Joseph Christian von Zedlitz Liebe findet ihre Wege Lustspiel in vier Aufzügen Personen. Donna Viola. Donna Perside. Donna Iris,  ihre Base. Don Fadrique von Fuentes. Don Alvai Flores. Crespo, Fadrique's Bedienter. Masken. Gaste. Pagen. Diener. Erster Aufzug. Hellerleuchteter Tanzsaal mit einem Säulengange. Erster Auftritt.   Im Hintergrunde bewegen sich reichgekleidete Masken und andere Gäste; unter ihnen Donna Iris und Donna Perside als Pilgerinnen, mit Larven vor dem Gesichte. Später erscheint Donna Viola als Sibylle, gleichfalls die Larve vor dem Gesichte, Don Alvar und Don Fadrique , ohne Larven, mit Maskenzeichen auf dem Barette. Fadrique (hervortretend.) Fruchtlos such' ich in der Menge, Heute nicht begegn' ich ihr, Und doch wett' ich, sie ist hier Wo verborgen im Gedränge. – Diese feenhafte Schöne Scheint fürwahr an Räthseln reich! Wo ich weil', an jedem Ort, Gibt ein Wort aus ihrem Mund Oder sonst ein Zeichen kund, Meine Zauberin sey dort. Müh' ich mich, sie aufzufinden, Husch! im Fluge ist sie fort! So hat immer, Schatten gleich, Die ein Nebelduft umwallt, Ich sie kommen sehn und schwinden, Und wohl kenn' ich die Gestalt, Ihrer Stimme Flötentöne Hört' ich, doch das Angesicht Meiner Fee – sah ich noch nicht. (Geht zurück)   Iris und Perside kommen hervor und nehmen die Larven ab. Perside. Ach! Iris. Du seufzest? Perside. Muß ich nicht, Wenn ich Don Fadriquen sehe? Iris. Mehr sucht dich das Glück als mich; Denn du siehst doch den Geliebten, Doch nicht meinen Bruder ich. Perside. Weißt du's, da du ihn nicht kennst? – Als du dich von ihm getrennt, War er so wie du ein Kind, Und seitdem, so hört' ich, sind Viele Jahre hingeflossen. Iris. Doch man sagt ja sonst, Natur Gäbe unwillkürlich kund, Wo verwandtes Blut sich findet; Warum schweigt bei mir ihr Mund, Daß sie auch nicht eine Spur Von dem Bruder mir verkündet? Perside. Kaum verräth ein Zufall dir, Daß er sich in diese Stadt Unter einem fremden Namen Aus Brabant geflüchtet hat, Fliegst du von Madrid hierher, Weißt nicht minder und nicht mehr, Als daß hier dein Bruder sey, Und ohn' alle andre Spur, Meinst du doch ihn aufzufinden. Iris. Aber, Bäschen – die Natur! Perside. Nicht einmal sein Angesicht Sahst du; wer soll dir Bericht Denn von einem Manne geben, Den du selbst nicht kennst? Iris. Drum eben Schelt' ich ja mit solchem Grimme Der Natur geheime Stimme; Denn, g'rad weil ich ihn nicht kenne, Ziemt sich's, daß sie mir ihn nenne. Perside. Gleiches Schicksal haben wir; Aehnlich Loos hab' ich gezogen: Du suchst deinen Bruder hier, Ich den Mann, dem ich gewogen; Du kennst deinen Bruder nicht, Und mich kennt nicht der Geliebte, Ob er gleich mich täglich spricht,   (Sie gehen zurück)   Viola und Alvar kommen hervor. Alvar. O, verbergt Euch länger nicht; Ruft mir mit so lauten Schlägen Doch mein Herz: »Sie ist's!« entgegen, Daß es Euer Angesicht Nicht bedarf, um euch zu nennen. Viola. Herr, Ihr irrt! Alvar. Verstellt Euch nicht! Warum birgt Viola sich Vor dem Manne, den sie liebt? Viola. Den sie liebt? – Ihr irrt am Zeichen! Wie Ihr selbst ja wißt, es gibt Oft Gestalten, die sich gleichen. Alvar. Euch sollt' ich, ich Euch nicht kennen? Viola. Kurz und gut! Kennt Ihr auch mich, Nun, so sollt Ihr wissen: ich, Don Alvar, will Euch nicht kennen! Alvar. Sprecht, was ist Euch? Viola. Fort von mir!   (Geht zurück.) Alvar O, um Gott! was that ich ihr, Daß sie so mich konnte kränken? (Er folgt.)   Iris und Perside kommen hervor. Perside. Iris, siehst du jene Maske – Dort, der Ritter folgt ihr nach, – Sage selbst, ist auf ein Haar Sie nicht ganz, ganz so wie meine Eben an dem Abend war, Als ich mit Fadrique sprach? Iris Zum Verkennen so wie deine Auf dem letzten Maskenballe, Gleich, bis auf das kleinste Band! Weil geschmackvoll das Gewand Ward gefunden, ahmt man's nach. Perside. Jene Maske wählt' ich mir, Weil sie paßt zu meinem Falle. Als prophetische Sibylle Ihn mit zaubergleichem Spruche Zu umfangen, war mein Wille, Daß er, aus der Räthsel Fülle Klug, sich selbst die Wahrheit suche.   (Sie gehen zurück.) Fadrique   (kommt hervor) Endlich seh' ich sie! Es ist Meine unbekannte Schöne, Ganz gekleidet so wie neulich! Dieses Zeichen ist erfreulich, Und ein Wink, ich soll ihr nahen. – Was ich jüngst mit ihr gesprochen, Und sie schüchtern abgebrochen, Knüpf' ich heute wieder an. Ja, wie's immer möge enden, Heute soll das Blatt sich wenden! – Jene Neigung, die seit Jahren, Durch bescheidne Hülle zwar, Mir die Dame läßt gewahren, Wirkt auf mich so wunderbar, Daß ich fest bei mir beschlossen, Meine Hand ihr anzubieten, Ob ich gleich ihr Angesicht Ohne Schleier nie gesehen, – Mich vermählen, wie's auch sey, Bin ich nun einmal gezwungen; Denn besorgt, daß ohne Erben Möcht' der letzte Sprosse sterben Seines Stammes, ward bedungen In des Oheims Testament: Daß ich unverehlicht nicht Dürfe bleiben, und benennt Ist die Frist. Ja, dreißig alt, Heißt es sich der Clausel fügen, Und ins süße Joch sich schmiegen. – Der Termin ist eben da. Doch so viel ich Mädchen sah, Konnt' ich dennoch keine finden, Der ich mochte mich verbinden; Immer rief in meiner Seele Eine mächt'ge Stimme laut: Jene Unbekannte wähle, Suche keine andre Braut! – Daß sie schön sey, zweifl' ich nicht; Daß sie innig mir ergeben, Kann ich nicht bezweifeln, und Weil denn seit uralten Zeiten, Wie die Menschen sich erzählen, Es der Brauch ist bei den Leuten, Daß sie doch zuvor sich sehen, Eb' sie in die Ehe schreiten, Will ich, umgekehret eben, Erst der Dame mich vermählen, Und sie dann nachher besehen.   (Geht zurück.)   Perside und Iris kommen hervor. Iris. Unser Loos darf sich nicht trennen, Bau' auf mich! – Nicht ohne Bruder Kehr' ich nach Madrid zurück, Du nicht ohne Liebesglück – Wenn ein Mann – ein Glück zu nennen! Perside. Sieh! er naht sich jener Maske! Iris. Weil er glaubt, du seyst verborgen Unter dem Gewand wie neulich. Perside. Theure Iris! ich vergehe! Iris. Nein, bei Gott! das würd' ich nicht. Daß um meiner schönen Augen Willen ras' und tob' ein Mann, Base, ei, das find' ich billig; Wenn er es nicht lassen kann, Mag er's thun! – was geht mich's an! Und ertragen kann ich's willig; Doch, daß eines Mannes wegen Ich mich grämte? – nimmermehr! Perside. Jene Dame kommt hierher! – Schnell die Maske vors Gesicht! Wo verberg' ich mich, daß nicht Meine Gegenwart ihn störe, Und ich da« Gespräch auch höre? Iris. Hinter diese Säule hier Laß uns treten!   (Sie verbergen sich.)   Viola, die Larve vor dem Gesicht, und Fadrique kommen hervor. Viola. Herr, ich muß es Euch gestehen, Aus der lauten Luft des Saales, Die mich ängstigt, mich betäubt, Zog ich mich hierher zurück, Wo allein zu seyn ich wähnte. Fadrique. Dieser Tag gehört der Freude, Und wo ihre Zauber walten, Dame, dort geziemt sich's schlecht, Scheu sich in sich selbst zu flüchten. Viola. Thut Ihr anders, thut Ihr recht; Jeder mag's nach Willkür halten. Fadrique. Wo die Freude hat zu schalten, Gilt, wie in der Liebe Reich, Ein Gesetz, für Alle gleich; Aufruhr darf das Reich nicht spalten, Wo Gehorsam strenge Pflicht, Dort, verzeiht, gilt Willkür nicht. Viola. Laßt ein andermal uns streiten, Wo gelegner Zeit und Ort. Fadrique. Donna, nein! Ihr dürft nicht fort! Dürft mir nicht aufs Neu' entgleiten, Eh' Euch, was mein Herz schon lange Tief bewegt, mein Mund gestanden! Don Fadrique von Fuentes Nenn' ich mich. – Denkt bei dem Klange Dieses Namens, daß der Mann, Der ihn trägt, sich Euch zu eigen Hat seit langer Zeit geschworen. Viola. Herr, Ihr scherzt! Fadrique. Bei meiner Ehre Schwör' ich, einem gült'gen Zeugen, Daß, nehmt Ihr Sie gütig an, Meine Liebe, Hand und Treue Ich Euch ohne Rückhalt weihe! Wie Euch der Entschluß auch seltsam Scheinen mag, daß Euch ein Fremder Ueberrascht mit solchem Antrag, Glaubt mir doch, fest ist mein Wille, Und nicht erst seit heut' entsprossen; – Was ich thu', ist lang beschlossen. Viola. Freier Scherz ist Maskenrecht, Und seyd deßhalb ohne Sorgen, Daß Ihr halten müßtet morgen Worte, die Ihr heute sprecht. Fadrique. Könnt' ich mit der Liebe scherzen, Nimmer könnt' ich's mit der Ehre! Daß bei ihr ich schwur, belehre Euch, daß Ernst sey meinem Herzen, Was ich sprach. Viola. Wie könnt' es seyn? Herr, Ihr kennt mich nicht, – und lieben Solltet Ihr? Fadrique. Und doch! Viola. Nein, nein! Fadrique. Glaubt Ihr, unbekannt geblieben Wär't Ihr mir? mit nichten, Dame! Ist mir fremd auch Euer Name Bis zur Stunde, seyd doch Ihr Mir nicht fremd! In Eure Nähe Führte mich mein guter Stern, Der Euch mir gezeigt von fern Als ein Ziel, werth meines Strebens, Und so Hab' ich, holdes Wesen, Zu der Herrin meines Lebens, Kühn vertrauend meinem Glück, Euch, die Herrlichste, erlesen. Viola. Herr, verzeiht! – Es sey geendet Dieß Gespräch, das, ich gestehe, Sich höchst sonderbar gewendet.   (Sie geht zurück.)   Fadrique (ihr folgend). Nein, Ihr dürft mir nicht entfliehen, Eh' ich Antwort von Euch habe.   Perside und Iris hervortretend Perside Ja, mein Unglück ist gewiß! Was mein eignes Auge sah, Nicht bezweifeln kann's mein Herz. Ja, er liebt! Iris Zähm' deinen Schmerz! Perside. Folgt' deßhalb seit jener Stunde, Wo zuerst mein Aug' ihn fand, Wie auf seine Spur gebannt – Wohl entgegen strenger Sitte – Ich ihm nach auf jedem Schritte, Zog ihm nach von Ort zu Ort, Seit er von Sevilla fort, Daß ich so ihn wiederfinde? Iris. Fasse dich! Perside. O blinde, blinde Raserei, die mich getrieben, Den zu suchen, der mich flieht, Den, der mich verschmäht, zu lieben! Iris. Nanntest du es thöricht nicht, Meinem Bruder nachzuspähen, Weil ich noch sein Angesicht Nie gesehn? Mir scheinst du da Eben in dem gleichen Falle! Ohne daß Fadriqu' dich sah, Soll er schon für dich entbrennen, Lieben, ohne dich zu kennen? Perside. Hat er mich nicht oft gesehen? Iris. Ja, verschleiert. Perside. Doch gesehen! Ist es nicht genug, o Iris, Daß, wohin er auch mag gehen, Er am selben Ort mich findet? Iris. Wo die Dame, kaum, daß er Sie bemerkt, sogleich verschwindet. Perside. Soll ich mir die Scham nicht sparen, Daß er wisse, all so sehr Könne Lieb' ein Weib bethören? Iris. Stolz und Liebe passen schlecht, Kräfte, die sich widerstreben. Perside. Hab' ich meinen Stolz nicht schon So der Liebe untergeben, Daß ich thue, was nicht recht? Iris, soll es ihm vielleicht Selbst mein eigner Mund bekennen? Iris. Eins von beiden muß geschehen! Ueberwinde deine Liebe, Oder wag', sie zu gestehen. Perside. Eh' verschlinge mich die Erde! Iris. Willst du nicht, so gib ihn auf! Desto besser! Laß ihn gehen, Den Unwürd'gen! Perside. Den Unwürd'gen? Bist du toll, ihn so zu nennen? Wer ist würdig, wenn nicht er? Siehst du nicht ihn glänzend strahlen Aus der Männer weitem Kreise, Wie des Demants funkelnd Licht? Nein, unwürdig ist er nicht! O, er steht so hoch im Preise, Daß, um seinen Werth zu zahlen, Leicht an Schätzen es gebricht. Nein! unwürdig ist er nicht! – Doch, daß er dieß Herz verschmähet, Iris, das ihm so ergeben! Iris, Iris! O, mein Leben Schwindet, wenn ich ihn verliere! Ach, was sag' ich! ihn verliere, Den ich Arme nie besessen! Iris. Lasse doch den Muth nicht sinken! – 's ist ein Irrthum, will mich dünken: Sterben will ich, wenn er nicht Dich in jener Maske glaubte. Perside. Iris, nein, er suchte sie. Iris. Still! Sieh hier sie wieder nahen.   (Sie ziehen sich zurück.)   Viola und Fadrique kommen hervor. Viola (die Larve vor dem Gesicht). Seht Ihr, so geht's! Weil ich Euch meinen Namen Auf Euer Bitten länger nicht verschwiegen, Will Euch an dieser Gunst nicht mehr genügen. So ist der Mann! mit nichts ist er zufrieden, Als König will er herrschen überall, Und alles soll sich seinem Willen fügen. Fadrique. Doch außer den Bezirken seiner Macht Gibt es ein seltsam wunderbares Land, Wo weniger ein Scepter wird geehrt Als eines Hirten Stab, und einem Kranze Die Königskrone weichen muß an Werth. Wo rings umher die laue Luft, entbrannt, Glüht in so zaubervollem Rosenglanze, Daß aller Purpur bleich in ihm erscheint; Ein Reich, so sonderbar gestaltet, daß Nur der in ihm zum Herren wird erkies't, Der in dem Staub sich schmiegt, und dienen Viel süßer ist, als herrschen. Sagt, Viola, Sagt selbst: wer ist so thöricht wohl und bliebe König der weiten Welt, und wollte nicht Viel lieber Sklave seyn im Land der Liebe? Viola. Ihr nennet da ein Land mir, Don Fadrique, Das ich nicht kenne, nicht zu kennen wünsche; Denn Manches ließ ich mir von ihm erzählen, Das mich erschreckt! – Voll falscher Zauber ist Dort, hört' ich sagen, Wasser, Erde, Luft. – Wie süß verschlungen Farbe, Klang und Duft Neu unbekannten Wandrer auch verlocken; Das, was so schön, so reizend scheint im Weiten, Soll, wenn er naht, ihm oft Gefahr bereiten. Fadrique. Nichts Böses, glaubt mir, hegt der holde Ort. – Nun, redet, süße Schöne! Sagt, wenn dort In jenem sel'gen, goldnen Zauberland Wir, einsam wallend, uns begegneten, Im Hainesdunkel, an der Quelle Rand, Und ich, zu Euern Füßen hingeschmiegt, Die Hand Euch bittend faßte, würdet Ihr Von mir Euch wendend, zürnend mir entfliehen? Viola. Herr! – Fairique. Laß mich's wissen, Viola. Wie ich schnell mich dann Besonnen fassen würde, weiß ich nicht; Doch kennt' ich eine Dame, die Ihr liebtet, Die meine Freundin wär', und mir vertraute, Und diese Freundin fragte mich um Rath, Ich würd' ihr sagen: daß, vor andern Männern, Wir Don Fadrique würdig scheint der Gunst, Die eine Frau mit Glimpf gewähren mag. Fadrique. So zögt die theure Hand Ihr nicht zurück? Viola. Auf leichte Blätter ritzte die Sibylle Manch ein bedeutungsvoll Orakelwort, Und gab's den Lüften Preis: die trugen's fort, Ihr unbekümmert, wo auch hin die Winde Im leichten Spiel es wehn, und wer es finde. Doch nirgend, Don Fadriqu', Hab' ich gelesen, Daß die Prophetin auch die Deuterin Des eignen Schicksalspruches sey gewesen. (Geht ab.) Fadrique. Sie ist entschlüpft! – Bei Gott! kein hold'res Weib Sah ich noch je! – Ob sie auch neidisch noch Ihr Antlitz mir verbirgt, sich scheu verhüllt. So weiß ich wenigstens doch jetzt den Namen Des holden Räthsels, das ich aufzulösen Seit langer Zeit umsonst bemüht gewesen. O, sie ist schön, ich weiß gewiß, sehr schön, Ließ auch die Larve nur die Augen sehn! Welch holdes Feuer, welch ein Glanz! – Wie gerne Möcht' ich in ihren Spiegel ewig schauen! Was sind die Augen aller andern Frauen? Nur todte Kohlen gegen diese Sterne!   (Geht ab.)   Iris und Perside treten hervor. Iris. Sind unsre Augen todte Kohlen, Base? Perside. Du hast es selbst gehört; ist's zu ertragen? Iris. Das soll er büßen! – Nun, er mag sich wahren! Perside. O, theure Iris! sinne Hülfe, Rath! Bist du mir gut, so laß mich's jetzt erfahren; Ich bin verloren, wenn er sich ihr naht! Iris. Noch seh' ich keinen Grund, um zu verzagen. Ich bin gewiß, ihn täuscht die Maske heut! Er suchte dich, indeß er sie gefreit. Perside. Ist's, ist es nicht? – ich muß aus seinem Munde Gewißheit haben! Ja, was auch geschehe, Ich lass' ihn nicht, nicht einen Augenblick; Ich folg' ihm nach, wohin er immer gehe! Iris. Auch mir scheints gut, daß er dich endlich sehe. Gib einmal ihm von deiner Neigung Kunde! Perside. Und wenn er mich gesehn und alles weiß, Und mich verschmäht? Glaubst du, ich könnte leben Nach solcher Schmach? Iris. Und wenn du länger schweigst, Wie ließe da der Mißverstand sich heben? Muß er sich dann Violen nicht ergeben? Perside. O Gott! was thun? Iris. Das wird sich morgen zeigen. Jetzt ist es Zeit zu gehn – der Saal wird leer. Perside. Nun denn, – wohlan! Entscheide das Geschick! Wie auch das Loos mir fällt, ich bin gefaßt! Die Lenkerin der Liebe ist das Glück. – Ob auch im Haupt verwirrt noch die Gedanken, Verwirrt im Busen die Entschlüsse wanken – Dieß Eine schwör' ich bei des Himmels Macht: Kann dieses arme Herz ihn nicht erwerben, Nicht leben will ich mehr! dann laßt mich sterben!   (Sie gehen ab. Die Gäste und Masken haben sich schon früher verloren.) Zweiter Auftritt. Ganze Tiefe des Theaters. Straße. Seitwärts ein erleuchteter Palast, zu dessen Eingange eine Terrasse mit Stufen führt. Man sieht während der ersten Reden einzelne Masken, von Dienern mit Fackeln begleitet, aus dem Hause kommen.   Don Alvar tritt heraus. Ein Page mit einem Windlichte leuchtet. Alvar. Leuchte, Bursche! – Oder nein! Dort dein Licht ist Irrlichtschein, Der mich lenkt zum falschen Ort; Die mir hier im Busen brennt, Diese Fackel soll hinfort Mir die rechte Straß' erhellen, Soll mir leuchten, sie zu kennen, Sie, die ich nicht mehr mag nennen! Fort von mir! Laß mich allein!   (Der Page geht ab.) Wo sie ging und wo sie stand, War er artig gleich zur Hand, Sie nur Aug' und Ohr für ihn! – Mir gibt sie Untreue Schuld, Daß sie selber sie verübe; Auf daß ihr ein Mantel bliebe Für des eignen Herzens Tücken, Schilt sie, jenen zu beglücken, Treulos mich, gerechtem Tadel, Meinem Zorne zu entfliehn! Doch bei meines Stammes Adel, Rache find' ich! – nur Geduld! Hier erwarten will ich ihn, Und mit solchem Gruß ihn grüßen, Daß der Dank ihn soll verdrießen!   (Er verbirgt sich.) Dritter Auftritt.   Viola, in einen schwarzen Mantel gehüllt, und Fadrique treten aus dem Palaste. Pagen leuchten. Fadrique   (auf der Terrasse). Ach, daß so schnell verschweben Die schönste Stunde mußt' aus meinem Leben! Kaum, daß ich Euch erblickte, Und schon enteilt, was mich so süß entzückte! Viola. Ach, Ritter, wollt nicht scherzen! Verletzt ja Scherz am tiefsten oft die Herzen. Fadrique. Dieß Wort, mein süßes Leben, Sey Euch von mir im Ernst zurückgegeben. Viola. Nein, sey es Scherz – laßt lieber Scherz es seyn; Denn wär' es Ernst, wär' doppelt Schmerz ja mein!   (Sie gehen die Stufen hinab.) Vierter Auftritt.   Vorige. Iris und Persde , gleichfalls in schwarzen Mänteln und Larven vor dem Gesichte, treten auf die Terrasse. Perside. Iris, hast du gesehen? Iris. Was kannst du thun? Gerathner ist's, wir gehen! Perside Nein, Base, laß uns weilen, Wie es auch schmerzt! Iris Hier wird dein Schmerz nicht heilen. Viola. Mein Herz – mit allen Eiden Schwör' ich Euch's zu – sollt' schwere Strafe leiden, Wollt's Euern Worten glauben. Perside. Mir wird die Qual noch die Besinnung rauben! Fadrique. Es zieht die holden Schlingen Nur fester jedes Wort von Euch! Kein Ringen Entreißt mich mehr den Bauden, Die mich mit Lust, die mich mit Leib umwanden. Viola. Es schlingen oft im Schweigen Der trauten Nacht den unsichtbaren Reigen Die luft'gen Elfen. – Schritte Zufällig wer in ihres Kreises Mitte, Schnell tragen ihre Hände Ins Land anmuth'ger Träum' ihn; doch am Ende Der kurzen Lust, wie Düfte Und Rauch zerfließt der Zauber in die Lüfte! Lebt wohl! Denkt nicht daran! Ich will es auch vergessen – wenn ich kann.   (Geht.) Fadrique. Was auch geschieht, ich seh' Euch morgen wieder! Perside. O Iris, stütze mich! – ich sinke nieder!   (Perside und Iris gehen die Stufen herab.) Fünfter Auftritt.   Vorige. Alvar. Alvar. Schurke, zieh'! Zieh', sag' ich, Schurke! Fadrique. Erst den Schurken dir zurück, Frecher, den ich zwar nicht kenne! – Wahr' dich wohl! – Was du gesagt, Hat zum Herzen aus den Adern So mein Blut emporgejagt, Daß ich dich zu tödten brenne.   (Sie fechten.) Viola (kommt zurück). Was geschieht? – Ich höre Waffen Klirren! Iris. Welch Getümmel! – Fort! Viola. Fechtende gewahr' ich dort! Perside (hervorkommend). Gott! Fadrique! Viola (eben so). Don Alvar!   (Viola fällt dem Don Alvar, Perside dem Don Fadrique in die Arme.) Viola. Haltet ein, um's Himmels willen! Alvar. Erst ihn nieder! Viola. Don Alvar! Kennt Ihr meine Stimme nicht? Perside. Kommt heran! Durch diese Brust Geht der Weg zu seinem Herzen! Iris (für sich). Hört' ich recht? – Ha, wenn er's wäre? Don Alvar! – Sie nannt' ihn so. Viola (zu Alvar). Störrischer! So in Gefahr Bringt Ihr sinnlos Euer Leben? Daran kenn' ich Don Alvar. Iris (für sich). Gott! kaum halt' ich mich zurück! Fadrique. Dame, saht Ihr jetzt mich schweigen, Fleh' ich Euch, wähnt deßhalb nicht Daß für solches Huldbezeigen, Als von Euch mir hier geschehen, Dem es an Gefühl gebricht, Dem die Worte nun entstehen. Und wie meine Knie sich neigen, Euch zu danken, laßt mich jetzt, Meiner Bitte hold, sie sehen, Die gebanget für mein Leben! Nehmt die Maske vom Gesicht, Mir zwiefache Huld zu geben. Perside Nimmermehr! Mich seht Ihr nicht!   (Geht ab.) Iris Woll't Ihr eine Bitte mir, Wenn auch unbekannt, gewähren? Alvar Auf mein Wort! Iris Auch Ihr? Fadrique Mit Freuden Acht' ich's als Befehl. Iris So sey Denn hiermit gesagt euch beiden: Daß von nun die Waffen ruh'n! Denn da heut' an euch drei Damen Solchen warmen Antheil nahmen, Fehlt' es sehr euch wohl an Sitten, Würd' auch jetzt noch fort gestritten. – Wißt, daß Männer nur so hoch Stehn im Werth, als Fraun sie stellen. Darum, was ihr auch gesagt Habt im Zorne: wir erklären Euch für Männer, aller Ehren Würdig! Und wie wir die Kinder Taufen – wißt: so heißen sie. (Geht ab.) Viola (seitwärts zu Alvar) Weil mich, Euern Kampf zu trennen, Mein erschrocken Herz getrieben, Meinet nicht, daß andre Neigung Schuld gehabt an der Bewegung, Herr, in der Ihr mich gesehen, Als des Mitleids zarte Stimme, Das wir auch an Feinden üben; Denn für solchen acht' ich Euch, Werde ewig so Euch achten, Don Alvar! ob auch vertheidigt Ich den Mann, deß falsches Trachten Unversöhnlich mich beleidigt!   (Geht ab.) Alvar Ließ mich einen Augenblick, Was geschah, in Zweifel schweben, Hat Besinnung doch zurück Schnell mir, was sie sprach, gegeben. – O, unsel'ge Leidenschaft! Wie die Viper aus dem Herzen, Saugst du jede Lebenskraft, Und gibst Gift zurück und Schmerzen! (Geht ab.) Fadrique (allein). Wenn auch Klugheit eben nicht Sehr für meine Plane spricht, Scheint das Glück doch, ihnen hold, Meine Tollheit gut zu heißen. – Tollheit? – Warum Tollheit eben? Nichts so Tolles ist es ja, Daß ich, festen Sinns, entschlossen, Weil die Fülle seltner Gaben Sonst zu ihrem Vortheil spricht, Einer Frau, die ich nicht sah, Dennoch meine Hand zu geben. Wissen möcht' ich doch, was da Klugheit kann dagegen haben? Edlem Haus ist sie entsprossen, Liebenswürdig zum Entzücken: Anmuth, Feinheit, Laune schmücken Ihren Geist mit tausend Reizen, Und ob, sittsam zwar und scheu, Nie es mir gestand ihr Mund, Gaben mir's doch Zeichen kund, Daß seit mehr als Jahresfrist Mir ihr Herz gewogen sey. Endlich wollte sie ihr Leben Wagend jetzt für meines geben! Folglich geistreich, edel, treu, Was denn könnte ihr noch fehlen, Das Verstand zu tadeln fände, Wenn ich mich mit ihr verbände? – Wenn ich, mich ihr zu vermählen, Was ich heut' ihr mündlich sagte, Morgen schriftlich zu erstehen Durch ein zierlich Briefchen wagte? – Eines zwar, ich muß gestehen, Jagt ein wenig Furcht mir ein: Häßlich könnt' Viola seyn! – Das wär' übel! – Aber nein! Nein, nein, nein! – Das wird nicht seyn!   (Ab)   (Der Vorhang fällt)   Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug. Park Erster Auftritt. Iris ( allein). ) Alvar! O welch Gedränge Von Freud' und Lust! – mir wird die Brust zu enge! Er ist's! mein Bruder ist's! Er darf sich nennen! Nun seinen Namen ohne Scheu bekennen! Gesegnet sey die Stunde, Die mir gebracht so lang' ersehnte Kunde! Mein theuerer Alvar! – Bald wird er kommen, Denn diesen Weg, sah' ich, hat er genommen! – Ich muß ihm schnell entdecken – Doch nein! – noch nicht! – erst ihn ein wenig necken. Er flieht hierher um eines Zweikampfs willen, Muß hier verborgen leben, In einen fremden Namen sich verhüllen, Und mich, die Schwester, läßt er nichts erfahren, Bis Fremde mir zufällig Nachricht geben! Nein, nein! die Strafe ist noch zu gelinde! Er kommt! Was fang' ich an? Geschwinde Hier hinter diesen Busch!   (Sie verbirgt sich.) Zweiter Auftritt.   Alvar. Iris , verborgen. Alvar Heut' kommt sie nicht, und sonst war sie doch täglich Um diese Stunde hier! – 's ist unerträglich! Mich zehrt der Unmuth auf! War das Viola? Viola, die so oft – thöricht Beginnen, Auf Weiber trau'n! Ich komm' von Sinnen, Wenn ich es denk'! – Verwünscht, daß jene Damen Den Kampf gehemmt! nun war' es schon entschieden: Er oder ich! und Einer hätte Frieden!   (Will gehen.) Iris (verborgen). Don Alvar Flores! Alvar   (steht sich schnell um). Was ist's? – Wer rief? – Hört' ich nicht meinen Namen? Mir kam's so vor! – Nein, nein! Weiß sie in dieser Stadt ihn doch allein; Und daß sie mich nicht ruft, weiß ich gewiß! 's war nichts! – Ach, mich bethören Die eignen Sinne! Sehen, Fühlen, Hören – 's ist alles Trug! Auf sie meint' ich zu bauen, Und seit sie falsch, will ich mir selbst nicht trauen!   (Geht ab.) Dritter Auftritt. Iris   (kommt hervor). Ja, ja, er ist's! – Wie schnell er sich gewandt, Als ich bei seinem Namen ihn genannt! Mein Aug' war naß, und doch fast mußt' ich lachen. So also, Don Alvar? so stehn die Sachen? Nun, die Entdeckung kommt zu rechter Zeit! Er liebt Violen, und so wie es scheint, Viola ihn, trotz dem verliebten Streit, Der nicht so ernsthaft ist, wie ich vermuthe. Das Kind, weil es nicht folgt', bekam die Ruthe, Da steht das liebe Kind nun hier und weint! Was ist zu thun? Will ich Persiden nicht Und meinen Bruder in der Noth verlassen, So muß ich helfen, das ist meine Pflicht! Und wenn im Kreis ich mich auch selbst nicht drehe, So lieb' ich doch, von ferne Dem Tanze zuzusehn, und ich gestehe, Im Liebesspiel misch' ich die Karten gerne,– Schon ist mein Plan gefaßt! – Hat auch Fadrique Schon seine Hand Violen angetragen, So ist deßhalb kein Grund noch, zu verzagen. Wenn erst die Männer sehen, Daß eine Frau sie liebt, so widerstehen Sie nicht der Häßlichsten! – Drum muß vor allem Fadrique es erfahren, Perside sey's, die ihn geliebt seit Jahren; Wenn er das weiß, wird sie ihm schon gefallen.   (Geht ab.) Vierter Auftritt.   Viola. Alvar. Viola. Genug der Worte hört' ich, Don Alvar. Was ich beschlossen, bleibet sonder Wanken! Nichts ändert mich, entschlagt Euch der Gedanken. Alvar. Ihr thut mir Unrecht, theuere Viola! Dieß Herz, in dem nur Lieb' und Treue wohnen, Ist so entfernt von jeder falschen That, So weit von jedem Schatten von Verrath, Daß es sich ewig Feindschaft wollt' erweisen, Sich selbst mit blut'gem Ingrimm wollte hassen, Vermöcht' es den Gedanken nur zu fassen An Unrecht, Dame, gegen Euch verübt. Viola. O reiner Spiegel, den kein Athem trübt! – Ja, wär' mit schönen Worten es gethan, Mit Schwur und Eiden – daran fehlt es nie, Ein treulos, unbeständiges Gemüth, Des Herzens böse Tücke zu verhehlen. Alvar. Das ist zu viel! Viola. Was dieses Auge siebt, Das leidet keinen Zweifel, das ist wahr! Ihr seyd ein schnöder Heuchler, Don Alvar, Der heut' für mich, für Andre morgen brennet. Alvar. Das bin ich nicht! bei Gott, das bin ich nicht! Mir gilt der Liebe, wie der Ehre Pflicht. Das Mindeste, was ich an ihr verbrochen, Es würde blutig von mir selbst gerochen An meinem eignen Seyn! – O, Donna, glaubt: So lang' in mir sich noch ein Pulsschlag regt, Ist es der Liebe Hauch, der ihn bewegt. Gebricht ihr Athem, diese Brust zu heben, So bricht dieß Herz – denn ihm gebricht das Leben! Viola. Was Ihr mir sagt, wird mich nicht mehr bethören! Es ist nicht neu, ich könnt' es sonst schon hören. Und so wie jetzt, ist's damals Trug gewesen. Alvar. Noch einmal steh' ich Euch, seyd billig nur! Gewährt mir Recht, und Ihr gewahrt mir Huld! Laßt mich, eh' Ihr verdammt, doch erst erkennen, Was ich gefehlt! Zeiht Ihr mich schwerer Schuld, Geziemt sich's doch, die Schuld mir auch zu nennen. Viola. Ich will ein Herz, das mir ergeben ist Mit so ausschließend einziger Bewerbung Als wohl die Gunst verdient, die ich erweise. Noch ist sie nicht so sehr an Werth gefallen, Daß der von Glück nicht träumte, dem sie wird. Auch gibt es Ritter wohl von bessrer Treue, Die, wenn ich jemals ihnen Huld verleihe, Die eignen Augen lieber würden blenden, Als sie, wie Ihr, nach andern Frauen wenden. Alvar. Mein eigenes Gefühl habt Ihr gewarnt! Und wenn die Treue aus der Welt geflohn, In diesem Busen wird sie heimisch bleiben; Dort seyd gewiß, daß Ihr sie ewig findet, Selbst Euer Unrecht soll sie nicht vertreiben! – Ich meinen Blick zu andern Frau'n gewandt? Dieß Auge, das von Euern Reizen trunken, Sieht ja nur dann, wenn Euch es kann erschauen, Nur wenn Ihr strahlt, ist mir der Tag erwacht; Entfernt Ihr Euch, ist Dunkel rings und Nacht, Die Farben schwinden, wenn das Licht gesunken! – Darum noch einmal, glaubt, 's ist nicht'ger Schein, Der Euch bethört, ein Wahn konnt' Euch erschrecken, Ein Schattenbild die Eifersucht erwecken. Viola. Die Eifersucht? Was bildet Ihr Euch ein! Ich glaube, Don Alvar, Ihr seyd von Sinnen! Das lohnte wohl, daß eine Frau wie ich Um Eure Liebe sollte Krieg beginnen. Nein, nein! Die Euch besitzt, mag Euch behalten, Ein so gefühlvoll Herz ist nicht für mich. Alvar. Warum Verstellung noch? ich weiß genug! Ihr wollt den eignen wandelbaren Sinn Mit dieser Klage falschem Schein bedecken: Die eigne Schuld wollt Ihr geschickt verstecken, Indeß Ihr mir sie zuwerft. – Immerhin! Was Liebe fordern kann, hab' ich gegeben, Und jeden Titel ihrer Pflicht erfüllt. Ein treuer Hund, der Eure Schwelle hütet, Lag ich zu Euern Füßen hingeschmiegt! Ihr stoßt mich weg? Nun denn, wohlan! ich gehe! So sey es drum, weil ich Euch nun erkannt! Da Ihr mich selbst mit hartem Sinn verbannt Aus Eurer Nähe, will ich nun sie meiden. Lebt denn vergnügt! – Lebt wohl und laßt mich scheiden! Fort aus Armidens falschem Zauberkreise Will ich entfliehn, und nie kehr' ich zurück! Nie seht Ihr mehr mich wieder! – Lebt im Glück!   (Geht ab.) Viola. Das wünsch' ich Euch fortan! Habt gute Reise!   (Allein.) Ha, falsche Schlangen! heuchlerisch Geschlecht! Möcht' tödtend euch doch all' ein Blitz erreichen! – Hat nichts gethan, ist schuldlos, nichts bewußt, Verschwöret See! und Leib – und trägt das Bild Von einer andern Frau auf seiner Brust, Und herzt und küßt's! – Verräther ohne Gleichen! – Er geht? – sieht sich nicht um? – Schon recht, schon recht! Er mag nur gehn; was ist an ihm gelegen? So lang' er es verdiente, liebt' ich ihn, Doch nun ist es vorüber; abgewandt Hat sich von ihm mein Herz, nun ist's vorbei! Und sollt' er jetzt zu meinen Füßen sterben, Ich bleibe fest! Bei Gott, er wird aufs Neu' Nie mehr die Gunst, die er verlor, erwerben. Alvar (wiederkehrend). Dieß Eine noch, Viola, sollt Ihr wissen: Was auch geschehen könnte, hoffet nimmer, Noch einmal mich zu sehn zu Euern Füßen! Ich bin geheilt, die Bande sind zerrissen; Die Kräfte selbst, die einst den Zauber schufen, Sie haben ihn gelöst. – Ich geh' auf immer!   (Geht ab.) Viola. Was kamt Ihr jetzt? Ich hab' Euch nicht gerufen. (Allein.) Nur fest, mein Herz! nur fest! So ist es gut! Nimm falschen Schein nicht für der Bessrung Zeichen. Da glaubt' er freilich wohl sich nicht belauscht, Als ich ihn sah, ganz Wonne, ganz Entzücken, Das Bildniß jener Frau, berauscht Von Seligkeit, an seine Lippen drücken. Was braucht es mehr? ich will kein Herz, das tauscht. Die Frau veracht' ich, die auch nur ein Haar Von ihrem Recht schwachherzig wollte weichen! Wer mein will seyn, der sey es ganz und gar!   (Geht ab.) Fünfter Auftritt.   