Balduin Möllhausen Westliche Fährten Erzählungen und Schilderungen Erster Band. Der Fallensteller. I. Wie die lose zusammengeballten, bis zum leichtesten specifischen Gewicht ausgedörrten Artemisiastauden und wilden Kürbisranken vor den wechselnden Luftströmungen die californischen Sandebenen, bald langsam und gemessen, bald in lustigen Sprüngen nach allen Richtungen hin durchschwärmen, so ist die Richtung, welche der planlos umherstreifende Jäger des Westens verfolgt, mehr als bei jedem anderen Menschen von äußern Zufälligkeiten und Einflüssen abhängig. Einem solchen, kaum nennenswerthen Zufalle verdankte auch ich es, daß ich einst an einen der lieblichsten Punkte des Neoschothales, nach dem sogenannten »Berathungshain«, verschlagen wurde. Der Neoscho, ein Nebenfluß des Arkansas, nähert sich diesem in fast südlicher Richtung. Seine Quellen liegen in geringer Entfernung von dem Kansasstrome, und obwohl in seiner ganzen Länge ebenes Prairieland durchschneidend, zeichnet sein Thal sich durch dichte Waldung aus, in welcher sich fast alle Laubhölzer des nördlichen Amerika in reichem Maße vertreten finden. Der Berathungshain oder Council-Grove, eine Thalerweiterung des Neoscho, liegt kaum eine Tagereise weit von den Quellen dieses Flusses und etwa fünf gute Tagereisen südwestlich von Fort Leavenworth, einer jungen, überraschend schnell aufblühenden Stadt, die sich auf dem rechten Ufer des Missouri erhebt. Heute kann also Council-Grove als innerhalb der Grenzen der vorgeschrittenen Civilisation liegend bezeichnet werden, obwohl erst eine kurze Reihe von Jahren darüber hingegangen ist, daß die Häuptlinge und Abgeordneten der wilden Prairie-Indianer daselbst zeitweise zusammentrafen, um vor bedächtig geschürten Zauberfeuern über die Gerechtsame ihrer Nationen zu berathen. Nähert man sich, gleichviel, ob von Osten oder Westen, auf der alten Santa-Fé-Straße Council-Grove, so überrascht es unendlich wohlthuend, wenn man, am Rande der Thalsenkung des Neoscho angekommen, plötzlich statt der unabsehbaren baumlosen Ebene eine über alle Beschreibung liebliche, abwechselungsvolle Landschaft vor sich sieht. Der dichte, lebensfrische Wald mit seinen scharfbegrenzten wunderlichen Außenlinien entzieht zwar das Flüßchen selbst den Blicken, doch wenn man niederschaut auf die Kronen der stattlichen Eichen und Hickories, der hundertjährigen Sykomoren und Cottonwoodbäume, die sich mit ihren prachtvollen Farbenabstufungen wie zu einem einzigen Teppich zusammendrängen; wenn man beobachtet, wie die Schatten kleiner Federwolken träge, aber doch belebend über die Waldfläche dahingleiten und das heitere Grün der Bäume auf Minuten verdunkeln, dann fühlt man sich mächtig angezogen von so viel Lieblichkeit, und selbst dem rastlosesten Abenteurer drängt sich der, wenn auch nur flüchtige Gedanke auf, mit dem Rufe: »Hier will ich meine Hütte bauen!« die Axt in den nächsten Baum zu schlagen. Weit abwärts und aufwärts vermögen die Blicke die Windungen des Neoscho zu verfolgen, weit abwärts und aufwärts, bis dahin, wo bläulicher Duft die holzreichen Niederungen und rasenbedeckten Höhen schleierartig verhüllt. Rauchsäulen entwinden sich hin und wieder den verborgenen Lichtungen; doch nicht mehr von rothhäutigen Kriegern werden die Feuer genährt, welche weithin sichtbar die Anwesenheit von Menschen verrathen, sondern von weißen freien Ansiedlern, die daselbst bereits ihre Heimat gründeten. Lugen doch aus den Winkeln des Waldrandes, wo ihnen Holz, Wasser und baumloses Wiesenland gleich nahe, graue Blockhäuser idyllisch hervor, während auf den benachbarten grünen Abhängen scheckige Rinderheerden statt der frühern langbärtigen Bisons weiden, und statt der scheuen Mustangs kräftige Arbeitspferde in dem hohen Grase rastend ihre Glieder dehnen. Wo die Santa-Fé-Straße den Neoscho kreuzt, ist eine größere Ansiedlung entstanden, welche zur Erinnerung an die ersten freien Besitzer der Grassteppen den Namen »Council-Grove« führt. Mehrere Häuserreihen, eingefriedigte Gärten und Maisfelder begrüßen daselbst freundlich das von dem ewigen Einerlei ermüdete Auge des ankehrenden Prairiewanderers. Auf der Straße spielen Kinder, bellen Hunde und krähen Hähne; laut erschallt der regelmäßige Schlag des Hammers, der, geführt von kräftiger Faust, schwer auf das sprühende Eisen und den klingenden Amboß fällt, und wie um den Reisenden doppelt eindringlich zum Verweilen einzuladen, spreizt sich auf der am meisten ins Auge fallenden Stelle ein mit prahlender Aufschrift versehenes Gasthaus. Die in einem westlichen Gasthause gebotenen Annehmlichkeiten vermochten nicht, mich lange zu fesseln; es bedurfte nur der Aufforderung, um mich zu entschließen, eine Gesellschaft heiterer Farmerburschen auf einem größeren Ausfluge stromaufwärts zu begleiten. Der Ausflug durfte ein größerer genannt werden, weniger mit Rücksicht auf die Entfernung, als auf die Zeitdauer, welche er beanspruchte. Meine neuen Gefährten hatten sich nämlich vereinigt, um einem weiter oberhalb eingetroffenen Ansiedler möglichst bald unter Dach und Fach zu helfen, und sich zu diesem Zweck, außer mit den dort noch üblichen Waffen, Jeder mit einer Axt, einer Decke und Lebensmitteln auf etwa acht Tage ausgerüstet. Meine Vorbereitungen erforderten nur kurze Zeit, und kaum eine Stunde nach meiner ersten Bekanntschaft mit den neuen Gefährten befand ich mich abermals auf einer Wanderung, die mit Fug und Recht die Frucht eines wunderlichen Zufalls genannt werden durfte. Ein Ritt von etwa zwei Stunden im Thale des Neoscho brachte uns an Ort und Stelle. Vielleicht noch ebenso lange hatte die Sonne zu scheinen, als wir auf einer lieblichen Lichtung, inmitten mehrerer Zelte und Laubhütten, zweier schwerer Wagen und aller zu einer einfachen Häuslichkeit nothwendigen Haus- und Ackergeräthe von dem Besitzer der umliegenden Ländereien herzlich willkommen geheißen wurden. Gleich nach diesem, einer derben, wettergebräunten Farmergestalt, reichte uns dessen Gattin, eine rüstige Vierzigerin, die Hand grüßend entgegen, und dieser wieder folgten in bunter Reihe acht oder neun junge Burschen und Mädchen von zwanzig und einigen bis zu sieben Jahren herunter, die durchaus keiner mündlichen oder schriftlichen Beglaubigung bedurften, um auf den ersten Blick die ehrenwerthen Nachkommen ihrer beiden noch ehrenwertheren und in ihnen so reich gesegneten Aeltern zu erkennen. Der Hauptzug, der uns aus allen diesen guten, freundlichen Gesichtern entgegenstrahlte, war der einer glücklichen, zufriedenen Gemüthsstimmung, ein Ausdruck, der so recht zum Herzen sprechend bekundete, daß Furcht vor den Leiden und Mißgeschicken des Lebens ihnen etwas Fremdes sei, und die Sorge um den kommenden Tag bei ihnen nicht einmal das Gewicht eines Moskitos erreiche, deren eben mehr, als gerade unumgänglich nothwendig, den schattigen Wald belebten. Mit Leuten, wie die genannten, ist schnell und leicht Bekanntschaft geschlossen. Ein Blick ins Auge, ein fester Händedruck, und man bewegt sich so frei und vertraut unter einander, als ob man seit Jahren in freundschaftlichstem Verkehr gelebt hätte. Nach Stand und Namen wurde ich nicht gefragt; mein längeres Verweilen in ihrem Kreise schienen die guten Leute als selbstverständlich zu betrachten, wogegen ich meine Arme zum Holzfällen und Zurichten der Blöcke zur Verfügung stellte, in welchen Arbeiten ich kein Neuling mehr war. Als dann endlich der Abend hereinbrach, da hatte ich schon Sitz und Stimme im Rathe erhalten, der sich vorzugsweise damit beschäftigte,, auf welchem Punkte die neue Häuslichkeit wohl am geeignetsten zu errichten sei. Wie ein rosenfarbiges duftiges Gewebe hing es vor den malerischen Baumgruppen, als die Sonne sich dem westlichen Waldstreifen näherte, um hinter demselben in das ewige Grasmeer hinab zu tauchen. Eine liebliche Landschaft, deren Charakter vorzugsweise durch die wunderbar schöne Beleuchtung bestimmt wurde, lag vor mir, eine Landschaft, in der Ferne hauchähnlich verschwimmend, wie sie ein Claude de Lorrain vor Augen gehabt haben mag, als er sich in der Ausübung seiner Kunst für eine bestimmte Richtung entschied. Lustig zirpend tummelten sich bereits die Fledermäuse im Abendsonnenschein, während der Ziegenmelker die dämmerigen Waldseiten und Lichtungen aufsuchte und mit scheinbar trägem Flügelschlage, jedoch seltsam schnellen und unberechenbaren Bewegungen den tanzenden Insekten nachstellte. Süßer Friede und abendliche Ruhe lagerten auf der ganzen Umgebung; soweit die Blicke reichten nicht einmal ein Farbenton, der das Auge unfreundlich berührt hätte, und als ob die Stimmung der Natur sich den Menschen mitgetheilt hätte, erschienen auch diese, trotz einer vielfach durchbrechenden harmlosen Heiterkeit, ernster, nachdenkender und feierlicher in ihrem Wesen, milder in ihrem Urtheil über ihre Mitmenschen und rücksichtsvoller gegen deren Wünsche und Neigungen geworden zu sein. Auf mit duftenden Kräutern reich durchwehtem Rasen liegend, hatten wir das zwar einfache, dafür aber um so nahrhaftere Abendbrod eingenommen, als Hooker, das Haupt der zugewanderten Ansiedler-Familie, uns aufforderte, ihn auf einem kurzen Spaziergange zu begleiten und das letzte Tageslicht dazu zu benutzen, das von ihm zu seiner neuen Heimat bestimmte Plätzchen in Augenschein zu nehmen. Mit größter Bereitwilligkeit leisteten wir der Aufforderung Folge, und wohl selten hat sich eine heitrere und zufriedenere Gesellschaft auf der äußersten Grenze der Zivilisation zusammengefunden, als wir bildeten, indem wir, sechszehn oder achtzehn junge Männer an der Zahl, des alten Farmers fliegende Häuslichkeit verließen und die von ihm angedeutete Richtung einschlugen. Unser Ziel war eine wenig umfangreiche, jedoch prächtig bewaldete Bodenerhebung auf einer ringsum von schattigen Hainen begrenzten Wiesenfläche, die indessen hoch genug lag, ohne Besorgniß vor nachtheiligen Ueberschwemmungen, mit verhältnißmäßig leichter Mühe in Ackerland verwandelt zu werden. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Rand der Lichtung, als Hooker uns durch sein Beispiel veranlaßte, stehen zu bleiben. »Dort will ich mein Haus bauen«, hob er an, und indem er nach der Anhöhe hinüberwies, glitt es wie ein Schimmer freudiger Zufriedenheit über sein biederes Antlitz, »von dort aus vermag ich frei um mich zu schauen, das Wasser ist kaum zweihundert Ellen weit entfernt, und wenn im ganzen Stromgebiet des Neoscho eine anmuthigere Stelle, als jener Hügel, ausgekundschaftet wird, will ich nicht mit Ehren Abraham Hooker heißen.« So sprechend setzte er sich wieder in Bewegung, und um ihn besser zu verstehen, schlossen wir uns dichter an ihn an. »Dies ist das vierte Mal«, fuhr der alte Farmer nach einer kurzen Pause fort, »das vierte Mal, seit ich als zwanzigjähriger Bursche unter mein eigenes Dach trat – es war freilich kümmerlich genug – daß ich mir einen neuen Herd gründe. Nicht Rastlosigkeit oder unbesiegbare Sucht nach Gewinn hat mich dazu bewegt, meinen Wohnsitz so oft zu wechseln, – nein, denn um reich zu werden, hätte ich auf meiner ersten Landscholle sitzen bleiben müssen, anstatt umher zu schweifen, wie ein rollender Stein, der kein Moos ansetzt. Es liegt aber nun einmal in meinem Blute, daß ich, um mich glücklich zu fühlen, die Wildniß vor meiner Thür haben muß. Große Städte und Eisenbahnen mögen recht gut sein, allein ich liebe sie nicht; sie bringen zu viele Neuerungen, und unheimlich ist mir zu Muthe in ihrer Nähe. Ja ja, es muß im Blut liegen, denn meine Vorfahren haben einst am atlantischen Ocean den Anfang gemacht – ich glaube, es war im Staate Connecticut – und westlich und immer westlich sind sie gezogen, bis mein Großvater endlich noch in seinen alten Tagen den Mississippi erreichte und dort das Weiterwandern seinen Nachkommen hinterließ. »So Gott will, soll dieses indessen das letzte Mal sein, daß ich die Art an den Schwellenbaum meines eigenen, neu zu gründenden Hauses lege. Meine Söhne mögen es machen, wie es ihnen am besten gefällt; ich dagegen will hier leben und sterben, und wenn die Eisenbahn sich erst durch das Thal des Neoscho hinzieht, ruhen meine Gebeine wohl längst in einem traulichen Waldwinkel. »Dort auf der Mitte des Hügels, gerade da, wo jetzt noch die alte Eiche so hoch und stolz über die andern Bäume emporragt, gedenke ich den Grundbalken zu meiner Hütte zu legen. Den größten Theil des nöthigen Bauholzes finden wir auf dem Hügel selbst, der dadurch zugleich gelichtet wird. Nur vor dem Hause möchte ich zehn oder zwölf der gesundesten und schönsten Bäume stehen lassen, zur Zierde, wie auch zum Schütze gegen die Sonnengluth des Hochsommers und die winterlichen Stürme. Hinter dem Hause soll ein kleiner Hain geschont werden, in welchen sich bei Unwetter das Vieh zurückziehen kann. Es geht in der That nichts über solchen natürlichen Schutz – aber beim heiligen Georg! Wenn das eins von meinen Thieren ist, will ich die längste Zeit mit Ehren Abraham Hooker geheißen haben!« unterbrach der Farmer hier seine Betrachtungen, indem er auf ein grasendes Pferd wies, welches eben hinter dem Waldhügel hervor sichtbar wurde. Dasselbe war klein, jedoch sehr kräftig und gedrungen gebaut. Lange Mähnen hingen ihm von Stirn und Hals nieder, ebenso waren seine Beine nach unten zu lang behaart, gewissermaßen bekundend, daß es einst als wilder Mustang die Prairien durchstreifte, dann aber eingefangen und zum Dienste des Menschen abgerichtet worden war. Ein von Wildleder geflochtener Lasso war lose um seinen Hals geschnürt und schleifte in der Länge von etwa dreißig Fuß auf dem Erdboden nach, wie breite, die Sattellage kennzeichnende Schweißflecke darauf hindeuteten, daß man es erst in jüngster Zeit scharf geritten hatte. Als wir uns dem Pferde näherten, blickte es mit einem sprechenden Ausdrucke des Mißtrauens zu uns auf, dann aber wieherte es, wie warnend, worauf es wieder zu grasen begann. »Ein richtiger westlicher Herumtreiber«, bemerkte Hooker bei den Bewegungen des Pferdes, »wachsam, wie ein Hofhund, und besser angelehrt, als mancher Farmer von seinen leibeigenen Kindern behaupten kann. Laß nur«, wendete er sich darauf an seine jüngeren Söhne, die sich des Pferdes bemächtigen wollten, »es hilft Euch doch zu nichts; kenne diese Sorte; die Bestie läßt Euch mit der Miene eines Lammes bis auf drei Schritte herankommen, worauf sie schleunigst die Flucht ergreift und Euch höchstens einen hinterlistigen Hufschlag mit in den Kauf giebt. Hm, hm, ich will nicht hoffen, auf meinem Grund und Boden mit Squattern zusammen zu treffen, die sich anmaßen, ein älteres und daher besseres Anrecht an meine hundertundzwanzig Morgen zu besitzen.« Wir waren in die Waldung des Hügels eingetreten, die einen Flächenraum von etwa drei Morgen bedeckte. Das dicht bestandene Gesträuch und umgefallene, vermodernde Baumstämme, die das Vordringen erschwerten, verursachten zugleich, daß auch die Unterhaltung stockte; dafür spähte Jeder um so aufmerksamer nach dem Eigenthümer des geheimnißvollen Pferdes, ohne indessen auf eine Spur desselben zu stoßen. Näher nach der Mitte des Hügels hin wurde das Holz lichter und nach wenigen Schritten befanden wir uns unter der hohen Eiche, die Hooker als auf der Stelle stehend bezeichnet hatte, auf welcher er seine Blockhütte zu errichten gedachte. »S'ist 'n alter, schöner Baum«, begann dieser indem er die Arme über der Brust verschränkte, »allein ich kann ihn nicht retten; er ist zu hoch und anscheinend auch schon hohl, also kein guter Nachbar für eines ehrlichen Mannes Haus, dem er alle Blitze des Himmels auf den Hals locken würde. Ja, ja, seine Zeit ist abgelaufen, er muß fallen.« »Er muß nicht fallen«, antwortete es hinter der Eiche hervor und zugleich trat eine männliche Gestalt um den mächtigen Stamm herum und gerade vor den überraschten Farmer hin. Da die ganze Gesellschaft, einer patriarchalischen Sitte folgend, bisher dem Ansiedler, ohne ihn zu unterbrechen, das Wort gegönnt hatte, so machte auch jetzt Niemand Miene, für ihn einzutreten; dagegen beobachtete jeder Einzelne mit um so höherer Theilnahme den Fremden, der so plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, vor uns erschienen war. Die Sonne hatte vielleicht noch zehn Minuten oder eine Viertelstunde zu scheinen. Es war also selbst unter den Bäumen noch hell genug, die Gesichtszüge des Fremdlings, in welchem wir sogleich den Eigenthümer des gezähmten Mustangs vermutheten, in allen Theilen genau unterscheiden zu können. Dieselben waren vom Alter und durch klimatische Einflüsse tief gefurcht, gewissermaßen verhärtet, ohne daß dadurch ein milder Ausdruck verdrängt worden wäre, der vorzugsweise durch ein Paar schöner, ernster blauer Augen bestimmt wurde. Ein langer weißer Vollbart verbarg die untere Hälfte des Greisenantlitzes, ebenso zeigten die schlicht auf die Schultern niederfallenden Haupthaare nur noch wenige, die ihre ursprüngliche dunkelblonde Farbe trugen. Trotz der siebenzig Jahre, die verwitternd über den greisen Fremdling hingezogen sein mochten, verrieth derselbe in seinen Bewegungen noch einen höheren Grad von Rüstigkeit, wogegen seine etwas geneigte Haltung, namentlich das Einengen der Brust durch die breiten Schultern, seiner Erscheinung den Charakter von Lebensmüdigkeit verliehen. Seine Rüstigkeit fand gewissermaßen ihre Erklärung in einem Anzuge, der darauf hindeutete, daß ein Leben unausgesetzter Thätigkeit, ein Leben voller Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren den Geist in ununterbrochener Spannung, den Körper aber in beständiger, die Kräfte stählender Uebung erhalten hatte. An seiner Bekleidung hätte man vergeblich nach Theilen gesucht, die an die Civilisation erinnerten; Alles bestand aus indianisch gegerbtem Leder, dem einzigen Stoffe, der den westlichen Jägern und Fallenstellern in den abgeschiedenen Wildnissen zu Gebote steht. Ein abgetragener Lederrock hing lose um den Oberkörper; wildlederne Gamaschen schlossen sich nach unten an diesen an, wie auch die Füße durch indianische Halbstiefel von weich gegerbtem Bisonleder geschützt wurden. Auf dem Kopfe trug er als Bedeckung den abgegriffenen Balg einer jungen Fischotter, der kunstlos in Hutform gedörrt worden war. Sein Tabacksbeutel, der von dem breiten Ledergurt bis auf seine Kniee niederhing, bestand aus dem prächtig gezeichneten und mit größter Vorsicht abgestreiften Balg des Stinkthiers, wogegen er zu seiner Kugeltasche fast unzerstörbares rohes Leder vom Bison gewählt hatte. Auf der Kugeltasche hing ein großes Ochsenhorn, welches mit geringer Nachhülfe in einen Pulverbehälter verwandelt worden war; ein kurzes Beil und ein breites Jagdmesser beschwerten auf der andern Seite seinen Gurt, während eine lange Kentucky-Büchse nachlässig in seinem rechten Arme ruhte. Erscheinungen, wie der so unerwartet vor uns hintretende Trapper oder Fallensteller sie bot, sind an den äußersten Grenzen der Civilisation nichts Ungewöhnliches; die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich daher auch nach der ersten Ueberraschung fast ausschließlich dem Gespräche zu, welches zu eröffnen die beiden alten Männer im Begriff standen. Auf die mit ruhiger Entschiedenheit geäußerte Bemerkung des Fremdlings, daß die Eiche nicht fallen müsse , betrachtete Hooker diesen eine Weile mit stummen Erstaunen. Es erschien ihm unbegreiflich, daß ein Unbekannter sich auf dem von ihm in gesetzlicher Form erstandenen Boden ein derartiges Recht anmaßen könne, und offenbar hielt nur das hohe Alter des Fallenstellers ihn ab, seinen Gefühlen in herausfordernden Worten Raum zu geben. »So, Ihr meint also, der Baum müsse nicht nothgedrungen fallen?« antwortete er endlich mit schlecht verhehltem Unwillen. »Das sind meine eignen Worte«, entgegnete der Greis, während ein schwermüthiges Lächeln seine Züge flüchtig erhellte. »Hm, Ihr könntet wohl recht haben«, bemerkte Hooker nachdenklich, »der Baum braucht allerdings nicht zu fallen, wenn ich es für gut befinde, mein Haus etwas weiter abwärts zu bauen. Da ich aber einmal meinen Willen dahin ausgesprochen habe, meine Hütte gerade hier zu errichten, so fällt der Baum und käme der Präsident der Vereinigten Staaten selber, um mich an meinem Vorhaben zu hindern.« »Und ich sage Euch, der Baum wird noch manches Jahr grünen«, erwiderte der Greis mit derselben ruhigen Sicherheit, »er wird noch grünen, wenn Eure und meine Gebeine längst in feuchter Erde modern.« »Ihr scheint Eurer Sache sehr gewiß zu sein«, versetzte Hooker spöttisch, »sollte man doch fast meinen, Ihr wäret hier, um ein besseres Recht, als das meinige ist, zu vertheidigen.« »Ein besseres Recht, wenn die Todten überhaupt noch ein Recht haben, ein Stückchen Erde, sechs Fuß lang und drei Fuß breit für sich zu beanspruchen«, bemerkte der Trapper mit einem milden Vorwurf im Tone seiner Stimme. »Die Todten?« fragte Hooker ungläubig zurück, »was haben die Todten mit dieser Eiche zu schaffen, die außer uns wohl kaum ein Anderer in der Nähe gesehen hat?« »Und dennoch schlummert Jemand in ihrem Schatten, der, wenn er noch lebte, nur seine Augen zu den Eurigen zu erheben brauchte, um Euch zu jedem Opfer zu bewegen«, antwortete der Greis schwermüthig, und ich glaubte zu bemerken, daß ein tieferes Roth seine verwitterten Züge auf Secunden überzog. Hooker, durch die Worte und das Wesen des Fremdlings seltsam berührt, blickte mit einer Anwandlung von Verlegenheit um sich. »Hier?« fragte er endlich gedehnt, und wie sich entschuldigend, fügte er hinzu: »Ein Hügel müßte ja die Grabstätte bezeichnen, und so weit ich sehen kann, entdecke ich weder ein Merkmal in der alten zähen Grasnarbe, noch eine Unebenheit des Erdreichs.« »Vierzig und mehr Jahre ebnen den Hügel, der über einem festen Sarge aufgeworfen wurde, um wie viel schneller verwischen sie die Spuren, wenn nur Zweige des Sumachs, Sassafrasblätter und Prairieblumen dem Todten den Sarg nothdürftig ersetzten?« entgegnete der Trapper leise, wie zu sich selbst sprechend. »Vierzig und mehr Jahre«, wiederholte Hooker, indem er den Greis mit wachsender Theilnahme betrachtete, »also beinahe ein halbes Jahrhundert! Welch lange Zeit; zu lang, um eine Stelle in der unbegrenzten Wildniß genau wieder zu erkennen, es sei denn, man wäre alljährlich nach derselben hin gewallfahrtet.« »Es sind wohl achtundzwanzig Winter verstrichen, seit mein Weg mich zum letzten Mal an den Neoscho führte«, bemerkte der Greis träumerisch; »ich hatte einen Schwur zu lösen; es war ein grausamer Schwur, allein er mußte erfüllt werden. Eine gedörrte Kopfhaut nagelte ich auf jenen Stamm, und dann zog ich wieder meines Wegs.« Von den seltsamsten Gefühlen beschlichen, betrachtete ich den greisen Fremdling, dessen letzte Aeußerung einen so eigenthümlichen Contrast zu seinem sonstigen milden und freundlichen Wesen bildete. Auch Hooker mußte sich derartigen Betrachtungen hingegeben haben, denn noch theilnahmvoller, als er bisher gethan, antwortete er: »Behüte mich Gott, daß ich meine Hütte wissentlich auf dem Grabe eines Menschen aufschlage, dessen Freunde ihn noch in gutem Andenken behalten haben. Allein Ihr selbst müßt einräumen, alter Mann, daß vierzig Jahre eine sehr lange Zeit sind, eine Zeit, in welcher viele Bäume absterben und vom Sturme niedergebrochen werden, andere wieder kräftig emporschießen und die entstandenen Lücken ausfüllen. Wer vermöchte nach vierzig, oder auch nur nach achtundzwanzig Jahren eine Waldstelle wieder zu erkennen, auf welcher er einst rastete? Der Wald sieht hier nicht anders aus, als dort drüben, und Hügel, wie derjenige, auf welchem wir uns jetzt befinden, erheben sich weit abwärts und aufwärts auf den Wiesenflächen des Neoschothales.« Etwa eine Minute betrachtete der Fallensteller den Ansiedler ernst, jedoch nicht unfreundlich. »'s ist wahr, Ihr könnt dergleichen Erfahrungen nicht gemacht haben, oder Ihr würdet anders sprechen«, hob er an, indem er die Büchse vor sich hinstellte und, wie ermüdet, sich auf dieselbe stützte. »Hättet Ihr, wie ich, einen Theil Eurer Seele, Euer eigenes, krampfhaft zückendes Herz zu einem geliebten Todten in die Erde gelegt, dann würdet Ihr mich begreifen und keine Zweifel in meine Worte setzen. Ja, glaubt mir, wo man die einzige Lebenshoffnung und einzige Lebensfreude in die Gruft senkte, da bedarf es keiner äußeren Zeichen, um die alte Stelle wieder zu erkennen. Und hätte der wilde Prairiebrand diesen Hügel gestreift, hätte er jene Eiche bis in die Wurzel hinein in Staub und Asche verwandelt, hätte Euer Pflug die Erde nach allen Richtungen hin aufgerissen, bedeckte weit und breit üppiges Getreide diese Thalniederung, oder stände gar Euer Haus gerade hier vor uns, ich würde sie gefunden haben, gleichviel, ob in dunkler Nacht oder am hellen Mittage; gleichviel ob unter bleichenden Saathalmen, unter einer Schneedecke oder unter der Schwelle Eures Hauses. Wie der Vogel nach langer, langer Abwesenheit ohne Hülfe des Compasses die alte, von den Winterstürmen zerzauste Brutstelle nicht verfehlt, so würde mein Gefühl mich führen – doch warum verliere ich so viele Worte, da es doch in meiner Macht liegt, Euch zu überzeugen?« unterbrach sich der Greis, nachdem er sich unbewußt in ein gewisses jugendliches Feuer hineingeredet hatte. »Ja, warum verliere ich so viele Worte?« wiederholte er, indem er seine Blicke flüchtig über die achtungsvoll schweigende Versammlung hingleiten ließ. Dann die Büchse an den Stamm der Eiche lehnend, schritt er auf die Ostseite derselben herum, worauf er das Beil aus seinem Gurt zog. Wir Alle, der alte Hooker an der Spitze, hatten uns ihm nachgedrängt, und als er seine Hand in der Höhe von etwa fünf Fuß an den Stamm legte, bemerkten wir neben derselben eine breite Narbe in der geborstenen korkigen Rinde, die indessen mit feinem Moos dicht bewachsen war. Die Narbe selbst nahm sich aus, als habe ein niederschmetternder Nachbarbaum vor Jahren den Stamm der Eiche gestreift und deren Rinde verletzt, oder auch ein Wetterstrahl sie gerade auf dieser Stelle leicht berührt. Die Länge der Narbe betrug ungefähr einen Fuß, wogegen ihre Breite kaum die Breite einer Hand erreichte. Daß dieselbe einst größer gewesen, entdeckte man leicht, wenn man die Bruchenden der Rinde aufmerksam prüfte, die sich von allen Seiten, wie ein fester Teig, über das entblößte harte Holz hingeschoben hatte. Indem der Fallensteller die Hand auf die bezeichnete Stelle legte, wendeten sich seine Blicke eben dahin. Ein Schauder schien seine Gestalt zu durchrieseln und zu beugen; dann aber richtete er sich mit einem tiefen Seufzer empor. »Mein Herz blutet, als sei erst ein Sonnenlauf seit jener Zeit verflossen, während die kleine Fläche hier von beinahe einem halben Jahrhundert zu erzählen weiß«, sprach er halblaut für sich. »Sechsundvierzig Jahre; welche lange Zeit, und dennoch wie kurz!« Dann sich nach uns umwendend, wies er auf einen schlanken Hickory-Nußbaum. »Jenen Baum«, fuhr er lebhafter fort, pflanzte ich vor sechsundvierzig Jahren zu Füßen der theuern Leiche, während hier, genau zwei Ellen vom Stamme dieser Eiche, wo die Wurzeln das Eindringen in den Boden nicht mehr hinderten, das geliebte Haupt ruht. Ich ahnte nicht, hoffte und wünschte auch nicht, das schwanke Reis, welches ich damals mit meinen heißen Thränen benetzte, noch einmal als Baum wieder zu sehen; noch weniger hielt ich für möglich, daß meine Hand zum zweiten Male die Rinde von dieser Eiche entfernen würde. Doch ich bin es Euch, ich bin es mir selber schuldig«, fügte er lauter hinzu, und sich hastig umwendend, begann er ohne Säumen mit seinem Beil in viereckiger Form eine Kerbe um die Narbe herum in die nachgiebige Rinde zu hauen. Erfüllt vom innigsten Mitgefühl beobachtete ich das Verfahren des alten Mannes. Niemand sprach ein Wort und gespannt hafteten alle Blicke an der Narbe, die sich unter den rasch auf einander folgenden und mit großer Gewandtheit geführten Hieben schnell erweiterte, indem die Rinde, so weit sie nicht ursprünglich mit dem Holze verbunden gewesen, sich leicht von demselben trennte. Als der Greis nach wenigen Minuten eine Fläche von ungefähr zwei Fuß Breite und anderthalb Fuß Höhe bloßgelegt hatte, rieb er das Moos von der Mitte derselben, worauf er uns aufforderte, näher heran zu treten und die Stelle genauer zu betrachten. Der letzte Tagesschimmer leuchtete uns noch hinlänglich, um eine tief in das feste Holz eingemeißelte Inschrift zu erkennen, die, obwohl verwittert, noch mit geringer Mühe entziffert werden konnte. Gerade in der Mitte, also auf der Stelle, die nichts unter dem Schutze der überwachsenden Rinde gewesen, war ein langes Kreuz sichtbar. Dasselbe hatte durch atmosphärische Einflüsse und Mooswuchs bereits gelitten. Um so deutlicher traten dafür die Worte hervor, die zu beiden Seiten des Kreuzes mit einem scharfen Instrument eingegraben worden waren. »Margaretha Urbano, gest. am 10. Juni 1808«, las ich still für mich, und mit mir lasen es alle vor dem Baum Versammelten. Kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Selbst als Jeder schon längst Kenntniß von der einfachen Inschrift genommen hatte, hafteten die Blicke noch an den alten Zeichen, die den Geist mit unwiderstehlicher Gewalt so weit in eine uns Allen unbekannte ferne Vergangenheit zurückführten und die seltsamsten Bilder vor die angeregte Phantasie heraufbeschworen. Die Sonne hatte ihr Tagewerk vollbracht, und fast gleichzeitig mit ihrem Untergange stellte sich unter den reich belaubten Bäumen ein sich schnell verdichtendes Dämmerlicht ein. Da nahm Hooker wieder das Wort, indem er auf den greisen Fallensteller zutrat und dessen Hand ergriff. »Ich bin unumschränkter Herr auf diesem Boden«, hob er mit rauher Herzlichkeit an, die Hand des Fremdlings derbe schüttelnd, »ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch verspreche, daß bei meiner und meiner Söhne Lebzeiten keine Axt gegen diesen Stamm geschwungen werden soll. Mein Haus kann einige Schritte abwärts stehen, so daß die Grabstätte in meinen Garten zu liegen kommt, und Schmach über die Hand, die es jemals wagt, die Ruhe der Todten zu stören!« »Ich bin zufrieden«, antwortete der Fallensteller, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung, »es ist Alles, was ich hoffte und wünschte, und mehr, als ich erwartete.« »Aber nun kommt mit nach meinem Lager, 's ist keine fünfhundert Schritte von hier«, bat Hooker freundlich, »kommt, seid mein Gast, so lange Ihr wollt, und wäre es bis dahin, daß es mir oder meinen Kindern gestattet wäre, Euer letztes Bett ebenfalls unter dieser Eiche zu bereiten; bei Gott, ein behagliches Plätzchen, so wahr ich Hooker heiße; möchte mich wahrhaftig selbst einmal hierher legen lassen.« »Ein behagliches Plätzchen«, wiederholte der Fallensteller, indem er sinnend mit dem Kopfe nickte, »wohl muß es sich sanft ruhen an ihrer Seite – arme, arme, süße Margareth – aber ich kann nicht bleiben, ich muß weiter, weiter; ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen« – »Nun, das wird sich finden«, fiel ihm Hooker ins Wort, »kommt, meine Frau und Töchter sollen es Euch bequem machen, und habt Ihr erst in meinem Lager dreimal die aufgehende Sonne begrüßt, ist's noch immer früh genug, an den Aufbruch zu denken.« Der Fallensteller schien eine Weile nachzudenken. »Warum sollte ich Eure Gastfreundschaft zurückweisen?« sagte er endlich, und zugleich trat er an Hooker's Seite, »wäre es mir doch traurig, von Euch zu scheiden, ohne vorher Salz und Brod mit Euch gegessen zu haben. Ja, ja, es ist besser, wir lernen einander genauer kennen, 's ist wegen der Erinnerung in einsamen Stunden – aber ich bin nicht allein, mein Pferd weidet in der Wiese, und nicht weit davon habe ich den Sattel und meine übrigen geringen Habseligkeiten niedergelegt.« »Kümmert Euch nicht um Euer Pferd oder die Sachen«, fiel Hooker wieder aufmunternd ein, »meine Söhne werden Beides zu finden wissen und sicher unterbringen; auf ein paar Maiskolben für den armen Schelm von Mustang soll es mir ebenfalls nicht ankommen.« Der Fallensteller nickte im Weiterschreiten wieder in seiner sinnenden Weise, dann wendete er sich halb nach den jungen Leuten um, die sich anschickten, ihres Vaters Befehle auszuführen. »Nähert Euch dem Pferde von der rechten Seite, hebt die Arme auf und redet den alten Burschen mit Jack an, oder es möchte Euch kaum gelingen, seiner habhaft zu werden«, sagte er in belehrendem Tone, »habe ihm diese Art beigebracht, der Sicherheit wegen; möcht' ihn ungern missen, den treuen Gefährten, und die Rothhäute fragen nicht viel nach Eigentumsrecht oder eines alten Mannes Freude.« Die Söhne des Ansiedlers entfernten sich mit einigen heiteren, jedoch achtungsvollen Bemerkungen, während wir Uebrigen uns dem Fallensteller anschlossen, der nunmehr hinter Hooker getreten war und diesem auf dem Fuße nachfolgte. Die in einer noch unangetasteten Urwaldung gewöhnlichen Hemmnisse brachten die Unterhaltung ins Stocken. Aber auch als wir uns wieder auf der Wiese befanden, verharrte die ganze Gesellschaft noch immer in Schweigen. Es war ersichtlich, Alle beschäftigten sich im Geiste mit der merkwürdigen Grabschrift und der geheimnißvollen Geschichte desjenigen, der dieselbe einst in das harte grünende Eichenholz meißelte und dadurch seinem unheilbaren Kummer ein dauerndes Denkmal geschaffen hatte. II. Mrs. Hooker, eine stattliche, etwas lebhafte Matrone, unterstützt von ihren Töchtern, drei so freundlichen und hübschen Farmermädchen von zwölf, fünfzehn und siebzehn Jahren, wie nur je welche eine reife Maiskolbe aus der Strohhülle lösten und dabei ihrem bevorzugten Mitarbeiter die rosigen Lippen zum Kusse darreichten, hatte es dem Fallensteller so behaglich und bequem gemacht, wie die ihr zu Gebote stehenden Mittel es nur immer erlaubten. Die ihm von allen Seiten gezollten Aufmerksamkeiten, berührten den vereinsamten Greis augenscheinlich wohlthuend; auf seinen tiefgefurchten Zügen ruhte wenigstens ein Ausdruck, der für nichts Anderes genommen werden konnte. Offenbar sann er über irgend etwas nach, denn mehrfach blieben die Fragen, die der Eine oder Andere aus dem um ihn herum lagernden Kreise an ihn richtete, unbeantwortet; und dennoch betrafen die Fragen nur höchstens seine jüngste Reise. Auf seine Vergangenheit anzuspielen wagte Niemand, theils aus Achtung vor dem hochbetagten Fremdlinge selbst, theils um nicht unmännliche Neugierde zu verrathen. Sogar Mrs. Hooker und ihre Töchter legten sich einen gewissen Zwang auf und schienen, wenn auch mit manchem verstohlenen Seitenblick auf den fremden Gast und manchem heimlichen Geflüster, für weiter nichts Sinn zu haben, als für ihre Obliegenheiten. Der stille Greis übte durch seine Gegenwart überhaupt einen seltsamen Einfluß auf die sonst so lebenslustigen Leute aus; denn jene Heiterkeit, die in gewöhnlichen Fällen das Zusammentreffen friedlicher Menschen im fernen Westen charakterisirt, fehlte gänzlich. Unzufriedenheit oder Mißvergnügen war es indessen nicht, was die Gemüther bewegte; weit eher hätte man glauben mögen, daß dieselben durch die merkwürdigen Umstände, welche das erste Begegnen mit dem Fremdlinge begleiteten, empfänglicher für die Eindrücke der Natur geworden wären und sich gleichsam deren träumerische Ruhe angeeignet hätten. Obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war, herrschte doch nicht eigentliche Finsterniß; denn zu dem milden Lichte der Gestirne gesellte sich jener geheimnißvolle Schimmer, der in den kurzen Sommernächten, als letzter Rest des ersterbenden Abendroths, sich von Westen nach Norden und Osten langsam herumschiebt, um endlich wieder mit dem entstehenden Morgenroth zusammen zu fallen. Ein zum Theil mit grünem Reisig und Blätterwerk genährtes Feuer war so angelegt worden, daß der schwache Luftzug den streng duftenden Rauch über die Zelte und die vereinzelten Lagerstätten hinwälzte und die lästigen Mosquitos aus deren Nähe verscheuchte. Um das Feuer herum lagerten im Kreise die Familie des Ansiedlers und Diejenigen, die erst vor wenigen Stunden zur Hülfeleistung eingetroffen waren. Der Fallensteller hatte den Ehrenplatz zwischen Hooker und dessen Gattin erhalten. Wie die meisten der Anwesenden rauchte auch er ein kurzes Thonpfeifchen. Seine Blicke waren dabei starr auf den kleinen Gluthügel gerichtet, als hätte er zwischen den glimmenden Kohlen nach besonderen Zeichen gesucht, oder als wären durch die liebliche Sommernacht seine Erinnerungen doppelt angeregt und Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor seinen Geist hingezaubert worden. Leise, ganz leise und heimlich flüsterte und rauschte es in den Wipfeln der nahen Baumgruppen. Ueber den feuchten Wiesenniederungen bildeten sich weiße Nebelstreifen; aus denselben empor tauchte zerstreutes Buschwerk, die seltsame Täuschung erzeugend, als ob die wunderlichsten Thiergestalten, auf einem verzauberten See schwimmend, plötzlich zu regungslosen Massen erstarrt worden wären. Die Pferde und Rinder des Ansiedlers hatten sich nach den höher gelegenen Abhängen hinaufgezogen; ihr behagliches Stöhnen, auch wohl zuweilen ein verschlafenes Wiehern drang deutlich zu uns in's Lager herüber. Weit abwärts, wie um an die Nachbarschaft der unbegrenzten Wildniß zu erinnern, hatten sich scheue Prairiewölfe zu einem Rudel vereinigt, mit ihrem Jauchzen und Kläffen die stille Nacht in weitem Umkreise erfüllend; in entgegengesetzter Richtung, dort wo die nächsten Ansiedlungen lagen, ließ sich das Bellen wachsamer Hofhunde vernehmen, während nahebei der Wald von der kleineren Thierwelt eigenthümlich, aber nicht unfreundlich belebt wurde. In einer abgesonderten Baumgruppe hatten sich Tausende von Locustgrillen zusammengefunden, ihre rasselnden Triller zu einem endlosen, geheimnißvoll rauschenden Chor vereinigend; von den Bäumen herab, deren schattige Kronen sie nach mühevoller Wanderung erreichten, sangen munter die zierlichen Laubfrösche; in den sumpfigen Niederungen erschallten die glockenreinen Stimmen der Unken und das gelegentliche Brüllen des riesenhaften Ochsenfrosches. Lustig knisterten die grünen Reiser auf dem Gluthaufen, indem sie ätzenden Rauch ausströmten, und leiser flüsterten die um denselben Herumlagernden. Da klopfte der greise Fallensteller sein Pfeifchen aus, und als ob man seine Absicht errathen hätte, richteten sich alle Blicke auf ihn, während erwartungsvolles Schweigen eintrat. »Das Geringste, was ich thun kann, um mich für die mir gezollte freundliche Rücksicht und Gastfreundschaft dankbar zu beweisen«, begann er mit weicher Stimme, ohne seine Blicke von den kleinen, züngelnden Flammen zu erheben, »ist, daß ich Euch die Geschichte der alten Inschrift erzähle, Euch erkläre, in welchem Verhältniß ich zu derselben stehe. Es ist das Geringste und zugleich das Höchste, was ich zu bieten habe. Sechsundvierzig Winter sind seit jenem Tage verstrichen, an welchem ich die Inschrift ausmeißelte, und in dieser langen Reihe von Jahren habe ich kein einziges Mal Gelegenheit gehabt, jener Zeiten vor einem andern menschlichen Ohr zu gedenken. Wäre die Gelegenheit mir aber geboten gewesen, würde mir die Neigung gefehlt haben, meine Erlebnisse zum Gegenstande eines Gespräches mit Andern zu machen. Es liegt nun einmal in mir – und weiß Gott, ich habe Ursache dazu – meine Erfahrungen als mein ausschließliches Eigenthum zu betrachten und dieselben nicht, wie so Viele thun, öffentlich preiszugeben. »Heute ist es ein Anderes. Meines Bleibens ist nicht hier; ich bin zu sehr an die Einsamkeit gewöhnt. Gehe ich wieder fort, so ist es kaum denkbar, daß ich noch einmal zurückkehre. Wem siebenzig Winter den Rücken beugen, der hat wohl Ursache, sich zu jeder Stunde zur letzten Reise bereit zu halten. Da möchte ich Euch denn vorher mit der Geschichte des einsamen Grabes dort drüben vertraut machen, damit Ihr wißt, daß Diejenige, die unter der alten Eiche schlummert, im höchsten Grade die Schonung verdient, die Ihr den paar Quadratfuß Erde hinfort wollt angedeihen lassen. Sollte sich aber nach meinen Mittheilungen Jemand bewogen finden, aus freundlicher Theilnahme im Vorbeigehen eine Blume auf die liebe theure Stätte zu legen, dann seid überzeugt, daß der Engel, der mir noch jetzt in meinem hohen Alter zur nächtlichen Stunde in meinen Träumen erscheint, die Kunde Eures freundlichen Handelns mir zuträgt und ich Euer Andenken noch mit meinem letzten Athemzuge segnen werde.« Hier neigte der Greis, wie in wehmüthige Betrachtungen versunken, das Haupt auf die Brust. In seltsamem Contrast standen die mit einem Anfluge von jugendlicher Wärme gesprochenen Worte zu dem grauen Haar und den gerunzelten Zügen. Nachdem er sechsundvierzig Jahre hindurch die Erinnerung an eine tief in sein Leben einschneidende Begebenheit gleichsam eifersüchtig in seinem Innern verschlossen gehalten hatte, übersprang er, indem er sich zum ersten Mal zu eingehenderen Mittheilungen entschloß, im Geiste gewissermaßen die lange Reihe von Jahren, und die Gefühle eines Jünglings bewegten, wenn auch nur flüchtig, seine Brust. Er bekundete dies noch verständlicher durch seine eigene Erklärung, als er nach kurzem Sinnen fortfuhr: »Fast nur junge Gesichter sind es, die mich umgeben; überall Frohsinn und des Lebens schönste Hoffnungen. Wie lange ist's her, und wie nahe scheint's zu liegen, daß auch ich einen solchen Ausdruck zeigte! Wäre mein Haar nicht gebleicht, hätten meine Kräfte mich nicht zum großen Theil verlassen, dann möchte ich sagen, es war erst gestern, als ich meine Hände blutig kratzte, um zwischen Wurzeln und Gestein eine Gruft zu scharren, tief genug –« Wie ein Schauder erschütterte es die morsche und auch doch wieder so zähe Gestalt des Greises, und spähend flogen seine Blicke im Kreise herum. Als ob die theilnahmvolle Spannung, die er überall entdeckte, ihn in seinem Entschlusse bestimmt hätte, strich er leicht mit der Hand über seine Augen; sein Oberkörper richtete sich straffer empor, und mit einer Stimme, der jede Spur von Unsicherheit und Schwäche fehlte, nahm er seine Erzählung wieder auf: »Wie eine Ewigkeit liegen die kommenden Jahre vor dem Jünglinge; wie eine Ewigkeit erscheint den Meisten von Euch, die ich hier um mich sehe, die Zukunft. Doch geduldet Euch, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr auf die zurückgelegte Lebensbahn wie auf einen flüchtigen Traum hinblickt. Was der Eintagsfliege zwölf Stunden Sonnenlicht, werden Euch der Jahre siebenzig sein, wenn ein höherer Wille Euch nicht vorher abberuft. Ja ja, sorglos und leichtfertig ist die Jugend, sie begreift nicht den Ernst des Lebens, so lange nicht schwere Prüfungen an sie herangetreten sind. Auch ich verlebte eine sorglose, heitere Jugend, eine Jugend so heiter und glücklich, wie es eben nur auf der Grenze der Civilisation möglich, wo der Körper nicht durch ununterbrochene geistige Anstrengungen in seiner Ausbildung gehemmt wird, sondern sich durch zuträgliche Uebungen, gleichviel ob mit der Axt in der Faust oder der Büchse auf der Schulter, abzuhärten und zu stählen vermag. Die Grenze der Civilisation lag damals noch weit auf jener Seite des Missouri. Wo heute Städte, Dörfer und Ansiedelungen sich erheben, da jagte ich als Knabe den virginischen Hirsch und den schwarzen Bären; sogar zerstreute Büffelheerden verloren sich damals noch bis an den Mississippi und bis über den Mississippi hinaus, und weit brauchte ich von der elterlichen Hütte aus nicht zu wandern, um dem Biber und der Fischotter Fallen zu stellen. »Glückliche Jugendzeit! Nachdem ich kümmerlich lesen und schreiben gelernt hatte, hielt ich mich für hinreichend ausgebildet, die Stelle eines Präsidenten der Vereinigten Staaten auszufüllen, und da es weit und breit keinen Farmerburschen gab, der es beim Holzfällen oder Pferdebändigen, im Schnelllaufen oder im Gebrauch der Büchse mit mir aufgenommen hätte, so erlangte ich bald jenes tolle Selbstbewußtsein, mit welchem man glaubt, die ganze Welt erstürmen und beherrschen zu können. Dabei besaß ich aber auch wieder einen bescheidenen Sinn, denn die einfache Blockhütte meiner Eltern mit ihrer fast ärmlichen inneren Einrichtung schien mir der Inbegriff alles irdischen Glückes zu sein, und nie beneidete ich Menschen, die mit irdischen Gütern reicher gesegnet waren. »Die Hütte meiner Eltern, von festen Blöcken errichtet, lag im Staate Iowa auf dem Ufer eines fischreichen Flüßchens. Ich mochte wohl zehn Jahr alt sein, als meine Eltern mit mir und zwei älteren Brüdern daselbst eintrafen. Die achtzig Morgen Waldland, die wir unser Eigenthum nannten, waren in vollwichtigen Dollars an die Regierung bezahlt worden, wir fühlten uns daher auf unserm Grund und Boden so frei, wie nur je ein König auf seinem goldenen Throne. »Anfangs ging's freilich kärglich genug; doch Gottes Segen ruhte auf unserer Hände Arbeit, und nach Ablauf einiger Jahre sahen wir uns im Besitze eines Viehstandes, freilich nur klein, aber doch so gut und ausgesucht schön, daß der reichste Pflanzer der Louisiana sich desselben nicht hätte zu schämen brauchen. Auch unser Gärtchen lieferte uns einigen Gewinn, nicht zu gedenken der zwanzig Morgen fetten Waldbodens, die wir allmählich unter den Pflug gebracht hatten. »Unsere nächsten Nachbarn waren wohl an die sechs vollen englischen Meilen entfernt, das nächste Städtchen sogar zwei gute Tagereisen, doch was waren uns Entfernungen? Unsere guten Pferde brachten uns schnell zusammen, wenn wir einander sehen wollten, und Doktor und Apotheker? Pah! Ein paar Fieberpillen war Alles, was wir gelegentlich gebrauchten, und daß uns die nicht ausgingen, dafür sorgten die Pedlars, die regelmäßig bei uns vorsprachen und uns nicht nur mit Heilmitteln, sondern auch mit Stiefeln und sonstigen Leibes- und Lebensbedürfnissen reich versorgten. Es war damals, wie es heute noch auf der Grenze ist – nur ein Bischen bequemer sind die Leute geworden, und wo damals ein trockener Maiskuchen ausreichte, soll's heute zuweilen eine Obsttorte sein. »Das war also meine Heimat. Es ist mir jetzt Alles wie ein Traum; indem ich aber davon spreche, tritt sie mir so lebhaft vor die Seele, als ob ich sie in Wirklichkeit vor mir sähe. Ich muß mein spärliches Scheitelhaar betasten, einen Blick auf meine dürren, kraftlosen Hände werfen, um von dem Gefühl befreit zu werden: als möchte ich hineilen zu den theuren guten Alten, als möchte ich sie in meine Arme schließen und ihnen, wie ich so oft gethan, die erste, beste Arbeit abnehmen und dieselbe lustig und im Fluge beendigen. Ich möchte hinausschleichen auf unbemerkbaren schattigen Waldpfaden nach einer lieblichen Lichtung, welche der Hirsch, wenn er zum Wasser geht, gern überschreitet. Ich möchte daselbst harren und lauschen auf das Geräusch im Dickicht – ich höre es knacken; es sind dürre Zweige, die unter scharfen Hufen brechen; auf einer Stelle, auf welcher das Gesträuch nicht so verworren in einander verschlungen, theilen sich die Zweige auseinander; der zottige Kopf und die funkelnden Augen eines eisengrauen Mustangs werden sichtbar, und die letzten Hindernisse mit einem Sprunge besiegend, eilt er halb stolpernd, halb galoppirend, bis auf die Mitte der Lichtung vor. Er ist aufgezäumt, der eisengraue Mustang, aufgezäumt auf einfache Farmerart. Die flatternden Mähnen entziehen mir den Anblick des Reiters, der außerdem den Kopf auf den Hals seines Thieres gelegt hat, um beim Vordringen nicht schmerzhaft von den niedrig hängenden Zweigen berührt und gestreift zu werden. Erst nachdem der Mustang freieren Boden gewonnen, richtet der Reiter sich empor und – arme, arme kleine Margareth!« schloß der Greis fast flüsternd mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer, und zugleich neigte er wieder, wie erschöpft, das Haupt tief auf die Brust. Ringsum im Kreise herrschte lautloses Schweigen. Ergraute Erfahrung wie jugendliche Heiterkeit und kindlicher Frohsinn, Alles war in gleichem Grade dem Eindruck unterworfen, welchen der Fallensteller durch sein seltsames Wesen, ohne es zu beabsichtigen, ausübte. Es war, als ob sein Herz, während der Körper alterte, ein halbes Jahrhundert hindurch im Scheintode erstarrt gewesen wäre und nunmehr, sobald er für seinen lang und still getragenen Kummer Sprache gefunden, plötzlich unverändert mit allen, sonst nur der Jugend eigenthümlichen Empfindungen und Regungen zu neuem Leben erwacht sei. Klangen seine kurz abgebrochenen Schilderungen doch wie die eines von den süßesten Hoffnungen beseelten Jünglings, und als er am Schlusse gleichsam ersterbend den Namen Derjenigen aussprach, die einst einen so entscheidenden Einfluß auf sein Leben ausübte, da schwebte es vor meinem geistigen Auge wie ein Bild, in welchem die üppigste Jugendkraft, vom Wetterstrahl des Geschickes unbarmherzig, unheilbar getroffen, ohnmächtig mit den finsteren Dämonen wahnsinnartiger Verzweiflung ringt. »Theure, theure kleine Margareth«, wiederholte der Fallensteller nach einer längeren Pause, und ein glückliches Lächeln erhellte flüchtig die tiefgerunzelten Züge, während die unstet flackernden Flammen sich in zwei Thränen spiegelten, die langsam über die eingefallenen Wangen in den weißen Bart hinabrollten. »Ich nenne sie kleine Margareth, und doch war sie nichts weniger als klein; im Gegentheil, sie war hoch und schlank gewachsen, schlank wie eine Palme in den mexicanischen Wildnissen, in deren Schatten ich Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen suchte, schlank, wie die schönste Edeltanne, weit oben im kalten Oregon, deren niederhängende Zweige mir zur Zeit der grausigen Schneestürme ein willkommenes Obdach gewährten. Theure kleine Margareth, ich sage klein, weil ich sie wohl tausend Mal so nannte und sie es gern von mir hörte, und ich nannte sie klein aus unvergänglicher, ewiger, treuer Liebe und weil, als sie auf ihrem Mustang in gebückter Stellung zum ersten Mal in den Bereich meiner Augen trat, sie mir in der That nicht sehr groß erschien. Eine gewisse ängstliche Besorgniß, die aus ihrem Wesen sprach, mochte mit zu dieser Täuschung beitragen. Jedenfalls aber glaubte ich, nie etwas Lieblicheres und Schöneres gesehen zu haben, als die junge Fremde, die auf der Mitte der Lichtung ihren grauen Mustang anhielt und mit wachsender Aengstlichkeit um sich spähte. »Mich sah sie nicht, ich stand zu tief verborgen im Gebüsch. Und ich wieder? Ich war durch den Anblick der wunderbaren Erscheinung so bezaubert, daß ich mich weder von der Stelle zu bewegen, noch durch einen Laut meine Anwesenheit kund zu geben vermochte. »Trotz meiner Verwirrung erkannte ich an der Art, in welcher sie die Zügel hielt, daß sie eine Reiterin war, die in der Führung des Pferdes nicht leicht übertroffen werden konnte; und dann die langen Flechten, in welche sie ihr schwarzes Haar geordnet hatte, die dunkeln, diamantklaren Augen, und der Mund so klein und so lieblich, o, wie alles dieses sie wunderbar kleidete, sie in meinen Augen so hoch, so unendlich hoch über alle andern Menschen erhob! Arme, süße Margareth! Sie schläft friedlich im Schatten der alten Eiche; und ich?« Des greisen Erzählers Blicke glitten flüchtig über seine hageren Hände hin, wie um sich im Geiste wieder in die Gegenwart zurück zu versetzen. Es war ersichtlich, er strebte mit Gewalt gegen das fast unbesiegbare Verlangen, seine Mittheilungen immer und immer wieder durch die Schilderungen seiner armen Margareth zu unterbrechen; er fürchtete offenbar, seine Zuhörer zu ermüden, und dennoch ergriff er so unbeschreiblich gern jede Gelegenheit, der Geliebten seiner Jugend lobend und preisend zu erwähnen. Es war als ob er vor einem frisch aufgeworfenen Grabhügel gekniet und, ähnlich den sagenhaften Helden der Vorzeit oder nach der Weise der um einen gefallenen Häuptling trauernden rothhäutigen Jagdgenossen, seine Klagen und Lobpreisungen zu einem mit schillernden Blüten durchflochtenen Cypressenkranz vereinigt habe. »Es ist 'ne merkwürdige Sache um die Religion, noch merkwürdiger um die Lehre von der Auferstehung«, begann er gleich darauf wieder. »Werden wir auferstehen in derselben Gestalt, in welcher wir diese armselige Erde verlassen haben? Wer hat je den Schleier der Zukunft gelüftet? Dich, Margareth, würde ich dann wiedersehen als einen Engel der holdesten Jugendschönheit, während du mich als hochbetagten, schwachen Greis fändest. Du würdest in dem tiefgebeugten alten Mann den Freund deines Herzens vielleicht nicht wieder erkennen – und dennoch, wenn ich dir sagte, wie unwandelbar ich dich mein ganzes Leben hindurch geliebt, wenn ich dir schilderte die namenlosen Schmerzen, die ich erduldete und die trotz der vielen langen Jahre nie alterten oder das Gefühl abstumpften, dann würden deine Augen sich vor Wehmuth mit Thränen füllen, du würdest dich mir zuneigen, mein armes Herz mit deinen süßen Schmeichelworten aufs neue erwärmen, mit deiner treuen Hand die Furchen von meiner Stirn streichen, mich in deine Arme schließen, so innig, so heiß, deine Lippen meinem Ohr nähern und innig flüstern – wie damals – Dein auf ewig! Dein! »Verzeiht mir die vielen Worte«, unterbrach der Fallensteller seine Mittheilungen, die allmählich den Charakter eines Selbstgespräches angenommen hatten, und zugleich lächelte er wieder schwermüthig, »habe ich selbst doch nicht gewußt, daß ich so redselig sei; 's ist ein neues Zeichen meines hohen Alters. Ich glaubte verlernt zu haben, meine geheimsten Gedanken in laute Worte zu kleiden und jetzt, da ich einmal begonnen, mich vor Euch auszusprechen, weiß ich kein Ende zu finden. Ja, ja, das Alter ist redselig; der Anblick der Inschrift, die ich wieder ans Tageslicht zog, und Euer gütiges Versprechen, die geweihte Stätte freundlich zu schonen, haben mir die Zunge gelöst, und so nehmt denn hin, was ich, als einen Beweis meiner Dankbarkeit Euch weiter anvertraue.« Statt einer Antwort reichte Hooker dem Greise die Hand mit einem aufmunternden Kopfnicken. Kein Anderer im Kreise wagte eine Bemerkung laut werden zu lassen. Die Laubfrösche sangen in alter, unveränderter Weise; die Grillen schmetterten ihre endlosen Triller in die Nacht hinaus, und jauchzend jagten weit abwärts die Prairiewölfe ihre flüchtige Beute. Das grüne Holz auf dem Gluthaufen zischte und knisterte; eine weiße Rauchsäule wälzte sich träge über die nahen Zelte und Lagerstätten hin. Die Atmosphäre begann sich vor dem emporsteigenden Monde zu erhellen, der Fallensteller aber, nachdem er eine Weile sinnend vor sich niedergeschaut, fuhr fort: »Wohl fünf Minuten hatte die junge Reiterin, bald aufmerksam horchend, bald ängstlich spähend auf der Lichtung gehalten, als ich mich hinlänglich von meinem Erstaunen erholt hatte, sie von meiner Anwesenheit in Kenntniß setzen zu können. »Gewiß habt Ihr Euern Weg verloren?« fragte ich so freundlich, wie es in meiner Macht lag, meine Stimme kaum über das gewöhnliche Maaß erhebend. »Die Reiterin spähte scharf nach dem Dickicht hinüber, welches mich ihren Blicken entzog. »Wer Ihr auch sein mögt«, antwortete sie darauf, »anstatt Euch versteckt zu halten, solltet Ihr offen vortreten und eine verirrte Wandrerin über die Richtung des Weges belehren, den ich in der That bereits vor einer Stunde verlor.« Einer zweiten Aufforderung bedurfte es nicht; ich drängte mich schnell ins Freie hinaus und gewahrte zu meiner nicht geringen Genugthung, daß die Fremde, anstatt scheu vor mir zu fliehen, wie ich anfangs befürchtet hatte, den Ausdruck von Besorgniß verlor und mit unverkennbarer Freude zu mir herüberschaute. Sie trieb sogar ihr Pferd an und sich mir nähernd, reichte sie mir zutraulich die Hand entgegen. »O, diese liebe kleine Hand, sie verschwand fast in der meinigen, und ihre Stimme klang so süß, daß ich meinte, nie einen lieblicheren Ton gehört zu haben. Die sanften Melodien der Spottdrossel, denen ich so gern zu lauschen pflegte, ach, was waren sie gegen ihre Stimme? Und doch hatte ich nur wenige Worte von ihr vernommen. »Wie kommt Ihr in diese Gegend, und dazu noch so ganz allein?« fragte ich jetzt furchtlos, denn je länger ich in die freundlichen dunklen Augen schaute, um so mehr fühlte ich die Verwirrung schwinden, die sich meiner bemächtigt hatte. »Wie anders, als auf dem Rücken meines Grauschimmels?« lautete die halb neckische, halb verlegene Gegenfrage, und zu meinem Erstaunen duldete die junge Fremde, fast noch ein Kind, daß ich ihre Hand unausgesetzt in der meinigen hielt. »Dann müßt Ihr weit geritten sein«, entgegnete ich, »denn aus unserer Gegend seid Ihr keinen Falls.« »Nun, es käme darauf an, was Ihr Eure Gegend nennt«, bemerkte das Mädchen lächelnd. »Zwei Tagereisen im Umkreise«, antwortete ich schnell. »So weit?« fragte die Fremde verwundert, und mit sichtbarem Ergötzen fügte sie hinzu: »dann bin ich allerdings aus Eurer Gegend, denn drei Stunden ist es kaum her, als ich mein heimatliches Dach verließ, und den größten Theil dieser Zeit habe ich noch mit Umherirren verloren.« »In welcher Richtung liegt Euer heimatliches Dach?« fragte ich erstaunt. »Das ist es ja eben, was mir genau zu beschreiben ich Euch bitten wollte«, erwiderte die Fremde heiter, »ich wohne auf Hallers Farm, und die guten Leute dort würden gewiß sehr besorgt um mich sein, kehrte ich nicht vor Einbruch der Nacht heim.« »Auf Hallers Farm?« fragte ich wiederum, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, mit einem tadelnswerthen Ausdruck der Ungläubigkeit; »sprach ich doch erst vor zwei Wochen daselbst vor, ohne weder von Euch, noch von Euerm Mustang eine Spur zu entdecken.« »Und dennoch ist Haller's Farm meine Heimat«, bekräftigte das Mädchen, ein muthwilliges Lachen unterdrückend. »Dann seid Ihr wohl eine Miß Haller, eine Tochter oder Verwandte unserer Nachbarn.« »Weder eine Miß Haller, noch eine Tochter, wohl aber eine Verwandte des alten Haller. Mein Name ist Marguerita Urbano, doch werde ich dort nur einfach Margareth genannt. Aber, nun sagt mir endlich, in welcher Richtung Hallers Farm liegt und wie lange ich wohl zu reiten habe, um dahin zu gelangen. Mein Grauer ist ein Paßgänger; fünf englische Meilen legt er bequem in einer Stunde zurück.« »Wohlan«, versetzte ich darauf schnell, dann könnt Ihr Euer Ziel in höchstens anderthalb Stunden erreichen. Da die Sonne aber mindestens noch drei Stunden scheint, so habt Ihr durchaus keinen Grund, Euch zu übereilen. Was nun endlich die Lage Eures Ziels betrifft, da möchte ich vorschlagen, daß ich Euch begleite. Keine fünfhundert Ellen von hier werden unsere Pferde, einen Sattel gebrauche ich nicht, ein gewundener Weidenzweig vertritt mir sehr oft die Stelle einer Trense, und wolltet Ihr nur einige Minuten verziehen, würdet Ihr mich binnen kürzester Frist reisefertig sehen.« »Wohnt Ihr weit von hier?« fragte Margareth jetzt, und zwar, wie ich deutlich bemerkte, etwas enttäuscht. »Die Wiese, auf welcher die Pferde weiden, liegt ungefähr in der Mitte zwischen hier und dem Hause meines Vaters«, gab ich stotternd zur Antwort, denn ein Gefühl beschlich mich, als ob ich einen Verstoß gegen die gebotene Höflichkeit begangen hätte. Und es war in der That so. denn nach kurzem Sinnen fuhr Margareth fort: »Das wäre eben nicht so sehr weit – durch den Ritt bin ich recht durstig geworden.« »O, Miß Margareth«, unterbrach ich das holde Kind hastig, und ich fühlte, daß die Beschämung mir das Blut bis in die Schläfen hinauftrieb, »hätte ich geahnt daß Ihr, mein Anerbieten nicht zurückweisen würdet, dann hätte ich Euch längst gebeten, mit in das Haus meiner Eltern zu kommen. Zürnt mir daher nicht, daß ich die ersten Pflichten der Gastfreundschaft verabsäumte, sondern laßt Euch herbei, in unser Haus einzukehren, wo ein Glas Milch oder Cider, und Maisbrot und frischer Honig schneller vor Euch aufgetragen werden sollen, als Ihr bis zehn zu zählen vermögt.« »Mit einem freundlich vergebenden Blicke schaute Margareth auf mich nieder. Offenbar fand sie Wohlgefallen an meiner einfachen Redeweise – wo hätte ich auch vornehmeren Anstand lernen sollen? – und an der aufrichtigen Herzlichkeit, mit welcher ich meine Einladung vorbrachte. »Sie lächelte gütig, dann legte sie ihre Hand auf meine Schulter und im nächsten Augenblick stand sie neben mir auf der Erde. »Wer durch langes Reiten ermüdet ist, ruht sich während des Gehens wieder aus, sagte sie mit der Zutraulichkeit eines Kindes. Wandern wir daher die kurze Strecke bis zu Euerm elterlichen Hause zu Fuße, wo ich mir dann herzlich gern die Gastfreundschaft gefallen lassen werde. »Ich wußte nichts zu antworten; mir war, als sei ich plötzlich in eine mir fremde und schönere Welt versetzt worden. Selbst ihr in's Antlitz zu schauen, wagte ich nicht mehr, aus Furcht, meine Augen eben so schnell niederschlagen zu müssen; denn da ich in meinem Leben noch nie die Blicke vor Jemand gesenkt hatte, glaubte ich Mißtrauen dadurch zu erwecken. – Armer, ungeschulter Knabe, der ich war! Als halb verwilderter Bursche trat ich zum ersten Male vor sie hin, und wie habe ich mich später unter ihrer treuen Leitung geändert! Denn sie war nicht nur ein Engel an Milde und Sanftmuth, sondern sie besaß auch einen reichen Schatz an Kenntnissen, und was sie mir nur einmal in ihrer lieben belehrenden Weise sagte, das prägte sich mir, wie mit feuriger Schrift, unauslöschlich in Herz und Gedächtniß ein. Arme, theure kleine Margareth! Selbst in meiner langen Einsamkeit warst Du mir noch immer Lehrerin, hast Du meinen Geist beschäftigt, hat die Erinnerung an Dich mich geleitet und gehalten, oder ich hätte vor Verzweiflung sterben oder auf die niedrigste Stufe der rohsten Eingeborenen, meiner gelegentlichen Gefährten und Jagdgenossen, hinabsinken müssen! «Ja, ja, 's war ein seltsamer Einfluß, welchen die arme kleine Margareth schon in der ersten Viertelstunde unserer Bekanntschaft auf mich ausübte. Ich wußte nicht und hatte nie gelernt, daß es außer der gewöhnlichen Gastfreundschaft und Höflichkeit auch noch einen höheren Grad von Zuvorkommenheit gebe; allein als wir von der Lichtung langsam meinem elterlichen Hause zuwanderten, da schritt ich ihr beständig vorauf, und die Zweige bog ich zurück, daß sie ihr liebes Haupt nicht streiften, obwohl sie mir betheuerte, an die Unbequemlichkeiten des Waldlebens gewöhnt zu sein; und die ebensten Stellen suchte ich aus, wohin sie ihre Füße setzen sollte; selbst von ihrem niedlichen Mustang verjagte ich mit einem blätterreichen Zweige die Mosquitos, die den armen Burschen bei den langsamen Bewegungen grimmig anfielen. Glaubte ich doch in meiner Einfalt, daß auch sie jede ihrem Pferde zugefügte Verletzung fühlen müsse. »Und so wanderten wir dahin; ich in steter ängstlicher Besorgniß, sie wieder mit stillem Wohlgefallen die eifrigen Bemühungen des jungen Hinterwaldriesen – wie sie mich später nannte – beobachtend, bis wir endlich in der Hütte von meinen Eltern und Brüdern willkommen geheißen wurden. »Wie ich, so zeigten sich auch die Meinigen nicht nur innig erfreut über den unerwarteten Besuch, sondern auch besorgt, daß demselben das Beste, was unsere einfache Häuslichkeit aufzuweisen hatte, vorgesetzt werde. Ich entsinne mich noch genau, wie eine Art von Eifersucht mich erfüllte und ich die junge Fremde durchaus selbst bedienen wollte. Und sie nahm meine Dienste mit freundlichem Lächeln entgegen, und zutraulich sprach sie mit meinen Eltern und Brüdern, wobei sie betheuerte, daß sie, eine an Arbeit gewöhnte Tochter des »fernen Westens«, nicht gewohnt sei, wie eine vornehme Dame verzärtelt zu werden, wodurch die letzte Scheu verloren ging, welche wir bis dahin gehegt hatten. Denn noch keine Viertelstunde befand sie sich unter unserm Dache, da plauderten und scherzten wir so harmlos, als ob wir lauter Kinder gewesen wären. Die Zeit verrann uns unter den Händen, und wie ein schreckliches Urtheil tönte es mir in den Ohren, als Margareth sich plötzlich hastig erhob und, auf den Stand der Sonne deutend, bemerkte, daß es die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken. »Und ich reite mit! rief ich halb jubelnd, halb trotzig aus, bevor meine Eltern oder Brüder ein Wort zu entgegnen vermochten. Ich hegte nämlich die Besorgniß, daß der Eine oder der Andere mir mit einem ähnlichen Anerbieten zuvorkommen könne. »Margareth fühlte indessen das Ungehörige meiner Heftigkeit, denn sie richtete einige entschuldigende, sich auf unser Uebereinkommen beziehende Bemerkungen an meine Eltern. Dann dankte sie mit wunderbar klingenden Worten für die ihr erwiesene Gastfreundschaft; sichtbar erfreut leistete sie das Versprechen, unsere Hütte in nächster Zeit wieder zu besuchen, und unterstützt von meinem Vater schwang sie sich gewandt in den Sattel. »Während der letzten Abschiedsworte hatte ich Sattel und Zaumzeug hervorgesucht und auf die Schulter genommen, und bald darauf bewegten wir uns neben einander der Wiesenfläche zu, auf welcher die Pferde meines Vaters weideten. »Anfangs wechselten wir nur kurze Bemerkungen mit einander. Ich glaube, Margareth nahm Rücksicht darauf, daß ich daß Reitzeug trug – arme kleine Margareth, als ob zehn Reitzeuge eine Last für mich gewesen wären – sobald ich aber ebenfalls auf dem Rücken eines kräftigen Pferdes saß und neben ihr herritt, wurden wir in unserer Unterhaltung freier, und mit Bedacht suchte ich die Bewegungen der Thiere zu mäßigen, um so lange, wie nur irgend möglich, in ihrer Gesellschaft zu weilen und ihren Worten zu lauschen. »Ja, diese Worte! sie haben sich so tief in meine Seele eingegraben, daß alle die langen Jahre sie nicht zu verwischen vermochten. Ich könnte sie wiederholen, eins nach dem andern, aber die Nacht schreitet vor, und Eure und meine Stunden der Rast sind gemessen. 