andere dazu verlocktet und anleitetet; und diese schändliche Laufbahn beschloßet Ihr mit dem Versuche des Mordes an einem Eurer Mitmenschen. Euch irgend Hoffnung auf Gnade zu machen, ist unmöglich. Euer Leben ist den beleidigten Gesetzen Eures Vaterlandes verfallen, und Euer Urtheil lautet: von diesem Gerichtssaale aus nach dem Orte, von dem Ihr gekommen seid, und von dort nach dem Orte der Hinrichtung gebracht zu werden, wo Ihr am Halse aufgehängt werdet, bis Ihr todt seid. Möge Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit Eurer Seele gnädig sein!« »Ihr, John Marables, habt Euch der gegen Euch vorgebrachten Klagen schuldig bekannt; und es zeigte sich während der Verhandlung, daß Ihr, obgleich Theilnehmer an diesen Verbrechen, doch nicht in Eurer Schuld verhärtet seid.« (»Nein, nein!« rief Marables.) »Ich glaube es von Herzen, daß Ihr es nicht seid, und bedaure sehr, daß sich ein Mann, der nach den vorliegenden Zeugnissen vor dieser unseligen Verbindung redlich gelebt zu haben scheint, jetzt in einer so schmählichen Lage befindet. Indessen fordert die Stimme der Gerechtigkeit strenge Bestrafung, und Ihr seid nach dem Spruch des Gesetzes verurtheilt; aber ich hege das Vertrauen, eine Anrufung der Gnade Eures Souveräns werde nicht ohne Erfolg sein.« Der Lord Oberrichter verlas Marables' Urtheil; die Gefangenen wurden abgeführt, und neue Verhandlungen nahmen ihren Anfang, während ich mit Herrn Drummond und dem Domine nach Hause zurückkehrte. Eine Woche darauf erlitt Fleming die Strafe des Gesetzes, und Marables wurde zu lebenslänglicher Deportation verurtheilt, welche jedoch noch vor dem Abgange des Schiffes auf sieben Jahre herabgesetzt wurde. Nach einigen Tagen kehrte der Lichter zurück. Es war an einem schönen sonnigen Morgen, und ich lag noch im Bette, als mich eine wohlbekannte Stimme aus meinem Halbschlummer weckte, und mir seine Ankunft verkündigte. »Strahlend ist der Morgenröthe Licht, Süß der Thau, den junge Rosen nippen, Strahlender der Blick, der Liebe spricht' – »Tom, du Affe, binde das Tau fest und wirf die Schutzbretter über. Sei flink, oder der Alte brummt über seine rothe Schminke. ›Süßen Thau von der Erwählten Lippen‹.« Ich sprang von meinem Lager auf, öffnete das Fenster, das von Krystallblumen schimmerte, und erblickte den Lichter, der eben an der Werfte angelegt wurde. Die Sonne funkelte, des alten Toms Gesicht war so heiter als der Morgen, und der junge Tom lachte, sprang und hauchte in die Hände. Bald war ich angekleidet und drückte meinen Schiffsgenossen die Hände. »Nun, Jacob, wie gefällt dir Old-Bailey? War in meinem Leben nur Einmal dort, und will nie wieder hingehen, wenn ich nicht muß; es war damals, als Sam Schüßler auf Tod und Leben angeklagt war, aber mein Zeugniß rettete ihn. Ich will dir erzählen, wie das zuging. Tom, sieh' nach dem Frühstück. Ein Schüsselchen Thee ist der kalte Morgen schon werth; geh, spute dich.« »Aber ich habe die Geschichte von Sam Schüßler noch nie gehört,« versetzte Tom. »Was kümmert sie dich? « Ich erzähle sie dem Jacob.« »Aber ich will sie auch hören – so fanget an, Vater. Ich will Euch vom Stapel helfen. Also, sehet, Sam Schüßler –« »Meister Tom, wer zu früh in die Schüssel langt, dem klopft man auf die Finger. Nimm dich in Acht, daß ich dich nicht durchklopfe. Fort, Schlingel, und bereite das Frühstück.« »Ich will aber nicht; wenn ich Euern Schüßler nicht bekomme, so sollt Ihr auch kein Schüsselchen Thee bekommen. Ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt.« »Ich will dir was sagen, Tom; du wirst keine Ruhe haben, bis ich dir beide Beine abschlage. Es geht mir stark im Kopfe herum, als sollte ich dem Wagner etwas zu verdienen geben.« »Danke, Vater, ich finde meine Beine sehr nützlich.« »Nun,« fiel ich ein, »wie wäre es, wenn wir die Geschichte bis zum Frühstück verschöben, ich will Tom an die Hand gehen, daß es schneller fertig wird.« »Es sei so, Jacob. Tom hat so seine eigene Weise, ich habe ihn verzogen. Ich machte ihn selbst so vernarrt in meine Fäden, also war ich ein Thor, es ihm zu verargen. »› Der Mensch ist ein Fahrzeug, das Leben der Fluß, Auf dem er sich schwimmend erhalten muß, Und Freude ist eine so leichte Fracht, Daß Kummer ein Narr nur an Bord gebracht «. »Nun will ich an's Land gehen zum Herrn und fragen, was es zunächst zu thun gibt. Reiche mir meinen Stock, damit ich sicherer über die Planken steigen kann. Du weißt, ein sicherer Stuhl muß drei Beine haben.« Der alte Tom humpelte an's Land. Nach Verfluß einer Viertelstunde kehrte er zurück und brachte ein halb Dutzend geräucherte Häringe mit. »Hier, Tom, brate diese Rothröcke. Jacob, wer ist der lange alte Kerl mit seinem teufelsmäßigen Schiffsschnabel, den ich so eben bei dem Herrn getroffen habe? Unsere Fahrt geht für dießmal nach Scheerneß und ich solle ihn bei Greenwich an's Land setzen. Wer? – der Domine?« erwiederte ich, nach des Alten Beschreibung. »Sein Name fängt mit einem D an, aber so heißt er nicht.« »Dobbs?« »Ja; das ist näher hingerathen; er will als Passagier mit uns hinunterfahren und einen kranken Freund besuchen. Nun, mein Herzblatt, bring' deine Schüsseln und Töpfe, mein Magen bedarf einer kleinen Ausfütterung.« Wir setzten uns zum Frühstück, und sobald der alte Tom seinen Hunger gestillt hatte, erinnerte ihn sein Sohn an die Geschichte von Sam Schüßler. »Gut, ihr sollt sie haben. Sam Schüßler war mein Schiffsgefährte an Bord eines Grönländers, einer unserer besten Harpuniere und ein so guter, stiller, redlicher Schlafgenosse, als je einer in einer Hängematte schaukelte. Er war mit einem so hübschen Stück Fleisch versplißt, als du je eines gesehen hast, aber sie war nicht ganz so brav, als hübsch. Wir schickten uns zur Abfahrt an, und sein Weib hatte einige Wochen mit ihm an Bord gelebt; denn Sam war teufelmäßig auf sie aus, und konnte es nicht dulden, wenn sie ihm aus dem Gesichte kam. Da wir in wenigen Tagen unter Segel gehen wollten, machten wir unsere Mannschaft vollzählig, und jeden Tag kamen neue Leute an Bord. »Eines Morgens kam auch ein hübscher großer Bursche, mit einem Zopfe, so dick, wie ein Ankertau, und bot seine Dienste an. Er ward vom Schiffer angenommen und ging wieder an's Land, um sein Gepäcke zu holen. Während er noch auf dem Verdecke war, ging ich hinunter, und als ich Sam sah, der sein Weibchen auf den Knieen schaukelte, während sie mit seinen Schmachtlocken spielte – sagte ich zu ihm, es wäre ein schöner Kerl von stattlichem Aussehen droben, den wir zum Schiffskameraden bekommen würden. Sam's Weib, das wie alle Weiber etwas neugierig war, steckte ihren Kopf durch die Hauptluke und schielte nach dem Burschen. Dann zog sie ihn schnell wieder zurück und entschuldigte sich, sie müsse geschwind auf's Vorderdeck. Sie blieb einige Zeit aus, und als sie zurückkam, sagte sie zu Sam, sie wolle an's Land gehen. Da sie nun mit einander übereingekommen waren, daß sie an Bord bleiben sollte, bis wir den Strom hinter uns hätten, so konnte sich Sam diese Erklärung nicht zurechtlegen; aber das Weib bestand darauf, und ging fort zum großen Verdruß des betroffenen Sam's. Am Abende begab sich Sam an's Land und machte sie ausfindig, und was glaubt ihr, was die kleine Jesabel zu ihm sagte? – Nun, daß einer von den Matrosen unverschämt gewesen sei, als sie nach dem Vorderdeck gegangen, und daß sie deßwegen nicht habe länger an Bord bleiben mögen. Sam wurde teufelmäßig wild und verlangte, sie solle den Matrosen nennen; aber sie streichelte ihn und wollte es ihm nicht sagen, weil sie fürchtete, es möchte Händel setzen, die ihm übel bekommen könnten. Endlich beschwichtigte sie ihn mit ihrem Hätscheln, und er ging ruhig an Bord. Gut. Wir blieben noch drei Tage und fuhren dann den Fluß hinunter nach Greenwich, wo wir den Kapitän an Bord nehmen und absegeln sollten, sobald ein günstiger Wind aufspränge. Der schöne, große Bursche war bei uns, als wir den Strom hinunterfuhren, und wie Sam auf seiner Kiste saß und seine Suppenschüssel vor sich hatte, zieht der andere einen Tabaksbeutel von Seehundsfell heraus – es war ein rares Stück von einem Beutel, von dem weißgefleckten Bauchstücke eines Seehundes. »›Kamerad‹, schreit Sam, ›ich sage dir, gib mir meinen Tabaksbeutel. Wo hast du ihn aufgegabelt‹? »›Deinen Tabaksbeutel?‹ sagt der Andere zu ihm: ›ich habe den Seehund erschlagen, und meine Liebste hat mir den Beutel gemacht‹. »›Ob das nicht frech ist! Du könntest einem lebendigen Menschen schwören, daß er todt sei, Kamerad. Tom‹, sagt er zu mir, ›ist das nicht mein Tabaksbeutel, den mir mein Weib gab, als ich von der letzten Fahrt heimkam‹? »Ich betrachtete ihn, erkannte ihn wieder, und sagte: ›Ja er ist's‹. Der große Kerl läugnete es, und da gab es eine teufelmäßige Schimpferei. Sam schalt ihn einen Dieb, und er warf den Sam durch die große Lücke hinab unter die Frachtfässer. Nach diesem machten sie's regelmäßig mit einander aus, und Sam wurde lederweich geklopft, so daß er nachgeben mußte. Als der Kampf vorüber war, nahm ich Sam's Hemde, um es ihm wieder anzuziehen. »›Das ist mein Hemde‹, schrie der lange Geselle. »›Es ist Sam's Hemde‹, entgegnete ich; ›ich kenne es.‹ »›Ich sage dir, es ist mein‹, versetzte der Mann. Mein Schatz gab es mir diesen Morgen zum Anziehen, als ich aufstand. Das andere ist sein Hemde‹. Wir besahen das andere, und beide gehörten dem Sam. Als Sam dieß hörte, rechnete er, zwei Mal zwei ist vier, und wurde eifersüchtig und unleidlich. Es kam ihm seltsam vor, daß sein Weib so darauf drang, das Schiff zu verlassen, als dieser lange Bursche an Bord kam; und über dem Tabaksbeutel und dem Hemde stand ihm der Verstand gar stille. Sein Weib hatte ihm versprochen, nach Greenwich hinunterzukommen, um ihn abfahren zu sehen. Als wir Anker warfen, gingen Einige von der Mannschaft an's Land – und unter andern auch der lange Geselle. Sam, dessen Kopf aufgeschwollen war, wie ein Kürbis, sagte zu einem seiner Kameraden, er möchte seinem Weibe hinterbringen, daß er nicht an's Land kommen könne: sie solle zu ihm kommen. Gut. Es war ungefähr neun Uhr, eine dunkle Nacht, aber die Sterne schimmerten – da sagte Sam zu mir: ›Tom, wir wollen an's Land gehen; man wird meine blaugeschlagenen Augen in der Finsterniß nicht sehen‹. Als wir das Boot aussetzten, sagte der zweite Mate zu Sam, er möchte seine eiserne Harpune für ihn an's Land nehmen, man solle das Loch für den Stiel größer machen. Wir gingen, und das Erste, was Sam aufsuchte, war natürlich das Haus, wo er wußte, daß sein Weib sein würde. Er ging die Treppe hinauf nach ihrer Stube, und ich folgte ihm. Die Thür war nicht verschlossen, und wir gingen hinein. Da lag der kleine Satan von einem Weib und schlief in den Armen des langen Gesellen. Sam konnte seine Wuth nicht bezwingen. Er stieß die eiserne Harpune, die er in der Hand hatte, dem langen Gesellen durch den Leib, ehe ich es verhindern konnte. Es war ein schrecklicher Anblick. Der Mann ächzte, und sein Kopf sank über das Bett herab. Das Weib kreischte und machte den Sam noch wüthender, indem sie sich auf des Mannes Leiche warf und sie mit Thränen wusch. Sam wollte das Eisen herausziehen und es ihr durch den Leib stechen, aber es war unmöglich. Der Lärm brachte die Leute im Hause in Aufruhr, und bald war der Mord entdeckt. Die Konstabeln kamen, Sam wurde ins Gefängniß geschleppt, und ich ging an Bord und erzählte die ganze Geschichte. Gut. Wir wollten eben lichten, denn wir hatten für Sam, der auf Tod und Leben angeklagt war, und den armen Burschen, den er getödtet hatte, bereits zwei andere Matrosen gefunden; da kam ein Kerl vom Gericht mit einer Vorladung oder Supphene ( subpoena ), wie er es nannte, und preßte mich in seinen Dienst, worüber ich meine Fahrt verlor. Ich ward an's Land gesetzt und erhielt freie Kost und Wohnung, bis die Verhandlung vorgenommen wurde. Der arme Sam stand wegen Mordes vor den Schranken. Der Herr mit dem schwarzen Mäntelchen und der Amtsperrücke begann seinen Faden zu spinnen und behauptete, der Geselle selig, der sich Will Errol geschrieben habe, sei bei seinem eigenen Weibe gelegen, als ihn Sam harpunirt habe. »›Das ist erlogen‹, schrie Sam. ›Er lag bei meinem Weib‹. »›Mylord‹, sagte der Ankläger, ›das ist nicht der Fall; es war sein eigenes Weib, und hier sind die Trauungsscheine‹. »›Falsche Papiere‹, brüllte Sam. ›Hier sind die meinigen‹. Und er zog sie aus einer zinnernen Büchse hervor und reichte sie den Richtern hin. »Der Oberrichter meinte, das sei nicht der Weg, um eine Untersuchung zu führen, und Sam müsse sein Maul halten. So ging denn die Verhandlung fort, und anfangs hatte Jeder seinen eigenen Weg. Dann kam die Reihe an uns. Ich wurde aufgerufen, anzugeben, wie's gegangen sei, und da sagte ich dann, wie der Mann bei Sam's Weib gelegen sei, ferner wie dieser die eiserne Harpune in der Hand gehabt und sie ihm durch den Leib gerannt habe. Dann verglichen sie die Scheine, und da ergab sich's, daß die kleine Jesabel beide geheirathet hatte; aber den Sam hatte sie zuerst geheirathet, also hatte er das erste Recht an sie. Als sie sich aber später in den andern verliebte, dachte sie, es ließe sich auch machen, wenn sie zwei Sehnen an ihrem Bogen hätte. So erklärte denn der Oberrichter, sie wäre Sam's Weib, und man könne es einem Manne auch ohne eine Harpune in der Hand nicht verargen, wenn er einen umbringe, den er mit seinem Weibe im Bette anträfe. So wurde denn Sam freigesprochen; aber sein Weib ließen sie nicht ungerupft, da sie den Mord durch ihre schlechte Aufführung veranlaßt hatte. Sie verurtheilten sie wegen Biggerie (Bigamie), wie sie es nennen, und schickten sie auf Lebenszeit über's Wasser. Sam richtete von nun an seinen Kopf nicht mehr in die Höhe. Der Mord, den er an einem Unschuldigen begangen hatte, und das Benehmen seines Weibes drückten ihn zu Boden. Er ging auf den Fischfang, und ein Wallfisch schlug das Boot mit seinem Schwanz entzwei; Sam wurde betäubt und sank unter, wie ein Mühlstein. So, jetzt wisset ihr, was diese kleine Jesabel für ein Unheil anrichtete, weil sie zwei Männer haben mußte. Möge sie dafür in der Hölle braten.« »Nun, das ist ein hübscher Faden, Vater,« sagte Tom, als die Erzählung zu Ende war, »hatte ich jetzt nicht Recht, wenn ich ihn hören wollte?« »Nein,« versetzte der alte Tom, seine breite Hand ausstreckend und seinen Sohn beim Kragen fassend; »und jetzt erinnerst du mich eben daran, ich will dir alte Schulden bezahlen.« »Der Herr beschütze Euch, Vater, Ihr seid mir nicht das Geringste schuldig,« sagte Tom. »Ja, doch, und ich will dir jetzt eine volle Quittung ausstellen.« »Ach Gott! sie ertrinken,« rief Tom, mit allen Zeichen des Entsetzens seine Hände ringend. Der alte Tom ließ ihn plötzlich los und blickte nach der angedeuteten Richtung. Tom entwischte und brach in ein Gelächter aus. Ich lachte ebenfalls, und zuletzt stimmte auch der Vater mit ein. Ich ging an's Ufer und fand, daß es mit Tom's Meldung seine Richtigkeit hatte – der Domine saß bei Herrn Drummond am Frühstück. Der neue Unterlehrer hatte die Aufsicht über die Knaben, und die Vorsteher hatten dem Schulmeister vierzehn Tage Ferien gestattet, weil er einen alten Freund in Greenwich besuchen wollte. Aus Sparsamkeit sowohl, als aus Neugierde hatte sich der alte Mann die Erlaubniß erbeten, die Reise auf dem Lichter zu machen. »Noch nie,« bemerkte er gegen mich, »noch nie, Jacob, habe ich meinen Fuß auf das Ding gesetzt, das auf dem nassen Element schwimmt; auch jetzt würde ich es nicht thun, wenn es mir nicht um das Geld wäre, das, wie du wohl weißt, nicht in Fülle bei mir anzutreffen ist. Ich bin darauf gefaßt, daß manche Gefahren auf mich warten werden; ich habe in den Büchern davon gelesen, und wohl durfte Horaz bei dem Gedanken an den Mann, der sich zuerst auf dieses Element wagte, in die Worte ausbrechen Illi et robur aes triplex . Doch versicherte mich Herr Drummond, der Lichter sei stark genug, um der Gewalt der Winde und Wellen zu widerstehen; und so will ich es denn im Vertrauen auf die Vorsehung wagen, Jacob, te duce .« »Nicht doch, Sir,« erwiederte ich über die Vorstellung lachend, die sich der Domine von den Gefahren der Stromschifffahrt gemacht zu haben schien, »der alte Tom ist Dux .« »Alter Tom?« » Old Tom « heißt eine Branntweinsorte. wo habe ich doch diesen Namen gesehen? Ja, jetzt erinnere ich mich; er stand mit großen Buchstaben auf einem Fäßchen im Kellerstübchen des Wirthshauses zu Brentford; aber was er bedeuten sollte, fragte ich nicht. Welche Verwandtschaft mag hier stattfinden?« »Keine Verwandtschaft,« erwiederte ich, »aber eine sehr vertraute Freundschaft. In einer halben Stunde haben wir Ebbe, Sir; sind Sie bereit, an Bord zu gehen?« »O gewiß; ich habe alle Vorbereitungen getroffen. Ich habe meine Kleider in meinem Bündel, und meinen Regenschirm und meinen Oberrock, sowie meinen Spenzer, zum gewöhnlichen Tragen. Aber wo ich schlafen soll, hat man mir noch nicht gesagt. Vielleicht schläft man gar nicht – › tanto in periculo ‹?« »Doch, Sir, wir schlafen; Sie sollen mein Bett haben, und ich will mit dem jungen Tom theilen.« »Hast du denn eben sowohl einen jungen, als einen alten Tom an Bord?« »Ja, Sir, und einen Hund, der Tommy heißt.« »Gut, so wollen wir uns einschiffen, und du sollst mich mit diesem Thomaskleeblatt bekannt machen. Inde Tomos dictus locus est ‹. (Gluck, Gluck.) Ovid, ich danke dir.« Eilftes Kapitel. Eine Menge Gelehrsamkeit wird flott. – Der junge Tom wird über die todten Sprachen ganz lebendig. – Nachdem der Domine die Wunder der gewaltigen Tiefe erfahren, trifft er Anstalten, bei Lobklößen zu schwelgen. – Obgleich der Mann der Gelehrsamkeit eine Menge Lieder und Fäden vom alten Tom erhält, so verliert er doch den besten Theil eines Gewerbes, ohne es zu wissen. Nachdem der Bündel und die übrigen Reisegeräthschaften des Domine an Bord gebracht waren, sagte er Herrn Drummond und seiner Familie ein so feierliches Lebewohl, daß er mich vollends überzeugte, er betrachte sein Unternehmen als ein höchst gefährliches Abenteuer. Ich führte ihn zur Werfte, wo die Barke lag. Zitternd überschritt er die Planke. Als er an Bord war, erholte er sich etwas und blickte um sich. »Ihr Diener, alter Herr,« sagte eine Stimme hinter dem Domine. Es war der alte Tom, der so eben aus der Kajüte kam. Der Domine wandte sich um und starrte ihn an. »Dieß ist der alte Tom, Sir,« sagte ich. »In der That, Jacob? Du sagtest mir nichts von der Verkürzung seiner regelmäßigen Verhältnisse, und ich war erstaunt. Du bist also der Dux?« fuhr der Domine fort, indem er sich zum alten Tom wandte. Ja,« fiel der junge Tom ein, der vom Vorderschiff herkam; »er hat sich etwas geduckt, und watschelt jetzt auf seinen kurzen Stumpen einher, wie eine Ente.« »Gieb Acht, daß ich dich nicht entere für deine Unverschämtheit, Bürschlein,« rief der Alte.« »Ein vorschneller Junge,« sagte der Domine. »Ja,« erwiederte Tom, »ich bin immer schnell voran.« »Bist du auch in deiner Gelehrsamkeit voran? Kannst du mir sagen, was Ente auf lateinisch heißt?« »O gewiß,« erwiederte Tom; »Branntwein.« »Branntwein!« rief der Domine. »Nein. Kind, anas .« »Sagt ich's doch,« versetzte Tom; »Anis.« »Der Junge ist fähig.« (Gluck, Gluck.) »Er ist fähig, teufelmäßig frech zu werden, alter Herr; aber nehmen Sie's nicht übel, es ist kein Falsch in ihm.« »Das ist also vermutlich der junge Tom, Jacob,« sagte der Domine, sich an mich wendend. »Ja, Sir,« erwiederte ich, »Sie haben jetzt den alten und den jungen Tom gesehen; es fehlt nur noch Tommy.« »Wollen Sie den Tommy sehen, Sir?« rief Tom. »Tommy, Tommy, daher.« Aber Tommy war im Augenblicke auf dem Vorderdeck zu emsig mit einem Knochen beschäftigt, als daß er sogleich gehorchen konnte, und der Domine wandte sich um und betrachtete den Strom. Es war ein rühriges Treiben. Barken und Boote glitten nach allen Richtungen dahin; andere lagen am Ufer, und Frachtwagen nahmen Kohlen und sonstige Ladungen auf, welche gelöscht wurden, während die Arbeiter mit einander schwatzten und lachten. » ›Populus de fluviis‹ wie Virgil sagt. Dieser ungeheure Strom ist in der That großartig. ›Labitur et labetur in omne volubilis aevum‹ , wie die Generationen der Menschen eine nach der andern in die Ewigkeit hinübergleiten,« sagte der Domine, seinen Träumereien Worte gebend. Aber Tommy war jetzt herbeigekommen, und Tom hatte in seinem Muthwillen den einen Rockschoß des Domine ergriffen und ihn dem Hunde gezeigt. Gewohnt, ein Tau zu fassen, das ihm gezeigt wurde, ergriff Tommy alsbald des Domine Rock und zerrte dreimal mit aller Kraft daran. Der Domine war in seine Gedanken vertieft und vermuthete wahrscheinlich, ich sei es, der seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken wünsche. Er schüttelte jedesmal mit der Hand, ohne sich umzuwenden, und schien damit ausdrücken zu wollen – »ich bin jetzt beschäftigt.« »Zieh,« rief Tom dem Hunde zu, und hielt sich die Seiten, indem ihm vor Lachen Thränen über die Wangen rollten. Tommy verdoppelte seine Kraftanstrengung und rieß den Rockflügel ab; aber der Domine bemerkte es nicht. Er war immer noch » in nubibus ,« als der Hund mit seiner Beute davon rannte und Tom ihn verfolgte, um sie ihm abzunehmen. Der Domine träumte fort, und der alte Tom sang: »Geliebtes England, reich an allem Segen, Des Oceanes schönster Diamant, Dir schlägt voll Liebe unser Herz entgegen, Und bleibt auch in der Fern' dir zugewandt. Der Gesang brachte den Domine allmählig zu sich selbst, und die Weise war wirklich so schön, daß sie selbst noch in den Ohren eines Sterbenden nachgeklungen hätte. Der Domine wandte sich um und rief, als der alte Tom geendet hatte: »Wahrhaftig, das entzückte mein Ohr, und wer solch – und,« fuhr er fort, einen Blick auf den Unterstock des alten Tom werfend – »noch dazu ohne Bein.« »Nun, alter Herr, mit den Beinen singe ich nicht,« antwortete der alte Tom. »Ach, guter Dux, ich bin nicht so unerfahren, um nicht zu wissen, daß man mit dem Munde singt, aber deine Stimme ist so schmelzend, so süß, wie der Honig von Hybla, so stark –« »Wie das lateinische Wort für Ente,« setzte Tom hinzu. »Vater, das alte Wörterbuch ist auf's Neue mondsüchtig; versetzet es mit einem andern Ringelreim wieder auf die Erde.« »Ich werde dir mit dem Riemenring eines auf die Schultern versetzen, Meister Tom. Was hast du mit des alten Herrn Schwalbenschwanz angefangen?« »Laßt mich die Sache beilegen, Vater; ich weiß mich schon aus der Schlinge zu ziehen.« »Das muß freilich sein, du Schlingel, weil du so oft hineintappst; aber die Barke schwankt und stößt. Auf das Vorderdeck Jacob, und den Mast aufgerichtet! Tom und Tommy sollen dir helfen.« Der Mast ward aufgerichtet, das Segel gesetzt, und der Lichter sprang in den Strom, ehe der Domine aus seinen neuen Träumereien erwachte. »Gibt es Strudel hier?« fragte der Domine, mehr zu sich selbst sprechend, als zu seiner Umgebung. »Strudel?« versetzte der junge Tom, der ihn beobachtete und zum Besten hatte; »ja das gibt's unter den Brücken. Ich habe neulich ein Dutzend Spähne nach einander untergehen sehen?« »Ein Dutzend Kähne ?« rief der Domine, sich nach Tom umwendend; »mit Mann und Maus untergegangen?« »Man sah sie nie mehr,« versetzte der Andere in traurigem Tone. »Wie wenig habe ich mir die Gefahren derer träumen lassen, die mir so nahe sind,« sagte der Domine, sich umwendend und mit sich selbst sprechend, »derer die da in Schiffen auf's Meer gehen und ihr Gewerbe treiben auf den Wassern; – › Et vastas aperit Syrtes ‹; – ›Sie sehen die Werke des Herrn und seine Wunder in der Tiefe‹. › Alternante vorans vasta Charybdis aqua ‹ – ›denn auf sein Wort erhebt sich der Sturmwind, und auf seine Stimme erbrausen die Wogen‹ – › Surgens a puppi ventus – Ubi tempestas et colli mobilis humor ‹ – ›Sie werden hinaufgeschleudert zu den Wolken, sie sinken hinab in den Abgrund‹. – › Gurgitibus miris et lactis vertice torrens ‹ – ›Ihr Herz zergeht wie Wachs ob ihrer Noth‹. › Stant pavidi. 0mnibus ignotae mortis timor, omnibus hostem ‹ – ›Sie schwanken dahin und dorthin und taumeln wie Betrunkene‹.« »Das thun sie, Vater – thun sie das nicht zuweilen?« bemerkte Tom, nach seinem Vater hinüber schielend. »Das ist Alles, was ich von seiner Rede verstanden habe.« »Der Kopf wirbelt ihnen,« fuhr der Domine fort. »Gib Acht, daß dir der Kopf nicht wirbelt, Meister Tom,« sagte sein Vater über die Anspielung aufgebracht. »›Wenn sie dann den Herrn anrufen in ihrer Noth‹ – ›Cujus jurare timent et fallere nomen‹ – ›so errettet er Sie aus ihrer Angst, denn er spricht, und der Sturm verstummet, er winkt, und die Wogen sind stille;‹ ja stille und sanft wie das friedliche Wasser, das unser ankerndes Fahrzeug bespült – doch es scheint mir, der Schauplatz hat sich geändert. Diese Gefilde standen früher nicht in meinen Augen. ›Riparumque toros et prata recentia rivis.‹ Wir sind gewiß nicht mehr an der Werfte.« Der Domine sah sich um, und entdeckte jetzt erst, daß die Stelle, an der wir uns eingeschifft hatten, schon weiter als eine Meile hinter uns lag. »Wozu dient denn eigentlich die Sprache, Sir?« fragte Tom, der die ganze Zeit über des Domine's Selbstgespräch belauscht hatte. »Eine närrische Frage, Junge. Wir sind mit dem Vermögen der Sprache ausgestattet, um uns unsere Gedanken mittheilen zu können.« »Das meinte ich eben auch, Sir. Aber wenn das der Fall ist, wozu dient denn all' Ihr Kauderwälsch, das keiner von uns versteht?« »Ich bitte um Verzeihung, Kind, ich redete, wie ich vermuthe, in den todten Sprachen.« »Wenn sie todt sind, warum gönnen Sie ihnen nicht die Ruhe in ihrem Grabe?« »Ah, du bist witzig. (Gluck, Gluck.) Aber du mußt wissen, Kind, daß es angenehm ist, mit den Todten umzugehen.« »Wenn dem also ist, so wollen wir Sie beim Kirchhof von Battersea an's Land setzen.« »Still, Tom. Er steckt wieder voll Bosheit, Sir – Sie müssen ihm verzeihen.« »Es macht mir Vergnügen, ihn sprechen zu hören, aber noch ein größeres Vergnügen würde es mir machen, Euch singen zu hören.« »So soll's sein, Sir, um Tom's Frechheit zu ertränken.« »Schwebe auf der Morgenebbe Schwingen Durch die Fluthen, die den Kiel umzieh'n, Die in weichen Wellen ihn umringen, Und in lichten Kreisen vor ihm flieh'n. Als erglänzten sie vom Wiederscheine Der im Meer verborg'nen Edelsteine.« »Eine hübsche Weise, und ich hörte sie zum ersten Male von einem hübschen Weibsbild. Aber das ist Alles, was ich von dem Liede weiß. Sie sang noch ein anderes –« »Ich wollt', ich wär ein Schmetterling. Und unterm Laub geboren.« »Ein Schmetterling möchtet Ihr sein,« sagte der Domine, der die Worte des alten Tom buchstäblich nahm und seine Gestalt betrachtete. Der junge Tom rief: »Ja, Sir, ein Schmetterling, und ich sehe nicht ein , warum er das nicht bald werden sollte. Seine Beine sind fort, und seine Flügel noch nicht da; also ist er die Puppe, und Sie wissen, daß die nicht mehr weit zum Schmetterlinge hat. Ist doch ein närrischer alter Kauz, der Vater – nicht wahr?« »Tom, Tom, auf's Vorderdeck, wir müssen durch die Brücke schießen.« »Schießen!« rief der Domine, »schießen – wozu?« »Sie fürchten sich doch nicht vor Feuergewehr, Sir?« fragte Tom. »Ich sagte nicht, daß ich mich vor Feuergewehr fürchte; aber wozu wollt Ihr schießen?« Wir kommen sonst nicht weiter, Sir; wir werden bald noch genug zu schießen haben. Sie kennen den Strom nicht.« »In der That, an solche Dinge dachte ich nicht; ich glaubte nicht, daß es auch noch andere Gefahren hier gebe, als die Tiefe des Wassers.« »Geh auf's Vorderdeck, Tom, und treibe deinen Spott nicht mit Leuten, die besser sind, als du,« rief der alte Tom. »Scheren Sie sich nicht um ihn, er foppt Sie nur.« »Verdollmetsche mir das, Jacob; die Sprache beider Tome ist mir so unverständlich, als mir die des Hundes Tomy sein würde.« »Oder als Ihr Latein ihnen ist, Sir.« »Wahr, Jacob, wahr. Ich habe kein Recht, zu klagen. Nein, ich klage nicht, denn ich freue mich, wenn ich gleich bisweilen etwas verblüfft bin.« Jetzt schoßen wir unter der Putney-Brücke durch. Ein Ruderboot fuhr an uns vorüber, und der alte Tom begrüßte es mit der Reminiscenz – »Hörtest nie vom hübschen Fischerknaben?« »Nein, noch nie,« sagte der Domine, da er sah, daß die Augen des alten Tom auf ihn gerichtet waren. Durch diese Einfalt des Domine ergötzt, faßte ihn der junge Tom auf der andern Seite am Aermel und begann mit seiner Tenorstimme: »Hörtet Ihr kein einzig Mal Von dem Mädchen in dem Thal? »Ich erinnere mich nicht, Kind,« versetzte der Domine. »Was haben Sie denn aber die ganze Zeit Ihres Lebens über gemacht?« »Ich habe mein Leben dazu angewendet, meine Schüler in die Elemente der Gelehrsamkeit einzuschießen.« »So sind Sie also ein alter Soldat, und fürchten sich vor Feuergewehr? Warum bleiben Sie nicht aufrecht? Zieht vielleicht der ungeheure Auslieger Ihren Kopf so herunter? »Tom, Tom, ich zerhaue dich in Schweinsrippchen, wenn du so fortfährst. Mach' daß du mit dem Mittagessen anfahren kannst, du Schlingel, und laß den Herrn in Ruhe. Der Wind wird stärker. ›Ein wogend Meer, ein nasses Segel, Ein Sturmwind, der es faßt Und brauset durch die weiße Wölbung Und beugt den starken Mast, – Und beugt den starken Mast, ihr Jungen, Indessen unbesiegt Das gute Schiff von England's Küste Auf Adlerschwingen fliegt‹.« »Jacob, sagte der Domine, »ich habe aus dem Munde der hundertzüngigen Fama vernommen, wie sorglos und gleichgültig die Matrosen bei der Gefahr sind; aber nie hätte ich geglaubt, daß man einen so leichten Sinn an den Tag legen könne. Jener Mann, obgleich noch nicht sehr bei Jahren, was ist er? – ein Wrack von einem Menschen auf einem unnatürlichen Fußgestelle, das in gar keinem Verhältniß zu seinem Leibe steht. Jener Junge, beinahe noch ein Kind, zeigt sich so frisch und munter, als besäße er Alles, was ihm die Welt bieten kann. Ich habe eine gewisse Neigung zu dem kecken Burschen, und würde ihm gerne die Elemente– wenigstens der lateinischen Sprache, beibringen.« »Ich zweifle, ob sie Tom je lernen würde, Sir. Er hat seinen eigenen Kopf.« »Es schmerzt mich, das von dir zu hören, denn es fehlt ihm nicht an Talent, nur an Unterricht; und der Dux, ich finde einen großen Gefallen an ihm – ein zweiter Palinurus. Wie konnte es aber ein Mann wagen, sich auf einem solchen Elemente einzuschiffen und sich mit Gefahren in einen Kampf einzulassen, welche die äußerste Anstrengung jedes Gliedes erfordern, da ihm doch gerade diejenigen Glieder fehlen, die am meisten zu seiner Sicherheit nothwendig sind. Nein, das ist mir ganz unbegreiflich.« »Er weiß sich auf seinen Beinen zu halten, Sir.« »Wie kann er sich auf etwas halten, was er nicht mehr hat? Auch du sprichst seltsam auf dem Wasser. Ich sehe die Gefahren, welche mich umringen, Jacob, und doch bin ich ruhig; ich fühle, daß ich kein ruchloses Leben geführt habe. – ›Integer vitae scelerisque purus‹ , wie Horaz treffend sagt, kann ich mich, wie ich gethan habe, auf die ungeheure Wasserfläche wagen. Was ist es, das der Junge für uns bereitet? Es hat einen einladenden Geruch.« »Lobklöse, Herr,« erwiederte der alte Tom, »keine so üble Auskleidung für den Magen.« »Ich erinnere mich keines solchen Wortes – unde derivatur , Freund?« »Was ist das?« fragte der alte Tom. »Nichts anderes, als das lateinische Wort für Lobklöse, Vater,« rief Tom, welcher das schmackhafte Gericht nebst einem großen hölzernen Löffel heraufbrachte, »'s ist ein zum Todtwerden luftiger alter Herr mit seiner todten Sprache. Das Essen ist fertig. Sollen wir den Anker fallen lassen, oder erst zu Tisch pfeifen?« »Wir können ankern, Junge. Die Ebbe dauert keine Viertelstunde mehr, und der Wind ist uns entgegen.« Tom und ich gingen auf's Vorderdeck, zogen das große Segel ein und warfen den Anker aus. Der Lichter sprang in die Strömung. Der Domine war durch den Anblick der Mastenwälder, an denen wir unter der Londoner Brücke vorübergekommen waren, und die wir jetzt eine Strecke weit hinter uns hatten, wieder in sein Traumleben versetzt worden, und rief plötzlich mit lauter Stimme: » Parce precor, periculosum est! « Der schnelle Umschwung des Lichters auf seinem Anker hatte den Domine mit der plötzlichen Drehung des Rundgemäldes überrascht und er glaubte uns in einen der Strudel geworfen, deren Tom erwähnt hatte. »Was ist vorgefallen, guter Dux? sprich,« fragte er den alten Tom mit dem Ausdrucke der Angst aus seinem Gesichte. »Nun, ich will es Ihnen auf meine eigene Weise erklären,« erwiederte der alte Tom lächelnd, und sang folgende Strophe, während er den Domine an einem Knopfe seines Spensers hielt: »Das Fahrzeug will sich schlafen legen, 's ist segelmüd', die Fluth ist stumm; ›Das Kabel klar‹! tönt's uns entgegen, Der Anker liegt, wir springen um. »Und nun, Herr, wollen wir die Lobklöse ausstechen. Wir werden vor morgen früh den Anker nicht mehr lichten; der Wind ist uns gerade in den Zähnen, und er wird diesmal scharf pfeifen, deß bin ich sicher. Sehen Sie, wie die Wolken fliegen; so wollen wir uns einen luftigen Abend machen, und Sie sollen auch Ihren Antheil Grog an Bord bekommen, ehe Sie sich niederlegen.« »Ich habe schon von diesem Getränke gehört,« versetzte der Domine, sich auf den Rand der Lücke setzend, »und möchte wohl auch einmal davon kosten.« Zwölftes Kapitel. Enthält Erzählungen im Doppelsinne. – Der Domine spürt die natürlichen Wirkungen seiner Herzenseinfalt, und sieht doppelt. – Neue Begriffsbestimmung von Philosophie, mit einer Episode über die Eifersucht. Wir nahmen unsere Sitze auf dem Verdeck und versammelten uns um die Bratpfanne, denn mit Schüsseln belästigten wir uns nicht, und der Domine ließ sich die Lobklöse trefflich behagen. In einer halben Stunde war Alles vorüber; das heißt, wir hatten so viel gegessen, als wir wünschten. Der Neufoundländer, der während unserer Mahlzeit neben dem jungen Tom lag, um das Verdeck mit seinem Schwanze zu peitschen und die schmackhaften Düfte des Gerichtes mit seiner Nase einzusaugen, hatte sämmtliche Teller rein geleckt, und erwies der Bratpfanne dieselbe Aufmerksamkeit, als Tom schnell das Geschirr abräumte und in die Kajüte trug, worauf er eine Flasche nebst vier zinnernen Trinknäpfchen zum Vorschein brachte, um das versprochene Gelage zu feiern. »Hier, mein Herr, ist ein Glas Grog für Sie, so steif, daß ein Merlpfriem darauf schwimmen könnte. Wollen einmal sehen, ob das nicht die Falten Ihres alten Herzens aufwärmt.« »Ja,« fiel Tom ein, »und alle Ihre Muskeln so straf anzieht, wie Luvpardunen.« »Mit deiner Erlaubniß, Meister Tom, ich will den Grog für dich selbst mischen. Gib mir die Flasche, Schlingel.« »Wie's Euch gefällig ist, Vater,« versetzte Tom, ihm die Flasche reichend; »aber ja keines von Eurem verhexten Wasser. Macht's gnädig.« Der alte Tom mischte ein Näpfchen Grog für seinen Sohn und ein anderes für sich selbst – ich brauche kaum zu sagen, welches von beiden das steifere war. »Vater, was meinet Ihr vom Grog? ich denke, eine Flasche unter vier Personen wird nicht weit reichen.« »Eine Flasche, du Schurke? 's ist ja noch eine andere im Schenkschranke.« »Dann müßt Ihr bereits doppelt sehen, Vater.« Der Alte war über diese Nachricht bestürzt. Er glaubte, Tom habe sich in den Besitz der andern Flasche gesetzt, humpelte auf seine Stelzen und eilte zum Schenkschrank, um sich selbst zu überzeugen. Dieß war es, was Tom gewollt hatte. Er vertauschte alsbald die Grognäpfchen und rührte sich nicht mehr von der Stelle. »Die andere Flasche ist ja noch da, Tom,« sagte sein Vater, zurückkommend und seinen Sitz wieder einnehmend. »Ich wußte es doch. Du hast keinen Begriff, wie du mich erschreckt hast, Schurke.« Er setzte das Näpfchen an seine Lippen. »Beim Himmel, den Müller ertränkt!« rief er, »was muß ich nur gemacht haben?« und goß dem Gemische mehr Geist zu. »Vermutlich hat Euch der Anblick der andern Flasche im Schenkschranke so gestärkt, daß Ihr jetzt auch Euern Grog doppelt stärken zu müssen glaubt. Kommt Vater,« – und Tom hielt ihm sein Trinknäpfchen hin, »thut mir einen Tropfen steifen hinein – 's ist Siebenwassergrog, und ich stehe nicht auf der schwarzen Liste.« »Nein, nein, Tom, das nächste Mal sollst du stärkern bekommen. Nun, Herr, wie schmeckt Ihnen das Ding?« »Wahrhaftig,« erwiederte der Domine, »es ist ein liebliches, verführerisches Getränke. Siehe da! Ich bin auf dem Boden meines zinnernen Geräthes.« »Will's wieder füllen, alter Herr. Ich sehe, Sie sind einer von der rechten Sorte – Sie wissen, wie es in dem Liede heißt: »Laßt doch die Narren Narren sein, Die immer ›bet' und faste‹ schrei'n; Bald würd' ich in die Grube sinken, Wollt' ich nichts mehr als Wasser trinken.« »Wasser, wahrhaftig! Der einzige Gebrauch, den ich vom Wasser kenne, ist den Grog damit anzumachen und Schiffe in der Welt auf und ab zu führen. Warum wurde die See gesalzen? Damit wir nicht so viel Wasser trinken können. Ja wohl da, Wasser!« »Hätten's 'ne Kanne Grog verschluckt, Sie hätten gesungen beim Grog, Trotz ihrem Sparren, Trotz ihrem Karren Hätten die Narren Den Staub der Schulen in Grog verschluckt, Und g'schworen, nichts gleiche dem Grog.« »Ich bin ganz Eurer Meinung, Vater,« sagte Tom, seinen leeren Becher hinhaltend. »Immer bei der Hand, Meister Tom, wo sich's vom Grogtrinken und vom Unheilstiften handelt; doch du sollst noch eine Dosis haben.« »Hat er denn auch arzneiliche Wirkungen?« fragte der Domine. »Ja, das hat er, Herr – mehr, als alle Quacksalberarzneien in der Welt. Er kurirt den Kummer und die Schwermuth und läßt den Geist nicht sinken.« »Das bezweifle ich, Vater,« rief Tom, die Flasche emporhaltend; »denn je mehr wir trinken, desto tiefer sinkt der Geist.« »Gluck, Gluck,« tönte es in dem Brustkasten des Domine. »Wahrlich, Freund Tom, er scheint unter anderem auch den Witz zu schärfen. Fahre fort, Freund Dux, mit den arzneilichen Wirkungen des Grogs.« »Gut, Herr, er kurirt die Liebe, wenn sie nicht erwiedert wird, und vermehrt sie, wenn dieß der Fall ist. Ich habe mir sagen lassen, er kurire auch die Eifersucht; aber darüber habe ich meine Zweifel. Weil ich eben daran denke, so will ich Euch einen Faden spinnen über eine eifersüchtige Liebe zwischen einem Paar Narren. Jacob, ist dein Becher noch nicht leer, Junge?« »Ja,« erwiederte ich, ihn zum Füllen hinhaltend, denn er war leer. Weil ich selbst kein großer Freund vom Grog war, hatte ihn Tom mit meiner Erlaubniß neben dem seinigen ausgetrunken. »Hier, Jacob, hast Du eine gute Dosis – du schreist nicht immer darnach, wie Tom.« »Er leidet eben nicht am Sinken des Geistes, wie ich, Vater?« »Wie lange leidest denn du an diesem Uebel, Tom?« fragte ich. »Seit ich weiß, wie man es kurirt. Kommt Vater, spinnt uns den Faden.« »Gut also; Ihr müßt wissen, ein alter Schiffskamerad von mir, mit Namen Ben Leader, hatte ein Weib mit Namen Polly, ein hübsches Stück Fahrzeug in ihrer Art, schön in der Takelung, mit einem schwellenden Bug, einem feinen Kopfstück, und teufelmäßig nett gewölbt im Raum; kurz ein Mädel zum Fressen – alle Bursche liefen ihr nach. Sie hatte ein schelmisches Auge, und sah es gern, wenn man ihr nachguckte, wie die meisten hübschen Weibsbilder, denn es flattirt ihrer Eitelkeit. Nun, ob sie es gleich gern sah, wenn die andern Bursche Notiz von ihr nahmen, so war doch Ben der Einzige, der sie anrühren durfte – bei allen Uebrigen hieß es, ›Hand weg‹. Ben Leader war ein hübscher, rühriger, schmucker Bursche, und konnte sich im Ringe drehen oder seine Faust führen, wie Einer. Und sie war sterblich vernarrt in ihn, und sterblich eifersüchtig, wenn er mit einem andern Weibsbild sprach, denn die Weibsbilder sahen nach Ben gern, wie die jungen Bursche nach ihr. Gut. Wie sie Liebe um Liebe gaben, so hieß es auch, Eifersucht um Eifersucht. Und als die Bursche und Mädels das sahen, machten sie sich einen Spaß damit, sie hinter einander zu bringen. So wurde es alle Tage schlimmer und schlimmer mit ihnen. Nun, ich habe immer gesagt, 's ist ein dummes Ding um die Eifersucht; denn hat man Grund, so hat man keinen Grund zur Liebe, und hat man keinen Grund, so hat man auch keinen Grund zur Eifersucht.« »Man meint ja, man höre ein Nest voll Krähen – nichts als Kru – Kru ,« unterbrach ihn Tom. »'s ist fast so, aber man muß gründlich sein – nicht wahr, Herr?« »Ganz richtige Ihr beweist Eure Sache gründlich mit einem Syllogismus,« erwiederte der Domine, den Becher vom Munde nehmend. »Weiß nicht, was das ist, und begehre es auch nicht zu wissen,« versetzte der alte Tom; »will nur fortmachen mit meiner Geschichte. Gut. Zuletzt setzte es wirkliche Handel. Ben schmollte mit Polly, weil sie mit anderen Burschen schwatzte und lachte, und Polly weinte und heulte den ganzen Tag, weil er nicht auf ihren Knieen sitzen wollte, anstatt an Bord zu gehen und seine Schuldigkeit zu thun. Gut. Eines Abends, nachdem die Feierstunde geschlagen hatte, geht Ben an's Land und in das Haus, wo er und Polly gewöhnlich schliefen; und wie er das Kellnermädel sieht, fragt er: ›Wo ist Polly?‹ Nun war das Kellnermädel noch nicht lange im Haus, und fragte: ›Was für ein Mädel meinet Ihr?‹ Ben beschreibt sie, und das Kellnermädchen sagt: ›sie ist eben in's Bett – mit ihrem Manne vermutlich;‹ denn Ihr sehet, es war ein anderes Weibsbild da, das ihr gleich sah: die war in's Bett gegangen. Wie Ben das hört, gibt er seinen Hosen einen Ruck, verlangt einen Butel, leert ihn auf einen Sitz aus, geht fort und denkt, es sei Alles wahr. Als Ben fort war, kam Polly, und wie sie sieht, daß Ben nicht in der Schenkstube ist, sagt sie: ›Mädel, ging nicht so eben ein Mann die Stiege hinauf.‹ ›Ja,‹ sagt das Kellnermädel, ›mit seiner Frau vermuthlich, 's ist noch keine Viertelstunde, daß sie in's Bett sind.‹ Wie Polly das hört, wird sie fast wahnsinnig vor Wuth, und dann wird sie so weiß wie eine Wand, und dann bricht sie in Thränen aus und rennt fort, und schreit: ›Ich arme unglückliche Kreatur!‹ und stolpert über Stock und Stein, und fährt Jeden nieder, der ihr in die Strömung kommt.« »Ich verstand eben, sie sei gegangen, und jetzt sagt er, sie sei gefahren. Erkläre mir das, Jacob.« »Es war eine nautische Figur, Sir.« »Ja, das war's,« sagte Tom; »ich meinte ihre Figur, alter Herr; aber ich kann meinen Faden nicht spinnen, wenn Sie ihn alle Augenblicke abreißen. Wie wäre es, Herr, wenn Sie erst die Geschichte hörten, und hintennach verständen?« »Ich will versuchen, sie aus dem Context zu erklären,« versetzte der Domine. »Das heißt vermuthlich, Sie wollen mich nicht mehr aus dem Text bringen? Gut, so will ich wieder anspinnen. Ben war, müßt Ihr wissen, mit seiner Eifersucht und seinem ganzen Butel auf einen Zug, nicht recht halb, nicht recht heil geworden und ging an den Damm hinab, um sich von sich, von seinem Schatze und von all' seinen Sorgen zu befreien. Er wollte seine Seele dem Schöpfer zurückgeben, und seinen Leib den Fischen.« »Eine schlechte Philosophie,« bemerkte der Domine. »Da stimme ich Ihnen bei, Herr,« versetzte der alte Tom. »Was ist denn das für ein Ding, Philosophie?« fragte Tom. »Philosophie,« erwiederte der alte Tom, »ist sich hängen, oder ertränken, oder erschießen, oder – kurz, sich ohne Hülfe Anderer aus der Welt schaffen.« »Nein,« versetzte der Domine, »das ist Felo de se .« Ein Verbrechen an sich selber. Die Engländer sprechen filodisi . »Nun, ich spreche es nur schneller aus, als Sie, Herr, aber es ist eins und dasselbe. Doch wir wollen weiter gehen. Wie Ben am Damm steht und denkt, ob er vor dem Untertauchen nicht noch ein Pfötchen Tabak nehmen soll zum Kauen, wer kommt? Niemand anders, als Polly; und ihre Haare flattern im Winde und fliegen und peitschen hinter ihr her, und sie kommt in der gleichen Absicht, wie Ben – von wegen der Fillosoffi . Ben steht am Rande des Dammes, seine Augen auf das Wasser gerichtet, das zwischen den Pfeilern durchschießt, und sieht darein, als hätte er einen sechsspännigen Leichenwagen verschluckt, und die Trauerfedern hingen ihm noch zum Munde heraus.« – »Eine kühne Vergleichung,« murmelte der Domine. »Er sieht sie nicht; und sie hat so viel mit sich selber zu schaffen, daß sie ihn nicht sieht, und steht doch fest auf ihm droben – denn Ihr müßt wissen es war stockfinstere Nacht. Polly verdrehte die Augen, leibhaftig, wie eine sterbende Dohle.« »Sagt mir, Freund Dux,« unterbrach ihn der Domine, »stirbt eine Dohle auf eine besondere Weise?« »Ja,« versetzte der junge Tom, »sie stirbt immer schwarz, Herr.« »Dann stirbt sie, wie sie gelebt hat. (Gluck, Gluck.) Fahrt fort, guter Dux.« »Und Sie reißen mir den Faden nicht mehr ab, Herr, wenn Sie die Geschichte zu Ende hören wollen. Gut; Polly heult um Ben und schluchzt: ›O Ben, Ben, grausamer, grausamer Ben; kommen – gehen; gehen – kommen.‹ »›Wer da?‹ schreit Ben. »›Kommen – gehen,‹ schluchzt Polly. »›He da, Schiff!‹ schreit Ben. »›Gehen – kommen,‹ heult Polly, und dann kann sie nicht mehr. Bei dem meint Ben, er müsse die Stimme kennen, geht zu ihr hin und sagt: ›Bist du's, Polly?‹ »›Bist du's, Ben?‹ erwiedert Polly, und nimmt ihre Hände vom Gesicht und sieht ihn an. »›Ich glaubte, du seiest in's Bett mit – mit – o Polly!‹ sagt Ben. »›Und ich glaubte, du seiest in's Bett mit – mit – o Ben!‹ erwiedert Polly. »›Aber ich bin nicht, Polly.‹ »›Ich bin auch nicht, Ben.‹ »›Und warum kamst du daher, Polly?‹ »›Ich wollte sterben, Ben. Und warum kamst du, Ben?‹ »›Ich mochte nicht mehr leben, Polly, weil ich glaubte, du seiest mir untreu.‹ »Polly hätte können mit den Worten des alten Lieds antworten, Herr; aber ihr armes Herz war vermutlich zu voll.« Und Tom sang: »Ja seit wir uns am Wappingsteg gesprochen, Hat Polly nie die Treue dir gebrochen.« »Dem sei, wie ihm wolle. In der nächsten Minute hingen sie sich am Hals und küßten und schluchzten und drückten und herzten einander. Und wie sie sich ausgeweint hatten, gingen sie in's Haus zurück, Arm in Arm, und nahmen ein gutes steifes Gläschen, damit daß sie dem Schnupfen vorbeugten, und gingen in's Bett und waren geheilt von der Eifersucht auf immer – und das war, meine ich, eine viel bessere Fillosoffi, als die andere, auf die sie versessen waren. So, jetzt habe ich Alles abgewunden, Herr, und nun wollen wir unsern Zinnbecher füllen.« »Bevor ich meine Zustimmung gebe, Freund Dux, sagt mir, wie viel ich von diesem schmeichelnden Getränke zu mir nehmen kann, ohne mich zu übersehen, vulgo zu betrinken?« »Der Vater kann so viel trinken, um ein Boot flott zu machen, Herr,« versetzte Tom; »also habt Ihr nichts zu fürchten. Ich halte Becher für Becher mit Euch aus, die ganze Nacht.« »Nein, das hältst du nicht, Meister Tom,« versetzte der Vater. »Ich halte, Vater.« Ich gewahrte, daß das Getränk bereits einige Wirkung auf den würdigen Pädagogen äußerte, und wünschte nicht, daß er zur Unmäßigkeit verleitet würde. Ich zupfte ihn daher am Rocke, aber er war schon wieder in seine Gedanken vertieft und achtete nicht auf mich. Des langen Sitzens müde, stand ich auf und ging auf das Vorderdeck, um nach dem Kabel zu sehen. »Sonderbar,« murmelte der Domine, »das mich Jacob am Gewande zupfte. Was kann er wollen?« »Hat er Sie gezupft, Sir?« fragte Tom. »Ja, mehrmal; und dann ging er weg.« »Es scheint, Sie sind stark gezupft worden, Sir,« versetzte Tom, und reichte ihm den Rockschoß hin, welchen ihm der Hund abgerissen hatte, sich mit vieler Gewandtheit stellend, als hebe er ihn gerade vom Boden auf. » Eheu! Jacobe, – fili dilectissime – quid fecisti ?« rief der Domine, mit einem Blicke der Verzweiflung das Wrack seines Gewandes emporhebend. »›Ein langer Ruck, ein starker Ruck und in einem Ruck auf einmal‹,« sang der alte Tom und sagte dann mit einem Seitenblick auf den jungen: »Nun, bist du nicht ein Erzschurke, Meister Tom?« »Es ist geschehen,« rief der Domine mit einem Seufzer, das Bruchstück in die noch übrig gebliebene Tasche steckend, »und kann nicht ungeschehen gemacht werden.« »Nun, kann es auch nicht ungeschehen gemacht werden,« versetzte Tom, »so kann es doch gemacht werden. Eine Nadel und ein Trumm Faden reicht hin, um die Trümmer Ihres alten Rocks wieder in den heiligen Ehestand treten zu lassen.« »Du hast Recht! (Gluck, Gluck.) Meine Haushälterin kann es wieder herstellen, aber sie wird ordentlich aufbrausen. › Foeminae, curaeque, iraeque ‹. Doch wir wollen uns die Sache aus dem Sinne schlagen,« setzte er hinzu und that einen kräftigen Zug aus seinem Trinknäpfchen. Mit jeder Minute kam er dem Zustande der Betrunkenheit näher. » Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus, « fuhr er fort. »Ich fühle mich wie emporgetragen, als könnte ich tanzen und meine Stimme erheben zum Gesang.« »In der That, mein lustiger alter Herr? Nun so wollen wir tanzen und singen. ›Kommet und lasset uns tanzen und singen, Weil in Barbados die Glocken erklingen. Mars mag den Bogen zur Fiedel uns schwingen, Während uns Venus die Laute schlägt, Und Hymen herumhüpft beim frohen Gelage Am lustigen, durstigen Hochzeittage.« »Nun der Chor: »Kommet und lasset uns tanzen und singen.« Dreizehntes Kapitel. Der Spaß wird wild und tobend. – Der Pädagog skandirt nicht mehr recht und seine Füße suchen das Gleichgewicht. – Eine bildliche Artigkeit veranlaßt beinahe einen eigentlichen Streit. – Die Mächtigen werden niedergeworfen und die Nase des Domine leidet Schaden. Ich hörte Tom's Tenor und eine krächzende Stimme, welche aus der Brust des Domine hervorkam, der in den Chor eingefallen war. Um wo möglich andern Ausschweifungen vorzubeugen, trat ich hinter ihn; aber ich fand, daß ihm der Grog bereits zu Kopf gestiegen war und keiner meiner Winke beachtet wurde. Tom ward nach der zweiten Flasche geschickt und des Domine Becher von Neuem aufgegossen, während der alte Tom brüllte: »Laßt uns die schäumenden Becher erheben; Die Hoffnung erblüht, Die Liebe erglüht, Die Lust und Freude soll leben! Die Kanne laßt bringen, Wir tanzen und singen, Das sämmtliche Planken erbeben. »Jetzt wieder der Chor: »Laßt uns die schäumenden Becher erheben.« »Jacob, warum singst du nicht mit?« Der Chor wurde von uns allen ausgeführt. Die Stimme des Domine erscholl noch lauter, wiewohl nicht so ganz musikalisch wie die des alten Tom. » Evoe! « rief der Domine; » Evoe! cantemus! « » Amo, Amas ; ich liebt' eine Dirne, Sie hatt' einen schlanken Leib. Amas, amat , sie hält mich nieder, Obgleich ein gebrechliches Weib.« »Wahrlich, ich habe die Lieder meiner Jugend und meiner heiteren Tage vergessen; jetzt wirkt der starke Geist auf mich, wie der Gott auf die cumäische Sibylle, und bald werde ich voraussagen, was sich ereignen wird.« »Das kann ich auch, bemerkte Tom lachend und mir einen bedeutsamen Wink zuwerfend. »Erfülle deine Pflicht als Ganymedes, und fülle meinen Becher auf; aber gieß' nicht so viel von dem Elemente hinein. Erhebe deine Stimme auf's Neue, guter Dux. »Immer bei der Hand, Herr,« rief Tom, welcher ein neues Loblied auf sein Lieblingsgetränk sang. »Der Grog ist's Matrosen Hoffnung und Anker, Sein Kompaß, sein Kabel, sein Log! Und taumelt das Schiff auch schwanker und schwanker, Und sammeln und schaaren Sich tausend Gefahren, Sein Herz ist gestählt, er trinkt seinen Grog! Sein Grog, sein Grog Ist sein Ruder, sein Kompaß, sein Kabel, sein' Log! 's Matrosen Anker ist Grog. »Wahrlich, du bist ein Apollo – oder vielmehr in Betracht deines Mangels an Beinen, ein halber Apollo – das heißt ein Halbgott . (Gluck, Gluck.) Du lügst uns in den Himmel mit deiner Zunge, Freund Dux.« »Nehmt Eure Worte in Acht, ich lüge nicht,« rief Tom. »Leget ein Schloß an Euren Mund oder 's geht anders.« » Ubi lapsus quid feci, « rief der Domine; »ich sprach von deinem himmlischen Gesange; ich sprach von deiner musikalischen Zunge im fi-gü-gü–lügirischen Sinne.« »Ich weiß so gut, daß man mit der Zunge lügt, als Ihr, alter Knabe; was aber den lügnerischen Sinn betrifft, wie Ihr saget, so müßt Ihr wissen, daß ich noch nie gelogen habe,« erwiederte der alte Tom, der beim Becher gern streitsüchtig wurde. Tom hätte gern noch mehr geschürt , wie er sich ausdrückte, allein da ich sah, daß sie auf dem besten Wege zu einem bedauerlichen Auftritte waren, trat ich in's Mittel und brachte eine Versöhnung zu Stande. Sie wurden wieder Freunde und schüttelten sich wohl fünf Minuten lang die Hände. Als diese Feierlichkeit beendigt war, bat ich den Domine noch einmal, nicht mehr zu trinken, sondern sich statt dessen schlafen zu legen. » Amice Jacobe , erwiederte er, »das Getränk ist dir in den Kopf gestiegen, und nun willst du deinem Lehrer und Vorgesetzten den Text lesen. Begib du dich zu Bett, um die Wirkungen deiner Unmäßigkeit auszuschlafen. Wahrlich, Jacob, du bist plenus venteris Bacchi , oder auf gut deutsch, du bist betrunken. Kannst du konjugiren, Jacob? Ich fürchte, nein. Kannst du dekliniren, Jacob? Ich fürchte nein. Kannst du skandiren Jacob? Ich fürchte nein. Jacob, mich dünkt, du bist nicht fest auf deinen Füßen, und nicht klar in deinen Gesichten. Hörst du noch etwas, Jacob? Wenn du noch etwas hörst, will ich dir eine Vorlesung über die Trunkenheit halten, mit der du dich auf's Ohr legen kannst. Soll ich sie in lateinischer oder in griechischer Sprache halten?« »Der Teufel hole Euer Griechisch und Lateinisch,« rief der alte Tom, »sparet das auf Morgen. Singt indeß ein Lied, altes Bruderherz: oder soll ich eins singen? Hier ist eins: »Denn so lange der Grog noch kreist, Denkt an keine Gefahr der Geist, Gefahren verachtet der Zecher; Wir singen ein wenig –« »Singen ein wenig,« krächzte der Domine. »Und lachen ein wenig –« »Lachen ein wenig,« sang der junge Tom. »Und schaffen ein wenig –« »Schaffen ein wenig,« schrie der Domine. »Und fluchen ein wenig –« Fluchen nicht wenig,« fiel Tom ein. »Und fideln ein wenig –« »Fiedeln ein wenig,« schluckte der Domine. »Und tanzen ein wenig –« »Tanzen ein wenig,« wiederholte Tom. »Und leeren die schäumenden Becher, Und fiedeln ein wenig, Und tanzen ein wenig, Und leeren die schäumenden Becher –« brüllte der alte Tom, sein Näpfchen austrinkend. »Und leeren die schäumenden Becher –« krächzte der Domine, seinem Beispiele folgend. »Und leeren die schäumenden Becher –« schrie der junge Tom, sein leeres Trinkgefäß umstürzend. »Hurrah! das nenn' ich einmal flott. Wollen's noch einmal durchmachen und eine zweite Dosis nehmen. Kommt, alle mit einander.« Der Gesang ward, wiederholt; und als sie an die Stelle kamen, »und tanzen ein wenig,« humpelte der alte Tom auf seine Stelzen, faßte den Domine, der sich alsbald erhob, und ein paar Minuten lang drehten sich die drei im Kreise und sangen das Lied und brüllten den Chor. Auf einmal stieß der alte Tom, mit dem es schon ziemlich weit gekommen war, gegen den Rand der Hauptlucke und fiel mit dem Kopf dem Domine auf den Magen. Dieser stürzte rücklings nieder, umklammerte im Fallen die Hand des jungen Toms, und alle drei rollten auf das Verdeck – mein würdiger Lehrer unter den beiden Andern. »Zu viel getanzt auf einmal, Vater,« sagte lachend der junge Tom, der sich zuerst von seinem Falle erhob. »Komm, Jacob, laß uns den Vater wieder auf seine Hölzer stellen; er kann ohne Winde nicht aufkommen.« Es kostete Mühe, bis es uns gelang. Als er wieder auf seinen Beinen stand, legte er seine Hände auf unsere Schultern und begann mit trunkenem Blick – »Wenn gleich die natürlichen Hölzer verschwunden, Wenn gleich er beim Glas sich nicht bemeistern kann, Wird doch kein beß'rer Matrose gefunden, Als Tom, der lustige Stelzenmann.« »Dank euch, Jungen, dank euch, nun helft dem alten Herrn auf. Ich fürchte, wir haben ihm den Wind ausgeblasen. Holla, he! seid Ihr noch hart und ganz?« »Die Backsteine sind hart, und meine Sinne sind ganz weg,« versetzte der Domine, sich aufrichtend und in sitzender Stellung umherstierend. »Eure Sinne sind weg, sagt Ihr, Herr?« rief der alte Tom. »Nein, Ihr dürft sie nicht über Bord werfen, bis wir fertig sind. Noch ein Trinknäpfchen Jeder, und noch ein Lied und dann in's Bett, Tom! Wo ist die Flasche?« »Trinken Sie nicht mehr, Sir, ich bitte Sie,« sagte ich zum Domine, »es wird Ihnen morgen übel bekommen.« » Deprome quadrimum « schluckte der Domine. » Carpe diem – quam minimum – credula postero – Sing. Freund Dux, – Quen virum – sumes celebrare –musis amicus – Wo ist mein Ni – i – inkträpfchen? – Wir sind keine Thrazier – Natis in usum – laetitiae scyphis pugnare – (schluck) Thracum est – deßwegen wollen wir – nicht kämpfen – wir wollen trinken – recepto dulce mihi furere est amico . – Jacob, du bist betrunken – Sing, Freund Dux, – oder soll ich singen? » Propria quae maribus hatt' einen kleinen Hund, Quae genus war sein Name – »Mein Gedächtniß verläßt mich, – wie war die Melodie?« »Die Melodie war eine Melodie,« erwiederte der alte Tom, »an der sicherlich eine alte Henne krepirt ist. Komm, alter Näsler, erhebe dich wieder.« »Näsler, von Nasus – wahrhaftig ein feines Epitheton; und es erinnert mich, daß meine Nase – gelitten hat bei dem Fall, den ich eben gethan habe. Doch ich kann nicht singen – ich finde keine Worte –« »Und keine Melodie. Herr,« versetzte der alte Tom; »so will ich Euch was singen –« »Das junge Susannchen hat gar viele Freier, Sie wußte nicht, welchen sie wählen sollt'; Schon sprach ein Jeder von Hochzeitsfeier, Und war ihrer würdig und war ihr hold. Doch sie thät Morgens mit William scherzen Und Mittags reichte sie Harry 'nen Kuß, Und Abends thät sie den Tommy herzen, Und nimmer kam sie zu einem Entschluß. Ich fürchte fast, ich fürchte fast, Viel Freier sind eine gefährliche Last.« »Es gefällt mir, – ja es klingt hübsch – hübsch in meinen Ohren. Fahre fort; das Mädchen war wie die Pyrrha des Horaz – » Quis multa gracilis – te puer in rosa – Perfusus liquidis urget odoribius. Grato, pyrrha – sub antro? « »Das sind mir Alles böhmische Dörfer, Herr; aber ich will weiter machen, wenn ich kann. Mein Kopfhäuschen ist etwas in Unordnung. Wollen einmal sehen – he! »Und William wurde des Freiens müde, Den Harry plagte die Eifersucht, Und Tom bat, daß sie sich endlich entschiede; Der Abschied war des Gesuches Frucht. Und sie blieb sitzen mit all' ihren Freiern, Und härmte sich ab auf dem einsamen Pfühl; Und als sie einst sah eine Hochzeit feiern, Da bettet sie sich in dem Teiche kühl. Ich furchte fast, ich fürchte fast Viel Freier sind eine gefahrliche Last.« »Nun, alter Herr, schlürft Euern Grog aus. Ihr habt jetzt Euern Theil, wie ich Euch versprochen habe.« »Kommt, Herr, Ihr stimmt um einen Becher zu tief,« sagte Tom, der zwar sehr begeistert, aber nicht betrunken war. Er konnte, wie ich sah, mehr ertragen, als sein Vater. »Kommt, soll ich Euch ein Lied singen?« »Das ist schön, Tom; Ein Freiwilliger wiegt so schwer als zwei Gepreßte. Oeffne deinen Mund weit, und pfeife deine Luft in die Lüfte; du pfeifst aus dem ersten Tone.« Tom stimmte an; der Domine schwankte von einer Seite auf die andere und wurde immer schläfriger – »Ob Stürme im Leben, ob schlecht oder gut, Nie hat mich der Kummer besiegt; Nie reich, hatt' ich immer doch frohen Muth, Stets arm, war stets ich doch vergnügt, Hielt auch kein Glück auf meiner Wag' Dem Uebel 's Gleichgewicht, Ich weiß es nicht, woran es lag, Vor Lachen weint' ich nicht. – Ha! Ha! Ha! Ha! Ha! Ha! Vor Lachen weint' ich nicht.« »Nun den Chor, Vater. Ha! Ha! Ha! Ha! Ha! Ha! Vor Lachen weint' ich nicht.« »Das ist all' mein Wissen, und damit genug, denn ich wecke den alten Herrn doch nicht.« Er hatte es nicht errathen. »Ha, ha, ha, ha, ha, ha! ich starb vor Lachen nicht,« brüllte der Domine, nach seinem Trinknäpfchen tappend. Es war eine vergebliche Bemühung. Wild starrte er umher. »Wahrlich, wahrlich, wir sind in einem Strudel – Alles geht im Kreise herum! Aber was kümmert's mich? Bin ich nicht ein alter Seemann – › Qui vidit mare turgidum – et infames scopulos ‹. Freund Dux, gib mir Gehör – favete linguis .« »Gut,« schluckte der alte Tom, »ich will – aber sprecht – gut deutsch – wie – wie ich.« »Ich lasse mich hängen, wenn er's thut,« sagte Tom zu mir. »In einer halben Stunde will ich des alten Näslers Latein so gut verstehen, als das gute Deutsch, wie es der Vater nennt.« Ich spreche jede Sprache – das heißt – griechisch oder lateinisch – ja, sogar – (schluck) – Freund Dux – Hast du nicht zu viel getrunken – von – hilf Himmel! Quo me Bacche rapis tui – plenum – wahrlich, ich werde benebelt – aber ich will nur noch – nur noch mein Ni – i – inkträpfchen leeren – dulce periculum est – Jacob, – sind zwei Jacob hier? – und zwei alte Tom? – ja – mirabile dictu – da sind auch zwei junge Tom, und zwei Hunde Tommy – jeder mit – mit zwei Schwänzen. Bacche, parce – precor – precor Jacob, wo bist du? – Ego sum, – tu es , – du bist, – sumus , wir sind, – wo bin ich? Procumbit humi bos – statt bos – lies Dobbs – amo, amas – ich liebt eine Dirn'. Tityre, tu patulae sub teg – mine – wahrlich – ich citire falsch – dann muß ich – ich glaube, ich bin – ich bin betrunken.« »Und ich weiß es gewiß,« rief Tom lachend, als der Domine besinnungslos umsank. »Und ich weiß es auch gewiß,« sagte der alte Tom sich auf dem Boden nach der Kajütenluke wälzend – »ich habe so viel – ich führen kann – auf jeden Fall – so will ich mich in den Schlaf singen – von wegen, weil – ich bin glücklich. Jacob – du mußt die Nachtwachen thun – und Tom die Morgenwachen.« Der alte Tom richtete sich halb auf, und saß mit dem Rücken an den Rand der Kajütenluke gelehnt. Dann begann er eines jener düstern Lieder, die bisweilen auf dem Vorderkastell eines Kriegsschiffes gehört werden, und die er jedesmal auf eine solche Gelegenheit aufsparte. Während Tom und ich den Domine zu Bett schleppten, heulte der alte Tom langsam seinen Schlachtgesang. – »Virginien zu und Fyal schifften wir Und ankerten und nahmen Wasser hier; Da sahn wir sieben Segel auf der Höh': ›Eilt auf den Stern und stechet in die See‹. »So ist's recht, meine Jungen, ziehet und haltet – schleppt das alte Wörterbuch weg – es kann seine Redetheile nicht mehr kommandiren. »Am Morgen d'rauf kam es zum heißen Kampf. Und Bembow sank im schwarzen Pulverdampf, Und wie er sank, da sprach der tapf're Lord; Tragt Kinder mich auf euern Armen fort. »Nun, Jungen, kommt und helft mir – Tom – keine von deinen Tollheiten – denn dein armer, alter Vater – er ist betrunken.« Wir halfen dem alten Tom in die andere »Bettstatt« der Kajüte. »Dank Euch, Jungen, noch ein wenig mehr, so ist's gethan, wie der Versteigerer sagt – jetzt weg, weg – »Die Kugeln sausen, das Geschütze kracht, Der Admiral ruft im Gebrüll der Schlacht: Tragt mich hinab, zu lindern meinen Schmerz, Mein Anblick bräche Euer Heldenherz. »Weg – der alte Watschelschwan ist weg – ganz weg.« Ich war mit Tom allein auf dem Verdecke. »Jacob, wenn du dich legen willst, ich bin nicht schläfrig – du kannst dann die Morgenwache thun. »Nein, Tom; es ist besser, wenn du zuerst schläfst. Ich wecke dich dann um vier Uhr. Wir können nicht lichten, ehe die Ebbe kommt, und bis dahin kann ich gehörig ausschlafen.« Tom legte sich zu Bette; ich aber ging auf dem Verdecke hin und her und dachte an die Ereignisse des Tages, wie auch an das Gesicht, das der Domine machen würde, wenn er ausgeschlafen hätte. Um vier Uhr weckte ich den jungen Tom, legte mich nieder und schlief bald so fest, als der alte Tom und der Domine, deren Schnarchresponsorien die ganze Zeit über in meinen Ohren geklungen hatten, so lange ich auf dem Verdecke auf und nieder gegangen war. Vierzehntes Kapitel. Kaltes Wasser und Reue. Die beiden Tome werden moralisch und ich stelle weise Betrachtungen an. Das Kapitel ist voller Sprüche aus der Sittenlehre, aber glücklicherweise nicht sehr lang; und wenn es auch manche Saiten schmerzlich berührt, möchte ich es doch nicht überschlagen wissen. Um halb neun Uhr ward ich von Tom geweckt, um beim Lichten zu helfen. Als ich auf das Verdeck kam, fand ich den alten Tom schon so munter, als hätte er den Abend zuvor nicht einen Tropfen zu sich genommen. Er humpelte geschäftig um die Winde herum, mit der wir zuerst den Anker, dann den Mast in die Höhe brachten. »Nun, Jacob, hast du ausgeschlafen? Nicht so ganz, möchte ich behaupten; aber so ein Leben, wie gestern Nacht, kommt auch nicht alle Tage vor, Jacob, – nur manchmal, wenn's Gelegenheit gibt; – nun, und dann finde ich es meiner Gesundheit zuträglich. Es ist mir eine gewisse Beruhigung, Junge, daß ich dich an Bord habe; du trinkst nie, deßwegen kann ich etwas öfter trinken. Was den Tom betrifft, auf den kann ich mich nicht verlassen – er schlägt zu sehr seinem Vater nach – hatte Niemand, auf den ich mich wegen der Wache verlassen konnte, ehe du kamest, als den Tommy, unsern Hund. Was die Stromdiebe betrifft, kann ich auf ihn bauen; er läßt nicht einen Bindfaden vom Verdeck nehmen, sei es Tag oder Nacht; aber ein Hund ist eben ein Hund. So, jetzt wären wir los; nun frisch an's zweite Geschäft.« »Was macht der alte Herr, Vater?« fragte Tom, während wir einen Augenblick von unserer Arbeit am Windebaume ausruhten. »Oh! der hat noch ein gut Theil wegzuschlafen. Er liegt platt auf dem Rücken und schnauft wie ein Nordkaper. Wollen ihn liegen lassen, so lange es geht. Wenn wir in das Greenwich-Revier umbiegen, ist's Zeit, ihn aufzuwecken. Tom, kam es dir nicht auch vor, als ob seine Nase gestern teufelmäßig groß ausgesehen hätte?« »Ich sah meiner Lebetage noch keinen so teufelmäßigen Schiffsschnabel, Vater.« »Nun, wirst noch einen größeren sehen, wenn er aufsteht; denn sie ist aufgeschwollen, wie eine Branntweinflasche. Frisch! frisch! So, jetzt setzt ein und auf mit dem Mast; ich gehe indessen auf's Hinterdeck und führe das Steuer.« Während der Nacht war der Wind nach Norden umgesprungen und ein starker Frost eingetreten, welcher die Barke mit Reif bedeckte. Einzelne Eisstücke schwammen mit der Ebbe hinab. Die Ufer des Flusses und die angrenzenden Felder waren weiß und würden keinen sehr heitern Anblick gewährt haben, wenn nicht die Sonne so klar und freundlich gelächelt hätte. Tom ging auf's Hinterdeck und machte Feuer an, während ich das Vorderdeck scheuerte. Der alte Tom, der am Steuer saß, ließ wie gewöhnlich seine Stimme im Liede erschallen. »Um einen sanften, gelinden Wind Fleht ernstlich ein Mädchen zum Himmel, Mir aber schick' er Sturmesgraus Und schäumender Wogen Getümmel! Da tanzen die Schiffe vor Freude, Das Weltmeer ist unser Eigenthum, Wir sind die lustigsten Leute. »Ein hübscher Morgen, dies, um einen glühenden Kopf zu kühlen. Tommy, du Schuft, siehst ja aus, wie eine Hofdame in ihrem sammtenen Staatsgewand, über und über mit Diamanten bedeckt,« fuhr der alte Tom fort und betrachtete den Neufoundländer, dessen glänzend schwarzes Haar mit Eiszäpfchen gesprenkelt war, welche in der Sonne funkelten. »Du und Jacob waren noch allein bei Verstand gestern Abend, denn Ihr waret nüchtern.« »Ich auch, Vater. Ich war so nüchtern, wie ein Oberrichter,« bemerkte Tom, der das Feuer anblies. »Mag sein, Tom. wie ein Oberrichter nach Tische; aber ein Oberrichter auf der Bank ist eins, und ein Oberrichter hinter der Flasche ein anderes, und beides können wackere Oberrichter sein in ihrer Art. Und jedenfalls, wenn du auch nicht vollgezapft warst, so war es nicht deine Schuld.« »Und ich vermuthe,« erwiederte Tom, »es war bloß Euer Unglück, daß Ihr es waret?« »Nein, das sage ich nicht; aber wenn ich diesen Hund da ansehe, der von Natur ein unvernünftiges Vieh ist, und denke dann an mich selbst, der ich eigentlich nicht zu einem Vieh geschaffen bin, so werde ich roth – das ist das Ende vom Spaß.« »Jacob, betrachte einmal den Vater – wird er roth?« rief Tom. »Ich könnte nicht sagen, daß ich etwas der Art bemerkte,« versetzte ich lächelnd. »Nun, wenn es nicht der Fall ist, so kommt es daher, weil ich keine Beine habe. Als sie mir abgeschossen wurden, verlor ich die Hälfte meines Blutes, und das ist nun vermuthlich der Grund. Auf alle Fälle meinte ich roth zu werden, und so will ich den Willen für die That annehmen.« »Aber meint Ihr auch in Zukunft nüchtern zu bleiben, Vater?« sagte Tom. »Kümmere dich nicht um das – kümmere du dich um deine Sachen, Meister Tom. Auf jeden Fall betrinke ich mich bis zum nächsten Male nicht wieder, und das ist Alles, was ich verbürgen kann, von wegen weil ich meine Schwachheit kenne. Jacob, hast du je gesehen, daß der alte Herr schon früher zu dicht an den Wind segelte? « »Noch nie – ich glaube, er war gestern Abend das erste Mal in seinem Leben betrunken.« »Da dauert er mich – mit seinem Kopfweh und seiner Reue. Und dann ist auch die Nase und der abgerissene Schwalbenschwanz, um ihm's Lachen zu vertreiben. Wir sind in einer halben Stunde am Hospital. Willst du nicht hinuntergehen, Jacob, und ihn aufrütteln? Du nicht, Tom, dir traue ich nicht – du würdest ihm nur einen Schabernack spielen; du hast kein Menschengefühl, nicht einmal mit dem unvernünftigen Vieh.« »Ich weiß Euch wenig Dank, daß Ihr meinen Charakter auf diese Art zu verdächtigen sucht, Vater,« erwiederte Tom. »Brachte ich Euch nicht gestern Abend zu Bett, als Ihr sprachlos waret?« »Und wenn auch – was dann?« »Nun, dann hatte ich Gefühl für ein vernünftiges Vieh. Ich sage das nur scherzweise, Vater, das wißt Ihr,« fuhr er fort und ging zu seinem Vater hin, um seine rauhe Wange zu streicheln. »Ich weiß es, Junge, du warst nie unartig, das ist gewiß; aber du mußt deinen Scherz haben. – »Heitere Scherze erwecken die Lust; Warum sie so frühe begraben? Thränen und Seufzer aus trauernder Brust, Die können wir immer noch haben. Wer auf jede Minute sieht, Wie sie so eilig vorüberflieht, Singt auf die Sonne ein Trauerlied, Und quält sich durch eigene Schuld.« Mittlerweile hatte ich vergebliche Versuche gemacht, den Domine zu erwecken. Endlich legte ich eine ordentliche Menge Schnupftaback auf seine Oberlippe und bließ ihm denselben in die Nase. Aber, barmherziger Himmel! was war das für eine Nase geworden – größer als die größte Birne, die ich je gesehen habe. Das ganze Gewicht des alten Toms war auf sie gefallen, und anstatt von der Last zermalmt zu werden, schwoll sie im Gegentheil nur höher auf, als wollte sie ihre Entrüstung über eine solche Beschimpfung an den Tag legen. Die Haut war so straff, wie das Fell einer Trommel, und schimmerte, als wäre sie in Oel getränkt, in lichter Purpurfarbe. Wahrhaftig, es war seine Nase, wenn er ergrimmt war. Der Schnupftaback brachte einige Wirkung hervor. Der Domine erwachte aus seinem Todtenschlafe. »Sechs Uhr – sagten Sie, Frau Bately? Sind die Knaben gewaschen – und im Schulzimmer? Ich will sogleich aufstehen – doch mich überwältigt eine gewisse Schwere. Delapsus somnus ab –« Und der Domine schnarchte wieder. Ich erneuerte meine Versuche, und erreichte nach und nach meinen Zweck. Er schlug die Augen auf, um zuerst die Planken des Verdeckes über ihm, und dann die Schranken an seiner Seite anzustarren. Endlich fielen seine Blicke auf mich. Er erkannte mich und sagte: » Eheu, Jacobe ! – wo bin ich? Und was drückt so schwer auf mein Gehirn? Was lastet so entsetzlich auf meinem cerebellum , als wäre es Blei? Mein Gedächtniß, – wo ist es? Laß mich meine zerstreuten Sinne sammeln.« Er schwieg eine Zeit lang. »Ach ja, wahrhaftig, ich erinnere mich – mein Kopf schmerzt, mein Herz aber schmerzt noch mehr – ich erinnere mich dessen, was ich gern vergessen möchte, und das ist, daß ich mich selbst vergessen habe; und in der That, ich habe Alles vergessen, was im letzten Theile der Nacht vorgefallen ist. Freund Dux hat sich nicht als Freund erwiesen; er hat mich auf böse Pfade geleitet; und was die Getränke betrifft, das sie Grog nennen – Eheu, Jacobe ! wie tief bin ich gesunken – gesunken in meiner Achtung – gesunken in der deinigen – wie kann ich dir in's Angesicht sehen! O Jacob, was mußt du denken von ihm, der bis jetzt dein Lehrer, dein Führer gewesen?« Der Domine sank auf sein Kissen zurück und wandte sein Gesicht weg. »Es war nicht Ihre Schuld, Sir, versetzte ich, um ihn zu trösten; »Sie wußten nicht, was Sie tranken – Sie wußten nicht, daß das Getränke so stark ist. Der alte Tom hat Sie getäuscht.« »Nein, Jacob, ich darf diesen lindernden Balsam nicht auf mein verwundetes Herz legen. Ich hätte es wissen sollen, ja, jetzt erinnere ich mich, du hattest mich gewarnt – du rissest mir sogar den Rockschoß ab – und dennoch achtete ich nicht auf dich, und wurde gedemüthigt – ich, der Lehrer von siebenzig Knaben!« »Nein, Sir, nicht ich, der Hund riß Ihren Rockschoß ab.« »Jacob, ich habe schon von dem wunderbaren Scharfsinn des Hundegeschlechts gehört, doch hätte ich nie geglaubt, daß ein unvernünftiges Thier meine Thorheit bemerken und mich vor der Trunkenheit warnen könnte. Marabile dictu ! Sage mir, Jacob, der du dir die Lehren merktest, welche dir dein Lehrer geben konnte – obgleich er sie nicht selbst befolgte – sage mir, was ist vorgegangen? Laß mich die ganze Größe meines Falles wissen.« »Sie verfielen in einen festen Schlaf, Sir, und wir brachten Sie zu Bette. »Wer erzeigte mir diesen Dienst, Jacob?« »Der junge Tom und ich, Sir; was den alten Tom betrifft, so war er nicht in dem Zustande, irgend Jemanden einen Dienst leisten zu können.« »Ich bin gedemüthigt, Jacob.« »Tolles Zeug, alter Herr, machen Sie doch nicht so viel Lärm um nichts, sagte der alte Tom, der unser Gespräch mit angehört hatte und nun in die Kajüte kam. »Sie hatten ein paar Tropfen zu viel, das ist Alles, und was thut das? Es ist ein armes Herz, das niemals fröhlich wird. Stehen Sie einmal auf, waschen Sie Ihr Gesicht mit kaltem Themsewasser, und in einer halben Stunde sind Sie so frisch, wie ein Maßliebchen.« »Mein Kopf schmerzt mich,« rief der Domine, »als rollte mir eine Bleikugel von einer Schläfe zur andern, aber meine Strafe ist gerecht.« »Das ist allerdings die Strafe für eine zu große Vertraulichkeit mit der Flasche; aber wenn dies eine Sünde ist, so bringt sie ihre Strafe mit, und daran ist's genug. Wenn das Herz Abends zu leicht ist, so ist der Kopf Morgens zu schwer, das weiß Jedermann. Ich habe es schon tausendmal erfahren. Nun, was macht's? Ich halte das Gute gegen das Böse, und trage meine Strafe, wie ein Mann.« »Freund Dux, denn so will ich Euch immer noch nennen, Ihr betrachtet die Sünde nicht aus dem moralischen Gesichtspunkte.« »Was ist moralisch?« versetzte der alte Tom. »Ich wollte sagen, die Trunkenheit sei eine Sünde gegen Gott.« »Trunkenheit eine Sünde gegen Gott? Das will vermutlich heißen, es sei eine Sünde gegen Gott, sich zu betrinken? Nun aber, Herr, ist meine einfache Meinung: als uns der Allmächtige die geistigen Getränke gab, so geschah es aus keinem andern Grunde, als daß wir sie trinken sollten, und von wegen dessen würde es undankbar und eine Sünde gegen ihn sein, wenn wir uns nicht betrinken wollten, das heißt, mit Ueberlegung.« »Wie könnt Ihr Trunkenheit mit Ueberlegung vereinigen, guter Dux?« »Ich meine so, Herr. Wenn es eine Arbeit zu verrichten gibt, so soll sie verrichtet werden; aber wenn man noch Zeit übrig hat und 's ist Alles in Ordnung und Alles hergerichtet, daß man am Morgen nur abfahren darf, so weiß ich gar nicht, was man dann einwenden könnte, wenn man sich lustig macht. Kommen Sie, Herr, stehen Sie auf; der Lichter ist nächstens am Hospitale, wir müssen Sie an's Land setzen.« Der Domine lag angekleidet im Bette. Er erhob sich alsbald und ging mit uns auf das Verdeck. Der junge Tom saß am Ruder und wünschte ihm einen ehrerbietigen guten Morgen, sobald er seiner ansichtig wurde. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß Tom, trotz seines vorschnellen und muthwilligen Wesens, viel Ueberlegung und Herzensgüte besaß. Er hatte mein Gespräch mit dem Domine gehört und wollte jetzt die Gefühle desselben durch seine Scherze nicht noch mehr verletzen. Der alte Tom nahm seine Stelle am Steuerruder wieder ein, während sein Sohn das Frühstück bereitete und ich ein Becken für den Domine holte, damit er Gesicht und Hände waschen könnte. Von seiner Nase wurde nicht ein Wort gesprochen. Auch der Domine selbst machte keine Bemerkungen über diesen Gegenstand, obschon sie ihn sehr schmerzen mußte und ihm das frische Wasser, worin er sich badete, sehr wohl zu thun schien. Eine Tasse Thee war ein großes Labsal für ihn, und er hatte sie kaum getrunken, als der Lichter dem Treppenstege des Hospitals gegenüber lag. Tom sprang in das Boot und schob es an die Lichterwand. Ich ergriff das andere Ruder; der Domine schüttelte dem alten Tom die Hand und sagte: »Du meintest es freundlich, und darum wünsche ich dir ein freundliches Lebewohl, guter Dux.« »Gott mit Ihnen, Herr,« erwiederte der alte Tom; »sollen wir Sie abholen, wenn wir zurückkommen? »Nein, nein,« versetzte der Domine, »die Landreise ist zwar kostspieliger, aber weniger gefährlich. Ich danke dir für deine Lieder und für deine Güte, mein lieber Dux. Ist mein Gepäck im Boot, Jacob?« Ich bejahte. Der Domine stieg ein und wir ruderten an's Ufer. Er trat an's Land, nahm seinen Bündel und seinen Regenschirm unter den Arm und gab Tom und mir die Hand, ohne ein Wort zu sprechen. Ich bemerkte, daß ihm Thränen in den Augen standen, als er sich umwandte und seinen Stab weiter fortsetzte. »Nun, ja,« sagte Tom, dem Domine nachsehend, »ich wollte, ich wäre statt seiner betrunken gewesen. Es geht ihm gar zu sehr zu Herzen, dem armen, alten Herrn!« »Er hat die Achtung vor sich selbst verloren, Tom,« versetzte ich. »Laß es dir zur Warnung dienen. Komm, wir wollen die Ruder einsetzen und zurückfahren.« »Nun, die Einen sind so gemacht, die Andern anders. Ich bin mehr als einmal betrunken gewesen und habe nie etwas Anderes verloren, als meine Vernunft, und die kam jedesmal wieder, sobald der Grog aus meinem Kopfe verdampft war. Ich begreife nicht, wie man sich so abhärmen mag, wenn man ein Glas zu viel getrunken hat. Ich härme mich nur, wenn ich zu wenig bekomme. Aber das muß ich sagen, alle Nasen, die ich je gesehen habe, müssen vor der seinigen die Flagge streichen; ich meinte, ich könne das Lachen nicht halten, aber ich wußte, daß es ihn schmerzen würde.« »Es war sehr freundlich von dir, Tom, daß du schwiegest, und ich danke dir von Herzen.« »Und doch schwört mein Vater darauf, daß ich kein Menschengefühl habe. Ist das nicht unrecht von ihm? Warum sind die Söhne denn immer gescheidter, als die Väter?« »Ich wußte bis jetzt nicht, daß dies der Fall ist, Tom.« »Nun, wenn es auch jetzt nicht der Fall ist, so war es doch früher der Fall. Das Sprüchwort sagt: ›die jungen Leute wollen die alten zu Narren machen, aber die alten Leute wissen, daß die jungen Narren sind.‹ Wir müssen das ändern; es muß heißen: ›die alten Leute wollen die jungen zu Narren machen, aber die jungen Leute wissen, daß die alten Narren sind.‹ »Halte das, wie du willst, Tom – so, jetzt geht's, da sind wir.« Wir zogen unsere Ruder ein, banden das Boot fest und stiegen auf das Verdeck, wo der alte Tom noch am Ruder saß. »Jacob,« sagte er, »ich hätte nie geglaubt, daß ich mich freuen würde, wenn der alte Herr den Lichter verließe, und siehe da, ich bin teufelmäßig froh, daß er fort ist. Er lag diesen Morgen wie eine schwere Last auf meinem Gewissen. Herr Drummond hatte ihn meiner Sorgfalt anvertraut, und ich war nicht berechtigt, ihn zu überreden, einen Narren aus sich zu machen. Aber was geschehen ist, läßt sich nicht ändern, wie du bisweilen sagst, und mit Weinen gewinnt man nichts. Und doch thut es mir leid, denn er ist wahrhaftig wie ein Kind. – Da sitzt einmal eine hübsche Dirne in diesem Kahn; betrachtet nur ihre Bramstengenwimpel. »Ueber das Meer Komm zu mir her Du bist die Meine im Süden und im Norden; Zeit geht vorbei. Liebe und Treu' Bleibet und blühet an allen Orten Ueber das Meer Komm zu mir her.« »Vorher will ich Euch hängen sehen, alter Stelzfuß,« erwiederte das Mädchen in dem Boote, welches eben hart an unserem Bug vorüber fuhr. »Das war einmal höflich, muß ich sagen,« lachte der alte Tom. Fünfzehntes Kapitel. Ich werde auf einige Zeit ausgeschifft, um Ladungen und Fakturen einzutragen. – Ich mache eine Bekanntschaft mit Einem, den man in der Welt einen »warmen Mann« nennt, wiewohl er den größten Theil seines Lebens zwischen Eisbergen und eine ganze Nacht zwischen den Rippen des Todes zugebracht. – Seine Frau läßt sich das Vornehmthun recht sauer werden. Am folgenden Morgen kamen wir zu Sheerneß an; löschten die Backsteine, die für die Regierungsgebäude bestimmt waren, und kehrten mit Ballast zur Werfte zurück. Meine erste Frage war nach dem Domine, aber er war noch nicht zurückgekommen. Herr Drummond eröffnete mir, daß er genöthigt gewesen sei, seinen zweiten Comptoirgehülfen zu entlassen, und daß er wünsche, ich möchte seine Stelle ersetzen, bis er einen neuen angestellt hätte. Der Lichter nahm seine Ladung ein und segelte ohne mich ab; dies war jedoch von keinen Folgen für mich, da meine Lehrzeit dennoch fortlief. Jetzt lebte ich bei Herrn Drummond wie ein Glied der Familie. Nichts ging mir ab. Aus Dankbarkeit gegen die Güte, mit welcher er mich stets behandelte, gab ich mir alle Mühe, sein Wohlwollen durch Fleiß und Aufmerksamkeit zu verdienen. Bald wurde ich mit dem Rechnungswesen vertraut und, wie er sagte, sehr brauchbar. Ich habe kaum nöthig, zu bemerken, daß ich selbst viel dabei gewann, und mit jedem Tag etwas Neues lernte. Allein so groß auch mein Vergnügen war, Herrn Drummond einige Dienste leisten zu können, so war es mir doch verdrießlich, mich an das Pult gebannt zu sehen, und ich harrte sehnsüchtig der Ankunft des neuen Gehilfen entgegen, der meine Stelle einnehmen und mich wieder in Freiheit setzen sollte. Herr Drummond aber schien nicht damit zu eilen, und ich glaube, er hätte mich für immer behalten, wenn er nicht gesehen hätte, daß ich mich so sehr nach dem Strome sehnte. »Jedenfalls werde ich dich so lange hier behalten, Jacob,« sagte er eines Tages zu mir, »bis du dein Geschäft aus dem Grunde verstehst, und es wird dir später von großem Nutzen sein, denn mit deinem Auf- und Abfahren auf dem Strome gewinnst du wenig.« Das hatte seine Richtigkeit. Zudem bekamen mir auch die Abende sehr gut, die ich bei Frau Drummond, einer eben so verständigen als herzensguten Dame, zubrachte. Ich mußte ihr und der kleinen Sarah vorlesen, während sie an ihrer Nadelarbeit saßen. Ich hatte keinen Begriff, wie ausgedehnt Herr Drummond's Verkehr war und welch' ein großes Kapital in seinem Geschäfte steckte, bis er mir seine Bücher zu besorgen gab. Wenige Tage nach meiner Ankunft kehrte der Domine zurück. Als wir einander trafen, hatte seine Nase ihre frühere Gestalt wieder gewonnen, und er erwähnte nie des Abends, den er mit uns an Bord zugebracht hatte. Ich sah ihn häufig, und zwar meistens am Sonntage, nachdem ich mit der Familie in der Kirche gewesen war, und jedesmal wurde wenigstens eine halbe Stunde einem der alten Klassiker geschenkt. Da ich mehrere Monate am Lande blieb, machte ich die Bekanntschaft mehrerer Familien, von denen einige der Erwähnung werth waren. Unter den ersten war Kapitän Turnbull, wenigstens führte er diesen Namen bis zu den zwei letzten Monaten, die meiner Bekanntschaft mit ihm vorangingen. Auf seinen Karten, die er um diese Zeit umherschickte, nannte er sich Georg Turnbull Esq . Die Geschichte des Kapitäns Turnbull war folgende. Er wurde mit seinem Zwillingsbruder an den Thürklopfer eines Findelhauses gehängt, und beide waren in dieser Anstalt erzogen. Sie wurden für die See bestimmt, und wuchsen in der Grönlandfischerei zu recht durchwetterten, trefflichen Seeleuten heran, schwangen sich zu Gehilfen, dann zu Kapitänen empor, waren glücklich in ihren Unternehmungen, erwarben sich zuerst einen Antheil, dann ein ganzes Schiff, später zwei und drei Schiffe, und setzten sich endlich mit einem hübschen Vermögen zur Ruhe. Kapitän Turnbull war verheirathet, hatte aber keine Kinder. Seine Frau war schön von Gestalt, aber gemein in ihrer Sprache, und gab sich alle erdenkliche Mühe, die vornehme Welt nachzuahmen. Jahre lang hatte Kapitän Turnbull diese Leidenschaft mit der Maske der Armuth zu unterdrücken gesucht, aber mit dem Tode seines Bruders, der als Hagestolz starb und ihm vierzigtausend Pfund hinterließ, was unmöglich verschwiegen bleiben konnte, wurde es anders. Es war nicht sowohl Sparsamkeit – denn Kapitän Turnbull war bis zur Verschwendung freigebig, – sondern vielmehr Liebe zu einem ruhigen und glücklichen Leben gewesen, was ihn bewegen hatte, seiner Frau die Größe seines Vermögens zu verbergen; aber jetzt wußte er sich nicht mehr zu entschuldigen, und Mrs. Turnbull drang auf Welt . Das Haus, welches sie bisher bewohnt hatten, ward aufgegeben, und eine Villa an den Ufern der Themse befriedigte gewissermaßen die Wünsche beider Partien. Mrs. Turnbull schwelgte im Vorgenuß ihrer Gastmähler und Feste, der Kapitän aber beobachtete, was auf dem Strome vorging, und vergnügte sich auf einem Lustboote. Sie waren alte Bekannte von Herrn und Frau Drummond, und Kapitän Turnbull hatte sich die Achtung Herrn Drummonds in hohem Grade erworben, denn er war ein eben so ehrenwerther, als freundlicher Mann. Mrs. Turnbull besaß jetzt eine Equipage und war nach ihrer Meinung eine Person von hoher Bedeutung. Sie wollte alle früheren Verbindungen abgebrochen wissen, aber der Kapitän war in diesem Punkte unbeugsam, besonders was die Familie Drummond betraf. Auch gab Mrs. Turnbull in Beziehung auf die letztere nach, da Mrs. Drummond eine Dame von gutem Ton und Herr Drummond ein Mann von Talent und Kenntnissen war, der sich einer allgemeinen Achtung erfreute. Der Kapitän, oder vielmehr Herr Turnbull war ein fleißiger Gast in unserem Hause und faßte eine große Vorliebe für mich. Er pflegte mit Herrn Drummond zu schmählen, daß er mich so fest an den Schreibtisch bannte, und überredete ihn häufig, mir ein Paar Stunden zur Erhohlung zu gönnen. Wenn ihm dieß gelungen war, rief er einen Schiffer, warf ihm eine Krone zu und ersuchte ihn, sich so schnell wie möglich aus seinem Kahne zu entfernen. Wir stiegen ein und ruderten den Fluß auf und ab, während Mrs. Turnbull im höchsten Glanz einer Modedame umherfuhr, und ihre Karten in allen Richtungen abgab. Eines Tages besuchte uns Herr Turnbull und bat Herrn und Frau Drummond auf den folgenden Sonnabend zu Tisch. Sie nahmen die Einladung an. »Beiläufig muß ich auch bemerken,« sagte er, »daß mir mein Weib eine Erinnerung , wie sie es nennt, in die Tasche steckte.« Mit diesen Worten zog er eine große Karte »mit Herrn und Frau Turnbull's Empfehlungen u.s.w. u.s.w.« hervor, welche etwas aus ihrer Form gekommen war, weil Herr Turnbull sich darauf gesetzt hatte. Er glättete sie, so gut er konnte, und legte sie auf den Tisch. »Und du, Jacob,« sagte er, »mußt auch kommen. Du wirst keiner Erinnerung bedürfen, doch wenn du eine willst, so wird dir meine Frau eine schicken.« »Zu einem guten Mittagessen,« versetzte ich, »bedarf ich allerdings keiner Erinnerung.« »Das glaube ich dir, mein Junge, aber doch will ich dich erinnern, ein Paar Stunden vor dem Mittagessen zu kommen, um mir zu helfen; es gibt so Vieles zu thun, daß ich nicht weiß, wo aus und wo ein, und ehe ich die Schlüssel meines Flaschenkellers dem langschooßigen Kerl von Hausmeister anvertraue, will ich ihn lieber harpunirt sehen; also komm und hilf mir, Jacob.« Nachdem ich ihm dieß versprochen hatte, bat er Herrn Drummond, mich auf ein Stündchen in Freiheit zu setzen, da er eine Ruderfahrt auf dem Strome zu machen wünschte. Wir stiegen ein und fuhren nach Kew-Brücke. Herr Turnbull konnte so gut seinen Faden spinnen, als der alte Tom, und erzählte mir manches Abenteuer, das ihm auf dem Wechsellaufe seines Lebens, besonders auf seinen Grönlandfahrten, begegnet war. An diesem Morgen sprach er von einem Vorfalle, der in hohem Grade das Gepräge des Wunderbaren an sich trug, wiewohl ich durchaus nicht glaube, daß er sich je des Vorrechts bedient, das sich die Reisenden anzumaßen pflegen. »Jacob,« sagte er, »ich erinnere mich, daß ich eines Tages nahe daran war, bei lebendigem Leibe von Füchsen aufgefressen zu werden, und zwar auf eine ganz sonderbare Weise. Ich war damals Steuermann auf einem Grönländer. Schon drei Monate waren wir auf der Fahrt und hatten zwölf Fische an Bord. Da wir sahen, daß es gut ging, befestigten wir unsern Eisanker auf einem ungeheuren Eisberge, trieben mit demselben auf und nieder und fingen, was uns in den Strich kam. Eines Morgens hatten wir eben das Gerippe eines Wallfisches verlassen, den wir ausgehauen, als der Mann am Krähenneste, wie sie den Mastkorb nennen, auf seiner Spähe nach einer andern ›Beute‹ eine große Polarbärin mit ihrem Jungen entdeckte, welche nach dem Eisberge herüberschwamm, an dessen Seite eine halbe Meile von uns das Gerippe eines Wallfisches anschlug. Da wir nichts zu thun hatten, gingen wir unserer sieben alsbald auf den Fang aus; wir hatten ohnedieß im Sinne gehabt, die Füchse anzugreifen, welche sich zu Hunderten versammelt hatten, um den todten Wallfisch zu plündern. Es war ganz windstill. Bald bekamen wir die Bärin zu Gesicht. Sie suchte anfangs zu entfliehen, aber weil das Junge auf dem rauhen Eise nicht so schnell fortkommen konnte, als sie, wandte sie sich um und wies uns die Zähne. Um uns ihrer zu versichern, erschossen wir das Junge, und alsbald zeigte sich das Thier entschlossen, nicht von der Stelle zu weichen, bis entweder der eine oder der andere Theil im Kampfe umgekommen sein würde. Nie werde ich das klägliche Geheul der Bestie über dem Jungen vergessen, wie es in seinem Blute auf dem Eise lag, während wir der Mutter Kugel um Kugel in den Leib schoßen. Endlich raffte sie sich auf, knirschte mit den Zähnen, brüllte, daß man es auf eine Meile weit hören mußte, und stürzte mit stammenden Augen auf uns los. Wir empfingen das Thier in dicht geschlossenen Haufen, und hielten ihm unsere Lanzen entgegen; aber es hatte eine solche Stärke, daß es uns zurückwarf und zwei von uns stürzten. Glücklicher Weise hielten die Uebrigen Stand, und da es jetzt auf den Hinterfüßen stand, jagten wir ihm drei Kugeln in die Brust, welche es niederwarfen. In meinem Leben habe ich kein so großes Thier gesehen; ich möchte es zwar nicht größer machen, als es wirklich war, aber ich habe manchen Ochsen auf dem Smith-Fieldmarkte gesehen, welcher um zwei Drittel leichter sein mochte, als diese Bärin. Während wir sie vollends tödteten, sprang ein stoßender Nordwind auf, der ein dichtes Schneegestöber brachte. Die Mannschaft war der Meinung, man sollte alsbald auf's Schiff zurückkehren, was gewiß für Alle das Ersprießlichste gewesen wäre; aber ich glaubte, der Schneesturm werde in kurzer Zeit vorübergehen, und da ich nicht gerne ein so schönes Fell verlor, beschloß ich zu bleiben und dem Thier die Haut abzustreifen; denn wenn wir es nur auf einige Stunden verließen, so wußte ich, daß die Füchse, welche nicht an das Gerippe des Wallfisches gelangen konnten, weil es sich noch nicht angelegt hatte, die Mutter sammt dem Jungen aufzehren würden, wodurch die Felle allen Werth verlieren mußten. Die Andern traten den Rückweg an, aber der Schnee fiel in so dichten Massen, daß sie die Richtung verloren und das Schiff nie gefunden haben würden, hätte man dort nicht unaufhörlich die Glocke gezogen, um sie zu leiten. Ich blieb, fand aber bald, daß ich mich in eine höchst thörichte Unternehmung eingelassen hatte. Das Schneegestöber ging nicht schnell vorüber, sondern wurde im Gegentheil immer dichter und dichter, und ehe ich den vierten Theil des Fells gelöst hatte, war ich starr und steif. Ich fühlte mich außer Stand, nach dem Schiffe zurückzukehren, und hatte keine andere Aussicht, als zu erfrieren, ehe der Sturm vorüberzog. Endlich erkannte ich, was mich allein noch retten konnte. Ich hatte den Bauch des Thieres abgehäutet, aber noch nicht aufgeschnitten. Das that ich jetzt, nahm die Eingeweide heraus und schlüpfte in seinen Leib. Die Oeffnung schloß ich, so gut ich konnte, und fühlte mich warm und behaglich, denn das Thier hatte seine Lebenswärme noch nicht verloren. Ohne Zweifel verdankte ich diesem Einfalle meine Rettung, und ich habe gehört, daß die französischen Soldaten sich auf ihrem unglücklichen Feldzug nach Rußland auf dieselbe Art halfen, indem sie ihre Pferde tödteten und in ihrem Leibe eine Zuflucht vor dem furchtbaren Wetter fanden. Allein ich lag noch keine halbe Stunde, als ich aus einem wiederholten Zerren und Reißen an meinem neu erfundenen Orkanhause schloß, daß die Füchse in Arbeit waren – und meine Vermuthung erwies sich als nur zu gegründet. Es mußten ihrer etliche hundert sein, denn sie waren in allen Richtungen geschäftig, und einige steckten ihre spitzigen Schnauzen in die Oeffnung, durch die ich eingekrochen war. Es gelang mir jedoch, mein Messer zu handhaben und ihnen die Nase zu zerschneiden, wenn sie mich berührten; sonst würden sie mich wohl in kurzer Zeit aufgefressen haben. Sie waren so zahlreich und heißhungrig, daß sie bald das dicke Fell des Thieres durchbissen hatten und ein Stück Fleisch um das andere abzerrten. Indessen fürchtete ich nicht gerade, von ihnen zerrissen zu werden, indem ich sie in die Flucht zu jagen hoffte, sobald ich aus meinem Verstecke hervorspringen und mich ihnen zeigen würde, wiewohl zwei bis dreihundert ausgehungerte Teufel Muth haben, wenn sie sich beisammen sehen. Ich besorgte hauptsächlich, sie möchten das Obdach, das mich vor den Schrecken des Wetters schützte, aufzehren und ihre Zähne in mein eigenes Fleisch sehen, wodurch ich natürlich genöthigt gewesen wäre, meine Zufluchtsstätte zu verlassen und mich wenigstens dem Tode des Erfrierens auszusehen. Zuletzt drang das Licht zu dem oberen Theile des Thieres herein, und ich war nur noch durch die Rippen geschützt, zwischen welchen die Füchse hin und wieder ihre Nasen hineinsteckten und an meinem seehundledernen Koller zerrten. Eben gedachte ich zu schießen, um sie zu verscheuchen, als ich ein Halbdutzend Büchsen knallen hörte und einige Kugeln in den todten Körper drangen, die mich gücklicherweise nicht trafen. Augenblicklich rief ich mein Hallo, so laut ich konnte, und so wie mich die Leute hörten, stellten sie ihr Feuer ein. Sie hatten auf die Füchse geschossen, ohne sich träumen zu lassen, daß ich in der Bärin stecke. Ich kroch hervor; der Sturm war vorüber und die Mannschaft des Schiffes ausgezogen, um mich zu suchen. Mein Bruder, der auf demselben Schiffe Mate war, aber den ersten Zug nicht mitgemacht hatte, begleitete sie, wiewohl er wenig Hoffnung hatte, mich noch lebendig zu finden. Sobald er mich erblickte, schloß er mich in die Arme, obgleich ich mit Blut bedeckt war. Er ist jetzt todt, der Arme. – Dieß ist die Geschichte, Jacob.