Georg Schweinfurth Afrikanisches Skizzenbuch Verschollene Merkwürdigkeiten Vorwort Widrige Zeitverhältnisse verhinderten mich viele Jahre lang, die gewohnten Reisen im Süden weiter fortzusetzen. Das zunehmende Alter machte sie ganz unmöglich. Aber Marksteine meiner Wanderungen waren geblieben. Tagebücher aus alter Zeit und verschollene Schriften, die ich über Gegenstände von dauernder Bedeutung veröffentlicht hatte, lagen in großer Anzahl vor. Das Verlangen, solche der Vergessenheit zu entreißen, belebte meine Erinnerung mit neuem Reiz. Das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, beglückt uns immer mit dem Zauber seiner ewigen Frische. Mein Buch »Auf unbetretenen Wegen in Aegypten« bot mir zuerst erwünschte Gelegenheit, von meinen alten Schriften einige in geprüfter Fassung dem Leserkreis der Gegenwart vorzuführen. Ihr Inhalt fand Interesse, er war, weil nur wenigen Kennern zugänglich, im allgemeinen so gut wie unbekannt geblieben. Jetzt bringe ich eine Auswahl aus dem genannten Werke, vermehrt um dort noch nicht veröffentlichte Artikel, von denen etliche über den Bereich von Aegypten hinausreichen. Das gab den Anlaß zu einer entsprechenden Änderung des Titels. Meine ersten Stichproben ins Unbekannte von Afrika betrafen vor vielen Jahren die Küstenstriche auf der Westseite des Roten Meeres. Diese sind, soweit sie Ägypten und Nubien angehören, noch bis auf den heutigen Tag von europäischen Reisenden so gut wie unbetreten geblieben. Die in den »Unbetretenen Wegen« enthaltene »Reise an der Küste des Roten Meeres« ist hier weggeblieben. Sie erschien als besonderes Buch soeben in den »Wegen zum Wissen« des Ullstein-Verlages. Im Abschnitt I gebe ich eine Schilderung aus dem nächtlichen Tierleben der Libyschen Wüste. Wenn ich mich auch auf dem Gebiete der Naturkunde hauptsächlich der Botanik widmete, so hat mich die Tierbeobachtung immer auf das lebhafteste interessiert. Bei meinen Bergbesteigungen (Abschnitt II) werde ich gewiß Strecken betreten haben, die nie ein menschlicher Fuß berührte, doch ist darauf kein besonderes Gewicht zu legen, denn dazu bieten noch viele andere Gebirge Gelegenheit. Die Nachsicht des Lesers werde ich anzurufen haben, wo bemerkenswerte Erlebnisse und überraschende Beobachtungen von einer Menge von Einzelheiten verhüllt sind, die nur für den Spezialgelehrten von Interesse sein können. Viele botanische Angaben sind deshalb gestrichen worden, und der Pflanzengeograph wird die ursprüngliche Veröffentlichung zu berücksichtigen haben. Über meine Veröffentlichungen bietet die Liste Auskunft, die der dritten Ausgabe meines Reisewerks »Im Herzen von Afrika« (1918) beigegeben ist. Der Abschnitt III war bisher für diejenigen eine Überraschung, die auf meinen Reisen kirchengeschichtliche Neuigkeiten aus dem Altertum nicht erwartet haben. Ich war seit Vansleb (1672) der einzige, der die alten Klöster ausführlich beschrieb. In dem ersten Bande des von Friedrich Bodenstedt als Almanach für das deutsche Haus herausgegebenen, aber nicht weiter fortgesetzten »Kunst und Leben« erschien meine Arbeit an jetzt fast unauffindbarer Stelle. Die von der Kapelle des heiligen Antonius gegebene Abbildung ist die erste und einzige ihrer Art. Meine flüchtige Skizze durch nachträgliche Ausführung zu vervollständigen, habe ich nicht gewagt. Sie stellt eine der ältesten christlichen Kirchenräume dar, die aus den ersten drei Jahrhunderten noch vorhanden sind. Die von Weingarten aufgestellte Hypothese eines Nichtvorhandengewesenseins vom heil. Paulus von Theben, dem ägyptischen Nationalheiligen (weil Eusebius seiner nicht erwähnte), habe ich unbeachtet gelassen. In neuerer Zeit haben außer Paul Güßfeldt und mir auch andere Deutsche die alten Wüstenklöster besucht. 1901 waren dort Carl Becker, Bernhard Moritz und Josef Strzygowski zu gemeinschaftlichem Besuch. Abschnitt IV, über die Höhlenbewohner von Sokotra, kann als Ergebnis einer aufschlußreichen Reise gelten, die ich im Anschluß an die Expedition des Dr. Riebeck 1881 im Golfe von Aden ausführte. Die im Abschnitt V beschriebenen Überreste des als Unikum aus dem Alten Reich stammenden Stauwerks bilden in diesem Bande den einzigen Gegenstand, dessen Besichtigung für die Wintergäste des Landes leicht zugänglich erscheint. Glückliche Funde werden sich dort vielleicht noch machen lassen, um die von mir aufgeworfenen Fragen nach dem Ursprung und den Umständen zu beantworten, unter denen ein so ungewöhnlicher Bau – von so kurzer Dauer – entstand. Abschnitt VI gibt die Beschreibung eines von mir entdeckten Tempels gelegentlich einer Reise im Umkreise von Fajum. Der Name »Schweinfurth-Tempel« rührt selbstverständlich nicht von mir her, sondern wurde von Robert Brown in dessen Buch zum ersten Male angewendet. Das Kapitel VII mit den römischen Steinbrüchen, die ich als erster ausführlich beschrieb, obgleich vor mir bereits mehrere Archäologen den Platz besucht hatten, bietet der ungelösten Fragen viele. Sie betreffen vor allem das ehemalige Vorhandensein verwickelter Röhrenleitungen und eines Pumpwerks, das ein in der Kulturgeschichte jener Zeit noch wenig aufgeklärtes Verfahren betrifft. Ich habe auch die Frage angeregt, wie Archimedes in Ägypten zur Idee seiner Schraube (der Wasserschnecke) gelangt sein kann. Abschnitt VIII handelt von den Ausgrabungsergebnissen in Tripolis, die das römische Villenviertel von Hippone (Bona) freilegten. Diese Beschreibung erregte damals die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms II., der den Ankauf der Mosaiken wünschte. Berliner Gelehrtenkreise setzten dem jedoch Widerstand entgegen, wegen der »zu späten« Entstehungszeit der Mosaiken, und diese äußerst wertvollen antiken Kunstdokumente gelangten für nur 40 000 Franken in französischen Besitz. Abschnitt IX zählt die Ueberreste auf, die heute noch im äthiopischen Süden an eine ägyptische Vergangenheit erinnern. Besonders ausführlich wird auf die Merkwürdigkeit des Salbkegels (d. i. Pomadenklumpen auf dem Haupt der Frauen) eingegangen. Von den in Abschnitt X zusammengestellten Grabbauten, die ich als die einzigen Denkmäler der hamitischen Völker bezeichnete, habe ich nach eigenen Beobachtungen nur wenige ausführlich beschreiben können. Sie würden aber für Ethnologen eine lohnende Aufgabe zu eigenen Forschungsreisen darbieten. Von der 1865 entdeckten großen Gräberstadt Maman habe ich Abbildungen einzelner Bauten gegeben. Im gesamten Nilgebiet gibt es nichts derartiges von gleicher Größe. Was ich über die Wiederinbetriebsetzung der alten Goldminen der östlichen Wüste berichten konnte, betrifft schon die neueste Zeit. Zum Verständnis genügt das in der einleitenden Notiz zu XI Gesagte. Georg Schweinfurth. Berlin-Schöneberg, Juli 1925. Nachschrift Es war dem greisen Verfasser nicht vergönnt, die Fertigstellung des Werkes zu erleben. Wohl haben ihm die Korrekturbogen noch vorgelegen, aber ehe zum Druck geschritten werden konnte, setzte der Tod seinem unermüdlichen Schaffen ein Ziel. Am Inhalt ist nachträglich nichts geändert worden; wir bringen genau nach den zu Lebzeiten Georg Schweinfurths uns übermittelten Weisungen dieses Werk heraus, das sein Schwanenlied geworden ist. Berlin, im September 1925. Der Verlag. Lebenslauf Ich bin 1836 in Riga geboren, das in meiner Jugendzeit kaum den zehnten Teil seiner heutigen Bewohner hatte. Trotz der von vielen Russen und Letten bewohnten Vorstädte konnte man es eine durchaus deutsche Stadt nennen, und auf dem Gymnasium wurden, mit Ausnahme des Russischen, alle Fächer in deutscher Sprache gelehrt. Im Kreise meiner Geschwister und Verwandten habe ich nie russisch sprechen gehört, und ich erinnere mich nicht, dort je einen Nationalrussen verkehren gesehen zu haben. Mein Vater war aber Rußland gegenüber von äußerst loyaler Gesinnung und hielt streng darauf, daß auch seine Kinder sich einer solchen befleißigten. Als Knabe habe ich mehrere Jahre in einer mitten in Livland gelegenen Erziehungsanstalt verbracht und später die oberen Klassen des Rigaischen Gymnasiums besucht. Frühzeitig ist in mir, durch das Lesen von Reisebeschreibungen angeregt, der Sinn für Forschungen und Entdeckungen in entlegenen Teilen der Welt erweckt worden, und ich suchte mich unauffällig an Strapazen und Entbehrungen aller Art zu gewöhnen, vornehmlich durch ausgedehnte Fußwanderungen, die ich ohne Begleitung in den heimatlichen (baltischen) Provinzen zur Ausführung brachte. 1857 bis 1860 studierte ich in Heidelberg. Nachdem ich in München und in Berlin die naturhistorischen Studien zum vorläufigen Abschluß gebracht hatte, wurden mir von der inzwischen Witwe gewordenen Mutter 10 000 Rubel überwiesen, um die längst geplanten Reisen in Afrika ausführen zu können. So betrat ich am 26. Dezember 1863 zum ersten Male afrikanischen Boden in Alexandria. Ich hatte mir die botanische Erforschung der Nilländer und der benachbarten Gebiete als das zu verfolgende Ziel gesteckt. Meine erste Reise ins Unbekannte brachte zahlreiche Stichproben der Forschung zustande, die vom Roten Meer aus, das ich in kleiner Barke befuhr, mich an die Küsten von Ägypten und Nubien und in die benachbarten Gebirge führte. Dann zog ich von Suakin landeinwärts nach Kassala und nach Gallabat, wo ich die Regenzeit verlebte, und von wo aus ich später auf dem Rückwege über Sennaar nach Khartum gelangte. Auf dieser meiner ersten Afrikareise habe ich für die Pflanzengeographie wichtige Tatsachen feststellen können. Einige Beiträge zur Vervollständigung des Kartenbildes der durchreisten Gegenden wurden geliefert und, auf der Reise nach Kassala, Maman, die alte Gräberstadt der Bega, entdeckt. Im Sommer 1866, als die Schlacht von Königgrätz geschlagen wurde, war ich auf der Heimreise begriffen. Ich fand gewisse Schwierigkeiten, um über Wien zum Besuch meiner Familie nach Riga zurückzugelangen. Ich war nun durch Studien und Erfahrung genügend vorbereitet, um mir beim weiteren Verfolg meiner Reisepläne, und in erfolgreichem Wettbewerb mit anderen, die von der Berliner Akademie der Wissenschaften vergebenen Mittel der »Humboldtstiftung für Naturforschung und Reisen« zuwenden zu lassen, und so dem Ziel meiner Wünsche, den noch zum großen Teil unbekannten Gebieten am oberen Nil, nähertreten zu können. Alexander Braun, Reichert und du Bois-Reymond waren in der Akademie meine erfolgreichen Fürsprecher. Die mir gestellte Hauptaufgabe betraf die botanische Erforschung des Stromgebiets des Bahr-el-Ghasal. Daneben sollten auch geographische und ethnographische Forschungen im Auge behalten werden. Seitens der ägyptischen Regierung wurde meinem Unternehmen von Khartum aus nachdrücklichst Vorschub geleistet, und ich gelangte dadurch bei den im Forschungsgebiet tätigen Khartumer Elfenbeinhändlern zu derartigem Ansehen, daß alle in Liebenswürdigkeiten gegen mich wetteiferten, und in den Niederlassungen der Befehlshaber die bewaffneten Wanderscharen miteinander um den Vorzug stritten, meinen Plänen dienlich sein zu dürfen. Statt mich finanziell auszubeuten, lieferten sie kostenfrei Träger und Proviant. In den Stationen wurde mir ausgiebige Gastfreundschaft gewährt. Ich hatte mir in Khartum eine Art Leibgarde von vier zuverlässigen Nubiern besorgt, aber meine beschränkten Mittel (im ganzen überstiegen sie nicht viel die Summe von 25 000 Mark) hätten bei den weiten Wanderzügen im Innern nicht zur Bezahlung der vielen Träger gereicht, deren ich zur Fortschaffung meines umfangreichen Gepäcks bedurfte. Als nach Beendigung des wichtigsten Abschnitts dieser Reise, nach dem gegen Süden bis ins Land der Mangbettu geführten Vorstoß, ich fast meiner ganzen Habe (die Sammlungen waren zum Glück schon auf dem Wege nach Europa) durch eine Feuersbrunst beraubt worden war, für die der Verwalter des Khartumer Großkaufmanns, mit dem ich einen Vertrag abgeschlossen, verantwortlich war, wurde ich, da ich von einer Entschädigungsklage Abstand genommen hatte, großer Zahlungsverpflichtungen enthoben, die schwer zu befriedigen gewesen wären. Hätte ich damals über das Geld verfügen können, das mir später der englische Verleger für mein Buch zahlte, so wäre ich gewiß gern noch einige Jahre in Afrika geblieben und hätte alsdann in der kongowärts zum ersten Male von einem Europäer betretenen Richtung noch manche Entdeckung machen können, denn meine Gesundheit war unerschüttert geblieben. Im Frühjahr 1872 war ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Meinen ersten Reisebericht trug ich der Geographischen Gesellschaft von München vor, aber in Berlin, dem ich ganz angehörte, wurde mir von meinen akademischen Gönnern und seitens der Gesellschaft für Erdkunde mit den zahlreichen alten Freunden der wärmste und ehrenvollste Empfang bereitet. Besondere Beachtung ward meinen Reiseergebnissen in England zuteil. In der zu Brighton tagenden »British Association« hatte Stanley, der kurz zuvor den verschollenen Livingstone aufgefunden, dessen Ansicht eifrigst verteidigt, daß der Lualaba nordwärts dem Gazellenfluß zuströme. Stanley versuchte damit den Nachweis zu liefern, daß von Livingstone nunmehr die wahre Nilquelle festgelegt sei. Seine Worte lauteten dem Sinne nach ungefähr folgendermaßen: »Was Colonel Grant da erzählt, setzt mich in Erstaunen. Ich habe noch nie davon gehört, daß ein Engländer bis zu jenen Gegenden vorgedrungen sei, und nun soll ›a Herr of some sort‹ dort gewesen sein und hat einen kleinen Fluß gesehen. Keine Spur davon! Ein Fluß, den ein Livingstone entdeckte (Lualaba), kann nur der Nil sein (d. h. andere wären seiner gar nicht würdig).« Dem aber widersprach aufs entschiedenste Grant, der Reisegenosse von Speke, und er bewies, daß diese Hypothese infolge der vor kurzem durch mich gemachten Entdeckung eines sich mit verkehrter Stromrichtung dazwischen einschaltenden Flusses, des Uelle, durchaus unhaltbar geworden sei. Vom großen Kongo, dessen Festlegung auf unseren Karten in der Folge Stanley zum größten Entdeckungsreisenden Afrikas stempeln sollte, hatte man damals noch keine Ahnung. Einige Jahre später, als Stanley von seiner großen Kongofahrt zurückkehrend mich in Kairo kennen lernte, hat er den kleinen Ausfall gegen mich in vornehmer Weise wieder gutgemacht. Von der englischen Kolonie in Kairo wurde ihm damals im Hotel Shepheard ein Festessen gegeben, das Sir George Elliott zustande brachte. Als Stanleys Gast war ich von diesem selbst dazu eingeladen und ich hatte zu seiner Rechten den Ehrenplatz. Stanley hielt sogar noch eine wundervolle Rede, in der er mich feierte. Nach meiner Rückkunft aus Afrika im Sommer 1872 erfolgte die Veröffentlichung des umfangreichen Werkes »Im Herzen von Afrika«, dessen Entstehungsgeschichte vielleicht interessieren wird. Ich war im Rheinischen Hof, damals einem guten Hotel an der Ecke der Friedrich- und Leipziger Straße, abgestiegen und hatte dort die Bekanntschaft eines liebenswürdigen und sehr unterrichteten Deutschamerikaners, des Herrn Henry Jacoby, gemacht, der als Berichterstatter des New York Herald in Deutschland tätig war. Er nahm großes Interesse an meinen Erzählungen der Reiseerlebnisse und suchte mich alsbald für das Londoner Verlagshaus Sampson Low, Marston Low \& Searle zu gewinnen, das damals durch Stanleys spannende Schilderung »Wie ich Livingstone auffand« im Buchhandel der Welt eine große Rolle zu spielen begann. Der Titel meines geplanten Reisewerkes wurde bald festgestellt. Ich schlug die Fassung vor: »Im Herzen von Afrika«, wozu Jacoby verschiedene Varianten in Vergleich stellte, bis er, nach mit Kennermiene (wie bei einer Weinprobe) allerseits geprüftem Wortklang, zu dem Ergebnis gelangt war, daß im Englischen sich »The heart of Africa« am besten ausnehmen würde. »Ich werde gleich an Sampson Low schreiben, sagte Jacoby, ich werde als Honorar ... Pfd. Sterling verlangen« (er nannte einige Tausende). Ich mahnte zum Maßhalten. Endlich kam man überein, den Betrag für sämtliche Editionen auf 2000 Pfd. Sterling festzusetzen. Freunde hatten bereits geglaubt, mir verlockende Aussichten auf deutschen Verlag eröffnen zu können. Ich erinnere mich wohl, wie Robert Hartmann mir von einem deutschen Verlag gesprochen hatte und von 600 Talern (oder waren es 800?), die sein Angebot seien. Nun stand ich einer ganz neuen Verlockung gegenüber, die mir zunächst phantastisch erschien. Aber es ging alles leichter, als ich gedacht, und es blieb bei der geforderten Summe. Die Antwort aus London traf bald ein und war zunächst in sehr entgegenkommender Weise an mich gerichtet. Herr Marston hatte sich offenbar bei den Londoner Botanikern über das »Vorleben« des unbekannten Reisenden erkundigt. Es machte auf mich einen drolligen Eindruck, wenn er gar leichten Herzens Zutrauen zu meinen Leistungen zu bekunden schien, indem er sich auf ein aus so fremdem Lager abgegebenes Urteil stützte: – »Wenn Sie bei Schilderungen ihrer Reisen dieselbe Gewandtheit (»the same facilities«) an den Tag legen, wie in der Botanik, so entsprechen Sie dem, was ich brauche«, hatte er geschrieben. Von meinen so umfangreichen Reiseberichten (seit 1864) in verschiedenen geographischen und naturhistorischen Zeitschriften – weil für den englischen Leser als nicht vorhanden betrachtet – nahm Mr. Marston nicht die geringste Notiz. Unnötigerweise hatte ich mir darüber Sorge gemacht und befürchtet, sie könnten dem Wert der englischen Veröffentlichung zum Schaden gereichen, dem Reiz der Neuheit Abbruch tun. Davon war bei den Verhandlungen keine Rede, man hielt sich in England nicht mit Nebensachen auf und verzichtete auf kleinliche Bemäkelung. Was mir zur Empfehlung bei dem englischen Verleger sehr zustatten kam, war der Umstand, daß vor kurzem mein Name, allerdings bei einer mir ganz fremden Angelegenheit, in den englischen Zeitungen und in Verbindung mit Afrika rühmend erwähnt worden war. Die Times hatte einen zwei Spalten langen Artikel von Justus v. Liebig (1. Oktober 1872) gebracht, in dem ich als Zeuge für den Nährwert des Fleischextraktes angerufen wurde. Diesem waren bereits damals direkt nährende Eigenschaften in Abrede gestellt und nur anregende oder reizende zuerkannt worden. Jener erste Vortrag, den ich nach meiner Rückkehr in Deutschland über die Reisen 1868 bis 1871 zu halten hatte, fand vor der Geographischen Gesellschaft zu München, und zwar im Hörsaal des chemischen Laboratoriums statt. Unter den Zuhörern befand sich auch der Freiherr von Liebig. In dem Vortrage war unter anderem erzählt worden, wie ich im Lande der Niamniam aus dem Fleisch zweier am gleichen Tage erlegter Antilopen durch Zerhacken, Kochen, Filtrieren und schließliches Verdicken, durch Eindampfen mir einen Vorrat von zwei Flaschen sehr wohlschmeckendem Fleischextrakt herzustellen gewußt und wie dieser bei bald darauf eintretendem schlimmen Nahrungsmangel zu meiner Ernährung wesentlich beigetragen habe. Am folgenden Morgen, als ich den Botanischen Garten besuchte, wurde mir dort vom Inspektor der große Chemiker selbst vorgestellt. Er hatte mich offenbar erwartet, um mir zu sagen, daß ihn meine Mitteilungen über den selbstbereiteten Fleischextrakt und dessen erprobten Nährwert in hohem Grade interessiert hätten, und um nun daran die Frage zu knüpfen, ob ich wohl gestatten würde, daß er darüber in den Blättern berichte. So wäscht bei der Verkettung von Verdienst und Glück oft eine Hand die andere! Es darf nicht wundernehmen, daß ich in der Folge von Freunden und Bekannten gelegentlich manches Wort des Tadels zu hören bekam, weil ich mich zur Veröffentlichung des Reiseberichtes zunächst an das Ausland gewandt hatte. Zu meiner Entschuldigung brauchte ich nur anzuführen, daß daraus weder der Wissenschaft Nachteil erwachsen, noch das Ansehen der deutschen Forschung in der Welt verringert worden ist. Die große goldene Stiftermedaille der Londoner Geographischen Gesellschaft wurde mir nach dem Erscheinen meines »Im Herzen von Afrika« für dieses Werk zuerkannt, wie die Begleiturkunde besagt, nachdem vor ihr die langjährigen botanischen Forschungen im Nilgebiet, die Feststellung der südwestlichen Begrenzung des Nilbeckens und die Entdeckung des Uelle jenseits dieser Wasserscheide, dann auch die Auffindung und Beschreibung des Zwergvolkes der Akka, als Bestätigung der alten Pygmäensage, unter den verdienstlichen Momenten namhaft gemacht worden waren. Außer den englischen in London und in Neuyork erschienenen Ausgaben meines Reisewerks sind auch italienische und namentlich mehrere französische Ausgaben der Öffentlichkeit übergeben worden. Als Kuriosum darf wohl auch die türkische Übersetzung angeführt werden, die in einem starken und illustrierten Band zu Konstantinopel erschien. Die erste deutsche Ausgabe von 1874 in zwei Bänden war bald vergriffen und ich mußte später (1878) eine etwas gekürzte zweite in einem Bande zurechtmachen. In den vier ersten Monaten des Jahres 1874 befand ich mich wieder auf Reisen in Afrika. Ich hatte zum Gegenstand meiner Forschungen die große Oase von el Chargeh gewählt und traf dort auf ihrem Rückzuge mit der von Gerhard Rohlfs zur Erforschung der Libyschen Wüste geleiteten Expedition zusammen. Im August desselben Jahres beteiligte ich mich an der in Belfast abgehaltenen Tagung der British Association, wo ich über die besuchte Oase einen Vortrag hielt. Auf Vorschlag von Heinrich Brugsch hatte mich der Khedive Ismail, laut Dekret vom 19. Mai 1875, mit der Gründung einer geographischen Gesellschaft in Kairo beauftragt, die ich am 2. Juni eröffnete, und die noch heute besteht. Ich blieb aber nur ein Jahr Vorsitzender dieser Gesellschaft und widmete mich, nachdem ich sie bei dem im August 1875 zu Paris abgehaltenen Kongreß vertreten, dann eingehend der botanischen und geologischen Erforschung der östlichen Wüste, zu der ich im Frühjahr 1876 den ersten Streifzug, diesen in Gesellschaft von Paul Güßfeldt, ins Werk setzte. Ich habe in diesem Gebiet, mit Kamelen der Maase-Araber (gewöhnlich 12 an Zahl) 10 größere Reisen zur Ausführung gebracht und an Wegstrecke viele Tausende von Kilometern zurückgelegt. Zu der Kostenbestreitung hat mir das preußische Kultusministerium immer beträchtliche Unterstützung gewährt. Auch im Westen des Niltals unternahm ich ausgedehnte Streifzüge. Viele Karten (30 Stück) entwarf ich von den durchreisten Länderstrecken, die bisher nicht aufgenommen worden waren, und die namentlich im Gebiet der östlichen Wüste zwischen 30° und 26° n. Br. noch als Terra incognita gelten konnten. Dreizehn Jahre lebte ich als Privatgelehrter in Kairo ansässig und beschäftigte mich vorwiegend mit botanischen Studien. Ein großes Herbarium afrikanischer Pflanzen wurde in meiner Wohnung aufgestellt. Zusammen mit meinem alten Freunde Paul Ascherson, der fünfmal Aegypten besuchte, veröffentlichte ich 1887 im Bande II der Mémoires de l'Institut Egyptien eine Übersicht über die Flora von Ägypten, der 1889 noch ein Nachtrag beigefügt wurde. Die geologischen und paläontologischen Ergebnisse meiner ägyptischen Streifzüge wurden dem für diese Fächer in Berlin vorhandenen Institut einverleibt, wo sie noch heute 14 Schränke füllen. Blankenhorn hat sie zum Teil auch in seiner 1921 erschienenen, alles Wissen vom Lande erschöpfenden Geologie von Ägypten verwertet. Im Januar 1876 ist mir vom sächsischen Unterrichtsminister v. Gerber die Berufung auf den Lehrstuhl der Geographie an der Universität Leipzig angetragen worden. Ich war aber nicht gewillt, meine ägyptischen Forschungspläne nach Versuchen von so kurzer Dauer aufzugeben. Im September 1876 war ich in Brüssel als Gast des Königs Leopold II. und als Mitglied der von ihm zusammenberufenen Afrika-Konferenz, die man als den Vorboten, ja als den ersten Akt der vom König mit so sicherem Zielbewußtsein ins Werk gesetzten Gründung des Kongo-Staats betrachten kann. Unter den 22 Teilnehmern befanden sich noch vier andere Deutsche: Oscar Lenz, Gustav Nachtigal, Ferdinand von Richthofen und Gerhard Rohlfs. Im Jahre 1879 wurde unter Vermittlung des deutschen Konsulats in Kairo meine Naturalisation als Reichsdeutscher ermöglicht, nachdem ich durch einen Machtspruch des Fürsten Bismarck, trotz meines Verbleibs in Ägypten, als preußischer Staatsbürger Aufnahme gefunden hatte. Im Hochsommer 1880 habe ich den Libanon durchzogen und im Jahr darauf mit Emil Riebeck eine botanische Erforschung der Insel Sokotra, dann auch einiger Teile der südarabischen Küste in Ausführung gebracht. Im Herbst 1881 teilte ich auf dem in Venedig zusammenberufenen Geographischen Kongreß mit A. de Quatrefages den Vorsitz der für die Ausstellung von Karten und Reisewerken eingesetzten Prüfungskommission. Im Juni 1882 war ich nach einer dreimonatigen mit Kamelen ausgeführten Rundreise um Oberägypten nach Kairo zurückgekehrt, als alle Europäer, die dazu imstande waren, vor dem durch den ägyptischen Oberst Arabi-Pascha veranlaßten Aufstand zu flüchten begannen. In Alexandria verbrachte ich, vor und nach der Beschießung der Stadt (d. h. der Forts) durch die englische Flotte, böse Tage und im Hause meines Freundes Eduard Friedheim war ich sogar mit diesem in arge Bedrängung durch den im Aufruhr befindlichen und bewaffneten Pöbel geraten, den wohl einzigen Lebensgefahr, der ich mich entsinne, in Afrika ausgesetzt gewesen zu sein. Es war am 11. Juli, als wir, im Begriff an Leinwandrollen aus den oberen Fenstern herabzugleiten, uns von den bewaffneten Volksmassen der Straße auf einen Balkon ausgesperrt sahen und gegen die Anstürmenden acht Stunden lang standzuhalten hatten. Wir flüchteten später nach dem großen Diakonissenhaus, das bis zur Landung der Okkupationstruppen als Zufluchtsstätte vieler Bedrängten einige Sicherheit darbot. Im April 1883 konnte ich an Bord des deutschen Kreuzers »Cyklop« (Kap.-Leutn. Kelch) von Alexandria aus eine behufs vorzunehmender Schießübungen ausgeführte Fahrt längs der Küste nach Westen mitmachen, die sich bis zu der damals zum türkischen Gebiet gehörigen Hafenbucht von Tobruk ausdehnte. Es war mir gestattet, an dieser selten betretenen Küste verschiedene Exkursionen zu unternehmen und meinen Sammlungen reiche Ausbeute zuzuführen. Als altes Mitglied der englischen Antisklavereigesellschaft habe ich an den Vorsitzenden Charles Allen von Berlin aus die Aufforderung telegraphiert, es müsse schleunigst gegen die Mahdisten im Sudan vorgegangen werden, weil General Gordon sich in Khartum in äußerst bedrängter Lage befände und es jetzt die elfte Stunde sei, wenn man ihn noch retten wolle. Die Times vom 19. Juli 1884 brachte meine Nachricht als Alarmdepesche, und ich erlitt vielen Tadel wegen Übertreibung der Gefahr. Immerhin glaubte ich mich später rühmen zu dürfen, den Entschluß zum Feldzug wenigstens gefördert zu haben, denn Gordon ist doch nur infolge der verspäteten Hilfe umgekommen. Obgleich von Anfang an ein sehr eifriges Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft, war ich doch nicht in der Lage, ihren Bestrebungen von unmittelbar förderndem Nutzen zu sein, zumal, da ich kein einziges von unseren Kolonialgebieten aus eigener Anschauung kennen gelernt habe. Trotzdem wurde mir bereits im November 1886 unter dem Präsidium des Fürsten Hohenlohe-Langenburg die Ehrenmitgliedschaft dieser Körperschaft zuteil. Besonders bei zwei Anlässen bot sich mir eine Gelegenheit, in öffentlicher Rede die kolonialen Interessen zu vertreten. Bei der 59. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte hielt ich 1886 im Zirkus Renz zu Berlin einen Vortrag über »Europas Aufgaben und Aussichten im tropischen Afrika«, wo meine erregten Worte über unsere als »Abenteurer« mißachteten Vorkämpfer stürmischen Beifall fanden, wie mir ähnliches in meinem Leben nie zuteil geworden ist. Ich habe auch in einer am 17. August 1889 von der Deutschen Kolonialgesellschaft veranstalteten Protestversammlung gegen Englands Mißachtung des vom Kongovertrag verheißenen freien Handelsverkehrs auf den Strömen, über »Deutschlands Verpflichtungen gegen Emin Pascha« gesprochen und zur Begrüßung des aus Afrika zurückgekehrten Karl Peters am 25. August 1890 die Festrede gehalten. Nach Beendigung der von Karl Peters unternommenen Emin Pascha-Expedition war ich bis August 1891 Vorsitzender des Komitees der Peters-Stiftung, die zu einem die kolonialen Interessen in unserem Ostafrika fördernden Unternehmen (Dampfer auf dem See von Ukerewe) große Summen zusammenbrachte. Der Vorsitz im »Institut Egyptien« wurde mir 1887 übertragen. Diese vorwiegend französische Gesellschaft vertrat, in Tradition der vom General Bonaparte 1798 unter gleichem Namen aus den der französischen Expedition beigegebenen Gelehrten gebildeten Körperschaft, schon seit 28 Jahren in Kairo die wissenschaftlichen Interessen. Am 1. Juli 1888 habe ich meine Wohnung in Kairo aufgegeben, um mich in Berlin ansässig zu machen. Damit meinen umfangreichen Herbarien eine bequeme Aufstellung gesichert würde, räumte mir der mit den Universitätsangelegenheiten im Kultusministerium beauftragte Ministerialdirektor Althoff das obere Stockwerk des an der Südostecke des damaligen Botanischen Gartens (jetzt des »Kleist-Parks«) gelegenen Häuschens ein, des sog. Steuerhäuschens, das ich 20 Jahre lang bewohnt habe, bis es im Jahre 1909 zum Abbruch gelangte, nachdem die große Gartenanlage nach Dahlem verlegt worden war. Auf des gütigen Althoff Betreiben wurden im neuerbauten Botanischen Museum zu Dahlem meinen Herbarien zwei große Stuben eingeräumt und sie kamen dort in ihren 102 Schränken zur Aufstellung. Gegen eine mir gewährte Rente wurde die Sammlung dem Staat vermacht und bei meinen Lebzeiten sollte sie von mir verwaltet werden. Obgleich ich nun in Berlin als Einwohner eingeschrieben war, habe ich doch in den Winter- und Frühjahrsmonaten immer wieder Ägypten oder Nordafrika (Algerien und Tunesien) aufgesucht, um meinen botanischen Forschungen nachzugehen und die Sammlungen zu bereichern. Die von mir längst sehnlichst erstrebte Ausbeutung von Jemen konnte ich in den Frühjahrmonaten 1889 und in dem vorhergegangenen Winter zur Ausführung bringen: »in memoriam divi Forskalii«, meines Vorgängers von 1763, wie es die den eingesammelten Pflanzen beigegebenen Zettel bekunden. Von den durch Forskal in Jemen aufgefundenen und neubeschriebenen Pflanzenarten konnte ich an den nämlichen Standorten Belege einsammeln, die den ursprünglichen Originalexemplaren als gleichwertig zu betrachten waren. Im Jahre 1891 wurde zum Studium von Kolonialfragen und zur vorbereitenden Besprechung von Regierungsvorlagen für den Reichstag in Berlin ein »Kolonialrat« berufen, dem ich bis zu seiner am 18. Februar 1908 erfolgten Auflösung als Mitglied angehört habe. Als eine Art Ableger blieb vom Kolonialrat noch ein aus 11 Mitgliedern bestehender Sachverständigen-Ausschuß bestehen, zu dem ich gehörte, und dem als »Landeskundliche Kommission« die Aufgabe zufiel, der kolonialen Zentralverwaltung Vorschläge zu Forschungsunternehmungen in den verschiedenen Gebieten zu unterbreiten. Die letzte Sitzung dieser von Hans Meyer präsidierten Kommission fand am 12. Juli 1919 statt. In den Jahren 1891-94 unternahm ich drei ausgedehnte Streifzüge, den letzten mit Max Schoeller, Alfred Kaiser und Ernst Anderssen durch die von Italien als »Colonia Eritrea« in Besitz genommenen Teile von Nordabessinien. Ich erwarb dort, ebenso wie in Jemen sehr umfangreiche Sammlungen von getrockneten Pflanzen und berichtete verschiedenes über meine Wahrnehmungen in deutschen und italienischen Zeitschriften. Den Juli 1896 verbrachte ich bei meinen Verwandten am Seestrande von Riga, meiner Vaterstadt, die ich seit vielen Jahren nicht mehr aufgesucht hatte, da die Angehörigen sehr häufig nach Deutschland zu kommen pflegten. Ich wiederholte den Besuch im Juli und August 1900 und zum letzten Male im Juli 1905. Mein Vater war 1858 im Alter von 71 Jahren gestorben, die Mutter 1875 im Alter von 77 Jahren. Mein Bruder Alexander, der 12 Jahre älter als ich in Rom im Januar 1895 verstarb, ist, wie der Vater, nur 71 Jahre alt geworden. Er war von seltener musikalischer Begabung und, wie viele Kenner behaupteten, ein Künstler durch und durch. Obgleich er sich meist in Italien aufhielt, hatte er das vom Vater in Riga 1820 begründete Geschäft mit Erfolg fortführen können. Alexander hat eine Familienstiftung mit 12 Legaten hinterlassen, von denen ich eines bezog. Infolge der russischen Revolution ging es verloren. In den Jahren 1902 bis 1907 war ich vornehmlich bemüht, mit möglicher Gründlichkeit in die Geheimnisse der ägyptischen Steinzeit einzudringen. Indes beschränkte ich mich auf stratographische und morphologische Studien. Vor allem waren es die Höhen und die Steinflächen auf der Westseite des Niltals beim alten Theben (Luksor), wo mir reiche Belehrung geboten ward und sich unerschöpfliche Fundgruben erschlossen für meine großen Sammlungen von wohlerhaltenen Steinwerkzeugen aller Art, die ausschließlich den archäolithischen (eolithischen) und paläolithischen Epochen der Vorzeit angehörten. Von 40 verschiedenen Fundstätten sind sie zusammengetragen worden und an 40 verschiedene Museen und Privatleute habe ich davon Mustersammlungen der Typen verschenkt. Auch bei meinem Aufenthalt in Sizilien und in Tunesien habe ich mich mit großem Eifer diesen von mir in früherer Zeit vernachlässigten Studien hingegeben. Die Winter- und Frühjahrsmonate der Jahre 1901, 1906 und 1908 verbrachte ich abwechselnd in Algerien und in Tunesien. Ich hielt mich, außer in Algier und Tunis, hauptsächlich in Hamman Rira, Biskra, Hammam, Meskutin, Bona, La Calle und in Gafsa auf, wo die Flora meinen Sammlungen den größten Gewinn darbot. Von meinen 40 jährigen Besuchen in Ägypten bin ich seit 1874 selten nach Berlin zurückgekehrt, ohne auch einige Kleinigkeiten von Altertümern mitzubringen. Meine Hauptaufmerksamkeit war immer auf pflanzliche Reste gerichtet, die sich in Gräbern unter den Totenbeigaben, aber auch an anderen Stellen vorfanden, und von denen ich Exemplare im Botanischen Museum ablieferte, wo sie in einigen Glasschränken ausgestellt sind. Eine noch unpublizierte Zusammenstellung (4 Kartons meiner Bibliothek), der mir aus dem alten Ägypten nach substanziellen Funden bekannt und nachweisbar gewordenen Pflanzen, umfaßt nahezu 200 Spezies. Diese Zusammenstellung ist in dem ersten Bande der »Gartenpflanzen im alten Ägypten. Ägyptologische Studien von Ludwig Keimer, 1924« ausführlich benutzt worden und soll auch in den späteren Bänden dieses Werkes zu Rate gezogen werden. Die deutschen Ägyptologen haben, auf A. Ermans Anregung, dafür, daß ich »ihren Gesichtskreis erweitert«, zu meinem 80. Geburtstag 1916 mir ein Anerkennungsschreiben gewidmet, das 35 Unterschriften trägt, und das ich als die hervorragendste Ehrung betrachte, die mir an diesem Tage zuteil geworden ist. In verschiedenen Ländern bin ich Mitglied von 60 verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften geworden. Ihrer dreißig haben mich zum Ehrenmitglied ernannt, und von diesen als erste die Gesellschaft naturforschender Freunde in Berlin am 9. Dezember 1862, als Gottfried Ehrenberg den Vorsitz führte. Zum Ehrendoktor der Medizin wurde ich von der Heidelberger Universität gelegentlich ihrer Zentenarfeier im August 1913 ernannt, wo ich 41 Jahre vorher meinen Dr. phil. gemacht hatte. Das Prädikat Professor (ohne Lehrauftrag) ist mir vom preußischen Kultusminister v. Puttkammer 1880 verliehen worden. Januar und Februar 1909 habe ich in den Wüstentälern der Umgebung von Assuan die an den Sandstein und Granitfelsen angebrachten, den ältesten Epochen zugehörigen, zum Teil prähistorischen Graffito-Zeichnungen von Tierbildern aufgenommen, dann auch die dort verbreiteten paläolithischen, nicht aus Kieselstein, sondern aus Quarzit hergestellten Steinwerkzeuge entdeckt, die auch auf eine südliche Herkunft der Urbewohner Licht werfen können. Nach 46 Jahren verbrachte ich 1912-13 zum ersten Male wieder Winter und Frühjahr in Europa, aber in dem milden Klima von Mentone, wo die Umgebung durch die Menge der prächtigsten Gärten mir besondere Anregung bot und meinen botanischen Sammlungen reichen Zuwachs brachte. Im Dezember 1913 feierte die geographische Gesellschaft in Kairo das 50 jährige Jubiläum, das ihr Gründer in Afrika beging und Dr. Abbate Pascha überreichte mir als Vorsitzender, umgeben von den den verschiedensten Nationalitäten angehörigen Mitgliedern des Vorstandes, ein schön ausgeführtes Gedenkblatt. Am 14. Mai 1914 habe ich auf Nimmerwiedersehen das schöne Sonnenland Ägypten und seine sympathischen Bewohner verlassen. I. Nächtliches Tierleben in der Oase Im Westen des ägyptischen Niltals, auf einem Flächenraum, groß genug, um ganz Deutschland und Frankreich in sich aufzunehmen, breiten sieh Wüsten aus, wie man sie sich abschreckender nicht vorzustellen vermag. Eine derartige Öde und Einförmigkeit, und dazu von solcher Ausdehnung, sucht ihresgleichen auf dem gesamten Erdenrund, und wer sie gesehen, kann sagen, daß ihm die Wüste den Begriff der Unendlichkeit veranschaulicht hat, dem Weltmeere gleich mit seinem unabsehbaren Wasserspiegel. Die neuere Geographie belegt diese Wüste mit dem Namen der Libyschen. Sie bildet das östliche Dritteil von jenem Meer des Sandes und der Steine, welches man als Sahara im großen und ganzen bezeichnet. – Die Libysche Wüste weist alle Schrecknisse des Durstes, des Hungers, der Ermattung in ihrer furchtbarsten Gestalt auf; sie bleibt in dieser Beziehung wohl außerhalb allen Vergleichs mit anderen Wüstengegenden. Tage, ja wochenlang kann der Reisende umherziehen, ohne etwas anderes zu erblicken, als den unabänderlichen Wechsel desselben blendenden Kalkgesteins und derselben dünenartigen Hügel von gelbem Sande; wiederholt führt der Weg stundenweit über eine Ebene von derartiger Vollkommenheit, daß auf ihr ein Zuckerhut sich ausnehmen würde wie ein Berg, und daß der Topograph Steine abzubilden hätte, wollte er an solchen Stellen seine Karte mit irgendwelchem Detail ausfüllen. Dem Auge des Wanderers bietet sich keine andere Erquickung dar, als das Blau eines nie getrübten Himmels. Nach dem, was ich vorausgeschickt, wird es den Leser umsomehr überraschen, wenn ich ihm sage, daß selbst die scheinbar ödeste Wüste ihre Bewohner ernährt, und daß die Libysche eine Tierwelt beherbergt, welche sich aus sehr verschiedenen Klassen des Tierreichs zusammensetzt, von der Schnecke und dem Insekt, welche der kärgliche Tau der Nächte beglückt, bis hinauf zu dem hochentwickelten Raubtier, das einer sehr substanziellen Speise bedarf. Alle diese Tiere sind von der Natur mit einem Organismus ausgerüstet, welcher ihnen den Kampf gegen jene lebensfeindliche Starrheit der Wüste ermöglicht, der jedes andere Wesen erliegt. Wie bei den Pflanzen der Wüste, ist das Rätsel ihrer Erhaltung mehr in den Geheimnissen ihrer inneren Organisation als – abgesehen von den Schutzmitteln, welche sie selbst hin und wieder darbietet – in der Natur der äußeren Verhältnisse zu suchen, unter welchen sie leben. Nicht das Quantum oder die Qualität der zu ihrem Unterhalte dienenden Stoffe kommt bei ihrem Dasein in Betracht, wohl aber die Art und Weise, in welcher sie dieselben zu verwerten vermögen, das Maß des aus dem Dargebotenen gezogenen Nutzens. In dieser Hinsicht gleicht der karge Haushalt der Natur in den heißen Wüsten von Sand und Steinen auffallend demjenigen, welchen wir in den Eis- und Schneewüsten der Polarzone wiederfinden. Wo ein Kamel stark und fett wird, da kann das Pferd ebensogut verhungern, wie auf den Weidegründen eines wohlgemästeten Moschusochsen von Grönland. Dafür genießen aber auch diese von der Natur auf die äußerste Sparsamkeit im Betriebe ihrer Lebensverrichtungen angewiesenen Existenzen, in den Wüsten des Pols so gut wie in jenen der Sahara, gewisser Vorteile, auf welche viele Geschöpfe, die in Fülle und Mannigfaltigkeit der Kost schwelgen dürfen, anderswo verzichten müssen: es sind vor allem auf der einen Seite Ruhe und Ungestörtheit, auf der andern eine immense Weite des Reviers und ihre Leichtigkeit des Fortkommens auf demselben. Gazellen und Wüstenfüchse vermögen auf ihren nächtlichen Streifzügen unglaubliche Entfernungen zurückzulegen. Aber, wird man fragen, diese einförmigen Flächen, auf welchen der geringste fremde Gegenstand sich von weitem so bemerkbar macht, bieten ihnen doch die größte Gefahr einer gegenseitigen Verfolgung dar? Mit nichten; denn die Natur kleidet alle diese Tiere in das Gewand der »schützenden Ähnlichkeit«, erteilt ihrem Kleide die Farbe des Bodens, auf welchem sie sich bewegen. In der Tat kann es im allgemeinen als Regel gelten, daß den Tieren der höchsten Polarzone die Farbe des Schnees, denen der Wüste aber die Farbe des Sandes eigen ist. Man möchte versucht sein, sagt Brehm an einer ähnlichen Stelle, bei Betrachtung der Wüstentiere einmal gläubiger Nachbeter der Zweckmäßigkeitslehre zu sein. Die Bewohner der Wüste, in Sonderheit die höher entwickelten, wissen aber auch noch durch andere, ihrer Lebensart eigentümliche Regeln den sich dem Dasein entgegenstellenden Gefahren aus dem Wege zu gehen. Sie bedienen sich unterirdischer Wohnungen und suchen sich ihre Nahrung unter dem Deckmantel der Nacht. Zu beidem zwingen sie außerdem die klimatischen Verhältnisse. Diese nördlichen Wüstenstrecken sind nicht nur durch die beispiellose Seltenheit des Regens, sondern auch durch ungewöhnliche Temperaturschwankungen ausgezeichnet. Man kann getrost sagen, daß der Regen in der Libyschen Wüste eine so seltene und lokale Erscheinung sei, wie der Nachtfrost in Deutschland zur Sommerzeit. Im Januar und Februar kann in diesen Wüsten bei Nacht das Thermometer einige Grade unter den Gefrierpunkt fallen; die mittlere Tageswärme dieser Monate bleibt weit hinter dem von Ländern derselben Breite zurück. Die Hitze der übrigen Monate ist groß. Nie eine regenspendende Wolke, nur die Nacht wirft alsdann ihre kühlenden Schatten über die stets durstende Erde, und sehnsüchtig harren die Pflanzen des wiederkehrenden Taus, dem ihnen der Nordwind bringt. In ihren tiefen Gruben und Löchern genießen die Tiere des Vorzugs einer mittleren Jahrestemperatur; im Winter sind ihr Behausungen warm, im Sommer zur Tageszeit weit kühler als die äußere Luft. Das nächtliche Umherstreifen beschränkt ihren Wasserbedarf auf das niedrigste Maß. Es erklärt sich aus dem Angeführten von selbst, daß alles Tierleben in der Wüste mehr oder minder einen nächtlichen Charakter annehmen muß. In der absoluten Wüste äußert sich indes das tierische Dasein überall als ein exzeptioneller Notstand; die Tiere fristen daselbst, wie die Pflanzen, eine eigentlich nur der Erhaltung des Individuums, nicht der Vermehrung gewidmete Existenz. Wie nun die Pflanzen gewisser Vegetationsmittelpunkte bedürfen, um die Wüste selbst immer wieder mit frischen Keimen zu versehen, die sich bald hier, bald dort die Bedingungen zu ihrer Existenz zu suchen haben, wie wir das Wüstenkamel alljährlich auf den fetten Kleeweiden des Niltals einer Stärkungskur unterzogen sehen, so schöpft auch das ephemere Tierleben der eigentlichen Wüste aus deren Vorratskammern, den Oasen, stets neue Lebenskraft. Es ist anzunehmen, daß ohne eine solche Schadloshaltung die Art in den meisten Fällen allmählich auf jeden weiteren Fortbestand zu verzichten hätte. Solche Stützpunkte des Tier- und Pflanzenlebens sind die Oasen, welche gleich einsamen, kleinen Eilanden hin und wider, meist aber in ungeheueren Abständen voneinander, aus den öden Flächen des steinernen Meeres hervorstechen. Strabo vergleicht die Wüste mit ihren Oasen einem gefleckten Leopardenfelle, aber ein derartiges Bild würde, auf die Libysche angewandt, zu den übertriebensten Vorstellungen Anlaß geben, denn diese Flecken sind winzig klein, sehr zerstreut und unregelmäßig verteilt. Die Oasen sind nicht Flecken, sondern Löcher in der steinernen Decke, welche der organischen Schöpfung die Basis eines quellreichen und Pflanzenwachstum ermöglichenden Bodens entzogen hat. Tief unter dem über tausend Fuß hohen Kalksteinplateau, das die Libysche Wüste darstellt, bewegen sich rätselhafte Wasserzüge von erstaunlicher Fülle. Da, wo nun dieses Plateau Lücken darbietet, die durch Einflüsse noch völlig unbekannter Natur entstanden, konnte sich das Wasser aus der Tiefe Bahn an die Oberfläche brechen. Der Mensch siedelte sich an den Quellen an, und indem er der Natur nachhalf, indem er durch künstliche Brunnenschachten einen immer reicher werdenden Wasservorrat erschloß, vermehrte er den Umfang dieser Zufluchtsstätten auch für die Pflanzen und Tiere. Manche Oasen wurden dergestalt zu kleinen, wohlbevölkerten Kulturdistrikten; später, als die Hilfe des Menschen nachließ, als Hunderte von Brunnen verschüttet waren, nahm auch die Wüste wieder von dem ihr abgetrotzten Boden Besitz; die wandelnden Sandhügel bedeckten das gewonnene Ackerland und nur wenig erhielt sich von der ehemaligen Kultur. In dieser Lage befindet sich zu unserer Zeit die Große Oase, welche man einige Tagereisen im Westen von Theben erreicht, und die deshalb auch den Namen der Oase von Theben führt. Das Vorhandensein eines Restes von Kulturland, welches selbst heute noch immerhin seine fünf- bis sechstausend Menschen ernährt, mußte natürlich daselbst die Bildung der oben erwähnten Verbreitungsmittelpunkte gewisser Tierarten begünstigen, welche wir in weitem Umkreise um die Große Oase, gleichsam strahlenförmig in die völlige Einöde der Wüste hinaus ihren Einfluß ausüben sehen. Zunächst erblicken wir am Rande der Wüste den Boden von zahllosen Löchern kleiner Nagetiere durchfurcht, von denen bei der überraschend großen Anzahl der in der Großen Oase vorhandenen Raubtiere, angenommen werden kann, daß sie einer fast unbegrenzten Vermehrung fähig seien. Es sind Springmäuse und Wüstenmäuse, welche hier ihr Wesen treiben, schwelgend im Überfluß aufgehäufter Lebensmittel, während ihre Artgenossen im Innern der Wüste von den wenigen dort vorhandenen Wurzeln, vom Miste der Zugvögel und dergleichen ihr Dasein fristen müssen und vielleicht nie einen Tropfen flüssigen Wassers zu kosten bekommen. Die großen Haine der Dattelpalme aber, welche den Hauptgegenstand der Oasenkultur ausmacht, wimmeln von großen Ratten der Alexandriner Art. Auf die Häufigkeit dieser Nager stützt sich vornehmlich die Existenz der in der Großen Oase und ihrer Umgebung angesiedelten Räuber größerer und kleinerer Art. Es sind ihrer daselbst fünf Arten, und da ihre Individuenmenge zu den bemerkenswertesten Eigentümlichkeiten dieses abgeschiedenen Erdenwinkels gehört, so lenkten sie vor allem meine Aufmerksamkeit während eines dreimonatigen Besuches auf sich. Das größte von den fünf Raubtieren der Oase – denn die Hyäne fehlt daselbst des geringen Viehstandes und der mangelnden Kamele wegen – ist der nordafrikanische Wolf, den die Araber »Dib« nennen. Alsdann folgen der Größe nach der libysche Luchs, der Nilfuchs, der Schakal und zuletzt der kleinste Repräsentant der wilden Hundefamilie, der dem Edelmarder an Größe gleichkommende Wüstenfuchs oder »Fennek«. Lange kann ein Reisender Ägyptens Wüste durchwandert haben, bevor ihm von den räuberischen Vierfüßlern, die sie bewohnen, durch Zufall einmal mehr zu Gesicht gekommen wäre, als die Fußspur, welche sie hinterlassen. Große Geduld auf nächtlichem Anstände hat er zu bewahren, will er des einen oder anderen derselben irgendwo habhaft werden. Das sicherste Mittel zu diesem Zwecke gewähren ihm unsere Fallen und Fangeisen, denn diese zwar im übrigen so schlauen Naturkinder fallen ihnen infolge ihres ungewitzten Gemütes gar leicht zum Opfer. Am besten hatten sich während meines letzten Besuchs in der Oase die größeren Fuchseisen oder Schwanenhälse bewährt, denn mit Ausnahme des verschlagenen Dib gingen alle die genannten Räuber unbedenklich in die Falle, selbst wenn der Apparat bloß offen auf den Sand gelegt worden war. Nur durfte seine Anwendung in einer und derselben Gegend nicht mehrere Tage hintereinander fortgesetzt werden; ungeachtet der sorgfältigsten Reinigung mieden alsdann alle Tiere das verräterische Eisen, als wäre die Kunde von einer seitens der Arglist des Fremden drohenden Gefahr schnell unter ihnen von Munde zu Munde gegangen. Wer aber nie, selbst wenn sie aufs sorgfältigste im Sande vergraben worden, in die Falle ging, war der von den Oasenbewohnern hinsichtlich seiner Gescheitheit dem Affen zur Seite gestellte Dib, der Wolf der Wüste. Stets umschleicht dieser voll Mißtrauen den freiliegenden Köder, scharrt und tastet, sondiert wohl auch die Stelle von unten her, bis das tückische Eisen seinen Blicken freiliegt; man vermag ihm eben nur mit Hilfe der Kugel beizukommen. Unmittelbar nach Sonnenuntergang beginnen die Dibs ihre Streifzüge, kehren aber bei völliger Dunkelheit wieder zu ihren Schlupfwinkeln zurück, denn ihr schwaches Gesichtsvermögen flößt ihnen alsdann ein Gefühl von Unsicherheit und Zaghaftigkeit ein. Dies ist auch der Grund, weshalb sie bei ihren Unternehmungen einer mondklaren Nacht den Vorzug zu geben und ihre Hauptcoups für das erste Morgengrauen zu reservieren pflegen. Allabendlich bei vorgeschrittener Dämmerung hallte die ganze Oase wieder vom abscheulichen Geheule der Dibs, welche sich am Rande des Kulturlandes zusammenrotten, um den daselbst besonders häufigen Wüstenmäusen, in Ermangelung einer besseren Beute, mit vielem Eifer nachzugraben. Andere wagen sich frech bis in die Gärten und Dattelhaine, wo sie sich mit den Hunden der Bewohner umherbalgen. Wenn die Dibs zu heulen beginnen, so geschieht es in der Regel a tempo und so unerwartet und plötzlich, daß der Reisende erst nach geraumer Zeit sich des täuschenden Eindrucks zu entschlagen vermag, als wären es wehklagende Kinderstimmen, die er vernimmt. Oft bin ich in solchem Falle erschrocken ins Freie geeilt, um die Ursache des Geschreies zu erfahren; das bald darauf einfallende Hundegebell mußte mich immer wieder von neuem meines Irrtums belehren. In langgezogenen herzzerreißenden Tönen erscholl da ihr von Hunger und Brotneid eingegebenes Jammergeschrei; dazu gesellte sich noch der nächtliche Ruf des Käuzchens, welches überall im alten Gemäuer zu Hause ist, der Stimme eines alten Weibes nicht unähnlich. Die übrigen Räuber verrieten durch keinen Laut ihre den Taubenhäusern und Hühnerhöfen so gefährliche Nähe. Schweigsam schlichen sie ihre bedächtigen Wege. Die Stimme des Wüstenfuchses habe ich nur in meinen eigenen Mauern zu hören bekommen, obgleich dieses Tier an Menge alle die Stammesgenossen in der Oase bei weitem übertrifft und stellenweise der Sandboden von seinen Fährten wimmelt, als wäre eine Hammelherde darüber weggezogen. Der Wüstenfuchs ist im südlichen Algier und Marokko ebenso häufig wie in der Libyschen Wüste, welche er in ihrer ganzen Ausdehnung von den Toren Alexandriens bis nach Kordofan hinein, von Dongola bis nach Fezzan zu bewohnen scheint. Der Name Fennek war indes in der Großen Oase unbekannt; die Eingeborenen pflegten die Wüstenfüchse schlechtweg als »Hossenat«, das heißt Füchse zu bezeichnen. Da ich kein Verfahren kannte, die letztgeannten Tiere lebendig einzufangen, dieselben aber seit langer Zeit ein besonderes Bedürfnis des Berliner Zoologischen Gartens bildeten, so forderte ich die Einwohner durch verlockende Angebote zu ihrem Fange auf. Es waren kaum vierzehn Tage verstrichen, als ich mich auch schon im Besitze von drei Dutzend dieser reizenden Geschöpfe befand, und immer neue wurden mir zugetragen – der Vorrat schien in der Tat unerschöpflich. Weil ich nicht Ketten und Käfige genug zur Hand hatte, um die Füchse alle festzumachen, so entwich mir der größte Teil derselben in ganz kurzer Zeit; andere verendeten durch allerhand Unfälle, durch Erwürgen, durch herabfallende Steine in der Ruine, die mir als Herberge diente; der Ersatz wäre immer wieder aufs leichteste zu beschaffen gewesen. Den Fennek-Fang hatten die Knaben der Oase für sich allein in Anspruch genommen. Wo man zwischen den Sanddünen oder den Kalkfelsen nur hinblicken wollte, überall begegnete man den kleinen aus Gras und Stroh errichteten Hütten, welche die Knaben im Umkreise des Ortes als Fallen aufgestellt hatten. Als Köder bedienten sie sich der Datteln, der Lieblingsspeise des Wüstenfuchses, welche er jeder anderen Kost vorzieht. Die einen Fuß hohen, schoberartig zusammengebundenen Hüttchen hatten unten am Boden eine runde, knapp der Kopfbreite des Tieres entsprechende Öffnung, und in dieser hing maskiert die verhängnisvolle Schlinge von schwachem Palmbaststricke. Wenn nun der Fennek zu den auf dem Boden des Hüttchens frei daliegenden Datteln hineinschlüpfen wollte, zog er sich selbst die Schlinge um den Hals. Ein Knoten am Stricke, in dem seiner Halsweite entsprechenden Abstande angebracht, hielt die Schlinge geeignetenorts auf und schützte den Gefangenen vor dem Erwürgtwerden, und ein der Länge nach durchbohrtes Stück Holz, durch welches der Strick gezogen war, den im Bereiche seiner Zähne befindlichen Teil des letzteren vor dem Zernagtwerden. So fand man des Morgens die hoffnungslos am Strick zappelnden Wüstenfüchse, wenn sie nicht inzwischen von einem größeren Räuber verzehrt worden waren. In der Regel kann man annehmen, daß das feine Gebiß der Fenneks einem etwa fingerdicken Stricke nichts anzuhaben vermag, in der ersten Überraschung und Verzweiflung aber versucht das Tier jedenfalls alles mögliche sich zu befreien, sollte sogar dazu eine Selbstverstümmelung verhelfen. Der erste Fennek, der meinen Fallen zum Opfer fiel, sich aber später befreite – es war ein gewöhnliches Teller- oder Mardereisen – hinterließ in derselben die abgebrochene Spitze seines Unterkiefers mit den sechs Zähnen. Sehr auffällig erschien es mir, wie die gefangenen Fenneks ihre ursprünglichen Sitten ablegten und die gewohnten Laute einstellten. Mit Recht legt daher auch Brehm, der unerreichte Darsteller des Lebens der Tiere, nur geringen Wert auf die Beobachtung der Lebensgewohnheiten im nichtfreien Zustande. In der ersten Zeit hatte ich meine Gefangenen, an Messingketten gefesselt, in allen Ecken und Winkeln der von mir bewohnten Ruine untergebracht. So unbändig sie sich in ihrem gegenseitigen Verhalten auch anfangs gebärdeten, ebenso geduldig und schweigsam wurden sie nach Verlauf weniger Tage. In Wut geraten, was jedesmal bei Annäherung des Menschen geschieht kläffen sie wie ganz kleine junge Hunde und unter lebhaftem Vorschnellen des Kopfes stoßen sie schnell hintereinander ihr »Kack, Kack, Kack« aus, Laute, welche sie noch in der späteren Gefangenschaft beibehalten. Doch wenden wir uns zur Betrachtung der reizenden Gestalt dieses das Auge eines jeden Naturfreundes mit Entzücken erfüllenden Wüstenkindes selbst! Zunächst fesselt den Blick des Beschauers das ausdrucksvolle Köpfchen mit den großen strahlenden Augen, mit dem fein zugespitzten und von langen Schnurren besetzten Schnäuzchen und den immensen Ohren. Stets kläffend und in Wut, sobald man sich ihm Auge in Auge genähert, bezaubert uns schon die Lebhaftigkeit im Ausdruck des gleichsam voll Schadenfreude ob vollbrachter Bosheit frohlockenden Gesichts des niedlichen Tieres; man kann ihm nicht gram werden, dem kleinen Bösewicht; man fühlt sich da wie einem schönen Kinde gegenüber, dessen Reize die Wut ausgelassener Unart erhöht. Abgesehen von den großen, ihm ein so abenteuerliches, fast fledermausartiges Aussehen erteilenden Lauschern, deren Länge von der Wurzel bis zur Spitze genau der Totallänge des Kopfes gleichkommt, und den besonders zierlichen, feinbepfoteten Füßchen, scheint der Fennek in keinem wesentlichen Stücke vom Gattungscharakter des Fuchses abzuweichen. Seine ganze Länge erreicht kaum zwei Fuß, und davon gehen acht Zoll für die Standarte ab. Die oben an der Basis des Schwanzes bei allen Füchsen vorhandene Drüse, die sogenannte Viole, duftet beim Fennek nach Rosen und ist durch einen schwarzen Schattenring markiert. Viele Naturforscher haben in der ovalen Gestalt der Pupille einen Unterschied von den übrigen Füchsen nachzuweisen gesucht. Der Berliner Zoologische Garten gab nach genauer Untersuchung der Fenneks sein Urteil dahin ab, daß ihre Augen, wenn man sie dem Sonnenlicht aussetzt, eine ebenso spaltförmige Pupille erkennen lassen, wie die des Fuchses, nur sei die kastanienbraune Iris nicht am Rande, sondern gegen die Mitte zu tiefer gebräunt, wodurch der Eindruck einer rundlichen Pupille hervorgerufen werde. Die Färbung des Fennek-Balges ist in ihren Nuancen ebenso zart wie die feine Gliederung der feinen Gestalt. Strohgelblich, etwas ockerig auf der ganzen Oberseite, Kopf und Lauscher mit inbegriffen, spielt sie mehr oder minder in jene frische Sandfarbe hinüber, die man isabellgelb nennt; die Beine, sowie die ganze Unterseite des Körpers, mit Ausnahme der Standarte, sind vom reinsten Weiß. Jüngere, nicht die älteren, Individuen sind am ganzen Körper um mehrere Schatten heller, fast weißlich. Der Balg ist wie von Seide und füllt sich zur Winterzeit mit dichtem Wollhaar, wodurch das Fleckige und Buschige des Pelzes noch mehr in die Augen tritt. In manchen Gegenden nennen die Araber daher auch den Fennek »Abu Ssuf«, d. h. Vater der Wolle. »Alles, was aus der Wüste kommt,« sagt der Araber, »ist zierlich und nett«, nichts aber in der Welt gibt uns eine Vorstellung von jener Zartheit und Reinheit eines frisch eingefangenen Fennek, es sei denn, daß sich der Vergleich an kunstvoll gewaschene Straußenfedern halte oder an den leichten Flaum des Marabu. Diesem weichlichen Kleide entspricht auch der hohe Grad von Empfindlichkeit, welchen das Tier gegen Kälte äußert. Nach besonders kalten und stürmischen Winternächten fehlte auf den vom Nordwinde frischgefegten Sandflächen jegliche Fennek-Spur; das Tier hungert lieber in den warmen Löchern, die es sich nach Art der Füchse gräbt, als daß es seinen zarten Körper der Unbill des Wetters preisgäbe. Sehr mannigfaltig ist, je nach der Jahreszeit, die Nahrung des Fennek. In der eigentlichen Wüste sind es zunächst die Eidechsen, welche sich fast überall aufspüren lassen und vom Fennek stets mit großer Gier gefressen werden. Von mehr lokaler Verbreitung sind die eigentlich als die Basis der Fennek-Existenz anzusehenden Wüstenmäuse. Gelegentlich bietet sich dem Fennek ein besonders fetter Bissen in den Flughühnern und Wüstenlerchen, wenn er ihren nächtlichen Ruheplatz zu erspähen vermag; dazu kommt noch das ganze Heer von Zugvögeln, deren Auswurfstoffe ja gewiß auch, wie die der Kamele auf der Heerstraße, einen bedeutenden Zuschuß zum Haushalte der niederen Wüstentierwelt liefern mögen, ein Umstand, welcher, zieht man die Menge der im Frühjahre und Herbste die stille Öde der Wüstenflugbahn bevorzugenden, zum Teil sehr großleibigen Passanten in Betracht, von nicht zu unterschätzender Bedeutung erscheint und die Möglichkeit mancher sonst rätselhaften Wüstenexistenz zu erklären vermag. Heuschreckenschwärme, welche nicht selten die Oase heimsuchen, gewähren dem Fennek eine erwünschte Abwechslung in der Kost. Die stellenweise so häufigen großen Wüstenkäfer aber läßt er stets unberührt, obgleich er die zum Teil so hart gepanzerten Eidechsen mit Stumpf und Stil zu verzehren pflegt. Im Falle der Not, so behaupten die Bewohner, soll der Fennek sogar zu den Fröschen seine Zuflucht nehmen, deren es in den zahlreichen Tümpeln und Pfützen der Oase eine Menge gibt. Seine blutdürstige Fuchsnatur bekundet aber der Fennek vornehmlich im Beschleichen des zahmen Federviehs. Er schrickt selbst vor halbwüchsigen Truthühnern nicht zurück. Beim Blutsaugen befolgt er ein eigenes Verfahren. Mit seinen nadelscharfen, kleinen Zähnen vermag er sich so festzubeißen, daß ich ihn manchmal an den Fingern eines von ihm Gebissenen hängen bleiben sah, bis ihn die Kraft des menschlichen Armes von sich schleuderte. Jedes Geflügel wird vom Wüstenfuchs entweder an der Brust oder am Rücken gepackt, alsdann saugt er trotz alles Zappelns und Flügelschlagens demselben das Blut aus. Man hat mir dutzendweise die Leichen der so Hingemordeten gebracht, immer war an ihnen der Hals unversehrt, und nur einige feine Löcher am Rumpfe verrieten die Todesart. Der Vernichtungskampf, welcher neben den Nilfüchsen, die stellenweise daselbst ebenfalls von außerordentlicher Häufigkeit sind, von den Fenneks allen Hühnern und Tauben der Großen Oase bereitet wird, ist in der Tat so groß, daß die Einwohner von der tückischen Begabung dieser unabwehrlichen Räuber die übertriebensten Vorstellungen haben. Als kurz nach der Zeit, da mir eine große Zahl eingefangener Fenneks wieder entwichen war, ihre nächtlichen Angriffe auf das Geflügel der Ortschaft zufällig sich vermehrt hatten, schrieben die Oasenbewohner es dem Umstande zu, daß die Flüchtlinge ihren Brüdern in der Wüste den Weg zur Stadt gezeigt hätten; ihr Schaden, meinten sie, sei nun größer, als der bei dem Fange der Fenneks ihnen aus meiner Kasse zugeflossene Gewinn. Jede Jahreszeit bietet in der Oase den Raubtieren eine andere Art Futter dar, auch an vegetabilischer Kost, wie sie ihnen erwünscht ist, fehlt es nicht. Vom Nilfuchse behaupten die Einwohner, daß er zur Erntezeit die Weizenfelder bestehle. Vom Wüstenwolf ist es allgemein bekannt, daß er ihnen zur Sommerszeit die Gurken und Melonen wegfrißt, alle diese Tiere aber scheinen der Dattelfrucht vor allen anderen Leckerbissen den Vorzug zu geben, und gewiß nicht der letzte dabei ist der Fennek. Seine Vorliebe für Datteln gab zur Entstehung des Märchens Veranlassung, daß er auf Bäumen lebe und sich Nester baue; es hieß, er klettere so gewandt wie eine Katze – dergleichen Unglaubliches mehr wurde von seinen Lebensgewohnheiten berichtet. Die im August beginnende Dattelernte ist daher eine Zeit der Feste für diese Tiere, und die überall in den öden Felstälern des östlichen Oasenrandes zerstreut umherliegenden Dattelkerne legen Zeugnis ab von dem Überflusse jener Tage. II. Fünf Tage in die unzugängliche Bergwildnis bei Kosser am Roten Meer (Ein Reise-Brief) Meine im Januar 1865 ausgeführte Reise durch die Wüste von Keneh bis Kosser glich einem angenehmen Spaziergang bei uns in der Frühlingszeit. Botanische Sammlungen wurden nicht viel gemacht, da die Vegetation noch sehr im Rückstande war. Die überall massenhaft auftretende Zilla, die zweijährige Kruzifere, die arabisch »Silli« heißt, und von der die vorjährigen Stauden alle in Blüte standen, bedingt hauptsächlich das üppige Grün, in das diese Felsentäler gekleidet erscheinen, und bietet den Kamelen eine unerschöpfliche Weide. Wenn wir des Abends unser Lager aufschlugen, da warf ich meine Matte auf die hohen Dorndickichte der Sille und verfiel auf dem elastischen Federpolster, das ich mir solchergestalt bereitet hatte, bald in einen ungestörten erquickenden Schlaf, umfangen von den Träumen der Reise und den roten Blütenmassen der von mir beschriebenen und abgebildeten Pflanzen. Aus dem Schmutz des unerträglichen Nilstaubes so schnell in die reine trockene Wüstennatur versetzt zu werden, die freie Luft dieser Gebirgseinöden einzuatmen, an dem majestätischen Ernst der dunkeln Felsmassen und der feierlichen Ruhe, die überall herrscht, sich zu erbauen, bot mir einen hohen Genuß. Hier begann erst das wahre Reisen, nachdem mich widrige Winde und andere Unannehmlichkeiten so lange im Niltal zurückgehalten hatten. Während dieser Tage lebte ich fast ausschließlich von der Jagd, da ich täglich zahlreiche Felsentauben und zweierlei Steinhühner erlegte, die im Winter häufiger zu sein scheinen, als in den heißeren Monaten. Für denjenigen, der in dieser Jahreszeit vom Nil an das Rote Meer gelangt, erscheint der Wechsel der Temperaturverhältnisse sehr auffallend. Es fehlen nämlich hier die kalten taureichen Nächte, wie sie dem Niltal und namentlich dem begrenzenden Wüstensaum eigentümlich sind; denn die Seeluft, stets bestrebt, alle Unterschiede auszugleichen, verleiht dieser Küste einen milden Winter und einen verhältnismäßig kühlen Sommer, letzteres gilt hauptsächlich für Kosser. Südlich vom Wendekreise greifen natürlich ganz andere Verhältnisse Platz. Von Kosser aus unternahm ich einen Ausflug zu den südlich gelegenen Gebirgen, dem Gebel (= Berg) Abu Tiur und Gebel Ssubah, die durch ihre schönen blauen Umrisse, die sie am Horizont gewähren, schon früher meine Neugierde aufgestachelt hatten. Ich mietete mir einen Abadi (Eingeborenen) und ein Kamel und trat so die gemütliche Wanderung an. Mein nächstes Ziel war der Brunnen Hendosse, der 5 deutsche Meilen in SSW von Kosser gelegen ist. Die botanische Ausbeute während dieser Tour war zwar keine reiche zu nennen, sie bot mir indes mancherlei neue Gesichtspunkte und bereicherte immerhin meine Sammlungen mit neuen Formen und schönen Exemplaren. Hier in den dem Meere näher gelegenen Gebirgen war übrigens die Vegetation um wenigstens einen Monat vor derjenigen der Wüste voraus. Am 21. Januar verließ ich gegen Mittag Kosser und wandte mich südwärts, die einförmige Küstenebene durchschneidend. Nach einem langsamen Marsch von 20 Minuten betraten wir das durch flache diluviale Nagelfluhfelsen begrenzte Uadi Murssefa, in dem wir 45 Minuten langsam nach Südwest zogen. Dann verengt sich das Uadi (= Tal), das mit einer ziemlich dichten Vegetation von Zygophyllum bekleidet erscheint, und in dem man zwischen wild zerklüfteten etwa 60 Fuß hohen Kalkfelsen 10 Minuten nach Süden geht. In einem offenen Uadi geht es alsdann weitere 10 Minuten nach Südwest auf eine Kette dunkler Vorgebirge zu. Indem der Pfad ansteigt, durchziehen wir 20 Minuten stark marschierend ein rechts durch Sandsteinfelsen, links durch roten Granit eng begrenztes Tal. Späterhin folgt rechts ein niederer Hügelzug von schwarzem Diorit. Von 100–150 Fuß hohen Hügeln begrenzt, die rechts aus Diorit, links aus Granit bestehen, verbreitert sich das Tal in südlicher Richtung 15 Minuten weit und senkt sich alsdann, zur Linken verflachte Felsen des gleichsam schlackigen durchlöcherten Korallenkalk der Meeresküste zeigend, 10 Minuten lang gegen SSW. Abwärts steigend, durchschneidet man weiterhin eine Fläche auf die Gebirge nach Süden zu gehend. Ein von schwarzen Dioritfelsen eng eingeschlossenes Tal beginnt, dessen Rinnsal durch zahlreiche umherrankende Koloquinten, die überreich mit Früchten behangen, geziert erscheint. 