's ist ja auch genügend, wenn Ihr wißt, welche Bewandniß es mit der alten Eiche drüben hat. Meine Erfahrungen und Erlebnisse sollt Ihr kennen lernen, meine Trauer aber? Ach! nur Du hättest sie zu würdigen gewußt – arme, theure kleine Margareth!« – Düster starrte der greise Erzähler vor sich in die Glut. Er saß da, wie er Jahre und Jahre in abgeschiedenster Wildniß zugebracht, wenn im Umkreise vieler Tagereisen kein anderes Leben, als das beutegieriger Bestien und scheuen Wildes sich regte. Heute dagegen umgaben ihn freundlich gesinnte Menschen, aufmerksam lauschend seinen Schilderungen und den fremden Kummer gleichsam unbewußt, bis zu einem gewissen Grade mit empfindend. Der alte Mann schien indessen den Unterschied nicht zu bemerken; er hatte nur in Worte gekleidet, was er wohl tausend Male in Gedanken wiederholte und immer wieder von neuem im Geiste durchlebte. Theilnahmvoll betrachtete ich die morsche sterbliche Hülle, den schwachen Rest, der von dem einst in üppigster Jugendfrische strotzenden »jungen Hinterwaldriesen« zurückgeblieben war. Mit nicht geringerer Teilnahme beobachtete ich auch den Kreis der Zuhörer, wie jeder Einzelne derselben, wenn auch mit Ungeduld, doch mit achtungsvollem Schweigen der Fortsetzung der Erzählung entgegenharrte. Es war nicht Neugierde oder das natürliche Verlangen nach Unterhaltung, die sich jedenfalls hin und wieder durch Bemerkungen und Fragen Bahn gebrochen hätten, was die allgemein feierliche Stimmung erzeugte, sondern der tiefe Eindruck, hervorgerufen durch den seltsamen Contrast, welchen die gebeugte Greisengestalt zu den mit jugendlicher Wärme geschilderten Empfindungen bildete und die vor beinah einem Menschenalter stattgefundenen Begebenheiten gewissermaßen in die nächste Vergangenheit versetzte. Niemand wunderte sich mehr über die in einem hochbetagten westlichen Jäger zum mindesten befremdende Gewähltheit der Sprache und Ausdrucksweise. Wie bei mir, so entstanden auch bei den übrigen Zuhörern vor der angeregten Phantasie Bilder aus fast verschollenen Zeiten, welche durch das eigenthümliche Wesen und Benehmen des Erzählers bestimmtere Formen und Leben erhielten, nur daß ich selbst vielleicht in Gedanken die Ursachen und Wirkungen eingehender prüfte und daher in um so höherem Grade gefesselt wurde. Schien es mir doch zuweilen, als ob er die sechsundvierzig Jahre, deren er erwähnte, wirklich verträumt habe und plötzlich auf jene Grenze zurückgekehrt sei, auf welcher er einst, gebrochenen Herzens, dem Verkehr mit anderen Menschen auf ewig den Rücken kehrte. Wie anders wäre es zu erklären gewesen, daß er, der ursprünglich nur kurze Schilderungen zu geben beabsichtigte, sich zu ausführlicheren und umständlicheren Geständnissen hinreißen ließ? III. Mehrere Minuten hatte der Fallensteller still vor sich niedergeschaut, als er das Haupt wieder langsam emporrichtete. Ein milder Ernst thronte auf dem gefurchten Antlitz, indem er die Blicke im Kreise umhersandte. Offenbar gewährte es ihm eine freudige Genugthuung, überall den Ausdruck regen, wohlwollenden Mitgefühls zu entdecken. Auch im Ton seiner Stimme und der Form seiner ferneren Mittheilungen verriethen sich derartige Empfindungen, denn zusammenhängender wurden seine Berichte und seltener gab er sich den flüchtigen Ausbrüchen seines lange getragenen Kummers hin. »Ich begleitete Margareth nach Hause,« nahm er endlich wieder das Wort. »Es war ein schöner Abend, ein Abend, dem ich eine ewige Dauer hätte wünschen mögen. Margareth plauderte so heiter und dabei doch so verständig, als hätte sie mich bereits seit vielen Jahren gekannt. Freimüthig erzählte sie mir sogar ihre ganze Lebensgeschichte, die mir so wunderbar erschien, daß ich vor Spannung kaum zu athmen wagte und keinen Blick von ihrem Antlitz wendete. »Marguerita Urbano war die Schwestertochter unseres Nachbars Haller. Ihr Vater, ein mexicanischer Handelsmann, hatte ihre Mutter nach Santa-Fé gebracht, wo er seinen Hausstand gründete. Vorzugsweise trieb er Geschäfte mit den Eingeborenen und weißen Pelzjägern, die von den Prairien und den Rocky-Mountains aus jene abgelegene Stadt besuchten, um daselbst die Erfolge ihrer Jagden auf angemessene Art zu verwerthen. Aber auch nach den Vereinigten Staaten, und zwar nach St.-Louis oder nach Texas hinunter begab er sich alle Jahre einmal mit einem langen Wagenzuge, um das eingehandelte Pelzwerk abzusetzen und dafür neue Tauschwaaren mit in den »fernen Westen« hinauszunehmen. Solche Reisen erforderten jedesmal einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten, also beinahe die ganze offene Jahreszeit, je nachdem man an den Bestimmungsorten schnell abgefertigt wurde und auf den Prairien mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Und Schwierigkeiten gab es damals dort draußen noch mehr, als jetzt, indem die Handelsleute, die der Sicherheit halber ihre Wagenzüge zu großen Karavanen vereinigten, oft genug gezwungen waren, ihr Eigenthum, namentlich ihr Zugvieh, gegen die Angriffe der räuberischen Comanches, Apaches und Kiowas zu vertheidigen. »Margareth's Vater hatte während der ersten zehn Jahre viel Glück. Wenn auch zuweilen mit kleinen Verlusten, traf er doch stets wohlbehalten bei Weib und Kind ein, um mit ihnen die harten Wintermonate auf die behaglichste Weise zu verleben. Ueberhaupt unterschied Urbano sich in mehr als einer Beziehung vortheilhaft von seinen gewissermaßen im Herzen der Wildniß lebenden Landsleuten, die größtentheils aus verwildertem und gesetzlosem Gesindel bestanden. Namentlich zeichnete er sich dadurch aus, daß er zur Zeit seiner Anwesenheit in Santa-Fé nur seiner Gattin und seiner einzigen jungen Tochter lebte, die wieder mit unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen. Ich habe ihn freilich nie kennen gelernt, allein ich begreife, daß er mit dem Anstande eines geborenen Mexicaners auch einen hohen Grad von Bildung in seiner Person vereinigt haben muß, oder es wäre nicht möglich gewesen, daß Margareth, die nie andere Lehrer, als eben ihre Eltern, besessen, so weit gekommen wäre, um selbst wieder belehrend und lenkend auftreten zu können. »Zehn oder zwölf Jahre waren der kleinen Familie in ungetrübtem Glück dahingegangen, als ihr so beneidenswerth erscheinendes Loos plötzlich einen entsetzlichen Abschluß erhielt. Urbano war wieder in St.-Louis gewesen und hatte nach schneller Erledigung seiner Geschäfte mit schwer beladenen Wagen die Heimreise angetreten, als ihn in der Nähe des oberen Arkansas-Stromes sein grausames Geschick ereilte. Von einer vereinigten Bande der Kiowas und Comanches zur nächtlichen Stunde überfallen, wurde die ganze Karavane aufgerieben und vernichtet, und statt des mit heißer Sehnsucht erwarteten Gatten und Vaters traf erst mehrere Wochen später die verbürgte Nachricht von seinem traurigen Untergange ein. »Die arme Mutter überlebte den harten Schicksalsschlag nicht lange. Etwa ein Jahr hindurch litt sie noch, eben sowohl in Folge körperlicher Schwäche, als weil sie bis zum letzten Augenblick den wahren Stand ihrer äußeren Verhältnisse zu verheimlichen suchte und auf einen glücklichen Wechsel hoffte. Mit dem reich beladenen Train, der in die Hände der Eingeborenen fiel, war nämlich auch Urbano's im Laufe der Jahre mühsam errungenes Vermögen bis auf einige ausstehende, kaum nennenswerthe Summen verloren gegangen, so daß nach dem Tode der Mutter kaum genug blieb, um Margareth's bescheidene Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Und dennoch würde das kleine Erbtheil schwerlich ausgereicht haben, wenn nicht ein Bruder Urbano's, der ebenfalls in Santa-Fé ansässig war, sich des armen verwaisten Kindes erbarmt und dasselbe in sein Haus und seine Familie aufgenommen hätte. »Margareth stand damals in ihrem elften Jahre; sie befand sich also in dem glücklichen Alter, in welchem das Gemüth durch empfangene Schicksalsschläge weniger nachhaltig berührt wird und sich, wenn auch noch so tief bedrückt, leichter wieder aufrichtet. 's ist eben der hohe Vorzug der Jugend, daß die derselben geschlagenen Wunden sich nicht nur schnell schließen, sondern auch so verharschen und vernarben, daß wenigstens keine schmerzhaften Male zurückbleiben. So gewöhnte auch Margareth sich bald an ihre neue Lage, und von allen Seiten begegnete man dem lieben Kinde mit so viel aufrichtigem Wohlwollen, daß es eben nur in dem elterlichen Hause hätte besser aufgehoben sein können. »Jahre gingen wieder dahin; Margareth war zur lieblichen Jungfrau erblüht, als Umstände eintraten, die sie bitter bereuen machten, jemals in das Haus ihrer Verwandten eingezogen zu sein. Ihr Onkel besaß nämlich einen Sohn, der, obwohl um sieben oder acht Jahre älter, als sie selbst, anfänglich ein freundlicher und zuvorkommender Spielgefährte für sie gewesen, dann aber plötzlich sein Benehmen völlig änderte und sie auf Schritt und Tritt mit seinen zudringlichen Anträgen verfolgte. Margareth hatte nie etwas Anderes, als verwandtschaftliche Zuneigung zu ihrem Vetter Tomaso empfunden, und auch diese hatte in den letzten Jahren einen empfindlichen Stoß erlitten, als sie allmählich einsehen lernte, daß derselbe, wie die meisten der dortigen jungen Leute, einen Lebenswandel führte, der nichts weniger als dazu geeignet war, ihm die Achtung seiner Mitmenschen zu verschaffen. Er kam oft durch den Genuß geistiger Getränke berauscht nach Hause; wo kleine Zwistigkeiten in blutigen Kampf ausarteten, bei welchem Pistolen und Bowiemesser die Hauptrolle spielten, konnte man darauf rechnen, daß er sich auf die eine oder andere Art betheiligt hatte, kurz und gut, er durfte mit vollem Recht zu den bösesten und gefährlichsten Charakteren von Santa-Fé gezählt werden, die nur je zur nächtlichen Stunde die Straßen einer Grenzstadt unsicher machten. Arme, kleine Margareth; weiter reichte ihre Erfahrung nicht; aber aus ihren Schilderungen ging deutlich hervor, daß Tomaso auch vor schwereren Verbrechen nicht zurückschreckte, wenn dieselben zur Befriedigung seiner thierischen, wild aufgeregten Leidenschaften führten. Arme kleine Margareth, daß konntest Du freilich nicht ahnen, nicht errathen, denn Du warst ein Engel der Unschuld und der Vergebung. – »Im Uebrigen stand Thomaso's Leben nicht im Widerspruch zu den dortigen Verhältnissen: Er trieb sich jagend in den Gebirgen umher, verkehrte viel mit den Eingeborenen, mit denen er im Auftrag seines Vaters handelte und tauschte, doch wollte man bemerkt haben, daß für bloße Tauschgeschäfte sein Verkehr mit denselben fast ein zu inniger geworden. Zunächst entsprang hieraus der Verdacht, daß er von manchen an den Weißen verübten Räubereien der Apaches und Comanches mehr wisse, als mit der Ehre und dem Gewissen eines rechtschaffenen Mannes verträglich. »Der Vater war mit der Lebensweise seines Sohnes allerdings nicht einverstanden; doch wie wollte er seinen Einfluß geltend machen in einem Lande, in welchem die Knaben, sobald sie die Büchse zu heben vermögen, sich als freie Herren betrachten und sich von dem Einflusse ihrer Eltern lossagen? »So lange Tomaso nicht daheim war, hatte Margareth keinen Grund, sich zu beklagen oder mit ihrer Lage unzufrieden zu sein, kehrte er aber nach Hause zurück, so war sie keine Stunde vor seinen hinterlistigen Nachstellungen sicher; denn er hatte nicht so bald erkannt, daß mit gleißnerischer Güte und Schmeicheleien bei seiner jungen schönen Verwandten nichts auszurichten sei, als er sich die Aufgabe stellte, durch List oder Gewalt dennoch an das verwerfliche Ziel zu gelangen. »Sein Vater war nicht blind für seine verbrecherischen Absichten; er durchschaute dieselben ohne Zweifel besser und genauer, als es die arme, unschuldige Margareth vermocht hätte; aber erst als ihm die untrüglichsten Beweise geworden waren, daß der Tochter seines leiblichen Bruders gerade in seinem eigenen Hause die größte Gefahr drohte, entschloß er sich dazu, sie aus seiner Familie zu entfernen. »Eine kurze Abwesenheit des alten Urbano war nämlich von einer Bande Comanche-Indianer dazu benutzt worden, zur Nachtzeit in sein Haus einzudringen und sich Margareths zu bemächtigen. Nur seine unerwartete Heimkehr verhinderte, daß seine Schutzbefohlene in die Gebirge und dann wer weiß, wohin entführt wurde. Die Indianer, die er möglichen Falls zum Sprechen gebracht hätte, entkamen leider, doch er sowohl wie Margareth bezweifelten keinen Augenblick, daß der Entführungsversuch nur auf Anstiften Tomaso's unternommen worden sei. Tomaso aber befand sich zu derselben Zeit schon seit Wochen auf einem seiner Streifzüge, wie man anfänglich glaubte, und kehrte, offenbar um den Verdacht von sich abzuwälzen, erst nach Verlauf von drei oder vier weiteren Wochen in's elterliche Haus zurück. Als er in Santa-Fé eintraf, war die erste Nachricht, die ihn erreichte, daß sein Vater sich einer Karavane zur Reise nach den Vereinigten Staaten angeschlossen und seine Brudertochter mitgenommen habe. Ueber das Endziel von seines Vaters Reise vermochte ihm Niemand Auskunft zu ertheilen, doch wußte er leider nur zu genau, daß Margareth kaum wo anders, als in dem Hause ihrer Verwandten mütterlicher Seits, also bei unserm Nachbar Haller, eine Zufluchtsstätte gefunden haben könne. »Und so verhielt es sich in der That. An jenem Tage, als ich Margareth zum ersten Male sah, hatte sie seit einer Woche bei Haller ihren Wohnsitz aufgeschlagen und sich nicht nur mit seltener Fügsamkeit bereits an die ihr fremden Verhältnisse gewöhnt, sondern auch die Herzen Aller, die mit ihr in Berührung kamen, gleichviel, ob Verwandte oder Bekannte, für sich gewonnen. »Der alte Urbano dagegen befand sich schon wieder auf dem Heimwege. War es ihm auch schwer geworden, sich von dem lieben Kinde zu trennen, so gewährte es ihm auf der andern Seite eine innere Befriedigung, Margareth allen ferneren Nachstellungen entrückt und bis zu einem gewissen Grade deren Zukunft sicher gestellt zu haben. »Außer dem grauen Mustang, den Margareth schon in Santa-Fé vielfach geritten hatte, händigte ihr Onkel ihr beim Abschied noch einige hundert Dollars, als den letzten Rest ihres väterlichen Erbtheils, ein. Ich habe indessen Veranlassung, zu glauben, daß Urbano das Geld aus eigenen Mitteln zahlte, um seinen Liebling wenigstens einigermaßen unabhängig von andern Menschen hinzustellen. Jedenfalls verdiente er die treue Anhänglichkeit, welche Margareth ihm auch in der Ferne bewahrte, wie ich selber seiner, obwohl er längst in Staub und Asche zerfiel, bis zu meinem letzten Athemzuge mit Dankbarkeit und Hochachtung gedenken werde. »Dies wäre also Margareth's Lebensgeschichte bis zu dem Tage, an welchem sie mir auf der lieblichen Waldblöße erschien,« schaltete der Fallensteller mit ruhiger, fast rauher Entschiedenheit ein. »Was ich eben erzählte, erfuhr ich von ihr selbst, als ich sie auf ihrem Heimwege begleitete. Was sie nicht offen aussprach, errieth ich, und was ich nicht gleich errieth, reimte ich mir später zusammen, so daß sich keine Ungenauigkeit in meinen Bericht eingeschlichen haben kann. Für mich aber waren ihre Mittheilungen eine Quelle inniger Freude, indem ich begriff, daß nur das ungebundenste Vertrauen sie dazu bewegte, so offen und rückhalslos vor mir zu sprechen. Wohl warf ich mir die Frage auf, ob sie einen andern Menschen nach einer Bekanntschaft von wenigen Stunden in derselben Weise bevorzugt haben würde, doch erstickte ich dergleichen Gedanken schnell wieder, weil ich fühlte, daß mein Blut dabei in Wallung gerieth und ich keinem andern Sterblichen einen solchen Vorzug gönnte. »Ja, wir plauderten wie die Kinder mit einander; sie in schöner, gewählter Weise, als ob sie ihre Worte aus einem Buche abgelesen hätte, und ich wieder einfach und derb, wie ich es in Wald und Flur nicht anders gelernt hatte. Daß sie den zwischen uns bestehenden Unterschied nicht merkte oder wenigstens großmüthig übersah, brachte mich schnell über die erste Schüchternheit hinaus, und indem sich meine Scheu verlor, wuchs auch meine Ueberlegung, so daß ich mich nach ihr zu bilden und meine Gedanken eifrig in die bestmöglichsten Formen zu kleiden suchte. Meine Versuche mögen freilich schwach genug ausgefallen sein, sie würden sogar die Spottlust manches andern Menschen herausgefordert haben, allein auf ihrem lieben, theuren Antlitz war nichts von Spottlust zu entdecken. Wohl lächelte sie zu meinen Bemerkungen, aber es war ein gütiges, aufmunterndes Lächeln, ein Lächeln, welches mir warm bis in die Seele eindrang und mich zu neuen Versuchen und Anstrengungen ermuthigte. Dann sagte ich ihr, daß ich Samuel heiße, welchen Namen sie sehr schön fand, und um meinen guten Willen zu beweisen, betheuerte ich, daß sie in unserer Gegend gegen alle feindlichen Nachstellungen so sicher sei, als schwimme sie in einer Arche hoch oben auf den rothgoldenen Abendwolken, und daß ich sie beschützen wolle gegen alle Vettern und Indianer der Erde. Ferner hob ich hervor, daß ich auf hundert Ellen dem Hirsch das Auge aus dem Kopfe schieße, mein Messer durch ein zölliges Brett stoße und auf einen Hieb mit meiner Axt jeden Baum von der Dicke eines starken Mannesarmes wie einen Strohhalm durchschneide. Ja, solch Zeug schwatzte ich, und zu jeder neuen Bemerkung hatte sie ein neues, herziges Lächeln, und jedes neue Lächeln machte meinen Muth wachsen, so daß es mir zuletzt unerklärlich erschien, wie ich überhaupt nur die geringste Scheu hatte empfinden können. Ging meine Kühnheit doch endlich so weit, daß, als wir beim Einbruch der Dämmerung Haller's Farm vor uns liegen sahen, ich plötzlich mein Pferd anhielt und sie bat, ein Gleiches zu thun. »Theure kleine Margareth! Meiner Aufforderung leistete sie Folge, als ob es gerade so und nicht anders hätte sein müssen, und furchtlos ihre wunderbar klaren Augen auf mich richtend, fragte sie, ob ich schon umkehren wolle. »Nein, Miß Margareth, antwortete ich frei, obwohl mir das Herz heftig schlug, und zugleich riß ich den abgetragenen Filzhut von meinen verwilderten langen Locken, was ich zu offenbaren habe, kann zwar jeder Mensch wissen, allein ich bin nicht im Stande, es noch eine Minute länger bei mir zu behalten. Miß Margareth! wiederholte ich noch einmal, Ihr seht mich unbedeckten Hauptes vor Euch; es ist sonst nicht meine Art, den Hut vor den Leuten zu ziehen, ich thue es aber jetzt, weil mir ist, als spräche ich vor dem lieben Gott. Und so sage ich Euch denn, daß von allen Menschen, die ich je in meinem Leben sah, – 's sind freilich nicht viele, die ich kennen lernte – ich Euch am meisten liebe und verehre; ja, ich liebe Euch so sehr, daß Ihr mein Leben von mir fordern dürft, ohne dabei zu befürchten, eine Fehlbitte zu thun. Ihr seid schön, Ihr seid lieblich, doch das ist's nicht allein, was mich drängt, meine Gedanken über Euch auszusprechen, sondern die Großmuth, mit der Ihr auf einen armen Farmerburschen niederblickt, der so tief unter Euch steht, wie der Mond und alle die lieben Sterne von uns entfernt sein mögen. Ja, Miß Margareth, nur das wollte ich Euch sagen; denkt darum nicht schlechter von mir, denn indem ich meine Gedanken offen vor Euch darlege, bezwecke ich weiter nichts, als Euch den höchsten, in meiner Macht liegenden Beweis zu liefern, daß Ihr in allen Wechselfällen des Lebens, was es auch immer betreffen möge, unbedingt auf mich rechnen könnt. Betrachtet mich als Euern Freund, als Euern Diener, und wenn Ihr nicht wünscht, daß ich glauben soll, mich Euch gegenüber ungebührlich betragen zu haben, so laßt es heute nicht das letzte Mal gewesen sein, daß Ihr mein elterliches Haus betratet. »Als ich dieses mit einer mir heute noch unerklärlichen Geläufigkeit gesagt hatte, richtete ich meine Blicke noch fester auf Margareth's Augen. Ein Gefühl des Erstaunens und des Schreckens über meine Kühnheit ergriff mich, und kaum würde es mich überrascht haben, wenn Margareth, anstatt mir zu antworten, in Verachtung ihr Pferd gewendet und schweigend davon geritten wäre. Ich begann mit mir zu hadern, weil ich befürchtete, durch meine anmaßende Zudringlichkeit jeden weiteren Verkehr mit dem lieben Mädchen unmöglich gemacht zu haben. Elender Wicht, sprach ich zu mir selbst, während meine Blicke unausgesetzt mit ängstlicher Spannung an der lieblichen Gestalt hingen, elender Wicht, der Du es wagst, Dich aus dem Staube Deiner Niedrigkeit so hoch zu erheben, daß Du in solcher Weise vor einem durch vornehme Erziehung veredelten Wesen Deine Gedanken offenbarst! Elender Farmerbursche, aufgewachsen in halber Wildniß, unbekannt mit den Gebräuchen besserer und gebildeterer Menschen; nicht einmal schreiben und kaum lesen kannst Du, was in den Kreisen, in welche sie hineingehört, einem zehnjährigen Kinde zur Schande gereichen würde! »Dann aber gewahrte ich trotz der Dämmerung, daß ein zufriedenes Lächeln den Ausdruck ängstlicher Besorgniß, der anfangs auf dem theuren Antlitz zum Durchbruch gekommen war, schnell verdrängte und Margareth mir gütig die Hand bot. »Lieber Samuel, begann sie freundlich, warum sollte ich schlecht von Euch denken? Etwa deshalb, weil Ihr treuherzig bekennt, daß Ihr mein Freund sein wollt? Glaubt mir, bis jetzt ist es mir noch nicht widerfahren, daß ein Fremder mich mit so viel wahrer, aufrichtiger Zuneigung begrüßte; doppelt aber muß mich dies erfreuen, weil es gerade da geschieht, wo ich eine neue Heimat gefunden habe, und wo, ich gestehe es offen, eine gewisse Beklemmung sich meiner bemächtigte, wenn ich mir zuweilen die Aufnahme zu vergegenwärtigen suchte, die mir von meinen neuen Nachbarn zu Theil werden würde. Ich nehme Eure Freundschaft aus vollem Herzen an, ich sichere Euch sogar meine eigene Freundschaft zu, und wenn es Euch Freude gewährt, es zu hören, so bekenne ich gern, daß ich von dem vollsten Vertrauen zu Euch beseelt bin und in den schlimmsten Lagen des Lebens keinen Augenblick zögern würde, mich unter Euern Schutz zu stellen. Ja, ja, fügte sie dann noch mit einem bezaubernden Lächeln hinzu, einen so tiefen Eindruck hat gerade Eure einfache Redeweise auf mich gemacht. »Dann ritten wir schweigend auf die Farm zu. Margareth schwieg, weil sie errathen mochte, daß ich unfähig zu einer zusammenhängenden Unterhaltung sei, und ich wieder fand keine Worte, weil Alles in meinem Kopfe durcheinander schwirrte und ich keinen Gedanken lange genug festzuhalten vermochte, um ihn auszusprechen. »Erst auf Hallers Vorhof, wo wir von allen Bewohnern der Farm freudig willkommen geheißen wurden, denn man war in der That schon besorgt um Margareth gewesen, kam ich wieder zur Besinnung. »Trotz der wiederholten dringenden Einladungen war ich indessen nicht dazu zu bewegen, abzusteigen. Es trieb mich fort, in den Wald, wo ich wußte, daß ich allein sei. Ich mußte mein Entzücken in die Nacht hinausjubeln, damit es mir nicht die Brust zersprengte; ich mußte es den Bäumen, den Wiesen, den Blättern und Blüthen verkünden, von denen ich wußte, daß sie mein Geheimniß bewahrten; denn als ob ich wirklich im Besitz eines großen Geheimnisses gewesen wäre, vermied ich scheu, den Blicken meiner alten Freunde zu begegnen. Dennoch, worin bestand mein ganzes Geheimniß? Armer, niedriger Bursche, der ich war; elender Wicht, der Du Deinen Empfindungen nicht einmal einen Namen zu geben vermochtest! »Nachdem ich von Allen Abschied genommen, von Margareth aber noch das freiwillige Versprechen ihres baldigen Besuches im Hause meiner Eltern empfangen hatte, ritt ich meines Weges. »Wie ich an jenem Abend nach Hause kam, weiß Gott allein. Ich weiß nur, daß ich anfangs sehr langsam ritt, dann aber, sobald ich mich außerhalb der Hörweite von Hallers Farm wußte, mit einem wilden Jauchzen mein Pferd zur größten Eile antrieb und mich plötzlich vor der Thüre meines elterlichen Hauses wiederfand. Wie ein Schatten muß ich durch Wald und Flur dahin gestürmt sein, wie ein von toller Kampfeslust beseelter Dacotah mit durchdringendem Gellen das Echo ringsum wachgerufen haben; denn als ich mein schäumendes Pferd absattelte und auf die Weide hinaus jagte, da hämmerte mir der Pulsschlag des Blutes noch immer mächtig in den Schläfen, und dabei war ich so weich gestimmt, daß ich meiner Mutter an die Brust hätte sinken und wie ein hülfloses Kind weinen mögen. O, wie hatte sich in dem kurzen Zeitraum von wenigen Stunden der verwegenste und unbändigste aller Farmerburschen geändert! 's lag aber in der Natur der Sache: In demselben Augenblick, in welchem ich zu dem Bewußtsein meiner Niedrigkeit gelangte, war ich durch Margareth's gütige Worte so hoch emporgezogen worden, daß mir förmlich schwindelte und ich an weiter nichts mehr dachte, als alles in meinen Kräften Stehende aufzubieten, mich auch, ohne zu straucheln, auf dieser Höhe zu erhalten. »Ja, die theure kleine Margareth hatte eine wunderbare Wandlung in mir bewirkt,« wiederholte der Fallensteller mit einer seltsamen, tief zum Herzen dringenden Innigkeit, »arme, kleine, süße Margareth,« fuhr er fast flüsternd mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit fort, als hätte die Geliebte seiner Jugend in aller Frische und geschmückt mit den holdesten Reizen des Lebensfrühlings vor seinen halbgeschlossenen Augen dagestanden, »süße Margareth, Du hattest bereits in meinem Herzen gelesen und duldetest gern die wahrhaft reine Zuneigung des jungen, unbändigen Grenzbewohners. Ich konnte dies freilich nicht ahnen, ich konnte nur ein unsägliches Entzücken darüber empfinden, daß sie mir gestattete, mich ihren Freund nennen zu dürfen. 's war auch besser so; wer weiß, im Bewußtsein meines Glückes wäre ich vielleicht weniger eifrig in meinem Bestreben gewesen, ihr ähnlich zu werden, mich zu der Höhe, auf der sie stand, empor zu schwingen. Arme kleine Margareth, Du warst mein guter Engel, damals wie diese vielen langen Jahre hindurch; Du wirst als mein guter Engel mir zur Seite stehen, wenn sich diese alten müden Augen endlich auf ewig schließen.« Hier schwieg der greise Erzähler; ich bemerkte wieder, daß Thränen ihm in den weißen Bart hinabrollten. Die Laubfrösche und Grillen sangen aus Leibeskräften; die Unken erzeugten nach bestem Vermögen ein in der Ferne geheimnisvoll verhallendes Grabgeläute. Der Mond hatte sich über die östliche Waldung erhoben, mit bläulichen Lichtreflexen alle in seinen Bereich tretenden Gegenstände zauberisch schmückend. Im Kreise der Zuhörer herrschte ehrerbietiges Schweigen. Es war als ob ein Heer von Geistern über die malerisch um das Feuer lagernden Gruppen hingezogen wäre, mit dem leisen Säuseln des Abendwindes vereinigend wunderbare Schilderungen aus ferner Vergangenheit. In gleichem Grade aber fühlten sich von den Schilderungen ergriffen das ernste, der eigenen glücklichen Vergangenheit gedenkende Alter und die von Jugendmuth und Lebenslust schwellende Brust. Der Fallensteller schwieg. Es war ersichtlich, indem er von den sein ganzes Dasein so tief berührenden Begebenheiten sprach, waren dieselben immer lebhafter vor seinen Geist hingetreten; seine Mittheilungen hatten dadurch allmählich den Charakter der in tiefer Einsamkeit und Abgeschlossenheit mit Vorliebe gehegten Betrachtungen angenommen; wie unbewußt und gleichsam mechanisch verriethen die Lippen noch eine Weile seine Gedanken, bis dieselben endlich in seinem Schweigen gewissermaßen ihre Fortsetzung fanden. Nachdem wohl fünf Minuten verstrichen waren, ohne daß Jemand die Stille zu unterbrechen gewagt hätte, legte Hooker plötzlich seine Hand auf des Greises Schulter. »Guter alter Sam,« begann er mit rauher Treuherzigkeit, als der Fallensteller wie erschreckt zu ihm aufschaute, »guter alter Sam, laßt jetzt die Vergangenheit ruhen; ich begreife sehr wohl, die Erinnerung an dieselbe muß wie ein schartiges Messer in Eurer Brust wühlen; behaltet daher den Rest Eurer Geschichte für Euch selbst. Das Grab dort drüben soll geschont und gepflegt werden als ob es das meiner eigenen leiblichen Mutter wäre. Sprechen wir von heiteren Dingen, denn Niemand soll sagen, der alte Hooker habe sich so wenig auf die Gastfreundschaft verstanden, daß er sich an dem Kummer eines vor seinem Feuer rastenden Fremden weidete; ja, das ist meine Meinung, oder ich will meinen Namen nicht mit Ehren tragen.« So lange der Farmer sprach, beobachtete der Fallensteller sein Gesicht mit einer Art von Spannung; als er aber geendigt, flog ein dankbares, wehmüthiges Lächeln über seine gerunzelten Züge. »Ihr wollt mir schmerzliche Betrachtungen ersparen,« hob er an, »'s ist dies rechtschaffen und freundlich von Euch gedacht; allein glaubt Ihr etwa, daß wenn ich schweige, auch meine Gedanken stille stehen; oder wenn wir unsere Unterhaltung auf andere Dinge überlenken, meine Gedanken meinen Worten folgen? Nein, nein; sechsundvierzig Jahre hindurch sind die traurigen Rückerinnerungen mein einziger Genuß gewesen; sie sind mir zur Gewohnheit, zur Nothwendigkeit geworden, und wenn ich dieselben jetzt offenbare, so ist's kaum etwas Anderes, als daß ich laut denke, wie ich in meiner Abgeschiedenheit wohl tausend Mal gethan. Und dann wollte ich Euch dadurch auch einen Beweis meiner Dankbarkeit liefern. 's ist zwar noch viel, was ich mitzutheilen hätte, aber die Nacht ist milde und freundlich, und dann möchte ich auch gern – 'n alter Mann hat manchmal seine eigenen Ansichten – daß wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile und der Eine oder der Andere von Euch wandelt bei der morschen Eiche vorüber und seine Blicke streifen den theuren Namen, daß er ihr und mir einen freundlichen Gedanken schenke, sich einzelne meiner Erlebnisse, wenn auch nur flüchtig, in's Gedächtniß zurückrufe.« Hooker gab nunmehr offen sein Verlangen zu erkennen, die Geschichte zu Ende zu hören; ein beifälliges Murmeln bekundete, daß alle Anwesenden mit dem Ansiedler einverstanden seien, und der Fallensteller, nachdem Ruhe eingetreten war, nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf. IV. »Am folgenden Tage, als ich noch darüber grübelte, wann und wo ich Margareth das nächste Mal wiedersehen würde, traf sie selbst vor unserer Blockhütte ein. Ich sprang hinzu, um ihr aus dem Sattel zu helfen, doch bevor ich sie erreichte, stand sie auf der Erde, mir mit frohem Lachen die Zügel des grauen Mustang zuwerfend. »Ihr mögt ihn immerhin absatteln und zu Eurer Heerde jagen, sagte sie freundlich, denn nicht ohne Vorbedacht bin ich so früh gekommen! Und sich zu meinen Aeltern und Brüdern wendend, fuhr sie in derselben heitern Weise fort: Ich beabsichtige nämlich, heute etwas länger hier zu verweilen; Ihr seid unsere nächsten Nachbarn, und da wünsche ich einen engeren geselligen Verkehr zwischen den beiden Farmen herzustellen; ich könnte ja sonst zu dem Glauben gelangen, ich sei in den abgeschiedensten Winkel der Rocky-Mountains verschlagen worden. Und dann bedenkt nur den langen Winter, wie einförmig und langweilig würde er uns dahin schleichen, wollten mir wöchentlich nicht mehrere Male zusammen kommen. Mit solchen Worten begleitete Margareth ihren Eintritt in unser Haus. Wie herzlich dieselben aber aufgenommen wurden, das bewiesen die große Lebhaftigkeit meines gewöhnlich sehr ernsten Vaters, mit der er Margareth's Vorschlag begrüßte, und die Thränen der Freude und der Rührung, die in den Augen meiner alten Mutter glänzten, als sie, gemäß einer jetzt fast vergessenen Sitte, das liebe Mädchen umarmte und küßte. Ja, eine solche Erscheinung, wie Margareth sie bot, war für uns auf der Grenze der Wildniß ein Ereigniß; durch ihr liebevolles Wesen aber rief sie den Eindruck hervor, als ob ein Engel unter uns getreten wäre, uns nicht nur erfreuend, sondern auch belehrend und den Geist erfrischend. Denn bei diesem ersten Besuche aus freien Stücken blieb es nicht, sondern dieselben wiederholten sich so oft – bald bei uns, bald bei Haller – wie nur immer die gerade fälligen Arbeiten es gestatten, bis es zuletzt den Anschein gewann, als waren die beiden Familien in Eine verschmolzen gewesen. Doch wo wir auch zusammentreffen mochten, Margareth war und blieb der segensreich wirkende Mittelpunkt, um den sich Alles bewegte und der jeden Einzelnen, gleichsam unbewußt, lenkte und leitete und damit auch bildete. Wie wäre es uns früher wohl eingefallen, uns an der lieblichen Vertheilung von Wald und Prairie anders, als mit Rücksicht auf die zur Urbarmachung günstige Lage zu ergötzen? Wie hätten wir uns der Bewunderung einer schönen Blume, oder der Beobachtung des merkwürdigen kleineren Thierlebens hingegeben, wenn Margareth uns nicht auf Alles aufmerksam gemacht hätte? Und dies geschah nicht etwa in der Weise eines Lehrers, nein, gewiß nicht; aber wenn sie sich freute, glaubte Jeder, sich mitfreuen zu müssen, und bevor noch der erste Eindruck abgeschwächt war, fragten wir uns verwunderungsvoll, wie in aller Welt wir so lange blind und unempfindlich gegen die uns umgebenden zahllosen Naturschönheiten hatten sein können. Selbst das rauhe Aeußere, welches sich von dem Grenzleben nur schwer trennen läßt, büßte viel von seinem unfreundlichen Charakter ein und wich mehr und mehr vor milderen Sitten. Der Zwang, den wir uns anfangs Margareth gegenüber auferlegten, verlor schnell das Unbequeme, um endlich zur Gewohnheit, zur andern Natur zu werden. Ja, derartig war der Einfluß, den Margareth auf Alle, die mit ihr in Berührung kamen, ausübte, daß wer von ihr sprach oder ihrer auch nur gedachte, dem schwebte gewiß ein frommer Wunsch auf den Lippen für sie, durch deren sinniges Walten das Leben für uns eine ganz andere, eine edlere Bedeutung gewonnen hatte. »So verstrich der erste Sommer. »Wenn auch Alle mehr oder minder von dem Beispiele Margareth's Vortheil zogen, so gab es in unserm Kreise doch Keinen, der es mir im Begreifen und Lernen zuvor gethan hätte. Freilich, wie ich konnte Keiner die kleine Margareth lieben und verehren, konnte Keiner mit ängstlicher Sorgfalt in ihren Augen zu lesen, ihre Wünsche zu errathen suchen. Meine Brüder und die Haller'schen Leute zu übertreffen, wäre zwar schon allein Grund genug für mich gewesen, alle meine Kräfte in der Verfolgung meines Zieles aufzubieten, denn ich besaß mehr Eitelkeit, als sich vielleicht für einen armen Farmerburschen geziemte; allein ich hätte es nie so weit gebracht, wäre ich nicht wachend und träumend von dem unerschütterlichen Verlangen beseelt gewesen, nur der kleinen Margareth Wohlgefallen zu erwerben. Und sie verstand mich; sie las in meinem Herzen, und mehr als mit allen Andern beschäftigte sie sich mit meiner Ausbildung, ohne jemals Ungeduld oder Mißvergnügen zu verrathen. »Der Sommer und ein Theil des Herbstes gingen dahin. Es stellten sich die langen Abende und die kurzen Tage winterlicher Ruhe ein, und mit diesen die Zeit, die sich am meisten zum Lernen und Nachdenken eignet. 's war 'ne schöne Zeit; selten, daß durch böses Wetter unsere regelmäßigen Zusammenkünfte gestört wurden; wir waren ja abgehärtet, und um die kleinste Belehrung von Margareth zu empfangen, hätte ich mit Freuden im tollsten Schneesturm einen Ritt um die ganze Welt herum gewagt. So lernte ich denn auch sehr schnell schreiben, wie ich mich im Lesen vervollkommte und das, was ich las – wir hatten freilich nur eine kleine Auswahl von Büchern – zu verstehen mich befleißigte. Doch das war es nicht allein, womit ich mein Wissen bereicherte, sogar meine Sprache und mein Benehmen suchte die kleine Margareth zu bilden und zu verfeinern. Aber auch darin beobachtete sie gütig die unverdientesten Rücksichten. Eine angemessene und dankenswerthe Zurechtweisung betrachtete sie selbst als Härte; sie wollte meine Gefühle schonen, als ob ein niedriger, halbwilder Farmerbursche viel Zartgefühl besessen hätte – und wo sie an mir Etwas zu tadeln fand, da kleidete sie ihre Ausstellungen in Gleichnisse, indem sie mir von andern Leuten erzählte, wie dieselben sich in einem ähnlichen Falle benommen hätten. Und mit redlichem Eifer beherzigte ich derartige Ermahnungen, und wie sie selbst zugab, mit dem besten Erfolg, denn als das erste Frühlingsgrün den letzten schwindenden Schnee durchbrach, da hatte ich mich so sehr verändert, daß selbst meine Freunde mich nicht wieder erkannt haben würden, wären sie nicht in unserm täglichen Verkehr ganz allmählich mit dieser Wandlung vertraut geworden. Wenn ich jetzt, nach sechsundvierzig Jahren mühevollen Umherirrens in den unwirklichsten Wildnissen, trotzdem ich selten einen andern Menschen, als Eingeborene sah, nicht wieder in meine ursprüngliche Derbheit zurückgesunken bin, so kann das nicht befremden: Die Lehren, die ich während meines Zusammenseins mit Margareth empfing, hatten sich zu tief in meine Seele eingeprägt; und vergessen? Wie hätte ich vergessen können, was ich wahrend eines beinah halben Jahrhunderts mir täglich wiederholte! Trotz meiner Einsamkeit, trotz meines seltenen Verkehrs mit weißen Menschen ist mir Alles, was ich einst von ihr lernte, nur noch geläufiger geworden. Arme, kleine Margareth! Wenn sie jetzt vor mich hinträte, würde sie gewiß meinen Ausspruch bekräftigen, gewiß mit der Art zufrieden sein, in welcher ich ihre Unterweisungen beherzigte und heilig hielt. War sie doch schon damals mit mir zufrieden; denn als wir eines Abends lustwandelnd über die bekannte liebe Lichtung schritten – die Bäume standen in ihrem schönsten Blätterschmuck, die Luft war erfüllt vom Duft der Blumen, und gerade wie heute sangen die Frösche und Grillen im lustigen Chor – da ergriff sie freundlich meinen Arm, und sich zutraulich an mich anschmiegend, sprach sie folgende Worte: »Lieber Sam, es ist jetzt beinahe ein Jahr, daß Du, Deinem Versprechen getreu, mein aufrichtiger Freund gewesen bist; ich bin aber auch nicht minder Deine aufrichtige Freundin geblieben. Wie lieb Du mich gehabt, das hast Du am deutlichsten dadurch bewiesen, daß Du Deine rauhen Sitten ablegtest und Dich dadurch auch für andere Lebensverhältnisse, als die eines Grenzers, befähigtest. Ich bin weit entfernt davon, Dir ein anderes Loos, als das eines Farmers, zu wünschen; aber auch dem westlichen Ansiedler gereicht ein höherer Grad von Bildung nicht nur zur Zierde, sondern auch zum Vortheil. Ja, Sam, aus dem etwas rauhen Waldriesen ist ein Mann geworden, der sich nicht zu scheuen braucht, in die höchsten Gesellschaften einzutreten. Es giebt wohl gelehrtere Menschen, allein keinen, der seine Stellung in der Welt so gut ausfüllte, als Du. Du hast von mir gelernt, ich weiß es, aus Liebe zu mir hast Du gelernt; nun aber kann ich nicht länger Deine Lehrerin sein. Aber Deine Frau kann ich werden, lieber Sam, Deine treue Frau, die Freud und Leid gewissenhaft mit Dir theilt und nicht aufhört, Dich bis an ihr Lebensende zu lieben, das heißt, Sam, wenn es Dir recht ist. »So sprach Margareth, und ihre Stimme bebte, daß sie die letzten Worte kaum hervor zu bringen vermochte. Ich selbst aber, als sie nach der herzinnigen Einleitung darauf hindeutete, daß sie aufhören müsse, meine Lehrerin zu sein, fühlte, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. Erst als sie mir vorschlug, mein Weib zu werden, ein Glück, welches in meinen heißesten Gebeten vom lieben Gott zu erflehen ich nicht gewagt haben würde, durchzuckte es mich wieder wie neu erwachendes Leben. »Kaum weiß ich mir noch meinen nächsten Gedanken zu vergegenwärtigen, nur das weiß ich, daß ich vor ihr auf den Knieen lag, meine Hände, wie vor dem Altar des Herrn erhebend, und daß sie mich zu sich emporzog und – o Margareth, Margareth! Warum konnte ich nicht mit Dir gehen!« rief der Fallensteller hier plötzlich so schmerzerfüllt aus, daß es mich, und gewiß auch die andern Anwesenden eisig kalt durchrieselte. Mehrere Minuten verrannen, während welcher der Greis sichtbar nach Fassung rang; dann aber seinen zusammengesunkenen Körper mit einer heftigen Bewegung emporrichtend, fuhr er mit seltsamer, fast unheimlich gedämpfter Stimme fort: »Arm in Arm wandelten wir der elterlichen Hütte zu. Wir sprachen nur wenig; ich war so tief bewegt, als ob ich mich in einer Kirche befunden hätte; ich konnte mein Glück nicht fassen, nicht begreifen, daß gerade ich dazu auserkoren sei, Margareth einst mein Weib nennen zu dürfen. In dieser Weise sprach ich mich auch ihr gegenüber aus; Margareth aber küßte mich innig, und ihre Arme um meinen Hals legend flüsterte sie mir zu: »Denkt mein ungläubiger Waldriese denn, ich wolle sein Weib werden, nur um ihn, und ihn allein glücklich zu machen? Nein, auch ich will glücklich sein, und das kann ich nur durch Dich, Du guter, treuer, Du aufrichtiger Sam.« Und dann küßte sie mich wieder, und weiter wanderten wir der alten trauten Blockhütte zu. »Wir hatten keinen Grund, uns des zwischen uns getroffenen Uebereinkommens zu schämen; daher war denn auch unser Erstes, daß wir uns meinen Eltern als Brautleute vorstellten, um von ihnen dafür unter Freudenthränen und den heißesten Segenswünschen in die Arme geschlossen zu werden. Sie sowohl als auch meine Brüder und Bekannte mußten es indessen schon geahnt haben, denn aus den Reden Aller leuchtete hervor, daß ihnen das glückliche Ereigniß nicht so überraschend komme, wie vor allen Dingen mir selber. »Und dennoch, wie schnell und wie leicht fand ich mich in die neue Lage! Als ich Margareth noch an demselben Abend nach Hause begleitete, sprachen wir so ruhig über unser neues Verhältniß, als ob wir schon seit Monden verlobt gewesen wären. Nur ihre Hand hielt ich auf dem ganzen Wege, und ihr Mustang und mein Brauner schritten so bedächtig neben einander her, daß man hätte glauben mögen, unser Uebereinkommen sei ihnen nicht fremd gewesen und sie hätten die wohlüberlegte Absicht gehabt, uns die innige Annäherung nach besten Kräften zu erleichtern. Und dabei war es rührend, zu beobachten, mit welcher freundlichen Hingebung Margareth sich bestrebte, das Gefühl einer gewissen Unterwürfigkeit, welches ich immer noch nicht ganz besiegen konnte, aus meiner Brust zu verscheuchen. Sie sprach, als ob nicht ich, sondern sie selbst die größte Ursache gehabt hätte, einem gütigen Geschick für die glückliche Fügung aus tiefstem Herzensgrunde zu danken. Sie betheuerte, daß es stets ihr sehnlichster Wunsch gewesen, eine Farmerfrau zu werden, und daß sie dafür, daß ich unsere Hauptarbeitskraft liefere, ein paar hundert Dollars besitze, die uns zum Ankauf eines Streifens Prairielandes und zur ersten Einrichtung sehr zu Statten kommen sollten. Und dann wies sie darauf hin, daß sie allein in der Welt dastehe, keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister besitze, denen sie ihre Liebe habe zuwenden können, daß ich ihr fortan Eltern und nähere Angehörige ersetzen, und dafür ihr ungeteiltes Herz mir ewig und unveränderlich angehören würde. Während sie dies sagte, perlten die hellen Thränen über ihre Wangen, aber ihr Mund lächelte und ihre Augen strahlten, daß ich den warmen Glanz derselben in meiner Seele fühlte und, überwältigt durch so viel Glück, ebenfalls die Thränen der Rührung nicht zurückzuhalten vermochte; und bei Allem, was ihr und mir heilig, schwur ich, sie zu lieben, so lange der Athem mir vergönnt sei, sie zu lieben über das Grab hinaus, sie zu lieben bis in alle Ewigkeit. »Das war der erste Abend nach unserm feierlichen Verlöbniß, und an diesen Abend schlossen sich Tage und Wochen an, die jenem an irdischer Glückseligkeit nicht nachstanden. Im Gegentheil, in demselben Grade, in welchem das gegenseitige Vertrauen wuchs, gewann das neue Verhältniß an Innigkeit, vermochten wir tiefer und klarer Einer in des Andern Herz zu blicken, wo wir nichts entdeckten, als lautere, reine Liebe. Fürchteten wir doch zuweilen, unser Glück sei zu groß, um Bestand haben zu können. In solchen Augenblicken lagerte es sich wohl wie eine traurige Ahnung aus unsere Gemüther, allein flüchtig, wie die zerrissenen Wolken vor dem abwärts fliehenden Gewittersturm, verschwanden dieselben wieder, und es blieb uns der klare, sonnige Himmel unaussprechlichen Entzückens, der uns endlos, unbegrenzt erschien, wie der Himmel, der sich über der Prairie wölbt. Einen schärferen Ausdruck, jedoch ohne bestimmtere Formen anzunehmen, erhielten die uns damals kindisch erscheinenden Befürchtungen beim Beginn des Sommers. Wie gewöhnlich, wenn Margareth uns besucht hatte, begleitete ich sie eines Abends nach Haller's Farm zurück, und wie gewöhnlich ließen wir auch an diesem Abend unsere Pferde nur langsam einherschreiten. Wie in unseren Herzen und der zwischen uns gepflogenen Unterhaltung, ruhte auch auf der in nächtliches Dunkel gehüllten Landschaft ein unendlich süßer Frieden. Die Sterne blickten freundlich auf uns nieder, als hätten sie sich in unser Gespräch mischen wollen; regungslos standen die hohen Baumgruppen da, daß sie sich ausnahmen wie ebenso viele Hügel und schroffe Bergabhänge. Ich hatte noch nie einen Berg gesehen, ausgenommen Grabhügel, die vielleicht vor Hunderten von Jahren indianischen Häuptlingen errichtet wurden; allein Margareth sagte, daß sie durch die über den fernen Wiesenflächen auftauchenden Waldmauern lebhaft an einzelne Hügelketten bei Santa-Fé erinnert würde. Durch die Erinnerung an ihre Geburtsstadt waren offenbar Betrachtungen über ihre Vergangenheit wach gerufen worden, denn sie wurde plötzlich still. Ich hatte bereits gelernt, daß im stillen Nachdenken oft ein hoher Genuß liegt, und vermied daher, den Ideengang Margareth's zu unterbrechen. Wußte ich doch zu genau, daß nach ihrem Erwachen aus einem derartigen Sinnen sie sich jedesmal mit um so größerer Zärtlichkeit mir zuneigte, als ob bei einem Vergleich früherer Abschnitte ihres Lebens mit der Jetztzeit sie so recht von inniger Zufriedenheit durchdrungen gewesen wäre. Die Pferde schritten in ihrer gewohnten Weise einher. Das Ohr hatte sich so sehr an den regelmäßigen, durch das im Wege wuchernde Gras gedämpften Hufschlag gewöhnt, daß er für uns nicht mehr die herrschende Stille unterbrach. Die Natur schien in einen tiefen Schlaf versunken zu sein; selbst die Thiere des Waldes waren an diesem Abende säumiger, als sie sonst zu sein pflegten. Nur einen Prairiehahn hörte man hin und wieder glucksen, wogegen die Leuchtkäfer ein wahres Fest feierten und in so großer Zahl vor dem schwarzen Buschwerk vorüberschossen, als seien in verborgenen Waldwinkeln Feuer geschürt, die Funken derselben aber von einem kräftigen Windstoße nach allen Richtungen hin zerstreut worden. »Sechsundvierzig Jahre! Welch' lange Zeit! Dennoch, wie klar und deutlich schwebt mir jener Abend jetzt vor der Seele! Mein Gemüth, jugendlich frisch, war eben geöffnet und für äußere Eindrücke empfänglich gemacht worden, denn bedeuteten die Leuchtkäfer mir vor wenigen Monaten nicht mehr, als der Staub in der Straße, so war mir an jenem Abend, als sei der unendliche sternenbesäete Raum meine Seele gewesen, in welchen die leuchtenden Insekten mit Feuerschrift die Geheimnisse der Natur einzeichneten, mich zugleich auffordernd, in diese Geheimnisse einzudringen und sie zu lösen. Armer Bursche, der ich war! Nachdem ich mir Margareth's Liebe erworben, glaubte ich, daß es nichts Unmögliches mehr für mich gebe, Himmel und Erde mir unterthan sein müßten – armer verblendeter Bursche! »Wie lange wir in dem feierlichen Schweigen dahin geritten waren, weiß ich nicht; doch mochten wir uns wohl noch gegen tausend Schritte weit von Hallers Farm befinden, als der graue Mustang plötzlich unruhig wurde. Auch mein Pferd schnaubte heftig und schien die größte Lust zu hegen, umzukehren; dabei spähten beide Thiere ängstlich nach rechts, also nach meiner Seite hinüber. Wir hielten an und lauschten aufmerksam, ohne einen Laut zu vernehmen, der das augenscheinliche Mißtrauen der Pferde gerechtfertigt hätte. »Es wird ein schwarzer Bär oder ein Wolf über den Weg gegangen sein, sagte ich endlich ruhig, doch gebrauchte ich die Vorsicht, das Beil, welches ich gewöhnlich bei mir führte, von meinem Sattelknopf zu lösen und in die rechte Hand zu nehmen. »Margareth bemerkte die Bewegung nicht, dagegen äußerte sie auf meine Erklärung, daß sie weit eher glaube, ein Indianer befinde sich in der Nähe. Sie kenne ihr Thier zu genau, und mehrfach habe sie beobachtet, daß dasselbe bei ihrem früheren Zusammentreffen mit Eingeborenen sich ähnlich geberdete. »Indianer, obgleich die eigentlichen Stämme bereits weiter westlich gedrängt worden, waren in unserer Gegend keine seltene Erscheinung. Einzeln wie auch in größeren Trupps sprachen sie zuweilen vor, um Mehl und Mais gegen Pelzwerk von uns zu beziehen. Sie traten immer sehr friedlich auf; einestheils hatten sie nicht über Unfreundlichkeit oder Hartherzigkeit von unserer Seite zu klagen, und dann wieder mochten sie die Ueberzeugung hegen, daß jede von ihnen verübte Unbilde eine Schaar kühner Farmerburschen auf die Beine bringen würde, die sich nicht gescheut hätte, ihnen bis in das Herz der Rocky-Mountains hinein nachzufolgen. Als Margareth der Eingeborenen erwähnte, suchte ich sie zu überzeugen, daß wir keinen Grund hätten, einiger, vielleicht im Gebüsch übernachtender Indianer halber in Besorgniß zu gerathen. Dann ritten wir weiter, unsere Pferde beruhigten sich schnell wieder, und harmlos plaudernd gelangten wir bis dahin, wo aus Hallers Blockhütte uns Licht zwischen den Bäumen hindurch entgegen schimmerte. Da drang der gellende Ruf der großen Ohreule zu uns herüber. Er schien von der Stelle zu kommen, auf welcher wir angehalten hatten. »Der häßliche Eulenruf, bemerkte Margareth, ich liebe ihn nicht, ohne daß ich einen Grund dafür anzugeben wüßte. Manche Menschen legen ihm eine üble Vorbedeutung bei. »Wiederum erschallte der unheimliche Ruf, aber lauter noch und gedehnter, als das erste Mal. »Das war kein Eulenruf! rief ich unbedachtsamer Weise aus, allein ich war meiner Sache so gewiß und zugleich in so hohem Grade überrascht, daß ich die Rücksichten vollständig vergaß, die ich Margareth schuldig war. »Sie erschrack denn auch in der That, jedoch mehr über den Ton, in welchem ich gesprochen hatte, als über den Inhalt meiner Worte selbst. »Was sollte es aber sonst gewesen sein? fragte sie ängstlich, indem sie ihr Pferd dichter an das meinige herandrängte. »Wäre ich in der Kunst der Täuschung erfahren gewesen, würde es mir vielleicht gelungen sein, Margareth's erwachende Besorgnisse zu verscheuchen. So aber verschlimmerte ich die Sache nur durch meinen mißglückten Versuch, das seltsame Signal auf einen natürlichen und harmlosen Grund zurück zu führen; denn nachdem ich mir selbst mehrfach widersprochen, sah ich endlich keinen andern Ausweg, als offen einzuräumen, daß ich den Eulenruf für das Signal eines Indianers halte, der sich da verborgen haben müsse, wo unsere Pferde scheuten. »Bevor Margareth etwas zu entgegnen vermochte, wiederholte sich der Ruf zum dritten Male und zwar, wie es mir erschien, noch durchdringender, als die beiden ersten Male, worauf er mit einem hohlen Lachen abschloß, wie es der Uhu auszustoßen pflegt, wenn er die Schwingen ausbreitet und zur Jagd seinen Horst verlaßt. »Nein, kein Eulenruf, pflichtete Margareth mir bei; dann schwieg sie, aufmerksam mein Benehmen beobachtend. »Wir hatten unsere Pferde angehalten und lauschten. An eine unmittelbare Gefahr dachten wir nicht, um so weniger, als Hallers Farm im Bereiche unserer Stimmen lag; allein selbst ich, für den indianisches Gellen nicht drohender, als Eulenruf und Wolfsgeheul, fühlte mich von einem mir unerklärlichen Argwohn beschlichen. 's ist seltsam, und oft habe mir zu enträthseln gesucht, warum gerade dieses Signal einen so eigenthümlichen Eindruck auf mich ausübte. An Ahnungen habe ich nie recht geglaubt, und dennoch, was war es, das mich an jenem Abend bis ins Herz hinein wie ein Kind erbeben machte? »Wir waren eben im Begriff, unsern Weg fortzusetzen, als aus weiter, weiter Ferne, in der Richtung von meines Vaters Farm her, durch die Entfernung zwar gedämpft, aber deutlich vernehmbar, ein ähnlicher Ruf zu uns herüber drang, der sich in kurzen Pausen ebenfalls dreimal wiederholte. »Wie erleichtert, wenn auch gegen heimlichen Argwohn ankämpfend, seufzte ich auf, und indem ich die Pferde antrieb, bemerkte ich sorglosen Tones: »'s sind wieder Rothhäute in der Nachbarschaft eingetroffen; ohne Zweifel alte Bekannte, die sich, ähnlich einer zerstreuten Heerde Prairiehühner, zusammenlocken. »Und Du fürchtest sie nicht? fragte Margareth beruhigter. »Warum sollte ich sie fürchten? rief ich lachend aus; die Iowa's und Missouri's, die zuweilen unsere Gegend durchstreifen, haben, so lange ich zu denken vermag, noch nie ernste Veranlassung zu Mißtrauen gegeben. Sie kommen und gehen wohl etwas geheimnißvoll, allein abgerechnet, daß sie uns einige Dutzend Hirsche fortschießen, belästigen sie uns in keiner Weise. Margareth gab sich mit meiner Erklärung zufrieden, doch bestand sie bei meinem Abschied daraus, ich möge nicht auf demselben Wege zurückreiten, sondern einen Umweg einschlagen, auf dem ich sicher sei, den ungebetenen Gästen nicht zu begegnen. Ich versprach es heilig, wofür ich das Gegenversprechen erhielt, daß sie sich in nächster Zeit nicht ohne männlichen Schutz von der Farm fortbegeben wolle. Außerdem theilte ich Haller und seinen Söhnen unsere Entdeckung mit, woran ich, für sie sehr befremdend, die dringendsten Mahnungen zur Wachsamkeit und Vorsicht schloß. Meine Aengstlichkeit erklärten sie lachend dadurch, daß ich Margareth noch wenige Wochen vor der Hochzeit zu verlieren fürchte. Im Uebrigen billigten sie meine Umsicht; trotzdem wagte ich nicht, sie um eine Büchse zu bitten; ich fürchtete, verspottet zu werden. »Nach kurzer Rast begab ich mich auf den Heimweg. Anfangs mich auf Seitenpfaden haltend, bog ich doch sehr bald in den Hauptweg ein, wo ich mein Pferd zur größten Eile antrieb. Mir war, als ob mir Jemand zugeflüstert und gerathen habe, die Gangart meines Pferdes zu beschleunigen, um baldmöglichst nach Hause zu gelangen. Der Gedanke an eine drohende Gefahr war immer fester in mir geworden, und nicht eher fühlte ich mich von dem auf mir lastenden Bann befreit, als bis ich auf unsern Hof sprengte und in der Hausthür meine Eltern und Brüder mir entgegentraten. »Sie sprachen ihr Befremden über meine unsinnige Hast aus, und selbst als ich ihnen über die Anwesenheit von Eingeborenen berichtete, erntete ich nur Neckereien für meine übergroße Aengstlichkeit ein. »Weißt Du von Indianern zu erzählen, hieß es, so haben wir dafür Besuch von einem Weißen gehabt, mit dem wir während Deiner Abwesenheit ein Stündchen auf's Angenehmste verplauderten. »Auf meine Frage nach dem Fremden erfuhr ich, daß ungefähr zu derselben Zeit, zu welcher ich den ersten Eulenruf vernahm, ein Reisender auf den Hof geritten sei und um eine Erfrischung für sich und sein Pferd gebeten habe. »Dem Pferde hatte man einige Maiskolben vorgeworfen, den Fremden selbst dagegen hereingenöthigt und gebeten, sich an der gemeinschaftlichen Abendmahlzeit zu betheiligen. »Freimüthig, wie die Gastfreundschaft angeboten wurde, war dieselbe auch angenommen worden. Der Fremde setzte sich mit den Manieren eines gebildeten Mannes zu meinen Eltern an den Tisch, und nicht lange dauerte es, da hatten sie sich in ein so lebhaftes Gespräch vertieft, wie mein Vater sich nicht entsann, seit vielen Jahren geführt zu haben. Merkwürdiger Weise waren, wie ich aus den Mittheilungen der Meinigen entnahm, vorzugsweise die Verhältnisse meines Vaters Gegenstand der Unterhaltung gewesen, wogegen der Fremde seine eigene Lage gar nicht berührte und nur höchstens einige politische Nachrichten von geringer Wichtigkeit vortrug. So war es denn gekommen, daß man von ihm weiter nichts wußte, als daß er im Staate Ilinois lebe und auf dem Wege nach St.