« »Ich danke Ihnen, Sir,« erwiederte ich; aber weil ich bemerkte, daß ihn die Erinnerung an seinen Bruder schmerzlich ergriff, ließ ich das Gespräch fallen. Nach einigen Minuten knüpften wir es wieder an, und ruderten mit der Fluth nach der Werfte zurück. An dem Tage, an welchem das Gastmahl gegeben werden sollte, ging ich um drei Uhr, welches die bestimmte Stunde war, nach Herrn Turnbulls Hause. Ich fand es in großer Bewegung. Herr und Frau mit dem Hausmeister und Kammerdiener waren im Speisesaale versammelt und rathschlagten, ob man dieß und das hier oder dort aufstellen sollte, wobei die beiden Diener ihre Meinung auf eine Weise abgaben und behaupteten, daß man auf einen Fuß der Gleichheit hätte schließen sollen. Herr Turnbull ließ nur bisweilen ein Wort fallen, wurde aber jedes Mal von seiner Frau zurechtgewiesen, wiewohl sich die Diener nicht die geringste Freiheit gegen ihn erlaubten. »'Err Gemahl,« sagte sie, »h'überlassen Sie diese H'Angelegenheiten h'uns. Besorgen Sie H'Ihren Wein, das ist H'Ihr Departement. Verlassen Sie gefälligst das Zimmer, 'Err Gemahl. Mortimer und ich wissen schon, was wir zu thun 'aben, h'ohne H'Ihre H'Einmischung.« »Bei Gott, ich will nichts weniger, als mich hier einmischen; ich wünschte nur, du möchtest mit deinem Gesinde in keinen Wortwechsel gerathen, das ist Alles. Sollte mir ein Diener nur die Hälfte von dem sagen –« »Ich bitte Sie, 'Err Gemahl, verlassen Sie das Zimmer, und 'herlauben Sie mir, meine 'Aus'altung selbst zu besorgen.« »Komm, Jacob, wir wollen in den Keller gehen,« sagte Herr Turnbull; und wir gingen. Ich half Herrn Turnbull in seinem Departement, so viel ich konnte, aber er murrte gewaltig. »Ich kann diesen Unsinn, diese Ziererei und diese Albernheiten für den Tod nicht ausstehen. Alles kömmt halt herauf und Alles liegt außer dem Bereiche der Hände. Die Tafel ist mit Dingen überdeckt, die man nicht essen kann, und so lange, daß meine Frau kaum mehr in der Hörweite ist; und beim Himmel, die Diener spielen bei ihr die Herren. Mir sollten sie kommen, mit mir sollten sie sprechen, wie mit meiner Frau, ich würde sie mit Hundstritten zum Hause hinausjagen. Allein, was kann man machen, Jacob. Alles, was man verlangt, ist Ruhe, und ich muß es schon zuweilen dulden, sonst würde ich das ganze Jahr hindurch keine ruhige Stunde haben. Wenn ein Weib will, so will sie, da hilft Alles nichts; du kennst den alten Spruch: ..Ein Narr, wer eines Weibes Willendrang Bekämpfen will mit Gründen oder Zwang, Will sie, so will sie, das ist aus und Amen, Und will sie nicht, nun dann in Gottes Namen.« »Nun laß uns in mein Zimmer gehen, wir wollen noch eins plaudern, während ich meine Hände wasche.« Sobald Herr Turnbull angekleidet war, gingen wir in das Gastzimmer hinab, welches gedrängt voll Tafeln stand, die mit allen möglichen Schaustücken beladen waren. »Nun sieh, das ist es, was meine Frau Welt nennt. Man könnte eben so gut bei einem Eisgange steuern, als hier vor Anker zu kommen suchen, ohne an etwas festzulaufen. Alle Augenblicke heißt es, hart Backbord oder hart Steuerbord ; wenn ein Rockschoß ausliegt, so segelt etwas auf den Grund , und mag es sein, was es will. Dann schwört meine Frau noch obendrein jedes Mal, es sei das kostbarste Stück im ganzen Zimmer gewesen. Ich gleiche einem Ochsen in einem Porzellanladen. Ein Glück ist's, daß ich nie herunterkomme, als wenn Gesellschaft da ist. Ich darf nicht, Gott sei Dank. Setze dich auf einen Sessel, Jakob, wie sie diese französischen Dinger mit ihren Spinnenbeinen nennt, denn meine Frau duldet es nicht, daß ›Schwarze‹ wie wir nach ihrem Ausdrucke sind, auf ihrem himmelblauseidenen Sopha ankern. Wie einfältig, Gerätschaften zu haben, von denen man keinen Gebrauch macht! Ich verlange Bequemlichkeit, aber es scheint, man könne diese Waare nicht um's Geld bekommen.« Sechzehntes Kapitel. Das Leben auf hohem Fuße von einem niedern Standpunkte. – Welt – Französisch – Kunstsinn und dergleichen. Es war nahe an sechs Uhr, und Mrs. Turnbull trat festlich gekleidet in's Gastzimmer. Sie war wirklich eine sehr schöne Frau und hatte ganz das Aussehen einer großen Dame; aber ihre Sprache verrieth sie. Sie glich dem Pfau. So lange sie schwieg, konnte man das Gefieder bewundern, aber ihre Stimme verderbte Alles. »'Err Gemahl,« sagte sie, »h'ich wünschte, H'Ihnen zu h'erklären, daß in H'Ihrem Betragen gewisse H'Unanstandigkeiten vorkommen, die h'ich nicht dulden kann, besonders H'Ihre H'Erwahnungen der Zeit , wo Sie vor dem Maste dienten. »Habe ich mich dessen zu schämen, meine Liebe?« »Ja. 'Err Gemahl, das 'eißt – man verliert durch solche H'Einzelheiten in der vornehmen Welt. Vor den Leuten zu tadeln, ist h'unanständig, h'ich 'abe mir deßwegen einen Plan h'ausgesonnen, h'um H'Ihrer Gemeinheit vorzubeugen. Merken Sie sich 's, 'Err Gemahl, so h'oft b'ich sage, h'ich 'abe Kopfschmerz, so h'oft h'ist dieß 'Hein Zeichen für Sie, daß Sie schweigen sollen; und 'Err Turnbull würden mich verpflichten, wenn Sie den ganzen Abend h'über gemslederne 'Andschuh tragen würden.« »Wie, bei Tisch, meine Liebe?« »Ja, bei Tisch; H'Ihre 'Aende find so rauh, man kann sie nicht h'anrühren.« »Ich weiß eine Zeit, wo du anders dachtest.« »Wann, 'Err Gemahl? 'Abe h'ich H'Ihnen das nicht h'immer gesagt?« »Ja, in der neueren Zeit; aber ich meinte die Zeit, wo eine Polly Speck von Wapping meine Hand am Altar nahm.« »Wahrhaftig, 'Err Turnbull werden beleidigend. Ich 'ieß Mary, und die Specks sind h'ein guter h'alter h'englischer Name. Sie führen H'Ihr Wappen durch mich. Das will was 'eißen, das kann h'ich H'Ihnen sagen.« »Ich hatte jedenfalls auck was Ordentliches dafür zu bezahlen.« »Die Bezahlung, 'Err Turnbull, war dafür, daß Sie h'über'aupt h'ein Wappen führen durften, da Sie nie h'eins ge'abt 'aben.« »Und nie eins haben wollte. Was bekümmere ich mich um solches Zeug?« »Und h'als Sie wählten, 'Err Turnbull, 'ätten Sie mich um Rath fragen sollen, h'anstatt vor Sir Georg Naylor und h'allen 'Erolden zum Gespötte zu werden. Wer h'anders, h'als h'ein Wahnsinniger würde drei fliegende 'Arpunen und drei liegende Tonnen, mit h'einem spritzenden Wallfisch als 'Elmzierde gewählt 'aben? Just, h'um vor Jedermann zur Schau zu tragen, was h'auf h'immer h'in Vergessenheit begraben werden sollte; h'und dann H'Ihr pöbelhaftes Motto– › Thran für immer ‹! Ja, Thränen für h'immer sollte man darüber weinen.« »Nun, die Herolde sagten mir, dieses Wappen wäre eben dasjenige, das ich hätte wählen müssen; sie nannten es sehr treffend.« »Sie nahmen H'Ihr Geld h'und lachten Sie h'aus. Zwei Paar Greife, h'ein Löwe, h'ein Halbdutzend Leoparde, h'und h'ein 'And mit h'einem Dolche hätte keinen 'Eller weiter gekostet. Doch was kann man von einem Schweine h'erwarten?« »Nun, wenn es geräuchert würde, so wäre es gerade, was du bist, – Speck .« »H'Ich mag mich nicht selbst h'erniedrigen, 'Err Turnbull.« »Da thust du vollkommen recht, meine Liebe. Erinnere dich des Motto's, das du statt des meinigen wählen wolltest.« »Ja, h'und h'es war h'ein sehr passendes – Zu große Vertraulichkeit h'erzeugt Verachtung – nicht wahr, 'Err H'Ehrlich?« »Ja. Madame; so lautete eine von unseren Schulschriften.« »H'Ich bitte h'um Verzeihung, Err, h'es war meine h'eigene H'Erfindung.« Rap, tap, rap tap tap, tap tap. »Mr. und Mrs. Peters von Petercumb Hall,« meldet der Hausmeister; und hereintrat zuerst Mrs. Peters, ein Diminutiv von einer Dame; ihr folgte Mr. Peter, ein Mann von sechs Fuß vier Zoll Höhe, wovon acht Zoll für Verbeugungen abgingen. Herr Peters hatte sich mit einem ansehnlichen Vermögen von der Börse zurückgezogen, einen Landsitz gekauft, demselben den Namen Petercumb-Hall gegeben und sich eine Equipage angeschafft. Ein zweites Pochen, und Herr und Frau Drummond werden angemeldet, Höflichkeitsbezeugungen ausgetauscht und von Mrs. Turnbull ein Rauchkerzchen angezündet. »Nun, Drummond,« fragte Turnbull, »wie stehen die Kohlen im Preise?« »H'Ich 'abe Kopfschmerz, 'Err Gemahl.« Dieß war natürlich ein Gegenstand des allgemeinen Bedauerns und ein Zaum für Herrn Turnbull's Zunge. Ein abermaliges Pochen und eine Pause. »Monsieur und Madame Tagliabue kommen,« und herein tritt Monsieur und Madame Tagliabue. Der erstere, ein quecksilberner, kleiner Franzose mit hübschen Beinen und einem kugelrunden Bauche. Madame segelt herein, wie ein Ostindienfahrer mit Leesegeln unten und oben, von einem Umfang, daß ihr Gemahl dem Lootsenboote gleicht, das am Stern angehängt ist. » Charmée de vous voir, Madame Tombulle. Vous vous portez bien; n'est-ce-pas? « »Wui,« erwiederte Mrs. Turnbull und erschöpfte damit ihre ganze Kenntniß der französischen Sprache, während Monsieur vergebliche Anstrengungen macht, auf der einen oder andern Seite an der Takelwand seiner Frau vorüberzukommen, um seine Verbeugung zu machen – ein Zweck, den er nicht eher erreicht, als bis seine Ehehälfte Besitz vom Sopha ergriffen hat, den sie ganz ausfüllt. Wer diese Leute waren und wie sie lebten, konnte ich nicht ausfindig machen; sie waren in einer Fly von Brentford gekommen. Eine abermalige Anmeldung. »Mylord Babbleton und Herr Smith.« »'Err Gemahl, gehen Sie 'inab h'und h'empfangen Sie Seine 'Errlichkeit.« (»Es stehen zwei Wachskerzen h'auf dem Tisch in der 'Alle,« sagte die Dame ihm in's Ohr, »die zünden Sie h'an und gehen Seiner 'Errlichkeit voraus.«) »Ich lasse mich hängen, wenn ich es thue,« versetzte Herr Turnbull; »die Diener sollen ihm leuchten.« »H'Ach, 'Err Turnbull, h'ich 'abe Kopfschmerz'.« »Meinetwegen,« erwiederte Herr Turnbull, sich verdrießlich setzend. Mittlerweile führte Herr Smith, welcher des Lords Hofmeister war, seinen Zögling in's Zimmer. Es war ein blöder, tölpelhafter, rothhaariger und häßlicher Junge von zwölf bis dreizehn Jahren. Frau Turnbull hatte Herrn Smith in der Nähe von Brentford, wo er mit seinem Zöglinge wohnte, ausfindig gemacht und seine Bekanntschaft gesucht, um einen Lord auf ihrer Besuchsliste zu haben. Zu ihrer großen Freude hatte es der Führer nicht vergessen, seinen Bären mitzubringen. Mrs. Turnbull flog an die Thüre, um die Gaste zu empfangen, machte dem aristokratischen Wunderthiere eine tiefe Verbeugung und faßte ihn ehrerbietigst bei der Hand. – »Wollen H'Ihre 'Errlichkeit nicht zum Feuer 'intreten? 'aben H'Ihre 'Errlichkeit nicht kalt? H'ich 'offe H'Ihrer 'Errlichkeit Gerstenkorn h'ist besser. H'erlauben Sie mir, H'Ihrer 'Errlichkeit Mr. h'und Mrs. Peters – Madam h'und Muschjö Taglibu – Mr. h'und Mrs. Drummond vorzustellen. – Der sehr h'ehrenwerthe Lord Viscount Babbleton.« Herr Turnbull und ich wurden der Vorstellung nicht für würdig erachtet. »Wir können jetzt zu Tafel gehen, 'Err Turnbull.« »Snobbs, tragen Sie auf,« sagte Herr Turnbull zum Hausmeister. »H'Ach, 'Err Turnbull, h'ich 'abe fürchterlich Kopfschmerz.« Dieser letzte Kopfschmerz hatte einen eigenthümlichen Grund. Der Hausmeister hieß Snobbs, aber Mrs. Turnbull hatte es für besser gefunden, diesen Namen in Mortimer oder vielmehr 'Err Mortimer umzuändern. Alle Hausbedienten mußten ihn so nennen, wenn sie ihren Dienst nicht verlieren wollten – und Herr Turnbull hatte ihn Snobbs genannt! Die Tafel wurde angekündigt. Madame Tagliabue, wurde, ich weiß nicht aus welchem Grunde, als die erste Dame im Zimmer betrachtet, und Lord Babbleton von Frau Turnbull ersucht, ihr seinen Arm zu leihen. Madame stand auf, nahm Seiner Herrlichkeit Hand und führte ihn hinweg. Bevor sie noch das Zimmer verlassen hatte, war der junge gnädige Herr unter den weiten Falten ihres Gewandes verschwunden und kam nicht wieder zum Vorschein, bis sie ihn bei ihrer Ankunft im Speisesaal darunter hervorzog. Endlich waren Alle nach den Wünschen der Dame des Hauses untergebracht, wiewohl mehrere Verschiebungen und Wechsel nöthig geworden waren, bis die Rangordnung gehörig beobachtet werden konnte. Mrs. Turnbull hatte einen französischen Koch gemiethet, und da sie der Sprache nicht allzu mächtig war, lag eine vollständige Speisekarte neben ihr, um ihrem Gedächtnisse nachzuhelfen. Herr Mortimer hatte ihr gesagt, das sei Sitte in der vornehmen Welt, da die Großen ihre Gastmahle nicht selbst anordneten, folglich auch nicht wissen könnten, welche Gerichte da seien. »Mrs. Turnbull, was haben Sie dort für eine Suppe?« » Consummy -Suppe, Mylord. Wollen H'Ihre 'Errlichkeit von dieser h'oder von jener, einer O'juss -Suppe, Gebrauch machen ?« Seine Herrlichkeit stierten albern vor sich hin und gaben keine Antwort. Herr Mortimer stellte einen Teller Suppe vor ihn hin. »Lord Babbleton speisen Suppe,« sprach Herr Smith feierlich; und der kleine sehr Ehrenwerthe löffelte seine Suppe zur großen Freude der Dame des Hauses. »Befehlen Sie Suppe, Madame, oder Fisch?« » Merci , nicht Supp' – poisson « (Fisch). »Fürchten Sie nichts, Madame, wir 'aben h'einen französischen Koch, Sie bekommen hier kein poison (Gift), bemerkte Mrs. Turnbull etwas verstimmt. » Comment, ma chere madame , ick meint' zu sag', daß ick vorzieh' Kodfisch.« »'Err Turnbull, Fisch für Madam. John h'einen reinen Teller für Lord Babbleton. Wovon geruhen H'Ihre 'Errlichkeit jetzt Gebrauch zu machen ?« (Diesen Ausdruck hielt Frau Turnbull für ausnehmend fein und zierlich.) » Ah! madame, votre cuisine est superbe ,« rief Monsieur Tagliabue, die Ecke eines Tellertuches in sein Knopfloch steckend und sich zur behaglichen Ausrundung seines Tonnenbäuchleins anschickend. »Wui,« erwiederte Mrs. Turnbull. Mrs. Peters, wollen Sie von der Platte neben 'Errn Turnbull kosten? Was ist es doch?« (auf ihre Karte sehend) – » Agno roty . Befehlen Sie davon, Mylord? Wenn H'Ihre 'Errlichkeit noch nicht so weit h'in H'Ihrem Französischem gekommen sind – es 'eißt gebratenes Lammfleisch.« »Seine Lordschaft sind ein sehr großer Freund von Lammbraten,« sagte Herr Smith mit Nachdruck. »'Err Turnbull, Lammbraten für Lord Babbleton h'und für 'Errn Peters.« »Sogleich, meine Liebe. – Nun, Jacob, du siehst, als ich erster Steuermann war –« »H'Ach 'Err Turnbull, h'ich 'abe h'entsetzliche Kopfschmerzen. Schneiden Sie den Lammbraten vor. (Bei Seite.) 'Err Mortimer, gehen Sie h'und flüstern Sie 'Errn Turnbull zu, h'ich lasse h'ihn bitten, h'er möchte seine 'Andschuhe h'anziehen.« »Mrs. Peters, Sie h'essen ja gar nicht. 'Err Mortimer, geben Sie die Nebenplatten 'erum, h'und lassen Sie John den Champagner serviren.« »Mrs. Peters, dort ist Wolli-went-o'Witer . Belieben Sie Gebrauch von diesem Außengerichte zu machen? Mrs. Drummond, wollen Sie von der Platte kosten, die h'eben 'erumgereicht wird? h'es ist – h'ich will h'einmal sehen – h'es ist schuh forosi . Mylord, h'ich 'offe, das Lammfleisch h'ist nach H'Ihrem Geschmack ? Muschjö Tagliabue – William, geben Sie Muschjö h'einen reinen Teller. Was befehlen Sie zunächst?« » Vraiment, madame, tout est excellent, superbe! Je voudrais embrasser votre cuisinier – c'est un artlste comme il n'y en a pas. « »Wui,« erwiederte Mrs. Turnbull. Der erste Gang wurde abgetragen und nach einigem Verzug erschien der zweite. Mittlerweile hatte 'Err Mortimer verschiedene Weine herumgegeben. »Drummond, wollen Sie ein Glas Wein mit mir trinken?« sagte Turnbull. »Ich kann die sauern französischen Weine nicht leiden. Wollen Sie Madera? Ich war einmal auf Madera ein paar Stunden am Lande, als ich vor dem Maste diente, im Jahr –« »'Err Turnbull, h'ich 'abe wieder h'auf h'ein Neues Kopfschmerz,« rief die Dame des Hauses mit zürnemden Tone: »Mylord, befehlen Sie von diesem Gerichte? – h'es ist – h'ein ding dong o'turf – Truthahn, Mylord.« »Seine Herrlichkeit sind ein großer Freund von Truthähnen,« sprach Herr Smith diktatorisch. Da Monsieur Tagliabue, der neben Mrs. Turnbull saß, fand, daß der Truthahn stark in Anspruch genommen wurde, und es lang dauern könnte, bis er auch zu seinem Antheile käme, so schob er eine Trüffel in den Mund und sagte: » C'est superbe! Apparement, madame n'aime pas la cuisine Anglaise ?« »Wui.« erwiederte Mrs. Turnbull. »Madame, was h'ist H'Ihnen gefällig?« fuhr Mrs. Turnbull fort. » Tout de bon, madame .« »Wui; was steht dort neben H'Ihnen, 'Err Peters?« fuhr die Dame des Hauses fort. »Ich kann es wirklich nicht genau angeben; aber ich glaube, es ist eine Art Backwerk.« »H'Ich will sehen, h'ach ja, bidet du poins . Madame, befehlen Sie h'etwas bidet du poms ?« » Comment, madame, je ne vous comprends pas –« »Wui.« » Monsieur Tagliabue, expliquez donc ,« sagte die Ausländerin, so roth, wie eine Ocksenkeule. »Permettez« erwiederte Monsieur, auf die Karte sehend. »Ah, c'est impossible, ma chère,« fuhr er lachend fort. »Madame Turnbull se trompait, elle voudrait dire Beignets de pommes .« » Vous trouvez notre langue fort difficile, n'est-ce-pas? « fuhr Madam fort, welche ihre Heiterkeit wieder gewann, indem sie Mrs. Turnbull holdselig zulächelte. »Wui,« erwiederte Mrs. Turnbull, welche bemerkte, daß sie einen Verstoß begangen hatte, und sah mit ängstlicher Erwartung dem Ausgange des Zwiegespräches entgegen. Es brachte eine treffliche Wirkung auf sie hervor. Sie wurde ganz schweigsam, bis die Tafel vorüber war. Endlich standen die Damen vom Tische auf und ließen die Herren allein; aber wir erfreuten uns dieses Glückes nicht lange. Man meldete den Kaffee und es ging eine Treppe höher hinauf. Eine Menge französischer Liqueure wurden herumgegeben und von der Gesellschaft gebührender Maßen gerühmt. Herr Turnbull jedoch verlangte ein Glas Branntwein zum Draufsetzen . »H'ach 'Err Turnbull, welche Kopfschmerzen!« Die Gesellschaft wurde langweilig. Lord Babbleton schlief auf dem Sopha ein. Herr Peters ging im Zimmer umher, bewunderte die Gemälde und fragte nach den Namen der Meister. »H'Ich 'abe h'ihn wirklich ganz vergessen, h'aber 'Err Drummond, Sie sind h'ein Kenner, wie h'ich 'öre,« sagte die Dame des Hauses, auf ein Stück von höchst untergeordnetem Rang deutend. »H'ich bin meiner Sache nicht gewiß, h'aber h'ich denke, h'es ist h'ein Van – Van Kleks .« »Ich bin auch dieser Meinung,« versetzte Herr Drummond trocken; wir haben eine Menge Gemälde in England, die von derselben Hand sind.« Der französische Gentleman schlug ein Ecarté vor, aber Niemand verstand das Spiel, als seine Frau, die sich neben ihn setzte, um ihm die Zeit zu vertreiben. Die Damen schlenderten im Zimmer umher und betrachteten die Schaustücke, womit die Tische beladen waren; Mrs. Peters sprach gelegenheitlich von Petercums-Hall; Herr Smith spielte Geduld in einer Ecke; Herr Turnbull und Herr Drummond saßen in einer anderen und waren in einer angelegentlichen Unterhaltung begriffen; und die Dame des Hauses eilte von Einem zum Andern, und bat, nicht so laut zu reden, um den sehr h'ehrenwerthen Lord Viscount Babbleton nicht zu erwecken. Endlich wurden die Wagen gemeldet und zu Jedermanns Zufriedenheit, am meisten aber zu meiner eigenen, ging die hohe Gesellschaft auseinander. Ich muß bemerken, daß mir die Albernheiten, die ich hier mittheile, damals nicht so stark auffielen, aber eine Mahlzeit außer dem Hause war ein Ereigniß für mich, und die ganze Scene prägte sich in meinem Gedächtnisse tief ein. In meinem späteren Leben, als ich die Anmaßungen der vornehmen Welt näher kennen lernte, trat der ganze Vorgang wieder lebhaft vor die Augen meines Geistes. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Herrn Tomkins' fête champêtre und fête dansante – Lichter zwischen Stachelbeerstauden. – Alles geht gut ab , mit Ausnahme der Lichter, welche ausgehen . – Eine Aufwindung, welche beinahe eine Katastrophe herbeiführte. – Der alte Tom beweist den Satz, daß die Gefahr Freunde mache durch einen Faden, der junge durch eine Thatsache. Ich war ungefähr acht Monate bei Herrn Drummond, als endlich der neue Gehülfe erschien – ein kleiner fetter Bursche von ungefähr Zwanzig, mit einem runden Vollmondsgesicht, aufgeworfenen Lippen und rothen Pausbacken. Während dieser Zeit wurde mir häufig die Freude, mit dem alten und jungen Tom zusammenzukommen. Sie hatten eine außerordentliche Sehnsucht, mich wieder an Bord zu sehen, und ich muß sagen, mich verlangte es ebenfalls, auf den Lichter zurückzukehren. Allein Herr Drummond legte fortwährend sein Veto ein, und Frau Drummond hob beständig die großen Vortheile hervor, die es für mich hätte, als Gehülfe in der Schreibstube zu arbeiten; aber ich konnte mich nicht damit befreunden. – Auf einem langbeinigen Stuhle den lieben langen Tag vor dem Pulte zu sitzen und unaufhörlich Soll und Haben herüber und hinüber zu schreiben, während das ewige Einerlei höchstens bisweilen vom ersten Commis mit seinen Reimversuchen unterbrochen wurde, – dieß war zu viel gefordert. Als der neue Gehülfe eintrat, erwartete ich meine Erlösung, aber ich sah mich getäuscht. Herr Drummond fand, daß es ein sehr unbehülflicher Bursche war, und der erste Commis erklärte, es liegen gegenwärtig so viele Geschäfte vor, daß man mich unmöglich entlassen könnte. Dieß war allerdings richtig. Herr Drummond hatte eben erst einen Kauf abgeschlossen, über den er schon lange unterhandelt hatte, und war dadurch in den Besitz einer Werfte und eines großen Waarenhauses mit einem anstoßenden Wohngebäude in der untern Themsestraße gekommen – eine weit aussehende Unternehmung, auf die er ein bedeutendes Kapital verwendete. Die Anschläge, die man machen mußte, die Summen, die man vom alten Geschäfte auf's neue zu übertragen hatte u.s.w., gaben so viel zu thun, daß ich am Pulte beschäftigt war, bis der Umzug stattfand; und da es an einem Magazinverwalter fehlte, der das Löschen und Aufwinden der Güter beaufsichtigte; so ward ich auch nach dem Umzuge noch beibehalten. Der erste Commis, Herr Tomkins, welcher Herrn Drummond viele Jahre lang treue Dienste geleistet hatte, ward als Theilhaber am Geschäfte anerkannt und bekam die Aufsicht über die Werfte zu Brentford; eine Beförderung, welche er und seine Frau mit einem Feste zu feiern beschloßen. Nach langen Berathschlagungen vereinigten sie sich mit einem Ball, und Mrs. Tomkins bot ihren ganzen Geschmack und Erfindungsgeist auf, um der Würde des Tages zu entsprechen. Mein Freund Tomkins wohnte in geringer Entfernung von den Werftgebäuden in einem kleinen Hause, das in einem halben Morgen Gartenland stand, welches mit Stachelbeerstauden angefüllt und von vier schnurgeraden Sandpfaden durchschnitten war. Herr und Frau Drummond wurden eingeladen. Sie nahmen die Einladung an, und Tomkins betrachtete dies als einen Beweis freundlicher Herablassung. Als eine Probe von Herrn Tomkins poetischen Talenten will ich hier die Einladung geben, wie sie in schöner gothischer Schrift Herrn Drummond zukam. Herr und Frau T – Wünschen zu seh- En bei 'nem be- Scheidnen Gelag Nächsten Samstag Herr und Frau Drum- Mond, und sie bitten darum, Daß sie sich ja gewiß zeigen; Denn man hört Pfeifen und Geigen Und allerlei Kurzweil geht um.« Belle-Vue. Als Antwort auf dieses jeu d'esprit schrieb Herr Drummond mit Bleistift auf eine Karte: – Herr und Frau Drum- Mond werden komm'. »Da, Jacob, gib dieß Herrn Tomkins; es wird ihn mehr freuen, als eine förmliche Zusage.« Auch Herr und Frau Turnbull wurden eingeladen; der erstere sagte es zu, die letztere schlug es verächtlich ab. Als ich mit Herrn und Frau Drummond ankam, trafen wir bereits eine Menge Gäste. Der Garten war beleuchtet, wie sie es nannten, das heißt, auf jedem Stachelbeerstrauche hing eine bunte Lampe, und zwar, wie mir Herr Tomkins nachher erklärte, je nach der Farbe der Früchte, die er trug, eine rothe oder eine gelbe. Es war eine frostige, kalte Winternacht und die Lampen schimmerten zwischen den nackten Zweigen der Stachelbeerstauden so hell, als die Sterne am Himmel. Die ganze Gesellschaft war über die Neuheit des Schauspieles entzückt. »Ein kleines Vauxhall ,« rief eine Dame, deren Fettfülle sie warm genug erhielt, um es ihr möglich zu machen, sich in der freien Luft umzusehen. Im Eingange hing ein Dutzend kleiner Lampen, hinter welchen Lorbeerzweige angebracht waren, die sich höchst imponirend ausnahmen. Mrs. Tomkins empfing ihre Gesellschaft auf der Haustreppe, um das Vergnügen zu genießen, ihre Gartenanlage bewundern zu hören; aber es war so kalt, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Das Gastzimmer, welches vierzehn Fuß in der Länge und zehn Fuß in der Breite maß, war zum Ballsaale eingerichtet. In einer Ecke saßen zwei Geiger und ein Pfeifer. Als wir eintraten, wurde eben ein ländlicher Tanz ausgeführt. Ueber dem Kaminstücke sah man in einem Rahmen von Lorbeerzweigen ein roth ausgeschnittenes Papier, auf dem in Buchstaben aus blauem und gelbem Flittergolde folgendes Reimchen stand, das aus dem Gehirne des Hausgebieters entsprungen war: »Wir dreh'n uns im lustigen Kreise Nach des Geigers begeisternder Weise.« Aehnliche Reime, die der frohen Feier entsprachen, waren auch in den übrigen Zimmern angebracht. Aber der Speisesaal war das chef d'oeuvre . Er war in eine Immergrünlaube umgeschaffen und auf den Zweigen staken in allen Richtungen natürliche Aepfel und Pomeranzen, bei denen man nur zugreifen durfte. »Wahrlich, dieß ist ein Paradies,« rief die fette Dame, welche mit mir eintrat. »Mit einer einzigen Einschränkung, Madam,« versetzte Herr Turnbull, der in bloßen Hemdsärmeln Citronen zum Punsch auspreßte – »es ist keine verbotene Frucht hier. Sie dürfen überall zugreifen.« Diesen Witz wiederholte Tomkins bis an's End seiner Tage, wobei es ihm weniger um die Worte selbst, als vielmehr um eine Gelegenheit zu thun war, sich in eine ausführliche Beschreibung vom ganzen Feste einzulassen, dem ersten, das er je gegeben hatte. »Ah! Jacob,« rief Turnbull, der in seinem Elemente war, »es freut mich, dich zu sehen, – komm und hilf mir, – sie werden bald durstig sein, dafür stehe ich.« Die Gesellschaft war zwar nicht auserlesen, aber glücklich. Man tanzte, trank Punsch, lachte und tanzte wieder; und erst am späten Morgen, nachdem sich Herr und Frau Drummond schon längst entfernt hatten, verließ ich den Schauplatz des Festes. Herr Turnbull, welcher mit mir wegging, erklärte, es habe ein Dutzend von seinen Gesellschaften aufgewogen, obgleich keine so vornehme Personen zugegen gewesen seien, wie Mrs. Tagliabue oder der sehr h'ehrenwerthe Lord Viscount Babbleton. Ich stimmte ihm bei. Jedes war glücklich und gehörte sich selbst; auch glaube ich, die Gesellschaft wäre noch länger geblieben, wenn die Musiker nicht zu viel Punsch getrunken hätten; der Geiger zerbrach seine Geige, der andere seinen Hirnschädel, als er die Treppe hinab in den Garten gehen wollte, und der Pfeifer schwor, er könne nicht mehr blasen. So war es mit der Musik zu Ende. Man rief nach Ueberschuhen, Laternen und Mänteln, und Alles entfernte sich. Es konnte nicht besser abgehen . Mrs. Tomkins hatte am andern Morgen einen Katarrh; aber wer konnte sich darüber verwundern? Ein kleines Vauxhall im Monat Dezember ist keine Kleinigkeit. Eine Woche nach diesem Feste zogen wir in die Themsestraße, und ich versah das Amt eines Waarenhausaufsehers. Die Zahl unserer Lichter ward jetzt vermehrt; wir führten alle möglichen Kaufmannsgüter. Eines Morgens kam der alte Tom unter den Krahnen, um seinen Lichter zu löschen, und da er mich zu sprechen wünschte, ergriff er das Zugseil, das wir hinabgelassen hatten, um die Fässer aufzuwinden, mit denen der Lichter beladen war. Anstatt ein Faß am Haken zu befestigen, hängte er sich selbst daran und rief: »Aufgewunden,« indem er sich auf diese Art zum Magazin hinaufziehen lassen wollte, wo ich die Aufsicht führte. In dieser Grille des alten Toms lag nun gerade nichts Ungewöhnliches; aber eine andere Grille entsprang daraus, die ihm die äußerste Gefahr brachte. Der junge Tom sah seinen Vater kaum in der Luft schweben, als er seine hölzernen Beine ergriff, um sich ebenfalls hinaufziehen zu lassen. Er mußte sich auf die Zehen stellen, sie zu erreichen, und alsbald waren beide außer dem Bereiche des Lichters, der auf fünf Fuß von Gebäude entfernt lag. Der Krahn befand sich am dritten Stockwerke des Waarenhauses, und es war sehr weit hinauf. »Tom, Tom, du Schurke, was Teufels, hast du vor?« rief der Alte, als er das Gewicht seines Sohnes empfand. »Mit Euch hinaufzufahren, Vater – ich hoffe, wir werden den gleichen Weg zum Himmel gehen.« »Oder wahrscheinlicher zum Teufel, du Narr; ich kann dein Gewicht nicht tragen. Sputet Euch dort oben mit dem Winden.« Als ich diese Stimme hörte, sah ich zur Oeffnung hinaus, und kaum überblickte ich ihre Lage, als ich den Leuten so schnell wie möglich zu winden befahl, damit sich die Kräfte des alten Toms nicht erschöpften; aber es war eine zusammengesetzte Maschine, zwar auf sehr schwere Lasten berechnet, dafür jedoch um so langsamer in ihrer Thätigkeit. Wie sie höher und höher hinaufgewunden wurden, schwanden die Kräfte des Alten schneller und schneller. »O Tom, Tom! was ist anzufangen? ich kann nicht mehr – ich kann nicht mehr länger halten, wir werden in Stücke zerschmettert. Armer Junge!« »So will ich loslassen, Vater. Meine Thorheit ist an Allem Schuld – ich will dafür büßen.« »Loslassen?« rief der alte Tom; »nein, nein, Tom, lasse nicht los, mein Junge; ich will es noch ein wenig länger versuchen. Laß nicht los, mein lieber Junge, laß nicht los!« »Gut, Vater; wie lange könnt Ihr noch halten?« »Nur noch kurze Zeit, noch ganz kurze Zeit.« versetzte der Alte keuchend. »So haltet einmal fest,« rief der junge Tom, schwang mit großer Anstrengung den Kopf über seine Arme hinauf, und klammerte zuerst die eine, dann die andere Hand an seines Vaters Oberschenkel. Er schwang sich auf's Neue in die Höhe und erfaßte den Hintertheil der Beinkleider seines Vaters mit den Zähnen; der Alte ächzte, denn er hatte mehr als die Bekleidung gefaßt. Dann legte er seinen Arm um den Leib seines Vaters – von da gewann er den Kragen seiner Jacke – vom Kragen kletterte er auf die Schultern, und von da aus ergriff er das Zugseil, den Alten so von seinem Gewichte befreiend. »Ist's jetzt recht, Vater,« rief er keuchend, sobald er das Seil umschlungen hatte. »Ich kann mich keine zehn Sekunden mehr halten, Tom – es geht nicht länger – die Faust – die Faust läßt –« »Hängt Euch an Eure Augenlieder, Vater, wenn Ihr mich liebt,« rief der junge Tom in Todesangst. Es war ein entsetzlicher Augenblick; sie hingen wenigstens sechzig Fuß über dem Lichter in der Luft; die Leute am Haspel wirbelten das Drehrad um, und endlich wurde mir die Freude, sie auf den Boden des Waarenhauses hereinziehen zu können. Der alte Tom war so erschöpft, daß er eine Minute lang nicht sprechen konnte; der junge aber sah ihn kaum in Sicherheit, als er in ein unmäßiges Gelächter ausbrach. Sein Vater saß aufrecht und blickte ihn ernst an. »Das Lachen hätte dir vergehen können,« sagte er. »Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern, Vater, wie Jacob sagt. Und am Ende seid Ihr doch mehr erschrocken, als verletzt.« »Das weiß ich nicht genau, du Taugenichts,« versetzte der Alte, und rieb sein Sitzfleisch: »du hast mir ein Stück aus meinem Stern herausgebissen. Laß dir's zur Warnung dienen, Tom. Jacob, könntest du nicht sagen, es sei mir ein Zufall begegnet, und einen Tropfen Stärkendes von Herrn Drummond bekommen?« Ich glaubte, in Bezug auf seine letzte Bemerkung ehrlicher Weise sagen zu können, es sei ihm ein Zufall begegnet, und kehrte bald mit einem Gläschen Branntwein zurück, welches der alte Tom an den Mund setzte, während ihn sein Sohn mit der Bitte um seinen Antheil unterbrach. »Ihr wisset, Vater, ich theilte auch die Gefahr.« »Ja, Tom, ich weiß das,« versetzte der Vater, »aber dieß erhielt ich von wegen meines Zufalles , und da ich den ganz allein erlitt, so gehört mir auch diese Stärkung ganz allein.« »Aber, Vater, einen Tropfen solltet ihr mir doch geben, wäre es auch nur, um mir den schlechten Geschmack aus dem Munde zu vertreiben .« »Dein eigenes Fleisch und Blut, Tom,« versetzte der Vater, das Glas leerend. »Nun, ich habe immer sagen hören, es sei ganz unnatürlich, sein eigenes Fleisch und Blut nicht zu lieben, bemerkte Tom, »aber jetzt sehe ich, man kann auch seine Gründe dazu haben.« »Gib dich zufrieden, Tom,« versetzte sein Vater, das Glas niederstellend: »jetzt sind wir gerade quitt. Du hast dein Frühstück gehabt, und ich das meinige.« Herr Drummond kam und fragte, was es gegeben habe. »Nichts, Sir – nur einen Zufall. Tom und ich wurden beim Aufwinden ein wenig gewitzigt.« Herr Drummond glaubte, es sei ein Faß ausgeglitten, und habe sie niedergeworfen. Er ermahnte den alten Tom, künftig vorsichtiger zu sein, und verließ uns, während wir uns an's Löschen machten. Der neue Gehülfe war ein schwerfälliger, einfältiger junger Mensch, der zwar sehr fleißig und aufmerksam war, aber sonst auch kein anderes Verdienst hatte. Er wurde auf den Lichter geschickt, um die Zeichen und Nummern der Fässer aufzuschreiben, welche hinaufgewunden wurden, und diente dem jungen Tom bald zur Zielscheibe seines Witzes. Er gab ihm auf seine Fragen lauter falsche Zeichen und Nummern an. »Was ist das, Junge?« fragte das Puddinggesicht, die Bleifeder in der einen, und die Schreibtafel in der andern Hand. »Erbsensuppe Nr. 13,« versetzte Tom : »Damenmützen Nr. 24. Nun, Herr, schreiben Sie weiter, Pfeifenthon für Soldaten Nr. 3; geräucherte Häringe Nr. 26.« Herr Gubbins notirte Alles sorgfältig und brachte, als der Lichter aufgeladen war, das Verzeichniß seinem Prinzipale. Glücklicher Weise hatten wir die Nummern verzeichnet, als wir die Fässer oben in Empfang nahmen – sie enthielten alle Mehl. Herr Drummond ließ den jungen Tom rufen und fragte ihn, wie er sich unterfangen könne, einen solchen Streich zu spielen. Tom erwiederte keck, er habe dem jungen Menschen bloß eine gute Lehre geben wollen, daß er in Zukunft seine Sache selbst besorge und sich nicht auf Andere verlasse. Herr Drummond stimmte damit überein, und Meister Tom wurde ungestraft entlassen. Als die Leute alle zum Essen gegangen waren, ging ich auf den Lichter hinab, um mit meinen ehemaligen Schiffsgenossen zu plaudern. »Jacob,« sagte der Alte, »Tom ist noch um nichts klüger geworden, als er früher war – bereits in zwei Patschen an einem Tage.« »Nun, wenn ich meine Narrheit zeige, indem ich in eine Patsche gerathe, so zeige ich auch wieder meinen Witz, indem ich mich aus derselben herauswinde.« »Ja, das mag wahr sein, Tom; aber gesetzt, wir wären mit einander hinabgefallen; was würdest du dann gedacht haben?« »Ich vermuthe fast, Vater, das Denken würde mir vergangen sein.« »Sah einmal etwas der Art passiren,« sagte der alte Tom, Auftritte aus seinem früheren Leben ins Gedächtniß rufend; »und will euch einen Faden darüber spinnen, von wegen weil sie sagen, Gefahren machen Freunde.« Wir setzten uns neben ihn, und der alte Tom erzählte folgendermaßen: »Als ich auf der Minerva, einer Fregatte von vierundvierzig Kanonen, Kapitän des Haupttops war, sah man kein flinkeres Schiff aus dem Mittelmeere, und wir gaben den andern Fahrzeugen manche Gelegenheit, sich in der Schnelligkeit der Bewegungen zu üben, denn sie waren nie im Stande, es uns vorzuthun – oder uns auch nur das Wasser zu reichen. Im Vor- und Haupttop hatten wir achtundzwanzig Bursche, die so gewandt waren, als je einer den Fuß auf ein Takelwerk setzte, oder an einem Hinterstagen hinabglitt. Nun waren die beiden Kapitäne des Vortops zwei auserlesene Jungen, so lebendig wie die Affen und so keck wie die Löwen. Der Eine war von North-Shields und hieß Tom Herbert, ein brauner, hübscher Bursche, mit Zähnen so weiß wie sie ein Neger hat, die er auch immer zeigte, und dabei ein lustiger Kamerad. Der Andere war ein Muttersöhnchen aus der Hauptstadt. Die Londoner sind selten gute Seeleute, aber wenn sie's sind, so gibt's keine besseren: Niemand darf ihnen den Weg zeigen, das ist ausgemacht, denn sie sind flink wie der Teufel, und voll von Späßen und Schelmenstücken. Dieser Bursche nannte sich Till Wiggins, und er und Herbert waren immer eifersüchtig auf einander, wer der Behendere sei. Ich sah sie bei schönem Wetter oft auf der Raa hinausrennen, ohne irgend einen Halt, das Zuglien erfassen, auf ihre Posten hinabfahren und in einem Nu den Tauring aufholen. Dann ging's wieder das Zuglien hinaus und auf das Verdeck hinunter am Hinterstagen, bevor die Mannschaft kaum halb aus dem Top hervorkam. Ja, sie setzten ihr Leben auch bei schlechtem Wetter auf's Spiel, wo es gar nicht nöthig gewesen wäre – nur um es einander vorzuthun. Nun war das Alles recht gut und ein gutes Beispiel für die Andern. Der Kapitän und die Offiziere sahen diese Wettkämpfe gern, aber es endete damit, daß sie einander haßten und Keiner ein Wort mehr mit dem Andern sprechen wollte, was gar nicht schön von den beiden Tophelden war. Oft schon hatten sie einander ausgescholten und fünfmal sogar sich geboxt, aber Keiner konnte den Andern werfen. Entweder wurden Beide halb todt geschlagen oder vom Fechtmeister getrennt und dem ersten Lieutenant gemeldet; die Offiziere mochten sie nicht mehr leiden, und bei dem Kapitän hatten sie's auch verschüttet. Er drohte ihnen, sie abzusetzen, wenn sie noch einmal boxen würden. »Wir kreuzten im Golf von Lyon, wo es bisweilen stark genug windet, um dem Teufel seine Hörner herunterzublasen, wiewohl diese Wuth nie lange anhält. Wir fuhren unter dicht gereeften Haupttopsegeln, Sturmsegeln und Versuchsegeln; da griffen plötzlich neue Hände an den Blasbalg, und der Kapitän befahl dem Offizier von der Wache, das Vortopsegel einzuziehen. Es war gerade vor dem Mittagessen. Um die Wache unten nicht aufzujagen, wurde die Mannschaft des Vortops auf den Vordermast beordert, um der Vortopwache zu helfen. Ich war natürlich schon oben und wollte eben auf den Leeraaen vorn hinausliegen – als Wiggins, der die Wache unten hatte, in den Top heraufkam, weil er nicht leiden wollte, daß Herbert bei einem solchen Wetter an der Arbeit sein sollte, und er nicht. »›Tom,‹ sagte Wiggins zu mir, ›ich will den Raaenarm nehmen.‹ »›Ganz recht,‹ versetzte ich, ›von Herzen gerne; dann will ich nach den Bauchgordingen sehen.‹ »In diesem Augenblicke kam ein neuer Windstoß mit einem Regen, der uns beinahe blind machte. Das Segel ward ganz hübsch eingezogen, die Knopflienen wurden zusammengedreht, die Bauch- und Nockgordingen aufgebracht, die Reeftakel übergeholt, die Rolltakel angestrafft, kurz Alles, was sein soll. Die Matrosen lagen auf dem Raaenarm, der Sturm wurde immer stärker, aber sie brachten die Nocke des Segels herein. Schnap! da bricht die eine Bauchgording, dann die andere; das Segel flappt und flattert, bis auch die Nocklienen brechen und die Bursche den Raaenarm umklammern, um ihr Leben zu erhalten; denn das Segel hatte sie gemeistert, und sie konnten nichts mehr anfangen. Endlich reißt es mit einem donnerähnlichen Gekrache, peitscht die Matrosen auf den Raaenarmen, bis sie beinahe von Sinnen kommen, und schlitzt nach der Windseite in langen Fetzen, während, was noch von dem Tuche übrig war, sich um den Leeraaenarm legte. Endlich gelang es der Mannschaft, wieder hereinzukommen; sie waren erschöpft und hielten auf Tod und Leben fest. Nur Wiggings war zu sehr in das Segel verwickelt, um seine Füße loszumachen. Da war er angefesselt, der arme Bursche, und wurde von den Seegelstreifen gepeitscht, daß er fast die Besinnung verlor. Ich brauchte zwar lange zu meiner Erzählung, aber das Ganze war das Werk von weniger als einer Minute. Endlich machte er einen Versuch, am Zugliene hinaufzuklimmen, aber er ward wieder niedergeworfen und würde über Bord geschleudert worden sein, wäre nicht sein Bein über's Raaenpferd gefallen. Da hing er kopfüber, und unter ihm heulte die See und wartete seiner, um ihn zu verschlingen, sobald er herabstürzen würde. Jedermann glaubte, es müßte ihn werfen, ehe man ihm zu Hülfe kommen könnte. Es war ein entsetzlicher Anblick für diejenigen, die unten standen, nach ihm hinaufschauten und auf die Wendungen des Schiffes achteten, um zu sehen, ob er in die See fallen oder an den Vorderketten zerschellen würde. »Ich konnte ein Mitgeschöpf, und dazu einen so guten Matrosen, nicht länger in diesem Jammer sehen, und obgleich der Kapitän Keinem zu befehlen wagte, ihm zu Hülfe zu kommen, so eilten doch ein Paar Midshipmen auf das Focktakelwerk, um seine Rettung zu versuchen (denn Midshipmen schätzen ihr Leben nicht höher als einen Mundvoll Tabak). Ich fasse also die Leesegelziehtaue und renne das Focktakelwerk hinauf, um am Zuglien niederzugleiten und ihn mit einem Schleiflien zu umschlingen, bevor er fiele. Siehe da, wen treffe ich auf den Kreuzhölzern? Niemand anders, als Tom Hebert, der mir das Tau aus der Hand reißt und mir durch den Wind entgegenbrüllt: ›das ist mein Geschäft, Tom‹! »Und nieder fährt er am Zugliene, die noch Uebrigen Fetzen des Segels flappen über ihn hin, und ich sehe nichts mehr. Auf einmal höre ich ein Geschrei von unten, und fort fliegen Herbert und Wiggins nach der Leeseite, während sich das Schiff eben windwärts aufrichtet. Glücklicherweise fallen sie zwei Fuß über's Schiff hinaus und nicht mehr, und weil man auf ihren Sturz gefaßt war, hatte man unten Alles vorbereitet. Ein Gehülfe, Namens Simmonds, und der Kapitän des Vorderkastells werfen sich in Schlingknoten über Bord und halten andere Schleifliene in den Händen, und in ein paar Minuten sind alle vier wieder auf dem Schiffe; aber Herbert und Wiggings waren beide besinnungslos, und es dauerte lange, bis sie zu sich kamen. Nun, und was glaubt ihr, daß das Ende von dem Allen gewesen sei? Von nun an wurden sie die besten Freunde von der Welt, und hätten das Leben für einander gelassen; und wenn einer ein Glas Grog von den Offizieren bekam für einen kleinen Dienst – anstatt es an seine Vorderlucke zu setzen und auf des Offiziers Gesundheit zu trinken, nahm er's mit aus der Konstabelkammer und gab dem Andern die Hälfte. Und so seht ihr also, meine Jungen, wie ich vorhin sagte, ehe ich meinen Faden zu spinnen anfing – Gefahr macht Freunde. »Wenn wir hinaus auf's wilde Meer uns wagen, So heißt's, wir sterben einen harten Tod; Und uns're Freunde in der Heimath klagen, Und sehen sich schon vom Verlust bedroht. Doch diese wunderseltsamen Begriffe Sind dem verwegenen Seemann unbekannt. Die Einen sterben auf dem schwanken Schiffe, Die Andern sterben auf dem festen Land.« »Wir aber wären zwischen beiden gestorben, Vater, wenn wir hinabgestürzt wären. Es hätte geheißen: Wullehwuh, parleh wuh , plumps in den Schlamm, wie Ihr bisweilen sagt: es fehlte an Wasser, um uns flott zu machen. »Nun ja, Tom. Ich habe so 'nen Gedanken, daß ich zu tief gesetzt worden wäre, um jemals Wurzel zu schlagen,« bemerkte der Alte mit einem Blick auf seine hölzernen Stümpfe. »Ja, ja, Vater, Beine sind Beine, wenn man sechs Fuß in den Schlamm sinkt. Ihr wäret ordentlich in die Pfütze gesetzt worden, wenn Eure Pfoten nicht gehalten hätten.« »Nun, so merke dir's Tom, daß du deinen Vater nicht wieder für eine Lerche verkaufst.« Tom lachte und sang, das Wort in einem andern Sinne auffangend: »Gleich einer Lerche in den blauen Lüften.« »Und das waret Ihr, Vater, nur daß Ihr nicht sanget und Eure Jungen nicht unten im Neste ließet.« »Ja, die Jungen sind Schuld daran, daß die Alten in der Welt nicht emporkommen können, – das ist nur zu wahr. Tom. Potz Hölle, wer kommt hier? Jedenfalls meinen dienstlichen Gruß.« Zweites Kapitel. Im Buch als “Zwölftes Kapitel.” überschrieben. Re. Wir ergötzen uns an groben Lügen, wiewohl ich durch andere grobe Lügen in eine minder ergötzliche Lage versetzt werde. – Ich sende mein Lineal als Botschafter ab, um die betheiligten Partieen wissen zu lassen, daß ich mich gegen allzugrobe Linienzeichnungen auslasse. – Ich werde vorgeladen, gerichtet und verurtheilt, ohne alles Verhör. – Was ich an Sprache verliere, wird durch Gefühle ersetzt; das Ganze endet mit hochherzigen Entschlüssen und einigem Schluchzen. Es war der Kapitän des amerikanischen Schooners, von welchem wir das Mehl übernommen hatten. »Ich hab' 'nen Gedanken, mein hinkender Brummbär, daß es in unserem Lande nichts Dienstliches gibt,« sagte er. »Wann legt Ihr wieder mit diesem Eurem Floße an meinem Schooner an, um eine andere Ladung einzunehmen? Heute wohl nicht mehr, denke ich?« »Eure Gedanken treffen diesmal mit der Wahrheit zusammen,« versetzte der alte Tom; »wir wollen mit Eurer Erlaubniß bis morgen früh auf dem Schlamm liegen bleiben.« »Ja, beim Henker, wie ein Aligator in Louisiana. Ich hab' 'nen Gedanken, daß ihr etwas langsam seid in dem alten Lande; aber ich habe keine Lust, lange den Schnabel und Stern auf diesem Bischen Fluß zu hängen; ich muß vor der Fieberzeit wieder in Neu-York sein.« »Ein hübsches Fahrzeug, das Bischen Schaluppe da,« bemerkte der alte Tom; »wie lange braucht Ihr wohl, bis Ihr drüben seid?« »Wie lange? – In einem Nu ist sie drüben, und sie würde noch einmal so schnell segeln, wenn sie auf den Wind warten möchte.« »Warum thut sie das nicht?« fragte der junge Tom. »Zu viel Zeitverlust. Ich wurde einmal von eurem Landsend bis zu unseren Engen vom Ostwind verfolgt, und er konnte mich nie einholen. Vermutlich werden auch die Delphine daran verzweifelt sein; nicht wahr?« fragte der alte Tom mit einem schlauen Seitenblicke; »und doch habe ich sie um die Buge eines englischen Schnellseglers, der in vollem Lauf war, spielen und ihn auslachen sehen.« »Mit mir treiben sie nie ihren Spott, altes Klapperholz, und wenn sie es thun, so segle ich mitten durch, daß auf der einen Seite die Schwänze, auf der andern die Köpfe schwimmen.« »Aber klappen sie nicht wieder zusammen, wenn sie sich hinten in eurem Segelstriche begegnen?« fragte Tom. »Sollte mich nicht Wunder nehmen,« erwiederte der amerikanische Kapitän. »Sagt mir einmal, was ist denn das für ein Fahrzeug zu Neu-York, von dem sie so viel Wesens machen?« Der alte Tom sprach vom ersten Dampfschiff, mit welchem damals Probefahrten angestellt wurden, und von welchem übertriebene Berichte aus den amerikanischen Zeitungen im Umlaufe waren. »Ein solches Schiff, oder was es immer sein mag, das ohne Masten, Raaen und Segel fährt, geht über meine Begriffe.« »Altländische Köpfe können's freilich nicht fassen. Ich will Euch sagen, wie das ist? – es geht schnabelwärts, oder sternwärts, oder nach der breiten Seite, wie Ihr wollt, auf oder nieder, im Nu durch's Wasser; und Ihr habt nichts als das Feuer zu schüren und Eure Hände zu wärmen; und je mehr Ihr schürt, desto schneller geht's gegen Wind und Strömung.« »Nun das müßte ich sehen, bis ich's glauben würde,« versetzte der alte Tom. »Habt nicht zu fürchten, daß es umschlägt – ich steh' Euch dafür. Meine kleine Schaluppe überschlug einmal mit mir bei 'nem ordentlichen Stößer ; aber sie ist flink und kam im Augenblick auf der anderen Seite wieder herauf; und 's war Alles, wie vorher. Man hätte gar nichts bemerkt, wenn die Jacke des Steuermanns nicht naß, und die Schnüre an den Hängematten nicht verdreht gewesen wären.« »Nach dem Umschwung lassen sie sich um so fester binden,« bemerkte der junge Tom lachend. »Ja, aber wir wollen den Herrn nicht d'raus bringen, Tom,« versetzte sein Vater, »'s ist so übermacht lustig. Sagt mir einmal, Kapitän, geht in dem neuen Lande Alles so schnell?« »Alles im Nu, denke ich.« »Was für eine Art von Pferden habt Ihr in Amerika?« fragte ich. »Ich hab' 'nen Gedanken, daß Euch unsere Kentuckypferde in Erstaunen setzen würden. Das sind allmächtige Renner, kein Nordweststößer holt sie ein. Ich nahm einmal einen Engländer in einem Gig mit nach Alibama, und er fragte mich: ›was ist denn das für ein großer Kirchhof, durch den wir da fahren‹? – ›Fremdling‹, antwortete ich, ›ich denke, 's sind nichts, als die Meilensteine, an denen wir so schnell vorüber fliegen‹. Aber ich hatte einmal ein Pferd, das war noch ein gut Theil rascher als jenes. Ich sah, wie ihm einmal eine halbe Stunde lang ein Blitzstrahl auf offenem Felde nachjagte, und er konnte es nicht einholen. Aber länger kann ich nicht bleiben; will Euch morgen Nachmittag erwarten.« »Ja, ja, Herr,« versetzte der alte Tom und stimmte den Vers an: »Hatt' um halb fünf Uhr noch mit ihr Des Nachmittags gesprochen; Um fünf Uhr jammert sie nach mir, Das Herz war ihr gebrochen.« »Ich denke, Ihr seid kein Narr von 'nem Schreier,« sagte der Amerikaner, sein Boot von der Barke abstoßend und nach seinem Schiffe rudernd. »Und ich denke, Ihr seid kein Narr von n'em Lügner,« bemerkte der junge Tom lachend. »Ja, das ist er. Doch ich habe eine Freude an einer hübschen Lüge, Jacob, es macht mir Spaß. Aber was Teufels nannte der Bursche 'nen ordentlichen Wind einen Stößer?« »Weiß nicht, erwiederte Tom, »vielleicht aus demselben Grunde, aus dem wir von windigen Mädchen sprechen.« Ein unübersetzbares Wortspiel mit gal (Mädchen) und gale (Sturm). Hier wurde unsere Unterhaltung von dem neuen Hauptbuchhalter, Herrn Hodgson, unterbrochen, von dem ich bisher noch nichts gesagt habe. Er war an die Stelle des Herrn Tomkins gekommen, als wir die Battersea-Werfte verließen, und hatte gleich Anfangs einen augenscheinlichen Widerwillen gegen mich gefaßt, der mit jedem Tage zuzunehmen schien, an welchem mir Herr Drummond neue Beweise seiner Gewogenheit gab. »Ehrlich, verlaßt die Barke augenblicklich und geht an Euer Pult. Ich will keine Augendiener unter mir haben. Kommt augenblicklich, Sir.« »Meister Federfuchser,« rief der alte Tom, »wollt Ihr damit sagen, Jacob sei ein Augendiener?« »Ja, das will ich; und ich brauche keine von Euren Unverschämtheiten, oder ich will Euch bald entlichtern, alter Schurke.« »Was den ersten Theil Eurer Rede betrifft, – meinen dienstlichen Gruß, und Ihr lügt ; und was den zweiten betrifft, so bleibt das noch zu erweisen.« Herrn Hodgson's Entrüstung war durch diese Erwiederung des alten Toms nicht besänftigt. Auch mein Blut war in Wallung; ich hatte schon zu viel getragen, und der junge Tom wartete nur auf den Augenblick, wo er meine Partei ergreifen konnte. Er ging unbefangen an dem Hauptbuchhalter vorüber und sagte dabei: »Ei, ich dachte, du seiest Lehrling auf dem Strome, Jacob; aber es scheint, du seiest jetzt auf's Comptoir eingeschrieben. Wie lange gedenkst du noch zu dienen?« »Ich weiß nicht.« erwiederte ich, als ich verdrießlich weg ging, »wollte aber, daß meine Zeit um wäre.« »Sehr wohl, Sir; ich werde Herrn Drummond von Eurem Benehmen in Kenntniß setzen; ich werde ihm Eure Streiche melden.« »Streiche. Was wollt Ihr mit Euren Streichen?« sagte der alte Tom. »Seine Pflicht ist, das Steuer zu führen, daß uns der Fluß keine Streiche spielt, und nicht zu Euren Spitzbubenstreichen am Pulte erzogen zu werden.« »Spitzbubenstreichen, Ihr alter Lumpenkerl – was wollt Ihr damit sagen?« versetzte Hodgson wüthend. »Mein Vater meint vermuthlich die Fertigkeit der Hand, was sie über'm Wasser d'rüben Löscherdemän Légèreté de main. nennen,« entgegnete der junge Tom. Diese Erwiederung von einer Seite, von der er sie so wenig erwartet hätte, steigerte die Wuth des Buchhalters so sehr, daß er sprachlos fortstürzte. »Du scheinst ihn hart getroffen zu haben, Tom,« sagte sein Vater, »aber ich muß gestehen, ich weiß nicht, wie es zuging.« »Ihr habt mir Unterricht im Schreiben und Lesen geben lassen, Vater,« versetzte der junge Tom; »und wenn man einmal das kann, läßt sich Alles Andere von selbst lernen. Ich schnappe täglich was auf, bald da, bald dort; und wenn ich etwas sehe oder höre, das ich nicht verstehe, so lasse ich nicht nach, bis ich herausbringe, was es bedeutet. Und so habe ich auch dieses harte Wort auf dem Bartholomäusmarkt aufgeschnappt.« »Und hast ihn hart damit getroffen.« »Warum sollte ich nicht, wenn es einem Freunde gilt? Aber denkt an mich, Vater, 's thut nicht mehr lange gut. 's wird bald ein Wind aufspringen, und so ruhig auch Jacob scheint, so wird es nicht lange dauern, bis er seine Zähne weist.« Tom's Vermuthung war richtig. Ich saß kaum eine Minute an meinem Pulte, als Hodgson eintrat und mit einer Reihe von Schimpfreden begann, die mein Stolz unmöglich ertragen konnte. Er nahm mir eine völlig richtige und gut geschriebene Warenrechnung, die ich beinahe vollendet hatte, vor dem Gesichte weg, riß sie in Stücke und befahl mir, sie noch einmal zu schreiben. Empört über diese Behandlung, weigerte ich mich dessen, und legte meine Feder nieder, indem ich ihm entschlossen in's Gesicht sah. Wüthend über meinen Trotz, ergriff er ein Nachweisungsbuch und warf es mir nach dem Kopfe. Unfähig, mich länger zu beherrschen, nahm ich ein Lineal und erwiederte die Begrüßung. Eben schwirrte es durch die Luft, als Herr Drummond in's Zimmer trat. Er kam gerade zur rechten Zeit, um mit anzusehen, wie Hodgson vor die Stirne getroffen wurde und zu Boden stürzte, während ich mit flammendem Gesichte und aufgehobenem Arme auf dem Querholze meines hohen Schreibsessels stand. Der Schein war durchaus gegen mich. Man schickte nach Hülfe, und der erste Kommis wurde auf sein Zimmer gebracht. Ich blieb die ganze Zeit über auf meinem Stuhl vor dem Pulte sitzen. Stürmische Gefühle tobten in meiner Brust. Wie lange ich hier blieb, kann ich nicht sagen, es mögen zwei Stunden gewesen sein. Empfindungen, welche lange geschlafen hatten, waren plötzlich erwacht und wirbelten in einem fortwährenden Strudel durch mein fieberisches Gehirn. Wahrscheinlich hätte ich noch länger in diesem Zustande der Selbstvertiefung verharrt, wäre ich nicht zu Herrn Drummond beschieden worden. Es ergab sich, daß Hodgson mittlerweile zu sich gekommen war und dem Vorfalle eine besondere Färbung mitgetheilt hatte, welche unverantwortlicher Weise von dem stupiden Schreibersjungen bestätigt worden war, der mir ebenfalls nicht sehr wohl wollte und die günstige Gelegenheit ergriff, sich bei seinem Vorgesetzten einzuschmeicheln. Ich ging in das Besuchzimmer hinauf, wo ich Herrn und Frau Drummond, und die kleine Sarah traf. Ohne das mindeste Gefühl von Beängstigung trat ich ein, meine Brust war zu voll von Entrüstung. Frau Drummond machte eine ernste, trübe Miene, ihr Gatte sah mich strenge an, und die Augen der kleinen Sarah waren roth von Weinen. »Jacob Ehrlich, ich habe dich rufen lassen, um dir zu sagen, daß du in Folge deines schimpflichen Benehmens gegen meinen Hauptbuchhalter nicht länger unter meinem Dache bleiben kannst. Es scheint, daß der Auftritt, den ich heute selbst mitangesehen habe, nur eine Fortsetzung deines unangemessenen und unverschämten Betragens war – daß du, weit entfernt, deine Pflicht zu thun, wie ich glaubte, sie vielmehr beständig vernachlässigtest, und du so die Verbindung, die du mit dem trunkenen Alten und seinem vermessenen Sohne geschlossen, dich in diese Thorheit geführt hat. Du kannst sagen, es sei nicht dein Wille gewesen, am Lande zu bleiben, und du wärest lieber wieder auf den Strom gegangen. Allein in deinem Alter ist es häufig der Fall, daß man dem Willen mehr Gehör schenkt, als dem Vortheil; und es ist gut, wenn ein junger Mensch ältere Leute findet, die ihm wohl wollen und für ihn wählen. Ich hatte gehofft, dir einst eine ehrenvollere Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, als zu der Zeit meine Absicht gewesen war, in welcher du mir als eine verlassene Waise in die Hände fielest; aber ich sehe meinen Irrthum ein. Du hast dich nicht nur heimtückisch, sondern auch undankbar bewiesen.« »Das habe ich nicht,« versetzte ich ruhig. »Keine Gegenrede! Ich bin selbst Zeuge deines unanständigen Betragens gewesen, das mir lange verhehlt worden zu sein scheint. Doch nichts mehr davon. Ich schrieb dich als Lehrling auf dem Strome ein, und du mußt deine Lehrzeit ausdienen; aber erwarte nichts Weiteres von mir. Du mußt dir nun deine eigene Bahn in der Welt brechen, und ich hege das Vertrauen, daß du in dich gehen und gut thun wirst. Du magst auf den Lichter zurückkehren, und so lange bleiben, bis ich dich auf einem andern Fahrzeuge untergebracht haben werde, denn ich halte es für meine Pflicht, dich dem Einflusse derjenigen zu entziehen, welche dich auf Abwege geführt haben. Noch etwas habe ich beizufügen; du bist einige Monate lang auf meinem Comptoir gewesen, und stehst jetzt im Begriff, in die Welt hinausgeworfen zu werden. Hier sind zehn Pfund für deine Dienste« (Herr Drummond legte das Geld auf den Tisch.) »Du wirst dich auch erinnern, daß ich einiges Geld in Verwahrung habe, das dir gehört. Sobald deine Lehrzeit abgelaufen sein wird, kannst du es fordern, und es soll dir übermacht werden. Ich hege das Vertrauen, Jacob, das feste Vertrauen, daß dich diese strenge Lehre zur Erkenntniß führen wird, und daß du die schlimmen Rathschläge vergissest, welche dir deine früheren Genossen ertheilt haben. Suche dich nicht zu rechtfertigen, es ist umsonst.« Herr Drummond stand auf und verließ das Zimmer. Ich würde etwas erwiedert haben; aber Hern Drummond's letzte Worte regten die Gefühle der Entrüstung wieder auf, die allmälig sanfteren Empfindungen Raum gegeben hatten. Ich blieb ruhig stehen, und heftete einen festen Blick auf Herrn Drummond, als er an mir vorüberging. Dieß wurde der Verstocktheit meines Herzens zugeschrieben. Wie es schien, hatte Herr Drummond das Zimmer in Folge vorausgegangener Besprechung verlassen, um den Anschein zu vermeiden, als könnte er sich möglicher Weise von seinem Entschlusse abbringen lassen, und Frau Drummond sollte mit mir sprechen, um sich zu überzeugen, in wie weit eine Aussicht vorhanden wäre, daß ich mich schuldig bekennen und um Milderung meines Urtheils bitten würde; aber die feste Ruhe der Unschuld wurde als Trotz ausgelegt, und die Gluth meiner Stirne, die aus dem Gefühle des Unrechts entsprang – des Unrechts, das mir von denjenigen wiederfuhr, welche ich liebte und verehrte – vielleicht das durchbohrendste Gefühl für ein empfindliches und edles Gemüth – wurde fälschlich aus einem heftigen und bösartigen Charakter abgeleitet. Frau Drummond heftete einen trüben Blick auf mich, seufzte und schwieg; die kleine Sarah jedoch betrachtete mich mit ihren großen schwarzen Augen, als wollte sie auf dem Grunde meiner Seele lesen. »Hast du nichts zu sagen, Jacob,« bemerkte endlich Frau Drummond, »was ich Herr Drummond mittheilen könnte, wenn sein Zorn nicht mehr so heftig ist?« »Nichts, als daß ich mir Mühe geben will, ihm zu verzeihen, Madam,« erwiederte ich. Diese Antwort war sogar für die sanftmüthige Frau beleidigend. Sie stand vom Stuhle auf und rief: »komm Sarah;« und als sie an mir vorüberging, um das Zimmer zu verlassen, sagte sie noch mit gütiger und sanfter Stimme: »Lebe wohl, Jacob.« Meine Augen schwammen in Thränen. Ich suchte den Gruß zu erwiedern, aber meine Gefühle überwältigten mich. Ich konnte nicht sprechen, und mein Stillschweigen wurde der Hartnäckigkeit und dem Undanke zugeschrieben. Die kleine Sarah zögerte – sie hörte nicht auf die Aufforderung der Mutter. Das Mädchen zählte jetzt beinahe vierzehn, und seit fünf Jahren kannte ich sie als meine Gespielin und Freundin. In den letzten sechs Monaten, während deren ich im Hause wohnte, waren wir immer vertrauter geworden. Abends theilte ich alle ihre Beschäftigungen, und Herr und Frau Drummond schienen an unserer Vertraulichkeit Gefallen zu finden. Ich liebte sie, wie eine theure Schwester: meine Liebe gründete sich auf Dankbarkeit. Nie hatte ich der freundlichen Güte vergessen, die sie mir erwies, als ich zum erstenmale unter ihres Vaters Dach kam, und eine lange Bekanntschaft mit der Sanftmuth ihres Charakters hatte mich nachgerade so fest an sie gefesselt, daß ich mein Leben für sie zu opfern bereit gewesen wäre. Aber nie erkannte ich meine Gefühle in ihrer vollen Ausdehnung, bis zu dem Augenblick, als ich im Begriff stand, sie zu verlassen, – vielleicht für immer zu verlassen. Mein Herz bebte, als sich Herr Drummond entfernte – ein bitterer Schmerz durchzuckte es, als die Gestalt seiner Gattin meinen Blicken entschwand, aber jetzt fühlte ich die Bitterkeit in ihrem höchsten Grade. Ich behielt die Thürklinge in der Hand und rang nach Athem – ein Thränenstrom rollte über meine Wangen und blendete mich. Eine Minute lang blieb ich in diesem Zustande; da fühlte ich meine herabhängende Hand von Sarah berührt. »Jacob!« wollte sie sagen, aber ehe sie meinen Namen halb ausgesprochen hatte, brach sie in Thränen aus, und schluchzte an meiner Schulter. Mein Herz war zu voll, um ihre Empfindungen nicht zu theilen, und meine Thränen vermischten sich mit denen des gefühlvollen Mädchens. Als wir uns gefaßt hatten, erzählte ich ihr Alles, was vorgefallen, und endlich war doch Eine Person in der Welt, die es anerkannte, daß man mich ungerecht behandelt hatte. Kaum hatte ich meine Erzählung vollendet, als uns das Dienstmädchen unterbrach, welches die kleine Sarah zu ihrer Mutter rief. Sie warf sich in meine Arme und sagte mir Lebewohl. Sobald ich sie freiließ, beeilte sie sich, ihrer Mutter zu gehorchen, aber als sie das Geld noch auf dem Tische liegen sah, deutete sie darauf und sagte: »Dein Geld, Jacob!« »Nein, Sarah, das nehme ich nicht an. Ich würde von denjenigen, die mich gütig behandeln, Alles annehmen und mich immer zu größerer Dankbarkeit verpflichtet fühlen, aber dieß kann ich nicht annehmen – ich kann nicht, und du mußt es nicht hier liegen lassen. Sage, daß ich es nicht nehmen könne.« Sarah wollte Einwendungen machen, aber da sie meine Festigkeit sah und vielleicht auch mit meinen Gefühlen einverstanden war, sagte sie mir noch ein Lebewohl und eilte fort. Der Leser kann sich leicht vorstellen, daß ich meine Entfernung aus dem Hause nicht verzögerte. Ich raffte meine Kleidungsstücke zusammen, und kaum waren zehn Minuten seit meiner Trennung von Sarah verflossen, als ich mich schon bei dem alten Tom und seinem Sohne an Bord des Lichters befand. Sie waren eben im Begriff, ihr Abendessen zu verzehren. Einen Theil des Vorgefallenen wußten sie, das Uebrige erzählte ich ihnen. »Nun, ich wüßte nicht,« bemerkte der alte Tom, nachdem ich meine Erzählung vollendet hatte, »daß ich dir irgend ein Leid zugefügt hatte, Jacob, und es thut mir wehe, wenn Herr Drummond dieß von mir glauben sollte. Ich liebe ein Gläschen, das ist wahr; aber ich berufe mich auf dich, ob ich dir je eins aufgezwungen – und ob ich nicht diesen Burschen so viel als möglich im Zaume halte; aber, obgleich ich predige, so thue ich es doch selbst nicht, das ist das Schlimmste an der Sache, und ich weiß, ich habe es zu verantworten, daß Tom ein so großer Freund des Grogs geworden ist. Aber wiewohl ich nie etwas davon sage, so denke ich doch oft bei mir selber, sollte Tom einmal gepreßt werden und wegen Trunkenheit in Strafe verfallen, so wird er an seinen alten Vater denken und ihm in seinem Herzen fluchen, wenn seine Augen die Katze schwingen sehen, und sie niederfällt.« »Ich will der Katze fluchen, Vater, oder dem Bootsmaten, oder dem Offizier, der mich angab, oder dem Kapitän; der mich geißeln läßt, oder meiner eigenen Thorheit, aber ich will mich hängen lassen, wenn ich Euch fluche, der Ihr Euch immer so gütig gegen mich bewiesen habt,« versetzte Tom und ergriff seines Vaters Hand. »Nun, wir wollen das Beste hoffen, mein lieber Junge,« erwiederte der alte Tom, »aber, Jacob, mit dir hat man kein redliches Spiel gespielt, das ist gewiß. Es ist wahr, daß der Herr dich als eine Waise aufgenommen und dir zu 'ner Erziehung verholfen hat; aber das ist kein Grund, dir deinen freien Willen zu nehmen und, nachdem er dich als Lehrling auf dem Strome eingeschrieben hat, dich auf einen hohen Stuhl zu schnallen und deine Nase auf das Pult zu stoßen. Wenn er nur deßwegen so gütig gegen dich gewesen ist, um dich zum Sklaven zu machen, so war das nach meiner Meinung keine Güte; und was die Bestrafung betrifft, ohne zu hören, was ein Mensch zu seiner Verteidigung vorzubringen hat, – so gibt's nicht einmal in des Königs Dienst einen Tartaren, der einem Manne nicht zu sprechen erlauben würde, ehe es heißt: ›die Jacke ausgezogen‹! Ich erinnere mich eines Vorfalls auf der Flotte, aber ich bin jetzt nicht in der Laune, 'nen Faden zu spinnen. Nun siehst du, Jacob, Herr Drummond hat viel für dich gethan, aber jetzt ist's auch, als hätte er Vieles nicht gethan. Ich will mir nicht anmaßen, die Rechnung auszugleichen, aber es scheint mir, daß du ihm nicht allzusehr verpflichtet bist. Denn was braucht man mir zu danken, wenn ich ein Fahrzeug in's Schlepptau nehme und es auf dem halben Wege abbinde, wo es meines Beistandes am nöthigsten bedarf? Doch was mich am meisten schmerzt, ist das, daß du nicht länger bei uns auf dem Lichter bleiben sollst. Wärest du bei uns geblieben, so hättest du keinen Mangel leiden sollen, so lange Bezahlung und Kost fortdauern. Aber nun wollen wir uns die Sache aus dem Sinne schlagen – Tom, hole die Flasche – hängt den Kummer, er hat die Katze umgebracht.« Aber auch der Grog vermochte es nicht, die Laune des alten Toms wieder herzustellen. Der Abend ging unter drückenden Empfindungen vorüber, und wir legten uns bei Zeiten zu Bette, da wir den andern Morgen, in aller Frühe, zum Schooner hinunterfahren wollten. Die ganze Nacht über schloß ich kein Auge. Ich wälzte alle Erinnerungen in meinem Geiste hin und her, und das Gefühl der Entrüstung füllte meine Seele. Mein ganzes Leben ging an meinem innern Auge vorüber. Ich kehrte zu den Tagen der Vergangenheit zurück – zu der Zeit, die beinahe aus meinem Gedächtnisse verschwunden war, zu der Barke, auf der ich mit meinem Vater den Strom auf- und niederfuhr. Der ganze Auftritt des Todes meiner Eltern trat wieder vor meine Seele. Ich sah meinen Vater verschwinden und die schwarze Rauchsäule zum Himmel emporsteigen. Der Domine, die Hausmutter, Marables und Flemming, die Scene in der Kajüte, – Alles zog in reißender Folge an mir vorüber. Ich fühlte, daß ich meine Pflicht gethan hatte, und ungerecht behandelt worden war; lang unterdrückte Leidenschaften tummelten sich in meinem Gehirn, bis mir der Kopf schmerzte. Leser! Ich habe gesagt, daß ich ein Wilder war, als ich von Herrn Drummond aufgenommen wurde; aber ich war ein gelehriger Wilder, den man mit Güte, aber nur mit Güte zu leiten vermochte. Du erstaunst vielleicht über die schnelle Veränderung, welche so wenige Jahre in mir hervorgebracht hatten; ich verdankte sie der Güte. Das Benehmen Herrn Drummond's, seiner liebenswürdigen Gattin und Tochter, war die Güte selbst gewesen; der Domine und die würdige Hausmutter hatten mir ebenfalls das reinste Wohlwollen erzeigt. Marables hatte sich freundlich bewiesen, und obgleich mir bisweilen Unrecht widerfuhr, wie vom Unterlehrer in der Schule und von Flemming an Bord des Lichters, so waren dies doch bloß unbedeutende Unterbrechungen der fortwährenden Güte, mit der ich von Jedermann behandelt wurde. So war also meine Natur durch eine Art von systematischem Wohlwollen, dem eine sorgfältige Erziehung zu Hülfe kam, in kurzer Zeit umgebildet; und wäre dasselbe fortgesetzt worden, so würde mein neuer Charakter in wenigen Jahren eine unerschütterliche Festigkeit gewonnen haben. Aber der Schlag war geführt, Ungerechtigkeit hatte die verborgenen Gefühle meiner Natur in Aufruhr gebracht, und als ich am folgenden Morgen aufstand, war ich ein anderer Mensch. Ich will damit nicht sagen, daß das ganze Gebäude, welches Erziehung und Unterricht aufgeführt hatte, plötzlich zusammengestürzt sei, aber wenn es auch nicht zusammenstürzte, so war es doch in seinen Grundfesten so sehr erschüttert, vom Gimpfel bis zum Fuße so sehr durchrissen, daß es bei dem leichtesten Anstoß in einer falschen Richtung eingefallen wäre und nichts zurückgelassen hätte, als ein buntes Gewirre zertrümmerter Lebensansichten. Wenn es noch irgend etwas zusammenhalten konnte, so war es das zarte Wohlwollen der kleinen Sarah, zu der meine wirren Gedanken immer wieder und wieder kehrten, als dem einzigen Stern, der noch an meinem umwölkten Gesichtskreise leuchtete. Wie gefährlich, wie thöricht, wie anmaßend ist die Voraussetzung Erwachsener, als könnten sie die Gedanken und Empfindungen der zarten Jugend durchschauen! Wie oft hat diese Anmaßung ein junges Gemüth zu Grunde gerichtet, das bei gebührender Würdigung und treuer Pflege schöne Blüthen getrieben und zarte Früchte getragen hätte! Die Röthe der gekränkten Tugend ist so tief, als die Röthe der Schuld – und die Blässe des zusammen gedrängten Muthes so auffallend, als die Blässe der Furcht; die Festigkeit des Bewußtseins der Unschuld wird nur zu oft als Trotz des verhärteten Lasters ausgelegt – und die Thränen, die das Gefühl des erlittenen Unrechts auspreßt, das Verstummen der Zunge, welche durch die Beklommenheit des verwundeten Herzens der Sprache beraubt wird, das Zittern des kleinen Körpers, den die heftige Aufregung erschüttert, all dies wird gar oft vom Vorurtheile und Starrsinn der Anwesenden gerade den entgegengesetzten Leidenschaften zugeschrieben. Die Jugend sollte nie hart beurtheilt und, sogar wenn sie auf Irrwegen wandelt und das Urtheil verdient, stets mit Liebe zurückgerufen werden, – und wer anders bandelt und sie den Stürmen der Welt überläßt, ist verantwortlich für den Verstoßenen. Drittes Kapitel. Der Riß erweitert sich. – Ich werde Jäger, Wilddieb und Desperado. Einige treffliche Gedanken über meine Gesetzgebung in Bezug auf gemeine Rechte. – Der Gemeinhüter ungemein wild. – Ich warne ihn, mir nicht zu nahe zu treten. – Er weissagt, daß wir Beide an den Galgen kommen. – Einige sind Propheten in ihrem eigenen Lande. – Der Mann hat am Ende Recht. »Holla! im Lichter da – holla, Lichterjunge !« waren die Worte, die ich vernahm, als ich in tiefen Gedanken auf dem Verdeck auf- und abschritt. Tom und sein Vater waren in der Kajüte; also unterlag es keinem Zweifel, daß sie mir galten. Ich sah mich um, und erblickte das grinsende, stupide, höhnische Gesicht des jungen Commis Gubbins. »Warum antwortet Ihr nicht, wenn man Euch ruft, he da?« fuhr der Hohlkopf fort. »Man fragt nach Euch, kommt augenblicklich herauf.« »Wer fragt nach mir?« erwiederte ich, vor Zorn erröthend. »Was kümmert Euch das? Wollt Ihr meinem Befehle gehorchen, oder nicht?« »Nein, das will ich nicht,« entgegnete ich. »Ich stehe Gottlob nicht unter den Befehlen eines solchen Tölpels, und wenn Ihr mir zu nahe kommt, so will ich suchen, ob ich Euch nicht den Kopf einschlagen kann, und wenn er noch so dick ist, Euch und Eurem Herrn.« Der Tölpel entfernte sich, und ich setzte meinen Spaziergang fort. Wie ich nachher erfuhr, kam die Botschaft von Frau Drummond, welche mich zu sprechen verlangte, da ihr Sarah die wahren Umstände mitgetheilt hatte. Kaum hatte sie sich überzeugt, daß meine Angabe richtig war, so sprach sie mit ihrem Gatten, erinnerte ihn daran, wie musterhaft mein Betragen unter Herrn Tomkins gewesen, und sagte, diese plötzliche Umwandlung müsse denn doch auch ihre Gründe gehabt haben. Sarah war in's Comptoir gegangen und hatte sich die Rechnung verschafft, die der Hauptbuchhalter zerrissen hatte. Die Richtigkeit derselben bestätigte einen Theil meiner Behauptungen, und war ein Beweis, daß sie nur von der Bosheit zerrissen werden konnte. Herr Drummond sah ein, daß er zu schnell gehandelt hatte; selbst meine Weigerung, das Geld anzunehmen, erschien jetzt in einem andern Lichte. Er fühlte sich verlegen und gekränkt. Es gibt wenige Leute, die es zugestehen, daß sie sich geirrt haben. Er überließ es seiner Gattin, die Sache genauer zu untersuchen, und gab ihr die Erlaubniß, nach mir zu schicken. Wie die Botschaft ausgerichtet wurde, und was ihr Ergebniß war, habe ich erzählt. Frau Drummond erhielt die Antwort, ich werde nicht kommen, und mußte überdieß vernehmen, ich habe die Drohung ausgestoßen, dem Commis sowohl als Herrn Drummond den Kopf einzuschlagen; denn obgleich der Schurke wohl wußte, daß ich unter dem Worte »Herr« den ersten Gehülfen verstanden, so fand er es doch für angemessen, es auf Herrn Drummond zu beziehen. Die Wirkung dieser Antwort kann man sich denken. Sarah staunte, ihre Mutter war empört und Herr Drummond freute sich beinahe darüber, daß er sich nicht geirrt hätte. Der Riß wurde weiter als vorher, und aller Verkehr war abgeschnitten. Vieles in der Welt hängt von der richtigen Bestellung der Botschaften ab. In einer halben Stunde hatten wir uns aus dem Gedränge herausgearbeitet und waren zu dem amerikanischen Schooner hinabgefahren, um eine Ladung Mehl einzunehmen, welche der alte Tom am Battensea-Werfte zu löschen beauftragt war. So war ich doch wenigstens für den Augenblick von dem Schauplatze meines Mißgeschickes entfernt. Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich fühlte, aber doch freute es mich, daß ich weg war. Meine Gleichgültigkeit hatte einen Grad erreicht, den ich kaum zu ertragen vermochte. Eine schwere Bürde lastete auf meinem Gemüthe, die ich nicht abschütteln konnte – ein giftiger Wurm nagte an meinem Herzen – es war der Widerwille gegen die ganze Welt. Wie ganz anders waren die Gefühle, mit denen ich jetzt die wenigen Bücher betrachtete, die mir Herr Drummond und der Domine geschenkt hatten, um meine müßigen Stunden zu erheitern! Ich warf sie mit Verachtung auf die Seite und glaubte, ich würde sie nie wieder öffnen. Es war mir, als wären alle Bande abgeschnitten, die mich an's Ufer gefesselt hatten, als wäre ich wieder der Themse vermählt. Meine Vorstellungen, meine Wünsche erstreckten sich nicht weiter, und ich betrachtete den Strom und das geschäftige Treiben, das ihn belebte, wie ich ihn betrachtet hatte, ehe ich von ihm getrennt wurde – als wäre meine ganze Thätigkeit, meine ganze Zukunft von nun an zwischen seinen Ufern eingeschlossen. Im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden war eine Veränderung mit mir vorgegangen, die mich wieder an die Gränze der Barbarei versetzte. Meine Gefährten waren eben so trübsinnig, als ich; sie nahmen zu viel Antheil an mir, und besaßen zu viel Herzensgüte, um meine Lage nicht mitzuempfinden und selbst über die Ungerechtigkeit entrüstet zu sein, womit ich behandelt worden war. Die Beschäftigung zerstreute jedoch unsere schwermüthigen Gedanken auf einige Zeit. Wir hatten unsere Ladung an Bord und fuhren mit der Fluth wieder zurück. Etwas nach zwölf Uhr ankerten wir oberhalb der Putneybrücke, und der junge Tom, der mich aufzuheitern wünschte, machte mir den Vorschlag, uns am Lande zu ergehen. »Ja, thut das, meine Jungen, thut das, – es wird dir wohl thun, Jacob; 's taugt nichts, die ganze Ebbe über hier zu brüten. Ich will auf die Barke achten. Bindet das Boot gut an und nehmt die Handruder in's Wirthshaus mit. Ich will indessen das Essen flott machen, bis ihr zurückkommt, und dann wollen wir uns einen lustigen Abend bereiten, 's ist 'en armes Herz, das niemals fröhlich wird. Tom, nimm eine Flasche mit an's Land, laß sie auffüllen, und bring sie wieder. Hier ist Geld, aber ich sage dir, Tom: ›'s Wort in Ehren‹.« »'s Wort in Ehren, Vater,« wiederholte Tom: und ich muß ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen – sein Versprechen hielt er jedes Mal, besonders wenn er »'s Wort in Ehren« gegeben hatte. Hätte man ihm Gallonen Branntwein anvertraut, er würde nicht einen Tropfen angerührt haben, sobald er dieses Pfand hinterlegt hatte. »Jacob, hole schnell das Boot auf,« sagte Tom, als sein Vater in die Kajüte ging, um eine leere Flasche zu holen. Tom eilte vorn in den Raum hinab und brachte eine alte Flinte zum Vorschein, welche er unter den Dielen hervorgezogen hatte, ehe sein Vater wieder auf's Verdeck kam. Wir nahmen ihm die Flasche ab, und Tom lockte dem Hunde Tommy. »Nun, du wirst doch den Hund nicht mitnehmen. Wozu das? Ich brauche ihn hier, daß er mit mir Wache hält,« sagte der alte Tom. »A bah, Vater! warum soll sich der arme Teufel nicht auch ein wenig verlaufen? Ich weiß gewiß, 's fehlt ihm am Gras, ich habe ihn schon seit ein paar Tagen beobachtet, und wir sind ja vor Dunkel wieder da.« »Nun, wie du willst, Tom.« Tommy sprang in's Boot, und wir stießen ab. »Und nun, Tom, auf was bist du denn aus?« fragte ich, sobald wir zehn Ellen vom Lichter entfernt waren. »Wir wollen auf der Gemeindehaide von Wimbledon ein paar Vögel schießen, Jacob; der Vater kann nur keine Flinte in meiner Hand sehen. Habe einmal auf meine alte Mutter geschossen. Ich pfefferte ihr ordentlich auf, ihr alter flanellener Unterrock war voll Schrot; aber er war zu dick, 's konnte keiner durch. Bist du auch so etwas von einem Schützen?« »Ich schoß in meinem Leben noch nie eine Flinte ab.« »Nun denn, wir wollen abwechseln mit dem Schießen, und aufwerfen, wer den ersten Schuß hat.« Wir landeten, trugen die Handruder in's Wirthshaus und ließen die Flasche füllen. Dann stiegen wir die Putney-Halde hinan, während Tommy vor uns her sprang und vor Vergnügen mit dem Schweife geschäftig hin und her wedelte. Als wir beim Wirthshause zum grünen Mann an der Gränze der Gemeinheide von Wimbledon ankamen, bemerkte Tom lachend: »Ich möchte nur wissen, wo man grüne Männer finden kann! Vermuthlich wohnen sie in demselben Lande, wo die blauen Hunde zu Hause sind, von denen mein Vater bisweilen spricht. So, jetzt ist's Zeit zum Laden.« Ein Pfeiffenwassersack voll Pulver mit einer gleichen Dosis voll Schrot ward hineingeschüttet, und als wir dieses Geschäft abgemacht hatten, befanden wir uns bald zwischen dem Ginster. Ein Halbpenny wurde in die Höhe geworfen. Er entschied, daß ich den ersten Schuß haben, und das Schicksal wollte es, daß eine Bachstelze das Ziel sein sollte. Ich faßte sie scharf auf's Korn, – wenigstens nahm ich mir gehörig Zeit dazu, denn ich verfolgte sie wenigstens drei bis vier Minuten lang mit der Mündung meines Flintenlaufes, während sie auf und ab spazierte. Endlich drückte ich. Tommy ließ ein freudiges Gebell vernehmen, und der Vogel flog davon. »Ich muß ihn getroffen haben,« sagte ich; »ich sah, wie er mit dem Schwanze wackelte.« »Eher ein Beweis für's Fehlen, als für's Treffen,« erwiederte Tom. »Hättest du ihn getroffen, so würde er nicht mehr mit dem Schwanze gewackelt haben.« »Gleichviel,« sagte ich; »das nächste Mal mehr Glück.« Hierauf schoß Tom eine Amsel von einem Ginsterbusch herab, lud die Flinte auf's Neue und reichte sie mir. Ich war glücklicher, als das erste Mal: ein Sperling, der drei Ellen von mir entfernt war, fiel der Geschicklichkeit meines Armes zum Opfer; und in meinem Leben fühlte ich mich nie so entzückt, als bei diesem ersten erfolgreichen Mordversuche. Munter durchstreiften wir die Gemeinheide, indem wir bald in Sandgruben stürzten, die halb mit Wasser angefüllt waren, bald durch Sümpfe und Moräste zu Umwegen genöthigt wurden. Ein Schuß fiel um den andern; aber unsere Waidtasche wollte sich nicht füllen. Wenn wir aber auch schon nicht so zufrieden waren, wenn wir fehlten, als wenn wir trafen, so übte dies doch keinen Eindruck auf Tommy, der jeden Schuß mit einem Dutzend Sprüngen und einem Triumphgebell begleitete, das eine halbe Minute dauerte. Endlich wurden wir müde, und beschlossen, in einem Ginstergebüsch auszuruhen. Wir setzten uns, zogen unser Wild hervor und breiteten es vor uns aus. Es bestand aus zwei Sperlingen, einem Zeisig, einer Amsel und drei Kohlmeisen. Auf einmal raschelte es im Ginster, worauf ein lautes Anschlagen folgte. Es war der Hund, welcher Witterung bekommen hatte. Er drang in das Gebüsch ein und packte einen Hasen, welcher von irgend einem andern Waidmann in die Läufe geschossen war und sich bis hieher geschleppt hatte, um zu sterben. In einer Minute hatten wir ihn zum großen Verdrusse Tommy's in Besitz genommen. Der Hund schien der Ansicht zu sein, daß in einem solchen Punkte keine Theilung stattfinden könne. Er wollte seine Beute durchaus nicht lassen, bis er verschiedene mahnende Fußtritte bekommen hatte; aber als er gehörig weich geschlagen war, überließen wir uns ganz der Fülle des Entzückens. Wir legten das Thier zwischen uns in's Gras und bewunderten es eben von der Spitze seiner Löffel bis zum Ende seiner Blume, als wir plötzlich von einer Stimme begrüßt wurden, die ganz in unserer Nähe war. »Hoho! ihr verdammten jungen Wilddiebe, habe ich euch einmal erwischt?« Wir sahen empor und erblickten den Gemeinhüter. »Kommt nur mit mir; wir haben ein hübsches Quartier für euch zu Wandsworth. Schon lange bin ich auf euch aus. Gebt mir eure Flinte.« »Ich habe keine große Lust,« erwiederte ich. »Die Flinte gehört uns, und nicht Euch.« Mit diesen Worten nahm ich das Gewehr und zielte auf ihn. »Wollt ihr auch noch einen Mord begehen, ihr verruchten Jungen?« »Wollt Ihr einen Raub begehen?« erwiederte ich trotzig. »Wenn Ihr das im Sinne habt, so versichere ich Euch, daß es mir auf einen Mord nicht ankömmt. Soll ich schießen, Tom?« »Nein, Jacob, nein; du darfst nicht auf den Mann schießen.« erwiederte Tom, welcher bemerkte, daß ich ganz in der Laune war, meinen Worten Kraft zu geben. »Du kannst gar nicht,« fuhr er mir in's Ohr flüsternd fort, »'s ist nicht geladen.« »Wollt Ihr mir die Flinte nicht geben?« wiederholte der Mann. »Nein, ich will sie Euch nicht geben,« erwiederte ich und spannte den Hahn; »also packt Euch.« »Oh! ihr schändlichen Jungen, – ihr werdet bald an den Galgen kommen, verlaßt euch daraus. Wollt ihr auch nicht mit mir gehen?« »Ich meine fast, nein,« versetzte ich. »Ihr weigert euch also? Bedenket, daß ich euch auf der That ertappt habe – als Wilddiebe, mit einem todten Hasen.« »Nun, mit Weinen gewinnt man nichts,« erwiederte ich, »geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« »Wisset ihr nicht, daß alles Wild, und aller Torf, und aller Morast, und aller Sand, und aller Ginster auf dieser Gemeinheide dem Sehr Ehrenwerthen Carl Spencer gehört?« »Und vermuthlich auch alle Amseln, und alle Zeisige, und alle Sperlinge und alle Kohlmeisen?« versetzte ich. »Das ist ganz gewiß – und ich bin Gemeinhüter. Gebt mir also diesen Hasen augenblicklich heraus.« »Wir haben diesen Hasen nicht geschossen,« sagte Tom, »der Hund hat ihn gefangen, und er ist sein Eigenthum. Wir mischen uns nicht in diese Angelegenheit. Wenn ihn Euch Tommy überläßt, wohl und gut. Hier, Tommy, dieser Mann da sagt,« (auf den Hüter deutend) »daß dieser Hase« (auf den Hasen deutend) »nicht dir gehöre; willst du ihn nun bewachen , oder dem Mann überlassen?« Auf das Wort »bewachen« legte sich Tommy mit seinen Vorderfüßen über den Hasen, wies dem Manne zwei furchtbare Reihen elfenbeinerner Zähne, heftete einen drohenden Blick auf ihn und murrte. »Ihr seht, was er sagt; nun thut, was Euch beliebt,« fuhr Tom gegen den Mann gewendet fort. »Ja – sehr wohl, – ihr werdet noch an den Galgen kommen, das sehe ich; aber ich will nun gehen und ein halb Dutzend Leute holen, um mir beizustehen; dann werden wir euch bald im Gefängnisse haben.« »So sputet Euch,« versetzte ich, in die Höhe springend, und das Gewehr auf ihn anlegend. Auch Tommy sprang auf und wollte auf den Mann losstürzen, aber Tom faßte ihn beim Genick und hielt ihn. Der Gemeinhüter gab Fersengeld; sobald er aber aus der Schußweite war, wandte er sich um, ballte seine Faust gegen uns und eilte hinweg, um die gewünschte Verstärkung zu holen. »Ich wollte, das Gewehr wäre geladen gewesen,« sagte ich. »Was kommt dich an, Jacob? Würdest du auf ihn geschossen haben? Der Mann erfüllt nur seine Pflicht – wir haben hier nichts verloren.« »Ich bin anderer Meinung,« versetzte ich. »Ein Hase auf einer Gemeinhaide gehört so gut mir als Lord Spencer. Eine Gemeinheide gehört Jedermann.« »Das ist auch meine Ansicht; aber wenn er uns erwischt, so werden wir nichtsdestoweniger eingesperrt, und darum schlage ich vor, wir machen uns so schnell als möglich aus dem Staube, und zwar in der entgegengesetzten Richtung.« Wir brachen auf, und da der Hüter in die Richtung von Wandsworth gegangen war, so schlugen wir die entgegenstehende ein; aber das Schicksal wollte, daß wir nach einem Laufe von einer Viertelstunde plötzlich den Mann mit drei oder vier Begleitern zurückkommen sahen. »Wir müssen rennen,« sagte Tom, »und uns irgendwo verstecken.« Nachdem wir zehn Minuten lang aus Leibes Kräften gelaufen waren, stiegen wir in eine sumpfige Vertiefung, sahen uns sorgfältig um, ob sie uns nicht bemerken könnten, und als wir fanden, daß wir ihnen aus dem Gesichte waren, legten wir uns in ein dichtes Ginstergebüsche, das uns völlig verbarg. Tommy folgte unserem Beispiele. »Hier werden sie uns nicht finden,« sagte Tom, »wenn nur der Hund ruhig bleibt. Leg' dich Tommy. Wache und leg' dich.« Der Hund schien zu verstehen, was man verlangte; er legte sich zwischen uns und hielt sich vollkommen ruhig. Wir lagen ungefähr eine halbe Stunde hier, als wir Stimmen hörten. Ich bat Tom, mir das Pulver zu geben, um die Flinte zu laden; aber er schlug es ab. Die Stimmen kamen näher. Tommy ließ ein dumpfes Knurren vernehmen. Tom hielt ihm das Maul mit den Händen zu. Endlich waren sie bei dem Gebüsch, und wir hörten den Gemeinhüter sagen: »Sie sind nicht über die Heide, das ist ausgemacht – sie können nicht weit sein, die kleinen Strauchdiebe; sicherlich sind sie in dieser Vertiefung. Kommt herab.« »Aber ich will verdammt sein, wenn ich nicht bis an die Kniee im Schlamm stecke,« rief einer von den Männern; »ich gehe keinen Schritt weiter hinein; »Gott straf' mich, wenn ich's thue.« »Gut, so laßt uns wenigstens den Rand des Morastes untersuchen,« versetzte der Hüter. »Ich will Euch den Weg zeigen.« Die Stimmen entfernten sich; und es war ein Glück für uns denn wir hatten in der letzten Minute beständig mit dem Hunde zu kämpfen gehabt. Ich hielt seine Vorderpfoten, und Tom klemmte ihm das Maul zu. Bald war Alles ganz ruhig; aber noch immer wagten wir uns nicht aus dem Verstecke hervor. Wir blieben noch eine halbe Stunde liegen. Da wurde es allmälig finster, und als wir aufstanden, hatte sich der Himmel, der bis dahin ganz hell gewesen war, mit Wolken überdeckt. Tom streckte den Kopf in die Höhe, sah sich rings um, und da er Niemand mehr bemerkte, machte er den Vorschlag, so schnell als möglich umzukehren. Aber kaum hatten wir das Gebüsch hinter uns, als es so stark zu schneien begann, daß wir, zumal es ganz finster war, unsern Weg nicht mehr unterscheiden konnten. Mit jeder Minute wurde das Schneegestöber heftiger, und der Wind trieb uns die Flocken in's Gesicht, daß wir ganz geblendet wurden. Dennoch kämpften wir dagegen an und hofften alle Augenblicke die Straße zu erreichen, auf der wir es leichter gehabt hätten. Wir gingen schweigend weiter. Ich trug die Flinte, Tom hatte den Hasen auf den Schultern und Tommy lief hinter uns her. Länger als eine Stunde arbeiteten wir uns durch den Ginster, ohne eine Straße finden zu können. Die Nacht war pechschwarz; der Wind heulte, unsere Kleider waren mit Schnee beladen und wir fühlten uns bereits äußerst ermüdet. Endlich waren wir ganz erschöpft und machten Halt. »Tom,« sagte ich, »wir sind gewiß vom geraden Wege abgekommen. Wir hatten den Wind auf der Steuerbordseite, denn unsere Kleider wurden in dieser Richtung vom Schnee bestürmt, und jetzt haben wir ihn im Gesicht. Was Teufels sollen wir anfangen?« »Jedenfalls müssen wir fortgehen, bis wir auf irgend etwas stoßen,« versetzte Tom. »Und dies wird wohl nichts anders sein, als eine Sandgrube,« erwiederte ich; »aber gleichviel, 's nächste Mal mehr Glück! Ich wollte nur, ich hätte den Schurken von Gemeinhüter da. Wie wäre es, wenn wir umkehrten und den Wind wieder auf die Steuerbordseite nähmen, wie früher; wir müßten doch endlich auf etwas kommen.« Es geschah; aber mit jedem Augenblicke vermehrten sich die Schwierigkeiten. Wir sanken in den Sumpf oder fielen über das abgehauene Gestrüppe, und hätte ich Tom nicht gehalten, als er eben niederglitt, so wäre er in eine Sandgrube gestürzt. Bald sahen wir uns gezwungen, die Richtung zu verändern; wir verfolgten eine Viertelstunde lang einen andern Weg, bis wir vor Kälte und Mattigkeit völlig erschöpft, die Hoffnung aufgaben. »So geht's nicht, Tom,« sagte ich, als der Wind seine Wuth verdoppelte. »Ich glaube, es wäre besser, wir warteten in dem Ginster, bis das Unwetter vorüber ist.« Tom's Zähne klapperten vor Frost; aber bevor er etwas erwiedern konnte, klapperten sie vor Schrecken. Wir hörten ein lautes Gekreische über unsern Köpfen. »Was war das?« rief er. Ich gestehe, daß ich mich eben so sehr entsetzte, als Tom. Das Gekreische wiederholte sich. Es hatte einen ganz übernatürlichen Ton. Es war keine menschliche Stimme, sondern ein Mittellaut zwischen Kreischen und Klirren. Und abermals wiederholte es sich und erstarb im Winde. Ich raffte meinen Muth zusammen und blickte nach der Richtung, aus welcher der Schall kam; aber die Finsterniß war so dicht und der Schnee blendete mich so sehr, daß ich nichts sah. Wieder und wieder schlug der furchtbare Klang an unser Ohr, und wir blieben, von Schrecken gelähmt, regungslos stehen; sogar der Hund kauerte sich zitternd zu unsern Füßen nieder. Keiner sprach ein Wort – Keiner rührte sich. Die Flinte war mir aus der Hand gefallen und der Hase lag zu Tom's Füßen; wir hielten einander schweigend an der Hand, und so blieben wir mehr als eine Viertelstunde lang stehen, während mit jedem Augenblicke unsere Kräfte mehr und mehr unter den Wirkungen der Kälte, der Mattigkeit und des Entsetzens dahin schwanden. Hätte der Sturm noch länger angehalten, so wären wir aller Wahrscheinlichkeit nach umgekommen; aber er ging vorüber. Das Schneegestöber ließ nach, die Wolken rollten vorwärts, und tausend funkelnde Sterne leuchteten am klaren Himmel, uns aus unserer körperlichen und geistigen Ermattung erweckend. Der erste Gegenstand, auf den meine Blicke fielen, war ein Pfosten, der zwei Ellen von uns entfernt stand. Ich betrachtete ihn von unten nach oben, und sah zu meinem Entsetzen ein in Ketten aufgehängtes Gerippe über unseren Köpfen hin und her schwingen. Kaum hatte ich mich von dem ersten Schrecken erholt, mit dem mich dieser Anblick erfüllte, als ich Tom, der noch immer regungslos dastand, darauf aufmerksam machte. Er sah empor, prallte zurück und fiel über den Hund – sprang wieder in die Höhe und brach in ein Gelächter aus, das so laut war, als es seine erstarrten Kinnbacken gestatteten. »Das ist der alte Jonny Abershaw,« sagte er; »ich kenne ihn wohl und weiß jetzt auch, wo wir sind.