Persde , als Knabe gekleidet. Iris. Iris Nun, beim Himmel, das ist wahr! Liebe webt in Widersprüchen! Dich, die blöde manches Jahr Scheu und furchtsam sich verborgen, Stets geschwebt in bangen Sorgen, Bei dem kleinsten Schritt voll Zagen, Seh' ich nun, auf Einmal kühn, Mehr als jede Andre wagen! Perside. Theure Freundin, spotte nicht! Sey nicht du es, die der armen, Ganz in Lieb' und Schmerz Verlornen, Ohne Mitleid und Erbarmen Ein verdammend Urtheil spricht. Du ja weißt, wenn ich jetzt frei, Strenger Sitte fremd erscheine, Daß ich dennoch sittsam sey, Schmerzlich das Geschick beweine, Das mich zwingt zu solchem Schritte! Nie sah dieses Auge noch, Mit dem Wunsche, zu gefallen, Je auf einen Mann! Doch ihn, Iris, ach! ihn mußt' ich lieben! Und so bin mit einemmale Ich vom grünen Uferrand, Wo ich eben lächelnd stand, Mitten in die Fluth getrieben! Iris. Ach, mein Kind, ich weiß es wohl: Wer sich Lieb' an einem Finger, An dem kleinsten nur, läßt fassen, Muß die ganze Hand ihr lassen. Perside. Ja, das Herz, das in mir schlägt, Will von keinem Rathe hören, Der ihm sagt: die Fessel reiß' es, Die es nun für ewig trägt! Ließ es einmal sich bethören, Seinem Hoffen Raum zu geben, Kann es Hoffen nur und Leben, Eines mit dem andern lassen. Iris. Armes Kind! du dauerst mich! Perside. Einem Spieler bin ich gleich, Der auf einer Karte Glück Setzet seine letzte Habe! Macht ihn dieser Zug nicht reich, Bleibt er Bettler bis zum Grabe! Iris. Irr' ich nicht, kommt dort der Mann, Der die Schuld ist dieses tollen Streichs, den du nie hättest thun, Ich nie hätte dulden sollen, Perside. Iris, ach! mir pocht das Herz, Und verschwunden ist mein Muth! Iris. Als ich davon abgerathen, Schien dir der Entschluß so leicht; Und jetzt seh' ich dich erblaßt, Nun es gilt, ihn zu vollführen. Ja, so geht's! – Doch Muth gefaßt! Ist der Schritt auch unbesonnen, Heg' ich gute Hoffnung noch; Und hab' ich mein Spiel gewonnen, Kannst du deines schon verlieren, Und gewonnen hast du doch. Perside. Sage, was du sinnst? Du hast Etwas mir geheim gehalten? Iris. Still für jetzt, und grüble nicht! Ist es Zeit, wird sich's entfalten. (Geht ab.)   (Perside zieht sich in den Hintergrund.) Sechster Auftritt. Don Fadrique   (tritt auf). Meinen Brief hat sie erhalten; Hätt' ich nur die Antwort auch! Mich verlangt doch sehr, zu wissen, Ob sie, das Geheimniß endlich Zu beenden, sich entschließen Werde, oder treu dem Brauch, Wieder meinem Blick entschwinden. Freilich sollt' ich es nicht glauben! Sagt man doch, ein Eh'versprechen Sey ein Ding, dem Fraun nicht leicht Widerstreben. – Eines zwar Könnte mir die Hoffnung rauben: Wenn vielleicht die Dame gar Schon vermählt ist? – 's wär' ein Streich, Den ich nicht so leicht verschmerzte! – O gewiß, sie ist noch frei! – Nun, bald wird sich's offenbaren, Endlich muß ich doch erfahren, Wer die Unbekannte sey? Doch wie ich ins Netz auch renne, Eines weiß ich ganz bestimmt: Weniger wag' ich dabei, Nehm' ich die, die ich nicht kenne, Als sie wagt, wenn sie mich nimmt. Siebenter Auftritt.   Fadrique. Perside nähert sich. Perside. Wollt' einem armen Knaben, Der scheu sich naht, o Herr, verziehen haben. Fadrique. Tritt näher! darfst nicht zagen. Sprich frei heraus! Was hast du mir zu sagen? Was, Kind, ist dein Begehren? Perside. Ach, eine Bitt', o Herr, wollt mir gewähren! Fadrique. Was zitterst du? Vor mir darfst du nicht beben; Von mir ist nie im Leben An deines Gleichen Hartes noch geschehen. Perside. Ich bin so sehr verletzet Von dem Geschick, und muß in jungen Tagen So hartes Loos schon tragen, Daß der Gedanke tief mein Herz entsetzet, Es werd' aus solchen Saaten Unsel'ger wohl die Ernte noch gerathen. Fadrique. Vertrau' dein Leid mir offen: Auf meine Hülfe darfst du sicher hoffen. Perside (für sich). So ganz gehört mein Kummer mir zu eigen, Da ich den größten Theil ihm muß verschweigen!   (Laut.) Herr, ich bin eine Waise –   (Für sich.) Verwais't vom Glück!   (Laut.) Seit lang' schon auf der Reise; (Für sich.) Dir, Harter, nachzugehen! –   (Laut.) Denn seht, es steht mein Sinnen, Mir einen guten Herren zu gewinnen, Und seit ich Euch gesehen –   (Für sich.) O bittre Wahrheit!   (Laut.) Laßt mich Euch's gestehen, Möcht' ich nur Euch, weil Ihr mir gut geschienen, Und keinem Andern dienen. Fadrique. Nun, kann dich das erfreuen, So sey's darum! Der Dienst wird dich nicht reuen. Perside (für sich). O, möcht' er Wahres doch mir prophezeihen! Fadrique. Doch wenn ich dein Verlangen Erfüll', und dich zu meinem Diener wähle, Wirst du dich treu bewähren? Perside. Meine Seele Soll ganz, o Herr, an Eurer Seele hangen; Auf Eure Winke lauschen Will ich, um Eure Gunst mein Seyn vertauschen! Mein Frühling, meine Sonne Sey Eures Mundes Lächeln; Maienwonne, Wenn Ihr mir Huld erweiset! Doch wenn ich, hingezogen, Von meinem Herzen, mich in Euch betrogen; Wenn mir ein hart Bezeigen Die Treue lohnte, die ich Euch zu eigen Von Stund' an hingegeben – Dann schwör' ich, Herr, nehm' ich mir selbst das Leben! Fadrique. Du bist ja Gluth und Flammen! So mag' ich's gern, so taugen wir zusammen! Nicht schlecht hast du begonnen; Fährst du so fort, hast du mich bald gewonnen. Doch eh' ich so dich lobe, Laß mich zuerst noch eine kleine Probe Von deinem Eifer schauen: Bestehst du wohl, will ich dir mehr vertrauen. Perside. Befehlet! Fadrique. Eine Dame, Viola ist ihr Name: Such' auf. Perside   (für sich). O bittre Atmung! Fadrique. Sprich: ich sende Um Antwort auf den Brief, den heute Ein andrer meiner Leute Abgab in ihre Hände, Perside   (für sich). Mein Herz, du mußt vergehen, Wenn du auf solchen Proben sollst bestehen! Fadrique. Sag' ihr: ihr Wort entscheide, Ob ich zum Glück erkoren, ob zum Leide! Es sey mein Seyn, mein Leben, Mein ganz Geschick in ihre Hand gegeben! Perside (für sich). Weh! meine Sinne schwinden! Fadrique. Ich bau' auf dich, du scheinst von guten Gaben! Im Dienst der Frauen, in der Liebe Pflichten Will ich dich unterrichten: Du sollst an mir ein gutes Vorbild haben. Nun geh', sey klug! Vor allem aber schließe Ein tief Verstummen deinen Mund; denn wisse: Wer werth sich will bezeigen, Der holden Gunst der Frauen – lerne schweigen.   (Geht ab.) Achter Auftritt. Perside (allein). Ist er fort? – O Herz, zersprenge Deine Bande! Ach, zu enge Ist die Brust für solchen Schmerz! Ward so grausam je ein Weib Noch gehöhnt von dem Geschicke? Ich, die jeden seiner Blicke Eifersüchtig hüten wollte, Jeden Hauch des Athems – sollte Selbst zu ihr den Weg ihm bahnen? Solchen Schlag konnt' ich nicht ahnen. Auf ein Blatt, das, wenn sein Inhalt Wär' an mich gerichtet, g'nügte, Dieses Herz mit so viel Wonnen, Diesen Busen mit so süßem, Sel'gem Zauber zu erfüllen, Daß ich dieses Glücks Betheurung Selbst schon für den Inbegriff Alles Glückes halten würde: Soll ich selbst ihm Antwort bringen? Antwort, die, wenn ihm Entzücken, Mir den Tod gießt in die Brust? – Duld', o Herz! Was kannst du thun? Eitel ist dein Widerstreben, Nicht mehr Hoheit ziemt dir nun, Seit du, jeden Stolz besiegend, In so demuthvoll Gewand Deine edle Abkunft schmiegend, Selbst dich deines Rechts begeben! – Duld', o Herz! – was kannst du thun?   (Geht ab.) Neunter Auftritt. Crespo (vornehm, aber lächerlich gekleidet, mit einem Stern auf dem Mantel). So leg' ich die Stirn in Falten! So will ich den Mantel halten! So der Gang! – Aus solchen Tritten Blickt sogleich der Mann von Stande! Komm' ich so einher geschritten, Zweifelt niemand, ich sey Grande Erster Klasse! – Das Gesicht, Das Gesicht nur, will mir scheinen, Paßt zum Ganzen nicht so recht. Meine Züge sind nicht schlecht; Aber doch so die ganz feinen Linien fehlen. Mienen bei vornehmen Leuten Müssen leer seyn, nichts bedeuten; Und aus meinen kann man klar Auf den ersten Blick es lesen, Was bis jetzt Don Crespo war. Doch nur Muth! was kann ich thun? Fortgejagt hat mich mein Herr: Ohne Dienst und ohne Geld, Muß ich durch Verstand mir nun Mittel suchen in der Welt. Auch mag ich nicht mehr aufs Neue Wieder stecken in dem Rocke Des Bedienten; wahre Scheue Hab' ich vor dem Kleiderstocke Und den Bürsten! – Ja, vor Zeiten, Als ich Briefe noch getragen Zu den Schönen, auf der Wacht Vor den Fenstern stand, und Acht Mußte geben, wenn vom Haufe Sich entfernte der Galan: Ja, in jenen schönen Tagen Trug das Trinkgeld mehr Dublonen, Als jetzt Maravedis ein; Da war's gut Bedienter seyn! Aber jetzt fang' Einer an, Schlecht wird sich das Amt ihm lohnen! Sonst, wenn sich ein Pärchen fand, Braucht' es wenigstens ein Jahr Bis zur ersten Unterredung: Da schrieb man des Tags zwei Briefe, Alle Nächte Serenaden Und so weiter! Ja, da war Ein Bedienter mit Verstand Eine Waare, die man suchte! Aber jetzt! – Die nie sich kannten, Wenn sie einmal sich gesehen, Wissen schnell sich zu verstehen, Brauchen nicht mehr der Gesandten. Kurz und gut, nicht länger wird Crespo hinterm Stuhle stehen, Lieber setzt er selbst sich drauf. Ich versuch' mein Glück bei Frauen. – Ich bin fremd, mich kennt hier niemand: Mit den Kleidern meines Herrn Bin ich ziemlich ausstaffirt: Ordenskette – hier der Stern – Braucht es mehr? – Auch dieses Plätzchen Scheint, die Netze auszustellen, Gut gelegen. – Still! – Dort, seh' ich, Durch die Gänge naht sich Eine. Sie scheint hübsch! – Nur näher, Schätzchen! Du wirst mein! Du, oder keine!   (Zieht sich zurück.) Zehnter Auftritt.   Iris , verschleiert. Crespo Iris. Wohl wär' alles eingeleitet, Nur, wie in Fadrique's Hände Alles kommt? – Hier muß er seyn! Niemand ist ja in der Stadt, Der um diese Stunde nicht Hier die schöne Welt betrachtet. Ha, dort kommt er eben! – Nein! 's ist ein Mann, den ich nicht kenne. Wer er sey, sehr ungelegen Kommt er eben jetzt hierher! Crespo (nahet sich). Schöne Dame! – Zwar verwegen Wird's Euch scheinen, daß Euch wer, Den Ihr nie gesehn – Iris   (sich abwendend). Verzeiht! Crespo (für sich). Ich bin in Verlegenheit! Muthig, Crespo!  (Laut.) Seht in mir Einen reichen Cavalier, Welchen Ranges, sagt dieß Zeichen, Ich bin ein so alter Christ, Als in diesen Königreichen Seit der Schöpfung einer ist. Meine Güter unermeßlich, Liegen bei – bei – Iris   (für sich). Ist er toll? Crespo. Manchmal bin ich so vergeßlich Nun, gleichviel! – Iris (für sich). Fürwahr, ich soll Diese Stimme kennen! Crespo. Laßt Einen Blick auf dieses Leibes Edle Bildung fallen, und Sicher werdet Ihr gestehen, Daß Ihr schon in Eurem Leben Schlechtere Gestalt gesehen. Wie! – Ihr staunt? – Ihr blickt mit Huld Auf mich armen Teufel hin? – Nämlich – arm, wenn Ihr mich meiden Heißt so holden Reiz. – O Wonne Aller Wonnen! – Ja, ich lieb' Euch! Bei dem Stern, den ich hier trage, Schwör' ich, Ihr seyd meine Sonne! Iris. Nein, nun reißt mir die Geduld!   (Sie schlägt den Schleier zurück.) Unverschämter Bursche! sage, Kennst du mich? Crespo. Wie? – Donna Iris! O unseliges Verhängnis;! Kaum daß ich, mein Glück zu gründen, Nur den ersten Schritt gemacht, Muß ich – wer hätt' es gedacht? Meine vor'ge Herrschaft finden! Habt Erbarmen! – Gnade – Schonet! Iris. Wie kommst du in diese Kleider? Crespo. Eben bracht' ich sie vom Schneider; Sie gehören meinem Herrn, Und gekauft hab' ich den Stern. Iris. Wem hast du gedient, seit ich Fort dich schickte? Crespo. Nur allein Meinem Gotte; seit der Herr, Dem ich doch so treu ergeben, Mich davon gejagt. Iris. Wie hieß er? Crespo. Don Fadrique von Fuentes. Iris. Don Fadrique? – Crespo. Don Fuentes. Diesen Morgen hat er eben Meinen Abschied mir ertheilt. Aus Verzweiflung warf ich mich Hier in dieß Gewand und dachte, Wie so Mancher in der Welt Schon sein Glück durch Kleider machte, Der ein armer Tropf wie ich. Aber ach! mir ist hienieden, Wenn nicht Ihr Euch mein erbarmet, Wie ich seh', kein Heil beschieden. Iris. Sonderbar! Fast scheint es, dir Sey von dem Geschick bestimmt, Einem von uns Zwei'n zu dienen, Don Fadrique oder mir; Denn jag' ich dich fort, so nimmt Er dich auf, und wieder ich, Jagt er dich davon. – Wohlan! Willst du Treue mir geloben. Mag's drum sehn. Crespo. Stellt mich auf Proben, Und Ihr sollt zufrieden seyn, Ja, bei Gott! wär' nicht der Wein, Und die Würfel nicht und Zofen, Würde nirgends in der Welt Eine bess're Haut getroffen. Iris. Einen Auftrag kann ich gleich Zur Bestellung dir ertheilen. Dieses Bild und diese Zeilen Spiel' in Don Fadrique's Hände; Doch so wohlbedacht und schlau, Daß auch nicht die kleinste Spur Ihm verrathe, wer die Frau, Die ihm Brief und Bildniß sende. Crespo. Das ist schwerer, als Ihr meint! Denn der edle Ritter, wißt, Hat so seine Art zu fragen, Daß es so gar leicht nicht ist, Ihm die Antwort abzuschlagen. Iris. Das ist deine Sorge, Freund! Kurz und gut! Verräthst du mich, Bist du deines Diensts entlassen, Eh' du kamst; wirst du genau Das vollziehn, was ich befahl, Sollen morgen zehn Dublonen Dich für deine Mühe lohnen. Nun bedenk'! du hast die Wahl! Crespo. Ist gewählt! Laßt mich zu Füßen, Gnäd'ge Frau, die Hand Euch küssen Im voraus! – Zählt ganz auf mich! Iris. Ha, da ist er selbst! Ich gehe.   (Sie eilt fort.) Crespo. Ei, verflucht! Mir ungelegen Kommt er jetzt! Wenn er mich sähe! – Besser ist es, daß auch ich Schnell ihm aus dem Wege gehe!   (Indem er abgehen will, tritt Don Fadrique ihm entgegen.) Eilfter Auftritt.   Don Fadrique. Crespo. Fadrique. Wenn ich störe, Cavalier, Mögt Ihr mir geneigt verzeihen. Nicht mit Absicht kam ich! Hier – Seh' ich recht? – Bei meinem Leben! – Wie? Sind dieß nicht meine Kleider? Schurke! – Du bist's? – Unterstehen Kannst du dich! Crespo. Auf meinen Knieen – Fadrique. Gleich bekenne, Kerl! – Ich spieße Dir den Degen durch den Leib. Crespo. Gnäd'ger Herr! Zum Zeitvertreib Zog ich – Fadrique. (nach dem Bilde greifend). Was ist das? Crespo. Verzeiht! 's ist ein anvertrautes Pfand, Und nicht wag' ich, aus der Hand Es zu geben. Fadrique. Ha! Bekenne, Willst du nicht, daß ich dieß Eisen Gleich dir durch die Lunge renne! Crespo. Herr, um Gott! (Für sich.) Was fang ich an? Wie mich aus der Schlinge ziehen?   (Laut.) Herr, ich will es Euch nur sagen: Diese Dame, die entfliehen Ihr gesehen, als Ihr kamet – Fadrique. Nun, was stockst du? Crespo. Jene Dame Ist – hat – ist – Laßt mich's Euch sagen, 's ist besonders – doch sie liebt Mich so unbegränzt, daß eben Als Ihr vor so schnell gekommen, Sie mir hat zum Liebeszeichen Dieses Bildniß hier gegeben. Fadrique. Wie? Du unverschämter Wicht! – Crespo. Aber, Herr, saht Ihr denn nicht, Als Ihr kam't, zu ihren Füßen Mich zum Dank die Hand ihr küssen? Fadrique. Mir das Bild im Augenblick!   (Er entreißt ihm Brief und Bild.) Crespo (für sich). So, nun hat er's! – Die Dublonen Sind verdient. – Bei meinem Haupt Besser ging's, als ich geglaubt!   (Er läuft davon.) Fadrique (allein). Wie schön! – Wie wunderschön! – Ich muß gestehen, Ist treu und wahr hier von des Künstlers Hand Dem Urbild nur sein strenges Recht geschehen, So lebt kein schönres Weib in diesem Land! Wer ist der Glückliche, so laßt doch sehen, Den ihres Bildes werth die Schöne fand? An Don Fadriqu'.« – Bin ich von Wahn getrieben? Nein, nein! Bei Gott! Fadriqu' steht hier geschrieben.   (Er liest.) »Ihr habt Eure Hand einer Dame dieser Stadt angetragen: hat sie auch Euer Herz, so bin ich die Unglücklichste meines Geschlechtes. – Noch läßt ein Schimmer von Hoffnung mich glauben, daß ein Irrthum und Euer Leichtsinn Euch zu ihr geführt haben. – Ist es anders, so habt Ihr das treueste Herz von Euch gestoßen und ewigem Grame preis gegeben. Lange hab' ich Euch ungekannt umschwebt, und wenn mein Mund die Empfindungen meines Herzens nicht länger verschweigt, so ist es die Verzweiflung, die sein Siegel lös't.« »Ich bin von edler Geburt, reich und unabhängig. Wenn Don Fadrique daran gelegen ist, so wird er mich in dieser Stadt zu finden wissen. Ich bin ihm näher, als er glaubt. Dieses Bild ist mir zum Sprechen ähnlich. Perside.« Ja wohl ein Irrthum war's! nun wird mir's klar. Mich trog der Schein! Nein, nein! Viola nicht, Perside ist die unbekannte Schöne; Die Maske nur hat mich getäuscht. – So war Perside auch die Dame, die, verhüllt, Dort meinen Zweikampf mit dem Fremden störte, Und zwiefach war mit Irrthum ich erfüllt. Was soll ich thun? – was ist nun anzufangen? Die hat den Brief, an die er nicht geschrieben, An eine Fremde gab ich meine Hand, Und treue Lieb' ist ohne Lohn geblieben! Wo führte mich mein Leichtsinn wieder hin! Wie kann ich mich aus dieser Schlinge ziehn, In die ich unvorsichtig bin gegangen?   (Er besieht das Bild.) So also sieht sie aus? Dieß ihre Züge? – Du liebes, liebes Bild! – Je mehr ich schaue, Je wunderbarer fühl' ich mich bewegt! Kaum daß ich selbst es mir zu nennen traue, Was mir das Herz mit einemmal bewegt! – – Ihr süßen Augen! wie aus eurem Blaue Ein Strahl, aufblitzend, in die Seele schlägt! Kann ich, gemalt, nicht euren Schein ertragen, Wie könnte, wenn ihr lebtet, ich es wagen? – Und doch seht ihr so traut, als sprächet ihr: Was kannst du scheuen von so frommen Blicken? Was Großes könnt' es schaden, wenn sie dir Sich auch recht tief in Herz und Seele drücken? Was, theurer Freund, was fürchtest du von mir? Ich bin ja nur gemacht, um zu beglücken! – So ruft mir's zu, und, trunken von Vergnügen Denk' ich: nein, nein! dieß Antlitz kann nicht lügen!   (Der Vorhang fällt.)   Ende des zweiten Aufzugs. Dritter Aufzug. Zimmer in Viola's Hause. Erster Auftritt.   Viola (allein). Mag ich auch immer sinnen, Es ist umsonst; nicht Rath kann ich gewinnen! Mein Vater droht, enterben Will mich sein Zorn, sollt' länger ich dem Werben Des Mannes widerstreben, Dem er sein Wort gegeben. Schon schwebt das Ungewitter Dicht über mir – hier ist der alte Ritter! Und morgen – o Verderben! – Soll meine Hochzeit seyn, – Nein, lieber sterben! Wie dem entgehn? – Ein Mittel freilich wüßt' ich! Doch wie ist's zu vollziehn? – Entfliehen müßt' ich, Zu meiner Base flüchten, Doch kann ich's ohne Hülfe? – Wem vertrauen! Auf wen wohl könnt' ich bauen? Wenn Don Alvar – Alvar? welch ein Gedanke! Alvar – das ist vorüber! Eh' seinen Beistand ich mir suchte, lieber Nähm' ich den Ritter selbst! – Führwahr, er dächte, Die alte Liebe brächte Mich zu dem Schritt – da soll mich Gott bewahren! soll mich Gott bewahren! Wie, wenn Fadriqu' – Nach dem, was hier geschrieben. Scheint er schon lang' aufrichtig mich zu lieben. Auch muß, was zu vollbringen, Jetzt gleich geschehn, wenn es mir soll gelingen. Ich höre nahn – was werd' ich wohl erfahren? Zweiter Auftritt.   Viola. Perside. Viola Sieh, ein Page! Sucht er mich? – Was ist dein Begehren? Sprich! Perside. Hergesandt hat mich ein Ritter, Eine Botschaft einer Dame Auszurichten. Viola. Und der Name Jener Frau? Perside. Donna Viola. Viola. So, mein Kind, werd' ich genannt. Doch bevor ich deine Botschaft Höre, laß zuerst mich wissen, Wer es sey, der dich gesandt? Perside. Don Fadriqu'. – Er hieß mich sagen, Daß er herbe Schmerzen leide, Und nur dann könn' er gesunden, Wenn die Macht, die seine Wunden Schlug, sie auch zu heilen strebe. Viola. Ei, sehr kühn, so wahr ich lebe! Perside. Seine Worte meld' ich hier. Viola. Nun, deßhalb darfst du nicht zagen! Wenn ich auch der Botschaft zürne, Zürn' ich darum doch nicht dir! Die er sendet, mußt du tragen, Du hast keinen Theil daran, Und ein armer Diener kann Nicht die Schuld des Herrn entgelten. Doch, daß den Unschuld'gen nicht Er mit Unrecht möge schelten, Muß ich freilich Antwort senden. Laß doch hören, was er spricht.   (Sie nimmt den Brief vom Tisch und liest.) Wohl, lieben Frau'n, vorsichtig oft zu schweigen, Sich unwillkommnem Drängen zu entziehen: Geheimnißvolles Thun ist ihnen eigen, Voreil'ge Blicke machen sie entfliehen. Doch wagt bescheidnes Werben, sich zu zeigen, Wie fromme Bitte mit gesenkten Knieen; Es naht sich dir gleich einem Heil'genbilde, Und hoffet Huld und Trost von deiner Milde! Und ob die Flammen, die, von raschen Winden Der Sehnsucht angefacht, nun lodernd brennen, Weil schnell erwacht, vielleicht auch schnell verschwinden, Ob reine Himmelsgluthen wohl zu nennen Der Neigung säße Zauber, die mich binden; Deß zur Gewähr soll mich, willst du mich wählen. Der nächste Tag als Gatten dir vermählen.« Perside (aufschreiend). Ach! Viola. Was ist dir? Perside. Nichts. – Verzeiht! 