35 Minuten marschiert man stark durch das anfangs nach Südwest, dann etwas Ost, Südwest und West gewundene Tal, wo einige Seyalbäumchen (Acacia tortilis D.) auftreten. Steilabfallende 100 Fuß hohe Wände von grünlichem Glimmerschiefer bilden die Hauptmasse des Gesteins. Süd zu West, dann WSW, W, S zu W, und schließlich WSW gehend, marschiert man 30 Minuten weiter allmählich ansteigend. Sille-Vegetation tritt zum ersten Male hier auf und verzögert den Marsch des hungrigen Tiers. Dieses Uadi-System wird von den Leuten als Uadi Sireb bezeichnet. Das letzte ausgeprägte Tal verlassend, das sich weiter in WSW hinzieht, marschiert man alsdann südwärts in einem kleinen ansteigenden Uadi, wo sich der Abu Tiur zuerst den Blicken darstellt. Rechts zeigt sich der Gebel Ssubah oder Ssubaï, der »Fingerberg«, so benannt wegen der zahlreichen Zacken, die sein langhingestreckter Kamm trägt. Späterhin taucht in sehr weiter Ferne noch der Gebel Schedit im äußersten Links auf. 30 Minuten in S zu W und stets ansteigend durchwandert man diese Seitentäler und geht abwechselnd S und SW noch 35 Minuten durch unregelmäßige Diorithügel weiter, bis man einen weithin gekennzeichneten hellen Hügelrücken von der Eozän-Formation vor sich hat, abwärts steigend auf dem letzten Teil des Marsches. In dem eine Viertelstunde breiten von SO nach NW verlaufenden Uadi Abu Tundub, so benannt wegen der in ihm auftretenden Capparis decidua lagerten wir bei einigen Seyalbäumchen und trafen an dieser Stelle die für Kosser bestimmte tägliche Wasserkarawane, die nachmittags von Hendosse ausgehend des Morgens in der Stadt anlangt. Die Nachtluft war milde und taufrei, erst vor Sonnenaufgang weckte mich eine empfindliche Kühle. 22. Januar. In 15 Minuten wurde das Tal in SSW gekreuzt und der Beginn eines zwischen roten Felsithügeln mündenden Uadis betreten, in dem stark ansteigend und zwischen engen Felsen jede paar Schritte gewunden der Pfad sich in südlicher und südöstlicher Richtung 20 Minuten weit fortzieht. Nun stößt man auf ein anderes breites Uadi, das in 30 Minuten starken Marsches nach SW durchzogen wird. Seyalbäume, Marchgebüsch March (Leptadenia pyrotechnica Desn.), ein Staudengewächs. und einzelne Granithügel boten sich an mehreren Stellen meinen Blicken dar. Nach weiteren 30 Minuten nach SSW zu erreicht man zwischen 150 Fuß hohen Felsithügeln das Ende des Uadi, übersteigt einen kleinen Kamm und betritt ein anderes sehr breites Tal, das man in der gleichen Richtung in 55 Minuten starken Marsches durchschneidet. Dies ist das Uadi Hendosse, und man befindet sich nun bei fünf jener kleiner erbärmlichen Mattenzelte, unter denen die Ababde ihren ganzen Hausstand zu bergen pflegen. Eine Viertelstunde weiter befindet sich der Wasserplatz, den man erreicht, indem man zuerst gegen SW, dann nach W einbiegt, dann stößt man auf eine enge, von hohen Glimmerschieferfelsen eingeschlossene Schlucht, in der das Wasser wie ein Bächlein zwischen den kolossalen Steinblöcken hinrieselt. Es ist klar und rein, besitzt jedoch einen schwachen Mineralgeschmack, auch sprechen leichte Efflorationen, mit denen in der Nähe der Boden stellenweise überdeckt erscheint, für den Salzgehalt des vom Wasser durchronnenen Terrains. Indem es nämlich seinen Ursprung von dem weiter südlich gelegenen Gebel Ssubah nimmt, sickert es unter der die Talsohle bedeckenden Schicht zersetzten Granitschuttes auf der dichten Unterlage von Glimmerschiefer durch bis zu der beschriebenen Schlucht, wo es auf den entkleideten Felsen zutage tritt, und alsbald wieder in gleicher Weise, wie es gekommen, sich den Blicken entzieht. Ein anderer Wasserplatz, der hauptsächlich Kosser mit Trinkwasser versorgt, ist der südwestlich von der Stadt 12 Stunden entfernte Brunnen Derfaui, dessen Wasser noch besser und reiner und nach den Angaben der Leute in solcher Menge vorhanden sein soll, daß nicht 5 regenlose Winter hinreichen würden, um es versiegen zu lassen. Hendosse liegt näher zu Kosser und ist von Derfaui östlich so weit entfernt, daß die Tour dahin einen Tag vom Morgen bis zum Nachmittag in Anspruch nehmen würde. Ein mittelmäßig großer Schlauch mit Wasser kostet selbst in jetziger Jahreszeit in Kosser immer noch 5 Piaster Courr., obgleich gegenwärtig alle Brunnen reichlich gefüllt sind, da erst vor wenigen Wochen ein wiederholter Regen in den Bergen am Roten Meer niederstürzte. Am 4. Januar gewahre ich des Abends in Keneh, daß der Himmel gegen W auffallend trüber und bewölkt erschien, ich dachte mir gleich, daß es in jenen Bergen regnen müsse. Am andern Tage stürzte sich nach Sonnenuntergang 6 Stunden lang eine große Wassermasse in den Nil, zu dem es von der Stärke eines großen Baches durch eine der Wüstenrinnsale abfloß. Die durch den diesjährigen niedern Wasserstand des Nils sehr bedrängten Fellachen benutzten dieses Rinnsal und arbeiteten bei Nacht an Dämmungen und Gräben, um das Wasser auf ihre Felder zu leiten. Man erzählte mir, daß auf diese Art große Kanäle gefüllt worden seien, in denen man diesen Wasservorrat aufgestaut hat. Ich rastete nun in der schattigen Felsschlucht, in der man geschützt vor den stechenden Strahlen der Mittagssonne den erquickenden Hauch des rieselnden Wassers und eine sehr behagliche frische Temperatur genießt. Felstauben, Flughühner (Pterocles quadricinctus) und Steinhühner (Perdix Hayi), die hurtig und gackernd auf den Felsen umhereilen, fanden sich ein, und boten mir reiche Küchenvorräte. An solchen Stellen ist nichts leichter als die Jagd, da man nur zu warten braucht, um die sichere Beute zu erhaschen. Wenn man durch die stufenförmigen Felsblöcke, in denen das Wasser fließt, hinaufklettert, erreicht man nach kurzer Zeit die Öffnung der Schlucht auf der Südseite, wo man ein von den 4500 Fuß hohen Berge Ssubah herunterkommendes gewundenes Uadi betritt. Hier überraschte mich eine stellenweise sehr üppige Vegetation, die bereits in dieser noch wenig entwickelten Jahreszeit 30 Arten blühender Gewächse darbot. Den schönsten Schmuck gab die Lavandula und der zwischen üppigen Lyciumgebüsch und an Moringabäumen emporstrebende Ochradenus ab. Über die Üppigkeit des Lotus arabicus L., der mit 3 Fuß langen Trieben in dem Schatten des Gesträuches emporschießt, mußte ich staunen; auch hier hält man ihn, namentlich für die Schafe schädlich, am Nil wird er geradezu als giftig betrachtet und die Leute sind einfältig genug, ihm die Entstehung der letzten Viehseuche zuzuschreiben. Balanites sah ich an der ganzen Küste bis zum Abu-Tiur-Gebirge nirgends, hier begegnete mir zuerst ein Bäumchen. Zwischen den Felsblöcken fand sich ein großes Horn vom Steinbock, der nach dem Aussagen der Ababde selten vorzukommen scheint, von dem ich indes gleiche Reste an allen Brunnen der bereisten Küste gefunden habe. Hasen sind in dieser Gegend sehr selten, sie halten sich hauptsächlich an die Verbreitung des Tundubs, dessen Beeren und junge Triebe sie mit Vorliebe verzehren. Der Viehstand der in diesen Einöden hausenden Ababde ist sehr gering und besteht ausschließlich aus elenden Ziegen, die selbst bei der gegenwärtigen Üppigkeit der Vegetation mager erschienen, denn die einjährigen Kräuter, die sie bevorzugen, waren noch nicht gehörig entwickelt. Rinder fehlen natürlich überall und Schafe sind verhältnismäßig selten. Sie gehören der Nilrasse an. Solche mit starren, nicht wolligen Haaren und buschigem Schweif kommen nur aus dem Lande der Bischarin, wo sie äußerst häufig sind, und finden sich auch im Hedschas. Nur das Kamel, das alles zu fressen imstande zu sein scheint, was da wächst und grünt, erfreut sich einer gewissen Wohlhäbigkeit; alle übrigen Geschöpfe, vor allem der Mensch, sind durch eine der gesamten Wüstennatur eigentümliche Dürre gekennzeichnet. 23. Januar gegen Mittag verließ ich den Brunnen und verfolgte von den Hütten der Ababde aus den nach SO abgehenden Arm des Uadi Hendosse, in dem ich nach 30 Minuten zwei Ababde-Hütten antraf. Alsdann verengt sich das Uadi, während die Spitzen des Abu Tiur hervorgucken. Felsen von Gneis und Glimmerschiefer rahmen das schöne Gebirgsbild ein, das dieser Bergkoloß mit seinen 3 majestätischen jäh abstürzenden Zacken darstellt. Nach weiteren 15 Minuten in SSO und SO abwechselnd marschierend, biegt man zur Linken in das große ½ Stunde breite Uadi Abu Tiur ein, während nach S und auf den Gebel Ssubah gerichtet das vorige Tal sich zwischen hohen Vorbergen hin- und hergewunden weiter zieht. In 50 Minuten wurde das breite Uadi nach SO durchzogen, bis wir uns unter der mittleren Spitze des Abu Tiur befanden. Resedastauden von einer Größe und Üppigkeit, als wären sie kultiviert, bedecken die breite Talfläche, die auch nach NO durch eine Kette hoher Vorgebirge begrenzt erscheint. Einige riesige Lassafdickichte (Capparis galeata Fres.) fanden sich voller birnförmiger gelber Früchte, die von der Größe eines Hühnereies breiige Pulpa voller Kerne enthalten, die süßlich und hanfartig schmeckend als Erfrischung wohl genossen werden können. Dieses den Küsten des Roten Meeres eigentümliche Gewächs darf indes nicht mit der den Felsen des Niltals eigenen Capparis aegyptiaca D. verwechselt werden, das auch Lassaf genannt wird, aber völlig abweichend organisiert und ein Zwerg in allen seinen Teilen im Vergleich zu diesem ist. Am Fuß des Abu Tiur fand ich einige Ziegenherden der hier hausenden Ababde, die im Winter und Frühling, solange die Wasservorräte des Berges und die Vegetation es erlauben, hierselbst ihre Herden weiden. An einer Stelle, die durch die Üppigkeit ihrer Staudenvegetation einem künstlichen Garten nicht unähnlich erschien, wurde gelagert, im Schatten von Moringabäumen, die Kasuarinen zum Verwechseln ähnelnd, ihre graziösen Zweige über mich neigten. 24. Januar. Am folgenden Morgen machte ich mich sogleich an die Besteigung des Abu-Tiur, denn in dieser kühlen Jahreszeit hoffte ich endlich einmal ein solches Unternehmen ganz und nicht bloß halb wie während meiner vorjährigen Reise bei mehreren Gelegenheiten bewerkstelligen zu können. Diese Tour bot mir zwar außerordentliche Schwierigkeiten und sehr geringe Resultate, jedoch wenigstens die Befriedigung dar, längst gehegte Wünsche endlich einmal realisiert, und mich von der Beschaffenheit einer solchen Bergspitze überzeugt zu haben. Um 8 Uhr morgens begann ich das Steigen in einer der sich mir zunächst darbietenden Schluchten südwärts zu der mittelsten und höchsten Spitze des Berges emporstrebend. Ganz unten am Fuße des Berges treten einige Tonschieferfelsen zutage, die ganze übrige Masse des Berges besteht aus einem hellen grobkörnigen Granit, der dieselbe Beschaffenheit besitzt, wie die übrigen von mir bestiegenen südlichen Berge. Mit dem Gebel Ferajeh bei Berenike besitzt der etwa 500 Fuß niedrigere Abu-Tiur (4000 Fuß) die größte Ähnlichkeit. Hier dieselben jäh abstürzenden Granitplatten, die die Spitzen darstellen, dieselben Riesenblöcke in den Rinnsalen und Schluchten, dieselbe Beschaffenheit des Granits mit seinen grubigen Löchern oder gneisartigen abblätternden Außenflächen der Blöcke, dieselben schmalen Gänge von Urtonschiefer, die sich von dem Kamme aus nach unten senken, und wahrscheinlich zur Bildung der wenigen Rinnsale, die der Berg aufzuweisen hat, Veranlassung gaben, boten sich hier meinen Blicken dar, dieselben Schwierigkeiten meinem Emporklimmen, nur daß gegenwärtig Hitze und Durst nicht in dem Maße die Kräfte beeinträchtigten. Eine Bergtour unter solchen Verhältnissen ist gewiß ein dreimal größeres Stück Arbeit, als unter ähnlichen in Europa, und eine Höhe von 4000 Fuß erklimmen, heißt daselbst mindestens 10 000 Fuß. In den europäischen Alpen führt der Pfad bis 8000 Fuß durch Wälder über Wiesen, oder wenigstens auf Gneis- und Gemssteigen aufwärts, weiterhin gewähren Eis und Schnee sicheren Anhalt den Füßen und gleichen die zu jähen Abstürze aus. Hier dagegen heißt es mühsam von dem Fuß bis zur Spitze jede Stufe riesiger Felsblöcke erobern, sich über haushohe Wände zu schwingen oder in engen Spalten zu den jäh abstürzenden Kämmen sich emporarbeiten. Kein Strauch, kein Kraut, nicht einmal Flechten, die die Glätte des Felsens verringern, bieten den Füßen und Händen des Wanderers erwünschte Ruhepunkte. Überall erweisen sich unsere Arme zu kurz, die Füße zu steif. Dazu kommt noch der mißliche Umstand, daß in dieser Zone die höhern Granitspitzen von einer dicken Kruste gänzlich verwitterten Gesteins, das sich im Laufe der Zeiten bildete, bedeckt erscheinen, da kein häufiger Regen das Zersetzungsprodukt wegräumt, und nachstürzendes Gestein erst durch den Fall in die Tiefe das lose Gewordene mit sich reißt. Zu allen diesen Hindernissen gesellt sich noch die Glut der Sonne, die diese Massen nicht selten in dem Grade erhitzt, daß die nackte Hand sich vor jeder Berührung mit ihnen scheut, und schließlich die Gewalt des Durstes und die beschleunigte Erschöpfung der Kräfte des in diesen Breiten weniger ausdauernden Europäers. Mit einer Pflanzenmappe unter dem Arm, einer Wasserflasche an der Seite, brauchte ich 3 volle Stunden, um die etwa 3000 Fuß hohe Schlucht bis unter die eigentlichen Spitzen des Berges zu erklimmen. Schönes reines Regenwasser fand ich an mehreren Stellen in muldenförmigen Vertiefungen erhalten, und selbst unten am Fuß befindet sich eine natürliche Zisterne, von der die Hirten dieses Tales zehren. Steinböcke klettern nur bis gegen 500 Fuß diese Abstürze hinan, wie ausgetretene Wechsel und Kotballen mir bewiesen. Weiter oberhalb verringert sich auffallend die Vegetation, ohne bedeutende Unterschiede gegen die in den Tiefen darzutun. Die Moringa (»lesser«) steht in der Schlucht bis hoch hinauf in üppigen bis 30 Fuß hohen Bäumchen, deren vorjährige Früchte, lange Schoten, noch überall am Boden herumlagen. Auch die Lassaf-Kapper überzieht große Blöcke mit ihren stachligen Dickichten. An vielen Stellen mußte ich haushohe senkrechte Abstürze auf Seitenwegen umgehen, mühsam über wild zusammengewürfelte Blöcke kletternd. Oben angelangt handelte es sich nun darum, einen Pfad zu den aufrecht steil und meist mit glatten Flächen abstürzenden Spitzen ausfindig zu machen, die noch dazu gänzlich verwittert waren. Rechts und links von der höchsten Ecke des Rinnsals zeigten sich mehrere Zacken in der Richtung nach Süden, eine hinter die andere gesetzt und an Höhe zunehmend. Die zwei höchsten auf der Ostseite waren durch eine Scharte getrennt, zu der ich zunächst hinanklomm. Nur wer den Terglou kennt, kann sich eine richtige Vorstellung dieser steilen Wände und scharfen Felsrisse machen, in denen der menschliche Fuß nimmer sich festzusetzen vermag. Von der Scharte aus machte ich einen vergeblichen Versuch, die Ersteigung des östlichen Piks zu ermöglichen, da ich nirgends eine Spalte zum Emporklimmen finden konnte, und ich mich auf die geneigten Platten nicht wagen wollte. Leichteres Fortkommen verhieß mir die gegenüberliegende westliche Spitze, von der eine wild zerklüftete Schlucht zu dem Hauptrinnsal des Berges hinunter führte, und deren oberster Teil einige Spalten darbot. Ich kletterte daher wieder hinunter, und an der gegenüberliegenden Wand hinauf, wo mir die großen Steinblöcke, die starke Neigung und der Mangel kleineren Gerölls große Schwierigkeiten in den Weg legte. Endlich war ich oben, wieder am Fuße eines der eigentlichen Piks angelangt, und stand abermals ratlos vor den jähen Granitwänden. Schließlich erblickte ich eine zwar fast senkrechte, indes durch verschiedene Löcher differenzierte Spalte, die allein mir den Weg zu dieser zweithöchsten Spitze des Berges ermöglichte. Meinen Körper möglichst eng in diesen Felsenriß einzwängend, gewann ich den nötigen Halt, um die gefährliche, etwa 10 Klafter betragende Strecke zu überwinden. Es war ein würdiges Seitenstück zu meinem Uebergang von der ersten Spitze des Großglockners zu der zweiten im Juli 1857. Die Bergzacke selbst war weniger geneigt und bot sichere Stufen und Vorsprünge meinen vier Extremitäten dar. Ich befand mich nun oben auf einer Stelle, die wohl noch nie ein menschlicher Fuß berührt haben mochte, wenn nicht auch bis hierher zufällig einmal römische oder griechische Goldsucher vorgedrungen sein sollten. Unter den Botanikern war ich gewiß der erste, um die Tatsache konstatieren zu können, daß es auf der Spitze des Abu-Tiur keine Saxifraga oppositifolia, ja nicht einmal die geringste Spur einer Flechte gebe. Vor mir lag das endlose unbegrenzte Meer, das am Horizont sich mittelst bläulicher Dunstmassen mit dem Himmelsgewölbe zu verschmelzen schien, das weite einsame Meer, das kein Segel und keine Rauchsäule belebte, hundert Meilen im Umkreise! Vor mir breitete sich das von einem unentzifferbaren Gewirre zahlloser Vorhügelketten von Glimmerschiefer, Felsit und Kalk erfüllte Küstenland aus, und über den höchsten Spitzen der sich von unten so schauerlich ausnehmenden schwarzen Tal wände schaute ich von meinem erhabenen Standpunkte hoch hinweg. Alles, was in der Tiefe zackig und wild zerklüftet erschien, verschmolz zu einem breiartigen Einerlei, dessen Hauptfarbe braun zu sein schien. Die Kräuter auf den Talsohlen waren von der Natur viel zu licht angepflanzt und viel zu lokal verteilt, als daß ihr Grün diesen Farbenton der Felsenwüste im geringsten zu modifizieren vermochte. Die kleine Bucht von Kosser zeigte sich von hier sieben Minuten östlich vom wahren Nord, und verschiedene Winkel, die ich nach andern gekennzeichneten Punkten der Küste aufnahm, bewiesen mir die richtige Lage des Berges auf der Moresbyschen Seekarte. Aus dem braunen Wirrwarr der Vorgebirge stachen allein die langhingestreckten von NW nach SO verlaufenden Eozän- und Kreiderücken durch ihre weiße Färbung hervor, der Gebel Duwi und Hamad und der Gebel Beda, westlich drei Stunden von Kosser, waren am meisten kenntlich. Im fernsten NW zu N ragte ein kolossaler Tafelberg empor, wegen der großen Entfernung nur schwer von dem Blau des Himmels zu unterscheiden. Es war, wie der von mir aufgenommene Winkel es bestätigte, der Gebel Fatireh, der Mons Claudianus der Alten, 20 deutsche Meilen von dem Beobachtungspunkte entfernt. Meine Aussicht nach Süden wurde durch die gegenüberliegende Spitze, die meinen Standort um 80 bis 100 Fuß überragte, sehr verringert: die Berge Naßla und Schedit, die nächsten in der südlichen Kette dieser afrikanischen Kordilleren, zeigten sich allein deutlich meinen Blicken, und verdeckten die höheren des Südens. Gebirge der arabischen Küste traten nirgends hervor. Indes behaupten Einwohner von Kosser, daß man die hohen Berge von Midiam bei Wudsch und Moïlah, kleinen von den Ägyptern besetzten Hafenplätzen, nördlich von Jambo, bei besonders klarer Luft manchmal sehen könne, was nicht unmöglich ist, da letztere bis 7700 Fuß emporragen. Warum der Berg Abu-Tiur = Vater der Vögel. heiße, blieb mir unklar, denn er schien mir nur der »Vater eines einzigen Vogels«, eines Raben, zu sein, der entsetzt über meine Anwesenheit gespenstisch über mir kreiste. Alle diese Berge tragen jetzt arabische Namen, während sie ursprünglich doch einheimische gehabt haben müssen. Ich glaube daher, daß die meisten oft sinnlosen arabischen Namen nur Verdrehungen ähnlicher hamitischer Urnamen sind, so z. B. wie man Ipsambul in Abu Simbel umgewandelt hat. Erst um drei Uhr nachmittags war ich wieder unten im Tale angelangt. Bald darauf bestieg ich mein Kamel und durchkreuzte ostwärts in 30 Minuten das breite Uadi Abu Tiur. Jetzt wurde noch ein östlicher Teil des Berges sichtbar, der von der Hauptmasse durch einen tiefen Einschnitt getrennt ist, und eine bedeutend geringere Höhe besitzt, als die mittlere Spitze, obgleich er von Kosser aus gesehen, weil näher, als der höchste angesehen werden möchte. Auf Moresbys Karte ist er als »Sugarloaf« bezeichnet. In SSO zeigt sich der gleich hohe aber entfernte Gebel Schedät mit spitzigen Zacken und in SO der Gebel Naßla, ein spitziger Granitkegel, der auf Moresbys Karte den Namen Cats Earls trägt. Südöstlich dehnt sich das Uadi noch weit aus, bis es von niedern Hügeln ungenau begrenzt wird. Auf der gegenüberliegenden Seite des Uadis angelangt, hatten wir die Mündung eines breiten nach NO verlaufenden Tals erreicht, an der elf Ababde-Hütten aufgeschlagen waren. In dem letztgenannten Uadi marschierten wir noch starke 70 Minuten, bis wir an einer durch große Marchgebüsche und zwei Seyal-Bäumchen gekennzeichneten Stelle, in deren Nähe noch zwei Hütten erblickt wurden, rasteten. Dieses Tal ist außerordentlich üppig mit Reseda lurida M. , der »Chosame« der Ababde, bewachsen, ein Leckerbissen für die Kamele. 25. Januar. Da von hier aus das große Uadi, das Meer anstrebend, eine mehr östliche Richtung einschlägt, mußte ich in ein Seitental einbiegen, in dem anfangs NNW und dann NO 25 Minuten lang aufwärts gestiegen wurde. Alsdann abwärts durch ein System unregelmäßiger Talgesenke marschierend, wurde der Marsch in NNO und NO weitere 25 Minuten fortgesetzt, bis wir eine weite Ebene vor uns hatten, die NNO in 48 Minuten durchschritten wurde. 50 Minuten in einem durch große Diorithügel unregelmäßig begrenzten Talgesenke wandernd, verfolgten wir anfangs eine nördliche, später eine NNO-Richtung. Viele Marchgebüsche und zum ersten Male Astragalus prolixus Sieb, sowie der weiterhin südwärts so häufige und Kamelweiden bildende Schuhsch, ein aromatisches Büschelgras von 4–5 Fuß Höhe (Panicum turgidum D.) traten mir hier entgegen. Auch stießen mir mehrere Flüge des Pterocles auf. Nach 25 Minuten ebenen Marsches in NO eröffnet sich unsern Blicken eine dürre, vegetationslose, breite Kiesfläche, die in NO durch einen Höhenzug von rotem Granit begrenzt erscheint, während rechts in weiter Ferne das Meer sich zeigt. In NNW überschritten wir alsdann 50 Minuten lang diese Fläche, bis wir drüben in die Granithügel eintraten, wo etwas gerastet wurde. Das daselbst angetroffene Gestein besitzt eine von der Hauptmasse des Gebirgsstockes der ägyptischen Kordilleren abweichende Beschaffenheit. Ich habe diese Art Granit, deren es in diesen Bergsystemen mehrere von verschiedenem Alter und abweichender Beschaffenheit und Färbung gibt, auch an anderen Punkten der Küste angetroffen, in deren Nähe sie Vorhügelzüge bildet. Namentlich die pittoresken fleischroten Felsen von Scherm Suliah (Scherm Schech) bei Uadi Gemal, die Grabhügel bei Berenike, auch die Berge von Abu Amameh unter dem 21° n. Br. sind den in Rede stehenden äußerst analog. Nach weiterem 20 Minuten nordwärts gerichtetem Marsch überstiegen wir einen niederen gegen NNW sich weithin ziehenden Kalkfelsen, während rechts 150 Fuß hohe Hügel des beschriebenen Granits und links verflachte Dioritfelsen eine Art Talsenkung erzeugen. In nördlicher Richtung wurden nun 50 Minuten zurückgelegt, bis wir uns ziemlich (etwa 30 Minuten) dem Meere genähert hatten. Hier kreuzten wir die Mündung des Uadi Manich, woselbst die Sille- und Zygophyllum-Vegetation wieder zunimmt. Ein Sandsteinfelsen, dessen stark abfallende Schichten in der Richtung des Hauptgebirgsstockes streichen, tritt an dieser Stelle hinter den die erste Küstenerhebung ausmachenden rezenten Korallenkalkfelsen zutage. Nach 25 Minuten überschritten wir die Austrittsstelle des Uadi Sireb und nach abermaligen 25 Minuten starken Marsches, während das Meer immer näher herantrat, erblickten wir endlich die Masten der Schiffe in dem Hafen von Kosser. Durch die breite Küstenfläche hindurchziehend bedurfte es noch weiterer 90 Minuten verstärkten Marsches, um die Stadt zu erreichen. Die Wanderung an diesem Tage war von der Geschwindigkeit starkschreitender Karawanenkamele, zu 5 km die Stunde gerechnet. Die Anwesenheit eines großen Dampfers auf der Reede überraschte mich, da dies hier ein sehr seltener Fall ist. Auf der Rückfahrt von Suakin nach Suez war das Schiff widriger Winde halber hier eingelaufen, da der Kapitän über allzu großen Konsum von Kohlen klagte. Die Fracht des Dampfers bestand fast ausschließlich aus Vieh, das seit einiger Zeit massenhaft für Rechnung der ägyptischen Regierung von jenem Hafen bezogen wird. 130 Ochsen und eine Masse Schafe erfüllten alle Räume des großen Schiffes. Die im Roten Meere fast das ganze Jahr hindurch wehenden Nordwinde veranlassen für die Rückreise einen so außerordentlichen Mehrverbrauch an Kohlen, daß die Transportpreise für letztere um 1/3 höher sind als für die Hinfahrt. Auf diese Tatsache gestützt wollen auch viele die Unmöglichkeit eines großen Verkehrs von Segelschiffen im Roten Meere ableiten, wodurch für die Zukunft die Rentabilität des Suezkanals in Frage gestellt werden könnte. * Ich treffe nun die Vorbereitungen zu meiner abermaligen Seereise nach Suakin, die durch den konstanten starken Nordwind sehr begünstigt erscheint. Ich habe hier meine früher engagierten Leute wiedergefunden, mit denen ich sehr zufrieden war, es fehlt mir daher für die Zukunft nicht an ordentlicher Bedienung. Ich werde nun am Elba anlegen, um dieses Gebirge in der äußerst günstigen Jahreszeit nochmals botanisch ausbeuten zu können. Dort an der Grenze zweier Zonen harren meiner noch manche interessante Funde. Wenigstens werden Hitze und Wassermangel mir in dieser Zeit keine Hindernisse in den Weg legen; mit den Bischarin will ich schon fertig werden. Der Handel liegt wegen des Ausfuhrverbotes des Getreides gänzlich darnieder. Nur für 8000 Ardeb Korn hat die Regierung neuerdings dieses Gesetz aufgehoben, damit wenigstens ein Teil der vorhandenen Vorräte nicht verderbe. Wie soll man sich die eigentümliche Erscheinung erklären, die das Rote Meer alljährlich während des Winters durch auffallend hohen Stand des Wassers auch zur Zeit der Ebbe zeigt? Korallenbänke, die im Sommer alltäglich von der Ebbe freigelegt zu werden pflegen, sind gegenwärtig gar nicht zugänglich. Ein Zoologe wäre jetzt schlimm daran mit dem Einsammeln von Seetieren. Sogar der Fischfang wird durch dieses Phänomen so sehr beeinträchtigt, daß der im Sommer überaus reiche Fischmarkt von Kosser wie verwaist erscheint. Straße in Kosser (Aus Klunzinger, Erinnerungen aus meinem Leben, Würzburg, Verlag Kabitzsch) III. Die ältesten Klöster der Christenheit St. Antonius und St. Paulus Kaum zweihundert Kilometer südöstlich von Kairo, aber in völliger Abgeschiedenheit und nur äußerst selten von Reisenden besucht, liegen unmittelbar zu Füßen der beiderseitigen Steilabstürze einer gegen das Rote Meer zu auslaufenden Ecke des östlichen Kalkplateaus die beiden berühmten Klöster St. Antonius und St. Paulus, die ältesten der gesamten Christenheit. Ich besuchte die Klöster in den Jahren 1876, 1877 und 1878. Als ein Teil jenes weitausgedehnten der Nummulitenformation angehörigen Plateaus, das der Nil auf seinem Laufe von Theben an durchschneidet und von der Hauptmasse auf der libyschen Seite absondert, bildet das die beiden Klöster voneinander trennende Gebirge einen bis über 1200 Meter ansteigenden Ausläufer. Nach Norden zu wird er von dem zehn Stunden breiten Uadi Arabah begrenzt, nach Süd-Osten dagegen tritt er vermittelst eines verworrenen Systems vorgeschobener Hügel und geradrückiger Abstufungen in Kontakt mit den nördlichsten Gliedern der sich längs der ganzen Westküste des Roten Meeres hinziehenden Kette von Porphyr-, Granit- und Dioritgebirgen. Von der Höhe dieses Plateau-Ausläufers, den die im Gebiete spärlich zerstreuten Hirten Galala nennen, verlaufen hauptsächlich nordwärts zum Uadi Arabah mehrere tiefe Taleinschnitte, die zwischen großartig pittoresken Felswänden hin und her gewunden, die Bergmasse in eine Anzahl unregelmäßiger Rippen gliedern, während diese auf der entgegengesetzten, nach Südwest verlaufenden Seite nur wenige Einschnitte zeigt und hier wie eine aus dem Gewirr der Vorhügel steil aufsteigende und zusammenhängende Mauer erscheint, ein Aussehen, das dem Kalkplateau auf seiner ganzen östlichen Begrenzung bis zur Stadt Keneh in Oberägypten, zukommt. Das Uadi Arabah trennt von diesem östlichen Kalkplateau ein nördliches quadratisches Stück ab, indem es einen von Westen nach Osten gerichteten Spalt in demselben bildet, der sich gegen das Rote Meer unter 28° n. Br. öffnet. Die Luftlinie von Kairo zum Kloster St. Antonius bildet die Diagonale dieses Stücks, das die dortigen Araber gleichfalls mit dem Namen Galala zu bezeichnen pflegen; ein Wort, das wahrscheinlich synonym ist mit dem anderwärts mehr gebräuchlichen topographischen Terminus »Hamada«, d. h. Hochebene. Die Steilabstürze der nördlichen und südlichen Galala begrenzen das Uadi Arabah in Gestalt zweier Mauern, die, indem das immense Tal nach Westen zu ansteigt und allmählich in die Hochebene übergeht, in der Richtung zum Meere an Höhe scheinbar zunehmen. Diese Art der Umrahmung des Uadi Arabah macht es den Oasentälern der Libyschen Wüste sehr ähnlich, die bei annähernd gleichen Dimensionen ebensolche Einbrüche in die Plateaudecke des Nummulitenkalks bezeichnen, vielleicht ehemalige Ausbuchtungen eines der mittleren oder neueren Tertiärzeit angehörenden Meeres von unbekannter Ausdehnung. Die Regenverhältnisse gestalten sich in diesem nördlichsten Teile der ägyptisch-arabischen Wüste etwas günstiger als in dem südlich von den Klöstern gelegenen, obgleich das ganze Stück denselben klimatischen Einflüssen unterworfen erscheint. Während südlich vom 28. Breitengrade mitunter mehrere Jahre verfließen können, ohne daß auch nur ein nennenswerter Niederschlag statt hätte, entladen sich auf den Höhen der Galala in den Wintermonaten fast ausnahmslos, und mindestens einmal im Jahre in ergiebiger Weise, die aus der Region der Winterregen herübergreifenden Wolkengeschiebe. Ein solcher Regen ist selten von anhaltender Dauer, auch trifft er gewöhnlich nur einen kleinen Strich, aber die Natur hat, ganz im Einklange mit dem ökonomischen Haushalte des gesamten Wüstenlebens für eine um so sparsamere Verausgabung des kostbaren Lebensstoffes gesorgt. Die nackten steilen Felsgehänge, wenn auch nur flüchtig benetzt, liefern immerhin beträchtliche Wassermassen, die schleunigst der Tiefe zustürzend sich ohne großen Verlust anzusammeln vermögen. Die durstige poröse Kalkmasse an den einen, kieseldurchsetzte Schichten an den anderen Stellen arbeiten sich zur sorgfältigen Aufspeicherung des Wassers gegenseitig in die Hände. Hier wird das Gewonnene schnell aufgesogen und vor der intensiv wirkenden Verdunstung bewahrt, dort in wohlabgeschlossenen Reservoiren tief unter der mächtigen Decke des Gebirges eingeheimst, um alsdann tropfenweise in geheimnisvollen Adern weiter geleitet und schließlich auf dem Grunde der von Geröll erfüllten Talsohle als belebender Dunst den Wurzeln der auf die Verwertung auch der geringsten Feuchtigkeitsmengen eingerichteten Wüstengewächse zugeführt zu werden. Ab und zu stößt man am Ursprunge der Täler auf große natürliche Wasserbecken, die tief in den Felsen ausgehöhlt den Strahlen der Sonne nur selten Eingang gestatten und trotz jahrelangen Regenmangels ihren Inhalt fast ungeschmälert aufzubewahren vermögen, bis Menschen und Tiere ihn leeren. Die ganze Gebirgsmasse gleicht einem von feuchten Dünsten erfüllten Schwamm. Unbedeutend ist in diesen Wüsten die dem Taufall zugewiesene Rolle. Er tritt hauptsächlich während der Wintermonate bei nordwestlicher Luftströmung in Wirksamkeit. Auch wirkliche Quellen sind selten, aber da, wo sie auftreten, von zuverlässigster Beständigkeit. Den untersten Schichten des Gebirges entstammend, da wo die Mergel einer älteren Formation (Kreide) sich unter die meist festen Schichten des Nummulitenkalkes lagern, scheinen diese Quellen den Überschuß vom Resultate der hydraulischen Gesamtarbeit der Gebirgsmassen auszumachen. Die ihnen eigene, der mittleren Jahreswärme der Gegend entsprechende Temperatur beweist, daß hier die Quellen keiner großen Tiefe, mithin auch keinem anderen Wasservorräte ihren Ursprung verdanken können als demjenigen, den die umliegenden Berge oberflächlich hier und da aufzufangen Gelegenheit hatten. Solcher nie versiegender Quellen kennt man im Uadi Arabah vier, die am Fuße der es im Süden begrenzenden Felswände zutage treten, und zwei auf der nördlichen dem Roten Meere zugewandten Seite. Unter ihnen sind die beiden Klosterquellen die beträchtlichsten, und während die übrigen die Ansiedelung von nur wenigen Dattelpalmen gestatteten, haben die Quellen von St. Antonius und St. Paulus deren ganze Haine aufzuweisen und doch noch Überfluß genug zur Bewässerung ihres Gartenlandes. Der Leser aber glaube nicht, daß an solchen Quellen und Wasserbecken von Hause aus ein besonders üppiger Pflanzenwuchs auftrete. Die größere oder geringere Menge des zugeführten Naß beeinflußt wenig die gewohnheitsmäßige Enthaltsamkeit der Wüstengewächse. Alle sind sie an ein äußerstes Minimum davon gewöhnt, der Überfluß bleibt unbenutzt und in der nächsten Umgebung der Wasserstellen begegnet der Reisende nicht mehr Gewächsen, als er stundenweit talabwärts an scheinbar völlig dürren Orten wahrgenommen hat. Der ganze Wüstenhaushalt ist auf ein beständiges Fastenleben eingerichtet. Pflanzen und Tiere unterliegen demselben Gesetz, auch der Mensch, der in ihrer Mitte heimisch wird, macht keine Ausnahme. Die Nüchternheit wird zur Gewohnheit, das Fastenleben der Anachoreten kein Verdienst mehr. Alles, was ihn umgibt, hungert nach unseren Begriffen und durstet, und doch ist alles voller Leben und Kraft. Eine Wiese im Norden verzehrt mehr Wasser als hier ein ganzer Landstrich und mancher Bauer daheim mag beim Hochzeitsschmaus so viel an Nahrungsstoffen zu sich nehmen, als ausreichen würde, eine ganze Beduinenfamilie tagelang mit Kost zu versorgen. Die große Mehrzahl der vierfüßigen Wüstengeschöpfe trinkt nie, d. h. sie pflegen nie tropfbares Wasser in anderer Gestalt zu sich nehmen, als solches in den winzigen Sprossen der Kräuter dargeboten erscheint, mit denen sie ihren Magen füllen. Es ist erwiesen, daß selbst die Gazelle jeglichen Wassers zu entbehren vermag. Bei den vielen großen und kleinen Sauriern, bei den Wüsten-Hasen, Springmäusen und anderen Nagetieren, die in diesen Strichen heimisch sind, ist das die stehende Regel. Angesichts dieser Verhältnisse scheint die uns aus dem Altertum überkommene Nachricht, es hätten Einsiedler mitten in der Wüste ohne alle Beihilfe jahrelang ihr Leben zu fristen vermocht, viel von ihrer Unglaubwürdigkeit einzubüßen. Es mag keineswegs undenkbar erscheinen, daß Paulus von Theben sich einzig von den Früchten der Dattelpalmen, die er an der Quelle vorfand, bei der er sich niederließ, ernähren konnte, und daß Antonius ein halbes Jahr lang mit einem Sack Zwieback auszukommen wußte, den ihm ein Freund überbrachte. Die Kirchengeschichte berichtet sogar von einer Klasse von Anachoreten, die man die »Weidenden« nannte, weil sie sich wie das Vieh, von den Kräutern, die sie sammelten, zu ernähren wußten. Setzen wir an die Stelle der Kräuter Wurzeln, so erscheint die Sache nicht undenkbar. Ich habe noch heute auf den Höhen der Galala zwei Pflanzen in großer Menge allverbreitet vorgefunden, die in rohem Zustande genießbare Wurzeln, etwa den Karotten und dem Schwarzwurz vergleichbar, liefern und von denen die Beduinenkinder alltäglich bedeutende Quantitäten ohne Schaden zu sich nahmen: Malabaila Sekakul und Scorzonera mollis. Die Vegetation in den Felstälern der südlichen Galala und die der höchsten Teile des Plateaus selbst macht auf denjenigen, der nur die nackten weißen Felsen in der Umgegend von Kairo und am Rande des Niltals kennt, einen außerordentlich überraschenden Eindruck. Einzelne Täler, wie z. B. das (südliche) Uadi Ashar, das ½ Stunden westlich vom Kloster St. Antonius mündet, und das Uadi Tin, vier Stunden westlich vom Kloster Paulus, finden in allen Wüsten des eigentlichen Ägyptens, was eine verhältnismäßig üppige und mannigfaltige Entwicklung des Pflanzenwuchses anbetrifft, nicht ihresgleichen. Sie erscheinen inmitten des nackten Nummulitengebirges mit ihrem ununterbrochenen Pflanzenteppich, mit den großblütigen Stauden von Salbei, Bilsenkraut, Thymian, Peganum, Stachys und dergleichen, wie ein Stück gelobten Landes. In der Tat entspricht der Vegetationscharakter hierselbst der Flora Palästinas und er ist mit demjenigen der Sinai-Halbinsel fast identisch. Allein im großen und ganzen sind dies eben nur Ausnahmen und oasenartige Lücken in der verzweifelten Starrheit solcher Felseinöden, von denen man, ohne Ägypten und den südlichen Orient bereist zu haben, sich schwerlich einen Begriff wird machen können. Nichts als das blendende Weiß der Felsen und Gerölle, ab und zu in graue und braune Töne übergehend, darüber das Blau des Himmels und der in violettem Schimmer verschwindende Hintergrund, bietet sich hier dem Auge des Beschauers. Kein Baum, nur selten ein mannshoher Strauch, der einigen Schatten spendet, unterbricht diese tote Landschaft, ein Wald von bizarr gestalteten Felsen und Steinblöcken. So beschaffen war der Schauplatz, auf dem in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung die beiden Urbilder des Anachoretenlebens St. Antonius der Abt und St. Paulus von Theben erscheinen. Stellen wir ihm das Tal von Subiaco in Italien gegenüber, jene Wiege des abendländischen Mönchtums, an der St. Benedikt gestanden, so erscheint es, trotz seiner so nackt und ernst herniederschauenden Felsgehänge doch wie ein irdisches Paradies voller Anmut und Lebensfrische, von der Paulus, seit er als Jüngling dem Niltal entfloh, während seiner fast hundertjährigen Wüsteneinsamkeit nie auch nur den geringsten Abglanz empfand. Die Klöster, die das unmittelbar auf unsere Tage übernommene Vermächtnis der beiden Schutzpatrone des christlichen Ägyptens darstellen, wurden, ungeachtet ihrer geringen Entfernung von der Hauptstadt des Landes, von Reisenden, fränkischen sowohl wie orientalischen, nur äußerst selten, wenigemal in jedem der letzten drei Jahrhunderte berührt. Gegenstand der Wallfahrt sind die Klöster, dank der Gleichgültigkeit, wie sie die monophysitische Kirche von jeher gegen den bereits von Antonius bekämpften Reliquienkultus und gegen eine abgöttische Heiligenverehrung an den Tag gelegt hat, seit dem Tode dieses ihres Altvaters nie gewesen. Die dahin führenden Wege liegen gänzlich abseits von allem Verkehr und die Reise erfordert eigene Vorbereitung und Ausrüstung zu einem fünf- bis sechstägigen Durchzug durch wasser- und menschenleere Felswüsten. Drei Wege führen zu den Klöstern der östlichen Wüste. Der gewöhnliche, den auch die zweimal im Jahr zur Verproviantierung der Mönche vom Niltal abgesandte Karawane einschlägt, ist der von Bayad, gegenüber der an der oberägyptischen Eisenbahn gelegenen Provinzialhauptstadt Benisuef seinen Ausgangspunkt nehmende. Der Weg führt durch die Uadis Escheb, Sanur und Chädr ins Uadi Arabah und nach Kreuzung des letztgenannten zum Kloster St. Antonius, mit einer Gesamtlänge von hundertundvierzig Kilometern. Ein wegen seiner Terrainverhältnisse beschwerlicherer, aber auch für Lastkamele zugänglicher Pfad beginnt am rechten Nilufer vierzig Kilometer im Süden von Kairo beim Dorfe Ab-el-Ejam, und geleitet durch das Uadi Uarag auf die Höhe der nördlichen Galala, steigt dann zum nördlichen Uadi Ashar (es gibt deren zwei des gleichen Namens) hinab und mündet gleichfalls im Uadi Arabah gegenüber dem Kloster St. Antonius. Man kann auch von Suez aus zur See oder mit Kamelen dem Westufer des Roten Meeres folgend, zu den Klöstern gelangen. Dieser Weg führt auf das Kap Safarana zu, von dem beide Klöster, in gleichem Abstande, eine gute Tagereise entfernt sind. Ein wiederholter Besuch der ehrwürdigen Stätten setzt mich in den Stand, ausführlich über ihr heutiges Aussehen zu berichten, sowie von dem Leben und Treiben ihrer Bewohner Nachricht zu geben. Zum besseren Verständnis ihrer Bedeutung für das orientalische Christentum und für die Entwicklung des Christentums überhaupt will ich indes zunächst einige historische Nachweise vorausschicken und versuchen, das Bild des im Abendlande weniger als im Orient gefeierten großen Heiligen Antonius und dessen Schicksale, sowie dasjenige St. Paulus, seines Nachbarn im Anachoretenleben, wieder aufzufrischen. Die Lebensgeschichte des heiligen Antonius ist uns von seinem Zeitgenossen Athanasius, dem berühmten Eiferer gegen die Irrlehre des Eutychus und Bischof von Alexandria, überliefert worden. Euagrius, der St. Hieronymus auf seiner Orientreise begleitete, hatte frühzeitig den griechischen Text ins Lateinische übertragen und Hieronymus diese Übersetzung seiner biographischen Sammlung, fünfunddreißig Jahre nach Antonius Tode, einverleibt, so daß die Überlieferung eine ziemlich gut vermittelte geblieben ist. Antonius stammte aus einer reichen, in Komea (heute Keman-el-aruss bei Benisuef) ansässigen Familie Mittelägyptens. Seine Geburt wird in das Jahr 251 verlegt. Ein fleißiger Besucher der öffentlichen Evangelienvorlesung fühlte er sich eines Tages – er stand im Alter von achtzehn bis zwanzig Jahren und war elternlos – durch die Erzählung vom reichen Jüngling (Math. XIX. 21) dermaßen hingerissen, daß er all sein Hab und Gut unter die Armen verteilte, die einzige Schwester fremder Pflege anvertraute und selbst hinaus vor die Stadt zog, um sich einsamen Gebetsübungen hinzugeben. Zu jener Zeit gab es in Ägypten noch keine Klöster; von Eremiten aber, die in der Wüste lebten, hatte man noch nie etwas gehört. Indes pflegten viele fromme Männer bereits an abgelegenen, vom Geräusche der Welt entfernten Plätzen sich aufzuhalten, um den noch schüchternen Bekennern der christlichen Lehre Zuspruch und Trost zu gewähren. Zu diesen begab sich Antonius, um ihre Lehren zu empfangen und sich an ihrem Beispiel zu erbauen. Dabei arbeitete er als Tagelöhner, um sich den nötigen Unterhalt zu verdienen, und verteilte den Überschuß unter die Armen. Nach einiger Zeit nahm er seinen Aufenthalt an einem verödeten Orte, wo sich alte Gräber befanden. Hier richtete er sich seine Wohnstätte zurecht, während ein Freund ihn mit Speise und Trank versah. Abermals nach Verlauf einiger Zeit und nach vielfach ausgestandener Anfechtung seitens des Bösen, der ihm unter den mannigfachsten Gestalten erschienen war (von Malern so häufig zum Gegenstande ihrer Darstellungen gewählt), gelangte in Antonius der Entschluß zur Reife, was noch keiner vor ihm gewagt, keiner wenigstens, von dem man Kunde hatte, sich ganz und gar in die unzugänglichste Wüstenei zurückzuziehen und daselbst für immer der Welt abzusterben. Er hatte bereits das fünfunddreißigste Jahr zurückgelegt, als er sich infolgedessen auf einen Berg begab, wo sich die Trümmer eines alten Kastells befanden. Dies war vermutlich die Stelle unterhalb Benisuef am rechten Nilufer, wo sich heute noch die Reste eines anderen uralten Klosters befinden, das gleichfalls seinen Namen trägt. Antonius sperrte sich durch vorgelegte Steine im Innern der Burgruine einen Raum ab, in dem er sich einschloß. Zweimal im Jahre wurde er von seinem treuen Freunde mit dem nötigen Vorrat an Brot und Wasser versorgt. Der Bericht lautet: »er nährte sich von jenem Brot, das die Bewohner Ägyptens so herzurichten wissen, daß man es ein ganzes Jahr unverdorben aufzubewahren vermag.« Es war also eine Art jenes Zwiebacks, in dessen Zubereitung die Ägypter noch heutigen Tages große Geschicklichkeit bekunden, und zu dessen Zubereitung der im Niltal gewonnene Hartweizen ganz besonders geeignet erscheint. Zwanzig Jahre harrte Antonius in seiner engen Klause aus, ohne sich vom Platze zu rühren. Eine innere Stimme hatte ihm indes geboten, er dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen; so predigte er vor dem herbeiströmenden Volk, das ihn als einen wahren Heiligen zu verehren begann, und seine Fürbitte um Heilung von allerhand Gebrechen anzusprechen kam. »So begann sich die Wüste zu beleben,« sagt der Bericht. Da erfuhr Antonius von der großen Christenverfolgung, die unter Maximinus' Regierung (311 n. Chr.) in Alexandria wütete. Er begab sich dahin, sehnsüchtig nach dem Martyrium verlangend. Allein, obgleich er der Gefahr überall die Stirne bot, blieb er unter Hunderten verschont und kehrte, mit der Überzeugung, daß Gottes Vorsehung ihn zu anderen Taten berufen hätte, wieder nach dem Heptanomos zurück. Viele Zeichen hatte Gott durch ihn vollziehen lassen und weit und breit galt er als der »Mann Gottes«, so beschloß Antonius, fürchtend, daß sein Geist sich infolge der ihm von allen Seiten an den Tag gelegten Verehrung mit Eitelkeit und Hochmut behaften möchte, nach Oberägypten zu wandern, wo ihn niemand kannte. Bald stieß er auf einen Trupp Araber (Sarazenen nennt sie der Text, eines der ältesten Vorkommnisse dieses Namens), die Ägypten auf einem Handelszuge besucht hatten, und sich nun zur Heimkehr durch die östliche Wüste anschickten. Es bot sich ihm auf diese Art eine Gelegenheit dar, vor der bewundernden Menge tief in die abgelegensten Einöden zu entfliehen. Die Araber hatten nichts dagegen, daß sich Antonius ihrer Karawane anschloß, und so brachten sie ihn nach einer Reise von drei Tagen und drei Nächten (entspricht genau der 140 Kilometer betragenden Entfernung von Bayad zum heutigen Kloster, die eine ledige Karawane in der angegebenen Zeit zurückzulegen pflegt) zu einer Stelle, wo, wie eine innere Stimme ihm anzeigte, er Ruhe und Seelenfrieden finden sollte. In einem hohen Berge, an dessen Fuße sich eine sprudelnde Quelle mit einigen Palmen und eine Fläche mit anbaufähigem Erdreich vorfand, erkannte der Wanderer den Ort, den Gott ihm als Wohnsitz bestimmt hatte. Nachdem er von seinen Begleitern einiges Brot empfangen hatte, blieb er allein an dieser Stelle zurück. Ab und zu erneuten in der Folge vorüberziehende Kaufleute diese Lebensmittel, und ungestört vermochte der Heilige sich für einige Zeit in dieser Einsamkeit von allem Verkehr mit seinen Bewunderern abzuschließen; aber bald war die Kunde von seinem Wohnort ins Niltal gedrungen und so kamen viele, um ihn auch hier aufzusuchen. Antonius bat seine Besucher, sie möchten ihm einiges Ackergerät und Sämereien herbeischaffen, und nachdem er diese erhalten, machte er sich daran, einen Garten anzulegen, und das Wasser der Quelle auf den angebauten Boden zu leiten. So gelang es ihm durch eigenen Fleiß nicht nur für seinen Unterhalt, sondern auch für denjenigen der zahlreichen Anhänger zu sorgen, die sich nicht hatten abhalten lassen, seine Nähe aufzusuchen und in der Umgegend als Eremiten zu hausen. Er flocht aus den Blättern der Dattelpalme Körbe und sandte solche zum Nil, um mit dem Erlös weitere Vorräte für die Brüderschaft in der Wüste zu beschaffen. Antonius machte sich immer etwas zu schaffen, sein Grundsatz war »bete und arbeite«, denn die fortgesetzte körperliche Untätigkeit, das wußte er aus Erfahrung, schwächt den Geist, während ununterbrochene Gebetsübungen ihn krankhaft entarten lassen mußten. Seinem Beispiele folgten die übrigen und so wurde er in der Tat der Begründer des ersten Klosterlebens in der Wüste. Aus der Lebensgeschichte des Pachomius geht hervor, daß er St. Antonius (»Mar Antonios Abbas«) als das Vorbild der Eremiten gefeiert hat. Antonius war selbst nie mit Pachomius zusammengetroffen, ist aber mit ihm durch Vermittelung einer an ihn gesandten Abordnung von Eremiten in Verbindung getreten. Das erste eigentliche Kloster soll Pachomius zu Tabenne, auf einer Nilinsel unterhalb Keneh um 340 n. Chr. gegründet haben, also acht Jahre vor seinem Tode. Unzählig sind, so sagt sein Biograph, die Wunder, die Gott dem Verdienste und den Gebeten des Antonius zuliebe geschehen ließ. Von weit und breit kamen Gläubige und Ungläubige herbeigezogen, um den »Mann Gottes« zu schauen. Der Kaiser Konstantin schrieb ihm einen eigenhändigen Brief und ließ diesen durch eine eigene Gesandtschaft überbringen, viele vornehme Griechen und Ägypter pilgerten zu ihm, um seine Fürbitte zu erflehen, ja sogar heidnische Philosophen suchten den weltberühmten Heiligen in seiner Bergeshöhle auf, um an ihm die geistige Kraft des Christentums zu prüfen. Antonius war trotzdem weder gelehrt, noch einer anderen Sprache, als der seines Volkes mächtig, es ist sogar wahrscheinlich, daß er nicht einmal zu lesen und schreiben verstand, sondern die heiligen Schriften bloß durch Anhören der Vorlesungen vermöge einer starken Gedächtnisgabe sich eingeprägt hatte. Noch heutigen Tages sind Leute unter den koptischen Christen Ägyptens und Abessiniens eine gewöhnliche Erscheinung, die das ganze Evangelium, den Psalter Davids und das hohe Lied Salomonis auswendig herzusagen wissen. Antonius scheint indes nicht unausgesetzt in seinem letzten Zufluchtsorte ausgeharrt zu haben, denn die auf uns überkommenen Bruchstücke der Geschichte seiner Zeit erwähnen sein Auftreten in verschiedenen Gegenden Ägyptens zu wiederholten Malen. Hochbetagt ward ihm die Freude zuteil, seine Schwester in der alten Heimat wieder begrüßen zu können. Am bedeutsamsten für die Zeitgenossen war indes sein Erscheinen zu Alexandria, wo er, ein hundertjähriger Greis, im Jahre 352, den Irrlehren des Eutychus entgegentrat. Die Arianischen Streitigkeiten hatte er infolge einer Vision bereits etliche Jahre vorher vorausgesagt. Antonius sah im Traume den Altar des Herrn von Mauleseln umstellt und besudelt; das waren »diese Bestien von Arianern«, sagt der Bericht. In dem Eifer, mit dem sich Antonius den Leugnern der Gottes- und Menschennatur Christi gegenüberstellte, können wir bereits die Hinneigung vieler zu dem sich ein Menschenalter später in Ägypten bahnbrechenden Monophysitismus erblicken, den die koptische Kirche annahm. Fünf Jahre später sah er sein Ende herannahen, er hatte hundertundfünf Jahre gelebt. Sorgenvollen Blickes pflegte er in die Zukunft zu schauen, wenn er an das Umsichgreifen der gegen alle Lehren des Christentums verstoßenden Neigung seiner Zeitgenossen dachte, Männern von besonders heiligem Lebenswandel eine abgöttische Verehrung zu zollen und mit den Überbleibseln ihrer sterblichen Hülle allerhand Götzendienst zu treiben. Weil er an sich erfahren, mit welcher Liebe und Verehrung alle Welt ihm zugetan war, fürchtete er auch nach dem Tode als Wundertäter verehrt zu werden, trotzdem er sein ganzes Leben lang bemüht gewesen war, die durch ihn vollzogenen Zeichen allein dem Walten der göttlichen Gnade zuzuweisen. Der heidnische Gebrauch, die Körper der Verstorbenen nach alter Kunst einzubalsamieren, Dieser Brauch ist bekanntlich ab und zu selbst von Christen bis zur Zeit der arabischen Invasion fortgesetzt worden. und namentlich diejenigen von besonders geliebten Personen, unbegraben in den Häusern zum Gegenstande eines fortgesetzten Kultus zu machen, mißfiel ihm durchaus, und um mit seinem eigenen Körper ein gutes Beispiel zu geben, wie man der Erde wiederzugeben habe, was man von ihr genommen, machte er seinen Jüngern eindringlichst zur Pflicht, ihn im geheimen zu bestatten, so daß niemand die Stelle wüßte, wo sich sein Grab befände. Dieser Auftrag wurde gewissenhaft befolgt. Noch heute wiederholen die Mönche im Kloster St. Antonius jedermann, der darnach fragt, daß ein Grab ihres Heiligen nicht vorhanden sei, und nie ein äußeres Kennzeichen die geweihte Stätte, wo er vergraben, verraten habe. Trotz alledem beansprucht die französische Stadt Vienne den alleinigen Besitz der Leiche des heiligen Antonius des Abts, die im zehnten Jahrhundert (980) dahin gebracht sein soll. Was die äußere Erscheinung des großen Heiligen anbetrifft, so schildert sie uns ein Zeitgenosse als die eines Mannes von sanftem und gefälligem Wesen. Viele, die von Neugierde getrieben, zu ihm kamen und glaubten einen seltsamen Schwärmer und, wie man bei seiner wilden Lebensweise anzunehmen sich berechtigt hielt, einen rauhen und ungeschliffenen Gesellen zu erblicken, bezauberte seine schlichte Herzensgüte und sein leutseliges Benehmen. Seine Körperkonstitution muß von unverwüstlicher Stärke und Zähigkeit gewesen sein, denn ungeachtet der dieses ganze lange Leben hindurch ausgestandenen Entsagungen erhielten sich seine Sinne bis an das Ende in ungeschwächter Frische. Kein einziger Zahn soll ihm, als er starb, gefehlt haben. Legen wir uns die Frage vor, was es gewesen sei, das Antonius einen solchen Einfluß auf seine Zeit und seine Umgebung verlieh, so gelangen wir zu einem Schluß, dessen Prämissen in der Zeit, in der wir leben, gänzlich rätselhaft bleiben würden, wäre uns in der geschichtlichen Entwicklung der in immer neue Phasen tretenden Anschauungen des Genius der Menschheit nicht das Mittel eines teilweisen Verständnisses dargeboten. Wie wir bereits gesehen, war Antonius weder gelehrt, noch ein Mann von phantastisch begeistertem Gemüt, der durch die Gewalt einer hinreißenden Rednergabe die Massen zu erwärmen, in Bewegung zu setzen vermocht hätte für, wir würden sagen, eine große Idee. Von solchen Eigenschaften weiß uns sein Biograph nichts zu berichten. Im Gegenteil, was uns von seinen Aussprüchen erhalten geblieben, zeugt keineswegs von einer überraschenden Geistesschärfe. Seine Reden waren ein nüchternes Bekenntnis der als einzig erfaßten Wahrheit, ausgestattet mit dem gegen alle Vernunftgründe unbezwinglich siegreich vorgehenden erfahrungsmäßigen Glauben. Und dabei ward seine Tätigkeit getragen von dem unüberwindlichen Strom, der ihn hochhob über die ganze Erbärmlichkeit seiner Zeit, jenem welterobernden Geist der volkstümlichsten aller Religionen! Das war das Medium, in dem sein Wirken sich bewegte; die Kraft kam von dem überraschenden Kontrast, in dem sich die apostolische Einfachheit, die nüchterne, naive Einfalt seiner Gedanken zu dem Aberwitze einer schalen, abgelebten und blasierten Zeit stellte, dann in der Unabhängigkeit von dem, was die Welt reizt oder schreckt. Ägypten aber war der geeignetste Boden, denn ernsten Dingen waren von jeher die Bewohner dieses Landes zugetan. Nirgends ist die Grenze zwischen Tod und Leben so scharf gezogen wie hier, wo das lachende üppige Niltal von dem engen Rahmen der starresten Wüste eingefaßt ist, ein beständiges »memento mori«. Ein aussichtsloses Sklavengeschick bekräftigte außerdem in dem Ägypter, dessen Geschichte eine fortlaufende Kette von in den äußeren Existenzbedingungen des Landes begründeten Bedrückungen ist, die Vorstellung, in dem irdischen Leben nur eine Vorbereitungsstufe für das Jenseits zu erblicken. Die Ägypter waren die ersten, die sich dem Christentum als Nation zuwandten und der Einfluß, den in den ersten Jahrhunderten Ägypten auf die Entwicklung des Christentums als Weltreligion gehabt, ist nicht abzuschätzen. Wir mögen die altgriechische oder die altchristliche Zeit im Auge haben, immer erkennen wir die Brücke, die uns mit dem alten Wunderlande der Kultur verbindet, und noch heute, auf der Höhe unserer modernen Gesittung, stehen wir unter dem, wenn auch noch so weitläufig übermittelten Einfluß seiner uralten Geistesrichtungen. Nach der Tradition der Mönche bestand das Kloster 1876 seit fünfzehnhundertzweiundsechzig Jahren. Nehmen wir an, Antonius habe sich ein Jahr nach der Maximinischen Christenverfolgung, also um 312, hier niedergelassen, so können sehr wohl drei Jahre später Bewunderer und Anhänger des damals schon weltberühmten Mannes seine Nähe aufgesucht, eine Kapelle erbaut und bei ihm dauernde Stätte gefunden haben. Vor dreihundertdreiundsiebenzig Jahren wären, so erzählten weiter die Mönche, infolge unsicherer Zustände und beständig gefährdeter Verbindung mit dem Niltale, beide Klöster verlassen worden und hätten alsdann durch siebenzig Jahre leer gestanden. Die Eroberung Ägyptens durch Selim I. (1517) fällt in diese Zeit und damit der Beginn der an dem neuesten und tiefsten Verfall dieses Kulturlandes die Hauptschuld tragenden Türkenherrschaft. Seit dem Jahre 1574 sind die beiden Klöster wieder instandgesetzt und bewohnt. Unter den Kalifen scheinen sie unangetastet geblieben zu sein. Kirchliche Institutionen wie sie die arabischen Eroberer in Ägypten vorfanden, wurden von ihnen respektiert, und so groß auch die Bedrückungen und Verfolgungen, die Christen in der Folge zu erleiden hatten, sein mochten, so waren sie doch meist durch den Hochmut der letzteren und ihre Ränke selbstverschuldet. Die abessinische Geschichte tut häufig einer alljährlich nach den heiligen Stätten des gelobten Landes entsandten Pilgerkarawane Erwähnung, die oft viele tausend Köpfe stark überland Nubien und Ägypten in ihrer ganzen Länge zu durchziehen pflegte. Während der ganzen Dauer der Kalifen- und älteren Mamelukenherrschaft blieb ihr Durchzug unangefochten, allein unmittelbar nach der türkischen Eroberung wurde die Straße durch wiederholte Überfälle, Mord und Plünderung versperrt und nur eine geringe Zahl abessinischer Pilger fand unter beständigen Gefahren hinfort ihren Weg zum heiligen Grabe. Während der siebenzig Jahre ihres Leerstehens wurden die Klöster natürlich vom Zahn der Zeit arg mitgenommen. Beduinen hausten in ihren Mauern und trugen was sich von Holzteilen loslösen ließ davon. Der Regen ergoß sich durch die Fensteröffnungen und verwusch einen Teil der uralten Fresken, mit denen die Kapelle des heiligen Antonius ausgemalt war. Trotzdem aber hat sich der alte Bau doch noch in seiner ursprünglichen Ausdehnung erhalten und die Renovation, die er 1859 erfahren haben soll, sichert seinem Bestehen eine weite Zukunft. Bücherschätze, die hier früher angehäuft gewesen sein mögen, sind während der neuen Zeitabschnitte verschwunden. Eine Klosterbibliothek existiert nicht. Die vielen Evangelien und Psalter, die in den verschiedensten Abschriften einen Ersatz für sie zu bieten scheinen, sind sämtlich neueren Datums. Die alten Schriften, die noch vor einiger Zeit vorhanden gewesen sein sollen, hat der jetzige koptische Patriarch zu sich nach Kairo senden lassen. Nur selten und in großen Zwischenräumen haben Europäer die Klöster besucht. Ihre Namen finden sich zum Teil mit empörender Rücksichtslosigkeit in die geschwärzten mit uralten Fresken bedeckten Wände der Kapelle des Heiligen eingekritzelt, und weder griechische Patriarchen noch russische Archimandriten machten hiervon eine Ausnahme. Der älteste abendländische Besucher scheint im Jahre 1626 ein gewisser Frater Bernardus a Ferula aus Sizilien gewesen zu sein. Er hat seinen Namen mit großer Schrift, wo nur immer tunlich, angebracht, mit dem Zusätze: »primus visitator catholicus hic fuit.