« Und so verhielt sich's auch. Abershaw war vor ungefähr drei Jahren auf der Gemeinheide von Wimbledon in Ketten aufgehängt worden, und der übernatürliche Laut, den wir gehört hatten, wurde durch die Reibung des rostigen Eisens hervorgebracht, wenn das Gerippe im Winde hin und her trieb. »Jetzt ist Alles gut, Jacob,« sagte Tom, zum glänzenden Firmament emporsehend und den Hasen aus die Schultern nehmend; »in fünf Minuten sind wir auf der Straße.« Ich schulterte das Gewehr und wir brachen auf. »Bei Gott, der Schurke von Gemeinhüter hatte Recht,« fuhr Tom fort, als wir unsern Weg wieder angetreten hatten. »Er sagte, wir würden bald an den Galgen kommen, und siehe, er hat's getroffen. Nun, das war einmal ein hübsches Entkommen. Der Vater wird in köstlicher Laune sein.« »Das nächste Mal mehr Glück, Tom,« versetzte ich; »aber an alle dem ist Niemand anders, als jener Torf- und Sumpf-Schurke schuld. ch wollte, er wäre hier.« »Nun, was würdest du mit ihm anfangen?« »Ich würde den alten Abershaw herabnehmen und ihn dafür hinhängen, so wahr ich Jacob heiße.« Viertes Kapitel. Unser letztes Abenteuer endet ohne verhängnisvolle Folgen. – Ich mache mich freundlich an meinen Grog, aber der Grog mach«: sich sehr unfreundlich an mich. – Der alte Tom spinnt wieder seine Fäden. – Wie man den Fuß zu einer Missethat gebraucht, ohne eine Hand anzulegen. – Kandidaten für die neunschwänzige Katze. Bald kamen wir auf die Fahrstraße, und in einer halben Stunde hatten wir Putney-Brücke erreicht. Wir waren zwar erfroren, durchnäßt und abgemattet, aber doch nicht mehr so schlimm daran, als unter dem Galgen; denn das rasche Gehen hatte den Blutumlauf wieder hergestellt. Tom ging in's Wirthshaus, um die Rumflasche zu holen, während ich die Handruder zu mir nahm und in's Boot hinabtrug, das hoch auf dem trockenen Ufer lag und beinahe bis an den Rand mit Schnee angefüllt war. Bald erschien Tom mit zwei Flaschen unter den Armen. »Ich habe noch eine zweite genommen, Jacob, auf Borg,« sagte er; »denn ich bin der Meinung, daß wir sie bedürfen, und der Vater wird mir beistimmen, wenn er unsere Geschichte gehört hat.« Wir stießen ab und in ein paar Minuten lagen wir am Lichter, auf dessen Verdeck der alte Tom stand. »Oho, Boot! seid Ihr's Jungen?« rief er. »Ja, Vater, 's ist Alles in Ordnung,« versetzte Tom, als wir unsere Ruder einzogen. » Gott sei Dank!« erwiederte der alte Mann. Wie habt Ihr mich erschreckt, Bursche! Wo seid Ihr gewesen? Ich, glaubte, es sei Euch ein Unfall begegnet. Wie habe ich in diesen letzten zwei Stunden durch das Schneegestöber nach dem Boote hinausgeguckt, und naß bin ich, wie ein Pudel, und kalt, wie das Mitleid. Was hat's gegeben? Hast du die Flasche, Tom?« »Ja, Vater, zwei für eine; wir werden sie diesen Abend brauchen können, und sollten wir dafür eine Woche lang Durst leiden; aber wir müssen so schnell wie möglich trockene Takelung anlegen, dann sollt Ihr die Geschichte von unserem Kreuzzuge hören.« In wenigen Minuten hatten wir unsere nassen Kleider gegen trockene vertauscht; dann setzten wir uns behaglich an den Kajütentisch, verzehrten unser Nachtessen und erzählten dem Alten unser Abenteuer. Auch der arme Tommy hatte seinen Theil erhalten und lag nun schnarchend zu unsern Füßen, während die Flaschen und Trinknäpfchen auf den kleinen Tisch gestellt wurden. »Komm, Jacob, ein Tropfen Grog wird dir gut thun,« sagte der alte Tom und füllte eines der Trinknäpfchen. »Am Ende ist's doch besser, behaglich in dieser kleinen Kajüte zu sitzen, als unter dem Galgen des alten Abershaw vom Frost und Schrecken geschüttelt zu werden; und Tom, du Schurke, wenn du mir je wieder auf's Schießen ausgehst, so werde ich dich enterben.« »Was habt Ihr denn, Vater, das Ihr hinterlassen könntet, als Eure Beine?« versetzte Tom. »Und das wäre jedenfalls eine hölzerne Hinterlassenschaft.« »Woher weißt du, daß ich nicht noch ein Kohlengeschäft eröffne?« »Das kann der Fall sein, wenn ich mit Eurer Hinterlassenschaft einen Topf voll Kartoffeln siede, – aber 's bleibt dann immer nur Holzkohle.« »Nun, du magst Recht haben, Tom; indessen stöbert die Alte doch immer wieder ein paar Goldstücke auf, wenn ich in Verlegenheit bin, woher ich den Wind nehmen soll. Rechnete noch nie mit ihr. Wenn ich meinen Beinen folge, ehe sie stirbt, so hoffe ich, die alte Seele wird etwas zurückgelegt haben; denn ihr wißt, wenn ein Mensch in's Reich abgeht, so geht seine Pension mit ihm. Laßt mich aber nur noch fünf Jährchen halten, dann sollt ihr sie nicht Mangel leiden sehen – oder könntest du das, Tom?« »Nein, Vater, ich will mich dem Könige verkaufen und für einen Schilling täglich todt schießen lassen; die alte Mutter soll dann die Hälfte erhalten.« »Nun, Tom, es ist ganz natürlich von einem Menschen, seinem Vaterlande dienen zu wollen. Dir geht's also auch so, mein Junge, und mögest du nie was Schlechteres thun! Jacob, denkst du an Bord eines Kriegsschiffes zu gehen?« »Ich wünsche, vorerst meine Lehrzeit auszudienen, und dann mache ich mir nichts daraus, wie bald es geschieht.« »Gut, mein Junge, du wirst an Bord eines Königsschiffes mehr Gerechtigkeit finden, als bei denen am Ufer.« »Ich hoffe es,« erwiederte ich bitter. »Und ich hoffe, dich noch als Mann zu sehen, Jacob, ehe ich sterbe. Werden mich übrigens bald auf den Schragen legen, – meine Zehen schmerzen mich wieder ordentlich.« »Eure Zehen?« riefen Tom und ich zu gleicher Zeit. »Ja, Jungen, es mag euch seltsam vorkommen, aber zuweilen habe ich ganz das Gefühl, als hatte ich sie noch am Leibe, während sie doch schon lange im Bauche irgend eines Haifisches liegen. Bei Nacht habe ich den Krampf darin, daß ich nur laut aufschreien möchte, 's ist was Hartes, wenn einer seine Beine verloren hat und soll doch noch eine Empfindung darin haben. Die Doctor's sagen, das sei nervenhaft. Komm, Jacob, schieb' dein Becherchen her; du scheinst heute mehr Luft dazu zu haben als sonst.« »Ja,« erwiederte ich, »ich fange jetzt an, Gefallen am Grog zu finden.« Dieses jetzt darf jedoch nicht über den Zeitraum der letzten vierundzwanzig Stunden ausgedehnt werden. Mein gedrückter Geist wurde durch den Reiz aufgerichtet und ich befreite mich wenigstens für den Augenblick von dem Wirbel der Gedanken, welcher mein Gehirn marterte. »Möchte wissen,« sagte der alte Tom, »was der Herr, der Domine, wie du ihn nennst, gedacht haben mag, als er wieder am Lande war. Er schien gewaltig kleinlaut zu sein. Vermuthlich wirst du ihm auch einen Besuch machen, Jacob?« »Nein,« erwiederte ich, »ich werde weder ihm noch irgend Jemand anders unter die Augen gehen, wenn ich es vermeiden kann. Herr Drummond könnte denken, ich wollte die Sache wieder einfädeln. Ich bin mit dem Ufer fertig. Möchte nur wissen, was man mit mir vorhat, denn Ihr wißt, daß ich nicht länger bei Euch auf dem Lichter dienen soll.« »Wie wäre es, Jacob, wenn Tom und ich nach einem andern Fahrzeuge umschauten? Ich frage nichts nach Herrn Drummond. Er sagte einmal, ich sei ein trunkener alter Deckfeger, – meinen dienstlichen Gruß dafür, er lügt. Ein trunkener Bursche ist, wer um alle Welt den Branntwein nicht lassen kann, wenn er dazu kommt, und wer gleich weg ist, ehe er daran denkt. Das ist bei mir der Fall nicht. Ich bleibe nüchtern, so lang's was zu thun gibt; aber wenn ich weiß, daß Alles sicher unter der Lucke ist und nichts zu fürchten, dann trinke ich wie ein vernünftiges Wesen, mit offenen Augen – von wegen weil – weil's mir schmeckt.« »Der Meinung bin ich auch,« bemerkte Tom, seinen Becher leerend und ihn seinem Vater hinhaltend, um ihn auf's Neue füllen zu lassen. »Nimm dich vor dieser Meinung in Acht, Tom, wenn du in des Königs Dienst gehst, weiter sage ich dir nichts; oder man wird dir den Rücken verkratzen und das ist kein Spaß, wie ich meine. Und doch erinnere ich mich, daß sich einmal auf einem Schiffe, an dessen Bord ich stand, ein halb Dutzend Bursche darum stritten, wer gegeißelt werden sollte.« »Bitte, Vater, spinnt uns den Faden; aber ehe Ihr anfanget, füllet mein Becherchen. Ich habe es schon vor einer halben Stunde hingeschoben, nur um Euch 'nen Wink zu geben.« »Nun,« begann der alte Tom etwas Branntwein in Tom's Trinknäpfchen gießend, »die Sache verhielt sich so. Es war im Hafen von Bermuda, wo das Schiff vor Anker lag. Der Zahlmeister schickte ein Fäßchen Branntwein an's Land, das in das Haus einer Dame getragen werden sollte, mit welcher er sich gar zu gern versplißt hätte; und vermutlich dachte er, ein Glas Grog könnte seine Heirathsangelegenheiten fördern. Nun waren ungefähr zwanzig Mann, welche die Erlaubniß erhalten hatten, an's Land zu gehen, um ihre Glieder zu strecken, – sonst konnten sie nicht viel thun, die armen Bursche, denn der erste Lieutenant hatte ein scharfes Auge auf ihr Zeug, ob sie nichts von ihrer Takelung verkauften; und was das Geld betraf, so war es bereits fünf Jahre, daß wir keinen Heller Löhnung gesehen hatten, und ich glaube, bei der ganzen Mannschaft vor dem Maste waren keine drei Pfennige zu finden. Indessen Freiheit ist eben doch Freiheit, und wenn sie nicht an's Land gehen konnten, um zu jubeln, so war es doch immer besser, als gar nicht an's Land zu gehen – sie gingen also und blieben nüchtern, weil sie mußten. Ich denke, 's ist doch was Schlimmes, die Matrosen so lange ohne einen Heller Geld zu lassen Dies ist jetzt anders; auf entfernten Stationen erhalten die Matrosen seit einiger Zeit einen Theil ihrer Löhnung, und die Abschlagszahlung ist während Sir James Graham's Verwaltung bedeutend vergrößert worden. – denn Ihr sehet, ein Mann, welcher mit ein paar Schillingen in der Tasche ein ganz rechtlicher Mann sein würde, kommt oft in Versuchung, etwas mitlaufen zu lassen, um nur ein Glas Grog zu bekommen, und die Versuchung ist nicht gering, das könnt Ihr mir glauben, sonderlich in einem hitzigen Klima, wo die Sonne so sticht und der Boden so heiß ist, daß Ihr kaum den nackten Fuß darauf leiden könnt. Doch ich will weiter machen. Die Yolle ward beordert, um die Beurlaubten an's Land zu bringen, und der Zahlmeister übergibt mir, da ich Beischiffsführer war, sein Fäßchen, um es im Hause der Dame abzugeben. Es war wenigstens halb voll und ich darf behaupten, daß drei Gallonen darin waren. Das Ding war gut. Sobald wir landeten, schulterte ich des Fäßchen und ging damit den Berg hinauf. »›Was hast du da, Tom?‹ fragt Bill Kurz. »›Was ich gern mit dir theilen möchte, Bill,‹ sage ich: ›'s ist nur eins von 's alten Käsdruckers seinen Achteln; er schickt's seinem Liebchen, um sich mit ihr lustig zu machen.‹ »›Habe die Madam gesehen,‹ sagt Holmes zu mir – denn ihr müßt wissen, alle Beurlaubten gingen mit mir hinauf– ›und ich hätte mehr Lust zu dem Fäßchen, als zu ihr. Sie ist so fett, wie ein Ochse, eben so breit als lang, wie eine holländische Schuyte, und so gelb, wie ein Nabob.‹ »›Aber der alte Tummings ist eben doch kein Narr,‹ sagt ein schottischer Bursche, Namens M'Alpine; ›es heißt, sie habe ein paar Tonnen Goldstaub und mehr Enten und Zwiebel und Zoll Wasser in ihrem Becken, als irgend Einer auf der Insel.‹ »›Müßt wissen, Jungen, Bermuda ist ein absonderlicher Platz, und 's Wasser sehr rar; alles, was sie haben, ist ein Gottessegen, denn 's kommt vom Himmel; und sie lecken die Finger nach dem Regen, den sie in großen Cisternen sammeln, und ein oder zwei Zoll mehr Wasser in der Cisterne halten sie für einen großen Fang. Habe diese Damen oft nach einem Regenguß sagen hören: – »›Gut' Morgen, Marm. Wie befind' Sie sich an diesem schön' Morgn?‹ »›Recht ordentlich, dank' Ihnen, Marm. Herrlich' Guß g'habt heut' Nacht.‹ »›Ja, 's sagt's Jedermann; aber ich nicht ganz glücklich. Wolke kam nicht über mein Becken. Wie viel Zoll Wasser Hab' Sie heut' Nacht, Marm?‹ »›Gut sieb' Zoll und glaub' noch was mehr, macht mich ganz glücklich.‹ »›Ich nicht so glücklich, Marm; Gott helf' mir, mich nur hab' vier Zoll in mein' Wasserbehälter; und das will nichts heiß'.‹ »Gut, ich habe da etwas lavirt, will meinen Strich jetzt halten. Wie ich an's Haus kam, klopfte ich an die Thüre; ein kleines schwarzes Mädchen öffnete die Jalousieläden und legt ihre Finger an ihre dicken Lippen. »›Kein Lärm g'macht; Missy schlafen.‹ »›Wo soll ich das hinthun?‹ »›Thun's Hieher; will's dann gelegentlich holen.‹ »Und damit machte sie die Jalousieläden wieder zu, aus Angst, ihre Frau möchte aufwachen und ihr eins an die Löffel stecken, das arme Ding. Lege also das Fäßchen an die Hausthüre und gehe wieder zurück zu meinem Boote. Nun müßt ihr wissen, die Beurlaubten waren alle dabei, als ich mit dem Mädchen sprach, und wie sie sehen, daß der Branntwein da bleibt, ohne daß man 'ne Wache davor stellt, finden sie doch die Versuchung zu stark. Sie sahen sich Alle rings um und dann guckten sie einander an, und wollten's einander von den Augen ablesen; aber sie sagten nichts. »›Ich will keine Hand anlegen‹, sagte endlich Einer, und geht weg. »›Ich auch nicht‹, sagte ein Anderer, und geht auch weg. »Zuletzt gehen sie alle weg, bis auf sechs, und dann geht Bill Kurz an's Fäßchen hin und sagt: »›Ich will keine Hand anlegen,‹ aber er gab dem Fäßchen einen Stoß mit dem Fuße, und es rollte zwei bis drei Ellen von der Thüre weg. »›Ich auch nicht,‹ sagt Holmes, und gibt ihm 'nen andern Tritt, daß es auf die Straße rollt. Und so gingen sie alle hin, und legte keiner 'ne Hand an; aber sie gaben dem Fäßchen Fußtritte, bis es an den Strand hinabgerollt war. Aber jetzt standen sie da, wie die Ochsen am Berg; keiner wollte es anzapfen. Endlich kommt ein schwarzer Zimmermann vorbei, und sie versprachen ihm ein Glas, wenn er es mit einem Bohrer anzapfen wollte, denn sie hatten ausgemacht, es so einzurichten, daß Jeder darauf schwören könnte, er habe keine Hand angelegt . Das Ding war gut. Wie das Fäßchen angebohrt war, entlehnte einer von ihnen ein Paar Becherchen von einer Schwarzen, welche Bier verkaufte, und dann ließen sie's umgehen. Sobald der Becher voll war, hielt der schwarze Zimmermann einen andern unter, und sie tranken, so schnell sie konnten. Ehe sie halb fertig waren, kamen auch die Andern die Höhe herunter – ich glaube, sie haben den guten Stoff oben geschmeckt, wie ein Haifisch auch Alles wittert, was im Wasser ist – und bald waren sie mit dem Ganzen fertig. Und wie Alles fertig war, waren sie Alle betrunken, und kreuzten nach dieser und jener Seite, daß man sie nicht zu nahe neben dem leeren Fäßchen finden sollte. Gut. Etwas vor Sonnenuntergang ward ich an's Land gesendet mit dem Boot, um die Beurlaubten zu holen. Der Zahlmeister ergreift diese Gelegenheit, geht auch an's Land, um seine Madam zu besuchen, und das Erste, worüber er stolpert, ist sein eigenes leeres Fäßchen. »›Was ist das?‹ sagte er, ›hast du das Fäßchen nicht hingetragen, wohin ich dir befohlen habe?‹ »›Ja Sir,‹ antwortete ich, ›das hab' ich gethan, und hab' es dem kleinen schwarzen Ding aufgebunden; aber Madam schlief, und das Mädel ließ mich's nicht in's Haus hineinstellen.‹ »Auf das begann er zu stürmen, und schwur, er wolle die Uebelthäter, wie er die Beurlaubten nannte, welche sein Fäßchen geleert hätten, schon herausbringen. Und dann ging er nach dem Hause der Madam. Und wie er weg war, machten wir uns über das Fäßchen und machten 'nen Bullen .« »Wie fingt ihr das an?« fragte ich. »Nun, Jacob, 'en Bullen will heißen; man schüttet ein oder zwei Maaß Wasser in ein Faß, in welchem Branntwein gewesen ist; und das gibt mit dem Bischen, was noch drin blieb und sich in's Holz legte, wenn man's recht rollt und schüttelt, noch einen ordentlichen Grog. Auf jeden Fall ist es besser, als nichts. Gut, ich will weiter machen – aber wie wär's, wenn ich wieder auffüllte, und einen frischen Ansatz nähme, denn 's ist 'en ziemlich langer Faden, und ich muß ihn annetzen, sonst könnt' er brechend« Unsere Trinknäpfchen, welche sämmtlich leer waren, wurden wieder gefüllt, und der alte Tom fuhr fort. »'s dauerte lange, bis wir die Beurlaubten zusammen brachten; sie schwankten in allen Ecken der Stadt umher, und 's war schon ganz dunkel, als ich an Bord kam. Der erste Lieutenant war auf dem Verdeck, und hatte nicht nöthig, mich zu fragen, warum ich so lange ausbleibe, denn er sah, wie sie alle auf den Spiegelbänken lagen. »›Wo Teufels mögen die Kerl' den Branntwein her haben?‹ sagte er und befahl dem Profos, sie unter das Halbverdeck zu sperren, bis sie nüchtern wären. Am nächsten Morgen kommt der Zahlmeister und bringt seine Klage vor's Hinterdeck, daß ihm Jemand seinen Branntwein gestohlen. Der erste Lieutenant meldet's dem Kapitän, und der Kapitän läßt Alle rufen, welche betrunken an Bord gekommen waren. »›Wer von Euch hat den Branntwein genommen?‹ sagte er. »Sie schworen alle, sie haben keine Hand angelegt. »›Woher wurdet Ihr denn betrunken? Kurz, antworte? du warst betrunken wie ein Vieh – wer gab dir den Branntwein?‹ »›Ein Schwarzer, Sir,‹ antwortete Kurz; und das war richtig, denn der schwarze Zimmermann füllte die Becher und gab sie ihnen. »Das Ding war gut, sie schwuren alle das Gleiche; und der Kapitän wurde wüthend, und ließ sie alle auf den Rapport setzen. Am andern Tag wurden sie zur Bestrafung zusammenberufen, und der Kapitän sagte: »›Bursche, wenn Ihr nicht gestehen wollt, wer des Zahlmeisters Grog gestohlen hat', so laß ich Euch alle der Reihe nach peitschen. Ich möchte aber nur diejenigen strafen, welche den Diebstahl begangen haben, denn es wäre zu viel erwartet von einem Matrosen, er solle ein Glas Grog ausschlagen, wenn es ihm angeboten wird.‹ »Nun hatte sich Kurz mit den Andern verständigt, und es waren Alle übereingekommen, wie sie's anfangen wollten. Sie wußten, daß der Kapitän kein Freund vom Peitschen war, und eine grundgute Seele. So tritt denn Bill Kurz vor und sticht vor dem Hauptmann an seinen Vorlieger und sagt: »›Wenn's erlaubt ist, Sir, wenn alle gepeitscht werden sollen, und daß keiner den Angeber machen will, so glaube ich, ist's besser, ich sage gleich, wie's ist. Ich habe den Branntwein genommen.‹ »Ganz gut, Bursch; das Hemd 'runter‹, sagte der Kapitän. Bill Kurz zieht sein Hemd 'runter, und wird gebunden. »›Hochbootsmate,‹ sagt der Kapitän, ›ein Dutzend aufgemessen.‹ »›Bitt' Euer Gestrengen um Verzeihung,‹ sagt Jack Holmes, aus der Reihe der Matrosen tretend, ›aber ich kann's nicht sehen, daß ein Unschuldiger gepeitscht werden soll, und wenn's gepeitscht sein muß, so soll's auch den Rechten treffen. Nicht Bill Kurz hat den Branntwein genommen, ich hab' ihn genommen.‹ »›Was soll das heißen?‹ sagt der Kapitän. ›Kurz, hast du nicht eingestanden, du habest den Branntwein genommen?‹ »›Nun, ja, das hab' ich, von wegen weil ich nicht alle gepeitscht sehen konnte – aber Wahrheit bleibt Wahrheit, ich habe keine Hand angelegt.‹ »›Laßt ihn los – Holmes, das Hemd 'runter.‹ »Holmes zog das Hemd 'runter und wurde gebunden. »›Ein Dutzend aufgemessen!‹ sagte der Kapitän. »Da tritt M'Alpin vor und betheuert, er sei's gewesen, und nicht Holmes; und bittet, statt seiner gepeitscht zu werden. Auf das hin beißt sich der Kapitän in die Lippen, um's Lachen zu halten, und dann wußten sie, daß Alles in Richtigkeit war. Dann tritt ein Anderer r'aus und sagte, er sei's gewesen, und nicht M'Alpine; und ihm widersprach wieder ein Anderer, und so ging's fort. Endlich sagt der Kapitän: »›Man sollte denken, das Peitschen wäre ein kurzweilig Ding, so seid Ihr alle darauf versessen; aber Euch zu Gefallen will ich jetzt nicht peitschen. Ich werde es schon herausbringen, wer der Schuldige ist, und ihn dann strenge bestrafen. Mittlerweilen lassen Sie alle auf dem Rapport stehen. Herr P –,‹ das sagt er zum ersten Lieutenant. ›Ihr geht nicht frei aus, verlaßt Euch darauf, ob ich gleich keinen Unschuldigen peitschen lassen mag.‹ »Es wurde gepfiffen, worauf sie wieder hinab gingen, und der erste Lieutenant, der es wohl wußte, daß der Kapitän die Sache nie mehr anbringen würde; fragte nicht weiter nach, weßhalb die Sache verrauchte. Ein paar Monate später erzählte ich den Offizieren eines Tags, wie's zugegangen war, und sie mußten herzlich darüber lachen.« Wir setzten unser Gelage bis in die späte Nacht fort, während uns der alte Tom beständig mit seinen langen Fäden unterhielt, und zum ersten Male in meinem Leben ging ich betrunken zu Bette. Die beiden Tome trugen mich auf mein Lager, und der Alte bemerkte: »Der arme Jacob, 's wird ihm gut thun; das Herz war ihm gar zu schwer, und nun vergißt er's doch auf einige Zeit.« »Schon recht, Vater, aber ich kann den Jacob nicht betrunken sehen,« versetzte der junge Tom. »Steht ihm nicht an – 's ist seiner nicht würdig; bei Euch und bei mir hat es nichts zu sagen; aber ich fühle, daß Jacob nicht zu 'nem Zechbruder geboren ist. Ich sah noch nie einen Burschen, der sich in kurzer Zeit so sehr veränderte, und ich fürchte, es wird Böses daraus entstehen, wenn er uns verläßt.« Wie man sich denken kann, erwachte ich nach meiner ersten Ausschweifung mit einem heftigen Kopfschmerz, aber ich hatte auch ein Fieber, das ich mir durch meine vorhergegangene Seelenpein zugezogen. Ich stand auf, kleidete mich an und ging auf das Verdeck, wo der Schnee beinahe einen Fuß tief lag. Es war stark gefroren, und der Strom mit kleinen Stücken schwimmenden Eises bedeckt. Ich rieb meine brennende Stirne mit Schnee und fühlte Erleichterung. Eine Zeitlang half ich dem jungen Tom den Schnee über Bord schaufeln, aber das Fieber nahm überhand, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, vermochte ich die Anstrengung nicht länger auszuhalten. Ich setzte mich auf die Wassertonne und drückte die Hände an meine klopfenden Schläfe. »Dir ist nicht wohl, Jacob?« fragte Tom, und trat, mit der Schaufel in der Hand und die Nöthe der Gesundheit auf seinen Wangen auf mich zu. »Du hast Recht, Tom,« antwortete ich; »fühle nur, wie ich Hitze habe.« Tom ging zu seinem Vater, der in der Cajüte war und seine Stümpfe mit Extraflanell einwickelte, um sie vor der Kälte zu schützen, welche ihm sehr wehe that. Sie kamen mit einander herauf und führten mich in die Kajüte. Ich konnte kaum gehen; meine Kniee zitterten und mein Augenlicht war verdunkelt. Der alte Tom ergriff meine Hand, als ich auf den Sitzkoffer hinsank. »Glaubt Ihr, es rühre daher, daß er sich gestern Abend übernahm?« fragte Tom seinen Vater. »Hier ist mehr, als 'ne Gallone Branntwein hervorbringen könnte?« erwiederte der alte Tom. »Nein, nein, ich sehe Alles. Geh' wieder zu Bett, Jacob?« Sie brachten mich zu Bett, und bald lag ich in einem Zustande von Betäubung, in welchem ich noch mehrere Tage nach der Ankunft des Lichters an dem Brentfordwerfte verblieb. Fünftes Kapitel. Auf dem Krankenlager – Fieber, Standhaftigkeit und Thorheit. – Angenommener Lehrling eines Themseschiffes. – Ich nehme meine erste Stunde in der Liebe und gebe meine erste Stunde im Latein. – Die Vorlesung in der Liebe macht einen Eindruck auf meine Gehörwerkzeuge. – Wahrlich, Niemand ist so taub, wie der, welcher nicht hören will. Als ich wieder zum Bewußtsein kam, sah ich mich im Bette, und Kapitän Turnbull an meiner Seite. Sobald der Lichter am Werfte angekommen, war ich nach seinem Hause gebracht worden. Kapitän Turnbull war gerade bei dem ehemaligen ersten Gehülfen und jetzigen Werftmeister, Herrn Tomkins, als der alte Tom an's Land kam und die Nachricht von meinem körperlichen Zustande brachte. Weil Herr Tomkins kein Bett erübrigen konnte, ließ mich Turnbull sogleich nach seiner Wohnung bringen und schickte nach dem Arzte. Während ich hier auf dem Krankenbette lag, theilte der alte Tom dem Kapitän, dem Domine und Herrn Tomkins alles Vorgefallene mit, und sagte, in welch' einem falschen Lichte ich Herrn Drummond dargestellt worden sei. Den Vorfall auf der Gemeinheide von Wimbledon, so wie meine darauf folgende Unmäßigkeit verschwieg er und schrieb das Fieber lediglich der harten Behandlung zu, die mir widerfahren war. Und ich glaube, er war in dieser Beziehung nicht weit von der Wahrheit entfernt, wiewohl die beiden unerwähnt gelassenen Umstände meine Krankheit wenigstens beschleunigt und gesteigert haben mochten. Alle waren auf meiner Seite; auch ging Herr Turnbull nach London, um Herrn Drummond von meinem Zustand in Kenntniß zu setzen und ihm seine Ungerechtigkeit vorzustellen. Es hatten sich mittlerweile neue Umstände ereignet, welche Herrn Drummond dazu vermochten, meiner Rechtfertigung ein geneigtes Ohr zu leihen; aber immer blieb noch die Antwort im Wege, welche seiner Gattin in meinem Namen ausgerichtet worden war. Dieses Hinderniß wurde jedoch durch die widersprechenden Angaben, womit der junge Gehülfe die ihm von Kapitän Turnbull und Herrn Drummond vorgelegten Fragen beantwortete, zum Theil entkräftet, und durch das Zeugniß der beiden Tome, welche in der Kajüte das ganze Gespräch mit angehört hatten, vollends gehoben; Kapitän Turnbull wurde daher von Herrn Drummond ersucht, mir, sobald ich wieder hergestellt sein würde, zu sagen, daß Alles vergessen und vergeben sei. Bei ihm konnte es der Fall sein, bei mir aber nicht, denn als sich der Kapitän Turnbull seines Auftrages entledigte, um mir eine Freude zu machen, schüttelte ich den Kopf auf meinem Kissen. Der Leser wird bemerkt haben, daß das Gefühl, welches durch das erlittene Unrecht in mir geweckt wurde, Rachsucht war – ein Gefühl, das meinem Herzen tief eingepflanzt sein mußte, und ob es gleich bis dahin noch nicht in Thätigkeit getreten, doch als es einmal geweckt worden war, nicht mehr unterdrückt werden konnte. Daß es sich auf Stolz gründete, war offenbar, und dieser nahm auch in gleichem Verhältnisse mit ihm zu. Ich wies deßhalb das Ansinnen Kapitän Turnbulls entschieden ab. »Nein, Sir,« gab ich ihm zur Antwort, »ich kann nicht zu Herrn Drummond zurückkehren; ich gebe gerne zu, daß er wohlwollend gegen mich war, und daß ich seiner Güte viel verdanke, und nun er eingesehen hat, daß er mich der Undankbarkeit mit Unrecht beschuldigte, vergebe ich ihm von Herzen; aber eine weitere Gunst kann ich und will ich nicht von ihm annehmen. Ich kann mich nicht zum zweiten Male der Möglichkeit aussetzen, eine Kränkung zu erfahren, wie ich sie erduldet habe. Ich fühle, daß mir die Erfüllung meiner Pflicht die Freude nicht mehr gewähren würde, die sie mir einst gewährte, und ich könnte nicht mehr unter Einem Dache mit denjenigen leben, welche gegenwärtig in seinen Diensten stehen. Theilen Sie ihm das mit und sagen Sie namentlich der kleinen Sarah, daß mein ganzes Herz von Dankbarkeit für ihre freundliche Güte durchdrungen sei, und daß ich stets mit dem größten Schmerze an unsere Trennung denken werde.« Bei der Erinnerung an Sarah brach ich in Thränen aus und schluchzte auf meinem Kissen. Kapitän Turnbull erwähnte der Sache nie wieder. Entweder beurtheilte er meinen Charakter richtig, oder war er von der Unerschütterlichkeit meines Entschlusses überzeugt. »Wir wollen nicht mehr davon sprechen,« sagte er, »ich will deinen Auftrag in deinen eigenen Worten ausrichten. Und nun, nimm deine Arznei und versuche es, ob du nicht ein wenig schlafen kannst.« Bald schlief ich ein, und weil ich eigentlich nicht mehr krank, sondern nur noch schwach war, so kam ich bald wieder zu Kräften; aber mit diesen steigerte sich auch in gleichem Maße die Heftigkeit meiner rachsüchtigen Gefühle. Nur die große Schwäche, welche während des Gesprächs mit Kapitän Turnbull noch auf mir lastete, war der Grund, der mich zu dem freundlichen Auftrage herabstimmte, den ich ihm ertheilte; meine Rachsucht wurde durch die Krankheit niedergehalten, und bessere Gefühle hatten die Oberhand. Die einzige Wirkung, die der Vorfall auf mich äußerte, war die Vermehrung meines Grolls gegen diejenigen, welche die Ursache meiner harten Behandlung gewesen waren, und ich gelobte mir, daß sie wenigstens ihr Benehmen einst bereuen sollten. Am darauf folgenden Sonntage besuchte mich der Domine. Ich war angekleidet und sah zum Fenster hinaus, als er kam. Es fror stark, und der Fluß war mit großen Eismassen bedeckt, denen ich mit Vergnügen zusah, wie sie die Strömung hinabtrieben. »Du bist zum zweiten Male am Rande des Grabes gestanden, Jacob,« sagte der Domine nach einigen vorläufigen Bemerkungen. »Zum zweiten Male schwebte der Tod (pallida mors) über deinem Lager; aber du hast dich wieder erhoben, und dein guter Name ist wieder hergestellt. Wann wirst du im Stande sein, Herrn Drummond deine Aufwartung zu machen, um ihm für seine Güte zu danken?« »Niemals, Sir,« erwiederte ich. »Niemehr werde ich Herrn Drummond's Schwelle betreten.« »Nicht doch, Jacob, das schmeckt nach feindseligen Gesinnungen. Sind wir nicht alle dem Irrthum unterworfen? – Können wir nicht alle fehlen? Fiel ich nicht selbst in deiner Gegenwart in Unmäßigkeit und Thorheit? Entwürdigte ich mich nicht selbst vor meinem Zögling – und du solltest in deinem zarten Alter Groll gegen diejenigen hegen, welche dich mit Wohlthaten überhäuften, als du verlassen warest, und welche nur durch schändliche Verläumdung über dich getäuscht wurden?« »Ich bin Herrn Drummond für seine Güte sehr verpflichtet, Sir,« erwiederte ich; »aber sein Haus will ich nicht mehr betreten. Ich wurde hinausgewiesen und will nicht mehr hineingehen.« » Eheu Jacobe , du bist im Irrthum; es ist unsere Pflicht, zu vergeben, wie wir selbst hoffen, daß uns vergeben werde.« Allein so sehr er auch in mich drang, er richtete nichts aus. Auch Herr Tomkins kam und machte mir dieselben Vorstellungen mit gleichem Erfolge. Ich war entschlossen. Ich hatte mir vorgenommen, unabhängig zu bleiben, und in dem Strome sah ich meinen Vater, meine Mutter, meine Heimath, meine Welt. Als meine Gesundheit wieder hergestellt war, besuchte mich eines Tags Kapitän Turnbull und sagte: »Der Lichter ist wieder angekommen, Jacob, und ich wünschte zu wissen, ob du wieder an Bord willst, um später auf das Schiff zu gehen, welches Dir Herr Drummond vorschlägt.« »Ich will auf kein Schiff gehen durch Herrn Drummond's Vermittlung oder Verwendung,« erwiederte ich. »Was willst du denn thun?« fragte er. »Wenn es zum Schlimmsten kommt,« versetzte ich, »kann ich immer an Bord eines Kriegsschiffes gehen; aber lieber wäre es mir, wenn ich meine Lehrzeit auf dem Strome ausdienen könnte.« »Nach dem, was du schon früher zu mir gesagt hast, Jacob, erwartete ich diese Antwort; und ich habe dir zu etwas zu verhelfen gesucht, was dir vielleicht genehm sein möchte. Scheust du dich, mir verbindlich zu werden?« »O nein; aber versprechen müssen Sie mir, daß Sie nie an mir zweifeln – nie mich beschuldigen wollen?« Meine Stimme zitterte; ich vermochte kein Wort weiter hervorzubringen. »Das verspreche ich dir, Junge; ich glaube, dich ziemlich gut zu kennen. Wer sich eine falsche Beschuldigung so sehr zu Herzen nimmt, wie du, wird sich gewiß hüten, etwas zu begehen, dessen beschuldigt zu werden ihn so tief schmerzt. So höre, Jacob, du kennst den alten tauben Stapleton, dessen Kahn wir so oft den Strom hinauf und hinunter gerudert haben? Ich habe mit ihm gesprochen, ob er dich nicht als seinen Gehülfen annehmen wolle. Er ist's zufrieden. Willst du zu ihm gehen? Er hat seine Zeit ausgedient und besitzt das Recht, einen Lehrling anzunehmen.« »Ja, mit Vergnügen,« antwortete ich; »mit um so größerem Vergnügen, als ich Sie um so öfter zu sehen hoffe.« »O ich verspreche dir meine ganze Kundschaft, Jacob,« versetzte er lachend. »Wir wollen den alten Stapleton oft hinaustreiben und eins mit einander rudern. Ist's recht?« »Ja,« erwiederte ich, »und ich sage Ihnen vielmal Dank dafür.« »Nun, so betrachte die Sache als abgemacht. Stapleton hat eine ordentliche Wohnung zu Fulham, und Alles, was man am Ufer verlangen kann. Ich habe den Platz gesehen und denke, er sollte auch dir behaglich sein.« Ich wußte damals nicht, wie gütig sich Kapitän Turnbull gegen mich bewies. – Er hatte Stapleton veranlaßt, eine bessere Wohnung zu nehmen, und bezahlte den Miethunterschied, während er ihm eine Kleinigkeit wöchentlich aussetzte und ihn von Zeit zu Zeit besonders zu belohnen versprach, wenn es mir bei ihm gefallen sollte. In wenigen Tagen hatte ich meine sämmtlichen Kleidungsstücke nach Stapleton's Hause geschafft, von Herrn Turnbull Abschied genommen und mich als Lehrling bei einem Themsefährmann verdungen. Der Lichter lag noch im Werfte, als ich Herrn Turnbull's Haus verließ, und meine Trennung vom alten Tom und seinem Sohne ging beiden Theilen gleich nahe. »Jacob,« sagte der alte Tom, »am Ende gefällt mir dein Stolz, von wegen weil ich denke, du habest ein Recht, stolz zu sein; und der Mann, der nur Gerechtigkeit verlangt und nicht Gnade, wird immer in der Welt fortkommen. Aber steh, Jacob, 's kommt bisweilen 'ne Strömung, die einem entgegen ist, daß man ihr nicht widerstehen mag; und wenn dies einmal bei dir der Fall sein sollte, so erinnere dich des alten Hauses, meiner Alten, und des alten Toms – du wirst stets einen herzlichen Willkomm finden und ein herzliches altes Paar, das mit dir theilen wird, was es hat, gut oder schlecht oder mittelmäßig. Ich wünsche dir Glück, mein Junge; und merke dir's, ich habe im Sinn, die Kosten d'ran zu wenden und mein Fahrzeug blau anstreichen zu lassen; dann wirst du es unter allen herauskennen, wenn es den Strom auf- oder abkriecht.« »Und Jacob,« sagte der junge Tom; »ich bin zwar ein Wildfang, aber ein treuer Bursche; wenn du mich je zu etwas brauchst, beim Sonnenschein oder Regenwetter – gut oder bös – zu 'nem Spaß, oder zu 'nem Schelmenstreich – zur Hülfe oder als 'nen Freund in der Noth, durch dick oder dünn, ich bin dein, bis zum Galgen; und hier ist meine Hand darauf.« »Das sieht dir gleich, Tom,« bemerkte sein Vater, »aber ich weiß, wie du's meinst, und 's ist Alles in Richtigkeit.« Ich reichte beiden die Hand, und wir schieden. So verließ ich den Lichter und nahm Dienste bei einem Themsefährmann. Ich ging nach Fulham, wo ich Stapleton traf. Er stand mit zwei oder drei Andern unter der Thüre des Wirtshauses und rauchte seine Pfeife. »So bist du also zwei bis drei Jahre an meinen Kahn gefesselt, Junge; und ich soll dich in alle Regeln und Bestimmungen der Zunft einweihen? Nun, ich will dir gleich was sagen, und das besteht darin, wenn der Strom mit Eis bedeckt ist, wie gerade jetzt, so ziehe deinen Kahn auf's Trockene und rauche deine Pfeife, wie ich, bis das Eis wieder fort ist.« »Das hätte ich errathen können,« versetzte ich, ihm in die Ohren schreiend, »wenn Ihr es mir auch nicht gesagt hättet.« »Ganz gut, mein Junge; aber schrei' nur nicht so gar laut, ich höre darum nicht besser; meine Ohren sind etwas zarter Natur, und das merke dir.« »Nun, ich dachte, Ihr wäret so taub, wie ein Pfeiler.« »Ja, das bin ich bei Fremden, von wegen daß ich den Klang ihrer Stimme nicht kenne; aber die um mich sind, höre ich besser, wenn sie ruhig sprechen, – das ist Menschennatur. Komm, wir wollen heim gehen, meine Pfeife ist aus, und da es auf dem Strom nichts zu thun gibt, so können wir Alles zu Haus abmachen.« Stapleton hatte seine Frau verloren; aber er hatte eine Tochter; sie war fünfzehn Jahre alt, führte die Haushaltung, und schaffte für ihn, wie er sich ausdrückte. Er wohnte in einem Hause, das zu einigen Gebäuden gehörte, die ein Kahnbauer vermiethet hatte; seine Fenster gingen auf den Strom, und im ersten Stock war eine Art Erker angebracht, unter welchem der Fluß bei hohem Wasserstand vorbeiströmte. Der Zimmer waren fünf, und ich kann nur so viel sagen, daß nicht von großen und kleinen, sondern blos von kleinen und kleinern die Rede war. Das Wohnzimmer hatte acht Fuß im Gevierte; die beiden Schlafzimmer im hintern Theile des Gebäudes, für ihn und seine Tochter, faßten jedes eine kleine Bettstelle; und die Küche und mein Stübchen unten gaben ihnen an Zierlichkeit nichts nach. Auch wurden diese Gemächer nicht auf's Beste unterhalten, da besonders das Wohnzimmer, welches über dem Strome lag, etwas abschüssig war, und auf die unbehagliche Vorstellung leitete, als wolle es alle Augenblicke in den Strom hinabgleiten. Doch erklärte der Kahnbauer, es könne noch manches Jahr halten, ohne tiefer zu sinken, und das war genug. Jedenfalls war Alles sehr annehmbar für einen Fährmann, und Stapleton bezahlte zehn Pfund jährliche Miethe. Stapleton's Tochter war von der Natur nicht vernachlässigt. Sie hatte einen ziemlich großen Mund, aber ihre Zähne waren sehr schön und schneeweiß. Ihr Haar war kastanienbraun – ihre Gesichtsfarbe sehr zart, ihre Augen groß und dunkelblau, und wenn man ihre schöne volle Gestalt betrachtete, hätte man glauben sollen, sie wäre achtzehn Jahre alt, wiewohl sie, wie ich später erfuhr, noch nicht fünfzehn zurückgelegt hatte. Auf ihrem Gesichte lag der Ausdruck der Offenheit und Redlichkeit, und um ihren Mund spielte ein höchst anziehendes Lächeln, welches Verstand verrieth. »Nun, Marie, was machst du?« fragte Stapleton, als wir in das Wohnzimmer traten. »Hier ist der junge Ehrlich, der bei uns wohnen soll.« »Gut, Vater, sein Bett ist bereits in Ordnung, und ich habe so viel Unrath aus dem Zimmer geschafft, daß ich fürchte, wir werden angeklagt werden, den Strom verschüttet zu haben. Möchte wissen, was vor uns für unsaubere Leute da gewohnt haben mögen.« »Sehr niedliche Zimmer nichtsdestoweniger; nicht wahr, Junge?« »O ja, sehr niedlich für Leute, die nichts zu thun haben. Man kann den Strom auf und ab gucken, oder beobachten, was vorbeischwimmt, allenfalls auch bei hohem Wasserstand mit der Leine fischen, versetzte Marie, mich ansehend. »Ich liebe den Strom,« erwiederte ich ernst, »ich bin darauf geboren, und hoffe, mein Brod darauf zu finden.« »Und ich liebe diese Stube,« setzte Stapleton hinzu; »ich denke mir, wie behaglich es sein wird, Sommerszeit in Hemdärmeln unter'm offenen Fenster zu sitzen und zu rauchen.« »Jedenfalls habt Ihr dann keine Entschuldigung, Vater, das Zimmer zu beschmutzen, und was den jungen Burschen betrifft, so sind vermuthlich seine Rauchtage noch nicht gekommen.« »Nein,« erwiederte ich, »aber meine Hemdärmeltage.« »Oh, habt keine Angst,« erwiederte sie, »der Vater überläßt Euch alle Arbeit, wenn Ihr's haben wollt, und sieht zu – nicht wahr, Vater?« »Laß deine Zunge nicht so schnell herumlaufen, Marie. Du bist auch nicht übermäßig in's Schaffen vernarrt.« »Nein; aber doch gibt's etwas, das mir noch mehr zuwider ist,« versetzte sie; »und das ist, meine Zunge zur Ruhe zu legen.« »Nun, jetzt will ich Euch verlassen, dann könnt Ihr's mit 'nander ausmachen; ich gehe wieder in die Federn .« Damit ging der alte Stapleton die Treppe hinab, und sagte beim Hinausgehen noch, er werde bis zum Mittagessen wieder zurückkommen. Marie fuhr in ihrem Geschäft fort. Sie stäubte das Zimmer ab, während ich schweigend die Eisschollen betrachtete, welche den Strom hinabtrieben. »Seid Ihr immer so gesprächig, als jetzt?« fragte Marie nach ein paar Minuten. »Wenn dies der Fall ist, so seid Ihr ein vortrefflicher Gesellschafter. Herr Turnbull sagte zu meinem Vater, Ihr wäret ein so gewandter Bursche, könntet lesen, schreiben und Alles, was man nur wolle, und ich würde Euch sehr liebgewinnen; aber wenn Ihr Alles bei Euch zu behalten gedenket, so ist's so viel, als wüßtet Ihr's gar nicht.« »Nun, ich bin bereit, zu sprechen,« versetzte ich, »wenn ich etwas habe, über was ich sprechen kann.« »Das ist nicht genug. Ich bin bereit, über nichts zu sprechen, und Ihr müßt dieß auch können.« »Ganz recht,« erwiederte ich, »wie alt seid Ihr?« »Wie alt ich bin! Also haltet Ihr mich für nichts? Nun, ich will sehen, ob ich Euch nicht eine bessere Meinung von mir beibringen kann, mein hübscher Bursche. Um indessen auf Eure Frage zu antworten, ich glaube, ich bin ungefähr fünfzehn.« »Nicht weiter? nun, es gibt ein altes Sprüchwort, das ich nicht wiederholen mag.« »Ich weiß es, Ihr könnt Euch also die Mühe ersparen, vorlauter Junge. Aber jetzt – Euer Alter?« »Mein Alter? Nun laßt sehen; ja, ich glaube, ich bin nahe an siebenzehn.« »Seid Ihr wirklich so alt? Nun wahrhaftig, ich hätte geglaubt, Ihr seid nicht mehr als vierzehn.« Diese Antwort überraschte mich anfangs, da ich für mein Alter sehr stark und groß war; aber ein minutenlanges Nachdenken sagte mir, daß sie mich dadurch nur erzürnen wollte. Einen jungen Menschen verdrießt es eben so sehr, wenn er für jünger gehalten wird, als er ist, als einem Mann von gewissem Alter ärgerlich fällt, wenn man ihn für älter ansteht. »Bah!« erwiederte ich, »das ist ein Beweis, daß Ihr noch nicht viel von Männern wißt.« »Ich sagte nicht, daß ich etwas von Männern wüßte, und doch, ich weiß etwas von ihnen; ich habe schon zwei Liebhaber gehabt.« »In der That? Und was habt Ihr mit ihnen angefangen?« »Mit ihnen angefangen? Ich habe den ersten fortgeschickt, weil mir der zweite besser gefiel; und als Herr Turnbull so viel von Euch sprach, schickte ich den zweiten auch fort, um Euch Platz zu machen; nun aber will ich, glaube ich, versuchen, ob ich ihn nicht wieder zurückbringen kann.« »Da stimme ich von ganzer Seele bei,« versetzte ich lachend. »Ich würde einen trübseligen Liebhaber abgeben, denn ich habe in meinem Leben noch keine Liebschaft gehabt.« »Habt Ihr noch nie ein Mädchen gefunden, dem Ihr hättet den Hof machen können.« »Nein.« »Dann liegt hierin der Grund, Meister Jacob, verlaßt Euch d'rauf. Nun, alles, was Ihr zu thun habt, besteht darin, zu schwören, daß ich das hübscheste Mädchen in der Welt sei, daß Ihr mich besser leiden könnet, als irgend Jemand auf der Welt; daß Ihr Alles in der Welt thut, was ich haben will – daß Ihr all' Euer Geld ausgebt, um mir Bänder und Marktgeschenke zu kaufen, und dann –« »Und dann, was?« »Und dann will ich Alles hören, was Ihr mir zu sagen habt, und Alles nehmen, was Ihr mir zu geben habt, und Euch obendrein auslachen.« »Aber das ließe ich mir nicht lange gefallen.« »Doch, Ihr müßtet. Ich würde Euch aus der Laune bringen, und dann wieder hineinschmeicheln. Die Wahrheit ist, Jacob Ehrlich, ehe ich Euch sah, hatte ich mir vorgenommen, Ihr müßtet mein Herzlichster werden, und wenn ich will, so will ich, und so ist's besser, Ihr ergebt Euch gleich; denn wenn Ihr es nicht thut – ich habe den Schlüssel zum Küchenschrank – so lasse ich Euch Hunger sterben; und damit kann man ein wildes Thier zähmen, habe ich mir sagen lassen. Und ich will Euch sagen, Jacob, warum Ihr mein Herzliebster werden sollt, – von wegen Herrn Turnbull, der mir gesagt hat, Ihr verständet Latein; nun sagt mir, was ist Latein?« »Latein ist eine Sprache, welche man vor Alters gesprochen hat und jetzt nicht mehr spricht.« »Nun gut, Ihr sollt mir auf Lateinisch den Hof machen; dabei bleibt's.« »Und wie wollt Ihr mir dann antworten?« »O in der guten Muttersprache, darauf verlaßt Euch.« »Wie wollt Ihr aber verstehen, was ich sage?« fragte ich weiter, durch diese Unterhaltung höchlich ergötzt. »Wenn Ihr mir den Hof recht machet, so will ich Euch schon verstehen; ich lese den Sinn aus Euren Augen.« »Nun, ich habe nichts dagegen; wann soll ich beginnen?« »Sogleich, alberner Bursche. Welch' eine Frage!« Ich trat ganz nahe zu Marien, und sagte einige lateinische Worte. – »Nun,« setzte ich hinzu, seht mir in die Augen, ob Ihr's übersetzen könnt.« »Gewiß eine Unverschämtheit,« erwiederte sie, ihre blauen Augen auf die meinigen heftend. »Nicht im mindesten,« war meine Antwort, ich bat nur um dies.« Damit raubte ich ihr einen Kuß, den sie mir mit einer Ohrfeige erwiederte, welche fünf Minuten lang nachsauste. »Nein,« sagte ich, »das ist nicht recht; ich that, was Ihr verlangtet: ich machte Euch den Hof auf Lateinisch.« »Und ich antworte Euch, wie ich Euch sagte, in der Muttersprache,« versetzte Marie, bis an die Stirne erröthend, aber gleich darauf in ein lautes Gelächter ausbrechend. »Nun, Jacob, ich sehe jetzt deutlich, daß Ihr Euch auf's Hofmachen nicht versteht. Doch wahrhaftig, ein jahrlanges Scherwenzeln und ein jahrlanges Geldausgeben würde Euch nicht verschafft haben, was Ihr die Unverschämtheit hattet, in der ersten Minute zu nehmen. Aber 's war meine eigene Schuld, das ist nur zu gewiß, und ich habe es Niemanden zu verdanken, als mir selber. Ich hoffe, es hat Euch nicht wehe gethan – würde mich schmerzen, wenn dies der Fall wäre; aber macht mir den Hof nicht mehr auf Lateinisch, das habe ich nun satt.« »Nun gut, so wollen wir Freundschaft machen,« versetzte ich, ihr meine Hand entgegenstreckend. »Das ist's, was ich wollte,« erwiederte Marie, »wiewohl ich so viel Unsinn schwatzte. Ich weiß, wir werden einander lieben und gute Freunde werden. Ihr könnt einem Mädchen nicht böse sein, das Ihr geküßt habt; und ich will durch Freundlichkeit die Ohrfeige wieder gut zu machen suchen. So, jetzt wollen wir uns setzen und eins mit einander plaudern. Herr Turnbull hat uns gesagt, Ihr wollet bei meinem Vater Eure Lehrzeit auf dem Strome ausdienen, und so werden wir also lange beieinander bleiben, wenn Ihr Euch gut haltet. Ich glaube auf Herrn Turnbull's Wort – wiewohl ich selbst noch nichts davon sehe – daß Ihr ein sehr gutmüthiger, hübscher, gewandter, bescheidener Bursche seid; und da ein Lehrling meines Vaters jederzeit bei uns wohnen mußte, so ist es mir natürlich lieber, 's ist einer von dem Schlag, als ein häßliches, plumpes Stück Vieh, das –« »Nicht geeignet ist, Euch den Hof zu machen,« ergänzte ich. »Das nicht geeignet ist zu meiner Gesellschaft,« versetzte Marie. »Ich will jetzt nichts mehr vom Hofmachen wissen. Die Sache ist die, daß der Vater jede Stunde, die er erübrigen kann, im Bierhause zubringt und raucht; und das ist sehr verdrießlich für mich. Weil ich dann nichts zu thun habe, so sehe ich zum Fenster hinaus und schneide Gesichter gegen die Vorübergehenden, um mich zu unterhalten. Nun, vor einem Jahre oder zwei ging das noch; aber jetzt, Ihr wißt, Jacob –« »Nun, was denn?« »Ach, ich bin jetzt größer, das ist die Sache, und was man an einem kleinen Mädchen Muthwillen genannt hatte, das bekommt bei einer erwachsenen Person einen ganz andern Namen. Ich mußte das also aufgeben; aber weil ich denn immer zu Hause bleiben muß und mit Niemanden sprechen kann, so war ich gar sehr froh, als ich hörte, daß Ihr kommen solltet. Ihr seht also, Jacob, wir müssen Freunde werden. Ich darf nicht lange mit Euch schmollen, ob ich's gleich bisweilen thun muß, nur zur Abwechslung, und um des Vergnügens der Aussöhnung willen. Hört Ihr, was ich rede – oder an was denkt Ihr?« »Ich denke, daß Ihr ein sehr sonderbares Mädchen seid.« »Ja, das ist wahr; aber was kann ich dafür? Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war, und mein Vater konnt's nicht erschwingen, mich hinauszuthun. Er schloß mich den ganzen Tag ein, bis er vom Strom zurückkam, und erst als ich sieben Jahre alt war, und man mich brauchen konnte, ließ er die Thüre offen. Ich werde den Tag nie vergessen, an dem er mir sagte, er wolle mir in Zukunft trauen und die Thüre offen lassen. Ich meinte, jetzt sei ich ein abgemachtes Weib, und der Meinung bin ich seither geblieben. Ich erinnere mich, daß ich oft hinaussah und nichts sehnlicher wünschte, als nur einmal in der Welt umherzustreifen: aber kaum war ich jetzt drei bis vier Schritte von der Hausthüre weggegangen, so fühlte ich eine solche Angst, daß ich so schnell als ich konnte, wieder zurücklief. Seitdem habe ich das Haus selten auf eine Stunde lang verlassen, und nie bin ich aus Fulham hinausgekommen.« »Dann seid Ihr also nie in der Schule gewesen?« »Nein, nie. Ich wünschte mir oft, daß ich hingehen könnte, wenn ich die kleinen Mädchen sah, wie sie so lustig an unserem Hause vorübersprangen mit ihren Büchersäcken, wenn sie aus der Schule heimkamen, und wäre es auch nur der Freude wegen gewesen, hin und wieder den Gang zu machen. Ich hätte mir's recht angelegen sein lassen, wenn's auch sonst für nichts gewesen wäre.« »Möchtet Ihr gerne lesen und schreiben lernen?« »Wollt Ihr es mich lehren?« versetzte Marie, mich beim Arme ergreifend und mir ernst in's Gesicht sehend. »Ja, das will ich mit Vergnügen,« antwortete ich lachend. »Es gibt immerhin unterhaltendere Abende, als beim Hofmachen, besonders wenn Ihr so hart zuschlagt. Woher kommt's, daß Ihr in diesem Punkte so erfahren seid?« »Ich weiß nicht,« versetzte Marie lächelnd; »ich vermuthe, 's ist Menschennatur, wie mein Vater sagt, denn gelernt habe ich nie etwas; aber Ihr wollt mich Lesen und Schreiben lehren?« »Ich will Euch Alles lehren, was ich selbst weiß, Marie, wenn Ihr es lernen wollt. Alles, nur nicht Latein – das habe ich genug.« »Ach! ich werde Euch sehr dankbar sein – ich werde Euch sehr lieben.« »Da seid Ihr schon wieder auf dem alten Kapitel.« »Nein, nein, das meinte ich nicht,« versetzte Marie ernst. »Ich meinte – ach, ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll. Ich meinte, ich werde Euch um Eurer freundlichen Güte willen lieben, ohne daß Ihr mich wieder lieben sollt, das ist's.« »Ich verstehe Euch; aber nun, Marie, da wir so gute Freunde find, ist es nothwendig, daß auch Euer Vater und ich gute Freunde werden; ich muß Euch also fragen, was er für ein Mann ist. denn ich weiß wenig von ihm, und möchte ihm gern zu Gefallen leben.« »Nun, um Euch zu beweisen, daß ich aufrichtig bin, will ich Euch was sagen. Mein Vater ist vorerst ein sehr gutmüthiger Mann. Er arbeitet so ziemlich viel, könnte aber mehr verdienen, wenn er nicht so viel bei seiner Pfeife im Wirthshaus säße. Von mir verlangt er nichts, als daß ich ihm sein Mittagessen koche, seine Hemden wasche und das Hauswesen besorge. Er trinkt nie zu viel, und ist immer höflich in seinen Reden; aber er läßt mich zu oft allein und spricht zu viel von Menschennatur, das ist's.« »Aber er ist ja taub, – er kann nicht mit Euch sprechen.« »Gebt mir Eure Hand, – jetzt versprecht mir – denn ich bin im Begriff, eine große Thorheit zu begehen, daß ich einem Manne traue – versprecht mir, daß Ihr es nie weiter sagen wollt.« »Gut, ich verspreche es,« antwortete ich, in der Voraussetzung, sie habe mir ein Geheimniß von Wichtigkeit mitzutheilen. »Nun, also – bedenkt – Ihr habt's versprochen. Der Vater ist so wenig taub, als Ihr, oder ich.« »Wirklich,« versetzte ich, »woher kommt es denn, daß er der taube Stapleton genannt wird.« »Ich weiß das, und er gibt sich auch überall für taub aus; aber er thut's nur um des Geldes willen.« »Wie so? was hat das Geld damit zu schaffen?« »Es gibt viele Leute, die auf der Stromfahrt von ihren Geschäften zu sprechen wünschen, ohne daß irgend Jemand hört, und deßwegen verlangen sie den tauben Stapleton; und da gibt's wieder Herren und Damen, die sich was zu sagen haben, wo sie keinen Zeugen brauchen – Ihr versteht mich?« »O ja, ich verstehe – Latein?« »Errathen – Sie verlangen den tauben Stapleton. Auf diese Art bekommt er mehr Fährgeld, als jeder andere Schiffsmann, und braucht nicht so viel zu thun.« »Aber wie wird er's halten, wenn ich bei ihm bin?« »O, das wird vermuthlich von seinen Kunden abhängen; wenn eine einzelne Person fahren will, so werdet Ihr das Ruder nehmen; und wenn man Doppelruder verlangt, so werden beide fahren; wenn aber der Vater glaubt, daß man den tauben Stapleton will, so werdet Ihr am Lande bleiben oder vielleicht auch taub sein müssen.« »Aber ich hasse den Betrug.« »Ist auch nicht recht; wiewohl es mir vorkommt, als ob's dessen genug in der Welt gäbe. Doch wäre es mir lieb, wenn Ihr Euch taub stelltet, und mir dann mittheiltet, was die Leute sagen, 's würde mir viel Spaß machen. Der Vater sagt mir nie ein Wort.« »Insofern rechtfertigt sich Euer Vater gewissermaßen wieder.« »Nun, ich glaube, er wird Euch bald selbst sagen, was ich Euch jetzt gesagt habe, aber bis dahin müßt Ihr Eurem Versprechen treu bleiben; und nun könnt Ihr Euch selbst unterhalten, wie's Euch gefällig ist, denn ich muß in die Küche und's Mittagessen an's Feuer stellen.« »Ich habe nichts zu thun,« erwiederte ich; »kann ich Euch etwas helfen?« »Freilich könnt Ihr das, und könnt mit mir plaudern, was noch besser ist. Kommt und wascht mir meine Kartoffeln; vielleicht finde ich dann sonst noch was für Euch. Nun, ich glaube, wir werden recht gut mit einander auskommen. Ich folgte Marien in die Küche, wo wir bald sehr eifrig an der Arbeit waren. Wir lachten, plauderten, bliesen das Feuer an und kochten. Und als der Vater zurückkam, waren wir geschworene Freunde. Sechstes Kapitel. Ist sehr belehrend und handelt mit großer Gelehrsamkeit von den verschiedenen Sinnen und von »Menschennatur«; verbreitet sich auch über die beste Methode, einen Moralphilosophen zu bilden. – Kurz, es enthält Materialien zum Bau eines ganzen Systems und eines halben Dutzends von Theorien, wie dergleichen Dinge heutzutage gemacht werden. Nachdem mir Marie Stapleton das Geheimniß anvertraut hatte, war ich ziemlich begierig, wie sich ihr Vater benehmen würde; aber als wir eine Zeitlang mit einander geplaudert hatten, und es ihm gar nicht schwer zu fallen schien, auf jede Bemerkung zu antworten, die in gewöhnlicher Stimme an ihn gerichtet wurde, sagte ich, er wäre doch nicht so taub, als ich geglaubt hätte. »Nein, nein,« erwiederte er, »im Hause höre ich sehr gut; aber in der freien Luft höre ich schon auf zwei Schritte Entfernung nichts mehr. Im Freien mußt du mir immer nahe an's Ohr sprechen, aber nicht laut, dann höre ich dich prächtig.« Ich holte einen lächelnden Blick aus Mariens blauem Auge und gab keine Antwort. »Dieser Frost wird anhalten, wie ich fürchte,« fuhr Stapleton fort, »und wir werden einige Tage nichts zu thun haben, als in die Hände zu hauchen und unsern Verdienst dran setzen; aber 's gibt nie viel zu thun um diese Jahrszeit. Der Winter thut uns Fährleuten entsetzlich Abbruch. Was mich betrifft, so rauche ich meine Pfeife und denke über Menschennatur nach; aber was du thun sollst, Jacob, das weiß ich nicht.« »O, er lehrt mich lesen und schreiben,« sagte Marie. »Wüßte nicht warum?« versetzte Stapleton. »Wozu lesen und schreiben? Wir haben, meine ich, schon zu viel Sinne; wenn wir nun gar noch Gelehrsamkeit dabei hätten, so wäre es ja noch schlimmer.« »Wie viel Sinne gibt's denn, Vater?« »Wie viele! das kann ich dir nicht sagen, aber mehr als genug, um uns von Sinnen zu bringen.« »Es gibt, glaube ich, nur fünf,« sagte ich; »da ist erstens das Gehör .« »Nun,« versetzte Stapleton, »hören kann zuweilen von Nutzen sein, aber nicht hören ist oft noch besser. Ich verdiene zweimal so viel Geld, seitdem ich den besten Theil meines Gehörs verloren habe.« »Gut, und dann haben wir das Gesicht ,« fuhr ich fort. »Sehen ist bisweilen nützlich, das gebe ich zu; aber das weiß ich, wenn Einer ein junges Paar aufm Strom auf- und abrudern kann und zu Zeiten im Stande ist, auch nicht zu sehen, daß dann manche halbe Krone in seine Tasche fällt.« »Gut, nun kommen wir an den Geschmack .« »Taugt gar nichts, ist nur 'ne Qual. Wenn der Geschmack nicht wäre, so wäre es uns gleich, ob wir schwarz Brod oder Braten äßen, ob wir Wasser oder Doppelbier tränken; und in diesen schweren Zeiten würden wir dadurch unendlich viel ersparen.« »Nun dann, wie steht's mit dem Geruch ?« »Der Geruch taugt wieder zu gar nichts auf der Welt. Für Einen guten Geruch am Strome, gibt es zehn garstige; und so ist's überall, so viel ich weiß.« »Was ist der nächste Sinn, Jacob? fragte Marie mit einem schlauen Lächeln. »Das Gefühl .« » Fühlen , das ist der schlimmste Sinn von allen. Im Winter fühlen wir's immer zu kalt, und im Sommer zu heiß – und 'nen Schlag fühlen wir auch. Fühlen macht nur Schmerz; – das ist 'en ganz fataler Sinn.« »Nun, so würden wir wohl ohne Sinne besser fahren?« »Nein, ganz können wir sie nicht entbehren. Ein wenig hören und ein wenig sehen ist ganz gut; aber's gibt noch andere Sinne, die du vergessen hast, Jacob. Unterm ganzen Bündel, meine ich, ist der beste das Rauchen .« »Ich habe nie gehört, daß das ein Sinn wäre,« versetzte ich lachend. »Dann hast du deine Erziehung noch nicht halb vollendet, Jacob.« »Sind Lesen und Schreiben auch Sinne , Vater?« fragte Marie. »Das versteht sich, Mädchen, denn ohne Sinne könntest du nicht lesen und schreiben; und Rudern ist auch ein Sinn; und's gibt noch eine Menge andere Sinne; aber nach meiner Meinung sind die meisten Sinne Unsinn, und führen zu nichts, als zum Verderben.« »Jacob,« sagte Marie, mir in's Ohr flüsternd, »ist Liebe auch ein Sinn?« »Nein, das ist ein Unsinn,« versetzte ich. »Nun gut.« erwiederte sie, »ich stimme meinem Vater bei, daß Unsinn besser ist. als Sinn; aber immer sehe ich noch nicht ein, warum ich nicht lesen und schreiben lernen soll, Vater.« »Ich habe es in meinem Leben nie gekonnt, und noch nie ein Bedürfnis darnach verspürt. – Warum sollst du's nicht auch entbehren können?« »Weil ich ein Bedürfniß darnach verspüre.« »Nun, du kannst's lernen, aber's führt zu nichts Gutem. Sieh einmal diese Burschen in den Federn, alle waren glücklich, ehe Jim Holder kam, der ein Gelehrter ist, und nun seit der ihnen vorliest, thun sie nichts mehr als brummen und murren und räsoniren, ich weiß nicht über was Alles – über Korngesetze, Steuern und Freiheit und allen übrigen Unsinn. Nun, was könntest du denn weiter, als du jetzt kannst, wenn du lesen und schreiben lerntest?« »Ich könnte mich unterhalten, Vater, so oft ich nichts zu thun habe, wenn Ihr und Jacob fort sind. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, sitze ich oft auf meinem Stuhl und denke, was soll ich jetzt thun, und zuletzt sehe ich zum Fenster hinaus und schneide Gesichter gegen die Leute, weil ich nichts Besseres weiß. Ja, Vater, Ihr müßt ihm erlauben, daß er mich lesen und schreiben lehrt.« »Nun, Marie, wenn du willst, so willst du; aber merk' dir's, daß du mir keinen Vorwurf machst – ich nehm's nicht auf mich, 's kommt auf dein Gewissen. Ich lebe jetzt etliche vierzig oder fünfzig Jahre in der Welt, und all mein Unglück kam davon her, daß ich zu viele Sinne hatte, während das Glück anfing, als ich sie über Bord warf.« »Ich wollte, Ihr würdet mir erzählen, wie das kam,« sagte ich: »ich möchte Euch gar zu gern zuhören, und für Marien wär's auch eine Lektion.« »Nun, 's liegt mir nichts d'ran, Jacob, nur muß ich meine Pfeife zuerst anzünden, und du, Marie, geh' fort und hole einen Krug Bier.« »Laßt den Jacob gehen, Vater. Ich habe mir's in den Kopf gesetzt, daß er jetzt meine Gänge machen soll.« »Du darfst den Jacob nichts heißen, Marie.« »Nein, nein – heißen will ich ihn nichts, aber ich weiß, daß er's thut – nicht wahr, Jacob?« »Ja, mit Vergnügen,« versetzte ich. »Nun, dann habe ich gar nichts dagegen, vorausgesetzt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte Stapleton. »Natürlich aus Liebe,« meinte Marie mit einem Blicke auf mich, »oder um's Latein, Jacob?« »Was ist Latein?« fragte ihr Vater. »Ah! das ist ein neuer Sinn. Jacob hat mir schon was davon beigebracht, was sich wie so viele andere Sinne als Unsinn erwiesen hat.« Ich ging nach dem Biere fort; als ich zurückkehrte, flackerte das Feuer lustig und der alte Stapleton hatte einen gewaltigen Rauch sinn entwickelt. Er puffte einige Mal und begann dann, die Pfeife aus seinem Mund nehmend, folgendermaßen: »Ich kann nicht genau sagen, wann und wo ich geboren wurde, denn ich fragte Vater und Mutter nicht, und sie sagten mir's nicht, von wegen weil ich sie nicht fragte, und das ist ganz der Menschennatur angemessen.« Hier unterbrach sich Stapleton mit drei Zügen aus der Pfeife. »Ich erinnere mich, als ich ein kleiner Balg von zwei Fuß Höhe war, pflegte mich meine Mutter den ganzen Tag lang herumzupuffen, und ich pflegte in gleichem Maße zu heulen. Der Vater sprach dann von Sünd' und Schande, worauf die Mutter auf ihn darstürzte und er sie wacker durchwalkte. Sie setzte sich dann in einen Winkel und flennte in ihre Schürze hinein, während ich in einem andern stand und meinem Geiferlätzchen die gleiche Ehre erwies. Das war Alles nichts als Menschennatur.« Eine Pause und sechs oder sieben Züge aus der Pfeife. »Ich wurde in eine Kleinkinderschule geschickt, damit man meiner Person und meiner Streiche los würde. Dort lernte ich ruhig auf der Bank sitzen und das Maul halten; nebenher vertrieb ich mir die Zeit damit, daß ich meine Daumen um einander drehte und nach den Mücken gaffte, die zur Sommerszeit in der Stube herumsummten, und Winters, von wegen weil es da gar keine Mücken gibt, sah ich der alten Schulmeisterin zu, wie sie ihre Strümpfe strickte, und dachte, wie lange es noch anstehe, bis ich heim dürfte und mein Mittagessen bekäme, was bei einem Kind nicht als Menschennatur war. (Puff, puff, puff.) Vater und Mutter wohnten in einem Souterrain; Mutter verkaufte Kohlen und Erdäpfel, und Vater ging in's Taglohn auf die Barken. Wie ich's Alter hatte, ließ die Schulmeisterin dem Vater sagen, ich müßte jetzt lesen und schreiben lernen, und das mache drei Pfenninge die Woche, deshalben nahm mich mein Vater aus der Schule, von wegen weil er dachte, ich habe jetzt genug Erziehung gehabt, und Mutter setzte mich auf einen umgestürzten Korb, auf welchem ich Acht geben sollte, ob Niemand nichts nehme, so lange sie unten zu thun hatte. Und da saß ich den langen lieben Tag, hütete die Kohlen und Erdäpfel, und sprach mit Niemanden ein Sterbenswörtchen. Weil ich nichts Besseres zu thun hatte, dachte ich dann über dieß und das, und wenn das Essen fertig sein würde und ich von meinem Korb hinunter dürfte; den ihr müßt wissen, Denken ist wieder ein Sinn, und wenn einer nichts zu thun und nichts zu sagen hat, so ist Denken nicht mehr als Menschennatur. (Puff, puff, und eine Pfeife für einen Trunk Bier.) Mit der Zeit wurde ich ein starker dicker Junge, und Mutter sagte, ich esse zu viel, weßhalb ich irgendwie mein Brod selber verdienen müsse, und Vater sagte ohne Weiteres Ja dazu. Aber da war eine kleine Schwierigkeit, wie das zu machen sei; und bis man die heben konnte, that ich eine Zeitlang wieder nichts, als Kohlen und Erdäpfel hüten, wie vorher. Da gab mir einmal Mutter nicht genug zu essen, und ich nahm mir was zum Schnabeliren, derowegen sie mir steckte, und weil ich stark war, steckte ich ihr wieder. Sobald übrigens der Vater nach Hause kam, gab er mir's tüchtig heim. Nun aber nehme ich den Weg unter die Füße, laufe so eine Meile vor mich hin, und denke noch immer nicht daran, wie ich mich durchschlagen wolle, bis ich müd' und hungrig werde und mich ganz unglücklich fühle. (Puff, puff, puff, und ein Akt des Ausspuckens.) Ich laufe fort und fort; endlich kommt eine Kutsche und ich sitze hinten auf; der Kutscher gibt mir Eins mit der Peitsche, worauf ich stracks hinunter springe und in die Straße falle, und ehe ich wieder aufstehen kann, kommt ein Herr in 'nem Gig – das Rad geht über mich hinüber und zerbricht mir den Fuß. Ich schreie vor Schmerzen, und wenn ich den Sinn des Fühlens nicht gehabt hätte, wäre mir das nicht eingefallen. Er hält, steigt aus und fragt mich, ob mir's weh thue, und ich sag: ja. Sein Bedienter holt Leute und die tragen mich in ein Wirthshaus, wo sie mich auf einen Tisch zwischen lauter Bierkrüge legen und einen Doktor holen, der mich auf's Bett legt und mir den Fuß wieder einrichtet. Da war ich denn auf wenigstens sechs Wochen versorgt, und der Herr kam allemal und fragte mich, wie mir's gehe, und ich sagte so so, la la, Dank der gütigen Nachfrage.« Puff, puff – die Asche wird ausgeklopft, die Pfeife wieder eingefüllt, angezündet und ein Trunk gethan; dann geht es weiter. »Wie ich geheilt war und wieder auf den Füßen stand, sagte der Herr: ›Was kann ich für dich thun?‹ Der Wirth aber unterbrach ihn und sagte, er brauche einen Krugjungen, und ob ich nicht Lust zur Profession habe. Nun, die Krüge liebt' ich nicht, aber die Züge, und da ich zu Haus nichts unter die Zunge hatte, so sagte ich ja. Der Herr bezahlt die Zeche, gibt mir eine halbe Guinee in die Tasche und sagt mir, ich soll ein anders Mal nicht mehr mitten in die Straße hineinliegen. Ich sage ja, ich wolle es nicht mehr thun, und er springt in seinen Gig, und ich hab' ihn seither mit keinem Aug' mehr gesehen. Drei Jahre blieb ich bei meinem Herrn, trug Bier zu seinen Kunden und that allemal auch einen Zug aus dem Kruge, denn das ist nichts als Menschennatur, wenn einem so was schmeckt, aber ich verderbte es nie bei meinem Meister, bis ich einmal meine Meisterin in der Hinterstube mit meinem Musterkartenreiter schön thun sah. Ich schwieg lange, aber wie ich endlich zu viel sah, sage ich's meinem Herrn. Der wird zornig, läuft zu seinem Weibe hinein, bleibt eine halbe Stunde bei ihr, kommt heraus, wirft mich vor die Thüre, schilt mich einen Lügner und sagt, ich solle mich nie mehr vor ihm blicken lassen. Ich werfe ihm einen Krug an den Kopf, und zeigte ihm was anderes als mein Gesicht, denn ich nehme Fersengeld und laufe so schnell mich meine Füße tragen können. So viel vom Sehen ; hätte ich nicht gesehen, so wäre das nicht passirt. Jetzt war ich also wieder mein eigener Herr, und gute Nacht Krüge und Züge! (Puff, puff; ›Marie, wo ist mein Pfeifenstopfer?‹ – Niedergedrückt – puff, puff – ausgespuckt und fortgefahren.) »Gut, ich gehe nach London, denke an Männer und Weiber, Bier und Menschennatur, bis ich drinn bin, sehe aber nichts, als brennende Ampeln, und da fällt mir ein, daß ich kein Nachtlager habe. Jetzt denk' ich plötzlich wieder an Vater und Mutter, und wie es ihnen wohl gehen möge. Und ich denk', ich will einmal hin und sehen, nehme den Weg unter die Füße, komme an den Kohlenkeller und gehe hinunter. Da sitzt meine Mutter bei einem Krüglein Wachholder und steht auf, läuft auf und ab, und flennt. Und ich sage, Mutter, was fehlt Euch?« Und sie springt auf und fällt mir um den Hals, und nennt mich den einzigen Trost, der ihr geblieben sei. Ich schiele nach dem Krüglein und denke, ich müsse nicht der einzige Trost sein. Und ich setze mich zu ihr hin, und sie schüttet mir ein Glas ein, und schüttet ihr Herz aus, und erzählt mir, wie mein Vater sie verlassen habe und einem andern Weibsbild nachgelaufen sei, das einen andern Kohlenkeller in einer andern Straße habe, und wie sie sehr unglücklich sei, und wie sie zum Wachholder ihre Zuflucht nehme, was nichts anderes war, als Menschennatur, wie Ihr seht – und wie sie meine, daß es aus mit ihr sei; und dann holte sie noch mehr Krüglein, und mit diesen war es auch bald aus. War es die Freude, mich zu finden, und der Schmerz, meinen Vater zu verlieren und die Krüglein Wachholder – kurz, sie legte sich betrunken nieder und fiel in einen festen Schlaf. Und das that ich auch, und dachte, Heimath ist eben doch Heimath. Am nächsten Morgen übernehme ich das Geschäft und finde, daß der Handel eben doch nicht so übel ist; und so nehme ich die Leitung des Ganzen über mich, führe die Kasse, halte meine Mutter zur Ordnung an, und leide kein Trinken und kein Unwesen im Hause, aber jeden Abend gehe ich in die Schenke und rauche meine Pfeife und trinke mein Bier. »Gut; einen Monat lang geht das Ding ganz prächtig. Wer kommt da auf einmal in's Haus? – Niemand anders, als mein Vater; und das konnte ich nicht leiden, von wegen weil ich Herr sein wollte. Ein kecker Bursche, wie ich war, sage ich zu ihm, wenn Ihr gekommen seid, um meine Mutter zu mißhandeln, so werf' ich Euch zum Haus hinaus, Vater. Macht Euch zu Eurem neuen Weib. Schämt Ihr Euch nicht vor Euch selbst? sage ich. Der Vater begehrt auf und sagt, ich solle mich meiner Wege scheren, oder er wolle mich tranchiren, wie eine Katze; und dann läuft er zu meiner Mutter, und nach einer halben Stunde, während welcher sie schluchzt und er streichelt, küssen sie sich und schließen Frieden: und dann geht's auf mich los, und beide heißen mich zum Henker gehen, und ich solle mich nicht mehr vor ihnen blicken lassen. Ich sperre mich; der Vater stürzt auf mich dar, und da ihm die Mutter hilft, so nehmen sie mich in die Mitte und stoßen mich zum Keller hinaus, gutem Sprüch: ›Da suche dein Brod, wie und wo du kannst.‹ Habe seither keines Weibes Partei mehr genommen. (Puff, puff, puff, und ein tiefer Seufzer.) Ich gehe an's Wasser, und weil ich ein paar Schillinge in der Tasche habe, so wand're ich in ein Wirthshaus, um einen Tropfen zu trinken, und ein Bett zum Schlafen zu bekommen. Und wie ich hineinkomme, sehe ich Jemand der Wirthin eine Note zum Wechseln geben, und sie gibt ihm 'raus. ›Reicht nicht,‹ sagt er – er war ordentlich angetrunken – ›Ich gab Euch eine Zehnpfundnote und dieser Bursche da ist Zeuge.‹ – ›'s war nur 'ne Ein pfundnote,‹ sagte das Weib. ›Ihr seid eine verfluchte alte Hexe,‹ sagt er, ›und wenn Ihr mir mein Geld nicht herausgebet, so zünde ich Euch das Haus über dem Kopfe an und verbrenne Euch lebendig.‹ Jetzt war Feuer im Dach; er holt einen Polizeidiener und läßt sie verhaften; auch ich werde als Zeuge mitgenommen, und sie läßt ihn arretiren, und so geht's mit uns Allen auf die Wachstube, wo wir auf der Pritsche schlafen müssen. – Am nächsten Morgen geht's vor's Amt, der Mann erzählt seine Geschichte und ruft mich als Zeugen aus; aber weil mich das Sehen schon so viel gekostet, so will ich einmal nicht sehen, 's mag eine Zehnpfundnote gewesen sein, sie sah wenigstens nicht aus, wie 'ne Einpfundnote; aber meine Aussage zeugte mehr für als gegen das Weib, denn ich sagte nichts, als der Mann sei betrunken gewesen; und sie wurde frei gelassen, und ich ging mit ihr heim. Da sagt sie: ›Du bist ein artiger Bursche, und ein Dienst ist des andern werth. Mein Mann ist ein Schiffmann, und ich will dich auf dem Strom einschreiben lassen; denn er hat keinen Lehrling, und du kannst an's Land kommen und im Wirthshaus bleiben, wenn man dich nicht braucht.‹ Ich sprang vor Freude in die Höhe und sagte ja. Und so bekam ich ein sicheres Brod durch's Nichtsehen . Nun, wie gefällt dir dies, Jacob?« » Gar nicht übel,« erwiederte ich. »Und du, Marie?« »O mir gefällt's ganz gut; aber bitte, Vater, macht fort, ich möchte so gern hören, wie Ihr Euch verliebtet und meine Mutter heirathetet.« »Ihr sollt Alles hören, aber nur eins nach dem andern, ich muß auch einmal ausschnaufen. Siebentes Kapitel. Ein sehr sinnreiches Kapitel, das von lauter Sinnen handelt. – Stapleton wird gezwungen, um sein Weib zu boxen, und als er sie erkämpft hat, muß er boxen, um sie sich zu erhalten. – Kein sonderlicher Preis, aber er wird dadurch zum Preiskämpfer. Der alte Stapleton rauchte seine Pfeife aus, holte einen Trunk, stopfte, zündete an, that einige Probezüge, räusperte sich und fuhr fort: »Nun müßt Ihr wissen, ihr Mann, der Bartley hieß, war der größte Spitzbube auf dem Strome und zu Allem fähig; er glaubte, Alles thun zu dürfen und schor seine Schäflein auf dem Wasser eben so gut, als sie auf dem Lande; denn ich sah es nachher noch oft, daß sie falsch herausgab, wenn die Leute betrunken waren, machte mir's aber stets zur Regel, wegzugehen. Bartley selbst trieb sein Wesen bei Nacht, und ich brachte manchen Ring Tau an's Land, den er, wenn er ihn auch bezahlt, wenigstens nicht vom rechtmäßigen Eigenthümer gekauft hatte; aber es war mein Grundsatz, nicht zu hören und nicht zu sehen, und so ging das Ding gut, bis meine Zeit um war; und dann gaben sie mir ihren alten Kahn und bauten einen neuen für sich. Ich führte also ein eigenes Geschäft, und sah und hörte, und hatte alle meine Sinne, wie vorher. Um so schlimmer für mich, denn es entstand nichts Gutes daraus. (Puff, puff, puff, puff.) Bartley's wollten, ich sollte mit ihnen anstehen, aber ich mochte nicht, denn wenn ich mich auch nicht in anderer Leute Sache mischte, so mochte ich doch nicht selbst den Schurken machen. Seit fünfzig Jahren und darüber habe ich gesehen, wie sich die Welt gegenseitig betrügt, aber das geht mich nichts an; ich kann die Welt nicht besser machen; und alles, was ich dabei denke, ist, selbst ehrlich zu bleiben. Ja, wenn Jeder sein eigen Gewissen in Acht nähme und sich um seine Nachbarn nicht bekümmerte, so würde es viel besser stehen um die Menschennatur. Ich hatte meinen Kahn am Schwanenstege, verdiente mein Geld und lebte von der Hand zum Munde, denn ich war damals zu jung, um an die Regentage zu denken. »Eines Abends kommt ein junges Frauenzimmer in einem Mantel den Steg herab. Sie trägt ein Bündel am Arme und scheint in der größten Aufregung, und verlangt mein Boot. Ich stoße aus der Reihe hervor, fahre an den Steg heran und gebe ihr die Hand zum Einsteigen. Sie stolpert und ich lange nach ihr, um sie vor 'nem Fall zu bewahren; wie ich sie aber anfasse, komme ich mit der Hand an das Bündel in ihrem Arme und fühle das warme Gesicht eines Kindes. ›Wohin soll ich fahren, Ma'am?‹ sage ich. ›Ach! nur gerade hinüber auf die andere Seite,‹ sagt sie; und dann höre ich sie schluchzen, als ob ihr das Herz brechen wollte. Wie wir mitten im Strome sind, hebt sie den Kopf auf, sieht zuerst auf das Bündel und küßt es, und dann auf zu den Sternen, welche am Himmel über uns glitzerten. Sie küßt das Kind noch einmal, springt in die Höhe und ehe ich weiß, was sie vorhat, wirft sie mir ihren Geldbeutel hin, das Kind aber in's Wasser und stürzt ihm nach. Ich drehe den Kahn im Augenblick um, und wie ich sie wieder sehe, setze ich ein paar tüchtige Ruderschläge ein, bin an ihrer Seite und packe sie an ihrem Kleide. Mit vieler Mühe kriege ich sie in den Kahn, und wie ich sehe, daß sie wieder bei sich ist, rudere ich sie zu dem Stege zurück, wo sie eingestiegen ist. Beim Anlegen höre ich ein Gelärme und ein Gerede, und allerlei Volks steht herum. Es scheint, es waren ihre Verwandte, welche sie vermißt hatten und fragten, ob sie ein Boot genommen habe; und wie sie sie beschreiben und die andern Schiffsleute sagen, ich habe ein solches Weibsbild eingenommen, bringe ich sie zurück. Gut, sie nehmen sie in Empfang und führen sie heim, und dann denke ich erst an den Beutel auf dem Boden des Kahnes; ich hebe ihn auf, und Ihr dürft mir glauben, vier goldene Guineen waren darin, ohne das Silbergeld. Gut, die Schiffsleute am Stege fragten mich nach Allem; aber ich nehme mich in Acht und sage ihnen nur, wie daß das arme Ding sich in's Wasser gestürzt und ich sie wieder herausgezogen habe. Und eine Woche darauf, ich hatte die Geschichte schon fast vergessen, kommt ein Polizeidiener zu mir und sagt: ›Ihr seid Stapleton, der Färger?‹ Und ich sagte: ›Ja, das bin ich,‹ und er nimmt mich auf du Polizei, wo ich das arme Weibsen im Gefängniß finde, weil man sie angeklagt hat, sie habe ihr Kind umgebracht. Sie nehmen mir einen Eid ab, den ich auf die Bibel zu schwören habe, und nun muß ich die ganze Geschichte erzählen; denn wenn ihr auch alle eure Sinne verliert, wo's Zeit ist, so weiß ich nicht wie, aber ein Eid auf die Bibel bringt sie alle wieder zurück. ›Habt Ihr das Kind gesehen?‹ fragt der Friedensrichter. ›Ich habe ein Bündel gesehen,‹ sagte ich. ›Habt Ihr das Kind schreien hören?‹ sagt er. ›Nein,‹ sage ich, ›ich habe das nicht gehört,‹ und da dachte ich, ich hätte der jungen Person schon aus der Patsche geholfen; aber der Amtmann war ein alter Fuchs und hatte alle Sinne in seinen Fingerspitzen. So sagt er: ›als das junge Weibsbild in's Boot stieg, hat sie Euch das Bündel gegeben?‹ ›Nein,‹ sag' ich wieder. ›Habt Ihr's also gar nicht angerührt?‹ ›Ja,‹ sagt' ich, ›wie sie mit dem Fuße ausrutschte.‹ ›Und wie hat sich das Ding angefühlt?' ›So wie ein Stück Menschennatur‹ sage ich, ›und ganz warm.‹ ›Wie versteht Ihr das?‹ sagt er. ›Nun, nach dem Gefühl hielt ich's für ein Kind.‹ ›Und es war ganz warm, sagtet Ihr?‹ ›Ja,‹ antwortete ich, ›das war's.‹ ›Gut, und was ist weiter vorgegangen?‹ ›Nun wie wir mitten im Strome waren, fiel sie und ihr Kind über Bord; ich zog sie wieder heraus, aber von dem Kinde sah ich nichts.‹ 's war ein Glück für das arme Ding, daß man mich nicht fragte, wer zuerst über Bord gefallen sei, und das rettete sie vom Galgen. Sie wurde sechs Monate lang eingesperrt und dann wieder losgelassen; aber Ihr sehet, wenn es nicht wegen meinem unglücklichen Fühlen gewesen wäre, und ich das Kind nicht gespürt und dabei empfunden hätte, daß es warm war (denn das war ein Beweis, daß es lebte), so hätte man das arme junge Weibsen vielleicht gleich wieder springen lassen. So viel vom Sinn des Fühlens, von wegen weil ich sage, daß er Niemand nichts taugt und nur zur Qual ist.« (Puff – die Pfeife ist aus, sie wird wieder angezündet – puff, puff.) »Aber, Vater,« sagte Marie, »habt Ihr nie etwas Weiteres von der Geschichte des armen Mädchens gehört?« »Ja; ich hörte, wie daß es ein harter Fall war, wie sie von einem Gesellen verführt wurde, der sie nachher verließ sammt ihrem Kinde, und da faßte sie den Entschluß, sich in's Wasser zu stürzen – das arme Ding! – und ihr Kind mit. Hätte sie nur ihr Kind ersäufen wollen, so hätt' ich gesagt, 's ist ganz unnatürlich; aber weil sie sich mit ertränken wollte, so mein' ich, ihr Kind ertränken, um es mit ihr in den Himmel zu nehmen, war ganz natürlich und nichts als Menschennatur. Liebe ist ein Sinn, den junge Weibsbilder niederhalten sollten, so viel sie können. Marie, 's kommt nichts Gutes aus dem Sinne.« »Und doch, Vater, kömmt er mir vor, wie Menschennatur,« versetzte Marie. »'s ist so, aber 's ist Unheil d'rin. Mädchen, gib dich ja nie mit ihm ab.« »War's Unheil, als Ihr Euch in meine Mutter verliebtet und sie heirathetet?« »Das sollst du hören, Marie«, versetzte der alte Stapleton, und begann auf's Neue. »'s mochte so zwei Monat' sein, daß sich das arme Ding in's Wasser stürzte, da sah ich deine Mutter zum erstenmal. Sie war damals ihre zwei Jährlein älter, als du jetzt sein magst, und ganz die nämliche Art von Weibsbild in ihrem Aussehen. Es war ein junger Bursche, der an unserem Stege sein Boot hatte, hieß Ben Jones; ich und er waren große Freunde; wir halfen einander, wo wir konnten, und wo man nach Doppelruder fragte, fuhren wir mit'nander. An einem Abende sagte er zu mir: ›Will, komm' rauf, ich zeige dir ein teufelmäßig schönes Stück Stoff.‹ Ich gehe mit ihm und er nimmt mich in einen Laden, wo man mit allerlei handelt, was der Matrose gern hat, und da finden wir in der Hinterstube deine Mutter. Ben läßt Pfeifen und Bier kommen, worauf wir Platz nehmen und es uns bequem machen. Nun, Marie, deine Mutter war ein wankelmüthiges Ding von 'nem Mädel, das den Einen fortschickte, um sich 'nen Andern anzuschaffen, wie's ihr grad' in den Sinn kam. (Ich sah auf Marie, welche die Augen niederschlug.) Nun, solche Weibsen stiften nichts als Unheil an unter den Burschen und's nimmt selten ein gutes End'. Ich möchte dich lieber morgen im Sarg sehen, als wenn ich denken müßte, du seiest auch eine von dieser flatterhaften Waare, Marie. Ben Jones war bis über die Ohren in sie verschossen und wollte sie heirathen, und sie hatte wegen ihm einen feinen jungen Burschen fortgeschickt, und er kam alle Abend zu ihr und's war angesetzt, daß sie sollten in vier Wochen zusammen gesplißt werden; aber wie ich hinkomme, bricht sie mit ihm, macht sich an mich, äugelt mit mir, trinkt aus meinem Krug und will nichts mehr von ihm wissen, bis der arme Jones ganz aus dem Häuschen und schier wahnsinnig ist. Gut, 's war nicht in der Menschennatur, diesen großen blauen Augen Stand zu halten (gerade wie die deinigen, Marie), wenn sie auf einen armen Gesellen Feuer schossen; und wie Jones aufsteht im Verdruß und sagt, 's war' Zeit, heimzugehen, so gehen wir nicht Arm in Arm, wie sonst, sondern neben einander, wie zwei Metzgerhunde mit starr aufgerichteten Schweifen und fertig zum Kampf; weder er, noch ich, sagen ein Wort, und wir gehen von einander ohne gut' Nacht. Gut, ich träumte von deiner Mutter die ganze Nacht, und am nächsten Tag ging ich zu ihr und's wurde allemal schlimmer und schlimmer; sie schnauzte Jones an und sagte ihm endlich gerade heraus, er könne sich seiner Wege scheeren. Dies war so 'nen Monat, nachdem ich sie zum erstenmal gesehen hatte; und da sagt einmal Jones, der ein feiner Boxer war, ›bist du ein Mann?‹ und steckt mir eins an's Ohr. Ich sehe, was los ist, ziehe meinen Wamms aus und wir beginnen. Wir boxen so unsere zehn Minuten, da versetz' ich ihm einen runden Schlag an's Ohr, daß er auf's Pflaster stürzt und nicht mehr Zeit hat zum Aufstehen. Kein Wunder, der arme Geselle! er war in die Ewigkeit abgefahren! (Hier hielt der alte Stapleton eine halbe Minute lang inne und führte seine Hand über die Augen.) Ich wurde verklagt wegen Todtschlag; aber weil es bewiesen wurde, daß er zuerst angefangen und mir zuerst gesteckt hatte, so sprach man mich frei, nachdem ich zwei Monate im Gefängnisse gelegen war, denn ich konnte keine Bürgschaft aufbringen; aber nun, weil ich zwei Monate lang eingesperrt war, ließ man mich beim Urtel springen. Wie ich herauskam, dacht' ich anfangs, ich wollte deine Mutter nicht mehr sehen; aber sie kam zu mir und streichelte mich und ich liebte sie so sehr, daß ich nicht von ihr lassen konnte. Wie sie sieht, daß ich angebissen habe, äugelt sie wieder mit Andern; und das konnte ich nicht leiden, und jeder Bursche, der mir in's Gehäge kam, war sicher, daß es ihn einen Gang kostete. So wurde ich ein gewaltiger Boxer; und sie – wie sie merkt, daß ich der stärkste Kerl bin und keiner sich mehr an mich macht, sagt sie an einem schönen Morgen: ›ja, ich will dich nehmen.‹ Gut, wir werden zusammen gegeben und gleich in der ersten Nacht mein' ich, der arme Ben Jones steh' vor meinem Bette, und eine ganze Woche lang war's mir gar nicht behaglich. Aber sei's nun, wie es wolle, 's ging vorüber und ich lag am Steg und verdiente mein Brod. Aber meine Pfeife ist aus und ich bin ganz trocken geworden von lauter Erzählen. Wie wär's, wenn ich ein paar Minuten ausschnaufte?« Stapleton zündete seine Pfeife wieder an und rauchte schweigend gegen eine halbe Stunde lang. Womit sich Mariens Gedanken beschäftigten, kann ich nicht bestimmt angeben, aber ich stellte mir vor, daß sie, wie ich, an das Betragen ihrer Mutter und an ihr eigenes dachte. Ich wenigstens machte die Vergleichung, und Keines von uns sprach ein Wort. »Gut,« fuhr endlich Stapleton fort, »ich heirathete deine Mutter, Marie, und ich hoffe nur, daß der Bursche, der einmal dich nimmt, nicht so viel Kreuz mit seinem Weibe haben möge, wie ich. Ich meinte, weil sie jetzt unter der Haube sei, werde sie ihre Dummheiten aufgeben und sich wohl halten – aber ich glaube, es lag in ihrer Natur und sie konnte nicht anders. Sie äugelte und machte den Männern Hoffnung, bis sie zudringlich wurden; und ich wurde eifersüchtig und mußte bald mit diesem bald mit dem andern boxen, bis ich allgemein als Kapitalboxer bekannt wurde. Ich muß sagen, deine Mutter hatte die größte Freude, wenn ich meinen Mann niederschlug, und das geschah denn zuletzt allemal; aber sie wollte, daß man sich immer für sie boxte, und da hatte ich kaum Zeit, mein Brod zu erwerben. Da schickte mich einmal Einer gegen einen Andern in den Ring und wettete fünfzig Pfund auf mich, und ich sollte die Hälfte haben, wenn ich's gewänne. Ich saß damals verdammt auf dem Trocknen und sagte ja; nach 'ner kurzen Vorübung wurde der Kampf abgemacht und ich war Sieger; und Etliche, die das Ding verstanden, denen gefiel meine Manier so sehr, daß sie eine neue Wette machten gegen einen stärkeren Boxer um zweihundert Pfund; und ein Lord und andere vornehme Leute kamen zu mir, und ich ward zu ihnen gerufen in's Wirthshaus, und Alles wurde festgesetzt. So wurde ich ein regelmäßiger Preiskämpfer, Alles durch deine Mutter, Marie. Nein, Kind, weine nicht, ich sage nicht, daß deine Mutter sich verging, so gern sie's auch hatte, wenn man ihr nachgaffte und mit ihr sprach; aber nach meiner Meinung war's fast eben so schlimm. Gut, ich übte mich ein und nach fünf Wochen boxten wir uns zu Moulsei-Hurst, und's war ein harter Strauß – aber ich habe die ganze Geschichte noch irgendwo, Marie; sieh' einmal in der Schublade nach, dort wirst du eine Zeitung finden.« Marie brachte die Zeitung. Sie war aufgerollt und mit einem Bindfaden umwickelt. Stapleton gab sie mir in die Hand und sagte, ich möchte sie vorlesen. Ich that es, will aber hier nicht in die Einzelheiten eingehen. »Ja, das ist Alles ganz in der Ordnung,« sagte Stapleton, der mein Lesen benützend, furchtbar gedämpft hatte, um die verlorene Zeit wieder einzubringen; »aber nichts Gutes entstand daraus, denn einer von den Herren warf ein Auge auf deine Mutter, Marie, und suchte sie mir zu entführen. Ich kam eben dazu, als er sie küssen wollte; sie verweigerte es ihm – aber mit Lachen und, wie mir schien, nur mit halbem Willen. Ich warf ihn und stieß ihn zum Hause hinaus, und von nun an wollte ich nichts mehr wissen von Lords und anderen Herrn, so wenig als vom Boxen. Ich baute mir einen neuen Kahn, blieb auf dem Strome und veränderte meine Wohnung, um nichts mehr mit den Leuten zu thun zu haben, die mich als Boxer kannten. Deine Mutter kam damals mit dir in die Wochen und ich freute mich auf ein gut Theil Glück, – denn ich meinte, sie würde jetzt nur noch an ihren Mann und ihr Kind denken. Und das that sie auch, bis du entwöhnt warst; dann ging wieder der alte Tanz an. 's war ein Kapitän eines Schiffes, das auf dem Strome lag; der stellte sie dann und wann und sprach mit ihr; aber ich kümmerte mich wenig darum, denn ich sah, wie daß Jedermann mit ihr und sie mit Jedermann sprach; überdies kannte sie des Kapitäns Frau, das war ein ganz hübsches Weibchen, und sie lud Marie oft ein, sie zu besuchen, was ich gestattete. Aber an einem Morgen, wo ich hinab ging zu dem Boot – denn er war zu mir gekommen, daß ich ihn zu seinem Schiffe rudern sollte – wie ich aber mit den Handrudern auf der Schulter hinabgehe, da fällt mir ein, daß ich meine 'Backsdose vergessen habe. Ich gehe zurück, und ehe ich in die Stube trete, höre ich ihn sagen – ›So, ich werde um zwei Uhr hier sein und da haben Sie mir versprochen, an Bord meines Schiffes zu kommen und –‹. Ich hörte das übrige nicht, aber sie lachte und sagte ja, sie werde mitgehen. Ich zeigte mich gar nicht, sondern entfernte mich und ging zu dem Boot. Er folgte mir, ich ruderte ihn den Strom hinauf, nahm mein Fährgeld und beschloß dann, ihm abzupassen, denn ich war mächtig eifersüchtig. Gut, ich lege mich also mit meinen Rudern mitten in den Strom und wahrhaftig, der Kapitän steigt mit deiner Mutter in ein kleines Boot, das zu seinem Schiffe gehört und stößt ab. Der Kapitän hat ein Ruder und einer seiner Matrosen ein anderes. Ich hinter ihnen her, so schnell als ich kann, und endlich sehen sie mich, 's war ihr nicht lieb, daß ich sie hier finden sollte, und deswegen bat sie, so schnell wie möglich zu rudern, denn sie wußte, wie wild ich sein konnte. Dennoch kam ich ihnen immer näher; ich sah mich von Zeit zu Zeit rings um und schwor Rache in meinem Herzen. Da höre ich plötzlich einen Schrei und sehe, wie ihr Boot umschlägt und alle mit einander in's Wasser. Sie hatten das Werptau eines Schiffes nicht gesehen, das sich anziehen ließ, fuhren darüber hin, und wie's gestrafft wurde schlugen sie um. Deine Mutter sank unter, wie ein Stein, Marie, und man fand sie erst nach drei Tagen wieder, und wie ich sie sinken sehe, falle ich in Ohnmacht.« Der alte Stapleton schwieg, legte seine Pfeife hin und stützte sein Gesicht in die Hände. Marie brach in Thränen aus. Nach einigen Minuten fuhr er fort: »Als ich wieder zu mir kam, sah ich mich an Bord des Schiffes in der Kajüte des Kapitäns, und den Kapitän und seine Frau neben mir – und da kams' denn heraus, daß des Kapitäns Frau deine Mutter hatte holen lassen, und daß sie an Bord wohnte, und daß es deine Mutter zuerst ausschlug, weil sie wußte, daß ich's nicht leiden konnte, wenn sie auf dem Strome war, und doch hätte sie so gern ein Schiff gesehen, und dessenthalben sagte sie ja. So war's am Ende nicht schlimm, nur daß ein Weib nichts thun sollte, ohne ihren Mann – aber du siehst, Marie, all' das wäre nicht passirt, wenn ich nicht etwas gehört hätte von dem, was gesprochen wurde; und du hättest jetzt vielleicht eine Mutter und ich ein Weib, und das würde uns beiden recht gut thun. – Aber das unselige Hören – drum, wie ich gesagt habe, 's kommt mehr Schlimmes als Gutes aus diesem Sinnen – so viel hab' wenigstens ich erfahren. Und nun, Marie, dieweil du meine Geschichte gehört hast und wie deine Mutter gestorben ist, so nimm dich in Acht, daß du nicht in den nämlichen Fehler verfällst und es zu gern siehest, wenn man dir nachgafft, denn es kommt mir fast so vor, du hättest so ein bischen Hang dazu – doch ›der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‹, heißt's im Sprüchwort, und das ist Menschennatur .« Als Stapleton seine Erzählung beendet hatte, rauchte er schweigend seine Pfeife. Marie saß am Tisch, die Hände an die Schläfe gedrückt, anscheinend in tiefen Gedanken; und ich fühlte mich auch nichts weniger als zu Mittheilungen aufgelegt. Nach einer halben Stunde war der Bierkrug leer, und Stapleton stand auf. »Ei, Marie, denke dem Ding nicht so nach; wir wollen in's Bett. Zeig' dem Jacob sein Zimmer und komm' herauf.« »Jacob kann sein Zimmer selber finden, Vater,« versetzte Marie, »ich brauch' es ihm nicht zu zeigen; die Küche weiß er, und außer der ist nur noch ein einziges Gemach unten.« Ich nahm mein Licht, wünschte ihnen gute Nacht, und ging nach meinem Lager, das zwar sehr ländlich, aber dennoch behaglich war. Achtes Kapitel. Die Wärme meiner Dankbarkeit, bewiesen durch ein sehr kaltes Zeugniß. – Der Weg zum Glück mag bisweilen über's Eis führen. – Der meinige lag unter dem Eis. – Amor vincit omnia , nur nicht meine Hartnäckigkeit, ein Satz, den der junge Tom und der alte Domine später auf ihre Kosten erproben. Viele Tage lang hielt der Frost an, bis endlich der Strom überfroren war, und aller Verkehr auf demselben aufhörte. Stapleton 's Geld ging auf die Neige, unsere Einnahme wurde immer schlechter, und Marie erklärte, wir müßten sämmtlich bei den Marktgärtnern betteln gehen, wenn es noch lange so fortdaure. »Ich muß hinauf zu Herrn Turnbull und ihn bitten, mir auszuhelfen,« sagte Stapleton eines Tages, seinen letzten Schilling aus der Tasche nehmend und auf den Tisch legend. »Ich bin auf dem Trockenen; aber's ist ein guter Herr, er wird mir eine Kleinigkeit leihen. Am Nachmittag kehrte Stapleton zurück, und ich sah aus seinen Blicken, daß er seinen Zweck erreicht hatte. »Jacob,« sagte er, »Herr Turnbull wünscht dich morgen zum Frühstück bei sich zu sehen.« Mit Tagesanbruch machte ich mich auf den Weg, und kam zu guter Zeit zum Frühstück. Herr Turnbull war so gütig wie immer, und erzählte mir lange Geschichten von dem Eis in den nördlichen Gegenden. »Beiläufig gesagt, ich höre, sie braten in der Nähe der Londoner Brücke einen ganzen Ochsen, Jacob; wie wär's, wenn wir hingingen und den Spaß mit ansähen?« Ich war's zufrieden, und wir fuhren mit einer Brenntford-Kutsche bis an die Ecke von Queen-street, wo wir ausstiegen, um zu Fuße an den Strom hinabzugehen. Die Scene war höchst vergnüglich und lebendig. Allenthalben waren Buden mit fliegenden Fahnen auf dem Eise errichtet; die Leute gingen hin und her, und einige liefen Schlittschuh, wiewohl das Eis für diesen Zeitvertreib zu rauh war. Der ganze Strom war mit Menschen bedeckt, welche jetzt sicher umherwandelten, wo sie einen Monat früher den Tod gefunden hätten. Da und dort stieg der Rauch von verschiedenen Feuern empor, an welchen Würste und andere Eßwaaren zubereitet wurden; aber die Hauptaufmerksamkeit erregte der Ochse, der hart am Mittelpfeiler gebraten wurde. Obgleich das Eis an diesem Orte, wo so viele Hunderte versammelt waren, etwas gesunken schien, so hatte man doch nichts zu befürchten, indem es vier bis fünf Fuß dick war. Hin und wieder fanden sich freilich sogenannte faule Stellen; wo das Eis nicht ganz fest war; aber diese waren durch Anschlagtafeln bezeichnet, welche das Volk warnten, ihnen nicht nahe zu kommen; und neben ihnen lagen Seile und Stangen, mit denen man erforderlichen Falls Hülfe leisten konnte. Wir belustigten uns einige Zeit an der Heiterkeit der Scene, denn die Sonne schien hell und der Himmel war rein. Dabei wehte ein scharfer Nordwind, und im Schatten war es empfindlich kalt, denn das Thermometer zeigte damals wie man sagte, achtundzwanzig Grad unter dem Gefrierpunkt. Wir waren ungefähr drei Stunden lang auf dem Eise, und freuten uns des lustigen Treibens, als Herr Turnbull zur Heimkehr rieth. Wir gingen den Strom hinauf bis zur Dominikanerbrücke, wo wir im Sinne hatten, an's Land zu steigen, um bei Charing-Croß eine Kutsche zu nehmen. »Ich möchte nur wissen, wie es jetzt mit der Fluth steht,« sagte Herr Turnbull zu mir; »aber das wird wohl schwer auszumitteln sein.« »O nein, wenn ich nur ein Loch fände,« versetzte ich, mich umschauend. »Halt, hier ist eins.