's ist die Freude nur gewesen, Die mich überrascht; ich hörte, Irr' ich nicht, Euch eben lesen, Don Fadrique hoffe bald Seine Gattin Euch zu nennen. Viola. Freut dich der Entschluß so sehr? Perside. Bis zu Thränen! – Ach, seht her – Nicht kann ich sie mehr bezwingen. Viola. Solch ein Beispiel seltner Treue Ist bei Dienern schwer zu finden. Perside (für sich). Fassung! Fassung! (laut.) Ja, ich freue Mich so innig dieses Glücks, Daß ich Antwort ihm zu bringen, Eilen möchte Augenblicks. Viola (für sich). Wahrlich! möchte Don Alvar Doch die Treue dieses Knaben, Wenn auch nur zur Hälfte haben! Wie beschämet müßt' er stehen, Hätt' er es mit angesehen, Wie, ein armer Diener zwar, Nur durch Dankespflicht gebunden An den Herrn, der ihm gewogen, Er so innig doch empfunden. Ihm hab' ich mein Herz gegeben, Meine Treue, Seele, Leben – Und zum Dank ward ich betrogen! Perside (für sich). Immer unerträglicher Wird mein Mißgeschick! Viola (für sich). Was zaudr' ich? Ist nicht diese Werbung Bürge Für Fadrique's reine Absicht? Perside (für sich). Bleibt mir noch ein Zweifel übrig, Wie dieß Alles enden werde? Bin ich thöricht, noch zu hoffen? Viola (für sich). Hab' ich Hülfe zu erwarten, Mich aus den verhaßten Banden, Die mein Vater mir bereitet, Zu erretten – er allein Kann mir helfen, mich befrein! Nach so edlem Anerbieten Darf ich ihm vertraun. Perside Wohlan! Welche Antwort bring' ich, Donna, Meinem Herrn von Euch zurück? Viola (schreibt einige Zeilen). Hier dieß Blatt. Sag' ihm dabei, Daß ich gleich ihn sprechen müsse, Daß – doch schon genug! Es thäte Sonst der Bote ihm ja kund, Was vielleicht aus meinem Mund Lieber er vernehmen möchte. (Geht ab.) Perside (ihr folgend). Weh! genug hab' ich gehört! Sie ist sein! Sie hat sein Herz! Was bleibt mir noch? – Gram und Schmerz! Dritter Auftritt. Park, wie im vorigen Akte. Fadrique (Brief und Bild in der Hand). Mir will dieß Bildniß hier nicht aus dem Sinn: 's ist sonderbar, wie sich das zugetragen! Nimmt dieses Uebel zu, wie es begann, Mit gleicher Macht, bin ich in wenig Tagen, Beim höchsten Himmel! ein geschlagner Mann! Rebellisch Herz, denk' lieber an Violen Und nicht an dieß Phantom! – Bald ist sie hier; Nimmt sie den Vorschlag an, was werd' ich sagen? Wahnsinnig war's, die Hand ihr anzutragen! – Mir lief der Kopf davon. – Nun ist's geschehen! Nun ist's vorbei! – Seit ich die Liebe fühle, Spielt sie mit mir, statt daß ich mit ihr spiele.   (Er lies't den von Crespo empfangenen Brief anfangs laut, dann für sich weiter.) Vierter Auftritt.   Viola , ohne Fadrique zu bemerken. Viola. Ich bleibe fest! – Alvar ist todt für mich! Denk' ich an ihn, so macht der Zorn mich beben! – Ich hätte einen Fehltritt ihm vergeben, Leichtsinn, Untreue selbst könnt' ich verzeihn, Geständ' er mindestens den Fehler ein, Und zeigte wahrhaft sich dabei und offen; Doch solche Falschheit, solche Heuchelei'n! – Wo wäre da auf Bess'rung noch zu hoffen? Zum Glück ist noch die Welt an Männern reich! – Zwar Mann bleibt Mann, sie sind sich Alle gleich: Die sie zuletzt gesehn, die reißt sie hin; Erbärmlich hat sie die Natur geschaffen, Wie Katzen falsch, und lüstern wie die Affen, Das weiß ich wohl! – Und denkt in ihrem Sinn Auch eine Frau, daß Liebe sie bekehre, Die? hofft umsonst! – Und wenn auch Einer wäre – Ein weißer Rab' in diesem schwarzen Heere – Ein Treffer gnügt für Alle nicht allein. Was setzt' ich nicht in diesen Glückstopf ein, Und konnte doch nur eine Niete ziehn. Wohlan! ist's so, muß ich betrogen seyn, So sey ich wenigstens es nicht durch ihn!   (Sie erblickt Fadrique.) Ei sieh! da liest Fadrique meinen Brief! – Fadrique! Don Fadrique! Fadrique (verbirgt schnell Brief und Bild). Wie? – Wer rief? Viola. Da Ihr mich kennt, brauch' ich mich nicht zu nennen. Der Fall, in dem wir Beide uns befinden, Ist sonderbar, ich muß es Euch bekennen. Fadrique (für sich). Viola ist's; behutsam muß ich seyn, Aus dieser Schlinge mich heraus zu winden. Nie sang' ich's an? wie lenk' ich wieder ein? – Schön ist auch sie; wär' früher sie gekommen, Wer weiß, was ich gethan? Nun ist's zu spät! Und wenn sie Venus wär', mir kann's nicht frommen. Viola. Wir sind zum Theil uns fremd und sind es nicht; Wie man es nimmt! Auch faßte mich ein Zagen, Und manch Bedenken macht' ich mir; doch bricht Noth das Gesetz. Auch hat, was Ihr geschrieben, Die Zweifel endlich ziemlich mir vertrieben. Auf solche Gründe kann ich es wohl wagen! – Ihr sprecht ja nichts! – Wißt Ihr mir nichts zu sagen? (Für sich.) Was macht ihn denn nur stumm? Fadrique. Ja so! – Verzeiht, Ich bin so überrascht! – Viola. Ihr scheint zerstreut. Fadrique. Zerstreut? – gewiß nicht! – nein! Doch ich gestehe, Ich bin – geblendet hat mich Eure Nähe! – Viola. Bemerkt' ich recht, so hieltet Ihr ja eben, Als ich genaht, das Briefchen in der Hand, Das Euch von mir der Page übergeben. Fadrique. Das Briefchen? Ja!– Viola. Wie kommt Ihr mir denn vor? Erholt Euch, Herr, und sammelt Eure Sinne! Zwar hab' ich selbst den raschen Schritt erkannt: Mehr Gunst, als Ihr berechtigt war't, zu hoffen, Wird Euch Von mir, ich weiß es, zugewandt; Doch seh' ich Euch so sehr davon betroffen, Muß ich dieß Staunen mir zum Vorwurf deuten. Daß ich Euch mehr als schicklich eingeräumt. Fadrique. Verzeihet, Donna, wenn die Zunge säumt – Viola. Der Antrag, den Ihr heute mir gemacht, Hat, Don Fadrique, ich gesteh' es offen – Fadrique. Hat Euch erzürnt? Ja, ja, ich seh's Euch an. Ihr seyd beleidigt, seyd's mit allem Recht, Ich war ein Thor! Gewiß, kein solcher Mann, Wie ich, paßt sich für Euch. Viola. Was ficht Euch an? Fadrique. Ich war zu kühn! Ja, ohne daß Ihr sprecht, Les' ich mein Urtheil klar in Euern Zügen. Ihr weis't mich ab, mir sagt es Euer Blick: Er ist genug, mir als Befehl zu g'nügen: Euch zu gehorchen, zieh' ich mich zurück. Viola. Ich zürnen? ich? – Mit nichten, Don Fadrique! Ihr werbt um meine Hand mit Ziem und Sitte, Das ist kein Grund zum Zorn. Nach seinem Werth Acht' ich, was Euch bestimmt zu diesem Schritte. Beleidigt? – nein, ich finde mich geehrt. Fadrique. Ich möcht' nicht schuld an später Reue seyn, Möcht' nicht durch Uebereilung Eure Hand, Durch Gunst des Augenblickes nicht gewinnen. Wägt alles erst mit prüfendem Verstand. Viola. Die edle Mahnung zeugt von zartem Sinn, Ihr wollt, daß meine Achtung sich vermehre. Fadrique. Ihr denkt zu gut von mir. Bei meiner Ehre! Ich bin von Fehlern voll! Viola. Ei, Fehler haben Alle! Fadrique. Das mein' ich auch. Doch muß ich Euch gestehen, Die meinen sind nicht eben klein zu nennen. Viola. Laßt hören. Sprecht! Die gröbsten möcht' ich kennen. Fadrique. Ich bin zum Zorn geneigt. In solchem Falle Ras' ich umher bei der geringsten Schuld. Viola. Den Zorn entwaffnen Frauen mit Geduld. Fadrique. Ich spiele gern. Viola. Vielleicht aus langer Weile. Fadrique. Ich hab' ein schwaches Herz. Es lassen sich Auf meine Treue keine Häuser bauen. Viola. Daß Ihr es selbst gesteht, macht mich vertrauen. Und sind denn Andre treu? – Ihr mindestens Seyd redlich doch und wollt nicht besser scheinen. Fadrique (für sich). Nichts greift sie an! Das ist ein Glück zum Weinen! Ich lasse selbst kein gutes Haar an mir, Und doch, je mehr ich Böses von mir sage, 's ist wunderbar, je mehr gefall' ich ihr. Viola. Genug den Scherz! – Fadriqu', es drängt die Zeit, Drum höret kurz, was ich Euch vorzutragen, Und nehmt auf Eure Werbung den Bescheid. Mein Vater will zu einer Ehe mich, Die mir verhaßt ist, ohne Nachsicht zwingen: Der Bräutigam ist hier. Ich kann dem Dringen Mich länger nicht durch Widerstand entziehen. So gibts Ein Mittel nur: ich muß entfliehen. Euch will ich mich vertrau'n. Nicht weit von hier Ist meiner Base Schloß, ich will zu ihr; Ihr, Don Fadrique, sollt mich hin geleiten. Besorgt, was nöthig ist zur Flucht. Bis Nacht Bleibt Zeit, aufs beste alles zu bereiten, Und dann erwart' ich Euch. Doch seyd bedacht, Daß alles sich geschickt und glücklich wende. Ihr seht, ich leg' mein Loos in Eure Hände. Nehmt mein Vertrau'n noch für kein festes Band, Das mich schon jetzt auf ewig an Euch kettet; Doch weigr' ich dem, der mich vom Zwang gerettet, Bin ich erst frei, wohl schwerlich meine Hand.   (Sie reicht ihm die Hand.) Lebt wohl, Fadrique, handelt mit Verstand. Fadrique. Vor Wonne bin ich trunken!  (Für sich.) Welche Noth! Viola. Noch Eines, theurer Freund! – Wen Ihr an mich Geheim zu senden habt, gebt ihm zum Zeichen, Daß ich ihm trauen könne, Euern Ring. Fadrique. Ganz recht. Viola. Lebt wohl!   (Geht ab.) Fadrique. Verlaßt Euch ganz auf mich, Fünfter Auftritt.   Fadrique (allein). Unseliges Verhängniß! War je, wie ich, ein Mann so in Bedrängniß? Mein Wort hab' ich gegeben, Das gilt die Hand! Da hilft kein Widerstreben. Es stehen hier im Streite Die Lieb' auf dieser, Ehr' auf jener Seite, Und welche unterliege, Ich fall' mit der, wenn ich mit jener siege! Was soll ich nun beginnen? – Wohlan, so sey's – Kann ich nur Zeit gewinnen! Verzweifl' ich nicht. – Sey dieses erst geendet, Wer weiß, was dann das andre glücklich wendet. Sechster Auftritt.   Fadrique. Perside. Fadrique. Eben recht kommt mir der Knabe! Bessre Wahl nicht könnt' ich treffen, Komm nur näher! – Sonderbar! Wissen möcht' ich, was es ist, Das mich immer so bewegt, Wenn ich diesen Knaben sehe! – Nun, mein junger Freund, ich habe Dich zu einem Ehrendienste Wieder ausersehen. Perside (für sich). Welche neue Qual! (Laut.) Ich bin Glücklich, sollt' es mir gelingen, Euern Willen zu vollbringen. Fadrique. Eine Dame – jene eben, Die dir heut' den Brief gegeben, Muß, geheimer Ursach' wegen, Heute Abend fort von hier Auf ein Schloß, ganz nah' gelegen, Heimlich fliehn. Perside. Wie, Herr? und Ihr? – Fadrique. Ich muß ihr behülflich seyn. Diesen Dienst heischt sie von mir. Perside. Und Ihr seyd dazu bereit? Fadrique. Ja; doch brauch' ich deinen Beistand. Perside   (für sich). Was noch Aergres soll ich hören? Fadrique. Eine Sänfte nimm und lass' sie An der Ecke jener Straße Dich erwarten. Ohne Weile Suche dann Violen auf: Bringe gleich sie, wohlgeborgen, In mein Haus. Ich werde sorgen, Daß mein Wagen sie in Eile Weiter führe. Doch zum Zeichen, Daß ich dich der Dame sende, Mußt in ihre eignen Hände Diesen Ring du überreichen. Geh, sey klug! – ich bau' auf dich. (Geht ab) Perside   (allein). Ich soll sie entführen! Ich Soll sie selbst in seine Arme Ueberliefern? – Nimmermehr! Siebenter Auftritt.   Perside. Iris. Perside. Theure Iris, o erbarme Dich der Freundin, der du einzig Trost noch kannst und Hoffnung geben! Iris. Laß mich wissen, was geschah? Was läßt so bewegt dich finden? Perside. Jede Hoffnung seh' ich schwinden! 's ist vorbei – ich eile fort; Nie soll er mich wiedersehen, Gleich verlass' ich diesen Ort! Iris. Fasse dich! Was ist geschehen? Perside. Alles ist zu Ende! – Heute Wird sie noch mit ihm entfliehen, Und ich selbst, des Wahnsinns Beute, Ich soll sie für ihn entführen! Diesen Ring von seiner Hand Geben ihr zum Unterpfand, Daß ich sey von ihm gesendet! Iris. Ei, wie sich das glücklich wendet! Perside. Bist du rasend? Iris. Da ich sah, Daß die Liebe, unbedacht, Dich um deinen Kopf gebracht, Da durchaus von deinem tollen Plane du nicht weichen wollen, Mußt' ich wohl auf Mittel sinnen, Guten Ausgang zu gewinnen. Ob ich recht bemerkt, vom Scheine Nicht berückt, verständig meine Fahrt gelenket, wird sich zeigen. Schon ist die Entwicklung nah. Und indeß, der Wellen Spiel, Segel, Steuer, Ruder, Mast Du im Sturm verloren hast, Seh' ich meinen Nachen eben Glücklich in den Hafen schweben, Und mein Wimpel weht am Ziel. Perside. Wie! ist's möglich? – Iris. Sey gewiß! Diesen Ring gib mir. Perside. O, Iris, Wenn ich noch zu neuem Leben Soll erwachen – denn nicht leb' ich Ohne ihn! – wenn du die Seele Wieder mir zurückgegeben Meines Seyns, wenn er noch mein, Dann nächst ihm und nächst dem Himmel Sey mir angebetet! ewig Sey mein Herz, mein Leben dein!   (Sie sinkt an ihre Brust.) Achter Auftritt.   Vorige. Crespo. Grespo. Ha, was ist das? Iris. (zu Persiden). Lust'ge Irrung! Crespo ist zu Stein geworden! Perside. (heimlich). Was beginnen? – Gott! nicht wissen Darf er – Iris. Ruhig!   (Zu Crespo.) Tritt nur näher! Grespo. Träum' ich, oder treibt der starke Wein von Mancha meine Sinne Mir im Taumel? Iris. Nun, was staunst du? Grespo. Donna! – hm – Ich bin –  (Für sich.) Ich weiß nicht, Wie ich schnell mich fassen soll Von dem Schrecken dieser selt'nen, Unerwarteten Erscheinung! –   (Laut.) Donna –   (Für sich.) Nein, das ist nicht möglich!   (Laut.) Habt Geduld mit mir – verzeiht! Mein Verstand, sonst hell und tüchtig, Sagt den Dienst mir auf; wenn nicht – Ob ich gleich ihn kaum gekostet – Mir der Wein den Kopf verwirret. Iris. Nun, was endlich? Crespo. Schwören wollt' ich, Daß – ich wag' es kaum zu sagen – Ihr, als ich genahet eben – Iris. Diesen holden Jüngling küßte? Crespo. Ha! So war' es wirklich? Hätt' ich Recht gesehen? Donna Iris! – Iris. Nun, was weiter? Crespo. Freilich! – Aber – Eine Dame Eures Ranges! – Wenn man denket – Iris. Ei, die Damen Haben wunderliche Launen! Crespo. Recht! – Doch kann ich nicht begreifen, Wie – Iris. Ein Diener von Verstand Muß des Grübelns sich enthalten, Was er immer sehen möge. Crespo. Ihr habt Recht! Auch muß ich sagen, Manches hab' ich schon erfahren, Habe Manches schon gehört; Manches hat vor meinen Augen Sich im Leben zugetragen, Ohne daß es mich gestört; Aber hier, ich muß gestehen, Ist Unglaubliches geschehen! Iris. Denk' ein andermal daran! Jetzt erwarten dich Geschäfte, Die zu anderen Gedanken Wenig Zeit dir gönnen; denn, Eine Dame zu entführen Sey bereitet. Crespo. Ich entführen? Iris. Donna Viola von Espejo Suche auf und bringe sie Heimlich in mein Haus; doch hüte Dich, zu sagen, wem du dienest. Don Fadrique, muß sie glauben, Habe dich zu ihr gesendet, Und zu besserer Beglaub'gung Diesen Ring dir übergeben.   (Gibt ihm den Ring) Grespo. Ganz begreif' ich Euern Auftrag; Doch der Zweck – Iris. Geht dich nichts an! Grespo. Freilich wohl! 's ist wahr – Iris. Verbirg in mein Cabinet die Dame, Und heiß' sie auf deines Herren Ankunft dort ein wenig warten. Grespo. Alles sey, wie Ihr befehlet. Iris. So erwart ich's.   (Zu Persiden.) Komm, mein Liebling! (Geht mit Persiden ab.) Grespo. (allein). 's ist entsetzlich! – Hätten nicht Meine Augen es gesehen, Hätt' ich nicht mit diesen Ohren Es vernommen, vor Gericht Einen Eid hätt' ich geschworen, So was könne nicht geschehen! Dieser Knabe ohne Bart Weiß, den Kopf setz' ich zu Pfand, Nicht so viel von Männerart! Ei, liebwerthe Donna Iris, Seht Ihr nicht auf Rang und Stand, Warum warft Ihr Eure Blicke Nicht auf mich? Begreif', wer's kann! Ob sich besser nicht ein Mann Meines Schlags zum Lieben schicke! Ja, bei Gott! das Glück ist blind. Einen Schurken nennt man mich, Wenn ich äugle mit den Frauen, Und doch muß ich ruhig schauen, Wie mit einem solchen Kind Sie vor meinen Augen scherzen. Ist's zu glauben? – Er und ich! Ich und Er? – Erbärmlich sind Doch fürwahr der Weiber Herzen!   (Ab.)   (Der Vorhang fällt.)   Ende des dritten Aufzugs. Vierter Aufzug. Zimmer im Hause der Donna Iris. In der Mitte eine Glasthür. An der einen Seite bedeckt ein großer seidener Vorhang den Eingang in ein Cabinet; von der andern führt eine Thür gleichfalls in ein Nebenzimmer. Am Fenster steht ein Stickrahmen, an der Wand ein Nachttisch mit allerhand Frauenputz. Erster Auftritt.   Donna Viola. Crespo. Grespo. Donna, mög' es Euch belieben, In dieß Cabinet zu treten, Dort, ersuchet Euch mein Herr, Möget Ihr verborgen bleiben, Bis er selbst erscheint. Viola. Wo ist er? Grespo. Ihn zu holen eil' ich fort.   (Geht ab.) Viola   (allein). Wie, Fadrique ist nicht hier? Wartet nicht auf meine Ankunft? Nun, bei Gott, ich muß bekennen, Artig kann ich das nicht nennen! Was ist das? – Was seh' ich dort! Eine Stickerei, gespannt Auf den Rahmen – Schleier, Band! Dieser Nachttisch! – Nein, der Ort Gleichet nicht Fadrique's Wohnung, Gott! wo bin ich hingerathen? Welch ein Leichtsinn von Fadriquen, Unverschämtheit möcht' ich's nennen, Mich zu führen in ein fremdes, Unbekanntes Haus, und dort Mich allein zu lassen! – Schändlich, Unverzeihlich! – Nein, fürwahr! Solche Unart hätt' Alvar Nie begangen. – Horch! man naht, – (Sie geht an die Mittelthür.) Gott! Er ist es selbst! Alvar! Was beginn' ich? Trifft er mich Hier allein, was wird er denken? Weiß ich selbst doch nicht zu sagen, Wo ich bin? – Schnell hier hinein! Himmel! in welch Labyrinth Bin ich Aermste hier gerathen! –   (Sie verbirgt sich hinter den Vorhang.) Zweiter Auftritt.   Viola , verborgen. Alvar . Bald darauf Iris . Alvar. Niemand hier? – Doch bin ich recht, Wie es scheint. – Dieß ist die Wohnung, Die die Alte mir beschrieben, Als sie mich hierher beschied. Eine Frauenwohnung ist's, Denn an Putz nicht fehlt's noch Tand,   (Er besieht die Stickerei.) Viola. (zwischen dem Vorhange hervorlauschend). Zweifl' ich länger, wo ich bin? Damen nehmen hier Besuche Heimlich an von Herrn, die sie Sich daheim zu sehen scheuen. Allerliebst! – Ein Ungethüm Lockte mich hierher! – Abscheulich! – Und das zweite find' ich hier.   (Sie zieht den Kopf zurück.) Alvar. Noch kommt niemand? – Sonderbar! Wissen möcht' ich doch, was hier Mich erwartet. Donna Iris   (verschleiert, tritt ein). Herr, verzeiht! Jene Dame, die Euch Botschaft Heut' gesendet, seht sie selbst Hier vor Euch. – Nehmt Platz. – Ihr seyd, Wohl mit Unrecht nicht, betroffen, Daß Euch eine Unbekannte, Die sich hülfsbedürftig nannte, So zu sich beschied. Alvar. Es hat Jeder Ritter heil'ge Pflicht. Frauen beizustehn, und hoffen Darf ich, daß Ihr nicht bezweifelt. Daß ich meine Pflicht auch übe. Darum, Dame, sagt mir offen, Was Euch quäle, Euch betrübe, Und seyd im voraus gewiß, Ihr sollt Beistand nicht entbehren. Iris. Ihr seyd edel in der That! – Wohl! die Zukunft mag es lehren, Ob ich Euch vertraut mit Recht. Still! bevor Ihr mehr versprecht, Müsset Ihr mein Leid erst kennen. Ach! ich zag', es Euch zu nennen! Möchtet Ihr an meinem Bangen, Am Erröthen meiner Wangen, An des Herzens lauten Schlägen Es errathen! – Ach, daß kund Euch mein inneres Bewegen Thäte, was mein scheuer Mund Euch nicht waget zu gestehen! – Alvar. Kann ich Eurer Reden Sinn So vermessen deuten, daß – Iris Ach! Ihr könnt es! – Viola   (bei Seite). Dacht' ich's nicht? Alvar Hättet Ihr nicht in der Absicht Meiner Hülfe? Iris Laßt das gehen! – Nicht verhüllen will ich länger Dieser Brust geheime Qualen! Möge jeder Zweifel schwinden; Wißt: – ich lieb' Euch! Viola (bei Seite). Immer besser! Alvar Was vernehm' ich, Donna? – Wie – Iris Seit ich Euch zuerst gesehen, Fühlt' ich, daß für meine Ruhe Alle Kämpfe fruchtlos wären! Wie ein kühner Räuber habt Ihr den edlen, lang' bewahrten Schatz von Zärtlichkeit und Liebe Mir mit einem Blick entrissen. Alvar Werthe Donna – Iris Ihr sollt wissen, Daß ich, edel von Geburt, Reich und meines Willens frei, Fest dazu entschlossen sey, Dem, dem ich mein Herz gegeben, Mit dem ihm geweihten Leben Auch die Hand zu reichen, Alvar. Donna! – Viola   (bei Seite). Weh! – Ich zitt're! Iris. Ich bin schön, Hundert Männer hört' ich's schwören, Und was mehr ist, hundert Frauen; Solchem Zeugniß darf man trauen. – Don Alvar! Wenn Ihr, noch frei, Eines edlen Weibes Liebe Euch verbinden wollt, sagt ja, Und ich lüfte meinen Schleier, Und Ihr sollt mich kennen, schauen! Sagt Ihr nein – wohlan! so sey Dieß Gespräch auch unser letztes. Lebend sey ich dann begraben In die Oede stiller Mauern, Und der Schleier hülle ewig Dieses unglücksel'ge Haupt! Alvar. Donna, könnt' ich Worte finden, Die, was ich im Busen fühle, Ganz und deutlich möchten künden! Wohl habt Ihr vor meinem Blicke Einen reichen Farbenteppich Schönen Glückes ausgebreitet! Wahrlich, der ist zu beneiden, Dem so hohe Gunst beschieden, Und gedoppelt zu beklagen, Wer so unverdientem Glücke Widerstrebend muß entsagen. Iris Ha, Barbar!   (Für sich.) Das geht vortrefflich! Viola (bei Seite) . Ach! ich lebe wieder auf! Alvar Einer Frau hab' ich zu eigen Mich seit langer Zeit geschworen, Die, ob auch ihr hart Bezeigen Mich von sich entfernt, ob auch Sie auf immer mir verloren, Doch der Stern ist meiner Nacht, Luft ist meinem Athem, Seele Dieser lebensmüden Hülle. Viola (bei Seite) . Was vernehm' ich? Iris Haltet ein! Alvar Denkt geringer nicht von mir, Weil ich in des Schmerzens Fülle Mein Gefühl nicht ganz verschwiegen. Glaubt, daß ich nach ihrem ganzen Werthe achte jene Gabe Zarter Huld, die Eure Liebe Unverdient mir zugedacht. Und damit kein Trost mir bliebe, Und ich arm bei reicher Habe, Seh' ein Glück ich vor mir fliehen, Das ich suche, und entziehen Muß ich mich mit gleicher Flucht Einem andern, das mich sucht. Iris. Brich, mein Herz!   (Für sich.) Der Plan gelang! Alvar. Ja, noch einmal: Laßt den Unstern Meines widrigen Geschickes Nicht durch Euern Zorn mich büßen. Iris. Geht! entfernt Euch, Don Alvar! Geb' Euch Gott, daß Ihr ein Herz Mögt so treu als meines finden; Geht, und laßt mich meinem Schmerz! (Für sich.) Ich ersticke fast vor Lachen! (Laut.) Still! – Nein, nein! – ich höre Leute! Eine Freundin wird es seyn. Bleibt! – sie möchte Euch begegnen, Und nicht wünscht' ich's,   (Für sich.) Besser ist's. Wenn er in der Nähe bleibt.   (Laut) Tretet hier in dieß Gemach.   (Sie führt ihn in das Nebenzimmer.) Viola   (allein). O, was hört' ich! Diese Brust Hat nicht Raum für so viel Freude! Und, das nicht der Schmerz besiegen Könnt', dieß Herz besiegt die Lust! Ihm entgegen möcht' ich fliegen! Doch das Bild! – Herz, nicht zu früh Darfst du deines Glücks dich rühmen. Iris (aus dem Nebenzimmer tretend, schlägt den Schleier zurück). Wohl die einz'ge Frau auf Erben Bin ich, die es herzlich wünscht Und die's freut, verschmäht zu werden. Dritter Auftritt.   