-Louis sei, um daselbst einen Verwandten zu besuchen. Im Uebrigen beschrieb man ihn mir als einen noch jungen Mann, von kleiner, untersetzter Gestalt, mit pechschwarzem gelocktem Haar, lebhaften und sehr klugen schwarzen Augen und auffallend dunkler Gesichtsfarbe, die indessen nichts mit dem Braun der Abkömmlinge der Negerrace gemein hatte. Auch wollte man in seiner Aussprache einen gewissen fremdländischen Accent bemerkt haben, der indessen bei seinem freundlichen und zuvorkommenden Wesen mehr eine Zierde, als ein störender Mangel für ihn gewesen sei. »Nachdem er wohl eine Stunde bei meinen Eltern verweilt hatte, war er, trotz der dringenden Einladungen, zu übernachten, aufgebrochen. Er gab vor, noch in derselben Nacht das nächste Städtchen erreichen zu müssen, wo eine passende Gelegenheit zur Weiterreise seiner harre. »Im Begriff, davon zu reiten, hatte er sich noch einmal an meinen Vater gewendet, ihm die herzlichsten Glückwünsche für das ihm leider unbekannt gebliebene Brautpaar übertragend. »Ja, so genau hatte der Fremde mit seinem einschmeichelnden Wesen meine Eltern ausgeforscht, und was er noch nicht wußte, das verstand er mit durchtriebener Schlauheit sogar im Augenblick des Scheidens aus ihnen herauszulocken, nämlich den Zeitpunkt der Hochzeit, die, je nachdem es die Feldarbeiten gestatteten, gleich nach Errichtung der neuen Blockhütte folgen sollte. »Auch auf Haller und seine Familie war das Gespräch gelenkt worden, und auf Margareth, die meine Mutter dem Fremden als einen Engel an Schönheit und Herzensgüte schilderte. »Nun, vielleicht erscheine ich unverhofft zu der Festlichkeit, um eine Stelle als Trauzeuge zu übernehmen! hatte der Fremde im Davonreiten ausgerufen. »Nicht viel Festlichkeit! hatte mein Vater geantwortet; eine heitere Fahrt zur Stadt zum ersten besten Notar, und die Geschichte ist abgemacht! »Der Fremde spornte sein Pferd und verschwand gleich darauf im Walde, mit sich aber nahm er eine genaue Kenntniß unserer ganzen Familienverhältnisse, während wir nicht einmal seinen Namen erfahren hatten. »Innerlich tadelte ich wohl die Offenherzigkeit meiner Eltern, doch besaß ich zu viel Ehrerbietung vor den guten Alten, als daß ich gewagt hätte, meine Mißbilligung laut auszusprechen. Und was konnte es im Grunde schaden, daß man sich in Ausübung der Gastfreundschaft zu weit hatte fortreißen lassen? Auch würde ich schwerlich etwas Auffälliges darin gefunden haben, wäre meine Stimmung nicht bereits durch das Vorhergegangene beeinflußt gewesen. Ich konnte mich nämlich von dem Verdacht nicht lossagen, daß der Eulenruf in näherer Beziehung zu dem seltsamen Besuch gestanden, und aus der ganzen Wegesstrecke zwischen den beiden Farmen Indianer auf Rufesweite vertheilt gewesen, um dem Fremden zu verkünden, wann er, ohne von mir gestört zu werden, bei meinen Eltern einkehren könne. Klang mir doch das geheimnißvolle Signal die ganze Nacht hindurch in den Ohren, und in meinen Träumen verfolgte mich, wie ein drohendes Gespenst, die furchtbare Schreckensgestalt des unbekannten Fremden. »Erst als ich am folgenden Tage wieder zu Hallers hinüberritt, legte sich meine Aufregung einigermaßen. Ich hatte unterwegs wirklich die Spuren mehrerer Eingeborenen entdeckt, die sich augenscheinlich zusammengelockt hatten und dann in entgegengesetzter Richtung von der, welche der Fremde eingeschlagen, davon gewandert waren. Ich theilte dies Margareth mit, um auch ihre Besorgniß zu verscheuchen. Sie lachte laut und schalt sich selbst, daß sie sich überhaupt zu Aeußerungen des Schreckens habe hinreißen lassen. Als ich ihr aber von dem Fremden erzählte und denselben, so weit ich nach den Schilderungen meiner Eltern und Brüder im Stande dazu war, beschrieb, da gewahrte ich, wie sie plötzlich erbleichte und ein heftiges Zittern ihre Gestalt erschütterte. »Tomaso, flüsterte sie mit bebenden Lippen, sollte er mir nachgespürt und meinen Zufluchtsort entdeckt haben? »Ich erschrak, doch weniger über Margareths Befürchtungen, als über den Ausdruck des Entsetzens, welcher sich über das liebe Antlitz ausgebreitet hatte. Auf mein Flehen, auf meine Betheuerungen, daß ihre Besorgnisse völlig grundlos seien, daß es viele Menschen mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzem Lockenhaar gebe, und ihr Verwandter ohne Zweifel zuerst auf Hallers Farm nach ihr geforscht haben würde, beruhigte sie sich zwar wieder äußerlich, aber in ihren Augen las ich, daß trotz des lieblichen Lächelns noch eine heimliche Angst in ihr fortlebte, die ich nicht ganz zu verscheuchen vermochte. Die theuere, kleine Margareth, mir zu Liebe lächelte sie; sie wußte, wie unendlich schmerzlich es mir war, ihre guten, treuen Blicke auch nur leise getrübt zu sehen. »Obwohl ich nach besten Kräften jede Furcht als unberechtigt, ja sogar als thöricht hinzustellen suchte, bestand ich doch ernstlich darauf, daß sie hinfort nicht mehr allein größere Ausflüge unternehmen sollte. Sie versprach, sich meinen Wünschen zu fügen, sie versprach es mit dem hingebenden Vertrauen eines folgsamen Kindes, und sie hat auch Wort gehalten – arme kleine Margareth! Sie hat Wort gehalten – nur zu gut Wort gehalten! Ein verzweiflungsvolles, fast höhnisches Lachen erschreckte alle Zuhörer. Der Fallensteller hatte einen Feuerbrand ergriffen und störte wild in der Glut, daß ein dichter Funkenregen sich erhob und mit dem wirbelnden Rauch abwärts zog. Die glimmenden Kohlen und einzelne emporzüngelnde Flämmchen warfen eine rothe Beleuchtung auf das reich durchfurchte Greisenantlitz. Ich blickte scharf auf dasselbe hin; es erschien mir krampfhaft verzerrt; nichts mehr war auf demselben zu entdecken, was an die ernste, beinahe kalte Ruhe erinnert hätte, mit welcher er den letzten Theil seiner Erzählung vorgetragen hatte. Alle Stadien zwischen fünfzehnjähriger Jugend und fünfzigjährigem Alter waren in dem lauschenden Kreise vertreten. Tiefe Theilnahme leuchtete aus allen Augen; aufrichtige Ehrerbietung, nicht allein bestimmt durch weißes Haar, war auf allen Zügen ausgeprägt. O, wie verschiedenartig, wenn auch durch dieselben Ursachen bedingt, mochten die Gefühle sein, welche in dem bunten Kreise Platz ergriffen hatten und die Gedanken gleichsam lenkten! V. Nach einer längeren Pause richtete der Fallensteller sich wieder empor. Seine Augen waren geröthet, als sei ein hervortretender Thränenstrom in denselben versengt und festgetrocknet gewesen; sein Antlitz aber war bleich, bleich wie der Tod. Indem er seine Blicke im Kreise herumsandte, belebte sich dasselbe indessen wieder; ein Lächeln, welches man hätte dankbar nennen mögen, dankbar für die ihm gezollte Aufmerksamkeit und freundliche Rücksicht, kam zum Durchbruch. Wie zweifelnd wiegte er sein ehrwürdiges Haupt und dann bemerkte er mit leiser, jedoch schnell an Umfang und Ausdruck gewinnender Stimme: »Sechsundvierzig Jahre! Die kleine Margareth ist längst in Staub zerfallen, und dennoch vermag ihr Andenken selbst bei Menschen, die sie nie kannten, Trauer zu erwecken! Wer hätte das gedacht! Aber es thut meinem alten Herzen wohl, dies zu erfahren. Wie lange bin ich der Einzige gewesen, der ihrer noch in Liebe gedachte; denn von Denen, die einst in die guten, treuen Augen schauten, bin ich allein übrig geblieben. Auch meine Zeit ist bald abgelaufen, und da ist es mir denn ein rechter Trost, mir sagen zu können, daß auch dann noch bei dem Einen oder Andern ihr Andenken fortleben wird; o, ich täusche mich darin nicht, und wenn je ein menschliches Wesen verdiente, daß man sich seiner freundlich erinnert, so ist es die kleine, liebe Margareth. – »Genau drei Wochen waren seit jenem Abende verstrichen. Der geheimnisvolle Besuch und der Eulenruf waren beinahe vergessen, indem sich nichts ereignete, was vielleicht an die bezeichneten Vorgänge mahnte und als in Beziehung zu denselben stehend hätte betrachtet werden können. Ein Gefühl der Sicherheit hatte sich in Folge dessen wieder dem ununterbrochenen Freudenrausch zugesellt, in welchem meine Seele schwelgte. Und dennoch wurden nie die Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen, welche ich mit Margareth verabredet hatte. Wenn häusliche Beschäftigungen, denen sie mit rührendem Eifer oblag, sie nicht gerade fesselten, und sie unternahm auf ihrem grauen Mustang Ausflüge in die weitere Umgebung der Farm, dann sah man sie nie allein; entweder der alte Haller selbst, oder einer von seinen Söhnen befanden sich in ihrer Begleitung – denn auch sie waren ja ängstlich besorgt um das liebe Kind – doch geschah dies nur selten, indem sie in den meisten Fällen auf meine Ankunft harrte. Wir durchstreiften dann den Wald und die Grasfluren nach allen Richtungen, uns lebhaft mit der Zukunft beschäftigend und die lieblichsten Stätten aufsuchend, um dieselben schließlich, zum Zweck der Gründung unseres häuslichen Heerdes, auf die engere Wahl zu bringen. »Leidenschaftlicher Jäger, wie ich war, beobachtete ich während des Reitens, oft nur aus alter Gewohnheit, den Boden, über welchen wir uns hinbewegten; ich entsinne mich indessen nicht, jemals andere Spuren entdeckt zu haben, als die des Wildes oder unserer umherstreifenden Rinder. Es war also Alles dazu angethan, jeden Argwohn einzuschläfern und endlich ganz zu ersticken. Ging es doch so weit, daß wir einst, als wir in der Richtung, in welcher meines Vaters Hütte lag, eine schwere Rauchsäule aufsteigen sahen, nur an ein zufällig entstandenes Feuer und an nichts weniger, als daran dachten, daß dasselbe durch böswillige Hände angelegt sein könne. »Es war kurz vor Abend, als wir die Rauchsäule entdeckten. In Margareths Gesellschaft von einem Spazierritt heimkehrend, befanden wir uns nicht weit von Hallers Farm auf einer größeren Lichtung, von welcher aus wir die schwarzen Dampfwolken genauer beobachten konnten, die bei dem schwachen Winde fast steil zu den Wolken emporwirbelten. Ein Waldbrand konnte es nicht sein, das erkannte ich auf den ersten Blick, die Rauchsäule war zu schmal und bewegte sich nicht von der Stelle; aber mein älterliches Haus und die zu demselben gehörigen Schuppen und Strohfutteranhäufungen lagen in derselben Richtung, und mich ergriff die Furcht, daß, durch Unvorsichtigkeit hervorgerufen, ein schweres Unglück mich und die Meinigen heimgesucht habe. »Mehrere Minuten verharrte ich sprachlos vor Entsetzen; es war mir nie in den Sinn gekommen, daß ein derartiges Mißgeschick über uns hereinbrechen könne. Dann aber wendete ich mich mit erzwungener Ruhe Margareth zu. »Margareth, sagte ich, dem lieben Mädchen die Hand reichend, ist es mein älterliches Haus, welches dort den Rauch emporsendet, so werden wir sehr dadurch zurückgebracht werden. Ich muß hin und retten helfen; bedenke, jedes Stück, welches uns durch die Flammen entrissen wird, kann nur schwer und sehr langsam wieder ersetzt werden. Reite du daher schnell heim, vielleicht daß der Eine oder der Andere von Hallers Leuten sich dazu berufen fühlt, zu unserm Beistande herbeizueilen. »Margareth war bei der traurigen Entdeckung nicht weniger entsetzt, als ich selbst. Betrachtete sie sich doch bereits als ein Mitglied der Familie meines Vaters. Ihre erste Regung war, mich zu begleiten; nur durch dringendes Zureden vermochte ich sie dazu, sich nach Hallers Farm zu begeben, die in geringer Entfernung sichtbar vor uns lag. »Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte mich begleitet; doch wer kann es wissen? Wo das Schicksal sich gegen das Lebensglück der Sterblichen verschworen hat, da weiß es sie auch zu finden, und vergeblich suchen diese ihm auszuweichen. »Wir trennten uns. Margareth flog auf ihrem grauen Renner der nahen Farm zu, während ich mein Pferd in wilder Hast, immer in geradester Richtung, auf die schwarze Rauchsäule zutrieb. Ich flog dahin, wie auf den Schwingen einer Waldtaube; und dennoch, wie lang, wie endlos erschien mir der Weg, den ich vor wenigen Stunden erst so heiter, so zufriedenen Herzens zurückgelegt hatte! O, es ist schmerzlich, Das in Asche zerfallen zu sehen, woran man so viele Jahre hindurch arbeitete und sparte! So dachte ich während meines wilden Rittes im Sinne meiner armen Eltern; und dennoch, was sind selbst schwer ersetzliche irdische Güter gegen das Leben eines einzigen Menschen? »Kaum drei Viertelstunde mochte verflossen sein, als ich vor dem Hofe meiner älterlichen Hütte von dem schäumenden Pferde sprang. Der Abend war bereits hereingebrochen, aber weithin erhellten die brennenden Trümmer von Stall und Haus die Umgebung. Nur ein Schuppen, in welchen wir den Hauptfuttervorrath zur Ueberwinterung unseres Viehstandes untergebracht hatten, stand noch. Wurde dieser ein Raub der Flammen, dann stand uns ein trauriger Winter bevor, indem wir gezwungen gewesen wären, uns eines großen Theils unseres Viehs zu entäußern. »Schon aus der Ferne erkannte ich meinen Vater und meine Brüder, sogar meine alte Mutter, wie Alle ihre Kräfte vereinigten, wenigstens diesen letzten Rest unseres schwer erworbenen Eigenthums zu retten. Mit Eimern und sonstigen Gefäßen eilten sie zwischen dem nahen Bache und der Brandstätte hin und her, um die dampfenden Holzwände des seit mindestens zwölf Jahren ausgedörrten Schuppens immer wieder zu befeuchten und dem schließlichen Aufflammen desselben vorzubeugen. O, es war eine entsetzliche Scene, die rauchenden Trümmer, der rothe Schein und dazu die verzweiflungsvollen Gesichter meiner Eltern und Brüder! Und unsere Rinder und Pferde waren herbei geeilt und starrten brüllend und schnaubend in die Flammen, als hätten sie mit uns über den jähen Untergang unseres Wohlstandes trauern und, um unser Unglück zu vervollständigen, sich blindlings in die Gluth stürzen wollen. Und dann meine Mutter, die gute, alte, zärtliche Frau, wie sie über ihre Kräfte arbeitete und aus ihren treuen Augen eine so wilde Verzweiflung sprach, eine zu wilde Verzweiflung, als daß sie vermocht hätte, durch lautes Jammern ihrem sich zusammenschnürenden Herzen Luft und Bewegung zu verschaffen! Gute alte Frau, Dein Bild, wie Du mir damals erschienst, hat mir ebenfalls in meinen nächtlichen Träumen vielfach vorgeschwebt, es schwebte mir ebenfalls vor, als ich« – – – Hier stockte der greise Erzähler wieder; ein heftiges Beben durchlief ihn; doch diese Anwandlung von Schwäche gewaltsam niederkämpfend, fuhr er mit leiser, gedämpfter Stimme fort, als ob er in ein Selbstgespräch vertieft gewesen wäre: »Die Rache ist süß, aber nicht edel; mag es darum sein. Meinen Eid mußte ich halten; über die Verräther ist ihr eigenes Blut gekommen. »Als ich auf der Brandstätte eintraf, erfüllte mich nur der eine Gedanke: zu helfen und zu retten, und schon, in der nächsten Minute hatte ich einen Eimer ergriffen, mich mit Aufbietung aller meiner Kräfte an der Arbeit des Löschens betheiligend. Schwerlich würde es uns indessen geglückt sein, den Schuppen unversehrt zu erhalten, wäre das Blockhaus nicht bereits zu einem glühenden und dampfenden Scheiterhaufen niedergebrannt gewesen, und wäre der Abendwind, der uns am meisten bedrohte, nicht allmählich eingeschlummert. Die Aussicht auf Erfolg aber stählte unsere Kräfte, und als eine halbe Stunde später Haller mit seinen Söhnen eintraf, da bedurfte es keiner großen Anstrengungen mehr, das Feuer vollständig zu bewältigen. »'s ist seltsam, wir hatten, ausgenommen unseren Viehstand, fast unsere ganze bewegliche Habe verloren, und dennoch hätten wir laut aufjubeln mögen, wenigstens noch so viel vor dem Verderben bewahrt zu haben. Doch so ist der Mensch in seiner Kurzsichtigkeit; er hadert mit der Vorsehung und jubelt zugleich, unbekümmert darum, daß in demselben Augenblick, nur auf einer andern Stelle, vielleicht der Wetterstrahl mit vernichtender Gewalt auf ihn niederfährt. »Obwohl wir die Gefahr von dem Schuppen abgewendet hatten, gönnten wir uns während der ganzen Nacht weder Rast noch Ruhe. Jeder von der Hitze emporgewirbelte Funke konnte den Brand aufs Neue entzünden; außerdem waren wir genöthigt, unsere Aufmerksamkeit den Thieren zuzuwenden, die, von panischem Schrecken ergriffen, die Brandstätte wild umtobten. Erst gegen Morgen, als schwerer Thau sich auf die verkohlenden Balken senkte und nur noch selten einzelne Flämmchen über dem schwarzen Schutt tanzten, kamen wir so weit zur Besinnung, daß wir über die Entstehungsart des Brandes unsere Vermuthungen aussprachen. »Das Unglück war zwar geschehen und es änderte nichts an der Sache, ob wir die Ursache des Feuers kannten oder nicht, allein man sucht sich doch gern zu überzeugen, daß tadelnswerthe Fahrlässigkeit nicht der Grund des erlittenen Schadens gewesen ist. Nach manchem Hin- und Herreden stellte sich heraus, daß Niemand einen Vorwurf verdiente. Niemand hatte sich mit Feuer außerhalb des Hauses befunden, und aus dem Schornstein konnten keine Funken gezündet haben, indem dieselben sonst eine Strecke gegen den Wind hätten stiegen müssen. Der Brand war nämlich auf der Windseite des Hauses in einer großen Anhäufung trockenen Maisstrohs entstanden, die leider so nahe den Blockwänden lag, daß diese binnen kurzer Frist davon ergriffen werden mußten. Meine Eltern und Brüder aber befanden sich um diese Zeit innerhalb des Hauses bei ihrer Abendmahlzeit; es genügte daher der Zeitraum von etwa einer Viertelstunde, den Brand entstehen und zu einem solchen Umfang anwachsen zu lassen, daß sie, als sie nach der ersten Entdeckung ins Freie hinausstürzten, sogleich die Unmöglichkeit einsahen, das Haus nebst den meisten in demselben befindlichen Gegenständen zu retten. – »Als es heller geworden war, begaben wir uns gemeinschaftlich nach der Stelle hin, auf welcher das Feuer ausgebrochen sein mußte. Eine bestimmte Absicht leitete uns dabei nicht; wie hätten wir auch in dem Aschenhaufen, zu welchem das Maisstroh zusammengesunken war, noch irgend einen Aufschluß über die Entstehungsart des Feuers zu finden erwarten können? Und dennoch, als wir auf die zugängliche Seite des Aschenhaufens herumtraten, entdeckten wir Etwas, das uns mit einem unheimlichen Gefühl des Grauens erfüllte. Ein Bündelchen dürren Grases lag hart am Rande des Aschenhaufens; dasselbe war halb verkohlt und versengt; nur der Riemen, der fest um dasselbe geschnürt gewesen, hatte bewirkt, daß der dem Winde zugekehrte Theil unversehrt geblieben war. Es waltete also kein Zweifel mehr: Böswillige Hände hatten das Feuer angelegt. Stumm vor Schreck und Erstaunen betrachteten wir diesen Beweis der uns von unbekannter Seite her nachgetragenen feindlichen Gefühle; hatten wir doch nie mit Jemandem in Unfrieden gelebt, daß wir uns eine derartige Handlung zu erklären vermocht hätten. »Traurigen Herzens setzten wir unsere Forschungen fort, und wären wir noch von Zweifel befangen gewesen, so hätten sie bis auf den letzten schwinden müssen, als wir gleich darauf die Knieabdrücke eines Mannes entdeckten, der behutsam bis zu dem Maisstroh herangekrochen war und dann, nach Ausführung seiner schmachvollen That, sich in derselben Weise rückwärts entfernt hatte. Erfüllt von den bösesten Ahnungen folgten wir der kaum bemerkbaren und durch das beunruhigte Vieh vielfach vernichteten Fährte bis an das nächste Gesträuch, hinter welchem der freche Räuber aufgesprungen und davongeeilt war. Die Spuren der Kniee hatten uns keinen sicheren Anhaltepunkt geboten; dagegen erwarteten wir von den Fußspuren nähere Aufklärungen, und zwischen uns Allen bestand das stillschweigende Uebereinkommen, dem Frevler nachzusetzen und ihn für seinen hinterlistigen Angriff zur Rechenschaft zu ziehen. »Als wir das Gesträuch erreichten, fiel uns auf, daß der heimliche Feind mit sehr wenig Vorsicht zu Werke gegangen war und, offenbar zufrieden damit, nicht auf der That entdeckt worden zu sein, sich nicht weiter um die von ihm hinterlassenen Merkmale gekümmert hatte. Er wähnte sich also entweder außerhalb des Bereiches unserer Verfolgung, oder er fühlte sich auch stark genug, uns Trotz bieten zu können. Er war nämlich mit beiden Füßen zugleich aufgesprungen, wodurch sich dieselben tief in das lockere Erdreich eindrückten, und dann in langen Sätzen entflohen. Die Abdrücke zeigten die glatten Sohlen indianischer Mokassins; an Indianer dachten wir indessen auch jetzt noch immer nicht, weil die Weißen in unserer Gegend, wegen der Entfernung der Städte, mehr aber noch aus Sparsamkeit, derartige Fußbekleidungen trugen. Als wir aber nach einigen Schritten einen Pfeil neben der Fährte liegen sagen, der dem Fliehenden bei seinen heftigen Bewegungen wahrscheinlich aus dem Köcher geglitten war, da begriffen wir, daß wir es mit den Eingeborenen, den verschlagensten aller Feinde, zu thun hatten. »Seit einer langen Reihe von Jahren in friedlichem Verkehr mit den Indianern lebend, wirkte die erste Entdeckung von dem Ausbruche von Feindseligkeiten förmlich betäubend auf uns; erst als der alte Haller den Pfeil aufmerksam prüfte und dabei äußerte, daß derselbe nicht die Stammeszeichen, der unsere Gegend durchstreifenden Eingebornen trage, stellte sich die ruhige Ueberlegung wieder ein. »Von welchem Stamme kann der Pfeil denn herrühren? fragte ich hastig. »Nun, antwortete Haller, wenn ich die Kiowas und Comanches nicht Hunderte von Meilen entfernt wüßte, würde ich behaupten, daß kein Anderer, als ein Krieger einer dieser Nationen den Doppelhaken in diese Spitze wetzte, die gewundene Blutrinne in den Schaft schnitzte, die Federn des texanischen Mäusehabichts so sauber mittels der feinen, grün gefärbten Sehnen mit dem Holze verband, und endlich die obere Hälfte des Geschosses in eine durch Klapperschlangengift in Gährung versetzte Wildleber tauchte. »Bei dieser Erklärung, von welcher die Uebrigen weniger berührt wurden, stand ich eine Weile wie erstarrt da. Als ob plötzlich die Gabe des Hellsehens über mich gekommen wäre, erhielt Alles, was ich theils von Margareth erfahren, theils in ihrer Gesellschaft erlebt hatte, eine ganz neue und bisher ungeahnte Bedeutung für mich. Als ich dann endlich die Sprache wiederfand, da rief ich unter dem Eindruck solcher Gefühle verzweiflungsvoll aus: »Wer ist zum Schutze Margaretes auf der Farm zurückgeblieben!« »Zum Schutze? fragte Haller zurück, doch verrieth der Ton seiner Stimme, daß auch er nicht ganz frei von Besorgniß sei. »Zum Schutze? wiederholte er noch einmal. Was sollte uns in unserer sicheren Gegend wohl dazu bewegen, den Frauen noch einen besonderen Schutz beizugeben? »Und Ihr errathet's nicht? gab ich zur Antwort, und ich fürchte, mit mehr, als gerechtfertigter Härte; Ihr errathet noch immer nicht, auf wessen Veranlassung Feuer an meiner armen Eltern Haus gelegt wurde? Errathet nicht, wer vor einigen Wochen, durch den Eulenruf von der Sicherheit der Umgebung oder vielmehr von meiner Abwesenheit in Kenntniß gesetzt, dort in das niedergebrannte Haus zu meinen Eltern eindrang, um sie über alle, Margareth betreffende Verhältnisse hinterlistig auszuforschen? Errathet nicht, wer es war, der Euch durch den Feuerschein hierher lockte und Euch bewegte, die Frauen schutzlos zurückzulassen? Wohlan denn, so will ich es Euch sagen und erklären: Tomaso Urbano ist es gewesen, Tomaso Urbano, der schon einmal durch seine indianischen Raubgenossen Margareth entführen ließ! Tomaso Urbano, der, eingedenk seiner wilden Leidenschaft für das verwaiste Kind, mit eben denselben Raubgenossen gekommen ist, um uns den guten Engel unserer Familien zu entreißen und auf verbrecherische Art zu opfern! »Wäre der Himmel unter den Posaunenstößen des jüngsten Gerichts über uns niedergebrochen, so hätte die Wirkung keine erschütterndere sein können, als diejenige, welche meine Worte hervorriefen. Doch von Todesangst ergriffen, nahm ich mir nicht Zeit, diese Wirkung zu beobachten. Unbekümmert um die rauchenden Trümmer meiner Heimat, unbekümmert um das, was den Zurückbleibenden vielleicht bevorstand, stürzte ich dahin, wo unsere Pferde jetzt wieder ruhig weideten, und einige Minuten später jagte ich in toller Hast durch den Wald Hallers Farm zu. »Unsere Hausthiere betrachtete ich sonst immer gewissermaßen als treue Arbeitsgenossen, und um keinen Preis hätte ich denselben Qual oder Schmerzen bereitet. An diesem Tage aber galt mir das Leben meines Lieblingspferdes nichts. Obwohl es mich mit aller Eile, deren es fähig, dahintrug, war ich doch nicht zufrieden; eine Gerte, die ich im Vorbeireiten von einem Baume gerissen, schwang ich unbarmherzig auf die dampfenden Seiten des armen Thiers, und hätte ich sein, ja mein eigenes Leben dafür hingeben können, plötzlich nach Hallers Farm versetzt zu werden, mit Freuden würde ich Beides geopfert haben. »Ja, so fest war die Ueberzeugung in mir gewurzelt, daß das furchtbarste aller Mißgeschicke über mich und Margareth hereingebrochen sei. »Und meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht, mein Herz mich nicht betrogen. Der Beweis wurde mir, noch bevor ich die Farm erreichte, denn anstatt daß auf den schnellen Galopp meines Pferdes Hallers Hunde mich heulend angemeldet hätten, Margareth und ihre Hausgenossinnen in der Thür erschienen und mir entgegengeeilt wären, lag die Farm in dumpfer, unheimlicher Stille da. Nichts rührte sich auf dem Hofe; nur die Hühner scharrten in altgewohnter Weise, während auf der Außenseite der Einfriedigung die Milchkühe sich ungeduldig herandrängten und von der sie quälenden Ueberladung befreit zu werden wünschten. Bei diesen entsetzlichen Anzeichen war mir, als hätte ich vom Pferde sinken müssen. Meine Gedanken verwirrten sich, ich öffnete den Mund, um Margareth zu rufen, allein nur die erste Silbe ihres Namens brachte ich heraus, denn der Ton meiner eigenen Stimme machte mich bis ins Mark hinein erbeben. Was werde ich sehen, was werde ich erleben! stöhnte ich in mich hinein, und dann erst fand ich meine Fassung einigermaßen wieder. Blitzschnell sprang ich vom Pferde; ich nahm mir nicht Zeit die Hofpforte zu öffnen, sondern die linke Hand auf die Einfriedigung legend, schwang ich mich über dieselbe fort. Indem meine Füße aber den Erdboden berührten, glitt ich aus, und als ich das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, entdeckte ich, daß eine Blutlache die Ursache meines Strauchelns gewesen. Um meine Augen legte es sich, wie ein schwarzer Schleier, doch meine Willenskraft war jetzt stärker, als alle anderen Regungen; mit jeder, neues Unglück verheißenden Entdeckung fühlte ich meinen Muth und meine Ueberlegung wachsen. Ich spähte um mich. Hallers großer Hofhund lag nur zwei Schritte weit von mir; ein Pfeil steckte ihm zwischen den Rippen, das geronnene Blut aber rührte davon her, daß man dem sterbenden Thiere, wahrscheinlich um es stumm zu machen, die Kehle durchgeschnitten hatte. Ich zögerte nun nicht länger; in zwei Sprüngen erreichte ich die Thüre; dieselbe war nur angelehnt und mich leicht vor einem Fußtritt, mit welchem ich sie ins Haus hinein warf; dann aber rief ich Margareths Namen so laut, daß sie, wenn sie sich überhaupt noch lebend auf dem Grundstück befand, es überall hätte hören müssen. Ich wollte vor allen Dingen ihren Zufluchtsort kennen lernen, um ihr zuerst zu Hülfe zu eilen. Nachdem ich gerufen, lauschte ich eine Secunde. Alles ringsum blieb still, nur von dem Verschlage her, der durch eine Bretterwand von dem Hauptgemach der Hütte getrennt wurde, glaubte ich leises, klägliches Aechzen zu vernehmen. Der Verschlag bildete das Schlafgemach der Frauen des Hauses, während die Männer gewohnt waren, auf dem Boden ihren nächtlichen Aufenthalt zu nehmen. Ohne die grenzenlose Unordnung zu beachten, die in dem Hauptgemach herrschte, begab ich mich schleunigst nach dem Verschlage hin, doch mußte ich die Fensterladen aufstoßen, bevor es mir möglich war, denselben in allen seinen Theilen zu übersehen. Und eine erschütternde Scene war es, die sich mir bot, eine Scene, die mir abermals den Verstand zu verwirren, mir die gesunde Vernunft zu rauben drohte. Zwar war es kein Blut, was meinen Augen begegnete, allein ein flüchtiger Blick genügte, mich zu überzeugen, daß meine schwärzesten Befürchtungen eingetroffen, daß Margareth mir entrissen worden war, um einem furchtbaren, einem grausamen Schicksale entgegen zu gehen. In dem Verschlage befanden sich vier einfache Bettstellen, von denen eine der neuen Hausgenossin zum Nachtlager angewiesen worden war. Diese letztere nun, obwohl die Decken verriethen, daß Margareth am vorhergehenden Abend sich noch zur Ruhe begeben hatte, stand leer, während die übrigen von Hallers Gattin und Töchtern eingenommen waren. Margareths Abwesenheit wirkte so niederschmetternd auf mich ein, daß ich nicht gewahrte, in welcher traurigen Verfassung sich die Mutter und ihre beiden Töchter befanden. »Margareth! Wo ist Margareth?« rief ich auf dem Gipfel meines Entsetzens mit einer Stimme aus, die den Aermsten mindestens vorwurfsvoll geklungen haben muß; denn mir war in jenem Augenblicke, als hätte ich das Recht besessen, Margareth von ihnen zurück zu fordern. Als aber wiederum nur klägliches Wimmern als Antwort ertönte und ich in Folge dessen schärfer hinüber spähte, entdeckte ich, daß allen Dreien in grausamster Weise mittels Knebel der Mund geschlossen war und man ebenso ihre Körper an die Bettstellen festgeschnürt hatte. Die Unglücklichen, es war ihnen jegliche Möglichkeit genommen gewesen, sich zu befreien oder auch nur ihre Lage zu erleichtern, und wie zum Hohne hatte man die Decken über sie hingeworfen, damit ein zufällig Eintretender nicht sogleich den ganzen Umfang der unmenschlichen Mißhandlung erkenne. Beim Anblick der unsäglichen Leiden, denen die alte Frau und die beiden Mädchen unterworfen waren, vergaß ich auf Augenblicke meine Angst um Margareth. Mit schnellen Schnitten löste ich die Banden und Knebel, allein was half es? Die Unglücklichen befanden sich in Folge der furchtbar durchlebten Nacht in einem solchen Zustande, daß sie nur in kaum verständlichen Andeutungen über ihre Erlebnisse zu berichten, noch weniger aber sich zu erheben vermochten. Nur so viel erfuhr ich, daß Margareth unverletzt geblieben und von indianischen Kriegern gewaltsam entführt worden sei. »Ich war dem Wahnsinn nahe; hätte ich meiner ersten Eingebung Folge geleistet, dann wäre ich blindlings davongestürzt, um auf den hinterlassenen Spuren den grausamen Räubern nachzueilen und zu spät einzusehen, daß es mir ohne die entsprechenden Mittel nie möglich sein würde, dieselben einzuholen oder ihnen ihre Beute streitig zu machen. Außerdem drangen mir aber auch die Klagen der drei Frauen zu Herzen, die, noch immer hülflos, in Mitleid erregender Weise nach Wasser verlangten. »Die Bitten und das Jammern der armen Opfer brachten mich wieder einigermaßen zur Besinnung, gaben mir jenes Gefühl von Theilnahme zurück, welches Angesichts des eigenen, unersetzlichen Verlustes von mir gewichen war. Und dennoch führte ich alle meine Bewegungen taumelnd aus, als hätte ich mich unter dem Einflusse sinnberauschender Getränke befunden. Ich holte Wasser und sonstige Erfrischungen herbei, welche die kleine Häuslichkeit aufzuweisen hatte, und so verging wohl eine halbe Stunde, als lautes Pferdegetrappel mich nach der Hausthür hinrief, wo meine Lebensgeister durch das Eintreffen meiner Brüder mit Haller und dessen Söhnen wieder einigermaßen angeregt wurden. Das Fehlen meines Vaters begriff ich; er war bei der Mutter und zum Schutze des Restes unserer Habe zurückgeblieben, wogegen die Uebrigen, das Zutreffende meiner Befürchtungen einsehend, sich gleich nach mir auf den Weg begeben hatten. »Die Scene, welche nunmehr folgte, war eine ergreifende. Doch wozu soll ich Alles wiederholen, was an jenem verhängnißvollen Morgen verhandelt und gesprochen wurde? Wozu die Befürchtungen und Hoffnungen, Ermuthigungen und Trostesgründe noch einmal aufzählen, die sich von allen Seiten kreuzten und vielfach gegenseitig widerlegten? Für mich gab es keinen Trost mehr! Und Hallers? Bei allen Verlusten, die auch sie erlitten hatten, erfüllte sie das beglückende Bewußtsein – mochten um Margareth auch heiße Thränen fließen – daß keins ihrer näheren Familienmitglieder fehlte, und Alle, wenn auch krank und erschöpft, dem Leben und den Ihrigen erhalten geblieben waren. O, in jener Stunde, als die Männer sich mit zärtlicher Besorgniß und ängstlicher Liebe um Gattin, Mutter und Schwestern bewegten, empfand ich so recht, wie unendlich, wie namenlos elend ich geworden war! Meine Klagen dagegen waren verstummt; um meine Brust hatte es sich wie Eis gelegt, mein Herz war erstarrt; nur einen Gedanken kannte ich noch, den Gedanken, Margareth zu retten, sie wiederzugewinnen und furchtbare, blutige Rache an Denjenigen zu nehmen, die störend in ihr und in mein Lebensglück eingegriffen hatten, blutige Rache für jedes Haar welches auf ihrem theuren Haupte gekrümmt werden würde. Errieth ich doch den Urheber so vielen Jammers; Tomaso Urbano und seine indianischen Genossen und kein Anderer konnte es gewesen sein; und sie zu finden? Hahaha! Ich würde ihr Versteck errathen haben, und wäre ich über ihre hundert Ellen tief vergrabenen Leichen hingeschritten!« Indem der Fallensteller dies mit fast kreischender Stimme ausrief, wanderten seine seltsam glühenden Blicke im Kreise herum. Seine wettergebräunten Züge hatten sich tiefer geröthet; fester umspannte die rechte Faust den zufällig in seiner Hand befindlichen Feuerbrand, und denselben hoch emporschwingend, zeigte er das Bild eines Mannes, der im Begriff steht, einen sich vor ihm windenden Feind zu vernichten, zu zerschmettern. Athemlos blickten Alle zu dem wild aufgeregten Greise hinüber; Niemand wagte, seinen Ideengang zu unterbrechen oder beruhigende Worte an ihn zu richten. Als ob die vor sechsundvierzig Jahren empfundenen Regungen, in welche er sich so lebhaft hineingedacht hatte und die ihn heute wie damals zu überwältigen drohten, Allen geheiligt gewesen wären, herrschte ringsum achtungsvolles Schweigen. VI. Allmählich ging die Wildheit, die sich in des Greises Zügen ausprägte, in einen weichen Ausdruck über. Seine Hand begann zu zittern, sein Haupt neigte sich schwer auf die Brust, und ein kleines Heer von Funken empor sendend, fiel der glimmende Feuerbrand auf die flackernden und kohlenden Reiser. »Jahre kommen, Jahre gehen«, begann er nach kurzem Sinnen mit einer Stimme, die seinem wehmüthigen Gesichtsausdrucke entsprach, »bergab fließen die Wasser, ihre schmalen Rinnen zu breiten Schluchten erweiternd, und langsam aber sicher bröckelt die Zeit die lehmigen Vorgebirge der Rocky-Mountains nieder. Meine Augen sahen den »Schornstein-Felsen« um fünfzig Fuß höher, als er heute noch ist; die Zeit ändert und verändert Alles, nur auf mich hat sie nicht einzuwirken vermocht. Wer hätte es gedacht? Ich glaubte, das Gefühl des Rachedurstes sei mit der Stillung desselben auf ewig schlafen gegangen, und nun muß ich alter Mann erleben, daß es noch einmal mit derselben Gewalt emporlodert, wie damals bei dem verzweifelnden Jünglinge! Die sechsundvierzig Jahre, wo sind sie geblieben? Sie waren nur ein Tag meines Lebens, aber ein langer, trüber, düster umwölkter Tag. – Doch die Bilder, die ich heraufbeschworen, müssen herunter von meiner Seele. Es giebt mir Erleichterung; nur nachdenken werde ich zuweilen müssen, um jedesmal die richtigen Worte zu treffen, und scharf muß man spähen, um die Fährte eines Comanche von der eines Kiowa zu unterscheiden und das Alter derselben aus der Lage des niedergedrückten Grases und der Größe der an demselben haftenden Thautropfen zu berechnen – aber ich träume wieder«, schaltete der Fallensteller hier schwermüthig lächelnd ein, »mein Geist weilte am Fuße der Rocky-Mountains – ich wollte erzählen und mich meiner Pflicht gegen Euch entledigen.« Dabei hob er halb drohend, halb abwehrend seine magere Hand empor, um Hooker, der ihn unterbrechen wollte, am Sprechen zu hindern, und dann fuhr er fort: »Wenn uns damals irgend Etwas eine gewisse Beruhigung gewähren konnte, so war es der Umstand, daß, wie die sorgfältigsten Nachforschungen ergaben, weitere Gefahren den Ansiedelungen nicht drohten. Nachdem der teuflische Plan geglückt war und man sich Margareths bemächtigt hatte, lag kein Grund mehr vor, eine Gegend länger unsicher zu machen, die man alle Ursache hatte, ängstlich zu meiden. Die streitfähigen jungen Leute unserer Farmen waren daher zu Hause überflüssig geworden, und noch heute erwärmt es mein altes Herz, wenn ich mir vergegenwärtige, mit welchem Eifer sich alle sogleich bereit erklärten, mich in der Verfolgung der hinterlistigen Räuber zu unterstützen, und demnächst schleunigst ihre Vorbereitungen trafen. Scheidend hatten wir noch die Beruhigung, zu sehen, daß die Mißhandlungen, denen die Frauen unterworfen gewesen, von keinen nachhaltigeren traurigen Folgen begleitet waren, denn als wir zwei Stunden später vollständig ausgerüstet und bewaffnet unsere Pferde bestiegen, da bewegten sich alle wieder frei im Hause umher. Wir waren unserer fünf, nämlich meine beiden Brüder, die beiden jungen Hallers und ich, also Leute in der Blüthe ihrer Jugendkraft, die zugleich an Entbehrungen und schwere Arbeit gewöhnt, und ebenso vertraut mit der Führung des Pferdes als der Handhabung der Büchse und der Axt waren. Daß uns eine lange Reise bevorstand, wenn dieselbe überhaupt von Erfolg gekrönt werden sollte, begriff Jeder von uns, wenn wir auch unter dem Eindrucke des ersten Entsetzens unsere quälenden Zweifel und Befürchtungen nicht auszusprechen wagten. Nicht minder stimmten wir darin überein, daß nur unter des jungen Urbano Führung die schmähliche That begangen sein könne und unsere Verfolgung vielleicht erst in Santa-Fé ihr Ende erreiche. Im letzteren Falle aber hatten wir eine Strecke von mindestens neunhundert englischen Meilen in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. Trotzdem wankte ich nicht in meinem Entschluß: weder meinem alten Vater noch meiner zärtlichen Mutter unter die Augen zu treten, bevor ich nicht Margareth gefunden, die Räuber aber für ihre Ruchlosigkeit furchtbar gestraft hatte. Meine Gefährten dachten ähnlich, denn alle liebten und verehrten das verlorene holde Kind, nur daß für mich Margareths Leben mein eigenes Leben bedeutete. Sie hatte die milderen und edleren Regungen aus meiner Brust mit sich fortgenommen, an deren Stelle dann ein unersättlicher Rachedurst, ein unauslöschlicher Haß für ihre Verderber getreten war. Als ob ich im Verlaufe weniger Stunden um zwanzig Jahre gealtert wäre, hatte eine gefährliche Entschlossenheit Besitz von mir ergriffen. Kein Laut der Klage kam mehr über meine Lippen; ich war sogar herrisch gegen meine Freunde und Brüder. Nur beseelt von dem einzigen Gedanken, dem einzigen Willen: wieder mit Margareth vereinigt zu werden, schien mein Fassungsvermögen zu wachsen, schienen meine Sinne an Schärfe zu gewinnen. Unter solchen Verhältnissen konnte es kaum überraschen, daß meine Gefährten, obwohl die meisten mir an Jahren überlegen waren, sich mir unterordneten und mein Wille sie fortan in ihren Bewegungen lenkte. Und so mußte es sein; denn wo durch Nichtübereinstimmung des Handelns die Kräfte sich zersplittern, kann nie ein Unternehmen gelingen, dessen Verlauf, seiner Gefährlichkeit halber, oft von den geringfügigsten, Nebenumständen abhängt. Ohne von meinen Aeltern Abschied genommen zu haben, brachen wir also auf, begleitet von den heißen Segenswünschen und Gebeten der Zurückbleibenden. Die Richtung aufzufinden, welche die Flüchtlinge eingeschlagen hatten, gelang leicht, indem sie beritten waren und sich keine Zeit genommen hatten, ihre Spuren zu verbergen. Nachdem sie bewirkt, daß mindestens zwölf Stunden bis zur Entdeckung ihres Ueberfalls verrinnen mußten, blieb ihnen ja nur die eine Aufgabe: den zwischen sich und ihren Verfolgern bestehenden Zwischenraum nach Möglichkeit zu vergrößern. Vorsichtiges Vermeiden auffälliger Spuren wäre zu zeitraubend für sie gewesen, zeitraubender, als für uns das Auskundschaften derselben; an einer Verfolgung aber konnten sie nicht zweifeln, wenn sie auch nicht ahnten, daß unsere Vorbereitungen so unglaublich schnell von Statten gehen würden. Trotz alledem mußten wir den Vorsprung, den sie gewonnen hatten, auf mindestens sechzehn Stunden rechnen, was, bei der schnellen Gangart ihrer Pferde, fünf Meilen auf die Stunde gerechnet, eine Strecke von mindestens fünfzig Meilen betrug. Daß aber ihre Thiere dauerhaft, flink und bei frischen Kräften waren, das lasen wir aus deren Hufschlag, und schwerlich dürften sich auf der Welt Reiter finden, die ihre Pferde gewandter und sicherer zu führen verstehen, als die Comanches und Mexicaner. Pah! gebt einem Comanche ein Pferd, welches Ihr bis zur vollständigen Erschöpfung abgetrieben habt, und er wird es mit Leichtigkeit noch drei Meilen weiter bringen; dann aber setzt einen Mexicaner hinauf, und Ihr erlebt das Wunder, daß er es noch drei Meilen weiter reitet! Es ist dies ein altes Sprichwort, allein es enthält viel Wahres, und gewiß diente es nicht zu unserer Ermuthigung, gerade Comanches und Mexikaner vor uns zu wissen. Unsere Feinde in Gewaltmärschen einholen zu wollen, wäre ein thörichtes Beginnen gewesen; wir kamen daher überein, haushälterisch mit den Kräften unserer Thiere zu verfahren und vorläufig nur darnach zu trachten, den uns von den Räubern trennenden Zwischenraum nicht noch mehr anwachsen zu lassen. Wir bauten darauf, daß die Zeit kommen müsse, in der sie, sich vor weiterer Verfolgung sicher wähnend, die Eile ihrer Flucht mäßigen würden, und das war die Zeit, die Kräfte unserer Pferde bis auf's Aeußerste anzuspannen. Doch wo lag diese Zeit, wo lag die Scholle, auf der das Zusammentreffen stattfinden sollte? Vielleicht Hunderte und Hunderte von Meilen weit. Aber gleichviel, ob nahe oder in weiter Ferne, stattfinden mußte es, und wären wir gezwungen gewesen, den ganzen Continent nach ihnen abzusuchen. Kaum eine halbe Tagereise weit waren wir geritten, da kannten wir die Stärke unserer Feinde. Es waren ihrer zwölf; außerdem führten sie zwei Packthiere bei sich, die mit den Köpfen an die Schweife zweier Reitpferde befestigt waren und von zwei in ihren Spuren folgenden Reitern nachgetrieben wurden. Margareth war auf ein starkes mexikanisches Pferd gesetzt worden, welches beständig neben einem beschlagenen Pferde einherschritt und offenbar von dem Reiter des letzteren am Zügel geführt wurde. Margareths grauer Mustang dagegen wurde von einem Indianer geritten, der sich die größte Mühe gab, seinen Spuren einen Ausdruck zu geben, als ob Margareth selbst im Sattel gesessen habe und, anfangs mit Widerstreben, dann aber endlich freiwillig und guter Dinge sich ihren Entführern angeschlossen habe. Die Elenden! Wäre es ihnen wirklich gelungen, meine Augen zu täuschen, mein Herz zu täuschen wäre nicht möglich gewesen, und hätten Himmel und Hölle sich mit ihnen gegen mich vereinigt! Westlich, immer westlich standen die Fährten, auf die unsere Aufmerksamkeit unausgesetzt gerichtet blieb; westlich auf spärlich gebahnten Wegen, westlich durch Wald und Flur, westlich durch Bäche und Flüsse, und ihnen nach folgten mit finsterer Entschlossenheit fünf junge Männer, brütend über ihre Rache, aber Augen und Ohren geöffnet und lesend in jedem geknickten Grashalm, in jedem Zweige, der im Vorbeiziehen von den Pferden mit scharfem Zahn abgebissen oder vom Anstreifen des Sattelzeugs entblättert worden war. Vielfach theilten sich zwar die Spuren, als hätten die Flüchtlinge sich nach verschiedenen Richtungen hin getrennt und einzeln ihre Flucht fortgesetzt, doch nur das erste Mal wurden wir dadurch zu einer kurzen Zögerung veranlaßt. Wir erriethen, daß man uns hatte täuschen und aufhalten wollen; bei den erneuten Verzweigungen der Fährten gaben wir uns daher nicht mehr die Mühe, dieselben zu zählen. Wir folgten derjenigen Fährte nach, die in geradester Richtung zu stehen schien, und stets hatten wir die Genugthuung, oftmals erst nach Zurücklegung von Meilen, daß dieselbe sich wieder mit den andern vereinigte, was namentlich da geschah, wo man fließende Gewässer überschritten hatte. So zogen mir dahin Tag für Tag. Der erste Morgenschimmer, der uns gestattete, die vor uns liegenden Spuren zu unterscheiden, traf uns im Sattel, und erst, wenn die Sonne im Westen hinabgesunken war und die Dämmerung sich verdichtete, stellten wir die Verfolgung ein. Nur kurze Zeit rasteten wir im Laufe des Tages um die Kräfte der Pferde zu schonen und je nachdem wir auf Wasser stießen; wir selbst dagegen? Pah! Wer von uns hätte die Ermüdung empfunden oder wäre nicht bereit gewesen, bis zum letzten Athemzuge im Sattel zu verharren? Der Anfang unserer Reise war nur wenig ermuthigend. Erst am Mittage des folgenden Tages erreichten wir die Stelle, auf welcher die Räuber zum ersten Mal gerastet hatten, und leicht berechneten wir, daß der Vorsprung, den sie vor uns hatten, noch um fünf oder sechs Meilen vergrößert worden war. Sie genossen eben den Vortheil, die Nächte mit zu Hülfe nehmen zu können, während wir nur auf die Tageszeit angewiesen waren, ein um so größerer Unterschied, als die Tage sehr heiß waren und sich mehr, als die Nächte, zur Rast eigneten. So gelangten wir an den Mississippi, ohne daß wir den Räubern auch nur um eine Meile naher gerückt wären. Zwar fanden wir immer noch glühende Kohlen auf ihren verlassenen Feuerstellen, allein was wollte das sagen? Zwölf bis vierzehn Stunden waren jedes Mal verstrichen, seit sie scheidend die Aschenhaufen auseinander gerissen hatten, und sechs bis sieben Stunden mußten wir unabweislich unsern Thieren Ruhe gönnen, bevor wir unsere Arbeit wieder aufnehmen durften. Erst am Missouri gewannen wir etwa fünf Stunden gegen sie, was darauf zurückzuführen, daß ihnen das Ueberschreiten des Stromes größere Mühe verursachte, als uns, die wir ohne Gepäck denselben mit geringem Zeitverlust kreuzten. »Bis dahin hatten wir vergeblich nach Merkmalen geforscht, die Margareth vielleicht für uns zurückgelassen hätte. Wir wunderten uns darüber nicht, da es keinem Zweifel unterlag, daß das arme Kind auf's Schärfste bewacht wurde und jedes von ihr herrührende Erkennungszeichen von ihren Peinigern wieder sorgfältig vernichtet worden war. »Beim Überschreiten des Missouri hatte sie indessen dennoch Gelegenheit gefunden, ihre Wächter zu täuschen. Auf dem Treibholzfloß, welches man augenscheinlich zum Uebersetzen ihrer Person über den Strom flüchtig zusammengefügt, und welches wieder zu zerstören oder in die Strömung zurückzuschieben man der Zeitersparnis wegen unterlassen hatte, entdeckte ich einen schmalen Streifen ihres Kleides, welchen sie, nur wenig auffällig, um einen halb ins Wasser hineinragenden Zweig geschlungen und festgeknüpft hatte. »Die gute kleine Margareth! Sie wußte, daß ich ihr bis ans Ende der Welt nachfolgen würde; ebenso wußte sie, daß sie mir eine unendliche Freude durch dieses einfache Zeichen bereitete. Anders dachten ihre Peiniger. Da sie so lange unbelästigt geblieben waren, wähnten sie unstreitig, daß wir umgekehrt seien, denn deutlich erkannten wir, daß nach Überschreitung des Missouri, offenbar um ihre Pferde zu schonen, sie eine bedeutend gemäßigtere Gangart gewählt hatten. Dagegen beobachteten sie die Vorsicht, bei ihrem jedesmaligen Aufbruche eine Schildwache auf der verlassenen Lagerstelle oder auf einem in der Nähe befindlichen höheren Punkte aufzustellen, die sich ihnen erst nach Ablauf mehrerer Stunden wieder anschloß. Letzteres diente dazu, auch unsere Vorsicht zu verdoppeln; denn gelang es dem feindlichen Späher, einen Blick auf uns zu erhaschen, so waren wir verrathen, und sie auf ihren besseren Pferden auf der unabsehbaren Ebene einzuholen wäre zur Unmöglichkeit für uns geworden. So weit unsere Blicke auf der endlosen Prairie reichten, reichten auch die unserer Feinde, nur genossen wir den Vortheil, nicht mehr streng an die uns leitenden Spuren gebunden zu sein. Wir kannten die von ihnen innegehaltene Richtung, und da genügte es, ihre Fährten nur gelegentlich zu berühren; im Uebrigen durften wir den unseren Zwecken entsprechenden Wasserläufen nachfolgen, deren zum größten Theil bewaldete, freilich nur schmale Thalsenkungen uns den besten Schutz gegen Späheraugen boten. Etwas nördlich von der jetzigen Stadt Independence, jedoch noch südlich von der Mündung des Kansas war unser Uebergang über den Missouri erfolgt, der durch eine mitten im Strome liegende breite Sandbank erheblich erleichtert worden war, und in Gewaltmärschen näherten wir uns dem Neoscho, wo nur immer thunlich, seine Nebenflüßchen als Wege benutzend. Fünf Tagereisen brachten uns bis auf ungefähr zwölf Meilen von dieser Stelle hier und ebenso nahe an unsere Feinde heran. Der zwischen uns bestehende Zwischenraum konnte indessen noch besonders dadurch als abgekürzt betrachtet werden, daß sie später, als wir, ihr Lager bezogen hatten. Wurden wir nicht entdeckt, so mußte der Zusammenstoß in nächster Zeit erfolgen, und um den ersten Angriff mit ungeschwächten Kräften zu unternehmen, beschlossen wir, uns mit dem Aufbruch nicht zu übereilen. Wenn Ihr dies Thal verlaßt und jene Höhe ersteigt, werdet Ihr gegen Osten einen bläulichen, kaum erkennbaren Waldstreifen bemerken«, schaltete der Fallensteller ein, der, so lange seine Schilderungen nur seinen Ritt betrafen, immer ruhiger geworden war. »Der Waldstreifen bezeichnet den Lauf eines Baches, der weiter unterhalb in den Neoscho mündet. An diesem Bache hatten wir übernachtet, während unsere Feinde kaum fünfhundert Schritte von hier ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie konnten daselbst erst nach Mitternacht eingetroffen sein, denn die Spuren ihrer Pferde, die wir auf der Uebergangsstelle des Baches prüften, waren da, wo Wind und Sonne sie nicht berührten, noch nicht vollständig ausgetrocknet. Wir befanden uns daher schon längst im Sattel, als jene vielleicht noch, wenn auch nur der armen Margareth und der Pferde wegen, vor dem Feuer lagen und gedörrtes Büffelfleisch nothdürftig rösteten und mit Nierenfett und Beinmark beträufelten. Nach kurzem Ueberlegen beschlossen wir, das Thal des Baches nicht zu verlassen und demselben bis dahin nachzufolgen, wo es sich mit dem Neoscho vereinigt. Machten wir dadurch einen Umweg von ungefähr fünf Meilen, so lag dafür die Möglichkeit nahe, daß wir die Räuber, im Falle sie die heißen Stunden im Lager verbrachten, noch daselbst überraschten, oder, einem von der andern Seite dem Neoscho zufließenden Bache aufwärts folgend, vor sie gelangten, oder endlich auch fast gleichzeitig mit ihnen des Nachts auf der neuen Lagerstätte eintrafen und die erste Verwirrung zu unsern Gunsten benutzten. »Auf Alles gefaßt und unsere Waffen zum augenblicklichen Gebrauch bereit, bewegten wir uns auf dem hindernißreichen Wege einher. Kein Wort wurde zwischen uns gewechselt, eine finstere Entschlossenheit hatte sich Aller bemächtigt; Jeder begriff den Ernst der Lage, in der wir uns befanden, ebenso aber auch, daß von unserer Umsicht allein die Rettung der armen Margareth abhänge. »Zwei Stunden waren wir ohne Unterbrechung dahingeritten. Die Sonne strahlte lieblich vom Himmel nieder, den Thau hatte sie bereits von der Prairie fortgetrunken, während in der schattigen Niederung, in der wir uns hielten, feuchtes Kraut und Ranken die Seiten unserer Pferde streiften und sie noch lange erfrischten. Ob die Vögel an jenem Morgen sangen? Wer kann's wissen? Wir hatten nur Augen und Ohren für jedes Geräusch, welches wir in Beziehung zu unseren Feinden zu bringen vermocht hätten; alles Andere war für uns todt, todt, wie jede Spur von Mitleid oder Erbarmen in meiner von den furchtbarsten Qualen gefolterten Brust. »Bevor wir den Neoscho berührten, stießen wir auf einen Bach, der sich von Norden her der von uns verfolgten Thalsenkung zugesellte. Es ist der letzte Wasserlauf, welchen die Straße vom Missouri her vor dem Neoscho durchschneidet und der mit dem Neoscho einen spitzen Winkel hochgelegener Prairie begrenzt. »Wir wollten eben an der Mündung dieses Baches vorüberreiten, als aus dem schmalen Thale desselben zwei flüchtige Hirsche vor uns einbogen und mit langen Sprüngen dem Neoscho zueilten. Wir Alle waren als Jäger geübt genug, auf den ersten Blick zu erkennen, daß weder ein Luchs noch ein Bär oder Wolf sie aufgescheucht hatte, sie würden sonst den Waldstreifen verlassen und ihr Heil auf der freien Prairie gesucht haben. Also nur ein Mensch, gleichviel ob absichtlich oder unabsichtlich, hatte sie in Schrecken gesetzt, für uns der triftigste Grund, auf der Hut zu sein und keinen Schritt mehr vorwärts zu thun, bevor der vor uns liegende Boden abgespäht war. »Wenige Winke und Worte genügten, ein Einverständniß zwischen uns zu erzielen. Wir stiegen ab, und während meine Brüder und Freunde mit den Thieren zurückgingen, um sie an geeigneter Stelle zu pflöcken, schlich ich selbst behutsam nach der Fährte der Hirsche hin, der ich sodann ohne Säumen aufwärts nachschlich. Wohlweislich vermied ich, die Spuren zu betreten und zu vernichten, und bald genug erhielt ich den Beweis, daß meine Vorsicht nicht übertrieben gewesen. Wohl gegen sechshundert Schritte weit mochte ich von meinen Gefährten entfernt sein, als ich vor mir eine Hirschkuh erblickte, die, in liegender Stellung halb von Kraut und Gras verborgen, den schwankenden Kopf rückwärts gewendet hatte, als nach der Richtung hin, aus welcher sie augenscheinlich die Annäherung einer Gefahr befürchtete. Das Thier war verwundet, es konnte kein Zweifel darüber walten; selbst wenn der befiederte Pfeilschaft nicht über das Kraut emporgeragt hätte, würde ich errathen haben, von wessen Händen dasselbe zum Tode getroffen worden war. Einen Schuß hatten wir ja nicht gehört, daß aber der fremde Jäger statt der sicheren Büchse eine unvollkommenere Waffe wählte, sprach unbestreitbar dafür, daß er durch den Knall die Aufmerksamkeit nicht hatte auf sich ziehen wollen, er also nur ein Mitglied der von uns verfolgten Bande sein konnte. Wie weit er noch entfernt war, konnte ich freilich nicht ahnen; hätte ich wagen dürfen, näher zu dem verwundeten Thiere heranzutreten, so wäre ich sicher im Stande gewesen, aus der Wunde zu berechnen, wie lange es gelaufen, bis das Schneiden der Pfeilspitze es gezwungen, sich niederzulegen. »Ich sann noch über das von mir zu beobachtende Verfahren nach, als der Hirsch größere Zeichen von Unruhe von sich zu geben begann. Er machte sogar einen Versuch aufzuspringen, dann aber, als dies nicht gelingen wollte, streckte er sich lang aus, wobei er, wie um sich zu verbergen, den Kopf unter die nächsten Ranken schob. Er hatte also den Jäger gesehen oder gewittert – denn der Wind stand ihm zu – vielleicht auch das Geräusch vernommen, mit welchem derselbe durch das Gestrüpp brach. »Ich befand mich hart an dem schroffen Uferrande des Bächleins und vielleicht dreißig Schritte weit von dem verwundeten Hirsch. Als ich die verdächtige Bewegung desselben gewahrte, durchzuckte mich wie ein Blitz der einzige Gedanke: daß schon die nächsten Minuten über den Ausgang unseres Unternehmens und zugleich über der armen Margareth Schicksal entscheiden müßten: denn wurde ich von dem herbeischleichenden Indianer entdeckt, so war, vorläufig wenigstens, Alles verloren. So viel Zeit, wie ich gebrauchte, dies zu überlegen, ebenso viel Zeit und nicht mehr gebrauchte ich, mich zu verbergen, denn noch in derselben Minute lag ich unten in dem seichten Bächlein, meinen Kopf nur so weit erhebend, wie nöthig war, zwischen Halmen und Gestrüpp hindurch das verwundete Thier zu beobachten und sogar noch eine Strecke über dasselbe hinaus zu spähen. »Es war ein ärmliches Versteck in Anbetracht der scharfen indianischen Augen, allein wie hätte ich mir anders helfen können? Außerdem rechnete ich darauf, daß der nichts Arges ahnende Jäger mehr auf die Fährte seiner Beute, als auf die Sicherheit seiner Umgebung achtete. Gern wäre ich dem Hirsch noch um zwanzig Schritt näher geschlichen, dies durfte ich jedoch nicht wagen, indem das Glücken meines schnell gefaßten Planes einzig und allein darauf beruhte, daß ich unentdeckt blieb. Noch keine Minute hatte ich mich in meinem Versteck befunden, als ich die erste Aussicht auf den Indianer erhaschte, wie derselbe sich behutsam durch das Gebüsch drängte und dabei beständig seine Blicke auf den Erdboden geheftet hielt. Gelegentlich betrachtete er auch einzelne in seinen Bereich hineinragende Blätter, als ob er das Blut hätte prüfen wollen, welches der Hirsch im Vorbeistreichen auf dieselben gespritzt. Er mußte ein gewandter Bogenschütze sein, denn da der Pfeil, trotz der jähen Flucht durch das Dickicht nicht geknickt oder abgebrochen war, konnte er nur schräge hinter den kurzen Rippen eingedrungen sein und durch schwere Verletzung der Lungen einen so starken Blutverlust erzeugt haben. Mehrere Minuten dauerte es indessen noch, bevor das dichte Strauchwerk mir einen vollen Anblick des geheimnißvollen Jägers gestattete; dann aber überzeugte ich mich leicht, daß derselbe nur ein Raubgenosse des verrätherischen Tomaso sein konnte. Schon mancher Rothhaut war ich in unsern Wäldern begegnet, schon manches Wigwam hatte ich besucht und mit deren Bewohnern mich befreundet, denn damals gab es noch mehr Eingeborene, als heute, allein ich entsann mich nicht, jemals einen Indianer gesehen zu haben, der im Aeußeren diesem ähnlich gewesen wäre. Von ungewöhnlich dunkler Gesichtsfarbe, erhielt er dadurch besonders einen wilden, grausamen Ausdruck, daß die fast bis zu seinen Knieen niederreichenden Haupthaare seine Augen halb verschleierten und er, wie ein Bison unter seiner Mähne hervor, zwischen denselben hindurch um sich spähte. Als Bekleidung, so weit ich dieselbe zu erkennen vermochte, trug er eine hellblaue Decke von leichtem Baumwollstoff, dergleichen ich ebenfalls noch nicht gesehen hatte, während seine Füße und Beine, wie sich später herausstellt, durch Mokassins und Leggins von ziegelfarbig gegerbtem Leder geschützt waren. Auf der Schulter trug er eine lange Kentuckybüchse, wogegen an breitem Bande von Otterpelz der gegerbte Balg eines jungen Panthers an seiner Seite niederhing, der zur Aufnahme eines Bündels Pfeile und eines Elkhornbogens diente. »Das war also der Jäger, den ich von meinem Versteck aus beobachtete. Indem ich ihn genau beschreibe, tritt er mir wieder lebhafter vor die Seele; ich sehe jede einzelne seiner Bewegungen; ich sehe das unheimliche Glühen seiner Augen und den seltsamen Zug unerbittlicher Grausamkeit, der um seine schmalen Lippen spielte und welchen sogar die Freude über sein Jagdglück nicht zu verdrängen vermochte. Aber auch das Klopfen meines Herzens fühle ich wieder, ein schnelles lautes Klopfen; aber nicht Furcht oder bange Zweifel lagen demselben zu Grunde, sondern eine wilde Blutgier, wie sie wohl der graue Gebirgsbär empfinden mag, wenn man ihm hinterlistig die Jungen raubte.« Bei diesen Worten blickte der greise Fallensteller wieder ernst im Kreise herum. Sein Antlitz, welches ich unausgesetzt mit regster Theilnahme betrachtete, zeigte nichts mehr von der Milde und Weichheit, die dasselbe noch kurz vorher ausgezeichnet hatte, und fast befremdend erschien es, daß er, der doch nur von seinem lange getragenen Kummer sprechen wollte, den die Erinnerung an seine Jugendliebe zuweilen zu übermannen drohte, so ausführlich und klar über die einzelnen Abschnitte der Nachstellung seiner Feinde berichtete. Der Ausdruck reger Spannung, dem er nach allen Richtungen hin begegnete, übte offenbar eine aufmunternde Wirkung auf ihn aus, denn schneller folgten seine Worte auf einander, indem er in seiner Erzählung fortfuhr; lebhafter, fast jugendlich blitzten seine Augen, und hin und wieder ging seine Erregung sogar so weit, daß er seine Schilderungen mit lebhaften Handbewegungen begleitete. »Was ich in jenen entscheidenden Minuten dachte, ist mir nie recht klar geworden«, erzählte er weiter, »ich weiß nur noch, daß ich bei jedem Schritte, der mir meinen Feind näher brachte, meine Entschlossenheit und Ueberlegung wachsen fühlte. Vorsichtig legte ich die Büchse zur Seite, denn um keinen Preis hätte ich durch den Knall derselben die Aufmerksamkeit der übrigen Feinde auf mich ziehen mögen, und nachdem ich das Messer in die linke Hand genommen, meine rechte dagegen mit dem Beil bewaffnet hatte, harrte ich kalten Blutes und ruhigen Herzens des Augenblicks, den ich als zum Handeln günstig erkennen würde. »Der Comanche war unterdessen bis auf zehn oder zwölf Schritte an den Hirsch herangekommen, bevor er ihn entdeckte. Anstatt aber sogleich auf denselben einzuspringen, betrachtete er ihn mehrere Sekunden sehr scharf, worauf er die Büchse leise neben sich niedersinken ließ und zu Bogen und Pfeil griff. Mit Gedankenschnelligkeit zog er die Sehne straff, und fast gleichzeitig haftete der Pfeil im Nacken seiner Beute. Das getroffene Thier versuchte emporzuspringen, doch es kam nicht mehr auf die Füße. Der Comanche hatte es ergriffen, und ehe es noch einige Klagelaute auszustoßen vermochte, war ihm dessen scharfes Messer durch die Kehle gefahren. Diesen Augenblick benutzte ich, einige Schritte näher zu gleiten, eine Bewegung, die ich noch einmal wiederholte, als der Indianer triumphirend den Hirsch betrachtete, der im Verenden geräuschvoll mit den Füßen um sich schlug. In meiner Erwartung, daß er mir jetzt Gelegenheit zum Angriff geben würde, fand ich mich indessen getäuscht; denn anstatt sich sogleich mit seiner Beute zu beschäftigen, wendete er sich nach der Richtung, aus welcher er gekommen war, und sich in zitternder Bewegung mit der Hand auf die Kehle klopfend, stieß er ein helles, durchdringendes Jauchzen aus. Bei dieser Andeutung, daß er nicht allein sei, erschrack ich, doch behielt ich Geistesgegenwart genug, mich während des Gellens abermals um einige Schritte auf ihn zuzubewegen, worauf ich, gleich ihm, athemlos lauschte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; ein ähnliches Jauchzen erschallte, aber gedämpft und aus weiter Ferne, anscheinend von der höher gelegenen Prairie her. Kaum war das Gellen verhallt, da kehrte der Comanche sich mir zu. Ich glaubte, er hege die Absicht, sich durch einen Trunk aus dem Bache zu erquicken, denn sorglos schritt er gerade der Uferstelle zu, hinter welcher ich nunmehr auf den Knieen lag. Ich sah, ein Zusammenstoß war jetzt unvermeidlich, und indem ich meine Waffen fester umspannte, trachtete ich nur noch darnach, mir alle Vortheile, die mir aus meiner gedeckten Stellung erwuchsen, bis ins Kleinste zu Nutze zu machen. O, wie segnete ich in jener Stunde die Gewandtheit, die ich mir in früheren Jahren durch tägliche Uebung angeeignet hatte, denn nur dieser verdankte ich, daß ich in jenem, meinem ersten tödtlichen Kampfe nicht unterlag. Schneller, als ich im Stande bin, es zu erzählen, hatte der Comanche das etwa drei Fuß hohe Ufer erreicht. Ich hörte seine Schritte, ich vernahm das leise Rauschen des Grases, ich sah, wie die unter seinen Füßen knickenden Halme sich über mich hinneigten. Nur noch eine halbe Secunde und er mußte mich in der fast hülflosen Stellung entdecken. Allein ich war auf meiner Hut; die zuletzt nieder gebeugten Halme schwankten noch, da stand ich neben dem überraschten Feinde, meine rechte Hand mit dem Beil zum Schlage weit ausholend. Aber auch der Indianer war kein Neuling in gefährlichen Lebenslagen, ich erkannte es an der Geschwindigkeit, mit welcher er zurücksprang und den Tomahawk aus seinem Gurt riß, um den Schlag von sich abzuwehren. Ich war ihm indessen in meiner Bewegung um einen Athemzug voraus, und bevor er noch Herr seiner Waffe geworden, schleuderte ich, da er sich außer dem Bereiche meines Schlages befand, das Beil mit vollster Kraft nach ihm. Wohl einsehend, daß er versuchen würde, auszuweichen, hatte ich meiner Waffe eine tiefere Richtung gegeben, und verwundete ich ihn auch nicht, so war ich doch glücklich genug, ihn dergestalt mit dem Heft vor die Stirne zu treffen, daß er taumelnd abermals einen Schritt zurückprallte. »Es war nur eine Secunde, die ich dadurch gewann, aber eine entscheidende Secunde, eine Secunde, die mich an seine Seite brachte, und schneller, als er an Verteidigung zu denken vermochte, hatte ich ihm mein Messer bis an das Heft in die Brust gestoßen. Lautlos brach er zusammen und vor mir lag eine Leiche. »Wie hatte ich mich doch geändert! Ich, der ich sonst beim Anblicke der Leiden selbst eines vernunftlosen Geschöpfes von tiefem Mitgefühl ergriffen wurde, stand vor einem durch meine Hand gefallenen Menschen, von dem ich nicht einmal genau wußte, ob er wirklich zu meinen Feinden zählte, ohne auch nur die leiseste Regung von Reue oder Bedauern zu empfinden. Im Gegentheil, ich fühlte Angesichts der blutenden Todeswunde meinen Rachedurst gleichsam zur Tollwuth anwachsen. Hätte die zu beobachtende Vorsicht es mir erlaubt, ich würde sogar einen Jubelruf ausgestoßen haben, weil ich nunmehr die Raubbande, in deren Gewalt die arme kleine Margareth sich abhärmte, um ein furchtbares Mitglied vermindert wußte. »Wollte Gott, Deine Genossen lägen an Deiner Seite, murmelte ich zähneknirschend, und dann wendete ich dem todten Comanche den Rücken. »Wir hatten in den letzten Tagen vielfach gegen Noth zu kämpfen gehabt, indem wir unsere Büchsen nicht auf Wild abzufeuern wagten und vorzugsweise von Wurzeln und zur nächtlichen Stunde gefangenen Fischen lebten. Aber als ob sich mein Haß auch auf den von dem Indianer erlegten Hirsch ausgedehnt hätte, schritt ich an demselben vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Das gedämpfte Jauchzen drang wieder aus der Ferne zu mir herüber und brachte mich zu dem Bewußtsein meiner gefährlichen Lage. Ich antwortete in derselben Weise, wie ich kurz vorher von dem Indianer gehört hatte, und dann beflügelte ich meine Schritte, um zu meinen Gefährten zu stoßen. Die Entdeckung meiner That war unvermeidlich, daß begriff ich sehr wohl, sie konnte sogar schon in der nächsten halben Stunde stattfinden; es blieb mir daher nur die einzige Wahl: die Comanches in ihrem Lager zu überfallen, bevor die Kunde von dem Tode eines der Ihrigen sie erreichte. Daß sie aber noch nicht aufgebrochen waren, unterlag kaum einem Zweifel, weil sich annehmen ließ, daß sie die Heimkehr der beiden ausgesendeten Kundschafter oder Jäger abwarteten. Meine Gefährten traf ich auf der verabredeten Stelle in höchster Spannung; sie hatten das Jauchzen vernommen und schon für mich gefürchtet. Um so mehr überraschte und erfreute es sie daher, als sie mich nicht nur wohlbehalten vor sich sahen, sondern auch den Bericht meiner jüngsten Erlebnisse hörten. Unsere Berathung war kurz; ohne Säumen bestiegen wir die Pferde, um einen möglichst großen Vorsprung vor dem Kundschafter zu gewinnen, den wir, nachdem er seinen erschlagenen Gefährten gefunden, am meisten zu fürchten hatten. Waren wir selbst doch gezwungen, den Umweg bis an den Neoscho zurückzulegen und die Windungen von dessen Thal zu halten, während er in geradester Richtung über die von allen Hemmnissen freie Prairie forteilte. Ehe wir indessen aufbrachen, stieß ich, um den feindlichen Jäger zu täuschen, noch einmal das indianische Gellen aus, und dann drangen wir unaufhaltsam, immer quer durch die uns vielfach hindernden Gebüsche. Der Neoscho war bald erreicht, und zu unserer freudigen Ueberraschung fanden wir unter den sein Thal bedeckenden hohen Waldbäumen günstigen Boden für die Hufe unserer Pferde. Wir gelangten schnell vorwärts, und wohl fünf Meilen legten wir mit unverminderter Hast zurück, bis wir daran dachten, nach der Stellung unserer Feinde zu forschen. Wir kannten ja einigermaßen die Richtung, in welcher wir sie zu suchen hatten. Kaum eine halbe Meile von dieser Stelle war es, wo wir unsere schäumenden Thiere anhielten und ich durch das hohe Gras des Thales bis zum obersten Rande der Prairie hinaufkroch, auf welchem mir eine weite Aussicht über die Ebene offen stand. Behutsam schob ich meinen Kopf über den Rand hinaus, und ich glaubte vor Schreck erstarren zu müssen, als ich das Lager der Comanches in der Entfernung von einer viertel Meile vor mir sah. Augenscheinlich der größeren Sicherheit wegen hatten sie ihr Lager, anstatt unten im Thale, oben auf der Prairie aufgeschlagen, wo eine Gruppe verkrüppelter Eichen ihnen Schutz gegen die sengenden Strahlen der Sonne gewährte. Ich hatte erwartet, in weiter Ferne nur die Pferde zu sehen, die im Allgemeinen das kurze Gras der Höhen den saftreicheren, jedoch weniger schmackhaften langen Halmen der Niederungen vorziehen; statt dessen erblickte ich die ganze Raubbande in solcher Nähe, daß wenn ich sie angerufen hätte, der Ton meiner Stimme bis zu ihr durchgedrungen wäre. Meine krankhafte erste Aufregung verwandelte sich alsbald in kalte Ueberlegung, denn nicht genug damit, das Lager ausgekundschaftet zu haben, kam es jetzt vorzugsweise darauf an, die Bodengestaltung sorgfältig zu prüfen und einen Angriffsplan zu entwerfen, von dem sich ein glücklicher Ausgang erwarten ließ. »In dem feindlichen Lager schien man sich rücksichtslos einem Gefühl der Sicherheit hinzugeben, denn die wilden Gestalten lagen nachlässig umher, ihre nackten Körper wollüstig den glühenden Sonnenstrahlen preisgebend. Nahe bei ihnen sendete ein kleines Feuer kaum bemerkbare Rauchwölkchen empor. Dasselbe war vernachlässigt, wahrscheinlich weil man in nächster Zeit aufzubrechen gedachte und nur noch auf das Eintreffen der beiden abwesenden Krieger harrte. Ihre Pferde weideten eine kurze Strecke abwärts, dieselben waren gesattelt und bepackt, so daß der Aufbruch noch in derselben Minute mit dem dazu gegebenen Zeichen erfolgen konnte. Auch den grauen Mustang erkannte ich, das liebe, gute Thier; es bewegte sich so frei und harmlos unter seinen Genossen, als ob durchaus nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei und es sich auf dem besten nur denkbaren Wege befinde. O, ich hätte dem armen unschuldigen Burschen eine Kugel durch den Kopf jagen mögen für seine Fühllosigkeit. »Ja, dies Alles sah ich mit ruhigem, kaltem Blute; das aber, wonach ich am schärfsten spähte, entdeckte ich erst zuletzt, als ich die Hoffnung, es zu finden, bereits aufzugeben begann. »Auf der andern Seite der Baumgruppe bemerkte ich eine leichte Bewegung, und als ich länger darauf hinstarrte, trennten sich allmählich die Formen zweier menschlichen Gestalten von dem niedrigen Gestrüpp, welches sie in geringeren und größeren Zwischenräumen umgab. »Ja, ich starrte darauf hin, bis ich glaubte, daß meine Augen erblinden müßten; mein Herz aber zog sich krampfhaft zusammen vor unnennbarem Weh, während meine Zähne sich knirschend auf einander reibend, und meine Finger sich vor ohnmächtiger Wuth in die feuchten Wurzeln des Rasens eingruben. »Ich sah einen hell schimmernden Strohhut, wie ihn die Mexicaner zu tragen pflegen; ich sah eine hellfarbige Decke, die nach mexicanischer Sitte von den Schultern eines mittelgroßen Mannes niederhing, und »Tomaso Urbano« stöhnte ich in mich hinein, indem ich Thränen des giftigsten Rachedurstes in meine Augen dringen fühlte. Ich spähte weiter und sah eine zusammengekauerte Gestalt fast zu den Füßen des Mannes, der mit lebhafter Geberde zu derselben sprach. Die Gestalt verhielt sich regungslos, sie schien das Haupt auf die Hände zu stützen und ohne Empfindung gegen die an sie gerichteten Worte zu sein. Ha! Wer war es, wer konnte es nur sein?