« Ich warf ein Stück Eis hinein und fand, daß es starke Ebbe war. Wir setzten unsern Weg auf dem Eise fort. Es wurde immer rauher. Plötzlich fiel Herrn Turnbull der Hut herunter. Der Wind erfaßte ihn und trieb ihn mit reißender Schnelligkeit über das Eis weg. Wir jagten ihm Beide nach, aber kaum vermochten wir nachzukommen, geschweige denn, ihn einzuholen. Die Leute auf dem Strome lachten, wie wir an ihnen vorüberrannten, und folgten uns mit den Blicken. Herr Turnbull hatte einen Vorsprung vor mir, und unachtsam in der Verfolgung, entging ihm eine lange Strecke faulen Eises, die vor ihm lag. Auch ich bemerkte sie nicht, bis ich auf einmal krachen hörte und Herrn Turnbull verschwinden sah. Eine Menge Leute standen in der Nähe, und ein Seil war über die Stelle gelegt, um die Gefahr zu bezeichnen. Ich zögerte keinen Augenblick, denn ich liebte Herrn Turnbull, und zwar mit einer Wärme, die meiner Empfindlichkeit gegen Kränkung gleichkam. Ich ergriff das Ende des Seiles, wickelte es um meinen Arm und sprang hinein, indem ich des Umstandes gedachte, daß wir Ebbe hatten; es war ein Glück für Herrn Turnbull, daß er zufälliger Weise die Frage gestellt hatte. Ich sank unter das Eis, trieb den Strom hinab und in wenigen Sekunden fühlte ich mich von dem umklammert, den ich suchte; beinahe in dem nämlichen Augenblicke wurde das Seil von oben angezogen. Weil es Widerstand fand, wußten die Leute, daß wenigstens ich daran befestigt war, und sie zogen schneller. Dennoch hatte ich bereits das Bewußtsein verloren; aber ich klammerte mich mit der Kraft eines Ertrinkenden an das Seil; eben so fest hatte sich Herr Turnbull an mich geklammert, und bald darauf kamen wir an das Loch, in welches wir gestürzt waren. Eine Leiter wurde herübergelegt; zwei Männer von der Rettungsgesellschaft kamen zu unserem Beistand herbei und zogen uns heraus, worauf sie zurückwichen und uns auf der Leiter nach einem sicheren Orte brachten. Wir waren noch immer Beide bewußtlos; aber nachdem man uns in ein Wirthshaus am Strome getragen und zu Bette gelegt hatte, erholten wir uns schnell unter dem Beistande des herbeigerufenen Arztes. Am folgenden Morgen waren wir im Stande, nach Brentford zurückzufahren, wo unsere Abwesenheit große Unruhe verursacht hatte. Herr Turnbull sprach die ganze Zeit über wenig, drückte mir aber wiederholt die Hand. Als ich ihn ersuchte, mich bei Fulham aussteigen zu lassen, damit ich Stapleton und seine Tochter beruhigen könne, ließ er sich's mit den Worten gefallen: »Gott segne dich, mein braver Junge, ich werde dich bald wieder sehen.« Als ich in Stapleton's Hause die Treppe hinaufkam, fand ich Marie allein. Sobald sie mich sah, sprang sie auf und rief halb weinend, halb lächelnd: »Wo bist du gewesen, du böser Junge?« »Unter dem Eise,« erwiederte ich, »und thaute erst diesen Morgen wieder auf.« »Im Ernst, Jacob?« sagte sie; »o quäle mich nicht, ängstige mich nicht, denn ich bin schon genug in Nöthen gewesen. Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen.« Ich erzählte ihr den Vorfall. »Ich wußte doch, daß etwas geschehen sein mußte,« versetzte sie; »aber der Vater wollte mir's nicht glauben. Du hattest mir's versprochen, nach Hause zu kommen, um mir meine Stunde zu geben, und ich weiß, du brichst dein Wort nie; aber der Vater rauchte und schüttelte den Kopf, und sagte, wenn junge Burschen sich lustig machen, vergessen sie ihre Versprechen, und das sei nichts als Menschennatur. O Jacob, wie bin ich doch so froh, daß du wieder da bist, und nach dem, was vorgegangen, will ich dir's nicht verargen, wenn du mich einmal küssest.« Und Marie hielt mir ihren Mund hin und erwiederte meinen Kuß. »Das muß ich dir aber sagen,« bemerkte sie lachend, »jetzt hast du wieder auf lange hinein genug, und darfst an keinen Kuß mehr denken, bis du wieder unter dem Eise gewesen bist.« »Dann wird dieß wohl der letzte sein,« erwiederte ich lachend. »Du liebst mich nicht; Jacob,« versetzte Marie, »sonst würdest du nicht so geantwortet haben.« Ich hatte Marien so ziemlich kennen gelernt. Ob sie gleich sehr coquett war, so hatte sie doch manche treffliche und liebenswürdige Eigenschaften. Für die ersten acht Tage schienen ihres Vaters Erzählungen aus seinem Leben, und seine Bemerkungen über ihre Mutter, einen entschiedenen Eindruck auf sie gemacht zu haben, und ihr Benehmen war weit ernster und gesetzter, aber als sich die Erinnerung daran nach und nach verlor, wurde ihr Benehmen wieder so gefallsüchtig und flatterhaft, wie vorher. Dennoch war es unmöglich, ihr nicht gut zu sein, und bei all' ihren Launen hatte sie einen reichen Schatz wirklicher Herzensgüte und Liebenswürdigkeit, der sich nie verbarg, wenn er in Anspruch genommen wurde. Oft dachte ich daran, wie gefährlich und verführerisch sie sein müsse, wenn sie vollends erwachsen wäre. Um sie lesen und schreiben zu lehren, hatte ich die Bücher wieder hervorgesucht, die ich im Unwillen auf die Seite geworfen. Sie machte reißende Fortschritte, und würde noch schneller gelernt haben, hätte sie nicht eben so eifrig darnach getrachtet, mich in sie verliebt zu machen, als sie darnach strebte, die Schwierigkeiten des Wissens zu überwinden. Aber sie war noch sehr jung, und ob es gleich, wie ihr Vater sagte, in ihrer Natur lag, den Männern nachzulaufen, so hatte man doch allen Grund zur Hoffnung, ein paar Jahre werden sie weniger flüchtig machen und die tief in ihr liegenden guten Eigenschaften vollends ausbilden. In Herz und Gefühl war sie ein bescheidenes Mädchen, wiewohl sie die Unstätigkeit ihres Geistes oft über die Gränzen des strengen Anstandes führten, und bisweilen eine glühende Röthe über ihr belebtes Gesicht goßen, wenn sie ihr gesunder Verstand oder die Bemerkungen Anderer darauf aufmerksam machten, daß sie zu weit gegangen war. Unmöglich konnte man Marien kennen, ohne sie liebzugewinnen, obgleich sie bei einem zufälligen Zusammentreffen auf Leute von strenger Denkungsart nicht den günstigsten Eindruck machte. Was mich betrifft, muß ich sagen, daß ich, je länger ich in ihrer Gesellschaft war, desto mehr von ihr angezogen und mit Achtung gegen sie erfüllt wurde. Abends kam der alte Stapleton nach Hause. Er war, wie gewöhnlich, im Wirthshaus zu den Federn gewesen, wo er geraucht und über Menschennatur nachgedacht hatte. Ich erzählte ihm, was vorgefallen war; er wurde so sehr davon ergriffen, daß er für Marien und mich einen Extrakrug Bier bringen ließ, und darauf bestand, daß wir ihn allein austrinken müßten – einen stärkern Beweis von Wohlwollen konnte er uns nicht geben. Obgleich Kapitän Turnbull sich von den Wirkungen des Unfalls erholt zu haben schien, so war dieß doch nicht der Fall, denn am folgenden Morgen wurde er von einem Schüttelfrost und Hüftschmerzen ergriffen, woraus sich ein ordentliches Fieber entwickelte, das ihn auf drei bis vier Wochen an's Bett fesselte. Ich spürte keine üblen Folgen; allein die Konstitution eines jungen Menschen ist solchen heftigen Stößen eher gewachsen, als der Körper eines Sechszigers, dessen Gesundheit schon durch Anstrengungen und Mühseligkeiten untergraben ist. Da der Frost immer noch anhielt, willfahrte ich dem Wunsche Kapitän Turnbull's, zu ihm zu kommen und in seinem Hause zu wohnen, wo ich viele Tage lang sein beständiger Krankenwärter war, bis er sich endlich im Stande sah, das Bett zu verlassen. Der Hauptgegenstand unseres Gespräches war meine Zukunft. Er drückte den Wunsch aus, ich möchte mich irgend einem Berufe oder Gewerbe widmen, wobei ich mehr Aussicht hätte, in der Welt emporzukommen; aber über diesen Punkt war mein Entschluß gefaßt, und eben so einig war ich mit mir darüber, daß ich in Zukunft nie mehr eine Verbindlichkeit gegen irgend Jemand eingehen wollte. Ich konnte das Unrecht, das mir widerfahren war, nicht aus meinem Gedächtnisse tilgen, und mein gekränkter Geist brütete unaufhörlich darüber. Unabhängigkeit und Freiheit war meine Losung. Ich fühlte, daß ich mich in der Gesellschaft, worin ich mich bewegte, unter meines Gleichen befand, oder die Ueberlegenheit, wenn je von einer solchen die Rede sein konnte, auf meiner Seite war, da ich doch wenigstens eine Erziehung genossen hatte; und deßhalb wollte ich mich nie wieder in den Kreis Derjenigen mischen, die über mir standen – ein Kreis, in den ich nur aus besonderer Gunst zugelassen und wo ich von den meisten verächtlich angesehen wurde, während ich zugleich stets der Gefahr ausgesetzt war, im ersten Anfalle von übler Laune ausgewiesen zu werden, wie sich der Fall schon einmal ereignet hatte. Indessen hatte ich die größte Zuneigung zu Kapitän Turnbull. Er war immer gütig gegen mich gewesen und hatte mich im Gespräch stets auf dem Fuße der Gleichheit behandelt, ohne sein Benehmen gegen mich je zu ändern. Zudem hatte der letzte Zufall meine Gefühle gegen ihn gesteigert; denn diejenigen, denen wir einen Dienst geleistet haben, wachsen in unserer Achtung, und mein Stolz wurde durch den Gedanken gemildert, daß mir Turnbull selbst mit dem besten Willen niemals die Rettung seines Lebens vergelten konnte, wenn ich es ihm auch gestatten würde. Gegen ihn nährte ich die innigste Zuneigung – gegen diejenigen, welche mich ungerecht behandelt hatten, einen unbegränzten Haß, gegen die Welt überhaupt aber ein gemischtes Gefühl, das ich nicht zergliedern kann, und was mich selbst betrifft, eine Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit, die mir nichts auf Erden hätte rauben können. Ich verletzte nicht gerne Kapitän Turnbull's Gefühle durch eine unumwundene Zurückweisung aller seiner Diensterbietungen und Bemerkungen über die Vortheile, die daraus entsprängen, weßhalb ich gewöhnlich ausweichende Antworten gab. Als er aber an dem Tage, der schon früher zu meiner Abreise bestimmt worden war, plötzlich mit der Sprache herausrückte und mir sein ganzes Vermögen anbot, indem er bemerkte, daß er kinderlos sei, und ich folglich durch die Annahme dieses Erbietens keinen Menschen beeinträchtigen würde – als er mich bei der Hand nahm, mich zu sich zog, seinen Arm um mich schlang, in dem liebevollen Tone eines Vaters zu mir sprach und mich beinahe um meine Einwilligung bat – da rannen Thränen der Dankbarkeit über meine Wangen. Demungeachtet blieb jedoch mein Entschluß fest, obgleich meine Stimme zitterte, als ich antwortete: »Sie sind sehr gütig gegen mich gewesen, Sir – sehr gütig – ich will es nie vergessen; und ich hoffe, ich werde es verdienen – aber – Herr Drummond, und Frau Drummond, und Sarah waren auch gütig gegen mich – sehr gütig gegen mich – Sie wissen das Uebrige. Ich will, wenn Sie es erlauben, bleiben, wie ich bin; und wünschen Sie mir eine Freundschaft zu erweisen – wünschen Sie, daß ich Sie so fortliebe, wie bisher, so lassen Sie mich gewähren. Freiheit und Unabhängigkeit sind theure Güter, und ich bitte darum als um die größte Gunst, die Sie mir erzeigen können – die einzige, die ich annehmen kann, und für die ich wahrhaft dankbar sein werde.« Es vergingen einige Minuten, bis Kapitän Turnbull antworten konnte; dann sagte er: »Ich sehe, es ist nutzlos, und will nicht weiter in dich dringen; aber, Jacob, räume der ersten Ungerechtigkeit, welche dir von deinen Mitgeschöpfen widerfahren ist, nicht allzuviel Herrschaft über dein Herz ein, und laß dich nicht zu der irrigen Vorstellung verleiten, daß die Welt böse sei. Wenn du dich mit dem Leben vertraut machst, wirst du viel Gutes finden; und erinnere dich, daß diejenigen, welche durch die falsche Darstellung Anderer getäuscht, dich beleidigt haben, bereitwillig waren und sich erboten, ihren Fehler wieder gut zu machen. Mehr können sie nicht thun, und ich wünschte, du könntest deine Empfindlichkeit überwinden. Bedenke, wir müssen vergeben, wie wir hoffen, daß uns vergeben werde. »Ich vergebe – wenigstens bisweilen,« erwiederte ich, »um Sarah's Willen – aber ich kann nicht immer.« »Aber du solltest aus andern Gründen vergeben, Jacob.« »Ich weiß es, ich sollte – aber wenn ich nicht kann, so kann ich nicht.« »Nein, lieber Junge, du sprachest nie so – ich wollte sagen – so gottlos. Fühlst du nicht, daß du im Irrthum bist? Du weigerst dich, einer Empfindung zu entsagen, die von deiner eigenen Vernunft und von der Religion verdammt wird – du klammerst dich an sie fest – und doch willst du von keiner Entschuldigung der Irrthümer Anderer hören.« »Ich fühle, was Sie sagen – und wie wahr Sie sprechen, Sir,« versetzte ich, »aber ich kann dieses Gefühl nicht überwältigen. Ich bin bereit, jede Entschuldigung für die Fehler Anderer gelten zu lassen; aber auf der andern Seite bin ich gewiß nicht zu tadeln, wenn ich mich weigere, in eine Lage zu treten, in welcher ich wieder Gefahr laufe, eine Kränkung zu erfahren. Ist es denn unrecht, wenn ich mein Brod auf meine Weise suche und den Strom dem trockenen Lande vorziehe?« »Nein, das nicht; aber was mir an deiner Wahl mißfällt, ist der Umstand, daß sie dir durch deine allzugroße Empfindlichkeit eingegeben wird.« » Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern ,« versetzte ich schnell, weil ich das Gespräch abzubrechen wünschte. »Sehr wahr, Jacob; aber ich setze einen andern Deiner Sprüche hinzu: Das nächstemal mehr Glück . Gott segne dich, mein Junge; trage Sorge für dich und gehe nicht wieder unter's Eis!« »Für Sie morgen wieder,« versetzte ich, die dargebotene Hand ergreifend; »aber sähe ich diesen Hodgson an einem solchen Loche –« »Du würdest ihn doch nicht hineinstoßen?« »Ja, das würd' ich,« versetzte ich bitter. »Jacob, das würdest du nicht, sage ich – jetzt denkst du so, aber sähest du ihn in Lebensgefahr, du würdest ihm beistehen, wie du mir beigestanden bist. Ich kenne dich besser, Junge, als du dich selbst kennst.« Ob Kapitän Turnbull oder ich Recht hatte, wird die Folge lehren. Wir gaben uns die Hand, und ich eilte zu Marien, an die ich während meiner Abwesenheit oft gedacht hatte. »Wer meinst du, daß hier gewesen sei?« fragte Marie nach der ersten Begrüßung. »Das kann ich nicht errathen,« versetzte ich. »Der alte Tom und sein Sohn?« »Nein, ich meine nicht den alten Tom, aber 's war so ein alter Kauz – mit einer Nase – hilf Himmel! ich meinte, ich müsse mich todt lachen, als er die Treppe hinunter war. Du mußt wissen, Jacob, daß ich mich in ihn verliebt stellte, nur um zu sehen, was er machen würde. Weißt du jetzt, wer es ist?« »O ja! Du meinst meinen Schulmeister, den Domine.« »Ja, so sagte er; und ich sagte ihm viel von dir, und wie du mich lesen und schreiben lehrest, und wie ich das gelehrte Wesen so gerne habe, und wie ich wohl einen alten Herrn heirathen möchte, der ein großer Gelehrter wäre, und mich Lateinisch und Griechisch lehren würde; und da wurde er ganz gesprächig, und blieb zwei Stunden lang plaudernd bei mir sitzen. Er ersuchte mich, dir zu sagen, daß er morgen Nachmittag wieder kommen wolle, und ich bat ihn, er solle bis zum Abend bleiben, weil noch zwei Freunde von dir kämen. Nun, wer meinst du, daß die seien?« »Ich habe keine Freunde, ausgenommen den alten Tom Beazeley und seinen Sohn.« »Gut; 's ist dein alter Tom: ein lustiger alter Bursche, aber ich möchte ihn nicht zum Mann. Sein Sohn dagegen – das ist ein Bürschlein nach meinem Herzen – ich bin ganz verliebt in ihn.« »Deine Liebe wird Dir keine große Schmerzen machen, Marie; aber bedenke, was für dich Scherz sein kann, ist's vielleicht für Andere nicht; und was das Zusammentreffen des Domine mit dem alten Beazeley und seinem Sohne betrifft, so weiß ich nicht, wie's ausfallen wird, denn ich zweifle, ob er sie gerne sieht.« »Warum nicht?« fragte Marie. Auf ihr Versprechen, nie darauf hinzudeuten, erzählte ich ihr kurz den Auftritt mit dem würdigen Manne an Bord des Lichters. Marie schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Jacob, haben wir nicht letzthin gelesen, die gefährlichsten Klippen für die Männer seien der Wein und die Weiber?« »Wenn ich mich recht erinnere, ja.« »Bah,« sagte sie; »der alte Herr hat eine Menge Lehren gegeben, und da scheint's, daß er eine bekommen hat.« »Lernen können wir bis zum letzten Tage unseres Lebens, Marie.« »Gut, er ist ein sehr geschickter, gelehrter Mann, daran zweifle ich nicht, und sieht auf uns alle herab (auf dich nicht, Jacob) und denkt, wir seien einfältige Leute. Ich will versuchen, ob ich ihm nicht auch eine Lehre geben kann.« »Du, Marie? was kannst du ihn lehren?« »Sorge nicht dafür, wir werden schon sehen.« Marie lenkte jetzt das Gespräch auf ihren Vater. »Du weißt vermuthlich, daß der Vater zu Herrn Turnbull gegangen ist?« »Nein, das wußte ich nicht.« »Ja, ja; er wurde diesen Morgen gerufen und ist noch nicht gekommen. Jacob, ich hoffe, du wirst nicht wieder so närrisch sein, denn ich möchte meinen Lehrer doch nicht gerne verlieren.« »O fürchte nichts, ich lehre dich alles, was ich weiß, ehe ich sterbe,« versetzte ich. »Sei deiner Sache nicht zu gewiß,« versetzte Marie, ihre großen blauen Augen auf mich heftend. »Woher weißt du denn, wie lange mir deine Gesellschaft zusagt?« »Nun, wenn ich schnell fort muß, so vermache ich dich dem jungen Tom Beazeley; du bist ja doch schon halb verliebt in ihn,« versetzte ich lachend. »Nun, es ist ein lustiger Bursche,« erwiederte sie; »er lacht mehr, als du, Jacob.« »Er hat auch weniger gelitten,« versetzte ich trübe, denn die Vergangenheit stand vor meinem Gedächtniß; »aber Marie, er ist ein schöner junger Mensch, und ein gutherziger Bursche oben drein, und wenn du ihn einmal kennst, so wirst du ihn sehr lieb haben.« Während ich dies sagte, hörte ich ihren Vater die Treppe herauf humpeln; er kam in der besten Laune von Kapitän Turnbull und schien höchlich zufrieden über seinen Besuch, denn er forderte seine Pfeife und sein Bier, und sprach äußerst fließend über Menschennatur . Neuntes Kapitel. Im Buch als “Eilftes Kapitel.” überschrieben. Re. »Das Fest der Vernunft und der Flug der Seele.« – Stapleton beweist das erste an der Menschennatur, der Domine den letztern durch seine schmachtenden Gefühle. – » Sally's Schuh besonders notirt , und das ächte »leichtgemachte Lesen« eines leichten Herzens vom alten Tom. Am folgenden Nachmittag hörte ich den muntern Gesang einer wohlbekannten Stimme, wahrend Marie ihre Bücher zusammenraffte und abräumte; denn es war gerade die Zeit, wo ich ihr Unterricht gab. »Sah manche seltsame Dinge, War lang auf der Streiferei, Durchkreuzte die Welt im Ringe, Doch jetzt sind die Kriege vorbei; War unter der Linie Gluthen, Durch die man die Nase verliert, Fuhr durch des Eismeeres Fluthen, Wo man seine Zehen erfriert. Fale ra, fale ra, falera la la. »Voran, Tom, laß mich langsam nachstumpeln. s' ist mit mir wie mit 'm Schiff, das gegen Wind und Fluth gezogen wird – ich komme so schnell hinauf, wie ein Advokat in den Himmel.« Beim ersten Anblicke Tom's kam es mir vor, als hätte er sich ungewöhnlich viel Mühe gegeben, sein Aeußeres so vorteilhaft als möglich herauszuheben, und gewiß sah man selten ein hübscheres, offeneres, heitereres Gesicht. Tom war um einen Zoll größer, als ich, und hatte eine schöne und athletische Gestalt. Er ging rasch und freudig auf Marie zu, aber sei es, daß sie ihn wegen meiner zurückhalten wollte, oder daß sie sich ihrer gewöhnlichen Laune überließ, sie wich vor ihm zurück und trat auf den alten Tom zu, dem sie mit Wärme die Hand drückte. »Puh! was ist im Wind, Jacob? Wir schieden doch als die besten Freunde von der Welt,« sagte Tom auf Marie blickend. »Tritt nur zurück, Tom,« erwiederte ich lachend; »und du wirst sehen, daß sie wieder näher kommt.« »O, ho! bläst der Wind aus diesem Strich?« versetzte Tom, »da bin ich schon dabei – ich kann auch falsche Farben aufziehen, so gut, als sie. Aber, Jacob, ehe ich meine Manöuvres eröffne, sag' mir, ob ich die neutrale Flagge aufziehen soll, denn ich möchte dir nicht gerne in die Quere fahren.« »Hier meine Hand darauf, Tom, die Küste ist klar, soweit es mich betrifft; aber nimm dich in Acht, sie ist ein Klipper und könnte dir leicht durch die Finger schlüpfen, wenn du sie auch schon bis in die Rufweite unter dein Lee gebracht hast.« »Dafür laß du mich sorgen, Jacob.« »Noch mehr aber, Tom, wenn du sie einmal im Besitz hast, sie will einen geschickten Seemann am Steuer haben.« »Dann ist sie gerade das Fahrzeug nach meinem Geschmack. Ich hasse die steten Langsamsegler, die sich beinahe selbst steuern, und möchte daher ein Fahrzeug, das einen Mann braucht, und zwar einen Seemann.« »Gut bemannt thut sie Alles, darauf verlaß dich, Tom, denn im Kielraum ist sie fest; und wenn sie auch auf den ersten Windstoß in den Strich fällt, so legt sie sich doch nicht weiter auf die Seite.« »Dann ist Alles in Ordnung, Jacob. Nun du mir gesagt hast, wie sie lavirt, will ich schon sehen, wie ich ihr den Strich abschneide.« »Jacob, mein guter Junge, du bist also wieder unter'm Wasser gewesen? Dachte, du hättest damals genug bekommen, als dir Fleming den Streich spielte; wiewohl, dießmal thatest du's, um einen Freund zu retten, und das war ganz recht. Meinen dienstlichen Gruß, Meister Stapleton,« fuhr der alte Tom fort, als Stapleton eintrat. »Ich sprach da mit Jacob über sein letztes Untertauchen.« »Nichts, als Menschennatur,« versetzte Stapleton. »Nun, nun,« meinte der alte Tom, »ich denke, so in den Strom hineinplumpen, wenn er mit Eis bedeckt ist, sei gerade das Gegentheil von Menschennatur.« »Aber nicht, einen Freund zu retten, Vater.« »Doch – von wegen weil es Jacobs-Natur ist; ihr seht also, eine Natur überwand die andere, und das ist der langen Rede kurzer Sinn.« »Aber wie wär's, wenn wir uns niedersetzten und es uns bequem machten?« fragte Stapleton; »doch 's kommt noch Jemand; wer mag das sein?« »Nun, alter Feger, in Betracht, daß Ihr taub seid, wie ein Thürpfosten, hört Ihr ziemlich gut,« bemerkte der alte Tom. »Ja, im Hause höre ich ganz gut, vorausgesetzt, daß die Leute nicht laut reden.« »Nun, das ist eine seltsame Art von Taubheit; ich denke, an dem Uebel leiden wir alle,« rief Tom lachend. Während dieser Bemerkung erschien der Domine. » Salve Domine! « sagte ich bei seinem Eintritt, und faßte die Hand meines würdigen Erziehers. » Et du quoque, fili mi, Jacobe ! aber wen haben wir hier? den tauben Mann, das Mädchen, und – eheu ! den Alten, genannt der alte Tom, und gleicherweise den jungen Tom.« Dabei machte der Domine ein gar ernstes Gesicht. »Je nun, Sir,« sagte der junge Tom, auf den Domine zutretend, »ich weiß, daß Sie uns noch zürnen, weil wir beide zu viel tranken, als wir das letzte Mal in ihrer Gesellschaft waren; aber wir versprechen – nicht wahr, Vater, wir versprechen? – es soll nicht mehr vorkommen.« Diese schonende Anrede des jungen Toms benahm dem Domine seine Befangenheit; was er am meisten fürchtete, waren Anspielungen und Neckereien von ihrer Seite. »Ja gewiß, alter Herr, Tom und ich strafften unsere Beisegel etwas zu stark, als wir das letzte Mal beisammen waren, – doch was ist's denn? – Grog war da, und zu thun hatten wir nichts.« »Ganz Menschennatur,« bemerkte Stapleton. »Ei, Sir, Sie haben ja noch kein Wort mit mir gesprochen,« sagte Marie auf den Domine zugehend. »Sie müssen sich zu mir setzen und mich unterhalten, dabei aber auch Acht haben, daß sich alle ordentlich aufführen und nüchtern bleiben.« Der Domine warf einen Blick auf Marie, der auf sie allein berechnet war, aber vom jungen Tom und mir nicht unbemerkt blieb. »Wir werden unsern Spaß haben, Jacob,« flüsterte er mir zu, während wir uns um den Tisch setzten, der gerade sechs Personen faßte, wenn man eng zusammenrückte. Der Domine saß auf der einen Seite Marien's, Tom auf der andern, Stapleton neben Tom, dann kam ich und der alte Tom, der auf der einen Seite den Domine zum Nachbar hatte, und sogleich dem alten Herrn eine seiner Stelzen auf die Hühneraugen setzte, so daß dieser eiligst sein Bein in die Höhe zog und seinen Stuhl näher zu Marien hinrückte, um eine Wiederholung dieses Unfalls zu vermeiden, während der alte Tom um Verzeihung bat, und Stapleton den Beweis führte, es sei nichts weiter als Menschennatur , wenn auf der einen Seite der alte Tom mit seinem hölzernen Bein nicht fühle, und auf der andern der Domine mit einem bösen Hühnerauge fühle. Endlich saßen wir alle, worauf Marie, die sich auf den Abend vorgesehen hatte, einige Krüge Bier nebst einer Flasche Branntwein aufstellte, deßgleichen auch Pfeifen und Tabak brachte. »Freiheitshalle – ich rauche,« sagte Stapleton, seine Pfeife anzündend und sich in seinen Stuhl zurücklehnend. »Ich will auch so 'nen Thonstummel in meinen Mund stecken,« meinte der alte Tom, »'s macht einen durstig und würzt den Branntwein.« »Und ich malze,« sagte Tom, einen Krug Porter ergreifend und einen Zug nehmend, bis ihm der Athem ausging. »Was thust du, Jacob?« »Ich will noch ein wenig warten, Tom.« »Und was thun Sie, Sir?« fragte Marie den Domine. Der Domine schüttelte den Kopf. »Nein? – aber Sie müssen, oder ich glaube, unsere Gesellschaft behagt Ihnen nicht. Kommen Sie, ich will eine Pfeife für Sie stopfen.« Marie füllte eine Pfeife und reichte sie dem Domine, welcher zögerte, das Mädchen ansah und überwunden war. Er zündete sie an und dampfte entsetzlich. »Das Eis thaut auf – wir bekommen andere Witterung – morgen ist Mondswechsel,« bemerkte der alte Tom, zwischen jeder Bemerkung puffend; »und dann kann der ehrliche Mann doch auch wieder was verdienen. Böse Zeiten für Euch, alter Feger, nicht wahr!« fuhr er fort, sich an Stapleton wendend. Stapleton nickte durch den Rauch Beifall, was der alte Tom zuerst bemerkte. »Nun, er ist am Ende gar nicht taub,« sagte er, »ich dachte mir's gleich, er verstelle sich etwas. Jacob, das gibt Wetter für dich, dir die Finger zu blasen und die Augen zu hellen.« »Oder vielmehr Rauchwolken zu blasen und die Augen zu beizen,« erwiederte Tom, den Krug ergreifend; »ich bin so durstig vom Rauchschlucken, als bisse ich selbst auf ein Stück Thon, – auf jeden Fall beißen mich die Augen. Jacob,« fuhr er leise zu mir fort, »sieh einmal, wie der alte Herr Marie verräuchert und seine Schafsaugen durch das Gewölke auf sie heftet.« »Scheint, als wolle er sie im Rauch entern,« versetzte ich. »Ja, und sie, als wolle sie gar nicht kämpfen, sondern sich sogleich ergeben,« sagte Tom. »Glaub' es nicht, Tom – ich kenne sie besser, sie lacht ihn nur aus. Eben wirft sie mir einen Seitenblick zu, aber mir ist's nicht zum Lachen, denn es gefällt mir gar nicht, daß sie mit diesem alten Herrn ihr Spiel treiben will. Ich werde ihr morgen scharf den Text lesen.« Während dieser ganzen Zeit rauchte der alte Tom und Stapleton stillschweigend fort. Der Domine machte Gebrauch von seinen Augen zu einer stummen Unterredung mit Marien, und diese antwortete ihm mit ihren hellen, glänzenden Blicken, während Tom und ich uns höchlich zu langweilen begannen. Endlich ging dem alten Tom die Pfeife aus; er legte sie auf den Tisch und begann: »Da – ich rauche nicht mehr – das Schlimmste an einer Pfeife ist, daß man nicht rauchen und sprechen zugleich kann. Marie, nimm deine Augen von des Domine Nase weg und gib mir die Flasche Stoff. Und auch ein Glas zum Mischen – nicht wahr, das ist vornehmer, als wir's an Bord haben, Tom?« Tom füllte ein Glas Grog, leerte es in Einem Zug bis auf die Hälfte und stellte es auf den Tisch. »Wollen Sie nicht auch, Sir?« sagte er, sich an den Domine wendend. »Nein, Freund Dux, nein – bitte, redet mir nicht zu – weg!« Der Domine wandte sich mit einer Art von Schauder von der Flasche ab, die ihm der alte Tom hinhielt. »Gar nichts trinken?« fragte Marie, den Domine mit Verwunderung ansehend; »aber nein, Sie müssen, oder ich glaube, Sie verachten uns und denken, wir seien Ihrer Gesellschaft nicht würdig.« »Nein, Mädchen, dränge mich nicht; fordere Alles von mir, nur das nicht,« erwiederte der Domine. »›Fordere Alles, nur das nicht‹ – das ist so die rechte Entschuldigung, wenn man etwas abschlägt,« erwiederte Marie. »Würde ich etwas anderes fordern, so hieße es wieder – ›fordere Alles, nur das nicht‹. Wenn Sie nicht mir zu Gefallen trinken wollen, so werde ich mit Ihnen schmollen. Sie müssen ein Glas trinken, und ich will es für Sie mischen.« Der Domine schüttelte den Kopf. Marie mischte ein Glas Grog und setzte es an die Lippen. »Wenn Sie jetzt nicht trinken, nachdem ich ihn gekostet habe, so spreche ich keine Sylbe mehr mit Ihnen.« Mit diesen Worten hielt sie dem Domine das Glas hin. »Wahrhaftig, Mädchen, ich muß es durchaus abschlagen, denn ich habe ein Gelübde gethan in meinem Herzen.« »Was war das für ein Gelübde? Wurde es auf die Bibel beschworen?« »Nein, nicht auf die heilige Schrift, aber in meinen Gedanken, höchst feierlich.« »O! dergleichen Gelübde thue ich alle Tage und halte keines davon; damit langen Sie also nicht aus. Jetzt merken Sie, ich gebe Ihnen noch einmal Gelegenheit. Ich trinke etwas mehr, und wenn Sie nicht sogleich Ihre Lippen an dieselbe Stelle des Bechers setzen, so bringe ich's Ihnen nie wieder.« Marie setzte den Becher wieder an den Mund und trank ein wenig, während sie ihre Augen fest auf den Domine heftete, der sie mit aufgesperrten Nasenflügeln und krampfhaft zuckendem Gesichte beobachtete. Mit ihrem süßesten Lächeln reichte sie ihm den Becher; der Domine streckte die Hand etwas aus, zog sie wieder zurück, streckte sie abermals aus und nahm endlich das Glas. Marie siegte, und ich bemerkte den boshaften Ausdruck ihres Gesichts, als die Flüssigkeit in die Kehle des Domine hinabrann. Tom und ich wechselten Blicke. Der Domine stellte den Becher auf den Tisch, sah sich schuldbewußt im Kreise um, und erröthete bis über die Augen; aber Marie, welche gewahrte, daß ihr Sieg nur halb errungen war, legte die Hand auf seine Schulter, und bat ihn, sie den Grog noch einmal kosten zu lassen. Um ihn etwas zu beruhigen, ergriff ich selbst ein Glas; Tom that das Gleiche, und der alte Tom sprach mit mehr Rücksicht auf die Gefühle des Domine, als ich seinem ungebildeten Wesen zugetraut hätte, in ruhigem Tone: »Der alte Herr fürchtet den Grog, von wegen weil er mich einen Tropfen zu viel trinken sah, aber das ist kein Grund, warum der Grog nicht ein gut Ding sein sollte, und gesund, das heißt mit Mäßigkeit genossen. Ein Glas oder zwei ist sehr gut, und noch besser, wenn er von den Lippen eines hübschen Mädchens gewürzt wird, und selbst im Falle, daß der Domine kein Freund davon ist, so hat er doch zu viel von einem Gentleman, um seine Abneigung, einer Dame zu Gefallen, nicht aufzugeben. Um so größer ist das Verdienst; denn wenn er ein Freund davon wäre, so wäre es kein Opfer, das ist doch gewiß. Meint Ihr nicht auch so, alter Kamerad?« fuhr er fort, sich gegen Stapleton wendend, der schweigend seine Pfeife rauchte. »Menschennatur,« versetzte Stapleton, die Pfeife aus dem Munde nehmend und unter den Tisch spuckend. »Ganz richtig, Meister; und so trinke ich also auf Ihre Gesundheit, Herr Domine, und möge es Ihnen nie an einem hübschen Mädchen fehlen, um mit ihr zu sprechen, oder an einem Glas Grog, um auf ihre Gesundheit zu trinken.« »O, der Domine kümmert sich nicht um hübsche Mädchen, Vater,« versetzte Tom; »er ist zu gelehrt und geschickt; er denkt an nichts, als an den Mond, an Latein und Griechisch, an die Philosophie und alles das.« »Wer kann es errathen, was unter der Haut steckt, Tom? 's weiß Niemand, was ist, und was nicht ist – das beweist Sally's Schuh.« »Hörte noch nie von Sally's Schuh, Vater – das ist mir was ganz Neues.« »Hab' ich es dir nie erzählt, Tom? – Gut, so sollst du es jetzt hören – das heißt, wenn es der ganzen Gesellschaft recht ist.« »O ja,« rief Marie, »bitte, erzählt uns.« »Wollen Sie es auch hören, Sir?« »Hörte noch nie von Sally Su, möchte wohl ihre Geschichte vernehmen,« versetzte der Domine; »beginne Freund Dux.« »Gut also, Ihr müßt wissen, als ich an Bord der Terp-sy-chore war, da war ein Vortopmatrose, der hieß Bill Harneß, 's war ein guter Bursche, aber etwas bornirt im Oberwerk. Nun, wir waren mehrere Jahre auf der Jamaikastation, und kamen heim, und trieben 's lustig und waren guter Dinge, das heißt diejenigen, die noch von uns übrig waren, und brachten unser Geld durch auf eine teufelmäßige Weise. Bill Harneß hatte ein Weib, das war ganz vernarrt in ihn und er ganz vernarrt in sie, 's war aber eine Schlumpe, niemals ordentlich getakelt, es hing Alles nur so um sie herum; sie trat jeden Schuh nieder, und so hieß man sie nur die Schlappschuh-Sally, und der erste Lieutenant, der gar ein pünktlicher Mann war, konnte sie nie auf'm Verdeck sehen, denn Ihr müßt wissen, ihr Haar wickelte sie am Neujahrstag und so blieb's, bis das Jahr um war. Aber sei dem, wie ihm wolle, sie liebte Bill und Bill liebte sie, und sie lebten mit einander wie im Himmel. Im Ganzen kommt's nicht darauf an, ob ein Weib außen schön geputzt ist, das macht den Mann nicht glücklich, sondern nur darauf, wie's innen aussieht, das heißt, ob sie ein gutes Temperament hat, und ob sie gefällig und höflich und nachgiebig ist und so weiter. Nach den ersten paar Tagen denkt man nicht mehr an die Schönheit – die Augen werden matt, wie der Kapstan, wenn der Anker aufgewunden ist; aber was 'nem Mann gefällt, ist, daß ihn keine Kaprizen und keine Donnerwetter plagen. Gut, Bill war glücklich – aber eines Tages war er teufelmäßig unglücklich, von wegen weil Sally ihren einen Schuh verloren hatte, was kein Wunder war, wenn man daran denkt, daß sie immer in Schlappschuhen ging. ›Wer hat meines Weibes Schuh gesehen?‹ fragt er. ›Hol' der Teufel deines Weibes Schuh,‹ sagt Einer, ›er war nicht des Ansehens werth!‹ Er schrie wieder, ›wer hat meines Weibes Schuh gesehen?‹ ›Ich hab' ihn gesehen,‹ sagt ein Anderer. ›Wo?‹ sagt Bill. ›Ich sah ihn unten am Absatz,‹ sagte der Bursche. Aber Bill schrie immer um seines Weibes Schuh, der ihr wahrscheinlich vom Fuß gefallen war, wie sie in der Finsterniß auf der Vorschiffleiter hinauf stieg, um ein bischen frische Luft zu schöpfen. Kurz, Bill machte ein solches Wesen daraus, daß ihn die ganze Mannschaft auslachte und alle einander zuriefen: ›Wer hat Sally's Schuh gesehen‹ – ›Habt Ihr Sally's Schuh gefunden?‹ Und den ganzen Abend lief das Geschrei um, bis die Leute in ihre Hängematten gingen. Sally's Schuh kam aber nicht zum Vorschein. Am nächsten Morgen geht Bill auf's Hinterdeck und klagt dem ersten Lieutenant, wie daß Sally's Schuh verloren gegangen sei. ›Verflucht sei deines Weibes Schuh,‹ sagt der, ›hab' ich nicht genug zu thun ohne deines Weibes verwetterten Schuh, der keine zwei Pfennige werth ist?‹ Gut, Bill sagt, sein Weib habe nur noch einen einzigen Schuh, und der könne zwei Füße nicht trocken halten; er bittet daher den ersten Lieutenant, eine Nachsuchung anstellen zu lassen. Aber dieser dreht sich um, und sagt, er solle zum Teufel gehen, und die ganze Mannschaft verhöhnt den Bill, daß er so viel Lärm um nichts macht. Endlich geht Bill auf den ersten Lieutenant zu und will ihm etwas in's Ohr flüstern; der erste Lieutenant jedoch wehrt ihn mit seinem Sprachrohr ab, als nehme er sich zu viel heraus, daß er seinem kommandirenden Offizier etwas in's Ohr sagen will, und dann schickt er nach dem Profos. ›Köhler,‹ sagt er, ›dieser Mann hat seines Weibes Schuh verloren: laßt sogleich eine Nachsuchung anstellen und die Schiffsjungen alle Winkel durchsuchen. Wenn Ihr ihn findet, so bringt ihn mir.‹ Der Profos geht mit seinem Stock und ruft alle Jungen zusammen, um nach Sally's Schuh zu sehen – und sie durchstöbern das ganze Hauptdeck, gucken unter die Kanonen, unter die Hühnergatter, in die Schafhürden, und überall hin; und dann und wann bekommen sie eine kleine Aufmunterung mit dem Stock auf den straffen Theil ihrer Hosen, damit und daß sie recht scharf gucken sollen, bis sie Alle Sally's Schuh zum Klaus wünschten und Sally dazu und Bill hintendrein. Endlich gabelte ihn einer von den Jungen im Schweinstalle auf, wo er die ganze Nacht gelegen hatte, und von den Rüsseln der Schweine hin und her gestoßen wurde, denn sie fanden nichts Eßbares daran, wiewohl er nach Menschenhaut gerochen haben mag. Die Sache war, daß ihn derselbe Junge fand, der ihn aufhob, wie ihn Sally fallen ließ und ihn in's Vorderschiff geschleudert hatte. Der Schuh sah gar nicht darnach aus, als ob er all' des Lärmens werth wäre, aber deßwegen nahm ihn der Profos doch, trug ihn auf's Hinterdeck und legte ihn auf den Kapstankopf. Dann kommt Bill, nimmt den Schuh, geht mit vor den ersten Lieutenant, schneidet ihn auf, und zieht zwischen dem Futter vier Zehnpfundnoten heraus, welche Sally Sicherheit halber hineingenäht hatte; und der erste Lieutenant sagt zu Bill, er sei ein ausgemachter Narr, daß er sein Geld dem Schuh eines Weibes anvertraue, das immer so schlampicht einherkomme, und sagt ihm, er soll seinem Geschäft nachgehen und sein Geld ein andermal an einem sicheren Platz aufheben. Nachher wenn ein Ding besser war, als es aussah, sagte allemal die Mannschaft: 's ist, wie Sally's Schuh. Da habt Ihr die ganze Geschichte.« »Gut,« sagt Stapleton, die Pfeife aus dem Mund nehmend; »und ich weiß eine Geschichte, die dieser viel gleich sieht; sie passirte mir, als ich auf dem Strome war und bei Scheerneß ein Schiff besorgte – denn damals, müßt Ihr wissen, hatte ich meinen Nachen dort, 's war ein altes Fünfzigkanonenschiff, hieß der Diamant, wenn mir's recht ist. Nun, der erste Lieutenant, der wie der Eurige, ein gar pünktliches Menschenkind war, geht einmal auf dem Hauptdeck herum, und findet ein altes Paar Segeltuchhosen, die unter der Lafette einer Kanone versteckt find. ›Wem gehören die?‹ ruft er. Kein Mensch gibt Antwort, dieweil sie alle wohl wissen, daß es so viel wäre, als vierzehn Tage auf die schwarze Liste. Auf das hin stupft sie der erste Lieutenant durch die Schießlucke hinaus, und sie treiben mit der Strömung fort, 's war ungefähr eine halbe Stunde darnach, daß ich mit der Milch an Bord komme, und ein Mann, Namens Will Heaviside, sagt zu mir: ›Stapleton,‹ sagt er, ›der erste Lieutenant hat meine Segeltuchhosen über Bord geworfen, und darum hole ihn der Teufel, ich muß sie wieder haben.‹ ›Aber wo sind sie?‹ sag' ich; ›vermuthlich gegenwärtig auf dem Grund, wo die Plattfische darin herumschnüffeln.‹ ›Nein, nein,‹ sagt er, ›die sinken nicht und bleiben flott bis in alle Ewigkeit; sie find mit der Ebbe hinunter und werden mit der Fluth wieder heraufkommen. Habt nur ein scharfes Auge darauf, ich geb' Euch fünf Schillinge, wenn Ihr mir sie bringt.‹ Gut; ich hatte wenig Aussicht, die Hosen zu finden, oder meine fünf Schillinge zu sehen; aber wie sich's so trifft, mit der Fluth kommen diese nämlichen Hosen herauf und fallen mir gerade in's Auge. Ich ziehe sie aus dem Wasser und trage sie zu Will Heaviside; der hat eine mächtige Freude und gibt mir das Geld. ›Hätte sie nicht für zehn; nein, nicht für zwanzig Pfund verlieren mögen,‹ sagt er. ›Auf jeden Fall habt Ihr mir mehr bezahlt, als sie werth sind,‹ sag' ich. ›Meint Ihr?‹ sagt er; ›aber da halten wir.‹ Er zieht sein Messer heraus, schneidet das Hosenpreis auf, zieht ein Stück Leinwand hervor, und aus dem Stück Leinwand kömmt eine Kindsblase zum Vorschein. ›So,‹ sagt er, ›jetzt wißt Ihr, warum die Hosen nicht sinken wollten, und nun urtheilt, ob sie nicht fünf Schillinge werth sind.‹ Das ist meine Geschichte.« »Nun, ich sehe nicht ein, wie daß eine Kindsblase die Leute soll auf dem Wasser halten,« bemerkte der alte Tom. »Auf jeden Fall aber kann man mit einer Blase Hier ein nicht übersetzbares Wortspiel zwischen Caul und Call, die im Englischen gleich ausgesprochen werden. Call heißt die Bootsmannspfeife, Caul das Ammon, welches, wenn es ein Kind auf dem Kopfe mit auf die Welt bringt, »Glückshaube« genannt wird. die Mannschaft schnell genug auf's Verdeck eines Kriegsschiffes blasen, Vater.« »Das läßt sich nicht streiten, aber ich sprach von einer Kindsblase, nicht von einer Bootsmannblase, Tom.« »Will Euch sagen, wie das ist,« versetzte Stapleton, der wieder zu rauchen angefangen hatte: »'s ist Menschennatur .« »Was ist Ihre Meinung, Sir?« fragte Marie den Domine. »Mädchen,« versetzte der Domine, seine Pfeife aus dem Mund nehmend, »ich meine, das ist ein gemeiner Volksirrthum. Sir Thomas Brown hatte, glaube ich, dieselbe Vorstellung; mancherlei und seltsam waren die Ausgeburten des Aberglaubens, die uns unsere weniger aufgeklärten Vorfahren hinterlassen haben, aber alle diese Nebel sind durch die siegreichen Strahlen der Wahrheit zerstreut worden.« »Ganz recht; aber Herr, wenn ein solcher Volksirrthum im Stande ist, einen aus den Klauen Freund Hain's zu retten, ist's dann nicht am Platz, ihn in's Hosenpreis zu nähen?« »Sicherlich, guter Dux, wenn es einen wirklich vom Tode rettet; aber wie ist das möglich? Es widerspricht den ersten Elementen der Wissenschaft.« »Was macht's, – wenn es einen nur auf dem Wasser hält!« »Freund Dux, du bist ein Obscurant.« »Das mag wohl sein, denn ich weiß nicht, was das ist.« »Aber, Vater, erinnert Ihr Euch nicht,« fiel Tom ein, »was der Pfarrer am letzten Sonntag sagte – daß der Glaube den Menschen rette? Nun, Herr Domine, könnte es nicht auch der Glaube an eine Kindsblase sein, der einen Menschen rettet?« »Junger Tom, du bist astutus .« »Das mag wohl sein, wie der Vater sagt, denn ich weiß nicht, was das ist. Sie schlagen uns alle wieder mit Ihrem Wörterbuche.« »Nun, ich höre es gern, wenn die Leute so fremde Wörter bringen,« sagte Marie, den Domine anblickend. »Wie gelehrt müssen Sie nicht sein, Sir! Möchte wissen, ob ich solche Wörter je verstehen lernte?« »Nun, wenn du willst, so will ich dich einweihen, süßes Mädchen – will eine Stunde stehlen, um deinen Geist mit der Saat der Gelehrsamkeit zu imprägniren, welche in einem so schönen Boden nothwendig gute Früchte bringen müßte.« »Das ist ein schönes Wort, imprägniren ,« sagte der junge Tom zum Domine, »wollen Sie es uns nicht übersetzen?« »Es ist englisch, Tom, der alte Herr hat's nur 'n wenig zugeschnitten. Das dritte Linienschiff in dem Leeflügel der Kanalflotte führte achtzig Kanonen und hieß Impregnable , aber der alte Herr weiß mehr von Büchern, als von Seesachen.« »Wunderbare Mißconception!« sprach der Domine. »Da haben wir wieder ein anderes,« rief Tom lachend; »das muß ein Dreidecker sein. Kommt, Vater, da ist die Flasche, Ihr müßt ein neues Glas trinken, um es hinunter zu schwemmen.« »Bitte, was bedeutet das lange letzte Wort, Sir?« sagte Marie, den Domine am Arm fassend, »Miß –« »Das Wort,« versetzte Domine, »ist zusammengesetzt aus Conception , das aus dem Lateinischen entlehnt ist und so viel heißt als ›begreifen‹, und aus der Vorsetzsylbe miß , welche die Bedeutung verneint, oder umkehrt; Mißconception bedeutet also soviel, als › nicht begreifen‹. Ich kann Euch noch mit vielen andern Wörtern der Art bekannt machen, so zum Beispiel Mißverständniß, Mißgriff, Mißdeutung, Miß – « »Hilf Himmel, welch eine Menge Miß ,« rief Marie, »und die kennen Sie alle?« »Ganz gewiß,« erwiederte der Domine, »und noch viele andere, die in meinem Gedächtniß aufgespeichert sind, quod nunc describere longum est .« »Hatte keinen Begriff davon, daß der alte Herr den Mädels so nachstreicht,« sagte der alte Tom zu Stapleton. »Menschennatur,« versetzte der Andere. »Ich ließ mir's auch nicht träumen,« bestätigte Marie; »werde aber auch jetzt nichts mehr mit ihm sprechen.« Dabei schob sie ihren Stuhl einige Zoll vom Domine weg. »Mädchen,« sprach der Domine, »du mißkennst mich.« »Wahrhaftig, noch eine Miß,« rief Tom lachend. »Welch' ein alter Türke!« sagte Marie, noch weiter von ihm wegrückend. »Nun denn, so will ich gar nicht mehr antworten,« sprach der Domine, unwillig seine Pfeife hinlegend. Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, zog sein großes rothes Taschentuch hervor, führte es an seine Nase und entlockte dieser einen Ton, bei dem die Fenster der kleinen Wohnstube mehrere Secunden lang erzitterten. »Meister Tom, nimm dir nicht zuviel heraus mit Leuten, die besser sind, als du,« sagte der alte Tom, als er sah, daß sich der Domine beleidigt fühlte. »Nun,« sprach der Domine, »'s gibt ein altes Sprüchwort, das heißt, ›wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen‹; warum hast du ihm das Beispiel gegeben?« – »Haben ganz Recht, alter Herr, und ich bitte um Verzeihung. Da ist meine Hand darauf.« »Und so auch ich, Sir; da ist gleichfalls meine Hand darauf,« sagte der junge Tom, seine Hand auf der andern Seite nach dem Domine ausstreckend. »Freund Dux, und du, junger Tom, ich nehme gern die dargebotene Versöhnungshand an; denn ich weiß, daß, wenn auch viel Muthwillen in deinem Blut steckt, doch keine Bösartigkeit zu Grunde liegt.« Der Domine schüttelte die dargebotenen Hände der beiden Tome mit Wärme. »So,« entgegnete der alte Tom, »jetzt ist mein Herz leicht, wie der alte Pigtown sagte.« »Ich kenne den Autor nicht, den du da anführst, guter Dux.« »Autor? – habe nie gesagt, daß er ein Autor war; 's war nur der Kapitän eines Schooners, der zwischen den Inseln kreuzte, und an dessen Bord ich einige Wochen lang in Westindien war.« »Ihr werdet also der gegenwärtigen Gesellschaft vielleicht die Umstände erzählen, welche stattfanden, um des alten Peptop's – (ich irre mich vielleicht im Namen) doch wie dem immer sei –« »Pigtown, Herr.« »Nun, denn – des alten Pigtown's Herz leicht zu machen – denn deine Erzählungen sprechen mich wunderbar an, guter Dux; die Zeit verstreicht dabei so angenehm hin.« »Von Herzen gern, alter Herr; aber zuerst laßt uns unsere Gläser füllen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mich dünkt, der Grog trinke sich besser aus Glas, als aus Metall; und wenn Tom nicht so achtlos wäre – und der Hund nicht vor zerbrechlichen Waaren eben so wenig Respekt hätte, wie vor Menschen, so würde ich auch ein paar Gläser an Bord führen zum besondern Gebrauche; aber ich will mir's überdenken und hören, was meine Alte dazu sagt. Nun zu meinem Faden. Also der alte Pigtown befehligte einen kleinen Schooner, der zwischen den Inseln kreuzte; er trieb dieß schon seine vierzig Jahre, und war so bekannt wie der Port-Royal-Tom.« »Wer ist dieser Port-Royal-Tom?« fragte der Domine; »ein Verwandter von Euch?« »Ich hoffe nicht, Herr, denn ich sehne mich nicht nach seiner Bekanntschaft; »'s war ein Haifisch von ungefähr zwanzig Fuß Länge; der hielt Wache im Hafen, auf daß Niemand von den Kriegsschiffen desertiren konnte, und bezog einen Gehalt von der Regierung.« »Einen Gehalt von der Regierung? nein, aber das klingt seltsam. Ich habe gehört, daß man mit den Gehalten verschwenderisch umgeht, aber noch nie, daß man es soweit treibt. Wahrlich, das muß eine Sinecure gewesen sein.« »Weiß nicht, was das ist,« versetzte der alte Tom, »aber ich hörte unsern Bootsmann auf der Minerva oft sagen – er sprach ein bischen gern von Politik – der sagte oft, wie daß die Hälfte von den Gehalten von einem Pack verdammter Haifische verschlungen werden; aber was diesen Haifisch betrifft, so bezahlte man ihn nicht mit Geld, Herr, sondern er hatte seine regulären Rationen Ochsenleber, um ihn zu bewegen, daß er im Hafen bleibe, und da durfte Keiner an's Land zu schwimmen wagen, wenn er zwischen den Schiffen kreuzte. Gut, der alte Pigtown, mit seinen weißen Hosen und weißem Strohhut, rother Nase und dickem Bauch, war so gut bekannt, als er sein konnte, und war ein Kapitalbursche, was das Ausrichten von Kommissionen und das Mahnen daran betraf – das heißt, vorausgesetzt, daß man ihm das Geld zum Voraus gab; denn wenn dieß nicht der Fall war, so trug er immer Sorge, sie zu vergessen. Der alte Pigtown hatte einen Sohn; er war ein bischen angeschwärzt, was bewies, daß seine Mutter nicht ganz so weiß war, wie eine Lilie; und dieser, sein Sohn, war angestellt auf einem Drogher – das ist ein kleines Fahrzeug, welches auf den Inseln von Bucht zu Bucht fährt und den Zucker für die Westindienfahrer holt. An einem schönen Tage wurde der Drogher in die See verschlagen, und man hörte nachher nichts mehr von ihm. Nun war der alte Pigtown sehr begierig, was wohl aus seinem Sohne geworden sein möge, und er wartete jeden Tag, daß er zurückkäme; aber er kam nicht, und zwar aus guten Gründen, das werdet Ihr seiner Zeit hören. Weil nun Jedermann den alten Pigtown kannte, und er kannte auch Jedermann, so wurde er wohl fünfzigmal des Tages gefragt: ›nun, Pigtown, habt Ihr nichts von Euerm Sohn gehört?‹ und fünfzigmal des Tags antwortete er: › nein, und 's macht mir 's Herz ganz schwer .‹ Gut, 's war zwei oder drei Monate nachher, daß ich bei ihm auf dem Schooner war; wir lagen unter Windstille zwischen den Inseln, die Sonne verbrannte unsere Perücken, und die Planken waren so heiß, daß man nicht barfuß d'rauf gehen konnte – da fingen wir einen großen Haifisch, der unter unsern Bug kam, zogen ihn an Bord und schnitten ihn auf. Wie wir sein Gedärmwerk öffnen, was sah ich? Nichts anderes, als etwas Glänzendes. Ich nahm's heraus, und was war's? eine silberne Uhr. Ich gebe sie dem alten Pigtown. Er betrachtet sie aufmerksam, öffnet das Gehäuse, liest den Namen des Meisters und macht sie wieder zu. ›Diese Uhr hier,‹ sagt er, ›gehörte meinem Sohn Jack. Ich kaufte sie von einem Burschen auf einem Südwalfischfänger um drei Dollars und eine Rolle Kautabak, und 's war eine sehr gute Uhr, ob ich gleich bemerke, daß sie gegenwärtig steht. Nun, Ihr seht also, 's ist jetzt Alles klar; der Drogher ging in einem Stoßwind unter. – Der Haifisch muß meinen Sohn Jack aufgeschnappt und seinen Leib verdaut haben, aber die Uhr hat er nicht verdauen können. So, jetzt weiß ich, was aus ihm geworden ist, und mein Herz ist wieder leicht .‹« »Gut,« bemerkte der alte Stapleton, »ich halt's mit dem alten Poptown, oder wie er heißen mag: 's ist besser, das Schlimmste auf einmal zu wissen, als sein ganzes Leben lang in der Klemme gehalten zu werden. Ich schätze wohl, 's ist nichts als Menschennatur. Wenn Einer 'nen faulen Zahn hat, was ist's Beste? mit Einem Ruck 'raus, oder das ganze Jahr durch Tag und Nacht Qual?« »Du sprichst weise, Freund Stapleton, und wie ein Mann von Entschlossenheit, – die Angst ist oft, wenn auch nicht immer, peinlicher, als die Wirklichkeit. Du weißt, Jacob, wie oft ich einen Knaben mit aufgeknöpften Hosen eine Stunde lang im Schulzimmer stehen ließ, ehe ich das Birkenreis applicirte – es geschah in der Absicht, den Eindruck auf sein Gemüth stärker zu machen, als den auf seine posterioria . Von allen Gefühlen in der menschlichen Brust ist die Spannung –« »Schlimmer, als Hängen,« unterbrach ihn der junge Tom. »Ganz gut, Junge (gluck, gluck), ein passender Vergleich, denn bei der Spannung hängen wir gleichsam in der Region der Zweifel, ohne den Fuß auch nur auf eine Muthmaßung setzen zu können. Ja wir können noch eine weitere Aehnlichkeit auffinden, obgleich sie nicht völlig so gut paßt, nämlich, daß der Krampf der Spannung den Athem des Menschen auf einige Zeit, das Hängen aber auf immer stockt, so daß man mit Wahrheit sagen kann, die Spannung wird durch das Hängen vollendet. (Gluck, gluck.)« »Und nun, da Sie dieß Alles losgegeben haben, Herr, wie wäre es, wenn Sie Ihre Pfeife füllten?« bemerkte der alte Tom. »Und ich will Ihr Glas füllen, Sir,« sagte Marie, »denn Sie müssen ganz trocken geworden sein bei den schweren Wörtern, die Sie gesprochen haben.« Dießmal machte der Domine keine Einwendung, und hüllte Marie und sich wieder in eine Rauchwolke, durch welche seine Nase hervorschimmerte, wie ein Ostindienfahrer durch einen Kanalnebel. Zehntes Kapitel. Des Domine's Busen wird zu warm; die Gesellschaft und die Kälte nehmen Abschied. – Ich gehe mit dem Strom und gegen den Strom und verdiene auf beiden Wegen Geld. – Kälte zwischen Marie und mir. – Keine Aussicht auf eine Themseausgabe von Abälard und Heloise. – Liebe, Lernen und Latein geht alles in einem Anfalle von Verdruß verloren. »Hört, Meister Stapleton, wie wär's, wenn wir eine halbe Luke aushöben?« bemerkte der alte Tom nach einem Schweigen von zwei Minuten; »denn der alte Herr bläst teufelmäßige Wolken von sich: das heißt, wenn Niemand nichts dawider einzuwenden hat.« Stapleton nickte bejahend; ich stand daher auf und ließ das obere Fenster um einige Zoll herab. »Ah, das ist recht, Jacob; jetzt können wir sehen, was Miß Marie und er mit einander treiben. Sie haben die Dame ganz für sich allein genossen, Herr,« fuhr Tom gegen den Domine fort. »Gewiß und wahr,« versetzte der Domine, »ganz wie ein zweiter Jupiter.« »Habe nie von ihm gehört.« »Das vermuthe ich; aber Jacob wird dir sagen, daß die Geschichte in Ovid's Metamorphosen steht.« »Weiß nichts von diesem Lande, Herr.« »Freund Dux, es ist ein Buch und kein Land, in welchem du lesen magst, wie Jupiter in einer Wolke zu Semele niederstieg.« »Und woher kam er denn?« »Er kam vom Himmel.« »Den Teufel kam er. Wenn ich einmal dort bin, so bleibe ich.« »Es war Liebe, allgewaltige Liebe, die ihn antrieb, Mädchen,« versetzte der Domine, sich mit lächelndem Auge zu Marien wendend. »Geht über meine Fassungskraft,« meinte der alte Tom. »Menschennatur,« murmelte Stapleton, mit der Pfeife im Mund. »Nicht die ersten Fahrzeuge, die im Nebel aneinander rennen,« bemerkte der junge Tom. »Schön, Junge, aber dann ist gewöhnlich nicht viel Liebe zwischen ihnen. Doch weil wir jetzt wieder athmen können, wie wär's, wenn ich euch ein Lied sänge? was soll's für eins sein, Mädchen, ein Seestückchen oder ein Löffelstückchen ?« »O, etwas von Liebe, wenn Sie nichts dagegen haben, Sir,« sagte Marie, sich an den Domine wendend. »Recht so, das gefällt mir, Mädchen, und ich bin deines Sinnes. Freund Dux, etwas Anakreontisches .« »Was der Teufel ist denn das?« rief der alte Tom, die Augen aufreißend und die Pfeife aus dem Mund nehmend. »Nichts von Euern gewöhnlichen Weisen, Vater, sondern 'n frisches ,« versetzte der junge Tom. »Ich meine,« sagte der Domine, »es sollte von Liebe und Wein handeln.« »Von beiden ist er ein Freund,« flüsterte mir Tom zu. »Menschennatur,« sagte Stapleton leise. »Gut, Ihr sollt haben, was Ihr wollt. Ich will Euch eins geben, das Ihr im Zimmer einer Dame girren könnt, ohne daß die seidenen Vorhänge rauschen. in sind die Tage, wo im Herzen brannte Der Schönheit Macht, Wo ich nur Liebe und nur Liebe kannte, Aus ihr erwacht. Mag neu die Hoffnung blühen. Ein milder' Licht erglühen. Und leuchten durch des Lebens Raum; Doch nichts ist halb so süß auf Erden, Als uns'rer Liebe Jugendtraum, Doch nichts ist halb so süß auf Erden, Als uns'rer Liebe Jugendtraum. Die Weise des Gesanges, in Verbindung mit dem genossenen Getränke und den strahlenden Augen Mariens, brachte eine große Wirkung auf den Domine hervor. Wie der alte Tom mit wachsender Empfindung sang, näherte sich der Gelehrte allmälig dem Stuhle Mariens, und eben so allmälig umfaßte er ihren Leib mit seinem Arme, während seine Augen sie funkelnd anblinzelten. Der alte Tom, der es bemerkte, hatte, während er die zwei letzten Strophen wiederholte, mir und Tom einen Wink gegeben, und wie wir sahen, was vorging, brachen wir in ein unaufhaltsames Gelächter aus. »Jungen! Jungen!« sagte der Domine aufschreckend, »ihr habt mich durch eure lärmende Fröhlichkeit aus einer süßen Träumerei geweckt, in welche mich die harmonische Stimme des Freundes Dux versenkt hatte. Auch kann ich die Quelle eures Gelächters gar nicht entdecken, da der Gesang amatorisch ist, und nicht komisch. Man kann freilich bei eurer zarten Jugend nicht annehmen, daß ihr durch etwas ergriffen werden solltet, wozu ihr viel zu jung seid. Bitte dich, Freund Dux, fahre fort – und ihr Jungen haltet eure Fröhlichkeit im Zaum.« Der Barde mag nach einer wilden Jugend Zur Sonne gehn, Mag nach der Thorheit in der stillen Tugend Die Freude sehn: Auch an des Ruhmes Sonne Reift nicht die süße Wonne, Die einst in seinem Busen schlug, Als er die Gluth der Liebe im Gesange In der Geliebten Seele trug – Wo sie bei ihres Namens Klange Schnell in die zarten Wangen schlug. Beim Anfang dieses Verses schien der Domine auf seiner Hut zu sein, aber durch die Macht des Gesanges allmälig hingerissen, ließ er seinen Ellbogen auf und seine Pfeife unter den Tisch gleiten, während seine Stirne in seine breite Handfläche sank. Er blieb regungslos. Der Vers endete, und der Domine, alles um sich her vergessend, seufzte, ohne aufzublicken: »Eheu! Maria! »Sprachen Sie zu mir, Sir?« fragte Marie den Domine mit halb ernster, halb spöttischer Miene, als sie bemerkte, daß wir kicherten. »Ob ich sprach, Mädchen? nein, ich sprach nicht; doch möchtest du mir vielleicht meine Pfeife geben, welche, wie es scheint, abducirt wurde, während ich dem Gesänge lauschte?« » Abducirt – das ist ein neues Wort. Es wird aber vermuthlich so viel heißen als zerbrochen,« bemerkte der junge Tom: »auf jeden Fall ist dieß Ihrer Pfeife passirt, denn Sie ließen sie zwischen Ihre Beine fallen.« »Hat nichts zu sagen,« sagte Marie, vom Stuhle aufstehend und an den Schrank tretend, »hier ist eine andere, Sir.« »Nun, Herr, soll ich den Schluß vollends singen, oder haben Sie genug an dem?« »Fahre fort, Freund Dux, fahre fort; und glaube, daß ich ganz Ohr bin.« Die Huldgestalt der ersten Jugendliebe Vergißt sich nie, Wenn keine Blume dem Gedächtniß bliebe, So bleibt ihm sie; Doch, wie die Schatten schweben, Enteilte aus dem Leben Des Himmels Widerschein. Es war ein Licht, der trübe Strom des Lebens Saugt nie mehr seine Strahlen ein. Es war ein Licht, der trübe Strom des Lebens Saugt nie mehr seine Strahlen ein. »Nein,« sagte der Domine, wieder im Reiche der Träume schwebend, »die Metapher ist nicht richtig – trüber Strom des Lebens, Lethe, tacitus amnis , wie Lucan sagt; nein, der Strom des Lebens fluthet – ja fluthet rasch – sogar in meinen Adern; pocht und klopft nicht mein Herz? – ja stark, vielleicht zu ungestüm – gegen mein besseres Urtheil? Confiteor misere molle cor esse mihi , wie Ovid sagt; aber muß ich das nicht überwältigen? soll ein Mädchen den Sieg erringen über siebenzig Knaben? Soll ich, Domine Dobbs, meinen Posten verlassen? – wieder unterliegen einem – ich will aufbrechen, damit ich zur Morgenstunde an meinem Pult sitze.« »Sie werden uns doch noch nicht verlassen, Sir?« sagte Marie, den Domine beim Arme fassend. »Ja, schönes Mädchen, denn es wird spät, und ich habe meine Pflichten zu erfüllen,« sprach der Domine, vom Stuhl aufstehend. »Dann müssen Sie uns versprechen, wieder zu kommen.« »Mag sein.« »Wenn Sie mir nicht versprechen, daß es ist, so lasse ich Sie gar nicht fort.« »Wahrhaftig, Mädchen –« »Versprechen!« unterbrach ihn Marie. »In der That, Mädchen –« »Versprechen!« rief Marie. »Gewißlich, Mädchen –« »Versprechen!« wiederholte Marie, den Domine nach ihrem Stuhle drängend. »Nun denn, so will ich's versprechen, weil du es so haben willst,« erwiederte der Domine. »Und wann werden Sie kommen?« »Ich werde nicht lange ausbleiben,« versetzte der Domine; »und nun gute Nacht allerseits.« Der Domine gab uns die Hand, und Marie leuchtete ihm die Treppe hinab. Es war mir ein wahrer Trost, daß mein würdiger Lehrer die Gefahr erkannte und so viel Entschlossenheit zeigte. Gerne hätte ich mich der Hoffnung hingegeben, er werde Marie in Zukunft vermeiden, die offenbar nur zu ihrer Unterhaltung und aus Liebe zur Bewunderung seine Eroberung zu machen wünschte, aber ich fühlte es, daß er das abgedrungene Versprechen erfüllen würde, und fürchtete, eine zweite Zusammenkunft, die vielleicht ohne Zeugen stattfinden konnte, möchte verderblich werden. Ich beschloß, sobald sich Gelegenheit dazu darbieten würde, mit Marien über den Gegenstand zu sprechen und ernstlich in sie zu dringen, mit dem würdigen alten Manne kein Spiel zu treiben. Marie blieb weit länger aus, als nöthig war, und wie sie wieder hereintrat und mich ansah, als erwarte sie ein Lächeln des Beifalls, wandte ich mich mit ärgerlicher Miene von ihr ab. Sie setzte sich nieder, und Verwirrung lag auf ihrem Gesichte. Auch Tom war still und bezeugte ihr keine Aufmerksamkeit. Nach Verfluß von einer Viertelstunde fragte er seinen Vater, ob sie nicht gehen wollten. Sie brachen auf. Marie war still und gedankenvoll; der alte Stapleton rauchte seine Pfeife aus, und ich nahm mein Licht, um nach meinem Lager zu gehen. Am nächsten Tage war Mondwechsel; die Kälte brach, und es trat auf einmal Thauwetter ein. »'s muß ein böser Wind sein, der Niemanden was Gutes bringt,« bemerkte der alte Stapleton. »Jetzt haben wir Fährleute den Strom wieder allein, und die Höcker müssen ihre Pfeffernüsse auf einen andern Markt tragen.« Indessen vergingen drei bis vier Tage, bis der Strom ganz vom Eise befreit war und die Schifffahrt wieder beginnen konnte; und während dieser Zeit herrschte, wie ich bemerken muß, Zwiespalt zwischen Marie und mir. Ich gab ihr zu verstehen, daß ich ihr Betragen mißbilligte. Anfangs suchte sie mich zufrieden zu stellen; aber wie sie fand, daß ich länger aushielt, als sie erwartet hatte, so wendete sie das Blatt um und spielte selbst die Beleidigte. Kurze Worte und keine Lehrstunden waren an der Tagesordnung, und da beide Theile entschlossen schienen, auszuharren, so war wenig Aussicht auf Versöhnung vorhanden. Dabei hatte sie am meisten zu leiden, denn nach dem Frühstück verließ ich das Haus und kehrte erst bis zum Mittagessen zurück. Anfangs arbeitete der alte Stapleton regelmäßig und war bei allen Fahrten; aber nachdem wir ungefähr vierzehn Tage miteinander gerudert hatten, überließ er das Geschäft größtentheils mir und blieb im Wirthshause. Das Wetter war jetzt schön, und nach der strengen Kälte änderte es so schnell, daß die meisten Bäume im Laub und die wilden Kastanien in voller Blüthe standen. Der Kahn war beinahe beständig auf der Fahrt, und jeden Abend händigte ich dem alten Stapleton vier bis sechs Schillinge ein. Ich hatte ein ergötzliches Leben und wäre vollkommen glücklich gewesen, hätte nicht meine Mißhelligkeit mit Marien immer noch fortgedauert, da wir beide gleich fest entschlossen schienen, einander nicht entgegenzukommen. O wie sehr wird das Leben durch Uneinigkeit mit denen verbittert, die täglich um uns sind, selbst wenn auch kein wärmeres Verhältniß stattfindet! Die unaufhörlichen Reibungen ermüden und quälen uns, und wenn wir auch die Atome verachten, so wird uns doch das Aggregat unerträglich. Ich fand kein Vergnügen mehr zu Hause, und die Abende, welche wir früher so angenehm hingebracht hatten, waren mir jetzt zur Qual, weil ich genöthigt war, in der Nähe einer Person zu sein, mit der ich auf keinem guten Fuße stand. Der alte Stapleton kam gewöhnlich spät nach Hause, und dieß machte die Sache noch schlimmer. Eines Abends überlegte ich, die Augen auf mein Buch gerichtet, ob ich nicht die ersten Schritte thun sollte, als Marie, welche ruhig an der Arbeit saß, das Stillschweigen mit der Frage unterbrach, was ich lese. Ich antwortete in einem ruhigen, ernsten Tone. »Jacob,« begann sie auf's Neue, »du bist sehr übel mit mir verfahren, daß du mich also demüthigst. Deine Sache war es, den ersten Schritt zu thun.« »Ich bin mir nicht bewußt, daß ich gefehlt habe.« »Ich sage das auch nicht; aber das ist jetzt gleichgültig; du mußt einem Frauenzimmer nachgeben.« »Warum?« »Diese Frage! Thut das nicht die ganze Welt? bietet Ihr nicht Alles zuerst den Weibern? ist dieß nicht ihr Recht?« »Wenn sie im Unrecht sind, nicht, Marie.« »Auch wenn sie im Unrecht sind, Jacob; denn wenn sie im Recht sind, so ist es kein Verdienst, ihnen Recht zu geben.« »Ich bin anderer Meinung; auf jeden Fall kommt es darauf an, wie sehr sie im Unrecht sind, und ich meine, du habest ein böses Herz verrathen, Marie.« »Ein böses Herz? – in wiefern, Jacob?« »Insofern du die Fabel von den Knaben und den Fröschen bei dem alten Domine verwirklichtest und vergaßest, daß, was dir Scherz sein mag, ihm den Tod geben kann.« »Du wirft doch damit nicht sagen wollen, er würde aus Liebe sterben?« versetzte Marie lachend. »So Schlimmes hoffe ich nicht; aber das kannst du erreichen und hast es auch mit all' deinen Kräften angestrebt, daß er recht elend werden wird.« »Und woher weißt du denn, Jacob, daß ich den alten Herrn nicht wirklich liebe? Du scheinst der Meinung zu sein, ein Mädchen könne sich in Niemand verlieben, als in Eures Gleichen. Warum sollte ich einen alten Mann mit so viel Gelehrsamkeit nicht lieben? Ich habe mir sagen lassen, die alten Ehemänner seien weit stolzer auf ihre Weiber, als die jungen, schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit und laufen nicht andern nach. Woher weißt du, daß es mir nicht ernst ist?« »Weil ich deinen Charakter kenne, Marie, und mich nicht täuschen lasse. Wenn du dich auf diese Weise zu vertheidigen meinst, so wollen wir lieber still sein.« »Mein Gott, wie unleidlich du bist! Gut, also, vorausgesetzt, ich schenkte dem alten Manne einige Aufmerksamkeit – habt ihr jungen Leute mir auch nur die geringste gezeigt? Sprachst du, oder dein schätzbarer Freund, Meister Tom, auch nur eine Sylbe mit mir?« »Nein, wir sahen, wie du beschäftigt warst, und wir beide hassen eine Coquette.« »O, das können Sie halten nach Belieben, Sir. Ich will es früher oder später noch dahin bringen, daß euch beiden das Herz bluten soll darüber.« »Vorgewarnt, vorgewappnet, Marie, und ich werde Sorge tragen, daß auch der andere Theil davon in Kenntniß gesetzt werde. Da ich bemerke, daß du so entschieden bist, so will ich nichts mehr reden. Nur um deiner selbst und um deiner Glückseligkeit willen bitte ich, gedenke deiner Mutter, Marie, und vergiß nicht, wie sie starb.« Marie bedeckte ihr Gesicht und brach in Thränen aus. Sie schluchzte einige Minuten lang; dann trat sie zu mir und sagte: »Du hast Recht, Jacob; ich bin ein thörichtes, vielleicht ein gottloses Mädchen; aber vergib mir, und ich will versuchen, mich zu bessern. Doch, wie der Vater sagt, es ist Menschennatur in mir, und es ist schwer, unsere Natur zu überwinden, Jacob.« »Willst du mir versprechen, künftighin nicht mehr zuvorkommend gegen den Domine zu sein, Marie?« »Ich will's vermeiden, wenn es mir möglich ist, Jacob. Auf einen Augenblick mag ich mich vielleicht vergessen, aber ich will thun, was ich kann. Es ist nicht so leicht, ernst auszusehen, wenn man fröhlich, oder sauer zu blicken, wenn's einem wohl um's Herz ist.« »Aber was kann dich nur verleiten, Marie, deine Macht an einem so alten Manne auszuüben, wie er ist? Wenn es der junge Tom wäre, dann könnte ich's verstehen. Es wäre doch noch etwas dabei zu erholen und dein Stolz könnte sich durch den Sieg geschmeichelt fühlen; aber ein alter Mann –« »Jacob, alt oder jung, das ist ein und dasselbe. Ich möchte sie alle zu meinen Füßen sehen, das ist's. Ich kann nicht dafür. Und ich hielt es für einen großen Sieg, einen weisen alten Mann zu meinen Füßen zu legen, der so voll Latein und Gelehrsamkeit steckt und es besser wissen sollte. Sag' mir, Jacob, wenn sich alte Männer angeln lassen, wie junge, worin liegt denn das Verbrechen, sie zu angeln? Ist nicht die Eitelkeit bei einem alten Manne eben so groß, wenn er sich einbildet, daß ich ihn wirklich lieben könne, als sie bei einem jungen einfältigen Mädchen ist, wenn ich versuche, ihn in mich verliebt zu machen?« »Das mag sein, aber bedenke, das es bei ihm Ernst ist und bei dir nur Scherz; das macht einen großen Unterschied. Und bedenke ferner, daß, wer Alles probirt, oft Alles verliert.« »Das möchte ich denn doch sehen, Jacob,« versetzte Marie, ihr schönes Ringelhaar stolz aus der weißen Stirn streichend; »aber was ich jetzt bedarf, das ist Aussöhnung mit dir, Jacob. Komm, du hast mein Versprechen, ich will mein Möglichstes thun.« »Ja, Marie, und ich glaube dir; hier hast du meine Hand.« »Du weißt nicht, wie elend ich gewesen bin, Jacob, so lange wir mit einander getrotzt haben,« sagte Marie, die Thränen abwischend, welche wieder zu fließen anfingen; »und doch habe ich dich, ich weiß nicht wie, in dieser letzten Woche beinahe gehaßt – ja, das habe ich. Indeß liebe ich einen Hader wegen des Vergnügens der Aussöhnung, nur darf er nicht so lange anhalten, wie dieser.« »Hat mir auch wehe gethan, Marie, denn im Grunde bin ich dir sehr gut.« »Nun wohlan, so ist Alles vorüber; aber bist du auch gewiß mit mir ausgesöhnt, Jacob?« »Ja, Marie.« Marie sah mich schelmisch an. »Du kennst das alte Sprüchwort und ich fühle die Wahrheit desselben.« »Welches? ›Küsset euch und seid Freunde?‹« versetzte ich; »von Herzen gern.« Und ich küßte sie ohne allen Widerstand von ihrer Seite. »Ach, das meinte ich nicht, Jacob.« »Welches denn?« »'s war ein anderes.« »Nun gut, welches andere?« »'s ist jetzt gleichgültig, ich hab's vergessen,« sagte sie lachend und vom Stuhle aufstehend. »Doch ich muß wieder an meine Arbeit, und du sollst mir erzählen, was du in den letzten vierzehn Tagen getrieben hast.« Wir verplauderten den Abend in traulichem Gespräche, bis der Vater nach Hause kam, worauf wir uns zur Ruhe begaben. »Ich bin der Ansicht,« sagte der alte Stapleton am nächsten Morgen, »daß ich genug gearbeitet habe; und ich steuerte so lange zu zwei Unterstützungsvereinen bei, daß ich jetzt wohl auf einen Genuß aus der Kasse Anspruch machen kann. Schätz' wohl, Jacob, ich will den Kahn dir überlassen; du gibst mir in Zukunft ein Drittel von deiner Einnahme und kannst das Uebrige für dich behalten. Ich sehe nicht ein, warum ich meiner Lebetage für nichts und wieder nichts so hart arbeiten soll.« Ich widersetzte mich diesem Uebermaß von Freigebigkeit; aber der alte Stapleton beharrte darauf und es ward abgemacht. Was der Leser wahrscheinlich schon errathen hat, entdeckte ich nachher; Kapitän Turnbull stand im Hintergrunde. Er hatte dem alten Stapleton einen Jahrgehalt ausgesetzt, damit ich es noch vor Beendigung meiner Lehrzeit durch meinen Fleiß zu einer gewissen Unabhängigkeit bringen könnte. Nach dem Frühstück ging der alte Stapleton mit mir an's Ufer und wir schoben das Boot auf den Strom. »Also, Jacob,« sagte er, »ein Drittel und 's Wort in Ehren.« Und damit ging er nach seinem alten Aufenthaltsort, der Schenke, rauchte seine Pfeife und dachte über Menschennatur. Ich erinnere mich keines Tages in meinem ganzen Leben, an dem ich glücklicher gewesen wäre, als an diesem. Jetzt arbeitete ich für mich selbst und war unabhängig. Ich sprang in den Kahn und stieß vom Lande, ohne auf eine Bestellung zu warten. Das Entzücken, mit dem ich den Strom durchschnitt, war mein Fährlohn; aber nach einer Viertelstunde verflog dieser Rausch und ich erinnerte mich, daß Stapleton auf ein Drittel Anspruch hatte, denn ich konnte allerdings zu meinem eigenen Vergnügen nach Belieben umsonst herumrudern, war aber deßhalb doch nicht berechtigt, die Interessen meines Meisters zu beeinträchtigen. Ich schoß meinen Kahn in die Reihe und beobachtete mit aufgehobener Hand und emporgestrecktem Zeigefinger den Blick eines Jeden, der auf die Treppe zukam. Das Glück war mir an diesem Tage günstig, und als ich nach Feierabend Stapleton seinen Antheil geben wollte, wies er ihn vorderhand mit den Worten zurück: »Jacob, 's ist nicht der Brauch, daß man gleich theilt – einmal in der Woche ist's besser. Ich Hab' es gern, wenn das Geld auf einen Klumpen kommt; dieweil du mußt wissen – 's ist – 's ist – Menschennatur .« Eilftes Kapitel. Ein gutes Fährgeld. – Iß deinen Pudding und halte den Mund! – Der Liebe des Domine kommt etwas in die Queere. – Der Queere kommt wieder etwas in die Queere. – »Die ganze Welt ist ein Theater«, selbst die Spiegelbänke meines Kahnes. – Cleopatra's Barke wird auf der Themse angeredet. Ich betrachtete den damaligen Zeitpunkt als meinen Eintritt in das Leben. Ich war nahe an achtzehn, kräftig, rührig und wohl gebaut, voll Muth und überglücklich im Gefühle der Unabhängigkeit, nach der ich so lange geseufzt hatte. Seit meiner Entlassung von Herrn Drummond hatte sich mein Charakter sehr geändert. Ich war ernst und still geworden, brütete über der Kränkung, die ich erlitten hatte, nährte Gefühle der Rache gegen diejenigen, von denen mir Unrecht widerfahren war. und betrachtete die Welt im Allgemeinen in nicht sehr vorteilhaftem Lichte. Dieser krankhafte Zustand meines Innern war durch den wichtigen Dienst, den ich Kapitän Turnbull geleistet hatte, einigermaßen verbessert worden, denn wir lieben die Welt um so mehr, je nützlicher wir uns in derselben fühlen; aber die Unabhängigkeit, die mir jetzt geboten worden, war der Gipfel meiner Hoffnungen und Wünsche. Ich fühlte mich so glücklich, so begeistert, daß ich sogar an die beiden Commis des Herrn Drummond ohne Rachegefühle denken konnte. Indeß muß ich daran erinnern, daß die Welt blos im Vorgefühle vor mir lag. »Boot, Sir?« »Nein, danke, Bursche; ich suche den alten Stapleton – ist er hier?« »Nein, Sir; aber dieß ist sein Boot.« »Hum! kann er mich nicht fahren?« »Nein, Sir, aber ich kann's, wenn's Ihnen gefällig ist.« »Gut denn; schnell!« Ein gesetzter Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren stieg in's Boot; in wenigen Sekunden war ich im Strome und schoß mit der Ebbe durch die Brücke. »Was fehlt dem alten Stapleton?« »Nichts, Sir; aber er ist alt geworden und hat das Boot mir übergeben.« »Bist du sein Sohn?« »Nein, Sir, sein Lehrling.« »Hum! thut mir leid, daß der taube Stapleton nicht mehr da ist.« »Ich kann so taub sein, als er, wenn Sie es wünschen.« »Hum!« Der Herr schwieg und ich ruderte stumm den Fluß hinunter; aber in wenigen Minuten führte er seine Hände auf und nieder und bewegte seine Lippen, als wäre er in einem Gespräche begriffen. Allmälig nahm seine Aktion zu und einzelne Worte ließen sich vernehmen. Endlich brach er aus: »In dieser Ueberzeugung, in dieser vollen Ueberzeugung, Herr Sprecher, lege ich meine Gedanken dem Hause der Gemeinen vor und nähre das Vertrauen, daß kein ehrenwerthes Mitglied entscheiden wird, bevor es die Wichtigkeit der Argumente genau erwogen, die ich seinem Urtheile anheimgestellt habe.« Er hielt inne, als erinnerte er sich meiner Gegenwart, und sah auf mich; aber da ich mich darauf vorbereitet hatte, lag nichts auf meinem Gesichte, was auch nur die leiseste Spur eines Lächelns verrathen hätte; dabei stellte ich mich, als hätte ich seinen Worten gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, und blickte ganz unbefangen rechts und links nach dem Stromufer. Er wandte sich mit der Frage an mich: »Bist du schon lange auf dem Strome?« »Bin darauf geboren, Sir.« »Nun, wie gefällt dir das Gewerbe eines Fährmannes?« »Sehr gut, Sir. Die Hauptsache ist, regelmäßige Kunden zu bekommen.« »Und wie erhälst du diese?« »Indem ich meinen Mund halte und sie ihren Geschäften überlasse, während ich die meinigen besorge.« »Eine sehr gute Antwort, Junge. Leute, welche viel zu thun haben, können ihre Zeit auch auf dem Wasser nicht verlieren. So eben überdachte ich meine Rede im Unterhause und bereitete mich auf dieselbe vor.« »Das vermuthete ich, Sir, und ich denke, der Strom ist dazu sehr geeignet, da Sie Niemand hören kann, als die Person, deren Dienste Sie gemiethet haben – und wegen dieser dürfen Sie unbesorgt sein.« »Ganz richtig, mein Bursche, eben deßhalb war mir der taube Stapleton lieb – er konnte kein Wort hören.« »Aber, Sir, wenn Sie erlauben würden, ich höre so was gar zu gern, und Sie dürfen versichert sein, daß ich nie etwas weiter sagen werde, wenn Sie mir vertrauen wollen.« »Hörst du's wirklich gerne, Junge? Nun, so will ich's noch einmal vortragen. Du sollst den Sprecher machen – aber du mußt schweigen und darfst mich nicht unterbrechen.« Der Herr begann: »Herr Sprecher, ich würde es nicht gewagt haben, das Haus in dieser späten Stunde anzureden, ginge ich nicht von der Ueberzeugung aus, daß die Wichtigkeit der vorliegenden Frage – so wichtig ist – nein, das geht nicht – ginge ich nicht von der Ueberzeugung aus, daß die vorliegende Frage von einer, ich darf sagen, so allgebietenden Wichtigkeit ist, daß sie die besten Kräfte jedes Mannes auffordert, dem das Wohl seines Landes am Herzen liegt. In dieser Ueberzeugung, Herr Sprecher, fühle ich, ein so unbedeutendes Individuum ich auch immer sein mag – fühle ich mich verpflichtet, ich darf sagen, auf's Heiligste verpflichtet, meine Gedanken über den Gegenstand hier auszusprechen. Die Papiere, welche ich hier in Händen habe, Herr Sprecher, und auf welche ich bald die Aufmerksamkeit des Hauses zu lenken beabsichtige, werden, wie ich das Vertrauen hege, vollständig beweisen –« »Führt Ihr diesen Burschen nach Bedlam?« rief uns eine schrille weibliche Stimme zu. Die Rede war unterbrochen; wir erhoben die Augen und sahen einen Kahn mit zwei Weibern hart an uns vorüberfahren. Ein lautes Gelächter folgte der Bemerkung, und mein Kunde sah verwirrt und ärgerlich aus. Ich hatte im Wirthshause oft die Zeitungen gelesen, erinnerte mich dessen, was im Falle einer Unterbrechung im Parlamente gebräuchlich war, und rief: »zur Ordnung, zur Ordnung!« Dieß machte den Herrn lachen, und da der andere Kahn jetzt fern war, nahm er den Faden seiner Rede wieder auf, aber ich verschone den Leser mit der Fortsetzung desselben. Es war eine sehr schöne Rede, darüber waltet kein Zweifel, aber ich habe den Inhalt derselben vergessen. Ich landete ihn bei Westminsterbrücke und erhielt das Dreifache des gewöhnlichen Fährgeldes. »Merke dir,« sagte er noch beim Bezahlen, »ich werde mich nach dir umsehen, wenn ich wieder komme, und das geschieht alle Montag Morgen – bisweilen auch noch öfter. Wie ist dein Name?« »Jacob, Sir.« »Ganz gut. Guten Morgen, Junge.« Dieser Herr wurde ein regelmäßiger und trefflicher Kunde; wir hatten auch, abgesehen von den Parlamentsdebatten, manche Unterhaltung mit einander im Kahne, und ich muß bekennen, ich erhielt nicht nur sehr viel Geld, sondern auch eine Menge schätzbarer Belehrungen von ihm. Einige Tage darauf hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, in wie weit Marie ihr Versprechen hielt. Ich lag wie gewöhnlich mit meinem Nachen am Ufer, als der alte Stapleton mit seiner Pfeife im Mund auf mich zukam und sagte: »Jacob, der alte Herr ist zu Hause bei Marien. Nun sehe ich zwar ein gut Theil, aber ich sage nichts: Marie ist ihre zweite Mutter, das ist gewiß. Wie war's, wenn du nach deinem alten Lehrer sehen würdest und es mir überließest, auf die Kunden Acht zu haben? Ich fühle allbereits, daß mir ein wenig Handrudern nichts schaden könnte. Wir meinen, es sei ein so angenehmes Ding um's Müssiggehen, wenn wir arbeiten müssen, und wenn wir müssig gehen, merken wir wohl, daß ein bischen Arbeit just eben so angenehm ist – Menschennatur!« Ich fürchtete, Marie möchte leicht aus glühender Liebe zur Bewunderung alle ihre guten Vorsätze vergessen, und beschloß, die Unterredung zu unterbrechen. Deßhalb überließ ich Stapleton das Boot und eilte nach Hause. Ich hatte keine Lust, den Horcher zu spielen, und war noch unschlüssig darüber, ob ich ohne Weiteres hineintreten sollte oder nicht, als ich beim Vorübergehen unter dem Fenster, welches gerade offen stand, die Unterredung im Zimmer deutlich hörte. Ich blieb in der Straße stehen und lauschte der Stimme des Domine, der sich also vernehmen ließ: »Aber, schönes Mädchen, omina vincit amor – hier bin ich, Domine Dobbs, der ich lange das große Stufenjahr zurückgelegt habe und bereits über zwölf Lustern Heerschau halten kann – der ich über siebenzig Knaben gebiete – und Magister Princeps und Dux der lateinischen Schule von Brentford bin – der ich nur die Wissenschaften geliebt habe und allein mit den Klassikern Umgang gepflogen – der ich meine Ohren gegen die Lockungen deines Geschlechtes verstopft, und selbst gegen deinen Zauber mein Herz verhärtet habe – hier liege ich, ich, Domine Dobbs, flehend zu den Füßen eines Mädchens, welches kaum zur Mannbarkeit gereift ist, welches nicht lesen, noch schreiben kann, und dessen Vater sein Brod mit Handarbeit verdient. Ich fühle es Alles – ich fühle, daß ich zu alt bin – daß du zu jung bist – daß ich von den Pfaden der Weisheit abgehe und die Rücksicht auf weltliche Verhältnisse vergesse. Aber, omnia vincit amor; ich beuge mich vor dem allgewaltigen Gott und huldige ihm durch dich, Marie. Vergebens habe ich Widerstand geleistet; vergebens suchte ich, wenn ich mich niederlegte, dich aus meinen Gedanken zu verbannen, und dein Bild aus meinem Herzen zu tilgen. Habe ich nicht überall deine Gegenwart empfunden? Setze ich nicht meine würdige Gehülfin, Mistreß Bately, die Matrone, in Erstaunen, daß ich sie mit dem Namen Marie rufe, da ich sie sonst immer mit ihrem Taufnamen Deborah genannt habe? Haben nicht selbst die Schulknaben meine Schwäche entdeckt, und rufen sie nicht in den Freistunden immer: Marie? Mare perieulosum et turbidum , das bist du für mich geworden. Ich schlafe nicht – ich esse nicht – und jegliches Zeichen der Liebe, das von Ovidius Naso angegeben wird, den ich genau verglichen habe, finde ich an meiner Person. So sprich denn, Mädchen. Ich habe meinen Empfindungen Luft gemacht; thue dasselbe, auf daß ich möge zurückkehren und meine Heerde nicht ohne ihren Hirten lasse. Sprich, Mädchen.« »Ich will, Sir, wenn Sie aufstehen wollen,« versetzte Marie, und fuhr nach einer Pause fort: »ich meine, Sir, ich bin jung und thöricht, und Sie sind alt und – und –« »Thöricht, wolltest du sagen?« »Es ist besser, daß Sie's gesagt haben, Sir; es schickt sich nicht für mich, von einem so gelehrten Manne einen derartigen Ausdruck zu gebrauchen. Ich meine, Sir, ich bin zu jung zum Heirathen, und Sie sind vielleicht –zu alt. Ich meine, Sir, Sie und zu geschickt – und ich bin zu unwissend. In Ihrer Lage würde es für Sie nicht passen, mich zu heirathen, und eben so wenig ziemte es mir, Sie zu heirathen – gleichwohl fühle ich mich sehr verpflichtet für Ihren gütigen Antrag.« »Vielleicht hast du dich in deiner Antwort als der verständigste Theil von uns Beiden gezeigt,« erwiederte der Domine, warum, o Mädchen, erwecktest du diese Gefühle, diese Hoffnungen in meiner Brust – nur um mir Qualen zu verursachen und mich den bittern Kelch der Täuschung bis auf die Hefe trinken zu lassen? Warum zeigtest du so viel Zärtlichkeit gegen mich, wenn du gar keine Zuneigung zu mir hattest?« »Aber gibt es nicht auch noch andere Arten von Liebe, als diejenige, welche Sie verlangen, Sir? Kann ich Sie nicht deßhalb lieben, weil Sie so geschickt und so gelehrt im Latein sind? Kann ich Sie nicht lieben, wie ich meinen Vater liebe?« »Wahr, wahr, mein Kind; es ist ganz meine eigene Thorheit, und ich muß, mit Gram beladen, wieder umkehren. Ich bin getäuscht – aber nur durch mich selbst. Meine Wünsche haben meinen Verstand umnebelt und meine Vernunft umdüstert – haben mich vergessen lassen, wie weit mein Alter vorgerückt ist, und wie wenig ich hoffen darf, Gnade in den Augen eines jungen Mädchens zu finden. Ich bin in eine Grube gefallen aus Blindheit, und muß mich selbst wieder herausarbeiten, so sauer mir auch die Mühe werden mag. Gott segne dich, Mädchen, Gott segne dich. Möge ein Anderer in deiner Liebe glücklich sein, mögest du nie bluten am Widerhaken der Täuschung. Ich will für dich beten, Marie – daß dich der Himmel segnen möge.« Und der Domine wandte sich weg und weinte. Marie schien von dem Kummer des guten alten Mannes ergriffen, und ihr Herz machte ihr wahrscheinlich bittere Vorwürfe wegen ihres gefallsüchtigen Benehmens. Sie suchte den Domine zu trösten, und Thränen standen auch ihr in den Augen. »Nein, Sir, nehmen Sie sich die Sache nicht so sehr zu Herzen; Sie legen eine schwere Last auf mein Gewissen. Ich habe gefehlt, ich fühle es – ich habe gefehlt – obgleich Sie mir keinen Vorwurf gemacht haben. Ich bin ein sehr thörichtes Mädchen.« »Gott segne dich, Kind – Gott segne dich!« sagte der Domine mit halb unterdrückter Stimme. »Wahrhaftig, Sir, ich verdiene es nicht – ich fühle es, daß ich es nicht verdiene; aber ich bitte, Sir, grämen Sie sich nicht so sehr – in der Liebe geht Manches quer. Ich will Ihnen ein Geheimniß sagen, um es Ihnen zu beweisen, Sir. Ich liebe Jacob – liebe ihn von ganzem Herzen, und er fragt gar nicht nach mir – ich weiß es; also sehen Sie, Sir, Sie sind nicht allein – nicht allein – unglücklich.« Und Marie schluchzte mit dem Domine. »Armes Mädchen!« rief der Domine; »und du liebst Jacob? Ja, er ist deiner Liebe werth. Doch schon in deinem zarten Alter mußt du erfahren, was Liebe ist, die nicht erwiedert wird. Ja, wahrhaftig, die Erde ist ein Jammerthal – indeß, laßt uns dankbar sein. Hüte dein Herz, Kind, denn Jacob ist nicht für dich; ja ich fühle es, er ist nicht für dich.« »Und warum nicht, Sir?« fragte Marie niedergeschlagen. »Weil, Mädchen – doch nein, ich darf dir nichts sagen; aber nimm meine Warnung in Acht, sie ist gut gemeint und in Liebe gegeben. Lebe wohl, Marie – lebe wohl! Ich komme nicht mehr.« »Gott mit Ihnen, Sir; verzeihen Sie mir, es soll mir eine Warnung sein.« »Wahrlich, Mädchen, es wird uns Beiden eine Warnung sein. Gott segne dich!« Ich hörte, daß Marie dem Domine einen Kuß gestattete, und bald darauf vernahm ich seinen Tritt auf der Treppe. Um ihm auszuweichen, bog ich um die Ecke und ging an den Strom hinab, das Vorgefallene überdenkend. Ich war mit Marien zufrieden, aber ich fühlte keine Liebe zu ihr. Der Frühling war jetzt weit vorgerückt, und das Wetter vortrefflich. Der Strom bot einen herrlichen Anblick dar, und unaufhörlich glitten Lustboote auf und nieder. Die Westmünster-Jungen, der Spaßverein und andere Gesellschaften in ihren Feierkleidern belebten die Scene, während Wettfahrten, die von Zeit zu Zeit gehalten wurden, dem Strome die lebendigste Bewegung mittheilten. Wie sehr sehnte ich mich nach dem Ende meiner Lehrzeit, um auch einmal um den Preis zu rudern! Einer meiner besten Kunden war ein junger Mann, der als Schauspieler an einem der Londoner Theater angestellt war und, gleich dem Parlamentsmitgliede, seine Rollen auf dem Strome einübte. Er war ein lebhafter, rühriger Bursche, voll Humor und gänzlich gleichgültig gegen das Aeußere. Für Jeden, der an unserem Boote vorüberfuhr, hatte er einen Scherz oder Witz. Er erhob sich und hielt Standreden an die Leute, wie ein Toller, so daß sie ihn wirklich für wahnsinnig hielten. Wir stunden auf dem vertrautesten Fuße, und nichts machte mir mehr Freude, als wenn er kam, denn seine Erscheinung war stets die Losung zur Fröhlichkeit. Das erste Mal glaubte ich wirklich, er sei mondsüchtig, denn die Bühnenphraseologie war mir etwas ganz Neues. »Boot, Sir?« rief ich ihm zu, als er an den Steg kam. »Mich rufen die Geschäfte jetzt nach Hause, voran, ich folge dir,« erwiederte er, in das Boot springend. »Auf diesem Sprung beruhet unser Schicksal.« Ich schob den Kahn ein. »Hinab, Sir?« »Hinab,« erwiederte er, mit dem Finger nach unten deutend, als stoße er nach etwas – »Hinab zur Höll' und sag', ich schickte dich.« »Danke, Sir; lieber nicht, wenn Sie's richten können.« »Unsere Zunge ist rauh, Vetter, und mein Zustand ist nicht sanft.« Wir schossen unter der Brücke durch und fuhren rasch mit der Ebbe hinab, als er wieder begann: «So fliegt auf Fittigen die Phantasie, Nicht minder rasch die Seen', Als der Gedanke.« Ein Kohlenboot zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde von zwei Männern gerudert, so schwarz wie Schornsteinfeger, und auf den Steinbänken saßen die Weiber. Das Fahrzeug steuerte nach der Mitte der Strömung, um die ganze Kraft der Ebbe zu benutzen, und war bald hart an unserm Kahn, mit dem es den Strom hinabschoß. »Da ist ein junger Stutzer,« sagte lachend und auf den Schauspieler deutend eine von den Damen, die einen alten Strohhut mit sehr schmutzigen Bändern trug. » Sprecht Ihr zu mir, o Dame? Kenn' Euch nicht, Bin erst zwei Stunden alt in Ephesus Und Eurer Stadt so fremd, als Eurer Sprache.« »'ne reguläre Rumflasche, wie's scheint,« bemerkte eine andere Dame, als sie die theatralischen Geberden des Sprechenden sah, der sogleich wieder anfing: »Die Bart', worin sie saß, ein Flammenthron, Brannt' auf der Fluth – geschlagen Gold der Spiegel; Die Segel Purpur und so süß durchdüftet. Daß selbst die Winde Liebesseufzer hauchten; Die Silberruder schlugen nach dem Takte Der Flöte, und das Wasser folgte schneller, In ihren Schlag verliebt. Jedoch sie selbst Macht jede Schilderung zur Bettlerin.« »Geht, ich will verdammt sein, wenn wir nicht genug haben; also macht Eure Pfanne zu,« sagte eines von den Weibern zornig. »Die nereidengleichen Dienerinnen Umschwebten als Sirenen sie .« »Nehmt Euch in Acht, junger Bursche, oder Eure Zunge könnte Euch böse Händel anrichten.« » Ein unsichtbarer süßer Wohlgeruch Entströmt der Barke und betäubt die Sinne Der nahen Werften .« »Jem, fahr' 'mal hart an sie hinan und zerschlage ihm den Kopf mit deinem Ruder.« »Es geschieht auch, wenn er sich nicht besser aufführt.« » Ich sah sie Einst vierzig Schritte durch die Straßen hüpfen .« »Ihr lügt, leberfarbiger Schurke; ich ging in meinem Leben nie durch die Straßen; ich bin eine ehrbar verehelichte Frau. Jem, nennst du dich auch einen Mann, und kannst das ruhig mit anhören?« »Nun, 's ist aber doch ein hübscher junger Mensch, Sally – nicht wahr?« bemerkte eine der andern Frauenspersonen. » Weg von mir. Weg Thörin! Liebe? nein, ich kenn' dich nicht, Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Käthe. 's ist keine Welt zum Tand und Lippenfechten, Zerbroch'ne Kronen gibt's und blut'ge Nasen .« »Das sollst du haben, Herzensbrüderchen,« unterbrach ihn einer von den Kohlenschiffern. »Deine lange Zunge könnte dich in Ungelegenheit bringen. Bill, flugs auf den Kahn zu, wollen ihn tunken.« »Mein Freund,« sagte der Schauspieler, sich an mich wendend – » Laß diese ungesunde Leiche nicht Zwischen den Wind und meinen Adel kommen . Lasset uns abtreten.« Ob ich gleich seine Reden nicht verstehen konnte, so begriff ich doch sehr wohl, was er meinte, setzte wacker ein und ruderte dem Kohlenschiffe voraus gegen das Ufer zu. Als dieß die Leute im Boote bemerkten, standen die Weiber auf, schwenkten die Hüte, und die Männer machten, ihrem Befehle gehorsam, Jagd auf uns. Mein Gefährte war äußerst unruhig; doch ich strengte alle Kräfte an, und bald gewannen wir einen solchen Vorsprung, daß sie die Verfolgung aufgaben. »Nun, beim zweiköpfigen Janus,« sagte mein Begleiter, als er auf die Kohlenschiffe zurücksah – »Gar seltsam Volk hat die Natur gebildet. 's gibt Leute, welche blinzeln stets und lachen, Wie Papageien bei 'nem Dudelsack, Und And're von so essigsaurem Ansehn, Daß sie den Mund zum Lächeln nicht verzögen, Und schwöre Nestor, es sei lächerlich . »Und nun,« fuhr er gegen mich gewendet fort, »wie ist Euer Name, Sir? Was habt Ihr für einen Stand – und woher seid Ihr?« Ergötzt durch das Vorgefallene, erwiederte ich, mein Name sei Jacob, mein Stand das Gewerbe eines Fährmanns und mein Geburtsort der Strom. »Ich finde dich fähig; aber sprich, bist du auch gewiß, daß unser Schiff die Wüsten Böhmens erreicht habe?« »Landen Sie zu Westminster, Sir?« » Nein, zu Blak-Friars – dort erwarte mich . »Niedrig ist der Sklave, der zahlt; indessen, was macht dein Fährgeld, Bursche? Sprich, wie viel Geld ist noch in meiner Börse? – Noch sieben Groschen und zwei Pfennige. Beim Jupiter, ich geize nicht mit Gold, Ich frage nicht; wer zehrt auf meine Kosten ? »Doch – » Ich weiß kein Mittel gegen diese Schwindsucht des Beutels. »Hier mein Junge, ist das genug?« »Ja, Sir, ich danke Ihnen.« »Bedenken Sie den armen Jack, Sir,« sagte der gewöhnliche Wärter am Landungsplatz und ergreift ihn beim Arme, als er zum Aussteigen das Boot niederdrückte. » Fällt er hinein, gut' Nacht – schwimm' oder sink' . »Jack, hier ist mein Penny für dich. Jacob, lebe wohl, wir treffen uns wieder.« Damit flog er die Treppe hinauf, mit jedem Sprung drei Stufen nehmend. Dieser Herr hieß, wie ich nachher erfuhr, Zinnblatt und war Schauspieler zweiten Ranges auf einer Londoner Bühne. Das Haymarket-Theater war dasjenige, auf welchem er am meisten spielte, und als wir später näher bekannt wurden, erbot er sich, mir Einlaßkarten zu verschaffen, wenn ich etwa das Schauspiel zu besuchen wünschte. Zwölftes Kapitel. Die Piknikpartie. – Oel-, Eis-, Feuer- und Wasserleiden. – Im Ganzen sind »die lustigen Landstreicher«, wie die Helden und Heldinnen der Thespis mit einem klassischen Ausdrucke bezeichnet werden, sehr glücklich, mit Ausnahme Herrn Winterbodens, dessen Gefühle beim Sitzen auf Null herabsinken. Eines Morgens kam er an den Steg, und ich erwartete, er werde wie gewöhnlich den Fluß hinab fahren, weßhalb ich zu meinem Boot lief und es dicht heran holte. »Nein Jacob, nein; heute sollst du Cäsar und sein Glück nicht führen, aber ich habe was für dich.