« Das Kloster St. Antonius, arabisch »Der Mar Antonius « genannt, bedeckt mit seinen elfhundertzwanzig Meter langen Umfassungsmauern einen Flächenraum von über sechs Hektaren. Die Fläche bildet ein ungleichseitiges Fünfeck, das sich im Rücken mit seiner längsten Seite an die unterste Stufe des Absturzes der Galala anlehnt und mit der gegenüberliegenden von Südwest nach Nordost gerichteten Seite Front gegen das Uadi Arabah macht, über das es eine unbeschränkte Übersicht gewährt, da die beiden Seiten des muldenförmig ausgehöhlten Tals stark ansteigen und das Kloster, von der Mitte der Talsohle aus betrachtet, bereits wie in einem Drittel der relativen Berghöhe zu liegen kommt. In der Tat beträgt seine Höhe über dem Spiegel des Roten Meeres nach Dr. Güßfeldts Messung mit dem Quecksilberbarometer bereits vierhundertundzehn Meter. Der Steilabsturz der südlichen Galala oberhalb des Klosters erreicht tausend Meter Meereshöhe. Von außen betrachtet gewährt der ausgedehnte Klosterbau keinen fesselnden Anblick. Der Ankömmling erblickt zunächst nichts als eine lange nackte Mauer von dreißig bis vierzig Fuß Höhe hinter der hier und da einige Palmkronen hervorragen. Kein Tor wird sichtbar, bis man, ganz in die Nähe gelangt, eine in die Mauer eingelassene Nische unterscheidet, über der die Mauer mit einem erkerartigen Aufbau gekrönt erscheint. Er ist das Aufzugshaus in dem sich die mächtige Winde befindet die durch ein horizontal gedrehtes Rad wie ein ägyptischer Ziehbrunnen, von zwei Mönchen in Bewegung gesetzt wird. Eine daneben herunterhängende Schnur dient zum Anziehen der Glocke, deren Geläute jeden Besuch anmeldet. Es währt nicht lange, so öffnen sich oben in dem getäfelten Holzwerk des Erkers einige Schiebefenster, aus denen schwarzbeturbante Mönchgesichter neugierig spähend herniederschauen. Plötzlich wird mit überraschendem Gepolter die Falltür zur Seite geschoben und am herabgelassenen Seil schwingt sich eine schwarzgewandete Gestalt. Einen Augenblick später steht sie in unserer Mitte. Es ist der Mönch, der zur Begrüßung der Fremden abgesandt wurde. Diese ursprünglich zur Sicherung gegen unerwarteten Überfall erdachte Vorkehrung findet sich noch heutigen Tages bei allen Wüstenklöstern des Orients, hat aber hierzulande bei dem friedfertigen Sinn der auf wenige hundert Köpfe beschränkten Bevölkerung der ganzen ägyptisch-arabischen Wüste, einem Gebiet von der Größe der apenninischen Halbinsel, und bei dem guten Einvernehmen, in dem die Mönche mit den Arabern leben, den ursprünglichen Zweck längst eingebüßt. Als auf ein sichtbares Zeichen ihrer Unabhängigkeit von der Außenwelt blicken indes die um Erhaltung der alten Gebräuche ängstlicher als um die der Altertümer selbst besorgten Mönche auf ihre Aufzugsmaschine mit Stolz, wie auf eine Art kostbaren Privilegiums. Nur dem Patriarchen öffnet sich bei seinem Einzuge das vermauerte Tor zur Linken des Aufzuges, das außerdem einmal im Jahre, wenn die Vorräte von Brennmaterial ins Kloster geschafft werden sollen, aufgebrochen wird, um die mit Reisig und Tamariskenholz beladenen Kamele in den Hofraum einzulassen. Nachdem man sich hat hinaufziehen lassen, tritt man von dem Aufzugshause auf die Zinne der Ringmauer, wo sich ein überraschender Anblick des Klosterinnern eröffnet. Allerhand Baulichkeiten von geringen Dimensionen, aber vielfach gegliedert und mannigfaltig an Gestalt bilden ein buntscheckiges Durcheinander, aus dem die Kuppeln der kleinen Kirchen hervorleuchten, überragt von dem vierkantigen Zufluchtsturm in der Mitte. Die graubraunen Erdgemäuer und die mit weißem Kalkbewurf versehenen Kirchen heben sich von dem tiefen Olivengrün der Palmen ab, die überall den Hintergrund bilden. Das an die menschenleere Einöde der Felswüsten gewöhnte Auge vermeint eine ganze Stadt vor sich zu sehen. Das Kloster St. Antonius ist aber auch das größte und angesehenste unter allen, die sich in Ägypten erhalten haben. An Ausdehnung steht es der Kairener Zitadelle wenig nach. Auf breiter Freitreppe steigt man zu einer großen Plattform (»elmeideh«) hinab, die den in den Erdgeschossen angelegten Kornspeicher bedeckt, überschreitet diese und betritt alsdann erst den eigentlichen alten Klosterraum, der jetzt mit seinen uralten Mauern in die äußere Umfassung gleichsam eingeschachtelt erscheint. Wie bereits erwähnt, fand im Jahre 1859 ein durchgreifender Neubau statt. Der verstorbene Patriarch Kyrillus, der selbst diesem Kloster viele Jahre als Mönch angehört hatte, bewies seine Anhänglichkeit an die ihm liebgewordene Stätte durch häufigen Besuch, den er in späteren Jahren ihr abstattete. Auch leitete er eine Kollekte zum neuen Ausbau des Klosters in allen Kirchen Ägyptens ein und vollendete im Laufe von drei Jahren dieses bedeutende Kosten verursachende Werk. Die neue Ringmauer, auf der man einen bequemen Rundgang um das ganze Kloster machen kann, erweiterte sein Areal um das Doppelte. Das Aufzugshaus, der Speicher, eine neue Kirche und zwei Reihen neuer Wohngebäude für die Mönche, von denen die letzteren indes noch leerstehen, wurden zu gleicher Zeit errichtet. Die beabsichtigte Erweiterung des Gartens und der Palmpflanzung harrt indes noch ihrer Ausführung und die geräumigen Hofräume, die zwischen den alten und neuen Mauern entstanden sind, liegen noch wüst und unbenutzt, nur eine Abteilung wird als Holzhof zum Aufhäufen des im Uadi Arabah von den Mönchen eingesammelten Reisigs verwandt. Keine Inschrift, kein ornamentales Monogramm gibt Kunde von dem Werke Kyrills; schmucklos starren die nackten weißen Mauern zum Himmel, wie in allen Kirchen und Klöstern der ägyptischen Kirche, kaum daß hier und da ein koptisches Kreuz, gewöhnlich in Gestalt des Andreaskreuzes, aus dem Kalkstein ausgemeißelt ist. Die Wohnungen der Mönche sind nicht Zellen, die zu einem Gebäude vereinigt sind, sondern nach dem Prinzip der Kartäuser-Klöster voneinander getrennt. Es sind durch alle Stockwerke gehende Abteilungen langer Häuser, eine jede mit eigener Eingangstür versehen, etwa wie die Wohnungen der ärmeren Volksklassen in den Vorstädten einiger italienischer Städte oder wie englische Arbeiterwohnungen, wenn dieser stolze Vergleich erlaubt ist. Alle Klosterräume haben nämlich etwas zwerghaftes, und die einzelnen Kammern der Mönche gleichen eher Taubenhäusern als menschlichen Behausungen. Man nennt sie trotz ihrer von abendländischen Klöstern abweichenden Form gleichfalls Zellen, arabisch »Kelali«. Den merkwürdigsten Bau dieser Art bilden die den inneren Klosterkomplex nach Westen begrenzenden Zellen, die an die Bäckerei anstoßen. Diese machen offenbar den ältesten Teil der Klosterniederlassung aus und bestehen aus vier bis fünf Stockwerken mit zahlreichen aufs unregelmäßigste verteilten Fensteröffnungen, oder vielmehr Luftlöchern. Die einzelnen Etagen erreichen indes kaum fünf Fuß Höhe, die Kammern bieten kaum mehr Spielraum dar, als zu einer Schlafstätte erforderlich ist. Aus Stuck verfertigte zierlich gearbeitete Fenstergitter, wie man deren noch viele in den alten Moscheen Kairos wahrnimmt, sind das einzige, was sich hier von Proben der Kunst aus dem grauen Altertum erhalten hat. Die neueren etwas geräumigeren Mönchswohnungen sind in drei parallel gestellte, gleichfalls aus Rohziegeln errichtete Gebäude verteilt, die vor der alten Kapelle sich hinziehen. Hier hat auch der Abt des Klosters seine Abteilung, die sich von den übrigen nur durch etwas größere Dimensionen unterscheidet. Alle großen Klöster Ägyptens haben in ihrem Zentrum einen turmartigen Bau, den sogenannten »Kasr«, die Burg. Diese Art Beffroi gewährte den Mönchen, falls die weitläufigen Mauern nicht mehr gegen den eindringenden Feind zu halten waren, eine letzte Zufluchtsstätte. Der Kasr in den Klöstern der östlichen Wüste besteht aus einem vierkantigen Bau von pylonenartig geneigten Rohziegelmauern mit einem Unterbau von Steinblöcken und enthält mehrere Stockwerke mit Kapelle, Küche, Speicherraum und unterirdischer Wasserleitung kurz allem, was zum längeren Ausharren nötig erscheint. Eine Zugbrücke führt von der Mauer des nächsten Gebäudes zum Tor. Der mit dickem Rost inkrustierten Kette sieht man es an, daß sie seit Jahrhunderten nicht mehr aufgezogen worden ist. Von allem, was das Kloster des Altertümlichen enthält, erweckt selbstverständlich nichts ein so hohes Interesse, als sein ehrwürdiges Heiligtum, die Kapelle, in der St. Antonius nach der Tradition der Mönche die Messe zu lesen pflegte, so oft er von seiner Höhle oben im Berge zu der Klosterniederlassung herniederstieg, und wo er vor dem herbeigeströmten Volk und den versammelten Einsiedlern predigte. Wie es scheint, hatten sich die letzteren damals noch nicht zu einer Klostergemeinschaft konstituiert, sondern sie lebten einzeln in den benachbarten Höhlen des Gebirges. Die früheren Mönchsgenossenschaften in den Oasen der Libyschen Wüste und im Tale von Nitra (Sketis oder richtiger Schiet), wie sie Pachomius eingerichtet hatte, bestanden ebenfalls aus Niederlassungen von Eremiten, die sich bezirksweise in eigens dazu errichteten Häusern oder in natürlichen Höhlen angesiedelt hatten, und die ganz nach Art der Serapis-Priester des Altertums ein gemeinsames korporatives Band zusammenhielt. In dem am Rande der Wüste gelegenen Serapeion von Memphis lebten zu ptolemäischer Zeit auch schon Einsiedler, die sich einer strengen Klausur unterzogen, ein mönchartiges Leben führten und vom Volk bewundert wurden. Manche Ägyptologen bezweifeln deren Zusammenhang mit dem Ursprung des christlichen Mönchtums, aber verwandte, echt ägyptische Vorstellungen müssen doch zu beiden Institutionen die Veranlassung gegeben haben. Erst ein oder zwei Jahrhunderte später, als der Gegensatz der monophysitischen Landeskirche zum orthodoxen Byzantinismus der Staatsgewalt in sich immer steigernde Konflikte geriet, mögen diese befestigten Klosterburgen entstanden sein, wie sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Die große Menge kleiner weitab in der Wüste zerstreut liegender Baulichkeiten mit ihren gewölbten Kapellen und winzigen Zellräumen, die ich in der Großen Oase angetroffen habe, lassen keine andere Deutung zu, als daß sie die Niederlassungen vereinzelter Mönche darstellen. Als Überbleibsel dieser Organisation wäre dann noch die vorhin erwähnte Anordnung der Mönchswohnungen in den bestehenden Klöstern Ägyptens zu betrachten. Die Kapelle des heiligen Antonius besteht, wie nach dem Vorbilde des Tempels von Jerusalem alle Kirchen der koptischen Kirche eingerichtet sind, aus drei Abteilungen, von denen eine jede mit einem halbkugeligen Kuppelgewölbe versehen ist. Der Chor oder vielmehr Priesterraum ist vom Hauptraum, dem Narthex, der hier gegen fünfzehn Schritt im Geviert mißt, durch ein brusthohes Mauerwerk unten abgegrenzt und öffnet sich zu letzterem durch einen halbkreisförmigen Bogenausschnitt in der Mauer, rechts und links von dem noch zwei niedere viereckige Oeffnungen in ihr angebracht sind. Beide Räume haben denselben Fußboden gemein, nur zum Allerheiligsten, dessen Kuppel von Gewölben im Spitzbogenstil getragen wird, führen wenige Stufen hinan. Nie scheint eine tünchende Hand die geschwärzten Mauern dieses jetzt ältesten christlichen Gotteshauses, das in Ägypten besteht, berührt zu haben, seit sie vor sicher mehr als tausend Jahren mit Fresken altbyzantinischer Kunst geziert wurden. Nur der eindringende Regen hat weiße Streifen über die Wandgemälde gezogen und einen Teil von ihnen verwischt. Dessenungeachtet haben sich noch viele in ihren Umrissen erhalten und bieten dem Kunsthistoriker ein hochinteressantes Objekt für seine Forschungen; denn diese Bilder dürften als die ältesten zu betrachten sein, die sich aus den ersten Jahrhunderten des Christentums überhaupt erhalten haben. Man unterscheidet noch ziemlich deutlich an den Wänden des Hauptraums die lebensgroßen Bilder der Apostel und Erzengel, die Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde und mehrere Reiterbilder, wie solche mit Vorliebe in den alten Kirchen auch in späteren Zeiten angebracht zu werden pflegten, indem man die Heiligen als streitbare Helden der Kirche aufzufassen beliebte. Hier im Narthex der Kapelle fesselt vor allem ein Bild die Blicke des Beschauers, das gleich zur Linken des Eingangs die Wand bedeckt. Es stellt zwei mit Heiligenscheinen umgebene Reiter vor, die sich zu begegnen scheinen, das Pferd des einen erscheint en face, das des anderen in Profil. Der letztere in römischer Kriegstracht stützt die Rechte auf den Schaft einer Lanze, während zu seinen Füßen ein großer gekuppelter Dom mit vielen Fensterreihen übereinander sichtbar wird. Das Bild mag den Kaiser Konstantin zum Gegenstande haben mit dem Kaiserpalast von Konstantinopel. Für diese Deutung scheint außer der Tracht auch der Nimbus zu sprechen, der das Haupt des Reiters umgibt. In der Kirche S. Vitale zu Ravenna findet sich eine aus der Mitte des sechsten Jahrhunderts stammende Darstellung vom Kaiser Justinian, die Gregorovius, dem ein zweites Beispiel dieser Art unbekannt war, zu der Vermutung veranlaßte, daß um jene Zeit der Nimbus auf den Gemälden noch nicht die spätere dogmatische Bedeutung gehabt haben konnte. Es ist dies charakteristisch für das bereits in frühester Zeit sich Bahn brechende byzantinische Dogma von der unnahbaren und göttergleichen kaiserlichen Gewalt. Könnte der Beweis, daß das in Rede stehende Bild wirklich den Kaiser Konstantin, den Freund und Bewunderer des heiligen Antonius, darstellte, von einem Kunsthistoriker geführt werden, so ließen sich daraus wichtige Schlußfolgerungen auf das Alter der Fresken in dieser Kapelle und das Alter der letzteren überhaupt ziehen. Denn um dieselbe Zeit, da die erwähnten Mosaikbilder von S. Vitale entstanden, hatte die koptische Kirche sich von der Staatskirche losgesagt und einen eigenen Patriarchen gewählt; man würde daher in nach justinianischer Zeit, angesichts der zwischen der jakobitischen und melekitischen Partei herrschenden Erbitterung, es schwerlich gewagt haben, ein derartiges, mit einem Nimbus angetanes Kaiserbild in dem gefeiertsten Heiligtum Ägyptens anzubringen. An Stellen, wo sich die Farbe von dem Mauerbewurf losgelöst hat, kann man sich leicht davon überzeugen, daß die Fresken niemals eine Renovation erfahren haben. Überhaupt ist das ganze Aussehen des inneren Raumes der Art, daß es unwillkürlich eine Vorstellung von über tausendjährigem Alter gibt. Die Kapelle befindet sich, abgesehen von einigen im Ikonostas aufgestellten Oelbildern neueren Ursprungs, dann von dem Holzgitter und einigen Bänken an den Wänden, genau in dem Zustande, in dem sie die Mönche antrafen, als sie nach siebenzigjähriger Verwahrlosung des Klosters vor dreihundert Jahren hier wieder ihren Einzug hielten. Die ältesten Moscheen Kairos, die nie renoviert wurden, haben ein neues Ansehen im Vergleich zu diesem finster ehrwürdigen Raum und die tausend Jahre alten Grabkapellen der Nekropolis von Hibe in der Großen Oase nehmen sich mit ihrer wohlerhaltenen Ornamentik ihm gegenüber wie moderne Bauten aus. Viele rätselhafte uralte Monogramme, die kein Kenner des Koptischen zu entziffern vermochte, tauchen hier und dort aus dem tiefgeschwärzten Grunde hervor, darüber die Namenszüge des Frater Bernardus von 1626, wie eine Schrift von gestern. Außer der uralten Kapelle umschließen die Klostermauern noch drei Kirchen neueren Datums. Sie sind quadratisch im Grundriß und mit je zwölf halbkugeligen Kuppeln versehen. Auffallend ist es, daß sie weder untereinander gleich, noch nach den Himmelsrichtungen orientiert sind, wie das doch bei fast allen Kirchen des Orients der Fall zu sein pflegt. Der Eingang zu der vor zweihundert Jahren erbauten Hauptkirche, die unmittelbar an die alte Kapelle stößt, ist, wie auch bei dieser letzteren, auf der Nordwestseite angebracht. Die innere Einrichtung der Kirchen zeigt die gewöhnliche Einteilung der koptischen Gotteshäuser und bietet nichts Bemerkenswertes dar. Die zahlreichen älteren und neueren, meist fratzenhaften Heiligenbilder sind ohne Kunst- oder historischen Wert und wurden in Jerusalem angefertigt. Eine überraschende Menge von abgegriffenen Evangelien, gedruckten wie geschriebenen, von verschiedenem Format, mit koptischem und mit arabischem oder auch mit zweisprachigem Text liegt in diesen Kirchen aus. Desgleichen beherbergen die Mönchszellen noch beträchtliche Vorräte, und immer neue, meist fehlerhafte Abschriften werden von den Mönchen gewerbsmäßig hergestellt. Die Kenntnis der koptischen Schreibeschrift ist bei einer großen Anzahl von ihnen verbreitet, aber keinem von ihnen steht mehr als eine nur sehr oberflächliche Kenntnis der Sprache selbst zu Gebote. Die übrigen Klostergebäude enthalten die Vorratskammern, eine durch ein Pferd in Bewegung gesetzte Mühle, dann große Backöfen und die gemeinschaftliche Küche. Von Haustieren beherbergt das Kloster neben dem einen Pferd noch einen Esel, der, so oft einer der Mönche nach dem benachbarten Kloster St. Paulus geschickt wird, diesen als Packtier begleitet und im Erklimmen der selbst für Menschen schwer zugänglichen Gebirgspfade im Uadi Rigbe eine beispiellose Gewandtheit erlangt hat. Außer einigen Katzen und Tauben werden keine anderen Haustiere geduldet, es sei denn, man wollte zu letzteren auch die Wüstenraben rechnen, die gleichsam als lebendige Überlieferer der Legende des heiligen Paulus von Theben die Klostermauern zu ihrem Aufenthaltsorte bei Tage erkoren haben und die Luft mit unablässigem Gekrächze erfüllen. Sie nisten in den Spalten der nahen Bergwand und sollen zur Zeit der Dattelreife diesen Früchten arg nachstellen. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb die Mönche ihnen gram sind. Es überraschte mich, daß der Abt des Klosters die mich begleitenden Beduinen, als sie eines Tages über Mangel an jagdbarem Wild in der nächsten Umgebung klagten, zur Jagd auf diese Raben, deren Fleisch kein Beduine verschmäht, aufforderte. Ich machte ihm Vorwürfe, wie er diese Vögel, deren Geschlecht sich um die Ernährung des Propheten Elias und nachher um die des heiligen Paulus, Vorbild und Nachbarn des gottbegnadeten Gründers dieses Klosters, so große Verdienste erworben, der Mordlust von Ungläubigen preisgeben könne. Allein mein Einwand erregte bei den ganz auf apostolisch-protestantischer Glaubensbasis stehenden, aller an äußeren Dingen haftenden Pietät baren Monophysiten nur Lächeln. Ebenso auffällig erscheint der Mangel an Ehrfurcht gegen kirchliche Altertümer bei den Kopten und diesem haben wir es leider zuzuschreiben, daß sich so wenig alte Geräte und Bilder in den Kirchen vorfinden und von den Kirchen selbst nur wenige aus den ersten Jahrhunderten sich in Ägypten erhalten haben. Der Reliquienkultus scheint in diesem Lande nie rechten Eingang gefunden zu haben, oder aber der Hohn und Spott der Mohammedaner über solche Dinge ließ ihn verschwinden. Wertvolle Kunstgegenstände, die sich noch bis vor wenigen Jahren in den koptischen Kirchen Kairos erhalten hatten, verschwanden infolge häufiger Nachfrage und verlockender Angebote seitens kauflustiger Raritätensammler, ebenso die alten Schriften aus den Klöstern. Diese Gleichgültigkeit der Priester und Mönche gegen alles Körperliche in ihren Kirchen erscheint wie eine Parodie auf den Ausspruch des heiligen Antonius, die Kirche sei nicht Haus und Dach, sondern Geist und Leben. Von der Verehrung Gottes im Geiste und in der Wahrheit haben sie sich aber trotzdem arg entfernt, denn in keiner Kirche der Christenheit ist die Befolgung äußerer Vorschriften dermaßen zur gewohnheitsmäßigen Schablone geworden, nirgends wird an gedankenlosem Gebetsgeplapper und Ableiern der den Zeitgenossen fast unverständlichen koptischen Evangelien, an Unfug mit Klingeln und Schellen während des Gottesdienstes und unangemessenem Benehmen seitens der Kirchenbesucher so viel geleistet, wie in diesen christlichen Tempeln Ägyptens. Gegen Andersgläubige sind die koptischen Priester tolerant bis zum Exzeß, namentlich gegen die fränkischen Besucher. Sie gestatten ihnen, das Allerheiligste zu betreten, ohne die Schuhe auszuziehen, bewirten den Fremden mit den geweihten Broten des Sakraments, ja sie wären imstande, nicht einmal Einspruch dagegen zu erheben, falls man sich in den geheiligten Räumen der frommen Altväter eine Zigarre anstecken wollte. Trotz alledem würde man eine große Ungerechtigkeit begehen, wollte man diesen durch Jahrhunderte mohammedanischer Unterjochung hindurch hartnäckigen Bekennern der christlichen Lehre Gleichgültigkeit gegen die Religion überhaupt zumuten. Die koptischen Priester mögen in ihrer Art ebenso gottesfürchtig und glaubensstark sein, wie die hervorragendsten unter ihren abendländischen Kollegen; ja in vielen Stücken könnten sich letztere an ihrem Vorbilde ein Beispiel nehmen. Ihr Grundsatz lautet: »leben und leben lassen«, und himmelweit sind sie davon entfernt, beständig Gift und Galle über die minder bußfertige Menschheit zu speien oder ihre Tage mit Klagen über die Mißachtung der Kirchenrechte auszufüllen. Da wo auf der Südseite des Klosters die Umfassungsmauer unmittelbar an den Felsabhang anlehnt, öffnet sich die Quelle, die jahraus jahrein in ungeschmälerter Fülle hervorrieselt. Das Wasser ist, wie in diesen Gebirgen alles Quellwasser, im Gegensatze zu den reineren vom Regen unmittelbar gespeisten natürlichen Zisternen, stark mit Salzen und Mineralteilen versetzt, so daß der neue Ankömmling sich schwer an seinen Genuß gewöhnt. Die Quelle tritt aus einem Loch im anstehenden weißen Kalkgestein zutage, unter dem sich Schichten von buntem Mergel lagern, da wo wahrscheinlich die älteren Tertiärschichten auf den oberen Kreidegebilden lagern, und wird zunächst in ein großes wohlverschlossenes Zisternengebäude geleitet, von wo aus man es nach Belieben über die Anpflanzungen rieseln läßt. Eine zweite derselben geologischen Schicht entstammende Quelle, aber von geringerer Wassermenge, befindet sich außerhalb, in Nordost und ein Kilometer von der Klosterquelle entfernt. Sie ist umgeben von einigen sich selbst überlassenen Palmen. Der Palmenhain und das kultivierte Gartenland innerhalb der Klostermauern umfaßt über zwei Hektar und ihr Ertrag hat keinen geringen Anteil an der Versorgung der Mönche mit Lebensmitteln. Die Dattelernte beträgt mehr als die Klosterbewohner davon bedürfen. Zwiebeln werden in großer Menge erzielt, während Küchenkräuter und einiges Gemüse das ganze Jahr hindurch zu Gebote stehen. Außerdem finden sich seit den ältesten Zeiten, und zum Teil mit hundertjährigen Stämmen, verschiedene Fruchtbäume angepflanzt. Vorzüglich entwickelt ist der Johannisbrotbaum, reich ist auch der Ertrag an Oliven, Feigen und Limonen. In geringerer Menge sind Granaten, Orangen, Pfirsiche, Aprikosen und Mandeln vorhanden. Schattige Zizyphus-Bäume, Laubengänge von Weinreben, Rosen-Gesträuch vervollständigen das anmutige Bild dieser Klosteridylle. Wenn man sonnenverbrannt aus der toten Felsenwüste in die Frische dieses von murmelnden Wasseradern belebten Laubschattens eintritt, so ist der Eindruck ein überwältigender. Augenblicklich fühlt man sich hier heimisch, und die soeben verlassene Öde tritt wie ein Traumgebilde vor die Erinnerung des Reisenden. Muß man dann wieder hinaus in die unabsehbare Sonnenglut, so ist man momentan dermaßen geblendet, daß man wie im Rausch kaum seiner Schritte Herr nur tastend weitertaumelt. Kein Besucher des Klosters wird ihm den Rücken kehren, ohne eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges in der Nachbarschaft in Augenschein genommen zu haben, die vom heiligen Antonius bewohnt gewesene Höhle. Ein beschwerlicher Pfad, stellenweise durch große Steinhaufen gekennzeichnet, wie sie die dahin wallenden Mönche und andere Besucher seit den ältesten Zeiten zusammengetragen haben, führt über steile Felsgebirge und aus wilden Geschieben zusammengesetzte Schutthalden in südöstlicher Richtung bergauf, bis man den Fuß einer über 300 Meter hohen Steilwand erreicht hat, mit der die Galala-Höhle senkrecht zur Tiefe abstürzt. Erst dicht am Ziele angelangt, erkennt man den engen Felsspalt, der in die Höhle des Heiligen führt, 680 Meter über dem Meere, 276 Meter über dem Kloster. Die Höhle selbst ist kaum sieben Meter lang und hat an der breitesten Stelle zwei Meter im Durchmesser. Nach Westen zu verjüngt sie sich zu einem engen Spalt, auf der gegenüberliegenden Seite ist sie zu einem runden Becken erweitert, das fast den ganzen Raum ausfüllt und dessen Bedeutung mir nicht gelang in Erfahrung zu bringen. Die Wände sind mit den Namenszügen der Besucher bedeckt. Sonst bietet die Höhle nichts dar, was die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich zu lenken vermöchte. Dies war die Stätte, zu der sich St. Antonius vor dem Andrange seiner Anhänger und der von ihm Wunder oder Fürbitte erheischenden Kranken zurückgezogen hatte. In dem Athanasianischen Bericht heißt es, nachdem die Geschichte von der Gesandtschaft des Kaisers Konstantin erzählt worden ist, ausdrücklich: »darnach zog sich Antonius tiefer ins Innere des Berges zurück, zur gewohnten Lebensstrenge«. Die Tradition hat sich außerdem, wie gesagt, im Kloster erhalten, daß der Heilige für sich allein in dieser Höhle zu hausen pflegte, während seine Jünger sich unten an der Quelle, wo die Kapelle errichtet war, angesiedelt hatten. Nach dieser Schilderung alles Sehenswürdigen an der Stätte des heiligen Antonius bitte ich den Leser mit mir über den Berg zu dem benachbarten zweiten Kloster der östlichen Wüste zu pilgern, zum einstigen Wohnsitz des heiligen Paulus von Theben, und er wird sehen, daß ihm auf diesem Wege, auch ohne so rätselhaften Wesen, wie sie sich dem St. Antonius in Gestalt von Kentauren und Satyrn präsentierten, zu begegnen, mancherlei dargeboten wird, was ihn für die Mühen der beschwerlichen Wanderung zu entschädigen vermag. Um von einem Kloster zum anderen zu gelangen, ist man wegen des hohen und vielgegliederten Gebirges, das dazwischen liegt, zu einem Umweg gezwungen; je nachdem man zu Fuß oder zu Kamel reisen will, hat man die Wahl zwischen einem größeren oder kleineren. Der nur für Fußgänger und Esel zugängliche Pfad, der die möglichst direkte Verbindung darbietet, verfolgt anfänglich die große Karawanenstraße in Uadi Arabah, fünfzehn Kilometer weit gen Ostnordost bis zum westlichen Mündungsarm des Uadi Rigbe und biegt dann südlich in dieses Tal ein, das er bis zu seinem Ursprunge dicht am Rande des oberhalb des Klosters St. Paulus befindlichen Steilabsturzes verfolgt. Auf der Karawanenstraße hat man dagegen den ganzen Gebirgsausläufer der südlichen Galala zu umgehen, gelangt in der Nähe von Kap Safarana dicht ans Rote Meer und zieht alsdann in südlicher Richtung und in geringem Abstande von der Küste weiter, bis man das Klostertal, das Uadi Der, betritt. An dem Ursprung dieses letzteren befindet sich das Kloster selbst. Auf diesem Wege sind sechzehn Wegstunden zurückzulegen, während der Gebirgspfad in neun Stunden zum Ziele der Wanderung führt. Das Uadi Rigbe (»Fußsteigtal«) bildet einen bis hart an die östliche Kante des Gebirges reichenden Querspalt und belohnt die Beschwerden des Weges durch die überraschende Mannigfaltigkeit seiner äußerst wild und pittoresk geformten Felsgehänge. Dieses Tal ist auch in geologischer und botanischer Hinsicht sehr ausgezeichnet. Höchst eigentümlich geformte senkrechte Schuttmauern, zehn bis dreißig Meter Höhe erreichend, begrenzen in seinem oberen engeren Teil zu beiden Seiten die von wildem Geröll erfüllte Talsohle. Sie geben mit ihrem gleichmäßig sortierten Geröll nicht Merkmale des Moränenschutts in unseren Alpen zu erkennen, sind jedoch denjenigen analog gestaltet, die der Reisende im Uadi Feiran am Sinai zu bewundern Gelegenheit findet. Als Zeugen einer Glazialperiode, die sich bis auf diese Gebirge erstreckte, können sie eben nicht betrachtet werden, obgleich sie für solche von mehreren Geologen, die die Sinaihalbinsel bereisten, gehalten wurden. Durch die ursprünglich von diluvialen Ablagerungen erfüllte Talsohle zogen die von den Höhen der Galala herabstürzenden Regengüsse eine neue Furche. Die Schuttmassen, die man stellenweise deutlich auf dem anstehenden Felsen von Nummulitenkalk auflagern sieht, blieben als senkrechte Wände zu beiden Seiten stehen, während sie von den seitwärts an den Talgehängen herunterströmenden Wassermassen auf weite Strecken auch in ihrem Rücken abgespült und unterwühlt wurden, so daß sie schließlich als wirkliche Mauern, senkrecht nach beiden Seiten abstürzend, die Einfassung des jetzigen Talgrundes darstellen. Außerdem sind diese durch eine sehr regelmäßige horizontale Schichtung ausgezeichnete Mauern in bizarrster Weise zerrissen und gespalten. So erscheinen sie wie Trümmer von gewaltigen Ringmauern. Auf ähnliche Ueberbleibsel von alten Ablagerungen aus der Pluvialperiode des älteren Diluviums stieß ich in vielen Tälern der östlichen Wüste. Die Vegetation im Uadi Rigbe ist stellenweise von überraschender Üppigkeit und muß nach einem regenreichen Winter mit derjenigen des Uadi Ashar an Mannigfaltigkeit und Blütenfülle wetteifern. Sehr alte Exemplare der Acacia tortilis finden sich in der Mitte des Talgrundes hin und wieder, das auffälligste Gewächs ist indes eine Pistazie (P. Khinjuk), die über zehn Meter hohe Bäumchen darstellt und im obersten Teile des Tales vielfach angetroffen wird, das einzige wildwachsende und vielleicht noch aus der Pluvialperiode stammende Vorkommen dieser Gattung im Gebiet der ägyptischen Flora. Ein großartiges Gebirgspanorama eröffnet sich den Blicken des Wanderers, sobald er den Ursprung des Tales erreicht hat und von einem 1200 Meter Meereshöhe erreichenden Kamm aus in die jähe Tiefe blickt, zu der das Gebirge auf der dem Meere zugekehrten Seite plötzlich abstürzt. Nur fein verteilte Dünste, die dem Meer entweichen, scheinen hier die unermeßliche Fernsicht zu begrenzen. Vor sich hat man zunächst in gleicher Höhe des Gesichtsfeldes die lange Kette des Sinai-Gebirgsstockes. Der majestätische Serbal tritt höchst eigenartig, wie mit ausgeprägter Individualität seiner Gestaltung daraus hervor. Man glaubt eine unmittelbar aus den azurblauen Fluten des Meeres auftauchende Gebirgswand vor sich zu haben, so nahe erscheinen die in den prächtigsten violetten und purpurnen Tinten schimmernden und durch grelle Schlagschatten voneinander getrennten Spitzen, Kuppen und Tafelberge. Die Basis der gesamten Bergmasse verschwimmt im bläulichen Duft der Meeresdünste. Der hier über vierzig Kilometer breite Golf von Suez, sowie die fast eine gleiche Breite einnehmenden Vorberge mit ihrem Gewirr von tiefen Taleinschnitten und langausgestreckten Rücken – alles verwischt diese Bläue zu einer Fläche. Ebenso großartig gestaltet sich die Aussicht unmittelbar zu den Füßen des Beschauers. Die Bergmasse stürzt zunächst mit einer mehrere hundert Meter hohen senkrechten Wand in die Tiefe und bildet in weitem Bogen einen ungeheuren Kessel, an dessen Fuß gewaltige Schutthalden in mehrfachen Etagen eine über der anderen abgelagert sind. Verschiedene Seitentäler nehmen hier ihren Ursprung, dazwischen steilabfallende Felsrücken, die von der Gebirgswand wie die Finger einer Hand auszulaufen scheinen. Weiter unten lagert ein förmliches Labyrinth von blendend weißen Kalkmauern, in verschiedener Abstufung vor den Ostabfall der Galala vorgezogen. Vielverzweigte Uadis, mit stellenweise grünender Talsohle ranken durch dieses Gewirre von mannigfaltigen Felsgebilden und verlaufen sich, vielfach anastomosierend (durch Hohlwege verbunden) in der gleichförmigen Fläche am Meeresgestade. Am südlichen Horizont verschwimmen die langhingezogenen Kalkrücken und abstürzenden Felsmauern zu einer unermeßlichen Wellenfläche von lichtem Grau und Braun, und aus dem steinernen Meer ragen die dunklen Massen des Om-el-Tennassib und die des zweithöchsten Berges von Ägypten, des Ghahrib, gleich schwarzen Inseln hervor, mit ihren zackenreichen Spitzen. Es sind die nördlichsten Massenanhäufungen der dem Roten Meer als Kordillere folgenden Urgebirge. Das Kloster selbst ist von der Höhe aus nicht sichtbar, da es in einem hufeisenförmigen Kessel steckt, unter der dem Gebirgsabsturze parallelen Vorstufe von weißem Kalkstein, deren obere Fläche man allein überschaut. Dieser Vorberg wird Om-Ssellem, Mutter oder Urbild der Treppe genannt, ein topographischer Ausdruck, der sich in diesem Gebiet häufig wiederholt und in der »Klimax« der Alten sein Äquivalent findet. In einer Höhe von relativ zweihundert Metern zieht sich die Om-Ssellem mit mehreren gleich Bastionen vorspringenden Ecken einige Stunden weit unten längs des Gebirges hin. Da, wo ein östlicher Absturz einen nahezu vollständigen Halbkreis beschreibt, liegt unmittelbar am Fuße der sich weit herabsenkenden, zu diesem Mittelpunkt vereinigenden Schutthalden das Kloster. Der Abstieg zu ihm, der von der Kammhöhe aus genau 800 Meter beträgt, erfordert ungeachtet des nur wenig gewundenen und unaufhaltsam der Tiefe zueilenden Pfades doch noch anderthalb Stunden angestrengten Marsches. Eine fürchterliche Gebirgswildnis bildet die nächste Umgebung von St. Paulus, sie gewährt das großartigste Bild von der felsenstarrenden Wüstenöde, die sich der Wanderer auf diesem den Fußspuren des Vaters aller Eremiten folgenden Pfade zu vergegenwärtigen vermag. Es ist ein Masseneinbruch in die Tiefe, ein wahres Höllentor, wie es sich schreckensvoller kaum die Phantasie eines Dante auszumalen wüßte. Ein einförmiges Grau, eingefaßt vom weißen Rahmen der oberen Steilabstürze, ohne jegliche Spur von Vegetation außer den vereinzelten Palmen an den Quellen, die tief versteckt in schauerlichen Felsspalten hier und dort mit ihren dunklen Kronen ans Tageslicht treten, umfängt mit langen Schatten, die von den Wänden des Kessels in die Tiefe fallen, allseitig die finsteren tausendjährigen Mauern des Klosters. Nichts stört die tote Ruhe und den schweigenden Ernst dieser furchtbar drohenden Felsgehänge, der Eindruck ist ein unsäglich finsterer und schauerlicher. Hier war es, wo der heilige Paulus von Theben, ungekannt von seinen Zeitgenossen, sein fast hundertjähriges Eremitenleben hinbrachte und so unbewußt der Urheber einer Geistesrichtung wurde, die tonangebend durch die ersten Jahrhunderte des die weltliche Macht überwindenden Christentums hindurch Tausende von frommen Schwärmern der sichtbaren Welt und ihren Zwecken entfremdete, um bis ins fernste Abendland hinein die Gemüter zu gläubiger Nacheiferung zu begeistern. Aus analogen äußeren Verhältnissen hervorgerufen, nahm zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern das Anachoretentum seinen Ursprung und wiederholt kräftige Anläufe zu weiterer Ausbreitung. So dürfen wir auch kaum Paulus von Theben als den alleinigen Urheber betrachten. Weit eher gebührt diese Bezeichnung dem Antonius, der Jünger heranzog, mit seiner Zeit in Verkehr blieb und auf sie den nachhaltigsten Einfluß ausübte. Trotzdem aber können wir den erstgenannten immerhin den Anfänger des Eremitenlebens nennen, da die Überlieferung, die wir von ihm besitzen, ausdrücklich hervorhebt, Antonius habe in ihm sein Vorbild, sein nacheiferungswürdiges Ideal erblickt. Für die Frage der Priorität des christlichen Anachoretentums kommt auch noch St. Ammon, der Piammon der Kopten, in Betracht. Eine Erscheinung, die in der Geschichte des Menschen immer wieder hervortritt, muß tief im Wesen seiner Natur begründet sein. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erregt die rätselhafte, unserem jetzigen Getriebe so durchaus entfremdete Gedankenwelt dieser wunderbaren Gottesmänner die berechtigte Neugierde des Forschers. An der Hand der geschichtlichen Überlieferungen sucht man sich das Bild jener längstentschwundenen Zeit wieder herzustellen. Wir wissen, in wie hohem Grade der ägyptische Geist von jeher zu finsterer Auffassung des Zweckes unseres menschlichen Daseins geneigt erschien. Die mystische Richtung hat selbst unter den Sekten vorgewaltet, die der so praktischen Religion des Islam auf diesem Boden erwuchsen. Auch hat es von jeher im Heidentum des Orients Asketen gegeben und selbstauferlegte Büßungen pflegten auch hier schon als verdienstlich und nacheifernswert betrachtet zu werden. Sie sollten den Menschen einesteils wenigstens seiner irdischen Fesseln entledigen, sein Dasein gleichsam vergeistigen. Nun waren aber die ägyptischen Wüsten vor allen dazu bestimmt, dieser Geistesrichtung im vollkommensten Maße als Pflanzstätte zu dienen, war der ägyptische Geist von Hause aus dazu vorbereitet. Tausende von Serapisdienern sollen daselbst im heidnischen Altertum ihr Leben in strenger Askese verbracht haben. Professor Ebers hat den Zusammenhang dieser wunderbaren Genossenschaft mit den Anfängen des christlichen Mönchtums im Widerspruch mit anderen dargelegt. Hier, wo der grelle Kontrast zur Lebensfülle des fruchtbaren Niltals so deutlich in die Augen stach, wo der ganze Haushalt der Natur aller Orten den äußersten Grad des Sparsamkeitsprinzips zur Schau stellte, wo Pflanzen und Tiere aus einem Minimum des dargebotenen Unterhalts ihre Lebenskräfte bezogen, hier, wie wir bereits im Eingange gesehen, ward auch dem Menschen das Fastenleben zur naturgemäßen Pflicht. Im Anblick eines Schauplatzes solchen Treibens, wie er im grauenvollen Talkessel des Klosters St. Paulus uns noch heute unverändert vor die Augen tritt, können wir unmöglich des Mannes vergessen, dessen Name allein schon die ganze Fülle historischer Erinnerungen, die in weiterer Folge sich an ihn knüpfen, lebhaft in unserer Seele wachrufen muß. Was wir von dem Leben des Paulus wissen, verdanken wir allein dem Berichte des Hieronymus, Auch Zoëga zitiert in seinem Katalog der Koptischen Manuskripte des Vatikans nur eine koptische Version des Hieronymusschen Berichts. Diese ist von E. Amélineau 1894 in seiner »Histoire des monastères« erläutert und übersetzt worden. der selbst in Ägypten war, und dort die Einzelheiten einer noch frisch in der Erinnerung mancher Zeitgenossen fortlebenden Überlieferung aufzuzeichnen vermochte. Der lateinische Text scheint unverändert auf unsere Zeit überkommen zu sein, da er bereits im Jahre 494, anderthalb Jahrhunderte nach dem wahrscheinlichen Todesjahr St. Paulus, durch päpstliche Anerkennung als authentisch betrachtet wurde, was allerdings nicht verhindert hat, daß der Bericht durch Hinzufügung einer Menge wunderbarer Geschichten einen durchaus sagenhaften Charakter empfing, während die Lebensgeschichte des heiligen Antonius, von einem Zeitgenossen selbst erzählt, im ganzen frei von derartiger Ausschmückung erscheint, indem die mannigfachen Kämpfe, die dieser Heilige angeblich mit sichtbaren dämonischen Gewalten zu bestehen hatte, als eben so viele geistige Anfechtungen oder als Visionen, wüste Traumbilder einer erhitzten Einbildungskraft, die vollzogenen Wunder aber lediglich als Gebetserhörungen aufgefaßt werden können. Die von Hieronymus verfaßte Biographie weicht hinsichtlich ihres Inhalts auch darin bedeutend von der Athanasianischen ab, daß weniger die Lehren des Heiligen als vielmehr seine Wundertaten Gegenstand der Erzählung sind. Das Geburtsjahr St. Pauls von Theben ist ungewiß, da die Überlieferung nur angibt, daß er zur Zeit der Christenverfolgung unter Decius und Valerianus das sechzehnte Jahr erreicht hat. Erstere fand um 250, letztere um das Jahr 257 statt. Wie Antonius war auch Paulus Ägypter von Geburt und reicher Leute Sohn; ihm war außerdem ein gelehrte Erziehung zuteil geworden. Aus Furcht vor der Habgier seines Schwagers, der durch Denunzierung des Paulus als Christen sich seines Besitzes zu bemächtigen hoffte, floh der Jüngling in die benachbarte Wüste und hielt sich in einer Höhle versteckt. Als er sich auch an diesem Platze nicht mehr sicher fühlte, faßte er den Entschluß, die abgelegenste Einöde zu seinem Wohnsitze auszuwählen. Er wanderte immer weiter gen Osten, bis er zu einer durch einen Felsblock verschlossenen Schlucht gelangte, aus der die Krone einer Palme hervorragte. Die Lokalität erinnert lebhaft an die in der Umgebung des heutigen Klosters auftretende Terrainbildung. Nachdem er einen Stein auf die Seite geschoben, betrat er einen weiten Raum, den eine Palme beschattete und eine Quelle von klarem Wasser rieselte daneben. In solchen gänzlich abgeschlossenen Talschluchten finden sich in dieser Gegend noch heutigen Tages häufig Dattelpalmen angesiedelt, die auf quelligem Grunde eine sehr üppige Entwicklung zu nehmen pflegen. Der von Paulus aufgefundene Zufluchtsort soll, dem Berichte zufolge, bereits früher bewohnt gewesen sein, und zwar von Falschmünzern, die hier »zur Zeit der Kleopatra und des Antonius« ihr Wesen trieben, und deren Gerätschaften der Einsiedler noch am Platze vorfand. Die anfangs notgedrungene Lebensweise wurde ihm zur Gewohnheit, als Speise dienten dem Paulus die Datteln und aus den Blättern der Palme flocht er sich seine mattenartige Gewandung, eine Bekleidungsart, die in der Folge bei vielen Anachoreten Nachahmung fand. So fristete er notdürftig sein Dasein und verbrachte, ohne die Gegend wieder zu verlassen, den Rest seines Lebens fast ein Jahrhundert lang in einsamem Gebet und Gottesbetrachtung. Hieronymus führt nun, um die Möglichkeit glaubhaft zu machen, St. Paulus hätte sich sehr wohl von den Früchten der Palme allein zu ernähren vermocht, das Beispiel syrischer Einsiedler an, die, wie er sich selbst davon zu überzeugen Gelegenheit gefunden hätte, nur zweimal wöchentlich Gerstenbrot genossen, sich im übrigen aber ausschließlich von trockenen Feigen ernährten. Ein großer fruchttragender Dattelbaum, und deren waren es an der bezeichneten Stelle gewiß eine ganze Anzahl, konnte in der Tat schon allein mit seinem Vorrate von etwa zwei Zentnern Datteln Speise für fast ein Jahr abgeben. An jagdbarem Wild fehlte es damals in der Umgegend gewiß ebensowenig wie heute. Durch einen Steinwurf zu erlegende Hasen sind in allen Tälern anzutreffen. Wüstenmäuse, Springmäuse können mit Leichtigkeit ausgegraben werden, ebenso die großen äußerst zahlreichen Eidechsen (Uromastix), deren Fleisch ebenso genießbar ist, als das der Leguane. Der Naturmensch findet außerdem überall Mittel und Wege, um auch des größeren jagdbaren Wildes habhaft zu werden, Gazellen, Mähnenschafe und Steinböcke, von welchen letztgenannten es auf der Galala noch heute eine große Menge gibt. Im Verlaufe seiner Erzählung berichtet aber Hieronymus auch von dem Wunder der täglichen Brotlieferung durch einen Raben, der, wie einst dem Propheten Elias, dem Heiligen regelmäßig seine Ration zu überbringen pflegte. Auf den ältesten, wie auf allen heutigen ägyptischen Kirchengemälden ist St. Paulus stets in einem Mattengewande dargestellt, und über ihm ein Rabe, der in seinem Schnabel ein Brot herbeiträgt. Es sind dies die stehenden Attribute des Heiligen. Wir müssen uns bei alledem noch vorstellen, daß diese Wüsten auch zu jener Zeit doch nicht so völlig menschenleer gewesen sein mögen, als der Bericht glauben machen will. Hirten werden wohl zu jeder Zeit, wenn auch nur in kleiner Anzahl, die gute Ziegen- und Schafweide der Galala aufgesucht haben und an gelegentlich vorüberziehenden Karawanen, die Salz vom Meere oder Waren aus Asien nach Mittel- und Oberägypten brachten, wird es wohl auch nicht gefehlt haben, um dem Verfolgten durch Spendung von Lebensmitteln ihr Beileid zu bezeugen, so wie sie dem Antonius zuteil wurden. Was sich sonst noch in dem genannten Bericht auf das Leben des Altvaters der ägyptischen Kirche bezieht, ist dermaßen von unglaublichen Wundergeschichten erfüllt, daß man aus ihnen allein schon den legendenhaften Charakter der dem Hieronymus zugegangenen Berichte zu erkennen vermag. Löwen sollen das Grab für den Eremiten ausgescharrt haben und mit den seltsamsten Begebenheiten ist die Geschichte von der Zusammenkunft des heiligen Antonius mit ihm ausgemalt. Letzteren Umstandes tut der Athanasianische Bericht keinerlei Erwähnung, obgleich es kaum denkbar erscheint, daß die beiden so viele Jahre nahe benachbart nebeneinander in der Wüste gehaust haben sollen, ohne Kunde voneinander zu vernehmen. Die Begegnung beider Heiligen trug sich, so heißt es, zu einer Zeit zu, da Paulus bereits im hundertdreizehnten Jahre, Antonius im neunzigsten seines Lebens stand. Antonius, so sagt der Bericht weiter, bildete sich ein, der erste Wüsteneinsiedler zu sein, aber Gott wollte auch diese Quelle des Hochmuts und menschlicher Eitelkeit in ihm vernichten, und so schuf er in seinem Geiste die Vorstellung von einem Manne, von dem er bisher noch nicht das Geringste erfahren, und der sich doch viel früher noch als er in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Er machte sich infolgedessen trotz seines gebrechlichen Alters auf, ihn aufzusuchen, hoffend, Gott werde ihm schon den einzuschlagenden Weg offenbaren. Als nun Antonius so aufs Geratewohl das heutige Uadi Arabah hinabschritt, geschah es, daß »eins jener merkwürdigen Tiere, die die alten Dichter Kentauren nennen,« sich ihm in den Weg stellte und ihm die einzuschlagende Richtung mit der ausgestreckten Rechten andeutete. Antonius betrat darauf ein felsiges Tal (das Uadi Rigbe). Nachdem er es eine Zeitlang verfolgt hatte, begegnete ihm eine menschenähnliche Gestalt mit Ziegenfüßen und Hörnern auf der Stirn und mit langer und gebogener Nase, die zum Zeichen ihrer friedlichen Absicht dem Wanderer Datteln darreichte. Befragt, wer sie sei, antwortete die Gestalt: »Ich bin ein sterbliches Geschöpf und eins von jenen, die in der Wüste hausen, wie sie die Heiden infolge verschiedener Irrungen als Gottheit verehren und Faune oder Satyrn oder auch Inkuben nennen. Ich bin von meinem Stamme abgesandt, dich zu bitten, bei dem gemeinsamen Herrn für uns Fürsprache zu tun. Wir wissen von ihm, daß er in die Welt gekommen ist zu ihrem Heile und alle Länder voll seines Ruhmes sind.« Worauf Antonius ausrief: »O wehe dir Alexandria, du Buhlerin, du große Sündenstadt, wo alle Dämone der Welt ihren Sammelplatz zu haben scheinen! Siehe, die Bestien bezeugen Christum und in deinen Mauern weilen noch so viele Heiden und andere, die sich der wahren Erkenntnis verschließen.« Nachdem er diese Worte gesprochen, verneigte sich die seltsame Gestalt und entfloh. Hieronymus, dem infolge seiner klassischen Bildung derartige mythologische Vorstellungen beständig vorgeschwebt haben mögen, dem aber ungeachtet dessen die zwischen Faunen und Satyrn bestehenden unterscheidenden Speziesmerkmale unklar geblieben zu sein scheinen, beteuert ausdrücklich die Wahrheit dieser Nachricht und fügt hinzu, daß es in der Tat solche Geschöpfe gegeben habe. Noch zu seiner Zeit habe in Alexandria eine Art Satyr gelebt und dessen Körper sei, nachdem er eines natürlichen Todes verstorben, ausgestopft und nach Antiochia geschickt worden, damit auch der Kaiser Konstantius sich durch den Augenschein von dem Vorhandensein eines solchen Wesens zu überzeugen vermöchte. Kehren wir zu unserem auf der Suche nach seinem Anachoreten-Vorbilde befindlichen Heiligen zurück. In der zweiten Nacht seiner Wanderung erblickte Antonius ein Licht, das aus einer Felsspalte hervorschimmerte. Ein Fuchs oder ein Wolf hatte ihm als Führer auf der letzten Strecke seiner Wanderung zu der verborgenen Klause des Paulus gedient. Nachdem nun Antonius sich durch seine Stimme von außen angemeldet hatte, ließ ihn der verschollene Einsiedler in das Innere seiner Höhle ein, teilte mit ihm das vom Raben dargereichte Brot und offenbarte ihm folgendes: »Ich weiß,« so hob er an, »schon seit langem, daß du in dieser Gegend hausest. Dich hat Gott zu mir geführt, daß du Zeuge meines Todes seiest und mir ein Grab bereitest.« Worauf Antonius erwiderte: »O Paulus, mußte ich dich so spät auffinden und kennen lernen, um dich so früh zu verlieren!