Vorige. Perside in Damenkleidern. Bald darauf Fadrique . Peside Eile, Freundin, mich zu bergen! Ich erblickt' ihn auf der Straße, Und er folgte meinen Schritten, Hab' ich recht gesehn im Aufruhr, Der die Sinne fast mir raubte. Als ich ihn gewahrt, so trat er In das Haus. Iris Da ist er selbst. Fadrique (tritt ein). Donna – Alvar (bei Seite). Don Fadrique! Himmel! Dort im Zimmer weilt Alvar, Und Fadriqu' soll mich entführen! Fadrique Ja, Ihr seyd's! – Wenn dieß Gewand Mir's nicht sagte, Eure Züge Dieser Abriß hier nicht trüge, Sagte laut es mir das Beben Meines Herzens, daß Ihr's seyd. Viola (bei Seite) Was ist das? Perside. O Herr, verzeiht! Ich muß meinen, daß Ihr irret; Mich nicht könnt Ihr suchen. Fadrique Euch! Viola (bei Seite) Welch ein neuer Mißverstand! Fadrique Welche lebte, die Euch gleich? Viola (bei Seite) Ja, sie ist's – ich irre nicht! Perside. Nur der Schein hat Euch verwirret! Niemals habt Ihr mich gesehen, Kennt mich nicht. Fadrique Die Züge stehen Unauslöschlich eingebrannt In der Seele mir. – O sprecht, Warum bergt Ihr länger mir Noch die Wahrheit? – Sehet hier Auf das Bild, und läugnet noch, Wie so matt auch diese Farben, Schatten nur von Eurem Lichte, Gegen Eure Reize strahlen, Daß Ihr's seyd. Perside (blickt auf das Bild). Wie, seh' ich recht? Iris. Mir ließ sich die Freundin malen, Dieses Bild gehört Euch nicht. Perside (für sich). Iris bracht's in seine Hände, Ganz gewiß! Iris. Gebt mir's zurück! Fadrique. Nimmermehr! – Wenn auch vom Glück, Auch vom Zufall nur ich habe, Was – verzeiht – mein Wunsch, zu kühn, Hält für eine freie Gabe Eurer Neigung, geb' ich doch Nie es mehr von mir! – 's ist mein Und mein soll es ewig bleiben! Perside (für sich). Mich verräth der Wange Glühen! Viola (bei Seite). Kann man Leichtsinn weiter treiben! Mir verlobt er seine Hand, Und kaum, daß er mich belogen, Wird die Zweite schon betrogen. Fadrique Wie? Ihr schweigt? – Mein Gott – ist's wahr? An der Wimper, perlenklar, Seh' ich eine Thräne blinken! Laßt mein Herz die Muschel seyn! Diese Perle weg zu trinken! Perside Wohlan, ich will's gestehen! Ja, Don Fadrique, wisset: Daß diese Thrän' um Euch vom Auge fließet. Mich hat unselig lieben Zu langem Leid, zum Wahnsinn fast getrieben. Der Nebel ist geschwunden, Euch geb' ich auf; doch mich hab' ich gefunden! Fadrique ( für sich). Das sind ja Träume nicht, die mich verwirren? Nein, nein, ich kann nicht irren – Mich kann nicht Wahn berücken! Sie steht ja lebend hier vor meinen Blicken! Ist sie's, hab' ich's getroffen, Dann ist erfüllt mein allerkühnstes Hoffen, Den Himmel seh' ich offen, Und ohne Ufer schäumet mein Entzücken! Perside O, daß für meine Liebe Doch noch im Leid der süße Trost mir bliebe: Der Mann, den ich erkoren, Sey werth, daß ich mein Herz an ihn verloren! Dieß füllt mit tiefstem Wehe. Daß ich nun deutlich sehe, Euch sey' ein Spiel, was Ziel wer meines Lebens. – Ihr seyd verlobt! Fadrique Vergebens Straft Euer Zürnen mich! Ich schwöre, Daß ich nur Euch gehöre! Perside Fadrique, könnt Ihr wagen, Dieß Alles mir zu sagen? Betrachtet mich genau! Fadrique So ist es doch? – Ihr wäret? – O Himmel! ja! – Erkläret – Perside Erspart mir das Erröthen; Ich bin bestraft! Fadrique O Gott! wollt Ihr mich tödten? Perside Ihr seht, aus Eurem Munde Weiß ich, daß zum geheimen Ehebunde Ihr einer edlen Frau das Wort gegeben. Erwartet Ihr nicht eben – Fadrique Sprecht es nicht aus, ach, schweiget! Ihr seht mich tief gebeuget; Doch denkt von mir nicht schlimmer! Leichtsinn'ger Jugend bin ich anzuklagen. Viola (bei Seite). So recht! Nun kommt die Beichte. Fadrique. Und läugnen will ich nimmer: Weil ich, der Frauen Gunst davon zu tragen, Oft ohne Müh' erreichte, Schien mir's nicht mehr erfreulich. Iris. O Männer! wie abscheulich! Fadrique. Mich zu vermählen, sah ich mich gezwungen, Weil es im Erbvertrage so bedungen; Doch liebt' ich nicht. – Da konnt' ich seit zwei Jahren Von Eurer Nähe manche Spur gewahren: Daß ich Euch werth – nennt es nicht unbescheiden, Sag' ich's vor Euch – verriethen manche Zeichen, Und so beschloß ich, Euch die Hand zu reichen, Obgleich ich Euer Antlitz nie gesehen. Jüngst wollt' ich's Euch gestehen, Als ich auf jenem Balle Euch gefunden; Doch schnell war't Ihr verschwunden, Und wider meinen Willen mußt' ich schweigen. Ich hofft', es werde günst'ger meinen Wünschen, Ein andrer Tag sich zeigen. So tret' ich gestern in den Saal und spähe Nach Euch umher – da sehe Violen ich in einem gleichen Kleide, Als jüngst das Eure war. Voll Freude Dring' ich in ihre Nähe, Und so, getäuscht vom Scheine, Indem ich immer Euch zu sprechen meine, Rasch, ohne viel Besinnen, Biet' ich ihr meine Hand! – Ich war von Sinnen! Viola (bei Seite). Der Bösewicht! Fadrique Da fand ich Dieß Bild von Euch; verloren stand ich! Die ist's! rief mir entgegen Mein trunk'nes Herz mit ungestümen Schlägen, Und alle die Gestalten, Die ich, getäuscht, für lebend sonst gehalten, Ein Strahl hat sie verzehret! Was lang' ich suchte, lang' umsonst begehret, Mit einemmale halt' ich es gefunden. Es ist vorbei! – Gebunden Halt mich mein Wort, verlassen Muß ich mein Glück, um jene Hand zu fassen. Viola (hervortretend). Bemüht Euch nicht! Ihr seyd des Wort's entlassen. Fadrique Viola! Iris Seyd willkommen! Fadrique (für sich). Verdammter Streich! Wie ist die hergekommen? Viola Vor allem muß ich fragen: Wo bin ich, Don Fabriqu'? Fadrique Euch das zu sagen – Iris Alle Räthsel, die sich zeigen, Kann nur ich Euch g'nügend lösen, Und ich will Euch nicht verschweigen, Daß ich schuldig mich bekenne, Dieses Truges und der bösen Ränke, die doch, wie es scheint, Uns zum Glücke hier vereint. – Liebenswürdige Viola, Daß Ihr wisset, wo Ihr seyd, Ist's, daß ich mich nenne, Zeit. Iris von Henarez heiß' ich; Ihr seyd hier in meinem Hause, Oder besser: in dem Euren. Diese stumme Schöne hier Ist Perside von Turguel, Meine Base. Viola. Alles weiß ich Nun zu deuten. Iris. Glaubet mir, Ihr habt großen Kummer ihr Schon gemacht, ich kann's betheuern. Jenen falschen Ritter dort Und noch einen, den Ihr kennet, Suchten wir an diesem Ort, Und, bedenket – fanden ihn Euern Siegeswagen zieh'n! Sagt mir, war das zu ertragen? Viola. (zu Persiden). Er gehört an Euren Wagen, Diene Euch mit warmer Treue, Und nun treffe Euch die Reihe Zu gebieten; nicht aufs Neue Maß' er dieses Recht sich an! Perside. Denkt geringer nicht von mir, Weil Ihr mich so schwach gesehen. Viola. Ich – laßt immer mich's gestehen – Bin auch nicht aus Stärke hier. Fadrique. Reden so von sich die Frauen, Was sag' ich von meiner Kraft? Viola. Dame! nehmet diesen Mann Ja in rechte strenge Haft, Denn ihm ist nicht sehr zu trauen. Fadrique. Treu wird mich Perside finden; Nur Violen oft zu schauen Wehre sie. Ihr bringt fürwahr Keine Andere Gefahr. Iris. Wollt Ihr noch ein kurzes Wort, Schöne Freundin, mir erlauben? Viola. Ich errathe; fahrt nur fort. Iris. Falscher Argwohn riß Euch hin, Treulos Euern Freund zu glauben, Lieb', Ihr wißt ja, ist ein Kind, Dem verhüllt die Augen sind; Ich hab' besser ihn durchschaut, Und auf seinen treuen Sinn Meinen ganzen Plan gebaut, Hier in Eurer Gegenwart Auf die Probe ihn zu stellen: Daß er sie bestanden, war't Ihr ja Zeugin selbst. D'rum thut Schnell jetzt Euer Unrecht gut!   (Geht an die Nebenthür.) Don Alvar! Beliebt's? Vierter Auftritt   Vorige. Alvar. Alvar. Viola! Iris. Weil Ihr grausam, Don Alvar, Mich verschmäht, wohlan, Barbar! Sollt Ihr hier zur Stelle büßen. Werft Euch dieser Frau zu Füßen! Alvar. Donna! – Iris. Thut's in Gottes Namen; Ich will's seh'n und mich nicht kränken. Alvar. Wie find' ich mich hier zurecht? Theuere Viola, sprecht, Sagt mir doch, was soll ich denken? Viola. Don Alvar, hier diese Damen Haben zwar zu Eurem Vortheil Sich bei mir für Euch verwendet. – Iris. Donna, quält ihn nicht aufs Neue! Weil er von geprüfter Treue, Werde hier sein Lob gefeiert. Viola. Nicht zu schnell seyd mit dem Lobe! Wäret Ihr denn nicht verschleiert? Unverschleiert macht die Probe! Alvar. Wär' es möglich, daß Ihr? – endet! Viola. Glaubet nicht, ich wollte scherzen, Erst sollt Ihr das Bild mir zeigen, Das der Quell ist meiner Pein. Ich sah selbst Euch mit Entzücken Es an Eure Lippen drücken: Eine Dame muß es seyn. Alvar. Gern! Es ruht auf meinem Herzen. Viola. Zeigt es her. Alvar. Hier ist's.   (Sein Blick fällt auf das Bild, dann auf Iris.) Mein Gott!   (Er reicht das Bild Violen.) Iris   (betrachtet es). Ei nun – dieses Bild bin ich! Alvar. Gott! Wer seyd Ihr? – Meine Schwester, Wenn Ihr mir dieß Bild gesendet Habt nach Flandern. Iris. Alvar Flores Nannte sich mein Bruder. Alvar. Flores Ist mein Name, einen andern Trüg ich hier nur. Meine Schwester Ist vermählt an Don Henarez. Iris. Ganz so nennet sich mein Gatte! Alvar. Meine Schwester! Viola. Welche Freude! Iris. Innig theilet sie mein Busen. Alvar. Seit den frohen Kindertagen Haben wir uns nicht gesehen. Früh mußt' ich nach Flandern gehen. Um die Waffen dort zu tragen. Iris. Schon seit gestern kenn' ich dich. Perside. Und du Falsche konntest schweigen? Iris. Beigelegt ist deine Sache, Offen kannst du nun dich zeigen, Und darfst diesen Zufluchtsort Jetzt, so bald du willst, verlassen. Alvar. Zieht Viola mit mir fort? Viola. Mein Alvar! Alvar. Geliebtes Leben! Viola. Unrecht hab' ich Euch gethan, Doch ich will, nehmt Ihr es an, Euer Unrecht Euch vergüten. Fünfter Auftritt.   Vorige. Crespo. Crespo. Weil ich draußen vor der Thüre Solchen lauten Jubel höre, Mein' ich, daß es mir gebühre, Der zum Hause ich gehöre, Anzufragen, ob es nöthig, Daß ich jemand noch entführe? Iris. Sehet den Gehülfen hier Meiner wohlgelungnen List!   (Zu Fadrique.) Weil er aus so guter Schule Eben erst gekommen ist, Hab' ich ihn zu mir genommen. Fadrique. Ihr vergeßt, daß er zu mir Aus der Euern ist gekommen; Seine Meisterin war't Ihr. Crespo. Doppelpaare seh' ich hier! Alle sind nach Wunsch vereint, Sehr mit ihrem Theil zufrieden? Viola. Ja, das Glück hat, wie es scheint, Jedem, was ihm werth, beschieden. Perside. Aus des Labyrinths Gehege – Alvar. Fand die Liebe ihre Wege. Fadrique.   (zu Iris). Euern Bruder fandet Ihr – Crespo. Ich Dublonen. – Saget mir, Gibts noch was zu wünschen hier? Irisa. (zu den Zuschauern). Eure Huld! – Versagt sie nicht Uns – Viola. Dem Dichter – Perside. Dem Gedicht!   (Der Vorhang fällt.)   Ende des vierten und letzten Aufzugs