« rief der Fallensteller schmerzerfüllt aus, indem er seine zitternden Hände zum Himmel emporhob; »wer anders konnte es sein, als die arme kleine Margareth, die dort vor ihrem Peiniger saß und vielleicht schon den Tod für sich herbei wünschte, weil sie an meiner Treue zweifelte, weil sie es aufgegeben hatte, daß es mir gelingen würde, sie aus ihrer entsetzlichen Lage zu retten! Arme kleine Margareth! Wie Dein Anblick mir das Herz zerriß und zerfleischte; wie selbst mein Rachedurst, mein Haß verstummte Angesichts der Leiden, die Du erduldetest. Arme kleine Margareth, ich sah Dich nicht lange, denn Thränen verschleierten meine Augen, und ich bat den lieben Gott, daß er uns vereint möge sterben lassen, und hätte mein Gebet Erhörung gefunden, ohne Haß und Groll gegen meine Feinde wäre ich in jener Stunde hinüber gegangen, ja, so sehr liebte ich Dich, Du gute, Du treue, Du herzige Margareth!« Die letzten Worte des Fallenstellers waren wieder leiser geworden, bis sie endlich in ein kaum vernehmbares Flüstern endigten. Die zitternden Hände lagen auf seinen Knien, und matt und schwer ruhte das greise Haupt auf der breiten, knochigen Brust. Sein Geist wanderte wieder in den unendlichen Räumen der Vergangenheit; wie damals, vor beinahe einem halben Jahrhundert, war auch jetzt jede Spur von Gehässigkeit von ihm gewichen; er kannte nur noch den Schmerz und die Trauer um die verlorene Geliebte. VII. Wohl zehn Minuten verstrichen in tiefem Schweigen. Wäre der siebenzigjährige Greis ein Jüngling in der Blüthe seiner Kraft gewesen, der verzweiflungsvoll die unersetzlichen Verluste beklagte, die er erst am vorhergehenden Tage erlitten, die Theilnahme seiner Zuhörer hätte nicht inniger, nicht tiefer, nicht achtungsvoller sein können. Es war bereits um Mitternacht. Hoch oben am Himmel zog der Mond auf seiner ewigen Bahn einher, ähnlich einer getrübten Sonne die Landschaft ringsum matt erhellend. Gedämpft erschallte das endlose Rasseln der Locustgrillen, deren tönende Trommelfellchen durch den fallenden Thau ihren schmetternden Klang verloren hatten, gedämpft, wie die den kriegerischen Marsch regelnden Instrumente, wenn sie einen Kameraden auf seinem letzten Wege zur stillen Gruft begleiten. Glühwürmer krochen in unzähliger Menge im feuchten Grase umher, jeder einzelne seine Umgebung in geringem Umkreise mit phosphorischem Feuer milde beleuchtend, als ob die Sterne, deren Glanz das Mondlicht verdrängte, sich träumerisch auf die Erde gesenkt hätten. Nach einer Weile blickte der Fallensteller wieder empor. Seine Augen wanderten langsam über das Thal des Neoscho, bis sie endlich an den dasselbe begrenzenden Hügeln haften blieben. »Wie der Mond so hell scheint«, hob er an, »ist's doch, als wollte er mir noch einmal alle jene Punkte zeigen, auf welchen einst – doch warum greife ich in meiner Erzählung vor? Früh genug werde ich den Abschnitt meines Lebens berühren, der meine Seele tödtete und nichts zurückließ, als eine elende Hülle, die einzig und allein dem Gram zur Wohnung angewiesen wurde. »Als ich von dem Abhange zurückschlich, von welchem aus ich in das feindliche Lager gespäht hatte, überblickte ich von der Höhe herab noch einmal das Thal des Neoscho, und ebenso schnell hatte ich auch einen Plan zum Angriff entworfen, der, wenn nicht besondere Umstände gegen uns waren, kaum fehlschlagen konnte. »Nach wenigen Minuten befand ich mich wieder bei meinen Gefährten. Was ich entdeckt und erfahren hatte, mochte auf meinem Gesicht ausgedrückt sein, denn anstatt Fragen an mich zu richten, nahmen sie stumm meine Anweisungen entgegen; doch bemerkte ich, daß ihre Blicke zuweilen mit seltsamer Theilnahme auf mir ruhten, als ob sie mich zugleich bedauert und, meiner eisigen Ruhe wegen, bewundert, fast gefürchtet hätten. Ja, ich war ruhig, aber in meiner Brust loderte ein heller Brand und vor meinen Augen flimmerte rauchendes warmes Blut. Es waren meine Brüder und Nachbarn, die sich bei mir befanden, allein hätte Einer von Ihnen Einsprache gegen meine Anordnungen erhoben, ich weiß nicht wessen ich fähig gewesen wäre. Betrachtete ich doch jedes überflüssig gesprochene Wort als einen Zeitverlust, der durch nichts in der Welt, ersetzt oder eingeholt werden konnte. Bald nach meinem Eintreffen standen unsere Pferde, gesattelt und bepackt wie sie waren, im Neoscho auf einer seichten Stelle, und zwar so gefesselt und versichert, daß sie das Gras vom Uferrande abzunagen, sich indessen in keiner andern Weise zu rühren vermochten. Nachdem wir darauf unsere Waffen noch einmal geprüft, Messer und Beile so in die Gürtel geschoben hatten, daß sie zur Hand waren, stiegen wir in den Strom hinab. Bei seinem seichten Sande übertönte das Sprudeln der Fluthen das von uns erzeugte Geräusch; wir bewegten uns daher mit aller nur möglichen Hast auf dem durch Buschwerk und hohe Bäume geschützten und überdachten Wege stromaufwärts. Trotz der Umwege, zu welchen uns die Windungen des Flusses zwangen, war noch keine Viertelstunde entflohen, als wir uns der Stelle näherten, auf welcher nach meiner Berechnung unsere Feinde den Neoscho durchschreiten mußten. Dort konnten sie uns nicht mehr entgehen, selbst dann nicht, wenn sie, durch den heimkehrenden Jäger gewarnt, sich sogleich zur Flucht wendeten. Doch es war, als ob sich Alles verschworen gehabt hätte, uns das gewagte Unternehmen zu erschweren. Wir waren nämlich nur durch eine halbe Flußwindung von dem Punkte getrennt, der durch die wandernden Bisonheerden in eine erträgliche bequeme Furt verwandelt worden war – Ihr könnt die Stelle von hier aus deutlich dort drüben an den hohen Platanen erkennen, deren Wipfel der Mond so weiß beleuchtet, – als ich, scharf durch das Unterholz spähend, zwei lange Geierfedern bemerkte, welche der leise Wind in träge schwankender Bewegung erhielt. Daß dieselben mittelst feiner Riemen nur auf dem Skalpwirbel eines indianischen Kriegers befestigt sein konnten, begriff ich eben so schnell, und meine Hand rückwärts emporhebend, brachte ich meine Gefährten augenblicklich zum Stehen. Behutsam schob ich mich ganz nach dem Ufer hinauf, und meine weiteren Forschungen ergaben, daß einer der wilden Räuber sich behaglich auf dem Uferrande niedergelassen hatte und regungslos eine Angelschnur beobachtete, die von seiner Faust nach einer tieferen Stelle des Stromes niederreichte. Zu unserm Glück gereichte, daß die Büffel beim Durchschreiten des Flusses und durch Wälzen in demselben die freie Strömung gehemmt hatten, so daß die gestauten Fluten nicht nur eine günstige Angelstelle boten, sondern sich auch rauschend und gurgelnd ihren Weg zwischen den vielen Hindernissen hindurchsuchten. Schwerlich wäre es uns sonst möglich gewesen, unentdeckt so nahe an den Angler heranzukommen. Jetzt aber, da wir um seine Anwesenheit wußten, war die größte Gefahr abgewendet, indem wir unsere weiteren Bewegungen bei vergrößerter Behutsamkeit leicht hinter das Rauschen des Wassers gleichsam zu verbergen vermochten. Ueber die zunächst zu beobachtende Handlungsweise einigten wir uns, ohne ein Wort zu wechseln; wenige Blicke und Zeichen genügten, uns zu verständigen, über den sorglosen Angler aber das Todesurtheil zu sprechen. »Niemand versuchte es, mir den gefährlichsten Theil des Unternehmens streitig zu machen – man kannte mich ja zu genau – und da ich mich bereits auf dem Ufer befand, wäre jeder fernere Tausch nur sträflicher Zeitverlust gewesen. Wie bei meinem ersten Zusammentreffen mit den Räubern, ließ ich auch jetzt meine Büchse zurück; nur mit Messer und Beil bewaffnet schlich ich in geradester Richtung auf den Comanche zu, sorgfältig darauf achtend, daß ich hinter ihn gelangte. Wohl kreiste mein Blut fieberhaft, indem ich meine Blicke fest auf mein Opfer gerichtet hielt, da ich aber meine ungetheilte geistige Kraft; meine ganze körperliche Gewandtheit aufbot und vereinigte, unentdeckt zu bleiben, so hätte keine Schlange geräuschloser einherkriechen können, als ich, indem ich mich zwischen Gestrüpp und Ranken hindurchwand. O, wie segnete ich in jenen verhängnißvollen Minuten das Rauschen des Wassers und selbst die Bestien, die durch ihre eigentümlichen Gewohnheiten die erste Veranlassung zu demselben gegeben hatten; wie aber segnete ich meine eigene Gelenkigkeit, denn als ich kaum fünf Schritte weit hinter dem wilden Krieger unter einer Gruppe breitblätteriger Pflanzen liegen blieb, da starrte derselbe noch immer gerade so regungslos vor sich nieder, wie er gethan hatte, als ich ihn zuerst bemerkte; nur die beiden Geierfedern schwankten und wiegten sich leise, als hätten sie mir das Ziel bezeichnen wollen, auf welches ich meine Waffe zu senken habe. »Wohl eine Minute verrann; das Wasser rauschte und gurgelte, und auf meiner Stirn perlte kalter Schweiß. Da neigte der Indianer sich plötzlich vorn über. Mein ältester Bruder, der sich unter dem Schutze des ausgehöhlten Ufers leise bis auf wenige Schritte herangeschlichen hatte, lenkte, gemäß unserer Verabredung, durch lauteres Plätschern des Indianers Aufmerksamkeit auf sich, ohne selbst sichtbar zu werden. »Lauter wiederholte sich das Plätschern, und weiter neigte sich der Comanche nach vorne, wobei er, wie von einem unbestimmten Argwohn ergriffen, mechanisch das Kriegsbeil aus seinem Gurt zog. Leise erhob ich mich; des Comanche Aufmerksamkeit war zu sehr durch das Plätschern in Anspruch genommen, um auf das zu achten, was hinter ihm vorging; und als er erst den Fall meiner Füße vernahm, indem ich auf ihn zusprang, da war es zu spät für ihn, noch eine Bewegung zu seiner Rettung auszuführen. Wohl versuchte er, emporzuspringen, allein es geschah nur, um mit seinem Haupte der Schneide meines mit vollster Gewalt geschwungenen Beils zu begegnen, und im nächsten Augenblick sank er schwerfällig über das Ufer in den Neoscho hinab, dessen Fluthen seinen letzten Todesschrei erstickten. Ich hatte ihm den Schädel gespalten; weithin röthete sein Blut die abwärts eilenden Wellen. Das wäre der Zweite, sagte ich triumphirend, als meine Gefährten Einer hinter dem Andern in meinen Gesichtskreis schlichen. Ja, triumphirend sagte ich es, denn nachdem mir zweimal hinter einander ein so gewagter Angriff geglückt war, glaubte ich den günstigen Ausgang unseres Unternehmens nicht mehr bezweifeln zu dürfen. Meine Gefährten, über welche ich nunmehr eine unumschränkte Gewalt ausübte, sahen bewundernd zu mir empor. 's ist Einer weniger dort oben, antworteten die treuen Burschen, und aus ihren Augen leuchtete eine wilde Kampfeslust, als ob der Anblick des frischen Blutes einen bezaubernden Einfluß auf sie ausgeübt hätte. War ich selbst doch wie berauscht, und hätte ich in jenem Augenblick meinen Gedanken nur eine andere Richtung zu geben vermocht, würde mir gewiß die Grausamkeit erklärlich gewesen sein, mit welcher die wilden Steppenkrieger oftmals ihre noch nicht völlig todten Feinde verstümmeln. 's ist Einer weniger dort oben, wiederholte ich ruhig, und wir müßten keine echten Grenzbewohner sein, sollte auch nur Einer von ihnen mit dem Leben davon kommen. Die Comanches für Euch, Tomaso Urbano für mich, fügte ich hinzu, und dann traf ich meine Anordnungen so ruhig, als ob ich mich daheim auf dem gelichteten Acker meines Vaters befunden hätte. Ja, 's war seltsam, so lange ich Margareth nicht sah, oder, um klar urtheilen zu können, sie gleichsam mit Gewalt aus meinen Gedanken verbannte, war ich ein Anderer und Gott weiß es, gewiß kein besserer Mensch. Nachdem wir uns, ohne den erschlagenen, größtentheils von den Fluthen bedeckten Indianer auch nur eines Blickes zu würdigen, auf dem Ufer zusammengefunden hatten, trennten wir uns wieder von einander, um, eine möglichst lange Kette bildend, das feindliche Lager von mindestens drei Seiten einzuschließen. Ich selbst nahm die Mitte; die Andern dagegen vertheilten sich so, daß ich auf jeder Seite zwei von ihnen hatte. Entfernungen von siebenzig bis hundert Ellen trennten uns von einander, doch geschickte Schützen, wie wir waren, wurde dadurch Keinem die Möglichkeit geraubt, seinen Mann, noch bevor man die Nähe der Gefahr ahnte, niederzustrecken. »Als wir aus dem Schutze der Stromeinfassung traten, befanden sich die Wipfel der Baumgruppe, unter welcher die Comanches lagerten, in unserm Gesichtskreise. Ständen die Bäume noch, würden wir sie von dieser Stelle aus sehen können; sie waren aber wohl den Stürmen und den Prairiebränden zu sehr ausgesetzt dort oben, und beide haben sich vereinigt, sie zu tödten und endlich ihre letzten Spuren ganz zu vernichten. Damals dienten die grünen Wipfel dazu, uns in unsern Bewegungen zu lenken und zu bestimmen. Jeder wählte daher seine Richtung, je nachdem ihm dieselbe mit Rücksicht auf die Einschnitte in den Hügelabhängen am vorteilhaftesten erschien, und vollen Laufes stürmten wir bis an den Fuß der Hügelreihe heran. Nachdem wir so lange gezögert, wie nothwendig war, uns zu überzeugen, daß wir unentdeckt geblieben, begannen wir die Abhänge schnell, jedoch geräuschlos zu ersteigen, um gleichzeitig auf der Höhe einzutreffen. Mein Plan war nämlich, die ersten fünf Schüsse von unserm Hinterhalte aus abzugeben, die darauf folgende Verwirrung zum Laden unserer Büchsen zu benutzen, und dann erst offen aufzutreten, und Jeden, der sich in Margareths Nähe wagen würde, niederzuschießen. »Alles schien unsern Erwartungen entsprechen zu sollen, und es machte sich bei dem Gedanken, daß ich Margareth bald wieder in meine Arme schließen würde, wieder ein Gefühl der Milde, der Versöhnung in meiner Brust geltend; doch wer vermöchte den Wandlungen eines tückischen Geschickes vorzugreifen oder sie auch nur zu ahnen? Hahaha! Was sind wir Sterbliche gegenüber einem unbegreiflichen, mächtigen Willen? Und dennoch sollen wir uns, ob bis in die Seele hinein qualvoll getroffen, oder erhoben bis auf den höchsten Gipfel irdischer Glückseligkeit, in Demuth und Dankbarkeit beugen? Pah! Giebt es noch Schlimmeres, das mir widerfahren könnte? Haha –!« Das letzte höhnische Lachen, welches den mit wilder Verzweiflung ausgestoßenen Worten folgte, verstummte plötzlich, und ein heftiger Schauder, wie ihn wohl die meisten Zuhörer bei dem unheimlichen Wesen des Greises empfunden haben mögen, erschütterte sichtbar des Fallenstellers zähe und doch wieder so hinfällige Gestalt. Er fühlte augenscheinlich, daß er in seiner Erzählung bis dahin gelangt war, wo es seine ungetheilten geistigen Kräfte erforderte, seine äußere Ruhe nur einigermaßen zu bewahren. Denn längere Zeit währte es, bevor er sein bleiches, im Mondlicht geisterhaft schimmerndes Antlitz wieder erhob und mit eisiger, fast beängstigender Kälte, obwohl seiner Stimme eine gewisse Innigkeit nicht fehlte, fortfuhr: »Herr, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe; und habe ich gegen Dich gefrevelt, so vergieb mir um der namenlosen Qualen willen, die ich erduldet. Und Qualen waren es, die zu ertragen mir auferlegt wurde, und die dann erst ihren eigentlichen Anfang nahmen, als wir fast den Rand der Prairie erreicht hatten. »Ja, kaum zwölf Fuß hatte ich noch aufwärts zurückzulegen, um meine Blicke in das feindliche Lager zu werfen, als ein aus der Ferne zu mir herüberdringendes Gellen eines einzelnen Mannes mir das Blut in den Adern erstarren machte. »Der Späher ist eingetroffen und verkündet das Geschick seines Gefährten, sagte ich mir, von namenlosem Ersetzen erfüllt, und im Fluge überwand ich die letzte Strecke des Abhanges. Ebenso hatten sich meine Gefährten beeilt, möglichst bald den Eindruck kennen zu lernen, welchen die Botschaft des Jägers auf seine Genossen ausüben würde. »Wir armen Verblendeten! Wie fanden wir uns getäuscht! Als ob die Comanches, die den herbei eilenden Jäger auf der ununterbrochenen Ebene längst wahrgenommen haben mußten, dessen Eintreffen ruhig in ihrem Lager abgewartet, oder auf dessen weithin erkennbare Warnungszeichen uns noch Zeit zum Angriff gelassen hätten? Zwar hatten sie mit ihrem Aufbruch gezögert, indem sie nicht wußten, nach welcher Richtung sie sich zu wenden haben würden, allein zu ihren Pferden waren sie hingeeilt, die sie theils schon bestiegen hatten, theils zu besteigen im Begriff waren. Sogar die arme Margareth saß bereits im Sattel, auf welchen sie von den Schändlichen offenbar mit Gewalt gehoben worden war, und neben ihr hielt auf seinem mexicanischen Renner, die Zügel des grauen Mustangs in der Faust, Tomaso Urbano, mein Todfeind. »Dies war der erste Anblick, der sich mir bot, als ich meine Augen in gleiche Linie mit dem obersten Rande der Prairie brachte. Obwohl an achtzig Ellen weit von der Stelle, auf welcher er gelagert hatte, hielt der ganze Trupp doch noch in dem Bereiche unserer Kugeln. Daß der erste von uns abgefeuerte Schuß aber das Signal zur wilden Flucht sein würde, begriff Jeder von uns; nicht minder sahen wir ein, daß wir mit unsern ermatteten und abgetriebenen Thieren, die außerdem erst herbeigeschafft werden mußten, ebenso leicht eine südwärts eilende Wandertaube eingeholt hätten, als die ausgesuchten Renner der Comanches. Meine Hoffnung beruhte daher allein darauf, daß die Räuber, nachdem ihnen die Kunde von der Unsicherheit ihrer Lage geworden, die Flucht in ihrer alten Richtung fortsetzen würden, in welchem Falle sie gerade in unsere Hände gestürmt wären. Wir hatten es indessen mit keinen gewöhnlichen Feinden zu thun; denn anstatt blindlings das Weite zu suchen, verharrte die ganze Bande, die sich, nunmehr auch noch der leeren Pferde der beiden Erschlagenen bemächtigt hatte, regungslos auf derselben Stelle und, obwohl mißtrauisch umherspähend, doch die Geberden des sich vollen Laufs nähernden Jägers überwachend. Als derselbe endlich bis auf etwa vierhundert Ellen herangekommen war, wiederholte er in einer mir unverständlichen Weise seine Warnung; um so verständlicher waren mir dafür seine Armbewegungen, indem er nordwärts deutete, als nach der Richtung, in welcher nur noch Rettung zu finden sei. Der Hund, nicht zufrieden damit, den erschlagenen Genossen gefunden zu haben, hatte, um im Lager berichten zu können, von welcher Seite her die Gefahr drohe, uns eine Strecke nachgespürt, wodurch unser Angriffsplan natürlich umgeworfen wurde. Die Wirkung dieser Mittheilungen war fast augenblicklich, denn es trennte sich alsbald ein Reiter, der ein gesatteltes Pferd an der Hand führte, von dem Trupp und ritt in gestrecktem Galopp dem Späher entgegen, um ihn möglichst bald beritten zu machen, während die übrigen acht oder neun Krieger, Tomaso und die arme Margareth an der Spitze, sich gegen Norden langsamer in Bewegung setzten. Sie befanden sich mir gerade gegenüber, wie sie auch vor den beiden links von mir lauernden Gefährten in der Entfernung von etwa zweihundert Ellen vorüber mußten. Die rechts von mir aufgestellten Gefährten verloren dagegen mit jedem Schritt immer mehr die Möglichkeit, bei dem bevorstehenden kurzen Kampfe thätlich einzugreifen. Alles verloren! keuchte ich verzweiflungsvoll, während ich Thränen des Jammers und der Wuth in meine Augen dringen fühlte. Doch keine Secunde dauerte diese Regung, die, wie ein glühendes Messer, meinen Körper durchzuckte. Im nächsten Augenblicke kniete ich oben auf der Prairie, und nachdem ich mit aller Kraft das Wort »Feuer« ausgerufen, hob ich meine Büchse empor, mit wahrer Todesangst auf die Wirkung der Schüsse meiner Freunde harrend, um dann erst mein Opfer zu erspähen. Ich befürchtete nämlich, daß derselbe Comanche von zwei Kugeln getroffen werden könne, was eine unersetzliche Vergeudung der uns zu Gebote stehenden Streitmittel gewesen wäre. Die nächsten beiden Secunden, während welcher die Comanches ihre Pferde im Galopp setzten, erschienen mir endlos, und im Herzen der Saumseligkeit meines Bruders und des jüngsten Haller fluchend, stand ich schon im Begriff, mein Ziel zu wählen, als ein Schuß von rechts zu mir herüberkrachte und gleichzeitig der hinterste Comanche kopfüber von Pferde sank und im Fallen sich dergestalt in seinen Lasso verwickelte, daß er von dem erschreckt seitwärts davonstürmenden Pferde nachgeschleift wurde. Trotz der dadurch entstandenen Verwirrung und des wilden Kriegsgeheuls der Flüchtlinge, knallte meines Bruders Büchse, noch bevor der Dampf von der Mündung von des jungen Hallers Gewehr gewichen war, und ein zweiter Krieger rollte mit seinem tödtlich getroffenen Pferde in einen Haufen zusammen. Jetzt war meine Zeit gekommen. Meine Absicht, Tomaso niederzuschießen, mußte ich indessen aufgeben, indem der hinterlistige Schurke seinen Körper beständig so durch der armen, und wie ich jetzt erst sah, gefesselten Margareth Gestalt zu decken wußte, daß ein Angriff auf ihn auch von den größten Gefahren für das arme Kind begleitet gewesen wäre; aber einen Krieger, der ebenfalls eine Büchse trug, nahm ich zum Ziel, einen Krieger, der mir der Häuptling und zugleich der Gefährlichste der Bande zu sein schien. Als es knallte, warf er seine Augen hoch empor, ohne seinen Sitz zu verlieren; doch nur wenige Sprünge machte sein Pferd, bis es merkte, daß sein Reiter die Gewalt über es verloren hatte, worauf es die Last abschüttelte und ebenfalls, von panischer Furcht ergriffen, in entgegengesetzter Richtung davonstürzte. Tomaso's Pferd! Tomaso's Pferd! schrie ich darauf den links von mir verborgenen Schützen zu. Margareth! Margareth, ich komm. Suche Dein Pferd zu halten! fügte ich auf dem Gipfel meines Entsetzens laut und durchdringend hinzu. Was ich weiter noch hätte ausrufen mögen, wurde durch den vierten Schuß abgeschnitten, der abermals einen Krieger vom Pferde warf, und wie gebannt und zu Stein erstarrt beobachtete ich athemlos, welche Wirkung der letzte augenblicklich zu unserer Verfügung stehende Schuß haben würde. Das Pferd, das Pferd; wenn es stürzt, ist Margareth gerettet! Meine Seligkeit für den Tod des unglückseligen Pferdes! drängte es sich röchelnd über meine trockenen Lippen. An das Laden meines Gewehres dachte ich nicht mehr; ich hatte nur Sinne für Tomaso's edles Roß, an dessen Seite der graue Mustang lustig einhersprengte, für die Regenschlucht dort drüben, der sich Beide mit rufender Schnelligkeit näherten, und endlich für den älteren von Hallers Söhnen, der aufgerichtet dastand und mit der Mündung seiner angelegten Büchse den Bewegungen der beiden Thiere folgte. »Die Indianer mochten beim Anblick des jungen Haller und den rasch auf einander folgenden Schüssen glauben, daß das ganze Thal des Neoscho mit sicheren Schützen besetzt sei, denn ohne an Verteidigung zu denken zerstreuten sie sich nach allen Richtungen über die Ebene. Nur Tomaso, wahrscheinlich den Kräften seines eigenen Pferdes und der Gewandtheit des grauen Mustangs vertrauend, suchte auf dem näheren, dafür aber um so gefährlicheren Wege den Neoscho zwischen sich und seine Verfolger zu legen. Ha! Der Verräther! Er wußte, daß, einmal auf der andern Seite des Flusses auf der Ebene, er für uns unerreichbar sein würde. Vielleicht rechnete er auch darauf, daß wir, aus Besorgniß, Margareth zu treffen, ihm keine Kugel nachsenden würden. Ich bin sogar überzeugt, wäre der nächste Abhang ins Thal hinab nicht so steil gewesen, er hätte versucht, mitten zwischen uns durchzubrechen. In der Regenschlucht dagegen – heute ist sie freilich bis zur Unkenntlichkeit niedergewaschen – stand ihm ein verhältnißmäßig bequemer Weg zum Flusse hinab offen, wenn die erste Abstufung auch nur von sehr sicheren und gewandten Pferden in schleuniger Flucht überwunden werden konnte. »Dieser Schlucht also näherte sich Tomaso mit rasender Eile; nur noch wenige Sekunden, und er mußte in derselben verschwinden, um nach einigen Minuten erst weit hinter uns im Thale wieder zum Vorschein zu kommen, wo er sicher vor uns war. Denn wer hätte wagen mögen, auf größere Entfernung auf ihn zu schießen, solange die arme Margareth sich hart an seiner Seite befand? »Margareth, Margareth, wirf Dich vom Pferde! versuchte ich dem lieben Mädchen nachzurufen, allein der Ton meiner Stimme erreichte sie nicht, sie war zu heiser. Vielleicht habe ich auch gar nicht gerufen; wer weiß es? Hätte Margareth aber meine Worte vernommen, so würde sie nicht im Stande gewesen sein, denselben Folge zu leisten, denn sie war ja grausam gefesselt, das arme Kind. »Am Rande der Schlucht angekommen, setzte Tomaso's edler Renner sogleich zum Sprunge an, während der graue Mustang vor der Tiefe zurückprallte, aber dennoch durch Tomaso mit hinabgerissen wurde. Diesen Augenblick nun hatte der junge Haller erspäht. Die Büchse krachte, die beiden Pferde aber, als seien sie unberührt geblieben, verschwanden in weitem Bogen hinter dem Uferrande. Fluch Deiner Ungeschicklichkeit! schrie ich jetzt von wilder Verzweiflung ergriffen dem nach meiner Ueberzeugung unglücklichen Schützen zu, und gleichzeitig stürmten wir vollen Laufs der Mündung der Schlucht zu, um dem Räuber meiner Seligkeit den Weg zu verlegen. Elender Wicht, der ich war, indem ich glaubte, mit meinen schwachen Kräften nicht nur die flinken Pferde einholen, sondern sogar einen Vorsprung vor ihnen gewinnen zu können! O, wo bleibt die Gnade Gottes, wenn sie duldet, daß unschuldige Menschen....« Die letzten Worte des Greises waren immer hastiger und gepreßter geworden, bis sie endlich mit einem verzweiflungsvollen, hohl klingenden Lachen abschlossen. Sein Gesicht nahm einen leichenhaften Ausdruck an, und indem das Haupt sich neigte, die eben noch krampfhaft geschlossenen Fäuste sich matt öffneten, gewann es den Anschein, als ob plötzlich die letzte Probe von Lebenskraft aus der morschen irdischen Hülle gewichen sei, der Athem nur noch ersterbend die eingeengte Brust gehoben und gesenkt habe. Niemand sprach ein Wort; tief erschüttert blickten Alle auf die gebeugte Greisengestalt, und lange dauerte es, bis dieselbe wieder Zeichen von zurückkehrendem klarem Bewußtsein gab. Als der Fallensteller endlich wieder emporschaute, erschrak ich fast über den Ausdruck kalter Theilnahmlosigkeit, der sich über das tiefgefurchte Antlitz ausgebreitet hatte. Schien es doch, als wäre dasselbe versteinert gewesen, als hätten die eingesunkenen Augen die Sehkraft verloren gehabt. Einem solchen Ausdrucke entsprach auch der klanglose Ton seiner Stimme, als er, augenscheinlich mit großer Anstrengung, fortfuhr: »Ich befand mich wohl noch gegen hundert Ellen weit von der Schluchtmündung entfernt, während zwei meiner Gefährten dieselbe beinahe erreicht hatten, als Margareths Stimme aus dem oberen Theile der Schlucht laut und durchdringend zu uns herüberschallte. Es war ein Schmerzensschrei, den sie ausstieß; auch meinen Namen rief sie, derselbe erstarb aber auf ihren Lippen. Margareth, ich komme! antwortete ich von Todesangst ergriffen, und gleich meinen Gefährten stürzte ich vollen Laufs der Stelle zu, von woher der Hülferuf zu uns herübergedrungen war. Die Hälfte der Entfernung hatten wir kaum zurückgelegt, als ich zu meinem neuen Entsetzen den grauen Mustang gewahrte, wie derselbe weiter oberhalb sich kräftig nach der gegenüber liegenden steilen Uferwand hinaufarbeitete und dann schleunigst das Weite suchte. Aber nicht Margareth saß auf seinem Rücken, sondern Tomaso Urbano, der, wie uns verhöhnend, seinen Strohhut um's Haupt schwang. Eine grauenvolle Ahnung durchzuckte mich bei diesem Anblick; meine Knie wankten, meine Arme erlahmten, und um nicht hinter meinen Gefährten zurückzubleiben, war ich gezwungen, meine Büchse von mir zu werfen. Keuchend erreichten wir die verhängnißvolle Stelle; unbekümmert um die eigene Sicherheit und die uns in der Ferne noch immer umschwärmenden Wilden, stürzten wir in die Schlucht hinab, und vor uns sahen wir eine Scene, über die der Himmel hätte vor Jammer zusammenbrechen mögen. Dicht vor uns lag in den letzten Todeszuckungen Tomaso's Renner, welchen des jungen Hallers Kugel in's Herz getroffen hatte – wenige Schritte weiter saß Margareth zusammengekauert auf dem von Blut gerötheten Rasen. Ihre gefalteten und noch immer gefesselten Hände hatte sie weit von sich gestreckt; ihr Haupt ruhte auf den Armen und den emporgezogenen Knien. Sie schien zu schlafen, die gute, kleine Margareth, und sie schlief auch, sie schlief, um nie, nie wieder zu erwachen, nie wieder ihre treuen Augen zu öffnen, um mir, wie sie so oft gethan, in unwandelbarer Liebe zuzulächeln. In ihrer noch lebenswarmen Brust steckte Tomaso's Messer. Um sich meiner Rache zu entziehen und den ihm nicht bestimmten Schatz keinem Andern zufallen zu lassen, hatte der Feigling das liebe, unschuldige Kind, seine eigene Verwandte, einen Engel an Tugend und Schönheit, erbarmungslos gemordet. O, der Verbrecher, dem tausendfacher Fluch bis in die Ewigkeit hinein nachfolgen möge, er wählte ein sicheres Mittel, uns von weiterem Nachsetzen abzuhalten! Aber einen Schwur leistete ich, einen Schwur, indem ich meine Hand auf das theure Haupt meiner gemordeten Margareth legte, einen Schwur, ernst und furchtbar – und ich habe ihn gehalten, treu und redlich, mögen auch Jahre darüber hingegangen sein, bevor es mir gelang, ihn zu lösen. – Arme kleine Margareth, mein Jammer war zu groß, als daß ich bei Deinem Anblick hätte weinen können. Ich liebkoste Deine zarten Wangen, ich tändelte mit Deinen Locken und küßte Deine lieben Hände, als ob Du es noch gefühlt hättest. Ich sprach zu Dir, wie zu einer Lebenden, und als dann endlich meine Brüder und Freunde mich baten, von meinem seltsamen, sie beängstigenden Treiben abzulassen, da war es Nacht. Ich verstand sie nicht; ich sprach zu dem Monde, der hell vom Himmel niederstrahlte, ich sprach zu den funkelnden Sternen, zu den Bäumen, zu dem duftenden Rasen, und ängstlich fragte ich das leise Rauschen des Windes, wann meine arme Margareth erwachen würde. Als meine Gefährten mich dann wieder baten, zu mir selbst zu kommen, da sandte die Sonne ihre glühenden Strahlen über Wald und Prairie hin, ich aber hielt noch immer die kleine Margareth in meinen Armen. »Hast Du Deinen Racheschwur vergessen? fragte mich endlich mein Bruder, als alles Flehen und alle Vorstellungen nicht fruchteten und ich unausgesetzt zu der geliebten Leiche wie zu einer Lebenden sprach. »Es war ein hartes Mittel, welches mein Bruder wählte, zugleich aber ein wirksames, denn kaum hatte ich das Wort Rache vernommen, als ich erschreckt emporfuhr und sogleich zum vollen Bewußtsein der Gegenwart gelangte. »Ja, meine Rache! wiederholte ich heftig, indem ich emporsprang, sie soll gerächt werden, wie nur je ein unschuldig geopfertes Menschenleben gerächt wurde! Dann aber möge Gott mir nur die einzige Gnade gewähren und die schreckliche, unerträgliche Lebenslast von meinen Schultern nehmen. »Darauf weinte ich bitterlich über meiner armen Margareth, ich weinte, bis der Mond wieder am Himmel stand und das bewaldete Thal des Neoscho, gerade wie heute, friedlich beleuchtete. Dann aber wies ich den mich übermannenden Schmerz in seine Schranken zurück; ruhig und gefaßt erhob ich mich, und mich zu meinen treuen Gefährten wendend, ertheilte ich ihnen nach alter Weise meine Anordnungen. »Zwei von ihnen ließ ich als Wache bei der theuren Todten zurück; die andern Beiden forderte ich auf, mir zu folgen. Sie begleiteten mich nach der Eiche hin, unter welcher Ihr mich fandet, und dort, im traulichen Schatten des ehrwürdigen Baumes gruben und scharrten wir mit unsern Aexten, Messern und Händen die ganze Nacht hindurch. Als das Frühroth durch die ersten Sonnenstrahlen verdrängt wurde, war das Grab fertig, in welches mein einziges Lebensglück, meine arme Margareth, zur ewigen Ruhe gebettet werden sollte. Grausig, feindlich starrte mir die schwarze Oeffnung entgegen, grausig und kalt, daß ich den Anblick nicht zu ertragen vermochte. Ich wendete mich ab und schweigend folgten meine Freunde mir auf die Wiese nach. Dort pflückten wir Blumen, die schönsten, die zu finden waren, und nur solche wählten wir aus, auf welchen der liebliche Morgensonnenschein die glitzernden Thautropfen liebkoste. Die Thautropfen betrachtete ich als Thränen, den Sonnenschein als Lebenswärme, und in Blumen, Thränen und Lebenswärme wollte ich meine arme Margareth betten, daß sie sanft ruhe und die Erde sie nicht drücke. Und als der holde Engel dann endlich still und friedlich tief unten in kühler Erde lag, die lieben treuen Augen geschlossen, die Hände auf dem todeskalten Herzen gefaltet, da stützte ich Zweige und Aeste über sie hin, so daß sie unberührt blieb, und auf das festgeflochtene Gerüst legte ich grüne Blätter und Blumen, bis sie eine für Sand und Erde undurchdringliche Schicht bildeten, und das theure Antlitz, die ganze liebliche Gestalt frei blieb und nicht eingeengt wurde. Ruhigen und tröstlicheren Gedanken hingegeben, füllte ich sodann den leeren Raum mit Erde aus, dieselbe sorgfältig mit Steinen und Zweigen durchschießend, um das einsame Grab gegen die Angriffe der unvernünftigen Bestien zu sichern. Und den Hügel glättete ich, und mit meinem Messer schnitt ich Rasenstücke los, die ich über den Hügel dicht neben einander schichtete, daß sich das Grab ausnahm, wie die Grüfte, die ich einst in dem Städtchen auf dem Friedhofe gesehen. Zu Füßen aber pflanzte ich ein junges Bäumchen, und mit heißen Thränen befeuchtete ich seine Wurzeln, den lieben Gott aus tiefstem Herzensgrunde bittend, daß er dem schwanken Reis ein glückliches Gedeihen schenken möge, zu Ehren meiner armen todten Margareth. Als ich damit fertig war, entfernte ich die Rinde von dem alten Eichenstamm, der die Lage ihres Hauptes bezeichnete, und in das harte Holz meißelte ich mühsam das, was Ihr mit Euern Augen gesehen und gelesen habt, damit, wenn Jemand zufällig seinen Weg dorthin finden sollte, er von Ehrfurcht vor den Todten erfüllt werden möge und zurückschrecke, die heilige Stätte zu entweihen. Daß ich lange genug leben würde, die Rinde zum zweiten Male entfernen zu müssen, ahnte ich damals nicht; ich konnte es nicht ahnen; zu innig hoffte ich, bald mit meiner unvergeßlichen Margareth vereinigt zu werden. »Das ist also meine Geschichte und die Geschichte Derjenigen, die dort drüben unter der Eiche schlummert,« fuhr der Fallensteller nach einer längeren Pause trüben Sinnes mit unbeschreiblich trauriger Milde fort; »ein freundliches Geschick lenkte meine Schritte, daß ich rechtzeitig eintraf, um das Fällen der alten Eiche zu verhindern. Ich hörte weit oben am Yellow-Stone-Fluß, daß man mit der Besiedelung des Neoscho begonnen habe, und beeilte mich, hierher zu kommen, um, wenn es noch nicht zu spät sei, das einsame Grab vor Vernichtung zu bewahren. Ich handelte recht; denn ich gehe fort von hier beruhigt über das Einzige, was mir bisher noch recht oft bittere Sorgen bereitete.« Der alte Hooker nickte bei diesen Worten zustimmend und drückte des Fallenstellers Hand mit Wärme. Dieser aber, nachdem er für das stumme und doch so beredte Versprechen durch ein wehmüthiges Lächeln gedankt, hob von Neuem an: »Mancherlei könnte ich noch erzählen; ich könnte erzählen, wie ich meine Brüder und Gefährten bis an den Missouri zurückbegleitete und mich dort heimlich von ihnen trennte, um fortan einsam den wilden Westen zu durchstreifen; ich könnte erzählen, wie die Jahre an mir vorüber rollten, ohne daß ich je Sehnsucht nach meiner alten Heimat, meinen tiefbekümmerten Eltern oder dem Verkehr mit anderen Menschen empfunden hätte; ich könnte schildern, wie die Einsamkeit mir endlich zum Bedürfnis wurde und der Anblick weißer Menschen mir fast Scheu einflößte. Ich könnte aber auch Kunde geben von einer blutigen That, von dem wilden Hohne, mit welchem ein seines Lebensglückes schändlich beraubter Jäger, nach vielen Jahren vergeblichen Suchens dem unter seinen Händen sterbenden Räuber seines Glückes den Namen Margareth Urbano in's Ohr schrie, und von dem hellen, jedoch bald ersterbenden Triumph, mit welchem derselbe Jäger vor vielen Wintern eine schwarzgelockte Kopfhaut auf das zum stattlichen Baume herangewachsene Bäumchen nagelte. Ja, das Alles könnte ich ausführlich erzählen, allein was kümmern Euch diese Begebenheiten? Und warum sollte ich die Bilder, die meinem Geiste augenblicklich so lieblich, so tröstlich vorschweben, durch Schilderungen von Thaten verscheuchen, welche die arme Margareth nie gut geheißen hätte? Ach, und dann bin ich auch so müde, so unendlich müde, daß ich schlafen möchte bis in die Ewigkeit hinein. Ja, ja, 's ist schon das Rathsamste, wir gönnen dem Körper sein Recht und suchen einige Stunden der Ruhe. Die schärfste Axt schneidet schlecht unter matten Fäusten, und nach dem Stande des Mondes zu schließen, kann es nicht mehr lange vor Tagesanbruch sein. Gute Nacht daher zu Euch Allen, und zürnt nicht einem alten gebrechlichen Manne, daß er Euch so lange wachhielt.« Bei den letzten Worten erhob sich der Greis mit schnellen, kräftigen Bewegungen, und ohne auf das theilnahmvolle Gemurmel zu achten, welches durch den Kreis seiner Zuhörer lief, begab er sich nach der abgesonderten Stelle hin, auf welcher er sein aus einer Decke und einer Bisonhaut bestehendes Bett auseinander gerollt hatte. – Niemand störte ihn in seinem Beginnen, noch wurde ihm Beistand angeboten, als er seinen Sattel als Kopfkissen für sich zurechtschob und sich demnächst hinstreckte. Es war, als ob Jeder gefühlt hätte, daß der fremde Gast den seinem Geiste vorschwebenden Bildern ungestört nachzuhängen wünschte. Eine gewisse achtungsvolle Scheu, seinen eigenthümlichen Ideengang zu unterbrechen, erfüllte Alle. Es äußerte sich dies unverkennbar in der Geräuschlosigkeit, mit welcher der weibliche Theil unserer Gesellschaft sich zurückzog, in der gedämpften Unterhaltung, zu welcher die jüngeren Leute um den alten Hooker zusammenrückten, und in der kaum hörbaren Weise, in der dann endlich auch diese ihre harten Lagerstätten aufsuchten, nachdem eine, den Beifall jedes Einzelnen erhaltende Verabredung getroffen worden war. Trotz einer leichten Abspannung des Körpers gelang es mir nicht, die Augen zu einem wirklich kräftigenden Schlafe zu schließen. Bald war es die holde Margareth, von der ich mir ein Bild zu schaffen suchte, bald wieder der greise Fallensteller, der, ein Jüngling im Vollgenuß üppigster Jugendkraft, vor meiner aufgeregten Phantasie auftauchte. Sechsundvierzig Jahre! Welch lange Zeit, und dennoch wie kurz für Denjenigen, dem in der Vergangenheit sich nur ein einziger kurzer Lichtpunkt bietet, an welchen die Seele, alles Uebrige vergessend, sich gleichsam krampfhaft anklammert! Sechsundvierzig Jahre! Ein Sonnenstäubchen im unendlichen Raume der Zeiten! Eine Ewigkeit im Menschenleben, wenn sie gleichbedeutend mit banger Hoffnung und Erwartung. Die Ereignisse einer Secunde entscheiden über die Geschicke der Sterblichen und ihrer Werke; nur die Natur ist unwandelbar in ihrem nach streng vorgeschriebenen Gesetzen wiederkehrenden Wechsel. Sinnend betrachtete ich von meinem Lager aus den Mond. Wie vor sechsundvierzig Jahren, so beleuchtete er auch heute zauberisch die liebliche, in sommerliches Halbdunkel gehüllte Waldlandschaft. Nur spärlich drängten sich an dem tiefblauen Himmel die kleiner erscheinenden Weltkörper hervor; vereinzelte Meteore mit flüchtiger Leuchtkraft schienen zwischen den verschiedenen Sternbildern vermitteln zu wollen. Mit ungeschwächtem Eifer, jedoch dumpfer rasselten die unermüdlichen Locustgrillen zu dem wetterverkündenden Gesang der Laubfrösche. Wie fernes Grabgeläute ertönte der melancholische Ruf der Unken. Das Gekläffe der Prairiewölfe war verstummt; sie rasteten nach einer vergeblichen, anstrengenden Jagd, oder hüteten neidisch die letzten Reste ihrer Beute. In den Wipfeln der Bäume säuselte leise der aufspringende Morgenwind. – Die Sonne hatte sich noch nicht über die östlichen Waldstreifen erhoben, da erschallte bereits in der Nachbarschaft des einsamen Grabes der luftige Schlag von scharfen Doppelhieben. Knarren, Krachen und ächzendes Zersplittern gesellten sich gelegentlich zu dieser Lieblingsmusik des westlichen Farmers; dagegen vermißte man die geräuschvollen Scherzreden und Jubelausbrüche, welche die schwere Arbeit des Holzfällens gewissermaßen erleichtern. Der greife Fallensteller schlief noch immer; die vorhergegangene geistige Aufregung schien seine körperlichen Kräfte in erhöhtem Grade erschöpft zu haben. Er schlief noch, als wir von unserer ersten Morgenarbeit in's Lager zurückkehrten und uns um die dampfenden Schüsseln und Kessel reihten, die von der rüstigen Hausfrau und ihren anmuthigen Töchtern für uns bereit gehalten wurden. Wir hatten unser Frühmahl beinahe beendigt, als der Fallensteller erwachte und sich zu uns gesellte. Erstaunt betrachtete ich den Greis; die Hinfälligkeit, welche ich vor wenigen Stunden an ihm bemerkt zu haben glaubte, war verschwunden; seine Haltung war aufrecht und verrieth eine außergewöhnliche Zähigkeit des alten ausgewetterten Körpers. Sein Gesicht war ernst und verschlossen, jedoch nicht menschenfeindlich; im Gegentheil, es sprach ein hoher Grad von Herzensgüte aus demselben. Aber auch die Redseligkeit der verflossenen Nacht war von ihm gewichen; kaum daß er mit dürren Worten auf die an ihn gerichteten Fragen anwortete. Die fieberhafte Aufregung, der er beim Anblick des bedrohten Grabes seiner Jugendliebe anheimgefallen war, hatte sich geebnet; er war wieder der menschenscheue Einsiedler der Wüste, als welcher er beinah ein halbes Jahrhundert ununterbrochen- und ungestört gelebt hatte. Niemand versuchte, die Stimmung des seltsamen Greises zu beeinflussen, und in fast drückender Stille wurde das Mahl beendigt. Dann aber, als er nach seinem Pferde verlangte und sich reisefertig zu machen begann, wiederholten Hooker und dessen Gattin ihre dringenden Einladungen, länger an ihrem Heerde zu verweilen. Freundlich, wenn auch entschieden, lehnte der Greis die Einladungen ab. »Ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen,« sagte er milde, »auch duldet's mich nicht lange auf derselben Stelle. Nur noch einen Blick auf die alte Eiche will ich werfen, und im Herzen beruhigt ziehe ich von dannen.« Im Tone seiner Stimme lag eine solche Unerschütterlichkeit, daß Keiner mehr Einsprache zu erheben wagte. Dagegen suchten Alle ihren Gefühlen dadurch Ausdruck zu geben, daß sie ihm bei seinen Vorbereitungen, hülfreiche Hand leisteten. Nach Verlauf einer halben Stunde und nachdem der Fallensteller Abschied von den Frauen genommen, wanderten wir gemeinschaftlich mit ihm nach der Grabstätte hinüber. Hookers jüngster Sohn führte den mit Lebensmitteln reich beladenen Mustang bis an den Rand des bewaldeten Hügels, wo er der Rückkehr des Greises harrte. Langsam drängten wir uns durch das Gebüsch, und gespannt hingen alle Blicke an dem Fallensteller, der an der Spitze des Zuges schritt. Als wir in der Nähe der Eiche eintrafen, blieb der Fallensteller plötzlich überrascht stehen; aber es war eine freudige Ueberraschung, die er verrieth. Dann die Büchse vor sich niederstellend, faltete er die Hände über der Mündung derselben, während seine Blicke immer und immer wieder die ihm so theure Stätte überflogen, als ob er sich hätte überzeugen wollen, daß seine Augen ihn nicht täuschten. Die Eiche mit der Grabschrift und der Nußbaum standen zwar noch unangetastet da, allein der Raum zwischen Beiden war von Gestrüpp sorgfältig gesäubert worden. Ueber der armen Margareth aber, deren Lage nach den Schilderungen des Greises leicht festzustellen gewesen, erhob sich ein regelmäßig aufgeworfener Grabhügel, zu welchem man den Rasen aus der Nachbarschaft herbeigeholt hatte. Eine Einfriedigung von frisch gespaltenen Zaunriegeln, nach westlichem Gebrauch fest, wenn auch wenig künstlerisch zusammengefügt, umgab den Grabhügel in einer Weise, daß noch eine zweite Gruft neben der ersten innerhalb des geschützten Raumes gegraben werden konnte. Die verwitterte Inschrift schmückte ein Kranz von Eichenlaub. »Ich hab's mir gedacht,« sagte der Fallensteller freundlich, jedoch ohne sich nach uns umzuschauen, »ja, ich hab's mir gedacht; daß es aber so bald geschehen würde, hätte ich nicht geglaubt.« Dann schritt er dicht an die Einfriedigung heran, und die Arme und das Haupt schwer auf dieselbe lehnend, starrte er lange auf den frischen Hügel nieder. Wohl fünf Minuten verstrichen in lautlosem Schweigen. Als der Fallensteller sich uns wieder zuwendete, waren seine Augen geröthet und Thränen zitterten in seinem weißen Bart. »Ihr habt einem alten Manne eine rechte Herzensfreude bereitet,« hob er an, uns der Reihe nach zum Abschied die Hand reichend, »Ihr habt es nicht gethan, um Dank dafür einzuernten, und so danke ich Euch denn auch nicht weiter. So viel aber sage ich Euch, ich möchte wohl, daß es mir beschieden wäre, mein müdes Haupt einst auf die leere Stelle hier an ihrer Seite legen zu dürfen.« »Und wollt Ihr nicht –« fragte Hooker jetzt mit treuherzigem Eifer. »Nein, nein, die Zeit der Ruhe ist für mich noch nicht gekommen,« fiel der Fallensteller dem Farmer in's Wort, indem er die Hand, wie abwehrend, erhob, »es mögen noch Jahre hingehen, bevor ich mein Ende herannahen fühle, und wer kann wissen, wo mich's dann gerade trifft. Und hier darauf warten? O, ich sagte ja schon, ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen.« So sprechend kehrte er sich um, die nächste zu seinem Pferde führende Richtung einschlagend. Wir folgten ihm bis an den Rand der Prairie nach. Wir sahen ihn seinen Mustang besteigen, wir sahen ihn noch eine Strecke im Thale des Neoscho reiten, aber nach uns blickte er kein einziges Mal zurück. Gesenkten Hauptes, die Büchse quer vor sich auf dem Sattel, verfolgte er seinen Weg. Bald darauf krachten wieder wuchtige Axthiebe auf der zur Anlage der Farm bestimmten Anhöhe, und knarrend und ächzend senkten sich die von ihren Wurzeln getrennten Stämme. Eine solchem Beginnen entsprechende heitere Stimmung wollte indessen lange nicht in der sonst so munteren Gesellschaft zum Durchbruch kommen. Es war fast, als hätten wir einen lange gekannten, verehrten und geliebten Todten zur Erde bestattet und noch immer unter der Nachwirkung der vor der offenen Gruft empfangenen wehmüthigen Eindrücke gestanden. Die Gabel-Antilope. Wie die Gemse den fast unzugänglichen Regionen der eisgekrönten Alpen viel von dem Charakter einer schrecklichen, aber erhabenen Starrheit raubt, so belebt die Gabel-Antilope strichweise gar anmuthig die beängstigende Einsamkeit der nordamerikanischen Steppen und Wüsten. Nicht in gewaltigen Heersäulen, wie der wandernde Bison oder die umherschwärmenden Mustangs, durchziehen diese schöngezeichneten Thiere die unabsehbaren Ebenen, sondern bald einzeln, bald in Rudeln, deren Mitglieder selten die Zahl von hundert übersteigen, deshalb aber nicht minder das Auge des Reisenden erfreuen, der seit Tagen, vielleicht seit Wochen vergeblich in der lautlosen Einöde nach größern Geschöpfen spähte. Sehr zutreffend wird diese einzige Antilope, welche dem nordamerikanischen Continente eigenthümlich, auch die Prairie-Gemse genannt, indem sie in manchen Beziehungen lebhaft an die gewandten Bewohnerinnen des ewigen Gletscherreichs erinnert. Ihr Körper ist nur wenig größer und schwerer, als der eines gewöhnlichen Schafes, dagegen verleihen die längern Beine und der längere Hals ihr ein schlankeres und gefälligeres Aussehen. Die Stirn ist breit und gehöhlt, der Kopf im Ganzen spitz und zierlich auslaufend. Vorzugsweise charakterisiren sie indessen die seltsamen Hörner und die merkwürdige Lage der Augen. Erstere, in ihren Bestandtheilen den Ziegenhörnern ähnlich, sind an der Wurzel, wie gepießt, und füllen den Raum zwischen den Augen und dem Hinterkopfe aus. In ihren äußern Formen weichen sie vielfach von einander ab; zu verkennen ist dagegen nirgends die Normalbildung, gemäß derer, dem Schädel näher oder entfernter, die kurze Zinke der »Gabel« sich nach vorn abzweigt, während die andere gleich nach der Abzweigung der ersteren sich rundet, je nach der Stärke und dem Alter des Thieres sich schräge nach innen in weitem Bogen wölbt und endlich, wie bei der Gemse, in eine schwach gebogene Spitze ausläuft. Dicht unter den oftmals mit kleinen Auswüchsen übersäeten Kronen der Hörner und gleichsam in diese hineinreichend, liegen die großen glänzenden Augen. Jene bilden mit der Linie des Nasenbeins einen fast rechten Winkel, wodurch das harmlose Thier einen überaus wilden und herausfordernden Ausdruck erhält, der noch erhöht wird durch die starr abstehenden Mähnhaare, welche, auf dem Hinterkopf beginnend, erst in der Nähe der Schultern wieder vollständig mit der übrigen Behaarung zusammenfallen. Bei den weiblichen Antilopen sind gewöhnlich keine Hörner sichtbar; nur in seltenen Fällen erreichen dieselben als scharfe Spitzen eine Länge von zwei bis drei Zoll. Die Hufe sind kurz und scharf und deren Abdrücke denen des Schafes ähnlich; auch fehlen, wie bei diesem, die Afterklauen. Ihr Haar ist dicht und spröde; die Farbe desselben auf dem Rücken gelbbraun. Auf den Seiten geht das Braun allmählich in Gelb über, bis es endlich von dem Weiß der ganzen unteren Hälfte in unregelmäßigen Linien scharf begrenzt wird, wogegen feine schwarze Zeichnungen den Kopf zieren. Vorzugsweise liebt die Gabel-Antilope die Ebenen, doch findet man sie auch in den Schluchten der Gebirge und in den furchtbaren Felsenwüsten, welche sich zwischen Neu-Mexico und Californien zu beiden Seiten des Rio-Colorado ausdehnen. Ihr eigentliches Gebiet sind die Wildnisse zwischen dem Stillen Ocean und dem Mississippi, und zwischen Oregon und Mexico; selbst auf den Weiden von Neu-Mexico und Californien umschwärmen sie vielfach die Schaf- und Rindviehheerden, sich denselben sogar zeitweise zugesellend. Im Allgemeinen sind sie sehr scheu; ihre Neugierde überwiegt indessen ihre Furchtsamkeit, namentlich da, wo die Erscheinung von Menschen ungewöhnlich, in so hohem Grade, daß sie häufig ein Opfer derselben werden. Ein von einem in den Boden gesteckten Stabe flatternder Zeugstreifen zieht sie förmlich an; bald fliehend, bald wie zum Angriff vorschreitend und mit den Vorderhufen herausfordernd den Boden stampfend, umspielen sie den ihnen fremdartigen Gegenstand, bis sie endlich in den Bereich des lauernden Schützen gelangen. Der Knall der Büchse verscheucht sie; nicht selten aber eilen sie in langen Sprüngen zurück, um sich von der Ursache des drohenden Geräusches und des Falles eines der Ihrigen zu überzeugen und ein zweites Opfer auf der verhängnißvollen Stelle zurückzulassen. Dem einsamen Steppenreisenden bieten die Antilopen oft eine liebliche Unterhaltung. Stundenlang begleiten sie ihn, das bedächtig einherschreitende Reitpferd in Schlangenlinien umkreisend, ihm bald vorausfliehend, bald weit hinten bleibend und wiederum mit Windeseile in gleiche Höhe mit ihm sprengend. In allen Bewegungen entwickeln sie dabei eine wunderbare Grazie, das Auge doppelt freundlich berührend, wenn es seit Wochen nichts Anderes sah, als die ununterbrochene grüne Ebene und den sich über dieselbe wölbenden sonnigen Himmel. Wo man aber in der unabsehbaren Wüste fast einzig und allein auf die Gesellschaft dieser Thiere angewiesen ist, da beobachtet man sie schärfer und aufmerksamer; ihr Wesen gewinnt einen erhöhten Ausdruck; man möchte ihnen nicht nur die Gabe der Sprache und der freien, tändelnden Unterhaltung zuschreiben, sondern auch einen gewissen Ehrgeiz, infolge dessen sie sich gegenseitig in der Zierlichkeit ihrer Bewegungen wie in plötzlichen launigen Einfällen zu übertreffen suchen. Nur wenn sie in den Bereich der durch Berührung ungleich erwärmter Luftschichten erzeugten Spiegelungen treten, verändern sie scheinbar ihre Gestalt in grotesker Weise. Abwechselnd zu plattgedrückten Schildkröten zusammenschrumpfend und sich wieder zu unförmlich dünnen und hohen Dromedaren ausstreckend oder gar zerreißend und in doppelter Gestalt, die Füße in entgegengesetzter Richtung mit den Köpfen zusammengewachsen, gleichen sie einem Heere neckischer Kobolde, welche sich einen zitternden, wellenschlagenden Wasserspiegel zu ihrem Tummelplatze auserkoren haben. Es ist, als wollten sie die Aufmerksamkeit des lechzenden Wanderers von dem vor ihm fliehenden trügerischen Gewässer ablenken, ihm beweisen, daß unterhalb der spielenden Wellen ihr scharfer Huf dürres Gras zerknicke und heißen Staub aufwirbele. So sind die Gaben der Natur wunderbar vertheilt. Was durch seinen Anblick den überlegenden Menschen martert, ihn tückisch erinnert an den ersehnten Labetrunk und dadurch seine Leiden erhöht, das bleibt unbeachtet von den übrigen Geschöpfen. Wo es gilt, in ungastlichen Wüsten den Körper vor dem Untergange zu bewahren, da tritt selbst die kühnste Berechnung des Geistes hinter den nie irrenden Instinct der Thiere zurück. Der Christabend in der Blockhütte. In langen Athemzügen fuhr der Nordweststurm über die winterliche Prairie. Fallenden und gefallenen Schnee trieb er in Wolken vor sich her. Hier füllte er tiefe Thalsenkungen aus, dort trieb er Flocken und seine Eiskrystalle in mächtige Bänke zusammen, um sie demnächst wieder auseinander zu jagen und von Neuem auf die Wanderung zu schicken. Weit, sehr weit kamen viele dieser kleinen kaltherzigen Reisenden schon her: manche aus der Nachbarschaft der Rocky-Mountains und vom oberen Yellow-Stone-Flusse, manche aus dem Quellgebiet des Nebraska und von den Abhängen der Black-Hills. Auf den unabsehbaren, weißen Flächen, wo durch mehrfachen Wechsel des Wetters eine spiegelglatte Bahn entstanden war, stäubten sie vor dem erstarrenden Lufthauche mit rasender Schnelligkeit einher, daß die von den Wolken gespendeten und vom Winde getragenen frischen Flocken kaum gleichen Schritt mit ihnen zu halten vermochten. Sie legten binnen wenigen Tagen Wegesstrecken zurück, zu welchen ein gut berittener Wanderer mindestens eben so viele Wochen gebraucht hätte. Erst in der Nähe des Missouri, wo Haine und zusammenhängende Waldungen dem Sturme trotzig die Stirne boten, gelangten sie zur Ruhe, um erst wieder von der warmen Frühlingssonne aus ihrer Erstarrung wachgerufen und in befruchtende Feuchtigkeit verwandelt zu werden. Bis zum Märzmonat war es indessen noch sehr lange hin, und dazu heulte und tobte der unbändige Nordwester, als hätte er die Oberherrschaft in den Prairien und den angrenzenden Territorien bis in die Ewigkeit hinein ausdehnen wollen. Vorzugsweise waren es die abgesonderten Haine, an welchen er seine Kraft erprobte, und die Farmen, die auf der äußersten Grenze der Civilisation spärlich zerstreut auf solchen Punkten errichtet worden waren, wo neben einem nie versiegenden Wasservorrath, culturfähiges Wiesenland und Brenn- und Baumaterial lieferndes Gehölz das Ansiedeln begünstigten. In der Entfernung einer Tagereise von der auf dem rechten Ufer des Missouri emporblühenden Stadt Kansas, von der nächsten Farm aber durch eine Strecke von sieben oder acht englischen Meilen getrennt, lag ein derartiges einsames Gehöft. Wie groß dasselbe und wie weit der Besitzer es durch Fleiß und Sparsamkeit schon gebracht hatte, war unter dem tiefen Schnee nicht genau zu verfolgen; konnte doch die mächtige Schneebank, welche sich hinter der kleinen Blockhütte und dem dazu gehörenden Schuppen und vor dem Schutz gewährenden Haine aufthürmte, eben so gut eine Reihe von Ställen und sonstigen landwirthschaftlichen Einrichtungen verbergen, wie eine Gruppe gefällter und mit Bedacht angesengter Bäume, Brombeerranken und dichtes Hasel- und Sassafrasgebüsch. Ein kundiges Auge hätte vielleicht aus dem mäßigen Umfange des sich auf der Ostseite des schmalen Waldstreifens ausdehnenden Ackers, dessen Grenzen nothdürftig an den Einfriedigungsstützen erkennbar, berechnet, daß hier nur zwei Hände und zwei Händchen, und zwar erst seit wenig mehr als Jahresfrist sich zur schweren Arbeit treu vereinigten. – Zwei Hände und zwei Händchen, das war Alles, was die Blockhütte belebte, was den in dem engen Schuppen sicher untergebrachten drei Zugochsen, der einzigen Kuh und den beiden Pferden das Futter reichte, was die anderthalb Dutzend Hühner pflegte, das Holz spaltete, das Feuer in dem von Feldsteinen wenig künstlerisch aufgeführten Kamin unterhielt und endlich die Speisen herbeischaffte und zubereitete, welche dem daselbst hausenden jungen Ehepaar zur Nahrung dienten. Zwei Hände und zwei Händchen; zwei Herzen, die in Liebe für einander schlugen und in dem gegenseitigen Besitz ihr einziges Glück, ihren einzigen Trost für die ihnen auferlegten harten Prüfungen fanden. Um sie herum aber mit den vor Heißhunger sich den Ansiedlungen nähernden Wölfen um die Wette, heulte an diesem Abend der Sturm, wirbelten die leicht beweglichen Schneemassen und krachten und zersplitterten die dürren Zweige der Bäume und diese selbst, wenn ihr alterndes Mark dem gewaltigen auf sie ausgeübten Druck keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegen zu stellen vermochte. Es war eine schauerliche Nacht. Selbst das verhangene Mondlicht, welches der schneerfüllten Atmosphäre eine bleiche Färbung verlieh, hatte in diesem Kampfe der aufgeregten Elemente nichts Tröstliches; es diente vielmehr dazu, den Charakter gefahrdrohender Vereinsamung in dem wilden Chaos zu erhöhen, die Brust mit Angst zu erfüllen. – In dem geräumigen Kamin der Blockhütte loderte ein helles Feuer, welches, von kernigen Hickoryblöcken ausströmend, eine behagliche Wärme verbreitete. Das durch einen Vorhang in zwei ungleiche Hälften geschiedene einzige Gemach war niedrig, indem außer dem Schindeldach eine mit Brettern, Zweigen und Heu beschwerte Balkenlage dasselbe von oben her schützte. Die Spalten und Fugen zwischen den Mauerbalken waren dagegen sorgfältig verstopft und verkittet worden, während man das einzige kleine Fenster, um die Zugluft auszuschließen, ringsum mit Papier verklebt und die Thüre mit einem festgeflochtenen Strohkranz umgeben hatte. Aus dem einfachsten Material zusammengefügte Sessel und ein größerer Tisch bildeten die Hauptmöbel; Pflöcke, in die Wände eingetrieben, und darüber hingelegte Bretter vertraten die Stellen von Schränken und Kommoden. Andere Pflöcke trugen eine Guitarre, mehrere Aexte, zwei Gewehre und sonstige Jagdgeräthschaften; in den Ecken lehnten Schaufeln und Hacken, wogegen der an die Rückwand gestellte kleinere Tisch als Küchenspind diente und zugleich der Bibliothek eingeräumt worden war. Letztere bestand aus einer nur geringen Anzahl von Bänden, höchstens fünfundzwanzig, aber es waren Werke, bei deren bloßem Anblick das Herz eines Deutschen, namentlich in fernen fremden Landen, sich gehoben fühlt und welche immer und immer wieder zu lesen er nicht leicht ermüdet. Einen eigenthümlichen Zuwachs erhielt die Bibliothek durch den immerwährenden Kalender, der mittelst Kreide sinnig oberhalb des Tisches auf die glatt behauenen Balken aufgetragen worden war. Da sah man nämlich auf einer durch längeres Benutzen bereits weißgefärbten Fläche das Wort »Dezember«. Unterhalb dieses reihten sich an einander die Anfangsbuchstaben der sieben Wochentage, die wieder die Zahlen von einundzwanzig bis siebenundzwanzig krönten. Es war die Weihnachtswoche; mehrere Tage waren seit dem Sonntage verstrichen, aber noch immer standen die sieben Zahlen unter den sieben Buchstaben. Es schien, fast, als hätte man den sonst mit so viel Gewissenhaftigkeit geführten Kalender vergessen, oder als hätten die Hand und das Händchen eine heimliche Scheu empfunden, sich dem doppelt unterstrichenen Weihnachtsfest zu nähern, welches so einsam am Rande einer endlosen Wildniß verbracht werden sollte. Die Hand und das Händchen! Beide wurden grell beleuchtet von den polternden und knisternden Flammen. Auf dem Händchen ruhte ein liebliches, braungelocktes, jedoch von Trauer und banger Erwartung scharf gezeichnetes Haupt, welches wehmüthig sinnend in die helle Gluth schaute. Auf die männlich kräftige Faust dagegen stützte sich ein jugendlich bärtiges Antlitz, dessen dunkelblaue Augen mit einer gewissen Theilnahme die Funken beobachteten, die unter der von der andern Faust gehaltenen Schürstange in den schwarzen Schlot hinaufwirbelten. Minuten waren verronnen, seit die beiden jungen Eheleute das letzte Wort wechselten. Da hob die Frau, als ob sie durch einen in den Rauchfang hinabheulenden Windstoß aus ihrem Sinnen wach gerufen worden wäre, plötzlich das Haupt empor, und das etwas bleiche Antlitz dem Gatten zukehrend, fragte sie mit ängstlichem Ausdruck, worüber er so ernst nachdenke. »Worüber ich nachdenke?« fragte dieser, wie zerstreut, zurück, aber aus seinen Augen, indem er dieselben auf die Gattin richtete, strahlte eine ganze Welt voll Liebe und Wehmuth; »solltest Du nicht ahnen, was mir am nächsten liegt, Du liebe, treue, Du gesegnete Marie?« Frau Marie sah erröthend vor sich nieder. Eine liebliche Vision schien vor ihrem Geiste vorüberzuziehen, der indessen fast augenblicklich ein schmerzliches, beängstigendes Gefühl nachfolgte. »Ich weiß, Gerhard, o, ich weiß es,« flüsterte sie mit einem tiefen Seufzer, »Du gedenkst des holden Gastes, der bei uns einzukehren verspricht; Du vergegenwärtigst Dir, wie wenig wir ihm außer unserer zärtlichsten Liebe zu bieten haben; Du erwägst alle Möglichkeiten, alle bösen Zufälle, denen wir ausgesetzt sind –« »Nicht doch, nicht doch, Marie,« bat Gerhard aufmunternd, indem er der Gattin Hand mit Innigkeit drückte, »ich gedenke nur der schönsten Möglichkeiten; aber auch Du solltest zuversichtlich hoffen, daß die Zeit Rath bringt.« »Aber die Zeit ist ja gar nicht mehr ferne,« versetzte die junge Frau, und Thränen drangen unaufhaltsam in ihre schönen dunkeln Augen. »Der Schnee muß vorher geschmolzen sein,« erwiderte Gerhard freundlich tröstend, »und die ersten Frühlingsblumen müssen blühen, damit in ihrer Gesellschaft uns die beiden neuerschlossenen Augensternlein entgegen lächeln.« Die beiden Händchen, durch ungewohnte, jedoch mit seltener Willenskraft ausgeführte Arbeiten leicht gebräunt, führten die schwielige Hand an die weichen Lippen. Zwei Thränen fielen auf dieselbe. Frau Marie bezwang sich indessen, und dem Gatten schwermüthig zulächelnd, deutete sie auf den immerwährenden Kalender. »Weißt Du genau, welches Datum wir heute schreiben?« fragte sie schüchtern, wie sich fürchtend vor den auf sie einstürmenden Rückerinnerungen. Gerhard warf einen trüben Blick auf die noch unberührt gebliebene Zahlenreihe. »Ich vergaß, den verflossenen Tag jedesmal auszustreichen,« antwortete er mit erzwungenem leichtem Tone, »wir müssen heute – wenn ich nicht irre« – »Den vierundzwanzigsten December schreiben,« fiel Marie mit unverkennbarer Anstrengung ein. »Nein, nein, ich glaube nicht,« versetzte Gerhard hastig, »wir haben heute entweder den fünfundzwanzigsten oder den sechsundzwanzigsten. Der heilige Abend ist vorübergegangen, ohne daß wir ihn beachtet haben.