« Bald darauf war er verschieden. Das Grab wird heute noch im Kloster sorgfältig gehütet und besteht nach orientalischen Kirchengebräuchen aus einer mit uralten Stoffen überdeckten Bahre, auf der sich die ungefähren Umrisse eines eingewickelten Körpers abheben. Diese Bahre befindet sich in einem nur durch Kerzenlicht zu erleuchtenden Raume unter der alten Klosterkirche einer Art Krypte. Die wirklichen Gebeine des Heiligen, wenn sie nicht in den nachfolgenden Jahrhunderten der Reliquien-Manie anderswohin geführt worden sind, mögen im tiefen Schoße der Erde unter den alten Mauern des Klosters ruhen, an einem Orte, den niemand kennt. Wallfahrten zu diesem Grabe, wie überhaupt abgöttisch den Gebeinen des Heiligen widerfahrene Verehrung, scheinen auch hier nachweisbar zu keiner Zeit stattgefunden zu haben. Die Mönche im Kloster St. Paulus wollen ihrer Niederlassung ein um einige Jahre höheres Alter zuerkennen, als nach ihrer Meinung dem benachbarten von St. Antonius zukommen würde. Dies stimmt mit der vorhandenen schriftlichen Überlieferung keineswegs überein, denn Antonius war neunzig Jahre alt, als er Paulus auffand und gleich darauf Zeuge seines Todes wurde. Das Kloster des heiligen Antonius, d. h. die Niederlassung seiner Jünger unten am Berg an der Quelle konnte damals schon zwanzig Jahre vorhanden gewesen sein, während Paulus doch nur allein in seiner Felshöhle hauste. Jedenfalls wird man nicht fehlgreifen, wenn man für beide Klöster ungefähr das nämliche Alter annimmt und die Zeit ihrer Erbauung auf die Mitte des vierten Jahrhunderts beschränkt. Da wir die innere Einrichtung des Klosters St. Antonius bereits eingehend kennen gelernt haben, wird es nur einiger flüchtiger Angaben bedürfen, um das ihm in den meisten Stücken völlig analoge Nachbarkloster in allgemeinen Umrissen vor die Augen zu führen. Eine Renovation hat das letztere seit langer Zeit nicht mehr erfahren, die Mauern, obwohl gut erhalten, sind aus gewöhnlichen Steintrümmern bloß mit Hilfe von Tonerde, zum Teil auch aus rohen Tonziegeln selbst aufgeführt. Die äußere Umfassungsmauer hat eine Ausdehnung von 455 Meter und umschließt in Gestalt eines langen, von West nach Ost gerichteten Oblongs einen Flächenraum von anderthalb Hektaren. Das Aufzugstor befindet sich auf der Ostseite. Die Wohnungen der achtundzwanzig Mönche, die bei meinem Besuch die Einwohnerschaft ausmachten, befinden sich in zwei parallelen Häuserkomplexen, die sich längs der südlichen Mauer hinziehen. Der noch wohl erhaltene Turm oder »Kasr« ragt in der Mitte des Klosters, näher dem Ostende, über die drei vorhandenen vielkuppeligen Kirchen hervor. Der Garten, der außer den Dattelpalmen noch die Mehrzahl der im Kloster St. Antonius beobachteten Baumarten enthält, nimmt ungefähr den vierten Teil des Klosterraumes in Anspruch. Die Quelle im Garten gibt schönes kühles Wasser von geringerem Mineralgehalt als dasjenige im anderen Kloster. Außerdem befinden sich noch zwei von Palmen umstandene Quellen in der unmittelbaren Nähe, die eine auf der Ost-, die andere auf der Westseite des Klosters. Die alte Kirche mit dem Grabe des heiligen Paulus scheint vor etwa zweihundert Jahren renoviert zu sein, nach den äußerst rohen und barbarischen mit koptisch und arabisch geschriebenen Bibelsprüchen versehenen Wandgemälden zu urteilen, die den Kuppelraum am Eingange zieren. Alle Wände dieses uralten Heiligtums sind mit fratzenhaften Karikaturen bedeckt. Die Köpfe der Heiligen und Apostel sind, wie ihre Nimbusscheiben, mit Hilfe des Zirkels entworfen und Augen, Nase und Mund mit geometrischer Regelmäßigkeit eingetragen. Reiterbilder machen auch hier den Hauptgegenstand der Darstellung aus. Unter dem jetzigen, bereits stark geschwärzten Bewurf erkennt man die alte Kalkdecke der Mauer mit uralter Ornamentik, und es würde sich wohl der Mühe verlohnen, diese letztere durch die Hilfsmittel der heutigen Technik wiederherzustellen, wie solche in einigen uralten Kirchen byzantinischen Ursprungs zu Kiew mit vielem Erfolg zur Anwendung gelangten. In der finsteren Krypte unter der Kirche, wo sich das Grab des Heiligen befindet, nimmt man an den tiefgeschwärzten Mauern sehr alte von früheren Besuchern herrührende Schriftzüge wahr, die in den Kalkbewurf eingekratzt wurden. Ein Kenner dürfte bei genauer Nachforschung dort manchen interessanten Fund zu machen Gelegenheit finden. Von Namenszügen moderner Klosterbesucher ist keine Spur zu vorhanden. Auch der erwähnte Frater Bernardus a Ferula scheint dieses Kloster mit seiner Anwesenheit nicht beehrt zu haben, dagegen erkannte ich in einer sehr altertümlichen gotischen Mönchsschrift den Namen eines gewissen Franz Sambacher. Es liegt mir noch ob, über die Verwaltung und innere Organisation dieser Klöster, sowie über das Leben ihrer Insassen einige Mitteilung zu machen. Den beiden Wüstenklöstern entsprechen zwei andere im Niltale, die man ihre Kartell- oder Filial-Klöster nennen könnte. Letztere befinden sich im Dorfe Busch, anderthalb Stunden nördlich von Benisuef, und führen gleichfalls die Namen der beiden ägyptischen Altväter. Busch ist ein doppelter Bischofssitz, und die Bischöfe sind zugleich Äbte von den Klöstern St. Paulus und St. Antonius. Sie pflegen indes das Niltal nur selten zu verlassen und werden in den Wüstenklöstern durch einen Prior vertreten der Erzpriester (Kummus) ist. Der Bischof (Uskuf) von St. Antonius ist der angesehenere und einflußreichere von beiden, seinerzeit ein Mann ohne Bildung und von derbem, bäurischem Wesen, durch nichts in seinem Äußeren von einem der gewöhnlichen Fellachen-Scheichs unterschieden. Zu den Klöstern in Busch gehören ausgedehnte Ländereien, für die sie nach einem geringern Maßstabe als die im Verhältnis der Erbpacht stehenden Fellachen, Abgaben an die Regierung zu entrichten haben. Das Kloster St. Paulus hat in der letzten Zeit starke Einbuße an ihm gehörigen Ländereien erlitten, indem der Vorgänger des jetzigen Bischofs zum Islam übertrat und einen Teil der Klosterfelder an die Regierung verkaufte; zu seiner Wiedergewinnung wurden bisher vergebliche Anstrengungen gemacht. Christliche Bauern der Umgegend leisten den Klöstern Frondienste zur Bestellung der Felder, zu der auch die Laienbrüder, die ihre Probezeit zu bestehen haben, angehalten werden. Die Feldarbeit wird von solchen Mönchen beaufsichtigt, die den Titel »Chori« führen (vom griechischen »Chorepiskopus«, Landaufseher). Dieser Titel ist dann auch auf eine höhere Klasse der Landgeistlichen übergegangen und findet sich auch im arabischen Sprachgebrauche der heutigen Städter wieder, wo die Gartenaufseher und Gutsverwalter ähnlich (»Choli«) genannt werden. Von dem Ertrage der Klosterfelder von Busch wird zweimal im Jahre so viel nach der östlichen Wüste abgeliefert, als zum Unterhalt der dortigen Mönche nötig ist. Die Anzahl der gegenwärtig im Wüstenkloster St. Antonius wohnhaften Mönche (arabisch »rahib, ruhban«) beträgt vierzig Köpfe, obgleich dort Wohnung für ihrer hundert dargeboten ist. Im Kloster St. Paulus fand ich (1876–78) nur achtundzwanzig Mönche vor. Der Mehrzahl nach sind es alte hinfällige Leute, die lebensmüde am Stabe in dem alten Gemäuer umherschleichen. Alle Arbeit im Kloster und in seinen Gartenanlagen lastet auf den wenigen Laienbrüdern und einigen jüngeren Mönchen, die sie beaufsichtigen. Die vornehmeren schriftkundigen Mönche, die »Arif« genannt werden (etwa Dekane; doch entspricht im Kirchendienst diese unsere Bezeichnung eher der dem Titel Erzpriester oder »Kummus« vorausgehenden Stufe des »Schemmas«), pflegt man ehrenhalber mit dem Prädikat »Albuna«, das ist »unser Vater«, anzureden, was eigentlich nur den Bischöfen gebührt. Siebenmaliges Gebet füllt den größten Teil des Tages aus. Durch Schellengeläute werden die Mönche vom wachthabenden Laienbruder zur gemeinschaftlichen Andacht zusammengerufen. Die erste Versammlung findet um Mitternacht, die zweite zwei Stunden vor Sonnenaufgang statt; indes bemerkte ich, daß diese niemals eine vollzählige war, und häufig ein großer Teil der Mönche in ihren Zellen verblieb. In Ermangelung von Betstühlen stützen sich die Andächtigen, wie es in allen koptischen Kirchen Gebrauch ist, auf hohe Achselkrücken, »Okkasa« genannt. Nach Art der Karthäuser und gewisser Mönchsorden des Abendlandes vereinigt die Mönche dieser Wüstenklöster für gewöhnlich kein gemeinsames Mahl, sondern ein jeder holt sich seine Ration aus der Klosterküche, wo in großen kupfernen Kesseln Linsen, Saubohnen oder Reis, die gewöhnliche Tageskost, zubereitet werden. Ganz besondere Sorgfalt wird auf die Zubereitung des Brotes verwandt, das nebst Zwiebeln oder Oliven, wie bei der Mehrzahl der Bewohner Ägyptens, die eigentliche Basis der Ernährung ausmacht. Das Küchen- und das Bäckeramt wechselt unter den Mönchen ab. Nur zur Zeit der großen Osterfasten versammeln sich die Mönche in einer Art Refektorium, wo sie sich um einen langen, aus Felsstücken aufgemauerten Tisch (»el meideh«) in zwei Reihen scharen. Der Tisch mit den gleichfalls gemauerten Bänken, auf denen die Mönche nicht sitzen, sondern niederhocken, gleicht aufs täuschendste einem Futterstande für Rindvieh mit zwei Trogrinnen zu beiden Seiten. Das Fastenbrot, das um jene Zeit die ausschließliche Speise der Mönche ausmacht, liegt auf einem schmutzigen Streifen von Palmenmatten, der den Tisch bedeckt, ausgebreitet. An dem einen Ende erhebt sich eine mit dem Tisch zusammenhängende Erhöhung von Mauerwerk in Gestalt eines Gebetpultes, wo ein Evangelienexemplar aufliegt und einer der Mönche aus diesem vorliest, während die anderen ihr kärgliches Mahl zu sich nehmen. Die übrigen Fastenzeiten, von denen die ersten um Weihnachten, die zweiten (die »Apostelfasten«) nach Christi Himmelfahrt und die dritten bei Mariae Himmelfahrt stattfinden, sind weniger streng und werden von einem jeden für sich beobachtet. Fleisch wird den Klosterbewohnern bei den seltenen Gelegenheiten, wo große Kirchenfeste eine Ausnahme von der strengen Lebensregel gestatten, von den benachbarten Beduinen in Gestalt eines schmächtigen Schafes oder einer Ziege zugeführt. Das Gesagte gilt indes mehr für das Kloster St. Antonius als für dasjenige von St. Paulus. In den Mauern des letztgenannten scheint ein minder strenger Geist zu herrschen, denn Knochenreste von verdächtiger Frische zeugten daselbst von den statthabenden Verstößen gegen die Regel selbst während der Fastenzeit. Der Genuß von Tabak und Kaffee wird, wie ich glaube, nicht einmal während der Fasten ausgesetzt. Die Mönche rauchen fast den ganzen lieben Tag, nur das Gebet in den Kirchen läßt den Tschibuk mit dem Okkas vertauschen. Wein und spirituöse Getränke, denen die Christen in Ägypten im allgemeinen weit mehr zuzusprechen pflegen, als sich bei ihrer sonstigen Anbequemung an die mohammedanischen Sitten erwarten ließe, scheinen in diesen Klöstern in sehr beschränktem Maße Eingang gefunden zu haben. Nur an hohen Festtagen wird von dem eigentümlichen Kirchenwein unter die Mönche verteilt, dessen Zubereitung sie große Aufmerksamkeit widmen. Ich fand eines Tages Gelegenheit, sie bei dieser interessanten Beschäftigung zu überraschen. Als ich in der Frühe die inneren Räume des Klosters betrat, befremdete mich die Abwesenheit aller Mönche. Die Zellen standen leer und die gewöhnlich vor den Türen kauernden Gruppen fehlten allerorten. Ich setzte meine Wanderung fort, bis ich zu einer versteckten Abteilung des Gartens gelangte, wohin mich ein eigentümliches Geräusch, wie Geknister mit leisem Gemurmel gemischt, gelockt hatte. Wie ich eben um eine Mauerecke gebogen, eröffnete sich mir ein überraschendes Bild harmloser Klosteridylle. Im lichten Halbschatten eines reizenden von Rebengewinden überhangenen Laubenganges, umgeben von blühenden Rosensträuchern und duftendem Zitronengebüsch, erblicke ich die schwarze Schar der Mönche, einige dreißig an der Zahl, in dichten Gruppen um ebenso schwarze Haufen einer mir unerklärlichen Masse gelagert, mit der sie sich etwas zu schaffen machten, das mir nicht gleich verständlich war. Schüchternen Schritts, um sie nicht zu stören, nähere ich mich den Gruppen, und was werde ich gewahr? Getrocknete Weintrauben, Rosinen, zentnerweise aufgeschichtet und genug, um eine ganze Karawane damit zu belasten, liegen am Boden und die Mönche säubern sie von ihren Stengeln, sieben und stäuben sie ab, mit emsigem Fleiß, wie die abgerissenen, kurzen Sätze ihrer flüsternden Unterhaltung bezeugen. Auf meine weitere Nachfrage erfuhr ich dann, daß sie Vorrat zur Zubereitung des Kirchenweines herrichten. Dieser wird ausschließlich aus den getrockneten Trauben bereitet, die das Kloster von den reichen Kirchenpfründen in Fajum bezieht, jener Provinz Ägyptens, die durch Wein- und Obstbau vor allen übrigen des Landes ausgezeichnet ist. Und weshalb bezieht man keinen fertigen Wein? Die Antwort auf diese Frage lag, wie mich die Mönche unterrichteten, in der Verderbnis der Zeit. Der käufliche Wein, so sagten sie aus, ist selten rein und von ungefälschter Qualität. Wir wissen nicht, was er enthält. Was aber der Kirche geweiht werden soll, muß rein und ohne Falsch sein, und daher, um ganz sicher zu gehen, lassen wir uns die trockenen Trauben kommen, wir ersetzen den geschwundenen Saft aus der Quelle des Heiligen Antonius und so erhalten wir reinen Wein, reinen, um Träger und Inhaber werden zu können des Blutes Christi. Eine solche Vorstellung erinnerte mich an gewisse rituelle Vorschriften der orientalischen Kirche im allgemeinen, denen zufolge alle Substanzen, die bei kirchlichen Handlungen zur Anwendung gelangen, echt und unverfälscht sein müssen. So wird z. B. von der griechisch-orthodoxen Kirche, die einen großen Verbrauch von Wachskerzen macht, mit besonderer Sorgfalt auf die Zubereitung und die Bezugsquellen dieses Artikels geachtet. Es darf nur wirkliches, reines Bienenwachs zur Verwendung kommen, deshalb wird dem durch die Art seiner Verpackung leicht kenntlichen Wachs von Angola und Benguella, als demjenigen, das die meisten Garantien des Unverfälschtseins darbietet, vor allen übrigen Wachsarten der Vorzug gegeben. Das Oel, das in den ewigen Lampen vor den Heiligenbildern brennt, darf nur wirkliches Olivenöl sein, und dergleichen mehr. In der Tracht unterscheiden sich für gewöhnlich die Mönche der zahlreichen Klöster Ägyptens ebenso wenig wie die einzelnen Abstufungen der geistlichen Grade innerhalb der koptischen Kirche überhaupt; denn abgesehen vom rituellen Kirchendienst gehen auch ihre Priester im gewöhnlich bürgerlichen Gewände einher. Sehr ausführlich behandelt die Meßgewänder (Phelonion), Kreuze und sonstige Zubehör der Priesterausstattung Alfred Butler in seinen »Ancient Coptic Churches of Egypt«, Oxford 1884, S. 173 bis 238, der aber über die hier beschriebenen zwei Wüstenklöster so gut wie gar nichts berichtet. Ein umfangreicher schwarzer Turban und ein langes, schwarzes Gewand mit weiten Ärmeln von Wollenstoff gibt ihrer äußeren Erscheinung jenen Ausdruck der Einförmigkeit und des ruhigen Ernstes, der so treffend zu dem finsteren Aussehen ihrer Behausungen und deren öder Umgebung paßt. Die ursprünglichen Vorschriften für die Tracht, wie sie von den verschiedenen Stiftern der ägyptischen Mönchsgenossenschaften gegeben worden waren, scheinen im Laufe der letzten Jahrhunderte, wahrscheinlich seit der türkischen Eroberung, fast in Vergessenheit geraten zu sein, und jene Ziegenfelle Diese haben sich nur in der abessinischen Mönchstracht erhalten. und Kapuzen, wie sie Pachomius vorgeschrieben, werden hierzulande nirgends mehr bei den Mönchen angetroffen. Das wollene Gewand tragen sie nach ihrem Belieben mit oder ohne Unterkleider. Im profanen Leben, in ihrem gegenseitigen Verkehr und in ihren Gesprächen miteinander geben diese Mönche nicht den geringsten Unterschied von dem einfachen ägyptischen Landmann, überhaupt durchaus keinen Anstrich eines exklusiv kirchlichen, der Welt abgestorbenen Charakters zu erkennen. Verträglich im Umgang, gemütlich und ohne jeden lärmenden Wortwechsel in ihren Plaudereien zeichnen sie sich vor den übrigen vorteilhaft aus; im allgemeinen läßt sich wenig Nachteiliges über ihr äußeres Leben sagen, nur im Punkte der Reinlichkeit lassen sie viel zu wünschen übrig. Sie ahmen das Beispiel ihres großen Stifters und Vorbildes nach, diese modernen Anachoreten. Von Antonius wird uns berichtet, daß er sich nie wusch, daß er über sein Haupt- und Barthaar nie eine Schere kommen ließ, daß er nie seine Kleidung wechselte und aus Scham vor sich selber sich ihrer nie entledigte. In den Mönchszellen herrscht eine unglaubliche Unordnung, die verschiedensten Dinge liegen da bunt durcheinander: Bücher und Oelsamen von Saflor, Leisten und Schuhleder, angefangene Dattelkörbe und Oliven, Tabakblätter, Decken und Küchengeschirr, das alles fand sich am Boden ein und derselben Wohnzelle vor, die kaum zehn Schritte im Gevierte maß. Mit Unrecht legt man dem ägyptischen Bauern außergewöhnliche Unsauberkeit zur Last. Das Medium, in dem sich sein Dasein bewegt, ist die schwarze Nilerde, aus der er seine Wohnstätte formt und deren feiner Staub die gesamte Atmosphäre Ägyptens erfüllt. Alles, was er berührt, ist von einer Schicht dieser dunklen, alles durchdringenden Masse überzogen; kein Wunder daher, daß er seiner Gewandung, wie seiner Haut nicht jene Frische zu bewahren vermag, der unter einem anderen Himmel die allseitig verbreitete Rasendecke oder das saubere Laub des Waldes schützend zur Seite steht. Der scheinbare Schmutz ist kein Fremdkörper mehr am unrechten Platz, er heißt Nilschlamm und hat sich das Bürgerrecht erworben im Haushalt des Menschen sowohl, wie in demjenigen der gesamten Natur Ägyptens. Ganz anders gestaltet sich dieses Verhältnis in der Wüste. Hier ist der Mensch mit allem, was ihm anhaftet, ein fremder, zur Existenz kaum berechtigter Körper, die Wüste selbst, die steinige sowohl wie die sandige, aber das Ideal der Reinlichkeit. Alles, was die Wüste hervorbringt, sagt der Beduine, ist rein und nett, deshalb nehmen wir es auch nicht so genau mit der vorschriftsmäßigen Unterscheidung von rein und unrein; wir essen die zierlichen, zarten Wüstenmäuse, die mit dem makellosesten Flaum bekleideten Hasen, die schmucken Füchse und Katzen, wie die Niltalbewohner das Fleisch ihrer Schafe und Ziegen verzehren, die sich, was Reinlichkeit anlangt, doch lange nicht mit den Wüstentieren messen können. Sie verzehren ja selbst auch nur Reines, diese sauberen Tierchen! Der Abglanz aller idealen Sauberkeit und Zierlichkeit strahlt von der reizenden Gestalt der Gazelle wieder; dem Schneeglöckchen gleich das unserer weißen Winterdecke entsproßt, kleidet sie, wie die anderen Genossen der Wüstenfauna, das umgebende Medium in das isabellfarbene Gewand der schützenden Ähnlichkeit. Und unter diese makellose Umgebung tritt nun der Mensch mit seinen Schwächen und Gebrechen, er haftet auf der heiligen Gewandung der Natur wie ein schwarzer Flecken. Für die in den umliegenden Wüstentälern umherschweifenden armen Hirten, die sämtlich dem Araberstamm der Maase Die Maase wanderten vor ungefähr zweihundert Jahren aus Asien ein, indem sie die eingeborenen hamitischen Bewohner der östlichen Wüste, die Ababde, verdrängten; die Letztgenannten haben gegenwärtig ihre Nordgrenze auf der Strecke von Keneh bis Kosser. angehören, sind die Klöster ein äußerst wohltätiges Institut. Das Brot, das die vorüberziehenden Sarazenen vor anderthalb Jahrtausenden dem heiligen Antonius gespendet, da er einsam an der Quelle seine Dattelkörbe flocht, ist tausendfältig ihren Stammgenossen wiedergezahlt worden. Jeder, den der Weg an der Klostermauer vorüberführt, hat das Recht, an dem Glockenstrang zu ziehen, um sich Speise und Trank zu erbitten. Selbst Hunde, die häufig halbverhungert von einem Nomadenlager zum anderen irren, haben, so versichern die Mönche, diesen Vorteil erfahrungsgemäß erkannt, um von der Gastfreundschaft des Klosters den ihnen zukommenden Tribut zu empfangen. Die Mönche stehen mit den Maase-Arabern überhaupt im besten Einvernehmen und letztere sind voll des Lobes ob ihrer Güte und Freigebigkeit. Der Besuch des Inneren des Klosters ist auch Mohammedanern nicht verwehrt, wenn es die Umstände erheischen. Es fehlt aber auch nicht an Fällen, wo diese Gastfreundschaft gemißbraucht wird. So ereignete es sich noch während meines letzten Aufenthaltes im Kloster St. Antonius, daß ein Beduine, um sich eine doppelte Ration Lebensmittel zu verschaffen, zu einer List seine Zuflucht nahm, die unter den Mönchen große Heiterkeit erweckte. Nachdem er, angetan mit einem weißen Gewande, bereits vor dem Aufzugstor gebettelt und seinen Teil an Brot und Mehl erhalten hatte, erschien er einige Stunden später, in einen blauen Überwurf gehüllt, an der Mauer, um ein zweites Mal, als sei er ein neuer Ankömmling, die Gastfreundschaft des Klosters in Kontribution zu setzen. Europäische Reisende, gleichviel welcher Konfession sie angehören mögen, und ob sie mit einem Empfehlungsbriefe seitens des Patriarchen versehen seien oder nicht, es bleibt sich gleich, können in den Wüstenklöstern jeder Zeit auf die gastlichste und uneigennützige Aufnahme rechnen. In dieser Beziehung unterscheiden sich die koptischen Klöster Ägyptens überhaupt vorteilhaft von manchen ihrer Schwesterinstitute in anderen Ländern des christlichen Orients. Welchen höheren Zweck gegenwärtig wohl diese Klöster erfüllen mögen, als den: Gastfreundschaft zu üben an umherschweifenden hungernden Beduinen und seltenen Reisenden, eine Altersversorgungsanstalt zu sein für hinfällige Greise, ein ehrwürdiges Heiligtum der Christenheit zu hüten? – läßt sich schwer sagen. Muß schon im zivilisierten Abendlande die Klosterfrage heutzutage unzählige Bedenken hinsichtlich ihrer fortdauernden Existenzberechtigung in uns wachrufen, so sehen wir uns hier zu dem offenen Geständnis gezwungen: Die ägyptischen Klöster sind ihrer ursprünglichen Aufgabe gegenüber längst gegenstandslos geworden. Sehr bald nach ihrem Entstehen war das Christentum in Ägypten durch keine heidnische Gegenbewegung mehr bedroht, nur noch eine Zeitlang dienten die Klöster als Bollwerke der monophysitischen Richtung, die hier eine eigenartige Landeskirche schuf; gegen den Andrang des Islams dagegen standen sie wehrlos da und ohne Nutzen für die Sicherung des Glaubens, dazu waren sie zu wenig praktisch organisiert. Es muß hierbei vor allen Dingen hervorgehoben werden, daß in Ägypten, der Heimat des Mönchtums und der Klöster, von jeher ganz andere Grundsätze galten als im Westen, sie waren hier eben einzig und allein nur sich selber Zweck. Sie bestanden für einen rücksichtslos idealen Zweck, etwa in dem Sinne, wie es die abstrakte Wissenschaft verschmäht, durch den Köder der Nützlichkeit die Massen für sich zu interessieren. Der Grund dieser Erscheinung mag in dem Umstand zu suchen sein, daß es gerade diejenigen Kulturländer des Morgenlandes waren, wo dieses Mönchstum aufkam, in denen der Sittenverfall am tiefsten durch alle Schichten der Bevölkerung gedrungen war, und die keine Gelegenheit fanden, sich durch das frische Blut eindringender Barbaren zu regenerieren, wo auch die Klöster im Gegensatz zur Überkultur durch die Einfachheit des christlichen Geistes ebenso groß dastanden bei ihrem Beginn, als unbedeutend nach dem allgemeinen Siege des Christentums. Wie der kriegerische Geist, die Expansionskraft der Völker im andauernden Frieden erlahmt, so auch auf religiösem Gebiet der Geist der Gottesstreiter. Es fehlte die Propaganda! Während es im Abendland wirkliche praktische Zwecke zu verfolgen gab, die den Klöstern Keime einer durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwicklung einflößten, lebten diese Klöster Ägyptens und des südlichen Orients nur für sich selbst. Dieses Verhältnis wird uns besonders klar, wenn wir die Geschichte der Klöster in Rußland, die dort in ähnlicher Weise wie im Westen tatkräftig in die Geschicke des Volkes eingriffen, derjenigen der Klöster in griechischen Ländern (wo doch ihr Ursprung war) gegenüberstellen. »Die Mönche des Abendlandes,« sagt Gregorovius so treffend, »waren die Soldaten, die Klöster die Kolonien und Zwingburgen der Hierarchie Roms, die fernsten Länder halfen sie dauernd an den Stuhl Petri ketten, und mitten in der Barbarei finsterer Jahrhunderte warfen sie – ihr bleibendes Verdienst! – Keime der Zivilisation, erhielten die klassische Wissenschaft, kopierend, sammelnd und forschend hinter der Nachtlampe dumpfer Zellen, wenigstens am Leben, und bewahrten endlich als Aufschreiber ihrer verworrenen Zeitereignisse in Chroniken und Dokumenten uns unschätzbare Kunde des Mittelalters.« Nichts von alledem war in Ägypten der Fall, hier hatten die Klöster längst, schon vor der Invasion des Islams, aufgehört, zu dem politischen wie zu dem religiösen Leben ihrer Zeit in Beziehung zu treten, und heute erblicken wir sie in derselben Erstarrung, wie sie seit vielen Jahrhunderten allen geistigen Dingen im Lande anhaftet, immer noch grundsätzlich entfernt von dem Treiben der Welt, als Klöster in der abstraktesten Bedeutung des Worts. IV. Bei den Höhlenbewohnern von Sokotra (Hierzu Abbildungen Tafel IX–XI) Es war in dem Winter, mit welchem das Jahr 1880 auf die Neige ging, als die Welt zum erstenmal von einem Reiseunternehmen vernahm, das großen Gewinn für die Naturforschung im allgemeinen und insonderheit unseren öffentlichen Sammlungen reichen Zuwachs einzutragen versprach. Mit reichen Mitteln ausgestattet, hatte Dr. Riebeck aus Halle eine Weltreise angetreten, auf der mit allen ihm und seinen Begleitern zu Gebote stehenden Kräften gesammelt und beobachtet werden sollte. Die jungen und rüstigen Männer hatten den Spätsommer in Transkaukasien verbracht und waren in den Herbstmonaten nach Palästina gegangen, wo sie eine interessante Rekognoszierung im Ostjordanlande und jenseits des Toten Meeres zur Ausführung brachten. Hier, beim Berühren wenig erforschter Gebiete, hatten unsere Reisenden zugleich auch die ersten Gefahren und Abenteuer zu kosten bekommen, wie solche keinem der größeren Unternehmungen zu fehlen pflegen. Ein Ereignis aber, von wirklich tragischem Geschick, sollte diese frühe Etappe der Riebeckschen Weltreise zum Abschluß bringen, als beim Übergange über den Jordan, nahe bei Jericho, Dr. Mook, einer der Reisegefährten, in den Fluten des durch Regengüsse plötzlich angeschwollenen Flusses elendiglich ums Leben kam. Auf einem aus dem Stegreife hergestellten Floße, das zuvor beim Hinüberschaffen des Gepäcks gute Dienste geleistet hatte, wollte sich der Unglückliche in Begleitung eines zur Karawane gehörigen Arabers nach dem andern Ufer hinüberziehen lassen, das die Gefährten bereits vor ihm erreicht hatten. Als das kleine Fahrzeug mitten in der reißenden Strömung in arges Schwanken geriet, sprang Dr. Mook ins Wasser, um schwimmend das ganz nahe Land zu gewinnen. Er verschwand, hinabgerissen, wie man annahm, von der Strömung und trieb zu den nahen Weidengebüschen, die die Ufer des Jordans umstanden und in denen man ihn geborgen wähnte. Als man nach langem erfolglosem Durchsuchen der Gebüsche wieder zu der Überfahrtsstelle zurückgekehrt war, und das Floß ans Land gezogen werden sollte, wurden die Reisenden mit Schrecken gewahr, daß der unglückliche Gefährte mit dem hohen Absatz seiner Wasserstiefel an dem Zugseil hängen geblieben und durch die Strömung hilflos unter das Floß geraten war. Alle Wiederbelebungsversuche geschahen vergeblich und zu spät. Im darauffolgenden Januar suchte mich Dr. Riebeck in Kairo auf. Unsere erste Begegnung vollzog sich noch ganz unter dem Banne jenes traurigen Ereignisses; denn auch mir war Dr. Mook befreundet gewesen. Regen Anteil hatte ich namentlich an seinen Grabungen und Höhlenfunden bei Heluan nahe Kairo genommen, wenn schon die Einbildungskraft des begabten Mannes und die Schnelligkeit seiner Auffassung für gewöhnlich des Gleichgewichts der kühlen Folgerichtigkeit entbehrte. Dr. Riebeck, dessen überaus gewinnendes Wesen mich bald auf einen vertraulichen Fuß mit ihm brachte, sah damals noch kleinlaut und ziemlich trübselig in die Welt. Von Hause war der Wunsch geäußert worden, er möchte es fürs erste genug sein lassen an den gehabten Erlebnissen und heimkehren. Auf mein Zureden faßte Riebeck indes bald wieder Mut. Gewisse aus der Ferne ihm besonders verlockend gezeigte, noch vom Zauber des Unbekannten umkleidete Forschungsziele regten Tatkraft und Begeisterung in ihm von neuem an, und als es ihm gelungen war, in der Person eines ausgezeichneten jungen Arztes, des zu Kairo seßhaften Dr. Mantey, einen Ersatz für den verstorbenen Mook zu gewinnen, konnte die Weltreise mit frohen Hoffnungen fortgesetzt werden. Zuvor hatte ich noch die Reisenden, um sie mit den Eigentümlichkeiten der Wüstennatur vertraut zu machen, zu einem Ausflug nach den Gebirgen am Roten Meer veranlaßt. Am elften Tage hatten wir das Niltal wieder erreicht; es war der 4. Februar 1881, am Vorabend der ägyptischen Revolution unter Arabi-Pascha. Als besonders verlockendes Reiseziel hatte ich zunächst eine Insel hingestellt, die sich für die Fortsetzung der großen Reise sehr wohl als nächste Etappe empfahl, durfte sie doch geradezu für ein losgelöstes Stück von jener großen Welt des Unbekannten gelten, an dessen Grenzen, wie von einem hohen Inselufer aus, der Geist so gern hinausschweift in ferne Regionen, wo der Glaube an das Ungewöhnliche und Wunderbare jedem Erzeugnis idealer Schöpfung bestimmte Umrisse verleiht, und wo das Gebiet der Phantasie unaufhaltsam mit dem der Wirklichkeit verschmilzt. Dort, wo der plumpe Weltteil Afrika seinen Arm ausstreckt nach Osten, gleich einem Wegweiser, der auf Indien deutet, da liegt Sokotra, die Dioskoridesinsel der Griechen, die Diuskadra der Inder und als »Heimat der Glückseligkeit« umwoben von allem Zauber der ältesten Mythen, ein Seitenstück zu den am entgegengesetzten Ende des Kontinents, auf den kanarischen Inseln gesuchten Gärten der Hesperiden. Die nächste Frage war die – wie hinkommen? Zwar führen viele Dampferlinien in Sicht von Sokotra vorbei, aber keine legt daselbst an. Die Insel, obgleich sie an Flächenraum der Rheinpfalz oder dem Großherzogtum Oldenburg gleichkommt, ist hinsichtlich ihres Handels und Verkehrs zu unbedeutend, um Dampfschiffe anzulocken, sie wird überdies wegen ihrer Lage in einem verrufenen Sturmwinkel der Nordost-Südwest-Monsune und infolge gänzlicher Hafenlosigkeit von den Seefahrern nach Möglichkeit gemieden. So verblieb dicht an der großen Heerstraße des modernen Weltverkehrs Sokotra wie ein geographisches Geheimnis. Seit ihrer Entdeckung durch die Portugiesen im Jahre 1507 war die Insel nur wenige Mal in jedem Jahrhundert besucht und noch seltener in schriftlichen Berichten erwähnt worden. Mit dem Zeitpunkte, wo die Dampfschiffahrt dem Welthandel neue Bahnen zu erschließen begann, kam auch Sokotra wieder in Betracht. Im Jahre 1834 hatte die englische Ostindische Kompagnie die ersten vorbereitenden Schritte zur Sicherstellung eines regelmäßigen Dampferverkehrs durch das Rote Meer nach Bombay getan, und behufs Anlage einer dauernden Kohlenstation blieb eine Zeitlang die Wahl zwischen Sokotra und Aden in der Schwebe. Diesem Umstande verdanken wir die erste ausführliche Beschreibung der Insel durch I. R. Wellsted und Haynes, von denen auch die einzige Karte herrührt, die vorhanden ist. Es war also abermals ein halbes Jahrhundert verstrichen, und man hatte in diesem ganzen Zeitraum nur einmal wieder von Sokotra gehört, nämlich in dem Werke des gelehrten französischen Seefahrers Guillain, von dem die Insel im Januar des Jahres 1847 flüchtig besucht worden war. Endlich, es war im Jahre vor unserer Fahrt, hatte ein wirklicher Naturforscher, der Botaniker Bayley Balfour, Sokotra zum Gegenstande seiner Forschungen gemacht. Zweifelsohne hatte aber der englische Professor nicht alle Neuheiten während der sechs Wochen seines Besuches auf der Insel zu erschöpfen vermocht, es mußte noch genug für seine Nachfolger übrig bleiben, und so war es in der Tat. Meinen Reisegefährten vorauseilend, war ich am 2. März in Aden angekommen, um die für den Besuch von Sokotra notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Die Ausführung unseres Vorhabens war zunächst von zwei Dingen abhängig, erstlich von der Zustimmung der englischen Regierung, die Sokotra unter ihre Oberhoheit gestellt hatte und bereits damals im Dunstkreise von Afrika ein fremdes Etwas, nämlich ein deutsches Streben nach Kolonialerwerb zu wittern begann; ferner galt es einen der Aden passierenden Dampfer zum Anlegen bei der Insel zu bestimmen. Mein erster Besuch galt also General Loch, dem politischen Residenten; das war damals der Gouverneur von Aden (das administrativ zu Ostindien gehört), dessen Vollmachten sich auch auf die südarabischen und die Somalstämme erstreckten. Der General empfing mich sehr freundlich, wollte aber durchaus von der Reise nach Sokotra abraten. Er habe schon auf eine telegraphische Anfrage vom Auswärtigen Amt die Antwort gegeben, daß es zu spät im Jahr sei, um die Fahrt anzutreten, Sokotra müsse im Winter, bei Beginn des Nordost-Monsun besucht werden, nicht jetzt, wo derselbe bald zu Ende ginge und die stürmische Periode des Südwest vor der Tür stände. Für unsere naturwissenschaftlichen Zwecke waren Gründe dieser Art nichts weniger als stichhaltig, ich durfte daher vermuten, daß die geplante Reise hier nicht erwünscht komme. Hatte mir doch mein freundschaftlicher Vermittler im Auswärtigen Amte zu London bereits die wahre Sachlage mit den Worten gemeldet: Die Herren scheinen von Ihrem Vorhaben, nach Sokotra zu gehen, nicht sehr erbaut. Nun war ich zu meiner Einführung beim General Loch mit zweierlei Empfehlungsbriefen versehen, mit einem guten und einem schlechten. Der gute war privater Natur und stammte vom britischen Vertreter in Kairo, dem vortrefflichen Sir Edward Malet. Der schlechte Brief dagegen war der offizielle, und auch dieser war ähnlich dem vorigen Mallet gezeichnet, rührte aber von einem Sir Louis her, dem damaligen Sekretär vom Indischen Amte. In diesem Uriasbriefe, den ich natürlich zur Bereicherung meiner Kuriositätensammlung in der Tasche behielt, war gesagt, daß es keineswegs beabsichtigt sei, durch besagtes Schreiben auf den politischen Residenten einen solchen Zwang auszuüben, daß er infolgedessen genötigt wäre, meine Reise durch irgendwelche tatsächliche Erleichterung zu unterstützen. General Loch verwies mich übrigens hinsichtlich aller weiteren Auskünfte, so namentlich wegen der für Sokotra notwendigen offiziellen Empfehlungen an den Kapitän Hunter, der als Assistent des politischen Residenten das eigentliche Ruder der Adener Lokalregierung in Händen hatte. Diesem hervorragenden Manne, einem der gründlichsten Kenner von Südarabien und dem Somaligebiet, war ich durch ein Schreiben des berühmten (damals noch Obersten) Gordon wärmstens anempfohlen worden. Als er sah, daß wir uns von dem geplanten Besuche der Insel nicht abbringen ließen und selbst vor einer Segelfahrt dahin nicht zurückschreckten, ließ er sich ebenso wie General Loch durch die offenbar schlechte Art und Weise unserer Londoner Empfehlung nicht davon abhalten, uns, wo er konnte, in liebenswürdiger Weise entgegenzukommen. Er gab uns ein offizielles arabisches Empfehlungsschreiben an den Sultan von Sokotra, er verschaffte uns einen der englischen Sprache mächtigen Dolmetscher, der auf dieser Insel zu Hause war, damit er uns im Verkehr mit den eine eigene Sprache (Dialekt des südarabischen Mehri) redenden Einwohner zu Diensten sei, ferner ordnete Kapitän Hunter an, daß wir auf dem Adener Schatzamte die nötigen Sorten Silbergeld und Scheidemünze gewechselt erhielten, nur hinsichtlich der Dampferfrage vermochte er nicht zu helfen. Es stellte sich nämlich heraus, daß selbst Kohlenschiffe für unseren kleinen Abstecher nicht zu haben waren, gar nicht zu reden von den regelmäßigen Post- und Personendampfern, man hätte ein Schiff eigens zu diesem Zweck chartern müssen. Von Aden nach Sokotra kann man in gerader Linie 520 Seemeilen oder 965 Kilometer rechnen. Ein gewöhnlicher Warendampfer hätte also die Strecke immerhin in zweieinhalb Tagen zurücklegen können. Eine arabische Segelbarke hätte die Überfahrt nach der Insel selbst bei den günstigsten Umständen nicht unter sieben Tagen bewerkstelligt, bei dem starken Nordost-Monsun des März aber mußte man sich auf ein langwieriges Kreuzen an der südarabischen Küste gefaßt machen. Es blieb uns aber nichts anderes übrig, als in Aden eine arabische Segelbarke zu mieten. An Auswahl fehlte es nicht in dem kleinen inneren Hafen bei Maalla, wo die einheimischen Fahrzeuge ausladen, halbwegs zwischen Steamerpoint, dem eigentlichen Landungsplatze, und der im »Krater« gelegenen Aden Stadt. Daselbst wurden mehrere segelfertige Fahrzeuge besichtigt. Eine Barke größerer Art, von der Klasse der baghla genannten, hatte zweihundert Tonnen Gehalt und war, unter persischer Flagge segelnd, nach Bassorah bestimmt. Bald war man um den Preis von zweihundertfünfzig Maria-Theresien-Taler einig. Als aber der Name des Nachoda oder Kapitäns mit auf den Kontrakt gesetzt werden sollte, wurde dieser wegen offenbarer Wegunkundigkeit kopfscheu und widerrief den Kontrakt. Ähnlich erging es uns mit einer kleinen Barke, deren Laderaum nur fünfzig Tonnen faßte und die doch eine Besatzung von zwölf Mann hatte. Endlich fand sich ein geeignetes Boot von fünfundsiebzig Tonnen, das sehr seetüchtig schien und dessen Bemannung sowie der aus langjähriger Erfahrung mit dem betreffenden Kurse wohlbekannte Kapitän einen Zutrauen erweckenden Eindruck machten. Als wir die »Salamati«, so hieß die unter englischer Flagge segelnde Barke, besichtigten, meinte Dr. Riebeck, unter Hinweis auf eine andere von mehr schlanker Gestalt und mit schärfer geformtem Bug, die in der Nachbarschaft vor Anker lag, daß er lieber diese letztere ausgewählt haben würde, denn sie mache einen »schneidigeren« Eindruck. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Wort in seiner modernen Bedeutung, denn zwischen mir und Freund Riebeck lag mehr als eine Studentengeneration. Seit jenem Tage habe ich vielfach von schneidigen Offizieren, aber nie von schartigen Diplomaten sprechen hören. Am 16. März konnten wir uns mit dem vielen Gepäck und mehreren farbigen Begleitern, unter denen sich auch ein großer schwarzer Neufundländer mit Namen Rappo befand, an Bord der »Salamati« begeben, wo wir vier Europäer im gedeckten, aber nach vorn offenen Hinterraum es uns so bequem wie möglich zu machen suchten. Da saßen wir nun, achtundzwanzig Menschen zusammengepfercht in dem engen Gefängnis, das uns fast einen Monat lang mit der Lebensweise der frühesten Seefahrer vertraut machen sollte. Der größte Teil der Mannschaft und unsere Leute hockten auf dem erhöhten Hinterdeck, der übrige Raum war durch ein großes Boot, durch die Wasserbehälter, Kochherd und dergleichen in Anspruch genommen. Das Trinkwasser befand sich in einem großen pechausgeschmierten Kasten. Es wimmelte von Mückenlarven, die in sehr gleichmäßiger Entwicklung begriffen waren. Jedesmal, beim Öffnen der Klappe, entwich ein neuer Schwarm, und in windstillen Nächten musizierte ein stets frischer Nachwuchs in unserem »Salon«. Die arabische Barke ist unter den Seefahrzeugen dasjenige, was das Kamel unter den Last- und Reittieren ist, das zuverlässigste, aber auch das unliebenswürdigste Gebilde. Wie das Kamel mit seinem störrigen und ungebärdigen Sträuben, vornehmlich aber durch das wüste Gebrüll, sein unablässiges Kollern und Gurgeln den Reisenden abstößt, so auch die arabische Barke durch ein Übermaß mißliebiger Töne. Wie das ächzt und stöhnt in allen Fugen, wie das Tauwerk, weil dürr und ungeteert, kreischt und quiekt, wie die Rollen knarren und die Züge hühnerartig gackern, und wie das alles übertönt wird von dem Pochen der Wogen an den Schiffswänden, den Rippenstößen, die das Meer erteilt! Da ist mehr Harmonie im Sausen des Segels, in der brausenden Schaumflut am Bug. Aber zu alledem kommt noch der Mensch, die Schiffsmannschaft, die an nichts Hand anzulegen vermag, ohne sich dazu erst durch wilden Gesang oder durch verzweifeltes Schreien zu ermuntern. Den Höhepunkt des Getümmels und der Verwirrung, einer weiteren Steigerung nicht mehr fähig, bildet alsdann der Moment der Segelwende. Die Fahrt ging äußerst langsam vonstatten. Am 26. März waren wir erst 350 Kilometer von Aden bei Bolhaf angelangt, einem wegen günstiger Ankerverhältnisse bevorzugten Landungsplatze, und erst in der Frühe des 9. April sahen wir endlich ganz nahe vor uns die Nordwestecke von Sokotra, das Ras Bedu und davor zu unserer Rechten das kleine, 50 Meter hohe Klippeneiland Ssel-el-heissi über und über weißgetüncht mit dem Guano der hier brütenden Vögel. Bald darauf tauchten auch, als der Himmel sich mehr und mehr zu klären begann, die Gebirgshöhen des Inneren aus den Wolken, und in größter Erwartung richteten wir die Gläser auf das Ziel unserer Wünsche. Von dem zentralen Gebirgsstock der Insel, der über 1500 Meter erreicht, war zwar bei einem Abstande von 60 Kilometern noch nichts zu sehen, als wir uns aber gegen Abend vor Galonsir, einer kleinen, wegen ihres guten Trinkwassers und einigermaßen geschützten Ankerplätze häufig besuchten Ortschaft befanden, konnten wir gen Südost in ein breites Tal mit hohen Dolomitwänden hineinblicken, in dessen Mitte ein Bach mit beständigem Wasser und sehr breitem Kiesrinnsal dahinfloß. An seiner Mündungsstelle beim genannten Dorfe ist er von einem dichten Haine niedriger Dattelpalmen beschattet. Galonsir liegt ganz im Palmenbusch versteckt. Seine winzigen Häuser aus Lehm und Gerölle werden von etwa zweihundert arabischen Fischern und Händlern bewohnt, welche letztere sich von den Bergbewohnern Aloe, Drachenblut und andere Produkte der Insel zutragen lassen. Die Brandung ist unbedeutend, die Flut beträgt hier acht Fuß englisch. Bei unserem Landgang empfingen uns die Bewohner sehr freundschaftlich. Alle Europäer werden auf Sokotra Frengi genannt (Franken); die Bezeichnung Inglihß oder, wie die Adener Araber zu sagen pflegen, héngliss (Engländer), schien hier durchaus nicht im Gebrauch, da man auch unseren Vorgänger, den Professor Balfour aus Glasgow, einen Frengi nannte. Auf den palmenbeschatteten Hinterwassern des Baches tummelten sich die verschiedensten Wasservögel, namentlich Wildenten, Löffelreiher und Flamingos. Eine Exkursion talaufwärts gewährte mir den ersten Einblick in die eigentliche Pflanzenwelt der Insel, von welcher die Hälfte der Arten bisher nur hier beobachtet wurde. Bei näherer Besichtigung löst sich zunächst die vom Meere aus als einförmig grünliche oder, besser gesagt, moosgrüne Fläche erscheinende Pflanzendecke in folgende Bestandteile auf. Die ersten fünfhundert Schritt zunächst dem Gestade sind ausschließlich mit einer der Insel eigentümlichen Art Flohkraut bewachsen, dann folgt eine Zone von gertenartig aufschießendem Strauchwerk, einer Krotonart, schließlich, bis an den Fuß der ersten Vorhügel reichend, ein ununterbrochenes Dickicht von 10 bis 15 Fuß hohen Sträuchern, meist Rubiaceen eigentümlicher Art. Es hatte vor kurzem stark geregnet, aber man sah es doch der Vegetation an, daß sie ihren diesjährigen Höhepunkt hinter sich hatte. Die gelben verdorrten Gräser verrieten es. Ganz enge, einspurige Pfade schlängeln sich durch dieses sonderbare astlose Buschwerk, wo man trotz aller Dichtigkeit stets den Sonnenstrahlen preisgegeben war. Die unterste Hügelregion dagegen war bereits durch höheren Baumwuchs ausgezeichnet, dort standen die größeren Stämme nur vereinzelt und dicht eingekeilt in niedriges Strauchwerk. Hier überraschten uns zum erstenmal jene merkwürdigen dickleibigen Stammgebilde mit wenig Ast- und Laubwerk, die der Flora von Sokotra ein so eigentümliches Gepräge geben, und die man ihres vorsintflutlichen Aussehens halber die Pachydermen des Pflanzenreichs nennen könnte. Das merkwürdigste Beispiel dieser Sokotraner Charaktergewächse ist der »Gamhen« genannte Baum, von dem hinten eine Abbildung gebracht wird. Er gehört zu den Kürbisgewächsen und entwickelt Laub, Blüten und Früchte, deren Gestaltung unter den in dieser Pflanzenklasse auftretenden Formen nichts Befremdendes hat. Um so merkwürdiger ist der Stamm. Bis zu einer Höhe von vier Metern bildet er eine plumpe Säule von ein bis zwei Metern im Durchmesser. Die Rinde ist glatt und kreideweiß, sodaß die aus dem dunklen Moosgrün der Gebüsche hervorleuchtenden Gamhenstämme von weitem wie ebensoviele Marmorsäulen erscheinen und dem Ankömmling einen höchst rätselhaften Anblick gewähren. Der Holzkörper des Stammes strotzt von Saft und ist dabei von so mürber Beschaffenheit, daß sich mit dem Taschenmesser Stufen ausschneiden ließen, um zu den blütentragenden Zweigen zu gelangen. Diese Gamhenstämme erreichen ungeachtet ihrer weichen, rübenartigen Textur doch ein sehr beträchtliches Alter, denn Wellsted gibt an, daß ihm bei Kadhub ein Exemplar gezeigt worden wäre, in dessen Rinde arabische Inschriften eingeschnitten waren, die, nach ihrer Datierung zu urteilen, aus dem Jahre 1640 stammten und demnach über zwei Jahrhunderte alt sein mußten. Etwa fünf Kilometer landeinwärts von Galonsir, am Fuße der die Nordseite des vorhin erwähnten Tales begrenzenden Steilwände, hatten die Insulaner, als sie noch Christen waren, also etwa bis zum Beginn des vorvorigen Jahrhunderts, ihre Begräbnisplätze. Die Örtlichkeit heißt Maharef. Wo die Dolomitfelsen auf dem Granit lagern, sind hier überall natürliche Höhlen und Löcher entstanden, deren Zugänge von außen vermauert wurden behufs Herstellung wohlverwahrter Grabkammern. Ich fand in einer jeden derselben drei bis fünf Schädel von vorzüglicher Erhaltung, und Dr. Riebeck hat eine ganze Anzahl nach Deutschland gebracht. Da es sich um nichtmohammedanische Gräber handelt, ward uns bei unseren Nachforschungen seitens der Eingeborenen nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt. In diesen Felsengräbern fanden sich außer zahlreichen Zeugfetzen und kleinen zylindrischen Holznäpfen, wahrscheinlich Trinkgefäßen, die den Toten beigegeben waren, keinerlei Kunstprodukte. Die Zeugreste bestanden aus bunt und in mannigfaltigen Mustern bedruckten Baumwollstoffen, offenbar indischer Manufaktur. Sokotra hat an seinem Nordrande eine Küstenlänge von über 140 Kilometern, und bis Tamarid, unserem Ziel, hatten wir noch über 50 Kilometer längs der Küste nach Osten zu segeln. Es dauerte zwei Tage, bis wir am Mittag endlich im Angesicht von Tamarid, unserem ersehnten Hafenplatz, die Anker fallen ließen, am siebenundzwanzigsten Tage nach unserer Einschiffung in Aden! Tamarid, der Hauptort von Sokotra, auch Hadibu genannt, besteht nur aus unansehnlichen, einstöckigen Steinhäusern, die in weiten Abständen im Palmenhain versteckt liegen und von verwilderten Küchengärten umgeben sind. Dorngestrüpp und hohes Gras verdeckt zum Überfluß die öden und verwahrlosten Gehöfte. Das Haus des Sultans war in verfallenem Zustande, ebenso der eine Moschee vorstellende Kuppelbau. Beide entbehrten nicht einer gewissen barbarischen Originalität, man sah es ihnen an, daß die Erbauer Architekten ihrer eigenen Schule gewesen waren, und ich bedaure, daß es mir an Zeit gefehlt hat, von diesen drolligen Baulichkeiten Skizzen zu entwerfen. Der Sultansbau, obgleich von bescheidenen Dimensionen, könnte mit Zuhilfenahme von einiger Phantasie als eine Mittelding zwischen einer Burg und einem mittelalterlichen Staatsgefängnis aufgefaßt werden, vielleicht auch als ein Kalkofen. Wir ließen unser Gepäck auf der Ostseite des Ortes ans Land bringen und schlugen, ohne jemand zu fragen, da der Sultan abwesend war, zwei Zelte im Palmenhain auf, zweihundert Schritt vom Seestrande. Ein kleiner, beständig fließender Bach, der in dem nahen Gebirge seinen Ursprung hat, mündete nahe der Stelle, wo wir unseren Lagerplatz hatten, und bot mancherlei wirtschaftliche Vorteile, obgleich die niedere Lage des von Nässe durchtränkten Bodens und die trübseligen Erfahrungen der im Jahre 1835 bei Tamarid gelagerten Truppen der Ostindischen Kompanie uns in gesundheitlicher Beziehung kein sehr ermutigendes Prognostikon stellten. Wir waren weitab von den Hütten und blieben unbehelligt von der Neugierde der Bewohner. Auffallenderweise hatten wir hier weder von Mücken, noch von Fliegen zu leiden, eine Plage eigener Art aber waren riesige Krabben (Cardiosema), welche maulwurfartig überall das Erdreich durchwühlten und vor denen wir, ängstlicher als vor den gefräßigsten Ratten, mit unseren Eßvorräten auf der Hut sein mußten. Abends saßen wir im Freien mit Lichtern an einem großen Tische. Die Luft war schwül und feucht, ein jeder von uns nahm daher prophylaktisch eine kleine Dose Chinin; es ward denn auch unser mehrtägiger Aufenthalt in Tamarid weder durch Fieberanfälle nach sonstiges Unwohlsein getrübt. Am vierten Tage nach unserer Ankunft machten wir dem inzwischen aus dem Innern zurückgekehrten Sultan unsere Aufwartung. Gegen uns war er ungemein vornehm und zurückhaltend, von einem Gegenbesuch des hohen Herrn in unserem Lager war keine Rede, und es blieb dahingestellt, ob sein Verhalten mehr von Rücksicht staatsmännischer und mißtrauender Vorsicht als von wirklichem Hochmute beeinflußt war; wahrscheinlich waren es die ersteren, die vor allem sein Benehmen gegen uns erklären ließen. Die Sokotraner und Südaraber hatten damals noch von Deutschland und den Deutschen nicht den leisesten Begriff. In dem Empfehlungsschreiben des Generals Loch war unserer Nationalität mit keiner Silbe gedacht, denn wir mußten befürchten, wenig respektvoll behandelt zu werden, sobald man uns für etwas anderes hielt als für Angehörige der herrschenden Rasse. Man hatte trotzdem bald heraus, daß wir keine Engländer sein konnten, auch keine Franzosen, und so hielt man uns schlechtweg für Portugiesen, vielleicht schon wegen unseres Aplombs, wegen des flotten, sprach- und tatbewußten Verfahrens mit den Eingeborenen und vielleicht gar wegen unserer Lustigkeit: les Portugais sont toujours gais, heißt es in der Operette. Wir hatten natürlich das größte Interesse daran, so schnell wie möglich von dem tückisch schwülen Tamarid loszukommen und die verlockende Frische der Berge zu erreichen. Deshalb hatte ich bereits am Tage unseres ersten Besuches den Sultan um Beschaffung von Kamelen bitten lassen und seine Willfährigkeit durch reiche Geschenke, mit denen Dr. Riebeck nicht geizte, zu erhöhen gesucht. Außer einem bedeutenden Geldgeschenk wurde ihm neben anderen Dingen auch ein prachtvoller Koran, die in Frankreich auf heliographischem Wege in Farbendruck hergestellte Kopie eines Meisterwerks des berühmten Kalligraphen Haffiz-Osman, verehrt. Auf der letzten Seite waren eine Menge Siegel von Ulemas und anderen Theologen des Islam angebracht, die bezeugten, daß das Buch keinen Typendruck (dieser ist für den Koran durchaus verboten) enthalte, sondern Arbeit der Sonne sei, also Gotteswerk. Der Sultan nahm denn auch den Koran mit Dank in Empfang und erklärte, daß kein Geschenk ihm erwünschter käme als gerade dieses. Mit den Kamelen aber hatte es trotzdem seine Weile, und ein Tag verging nach dem andern in nutzlosem Mahnen und Erinnern. Es lag auf der Hand, daß etwas Großes geschehen müsse, um uns aus unserer unangenehmen Lage und dem ungemütlichen Lager von Tamarid zu befreien, so etwas wie das Eingreifen einer unsichtbaren, höheren Macht, dem letzten Rettungsanker vergleichbar, den sich der Orientale, nie an der Situation verzweifelnd, so gern aus unvorhergesehenen Schicksalsfügungen schmiedet. Und in der Tat, es geschah etwas Großes, noch nicht Dagewesenes! Dr. Riebeck besaß einen Vorrat von prächtigem Feuerwerk, namentlich gewaltige Raketen voller Leuchtkugeln und Knallern, so recht dazu angetan, die Bewohner von Sokotra in Erstaunen zu setzen und uns fürchterlich zu machen. Wir begaben uns daher nachts um zehn Uhr an den Strand und begannen daselbst ein großartiges Knallen und Rauschen in den Lüften. Meilenweit wurden die Insulaner aus dem Schlafe geweckt und eilten hinaus aus ihren Hütten und Felsenhöhlen, um zu sehen, was es gäbe. Wie in Vorahnung des am folgenden Tage wirklich eintretenden und unerhörten Glücksfalles, hatten wir durch unsere Leute das Gerücht aussprengen lassen, die Raketen seien dazu bestimmt, Signale über das Meer bis nach Bombay zu geben, um Schiffe herbeizurufen zu unserer Unterstützung und um dem Sultan Vernunft beizubringen. Am folgenden Morgen machten wir uns ans Packen, als ob die Kamele bereits da wären und die Wahl der Stunde, zu welcher aufgebrochen werden sollte, nur von uns abhinge. Aber die Stunden verstrichen und von Kamelen war immer noch nichts zu erblicken. Da geschah das Unglaubliche, es war nachmittags nach eben eingenommenem Mahle: unsere Diener kamen atemlos vom Seestrande herbeigestürzt mit der Meldung, ein Dampfer sei in Sicht und steuere auf die Insel. Es stellte sich bald heraus, daß ein weißes Schiff, mit der englischen Kriegsflagge am Top, geradewegs auf Tamarid herangedampft kam, also gerade so, wie es durch unser gestriges Feuerwerk beabsichtigt war. Mit einem Schlage war nun die Situation eine andere geworden, und wir erhoben ein Triumphgeschrei. Dr. Mantey fuhr an Bord und kehrte alsbald mit dem Kommandanten ans Land zurück. Das Schiff war die Privatjacht des Herrn Aylesbury, der »Albion«, und kam von Bombay. Herr Aylesbury hatte für seine Jacht die Berechtigung zur Führung der Flagge der Reservemarine und spielte selbst den Kapitän. Er war, als er in Sicht von Sokotra gekommen, der weißen Zelte ansichtig geworden, die sich so deutlich von dem dunklen Grün der Palmen abhoben. Diese Zelte konnten nur Europäern angehören, und von der Anwesenheit solcher auf Sokotra war ihm nichts bekannt. Daher hatte Herr Aylesbury, von Neugierde getrieben, alsbald beschlossen, sich diese rätselhaften Besucher der Insel in der Nähe anzusehen. Nachdem wir uns aufs freundschaftlichste begrüßt, begaben wir uns alle miteinander zum Sultan, der sich diesmal bei unserem Eintreten von seinem Sitze erhob. Leuten gegenüber, wie wir, die mit Segelbarken reisten, hatte er eine solche Höflichkeitsäußerung für überflüssig gehalten. In der Frühe des nächsten Tages erschienen nun endlich die Kamele. Wir hatten ausgerechnet, daß fünfzehn nötig sein würden, um unser gesamtes Gepäck fortzuschaffen, es wurde uns aber klarzumachen gesucht, daß dazu ihrer mindestens vierundzwanzig erforderlich seien. Obgleich alles fertig gepackt zur Verfügung stand, vergingen dennoch viele Stunden, bis die Leute sich untereinander wegen der gegenseitigen Zuteilung der einzelnen Stücke geeinigt hatten. Es wäre ja auch nicht zu erwarten gewesen, daß die Kameltreiber von Sokotra so viel geschäftsmäßige Routine besäßen wie die Beduinen des Nordens, die aus dem Kameltransport ein Gewerbe machen, und wir mußten froh sein, daß zum Eindringen in diese unwegsamen Gebirgseinöden überhaupt ein so bequemes Beförderungsmittel hier vorhanden war wie das klassische Schiff der Wüste. Die Leistungen dieser Sokotrakamele waren staunenswert. Ich erinnere mich nicht, je Ähnliches wahrgenommen zu haben, trotz meiner langen Erfahrung in sehr verschiedenen Gebieten der Kamelzucht und trotz meiner zweitausend mit Kamelen gemachten Reisetage. In Sokotra wurden an das Kamel noch weit größere Anforderungen gestellt als in den hohen Gebirgen des glücklichen Arabiens. Äußerlich hat die Sokotrarasse nichts Eigentümliches an sich, die Tiere sind kräftig, aber weder groß noch starkknochig wie im südlichen Nubien die Hadendoakamele, noch so zierlich und leicht von Gestalt wie die der Bischarin am Gebel Elba. Als es nun im dichten Buschwerk an den Berggehängen steil in die Höhe ging zwischen großen Granitblöcken und auf Pfaden, wo der Fußgänger die größte Mühe hatte, fortzukommen, da wurde ich es erst gewahr, was geborene Bergkamele von Natur zu leisten imstande sind und wie ihr anscheinend nur auf einseitige Funktionen berechneter Körper doch zu der mannigfaltigsten Kraftanstrengung befähigt ist. Wie in Sokotra die Kletterkamele, so staunte ich vor Jahren am Roten Meere die Tiere an, als ich sie beim Entladen einer Barke im Abstande von einigen hundert Schritte vom Ufer sich einfach ins Wasser werfen sah und zum erstenmal Gelegenheit hatte, die überraschende Schwimmgewandtheit des Kameles zu bewundern. Beim Sokotrakamel setzte mich am meisten das Vermögen in Erstaunen, selbst im beladenen Zustande Steinstufen von bis Meterhöhe zu ersteigen, einfach durch Auftreten mit der knieartigen Beuge des Mittelfußgelenkes am Vorderbein, so daß sich das Tier wie kniend auf die Stufe stützte, um hinaufzukommen. Das Kamel kann nämlich (es ist hier immer nur von dem einhöckerigen die Rede) ohne besondere Anstrengung die Vorderbeine nicht viel höher heben als höchstens vierzig Zentimeter. Die Kamelsattel der Sokotraner sind den Bedürfnissen des Landes angemessen und sehr eigentümlich. Einer schweren dicken Steppdecke gleich liegt der Sattel auf dem ganzen Rücken auf und riesige Doppelsäcke von Palmengeflecht hängen daran, die beim beständigen Durchdringen durch sparriges und vielverästeltes Buschwerk den einzelnen Gepäckstücken, die sie aufzunehmen haben, vortreffliche Schonung angedeihen lassen. In anderen Fällen werden die Lasten in große Matten eingerollt und ihnen durch Zusammenschnüren eine spindelförmige Gestalt gegeben, damit sie, wie Weberschiffchen, leicht durch Dickichte hindurchzugleiten vermögen. Jedesmal, so oft ich in den Gebirgen der östlichen Wüste Ägyptens Kamele antraf, die für lange Zeit sich selbst überlassen waren, und wenn ich sie dann an sehr unzugänglichen Stellen antraf, mußte ich bekennen, daß dieses Geschöpf von Hause aus nicht bloß ein Bewohner der Ebene gewesen sein müsse, sondern daß es ebensogut wie seine südamerikanischen Verwandten in der Jetztzeit von der Natur in hervorragendem Grade mit den Fähigkeiten eines Bergtieres ausgestattet wurde. Meine Beobachtungen in Sokotra bestärkten mich in dieser Annahme einer Doppelnatur des Kamels. Die Organisation des Kamelfußes paßt sich in gleich vollkommenem Maße den Erfordernissen des Sandes wie denen des abschüssigen Felsbodens an. Nicht vollkommen klar sind mir die Gründe, weshalb das Kamel im eigentlichen Abessinien keinen Eingang gefunden hat. Will man die Entwicklung dieser Tierart nach der Anpassungstheorie erklären, so wird man am besten tun, sich vorzustellen, daß die Urheimat des Kamels ein Landstrich von dem heutigen Klimacharakter und der jetzigen Bodenbeschaffenheit des zentralen Arabiens oder Nubiens war. Die Berge waren wegen der Wasserstellen und der beständigeren Vegetation zum Unterhalt der Tiere unentbehrlich: um aber von einem Berge zum andern gelangen zu können, mußte das Kamel auch befähigt sein, weite Wüstenstrecken zu durchmessen und tagelang zu dursten und zu fasten. Nur der Kamelsrücken, diese große Klippe der modernen Teleologie, spottet jedem Deutungsversuch und könnte wohl als warnendes Beispiel dienen bei den jetzt so sehr beliebten Tändeleien mit der Zweckmäßigkeitstheorie. Der schöpferischen Triebkraft der Natur anmuten zu wollen, daß sie bereits in vorsorglicher Würdigung der Bedürfnisse des kommenden Menschengeschlechts und seines Wüstengepäcks dem Kamel die geeignete Form des Rückens verlieh, wäre ebenso abgeschmackt als anzunehmen, daß die Pyramidenerbauer es sich zur Aufgabe gemacht hätten, mit ihren Riesenwerken den Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts Rätsel aufzugeben. Um in nicht allzugroßer Entfernung von Tamarid, aber schon inmitten der voll entwickelten Gebirgsnatur Sokotras ein Hauptquartier zu haben, von welchem aus wir Streifzüge nach verschiedenen Richtungen unternehmen konnten, hatten wir uns mit allem Gepäck nach einem Keregnigi genannten Platze begeben, der in zweieinhalb Stunden zu erreichen war und 270 Meter über dem Meere im Wadi-Dilal gelegen war. Diese Talschlucht senkt sich vom Haghiergebirge herab und hat ihren Ursprung an der östlich von dem höchsten Gipfel gelegenen Paßhöhe. Der beständig fließende Bach, der das sehr enge Tal durchzieht, ist derselbe, der auf der Ostseite von Tamarid ins Meer mündet. Keregnigi war eine sehr geeignete Lagerstelle, denn nirgends in der Talschlucht fand sich sonst Raum, um Zelte aufschlagen zu können. Von den in der Folge veranstalteten Ausflügen, hatte einer meiner hübschesten, den 1257 Meter hohen Schehélikegel zum Ziel. Er gibt sich im Osten von der Paßhöhe bei Adehén als ein von den übrigen Massen des Gebirges losgelöster, ziemlich kahler Stock zu erkennen. Am Westabhange des Schehéli befindet sich eine Tahágje genannte Lokalität. Mauerreste von drei aus Granitblöcken errichteten Häusern bezeichnen die Stelle, an der im Jahre 1835 die Truppen der ostindischen Kompanie, nachdem sie unten bei Tamarid durch Fieber arge Verluste erlitten, ein als Sanatorium hergerichtetes Lager bezogen hatten. Auf diesem Ausfluge stieß ich häufig mit den echten Berg- und Höhlenbewohnern zusammen, von deren Tracht und Sitten ich noch manches erwähnen werde. Vom schöneren Geschlecht, das bei dem Achtung gebietenden Äußeren der überaus edelgestalteten, mit prachtvoller Muskulatur ausgestatteten und im hellsten Kupferrot strahlenden Männer unsere Erwartungen aufs höchste gesteigert hatte, war, wie das nicht zu verwundern, immer nur das reifere Alter zu erblicken. In den höheren Stadien dieser Reife entwickeln beim weiblichen Geschlecht dunkelfarbige Rassen bekanntlich weit mehr als die hellen durch verschärfte Schatten das Gegenteil von jenem Ausdruck engelgleicher Milde, die uns bei der Jugend so sympathisch berührt. Von den berühmten Hexen Sokotras, über welche die alten Reisenden Wunderdinge zu berichten wissen, war uns bereits auf der Überfahrt von den arabischen Seeleuten viel vorerzählt worden. Sie sollten den Reisenden anzulocken wissen, um ihm alsdann in einsamer Wildnis die Eingeweide auszureißen. Unsere von Haus aus jedem unsinnigen Aberglauben besonders zugetanen nubischen Diener waren durch solche Erzählungen in hohem Grade beunruhigt worden. Den Leser wird es nicht wundernehmen, wenn unter solchen Umständen unsere Phantasie, unterstützt von den überall zur Stelle befindlichen Ausstattungsrequisiten der Hölle: schwarze und rote Gewandung, schauriges Höhlendunkel, zerklüftete Felseinöde und dergleichen, jedesmal in Erregung geriet, wenn irgendwo eine weibliche Gestalt sich blicken ließ. Ein solches Teufelsliebchen – ich werde nie den Anblick vergessen – überraschte uns am Scheheli mit einem überaus wirkungsvollen Tableau. Bei einer prachtvollen Höhle entwuchs plötzlich vor unseren Blicken der Tiefe eine alte, aber noch stämmige Frau, angetan mit einem feuerroten, flatternden Gewand, mit aufgelösten schwarzen Haaren und mit Schmuck aller Art auf das phantastischste behangen. Sie erstieg einen Felsblock und stand hochaufgerichtet eine Weile regungslos über dem Eingange der Höhle. Dann begrüßte sie uns mit einer Flut unverständlicher Worte. Die Alte, hatte sich, nachdem sie unser Herankommen wahrgenommen, im Handumdrehen eigens für uns in vollen Staat geworfen. Eine großartige Romantik kam in der umgebenden Szenerie zur Geltung. Gewaltige Felswürfel waren da aufeinander getürmt, hoch über der Gestalt und tief zu ihren Füßen. In den Fugen derselben war der Eingang in die Unterwelt. Der Anzug der Frauen besteht für gewöhnlich aus einem langen, bis zum Nabel weit offenen Hemd von dunkelblauem Baumwollenzeug, darüber ist um die Hüften herum ein breites, halb rot-, halb