« »Dank Ihnen, Sir; was wird gespielt?« »Gespielt – pah, 's wird nichts gespielt, und doch hoffe ich, soll eine Posse daraus werden, wenn's vorüber ist. Wir machen eine Piknikpartie nach einem der kleinen Eiländer bei Kew. Nichts als Sock' und Kothurn, lauter Schauspieler: wenn die Kähne umschlagen, mag Haymarket geschlossen werden, denn von seinen besten Schauspielern heißt's dann: » sämmtlich abgetreten .« Wir brauchen drei Kähne, Jacob; sorge dafür. Ich überlasse es dir, die beiden andern auszuwählen – Schlagruder in jedem natürlich. Präzis um neun Uhr mußt du bei Whitehall sein, und ich denke, die Damen werden nicht länger als zwei Stunden auf sich warten lassen, was für sie erträglich pünktlich genannt werden muß.« Herr Zinnblatt verabredete den Preis und ging. Ich überlegte eben, wen ich zu meinen Nachengefährten wählen und ob ich nicht den alten Stapleton bitten sollte, das zweite Ruder in meinem Kahne zu führen, als ich eine Stimme vernahm, die ich nicht mißkennen konnte. » Das Leben gleichet einem Sommertag, Der sich am Sonnenstrahle wärmen mag.« »Noch weiter herunter, Tom. So, jetzt ist's recht, mein Junge. » Zuweilen sieht man sich die Wolken thürmen Und kämpft mit Winden und Gewitterstürmen . »Sieh dich nach Jacob um, Tom,« rief der Alte, als das Vordertheil des Lichters mit dem niedergelassenen Maste und seinen hellen, blauen Streifen an den Seiten unter dem Bogen der Putneybrücke zum Vorschein kamen. »Hier ist er, Vater,« erwiederte Tom, der, das Ziehtau in der Hand, am Windebaum stand. Sobald ich Tom's Stimme vernommen hatte, war ich abgestoßen und lag beinahe in demselben Augenblicke neben dem Lichter, als dieser unter der Brücke hervorkam. Der alte Tom saß am Steuer. Ich sprang, mit dem Bindetau meines Kahnes in der Hand, auf's Verdeck, befestigte es und ging zu dem alten Tom hin, der mir die Hand gab. »So ist's, wie's sein soll, Junge: Beide nach einander aus. Das Herz wird warm, wenn man weiß, daß das Gefühl auf beiden Seiten ist. Du kommst uns selten aus dem Kopf, Junge, nie aus dem Herzen. Nun, eile nach vorn; Tom ist verdrießlich, wie ich sehe, daß er dich nicht zuerst begrüßen kann. Kannst ihm ja den Mast aufrichten helfen.« Ich ging nach dem Vorderschiff, reichte Tom die Hand und half ihm bei seiner Arbeit. Dann gingen wir gemeinschaftlich zu seinem Vater auf's Hinterdeck und theilten einander mit, was seit unserm letzten Beisammensein in Stapletons Hause Wichtiges vorgefallen war. »Und was macht Marie?« fragte Tom; »'s ist ein sehr hübsches Mädchen, und ich habe mehr als einmal an sie gedacht; aber ich sah, daß Alles wahr ist, was du von ihr sagtest. Wie sie nur den armen alten Domine in Flammen setzte!« »Ich habe ihr Vorstellungen darüber gemacht, und sie versprach mir, klüger zu sein,« erwiederte ich; »aber, wie ihr Vater sagt, 's ist Menschennatur bei ihr.« »Jedenfalls ein feines Fahrzeug,« bemerkte der alte Tom, »und die Weibsbilder sind immer ein bischen kitzelig. Aber, Jacob, man hat nach dir gefragt, und sogar Frauenvolk.« »Wirklich?« Versetzte ich. »Ja, und ich genoß die Ehre, deßhalb in's Wohnzimmer gerufen zu werden. Erräthst du's jetzt?« »Ja,« sagte ich in verdrießlichem Ton, »vermutlich sprecht Ihr von Frau Drummond und Sarah?« »Errathen.« Tom machte mir nun die Mittheilung, Frau Drummond habe ihn rufen lassen, sehr angelegentlich nach mir gefragt und ihm den Auftrag gegeben, mir zu sagen, daß sie mit Vergnügen höre, wie ich mich wohl befinde und zufrieden sei, und daß sie hoffe, ich werde, wenn ich des Weges komme, sie und Sarah besuchen. Hierauf verließ Frau Drummond das Zimmer, und Tom blieb allein bei Sarah, welche ihm auftrug, mir zu sagen, der Vater habe jetzt gefunden, daß mir Unrecht geschehen; die beiden Commis seien entlassen und er bedaure sehr, daß er so getäuscht worden.– »Und dann ersuchte mich Sarah,« fuhr Tom fort, »dir in ihrem eigenen Namen zu sagen, daß sie sehr unglücklich gewesen sei, seitdem du sie verlassen habest, aber daß sie die Hoffnung nähre, du werdest früher oder später vergeben, vergessen und wieder zu ihnen kommen; und daß ich dir die freundlichsten Grüße ausrichten, und wenn wir das nächste Mal heraufkommen, bei ihnen vorsprechen sollen, indem sie mir für dich etwas mitzugeben habe. Du siehst also, Jacob, daß du nicht vergessen bist, und daß man dir Gerechtigkeit wiederfahren läßt.« »Ja,« erwiederte ich, »nun es zu spät ist; laßt uns nichts mehr von der Sache reden. Ich bin in meinen gegenwärtigen Verhältnissen durchaus glücklich.« Dann sagte ich ihnen von der bevorstehenden Piknikpartie, worauf sich Tom freiwillig erbot, das andere Ruder in meinem Kahne zu übernehmen, da er weiter nichts zu thun hätte, so lange die Barke in der Werfte läge. Der alte Tom gab seine Einwilligung und es ward festgesetzt, er solle mich am folgenden Morgen mit Tages Anbruch aufsuchen. »Nach dem, was du sagst, Jacob, wird's wohl lustig hergehen,« bemerkte er. »Ich meine auch so; aber Ihr habt mich jetzt zwei Meilen in's Schlepptau gehängt, und ich muß wieder fort, sonst verliere ich mein Mittagessen; so lebet denn wohl.« Im Laufe des Nachmittags wählte ich noch zwei Kähne und kehrte dann nach Hause zurück. Es war ein lieblicher Morgen, als Tom und ich das Boot ausspülten. Nachdem wir unsere schönsten Kleider angezogen, stießen wir in Begleitung der zwei andern Kähne ab und fuhren gemächlich mit der verendenden Ebbe den Strom hinunter. Als wir an die Treppe von Whitehall hinan ruderten, trafen wir auf zwei Männer, die mit drei bis vier großen und einigen kleineren Körben, einem eisernen Schmorkessel, einer Bratpfanne und einem großen zinnernen Deckeleimer, der mit Eis angefüllt war, um die Weine abzukühlen – auf uns warteten. Wir mußten diese sämmtlichen Artikel in Ein Boot schaffen, die beiden andern waren für die Gesellschaft bestimmt. »Jacob,« sagte Tom, »wir wollen nichts von der Küche; ich bin für's Gesellschaftszimmer geputzt.« Nachdem dieser Punkt in Ordnung gebracht und das sämmtliche Geschirr in den Kahn geschafft war, erschien die Gesellschaft, bei welcher Herr Zinnblatt die Rolle des Ceremonienmeisters spielte. »Schöne Titania,« sagte er zu der Dame, welcher die größte Aufmerksamkeit zu gebühren schien und deßwegen auch zu Theil wurde, »erlauben Sie mir, Sie auf Ihren Thron zu führen.« »Vielen Dank, guter Puk,« erwiederte die Dame, »wir sind gut placirt; aber hilf Himmel, wir haben unser Riechfläschchen vergessen oder gar verloren; ohne dieses können wir unmöglich die Fahrt machen. Was haben doch unsere Frauen gedacht!« »Erbsenblüthe und Senfsamen sind sehr zu tadeln,« erwiederte Zinnblatt, »aber soll ich zurückfliegen und es holen?« »Ja,« versetzte die Dame, »und wieder kommen, ehe der Leviathan eine Meile weit schwimmen kann.« »Innerhalb vierzig Minuten ziehe ich einen Gürtel um die ganze Erde,« erwiederte der Herr aus dem Boote steigend. » Werden Sie dann nicht ein wenig außer Athem kommen, ehe Sie zurück sind, Sir?« fragte Tom, sich in die Unterhaltung mischend. Weit entfernt, als Beleidigung aufgenommen zu werden, erregte diese Bemerkung ein allgemeines Gelächter. Noch ehe uns Herr Zinnblatt aus dem Gesichte gekommen war, fiel das vermißte Riechfläschchen aus dem Taschentuch der Dame; er wurde deßhalb zurückgerufen, und nachdem sich die Gesellschaft in die beiden Nachen getheilt hatte, stießen wir ab. Das dritte Boot, in welchem der Proviant aufgespeichert war, folgte uns, und wurde von zwei Aufwärtern, einem Laufbuben und einem Coulissendiener geführt, welche von Zinnblatt als Kaliban und Stephano angeredet wurden. »Ist unsere ganze Gesellschaft beisammen?« fragte ein vorwitzig aussehendes, stumpfnasiges Männchen, das die Rolle des Zimmermann Squenz im Sommernachtstraum über sich genommen hatte. »Sie, Klaus Boden, find als Pyramus eingeschrieben,« fuhr er, gegen einen Andern gewendet, fort. Der Angeredete schien jedoch nicht in den Humor einzugehen. Es war ein schwerfälliger, etwas zu beleibter Mensch, mit einem weißen Gesicht, weißen geküperten Beinkleidern, weißer Weste, braunem Rocke und weißem Hut. Ob ihn irgend etwas übel gestimmt hatte, weiß ich nicht, aber offenbar war er das Stichblatt der Damen und des größten Theiles der Gesellschaft. »Ich werde es Ihnen sehr Dank wissen,« erwiederte dieses Individuum, dessen eigentlicher Name Winterboden war, »wenn Sie mich in Ruhe lassen, denn ich will nichts von Ihrem Unsinn wissen.« »Ei! Herr Winterboden, Sie werden doch nicht im Sinne haben, den Samen der Zwietracht schon so frühe zu säen. Betrachten Sie die Landschaft, die Sie vor sich haben – hören Sie, wie schön die Vögel pfeifen, wie lustig die Sonne scheint und wie herrlich das Wasser schimmert! Wer kann an einem so schönen Morgen verdrießlich sein?« »Nein, Miß,« versetzte Herr Winterboden, »nicht im Mindesten verdrießlich, nicht im Mindesten – nur ist mein Name Winterboden, und nicht Boden. Ich setze keinen Eselskopf auf, um für andere Leute den Narren zu machen – das ist alles. Ich bin kein Boden, das ist platt.« »Das kommt auf die Umstände an, Sir,« bemerkte Tom. »Was habt Ihr nöthig, Euer Ruder hier einzuschieben, Meister Fährmann?« »Ich bin zu diesem Geschäfte gemiethet,« versetzte Tom, sein Ruder einsetzend und ihm einen kräftigen Druck gebend. »So bleibt bei Eurem Element – schiebt Euer Ruder in's Wasser und nicht in unser Gespräch.« »Gut, Sir, ich will nichts mehr sagen, wenn es Ihnen nicht recht ist.« »Meinetwegen kannst du reden,« sagte Titania lachend, »so oft dir's gefällt.« »Und meinetwegen auch,« sprach Zinnblatt, den die Antworten Tom's vergnügten. Herr Winterboden wurde äußerst zornig und verlangte sogleich an's Land gesetzt zu werden; aber die Feenkönigin sagte, es geschehe auf unsere Gefahr, wenn wir ihm gehorchten; und wider seinen Willen wurde Herr Winterboden den Strom hinaufgeführt. »Unser Freund ist nicht bei Laune,« sagte Herr Zinnblatt, ein Klappenhorn hervornehmend, – » Doch die Musik bezähmt die wilde Brust, Zersplittert Eichen und erweicht den Felsen , und deßhalb will ich ihre Wirkung auf sein Inneres versuchen.« Herr Zinnblatt spielte aus Midas die Arie: » Mag's Gott gefallen, ihn zu bändigen u.s.w .« während welcher Herr Winterboden ein noch verdrießlicheres Gesicht machte, als vorher. Sobald die Arie beendigt war, antwortete ein anderes Mitglied der Gesellschaft aus dem zweiten Boote mit seiner Flöte – während Herr Squenz mit dem, was er den Baß nannte, accompagnirte, das heißt, mit den Fingern schnalzte. Die Töne des Instrumentes glitten auf dem stillen Wasser dahin und zogen die Aufmerksamkeit vieler Hörer auf sich, welche eine Zeitlang von ihrer Arbeit ruhten oder, müßig über den Rand ihrer Fahrzeuge gelehnt, die Boote beobachteten und der Musik lauschten. Alles war Lust und Fröhlichkeit – die drei Nachen hielten sich dicht aneinander, und in den Zwischenspielen unterhielt die Gesellschaft lebendige und witzige Gespräche, wobei sie gelegentlich auch ihre Bewunderung über das Grün der sanft ansteigenden Matten und befiederten Bäume aussprach, womit die Ufer des edlen Stromes so prachtvoll geschmückt waren. Sogar Herr Winterboden hatte wieder einen Theil seiner Heiterkeit gewonnen, als er auf einmal durch eine Bemerkung des Herrn Squenz auf's Neue zum Zorn gereizt wurde. »Sie können keine Rolle spielen,« sagte dieser, »als den Pyramus; denn Pyramus ist ein Mann mit einem süßen Gesichte – ein hübscher Mann, wie man an einem Sommertage sich nur einen wünschen mag, ein sehr liebenswürdiger, artiger Gentleman; darum müssen Sie nothwendig den Pyramus spielen.« »Nehmen Sie sich in Acht, daß ich nicht den Teufel mit Ihrer Physiognomie spiele, Herr Western,« erwiederte Winterboden. Hier begann Kaliban im dritten Boote die Geige zu spielen und sang dazu: »Gaffer, Gaffers Sohn und sein kleiner Esel Trabten längs der Straße,« wozu der Chor U–a, U–a lautete, um das Geschrei eines Esels nachzunahmen. »Gott segne dich, Boden, Gott segne dich, du wirst übersetzt,« rief Squenz gegen Winterboden. »Ganz recht, Herr Western, ganz recht. Ich will nur den Nachen nicht zum Umschlagen bringen, deßhalb sind Sie für den Augenblick sicher, aber die Rechnung wird nachfolgen – Sie wissen's also.« »Sklaven meiner Lampe erfüllt meinen Befehl! Ich will hier keinen Streit haben. Sie, Squenz, schließen Ihren Mund; Sie, Winterboden, ziehen Ihre Lippen ein, und ich, Ihre Königin, will Sie mit einem Gesang bezaubern,« sagte Titania, mit ihren schönen Händchen winkend. Die Geige hörte auf zu spielen, und die Stimme der schönen Schauspielerin fesselte unser Aller Aufmerksamkeit. »Seht, unter Glockenklang und Blumenduft Entsteigt der holde Mai der kalten Gruft; Nun lauschet dem Gesang, er wird Euch sagen Wie unsers Lebens Lootsenboote wagen Die Wettfahrt mit der Zeit. »Die Liebe ruht auf einem Lotusblatt Und sieht die alte Zeit erschöpft und matt Im überlad'nen Boote langsam gleiten, Und ruft, die Flügel schlagend, in die Weiten:       Wem unterliegt die Zeit? »Zuerst kommt die Geduld, sie geht an Bord Der Zeit und hilft ihr freundlich selber fort; Und Gram und Sorgen finden keine Segel; Die Klugheit bleibt am Land und gibt die Regel –       Der Weise harrt der Zeit. »Die Hoffnung füllt mit Blumen ihren Kahn, Ihr leuchtet eines Glühwurm's Schein voran, Und als die Liebe sieht den Nachen fliegen, Ruft sie: Die Hoffnung wird die Zeit besiegen –       Sie überholt die Zeit. »Nun kömmt der Witz mit Rudern von Demant Auf einem Boot von Glas herbeigerannt Und schießt mit seinen leicht beschwingten Pfeilen, Und ruft, indeß sie durch die Lüfte eilen:       Die Luft erwürgt die Zeit. »Jedoch die Pfeile sind zurückgeschwirrt, Die Hoffnung hat sich aus dem Strich verirrt; Da kommt die Liebe mit den Schmetterlingen, Und lacht und spricht: ich kann die Zeit bezwingen.       Die Liebe zwingt die Zeit.« Ich brauche kaum anzuführen, daß dieser Gesang mit einem eben so vollständigen, als wohlverdienten Beifall aufgenommen wurde. Ihm folgten mehrere andere von Seiten der Damen, wie der Herren. Sie wurden auf geschehene Bitte ohne Zögerung gegeben, aber mein Gedächtniß vermag sie nicht mehr zurückzurufen. Die Zwischenpausen füllte Horn und Flöte aus, und Alles war Lust und Freude. »Das ist ein hübscher Platz,« sagte Zinnblatt auf eine Villa an der Themse deutend. »Mit der schönen Titania und zehntausend Pfund jährlich könnte man hier glücklich leben.« »Ich fürchte, die schöne Titania muß ohne die letztgenannte Bürde zu Markt gehen,« bemerkte die Dame; »der Herr müßte die zehntausend Pfund jährlich schaffen, und ich brächte als Morgengabe –« »Zehntausend Reize,« unterbrach sie Zinnblatt. – »Das ist sehr wahr, und Schade ist's, daß es wahr ist. Hörten Ihre Feenschaft jemals mein Epigramm über diesen Gegenstand? »Im Osten loben sie die Mädchen der Circassen , Und lieben, ohne sich mit Selbstsucht zu befassen: Ein ehrenwerther Brauch – ganz anders ist es hier, Die Liebe weiß von nichts, als von der Cassengier .« »Vortrefflich mein guter Puck! haben Sie noch mehr dergleichen?« »Nein, Eigenes nichts, aber Sie haben gehört, was Winterboden am letzten Jubiläumsfeste unter die Büste Shakespeare's schrieb?« »Ich wußte gar nicht, daß ihn Apollo jemals heimsuchte.« »Sie sollen hören: »Hier ruhet Shakespeare's sterbliches Gebein, Doch diese Büste wird unsterblich sein; Die Welt wird bald ein frühes Ende haben. Doch Shakespeare's Ruhm wird nimmermehr begraben.« »Bemühen Sie sich doch nicht, Herr Zinnblatt, auf meine Kosten so außerordentlich witzig zu sein,« brummte Winterboden. »Ich habe in meinem Leben noch keine Zeile Poesie gemacht.« »Das hat auch Niemand gesagt, Winterboden; aber Sie werden nicht läugnen, daß Sie diese Zeilen geschrieben haben.« Herr Winterboden fand es unter seiner Würde, zu antworten. Munter trieben wir mit einer raschen Fluth zwischen den bunt geschmückten Ufern den Strom hinauf und kamen endlich an das kleine Eiland, auf welchem der Piknik gehalten werden sollte. Die Gesellschaft stieg aus und suchte mit vieler Emsigkeit einen geeigneten Platz für ihr Fest. Squenz eilte auf den Flügeln der Furcht von Winterboden weg. Der letztere blieb am Ufer und sagte zu dem Manne, welcher Kaliban getauft worden war: »Jenkins, Ihr habt doch den Salat nicht vergessen?« »Nein, Sir, ich hab' ihn mitgebracht. Er liegt oben in dem kleinen Korbe.« Herr Winterboden, der, wie es schien, eine besondere Vorliebe für Salat hatte, war mit dieser Antwort befriedigt und ging langsam weiter. »Um Alles in der Welt hätte ich dieß nicht versäumen mögen,« sagte Tom zu mir, mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirne wischend. »Wollte nur, der Vater wäre auch hier. Die junge Dame wird hoffentlich noch einmal singen, ehe wir abfahren.« »Ich halte es für sehr wahrscheinlich,« erwiederte ich, »und der Spaß ist meines Erachtens erst im Beginnen. Aber komm, wir wollen bei der Ausschiffung des Mundvorrathes auch Hand anlegen.« »Schön, schön! das ist ein herrlicher Platz für unsere Probe; dieser grüne Fleck soll unsere Bühne bilden,« rief Squenz der übrigen Gesellschaft zu. Die Lokalität fand Beifall, und nun beschäftigte sich Alles emsig mit der Anordnung. Die Körbe wurden ausgepackt und kaltes Fleisch, Geflügel, Pasteten aller Art, Backwerk u. s. w. erschien im Ueberfluß. »Dieß ist kein Direktorialfest,« sagte Zinnblatt; »das Geflügel ist hier nicht aus Holz gemacht und der Wein nicht durch Dünnbier ersetzt. Das Gastmahl, welches Don Juan dem Commendador gab, ist eine Posse dagegen.« »Alle Direktorialessen sind Possen, und obendrein sehr leidige Possen,« erwiederte ein Anderer. »Ich wollte, der alte Moeris müßte sein Abendessen selbst verzehren.« »Dann müßte er sich eine Reihe Zähne einsehen lassen; sie sind zu zäh und hölzern .« »ss! ss! hinaus mit ihm, er macht ein Wortspiel.« Jetzt waren die Körbe ausgepackt. Man breitete das Tischtuch auf den Rasen und ordnete die Gedecke. Die Damen waren so geschäftig, als die Herren – einige wischten die Gläser aus, Andere füllten die Salzfäßchen. Titania verlas den Salat. Herr Winterboden, welcher nichts that, redete sie an: »Ich bitte Sie, erzeigen Sie mir die Gunst, den Salat nicht so klein zu schneiden; das Gekräuselte ist das Beste, und dieß verliert er auf solche Art.« »Ei, welch' ein Nebucadnezar Sie sind! indessen soll Ihnen gehorcht werden.« »Wer kann Fische backen?« rief Zinnblatt. »Hier sind zwei paar Schollen und einige Aale. Wo ist Kaliban?« »Hier bin ich, Sir,« erwiederte der Gerufene auf seinen Knieen das Feuer anblasend, das er angezündet hatte. »Ich habe die Suppe zu besorgen.« »Wo ist Stephano?« »Kühlt den Wein ab, Sir.« »Wer kann denn Fische backen, frage ich.« »Ich kann's, Sir,« versetzte Tom; »aber nicht ohne Butter.« – »Butter sollst du haben, du Aufrührer des Elements. Wir haben, glaub' ich, so ein Ding hier.« »Es dingt mich aber Niemand als Koch,« versetzte Tom; »obgleich ich so etwas von dem Ding verstehe.« »Dann sollst du die Stelle haben,« erwiederte der Schauspieler. »Ich bin dabei mit Seel' und Leib,« rief Tom, sein Messer herausziehend und die notwendige Operation der Abschuppung der Fische vornehmend. Nach einer halben Stunde war Alles bereit: die schöne Titania erzeigte mir die Ehre, sich auf meine Jacke zu setzen, um die Feuchtigkeit des Bodens abzuhalten. Auch die übrigen Damen nahmen ihre Sitze ein, wie es die Königin des Festes angeordnet hatte. Die Tafeln waren mit einer Menge köstlicher Genüsse dieser Welt angefüllt; die Suppe stand in einer Terrine an einem Ende, und Tom hatte so eben die Fische aufgetragen, als Squenz und Winterboden auf Titania's Befehl den Wein und die übrigen Getränke herbeiholten. Sie kehrten zurück und äugelten auf eine ganz sonderbare Weise miteinander; Winterboden erdolchte seinen Gegner mit Blicken und Squenz hielt sich sogar unter dem Schutze Titania's nicht für sicher. Tom hatte so eben die Bratpfanne vom Feuer genommen, in welcher das zurückgebliebene Fett noch prasselte. Squenz hatte seine Bürde abgegeben und war eben im Begriff sich zu setzen, als Tom plötzlich ein Einfall durch den Sinn fuhr, den er jedoch nicht selbst in Ausführung zu bringen wagte; aber ›Nicken ist für ein bloßes Roß so gut als Winken‹, sagt das Sprüchwort. Winterboden stand vor Tom und Squenz kehrte beiden den Rücken zu. Tom sah Winterboden an, worauf er mit schlauen Blicken' auf die Bratpfanne und von dieser auf Squenz's Hintertheil deutete. Winterboden faßte den Wink und die Bratpfanne in demselben Augenblicke. Squenz setzte sich, wie man auf der See sagt, mit einer Brandung nieder, indem er die Stelle anführte: »Für wahr, unser Spiel ist die kläglichste Komödie« – da er aber seine Hände nach hinten ausstreckte, um den Fall zu mäßigen, tappte er gerade in die siedendheiße Bratpfanne, die ihm Winterboden unterschob. »O Gott! oh, oh!« schrie Squenz, wie ein Blitz aufspringend und vor Schmerz in die Luft fliegend, indessen seine Hände hinter ihm noch in der Bratpfanne kleppten. Auf den ersten Schrei von Mr. Squenz erschrak die ganze Gesellschaft; man glaubte, eine Schlange hatte ihn gebissen und Alles war im größten Schrecken; als man aber die Ursache des Mißgeschickes entdeckte, vermochte selbst sein Schmerzgeheul die Fröhlichkeit nicht mehr zu bändigen. Es war zu lächerlich. Indessen bedauerten ihn die Damen und Herren, aber Squenz nahm keine Vernunft an. Er ging an den Strom hinunter, und Winterboden freute sich im Stillen seiner Rache, denn außer Tom hatte Niemand eine Ahnung davon, daß es mehr als Zufall war. Squenz war seines Vergnügens bar, aber die Uebrigen meinten, darum sei es nicht nothwendig, daß auch ihre Freude gestört sein sollte. Ein »wirklich sehr leid um den armen Western,« ein Halbdutzend »der arme Mensch!« vermischt mit Gekicher, war Alles, was sein Mißgeschick nach seiner Entfernung hervorrief; dann setzten sie sich zur Mahlzeit und aßen, wie französische Falkoniere. Die Suppe wurde verschlungen, die Fische verschwanden, die Hammelskeulen wurden zerschnitten, die Pasteten ihrer verborgenen Schätze beraubt, das Geflügel zergliedert, die Korke gezogen (manche flogen ohne Mühe in die Luft), und Alles aß und füllte sich. Herr Winterboden heftete das Auge auf sein Lieblingsgericht, den Salat, machte ihn selbst an, lud Jedermann dazu ein, und war froh, daß sich Niemand Zeit nahm, davon zu essen; allein Herr Winterboden konnte für Jedermann essen und aß ihn auch allein. Die Ueberbleibsel wurden abgeräumt und uns eingehändigt. Wir machten uns eifrig daran und ließen ihnen dieselbe Gerechtigkeit widerfahren, wie die Gesellschaft vor uns. Auf einmal bemerkte man, daß Herr Winterboden ganz blaß wurde, und sehr krank schien. »Was fehlt Ihnen?« fragte Herr Zinnblatt. »Ich – ich bin – ich bin nicht ganz wohl – ich – ich fürchte, es ist mir etwas nicht gut bekommen. Ich – ich bin sehr krank,« rief Herr Winterboden, den Mund verziehend und so weiß wie ein Handtuch. »Es muß der Salat sein,« sagte eine von den Damen; »Niemand als Sie hat davon genossen, und wir befinden uns Alle wohl.« »Ich – meine fast – es muß – oh! – ich erinnere mich, es kam mir vor, als hätte das Oel einen seltsamen Geschmack gehabt.« »Nun, es war kein Oel in den Castors,« Das Gestell für die Essig- und Oelfläschchen. versetzte Zinnblatt, »ich schickte Jenkins fort, welches zu holen.« »Das that ich eben auch,« erwiederte Winterboden, »o! – o Himmel – o Himmel!« »Jenkins,« rief Zinnblatt, »wo holtest du das Oel für die Castors? was für ein Oel ließest du dir geben? – weißt du gewiß, daß es das rechte war?« – »Ja, Sir, ganz gewiß,« erwiederte Jenkins. »Ich brachte es in dieser Flasche und goß es vor dem Essen in die Castors.« »Wo kauftest du es?« »Beim Chemiker, Sir. Hier ist die Flasche;« und Jenkins brachte eine Flasche, worauf mit großen Buchstaben stand: Castoröl. So wird in England das abführende Ricinusöl genannt Der Mord lag am Tage. Herr Winterboden stöhnte und erhob sich von seinem Sitze, denn er fühlte sich wirklich sehr krank. Das Mißgeschick Einzelner vermehrt gewöhnlich die Summe der allgemeinen Fröhlichkeit, und Herrn Winterbodens Unfall hatte dieselbe Wirkung, wie derjenige des Herrn Squenz. Aber wo war der arme Squenz diese ganze Zeit über? Er hatte sich den eisernen Kessel holen lassen, in welchem die Suppe erwärmt worden war, und denselben mit Themsewasser gefüllt, um die verletzten Theile in das kühlende Element zu tauchen. Hier saß er und hielt seine Hände tief in's Wasser, als Herr Winterboden an dieselbe Stelle kam. Alsbald sah sich Herr Squenz durch den Anblick der Leiden seines Feindes getröstet. In der That trug dieser zur Milderung seiner Schmerzen mehr bei, als alles Themsewasser in der Welt. Er stand auf, ließ Winterboden mit aufgehobenen Händen an einen Baum gelehnt stehen, ging wieder zur Gesellschaft, und trank auf das Wohl aller Damen nach der Reihe, bis er sich angetrunken hatte. Nach Verfluß von einer halben Stunde kehrte Herr Winterboden zitternd und bebend zurück, denn er war von einem Fieberfrost befallen worden. Ein paar Gläser Branntwein sollten ihn herstellen, und ehe der Tag sich neigte, waren Beide, Winterboden und Squenz, der eine durch den Gebrauch magenstärkender Reizmittel, der andere durch Ertränkung seiner Schmerzen in wiederholten Libationen (um so wenig, als möglich zu sagen) im Zustande angehender Trunkenheit. Aber Alles hat seine Zeit; auch die Zeit der Rückkehr war herbei gekommen. Der Abend war unter heitern Scherzen und Liedern vergangen. Zinnblatt hatte sein Horn versucht, und fiel nicht selten aus der Melodie; auch die Flöte vernachlässigte den Unterschied der längern und kürzern Noten, als etwas Unwesentliches; die Damen fanden die Herren etwas vorlaut: kurz, es war Zeit zum Aufbruch. Die Körbe wurden wieder gepackt und, um die Hälfte leichter als sie ausgeladen worden waren, wieder eingeschifft. Wein war wenig übrig geblieben und der Abtrag der Speisen kam, nach der Anordnung Titania's, den Ruderern zu gute; nur die Platten, Teller u. s. w. wurden wieder mitgenommen. Mit aufgeregten Lebensgeistern schiffte sich die Gesellschaft ein, und wir hatten die Ebbe für unsere Rückfahrt. In dem Augenblicke, als wir abstießen, erinnerte man sich, daß der Eiseimer nebst einem Korbe verschiedenen Inhalts unter dem Baume stehen geblieben war. Zwei Kähne waren bereits abgegangen; folglich wurden diese Gegenstände in unser Boot geschafft, in welchem wir wieder die gleiche Gesellschaft hatten, wie zuvor; nur Herr Western, alias Squenz, hatte das Packboot mit den Körben vorgezogen, weil er sich dort hinstrecken konnte, um die Hände über den Rand in's Wasser zu halten. Bei Herrn Winterboden zeigten sich bald die Wirkungen des Heilmittels, das er gegen die Wirkungen des Castoröls genommen hatte. Er war aufrührerisch und konnte, zur großen Angst Titania's und der übrigen Damen, nur mit Mühe vermocht werden, sich im Boote zu setzen. Mit Gewalt wollte er der Feenkönigin die Huldigung seiner Liebe darbringen; und da er seine Stellung beständig veränderte, um sie anzureden, und ihr zu Füßen zu fallen, so war wirklich Gefahr vorhanden, das Boot möchte umschlagen. Endlich rieth ihm Tom, sich auf den vor ihr stehenden Wassereimer zu setzen, da er sie von hier aus mit Sicherheit anreden könne; und Winterboden kletterte auf seinen Thron. In dem Augenblicke, als er sich setzte, nahm Tom den Deckel weg, und Winterboden sank in das halbflüssige Eis, war aber zu betrunken, um es zu bemerken. Er schwärmte und betheuerte, persiflirte und phantasirte, und war eben recht im Fluß, als Plötzlich die Menge Wärmestoff, die er entwickelte, ihre Wirkung äußerte. »Ich – ich – glaube wirklich, die Nacht ist feucht – der Thau fällt – der Sitz ist feucht, schöne Titania.« »Nur Einbildung, Herr Winterboden,« versetzte Titania, der seine Lage Vergnügen machte. »Sommerbeinkleider sind des Abends kühl; es ist nur eine Entschuldigung, um von mir wegzukommen, aber ich spreche nie mehr ein Wort mit Ihnen, wenn Sie ihren Sitz verlassen.« »Die schöne Titania, die Gebieterin meiner Seele – und meines Körpers, wenn es ihr gefällig ist – hat – nur zu befehlen – und ihr Sklave gehorcht.« »Ich meine wirklich, es ist etwas feucht,« sagte Zinnblatt; »erlauben Sie mir, ein wenig Sand auf ihren Sitz zu streuen.« Und Zinnblatt zog eine große Papierdüte voll Salz hervor und streute dasselbe über das Eis. Winterboden war zufrieden und blieb; aber als wir die Vauxhall-Brücke erreichten, war der Prozeß der Krystallisation des Wassers so vollständig vor sich gegangen, daß er in dem Eis fest saß, welches durch die Anwendung des Salzes an Härte zugenommen hatte. Er klagte über Kälte, zitterte und versuchte es, aufzustehen, konnte aber nicht wegkommen. Seine Zähne klapperten und er wurde endlich beinahe wieder nüchtern; aber in Folge der Wirkungen des Castoröls, der darauf folgenden Berauschung und seiner gegenwärtigen Erstarrung war er ganz hülflos. Er sprach immer weniger und weniger; endlich wurde er ganz still, und als wir am Stege zu Whitehall ankamen, war er fest in's Eis eingefroren. Wir machten ihn los, aber er konnte nicht gehen und wurde in einer Miethkutsche nach Hause gefahren. »Es war grausam, ihn also zu strafen, Herr Zinnblatt,« sagte Titania. »Eine grausame Strafe? Nun ja, eine Art von Einpfählung ,« versetzte Herr Zinnblatt, ihr den Arm bietend. Auch die übrige Gesellschaft landete und ging nach Hause. Ihr folgten die beiden Aufwärter, und also endete die Piknikpartie, welche, wie Tom sagte, der spaßhafteste Tag war, den er je erlebt hatte. Dreizehntes Kapitel. Herr Turnbull bringt sein Hauswesen in Ordnung. – Madame Turnbull findet ein solches Betragen durchaus nicht in der Ordnung. – Der Kapitän greift zu seiner Harpune. – Er befahlt die Ehrenschulden seiner Gemahlin und gibt dem Einzieher die Quitwng aä posteriola. Monsieur und Madame Tagliabue ziehen sich aus der Gesellschaft de ces barbares les Anglais zurück. Ich fühlte, daß ich Kapitän Turnbull vernachlässigt hatte, und daß er es ungütig aufnehmen könnte, wenn ich ihn gar nicht mehr besuchte; ich machte mich deßhalb an dem auf die Piknikpartie folgenden Sonntage, nachdem ich Marie zur Kirche begleitet hatte, auf den Weg nach seiner Villa, bei Brentford. Ich zog die Glocke an der Pförtnerwohnung und fragte, ob Herr Turnbull zu Hause sei. »Ja, Sir,« antwortete die alte Pförtnerin, welche sehr mittheilsam und freundlich gegen mich war, »und Madame ist auch zu Hause.« Ich ging die hundert Ellen lange Einfahrt hinauf, welche zur Hausthüre führt, und als ich läutete, öffnete mir ein Diener, den ich früher nie unter den Mitgliedern des Haushaltes gesehen hatte. »Wo ist Herr Turnbull,« fragte ich. »In seinem Zimmer, Sir,« erwiederte der Mann; »aber es wird nöthig sein, daß ich Sie anmelde: er läßt nicht Jedermann vor.« Ich muß dem Leser bemerken, daß ich nicht in Jacke und Schifferhosen erschien. Das Geld, welches ich verdiente, war mehr als hinreichend für alle meine Bedürfnisse, und ich hatte mir eine Kleidung angeschafft, wie man sie in den Städten trägt. Der Diener hielt mich offenbar für einen Gentleman, und vielleicht hatte ich wenigstens in Betreff des Anzuges ein Recht auf diese Auszeichnung. Leute von weit weniger Ansprüchen, als ich machen konnte, werden in dieser Welt oft als Gentlemen empfangen. Ich gab meinen Namen an; der Bediente ließ mich an der Thüre stehen und kehrte bald darauf zurück, um mich hinaufzuführen. Ich muß sagen, ich war etwas erstaunt. Wo waren Mortimer und die beiden Diener in schimmernden Livreen und langen Baumwollenepauletten mit Stiften, die wie Merlpfriemen daran herunter hingen? Sogar die Livree war verändert, sie bestand in einem einfachen braunen Rock, mit hellblauen Kragen und Aufschlägen von derselben Farbe. Ich wurde jedoch bald mit Allem bekannt gemacht, was hier vorgegangen war. Der Diener führte mich in Herrn Turnbulls Zimmer – sein Studierzimmer, wie es Madame Turnbull nannte, wiewohl Herr Turnbull darauf bestand, es seine Kajüte zu nennen: ein Name, der bei weitem geeigneter war, denn es enthielt nur zwei schmale Breiter mit Büchern; der übrige Theil des Gemachs war voll von seinen Lieblingsharpunen, Braunfischschädeln, Haifischrachen, Korallen, verschiedenen braunen und weißen Bärenfellen, ein paar Modellen von den Schiffen, die seinem Bruder und ihm gehört hatten und zur Grönlandfischerei verwendet worden waren u. s. w. Es war in der That eine Art Museum von Allem, was er auf seinen Reisen gesammelt hatte: Geräthschaften, Schmucksachen, Kleidungsstücke der Eskimo's lagen in den Ecken herum, und Felle von seltenen Thieren, die er selbst erlegt hatte, z. B. von schwarzen Füchsen u. s. w., lagen auf dem Fußteppich umhergestreut. Auch sein Seekoffer, der mit verschiedenen Gegenständen angefüllt war, bildete eine von den Zierden des Zimmers, und vergebens hatte Madame Turnbull, welche durchaus nicht gut dazu sah, schon oft ihren Einfluß aufgeboten, um denselben zu entfernen. Das Möbelwerk bestand bloß aus zwei Sopha's, einem großen Tisch in der Mitte des Gemachs, und drei oder vier plumpen Sesseln, so wie der einzige Schmuck in einem Dutzend kolorirter und unter Glas und Rahmen gebrachter Kupferstiche von Wallroßjagden u. s. w., die aus den Folioausgaben der Reisen Cook's und Mulgrave's genommen waren. Außerdem bemerkte man noch ein paar Entwürfe von seinem Bruder, wie z. B. den Zustand des William am Morgen des 25. Januars –, Breite –, Länge –, wie er von einem Eisberge eingeklemmt war. Kapitän Turnbull war noch in seinem Morgengewande; er befand sich offenbar nicht ganz wohl; wenigstens sah er sehr abgemattet und bleich aus. »Mein lieber Jacob, das ist sehr freundlich von dir,« begann er. »Ich hatte im Sinne mit dir zu schelten, weil du so lange ausbliebst; aber jetzt freut es mich so sehr, dich zu sehen, daß ich nicht mehr das Herz dazu finde. Aber warum bist du so lange nicht gekommen?« »Ich bin sehr viel beschäftigt gewesen, Sir; Stapleton hat mir den Kahn übergeben, und ich durfte seine Interessen nicht vernachlässigen, wäre es mir auch nicht um die meinigen gewesen.« »Du hast recht gethan, Junge; und wie treibst du's?« »Ich bin sehr glücklich, Sir – in der That sehr glücklich.« »Freut mich, dieß zu hören, Jacob; möge es immer so sein.« Und nun setze dich auf den andern Sopha, wir wollen einen langen Palaver halten, wie die Indianer sagen. Ich habe dir etwas mitzutheilen. Vermuthlich hast du eine Veränderung bemerkt – nicht wahr?« »Ja, Sir; ich bemerkte, daß Herr Mortimer nicht sichtbar war.« »Ganz recht. Herr Mortimer, oder John Snobbs – der Schurke ist gegenwärtig zu Newgate in Untersuchung, und ich gedenke, ihn zum Besten seiner Gesundheit auf eine Reise zu schicken. Ich habe endlich den Spitzbuben ertappt und will ihm nicht mehr Barmherzigkeit angedeihen lassen, als ich einem Haifische widerfahren ließe, der den Köder angebissen hat. Aber dieß ist noch nicht Alles. Wir haben eine eigentliche Meuterei entdeckt, denn man machte den Versuch, mir das Schiff zu nehmen: ich ließ sie jedoch Alle in Eisen legen und verlange Bestrafung. Jacob, ich versichere dich, das Geld ist nur zu oft ein Fluch.« »Sie werden nicht viele Leute finden, Sir, die Ihre Meinung theilen,« versetzte ich lachend. »Es ist wohl möglich; denn diejenigen, welche es besitzen, sind mit der Wichtigkeit zufrieden, die es ihnen verleiht, und wollen die fluchenswerthe Thatsache nicht zugeben; und diejenigen, welche es nicht besitzen, seufzen immer danach, als wäre es das Einzige in der Welt, was der Mühe lohnte, sich danach umzusehen. Aber nun will ich dir sagen, was sich ereignet hat, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, und dann sollst du urtheilen.« Da indessen die Erzählung Kapitän Turnbulls einen Zeitraum von beinahe drei Stunden ausfüllte, so will ich den Gegenstand zur Belehrung des Lesers kurz zusammen fassen. Es scheint, daß Madame Turnbull den Kreis ihrer Staatsfahrten immer weiter ausdehnte, die Zahl ihrer Bekanntschaften und ihrer mannigfaltigen Ausgaben immer mehr vergrößerte, und Herr Turnbull es ihr endlich in den strengsten Ausdrücken verwies. Seine Vorstellungen fanden indeß die Beachtung nicht, die er erwartet hatte, und überdieß kam er durch Zufall darauf, daß das Geld, womit er sie beständig versehen hatte, um ihre wöchentlichen Rechnungen zu bezahlen, auf eine andere Weise verwendet worden war, ja daß seit den beiden letzten Vierteljahren noch gar keine Rechnung bezahlt war. Dieß veranlaßt eine Erörterung. Er wünschte zu wissen, auf welche Weise diese Summen ausgegeben worden seien, und Frau Turnbull fand es räthlich, auf ihrem Sinne zu bestehen und sich wo möglich das erforderliche Uebergewicht zu sichern; deßhalb antwortete sie anfangs bloß mit einem verächtlichen Aufwerfen des Kopfes, um die drei gelben Straußfedern auf ihrem Hute in eine zierliche, wellerförmige Bewegung zu setzen, während sie das Zimmer verließ und in ihren Wagen stieg. Herr Turnbull war einer von denjenigen, weiche gern wissen, woran sie sind, weßhalb ihn dieß nicht sehr befriedigen konnte. Er wartete, bis der Wagen zurückkehrte, und bat dann um eine bestimmtere Antwort. Madame Turnbull nahm einen hohen Ton an, sprach von Ausgaben, die der Anstand erfordere, sagte, sie müsse wissen, was sie ihrem Charakter schuldig sei u. s. w. Herr Turnbull sprach von Ausgaben, welche das Bedürfniß erfordere, und sagte, wie es seinem Charakter vor Allem anstehe, seine Kaufmannsrechnungen zu bezahlen. Madame Turnbull sprach ferner von guter Erziehung, von auserlesener Gesellschaft und ihren Menge Pläsih's , Meuns plaisirs wie sie es nannte. Herr Turnbull wußte nicht, was Menge Pläsih's im Französischen bedeutete, aber er meinte, sie hätte seit ihrem Ankaufe der Villa eine so große Menge Vergnügungen genossen, wie irgend eine Dame. Doch zur Frage: Warum wurden die Rechnungen nicht bezahlt, und was hatte sie mit dem Geld angefangen? Als Nadelgeld ausgegeben. Nadelgeld ! Dreißig Pfund wöchentlich für Nadeln ! man hätte damit Harpunen genug auf eine dreijährige Reise kaufen können. Sie sollte die Wahrheit sagen; allein sie mochte nicht, rief nach ihrem Riechfläschchen und nannte ihn einen Barbaren . Jedenfalls wollte er sich nicht für einen Narren halten lassen. Er gab ihr Bedenkzeit bis an den andern Morgen. Am andern Morgen liefen sämmtliche Rechnungen ein, weil sie gefordert worden waren. Sie betrugen sechshundert Pfund und wurden bezahlt und quittirt. »Nun werden Sie mich verbinden, Madame Turnbull, wenn Sie mich wissen lassen, was Sie mit diesen sechshundert Pfund angefangen haben?« Madame Turnbull hatte keine Neigung. Auf diese Art dürfe sie nicht behandelt werden, meinte sie. Herr Turnbull sei jetzt nicht an Bord eines Wallfischfängers, wo er schalten und walten könne, wie er wolle; sie verlange Gerechtigkeit, Trennung, H'Alimentation und Scheidung. – Das könne sie Alles haben, sobald es ihr beliebe, nur kein Geld mehr, das sei fest beschlossen. Auf dies bekam sie hysterische Zufälle. Sie lag den ganzen Tag auf dem Sopha und erwartete, Herr Turnbull werde sie aufrichten; Herr Turnbull aber kam auf keinen solchen Gedanken. Er ging zu Bette, und weil er keinen Schlaf hatte, stand er sehr frühe auf, um zum Fenster hinaus zu sehen. Ein Karren fuhr zu der Mauer heran; die Leute, welche mit demselben gekommen waren, überstiegen die Mauer, traten in's Haus und kehrten mit zwei großen Packkörben zurück. Er ergriff eine von seinen Harpunen, ging auf einem andern Wege hinaus und kam gerade bei dem Karren an, als die Packkörbe geladen wurden und die Leute im Begriff standen, fortzufahren. Er gebot ihnen Halt; aber statt einer Antwort trieben sie das Pferd mit der Peitsche und hätten ihn bald überfahren. Da schleuderte er seine Harpune nach dem Pferd. Es stürzte; auch die beider Männer, die im Karren saßen, flogen heraus, stürzten ebenfalls und verloren das Bewußtsein. Er versicherte sich ihrer, rief nach der Pförtnerwohnung um Beistand, schickte nach der Polizei und übergab sie derselben. Ihrer Aussage zufolge waren die Packkörbe von Herrn Mortimer befördert, der dieß schon seit einiger Zeit in der Gewohnheit hatte. Sie enthielten Flaschen von Herrn Turnbulls bestem Wein und verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls bewiesen, daß Herr Mortimer im Besitze falscher Schlüssel sein müsse. Herr Turnbull ließ die Schuldigen sammt seinem Eigenthume bei zwei Konstabeln zurück und ging in Begleitung des dritten in das Haus. Herr Mortimer öffnete ihm die Thüre, folgte ihm in sein Studierzimmer, erklärte ihm, er werde augenblicklich das Haus verlassen, denn er habe früher stets bei Gentlemen gelebt, und bat um seine rückständige Gebühr. Herr Turnbull fand diese Bitte sehr vernünftig, und übergab ihn dem Konstabel. Ziemlich verwirrt über dieses ungentlemänische Benehmen zog Herr Snobbs mit den Uebrigen nach Bow-Street. Herr Turnbull schickte nach den beiden andern Livreebedienten und erklärte ihnen, er bedürfe ihrer Dienste nicht weiter, denn er meinte, die Bestehlung müsse ihnen bekannt gewesen sein. Er bezahlte ihnen ihren Lohn mit dem Ersuchen, sie möchten ihre Livreen ausziehen und sein Haus verlassen. Beide waren dazu bereit. Auch sie hatten früher stets bei Gentlemen gelebt. Herr Turnbull nimmt den Schlüssel zur Vorrathskammer, damit ihn nicht etwa auch das Silbergeschirr für zu gemein halten möge, um in seinem Hause zu bleiben. Dann geht er in die Ställe; die Pferde wiehern, als wollten sie an ihr Frühstück mahnen; aber die Thür ist verschlossen. Er ruft den Kutscher – keine Antwort! Wie er von den Ställen zurückkehrt, steht er ihn ziemlich staubig zum Einfahrtthore hereinkommen und fragt ihn, warum er nicht zu Hause schlafe und nach seinen Pferden sehe. Er sei der Kutscher der Madame, aber nicht des Herrn; ihr wolle er Antwort geben, Herrn Turnbull nicht. Herr Turnbull bezahlt ihm seinen Lohn, zieht ihm die Livree aus und schickt ihn den Uebrigen nach; auch der Kutscher geht mit Freuden, er hatte vorher stets bei Gentlemen gelebt. Herr Turnbull begegnet dem Kammermädchen, welches ihm sagt, Madame Turnbull sei zu krank, um zum Frühstück zu kommen. Um so besser, denn es ist gar kein Frühstück bereitet. Er kleidet sich an, steigt in eine zweispännige Kutsche, hält am White-Horse-Cellar, verschlingt sein Frühstück, geht nach Bow-Street und übergibt Herrn Mortimer, alias Snobbs, und seine Verbündeten der gerichtlichen Untersuchung, miethet einen Makler, seine Pferde zum Verkauf aufzustellen, läßt sein Gefährt bei einem Wagenmacher stehen, nimmt einen Bedienten auf unbestimmte Zeit an und kehrt in seine Villa zurück. Eine hübsche Morgenarbeit. Im Wohnzimmer findet er Madame Turnbull, höchst erstaunt und empört über sein Benehmen – kein Herr Mortimer – kein Diener – ihrem Kammermädchen für eine Tasse Thee verpflichtet – das ist zu arg! Neue Vorwürfe – neue Leidenschaftlichkeit – neue Drohung mit der H'Alimentation ..... Der Wagen wird bestellt, um bei dem Rechtsfreunde vorzufahren. Kein Kutscher – kein Wagen – keine Pferde – kein Nichts, wie ihr Kammermädchen sagt. Madame Turnbull schließt sich in ihr Zimmer ein, und ein zweiter Tag wird verlebt, der so arm an Ehefreuden ist, als man sich nur immer denken kann. Mittlerweile fliegt die Neuigkeit nach allen Seiten. Brentford ist voll davon. Herr Turnbull hat zu flott gelebt – er ist zu Grunde gerichtet – er ist in Bow-Street gewesen – Gläubiger sind mit Rechnungen herbeigeströmt – die Diener sind entlassen – Wagen und Pferde sind mit Beschlag belegt. Madame Turnbull, die arme Frau, in hysterischen Krämpfen, und – Niemand ist darüber erstaunt; wahrhaftig Jedermann hat das erwartet. Die Peters von Petercumb-Hall hören es und schütteln die Köpfe über die vielen Emporkömmlinge in der Welt. Herr Smith ersucht den Sehr Ehrenwerthen Lord Viscount Babbleton, sich doch ja gegen seinen Vater, den Sehr Ehrenwerthen Marquis von Springguns, nichts verlauten zu lassen, daß er ihn je zu Turnbull's mitgenommen, sonst würde er, Herr Smith, unfehlbar seine Stellung in Esse und seinen Lebensunterhalt in Posse verlieren. Noch größer ist das Entsetzen von Herrn und Frau Tagliabue; aber sie haben ein tiefes Gefühl und beschließen, am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten; wenigstens geschieht dies von Seiten Monsieur Tagliabue's, und Madame hat nichts gegen die Schicklichkeit desselben einzuwenden. Am andern Morgen war wieder einige Ordnung hergestellt; dem neu angenommenen Bedienten war das erforderliche Tafelgeräthe übergeben worden, das Uebrige blieb verschlossen. Die Köchin wollte ihren Monat vollends ausdienen, die Magd verlangte nicht auszutreten, und das Kammermädchen wünschte so lange als möglich zu bleiben, um ihre arme Gebieterin zu trösten und was sie ihr etwa an Kleidungsstücken, Weißzeug u. s. w. abzugeben geneigt war, in Empfang zu nehmen; allein zu lange konnte sie natürlich aus Schonung für ihren Charakter nicht bei einer Herrschaft bleiben, die keinen Wagen und keine Livreebediente hatte. Diesmal erhielt Herr Turnbull ein Frühstück, und hatte es so eben beendigt, als Monsieur Tagliabue angemeldet und vorgelassen wurde. »Ah! Monsieur Turnbull, ik' offe, Madam sinn besser. Madame Tagliabue weint' die ganz' Nak', als sie 'ört die bös' Neuigkeit' von Schuld' und dem All'.« »Sehr verbunden,« versetzte Turnbull mürrisch; »und nun bitte ich Sie, was steht Ihnen zu Diensten?« »Ah! Monsieur Turnbull, ik fühl' sehr viel für Sie; aber ik mein', ein Gentleman nik' verlier' sein' Ehr', was das Geld.« (Herr Turnbull machte große Augen.) Sie wiß', Monsieur Turnbull, Ehr iß' Alles für ein' Gentleman. Wenn ein Gentleman iß' schuldig Geld an ein schurkisch' 'Andwerksmann, und nik ihn befahlt', das nik viel mak', aber er immer sahlt Ehr'schuld. Jeder Gentleman sie besahlt. Jer, Monsieur Turnbull,« (und der kleine Franzose zog ein Stück Papier aus seiner Tasche) »iß' ein' klein' Not' von Madame Turnbull, welk' sie gab an Madame Tagliabue, in welk' sie erkennt, sie iß' schuldig zwei 'under' 'Fund, verlor' im Ecarte. Sie se'ne Monsieur Turnbull, was Gentlemen nenn' Ehr'schuld, die jeder Gentleman besahlt, oder er verlier' den Charakter, und iß' genannt ein 'Undsfott von aller Welt. Madame Tagliabue und ik sinn zu viel Freund von Ihn' und Madame Turnbull, für nicht retten Ihr' Charakter, und es iß warum ik komm' auf Ihr' Wunsch für bitt' Sie zu 'onorir' dies klein' Not' – dies klein' Ehr'schuld.« Und Herr Tagliabue legte mit einer sehr höflichen Verbeugung die Note auf den Tisch. Herr Turnbull nahm Einsicht und fand, daß sie mit Monsieur Tagliabue's Angabe übereinstimmte. Jetzt ist also Alles am Tag, dachte er bei sich selbst; sie ist von diesen Schurken von Franzosen um ihr Geld betrogen worden. »Nun, Monsieur Tagliabue,« sagte er, »erlauben Sie mir ein Paar Fragen, bevor ich dieses Geld bezahle, und wenn Sie mir dieselben aufrichtig beantworten, so mache ich nicht die geringste Einwendung. Ich glaube, Madam Turnbull hat schon früher gegen sechshundert Pfund im Ecarté verloren?« (Herr Tagliabue, welcher voraussetzte, Madame Turnbull habe ihn mit der Wahrheit bekannt gemacht, bejahte.) »Und ich glaube, vor zwei Monaten wußte sie noch nicht, was Ecarté sei.« »Das iß' wahr; aber die Dam' lern' sehr schnell.« »Gut, aber da sie das Spiel nicht verstand, und Sie und Ihre Frau mit demselben vertraut waren, halten Sie es für ehrenvoll, sie so viel Geld verlieren zu lassen?« »Ah, Monsieur! wenn ein' Dam' sag', sie will spiel', comment faire , was mak?« »Aber warum spielten Sie nie in diesem Hause, Monsieur Tagliabue?« »Ah, Monsieur Turnbull, es iß' die Dam' von dem 'Aus, die vorschlag' das Spiel.« »Sehr wahr,« versetzte Herr Turnbull, eine Anweisung von zweihundert Pfund schreibend, »hier ist Ihr Geld, Monsieuer Tagliabue, und nun Sie bezahlt sind, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich Sie und Ihre Frau für ein Paar Betrüger halte; und ich bitte Sie, mein Haus nicht wieder zu betreten.« »Was sag' Sie, Sar? Behtrügehr? God dem! Sar, ik will 'hab' Satisfacsion.« »Sie haben Ihr Geld – ist das hinreichend, oder verlangen Sie sonst noch etwas?« versetzte Herr Turnbull, vom Stuhle aufstehend. »Ja, Sar, ik verlang mehr, ik will 'ab' mehr.« »Das soll Ihnen werden – hier,« versetzte Turnbull, ihn mit Fußtritten zum Zimmer hinaus, den Gang hindurch und vor die Hausthüre stoßend. Monsieur Tagliabue wandte sich von Strecke zu Strecke um und drohte, sobald er aber den aufgehobenen Fuß Herrn Turnbulls erblickte, floh er weiter. Als er vor dem Hause angekommen war, wandte er sich noch einmal und rief: »Monsieur Turnbull, ik will 'ab' Satisfacsion, furk'bar' Satisfacsion für das. Sie soll sahl'. Bei Gott, Sar, Sie soll' sahl' Geld für das.« Am Abende ward Herr Turnbull geladen, wegen dieser Realinjurie am folgenden Morgen zu Bow-Street zu erscheinen. Er traf Monsieur Tagliabue mit seinem Rechtsbeistand und gestand zu, daß er ihn wegen Betrugs, den er an seiner Frau verübt, zum Hause hinausgestoßen habe, wollte aber nichts von einer gütlichen Beilegung hören, und erklärte sich bereit, seinen Bürgen zu stellen. Monsieur Tagliabue lärmte und stürmte und sprach von seiner Bekanntschaft mit dem Adel; aber der Beamte kannte solche Ausländer zu gut, um auf ihre Angaben viel Gewicht zu legen. »Wer sind Sie, Monsieur?« »Sar, ik bin Gentleman.« »Welches Gewerbe treiben Sie, Sir?« »Sar, ein Gentleman treib' kein Gewerb'.« »Aber wie leben Sie denn, Monsieur Tagliabue!« »Wie der Gentleman leb' immer, Sar.« »Sie nannten, glaube ich, Lord Scrope als Ihren besondern Freund.« »Ja, Sar, ik sehr vertraut mit Lord Scrope; ik pasfirt' zwei Monat' zu Scrope-Castle mit Lady Scrope, Mylady Scrope sinn gut' Freund von Madame Tagliabue.« »Ganz recht, Monsieur Tagliabue; wir müssen jetzt eine andere Sache vornehmen, bis Herrn Turnbulls Bürge kommt. Setzen Sie sich ein wenig, wenn es Ihnen gefällig ist.« Eine andere Sache wurde verhandelt, was ungefähr eine halbe Stunde dauerte; aber vorher hatte der Beamte, welcher wußte, daß Lord Scrope in der Sadt war, einen Gerichtsdiener mit einem Billet an Seine Lordschaft geschickt, und die Antwort kam so eben an. Er las sie, lächelte, fuhr in seiner Verhandlung fort, und sagte, als sie zu Ende war: »Nun, Monsieur Tagliabue, Sie sagen, Sie wären sehr vertraut mit Lord Scrope?« »Ja, Sar, sehr vertraut.« »Gut, ich habe das Vergnügen, Lord Scrope zu kennen – und weil er eben in der Stadt ist, schrieb ich ein Billet an ihn. Hier ist die Antwort – ich will sie lesen.« Monsieur Tagliabue erbleichte, und der Beamte las folgende Zeilen: »Wertester Herr! Ein Bursche des Namens, den Sie anführen, kam als mein Kammerdiener mit mir aus Rußland. Ich entließ ihn wegen Unredlichkeit; nachdem er uns verlassen hatte, entfernte sich auch Lady Scorpe's Kammermädchen, die, wie es schien, ohne unser Wissen mit ihm verheirathet war; und bald machte ich die Entdeckung, daß ihre Betrügereien von einem solchen Belang waren, daß ich das Paar, wenn mir sein Aufenthalt bekannt gewesen wäre, hätte verhaften und vor Gericht stellen lassen. Jetzt ist die Sache vergessen, aber einen größeren Schurken gab es nie. Der Ihrige Scrope. »Nun, Sir, was haben Sie für sich anzuführen?« fuhr der Beamte in strengem Tone fort. Herr Tagliabue siel auf die Kniee und bat den Beamten, Lord Scrobe und zuletzt auch Herrn Turnbull um Gnade. Er erbot sich sogar, den Wechsel auf die 200 Pf. zurückzugeben. Herr Turnbull weigerte sich, ihn anzunehmen, aber der Beamte sagte: »Nehmen Sie doch ohne Weiteres Ihr Geld zurück, Herr Turnbull; schon das Anerbieten ist ein Beweis, daß er es auf unredliche Weise an sich gebracht hat, und 600 Pfund verloren zu haben, ist genug.« Herr Turnbull nahm den Wechsel und zerriß ihn; und der Beamte ließ Monsieur Tagliabue auf's Fremdenamt führen, das ihn sammt seiner Frau auf die andere Seite des Kanals schickte, um Ecarté zu spielen, mit wem es ihnen belieben würde. Also endete die Episode von Monsieur Tagliabue. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Herr Turnbull entdeckt, daß das Geld zwar ein nothwendiges Uebel, aber keine Quelle der Glückseligkeit ist; der Domine entdeckt, daß ein wenig Verläumdung mehr Wirkung thut, als Ovid's Heilmittel gegen die Liebe; und ich entdecke, daß Bewegung einen trefflichen Appetit zu einer gespickten Kalbskeule erweckt. – Ich gehe der Geistlichkeit mit einem guten Beispiele voran, kein Geld für einen Kirchenstuhl zu nehmen. »Und nun siehst du, Jacob, welch' eine Umwälzung hier stattgefunden hat; es war nichts Angenehmes, das versichere ich dich, aber etwas höchst Nothwendiges. Ich habe seitdem alle meine Rechnungen bezahlt, denn das Gerücht, daß ich mich in Geldverlegenheit befinde, machte sie schnell genug eingehen; und nun sehe ich, daß meine Frau in den letzten fünf Monaten das Einkommen eines ganzen Jahres verschwendet hat. Folglich war es Zeit, Einhalt zu thun.« »Ich bin ganz Ihrer Meinung, Sir; aber was macht Madame Turnbull – ist sie zur Einsicht gekommen?« »Vollkommen, wie ich erwarte, ob sie es gleich noch nicht recht eingestehen mag. Ich habe ihr gesagt, sie müsse in Zukunft die Bequemlichkeit eines Wagens entbehren, und das geschieht auch, bis ich sehe, daß sie einen verdient. Sie weiß, daß sie entweder meine Gesellschaften im Hause empfangen muß, oder gar keine. Sie weiß, daß die Peters von Petercumb-Hall mit ihr gebrochen haben, denn sie gaben auf ein Billet, das sie durch den Gärtner an sie geschickt hatte, keine Antwort; und Herr Smith, an den sie ebenfalls geschrieben, indem er antwortete, sehr beleidigend seine Verwunderung darüber aussprach, wie sie es nur wagen könne, sich in die Gesellschaft der Aristokraten zu drängen. Aber was sie mehr, als Alles, zur Einsicht gebracht hat, ist die Geschichte mit Monsieur Tagliabue. Auf meine Bitte überließ mir der Beamte das Billet Lord Scrope's, und ich gab ihr absichtlich auch den Bericht des Polizeiamtes zu lesen. Sie fühlt sich jetzt so sehr gedemüthigt, daß ich gar nichts zu ihr sage. Sie hatte sich durch diese Schurken von Franzosen leiten lassen, die sie auf Abwege verlockten, um sie ihres Geldes zu berauben. Ich erwarte, daß sie mich bittet, dieses Landgut zu verkaufen und anderswohin zu ziehen: aber gegenwärtig wechseln wir den ganzen Tag über beinahe kein Wort.« »Ich bedaure sie sehr, denn ich halte sie in der That für eine sehr gute und gefühlvolle Frau.« »Das glaube ich von dir, Jacob – und sie ist es auch. In diesem Augenblick ist sie zu bemitleiden. Sie möchte gern einen Theil der Schuld auf Andere wälzen, und vermag es doch nicht – sie fühlt, daß sie ganz allein schuld ist. Alle ihre Seifenblasen von Größe sind zerplatzt, und sie findet sich nicht halb so achtungswerth, als sie früher war, wo sie die Eitelkeit noch nicht verleitet, die alten Verbindungen abzubrechen und sich in die Gesellschaft von Leuten einzudrängen, welche sie verlachten, obgleich sie nicht halb so ehrenwerth waren. Aber das verfluchte Geld ist es, was ihr Unglück – und ich darf hinzusetzen, auch das meinige – herbeigeführt hat.« »Gut, Sir, aber ich für meine Person habe keine Aussicht, je mein Mißgeschick damit zu vermehren.« »Vielleicht wäre es nicht einmal der Fall, Jacob, wenn du auch welches bekämst; aber jedenfalls kannst du morgen etwas verdienen, wenn es dir recht ist. Ich kann dich hier nicht zu Tisch laden, da es dir wenig Vergnügen machen und gegen meine Frau Mangel an Zartgefühl verrathen würde; aber es wäre mir lieb, wenn du morgen mit deinem Kahne heraufkämest – ich möchte eine Lustfahrt machen.« »Ganz recht, ich stehe zu Ihren Diensten – um welche Zeit?« »Sagen wir zehn Uhr, wenn das Wetter schön ist; wo nicht, so kommst du übermorgen.« »So leben Sie denn wohl, ich muß gehen und den Domine besuchen.« Herrn Turnbull reichte mir die Hand, und wir schieden. Ich war bald in Brentford und verfolgte meinen Weg durch die lange Hauptstraße, als ich Herrn Tomkins, dem früheren Oberschreiber, der die Brentford-Werfte unter sich hatte, mit seiner Gattin begegnete. »Ich hatte Ihnen einen Besuch zugedacht, Sir, wollte aber nur vorher noch bei meinem alten Lehrer einsprechen.« »Sehr schön, Jacob, merken Sie sich, wir speisen um halb vier – eine gespickte Kalbskeule – kommen Sie nicht zu spät.« Ich versprach, bei Zeit zu erscheinen, und nach wenigen Minuten stand ich vor dem Schulgebäude. Ich betrachtete die alterthümliche Fronte mit ihrem spitzigen Giebel und rief mir die Gefühle zurück, mit denen ich vor Jahren über diese Schwelle getreten war. Welch ein Unterschied zwischen dem rohen, unwissenden und wilden Knaben, in seinem hanswurstartigen Aufzuge und dem großen, athletischen, wohlgekleideten Jünglinge, der sich glücklich fühlte in seiner Unabhängigkeit und seiner Kenntnisse sich bewußt, aber nicht eitel war! Und ich segnete im Geiste die Stifter der Schule. Aber ich hatte mit dem Domine zu sprechen und mußte mich um halb vier Uhr zu der gespickten Kalbskeule einfinden; also blieb mir keine Zeit zu Betrachtungen übrig. Ich wand daher meine gekreuzten Arme auseinander, machte wieder von meinen Beinen Gebrauch, ging durch das Pförtchen im Hauptthore und suchte den Weg nach des Domine Zimmer. Die Thüre stand weit offen, und ich trat, ohne bemerkt zu werden, ein. Vor den niederländischen Gemälden, die ich seitdem gesehen habe, erinnerte ich mich schon oft des Anblicks, der sich mir damals darbot. Das Zimmer war nicht groß, aber hoch. Es hatte nur Ein Fenster mit kleinen rautenförmigen Gläsern in starkem Rahmenwerk, durch welche ein breiter Streifen eines gedämpften Lichtes einfiel. Auf der einen Seite dieses Fensters stand ein alter Schrank, der die Bibliothek des Domine enthielt; die Bücher zeichneten sich nicht durch Schild und Vergoldung aus, aber man sah ihnen an, daß sie stark in Anspruch genommen wurden. Auf der andern Seite stand eine große Schiebladenkommode, auf welcher zum Wohle des nachwachsenden Geschlechtes eine neue Birkenruthe von bedeutenden Dimensionen lag. In der Mitte des Zimmers befand sich der Tisch, und an ihm saß der Domine, den Rücken gegen das Fenster gekehrt, auf seinem hohen, schmalrückigen Stuhle, angethan mit einem Schlafrock, der früher als Schulmantel gedient und durch den langen Gebrauch sein ursprüngliches Schwarz in Braun verwandelt hatte. Er war vorwärts gebeugt, und hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt. Auf seiner umfangreichen Nase saß die Brille, und auf dem kahlen Scheitel berührten sich seine Hände mit den Fingerspitzen. Er schien in den Inhalt eines Buches vertieft. Auch eine große Bibel, die er beständig gebrauchte, lag auf dem Tisch und war augenscheinlich von ihm zurückgeschoben worden, um dem vorliegenden Gegenstande seines Nachdenkens Platz zu machen. Seine Pfeife lag zerbrochen auf dem Boden; er hatte sie hinunter geworfen, ohne es zu bemerken. Neben ihm befand sich ein Blatt Papier, das ohne Zweifel zur Aufzeichnung von Bemerkungen bestimmt war. Ich ging an ihm vorbei, ohne bemerkt zu werden, stellte mich hinter seinen Stuhl und schaute ihm über die Schultern. Das Werk, in welchem er so eifrig las, waren Ovid's Remedia amoris . Er schien es beinahe schon ganz durchgelesen zu haben, denn es dauerte keine Minute, bis er es zumachte. Dann nahm er seine Brille ab, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und hielt folgendes Selbstgespräch: »Seltsam – mancher von diesen Rathschlägen ist von Bedeutung und, wie es scheint, empfehlungswerth, und doch finde ich mein Heilmittel nicht darin. › Vermeide den Müssiggang ‹ – so, ein weiser Rath – und Beschäftigung mag bei einem Manne, der bisher nichts gethan hatte, die Gedanken verjagen; aber ich bin noch nie müssig gegangen, und meine Liebe ist keine Tochter des Müssiggangs. › Vermeide ihre Gegenwart ‹ – das muß ich, aber sie ist stets meiner Einbildungskraft gegenwärtig, und ich zweifle, ob die handgreifliche Wirklichkeit deutlicher wahrzunehmen ist. Sogar jetzt steht sie vor mir in all' ihrer Schönheit. › Lies den Propertius und Tibullus nicht ‹ – das kann ich schon unterlassen, aber ich mag lesen, was ich will, in einer Minute verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen, und ich sehe nur ihr Gesicht von dem Blatte widerstrahlen. Ja, ich mag meine Augen richten, auf was ich will, es ist immer dasselbe. Wenn ich auf die gestreifte Wand sehe, so vereinigen sich die unbestimmten Linien allmälig zu ihrem Kopfbilde; wenn ich nach den Wolken hinaufblicke, so nehmen sie die Wellenlinien ihrer Gestalt an; wenn ich mein Auge in das Feuer auf dem Küchenroste hefte, so verklimmen die Kohlen und zeigen nur die Umrisse ihres Gesichtes; ja gestern drehte sich die Hammelsschulter am Spieße so lange, bis sie den rumpflosen Kopf Mariens darstellte. › Denke an ihre Fehler und vergrößere sie ‹ – nein, das wäre ungerecht und unchristlich. Ich will lieber meine eigenen Fehler verbessern. Ich fürche, Ovid hatte bei seiner Schilderung vielmehr junge Männer im Auge, als einen alten Mann, wie ich bin. Siehe, ich habe meine Pfeife abermals zerbrochen – das ist nun die vierte in dieser Woche. Was wird die Matrone sagen? Bereits hat sie mich für geisteskrank erklärt, und Gott weiß, sie ist nicht weit von der Wahrheit entfernt.« Der Domine bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Ich ergriff diese Gelegenheit, nach der Thüre zu gehen, und stellte mich, als käme ich erst in diesem Augenblick an, indem ich die Klinke niederdrückte und den Domine durch mein Geräusch erweckte. Er streckte mir seine Hand entgegen und sagte: »Willkommen, mein Sohn – willkommen deinem alten Lehrer und den Mauern, die dich zuerst aufgenommen haben, als du, ein Wassergewächs, vom Strome an's Land abgesetzt wurdest. Nimm Platz, Jacob; ich dachte an dich und die deinigen.« »Wie, Sir! vermuthlich an den alten Stapleton und seine Tochter?« »Ja, ihr standet alle vor meiner Seele, als du eintratest. Sind sie wohl?« »Ja, Sir,« erwiederte ich. »Ich sehe sie aber nur selten; der Alte raucht immer, und was das Mädchen betrifft – nun, je weniger man sie sieht, desto besser ist's, möchte ich sagen.« »Nein, Jacob, dieß ist mir was Neues; sie ist doch so einnehmend.« Ich kannte des Domine's Charakter, und wußte, daß nichts geeigneter war, seine unseligen Leidenschaften zu bekämpfen, als der Gedanke, das Mädchen sei nicht, wie sie sein sollte. Ich beschloß daher, sie herabzusetzen, denn ich wußte, daß er dessen nie erwähnen würde, was ich sagte, und ihr also kein Schaden daraus erwachsen könnte. Uebrigens fühlte ich, daß ich eine schwere Rolle zu spielen hatte, da ich behaupten sollte, was der Wahrheit widersprach. »Einnehmend, Sir; ja, einnehmend für jeden Mann – wahrlich, mir gefallen dergleichen Mädchen nicht.« »Das wäre, Jacob; wie, sie ist leichtsinnig?« Ich lächelte und gab keine Antwort. »Ich bemerkte doch nichts davon,« fuhr der Domine fort. »Sie ist gerade, wie ihre Mutter, Sir,« bemerkte ich. »Und wie war ihre Mutter?« Ich entwarf eine kurze Schilderung von ihr, und erzählte dem Domine, wie sie beim Versuche, ihrem Manne zu entlaufen, umgekommen sei. Der Domine versank in Nachdenken. »Ich habe wenig Kenntniß vom weiblichen Geschlecht, Jacob, doch was du sagtest, überrascht mich nicht nur, sondern schmerzt mich auch. Sie ist so schön von Ansehen.« »Schön ist, wer schön handelt, Sir. Sie wird wohl noch manchem Manne das Herz schwer machen.« »Wahrlich, Jacob, ich bin ganz erstaunt über das, was du mir da sagst.« »Ich habe noch mehr gesehen, Sir.« »Ich bitte dich, sage mir noch mehr von ihr.« »Nein, Sir, es ist besser, ich schweige. Sie können sich nun Alles denken, wenn Sie wollen.« »Aber sie ist noch jung, Jacob; wenn sie verheirathet ist, wird sie anders werden.« »Sir, ich habe die feste Ueberzeugung (und diese hatte ich auch), wenn sie morgen Einen heirathet, so würde sie ihm in einer Woche entlaufen.« »Ist das deine aufrichtige Meinung, Jacob?« »Ich setze mein Leben zum Pfände, daß sie das thun würde, nur will ich die Zeit gerade nicht so genau bestimmen.« »Jacob, ich danke dir, – danke dir sehr; du hast mir die Augen geöffnet, – du hast mehr gethan, als Ovid. Ja, Junge; selbst die Alten, die ich verehre, haben mir die Freundschaft nicht erwiesen, die du mir erzeigtest – ein Sprößling, den ich gepflegt habe. Du hast mich bezahlt, Jacob, – du hast mich belohnt, Jacob, – du hast mich beschützt, Jacob, – du hast mich errettet, Jacob, – hast mich errettet von mir und von ihr; denn wisse, Jacob – wisse – daß mein Herz an dem Mädchen hing, und daß ich in ihr die Vollkommenheit selbst erblickte. Jacob, ich danke dir! Nun verlaß mich, Jacob, daß ich mit mir selbst rede und mein Herz erforsche, denn ich bin erwacht – erwacht, wie aus einem Traum, und ich sehne mich, allein zu sein. Es fiel mir nicht schwer, den Domine zu verlassen, denn ich sehnte mich, in Gesellschaft der gespickten Kalbskeule zu sein, und gab ihm daher die Hand zum Abschiede. So endete mein zweiter Morgenbesuch. Bei guter Zeit fand ich mich bei Herrn Tomkins ein, der mich sehr freundlich aufnahm. Er war mit seiner neuen Lage sehr zufrieden, denn abgesehen von seinem bessern Einkommen gab sie ihm auch eine höhere Stellung und Bedeutung in der Gesellschaft; und ich traf an seinem Tische einige Personen, welche es, soweit ich sie kannte, unter ihrer Würde gefunden haben würden, ihn zu besuchen, wenn er noch Hauptbuchhalter bei Herrn Drummond gewesen wäre. Wir sprachen über die Vergangenheit, wobei namentlich der Ball, die Beleuchtung und Herrn Turnbull's Bonmot über das Paradies nicht vergessen wurde. Nach einem sehr vergnügten Abend verabschiedete ich mich, um nach Fulham zurückzukehren, fand aber vor dem Hause den alten Tom, der auf mich wartete. »Jacob, es wäre mir sehr lieb, wenn du dieser Tage einmal zu mir in meine alte Baracke kämest. Wenn ist dir's möglich? Der Lichter wird wenigstens vierzehn Tage hier bleiben, wie ich von Herrn Tomkins höre; er sieht einer Ladung entgegen, die vom Kanal kommt, und oberhalb der Brücke erwartet man kein anderes Fahrzeug; so sage mir, wann du zu der Alten kommen kannst, um den ganzen Tag bei uns zuzubringen. Ich muß ein bischen mit dir reden, und dich über eine Menge Kleinigkeiten um deine Meinung fragen.« »Wirklich?« erwiederte ich lächelnd. »Wollt Ihr vielleicht ein neues Haus bauen?« »Nein, nein, das nicht; aber du siehst ein, Jacob, wie ich dir schon letzten Winter gesagt habe, daß es Zeit für mich ist, das Nachthandthieren auf dem Strome aufzugeben. Ich bin nicht mehr so jung, als vor fünfzig Jahren, und Alles hat seine Zeit. Ich gedenke, das Fahrzeug im Herbste abzugeben und förmlich an's Land zu gehen: aber zuvor muß ich sehen, wie ich's einrichten will – darum sage mir, an welchem Tage du kommen kannst?« »Gut, so sagen wir Mittwoch?« »Der Mittwoch ist mir so lieb wie ein anderer Tag. Du kommst zum Frühstück und geh'st nach dem Nachtessen, wenn dir's recht ist; wo nicht, so richtet dir die alte Frau eine Hängematte.« »Gilt also; aber wo ist Tom?« »Das weiß ich nicht, er wird wohl zu Stapleton's Mädchen gegangen sein. Er denkt allbereits an die Mädels, Jacob; aber wie ihr Vater, der alte Feger sagt, 's ist Menschennatur. Sei's, wie's will, ich mische mich nicht in diesen Kram, aber ich glaube, daß sie für einander passen.« »Wie meint Ihr das?« »Nun, was das Hübschsein betrifft, so passen sie für einander, das ist einmal ausgemacht; aber ich meine nicht das, ich meine, er ist gerade eben so pfiffig, als sie, und wird sein Steuer richten, wie sie's richtet, 's mag eine lange Wettfahrt werden, und wenn das Eine einzieht, wird das Andere nicht damit prahlen können, Vielleicht segeln sie wieder aus einander, – vielleicht aber geht's hübsch neben einander fort, Gott allein weiß es. Aber so viel ist gewiß, daß Tom's Liebchen so eigensinnig sein mag, als sie will, Tom's Weib wird es nicht sein – von wegen warum? weil er sie in Ordnung halten wird. Nun, gute Nacht, ich habe einen weiten Weg.« Als ich nach Hause kam, fand ich Marie allein. »Ist Tom hier gewesen?« fragte ich. »Warum fragst du?« sagte Marie. »Weil ich gern eine Antwort möchte, wenn du nichts dagegen einzuwenden hast.« »O nein. Gut, Jacob – Tom war hier und ist sehr vergnügt gewesen.« »Das ist er immer,« erwiederte ich. »Und wo bist du gewesen?« Ich sagte es ihr. »Also sahst du den alten Domine? Nun, sprich, was sprach er über mich?« »Was ich dir nicht wieder sage; aber so viel will ich dir mittheilen, daß er nie mehr an dich denkt, und daß du nie erwarten darfst, ihn wieder zu sehen.« »Erinnere dich, daß er es versprochen hat.« »Er hat sein Versprechen gehalten, Marie.« O, hat er dir's gesagt? hat er? hat er dir Alles gesagt, was vorgefallen ist?« »Nein, Marie, er hat mir nicht gesagt, daß er hier gewesen sei; auch hat er mir nichts von dem Vorgefallenen mitgetheilt, aber ich weiß Alles.« »Das kann ich nicht verstehen.« »Und doch ist es wahr; und ich glaube, im Ganzen hast du dich ziemlich ordentlich dabei benommen, obgleich ich nicht verstehe, warum du ihm beim Abschied einen Kuß verwilligt hast.« »Gott im Himmel! wo warst du? du mußt im Zimmer gewesen sein. Und du hast jedes Wort gehört, welches gesprochen wurde?« »Jedes Wort,« erwiederte ich. »Schön,« sagte Marie, »ich hätte nicht geglaubt, daß du dich zu einer solchen Gemeinheit erniedrigen könntest.« »Marie, klage vielmehr deine eigene Unvorsichtigkeit an; was ich gehört habe, konnte Jedermann in der Straße hören, so gut, als ich. Wenn es dir beliebt, in einem Zimmer, das nur acht Fuß über dem Boden liegt, Liebesangelegenheiten bei offenem Fenster zu verhandeln, so darf es dich nicht überraschen, wenn jeder Vorübergehende hört, was du sprichst.« »Du hast Recht, ich dachte nicht daran, daß das Fenster offen war; auch wäre mir nichts daran gelegen gewesen, wenn mich die ganze Welt gehört hätte, wenn's nur du nicht gewesen wärest.« Jetzt erst fiel mir ein, warum Marie darüber verdrießlich war, daß ich das Gespräch gehört hatte; denn ich erinnerte mich ihrer Aeußerung in Bezug auf mich. Ich gab keine Antwort. Marie setzte sich, verbarg die Stirne in ihren Händen und schwieg ebenfalls. Deßhalb nahm ich mein Licht und zog mich zurück. Mariens Stolz schien dadurch gedemüthigt, daß ich das Geständniß ihrer Neigung gehört hatte – ein Geständniß, das um so weniger Eindruck auf mich machte, als ich erwarten mußte, daß sie in einem Monat in Bezug auf Tom oder irgend einen andern Gegenstand ihres Wohlgefallens das Gleiche äußern würde; allein hierin that ich ihr Unrecht. Ihr Betragen gegen mich war nach dieser Zeit ein ganz anderes; sie schien eine größere Vertraulichkeit eher zu vermeiden, als zu suchen. Ich meinerseits war nach wie vor gefällig und freundschaftlich gegen sie, aber dabei blieb's. Am folgenden Morgen war ich frühe bei meiner Arbeit, um zur bestimmten Zeit bei Herrn Turnbull einzutreffen, aber ehe ich abfuhr, erlebte ich einen sonderbaren Vorfall. Ich hatte eben mein Boot zurecht gemacht, und meine Jacke wieder angezogen, als ein Mann von dunkelbrauner Gesichtsfarbe, der augenscheinlich einem fremden Lande angehörte, mit einem Bündel unter dem Arm an den Steg kam. »Wie theuer die Ueberfahrt? Wie viel Pence?« »Zwei,« erwiederte ich, aber weil ich ihn nicht gern überfuhr, setzte ich hinzu, »wenn Sie über die Brücke gehen, zahlen Sie blos Einen Penny.« »Ich weiß es wohl, aber Ihr fahrt mich über, nicht wahr?« Es war ein hübscher Mann, von nicht allzudunkler Farbe, und trug einen Turban von buntem Tuche und Hosen von mittlerer Weite. Ich konnte nicht unterscheiden, ob er ein Türke war oder nicht. Später erfuhr ich, er sei ein Parse aus Ostindien. Das Englische sprach er ziemlich gut. Da er durchaus übergesetzt sein wollte, nahm ich ihn auf und stieß ab; aber als wir in der Mitte des Stromes waren, bat er mich, etwas aufwärts zu rudern. »Jetzt ist's genug,« sagte er, sein Bündel aus einander schlagend und im Stern einen Teppich auf dem Boden des Kahns ausbreitend. Dann erhob er sich, blickte nach der Sonne, welche gerade in all' ihrer Pracht aufstieg, neigte sich mit aufgehobenen Händen dreimal vor ihr, knieete auf den Teppich, berührte ihn mehrere Male mit der Stirne, stand wieder auf, nahm einige gemeine Feldblumen aus seinem Kleide, warf sie in den Strom, neigte sich nieder, faltete seinen Teppich zusammen und bat mich, an's Land zu rudern. »Ich spreche mein Gebet,« sagte der Mann, und sah mich mit seinen schwarzen durchdringenden Augen an. »Sehr gut; an wen richten Sie Ihr Gebet?« »An meinen Gott.« »Aber warum sprechen Sie es nicht am Lande?« »Kann im Hause die Sonne nicht sehen, und gehe ich auf die Straße, verlachen mich die kleinen Jungen und bewerfen mich mit Koth. Wo ich nicht gesehen werde, Strom sehr guter Platz.« Wir landeten. Er zog drei Pence aus der Tasche und gab sie mir. »Nein, nein,« sagte ich, »ich verlange keine Bezahlung dafür, daß Sie Ihr Gebet sprechen.« »Kein Geld nehmen?« »Ja, ich nehme Geld für's Ueberfahren, aber nicht für's Beten. Wenn Sie sonst Morgens beten wollen, so kommen Sie, und falls ich hier bin, will ich Sie jedes Mal in den Strom rudern.« »Ihr sehr guter Mann, danke Euch.« Der Parse machte einen tiefen Salam und ging. Ich kann hier bemerken, daß der Mann gewöhnlich zwei bis drei Mal in der Woche bei Sonnenaufgang kam, und ich ihn jedesmal in den Strom ruderte, damit er seine religiösen Gebräuche ausüben konnte. Wir sprachen häufig mit einander und wurden zuletzt ganz vertraut. Herr Turnbull stand unten an dem Abhange, der sich von seinem Hause an zum Ufer des Stroms hinabzog, und sah sich nach mir um, als ich heranruderte. Der Korb, welcher unsere Mahlzeit enthielt, stand neben ihm auf dem Sandweg. »Das ist ein lieblicher Morgen, Jacob,« sagte er, »aber ich vermuthe, es wird einen ziemlich warmen Tag geben; komm, laß uns sogleich aufbrechen, ziehe deine Handruder ein und laß uns Schlagruder nehmen.« »Was macht Madame Turnbull, Sir?« »Sie ist so ziemlich wohl und gleicht der Polly Speck, die ich heirathete, mehr, als dieß seit Jahren der Fall gewesen ist. Vielleicht kann dieser Vorfall noch die besten Früchte tragen. Er kann sie zur Besinnung bringen – die Glückseligkeit an unseren Herd zurückführen; und wenn das der Fall ist, Jacob, so ist das Geld gut angewendet.« Zweites Kapitel. Herr Turnbull und ich machen eine Lustfahrt. – Es wird ein Abenteuer daraus, das mit einer Muskete, Zinnbüchse und einem Damenmantel endet. »Wir ruderten langsam den Strom hinauf, sprachen mit einander und ruheten von Zeit zu Zeit auf unsern Rudern aus, um Athem zu schöpfen; denn der alte Kapitän sagte: »Warum sollten wir uns das Vergnügen sauer werden lassen? Der obere Theil des Flusses gefällt mir am meisten,« fuhr Herr Turnbull fort, »weil das Wasser klar ist, und ich liebe das klare Wasser. Wie viele Stunden habe ich mich als Schiffsjunge über den Rand eines Bootes gebeugt, das bei windstillem Wetter niedergelassen wurde, und die kleinen in der dunkelblauen unergründlichen Fluth unter mir schwimmenden Gegenstände mit den Augen verfolgt: Gegenstände von allen Formen und Farben – alle schön und bewunderungswürdig; und dennoch sieht vielleicht das Auge des Menschen nicht eines von ihnen unter den Hunderten von Millionen. Du weißt Jacob, daß das Nordmeer voll von diesen Thieren ist, – du kannst dir gar keinen Begriff von ihrer ungeheuren Menge machen; die Matrosen nennen sie Fischthran, weil sie aus einer Art von durchsichtiger Gallerte bestehen, aber ihr wahrer oder wissenschaftlicher Name ist, wie man mir gesagt hat, Medusen. Die Walfische nähren sich von ihnen, und dieß ist der Grund, warum sich Walfische finden, wo es Medusen gibt.« »Ich möchte gar zu gern einmal eine Fahrt auf den Walfischfang mitmachen,« bemerkte ich; »Sie haben mir schon so viel davon erzählt.« »Es ist ein bewegtes und hartes Leben, Jacob, wiewohl es immerhin sein Anziehendes hat. Manche Reisen sind sehr angenehm, manche aber furchtbar und voll Angst und Schrecken. Wenn das Wetter andauernd schön bleibt, so geht Alles vortrefflich; aber wenn es mitunter andauernd schlecht wird, so ist es entsetzlich. Ich erinnere mich einer Reise, die mir mehr graue Haare machte, als alle übrigen miteinander, und ich zählte damals höchstens zweiundzwanzig Jahre. Wir bahnten uns durch das Treibeis mit Gewalt einen Weg gegen Norden, als ein Sturmwind aufsprang. – Die See thürmte, und nachdem der Sturm eine Woche lang angehalten hatte, befanden wir uns in einer entsetzlichen Lage. Wir hatten wenig Tag, und wenn es Tag war, so war der Nebeldampf so dicht, daß wir fast nichts sahen. Wie wir uns zwischen dem großen Treibeis hindurcharbeiteten, begegneten wir ungeheuren Eisbergen, welche der Sturm vor sich herjagte. Jeder derselben drohte uns den Untergang. Das Takelwerk war mit Eis bedeckt; die Schiffsbuge mit einer Eisrinde umhüllt; die Mannschaft halb erfroren, und wir mußten jede Blockrolle vorher mit siedendem Wasser reinigen, ehe wir ein Tau hindurchziehen konnten. Aber dann die langen, schreckensvollen Trauernächte, wo wir auf einen Wellenberg emporgetragen, plötzlich wieder in den Abgrund stürzten, und jeden Augenblick nicht wußten, ob wir nicht am Eis der Tiefe zerschellen und in den Grund des Meeres versinken würden. Alles pechschwarz – das Geheul des Windes, der durch Mark und Bein drang, und das ganze Knochengebäude durchschütterte; der entsetzliche Tanz der schwarzen Wogen, die jeden Augenblick einen großen Eisblock – erkennbar an seiner weißen Farbe und dem ihn umzischenden Schaum – gegen uns anschleuderten, als stürze ein brüllender Teufel mit einem ungeheuren Werkzeuge der Zerstörung auf uns los. Nie werde ich die Wendung eines Eisberges vergessen, die während eines fürchterlichen Sturmes eintrat, welcher bereits einen Monat und drei Tage lang gewüthet hatte.« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Sir.« »Nun, du mußt wissen, Jacob, daß alle Eisberge aus süßem Wasser bestehen und, wie man vermuthet, durch die Gewalt der Stürme und andere Ursachen vom Lande losgerissen wurden. Nun geht das Eis, ob es gleich schwimmt, sehr tief im Wasser: das heißt, wenn ein Eisberg fünfhundert Fuß über dem Wasser steht, so reicht er gewöhnlich sechsmal tiefer unter das Wasser hinab – verstehst du mich?« »Vollkommen, Sir.« »Nun sieh, Jacob, das Wasser ist viel wärmer, als die Luft, folglich schmilzt das Eis unter dem Wasser viel schneller, so daß, wenn ein Eisberg eine Zeitlang geschwommen ist, der untere Theil endlich dem obern nicht mehr das Gleichgewicht hält; dann wendet er sich, das heißt, er schlägt um und schwimmt in einer andern Lage.« »Ich verstehe, Sir.« »Gut, wir waren ganz nahe an einem Eisberge, der windwärts vor uns hintrieb. Er hatte eine ungeheure Größe und wir machten uns die Rechnung, ihn vorbeizufahren, denn wir setzten eine Unzahl Segel bei, um dieß zu bewerkstelligen. Aller Augen waren ängstlich auf den Eisberg gerichtet, da ihn der Sturm mit großer Geschwindigkeit vor sich herjagte. Auf einmal verdoppelte sich die Gewalt des Sturmwindes, und einer von der Mannschaft rief: ›Wendung, Wendung‹ – Wahrlich, es war so. Der sinkende Gipfel beugte sich allmälig gegen uns herab, und bald schien die Spitze gerade über unsern Köpfen zu schweben. Unser Schicksal schien unvermeidlich, denn der ganze Eisberg ließ sich gegen das Schiff nieder, und wenn er auf uns stürzte, so mußte er es in Atome zerschmettern. Wir fielen Alle auf die Kniee und beteten leise, während wir zugleich die entsetzliche Erscheinung beobachteten; sogar der Mann am Steuer folgte dem Beispiel der Uebrigen, wiewohl er die Speichen des Rades nicht aus der Hand ließ. Er stand rechts vor uns und hatte sich beinahe zur Hälfte gewendet, als ihm das Eis in der Tiefe, das auf der einen Seite schwerer sein mußte, als auf der andern, eine schiefe Neigung gab und die Richtung des Sturzes änderte. Er fiel ungefähr eine Kabellänge hinter uns in die See. Das Wasser wurde schäumend in die Lüfte geschleudert, und blendete uns durch die Heftigkeit, mit welcher es uns in's Gesicht schlug. Eine Minute lang war die Strömung der Wellen aufgehalten und die See schien zu kochen und zu tanzen; nach allen Richtungen warf sie ungeheure Wasserberge empor, welche im nächsten Augenblicke wieder zusammensanken; das Schiff taumelte, wie ein betrunkenes Ungeheuer; sogar die Strömung des Sturmwindes ward auf einen Augenblick unterbrochen, und die schweren Segel schwappten und schüttelten ihren eisigen Harnisch von sich – dann war Alles vorüber. Hinter uns schwamm ein Eisberg von einer andern Form; der Wind begann auf's Neue, die Wellen drängten sich, wie zuvor, und wir begrüßten die Rückkehr des Sturmes, so entsetzlich er tobte, als den Boten der Erlösung. Dieß war eine fürchterliche Reise, Jacob, und bleichte ein Drittheil meiner Haare; und sie war um so schlimmer, als wir bei unserer Rückkehr nur drei Fische an Bord hatten. Dennoch hatten wir Grund genug, dem Himmel zu danken, denn wir verloren achtzehn unserer Schiffe, und nur die Gnade Gottes war es, daß wir ihre Anzahl nicht vergrößerten.« »Vermuthlich erzählten Sie mir diese Geschichte, um mich von einer solchen Reise zurückzuschrecken?« »Nicht im Mindesten, Jacob. Wenn der Fall eintreten sollte, daß dein Vortheil eine Reise nach dem Nordpol oder irgend einer andern Gegend erheischte, so würde ich sagen, gehe unter allen Umständen – laß dich durch keine Schwierigkeit, durch keine Gefahr abschrecken; aber unternimm sie nicht aus bloßer Neugierde, das wäre thöricht. Für diejenigen, welche zurückkommen, ist es höchst angenehm, von ihren Erlebnissen zu erzählen, und es ist auch nicht mehr als billig, daß sie diesen Genuß haben; aber wenn du bedenkst, wie groß die Menge derjenigen ist, welche nicht mehr zurückkommen, so ist es gewiß sehr thöricht, sich ohne Noth solchen Gefahren und Entbehrungen auszusetzen. Du findest eine Freude an meinen Erinnerungen aus meinen Nordpolfahrten; aber bedenke auch, wie viele Jahre von Mühseligkeiten, Gefahren, Kälte und Hunger dazu gehören, um alle diese Anekdoten zu sammeln, und urtheile, ob es sich der Mühe lehnt, solche Reisen aus bloßer Neugierde zu unternehmen.« Nach diesem unterhielt ich Herrn Turnbull mit der Schilderung der Piknikpartie, welche so lange dauerte, bis wir weit über die Kew-Brücke hinaufgerudert waren. Wir vertrauten den Bug der Fähre einem Binsenbusch an und setzten uns zu unserer Mahlzeit, von Hunderten blauer Wasserjungfern umflattert, welche uns zu fragen schienen, was wir in ihrem Gebiete zu suchen hätten. In dieser Einsamkeit plauderten und scherzten wir bis an den späten Abend; endlich verließen wir sie und ruderten den Strom hinunter. Die Sonne war bereits untergegangen und wir hatten noch sechs bis sieben Meilen bis zu Herrn Turnbulls Hause, als wir einen schönen, schlanken, jungen Mann in einem kleinen Nachen auf uns zurudern sahen. »Bursche!« rief er, uns für Schiffer haltend; »habt Ihr im Sinne, mit wenig Mühe ein paar Guineen zu verdienen?« »O ja,« erwiederte Herr Turnbull, »wenn Sie uns sagen können, wie. Eine hübsche Aussicht für dich, Jacob,« flüsterte er mir zu. »Gut denn, ich werde eure Dienste vielleicht nicht über eine Stunde, vielleicht auch etwas länger bedürfen, da es eine Dame betrifft, auf die wir zu warten haben. Ich verlange blos, daß ihr ordentlich rudert und euer Bestes thut. Seid ihr's zufrieden?« Wir willigten ein; er ersuchte uns, ihm zu folgen, und ruderte nach dem Ufer. »Das gibt ein Abenteuer, Sir,« sagte ich. »So scheint's,« versetzte Herr Turnbull; »um so besser. Ich bin jetzt bei Jahren, aber ich liebe dennoch einen Spaß.« Der Fremde ruderte unter einen kleinen Bootschuppen am Ufer, der zu einem der Landhäuser an der Themse gehörte, legte seinen Nachen an und stieg in unser Fahrzeug. »Jetzt haben wir noch Zeit genug; nur langsam vor der Hand.« Wir ruderten weiter hinunter, und nachdem wir unter der Kew-Brücke durchgefahren waren, hieß er uns nach dem rechten Ufer hinsteuern, bis wir an einen Garten kämen, der sich von einem etwa fünfzig Ellen entfernten zierlichen Landhäuschen nach dem Strome hinabsenkte. Das Wasser bespülte die Backsteinmauer, die ungefähr vier bis fünf Fuß über dem Flusse hervorragte. »Hier ist's – bst – bst – kein Wort gesprochen.« Mit diesen Worten stellte er sich auf die Sternbänke und sah über die Mauer. Nachdem er ein paar Minuten auf der Lauer gestanden war, kletterte er aus dem Boote auf die Brustwehr der Mauer und pfiff zwei Takte einer Melodie, welche ich bisher noch nie gehört hatte. Alles war still. Er verbarg sich hinter einem Fliederbusch, und nach einer Minute wiederholte er die Weise, die er so eben gepfiffen hatte. Man bemerkte noch keine Spur von Bewegung in dem Landhäuschen. Von Zeit zu Zeit pfiff er denselben Theil seiner Melodie, und endlich zeigte sich ein Licht am obern Fenster; es entfernte sich dreimal, und erschien dreimal wieder. »Haltet euch bereit, Bursche,« sagte er. Nach ungefähr zwei Minuten kam ein Frauenzimmer in einem Mantel den Garten herab. Sie trug eine Büchse in der Hand und befand sich in großer Aufregung. »Ach, Wilhelm, ich hörte dein erstes Signal, aber ich konnte nicht in meines Oheims Zimmer, um die Büchse zu holen; endlich ging er aus – und hier ist sie.« Der Herr nahm ihr die Büchse ab und reichte sie uns in's Boot. »Gebt wohl darauf Acht, ihr Leute,« sagte er; »und nun Cäcilie, haben wir kein Zeit zu verlieren; je bälder du im Boote bist, desto besser.« »Wie soll ich aber hinabkommen, Wilhelm?« fragte sie. »O nichts ist leichter. Wirf deinen Mantel in das Boot, und dann hast du gar nichts zu thun, als auf die Mauerkrone zu steigen; die Schiffer unten und ich helfen dir hinab.« Indeß ging die Sache nicht so gar leicht; die Mauer war vier Fuß über dem Boot erhaben und oben mit einem fußhohen eisernen Geländer versehen. Sie strengte sich jedoch möglichst an, und wir glaubten, sie sei bereits so weit, alle Schwierigkeiten zu überwinden, als sie plötzlich einen Schrei ausstieß. Wir sahen hinauf und erblickten eine dritte Person auf der Mauer. Soweit wir in der Dunkelheit bemerken konnten, war es ein großer, stattlicher Mann von vorgerücktem Alter. Er faßte die Dame beim Arme und zog sie mit sich fort. Der junge Gentleman widersetzte sich, der Andere ließ von der Dame ab, um sich zu vertheidigen und rief: »Zu Hülfe! zu Hülfe! Diebe, Diebe!« »Soll ich ihm beispringen?« sagte ich zu Herrn Turnbull; »einer muß im Boote bleiben.« »So spring hinauf, Jacob, denn ich kann die Mauer nicht erklimmen.« In einem Augenblicke war ich oben und gerade im Begriff, dem jungen Manne beizustehen, als vier Bediente mit Fackeln und Waffen den Garten herabeilten. Die Dame fiel ohnmächtig nieder; der alte Herr und sein Gegner lagen am Boden, aber der erstere war offenbar Sieger, denn er lag zu oberst. Beim Anblicke der Herbeieilenden rief er: »Sehet nach den Schiffsleuten und ergreift sie.« Ich sah, daß kein Augenblick zu verlieren war. Hier konnte ich keine Dienste leisten und Herr Turnbull mochte in der größten Verlegenheit sein. Ich sprang in's Boot, stieß ab und wir waren im Strome dreißig Ellen vom Ufer, ehe sie nur über die Mauer blickten, um nach uns zu sehen. »Halt, in dem Boote! halt!« riefen sie. »Feuert auf sie, wenn sie nicht halten,« rief ihr Gebieter. Wir ruderten, so schnell wir konnten. Eine Muskete wurde abgefeuert, aber der Schuß war zu kurz; die einzige Person, welche fiel, war der Mann, der sie abgefeuert hatte. Um uns zu sehen, hatte er sich auf die überragenden Backsteine der Mauer gestellt und der Stoß des Gewehres warf ihn in den Strom. Wir sahen ihn fallen und hörten das Klatschen im Wasser; aber wir ruderten aus Leibeskräften nach dem jenseitigen Ufer, und in einigen Minuten war der Schauplatz der Handlung weit hinter uns. Als wir herab am Gestade waren, hielten wir inne und ruhten aus. »Nun,« sagte Turnbull, »dieß ist ein Spaß, auf den ich mich nicht sehr vorgesehen hatte – so eine Muskete voll Schrot nachgeschickt zu bekommen.« »Ja, ja,« erwiederte ich lachend, »dieß heißt den Scherz auf der Themse etwas zu weit getrieben.« »Nun, da sitzen wir jetzt in einer schönen Suppe; hier haben wir Sachen, die Gott weiß wem gehören, und was wollen wir damit anfangen?« »Ich glaube, Sir, das beste, was wir thun können, ist, daß Sie die Sachen mit in ihre Wohnung nehmen und aufbewahren, bis wir ausfindig machen, wie sich Alles verhält; und ich fahre mit meinen Handrudern an den Steg. In ein paar Tagen werden wir schon hören, wie es aussieht; jetzt möchten sie uns verfolgen.« »Dein Rath ist gut,« erwiederte Herr Turnbull, »und je bälder wir heim kommen, desto besser ist's, denn wir liegen beinahe meinem Landhause gegenüber.« Gesagt, gethan, Herr Turnbull landete in seinem Garten und nahm die zinnerne Büchse (es war ein sogenannter Aktenfascikel) und den Damenmantel mit sich. Ich wartete keinen Augenblick, zog die Schlagruder ein und fuhr mit den Handrudern, so schnell als ich konnte, Fulham zu. Hier angekommen, trieb ich langsam in die Reihe, um die übrigen Boote nicht zu beschädigen, als ein Mann mit einer Laterne in meinen Nachen stieg. »Habt Ihr etwas in Eurem Boote. Mann?« fragte er. »Nein, Sir,« erwiederte ich. Der Mann untersuchte das Boot und war befriedigt. »Sprecht, begegnete Euch kein Boot, worin zwei Männer saßen?« »Nein, Sir,« versetzte ich, »es kam Niemand an mir vorüber.« »Wo kommt Ihr gerade her?« »Vom Landhause eines Gentleman's bei Brentford.« »Brentford? O dann wäret Ihr viel weiter unten als sie. Sie sind noch nicht herunter.« »Haben Sie eine Bestellung für mich, Sir?« fragte ich, um mir nicht den Anschein zu geben, als wäre es mir darum zu thun, von ihm wegzukommen. »Nein, Mann, nein, heute Nacht nichts. Wir sind auf der Lauer; aber wir haben zwei Boote auf dem Strome und einen Mann an jedem Landungsplatze.« Ich legte mein Boot an, schulterte meine Ruder und ging, ohne es groß zu bedauern, daß ich so leichten Kaufes wegkam. Sobald man sah, daß wir auf das Feuern nicht Halt machten, hatte man Pferde gesattelt, und da die Entfernung der Straße noch viel geringer ist, waren unsere Verfolger, die so schnell als möglich ritten, etwa zehn Minuten vor mir angekommen. Es war daher ein großes Glück, daß die Büchse zuvor gelandet wurde, weil ich sonst entdeckt worden wäre. Daß der Inhalt desselben von Werth war, ging aus dem Eifer hervor, mit dem man ihm nachspürte; aber das Geheimniß sollte noch enthüllt werden. Ich war ganz erschöpft von Anstrengung und Aufregung, als ich in Stapleton's Hause ankam. Marie wartete auf mich mit dem Abendessen. Ich verzehrte es schweigend, klagte über Kopfschmerz und ging zu Bett. Drittes Kapitel. Der fahrende Schiffer wird ein fahrender Ritter, steht ein wunderschönes Antlitz und geht mit dem Strome. – Das Abenteuer scheint mehr Prozesse als Liebe zu versprechen, da es sich um Papiere handelt, die in der zinnernen Büchse sind. Ich träumte von nichts als von dem Abenteuer, der Auftritt wiederholte sich in meinen Gesichten immer auf's Neue, und die beiden Musiktakte klangen mir beständig in den Ohren. Sobald ich gefrühstückt hatte, fuhr ich nach Herrn Turnbull's Landhaus und erzählte ihm, was mir begegnet war. »Es war wirklich ein Glück, daß wir die Büchse gelandet hatten,« sagte er, »sonst säßest du vielleicht jetzt im Gefängnisse. Ich wollte, ich hätte nichts damit zu thun gehabt; aber 's ist wie du sagst, geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Auf jeden Fall gebe ich die Büchse nicht ab, bis ich weiß, wer sie mit Recht ansprechen kann, und ich glaube immer, daß dieß bei der Dame der Fall ist. Aber, Jacob, du mußt dich auf Kundschaft legen und ausfindig machen, wie es sich mit der Sache verhält. Glaubst du, dich der Tonweise noch zu erinnern, die er so oft gepfiffen hat?« »Sie ging mir die ganze Nacht im Kopfe herum und ich habe sie auf dem ganzen Wege hierher eingeübt. Ich glaube, daß ich sie gefaßt habe. Hören Sie, Sir.« – Ich pfiff die beiden Takte. »Ganz richtig, Jacob, ganz richtig; nimm dich nur in Acht, daß du sie nicht vergissest. Was hast du heute vor?« »Nichts, Sir.« »Wie wär's, wenn du den Fluß hinaufrudertest, um die Stelle aufzusuchen, an der wir gelandet haben? Wenn du sie ausfindig gemacht hast, magst du noch weiter rudern und sehen, ob du den jungen Mann nicht bei dem Nachen findest; auf jeden Fall kannst du vielleicht irgend eine Entdeckung machen – aber ich bitte dich, sei vorsichtig.