« »Du wünschest, er möchte unbeachtet vorübergegangen sein,« wendete Marie ein, indem sie ihrem Gatten tief ergriffen um den Hals fiel, »Du willst mir die lebhafte Erinnerung an die entschwundenen Zeiten ersparen, mir die Gelegenheit rauben, mich in trübe Betrachtungen zu versenken; ach, nur darum und darum allein vernachlässigtest Du Deine sonst so gewissenhafte Kalenderführung. O, ich verstehe Deine Absicht; Du hältst mich für schwach, ohne zu erwägen, daß selbst in den traurigsten Rückerinnerungen ein, wenn auch schmerzlicher Genuß liegt. Ja, heute ist der heilige Abend, derselbe Abend, an welchem ich so oft durch den im hellsten Lichterglanz strahlenden Weihnachtsbaum entzückt und beglückt wurde – freilich, hier auf der Grenze der Wildniß wird kein Baum mehr für mich geschmückt, dafür aber habe ich Dich und neben Dir noch eine süße Hoffnung, und wenn wir in früheren Jahren durch mancherlei Geschenke und Überraschungen erfreut wurden, so wollen wir uns heute in der Erinnerung einen Weihnachtstisch aufbauen und selbst die Thränen willkommen heißen, welche uns durch diese Rückblicke in die Augen getrieben werden.« Sie erhob sich. In ihren guten Augen glänzten wirklich Thränen. Entschlossen trat sie vor den Tisch hin und den Zipfel eines an der Wand hängenden Tuches ergreifend, vernichtete sie bedächtig die drei ersten Zahlen des Kalenders bis zur vierundzwanzig. Mit tiefer Rührung beobachtete Gerhard seine Gattin. Ihm war, als hätte sein Herz brechen müssen, indem diejenige, von der er alle traurigen Eindrücke fern zu halten wünschte, gerade die Rückerinnerungen herausforderte, offenbar um ihm zu beweisen, wie fremd ihr jeder Gedanke an einen Vergleich der Gegenwart mit einer verhältnismäßig glänzenden Vergangenheit sei. »Heute ist also Weihnachtsabend,« fuhr Marie gleich darauf fort, und sie lächelte unter Thränen, indem sie auf die Vierundzwanzig wies; »feiern wir ihn daher auf unsere Art und so gut es in unsern Kräften steht. Ich setze mich so recht warm an Deine Seite, meine Hand ruht in der Deinigen, so daß ich den Schlag Deines treuen Herzens fühle; dann schauen wir in die Flammen, die im Aufflackern so wunderliche Figuren zeichnen, und dabei gestatten wir der Phantasie, zu wandern, weit fort, so weit sie nur immer will, ohne ihr Schranken zu ziehen. Je schöner die Bilder sind, welche wir aus der hellen Gluth herauslesen, um so besser für uns; schleichen sich aber einzelne traurige mit ein, dann wollen wir ihnen ohne Scheu begegnen und ihnen recht aufrichtige Thränen weihen. Zu sprechen, ich meine zu schildern, was das geistige Auge jedesmal sieht, brauchen wir nicht; nur gelegentlich, wenn ein feierliches Gefühl in uns erwacht, wie vor Zeiten beim Klange der Glocken, die summend zum Abendgottesdienst riefen, ja, dann wollen wir uns gegenseitig anvertrauen, was uns entweder schmerzlich oder freudig und hoffnungsvoll bewegt. So, mein guter, guter Mann,« fuhr die liebliche junge Frau fort, indem sie, halb lächelnd, halb weinend, sich zutraulich an den Gatten anschmiegte, ihm schmeichelnd das blonde Lockenhaar von der Stirn strich und eine Thräne von seiner Wange küßte, »nun habe ich Dir mit meinen Worten einen Weihnachtstisch gedeckt; denke, es sei die freundliche Ueberraschung, von welcher Du so lange geheimnißvoll sprachst, eingetroffen, und nun laß uns in die Flammen schauen, so lange und so ernst, bis wir wähnen, plötzlich in eine andere Welt versetzt zu sein.« »Ja, die Ueberraschung, von der ich sprach,« erwiderte Gerhard, kaum noch fähig, die Rührung zu verbergen, welche sich bei dem erzwungen heiteren Wesen der Gattin um sein Herz legte; »wenn nur der Pedlar gekommen wäre.« »Erwartetest Du ihn?« »Da es doch einmal zu spät ist, will ich es einräumen: Ja, ich erwartete ihn, um durch seinen Beistand Dir eine Freude zu bereiten, welche Dich an Deine früheste Jugendzeit erinnern sollte.« »Mir?« »Ja, Dir, meiner lieben, herzigen Marie. Draußen im Schuppen, verborgen zwischen Stroh und Heu, liegt ein Tannenbäumchen, welches ich schon vor vierzehn Tagen heimlich herbeischaffte. Dies Bäumchen wollte ich Dir ausschmücken mit Lichten und sonstigen der Gelegenheit entsprechenden Gegenständen, welche vor dem heutigen Abend zu bringen, Wesel mir feierlich zugesagt hatte, und nun ist er nicht gekommen.« »Das Wetter wird ihn zurückgehalten haben,« bemerkte die junge Frau mit unverkennbarer Trauer, doch fuhr sie tröstend fort: »Nehmen wir indessen an, unser alter Freund habe trotz Sturm und Schnee seinen Weg zu uns herausgefunden und Dir die Mittel zu einer freundlichen Überraschung an die Hand gegeben. Was aber die Überraschung selbst betrifft, mein lieber, lieber Gerhard, da wollen wir jetzt wirklich in die Flammen schauen und in Gedanken einen Weihnachtstisch vor uns hinzaubern, wie er noch nie schöner und lieblicher das Auge eines Sterblichen entzückte. Nichts, nichts soll auf demselben fehlen, weder der Baum, noch die Lichte, noch – noch –« Ihre Stimme war leiser und inniger geworden, als ob sie bereits in Bewunderung der vor ihr in der Gluth entstehenden Bilder versunken gewesen wäre; und doch erfüllte sie in diesem Augenblick nur das einzige Streben, ihre wahren Gefühle vor dem Gatten zu verbergen, ihn nicht noch trauriger zu stimmen, wie sie wußte, daß er bereits in seiner Seele war. Aber auch Gerhard fürchtete, durch Fortsetzung des begonnenen Gespräches immer neue Saiten zu berühren, welche in der Brust seiner Marie einen schmerzlichen Nachhall fanden, und wie diese spähte auch er nunmehr schweigend in die Flammen, die indessen nur von glänzenderen Zeiten und sorgenfreieren Tagen zu erzählen wußten und daher am wenigsten zu der erhofften Aufheiterung der einsamen jungen Eheleute beitrugen. – Der Sturm heulte unterdessen in seiner alten, unveränderten Weise weiter. Er spielte mit Schneeflocken, hartgefrorenen und knisternden Baumzweigen; er spielte mit der Rauchsäule, die dem niedrigen Schornstein der Blockhütte entstieg und bei ihrem Erscheinen über der Esse sogleich in die allerkleinsten Theile zerstob. Er spielte sogar mit den Flammen in dem breiten Kamin, indem er gelegentlich in den Schornstein hineinhauchte und das unheimliche Geräusch vervollständigte, welches eine angemessene Begleitung zu dem Knistern und Poltern der Flamme bildete und so sehr den Bildern entsprach, welche die beiden Gatten aus dem sich beständig verändernden Gluthhaufen herauslasen. O, diese Bilder! sie erzählten von einer langen, langen Bekanntschaft, von einer Liebe, die, bei kindlichen Spielen gekeimt und durch unerschütterliche Treue geweiht, endlich nach manchem herben Kampfe gegen ein wenig freundliches Geschick zu ihrer Vereinigung geführt hatte. Sie erzählten von einer Reihe schöner, lieber Weihnachtsbäume und von treuen zärtlichen Augen, die mit Wohlgefallen die Neigung der beiden Nachbarskinder beobachteten und ihnen still und heimlich eine glückliche Zukunft verhießen. Aber auch Trauerbilder zauberten die bald hell leuchtenden, bald sich verdunkelnden Kohlen vor die schwermüthig zu ihnen niederschauenden Augen hin; Bilder, deren Mittelpunkt ein im Tode erkaltetes Mutterherz, um welches sich weinend alle diejenigen schaarten, die so lange den reichen Segen desselben genossen hatten. Schwarz schimmerten die von den glimmenden Kloben losbröckelnden Theile, schwarz, wie der Sarg, in welchem die irdischen Ueberreste der treuen und sorgsamen Gattin und Mutter zu Grabe getragen wurden. Der Sturm heulte, das brennende Holz knisterte; in Marie's Ohren klang es wie das Rasseln von Lehmschollen und Steinen auf hohl liegende Bretter. Heiße Thränen rannen über ihre Wangen und fester drückten die beiden schlanken Händchen die zwischen ihnen ruhende Hand. Sausend fuhr es jetzt wieder in den Schornstein hinab, und wie durch Zauber strahlten die eben noch scheinbar erlöschenden Kohlen in gleißnerischem Feuer. Ja, diese Feste, die auf das friedliche stille Leben in dem elterlichen Hause folgten! Sie galten derjenigen, die eingezogen war, dem vereinsamten Manne die Gattin, der verwaisten Tochter die Mutter zu ersetzen. Sie war eingezogen lächelnden Antlitzes, wie um Alles ringsum zu beglücken; lächelnden Antlitzes trat sie zwischen den Vater und die sich lieblich entfaltende Tochter, das zwischen ihnen bestehende Vertrauen untergrabend und sie einander entfremdend. Lächelnd suchte sie auch, sich zwischen die bange hoffende Jungfrau und deren Jugendfreund zu drängen und nach eigener Maßgabe über die Hand der Stieftochter zu Gunsten eines entfernten Verwandten zu verfügen. Doch was ihr bei dem Vater glückte, das schlug fehl gegenüber den beiden Herzen, die nicht mehr von einander lassen konnten noch wollten; gegenüber den beiden Herzen, die sogar den Zorn eines aufgebrachten Vaters nicht scheuten und, um den Preis ihrer Vereinigung, der Heimat entsagten und sich für ein beschwerliches und abgeschiedenes Leben in fernen fremden Landen entschieden. Zwischen dem Vater und der Tochter und deren Gatten stand aber auch jetzt noch immer die kalt lächelnde Stiefmutter. Das eisige Lächeln prägte sich sogar in den spärlich einlaufenden Nachrichten aus und in den mit dem Gift falscher Freundlichkeit umhüllten Zurückweisungen der über das Weltmeer fort dem Vater zugesendeten Liebesgrüße. Da traf ein Brief von dem Vater selbst ein. Es war der erste und zugleich der letzte. Er enthielt in seinen wenigen Zeilen die ganze Bitterkeit, die ganze Unversöhnlichkeit, welche die von einer plötzlichen tödtlichen Krankheit dahingeraffte zweite Gattin ihm in ihren letzten Lebensstunden gleichsam als ein Vermächtniß übertragen hatte. Er war wieder vereinsamt, vereinsamter, denn je; und so tief hatte ihn dieser neue Verlust erschüttert, daß er es dem Andenken der Verstorbenen schuldig zu sein glaubte, auch fernerhin seine väterlichen Gefühle niederzukämpfen und eine noch unübersteiglichere Scheidewand zwischen sich und die Tochter zu ziehen, die sich gegen seinen Willen auf Nimmerwiederkehr von ihm getrennt hatte. O, dieser Brief! Vor wenigen Monaten erst eingetroffen, hatte er der jungen Frau zahllose heimliche Thränen gekostet. Gerhard aber beobachtete mit unsäglichem Weh, wie das Andenken an den Vater den Frohsinn und den Lebensmuth der Gattin untergrub und ihren Wangen die sonst so frische Farbe der Gesundheit raubte. Und sie hatten auf diesen letzten Brief geantwortet, sie hatten geschrieben, wie Menschen, die sich in einer sorgenfreien Lage befinden; nicht gebettelt um Beihülfe in ihrer Bedrängniß, nicht gefleht um Verzeihung für einen Schritt, welchen gethan zu haben Keiner von ihnen bereute. Aber zu trösten hatten sie versucht und um freundliche Aufnahme der unter heißen Thränen niedergeschriebenen Liebesworte gebeten, und Andeutungen mit diesen verflochten, welche an süße Hoffnungen und geheiligte Mutterfreuden erinnerten. Aber Monate waren seitdem verstrichen und noch immer harrte man vergeblich auf eine Antwort, auf die man doch mit so viel Zuversicht gerechnet hatte. Wie brechende Augen, die sich matt öffnen und schließen, wechselten die Kohlen ihr aschiges Schwarz mit feurigem Roth und umgekehrt; die noch safthaltigen massiven Holzblöcke zischten und krachten. Tiefer hatten sich die beiden jungen Leute dem Feuer zugeneigt, wie um von der ihnen entgegenstrahlenden Hitze die Thränen trocknen zu lassen, die sich auf ihre Wangen stahlen. Die Hände und die Händchen ruhten ineinander und bange klopften die Herzen. Dazu brauste der Sturm und tanzten die Schatten in dem grauen Gemach auf den Blockwänden, als habe ein Heer schadenfroher Kobolde das traurige Ehepaar umschwärmt, es verhöhnend, weil es ihm so schlecht gelang, den prasselnden Flammen tröstliche Gedanken zu entwinden. Da knurrte der Hund, der seitwärts vom Kamin in einer mit Heu ausgefutterten Kiste lag. Unwillig den zottigen Kopf erhebend, spähte er mißtrauisch nach der Thüre hinüber. Gerhard und Marie sahen besorgt empor. »Wer kann das sein?« fragte Letztere ängstlich flüsternd. »Vielleicht der Pedlar,« antwortete Gerhard, den, Hund aufmerksam beobachtend. »Schwerlich wird er sich bei dem bösen Wetter hinausgewagt haben,« wendete Marie ein. »Der Hunger quält die Wölfe,« entgegnete Gerhard, seine innere Unruhe verbergend, »vielleicht hat sich eine dieser Bestien bis hierher verirrt.« »Sind unsere Rinder gefährdet?« »Nein, in der Nähe menschlicher Wohnungen wagen die räuberischen Thiere sich nicht an größeres Vieh. Besäßen wir Schafe, wären wir vielleicht gezwungen, sie zu uns herein zu nehmen.« »Unser Wohnsitz weicht in manchen Dingen doch sehr von der Farm ab, wie wir eine solche als das Ideal unserer Wünsche auszumalen pflegten,« bemerkte Marie, sich auf das erneute Knurren des Hundes dichter an ihren Gatten anschmiegend. »Gegenwärtig entspricht unser Leben wohl kaum den Bildern, welche wir einst hoffnungsvoll von demselben entwarfen,« erwiderte Gerhard, wie zerstreut, »aber glaube mir, die Tage werden kommen, in welchen wir auf die jetzigen zurückblicken, wie auf« – Der Hund, der plötzlich emporsprang und laut bellend auf die Thüre zustürmte, unterbrach ihn. Zugleich ertönte draußen die Stimme eines Mannes, der mit unverkennbarer Angst Einlaß begehrte. »Wesel!« »der Pedlar!« riefen Gerhard und Marie erleichterten Herzens aus, und sogleich eilten sie nach der Thüre, um zu öffnen. Sie trafen in demselben Augenblick ein, in welchem der Ankömmling sich von außen mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Thür lehnte, so daß er, als Gerhard den Holzriegel zurückschob, bis in die Mitte des Gemaches hineinstolperte und dort kraftlos in die Kniee sank. »Mein Gott, welches Unglück hat Sie betroffen?« riefen Gerhard und Marie, sobald sie die vertraute Gestalt des Hausirers erblickten, wie derselbe bleich und mit dem Ausdruck des Entsetzens um sich spähte, als hätte er sich darauf besonnen, wohin er gerathen sei. »Ich habe Euch erschreckt,« antwortete der Pedlar endlich, indem er sich schwerfällig erhob und nach Athem rang, »allein ich konnte nicht anders. Ich bin einer furchtbaren Gefahr entronnen, und an Euch ist es, mir beizustehen, daß nicht andere unschuldige Häupter ein Opfer dieser Gefahr werden – aber Wasser gebt mir – Wasser, und dann will ich weiter sprechen.« Bis jetzt hatten die beiden Gatten wie betäubt dagestanden; der Anblick des bleichen, mit Blut überströmten Antlitzes, welches ein wirrer Bart und, statt der Kopfbedeckung, ebenso wirres und von Blut klebendes Haar einrahmten, schien sie des Denkvermögens beraubt zu haben. Erst als der Pedlar sich erschöpft auf einen Stuhl vor dem Kamin niederließ und um einen Trunk bat, wich die Erstarrung, welche sich um ihre Herzen gelegt hatte, und angsterfüllt beeilten sie sich, seinen Wunsch zu befriedigen. Längere Zeit dauerte es indessen, bevor der Pedlar Worte fand, sein seltsames und Unheil verkündendes Auftreten zu erklären, dagegen entging es Gerhard nicht, daß er seine Frau mit eigenthümlich zweifelnden und bedauernden Blicken betrachtete und über irgend einen Gegenstand ernst nachzudenken schien. Plötzlich kehrte er sich mit einer hastigen Bewegung Gerhard zu, und seine Hand ergreifend, fragte er mit fast krankhafter Dringlichkeit, ob er um den Preis eines Menschenlebens sich dazu entschließen könne, seine Gattin auf einige Stunden zu verlassen und ihn auf dem Wege, welchen er gekommen, eine Strecke zurück zu begleiten. Die junge Frau erbleichte. »Gerhard, höre, wie es stürmt,« sprach sie leise und mit stockender Stimme, »der Schnee treibt in verschüttenden Massen. Bedenke, wenn Du Dich verirrtest, es wäre Dein Tod und der meinige, und dann der Tod –« »Ein Verirren ist bei Männern, die vertraut mit jedem Stein auf Tagereisen im Umkreise sind, unmöglich,« fiel der Pedlar noch dringender ein. »Die Straße führt hart am Rande der Waldung hin; die Nacht ist hell, wir brauchen nur die Bäume im Auge zu behalten, um sicher ans Ziel zu gelangen; und den Weg, welchen ich allein zurücklegte, werden wir zu zweien gewiß nicht verfehlen – entscheidet Euch daher schnell, keine Minute ist zu verlieren –« »Ich soll meine Frau zurücklassen?« unterbrach Gerhard den Redefluß des Pedlars, »allein in dieser schrecklichen Nacht?« »Gerade die schreckliche Nacht sichert sie gegen jede Störung, und es wäre das erste Mal nicht, daß sie einige Stunden einsam verbrächte.« »Aber unter andern und gefahrlosen Verhältnissen,« betheiligte Marie sich wieder an dem Gespräch, »und dann auch nur in den allerdringendsten Fällen.« »Gäbe es wohl einen dringenderen Fall, als einen solchen, bei welchem es sich um die Rettung eines Menschenlebens handelt?« versetzte der Pedlar, indem er sich erhob und statt der verlorenen Kopfbedeckung ein Tuch um sein blutiges Haupt wand. »Sie wollten fort, ohne Ihrer Verwundung die erforderliche Aufmerksamkeit zugewendet zu haben?« fragte Marie fast tonlos, denn ihr Herz bebte bei dem Gedanken, daß Gerhard sich vielleicht dennoch in die unheimliche Nacht hinauswagen müsse. »Dazu ist Zeit, wenn wir heimkehren,« entgegnete der Pedlar, »und Sie kennen mich lange genug, um zu wissen, daß ich nie zu einem Unternehmen rathen würde, dem die entsprechende Wichtigkeit mangelt oder bei welchem unser Untergang zu befürchten stände.« »So sagen Sie wenigstens, um was es sich handelt,« versetzte Gerhard, der allmählich begriff, daß eine heilige Pflicht gebieterisch das schwere Opfer einer kurzen Trennung von seiner Gattin fordere. »Das ist sehr bald geschehen,« erwiderte der Pedlar schnell, »rüsten Sie sich unterdessen, denn ich wiederhole: Das Leben eines Menschen hängt vielleicht von der nächsten Minute ab; ja, das Leben eines Menschen. Ich verließ nämlich um die Mittagszeit Kansas zu Schlitten und in Begleitung eines Mannes, der, auf seiner Reise nach dem Norden, hier zu übernachten wünschte. Munter und guter Dinge traten wir die Fahrt an; trotz des Schneegestöbers fanden wir gute Bahn, und mein Brauner eilte mit seiner Last dahin, als ob sie nicht schwerer als eine Feder gewesen wäre. Wir kamen sehr schnell vorwärts und erreichten vor etwa einer Stunde die alte Regenschlucht – Ihr kennt sie ja – wo der Weg auf eine kurze Strecke hart am Rande des schroffen Abhanges hin führt. Alles war verschneit, der Weg wie die Schlucht, und nur an den auf dem Rande des Abhanges stehenden Eichen vermochte ich durch das Gestöber hindurch die inne zu haltende Richtung zu berechnen. Der Sicherheit halber bog ich etwas weiter abwärts, als plötzlich das Pferd zu schnauben begann, sich hoch empor bäumte, ungeachtet meiner gewaltigen Anstrengungen gerade auf den Abhang zustürmte und den Schlitten sammt seinem ganzen Inhalte in denselben hinabriß,. Mir schwanden die Sinne, indem ich mit dem Kopfe heftig gegen einen unter dem Schnee verborgenen harten Gegenstand geschleudert wurde. Erst als ich nach einigen Minuten aus meiner Betäubung erwachte, erkannte ich den Umfang des Unheils, welches mich betroffen hatte. Mein Pferd lag halb im Schnee vergraben und kämpfte ohnmächtig, wieder festen Fuß zu fassen; der Schlitten war umgeschlagen und sein Inhalt im Schnee verstreut, oben am Rande der Schlucht heulten die Wölfe, die das ganze Unglück verschuldeten, in erschreckender Weise, ohne sich indessen zu uns herab zu wagen; das Mißlichste aber blieb, daß mein Reisegefährte sich durch den Sturz eine Verstauchung des Fußes zugezogen hatte und sich nicht zu erheben vermochte. Nach einigen vergeblichen Bemühungen, dem Pferde empor zu helfen und mittelst dieses den Verunglückten hierher zu schaffen, entschloß ich mich endlich schweren Herzens, Mann und Pferd vorläufig ihrem Schicksal zu überlassen und Sie um Ihren Beistand zu bitten. Was zur Sicherheit meines Begleiters beitragen konnte, habe ich übrigens gewissenhaft gethan: ich hüllte ihn in die vorhandenen Decken und brachte ihn in eine bequemere und sichere Lage; auch meinen Revolver gab ich ihm, um sich gegen die Wölfe zu vertheidigen, die sich in drohender Weise näherten, und dann begab ich mich auf den Weg, so schnell, wie es meine Kräfte nur erlaubten.« Als der Pedlar des Angriffs der Wölfe gedachte, hielt Gerhard, der bereits begonnen hatte, sich zu rüsten, plötzlich inne. »Man hat bis jetzt nie gehört, daß die Bestien sich in dieser Gegend an Menschen gewagt hätten,« bemerkte er zweifelnd, sobald jener schwieg. »Gerhard, ich fürchte mich nicht, einige Stunden allein zu bleiben,« bemerkte Marie mit einer gewissen Entschiedenheit, denn sie schrieb ihres Gatten Zögern seiner Besorgniß um sie zu, »begleite unsern Freund in Gottes Namen, und verliert keine Zeit, den armen Mann aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien. Ich werde unterdessen Alles herrichten und ihm eine seinem Zustande entsprechende Aufnahme bereiten. Ja beeilt Euch, und jetzt, da ich weiß, daß keine unmittelbare Gefahr Euch bedroht, will ich mich während Eurer Abwesenheit allein dem Gefühl der Besorgniß für den Unglücklichen hingeben, der gewiß unter Todesangst Eurer Ankunft entgegensieht.« Während Marie mit inniger Wärme, wenn auch nicht ohne Bangigkeit, so zu ihrem Gatten sprach, hatte der Pedlar Gelegenheit gefunden, Gerhard unbemerkt einen bezeichnenden Blick zuzuwerfen, durch welchen er ihn aufforderte, keine weiteren Erörterungen herbeizuführen. Dieser begriff, daß Wesel, um die junge Frau nicht zu ängstigen, irgend einen besondern Umstand verheimlichte, und anstatt seinen Einwand zu wiederholen, fragte er, ob es rathsam sei, Pferde mitzunehmen. »Nein, nein, keine Pferde,« antwortete der Pedlar unruhig, »wir würden in dem Schneegestöber Gefahr laufen, sie zu verlieren, oder durch die ihnen zu zollende Aufmerksamkeit bei unserer Arbeit gehindert zu werden. Ist mein eigenes Pferd unfähig geworden, so legen wir den armen Mann in seine Decken gehüllt auf die nackten Schlittenbalken, die bei dem Sturz glücklicher Weise unversehrt geblieben sind, und mit dem Teufel müßte es zugehen, wollten wir nicht, wenn wir selbst uns vorspannen, schneller mit unserer Last hierher gelangen, als mit Benutzung eines vorher aufzuschirrenden und bei dem Schneetreiben vielleicht unwillig gehorchenden Pferdes.« Gerhard küßte seine Gattin, die ihm behülflich gewesen, sich durch warme Kleidungsstücke gegen das Unwetter zu schützen; dann nahm er die beiden Gewehre, von welchen er das eine dem Pedlar darreichte, und nachdem sie der jungen Frau auf ihre ängstlichen Ermahnungen zur Vorsicht eine glückliche Heimkehr versprochen, traten sie auf den Hof hinaus, wo der wirbelnde Schnee und die Dunkelheit sie alsbald in sich aufnahmen. Eine Weile blieb Marie neben der wieder verriegelten Thüre stehen, die besorgten Blicke nachdenklich auf den Hund gerichtet, der sich an ihrer Seite befand und welchen mitzunehmen der Pedlar sich ausdrücklich geweigert hatte. Wie eine Centnerlast legte es sich auf ihre Brust; doch nicht als ob das Alleinsein sie mit Furcht erfüllt hätte; aber indem der Sturm über die Blockhütte hinheulte und sie ihres dem Unwetter ausgesetzten Gatten gedachte, beschlich es sie wie bange Ahnungen ihm drohender Gefahren. Endlich ermannte sie sich. »Gott wird nicht zulassen, daß ihm ein Leid geschieht,« verriethen die sich leise bewegenden Lippen ihre Gedanken, »und zu Hause bleiben durfte er nicht, wollte er sich nicht eines schweren Vergehens an einem unglücklichen Mitmenschen schuldig machen.« Getröstet und beruhigt durch solchen Ideengang, begab sie sich an den Kamin zurück, wo sie mit kundigen Händen das Feuer schürte, daß die Flammen gierig in den schwarzen Schlot hineinschlugen und das Gemach bis in seine äußersten Winkel hinein erhellten. Darauf begann sie geschäftig alle diejenigen Vorkehrungen zu treffen, welche ihr zur Aufnahme eines verunglückten und im Schnee halb erstarrten Reisenden als unerläßlich erschienen. – – – Wesel, der seit Jahren in der Nachbarschaft von Kansas das einträgliche Gewerbe eines Hausirers betrieb und weit und breit bei allen Landbewohnern als ein zuverlässiger Geschäftsmann bekannt war, hatte wirklich alle die ihm von Gerhard übertragenen Einkäufe besorgt, welche, natürlich den Verhältnissen entsprechend, dazu dienen konnten, die in tiefer Abgeschiedenheit lebende junge Frau zu erfreuen und den Christabend nach guter alter deutscher Sitte zu verherrlichen. Kurz vor Mittag trat er, um sich zur Reise durch das Schneegestöber zu stärken, in ein Kosthaus, als plötzlich seine Aufmerksamkeit durch einen alten Herrn gefesselt wurde, der mit ängstlicher Hast in gebrochenem Englisch zwei andere Männer zur Eile trieb. Derselbe war, wie Wesel aus einzelnen Bemerkungen entnahm, in der Frühe erst mit der von St. Louis heraufkommenden Post eingetroffen und hatte große Ungeduld verrathen, seine Reise so bald als möglich fortzusetzen. Auf seine Fragen und Nachforschungen nach einer Fahrgelegenheit hatten sich ihm ein Amerikaner und ein Halbindianer vorgestellt, die sich bereit erklärten, da ihr Ziel mit dem seinigen fast in derselben Richtung liege, ihm und seinen Sachen gegen eine entsprechende Entschädigung einen Platz auf ihrem zweispannigen Schlitten einzuräumen und ihn bald nach Einbruch der Dunkelheit auf Gerhards Farm abzusetzen. Die geschäftige Eile, mit welcher der alte Herr sich nunmehr zur Reise rüstete, hinderte ihn, sich gegen Andere über seine Zwecke zu äußern oder seinen Namen zu nennen, wie Andere wieder wenig geneigt waren, sich viel um einen durchreisenden Fremden oder seine Zwecke zu kümmern. Nur die beiden Männer, denen er sich angeschlossen hatte, beobachteten ein gefälligeres Wesen und erleichterten ihm nach besten Kräften den Verkehr in dem fremden Orte, wogegen er ihnen mit einer sonst nicht landesüblichen Offenherzigkeit sein volles Vertrauen schenkte und sie durch rückhaltlose Schilderung seiner Familienverhältnisse zur größten Eile anzuspornen suchte. Und sie beeilten sich wirklich, den Wünschen ihres Fahrgastes entgegenzukommen, namentlich sobald sie des Pedlars ansichtig wurden, wie derselbe von der Hausthüre des Kosthauses aus ihren bereits bespannten und mit dem Gepäck des Reisenden beladenen Schlitten betrachtete. Als er aber Miene machte, mit dem Fremden ein Gespräch anzuknüpfen, leerten sie schnell ihre Gläser, worauf sie, den alten Herrn gleichsam mit sich fortreißend, hinauseilten und in dem Schlitten Platz nahmen. Schnell, wie alle Bewegungen ausgeführt wurden, fand der Pedlar doch Gelegenheit, den Namen auf einem kleinen, festgearbeiteten Tragekoffer zu lesen, dessen hohen Werth der alte Herr dadurch bekundete, daß er ihn nicht aus der Hand legte, sondern beim Niedersitzen unterhalb der Decken auf seine Knie schob. Der Name überraschte den Pedlar und er trat hastig hinaus, um den Besitzer desselben anzureden. Der Halbindianer, welcher Zügel und Peitsche führte, errieth indessen seine Absicht, und bevor Wesel seine Frage, wohin der Herr Wolter sich zu begeben gedenke, ausgesprochen hatte, lehnten die mit Heftigkeit angetriebenen Pferde sich in ihre Geschirre und gleich darauf war der Schlitten in dem Schneegestöber verschwunden. Ein Weilchen blickte der Pedlar argwöhnisch in die Richtung, in welcher der Halfbreed und sein Genosse ihren Gast entführt hatten, dann begab er sich in das Kosthaus zurück, jedoch nur, um sich zu überzeugen, daß Niemand über den erst vor wenigen Stunden eingetroffenen Fremden und noch weniger über die ihn leitenden Zwecke unterrichtet war. Er konnte also spurlos verschwinden, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, Nachforschungen nach ihm anzustellen. Eine unbesiegbare Unruhe bemächtigte sich seiner. Er kannte den Halfbreed und seinen weißen Genossen als Leute, welchen das Schlimmste zugetraut werden durfte. Sie lebten mit einem Trupp marodirender Kansas-Indianer und erfreuten sich eines derartigen Rufes, daß Jeder gern den näheren Verkehr mit ihnen mied und ihnen so weit wie möglich aus dem Wege ging. Einen Augenblick war er geneigt, seine Befürchtungen Anderen mitzutheilen; gleich darauf aber erwog er den dadurch herbeigeführten Zeitverlust und daß die Spuren der zu Verfolgenden binnen kurzer Frist verweht sein würden, und muthig und entschlossen, wie er war, entschied er sich schnell, das Unternehmen auf eigene Hand zu wagen. Eine Viertelstunde war kaum nach seiner flüchtigen Begegnung mit dem fremden alten Herrn verstrichen, da bestieg Wesel seinen einspännigen Schlitten, und gleich darauf trabte der unverwüstliche braune Mustang mit ihm durch den stäubenden Schnee, als hätte er innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden die Quellen des Missouri erreichen wollen. Nach Ablauf einer weiteren halben Stunde traf er auf der Stelle ein, auf welcher die Straße sich theilte. Leicht überzeugte er sich, daß kaum noch erkennbare Schlittenspuren in nördlicher Richtung standen, wogegen die südliche, gänzlich verwehte Straße sich durch nichts von dem Wiesenlande auszeichnete, durch welches sie hinführte. Auf's Neue erhielt der kraftvolle Braune nunmehr die Peitsche, und wie ein gehetztes Stück Wild stürmte er dem tollen Wetter entgegen, immer am Rande der nahen Waldung hin, bis in später Nachmittagsstunde die vor ihm hinlaufenden Schlittenspuren deutlicher wurden und Wesel endlich durch das Gestöber hindurch eine sich flüchtig einherbewegende, schattenähnliche, formlose Masse entdeckte und in Folge dessen die Eile seines unermüdlichen Pferdes vorsichtig mäßigte. Wohl zwei Stunden verfolgten die beiden Schlitten jetzt ihren Weg, ohne daß die zwischen ihnen bestehende Entfernung merklich vergrößert oder verringert worden wäre; dagegen erschlafften allmählich die Bewegungen der fast über ihre Kräfte angestrengten Thiere unter der Wirkung des ihnen entgegenstehenden Sturmes. Die Nacht war längst hereingebrochen; theils dem Instinct der Pferde, theils dem Umstande, daß die verschneite Straße sich dicht am Waldesrande hinzog, war es zu verdanken, daß die Schlitten in der Schnee-erfüllten und durch den Vollmond nur matt erhellten Atmosphäre nicht von ihrer Bahn abirrten. Dicht in seine Decken eingehüllt saß Wolter hinter den beiden Männern, welchen er sich und sein Eigenthum anvertraut hatte. Kälte und Sturm hinderten ihn, mit jenen ein Gespräch anzuknüpfen. Nur gelegentlich richtete er die Frage an sie, ob sie nicht vom rechten Wege abgewichen wären, woran er gewöhnlich die Bemerkung schloß, daß sie vielleicht verständiger gehandelt hätten, den folgenden Tag oder eine Aenderung des Wetters in der Stadt Kansas abzuwarten. Auf die Aeußerungen seiner erwachenden Besorgniß wurde ihm jedesmal die im sorglosesten Tone ertheilte Versicherung, er habe durchaus gar nichts zu befürchten und werde die Nacht in einem guten Bette zubringen. Dabei befremdete ihn aber, daß der Halfbreed mehrfach anhielt und rückwärts spähte, als ob er von dorther Jemand erwartet hätte. Dann sprach er wieder zu seinem Genossen, wovon er indessen kein Wort verstand, dagegen errieth er aus dem Wesen Beider, daß sie Dinge von der ernstesten Wichtigkeit verhandelten. Sie waren eben an einer tiefen, halb verschneiten Regenschlucht vorbeigekommen, aus welcher hin und wieder die entlaubten Kronen hoher Bäume emporragten, als der Halfbreed seinem Genossen plötzlich die Zügel reichte und unter dem Vorwande, einen Sack mit Lebensmitteln verloren zu haben, aus dem Schlitten sprang. Der Amerikaner, anstatt anzuhalten, fuhr weiter, und erst als Wolter ihn nach Zurücklegung von etwa zweihundert Schritten an seinen Gefährten erinnerte, brachte er die Pferde zum Stehen, worauf er aufmerksam lauschte und in sichtbarer Unruhe sich auf seinem Sitze hin und her wand. Nach einigen Minuten, während welchen kein auffälliges Geräusch das dumpfe Brausen des Windes unterbrochen hatte, traf der Halfbreed wieder beim Schlitten ein. Er schien den Sack nicht gefunden zu haben, denn seine Hände waren leer; dagegen schwang er sich mit einem gleichsam frohlockenden: »Alles recht!« auf seinen Sitz, und Peitsche und Zügel ergreifend, trieb er mit unbarmherzigen Schlägen die Pferde zu verdoppelter Eile. Höchstens sieben oder acht Minuten war der Halfbreed von dem Schlitten getrennt gewesen, doch hatte diese Zeit für ihn ausgereicht, ein mit teuflischer Bosheit ersonnenes Verbrechen zu begehen. Er war nämlich nur so weit zurückgeeilt, wie das abschüssige Ufer der Regenschlucht den Weg berührte, wo er sich wenige Fuß weit von der noch offenen Schlittenspur in den tiefen Schnee niederkauerte. In seiner Berechnung hatte er sich nicht geirrt, denn schon in der nächsten Minute tauchten vor seinen scharf spähenden Augen die dunklen Formen von des Pedlars Einspänner aus dem grauen Chaos, wie derselbe mit stürmischer Eile den Spuren des zweispännigen Schlittens nachfolgte. In gleiche Höhe mit ihm gelangt, begann der braune Mustang plötzlich unwirsch zu schnauben. Der Pedlar, in dem Glauben, das kluge Thier habe die Nähe der gefährlichen Schlucht gescheut, trieb es mit der Peitsche an; indem er aber der Sicherheit halber etwas weiter von der gefährlichen Stelle fortlenkte, sprang der Halfbreed mit der Gewandtheit eines Panthers hinter ihn auf die Schlittenlehne, und fast eben so schnell schwanden seine Sinne unter dem Schlage, welchen der hinterlistige Mörder mit einem kurzen Beile nach seinem Haupte führte. Seine letzte Bewegung war ein krampfhaftes Zerren an den Zügeln gewesen, wodurch der Mustang zum Stehen gebracht wurde; als das erschreckte Thier sich aber gleich darauf zur Flucht anschickte, stand der Halfbreed vor ihm, es mit Gewalt der Schlucht zudrängend, in welche es nach kurzem Kampfe hinabstürzte, den Schlitten sammt seinem Inhalte mit sich fortreißend. Das Weitere wartete der Halfbreed nicht ab: er lebte der Ueberzeugung, den unglücklichen Pedlar sicher genug getroffen zu haben, und daß der Sturz, der erstickende Schnee und die Kälte sein begonnenes Werk auf alle Fälle beendigen würden, und bevor der Pedlar durch die Berührung mit dem kalten Schnee das Bewußtsein zurückerhielt, saß er längst wieder neben seinem Genossen, ihm mit schadenfrohem Lachen das Ergebniß seines Unternehmens schildernd. – – Nur seiner dicken Pelzmütze verdankte Wesel, daß des Halfbreeds Waffe ihm nicht den Schädel zerschmetterte, einer wunderbaren Fügung dagegen, daß er beim Sturz in die Tiefe nicht seinen Tod fand. Was den Halfbreed veranlaßt hatte, die mörderische Hand gegen ihn zu erheben, begriff er leicht; ebenso blieb er keinen Augenblick in Zweifel über das Loos, welches den unglücklichen Reisenden bedrohte, wenn es ihm nicht gelang, binnen kürzester Frist Hülfe herbei zu schaffen. Er dachte an Gerhard, dessen Farm ungefähr zwei englische Meilen weit entfernt war, und nachdem er sich überzeugt, daß der Schlitten der Mörder vom Wege abgebogen war und die Richtung nach einer nicht allzufernen verlassenen Schmiede eingeschlagen hatte, eilte er, so schnell seine Füße ihn zu tragen vermochten, zu seinen Freunden, bei denen er, wie er wußte, nicht vergeblich um Beistand bitten würde. – Lange bevor Wesel Gerhards Farm erreichte, waren die Räuber mit ihrem Opfer vor der Schmiede eingetroffen. Dieselbe lag gegen tausend Schritte weit von der eigentlichen Landstraße in einem Haine, also weit genug von dem Hauptverkehrswege, um durch die Viehheerden der Emigrantenzüge nicht zu sehr belästigt zu werden, und doch nahe genug, um den Auswanderern Gelegenheit zu bieten, einzelne noch rechtzeitig entdeckte Schäden und Mängel an ihren Wagen ausbessern und abstellen zu können, wozu ihnen später nur die eigenen mitgeführten Hülfsmittel zu Gebote standen. Da die Schmiede nur so lange bewohnt war, wie Karavanen den Missouri verließen, also während des Frühlings und der ersten Hälfte des Sommers, so hatte ihr Besitzer sich mit der Anlage einer Blockhütte und eines gegen Osten offenen Schuppens begnügt, Beides Baulichkeiten, wenig darauf berechnet, der Kälte und den Schneestürmen des Winters zu begegnen. Ueberall fand das Wetter seinen Weg zwischen den schlecht aufeinander passenden und gar nicht verkitteten Balken hindurch, so daß man in den unzureichend geschützten Räumen wenig besser daran war, als im Freien zwischen dichtem Gestrüpp oder in einer Schneehöhle; es sei denn, man hätte Decken und Wildhäute genug besessen, die Wetterseite im Innern der Blockhütte nothdürftig zu verkleiden. Die Räuber, der Lage ihres Zieles gewiß, hatten sich der Schmiede bis auf einige Hundert Schritte genähert, als der Amerikaner sich zu seinem Fahrgast umwendete und ihm verkündigte, daß es bei dem bösen Wetter unmöglich sei, heute noch Gerhards Farm zu erreichen, und sie daher gezwungen seien, auf dem ersten besten Gehöft einzukehren. Wolter, der schon längst bedauerte, die Reise überhaupt angetreten zu haben, und bereits die Wirkung der Kälte empfindlich fühlte, erklärte sich mit dem Vorschlage einverstanden und gleich darauf hielt der Schlitten vor der halb verschneiten Blockhütte. Mit rauher Zuvorkommenheit halfen ihm die beiden Männer von seinem Sitz; der Amerikaner belud sich mit einem Theil seiner Sachen und watete ihm voran durch den tiefen Schnee auf die verschlossene Hausthüre zu, wogegen der Halbindianer den Schlitten in den offenen Schuppen hineinfuhr, die Pferde ausspannte und so an den Schlitten befestigte, daß sie nach Willkür von den zwischen den Sitzen verstreuten Maiskloben und dem Heu zu fressen vermochten. Auf des Amerikaners lautes Klopfen wurde die Thür von innen geöffnet, und wenn auch schon vorbereitet durch den zwischen den Balken hindurch ins Freie dringenden Lichtschein, überraschte es Wolter doch freudig, sich plötzlich in einem zwar theilweise mit Schnee angefüllten Raume zu sehen, in welchem aber ein verschwenderisch mit trockenem Holze genährtes Kaminfeuer eine starke Wärme verbreitete. Weniger Zutrauen erweckend erschienen ihm dagegen zwei braune, in Decken gehüllte Weiber, die bei seinem Eintritt erstaunt zurückprallten, auf einige ihm unverständliche Erklärungen seines Begleiters sich ihm sogleich wieder näherten und ihn lachend und in zudringlicher Weise seines beschneiten Mantels zu entledigen begannen. Anfangs sträubte er sich wohl gegen diese Art von Dienstleistungen, als indessen der Amerikaner das seltsame Verfahren damit entschuldigte, daß Indianerinnen nicht mit den Sitten der Weißen vertraut sein könnten, beruhigte er sich wieder, doch äußerte er unverhohlen sein Befremden, in der Hütte eine Gesellschaft vorzufinden, die augenscheinlich in näherer Beziehung zu den beiden Männern stand. »Sie gehören zu unserm Hausstande,« entgegnete der Amerikaner sorglos; »auf unserm Wege zur Stadt setzten wir sie hier ab, um sie jetzt wieder mitzunehmen. Wären unsere Pferde nicht zu erschöpft, würdet Ihr Euch binnen zwei Stunden überzeugen, daß die beiden Frauen eben so willkommene Gäste auf Gerhards Farm sind, als wir Männer. Vielleicht ist es dem Gerhard und seiner jungen Frau sogar lieber, wenn wir nach Tagesanbruch bei ihnen eintreffen, anstatt sie um Mitternacht aus ihrer Ruhe zu stören; denn ohne uns etwas Warmes vorgesetzt zu haben, werden sie wohl nicht gestatten, daß wir unsere Reise fortsetzen. Ihr kennt die jungen Leute, wenn ich Euch recht verstand?« »Ich kenne sie von Europa her,« antwortete Wolter nunmehr wieder vollständig beruhigt, indem er auf einem für ihn neben das Kaminfeuer hingerollten Holzblock Platz nahm und den Tragekoffer vor sich zwischen seine Füße stellte; »ja ja, ich bin sehr bekannt mit ihnen,« wiederholte er sinnend, und über sein alterndes, vom Schnee fast blutrünstig gepeitschtes Gesicht flog ein schmermüthiges Lächeln. »So erwarten sie Euch wohl gar?« fuhr der Wegelagerer mit treuherzigem Ausdruck fort, während seine Blicke lauernd auf dem nachdenklich in's Feuer schauenden Fremden ruhten. »Nein, sie erwarten mich nicht,« entgegnete dieser offenherzig, »sie wissen nicht einmal, daß ich mich auf diesem Continente befinde.« »Aber Ihr müßt doch außer ihnen noch andere Bekannte in diesem Lande haben?« versetzte der Amerikaner mit seltsamer Spannung, die dem alten Herrn entging, weil er sich so gänzlich seinen durch das Gespräch wachgerufenen Betrachtungen hingegeben hatte. »Keinen Freund oder Bekannten,« hieß es ernst zurück, »ich stehe überhaupt ziemlich vereinsamt auf Erden. Vor drei Wochen landete ich erst in New-York, und auf mich allein angewiesen und bei meiner geringen Kenntniß der Landessprache hatte ich Mühe genug, mich bis hierher durchzuschlagen.« Der Amerikaner vermochte seine Freude über die vernommenen Mittheilungen nicht ganz zu unterdrücken. Wie heller Triumph leuchtete es aus seinen verschmitzten Augen, indem dieselben flüchtig den kleinen Handkoffer streiften. Bevor er indessen das Gespräch wieder aufnahm, trat der Halbindianer ein, einen Sack mit Lebensmitteln vor die braunen Weiber hinwerfend, worauf er einen mit Flaschen gefüllten Korb neben den alten Herrn hinstellte. »Hier, mein Freund,« redete er diesen mit eigenthümlicher Vertraulichkeit an, nachdem er einen ihn offenbar zufriedenstellenden Blick des Einverständnisses mit seinem Genossen gewechselt hatte, »wenn unsere Squaws Euch binnen kurzer Frist ein gut geröstetes Stück Fleisch vorsetzen, so werdet Ihr uns dafür einen stärkenden Trunk nicht versagen. Ich rechne, daß sich etwas Stärkeres, als Wasser, in den Flaschen befindet.« Wiederum flog ein Ausdruck von Besorgniß über das Antlitz des Fremden, jedoch eine heitere Miene erzwingend, antwortete er freundlich: »Der Inhalt der Flaschen ist zwar für Leute bestimmt, die gewiß recht lange keinen Wein getrunken haben, aber mit Freuden stelle ich ihn denjenigen zur Verfügung, die mir durch die Erleichterung meiner Reise einen so großen Dienst leisteten.« »Wein?« fragte der Halfbreed geringschätzig, »verdammt! Nur daran zu denken, bei dem Hundewetter solch sauren Stoff über die Zunge zu gießen! Habt Ihr keinen Whisky oder sonst etwas von dieser Sorte?« »Eine Flasche Cognac,« entgegnete Wolter immer schüchterner, »und auch diese biete ich Tuch mit Freuden an – vielleicht wenn man den Cognac mit Wein vermischte und aufwärmte; Zucker ist ebenfalls hier – ein heißer Punsch –« »Ja ja, ein heißer Punsch,« fiel der Halfbreed ihm wild lachend in's Wort, »'s ist 'ne gute Idee, alter Bursche, und da Ihr dergleichen zu verstehen scheint, so rathe ich Euch, einen solchen herzustellen. Verdammt! Ich möchte denjenigen sehen, der uns wehren wollte, trotz Schnee und Kälte eine lustige Nacht zu feiern.« Hier wendete er sich plötzlich seinem weißen Genossen zu, der ihn leise angestoßen hatte und mit unterdrückter Stimme einige indianische Worte an ihn richtete. Dieselben übten offenbar einen sein Verhalten bestimmenden Eindruck auf ihn aus, denn er kehrte sich alsbald dem Fremden wieder zu, dessen unverkennbare Besorgniß er nunmehr durch höflicheres Wesen zu verscheuchen suchte, »'s ist nicht so böse gemeint, alter Gentleman,« bemerkte er lachend und seine gierig funkelnden schwarzen Augen durch die Lider halb verschleiernd, »wollt Ihr 'nen heißen Grog aufstellen, so ist das Eure Sache; 's kommt Euch eben so sehr zu gute, wie Einem von uns, und in dieser löcherigen Baracke ist's wahrhaftig kalt genug, um einen warmen Trunk vor dem Einschlafen wenigstens wünschenswerth zu machen. Halloh, Ihr alten Hexen!« rief er den braunen Weibern zu, die den Fremden so lange mit unverschämter Neugierde betrachtet hatten, »scheert Euch an die Arbeit und schafft etwas zu essen, wenn Ihr nicht draußen bei den Pferden an den Schlitten festgebunden werden wollt!« Dann warf er sich vor dem Kaminfeuer auf eine ausgebreitete Decke, worauf sein Genosse zwischen ihm und dem Fremden Platz nahm, augenscheinlich um in seiner Unterhaltung mit ihm beruhigend auf Letzteren einzuwirken. Und es gelang ihm dies um so leichter, als Wolter, bereits eingeschüchtert, mit einem gewissen Eifer jede Gelegenheit ergriff, die größte Zufriedenheit mit seiner Lage zu verrathen und durch herzliches Entgegenkommen, ja, durch billigendes Lachen und munteres Eingehen auf jedes Gespräch sich die Freundschaft und Nachsicht seiner Umgebung zu erwerben, gleichsam zu übertäuben die bösen Ahnungen, welche ihn zeitweise zu übermannen drohten. So kostete es ihn auch keine Ueberwindung, die von den unsauberen Weibern flüchtig zubereiteten Speisen zu genießen, in einem dem Aeußeren seiner Besitzerinnen entsprechenden blechernen Gefäß das sorgfältig gemischte Getränk zu sieden, die unermüdlich kreisende Blechtasse an die Lippen zu führen und es seinen unheimlichen Gastfreunden im Trinken gleich zu thun. Indem er aber in seiner Rathlosigkeit dem berauschenden Stoffe zusprach und sein Blut schneller zu kreisen begann, fühlte er auch seinen Muth wachsen. Sein Vertrauen in die Rechtschaffenheit der verwilderten westlichen Charaktere erstarkte, und dankbar erkannte er es an, als endlich, da die Müdigkeit ihn zu übermannen drohte, alle Hände sich regten, ihm ein recht bequemes Lager für die Nacht zu bereiten und dieses noch ganz besonders, zum Schutz gegen den eindringenden Schnee, mit einer Art von Schutzwehr von Brettern und Balkenresten zu umgeben. Mit einem Gefühl der Behaglichkeit streckte er sich auf seine Decken aus, den Handkoffer als Pfühl unter seinen Kopf schiebend. Nur noch kurze Bemerkungen wechselte er mit seinen Gastfreunden, die ebenfalls Vorkehrungen trafen, sich zur Ruhe zu begeben; wie in einem Traume sah er ein Weilchen die Flammen in den Schornstein hinaufschlagen; wie im Traume hörte er, daß der Halfbreed kleinere Holzstücke und Späne in die Fugen der ihn auf der Wetterseite schützenden Brustwehr schob; wie im Traume sah er die vier Gestalten sich lagern und vernahm er das tiefe Athmen und Schnarchen, welches verrieth, daß auch bei ihnen nach des Tages Beschwerden der Körper sein Recht fordere, und von den letzten Besorgnissen befreit, gab er sich der willkommenen Rast, einem tiefen, todähnlichen Schlafe hin. – Eine Viertelstunde verrann, während welcher in der Blockhütte kein anderes Geräusch vernehmbar, als das tiefe Athmen der Schläfer, das hohle Brausen des Sturmes in dem die Schmiede umgebenden Hain und das unheimliche Singen, mit welchem der Luftzug seinen Weg zwischen den unverkitteten Balken hindurchsuchte und zahllose feine Eiskrystalle in dem abgeschlossenen Raume umherstreute. Da richtete der Amerikaner sich behutsam empor, und seine Hand mit leichtem Druck auf die Brust des neben ihm ruhenden Fremden legend, forderte er ihn auf, sich zu ermuntern. Dieser antwortete nicht. Was die Mühseligkeiten des Tages eingeleitet hatten, wurde durch die Wirkung des heißen Getränkes vollendet; wie eine Betäubung hatte es sich um seine Sinne gelegt, es hätte ganz anderer Mittel bedurft, ihn zu wecken. Als der Amerikaner sich nach dieser Probe umwendete, begegneten seine triumphirenden Blicke dem Halfbreed und den beiden Weibern, die sich ebenfalls aufgerichtet hatten und mit einer eigentümlich drohenden Gier sein Verfahren beobachteten. »Alles in Ordnung,« murmelte er selbstzufrieden, »'s hätte nicht besser eingeleitet werden können.« Der Halfbreed hob das im Bereich seiner Hände befindliche Beil empor und schwang es mit einem fragenden Blicke um's Haupt. »Nein, nein, das ist nicht der Weg,« versetzte sein Gefährte bedenklich, »wenn die Hütte auch niederbrennt und ihm's Fleisch von den Knochen röstet, könnte doch sein zersplitterter Schädel zum Verräther an uns werden. Der Teufel hat manchmal sein Spiel, und die benachbarten Farmer und die Männer von Kansas verstehen keinen Spaß, sind mit dem Richter Lynch zur Hand, bevor man sich dessen versieht, und wer weiß, ob der Schädel des Pedlars nicht schon zum Ankläger wird.« »Goddam!« erwiderte der Halfbreed mit einem feindseligen Lachen, »ich traf ihn mit dem Hammer, anstatt mit der Schneide, und denjenigen möchte ich sehen, der es verstände, zu unterscheiden, ob die Risse in seinem Schädel von einem guten Beilhiebe, oder vom Aufschlagen auf einen Stein oder Baumzacken herrühren.« »Besser ist besser,« entgegnete der Amerikaner, indem er sich geräuschlos von der Erde erhob, »ein Strick läßt im Feuer keine Spuren zurück, und sollte er während unserer Vorbereitungen erwachen, ist's ja noch immer früh genug, zum Beil zu greifen. Aber vorwärts jetzt; bevor der Tag anbricht, müssen die Schlittengeleise verschneit sein; hoffentlich hält das Wetter lange genug an, um den Rauch der brennenden Baracke zu verbergen und die verkohlten Balken mit einer gehörigen Lage Schnee zu bedecken. In den Schlitten also mit den Sachen und die Pferde vorgespannt,« wendete er sich darauf an die Weiber, die bereits begonnen hatten, die umherliegenden Gegenstände zusammenzuschnüren, »nehmt auch des alten zutraulichen Burschen Gepäck mit, denn er wird es schwerlich noch einmal in diesem Leben gebrauchen.« Ein dämonisches Grinsen verzerrte bei diesen Worten sein häßliches Gesicht und er kehrte sich dem Halfbreed wieder zu, der die Zeit nicht erwarten zu können schien, in welcher er sich über den ahnungslos schlummernden alten Mann würde hinstürzen können. »Sein Kopfkissen werde ich ganz zuletzt an mich nehmen, um ihn nicht in seinem süßen Schlummer zu stören,« fuhr er höhnisch fort, »und während ich Feuer an sein Bett lege, werdet Ihr wohl fertig mit ihm werden.« Der Halfbreed nickte zustimmend; die Mordlust und seine Gier nach dem Tragekoffer hatten ihm die Sprache geraubt. Seine Augen funkelten und seine Hände zitterten, indem er von einem der noch umherliegenden Bündel einen von ungegerbtem Büffelleder geschnittenen und abgerundeten Riemen löste und in Schlingenform zusammenlegte. Der Amerikaner kauerte vor dem Kamin und setzte ein in seiner rechten Hand befindliches Bündel Späne in Brand. Seine Blicke schweiften dabei mit kalter, berechnender Grausamkeit zu dem alten Herrn hinüber, welchen er hinterlistig in eine gräßliche Falle gelockt hatte, und der jetzt so fest schlief und so ruhig athmete, als hätte er sich daheim unter einem sichern Dache im Kreise der Seinigen befunden. Nichts störte seinen Schlummer; kein freundlicher Traum führte vor seinen Geist die entsetzliche Gefahr, in welcher er schwebte, verborgen blieben ihm die furchtbaren Vorbereitungen, die zu seinem unabweislichen Verderben getroffen wurden. Da kehrten die Weiber geräuschlos in die Hütte zurück, um den Rest der Sachen zu holen und damit das Zeichen zum Abschluß des scheußlichen Verbrechens zu geben. Bei ihrem Erscheinen trat der Halfbreed sogleich zu dem schlummernden Fremden, so daß derselbe sich zwischen seinen Füßen befand, und mit teuflischer Lust öffnete er die geschmeidige Lederschlinge, als einige von den Weibern geflüsterte Worte ihn veranlaßten, inne zu halten und sich ihnen zuzukehren. »Spuren von Menschen, frisch und tief, um den Schuppen und bei dem Schlitten,« raunten ihm die beiden Megären zu. Der Amerikaner richtete sich wild empor; der Halfbreed knirschte mit den Zähnen und drohend hob er die Faust, wie um die beiden Weiber niederzuschmettern. »Goddam!« entwand es sich zischend seinen Lippen, »seid Ihr nicht mehr im Stande, die Spur des weißen Wolfs von der eines Menschen zu unterscheiden?« »Die Pferde würden die Nähe der Wölfe gewittert und verkündet haben,« versetzte der Amerikaner leise und mit sichtbarer Besorgniß, die bereits brennenden Späne so haltend, daß sie nicht zu schnell von den Flammen verzehrt wurden. »So geht um's Haus herum und überzeugt Euch!« schnaubte der Halfbreed giftig den Weibern zu, und als er seine Blicke dem Fremden wieder zukehrte, gewahrte er, daß dieser eben die Augen aufschlug und, wie von einem wirren Traume umfangen, sprachlos zu ihm emporstarrte. »Legt Feuer an die Baracke in des Teufels Namen!« rief der Halfbreed laut und dringend seinem Genossen zu, der sogleich mit dem Feuerbrand hinter die hölzerne Schutzwehr sprang, und jetzt erst begriff Wolter, daß er in die Hände von Leuten gefallen war, die kein Mitleid, keine Barmherzigkeit kannten, und unter deren Händen er vielleicht schon in der nächsten Minute sein Leben aushauchen mußte. Ein dumpfer Schrei der Todesangst, in welchem zugleich ein herzzerreißendes Flehen um Schonung und ein verzweiflungsvolles Aufgeben der letzten Hoffnung ergreifend ausgedrückt waren, entwand sich seiner Brust; gleich darauf aber röchelte er entsetzlich unter der Schwere des Halfbreeds, der mit einem wilden Fluche auf ihn stürzte und die Schlinge über das Haupt des sich ohnmächtig Windenden zu streifen suchte. Fast gleichzeitig faßten aber auch die Späne zwischen dem Holzwerk Feuer, eine rothe Flamme emporsendend und das Gemach bis an seine äußersten Grenzen erhellend. »Gnade! Barmherzigkeit! Nehmt Alles, was ich besitze!« flehte der von einer furchtbaren Todesangst ergriffene alte Mann, indem er sich von der Schlinge zu befreien suchte. »Jetzt ist's Zeit!« ließ sich eine männliche Stimme auf der Außenseite der nächsten Blockwand vernehmen. Der Amerikaner sprang auf und stierte wild um sich; der Halfbreed hielt inne und starrte nach der Stelle hinüber, von welcher der Ton der fremden Stimme zu ihm gedrungen war. Er entdeckte eine unbestimmte Bewegung in einer der weit klaffenden Fugen zwischen dem Holzwerk; bevor er aber über den Zweck derselben klar geworden, erschütterte ein lauter Knall die Blockhütte, und eine beinahe noch in Kugelform zusammengehaltene Ladung Rehposten zerschmetterte ihm das Gesicht und mit diesem das Gehirn. Mit letzter schwindender Kraft schnellte der Elende auf die Füße empor; dann sank er schwerfällig zur Seite und mit dem Oberkörper in das Kaminfeuer hinein, welches sogleich gierig sein langes schwarzes Haar und die Kleidungsstücke verzehrte. Sein Genosse, welchen der empfundene Schrecken förmlich lähmte, und der sogar vergessen hatte, daß er selbst mit Messer und Revolver bewaffnet war, wartete das Weitere nicht ab; einen scheuen Blick warf er auf die Balken, zwischen welchen die Mündungen zweier Gewehre sich drohend regten, offenbar um in gleiche Richtung mit ihm zu gelangen, dann stürzte er den Weibern nach, die laut heulend und jammernd ins Freie hinausgeeilt waren. Bei dem Schlitten holte er sie ein, und sich zu ihnen in denselben hineinschwingend, ergriff er Zügel und Peitsche, um in schleuniger Flucht sein Heil zu suchen. Doch nur die Pferde rührten sich von der Stelle, wogegen der Schlitten stehen blieb, und jetzt erst entdeckte er, daß die Stränge der Geschirre durchgeschnitten worden waren. Da knallte wiederum ein Schuß von der Hütte herüber und sausend gruben sich eine Anzahl starker Schrotkörner in die wenig geschützten Körper der beiden Megären und des Amerikaners. Erstere antworteten auf den Schuß mit gellendem Klageruf und entflohen, den Schlitten eilfertig verlassend, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten; der Amerikaner hingegen, nachdem er, um die Verfolger zurückzuscheuchen, zwei Schüsse aus seiner Drehpistole abgefeuert hatte, warf sich auf eins der zusammengeschirrten Pferde und verschwand mit beiden in Nacht und Schneegestöber. »Lassen wir sie laufen,« bemerkte der Pedlar zu Gerhard, der, das abgeschossene Doppelgewehr in den Händen, jetzt erst zu dem Bewußtsein der eben stattgefundenen Scenen zu gelangen schien, »dem fliehenden Feinde soll man goldene Brücken bauen, und der da drinnen wird sich darnach sehnen, über seine Lage aufgeklärt und beruhigt zu werden. Wie ein Träumender folgte Gerhard dem Pedlar nach. Als sie in die Hütte eintraten, hatten die Flammen schon zu weit um sich gegriffen, um noch an Rettung des leicht brennbaren Gebäudes denken zu können. Vor ihnen aber stand Wolter, noch immer das Bild einer namenlosen Todesangst, und bange erwägend, ob er, auf der Flucht vor den Flammen, den Mördern nicht gerade in die Arme laufe. Der Anblick des Pedlars mit dem um's Haupt gewundenen blutigen Tuche beruhigte ihn nicht. Erst als derselbe ihn in deutscher Sprache anredete und versicherte, daß er und sein Freund nicht fünf Minuten später hätten eintreffen dürfen, und als dann eine seit vielen Jahren ihm vertraute männlich kräftige Gestalt vor ihn hintrat, schweigend seine Hand ergriff und krampfhaft drückte und ihm mit seltsamer Spannung in die Augen schaute, begriff er, daß er gerettet sei, er nichts mehr für sein Leben zu fürchten habe. »Wo ist Marie?« fragte Wolter endlich, wie zweifelnd an der Wirklichkeit des Wechsels seiner Lage. »Ihre Tochter befindet sich wohlauf,« antwortete Gerhard, fast überwältigt durch dies wunderbare Zusammentreffen und das Entzücken, welches ihm aus dem sich allmählich wieder röthenden Antlitz des alten Mannes entgegenstrahlte; »binnen einer Stunde mögen Sie dieselbe in Ihren Armen halten, wenn Sie sich stark genug fühlen, noch einige Meilen durch den Schnee zurückzulegen.« »Ich bin bereit,« versetzte Wolter schnell, indem er sich hastig der Thür zudrängte. Gleich darauf trat er wieder zurück; der Tragekoffer, welchen er bisher nie aus den Händen gelassen und stets wie seinen Augapfel behütet hatte, war ihm bei Gerhards Anblick entfallen, und der Inhalt desselben durfte ja nicht verloren gehen, sollten die Weihnachtsfreuden, zu deren Zweck er seine Reise so sehr beschleunigte, vollständig sein. Nachdem Gerhard den Koffer in Empfang genommen hatte, säumten sie nur noch so lange, bis Wolters Reiseeffecten an leicht zu findender Stelle im Schnee vergraben worden waren. Dann beluden sie sich mit solchen Gegenständen, welche sie, ohne dadurch in ihren Bewegungen gehindert zu werden, mit fortzuführen vermochten, worauf sie die Richtung des Windes genau aufnahmen und zuerst dem Waldesrande und demnächst der heimatlichen Farm zuwanderten. Kaum hundert Schritte weit waren sie von der Stelle entfernt, auf welcher sie so Schreckliches erlebten, da erkannten sie dieselbe, rückwärts schauend, nur noch an dem rothen Schein, der in der Schnee-erfüllten Atmosphäre über der brennenden Blockhütte einen großen runden Hof bildete. Das Grausen, welches sie empfanden, indem sie des unter dem Gluthhaufen vergrabenen Mörders gedachten, wurde gemildert durch die freudige Erwartung der kommenden Scenen des Glücks. »Ein wahrer Christabend,« sagte Gerhard scheidend, als er in der Nähe der Farm seinen Gefährten vorauseilte, um die mit wachsender Besorgniß seine Heimkehr herbeisehnende Gattin zu beruhigen und sie auf das unverhoffte Wiedersehen vorzubereiten. »Christabend?« fragten Wolter und der Pedlar befremdet. »Ist er schon vorbei?« fragte Gerhard ebenso überrascht zurück. »Nein, vorbei nicht,« erklärte der Pedlar, »ich wäre ja zu spät eingetroffen mit meinen Waaren, die freilich erst nach Tagesanbruch aus dem Schnee gegraben werden müssen. Gebe Gott, daß mein armer Gaul im Walde ein geschütztes Plätzchen fand – doch die Mustangs sind nicht verweichlicht.