schwarzgestreiftes Tuch geschlungen, während über die Brüste ein Stück ganz durchsichtiger blauer Gaze gehängt ist, das auch als Kopfschleier benutzt werden kann. Das Haar der Bergbewohnerinnen läuft nach hinten zu gewöhnlich in drei am Ende zusammengeknüpfte kurze Zöpfe aus. Die Weiber im Gebirge verhüllten übrigens nie ihr Gesicht, auch nicht vor uns; sie sprachen beständig mit im Geschäft der Männer, wo es etwas zu verkaufen gab, im übrigen waren sie von sehr scheuem Wesen. Die Schmucksachen scheinen vor denen, die man in Südarabien wahrnimmt, nicht Eigentümliches voraus zu haben; man begegnet hier denselben riesigen, eine Spanne langen Ohrringen mit daran befestigten Gehängen von kleineren Ringen, ferner Arm- und Halsspangen, die auch hier den in Vorderindien gebräuchlichen Mustern entsprechen, sowie Glasperlen und Silbermünzen. Am 10. Mai sandte uns der Sultan eine Botschaft des Inhalts zu, wir müßten abreisen, da die letzte Barke sich anschicke, die Insel zu verlassen und er selbst wegzugehen im Begriff sei; in keinem Falle wollte er uns allein auf der Insel zurücklassen, die bis zum Wiedereintritt des Nordost-Monsun von allen Verbindungen abgeschnitten bliebe. Wir waren von unseren Sammlungen und den Ausflügen bisher in so hohem Grade in Anspruch genommen gewesen, daß wir den kritischen Zeitpunkt der Monsunwende vergessen hatten, welcher nun bereits gekommen war. Es erschienen denn auch bald die nötigen Kamele, die zur Räumung unseres Lagers von Keregnigi erforderlich waren, und am 14. Mai zogen wir talwärts nach Tamarid. Nach der im Gebirge genossenen schönen reinen Luft erschien uns jetzt der Aufenthalt an der Küste wie eine Marter, unerträglich waren vor allem die schwülen Nächte. Nachdem wir uns vom Sultan Sidi Behei verabschiedet, bestiegen wir in Tamarid eine kleine Barke, welche uns zunächst nach Galonsir bringen sollte, wo ein anderes zur Abfahrt nach Makalla bereites Fahrzeug zu unserer Verfügung stand. * Das Ergebnis dieser Expedition ist die nachstehende Untersuchung über die Höhlenbewohner von Sokotra. Unser Vorgänger in der Erforschung Sokotras, Wellsted, schätzte vor fast einem Jahrhundert die Bevölkerung auf 4000 Seelen; aber obgleich wir nur einen kleinen Teil der Insel aus eigener Anschauung kennen lernten, glauben wir dennoch uns keiner Übertreibung schuldig zu machen, wenn wir die angegebene Ziffer als mindestens dreimal zu niedrig gegriffen betrachten. Zwar meldet bereits der »Periplus«: »die Einwohner seien gering an Zahl und nur auf der Nordseite der Insel in größerer Menge anzutreffen«: allein der arabische Geograph Jakut weiß von 10 000 bewaffneten Männern zu berichten, welche das christliche Inselvolk zu stellen vermochte. Die Bevölkerung besteht nicht durchweg aus Urbewohnern mit eigener Sprache, sondern ein Bruchteil, etwa ein Zehntel, sind echte Araber, die in neuerer Zeit von der gegenüberliegenden Küste und von Maskat herüberkamen und sich an der Nordküste in einigen kleinen Dörfern mit gemauerten Häusern niedergelassen haben. Diese Araber vermitteln als Krämer und Aufkäufer der Landesprodukte den Verkehr der Insel mit der Außenwelt, den Handel mit Maskat und Zanzibar. Im nordöstlichen Teile der Insel sind auch eingewanderte Araber als Hirten ansässig und treiben an wenigen Stellen etwas Ackerbau, d. h. im kleinsten Maßstabe findet man ab und zu das Penicillariakorn, Tabak, Bohnen, Melonen u. dgl. angebaut. Die ausgedehnten Dattelpalmenpflanzungen an der Nordküste, bei Tamarid, Kadhub und Galonsir, sind offenbar ein Werk der Araber. In den Dörfern an der Küste leben zahlreiche Schwarze, damals zumeist freigelassene oder weggelaufene Sklaven, die sich von Maskat und Zanzibar hierher als in ein sicheres Asyl geflüchtet hatten. Der große Gegensatz, der sich in allen sozialen Verhältnissen zwischen diesen neuarabischen oder schwarzen Ansiedlern und den eingeborenen Bergbewohnern zu erkennen gibt, namentlich die Seltenheit eines gegenseitigen Verständnisses der Sprache, scheint die Möglichkeit einer tiefeingreifenden Rassenvermischung auszuschließen; aber dennoch mag stellen- und zeitweise eine solche stattgefunden haben. Die Bergbewohner, diese echten Sokotraner mit eigener Sprache, treten nämlich nicht als einheitliche Masse auf, erscheinen keineswegs wie aus einem Guß, «ondern gerade so, wie es bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts Vincenzo, der Karmeliter, beobachtete, sind zwei Rassen zu unterscheiden: eine dunklere mit krausem Haar und eine hellere, wohlgestaltete, mit schlichtem Haar. Beiden möchte ich einen anscheinend semitischen Typus gegenüberstellen, der nicht wenig zahlreich vertreten ist und aus der Vermengung mit Südarabern hervorgegangen sein mag. Dieser letztere zeigt eine schmale Kopfform, lange Nase, dürre Gliedmaßen, während dicke Lippenbildung und schlichtes Haar auch ihm eigen sind. Hier und in den benachbarten Ländern Asiens und Afrikas spielt die Hautfarbe nur eine untergeordnete Rolle. Braune und Schwarze treten in derselben Familie so häufig auf wie bei uns Blonde und Brünette. Im allgemeinen hat der Sokotraner, im Gegensatz zum mehr schwarzen Somali, mit dem Südaraber das lichte Kupferrot oder Kaffebraun gemein. Die Frauen sind, wie bei allen Völkern unter ähnlicher geographischer Breite, um mehrere Schattentöne lichter, meist heller als die hellsten Männer. Derjenige Typus, den ich als den echten der Urbewohner Sokotras hinstellen möchte und welcher der Mehrzahl der Bergbewohner eigen ist, weicht entschieden von den Merkmalen der Völker aller benachbarten Küstenländer, namentlich der Somali, Galla, Abessinier, Südaraber und der Küstenindier im allgemeinen ab. Die eigentlichen Bergbewohner des mittleren Südarabien, die Mahra und Quara, möchte ich von diesem Vergleich vorläufig noch ausgeschlossen wissen; ich sah deren zu wenige, und diese wenigen zeigten keinen auffallenden Unterschied von den Sokotranern. Man findet unter den echten Bergbewohnern der Insel Leute von vollkommener Schönheit, wenn auch gewöhnlich ihre Körpergröße das mittlere Maß nicht überschreitet. Die Somali und die anderen Hamiten der afrikanischen Küste sind ja auch wohlgestaltet, aber ihre weit dunklere Haut und das krause Haar erinnern zu sehr an den Neger, um ihr gutes Profil richtig würdigen zu können. Bei den Somali ist der Gesichtsausdruck oft weiblich, charakterlos, oder doch vorwiegend wild und nicht unintelligent. Den Sokotraner dagegen zeichnet ein geistvolleres Auge aus; er gleicht mehr unserer Art und man fühlt instinktiv das innere Band näherer Verwandtschaft. Es gibt einen großen Teil dieser eingeborenen Bevölkerung, der sich durch kurzen, untersetzten Wuchs und gedrungene Gliedmaßen auszeichnet, mit prachtvoll entwickelter Muskulatur, der mehr rot als braun von Farbe erscheint; dieser hat gewöhnlich dicht genäherte, sehr starke Augenbrauen und gerade, stumpfe, oder manchmal fast aufgestülpte Nase; die Stirn ist auffallend niedrig, aber alle haben ziemlich dicke Lippen, breiten Mund und eine breite Schädelbildung. Ich übergehe die Einzelheiten der Tracht, sowohl die des häufig in diesen Ländern sich wiederholenden Haarputzes, als auch die wenig charakteristische und geringe Kleidung; es ist überhaupt leichter, diejenigen Völker aufzuzählen, mit denen die Sokotraner nichts gemein haben, als solche namhaft zu machen, auf die sie hinsichtlich der Abstammung und Rasse hinzudeuten scheinen. In der Tat stehen wir hier trotz der Anschauung an Ort und Stelle, trotz Schädelsammlung und Vokabular, vor einem ungelösten Rätsel, und die zahlreichen Angaben der älteren Besucher dieser Insel sind nicht dazu angetan, zur Lösung desselben, ja auch nur zur Vereinfachung der Frage beizutragen. * Was zunächst die Sprache anlangt, so haben wir es hier mit einem in manchen Stücken von den Sprachen aller benachbarten Küsten völlig abweichenden, in seinen Hauptbestandteilen aber südarabischen Idiom zu tun. Bereits Wellsted hatte einige hundert Worte der Sokotrasprache zusammengestellt, und wir waren bestrebt, auch unsererseits diesen Wortschatz zu vermehren, namentlich durch Aufzeichnung aller konkreten Begriffe, indem wir unser Hauptaugenmerk auf die für die Geographie und Abstammung der Rassen so wichtigen Namen von Pflanzen und Tieren richteten. Leider sahen wir uns außerstande, mit den Eingeborenen in der Weise zu verkehren, daß wir ganze Sätze ihrer Sprache aufzufassen vermocht hätten. Der kurze Aufenthalt von sechs Wochen war von der Naturausbeute zu sehr in Anspruch genommen, und dann hatten wir während der ganzen Zeit den unersetzlichen Verlust eines Dolmetschers zu beklagen, der uns vom britischen Residenten in Aden mitgegeben worden war, von dem wir uns aber wegen der Unerfahrenheit unserer europäischen Begleiter infolge eines Streites gleich bei der Landung zu trennen gezwungen waren. Das voreilige Wegschicken des etwas übermütigen, uns aber durchaus unentbehrlichen Gesellen hat sich an den wissenschaftlichen Ergebnissen unserer Reise aufs bitterste gerächt. Ohne den grammatischen Schlüssel zur Sokotrasprache erscheint die Wörtersammlung von nur geringem Wert; aber sie setzt uns doch in den Stand, zwei wichtige Tatsachen feststellen zu können: 1. die Übereinstimmung eines vorwiegenden Teils der Sokotraausdrücke mit den verschiedenen Dialekten der Mahrasprache; 2. das Vorhandensein völlig fremdartiger Sprachelemente, die einer semitischen Wurzel zu entbehren scheinen. Das letztere gilt namentlich für die Pflanzen- und Tiernamen. Der dem Arrianus zugeschriebene »Periplus« nennt die Einwohner von Sokotra von fremder Herkunft, ein Gemisch von Arabern, Indern und griechischen Händlern. Hiernach wäre anzunehmen, daß die Urbewohner schon in sehr früher Zeit Einwanderern von den umliegenden Küsten Platz gemacht hätten. Man findet in den Aufzeichnungen christlicher Mönche aus den ersten Jahrhunderten und der arabischen Geographen des Mittelalters weitere Belege für eine solche Annahme. Philostorgius im 4. Jahrhundert, von dessen »Kirchengeschichte« uns der fünf Jahrhunderte später lebende Patriarch Photius Bruchstücke erhalten hat, scheint der erste gewesen zu sein, der die von vielen späteren Autoren wiederholte Geschichte aufgebracht hat, Alexander der Große hätte Kolonien nach den Uferländern des Golfs von Aden aussenden lassen. Aus der Photiusschen Fassung geht übrigens nur hervor, daß die Kolonie aus Syrern bestand, die sich in einer Gegend angesiedelt hatten, die man nur mit der gegenüber Sokotra gelegenen Somaliküste in Einklang zu bringen vermag, Nicephorus Callistus schreibt statt Syrer Assyrier, nennt indes die Insel nicht, auf welcher sich diese ansiedelten. Dagegen erzählt der Mönch Cosmas, genannt Indopleusta, der im 6. Jahrhundert die Insel besuchte, daß unter den Ptolemäern Kolonisten nach Sokotra gesandt worden seien, und er teilt als Augenzeuge mit, daß er noch griechisch redende Bewohner daselbst angetroffen habe. Bekanntlich waren unter den Ptolemäern die Küsten der arabischen Meere bis zum Kap Guardafui hinunter mit Handelsstationen besetzt, von denen die noch heute vorgefundenen Reste, so namentlich G. Revoil's Funde an der Somaliküste, auf jene Epoche hindeuten. Ob aber die fremden Ansiedler jener Zeit auch im Innern wirklich seßhaft wurden und ob sie namentlich je imstande waren, aus dem Leben des Händlers und Aufkäufers an der Küste zu demjenigen des Hirten in den Bergen überzugehen, das erscheint, da es an analogen Fällen fehlt, mehr als fraglich. Was damals griechisch war, ist heute durch das arabische Element ersetzt, und nach wie vor stehen an diesen Gestaden die Ansiedler den Gebirgsbewohnern als Gegensätze gegenüber. Unter den arabischen Geographen war Masudi im zehnten Jahrhundert der erste, der die wahrscheinlich von irgendeinem griechischen Kirchengeschichtsschreiber zuerst gebrachte Nachricht von einer griechischen Besiedlung Sokotras unter Alexander mit dem Hinzufügen wiederholt, daß dies auf Anraten Aristoteles, um die Aloe daselbst auszubeuten und zu vermehren, geschehen sei, zur Zeit, da Alexander sich zu seinem Zuge nach Indien anschickte, und er sagt ausdrücklich: »Dies ist der einzige griechische Stamm, der seine Abkunft rein erhalten hat, ohne sich mit Römern und anderen Rassen zu vermengen.« Edrisi, der zwei Jahrhunderte nach Masudi lebte, gibt eine vom Wortlaute des Textes des letztern nur durch Einfügung weiterer Einzelheiten abweichende Version desselben Inhalts. Jakut wiederholt hundert Jahre später seinerseits die Angabe einer griechischen Kolonie unter Alexander, und betont die Rassenreinheit der Sokotraner Griechen, fügt aber an einer andern Stelle hinzu, die Bewohner Adens hätten ausgesagt, daß die Griechen, nachdem sie das Christentum angenommen, wie Mönche in größter Abgeschiedenheit gelebt, bis sie ausstarben und die Insel von Mahra (jenem eigentümlichen Gebirgsvolk, das im Osten von Hadramaut seine Sitze hat) bevölkert wurde. Später wurde unter den letztern der Islam gepredigt. Von den Mahra auf Sokotra spricht Jakut noch an einer andern Stelle, indem er von der Insel sagt: »Auf ihr befinden sich Leute aus allen Stämmen Mahras und gegen 10 000 waffenfähige Männer, die Christen sind.« Die letzte Angabe scheint anzudeuten, daß die Mahra auf Sokotra nur an der Küste seßhaft waren, während außerdem Christen in großer Zahl das Innere bewohnten. Dies stimmt nicht recht mit der andern Nachricht, daß die Griechen, nachdem sie Christen geworden, ausgestorben und durch Mahra ersetzt worden seien. Sollten außerdem daselbst noch andere Einwohner übriggeblieben sein, die Christen waren, etwa die echten Ureinwohner? Von Denkmälern des Altertums, Inschriften oder andern Zeugen einer vergangenen Kulturepoche scheint die Insel nur Spuren aufbewahrt zu haben. Es gibt an verschiedenen Stellen Trümmer von kleinen Baulichkeiten, die als alte heidnische Tempel betrachtet werden können. Inschriften, an welche sich eine größere Bedeutung knüpft, sind bis jetzt nur auf einer horizontalen Felsplatte, sechs Stunden südwestlich von Kadhub, nahe der Nordküste, angetroffen worden. Wellsted hat diesen Ort als eine alte Opfer- oder Wallfahrtsstelle bezeichnet, aber keine Abbildung von den vorgefundenen Zeichen gegeben. Es ist Dr. Riebeck's Verdienst, dieser interessanten Oertlichkeit auf einem sehr anstrengenden Streifzuge, der ihn von Tamarid aus drei Tagereisen weit nach Westen und Südwesten führte, besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Er nahm Abschrift von den vorgefundenen Zeichen und brachte ein Stück der mit denselben bedeckten Steinplatte heim. Der Platz wird »Eriosch genannt und weist auf einer Strecke von 150 Schritt zahlreiche, in den harten und grobkörnigen Kalkfels mit großer Mühe eingehauene Zeichen und Schriftzüge auf. Leider sind die meisten infolge der horizontalen Lage durch den Einfluß der Witterung und der Tritte von Menschen und Vieh unkenntlich geworden; aber man erkennt noch einige zusammenhängende Reihen griechischer Schriftzüge, deren Erklärung bis jetzt noch nicht gelang. Jedenfalls gehören die Inschriften von Eriosch in die christliche Zeit, und es bleibt nur die Frage übrig, ob sie eher auf das nestorianische Persien als auf das koptische Ägypten und Abessinien hinweisen; denn auch hinsichtlich der Herkunft des Christentums auf Sokotra herrscht unter den Gewährsmännern der altern Zeit, wie Cosmas, Nicola Conti und den Portugiesen, mancher Widerspruch. Man kann annehmen, daß seit mehr als 200 Jahren jede Spur von Christentum aus der Insel verschwunden ist. Nicht neuern Datums können daher die Felsgräber sein, die man uns an verschiedenen Stellen der Insel ohne Widerrede für Schädelforschungen ausbeuten ließ. Heute bestatten die Sokotraner ihre Toten nach den Vorschriften des Islam und bezeichnen die Gräber durch Steinhaufen. Mit den Satzungen Mohammeds nehmen es die Bergbewohner übrigens nicht genau. Waschungen, Gebete u. dgl. werden von ihnen ebenso nachlässig beobachtet, wie es ihre afrikanischen Nachbarn tun, welche Hirten sind. Der Islam ist eine Religion, die sich nur innerhalb eines städtischen Lebens genau befolgen läßt. Die alten Gräber waren stets am Fuße einer Steilwand mit Benutzung natürlicher Höhlen angelegt, indem der Zugang durch angehäufte Steinblöcke geschlossen wurde. Räumte man diese hinweg, so konnte man nach Belieben unter den verschiedenen Skeletteilen auswählen. Eigentümliche rohgeschnittene, zylindrische Holzbecher oder -Näpfe fanden sich neben den Gebeinen aufgestellt, und zahlreiche Fetzen und Reste buntgefärbter Baumwollstoffe bewiesen, daß die Toten in ihren besten Kleidern bestattet worden waren. Nach Vincenzo, dem Karmeliter, besaß jede Familie ihre eigene Gruft. * Wir waren zu kurze Zeit auf Sokotra, um über Sitten und Gebräuche des seltsamen Volkes berichten zu können. Die merkwürdigen Begrüßungsformen, namentlich das gegenseitige Nasenwetzen, erinnern an die Sitten der südarabischen Bergbewohner. Wunderbare Vorstellungen verraten sich in gewissen Gebräuchen, von denen sie indes keine Rechenschaft zu geben wissen. Wird ein Stück Vieh geschlachtet, so greifen die Leute beim Zerlegen vor allem nach den Augen, schneiden dieselben heraus und legen sie beiseite, um das Fleisch ohne Schaden genießen zu können. Mit der Schwanzspitze einer Schlange streift man die Augen, was die Sehkraft stärken soll. Das Aussetzen alter Leute oder Sterbender, die in früheren Zeiten vorgekommenen Opfer durch Abhauen der Hände, der noch in christlicher Zeit gemeldete, offenbar der altarabischen Welt entlehnte Mondkultus und manche andere schwer erklärliche Eigentümlichkeiten ihres Geisteslebens würden einem dauernd unter den Sokotranern niedergelassenen Beobachter viel Stoff zu völkerpsychologischen Fragen darbieten. Der Hexenglaube scheint noch heute in Sokotra in Blüte zu stehen. Außer den Schauergeschichten der arabischen Seeleute trug der Dolmetscher, ein geborener Sokotraner, das seine dazu bei, unseren nubischen Dienern, die jedem Aberglauben huldigten, vollends die Köpfe zu verdrehen. Ich verweise auf bereits oben Gesagtes und auf die von mir geschilderte Begegnung mit jener Frau am Schehéli. Dr. Mantey, ein ausgezeichneter Arzt, der Dr. Riebeck in dieser Eigenschaft begleitete, hat in seinem Tagebuche eine darauf bezügliche Stelle: »Idris, der Koch, äußert seine Bedenken wegen der Ssachära (Hexen) auf Sokotra. Sie sollen den Reisenden anzulocken wissen, um ihn alsdann in einsamer Wildnis die Eingeweide auszureißen.« Bereits Marco Polo, der die Insel doch nur von weitem gesehen haben mag, hat seinem Haftgenossen im Kerker zu Genua die nachfolgende Stelle in die Feder diktiert. »Die besten Hexenmeister und Zauberer von der Welt sind auf Sokotra. Dieselben sollen den Wind nach ihrem Willen drehen und so Schiffbruch erzeugen.« Faria y Souza berichtet in seiner Geschichte der Eroberung Indiens, daß die Frauen auf Sokotra Hexenkünste anwenden, um die Fremden zu locken und zu fesseln, und auch der Pater Vincenzo erzählt, daß viele daselbst gewerbsmäßig Hexerei ausübten. Über den Charakter der Sokotraner läßt sich übrigens nichts Nachteiliges sagen; wenigstens haben weder wir, noch Professor Balfour im Jahre vorher, auch nicht die früheren Besucher Erfahrungen gemacht, die dagegen sprächen. Die auch gegen Fremde und Andersgläubige geübte Gastfreundschaft wurde seinerzeit von Wellsted ganz besonders hervorgehoben. Ich glaube bestimmt, es ist eine edle und zu allem Guten fähige Rasse. Da kein Raubtier auf der Insel vorhanden ist, dem der Mensch das Dasein streitig zu machen braucht, oder das durch Widerstand in ihm den Dämon der Gewalt weckt, überhaupt kein jagdbares Wild angetroffen wird, das den Geist der Habsucht wach zu rufen vermöchte, so gestaltet sich sein Wesen zu einem harmlosen. Außer dem von den arabischen Händlern erstandenen Messer führt der Sokotraner als einzige Waffe den Stock. Lanzen, Bogen und Pfeile sind völlig unbekannt, und Feuerwaffen befinden sich ausschließlich in den Händen der Trabanten, die der für einige Monate von Kischen herüberkommende Stellvertreter des Sultans um sich hat. Waren die Sokotraner auch scheu und zurückhaltend in ihrem Wesen, so haben sie uns doch nie, weder in Worten noch in Mienen, ihren Widerwillen ausgedrückt. Auch sind wir von Neugierigen in unserm Zeltlager wenig belästigt worden. Die Sicherheit war so groß, daß wir uns von unserm Lager in Keregnigi mit Zurücklassung des sämtlichen, oft nur von einem nubischen Diener bewachten Gepäcks und der Zelte für mehrere Tage entfernen konnten, ohne den geringsten Eingriff in unsern Besitz fürchten zu müssen. Von unverschlossenen Kisten und Kasten umgeben schliefen wir in unsern Zelten so sicher wie in einem wohlverschlossenen Hause. Nie ist uns das Geringste abhanden gekommen. Häufig unternahmen wir einzeln und allein, oft nur von dem einen oder andern der sich uns als Führer anbietenden Eingeborenen begleitet, weite Streifzüge in die Gebirge. Wo wir Leute bei den Höhlen, ihren einzigen Behausungen, antrafen, waren diese freundlich, und weder Frauen noch Kinder entflohen. Die Araber an der Küste sind hier wie die Türken in Nordafrika oder Vorderindien. Um ihren nominellen Einfluß auf die roheren Eingeborenen im Innern des Landes aufrechtzuerhalten, bedürfen sie als Bundesgenossen des Vorurteils gegen die Europäer. Die Unversöhnlichkeit des Islams kommt ihnen dabei zu Hilfe. So suchte denn auch der Vizesultan uns von einem Besuche des Innern abzuschrecken, indem er von Gefahren sprach, von denen hier niemand je etwas gesehen noch gehört. Als etwas Fürchterliches erzählte er uns, die Bergbewohner hätten auf die Karawane Balfours mit Steinen geworfen; aber der Genannte wußte davon nichts zu berichten. Die Haustiere der Sokotraner sind Rinder, Kamele, Schafe und Ziegen. Pferde und Hunde fehlen durchaus. Die Hauskatze findet sich spärlich nur bei den Arabern an der Küste. Der auch als Haustier hin und wieder gehaltenen Esel habe ich bereits gedacht. Hühner, das einzige zahme Geflügel, sind selten. Das Rind der Insel, meist rotbraun von Farbe, ist von mittelgroßem, muskulösem Wuchs und gleicht in allen Stücken dem europäischen. Es erinnert einigermaßen an den sogenannten Harzer Schlag. Das Höckerrind Indiens und Nordafrikas ist hier unbekannt. Der Wert eines Bullen betrug zu jener Zeit zwischen sechs und acht Talern. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist der Viehstand sehr groß. Schafe, stets hornloser Art, wie es bereits im Bericht des Agatharchides über die Insel der Glücklichen erwähnt ist, wurden uns an der Küste zwei für 1 ½ Rupien, dem Werte eines preußischen Talers entsprechend, geliefert. Die Kamele stehen an Güte den besten Syriens nicht nach und sind von großer Behendigkeit. Sie leisten im Klettern Unglaubliches und vermögen Steinstufen zu ersteigen und Blöcke zu überschreiten, die das menschliche Bein nur mit Anstrengung bewältigt. * Die Sokotraner Bergbewohner sind also ein ausschließliches Hirtenvolk. Viehzucht und die wenig mühevolle Gewinnung einiger Erzeugnisse der wilden Natur bilden die Grundbedingungen ihres Unterhalts. In kurzer Zeit hat der Sokotraner die Küste erreicht, um beim arabischen Händler, sei es gegen einen Schlauch voll Butter oder Aloësaft, sei es gegen einen Sack mit Drachenblut, die geringe Menge Reis einzutauschen, deren er mit den Seinen für das ganze Jahr bedarf. Als nebensächliche Zugabe erhandelt er noch ein paar Ellen Zeug, oder das arabische Messer, seine einzige Waffe und Schmuck. Hier macht sich der Welthandel mit seinen niedrigen Reis- und Kornpreisen, aber noch nicht der Weltverkehr fühlbar, mit den modernen Bedürfnissen, nach denen die Halbkultur an vielen Stellen so begierig greift. Kein böses Beispiel verlockt den abgeschiedenen, sich selbst überlassenen Inselbewohner. Er hat nicht nötig zu säen oder zu ernten; die Gaben des Waldes und der Überfluß seiner Milchwirtschaft decken alles, was er braucht. Hier ist noch ein Erdenwinkel unberührt geblieben von dem Fluch wie von dem Segen angelernter Bedürfnisse. Auch an Sokotra wird einmal die Reihe kommen. Dann wird der Naturmensch entweder gezwungen zur Arbeit, oder er muß untergehen, nachdem er alle kostenfreien Gaben der Natur erschöpft hat. Gegen die Verführung durch Branntwein und Schießpulver, diese hauptsächlichen Gärungsfaktoren im Zersetzungsvorgange der Völker, scheinen die Sokotraner leidlich geschützt: gegen den Branntwein als Hirtenvolk, gegen das Schießpulver, weil sie nicht Jäger sind und niemand ihr Dasein bedroht. Mehr als der Islam mit seinen strengen Satzungen erschwert das Hirtenleben die Gewöhnung an geistige Getränke. Wo Mohammedaner Ackerbauer sind, wie Türken und Ägypter, da sehen wir sie immer mehr diesem Einflusse erliegen, während Araber und hamitische Küstenbewohner, die ausschließlich von Viehzucht leben, davon fernbleiben. Von jeher waren dem Ackerbauer die Umwandlungsprodukte des Stärkemehls bekannt, er hatte seine bierartigen Getränke. Daher sehen wir die Neger mehr als andere Rassen dem Branntwein verfallen; und doch behaupten einige, er sei in Ermangelung von etwas Besserem eine große Prämie auf den Fleiß dieser Völker, die sonst müßig und unbewußt an dem Busen ihrer großen Mutter, der Natur, fortträumen würden in alle Ewigkeit. Plinius meint, vom Tier unterscheide sich der Mensch durch das Gift, denn nur er sei imstande, sich das Leben zu nehmen. Es war das eine jener weltschmerzlichen Anwandlungen, wie sie die in immer neue Phasen tretenden Anschauungen des Genius der Menschheit mit sich bringen. Der Mensch hat im Gegenteil die erhöhte Daseinsfreude, die Genußsucht vor dem Tiere voraus; er will mehr als einmal leben, und die Genußmittel, die gesteigerten Bedürfnisse können sich auch zum wahren Lehrmeister gestalten. Der Mensch erliegt ihnen oder er wird durch sie zu Höherem geführt. Daher sind die Wege des Handels nicht immer Wege des Verderbs und der Entsittlichung, sondern können auch die des geistigen Aufschwungs und der vermehrten Arbeit werden. Der Welthandel gibt und nimmt, er ernährt und läßt verhungern, er verödet Länder, um andere zu bereichern. Indem er die Völker des Erdenrundes miteinander in Verkehr setzt, läßt er die einen für die andern arbeiten. Die Bewohner der fruchtbaren Striche sollen für den Magen, die der minder von der Natur begünstigten für die Körperhülle und die übrigen Bedürfnisse sorgen. So verteilt, würde die Beteiligung aller an der Gesamtarbeit der Menschheit zur Folge haben, daß kein Fleck der Erdoberfläche als durchaus unbewohnbar erscheinen müßte, und der Vermehrung des Menschengeschlechts überhaupt kaum Grenzen gesteckt sein könnten. Aber die Gaben der Natur sind ebenso ungleich verteilt wie die Anlagen des Menschen, und gestatten nicht diesen idealen Zustand je denkbar erscheinen zu lassen. Vorderhand stehen unserer Kultur, d. h. der produktiven erzeugnisfähigen Menschheit, noch jene ausgedehnten Gebiete zur Ausbeutung offen, wo der von uns ausgebeutete Mensch, ohne wirklich arbeiten zu müssen, der Natur ihre Gaben entlockt. Da zeigt sich denn der Welthandel in seiner, wenn auch nur für einen gegebenen Zeitraum, zerstörenden Wirkung. Bei uns werden Wälder ausgerottet und der Fischreichtum des Meeres wird vernichtet; hier, vor den zu Schleuderpreisen an das unfruchtbare Gestade geworfenen Reissäcken, sinkt die Bodenhacke müßig aus der Hand des unerfahrenen Ackersmannes; anderwärts, vor dem gegen eine Hand voll Kautschuk aufgenötigten Bündel Messer, erlahmt der Steinhammer in der Faust des Negerschmiedes. Es verlohnt nicht mehr der Mühe zu arbeiten, wo Natur und Kunst miteinander wetteifern, der unmündigen Menschheit ihre Geschenke in den Schoß zu werfen. In noch höherem Grade zersetzend äußert sich der Einfluß des heutigen Verkehrs auf den Gewerbefleiß solcher Völker, die bereits einen gewissen Grad der Kultur besitzen, ohne den Wettkampf mit Erfolg bestehen zu können. So ist die Zeit nicht mehr fern, in der unsere ethnographischen Museen zu archäologischen, oder wenn man so will, zu prähistorischen sich gestalten werden. Indem auch auf diesem Gebiete, wie im physischen Laufe der Dinge, zerstörende und wiederaufbauende Kräfte sich die Wage halten, nimmt die Weltordnung ihren im wesentlichen ungeänderten Fortgang. * Nach dieser Abschweifung wäre noch zu berichten, was ich von den Daseinsbedingungen der Bewohner Sokotras ermitteln und beobachten konnte: Zweimal im Jahre tritt der Sokotraner mit der Außenwelt in Verkehr, wenn die arabischen Schiffe hier als einer Zwischenstation auf dem Wege zwischen Zanzibar und Maskat anlegen. Sechs bis zehn größere Segelbarken von 2–300 Tons Gehalt vermitteln diesen Handelsverkehr. Sie kommen von Zanzibar gegen Anfang Mai, kurz vor Einbruch der stürmischen Periode des Südwest-Monsun, und von Maskat, wenn der mildere Nordost zu wehen beginnt. Vereinzelt langen noch ab und zu indisch-arabische Barken an, von Bombay, Kuradschi oder Surat kommend. Der Verkehr mit der arabischen Südküste wird durch wenige Barken kleinster Art unterhalten, die dem Sultan von Kischen, dem Herrn von Sokotra oder einigen Kaufleuten von Makalla und el Schehr gehören. Zur Somaliküste bestehen keinerlei Beziehungen. Europäische Schiffe, so viele ihrer auch in nächster Sicht bei der Insel vorüberdampfen, meiden stets ängstlich ihre Küsten wegen Mangels an gesicherten Ankerplätzen. Glückliches Volk, diese Inselbewohner! Von immergrünen Höhen schweift ihr Auge über das Weltmeer, und Schiff auf Schiff, eine Rauchsäule nach der andern sehen sie an ihren Blicken vorüberziehen. Keins hält bei ihnen. So bleiben ihnen die unerfreulichen Erfahrungen im Verkehr mit Europäern erspart. Sobald aber der Bergbewohner der gewöhnlich zu einem Geschwader vereinigten Schiffe von Maskat und Zanzibar ansichtig wird, so eilt er zum Gestade hinab mit seinen im Laufe der Zeit aufgespeicherten Vorräten. In Tamarid und Galonsir, den einzigen Plätzen, wo die Schiffe haltmachen, beginnt nun für wenige Tage ein reges Marktgetriebe, um für die übrige Zeit einer förmlichen Friedhofsruhe zu weichen. Üppiges Unkraut wuchert später in den öden Gassen zwischen den arabischen Steinhäusern, und viele derselben bleiben leer stehen, da ihre Bewohner mit den Schiffen oft kommen und gehen. Fremd sind dem Bergbewohner die Begriffe von Geld und Geldeswert, da sie die angebotene Silbermünze nur zu dem Zwecke in Empfang nehmen, um daraus Geschmeide für die Frauen anfertigen zu lassen. Den Arabern an der Küste sind Rupien und Maria-Theresia-Taler genehm; Goldmünzen sind freilich so gut wie unbekannt. Dr. Riebeck wechselte beim arabischen Silberarbeiter in Tamarid einen großen Teil der während unserers Aufenthaltes im Gebirge verausgabten kleinen Silberstücke wieder ein, indem die Eingeborenen dieselben zum Einschmelzen dahin gebracht hatten. Seit nachweisbar fünf Jahrhunderten üben die Sultane von Kischen in Sokotra Hoheitsrechte aus; aber weit älter scheint ein solches Verhältnis der Abhängigkeit zu sein; denn im »Periplus« ist gesagt, daß die Insel dem Könige des Weihrauchlandes Untertan sei, und das steht an einer Stelle, die jeden Zweifel darüber ausschließt, daß das südliche Arabien gemeint sei. Die anscheinend so günstig für den Weltverkehr, halbwegs zwischen dem Schwerpunkt der indischen Welt und Suez, gelegene Insel war bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit, da der erste Vorschlag zur Errichtung einer regelmäßigen Dampferlinie aufkam, von der Ostindischen Kompagnie als Kohlenniederlage und wichtige Zwischenstation ins Auge gefaßt worden. Nachdem Sokotra im Jahre 1834 von Wellsted und Haines genügend ausgekundschaftet worden und der Sultan von Kischen zum Verkaufe der Insel nicht zu bewegen gewesen war, wurde sie im Jahre darauf vorübergehend von einer Truppenabteilung der Kompagnie besetzt, wobei aber schlimme Erfahrungen in betreff des Klimas gemacht wurden. Die indischen Truppen zogen nach einigen Monaten wieder ab. Es hatte sich mittlerweile ergeben, daß die Anlage eines dauernden Waffenplatzes daselbst große Kosten verursachen würde, namentlich da ein Hafen erst künstlich hätte angelegt werden müssen. Man zog es daher vor, das benachbarte Aden, von der Natur wie von der Geschichte seit alters zum wichtigsten Hafenplatz Arabiens vorausbestimmt, als denjenigen Punkt zu ergreifen, wo einer der Haupthebel der britischen Weltmacht anzusetzen sei. Dies geschah im Jahie 1839. Sokotra blieb nach wie vor die alte Eremitenklause der Menschheit, hart am großen ozeanischen Heerwege, bis im Jahre 1876 die Aufmerksamkeit der britischen Regierung von neuem darauf gelenkt wurde. Die Engländer berichten, im genannten Jahre sei Gefahr im Anzug gewesen, daß Sokotra von einer fremden Macht, worunter Deutschland gemeint ist, weggenommen werden könnte. Der politische Resident in Aden erhielt Befehl, ungesäumt ein Schiff nach Sokotra zu senden, und die Insel durch einen Vertrag mit dem Sultan dauernd an das britische Reich zu knüpfen. Kapitän Hunter, der gewandte Stellvertreter des Residenten und lange Zeit de facto der wirkliche Gouverneur von Aden, entledigte sich dieses Auftrages innerhalb weniger Tage und schloß mit dem Sultan-Stellvertreter auf Sokotra einen Vertrag ab, dahin lautend, daß der letztere allen Schiffbrüchigen Schutz und Hilfe verleihen, keiner andern Macht je Sokotra käuflich abtreten, es sei denn mit Zustimmung Englands, Ein Paragraph ähnlichen Inhalts pflegte in allen Verträgen wiederzukehren, die England damals mit allen arabischen Dynastien der benachbarten Küstenländer (Sansibar mit inbegriffen) abgeschlossen hat. und daß er dafür eine jährliche Unterstützung von 360 Maria-Theresia-Talern aus dem Schatzamte zu Aden beziehen solle. Der Mann, der bei meinem Besuch auf Sokotra den Sultan spielte, war ein Bruder des Sultans von Kischen und eine Art Mitregent. Der Herr von Kischen ist als einer jener Duodezdynasten zu bezeichnen, die dutzendweise an der Südküste von Arabien zwischen Aden und Maskat saßen und durch die Bank vermittelst eigener Verträge mit der britischen Regierung damals verbündet waren. Wie arm Sokotra ist, ersieht man aus den Einkünften, die es dem Sultan abwirft; denn außer den 360 Talern britischer Subvention erhob er daselbst alles in allem gegen 2000 Taler Abgaben. Seine einzige Gegenleistung für die Subvention schien darin zu bestehen, daß er beim Besuche von Europäern in Tamarid die britische Flagge auf die Zinnen seines mit einem großen Kalkofen zu vergleichenden Schlosses hißte. Gegen uns war er ungemein vornehm und zurückhaltend, obgleich die Riebeck'sche Expedition seine gewöhnlichen Einnahmen fast verdoppelt haben muß. Von einer tatsächlichen Beaufsichtigung seitens der Engländer war auf Sokotra übrigens nichts zu spüren. Kein Regierungsbeamter, nicht einmal ein Farbiger war anwesend, und der Empfehlungsbrief des Residenten von Aden, den wir dem Sultan zu übergeben hatten, war mehr in Ausdrücken der Freundschaft als in solchen der Bevormundung abgefaßt. V. Ein alter Staudamm aus der Pyramidenzeit (Hierzu Abbildungen Tafel XII und XIII) Unter den fremdartigen Eindrücken, die die Wüste gewährt, verwirrt nichts in so hohem Grade das Auge des Beschauers als das flimmernde Einerlei der Lichterscheinungen, die es von allen Seiten bestürmen. Ob sie Fels- oder Sandwüste, oder ob Gerölle sie bedecken, gleichviel ob gekleidet in das blende Gewand weißer Kalkfelsen oder in jene »braune Witwentracht«, die Freiligraths dichterisches Ahnen so glücklich erfand, immer versagt das gewöhnliche Auge in ihr seinen Dienst als Distanzmesser: Nah und fern verschwimmen ins Ungemessene, und selbst die besten photographischen Apparate sind nicht imstande, unserer unzulänglichen Unterscheidungskraft durch das gewährte Bild zu Hilfe zu kommen. Die Wüste erweist sich eben als die große Schaubühne der optischen Täuschungen, und gewiß ist, daß nur das Auge ihrer ureingesessenen Bewohner über ein vollkommeneres und besser geschultes Akkommodationsvermögen verfügt Diesem Umstande hatte ich es zuzuschreiben, daß mir in der Umgegend von Kairo in einem wiederholt besuchten Tale lange Zeit ein interessanter Fund entgangen war, bis ich einst, auf dem Heimwege begriffen, als die Sonne bereits tief stand und grelle Schatten alle Gegenstände in deutlicherer Gestalt hervortreten ließen, wie zufällig zu ihm gelangte. Diese von mir 1885 gemachte Entdeckung betraf einen merkwürdigen Bau aus sehr alter Zeit, und ich will im nachstehenden versuchen, durch Wort und Bild von ihm eine Beschreibung zu geben. Elf Kilometer im Südost von Heluan, der wegen seiner Schwefelquellen und als Luftkurort vielbesuchten Villenstadt in der Nähe Kairos, hatten die alten Ägypter in einem Tale, das heute den Namen Uadi Gerraui führt, ein gemauertes Stauwerk zu dem Zwecke aufgeführt, um die in regenreichen Wintern von den höher gelegenen Plateaustufen der östlichen Gebirgswüste oft mit großem Ungestüm herabkommenden Wassermassen aufzufangen und das von steilen Felswänden eng eingeschlossene Talbett auf eine weite Strecke zu einem dauernden Sammelbecken zu gestalten. Das Uadi Gerraui hat seine Austrittsstelle sieben Kilometer in Süd von Heluan und verliert sich dort in der sterilen Bodenfläche von Kies, Sand und zerkleinertem Trümmergestein, die sich in dieser Gegend am östlichen Rande des Kulturlandes in einer Breite von vier bis fünf Kilometern hinzieht. Zahlreiche Täler gleicher Art und von so ähnlichem Aussehen, daß ein Wiedererkennen der örtlichkeit hier nur dem Geübten ermöglicht ist, durchschneiden in der Richtung von Ost nach West die unregelmäßig zerrissenen, aber meist in sehr gleichmäßigen Horizontallinien sich abstufenden Kalkplateaus der östlichen oder ägyptisch-arabischen Wüste. Unter diesen würde das Uadi Gerraui, dessen Längenausdehnung ungefähr fünfundzwanzig Kilometer beträgt, als ein Tal dritter Größe zu bezeichnen sein. Es ist der Typus eines Erosionstales und bietet auf weite Strecken, namentlich oberhalb des alten Stauwerks, die charakteristischen Formen des Eingesägtseins der Talrinne in das weiche weiße Kalkgestein. Unablässig nagen die periodisch-ephemeren Wasserzüge des Winters an dem Boden des Talgrundes, der sich in einer Breite von nirgends unter fünfzig Metern zwischen senkrechten Uferwänden von zwanzig, ja oft von dreißig Metern Höhe in Kurven- und Bogenwindungen von eigentümlicher Regelmäßigkeit hinzieht, dann wieder auf weitere Strecken geradlinige Formen anstrebt und an solchen Stellen mit den Dimensionen einer Berliner Straße sich wie der trockengelegte Schiffahrtskanal einer Isthmusdurchstechung ausnimmt. Bei diesem beständigen Sägen und Nagen ist indes in der Wüste das Wasser allein nicht beteiligt; der Wind; die chemische Zersetzung, die Temperatur- und Sonnenwirkungen und noch viele andere Faktoren bedingen hier ein Zusammenwirken aller Atmosphärilien, das durch unentwegte Stetigkeit an seinem schließlichen Ergebnis den Hauptanteil hat und bei allen Veränderungen der Bodenplastik eine hervorragende Rolle spielt. Der Zahn der Zeit hat denn auch, und zwar bereits vor undenklicher Zeit, das in seiner Anlage so solid und unverwüstlich beabsichtigte Stauwerk im Uadi Gerraui zerrissen und auf den am übriggebliebenen Mauerrest noch sichtbaren Steinen seine Spuren hinterlassen, die unverkennbar das höchste Altertum bekunden. An dieser Stelle sei gleich einer für die Beurteilung des alten Stauwerks sehr wichtigen Frage vorgegriffen, nämlich der in betreff einer etwaigen Klimaveränderung Ägyptens in historischer Zeit. Hervorragende Geologen sind noch bis vor etwa dreißig Jahren bemüht gewesen, für eine solche Annahme mit dem Vollgewicht ihrer Autorität einzutreten. Anders als durch Wasserfluten und große Ströme wußten sie sich diese eigentümlichen Wundergebilde nicht zu erklären, die durchrissenen und abgespülten Felswände oder die ausgehöhlten Talkessel, dann jene »Zeugen« genannten isolierten Überreste verschwundener Schichten, die, gegenwärtig wie Inseln aus dem geebneten Wüstenterrain emporragend mit ihren Spitzen und Scheitelhöhen das Niveau der ehemaligen, durch die Denudation verschwundenen Horizonte andeuten. Derartigen Phänomenen der Geotektonik gegenüber, wie sie gerade in der Umgebung des Uadi Gerraui so auffällig in die Augen springen, waren sie ratlos. Erst durch Johannes Walther und seine epochemachende Schrift über die Denudation in der Wüste ist dieser veraltete Standpunkt überwunden und unwiderruflich der Nachweis geführt worden, daß zur Erklärung dieser Wüstenformen keine anderen Kräfte herangezogen zu werden brauchen als diejenigen, die wir noch heute in denselben Gebieten wirksam sehen. Übrigens kennt jeder Bewohner von Heluan aus Erfahrung die zerstörende Kraft, die den Regenfluten der Wüste innewohnt, so selten sie sich auch einstellen und von so kurzer Dauer sie sonst auch sein mögen. So hatte es, um ein Beispiel anzuführen, am 6. Januar 1893 in der Umgegend von Heluan sehr stark geregnet. Das Uadi Hof, ein Tal zweiter Größe von vierzig Kilometern Länge, das vier Kilometer im Norden der Stadt aus dem Gebirge heraustritt, führte mehrere Stunden hindurch Wasserfluten in einer Höhe von einem Meter und von zwanzig Meter Breite. Diese zerstörten den ohne Durchlaß gebauten Eisenbahndamm und unterbrachen für einige Tage die Verbindung mit Kairo. Man kann die an jenem Tage dem Nil zugefügte Wassermasse in der Mindestschätzung auf 600 000 Kubikmeter berechnen. Ein solches Volumen hätte ausgereicht, um die durch das alte Stauwerk abgesperrte Strecke im Uadi Gerraui in einer Länge von fünf Kilometern auf anderthalb Meter anzufüllen. Allerdings können in diesen Gegenden manchmal einige Jahre vergehen, ehe derartige Regenfluten wiederkehren, andererseits aber genügt auch eine einmalige Füllung der Felsenbecken, wenn sie ohne Spalten und Risse sind, um das Wasser mehrere Sommer hindurch in Vorrat zu halten, wie das in dem Felsenschacht eines dicht bei Heluan gelegenen Steinbruchs zu sehen ist, wo die Arbeiter sich jahrelang des besten Trinkwassers erfreuen. Zu einem ähnlichen Zweck ist nun offenbar auch das alte Stauwerk angelegt worden. Seine Größenverhältnisse, sowie die auf die Herstellung verwandte Sorgfalt lassen auf eine lange Dauer derjenigen Arbeiten schließen, die hier von der Anlage Vorteil ziehen sollten. Es drängt sich daher die Frage auf, welcher Art diese Arbeiten gewesen sein mögen, die eine große Anzahl von Menschen in Anspruch genommen haben müssen; denn daß das Stauwerk zu Bewässerungs- und Kulturzwecken hergestellt worden ist, scheint aus vielen Gründen ausgeschlossen, namentlich auch aus dem, daß sich hier nirgends Spuren von Leitungskanälen nachweisen ließen. Bei der großen Tätigkeit, die zu der Zeit, da die Riesenbauten des alten Reiches in den Himmel wuchsen, diese Wüsten belebt haben muß, darf man zunächst die Steinbrüche in Betracht ziehen. Nun finden sich zwar südlich von den Steinbruchshöhlen von Maassara (sechs Kilometer im Norden von Heluan), jenen großen Vorratskammern von Pyramidenmaterial, keine ähnliche Werkstätten mehr am Rande der östlichen Wüste vor, es finden sich aber Überbleibsel von Alabasterbrüchen, und gerade das Uadi Gerraui ist es, das solche oberhalb des Dammes in unzweideutigem Zusammenhange mit dieser Anlage zur Schau stellt. Wenn man am südlichen linken Rande des Uadi Gerraui in gerader Linie nach dem Osten geht, auf einen Vorsprung zu, den die Felsabstürze bilden, wo sie die obere Begrenzung des Tales auf der Südseite darstellen, so entfernt sich die zwischen den unteren Steilwänden eingeschlossene Sohle nordwärts in einem weiten hufeisenförmigen Bogen, dessen Sehne einen Kilometer beträgt. Wenn man nun zu einigen Vorstufen und Schutthalden emporsteigen will, die unter der genannten Ecke vorgelagert sind und wo man gleich darauf wieder am Abhange des unteren Talrandes steht, so wird man eine Rampenanlage gewahr, die den Weg in deutlicher Weise markiert. Auf dieser Rampe, zwei Kilometer vom Stauwerk entfernt, sind die Blöcke befördert worden, deren Fortbewegung am südlichen Rande des Taleinschnittes bis zur Erreichung des Niltales sonst nichts im Wege stand. Daß es sich bei dieser Rampe nicht um den ausgetretenen Kamelweg einer jener zahlreichen Gipskarawanen handeln kann, die man heute noch aus den entfernteren Wüstenteilen alltäglich nilwärts ziehen sieht, geht aus den sorgfältig geschichteten Blöcken und Steinlagen hervor, die sie stützen und die sich auf der felsigen Unterlage noch erhalten haben und nach ihrem Aussehen auf eine sehr alte Anlage schließen lassen. Zwei Kilometer hinter dieser Rampe gelangt man dann, oben am Talrande weitergehend, zu einer der am besten erhaltenen Ausbeutungsstellen des Alabasters am Absturz der südlichen Wand. Die umherliegenden Trümmerstücke dieses Gesteins, das man in den Klüften und Spaltungen der anstehenden Kalkfelsen abgelagert findet, beweisen zur Genüge das Vorhandensein eines ehemaligen Betriebes an dieser Stelle. Ähnliche Vorkommnisse wiederholen sich in dieser Gegend noch an vielen Stellen des Tales, doch will ich den Leser mit ihrer Aufzählung nicht weiter ermüden. Es verdient aber an dieser Stelle besonders darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß der Natur der Verhältnisse gemäß die heute noch vorhandenen Bruchstücke und Trümmer nicht in solcher Massenhaftigkeit dargeboten erscheinen, daß man sofort von einer daselbst stattgehabten Verwendung großer Scharen von Arbeitern überzeugt wird; man muß eben bedenken, daß das unablässig zerstörende Werk der Erosion im Laufe so vieler Jahrhunderte die meisten Stücke zerstört und hinweggeräumt hat, und daß auf der glatt wie ein Tisch reingescheuerten Sohle des Rinnsals, wie auch an den Gehängen der Talwand durch sie alle Spuren der ehemaligen Sprengarbeit längst verwischt worden sind. Solche alte Alabasterwerke finden sich auch in anderen benachbarten Tälern dieser Gegend, und bei genauer Durchforschung aller Örtlichkeiten wird es vielleicht noch einmal gelingen, Inschriften ausfindig zu machen, die von dem alten Betriebe Zeugnis liefern, wie die in den Steinbrüchen von Maassara erhalten gebliebenen Steinurkunden. Ein interessanter Fund, den ich im oberen Uadi Hof, in gerader Linie zwölf Kilometer ostöstlich von seiner Austrittsstelle entfernt, zu machen das Glück hatte, mag diese Hoffnung als eine berechtigte erscheinen lassen. Wer den Versuch machen will, vom Uadi Gerraui, von der Stelle des alten Alabasterbruchs aus, in gerader Linie sechs Kilometer weit in der Richtung nach Norden, etwas zu Westen, durch die Wüste zu gehen, wird nach Überschreitung des dazwischen liegenden Uadi Risched zu einer die Gegend weit beherrschenden isolierten Berghöhe gelangen, einem »Temoin«hügel größter Art. Hinter ihm geht in einer tiefen Schlucht das Uadi Hof im Bogen herum, und an seinem Rinnsal, dicht unter dem Fuß jener Berghöhe, findet man eine mit Alabaster überzogene fast senkrechte Felsmasse anstehend. In diese glatte, aber sehr geschwärzte Alabasterplatte ist mit Umrißlinien die siebzig Zentimeter hohe Figur des Ptah eingemeißelt und darüber die Hieroglyphenschrift erkennbar, die besagt: »Ptah, der Herr.« Der Kopf ist durch kleine Meißel- oder Hammerhiebe in neuerer Zeit unkenntlich gemacht worden und erscheint wie punktiert. Man erkennt aber aus der Rundung, daß er die übliche flache Kappe trug, die.zu den Attributen des Gottes gehörte. Am Nacken ist der Halsschmuck des Ptah sichtbar, die Hand hält das lange Zepter. Die ganze Zeichnung und die Schrift verrät eine unkundige Hand, wie wenn ein gewöhnlicher Steinarbeiter sie ausgeführt hätte. Das Fußende der Figur kommt heute vierzig Zentimeter über dem Niveau des hier völlig ebenen Talgrundes zu stehen, indes ist die örtlichkeit nicht eine derartige, daß man an dieser Stelle eine im Laufe der Zeit stattgehabte starke Talaufführung anzunehmen hätte. Dieses in einem dem alten Memphis gerade gegenüberliegenden Tal erhaltene rohe Götterbild stammt gewiß aus einer sehr frühen Epoche. Ptah, mit seinem Apis, war die alte Gottheit von Memphis und stand an der Spitze des ersten Götterkreises. Die Griechen identifizierten ihn mit ihrem Hephästos (Vulkan), dem Gott des Feuers und der Künste. Auch an dieser Stelle ist der Alabaster im Altertume abgebaut worden, wie zahlreiche Bruchstücke verraten, sowie die uralten dicken Tonscherben mit von der Zeit benagten und völlig abgerundeten Kanten, die hier wie im oberen Uadi Gerraui zwischen den Alabasterscherben liegen. Der Alabaster tritt in den eozänen ägyptischen Kalkgebirgen in mannigfaltiger Gestaltung auf, meist als Spaltausfüllung der Klüfte, deren Wände mit spatigen Ausscheidungen überzogen wurden. Die Gange, die hier mehr oder minder senkrecht verlaufen, erreichen häufig eine Dicke von einem Meter und darüber. Der ägyptische Alabaster ist übrigens kein Alabaster in gewöhnlichem Sinne, kein spatiger Gips, sondern kohlensaurer Kalk und als Mineralmasse nicht verschieden von den Stalaktiten, die sich an wasserreichen Höhlen bilden, wie ich solche auch in der östlichen Wüste Ägyptens, im Galala-Gebirge, z. B. im Uadi Natfe, zu beobachten Gelegenheit fand. Der ägyptische Alabaster teilt also mit anderen altberühmten Gesteinsorten des Landes das Mißgeschick, in dem Sinne der heutigen mineralogischen Nomenklatur nicht mehr das zu sein, was er ist und worauf doch der alte Name das erste Anrecht erteilen sollte. Auch der Porphyr, der alte rote, soll nach heutiger Fassung kein echter Porphyr mehr sein, das Gestein von Syene kein Syenit, sondern Granit usw. Dieser Kalkalabaster ist gewöhnlich sehr grobkörnig und von ungleicher Dichtigkeit, teils rein weiß oder fleckig gelblich, wie man das an den Säulen der Alabastermoschee der Zitadelle von Kairo sehen kann. Es finden sich aber auch ganz feinkörnige und rein weiße Sorten, wie sie zu allen Epochen der ägyptischen Geschichte zu Vasen (Kanopen) und kleinen Gefäßen, namentlich zu kosmetischen und zu Toilettengegenständen verarbeitet wurden. Nach Plinius hätten sich die Salben und Mixturen in den Alabastertöpfen am besten erhalten, ohne zu verderben. Große Blöcke dieses Materials scheinen aber vor Mehemed Ali hauptsächlich oder vielleicht ausschließlich im alten Reiche Verwendung gefunden zu haben, wie das die zahlreichen Bruchstücke bezeugen, die man im Umkreise der zweiten (Chefren-) Pyramide findet. Wenige Schritte in südöstlicher Richtung von der Sphinx ist dort auch der sogenannte »Quaderbau« zu bewundern, angeblich die älteste ägyptische Tempelanlage und von Mariette im Jahre 1853 entdeckt. Dieser großartige »Torbau des Chefren«, aus dessen sandverwehten Räumen einige Statuen des Chefren ans Tageslicht gezogen wurden, und in dem man den von diesem Könige gegründeten Tempel der Sphinx vermutet, ist aus dem Kalkfels des Pyramidengrundes ausgeschachtet und an seinen Wänden sowohl in den Gängen wie auch in den Kammern und Nischen teils mit Granit-, teils mit Alabasterblöcken von riesigen Dimensionen und beispielloser Vollendung ausgekleidet. Diese polierten Blöcke erreichen zum Teil eine Länge von über vier Metern. Ob Blöcke von ähnlicher Größe in späteren Epochen der älteren Geschichte überhaupt noch Verwendung gefunden haben, ist mir unbekannt, und Prof. A. Ermann hat wohl mit Recht in Zweifel gezogen, daß die inschriftlich erwähnte Kolossalfigur eines Dhuthotep genannten Fürsten aus dem mittleren Reiche, die eine Höhe von 6,5 Meter gehabt haben soll, wirklich aus Alabaster geformt gewesen ist, wie der Text besagt. Wahrscheinlich erscheint es auch, daß die mineralogischen Kunstausdrücke der alten Ägypter noch nicht hinreichend aufgeklärt worden sind. Es werden auch Sarkophage aus Alabaster erwähnt. Einen solchen größter Art soll das Soane-Museum zu London beherbergen. Letzterer gehört aber wohl einer späteren Zeitepoche an. Die wichtigsten Alabasterbrüche waren indes bis auf die neueste Zeit in der Gegend östlich von Benisuef (im Uadi Moathil) und am östlichen Gebirge gegenüber der Strecke des Niltals von Melaui bis Assiut in Betrieb. Das alte Alabastron, das Brugsch mit dem alten Namen Hasuten identifiziert, und nach dem Ptolemäus diesen Teil des Gebirges benannte (Alabastrites), lag bei Tel-el-Amarna, am rechten Nilufer zwischen Derut und Melaui. Es könnte gegen meine Annahme eines im Uadi Gerraui befindlichen Alabasterbruchs in großem Maßstabe der Einwand erhoben werden, daß die Blöcke des Sphinxtempels aus jenen vorhin erwähnten südlicheren Steinbrüchen Ägyptens hergenommen sein konnten, denn so gut, wie man in den ältesten Zeiten bereits große Granitblöcke von Syene herbeizuschaffen wußte, ebenso wird man auch zur Beschaffung des Alabasters sich nicht von Vorzügen der näheren Lage seiner Steinbrüche habe leiten lassen. Nun ist aber der Alabaster nirgends in solcher Mächtigkeit abgelagert, daß sich Blöcke von den in dem Quaderbau des Chefren dargebotenen Dimensionen mit Leichtigkeit an ein und derselben Stelle herausschlagen lassen. Es bedurfte jedenfalls eines mühsamen Nachsuchens und Schürfens nach den geeigneten Vorkommnissen, und man wird die einzelnen Blöcke wohl an räumlich sehr verschiedenen Stellen ein und desselben Bezirks gewonnen haben. In den nach Aussage der Ägyptologen auf Alabaster gedeuteten Angaben der alten Inschriften sind überdies ganz verschiedene Namen von Örtlichkeiten angeführt, an denen dieses Gestein ausgebeutet worden sein soll. Vieles bleibt in bezug hierauf noch unklar und zweifelhaft. Der vorhin erwähnten Rampe ist bereits als eines Beweismittels für die Annahme des dortigen Massenbetriebs der alten Alabasterausbeutung gedacht worden, ich habe aber noch einer anderen alten Weganlage Erwähnung zu tun, deren Spuren weiter unterhalb im Tal, 8,5 Kilometer vom Stauwerk, an den Tag treten und die zu den Alabasterwerken in Beziehung gestanden zu haben scheint, wenn auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß diese Fahrstraße einer weit jüngeren Epoche angehört habe. Nördlich von der Austrittsstelle des Uadi Gerraui in die Ebene des Niltals finden sich in geringem Abstande von der in derselben Richtung nach Nordwesten gekehrten Austrittsstelle des Uadi Risched, gleichsam seinem linken südlichen Ufer folgend, Reihen von sehr verwitterten Steinlagen, die eine breite Fahrstraße einzusäumen scheinen. Im übrigen verraten die einzelnen Gesteinstücke, wo sie die Oberfläche bedecken, eine seit unendlich langer Zeit unverrückte Lage. Diese Steinlagen lassen sich in gerader Linie auf eine Strecke von 1,5 Kilometern aufs deutlichste verfolgen, und (ein Umstand, der besonders dabei in die Augen springt) ihre Richtung geht gerade auf die große Pyramide zu. Es drängt sich hierbei unwillkürlich die Vermutung auf, daß die zur Einschiffung nach den großen Bauplätzen der Westseite bestimmten Blöcke auf diesem nächsten Wege bis an den Nil gebracht worden seien. Nachdem ich aus dem örtlichen Befund der Umgebung alles hervorgehoben habe, was einiges Licht über den Zweck des Stauwerkes zu verbreiten imstande ist, sei nunmehr über den gegenwärtigen Zustand seiner übriggebliebenen Reste berichtet. Die untere Talrinne des Uadi Gerraui, das an dieser Stelle nach Westnordwesten gerichtet ist, hat beim Stauwerk eine Breite von sechsundsechzig Metern zwischen Felswänden von zwölf bis fünfzehn Metern Höhe. Weiter oberhalb ist sie tiefer eingeschnitten. Oben am Rande sind die Talufer auf weite Strecken durchaus eben, von Ebenen umsäumt, und erst in einem weiten Abstande ziehen sich in sehr ungleichartig zerrissenen Linien, mit allerhand Vorsprüngen und Winkeln die Steilabstürze der höheren Plateauteile hin, die in Abständen von einem bis zwei Kilometern die äußere Umrahmung des Tals darstellen und das Rinnsal um mindestens hundert Meter überragen. Der Grund der Talsohle ist fast überall vollkommen eben, oft durchaus geglättet. Beim Stauwerk besteht die Sohle aus Felsplatten, auf denen loses Steingeröll und Steintrümmer ausgebreitet sind. Fast in der mathematischen Mittellinie zieht sich durch die Talsohle eine schmale zentrale Rinne, die in die Felsplatten, auf denen die untersten Bruchsteine des alten Mauerdammes ruhen, zwischen zwei und drei Meter tief eingeschnitten erscheint und das langsame Zerstörungswerk der seit der Durchreißung des Dammes stattgehabten Erosion vor Augen führt. Da in Ägypten bisher noch kein Stauwerk aus den älteren Epochen des Landes bekannt oder beschrieben wurde, beanspruchen die Einzelheiten des Baues ein erhöhtes Interesse. Der Damm hatte zwischen den Talwänden, mit denen er in gleicher Höhe geführt wurde, oben eine Länge von 80 Metern, seine Basis betrug, der Talsohle entsprechend 66 Meter, dabei war seine Höhe 10,25 Meter. Die Breite oder Dicke des Dammes betrug 45 Meter. Das Stauwerk vermochte, wenn bis oben gefüllt, eine Wassermasse von ungefähr viertehalb Millionen Kubikmeter aufzunehmen. Es ist aber vorauszusetzen, daß das Wasser in ihm schwerlich jemals mehr als zwei Meter gestanden hat, und alsdann wäre die Masse nicht viel über 600 000 Kubikmeter gewesen, ein Vorrat, mit dem zur Bewässerung von Ländereien nicht viel anzustellen war. Hinsichtlich der Zusammensetzung seiner Masse bestand der Damm aus zwei Teilen. Die der Stromrichtung zugekehrte Hälfte war aus Bruchsteinen aufgeschichtet und mit einem Mantel von treppenartig ansteigenden zugehauenen Steinblöcken bedeckt, der gegen die zu erwartenden Regenfluten Front machte. Die vordere, talabwärts schauende Hälfte stützte die hintere durch angehäufte Massen von Tonmergel und Steintrümmern, die den Schutthalden der Talwand entnommen waren. Vom ganzen Bau sind, wie man das an der Abbildung hinten noch sehen kann, an beiden Talwänden zwei Überbleibsel stehengeblieben, von denen das auf der Nordseite das Mauerwerk in seiner ursprünglichen Gestalt noch deutlich erkennen läßt. Das nördliche von diesen zwei übriggebliebenen Dammstücken ist oben 17,4 Meter, das südliche 19,2 Meter lang. Der Zwischenraum zwischen beiden, der durch die Talerosion fortgetragene Teil des Dammes, beträgt 40 Meter. Am nördlichen Dammrest lassen sich noch zweiunddreißig im Zusammenhang befindliche Stufen unterscheiden, die in einem Neigungswinkel von 45 Grad emporstreben. Nach oben zu erscheint diese Stufenreihe etwas gebogen, in der Böschungslinie gewölbt, was sich auch an der diesen Teil genauer illustrierenden Abbildung erkennen läßt. Ich vermochte indes nicht zu ermitteln, ob diese Wölbung im oberen Teil der Außenseite des Baues ursprünglich beabsichtigt gewesen ist, oder ob sie als die Folge eines Einsinkens der Bruchsteine zu betrachten wäre, die als Hauptmasse des Dammes bestanden und die dadurch, daß sie sich sackten, ein Zurückweichen der höheren Stufenlagen bewirken konnten. Die den Stufenmantel des Dammes bildenden Hausteine haben die Dimensionen: 0,4 Meter Länge, 0,3 bis 0,28 Meter Höhe, 0,5 bis 0,6 Meter Tiefe. Es sind also breite, ziemlich flache Steine, die mit der kurzen Fläche nach außen liegen. Der Mehrzahl nach bestehen sie