« Ich versprach es und trat mit dem größten Vergnügen meine Irrfahrt an, denn Dinge, die einem Abenteuer gleich sahen, vergnügten mich höchlich. Nachdem ich eine Viertelstunde stromaufwärts gerudert hatte, lag ich dem Orte gegenüber. Ich erkannte das zierliche Landhäuschen, die Brustwehrmauer, sogar die Stelle, wo wir angelegt hatten, und bemerkte, daß einige abgelöste Backsteine in den Strom gefallen waren. Im Hause schien sich nichts zu rühren, aber ich setzte meine Lustfahrt stromauf und stromab fort und beobachtete die Fenster. Endlich öffnete sich eines; eine junge Dame sah heraus und ich war überzeugt, daß es mit derjenigen, die wir am Abend zuvor gesehen hatten, eine und dieselbe war. Kein Lüftchen regte sich und Alles war in vollkommener Ruhe. Sie saß am Fenster und hatte den Kopf auf ihre Hand gestützt. Ich pfiff die beiden Takte. Sie erhob sich gleich beim ersten, und sah mich forschend an, als ich den zweiten vollendete. Ich blickte hinauf, sie schwenkte ihr Taschentuch und schloß das Fenster. In wenigen Minuten erschien sie im Garten und ging dem Strome zu. Alsbald ruderte ich unter die Mauer. Ich zog meine Handruder ein und hielt mich an der Mauer, nachdem ich mich im Nachen aufgerichtet hatte. »Wer sind Sie? und wer schickt Sie?« fragte sie, auf mich niedersehend und mir eines der schönsten Gesichter zeigend, das ich jemals gesehen hatte. »Niemand schickt mich, Madame,« versetzte ich, »aber ich war gestern Abend in dem Boote und bedaure sehr, daß es so unglücklich abgelaufen ist; aber Büchse und Mantel sind in Sicherheit.« »Sie waren einer von den Männern im Boote. Ich hoffe, daß keiner verwundet wurde, als man Feuer auf Sie gab?« »Nein, Madame.« »Und wo ist die Büchse?« »Im Hause des Mannes, der bei mir war.« »Kann man ihm vertrauen? Denn sie werden eine große Belohnung aussetzen.« »Ich sollte denken, Madame,« erwiederte ich lächelnd; »der Mann, der bei mir war, ist ein Gentleman von großem Vermögen, der blos eine Spazierfahrt auf dem Strome machte. Er trägt mir auf, Ihnen zu sagen, daß er die Büchse nicht abgeben werde, bis er wisse, wer rechtmäßige Ansprüche auf den Inhalt derselben habe.« »Gott im Himmel, wie glücklich? Darf ich Ihnen glauben?« »Ich hoffe, Madame.« »Und wer sind Sie denn? Sind Sie nicht ein Fährmann?« »Ja, Madame, das bin ich.« Sie schwieg, sah mich eine Zeitlang forschend an und fuhr dann fort. »Wie haben sie die Melodie pfeifen gelernt?« »Der junge Gentleman wiederholte sie gestern Abend, ehe Sie kamen, sechs- oder siebenmal. Ich übte sie diesen Morgen auf meiner Fahrt ein, da ich sie für ein Mittel hielt, Ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Kann ich Ihnen irgend einen Dienst erweisen, Madame?« »Dienst? – ja, wenn ich versichert sein könnte, daß ich Ihnen vertrauen dürfte – den größten Dienst. Ich bin hier eingesperrt – kann nicht einmal einen Brief abschicken – alle meine Bewegungen werden beobachtet – nur der Garten steht mir offen, und sogar hier werde ich bewacht, wenn ich auf- und abwandle. Heute sind die meisten Hausbewohner abwesend, um der Zinnbüchse auf die Spur zu kommen, sonst könnte ich nicht so lange mit Ihnen sprechen.« Sie sah ängstlich nach dem Hause und fuhr fort. »Warten Sie hier eine Minute, während ich ein wenig auf- und abgehe.« Ich blieb unter der Mauer, wo man mich vom Hause aus nicht gewahren konnte. Nach ungefähr drei oder vier Minuten kehrte sie zurück und sagte: »Es wäre sehr grausam – es wäre mehr als grausam – es wäre ruchlos von Ihnen, wenn Sie mich betrügen wollten; denn ich bin sehr unglücklich, sehr elend.« Thränen stürzten ihr in die Augen. »Aber Sie sehen nicht aus, als ob Sie mich betrügen könnten. Wie ist Ihr Name?« »Jacob Ehrlich, Madame, und ich will meinem Namen treu bleiben, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen. Ich habe meines Wissens noch Niemand betrogen, und versichere Sie, ich will auch Sie nicht täuschen – zumal, da ich Sie gesehen habe.« »Wohl, aber Geld verlockt Jedermann.« »Mich nicht, Ma'am; ich habe, soviel ich brauche.« »Gut denn, ich will Ihnen vertrauen und denken, Sie seien vom Himmel zu meiner Hülfe geschickt worden; aber wie kann ich Sie sehen? Morgen ist mein Oheim wieder da, und dann kann ich Sie für keinen Augenblick sprechen. Man wird Ihnen auflauern und Sie vielleicht erschießen.« »Gut, Madame,« versetzte ich nach einer Pause; »aber wenn Sie nicht sprechen können, so können Sie doch schreiben. Sie sehen, daß die Backsteine hier auf der Brustwehr locker sind. Legen Sie Ihre Briefe unter diesen Backstein – sogar bei Tag kann ich ihn hier wegnehmen, ohne bemerkt zu werden, und dann die Antwort an die gleiche Stelle legen, so daß Sie dieselbe abholen können, wenn sie in den Garten gehen.« »Wie schlau! Gott im Himmel, welch ein herrlicher Gedanke!« »Wurde der junge Mann gestern Abend im Handgemenge verletzt, Ma'am?« fragte ich. »Nein, ich glaube nicht bedeutend – aber ich möchte wissen, wo er ist, um ihm zu schreiben. Könnten Sie ihn ausfindig machen?« Ich erzählte ihr, wo wir ihn getroffen hatten, und was vorgefallen war. »Dieß war Lady Auburns Landsitz,« erwiederte sie, »er ist oft dort, – sie ist unsere Verwandte; aber ich weiß nicht, wo er wohnt, und ebensowenig, wie man ihn finden kann. Sein Name ist William Wharncliffe. Glauben Sie, ihn ausfindig machen zu können?« »Ja, Madame, mit etwas Beharrlichkeit sollte das zu bewerkstelligen sein. Bei Lady Auburn müssen die Leute wissen, wo er ist.« »Ja, von der Dienerschaft mögen es Einige wissen, aber wie wollen Sie zu diesen kommen?« »Das will ich schon ausfindig machen, Ma'am. Es geschieht vielleicht nicht in Einem Tage oder zwei, aber wenn Sie jeden Morgen unter diesem Backsteine nachsehen wollen, werden Sie finden, falls ich Ihnen irgend eine Mittheilung zu machen habe.« »Sie können schreiben und lesen?« »Ich hoffe, Madame,« erwiederte ich lachend. »Ich weiß nicht, was ich aus Ihnen machen soll. Sind Sie wirklich ein Fährmann?« »Wirklich, und –« Sie drehte den Kopf, denn man hatte ein Fenster öffnen hören. »Sie müssen fort – vergessen Sie den Backstein nicht.« Sie verschwand. Ich schob meinen Kahn längs der Mauer hinunter, um so lange unbemerkt zu bleiben, bis ich an dem zum Landhause gehörenden Vordergrunde vorüber war. Dann nahm ich meine Handruder, stieß in den Strom, und da ich entschlossen war, einen Versuch zu machen, ob ich auf Lady Auburns Gute nichts erfragen könnte, mußte ich wieder am Garten vorbei, denn so lange ich unter der Mauer lag, war ich hinunter- statt hinaufgefahren. Ich sah die junge Dame an der Seite eines großen Mannes auf- und abgehen, der leidenschaftliche Geberden machte und mit großem Eifer zu sprechen schien, während die Dame das Haupt senkte. Nach einer Minute kamen sie mir aus den Augen. Die Schönheit und Sanftmuth, die im Gesichte der jungen Dame lag, hatte einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich alle meine Kräfte aufzubieten beschloß, um ihr einen Dienst zu erweisen. Nach Verfluß von ungefähr einer halben Stunde war ich bei der Villa angekommen, vor der wir den jungen Gentleman getroffen, und die nach Angabe der Dame der Lady Auburn gehörte. Ich sah weder im Garten noch im Hause irgend Jemand. Nachdem ich einige Minuten lang den Beobachter gemacht hatte, landete ich so nahe als möglich an der Villa, legte meinen Nachen an und schritt auf den Eingang zu. Sie hatte kein Pförtnerhäuschen, aber auf der einen Seite ein Bedientenzimmer. Nachdem ich unterwegs überdacht hatte, wie ich mich benehmen wollte, zog ich die Glocke. Ein altes Weib erschien und fragte mich in schnarrendem Tone, was ich suchte. »Ich warte unten mit meinem Boot auf Hern Wharncliffe; ist er noch nicht gekommen?« »Herr Wharncliffe? Nein – er ist nicht gekommen; hat auch nicht gesagt, daß er kommen wolle; wann habt Ihr ihn gesehen?« »Gestern. Ist Lady Auburn zu Hause?« »Lady Auburn? – nein; sie ist diesen Morgen in die Stadt gegangen. Es geht jetzt Alles nach London, vermuthlich um keine Blumen und grünen Bäume mehr zu sehen.« »Aber Herr Wharncliffe wird vermuthlich kommen,« fuhr ich fort, »also muß ich auf ihn warten.« »Das könnt Ihr halten, wie Ihr wollt,« erwiederte das alte Weib, im Begriff, mir das Thor vor der Nase zuzuschlagen. »Dürfte ich Sie nicht um eine Gunst bitten, Madame, ehe Sie das Thor schließen – mir nämlich ein Glas Wasser zu bringen, denn die Sonne sticht heiß, und ich habe lange gebraucht, bis ich heraufgekommen bin.« Und ich zog mein Taschentuch heraus und wischte mir den Schweiß vom Gesicht. »Ja, ich will Euch eins holen,« antwortete sie, das Thor schließend und sich entfernend. »Dieß scheint nicht sehr viel zu versprechen,« dachte ich bei mir selbst. Das alte Weib kehrte zurück, öffnete das Thor und reichte mir ein Krügchen Wasser. Ich trank etwas, dankte ihr und gab das Krügchen zurück. »Ich bin sehr müde,« sagte ich, »wenn ich nur sitzen könnte, um auf den Herrn zu warten.« »Sitzt Ihr nicht, wenn Ihr rudert?« fragte das alte Weib. »Ja,« antwortete ich. »Dann müßt Ihr müde sein vom Sitzen, denke ich, und nicht vom Stehen; jedenfalls wenn Ihr sitzen wollt, könnt Ihr in Eurem Boote sitzen und es zu gleicher Zeit hüten.« Mit dieser Bemerkung schloß sie das Thor vor mir zu und ließ mich ohne weitere Umstände stehen. Nach dieser entschiedenen Abweisung von Seiten des alten Weibes konnte ich nichts Anderes thun, als ihrem Rathe folgen, das heißt, gehen und mein Boot hüten. Ich ruderte zu Herrn Turnbulls Landgut und erzählte ihm mein gutes und mein böses Geschick. Da es schon spät war, mußte ich auf seinem Studirzimmer ein Mittagessen einnehmen, und wir besprachen uns hier über den Vorfall. »Gut,« sagte er am Schlusse unserer Berathung; »du mußt mir erlauben, Jacob, diese Sache als meine eigene zu behandeln, denn ich war die Veranlassung, daß wir überhaupt darein verwickelt wurden. Du mußt Alles anwenden, was in deinen Kräften steht, um diesen jungen Mann aufzufinden, und ich werde so lange tagweise Stapletons Boot miethen, bis wir unsern Zweck erreicht haben. Du darfst ihm aber nichts davon sagen, sonst könnte er neugierig werden. Morgen gehst du zu dem alten Beazeley?« »Ja, Sir, morgen können Sie mich nicht miethen.« »Doch sehe ich dich morgen früh, denn ich muß dich sprechen, ehe du abfährst. Hier ist Stapletons Geld für gestern und heute, und nun gute Nacht.« Am andern Morgen war ich in aller Frühe bei Herrn Turnbull. Er hatte die Zeitung vor sich. »Das habe ich erwartet,« sagte er. »Lies diese Anzeige.« Ich las Folgendes: – »Letzten Freitag Abend zwischen neun und zehn Uhr wurde von einem Landgute zwischen Brentford und Kew eine zinnerne Büchse mit Documenten und Papieren in einen Kahn hinabgereicht, und die Eigenthümer derselben waren verhindert, mitzufahren. Es wird hiemit bekannt gemacht, daß den Kahnführern eine Belohnung von zwanzig Pfund ausbezahlt wird, wenn sie dieselbe an die Herren James und John White, Lincolus-Inn-Fields Nr. 14 abgeben. Da Niemand anders bevollmächtigt ist, besagte Zinnbüchse mit Papieren in Empfang zu nehmen, so muß jede anderweitige Anfrage unbeachtet bleiben. Alsbaldige Aufmerksamkeit auf diese Anzeige wird sehr verpflichten.« »Es müssen Papiere von nicht geringer Wichtigkeit in der Büchse sein, Jacob, das ist unstreitig,« sagte Herr Turnbull. »Indeß, hier sind sie, und hier bleiben sie, bis ich mehr davon weiß. Ich will versuchen, was ich mit dem alten Weibe anfangen kann, denn ich sehe, daß die Villa auf drei Monate zu vermiethen ist – hier ist die Anzeige auf der letzten Spalte. Ich werde heute in die Stadt gehen und vom Agenten eine Karte holen; es müßte schlimm gehen, wenn ich nichts erforschen könnte. Ich sehe dich morgen wieder. Nun kannst du gehen, Jacob.« Ich eilte hinweg, denn ich hatte versprochen, zur Zeit des Frühstücks beim alten Tom zu sein; ich ruderte stark, und nach einer Stunde legte ich an dem Landungsplatze vor seinem Hause an. Viertes Kapitel. Ein Zehnpfund-Hausmann mit Staatsangelegenheiten beschäftigt. – Der Vortheil des Wortes »Verwicklung«. – Ein unerwartes Zusammentreffen und eine Aussöhnung. – Entschlossenheit contra blitzende schwarze Augen. – Urteilsspruch für den Vertheidiger mit schweren Entschädigungskosten. Das Haus des alten Tom Beazeley lag an der Gränze der Markung von Battersea, ungefähr anderthalb Meilen von der Brücke desselben Namens entfernt. Auf der Vorderseite strömte in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Ellen der Fluß vorbei – hinter dem Hause war ein grüner Rasenplatz, und im Umkreis von einer halben Meile sah man nicht einen Baum. Nichts war malerisch an diesem Wohnplatze, als die außerordentliche Einsamkeit; er war nicht nur einsam, sondern abgesondert, denn er bildete ein Delta von ungefähr einem halben Morgen, zwischen zwei Buchten, welche in einer Entfernung von ungefähr vierzig Ellen vom Flusse zusammenliefen und die Felder bewässerten, so daß das Haus bei hohem Wasserstande auf einer Insel stand, bei niederem aber durch eine unübersteigliche Schranke von Schlamm geschützt war, und nur vom Wasser aus den Zugang gestattete, der einzig und allein durch einen kleinen Damm möglich gemacht wurde, dessen verwitterte Umpfählung einer Doppelreihe verdorbener Zähne glich. Das Haus selbst war ein Stockwerk hoch, aus dunkelrothen Backsteinen erbaut und mit noch dunkleren Ziegeln gedeckt; die Fenster waren sehr sparsam und klein, ob es gleich lange vor der Einführung der fluchwürdigen Steuer auf das Tageslicht errichtet wurde, denn nach der Eigentümlichkeit der Architektur zu schließen, die an den Schornsteinen bemerkbar war, fiel die Zeit seiner Erbauung wahrscheinlich in die Regierung der Königin Elisabeth; doch es liegt wenig daran, in welchem Zeiträume eine Wohnung erbaut wurde, die jährlich nicht mehr als zehn Pfund Miethzins eintrug. Der größte Theil des besagten Eilandes war mit Kohl bepflanzt, aber auf einer Seite, wo ein halbes Boot vor dem Hause lehnte, streckte sich ein Streifen Grasboden hin. Zu der Zeit, wo es der alte Beazeley miethete, stand hinter dem Gebäude eine Brücke, die aus alten Schiffsplanken gezimmert war und die Verbindung mit einem Pfade unterhielt, welcher quer über die Markung von Battersea führte. Da aber der alte Tom seinen Gesammtverkehr auf dem Wasser hatte und sich Frau Beazeley nie der Brücke anvertraute, so wanderte sie allmählig in's Kamin, und bei niederem Wasserstande ragte nur noch ein alter verschlammter Pfosten hervor, welcher die Stelle bezeichnete, wo die Brücke ehemals gestanden hatte. Das Innere des Hauses war weit einladender. Frau Beazeley erwies sich als eine sehr reinliche und sparsame Hausfrau., und in der Küche, welche das erste Gemach war, das man betrat, war Alles so blank und rein, wie es der Fleiß nur immer machen konnte. Das Wohnzimmer wurde seltener gebraucht; denn die beiden Bewohner desselben, die seit der Zeit, wo der alte Beazeley den Lichter übernommen hatte, in drei Wochen höchstens ein paar Tage hier zubrachten, zogen Behaglichkeit dem Prunke vor. In diesem abgeschiedenen Hause und auf diesem abgelegenen Platze lebte Frau Beazeley in der äußersten Abgeschiedenheit. Und doch gab es vielleicht nie eine lebhaftere oder glücklichere Frau, als Frau Beazeley, denn sie war kräftig, gesund und nie ohne Beschäftigung. Sie wußte, daß ihr Mann seinem Beruf auf dem Strome folgte und etwas für ihre alten Tage zurücklegte, während sie diese Sparpfennige durch eigene Anstrengungen beträchtlich vermehrte. Sie hatte den alten Tom zu einer Zeit geheirathet, wo er seine Beine noch lange nicht verloren hatte, sondern ein sehr thätiger Matrose und der beste Mann an Bord seines Schiffes war. Eines Netzflechters Tochter, war sie zum Geschäfte ihres Vaters angehalten worden und hatte es zu einer großen Fertigkeit in demselben gebracht. Sie verstand den schwierigsten Theil dieser Kunst, die Verfertigung großer Meernetze zum Seefischfang; und wenn sie hierin keine Aufträge hatte, so verkürzte sie sich nach Besorgung der Haushaltungsgeschäfte die Zeit mit Verfertigung von Wurfnetzen. Sie verdiente Geld und ging haushälterisch damit um, indem sie nicht nur an sich und an ihren Mann, sondern auch an ihren Sohn, den jungen Tom, dachte, den sie zärtlich liebte. Arbeit und Einsamkeit waren ihr so sehr zur Gewohnheit geworden, daß es sich schwer entscheiden läßt, ob sie mehr Freude oder mehr Verdruß empfand, wenn die beiden Tome auf ein Paar Tage heimkehrten. Der Sohn wurde die ganze Zeit seines Aufenthalts hindurch abwechselnd geherzt und gescholten, allein der Leser kann aus seiner Bekanntschaft und dessen Charakter schließen, daß er sich weder um das Eine, noch um das Andere viel bekümmerte. Ich ruderte an den Damm heran und befestigte mein Boot. Von dem Hause ließ sich Niemand sehen, und als ich eintrat, fand ich Alle um den Tisch versammelt, auf dem eine Menge Trümmer in Gestalt von Häringsgeräthen u.s.w. lagen. »Nun, Jacob – du kommst zuletzt, – dachte schon, du hättest es vergessen; pfiff zum Frühstück um achte, wie ich immer thue, du weißt es,« sagte der alte Tom. »Hast du gefrühstückt, Jacob?« fragte Frau Beazeley. »Nein,« erwiederte ich; »ich war zu Herrn Turnbull beschieden, und dadurch wurde ich aufgehalten.« »'s gibt keine Rothröcke mehr, Jacob,« sagte Tom; »der Vater und ich haben alle aufgezehrt.« »Habt ihr?« versetzte Frau Beazeley, zwei weitere Häringe aus dem Schranke nehmend und sie zum Braten an's Feuer stellend; »nein, nein, Meister Tom, 's ist noch was da für den Jacob.« »Schön, Mutter, Ihr macht Eure Netze nicht umsonst, denn Ihr habt immer einen Fisch in Bereitschaft, wenn man darnach fragt.« Ich verzehrte mein Frühstück; sobald die Hausfrau Alles abgeräumt hatte, kreuzte der alte Tom seine beiden Zimmerhölzer und eröffnete die Verhandlung, denn es ergab sich, daß ich, ohne vorher davon benachrichtigt worden zu sein, zu einer Art von Kriegsrath berufen war. »Jacob, setze dich neben mich; Alte, wirf im großen Sessel Anker; Tom, setze dich, wo du willst, nur sitze still.« – »Und laß mir mein Netz in Ruhe!« rief seine Mutter per parenthesin . – »Du mußt wissen, Jacob, das Ganze ist das: meine Zehen thun mir immer weher und weher, und der Flanell hält sie nicht länger warm. Ich kann nicht mehr auf dem Strome bleiben und finde, daß es hohe Zeit ist, mich zur Ruhe zu setzen und mehr in der Nähe der Alten zu halten. Nun ist hier erstens Tom, was soll mit ihm geschehen? Ich denke, ich will ihm einen Kahn bauen, und da ich Stromfreiheit habe, so kann er seine Lehrzeit auf meinen Namen auf dem Boote ausdienen; aber es wird ein schwer Stück Arbeit für mich sein, ihm einen Kahn zu bauen.« »Wenn Ihr ihn selber bauen wollet, so wird wohl die Schwere des Stücks mich selbst treffen,« bemerkte Tom. »Schweig', Tom, ich habe dich gebaut, und Gott weiß, du bist leicht genug.« »Tom, laß mein Netz in Ruhe,« rief seine Mutter. »Der Vater hat mich leichtsinnig gemacht, Mutter.« »Ja, und leichtherzig auch, Junge,« fügte die Dame mit einem zärtlichen Blicke auf den Sohn hinzu. »Gut,« fuhr der alte Tom fort, »gesetzt nun, für Tom wäre auf diesem Wege gesorgt; so kommt es jetzt an mich. Ich habe im Gedanken, daß ich kann ein gut Stück arbeiten, wenn ich Boote flicke; denn ihr müßt wissen, ich war immer so ein Stück von 'nem Zimmermann, und ich weiß, wie die Kahnbauer die armen Schiffleute prellen, wenn's 'ne Kleinigkeit auszubessern gibt. Wenn sie aber wissen, daß ich es kann, so laufen sie alle zu mir. Aber jetzt kommt der Punkt, wo der Nutzen steckt; ich habe die ganze Woche daran gedacht, wie ich's könnte unter die Leute bringen. Ich kann keine Tafel anschlagen, »Beazeley, Kahnbauer,« von wegen weil ich kein Kahnbauer bin, und doch muß ich einen Aushängeschild haben.« »Habt Ihr denn nicht schon einen?« unterbrach ihn der junge Tom; »draußen lehnt ein halber Kahn vor dem Hause, und das will heißen, daß Ihr ein halber Kahnbauer seid.« »Schweig', Tom, mit deinen Lumpereien; was meinst du, Jacob?« »Könntet Ihr nicht sagen, ›hier werden Boote ausgebessert?‹« »Ja, aber das ist eben nicht genug; sie wollen einen Kahnbauer – das ist der kitzelige Punkt.« »Nicht halb so kitzelig als dieses Netz,« bemerkte Tom, der die Nadel aufgenommen hatte und, ohne von seiner Mutter beobachtet zu werden, zu stricken anfing; »ich habe nur zehn Stiche gemacht, und sechs davon sind lange Maschen geworden.« »Tom, Tom, du Thunichtgut – warum läßt du mein Netz nicht in Ruhe?« rief Frau Beazeley, »jetzt brauch' ich wieder eben so lange, diese zehn Stiche aufzumachen, als ich gebraucht hätte, um fünfzig neue zu stricken.« »'s ist Alles recht, Mutter.« »Nein, Tom, 's ist Alles verkehrt, sieh nur diese Maschen an.« »Nun, dann ist ja Alles gut, Mutter.« »Nein, 's ist Alles falsch, Junge; sieh nur, wie verschlungen sie sind.« »Und doch ist Alles recht, Mutter, denn's ist nicht mehr als recht und billig, den Fischen auch ein Hinterthürchen offen zu lassen, und das ist's eben, was ich gethan habe. Und nun Vater, will ich auch Eure Angelegenheit zu Eurer Zufriedenheit in Ordnung bringen, wie ich's mit der Mutter gehalten habe.« »Das wird vermuthlich eine ganz eigene Zufriedenheit werden, Tom; aber laß hören, was du zu sagen hast.« »Nun, Vater, es scheint, daß Ihr kein Kahnbauer seid; aber die Leute glauben machen wollt, Ihr seid es – Ist's nicht so?« »Nun, 's ist so etwas, Tom – aber es soll Niemand Schaden dadurch nehmen.« »Gewiß nicht– es sind nur die Boote, welche darunter leiden. Nun nehmt Ihr eine große Tafel und schreibt darauf: ›Hier werden Boote auf Bestellung gebaut und ausgebessert, von Tom Beazeley.‹ Wenn nun Einer Narr genug ist, ein Boot zu bestellen, so ist das seine Sache; Ihr sagt nicht, daß Ihr ein Kahnbauer seid, ob Ihr gleich nichts dagegen einzuwenden habt, Eure Hand dabei zu versuchen. »Was sagst du, Jacob?« sagte der alte Tom, sich an mich wendend. »Ich meine, Tom habe einen ganz guten Rath gegeben, und ich würde ihn befolgen.« »Ja, Tom hat Kopf,« bemerkte Frau Beazeley zärtlich. »Tom, laß mein Netz in Ruhe, ich sag' dir's. Was für ein Junge bist du doch! Rühr' mir's nur noch einmal an;« und Frau Beazeley nahm ein kleines Schüreisen vom Kamin und winkte damit. »Tom hat wirklich Kopf,« sagte der junge Tom, »aber da er keine Lust hat, sich ihn einschlagen zu lassen, so leihe mir auf eine halbe Stunde deinen Kahn, Jacob; ich will fort.« Ich gestand es ihm zu. Er warf seiner Mutter die Katze auf den Rücken und rannte mit den Worten fort: »Gott, Molly, welch ein Fisch!« Das Thier klammerte sich mit seinen Krallen an, um sich zu halten; Frau Beazeley schrie laut auf und schwur Rache, während der alte Tom und ich das Lachen nicht halten konnten. Nach Tom's Entfernung erneuerte sich das Gespräch, und der alte Tom kam endlich mit seinem Weibe in Allem überein; nur zu dem Kahnbauen schüttelte die alte Frau den Kopf. Die Auseinandersetzung dauerte jedoch zu lange und hatte zu wenig Reiz, als daß ich den Leser damit behelligen möchte; mit Einem Umstande aber muß ich ihn bekannt machen. Nachdem das ganze Hauswesen besprochen worden war, führte mich Frau Beazeley die Treppe hinauf, um mir die Zimmer zu zeigen, welche sehr reinlich und sauber gehalten waren, und als wir wieder herunter kamen, sagte der alte Tom: »Zeigte dir die Alte auch das Zimmer mit den weißen Vorhängen, Jacob?« »Ja,« erwiederte ich, »und es ist sehr hübsch.« »Gut, Jacob, 's gibt nichts Sicheres auf der Welt. Du bist jetzt gut versorgt, und ›an einer Versorgung soll man nicht rütteln‹, ist ein guter Spruch; aber vergiß nicht, dieses Zimmer ist für dich, wenn du es bedarfst, und Alles theilen wir mit dir, was wir besitzen. Es wird dir von Herzen angeboten und so mußt du es auch annehmen. Nicht wahr, Alte?« »Ja, das ist gewiß, Jacob; freilich kannst du's vielleicht besser bekommen – wenn dem aber nicht so ist, so will ich deine Mutter sein, in Ermanglung einer bessern.« Ich war von der Güte des alten Paares um so mehr gerührt, als ich nicht wußte, womit ich sie verdient hatte. Der alte Tom drückte mir mit Wärme die Hand und fuhr fort? »aber was diesen Kahn betrifft – was meinst du, Alte?« »Wie viel wird er denn kosten?« erwiederte sie nachdenklich. »Kosten? laß einmal sehen – ein guter Kahn mit Hand- und Schlagrudern wird so auf seine dreißig Pfund kommen.« Die alte Frau verzog den Mund, schüttelte den Kopf und ging hinaus, um das Essen zu bereiten. »Ich glaube, sie könnte so viel aufweisen, Jacob, aber sie trennt sich nicht gern von dem Gelde. Tom muß es aus ihr herausschmeicheln. Ich wollte, er hätte die Katze nicht nach ihr geworfen. Er ist voll Teufeleien.« Als der alte Beazeley geendigt hatte, sah ich einen Nachen mit ein paar Damen heranrudern. Ich betrachtete ihn aufmerksam und erkannte mein eigenes Boot und Tom als Fährmann. Nach einer Minute waren sie am Damm, und zu meinem Erstaunen saß Niemand anders im Nachen, als Frau Drummond und Sarah. Tom stieg aus, zog das Boot dicht an den Damm heran und rief mich hinunter. Ich mußte gehen und ihm helfen. Noch einmal berührte ich die Hände derjenigen, die ich in meinem Leben nicht mehr zu sehen glaubte. Frau Drummond hielt mich einige Zeit bei der Hand, nachdem sie ausgestiegen war, und sagte: »Wir sind gute Freunde, Jacob, nicht wahr?« »Gewiß, Madame,« erwiederte ich gerührt und mit zitternder Stimme. »Ich stelle diese Frage nicht an Sie,« sagte Sarah heiter, »denn wir schieden als Freunde.« Ich gedachte ihrer liebevollen Theilnahme und drückte ihr die Hand, während mir Thränen in die Augen traten, als ich in ihr sanftes Gesicht blickte. Wie ich nachher erfuhr, hatte der alte Tom und sein Sohn diesen Plan angelegt, um ohne mein Vorwissen ein Zusammentreffen zu veranstalten. Frau Beazeley verbeugte sich und strich ihre Schürze glatt – lächelte gegen die Damen, warf einen Katzenblick auf Tom, führte die Damen in ihr Haus, und der alte Tom half ihr auf seine Weise die »honneurs« machen, indem er Frau Drummond fragte, ob sie nicht nach dem Zuge ihre Pfeife anfeuchten wolle. Frau Drummond sah ihn mit einem Blicke an, der um nähere Erklärung bat, aber der junge Tom fand es für gut, den Dollmetscher zu machen. »Sie verzeihen, Madame, der Vater wünscht zu wissen, ob sie nicht nach Ihrem Zuge auf dem Wasser einen Zug aus der Branntweinflasche thun möchten.« »Nein,« erwiederte Frau Drummond lächelnd; »aber um ein Glas Wasser möchte ich bitten. Willst du mir eines holen, Jacob?« Ich beeilte mich, ihre Bitte zu erfüllen, und Frau Drummond knüpfte ein Gespräch mit Frau Beazeley an. Sarah warf einen Blick auf mich und ging nach der Thüre, wo sie sich umwandte, um mich einzuladen, ihr zu folgen. Ich gehorchte dem Winke, und bald saßen wir auf der Bank in dem alten Boote. »Jacob,« sagte sie, mit einem forschenden Blicke auf mich, »Sie werden sich gewiß mit meinem Vater aussöhnen.« Ich würde wahrscheinlich den Kopf geschüttelt haben, aber sie legte einen Nachdruck auf das Wort meinen , von dem die kleine Zauberin wohl wußte, daß er seine Wirkung nicht verfehlen konnte. Alle meine Entschlossenheit, all mein Stolz, all' meine Erinnerung an das erlittene Unrecht verschwand vor den sanften, schönen Augen Sarah's, und ich antwortete schnell: »Ja, Fräulein Sarah, Ihnen kann ich nichts abschlagen.« »Warum Fräulein , Jacob?« »Ich bin ein Färger, und Sie stehen weit über mir.« »Das ist Ihre eigene Schuld; aber sprechen wir nichts mehr davon.« »Ich muß noch etwas davon sprechen, und das besteht einfach darin: machen Sie keinen Versuch, mich aus meiner gegenwärtigen Lage zu reißen. Ich bin glücklich, weil ich unabhängig bin, und dieß will ich auch in Zukunft bleiben, wenn es möglich ist.« »Ein Ruder kann Jeder führen, Jacob.« »Sehr wahr, Fräulein Sarah; aber er ist Niemanden verbunden, wenn er sein Brod damit verdient. Er arbeitet für Alle und wird von Allen bezahlt.« »Werden Sie uns besuchen, Jacob? Kommen Sie morgen – nun – versprechen Sie mir's. Können Sie Ihrer alten Gespielin etwas abschlagen, Jacob?« »Ich wollte, Sie hätten etwas Anderes von mir verlangt.« »Wie können Sie aber dann sagen, Sie seien mit meinem Vater ausgesöhnt? Ich kann das nicht glauben, bis Sie mir versprechen, daß Sie uns besuchen wollen.« »Sarah,« erwiederte ich ernst, »ich will Sie besuchen, und um Ihnen zu beweisen, daß ich ausgesöhnt bin, will ich mir von Ihrem Vater eine Gunst erbitten.« »O Jacob, das ist freundlich von Ihnen,« rief Sarah mit Thränen in ihren Augen. »Sie machen mich sehr – sehr glücklich!« Das Zusammentreffen mit Sarah stimmte mich weich und verbannte jedes Rachegefühl aus meinem Gedachtniß. Frau Drummond kam und erinnerte an die Rückkehr. »Und Jacob muß uns fahren,« rief Sarah. »Kommen Sie und sehen Sie nach Ihrer Fracht, Sir. Da Sie ein Fährmann sind, müssen Sie auch arbeiten.« Ich lachte und half ihnen einsteigen. Tom ergriff das andere Ruder, und bald waren wir am Stege bei Drummond's Hause. »Mutter, wir müssen diesen armen Burschen auch etwas zu trinken geben, sie haben streng gearbeitet,« sagte Sarah spottend. »Kommt herauf, Ihr guten Leute.« Ich zögerte. »Nein, Jacob, was morgen geschieht, warum sollte das nicht heute geschehen? Je bälder die Sache abgethan wird, desto besser ist's.« Ich fühlte die Wahrheit dieser Bemerkung und folgte ihr. Nach wenigen Minuten befand ich mich wieder in dem Zimmer, in welchem sich, als ich entlassen worden war, das liebevolle Mädchen an meine Schulter lehnte und Thränen vergoß, während ich die Thürklinke in der Hand hielt. Meine Blicke fielen auf die Klinke und dann auf Sarah. Frau Drummond war hinausgegangen, um ihrem Gatten mitzutheilen, daß ich gekommen sei. »Wie gut Sie sind, Sarah,« sagte ich. »Ja, aber gute Leute sind zuweilen eigensinnig, und das bin ich – und das war –« Herr Drummond erschien und unterbrach sie. »Es freut mich, Jacob, daß ich dich wieder unter meinem Dache sehe; ich bin durch den Schein getäuscht worden und habe dir Unrecht gethan.« Wie wahr ist der Spruch des Weisen, »ein sanftes Wort entwaffnet den Zorn!« Kaum hatte Herr Drummond selbst anerkannt, daß er mir Unrecht gethan – kaum hatte er es eingestanden, als auch jedes Rachegefühl verschwunden war und andere Empfindungen sich an dessen Stelle drängten. Ich erinnerte mich, wie er die Waise beschützte – wie er den Knaben erziehen ließ – wie er ihm sein Haus zur Heimath machte – wie er mich durch seinen Schutz in der Welt fortzubringen suchte. Ich erinnerte mich dessen, was ich nie hätte vergessen sollen, ich entsann mich wieder, daß er mich Jahre lang freundlich und liebevoll behandelt hatte, und Alles das war durch eine einzige Handlung der Ungerechtigkeit aus meinem Gedächtnisse vertilgt worden. Ich fühlte mich schuldig und brach in Thränen aus; Sarah aber weinte mit mir. »Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Drummond,« sagte ich, sobald ich sprechen konnte. »Ich habe sehr gefehlt, daß ich auf meiner Empfindlichkeit beharrte, nachdem Sie mir so viel Güte erzeigt hatten.« »Wir haben Beide gefehlt – aber sprechen wir nicht mehr über diesen Gegenstand, Jacob. Ich habe noch etwas zu besorgen, dann will ich wieder heraufkommen.« Mit diesen Worten verließ uns Herr Drummond. »Du bist ein lieber, guter Mensch,« sagte Sarah, auf mich zutretend; »jetzt liebe ich dich wirklich.« Ich wollte etwas erwiedern, aber Frau Drummond trat ins Zimmer. Sie fragte mich, wo ich gegenwärtig wohne, und Sarah stellte eben ein Verhör über Marie Stapleton mit mir an, als Herr Drummond zurückkehrte und mir mit Wärme die Hand drückte, wodurch er mich noch mehr beschämte. Das Gespräch wurde allgemein, aber ich blieb noch immer etwas verlegen; da flüsterte mir Sarah zu: »Welche Gunst wolltest du dir von meinem Vater erbitten?« Ich hatte es im Augenblicke vergessen, aber sogleich erinnerte ich mich wieder und sagte, er würde mich sehr verbinden, wenn er mir einen Theil des Geldes gäbe, das er von mir in Händen habe. »Das will ich mit Vergnügen, und noch obendrein dich nicht einmal fragen, wozu du es verwendest, Jacob. Wie viel verlangst du?« »Dreißig Pfund, wenn es so viel ist.« Herr Drummond ging hinab und kehrte in wenigen Minuten mit der Summe in Banknoten und Guineen zurück. Ich dankte ihm und nahm bald darauf Abschied. »Sagte Ihnen nicht der junge Beazeley, daß ich etwas für Sie hätte, Jacob?« fragte Sarah, als ich ihr Lebewohl sagte. »Nun und das wäre?« »Wenn Sie wieder kommen, will ich's Ihnen zeigen;« erwiederte Sarah lachend. So wurde meine ganze Rache durch ein kleines Mädchen von fünfzehn Jahren mit großen, schwarzen Augen erstickt. Tom hatte unten sein Glas Grog getrunken und wartete am Stege auf mich. Wir stießen ab und kehrten in sein väterliches Haus zurück, wo das Mittagessen bereits unser wartete. Nach Tisch kam der alte Tom auf seine Erörterungen zurück. »Der einzige Anstand,« sagte er, »ist der Kahn. Was meinst du, Alte?« Die Alte schüttelte den Kopf. »Wenn dieß der einige Anstand ist,« sagte ich, »so kann ich helfen, denn hier ist das Geld für den Kahn, und ich schenke es Tom.« Mit diesen Worten legte ich dem jungen Tom das Geld in die Hand. Tom zählte es seinem Vater und seiner Mutter vor, und sie erstaunten nicht wenig darüber. »Du bist ein guter Bursche, Jacob,« sagte Tom, »aber erinnerst du dich noch an die Gemeinhut von Wimbledon?« »Wie so?« erwiederte ich. »Ich meine nur den Jerry Abershaw.« »Sei ohne Sorgen, Tom, 's ist redlich erworben.« »Aber wie bist du denn dazu gekommen, Jacob?« fragte der alte Tom. Es mag sonderbar erscheinen – nur von dem Wunsche beseelt, meinen Freunden zu dienen, hatte ich um das Geld angesucht, das, wie ich wußte, mir gehörte, aber keinen Augenblick daran gedacht, auf welche Weise ich es erworben hatte. Die Frage des alten Tom rief mir wieder alle Umstände in das Gedächtniß zurück, und ich schauderte bei den Erinnerungen, die sich daran knüpften. Ich war verwirrt und suchte eine ausweichende Antwort zu geben. »Genug, daß das Geld mein ist,« erwiederte ich. »Ja, Jacob, aber wie?« versetzte Frau Beazeley; »sicherlich wirst du im Stande sein, uns zu sagen, wie du eine so große Summe erworben hast.« »Jacob hat seine Gründe, warum er es nicht sagt, Alte, verlasse dich darauf. Vielleicht hat es ihm Herr Turnbull, oder wer ihm sonst das Geld gegeben haben mag, verboten.« Diese Antwort befriedigte jedoch Frau Beazeley nicht. Sie erklärte, Tom dürfte keinen Heller davon nehmen, bis sie wisse, wie es erworben worden sei. »Tom, gib das Geld augenblicklich zurück,« sagte sie mit einem verdächtigen Seitenblick auf mich. Tom legte es auf den Tisch vor mich hin, ohne ein Wort zu sagen. »Nimm es Tom,« sprach ich erröthend. »Ich habe es von meiner Mutter.« »Von deiner Mutter, Jacob!« rief der alte Tom. »Nein, das kann nicht wohl sein, wenn mir mein Gedächtniß nicht untreu ist. Doch ist's möglich.« »Beim Himmel, das gefällt mir gar nicht,« sagte Frau Beazeley, aufstehend und ihr Schürze schüttelnd. »Jacob, das kann nicht wahr sein.« Ich erröthete bis über die Stirne, als man mich der Lüge verdächtigte; und wie ich mich umsah, bemerkte ich, daß sogar Tom und sein Vater einen düstern Zweifel auf ihren Gesichtern ausdrückten. Meine Verwirrung hätte bei Jedermann Verdacht erregen müssen. »Ich hätte mir nicht träumen lassen,« sagte ich endlich, »als ich mir so viel Vergnügen vom Geben versprach und Euch durch die Annahme des Geldes glücklich zu machen hoffte, das es mir zu einer Quelle so großen Verdrusses werden sollte. Ich sehe, daß ich verdächtigt werde, als hätte ich es auf eine unredliche Weise erworben und nicht die Wahrheit gesagt. Daß Frau Beazeley, die mich nicht kennt, dieses Glaubens ist, wundert mich nicht; aber daß Ihr,« fuhr ich zum alten Tom fort, »oder du,« sagte ich mit einem Blick auf seinen Sohn, »daß Ihr mich beargwöhnen könnt, ist sehr kränkend, und ich hätte es nicht erwartet. Ich sage Euch, daß das Geld mein ist – redlich mein, und daß ich es von meiner Mutter habe; und nun frage ich Euch, ob Ihr mir glaubet?« »Ich für meinen Theil glaube dir, Jacob, sagte der junge Tom, seine Hand auf den Tisch legend. »Ich kann es zwar nicht verstehen, aber ich weiß, daß du noch nie eine Unwahrheit gesprochen und noch nie eine entehrende Handlung begangen hast, seit ich dich kenne.« »Ich danke dir, Tom.« erwiederte ich, seine dargebotene Hand ergreifend. »Und ich wollte das Gleiche beschwören, Jacob,« bemerkte der alte Tom, »obschon ich länger in der Welt gewesen bin und oft gesehen habe, wie leider schon mancher brave Mann ein Schelm wurde, wenn die Versuchung zu stark war. Wie ich dir in's Gesicht blickte und die Gluth auf deiner Stirne sah, fühlte ich einen kleinen Verdacht, ich muß es gestehen; aber ich bitte dich um Verzeihung, Jacob; jetzt kann dir Niemand in's Gesicht sehen, ohne sich zu überzeugen, daß du unschuldig bist. Ich glaube Alles, was du sagst, trotz der Alten da – und dem Teufel dazu – und hier ist meine Hand darauf.« »Warum aber nicht sagen – Warum nicht sagen?« murmelte Frau Beazeley, den Kopf schüttelnd und emsiger an ihrem Netz strickend, als je. Ich hatte jedoch beschlossen, es zu sagen, und that es, indem ich alle Umstände genau angab, unter welchen das Geld erworben worden war, aber Gefühle der Kränkung stürmten in meiner Brust, die ich nicht beschreiben kann. Ich fühlte mich gedemüthigt – ich empfand, daß ich das Geld zu meinem eigenen Gebrauche nie anwenden konnte. Indessen hatte meine Auseinandersetzung den Erfolg, daß sie sogar die Zweifel der Frau Beazeley zerstreute und die Einigkeit wieder herstellte. Das alte Paar nahm das Geld und versprach, es zu dem genannten Zwecke zu verwenden. »Was mich betrifft, Jacob,« sagte Tom, »so weißt du, wie ich's meine, wenn ich sage, ich danke dir. Hätte ich das Geld gehabt, und du hättest seiner bedurft, so wirst du mir auf's Wort glauben, daß ich dir's gleichfalls gegeben haben würde.« »Davon bin ich überzeugt, Tom.« »Doch ist es eine schöne Summe, Jacob, und ich muß so viel als möglich von meiner Einnahme zurücklegen, damit du es im Nothfalle wieder hast; aber es wird manchen schweren Ruderstoß und manches durchschwitzte Hemd kosten, bis ich so viel erspart habe.« Nach dieser kleinen Störung blieb ich nicht mehr lange. Ich fühlte mich verletzt, – mein Stolz war durch den Verdacht verwundet, und es war ein Glück, daß der Auftritt nicht vor meinem Zusammentreffen mit Frau Drummond und Sarah stattgefunden hatte, sonst wäre wohl auf dieser Seite von keiner Versöhnung die Rede gewesen. Wie sehr sind wir das Spiel der Verhältnisse, und wie unmerklich zeichnen sie uns unsere Bahnen in der Welt vor! Mit den besten Absichten verfehlen wir uns; von unwürdigen Beweggründen geleitet, kommen wir wieder auf unsere Füße zu stehen, und das Kapitel der Zufälligkeiten übt einen größern Einfluß auf die Gemüther aus, als alle Kapitel der Bibel. Fünftes Kapitel. Wie ich an meinen Feinden gerächt werde. – Wir versuchen die Takte der Musik finden aber, daß wir ganz aus dem Takte sind. – Weil es nicht geht, gehen wir. Ich reichte Tom die Hand. Er bemerkte meinen Verdruß, begleitete mich mit seiner gewohnten Teilnahme zum Kahn hinab und erbot sich, mit mir nach Fulham zu rudern und auf dem Lande zurückzukehren. Ich lehnte das Anerbieten ab, weil ich allein zu sein wünschte. Es war eine schöne mondhelle Nacht und die breiten Lichtstreifen neben den Schatten wie auch die ringsum herrschende Stille, entsprachen meinen Gefühlen vollkommen. Ich setzte meinen Weg auf dem Strome fort und erneuerte die Vorfälle des Tages in meinem Geiste – die Versöhnung mit Jemandem, den ich in meinem Leben nie mehr zu sprechen beabsichtigte; den kleinen Zwist mit Personen, mit denen ich mich nie entzweien zu können glaubte, und zwar zu einer Zeit, wo ich mir Mühe gab, ihnen einen Dienst zu erweisen: dann dachte ich an Sarah, als an eine Oase wirklicher Glückseligkeit in dieser einsamen Wüste, und verweilte bei diesem Gedanken um so länger, je erfreulicher und beruhigender er für mein immer noch aufgeregtes Gemüth war. Ich hatte bereits die Putneybrücke hinter mir und vergaß, daß ich nahe an meinem Landungsplatze war. In meine Träumereien versunken, ruderte ich noch höher hinauf, aber plötzlich wurde meine Gedankenreihe durch den Lärm lachender und redender Männer unterbrochen, die offenbar im Zustande der Trunkenheit waren. Sie fuhren in einem vierruderigen Kahne den Strom herunter, und kamen von einer sogenannten Lustpartie, die gewöhnlich mit Trunkenheit endet. Ich lauschte. »Ich sage euch, ich kann am Ruder spinnen, wie nur irgend Jemand im Dienste des Königs,« sagte der Mann am Bug. »Seht einmal.« Er zog sein Ruder aus dem Ringe, spann es in der Luft, verfehlte es aber unglücklicher Weise beim Hinabfallen. Es schlug durch den Boden und durchstieß zwei Planken des baufälligen Fahrzeuges, welches sich augenblicklich mit Wasser füllte. »Hollah! Fährmann,« rief ein Anderer, der mich bemerkte, »schnell oder wir versinken!« Ehe ich jedoch das Boot erreichen konnte, war das Wasser schon fast über die Duften gestiegen, und in dem Augenblicke, als ich eben anlegte, füllte es sich völlig und schlug um. »Hilf, Fährmann, hilf mir zuerst, ich bin der Oberbuchhalter,« rief eine wohlbekannte Stimme. Ich streckte ihm mein Ruder entgegen, als er mit dem Wasser rang, und bald hatte er sich an dem Nachen festgeklammert. Hierauf suchte ich den Mann zu fassen, der das Unglück durch seine Ruderversuche herbeigeführt hatte; er sagte aber schnell: »Nein, nein, es sind ihrer zu viele, der Kahn würde sinken, ich will an's Land schwimmen.« – Und seinen Worten Kraft gebend, schwamm er mit vollkommener Geistesgegenwart dem Ufer zu und zeigte, trotz seiner Kleider, eine große Leichtigkeit und Gewandtheit. Ich zog noch zwei weitere Personen herbei und glaubte alle gerettet, als ich, mich umwendend und nach der Brücke zurückblickend, in den hellen Strahlen des Mondes und »so rund als dessen Scheibe« das wohlbekannte Gesicht des dummen jungen Commis erglänzen sah, der sich so feindselig gegen mich bewiesen hatte und jetzt allen Kräften aufbot, um sich über dem Wasser zu halten. Ich trieb auf ihn zu und streckte mein Ruder über den Bug aus. Er war gesunken, schwang sich aber in diesem Augenblicke wieder in die Höhe und hatte sich mit den Uebrigen bald an den Rand des Kahnes angeklammert. »Nimm mich in den Nachen – Nimm mich in den Nachen, Fährmann!« rief der Oberbuchhalter, dessen Stimme ich erkannt hatte. »Nein das Boot würde sinken.« »Aber ziehe wenigstens mich hinein, wenn du auch die andern draußen lassest; ich bin der Oberbuchhalter.« »Kann unmöglich,« versetzte ich, »Sie müssen sich am Rande halten, während ich Sie an's Ufer rudere; wir werden bald dort sein.« Ich muß gestehen, daß ich einiges Vergnügen daran empfand, sie so im Wasser hängen zu lassen. Obgleich ihr Mangel an Geistesgegenwart und die dringende Eile des Selbsterhaltungstriebes einige Gefahr herbeiführen konnte, so würde ich sie doch alle in den Kahn aufgenommen haben; aber ich ließ sie absichtlich hängen und ruderte dem Landungsplatze zu, den wir bald erreichten. Der Mann, der vorausgeschwommen war, wartete bereits am Gestade. »Habt Ihr alle gerettet, Fährmann?« fragte er. »Ja, Sir, ich glaube so; ich habe vier.« »Das Kerbholz ist richtig,« erwiederte er, »und vier größere Galgenstricke wurden noch nie aufgefangen; aber lassen wir das. Mein Unsinn war schuld, daß sie beinahe ertrunken wären, und darum bin ich froh, daß es so gut gegangen ist. Meine Jacke ist im Boot untergegangen, und ich muß Euch ein anderes Mal belohnen.« »Danke Ihnen, Sir, 's ist gar nicht nöthig; es war keine geordnete Fahrt.« »Nichtsdestoweniger sagt uns Euren Namen.« »Oh, Sie können Herrn Hodgson, den Oberbuchhalter, fragen, oder dieses Vollmondgesicht hier, – die kennen ihn.« »Was meint Ihr damit, Fährmann?« fragte Herr Hodgson, vor Kälte zitternd.« »Unverschämter Bursche,« murmelte das Vollmondgesicht. »Wenn sie auch Euern Namen wissen, so wollen sie ihn doch nicht sagen,« versetzte der Andere. »Ich will zuerst den meinigen nennen – Lieutenant Wilson von der Flotte; und nun laßt mich den Eurigen hören, damit ich nach Euch fragen kann; und sagt mir, an welchem Stege Ihr Euer Boot habt.« »Mein Name ist Jacob Ehrlich, Sir,« erwiederte ich; »und Sie können meine Freunde fragen, wenn ihre Zähne nicht mehr so heftig klappern, ob er ihnen bekannt ist oder nicht.« Bei Erwähnung meines Namens entfernten sich die beiden Commis, und der Lieutenant schickte sich mit den Worten, ich werde von Ihm hören, ebenfalls an, mich zu verlassen. »Wenn Sie mir Geld geben wollen, Sir,« sagte ich, »so erkläre ich Ihnen unumwunden, daß ich es nicht annehme. Ich hasse diese beiden Menschen wegen Beleidigungen, die sie auf mich gehäuft haben; aber ich weiß nicht, wie es kommt, ich fühle eine Art von Vergnügen, sie gerettet zu haben, so daß ich mir keine bessere Rache wünsche. Leben Sie wohl, Sir.« »Gesprochen wie ein Mann, Bursche – das ist eine edle Rache. Gut, also, ich werde nicht kommen; aber wenn wir uns jemals wieder treffen, so soll dieser Abend und Jacob Ehrlich nicht vergessen sein.« Er reichte mir seine Hand, drückte die meinige warm und entfernte sich. Nachdem sie mich verlassen hatten, blieb ich, betäubt von den Vorfällen des Tages, noch eine Zeitlang stehen. Die Versöhnung – der Zwist – die Rache! Ich war noch in Gedanken vertieft, als ich den Hufschlag eines Pferdes hörte. Dies rief mich in die Wirklichkeit zurück, und ich schob mein Boot auf den Strand, um nach Stapleton's Hause zurückzukehren, konnte mich aber dabei eines gewissen Verdrusses nicht erwehren. Ich fühlte eine Art von Abneigung gegen Marie Stapleton, wofür ich mir keine Rechenschaft abzulegen vermochte; allein der Grund lag in meinem Zusammentreffen mit Sarah Drummond. Das Pferd hielt an der Brücke; der Reiter gab es seinem Diener, der auf einem andern saß, zu halten, und kam zu mir herab an mein Boot. »Bursche, ist es zu spät für dich, um dein Boot noch einmal in's Wasser zu lassen? Ich will dich gut bezahlen.« »Wo wünschen Sie hin zu fahren, Sir? Es ist bereits zehn Uhr vorüber.« »Ich weiß es, und ich hoffte kaum noch einen Schiffer hier zu finden; aber ich machte einmal den Versuch. Willst du mich ein paar Meilen weit den Strom hinaufrudern.« Ich betrachtete den Mann, der mich anredete, und freute mich den Gentleman in ihm zu erkennen, der Herrn Turnbull und mich gemiethet hatte, um ihn nach dem Garten zu rudern, wo er nach dem Versuch mit der zinnernen Büchse festgenommen worden war; ich gab mich jedoch nicht zu erkennen. »Gut, Sir, wenn Sie es wünschen, so habe ich nichts dagegen,« versetzte ich, die Schulter gegen den Bug meines Kahnes stemmend und ihn wieder in den Fluß schiebend. Aus alle Fälle ist dieß ein Tag voll Abenteuer, dachte ich, als ich mein Ruder einsetzte und den Strom hinauf fuhr. Ich besann mich einige Augenblicke, ob ich mich dem jungen Manne nicht zu erkennen geben sollte, beschloß aber endlich, es lieber nicht zu thun. Ich will einmal sehen, dachte ich, was er für eine Person ist, und ob er die gute Meinung verdient, welche die junge Dame von ihm zu haben scheint. »Welche Seite, Sir?« fragte ich. »Die Linke,« war die Antwort. Ich wußte das zum Voraus und ruderte schweigend gegen die Gartenmauer hin, die sich an das Stromufer herabzog. »Jetzt rudert an diese Mauer hinan und macht kein Geräusch,« war der Befehl, dem ich gehorchte, indem ich gerathe an die Stelle hintrieb, wo die hervorragenden Backsteine abgelöst waren. Er stellte sich aufrecht in den Nachen, pfiff die beiden Takte, wie früher, wiederholte sie, wartete fünf Minuten und beobachtete die Fenster des Hauses. Es erfolgte jedoch keine Antwort, und ebenso wenig zeigte sich auch uns die mindeste Spur, daß noch irgend Jemand auf sei oder sich nähere. »Es ist zu spät,« sagte er; »sie ist zu Bett gegangen.« »Ich dachte mir's, daß eine Dame im Spiele sei;« bemerkte ich. »Wenn Sie ihr Mittheilungen zu machen wünschen, so glaube ich, sie befördern zu können.« »Könntest du?« versetzte er. »Warte einen Augenblick, ich will nachher mit dir sprechen.« Er wiederholte die Tonweise noch einmal; nachdem er wieder zehn Minuten lang gewartet hatte, setzte er sich auf die Spiegelbank und hieß mich zurückrudern. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte er zu mir: »Du glaubst ihr Mittheilungen machen zu können, sagst du? Wie willst du das angreifen?« »Wenn Sie einen Brief schreiben wollen, Sir, so will ich den Versuch machen, ihn in ihre Hände gelangen zu lassen.« »Wie?« »Das mögen Sie mir überlassen, Sir – ich will schon Mittel und Wege finden; aber Sie müssen mir die Dame beschreiben, damit ich den Brief nicht einer falschen Person übergebe – und müssen mir überdieß sagen, wer im Hause wohnt, vor dem ich mich nicht sehen lassen darf. »Sehr wahr,« versetzte er. »Ich kann nur so viel sagen, wenn es dir gelingt, so will ich dich reichlich belohnen; aber sie wird so streng bewacht, daß ich fürchte, es ist unmöglich. Indessen, ein Verzweifelnder halt sich an einem Strohhalm, wie ein Ertrinkender, und darum will ich sehen, ob du im Stande bist, mir nützlich zu sein.« Er belehrte mich sodann, daß Niemand im Hause sei, als ihr Oheim und seine Diener, die sie sämmtlich als Kundschafter umgaben; daß ich gar nichts thun könne, als warten, ob sie vielleicht in den Garten komme, was der Fall sein könne, und daß ich vielleicht eine Gelegenheit erspähe, wenn ich mich von Morgens acht Uhr bis Abends unter der Brustwehr der Mauer verberge. Nach diesen Mittheilungen bestellte er mich auf den nächsten Morgen um sieben Uhr an den Fuß der Brücke, wo er mir einen Brief übergeben wolle, den ich dann zu befördern suchen möge. Wir waren jetzt zu Fullham angekommen. Er stieg aus, drückte mir eine Guinee in die Hand, setzte sich auf sein Pferd, das sein Diener einstweilen auf- und abgeführt hatte, und ritt davon. Ich schob mein Boot auf den Strand und ging, ermüdet von den Ereignissen des Tages, nach Hause. Marie Stapleton, welche aufgeblieben war, um mich zu erwarten, hätte gar zu gern gewußt, warum ich so spät komme, aber ich wich ihren Fragen aus, und sie verließ mich in der verdrießlichsten Laune, was mir jedoch höchst gleichgültig war. Am andern Morgen erschien der Diener mit dem Brief und sagte, er habe Befehl, bis auf den Abend zu warten. Ich ruderte den Strom hinauf, legte ihn, wie ich mit der Dame verabredet hatte, unter den lockern Backstein und fuhr auf die andere Seite des Flusses, wo ich den ganzen Garten übersah und Alles beobachten konnte, was vorging. In einer halben Stunde kam die junge Dame in Begleitung eines andern Frauenzimmers aus dem Hause und ging langsam im Sandwege auf und nieder. Nach einiger Zeit blieb sie stehen und sah auf den Strom, während ihre Begleiterin den Spaziergang fortsetzte. Als hätte sie wenig Hoffnung, etwas zu finden, rückte sie den Backstein mit dem Fuße auf die Seite; sobald sie aber den Brief bemerkte, ergriff sie ihn schnell und verbarg ihn in ihrem Gewande, während sie ihre Blicke auf den Strom warf. Es war windstill, und ich pfiff den Musiktakt. Sie hörte ihn, wandte sich ab und eilte in's Haus. Nach Verfluß von einer halben Stunde kehrte sie wieder zurück, ersah sich die Gelegenheit und schob etwas unter den Backstein. Ich wartete noch ein paar Minuten, bis sie mit ihrer Begleiterin in's Haus zurückging. Dann ruderte ich unter die Mauer, hob den Backstein auf, fand einen Brief und eilte damit nach Fulham, wo ich ihn dem Diener einhändigte, der so schnell als möglich wegritt. Zufrieden mit dem günstigen Erfolge meines Versuches und voll Begierde, die näheren Umstände dieser außerordentlichen Angelegenheit zu entdecken, kehrte ich nach Hause zurück. Sechstes Kapitel. Der Domine liest mir eine Predigt aus dem größten Buche vor, daß mir je zu Gesicht gekommen, denn es bedeckt gegen zwei Morgen Landes.– Die Blätter sind nicht sehr leicht zum Umwenden, aber die Buchstaben lassen sich ohne Brille lesen. – Er endet, ohne das Buch zu schließen, was die Pfarrer doch gewöhnlich am Ende ihrer Predigten thun. Der nächste Tag war ein Sonntag; ich besuchte wie gewöhnlich den Domine und Herrn Turnbull. Als ich bei der Schule ankam, zogen die Knaben gerade Paar und Paar nach der Kirche; der Unterlehrer führte den Vortrab an, der Domine schloß die Nachhut und ich begleitete die Procession. Der Domine schien schwermüthig und düster – er wechselte auf dem Wege kaum ein Wort mit mir. Als der Gottesdienst vorüber war, befahl er dem Unterlehrer, die Knaben nach Hause zu begleiten, und blieb bei mir auf dem Kirchhofe, wo er die Grabsteine betrachtete und dann und wann etwas vor sich hinmurmelte. Endlich hatte sich die Gemeinde zerstreut, und wir waren allein. »Ich habe nicht von ferne daran gedacht, Jakob,« sagte er endlich, »als ich in deiner Kindheit so viele Mühe auf dich verwandte, daß ich einst dafür belohnt werden würde, wie ich belohnt wurde. Nicht entfernt kam es mir zu Sinne, daß es einst diese verlassene Waise sein sollte, vor der ich mein kummervolles Herz ausschütten würde, um die Theilnahme bei ihr zu finden, welche ich durch den Hintritt derjenigen verloren hatte, die einst meine Freunde waren. Ja, Jacob, diejenigen, mit denen ich in meiner Jugend bekannt war, die wenigen, denen ich vertraute, und auf die ich mich stützte, liegen jetzt hier und modern; meine Zeitgenossen sind an mir vorübergegangen, und nun baue ich auf dich, mein Sohn, den ich auf den rechten Pfad geführt habe, und der unter dem Beistande Gottes darauf geblieben ist. Wahrlich, du bist ein Trost für mich, Jacob, und trotz deiner Jugend fühle ich doch, daß ich in dir einen Freund gefunden habe, dem ich vertrauen kann. Gott segne dich, Jacob, Gott segne dich, mein Junge, und ehe ich zu denjenigen versammelt werde, welche vor mir dahingegangen find, möchte ich dich versorgt und glücklich wissen. Dann würde ich sagen: Nunc dimittis – Herr, nun lässest Du Deinen Diener im Frieden fahrend« »Ich schätze mich glücklich, Sir,« erwiederte ich, »von Ihnen zu hören, daß Sie Ihren Trost in mir finden, denn ich bin Ihnen für alle Ihre Güte gegen mich von Herzen dankbar; demungeachtet aber wünschte ich, Sie bedürften keines Trostes.« »Jacob, in welchem Theile seines Lebens bedarf der Mensch nicht Trost und Stärkung – von der Zeit an, wo er als Kind sein weinendes Gesicht im Schooße seiner Mutter birgt, bis zu der Stunde, die ihn zur letzten Rechenschaft abfordert? Nicht, als ob ich diese Welt, wie sie Manche geschildert haben, für ein Jammerthal ansähe. Nein, Jacob, es ist eine schöne Welt, eine herrliche Welt, und würde auch eine glückliche Welt sein, wenn wir nur die Sinne und die Leidenschaften bezähmen könnten, mit welchen wir begabt sind, um die Schönheit, die Mannigfaltigkeit, die unerschöpfliche Segensfülle eines gnadenreichen Himmels zu genießen. Alles ist zum Genuß und zur Beseligung gemacht, aber wir selbst beflecken durch Uebertreibung, was ursprünglich rein ist. Gesund und erfrischend ist der Trank, den der ermattete Wanderer aus der reichen, überfluthenden Quelle schöpft; aber wenn er kopfüber hineinstürzt, so trübt er den Born und verwandelt das Wasser in Bitterkeit. So ward uns der Wein gegeben, Jacob, um das Herz des Menschen zu erheitern; und warst du nicht selbst Zeuge, daß sich dein Lehrer durch Unmäßigkeit entwürdigte? So ward uns die Liebe als eine Quelle des süßesten Glückes eingepflanzt – eine Liebe, wie sie gegen dich in meinem Busen glüht: und doch hast du gesehen, wie dein Lehrer, durch den Wahnsinn eines sechzigjärigen Alters verblendet, in seiner Thorheit an einem Mädchen hing und die süßen Gefühle in eine Quelle des Elendes und der Seelenangst verwandelte.« Ich antwortete nicht, denn die Worte des Domine machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich erwog sie in meinem Geiste. »Jacob,« fuhr er nach einer Pause fort, »nächst dem Buche des Lebens gibt es keinen heilsameren Gegenstand der Betrachtung, als das Buch des Todes, von dem jeder Stein, der uns hier umgibt, als ein Blatt angesehen werden kann, und jedes Blatt eine Lehre enthält. Lies dasjenige, welches vor uns liegt. Es könnte hart erscheinen, daß ein einziges Kind seinen liebenden Eltern entrissen wurde, welche auf diesem Stein unvollkommen ihren Schmerz ausdrücken; es könnte hart erscheinen, daß ihre Wonne, ihr Trost, der Gegenstand ihrer täglichen Sorgfalt, ihrer ersten Gedanken, wenn sie erwachten, ihrer letzten verschwimmenden Erinnerungen, wenn sie in den Schlaf sanken, das einzige Bild ihrer Träume von ihnen genommen wurde; aber ich kannte sie, und der Himmel war gerecht und barmherzig. Das Kind hatte sie von ihrem Gott abgezogen – sie lebten nur in ihm, sie hatten keinen Gott mehr in der Welt. Das Kind allein besaß ihre Liebe, und sie wären verloren gewesen, hätte er es nicht in seiner Barmherzigkeit zu sich genommen. Komm hieher, Jacob.« Ich folgte dem Domine, bis er vor einem andern Grabsteine in einer Ecke des Kirchhofes stand. »Dieser Stein, Jacob, bezeichnet den Ort, wo die irdischen Ueberreste eines Mannes liegen, der einer meiner frühesten und theuersten Freunde war – denn in meiner Jugend hatte ich Freunde, weil ich Aussichten hatte und nicht von ferne daran dachte, daß es Gott gefallen würde, mich auf den Posten zu stellen, zu dem er mich berufen. Er hatte nur einen einzigen Fehler, der in seinem Leben eine Quelle des Elendes und die Ursache seines frühzeitigen Todes für ihn wurde: er hatte ein unversöhnliches Gemüth. Nie vergab er eine Beleidigung; der arme, sündige Sterbliche vergaß, wie sehr wir bedürfen, daß uns vergeben werde. Er bekam Streit mit seinen Verwandten und fiel in einem Zweikampf mit seinem Freunde. Ich erwähne dieses Vorfalls, Jacob, weil er eine Lehre für dich enthält – nicht, als ob ich mich würdig fühlte, dein Lehrer zu sein, denn ich bin gedemüthigt, sondern aus Wohlwollen und Liebe gegen dich, um dich zu bestimmen, diesen Fehler deines Gemüthes zu verbessern.« »Ich habe mich mit Herrn Drummond bereits wieder ausgesühnt, Sir,« antwortete ich; »aber dennoch soll Ihre Erinnerung nicht weggeworfen sein.« »Wirklich, Jacob? dann ist mein Herz sehr erleichtert. Ich hege das Vertrauen, du wirst dir nicht länger selbst im Wege stehen und die Vorschläge annehmen, die er dir in der Fülle seines Herzens machen wird, um dich für die Vergangenheit zu entschädigen.« »Nein, Sir, das kann ich nicht versprechen: ich wünsche unabhängig zu sein und mein Brod selbst zu erwerben.« »Dann höre mich, Jacob, denn der Geist der Weissagung spricht aus mir: es wird eine Zeit kommen, wo du es bitter bereuen wirst. Du hast durch meine schwachen Bestrebungen eine Erziehung empfangen, und bist von der Vorsehung mit Talenten ausgestattet worden, welche weit über der Sphäre stehen, an der du so hartnäckig festhältst; es wird eine Zeit kommen, wo du es bereuen, bitter bereuen wirst. Betrachte dieses marmorne Denkmal mit dem reich verzierten Wappen. Es ist das Grabmal eines stolzen Mannes, dessen Laufbahn mir wohl bekannt ist. Er lebte in beschränkten Verhältnissen, wiewohl er von einem edeln Geschlechte abstammte – es ging ihm, wie dem Haushalter in der heiligen Schrift, ›arbeiten konnte er nicht, und zu betteln schämte er sich‹. Er hätte es in der Welt zu etwas gebracht, aber sein Stolz erlaubte es nicht. Er hatte sich Freunde erwerben können, aber sein Stolz erlaubte es nicht. Er hätte sich mit Reichthum und Schönheit vermählen können, aber sie führte kein Wappen, und sein Stolz erlaubte es nicht. Er heirathete und hinterließ seinen Kindern die Armuth als Erbtheil. Er starb, und das Wenige, was er besaß, wurde den Bedürfnissen seiner Kinder entzogen, um seinem Staube dieses Denkmal zu erbauen. Glaube ja nicht, daß ich den Stolz der Tugend tadle, der uns vor unwürdigen Handlungen bewahrt. Ich möchte nur den verkehrten Stolz unterdrücken, der dich deine Zukunft kosten wird. Was du Unabhängigkeit nennst, Jacob, ist nichts als Stolz.« Ich mochte es nicht zugestehen, daß ich mit dem Domine übereinstimmte; wiewohl mir etwas in meiner Brust sagte, daß er Recht hatte, und gab daher keine Antwort. Der Domine versank in Gedanken – endlich aber fuhr er fort: »Ja, es ist eine schöne Welt, denn der Geist Gottes beseelt sie. Bei der Scheidung der Elemente schwebte er über den Wassern und ist seither bei uns geblieben; er ist überall zugegen, wiewohl wir ihn nicht sehen. Wir erkennen seine Hand in der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Schöpfung – seinen Geist sehen wir nicht, aber wir vernehmen ihn in der Stimme unseres Gewissens, welche uns auf den rechten Weg leitet. – Jetzt, Jacob, müssen wir umkehren, denn ich muß noch Kinderlehre und Kollekte halten.« Ich nahm Abschied vom Domine und ging zu Herrn Turnbull, dem ich Alles mittheilte, was sich seit meinem letzten Besuche ereignet hatte. Er freute sich sehr über meine Aussöhnung mit Herrn Drummond und drückte seine große Theilnahme an der jungen Dame aus, welcher die zinnerne Büchse gehörte, die in seinem Besitze war. »Ich vermuthe, Jacob, daß sich dieß Geheimniß bald aufklären wird.« »Ich habe dem Herrn nichts davon gesagt, daß wir im Besitze der zinnernen Büchse seien,« versetzte ich. »Nein, aber du hast es doch der jungen Dame gesagt, alberner Junge; glaubst du denn, sie werde ihm ein Geheimniß daraus machen?« »Sie haben Recht, ich hatte das vergessen.« »Jacob, es wäre mir lieb, wenn du zu Herrn Drummond gingest, und seine Familie wieder besuchtest. Du mußt das thun.« Ich entschuldigte mich. »Nein, ich will dir eine hübsche Gelegenheit dazu geben, ohne deinen Stolz zu verwunden,« versetzte Turnbull. »Ich bin ihm einiges Geldes für Wein schuldig, den er für mich gekauft hat, und will die Summe durch dich hinschicken.« Dieß ließ ich mir gefallen, weil ich gerade nichts gegen eine Gelegenheit einzuwenden hatte, Sarah wieder zu sehen. Ich speiste mit Herr Turnbull, welcher eben allein war, da sich seine Frau zum Besuch bei einer Verwandten auf dem Lande befand. Er wiederholte seinen Vorschlag, das Gewerbe eines Kahnführers aufzugeben; aber wenn ich ihn auch nicht mit derselben Ungeduld anhörte, wie früher, und nicht mehr so viele Einwendungen gegen ihn vorbrachte, so lehnte ich doch sein Anerbieten ab, und wir ließen die Sache fallen. Herr Turnbull war zufrieden, daß mein Widerstand geschwächt war, und hoffte mit der Zeit den gewünschten Erfolg zu erleben. Als ich nach Hause kam, sagte mir Marie, Tom Beazeley sei hier gewesen; sein Kahn werde gebaut, sein Vater habe den Lichter aufgegeben und sei jetzt emsig mit der Tafel beschäftigt, wodurch er Kunden anzulocken hoffe, um in seinem neuen Geschäfte Arbeit zu bekommen. Ich hatte am andern Morgen meinen Kahn noch nicht vom Strande geschoben, als der junge Gentleman kam, dem ich den Brief geschickt hatte. »Ehrlich,« sagte er, »kommen Sie mit mir in's Wirthshaus; ich muß mit Ihnen sprechen.« Ich folgte ihm, und sobald wir im Zimmer waren, begann er: »Zuerst will ich meine Schuld bezahlen, denn ich bin Ihnen tief verpflichtet.« Damit legte er fünf Guineen auf den Tisch. »Ich höre von Cäcilien,« fuhr er fort, »daß Sie im Besitze der zinnernen Büchse sind, welche nachher von beiden Theilen so eifrig gesucht wurde. Warum haben Sie mir das nicht mitgetheilt, und warum sagten Sie mir nicht, daß Sie derselbe sind, den ich an dem Abend miethete, an welchem ich so unglücklich war?« »Ich betrachtete das Geheimniß als ein Eigenthum der jungen Dame, und da ich ihr es mitgetheilt hatte, so überließ ich es ihrem Gutdünken, Sie damit bekannt zu machen, oder nicht.« »Dieß war jedenfalls überlegt und klug von Ihnen, wiewohl es hier unnöthig war. Nichts desto weniger freut es mich, daß Sie so gehandelt haben, denn es liefert mir den Beweis, daß Sie zuverlässig sind. Nun sagen Sie mir, wer ist der Herr, der bei Ihnen im Boote war und die zinnerne Büchse in Verwahrung hat? Bemerken Sie, Ehrlich, ich habe nicht die Absicht, sie zurückzufordern. In Ihrer Gegenwart werde ich ihm alle Verhältnisse auseinandersetzen und es ihm selbst überlassen, ob er die Papiere dem andern Theile oder mir einhändigen will. Können Sie mich zu ihm führen?« »Ja, Sir,« erwiederte ich, »das kann ich, wenn es Ihnen gefällig ist; in einer halben Stunde will ich Sie hinrudern. Das Haus liegt am Strome.« Der junge Mann sprang in meinen Nachen, und es dauerte keine halbe Stunde, bis wir uns in Herrn Turnbulls Wohnzimmer befanden. Ich wiederhole die Unterredung nicht im Einzelnen, sondern gebe nur die Umrisse von der Geschichte des jungen Mannes. Siebentes Kapitel. Eine lange Geschichte, sie endigt mit dem Oeffnen der zinnernen Büchse, welche Verhandlungen enthält, die weit befriedigender für Herrn Wharncliffe sind als die Verhandlungen seines Oheims. – Ich fange an, die Segnungen der Unabhängigkeit zu fühlen, und komme auf den Argwohn, daß ich wie ein Narr gehandelt habe. – Nach einer zweijährigen Betrachtung überzeuge ich mich völlig davon, und es ist »kein Mißverstand«, wie Tom sagt. »Der Herr, der uns an der Entführung der jungen Dame hinderte, ist unser beiderseitiger Oheim. Wir sind also Geschwisterkinder. Unser Familienname ist Wharncliffe. Mein Vater war Major in der Armee. Er starb, als ich noch ganz jung war; meine Mutter lebt noch und ist eine Schwester von Lady Auburn. Cäciliens Eltern sind beide todt. Ihr Vater ging nach Indien zu seinem Bruder, einem andern Oheim, von dem ich sogleich sprechen werde. Seit drei Jahren ist er todt, und von den vier Brüdern befindet sich nur noch Einer am Leben, nämlich mein Oheim, bei welchem Cäcilie ist, und der den Taufnamen Heinrich führt. Er war Rechtsconsulent, kaufte sich aber später ein Amt, das er noch heute verwaltet. Mein Vater, der William hieß, starb in sehr mittelmäßigen Vermögensverhältnissen; doch hinterließ er so viel, daß meine Mutter davon leben und mir eine standesgemäße Erziehung geben konnte. Ich wurde unter meinem Oheim Heinrich, bei dem ich mehrere Jahre lang wohnte, zum Advokaten gebildet. Cäciliens Vater, welcher sich Eduard nannte, hinterließ nichts. Er hatte sein Vermögen in England verloren und war auf die Einladung meines Oheims in Indien, welcher James hieß und ein großes Vermögen gesammelt hatte, nach Indien gegangen. Bald nach dem Tode von Cäciliens Vater kam mein Oheim James auf Besuch in sein Vaterland; er bekleidete eine sehr hohe und einträgliche Stelle bei der ostindischen Compagnie. Ein Junggeselle aus Vorliebe, war er doch ein großer Freund der Jugend, und da er nur einen Neffen und eine Nichte hatte, denen er sein Vermögen hinterlassen konnte, so war er kaum mit Cäcilien, die er mit sich brachte, angekommen, als er mich sehnsüchtig aufsuchte. Er nahm seine Wohnung bei meinem Oheim Heinrich und blieb während seines ganzen Aufenthalts in England bei ihm; aber mein Oheim James hatte ein sehr launenhaftes und veränderliches Temperament. Mich liebte er am meisten, weil ich ein Knabe war, und eines Tages erklärte er, ich sollte seine Erbe sein. Am andern Tage aber änderte er seinen Plan und sagte, Cäcilie, die er ebenfalls außerordentlich liebte, solle sein ganzes Vermögen erhalten; erzürnten wir ihn aber, denn ein Knabe von sechszehn und ein Mädchen von vierzehn Jahren fragen wenig nach weltlichen Rücksichten, so drohte er uns beiden mit Enterbung. Geld galt ihm Alles; es war der tägliche Gegenstand seiner Unterhaltung, seine einzige Leidenschaft, und er schätzte den Werth der Menschen blos nach ihrem Besitzthum. Bei diesen Gesinnungen verlangte er von Cäcilien und mir, als seinen muthmaßlichen Erben, die größte Ehrerbietung; aber wenn ihm auch diese nicht zu Theil wurde, so war er doch im Ganzen mit uns zufrieden; und nach einem dreijährigen Aufenthalte in England kehrte er nach Ostindien zurück. Ich hatte ihn zu meinem Oheim sagen hören, er beabsichtige sein Testament zu machen, und es bei ihm zu lassen, bevor er unter Segel gehe; aber ich wußte nicht gewiß, ob es geschehen war, oder nicht. Auf jeden Fall sorgte mein Oheim Heinrich für meine Entfernung, denn er übte damals den Beruf eines Rechtsconsulenten aus, und ich arbeitete auf seiner Schreibstube. Erst nachdem mein Oheim James nach Indien zurückgekehrt war, gab er sein Geschäft auf und kaufte sich die oben erwähnte Stelle; Cäcilie blieb bei meinem Oheim Heinrich, und da wir in dem gleichen Hause wohnten, reifte unsere gegenseitige Zuneigung mit der Zeit zur Liebe. Wir lachten oft über die Drohungen meines Oheims James und kamen mit einander überein, welchen von beiden auch das Vermögen zufallen sollte, es zu theilen. »Mittlerweile verfolgte ich meine Laufbahn in einem andern Hause, an welchem ich gegenwärtig noch Theil habe. Vier Jahre nach der Rückkehr meines Oheims James nach Ostindien erhielten wir die Nachricht von seinem Tode; zugleich aber wurde gemeldet, daß kein Testament aufgefunden werde, und man vermuthete, er sei ohne letzte Willensverfügung gestorben. Natürlich trat mein Oheim Heinrich als gesetzlicher Erbe in den Besitz des ganzen Vermögens, und so waren meine und Cäciliens Hoffnungen vernichtet. Aber dieß war noch nicht das Schlimmste: mein Oheim, der unsere gegenseitige Neigung kannte und bisher keine Einwendung gemacht hatte, sah sich kaum im Besitze des Vermögens, als er Cäcilien zu seiner Erbin erklärte, wenn sie seinen Wünschen gemäß heirathen würde. Dabei machte er sie darauf aufmerksam, daß ihr ein Vermögen, wie sie es zu erwarten habe, eine Verbindung unter dem höchsten Adel des Königreichs sichere. Mir sagte er unumwunden, er finde es räthlich, daß ich mich nach einer eigenen Wohnung umsehe und nicht länger unter Einem Dache mit meiner Cousine wohne, da nichts Gutes daraus entstehen könne. So waren nicht nur unsere Hoffnungen zertrümmert, sondern auch die Entwürfe unserer gegenseitigen Liebe durchkreuzt. »In wildem Groll über diese Zumuthungen verließ ich das Haus, aber zugleich drängte sich mir der Argwohn auf, mein Oheim James habe ein Testament nachgelassen, denn ich erinnerte mich der Worte, die er vor seiner Abreise nach Indien zu meinem Oheim Heinrich gesagt hatte. Mein Oheim hatte eine Büchse mit Papieren – eben diejenige, die jetzt in Ihrem Besitze ist – welche er stets in seinem Schlafzimmer aufbewahrte. Ich war überzeugt, daß sich das Testament, wenn es nicht vernichtet war (und einer solchen Veruntreuung hielt ich meinen Oheim nicht für fähig) in der Büchse befand. Wäre ich im Hause geblieben, so würde ich leicht Mittel gefunden haben, sie zu öffnen; aber dieß war nicht länger möglich. Ich theilte Cäcilien meinen Verdacht mit, und bat sie, einen Versuch zu machen, was sehr leicht sein würde, da ihr mein Oheim, selbst wenn er wirklich Verdacht hätte, nicht so viel Muth zutrauen würde. Cäcilie versprach es, und eines Tages ließ mein Oheim glücklicher Weise seine Schlüssel auf dem Tische liegen, als er zum Frühstück herabging und, ohne sie zu vermissen, das Haus verließ, Cäcilie fand sie und öffnete die Büchse. Unter andern Pergamenten fand sich ein Dokument, das durch seine Aufschrift als das Testament unseres Oheims James bezeichnet war; aber Frauenzimmer verstehen wenig von solchen Dingen, und die Furcht, mein Oheim möchte zurückkommen, machte sie so verwirrt, daß sie es nicht genauer untersuchen konnte. Als sie eben die Büchse wieder verschlossen und die Schlüssel auf den Tisch gelegt hatte, kehrte mein Oheim wirklich zurück, um seine Schlüssel zu holen. Er fragte sie, was sie hier mache, und sie antwortete mit irgend einer Entschuldigung. Er sah die Schlüssel auf dem Tische, und mochte er nun aus der hohen Röthe ihrer Wangen Verdacht schöpfen, oder befürchten, ich möchte sie zu einem späteren Versuch veranlassen, – kurz, er verschloß die Büchse in einem Verschlag und übergab, wie ich glaube, den Schlüssel zu demselben seinem Banquier. Als mir Cäcilie schrieb, was vorgegangen war, ersuchte ich sie, auf Mittel zu denken, den Verschlag zu öffnen, damit wir uns in den Besitz der Büchse setzen könnten; dies war leicht zu bewerkstelligen, da der Schlüssel eines andern Verschlags genau paßte. Ich überredete sie, sich unter meinen Schutz zu stellen, und sich alsbald mit mir trauen zu lassen; zugleich hatten wir es so angeordnet, daß uns die Büchse begleiten sollte. Sie wissen, Sir, wie unglücklich unser Versuch ausfiel, wenigstens insofern unglücklich, als ich, wie ich glaubte, nicht nur Cäcilien, sondern auch die zinnerne Büchse verlor, und die große Aengstlichkeit, womit mein Oheim Heinrich ihre Wiederentdeckung betrieb, bestärkte mich völlig in meiner Ueberzeugung, daß diese das Testament meines Oheims enthalte. Seit dem Verluste befindet er sich in einem solchen Zustande der Aufregung, daß er zu einem Schatten geworden ist. Er hat nur noch die einzige Hoffnung, der gemiethete Schiffmann möchte, in Erwartung, Geld zu finden, die Büchse aufgebrochen, und als er sich getäuscht sah, aus Furcht vor Entdeckung die Papiere vernichtet haben. In diesem Falle, der in weniger guten Händen leicht hätte zutreffen können, wäre sein höchster Wunsch – der Wunsch, die Papiere ohne eigenes Zuthun vernichtet zu wissen – erfüllt worden. Nun, Sir, habe ich Ihnen die ganze Sache vollständig und redlich auseinandergesetzt, und überlasse es Ihnen, zu entscheiden.« »Wenn Sie dieß mir überlassen, so wird bald entschieden sein,« versetzte Herr Turnbull. »Eine Büchse ist mir in die Hände gekommen, und der Eigenthümer ist mir unbekannt. Ich öffne sie, fertige ein Verzeichniß von den Papieren, welche sie enthält, und schreibe sie in den Times und andern Zeitungen aus. Ist der letzte Wille Ihres verstorbenen Oheims darunter, so wird er natürlich mit den andern Papieren angezeigt; und nach einer solchen Veröffentlichung wird Ihr Oheim Heinrich vermuthlich keine Einrede wagen, sondern froh sein, wenn er nicht blosgestellt wird.« Herr Turnbull ließ einen Schlosser rufen, und die zinnerne Büchse wurde geöffnet. Sie enthielt das Dokument von Oheim Heinrichs Ankauf der Gerichtsstelle und einige andere Papiere, aber noch außerdem das so eifrig gesuchte Pergament, den letzten Willen von James Wharncliffe Esq., datirt zwei Monate vor seiner Abreise aus England. »Ich bin der Ansicht,« bemerkte Herr Turnbull, »daß es in jedem Falle räthlich sein wird, das Testament in Gegenwart von Zeugen zu verlesen. Sie sehen, daß es von Heinrich Wharncliffe nebst zwei weiteren Personen unterzeichnet ist. Lassen Sie uns ihre Namen aufzeichnen.« Das Testament wurde auf Herrn Turnbull's Aufforderung von dem jungen Wharncliffe vorgelesen. Sonderbarer Weise vermachte der Hingeschiedene sein ganzes Vermögen seinem Neffen William Wharncliffe und seiner Nichte Cäcilie, im Falle sie sich heiratheten; sollte dieß nicht geschehen, so erhielt jedes derselben zwanzigtausend Pfund, und das übrige Vermögen das erste männliche Kind, das nach der Heirath der Nichte oder des Neffen geboren würde. Seinem Bruder war die Summe von zehntausend Pfund vermacht, nebst einer bedeutenden Rente, die aus dem Vermögen bezahlt werden sollte, so lange seine Nichte bei ihm wohnen würde. Sobald das Testament verlesen war, nahm es Herr Turnbull wieder an sich, worauf er Herrn Wharncliffe die Hand gab, und seinen Glückwunsch darbrachte. »Ich fühle mich Ihnen so sehr verpflichtet. Sir, daß ich meine Dankbarkeit kaum ausdrücken kann, und doch bin ich diesem gescheiden Burschen, Ehrlich, noch mehr verbunden. Sie dürfen nicht länger Fährmann bleiben, Ehrlich;« und Herr Wharncliffe reichte mir die Hand. Auf letztere Bemerkung gab ich keine Antwort, denn Herr Turnbull hatte sein Auge auf mich geheftet; ich bemerkte nur, daß ich mich sehr glücklich schätze, ihm einen Dienst geleistet zu haben. »Sie können mit Wahrheit sagen, Herr Wharncliffe,« sagte Herr Turnbull, »daß Sie ihm Ihr künftiges Glück verdanken; und da aus dem Testament hervorgeht, daß Sie jährlich Ihre sicheren neuntausend Pfund in den Fonds besitzen, so denke ich, Sie setzen einen Preiskahn aus, um den alljährlich gerudert werden soll.« »Und dieß will ich als eine vollständige Bezahlung für meinen Antheil an dieser Verhandlung betrachten,« versetzte ich. »Und nun,« sagte Herr Turnbull, die Antwort abschneidend, die Herr Wharncliffe zu geben im Begriff stand, »scheint mir eine Bloßstellung sehr leicht vermieden werden zu können – der Fall ist zu klar. Besuchen Sie Ihren Oheim – theilen Sie ihm mit, in wessen Händen sich die Dokumente befinden – sagen Sie ihm, er müsse sich Ihren Bedingungen unterwerfen, das heißt, die Willensverfügung genehmigen und die Vermählung alsbald gestatten, worauf dann nichts mehr über den Gegenstand gesprochen werde. Als Rechtsanwalt weiß er, wie streng und entehrend die Strafe sein würde, die er für seine Handlungsweise erleiden müßte, und er wird sich glücklich schätzen, sich Ihren Bedingungen zu fügen. Mittlerweile behalte ich die Papiere, denn ich werde sie nicht aus der Hand geben, bis sie in Doctors Commons niedergelegt werden müssen.« Herr Wharncliffe konnte diese verständige Anordnung nur billigen, und wir trennten uns. Um nun meine Erzählung nicht zu unterbrechen, will ich dem Leser sogleich mittheilen, daß sich Herrn Wharncliffe's Oheim in Zeit und Umstände schickte, sich scheinbar über die Auffindung des Testamentes freute, des Verlustes seiner zinnernen Büchse nie mehr gedachte und die Hand Cäciliens in die Hand Wilhelms legte, worauf sie, einen Monat nach der eben erwähnten Zusammenkunft mit Herrn Turnbull, vermählt wurden. Der Kriegsrath zog sich so sehr in die Länge, daß ich den Auftrag Herrn Turnbulls an Herrn Drummond auf den folgenden Tag verschieben mußte. Ich ging um eilf Uhr von Hause fort und langte um zwölf Uhr Mittags an. Der Diener kannte mich nicht, als ich an der Thüre pochte. »Was wollt Ihr?« »Ich wünsche Frau oder Fräulein Drummond zu sprechen; mein Name ist Ehrlich.« Ehe er hinaufging, hieß er mich in der Halle Platz nehmen, indem er beifügte: »Putzt auch Eure Schuhe ab, Bursche.« Ich kann eben nicht sagen, daß ich über diesen Befehl, wie ich ihn wohl nennen mag, sehr erfreut war; er kehrte jedoch bald wieder zurück und ersuchte mich, hinaufzugehen, was ich mir nicht zweimal sagen ließ. Ich fand Sarah allein im Gastzimmer. »Es freut mich sehr, Sie zu sehen, Jacob, und thut mir leid, daß Sie unten so lange warten mußten, aber – wenn Leute, die etwas anderes sein könnten, mit Gewalt Schiffer sein wollen, so ist das nicht unsere Schuld. Die Bedienten urtheilen blos nach dem äußern Schein.« Ich fühlte mich für einen Augenblick gekränkt, aber es ging schnell vorüber; wir setzten uns neben einander und plauderten eine Zeitlang. »Das Geschenk, das ich Ihnen zu machen hatte, war eine Börse, die ich selbst strickte, damit Sie – Ihren Verdienst darin aufbewahren können,« sagte sie lachend, und hielt dann spottend ihren Zeigefinger empor: »Boot, Sir? Boot, Sir? Nun Jacob, es geht doch nichts über Unabhängigkeit, und Sie müssen mir's nicht verargen, wenn ich Sie auslache.« »Ich achte das nicht, Sarah,« versetzte ich (aber ich bekümmerte mich sehr viel darum); »das ist nichts Entehrendes.« »Gewiß nicht,« erwiederte sie, »aber ein Mangel an Ehrgeiz, den ich nicht verstehen kann. Uebrigens wollen wir nicht mehr davon reden.« Frau Drummond trat in's Zimmer und grüßte mich freundlich. »Wann können Sie zu Mittag speisen, Jacob? Wollen Sie am Mittwoch kommen?« »Mutter, am Mittwoch geht's nicht; wir haben Gesellschaft.« »Du hast recht, mein Schatz, ich hatte es vergessen; aber am Donnerstag sind wir ganz allein; wollen Sie am Donnerstag kommen, Jacob?« Ich zögerte mit der Antwort, denn ich fühlte, daß ich wegen meines Gewerbes als Kahnführer nicht an dem Tisch zugelassen wurde, wo ich früher mitzuspeisen gewohnt war, mochte eingeladen sein, wer wolle. »Ja, Jacob,« sagte Sarah, zu mir tretend, »am Donnerstag; aber Sie dürfen es uns nicht abschlagen; denn wenn wir auch vornehmeren Besuch am Mittwoch haben, so wird mir doch diese Gesellschaft nicht so angenehm sein, als die Ihrige am darauf folgenden Tage.« Diese Schmeichelei entschied, und ich nahm die Einladung an. Herr Drummond trat ein, und ich übergab ihm den Wechsel Herrn Turnbulls. Er war sehr freundlich, sagte aber nicht viel weiter, als es freue ihn sehr, daß ich auf Donnerstag zugesagt habe. Der Bediente kam und meldete den Wagen; dieß war ein Zeichen, daß ich Abschied nehmen mußte. Sarah reichte mir die Hand und bemerkte lachend, es sei unbillig von ihnen, mich länger zurückzuhalten, da ich bereits ein halb Dutzend Kunden verloren haben müsse. »Eilen Sie also zu Ihrem Boote hinunter, ziehen Sie den Rock aus und bringen Sie die verlorene Zeit wieder ein,« fuhr sie fort; »die Mutter und ich, wir beide wollen nächster Tage auch eine Wasserfahrt machen, um Ihnen etwas zu verdienen zu geben.« Ich lachte und ging, fühlte mich aber bitter gekränkt. Ich konnte mich ihnen nicht gleich stellen, weil ich ein Fährmann war. Der Spott Sarah's ging nicht spurlos an mir vorüber; aber er war mit so viel Freundlichkeit vermengt, daß ich ihr nicht zürnen konnte. Am Donnerstag kam ich zu Tisch, wie wir verabredet hatten; sie waren ganz allein und voll freundlicher Aufmerksamkeit, aber dennoch herrschte ein gewisser Zwang, der sich auch mir mittheilte. Nach Tisch war Herr Drummond ziemlich schweigsam; er sprach kein Wort von einer neuen Anstellung in seinen Diensten, und fragte mich mit keiner Sylbe, wie ich mich bei meinem selbst erwählten Gewerbe befinde. Im Ganzen fühlte ich mich sehr unbehaglich. Ich verabschiedete mich bald und hatte wenig Neigung, den Besuch zu erneuern. Ich muß hier bemerken, daß sich Herr Drummond jetzt in einem ganz andern Kreise bewegte, als früher. Er war der Geschäftsführer verschiedener großer Häuser im Ausland und erwarb sich in kurzer Zeit ein sehr bedeutendes Vermögen. Auch hatte er sein Hauswesen auf einen ganz neuen Fuß gestellt; denn Alles war mit dem feinsten Geschmacke eingerichtet und streifte an Ueppigkeit. Während ich den Strom hinaufruderte, sagte mir etwas in meiner Brust, des Domine Weissagung werde in Erfüllung gehen, und ich es einst bereuen, die Verwendung Herrn Drummonds ausgeschlagen zu haben – ja, ich wußte nicht, ob ich nicht schon in diesem Augenblicke die Klugheit meiner starrköpfigen Liebe zur Unabhängigkeit stark bezweifelte. Und nun, Leser, will ich dich nicht mit gleichgültigen Vorfällen hinhalten und bitte dich deßhalb um Erlaubniß, zwei Jahre zu überspringen, bevor ich meine Erzählung wieder aufnehme. Den geschichtlichen Inhalt dieses Zeitraums will ich auf ein paar Seiten zusammenfassen. Der Domine ging immer seinen gleichen Schritt fort – schneuzte seine Nase und handhabte sein Birkenreis mit dem gewohnten Eifer. Selten verstrich ein Sonntag, ohne daß ich ihm einen Besuch abstattete und seinen Rath einholte. Herr Turnbull war immer freundlich und zuvorkommend, aber seine Gesundheit nahm allmählig ab; er erholte sich nie mehr von den Folgen seines Unfalls auf der Themse. Von dem Drummond'schen Hause sah ich wenig; wenn ich kam wurde ich freundlich empfangen, aber nie besuchte ich sie unaufgefordert. Gewöhnlich machte ich meine Aufwartung blos, wenn ich durch Tom eine Einladung erhalten hatte. Sarah war eine sehr schöne Jungfrau geworden, und da es allgemein bekannt war, daß Herr Drummond ein sehr großes Vermögen besaß und nur dieses einzige Kind hatte, so war sein Haus bald der Sammelplatz eines weit höheren Cirkels, als er früher bei sich zu sehen gewohnt gewesen. Mit jedem Tage erweiterte sich die Kluft, und ich fühlte mich immer weniger geneigt, in diesem Hause zu erscheinen. Stapleton rauchte seine Pfeife und sprach über Menschennatur , wie immer. Marie war eine sehr schöne Jungfrau geworden, blieb aber so gefallsüchtig wie früher. Der arme Tom Beazeley hatte sich förmlich in ihr Netz verstrickt und folgte ihr auf allen Schritten, obgleich sie nur ihr Spiel mit ihm trieb, indem sie ihn bald aufmunterte und freundlich anlächelte, bald wieder zurückstieß und verlachte. Tom ertrug Alles, denn er war bezaubert; und nachdem er mir das Geld, das ich ihm zu seinem Kahne vorgestreckt hatte, wieder zurückgegeben, verwendete er seinen ganzen Verdienst zu hübschen Kleidern und Geschenken für Marien. Von meiner Obhut hatte er sich völlig losgesagt; sie schien eine Freude daran zu haben, Alles zu thun, von dem sie wußte, daß es mir mißfiel; obschon wir als Bewohner desselben Hauses auf ziemlich freundschaftlichem Fuße stunden. Der alte Tom Beazeley hatte sein Schild aufgerichtet und sehr viel zu thun. Täglich sah man ihn an aller Art Nachenboden hämmern, und hörte ihn seine Arbeit durch die Mannigfaltigkeit seiner Gesänge erheitern. Ich besuchte ihn auf meinen Stromfahrten oft und brachte dann und wann auch einige Stunden bei ihm zu, indem ich auf seine Fäden hörte, die eben so unerschöpflich waren als seine Lieder. Was mich selbst betrifft, so habe ich mehr von Gefühlen, als von Handlung zu erzählen. Mein Leben glitt still und langsam dahin wie mein Kahn. Ein Tag glich dem andern, mit unbedeutender Abwechslung der Vorfälle und Kunden. Bekannte hatte ich wenig, und Besuche machte ich selten. In den langen Sommerabenden, in welchen Marie unter Begleitung Toms oder eines andern Anbeters ausging, kehrte ich zu meinen Büchern zurück. Herrn Turnbulls Bibliothek stand mir zu Gebot, und ich benützte sie fleißig. Nach einiger Zeit wurde mir das Lesen zur Leidenschaft, und man sah mich selten ohne ein Buch in der Hand. Aber wenn ich auch meinen Geist ausbildete, so fühlte sich mein Herz doch nicht glücklicher. Im Gegentheil, ich überzeugte mich mehr und mehr, daß ich eine nicht gewöhnliche Thorheit begangen hatte, indem ich mich so fest an meine Unabhängigkeit klammerte. Ich fühlte, daß ich über meiner Sphäre stand und unter Leuten lebte, die nicht meines Gleichen waren – daß ich aus albernem Stolze alle Aussichten weggeworfen hatte, die sich mir von selbst angeboten, und daß ich meine Jugend ungenützt verstreichen ließ. Mit jedem Tage drängten sich mir diese Gedanken schmerzlicher auf, und wie der Domine vorausgesagt hatte, bereute ich meinen Geist der Unabhängigkeit bitter – allein es war zu spät. Herr Drummond erneuerte seine Vorschläge nie wieder, während Herr Turnbull glaubte, ich sei immer noch der gleichen Ansicht, und überdieß in seinen traurigen Gesundheitsumständen – denn er war ein Märtyrer der Gicht – zu viel an sich selbst dachte, um an Andere denken und mich zu einer Trennung von meinem Gewerbe auffordern zu können. Ich selbst war zu stolz, um meine Wünsche laut werden zu lassen, und so setzte ich meine Stromfahrten fort, nun wenig um meinen Erwerb bekümmert, denn ich fühlte mich nur dann glücklich, wenn ich auf den Blättern der Geschichte, oder unter den Blumen der Dichtkunst, bei den Zeiten der Vergangenheit, oder in den Träumen der Einbildungskraft verweilen konnte. Wie man von der Schlange sagt, daß sie in ihrem eigenen Körper ein Heilmittel gegen das Gift ihrer Zähne führe, so wurde mir das Lesen durch die Erweiterung meines Geistes eine Quelle der Unzufriedenheit über meine niedrige Stellung, aber zu gleicher Zeit durch die Abwendung meiner Gedanken von der Gegenwart der einzige Trost in meinem Kummer. Und so überspringe denn, Leser, einen Zeitraum von zwei Jahren, und betrachte die obigen Bemerkungen als einen Umriß, den du nach den Farben deiner Einbildungskraft mit Vorfällen von untergeordneter Bedeutung ausfüllen magst. Ich nehme meine Erzählung wieder auf. Achtes Kapitel. Ein Kapitel voll Verlust für sämmtliche Betheiligte außer dem Leser, wiewohl Tom im Anfang mit seinem Witze wuchert und den vollen Werth seiner Anstrengungen erhält. Wir schließen den schlimmsten Handel, den wir je in unserem Leben geschlossen haben. – Wir verlieren unser Fährgeld, unser Boot und unsere Freiheit. – Lauter Verlust und kein Gewinn. – Zwei Guineen Beweisgründe sind keine zwei Pense werth, außer aus dem Halbdeck eines Kriegschiffes. »Jakob,« sagte Tom zu mir und ruderte seinen Kahn an den Steg neben den meinigen, in welchem ich bei einem von Herrn Turnbull's Büchern saß; »Jacob, erinnerst du dich, daß morgen meine Lehrzeit aus ist? Ich habe meine sieben Jahre abgerudert, und wenn die Sonne aufgeht, bin ich stromfrei. Wie lange hast du noch zu dienen?« »Ungefähr fünfzehn Monate, so viel ich mich erinnern kann, Tom. – Boot, Sir?« »Ja; Schlagruder, mein Junge; aber flink, ich habe Eile. Wie steht die Fluth?« »Nächstens Ebbe, Sir; aber gegenwärtig todt Wasser. Tom, sieh, ob du Stapleton nicht finden kannst.« »Pah! Laß ihn, Jacob; ich will mit dir fahren. Jones, sag' der alten Menschennatur , sie soll auf mein Boot Acht geben,« fuhr Tom zu einem Fährmann von unserer Bekanntschaft fort. »Ich glaubte, du wolltest sie besuchen,« sagte ich zu Tom beim Abstoßen. » Sie kann meinetwegen nach Jericho gehen,« versetzte Tom; »sie ist schlimmer als eine Wetterfahne.« »Was, seid ihr wieder entzweit?« »Ja wohl entzweit – 's ist Alles zwei – wir sind zwei Narren. Sie ist zu launig, ich bin zu verliebt; sie macht mir's zu arg, und ich nehme mir's zu sehr zu Herzen, 's ist aber all eins .« »Ich glaubte, es sei Alles zwei , Tom.« »Aber zwei können zu eins werden, Jacob, mußt du wissen.« »Ja, durch den Pfarrer, aber du bist kein Pfarrer.« »Und doch bin ich jetzt etwas dergleichen,« versetzte Tom, der das andere Ruder führte; »denn du bist ein guter Küster, und ich sitze hinter dir.« »Das ist nicht übel,« bemerkte der Herr auf der Spiegelbank, den wir bei unserem Zwiegespräche vergessen hatten. »Ein Fährmann würde aber einen schlechten Pfarrer abgeben, Sir,« versetzte Tom. »Wie so?« »Er würde nicht ausüben, was er predigte.« »Abermal, wie so?« »Weil er sein ganzes Leben lang nach der einen Seite steht, und nach der anderen rudert.« »Sehr gut, – sehr gut in der That.« »Nein, Sir, gut in der Ausübung, aber nicht gut in der That – das ist die Schwierigkeit.« »Allerdings eine Schwierigkeit, in einem Kahn eine so regelmäßige Kette von Erwiderungen zu finden.« »Nun, Sir, wenn ich heute eine regelmäßige Kette bin, so werde ich morgen eine unregelmäßige Uhr sein.« »Wie so, mein Junge?« »Weil morgen meine Zeit um ist.« »Nimm das, mein Bursche,« sagte der Herr und warf Tomen eine halbe Krone zu. »Danke, Sir; mögen Sie bei unserem nächsten Zusammentreffen mehr Witz haben, als jetzt.« »Was meinst du damit?« »Mehr Witz, um Ihr Geld zu behalten, Sir – das ist Alles.« »Vermuthlich glaubst du, ich habe nicht viel.« »Was, Sir, Witz oder Geld?« »Witz, Bursche.« »Nein, Sir, ich denke, Sie haben beides; denn Witz haben Sie so eben bezahlt, und das würden Sie schwerlich gethan haben, wenn Sie nicht übriges Geld hätten.« »Aber ich meine eigenen Witz.« »Niemand hat eigenen Witz; denn wenn er ihn entlehnt, so ist's nicht sein Witz, und wenn er ihn selbst hat, so ist's Mutter witz, also wieder nicht sein Witz. Wir landeten bei der Londoner Brücke, und der Herr bezahlte mir meine Fahrt. »Guten Tag, Junge,« sagte er zu Tom. »Fahren Sie wohl, denn Sie haben Ihr Fahren wohl bezahlt,« versetzte Tom, seinen Arm ausstreckend, um ihm aus dem Boote zu helfen. »Nun, Jacob, diesen Morgen habe ich mehr mit meinem Kopfe verdient, als mit meinen Händen. Möchte wissen, womit man in die Länge am weitesten kommt.« »Unstreitig mit dem Kopf, Tom; aber am besten ist's, Kopf und Hände wirken zusammen.« Hier wurden wir unterbrochen. – »Fährmann, wollt Ihr ein gutes Fährgeld verdienen?« rief ein kleiner, nicht allzureinlicher, vierschrötiggebauter junger Mann von dunkler Gesichtsfarbe, der oben an der Treppe stand. »Wohin, Sir?« »Nach Gravesend, ihr Spaßvögel, wenn ihr das Salzwasser nicht fürchtet.« »Das ist ein langer Weg, Sir,« erwiederte Tom; »und was das Salzwasser betrifft, so brauchen wir Salz für unsere Suppe.« » Das sollt Ihr haben, Bursche, und ein Glas Grog in den Kauf.« »Ja; aber's ist noch kein Kauf geschlossen, Sir. Jacob, willst du fahren?« »Ja, aber nicht unter einer Guinee.« »Nicht unter zwei Guineen,« flüsterte mir Tom zu. »Haben Sie große Eile, Sir?« fuhr er gegen den jungen Mann fort. »Ja, teufelmäßige Eile; ich verliere sonst mein Schiff. Was fordert Ihr?« »Zwei Guineen, Sir.« »Ganz gut. Kommt nur herauf in's Wirthshaus und holt mein Gepäcke.