« Die letzten Worte vernahm Gerhard nicht mehr. Er war in die Thüre getreten, welche Marie auf seinen bekannten jauchzenden Ruf geöffnet hatte, um an des Heimkehrenden Brust zu sinken. – Wenige Minuten später, da hielten andere Arme sie umschlungen. Dieselben Arme, die sie einst jubelnd emporgehoben, als sie zum ersten Male das Tageslicht begrüßte. Marie aber weinte heiße Thränen der Freude; sie konnte ihr Glück nicht fassen, nicht glauben, daß nunmehr alle Noth und Sorge von ihnen genommen seien, schmerzliche Bilder fortan ihre Rückerinnerungen nicht mehr trüben würden. Auf diese schauerliche Nacht folgte für Gerhard und den Pedlar ein Tag harter Arbeit, bei welcher sie indessen durch stilles klares Frostwetter begünstigt wurden. Die Verluste beschränkten sich glücklicherweise auf einige Gegenstände von geringem Werthe, die im Schnee abhanden gekommen waren. Den Mustang entdeckte man nach kurzem Umherspüren im Walde; er stand hinter einem Schutz gewährenden Dickicht, wo er gierig die Spitzen der aus dem Schnee hervorragenden Weidenschößlinge abnagte. Wie um die letzten Spuren des hinterlistigen Mordanfalls zu vernichten, hatte der Sturm die Flammen von der Blockhütte nach dem Schmiedeschuppen hinübergetrieben, dessen ausgedörrte Holzwände trotz des heftigen Schneefalls leicht Feuer fingen und über dem verkohlenden Schlitten in Asche zusammensanken. Die näheren Umstände, unter welchen man ihren Vater aufgefunden hatte, erfuhr die junge Frau nicht; sorgfältig hielt man Alles von ihr fern, wodurch ihre Stimmung hätte unfreundlich berührt werden können. War es doch die Hand ihres Gatten, welche im letzten entscheidenden Augenblicke dem hinterlistigen Mörder den Tod gegeben hatte. Auf den Tag der Arbeit folgte ein Abend, wie wenige glücklicher und behaglicher auf Gerhards Farm verlebt worden waren. In dem geräumigen Kamin prasselte ein mächtiges Feuer. Der Tisch war von der Wand mitten in das Gemach hineingerückt worden und auf demselben prangte die frische grüne Tanne, welche Gerhard, froh des in seiner Kalenderführung begangenen Irrthums, zwischen dem Stroh in seinem Stalle hervorgesucht hatte. Durch Gerhards und des Pedlars Fürsorge war es Frau Marie möglich gewesen, den Baum sinnig mit Lichtern zu schmücken. Um denselben reihten sich reiche Geschenke, welche dadurch, daß ihr Vater sie aus der fernen Heimat mitgebracht hatte, doppelten Werth erhielten. Es waren in der That schöne Geschenke; manche befanden sich unter denselben, welche in nächster Beziehung zu Frau Mariens süßesten Hoffnungen standen und ihr Thränen der innigsten Rührung in die freundlichen Augen trieben. Sie zeugten davon, daß die starre Rinde, die einst künstlich um das Herz ihres Vaters gezogen worden war, dem holden Geheimniß, welches sie ihm brieflich anvertraute, keinen Widerstand zu leisten vermocht hatte. Sie war geschmolzen, wie der letzte Schnee vor den warmen Strahlen der Frühlingssonne, um in der Brust des vereinsamten alten Mannes ein heißes Sehnen nach seinen Kindern und Kindeskindern mit unwiderstehlicher Gewalt zum Durchbruch gelangen zu lassen. War er doch gekommen, um sich nicht wieder von ihnen zu trennen; dagegen hatten seine jüngsten Erlebnisse den Entschluß in ihm zur Reife gebracht, im Laufe des Sommers die Grenze der Wildniß zu verlassen und mit den Seinigen nach einem bevölkerteren Districte überzusiedeln, wozu ihm mehr, als die ausreichenden Mittel zu Gebote standen. – Es war ein wunderbar schöner Christabend. Still lag die Natur unter der tiefen Schneedecke. Friedlich funkelten die Sterne vom Himmel nieder, ihr milder Glanz wurde noch gedämpft und theilweise verdrängt durch den Mond, der, wie vor tausend Jahren, gewissenhaft seine alte Bahn verfolgte. Im warmen Stalle stöhnten behaglich die gesättigten Pferde und Rinder. Feierlich brannten die Lichter an dem Weihnachtsbaum, zu ihrem Schein gesellte sich die Beleuchtung der, eine starke Wärme ausströmenden Flammen in dem Kamin. Vier treue Menschen saßen im Halbkreise um das liebliche Symbol der Freude und des Friedens. Wie auf einen geweihten Altar richteten sich drei Augenpaare auf die ruhig brennenden Lichter. Die grauen Blockwände, geschmückt mit Axt und Büchse, wölbten sich über ihnen zum heiligen Tempel. Wolters Augen waren gesenkt auf ein altes Buch, welches auf seinen Knieen ruhte. Seine Lippen regten sich und ernst und feierlich hallte es durch das Gemach: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« – – – Auf dem Ufer des Kaskaskia Der Kaskaskia, der sich ungefähr zwei Tagereisen weit unterhalb St. Louis dem Mississippi zugesellt, durchschneidet in seiner ganzen Länge einen der anmuthigsten Theile des Staates Illinois. Eilfertig und brausend strömt er zur Zeit des hohen Wasserstandes einher; träge rieselt er zwischen zahllosen Treibholzklippen und Wurzeln hindurch, sobald der Hochsommer die schlammigen Niederungen mit einer festen, vielfach geborstenen Rinde überzieht, und der Herbst, wie ein planlos vor seiner Staffelei tändelnder Künstler, die wunderbarsten Schattirungen und grellsten Farbencontraste über die sich ruhig und majestätisch ausdehnenden Waldungen hinstreut. Doch ob hoch oder niedrig, ob brausend oder geheimnisvoll murmelnd, überall hin trägt er dem von ihm gleichsam beherrschten Gebiete reichen Segen zu, erhält er dem Boden eine unverwelkliche Frische. In den Bottomländereien ragen die Bäume, unter welchen sich fast alle Gattungen des nordamerikanischen Continentes vertreten finden, so hoch und kernig empor, als vermöchten sie mit Bequemlichkeit Jahrtausenden zu trotzen; auf den angrenzenden Prairien äußert sich die Zeugungskraft des fetten Erdreichs in einer unglaublich dicht und üppig emporgeschossenen Decke nahrhaften Grases und duftender Kräuter; wo aber die keilförmige Stahlaxt dem seufzenden Urwalde tiefe Wunden schlug, das Schüreisen knirschend die zähe Narbe aufriß und fleißige Hände goldglänzende Saat in den gelockerten Boden streuten, da erscheint es, als habe die Natur seit lange ungeduldig darauf geharrt, den Sterblichen die Unerschöpflichkeit ihrer Kraft zu beweisen, ihr Füllhorn des Segens nach Herzenslust überströmen zu lassen. Der Kaskaskia ist selbst bei hohem Wasserstande nur auf eine kurze Strecke für Dampfbote von geringem Tiefgange schiffbar. Es fehlt ihm also eine Haupteigenschaft, welche die Anlage und das Aufblühen von Städten auf seinen Ufern begünstigt; das hindert indessen nicht, daß sein Stromgebiet von Ackerbauern reich bevölkert wurde, die Jahr aus Jahr ein ihre Bodenerzeugnisse in großen Massen auf den Markt bringen. Vielfach trat zwar bereits das mit weiß angestrichenen Brettern zierlich verkleidete Farm- oder Balkenhaus an Stelle der grauen Blockhütte, doch überwiegt die Zahl der Letzteren noch immer bei weitem die der Ersteren. Es scheint fast, als ob einzelne Besitzer, selbst nachdem sie sich allmählich in einen gewissen Wohlstand hineingearbeitet, dem poetischen Zauber, welcher die Blockhütte gleichsam charakterisirt, zu sehr unterworfen gewesen, um diese mit größeren und bequemeren, sie jedoch nicht anheimelnden Räumlichkeiten zu vertauschen. Sie überlassen die Neuerungen ihren Nachkommen und leben zwischen ihren schweren Blockwänden und unter dem bemoosten Schindeldach so glücklich und zufrieden, daß der »Hauptbewohner des weißen Hauses« (Präsident der Vereinigten Staaten) in Washington sie um ihr Loos beneiden möchte. Fühlen sich nun wohlhabende Leute in ihren einfachen Blockhütten glücklich und zufrieden, so ist es ihnen kaum zu verdenken, wenn sie zur Heranbildung ihrer Jugend und zur Wohnung von deren Lehrern ebenfalls das Blockhaus kostspieligeren Baulichkeiten vorziehen; wenigstens so lange, bis in ihrer Nachbarschaft einmal eine Stadt entsteht, wo auf die Anlage von Schulhäusern mehr Sorgfalt und Zeit verwendet werden kann. In den meisten Fällen mögen noch sehr viele Jahre darüber hingehen; bis dahin aber bleiben sie ihrer Gewohnheit treu: sich mit ihren Nachbaren zu Gesellschaften von zwanzig bis dreißig Familien zu vereinigen, um in der Mitte ihres Kreises ein Schulblockhaus zu errichten und zu unterhalten, den dazu gehörigen Lehrer zu besolden und es diesem dann zu überlassen, so viel Gelehrsamkeit in die mit einem starken Freiheitshauch angefüllten jugendlichen Häupter hineinzupredigen, wie eben noch Platz in denselben hat, oder die etwas unbändige Genossenschaft geneigt ist, gutwillig in sich aufzunehmen. Weit oberhalb des äußersten Endes der gelegentlichen Schiffbarkeit des Kaskaskia, auf einer überaus lieblichen Stelle des hohen Lehmufers, lag – und liegt vielleicht heute noch – eine derartige Schule. Bei der Wahl des Platzes zur Gründung derselben war offenbar nicht allein die ungefähre Mitte zwischen den zusammengehörigen Farmen maßgebend gewesen, sondern auch die Beschaffenheit des Bodens. Dieser erhob sich nämlich hoch genug über die zum Theil sumpfigen Bottomländereien, um nicht durch aufsteigende Dünste schädlich beeinflußt zu werden, außerdem konnte er von allen Gehöften aus zu jeder Zeit des Jahres trockenen Fußes erreicht werden, und endlich hatte das Vorhandensein einer etwa vier Morgen großen, von allen Seiten durch hohe Waldung geschützten Wiesenfläche das beschwerliche Niederholzen zum Zweck der Anlage eines Gartens überflüssig gemacht, wie die Nähe des Kaskaskia die bedächtigen Gründer und Erbauer der westlichen Schulanstalt der Mühe des Ausgrabens eines Brunnens überhob. Ja, sehr nahe floß der Kaskaskia vor dem kleinen Schulgehöft vorüber, so nahe, daß wenn man von der andern Seite des Flusses hinüberblickte, die beiden grauen Hütten sich wunderbar lieblich in den beweglichen Fluthen spiegelten und man die trügerischen Bilder auf der Wasserfläche hätte für die umgestürzte Fortsetzung ihrer sich auf fester Grundlage behaglich spreizenden Originale halten mögen. Die beiden Hütten, eine größere und eine kleinere, waren mit den Giebeln durch einen schmalen Zwischenraum von einander geschieden. Beide hatten nach der Wasserseite hinaus zwei Fensterchen und in der Mitte der Wand eine etwas windschief aus der Balkenlage ausgeschnittene Thüröffnung; beide besaßen auf dem nördlichen Giebel einen von Außen angebauten Schornstein, der nach innen in ein geräumiges Kamin mündete, und endlich waren von beiden kaum noch die roh behauenen Blöcke der Wände zu erkennen, so dicht hatten sorgfältig gepflegte Schlinggewächse und üppig wuchernde Weinranken diese bezogen. Den freien Platz zwischen dem Kaskaskia und den Gebäuden bedeckte dicht ein kurzer, niedergetretener Rasen. Derselbe bildete den Spielplatz der muntern Schuljugend. Mehrere roh ausgearbeitete Bänke, deren Füße als lange Pfähle tief in die Erde hineinragten, zogen sich vor den Hütten hin, während ein etwa vier Fuß hohes, aus drei Balken hergestelltes und mit zahlreichen Holzpflöcken versehenes Gerüst auf dem Giebel der größeren Hütte im Schatten eines mächtigen Ahornbaumes stand und zur Aufnahme der Pferde solcher Schulbesucher diente, die zu weit abwärts wohnten, um den Weg jedesmal zu Fuße zurücklegen zu können. Der Garten, in der Größe eines Morgens, lag hinter den Hütten. Eine feste Einfriedigung von gespaltenen und im Zickzack übereinander geschichteten Latten schützte ihn gegen das schädigende Wild und die frei im Walde umherstreifenden Viehheerden. Die Eintheilung in Beete und Felder war wenig künstlerisch, dagegen entdeckte man leicht, daß der zeitige Bewohner des Schulgehöftes sehr große Sorgfalt auf Blumenzucht verwendete und mit eben so großem Geschick wie Fleiß eine kleine Baumschule hegte und pflegte. Bildete doch der Verkauf von Sämereien und jungen Obstbäumen einen erheblichen Theil seiner ihm ein gemächliches Leben sichernden Einnahme, wie er auch die wilde Biene sich dienstbar zu machen gewußt hatte und von ihr mehr süße Beute bezog, als er bei seinen bescheidenen Ansprüchen für sich selbst bedurfte. So lag also die echt westliche Schulanstalt mit dem dazu gehörigen Garten auf der traulichen Waldeslichtung da. Die Sonne eines heißen Sommernachmittages brannte unbarmherzig auf die grauen, leicht bemoosten Schindeldächer und auf den stillen Wald nieder. Die Natur schien zu träumen, kein Blatt regte sich; eine unbezwingliche Trägheit schien sich aller Gegenstände bemächtigt zu haben. Selbst die Pferde, die mit gesenkten Köpfen zu beiden Seiten des alten Gerüstes standen, waren zu bequem, die langen Schweife zum Abwehren der lästigen Fliegen zu, benutzen. Verschlafen blinzelten sie mit den Augen, nur gelegentlich, wie eben aus tiefem Traume erwachend, biß das eine oder das andere auf den im Bereich seiner Zähne befindlichen, bereits stark benagten Balken, um ein Splitterchen loszureißen und demnächst wieder in den behaglichen Halbschlummer zurückzusinken. Das Schulgehöft mit seiner ganzen Umgebung bot daher ein Bild lieblicher Waldeinsamkeit, belebt durch das melodische Gurgeln und Murmeln des um gestrandete Treibholzstämme eilfertig herumrieselnden Flüßchens. Tiefe Stille herrschte ringsum; aber wenn das Ohr aufmerksam lauschte, dann vernahm es ein endloses Schwirren und Summen, welches in geheimnisvoller Weise die regungslose Atmosphäre erfüllte. Beutebeladene Bienen und solche, die auf Beute auszogen, eilten im pfeilgeschwinden Fluge ab und zu. Goldbeschwingte Käfer surrten planlos hierhin und dorthin; den bronzeschillernden Schmetterlingen ähnlich flatterte der funkelnde Kolibri rastlos von Blume zu Blume, während Kardinal und Waldtaube im Schatten dicht belaubter Bäume rasteten und Drosseln auf dem feuchten Erdboden Kühlung suchten. Fenster und Thüren beider Hütten waren dicht geschlossen, um erst nach Sonnenuntergang der erquickenden Nachtluft geöffnet zu werden. Aus der größeren Hütte drang eine wohlklingende Männerstimme gedämpft ins Freie hinaus. Die eigentliche Schulstunde hatte längst ihr Ende erreicht; Herr Albert unterhielt indessen seine aufmerksamen Zuhörer noch immer durch lehrreiche Erzählungen, um ihnen die Heimkehr dadurch zu erleichtern, daß er das Ende der höchsten Sonnengluth abwartete. Es war ungefähr sechs Uhr, und seit Vormittag um zehn Uhr hatte sich die muntere Schuljugend, freilich mit einer mehrstündigen Unterbrechung des Lernens, auf dem Gehöft befunden, als die Männerstimme plötzlich verstummte und ein wirres Geräusch lachender, plaudernder und sich lebhaft durcheinander tummelnder Kinder an deren Stelle trat. Bald darauf öffnete sich die Thüre und heraus stürmte ein so toller Haufe sonnverbrannter, englisch und deutsch sprechender und scherzender Mädchen und Knaben, wie nur je eine Gesellschaft junger Republikaner auf dem freien Boden Amerikas die Geduld ihres Lehrers auf die Probe stellte. Gleich hinter den Kindern trat der Lehrer ins Freie. Derselbe, ein bleicher, schlanker, junger Mann mit überaus wohlgebildetem und gutmüthigem Antlitz, beobachtete mit sichtbarer Freude die ausgelassene Schaar, wie sie sich auf dem freien Platze vor den Hütten zerstreute und theils vollen Laufs auf den verschiedenen Pfaden dem nahen Walde zueilte, theils zu den angebundenen Pferden hinsprang, um mit kundiger Hand den willigen Thieren die Trensen aufzulegen, in den Sattel zu klettern und sich reisefertig zu machen. »Herr Albert, mich zuerst!« »Nein, mich zuerst!« drang es aus dem Gewirre bei den Pferden mit sopranen Stimmchen zu dem Lehrer hinüber, und Herr Albert, ein freundliches Lächeln in den sanften, blauen Augen, trat mitten unter die Gesellschaft, und die Arme nach den kleinern Kindern ausstreckend, wie sie ihm gerade am nächsten zur Hand waren – die größeren befanden sich ja bereits im Sattel – hob er sie eins nach dem andern auf die Rücken der geduldigen Thiere, je nachdem ihm die einzunehmenden Plätze bezeichnet wurden. Die von ihm emporgehobenen jugendlichen Reiter kamen meist hinter die Sättel zu sitzen, wo sie, die Arme kunstgerecht um ihren Vordermann – gewöhnlich der ältere Bruder oder die Schwester – geschlungen, sich vollständig zu Hause fühlten und lustig mit den kurzen Beinchen die Seiten ihrer bedächtigen Pferde bearbeiteten, um sie dadurch zu einer andern Gangart, als den langweiligen Schritt, zu zwingen. »Adieu, Herr Albert! Good bye, Mr. Albert!« hieß es hier und dort, und im schwerem Trab und Galopp stob die muntere Schaar nach allen Richtungen auseinander. »Vorsichtig, vorsichtig, Kinder,« rief Albert den tollen Reitern nach, die zu zweien und dreien die Rücken der Pferde beschwerten. Muthwilliges Jauchzen und heftigeres Arbeiten der kurzen Beinchen war die Antwort auf seine Warnung, und gleich darauf hatte der Wald die Davonstäubenden in sich aufgenommen. Mit einem besorgten Kopfschütteln wendete Herr Albert sich den Hütten zu, als seine Blicke ein Pferd streiften, welches, einen Damensattel auf dem Rücken und am äußersten Ende des Gerüstes angebunden, höchst verwundert nach der Richtung hinüberschaute, in welcher seine Gefährten verschwunden waren. Ein flüchtiges Roth eilte über das stille, bleiche Antlitz, ein schwermüthiges Lächeln, fast eben so flüchtig, folgte dem seltsamen Erröthen nach, und dann schritt er hastiger der Thür des Wohnhäuschens zu. Er hatte den zwischen den beiden Hütten liegenden Gang erreicht, der zugleich den nächsten Weg in den Garten bildete, als ihm aus demselben eine schlanke Mädchengestalt entgegentrat, die in der einen Hand eine Gießkanne, in der andern einen leeren Eimer trug und offenbar im Begriff war, zum Fluß hinabzusteigen und Wasser zu schöpfen. Beim Anblicke Alberts blieb sie stehen, und ihm ihr schönes, jugendfrisches, von schwarzem Haar eingerahmtes Antlitz zuwendend, verneigte sie sich anmuthig, worauf sie ihn in dem lieblichsten, fremdländisch klingenden Deutsch anredete: »Ich hoffe, Herr Albert, Sie gestatten mir, Ihre Blumen und Bäumchen zu begießen.« »Eigentlich sollte ich es nicht zugeben,« versetzte dieser freundlich, indem er die Hand nach dem Eimer ausstreckte, welchen zu ergreifen das junge Mädchen ihn durch eine geschickte Wendung hinderte, »denn abgesehen davon, liebe Ella, daß ich nur dazu berufen bin, meine Schüler und Schülerinnen zu belehren, nicht aber Dienstleistungen von ihnen entgegenzunehmen, dürfte auch Dein Verfahren von den Leuten kaum gebilligt werden.« Die dunkelbraunen Augen des jungen Mädchens funkelten hell auf. »Wer dürfte sich erlauben, mein Verfahren einer besonderen Begutachtung zu unterwerfen?« fragte Ella trotzig, und sie machte Miene, an den Fluß hinabzusteigen, als Alberts Stimme sie abermals zurückhielt. »Ich meine nur, mein liebes Kind, man wird Dich zu Hause erwarten,« bemerkte er halb entschuldigend, halb vorwurfsvoll. »Ich bin meine volle sechzehn Jahre alt,« antwortete Ella, sich stolz emporrichtend, »also kein Kind mehr; dies wissen meine Eltern eben so gut, als alle anderen Leute. Wenn ich es für gut befinde, Ihnen im Garten zu helfen, so hat Niemand das Recht, sich darum zu kümmern.« »Du erinnerst mich daran, liebe Ella, daß Du kein Kind mehr bist,« entgegnete Albert, und im Tone seiner Stimme lag ein eigenthümliches Bedauern, »zugleich aber mahnst Du mich, daß es mir kaum noch zusteht, Dich als meine Schülerin zu betrachten und als solche anzureden – dies vorausgeschickt, weiß ich wirklich nicht, ob es nicht angemessener für Dich wäre, den Schulbesuch endlich ganz aufzugeben.« »Spreche ich etwa fertig deutsch?« fragte Ella mit einem Gemisch von Hochmuth und kindlicher Ehrerbietung. »Für eine geborene Amerikanerin jedenfalls fertig genug,« lautete Alberts Antwort. »Nun, ich möchte es aber noch besser lernen, und darum besuche ich die Schule so lange es mir gefällt.« »Aber, mein Gott, liebe Ella,« fiel Albert dem lieblichen Mädchen freundlich in die Rede »anstatt selbst noch zu lernen, hilfst Du mir, die jüngeren Schüler unterrichten – und dann – bedenke, Du bist sechzehn Jahre alt, es muß wohl sein Ende erreichen, daß ich Dich, als meine Schülerin, mit dem vertraulichen Du anrede, während –« »Lernt man nicht beim Lehren?« fragte Ella lachend zurück, »und dies berücksichtigend bleibe ich dabei: So lange es mir zusagt, besuche ich die Schule, und wenn ich mein Schulgeld regelmäßig entrichte, haben selbst Sie keine Veranlassung, mich zurückzuweisen. Was aber endlich unser Verhältniß als Lehrer und Schülerin anbetrifft, da frage ich einfach: Wie lange wohnen Sie bereits hier?« »Vier Jahre, liebe Ella; ich war erst vierundzwanzig Jahre alt, als mir, dem unbekannten deutschen Fremdlinge, das Amt eines Lehrers anvertraut wurde.« »Wie lange war ich ihre Schülerin?« »Ebenfalls vier Jahre.« »Sie haben mich also als Kind kennen gelernt, und hoffentlich gab ich Ihnen keinen Grund, heute etwas Anderes in mir zu erblicken. Ich bin und bleibe Ihre Schülerin; wollen Sie aber meine geringe Hülfe in Anschlag bringen, so wissen Sie zugleich, daß ich reichlich für meine Mühe entschädigt werde. Nicht wahr, Herr Albert,« fügte sie darauf holdselig bittend hinzu, »Sie nehmen auch heute die Geige mit in den Garten, und während ich Ihre Blumen und Bäume pflege, spielen Sie mir einige Ihrer schönen vaterländischen Melodien vor?« »Ja liebe Ella, die schönsten Melodien, die ich kenne, will ich spielen,« antwortete Albert, vor Freude hoch erröthend, »und nicht nur einmal, nein, so oft in der That, wie Du es wünschest, – vorher aber helfe ich Dir Wasser tragen, und wundern sollst Du Dich über die liebliche Begleitung, welche das Plätschern des Wassers zu den Tönen meiner Geige, meiner alten, lieben, treuen Freundin bildet.« Ella stieg nunmehr hastig zu dem Flusse hinab; Albert holte schleunigst zwei andere Gefäße herbei, und dann begannen sie mit einem Fleiße Wasser zu tragen, als ob sie es contractlich übernommen hätten, das im Garten aufgestellte alte Syrupfaß binnen kürzester Frist zu füllen. Wohl eine Viertelstunde hatten sie gearbeitet, ohne daß viele Worte zwischen ihnen gewechselt worden wären, als das Faß überzulaufen begann. Es war dies für Albert das Zeichen, seine Geige und einen Stuhl herbeizuholen. Letzteren stellte er so hin, daß Ella sich während des Gießens fast beständig m seiner Nähe befand, und dann erst, nachdem er das Instrument gestimmt hatte, tauchte Ella die Gießkanne in das übersprudelnde Faß. »Die Bäumchen bedürfen zumeist der Erquickung,« bemerkte Albert auf Ella's fragende Blicke, »ihre Wurzeln sind am durstigsten. Die armen Dinger sind nicht so gut daran, wie die Blumen dort, die ihre Wurzeln beschatten und die dörrenden Sonnenstrahlen von dem sie tragenden Erdreich abhalten. Außerdem nenne ich die Blumen auch meine ungetreuen Kinder, die mich im Herbste jedesmal verlassen, während die Bäumchen von Jahr zu Jahr wachsen und, trotzdem sie dieselben alten Freunde bleiben, mir alljährlich durch die Verstärkung ihrer Stämmchen und die Verzweigung ihrer Kronen einen neuen Anblick bieten. Die jüngsten Reihen zuerst, liebe Ella, auf jeden Schößling etwa ein Quart; es ist in der Baumschule, wie drinnen in der Schulstube: Die Jüngsten sind immer die Ungeberdigsten, sie müssen zuerst befriedigt werden, um allmählich Geduld zu lernen.« Ella war mit der natürlichen Anmuth einer Fee zwischen die bezeichneten Reihen getreten, und als Albert seine Unterweisungen geendigt, senkte sie das Rohr der Gießkanne behutsam auf das erste Bäumchen. Das Wasser plätscherte und gleichzeitig fuhr der Bogen langsam über die straffen Saiten, einen glockenreinen, schwermüthigen Ton erzeugend. Das der engen Röhre entströmende Wasser plätscherte weiter, und Ton reihte sich an Ton zu einer bekannten heimatlichen Weise. Ella hatte die Blicke auf die Vertiefungen gerichtet, aus welchen die zarten Stämmchen emporragten. Ihre Ohren lauschten aufmerksam der getragenen Melodie, von welcher ihre ganze Seele erfüllt zu werden schien. Albert dagegen wendete seine Augen nicht von der lieblichen Gärtnerin, die, als holdes Bild der Gegenwart seinen Geist weit in die Vergangenheit zurückführte. Ihre sittigen, anmuthigen Bewegungen, ihr scharf ausgeprägter Sinn für Musik, ihre dunkeln Augen und ihr schwarzes Haar, o, wie sie seinem Gedächtniß zu Hülfe kamen und so entzückende, beseligende Visionen vor ihr hinzauberten! Kanne auf Kanne holte Ella herbei, langsam und geräuschlos. Das Wasser plätscherte; der einen Melodie folgte eine andere, und dann war es, als ob Alberts Gedanken und Betrachtungen selbst sich in Musik verwandelt hätten. In den Tönen, die er so rein und zart seinem Instrumente entlockte, lagen ja Worte, lag die Beschreibung eines Lebens, reich an wonnigen Stunden, aber auch reich an unsäglicher Trauer. Ella verstand die einzelnen Worte zwar nicht, aber die Musik drang ihr zum Herzen, tief und innig, als hätte Albert wirklich im verhaltenen Klageton zu ihr gesprochen, ihr geschildert treu und wahr alle die Bilder, die ihm so ergreifend vorschwebten und aus seiner Brust in die schwermüthigen Phantasien übergingen. Das Wasser plätscherte; es klang fast wie das Murmeln einer Quelle im fernen, fernen Heimatlande. Neben der Quelle erhob sich eine einfache Rasenbank, beschattet von hohen Eichen und Akazien. Diese Bank war es, auf welcher ein liebliches Engelsbild, mit schwarzen Locken und dunkeln, schwärmerischen Augen, die zarte, weiße Hand in die eines Jünglings legte und ihm versprach, bis in die Ewigkeit hinein ihm angehören zu wollen. Der Jüngling prangte im lustigen Studentenkleide; blau waren seine Augen, blond das in dichten Locken sein Haupt umwallende Haar. Kühne Hoffnungen schwellten seine Brust, und indem er das holde Geständniß treuer Gegenliebe von den rosigen Lippen küßte, meinte er, den Himmel erstürmen, der ganzen Welt Trotz bieten zu können, wenn es gälte, das liebliche Engelsbild ganz für sich zu gewinnen. Abgebrochene Noten, klar und rein wie Silberton, entströmten den Saiten. Sie erinnerten an den Gesang der Nachtigall; eine Nachtigall hatte in den Zweigen über der Rasenbank ihr melancholisches Lied in den stillen Abend hinausgesendet, während unter ihr heiße Schwüre ewiger Liebe und Treue gewechselt wurden. Dann schallte es wie ein Jubelgesang durch den Garten, wie Jubelgesang, angestimmt zum Lobe und zum Preise der jungen, glücklichen Liebe, die mit beseligendem Vertrauen in die Zukunft blickt. Doch nur kurz von Dauer waren diese Klänge der Freude; ein tiefer Klageton, schmerzlich vibrirend, schloß sie ab. Das Wasser plätscherte auf die lechzenden Wurzeln der jungen Bäumchen nieder, eintönig und melancholisch. Melancholisch waren auch die Phantasieen, die sich dem Jubelgesange anschlossen. Tief und zitternd, daß man es mit fernem Grabgeläute hätte vergleichen mögen, entstanden die Töne unter den kunstgeübten Händen. Ernster schaute Ella auf die jungen Pfleglinge nieder, leise schlich sie zur Wassertonne und zurück, wie um durch das Knirschen des Sandes unter ihren leichten Füßen nicht die ergreifende Musik zu stören und zu unterbrechen. Tiefer hatte Albert das Haupt auf die Brust geneigt, keinen Blick wendete er von der freundlichen Schülerin, die sich geräuschlos vor ihm einher bewegte; vor seinem Geiste aber zogen Scenen und Bilder vorüber, die der Gegenwart nicht angehörten: Er sah einen offenen Sarg und in demselben einen schlafenden Engel. Schwarzes Haar wallte um das marmorbleiche Antlitz; die dunkeln Augen waren geschlossen. Frische Myrthengewinde schmückten die seidenweichen Locken, um ein Myrthensträußchen hatten sich die erkalteten zarten Hände geschlossen. Ella war mit dem Begießen der Bäumchen fertig geworden und wollte mit den Blumen beginnen, als es wie ein tiefes Weh ihre Seele durchzog. Eine Welt voll Schmerz drang aus den harmonisch geordneten, jedoch wild klagenden Tönen hervor und schmiegte sich eng an ihr Herz an. Albert schien nicht zu bemerken, daß sie die Arbeit eingestellt hatte, obwohl seine Blicke unausgesetzt auf ihr ruhten. Durchdringender, schmerzlicher schallte die ergreifende Melodie in die warme Abendluft hinaus; sie erzählte von einer geöffneten Gruft, von einer geliebten Todten, die man in den Schooß der Erde hinabsenkte. Ein schriller Accord, ähnlich einem Schmerzensschrei, schlich sich plötzlich mit ein. Er klang wie das hohle Rasseln von Sand und Steinen auf einen geschlossenen Sarg. Das Wasser plätscherte nicht mehr; dafür aber rannen helle Thränen aus Ella's Augen. Als ob die heiligen Thautropfen lindernd auf des armen Albert wundes Herz gefallen wären, folgten auf den Weheruf liebliche, schwermüthige Modulationen, die man mit stillen Gebeten und heimlichen Thränen hätte vergleichen mögen, mit Thränen, die einem entschwundenen Erdenglück, dem letzten Abschied von der trostlosen, vereinsamten und doch so theuern Heimat galten. »Fort, fort in die Welt hinaus!« schienen die schwellenden Töne und Accorde verzweiflungsvoll auszurufen; »weit in die Ferne, wo nach den zerschellten Jugendhoffnungen des Waldes stille Einsamkeit winkt! Einsam liegt die freundliche Lichtung mit den Blockhütten da, einsam, wie das Herz –« Eine Saite zersprang. Wie aus tiefem Traume erwachend richtete Albert sich empor. Er wußte nicht, wie lange er gespielt hatte, eben so wenig wie Ella, die bei dem plötzlichen Mißton erschreckt zusammenfuhr. Die Sonne berührte die Wipfel der westlichen Waldriesen. Die Spottdrossel sang ihr süßes Lied, die Heimchen zirpten, Locustgrillen und Laubfrösche vereinigten ihre schnarrenden Stimmen zum geheimnißvollen Chor. Im Abendsonnenschein tummelten sich Fledermäuse, vereinzelte Schwalben und der langbeschwingte Ziegenmelker; vor den Thüröffnungen der festgeflochtenen Körbe rastete nach vollbrachtem Tagewerke in dichten Haufen das Bienenvolk. Alberts Gesicht war bleich, bleicher als gewöhnlich; Ella's Antlitz dagegen überströmte eine tiefere Gluth. »Ihre Bäumchen sind begossen und ich muß heimwärts eilen,« brach Letztere nach kurzem Sinnen zögernd das Schweigen, »wer weiß, man ist vielleicht schon besorgt um mich.« »Ja, liebe Ella, Du hättest um diese Zeit längst zu Hause sein müssen,« versetzte Albert gedankenvoll, und dann wandelten sie in feierlicher Stimmung der Stelle zu, wo Ella's Pferd stand. Albert führte das Thier zum Flusse hinab, um es zu tränken; gleich darauf sprengte Ella dem Walde zu. Kaum daß Lehrer und Schülerin einen Scheidegruß gewechselt hatten. Bevor die junge Reiterin in den Wald einbog, schaute sie noch einmal zurück, aber nur ganz flüchtig, denn sie bemerkte, daß Albert ihr von der Ecke seiner Blockhütte aus nachblickte. Hinter den nächsten Sträuchern hervor spähte sie wiederum rückwärts; Albert stand noch immer regungslos auf derselben Stelle. Er schien vergessen zu haben, daß seine Blumen ihrer gewöhnlichen Abenderquickung ungeduldig entgegenharrten. – – Ein Ritt von etwa zehn Minuten brachte Ella aus der bewaldeten Thalsenkung des Kaskaskia auf eine umfangreiche Ebene, auf welcher nach allen Richtungen hin kleinere und größere ländliche Gehöfte emportauchten. Träumerisch blickte sie nach der eigenen heimatlichen Farm hinüber, die sich in der Ferne durch eine hohe Baumgruppe auszeichnete, als sie den Galopp eines Pferdes vernahm, welches sich ihr seitwärts von dem Waldrands her näherte. Sobald sie den Reiter, einen stattlich gebauten jungen Farmer aus der Nachbarschaft, erkannte, hielt sie ihr Pferd an und zugleich trat ein zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen. »O, William,« rief sie dem Herbeieilenden in englischer Sprache zu, »in Euch erkennt man wenigstens einen treuen Nachbarn; ich setze nämlich voraus, daß Ihr gekommen seid, mich nach Hause zu begleiten.« »Freilich, Miß Ella,« antwortete der junge und aus seinem übermüthigen Gesicht leuchtete ein hoher Grad von Mißvergnügen hervor; »allein keine zehn Minuten länger hättet Ihr bei dem Schulmeister weilen dürfen, und Ihr wäret gezwungen gewesen, ohne meine Begleitung heimzureiten.« »Was ich Eurer Gesellschaft wegen gewiß sehr bedauert hätte,« antwortete Ella, ihre Hand zutraulich in die dargebotene Williams legend, »im Übrigen aber wäre es kein Unglück gewesen; einen Weg, den ich tausendmal allein ritt, würde ich auch heute ohne Euren Beistand gefunden, haben.« Die Pferde hatten wohl hundert Schritte nebeneinander zurückgelegt, als William von neuem anhob: »Zwei Stunden habe ich mindestens dort drüben am Waldessaume auf Euch geharrt.« »Ich wiederhole noch einmal, lieber William,« entgegnete Ella mit einer Anwandlung von Ungeduld, »ich bedaure sehr, daß ich nicht pünktlicher war, allein ich wurde durch das bezaubernde Spiel des Herrn Albert so sehr gefesselt, daß ich das Enteilen der Zeit nicht merkte. Uebrigens war ich nicht müßig; während der gute Herr Albert spielte, begoß ich seine Bäume.« William lächelte spöttisch. »Miß Ella« bemerkte er darauf in tadelndem Tone, »Ihr solltet nicht vergessen, daß es der Tochter Eures Vaters nicht geziemt, bei einem deutschen Schulmeister Mägdedienste zu verrichten.« »Seid Ihr etwa gekommen, um mich über meine Handlungen zur Rede zu stellen?« fragte Ella scharf, und ihre Augen funkelten vor verhaltenem Zorn, »ich sollte denken, ich sei alt genug, um eines unberufenen Vormundes entbehren zu können.« »Ella, Ella,« versetzte William schnell und höflicher, »es liegt wahrhaftig nicht in meiner Absicht, Euch zu kränken, allein da Ihr selbst Eures Alters erwähnt, erlaubt Ihr mir wohl, darauf hinzuweisen, daß Ihr der Schule allmählich entwachsen sein dürftet und die Zeit der kindlichen Spiele weit hinter Euch liegt.« »Ich sehe das Verständige Eurer Bemerkung nicht ein,« erwiderte Ella hochmüthig, während sie tändelnd mit der Reitgerte die Mähnhaare ihres Pferdes emporsträubte, »seid daher so gut und erklärt Euch näher, damit ich entsprechend antworte.« »Wohlan denn,« fuhr der junge Mann versöhnlicher und milder fort, »Ihr fordert eine Erklärung von mir, und ich bin bereit, Euch eine solche nach meinem besten Wissen und Vermögen zu ertheilen, und wenn ich aufrichtig sein soll, muß ich bekennen, daß ich sogar eigens zu diesem Zwecke hierherritt und eigens zu diesem Zwecke auf Euch wartete. Wir sind lange Nachbarn gewesen, theure Ella, so lange in der That, wie Ihr zu denken vermögt, und ich glaube, Ihr könnt nicht ableugnen, daß Euch seit Eurer frühesten Kindheit fast täglich die Beweise meiner treuen, aufrichtigen Anhänglichkeit wurden.« »Das leugne ich nicht, William,« antwortete Ella, ihre großen dunkeln Augen mit kindlicher Offenheit auf den Gefährten richtend, »aber auch ich habe Euch immer sehr, sehr lieb gehabt, obwohl Ihr hin und wieder wohl etwas von meinen tollen Launen leiden mußtet.« »Ganz recht, liebe Ella, und gerade das Bewußtsein, von Euch stets mit freundlicher Zuneigung betrachtet worden zu sein, ist Ursache, daß ich heute wage, in einer andern Weise, als der eines Spielgefährten zu Euch zu sprechen.« Ella blickte befremdet auf ihren Begleiter; sie schien den Inhalt seiner Worte nicht zu begreifen. Dieser aber nahm nach einer kurzen Pause mit wachsender Wärme seine Erklärungen wieder auf. »Wenn ich nun als Kind schon mit wahrer Zärtlichkeit an Euch hing, theuerste Ella, so beseelt mich heute eine Liebe zu Euch, so heiß, so innig, daß ich nicht zu viel sage, wenn ich behaupte, daß von Eurer mir auf meine Frage zu ertheilenden Antwort mein ganzes Lebensglück abhängt.« »Meine Antwort?« fragte Ella verwunderungsvoll und unbefangen, »was kann meine Antwort mit Eurem Lebensglück zu schaffen haben? Ihr betheuert, daß Ihr mich liebt, ich versichere Euch, daß ich Euch ebenfalls liebe, bedarf es da weiterer Fragen und Antworten, unser gutes altes Freundschaftsverhältnis aufrecht zu erhalten?« »Ja, theuerste Ella, es bedarf weiterer Fragen,« versetzte William mit ängstlicher Spannung, es bedarf der Frage, ob Ihr bei der zwischen uns bestehenden Liebe einwilligt, über kurz oder lang die Meinige zu werden; ob Ihr Euch entschließen könnt, mir zu Liebe den überflüssigen Schulbesuch abzubrechen und in die Reihe derjenigen jungen Mädchen zu treten, denen sich mit einem solchen treu und ehrlich gemeinten Antrage zu nähern, jeder Ehrenmann berechtigt ist.« »Wenn ich Euch nicht falsch verstehe, lieber William,« fiel Ella mit halb scherzhaftem, halb besorgtem Ausdruck dem Gefährten in die Rede, »dann wünscht Ihr, daß ich Eure Frau werde? Wäre ich nun wirklich nicht abgeneigt auf Euren Vorschlag einzugehen, müßte ich dann aber nicht gleichzeitig vor einem Schritte zurückbeben, durch welchen ich mich geradehin zu Eurer Sklavin machte? Geht Ihr doch jetzt schon so weit, mir den Besuch der Schule verleiden zu wollen, mir also eine Hauptfreude zu rauben. Nein, nein, theuerster William und liebte ich Euch noch so sehr, so könnte ich Euretwegen meinen Schulbesuch nicht aufgeben. So lange ich aber die Schule besuche, müßt Ihr mich nothgedrungen als ein Kind betrachten und mir daher mit scherzhaften oder ernstlichen Heirathsanträgen fern bleiben. Wartet zehn Jahre, und habe ich dann noch Keinen gefunden, den ich mehr liebe, als Euch, so soll meine Antwort auf Eure etwaige Frage eine zustimmende sein.« »Also doch?« fragte William erbleichend und seine Stimme zitterte leicht, wie vor verhaltener Wuth; dann aber mit Gewalt eine äußere Ruhe erheuchelnd und die Blicke fest und argwöhnisch auf Ella gerichtet, fuhr er fort: »Zehn Jahre ist eine lange Zeit; es wäre ein unersetzlicher Verlust an unserm Leben, es kann daher Euer Ernst nicht sein, liebe Ella – und dann – bedenkt, was vermag der deutsche Schulmeister Euch, der sechzehnjährigen Jungfrau, noch zu lehren, was Euch für Eure Mühe des Hin- und Herreitens zu bieten? Laßt daher ab von Eurem thörichten Beginnen, ich bitte Euch darum, Ella, und seid Ihr erst ein Weilchen dem Einfluß entzogen, welchen der Schulbesuch auf Euch ausübt, werdet Ihr meinen Antrag von einem ganz andern Standpunkte aus betrachten.« Ella hatte ihren Gefährten ruhig aussprechen lassen; als er aber geendigt, wendete sie sich ihm mit einer kurzen heftigen Bewegung zu. Ihre Augen funkelten, das tiefe Roth ihrer Wangen dehnte sich bis zu den klaren, blaugeaderten Schläfen hinauf aus, und aus dem Tone ihrer Stimme klang hervor, daß sie sich in ihrer Selbstständigkeit tief verletzt fühlte. »Was kümmert es Euch, ob es ein Deutscher oder ein Amerikaner ist, welchen ich zu meinem Lehrer gewählt habe?« fragte sie unwillig, »und was kümmert es Euch, ob ich geneigt bin, mehr zu lernen, als die meisten jungen Mädchen unseres Bezirks? Aber ich will offen sein: Und wäre es auch nur, daß ich Gelegenheit fände, Herrn Alberts liebliches Geigenspiel zu hören, zu beobachten, wie er mit zärtlicher Sorgfalt seine jungen Obstbäumchen hegt und pflegt, so würde ich mich dadurch allein schon hinreichend belohnt fühlen. Ja, William, das ist es vorzugsweise, was mich Tag für Tag zu den Blockhütten hintreibt, und ich mache kein Hehl daraus, daß ich beabsichtige, noch lange Jahre hindurch meine altgewohnte Lebensweise fortzusetzen ohne auch nur im Mindesten Eure oder eines andern Menschen Urtheile und Wünsche zu berücksichtigen!« Williams Pferd schien zu stolpern, so heftig und unerwartet hatte er in die Zügel gegriffen. Es war, als hätte er das unschuldige Thier die ihm von Ella ertheilte Antwort entgelten lassen wollen. Aber wiederum kämpfte er seinen aufstammenden Zorn über die dem deutschen Schulmeister nachgetragenen freundlichen Gesinnungen nieder, und wenn auch innerlich kochend, versetzte er doch äußerlich ruhig: »Bedenkt Ihr aber auch, liebe Ella, wie die Leute über Euer Verhältnis zu dem Fremdlinge urtheilen? Daß Ihr Euch den übelsten Nachreden aussetzt, wenn Ihr –« »Was frage ich nach den Leuten und ihrem Gerede?« fiel Ella ihm hastig ins Wort; »überhaupt klingt es wunderbar, daß mein Schulbesuch übel gedeutet werden könnte. Es liegt etwas Ungereimtes in Euren Folgerungen; es geht aus denselben hervor, daß Ihr Herrn Albert hasset, während er, so viel besser als Ihr, nie einen unfreundlichen Gedanken weder gegen mich, noch gegen irgend einen andern Menschen hegt.« »So zieht Ihr wohl gar den deutschen Träumer mir vor?« »Ohne Zweifel, wenn Ihr fortfahrt, in solch ungerechtfertigter Weise zu mir zu sprechen.« »Dann würdet Ihr ihn schließlich auch lieber heirathen als mich?« fragte William, vor Grimm seiner Sinne kaum noch mächtig. »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht,« erwiderte Ella verwirrt, jedoch ebenfalls erregt, »wenn Ihr indessen nicht inne haltet, mich mit derartigen Fragen zu peinigen, dürfte bei einer etwaigen Wahl die Entscheidung schwerlich zu Euren Gunsten ausfallen.« »Halloh!« hohnlachte William, »die Gerüchte, die über Euch in Umlauf sind, entbehren also doch nicht jeglichen Grundes.« »Welche Gerüchte?« fragte Ella zornbebend. »Nun, daß die Tochter eines gewissen begüterten Farmers ihr Herz an einen menschenscheuen deutschen Abenteurer gehängt habe und die Schule nur besuche, um ihrem Lehrer dadurch ihre Leidenschaft so recht klar vor Augen zu legen.« Ella hielt ihr Pferd an. Ihre zornglühenden Augen maßen den Gefährten mit einem sprechenden Ausdrucke namenloser Verachtung. »Für so schlecht hätte ich Euch nicht gehalten,« entwand es sich endlich langsam ihren bebenden Lippen, »aber ich danke Euch, daß Ihr mir die Augen sowohl über Euch, als auch über die mich betreffenden Gerüchte geöffnet habt. Ich werde morgen' in aller Frühe zu Herrn Albert hinüberreiten und als Schülerin Abschied von ihm nehmen – ich sehe es ein, ich bin der Schule entwachsen, ich sehe es ein, nachdem Ihr mich in so gehässiger Weise darauf aufmerksam gemacht habt. Durch Euren bösen Willen bin ich also eines hohen, eines harmlosen Genusses beraubt worden. Es läßt sich nicht mehr ändern; ob Ihr aber dadurch Vortheile errungen habt, mögt Ihr selbst entscheiden, denn dies ist die letzte Zusammenkunft zwischen uns Beiden – von nun an kenne ich Euch nicht mehr.« So sprechend wendete sie sich ab und ihr Pferd antreibend ritt sie hastig davon. William hielt noch immer auf derselben Stelle; seine Zähne knirschten laut auf einander; seine Augen glühten unheimlich, indem er der sich Entfernenden sprachlos nachstarrte. Endlich erschallte ein gräßlicher Fluch und drohend hob er die Faust. Ella sah es nicht; kein einziges Mal schaute sie zurück; das Haupt sinnend geneigt, verfolgte sie ihren Weg der heimatlichen Farm zu. »Der deutsche Schulmeister!« rief William von thierischer Wuth befallen aus, »ich werde ihn lehren, was es bedeutet, sein Amt zu mißbrauchen und sich in das Herz seiner Schülerin einzuschleichen!« Dann spornte er unbarmherzig sein Pferd, und querfeldein galoppirte er, als ob die wild empörten sträflichen Leidenschaften in seiner Brust sich als eine hetzende Meute an seine Fersen gehangen hätten. – – Die ersten Strahlen der über die östliche Waldung auftauchenden Sonne spiegelten sich in den zahllosen Thautropfen auf dem Rasenplatze vor den beiden Schulgebäuden, als Ella auf dem gewohnten Wege ihr Pferd nach der Lichtung hinauflenkte. Ein trüber trauriger Ausdruck lagerte auf ihrem sonst so lebenslustigen, heitern Antlitz, und wie unbewußt mäßigte sie den schnellen Schritt ihres Thieres. Es war, als hätte sie den Zeitpunkt des Abschieds von den lieben Blockhütten so weit wie möglich hinausschieben wollen. Suchend schweiften ihre Blicke über den Garten; nirgends entdeckte sie ein Zeichen von Leben. Ein gleichsam sonntägliche Stille ruhte auf Wald und Flur; nur die Drosseln und Blaukehlchen sangen im Dickicht, während die Grillen und Heimchen sich vergeblich bemühten, ihren vom Thau befeuchteten Trommelfellchen die gewöhnlichen schrillen und rasselnden Wirbel zu entlocken. Ella war an diesem Morgen taub für die Stimmen der Natur, kaum daß sie ihr Pferd beachtete, als dasselbe, vertraut mit dem so vielmals zurückgelegten Wege, vor den Hütten vorüberschritt und sich nach dem alten benagten Gerüst hinbegab. Die Thüre der kleinen Hütte stand offen; eben so waren die beweglichen, zum Verschluß des Gartens dienenden Holzplanken zurückgezogen worden, von Albert dagegen entdeckte sie nirgend eine Spur. Es befremdete sie dies wohl, doch beschleunigte sie immer noch nicht ihre Bewegungen, als sie die Zügel über einen der nächsten Pflöcke warf und demnächst gewandt zur Erde sprang. Langsam schritt sie nach der geöffneten Hausthüre hin. »Herr Albert!« rief sie hinein, und als keine Antwort erfolgte, begab sie sich ohne Säumen zwischen den beiden Hütten hindurch nach dem Garten. Auch hier spähte sie ein Weilchen vergeblich nach dem Gesuchten, bis sie, in den Hauptweg einlenkend, ihn endlich auf dem andern Ende des Gartens tief gebeugt auf einem Holzschemel sitzen sah. Mit der ihr angeborenen Leichtigkeit näherte Ella sich ihm. Aber erst als sie dicht vor ihm stand, wurde er sie gewahr, und indem er sich mit einem schwermüthigen Lächeln der Ueberraschung emporrichtete, bemerkte Ella, daß er geweint hatte. »Mein Gott, was ist vorgefallen?« fragte sie erschreckt, als Albert sich erhob und sie mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes begrüßte. »Ach,« antwortete Albert traurig, und matt wies er mit der Hand über seine Baumschule hin, »die einzige Herzensfreude, zu welcher der einsame, heimatlose Fremdling noch berechtigt war, hat man mir nicht gegönnt.« Ella sah um sich, und sie glaubte ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie entdeckte, daß alle die jungen, mit so unsäglicher Sorgfalt und Liebe ins Leben gerufenen und gepflegten Bäumchen und Schößlinge, viele Hundert an der Zahl, mittelst eines scharfen Messers dicht über der Wurzel abgeschnitten worden waren. Lange vermochte sie vor Entsetzen kein Wort hervorzubringen. Als sie sich dann endlich Albert wieder zuwendete, da schwammen ihre Augen in Thränen der Theilnahme und des Zornes. »Der Elende – er hat es gewagt,« sprach sie mit hochwallendem Busen, »der Verbrecher – einen Mord hätte ich ihm leichter verziehen –« »Nicht doch, nicht doch, Ella,« fiel Albert dem entrüsteten jungen Mädchen begütigend in die Rede, »wer auch immer diese tadelnswerthe Handlung begangen haben mag, Vortheil kann ihm unmöglich daraus erwachsen sein – freilich – mein Schade ist unersetzlich, doppelt, weil ich nicht den Muth besitze, eine neue Baumschule anzulegen; muß ich doch stets befürchten, meiner lieben, dankbaren Kinder immer wieder beraubt zu werden – und das ist ein großer Schmerz. Ich werde außer meinen Blumen, meiner Musik und meinen Büchern nichts mehr haben, was ich mit treuer Liebe pflegen könnte, und das mich dafür mit so mancher Stunde herzlicher Freude belohnte.« Indem Albert dies sagte, äußerte sich in seinen Worten wie im Tone seiner Stimme eine so tiefe Niedergeschlagenheit, eine so unendliche Entsagung, daß Ella sich unwillkürlich abwendete, um ihre strömenden Thränen zu verbergen. Einige Sekunden stand sie wie zweifelnd da; dann sich plötzlich entscheidend, schritt sie langsam und gesenkten Hauptes davon. Aber schon in der nächsten Minute befand sie sich wieder vor Albert, und seine Hand mit Hastigkeit ergreifend und ihr vor Verwirrung glühendes Antlitz ihm voll zukehrend, hob sie mit bewegter Stimme an: »Ich bin heute gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, Herr Albert, ich darf Ihre Schülerin nicht länger bleiben.« »Auch das noch!« versetzte Albert mit einem schmerzlichen Seufzer, »aber Du hast recht, mein liebes, liebes Kind; wir sprachen bereits gestern darüber. So ungern ich Dich verliere, die Du immer mein Liebling, meine Herzensfreude warst, ich kann Deinen Entschluß nur billigen.« »Und ahnen Sie nicht, wer die Schuld an dieser Verwüstung trägt?« fragte Ella leiser, ihre Augen flüchtig vor den wohlwollenden Blicken ihres Lehrers senkend. »Ich ahne es nicht, wünsche es auch nicht zu wissen,« antwortete Albert schwermüthig; und schmeichelnd, wie er vor Jahren zu thun pflegte, strich er mit der Hand über Ella's Haupt; »solltest Du indessen genauere Kunde darüber haben, so verschweige es mir. Ich will den Thäter nicht kennen, um ihm, im Falle eines Zusammentreffens, nicht unfreundlicher, als andern Menschen zu begegnen.« »So hören Sie denn, Herr Albert,« nahm Ella zwar zögernd, jedoch mit einer glühenden Entschlossenheit jetzt wieder das Wort, »wenn ich Ihnen auch den Namen des eigentlichen Thäters verschweige, so darf ich doch nicht verheimlichen, daß ich die unschuldige Ursache des Frevels gewesen bin, den man an Ihnen verübte. Ja, ich war die Ursache, daß man Ihnen die lieben Pfleglinge raubte und daß Ihr Leben Ihnen jetzt doppelt trostlos und vereinsamt erscheint. Ein Bäumchen ist Ihnen aber noch geblieben, Herr Albert, ein schwankes Reis, welches Sie nicht minder liebevoll und sorgfältig pflegten, als alle die kleinen armen Leichen dort; ein schwankes Reis, welches sich auch fernerhin auf Sie stützen und sich von Ihnen pflegen lassen möchte, jedoch nicht mehr als Schülerin – sondern – Herr Albert – ich meine –« Heftiges Schluchzen erstickte Ella's Stimme; sie wollte entfliehen, allein ihre Hand ruhte noch immer in der Alberts, der dieselbe mit einem unbeschreiblichen Gefühl neu erwachender Lebenswärme umschloß. »Du, Ella? Du wolltest – das?« fragte er stockend, und wie das Emporglühen eines tröstlichen, glückliche Tage verheißenden Morgenroths, strahlte es aus seinen überraschten Zügen, klang es aus seiner fast schüchternen Stimme hervor. Ella lächelte unter Thränen. Sprachlos vor jungfräulicher Verwirrung vermochte sie nur, kaum bemerkbar, zustimmend zu nicken. Da legte sich Alberts Hand wieder auf ihr Haupt. »So segne Dich denn Gott, Du gute, treue Ella,« sprach er tief bewegt, »segne er Dich für Deine Liebe, segne er Dich für jedes von Dir gesprochene Wort, für jeden Deiner frommen Gedanken – Du edles, unschuldiges Herz, – segne er Dich dadurch, daß es mir gelinge, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es jetzt schon durch Dich geworden bin.« Ella aber war an seine Brust gesunken, ihr holdselig erröthendes Antlitz an seiner Schulter verbergend. Albert wollte weiter sprechen, doch seine Stimme stockte unter der Wucht der ihn fast überwältigenden Empfindungen. Die Gegenwart hielt er so warm, so innig in seinen Armen; über ihm aber schwebte, wie ein süßes Traumgebilde, die Vergangenheit, den neuen Bund mit frommem Spruch segnend und weihend.– – Als die ersten Herbststürme über den entfärbten Wald hintobten, war Ella bereits als Alberts Gattin in die erweiterte und behaglich eingerichtete Häuslichkeit auf dem Ufer des Kaskaskia eingezogen. Ihrem Wunsche gemäß blieb Albert seinem Berufe treu; von Allen geliebt und geachtet versieht er vielleicht heute noch auf derselben Stelle gewissenhaft das Amt eines Lehrers der Jugend. Auch eine neue Baumschule wurde sehr bald wieder angelegt; derselben drohte keine Gefahr mehr, seit William, über sein Thun von Scham erfüllt, die Landschaft verlassen, und sich nach Kalifornien gewendet hatte. Der versteinerte Urwald Wird der forschende Reisende, der ein bestimmtes Ziel verfolgt, auf seinen Wanderungen in Regionen verschlagen, von welchen er weiß, daß außer vereinzelten Biberfängern kaum ein Weißer dieselben jemals betrat, dann ist er geneigt, Alles, was in den Kreis seines Wahrnehmungsvermögens tritt, mit erhöhter Theilnahme zu betrachten. Wo aber Wunderbares seiner Aufmerksamkeit begegnet, gleichviel, ob im Reiche der Vegetation, ob in der Bildung der Erdrinde oder unter den dieselbe belebenden Geschöpfen, da fühlt er sich angeregt zu neuen Arbeiten, gleichsam belohnt und entschädigt für die Mühen und Entbehrungen, nach deren Ueberwindung es ihm erst vergönnt gewesen, seine Blicke in den verborgenen Erdenwinkel zu werfen. Es war in der Frühe des 2. December des Jahres 1853, als ich mich in Gesellschaft zweier Kameraden von unserer Expedition Die von der Vereinigten-Staaten-Regierung aus geschickte Expedition des Ingenieur-Lieutenants Whipple zur Erforschung eines Eisenbahnweges nach dem Stillen Ocean. trennte, um einem Rudel Antilopen jagend nachzufolgen, zugleich aber auch die Beschaffenheit einer breiten und tiefen Regenschlucht, oder vielmehr das trockene Bett des Rio-Secco kennen zu lernen, der unserm Tram den Weg gegen Westen versperrte. Vierzehn Tage früher hatten wir die Wasserscheide der Rocky-Mountains auf dem fünfunddreißigsten Breitegrade überschritten, und nach manchem Aufenthalte bei den terrassenförmig gebauten Städten der Pueblo-Indianer waren wir endlich in die ungastliche Wildniß eingedrungen, welche wir, bis zu unserer Ankunft am stillen Ocean, von keiner freundlich lächelnden Landschaft unterbrochen finden sollten. Hinter uns lagen die Tannen und Cedernwaldungen, welche die Höhen und Thäler des mächtigen Gebirgszuges der Rocky-Mountains anmuthig schmücken; nur noch in weiter Ferne vermochten wir südlich, östlich und nördlich die duftig verschwimmenden Forsten zu erkennen, während westlich vor uns die nackte hügelige Wüste sich unabsehbar ausdehnte und am fernen Horizonte malerische Gruppen ausgebrannter Vulkane und wunderlich geformter Felsenthürme auftauchten. Vielversprechend war dies von uns zu durchforschende Terrain nicht; seit vierundzwanzig Stunden hatten wir kein Wasser für unsere Thiere gehabt, und nach Aussage der uns begleitenden Zani-Indianer war es sehr zweifelhaft, ob wir innerhalb der nächsten zwölf Stunden auf solches stoßen würden. Zu dem Mangel des Wassers gesellte sich jetzt aber auch sehr fühlbar der Mangel an dem zum Kochen nothwendigsten Brennholz, welches nur mühsam durch dürre Talgholzstauden ersetzt werden konnte, nicht zu gedenken der Nähe der räuberischen Navahoes, von welchen wir nicht wußten, ob sie uns nicht heimlich umschwärmten und nur auf eine günstige Gelegenheit lauerten, zur nächtlichen Stunde unsere Maulthierheerde auseinander zu schrecken und mindestens mit einem Theil derselben in die fernen, labyrinthisch durcheinander laufenden Schluchten zu entfliehen. Während also an dem eben bezeichneten Tage unser Wagenzug, nach einem geeigneten Uebergangspunkte spähend, sich in südlicher Richtung an dem aus dem Norden kommenden Rio-Secco hinwand, ritt ich mit meinen Gefährten in das tief gelegene, trockene Flußbett hinab, wo wir erst nach langem mühevollen Umherklettern auf den sandigen, durch Regengüsse vielfach gekerbten und zerrissenen Ufer-Abhängen eintrafen. Am Fuße der letzten niedergeschwemmten Uferhügel angekommen, gewannen wir einen Ueberblick über eine kurze Strecke des Flußthales. Der Boden desselben erschien, soweit er uns sichtbar, eben, doch entdeckte man auf diesem sowohl, wie an den Uferabhängen, daß zeitweise ungeheuere Wassermassen mit vernichtender Gewalt daselbst einherschäumten, um schnell wieder zu versiegen. Soweit das Auge reichte, war nirgends eine Spur von Vegetation wahrnehmbar; überall nackter, gelber Sand und röthliches Erdreich, der ganzen Umgebung einen überaus traurigen Charakter beängstigender Oede und Einsamkeit verleihend. Nur der Boden der Schlucht erhielt einige Abwechselung durch kleine Wasserspiegel auf Stellen, auf welchen massive Gesteinslagen das schnelle Durchsickern des bittersalzhaltigen Wassers verhindert hatten, und endlich durch zahlreiche größere und kleinere Baumstämme, welche von den reißenden Fluthen aus den nördlichen Waldungen bis hierher geführt zu sein schienen. Ein tüchtiges Feuer gehört namentlich zur rauhen Jahreszeit mit zu den größten Annehmlichkeiten des Lagerlebens, und da wir in der Nähe des Rio-Secco zu übernachten beabsichtigen, so war der Anblick des vielen Treibholzes für uns ein überaus erfreulicher. Plaudernd ritten wir in das sandige Flußbett hinein, als plötzlich das scharfe Klingen eines Hufeisens, welches einen Holzblock berührte, uns veranlaßte, zu halten und letztern genauer zu prüfen. Wir hatten während der letzten Tage zwar vielfach das Erdreich mit kleinen fossilen Holzstücken bestreut gefunden, auch waren wir von den uns begleitenden Eingeborenen auf den Anblick größerer Massen derselben vorbereitet worden, doch hätten wir eine Ueberraschung, wie sie uns hier bevorstand, nie für möglich gehalten. Wir glaubten unsern Augen nicht trauen zu dürfen, als wir uns so unerwartet von einem zum Theil bloßgewaschenen Urwalde umgeben sahen; der in seiner äußern Erscheinung an eine Fläche Waldland erinnerte, auf welcher, zum Zweck der Urbarmachung, die Bäume gefällt und in regelmäßige Blöcke zerschnitten worden. Stämme in allen Größen lagen ungeordnet umher, und zwischen diesen ragten hin und wieder Baumstumpfen wie stehengebliebene Wurzel-Enden aus dem Sande hervor. Einzelne Stämme erreichten bei einer entsprechenden Stärke die Länge von 60 Fuß und waren durch die eigene Schwere in genau aneinander passende, regelmäßige Blöcke zersprungen, während nicht weit davon verwitterte Trümmer Anhäufungen von Spänen und zerbrochenen Aesten glichen. Die stärksten Stämme hatten über 5 Fuß im Durchmesser; manche waren hohl und angebrannt, überall aber erkannte man deutlich die Rinde, sogar die verkohlten Theile, die Risse und Ringe, so daß man bei einem oberflächlichen Hinblick die Versteinerung hätte bezweifeln mögen. Die Farbe dieser vollständig verkieselten Holzmassen war größtenteils dunkel, doch entdeckten wir auch hin und wieder die prachtvollsten Achat- und Jaspisfarben. Namentlich da, wo einzelne Blöcke dem Einfluß des Wassers und der Atmosphäre erlegen und zerfallen waren, blitzten uns größere und kleinere Fragmente entgegen, die ein so schönes Farbengemisch zeigten, daß man sich kein geeigneteres Material zu Bildhauerarbeiten und Schmucksachen hätte wünschen können. Andere Stämme hatten wieder ihre ursprüngliche Holzfarbe behalten und sahen verwitternden Balken von Tannenholz so ähnlich, daß man sich versucht fühlte, sich durch Berührung von der wirklichen Versteinerung zu überzeugen. Vor einem heftigern Stoß zerfielen solche Baumreste in kleine Brettchen, die sich im Aeußern durch nichts von brennbaren Spänen unterschieden. Das Versteinerungsmaterial in diesem wunderbaren Urwalde besteht durchweg aus Kieselmasse, theils hornsteinartig, theils Chalcedon, selbst Jaspis, mehr oder minder durch Eisenoxyd roth gefärbt, wogegen die versteinerten Hölzer selber auffallenderweise nur den Coniferen und zwar den Abietineen angehören, zwischen welchen sich, ähnlich zerbrochenen Hirschgeweihen, die Ueberreste baumartiger Farrnkräuter vorfinden. Ueber viele Quadratmeilen fort erstreckt sich dieser versteinerte Urwald, denn obwohl wir nicht wieder auf Stellen gelangten, wo er auch nur annähernd wie im Rio-Secco zu Tage trat, sahen wir doch noch lange nachher und in der Entfernung von fünf bis sechs Tagereisen von jenem Punkte, die den unfruchtbaren Boden bedeckenden Kiesel vielfach mit den schönen farbigen Steinchen untermischt, welche wir leicht als Fragmente der uns nicht fremden Versteinerungen erkannten. Von den merkwürdigsten dieser fossilen Baumstämme sammelten wir Proben und bedauerten nur, daß unsere Transportmittel nicht gestatteten, Exemplare mit heim zu nehmen, die nicht nur die Verschiedenheit der Versteinerungen in ihrem grellen Farbenspiel zeigten, sondern auch die Dimensionen der Blöcke berechnen ließen und veranschaulichten. Fortwährend zwischen vorweltlichen Waldtrümmern einherreitend, versuchten wir dem Bette des Rio-Secco südlich zu folgen; wir mußten unser Vorhaben indessen bald aufgeben, indem Erd- und Steinmassen, durch die Gewalt des Wassers chaotisch durcheinander geschleudert, zusammen mit tief aufgewühlten Spalten den Boden vor uns zu unwegsam machten. Mit Mühe gelangten wir aus dem wilden Thale wieder aufs hohe Ufer, wo wir den Spuren unserer Wagen nachfolgten, die uns nach einem scharfen Ritte von vierzehn englischen Meilen ins Lager führten. Unsere Zelte waren auf dem sich dort senkenden Ufer des Rio-Secco aufgeschlagen. Wasser, wenn auch kein wohlschmeckendes, lieferte eine sandige Vertiefung des Strombettes; unter den Feldkesseln brannten dagegen wieder die wenig Hitze spendenden, schnell aufflackernden Talgholzstauden. Bei der Kälte des Abends vermißten wir sehr die freundlichen Lagerfeuer. Holz befand sich freilich in geringer Entfernung, aber Holz, welchem man nur mittels eines Stahles Funken zu entlocken vermochte. Ueber uns in unendlicher Höhe funkelten die Sterne; wie lange war es her, daß der Wind singend und säuselnd zwischen den grünen Nadeln der stolzen Tannenwipfel des versteinerten Urwaldes hindurchfuhr und die malerischen Kronen der zwischen den Coniferen zerstreut wuchernden baumartigen Farrnkräuter melancholisch wiegte? Zeit und Raum, wo erreichen sie ihr Ende, wo liegt ihr Anfang? Eine Sonnenweite, sie ist eine Spanne im unbegrenzten Weltenraume; Jahrtausende, sie sind ein Athemzug in der Bildungsperiode der Himmelskörper. Früher als gewöhnlich und fröstelnd begaben wir uns zwischen die Decken unserer Feldbetten. Ende des ersten Bandes. Zweiter Band. Fleur rouge. »Dann seid Ihr gewiß oft genug in recht unangenehme Lagen gerathen?« fragte ich meinen alten Gefährten Chatillon. »In die verdammtesten Klemmen, die je von einer Christenseele erdacht wurden,« antwortete Chatillon gleichmüthig, und dann rauchte er seine Tonpfeife mit einem Eifer und stierte er in die prasselnde Gluth des breiten Kamins, als ob er für Alles, was außerhalb dieser beiden Beschäftigungen lag, abgestorben gewesen wäre. Ich sah ein, daß ich es anders anfangen müsse, um den alten Jagdgenossen zum Erzählen zu bewegen; und reichlichen Stoff dazu lieferten die dreißig Jahre, die er jagend, pelztauschend und fallenstellend zwischen dem Missouri und den Rocky-Mountains zugebracht hatte; es gehörte eben nur dazu, daß es glückte, die Schleusen seiner Rückerinnerungen zu öffnen, worauf sich das Weitere von selbst fand. Der Abend aber war wie eigens zum Erzählen geschaffen, in der zugigen Blockhütte, hoch oben am Missouri, wo weder Bücher noch Zeitungen zu Gebote standen, die langen Abendstunden auszufüllen, und selbst die einzige, von dem Höllenfeuer in dem Kamin ausströmende Beleuchtung bei weitem nicht ausreichend für den feinen Druck der amerikanischen Riesenzeitungen gewesen wäre. Draußen aber stürmte es, bei zwölf bis sechszehn Grad Kälte, daß es eine Lust war, und um das Schneien vom Himmel herab zu ersetzen, fegte der eisige Nordwestwind den losen Schnee von der angrenzenden Prairie wolkenweise über die Councilbluffs fort in das breite Thal des Missouri und auf den mit einer massiven Eislage bedeckten Strom selbst hinab. Ja, Abend und Ort waren so recht zum Erzählen geschaffen: Draußen der Schneesturm; um mich herum die schweren Blockwände, Anhäufungen von gedörrten Büffel-Häuten und kostbarerem Pelzwerk; auf der Erde, wie die Häringe nebeneinander geschichtet, ein Trupp Omaha-Indianer; vor mir das prasselnde Feuer; mir gegenüber ein steinalter Ottoe-Krieger, der nur noch Kine-Kinick (indianisches Surrogat für Taback) anzufertigen vermochte, und endlich rechts neben mir Freund Chatillon, ein so geriebener Jäger, wie nur je einer dem grauen Gebirgsbären eine Kugel in den Haarwirbel auf der Brust hineinkünstelte, eine Ente aus luftigen Höhen mit einer guten Schrotladung niederholte, oder eine lustige Geschichte aus seiner Vergangenheit zu erzählen wußte, das heißt, wenn der alte Bursche eben nüchtern war. Und nüchtern war er an jenem Abend, darauf kann ich schwören, denn wir befanden uns auf dem Indianer-Territorium, wo ein paar Quart Whisky über indianische Lippen geflossen die größte Gefahr für uns Weiße heraufbeschwören konnten, in Folge dessen wir die Berechtigung besaßen, Jeden niederzuschießen, der Feuerwasser über den Missouri brachte, um mittelst desselben vortheilhafte Tauschgeschäfte mit den Eingeborenen abzuschließen. Allerdings hörte ich nie, daß ein Jäger oder Pelztauscher von diesem Recht den umfassendsten Gebrauch gemacht hätte, dagegen war ich mehrfach Zeuge, daß man derartige Uebertreter des Gesetzes willkommen hieß und ihnen, der Sicherheit halber, schleunigst den Whisky-Vorrath vertilgen half, bevor eine indianische Nase Kenntniß von dem Vorhandensein desselben erhielt. Doch wie schon angedeutet, Chatillon war an diesem Abend vollkommen nüchtern, womit indessen nicht gesagt sein soll, daß er es nicht liebte, gelegentlich eine ganze Menge Gläser über einen sehr respectablen Durst zu trinken. Wanderte er doch oft zehn bis vierzehn Tage, um eine solche Gelegenheit herbeizuführen, und hatte er sie gefunden, so gab er sich dem Genüsse berauschender Getränke mit ganzer Seele bis zur Betäubung hin, schlief zweimal vier und zwanzig Stunden durch, schwor auf ewige Zeiten dem Whisky ab und kehrte als der verständigste und zuverlässigste Mensch in die Wildniß zurück, bis er sich nach sechs Wochen oder zwei Monaten entsann, daß sein Körper, um den andauernden Strapazen gewachsen zu sein, wieder einmal einer kleinen Erschütterung bedürfe. Diese kleine Liebhaberei abgerechnet, war Chatillon ein gutmüthiger und brauchbarer Bursche, der sich mit Eingeborenen und Weißen vortrefflich stand und es sogar nicht übel vermerkte, wenn er seinen Genossen als Zielscheibe für deren Neckereien diente. Als eine Eigenthümlichkeit von ihm verdient hervorgehoben zu werden, daß er stets glatt rasirt einherging, um sich dadurch als Gentleman auszuweisen; ebenso trug er gewöhnlich einen langen hellfarbigen Gehrock und einen weißen Cylinderhut, lauter Gegenstände, die, obwohl sehr abgenutzt, einen seltsamen Contrast zu der langen Büchse, dem Gurt mit dem Messer und Revolver, den indianischen Gamaschen und Mokassins bildeten. Auf der andern Seite verrieth er dagegen eine große Vorliebe für grelle Farben, die er wohl, seinem langjährigen Verkehr mit den Eingeborenen verdankte und vielleicht auch dem Umstande, daß er mit einer vollblütigen Sioux- oder Dacotah-Squaw verheirathet gewesen, die indessen schon vor vielen Jahren zu ihren Vätern in die glückseligen Jagdgefilde eingegangen war. Mir gestattete der ehrliche Chatillon ausnahmsweise, ihn nicht nur Papillon zu nennen, sondern auch, mit Rücksicht auf diesen Beinamen, seinem Hute und dem Rücken seines gelben Rockes mittelst indianischer Leimfarben große bunte Schmetterlinge aufzutragen, die von den Eingeborenen natürlich sehr bewundert, von den halbwilden Weißen dagegen mit einem lustigen Lachen begutachtet wurden. »Wo die Farbe sitzt, hält das Zeug länger,« bemerkte Chatillon sehr ernst, »und wenn Jemand mir den ganzen Rock anstriche und dadurch wasserdicht machte, wär's mir um so angenehmer.« Dieser alte wunderliche Jäger war also außer mir die einzige fühlende Brust in dem bezeichneten Blockhause unter einem Rudel Omaha-Indianer, die für eine lebhafte Abendunterhaltung gerade so viel Sinn hatten, wie die ringsum an den Wänden aufgestapelten Büffelhäute, Bärenpelze, Biberbälge und wer weiß was sonst noch für westliche Handelsartikel. – Mein erster Angriff auf Chatillons Erzählertalent war abgeschlagen; ob seine Erfahrungen ihn dazu berechtigten, gerade »Christenseelen« eine besondere Virtuosität im Erdenken übler Lagen zuzuschreiben, lasse ich unerörtert; jedenfalls diente seine ausweichende Antwort nicht dazu, mich zu befriedigen. Ich fuhr daher nach kurzem Sinnen fort: »Ihr seid verheirathet gewesen, lieber Papillon?« »Volle zwölf Jahre, und meine Frau war die niedlichste Sioux-Squaw, die je aus einem Argali-Fell ein gutes Jagdhemde schnitt,« lautete die ruhige Antwort, und ich war wiederum abgefunden. »Keine Nachkommen?« fragte ich weiter. »Nichts von der Sorte.« »Aber die Erinnerung an glücklich verlebte Tage?« »Hm, 's macht sich.« »War damals das Einschmuggeln des Whisky in die Indianer-Territorien schon verboten?« Chatillon reckte sich aus, reichte seine Pfeife dem greisen, Ottoe, um sie frisch füllen und anrauchen zu lassen, worauf er begann: »Ja, es war verboten, allein 's ging damals, wie heute, wer Durst hatte, nahm sich 'n Quantum mit, und war's ihm und seinen Pferden zu schwer zu tragen, so vergrub er hier ein Fäßchen und da ein Fäßchen, und kehrte er von der Herbstjagd heim, dann wußte er verdammt genau, wohin er sich zu begeben hatte, um 'n paar Tage wie 'n König zu leben und seinen Körper wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Sacré-mille-tonnerre! Reines Gift, das Feuerwasser; ist mir verhaßt, wie 'ne Pay-Ute-Seele, und wär's nicht der Constitution wegen, und aus Dankbarkeit – Sacré-mille-tonnerre!« »Aus Dankbarkeit?