aus dem weißen, sogenannten milden Kalkgestein der der Nummulitenformation angehörenden umliegenden Felshöhen. Es ist von einer sehr mürben, kreideartigen Beschaffenheit, von blendendem Weiß, fast ohne Fossileinschlüsse und in hohem Grade kochsalzreich . Dieser letzte Umstand, der Salzgehalt, bedingt in erster Linie ein Phänomen, das sich in den Wüsten Ägyptens überall, wo Kalkfelsen anstehen, in ganz hervorragender Weise den Blicken des Beschauers aufdrängt und das gerade an diesen zugehauenen Steinen des Dammes in sehr charakteristischer Weise zur Geltung kommt. Ich meine das Phänomen der Bildung dunkelgefärbter Schutzkrusten und der Schattenverwitterung, Vorgänge, die beide zum erstenmal von Professor Joh. Walther ausführlich erörtert und begründet worden sind, wennschon die chemische Erklärung derselben noch viele Fragezeichen aufweist. Die wunderbaren Gestalten, wie sie namentlich die Kalkfelsen in diesem Wüstengebiete annehmen, z. B. die Blöcke mit pilzförmig vorspringenden Kappen, die hängenden Gesimsplatten und die wie Hohlkehlen ausgeschweiften Böschungen, die überall an senkrechten Felswänden entstehen und endlos mit wunderbarer Regelmäßigkeit sich an den mauerartigen Talböschungen hinziehen, sind das Ergebnis dieser Vorgänge. Die Schutzkrusten bilden sich in der Mehrzahl der Fälle an den horizontal ausgebreiteten Teilen der Felsmasse. Auf diesen gehen verschiedene Prozesse einer natürlichen Zementbildung vor sich, wobei der nächtliche Taufall, gelegentlicher Sprühregen, dann der herangewehte Tonstaub und schließlich die intensive Besonnung der Reihe nach mitwirken, um eine erhärtete Oberfläche zu erzeugen, die außerdem durch die im Tonstaub enthaltenen Mangan- und Eisenteile, indem diese Salze bilden, eine dunkle, oft schwärzliche, gewöhnlich hellbräunliche Färbung erhält. Meines Erachtens ist aber die vorhergegangene Drainage dieser dem Winterregen besonders exponierten Teile die erste Bedingung zu dem oben angedeuteten Prozeß, weil sie der oberflächlichen Felsmasse das in ihr enthaltene Kochsalz entzieht, da letzteres die Erhärtung durch das von ihm erzeugte Abblättern hemmen würde. In diesem Abblättern nämlich besteht die Haupttätigkeit der Schattenverwitterung. Der Wüstenbesucher kann den bei uns in Europa nirgends seinesgleichen findenden Naturprozeß zu jeder Zeit und allerorten beobachten. Er braucht nur an eine jener vorhin erwähnten hohlkehlenartig ausgewitterten Gesimsbrüstungen der Felswände heranzutreten, deren oftmals weit überhängende Schutzkrusten ihm, wenn die Sonne am höchsten steht, schattige Rastplätze gewähren. Der Beobachter wird dann gewahr, daß papierdünne Plättchen sich von der Oberfläche der Wand ablösen, die nur des leisesten Anstoßes bedürfen, um zu Boden zu fallen, wo sich immer eine Menge dieser Kalkplättchen angesammelt haben, um dann schließlich vom Winde hinweggeblasen zu werden. Diese Plättchen lösen sich dadurch von der Masse los, daß die Luftfeuchtigkeit, die auch in minimalsten Bruchteilen wirksam ist, bei Nacht sowohl als auch an beschatteten Stellen bei Tage vom Kochsalz der Kalkoberfläche aufgesogen wird und eine Volumenzunahme der betreffenden Partikelchen zur Folge hat. Diese Ausdehnung weicht einer Zusammenziehung, sobald die Sonne auf die Felswand fällt und das Kochsalz gezwungen wird, sein tropfbares Naß wieder an die Luft abzugeben. Letzteres erfolgt auch an sehr heißen Sommertagen oder bei eintretenden Chamsinwinden, wo die der Wüstenluft niemals ganz fehlenden Feuchtigkeitsmengen auf das äußerste Minimalmaß herabzusinken pflegen. Das Kochsalz ist gleichsam der Lebensnerv der mineralogischen Wüstenwelt, denn es haucht ihren starren Formen Bewegung ein. Kalk- und Gipsspate scheinen oft seinen Spuren zu folgen. Ich selbst habe kleine vegetabilische Substanzen gesehen, winzige Strohpartikelchen und dergleichen, die wahrscheinlich durch einen am Salze haftenden Tropfen ursprünglich festgehalten worden waren, um dann nachträglich inkrustiert und dem Gestein für immer einverleibt zu werden. Kochsalzhaltiges Wasser löst mehr Gips als reines. Auf der Fähigkeit des Kochsalzes, an beschatteten Stellen und zur Nachtzeit tropfbare Feuchtigkeit aus der Atmosphäre an sich zu ziehen, beruht eine ganze Reihe von Vorgängen, die für die Wüstenbildungen und Umbildungen maßgebend sind, deren Erörterung aber hier zu weit führen würde. Es genügt hervorzuheben, daß die einzelnen Steine des Stufenbelags am alten Stauwerke im Uadi Gerraui sowohl an ihrer freiliegenden horizontalen Außenseite mit einer dunkelbraun gefärbten und stark erhärteten Schutzkruste umgeben sind, als auch im Innern vollkommen ausgehöhlt und ausgewittert erscheinen, durchaus hohlen Zähnen vergleichbar. Zwischen den ausgefressenen Steinen finden sich am alten Mauerwerk aber andere, die in ihrer Gestalt unverändert geblieben sind und ringsum glatte Flächen zu erkennen geben, das sind diejenigen Stücke, die aus gewissen Schichten von Kieselkalk gebrochen worden sind, die sich in diesen Gebirgen überall wiederholen, ein Material, das wegen seiner Härte, Homogenität und Salzfreiheit kaum einem anderen Zersetzungsprozesse unterliegt, als dem der Spaltung und des Zerfallens in Splitter. Ausgehöhlter Stein von dem Stufenbelag des alten Stauwerks im Uadi Gerraui. Zur Beurteilung des Zeitmaßes, das in den ägyptischen Wüsten erforderlich ist, um einen gewissen Grad der Gesteinverwitterung (Denudation) hervorzubringen, wäre es von großem Interesse, das wirkliche Alter dieses Dammes festzustellen. Vielleicht gelingt es einmal, eine solche Altersbestimmung an der Hand hieroglyphischer Dokumente vorzunehmen. An diesen Wunsch anknüpfend, sei hier noch der Chefren-Pyramide gedacht, in deren Umkreis in der Tat derartige Bedingungen erfüllt zu sein scheinen. Zur Zeit, als im dritten oder vierten Jahrtausend vor Christo die zweite Pyramide entstand, war der Felsgrund, auf dem sich der Bau erhob, zuvor geebnet und das auf der östlichen und auf der nördlichen Seite ansteigende Terrain so weit ausgeschachtet worden, daß in einem geräumigen Abstand von der Pyramidenbasis zwei hohe senkrechte Felswände gegen den Bau Front machten. In die ursprünglich glatt abgeteuften Wände wurden nachträglich einige Grabanlagen eingehauen, deren Zeitalter inschriftlich verbürgt ist. Die ausgehauenen Felsflächen selbst gleichen jetzt natürlichen Gebilden; große Blöcke sind da im Begriffe sich abzulösen, tiefe Spalten klaften, überall gewahrt man Löcher und Höhlungen von verschiedener Gestalt. Nicht minder lehrreich sind andre ursprünglich künstlich hergestellte Felswände, die Felsengräber der vierten und fünften Dynastie enthalten. Diese ziehen sich in Südost von der Chefren-Pyramide hin und haben in dem Ergebnis des Verwitterungsprozesses, den sie durchgemacht, die abenteuerlichsten Gestaltungen aufzuweisen. Der Zahn der Zeit nagt zwar langsam, aber nach einer Arbeit von fünf bis sechs Jahrtausenden hat er auch in diesem scheinbar für die Ewigkeit berechneten Lande immerhin gar manches zuwege gebracht. Spuren menschlicher Behausungen finden sich bei allen alten Bauresten der Ägypter, und gewöhnlich bieten sie an und für sich keine chronologisch verwertbaren Merkmale, es sei denn, man fände in ihnen Gegenstände des Kunstfleißes oder wenigstens Tierknochen. An einem so entlegenen Wüstenplatz aber wie im Uadi Gerraui haben alle Überreste menschlicher Tätigkeit ein erhöhtes Interesse. An vier verschiedenen Stellen in der Nähe des Stauwerks finden sich solche, die zusammen eine alte Niederlassung ausgemacht haben müssen. Diese Baureste liegen sämtlich auf der Nordseite des Tals und bestehen aus geschichteten Blöcken, die zerfallene Mauern ehemaliger Steinhütten andeuten. Es sind nur noch wenige Lagen, offenbar die untersten, übriggeblieben, jede Spur eines Bindemittels von Tonerde oder dergleichen ist verschwunden, wohl aber erkennt man deutlich die Quadrate und Abteilungen im Grundriß der Baulichkeiten. Zunächst hat man wenige Schritte unterhalb des Dammes hart am Absturz der Talwand ein Dutzend solcher Quadrate kleinerer Art. Auf andere ausgedehntere stößt man beim Besteigen der nächstgelegenen zwei Hügel in Nordwest. Ein großes Steinquadrat mit Scheidewänden, das der östliche der beiden Hügel trägt, mag als ehemaliger Viehhof zum Unterbringen der Zugtiere betrachtet werden. Genau in Nord vom Damm schließlich und ein paar hundert Schritte von ihm entfernt, deutet ein Viereck von 10 X 35 Metern ein größeres Wohngebäude an. Die tiefe Bräunung, die alle diese Steinblöcke, die doch ursprünglich auch ihre frischen Bruchflächen hatten, an allen Seiten zeigen, spricht von der unendlichen Zeit, die vergangen sein muß, um sie in den gegenwärtigen Zustand zu versetzen. Zwischen der Trümmern finden sich Topfscherben zerstreut, von denen keine einzige Anklänge an die der griechisch-römischen oder einer neueren Periode eigentümlichen Merkmale verrät. So fehlen hier namentlich die massiven Amphorazapfen, tönerne Kegelstücke, die jüngere Epochen charakterisieren und die an Beständigkeit mit den Kieseln wetteifernd überall da liegen bleiben müssen, wo sie einmal vorhanden waren. Die hier gefundenen Scherben gehören einer rohen, sehr dickwandigen Art von Tonkrügen an, wie man sie bei den ältesten Denkmälern findet. Die Stücke sind außerdem an allen ihren Kanten ganz abgerundet, eine Folge des Sandgebläses von unberechenbarer Dauer. Professor A. Erman, den ich an die Stelle führte, nahm keinen Anstand, diese Tonscherben für solche zu erklären, die alle Merkmale der ältesten Epoche an den Tag legen, wie er denn auch in der Lage war, meinen sonstigen Vermutungen betreffs des alten Stauwerks und der Alabasterbrüche durchaus beizustimmen. Zum Schluß habe ich noch einer von Quatremère zitierten Stelle bei Makrizi Erwähnung zu tun, da sie in Verbindung mit dem Gegenstande dieses Aufsatzes leicht zu einer irrtümlichen Auffassung Veranlassung geben könnte. Der arabische Geograph erzählt, daß der Emir Abd-el-Asis im siebzigsten Jahre der Hedschera, da eine ansteckende Seuche Fostat verpestete, seine Residenz für einige Zeit in Heluan (d. h. dem Dorfe am Nil, nicht dem heutigen Badeorte) aufschlug und den Ort durch allerhand Anlagen und Bauten verschönerte. Unter anderem ließ er auch einen Palmenhain anpflanzen, durch den eine Quelle geleitet wurde, die an einem tiefer in der Wüste gelegenen Platze namens Karkurah ihren Ursprung hatte. Auf den ersten Blick möchte mancher versucht sein, bei der Ähnlichkeit des Namens an das Uadi Gerraui zu denken, allein alle Gründe sind gegen eine derartige Identifizierung. Makrisi spricht von einer Quelle, nicht von einer künstlichen Wasserstauung. Letztere war ein Werk von derartiger Bedeutung, daß man es bei dieser Veranlassung gewiß nicht unerwähnt gelassen haben würde. Übrigens schweigt auch der Bericht von den Schwefelquellen bei Heluan, die erst in viel späterer Zeit nutzbar gemacht worden sind. Es gibt aber im Umkreise von Heluan noch verschiedene Quellen, die zur Bewässerung von Palmenpflanzungen am Rande der Wüste Verwendung hätten finden können und die, immerhin einige Kilometer vom Kulturlande entfernt, als weit ab in der Wüste bezeichnet werden konnten. Ich habe bereits auf die verschiedenen Merkmale aufmerksam gemacht, die dem hier beschriebenen Stauwerk das höchste Alter zuerkennen lassen, namentlich auf die tiefe Wasserrinne, die in der Mitte der felsigen Talsohle nach Durchreißung des Dammes entstanden ist, und dann auf den Zustand der Bausteine. Wir kennen viele Mauerwerke aus der alten Kalifenzeit, deren Material dasselbe ist wie das im Uadi Gerraui verwandte, aber an keinem geben sich so hochgradige Verwitterungserscheinungen zu erkennen wie die oben geschilderten. Auch ist die Art der ganzen Anlage, namentlich das treppenartig stufenweise Abgesetztsein des Mauerdammes, ohne Beispiel in der arabischen Epoche Ägyptens, es sei denn, man beriefe sich auf die Baukunst der alten Sabäer und Minäer, deren früheste Wasserwerke vielleicht im Alter an die Pyramidenzeit herangereicht haben. Indes diese rätselhaften Beziehungen der uralten südarabischen Kultur zur ägyptischen gehören in ein anderes Kapitel. Jedenfalls müssen es fremdländische Einflüsse gewesen sein, die hier zur Ausführung eines so seltenen Bauwerks die erste Anregung gegeben haben. Überblickt man alle im Uadi Gerraui gebotenen Verhältnisse und die dort hinterlassenen Spuren der Werke von Menschenhand, so drängt sich einem als Gesamteindruck die Vorstellung auf, daß der beschriebene Staudamm nicht von dauerndem Bestand gewesen sein kann, die Vermutung scheint sogar gerechtfertigt, daß der vielleicht von unkundiger Hand und ohne sachkundige Erfahrung geleitete Bau bei der ersten Hochflut im Tal, wie solche sich hier im Lauf von wenigen Jahren wiederholen können, durchrissen worden ist, um dann sich selbst überlassen zu bleiben. VI. Die Entdeckung des »Schweinfurth-Tempels« am Möris-See (Hierzu Abbildungen Tafel XIV und XV) In jenem Winter, mit dem das vorige Jahrhundert anhob, hatte Martin, ein französischer Ingenieur, der dem Vermessungskorps der französischen Armee unter Bonaparte beigegeben war, eine Rekognoszierung im Umkreise des Birket-el-Kerun, des bekannten Überbleibsels vom alten sagenhaften Mörissee, unternommen, um die von ihm ausgearbeitete Karte der Provinz Fajum zu vervollständigen und namentlich nach der Seite der Terra incognita von Lybien hin die Gestade des Sees besser feststellen zu können. Obgleich der auf diesem kurzen Streifzuge berührte Wüstenteil, abgesehen vom Mangel an Futter für die Kamele, die man indes für die wenigen Tage leicht mitzuführen vermag, keinerlei Schwierigkeiten darbietet, ist die Martinsche Tour merkwürdigerweise bisher nur einmal wiederholt worden, nämlich im April 1884, als ich hauptsächlich zu geologischen Zwecken dahin meine Schritte lenkte. Wenn man vom Fajumer Kulturlande aus seine Blicke dem nördlichen Wüstenrande zukehrt, so erblickt man den großen Oasenkessel in dieser Richtung von zwei hohen Abfallstufen begrenzt, die sich mit vielen Staffellinien in Abständen von acht und von zwanzig Kilometern jenseits des tief unter dem Meeresspiegel gelegenen Sees hinziehen. Dieser vielgegliederte geologische Horizont erregte meine Aufmerksamkeit und Neugierde im höchsten Grade, und ich wandte mich damals von der Nordostecke des Fajums aus zunächst dahin, fand denn auch in der Tat fossilreiche Schichten sehr interessanter Art und machte reiche Ausbeute; aber eine Überraschung war mir daselbst vorbehalten, um die mich mancher Ägyptologe beneiden mag, nämlich die Auffindung eines bisher gänzlich übersehenen Tempels aus altägyptischer Zeit. Robert Brown hat später in seinem Buch über den Mörissee dieses von Arabern »Ssaga« genannte Bauwerk als den »Schweinfurth-Tempel« bezeichnet. Innerhalb der historischen Welt noch irgendwo alte Tempel ausfindig zu machen, die dem Spürsinn der Forscher entgangen wären, dürfte heutzutage wohl keine leichte Aufgabe sein, wenigstens würde das für die im Oberbau erhalten gebliebenen Tempel Geltung haben. Einen letzten Fund dieser Art zu machen, war Cailliaud vergönnt, als er im Jahre 1820 an die Mauern des unter Darius renovierten Ammonstempels von el-Schargeh in der Großen Oase die stolzen Worte schreiben konnte: »Cailliaud fût le premier Européen qui prît connoissance de ce temple«. Das war allerdings ein großer reichverzierter Tempelbau, während der meinige nur bescheidene Dimensionen aufzuweisen hat. Vielleicht ist es diesem Umstande zuzuschreiben, daß der letztere so lange unbeachtet geblieben ist. Von der südlichen Seite des Sees gesehen, auf einer Entfernung von zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometern, erscheint er nur als Punkt. Ein Umstand, der auch dazu beigetragen haben kann, die Aufmerksamkeit von meinem Tempel abzulenken, mag in dem Vorhandensein einer in geringerem Abstande (drei statt acht Kilometer) vom heutigen Ufer des Sees befindlichen alten Stadtstelle zu erblicken sein, die jetzt noch unter der altägyptischen Bezeichnung »Dimeh«, das heißt Stadt, schlechtweg bekannt ist und von Reisenden, die den See befuhren, wiederholt aufgesucht worden ist. War dann von anderen alten Baulichkeiten die Rede, so verwechselte man sie mit denen von Dimeh. Zu erwähnen ist übrigens, daß auch die Reisenden der älteren Zeit, die wie Vansleb, Pococke und Paul Lucas noch viele Baudenkmäler Ägyptens in vollkommenerer Erhaltung als der heutigen gesehen haben, von meinem Tempel nichts erfuhren; ebensowenig findet sich in den Angaben der arabischen Schriftsteller des Mittelalters irgendwo etwas, was auf ihn Bezug haben könnte. Dasselbe gilt von den Schriftstellern des klassischen Altertums. Hoffentlich gelingt es einmal, aus anderweitig vorhandenen Tempelinschriften oder ähnlichen Urkunden Aufklärungen über die Erbauungszeit und den Zweck des verschollenen Heiligtums zu erlangen, die dieses leider selbst nirgends zu erkennen gibt. Seine Errichtung an den ehemaligen Gestaden des Mörissees und an dessen äußerstem Ende inmitten einer trostlosen Einöde umgibt den kleinen Tempelbau mit dem Reiz des Geheimnisvollen und erweckt unwillkürlich die Vorstellung, daß sich an die Enthüllung seines Rätsels überraschende Dinge knüpfen mögen. Andererseits ist sein Vorhandensein an dieser Stelle ein greifbarer Beweis für die Ausdehnung des alten Mörissees im Sinne Herodots, und die in seiner unmittelbaren Nähe befindlichen unverkennbaren Uferspuren reden, allen Mißdeutungen das Wort abschneidend, die vernehmliche Sprache der Tatsachen. Als ich am 29. April zehn Kilometer vom Nordufer des Sees Birket-el-Kerun die Höhe einer nach Südost Front machenden Ecke der ersten Abfallslinie erstiegen hatte, einen Punkt, der durch seine seltsame bastionartige Gestaltung lange Zeit dem Marsche meiner Karawane als weithin sichtbare Landmarke gedient hatte, eröffnete sich südwärts vor meinen Blicken eine die gesamte Niederung des Fajumer Beckens auf über fünfzig Kilometer hinaus umfassende Fernsicht. Der Birket-el-Kerun, an Flächenausdehnung ungefähr dem Bodensee gleichkommend, erschien in der Vogelschau projiziert mit seinen in schärfster Zeichnung tief schwarzblau auf gelbem Wüstengrunde sich abhebenden Buchten, Vorsprüngen und Inseln. Das nächstgelegene Ufer bot linker Hand die Insel el-Kenissa dar, rechts tiefer aus dem See hervor leuchtete der helle Hügel der westlichen Insel, Gesiret-el-Korn genannt, in der Mitte, gerade nach Süden zu, erstreckte sich die senkrecht vom Nordgestade vorspringende schmale Halbinsel des »Horns«, el-Korn, die dem See den Namen gibt, davor auf einer von schwarzen Tonmauern umgebenen Terrainanschwellung die Trümmer der alten »Stadt« Dimeh. Am Ufer des Sees wachsen, zum Teil im Wasser selbst, Tamarisken, und stellenweise sind Schilfdickichte vorhanden. Die Tamarisken deuten am tieferen Ufer als lange Streifen eine in Bildung begriffene neue Strandlinie an, anderwärts wiederum erfüllen sie die seichten Erweiterungsstellen, die einen Tummelplatz für Wasservögel aller Art abgeben. Das schwarze Bleßhuhn scheint sich hier besonders wohl zu fühlen, und man sieht diese Vögel in großen Scharen zwischen den grünen Tamariskengruppen umherschwimmen. Die an der Nordostecke des Sees befindliche weit ausgedehnte Niederung, die beim periodischen Steigen und Fallen des Sees um einen Meter abwechselnd trocken gelegt wird, ist gleichfalls mit Tamarisken bewachsen. Diese Strauchart hat im Verein mit dem Schilfrohr für den im Laufe seiner fortschreitenden Austrocknung schrittweise zurückweichenden See überall Zeugen hinterlassen, und dazu durch Hinterlassung von altem Holz Markpfähle geliefert, die den jeweilig eingenommenen Wasserstand bezeichnen und die an die tausend Jahre alt sein können, denn sie finden sich gruppenweise im Sande steckend, desgleichen die fast unverweslichen Schilfschäfte, weitab vom heutigen See bis zu nachweisbar 30 Metern über seinem heutigen Spiegel, wahrscheinlich aber auch in noch höheren Lagen. Der See steht heute bei – 43,3 Meter unter dem Meere. Der wahrscheinlich nicht aus älterer als der römischen Kaiserzeit stammende Kasr-el-Kerun genannte große Tempelbau an der Südwestecke ist an einer vier Meter über dem Meere gelegenen Stelle, ungefähr vier Kilometer vom heutigen Ufer errichtet, der See ist demnach während der letzten siebzehn bis neunzehn Jahrhunderte um nicht weniger als 47 Meter gefallen. Man kann sich also vorstellen, wie lange es her sein mag, daß der See um 30 Meter höher stand als heute und an seinen Gestaden jene Schilfreste hinterließ. Die im Fajum angesiedelten Beduinen nennen solche Stellen mit Resten von Tamariskenvegetation »alte Gärten« und bezeichnen das Holz geradezu als Reben oder alte Weinstöcke. Als ich dies aus ihrem Munde vernahm, Äußerungen, die keineswegs durch Fragen meinerseits veranlaßt waren, da wurde es mir klar, wie Pococke, als er 1738 den Tempel Kasr-el-Kerun entdeckte und in ihm das Labyrinth zu erkennen glaubte, dazu gekommen war, von alten Weingärten zu sprechen, die er in jener Gegend, fernab vom See, wahrgenommen haben wollte, eine Vorstellung, die dann auch auf moderne Reisende, denen von Eingeborenen ähnliche Dinge vorgeredet sein werden, übergegangen ist, wie aus verschiedenen Berichten hervorgeht. Hinsichtlich des Sees sei noch erwähnt, daß der Salzgehalt seines Wassers, trotz der scheinbar vollkommenen Abflußlosigkeit, ein nur sehr geringer ist und beim niedrigsten Stande kaum viel über ein Prozent steigt. Man kann es zur Not sehr wohl trinken, und es hat sonst keinerlei unangenehmen Beigeschmack. Hieran knüpft sich ein noch ungelöstes Rätsel. Wenn man nämlich den Kochsalzgehalt des dem See zuströmenden Nilwassers, dann die Oberfläche und das Volumen des Sees zur alten Zeit in Betracht zieht und die Masse des alljährlich während der langen Periode seiner Reduktion verdunsteten Wassers auch nur für tausend Jahre berechnet, so ergibt sich für den See in seiner heutigen Gestalt ein so hoher Prozentsatz, daß der Birket-el-Kerun die salzigsten Meere noch übertreffen müßte. Wo sind also die Wassermengen hingeraten, die durch ihren Abfluß eine beständige Erneuerung des süßen Wassers ermöglicht haben müssen? Es bleibt nur die Annahme übrig, daß sich im Grunde des gegenwärtig nirgends über zehn Meter tiefen Sees Felsspalten befinden müssen, die diesen Abfluß bedingen. Auch die sehr durchlässigen Mergelschichten können dabei mitgeholfen haben. Die Frage aber, wohin sich dieser Abfluß richte, wo diese Wasser zutage treten können, ist weit schwerer zu beantworten. Die Quellen der Oasen in der Libyschen Wüste sind Süßwasserthermen, jedenfalls salzfreier als das Wasser im Birket-el-Kerun, und man leitet ihren Ursprung wohl mit Recht vom Nil oberhalb der ersten Katarakte ab. Auch das Wasser der benachbarten Natronseen stammt erwiesenermaßen aus dem Nil. Der unterirdische Abfluß des Fajumer Sees kann, falls er nicht zu bedeutenden Erdtiefen hinabsteigt, um in Gestalt von Thermen anderwärts zutage zu treten, nach den gewöhnlichen Gesetzen der Hydraulik nur im Meere seinen Endpunkt finden, und zwar auf dessen Grunde bei mehr als fünfzig Metern Tiefe. Nach dieser Abschweifung, die der Umstand entschuldigt, daß alles, was auf den See Bezug hat, auch für den uns hier zunächst beschäftigenden Gegenstand, für den alten Tempel, der an dessen ehemaligen Ufern erbaut war, von Wichtigkeit erscheint, kehre ich zu dem vorhin erwähnten Standorte zurück, der die weite Fernsicht gestattete, und betrachte nun die zunächst gelegene Landschaft. Eine in ödes Grau gekleidete Fläche mit einigen langgezogenen Wellenlinien und jeder Spur von Vegetation entbehrend, erstreckt sich zehn Kilometer breit vom Seeufer bis zum ungefähr hundert Meter hohen Abfall der ersten Stufe, die ihrerseits zweigegliedert, in zwei Absätzen und aus abwechselnden Lagen von Nummulitenkalk und gelben oder grauen Tonmergeln besteht. Der Abfall selbst, der hier nach Nordost umbiegt, bietet eine Reihe von vorspringenden Ecken dar, zwischen denen tiefe Ausbuchtungen das zerrissene Gestade eines der tiefen Golfe veranschaulichen, mit denen das Meer, etwa um die Diluvialepoche herum, sich über weite Strecken von Ägypten und Nubien ausbreitete. Einst von der brandenden Meeresflut bespült und ausgewaschen, sind diese Buchten und Kessel heute nur noch ein Spiel der Wüstendenudation; der zerstörende Zahn der Zeit arbeitet nun statt mit Wasserkraft, mit dem rastlos schaffenden Luftgebläse. Ein solcher ausgeblasener Wüstenkessel, ein wahres Amphitheater, dessen regelmäßig konzentrische Bänke und Stufen aus unzähligen Schichtenköpfen bestehen, die vermittels ihrer härteren Lagen der ausgleichenden Verschüttung durch den weichen Mergelschutt widerstreben, ein solcher Felsenzirkus lag zu meinen Füßen. Rechts und links, im Abstande von gegen drei Kilometer, flankierten ihn wie ein künstlicher Aufbau aus schwarzen Luftziegeln jäh aufstrebende Mergelburgen. Scharf gliederte sich weiter unten die letzte Stufe des gelblichen Berglandes von dem einförmigen Grau des ehemaligen Mörisgrundes ab. Verwirrt durch den Anblick der im endlosen Einerlei vor mir lagernden leeren Bänke, auf denen die Geister der Wüste ihren noch ungestörten Sitz zu behaupten schienen (nach ägyptischer Auffassung ist die Wüste ein Tummelplatz der Geister), suchten die Blicke auf dieser Grenzscheide nach einem Ruhepunkte, und siehe da, es fand sich einer alsbald. Ein regelmäßig geformter Mauerbau, aus großen Quadern errichtet und mit einer Türöffnung versehen, stach dort unerwartet in die Augen. Ein Haus in dieser Einsamkeit? Wie kam der alte Quaderbau in diese entlegene Wüste? Meine Begleiter schienen ebenso überrascht wie ich und hatten von diesem Bauwerk nie etwas gehört, weder die von den Pyramiden, noch die Fajumer Beduinen. Voller Erwartung eilte ich hinab. Es ergab sich auf den ersten Blick, daß der Bau einer sehr frühen Epoche des ägyptischen Altertums angehören müsse. Das bewies zunächst der verwitterte Zustand der großen Sandsteinblöcke, die ihn in ziemlicher Vollständigkeit noch zusammensetzten, wurde auch durch den Zustand der infolge des allmählich gewichenen Grundes tiefklaffenden Fugen erwiesen. Leider waren weder hieroglyphische Inschriften, noch irgendwelcher Bilderschmuck ausfindig zu machen. In nachfolgendem gebe ich die Größenverhältnisse des Bauwerkes und die Anordnung seiner Teile und verweise auch auf die Abbildungen hinten. Der Bau stellt im Grundriß ein von West zu Süd nach Nord zu Ost gerichtetes längliches Viereck dar, 21,5 Meter lang und 8,5 Meter breit. Der innere Raum wird hauptsächlich von einer Flucht von sieben Nischenkammern eingenommen, deren Tiefe die nördliche Hälfte dieses Raumes in Anspruch nimmt; auf der Ostseite ist dann noch eine die ganze Breite des Baues einnehmende, 2,25 Meter breite und 5,42 Meter lange Kammer durch eine Quermauer abgesondert, während am anderen Ende des Baues eine gleich breite Kammer nur 3,4 Meter Länge erreicht. Es bleibt nämlich dort an der Nordwestecke noch eine von allen Seiten durch geschlossene Mauern abgegrenzte Kammer übrig, deren Erklärung große Schwierigkeiten zu machen scheint. Vielleicht hatte diese Kammer einen Zugang bloß von der jetzt fehlenden Dachterrasse her. Beide Seitenkammern stehen mit dem großen Binnenraum durch kleine Türöffnungen in Verbindung. Der Haupteingang ist auf der Südseite angebracht, mit dem Ausblick auf den alten See. Eine kleinere Tür, an der Nordostecke des Baues befindlich, dient als Zugang zu der langen Seitenkammer. Die ursprüngliche Höhe dieses kleinen Heiligtumes hat etwas über sechs Meter betragen. Die Mauern sind senkrecht und bestehen mit Ausnahme des auf der Südostseite rechts vom Haupteingange gelegenen hohlen Teiles aus einfachen Lagen von großen, 1,2 Meter dicken Blöcken. Von diesen besitzen die meisten quadratische Außenflächen, mehrere messen 2,5 Meter im Geviert. Auf der Südseite, an der Hauptfront sind die größten Blöcke angebracht. Daselbst ist die Mauer 1,84 Meter dick, gegen 1,2 Meter an den drei anderen Seiten. In dem Teil der Südfront ist ein Gang von 0,5 Meter Breite befindlich, den man durch eine gleich schmale, niedere und unmittelbar an die Südostecke stoßende Türöffnung betritt. Dieser Gang, der die Länge der halben Südfront einnimmt, ist 8,25 Meter lang und kann, nach Analogie der in den Pylonen der ägyptischen Tempel angebrachten Treppen, nur dazu gedient haben, das Dach zu besteigen. Stufen sind nicht sichtbar, und der den Gang erfüllende Schutt ließ ebensowenig das Vorhandensein einer geneigten Rampe erkennen. Durch eine kleine, faustgroße, in der Mauer innerhalb der Türöffnung angebrachte Öffnung erhielt der Gang Licht. Die Art und Weise, in welcher die Blöcke ineinander gefügt sind, die Verwendung von genau ausgehauenen und abgepaßten einspringenden Winkeln, die dem Ganzen größere Festigkeit und Zusammenhalt geben sollten, liefern auch einen Hinweis auf die verhältnismäßig sehr alte Epoche, aus der dieses Heiligtum stammt. Eine vorspringende Reihe von Blöcken bildet am Grunde der Mauern eine Art Schwelle, während die oberste Steinlage derselben von einem Gesims gekrönt wurde, das aus einer Reihe von überhängenden, mit einfach geschweifter Hohlkehle versehenen Blöcken bestand. Von den letzteren sind indes nur wenige übriggeblieben. Dem 1,2 Meter breiten Haupteingang gegenüber öffnet sich die mittelste der sieben Nischen, die 1,82 Meter breit ist, während die übrigen nur 1,35 Meter haben. Diese vorn ganz offenen Nischen oder Kapellen besitzen einen über dem Grunde der Innenflur erhöhten und etwas über die Nischenöffnung vorragenden Fußboden, dessen Meereshöhe durch ein von Major H. Brown später veranstaltetes sehr genaues Nivellement auf  35,5 Meter ermittelt wurde. Obgleich hier alle Linien die größte Einfachheit der Architektur verraten, überrascht nichtsdestoweniger die Art ihrer Ausführung durch tadellose Vollendung und Korrektheit. Ein breites, aus je einem Block bestehendes Gesims, mit stumpfer Hohlkehle versehen und nach unten zu mit einem einfachen Rundstab abgeschlossen, überragt eine jede der Nischenöffnungen, welche von gleichgestalteten Rundstäben auch an den Seiten eingefaßt sind, sodaß sie mit solchen schmalen Leisten wie eingerahmt erscheinen. An der Decke der Nischen gewahrt man runde Löcher in das Gestein eingemeißelt, zwei in der mittelsten, je eins in den seitlichen. Diese Löcher haben zur Aufnahme von Türzapfen gedient. Die Nischen waren nämlich ursprunglich durch Läden zu verschließen, und zwar hatte die Mittelnische eine zweiflügelige, während die übrigen einfache Türladen besaßen. Wir haben hier demnach ein siebenteiliges Sanktuarium vor uns, eine Anordnung, von der meines Wissens aus dem ägyptischen Altertum nur wenige Beispiele vorliegen. Die Analogie dieser Bauart meines Tempels mit einer ähnlichen, die sich in einem der berühmten Heiligtümer des alten Ägyptens dargeboten findet, liegt auf der Hand. Ich meine die sieben Kapellen oder Seitenkammern, die den hintersten von den hypostylen Sälen im Memnanium Setis I. zu Abydos abschließen. Diese Kapellen haben aber Größenverhältnisse, die den vorliegenden um das Vier- bis Fünffache überlegen sind. Sie unterscheiden sich außerdem von den Nischen meines Tempels durch ihre Abgeschlossenheit vermittels enger Türeingänge, sowie durch die in Gewölbeform rund ausgehauenen Deckensteine, welche letztere hier flach aufliegen. Der große Tempel Setis I. zu Abydos war ausschließlich dem Totenkult seines Stifters gewidmet. In seinen sieben Kammern standen erwiesenermaßen einstmals Götterbilder aufrecht, in deren Anblick die Mumien der Familie vor ihrer Beisetzung geweiht und eingesegnet wurden. Es entsteht nun die Frage, ob das kleine Heiligtum am Mörissee etwa auch funerären Zwecken zu dienen hatte. Wo mag aber in diesem Falle die zugehörige Grabanlage befindlich gewesen sein? Die entlegene Stelle, fernab von den bewohnten Gegenden und jenseits des großen Wassers im Reiche des Todes auf der libyschen Westseite, spricht allerdings nicht gegen eine solche Annahme. Die alte Scherbenstelle in der Nähe, von der später die Rede sein soll, verrät eine nur kleine Anlage, und die hiesige Niederlassung beherbergte vielleicht nur das Wächterpersonal und die Priester. Nach der Analogie von Abydos beansprucht die Annahme einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, daß auch hier in den Nischen Götterbilder aufgestellt gewesen sind. Die Nischen sind gegenwärtig zum großen Teil mit Schutt angefüllt, und die Wegräumung desselben würde gewiß mancherlei Dinge ans Licht treten lassen, die über die ursprüngliche Bestimmung des Heiligtums am Mörissee Aufschluß erteilen könnten. Nachgrabungen dürften bei dieser Lokalität noch nicht stattgefunden haben, wenn man von einer kleinen Schuttanhäufung vor dem Haupteingang absieht, die einige Versuche dieser Art zu verraten scheinen. Viele noch ungelöste Fragen knüpfen sich aber allein schon an dasjenige, was hier offen zutage liegt. Unter anderem harrt eine auf der Rückseite des Baues am Grunde der Mauer und an der der mittelsten Nische entsprechenden Stelle angebrachte Öffnung noch der Erklärung. Nach dem Urteil einiger Ägyptologen, die ich wegen der Altersfrage dieses Bauwerkes zu Rate zog, dürfte die völlige Ornament- und Inschriftlosigkeit desselben in Verbindung mit der Art und Weise, in welcher die Blöcke ineinander gefügt sind, zu den Merkmalen zu rechnen sein, die den Bauten der XIII. Dynastie eigen sind. Die Quaderfügung mit einspringenden Winkeln ist übrigens auch an Tempelbauten weit späterer Epochen wahrzunehmen. Das Material der Quaderblöcke ist ein hellbrauner oder grauer Sandstein, den ich bei meinem zweiten Besuche des Ortes im März 1886 als einer Art mit dem harten, feinkörnigen und kieselhaltigen Kalksandstein zu betrachten geneigt war, der sich als oberste Schicht am Steilabfall hinter dem Tempel und in einer Höhe von achtzig Metern über demselben vorfindet, wo derselbe einer fast zwanzig Meter mächtigen Schicht homogener aschgrauer Tonmergel als Schutzdecke dient. Leider hatte ich vergessen, Proben des Bausteines mitzunehmen, und so konnte die Identifizierung nicht mit völliger Sicherheit geschehen. Die nächsten Umgebungen des kleinen Tempelbaues bieten verschiedene örtlichkeiten mit interessanten Überbleibseln aus den alten Epochen dar. Zunächst sieht man im Umkreise eine Menge größerer Blöcke gelagert, die ein äußerst verwittertes Aussehen haben und oft schwammartig durchlöchert erscheinen. Sie gehörten vielleicht einem später zerstörten Vorbau an. Auch finden sich daselbst mehrere Bruchstücke von Säulen, die ursprünglich 0,85 Meter im Durchschnitt hatten; nur wenige derselben aber geben noch die volle Rundung zu erkennen. Inmitten der über den Boden zerstreuten, oft gruppenweise gehäuften Steinblöcke überrascht die große Anzahl kleiner Trümmerstücke von jener schwarzen kristallinischen Gesteinart, deren Verwendung zu Bilddenkmälern verschiedener Art den Steinbrüchen im Uadi Hamamat, auf der Straße von Keneh nach Kosser, eine so große Berühmtheit in der altägyptischen Geschichte verliehen hat. Es ist dasselbe Gestein, das in den Sammlungen ägyptischer Altertümer gewöhnlich als Basalt aufgeführt wird, in Wirklichkeit aber meistens für eine Art feinkörnigen Diorits gelten kann. Solcher schwarzer und feinkörniger Gesteine beherbergen die ägyptischen Wüstentäler der östlichen Thebaide eine große Anzahl, und sie können sehr verschiedenen Mineralspezies angehören. Mit diesen schwarzen Sprengstücken beim Tempel am Mörisufer scheint es eine ganz besondere Bewandtnis zu haben. Ihr Vorhandensein läßt sich nicht etwa durch die Annahme einer Werkstätte erklären, wo die auf dem Wasserwege herbeigeschafften rohen Blöcke erst zugehauen wurden, beziehungsweise bereits vorhandene Bildwerke umgemodelt worden sind. Diese Trümmer bestehen nämlich nicht aus flachen, durch Meißel und Hammerschlag abgesprengten Scherben, wie sie als das Ergebnis von Bildhauerarbeit doch hätten geformt sein müssen, es sind vielmehr dicke kleine Stücke von ungefähr kubischer Gestalt und von ziemlich gleichartiger Größe. In bezug hierauf vermag ich nur eine Vermutung zu äußern, die zwar sehr gewagt erscheinen mag, die sich mir aber auch an anderen Trümmerstätten des alten Ägyptens, wo sich die gleiche Erscheinung wiederholte, immer wieder von neuem aufgedrängt hat. Ich stelle mir nämlich vor, daß diese so gleichmäßige Zerstückelung des harten Statuenmaterials einer der früheren Epochen des Christentums zuzuschreiben sei, jener Zeit, da man durch methodische Zerstörung von Götzenbildern ein Gott wohlgefälliges Werk zu verrichten glaubte. Sollten etwa jene Anachoreten, die hier in späterer Zeit gehaust, ihre Wüstenmuße in dieser Weise ausgenützt und sich die Zeit mit sorgfältiger Zerstückelung der Götzen vertrieben haben? Wenn ich das Wort Anachoreten ausspreche, so möchte ich dasselbe im vorliegenden Falle nicht im rein kirchengeschichtlichen Sinne gebraucht haben, sondern verstehe darunter Wüstenbewohner von fraglicher Herkunft, zweifelhafter Aufenthaltsdauer und unerklärtem Daseinszweck; Anachoreten in des Wortes eigenster Bedeutung, ausrangierte Menschen. Beim Ersteigen des auf der Westseite gelegenen Bergvorsprungs nämlich, des südlichen von den zwei das weitgeöffnete Amphitheater flankierenden Burggebilden, stieß ich auf eine Menge von Tonscherben aller Art, von Amphoren, Krügen und Schalen, desgleichen auch auf Fayencescherben jener himmelblau glasierten Art, welche letztere in Ägypten für die Epoche der römischen Kaiserzeit so charakteristisch erscheint. Überhaupt gehörten alle hier angetroffenen Stücke offenbar einer weit späteren Zeit an als die an den Scherbenstellen unten beim Tempel aufgefundenen. Diese Scherben bedeckten den Abfall einer Schutthalde, die sich vom Fuße der burgartigen Mergelwand in die Tiefe zog in einer Höhe von ungefähr fünfzig Metern über dem Tempel. Es scheinen hier Höhlen vorhanden gewesen zu sein, die inzwischen verschwanden, seiner Zeit von den Leuten, die die Scherben hinterließen, bewohnt worden sind. Auch Überbleibsel von Schilfrohr fanden sich an der Stelle vor, von ehemaligen Hütten herrührend, vielleicht auch vom Feuerungsmaterial, das diesen Einsiedlern vom See her zugeführt worden war. Eine größere Bedeutung für die Altertumskunde beanspruchen die zerstreuten Scherbenstellen, die sich im Umkreise des Tempels von der Südost- bis zur Südwestseite und im Abstande von ungefähr dreihundert Metern von demselben vorfinden. Es würde sich der Mühe verlohnen, diese Plätze einmal genauer abzusuchen. Bei meinen Besuchen war ich leider allzusehr von den geologischen Nachforschungen in Anspruch genommen, um den Altertümern hinreichende Zeit und Aufmerksamkeit widmen zu können. Die Scherben liegen, wie es den Anschein hat, nur oberflächlich, wie über den Erdboden ausgestreut. Das von Regengüssen in großen Zeitabständen hin und wieder durchfurchte Gelände weist in seinen Mergel-Anhäufungen keine Einlagerung von Scherben auf. Ich vermute, daß diese Reste als Inhalt älterer Schichten und Anhäufungen, die zerstört und weggeweht wurden, übriggeblieben sind. Ihr hohes Alter geht aus der Beschaffenheit der Bruchstücke zur Genüge hervor. Sie legen den höchsten Grad der Verwitterung durch Abrundung der Bruchflächen an den Tag, deren Gebilde von gebranntem Ton überhaupt fähig erscheinen. Ich fand hier Amphorenzapfen (die spitzen massiven Enden, mit denen man diese Gefäße aufrecht auf den Boden zu stecken vermochte) von zylindrischer Gestalt und Halsstücke, die, der Ringelung entbehrend, nicht als ein Erzeugnis der Drehscheibe zu betrachten waren, sondern offenbar aus freier Hand geformten Gefäßen angehört hatten. Andere kleine Krüge und Schalen zeigten dagegen regelmäßigere Drehformen. Die meisten Topf Scherben waren von roten Färbung, wenige hellere und gelbliche lagen dazwischen. Ich fand auch einige rote Glasperlen, ein alabasternes Antimonnäpfchen von sehr alter Form, eine Bronzenadel u. dgl. Flache gebrannte Ziegelplatten von unerklärter Verwendung, 33 Zentimeter lang und 4 Zentimeter dick, in Gestalt eines länglichen Vierecks, fanden sich an einer Stelle vor. Überall lagen zwischen den Scherben zerstreut Kieselsplitter, die von den hier an Ort und Stelle geformten Artefakten herrühren mußten, wie die Auffindung einiger großer Exemplare von Sägen bezw. Kratzern bewies. Die Scherbenstellen befinden sich auf der letzten Schwelle der Geländesenkung, die mit allen Anzeichen einer alten Uferböschung plötzlich 10 Meter tief abfällt. Nach Major Brown beträgt die Seehöhe des »Scherbenhügels«, den er als die Reste einer alten Niederlassung bezeichnet, bei  24,5 Meter. Unterhalb der Böschungslinie fanden sich nirgends mehr Tonscherben vor. Der kleine Tempel selbst nimmt eine vorletzte Geländestufe des alten Ufers ein, die nach der Brownschen Angabe von  35,5 Metern für den Boden der Nischen im Tempel, bei  30 Meter zu liegen kommt. Die zwei langgezogenen Geländewellen und drei Senkungen, die zwischen dem alten Ufer und der Landanschwellung von Dimeh befindlich sind, waren vom Wasser des Sees bedeckt. Dimeh war auf einer in den damaligen See vorspringenden schmalen Halbinsel erbaut, in einer Meereshöhe von durchschnittlich  25 Metern. Ich habe noch zweier Baureste in der Umgebung des Tempels zu erwähnen, die etwa als Zeugen für das alte Seeufer angerufen werden können. Wenn man in südlicher Richtung vom Tempel zur untersten Geländestufe hinabschreitet, so gelangt man in kurzer Zeit zu einem nach Süd gerichteten fünfundvierzig Schritte langen Mauerbau aus Bruchsteinen, die zum Teil hinuntergeglitten sind, da sich hier durch nachträgliche Erosion ein zehn Meter tiefer Riß in der Böschung gebildet hat. Diese Steinlagen sind auf der anderen westlichen und besser erhaltenen Seite von einer Bodenschwellung begleitet, die an einen Damm erinnert, dessen fester Bestandteil der Mauerbau dargestellt zu haben scheint. Ungefähr vierhundert Schritt in Südwest vom Tempel entfernt stößt man in gleichem Abstande wie der eben erwähnte auf einen zweiten Mauerbau, dessen Steinlagen, gleichfalls von einer dammartigen Schwellung umgeben, sich in der Richtung zum See geradlinig erstrecken. Die Steine liegen hier alle umgestürzt und in die Tiefe gerutscht infolge des Weichens der mergeligen Unterlage. Waren diese Mauern etwa Teile der Tempelumfassung oder dienten sie als Uferkais? Da wir im benachbarten Dimeh, das wahrscheinlich mit dem von Ptolemäus zitierten Bacchis identisch ist, einen ganz analogen Fall haben, wo ein Landungskai durch die Art des Mauerwerks nachzuweisen ist, so scheint mir die letzte von den beiden Vermutungen viel Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Der Kai von Dimeh hat an dem noch vollkommen erhaltenen oberen Ende seines Pflasterwegs eine Meereshöhe von 25,5 Metern und entspricht in der Weise vollkommen der untersten Stufe des Geländes bei meinem Tempel. Wer an Ort und Stelle gewesen ist, kann sich unmöglich der Erkenntnis verschließen, daß hier ein altes Ufer war. In den unter der Niveaulinie von  20 Metern gelegenen Niederungen finden sich die unwiderlegbarsten Beweise von dem Vorhandensein des Sees in Gestalt von Fischknochen und anderen Resten der heutigen Süßwassertiere, die nicht mit den Fossilen zu verwechseln sind, die den Mergelschichten aus geologischen Zeiten angehören, die allerdings an einigen Stellen im Bereiche des alten Seegrundes mit den rezenten Ablagerungen koinzidieren. Man wird nun einwenden können, daß das Vorhandensein eines Süßwassersees in neuerer, nichtgeologischer Zeit noch keinen Beweis für seine Identität mit einem See der historischen Epochen liefert; in diesem Falle aber haben wir die alten Bauten, und in Ermangelung der Inschriften reden die Steine. Seitdem man die genauen Niveauverhältnisse dieser Bauten kennt, läßt sich der Mörissee im Sinne Herodots nicht mehr hinwegleugnen, wie noch immer einige Ägyptologen gewillt zu sein scheinen, die es unterlassen haben, jene Örtlichkeiten aufzusuchen, und die geringe Mühe scheuten, sich durch die bekannt gewordenen Tatsachen belehren zu lassen. Ich habe bisher nur zweier Örtlichkeiten Erwähnung getan, deren Niveaulage als Stützpunkt der alten Ausdehnung des Mörissees unabweislich erscheint. Eine dritte, für die Beweisführung nicht minder wichtige, ist in dem Kolosse des Amenemha II. geboten, dessen Überbleibsel bei Biahmu, sieben Kilometer in Nord von Medinet-el-Fajum, vorhanden sind, und die vor Jahren durch Professor Flinders Petrie, durch die Auffindung einiger Fragmente des Bildwerks, sowie durch genaue Lokalstudien in endgültiger Weise aufgeklärt worden sind, obgleich sich an ihnen keine Inschriften nachweisen ließen. Abgesehen von einigen Entstellungen, die der ehrwürdige Text des alten Vaters der Geschichte im Laufe der Jahrhunderte erfahren und die ihm selbst wohl schwerlich zur Last fallen mögen, haben hier die Herodotschen Angaben abermals eine überraschende Erklärung gefunden. Die früheren Besucher der Stelle haben hier noch vor zwei Jahrhunderten deutliche Reste des Kolosses angetroffen, so z. B. der Erfurter Vansleb, der auf seiner zweiten Reise im Jahre 1672 den kopf- und armlosen Torso einer sitzenden Figur erblickte, die auf einem Piedestal von zehn Lagen großer Blöcke thronte und von den Eingeborenen »Statue des Pharao« genannt wurde. Die noch vorhandenen Überbleibsel des Piedestals sind heutigestags im Volksmunde als Kursi-el-faraòn, d. h. Thron des Pharao, bekannt, eine andere Bezeichnung, die hier gebräuchlich ist, lautet: es-sennem, d. h. die Statue. Die angeführten Namen, die bei dem ungelehrigen, jeder Beeinflussung durch literarische Tradition unzugänglichen Fellachenvolke Geltung haben, sind von mir lange vor Professor Flinders Petries erstem Besuch in Ägypten festgestellt worden, haben also nichts mit dem Ergebnis der neuen Forschung gemein. Den Ägyptologen mag das als ein Wink dienen, dem Werte der Volkstradition mehr Rechnung zu tragen in einem Lande wie Ägypten, dessen Überlieferungen eine ebenso bewunderungswürdige Beständigkeit an den Tag zu legen scheinen wie seine Bildwerke aus Granit und Sandstein. Major Brown hat es sehr wahrscheinlich gemacht, daß das mittlere Niveau des Möris, wenn der See zwischen den Niveaulinien von  19,5 und 22,5 Metern erhalten wurde, sehr wohl allen denjenigen Anforderungen entsprechen konnte, die von den alten Ägyptern, wenn man das Zeugnis Herodots zu Recht bestehen läßt, an denselben zu Bewässerungszwecken gestellt worden sind. Sein mittlerer Wasserstand muß ungefähr bei  21 Meter gewesen sein, bestätigt durch die Lage von Dimeh, vom kleinen Tempel und von der des Amenemha-Kolosses. In dieser Wasserhöhe hatte er einem Umfang von 220 Kilometern und nahm einen Flächenraum von nahezu 2000 Quadratkilometern ein, während seine tiefsten Stellen 70 bis 75 Meter maßen. Der alte See umfaßte den weitaus größten Teil des Fajumer Beckens und ließ in der ältesten Zeit als bebautes Land nur einen kleinen Strich, den nachträglichen Arsinoitischen Gau, übrig, der durch Dämme gegen den höchsten Wasserstand, sobald dieser die Linie von  21 Metern überstieg, gesichert war. In der frühesten Epoche, die derjenigen der Bebauung und Urbarmachung des Seenlandes vorherging, muß der See jedes Jahr nach dem Zurücktreten der Nilschwelle in seinen flachen Teilen ausgedehnte Sümpfe dargestellt haben. Diese waren unweit der Eintrittstelle des Nilzuflusses, gleichsam an der Spitze einer Deltabildung gelegen und bezeichnen noch heute die Linie der bedeutendsten Landanschwellung im Umkreise von Medinet-el-Fajum (  23 Meter). Dort setzten die ersten Urbarmacher des Landes, als welche die Hieroglyphentexte die Könige verschiedener Dynastien, von der VI. bis zur XII. reichend, bezeichnen, den Hebel ihrer Anstrengungen an und gewannen im Laufe der Zeit, durch eine poldermäßige Sicherstellung der dem Anbau neu erschlossenen Striche, ein Stück nach dem anderen, bis ein ganzer Nomos hergestellt war. H. Brugsch und andere Ägyptologen haben den Nachweis erbracht, daß bereits in weit früheren Epochen der ägyptischen Geschichte als derjenigen der XII. Dynastie die Gegend des alten Krokodilopolis oder Schedd, wie die Gegend bei den Ägyptern hieß, bewohntes Land darstellte und Heiligtümer besaß. Vielleicht reicht die Entstehungszeit des so eigenartig geformten kleinen Tempels mit dem siebenteiligen Sanktuarium, dessen Beschreibung die vorliegenden Blätter gewidmet waren, bis in jene entfernten Epochen der ersten Dynastien. Die früheren Hypothesen, die hinsichtlich der Ausdehnung des alten Möris, sowie mit Rücksicht auf den größeren oder geringeren Grad von Wahrscheinlichkeit, den die Angaben Herodots für sich haben, aufgestellt wurden, sind hinfällig geworden, seit wir, dank der englischen Wasserverwaltung in Ägypten, Einsicht in die genauen Niveaulinien erhielten, die alle in Betracht kommenden Punkte umfassen. Gegen die Annahme eines fast das ganze Fajum umfassenden Möris hatte Linant hauptsächlich das Argument der alten Städte vorgebracht, die in tiefer Lage alsdann nicht hätten vorhanden gewesen sein können. Das hohe Altertum dieser zwischen 0 und  10 Meter Meereshöhe befindlichen Örtlichkeiten ist aber durch nichts verbürgt. Der unweit der Westecke des heutigen Sees gelegene, aus der römischen Epoche stammende Tempel Kasr-el-Kerun bei  4 Meter, die Scherbenstätte von Kasr-el-benat, die unerklärlich grabähnlichen Tumulusbauten von Medinet-Mahdi, dann die wegen ihres altägyptischen Namens, aber keineswegs durch nachgewiesene Altertümer in Betracht kommenden Dörfer Senhur, Senures etc. sind durchaus nicht so alten Ursprungs, daß sie als mit derjenigen Epoche zusammenfallend bezeichnet werden könnten, in welcher der Möris noch in dem von Herodot bezeichneten Sinne funktionierte. In späterer römischer Zeit hatte der See gewiß längst aufgehört, den letzterwähnten Bedingungen zu entsprechen; es ist sogar wahrscheinlich, daß schon zur Zeit des Claudius Ptolemäus nur noch der zum Birket-el-Kerun reduzierte abflußlose Möris, wenn auch in größerer Ausdehnung als heute, vorhanden war. Von dem Momente an, wo er abflußlos geworden, konnte in erster Linie nur noch das Bestreben in Betracht kommen, den Zufluß vom Nil her in der Gewalt zu haben und durch Austrocknenlassen des Sees möglichst viel neues Kulturland zu gewinnen. Wenn man den in Ägypten Geltung habenden Koeffizienten der Wasserverdunstung für das Jahr auf zwei Meter annimmt, so konnte der Spiegel des Sees schon innerhalb zwanzig Jahren von  21 Metern bis zum Niveau des Meeres herabsinken, und man braucht dabei noch gar nicht einmal das Phänomen des unterirdischen Wasserverlustes, dessen ich bei dem Salzgehalte des heutigen Wassers Erwähnung tat, in Betracht zu ziehen. Auch ergibt sich aus den ältesten Darstellungen der ptolemäischen Kartentradition für den Möris des zweiten Jahrhunderts nach Christo ein Bild, das eher an die vergrößerte Birka von heute als an den mit dem Nil kommunizierenden Bewässerungssee erinnert. Bacchis war gewiß die heute Dimeh genannte Stadtruine, und zu Dionisias gehörte wahrscheinlich der Tempel Kasr-el-Kerun. Das Argument der alten Städte, an dem noch neuerdings Maspero festhalten zu wollen scheint, spricht gerade in überzeugender Weise zugunsten eines großen Möris. Die ältesten Zeugen, wenn man von dem Obelisken des Usurtasen I. absehen will, der bei Ebgig in einer Höhe von angeblich (aber noch nicht durch Nivellement konstatierten)  18 Metern liegt und mit dessen Vorhandensein daselbst es noch eine eigene Bewandtnis haben muß, liegen alle innerhalb derjenigen Niveaulinien, welche man als alte Ufer eines zwischen  19,5 und  22,5 Metern gelegenen Wasserspiegels festhalten muß. Es verlohnt nicht der Mühe, heute noch auf alle Mißverständnisse eingeben zu wollen, die seinerzeit infolge von irrigen Zifferangaben auf diesem Gebiete der alten Geographie vorgekommen sind. Etwas anderes aber ist es, wenn hervorragende Gelehrte, denen alle Mittel der Erkenntnis zu Gebote stehen, sich der vernünftigen Einsicht verschließen, wie es auch Maspero gelegentlich einer Besprechung des Brownschen Werkes getan, dem er indes großes Lob zollt. Professor Maspero, den die alten Uferzeugen wenig bekümmern, will nicht von der fixen Idee lassen, daß Herodot bei seinem Besuche des Gaues von Krokodilopolis ein Opfer Fremde führender und anführender Dragomane geworden sei. Herodot, so behauptet Maspero, hätte das Fajum im Zustande der »Überschwemmung« gesehen und für einen künstlichen See, der bei der Nilschwelle aushelfen sollte, dasjenige gehalten, was in Wirklichkeit nur die Wasserfläche eines der von Dämmen zurückgehaltenen Fajumer Bassins gewesen war. »Man darf nicht vergessen,« sagt Maspero an dieser Stelle, »daß Herodot vor allem bei den Dragomanen (sic) oder Sakristanen seine Erkundigungen einzog, und man kennt die hübschen Geschichten, die Dragomane und Sakristane ihm von den Denkmälern Memphis' und von den Königen, die sie erbauten, erzählt haben.