« Wir holten seine Habseligkeiten, schifften sie ein und fuhren mit der Ebbe den Strom hinunter. Unser Kunde war sehr mittheilsam und sagte uns, er sei Steuermannsgehülfe auf der Immortalité, einer Vierzigkanonenfregatte, die vor Gravesend liege und am nächsten Morgen nach den Dünen abfahren werde, um dort den Befehl zum Absegeln zu erwarten. Wir nahmen die Ebbe mit uns, und Nachmittags hatten wir die Fregatte im Angesicht, deren blaue Flagge stolz über dem Hackebord flatterte. Der Wind staute die Ebbe auf und verursachte ein bedeutendes Wogengedränge. Ehe wir noch die Fregatte erreichten, hatten wir eine ordentliche Menge Wasser geschöpft, und als wir uns anlegten, stampfte der Kahn mit dem Koffer in seinem Buge so heftig, daß wir zu sinken fürchteten. In dem Augenblicke, als das Seil an dem Koffer befestigt wurde, um ihn auf's Schiff zu winden, kam das Langboot mit den Wassertonnen an die Fregatte; und sei es nun Zufall oder Absicht gewesen, – ich vermuthe das Letztere – der Midshipman, der sie steuerte, stieß an unser Boot an. Es wurde eingerannt und füllte sich alsbald. Tom und ich stürzten in's Wasser, und wir liefen Gefahr, zwischen dem Langboot und der Fregattenwand zerquetscht zu werden; aber die Matrosen, welche sich in dem Boote befanden, drückten es mit ihren Rudern weg und zogen uns heraus, während unser Nachen bis zum Rand in's Wasser sank und nach dem Spiegel der Fregatte hinabtrieb. Sobald wir uns ein wenig abgeschüttelt hatten, erklommen wir die Schiffswand und baten einen von den Offizieren, ein Boot, auszuschicken, um unsern Nachen aufzufangen. »Sprecht mit dem ersten Lieutenant, dort ist er,« war die Antwort. Ich ging zu der bezeichneten Person hin und begann: »Wenn Sie die Güte haben wollten, Sir –« »Was zum Teufel wollt Ihr? »Ein Boot, Sir, um – « »Ein Boot? Was Henkers wollt Ihr damit?« »Unsern Kahn auffangen, Sir,« unterbrach ihn Tom. »Fangt ihn selbst auf,« erwiederte der erste Lieutenant und ging weg, um den Matrosen auf dem Takelwerk zuzurufen. »Ihr auf dem großen Mars, hackt Eure Stage ein. Flink, die Raaen niederer! Marinesoldaten und Hinterwache, das Langboot klar gemacht. Hochbootsmannsmate!« »Hier, Sir.« »Pfeift den Marinesoldaten und der Hinterwache zum Klarmachen des Langbootes.« »Sehr wohl, Sir.« »Aber wir werden unser Boot verlieren,« Jacob, sagte Tom zu mir. »Sie haben's eingerannt, nun müssen sie's auch wieder herausfangen.« Tom ging zum Steuermannsgehülfen, den wir an Bord gebracht hatten, und theite ihm unsere Verlegenheit mit. »Meiner Seel', darf kein Wort sagen. Bin selbst in der Klemme, weil ich über Urlaub ausgeblieben. Warum, zum Teufel, habt Ihr nicht Sorge für Euren Kahn getragen und vorwärts geschoben, als Ihr das Langboot kommen sahet?« »Wie konnten wir das, da man eben den Koffer aufwand?« »Sehr wahr. Thut mir leid um Euch, aber muß nach meinem Koffer sehen.« Mit diesen Worten eilte er die Gangtreppe hinunter. »Ich will's noch einmal versuchen,« sagte Tom, vor den ersten Lieutenant tretend. »Ein harter Fall für uns, Sir, Boot und Brod zu verlieren,« bemerkte Tom, an seinen Hut greifend. Da die Marinesoldaten und die Hinterwache jetzt regelmäßig beschäftigt waren, hatte der erste Lieutenant unglücklicher Weise mehr Muße, uns in's Auge zu fassen. Er heftete einen forschenden Blick auf uns und ging nach dem Hinterdeck, um zu sehen, ob der Nachen noch sichtbar sei. In diesem Augenblicke kam der Steuermannsgehülfe, der sich bis jetzt noch nicht gemeldet hatte. »Tom,« sagte ich, »hier ist ein Nachen hart an der Fregatte; wir wollen Hinabsteigen und selbst nach unserm Boote sehen.« »Warte noch einen Augenblick, ob sie uns nicht helfen – und jedenfalls müssen wir unser Geld haben,« versetzte Tom; und wir gingen beide nach dem Hinterdeck. »An Bord gekommen, Sir,« sagte der Steuermannsgehülfe, demüthig seinen Hut berührend. »Sie sind über Urlaub ausgeblieben, Sir,« versetzte der erste Lieutenant, »und nun muß ich wegen ihrer Fahrlässigkeit ein Boot ausschicken, um den Nachen aufzufangen.« »Wenn's Ihnen gefällig wäre, das sind zwei ganz hübsche Bursche,« bemerkte der Steuermannsgehülfe; »würden Kapital Vortopmatrosen abgeben. Das Boot ist's Nachschicken nicht werth, Sir.« Dieser Wink, den der Gehülfe dem ersten Lieutenant gab, um seine Gunst wieder zu gewinnen, war nicht verloren. »Wer seid Ihr, Bursche?« fragte der Lieutenant. »Schiffleute, Sir.« »Schiffleute? so! War das Euer eigenes Boot?« »Nein, Sir,« erwiederte ich; »es gehörte dem Mann, bei dem ich diene.« »So! nicht Euer eigenes Boot? Also seid Ihr ein Lehrling?« »Ja, Sir, wir sind beide Lehrlinge.« »Zeigt mir Eure Lehrbriefe.« »Wir haben Sie nicht bei uns.« »Wie kann ich dann wissen, daß Ihr Lehrlinge seid?« »Wir könnten es beweisen, Sir, wenn Sie es wünschen.« »Ich wünsche es nicht, aber jedenfalls wird es der Kapitän wünschen.« »Wollen Sie gütigst nach dem Boot senden, Sir? Es ist uns beinahe schon aus dem Gesichte.« »Nein, Bursche, ich kann des Königs Boote nicht zu einem solchen Dienste verwenden.« »Dann wollen wir selbst gehen, Tom,« sagte ich, und wir gingen nach dem Vorderdeck zu, um den Schiffmann zu rufen, der neben der Fregatte lag und auf seinen Rudern saß. »Halt – halt – nicht so schnell. Wohin wollt Ihr, Bursche?« »Unser Boot auffangen, Sir.« »Ohne meine Erlaubniß?« »Wir gehören nicht zur Fregatte, Sir.« »Nun ich denke, ihr werdet bald genug dazu gehören, denn Ihr habt keinen Schutz.« »Wir können nach unsern Lehrbriefen schicken, die bis morgen früh hier sein werden.« »Das könnt Ihr thun, Bursche, wenn's Euch beliebt; aber Ihr könnt nicht verlangen, daß ich Alles glauben soll, was ihr mir sagt. Nun, zum Beispiel, wie lange hast du noch zu dienen, Junge? fragte er Tom. »Morgen ist meine Zeit um, Sir.« »Morgen um! Nun so werde ich dich bis morgen zurückhalten und dann pressen.« »Wenn Sie mich jetzt zurückhalten, Sir, so bin ich heute gepreßt.« »O nein! du bist nur zurückgehalten, bis du deinen Lehrbrief aufweisest, das ist Alles.« »Nein, Sir, ich bin während meiner Lehrzeit gepreßt.« »Nicht im Mindesten, und ich will es dir beweisen. Du gehörst nicht zum Schiffe, bis du zum Empfange deiner Lebensmittel in unsern Büchern eingezeichnet bist; nun werde ich dich heute nicht einzeichnen, also bist du nicht gepreßt »Dann werde ich auf jeden Fall vom Hunger gepreßt,« versetzte Tom, der nie eine Gelegenheit zu Witzen versäumen konnte. »Nein, auch das sollst du nicht, denn ich werde Euch beiden von der Konstabelkammer aus ein gutes Mittagessen schicken, dann seid Ihr also durchaus nicht gepreßt,« versetzte der Lieutenant, über Tom's Erwiederung lachend. »Auf jeden Fall werden Sie mir erlauben, zu gehen,« sagte ich, denn ich wußte, daß die einzige Rettungsaussicht auf einer Verwendung des Herrn Drummond's beruhte, den ich um Beistand anrufen wollte. »Pah! Unsinn; Ihr müßt beide in demselben Boote rudern, wie früher. Ich habe eine große Vorliebe für Euch gefaßt, meine Jungen, und kann mich unmöglich dazu entschließen, mich von Euch zu trennen.« »Es ist hart, auf diese Weise sein Brod zu verlieren,« erwiederte ich. »Wir werden wieder Brod für Euch schaffen und ihr werdet's ziemlich hart finden,« versetzte der Lieutenant lachend; »'s ist wie Kiesel.« »Also bitten wir um Brod, und Sie geben uns einen Stein,« sagte Tom; »das ist wider die Schrift.« »Ganz richtig, Bursche; aber die Sache ist die, alle Schriften in der Welt bemannen keine Fregatte. Matrosen müssen wir haben, und diese nehmen wir, wie, wo und wann wir können. Noch hat kein Gebot; wenigstens nöthigt sie uns, alle Gebote zu übertreten. Und im Ganzen ist's gar nichts Hartes, dem König ein paar Jahre zu dienen und seine Taschen mit Prisengeldern zu füllen. Wie wär's, wenn Ihr freiwillig einträtet?« »Wollen Sie uns erlauben, auf eine halbe Stunde an's Land zu gehen, um darüber nachzudenken?« versetzte ich. »Nein, ich fürchte, die Mäkler rathen Euch ab. Aber ich will Euch bis morgen Bedenkzeit geben, und dann bin ich auf jeden Fall des Einen von Euch gewiß.« »Danke für meine Person,« erwiederte Tom. »Bist sehr willkommen,« erwiederte der erste Lieutenant, als er lachend die Hüttentreppe zum Mittagessen hinabging. »Wir sitzen fest, Jacob,« sagte Tom. als wir allein waren. »Verlaß dich darauf, dießmal ist's kein Mißverstand.« »Ich fürchte nichts,« erwiederte ich, »wenn wir nur einen Brief an deinen Vater oder Herrn Drummond fortbringen könnten. Er würde uns gewiß helfen. Aber der schmutzige Geselle, der dem Lieutenant den Wink gab, sagte, die Fregatte segle morgen früh ab; dort ist er, wir wollen mit ihm sprechen.« »Wann segelt die Fregatte?« fragte Tom den Steuermannsgehülfen, der auf- und abging. »Mein guter Bursche, es ist an Bord eines Kriegsschiffes nicht gebräuchlich, den Offizieren solche unverschämte Fragen vorzulegen. Es ist hinreichend für dich, zu wissen, daß wenn die Fregatte segelt, du die Ehre haben wirst, mitzusegeln.« »Ganz gut, Sir,« versetzte ich, über diese Antwort erbost, »auf jeden Fall werden Sie aber die Güte haben, uns unser Fährgeld zu bezahlen. Wir haben durch Sie unsern Kahn verloren und vielleicht auch unsere Freiheit; wir wollen unsere zwei Guineen.« »Zwei Guineen! Zwei Guineen wollt ihr? Wie?« »Ja, Sir; über diesen Preis sind wir übereingekommen.« »Nun, ihr müßt bemerken, meine Leute,« sagte der Steuermannsgehülfe, einen Daumen in jedes Armloch seiner Weste steckend, »es bedarf einer kleinen Erörterung in Bezug auf diese Angelegenheit. Ich versprach Euch zwei Guineen als Färgen, aber nun gehört ihr zu einem Kriegsschiff; – ihr seid also nicht länger, was ihr vordem gewesen. Ich bezahle meine Schulden stets ehrlich, wenn ich die rechtmäßigen Gläubiger finden kann, aber wo sind die Färger?« »Hier sind wir, Sir.« »Nein, Bursche, Ihr seid jetzt Matrosen auf einem Kriegsschiffe, und das ändert die Sache.« »Aber wir sind es noch nicht, Sir, wenn es auch die Sache ändern würde, so sind wir noch nicht gepreßt.« »Gut, aber ihr werdet's vielleicht morgen sein; auf jeden Fall wollen wir sehen. Wenn es Euch gestattet wird, wieder an's Land zu gehen, so schulde ich Euch zwei Guineen; und wenn Ihr als Matrosen auf dem Kriegsschiffe zurückgehalten werdet, nun, dann habt Ihr blos Eure Schuldigkeit gethan, wenn Ihr einen Eurer Offiziere herunter gerudert habt. Ihr sehet, Bursche, ich sage nichts, als was recht und billig ist.« »Gut, Sir, aber als Sie uns mietheten, waren mir Färger,« versetzte Tom. »Sehr wahr – das wart Ihr; aber bedenket, daß die zwei Guineen erst verfallen waren, nachdem Ihr Euch Eures Dienstes entledigt hattet, das heißt, nachdem Ihr an Bord gekommen waret. Als Ihr aber an Bord kamet, wurdet Ihr gepreßt und seid somit Matrosen auf einem Kriegsschiff. Ihr hättet Euer Fährgeld verlangen sollen, bevor Euch der erste Lieutenant fest hielt. Sehet Ihr die Gerechtigkeit meiner Bemerkungen nicht ein?« »Könnt's nicht sagen, Sir,« antwortete Tom, »aber das sehe ich ein, daß wir wenig Aussicht auf Bezahlung haben.« »Du hast Beurtheilungskraft,« versetzte der Steuermannsgehülfe; »und nun rathe ich Euch, den Gegenstand fallen zu lassen, sonst könntet Ihr mich dahin bringen, daß ich Euch auf Kriegsschiffmanier bezahle.« »Wie ist die, Sir?« »Ueber Gesicht und Augen, wie die Katze den Affen,« erwiederte der Steuermannsgehülfe und entfernte sich langsam. »'s geht so nicht, Tom,« sagte ich, über die Abgeschmacktheit der Beweisgründe lachend. »Ich fürchte, es geht überall nicht, Jacob. Indeß mache ich mir nicht viel daraus. Ich habe einige Lust, die Welt zu sehen und vielleicht ist's jetzt so gut, als ein anderes Mal; aber es thut mir leid um dich, Jacob.« »'s ist meine eigene Schuld,« versetzte ich und versank in eine jener Träumereien, denen ich mich in der letzten Zeit so häufig hingegeben hatte. Ich beweinte meine Thorheit, eine Unabhängigkeit angestrebt zu haben, die jetzt mit dem Verluste meiner Freiheit endete. Wir froren in Folge der erhaltenen Taufe und hungerten überdies gewaltig. Der erste Lieutenant vergaß jedoch sein Versprechen nicht; er sandte uns ein gutes Mittagessen nebst zwei Gläsern Grog, und wir hielten unsere Mahlzeit zwischen einem Paar Kanonen unter dem Halbdecke. Wir hatten einiges Geld in der Tasche und kauften Papier von den Bumbootleuten, welche die Matrosen auf dem Verdecke mit allerlei Bedürfnissen versahen. Ich schrieb an Herrn Drummond und Herrn Turnbull, so wie an Marie und den alten Tom, und bat die beiden letztern, uns im Falle wir zurückgehalten werden sollten, unsere Kleider nach Deal zu schicken. Tom schrieb an seine Mutter, um sie zu trösten, und versprach ihr, nüchtern zu bleiben, weil er ihr, wie er sagte, keinen bessern Trost gewähren könne. Nachdem wir diese Briefe der Bumbootfrau anvertraut hatten, welche uns feierlich versprach, sie auf die Post zu besorgen, hatten wir nichts Angelegentlicheres zu thun, als uns nach einer Schlafstätte umzusehen. Unsere Kleider waren am Leibe getrocknet und wir gingen auf dem Halbdeck auf und nieder; aber keine Seele sprach mit uns oder schenkte uns auch nur die geringste Aufmerksamkeit. Auf einem neubemannten Schiffe, das eben segelfertig ist, herrscht unter der Mannschaft ein allgemeines Gefühl der Selbstsucht. Viele, wo nicht die Meisten, waren gleich uns gepreßt worden und beschäftigten sich in ihren Gedanken mit ihren Verhältnissen und der Veränderung ihrer Aussichten. Andere ordneten ihre Angelegenheiten mit ihren Weibern oder Verwandten, während sich die große Masse der Matrosen, noch nicht durch Kriegszucht geregelt oder durch gegenseitige Bekanntschaft zusammengehalten, in einem Zustande des Zwiespaltes und der Absonderung befand, in welchem natürlich Jeder für sich selbst sorgte, ohne sich um seinen Nachbar zu bekümmern. Deßhalb erwarteten und erhielten wir auch keine Theilnahme; wir waren mitten in dem lärmenden Treiben allein. Ein ungebrauchtes Topsegel, das für den Augenblick zwischen zwei Kanonen steckte, bot uns die größte Bequemlichkeit, die wir finden konnten. Wir nahmen es in Besitz, und von geistiger und körperlicher Anstrengung ermüdet, fielen wir bald in einen festen Schlaf. Neuntes Kapitel. Es gibt viele Auf und Nieder in dieser Welt. – Wir liegen in den Dünen. – Unser Kapitän kommt an Bord und hält eine kurze Rede über Antipathieen, wie die Meisten von uns noch keine gehört haben. – Er setzt uns alle mit seiner Sekundenuhr in den Takt und läßt nicht nach, bis die Uhr mit der ganzen Mannschaft zufrieden ist. Am folgenden Morgen wurden wir mit Tagesanbruch durch die schrillen Pfeifen des Hochbootsmanns und seinem Gehülfen aufgeschreckt, welche Alles zum Ablösen riefen. Der Pilot war an Bord und der Wind günstig. Da die Fregatte nicht Anker geworfen hatte, sondern nur an den Tauen im Strome hing, hatten wir nichts zu thun, als loszubinden und anzuholen. In weniger als einer halben Stunde hatten wir alle Segel beigesetzt und fuhren gegen das letzte Viertel der Fluth. Tom und ich, wir waren auf dem Gange geblieben und sahen dem geschäftigen Treiben zu, ohne daran Theil zu nehmen, als der erste Lieutenant; nachdem das Schiff unter Segel gesetzt war, den Befehl gab, die Taue niederzuringeln. »Ich meine, wir können auch helfen, Jacob,« sagte Tom, den großen Hals, welcher hinten heraufgewunden war, ergreifend und ihn nach vorn haltend. »Von Herzen gern,« erwiederte ich und holte ihn vorwärts, während er ihn aufschoß. Wie wir so beschäftigt waren, kam der erste Lieutenant auf's Vorschiff und erkannte uns. »So gefällt mir's Bursche,« sagte er, »Ihr murret nicht, wie ich sehe, und das will ich nicht vergessen.« »Ich hoffe, Sie werden nicht vergessen, daß wir Lehrlinge sind, Sir,« versetzte ich, »und uns erlauben, an's Land zu gehen.« »Ich habe ein entsetzlich schlechtes Gedächtniß für solche Dinge,« war seine Antwort, als er nach dem Vorderkastell ging. Indessen vergaß er es nicht, uns an diesem Abende Lebensmittel zutheilen zu lassen und unsere Namen mit Bleistift in die Schiffsbücher einzuschreiben, obschon wir noch keinem Tische oder Maste zugetheilt wurden. Am folgenden Morgen ankerten wir in den Dünen. Nachmittags sprang ein heftiger Wind auf und man konnte nur durch Signale mit dem Lande verkehren. Am dritten Tage legte sich der Wind etwas und nun gab man das Zeichen zum Ankerlichten und Abholen des Kapitäns. Mittlerweile kamen mehrere Boote vom Lande, und eines davon hatte einen Briefträger an Bord. Ich erhielt Briefe von Herrn Drummond und Herrn Turnbull, worin sie mir versprachen, sich sogleich an die Admiralität zu wenden, um meine Freilassung auszuwirken; auch von Marie kam ein Schreiben, das halb an mich, halb an Tom gerichtet war. Stapleton hatte Tom's Kahn genommen und war mit meinen Kleidern zum alten Beazeley hinabgefahren, welche sofort mit Tom's Kleidern nach Deal geschickt wurden. Tom erhielt einen Brief von seiner Mutter, der zur Hälfte von ihr, zur Hälfte von seinem Vater geschrieben war; indeß will ich den Leser nicht mit dem Inhalte desselben langweilen, da er sich vorstellen kann, was man bei solchen Gelegenheiten zu sagen hat. Bald darauf kamen unsere Kleider an Bord, welche Tom's Vater einem alten Schiffskameraden zur Besorgung geschickt hatte. Wir befanden uns kaum in deren Besitz, als der Signalmatrose die Ankunft des Kapitäns meldete. Es waren so viele Matrosen auf der Fregatte, welche den Kapitän noch nie gesehen hatten, daß die Mannschaft keine geringe Neugierde verrieth, aus dem »Schnitte seines Klüvers«, das heißt, aus seiner äußeren Erscheinung, Folgerungen zu ziehen, was sie von einem Manne zu erwarten hätte, der die unumschränkte Gewalt hatte, sie glücklich oder elend zu machen. Ich sah mit Tom zu einer Hauptdeckpforte hinaus, als das Boot heranruderte, und war eben im Begriff, die äußeren und sichtbaren Merkmale des Kapitäns in Augenschein zu nehmen, als meine Aufmerksamkeit durch das Gesicht eines neben ihm sitzenden Lieutenants erregt wurde, den ich augenblicklich erkannte. Es war Wilson, der das Ruder gesponnen und den Kahn zum Sinken gebracht hatte, bei welcher Gelegenheit ich, wie sich der Leser erinnern wird, meine Freunde, den Oberbuchhalter und den Commis vom Tode rettete. Ich war entzückt über diesen Anblick, da ich hoffte, der Lieutenannt werde sich zu unsern Gunsten verwenden. Die Pfeife des Hochbootmanns widerhallte im Echo, als der Kapitän die Schiffswand emporstieg. Er erschien auf dem Hinterdeck und alles nahm den Hut ab, um ihm seine Ehrfurcht zu bezeigen. Die Marinesoldaten präsentirten das Gewehr und ihre Offiziere neigten die Spitze ihrer Degen gegen ihn. Als Erwiederung dieses Grußes ergriff der Allgewaltige die oberste Ecke seines Stülphutes mit zwei Fingern und dem Daumen, hob ihn einen Zoll weit vom Kopfe und setzte ihn wieder auf, indem er den Marineoffizieren die Weisung ertheilte, die Wache zu entlassen. Während er mit dem ersten Lieutenant auf- und abging, hatte ich Gelegenheit sein Aeußeres zu betrachten. Er war ein großer, sehr starkknochiger, hagerer Mann mit außerordentlich breiten Schultern, die eine herkulische Stärke verriethen (welche er auch nachher im hohen Grade entwickelte). Sein Gesicht entsprach den großen Verhältnissen seines Körperbaues; seine Züge waren hart, seine Augen durchdringend, seine Nase zwar kühn, aber dennoch hübsch und sein großer Mund mit den glänzendsten Reihen breiter Zähne besetzt, die ich je gesehen hatte. Nicht sowohl Strenge, als vielmehr Entschlossenheit sprach sich in seinem Gesichte aus. Wenn er lächelte, hatte es einen angenehmen Ausdruck. Seine Geberden und seine Sprache war voll Nachdruck und unter seinen Elephantentritten erzitterten die Schiffsplanken. Er war ungefähr zehn Minuten an Bord, als er dem ersten Lieutenant auftrug, die Mannschaft heraufzurufen, – und das gesammte Schiffsvolk mußte sich auf die Backbordseite des Hinterdecks aufstellen. Es betrachtete ihn mit der Scheu, mit welcher eine Heerde Schafe einen fremden bissigen Hund anstarrt. Nachdem Alle versammelt waren, redete er sie also an: »Meine Bursche, da es sich so trifft, daß wir uns alle denselben Planken vertrauen müssen, so ist es gut, wenn wir einander verstehen. Es gefällt mir, wenn meine Offiziere auf ihre Pflicht achten und sich als Gentlemen betragen. Es gefällt mir, wenn meine Matrosen gute Mannszucht halten und thätig und nüchtern sind. Was mir gefällt , das will ich haben, Ihr versteht mich. Jetzt,« fuhr er, eine strenge Miene annehmend, fort – »jetzt blickt mir ins Gesicht und seht, ob ihr mit mir spielen zu können glaubt.« Die Matrosen blickten ihm ins Gesicht und sahen, daß sie keine Aussicht hatten, mit ihm spielen zu können; – eine Ueberzeugung, die sie in ihren Mienen ausdrückten. Der Kapitän schien durch diese stumme Anerkennung befriedigt; um ihnen wieder Muth zu machen, lächelte er, und zeigte seine weißen Zähne, worauf er dem ersten Lieutenant die Weisung gab, die Mannschaft hinunterzupfeifen. Sobald dieser Auftritt vorüber war, ging ich zu dem Lieutenant Wilson, welcher auf dem Hinterdeck stand, und redete ihn mit den Worten an: »Vielleicht erinnern Sie sich meiner nicht mehr, Sir, aber wir trafen uns eines Abends, als Sie mit einem Nachen untersanken und nach meinem Namen fragten.« »Ich erinnere mich desselben, Bursche: Ehrlich, – nicht wahr?« »Ja, Sir.« Und nun setzte ich ihm unsere Lage auseinander, indem ich ihn um seinen Beistand bat. Er schüttelte den Kopf. »Unser Kapitän,« sagte er, »ist ein sonderbarer Mann. Er hat einen überwiegenden Einfluß, und wagt es, mehr als irgend Jemand in der Flotte, den Gesetzen der Admiralität zu trotzen. Wenn ein Admiralitätsbefehl zu Eurer Entlassung herabkäme, so würde er ihm gehorchen, aber um die allgemeinen Bestimmungen bekümmert er sich wenig. Zudem gehen wir in einer Stunde unter Segel. Indeß will ich mit ihm sprechen, wiewohl ich wahrscheinlich eine Schlappe über die Knöchel bekommen werde, da es die Sache des ersten Lieutenants ist und nicht die meinige.« »Aber wie wäre es, Sir, wenn Sie den ersten Lieutenant bäten, für uns zu sprechen?« »Wenn ich auch mit ihm spräche, so würde er es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht thun; die Matrosen haben einen zu großen Werth und der erste Lieutenant weiß, daß es dem Kapitän nicht gefallen würde, Euch zu entlassen. Er würde deßhalb nichts sagen, bis es zu spät wäre, und dann alle Schuld auf sich nehmen, als hätte er die Sache vergessen. Unser Kapitän hat einen so großen Einfluß, daß seine Empfehlung allein hinreichen würde, uns morgen Commandeursrang zu verschaffen, und wir müssen Alle für uns selbst Sorge tragen. Indeß will ich's versuchen, wiewohl ich Euch sehr wenig Hoffnung machen kann.« Herr Wilson trat vor den Kapitän, welcher immer noch mit dem ersten Lieutenant auf- und abging, berührte seinen Hut und trug die Sache vor, indem er als Entschuldigungsgrund anführte, daß er mit mir bekannt sei. »Nun, wenn der Bursche ein Bekannter von Ihnen ist, Mr. Wilson, so müssen wir die Sache freilich entscheiden,« versetzte der Kapitän mit spöttischer Höflichkeit. »Wo ist er?« Ich trat vor, und Tom folgte mir. Wir setzten unsern Fall auseinander. »Es gefällt mir immer, wenn die Leute aus dem Zustande der Ungewißheit herausgerissen werden,« sagte der Kapitän, »er macht sie nur verwirrt – also hört mich an: Wenn ich zufälliger Weise Jemand vom königlichen Blut gepreßt hätte, und der König und die Königin und alle Prinzessinnen auf ihre Knie vor mir niederfielen, ich würde ihn behalten, so lange nicht ein Admiralitätsbefehl zu seiner Entlassung käme. Wißt Ihr nun, woran Ihr seid, Bursche? Dann wandte er sich an Herrn Wilson und sagte: »Es würde mir angenehm sein, wenn Sie mir die Gründe angeben wollten, aus denen Sie es wagten, zu Gunsten dieser Bursche einzutreten, und ich hoffe, Ihre Erklärung wird befriedigend ausfallen. Herr Knight,« fuhr er zum ersten Lieutenant fort, »schicken Sie diese jungen Leute hinunter, und theilen Sie Ihnen Wache und Posten zu.« Wir gingen die Gangtreppen hinab und achteten auf das Gespräch zwischen dem Kapitän und Herrn Wilson, denn wir befürchteten, er hätte sich durch seine Verwendung nichts Gutes bereitet. Aber als es vorüber war, schien der Kapitän zufrieden und Herr Wilson ging mit heiterer Miene weg. Wie ich nachher fand, gereichte es mir zu nicht geringem Nutzen. Die Matrosen wurden zum Essen gepfiffen; nach dem Mahle lichteten wir die Anker und setzten die Segel bei. So waren wir also förmlicher oder vielmehr unförmlicher Weise in Seiner Majestät Dienst eingeschifft. »Nun, Tom,« sagte ich, »mit Weinen gewinnt man nichts, und geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Hier sind wir einmal; laßt uns also thun, was wir können, um uns Freunde zu machen.« »Das ist gerade auch meine Ansicht, Jacob. Hängt die Sorge, sie hat die Katze umgebracht; ich will mein Bestes thun, und ich sehe nicht ein, warum wir hier nicht eben so guter Dinge sein sollten, als irgendwo anders. Der Vater sagt, wir können überall glücklich sein, wenn wir unsere Pflicht erfüllen, und ich gedenke, die meinige nicht zu versäumen. Je mehr, desto lustiger, heißt es, und ich lasse mich hängen, wenn wir hier nicht unserer genug sind.« Ich brauche kaum zu bemerken, daß wir uns in den drei oder vier ersten Tagen nicht sehr behaglich fühlten. Wir wurden der siebenten Tischgesellschaft und dem Vortop zugetheilt; denn ob wir gleich nicht regelmäßig zu Matrosen erzogen worden waren, so hatte doch der erste Lieutenant diese Verfügung getroffen, indem er sagte, er sei überzeugt, daß es in wenigen Wochen keine gewandteren Bursche an Bord geben werde. Bald hatten wir den Kanal hinter uns, und Alles war äußerst neugierig, den Ort unserer Bestimmung zu erfahren, der in diesem beinahe ganz vereinzelten Falle geheim geblieben war, wiewohl sich nachher gewisse Muthmaßungen als richtig ergaben. Bei den gegenwärtigen Einrichtungen gibt es einen Umstand, aus dem unzweideutig hervorgeht, ob ein Schiff auf eine entfernte Station oder zu heimischem Dienste bestimmt ist – ich meine damit die Ausstattung mit Vorräthen und Lebensmitteln, welche, je nach der Station, für die ein Schiff bestimmt ist, anders ausfällt, so daß man mit Gewißheit errathen kann, wohin es geht. Dies ist ein schlimmer, aber doch leicht zu hebender Uebelstand; denn würde jedes Schiff, sei es zu heimischem oder fremdem Dienste bestimmt, wie zu fremden ausgerüstet, so könnte Niemand errathen, wohin es zu segeln im Begriff steht. Als die Flottenverproviantirungscommission noch bestand, war es unmöglich, ein Geheimniß daraus zu machen; jetzt aber, nachdem dieses Collegium abgeschafft ist, konnte man ohne große Mühe diesen Zweck aufs Vollständigste erreichen. Die Immortalité war ein sehr schnell segelndes Schiff, und als der Kapitän (dessen Namen ich anzugeben vergessen habe – er hieß Hector Maclean), seine versiegelte Ordre öffnete, ergab sich's, daß wir zwei Monate lang zwischen den westlichen Inseln und Madeira kreuzen sollten, um einigen Kapern aufzulauern, welche viele von unsern Westindienfahrern auf der hohen See weggenommen hatten, wiewohl sie unter starker Bedeckung segelten. Dann sollten wir vor Halifax zum Admiral stoßen und eine Fregatte ablösen, die sich schon viele Jahre auf dieser Station aufgehalten hatte. In einer Woche waren wir auf unserem Posten. Das Wetter war schön, und der ganze Tag wurde dazu verwendet, die Mannschaft in der Behandlung des Geschützes, wie auch des Kleingewehrs, einzuüben, Segel setzen und verkürzen, Topsegel einreffen und das Schiff manövriren zu lassen. Der Kapitän gab seine Sache nicht leicht auf; und oft mußten wir zwanzigmal hintereinander Segel setzen oder verkürzen, bis er zufrieden gestellt war. »Meine Bursche,« sagte er zu der Mannschaft, nachdem er sie hatte auf das Verdeck rufen lassen, »das habt ihr ziemlich gut gemacht; ihr habt nur zwei Minuten dazu gebraucht, – nicht übel für eine frische Mannschaft, aber es gefällt mir, wenn es in anderthalb Minuten geschieht. Wir wollens noch einmal versuchen.« Und es ward noch einmal versucht, bis es in anderthalb Minuten ausgeführt wurde. Dann sagte der Kapitän: »Ich wußte wohl, daß ihr's könnt, und da ihr's Einmal gethan habt, so könnt ihr es natürlich auch ein andermal.« Tom und ich blieben unsern guten Vorsätzen getreu. Wir waren so thätig und rührig, als wir nur sein konnten, und Mr. Knight, der erste Lieutenant, machte den Kapitän auf uns aufmerksam. Sobald man die Leistungen der verschiedenen Matrosen kennen gelernt hatte, nahm man einige Veränderungen in den Wachen und Posten, so wie auch in dem Rang auf den Schiffslisten vor, bei welcher Gelegenheit Tom und ich zu zweiten Vortopkapitäns, der Eine am Steuerbord, der Andere am Backbord, gemacht wurden. Dies war eine um so größere Beförderung für so junge Bursche, da wir nicht zu regelmäßigen Matrosen erzogen worden; aber es war der Lohn der Thätigkeit und des Eifers, den wir an den Tag legten. Tom war der Liebling Aller; er hatte immer einen Schwank in Bereitschaft und war zu jedem tollen Streich aufgelegt; überdies pflegte er den Kapitän nachzuahmen, was kein Anderer wagte. Indessen getraute er sich doch selten, seine mimischen Darstellungen unten zu geben, sondern er wählte gewöhnlich den Vortop zu seinen Erörterungen über das, was ihm gefiel . Eines Tages nahmen wir uns beide die Freiheit heraus, aber es war bei einer Gelegenheit, welche es entschuldigte. Tom und ich saßen hinten in der Jolle und besserten etwas am Zeuge, denn wir gehörten damals zum Boote, ob wir gleich später in den Kutter versetzt wurden. Die Fregatte ging etwa vier Knoten durchs Wasser, und die See war ziemlich glatt. Einer der Marinesoldaten fiel aus den Fockputtingen über Bord. Sogleich hieß es, »Mann über Bord!« und Alles war eifrig beschäftigt, den Steuerbordkutter mit der Eile niederzulassen, die in solchen Fällen erforderlich ist. Der Kapitän stand hinten auf dem Signalkasten, als der Soldat nach dem Stern getrieben wurde; der arme Bursche konnte nicht schwimmen, und Tom wandte sich zu mir mit den Worten: »Jacob, es würde mir gefallen, den Burschen zu retten,« und sprang alsbald über Bord. »Und mir würde es gefallen, dir zu helfen, Tom,« rief ich und folgte. Der Kapitän stand dicht hinter uns und hörte Beides. Wir hielten den Soldaten leicht zwischen uns über dem Wasser, und ehe eine Minute verging, hatte das Boot alle drei an Bord. Als wir die Schiffswand heraufstiegen, stand der Kapitän auf dem Gange. Er zeigte uns seine weißen Zähne und schüttelte sein Fernrohr gegen uns. »Ich habe euch Beide gehört,« sagte er, »und es würde mir gefallen, noch mehr solche unverschämte Bursche zu haben, als ihr seid.« Wir kreuzten immer noch und spähten unaufhörlich nach den Kapern, aber ohne Erfolg. Endlich legten wir in Madeira an, um zu recognosciren, und erfuhren dort, man hätte sie weiter südlich gesehen. Das Gallion wurde nach Süden gerichtet, bis wir den canarischen Inseln gegenüber lagen. Auf dieser Höhe angekommen, kreuzten wir ostwärts und westwärts, nordwärts und südwärts, wie es dem Wind, den Wellen und dem Kapitän gefiel . Bereits waren sieben Wochen von der festgesetzten Zeit verstrichen und immer hatte sich noch nichts gezeigt. Da versprach der Kapitän demjenigen fünf Guineen, der die Gegenstände unserer Verfolgung zuerst entdecken würde. Tom, ich und viele Andere erkletterten alle Augenblicke die Mastspitze und sandten unsere Blicke in die Ferne; nicht weniger aufmerksam zeigten sich die beorderten Mastwächter. Durch die unaufhörliche Uebung war die Schiffsmannschaft jetzt trefflich eingeschult; alle Abende wurden die Matrosen zur »Feldlerche,« das heißt zum Spiel und zur Erholung heraufgerufen. Unter den Unterhaltungsspielen zeichnete sich besonders eines durch die große Fröhlichkeit aus, zu der es Veranlassung gab. Da es die Matrosen gewandt machte, gefiel es besonders auch dem Kapitän. Es hieß »Folgt meiner Führung«. Einer von den Matrosen ist der Führer, und wer Lust hat, folgt ihm; bisweilen schließen sich vierzig bis fünfzig an. Was der Führer thut, müssen alle Uebrigen nachmachen; und wohin er immer geht, müssen sie ihm folgen. Tom, der immer der erste war, wenn es einen Spaß galt, war eines Tags Führer. Nachdem er das Takelwerk erklettert hatte, legte er sich auf die Raaen hinaus, schwang sich an den Topenanten wieder herein, rutschte auf den Etagen von Mast zu Mast, glitt an den Hinterstagen nieder und schwärzte sein Gesicht im Rauchfang, während ungefähr dreißig Mann mit Geschrei und Gelächter alle seine Bewegungen nachahmten. Die Offiziere mit der übrigen Mannschaft sahen zu und bewunderten ihre Behendigkeit. Plötzlich fuhr Tom ein ganz neuer Gedanke durch den Sinn. Es war ungefähr sieben Uhr Abends und eine Windstille eingetreten; Tom kletterte wieder am Takelwerk empor, und legte sich gegen die große Nocke hinaus. Ich und die Uebrigen folgten, und wie er am Backeneisen war, richtete er sich empor, hielt sich am Schwungtau, rief: »Folgt meiner Führung« und sprang von der Nocke in die See. Ich war der zweite und folgte ihm mit dem Rufe: »folgt unserm Führer!« die Uebrigen thaten deßgleichen, mochten sie schwimmen können oder nicht, denn es war ein Ehrenpunkt, nicht zurück zu bleiben. Der Kapitän kam eben die Treppe herauf, als er einen Mann hinabspringen sah. Es war Tom. Er glaubte, er sei über Bord gefallen, aber wie sehr erstaunte er, als ihm zwanzig bis dreißig Mann zu zweien und dreien folgten, bis endlich die halbe Mannschaft über Bord war. Er glaubte, sie seien vom Teufel besessen, wie die Heerde Schweine in der heiligen Schrift. Viele, die nicht schwimmen konnten, aber zu stolz waren, um zurückzubleiben, liefen Gefahr, zu ertrinken. Der Lieutenant war genöthigt, den Kutter niederzulassen, um sie aufzufangen, und alle wurden wieder an Bord gebracht. »Ein verdammter Bursche,« sagte der Kapitän zum ersten Lieutenant; »er ist immer vorn, wenn es einen tollen Streich gibt. Ja wohl da, folgt meiner Führung! Ruft Tom Beazeley.« Wir Alle weissagten Tom nichts Gutes. »Horch, Bursche,« sagte der Kapitän, »ein Scherz ist ein Scherz, aber es kann nicht Jeder schwimmen, wie du. Ich mag wegen deiner Tollheiten keinen meiner Matrosen auf's Spiel setzen; versuche es also nicht wieder – es gefällt mir nicht .« Jedermann war der Meinung, Tom sei sehr wohlfeilen Kaufes weggekommen; aber er war der Liebling des Kapitäns, wiewohl Letzterer es nie offen an den Tag legte. »Ich bitte um Verzeihung, Sir,« versetzte Tom scheinbar mit großer Demuth, »aber sie waren alle so schmutzig, weil sie sich im Rauchfang geschwärzt hatten; deßhalb dachte ich, ein bischen Waschen könnte ihnen nichts schaden.« »Entferne dich, Bursche, und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe,« erwiederte der Kapitän, sich abwendend und seine weißen Zähne zeigend. Ich hörte den ersten Lieutenant zum Kapitän sagen: »Er wiegt zehn Mann auf dem Schiffe an. Er macht Alle lebendig und munter, und geht ihnen mit dem besten Beispiele voran.« Zehntes Kapitel. »Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.« – Splitter an Bord eines Kriegsschiffes sind etwas ganz anderes, als Splitter am Finger auf dem Lande. – Tom wendet das Auf hören dieser Erzählung ab, indem er mich vom Unter sinken rettet. – Ich erhalte einen Brief von einem Rechtsanwalt, aber statt darüber verdrießlich zu werden, erfreut er mich ungemein. Mittlerweile hatte Tom die Fockoberbramraa erklettert, um sich nach den fünf Guineen umzusehen, und rief, während die Unterhaltung stattfand: »Segel ho!« »Fremdes Segel wird gemeldet.« »Wo?« rief der erste Lieutenant, nach dem Vorschiffe gehend. »Gerade unter der Sonne.« »Mastwächter dort oben, seht ihr das Segel?« »Ja, Sir, ich glaube, 's ist ein Schooner; aber ich kann nur bis zur Hauptraa hinabsehen.« »Das ist eines von ihnen, verlassen Sie sich darauf,« sagte der Kapitän. »Steigen Sie hinauf, Herr Wilson, und sehen Sie, was Sie daraus machen können. Wer ist der Mann, der es gemeldet hat?« »Tom Beazeley, Sir.« »Verdammter Bursche, schickt mir die ganze Mannschaft über Bord, und jetzt muß ich ihm noch fünf Guineen geben. Was machen Sie daraus, Herr Wilson?« »Ein niedriger Schooner, Sir – in der That höchst verdächtig – schwarze Wände. Aber seine Stückpforten sehe ich nicht; doch denke ich, er wird uns eine hübsche Reihe Zähne weisen können. Er ist auch von Windstille überfallen, wie wir.« »Gut, dann müssen wir eine Brise herpfeifen. Mittlerweile wollen wir die Boote in Bereitschaft halten, Herr Knight.« Wenn man lange genug pfeift, so kommt der Wind gewiß. In ungefähr einer Stunde sprang die Brise auf, und wir benützten sie sogleich; aber es war zu dunkel, um den Schooner zu erkennen; sobald die Sonne untergegangen war, hatten wir ihn aus dem Gesichte verloren. Um Mitternacht lullte die Brise ein, und wir hatten wieder Windstille. Der Kapitän blieb, nebst dem größten Theil der Offiziere, die ganze Nacht auf dem Verdeck, und die Wache wurde beordert, die Boote zum Dienst in Bereitschaft zu setzen. Ich hatte die Morgenwache, und mit Tagesanbruch sah ich den Schooner von der Fockbramraa aus in einer Entfernung von ungefähr vier Meilen gegen Nordwest. Ich eilte auf's Verdeck und meldete es. »Ganz gut, mein Bursche,« sagte der Kapitän und richtete sein Fernrohr nach der angedeuteten Gegend. »Ich habe ihn, Herr Knight, und will ihn auch auf die eine oder andere Weise in meine Gewalt bekommen. Kein Anzeichen von Wind. Die Kutter hinuntergelassen; die Raaen und Stage eingehakt. Wir wollen noch ein wenig warten, bis wir etwas mehr davon sehen, wenn der Tag anbricht. Am hellen Tage konnte man den Schooner mit seiner Ausrüstung deutlich erkennen. Er führte sechszehn Kanonen und war zum Angriffe mit Booten ein furchtbares Fahrzeug. Da die Windstille noch immer anhielt, wurden das Langboot, die Jolle und die Pinasse ausgesetzt, bemannt und mit Geschütz versehen. Der Schooner streckte seine Ruder aus und bereitete sich offenbar zu unserem Empfange vor; aber der Kapitän schien noch nicht Willens zu sein, das Leben seiner Mannschaft in einem so gefährlichen Kampfe auf's Spiel zu setzen, und wir lagen müssig neben der Fregatte, wobei jeder der Matrosen mit dem Ruder in der Hand auf seinem Platze saß. Hin und wieder liefen sogenannte Katzenpfoten über das Wasser und kräuselten die glatte Fläche. Man schloß daraus, daß bald eine Brise aufspringen würde, und die Hoffnung auf dieselbe machte den Kapitän unschlüssig. So blieben wir bis zwölf Uhr liegen, um welche Zeit wir Befehl erhielten, hastig unser Mittagsessen einzunehmen, während uns zugleich die Branntweinration verabreicht wurde. Tom und ich waren im ersten und zweiten Kutter. Um ein Uhr trat wieder Windstille ein. Hätten wir sogleich abgestoßen, nachdem die Boote ausgesetzt waren, so wäre jetzt das Gefecht schon längst entschieden gewesen. Als endlich der Kapitän bemerkte, daß die Aussicht auf eine Brise weit geringer war, als Vormittags, so ertheilte er den Booten den Befehl zum Abfahren. Wir lagen immer noch in der gleichen Entfernung vom Kaper zwischen vierthalb und vier Meilen. In weniger als einer halben Stunde hatten wir uns auf Schußweite genähert; der Kaper wendete sich mit seiner breiten Seite gegen uns und eröffnete sein Geschützfeuer mit einzelnen Schüssen in der genauesten Richtung. Die Kugeln rikochettirten über die Boote hin, und bei jedem Schuß glaubten wir unfehlbar getroffen zu werden. Jetzt lief eine leichte Brise über das Wasser. Sie erreichte den Schooner, schwellte seine Segel und führte ihn weiter von uns weg. Allein sie lullte wieder ein, und wir näherten uns schnell wieder. Der Schooner drehte sich und eröffnete sein Feuer auf's Neue. Eine Kugel schlug durch den zweiten Kutter, in welchem ich mich befand, zersplitterte drei seiner Planken und verwundete außer mir noch zwei weitere Matrosen. Alsbald füllte sich das mit Geschütz, Munitionskisten u.s.w. beladene Boot und schlug mit uns um. Nur mit Mühe wichen wir der herausstürzenden Ladung aus. Ein armer Bursche, der nicht verwundet worden war, gerieth unter das Boot und kam nicht wieder zum Vorschein. Die übrige Mannschaft tauchte wieder empor und klammerte sich an den Wänden des umgestürzten Bootes fest. Der erste Kutter ruderte zu unserer Hülfe heran, denn wir hatten uns getrennt, um die Wirkung des feindlichen Feuers zu schwächen; aber es dauerte drei bis vier Minuten, bis sie uns zu Hülfe kommen konnten, und mittlerweile verloren die beiden andern Verwundeten, welche ohne Zweifel in die Beine oder den Leib geschossen worden waren, durch den starken Blutverlust ihre letzte Kraft und verschwanden unter der stillen blauen Tiefe. Ich war durch einen Splitter verwundet worden, der in meinen linken Arm drang, und hielt etwas länger, als meine beiden Leidensgefährten; aber noch ehe der Kutter kam, verlor ich das Bewußtsein und sank. Tom, der im Bug des Kutters war, sah mich verschwinden, stürzte sich mir nach und brachte mich wieder über das Wasser. Wir wurden beide in das Boot gezogen. Auch die übrigen fünf Mann wurden gerettet. Sobald wir eingenommen waren, folgte der Kutter den andern Booten, welche immer näher auf den Kaper zuruderten. Ich kam wieder zu mir und fand, daß ein Stück von einem der Querhölzer des Bootes, das der Schuß zerschmettert hatte, durch den fleischigen Theil meines Armes unter dem Ellenbogen gedrungen war, wo es stecken blieb. Es war eine eben so gefährliche als schmerzhafte Wunde. Der Offizier des Bootes faßte den Splitter, ohne mich zu fragen, und zog ihn heraus, aber wegen der zackigen Form desselben war der Schmerz so groß, und nach der Operation der Blutverlust so bedeutend, daß ich abermals das Bewußtsein verlor. Glücklicherweise war keine Arterie verletzt, sonst hätte ich den Arm verlieren müssen. Man verband meine Wunde und legte mich auf den Boden des Kutters. Das Feuer des Schooners war jetzt sehr stark, und wir lagen eine Viertelmeile von ihm entfernt, als die Brise aufsprang und ihn dreiviertel Meilen weiter wegführte. Nach dem Gewölke zu urtheilen, hatten wir bald Wind zu hoffen, wiewohl die Brise nach einiger Zeit wieder einlullte. Wir waren keine halbe Meile mehr vom Schooner entfernt, als wir bemerkten, daß die Fregatte eine muntere Brise hatte und sich schnell dem Kampfplatze näherte. Die Brise schwebte über das Wasser hin und fiel in die Segel des Schooners, und bald war dieser, trotz aller Anstrengungen unserer ermüdeten Mannschaft, aus dem Bereiche unserer Schüsse gekommen; da ertheilte der erste Lieutenant den höchst zweckmäßigen Befehl, nach der Fregatte zurückzurudern, welche jetzt eine Meile von uns entfernt war. In weniger als zehn Minuten wurden die Boote aufgehißt, und da der Wind jetzt stärker wurde, setzten wir alle Segel bei und fuhren sieben Meilen in einer Stunde; auch den Kaper hatte die Brise erfaßt und trieb schnell vor uns hin. Ich war der einzige Verwundete, der an Bord gebracht worden war, und wurde in den Krankenverschlag geschafft. Der Wundarzt untersuchte meinen Arm und schüttelte anfangs den Kopf. Ich war auf augenblickliche Amputation gefaßt; aber bei einer wiederholten Untersuchung äußerte er die Hoffnung, das Glied könne erhalten werden. Er legte einen ordentlichen Verband an und ließ mich in einen geschirmten Verschlag unter das Halbdeck in meine Hängematte tragen, wo die kühlende Brise, die durch die Stückpforten hereindrang, meine fieberischen Wangen fächelte. Doch ich muß zu unserer Jagd zurückkehren. In weniger als einer Stunde hatte der Wind so stark zugenommen, daß wir kaum unsere Oberbramsegel führen konnten, der Kaper flog ungefähr drei Meilen vor uns her, und zwar in einer so schnurgeraden Richtung, daß unsere drei Masten in gerader Linie gegen ihn lagen. Mit Sonnenuntergang sah sich der Schooner gezwungen, die Oberbramsegel einzuziehen, und am Horizont zeigten sich alle Merkmale eines heftigen Sturmes. Die Fregatte führte jedoch noch immer jeden Streifen Segeltuch, den sie tragen konnte, und wir beobachteten den Kaper und jede seiner Bewegungen mit unsern Nachtfernrohren. Die Brise nahm zu; ehe der Tag anbrach, ging die See hohl, und die Fregatte konnte nur noch die Bramsegel über den doppelt eingerefften Marssegeln führen. Mit Anbruch des Tages waren wir nach den Sextanten dem Schooner um eine Viertelmeile näher gekommen, und der Kapitän und die Offiziere, die seit vierundzwanzig Stunden das Verdeck nicht mehr verlassen hatten, gingen hinunter, um etwas auszuruhen und sich zu erquicken. Den ganzen Tag jagten wir den Kaper, ohne ihm mehr als eine Meile abzugewinnen, und jetzt tobte ein heftiger Sturm. Die Bramsegel waren früher schon eingezogen worden; jetzt wurden die Marssegel dicht angerefft, und wir flogen in einer Stunde bei zwölf Meilen weit, aber auch der Schooner segelte trefflich, und kaum waren wir ihm auf Schußweite nahe gekommen, als die Sonne drohend und blutroth unter dem Horizonte verschwand. Weil es so äußerst schwierig ist, in der Nacht bei hohler See die Fernröhren auf ein bestimmtes Schiff zu richten, hegte man die größte Besorgniß, der Schooner möchte alle Segel beschlagen, um uns vorüberzulassen, und auf diese Art entkommen. Allein dieser Gedanke schien dem Kapitän des Schooners nicht einzufallen; er setzte seinen Lauf unter einem Drucke von Segeln fort, welcher sogar bei Tag beunruhigend erschienen wäre; und als der Morgen anbrach, hatte er uns die frühere Entfernung von vier Meilen wieder abgewonnen, weil die Bewegung eines Schiffes bei Nacht nie so genau ist, als bei Tag. Der Sturm war noch heftiger geworden; aber nichtsdestoweniger befahl Kapitän Maclean, ein Reff der Marssegel loszulassen. Am Morgen kam Tom wie gewöhnlich vor meine Hängematte und fragte mich nach meinem Befinden. Ich sagte ihm, daß ich mich besser fühle und weniger Schmerzen habe, und daß der Wundarzt mir versprochen, nach dem Frühstück meine Wunde zu verbinden; denn man hatte meinen Verband nicht mehr abgenommen, seit ich an Bord gebracht worden war. »Und den Kaper werden wir hoffentlich nehmen, Tom; es wird mir zu einigem Troste gereichen, wenn wir ihn bekommen.« »Ich meine, es sollte gehen, wenn der Mast hält, Jacob; aber wir haben einen ungeheuren Segeldruck, wie du aus der Heftigkeit schließen kannst, mit welcher die Fregatte stößt. Im Vorderkastell kann Niemand stehen, und aus dem Vorschiffe stürzt sich ein regelmäßiger Wasserfall in das Mitteldeck. Wir kommen dem Schooner jetzt ganz nahe. 's ist ein herrlicher Anblick, wie er sich hält: wenn er sich auf die Seite legt, so können wir sehen, daß die ganze Mannschaft auf dem Verdeck angebunden ist; ganze Meere faßt er in seine großen Segel und gießt sie wieder von sich, wenn er vom Schlingen aufsteht. Er verdient es auf jeden Fall, zu entkommen.« Es wurde ihm jedoch nicht, was er verdiente, denn ungefähr um zwölf Uhr Mittags waren wir noch eine Meile von ihm entfernt. Um zwei Uhr feuerten die Marinesoldaten mit dem kleinen Gewehr auf denselben, denn wir wollten nicht gieren, um eine Kanone darauf abzuschießen, wiewohl er gerade unter unserem Bug lag. Als wir auf Kabellänge herangekommen waren, verkürzten wir die Segel, um uns in der gleichen Entfernung zu halten, und nachdem der Schooner durch das Musketenfeuer einige Mann verloren hatte, schwenkte der Kapitän seinen Hut zum Zeichen der Uebergabe. Alsbald verkürzten wir alle Segel, um seine Luft zu halten, und beschossen ihn so lange, bis er sämmtliche Segel eingezogen hatte, dann legten wir um, behielten ihn unter dem Lee und feuerten auf jeden Mann, der sich auf dem Verdecke zeigte. Die Besitznahme des Schooners war jedoch noch eine schwierige Aufgabe; ein Boot vermochte sich kaum auf einer solchen See zu halten; und als der Kapitän Freiwillige aufrief, und ich Tom's Stimme im Kutter hörte, der eben niedergelassen wurde, bebte mein Herz in ängstlicher Besorgniß, es möchte ihm etwas Mißliches begegnen. Endlich vernahm ich aus dem Gespräche auf dem Verdeck, daß der Kutter glücklich an Bord gekommen war, und ich wurde wieder heiter. Der Wundarzt erschien und verband meinen Arm, und ich fühlte sowohl eine körperliche, als auch eine geistige Erleichterung. Erst am folgenden Tage, wo wir dicht neben dem Schooner lagen, wurde das Wetter in soweit gemäßigt, daß die Gefangenen an Bord gebracht und unsere Offiziere mit der erforderlichen Mannschaft auf den Schooner übergesetzt werden konnten. Die Prise war ein in Amerika gebautes Schiff, das zu einem französischen Kaper ausgerüstet war. Sie nannte sich Cerfagite , führte vierzehn Kanonen und hatte einen Gehalt von beinahe dreihundert Tonnen, nebst einer Mannschaft von hundert und siebenzig Mann, von denen achtundvierzig mit Prisen ausgeschickt waren. Es war vielleicht ein Glück, daß die Boote nicht zum Angriff kamen, denn sie würden ziemlich hitzig empfangen worden sein. So nahmen wir also dieses verderbliche Fahrzeug nach einer Jagd von zweihundert und siebenzig Meilen; und sobald alle erforderlichen Einrichtungen getroffen waren, segelten wir mit dem Kaper auf Halifax zu, wo wir nach ungefähr fünf Wochen eintrafen. Meine Wunde war jetzt beinahe geheilt; aber mein Arm war völlig abgemagert, und ich war nicht im Stande, zum Dienst zurückzukehren. Es war bekannt, daß ich eine gute Hand schrieb, und weil ich nichts anders thun konnte, erbot ich mich, den Zahlmeister und Schiffsschreiber bei der Buchführung zu unterstützen. Der Admiral war in Bermudas, und die Fregatte, welche wir abzulösen hatten, im Drange des Dienstes nach Honduras abgeschickt worden, und wurde vor einigen Monaten nicht zurückerwartet. Wir segelten von Halifax nach Bermudas zum Admiral, und nach drei Wochen wurden wir wieder zum Kreuzen beordert. Mein Arm war jetzt vollkommen hergestellt, aber ich hatte mich in der Schreibkammer so brauchbar erwiesen, daß ich wider meinen eigenen Willen beibehalten wurde, denn es gefiel dem Kapitän, wie Tom sagte, und dann durfte nichts mehr über den Gegenstand gesprochen werden. Amerika war zu jener Zeit nicht der Kriegsschauplatz, und wir hatten auf der nordamerikanischen Station nichts zu thun, als gelegentlich französische Schnellsegler zu jagen. Ich weiß deßhalb von der Zeit, die ich noch an Bord der Fregatte zubrachte, wenig mehr zu erzählen. Tom erfüllte seine Pflicht auf dem Vortop und zog sich nie eine Unannehmlichkeit zu; er war im Gegentheil ein großer Liebling der Offiziere sowohl, als der Mannschaft, und nahm sich gegen den Kapitän mehr Freiheiten heraus, als irgend ein Anderer gewagt haben würde; aber Kapitän Maclean wußte, daß Tom einer seiner ersten und besten Matrosen war, stets thätig, eifrig und gleichgültig gegen die Gefahr, und Tom wußte, wie weit er sich unterstehen durfte, mit ihm zu spielen. Ich blieb in der Schreibkammer, und sobald man die Entdeckung machte, daß ich eine vortreffliche Erziehung genossen hatte und meinen Obern stets mit Ehrerbietung begegnete, wurde ich freundlich behandelt und hatte keinen Grund, mich über ein Kriegsschiff zu beklagen. So standen die Sachen, als die andere Fregatte von Honduras ankam. Nachdem wir die letzten vier Monate in Boston-Bay gekreuzt hatten, erhielten wir durch einen Kutter den Befehl, zum Admiral in Halifax zu stoßen. Wir waren beinahe schon ein Jahr lang von England abwesend und hatten noch niemals Briefe erhalten. Der Leser kann sich also die Ungeduld vorstellen, mit der wir das Admiralsboot begrüßten, das mit einigen Briefsäcken für die Offiziere und die Mannschaft an Bord kam, nachdem wir Anker geworfen und die Segel eingezogen hatten. Sie wurden in der Constablekammer abgegeben und ich wartete mit Ungeduld die Ausscheidung und Vertheilung ab. »Ehrlich,« sagte der Zahlmeister, »hier sind zwei Briefe für Sie.« Ich dankte ihm und eilte in die Schreibkammer, um sie ungestört zu lesen. Der erste war von einer kunstgerechten, mir ganz unbekannten Hand überschrieben. Ich öffnete ihn mit einem gewissen Grade von Verwunderung, weil ich nicht begriff, wie man an eine so untergeordnete Person schreiben könnte. Er war von einem Rechtsanwalt und lautete, wie folgt: – »Sir – Wir beeilen uns, Sie von dem Tode Ihres guten Freundes, Herrn Alexander Turnbull's in Kenntniß zu setzen. In seinem Testamente, welches geöffnet und verlesen worden ist, und von welchem Sie der Vollstrecker find, hat er Sie zu seinem einzigen Erben eingesetzt, indem er Ihnen für jetzt die Summe von 30,000 Pfund vermacht, wozu beim Ableben seiner Ehefrau auch noch der übrige Theil des Vermögens kommt. Mit Ausnahme von 5000 Pf., welche der Madame Turnbull zu ihrer eigenen Verfügung gestellt sind, belaufen sich die Legate auf nicht mehr, als 800 Pf. Das Witthum, das aus den Zinsen des der Madame Turnbull auf Lebenszeit versicherten Kapitals erwächst, beträgt jährlich 1080 Pf. in 3prozentigen Consols, welche bei dem Cours von 76 der Summe von 27,360 Pfund Sterling gleich kommen. Ich bitte, Ihnen meinen Glückwunsch zu diesem Ereigniß darbringen zu dürfen. Bereits habe ich mit Herrn Drummond das Gesuch um Ihre Entlassung bei der Admiralität eingereicht; und ich bin so glücklich, Ihnen melden zu können, daß diesem Gesuche sogleich entsprochen wurde, und dieselbe Post, welche diesen Brief befördert, auch den Befehl zu Ihrer Entlassung und freien Rückkehr bringt. Sollten Sie es für geeignet erachten, uns als Ihre ordentlichen Sachwalter anzusehen, so werden wir uns sehr glücklich schätzen, Sie auf die Liste unserer Klienten zu setzen. Ich zeichne, Sir hochachtungsvoll Ihr John Fletcher .« Der Leser kann sich denken, was ich bei dieser unerwarteten und willkommenen Nachricht empfand. Anfangs war ich so betrübt, daß ich regungslos wie eine Bildsäule den Brief in der Hand hielt, und in diesem Zustande blieb ich, bis ich durch den ersten Lieutenant in die Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Er war in die Schreibkammer herabgekommen, um mir den Auftrag zu geben, daß ich »Briefe nach England« rufen sollte; zugleich wollte er dem Segelmacher sagen, daß er einen Briefbeutel anzufertigen hätte. »Ehrlich – was fehlt Ihnen? Sind Sie krank, oder – ?« Ich konnte nichts antworten, sondern reichte ihm den Brief. Er las ihn und drückte durch wiederholte Ausrufungen sein Erstaunen aus. »Ich wünsche Ihnen Glück, Freund, möchte das nächste Mal die Reihe an mich kommen. Kein Wunder, Sie sahen aus, wie ein gestochenes Schwein. Wenn ich solche Nachrichten empfangen hätte, so könnte sich der Kapitän heiser schreien und das ganze Schiff über Bord fallen, bis ich zu mir selber käme. Jetzt können wir vermuthlich keinen Dienst mehr von Ihnen –« »Der Kapitän fragt nach Ihnen, Herr Knight,« sagte ein Midshipman, seinen Hut berührend. Herr Knight ging in die Kajüte und kam in wenigen Minuten mit dem Befehle zu meiner Entlassung zurück. »Es ist Alles in Ordnung, Ehrlich, hier ist Ihre Entlassung und eine Ordre zu Ihrer Rückkehr.« Er legte sie auf den Tisch und ging, denn ein erster Lieutenant im Hafen hat keine Zeit zu verlieren. Die nächste Person, welche hereintrat, war Tom. Er hatte einen Brief von Marien mit einer Nachschrift von seiner Mutter in der Hand. »Jacob,« sagte er, »ich habe dir etwas Neues mitzutheilen. Marie schreibt, Herr Turnbull sei gestorben und habe ihrem Vater 200 Pfund vermacht, zugleich habe sie sich sagen lassen, er habe auch dir eine hübsche Summe ausgesetzt.« »Das hat er allerdings, Tom,« erwiederte ich, »lies diesen Brief.« Während Tom las, bemerkte ich den Brief von Herr Drummond, den ich ganz vergessen hatte. Ich öffnete ihn. Er theilte mir dasselbe mit, was mir der Sachwalter schrieb, nur mit wenigen Worten; dabei empfahl er mir schleunige Rückkehr und schloß einen Wechsel von 100 Pfund auf sein Haus ein, um mich in den Stand zu setzen, auf eine meinen gegenwärtigen Verhältnissen angemessene Weise aufzutreten. »Nun,« sagte Tom, »das sind allerdings gute Nachrichten, Jacob. Du bist endlich ein Gentleman geworden, was du schon lange verdient hast. Es macht mich sehr glücklich. Was gedenkst du zu thun?« »Hier ist meine Entlassung,« erwiederte ich, »und ich habe die Ordre zur Rückkehr.« »Noch besser. Ich bin sehr glücklich, Jacob, sehr glücklich. Aber was soll aus mir werden?« Und Tom strich mit dem Rücken seiner Hand über die Augen, um eine Thräne wegzuwischen. »Du wirst mir bald folgen, Tom, wenn ich es durch Geld oder Verwendung so weit bringen kann.« »Ich bringe es selbst so weit, Jacob, wenn du es nicht so weit bringst. Ich bleibe ohne dich nicht hier, dazu bin ich fest entschlossen.« »Nur nichts Unüberlegtes, Tom. Ich bin überzeugt, daß ich deine Entlassung erkaufen kann, und bei meiner Ankunft in England will ich an nichts Anderes denken, bis es gelungen ist.« »Du mußt schnell sein, Jacob, denn ich bin überzeugt, daß ich nicht lange hier sein kann.« »Vertraue mir, Tom, du wirst immer den Jacob Ehrlich in mir finden,« sagte ich und reichte ihm meine Hand. Tom drückte sie mit Wärme, kehrte sich mit nassen Augen ab und ging hinaus. Die Neuigkeit hatte sich durch das ganze Schiff verbreitet und eine Menge Offiziere sowohl als Matrosen kamen zu mir, um mir Glück zu wünschen. Was würde ich gegeben haben, wenn ich nur eine halbe Stunde lang mir selbst angehört hätte, – um meine aufgeregten Gefühle zu beruhigen – um für ein so unerwartetes Glück zu danken und dem Andenken eines so aufrichtigen Freundes meinen Zoll zu bezahlen! Aber in einem Schiffe ist dieß beinahe unmöglich, wenn man nicht Offizier ist und sich in seine Kajüte zurückziehen kann; und man muß diese Ergüsse des Herzens, die aus dem Kummer oder der Freude entspringen, man muß diese Thränen, die in der Einsamkeit so süß find, vor der Menge entweihen oder ganz zurückdrängen. Endlich zeigte sich eine erwünschte Gelegenheit. Herr Wilson, der im Dienste abwesend gewesen war, hatte bei seiner Rückkehr die Neuigkeit kaum vernommen, als er mich besuchte, um mir Glück zu wünschen und mich in unbewußter Ahnung meiner Gefühle fragte, ob ich meine Briefe nicht in seiner Kajüte schreiben wollte, die mir auf einige Stunden zu Diensten stände. Ich nahm das Anerbieten dankbar an; und als ich zum Kapitän gerufen wurde, hatte ich mein gepreßtes Herz erleichtert und meine aufgeregten Gefühle beruhigt. »Jacob Ehrlich, Sie wissen, daß der Befehl zu Ihrer Entlassung da ist,« sagte er freundlich. »Sie werden noch diesen Nachmittag auf die Asträa entlassen, welche nach Hause beordert ist und in wenigen Tagen mit Depeschen absegeln wird. Sie haben sich gut betragen, so lange Sie unter meinen Befehlen gestanden sind, und ob Sie gleich in Ihren jetzigen Verhältnissen keines Zeugnisses bedürfen, so nehmen Sie doch das lohnende Bewußtsein mit, Ihre Pflicht in dem Stande erfüllt zu haben, zu welchem Sie für einen Theil Ihres Lebens berufen wurden – ich wünsche Ihnen Heil.« Wenn Kapitän Maclean in dem, was er sagte, auch das Verhältniß, in dem wir bisher zu einander gestanden waren, nicht aus den Augen verlor, so lag doch besonders in den letzten Worten, »ich wünsche Ihnen Heil,« ein Gefühl des Wohlwollens, das mir tief zu Herzen drang. Ich erwiederte, daß ich sehr glücklich gewesen sei, so lange ich unter seinen Befehlen gestanden habe, und sagte ihm meinen Dank für seinen Segenswunsch. Dann verbeugte ich mich und verließ die Kajüte. Aber der Kapitän schickte mich nicht an Bord der Asträa, ob ich gleich dorthin entlassen wurde. Er sagte dem ersten Lieutenant, es sei besser, wenn ich an's Land gehe und mich auf eine angemessene Weise ausrüste. Wie ich nachher fand, sprach er sich gegen den Kapitän der Asträa sehr günstig über mich aus und sagte, ich hätte die Erziehung eines Gentleman genossen und sei auf eine gesetzwidrige Weise gepreßt worden, so daß mich, als ich an Bord der Asträa erschien, die Offiziere ersuchten, wahrend der Ueberfahrt an ihrem Tische zu speisen. Ich ging an's Land, setzte meinen Wechsel in Geld um, eilte zu einem Schneider und verschaffte mir mit seiner und anderer Künstler Hülfe, was zur äußeren Erscheinung eines Gentleman erfordert wird. Dann kehrte ich auf die Immortalité zurück und sagte den Offizieren und vertrautesten Matrosen Lebewohl. Mein Abschied von Tom war schmerzlich. Ich bemerkte, daß sogar die wenigen Tage meiner Abwesenheit eine Veränderung in seinem Aeußeren hervorgebracht hatte. »Jacob,« sagte er, »glaube nicht, daß ich dich beneide, im Gegentheil, ich bin so dankbar, ja noch dankbarer, daß dir ein solches Glück widerfahren ist, als wenn es mir selbst zu Theil geworden wäre; aber ich kann mir nicht helfen, ich gräme mich bei dem Gedanken, daß ich ohne dich hier zurückbleiben soll; und werde mich so lange grämen, bis ich wieder bei dir bin.« Ich erneuerte mein Versprechen, seine Entlassung auszuwirken, zwang ihm alles Geld auf, was ich entbehren zu können glaubte, und schied so schmerzlich ergriffen, als der arme Tom. Unsere Fahrt ging äußerst schnell von Statten. Wir hatten fortwährend Nordwest und flogen so schnell vor dem Winde her, daß wir in weniger als drei Wochen zu Spithead Anker warfen. Glücklich im Wechsel meiner Verhältnisse und noch glücklicher im Vorgenusse der Zukunft sage ich hier nur so viel, daß ich nie heiterer war und mich nie unter angenehmeren jungen Männern befand, als unter den Offizieren der Asträa. Ob wir gleich nur kurze Zeit bei einander waren, trennten wir uns doch mit gegenseitigem Bedauern. Eilftes Kapitel. Ich unterbreche ein Eheduett und werfe ein Boot um. – Weil dies auf trockenem Lande geschieht, ertrinkt Niemand dabei. – Tom verläßt ein Kriegsschiff, weil es ihm nicht gefällt . – Ich finde, daß der Stand eines Gentleman dem Stande eines Fährmanns vorzuziehen ist. Mein erstes Geschäft bei meiner Rückkehr war, den alten Tom zu besuchen und ihn von dem Wohlbefinden seines Sohnes zu benachrichtigen. Die Sehnsucht würde mich zuerst zu Herrn Drummond geführt haben, aber ich fühlte, daß es meine Pflicht erforderte, dieses Vergnügen aufzuschieben. Spät Abends kam ich im Gasthofe an und früh Morgens ging ich an den Steg der Westmünster-Brücke hinab, wo ich mit dem gewöhnlichen Rufe: »Boot, Sir?« begrüßt wurde. Eine Masse von Erinnerungen drang sich bei dem wohlbekannten Tone meinem Gedächtnisse auf; in wenigen Sekunden schien mein ganzes Leben an meinem Geiste vorübergezogen zu sein, als ich meinen Sitz im Spiegel eines Kahnes einnahm, und dem Fährmanne die Weisung gab, er solle den Strom hinaufrudern. Es war ein sehr schöner Morgen und sogar zu dieser frühen Stunde schon beinahe zu warm, so kräftig wirkte die Sonne. Ich betrachtete jeden Gegenstand, an dem wir vorbeifuhren, mit unbeschreiblicher Theilnahme; jeder Baum – jedes Gebäude – jede Landspitze; – sie alle waren alte gute Freunde, die sich im Glanze der Morgensonne meines Glückes zu freuen schienen. Drangen sich mir bisweilen auch schmerzliche Erinnerungen auf, so war ich doch im Ganzen in eine zu süße Träumerei versenkt, um eine Störung zu wünschen; jene Schattenbilder waren blos leichte Wolken, die nur in dem Augenblicke, wo sie vorüberflogen, die schimmernde Sonne meiner Seligkeit umdunkelten. Endlich erblickte ich das wohlbekannte Wohnhaus des alten Tom, seine große Tafel mit der Inschrift: »Boote auf Bestellung gebaut,« und den halben Kahn, der am Ende des Hauses lehnte. Da erinnerte ich mich des Zweckes meiner Fahrt; ich hieß den Schiffsmann an den Damm heranrudern, bezahlte ihn reichlich und entließ ihn; denn ich hatte bemerkt, daß der alte Tom um einen umgestürzten Nachen herumhumpelte und seine Frau in der warmen Sonne auf der Bank in dem halben Boote saß und emsig an ihren Netzen strickte. Ich war so still gelandet und Beide waren so sehr in ihr Geschäft vertieft, daß sie mich nicht wahrgenommen hatten. Um sie zu überraschen, schlich ich um's Haus herum und stellte mich hinter das alte Boot, wo ich ihr Gespräch mit anhörte. »Ich glaube,« sagte der alte Tom, sein Hämmern eine Zeit lang unterbrechend, »alle Nägel in Birmingham würden dieses Boot nicht wasserdicht machen. Die Planken sind so verfault, wie eine Birne, und die Nägel fallen durch. Ich habe schon ein Stück weiter eingesetzt, als bedungen war, und wenn ich hier nicht noch eines einsetze, so schwimmt das Boot in seinem Leben nie.« »Nun so setze noch eins ein,« bemerkte Frau Beazeley. »Ja, das will ich; aber ich hab' 'nen Gedanken, daß ich bei diesem Geschäfte mein eigenes Geld verliere – 7 Sch. 6 Pf. langt nicht für Arbeit und Alles. Doch was macht's?« Und er stimmte den Vers an: »Die See ist die Lust Der freien Brust; Das Festland hat nur Ketten; Doch auf den Wogen Zur Freiheit erzogen Weiß sich die Liebe zu retten.« »Nun, wenn du singst, so sing auch die Wahrheit, Beazeley,« sagte die alte Frau. »Ist nicht dein Junge zum Dienst gepreßt worden? wie kannst du von Freiheit reden?« Der alte Tom antwortete durch die Fortsetzung seines Liedes: »Kein Auge wacht und keine Zunge sticht, Die Erd' ist fern und nah' des Himmels Licht.« »Ja, ja,« erwiederte die alte Frau, »kein Auge wacht; er mag krank oder betrübt sein – er mag an Wunden oder an einem tödtlichen Fieber darniederliegen; kein Mutterauge wacht über ihn. Was aber das Fernsein der Erde betrifft, so glaube ich nicht, daß Toms Gedanken von seiner Mutter fern sind.« Der alte Tom erwiederte: »Die Zeit geht vorbei, Doch Liebe und Treu Bleibt überall ewig dieselbe.« »Das ist wahr, Tom, das ist wahr, und ich glaube fest, er denkt in diesem Augenblicke an Vater und Mutter und liebt uns mehr, als je.« »Das glaube ich auch,« erwiederte der alte Tom, »das heißt, wenn er nichts Besseres zu thun hat, aber Alles hat seine Zeit, und wenn einer seine Pflicht als Matrose thut, so darf er seine Gedanken nicht auf die Wanderschaft schicken. Fürchte doch nicht, Alte, er wird wieder kommen. Dort oben schwebt ein schöner kleiner Cherub, Der für des Armen Leben sorgend wacht.« »Gott gebe es! Gott gebe es!« versetzte die alte Frau, ihre Augen mit der Schürze trocknend und ihre Arbeit wieder aufnehmend. »Er scheint seinen letzten Briefen nach,« fuhr sie fort, »über und über in dieses Mädel, die Marie Stapleton, vernarrt zu sein, und bisweilen meine ich, sie bekümmere sich nicht wenig um ihn, aber sie hat nie lange den nämlichen Kopf. Es gefiel mir gar nicht, wie sie mit den Soldaten scherwenzelte, und zu gleicher Zeit sagt Tom, sie schreibe ihm, daß sie nach Keinem nichts frage, als nach ihm.« »Weiber sind – Weiber! das ist ausgemacht,« versetzte der alte Tom, und nachdem er eine Zeitlang geschwiegen hatte, zeigte er, daß seine Gedanken bei seinem Sohne verweilten, indem er sang: »Marie, wenn jene unermess'ne See Uns scheidet, ach vielleicht auf immer scheidet. So denke nicht, daß dieses Herz sich je Von dir entfernt und nicht mehr um dich leidet! Und weile ich im fernen Himmelsstrich, Gebrochnen Herzens, freundlos und vergessen,« – »Sage das nicht, Tom, sage das nicht,« unterbrach ihn die alte Frau. Tom fuhr fort: »So wein' ich um die Heimath und um dich, Und all die Freunde, die ich dort besessen.« »Ja, das thut der arme Bursche, das muß ich sagen. Was würde ich geben, um sein holdes, lächelndes Gesicht zu sehen,« sagte Frau Beazeley. »Und ich würde auch nicht wenig darum geben, Alte. Aber's ist Pflicht für Jedermann, seinem Vaterlande zu dienen, und das muß auch Tom, wie es sein Vater vor ihm gethan hat. Ich freue mich, bis er wieder kommt, aber es thut mir nicht leid, daß er fort ist. Unsere Schiffe müssen bemannt werden, Alte, und wenn sie die Leute mit Gewalt nehmen, so geschieht es nur deswegen, weil keiner freiwillig geht, das ist Alles. Wenn sie einmal an Bord sind, so denken sie nicht mehr daran. Ihr Weibsleute wollt gerade so gepreßt sein, wie die Mannsbilder, und 's ist im Grund Ein Handel.« »Wie so, Tom?« »Nun, wenn wir euch die Cour machen und euch heirathen wollen, thut ihr da nicht spröde und saget nein? Ihr möchtet euch gern küssen lassen, aber wir müssen die Küsse mit Gewalt nehmen. So ist's mit der Bemannung eines Schiffes; die Bursche sagen alle nein, aber wenn sie einmal dort sind, so gefällt ihnen der Dienst, von wegen weil sie gepreßt sein wollen, wie ihr. Schreibt uns nicht Tom, daß er ganz glücklich ist, und daß er sich nichts darum bekümmert, wo er sich herumtreibt, so lange nur Jacob bei ihm ist?« »Ja, das ist wahr, aber sie sagen, Jacob sei frei und komme heim, nun daß er zu einem Vermögen gekommen sei; was wird Tom dazu sagen?« »Das ist freilich das Schlimmste daran. Ich glaube, Jacob hat das Herz auf dem rechten Flecke; aber der Reichthum ist das Verderben des Menschen, doch wir wollen sehen. Wenn sich Jacob nicht »ächt blau« erzeigt, so will ich keinem Menschen mehr trauen; aber 's gibt Wechselfälle in der Welt, das ist ausgemacht. Fortuna lächelt uns und zürnt uns wieder, Und gibt uns Allen unser Auf und Nieder; Doch zürnt sie heute, dürfen wir nicht hoffen. Sie zeige morgen uns den Himmel offen?« »Ich wünschte nur, Jacob wäre hier, das ist Alles.« »Dann ist Euer Wunsch erfüllt, guter alter Freund,« rief ich auf ihn zueilend und seine Hand fassend; aber der alte Tom war so sehr überrascht, daß er zurückschrak, das Gleichgewicht verlor und mich mit ihm zu Boden riß, so daß wir mit einander auf den Sand rollten. Aber das war nicht der einzige Zufall; die alte Frau wurde dermaßen erschreckt, daß sie von der Bank in dem alten Boot aufsprang und in dasselbe zurückfiel. Das Boot, das schon verfault war, als es aufgestellt wurde, hatte schon seit einer Reihe von Jahren den Kämpfen der Elemente beigewohnt, und vermochte einer solchen Last nicht mehr Stand zu halten. Es wich der Gewalt, die das alte Weib plötzlich anwendete, und Frau und Boot gingen mit einander nieder, wobei die erstere kreischte und sich zwischen den vermorschten Planken krümmte, welche sich nach einem so langjährigen vertrauten Verhältniß von einander trennen mußten. Ich war zuerst wieder auf den Beinen und eilte der Frau Beazeley zu Hülfe, welche vom Staub des faulen Holzes und vertrockneten Pechs beinahe erstickt war; der alte Tom eilte mir zu Hülfe, und so brachten wir das alte Weib wieder auf seine Beine. »Herr im Himmel!« rief sie, »Herr im Himmel! Ich glaube, meine Hüfte ist verrenkt. Gott, wie haben Sie mich erschreckt, Herr Jacob!« »Ja,« sagte der alte Tom, mir mit Wärme die Hand drückend, »wir überschlugen Alle, das alte Boot und Alles. Welch einen Wurf hast du gethan, uns alle niedergekugelt, wie ein Kegelspiel. Gut! Junge, freut mich, dich zu sehen, und trotz deiner Takelung bist du immer noch der Jacob Ehrlich.« »Ich hoffe wenigstens,« versetzte ich; und wir gingen in's Haus, wo ich ihnen mittheilte, was vorgefallen war, und was ich thun wollte, um Tom's Entlassung auszuwirken. Dann verließ ich sie mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen, rief einen Kahnführer, der eben den Strom hinaufruderte, und fuhr nach der Wohnung meines alten Freundes, des Domine, von dessen, sowie von Mariens und Stapletons Wohlbefinden ich bereits versichert worden war. Aber als ich unter der Putneybrücke durchfuhr, dachte ich, es wäre eben so gut, wenn ich den alten Stapleton gleich besuchen würde, und sagte zu dem Schiffer, er solle dort anfahren. Ich eilte nach Stapleton's Hause, und ging die Treppe hinauf, wo ich Marie in tiefem Gespräch mit einem hübschen, jungen Mann in einer Sergeantenuniform des 93. Regiments traf. Marie, welche noch schöner geworden war, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, schrak zusammen und schien mich Anfangs nicht zu erkennen; dann erröthete sie bis über die Stirne und bewillkommnete mich mit einem Zwang, den ich vorher nie an ihr bemerkt hatte. Der Sergeant schien geneigt, das Feld zu behaupten; aber da ich sie bei der Hand faßte und ihr sagte, ich hätte eine Botschaft von Jemanden, den sie, wie ich hoffe, nicht vergessen haben würde, gab er ihr einen Wink und ging die Treppe hinab. Vielleicht lag eine gewisse Strenge in meinem Gesicht, als ich sagte, »Marie, ich weiß nicht, ob ich dir, nach dem, was ich gesehen habe, die Botschaft noch ausrichten darf; der Genuß, den ich mir von unserem Wiedersehen versprochen hatte, ist durch das, was ich hier gefunden, ohnedies verbittert. Wie entehrend ist es, mit den Gefühlen eines Mannes zu spielen, ihm von Treue und Beständigkeit zu schreiben und in demselben Augenblicke einem Andern Hoffnung zu machen!« Marie ließ den Kopf sinken. »Wenn ich Unrecht gethan habe, Herr Ehrlich,« sagte sie, »so habe ich doch Tomen nicht Unrecht gethan; was ich geschrieben habe, das habe ich gefühlt.« »Wenn das der Fall ist, warum thust du einem Andern Unrecht? Warum machst du einem andern jungen Mann Hoffnung, nur um ihn unglücklich zu machen?« »Ich habe ihm nichts versprochen; aber warum kommt Tom nicht, um nach mir zu sehen? Ich kann hier nicht ewig Trübsal blasen. Ich habe Niemand, mit dem ich umgehen könnte, denn mein Vater sitzt immer im Bierhause; sonst ist kein Mensch da, mit dem ich sprechen könnte. Zudem ist Tom fort, und bleibt vielleicht noch lange weg, und Entfernung kurirt die Liebe bei den Männern, wiewohl es bei den Weibern nicht der Fall ist.« »Es scheint also, Marie, du möchtest gern für den Nothfall zwei Sehnen an deinem Bogen haben?« »Sollte die erste reißen, so wäre eine zweite gar nicht zu verschmähen,« erwiederte Marie. »Aber 's ist immer so,« fuhr sie mit steigender Heftigkeit fort. »Ich kann mich nie in einer Lage befinden, die nicht recht ist; sobald ich irgend etwas thue, was nicht ganz am Platze ist, so darf ich darauf zählen, daß Sie dazu kommen, wenn man Sie am wenigsten erwartet, am wenigsten aber herbeiwünscht. Ist's doch, als ob Sie dazu geboren wären, mein unaufhörlicher Ankläger zu sein.« »Klagt dich nicht dein eigenes Gewissen an, Marie?« »Herr Ehrlich,« fuhr sie noch heftiger werdend fort; »Sie sind nicht mein Beichtvater; aber thun Sie, was Ihnen gut dünkt – schreiben Sie Tom, wenn es Ihnen beliebt – sagen Sie ihm Alles, was Sie gesehen haben, und Alles, was Sie davon denken – machen Sie ihn und mich unglücklich und elend – ich bitte Sie, thun Sie es. Es wird ein Freundschaftsdienst von Ihnen sein, und da Sie jetzt ein vornehmer Mann sind, können Sie Tom leicht überzeugen, daß ich eine leichtfertige Dirne sei.« Marie legte die Hände auf den Tisch und verbarg ihr Gesicht darin. »Ich kam nicht hierher, um dich zu richten, Marie; es steht dir frei, zu handeln, wie dir's beliebt, und ich habe kein Recht, dir etwas einzureden; aber da Tom mein erster und bester Freund ist, so werde ich über Alles sorgfältig wachen, was seine Wohlfahrt und sein Glück betrifft. Wir sind so lange bei einander gewesen und ich bin so vertraut mit allen seinen Gefühlen, daß ich überzeugt bin, wenn je ein junger Mensch von ganzer Seele an einem Mädchen hängt, so ist es bei ihm in Bezug auf dich der Fall; und ich kann noch hinzusetzen, wenn es je einen jungen Menschen gab, der Gegenliebe verdiente, so ist es Tom. Als ich ihn verließ, was noch keinen Monat her ist, bat er mich, vor Allem dich zu besuchen und dich seiner unveränderlichen Liebe zu versichern; und jetzt stehe ich im Begriff, seine Entlassung auszuwirken, damit er bald zurückkehren kann. Auf diesen Punkt sind alle seine Gedanken gerichtet, und mit der äußersten Ungeduld wartet er auf die Ankunft seines Entlassungsbriefes, um wieder bei dir sein zu können. Du kannst es am besten beurtheilen, ob seine Rückkehr eine Quelle der Glückseligkeit sein wird oder nicht.« Marie richtete sich auf – ihr Gesicht war mit Thränen benetzt. »Also wird er bald wieder kommen, und ich soll ihn wiedersehen? Ja, wahrhaftig, seine Rückkehr soll keine Quelle des Unglücks für ihn sein, wenn ich ihn beseligen kann – gewiß nicht, Herr Ehrlich; aber ich bitte Sie, sagen Sie ihm nichts von meiner Thorheit – bitte Sie, thun Sie es nicht – warum ihn unglücklich machen? – Ich beschwöre Sie, thun Sie es nicht. Ich will anders werden. Versprechen Sie mir es, Jacob, nicht wahr?« fuhr Marie fort, indem sie mich beim Arme hielt und mir flehentlich in's Gesicht blickte. »Marie, ich will nie den Friedensstörer machen, aber vergiß es nicht, ich verlange die Erfüllung deines Versprechens.« »Oh! und ich will es halten, jetzt, da ich weiß, daß er bald nach Hause kommt. Ich kann, ich glaube, ich kann – ich bin überzeugt, ich kann ein paar Monate ohne Liebelei bleiben. Aber ich wollte nur, ich würde nicht so viel allein gelassen. Wenn nur Tom zu Hause wäre, um nach mir zu sehen, denn sonst ist Niemand hier, und ich kann nicht selbst auf mich Acht haben.« Ich las es in Marien's Zügen, daß es ihr Ernst war, darum machte ich Frieden mit ihr, und wir unterhielten uns zwei Stunden lang mit einander; der Hauptgegenstand unseres Gesprächs war Tom. Als ich sie verließ, hatte sie ihre gewohnte Geisteskraft wieder gewonnen, und beim Abschied sagte sie mit einem schlauen Blicke: »Jetzt sollst du sehen, wie weise und klug ich mich benehmen werde.« Ich reichte ihr die Hand und verließ sie, um meinen alten Freund Stapleton aufzusuchen, der wie gewöhnlich unter der Thüre des Wirthshauses seine Pfeife rauchte. Anfangs erkannte er mich nicht; denn als ich ihn anredete, legte er wie gewöhnlich seine offene Hand an's Ohr, und ersuchte mich, etwas lauter zu sprechen, aber ich antwortete: »Unsinn, Stapleton, das geht bei mir nicht.« Auf dieses nahm er seine Pfeife aus dem Mund und sah mich starr an. »Jacob, so wahr ich lebe! Kannte Euch nicht in Eurem langen Rock – glaubte, 's wär ein Gentleman, der nach einem Boot fragte. Nun 's ist unnöthig zu sagen, wie ich mich freue, Euch nach so langer Zeit wieder zu sehen, das ist nicht mehr als Menschennatur. Und was macht Tom? Habt Ihr Marie gesehen?« Diese beiden Fragen gaben mir Gelegenheit, sogleich auf meinen Gegenstand einzugehen. Ich sagte ihm von der Anhänglichkeit und dem Treuegelöbniß zwischen beiden, und machte ihm Vorwürfe, daß er seine Tochter so viel allein lasse. Der alte Mann stimmte mir bei und sagte, was das Sprechen mit den jungen Leuten betreffe, so sei das bei Marien nichts als Menschennatur? und was des Tomes Heimweh nach ihr betreffe, so sei dies wieder nichts als Menschennatur; aber seine Pfeife wolle er in Zukunft zu Hause rauchen und die Soldaten gedenke er fern zu halten. Zufriedengestellt mit diesem Versprechen verließ ich ihn und nahm einen andern Nachen, um hinauf nach Brentford zu fahren, wo ich den Domine besuchen wollte. Zwölftes Kapitel. Die Knaben werden alle losgelassen und der Domine wird gefangen. – Voll Eifer. mir etwas unter die Zähne zu schaffen, geräth er selbst zwischen die Zähne, und Frau Bately weist ihm ebenfalls die Zähne. – Wachholder heraus, Wachholder hinein und Wachholder wieder heraus, und die alte Frau ebenfalls heraus. – Der Domine deßwegen wieder hinein. – Es gleicht mehr einem Whigministerium als einer Novelle. Ich traf den würdigen alten Domine im Schulzimmer, an seinem hohen Pulte. Der Unterlehrer war abwesend, und die Knaben machten einen Lärmen, der wohl geeignet war, Jemand aus der Verzückung zu wecken. Daß der Domine in eine seiner Träumereien vertieft war, und daß sich dieß die Knaben zu nutze machten, war augenfällig. »Herr Dobbs,« sagte ich, dicht an den Pult tretend; aber der Domine antwortete nicht. Ich wiederholte seinen Namen mit lauterer Stimme. »Cosinus x   ab - z - ½ muß das Resultat sein,« murmelte der Domine vor sich hin. »Und doch kommt es nicht heraus. Ich muß mich gestoßen haben. Sehen wir die Rechnung noch einmal durch;« und der Domine hob den Deckel seines Pultes in die Höhe, um ein anderes Blatt Papier herauszulangen. Mittlerweile nahm ich ihm seine Arbeit weg und verbarg sie hinter meinem Rücken. »Aber was ist das?« rief der Domine aus und sah sich in allen Richtungen nach seinen Berechnungen um. »Wahrlich,« fuhr er fort, »das muß der Wind gethan haben;« und er warf seine Augen so lange umher, bis sie auf mein lachendes Gesicht fielen. » Eheu! was erblicke ich? – Er ist's – und doch, er ist's nicht, – ja, wahrhaftig, er ist's, mein Sohn Jacob. Willkommen, willkommen,« rief der alte Mann, stieg von seinem Throne herunter und schloß mich in seine Arme. »Es ist lange her, seit ich dich nicht mehr gesehen habe, mein Sohn, Interea magnum sol circum volvitur annum . Lange, ja lange habe ich mich nach deiner Rückkehr gesehnt, voll Furcht, du möchtest nudus in ignota arena gleich einem zweiten Kolumbus verschlagen worden sein. Du bist wieder da, und nun ist Alles gut, wie der Vater in der heiligen Schrift sagt: ›Ich habe meinen Sohn gefunden, den ich verloren hatte‹ aber du bist nicht der verlorene Sohn, wiewohl die Citation passend ist. ›Jetzt ist Alles gut, du bist den Gefahren der Schlacht, des Feuers und des Schiffbruchs entgangen, und nun magst du dein nasses Gewand als Weihgeschenk aufhängen,‹ wie Horaz sagt, Uvida suspendisse potenti vestimenta maris Deo .« Während dieser Anrede des Domine hatten sich die Knaben, welche bemerkten, daß er nicht mehr in die Traumwelt seiner Algebra entrückt war, hinter ihren Pulten zurecht gesetzt und erinnerten mich in ihrer anscheinenden Lernbegierde an das Gesumme der Bienen, das dem Schwärmen an einem Sommertage vorangeht. »Knaben,« rief der Domine, » nunc est ludendum ; wahrlich, ihr sollt heute frei haben, packt eure Bücher zusammen und ziehet hin in Frieden.« Dem ersten Theile des Befehles wurde eiligst gehorcht, aber mit dem zweiten Theil nahmen sie es nicht so genau. Mit lautem Geschrei stürzten die Knaben aus dem Zimmer, und nach wenigen Sekunden war ich mit dem Domine allein. »Komm, Jacob, wir wollen in mein Sanctum gehen; dort können wir ungestört mit einander sprechen. Du sollst mir deine Abenteuer erzählen, und ich werde dir mittheilen, was mir in Bezug auf diejenigen, mit denen du bekannt wärest, zu Ohren gekommen ist.« »Zuerst möchte ich Sie bitten, mir etwas zu essen zu geben, denn ich bin bedeutend hungerig,« unterbrach ich ihn, als wir durch die Küche gingen. »Wahrlich, du sollst Alles haben, was wir besitzen, Jacob; doch glaube ich, wird das nicht viel sein, denn mir fällt bei, daß ich und unsere würdige Matrone eine Hammelsschulter abnagten, von der wir nun bereits zum vierten Male zu Mittag essen. Sie ist ausgegangen, doch will ich es wagen, um deinetwillen in die Geheimnisse ihres Speiseschranks einzudringen. Vielleicht wird sie wüthend darüber werden, aber ich will ihre Ungnade wagen.« Mit diesen Worten öffnete der alte Domine den Speiseschrank und reichte mir die verschiedenen Platten mit ihrem Inhalte nacheinander. »Hier, Jacob, sind zwei harte Klöße von gestern. Bist du ein Freund von kalten, harten Klößen? – aber halt, hier ist etwas Schmackhafteres – ein halber, kalter Kohlkopf, den wir heute übrig gelassen haben. Wir wollen weiter sehen. Hier ist Fleisch – ja; es ist Fleisch; aber jetzt bemerke ich, es ist ein Stück Fett, das vom Mittagessen der Katze auf morgen zurückgestellt wurde. Ich fürchte, wir dürfen uns nicht daran wagen, die Dame würde rasend werden.« »Stellen Sie es doch zurück, Sir, ich möchte um keinen Preis der Katze Abtrag thun.« »Wahrlich, Jacob, sonst sehe ich nichts mehr, es müßte denn auf dem oberen Brette noch etwas stehen. Sieh, hier ist Brod, der Stab des Lebens, und ein Fragment von einem Käse, doch mich dünkt, ich sehe noch etwas Dunkles dort hinten in der Ecke.« Der Domine streckte seine Hand aus, zog sie aber augenblicklich wieder zurück und sprang mit einem lauten Schrei vom Stuhl herunter. Er hatte seine Finger in eine Rattenfalle gesteckt, welche die Matrone den unverschämten Gästen gestellt hatte. Schreiend vor Schmerz streckte er seinen Arm aus und stampfte mit den Füßen. Ich eilte ihm zu Hülfe, drückte die Feder nieder und befreite seine Finger aus den Zähnen, welche ihn gequetscht und blutig gebissen hatten; glücklicher Weise war die Falle, gleich den meisten Gerätschaften der Haushaltung, sehr alt und die Wunde deßwegen nicht allzuschwer. Der Domine steckte die Finger in seinen großen Mund, und verharrte eine Zeit lang in dieser Stellung, ohne zu sprechen. Der Schmerz ließ allmählig nach, als die Matrone eintrat. »Nun, was soll das?« rief sie in einem zänkischen Tone. »Jacob hier, und mein ganzer Speiseschrank auf dem Tisch. Jacob, wie kannst du es wagen, an meinen Speiseschrank zu gehen?« »Der Domine that's, Frau Bately. Er suchte etwas zu essen für mich, und ist in eine Rattenfalle gerathen.« »Das geschieht ihm recht; ich hatte ihm den Speiseschrank verboten. Ist's nicht so, Herr Dobbs?« »Ja, wahrhaftig,« antwortete der Domine, »und es reut mich, daß ich nicht auf deine Warnung gehört habe, denn sehen Sie nur meine Finger.« Mit diesen Worten streckte er seine zerfetzte Hand aus. »Herr im Himmel! ich hatte keinen Begriff davon, daß eine Rattenfalle so stark zwicken könnte,« rief die Alte, deren Zorn wieder besänftigt war. »Wie weh muß es den armen Thieren thun – ich will sie nicht mehr richten, sondern alle der Katze überlassen.« Damit trat die alte Dame an eine Schieblade, zog sie heraus, brachte einige Stücke alter Leinwand und ein Fläschchen Karthäuserbalsam zum Vorschein, träufelte denselben auf des Domine's Hand und schalt ihn die ganze Zeit über, wahrend sie den lindernden Verband anlegte. »Wie dumm von Ihnen, Herr Dobbs; Sie wußten, daß ich nur auf wenige Minuten ausgegangen war. Warum warteten Sie nicht? – und warum gingen Sie an den Speiseschrank? Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, Sie sollen wegbleiben? Jetzt sehen Sie die Folgen.« »Meine Hand brennt entsetzlich,« bemerkte der Domine. »Ich will frisch Wasser holen, das wird Ihnen gut thun. Was Sie einem doch für Mühe machen, Herr Dobbs; Sie sind über einen Armenschüler.« Mit diesen Worten ging die alte Dame nach dem Brunnen. »Essig ist besser, Sir,« sagte ich, »hier ist eine Flasche im Speiseschrank, die ohne Zweifel das, was wir brauchen, enthält.« Ich trat an den Schrank, nahm die Flasche, zog den Kork weg und roch daran. »'s ist kein Essig, Sir, 's ist Holländer oder Wachholder.« »Dann möchte ich ein Gläschen, Jacob; denn ich fühle mich einer Ohnmacht nahe; aber schnell, die Alte könnte kommen.« »Trinken Sie aus der Flasche Sir,« sagte ich, als ich bemerkte, daß der Domine ganz bleich wurde, »ich will schon Acht geben, wenn sie kömmt.« Der Domine setzte die Flasche an den Mund und nahm eben einen tüchtigen Zug, als die Matrone durch eine andere, in unserm Rücken befindliche Thür eintrat. Sie hatte einen Umweg gemacht, um ein Waschbecken zu holen. Ehe wir sie erblickten, stand sie hinter dem Domine, und rieß ihm die Flasche vom Munde, daß ihm ein Theil der Flüssigkeit in die Augen spritzte und ihn blendete. »Also deßwegen gehen Sie mir an den Speiseschrank, Herr Dobbs?« rief sie außer sich vor Zorn. »Das ist's also? Die Flasche nahm mir doch zu schnell ab; denn ich nehme nie mehr als ein Theelöffelchen jeden Abend, weil ich so viel mit Blähungen geplagt bin. Ich stelle die Rattenfalle wieder, verlassen Sie sich darauf; und Sie können sich nach Jemand anders umsehen, Ihre Finger zu verbinden.« » Ich habe sie herausgenommen, Frau Bately; der Domine wäre vor Schmerzen in die Ohnmacht gefallen. Es war ein großes Glück, daß er eine Haushälterin hatte, welche so sorgfältig ist, etwas der Art im Hause zu führen, sonst wäre er sicher gestorben. Sie werden gewiß nicht auf ein paar Tropfen von Ihrem Heilmittel sehen, wenn es sich um die Wiederherstellung des Herrn Dobbs handelt?« »Friede, Weib, Friede,« sprach der Domine, dem sein Trank Muth gegeben hatte. »Friede, sage ich; ich wußte nicht, daß du eine Falle für meine Hand, oder ein Labsal für deinen Mund im Schenkschranke hattest; wenn ich in die eine gerieth, so ist's nicht mehr als billig, daß ich auch an die andere gelangte. In Zukunft werde ich weder mit der einen noch mit der andern etwas zu schaffen haben. Bring' mir das Waschbecken, damit ich meine brennenden Wunden kühle, und bereite schnell etwas zu, um den Hunger meines Sohnes Jacob zu stillen; stille aber auch deinen Zorn. Pax , Friede, sage ich.« Die Alte sah, daß der Domine das Recht der Herrschaft in Anspruch nahm und zögerte nicht länger, seinen Befehlen zu gehorchen; murrte aber noch so lange, bis sie aus unserer Hörweite war. Die Anwendung des frischen Brunnenwassers milderte bald die Schmerzen des guten, alten Domine, und wir begannen eine lange Unterhaltung, während er seine Hand in's Becken hielt. Zuerst erzählte ich ihm die Ereignisse, die ich während meines Dienstes an Bord der Fregatte erlebt hatte. Als ich meinen Abschied von Tom schilderte, bemerkte er: »Wahrlich, ich erinnere mich dieses jungen Toms als eines fröhlichen, spaßhaften, aber vorlauten Burschen. Dennoch wünsche ich ihm nichts als Gutes und bedaure, daß er von dem Mädchen so sehr umgarnt ist. Wohl kann man von ihr sagen, was Horaz von der Pyrrhe sagt – » Quis multa gracilis te puer in rosa, perfusus liquidis urget odoribus grata Pyrrha sub antro. Cui flavam re1igas comam, simplex munditiis . Ich bedaure es, ja, ich bedaure es sehr. Heu quoties fidem, mutatosque Deos flebit ! Wahrlich, Jacob, ich weissage dir, sie wird ihn in Irrthümer, ja vielleicht in's Verderben führen.« »Ich hoffe nicht, Sir,« erwiederte ich; aber der Domine gab keine Antwort. Eine halbe Stunde lang blieb er in ernste Gedanken vertieft. Mittlerweile trat Frau Bately ein, breitete ein Tuch über den Tisch und stellte einige Speckschnitten mit Eiern auf, die ich mir ungesäumt und trefflich schmecken ließ. Ihr Zorn war jetzt verraucht. Sie hieß mich herzlich willkommen, und holte bald darauf ein frisches Becken kalt Wasser für den Domine, um seine Hand darin zu baden. Das weckte ihn aus seinen Träumen, und er nahm die Unterhaltung wieder auf. »Jacob, ich habe dir noch nicht zu deiner Erbschaft Glück gewünscht; nicht als ob ich mich nicht innigst darüber freute, sondern weil ich es über der Freude des Wiedersehens vergessen hatte. Es war immerhin ein Glück für dich, daß du dir Freunde erworben hattest, wie Herrn Turnbull, was würde sonst das Ergebniß deiner gepriesenen Unabhängigkeit gewesen sein? Du wärest wahrscheinlich viele Jahre lang an Bord eines Kriegsschiffes geblieben und entweder getödtet worden oder verstümmelt in dein Vaterland zurückgekommen, um unbekannt zu sterben.« »Sie hatten Recht, Sir,« versetzte ich, »meine Unabhängigkeit war nichts, als Stolz; und wie Sie voraussagten, ich bereute sie bitter, und zwar noch ehe ich in des Königs Dienst gepreßt wurde – aber Herr Drummond erneuerte seine Anträge nie.« »Allerdings, Jacob; aber er hat mir nachher gesagt, ob es ihn gleich außerordentlich überraschte, daß du in den Dienst des Vaterlandes gepreßt wurdest, sei er doch nie überzeugt gewesen, ob du neue Vorschläge annehmen würdest, und über das habe er gewünscht, du möchtest deine Thorheit in vollem Maße büßen. Lange bevor du dich mit ihm aussöhntest, hatte er den letzten Willen Herrn Turnbull's als Zeuge unterschrieben und war mit dem Inhalte desselben bekannt. Er wachte stets über dir, und hätte er gedacht, daß dich dein Lebensweg auf Irrpfade führen würde, so wäre er in's Mittel getreten, um dich zu retten, denn er hatte die Ansicht Shakspeare's, daß ›die Früchte der Widerwärtigkeit süß seien,‹ und daß du unter ihrer unfreundlichen Zucht eine gute Schule durchmachen werdest. Er war stets dein Freund.« »Ich glaube es, und hoffe, er befindet sich mit seiner Familie wohl.« »Bis vor ganz kurzer Zeit befanden sie sich noch wohl, Jacob; aber seit dem Tode Herrn Turnbull's habe ich wenig mehr von ihnen gesehen. Es wird dir schmerzlich sein, zu vernehmen, daß der Kummer über deine Abwesenheit die Auflösung Herrn Turnbull's beschleunigte. Ich war an seinem Sterbebette, Jacob; und ich glaube wirklich, er war ein wackerer Mann und wird als solcher seinen Lohn empfangen; doch sprach er ganz seltsam und erinnerte mich an jenes Fragment von einem Manne, das du den alten Tom nennst. ›'s ist von keinem Nutzen, alter Herr,‹ sagte er, auf die Polster gestützt, auf denen er in seinem Bette lag, denn er war zum Gerippe abgezehrt, nachdem ihm durch die Heftigkeit des Hustens ein Blutgefäß gesprungen war, ›'s ist von keinem Nutzen, wenn ich noch den Doktorstoff da hinunterwürge; mein Anker hat sich tief aus dem Grunde gewühlt und in wenigen Minuten wird er gelichtet sein; doch ich vertraue auf den Himmel, wo ich hoffe, daß ein Hafenanker für mich in Bereitschaft ist.‹ ›Ich möchte dich gerne verstehen, aber du sprichst in Räthseln,‹ versetzte ich. ›Ich wollte sagen, der Tod habe seine Harpune bis in's Heft hineingetrieben, und ich ringe vergeblich. Ich habe meine Lien abgelaufen und werde in wenigen Minuten umschlagen – so bringe Jacob meinen herzlichen Gruß und meinen Segen – er rettete einst mein Leben, aber nun ist's vorbei.