« fragte ich schnell, denn es bedurfte nur noch einer kleinen Nachhülfe und Freund Chatillon war im Gange. »Ja, aus Dankbarkeit und Pietät, wie's ja wohl heißt,« versetzte dieser eben so schnell, und wie um seinen Ausspruch zu bekräftigen, stieß er mit dem Fuß gegen die glimmenden Blöcke, daß diese einen wahren Funkenregen in den Schornstein hinaufsandten; »denn einem Fäßchen Whisky allein verdanke ich es, daß ich meinen Skalp so lange mit mir herumgetragen habe, bis er grau geworden ist, und demselben Fäßchen Whisky, daß ich überhaupt Gelegenheit fand, mich zu verheirathen, Sacré-mille-tonnerre! und meine Fran war wohl werth, daß man ihretwegen seinen Skalp aufs Spiel setzte; und hätte ich deren ein halbes Dutzend besessen, immer einen über den andern, sollte es mir nicht darauf angekommen sein, sie alle daran zu geben. Ihr wundert Euch vielleicht über mich, müßt indessen bedenken, daß ich damals fünfundzwanzig Jahre jünger war, als heute, und 'n Herz besaß ich, mit welchem man einen grünen Wald hätte anzünden können! Aber still, das ist 'n lange Geschichte, und wenn ich wüßte, daß Ihr nicht müde würdet –« »Nein, Papillon, müde werde ich nicht, darauf mein Wort!« rief ich lachend aus, und um ihn bei gutem Muthe zu erhalten, reichte ich ihm, nach westlicher Sitte, die Spitze meiner Pfeife dar, um ihn einige Züge aus derselben thun zu lassen. Nachdem er einige Dampfwolken durch die Nase von sich geblasen, reichte er mir die von dem Ottoe in Brand gesetzte Pfeife, aus der ich ihm würdevoll Bescheid rauchte; dann schürten wir das Feuer, schleppten einige Packete Büffelhäute herbei, um sie als Rückenlehnen zu benutzen, und sobald wir uns auf diese Weise behaglich untergebracht hatten, begann ich zu meinem Gefährten gewendet: »Die Ehre des Whisky wäre also gerettet?« »Gerettet,« versetzte Chatillon, mit einem an ihm ungewöhnlichen Ernste in die Flammen schauend, »gerettet, so wahr und wahrhaftig, wie draußen ein Wetter herrscht, daß man keinen Hund vor die Thüre jagen möchte.« Die letzten Worte klangen, wie die Antwort auf den lang anhaltenden tiefen Ton, mit welchem der Sturm in den Schornstein blies und eine Ladung Rauch in das Gemach hineindrängte, denselben aber, bevor er uns lästig wurde, über unsere Köpfe fort wieder an sich sog. »Ja, ein Höllenwetter draußen,« wiederholte Chatillon, »wie war's dagegen sommerlich schön und warm, als ich damals – nun, 's sind wohl gute fünfundzwanzig Jahre seitdem verflossen – den Oglala Dacotahs einen Besuch abstattete. Sacre-mille-tonnerre! 's ging in jenen Tagen nicht so leicht, wie heute, mit dem Fallenstellen; waren nämlich Zwistigkeiten zwischen den weißen Jägern und den Sioux ausgebrochen, und wer nicht gerade mit den Dacotahs gemeinschaftliche Sache gemacht hatte, und er besuchte die Black-Hills dort oben, der handelte sehr weise, den Boden vor sich genau zu prüfen, bevor er seinen Fuß darauf stellte, um nicht kopfüber in irgend eine beliebige Kriegsabtheilung der Sioux hineinzufallen. Sacré-mille-tonnerre! Ich sage Euch, Ihr war't Euren Skalp los, bevor Ihr bis drei zähltet, von einem Ohr bis zum andern, wobei die Ohren gewöhnlich noch mit in den Kauf genommen wurden. »War selbst damals noch 'ne junge Hand – vier oder fünf Jahre befand ich mich erst beim Geschäft – doch nahm ich's mit manchem Alten im Fallenstellen auf, und wo nur 'n Biber sich spürte, gleichviel ob vereinzelte Vagabonden in Flußufern oder heerdenweise in regelmäßigen Dörfern auf zugedämmten Niederungen, heran mußten sie, bis nur noch die Art davon übrig blieb. Kein Wunder, daß Jeder gern mit mir jagte; stand ich doch meinen Mann, bei dem Andere im Compagniegeschäft nicht zu kurz kamen. »Das Pelzwerk hatte schon seinen Winterwerth erhalten, als ich mit zwei Kameraden, vier Pferden, den nöthigen Decken und Lebensmitteln auf der Südseite der Black-Hills eintraf. Seit mehreren Wochen waren wir am Südarme des Scheyen-Flusses hingezogen, ohne sonderlich etwas ausgerichtet zu haben. Hin und wieder 'nen Hirsch, etliche Waschbären und gelegentlich 'nen Grauen, kaum genug getrocknete Häute und gedörrtes Fleisch, um 'nen zweijährigen Mustang vollzuladen. Hätten wohl bessern Erfolg gehabt, wären wir den kleinen Nebengewässern mehr nachgefolgt, doch dies stand nun einmal nicht mit unserm ursprünglichen Plan im Einklang. Wir wünschten, vor Einbruch des Winters das Gebirge zu erreichen, einestheils um uns daselbst häuslich einzurichten, dann aber auch kannte ich in euer Gegend ein Biberdorf, in welchem wir, wenn uns nicht Jemand zuvorgekommen war, auf 'n paar Pferdeladungen guter Bälge rechnen durften. In der besten Laune trafen wir also an Ort und Stelle ein; so viel gedörrtes Fleisch, daß vorläufig keine Noth zu befürchten war, besaßen wir, von der Jagd konnten wir immer neuen Vorrath erwarten, und richteten wir daher unser Augenmerk hauptsächlich darauf hin, in der Nachbarschaft des Biberdorfes ein geschütztes Plätzchen zu entdecken, welches sich mit einiger Nachhülfe, vielleicht durch Hineinwühlen in eine Uferwand und durch Einflechten von Baumzweigen in ein gutes Winterquartier verwandeln ließ. Ein eigentlicher Liebhaber von gutem Whisky bin ich mein Lebelang nicht gewesen, allein ich erhob keine Einwendungen, wenn mir Jemand an 'nem kalten Wintertage einen wohlgemischten Grog mit 'nem wohlgemeinten Toast darreichte. So wie ich, dachten auch meine Genossen; Keiner von uns war unmäßig, was ich nicht nur beschwören, sondern sogar beweisen kann. »Für 'nen richtigen Biberfänger giebt's keinen höheren Genuß, als im Winter auf gutem Jagdgrunde einzuschneien – vorausgesetzt, daß man keine Noth zu leiden braucht, – und so zu zweien oder dreien, bald jagend, bald fangend, bald rauchend und schlafend vor 'nem guten Feuer in 'ner Erdhöhle die Tage verstreichen zu lassen. Sacré-mille-tonnerre! solch Leben nach dem Tode, und ich beneide unsern Herrgott selber nicht. Hat man aber Gelegenheit, die Einförmigkeit des Wassers zuweilen durch 'nen Schluck gewichtigeren Stoffes aufzufrischen, so ist die Seligkeit vollständig. So calculirten auch wir, als wir uns vom Missouri aus auf den Weg begaben und jeder 'n Fäßchen Whisky, – ungefähr zehn Quart haltend, – auf seinen Sattel schnallte. Waren wir unmäßig, würden wir nicht weit mit unserm Vorrath gekommen sein, so aber gelangten wir angesichts der Black-Hills, ohne daß auch nur ein Fingerhut voll abgezapft worden wäre. Ungefähr zwei Tagereisen weit von der Stelle, auf welcher wir zu überwintern gedachten, vergruben wir das erste Fäßchen. Am nächstfolgenden Abend nach zurückgelegtem Marsch cashten wir das zweite, und da wir uns gegenseitig angelobt hatten, unsern Vorrath nicht anzugreifen, bevor die ersten zwölf Biberbälge getrocknet sein würden und der erste Schnee fiele, so scharrten wir um Mittag des folgenden Tages das letzte Fäßchen ebenfalls noch ein. Es war dies eine Vorsicht, zu welcher wir mit durch Spuren von indianischem Schuhwerk veranlaßt wurden, von welchen wir indessen auf dem steinigen Erdboden nicht genau das Alter und den Stamm auszumachen im Stande waren. An große Gefahr dachte dabei Keiner von uns, wir wünschten aber, unsern Whisky für uns zu behalten und nicht in die Hände der einfältigen Wilden fallen zu lassen, von denen, wenn sie sich einen kleinen Rausch angetrunken haben – und vertragen kann das Gesindel nichts – das Allerschlimmste zu befürchten steht. »Das Biberdorf fanden wir also unentweiht, weder Büchse noch Eisen hatten den Landfrieden in demselben gestört; in der Nachbarschaft unter der überhängenden Felswand einer mit kurzen Tannen bewaldeten und wasserhaltigen Schlucht entdeckten wir eine unseren Anforderungen entsprechende Stelle, und machten wir uns daher ohne Säumen an die Arbeit, unser Hauptquartier, halb Höhle, halb Hütte auszubauen. Und ein behagliches Plätzchen war es, doppelt behaglich, weil die Pferde in der Niederung reichlich Gras und Schilf fanden, zur Zeit der Schneestürme aber in ein Weidendickicht getrieben werden konnten, wo wir nur die Cottonwoodbäume zu fällen brauchten, um ihnen in deren Rinde und Knospen ausreichendes Futter zu bieten. »Ja, 's war 'n reines Paradies, die alte Schlucht, aber – Sacrè-mille-tonnerre! wir sollten bald genug aus unserem Paradiese vertrieben werden! »Der erste Tag verstrich in ungestörter Ruhe; wir hatten die nächste Nachbarschaft abgespäht und nirgend verdächtige Zeichen bemerkt, wir fühlten uns daher so sicher, als ob wir die einzigen Menschen auf der Welt gewesen wären; kein Wunder, daß die Arbeit schnell und leicht von Statten ging und schon am zweiten Tage der Hauptbau fertig wurde. »An eben diesem zweiten Tage arbeiteten wir nur bis gegen Mittag. Unser frisches Fleisch neigte sich nämlich seinem Ende zu, den gedörrten Vorrath wollten wir noch nicht angreifen, weshalb wir übereinkamen, daß zwei von uns ausgehen sollten, um 'nen Hirsch oder 'nen Truthahn zu schießen, während der dritte – obwohl es uns überflüssig erschien – als Wache im Lager zurückblieb. »Wie bei allen solchen Gelegenheiten, entschied auch hier das Loos; Lewis, so hieß der eine Kamerad, folgte jagend der Schlucht aufwärts, Baptist, der andere, trat ins Freie hinaus und schlug die Richtung um die feuchte Niederung herum ein, und ich endlich machte mich im Lager nützlich, putzte die Stahlfallen, sah nach den Pferden, schaffte Brennholz herbei, kurz, ich spielte die Hausfrau so gut, wie es die Gelegenheit und unsere Mittel nur immer erlaubten. »Es mochte bald drei Uhr sein; die Tage hatten schon sehr abgenommen, doch schien die Sonne noch so warm auf die grauen Felsen, auf die dunkelgrünen Tannen und auf das herbstlich gelbe Gras nieder, daß mir das Herz vor Freude in der Brust lachte. Ich war zwar immer ein Freund der lieben freien Natur, aber nie fühlte ich mehr, als gerade an jenem Nachmittage, was es eigentlich heißt, ein Freitrapper zu sein, der keinen andern Herrn über sich anerkennt, als eben nur den lieben Herr Gott. – »Die Stahlfallen waren so glatt und blank, wie die Seiten einer frisch gefangenen Forelle; die Decken lagen ausgebreitet da, daß man sich nur auf sie hinzuwerfen brauchte, und Kohlen hatte ich gebrannt, so sauber und frei von Asche, daß ein Kaiser sich nicht hätte zu scheuen brauchen, 'nen saftigen Hirschrücken von denselben herunterzuessen. »Wenn nur 'n Stück Wild da wäre, sprach ich in Gedanken, und indem ich meine Pfeife angezündet hatte, wanderte ich die Schlucht abwärts, um nach den Pferden auszuschauen, die, das lange Schilf der Niederung verschmähend, die kleinen süßen Grasbüschel auf den Abhängen zusammenstoppelten. Ging allmählich an den Pferden vorbei; sah mir die Sonne an, die höchstens noch 'ne Stunde und 'ne halbe vor sich hatte; spähte rückwärts, nach der Richtung hinüber, in welcher unser Feuer brannte, und überzeugte mich, daß nicht so viel Rauch, wie hier aus meiner Tabackspfeife fliegt, die Lage desselben verrieth, und dann schlenderte ich weiter und immer weiter, bis ich die Pferde aus den Augen verloren hatte und mich plötzlich vor der Mündung einer andern Schlucht befand. »War mein ganzes Lebelang ein vorsichtiger Bursche gewesen, und hatte mir in Folge dessen einen Gang angewöhnt, der nicht geräuschvoller war, als der Flügelschlag einer Nachteule, zumal ich kein anderes Schuhwerk auf meinen Füßen litt, als 'nen richtigen indianischen Halbstiefel von weich gegerbtem Büffelleder. »Will noch 'n par Schritte weiter gehen, als das leise Schnauben eines Pferdes aus der Schlucht zu mir herausdringt, auf mich fast den Eindruck ausübend, als ob 'n halbes Loth Blei vor meinem Gesicht vorübergeflogen wäre. Sacré-mille-tonnerre! Das Schnauben war noch nicht verhallt, da verhielt ich mich regungslos, als sei ich mit dem Boden unter mir aus einem Stück gegossen gewesen; nur die Augen arbeiteten sicher und schnell, daß ich heute noch nicht begreife, wie es mir gelang, Alles ringsum auf einmal so genau aufzufassen. Und was meint Ihr, das ich sah? Bei allen rothhäutigen Teufeln, die jemals die Prairien unsicher machten! Es war 'ne Erscheinung, auf die ich zweimal hinschauen mußte, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träumte. »In der Schlucht selbst, keine hundert Schritte weit von mir, graste nämlich ein Pferd, ein richtiges Medicinpferd, wie die Eingeborenen die Schecken nennen, und zwar zeichnete sich dasselbe nicht nur durch die schöne braune und weiße Farbe aus, sondern auch durch den zierlichen Kopf, die prächtigen Mähnen und das schlanke Beinwerk – kurz 's war 'n Gaul, wie 'n der Präsident der Vereinigten Staaten in seinem Leben nicht schöner, wenn auch vielleicht etwas größer geritten haben mag. Und dabei war das Thier gesattelt, freilich echt indianisch, aber doch nicht häßlich. Alles Scharlach, die große Satteldecke, wie das breite Zaumzeug, der Halskragen, wie das Hinterzeug, und Alles gestickt mit Porzellanperlen und Stacheln vom Stachelschwein, gerade wie gemalt, und dazwischen kleine Schellen und lange feine Riemen, daß es bei jeder Bewegung des Schecken klirrte und klingelte, wie auf 'nem mexikanischen Fandango. »Mit dem einen Auge hatte ich kaum den kleinen Medicinmustang entdeckt, als das andere auch schon auf dem zu demselben gehörigen Reiter oder vielmehr der Reiterin haftete, die hoch oben auf dem Abhange kauerte, die spähenden Blicke dahin gerichtet, wo unsere Pferde grasten. Mich hatte die seltsame Fremde offenbar noch nicht gesehen, indem ich so lange dicht am Fuße der steilen Felsabhänge einhergeschlichen war, und hätte sie mich entdeckt, würde sie selbst schwerlich meiner Aufmerksamkeit entgangen sein und unstreitig lange vor meinem Eintreffen das Weite gesucht haben. Jetzt befand sie sich dagegen in meiner Gewalt, denn bevor sie von dem Abhange herunterkletterte, konnte ich den Medicinmustang zweimal erreichen, sie hätte denn gerade ihren Schecken aufgeben und leichtfüßig, wie sie war, ihr Heil weiter aufwärts suchen müssen, wohin ihr nachzufolgen mir sehr schwer geworden wäre. »Meine erste Ueberraschung war wunderbarer Weise eine unangenehme, der unangenehmen folgte indessen beim genauen Hinblick auf das Mädchen sogleich eine freudige nach. Erst als ich kaltblütiger überlegte, daß die junge Squaw schwerlich ohne Begleitung in die Black-Hills gekommen sein dürfte, beschlichen mich so allerlei Gedanken an Sioux-Krieger, geschwungene Tomahawks und Messer, und unwillkürlich griff ich nach meinem Skalp, um zu untersuchen, ob derselbe noch keinen Schaden genommen habe. Diese Anwandlung von Schwäche verlor sich aber sehr bald wieder, und da ich, außer meinem Messer, keine Waffen bei mir trug, so mußte ich eben auf Mittel sinnen, solche auf andere Art zu ersetzen. Mein Entschluß war schnell gefaßt und beinahe eben so schnell ausgeführt. Einige Schritte genügten, mich außerhalb des Gesichtskreises der jungen Indianerin zu bringen, im Falle dieselbe zufällig rückwärts schaute, und dann dicht an den Felsen hinschleichend, gelangte ich binnen zwei Minuten in die Nähe des Medicinmustangs, doch zögerte ich, ins Freie hinauszutreten, wo ich natürlich sogleich entdeckt werden mußte. Plötzlich gab der Mustang dadurch den Ausschlag, daß er unruhig wurde und, mich durch die lange Stirnmähne hindurch mißtrauisch betrachtend, leise wieherte. »Einige vorsichtig gedämpfte Laute von oben belehrten mich, daß die geheimnißvolle Fremde sich umgewendet hatte und ihr Pferd zu beschwichtigen suchte; gleich darauf vernahm ich aber auch das Klappern von leichten Steinen, welche sich, indem sie niederwärts stieg, unter ihren Händen und Füßen lösten und ihr auf dem ziemlich hindernißreichen Wege voranrollten. Der Schecke wurde unterdessen immer unruhiger und schien nicht übel Lust zu haben, die Flucht zu ergreifen; ich machte es daher kurz, sprang nach dem an des Pferdes Kopf befestigten Lasso hin, dessen Windungen lose auf der Erde lagen, und ihn schnell um einen Felsblock schlingend, begann ich, das sich gewaltig sträubende Thier zu mir heranzuziehen. Bei dieser Arbeit verlor ich die junge Squaw aus den Augen, doch erfuhr ich sehr bald, daß sie mich dafür um so schärfer beobachtete, denn der leise Ausruf des Schreckens, welchen sie ausstieß, war kaum verklungen, als auch kurz hinter einander zwei Pfeile so dicht an meinem Kopf vorbeischwirrten, daß ich sie bequem mit der Hand hätte zur Seite schlagen können. War's ein Mann, der mich von oben herab so wenig freundschaftlich begrüßte, hätte er mir, anstatt auf meinen festen Filzhut zu zielen, ohne Zweifel die beiden Pfeile in den Leib geschickt, Sacré-mille-tonnerre! und mit Bruder Chatillon wär's vorbei gewesen. Aber auch das Mädchen wäre mir wohl noch gefährlich geworden, hätte sich nicht nach Abschickung des Zweiten Pfeiles, der Schecke mit mir in derselben Richtung befunden, in Folge dessen die wilde Katze ihr Thier zu treffen fürchtete. Meinen Vortheil begriff ich eben so schnell, wie er sich mir bot, denn ohne das Mädchen zu beachten, schnürte ich den Lasso um den Stein fest, worauf ich den Mustang am Kopfe ergriff und durch einen heftigen Stoß so weit herum warf, daß nicht nur der Lasso seine Spannung verlor, sondern das Thier selbst mich auch mit seinem Körper bis auf den Kopf vollständig deckte. Das Thierchen zitterte und sank unter der Gewalt meines Druckes – ich war damals ein verdammt kernfester Bursche – hinten fast zu Boden; ich aber, wohl wissend, daß ein scheckiges Pferd für einen Indianer werthvoller, als hundert einfarbige, riß das Messer aus dem Gurt, es mit der Spitze dem Mustang in die Höhlung auf der Brust setzend. »No no no! rief die junge Squaw aus, sobald sie mein Verfahren gewahrte, und den Bogen von sich werfend, streckte sie mir beide Hände flehend entgegen. »Also no? wiederholte ich lachend, und dann betrachtete ich die Indianerin, die sich in gerader Richtung kaum dreißig Schritte von mir befand, mit der ganzen Bewunderung, welche sie verdiente und deren mein sechs- oder siebenundzwanzigjähriges Herz nur fähig war. »Von ihrem scharlachfarbigen Rock, der hellblauen Jacke, den bunten Gamaschen und Mokassins, Alles reich gestickt mit Perlen und behangen mit Messingschellen, will ich gar nicht sprechen, aber in ein braunes Gesicht schaute ich, wie ich vorher und nachher nie ein zweites gesehen. Sacré-mille-Diables, die Haut wie Atlas, Zähne so weiß, als hätte sie dieselben als Pathengeschenk von einem Luchs erhalten; nichts von vorstehenden Backenknochen, breitem Mund oder zottigem Haar! Alles glatt, sauber, zierlich – und erst die Augen und die Gluth und die Angst, die aus denselben sprühten! Armes kleines Ding, wie lange ist's her, seit ich Dich zum ersten Mal sah, und wie frisch und lebendig schwebst Du meinem Gedächtniß noch vor. Ja, Alles ist vergänglich, und wie lange wird's dauern, und von den schweren Blöcken hier im Kamin ist nur noch ein Häufchen Asche übrig.« Die letzten Worte des alten Pelztauschers klangen traurig, doch nur nach Sekunden konnte diese Regung berechnet werden, denn wie um sich derselben zu erwehren, stieß er wieder mit dem Fuße gegen die brennenden Blöcke, daß sie, Tausende von Funken emporsendend, übereinanderstürzten. – Nachdem er sodann dem greisen Ottoe die Pfeife abermals zum Füllen dargereicht, fuhr er in seiner ruhigen Weise fort: »Ja, 's war 'n schönes Mädchen, die junge Squaw, so schön, daß ich mich den Henker darum kümmerte, ob sie eine Sioux oder Pawnee; dachte ich doch gleich bei ihrem ersten Anblick, daß es gar nicht so einfältig wäre, die junge wilde Katze zu ehelichen. Was ich aber dachte, das stand ganz gewiß auf meinem Gesicht geschrieben, denn anders läßt es sich nicht erklären, daß meine Gegnerin plötzlich ihre Furcht verlor und mich zuerst in der Sioux- und dann, als ich ein verneinendes Zeichen gab, in der Pawnee-Sprache anredete. »Weißer Mann, gieb mir mein Pferd, war der ungefähre Inhalt ihrer Worte, gieb mir mein Pferd, und ich gebe Dir ein Wort zu Deiner Freude. »Her mit dem guten Wort! rief ich so Vertrauen erweckend aus, wie es in meinen Kräften stand, und dann nimm Dein Pferd, wenn Du es nicht vorziehst, das Pferd sammt Deiner hübschen Person als mein Eigenthum zu erklären! »Ich sprach französisch, Pawnee und etwas Ottoe durcheinander, hoffend, daß sie wenigstens das eine oder das andere Wort auffangen würde. Ob sie meine Rede wirklich verstand, weiß ich nicht, jedenfalls hatte sie aber wohl aus meinen Mienen und Geberden herausgelesen, daß sie mir gefiel; denn nachdem sie noch einmal mißtrauisch um sich gespäht, nahm sie ihren Bogen wieder auf, und von der Felswand niederkletternd, trat sie furchtlos vor mich hin, wobei ich zu bemerken glaubte, daß sie mich mit besonderem Wohlgefallen betrachtete. »Willst Du mit mir ziehen und meine Frau sein? fragte ich alsbald, meine Hand auf das schöne, dichtbehaarte Haupt legend – und dies soll die letzte Pfeife Taback sein, die ich in meinem Leben rauche, wenn ich's nicht ernstlich meinte, bekräftigte Chatillon seine Worte, indem er von dem Ottoe die brennende Pfeife entgegennahm. »Wohin? fragte mich das Mädchen, und wenn in ihrem Ausdruck nicht schon eine halbe Zustimmung lag, lügt die ganze Natur mit Allem, was d'rum und d'ran hängt. »An den Missouri, Mädchen, an den Missouri! rief ich erfreut aus, aber bei allen Teufeln, Mädchen, Du sprichst ja ein so reines Pawnee, als ob Du im Dorfe der Wölfe groß geworden wärest? »Meine Mutter war eine gefangene Wolfs-Pawnee, mein Vater ist ein großer Sioux-Krieger, antwortete die junge Squaw, und aus ihren schwarzen Diamantaugen leuchtete neben einer freundlichen Zuneigung auch ein hoher Grad von Unruhe hervor. »Um so besser, rief ich aus, die langen schwarzen Haare liebkosend von ihrer Stirne streichend, denn der Anblick des braunen Kindes umnebelte meine Sinne derartig, daß ich gar keinen Werth auf ihre ohne Zweifel in der Nähe befindliche Sioux-Verwandschaft legte; ja, um so besser, dann kannst Du im Frühling Deine Pawnee-Vettern besuchen, fügte ich noch hinzu, und da der Schecke sich beruhigt hatte, legte ich meinen Arm zutraulich um ihren Hals. »So weit duldete sie meine zärtlichen Aufmerksamkeiten; hätte ich ihr weniger gefallen und wäre ihr weniger an mir gelegen gewesen, würde sie dieselben entweder noch länger geduldet haben, oder mir auch entschlüpft sein. Sie trat nämlich einen Schritt zurück, und ihre schwarzen Augen mit einem wunderbaren, unbeschreiblichen Ausdruck auf mich heftend, sprach sie leise und mit unverkennbarer Besorgniß: »Die Sioux stellen den Weißen nach; nicht für zehn Pferde giebt mein Vater mich einem von den Pawnees kommenden Jäger, wohl aber gräbt er ihm das Kriegsbeil ins Gehirn. Möge mein weißer Freund daher schnell zu seinem Pferde eilen und gegen Sonnenaufgang fliehen. »Halloh, meine junge, wilde Katze, entgegnete ich lachend, obwohl mir etwas unheimlich zu Muthe wurde, denkst wohl, mich auf diese Art los zu werden! Deinen Vater fürchte ich nicht, ihn so wenig, wie sein Kriegsbeil. »Er ist nicht allein, versetzte das Mädchen noch ängstlicher, vierzehn seiner Leute mit starken Herzen befinden sich bei ihm, alle bemalt mit den Farben des Krieges, und ich bin die einzige Squaw, denn ich reite das Medicinpferd. »Hol' der Teufel die starken Herzen sammt Deinem Vater, gab ich munter zurück, denn auch ich bin nicht allein; zwei so gute Büchsen – »Mein weißer Freund ist allein, fiel mir das Mädchen hastig ins Wort, seine beiden Genossen liegen gefesselt im Lager der Sioux. Fliehe mein weißer Freund, und ist das Kriegsbeil erst wieder vergraben, mag er mit vollen Händen zu meinem Vater kommen; ich bin bereit, mit ihm zu ziehen. »Sacré-mille-tonuerre! Der Schlag gab Feuer, bemerkte Chatillon wohlgefällig, wie zu sich selbst sprechend, und ein wehmüthiges Lächeln flog über sein glattrasirtes Gesicht, »und wäre ich noch zehnmal so bethört durch die äußeren Reize der jungen Indianerin gewesen, bei ihren letzten Worten hätte ich so nüchtern werden müssen, wie 'n Methodisten-Pfaffe vor der Predigt. Anfangs sträubte ich mich wohl etwas, die Geschichte zu glauben, ich suchte mir sogar einzureden, daß mich das Mädchen narre, aber das dauerte nur noch so lange, bis ich ihr noch einmal in die schwarzen Augen geschaut hatte, dann aber wußte ich, daß jede einzelne Silbe ihrer Behauptung so wahr sei, wie'n Vers aus dem Katechismus. »So forschen sie auch wohl nach mir? fragte ich endlich, nachdem ich mein erstes, gerade nicht angenehmes Erstaunen niedergekämpft hatte. »Wenn die Sonne in die Berge gegangen; werden sie meinen Freund finden, antwortete die hübsche Sioux ängstlich. »Aber beim Satan, Mädchen, wer hat ihnen unser Lager verrathen? fuhr ich zornig auf. »Die junge Sioux hob beide Hände zum Himmel empor, schüttelte sie leicht und sprach nur das Wort Rauch. »Jetzt begriff ich allerdings, – wir hatten hin und wieder auch 'nen grünen Zweig in die Flammen geworfen – daß mir kein anderer Ausweg bleibe, als das Weite zu suchen. Denn daß meine Kameraden sich hatten einfangen lassen, war für mich kein Grund, ihre Gefangenschaft zu theilen. So lange ich mich aber noch auf freiem Fuß befand, konnten sie sich wenigstens einer schwachen Hoffnung auf Rettung hingeben, wogegen sie andern Falls höchstens das Vergnügen hatten, mich in ihrer Gesellschaft skalpirt zu sehen, und damals war das Skalpiren etwas mehr in Mode, als heut zu Tage. »Auf mein dringendes Zureden kletterten wir noch einmal nach dem gegenüberliegenden Bergabhange hinauf, und während meine niedliche Führerin sich frei und aufrecht hinstellte, lugte ich verstohlen über den Felsrand nach der mir genau bezeichneten Richtung hinüber, in welcher ich in der That in einem etwa eine halbe englische Meile entfernten Thalkessel die ganze Dacotah-Gesellschaft entdeckte. Meine Augen waren von je her sehr gut, ich fand daher leicht meine beiden Kameraden heraus, die sich dummer Weise, ohne einen Schuß zu thun, von dem kleinen Trupp hatten überlisten lassen und nunmehr mit gefesselten Armen und Beinen, einem gerade nicht beneidenswerthen Schicksal entgegensehend, abseits von den wilden Kriegern auf der Erde saßen. »Sacrè-mille-tonnerre! Wie wurde mir bei diesem Anblick! Doch die Sache ließ sich nicht ändern, und wollte ich nicht ebenfalls abgefangen werden, mußte ich mich baldmöglichst auf die Strümpfe machen. Ich zählte die einzelnen Gestalten, rechnete indessen statt der angekündigten fünfzehn nur dreizehn heraus, ein Umstand, welcher meine Begleiterin, sobald ich sie darauf aufmerksam machte, in nicht geringe Verwirrung setzte. Sie schöpfte, gleich mir, den Verdacht, daß sich die beiden fehlenden Männer zum Spioniren auf den Weg nach unserem Lager begeben hätten, für mich eine Mahnung, keine Minute mehr zu zögern. Wie wir den Abhang hinuntergekommen sind, weiß ich heute noch nicht, wohl aber weiß ich, daß sich die junge Dacotah, nachdem sie ihren Schecken bestiegen, nicht von mir trennte, sondern bis zur nächsten Schlucht so an meiner Seite ritt, daß ich, im Falle weiter unterhalb Jemand in's Freie trat, nicht gleich entdeckt werden konnte. »Wie heißt das schöne Dacotah-Mädchen mit dem guten Kinderherzen? fragte ich meine Begleiterin, bevor wir schieden. Fleur-rouge, hieß es leise zurück. Wohlan, Fleur-rouge, sagte ich, ihr die Hand herzlich drückend, komme ich glücklich durch, dann sollst Du mich wiedersehen. Der Schecke trabte lustig davon, ich aber eilte in die Schlucht hinein, so schnell ich einen Fuß vor den andern zu setzen vermochte, und nicht eher hielt ich inne, um Athem zu schöpfen oder um mich zu spähen, als bis ich unser Lager erreicht und meine Büchse zur Hand genommen hatte. 's ist seltsam, was 'ne gute Büchse für 'nen Einfluß auf 'nen Mann hat; ich fühlte nämlich kaum das Gewicht der meinigen in der Faust, und kaum hatte ich mich überzeugt, daß Stein und Pfanne in Ordnung, als auch mein Herz bei Weitem nicht mehr so heftig hämmerte und ich meine Lage mit Ruhe überdachte. Um mich gegen Verfolgung sicher zu stellen, begann ich sogleich Alles, was auf die Anwesenheit eines dritten Jägers deutete, in ein Bündel zu schnüren; ich hoffte dadurch zu erreichen, daß man nicht lange nach meiner Fährte forschte und mit den zwei Gefangenen zufrieden sei. Dann lud ich Bündel und Sattel auf den Rücken, als ich plötzlich durch das ängstliche Schnauben unserer Pferde dazu bewegt wurde, Alles wieder niederzulegen und mich vorher von der Sicherheit meiner Umgebung zu überzeugen. Behutsam schlich ich nach dem nächsten Vorsprunge der Schluchteinfassung hin, von wo aus ich die Pferde sehen konnte, doch wer beschreibt meinen Schrecken, als ich, vorsichtig um die Ecke herumlugend, einen Sioux-Krieger entdeckte, der offenbar die Absicht hegte, unser Lager auszukundschaften, auf das Schnauben der Thiere aber regungslos stehen geblieben war und mißtrauisch lauschte. Er befand sich in guter Schußweite von mir und hielt seine kurze Büchse zum augenblicklichen Gebrauch bereit, der sicherste Beweis, daß er nicht gezögert haben würde, mich niederzuschießen, wenn ich, weniger vorsichtig, anstatt an dem Gestein hinzuschleichen, unvermuthet in seinen Gesichtskreis getreten wäre. »Du oder ich, sprach es in meinem Herzen, während mein Athem länger und schwerer wurde; Du oder ich, wiederholten meine Lippen unwillkürlich ganz leise, indem ich die Mündung meiner Büchse an den äußersten Rand des mich deckenden Felsens lehnte, Du oder ich, dachte ich noch einmal, und dann war mein Blut so ruhig, als hätte sich's um 'ne Antilope gehandelt. Ich zielte lange und bedächtig; das roth angestrichene Gesicht bot mir 'ne prächtige Scheibe, – es begann nämlich schon zu dämmern, – und als dann endlich der Schuß krachte, da sank mein Freund Dacotah zusammen, als wär's 'n Bündel Lederflicken gewesen. Daß ich ihn gut getroffen hatte, wußte ich; ich nahm mir daher nicht die Zeit, ihn zu untersuchen – hätte ihn auch nicht ansehen können, den ersten Menschen, dem ich das Leben raubte – sondern schnell meinen Sattel und die übrigen Habseligkeiten herbeiholend, eilte ich zu meinem Pferde hin, welches ich sogleich aufzäumte und mit Allem, was ich mein nannte – viel war's freilich nicht – beschwerte. Bevor ich mich in den Sattel schwang, lud ich meine Büchse, um mich nicht unvorbereitet finden zu lassen, und als ich einige Minuten später im vollen Galopp die Schlucht verließ, da hatte die Dämmerung sich bereits so sehr verdichtet, daß man auf fünfhundert Ellen 'nen Mustang nicht mehr von 'nem jungen Büffel zu unterscheiden vermochte. Sobald ich aber erst das freie Feld gewonnen hatte, Sacré-mille-tonnerre! Da trieb ich meinen Gaul an, was das heilige Zeug halten wollte, immer gegen Osten, als hätte ich noch vor Aufgang der Sonne den Missouri erreichen müssen.« »Und ließet Eure Freunde in den Händen ihrer unerbittlichen Feinde?« fragte ich, als Chatillon längere Zeit schwieg, obwohl ich wußte, daß er einer solchen Handlung nicht fähig gewesen. »Und ließ meine Kameraden in den Händen ihrer grausamen Feinde,« wiederholte Chatillon ruhig, dann warf er mir einen halb lustigen, halb vorwurfsvollen Blick zu. »Möchte wissen, was Ihr an meiner Stelle gethan hättet,« hob er alsbald wieder an, »wohl schwerlich das, was ich mir in Gedanken zurecht gelegt hatte. Aber hört mich zu Ende: Was die Dacotahs sagten, als sie ihren erschossenen Gefährten fanden, welche Vermuthungen sie aufstellten und wie meine beiden Kameraden die Nacht verlebten, könnt Ihr Euch denken; jedenfalls diente das Auffinden des Erschossenen nicht dazu, den Gefangenen ihre Lage zu erleichtern. Doch von diesem Allen sah und hörte ich nichts; ich ritt und ritt, und die Sonne hatte sich erst durch einen schmalen rothen Streifen im Osten angemeldet, da scharrte ich mit Händen und Messer das Fäßchen Whisky, welches wir vor drei Tagen erst gemeinschaftlich vergraben hatten, aus seinem dunkeln Versteck, und als die Sonne ihre ersten Strahlen nach den Gipfeln der Black-Hills hinaufsandte, da nahm ich, meiner Kameraden gedenkend, den ersten herzhaften Schluck aus dem geöffneten Spundloch zu meiner Stärkung. Mein Pferd ließ ich darauf noch eine Stunde rasten und grasen, und dann das Fäßchen vor mich auf den Sattel nehmend, ritt ich eiligst denselben Weg zurück, welchen ich gekommen war. Ich mußte mich nämlich beeilen, indem es höchst fraglich, was die Dacotahs mit ihren Gefangenen aufstellen, oder ob sie überhaupt noch länger zwischen bekannten Schluchten verweilen würden. Trotz der schnellen Gangart, zu welcher ich mein erschöpftes Pferd zwang, erreichte ich erst kurz vor Abend die Stelle, auf welcher wir das letzte Fäßchen im Flußsande verscharrt hatten. Mit leichterer Mühe zog ich dieses an's Tageslicht, und dann beide mittelst des Lassos zusammenbindend, hing ich sie quer über den Sattel, worauf ich mein Pferd am Zaum ergriff und mit der unschuldigsten Miene von der Welt gerade dahin wanderte, wo ich die Dacotahs vermuthete. Sehr bald gewann ich die Ueberzeugung, daß sie die Gegend noch nicht verlassen hatten, dagegen bewies der hell beleuchtete obere Rand der nächsten Schlucht – die Nacht war allmählich hereingebrochen – und wiederholtes durchdringendes Klagegeheul, welches dem Erschossenen galt, daß die Bande ihr Quartier aus dem Thalkessel nach dem von uns mit so viel Mühe wohnlich eingerichteten Felsenwinkel verlegt hatte. Wo sie sich befand, konnte mir freilich gleichgültig sein, wenn sie überhaupt noch nicht fortgezogen war und meinen Kameraden noch kein Leid zugefügt hatte. Ueber Letzteres vergewisserte ich mich sehr bald, denn das Erste, was ich entdeckte, als ich, die Schlucht aufwärts wandernd, in den Schein des vor unserm alten Quartier brennenden mächtigen Feuers trat waren meine alten Freunde Baptist und Lewis, die auf eine niederträchtige Art gefesselt, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt auf der Erde saßen, und gerade keine Gesichter schnitten, als ob sie noch von großen Hoffnungen beseelt gewesen wären. Die Dacotahs dagegen hatten es sich recht bequem gemacht; sie kauerten im Kreise um das Feuer, abwechselnd redend und gellend und gelegentlich drohende Blicke auf ihre Gefangenen werfend. Es waren ihrer vierzehn, und lauter Gestalten, Sacré-mille-tonnerre! als hätte sich eine Gesellschaft bemalter Teufel aus der Hölle dorthin verirrt gehabt. Auch die kleine Fleur-rouge entdeckte ich; sie saß abseits im Schutz der Hütte, und schien sich nicht viel um das zu kümmern, was um sie her vorging. 's ist merkwürdig, beim Anblick des Mädchens fühlte ich meinen Muth seltsam wachsen – denn ehrlich gestanden, recht leicht war mir nicht um's Herz, als ich bedachte, wie die Sache wohl endigen würde, und eine ähnliche Gefahr, wie diejenige, in welche mich zu stürzen ich eben im Begriffe war, hatte ich noch nicht kennen gelernt; aber was thut man nicht, 'nem Freunde aus der Klemme zu helfen. Also Muth gefaßt, dachte ich, und die Zähne fest aufeinander beißend, schritt ich getrost auf das Feuer zu, meinen Gaul hinter mir herziehend, meine Blicke fest auf die grimmigen Gestalten gerichtet, von denen ich in nächster Zeit eine endgültige Entscheidung über meine Zukunft erwarten sollte. Bis auf dreißig Ellen war ich heran, als man mich erst gewahr wurde. Ich glaube, wenn mir darum zu thun gewesen wäre, hätte ich, bei dem tollen Lärm, mitten unter sie treten können, bevor man mich entdeckt hätte. Das Geräusch, mit welchem der beschlagene Huf meines Pferdes gegen einen Stein stieß, gab das Signal, daß die vierzehn Dacotahs, wie von Bogensehnen geschnellt, emporsprangen, nach ihren Waffen griffen und aus dem verrätherischen Schein des Feuers in den Schatten zu gelangen trachteten. Im ersten Schrecken befürchteten sie offenbar, daß eine Anzahl weißer Jäger einen Ueberfall vorbereitet habe, um ihnen die beiden Gefangenen zu entreißen. Erst als die Beleuchtung mich und mein Pferd schärfer streifte und meine beruhigenden Zeichen erkannt wurden, näherte man sich mir mit scheinbarem Vertrauen; dagegen bemerkte ich, daß nach kurzem Gespräch unter sich vier oder fünf Krieger verschwanden, ohne Zweifel, um auszukundschaften, ob ich allein gekommen sei, oder auf Schutz von Freunden gerechnet habe. Ueber Letzteres suchte ich sie schon selbst mit erheuchelter Einfältigkeit zu beruhigen, indem ich mit wohlberechneten, unbeholfenen Bewegungen erklärte, daß ich ihnen alle , alle , alle und noch mehr und viele Biberhäute abzutauschen wünsche und bereit sei, für jeden Otter oder Biber einen guten Becher voll vom feurigsten Feuerwasser zu verabreichen. Zu meinem Vorschlage, der vollkommen begriffen wurde, wozu die an dem Sattel hängenden Fäßchen natürlich das Meiste beitrugen, lachte man höhnisch. Daß die Weißen gern Feuerwasser als Mittel wählten, die Eingebornen zu übertölpeln, war eine zu bekannte Thatsache, als daß die Dacotahs nicht ein gewisses Mitleid mit meiner Dummheit empfunden hätten. Scheinbar stimmten sie indessen zu; sie versprachen mir ganze Berge Pelzwerk für meinen Whisky, aber während sie dies thaten, blitzte schon eine unbezähmbare Gier aus ihren Augen, welche die verhaltene Schadenfreude über den an mir zu verübenden Betrug gar nicht so recht zum Durchbruch kommen ließ. Lächerlich war es dabei, wie sie sich bemühten, immer noch einen Schein von Vorsicht zu beobachten, obwohl ihre Köpfe bereits durch den bloßen Gedanken an das in Aussicht stehende Zechgelage umnebelt waren. Sie fragten mich nämlich, ob ich beim Bauen der Hütte behülflich gewesen wäre, und als ich dies verneinte, stellten sie mich meinen Kameraden gegenüber, um aus unserm Benehmen zu ermessen, ob wir bekannt mit einander seien oder gar zusammen gehörten. Sie erreichten denn auch weiter nichts, als das Baptist, Lewis und ich die Achseln zuckten, uns gegenüber stumm und kalt in die Augen schauten, worauf ich, um die Täuschung zu vervollständigen, mich mit allen Zeichen der größten Bewunderung Fleur-rouge zuwendete und zu verstehen gab, daß ich noch nie in meinem Leben solch unvergleichlich schöne Squaw gesehen habe. Fleur-rouge warf mir einen Blick zu, als habe sie nicht mehr Theilnahme für mich gehegt, wie für den ersten besten Felsblock; die Krieger verlachten mich, obwohl es ihrer Eitelkeit schmeichelte, daß auch Weiße ihre Stammesgenossin bewunderten, und dann richtete man schließlich die wunderliche Frage an mich, ob ich am vorhergehenden Tage Jemand erschossen habe? Ich war noch damit beschäftigt, zu verdeutlichen, daß ich solch alberne Frage nicht begreife, als die Späher zurückkehrten und freudestrahlend verkündigten, daß ich wirklich keine Begleitung mitgebracht habe. Diese Nachricht electrisirte die ganze Bande. Man brachte die Fäßchen herbei, und nachdem man mich gezwungen, die Spunde zu öffnen, forderte man mich auf, aus beiden zu trinken, um dadurch zu beweisen, daß der Inhalt nicht vergiftet sei. Solchen Zumuthungen stellte ich natürlich keine Einwendungen entgegen; ich trank mäßig, hätte indessen vor Freude des Teufels werden mögen, als ich die neidischen, glühenden, fast wahnsinnigen Blicke bemerkte, mit welchen man mir bei dieser mich obenein noch stärkenden Arbeit zuschaute. Das Feuerwasser war also nicht vergiftet und ich hoffte, daß nunmehr der Kampf um den ersten Trunk beginnen werde, als Fleur-rouge's Vater, ein verdammt schlauer und grimmig darein schauender Häuptling, noch einmal vor mich hintrat. Mit schwunghaften Worten lobte er mich, der ich mit dem kostbaren Stoff zu ihnen gekommen sei, fügte aber hinzu, daß er mir nicht traue und nach Sonnenaufgang meine und meines Pferdes Spuren genau zu verfolgen gedenke, um sich zu überzeugen, daß ich wirklich den Dacotah nicht erschossen habe und nicht zu seinen beiden Gefangenen gehöre. Bis dahin aber müsse er sich meiner Person versichern, denn alle Weiße seien Hunde und Betrüger, und da mir so sehr um Pelzwerk zu thun sei, so wolle er mir bei lebendigem Leibe die Haut vom Kopfe streifen und mich zur Belohnung für mein Feuerwasser mit derselben in der Tasche heimschicken. Ja, so steigerten sich, während er sprach, die freundschaftlichen Gefühle des Häuptlings, und kaum war das letzte Wort seinen Lippen entschlüpft, da lag ich auf dem Rücken, um in einer Weise gefesselt und krumm geschnürt zu werden, daß mir Hören und Sehen verging und ich nicht anders glaubte, als daß es nunmehr zu Ende mit mir sei. Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung gelangte, saß ich zwischen Baptist und Lewis auf der Erde, denen ebenfalls noch einige Riemen um Arme und Beine geschlungen worden waren, worauf man uns untereinander doppelt und dreifach zusammenfesselte und dadurch jeden Gedanken an Rettung durch eigene Kraft zur Unmöglichkeit machte. Und Fleur-rouge, auf die ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte, Sacre-mille-tonnerre! die betrachtete uns mit kalter Neugierde und schien für unsere Qualen gerade so viel Mitgefühl zu besitzen, wie für die trockenen Baumstämme, die zu einem Scheiterhaufen zusammengewälzt und alsbald von den Flammen ergriffen wurden; und dabei war sie die Einzige, die uns retten konnte, wenn sie nicht – nun, 's arme Ding ist lange todt, will daher keinen Scherz mit ihrem Andenken treiben, denn ich kann darauf schwören, daß nie 'n Tropfen Whisky über ihre Lippen kam. »Die Vorbereitungen zu einem ungestörten Zechgelage waren also getroffen; aber auch jetzt noch zögerte der Häuptling, das Signal zum Trinken zu geben; er mochte wissen, was folgte, wenn nicht Allen zugleich Gelegenheit gegeben wurde, ihre tolle Gier zu befriedigen. Auf einige Worte von ihm brachte Fleur-rouge, unterstützt von den zitternden und ihrer Sinne kaum noch mächtigen Männern Alles herbei, was nur Aehnlichkeit mit einem Gefäß hatte, gleichviel ob von Holz, Leder oder mit Harz verkittetem Flechtwerk, und als er dann dreizehn Behälter vor sich stehen sah – merkwürdig genug waren die Instrumente – da leerte er das eine Fäßchen in dieselben aus, das andere für sich selbst zurückbehaltend. »Nunmehr aber war er nicht länger im Stande, die thierische Gier seiner Genossen zu zügeln; wie hungrige Wölfe auf ihre Beute, so stürzten sie über die Behälter her; kein Laut wurde dabei gesprochen, und in weniger Zeit, als ich gebrauche, es Euch zu schildern, kauerte jeder abgesondert von den Andern, mit langen Zügen den unverfälschten Whisky in sich hineintrinkend. Sacre-mille-tonnerre! Solch Trinken habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen; kaum daß man hin und wieder absetzte, um durch Einathmen von frischer Luft den Brand zu kühlen, welchen das Zeug in Mund und Kehle erzeugte. Nein, das war kein Trinken mehr, das war ein Schlingen, und so nachsichtig und freundlich ich sonst auch immer über die Wilden gedacht habe, in jener Stunde widerten sie mich an, wie eben so viele unvernünftige Bestien. Ha, Ihr hättet sie nur sehen sollen, wie sie, nachdem Jeder seine dreiviertel Quart hinabgegossen, die nach Branntwein duftenden Gefäße ebenfalls zu verschlingen drohten, und als auch diese endlich den letzten Geschmack verloren hatten, – es mochten kaum zehn Minuten seit dem Beginn des Gelages verstrichen sein, – da stierten sie mit glasigen Augen – bei den Indianern wirkt das Feuerwasser fast augenblicklich – auf ihren Häuptling, während die Fäuste unsicher nach Tomahawk und Messer suchten. War doch der Häuptling der Einzige, der noch trank, und zwar mit einer Hast, als hätte er vorbeugen wollen, den Genossen von seinem kostbaren Schatze mittheilen zu müssen. »Und er mußte wirklich, denn das Fäßchen wurde ihm mit Gewalt entrissen, und hätte der im Uebermaß verschlungene Whisky nicht bereits seine betäubende Wirkung auf ihn ausgeübt, dann wäre er unbedingt von einem der geschwungenen Messer oder Beile tödlich getroffen worden. Mit Widerstreben und brüllend, gleich einem verwundeten Stier, gab er seinen Schatz auf, und mit dem Ausdruck eines Tobsüchtigen stierte er um sich, gegen wen sich seine Rache zunächst würde kehren können. Da fielen seine blöden Blicke auf uns und gleichzeitig schallte sein durchdringendes Kriegsgeheul durch die Schlucht. Wüthend sprang er empor, indem er den Tomahawk aus seinem Gurt riß; allein er hatte schon zu viel und in der That am meisten von der ganzen Gesellschaft getrunken. Der genossene Branntwein zog ihn zu unserm Heil wieder zu Boden, aber auch jetzt gab er seinen Racheplan noch nicht auf. Sein Gesicht wahrhaft teuflisch verzerrt, in der einen Faust das Messer, in der andern das Beil und sich dennoch auf beide Arme stützend, kroch er auf uns zu; seine Absicht war unverkennbar und ich hatte mich schon darein ergeben, mit meinen Kameraden, wie Hammel abgeschlachtet zu werden, als Fleur-rouge, ähnlich einem wüthenden Jaguar, aus der Hütte hervorschoß und sich zwischen ihren Vater und uns stellte. Willst Du heute im Traume thun, was Du morgen vergessen haben wirst? fragte sie den alten blutgierigen Krieger ruhig – so erzählte sie mir's nämlich später selbst. Einige Sekunden stierte ihr Vater auf sie hin, als hätte er sie nicht verstanden; dann versuchte er wiederum, sich zu erheben, und wiederum sank er zu Boden, worauf er, aus Wuth über sich selbst, das Beil nach Fleur-rouge schleuderte. Glücklicher Weise fehlten ihm schon die Kräfte, denn seine gewohnte Sicherheit hatte ihn noch nicht ganz verlassen, entgegengesetzten Falls würde die wirbelnde Streitaxt, anstatt nur zu streifen, dem armen Kinde den Schädel zerschmettert haben. Ueber Fleur-rouge's Lippen, obwohl schmerzhaft getroffen, kam kein Laut der Klage, ihr Vater aber, dessen Kräfte durch die letzte Anstrengung vollständig erschöpft waren, brach ohnmächtig zusammen; noch einige krampfhafte Bewegungen, und er befand sich in einem Zustande, daß die Berührung mit glühendem Eisen ihn nicht aus seiner Betäubung geweckt hätte. Einige Schritte weiter dagegen, da tobte noch immer ein scheußlicher Kampf um den letzten Inhalt des letzten Fäßchens, doppelt grausig bei der rothen Beleuchtung, die von dem lodernden Feuer ausströmte. Sacre-mille-tonnerre! Man muß dergleichen gesehen haben, um es zu glauben, und heute noch schauert mir die Haut, wenn ich daran denke. Die dreizehn Männer bildeten im vollen Sinne des Wortes einen Haufen brauner menschlicher Glieder, die sich so eng durcheinander wanden, daß man die einzelnen Gestalten gar nicht von einander zu unterscheiden vermochte. Ich selbst sah nur ausgestreckte bewaffnete Arme, die sich hoben und senkten, unbekümmert darum, wohin sie trafen, dann sah ich scheußlich verzerrte Gesichter mit Augen, die in Betäubung brachen, und lange, blutende Schnittwunden und dazwischen das stets von mehreren Händen gehaltene Fäßchen, welches, je nachdem es gedreht und gewendet wurde, seinen Inhalt über den grausigen Knäuel ergoß, bis er endlich erschöpft war und einer nach dem andern der wilden Krieger verstummte und erschlaffte. »Ich hatte wohl erwartet und gehofft, daß die ganze Gesellschaft sich berauschen würde und darauf den Plan zu meiner Kameraden Rettung gebaut, allein so furchtbar hätte ich es mir nie vorgestellt; dabei dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis die sonst gewiß nicht zu verachtenden Krieger so sinnlos betrunken waren, daß ein sechsjähriger Knabe leichtes Spiel mit ihnen gehabt hätte. Und dennoch, welchen Vortheil hätte es uns gebracht, wäre nicht Jemand zur Hand gewesen, unsere Banden und Fesseln zu lösen; Jemand, in dessen Brust mindestens eben so viel christliches Gefühl wohnte, obwohl von Taufe und Communion nicht die Rede, wie in Manchem, dessen Handwerk es ist, lange Reden über Christenpflichten in die Welt hinauszusenden. »Die kleine süße Fleur-rouge stand also während der ganzen Zeit des Gelages auf derselben Stelle, bereit, Jedem, der es in seiner thierischen Trunkenheit versuchen würde, uns anzugreifen, den Weg zu vertreten. Ihre Vorsicht erwies sich indessen als überflüssig; im Kampfe um das Feuerwasser hatte man uns völlig vergessen; nur einmal sauste ein Beil zu uns herüber, dasselbe war aber wohl nicht für uns bestimmt; mit schwindender Kraft geschleudert, fiel es harmlos vor uns nieder. Und so sank denn Einer nach dem Andern in dem gräßlichen Gewirre in todtähnliche Betäubung, um nach vierundzwanzig Stunden und noch länger erst wieder zu erwachen. Mehrere haben sich aber wohl verblutet, bevor die Besinnung zurückkehrte, ich bemerkte wenigstens einzelne ungeschickte Schnittwunden, die, obgleich in aller Freundschaft beigebracht, lang und breit genug waren, ein Dutzend Leben hindurchzulassen. Mögen die alten Burschen die ewige Ruhe in den glückseligen Jagdgefilden gefunden haben und St. Peter selber ihnen die besten Wildfährten zeigen, schon allein um der kleinen Fleur-rouge willen, die in ihrem süßen Herzen neben der Gefügigkeit eines Kindes, den Muth und die Berechnungsgabe eines erfahrenen Mannes barg. »Der letzte Krieger war nämlich kaum regungslos geworden, da trat Fleur-rouge vor uns hin, mich in ungefähr folgender Weise anredend: »Was würde mein weißer Freund beginnen, wenn ich seine und seiner Gefährten Banden löste?« »Nun, ich denke, wir würden uns höflichst bedanken und machen, daß wir davon kämen,« erwiderte ich, der ich mich im Geiste bereits gerettet sah. »Würde mein Freund dulden, daß den muthigen, vom Feuerwasser niedergeworfenen Dacotahs ein Leid geschähe?« fragte sie weiter. »Nicht 'n verdammtes Haar sollte ihnen gekrümmt werden,« rief ich aus, worin meine Kameraden freilich nur murrend einstimmten. »Wie würde mein Freund die Verfolgung abwenden,« hieß es weiter. »Ich würde ihre Pferde tödten,« gab ich zur Antwort, wozu Fleur-rouge billigend nickte. »Glaubt mein weißer Freund, daß Fleur-rouge, deren Mutter eine Wolfspawnee, der Rache der Dacotahs entginge, entdeckte man, daß ihr Messer es gewesen, welches die Banden der gefangenen Weißen löste?« »Hat Fleur-rouge vergessen, was ich gestern in ihr Ohr sang?« fragte ich zur nicht geringem Verwunderung meiner Kameraden zurück, »sattle Fleur-rouge ihren Medicin-Mustang, packe sie ihr Eigenthum auf das beste Dacotah-Handpferd, und bevor die Sonne die betäubten Krieger hier bescheint, sind wir auf dem Wege nach dem Missouri; mich aber soll nur der Tod von dem schönen und braven Dacotah-Mädchen trennen. »Was nun folgte, könnt Ihr Euch an den Fingern abzählen,« fuhr Chatillon nach längerem, ernsten Nachdenken fort, welches augenscheinlich der Erinnerung an die einst so bewunderte Dacotah-Squaw galt; »die Fesseln fielen von unsern Gliedern; in der nächsten Nachbarschaft der wehrlosen Feinde wurde ein kräftigendes Mahl eingenommen, nachdem wir vorher deren Waffen in der Höhle versteckt hatten – sie zu vernichten unterließen wir auf Fleur-rouge's Wunsch – und dann holten wir unsere und der Dacotahs Pferde herbei, von denen wir die vierzehn besten aussuchten, und, zum Ersatz für die verfehlte Biberjagd, als unser Eigenthum erklärten. Die wenigen Zurückbleibenden waren nicht flink genug, um von ihnen eine Verfolgung zu befürchten, wir schenkten ihnen daher das Leben, um die überlisteten armen Teufel nicht ihrer letzten Transportmittel zu berauben. Eine Stunde nahm das Packen, Beladen und Ordnen der Thiere in Anspruch – die erforderlichen Sättel wählten wir aus dem Vorrathe der Dacotahs, wodurch jedes Pferd kaum fünfzig Pfund zu tragen erhielt, und als sieben Stunden später die Sonne ihre ersten Strahlen uns entgegensandte, da befanden wir uns schon so weit von dem Lager der Dacotahs, daß wir uns als vollkommen gesichert betrachten durften, aber noch immer trieben wir unsere kräftigen Thiere im scharfen Paßgange über die herbstlich bereifte Ebene.« »Und Fleur-rouge?« fragte ich, als Chatillon das Haupt auf seine emporgezogenen Kniee neigte, wie um sich nunmehr dem Schlafe hinzugeben. »Fleur-rouge?« fuhr Chatillon empor, indem er mir sein Gesicht mit wehmüthigem Ernste zuwendete; »Fleur-rouge? Nun, die ritt auf ihrem Schecken an meiner Seite dem Missouri zu, wo sie meine rechtmäßige Frau wurde. Und was für eine Frau! Sacre-mille-tonnerre! Während der zwölf Jahre unseres beständigen Umherziehens hat sie sich als das Muster einer echten Trapperfrau ausgewiesen, und nie bereuete ich, gerade sie gewählt zu haben. Armes, kleines Wesen, zu ihrer Freude wurde der Friede zwischen den Dacotahs und den Weißen wieder hergestellt, und als wir dann ihren Vater besuchten, da brauchte sie sich wahrhaftig nicht zu schämen, so schön hatte ich sie und ihren Schecken herausgeputzt mit Scharlachflanell, hellblauem Calicot, Perlen und Schellen; ja, ja, sie war, was ihr Name schon sagte, eine schöne, rothe Prairieblume. »Im zwölften Jahre nach unserer ersten Bekanntschaft starb der Schecke. »Mache Dich bereit, mich zu verlieren, sagte sie geheimnißvoll zu mir, das Medicinpferd hat mir den Weg gezeigt. »Ich verlachte sie wegen ihres Aberglaubens; aber sollte man es wohl glauben, sechs Monate nach dem Tode des Schecken wurde sie von den Blattern befallen, die binnen wenigen Stunden ein Ende mit ihr machten. Theures, kleines Herz, mit ihr ging meine einzige Lebensfreude dahin, denn die Genüsse, welche das Trapperleben mir jetzt noch bietet? Sacre-mille-tonnerre! Sie wiegen nicht einen einzigen Blick aus den Augen meiner armen Fleur-rouge auf.« Bei diesen Worten warf Chatillon die noch brennende Pfeife unwirsch zur Seite und wie ermüdet neigte er das Haupt wieder auf die Kniee. Es lag etwas Achtung Gebietendes in der Weise, in welcher der wunderliche Kauz seinen Schmerz äußerte; ich vermied es daher, ihn in seinen Betrachtungen zu stören, aber lange noch saß ich vor dem lodernden Feuer, in dessen beweglichen Flammen ich allmählich die Physiognomien aller Personen zu setzen glaubte, von welchen Chatillon mir erzählte. Der Arriero Im nördlichen Neu-Mexiko, da, wo der 35ste Grad nördlicher Breite und der 105te Grad westlicher Länge sich durchschneiden, liegt die alte mexikanische Ansiedelung Anton-Chico. Dieselbe hat es nie weit über dreihundert Einwohner bringen können. Ihre Lage ist eben keine glücklich gewählte, indem der Verkehr, der sich nach Santa-Fé, der »Haupthandelsstadt des Westens« hinzieht, sie nur auf Umwegen berührt. Aber auch ihre Umgebung ist von der Natur nicht hinlänglich begünstigt, um den Ackerbau zu einer den Wohlstand hebenden Erwerbsquelle zu machen. Viehzüchter und deren Hirten beleben vorzugsweise die wenigen Häuser, die, von ungebrannten Ziegeln in Würfelform erbaut, jeder äußeren Schönheit entbehren, jedoch malerisch contrastiren zu den sich ringsum majestätisch aufthürmenden Gebirgszügen, durch welche der Pecos, ein schmaler, sehr reißender Strom, sich in zahllosen Windungen sein tiefes Bett hindurchgewühlt hat. Der Reichthum der Einwohner von Anton-Chico berechnet sich im Allgemeinen nach dem Bestande ihrer Heerden. An Grund und Boden besitzt jeder wenig mehr, als sein Gehöft und den zu demselben gehörigen Garten. Alles Uebrige, und somit auch die Weidegerechtigkeit, ist Gemeingut. Letztere reicht so weit, wie nur immer gutes Gras wächst, reicht durch alle zugänglichen Thäler bis in die sich östlich ausdehnende Prairie hinaus, reicht so weit, wie Jeder glaubt, seine Schafheerden ohne Gefahr vor den lauernden Comanches und Kioways treiben zu dürfen. Diese Grenze jederzeit genau zu bestimmen, wäre eine schwere Aufgabe, indem die Sicherheit allein davon abhängt, wohin jene nomadisirenden und räuberischen Indianerstämme sich gerade gewendet haben. Und dennoch geschieht es nicht selten, daß, während man sie weit nördlich auf den Spuren des wandernden Bison wähnt, plötzlich einige Dutzend dieser wilden Steppenreiter, wie aus dem Boden gewachsen, erscheinen, die sich etwa widersetzenden Hirten erschlagen und mit so viel Pferden und Schafen, als sie fortzubringen vermögen, das Weite suchen, bevor noch die Kunde von dem Ueberfall die zwischen Felsplateaus verborgen liegende Ansiedelung erreichte. Nicht selten befinden sich einzelne Mexikaner im Verein mit solchen Räuberbanden, ihnen die Ausführung ihrer hinterlistigen Pläne wesentlich erleichternd. Unmittelbarer ihnen aus der Beute erwachsender Gewinn liegt in den meisten Fällen der Verrätherei zu Grunde, vielfach aber auch die mit den Indianern verabredete Schonung der eigenen Heerden, oder der Durst nach Rache für diese oder jene erlittene Unbilde. Sechszehn oder siebenzehn Jahre mögen seitdem verstrichen sein, als an einem heitern Herbstabende Sennor Adolfo Enrique Tempestar, der Alkalde von Anton-Chico, zu Ehren irgend eines obscuren Provinzialheiligen, vielleicht auch mit Rücksicht auf einen Familiennamenstag, einen überaus glänzenden Fandango veranstaltet hatte. Wie Anton-Chico eine eigene Kirche besitzt, kann es sich auch einer eigenen Fandangohalle rühmen, welche letztere, gerade neben der Kirche liegend, wie diese bei allen außergewöhnlichen und gewöhnlichen Festlichkeiten eine bedeutende Rolle spielt. An jenem Abend ging es also in der Fandangohalle recht lustig zu, und es mußte wohl, indem nichts verabsäumt worden war, was dazu beitragen konnte, dem Ball erhöhten äußern Glanz zu verleihen. Die Einladungen waren rechtzeitig von Haus zu Haus befördert worden, die heisere Kirchenglocke hatte männiglich zur bestimmten Stunde herbeigerufen, und als dann die Gäste versammelt waren und die Kirchenglocke verstummte, da bedurfte es nur eines Winkes des biedern Alkalden, um durch den Beginn der Musik die allgemeine Fröhlichkeit sogleich auf den höchsten Gipfel hinaufzuschnellen. Zwei Guitarren, eine Geige und ein Triangel vollbrachten dies Zauberwerk, und so wirkungsvoll zeigten sich die in raschem Takte gehaltenen Melodieen, daß selbst die Musikanten davon hingerissen wurden und die munteren Klänge ihrer Instrumente gelegentlich mit noch munterern Versen aus dem Stegreif begleiteten. Solche Verse verherrlichten vorzugsweise Liebe und Pferde, Gold und Riesenkräfte, Lungen, deren Athem dem tollsten Novembersturm vergleichbar, und Füße, welche den Boden nicht zu berühren brauchten, um die gewagtesten Sprünge und anmuthigsten Tanzverschlingungen auszuführen. Und gute Füße und gute Lungen gehörten dazu, um in der geräumigen, jedoch niedrigen Halle die mit Staub und Tabaksdampf angefüllte Atmosphäre einzuathmen und alle die kleinen Hindernisse zu besiegen, welche von einem tennenähnlich festgestampften Lehmfußboden unzertrennbar. Derartige kleine Unbequemlichkeiten hatten indessen auf die tanzlustigen Sennors und die tanzwüthigen Sennoritas gerade so viel Einfluß, wie der verfrühte Mond an einem hellen Herbstnachmittage auf das Sonnenlicht, und nichts kam der ausgesuchten Grandezza gleich, mit welcher Don Adolfo Enrique Tempestar, als Erster ins dem Platze, die Honneurs machte, die Eintreffenden willkommen hieß, die bereits Anwesenden aufmunterte und die ihm von den Schönen des Orts dargereichten brennenden Cigarittos aus Höflichkeit halb aufrauchte und dann fortwarf. Der freieren Bewegung halber hatte er den Rock abgelegt und dafür den hohen spitzen Sombrero auf dem Kopfe behalten. Derselbe paßte vortrefflich zu dem breiten, etwas fleischigen Gesicht, dessen Hauptschmuck ein ziemlich dünner schwarzer Vollbart. Eine feuerrothe Schärpe schlang sich malerisch um die würdige Alkaldentaille; an diese aber schlossen sich nach unten die berühmten mexikanischen Calzoneros an, weite, aus zweierlei Tuch bestehende Beinkleider, aus deren offen stehenden, reich mit runden metallenen Knöpfen und Stickerei versehenen Näthen sich die faltigen Weißen Unterkleider hervorbauschten. So bildete der Alkalde, trotz seines vorgerückten Alters, noch immer eine recht stattliche Erscheinung, namentlich als er mit seiner Tochter in einem langsamen Walzer den Ball eröffnete und fast alle Anwesenden, wohl an die dreißig Paare, ihm in dicht gedrängter Reihe auf dem Fuße nachfolgten. Hinsichtlich des äußeren Glanzes hätten die sich zu Anfang sehr ehrbar einherbewegenden Paare einen Vergleich mit einer großstädtischen Ballgesellschaft wohl nicht ausgehalten; dagegen wäre es schwer gewesen, anderswo eine prächtigere Auswahl von frischen Mädchengesichtern, schwellenden Lippen und geheimnißvoll glühenden dunkeln Augen aufzutreiben, wie an dem bewußten Abende in der durch sechs tüchtige Talgkerzen erleuchteten Fandangohalle von Anton-Chico. Aber auch die Tänzer, ältere wie jüngere Leute, brauchten sich nicht zu scheuen, öffentlich aufzutreten, und wo die Natur das Ihrige verabsäumt hatte, da waren kunstfertige Hände bereit gewesen, in um so höherem Grade nachzuhelfen und alle in dortiger Gegend verfügbaren Mittel zur Vollendung eines westlichen Gentleman heranzuziehen. Gestickte Jacken und rothe Flanellhemden, mit Knöpfchen überladene Calzoneros und indianisch verzierte Ledergamaschen, breitrandige Strohhüte und Filzsombreros wirbelten durcheinander mit weißen leichten Kleidern und grellfarbigen Röcken, mit langen Zöpfen und coquet um die Schultern geschlungenen Rebosos, mit Glasperlen, broncenen Schmucksachen, seidenen Bändern und wer weiß, was sonst noch alles zu der bescheidenen Ballausrüstung einer mexikanischen Schönen in jenen abgeschiedenen Grenzansiedelungen gehört. Außerdem – und dies galt als hoher Vorzug – durfte sich die Gesellschaft rühmen, nur aus Honoratioren, lauter freien Mexikanern und einigen gerade dort anwesenden Pelzjägern zu bestehen. Alles, was im entferntesten Ansprüche an die Bezeichnung »Peon« hatte, war ausgeschlossen. Kaum daß man dieser Art von Leibeigenen gestattete, durch Thüren und Fenstern hereinzulugen, und hätte man sich anders zu helfen gewußt, würden sogar die vier Musikanten schwerlich die überschwängliche Ehre genossen haben, den aristokratischen Fandango durch ihr Spiel verherrlichen zu dürfen. Doch die vier Musikanten waren unersetzlich; weit und breit berühmt, spielten sie in einem Takte, daß die Füße sich fast von selbst darnach bewegten, nicht zu gedenken der schönen Reime, mittelst deren sie die Tänzer förmlich zu berauschen verstanden. »Kleines, kleines, kleines, kleines, kleines Geld. Und ein großes, großes, großes, großes Herz, Lippen, Lippen, Lippen, Lippen roth und frisch. Bestes Mittel ist für jeden Schmerz.« sang der Triangelschläger, und schneller folgten die Guitarrenaccorde, schneller drehten sich die Paare und leidenschaftlicher glühten die Augen, während Staub und Cigarrendampf sich unter der niedrigen Decke zu einer die Kerzenflammen beeinträchtigenden Wolke vereinigten. Der Alkalde, für dessen Wohlbeleibtheit der Walzer einen zu anstrengenden Rhythmus angenommen hatte, war aus der Reihe getreten und betrachtete mit hoher Zufriedenheit das sich vor ihm entwickelnde lebhafte Bild, wogegen Brigida, seine liebliche Tochter, offenbar weniger zufrieden, aus dem viereckig geschnittenen Blättchen einer zarten Maishülse und Tabak eine Cigarette drehte, anrauchte und ihm darreichte. Diesen Zeitpunkt schien einer der Gäste abgewartet zu haben, um sich dem Alkalden zu nähern und ein Gespräch mit ihm und seiner Tochter anzuknüpfen. »Caramba! Warum noch nicht in Bewegung, Christobal?« kam ihm der Alkalde zuvor, und mit Wohlgefallen ruhten seine Blicke auf der kraftvollen Gestalt, die in der malerischen Nationaltracht doppelt vortheilhaft hervortrat. Auf die gelblichen, von pechschwarzem Lockenhaar und einem ebenso schwarzen Bart beschatteten finsteren Züge Cristobals trat ein verbindliches Lächeln, indem er sich vor Brigida leicht verneigte. »Mit wem hätte ich tanzen sollen, Sennor?« fragte er zurück, »mein erster und mein letzter Schritt in dieser Halle sind zu Diensten Eurer schönen Tochter, und da Ihr selbst Euch herbeiließet, den Fandango zu eröffnen, so blieb mir nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten.« Der Alkalde klopfte Cristobal gutmüthig lachend auf die Schulter. In Brigida's schwarzen Augen leuchtete es dagegen hell auf, ihre vollen Lippen kräuselten sich, wie zu einer scharfen Antwort, spöttisch empor, als ein durchdringender Blick Christobals sie veranlaßte, das Antlitz zu senken und gleichsam mechanisch eine Cigarette für ihn zu drehen. Die Reihe der Paare hatte sich etwas gelichtet und eine geregeltere Ordnung trat an Stelle des ersten Gedränges; der Anblick der fröhlichen Menschen fesselte den Alkalden zu sehr, als daß er ein neues Gespräch hätte eröffnen mögen. Christobal rauchte einige Züge aus der ihm von Brigida brennend dargereichten Cigarette, und sie dann zur Seite legend, glitt er mit ihr in die Reihe der walzenden Paare hinein. »Lieben, lieben, herzen, küssen möcht' ich sie, Tanzen, ewig tanzen nur allein mit ihr, Schau'n in ihre schwarzen Augen spät und früh, Wenn's auch, wenn's auch Cristobal erführ'!« sang der Triangelschläger, sobald er die schöne Alcaldentochter in den Armen des in Anton-Chico zwar nicht wohnhaften, jedoch im Hause des Alcalden hoch angesehenen Rancheros vor sich vorüberschweben sah; dann warf er den Triangel zur Seite, und die ihm zur Hand liegenden Castagnetten ergreifend, schlug er einen der Musik angemessenen Wirbel, dessen ein abgedienter Tambour sich nicht hätte zu schämen brauchen. »Bueno! bravissimo!« ertönte des geschmeichelten Alcalden Stimme. »Mucho bravissimo!« lohnten die durch den Klang der Castagnetten förmlich berauschten Tänzer im wilden Chor den Improvisator. Die bereits rastenden Paare umschlangen sich leidenschaftlich und traten mit einer gewissen Todesverachtung dem Reigen bei; auf dem ganzen Gewirre aber ruhten des Alcalden Blicke, als ob durch seine eigenen Lungen die unermüdlichen Tänzer belebt worden wären, die Kraft seiner eigenen Füße ihnen die Fähigkeit verliehen hätte, mit so viel Pünktlichkeit den Takt der wirbelnden Musik inne zu halten. Allmählich erschlafften die bis auf's Aeußerste angespannten Kräfte; hier trat ein Paar aus, dort eins. Auch Brigida gab' zu verstehen, daß sie zu rasten wünsche, worauf Cristobal sie nach einer Seite hinüberführte, auf welcher sie von dem Alcalden nicht gesehen, noch weniger die zwischen ihnen gewechselten Worte, gehört werden konnten. »Wo ist der Peon, der Tadeo?« fragte Cristobal alsbald. Brigida, in Folge der heftigen Anstrengung schwer athmend, sah nach einer andern Seite, um den auf sie gerichteten durchdringenden Blicken nicht zu begegnen. »Mein Vater schickte ihn über Land,« antwortete sie endlich zögernd mit erzwungenem Gleichmuthe. »Was soll er dort? Gestern war er noch hier,« fuhr Cristobal fort. »Ein längst für verloren gehaltenes kostbares Pferd ist wieder zugelaufen, jedoch so verwildert« – »Und da soll Tadeo seine Kunst an ihm versuchen?« fiel Cristobal mit schlecht verhehltem Grimm ein. »Er ist der beste Arriero in weitem Umkreise.« »Caramba! als ob es am Rio Grande keine geschickten Arrieros mehr gäbe; ich errathe, man wollte dem Burschen die Mühe ersparen, uns zu bedienen; ich errathe aber auch, auf wessen Anstiften er heute hier fehlt. Wäre er ein freier Mann, möchte man ihn nicht weit zu suchen haben.« Brigida's glühendes bräunliches Antlitz schien sich bei diesen Worten noch tiefer zu röthen; die bisher kundgegebene Scheu verschwand aus ihrem Wesen, und den Kopf trotzig emporwerfend, blickte sie Cristobal fest an. »Auf mein Anstiften wurde er fortgeschickt,« sprach sie ruhig. »Nur noch kurze Zeit und der Peon ist ein freier Mann. Warum also Jemand als Leibeigenen da Dienste verrichten lassen, wo er binnen wenigen Monaten als sein eigener Herr auftreten darf? Ist es nicht ehrenhaft genug, daß er durch langjährige treue Arbeit die Schulden seiner verstorbenen Eltern tilgte, anstatt, wie so Viele an seiner Stelle gethan haben würden, zu entfliehen?« »Dieser elende Peon hat an Euch eine wunderbar warme Fürsprecherin,« versetzte Cristobal höhnisch; »wüßte er das nicht, würde er schwerlich so lange der Knecht Eures Vaters geblieben sein. Caramba! Ich möchte erfahren, wie Don Enrique Tempestar dieses Freundschaftsverhältnis beurtheilte, würde ihm der ganze Umfang desselben geschildert.« »Ich kann meinem Vater jederzeit frei unter die Augen treten,« erwiderte Brigida mit aufflammendem Zorn, »und gereicht es zu Eurer Beruhigung, so vertraue ich Euch gern an, daß Tadeo sich nicht minder des herzlichsten Wohlwollens meines Vaters erfreut.« »Er ist ein brauchbarer Arriero,« gab Cristobal stolz zu, und auf seinem gelben Antlitz spielte ein ingrimmiges Lächeln, »ein Arriero, um welchen ich Euern Vater beneide. Nun, ich bezweifle nicht, daß Euer Vater sich aus Wohlwollen für ihn und für mich dazu entschließt, ihn gegen die Summe, welche er mir schuldet, an mich abzutreten.« Brigida erbleichte und kehrte ihr Antlitz wieder den wild einherstürmenden Tänzern zu. Erst nach längerem Sinnen hatte sie hinlänglich Ruhe gewonnen, um antworten zu können. »Es muß eine bedeutende Summe sein,« versetzte sie, indem sie einen Schritt seitwärts trat, durch welche Bewegung der um ihre Hüften ruhende Arm ihres Tänzers niedersank; »gewiß sehr bedeutend, daß Ihr meint, mit derselben zuerst mich und demnächst Tadeo zu kaufen.« »Euch kaufen, Brigida?« lachte Cristobal, während seine tief liegenden Augen leidenschaftlich funkelten, »Santa Maria! wie mögt Ihr das Wort da in Anwendung bringen, wo Euch die aufrichtigste Zuneigung entgegengetragen wird?« »Zuneigung?« fragte Brigida, ihre Lippen wiederum emporwerfend, »wo sind die Beweise dafür? Soll ich sie etwa darin suchen, daß Ihr meinen Vater mit einer Geldsumme und einigen Pferden und Rindern unterstütztet, als die Apaches ihm den ganzen Viehstand davongetrieben hatten? Ihr schlagt Eure Dienste hoch an, Don Cristobal, und habt dabei an meinem Vater nicht mehr gethan, als er an vielen Andern, die sich in einer ähnlichen Lage befanden. Wie Jene ihm allmählich das Seinige zurückerstatten, werdet auch Ihr befriedigt werden, ohne daß Ihr meine Person als Bürgschaft braucht. Ihr selbst habt freilich noch nie Verluste durch die Wilden erlitten und ich wünsche es Euch auch nicht; allein grade dieser Umstand sollte Euch dazu bewegen, weniger tyrannisch gegen Andere aufzutreten, nicht zu vergessen, daß auch Ihr eines schönen Tages Eure Weiden leer finden und Eure Heerden in den Schluchten der Navahoes oder auf den Ebenen der Comanches suchen mögt; es sei denn, Ihr hättet einen besonderen Vertrag mit unseren hinterlistigen Feinden geschlossen.« Cristobal fuhr bei diesen im Grunde harmlos gemeinten Worten wie vor dem tödtlichen Biß einer Klapperschlange zurück. Sein Gesicht schien noch gelber und blutloser zu werden und heftig knirschten seine Zähne. »Habt Ihr geendigt, meine schöne Brigida?« sprach er sodann, mit äußerster Anstrengung ein sorgloses Lächeln erzwingend, »so gestattet auch mir, in dieser peinlichen Angelegenheit ein letztes Wort an Euch zu richten. Wohnte Euer Vater in der Nähe von Santa Fé, würde er durch die Indianer eben so wenig Verluste erlitten haben, wie ich. Was aber Euern bittern Vorwurf der Tyrannei betrifft, o, meine theure Brigida, so erscheint Euch Manches nur hart, weil das zwischen Euerm Vater und mir bestehende Uebereinkommen bisher noch nicht Eure Beistimmung fand. Tröstet Euch indessen und gewöhnt Euch daran, Euch als meine schöne und treue Gattin zu betrachten; ich dagegen leiste Euch das heilige Versprechen, daß Ihr nie Grund haben sollt, die von Eurem Vater für Euch getroffene Wahl zu beklagen.« »Saiten-, Saiten-, Saiten-, Saiten-, Saitenspiel Selbst das Herz, das Herz des Musikanten rührt; Doch der Walzer wird ihm selber viel zu viel, Tanzt und tanzt man nicht, wie sich 's gebührt!« sang der Improvisator auf einen Wink des Alkalden, dem die Pause, welche Cristobal und Brigida eintreten ließen, zu lange dauerte, und der hinter den erregten Zügen Beider Empfindungen vermuthete, die seinen Wünschen nicht entsprachen. »Tanzt und tanzt man nicht, wie sich's gebührt!« wiederholten die jungen Burschen die letzten Worte des Improvisators, die in Verbindung mit dem Castagnettengerassel zündend wirkten, und Alles, was bisher an den Wänden herumgestanden hatte, stürzte sich blindlings in den wirbelnden Kreis. Auch Cristobal schlang den Arm um Brigida, um mit in den Reigen einzutreten; bevor er indessen seine Absicht ausführte, tanzte ein nach oben in rothen Flanell, nach unten in indianisch gegerbtes Leder gekleideter Pelzjäger vorüber. Cristobal wollte ausweichen; die Bewegungen des ausgelassenen und laut gellenden Halbwilden waren aber so wenig berechenbar, daß er sammt seiner lieblichen Tänzerin an die Wand geschleudert wurde. »Mille Caramba! Die Hölle über den ungeschickten Hund!« rief der Ranchero wutschnaubend aus. »Es lag nicht in seiner Absicht; stört nicht den Fandango durch Hervorrufung eines Streites,« bat Brigida besorgt, indem sie ihren zerknitterten weißen Anzug flüchtig ordnete. Lebeau dagegen, unter welchem Namen der junge Pelzjäger unter seinen Gefährten bekannt war, stieß ein gellendes Gelächter aus, nickte Brigida freundlich zu, und dahin walzte er, als ob nichts vorgefallen wäre. Auf der andern Seite der Halle trat er indessen aus der Reihe und da sein Kopf über alle anderen in der Halle Anwesenden emporragte, so kostete es ihn keine Mühe, mit dem ebenfalls hochgewachsenen Cristobal über die Tanzenden fort ein Gespräch anzuknüpfen. »Sennor Cristobal!« überschrie er die Musik und das Schurren und Stampfen der Füße, infolge dessen der Angeredete wiederum zögerte, den Tanz zu beginnen, »Sennor Cristobal, für den unabsichtlichen Stoß bin ich Euch eine Sühne schuldig; ich muß mir Eure Freundschaft erwerben, indem ich, anstatt Euer Auge zu treffen, mein Messer auf der linken Seite Eures Kopfes in die Wand stecke!« Bei den letzten Worten hob sich aber auch schon seine Faust empor, wie ein Blitz zuckte es über die Häupter der Tanzenden fort und fast gleichzeitig bohrte sich die Klinge eines schweren Jagdmessers auf der bezeichneten Stelle mehrere Zoll tief in die nachgiebige Lehmwand. Derartige Scenen waren in der dortigen Gegend etwas zu Gewöhnliches, als daß durch das Verfahren des verwilderten Pelzjägers große Störung hätte verursacht werden können. Brigida und einige andere Tänzerinnen, welche den Flug des mit unglaublicher Sicherheit geworfenen Messers beobachtet hatten, schrieen auf, Cristobal zuckte mit dem Kopf zur Seite, der Eine und der Andere rief auch wohl sein »Bueno!« die Guitarrenspieler rissen unbarmherzig an den Saiten, doch lauter als Alles ertönte wieder des lustigen Lebeau Stimme: »Laßt nur das Messer!« rief er sorglos, sobald er gewahrte, daß Cristobal seine Hand nach demselben ausstreckte, »bin Mannes genug, es mir selber zu holen. Behaltet auch Eure Drohblicke für Euch, denn wir sind nunmehr quitt. Hab' übrigens ein ähnliches Gesicht in Gesellschaft einiger Dutzend Comancheräuber gesehen, und verdammt will ich sein, wenn ich ihm nicht bei nächster Gelegenheit ein halbes Loth Blei zuschicke, wie es nie reiner aus den Galena-Bergwerken zu Tage gefördert wurde!« »Ruhe, Ruhe, Ruhe, Ruh' ich hier begehr'! Brecht die Häls' Euch draußen, ist's mir einerlei; Macht das Leben, Leben Ihr mir hier zu schwer, Reiß' die Saiten, Saiten ich entzwei!« gellte der Improvisator auf den stummen Befehl des Alkalden, der, um Unglück zu verhüten, sich zu Cristobal durchdrängte und gemeinschaftlich mit seiner Tochter diesen beschwor, den Streit nicht fortzusetzen. Einige Sekunden überlegte Christobal; dann glitt es wie verhaltene Schadenfreude über sein gelbes Antlitz, und einen lauten Jubelruf ausstoßend, umfaßte er Brigida mit welcher er davon stürmte. Hiermit schien der unangenehme Zwischenfall sein Ende erreicht zu haben. Der Alkalde ging herum und munterte zu neuen Anstrengungen auf; die Musikanten spielten, als hätten sie ihre Instrumente vernichten wollen; die Paare schwangen sich mit einer Leidenschaftlichkeit im Kreise, wie sie eben nur bei Mexikanern möglich, bis endlich Athem und Füße ihren Dienst versagten und die Spielleute, der allgemeinen Stimmung Rechnung tragend, mit einem Schlußverse eine Pause eintreten ließen. »Nun, Sennor, wo ist der Peon, der Tadeo?« fragte Christobal, indem er mit Brigida neben deren Vater hintrat und den alten Herrn freundschaftlich auf die Schulter schlug; »ich könnte ihn gerade jetzt gebrauchen, um nach meinem Pferde zu sehen.« »Caramba! der Tadeo ist nicht zu Hause,« antwortete der Alkalde, nicht ahnend, daß Brigida bei Nennung des Namens erschrak und bebenden Herzens der Fortsetzung des Gespräches entgegen sah, »'s sind aber genug Andere da, die nicht minder gewissenhaft für Euer Pferd sorgen werden.« »Kein Anderer rührt mein Pferd an!« erwiderte Christobal hochfahrend, indem er nachlässig eine goldene Uhr aus dem Gurt zog und sich von dem Stande der Zeit überzeugte, »das Pferd sucht seines Gleichen, und außer mir versteht nur noch der Tadeo, es richtig zu behandeln. Ich werde daher selbst gehen.« »Nehmt wenigstens einige Leute mit, die Euch beim Einfangen 'ne Hand leihen!« rief der Alkalde dem Davonschreitenden nach. »Pah, einfangen!« rief Cristobal zurück, »es hört auf meinen Ruf und ist folgsam, wie ein gut geartetes Kind. Will ihm nur einige Maiskolben zutragen; in einer halben Stunde bin ich wieder hier; die schöne Brigida mag so lange mit meinem Freunde Lebeau tanzen!« Dann trat er in's Freie hinaus, wo die neugierigen Peons ihm scheu auswichen, ihm auch wohl einen leisen Fluch nachsendeten, als er die Richtung nach dem etwa zehn Minuten entfernten Pecos einschlug und in der Dunkelheit verschwand. Anstatt sich sogleich nach dem eingehegten und grasreichen Uferstreifen hinzubegeben, auf welchem die wenigen Milchkühe des Ortes und die zum täglichen Gebrauch bestimmten Pferde und Maulthiere weideten, folgte Christobal dem breiten Wege nach, der ihn an die Furth des Pecos führte. Auf der anderen Seite des Stromes theilte sich der Weg strahlenförmig, je nachdem die verschiedenen Ziegen- und Schafheerden, und außer diesen die Hirten und die zwischen der Ansiedelung und den Heerden vermittelnden Reiter neue Fährten nach den Seitenthälern und sogar bis in die Prairie hinaus gebrochen hatten. Als der Ranchero sich dem Strome so weit genähert hatte, daß er die verkrüppelten Bäume auf dem Ufer desselben zu unterscheiden vermochte, stieß er den schrillen Pfiff aus, mit welchem er sein Pferd zu rufen pflegte, worauf er, offenbar um zu lauschen, die Eile seiner Bewegungen mäßigte. Eine Minute verrann, oder vielmehr gerade so viel Zeit, wie ein gewandter Reiter gebraucht, um sich in den Sattel zu schwingen, als von der andern Seite des Stromes der scharfe Hufschlag eines Pferdes zu ihm herüberdrang, welches sich im Galopp näherte. Nach kurzer Zeit plätscherte es in den Fluthen, dann trieb ein Reiter sein Pferd mit klatschendem Geißelschlag nach dem Ufer hinauf. »Ihr seid pünktlich,« redete Christobal den Eintreffenden an, sobald derselbe neben ihm hielt und eine Lanze, welche so lange quer vor ihm auf dem Sattel gelegen hatte, auf die Erde stellte und sich vom Pferde aus auf dieselbe stützte. Im Uebrigen zeichnete er sich in der Dunkelheit nur als eine schwarze, mit den undeutlichen Formen des Pferdes zusammenfallende Masse aus, indem eine Decke seinen Oberkörper in weiten Falten umhüllte und nur die Arme und den mit mehreren Geierfedern geschmückten schwarz und dicht behaarten Kopf frei ließ. »Ich immer pünktlich, wenn ich Geschäfte mit Don Christobal,« entgegnete der geheimnißvolle Reiter in dem eigenthümlich verdorbenen Spanisch der südlichen Prairie-Indianer, »glaubte, warten zu müssen noch manche Stunde; Ihr seid gekommen sehr früh.« »Es machte sich eben, daß ich früher fort konnte,« versetzte der Mexikaner wie beiläufig, dann fuhr er lebhafter fort: »Ist Alles eingeleitet?« »Die Ziegen und Rinder des Alkalden jetzt wohl schon auf dem Wege nördlich,« antwortete der Indianer ruhig. »Wie viele Häupter?« »Alles, was in dem Thalwinkel weidete.« »Caramba! So kann ihm nicht viel geblieben sein. Ihr solltet ja einen Theil zurücklassen.« »Ich denke, es ist ein Abmachen. Wenn sie uns nachsetzen, noch immer früh genug, den Weg mit Ziegen zu bestreuen; 's kostet ihnen Zeit, sie zu sammeln, und wir gewinnen Vorsprung.« »Ihr seid der geriebenste Schurke, der jemals auf eines fremden Mannes Pferd ritt.« »Wir Beide,« versetzte der Indianer gedehnt. »Darüber wollen wir nicht streiten,« erwiderte Christobal hochmüthig, »ich gehe auf Anderes aus, als auf einige Dutzend Ziegen.« »Um so besser,« entgegnete der Indianer mit unerschütterlicher Ruhe; »Ihr aber machen viel Umstände mit der schönen Alkaldentochter; doch mir einerlei.« »Wenn Ihr nur Euren Vortheil habt, kümmern Euch die Umstände nicht. Sind die Leute, die das Mädchen abholen sollen, auf ihrem Posten?« »Drüben in der Schlucht warten sie. Ein Zeichen, und sie sind da.« »Gut; was denkt Ihr mit den Hirten aufzustellen? Erschlagen dürft Ihr sie nicht, das brächte Euch die ganze Provinz auf den Nacken.« »Wir nehmen sie eine Strecke mit und lassen sie laufen, sobald wir in Sicherheit sind. Hoffentlich sorgt Ihr dafür, daß die Verfolger eine falsche Richtung einschlagen?« »Ich werde mein Möglichstes thun; leider ist Jemand da, dessen Augen ebenso scharf sind, als die Eurigen!« »Tadeo?« fragte der Indianer mit feindseligem Ausdruck. »Gerade der ist nicht da, oder es möchte sich Gelegenheit finden, ihm eine gute Messerklinge zwischen die Rippen zu stoßen; nein, der Tadeo nicht, aber der Lebeau.« »Caramba!« fluchte der Indianer emporfahrend; dann stützte er sich wieder nachlässig auf seine Lanze. »So werden wohl einige Kugeln fliegen, oder wir müssen die Ziegen drangeben und mit den Pferden und Rindern zufrieden sein.« »Pah, schießt ihn über den Haufen und behaltet Alles,« rieth Christobal. »Wir wollen sehen,« versetzte der Indianer. »Wo gedenkt Ihr das Mädchen in Empfang zu nehmen?« »Es bleibt bei unserer ersten Verabredung: Ich finde es binnen heute und vier Tagen in der Nähe der Navahoequelle im Taos-Gebirge.« In diesem Augenblick richtete der Indianer sich schnell empor, und indem er dahin spähte, woher er gekommen war, wendete auch sein Pferd den Kopf seitwärts, worauf es leise wieherte. »Es nähert sich Jemand,« bemerkte der Comanche leise, nachdem er eine Weile gelauscht hatte; »man kommt zu Pferde.« »Vielleicht ein Hirte,« versetzte Christobal, sobald er den Hufschlag eines scharf getriebenen Pferdes unterschied. »Ein Hirte,« bekräftigte der Indianer unruhig, »aber ein Hirte des Alkalden, der meinen Leuten durch die Finger geschlüpft ist. Ein Anderer würde nicht reiten, wie der dort.« Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, lenkte er sein Pferd eine kurze Strecke stromaufwärts, wo eine Gruppe niedriger Bäume ihm ein sicheres Versteck gewährte. Christobal hatte ihn begleitet, und kaum waren sie auf dem bezeichneten Punkte angelangt, als der Reiter, jede Vorsicht außer Acht lassend, in den Strom hineinsprengte. »Maria santissima! Alles verloren, Alles verloren!« klagte eine jugendliche Stimme verzweiflungsvoll, indem das Pferd sich nach dem abschüssigen Ufer hinaufarbeitete. Dann ertönte der scharfe Schlag des zusammengelegten Lassos, mit welchem der flüchtige Hirte sein Thier antrieb, und keuchend flog dieses auf die in der Dunkelheit kaum bemerkbar daliegende Ansiedelung zu. »Wie ich sagte,« sprach der Comanche, die Lanze vor sich auf den Sattel legend, »er ist ihnen entschlüpft, und der Alkalde erfährt zu früh, daß wir wieder einmal Appetit auf das Fleisch seiner Ziegen bekommen haben – Caramba! Ziegenfleisch werden wir nicht viel essen, doch was meint Ihr, habt Ihr Euern Appetit auf die Sennorita nicht verloren?« »Die Sache ist eingeleitet, mag sie daher ihren Gang nehmen,« versetzte Cristobal ingrimmig, »mache ich heute kein Ende damit, so dauert's keine drei Tage, und der Alte ist eines Sinnes mit seiner Tochter – hole der Teufel den Tadeo; er allein verdarb mir die Rechnung. Mein zweitbestes Pferd Demjenigen, der mir den Scalp des verfluchten Peon bringt.« »Für ein gutes Pferd thue ich viel,« erwiderte der Comanche spöttisch, »gebt mir Gelegenheit, und Ihr sollt keine vierundzwanzig Stunden auf den Scalp warten.« Damit spornte er sein Pferd auf die Furth zu, welche er vorsichtig durchritt; dann aber nahm er den Handschuh zur Hand, und als sei er ein zurückgebliebenes Mitglied der sagenhaften wilden Jagd gewesen, flog er über die sich zwischen den hohen Felsplateaus ausdehnenden Grasebenen hin. – Christobal befand sich bereits auf der eingehegten Wiese bei seinem Pferde. Schadenfroh vernahm er das plötzlich erwachende Geschrei in der Ansiedelung, wo die von dem flüchtigen Hirten heimgebrachte Kunde von dem räuberischen Ueberfall der Indianer sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Als er eine Viertelstunde später an der Fandangohalle vorüberschritt, stand dieselbe öde und leer. Tänzer, Tänzerinnen und Musikanten waren aus einandergestoben; die Einen, um zu jammern, die Anderen, um Pferde herbeizuschaffen, zu satteln und sich zur Verfolgung zu rüsten. Da man die Stärke der Räuber nicht kannte, so war bei Allen ein hoher Grad von Besorgniß vorherrschend. Nur Lebeau bewahrte dieselbe Munterkeit, die er beim Tanze zur Schau getragen hatte, und mit derselben rauhen fröhlichen Laune, mit welcher er sich kurz zuvor anschickte, die Nacht zu durchschwärmen, bestieg er jetzt seinen Mustang, um gemeinschaftlich mit Christobal und dem Alkalden an der Spitze von etwa zwei Dutzend kampffähigen Männern den Comanches nachzusetzen. Christobal war der Letzte, der sich in den Sattel schwang. Er hatte einen flackernden Feuerbrand mit hinausgenommen, bei dessen unsteter Beleuchtung er Sattel- und Zaumzeug seines Renners bedächtig prüfte und nicht minder sorgfältig den an dem Sattelknopf befestigten Lasso in gleichmäßige Ringe zog. Niemand wunderte sich darüber; sein Verfahren entsprach eben dem Rufe, welchen er sich als Reiter und Lassowerfer erworben hatte. Noch weniger befremdete es, daß er mit dem Feuerbrand in der Faust sein Pferd bestieg und erst außerhalb der Ansiedelung denselben einige Male um's Haupt schwang und, wie um Feuersgefahr zu verhüten, weit von sich warf. – In einer westlichen, dem Verkehr nur selten dienenden Seitenschlucht stieg in diesem Augenblick von der halben Höhe des Uferabhanges ein Mann niederwärts, welchen man am Tage auf den ersten Blick als einen vollständig bewaffneten Indianer erkannt haben würde. Der von Christobal durch Schwingen der Holzfackel erzeugte Funkenregen schien ihn zu dieser Bewegung veranlaßt zu haben; denn waren vorher seine Blicke unausgesetzt starr auf die Ansiedelung gerichtet, die sich vor dem schwarzen Hintergrunde nur durch vereinzelte erleuchtete Fensterchen auszeichnete, so hatte sie jetzt offenbar jegliche Anziehungskraft für ihn verloren. Unten in der Schlucht angekommen, drang er ohne Säumen in dieselbe ein, bis er nach einer Wanderung von fünf Minuten eine von verkrüppelten Cedern theilweise beschattete Fläche erreichte. Dort wendete er sich nach der am dichtesten bewaldeten Seite hinüber, wo seine Annäherung durch das leise Wiehern mehrerer Pferde verrathen wurde. Gleich darauf umringten ihn sieben Stammesgenossen, mit welchen er, ihnen seine Beobachtungen mittheilend, in eine ernste Berathung zusammentrat. Was auch immer ihr Vorhaben sein mochte, alle möglichen Fälle waren vorher reiflich erwogen worden, denn es genügten wenige Minuten, um eine Einigung zu erzielen. Die Pferde, neun an der Zahl, wurden aus ihrem Versteck auf eine Blöße gezogen und dort, bis auf eins, so aneinander gefesselt, daß sie eine lange Reihe bildeten. Dann entledigten sich sieben Mitglieder der Bande ihrer Waffen, welche sie an die Sättel befestigten; nur Tomahawk und Messer behielten sie, worauf sie sich von einander trennten. Einer bestieg das vorderste der zusammengefesselten Thiere und begann mit der ihm willig folgenden Kette auf einem selbst bei Tage sich nur wenig auszeichnenden Pfade das nördliche, achthundert Fuß hohe Plateau zu ersteigen; ein anderer nahm das übrig gebliebene Pferd und begab sich in die Mündung der Schlucht, wo die Ansiedelung gerade vor ihm lag, während die sechs letzten, verschiedene Umwege einschlagend, auf Anton-Chico zu in der Dunkelheit verschwanden. – In der Ansiedelung selber herrschte um diese Zeit unter dem zurückgebliebenen wehrlosen Theil der Einwohnerschaft bange Aufregung. Die Besorgnisse galten sowohl den Verlusten, deren Umfang man nicht kannte, wie den die Räuber verfolgenden Männern, die nur zu leicht, um ihr Eigenthum zurückzugewinnen, in einen ernsten Kampf verwickelt werden konnten. Für die Sicherheit der Ansiedelung fürchtete man weniger; wußte man doch aus Erfahrung, daß die Grenzorte nie geschützter waren, als wenn die räuberischen Steppenvölker gerade einen Einfall in ihr Gebiet ausgeführt hatten; und so wurden auch an dem heutigen Abende, dessen fröhlichem Anfange ein so trauriges Ende folgte, die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln vernachlässigt. Die erschreckten Frauen und Mädchen liefen von Haus zu Haus, um mit den Nachbarinnen jammernd alle möglichen Unglücksfälle zu erwägen, oder sich Trost bei den ergrauten Häuptern der kleinen Gemeinde zu holen; die Knaben saßen um die Kamine und schmiedeten die furchtbarsten Rachepläne, deren Ausführung leider noch einige Jahre hinausgeschoben werden mußte, und so ereignete es sich, daß die Straße abwechselnd vollständig verödet war und wieder vorübergehend geräuschvoll belebt wurde. Erst um Mitternacht schien man sich einigermaßen zu beruhigen oder vielmehr in das Unabänderliche zu ergeben; nur noch hin und wieder öffnete sich eine Hausthür, um eine verspätete Besucherin hinauszulassen und demnächst wieder doppelt und dreifach verriegelt zu werden. In dem abgesondert stehenden Hause des Alkalden hatten sich ebenfalls einige Nachbarinnen bis zur Mitternachtsstunde aufgehalten, für die mutterlose Brigida um so willkommener, als außer einer alten Haushälterin nur noch zwei Mägde sich bei ihr befanden, diejenigen Peons aber, welche sich nicht an der Verfolgung der Indianer betheiligten, also zum Schutz des Gehöftes wenig geeignet waren, in einem abwärts gelegenen, eigens für sie eingerichteten Schuppen mit unverbesserlicher Theilnahmlosigkeit der Ruhe pflegten. Brigida gab ihren Nachbarinnen eine Strecke das Geleite. Die Thüre blieb so lange offen, in derselben aber standen die Hausgenossinnen, ihre junge Gebieterin erwartend. Nach kurzer Abwesenheit trat sie wieder bei ihnen ein, worauf Alle gemeinschaftlich an's Werk gingen, die Thür von innen sicher zu befestigen. Die Riegel klirrten noch und die heimkehrenden Nachbarinnen befanden sich kaum außerhalb der Hörweite, als von beiden Seiten des Gehöftes her mehrere Gestalten vor die Thür hinglitten, deren eine alsbald Einlaß begehrend anklopfte. »Wer ist da?« fragte die Haushälterin, den letzten Riegel noch in der Hand. »Tadeo,« flüsterte es geheimnisvoll. »Gott sei Dank, Tadeo ist heimgekehrt!« rief die Haushälterin Brigida zu, die bereits von dem engen Flur in das geräumige Wohngemach eingetreten war. »So sind wir wenigstens nicht ganz allein,« antwortete Brigida erleichterten Herzens, »schnell, schnell, öffne, damit er erfahre, weshalb der Fandango verfrüht sein Ende erreichte.« Während sie noch sprach, klirrten Schloß und Riegel, die Thür flog zurück, und bevor Brigida oder eine ihrer Untergebenen die ihnen drohende Gefahr erriethen, befanden sie sich in der Gewalt von einem halben Dutzend durch kriegerische Malereien entstellter Indianer, die durch Aufpressen der Hände den ihnen auf den Lippen schwebenden Schrei des Entsetzens erstickten. Zugleich funkelten Messerklingen vor ihren Augen, Jeden mit augenblicklichem Tode bedrohend, der einen Versuch zur Flucht wagen oder einen Laut ausstoßen würde. Obgleich die Unglücklichen begriffen, daß wenn man das Aeußerste gegen sie beabsichtigte, die unbarmherzigen Räuber nicht gezögert haben würden, sie mittelst ihrer Tomahawks auf ewig zum Schweigen zu bringen, hatte der Schrecken sie doch in so hohem Grade gelähmt, daß sie nicht den geringsten Widerstand zu leisten vermochten, als die Wilden ihnen Knebel zwischen die Zähne zwängten und sie demnächst an Händen und Füßen fesselten. Die Haushälterin und die beiden Mägde warfen sie auf die der Landessitte gemäß zur Nachtruhe mitten in das Gemach hineingezogenen Matratzen, einige Decken breiteten sie noch über sie aus, um ihnen die letzte Möglichkeit zu rauben, durch Klagelaute die Aufmerksamkeit zufällig Vorübergehender auf sich zu lenken, worauf sie die Lampe auslöschten, Brigida hinaustrugen und die Thüre so befestigten, als ob sie wirklich verschlossen gewesen wäre. Einige Sekunden lauschten sie; Alles ringsum war still; kaum fünfzig Schritte weit von ihnen drang durch ein kleines Fenster fahler Lichtschein ins Freie; man wachte daselbst noch; wenn auch durch die jüngsten Ereignisse in Angst und Sorge gestürzt, ahnte doch Niemand die unmittelbare Nähe der gefährlichen Erbfeinde. Ein Blick belehrte die Indianer über ihre Sicherheit. Es befand sich zwar kaum Jemand in Anton-Chico, den sie zu scheuen gehabt hätten, allein ihr Zweck wurde nur dann in seinem ganzen Umfange erreicht, wenn es ihnen gelang, unentdeckt zu entkommen und einen möglichst großen Zwischenraum zwischen sich und ihre muthmaßlichen Verfolger zu legen. Von Brigida selbst drohte ihnen am wenigsten Verrath, indem sie eine wollene Decke um ihr Haupt geschlungen hatten, in deren dicken Falten ihr mattes Stöhnen und Jammern erstarb. Eine Strecke trugen sie ihr Opfer; dann aber rief ein scharfes Zischen ihren Genossen mit dem Pferde herbei, und nachdem sie das beinahe bewußtlose Mädchen auf den Sattel festgeschnürt hatten, schlugen sie flüchtigen Schrittes die Richtung nach der westlichen Thalschlucht ein. Bald darauf wanden sie sich auf dem steilen Bergpfade langsam nach dem Plateau hinauf, wo ihr letzter Gefährte mit den Pferden sie erwartete. Dort oben waren sie sicher, daß ein etwahiger Hülferuf Brigida's nicht mehr in die Ansiedelung hinabdrang; sie entfernten daher Decke und Knebel, um ihr das Athmen zu erleichtern, und sie zwischen sich nehmend, setzten sie ihre Flucht in nördlicher Richtung über das Plateau fort. – Im Thale von Anton-Chico herrschte unterdessen die tiefste Stille. Hin und wieder kläffte wohl ein aus den Schluchten ins Freie getretener Prairiewolf, oder ein jagender Uhu lachte schauerlich, doch diese Töne erhöhten nur den Charakter beängstigender Verödung. Erst als der Tag zu grauen begann, das Krähen der Hähne sich zu dem Meckern der vereinzelten Ziegen und dem Blöken der auf den Höfen umherirrenden wenigen Schafe gesellte und die Wohnungen der Menschen allmählich deutlicher hervortraten, schien es, als ob mit der Dunkelheit ein schwer drückender Bann von dem Städtchen wiche. Wer von irgend einem der den Thalkessel begrenzenden Plateauränder niederwärts gespäht hätte, auf den würde der Anblick der gleichsam erwachenden Landschaft mit den sich über die würfelförmigen Häuser erhebenden schmalen Rauchsäulen und den hier und dort über die Vorplätze schlüpfenden menschlichen Gestalten sogar einen freundlichen Eindruck ausgeübt haben. Auch hätte er wohl seine Aufmerksamkeit einem Reiter zugewendet, der, wie fröstelnd, in eine grellfarbig gestreifte Decke gehüllt, auf der von einer westlichen Höhe niederführenden Santa-Fé-Straße sein Roß in das Thal hinablenkte und, unten angekommen, auf das Städtchen zubog. Er hätte durch die sich schnell lichtende Dämmerung hindurch bemerkt, wie aus den nächsten Häusern mehrere Gestalten dem Reiter entgegeneilten und mit lebhaften Armbewegungen ihm irgend etwas berichteten. Es wäre ihm nicht entgangen, wie sodann der Reiter sein Roß heftig spornte und vor des Alkalden Haus hingaloppirte, dort aus dem Sattel sprang und an die Thür eilte, um Einlaß zu begehren, wie auf sein bloßes Pochen aber schon die nur angelehnte Thür nachgab und er im Innern des Hauses verschwand. Nach einigen Minuten erschien er wieder; sein Ruf hallte durch die Ansiedelung, und aus allen Richtungen eilten Frauen, Mädchen und Kinder nach der Wohnung des Alkalden, um sich an Ort und Stelle von dem Unglück zu überzeugen, welches dessen Tochter betroffen hatte. Eine halbe Stunde verging, während welcher die Verwirrung in dem Orte den höchsten Grad erreichte. Nur der Reiter schien seine Ruhe zu bewahren, denn er fütterte den vor dem Hause des Alkalden stehenden Renner mit einigen Maiskolben, spürte die nächste Umgebung des Städtchens sorgfältig ab, worauf er mehrere Knaben beauftragte, auf schnell herbeigeschafften Pferden dem Alkalden nachzureiten und ihn und seine Begleiter von Brigida's Entführung in Kenntniß zu setzen. Dann erst begab er sich zu seinem eigenen Pferde. Bedächtig prüfte er das Zaumzeug, bedächtig zog er die Gurten straffer; den in mäßig großen Reifen zusammengelegten Lasso hing er über den Sattelknopf, und mit einem flüchtigen Scheidegruß bestieg er den von Kraft strotzenden Renner, der, obwohl er die halbe Nacht unterwegs gewesen war, bei der Aussicht auf einen neuen Ritt ungeduldig mit den Hufen scharrte und in gestrecktem Galopp der oben näher bezeichneten Schlucht zueilte. Alles dieses hätte ein auf dem nächsten Plateaurande aufgestellter Späher bequem übersehen können. Wäre er aber nach der Stelle hinübergegangen, auf welcher der sich nach dem Plateau hinaufschlängelnde Saumpfad dieses erreichte, dann würde er sehr bald Gelegenheit gefunden haben, den bisher aus der Ferne beobachteten Reiter genauer kennen zu lernen. Derselbe war ein Bursche von etwa dreiundzwanzig Jahren, nicht ganz so hoch gewachsen wie Cristobal, aber von gedrungenerem und kraftvollerem Körperbau, und seinen edlen Renner tummelte er in einer Weise, als ob er mit demselben aus einem Guß bestanden hätte. Auf seinem bräunlichen, jugendfrischen Antlitz, erst spärlich geschmückt mit einem weichen schwarzen Barte, ruhte ein gewisser Trotz; aus seinen dunkeln Augen leuchtete unerschütterliches Selbstvertrauen, welches freilich an dem heutigen Morgen durch einen sprechenden Ausdruck der Angst verdrängt wurde. Seine Tracht war die der Arrieros, wie solche von begüterten mexikanischen Landbesitzern zum Einfangen verwildeter Pferde und Rinder gehalten werden. Eine kurze dunkelfarbige Jacke, ein breiter Gurt und schwarze enge Beinkleider bildeten die Hauptbestandtheile des Anzuges. Die Unterschenkel wurden noch besonders geschützt durch breite und sehr feste Lederstücken, die, sich gamaschenartig anschmiegend, unterhalb des Knies durch einen Riemen zusammengehalten wurden. An seinen Füßen klirrten die gewöhnlichen, mit Kettchen verzierten riesenhaften Sporen; auf dem Kopfe ruhte, tief in die Stirn geschoben, der breitrandige Hut, während unter demselben eine üppige Fülle schwarzen Lockenhaars hervorquoll und bis auf die Schultern niederfiel. Wer ihn so sah, hielt ihn schwerlich für einen Peon oder Leibeigenen, so stattlich nahm er sich auf dem eigenthümlich schwer gesattelten Renner aus; noch weniger aber standen im Einklange mit seiner untergeordneten Stellung die Angst und die Leidenschaftlichkeit, mit welcher er sich anschickte, seinem Brodherrn die geraubte Tochter zu retten. Nachdem Tadeo, denn kein Anderer war es, die Hochebene erreicht hatte, spähte er eine Weile argwöhnisch um sich; dann prüfte er vom Sattel aus die Spuren, welche von den Pferden der Comanches auf dem festen Lehmboden kaum bemerkbar ausgeprägt worden waren. Dieselben standen nördlich, und der Ausdruck einer gewissen Befriedigung gelangte auf seinem frischen Antlitz zum Durchbruch, indem er berechnete, wohin die Entführer sich nur gewendet haben konnten, um mit ihren die Heerden davontreibenden Genossen zusammenzutreffen. Noch einmal schweiften seine Blicke auf der von Plateaus und zerklüfteten Bergjochen begrenzten Linie des Horizontes herum, noch einmal verglich er in Gedanken die Lage der von des Alkalden Heerden benutzten Weiden mit dem einzigen den Räubern zur Flucht offen stehenden Wege und der Zeit, welche sie zum Vorsprung gewonnen hatten; dann trieb er sein Pferd an. Zuerst versetzte er es in einen schnell fördernden Paßschritt; aber schon nach einer halben Stunde verfiel es in einen regelmäßigen gestreckten Galopp, und ohne Unterbrechung schoß es wie ein Vogel über die hoch gelegene und von jedem Hinderniß freie Ebene dahin. Die Strecke, zu welcher die Comanches mit ihrer Gefangenen fünf Stunden gebrauchten, legte er in kaum zwei Stunden zurück, ohne daß sein Pferd bemerkbare Spuren von Ermüdung gezeigt hätte; als er sich aber dem nördlichen Rande des Plateaus näherte, wo er wenig Deckung zwischen den spärlich zerstreuten Cedern fand, mäßigte er seine Eile. Zuletzt stieg er sogar ab, und das Pferd am Zügel führend, schlich er so lange in einer bestimmten Entfernung an dem Rande des Abhanges hin, bis er einen Punkt erreichte, von welchem aus er ebensowohl das östliche, weithin gegen Norden zwischen anderen Höhen sich verlierende Thal, als auch die Schlucht zu übersehen vermochte, welche dicht vor ihm von dem erwähnten Thale aus in vielen Windungen westlich lief und das nächste Plateau von demjenigen trennte, auf welchem er sich befand. Der erste Blick niederwärts belehrte ihn, daß er sich in seinen Muthmaßungen nicht getäuscht hatte. Bei der weiten Fernsicht, welche er genoß, entdeckte er nicht nur die Viehräuber und deren Verfolger, sondern auch die acht Comanches, die zum Theil in der Mündung der Schlucht hinter einigen Cederbüschen, die gefesselte Brigida in ihrer Mitte, rasteten, theils eine Strecke nach dem schroffen Abhange des Plateaus hinaufgeklettert waren und mit unverkennbarer Spannung die in dem Thale stattfindenden Ereignisse bewachten. Bei der eigenthümlichen Klarheit der Atmosphäre in jenen Regionen und in seiner Stellung vermochte Tadeo die Bewegungen Aller genau zu verfolgen; selbst über die einzelnen Persönlichkeiten, obgleich dieselben ihm wie durch das Thal kriechende Käfer erschienen, blieb er keinen Augenblick in Zweifel, noch weniger über den Stand der Dinge selbst, die für die Zwecke der Räuber offenbar keinen günstigen Fortgang genommen hatten. Südwärts, so weit seine Blicke reichten, sah er die Ebene mit Theilen einer zersprengten, ursprünglich nach vielen Tausenden zählenden Schaf- und Ziegenheerde bedeckt. Berittene Hirten waren beschäftigt, die nach allen Richtungen fliehenden Thiere wieder zusammenzutreiben. Ein Trupp von einigen zwanzig Reitern ließ Hirten und Heerden hinter sich zurück und verfolgte eifrig eine andere, fast ebenso starke Reiterschaar, welche einen Vorsprung von einer guten halben Stunde haben mochte. Letztere hielt sich in der Nähe des westlichen Plateaus, wo von den Höhen niedergewaschenes und niedergebrochenes Erdreich und Gestein sich pfeilerartig an die schroffen Uferwände lehnten, diese aber ihre sich allmählich senkenden Ausläufer weit in die Ebene hinaussendeten. Aus den Bewegungen der einzelnen Reiter ging hervor, daß sie sich den Blicken der Verfolger zu entziehen suchten, was ihnen zwischen den unregelmäßigen Hügelketten augenscheinlich gelang; dagegen befanden sie sich unausgesetzt in Tadeo's Gesichtskreise. Die Schafe und Ziegen angesichts der ihnen nachsetzenden Männer von Anton-Chico zurücklassend, suchten sie mit den Rindern und Pferden auf günstigerem Boden zu entkommen. Aber auch die Rinder waren zuletzt nicht mehr im Stande, gleichen Schritt mit ihnen zu halten, und deutlich gewahrte Tadeo, daß zwei derselben, welche die Flucht zu sehr hinderten, in eine enge Regenschlucht getrieben und dort, um wenigstens das Fleisch für den Stamm zu retten, mittelst Pfeilen niedergeschossen wurden. Dann aber setzten sie die Flucht wieder mit beschleunigter Eile fort, wobei die ganze Bande, einen Halbkreis bildend, gegen vierzig Pferde und vielleicht halb so viele Rinder vor sich hertrieb. Unfähig, sich mit seinen Freunden im Thal in Verkehr zu setzen, oder sich auch nur bemerklich zu machen, schwankte Tadeo lange, bevor er sich für das eine oder das andere Verfahren entschied. Den Entführern Brigida's in die Schlucht hinab nachzureiten, wäre ebenso nutzlos wie gefährlich gewesen. Mußten doch zu der Zeit, zu welcher er den Boden der Schlucht erreichte, die Viehräuber unfehlbar vor derselben eintreffen; dann aber bildete die vereinigte Bande eine wohlbewaffnete Macht, welche mit Aussicht auf Erfolg zu bekämpfen, mindestens achtzehn bis zwanzig Mann erforderlich gewesen wären. Er überlegte noch, als seine Aufmerksamkeit sich wieder dem von Lebeau geführten Trupp zuwendete. Ein Reiter, in welchem er Cristobal erkannte, hatte sich von demselben getrennt und beschrieb mit seinem sich durch seltene Gewandtheit auszeichnenden Renner eine große Achte, worauf er sich den Gefährten wieder anschloß. Diese Bewegung, an sich harmlos, erschien dem spähenden Tadeo dennoch überflüssig und ungerechtfertigt. Der in ihm aufsteigende Argwohn wurde aber zur Ueberzeugung, als die gellenden Rufe der tief unter ihm aufgestellten Schildwachen heraufdrangen, und er, über die Felsenwand niederwärts schauend, entdeckte, daß sie in langen Sätzen den Abhang hinabeilten, die in der Schlucht befindlichen Indianer dagegen die weidenden Pferde aufzäumten und Alles zur Fortsetzung der Flucht vorbereiteten. »Caramba!« entwand es sich den Lippen des erbitterten Arriero's, und mechanisch umklammerte die rechte Faust das Heft des in seinem Gurt steckenden breiten Messers; »also dennoch im Einverständniß mit ihnen! Ha, ich ahnte längst, weshalb er selbst stets von ihnen verschont blieb. Verdammt, andere Leute verarmen bei harter Arbeit, während er täglich wohlhabender wird, ohne daß man ihn in seinem Heimatsorte jemals arbeiten sähe. Zuerst raubte er die Heerden und demnächst die Tochter; er weiß, daß auf andere Art sie nie sein eigen werden würde. Per Dios, Freund Cristobal! wir wollen sehen, ob ein Peon nicht mehr werth ist, als ein Genosse von Dieben und Räubern.« Die mit dem Vieh beschäftigten Indianer waren unterdessen der Schlucht gegenüber eingetroffen. Ob die bei Brigida befindlichen Männer sie sahen, vermochte Tadeo von oben herab nicht zu unterscheiden; wohl aber entdeckte er, daß sieben derselben einzeln, je nachdem sie fertig wurden, sich auf ihre Pferde schwangen und in gestrecktem Galopp in das Thal hinauseilten. Sie beabsichtigten offenbar, sich unter dem Schutze der theilweise bewaldeten Hügel ihren Genossen zuzugesellen und ihnen beim Treiben der geraubten Heerde behülflich zu sein, nötigenfalls auch sie in ihrem Widerstand gegen die Verfolger zu unterstützen. Ihr Verfahren befremdete ihn nicht, er hatte es sogar erwartet; dagegen überraschte es ihn, daß der letzte Indianer mit Brigida sich seinen Gefährten nicht anschloß, sondern umkehrte und, des jungen Mädchens Pferd führend, tiefer in die Schlucht eindrang. »Vor allen Dingen will man die schöne Brigida in Sicherheit schaffen,« sprach Tadeo zähneknirschend vor sich hin; dann entrang es sich wie ein wilder Jubelruf seiner Brust. In der nächsten Minute aber hatte er sich in den Sattel geschwungen, worauf er so lange an der Schlucht hinritt, bis er den in dieselbe hinabführenden Pfad erreichte. Brigida und ihr Wächter waren unterdessen hinter dem nächsten Ufervorsprunge verschwunden. Tadeo konnte daher unbemerkt in die Tiefe hinabgelangen, wo er sogleich den Lasso zur Hand nahm und in schnellster Gangart die von dem Comanche verfolgte Richtung einschlug. Brigida ritt einen indianischen Mustang; man hatte sie auf denselben festgeschnürt; ebenso waren ihr, um sie vollständig in die Gewalt ihres Wächters zu geben, die Hände gefesselt worden. Den Zügel ihres Pferdes hatte der Indianer dafür an seinen eigenen Sattel befestigt, so daß, wohin er sich wenden mochte, sie ihm beständig zur Seite blieb. Die Bewegungen der beiden Pferde wurden dadurch auf dem hindernißreichen und oft sehr schmalen Wege natürlich vielfach gehemmt; allein da der Wilde sich mit seiner Beute außer aller Gefahr wähnte, so geizte er nicht mit der Zeit, und so groß war sein Sicherheitsgefühl, daß er kaum aufschaute, als er plötzlich den Hufschlag eines ihm nachsetzenden Pferdes vernahm. Lag es für ihn doch außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß der vorläufig noch durch eine Schluchtbiegung seinen Blicken entzogene Reiter ein Anderer, als einer seiner Gefährten sein könne. Sorglos ritt er um die nächste Biegung herum; dort aber, wo die Abhänge der Plateau's weiter zurücktraten, hielt er an, um den vermeintlichen Gefährten zu erwarten und den Zweck seines Kommens zu erfahren. Nachlässig hatte er sich halb im Sattel umgedreht; anstatt aber rückwärts zu schauen, weideten sich seine schadenfrohen Blicke an der lieblichen Brigida, die, ein Bild hoffnungsloser Verzweiflung, auf dem Rücken des geduldigen Mustangs hing und nur durch die festgeschnürten Banden am Hinabsinken gehindert wurde. Jetzt sprengte der Reiter hinter dem Ufervorsprunge hervor. Der Indianer sah mechanisch hinüber, aber als sei er von einem tödlichen Geschoß getroffen worden, schnellte er empor, sobald er Tadeo erkannte, der bei seinem Anblick sogleich den Lasso um's Haupt schwang und mittelst einer einzigen Drehung die Schlinge in Kreisform öffnete. »Hund von einem Comanche!« rief er gleichzeitig, dem Pferde die Sporen tief in die Weichen drückend, denn er gewahrte, daß der Indianer, einem dunkeln Triebe der Selbstverhaltung folgend, das Messer aus dem Gurt riß und sich bereit machte, den ihm drohenden Lasso rechtzeitig zu durchschneiden. Doch der Elende hatte keinen gewöhnlichen Arriero vor sich, der, um einen Menschen zu fangen, die Schlinge bis zur Größe eines Wagenrades hätte erweitern müssen. Klein, ganz klein, kaum anderthalb Fuß im Durchmesser und aus einer Entfernung von dreißig Fuß kam die verhängnißvolle Schleife angesaust, so klein, daß, als er den Arm ausstreckte, um sie mit dem Messer aufzufangen, sie zwischen Arm und Kopf hindurchglitt und sich eng um seinen Hals legte. Er suchte sich zu befreien und griff mit der linken Hand in die Schlinge, doch in demselben Augenblick bäumte sich Tadeo's Pferd, und sich vor dem heftigen Schenkeldruck seines Reiters herumwerfend, der mit Blitzesschnelligkeit das lose Ende des Lasso's um den Sattelknopf schlang, riß es den Indianer rücklings zur Erde. Gleich darauf stand Tadeo mit dem geschwungenen Messer über ihm; allein es bedurfte dieser Vorsicht nicht mehr, die Gewalt des Stoßes hatte dem Elenden das Genick gebrochen und seinen jähen Tod herbeigeführt. – Draußen im Thale hatten unterdessen Räuber wie Verfolger nach begonnener Weise ihren Weg fortgesetzt: Letztere die frischgebrochenen Fährten beständig im Auge, Erstere seit Eintreffen der Genossen mit erneuten Kräften ihre Beute zwischen den vielfach gekerbten Plateaupfeilern und Hügeln einhertreibend. Rind auf Rind wurde abseits gejagt und niedergeschossen, bis zuletzt deren höchstens noch zehn oder zwölf die galoppirenden Pferde begleiteten. So gelangten endlich auch die Verfolger in die Mündung der Schlucht, und nach allen Seiten stoben sie auseinander, um sich Gewißheit über den Ursprung der ihnen entgegenstehenden Fährten zu verschaffen. Cristobal war der eifrigste von Allen; er sprengte am tiefsten in die Schlucht hinein, wo die westwärts ausgeprägten Hufspuren ihn bald belehrten, daß sein verrätherischer Plan geglückt sei. Ohne Säumen gesellte er sich darauf den Gefährten wieder zu, trotzig behauptend, mit fruchtlosen Forschungen keine Zeit verlieren zu dürfen. »Seid verdammt genau mit den Schleichwegen der Comanches vertraut!« rief Lebeau aus, dessen scharfen Augen keine einzige der von den Entführern Brigida's in der Schluchtmündung ausgeprägten Spuren entgangen war, »neun Pferde haben hier gestanden, sieben sind in's Thal hinausgezogen, während zwei umkehrten. Es sollte mich nicht wundern, würden wir für unsere Mühe belohnt, verlören wir die beiden letzteren nicht aus den Augen.« »Wofür haltet Ihr mich?« fuhr Cristobal wüthend auf, indem er die rechte Hand an den Kolben seiner Pistole legte. Lebeau lachte spöttisch. »Vielleicht gerade für das, für was Ihr am wenigsten gehalten sein möchte,« antwortete er sodann, »aber laßt Eure Knallbüchse stecken, es möchte mir sonst einfallen, Euch zu 'ner Art westlichen Duells herauszufordern.« »Friede! Friede, Sennors,« bat der Alkalde dringend; »wenn Ihr überhaupt noch geneigt seid, mir zur Erlangung meines Eigenthums behülflich zu sein, so spart Euren Hader für gelegenere Zeiten auf.« Er wollte noch etwas hinzufügen, als die Aufmerksamkeit Aller in die Schlucht hineingelenkt wurde, von woher der Galopp zweier Pferde zu ihnen herüberdrang. Sobald aber Tadeo und Brigida sichtbar wurden, Letztere mit aufgelöstem Haar, brach sich das Erstaunen in einem allgemeinen Ausruf Bahn. Nur Lebeau blieb ruhig und beobachtete argwöhnisch Cristobal, der bei dem unerwarteten Anblick erbleichte, während sein Pferd, als sei die Unruhe seines Herrn in es übergegangen, ungeduldig hin und her trat. Als sie sich den ihrer Ankunft erstaunt entgegensehenden Freunden bis auf etwa fünfzig Schritte genähert hatten, mäßigte Tadeo die Eile seines Pferdes, während Brigida neben ihren Vater hinflog, ihn unter Thränen des Entzückens begrüßend und mit wenigen Worten die überstandenen Leiden und ihre Rettung durch Tadeo schildernd. Wie erstarrt vernahm der Alkalde die Kunde von der Gefahr, welche seinem Hause gedroht hatte; die ringsum Haltenden schienen dagegen das Vernommene zu bezweifeln, und fragend ruhten alle Blicke auf Tadeo und Cristobal, als Letzterer, welchen der empfundene Schrecken förmlich gelähmt hatte, sich plötzlich wieder hoch im Sattel aufrichtete und mit einem Ausdruck wahrhaft thierischer Wuth um sich spähte. »Bestreitet Jemand, daß der Peon da drüben im Einverständniß mit den Räubern handelte, um sich des Mädchens zu bemächtigen?« rief er aus. »Tadeo ist unschuldig, er ist mein Retter!« fiel Brigida flehentlich ein, denn noch kannte sie nicht den ganzen Umfang der von dem Ranchero verübten Verrätherei. »Ich bin Mannes genug, für mich selbst zu sprechen!« schnitt Tadeo nunmehr alle weiteren Eröterungen ab, und sein Pferd mit dem in seiner rechten Faust ruhenden Lasso heftig antreibend, sprengte er bis auf zehn Schritte vor Cristobal hin. »Don Cristobal!« redete er den ihn mit einem Gemisch von Haß und Geringschätzung Betrachtenden an, »seid Ihr bereit, die gegen mich erhobene Anklage zu vertheidigen, wohlan, so bin ich ebenso bereit, nicht nur zu vertheidigen, sondern auch zu beweisen, was ich, der Peon, jetzt Euch gegenüber behaupte: Mit Eurem Wissen und Willen ist heute zum dritten Male unser Alkalde seines Viehs beraubt worden; auf Euer Anstiften allein wurde Brigida« – »Hund von einem Peon!« schrie Cristobal, vor Wuth seiner nicht mehr mächtig, und gleichzeitig riß er eine Pistole aus dem Holster, die er auf Tadeo abfeuerte. Brigida stieß einen Schrei des Entsetzens aus und schmiegte sich an ihren nicht minder erschrockenen Vater an. Lebeau sprengte wild fluchend an Cristobal vorbei, mit gewandtem Griff ihm die zweite noch geladene Pistole entreißend und neben sich in den Sand abfeuernd; der Arriero aber hielt da, wie aus Erz gegossen; nur die Schlinge kreiste in der erhobenen Faust langsam um sein Haupt. Die mit unsicherer Hand abgeschossene Kugel hatte ihn nicht berührt. «Friede, Ruhe! Die Sache soll untersucht werden!« ermahnte der Alkalde. »Lasso gegen Lasso!« rief dagegen der über die Aussicht auf einen Zweikampf entzückte Lebeau. »Lasso gegen Lasso! Beide verstehen gleich gut ihn zu schwingen, und ein feiger Hund, wer zurücksteht! Halloh! Platz da hinten für die Kämpfer! Zeigt, daß Ihr ein Mann seid, Don Cristobal, und kein Vieh- und Mädchenräuber! »Tadeo, jetzt gilt's, durch einen einzigen Wurf den Peon von Euch abzustreifen! Wer zuerst stürzt, hat verloren, und der Sieger mag ihm zehn Kantschuhhiebe mit in den Kauf geben!« Weiter brauchte der tolle Bärenjäger nicht anzufeuern. Cristobal hatte den Lasso vom Sattelknopf gelöst und geordnet, mit einem Fluche riß er sein Pferd herum, und die geöffnete Schlinge kunstgerecht schwingend, bereitete er sich zum Angriff auf den Arriero vor. Obwohl alle Anwesenden die zwischen den beiden Nebenbuhlern bestehende tödliche Feindschaft kannten, glaubte doch Niemand, daß der Kampf weiter, als bis zu der Erniedrigung des Einen von ihnen fortgesetzt werden würde. Selbst der Alkalde theilte diese Meinung, und wenig eindringlich waren seine Worte, als er Brigida zu überreden suchte, sich mit ihm zu entfernen. Brigida aber saß da, als hätte sie des Vaters Worte nicht gehört. Sie war zu sehr Mexikanerin, zu sehr in Liebe dem jungen Arriero zugethan, um eine Stätte zu verlassen, auf welcher über ihr Lebensglück entschieden werden sollte. Die beiden Reiter hatten unterdessen begonnen, sich gegenseitig in den buntesten Schlangenlinien zu umkreisen. Die Lassos drehten sich in den erhobenen Fäusten; fest waren die Augen auf den Gegner und die feindliche Waffe gerichtet, jede Bewegung genau berechnend und dem eigenen Pferde keine Sekunde Rast gönnend. Ringsum herrschte tiefe Stille, man hörte nur den unregelmäßigen Hufschlag und das Keuchen und Schnauben der bis zur Aufbietung ihrer äußersten Kräfte angetriebenen Pferde. Plötzlich richtete Cristobal sich in den Steigbügeln empor, und sein Pferd zu einem langen Satze zwingend, holte er zum Wurf aus. Der Lasso entglitt indessen nicht seiner Hand; er hatte Tadeo nur täuschen und zum Schleudern bewegen wollen, um gleich darauf desto sicherer von seiner eigenen Waffe Gebrauch zu machen; denn als das Pferd den Boden wieder berührte, drehte der Lasso sich, anstatt über seinem Haupte, seitwärts von ihm, wahrend er den Oberkörper fest an den Hals seines Pferdes anschmiegte, in der Hoffnung, daß die zuversichtlich erwartete Schlinge harmlos über ihn hingleiten werde. Und Tadeo warf wirklich, allein nicht in gerader Richtung, sondern er beschrieb mit der über seinem Haupte kreisenden Schleife eine schiefe Achte, und als seine Faust sich öffnete, da zuckte sie, mit unglaublicher Kraft und Sicherheit gelenkt, dicht über den Kopf seines eigenen Pferdes fort, so daß sie dem ebenfalls nach vorn drängenden Pferde Cristobals im Sprunge begegnete, über dessen Kopf glitt und zugleich den sich noch immer an den Hals seines Thieres anklammernden Reiter mit faßte. In demselben Augenblick warf der Arriero aber auch schon sein Pferd herum, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß Cristobals Renner, welcher durch einen neuen Sprung nach vorn die Wucht des Stoßes verdoppelte, krachend auf den Rücken schlug den mit ihm durch die Schlinge vereinigten Ranchero unter sich begrabend. – Brigida hatte die Hand ihres Vaters ergriffen, dieselbe leidenschaftlich pressend. Es war die einzige Art, auf welche sie ihre sie fast überwältigenden Empfindungen zu offenbaren vermochte. Von den Lippen der übrigen Anwesenden brach dagegen ein triumphirendes Hurrah, sobald sie den Arriero siegreich aus dem Kampfe hervorgehen sahen. Mehrere sprangen aus dem Sattel, um Cristobal zu Hülfe zu eilen; auch Tadeo näherte sich ihm, es seinem Pferde überlassend, die an dem Sattelknopf befestigte Leine straff zu halten. Als er bei dem Besiegten eintraf, zwang er sein Pferd durch einige ihm zugerufene Worte die Leine zu lockern. Cristobals erprobter Renner erhob sich stolpernd; er selbst aber fiel, sobald die Schlinge sich öffnete, schlaff zurück. Mochte es in Tadeo's Absicht gelegen haben, oder nicht, die unscheinbare Waffe, mit welcher er vom Sattel seines wohlgeschulten Pferdes aus den wildesten Stier niederzuwerfen verstand, war auch hier in seiner Faust eine furchtbare geworden. Alle Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich; der Lasso und die Gewalt, mit welcher das Pferd auf ihn stürzte, hatten Cristobals Knochengerüst förmlich zerschmettert. – – – – In trüber, banger Stimmung trennte sich die Gesellschaft von einander. Der Alkalde schlug mit seiner Tochter den nächsten Weg nach Anton-Chico über das Plateau ein. Mehrere Hirten, den auf sein Pferd gebundenen Leichnam zwischen sich, begaben sich durch das Thal auf den Heimweg. Die übrige streitfähige Mannschaft, an ihrer Spitze Lebeau und Tadeo, setzten dagegen die Verfolgung der Räuber fort. Erst am Abend des nächsten Tages trafen sie wieder bei den Ihrigen ein, und mit sich brachten sie einige Rinder und alle Pferde bis auf zwei. Man hatte die Räuber wirklich eingeholt, zum Kampfe war es indessen nicht gekommen. Dafür hatte Lebeau ein Einverständniß mit den Comanches vermittelt, laut dessen sie zwei Pferde und das Fleisch der von ihnen erschossenen Rinder behielten, sich dagegen verpflichteten, Anton-Chico fortan, gegen Erstattung eines mäßigen Tributes an Ziegen, nicht mehr durch räuberische Ueberfälle heimzusuchen. Außerdem lieferten sie die untrüglichen Beweise, daß sie stets im Einverständniß mit Cristobal gehandelt hatten und ein großer Theil der von ihnen verübten Grenzräubereien ihm zur Last gelegt werden mußte. Letzteres verscheuchte die trübe Wolke, welche noch das Gemüth des Einen oder des Andern in Anton-Chico umdüsterte; und als drei Monate später wieder einmal des Abends nach Sonnenuntergang die Kirchenglocke die tanzfähige Einwohnerschaft zu einem ungewöhnlich glänzend ausgestatteten Fandango rief, da geschah dies, um die eheliche Verbindung und kirchliche Einsegnung des freien Bürgers Tadeo mit der schönen Brigida, der Tochter des würdigen und mit dem Verlauf der Dinge zufriedenen Alkalden, zu verherrlichen. Ein Sonntag in den Goldminen Verlockend klingen die Schilderungen der Goldfelder Kaliforniens, welche über den ganzen Erdball verbreitet werden! Und dennoch, um das edle Metall aus seinen dunkeln Lagern, wo es seit unberechenbaren Zeiten ruhte, an's Tageslicht zu fördern, bedarf es der Mühen und Anstrengungen, von welchen sich nur derjenige ein richtiges Bild zu entwerfen vermag, der solche aus eigener Anschauung kennen lernte. Selbst das einfache Waschen des Sandes auf Stellen, auf welchen das Wasser aus beträchtlichen Entfernungen herbeigeschafft, oder der Sand zu diesem hingetragen werden muß, sind Arbeiten, die, wenn sie lohnen sollen, den kräftigsten Körper ermüden und erschöpfen. Wo aber, um in den trocken gelegten Betten nach dem kostbaren Metall zu suchen, Flüsse abgeleitet, in Verfolgung der goldbergenden Adern tunnelähnliche Gänge in die Felsen hineingesprengt, brunnenförmige Schächte in den Erdboden gesenkt und lange Wasserleitungen gebaut werden müssen, da sind Kräfte erforderlich, wie sie nur durch das Zusammenwirken zahlreicher, arbeitsfähiger Männer aufgebracht werden können. Solche vereinigte Goldgräber-Gesellschaften oder Compagnien bilden gewissermaßen kleine Republiken, in welchen alle Hände gezwungen sind, gleichmäßig zu schaffen, während alle Augen gleich scharf und argwöhnisch die Vertheilung der gewonnenen Schätze überwachen. Doch ob vereinzelt oder in größeren Abtheilungen ihrem mühevollen Gewerbe nachgehend, die Goldgräber sind nicht um ihr Loos zu beneiden, und wohl ist ihnen zu gönnen jeder Gewinn, der das gewöhnliche Maß übersteigt, sie bis zu einem gewissen Grade entschädigt für ein an Genüssen jeglicher Art so unbeschreiblich armes Leben. Und welche Genüsse könnten sich den Menschen bieten, die bei ihrem Eintritt in die Minen Alles hinter sich zurücklassen, was sonst ihr Herz erfreute; die kein anderes Ziel, keine andere Hoffnung kennen, als durch ein launenhaftes Glück möglichst schnell in den Stand gesetzt zu werden, mit ausreichenden Mitteln versehen zu ihrer ursprünglichen Lebensweise zurückzukehren? Was kümmert den Goldgräber geselliger Verkehr, so lange derselbe nicht Arme aufzuweisen hat, welche die Hacke zu schwingen und die Schaufel zu handhaben verstehen? Was kümmern ihn malerische Scenerieen, hochaufstrebende gigantische Felsmassen, liebliche Thäler, schäumende Wasserfälle und sprudelnde Quellen, so lange sie nicht die Heimat leicht zu erschließender Goldlager? Befinden sich auch Manche unter ihnen, deren Dichten und Trachten einst geistige Genüsse gewesen, oder die sich ihr ganzes Leben hindurch eine warme Verehrung für die Natur und ihre Werke bewahrten; in den Goldminen zeichnet sich Keiner vor den Genossen aus. Ueberall dieselben sonnverbrannten, mehr oder minder bärtigen Physiognomien; auf dem wenig gepflegten langen Haar derselbe graue abgetragene Filzhut; überall dieselben farbigen Flanellhemden, dieselben langen Stiefeln und derselbe, mit Pistole und Messer beschwerte breite Ledergurt. So arbeiten nebeneinander, der frühere Kaufmann und der Kärrner, der lustige Student und der fechtende Handwerksbursche, der hausirende Jude und der übermüthige Offizier, der fromme Geistliche, der Viehtreiber und der Stutzer. Wo blieb das, was einst ihren Stand verrieth? Der Tod und das Gold machen Alles gleich. »Sechs Tage sollst Du arbeiten und am siebenten rasten«, dies ist das Gebot, nach welchem die Goldgräber vorzugsweise ihr Leben regeln. Die sechs Wochentage hindurch essen sie ihr Brod im Schweiße ihres Angesichts, den Feiertag aber heiligen sie, indem sie dem schwerarbeitenden Körper die ihm so nothwendige Ruhe gönnen, sogar mit den ihnen zu Gebote stehenden spärlichen und sehr kostspieligen Mitteln ihrer äußeren Erscheinung einen gewissen festlichen Ausdruck verleihen. Die Ruhe des Tages, die Entfernung der auf ihr mühseliges Gewerbe hindeutenden Spuren vom Antlitz, von den Händen und Kleidungsstücken bleiben nicht ohne Wirkung auf die in religiöser Beziehung ziemlich gleichgültigen Gemüther. Sie werden nachdenklicher und leicht gelingt es den theils von heiligem Eifer, theils von starrem Fanatismus beseelten, von Ort zu Ort wandernden Missionären und Wüstenpredigern, gleichviel ob Methodist, Baptist oder Presbyterianer, an solchen Tagen einen zahlreichen Zuhörerkreis um sich zu versammeln und ihren Worten und Lehren zugänglich zu machen. Wohl treibt nur der planlose Wunsch: Ein Stündchen in nicht oft gebotener Unterhaltung zu verbringen, die meisten aus ihrer trägen Sonntagsruhe auf die zur Kirche gewählte Stätte, wo sie ebenso gut zu rasten und Probegestein mittelst des Vergrößerungsglases zu untersuchen vermögen, wie in dem heimatlichen Bretterschuppen oder unter dem verwitterten Zeltdach; wohl gleiten die Blicke theilnahmlos über die wilden Gestalten der in den verschiedensten Stellungen gruppirten Arbeitsgenossen, über die bizarre Naturumgebung und endlich über denjenigen hin, von welchem sie die Unterhaltung erwarten; doch nur kurze Zeit, und es zeigt sich die Wirkung des Wortes, entnommen dem heiligen Buche und gesprochen mit frommer, überzeugender Kraft. Das summende Geräusch in der bunt zusammengewürfelten Gemeinde verstummt; mit gleicher Andacht lauschen der mit hoher geistiger Ausbildung in die Welt hinausgetriebene Abenteurer und der zu schwerer Arbeit geborene Sohn des Tagelöhners. Es lauscht der dem Götzendienst ergebene Chinese und die toll in's Leben hinein stürmende, leichtfertige kalifornische Sennorita. Anfänglich gefesselt durch das Ungewohnte der ganzen Scene, erhält die Aufmerksamkeit der Zuhörer doch sehr bald einen andern Charakter und mit diesem eine höhere Spannung. Erinnerungen werden wachgerufen, Erinnerungen, die bis in das früheste Jugendalter zurückreichen; vor dem in der Vergangenheit suchenden geistigen Auge tauchen traute Gestalten auf, von welchen Länder und Meere, vielleicht auch schon das Grab den fernen Angehörigen scheiden. Es sinkt die Hand mit der Lupe, es sinkt die Hand mit dem goldgeaderten weißen Quarz. In's Auge dringt die Thräne. Gefühle, wie sie einst den unter dem Schutze der Eltern sorglos in den Tag hineinlebenden Knaben bewegten, wiederholen sich bei dem gereiften, vom Schicksal in die Fremde verschlagenen Manne. Banges Sehnen erweitert die Brust, und nach oben richten sich die Blicke, im Herzen ein stummes Gebet um gedeihlichen Fortgang der mühevollen Arbeit, um eine glückliche Heimkehr. Das ist der Gottesdienst in der vor wenigen Jahren erst erschlossenen Wildniß! Ende.