‹ Mit diesen Worten entfloh sein Geist; und so verhauchte also dein Wohlthäter seinen letzten Athemzug, um Segen auf dein Haupt herabzuflehen.« Ich schwieg mehrere Minuten lang, denn ich war von der Erzählung des Domine zu schmerzlich ergriffen; endlich nahm er das Gespräch selbst wieder auf. »Hast du Herrn Drummond's gesehen, Jacob?« »Noch nicht,« erwiederte ich, »aber morgen will ich sie besuchen; doch jetzt ist's Zeit, daß ich gehe und in meinen Gasthof nach London zurückkehre.« »Das hast du nicht nöthig, Jacob. Dein eigenes Haus ist in der Nähe.« »Mein eigenes Haus!« »Ja; Herr Turnbull hat seiner Frau in seinem Testamente ein schönes Witthum ausgesetzt, aber aus Gründen, die er nicht auseinander setzte, ist das Haus sammt den Gerätschaften ausgeschlossen und gehört also dir, als dem Haupterben.« »Wirklich! – wo ist denn aber nun Frau Turnbull?« »In Bath, wo sie sich niedergelassen hat. Herr Drummond, der in deinem Namen handelte, erlaubte ihr, mitzunehmen, was sie wünschte, aber sie nahm nur Weniges, und zwar hauptsächlich solche Gegenstände, welche das Gastzimmer mehr anfüllten, als schmückten. Das Haus ist zu deinem Empfange bereit; und du kannst es noch diesen Abend in Besitz nehmen.« »Aber warum hinterließ es Herr Turnbull seiner Wittwe nicht?« »Das kann ich dir nicht genau angeben, aber vermuthlich, weil er nicht wünschte; daß sie an diesem Platze bleiben sollte. Er stellte deßhalb 5000 Pf. zu ihrer Verfügung, damit sie ein anderes Haus kaufen und einrichten könnte.« Ich nahm von dem Domine Abschied, und weil es schon ziemlich spät war, beschloß ich, in mein Haus zu gehen, um dort die Nacht zuzubringen. Dreizehntes Kapitel. In welchem ich mein eigenes Haus in Besitz nehme und denke, daß es ohne Frau sehr schlecht ausgestattet sei. Tom's Entlassung wird abgeschickt, trifft ihn aber zufälliger Weise nicht mehr. – Ich nehme meine neue Stellung in der Gesellschaft ein. Bei meiner Ankunft wurde mir das Thor von der Frau des Gärtners geöffnet, welche mir eine tiefe Verbeugung machte. Bald darauf erschien der Gärtner mit dem Hute in der Hand. Alles war sauber und in guter Ordnung. Ich trat in's Haus und befreite mich so schnell als möglich von ihrer Dienstbeflissenheit. Ich wünschte allein zu sein. Ueberwältigende Gefühle drängten sich in meine Brust. Ich eilte in Herrn Turnbull's Studirzimmer und setzte mich in den Sessel, den er noch vor Kurzem selbst eingenommen hatte. Das stolze Bewußtsein des Besitzes, durch die Dankbarkeit gegen den Himmel und die Trauer über seinen Hintritt gemildert, kam über mich, und ich versank in eine Träumerei, in welcher ich lange verharrte. »Und all das, und noch mehr, noch vielmehr, ist mein,« rief ich im Geiste aus: »der Matrose vor dem Mast; der Fährmann auf dem Strome, der Armenschüler, die Waise ist jetzt im ruhigen Besitze der Ueppigkeit und des Reichthums. Was habe ich gethan, um dieß Alles zu verdienen?« Mein Herz sagte mir – nichts, oder wenn irgend etwas, auf jeden Fall etwas Werthloses, und meine Seele strömte in ein Dankgebet zum Himmel über. Nachdem ich diese Pflicht erfüllt hatte, war ich ruhiger und meine Gedanken verweilten auf meinem Wohlthäter. Ich übersah das Zimmer, die Zeichnungen, die Pelze und Felle, die Harpunen und andere Werkzeuge, Alles war noch an derselben Stelle, an welcher es gewesen war, als ich das letzte Mal Herrn Turnbull gesehen hatte. Ich erinnerte mich an seine Güte, seine Herzenseinfalt, an seine Redlichkeit, sein richtiges Gefühl, den wirklichen Werth seiner Seele, und vergoß Thränen über seinen Verlust. Dann gingen meine Gedanken auf Sarah Drummond über, und ich fühlte eine gewisse Beängstigung. Wird sie mich wohl wieder aufnehmen, oder wird sie immer noch daran denken, was ich gewesen bin? Ich gedachte ihrer Freundlichkeit, ihres Wohlwollens gegen mich, und wog diese Erinnerungen gegen meine jetzigen Verhältnisse, gegen meine Herkunft und meine frühere Beschäftigung ab. Ich konnte nicht errathen, auf welche Seite sich die Wagschale neigen würde. Bald werde ich es erfahren, dachte ich. Der morgende Tag schon wird mein Schicksal entscheiden. Die Frau des Gärtners pochte an der Thüre und kündigte mir an, daß mein Bett stehe. Ich legte mich schlafen und träumte von Sarah, dem jungen Tom, dem Domine und Marie Stapleton. Früh am andern Morgen stand ich auf und eilte in den Gasthof. Nachdem ich meine Person so schön als immer möglich herausgeputzt hatte, so daß ich selbst keine geringe Freude darüber hatte, ging ich zu Herrn Drummond. Ich pochte an die Thür; und dießmal ließ man mich nicht in der Halle warten, sondern führte mich sogleich in's Gastzimmer. Sarah Drummond saß allein an einer Zeichnung. Mein Name wurde gemeldet, und ich trat ein. Sie sprang vom Stuhle auf und erröthete tief, als sie mir entgegenging. Wir reichten uns schweigend die Hände. Ich war athemlos von innerer Bewegung. Nie war sie mir so schön vorgekommen. Keines von beiden Theilen wollte das Schweigen brechen. Endlich stammelte ich: »Fräulein Drummond –« und verstummte. »Herr Ehrlich,« versetze sie, und fuhr dann nach einer Pause fort – »wie albern das ist: ich hätte Ihnen zu Ihrer glücklichen Heimkehr und zu dem Ihnen zugefallenen Vermögen Glück wünschen sollen, und in der That, Herr Ehrlich, Niemand kann das aufrichtiger thun.« »Fräulein Drummond,« erwiederte ich verwirrt, »als ich eine Waise, ein Armenschüler und ein Fährmann war, nannten Sie mich Jacob: wenn Sie durch die Aenderung meiner Verhältnisse betrogen werden, mich in so förmlicher Weise anzureden – wenn wir in Zukunft auf einem so ganz fremden Fuße stehen sollen – so kann ich blos sagen, ich möchte wieder – Jacob Ehrlich, der Fährmann, sein. »Bedenken Sie aber,« versetzte sie, »daß es ihre eigene Wahl war, ein Fährmann zu sein. Sie hätten etwas Anderes – etwas ganz Anderes werden können. Sie könnten jetzt der Geschäftstheilhaber meines Vaters sein, das sagte er erst gestern Abend, als wir von Ihnen sprachen. Aber Sie wiesen Alles zurück. Sie warfen Ihre Erziehung, Ihre Talente, Ihre guten Eigenschaften aus einem thörichten Stolze weg, den Sie für Unabhängigkeit hielten. Mein Vater demüthigte sich beinahe vor Ihnen – nicht als ob es eine Demüthigung wäre, wenn man einen begangenen Fehler anerkennt und wieder gut zu machen sucht, aber er that mehr, als man von den meisten Leuten hätte erwarten können. Ihre Freunde sprachen Ihnen zu, aber Sie verschmähten ihren Rath, und was noch unverzeihlicher war, sogar ich vermochte nichts über Sie. So lange Sie sich straften, machte ich Ihnen keine Vorwürfe, aber jetzt, da Sie so glücklich geworden sind, sage ich Ihnen offen –« »Was?« »Daß es mehr ist, als Sie verdient haben – weiter Nichts.« »Sie sagen damit nichts als die Wahrheit, Miß Drummond. Ich war sehr stolz und sehr thöricht; aber ich habe meine Thorheit schon lange vorher bereut, ehe ich gepreßt wurde – auch gestehe ich aufrichtig, daß ich das Glück, das mir geworden ist, nicht verdiene. Kann ich mehr sagen?« »Nein; ich bin mit Ihrer Reue und Ihrem Geständniß zufrieden. Und jetzt mögen Sie sich setzen und sich's bequem machen.« »Bevor ich dieß thue, erlauben Sie mir die Frage, wie ich Sie anzureden habe, da Sie mich als Herr Ehrlich anreden? Ich möchte nicht unhöflich erscheinen.« »Mein Name ist Miß Drummond, aber diejenigen, mit welchen ich vertraut bin, nennen mich Sarah.« »Darauf kann ich erwiedern, mein Name ist Ehrlich, aber diejenigen, mit welchen ich vertraut bin, nennen mich Jacob.« »Sehr wahr; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie sehr wenig Takt besitzen. Sie sollten eine Dame nie in die Enge treiben. Erscheine ich beleidigt, wenn Sie mich Sarah nennen, so werden Sie weise thun, auf Miß Drummond zurückzukommen. Aber warum betrachten Sie mich so aufmerksam?« »Ich kann mir nicht helfen und muß um Verzeihung bitten; aber Sie haben, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, in Ihrem Aeußern noch so sehr gewonnen, und ich dachte, Niemand könne vollkommener sein, aber –« »Gut, das ist kein übler Anfang, Jacob. Ich höre gern von meinen Vollkommenheiten reden. Nun folgt aber Ihr Aber.« »Ich weiß kaum, was ich sagen wollte, aber ich glaube, es war das, daß ich fühle, ich darf, ich kann sie nicht anders anreden, als Miß Drummond.« »Oho! Sie haben sich eines Andern besonnen, nicht wahr? Gut, ich fange an zu glauben, Sie nehmen sich in Ihrer gegenwärtigen Kleidung so gut aus und sind eine so ganz andere Person geworden, daß ich Sie durchaus nicht anders anreden darf, als Herr Ehrlich. Jetzt sind wir also eins.« »Das ist's nicht, was ich sagen wollte.« »Nun, so lassen Sie hören, was Sie denn eigentlich sagen wollten.« Diese verfängliche Frage forderte zum Glück keine Antwort, denn Herr Drummond trat in's Zimmer und reichte mir seine Hand. »Mein lieber Jacob,« sagte er im freundlichsten Tone. »Ich bin entzückt, dich wieder zu sehen und das Vergnügen zu haben, dir zu deiner Erbschaft Glück zu wünschen. Aber du hast Geschäfte, welche keinen Aufschub gestatten. Du mußt das Testament bestätigen lassen und deine Angelegenheiten bei den Männern des Gesetzes so schnell wie möglich in Ordnung bringen. Willst du mit mir kommen? Alle Papiere liegen unten, und ich habe den ganzen Morgen frei. Zu Tisch kommen wir wieder, Sarah, wenn Jacob nicht sonst versagt ist.« »Ich bin nirgends versagt,« erwiederte ich, »und schätze mich sehr glücklich, von Ihrer Güte Gebrauch zu machen. Miß Drummond, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.« » Au revoirs , Herr Ehrlich,« erwiederte Sarah mit einer höflichen Verbeugung und einem spöttischen Lächeln. Herrn Drummonds Benehmen gegen mich war sehr freundlich und väterlich, und während der Beschäftigung dieses Morgens füllten sich meine Augen oft mit Thränen. Die dringendste Arbeit war vollendet und eine Besprechung mit Herrn Turnbulls Sachwalter leitete das Uebrige ein; aber wir wurden so spät damit fertig, daß ich keine Zeit mehr hatte, mich umzukleiden. Bei meiner Rückkehr empfing mich Frau Drummond mit ihrer gewohnten Güte. Ich erzählte während des Abends meine Erlebnisse, seit wir uns das letzte Mal gesehen, und ergriff diese Gelegenheit, Herrn Drummond zu versichern, wie bitter ich meine Thorheit und – ich darf hinzusetzen – meine Undankbarkeit gegen ihn bereut habe. »Jacob,« sagte er, als wir mit Frau Drummond und Sarah beim Thee saßen, »als du dich noch um Schillinge auf dem Strome abmühtest, wußte ich; daß du der Erbe von Tausenden werden würdest, denn ich beurkundete nicht nur, sondern las auch Herrn Turnbulls Testament; aber ich war der Meinung, du bedürfest einer Lehre, die du in deinem ganzen Leben nicht mehr vergessest. Es gibt keine Unabhängigkeit in der Welt, außer im Zustande der Wildheit. In der Gesellschaft hängen wir Alle gegenseitig von einander ab. Unabhängigkeit des Geistes können wir haben, aber mehr nicht. Als Fährmann warst du von deinen Kunden abhängig, wie jeder Arme von demjenigen abhängig ist, der mehr besitzt; und indem du meine Anerbietungen ausschlugest, warst du genöthigt, bei Andern Beschäftigung zu suchen. Die Reichen sind ebenso auf Andere angewiesen, wie die Armen, denn sie hängen von denselben in Bezug auf Nahrung, Kleider, Bedürfnisse und Genüsse ab. Und so wird es stets in der Gesellschaft bleiben. Je mehr sich die Gesellschaft verfeinert – je mehr sich ihre einzelnen Theile ausbilden, desto größer wird die gegenseitige Abhängigkeit. Inzwischen ist das ein Irrthum, der aus erhabenen Gefühlen entspringt und darf deßhalb nicht allzu streng getadelt werden; bedenke übrigens, wie Viel dir verloren gegangen wäre, hättest du dir nicht einen Freund, wie Herr Turnbull, erworben, und hätte dich nicht der Tod dieses Freundes so bald in den Besitz deines ererbten Reichthums gesetzt.« Ich erkannte bereitwillig die Wahrheit dieser Bemerkungen an. Der Abend verging so schnell, daß es Mitternacht wurde, bis ich aufstand, um mich zu verabschieden; auch kehrte ich so glücklich und dankerfüllt, als nur irgend ein Sterblicher, in meinen Gasthof zurück. Am folgenden Tage bezog ich das mir von Herrn Turnbull hinterlassene Haus; auch schaffte ich mir zuerst einen Kahn an, denn die Macht der Gewohnheit war so stark, daß ich nicht ohne einen solchen leben konnte. Die Hälfte meiner Zeit brachte ich nun auf dem Strome zu, indem ich jeden Tag zu Herrn Drummond's hinunterfuhr und Abends oder in später Nacht zurückkehrte. So verstrichen zwei Monate, während deren ich von Zeit zu Zeit auch den Domine, den tauben Stapleton und den alten Tom Beazeley besuchte. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, Toms Entlassung auszuwirken, und endlich wurde mir das Vergnügen, den alten Leuten sagen zu können, daß sie mit dem nächsten Packetboote abgehe. Von Herrn Drummond's wurde ich wie ein Mitglied der Familie behandelt – ich war oft Stundenlang mit Sarah allein, und ob ich es gleich noch nie gewagt hatte, meinen Gefühlen Worte zu geben, so schienen sie doch sowohl von den Eltern, als auch von Sarah selbst wohl verstanden zu werden. Zwei Tage, nachdem ich dem alten Paare die willkommene Nachricht gebracht hatte, saß ich eben beim Frühstück und ließ mich vom Gärtner und seiner Frau bedienen (denn ich hatte meinen Hausstand nicht vermehrt), als ich plötzlich durch die Erscheinung des jungen Tom überrascht wurde. Er trat wie gewöhnlich lachend in's Zimmer und reichte mir seine Hand. »Tom!« rief ich, »wie kommst du hierher?« »Zu Wasser, Jacob, wie du dir vorstellen kannst.« »Aber wie hast du deine Entlassung erhalten? Ist das Schiff zurückgekommen?« »Ich hoffe nicht; die Sache ist, daß ich mich selbst entlassen habe, Jacob.« »Wie! Du bist ausgerissen?« »Eben das. Ich hatte drei Gründe dazu. Erstens konnte ich ohne dich nicht bleiben, zweitens schrieb mir meine Mutter, Marie ziehe mit einem Rothrock umher, und drittens stand ich auf der Strafliste und sollte gepeitscht werden, was mir der Kapitän bei seinen Epauletten zugeschworen hatte.« »Gut, setze dich und erzähle mir Alles. Du weißt, daß deine Entlassung ausgewirkt ist?« »Ja, ich danke dir. Um so besser, denn jetzt werden sie mich nicht suchen. Ende gut, Alles gut. Nachdem du fort warst, befand ich mich vermuthlich nicht in der besten Laune, und der Schurke von Steuermannsgehülfen, der uns gepreßt hatte, hielt es für gut, mich unerträglich zu quälen. Eines Tages nannte er mich einen erbärmlichen Lügner. Ich vergaß, daß ich am Bord eines Kriegsschiffes war und erwiederte, er sei ein verfluchter Betrüger, und es wäre besser, er bezahlte mir die zwei Guineen, die er mir noch für die Fahrt schuldig sei. Er meldete es auf dem Hinterdeck, daß ich ihn einen Betrüger genannt hätte, und Kapitän Maclean, der, wie du weißt, keinen Spaß versteht, nahm uns beide in's Verhör. Endlich sagte er, der Steuermannsgehülfe habe sich nicht wie ein Offizier oder ein Gentleman benommen und solle deßhalb das Schiff verlassen, übrigens vertrage sich meine Sprache gegen einen Vorgesetzten nicht mit der Dienstordnung, und ich solle ordentlich gepeitscht werden. Nun weißt du, Jacob, wenn auch die Offiziere ihre Schulden nicht bezahlen, so bezahlt sie doch Kapitän Maclean und vergißt obendrein auch die Zinsen nicht. Weil ich also fand, ich sei in der Klemme und es sei kein Mißverstand, so schwamm ich in der Nacht vor dem Ostermontag an's Land und ging nach Miramichi, ohne ein anderes Abenteuer als einen kleinen Kampf mit einem Marinesergeanten, den ich ungefähr drei Meilen von der Stadt als todt auf dem Platz liegen ließ. In Miramichi ging ich an Bord eines Holzschiffes und hier bin ich.« »Nichtsdestoweniger thut es mir leid, daß du ausgerissen bist,« erwiederte ich; »es könnte zu bösen Händeln führen.« »Fürchte nichts: die Leute auf dem Strome wissen, daß ich meine Entlassung habe, und deßhalb bin ich sicher.« »Haft du Marie gesehen?« »Ja, und 's ist Alles richtig auf dieser Seite. Ich baue mir einen neuen Kahn, trage mein Zeichen und meine Kleidung und bleibe oberhalb der Brücke. Wenn ich dann Alles in's Reine gebracht habe, so heirathe ich und wohne bei dem alten Paare.« »Aber wird Marie damit einverstanden sein, dort zu wohnen? Es ist so still und einsam, daß es ihr nicht behagen wird.« »Marie Stapleton hat sich ein großes Ansehen gegeben und ist stets ihren besonderen Weg gegangen. Marie Beazeley wird thun, was ihr Mann wünscht, oder ich will den Grund davon wissen.« »Wir werden sehen, Tom. Junggesellenweiber, heißt es, lassen sich stets am besten leiten. Aber jetzt bedarfst du Geld, um dir ein Boot zu bauen. »Ja, wenn du mir welches lehnen willst; ich möchte es den alten Leuten nicht abnehmen und will dir's heimzahlen, wenn ich kann, Jacob.« »Nein, du mußt dieß von mir annehmen, Tom, und wenn du heirathest, noch mehr,« erwiederte ich und händigte ihm die Banknoten ein. »Von Herzen gern, Jacob. Ich bin nie im Stande, dir zu bezahlen, was du für mich gethan hast, und so kann ich die Schuld wohl noch vergrößern.« »Ein guter Schluß, Tom.« »So gut als deine Unabhängigkeit, nicht wahr, Jacob?« »Besser, viel besser, wie ich auf eigene Kosten erfahren habe,« erwiederte ich lachend. Tom verzehrte sein Frühstück vollends und nahm Abschied. Nach dem Mahle ging ich wie gewöhnlich nach dem Bootschuppen, band meinen Kahn los, und ruderte den Strom hinauf, was ich bisher noch nicht gethan hatte, da meine Anhänglichkeit an Sarah den Bug meines Kahnes unabänderlich nach der entgegengesetzten Richtung lenkte. Ich fuhr an den verschiedenen Landsitzen der Stromufer vorbei, bis ich dem Gute Herrn Wharncliffe's gegenüber lag und eine Dame bei einem Herrn im Garten erblickte. Augenblicklich erkannte ich sie, und da sie nahe an der Mauer standen, trieb ich hin, um sie zu begrüßen. »Erinnern Sie sich noch meiner?« fragte ich lächelnd. »Ja,« erwiederte die Dame, »ich erinnere mich Ihrer Züge – wahrhaftig – es ist Ehrlich, der Fährmann.« »Nein, ich bin kein Fährmann; ich mache nur eine Lustfahrt in meinem Boote.« »Kommen Sie herauf,« versetzte Herr Wharncliffe; »wir können uns in dieser Entfernung die Hände nicht reichen.« Ich band meinen Nachen fest und trat zu ihnen. Sie empfingen mich sehr herzlich. »Ich dachte mir, Sie wären kein Fährmann, Herr Ehrlich,« sagte Herr Wharncliffe, »ob Sie sich gleich für einen solchen ausgaben; warum täuschten sie uns hierin?« »Ich täuschte Sie nicht; ich war damals aus Liebhaberei und Thorheit wirklich ein Schiffer, jetzt bin ich keiner mehr.« Wir waren bald vertraut, und ich erzählte ihnen einen Theil meiner Abenteuer. Sie versicherten mich ihrer innigsten Dankbarkeit und baten mich, ihre Freundschaft anzunehmen. »Wollen Sie eine kleine Fahrt auf dem Wasser machen? Es ist ein sehr schöner Tag, und wenn sich Madame Wharncliffe mir anvertrauen mag –« »O! mir ist's ganz recht. Bist du dabei, Wilhelm? Ich will nur meinen Shawl holen.« In wenigen Minuten waren wir alle drei eingeschifft, und ich ruderte nach meiner Villa . Sie hatten die Schönheit der verschiedenen Landsitze an den Ufern der Themse bewundert. »Wie gefällt Ihnen dieser?« fragte ich Frau Wharncliffe. »Sehr gut; er scheint mir einer der schönsten zu sein.« »Dieß ist der meinige,« erwiederte ich. »Wollen Sie mir erlauben, Ihnen denselben zu zeigen?« »Der Ihrige?« »Ja, der meinige; aber ich habe einen sehr kleinen Hausstand, denn ich bin Junggeselle.« Wir landeten, und nachdem wir das Gut durchwandelt hatten, gingen wir in das Haus. »Erinnern Sie sich dieses Zimmers?« fragte ich Herrn Wharncliffe. »Ja, ich entsinne mich desselben: hier wurde die Büchse geöffnet, und meines Oheims – doch wir dürfen nicht mehr davon sprechen: er ist todt.« »Todt?« »Ja; er richtete sein Haupt nicht mehr empor, nachdem seine Unredlichkeit entdeckt war. Er kränkelte und starb nach drei Monaten mit aufrichtiger Reue über seinen Versuch.« Als ich sie nach ihrem Landsitze zurückruderte, nahm ich ihre Einladung zum Mittagessen an, und hatte später das Vergnügen, sie unter meine aufrichtigsten Freunde zu zählen. Durch sie wurde ich bei Lady Auburn und vielen andern Familien eingeführt, und ich werde die alte Haushälterin nie vergessen. Sie erkannte mich eines Tags, als ich von Lady Auburn eingeladen war. »Gott helfe mir!« rief sie, »welche Streiche machen doch die jungen Herrn. Denke nur einmal Einer, bitten mich um Wasser und ich schlage Ihnen das Thor vor der Nase zu und ließ Sie nicht einmal ausruhen. Aber wenn sich die jungen Herrn verkleiden, so ist's ihre eigene Schuld, und sie mögen die Folgen tragen.« Meine Bekanntschaften vermehrten sich äußerst schnell, und ich hatte das Glück, in die besten Gesellschaften Eingang zu gewinnen. Kaum brauche ich zu bemerken, daß dieß ein großer Vortheil für mich war, denn wenn man mich auch nicht gerade für einen plumpen Gesellen hielt, so fehlte es mir doch an jener feinen Bildung, die man sich nur in guter Gesellschaft aneignen kann. Die Gerüchte, die sich über mich verbreiteten, waren sehr mannigfaltig; im Allgemeinen hielt man mich für einen jungen Mann von trefflicher Erziehung, der sich ohne Mühe hätte emporschwingen können, wäre er nicht leidenschaftlich für den Strom eingenommen gewesen und aus reiner Liebhaberei ein Kahnführer geworden, worauf er zu einem großen Vermögen gekommen sei und endlich seine wahre Stellung in der Gesellschaft eingenommen habe. Wie weit hier das Falsche mit dem Wahren vermischt war, können diejenigen beurtheilen, welche meine Abenteuer gelesen haben. Ich für meinen Theil bekümmerte mich wenig darum, was man sagte, und gab mir keine Mühe, die verschiedenen Behauptungen zu widerlegen. Meiner Geburt schämte ich mich nicht, weil sie keinen Einfluß auf Herrn Drummond's äußerte, aber ich kannte die Welt zu gut, um es für nöthig zu finden, sie auszuposaunen. Im Ganzen neigte sich die Wage zu meinen Gunsten. Es lag etwas Romantisches in meiner Geschichte, das mir, in Verbindung mit meinem jetzigen Reichthume, durch die anziehenden Wechselfälle überall eine gute Aufnahme bereitete und eine freundliche Aufmerksamkeit sicherte. Ein Umstand kam mir sehr wohl zu Statten – meine ausgebreitete Belesenheit, verbunden mit der klassischen Bildung, die ich genossen hatte. Selten gibt sich in der Gesellschaft Gelegenheit, wo man seine Kenntnisse zeigen kann; aber wenn es vorkömmt, machen sie Eindruck. Und so senkte die Erziehung die Schale zu meinen Gunsten, und Jedermann war geneigter, das Falsche in meiner Geschichte zu glauben, als das Wahre. Vierzehntes Kapitel. Der Domine führt den Beweis für die Richtigkeit von Stapletons »Menschennatur«. – Der Blaurock findet seinen Mann am Rothrock. – Marie verkauft Tom, und Tom verkauft, was noch vom ihm übrig bleibt, für einen Schilling. – Wir kennen den Werth einer Sache nicht früher, als bis wir sie verloren haben. Ich hatte es oft bei mir überlegt, auf welche Weise ich dem Domine ein behaglicheres Leben bereiten könnte, denn ich fühlte, daß ich ihm so viel schuldete, als irgend einem lebenden Wesen; auch wagte ich es eines Tags, den Gegenstand zur Sprache zu bringen, aber seine Antwort war entschieden. »Ich sehe, mein Sohn Jacob, wo du hinauswillst; aber es kann nicht sein. Der Mensch ist ein Geschöpf der Gewohnheit: die Gewohnheit wird ihm nicht nur zum Bedürfniß, sondern auch zum Genuß. Fünf und vierzig Jahre lang treibe ich jetzt das schöne Geschäft, denjenigen, von denen sich noch keiner so fähig gezeigt hat, als du, Lehren in's Herz zu prägen und Kenntnisse in den Kopf zu zwingen. Ja, wahrlich, es ist eine harte Arbeit, und doch kann ich sie nicht lassen. Einst, das heißt in den ersten zehn Jahren, würde ich dein Anerbieten mit Dank angenommen haben, denn damals fühlte ich mich gedemüthigt und gelangweilt, weil ich mich mit den Anfangsgründen abmühen sollte, während ich doch so gerne die verschiedenen Eigenthümlichkeiten des Styles der alten griechischen und lateinischen Autoren erläutert hätte; aber jetzt ist das Alles vorüber. Der ewige Ring der Concordanz, Prosodie und Syntax hat durch Gewohnheit einen Reiz für mich gewonnen; die Regel de tri ziehe ich den Problemen Euklids vor und sogar die lateinische Grammatik hat ihr Anziehendes. Kurz, ich finde ein hohes Vergnügen am hic, haec, hoc, (Gluck, Gluck!); und selbst das Schwingen der Reiser vom Baume der Erkenntniß, d. h. der Birkenruthe, ist eine angenehme Beschäftigung für mich geworden, wenn sie es auch nicht für diejenigen ist, gegen welche sie angewendet wird. Ich gleiche einem alten Pferde, das so lange bei einem Müller herumgegangen ist, daß es nicht mehr gerade aus gehen kann; und wenn es dem Allmächtigen gefällt, so will ich im Geschirr sterben. Dennoch danke ich dir, Jacob, und danke Gott, das du mir wieder deine Herzensgüte bewiesen, und einen weitern Grund gegeben hast, mich deiner und deiner Liebe zu freuen. Aber dein Anerbieten vermöchte mein Glück nicht zu vermehren, wenn ich es auch annehmen würde; denn welches Gefühl kann tröstlicher sein für einen alten Mann, der beinahe schon im Grabe steht, als der Gedanke, daß sein Leben, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch wenigstens nützlich gewesen ist?« Ich hatte seit einiger Zeit keinen Besuch mehr von Tom erhalten. Hierüber erstaunt, ging ich zu seinem Vater hinab, um mich nach ihm zu erkundigen, und traf das alte Paar, wie es eben unter der Hausthüre saß. Das Wetter war schön, aber der alte Tom hatte keine Arbeit vor sich, und sogar das Netzwerk der alten Frau war auf die Seite gelegt. »Wo ist Tom?« fragte ich, nachdem ich ihnen einen guten Morgen gewünscht hatte. »Ach Gott!« rief die Alte, ihre Schürze vor die Augen haltend; »das gottlose, schändliche Mädchen.« »Himmel, was gibt's denn?« fragte ich den alten Tom. »Was es gibt, Jacob?« versetzte der alte Tom, seine hölzernen Beine ausstreckend und seine Hände auf die Kniee legend, »Tom hat sich unter die Soldaten anwerben lassen.« »Anwerben lassen?« »Ja, das ist so gewiß, als es wahr ist, und was das Schlimmste dabei, ich habe mir sagen lassen, das Regiment sei nach Westindien bestimmt. Und so wird er nur zu gewiß mit dem Fieber in seinem Hirn und dem gelben Fieber ein Futter für die Landkrabben werden. Ich meine,« fuhr der alte Mann fort, sich mit seinem Zeigefinger eine Thräne aus dem Auge wischend, »ich sehe seine Gebeine schon unter den Pallisaden bleichen; denn ich kenne den Platz gut.« »Sag' das nicht, Tom, – sag' das nicht.« »Ach! Jacob, ich bitte um Verzeihung, wenn ich allzu grob bin, aber können Sie uns nicht helfen?« »Ich will thun, was ich kann, darauf könnt Ihr Euch verlassen; aber sagt mir, wie sich die Sache zugetragen hat.« »Nun, das Lange und Breite davon ist das: dieses Mädchen, Marie Stapleton, war sein Ruin. Als er heimkam, wurde er gut aufgenommen, und man sprach von Heirathen und bei uns Wohnen; aber das dauerte nicht lange. Sie konnte ihre alten Streiche nicht lassen, und damit sich Tom nicht zu viel herausnehme, treibt sie's mit dem Sergeanten des Werbkommando's fort, und fliegt von Einem zum Andern, just, wie der Pendel an der alten Uhr, der von einer Seite auf die andere schwingt. Heut' war der Sergeant Hahn im Korb und morgen war's Tom. Endlich geht dem Tom die Geduld aus und er will wissen, woran er ist. Er fragt sie also, ob sie den Sergeanten haben will, oder ihn; sie solle wählen, er lasse nach all' ihren Briefen und Versprechungen nicht auf diese Weise mit sich spielen. Auf dieses schnauzt sie ihn an und sagt, er solle sich seiner Wege packen, es sei ihr gleich, ob sie ihn noch einmal sehe oder nicht. Toms Blut wird heiß; er nennt sie eine verdammte Dirne, und ich meine, er war nicht weit von der Wahrheit; da setzte es denn einen ordentlichen Sturm und adieu Partie. Gut, Tom war's gar nicht wohl um's Herz. Am andern Tag bittet er um Verzeihung und will Frieden schließen, denn Sie müssen wissen, Jacob, ein Verliebter hat keine Ueberlegung; aber sie ist immer noch voll Zorn und sagt ihm noch einmal, er solle sich seiner Wege scheeren, und in einer Woche werde sie den Sergeanten heirathen. Tom geht fort und ist ganz weg; und so trifft sich's, daß er in das Wirthshaus kömmt, wo der Sergeant seinen Werbeposten hat. Er hofft, sich an ihm zu rächen und 'nen Gang mit ihm zu machen, um zu sehen, wer den Andern werfen möge. Aber der Sergeant war nicht dort und Tom trinkt einen Krug um den andern, um seinen Kummer zu verscheuchen; und als der Sergeant kam, war Tom ordentlich angetrunken. Nun, der Sergeant war ein Schlaukopf, und wie er 'nein kommt, und sieht Tom mit seinem feurigen Gesicht, merkt er schon, was kommt, sagt kein Wort, geht an einen andern Tisch und schlägt die Faust auf die Tafel, wie wenn er ganz wild wäre. Tom geht zu ihm und sagt: ›Sergeant, ich kenne das Mädchen schon viel länger, als Ihr, und wenn Ihr ein Mann seid, so stellt Ihr Euch für sie.‹ ›Mich für sie stellen? ja,‹ sagt der Sergeant, ›und das hätte ich auch gestern gethan, aber die verfluchte Dirne hat mir eine Nase gedreht und mich fortgeschickt. Ich boxe mich nicht mehr für sie; sie will so wenig was von mir als von Euch.‹ Wie Tom das hört, wird er freundlich mit dem Sergeanten, und sie setzen sich zu einander, wie zwei Leidensbrüder, und trinken 'nen Krug mit einander, anstatt des Boxens; und der Sergant setzt dem Tom tüchtig mit Trinken zu und schwört, er gehe zum Regiment und er lasse die Marie sitzen, und sagt zum Tom, er soll's auch so machen. Endlich mit lauter Zureden und weil Tom der Marie gern einen Torten spielen möchte, bringt er's so weit, daß er sich anwerben läßt, und gibt ihm den Schilling vor Zeugen; das war's, was der Schurke wollte. Am andern Tag wird Tom mit einer Wache zum Depot geschickt, wie sie's nennen, und der Sergeant bleibt hier, um der Marie die Cour zu machen. Und jetzt ist's drei Tage, daß dieß geschehen ist, und wir erfuhren es erst gestern vom alten Stapleton, der seine Tochter zum Haus hinaus zu werfen drohte.« »Können Sie uns helfen, Jacob?« sagte die alte Frau weinend. »Ich hoffe, daß ich's kann, und wenn Geld seine Entlassung auszuwirken vermag, so soll er sie erhalten. Aber habt ihr nicht gesagt, er sei nach Westindien bestimmt?« »Das Regiment ist in Westindien, aber hier wird es rekrutirt; in der letzten Seuchenzeit sind so entsetzlich viele am gelben Fieber gestorben. In der nächsten Woche, sagen sie, gehe ein Transport unter Segel, und in drei oder vier Tagen marschiren die Rekruten zur Einschiffung ab.« »Was ist es für ein Regiment? und wo liegt das Depot?« »'s ist das siebenundvierzigste Füselierregiment, und das Depot ist in Maidstone.« »Ich will keine Zeit verlieren, meine guten Freunde,« versetzte ich; »morgen gehe ich zu Herrn Drummond und berathe mich mit ihm.« Ich erwiederte den dankbaren Händedruck des alten Toms, und vom Segen der Mutter begleitet eilte ich fort. Während ich den Strom hinaufruderte, denn ich war an diesem Tage von Herrn Wharncliffe's zu Tisch geladen, beschloß ich, bei Marie Stapleton vorzusprechen, um aus ihrem Benehmen zu sehen, ob sie wirklich die herzlose Dirne geworden sei, als die ich sie schildern gehört hatte; denn in diesem Falle war ich Willens, Tom, wenn ich anders seine Entlassung auswirken könnte, zuzureden, daß er nicht mehr an sie denken solle. Ich war so erzürnt und aufgebracht über sie, daß ich, nachdem ich gelandet hatte, noch mehrere Minuten auf- und abging, um mich zu sammeln, bevor ich die Treppe hinaufstieg. Als ich in's Zimmer trat, fand ich Marie über einem Blatt Papier sitzend, auf welches sie geschrieben hatte. Sie sah empor und ich bemerkte, daß sie geweint hatte. »Marie,« sagte ich, »wie schön hast du das Versprechen gehalten, das du mir gabst, als wir das letzte Mal beisammen waren! Sieh jetzt, welchen Kummer und welches Elend du über Alle gebracht hast, dich ausgenommen.« »Mich ausgenommen? – nein, Herr Ehrlich, nehmen Sie mich nicht aus, denn ich bin fast wahnsinnig – ich glaube, ich bin wahnsinnig – denn wahrhaftig eine Thorheit, wie die meinige, ist Wahnsinn.« Und Marie weinte bitterlich. »Dein Benehmen läßt sich gar nicht entschuldigen, Marie – es ist unverantwortlich. Tom hat dir alles geopfert – er ist sogar desertirt, und auf Desertion ist Todesstrafe gesetzt. Und was hast du gethan? – seine grenzenlose Liebe dazu benützt, daß du ihn zur Unmäßigkeit triebest und zur Verzweiflung, in der er sich anwerben ließ. Er segelt nach Westindien, um die Reihen eines Regiments ausfüllen zu helfen, die durch das gelbe Fieber gelichtet sind, und wird vielleicht nie wiederkehren; du bist dann Schuld an seinem Tode. Marie, ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß ich dich verachte.« »Ich verachte und hasse mich selbst,« versetzte Marie düster; »ich wollt', ich läge in meinem Grabe. – O Herr Ehrlich, um Gottes willen bringen Sie ihn zurück. Sie könnens; ich weiß, daß Sie's können, – Sie haben Geld und Alles.« »Wenn ich's thue, so geschieht es nicht um deinetwillen, Marie, denn du sollst nicht länger mit ihm spielen. Ich werde nichts für seine Entlassung thun, bis er mir feierlich verspricht, mit dir kein Wort mehr zu reden.« »O sagen Sie das nicht – sagen Sie das nicht,« rief Marie, ihr Haar mit der Hand aus der Stirne streichend und in dieser Stellung verharrend. – »O Gott, o Gott! welch' ein Scheusal bin ich. Hören Sie mich, Jacob, hören Sie mich,« fuhr sie fort, indem sie auf die Kniee fiel und meine Hände faßte; »schaffen Sie ihm nur seine Entlassung – lassen Sie mich ihn nur noch einmal sehen, und ich schwöre Ihnen bei Allem, was heilig ist, auf den Knieen will ich seine Verzeihung erstehen, wie jetzt die Ihrige. Ich will Alles thun, Alles – er soll mir nur verzeihen, denn ohne ihn kann ich, ohne ihn will ich nicht leben.« »Wenn das wahr ist, Marie, welcher Wahnsinn konnte dich dazu treiben, zu handeln, wie du gehandelt hast?« »Ja,« versetzte Marie, sich von ihren Knieen erhebend, »Wahnsinn, in der That – mehr als Wahnsinn, einen Menschen so grausam zu behandeln, für den ich allein leben möchte. Sie sagen, Tom liebe mich; ich weiß es, daß er mich liebt, aber so liebt er mich nicht, wie ich ihn liebe. O mein Gott! das Herz will mir brechen!« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Lesen Sie, was ich ihm geschrieben habe – ich habe ihm dasselbe schon in einem andern Briefe gesagt. Sie werden finden – wenn er nicht loskommen kann, habe ich ihm das Anerbieten gemacht, ihn als sein Weib zu begleiten, das heißt, wenn er ein so närrisches, gottloses Ding will, wie ich bin.« Ich las den Brief. Er war so, wie sie sagte. Sie bat ihn um Verzeihung, erbot sich, ihn zu begleiten und demüthigte sich so tief, als immer möglich. Ich gab den Brief zurück. Er hatte mich sehr angegriffen. »Sie können mich nicht so tief verachten, wie ich mich verachte,« fuhr Marie fort; – ich hasse, ich verabscheue mich wegen meiner Thorheit. Ich erinnere mich jetzt, wie Sie mich warnten, als ich noch jünger war. O Mutter, Mutter, es war ein grausames Vermächtniß, das du deinem Kinde hinterlassen hast, als du ihm deine Gemüthsart vererbtest. Doch warum soll ich sie tadeln? – mir selbst muß ich Vorwürfe machen'« »Gut, Marie, ich will Alles thun, was ich kann, und zwar so schnell als möglich. Morgen werde ich zum Depot hinuntergehen.« »Gott segne Sie, Jacob; und mögen Sie nie das Unglück haben, ein Weib zu lieben, wie ich bin.« Fünfzehntes Kapitel. Ich werde sehr glücklich. – In anderer Beziehung ein sehr schwermüthiges Kapitel, welchem, es thut uns leid, es dem Leser sagen zu müssen, noch ein viel schwermütigeres folgen wird. Ich verließ Marie und eilte nach Hause, um mich zur Tafel anzukleiden. Herrn Wharncliffe theilte ich meinen Wunsch mit, die Entlassung Toms auszuwirken. Er empfahl mir, mich sogleich an die Leibgarde zu Pferd zu wenden, und da er mit den Offizieren derselben bekannt war, erbot er sich, mich zu begleiten. Mit Freuden nahm ich den Vorschlag an. Um folgenden Morgen holte er mich in seinem Wagen ab und wir fuhren dahin. Herr Wharncliffe schickte seine Karte zu einem der Sekretäre hinauf, und wir wurden augenblicklich vorgelassen. Ich brachte mein Anliegen vor und erhielt die Antwort: »Wenn Sie Zeit hätten einen Stellvertreter zu bekommen, so ließe sich die Sache leicht machen; aber das Regiment ist so schwach und der Abscheu vor Westindien seit der letzten Fieberperiode so groß, daß ich zweifle, ob Seine Königliche Hoheit irgend Einem gestatten wird, sich los zu kaufen. Indessen wollen wir sehen. Der Herzog hat ein sehr gutes Herz und ich will ihm die Sache vorlegen; aber wir wollen hören, ob er noch im Depot ist – ich zweifle sehr.« Der Sekretär zog die Glocke. »Ist das Detachement des siebenundvierzigsten Füselierregiments schon vom Depot abgegangen? und wann wird es eingeschifft?« Der Schreiber ging und kehrte nach einigen Minuten mit einem Papier in der Hand zurück. »Es ist vorgestern abmarschirt, sollte diesen Morgen eingeschifft werden und hat mit dem ersten günstigen Wind unter Segel zu gehen.« Mein Herz entfiel mir bei dieser Nachricht. »Wie ist der Wind, Herr G – ? gehen Sie einmal hinunter und sehen Sie.« Der Schreiber kehrte zurück, »O.N.O., Sir, und so stand er diese beiden letzten Tage.« »Dann, fürchte ich,« versetzte der Sekretär, »Sie kommen zu spät, um Ihren Wunsch erfüllt zu sehen. Der Hafenadmiral hat den bestimmtesten Befehl, die Transportschiffe so schnell als möglich unter Segel gehen zu lassen, und schon drei Wochen wartet eine Fregatte auf sie, um sie zu begleiten. Sie dürfen versichert sein, daß sie heute abgesegelt sind.« »Was können wir thun?« fragte ich diesen. »Sie müssen seine Entlassung auszuwirken suchen und sich einen Stellvertreter verschaffen. Dann kann ein Entlassungsbefehl ausgeschickt und ihm die Erlaubniß zur Rückkehr ertheilt werden. Ich bedaure sehr, weil ich sehe, daß Sie so viel Antheil an dem jungen Menschen nehmen, aber ich fürchte, es ist zu spät. Sie können indessen morgen wieder anfragen; das Wetter ist hell bei diesem Winde, und der Hafenadmiral wird die Admiralität durch den Telegraphen vom Absegeln der Schiffe in Kenntniß setzen. Sollten Sie durch irgend etwas aufgehalten sein, so will ich Sorge tragen, daß Seine Königliche Hoheit wo möglich diesen Nachmittag noch mit den Umständen bekannt gemacht wird, und Ihnen dann seine Antwort mittheilen.« Wir dankten dem Sekretär für seine Güte und verabschiedeten uns. Durch die erhaltenen Mittheilungen niedergeschlagen, wurde ich noch hoffnungsloser, als einer der Thürsteher an den Wagen eilte und mir auf Befehl des Sekretärs eine telegraphische Meldung von der Admiralität zeigte, welche die bestimmte und traurige Nachricht enthielt, »das Convoy nach Westindien ging diesen Morgen unter Segel«. »Dann ist für jetzt Alles vorüber,« sagte ich und warf mich in den Wagen zurück. Ich blieb in dieser schwermüthigen Stellung, bis mich Herr Wharncliffe, welcher Geschäfte in der Stadt hatte, in der Nähe von Herrn Drummonds Hause, wo er vorüberfuhr, absteigen ließ. In Sarahs Brust legte ich alle meine Gedanken, Schmerzen und Freuden nieder; ich theilte ihr auch diese Episode aus der Geschichte des jungen Tom mit. Wie die meisten Frauenzimmer strenge Richterinnen ihres eigenen Geschlechtes sind, so war sie auch sehr hart in ihren Ausdrücken über das Benehmen Mariens; sie wollte gar keine Entschuldigung gelten lassen, selbst ihre Reue hatte kein Gewicht bei ihr. »Und doch wie oft tritt dieser Fall ein, Sarah, wenn es auch vielleicht in dieser Ausdehnung stattfindet, bis zu welcher es dieses übelberathene Mädchen trieb; wenn auch die Folgen nicht immer so entsetzlich sind, so ist doch die Täuschung der Erwartung nicht minder groß. Wie oft werden unter den höheren Klassen junge Männer aufgemuntert und überlassen sich einer Leidenschaft, die mit Täuschung endet! Es ist nicht nothwendig, daß man Treue gelobt, ein junges Frauenzimmer kann sich nicht förmlich versagt haben, wenn sie nur an der Unterhaltung und Gesellschaft eines jungen Mannes Gefallen zu finden scheint, so sieht er hievon einen zureichenden Grund, um seine Neigung einer verrätherischen See anzuvertrauen, auf der sie am Ende scheitert.« »Sie sind voll nautischer Poesie, Jacob,« versetzte Sarah; »solche Fälle können vorkommen, aber ich glaube, des Weibes Neigung scheitert, um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen, öfter als die Neigung des Mannes; dieß entschuldigt jedoch keinen von beiden Theilen. Ein Weib muß wirklich blind sein, wenn sie nicht in sehr kurzer Zeit bemerkt, ob sie mit eines Mannes Gefühlen spielt, und niederträchtig, wenn sie dieses Spiel fortsetzt.« »Sarah,« versetzte ich und stockte. »Nun, –« »Ich wollte,« erwiederte ich stammelnd, »ich wollte Sie fragen, ob Sie blind waren?« »In Bezug auf was, Jacob?« fragte Sarah erröthend. »In Bezug auf meine Gefühle gegen Sie.« »Nein, ich glaube, daß Sie mir recht gut sind,« versetzte sie lächelnd. »Glauben Sie, dieß sei Alles?« »Wo werden Sie heute speisen, Jacob?« fragte Sarah. »Das hängt von Ihnen und von Ihrer Antwort ab. Wenn ich heute hier speise, so glaube ich, daß ich noch oft hier speisen werde. Wenn ich heute nicht hier speise, so werde ich wahrscheinlich nie mehr hier speisen. Ich wünschte zu erfahren, Sarah, ob Sie in Bezug auf meine Gefühle gegen Sie blind gewesen seien; denn bei dem Vorfalle zwischen Tom und Marie fühle ich, daß ich meinen Hoffnungen nicht länger vertrauen darf, sie könnten auch mit Täuschung enden. Wollen Sie die Güte haben, mich aus meinem Elende zu reißen?« »Wenn ich blind gegen Ihre Gefühle gewesen bin, Jacob, so bin ich nicht blind gegen Ihr Verdienst gewesen. Vielleicht bin ich aber auch gegen Ihre Gefühle nicht blind gewesen und ich habe keine Gemüthsart, wie Marie Stapleton. Ich glaube, Sie können es wagen, heute hier zu speisen,« fuhr sie erröthend und lächelnd fort, indem sie sich nach dem Fenster wandte. »Ich kann es kaum glauben, daß ich so glücklich bin, Sarah,« versetzte ich bewegt. »Ich bin glücklich gewesen, sehr glücklich; aber die Hoffnungen, die Sie jetzt mir rege machen, übersteigen meine Erwartungen und meine Verdienste so sehr, daß ich es nicht wage, mich Ihnen hinzugeben. Haben Sie Mitleiden mit mir und erklären Sie sich deutlicher.« »Was soll ich Ihnen sagen?« fragte Sarah, auf ihre Arbeit niedersehend, als sie sich nach mir umwandte. »Daß Sie die Waise nicht von sich stoßen, die von Ihrem Vater so liebevoll aufgenommen wurde, und die Sie jetzt an das erinnert, was sie war, damit Sie in diesem Augenblicke nicht vergessen, was wohl das größte Hinderniß ist, das ihrer Anmaßung im Wege steht – ihre niedrige Herkunft.« »Jacob, was Sie hier gesagt haben, ist Ihrer würdig, ist edel gedacht; und wenn Sie nicht edel geboren sind, so haben Sie doch wahren Adel der Seele. Ich will Ihrem Beispiele folgen. Habe ich Ihnen nicht wahrend unserer langjährigen Freundschaft gesagt, daß ich Sie liebe?« »Ja als Kind, Sarah.« »Nun so wiederhole ich es als Jungfrau; sind Sie jetzt zufrieden gestellt?« Ich ergriff ihre Hand; sie zog sie nicht zurück und duldete es, daß ich sie mit Küssen bedeckte. »Aber Ihre Eltern, Sarah?« »Würden unser vertrauliches Verhältniß nicht gestattet haben, wenn sie es nicht gebilligt hätten, Jacob, das können Sie versichert sein. Indessen erleichtern Sie Ihr Herz in diesem Punkte, indem Sie ihnen mittheilen, was vorgefallen ist und dann werden Sie vermuthlich aus Ihrem Elende gerissen sein.« Ehe der Tag vorüber war, hatte ich mit Frau Drummond gesprochen und sie darum gebeten, mit ihrem Gemahl darüber zu sprechen, weil ich nicht selbst den Muth dazu fühlte. Sie lächelte, als ihr Sarah um den Hals fiel, und wie Herr Drummond bei Tische erschien, ward ich wirklich »aus meinem Elende gerissen«, denn er reichte mir die Hand und sagte: »Du machst uns alle recht glücklich, Jacob, denn das Mädchen scheint entschlossen, entweder dich oder gar nicht. – Komm, das Essen ist bereit.« Ich überlasse es dem Leser, sich zu denken, wie glücklich ich war; was in unserem tête-à-tête an diesem Abende zwischen Sarah und mir verhandelt wurde, wie ungern ich sie verließ, wie ich mit einer Postchaise nach Hause fuhr, weil ich mich dem Wasser, auf dem ich sorglos den größten Theil meines Lebens zugebracht hatte, nicht anzuvertrauen wagte, damit mir nicht etwa ein Unfall begegnen und mich meiner schon im Vorgenusse gekosteten Seligkeit berauben möchte. Von diesem Tage an war ich ein Glied der Familie, und da ich die Entfernung zu groß fand, miethete ich eine Wohnung neben dem Hause Herrn Drummonds. Doch bei andern Leuten gleitete der Strom der Liebe nicht so sanft dahin, und ich muß jetzt zu Marie Stapleton und Tom Beazeley zurückkehren. Ich hatte gefrühstückt und war eben gesonnen, meinen Kahn loszubinden, um das alte Paar von dem schlechten Erfolge meiner Bemühungen in Kenntniß zu setzen. Dankbar hatte ich an meine selige Zukunft gedacht und in den Träumen meiner Einbildungskraft geschwelgt, als ich zu dem Zustande zurückkehrte, in welchem ich Marie Stapleton und Toms Eltern verlassen, einem Zustande des Elends, der so sehr gegen meine Seligkeit abstach, wiewohl er aus derselben Quelle entsprang; da stürzte auf einmal der junge Tom im bloßen Hemde und weißen Hosen in's Zimmer herein. Er war mit Staub bedeckt und bleich vor Erschöpfung und Aufregung. »Gott im Himmel, Tom, du wieder da? Du mußt desertirt sein.« »Ganz gewiß,« versetzte Tom, auf einen Stuhl sinkend, »ich schwamm gestern Abend an's Land und lief von Portsmouth hieher, wo ich um acht Uhr ging. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich nicht mehr kann. Laß mir doch etwas zu trinken holen, Jacob.« Ich ging in den Flaschenkeller und brachte ihm Wein, von dem er gierig ein Glas trank. Mittlerweile überlegte ich die Folgen, die aus diesem raschen und unbesonnenen Schritte entstehen konnten. »Tom,« sagte ich, »kennst du die Folgen der Desertion?« »Ja,« erwiederte er düster, »aber ich konnte mir nicht helfen; Marie schrieb mir in ihrem Briefe, sie wolle Alles thun, was ich nur wünschte, sie wollte mich in die Ferne begleiten; sie machte Alles wieder gut, was sie könnte, das arme Ding! Und beim Himmel, ich konnte sie nicht verlassen; und als wir unter Segel waren und ich keine Hoffnung mehr hatte, war ich beinahe wahnsinnig; der Wind in den Nadeln sprang um und wir warfen für die Nacht Anker. Ich gleitete am Kabel hinunter und schwamm an's Land, und das ist die ganze Geschichte.« »Aber, Tom, man wird dich gewiß erkennen und als Ausreißer festnehmen.« »Darüber muß ich nachdenken,« versetzte Tom; »ich kenne die Gefahr, in der ich schwebe; doch vielleicht lassen sie mich in Ruhe, wenn du meine Entlassung bewirkst.« Ich hielt dieß für den besten Plan, den wir verfolgen konnten und bat Tom, sich ruhig zu verhalten. Hierauf ging ich zu Herrn Wharncliffe, um mir bei ihm Raths zu erholen. Er stimmte mir bei, daß auf diesem Wege allein Rettung möglich sei. Dann ruderte ich zu seinem Vater hinauf und theilte ihm das Geschehene mit, und endlich ging ich zu Herrn Drummond. Als ich am späten Abend nach Hause kam, sagte mir der Gärtner, Tom sei ausgegangen und noch nicht zurückgekommen. Mein Herz weissagte mir nichts Gutes. Ich fürchtete, er sei zu Marien gegangen und dort sei ihm ein Unfall begegnet; mit trüben Ahnungen ging ich zu Bett. Sie hatten mich nicht getäuscht. Am nächsten Morgen wurde mir gemeldet, Stapleton wünsche mich zu sprechen. Er wurde herauf geführt, und sobald er in mein Zimmer trat, rief er: »Alles vorbei, Herr Jacob – Tom ist festgenommen – Marie Ohnmacht auf Ohnmacht – Menschennatur.« »Wie, was gibt's denn, Stapleton?« »Nun 's ist just das – Tom desertirt, um zu Marien zu kommen. Wegen, weil? – er liebt sie – Menschennatur, der Soldatenkerl kommt in's Haus und sieht Tom, packt ihn und will ihn festhalten. Tom wehrt sich, schlägt dem Sergeanten das Steuerbordauge aus und sucht zu entspringen – Menschennatur. Soldaten dringen ein, heben den Sergeanten auf, greifen Tom und führen ihn ab. Marie heult und schreit und fällt in Ohnmacht – Menschennatur – das arme Ding kann den Kopf nicht heben – zwei Weiber mit verbrannten Federn die ganze Nacht. Böser Handel, Herr Jacob. Von allen Sinnen ist die Liebe der schlechteste, das ist ausgemacht, – ganz umgeschlagen, konnte diesen Morgen meine Pfeife nicht rauchen – Mariens Thränen löschten meine Pfeife aus.« – Und der alte Stapleton sah drein, als wollte er weinen. »Das ist ein böses Ding, Stapleton,« versetzte ich. »Tom wird wegen Desertion vor's Kriegsgericht gestellt und Gott weiß, wie es enden wird. Ich will thun, was ich kann, aber sie sind seit neuerer Zeit außerordentlich streng.« »Ich hoffe, das werden Sie, Herr Jacob. Marie stirbt, das ist ausgemacht. Noch mehr fürchte ich, daß Tom stirbt. Wenn das Eine stirbt, so stirbt auch das Andere. Ich kenne das Mädchen – just wie seine Mutter, konnte ihr Steuer nie in die Mitte richten, hart Backbord oder hart Steuerbord. Sie ist außer sich und besteht darauf, ihm zu folgen, – will nach Maidstone gehen. Sobald ich heimkomme, nehme ich sie mit. Bin nur heraufgekommen, um Ihnen das zu sagen.« »Das ist ein trauriger Vorfall, Stapleton.« »Ja, gewiß – wollte 's gäbe gar keine Menschennatur.« Nach einem kurzen Gespräche und einer Unterstützung an Geld, von der ich wußte, daß sie angelegt war, verließ mich Stapleton. Ich war in einer nicht sehr glücklichen Gemüthsverfassung. Meine Anhänglichkeit an Tom war außerordentlich und seine Lage höchst gefährlich. Ich erholte mir wieder bei Herrn Wharncliffe Rathes und er zeigte die wärmste Theilnahme. »Dieß ist in der That ein höchst ungünstiger Fall,« sagte er, »und wird mehr Einfluß erfordern, als ich zu besitzen hoffe. Wenn er nicht zum Tode verurtheilt wird, so wird ihm ein solches Floggen zuerkannt, daß es seinen Geist und Körper untergräbt und ihn in ein frühes Grab stürzt. Der Tod wäre noch vorzuziehen. Verlieren Sie keine Zeit, Herr Ehrlich; fliegen Sie nach Maidstone und lassen Sie sich beim Oberst melden, der das Depot befehligt. Ich will zur Leibgarde gehen und sehen, was zu thun ist.« Ich schrieb eilends ein paar Zeilen an Sarah, um mich wegen meiner Abwesenheit zu entschuldigen und ließ Postpferde kommen. Früh am Nachmittag kam ich zu Maidstone an, und nachdem ich die Wohnung des commandirenden Offiziers gefunden hatte, schickte ich meine Karte hinauf. Mit wenigen Worten setzte ich ihm die Ursache meines Besuches auseinander. »Es hängt ganz von der Leibgarde ab, Herr Ehrlich, und ich fürchte, ich kann Ihnen nur wenig Hoffnung machen. Seine Königliche Hoheit hat sich bestimmt ausgesprochen, den nächsten Deserteur nach der ganzen Strenge des Gesetzes zu strafen. Seine Nachsicht in diesem Punkte äußerte einen zu nachtheiligen Einfluß auf den Dienst und er muß es thun. Zudem findet hier noch der erschwerende Umstand des Angriffes auf den Sergeanten statt, dessen Auge unwiderstehlich verloren ist.« »Der Sergeant machte ihn zuerst betrunken und überredete ihn dann, sich anwerben zu lassen.« Hierauf setzte ich die Nebenbuhlerschaft zwischen beiden auseinander und fuhr fort, »ist es nicht schändlich, einen Menschen auf diese Art anzuwerben – kann das freiwilliger Dienst genannt werden?« »Alles sehr wahr,« versetzte der Offizier, »aber das Bedürfniß fordert noch zu andern Dingen auf. Ich suche das System nicht zu vertheidigen, aber wir müssen Soldaten haben. Die Matrosen werden mit Gewalt gepreßt, die Soldaten durch allerlei Mittel, die vielleicht noch weniger ehrenvoll sind, in die Falle gelockt; die einzige Entschuldigung ist das Bedürfniß, oder wenn Sie lieber wollen, die Noth. Alles, was ich versprechen kann, Sir, ist, was ich auch ohne Ihre Verwendung gethan haben würde, dem Gefangenen jede Erleichterung zu verschaffen, welche seine Lage gestattet, und ihm jeden Vortheil beim Kriegsgericht zuzuwenden, welche die Gnade unbeschadet der Gerechtigkeit gewähren kann.« »Ich danke Ihnen, Sir; wollen Sie mir und seiner Verlobten erlauben, ihn zu besuchen?« »Ohne allen Anstand; der Befehl dazu soll auf der Stelle gegeben werden.« Ich dankte dem Offizier für seine Güte und verabschiedete mich. Sechszehntes Kapitel. Man lese es. Ich eilte in den Kerker Toms, und da der Befehl, mich einzulassen, bereits angekommen war, so erhielt ich die Erlaubniß vom Sergeanten der Wache, ohne Weiteres einzutreten. Tom saß auf einer Bank und schnitzelte an einem Stocke, indem er eine langsame Melodie pfiff. »Das ist freundlich von dir, Jacob, aber ich habe es erwartet – ich war überzeugt, daß ich dich heute Abend oder morgen früh sehen würde. Was macht die arme Marie? Es ist mir nur um sie – ich bin zufrieden – sie liebt mich und – ich schlug dem Sergeanten das Auge aus – machte jedenfalls seiner Buhlerei ein Ende.« »Aber Tom, kennst du auch die Gefahr, in welcher du dich befindest?« »Ja, Jacob, vollkommen; ich werde vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. Ich bin gefaßt – jedenfalls ist es besser, als gefangen zu werden, wie ein Hund, oder zu Tode gepeitscht, wie ein Neger. Ich werde sterben, wie ein Gentleman, wenn ich auch vorher keiner gewesen bin, das ist einiger Trost. Ja, ich gehe mit eben so viel Geräusch aus der Welt, als wäre eine Schlacht vorgefallen oder ein großer Mann gestorben.« »Wie meinst du das?« »Nun, ich meine, wenn sie schießen, gibt's einen ordentlichen Lärmen.« »Dieß ist keine Zeit zum Scherzen.« »Für dich, Jacob, als einen aufrichtigen Freund, nicht, das ist wahr,« fuhr Tom fort, »auch für die arme Marie, als ein liebendes Mädchen, nicht; auch für meinen armen Vater und meine arme Mutter nicht. – Nein, nein, ich trauere um sie, aber um meiner selbst willen habe ich weder Furcht noch Kummer. Ich habe nichts Unrechtes gethan – gegen das Gesetz und die Parlamentsakte wurde ich gepreßt und desertirte. Als ich betrunken und wahnsinnig war, wurde ich angeworben und desertirte. – Darin liegt nichts Entehrendes für mich. Das Entehrende fällt auf die Regierung, welche solche Handlungen duldet. Soll ich ein Opfer sein, wohl und gut – wir können nur einmal sterben.« »Sehr wahr, Tom, aber du bist noch so jung zum Sterben und wir müssen das Beste hoffen.« »Die Hoffnung habe ich aufgegeben, Jacob. Ich weiß, daß das Gesetz in seiner ganzen Kraft vollzogen werden wird – ich werde sterben und in eine andere und bessere Welt gehen, wie der Pfarrer sagt, wo es auf jeden Fall keine Gewehre zu putzen, kein Exercitium und keine von euren verfluchten Kreiden gibt, welche mich beinahe wahnsinnig gemacht haben. Ich möchte nur in einer blauen Jacke sterben – in einen rothen Rock will ich einmal nicht, und so werde ich vermuthlich im Hemde aus der Welt gehen, und das ist mehr, als ich besessen habe, wie ich herein kam.« »Marie und ihr Vater besuchen dich, Tom.« »Das ist mir leid, Jacob; doch es wäre grausam, sie nicht zu sehen – aber sie macht sich solche Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihre Briefe lesen kann, und dennoch will ich sie sehen, Jacob, ich will versuchen, ob ich sie trösten kann, aber sie darf nicht bleiben, sie muß bis nach gehaltenem Kriegsrecht und gefälltem Spruch wieder kommen, und dann – wenn sie Abschied von mir zu nehmen wünscht, darf ich es wohl nicht verweigern.« Ein paar Thränen träufelten seine Wangen nieder, als er dieß sagte. »Jacob, willst du warten und sie in die Stadt zurücknehmen? – Sie darf nicht hier bleiben – und meine Eltern will ich erst im letzten Augenblicke sehen. Wir wollen's auf einmal abmachen, dann wird Alles vorüber sein.« Während Tom also sprach, öffnete sich die Thüre des Kerkers wieder und Stapleton führte seine Tochter herein. Marie schwankte auf Tom zu und fiel ihm ohnmächtig in die Arme. Man mußte sie wegtragen. »Laß sie nicht mehr hereinkommen, ich bitte dich, Jacob; führe sie zurück und ich will dich segnen für deine Freundschaft. Lebe jetzt wohl und sorge dafür, daß sie nicht wiederkömmt.« Tom drückte meine Hand krampfhaft und wandte sich weg, um seinen Schmerz zu verbergen. Ich winkte ihm meine Zustimmung zu, denn ich konnte vor Bewegung nicht sprechen, und folgte Stapleton und den Soldaten, welche Marie weggetragen hatten. Sobald sie sich wieder so weit erholt hatte, daß sie keiner ärztlichen Hülfe mehr bedurfte, hob ich sie in die Postchaise und befahl dem Knechte, uns nach Brentford zurückzufahren. Während der ganzen Reise blieb Marie in einem Zustande der Betäubung; und als ich in meinem Hause ankam, übergab ich sie der Frau des Gärtners in die Pflege und schickte ihren Mann nach dem Arzte. Herrn Wharncliffe's Verwendung hatte einen geringen Erfolg und er kehrte mit dem Ausdrucke der getäuschten Erwartung zurück. Die ganze folgende Woche war die peinlichste, die ich je erlebt habe; in meiner Angst um Tom bemühte ich mich täglich, Marien einen gewissen Grad von Ergebung in den Willen der Vorsehung einzureden. – Ihre unaufhörlichen Selbstanklagen und die Verwünschungen ihres Wahnsinnes – ihre unzusammenhängenden Reden – worin sie sich Toms Mörderin nannte – Alles ließ mich für ihren Verstand fürchten; der Jammer des alten Toms und seines Weibes, welche es in ihrer Einöde nicht aushielten und zu mir kamen, um Nachrichten, Trost und ach, was ich ihnen nicht geben konnte – Hoffnung zu holen; – endlich noch meine Abwesenheit von Sarah, die ich für meine Pflicht hielt, so lange ich für Tom in Anspruch genommen war, – Alles das führte einen Zustand der Schwäche und eine geistige Erschöpfung herbei, welche mich beinahe in ein Gerippe verwandelte. Endlich war das Kriegsgericht gehalten und Tom zum Tode verurtheilt. Der Spruch war bestätigt worden und man sagte uns, jede weitere Berufung sei vergeblich. Wir erhielten diese Nachricht am Samstag Abend und Tom sollte am Dienstag Morgen den Tod erleiden. Ich vermochte den Bitten Mariens nicht länger zu widerstehen; zudem erhielt ich einen Brief von Tom, worin er uns Alle, den Domine mit eingeschlossen, ersuchte, zu ihm zu kommen, und ihm Lebewohl zu sagen. Ich miethete einen Wagen für den alten Tom, seine Frau, Stapleton und Marie, und bestieg mit dem Domine mein eigenes Gefährt. Am Sonntag Morgen fuhren wir nach Maidstone ab. Um eilf Uhr kamen wir an, und hielten in einem Gasthofe in der Nähe der Kaserne. Es war verabredet, daß der Domine und ich Tom zuerst sehen sollten, dann sein Vater und seine Mutter, und zuletzt Marie Stapleton. »Wahrlich,« sagte der Domine, »mein Herz ist schwer, sehr schwer; meine Seele hing an dem armen Burschen, der sein Leben lassen soll um eines Weibes willen – eines Weibes, dessen Schlingen ich selbst kaum entronnen bin. Doch sie ist ausnehmend schön und anmuthig, und nun es nichts mehr hilft, scheint sie zu bereuen.« Ich erwiederte nichts. Am Kasernenthore angekommen, bat ich, zum Gefangenen geführt zu werden, und die Thüren wurden entriegelt. Tom war mit großer Sorgfalt und sauber gekleidet – in weißen Hosen, einer Weste und Hemdärmeln, sein Rock lag auf dem Tisch, er wollte ihn nicht anlegen. Mit schwachem Lächeln streckte er mir seine Hand entgegen. »'s ist Alles vorüber, Jacob; und 's gibt keine Hoffnung mehr, das weiß ich, und ich bin gefaßt zu sterben; – aber ich wollte, der letzte Abschied wäre vorbei, denn er wird mich übermannen. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir,« fuhr er gegen den Domine fort. »Nun, mein armer Junge, ich befinde mich so wohl, als es Alter und Kränklichkeit zulassen, und warum sollte ich mich beklagen, wenn ich sehe, daß Jugend, Gesundheit und Kraft geopfert wird; daß so viele elend werden, die glücklich hätten werden können?« Und der Domine schneuzte seine Nase, daß der Trommetenlaut im Kerker wiederhallte, und die Schildwache durch die Gitter hereinsah. »Sie sind Alle da, Tom,« sagte ich, »willst du sie jetzt sehen.« »Ja! je schneller es vorüber ist, desto besser.« »Willst du zuerst deine Eltern sehen?« »Ja,« erwiederte Tom mit bebender Stimme. Ich ging hinaus, und kehrte mit der alten Frau zurück, die sich auf meinen Arm lehnte. Uns folgte der alte Tom, der auf seinen Stock gestützt hereinhumpelte. Das arme Weib fiel ihrem Sohne um den Hals und schluchzte krampfhaft. »Mein Junge – mein Junge – mein lieber, lieber Junge!« sagte sie endlich und blickte ihm starr in's Gesicht. »Ach Gott, morgen ist er todt!« Ihr Kopf sank nieder auf seine Schulter und ihr Schluchzen durchschüttelte ihren Körper. Tom küßte die Stirne seiner Mutter, während die Thränen über seine Wangen hinabströmten. Er winkte mir, sie wegzuführen. Ich setzte sie auf den Boden nieder, wo sie schweigend blieb, indem sie langsam ihren Kopf auf und nieder bewegte, und ihr Gesicht in ihr Halstuch begrub. Nur von Zeit zu Zeit hörten wir ein krampfhaftes Athemholen. Der alte Tom war ein stummer, aber bewegter Zuschauer. Jede Muskel in seinem gebräunten Gesicht zuckte krampfhaft, und endlich brachen sich die Thränen durch die tiefen Furchen seiner Wangen Bahn. Sobald seine Mutter entfernt war, nahm Tom seinen Vater bei der Hand, und beide setzten sich nieder. »Ihr zürnt mir nicht, Vater, weil ich desertirt bin?« »Nein, mein Junge, nein; ich war erzürnt über dich, weil du dich anwerben ließest, aber nicht, weil du desertirt bist. Was hattest du mit der Kreide zu schaffen? Doch ich glaube, daß ich Grund habe, andern Leuten zu zürnen, wenn ich daran denke, daß mein Vaterland meinen Jungen im Frühling seines Lebens von meiner Seite nimmt, nachdem ich in seiner Verteidigung meine zwei guten Beine verloren habe. Das ist ein schlechter Lohn für langen und harten Dienst – eine schlechte Aufmunterung zur Erfüllung seiner Pflicht; aber was kümmert sie's? Sie haben meine Dienste gehabt, und jetzt bin ich ein Krüppel. Nun, sie mögen den Rest meines Körpers auch vollends mitnehmen, wenn's ihnen beliebt, nur hin – doch mit Weinen gewinnt man nichts, geschehene Dinge lassen sich nicht ändern,« fuhr der alte Tom fort, während die Thränen stromweise über seine Wangen liefen. »Sie mögen dich todtschießen; aber das weiß ich, du wirst sterben wie ein Mann, und wirst sie beschämen, indem du ihnen zeigst, daß sie sich selbst der Dienste eines wackeren Mannes berauben, wie wackere Männer sonach thun. Es würde mich nicht so sehr grämen,« fuhr der alte Tom nach einer Pause fort – (sieh' nach dem alten Weib, Jacob, sie fällt nach der Backbordseite um) – wärest du an Bord eines Königsschiffes gefallen, in einem ordentlichen Fregattengefechte; wenn's hart hergeht, so wird mancher getödtet; aber so von deinen eigenen Landsleuten gedrillt zu werden, von ihren Händen zu sterben, und was das Schlimmste ist, in einem Rothrock zu sterben, statt im Braun-Blau.« »Vater, ich will in keinem Rothrock sterben, ich will ihn nicht anziehen.« »Das ist einiger Trost, Tom, einiger Trost, und Trost bedürfen wir.« »Und ich will sterben wie ein Mann, Vater.« »Das wirst du, Tom, und das ist einiger Trost.« »Wir werden uns wieder sehen, Vater.« »Das hoffe ich, im Himmel, – das ist einiger Trost.« »Und nun, Vater, Euren Segen, und tragt Sorge für meine arme Mutter.« »Gott segne dich, Tom, Gott segne dich!« rief der alte Mann mit halberstickter Stimme und streckte seine beiden Hände gegen Tom aus, während sie sich erhoben; aber er verlor das Gleichgewicht, und fiel mir und Tomen rückwärts in die Arme. Wir setzten ihn sanft neben seinem Weibe nieder; die alten Leute wandten sich gegen einander, umarmten sich, und hielten sich schluchzend umschlungen. »Jacob,« sagte Tom, indem er mich bebend bei der Hand faßte, »ich bitte dich um deiner Liebe willen, laß diesen Auftritt vorübergehen – laß mich Marien sehen, und dieses gefolterte Herz endlich zu einiger Ruhe gelangen.« Ich schickte den Domine fort, um sie zu holen. Tom lehnte sich mit gekreuzten Armen an die Wand, und bot seine ganze Kraft auf, um sich zu dem schmerzlichen Abschied zu sammeln. Marie ward von ihrem Vater hereingeführt. Ich glaubte, sie würde in Ohnmacht fallen, wie vorhin; aber im Gegentheil; obgleich so blaß wie der Tod, und im Drang ihrer Gefühle nach Athem ringend, ging sie auf Tom zu und setzte sich neben ihm auf die Bank. Mit der Neugierde der Angst überblickte sie die Gruppe und sagte: »Ich weiß, daß Alles, was ich jetzt rede, vergeblich ist, Tom; aber dennoch muß ich es sagen. – Ich bin es, die ich durch meinen Wahnsinn all' diesen Jammer, all' dieses Elend herbeigeführt habe – ich bin es, die ich es verschuldet habe, daß du einen so furchtbaren Tod leidest – ja, Tom, ich bin deine Mörderin.« »Nicht so, Marie, es war mein eigener Wahnsinn,« versetzte Tom, ihre Hand fassend. »Du kannst mir nichts verhehlen oder lindern, geliebtester Tom,« erwiederte Marie. »Die Augen sind mir aufgegangen, freilich zu spät, aber sie sind mir aufgegangen; und ob es gleich so freundlich von dir ist, daß du also sprichst, so fühle ich doch die entsetzliche Ueberzeugung von meiner Schuld. Siehe, welches Elend ich über sie gebracht habe. Dort ist ein Vater, der seine Jugend und seine Glieder im Dienste seines Vaterlandes geopfert hat, seufzend in den Armen einer Mutter, deren Leben mit dem Leben ihres einzigen Sohnes verflochten ist. Vor ihnen,« fuhr Marie auf ihre Kniee fallend fort, »vor ihnen muß ich mich niederwerfen und um Vergebung flehen, und ich flehe darum, wie sie selber hoffen, daß ihnen vergeben werde. Antwortet – ach antwortet! Könnt ihr einer Verworfenen vergeben, wie ich bin?« Es erfolgte eine Pause. Ich trat zum alten Tom hin, kniete neben ihm nieder und bat ihn, zu antworten. »Ihr vergeben, der Armen – ja; wer könnte ihr das verweigern, wie sie hier auf den Knieen liegt? Komm,« fuhr er gegen sein Weib fort, »du mußt ihr vergeben. Blick' auf, Alte, blick' auf und denke, daß dein armer Junge morgen Mittag dasselbe vom Himmel erfleht.« Die alte Frau sah empor, und ihre umwölkten Augen fielen auf Mariens stehende und schöne Stellung. Sie konnte nicht widerstehen. »Wie ich auf Gnade für meinen armen Jungen hoffe, den du getödtet hast, so vergebe ich dir, unglückliches, junges Weib.« »Möge Euch Gott dafür lohnen, wenn Ihr von ihm gerufen werdet,« versetzte Marie. Es war der schwerste Kampf unter allen. »Dich, Jacob, muß ich um Vergebung bitten, weil ich dich deines ersten und treuesten Freundes beraube – ja, und noch wegen vieler andern Dinge. Auch Sie, Sir,« wandte sie sich an den Domine, »wegen meines Benehmens gegen Sie. Es war grausam und unverantwortlich. – Wollen Sie mir vergeben?« »Ja, Marie, von ganzem Herzen, ich vergebe dir,« erwiederte ich. »Gott segne dich, Mädchen, Gott segne dich,« schluchzte der Domine. »Vater, von Euch muß ich das Gleiche erflehen – ich bin ein eigensinniges Kind gewesen, vergebt mir!« »Ja, Marie, du konntest nichts dafür,« antwortete der alte Stapleton weinend, »'s war Alles Menschennatur.« »Und nun,« sagte Marie, sich mit einem Blicke der Angst und Liebe auf ihren Knieen zu Tom umwendend, »jetzt zu dir, Tom, dich muß ich zuletzt anreden. Ich weiß, du vergibst mir – ich weiß, du hast mir vergeben – und dieses Bewußtsein deiner brennenden Liebe macht mir den Gedanken noch bitterer, daß ich deinen Tod verschuldet habe. Aber höre mich, Tom, und ihr Alle höret mich; ich habe nie geliebt als dich; ich habe Andere sehr gern gehabt, ich habe den Jacob gern gehabt, aber nur durch dich habe ich gefühlt, daß ich ein Herz hatte; und ach, dich allein habe ich geopfert. Als ich mich durch meine Thorheit verleiten ließ, dich zu kränken, litt ich mehr als du – denn du besaßest meine einzige, du besaßest meine ewige und unaufhörliche Liebe, deinem Andenken bin ich von nun an vermählt, Vereinigung mit dir ist mein einziger Wunsch – und wenn mir der Himmel eine Gnade verleihen könnte, so wäre es die Gnade, mit dir zu sterben, Tom – ja, in diesen geliebten Armen.« Marie streckte ihre Arme nach Tomen aus, der auf seine Kniee niederfiel und sie umschlang. So blieben sie lange Zeit, ihre Gesichter gegenseitig auf die Schulter des Andern gelehnt. Der ganze Auftritt hatte jetzt seine Höhe erreicht; er war zu peinlich, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe, als ich durch die Stimme des Domine in die Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Er erhob seine Arme, streckte sie feierlich aus, und flehte zum Himmel: »O Herr, sieh' auf diese Deine Knechte in ihrem Kummer; gib ihnen, die ihre Pilgerfahrt noch fortsetzen müssen, gib ihnen Stärke, um Deine Züchtigung zu tragen – gib ihm, der jetzt zu Dir gerufen wird, die Seligkeit, welche die Welt nicht geben kann; und o allmächtiger, allvermögender Gott, lege uns keine Lasten auf, welche schwerer sind, als daß wir sie tragen könnten. Kinder, lasset uns beten.« Der Domine kniete nieder und sprach das Gebet des Herrn. Alle folgten seinem Beispiele; dann trat eine Stille ein. »Stapleton,« sagte ich, auf Marie deutend, während ich zugleich dem Domine winkte, wir hoben den alten Tom und sein Weib auf und führten sie hinaus; die Aermste war in einem Zustande der Betäubung, und sie bemerkte nicht, daß sie ihren Sohn verlassen hatte, bis sie an die frische Luft kam. Stapleton hatte versucht, Marie und Tom zu trennen, aber es war vergebens; sie hielten sich umklammert, als müßten sie mit einander sterben. Endlich brachte ich Tom zu sich. Er ließ Marie los. Sie wurde in einem glücklichen Zustande der Gefühllosigkeit weggetragen, und von ihrem Vater und dem Domine in den Gasthof geführt. »Sind sie alle fort,« flüsterte mir Tom zu, während sein Kopf auf meiner Schulter ruhte. »Alle, Tom.« »Dann ist die Bitterkeit des Todes vorüber; Gott gebe ihnen Gnade und erlöse sie von ihrer Angst; sie bedürfen Seiner Hülfe mehr als ich.« Eine Thränenfluth, die mehrere Minuten lang strömte, erleichterte den Armen. Er richtete sich auf, trocknete seine Augen, und wurde wieder ruhiger. »Jacob, es ist kaum nöthig, daß ich meine letzte Bitte ausspreche; sorge für meine arme Eltern, tröste die arme Marie – Gott segne dich! Du bist mir ein treuer Freund gewesen, und er möge dir dafür lohnen. Und nun, Jacob, verlaß mich. Ich muß mit meinem Gott reden, und ihn um Vergebung bitten. Der Zeitraum zwischen mir und der Ewigkeit ist ein kurzer.« Tom warf sich in meine Arme und hielt mich einige Minuten lang umschlungen, dann machte er sich sanft von mir los, und deutete auf die Thür. Ich faßte noch einmal seine Hand, und wir schieden. Siebenzehntes Kapitel. In welchem, wie es in dem letzten Kapitel eines Buches der Brauch ist, Alles zu des Lesers so wie zu des Autors Befriedigung abgesponnen wird. Der Verfasser legt die Feder nieder und ruft: Gott sei Dank! Ich ging in den Gasthof zurück und bestellte die Pferde. Dann setzte ich Allen, außer Marien, die Notwendigkeit ihrer Heimkehr aus einander. Marie wurde in den Wagen gehoben, und es war mir eine Erleichterung, wie ich sie Alle wegfahren sah. Ich für meine Person beschloß, bis an's Ende zu bleiben; aber ich war in einem Zustande fieberischer Aufregung, der mir keine Ruhe ließ. Während ich im Zimmer auf- und niederging, fielen meine Blicke auf ein Zeitungsblatt. Gedankenlos nahm ich es in die Hand und starrte hinein. Eine Anzeige zog meine Aufmerksamkeit auf sich, sie lautete: »Seiner Majestät Schiff Immortalité ist in Chatam angekommen, um die Zahlung zu holen.« Also ist unser Schiff zurück. Doch was sollte das jetzt? Und dennoch flüsterte mir eine gewisse Stimme zu, als sollte ich den Kapitän Maclean sprechen, und einen Versuch machen, ob er nichts in der Sache thun könne. Ich kannte seinen mächtigen Einfluß, und ob es gleich jetzt zu spät war, fühlte ich einen Drang in mir, zu ihm zu gehen, dem ich nicht widerstehen konnte. »Hier kann ich doch nichts helfen,« sagte ich bei mir selbst, »es kann also nichts schaden, wenn ich hingehe.« Dieser Gedanke, verbunden mit der Rastlosigkeit meines Geistes, bestimmte mich, Pferde zu bestellen, mit denen ich nach Chatam fuhr. Ich hörte, daß der Kapitän noch an Bord sei, und ließ mich zur Fregatte fahren. Die Offiziere erkannten mich und drückten ihre Freude aus, daß sie mich wieder sahen. Ich ließ mich bei'm Kapitän melden, und wurde in die Kajüte beschieden. Nachdem ich ihm den Fall vorgelegt, und ihn um seine Verwendung, wenn sie noch möglich wäre, gebeten hatte, sagte er: »Ehrlich, es ergibt sich also, daß Tom Beazeley zweimal desertirt ist; doch sind viele Milderungsgründe für ihn; jedenfalls ist die Todesstrafe zu streng, und sie gefällt mir nicht – ich kann ihn retten, und ich will ihn retten. Nach der Dienstordnung kann ein Ausreißer aus dem einen Dienste von dem andern zurückgefordert, und muß von seinen Offizieren gerichtet werden. Das Urtheil ist also nicht gesetzlich. Ich werde eine Abtheilung Marinesoldaten abschicken und ihn als Ausreißer von der Flotte zurückfordern; sie müssen, sie werden ihn ausliefern. – Trösten Sie sich, Ehrlich, sein Leben ist so sicher als das Ihrige.« Ich hätte auf die Kniee fallen mögen, um ihm zu danken, wiewohl ich kaum an die Wahrheit einer so guten Botschaft glauben konnte. »Es ist keine Zeit zu verlieren, Sir,« sagte ich ehrfurchtsvoll; »morgen früh um neun Uhr soll er erschossen werden.« »Morgen früh um neun Uhr ist er hier an Bord, oder ich bin nicht Kapitän Maclean. Aber Sie haben recht, es ist keine Zeit zu verlieren. Es ist schon beinahe ganz dunkel, und das Kommando muß augenblicklich aufbrechen. Ich muß einen Dienstbrief an den kommandirenden Offizier des Depot schreiben. Rufen Sie meinen Sekretär.« Ich eilte hinaus und rief den Sekretär. In wenigen Minuten war der Brief geschrieben, und eine Abtheilung Marinesoldaten wurden unter dem Befehle des zweiten Lieutenants mit mir an's Land geschickt. Ich ließ für das ganze Kommando Postchaisen einspannen, und vor eilf Uhr waren wir in Maidstone. Der Lieutenant und ich blieben die ganze Nacht auf, und mit Tagesanbruch trafen wir die Marinesoldaten und gingen auf die Kaserne, wo wir den entsetzlichen Anblick der Vorbereitungen hatten. Der kommandirende Offizier war bereits auf und leitete die Anordnungen. Ich trat mit dem Lieutenant auf sein Zimmer. Er überreichte ihm den Dienstbrief. »Gerechter Gott, wie glücklich! Sie können doch seine Identität beweisen.« »Alle diese Leute können sie beschwören.« »Das ist hinreichend, Herr Ehrlich, ich wünsche Ihnen und Ihrem Freunde Glück zu diesem Aufschub. Die Dienstordnung muß befolgt werden, und Sie müssen mir einen Empfangschein für den Gefangenen ausstellen, Herr Lieutenant.« Dies geschah, und der Profoßmarschall erhielt den Befehl, den Gefangenen auszuliefern. Ich eilte mit den Marinesoldaten in den Kerker; das Thor wurde geöffnet. Tom hatte die Bibel vor sich. Er fuhr in die Höhe, und als er die Rothröcke sah, glaubte er, sie kommen, um ihn zum Tode zu führen. »Ich bin bereit, Bursche,« rief er, »je schneller die Sache vorüber ist, desto besser.« »Nein, Tom,« sagte ich vortretend, »ich hoffe auf besseres Glück, du bist als Ausreißer von der Immortalité zurückgefordert.« Tom starrte mich an, strich sich das Haar aus der Stirne, und warf sich in meine Arme, aber wir hatten keine Zeit, um uns unsern Gefühlen hinzugeben. Wir eilten mit Tomen aus der Kaserne. Ich ließ die ganze Truppenabtheilung zurückfahren, und bald langten wir in Chatam an, wo wir an Bord der Fregatte gingen. Tom wurde dem Geschützmeister als Deserteur übergeben, und Kapitän Maclean ordnete ein Kriegsgericht an. »Was wird das Ergebniß sein?« fragte ich den ersten Lieutenant. »Der Kapitän sagt, wenig oder nichts, da er als Lehrling gepreßt wurde, was gegen die Parlamentsakte streitet.« Ich ging hinunter, um Tomen diese freudige Nachricht zu bringen, nahm von ihm Abschied, und kehrte mit leichtem Herzen nach London zurück. Indessen hielt ich es für besser, die gute Botschaft geheim zu halten, bis ich des Erfolges ganz versichert wäre: doch theilte ich Herrn Drummond's, bei denen ich sogleich vorsprach, den ganzen Vorgang mit. Am folgenden Tage ging Herr Wharncliffe mit mir auf die Admiralität, wo wir so glücklich waren, zu vernehmen, daß Alles gesetzlich sei, Tom blos für seine Desertion von einem Kriegsschiffe bestraft werden könne, und wenn er beweise, daß er als Lehrling gepreßt worden sei, aller Wahrscheinlichkeit nach freigesprochen werde. Drei Tage nach Empfang des Briefes von der Immortalité versammelte die Admiralität das Kriegsgericht. Ich eilte nach Chatam, um demselben beizuwohnen. Es war sehr kurz: die Desertion wurde erwiesen und Tom zu seiner Verteidigung aufgefordert. Er legte seine Papiere vor und führte den Beweis, daß er vor Ablauf seiner Lehrzeit gepreßt worden sei. Der Gerichtssaal wurde für einige Minuten geschlossen, und dann wieder geöffnet. Das Urtheil sprach den Angeklagten auf den Grund der gesetzwidrigen Zurückbehaltung frei . Ich sagte dem Kapitän Maclean und den Officieren meinen Dank für ihre Güte, und bestieg mit Tom einen Kutter, den mir der erste Lieutenant besorgte. Gefühle der Dankbarkeit für diese glückliche Entwicklung schwellten meine Brust. Tom schwieg, aber ich verstand seine Empfindungen. Ich gab den Leuten auf dem Boote fünf Guineen, um Toms Gesundheit zu trinken, eilte in den Gasthof, bestellte den Wagen, und fuhr mit Tomen, als einem kostbaren Unterpfand, von dem das Glück so Vieler abhing, so schnell als möglich nach London. Bei Herrn Drummond's ließ ich halten, um ihnen das glückliche Ereigniß mitzutheilen, und fuhr dann nach meinem Hause, wo wir schliefen. Am folgenden Morgen zog Tom einige von meinen Kleidern an, und wir bestiegen den Nachen. »Jetzt, Tom,« sagte ich, »mußt du dich anfangs im Hintergrund halten, während ich sie vorbereite. Wohin gehen wir zuerst?« »Ach, zu meiner Mutter,« versetzte Tom. Wir fuhren unter der Putney-Brücke durch, und Tom's Herz pochte, als er nach Mariens Wohnung hinaus sah. Ach, es war dort – der Arme! Wie gern wäre er zu dem unglücklichen Mädchen hinaufgeeilt, um ihre Thränen zu trocknen, aber seine erste Pflicht rief ihn zu den Eltern. Bald fuhren wir vor dem Hause des alten Paares an. Ich bot Tom an, im Damm zu rudern, aber sich nicht umzusehen, damit sie ihn nicht gewahren sollten, bevor ich sie vorbereitet hätte. Denn übermäßige Freude kann eben sowohl tödten, als der Gram. Der alte Tom saß noch bei seiner Arbeit und Alles war still. Ich stieg an's Land, ging in's Haus, öffnete die Thür, und fand beide in der Küche. Sie saßen schweigend beim Feuer und beobachteten den Rauch, wie er durch den geräumigen Schornstein emporstieg. »Guten Morgen wünsche ich euch beiden,« sagte ich, »wie befindet Ihr Euch, Frau Beazeley?« »Ach Gott im Himmel,« rief das alte Weib, seine Augen mit der Schürze bedeckend. »Setze dich, Jacob, setze dich,« sprach der alte Tom, »jetzt können wir von ihm sprechen.« »Ja nun er im Himmel ist, der Arme!« fiel die alte Frau ein. »Sage mir, Jacob,« sprach der alte Tom mit bebender Stimme, »sahest du sein Ende? Erzähle mir Alles. Wie sah er aus? Wie benahm er sich? Mußte er lange leiden? Und – Jacob, wo liegt er begraben?« »Ja, ja,« schluchzte Frau Beazeley, »sagen Sie mir, wo die Leiche meines armen Kindes liegt.« »Könnt Ihr von ihm sprechen hören?« fragte ich. »Ja, ja, wir können nicht genug von ihm sprechen: es thut uns so wohl,« erwiederte sie. »Seit wir ihn verlassen, haben wir unaufhörlich von ihm gesprochen, und werden von ihm sprechen, bis wir selbst in's Grab sinken,« fiel der alte Tom ein. »Und das wird nicht mehr lange dauern. Ich habe keinen Wunsch mehr, und singen will ich nie wieder, das ist ausgemacht. Wir werdens beide nicht mehr lange treiben. Von mir,« fuhr der alte Tom mit schwermüthigem Lächeln auf seine Stelzen blickend fort, »von mir darf ich wohl sagen, daß ich schon zwei Füße im Grabe habe. Aber komm', Jacob, erzähle uns von ihm.« »Das will ich; und meine liebe Frau Beazeley, Ihr müsset Euch auf eine ganz andere Zeitung gefaßt machen, als Ihr erwartet. Tom ist noch nicht erschossen.« »Noch nicht todt!« rief das alte Weib. »Noch nicht, Jacob?« fragte der alte Tom, mich am Arme fassend und ihn mit Schraubengewalt drückend, während er mir forschend in's Gesicht sah. »Er lebt; und ich nähre die Hoffnung, daß er Verzeihung erhalten wird.« Frau Beazeley sprang von ihrem Stuhl auf, und faßte meinen andern Arm. »Ich sehe es – ich sehe es auf deinem Gesicht, Jacob, er hat Verzeihung erhalten, und wir werden unsern Tom wieder haben.« »Ihr habt recht, Frau Beazeley; er hat Verzeihung erhalten und wird bald hier sein.« Das alte Paar sank neben mir auf die Kniee. Ich ging hinaus und war bei Tom. Er flog hinauf, und im nächsten Augenblicke lag er in ihren Armen. Wir hoben seine Mutter auf ihren Stuhl, dann verließ ich sie, um mich nach dem ergreifenden Auftritte zu sammeln. Ungefähr eine Stunde lang blieb ich außen; dann ging ich wieder hinein. Die beiden Alten faßten mich bei der Hand, und flehten den Segen des Himmels auf mich herab. »Ihr müßt Euch jetzt ein wenig von Tomen trennen,« sagte ich; »es müssen auch noch andere Leute glücklich gemacht werden.« »Ganz richtig,« versetzte der alte Tom, »geh', Junge, und tröste sie. Komm', Weib, wir dürfen andere Leute nicht vergessen.« »Nein, nein. Geh', Tom, geh', und sage ihr, ich könne es nicht erwarten, bis sie meine Tochter sei.« Tom umarmte seine Mutter und folgte mir zu dem Boot. Wir ruderten die Fluth hinauf und waren bald an der Putney-Brücke. »Tom, bleibe im Boot. Ich will dich entweder holen oder rufen lassen.« Ungern willigte Tom ein, aber ich wies seine Vorstellungen zurück, und er blieb. Ich trat in Marien's Haus. Sie war in dem kleinen Wohnzimmer, in tiefe Trauer gehüllt, und sah hinaus auf den Strom. Bei meinem Eintritt wandte sie sich um, und als sie mich gewahrte, ging sie mir entgegen. »Sie kommen gewiß nicht, um mir Vorwürfe zu machen, Jacob,« sagte sie in schwermüthigem Tone; »dazu haben Sie ein zu gutes Herz.« »Nein, nein, Marie, ich komme, um dich zu trösten, wenn es möglich ist.« »Es ist nicht möglich. Sehen Sie mich an, Jacob; nagt nicht ein Wurm – ein fressendes Geschwür an meinem Herzen?« Die fahlen Wangen und die welk starrenden Augen, die einst so schön gewesen, bezeugten nur zu deutlich die Wahrheit ihrer Worte. »Marie,« sagte ich, »setze dich zu mir. Du weißt, was die Bibel sagt, es ist gut, daß wir Trübsal leiden.« »Ja, ja,« schluchzte Marie, »ich verdiene Alles, was ich leide, und ich beuge mich in Demuth. Aber bin ich nicht zu hart gestraft! Nicht daß ich murre: aber ist es nicht zu schwer für mich zum Tragen, wenn ich denke, daß ich die Mörderin desjenigen bin, der mich also liebte!« »Du bist keine Mörderin, Marie.« »Ja, ja, mein Herz sagt es mir, daß ich es bin.« »Aber ich sage dir, daß du es nicht bist. Sprich; Marie, so entsetzlich die Strafe gewesen ist, würdest du nicht die Ruthe dankbar küssen, wenn sie dich von deiner unseligen Laune heilen, und ein gutes Weib aus dir machen würde?« »Daß sie mich geheilt hat, Jacob, das kann ich mit Gewißheit sagen; aber daß sie mich auch getödtet hat, ist eben so wahr. Ich wünsche nicht mehr zu leben, und ich hoffe, in wenigen Monaten an seiner Seite zu ruhen.« »Und ich hoffe, du wirst diesen Wunsch bald erfüllt sehen, Marie, aber nicht im Tode.« »Barmherziger Himmel. Was meinen Sie?« »Ich sagte, du seiest nicht die Mörderin des armen Tom's – du bist es nicht; er hat den Tod noch nicht erlitten; es ist eine Ungesetzlichkeit vorgekommen, die eine Erneuerung des Gerichtes erfordert.« »Jacob,« versetzte Marie, »es ist eine Grausamkeit, mir Hoffnung zu machen, um sie wieder zu zertrümmern. Wenn er noch nicht todt ist, so wird er doch sterben. Ich wollte, Sie hätten mir das nicht gesagt,« fuhr sie in Thränen ausbrechend fort, »welch' eine Angst, welch' einen Kampf muß er die ganze Zeit über erlitten haben. Und ich – ich habe seine Leiden herbeigeführt! Ich tröstete mich, er sei jetzt schon lange von dieser grausamen, herzlosen Welt erlöst.« Der Thränenstrom, der auf diese Worte folgte, überzeugte mich, daß ich ihr die frohe Botschaft ohne Gefahr mittheilen konnte. »Marie, Marie, höre mich.« »Lassen Sie mich, lassen Sie mich,« schluchzte Marie, mich mit ihrer Hand abwendend. »Nein, Marie, nicht eher, als bis ich dir gesagt habe, daß Tom nicht nur lebt – daß er frei ist.« »Frei!« rief Marie. »Ja, frei, Marie – frei – und in wenigen Minuten wird er in deinen Armen liegen.« Marie sank auf die Kniee, hob ihre Hände und Augen zum Himmel empor, und fiel in einen Zustand der Betäubung. Tom, der mir gefolgt war, und in der Nähe des Hauses weilte, hatte den Schrei gehört, und konnte sich nicht länger halten. Er flog in das Zimmer, als Marie niedersank, und ich legte sie ihm in die Arme. Nach dem ersten Merkmale der wiederkehrenden Besinnung verließ ich sie, und ging zu dem alten Stapleton, bei dem ich mich kürzer faßte. Stapleton rauchte während meiner Erzählung. »Froh darüber,« sagte er, als ich schloß, »dachte just daran, wie uns alle diese Sinne so viel Sorgen machen, und mehr als alle andern der Sinn der Liebe; brachte mich in Ungelegenheiten, machte, daß ich einen Mann todtschlug – brachte mein armes Weib in Ungelegenheiten, daß sie ertrank, und nun hätte er bald den Tom erschießen lassen und die Marie umgebracht. Hatte in der letzten Zeit zu viel Menschennatur – nichts als nasse Augen und leere Pfeifen. Traf gestern den Sergeanten, hatte was mit ihm: Tom schlug ihm das eine Auge aus, und so alt ich bin, machte ich ihm auf eine Zeit lang das andere zu. Er liegt im Bett, 's wird so vierzehn Tage dauern – konnte nicht helfen – Menschennatur.« Ich nahm Abschied von Stapleton, besuchte Tom und Marie noch einmal, gab der einen die Hand, dem andern einen Kuß, schrieb an den Domine, was vorgefallen war, eilte zu Herrn Drummond's, und machte Sarah und ihre Mutter mit dem glücklichen Ergebnisse meiner Morgenarbeit bekannt. »Und nun, Sarah, da wir die Angelegenheiten anderer Leute so schön in Ordnung gebracht haben, wäre es gut, wenn wir auch an uns dächten. Ich meine, nachdem ich beinahe einen ganzen Monat lang deiner Gesellschaft beraubt war, verdiene ich auch eine Belohnung.« »Ja, das verdienst du, Jacob,« sagte Frau Drummond, »und ich bin überzeugt, Sarah ist auch dieser Meinung, wenn sie's mir eingestehen will.« »Ich gestehe es ein, Mutter; aber worin soll diese Belohnung bestehen?« »Darin, daß du deine Eltern bittest, einen nahen Tag zu eurer Trauung festzusetzen, und daß du es nicht übel nimmst, wenn Tom an dem gleichen Altare verbunden werde.« »Mutter, bin ich nicht immer eine folgsame Tochter gewesen?« »Ja, meine Liebe, das ist wahr.« »Dann thue ich, was meine Eltern befehlen, Jacob; dies wird doch wahrscheinlich der letzte Befehl sein, den ich von ihnen erhalte, und ich werde ihm gehorchen; bist du damit zufrieden, mein lieber Jacob?« Noch an dem gleichen Abend ward der Vermählungstag festgesetzt, und nun darf ich den Leser nicht mit einer Schilderung meiner Gefühle oder meiner Seligkeit bei den Vorbereitungen zu diesem Feste ermüden. Sarah und ich, Marie und Tom wurden an dem gleichen Tage verbunden, und kein Wölkchen trübte den Himmel unseres Glücks. Tom zog zu seinen Eltern, und Marie, die von Seligkeit strahlte und schöner geworden ist als je, hat sich in eine vortreffliche, liebende Gattin umgewandelt. Von Sarah brauche ich kaum zu sprechen; sie war meine Freundin von Kindheit an, sie ist jetzt Alles, was der Mann hoffen und wünschen mag. Wir sind schon mehrere Jahre lang vermählt, und mit einer zahlreichen Familie gesegnet. Ich bin jetzt am Schlusse meiner Erzählung; nur noch wenige Mittheilungen über meine früheren Freunde bin ich dem Leser schuldig. Stapleton lebt noch, und ist mit seiner Pfeife vermählt, welche bei ihm wirklich zur Menschennatur geworden ist, wiewohl der Sinn für den Tabak nicht als ein angeborener, sondern als ein erworbener betrachtet wird. Er hat zwei Kähne, worauf er Lehrlinge hält. Sie sichern ihm seinen Unterhalt, ohne daß er selbst arbeitet. Er sagte, die Jungen seien nicht so redlich, als er gewesen sei, und sie betrügen ihn nicht wenig; aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß das nichts als Menschennatur sei. Der alte Tom ist noch kräftig und munter, und meint, er sei nicht gesonnen, seinen Beinen sobald zu folgen. Seine Frau, sagt er, sei siech, aber Marie bedarf keinen Beistand. Er hat jetzt sein Geschäft aufgegeben und seine Tafel heruntergenommen, denn er befindet sich in behaglichen Verhältnissen. Als Tom heirathete. fragte ich ihn, was er thun wolle. Er bat mich, ihm Geld vorzustrecken, um sich einen Lichter zu kaufen. Ich schenkte ihm einen neuen, der so eben an Herrn Drummonds Werfte vom Stapel lief; der alte Stapleton übergab ihm die zweihundert Pfund, welche ihm Herr Turnbull vermacht hatte, und seine Mutter legte dieselbe Summe aus ihrer Sparbüchse dazu. Dadurch wurde Tom in den Stand gesetzt, noch einen zweiten Lichter zu kaufen, und jetzt besitzt er deren sechs oder sieben; er befindet sich wohl dabei und vermehrt mit jedem Jahre seinen Wohlstand. Sie sprachen von einem Umzug in ein besseres Haus; aber die beiden Alten wünschen zu bleiben. Der alte Tom hat sich eine Laube erbaut, wo der vermachte Kahn gestanden war. Dort sitzt er und singt seine Lieder, und betrachtet die Fahrzeuge, die den Strom auf- und abfahren. Herr und Frau Wharncliffe sind noch immer meine Nachbarn und werthesten Freunde. Frau Turnbull ist vor einigen Monaten gestorben, und ich bin jetzt im Besitze des ganzen Hauses. Meine Schwiegereltern sind gesund und glücklich. Herr Drummond will sich aus dem Geschäfte zurückziehen, sobald er seine mannigfaltigen Angelegenheiten in's Reine bringen kann. Noch von Einer Person habe ich zu reden – vom alten Domine. Es sind jetzt zwei Jahre, daß ich diesem würdigen Manne die Augen zugedrückt habe. Mit seinen zunehmenden Jahren nahm auch seine Zerstreutheit zu, und die Vorsteher der Armenschule fanden es für nöthig, ihn auf einen Jahrgehalt in Ruhestand zu versetzen. Es war ein harter Schlag für den alten Mann. Er versicherte, daß er noch tauglich sei, den Unterricht fortzusetzen; aber die Leute waren anderer Ansicht, und er nahm meinen Vorschlag, zu uns zu ziehen, unter meinem Vorgeben an, daß unsere Kinder, von denen das älteste damals kaum vier Jahre alt war, im Lateinischen und Griechischen unterrichtet werden müssen. Er kam mit allen seinen Büchern u. s. w., und vergaß selbst das furchtbare Birkenreis nicht; aber weil die Kinder aus freiem Antriebe nicht an das Lateinische gehen wollten, und Madame Ehrlich die Anwendung der Ruthe nicht gestattete, so war es mit der Beschäftigung des Domine vorbei. Uebrigens war die Macht der Gewohnheit so groß, daß er nie ausging, ohne die lateinische Grammatik in der Tasche zu haben. Und oft habe ich ihn gesehen, wie er im Hühnerhofe saß und sich einbildete, er sei in seiner Schule! denn er deklinirte, construirte und conjugirte den Hühnern laut vor, welche von Zeit zu Zeit ihr Gluck Gluck Gluck erschallen ließen, während die Enten mit ihrem Quak Quak Quak noch unverschämter einfielen. Sarah hat ihn in dieser Stellung gezeichnet, und das Stück hängt über dem Kamin meines Studirzimmers zwischen zwei von Herrn Turnbulls Zeichnungen, von denen die eine einen Eisberg vom siebzehnten August achtundsiebzig und die andere die gefahrvolle Lage des zwischen Eisblöcken eingeklemmten Wallfischfängers Kamerl – Breite, und – Länge darstellt. Leser, meine Erzählung ist jetzt beendigt. Ich glaube, daß sich aus den Begegnissen meines Lebens zwei Lehren abnehmen lassen. Es sind folgende: In der Gesellschaft hängen wir Alle in Bezug auf unsere Bedürfnisse gegenseitig von einander ab, und wer sich Unabhängigkeit erringen will, der entzieht sich der Strömung selbst, die ihn fördert. Zweitens, mit Hülfe einer guten Erziehung und guter Grundsätze können wir, wenn auch nicht zu erwarten steht, daß jeder so glücklich ist, als ich gewesen bin, vernünftigerweise hoffen, ja sogar erwarten, daß wir in dieser Welt wohlfahren werden. Wie Wasserpflanzen vom Strome ausgeworfen, wie sich der Domine ausdrückte, habt ihr die Waise und den Armenschüler zu Reichthum und Achtung gelangen sehen – ihr habt gesehen, wie er, welcher freundlos war, sich die wärmsten Freunde erwarb; wie er, welcher Alles von Andern empfing, in eine Lage versetzt wurde, wo er einerseits Andere unterstützen konnte – wie er, der keinen Menschen zum Verwandten hatte, mit dem Gegenstand seiner Liebe verbunden, und mit einer zahlreichen Familie gesegnet wurde; und alle diese Vortheile, alle diese Genüsse waren die Zinse des einzigen Kapitales, mit dem er auf dem Oceane der Welt eingeschifft wurde – einer guten Erziehung und guter Grundsätze. Und damit sag' ich dem Leser Lebewohl!