« Die Vorstellung einer Fajumer Überschwemniungsperiode ist aber hier an dieser Stelle ein verräterisches Ding. Statt zu beweisen, daß Herodot sich hat anführen lassen, legt er nur Zeugnis ab von der gänzlichen Verkennung der Fajumer Verhältnisse. Im Fajum gibt es keine Überschwemmung, das Land bedarf gar keiner, da es dank seiner tiefen Lage das ganze Jahr hindurch durch den Josephs-Kanal Wasser aus dem Nil erhält und eine dauernde Kultur besitzt, die durch dreizehn Hauptkanäle und zahlreiche Nebengräben instand gehalten wird. Wie soll man sich auch in einer Provinz, deren Gefälle auf 18 Kilometer, vom Ende des Josephs-Kanals bis zum heutigen See, 67 Meter beträgt, eine zeitweilige Überschwemmung nach Art der im Niltal gebräuchlichen vermittels von Dämmen umgebener Bassins vorstellen? Zur Zeit, als man noch nicht in dem Grade der Schleusen Herr war wie heutigestags unter der englischen Verwaltung, war das Bedürfnis nach Sammelbecken, die unter allen Umständen Gewähr für einen regelmäßigen Wasserbezug leisten konnten, ein sehr fühlbares, aber nur wenige Distrikte eigneten sich zu einer solchen Anlage, die nur in bescheidenen Größenverhältnissen anzulegen gestattet war. Das größte Sammelbecken dieser Art, dasjenige von Mater Tari, war kaum zwei Quadratkilometer groß und wurde vor über 40 Jahren abgeschafft. Das einzige noch übrig bleibende Sammelbecken der Provinz ist das von Tamieh. Bassins von annähernder Größe der im Oberägyptischen vorhandenen, die auf einen Altmeister der Geschichte, wenn ihn die Dragomane und Sakristane der Perserzeit ins Gebet nahmen, allenfalls den Eindruck eines Mörissees hervorzurufen vermocht hätten, sind im Bereiche des heutigen Kulturlandes im Fajum einfach ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. VII. Eine römische Wüstenstadt und die Steinbrüche am Mons Claudianus (Hierzu Abbildungen Tafel XVI und XVII) Die kristallinischen Gebirgsmassen, die sich dem Roten Meer parallel durch die östlichen Wüsten von Ägypten hinziehen, sind ungeachtet ihrer Metallarmut bereits in sehr frühen Epochen Gegenstand eines auf die primitivsten Hilfsmittel beschränkt gebliebenen Minenbetriebs gewesen. Man kennt durch E. Floyer's Etude sur le Nord-Etbai. Le Caire 1893. Nachforschungen innerhalb des eigentlichen Ägyptens zwischen 23° und 25° n. Br. ungefähr zehn Stellen, wo teils Gold aus Quarz gewonnen, teils Smaragde, Berylle und Topase gegraben worden sind, während Linant de Bellefonds in den Wüsten Nubiens, im »Etbai« zwischen 21° und 23° n. Br. einige zwanzig Örtlichkeiten alter Goldgewinnung angegeben hat. Bei der hohen Entwicklung des altägyptischen Kunstgewerbes werden diese Gebirge außerdem von ihren hamitischen Bewohnern wohl seit den ältesten Zeiten nach allerhand Halbedel- und Schmucksteinen durchsucht worden sein, wie z. B. Lazurstein, Granat, grüner Feldspat, Onyx, Chalkedon, Achat, Jaspis, Bergkristall, Amethyst u. dergl. Die heutigen Ababde, die Ichthyophagen des Ptolemäus, sind den weiter südlich hausenden Bischarin nahe verwandt und mit diesen von den arabischen Geographen als »Bega« bezeichnet worden. Diese Völker nennen sich selbst »Bedaûye«, und neuere Funde des Prof. Flinders Petrie haben es für mich sehr wahrscheinlich gemacht, daß sie die Völkergruppe repräsentieren, die von den alten Ägyptern mit dem Namen »Med'a«, »Matoi« usw. bezeichnet worden sind. Maspero und andere Ägyptologen haben diesen Namen, aus dem in neueren Epochen der ägyptischen Geschichte die Bezeichnung »Mazai« für »Gendarmen« (nach Erman) hervorgegangen ist, der Gruppe der Libyschen Völker zugewiesen; allein die von Flinders Petrie bei Nagada gemachten Funde, namentlich die mit den heutigen Gefäßen der Ababde z. T. völlig identischen Talkschiefergeräte weisen auf die Ostseite des Nil, nicht auf die Libysche Wüste, wo die genannte Gesteinsart nirgends anzutreffen ist. Diese Urbewohner, die sich in großer Reinheit des Stammes und der Sitten bis auf den heutigen Tag in den südlichen Teilen der östlichen Wüste Ägyptens erhalten haben, sind von jeher mit der Verarbeitung der Gesteine vertraut gewesen, wie die erwähnten Gefäße beweisen, die sie noch heutigentags aus Speckstein, Chloritschiefer, Talkschiefer und ähnlichen Felsarten herzustellen wissen. Bei ihnen hat die Steinzeit gewissermaßen nie aufgehört, zu Recht zu bestehen. Die Ägypter selbst scheinen von jeher mit den benachbarten Wüstenvölkern keine Gemeinschaft gehabt zu haben, und schwerlich werden echte Ägypter, selbst kaum als Angestellte und Aufseher, bei den durch Sklaven und Kriegsgefangene ausgebeuteten und durch fremdländische Truppenkörper überwachten Gruben Verwendung gefunden haben. Daher darf uns auch die Seltenheit von Bauresten und Inschriften in diesen Einöden nicht überraschen. Die Granit- und Sandsteinmassen, deren die Ägypter zu ihren Tempelbauten bedurften, lagen im Bereich des Niltals, ja am Fluß selbst, ohne dessen Mithilfe die größten Stücke gar nicht fortzuschaffen gewesen wären. Auch die Alabasterbrüche waren sämtlich in geringer Entfernung vom Nil gelegen und in wenigen Stunden zu erreichen. Die einzige Ausnahme machten die auf der heutigen Keneh-Kosser-Straße gelegenen Brüche von Hammamat, weil dort allein jene feinkörnigen, harten und schwarzen Grauwackenhornsteine, Diorite oder Porphyre zu haben waren, die zur Herstellung der wertvollsten Bildsäulen dienten. Durch diesen an der schmalsten Stelle zwischen Nil und Meer gelegenen Wüstenstrich östlich von Theben führte zugleich der wahrscheinlich älteste Weg, der Ägypten mit der Außenwelt in Verbindung gesetzt hat; vielleicht ist es der nämliche, auf dem die erste Einwanderung sich vollzog, die das alte Kulturvolk dauernd an das Niltal knüpfte. Vor der Wüste im allgemeinen und dem »Rotlande« (To-Scher oder Torsch) der östlichen Thebaïs müssen die alten Ägypter eine Art heiliger Scheu empfunden haben, wenn anders die Analogie nicht täuscht, die aus den Vorstellungen der ihnen doch so wesensgleichen heutigen Niltalbewohner erhellt. Die Schrecken jener Einsamkeit und Menschenleere, wie sie die Felswüsten des Ostens darbieten, die für uns eine beata solitudo und eine sola beatitudo (St. Benedict) gewähren würden, erfüllte das Gemüt des modernen Ägypters mit eigentümlicher Furcht, seine Einbildungskraft gestaltet die Wüstenöde zum Tummelplatz aller bösen Geister. Ob solcher Furchtsamkeit wird er nicht selten von den Beduinen verspottet. In diesen Sonnenländern weiß man nichts von den Nebeln der Gespensterdichtung unseres Nordens; vor Gräbern und dunklen Gewölben graut dem Ägypter nicht, aber um keinen Preis wäre er zu bewegen, allein die Nacht in einer abgeschiedenen Felshöhle der Wüste zu verbringen. Ich führe das an, weil die übertriebene Bewunderung und Verehrung, die im 4. und 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung den Anachoreten, jenen frommen Männern, zuteil wurde, die abgeschieden von aller Welt, in entlegenen Wüstentälern und, wie man glaubte, unter beständigem Ringen mit allen Anfechtungen der Dämonenwelt ihr Dasein verbrachten, in den angedeuteten Vorstellungen der Ägypter ihre Erklärung finden. In den älteren Epochen scheinen die Ägypter, wenn man von dem durch das Uadi Gasus führenden absieht, den ich im Januar 1885 besuchte, nur einen Zugang zum Roten Meer gehabt zu haben, nämlich die vorhingenannte Straße, an der, im heutigen Tal von Hammamat, die Brüche gelegen waren, wo »der schwarze Stein von Ägypten« ausgebeutet wurde. In den Zeiten der elften und zwölften Dynastie, wie durch Inschriften und Papyrusrollen bezeugt ist, und wahrscheinlich in noch früheren Perioden bestand diese Straße, an der künstliche, aus dem Fels gehauene Brunnen das den Wanderern und Lasttieren erforderliche Trinkwasser lieferten. Die aus dem arabischen Süden, aus To-Nuter, dem »Gottesland« oder dem »heiligen Land«, anlangenden Waren wurden im Albus portus des Claudius Ptolemäos, dem heutigen Kosser ausgeladen, auf Eseln nach Koptos übergeführt und hier auf die Nilschiffe verladen. Vielleicht ist auch die erwähnte Wüstenscheu des Ägypters daran schuld gewesen, daß die Alten nicht mehr direkte Wege von verschiedenen Punkten des Nil zum völkerverbindenden Meer erschlossen. Die dazu erforderlichen Brunnenanlagen, Fangdämme und ähnliche Wasserbauten hätten geeignete Aufgaben für ihren Unternehmungsgeist abgeben können. Das geschah aber erst unter den Ptolemäern infolge des mächtigen Impulses, den diese Herrscher dem überseeischen Handel angedeihen ließen. Als dann die Römer Herren des Landes geworden waren, begann nach allen Richtungen hin eine zunehmende Durchforschung der Wüste nach Metall- und Mineralschätzen. Neue Gesteinsarten gelangten in der Bildhauerei zur Verwendung. Marmor, Granit von Syene, Sandstein, Alabaster und der »schwarze Stein von Ägypten« genügten nicht mehr; die häufig wechselnde Geschmacksrichtung der Verfallzeit führte allerlei Versuche mit mehrfarbigem Material herbei und man begann bei mittelmäßigen Bildwerken durch Kostbarkeit und Seltenheit der Masse dasjenige zu ersetzen, was ihnen an wahrem Kunstwert abging. Um etwas noch nicht Dagewesenes und bei der Schwierigkeit seiner Beschaffung nur der Allgewalt des römischen Weltbeherrschers Zugängliches zur Schau stellen zu können, kam seit Claudius, wie Plinius bezeugt, der echte rote Porphyr in Aufnahme, eine Gesteinsart, die nur an einer, am gleichnamigen Berge der östlichen Wüste gelegenen und über 140 km vom Nil bei Keneh entfernten Stelle zu haben war. Zu dem Ende wurde am Porphyrberg, dem heutigen Gebel-ed-Duchan (d. i. »Berg des Rauches«) eine große Niederlassung gegründet, wo Tausende von Sklaven, wahrscheinlich Sträflinge oder Staatsgefangene, in harter Arbeit die gewaltigsten Blöcke abzusprengen und von den unzugänglichsten Höhen herab nach dem Tal zu schaffen hatten. Auf einer mit Stationshäusern und Brunnenanlagen besetzten Straße Ob der Seeweg über Myos Hormos, das nur 50 km entfernt war, benutzt werden konnte, ist bis jetzt nirgends nachzuweisen gewesen; auch weiß man nicht, ob der die beiden Meere miteinander verbindende Süßwasserkanal in jener Epoche zu diesem Zwecke verwendbar war. wurden alsdann die, wie viele noch heute in den Museen und Kirchen Italiens prangende Schaustücke dartun, oft Tausende von Zentnern schwere Massen vermittelst Rollen und Karren durch Ochsen fortbewegt, bis sie beim heutigen Keneh den nächsten Nil erreicht hatten. Wenn man allein die in O. Schneider's Vergl. seine »Naturwissenschaftliche Beiträge zur Geographie und Kulturgeschichte«, 1883, S. 96–110, wo ich meine eigenen an Ort und Stelle gemachten Beobachtungen veröffentlicht habe. Monographie angegebenen wichtigsten Porphyrwerke in Betracht zieht, einer langen Aufzählung der gegenwärtig bekannten und zugänglichen Stücke, so gewinnt man eine Vorstellung von den ungeheueren Massen dieses Materials, die am Porphyrberg von der zweiten Hälfte des ersten bis zum Schluß des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung (sicher von Claudius bis zu Konstantin's Zeiten) zutage gefördert sein müssen. In einem Abstände von ungefähr 50 km in SSO vom Porphyrites entstand in derselben Epoche, wahrscheinlich unter Claudius, wie der Name bezeugt, eine Steinbruchniederlassung am sogen. Mons Claudianus , dem heutigen Gebel Fatireh. In noch größerem Maßstab angelegt als die Niederlassung bei den Porphyrbrüchen, waren die Claudianischen ausschließlich der Bearbeitung einer Art hellgrauen Granits gewidmet, die im Bereich des Niltales und der Katarakte nirgends zutage tritt. Die Hauptniederlassung, das römische Kastell, lag in einem kleinen Seitental des Uadi Fatireh, das am Südabhang des gleichnamigen Berges nach WSW gerichtet, bei der alten Station es-Saqi die Porphyrstraße erreicht und nahe davon in das große von Norden herkommende Uadi Keneh einmündet. Die Entfernung vom Nil bis Keneh beträgt auf diesem Wege gegen 110 km, der zum Roten Meer bei Myos Hormos 55 km. Der Weg zum Nil verläuft auf der breiten Talsohle völlig eben, dagegen hat die entgegengesetzte Strecke zum Meer erhebliche Geländeschwierigkeiten zu überwinden. Auf meinen zahlreichen Streifzügen durch die ostägyptischen Wüsten bin ich wiederholt zum Porphyrberg gelangt, am Mons Claudianus dagegen habe ich nur im Januar 1885 geweilt. Ich mache diese noch so ungenügend erforschte Örtlichkeit gerade deshalb zum Gegenstand der nachfolgenden Erörterungen, weil sie außer von mir nur von wenigen Reisenden besucht worden ist. Von M. Burton und G. Wilkinson im Jahre 1823, von Lefèbvre 1837, von R. Lepsius 1845 und von E. Floyer 1886. Die einzige Beschreibung, die wir vom Mons Claudianus besitzen, rührt von Gardner Wilkinson her; denn R. Lepsius, der auf seinem Weg von den Steinbrüchen des Uadi Hammamat zum Porphyrberg hier durchkam, hat in seinen geistvollen Reisebriefen dieses Besuches nur mit wenigen Worten Erwähnung getan. Seine Reisegesellschaft befand sich gerade damals und an dieser Stelle in einer durch Wassermangel und Unkundigkeit der Führer sehr mißlichen Lage, es wurde am Mons Claudianus nicht einmal genächtigt; so wird unser großer Ägyptologe die alten Ruinen daselbst wohl nur flüchtig durchwandert haben können. Auch Beduinen, Ababde und Maase-Araber gelangen nur selten und vereinzelt in diese abgelegenen Täler, wenn es sich darum handelt, abhanden gekommene Kamele wieder einzufangen. Der Gebel Fatireh, der mit seinem ungefähr 1300 m Meereshöhe erreichenden Hauptstock der kristallinischen Gebirgskette eingereiht ist, die sich, der Richtung der Meeresküste folgend, nach SSO erstreckt, besteht mit allen seinen Vorhügeln und Taleinschnitten ausschließlich aus Granit. Von den nackten, tiefgefurchten Bergmassen herab, die sich gotischen Domen gleich aus einer Unzahl übereinandergetürmter Verwitterungskegel aufbauen, schimmert hier der Felsen in allen Farbenstufen des Granits, vom zarten Aschgrau bis zum alpenglühenden Rot, das von den höchsten Zacken leuchtet. Bräunliche Gänge von Felsit durchsetzen diese Massen mit breiten Bändern. Alles strahlt hier wieder und glüht in der Lichtfülle des Sonnenlandes. Die kulissenartig ineinander geschobenen Berge und Hügel, die sich mit ihren langausgezogenen Umrißlinien, wären sie in Europa, durch ebensoviele Farbentöne perspektivisch gliedern und in blauen und violetten Abstufungen voneinander abheben würden, flimmern hier in einem unbestimmten Gemenge; nur die auffälligsten Gestalten, einige spitze Kegel und Zacken, selten einmal ein beschatteter Steilabsturz, unterbrechen dieses wüste Einerlei, und Konturen, die durch kilometerweise Abstände voneinander geschieden sind, fließen in eins zusammen, als gehörten sie zu ein und derselben Bergwand. Ganz anders freilich gestaltet sich das Bild, sobald während der Wintermonate Wolken am Himmel aufziehen; da werden urplötzlich Tausende bisher versteckter Gestalten lebendig und schwanken unstät und gespenstisch im beständigen Wechsel der Schatten durch das kaleidoskopartig wogende Berg- und Hügelmeer. Die hellgraue Granitsorte, die hier zum Gegenstand der Ausbeutung geworden war, ist keineswegs von besonderer Güte und besteht aus einem ziemlich grobkörnigen Gemenge, in dem weißer Quarz und schwarzer Glimmer weit überwiegen. Letzterer macht die Masse wenig widerstandsfähig, so daß man mit dem Hammer sehr leicht große Stücke abschlagen kann, fast wie vom Zucker. Ich glaube, der weiße Granit von Como, der in Mailand so viel Verwendung findet, hat ungefähr das gleiche Gefüge und bietet bei der Verarbeitung dieselbe Leichtigkeit. In diesem weiß und schwarz gesprenkelten Granit vermutet man den von Plinius erwähnten Staarstein, den grau- oder weiß- und schwarzgesprenkelten »psaronius lapis« (nach anderer Lesart »psaranos«), der jedenfalls eine Granitsorte gewesen sein muß, wie aus der Zusammenstellung von ihm mit dem pyropoecilus (oder pyrrhopoikilos) und dem Syenit hervorgeht W. Brindley , der große englische Gesteinshändler, der von der ägyptischen Regierung eine Konzession zur Ausbeutung der alten Brüche am Porphyrberg erhalten hat, sprach in einem bei der Brit. Association 1887 gehaltenen Vortrag über ägyptische Bau- und Dekorationssteine die Ansicht aus (abgedruckt in »The Builder« Nr. 26, 1887), daß der Granit vom Mons Claudianus zur Herstellung des Forums Trajan's sowie der Monolithsäulen des Pantheons Verwendung gefunden hätte. Die betreffenden Granitsorten mögen ja ziemlich identisch sein und wohl auch die Bezeichnung »psaronius« verdienen; aber viele Granite Italiens haben das gleiche Aussehen, während von einer Verschiffung dieser Massen von Ägypten nach Italien bei keinem der älteren Schriftsteller die Rede ist. (Plin. XXXV 13. 43). Um dieses Gestein, das keine besonderen Vorzüge besaß, auszubeuten, sind Tausende von Menschen und Tiere in Bewegung gesetzt worden, und unwillkürlich drängt sich die Frage auf: zu welchem Zweck geschah dies? Der zur Fortschaffung der roten Porphyrmassen erforderlich gewesene Kraftaufwand wird in Anbetracht der Schönheit des Materials und der Einzigkeit seines Vorkommens erklärlich. Rätselhaft aber erscheint diese große Mühewaltung, die hier dem doch gewiß weitverbreiteten hellen Granit zuteil wurde, dessen Blöcke fünfundzwanzig Wegstunden weit über Land geschleppt werden sollten. In anderem Licht erscheint die Frage, wenn man bei den großartigen Anlagen am Mons Claudianus den Zweck einer nutzbaren Granitgewinnung nicht als Hauptsache betrachtet, sondern nur als ein Mittel zur Verfolgung höherer Staatszwecke. Große Scharen von Staatsgefangenen, die sich nach Niederwerfung der häufigen Aufstände in Syrien, in Alexandria und anderwärts anhäuften, hatten die Präfekten Ägyptens zu beschäftigen, und es läßt sich annehmen, daß der gefährlichere Teil dieser »damnati in metallum« (Plin.) in den unzugänglichsten Felswüsten mit Herbeischaffung von Materialien zu allen möglichen und unmöglichen Bauten betraut und auf solche Art unschädlich gemacht werden sollte. Die zahlreichen Wächterhäuschen, die auf jedem vorspringenden Punkt und auf jeder Hügelspitze im Umkreis der Steinbrüche noch zu sehen sind, ebenso die feste Beschaffenheit des Kastells sprechen deutlich von der Sorgfalt, die kaiserliche Befehlshaber auf die Überwachung der ihnen anvertrauten gefährlichen Menge verwandt haben müssen. Über den einen weit längeren Zeitraum umfassenden Betrieb der Porphyrbrüche und über das den daselbst beschäftigten Strafgefangenen zugefallene Los haben wir einige Angaben alter Schriftsteller, Vom Rhetor Aristides, vom Kirchengeschichtsschreiber Eusebius, der in seinem Werk über die Märtyrer Palästinas ein ergreifendes Bild von dem Schicksal christlicher Strafarbeiter in den Steinbrüchen der Thebaïs entwirft, schließlich von dem Verfasser oder den Verfassern der sogenannten Passio sanctorum quat. coron. Es ist wahrscheinlich, daß diese Legende aus der Verschmelzung zweier entstanden ist, von denen die eine Ägypten, die andere Ungarn zum Schauplatz hatte. Wie O. Schneider bereits gezeigt, sprechen verschiedene Punkte des Berichts dafür, daß es sich in der Tat um die Porphyrbrüche Ägyptens handelte, u. a. die Abwesenheit von ungarischen Porphyren unter den Bildwerken der Diokletianischen Epoche, die Erwähnung des »Feuerberges« (Gebel ed Duchan, Porphyrites), des Sonnentempels im Bergwerk u. dergl. die aber sämtlich zu einer Zeit verfaßt worden sind, als die Werke am Mons Claudianus nicht mehr in Tätigkeit waren. Man kann annehmen, daß die Opfer der großen Christenverfolgungen am hiergenannten Platz nie Verwendung gefunden haben, eher Juden von den unter Titus, Trajan und Hadrian unterdrückten Empörungen in Jerusalem und Alexandria, die uns Flavius Josephus geschildert hat. Das nach WSW verlaufende Uadi Fatireh nimmt eine Anzahl kleiner Seitentäler von der linken Seite auf, und diese sind nach NW gerichtet. Auf der Nordseite eines dieser Seitentäler liegen, zwei km vom Hauptuadi, die noch wohlerhaltenen Trümmer des römischen Forts, das den Mittelpunkt dieser Anlagen bildete. Das Rinnsal des Seitentales liegt 700 m über dem Niveau des Meeres. Das Kastell selbst bildet ein nach den vier Himmelsrichtungen orientiertes regelmäßiges Quadrat von 70 m auf jeder Seite und ist von einer Ringmauer umgeben, an der fünf im Grundriß teils vierkantig, teils halbkreisförmig angelegte Türme vorspringen. Ein einziges Tor führt auf der Westseite in das Innere. Dieser genau in der Mitte der Westmauer befindliche Eingang wird von zwei halbrunden turmartigen Vorbauten flankiert, die eine Art Vorwehr darstellen. Vielleicht ist nirgends in der Welt eine römische Niederlassung in so wohlerhaltenem Zustand auf die Nachwelt gelangt, wie die vom Mons Claudianus. Es gibt in Ägypten noch zahlreiche Burgen ähnlicher Art, deren Umfassungsmauern stehengeblieben sind, wie beispielsweise die zu Abydus, zu Eileithya (el-Kab), bei Kom-el-ahmar, zwischen Edfu und Esneh, in der Oase Chargeh u. a., aber nirgends wird uns ein ähnlicher Einblick in die inneren Einrichtungen geboten wie hier. Wäre Pompeji in solcher Verfassung an das Tageslicht gekommen, man hätte nicht nötig gehabt, auf spekulativem Wege Modelle von römischen Wohnhäusern zusammenzustellen; denn letztere lägen alsdann in Substanz vor. Leider aber waren in einer so abgeschiedenen Wüstenburg die Behausungen nur höchst ursprünglicher Art und jedes Schmuckes bar, sodaß hier nur wenig zum Verständnis der häuslichen Einrichtungen dargeboten erscheint. Immerhin gewahrt man neben gefängnisartigen dunklen Zellenlöchern auch geräumige Stuben, in denen zugehauene Säulen die Steinbalkenlagen der Decke tragen, steinerne Waschbecken und Wannen, leuchterartige Kandelaberfüße, Hausaltäre und anderes Hausgerät aus Stein umherliegen. Dies waren wohl die Behausungen der Vornehmeren, der Ingenieure und Werkführer bei den Sprengarbeiten, der Steinmetzen von Beruf. Alles ist hier aus Granit geformt, rohbehauene Platten und Balken sind als Tür- und Fenstereinfassung, als Türschwellen, als Sitze, als Gestelle zusammengetan. Bewurf und eigentliches Mauerwerk findet sich nur an den wenigen Luxusbauten, die sich außerhalb des Kastells vorfinden, nämlich am Tempel, am Wohnhause des Verwalters (oder Befehlshabers) und am Bade. Diese sind denn auch, da sie wahrscheinlich viele Holzteile enthielten, der Zerstörungswut der späteren Besucher nicht entgangen und befinden sich infolgedessen in ähnlichem Zustande, wie derartige Ruinen in anderen Gegenden Ägyptens auszusehen pflegen. Gewaltige Granitbalken überdecken den hohen Toreingang, durch den man in das Innere des Kastells eintritt. Zunächst öffnet sich eine enge Hauptstraße von Ost nach West, auf der zu beiden Seiten, in Nord und in Süd, je drei noch schmälere parallele Seitenstraßen folgen. Die Mauern der einzelnen Häuschen sind zum großen Teil eingestürzt, da die als Mörtel und zur inneren Auskleidung der Wände verwandte Lehmmasse längst durch gelegentliche Regengüsse hinweggespült worden ist, und infolge davon die aufeinandergeschichteten Bruchsteine oft ihren Halt verloren. Anderwärts sind zahlreiche Häuser unverändert stehengeblieben und ihre Innenräume noch unter Dach und Fach. Umfangreiche Platten und lange Balken von Granit bilden die Decke. Solche Wohnungsräume könnten heute noch ihren Zweck erfüllen. Ziegenmist rezenter Art, der sich stellenweise angehäuft hat, beweist in der Tat, daß Beduinen vorübergehend hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Das Innere des Kastells entbehrt der Freiplätze, eine Behausung lehnt unmittelbar an die folgende, und wahrscheinlich waren die dazwischen liegenden Gassen und Gäßchen zum Schutz gegen die Sonne mit Matten u. dergl. überdeckt. Die Wohnräume im Kastell tragen nicht den Charakter von Zellengefängnissen zur Schau, wie solche die Hydreuma-Stationen dieser Wüstenregion kennzeichnen: hier scheinen die Arbeiter und Sträflinge familienweise, aber verhältnismäßig frei und ungebunden einquartiert gewesen zu sein, was den Angaben entspricht, die zur Zeit des Antonius Pius, der weitgereiste Rhetor Aristides in seiner Abhandlung über Ägypten niederschrieb, und in der er das Leben der Steinbruchsträflinge, denen in der wasserlosen Gegend jede Möglichkeit des Entweichens benommen war, in entsprechender Weise geschildert hat. Bei längerem Nachsuchen und nach Hinwegräumung von Schutt und Steinen ließen sich im Innern dieser Niederlassung gewiß noch manche interessante Hausgeräte, vielleicht gar Reste von Schriften und Briefen (Diptycha, Ostraka, Papyrusstücke) ausfindig machen. Was mir bei flüchtiger Durchmusterung der Räume besonders in die Augen fiel, beschränkte sich auf Granitmörser zum Kornstampfen, auf Tonscherben, namentlich hellblaue, für die ältere römische Kaiserzeit in Ägypten so charakteristische Fayence, auf Glasfragmente, lange zweihenkelige Amphoren aus gebranntem Ton für Öl und Wein u. dergl. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß Tonscherben sich nirgends in größerer Menge angesammelt haben, aus welchem Umstand man auf die kurze Dauer des Bestehens dieser Niederlassung schließen darf. Der eine Zugang, den der befestigte Platz aufweist, scheint hinlänglich den Zweck der hohen Ringmauer zu erklären. Die Befestigung richtete sich wohl mehr gegen die Insassen als gegen einen von außen her zu befürchtenden Feind. Der von Wilkinson gelesenen Tempelinschrift zufolge soll hier ein mit dem Titel Chiliarch angegebener Anführer von zilizischer Reiterei, und zwar einer Abteilung oder Rotte (speira) der ersten Flavia in Garnison gestanden haben. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß das Kastell, falls es zur Beherbergung dieser Soldaten gedient hätte, die Reiter ohne die zugehörigen Pferde aufgenommen haben würde. Pferdestände aber sind, wie ich bezeugen kann, im Innern ganz sicher nicht vorhanden gewesen. Aus der erwähnten, vom Jahr 119 n. Chr. datierten Inschrift geht hervor, daß außer dem an dritter Stelle aufgeführten Chiliarchen Avito bei den römischen Niederlassungen noch zwei hervorragende Persönlichkeiten in Tätigkeit waren, erstens der Unternehmer der Brüche Epaphroditus Sigerianus, ein Sklave dse Kaisers, und der Aufseher oder Verwalter der Brüche Chresimus, ein Freigelassener des Augustus. Der Unternehmer wird in Person wohl nicht dauernd am Platz anwesend gewesen sein. Über die uns inbetreff der Verwaltung der Steinbrüche und über den alten Minenbetrieb überkommenen Nachrichten hat uns E. Schiaparelli belehrt. Beim Hinaustreten aus dem Kastell hat man zunächst linker Hand eine große Amtsstube (»Diwan« der heutigen Ägypter) mit längs den Wänden verlaufenden Steinbänken. Darauf folgen im Westen zwei von Mauern in Gestalt länglicher Vierecke umfriedigte Räume, die der Bauflucht des Kastells parallel mit der Längsseite aufeinanderstoßen und gegen die Talmitte Front machen. Sie messen je 50x20 und 50x40 m. Der auf der Südseite gelegene Raum stößt mit seiner Längsfront unmittelbar an das Kiesrinnsal der Talmitte und weist gegen dreißig in fünf Reihen geordnete vierkantige Pilaster auf, die aus geschichteten Steinscheiben errichtet, dazu bestimmt gewesen sein müssen, ein großes wohl mit Stroh, Palmenblättern oder Matten belegtes Sonnendach zu tragen. Die nördliche Abteilung war ohne Sonnendach und enthielt zwei ihre ganze Länge einnehmende Steinbänke mit Trögen, an denen offenbar die Zugstiere, vielleicht auch Reittiere oder Pferde gefüttert, wohl auch abgetränkt wurden, obgleich für den letztgenannten Zweck anderwärts Vorsorge getroffen war. An den Futterbänken war Platz für 400 Tiere. Die Größe dieser Anlage spricht von der großen Zahl der Tiere, die hier, aber wahrscheinlich nur während der Wintermonate, zur Verwendung kamen, ganz abgesehen von den Kamelen, für die man weder ein Schattendach noch eigene Futterbänke herzustellen nötig gehabt haben würde. Der mit dem Sonnendach versehene Raum bot Platz zur Unterbringung von mindestens 350 Ochsen. Vielleicht waren hier die sehr fraglichen Stallungen der zilizischen Reiterei; die Halle konnte auch zur Speisung von Strafarbeitern Verwendung gefunden haben. Im Innern des Kastells fand ich nur zwei zu Zisternen verwandte Becken. Dagegen ist eine tiefe Grube ohne sichtbare Steinauskleidung am Ostende des Viehhofs befindlich. Ein großer Steintrog steht noch da. Diese Grube enthielt gewiß einen Brunnen, der höchstwahrscheinlich zur Aufnahme des bei gelegentlichen Regengüssen auf der Talsohle zusammenfließenden Wassers gedient hat. Die eigentliche Wasserstation lag in einer Seitenschlucht auf der Südseite des Nebenuadis (Tal des römischen Forts), 1 km vom Kastell entfernt, in bedeutend höherer Lage, so daß eine Röhrenleitung wohl zu diesem hinunterführen konnte. Indes, um die Bedürfnisse einer so großen Niederlassung zu befriedigen, wo sich noch obendrein die Vornehmen den Luxus von Bädern gestatten durften, hätten diese Wasserwerke für sich allein nicht genügt. Jedenfalls waren beständig Hunderte von Kamelen auf den Beinen, die Tagereisen weit, sei es vom Nil, sei es von den natürlichen und künstlichen Zisternen der Gebirge (am Gebel Um-Enab), Wasser in größeren Mengen herbeizuschaffen hatten. Der Westseite des Kastells entlang steigt eine von zwei Steinmauern flankierte Straße bergan, die in den Tempel ausläuft. Bevor man diesen erreicht hat, gelangt man rechter Hand, der Nordwestecke des Kastells gegenüber, zu einem aus gebrannten Ziegelsteinen hergestellten Bau, dessen Dach gleichfalls ein Ziegelgewölbe darstellt. Offenbar beherbergte dieser vor allen übrigen Wohnungen bevorzugte Bau die vornehmste Persönlichkeit der Niederlassung, vielleicht den kaiserlichen Prokurator oder Verwalter der Brüche. Ein Bassin mit runden halbkreisförmigen Treppenstufen und zwei Tröge von Granit sind noch erhalten und tun den Zweck dieses für die Verhältnisse luxuriösen Baues kund, nämlich einer Badeanlage, wenn auch von sehr bescheidenen Verhältnissen. Nach Wilkinson, der hier 62 Jahre vor mir vieles in besser erhaltenem Zustande sehen konnte, enthielt dieses Bad auch einen nach Art der Sudatoria gewölbten Raum, der, nach Vitruvius (lib. V. c. 10), mit Hilfe einer von der Decke herabhängenden Öllampe erhitzt werden konnte. Törichte Epigonen haben den Fußboden durchbrochen und ein tiefes Loch ausgehöhlt auf der Suche nach vermeintlichen Schätzen. Die Wände tragen noch Bewurf von fester Mörtelmasse und zeigen eine apsisartige Nische. Ein merkwürdiges vierkantiges, oben offenes Granitgefäß mit sonderbarer Öffnung zur Einfügung von Metallröhren fand sich daselbst vor. Auf dem Mörtelbewurf der Apsis im Bade ist der Name eingekratzt: Rosa, 1812 Camillo. Dicht unter dem Fuß der nördlichen Talwand war auf einer ansteigenden Felsstufe der in seinem Neubau unvollendet gebliebene Sonnentempel errichtet, wie jener in der benachbarten Porphyrstadt, dem Helios Serapis geweiht. Eine breite Rampe führt hinan, bei dem Wohnhaus und Bad des Verwalters vorbei, und läuft in eine Treppe von zwanzig Stufen aus. Diese führen zu einer Plattform, auf der die Trümmer eines kubisch gestalteten Altarsteins liegen, dessen Inschrift besagt, daß der Präfekt von Ägypten, Sulpicius Simius, ihn im zwölften Jahr der Regierung des Trajan (110 n. Chr.) errichten ließ. Dieser Stein war schon zu Wilkinson's Zeiten zerbrochen. In neuerer Zeit sind, wie die mangelnde Patinierung erweist, noch von den Ecken und Kanten mutwillig Stücke abgeschlagen worden, aber die Inschrift ist erhalten. Ein Stück, das wahrscheinlich als Piedestal zum Altar gedient hatte, lag beiseits. Dieser Altarstein, der sich am vorderen Rande der Plattform in offenbar verrückter Stellung schief aufgestellt vorfand, hat vielleicht zu dem älteren Tempel gehört, der unter Hadrian erneuert werden sollte. Hinter der quadratischen Plattform mit den Trümmern des alten Altars folgt ein mit zwei Säulen, von denen nur die Füße vorhanden sind, rechts und links besetzter Vorraum. Ein prachtvoll ausgeführtes, mit Schnecken an den vier Ecken versehenes Blätterkapitell, das einzige vollendete und zum Neubau des Tempels bestimmte Stück, das mir hier vor die Augen kam, liegt an dieser Stelle. Der eigentliche innere Tempelraum, quadratisch von Gestalt, wird vom Vorraum aus durch ein Tor betreten, das zu beiden Seiten je eine Mauernische hat, wo etwa Bildsäulen zur Aufstellung gelangen sollten; eine kleinere Eingangstür ist außerdem auf der rechten Seite angebracht. Der in der hintersten Abteilung des Tempels befindlich gewesene Altar war zu Wilkinson's Zeit noch vorhanden, aber umgestürzt und trug auf der vollendeten Seite eine Weihinschrift des Annius Rufus von der XV. Legion Apollinaris, dem Vorgesetzten der Steinbrüche unter Trajan. Das von Wilkinson erwähnte, zum Tempelneubau bestimmte Architravstück mit der vom zweiten Jahr der Regierung Hadrian's (119 n. Chr.) datierten Inschrift habe ich nicht ausfindig machen können. E. Floyer fand 1886 im Innern des Forts, unweit der Nordwestecke ein mit einer griechischen Weihinschrift zu Ehren Trajan's versehenes Steinfragment von Granit, auf dem der Anfang der drei ersten Zeilen erhalten war. Diesen Stein sah ich in Kairo, wo er später verloren gegangen ist. Aus diesem Grunde sei die damals von mir hergestellte Kopie hier beigefügt. Trotz des gleichlautenden Textes kann diese Inschrift nicht die von Wilkinson angeführte sein, die ich nicht aufzufinden vermochte, denn der Stein, der sie enthielt, war kein Architravstück, sondern von stelenartiger Gestalt und gehörte wohl zu einem kleinen Heiligtum oder Altar im Fort. Auch war hier die mit dem Namen Trajan beginnende Zeile nicht die zweite der Inschrift, sondern die dritte. Der Steinbalken muß von späteren Reisenden oder von Arabern verschleppt worden sein. Vielleicht taucht er einst noch in einem Museum auf. Vollendete Säulen hat auch Wilkinson hier nicht vorgefunden. Für die Örtlichkeit hat die erwähnte Inschrift aus dem Grunde eine ganz besondere Bedeutung, weil sie ausdrücklich die »Werke des (Berges) oder am Claudianus« namhaft macht. Hierbei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Möglichkeit vorliegt, unter diesem Namen sei nicht bloß ein einzelner Berg, sondern der gesamte Gebirgsstock, den Porphyrites mit inbegriffen, verstanden worden. Da die Porphyrgewinnung unter Claudius ihren Anfang nahm, so hat die Annahme eines solchen Kollektivbegriffes immerhin vieles für sich. Wenn man von der Hauptniederlassung talabwärts geht, so gelangt man sehr bald zur Austrittsstelle eines kleinen Seitentales, das von Süden her auf der linken Seite des Tals des römischen Forts einmündet. Bei ½ km oberhalb erreicht man in diesem Seitental am östlichen Fuß der Bergwand einen umfangreichen Bau nach Art der »Hydreuma« genannten Wasserstationen der östlichen Thebaïs. Der Hauptbau (in der Abbildg. unten) hat das Tor auf der Ostseite, lehnt an der Bergwand und besteht aus zwölf gleich großen, in zwei Reihen angeordneten Kammern, deren Türen jederseits in einen Gang münden, der auf das Eingangstor ausläuft. Rechts neben letzterem, eine Felsstufe tiefer, stößt man in einer eigenen Umfriedigung, die aber an den Hauptbau anlehnt, auf ein geräumiges zementiertes Becken, das 5,5 x 4,3 m mißt, einige Nebenräume und vorn, außen am Eingang, noch auf ein zweites kleineres, ebenfalls mit Zementmasse ägyptischer Art ausgeschmiertes Wasserbecken, dem zur Seite ein steinerner ovaler Trog angebracht ist. Zwei gemauerte Wassertröge, ein langer und ein kürzerer, erstrecken sich außerhalb des Eingangs zur Talsohle hin von West nach Ost. Diese Tröge stehen auf freiem Gelände und waren den Tieren zugänglich. Viele Reste von zerfallenen Häuschen und Kammern umgeben den Bau. War dies etwa das von Letronne erwähnte Hydreuma des Trajan? Das vorhin beschriebene Kastell konnte doch nicht ein Hydreuma genannt werden, dessen Bedeutung nach Plinius eine Wasseranlage betraf, eine aquatio in genere, also Quelle, Brunnen, Zisterne, Wasserstation. Geht man von dem Hydreuma südwärts über eine kleine, von zwei gegenüberstehenden Wächterhäuschen gekrönte Anhöhe und Wasserscheide hinüber zum nächsten Talsystem, so gelangt man nach ½ km zu einem niedrigen und schmalen Steindamm, dessen Überbleibsel sich in sanfter Neigung talabwärts und in geraden Linien zuerst nach SW und zuletzt nach W wenden. Diese sind auf einer Strecke von 1 km zu sehen und ohne sichtbare Mörtelreste aus lose aufeinander geschichteten Steinlagen gebildet. Da dieser Steindamm talabwärts und zum Teil im Rinnsal selbst verläuft, kann er nicht als Fangarm gedient haben. Man wird aber an ihm auch keiner zementierten Rinne gewahr, von der, falls eine je vorhanden gewesen, doch gewiß Überreste erhalten geblieben wären. Von einer Tonröhrenleitung hätten gleichfalls nicht zu verkennende Trümmer oder Scherben übrig bleiben müssen. Dagegen hat die Annahme, daß der Steindamm einer Bleiröhrenleitung als Unterlage gedient hat, große Wahrscheinlichkeit für sich. Das wertvolle Metall wurde beim Aufgeben der Niederlassung entfernt oder gestohlen. Um zu einer befriedigenden Deutung dieser Dammreste zu gelangen, erübrigt nur, dem Widerspruch zu begegnen, der zwischen der Lage des Hydreuma auf der Höhe und der in einer der Hauptniederlassung im Tal entgegengesetzten Richtung talabwärts führenden Leitung zu bestehen scheint. Zu dem Ende führe ich den Leser eine Strecke weiter talabwärts in westlicher Richtung, wo wir in einem Abstande von noch nicht 2 km vom Hydreuma bei einer sonderbaren Bauanlage Halt machen, die mitten auf der Tahlsohle in die Augen fällt. Es ist eine quadratische Mauereinfassung, die 30 X 30 m mißt und einen kreisrunden Brunnenschacht in sich schließt, dessen Wandungen aufs sorgfältigste mit gebrannten und mörtelverbundenen Ziegeln ausgekleidet sind. Die Tiefe des Brunnens muß eine beträchtliche gewesen sein, denn noch heute mißt der leere Raum des zum großen Teil verschütteten Schachtes 10 m. In die Ostecke der Mauereinfriedigung des Brunnenplatzes ist ein zylindrischer Turm eingefügt, dessen Überbleibsel 8 m Höhe erreichen. Das Mauerwerk des Turmes besteht aus einem durch Tonerde verbundenen Gefüge von Bruchsteinen. Im Innern ist der Turm jetzt hohl und leer. In der Höhe ist eine quadratische Fensteröffnung erhalten, die nach dem Brunnen zu Front macht. Dieses Bauwerk, von dem E. Floyer vermutet, daß es zur Bewachung des Brunnens errichtet worden sei, erklärt meines Erachtens die Anlage der bergan zum Hydreuma führenden Leitung. Ich stelle mir vor, daß der Turm ein Wasserbecken getragen hat, das vermittelst eines Pumpwerks aus dem Brunnen gefüllt werden konnte, um das Wasser alsdann nach dem Hydreuma abfließen zu lassen, denn die Bassinhöhe mag die übrigens durch Pumpen zu überwindende Höhe des Anstieges übertroffen haben. Bei Annahme eines Pumpwerks hätte man zugleich eine Erklärung für das Vorhandengewesensein und die Notwendigkeit metallener Röhren. Es ist wenig von den in jenen Zeiten gebräuchlichen Pumpwerken bekannt, die nicht mit den »cochleae« oder Schneckenschöpfwalzen zu verwechseln sind, die man heute Turbinen nennt und die in einer ursprünglichen Form seit den ältesten Zeiten in Unter-Ägypten gebräuchlich sind, wo sie heute »tabût« heißen, und hinsichtlich der eine Notiz in Diodor es mir wahrscheinlich erscheinen läßt, daß sie Archimedes, als er Ägypten besuchte, die erste Idee zu seiner Schraube gegeben haben. Kastell, Tempel und Viehhof bei den römischen Steinbrüchen am Mons Claudianus Für »Pumpe« in unserem Sinn scheint ein Ausdruck aus der klassischen Periode überhaupt nicht vorhanden zu sein; denn auch Plinius umschreibt die Erfindung des Alexandriners Ktesibios, der um 135 v. Chr. lebte, als »pneumatische und hydraulische Werkzeuge«. Schöpfräder nach ägyptischer Art konnten an der erwähnten Stelle nicht angebracht gewesen sein, und da der Brunnen einen sehr engen Schacht hat, noch weniger Turbinen, Schnecken, die falls man sie nicht in sehr großen Abmessungen ausführt, nur für ganz geringe Höhenunterschiede ausreichen. Es ist aber immerhin auch an eine direkte Füllung des auf dem Turm angebrachten Behälters durch Hinaufwinden von Schläuchen und Krügen zu denken, da es an Arbeitskräften nicht gefehlt haben kann und diese, ohne Unterlaß in Tätigkeit, sehr wohl das Hydreuma auf der Höhe mit genügenden Vorräten an Wasser zur Tränkung der Tiere und zur Weiterleitung nach der Hauptniederlassung zu versorgen imstande waren. In Anbetracht der Geländeverhältnisse könnte zur Erklärung des Turms auch noch die Vermutung auftauchen, als handelte es sich hier um einen jener Wassertürme, die sogen. Suterazy-Peiler der Türkei, wie sie bereits die Alten namentlich in Kleinasien zur Ausgleichung der Druckdifferenzen in all den Fällen in Anwendung gebracht haben, wo man sich statt eines kostbaren Aquädukts mit einer einfachen über Berg und Tal geführten Röhrenleitung zu begnügen hatte. Es haben sich aber weder drüben auf der Westseite des Tals noch anderwärts Überreste des vorhin beschriebenen Steindammes verfolgen lassen. Auch würde unter Annahme einer ausgedehnteren Wasserleitung die Sorgfalt befremden, die auf die Brunnenanlage verwandt worden ist. Wasserturm und Hydreuma bei den römischen Steinbrüchen am Mons Claudianus Wenden wir uns jetzt dem Hauptgegenstand dieser Wüstenniederlassung, den Steinbrüchen zu, so werden wir gewahr, daß sowohl ihre räumliche Beschränkung auf ein einziges Tal als auch die geringe Ausdehnung der durch Sprengen wirklich in Angriff genommenen Blöcke und Felswände von einer nur kurzen Dauer des Betriebs Zeugnis ablegen. Soviel ich wahrzunehmen Gelegenheit hatte, beschränkten sich die Arbeiten auf ein kleines und gewundenes Seitental, das nördlich von der Niederlassung und in einer Länge von nicht viel über 1 km von Osten nach Westen verläuft und das ich das »Säulental« genannt habe. Eine ausführliche Karte der Umgegend der Niederlassung bei den Steinbrüchen habe ich meinem ursprünglichen Aufsatz über diesen Gegenstand in der Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. Bd. XXXII beigegeben. Der aus einigen breiten Kegeln zusammengesetzte Höhenzug, der das Säulental vom Haupttal des römischen Forts trennt, gipfelt, wie die übrigen in der nächsten Umgebung des letztgenannten in Höhen, die 100 bis 150 m über der Talsohle (letztere 700 m) betragen. Höhere Kegel steigen weiter in N an, sowie in NO und in O. In geringer Entfernung von der Austrittsstelle des Säulentals finden sich oberhalb, auf der Nordseite, vier Säulen aufgestapelt, die nebeneinander auf einer 2 m hohen, aus geschichteten Steinen aufgemauerten quadratischen Rampe gelagert sind, die offenbar zum Verladen der Säulen auf Wagen (laut Procop. de aed. Just. V. 6), die von 40 Stieren gezogenen »plaustra« angelegt worden ist. An der Austrittsstelle des Uadi Omsidr in die Küstenfläche, östlich von der alten Niederlassung am Porphyrites, habe ich eine ganz ähnliche, gleichfalls 2 m hohe Steinrampe konstatiert. Die Längenmaße dieser Säulenschäfte waren 6,1, 6,12, 6,2 und 9,1 m. Im Durchmesser maßen alle vier 1 m. Die Steinbrüche selbst beginnen im oberen Teil des Säulentals genau im Norden vom alten Kastell. Wie in den völlig analogen Steinbrüchen auf dem Felsberg an der Bergstraße (Großherz. Hessen) und bei Assuan hatten die Leiter der Sprengarbeiten (die Ergodotai) es nach Möglichkeit vermieden, dem anstehenden Gestein zu Leibe zu gehen und Felswände abzuteufen, vielmehr begnügte man sich zunächst, diejenigen Massen in Angriff zu nehmen, die von Natur bereits zu größeren Blöcken abgesondert waren, deren dauernder Zusammenhalt sich gleichsam bewährt hatte und deren Gefüge eine Prüfung von allen Seiten ermöglichte. Nur die großen Säulenschäfte wurden von dem anstehenden Fels abgelöst, indem man sich derselben Reihen von Keillöchern bediente, die nicht nur am Porphyrberg und bei Assuan, sondern auch bei den römischen Granitbrüchen am Rhein überall zu sehen sind, und deren Handhabung bei den öffentlichen Arbeiten in der »Déscription de l'Egypte« und der Schrift von A. v. Cohausen und E. Wörner über die römischen Steinbrüche auf dem Felsberg, ausführlich erörtert worden sind. In einer Entfernung von ½ km im Osten von dem ersten Steinbruch erhebt sich eine ansehnliche Kegelmasse, an der das Säulental seinen Ursprung nimmt. Am Nordabfall dieses Berges lag der Schwerpunkt der Steinbruchsarbeit in dieser Gegend. Hier sind viele Blöcke von Natur bereits isoliert und brauchen nur vermittelst Hebel abgelöst und später zugehauen zu werden. Von da aus ziehen sich nach zwei Richtungen wohlgeebnete breite Rampen und Wege talabwärts, die zur Fortschaffung der gewonnenen Massen angelegt worden sind. Der eine Weg verläuft nach Westen und folgt dem Säulental, der andere geht in vielfachen Windungen nach SW und gewinnt die Tiefe des Tales etwas oberhalb des alten Kastells. Diese letztere Strecke ist mit besonderem Aufwand von Kunst und Berechnung zur Ausführung gebracht worden. Die Felsmassen des Hauptsteinbruchs gewähren an manchen Stellen einen Einblick in die bei der Auswahl der Stellen befolgte Methode. Man sieht deutlich wie die durch die langen Reihen geschlagener Keillöcher erzielten Spaltrichtungen stellenweise nicht dem angestrebten Zweck entsprochen haben. Wiederholt sind da große Stücke in langen Scheiben abgesprengt worden. Dann begann man mit den Keilen in einer anderen Richtung vorzugehen. Stößt man doch auf sich kreuzende Keilreihen, die offenbar nur zur Prüfung der lokalen Gesteinsmassen angelegt worden sind. Außerdem sah ich bei dem Bruch im Säulental 30 cm tiefe Furchen, die in den Fels eingehauen waren, zur Freilegung von Säulenschäften nach der in den oben zitierten Werken beschriebenen Methode. Die von mir beobachteten Keillöcher messen in der Länge 10 cm im Grunde und 11,5 cm am äußeren Rand, 7,25 bis 11,5 cm in der Tiefe. Hinsichtlich der Dicke der Keile läßt sich mit Sicherheit ein Maß nicht feststellen, da man an den abgesprengten Flächen immer nur die halbe Dicke oder vielleicht nur ein Drittel von ihnen wahrzunehmen vermag. Ich nehme an, daß die Dicke zwischen 3,5 und 4 cm betragen haben wird. Es ist nicht erwiesen, ob zu diesen Keilen Metall und von welcher Art Verwendung gefunden hat, da man bisher keine Keile in Substanz in den alten Steinbrüchen aufgefunden hat. Die Annahme einer Verwendung von Holzkeilen, ie durch Anfeuchtung zum Quellen gebracht wurden, läßt sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen, zumal die Größe gewisser Keillöcher, die sich in anderen Brüchen vorfanden, eher für die Anwendung von Holz als von Metall zu sprechen scheint. Am Porphyrites maß ich beispielsweise Sprengnarben, die Keile von 20 cm Breite, 7,5 cm Tiefe und 4 cm Dicke verrieten. Die Keilnarben am Felsberg entsprechen hinsichtlich ihrer Abmessungen denen der Claudianischen Werke. Überall in der Nähe großer Säulen und bearbeiteter Blöcke finden sich zahlreiche Überbleibsel von Holzkohle und Schlacken. Diese stammen von den Metallwerkzeugen, die hier hergestellt (gegossen?) oder erneuert (umgeschmiedet?) werden mußten. Proben dieser Schlacken habe ich im hiesigen Museum für Naturkunde niedergelegt. Über das Härten der Eisenwerkzeuge hat ein mittelalterlicher Autor, der Presbyter Theophilus Schedula, berichtet, übersetzt von A. Ilg, Wien 1874. Das sehenswürdigste Stück von allem, was in diesen alten Steinbrüchen hergestellt worden und heute noch zu sehen ist, bildet ein kolossaler Säulenschaft, der in der Länge 18 m und im Durchmesser 2,6 m mißt (nach G. Wilkinson 59' 3'' und 8' 6''). Diese Säule ist um 12 m kürzer als der Schaft der Alexander-Säule in St. Petersburg, des größten Säulen-Monoliths der Welt (die Gesamthöhe des Denkmals erreicht eine Höhe von 46,8 m); sie übertrifft aber die »Riesensäule« auf dem Felsberg um 8 m. Von dieser Säule hat sich der dritte Teil mit einem durchgehenden Riß, der vielleicht erst infolge ihrer Fortschaffung entstand, abgelöst; indes hält die ganze Masse noch zusammen. Diese Säule liegt im NO 450 m vom Kastell entfernt. Dicht neben dem gewaltigen Monolith liegt ein kurzes Säulenfragment, das aber die gleiche Dicke aufweist. Es sei hier gleich darauf aufmerksam gemacht, daß alle hier zur Weiterbeförderung vorbereiteten oder auf dem Transport mißglückten Säulenschäfte eine zylindrische Gestalt haben, und daß ihren Umrißlinien erst später, am Bauplatz selbst, die endgültige, anschwellende Kurve zuerteilt werden sollte. Zum Schutz der Endflächen waren beiderseits 85 cm breite und 15 cm hoch hervortretende abakusartige Verdickungswülste angebracht. Bei der soeben erwähnten Riesensäule sind zu beiden Seiten noch andere mit je zwei tiefen Löchern versehene Wülste aus der Masse ausgespart, die den bei ihrer Fortschaffung angewandten Klammern als Haltepunkt zu dienen hatten, ohne die Masse des Schaftes zu beeinträchtigen. Solcher schildzapfenartiger, ovalgestalteter Wülste finden sich drei, und zwar war auf der einen Seite einer in der Mitte des Schaftes, auf der anderen dagegen nebeneinander zwei im oberen Fünftel von ihm angebracht. Von den beiden letzteren zeigt der eine Zapfen eine gewaltsame Beschädigung. Die gegenseitige Stellung dieser Teile verrät, daß der Säulenschaft behufs Überwindung der verschiedenen Kurven der Rampe in einer auf die Wegrichtung schrägen Lage fortgeschafft worden ist. Auf einer der Endflächen sieht man mit roter Farbe die beifolgenden Zeichen vermerkt: Vielleicht gelingt es einmal, den Tempelbau ausfindig zu machen, zu dem diese großen Säulen bestimmt gewesen sein mögen; jedenfalls handelte es sich um ein Werk erster Größe, denn seine Höhe hätte den Säulen entsprechend zwischen 35 und 40 m betragen müssen. Es ist mir unbekannt, welche Angaben Herr W. Brindley (in »the Builder«) benutzt hat, um die Behauptung aufzustellen, der Mons Claudianus hätte Säulen zum Bau des Pantheons geliefert. Die Säulen des Vorbaues am Pantheon sind um 6 Meter kürzer als der große Schaft, von dem soeben die Rede war. Ein 6 m langer Säulenschaft liegt transportfertig beim Hauptsteinbruch am Nordabfall des Bergkegels, und an der SO-Ecke des Kastells, außerhalb, am Rande des Rinnsals, gerade an der Stelle, wo der alte Weg vom Steinbruch ins Tal ausläuft, stößt man auf einen anderen von 8,81 m Länge. In der Nähe des letzteren finden sich drei roh zugehauene vierkantige Säulenfüße oder Abakus-Stücke mit zugehörigem Kapitellblock, die 2,24 m im Quadrat messen. Noch muß eines kleinen Steinbruchs gedacht werden, der in NW vom Kastell an einer sich amphitheatralisch öffnenden Bucht der Bergwand angelegt war. Hier fand sich eine sonderbare Inschrift, die eine auf die Anzahl vollendeter Stücke bezügliche Notiz vorzustellen scheint. Ähnliche Zeichen und Ziffern finden sich an den zur Fortschaffung fertiggestellten Rohblöcken. So notierte ich im Hauptsteinbruch an dreien dieser Blöcke die fortlaufenden Nummern XIII, XIV und XV. Die großen Rohblöcke (schlechtweg »marmor« genannt), die von den »artifices metallici« bereits freigelegt waren, wurden zur leichteren Fortbewegung zunächst auf Füße von kleinen Steinen gesetzt. Dann wurden sie mit der betreffenden Ziffer versehen. Jedem Strafarbeiter war wahrscheinlich eine bestimmte Anzahl herzustellender Blöcke zugewiesen, vielleicht auch entsprach eine gewisse Zahl dem abzubüßenden Strafmaß des Staatsgefangenen. Obgleich die baulichen Einrichtungen der beschriebenen Niederlassung auf einen weit größeren Maßstab im Betrieb der Arbeiter schließen lassen, als ihn der Porphyrberg vor die Augen führt, so scheint doch die Annahme gerechtfertigt, daß die Werke am Mons Claudianus, bezw. am Gebel Fatireh nur während der Regierung Trajans und Hadrians in Tätigkeit gewesen sind und dann für immer liegen gelassen wurden. Der Porphyrites zeigt vor allem ein weit entwickelteres Netz von geebneten Wegen und aufgemauerten Rampengehängen mit Zickzackwindungen hin und her in die Höhe streben. Die Wege, die auf die Höhe führen, haben am Mons Claudianus durch die im Lauf von mindestens vierzehn Jahrhunderten erfolgten winterlichen Regengüsse (man kann annehmen 150 bis 200 an Zahl) einen weit höheren Grad der Zerstörung erfahren, als die des Porphyrgebirges, denn der Granitschutt löst sich weit leichter in seine einzelnen Bestandteile auf als die scharfkantigen fast nur zum spaltenden Zerfall und zur Zerstückelung befähigten Porphyrsplitter. Am vollkommensten ist die von der Ostseite des Kastells aus ansteigende Rampe erhalten, an der man namentlich die sie sichernden hohen Stützmauern aufgeschichteter Blöcke bewundern kann. Hier gewahrt man auch eine Einrichtung, die sich in den europäischen Steinbrüchen aus der Römerzeit bis jetzt nicht hat nachweisen lassen. In Abständen von 8 bis 10 m sind nämlich zu beiden Seiten der Rampe je zwei sehr fest und sorgfältig gefügte und 2 m hohe Steinhaufen errichtet. Diese haben die Gestalt einer halben Tonne, oder können als abgestutzte Kegel bezeichnet werden, mit im Längsschnitt etwas konvex gebogenen Umrißlinien der Außenfläche. In Ermangelung von anstehenden Felsen mußten diese Steinhaufen als feste Stützpunkte zur Anbringung der Winden, Flaschenzüge (trochleae, chamulci), Schrauben und dergl. dienen, vermittelst derer die abgesprengten Massen talabwärts fortbewegt werden konnten. G. Wilkinson hat solche Stützen auch am Porphyrites wahrgenommen, wo sie mir entgangen sind. Er gibt die Abstände der Steinhaufenpaare voneinander zu 12 Schritt an, also in Übereinstimmung mit dem von mir notierten Maß. In dem hinten gegebenen Bilde, das die Reduktion eines größeren Holzschnittes darstellt, der in No. 40 der »Gartenlaube« von 1885 zum Abdruck gelangt ist, hat man das Tal mit der römischen Niederlassung vor sich, von einer es um 116 m (816 m Meereshöhe) überragenden Granitkuppe aus betrachtet, die in SO vom Kastell sich unmittelbar über dem Talrinnsal und auf dessen Südseite erhebt. Auf der linken Seite der Zeichnung gewahrt man die ansteigende Steinbruchstraße, besetzt mit den halbtonnenförmigen Steinhaufen und der 18 m langen Riesensäule, vor der außerdem noch einer der zur Fortschaffung bereitgestellten und auf Steinfüßen ruhenden Rohblöcke zur Darstellung gebracht ist. In Wirklichkeit gehören diese Gegenstände und die ansteigende Straße auf die gegenüberliegende Talseite rechts im Bilde und in NO vom Kastell. Man wird auch aus der vorhin gegebenen Beschreibung das alte Kastell mit dem links daranstoßenden Viehhof sowie die Anhöhe mit dem unvollendeten Tempelbau hinter dem Kastell wiedererkennen. Der höchste Berg im Hintergrund der Ansicht bildet die Hauptmasse des vom römischen Kastell ungefähr in N bis NNW und in einem Abstand von 7 km gelegenen 1500 m Meereshöhe erreichenden Gebel Fatireh. In den Jahren 1903–1905 sind die Gebirge der östlichen Wüste von sachkundigen Goldsuchern (»Prospektoren«) vielfach durchzogen worden. In den Quarzgängen des Granits fand sich häufig Gold und auch am Gebel Fatireh stieß man auf alte Werke von Minenbetrieb. Unter Oberaufsicht des unermüdlichen Bergingenieurs C.J. Alford bildete sich, als eine der in jenen Jahren konzessionierten englischen 25 Gesellschaften die » Fatira Exploration Company Lim. «, die aber, wie die große Mehrzahl, wegen zu geringer Goldquelle mehr den Weg der Börsenspekulation als den ernstlicher Förderung verfolgte und wohl auch schon längst in Vergessenheit geraten ist. (Siehe Kap. XI.) Dem Auge des Beschauers bietet sich hier ein für die Granitregion der östlichen Wüste, das »Rotland« der alten, (von dem auch das Rote Meer seinen Namen hat), sehr charakteristisches Bergpanorama dar. Einem erstarrten Strom vergleichbar, wie die »fiuminari« von Sizilien und Kalabrien, zieht sich zu seinen Füßen die makadamartig geebnete Talsohle hin, mit ihrem feinen, helleuchtenden Geröll. Das Rinnsal geht in einem Bogen durch die bald in Gestalt breiter Kegel und Kuppen, bald als dachförmige Rücken auftretenden Vorhügel hindurch; im Hintergrund zeigt sich die Einmündungsstelle des Haupttals. Obgleich hier und da durch eigentümlich gestaltete Einzelberge unterbrochen, verschmelzen doch für gewöhnlich alle diese Vorhügel, wenn man Gelegenheit hat von den Hauptbergen auf sie herabzublicken, zu einem endlosen Gewirr, einem förmlichen Hügelbrei, und erst gegen Abend, wenn die Schatten plötzlich lang werden, entwickelt sich das Bild der Erdoberfläche zu jener Reliefkarte, die unsere Gebirgspanoramen den Blicken darbieten. Das Hügelgewirr weit überragend, starren in stolzem Aufbau, aus tausend und abertausend Zacken und Kegeln gebildet, die großen Massen des Zentralstocks der ägyptischen Kordillere in die Lüfte; es sind die Wirbelglieder des eigentlichen Gebirgsrückgrats. Wie aus dem Häusermeer einer großen Stadt die gotischen Dome, so überragen hier die Götterburgen alle die kleineren Schöpfungen der Geotektonik, die den menschlichen Verhältnissen näher gerückt sind. Unsere europäischen Bergländer bieten nur selten Beispiele einer derartig ausgeprägten Gebirgsaristokratie. Zum Schluß sei noch einer modernen Bezeichnung der Örtlichkeit gedacht, die ich dem Bericht von E. Floyer und der ihm beigefügten Karte (Proceedings R. Geogr. Soc. 1887) entnehme. Dieser um die Kenntnis der östlichen Thebaïs so hochverdiente Erforscher nennt die Stelle der römischen Niederlassung am Mons Claudianus »Um-digal« und gibt als Etymologie des Namens »Mutter der Säulen« an. E. Floyer hatte in seiner Begleitung Ababde-Beduinen, und von diesen wird er wohl den alten hamitischen Namen erfahren haben, der mir entgangen ist. Meine Karawane war von Maase-Arabern geleitet, und gerade hier hatte ich die mir für die Dauer der Durchschreitung ihres Gebietes beigegebenen Ababde entlassen. Der Gebel Fatireh liegt nämlich bereits diesseits des den Maase zuerkannten Gebietsanteils der östlichen Wüste. Prof. Leo Reinisch hat in seinem vortrefflichen und zum Verständnis der Ortsnamen in diesen Gegenden ganz unersetzlichen Wörterbuch der Bedauye-Sprache das Wort »dagel« als »Mastbaum« verzeichnet. Seiner gütigen Mitteilung verdanke ich außerdem die Angabe, daß das Wort »deqel, diqla« im Aramäischen die eigentliche Bezeichnung der Dattelpalme ausmacht, und daß diese im Arabischen durch »nachl« verdrängt worden sei. Daß jenes Wort im Semitischen sehr alt sei, bezeuge das griechiche »daktylos«. Im übertragenen Sinn aber werde das Wort daqal im Arabischen auch für Palmenschaft, Mastbaum usw. gebraucht. Um-digâl könne im vorliegenden Falle daher sehr wohl die Bedeutung haben: »Mutter (oder ›Platz mit den‹) der Säulen«. Ich füge hinzu, daß ein großes Tal im Süden von Kairo, dasselbe, das auf den älteren Karten als Uadi-el-tih oder Vallée de l'égarement verzeichnet ist, gleichfalls Uadi Diqla heißt. VIII. Ein Überrest aus dem »goldenen Zeitalter« Das alte römische Villenviertel von Hippone (Bona) (Hierzu Abbildungen Tafel XVIII und XIX) Zwei Kilometer südlich vom Südtor des heutigen Bona (Tripolis) erhebt sich inmitten einer mit Gärten und üppigen Feldern bedeckten Ebene der jetzt von der prächtigen Basilika des heiligen Augustinus gekrönte Hügel der alten Akropolis von Hippone. Weithin die entzückende, landeinwärts von hohen Bergen umrahmte Küstenlandschaft beherrschend, lenkt dieser Punkt als leuchtende Landmarke überall die Blicke des Beschauers auf sich. An landschaftlichen Reizen läßt sich wohl kein Platz an der algerischen Küste, wenn man nicht etwa das liebliche Bougie ausnehmen wollte, mit Bona, dieser Perle von Kleinafrika, vergleichen. Trotzdem wird die aufstrebende Handelsstadt, deren Bedeutung als Ausfuhrhafen von Eisenerz, Phosphaten und Halfagras beständig im Steigen begriffen ist, von Touristen wenig besucht. Die neuerdings hier in reicher Fülle aufgedeckten römischen und altphönizischen Bauwerke werden aber zweifelsohne viele Besucher anlocken, die bisher in diesem Landesteil sich auf die Besichtigung von Konstantine beschränkten oder auf ihrem Weg von Tunis dahin bei den wunderbaren Geiserquellen von Hammam-Meskoutine, einer Art Yellowstone en miniature, haltzumachen pflegten. Das aus einer von Karthago hervorgegangenen Phöniziersiedlung entstandene Hippone gelangte schon im Zweiten Punischen Krieg in römischen Besitz, und es führte von da ab den Namen Hippo regius. Die Stadt wird als wichtiges Eingangstor für die mit so überraschender Schnelligkeit durchgeführte Zivilisierung von Numidien gedient haben. Die römische Kolonisation, die lange nach dem Fall von Karthago, erst 100 Jahre später, unter Caesar anhob, hatte als Vorläufer zahlreiche Handwerker und Kaufleute, die bei den numidischen Großen und namentlich in den vielen Küstenstädten Beschäftigung fanden. Hier bildeten sich schon frühzeitig Gemeinwesen von gemischter Bevölkerung, die nach römischem Vorbild mit autonomer Verfassung ausgestattet wurden. Als die Römer nach langwierigen Kämpfen mit aufständischen Häuptlingen und beutelüsternen Stämmen des Innern endlich im Jahr 40 unserer Zeitrechnung das ganze Land in ihren vollen Besitz gebracht hatten, begann für die Provinz Afrika eine Zeit ungestörten Friedens und einer reichen Entwicklung in jeder Hinsicht der Kultur. 200 Jahre hat dieses goldene Zeitalter gewährt, und nie hat das Land wieder das Glück einer ähnlichen Periode, auch nur für Jahrzehnte zu kosten bekommen. Damals aber war alles üppiges Gedeihen, herrliche Blüte, reiche Frucht. Afrika stellte mit seiner vorgeschrittenen Bodenkultur bald alles in den Schatten, was die alten Provinzen zuwege gebracht. Aber nicht bloß mit seinen Produkten überflügelte die Provinz das Mutterland, auch auf geistigem Gebiet begann sie sich geltend zu machen, denn mit dem zweiten Jahrhundert treten uns überall im Reich geborene Afrikaner, gleichviel welchen Ursprungs sie waren, in einflußreichen Stellungen entgegen, als Rechtsgelehrte, als Staatsmänner, ja schließlich, und das zu wiederholten Malen, als Kaiser. Septimius Severus und sein Sohn Caracalla waren stolz auf ihre punische Herkunft und wetteiferten miteinander im Kult des Gedächtnisses eines Hannibal, der doch Roms schlimmster Feind gewesen war. Die Verbrüderung der Rassen scheint im kaiserlichen Rom Triumphe gefeiert zu haben, wie sie deren nie wieder erlebte, und man kann es sich daher wohl vorstellen, wie leicht es den einheimischen Großen sein mußte, auch neben den vornehmsten Römern eine gleichwertige Stellung zu behaupten. Ihre Lebensführung scheint sich in jeder Hinsicht den verfeinerten Sitten des Reichszentrums angepaßt zu haben. Von ihrer Üppigkeit liefern die jetzt bei Bona aufgedeckten prächtigen Mosaiken ein beredtes Zeugnis; denn es wird schwer sein, die Frage zu entscheiden, ob diese mit so großer Pracht und so feinem Kunstverständnis ausgestatteten Villen eingeborenen Großen oder vornehmen Römern von Geblüt angehört haben. Jedenfalls waren die Besitzer Großgrundbesitzer, Inhaber von Latifundien, die sich in den größeren Städten einem luxuriösen Genußleben hingaben. Vom alten Hippone ist auf der Erdoberfläche nichts übriggeblieben, die Tiefe aber birgt riesige, aus gewaltigen Blöcken wohlgefügte Mauerwerke von den Verhältnissen ägyptischer Tempel, die erst seit wenigen Jahren aufgedeckt, zur Zeit das größte archäologische Problem von Kleinafrika darstellen. Auch vom römischen Hippo regius ist wenig sichtbar geblieben, außer dem Unterbau einer heute noch benutzten Brücke, den Zisternen aus der Zeit Hadrians, die immer noch Verwendung finden, und einigen Bautrümmern der alten Wasserleitung. Wo man aber gräbt, stößt man auf Zeugen der Vergangenheit. Beim Beackern der Gemüsegärten und Felder sind im Lauf der über 80 Jahre französischer Herrschaft in Bona zahlreiche Inschriftsteine zutage gefördert worden, aber regelrechte Freilegungen der alten Wohnstätten und namentlich der fast überall wohlerhaltenen Mosaiken sind erst in den letzten Jahren ausgeführt worden. Zwei Hügel kennzeichnen die Lage des alten Stadtzentrums. Der größere, der die neue Basilika trägt, ist bereits erwähnt worden. Der kleinere liegt im Osten und von jenem einen halben Kilometer entfernt. Dieser wird heute als »Fortin« bezeichnet, weil die Gebäude, die sich auf seiner Spitze befinden, früher als Militärgefängnis dienten. An seine östliche Flanke lehnte das alte Theater, dessen Baubestandteile, lange als Steinbruch benutzt, längst verschwunden sind. Die nach Guelma führende Chaussee geht mitten hindurch, dicht dabei fließt nordwärts der stets wasserreiche Fluß Ssebuß, dessen Mündung sich seit der Römerzeit um mehrere Kilometer weiter nach Westen, bis nahe an den Hafen von Bona, verschoben hat. An das Theater anschließend, dehnte sich gen Norden, am Abfall des Fortinhügels, das vornehme Villenviertel der römischen Glanzzeit aus. Es war die der See zugekehrte Seite von Hippo regius, aber das Meeresgestade lag damals weiter ab, denn dieser Teil der Küste hat sich in den letzten 15 Jahrhunderten um mindestens anderthalb Meter gesenkt. Das Niveau der zu den Villen der älteren Periode (1. Jahrhundert n. Chr.) gehörigen Fußböden ist heute weniger als 2 Meter über dem Meeresspiegel gelegen. Die Mosaiken der späteren Zeit (2. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) liegen ungefähr 2 ½ Meter über dem Meeresspiegel. Auf einem Flächenraum von kaum 50 Hektar reihen sich zwischen den südwärts nach Konstantine und nach Guelma (Kalama) führenden Landstraßen zahlreiche Grundstücke von Privatleuten aneinander. Es sind meist Gärten und Gemüsefelder mit Oliven und Orangenpflanzungen und mit wenigen Landhäusern, bei deren Grundsteinlegung man fast stets auf altes Mauerwerk und Fußböden von musivischer Arbeit gestoßen ist. Der erste bedeutende Fund dieser Art ist bereits 1856 gemacht worden, als General d'Uzer für seinen Gärtner aus noch vorhandenen Mauerresten einer römischen Villa ein Wohnhaus herstellen ließ. Ein prachtvolles Mosaikstück trat in vollständiger Erhaltung zutage. Es stellte in 20 verschiedenen Farbenabstufungen Nereiden zur Schau, die auf phantastischen Seeungeheuern einherzogen, ein, wie es scheint, in der Provinz Afrika mit besonderer Vorliebe verwandtes Motiv. Das Kunstwerk, wieder zugeschüttet, blieb 15 Jahre lang begraben, bis es durch die Akademie d'Hippone abgebildet und veröffentlicht werden konnte. Vor etwa 40 Jahren hatte sich in jener Gegend ein Privatmann namens Chevillot unweit des Fortinhügels ein Grundstück erworben, und als er zu seinem Hausbau die Fundamente ausheben wollte, stieß er auf auserlesene und prächtig erhaltene Mosaiken. Das erste Figürliche, das zutage trat, ist leider infolge einer Erdsenkung bei starkem Regen zugrunde gegangen. Es soll von hervorragender Farbenwirkung gewesen sein und in wunderbarer Zeichnung vier von Schwänen und Pfauen getragene Amoretten zur Darstellung gebracht haben. Herr Chevillot hat in der Folge eine zusammenhängende Reihe von sechs kleineren und größeren Mosaikfußböden freilegen lassen. Sie haben zu einer vornehmen römischen Villa gehört, die aus einer großen Anzahl von Gemächern mit Bädern, Zisternen und Säulengängen bestand. Zwei der Mosaiken bieten figürliche Gegenstände dar und haben von allen Besuchern in Augenschein genommen werden können. Als Glanzstück wurde bisher das »Triumph der Aphrodite« genannte, 5,5 X 3,7 Meter messende Mosaikstück angesehen. Mit großer technischer Vollendung hergestellt, erreicht es indes nicht den Kunstwert des im kleinen, aber auserlesenen Museum der Stadt Ssuß (Sousse) in Tunesien (des alten Hadrumetum) aufbewahrten »Triumph des indischen Bacchus« genannten Mosaiks, mit dem es gleichen Alters zu sein scheint (etwa 3. Jahrhundert n. Chr.). Es bietet ein analoges Stück zu den »Nereiden« des Generals d'Uzer und dürfte mit dieser Bezeichnung richtiger charakterisiert sein. Als das vollendetste Mosaikkunstwerk der Chevillotschen Grabungen möchte ich aber das nur 4 X 4 Meter messende betrachten, das den Fußboden eines kleinen und abgesonderten Gemachs bedeckte. Im Mittelpunkt der aus fünf gesonderten Medaillons bestehenden Zeichnung steht die Gestalt eines Apollo, und in den von Blumengewinden und Weinranken umgebenen übrigen Medaillons gewahrt man weibliche Gestalten, die als Musen gedeutet werden. Die musivische Technik ist von großer Vollendung. Die menschlichen Gestalten sind aus den kleinsten Marmorstiften zusammengesetzt, während die Blatt- und Fruchtornamente aus größeren Würfeln bestehen. Die den Grund des Bildes ausfüllenden Steinchen messen 5 bis 6 Millimeter. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß sich 70 Zentimeter unter diesen Mosaiken, die, in ein und demselben Niveau liegend, offenbar zu einer einzigen Villa gehört haben müssen, noch ältere lithostrotische Fußböden von einem früher vorhanden gewesenen Bauwerk erhalten haben. Gegen das Ende des 3. Jahrhunderts, wo unaufhörliche Aufstände und Kämpfe mit ehrgeizigen Gewalthabern eine Verwüstung von ganz Numidien herbeiführten, mag auch Hippo regius arg gelitten haben. Es war die Zeit, da der sieggewohnte Feldherr Probus, der nachherige Kaiser, im Kampf gegen den Usurpator Aradion neue Lorbeeren erwarb. Auf den Trümmern der alten sind alsdann neue Villen erbaut worden. Der eingestürzte Wand- und Deckenbewurf hat die alten Fußböden mit einer wie absichtlich zu ihrem Schutz aufgetragenen Zementschicht bedeckt und auf diese Art für die Neuanlagen zum Teil solide Grundlage geschaffen. Leider ist von der gewiß vorhanden gewesenen Bemalung der Wände nichts erhalten geblieben. Es überrascht auch, zu hören, daß nirgends Bildwerke oder Bronzen aufgefunden wurden. Im Garten Chevillots, der gegenwärtig in den Besitz der Stadt Bona übergegangen ist, wurde auch der 20 Meter lange und 15 Meter breite Fußboden einer christlichen Basilika freigelegt mit zum Teil aus kostbarem Material hergestellten Steinplatten und kunstvollen ornamentalen Mosaiken, mit Marmorsäulen und schönen Türschwellen. Die Mauern des Baues sind gänzlich verschwunden, und das Übriggebliebene macht den Eindruck, als wäre hier aus früher vorhanden gewesenen, vielleicht noch von der Zerstörung durch die Vandalen (430 n. Chr.) übriggebliebenen Trümmern in späterer Verfallzeit eine Kirche notdürftig aufgebaut oder in stümperhafter Weise wiederhergestellt worden. Die Basilika, in der St. Augustinus gepredigt, und wo er während der langen Belagerung durch die Vandalen seine damals provisorische Grablegung fand, hat noch nicht ausfindig gemacht werden können. Von den sechs Kirchen, die in Hippo regius aufgezählt werden, sind bisher erst zwei nachgewiesen worden. Die Erfolge Chevillots veranlaßten eine Bonaer Dame, ein anstoßendes Grundstück zu erwerben, um auch ihrerseits mit Ausgrabungen das Glück zu erproben. Mme. Gabrielle Dufour hat den ganzen Flügel des Fortin, ungefähr drei Hektar umfassend, zusammen mit allen Baulichkeiten des ehemaligen Militärgefängnisses, wo noch ein aus römischer Zeit stammender Brunnen mit schöner Marmorbrüstung zu sehen ist, in ihren Besitz gebracht, und nach den bisherigen Ergebnissen der Grabung hat es den Anschein, als ob der Nordabfall voller Ueberbleibsel aus verschiedenen Epochen stecke und in seiner ganzen Ausdehnung die wichtigsten Funde erwarten ließe. Die im Winter 1908 gemachten Ausschachtungen haben längs der Grenzlinie des Chevillotschen Grundstücks aus geringer Tiefe einen Flächenraum von gegen 45 Meter Länge und 30 Meter Breite freigelegt. Den größten Teil des aufgedeckten Raums nehmen die Überbleibsel einer ehemals mit großer Pracht ausgestatteten Villa ein. Von fünf Gemächern, deren größtes 8 X 7 Meter mißt, haben sich kunstvolle und intakt gebliebene Mosaikfußböden erhalten, während vom eigentlichen Bau nur die Fundamente und viele umgestürzte Säulen mit ihren Kapitellen und Basen übriggeblieben sind. Die Besitzerin erzählte, daß, als man bei Wegräumung des Schutts bis zu den Fußböden gelangt war, diese einen merkwürdigen Anblick darboten. Es breitete sich nämlich auf den in festem Gefüge erhaltenen Mosaiken eine Trümmerdecke von gänzlich Zerstückelten aus, die von den Wänden und von der Decke herabgestürzt waren, als der Brand das Gebäude zerstörte. Nichts konnte von diesem, wie es scheint, in reicher Farbengebung ausgeführten Belag wieder zusammengesetzt und erhalten werden. Jedenfalls hat auch hier diese Schutzdecke wesentlich zur Erhaltung der Mosaiken beigetragen. Auch hier sind 70 Zentimeter unter den neueren alte Mosaiklagen aufgefunden worden, die, nach den bisher freigelegten Probestücken (eigentlich nicht Stücke, sondern Teile eines wohlerhaltenen Ganzen) zu urteilen, in der vornehmen und stilvollen Ornamentik des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ausgeführt erscheinen. Gleich beim Betreten der von ONO nach WNW gerichteten Anlage hat man einen Teil dieser allen Mosaiken vor sich, und zwar an dieser Stelle solche, die Bilder darstellen. Zunächst glaubt man vor einer Vorstufe des Hauses zu stehen, man wird aber alsbald gewahr, daß nur ein Teil der Zeichnung zu sehen ist, während das übrige etwa ein Drittel von einer unter dem anstoßenden Gemach der späteren Villa hervortretenden Schuttschicht verdeckt ist. Es sind zwei gesonderte Bilder, die nebeneinandergereiht erscheinen. Das zur linken Hand befindliche zeigt verschiedene Wohn- und Wirtschaftsgebäude einer Stadt. Es wird Aufgabe der Archäologen sein, diejenige zu ermitteln, die der Verfertiger im Sinn hatte. Anhalt dazu mag ein auf dem Bild sichtbarer Triumphbogen darbieten, den eine Quadriga krönt. Vielleicht war Hippo regius selbst gemeint? Perspektive und Zeichnung der Gebäude sind durchaus verfehlt und machen den gleichen kindlichen Eindruck wie die auf ähnlichen Mosaiken im Museum des Bardo zu Tunis zur Schau gestellten. Hier erscheint der Gegensatz zu der Formvollendung der auf den benachbarten Fußböden zur Darstellung gebrachten Tier- und Menschengestalten als ein besonders schroffer. Indes mag der Kenner auch an diesen Stücken Einzelheiten erkennen, die für die Baugeschichte der Epoche erwünschte Beiträge liefern werden. Man sieht da ein großes Wohngebäude mit von Gewölben getragenem Unterbau. Das Erdgeschoß zeigt eine auf Säulen ruhende, im Halbkreis errichtete Vorhalle. Das obere Stockwerk öffnet sich zu einer Art Veranda mit Holzgittern (Muschrabien), davor auch ein mit Säulen gezierter Balkon. Das Ganze deckt ein feuerrotes Ziegeldach. Seitlich lehnen an das Hauptgebäude noch zwei zierliche Nebenbauten. Das andere Bild, rechts von der Stadt- oder Villenansicht, hat den Fischfang und das Meer zum Gegenstand. Eine Barke mit zwei Fischern ist sichtbar. Netze voller Fische hängen im Wasser. Große Felsklippen bezeichnen das Ufer. In gleicher Weise vollkommen ist das musivische Getäfel in den drei nebeneinanderliegenden und die Breite des Hauptbaus der Villa einnehmenden Gemächern erhalten, die man nach Überschreitung des Bildes des Fischfangs betritt. Es sind zwei große von quadratischer Gestalt, dazwischen ein kleines, schmales, das mit dem Mosaik der »Treibjagd« geziert ist, dem Prunkstück der Villa. Allein schon diese Räume geben eine Vorstellung von dem Luxus, der in ihnen geherrscht haben muß, und man ist versucht, die Villa mit dem prokonsularischen Palast zu identifizieren, der nach dem Zeugnis des heil. Augustinus in Hippo regius vorhanden war, und dessen er in seinen »Bekenntnissen« Erwähnung tut. Vielleicht hat der römische Statthalter (Bonifazius), dessen Residenz eigentlich das neuerstandene Karthago war, hier eine bereits aus alter Zeit vorhandene Prachtvilla für sich in Anspruch genommen. Das rechts gelegene Gemach ist das größte (8 X 7 Meter). Der Fußboden trägt ein mit quadratischem Ornament gezeichnetes Mosaik. Es war ringsum mit Säulen ausgestattet und öffnet sich zu dem 22 Meter langen, auf beiden Seiten von zwei Säulenreihen flankierten Atrium. Das Gemach auf der Linken Seite wird als »Speisesaal« bezeichnet, weil das ornamental gehaltene Mosaik in ihm 17 rundliche Medaillons einschließt, in die Gestalten kulinarisch verwertbarer Tiere eingetragen sind. Die Besitzerin hat an der Südwestecke des Speisesaals, wo das Getäfel einige Beschädigungen aufwies, den Boden sondieren lassen und ist daselbst bei einem Meter Tiefe auf ein älteres Mosaik von großer Schönheit und hohem Kunstwert gestoßen. Der freigelegte Teil enthält in vorzüglichster Erhaltung ein farbenprächtiges Ornament von gehäuftem Akanthuslaub mit darin verwobenen Blumen und heraldisch stilisierten Vogelgestalten. Das Ganze macht den Eindruck eines Gobelins der älteren Renaissance. Es ist ein wahres Prachtstück der Zeichnung und stammt als Zeichnung gewiß aus einer sehr frühen Epoche der musivischen Kunst. Mitten in der gezackten Laubfülle steckt eine Art Kartusche, auf der deutliche lateinische Initialen eingetragen sind, wahrscheinlich einen Namen bedeutend. Man liest: ISGU NTEN ICA, in drei Zeilen angeordnet. Das säulenreiche Atrium muß in späterer Zeit, vielleicht erst nach der Zerstörung durch die Vandalen, als Kirche benutzt worden sein, wie die eingebauten Taufbecken und Krypten andeuten. Man erwartet von weiteren Grabungen in diesem Bezirk noch die wichtigsten Aufschlüsse. Hinderlich ist vor allem die tiefe Lage (kaum zwei Meter über der Meeresfläche), die den Infiltrationen des nahen Flusses ausgesetzt ist. Eine in der wassererfüllten Tiefe eines Schachtes zwischen Steinblöcken eingefügte geheimnisvolle Bronzekassette hat bisher noch nicht gehoben werden können. Doch wenden wir uns nunmehr zur Betrachtung des merkwürdigen Jagdbildes in der kleineren Kammer, dem unter allen in Kleinafrika aufgefundenen Mosaiken entschieden der erste Rang gebührt. Auch in Italien dürfte nichts ihm Vergleichbares an die Seite zu stellen sein, wenn man zu dem kulturgeschichtlichen Wert, den die Einzelheiten der Zeichnung enthüllen, noch die Selbständigkeit der Kunstweise hinzurechnet, die hier mit so zahlreichen und tadellos entworfenen Tiergestalten in die Erscheinung tritt. Diese Unabhängigkeit, die den offenbar an Ort und Stelle und auf Grund eigener Wahrnehmung entstandenen Entwurf kennzeichnet, vermehrt den Reiz des Kunstwerks. Das Mosaik mißt 6 x 3,5 Meter innerhalb der Umrahmung, und sein Erhaltungszustand ist der vollkommenste. Auf den davon gemachten Photographien ist wohl das Gegenständliche einigermaßen zu erkennen, ohne Wiedergabe der Farben ist es aber unmöglich, auch nur annähernd den Eindruck zu vergegenwärtigen, den das Mosaikbild bewirkt. Das große Treiben, das einen Buschwald im südlichen Landesteil, wahrscheinlich am Südabhang des Auresgebirges zum Schauplatz hatte, ist in jenem Moment spannendster Erwartung ins Auge gefaßt, wo der Kreis der Treiber seinen engsten Zusammenschluß erreicht hat, und wo nun die Bestien wie rasend im ovalen Binnenraum umhertoben. Von den Treibern, die sich unter Vorstrecken brennender Fackeln hinter ihren Schilden bergen, wird keiner sichtbar. Die großen Raubtiere sind durch ein Löwen- und ein Leopardenpaar beiderlei Geschlechts vertreten. Ein dritter Leopard hat einen wehrlosen Mann, der sich vergeblich mit dem Schild zu decken sucht, zu Boden gerissen und zerfleischt ihm das Antlitz. Der Jagdherr ist oben in der linken Ecke sichtbar, hoch zu Roß einhersprengend, seiner Tracht nach kein echter Römer italienischen Bluts, aber vielleicht doch ein Römer in barbarischem Jagdkostüm, eher wohl auch noch ein numidischer Fürst. In der Linken führt er den Schild und zwei Speere, die Rechte ist befehlerisch ausgestreckt. Ein kurzer Purpurmantel wallt um seine Schultern. Das Auffallendste an seiner Tracht sind rote, enganschließende Trikots, die nichts mit den Hosen oder Höschen von Germanen oder Galliern gemein haben. Ein zweiter Reiter im untern Teil des Bildes, der wie jener in der Linken Schild und Speere hält, zeigt die gleiche Tracht, nur sind seine Trikots von grüner Farbe. Beide Reiter haben kleine, kurze Stiefelchen angelegt. Sie reiten ohne Steigbügel, aber die Rosse sind umständlich aufgezäumt. Den oberen Jagdherrn begleitet ein Schild- und ein Speerträger zu Fuß, indem er zwei enteilende Leukoryxantilopen zu verfolgen scheint. Diese in Nubien häufige Art Spießantilope kommt gegenwärtig nur noch vereinzelt in Südtunesien vor. Ganz unten, in der linken Ecke, bewegt sich ein mit zwei Maultieren bespannter zweirädriger Karren, in dem vorn ein mit Schild und Speer bewaffneter Knappe sitzt. Die Figur ist etwas zu groß geraten. Nebenher läuft ein sehr kleiner Pferdeknecht. Zwei Strauße sieht man im vollen Lauf mit erhobenen Flügeln. Einige unkenntlich gewordene Stellen des Mosaiks rühren von dem an ihm haftenden Sand her, den die Besitzerin zum Schutz des Kunstwerks gegen den algerischen Sonnenbrand in dicker Lage über dieses ausbreiten ließ, und der jedesmal, wenn es Besuchern gezeigt werden soll, erst weggefegt werden muß. Das Mosaik wird alsdann, um seine Farbenpracht zur Geltung zu bringen, eigens mit Wasser besprengt. Schnell abtrocknende Stellen werden oft undeutlich. Am rechten Ende des Jagdbildes sind sehr merkwürdige Dinge zu sehen. Oben in der Ecke sprengt ein Lassowerfer hinter einem Wildesel einher. Die Schlinge hat bereits den Hals des Tieres umfaßt, dessen Eigenart durch zwei parallele schwarze Schulterstreifen sowie durch schwarzgeringelte Unterschenkel gekennzeichnet ist. Wildesel fehlen der heutigen Fauna von Kleinafrika. Die Zeichnung dieser Szene ist voller Leben und Bewegung, die Perspektive der Tiergestalten und des Reiters von meisterhaftem Entwurf. In Verbindung mit den zwischen eingerammten Pfählen ausgespannten Netzen ist ein Verhau von Strauchwerk zu sehen, der sich an diese anlehnt. Am Rande des Verhaues sind an drei Stellen runde Gehege angebracht, wie es scheint Dornhürden, in die verschiedene Tiergruppen eingeschlossen wurden. In dem obersten Gehege sieht man Wildesel der erwähnten Art mit gebänderten Beinen, im mittleren erscheinen Mähnenschafe, es sind die heute noch im Auresgebirge besonders häufigen Mufflons, und im untersten Gehege stecken Kuhantilopen (Bubales), sogenannte Berberkühe, die in Nordafrika gegenwärtig nur noch auf den westlichen Teil von Algerien beschränkt sind. Unter dem Lassowerfer ist eine Mauer gezeichnet, hinter der hohe Bäume emporragen. In der rechten Ecke unten ist für die Jagdherren ein aus purpurrotem Stoff hergestelltes Zelt errichtet, daneben ist ein Baum gezeichnet, unter dem ein großer Kessel auf dem Feuer steht. Der aufwartende Knecht, ein kaffeebrauner Getuler in kurzem, weißem Hemdchen, scheint aus einem aufgehängten Schlauch eine Schale gefüllt zu haben, die er in der Rechten hält. Hinter einem Felsblock sieht man in der Nähe zwei Männer hocken, deren Tun nicht verständlich ist. Eine Fortsetzung der Grabungen ergab noch manches Hochinteressante. Noch größere Ausbeute ist zu erwarten, wenn erst einmal alle Gehänge des Fortinflügels in Angriff genommen werden. Dort stehen namentlich auch altphönizische Überbleibsel in Aussicht, denn der rätselhafte Blockbau, der im Chevillotschen Garten gefunden worden, setzt sich auf dem Grundstück der Mme. Dufour fort und verzweigt sich daselbst zu sonderbaren Kammern. In einem der Gebäude des »Fortin« hat sich die Besitzerin ein Museum eingerichtet, das die Kleinfunde beherbergt, die bei den Ausschachtungen gefunden wurden, namentlich Terrakotten, Lampen, Wagschalen und anderes Hausgerät aus Eisen und Bronze. Dort sind auch Brocken des von den Wänden und Decken der eingestürzten Gemächer der Villa abgefallenen Steingetäfels niedergelegt. Der Mangel an Statuen und die Seltenheit der Skulpturen überhaupt müssen auch hier wundernehmen. IX. Ägyptische Überbleibsel in Abessinien und im Sudan (Haartracht, Pomade und Salben) (Hierzu Abbildungen Tafel XX bis XXIV) Im Zeitalter des nach allen Richtungen hin erleichterten Verkehrs und eines zunehmenden Ausgleiches der Völkergegensätze sind selbst die früher unzugänglichen Erdenwinkel vor der Hochflut der modernen Kultur und ihrer alles nivellierenden Wirkung nicht mehr gesichert. Daher sahen wir in den letzten Jahren vor dem Kriege zahlreiche Forscher hinausziehen, um in entlegenen Einöden für die Wissenschaft noch spärliche Überreste jener wirklich wilden Menschheit zu erspähen, die als Zeugen des Urzustandes für die Aufhellung unserer eigenen Entwicklungsgeschichte angerufen werden können. Reicher Gewinn ist auch der europäischen Urgeschichte aus dem Studium der sogenannten Naturvölker Afrikas erwachsen. Völker, die keine eigentlichen Wilden sind, da die sozialen Grundlagen, auf die sich ihr Dasein stützt, dieselben sind wie die unserigen und sich von diesen nur qualitativ unterscheiden. Ein Gang durch unser großartiges Museum für Völkerkunde, das einzige Museum Berlins, das in seiner Art allen übrigen in der Welt überlegen ist (es übertrifft die Sammlungen des Museums von Kensington ums Fünfzehnfache!), führt in den verschiedenen Abteilungen die überraschendsten Analogien vor Augen, in allen Gebieten und für alle Zeitepochen das eine Beispiel durch das andere erklärend, überall die Einheit des Menschengeschlechts bekundend und das unentwegte Festhalten an dem einen »Völkergedanken«. Eine ähnliche Aufgabe, wie für den Anthropologen und für den Prähistoriker in den Wildnissen der südlichen Hemisphäre tritt dem Ägyptologen, der sich die Aufhellung der technisch-kulturellen (ergologischen) Fragen angelegen sein läßt, in den südlich von Ägypten sich ausdehnenden Gebirgs- und Steppenwüsten entgegen. Für ihn handelt es sich darum, gleichfalls in der elften Stunde der Forschungsmöglichkeit, sich so genau als es angeht mit den Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen der heutigen »hamitischen« Völker von Nordostafrika vertraut zu machen. Hier können verkümmerte Epigonen eines einst kraftvollen Volkstums ihm überkommene Formen darbieten, mit Hilfe derer sich vielleicht ein Teil des alten Kulturbesitzes der Ägypter wiederherstellen lassen wird, und es muß ihm das Wagnis gelingen, so gut wie der vergleichende Anatom aus einzelnen aufgefundenen Knochen das ganze Skelett einer ausgestorbenen Tierart wieder aufzubauen imstande ist. Bei den mit den alten Ägyptern verwandten oder ehemals in Kulturaustausch befindlichen Völkern, die sich im Norden und im Osten erhalten haben, werden infolge der gänzlichen Umgestaltung, die sie erfahren haben, solche Überbleibsel weit spärlicher nachzuweisen sein, aber im Süden sind es die sogenannten Hamiten der äthiopischen Gruppe und innerhalb derselben besonders die Bega-Völker (Ababde, Bischarin, Hadendoa, Halenga, Beni-Amr, Habab), die an dem allgemeinen Kulturwandel der letzten zwei Jahrtausende den geringsten Anteil genommen haben, und die daher nach der angedeuteten Richtung die besten Winke zu erteilen versprechen. Auch die Danâkil und vor allem das große und noch kräftige Volk der Somâl, das unter den heutigen Protosemiten die ausgeprägteste Eigenart zur Schau trägt, fallen in dieselbe Kategorie. Die Literatur über diese Völker ist eine sehr große, allein die ethnographischen Einzelheiten, die sie betreffen, müssen in einer Unzahl von Reiseberichten aufgesucht werden, und es fehlt durchaus an einer zusammenfassenden Monographie. Natur- und Sprachforscher, die diese Gebiete bereisten, haben der Volkseigentümlichkeiten meist nur beiläufig erwähnt. Es ist aber gegenwärtig sehr leicht gemacht, diese Gegenden näher in Augenschein zu nehmen. Die Küstenstriche des Roten Meeres sind durch Dampferlinien, die Gebirgswüsten des Etbai durch die neuerwachte Goldminentätigkeit, auch durch die Eisenbahn nach Khartum zugänglicher geworden, und in Suakin und Massaua findet jedermann bequeme Unterkunft und leichtes Fortkommen zu Ausflügen ins Innere. Der Reisende, der mit dem Inventar ägyptischer Museen einigermaßen vertraut ist, wird hier auf Schritt und Tritt an alte Formen erinnert werden, die ihm unter den Gerätschaften der Eingeborenen entgegentreten. Da finden sich die nämlichen Halskrücken zur Schonung des kunstvoll aufgebauten Haarputzes der Männer beim Schlafen, da sind dieselben Reibsteine zum Kornmahlen, die Holzschalen, Ruhebänke und Milchkörbe, die Wurfhölzer zum Erlegen von Hasen und Hühnervögeln, die Keulen und Stöcke, die großen Haarnadeln, die Armringe und eine Fülle von Gebrauchsgegenständen, die im Laufe von Jahrtausenden die gleichen geblieben sind. Auch in Abessinien hat sich noch manches erhalten, was an das alte Ägypten gemahnt. Dort findet sich in der Hand des vor der Bundeslade tanzenden Priesters heute noch das Sistrum der Isis, die bronzene Schellenklapper in unveränderter Gestalt. Abessinien ist das einzige Land der Welt, wo dieses rituelle Zaubergerät sich noch erhalten hat. Großes Aufsehen erregte auch vor vier Jahrzehnten ein von der deutschen Gesandtschaftreise nach Abessinien von Axum (Nordabessinien) mitgebrachtes Holzschloß von bisher unbekannt gebliebener Art. Zu diesem hölzernen Riegelverschluß einer Tür gehört ein Holzschlüssel, der hinsichtlich seiner durchlochten Form und der angebrachten Kerben genau einem im ägyptischen Museum aufbewahrten Gegenstande entspricht, dessen Deutung bisher nicht gelungen war. Der heutige Europäer wird im allgemeinen eine nur unklare Vorstellung von der großen Rolle haben, die Öle und Fette jeder Art, sowie Spezereien und wohlriechende Substanzen in der Hautpflege beider Geschlechter namentlich vor Erfindung der Seife gespielt haben und noch gegenwärtig innerhalb der äthiopischen Regionen spielen. Unsere enganschließende Umhüllung schließt diese Art Kosmetik völlig aus, wessen Kleidung aber, im heißen und trockenen Klima, sich auf Lendenschurz und baumwollenes Umschlagetuch beschränkt, der empfindet das Einsalben des Körpers als großen Genuß. Der Reisende im Sudan wird beim Verkehr mit Leuten, die sich landesüblich kleiden, überall Ge- fehlende Zeile im Buch. Re Vor vielen Jahren habe ich in Khartum einen schwarzen Pascha kennen gelernt, der es unter dem Khedive Jsmail zum Oberbefehlshaber der ägyptischen Truppen im Sudan gebracht hatte. Tagsüber zeigte sich Adam-Pascha nie anders als in der ordenstrotzenden Uniform. Wer ihn aber abends in seinem Hause aufsuchte, sah ihn auf hohem Ruhebett mit untergeschlagenen Beinen, über und über von wohlriechender Salbe triefend und in eine weiße »Milaje« (Umschlagetuch) gehüllt, seinem »Kef« obliegen, dem Inbegriff allen Wohlbehagens. Wer eine anstrengende Reise hinter sich hatte, wie beispielsweise nach achttägiger, Tag und Nacht fortgesetzter Durchquerung der großen nubischen Wüste, dem ward zu Abu-Hammed keine größere Erquickung zuteil, als das Einreiben und Durchknetenlassen des ganzen Leibes mit einem Übermaß von duftender Salbe. Dies geschah nach vorhergegangenem warmen Bade, und es war die größte Ehrung, die man dem Gastfreunde angedeihen ließ. Zwei Sklavinnen (die »Kosmetriae« der Alten), waren eigens zu dieser Dienstleistung geschult, und sie brachten die mit gestoßenem Zimt und Gewürznelken, mit Bergamotöl und anderen starken Wohlgerüchen imprägnierten Salben in großen Schüsseln herbei. Heute durcheilt man in einem Tage die wasserleere Strecke auf der Eisenbahn und dem Luxuszuge, dessen Komfort von manchen der Reisenden als die größte Merkwürdigkeit des Sudan angesehen wird, fehlt nicht einmal die eisgekühlte Badeeinrichtung. Allgemeiner und bei hoch und niedrig weit verbreiteter ist der alltägliche Gebrauch von Butter, Öl und Fett im Naturzustande, zum Salben des Haupthaares. Ein überaus üppiger Haarschmuck macht bei diesen Völkern jede Art Kopfbedeckung überflüssig. Ein reichliches Einfetten desselben aber vermehrt offenbar den Schutz, den das Haar gegen den Sonnenbrand gewährt. Ausgelassene und geklärte Butter (Schmalz), rohes Hammelfett und Rizinusöl liefern innerhalb der erythräischen Region die hauptsächlichste Haarsalbe, ja man kann gewissermaßen je nach dem vorwiegenden Gebrauch der einen oder der anderen Substanz ganze Länderstrecken voneinander unterscheiden. Südarabien wird dem europäischen Besucher durch den penetranten Geruch von ranziger Butter, der den Bewohnern anhaftet, arg verleidet. Die hamitischen Nachbarn auf der anderen Seite des Roten Meeres geben dem frischen Hammelfett den Vorzug, aber auch diese Haarsalbe erzeugt, allerdings ein geringeres Übel, überall wo Menschen weilen, einen untilgbaren Bockgeruch. In Abessinien wird mit Vorliebe Rizinusöl zum Einfetten des Haares verwandt. Sein Zersetzungsprodukt ist von üblem, undefinierbarem Geruch. Aber wir müssen in betreff der Gerüche diesen Völkern gegenüber Nachsicht üben, denn auf keinem Gebiete bekunden die menschlichen Sinne, dank der Macht der Gewohnheit, ein größeres Anpassungsvermögen als auf diesem. Der Trangeruch im Norden bildet ein Seitenstück zur ranzigen Butter von Arabien, und was die Mundpflege anlangt, werden wir Europäer durch die natürliche Zahnsauberkeit der von Hammeltalg triefenden Hamiten arg beschämt. Bei den alten Ägyptern scheint das Salben des Haupthaares, namentlich bei den Frauen, eine sehr wichtige Angelegenheit gewesen zu sein. Auf den ihr häusliches Leben zur Darstellung bringenden Bildern sehen wir reich geputzte Damen, die auf der Höhe ihres blumengeschmückten Scheitels einen als Kegel oder als Halbkugel (manchmal rot) gezeichneten Körper tragen. Diesen hat Erman in seinem das ägyptische Leben im Altertum meisterhaft schildernden Werke als »Salbkegel« bezeichnet, und auf der beigefügten Wiedergabe eines alten Bildes erkennt man deutlich an dem kegelförmigen Gegenstande nach abwärts gezogene Ringellinien, die offenbar eine Rieselung des schmelzenden Körpers zum Ausdruck bringen sollen. Die Bedeutung des fraglichen Körpers ist neuerdings wieder Gegenstand einer wissenschaftlichen Kontroverse geworden, und abermals tritt bei dieser Gelegenheit die Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Disziplinen zutage, die unserer Zeit eigentümlich ist. Denn ohne voneinander Notiz zu nehmen, laufen, wie mit Scheuklappen versehen, die verschiedenen Richtungen auf engbegrenzter Bahn nebeneinander her. Bereits vor Jahren hatte unser unvergeßlicher Virchow sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß die Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte seit Heinrich Brugschs Tode jede Fühlung mit der Ägyptologie verloren hätte. Es war nicht der ersteren Schuld. Heute fände Virchow Veranlassung, seiner Klage erneuten Ausdruck zu verleihen. Bald fünfzig Jahre sind es her, daß den Besuchern des Zoologischen Gartens in Berlin Gelegenheit geboten wurde, sich von der Art der Herstellung des erwähnten »Salbkegels« durch eigene Anschauung zu überzeugen. Damals hatte Hagenbeck eine Karawane von 32 »Nubiern«, d. h. Bewohner Nubiens, nebst Zubehör zur Schau gestellt, und unter ihnen befanden sich nicht weniger als 28 echte Vertreter des äthiopischen Hamitentums, der Mehrzahl nach Bega von den Stämmen der Ababde, Hadendoa, Beni-Amr und Halenga. Virchow hat im 10. Bande seiner Zeitschrift über diese schönen Volkstypen mit erschöpfender Gründlichkeit berichtet. Von aktuellem Interesse ist ferner der Aufschluß, den Virchow in der Novembersitzung 1878 über die Herstellung der Haarsalbe erteilte, indem er mit besonderer Ausführlichkeit Vorgänge beschrieb, die sich der Betrachtung eines jeden Reisenden in Nubien häufig aufgedrängt haben, die aber meines Wissens niemand mit gleicher Gründlichkeit zur Anschauung gebracht hat. Das zur Verwendung kommende Fett von Schafen wird roh und ungeschmolzen in Gebrauch genommen, aber erst nachdem ihm durch energisches Kauen ein lockeres, etwas schwammig-schaumiges Gefüge zuerteilt worden ist. Dem rohen Fett wird vor dem geschmolzenen der Vorzug gegeben, erstens aus dem Grunde, weil es in diesem Zustande bei starker Wärme einem völligen Zerfließen widerstrebt, dann aber auch, wegen der Steifigkeit, die es dem auf der Scheitelhöhe zu üppiger Wolke aufgelösten und in die Höhe starrenden Haarschopf (toupet) erteilt, andererseits auch den an den Schläfen und am Nacken herabhängenden Haartroddeln die erforderliche Selbständigkeit verleiht. Um aber der Haarsalbe zugleich auch ein nur allmähliches Zerfließen zu gestatten und ein gleichmäßiges Herabrieseln über Kopf und Nacken, wird eben das rohe Fett zuvor gründlichst durchgekaut. Ungekautes Fett würde auch bei stärkster Sonnenglut dick bleiben, andernfalls das am Feuer ausgelassene wiederum zu schnell zerrinnen. Die durchgekaute Masse ist schneeweiß und erinnert an eine Art Schaumtorte von Schlagsahne. Virchow hat genau beschrieben, wie aus dem Munde des Kauenden ein zungenförmiger Klumpen herausgestoßen wird, der am hintern Ende eine konkave Basis und an den Seiten die von Zähnen herrührenden Eindrücke zu erkennen gibt. Dieser Klumpen, der »Salbkegel« der Ägyptologen, von dem damals sogar Gipsabdrücke angefertigt worden sind, wird nun mitten auf den meist kugelrunden Haarschopf der Männer gesetzt. Die Tropensonne bewirkt das Zerschmelzen und Herabrieseln. Die geschilderte männliche Haartracht ist zunächst bei den nicht arabisierten Ababde und bei allen Bischarin, Hadendoa, Hallenga und Beni-Amr die nämliche. Im Prinzip entspricht auch der Haarputz der Somal dem geschilderten, obgleich derselbe ein weit mannigfaltiger gestalteter, auch die bei ihm verwandten kosmetischen Mittel weit verschiedenartigere zu sein pflegen, als das bei den nördlichen Hamiten der Fall ist. Nirgends hat man bessere Gelegenheit, diesen stolzen Haaraufbau in seiner höheren Vollendung zu bewundern, als in der großen aus den Hüttenlagern halbansässiger Nomaden bestehenden Vorstadt Gef von Suakin. Von der heutigen Haartracht der meisten Bega-Völker findet sich unter den altägyptischen Darstellungen keine, die völlige Übereinstimmung verrät, und das berechtigt zu der Annahme, daß selbst unter den Nachkommen der alten Troglodyten und Ichthyophagen (den Bischarin und Ababde), den konservativsten aller Völker, die wechselnde Mode, wenn auch jedesmal für sehr lange Zeiträume, ihre Geltung bewahrt hat. Das kunstvolle Haargeflecht und die Zergliederung in unzählige feine Schnüre, in Zöpfchen und Flechten, wie wir sie so häufig auf altägyptischen Darstellungen wiedergegeben finden, entspricht eher der heutigen Tracht der arabischen oder von Arabern abstammenden Nomadenstämme des östlichen Sudan als derjenigen echter Bega-Stämme. Bei den Frauen ist aber das feingegliederte Flechtwerk die vorherrschende Regel, sowohl bei Bega als auch bei den Arabern und arabisierten Hamiten, und hier ergibt sich eine überraschende Übereinstimmung mit den alten Damenbildern der ägyptischen Grabgemälde. Aber den heutigen Damen im Hamitenlande scheint der Salbkegel auf dem Scheitel zu fehlen, ich wenigstens habe einen solchen immer nur bei Männern wahrzunehmen Gelegenheit gehabt. Inzwischen ist freilich der gestrenge Islam ins Land eingezogen, und die wirklichen Damen, die sich ehedem den bewundernden Blicken des Straßenpublikums preisgeben durften, sind jetzt im Kreise der Ihrigen, im Innern der Mattenzelte und hinter Dornhecken und Strohzäunen verborgen. X. Die Totenbestattung bei den Uräthiopen (Die Grabbauten der Blemmyes, Bega) Von den hamitischen Völkergruppen, die hauptsächlich in Nubien, wenn man das Gebiet im weitesten Sinne (einschließlich Abessinien und Somalland) rechnet, ihre Stammsitze haben und für die von den alten Berichterstattern zuerst der Name »Äthiopen« in Verwendung kam, haben in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung allein die in der östlichen Wüstenregion als Halbnomaden und Hirten lebenden Blemmyes Ägypten durch ihre Einfälle bedrängt, nachdem die Äthiopen des Niltals dort schon seit fünf Jahrhunderten ihre Rolle ausgespielt hatten und ihres Einflusses verlustig gegangen waren. Die arabischen Schriftsteller haben dann als Bezeichnung für die das Gesamtgebiet zwischen Nil und Rotem Meer, bis nach Abessinien hin innehabenden gleichartigen Völker den Namen Bega (auch Buga) in Anwendung gebracht. Dieser Name kann immer noch als der beste Gesamtname dienen, um die große Reihe von Völkerschaften und Stämmen zusammenzufassen, die sich auch heute als selbständige und wirtschaftlich voneinander geschiedene Einheiten betrachten. Ababde (stark arabisiert), Bischarin, Hadendoa, Beni-Amr, (z. T. arabisiert), Habab, Schukrieh (arabisiert), Kakabisch, die im Westen vom Nil Gebiete innehaben und dort noch andere. Als das wichtigste Glied dieser Völkergruppe müssen die Bischarin gelten, die nächst den Ababde als die nördlichsten in den Blemmyes ihre eigentlichen Vorfahren zu erkennen haben. Diese Bega-Völker haben im Lauf der Geschichte von ihren Wanderungen und Wandelungen keine anderen Denkmäler hinterlassen, als unansehnliche Grabanlagen, die sich, je nach der Region oder der Zeit ihrer Entstehung, in verschiedener Form darbieten, die aber alle einen ursprünglichen Zusammenhang, eine gewisse Kongruenz oder einen Parallelismus miteinander zu erkennen geben. Die seit der Mitte des neunten Jahrhunderts anhebende Islamisierung hat diesen Grabgebilden ein Ende bereitet. Wo sich solche Gräber noch vorfinden, muß man annehmen, daß sie aus einer Zeit stammen, die dieser Bekehrung vorhergegangen war. Es sei nun der Versuch gewagt, nach den mir bekanntgewordenen Überbleibseln und Beispielen die Formen zu beschreiben, die dieser Totenkult in den einzelnen Gebieten angenommen hatte. Im Winter 1898 hatte ich Gelegenheit, eine genaue Besichtigung der Umgegend von el-Kab vorzunehmen, jener zwischen Esneh und Edfu am rechten Nilufer gelegenen vielgenannten Ruinenstätte. Meine Aufmerksamkeit lenkte sich daselbst zunächst auf eigentümlich geformte kleine Grabdenkmäler, die auf den Sandsteinhöhen in der Nähe des rechten Nilufers, vereinzelt oder in Gruppen zerstreut, angetroffen werden. Eine große Anzahl dieser von allen übrigen Grabanlagen der Ägypter verschiedenen Begräbnisstätten ist auf der 80 m über dem Nil und in einem Abstande von 1 km nördlich von der Nordecke der großen Ringmauer der alten Stadt (Eileithyiaspolis) gelegenen Höhe zu sehen, die über den durch ihren reichen Bilderschmuck berühmten Felsengräbern der XVII. und XVIII. Dynastie emporragt. Ein vereinzeltes Grab der vorhin erwähnten Art fand ich noch in einer Entfernung von 6 ½ km nordöstlich von der alten Stadt, auf dem Wege zu den Ruinen der von mir in Augenschein genommenen und zum erstenmal durch Prof. Sayce besichtigten alten Niederlassung von Wüstenbewohnern, die heute den Namen el-Grayat führt und die vom Grab noch 2 km weiter nach Norden gelegen ist. Die Gräber sind ausschließlich aus rohen, unbehauenen und ohne Verband geschichteten Sandsteinblöcken hergestellt, bestehen nur aus einem Oberbau und entbehren jeglichen Grabstollens. Was man zunächst wahrnimmt, ist ein regelmäßiger Steinring, der eine auf dem ebenen Boden angelegte, vielleicht nur noch durch Ausgrabung einer flachen Mulde vertiefte Grabkammer umschließt, und dessen Innenraum ursprünglich mit Schutt und Steinen ausgefüllt war. Infolge der überall stattgehabten Durchwühlung, deren Zweck rätselhaft bleibt, da nicht ersichtlich ist, welcherlei Beigaben die Plünderer für ihre Mühe belohnen konnten, ist die Anordnung der Felsblöcke eine sehr übersichtliche. Der äußere, stets kreisrunde Steinring bildet mit durchschnittlich 3–6 Lagen großer Blöcke eine senkrechte Mauer von 1,5 m Höhe. Ihre Dicke übersteigt selten 0,6 m, während der Gesamtdurchmesser des Baues 4 m beträgt. Die größten Steinringe messen 5 m. Innerhalb des Mauerringes wurde der wohl meist in Leintücher gehüllte Leichnam in der aus größeren Steinplatten hergerichteten niederen Kammer gebettet, deren Länge in den meisten Fällen dafür spricht, daß der Körper für gewöhnlich in ausgestreckter Lage niedergelegt wurde. Eine zur Konservierung der Leiche stattgefundene Präparation ist hier sicher nicht üblich gewesen; überall fanden sich nur mürbe und äußerst verwitterte Knochenfragmente, deren zersetzter Zustand deutlich zu erkennen gab, daß die Gräber bereits vor langer Zeit geöffnet worden sein müssen. Eine bestimmte Stellung zu den Himmelsrichtungen scheint bei der Anlage dieser Gräber nicht beabsichtigt gewesen zu sein. Auch zeigten die einzelnen Gruppen der Gräber keinerlei bestimmte oder unter sich übereinstimmende Orientierung. Viele waren von Nord nach Süd gerichtet. In ihrer einfachsten Gestalt wurde die Grabkammer durch Niederlegen von zwei länglichen Steinen mit möglichst geradliniger Längskante hergestellt, die, flach auf den Boden gelegt, zwischen sich Raum für den Leichnam ließen. Kleinere Blöcke verschlossen die Enden, und über alle wurden schließlich verquer und als Deckel einige (2–3) große, ungefähr 1,5 m lange Blöcke von mehr plattenförmiger Gestalt gelegt. Der zur Aufnahme des Leichnams zwischen den Blöcken (für gewöhnlich genügten 7–9) frei gelassene Raum mißt 1,25–1,3 m in der Länge und 0,45–0,6 m in der Breite. Die Höhe scheint mitunter, dem Durchmesser des Körpers entsprechend, nur knapp 0,3 bis 0,45 m betragen zu haben. Wahrscheinlich aber wurde zuvor der Boden am Grunde noch etwas ausgehöhlt. Der zwischen der Kammer und der Mauer des Steinringes befindliche Raum wurde mit Schutt und Steingeröll ausgefüllt und obenauf zu einer flachen Kuppe aufgeschüttet, die Oberfläche aber mit einer Lage von kleinen weißen Kieselsteinen (die hier, bei el-Kab, eigens dazu zusammengesucht werden mußten) belegt, bis zur Herstellung eines flachen, breiten, und doch spitzen Kegels, sodaß das Ganze das Ansehen einer runden Hütte mit Kegeldach gewann. Einen abweichenden Typus zeigte die Grabkammer in einem Falle, wo die Wände des zur Aufnahme des Leichnams bestimmten Raumes mit einer Reihe aufrechtgestellter kleiner Steinplatten ausgekleidet waren, wie aus der Abbildung zu ersehen ist. Eine Anzahl der Gräber bestand aus kleinen, von gemeinsamer Ringmauer umschlossenen Gruppen; indes fand ich bei el-Kab nie mehr als deren drei in einem Ringe vereinigt. Die Mehrzahl der Gräber in der Umgebung von el-Kab zeigt in übereinstimmender Weise die oben angeführten Maße; es gibt aber auch solche von sehr ungleichen Raumverhältnissen, und bei etlichen von ihnen brachte mich die Enge und Kleinheit der Grabkammer auf die Vermutung, daß hier auch die alte Bestattungsweise der Troglodyten noch geübt sein könnte, wie sie Agatharchides und nach ihm Diodor und Strabo beschrieben haben, und wie sie für die seit einigen Jahren in Oberägypten aufgedeckten Gräber der ersten Dynastien, bezw. der prädynastischen Zeit (der sogen. Negada-Periode) charakteristisch ist, nämlich die Bestattung in gekrümmter Körperlage. Man darf sie nicht als »Hocker« bezeichnen, da in den Gräbern von Negada und in den anderen der ältesten Zeit die Körper auf der Seite liegen und nicht in hockender Stellung bestattet sind. Ob die kleinsten Grabkammern für Kinderleichen bestimmt waren, mag dahingestellt bleiben. Leider war es mir nicht vergönnt, irgendwo ein noch intakt und ungeöffnet gebliebenes Grab ausfindig zu machen, um dieser Frage weiter nachzugehen. Daß die Körper der Toten in den Gräbern von el-Kab in Leinwand gehüllt oder damit umwickelt waren, bewiesen nicht nur die mit den Knochensplittern hier und dort umherliegenden Gewebefetzen, sondern auch ein aufgefundener Zehenknochen, an welchem noch ein Stückchen Leinwand haftet. Das Grab im ursprünglichen Zustande. Grab im Längsschnitt. Grundriss des Grabes. Auskleidung einer Grabkammer mit senkrechten Platten. Ringgräber der Bega bei el-Kab (Eileithyaspolis) Den Toten wurden Tongefäße mit ins Grab gelegt; sie müssen aber wenig zahlreich gewesen sein, nach der geringen Zahl von Scherben zu schließen, die sich im Umkreise der durchwühlten Gräber vorfanden. Von den Skeletteilen waren nur Fragmente der dichtesten und härtesten Knochenteile erhalten. Die meisten Tonscherben stammen hier von jenen langen, kurzhalsigen und unten in einen spitzen Zapfen auslaufenden Amphoren her, deren horizontal stark geriefter zylindrischer Halsteil (zwischen den beiden Henkeln) in Verbindung mit dem feinen Korn der Tonerde, das sie kennzeichnet, für die römische Zeit charakteristisch ist. Die bei den Gräbern von el-Kab aufgelesenen Tonscherben erwiesen sich als mit den unter den Hausresten der alten Wüstenstadt (des vorhin erwähnten el-Grayat) gefundenen identisch und gehören nach Dr. v. Bissing's Urteil dem 2. bis 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung an. Bei einem der auf der Höhe oberhalb der Felsengräber der XVIII. Dynastie gelegenen Gräber fanden sich Bruchstücke einer daselbst zur Verwendung gelangten Sargtruhe von gebranntem Ton, deren Wandungen 2,5–4 cm Dicke zeigten, und die eine Länge von ungefähr 1,3 m erreicht haben muß. Die Tonmasse war außen hellrot, innen schwarzgrau. Diese Truhe hat ein längliches Viereck dargestellt, mit abgerundeten Kanten. Der Rand der Seitenwände war verdickt, und als Deckel diente eine flache, dünnere Platte, von der sich noch Bruchstücke vorfanden. Das Grab, das diese Truhe beherbergt hat, muß von einem ansehnlichen Hügel weißlicher Kiesel gekrönt gewesen sein, nach der Menge zu urteilen, die von diesen Steinen daselbst umherlag. Die ringförmige Außenmauer hatte eine Dicke von 57 cm und wurde von drei bis sechs Lagen geschichteter Sandsteinblöcke gebildet. Ähnliche Sargtruhen aus gebranntem Ton finden sich in den Gräbern sehr verschiedener Epochen. Man kennt sie namentlich von der Zeit der XIX. Dynastie (Naville) und häufiger aus römischer Zeit, dann aber namentlich aus der früheren »koptischen« Periode (etwa 500–800 n. Chr.). An einzelnen Stücken der soeben erwähnten Sargtruhe finden sich nun Reste von schwarzer Bemalung in derben, primitiven Mustern, Ornamente, die wegen ihrer charakteristischen Gestalt nicht den geringsten Zweifel für die richtige Zeitbestimmung des Gegenstandes gestatten. Es sind das vor allem die symbolischen Palmwedel oder Ölzweige darstellenden Ornamente, die für die spätere römische und frühkoptische Periode bezeichnend erscheinen und in der koptischen Abteilung des Kairener Museums an ähnlichen Sargtruhen und anderen Tongefäßen sichtbar sind. Scherben mit jener rohen schwarzroten Bemalung versehen, wie sie für die spätere koptische Zeit (800 n. Chr.) charakteristisch ist und wie ich davon ein Beispiel bei den Gräbern von Mualla auflas, haben sich bei el-Kab nirgends gefunden. Nach dem Erwähnten wird man nicht fehlgreifen, wenn man die Ringgräber von el-Kab in die Zeit des 3. und 4. Jahrhunderts n. Chr. verlegt, entsprechend derjenigen Epoche, die sich nach den aufgefundenen Scherben für die Ruinen von el-Grayat festsetzen ließ, jener Niederlassung, deren vornehme Angehörige wahrscheinlich hier, im Anblick des Nilstroms, ihre letzte Ruhestätte fanden. Daß beide Örtlichkeiten in Beziehung zueinander standen, liegt auf der Hand. Da sich von el-Kab aus, zur Abkürzung des Weges, der längs dem Nil einen rechten Winkel beschreibt, die gerade Wüstenstraße nach Luksor und Koptos eröffnet, so läßt sich annehmen, daß am erstgenannten Platze der Ausgangspunkt eines lebhaften Karawanenverkehrs war. Auch lief bei el-Kab eine Abzweigung der großen Straße nach Berenike aus. Die an dem Verkehr zwischen diesen Plätzen beteiligten Wüstenbewohner hatten in el-Grayat eine Niederlassung, wo sie ihre Familien mit dem Kleinvieh zeitweilig unterbrachten. Solche Beduinen-Lagerplätze mit aus geschichteten Steinen aufgeführten Hütten gehören einer Zeit an, in der diese Nomaden etwas mehr Ansprüche an die Bequemlichkeiten des Lebens zu machen pflegten als heutigen Tages, wo sie mit einem Worte zivilisierter waren. Man gewahrt derartige Ruinen an verschiedenen Stellen der Keneh-Kosser-Straße, namentlich auch in der nächsten Umgebung von Assuan, die gewiß der nämlichen Epoche angehören, wie el-Grayat. Zu erwähnen wäre noch, daß ich an dem letztgenannten Platze und seiner Umgebung, obgleich er das Gemäuer von über 200 kleinen Wohnhütten aufweist, nirgends weder vereinzelte noch gemeinsame Begräbnisstätten ausfindig zu machen vermochte. Eine andere Gegend am Nil, die ich 1898 besucht habe, bietet eine weit größere Ansammlung von Gräbern der soeben beschriebenen Art. Da, wo der Nil oberhalb Thebens aus der nordwestlichen Stromrichtung in die nordöstliche einbiegt, liegt an der östlichen Gebirgskette, die hier der Fluß fast bespült, das kleine Dorf Mualla, an der Ursprungsstelle des nach ihm benannten Bewässerungskanals. Hier hatte der Generaldirektor der ägyptischen Telegraphen, Ernest Floyer, eine zur Feststellung des den Mergeln der Umgegend zukommenden Gehalts an salpetersauren Salzen dienende Versuchsstation angelegt. Am Fuße der sich bis zu 250 m erhebenden nahen Steilwand sind niedere Vorhügel gelagert, die bis auf 200 m Abstand an den Fluß herantreten. Die salzführenden Mergelschichten, die von den Eingeborenen als Dungerde (marob) für ihre Felder ausgebeutet werden, treten hier an der Grenze zwischen Eozän und Kreide in großer Mächtigkeit zutage. Diese Vorhügel sind, sowohl auf ihren Kuppen, als auch an den Gehängen mit Grabanlagen, wie die bei el-Kab gesehenen, bedeckt; schon allein in der Umgebung des zweiten Talkessels, südlich vom Dorfe Mualla, dessen Austrittsstelle etwa 3 km im ONO vom Hause Mr. Floyers gelegen ist, sieht man an die Hundert. Floyer hat zuerst auf diese Gräber aufmerksam und darüber im Institut Egyptien Mitteilung gemacht. Der Sitzungsbericht enthält auch eine von dem Ägyptologen G. Daressy demselben Gegenstande gewidmete Abhandlung. Die Gegend an der Nilecke bei Mualla führt den unaufgeklärten Namen »der 7 Sultane«. Auf einer Strecke von über 10 km sind daselbst die Vorhügel unter der nahen Steilwand mit solchen Grabanlagen bedeckt. Mit den aus niedrigen, runden, von flachen Kieselkegeln gekrönten Zylindern oder kiesgefüllten Mauerringen bestehenden Grabdenkmälern dürfen aber nicht jene teils kreisrunden, teils vierkantigen oben offenen Gemäuer aus geschichteten Steinen verwechselt werden, die von Floyer und Daressy gleichfalls für Gräber gehalten wurden, hauptsächlich aus dem Grunde, weil sie für Wohnstätten zu klein, auch ihre Zugänge zu eng erscheinen. Diese überall in den Wüsten Ägyptens anzutreffenden und den verschiedensten Zeitaltern angehörenden kleinen Umfriedigungen und Einfassungsgemäuer sind für den Wüstenreisenden keine neue Erscheinung. Meist sind sie zum Schutz gegen die winterliche Nachtkälte von umherziehenden ärmeren Nomaden improvisiert, häufig auch zur Unterbringung von Kleinvieh hergestellte Hürden, wie solche allenthalben in der Nähe von Beduinenlagern, beim wechselnden Weidegang der Frühlingsmonate zu sehen sind. Auch bei Mualla waren sämtliche Gräber seit langer Zeit durchwühlt, wie die zerfallenen Knochenreste bezeugen konnten, die hier und da zerstreut lagen. Die Mühe, die man sich bei dieser Durchsuchung der Gräber gegeben hat, läßt erwarten, daß in einigen sich wertvolle Beigaben vorfanden, die zu sorgfältiger Prüfung des Inhalts angefeuert haben. Da bei Mualla an großen und namentlich an flachen Steinen Mangel war, sind die dortigen Gräber nicht mit so vollendeter Symmetrie errichtet wie die bei el-Kab. Alle sind aber genau nach demselben Plan erbaut und auch in derselben Größe in Ausführung gebracht. Häufiger als bei el-Kab sind hier Sammel- oder Familiengräber zu sehen, die 3, 5 und bis zu 9 Einzelgräber mit einer gemeinsamen Ringmauer umschließen, die gewöhnlich 1,5 m Höhe erreicht. Auch hier fand sich eine Anlage vor, deren Grabkammer, selbst von länglich-ovaler Gestalt, innen mit flachen und aufrecht gestellten Steinen ausgekleidet war. Außer den überall gänzlich zerstückelten und mürben Knochenresten (sicherlich war keine der Leichen »einbalsamiert« gewesen) fanden sich Scherben von Tongefäßen mannigfacher Art. Was mir von letzteren unter die Augen kam, schien mir von den bei den Gräbern von el-Kab aufgefundenen nicht verschieden; nach den mir von Dr. v. Bissing gegebenen Aufklärungen wird man indes zur Altersbestimmung dieser Gegenstände eine ganze Reihe von nachchristlichen Jahrhunderten zur Verfügung haben, nämlich die vom 3. bis 8. 3 Grundrisse von Familiengräbern Bei einem der Gräber fand sich auch ein größeres Holzstück, ein 1,5 cm dickes Brett, das, mit einer Reihe von 6-blättrigen Rosetten geziert, ursprünglich offenbar einem Sarge angehört hatte. Dieses Ornament, obgleich sehr einfacher und häufig verwandter Art, dürfte immerhin zur genaueren Zeitbestimmung des Grabes beitragen. Särge sind jedenfalls in diesen Gräbern nur in Ausnahmefällen, vielleicht nur zur Bestattung der Vornehmsten in Anwendung gekommen. Ich bin übrigens nicht der Ansicht, daß die Gräber von Mualla nur den Vornehmen und Stammesältesten angehört haben, dazu sind sie allzu reichlich. Daressy weist diese Gräber, indem er sich dabei hauptsächlich auf die dort gemachten Scherbenfunde stützt, in das 7. bis 12. Jahrhundert, eine Zeit, wo, wie er hinzufügt, Christen und Mohammedaner gleich zahlreich waren. Nach den aufgefundenen Topfscherben meint er, müssen die Gräber lange nach der Blütezeit des koptischen Klosterlebens errichtet worden sein. Fundstücke, die dafür sprächen, daß die Inhaber dieser Gräber Christen gewesen seien, hat der genannte Ägyptologe nicht aufzuweisen, abgesehen von einer einzigen Schale, auf der sich das Zeichen eines koptischen Kreuzes eingedrückt fand. Es darf aber nicht außer acht gelassen werden, daß bei Mualla, zumal an den näher dem Nil zu gelegenen Hügelabfällen, Gräber aus sehr verschiedenen Epochen nebeneinander angetroffen werden, sodaß bei ihrer Durchwühlung die Scherbenstücke sehr leicht an Stellen geraten konnten, die ihnen nicht zukamen. Allerdings habe ich auch daselbst unter anderen, eher einer älteren, als einer neueren Periode angehörigen Tonscherben, ein Stück aufgelesen, das genau die Technik zur Schau trägt, die Dragendorf und v. Bissing als »koptisch« bezeichnen und die sich durch eine matte Färbung sowie vorwiegend schwarzrot ausgeführte, sehr wild angeordnete Ornamentik kenntlich macht. Diese »koptischen« Tongefäße werden dem 8. Jahrhundert zugeschrieben. Daressy behauptet auch, durchaus keine Leinwandreste bei den Gräbern von Mualla angetroffen zu haben, während ich selbst auf ganz deutliche Beispiele davon stieß. In einem Grabe fand er eine Tonvase, die einen Dattelkern enthielt, also eine Opfergabe. Eines sehr merkwürdigen Fundes tut Daressy in seiner Mitteilung an das »Institut Egyptien« leider mit nur wenigen Worten Erwähnung. Er fand nämlich innerhalb eines der erwähnten Mauerringe das aus Erde (also aus Nilton) sehr roh geformte Bild eines Pferdes. Wie er dazu kommt, an diese Angabe die Bemerkung zu knüpfen, daß eine solche Beigabe die Gräber der Vornehmen oder eines Ortsvorstehers kennzeichnete, ist nicht ersichtlich. Die auf der dem Berichte beigefügten Tafel dargebotene Skizze erscheint ebenso primitiv und roh in der Zeichnung, wie der Gegenstand, den sie darstellen soll, und ebenso ungenügend, wie die Notiz unvollständig ist. Ich glaube, man wird das Richtige treffen, wenn man annimmt, daß die Gräber von Mualla zusammen mit denen von el-Kab derjenigen Epoche entstammen, in der die Wüstenstämme (also die Vorfahren der heutigen Ababde und Bischarin, die sogenannten Blemmyes) sich am ungestörtesten des Alleinbesitzes ihrer Machtsphäre zu erfreuen und überall freien Zugang zum Nil hatten, und das war die Zeit, als der römische Kaiser mit ihnen Frieden geschlossen und sie mit Geld abgefunden hatte. Zur Erklärung dieser Anhäufung von Gräbern in der Nähe des Nilufers bei Mualla hat man auch das Vorhandensein ehemaliger Militärkolonien in Betracht gezogen. Nun ist ja aus der Geschichte bekannt, daß in der Tat die alten Ägypter eigens zum Zweck der sicheren Rücken- und Flankendeckung des langen und schmalen Landes ein aus den benachbarten Wüstenstämmen gebildetes Gendarmeriekorps, die sog. Mazai unterhielten, eine Einrichtung, die lange Zeiträume hindurch bestanden hat. Die Gräber von Mualla und el-Kab haben nichts mit diesen alten Zeiten gemein, denn sonst würden sie doch irgendwo Anklänge an den alten Bestattungspomp und vor allem unter den Beigaben solche Stücke aufzuweisen haben, die uns über die betreffende Epoche Aufklärung geben könnten. Außer der in Vorstehendem dargelegten, immerhin einen großen Spielraum offen lassenden zeitlichen Begrenzung würde sich, bei dem Mangel an inschriftlichen und solchen Beigaben, die für das Volk, das diese Gräber errichtete, bezeichnend sein könnten (wie z. B. Waffen oder Erzeugnisse des eigenen Kunstfleißes), wenig ermitteln lassen, wenn nicht zum Glück starke Beweismittel auf dem Gebiete der Analogie zur Verfügung ständen. Das einzige, was diese Hirtenvölker uns hinterlassen, sind eben die Gräber, und die alten Formen von ihnen lassen sich bis in die Gegenwart bei den jetzt lebenden Nachkommen verfolgen. In erster Linie darf hierbei das kleine Volk der Bogos als Zeuge angerufen werden, wenn der Nachweis geliefert werden soll, daß die vorhin beschriebenen Gräber wirklich den alten hamitischen Wüstenbewohnern angehört haben. Die Bogos, die eine nördliche Vorstufe des äthiopischen Hochlandes innehaben, zählen heute, unter italienischer Herrschaft, nicht viel über 15 000 Seelen. Sie sind sämtlich Christen, und ein großer Teil von ihnen bekennt sich zur römisch-katholischen Kirche; nichtsdestoweniger haben sie sich nicht nur ihre alte hamitische Sprache (bilin), sondern auch viele merkwürdige Sitten und Einrichtungen zu erhalten gewußt. Hierzu muß man zunächst ihre Gräber rechnen, die aller Reisenden Bewunderung erregten, so viele ihrer diese anmutige Landschaft besucht haben. Die hier gegebene Abbildung bekundet die völlige Identität mit den Gräbern von el-Kab und Mualla. Auch die Maße stimmen überein. Die Bogosgräber sind gewöhnlich 2 m hoch und hatten im Durchmesser 4–7 m. W. Munzinger beschreibt in seiner Schrift über »Sitten und Recht der Bogos« die Behandlung des Leichnams und seine Bestattung. »Der Körper wird gewaschen, parfümiert (d. h. gesalbt), er erhält einen weißen Stein in den Mund gesteckt, es werden für jede Frau, die er besessen, 3 Krüge Wasser über den Körper geschüttet, man umhüllt ihn mit weißem Baumwollzeug, dann wird er auf einer Bettstelle zu Grabe getragen. Unterwegs wird der Körper nochmals mit Wasser besprengt. Das 7 Fuß tiefe Grab ist so eng ausgeschachtet, daß der Körper hineingezwängt werden muß. Vermittelst eines breiten Schiefersteines wird die Öffnung verschlossen. Darüber rund herum wird nun ein 2 Fuß hoher Mauerring errichtet. Man füllt den Ring mit weißen Steinchen aus und häuft sie zu einem Kegel an. Ein durch das Schwert des Feindes Gefallener erhält einen schwarzen Steinkegel. Die Gräber erhalten sich sehr lange. Der Leichnam ruht gleichsam in einer steinernen Grabkammer. Es gibt 20 Fuß hohe Grabhügel der Häuptlinge. Männer und Frauen werden nebeneinander begraben. Frauen und Kinder erhalten kleinere Hügel.« Überall auf den Hügeln der großen Talmulde von Keren (Senhit) gewahrt man solche Dörfer der Toten, denn wie Dörfer nehmen sich diese zahlreichen, einer ganzen Reihe von Generationen gemeinsamen Gräber aus, mit ihren wohlgeformten Hütten aus Stein, mit den im Sonnenschein hellschimmernden flachen Kegeln und Kuppen, die von Haufen schneeweißer Kiesgerölle gebildet werden. Zwischen den weißen finden sich auch solche Gräber, die mit schwarzen Kieseln belegt sind. Diese kommen, altem Brauche gemäß, denjenigen Toten zu, die eines gewaltsamen Todes starben. Einer anderen Auslegung zufolge sollen die schwarzen Gräber für diejenigen bestimmt sein, deren Tod noch der Sühne bedarf; erst wenn solche erfolgt ist, wird das Grab mit weißen Kieseln beschüttet. Grab bei Woad Adarát (Beni-Amr, 17° 37' n. Br.) (Nach Th. v. Heuglin) Gräber der Bogos. (Nach Th. Bent) Oben zwei schwarze, weil von ungerächten Toten) Einer ähnlichen Vorstellung begegnete ich bei den Assaorta (auch Saho genannt), einem anderen rein hamitischen Hirtenvolk der italienisch-erythräischen Region, das zwar mohammedanisch geworden, indes wie die Bogos den Sitten der Vorfahren treu und im Besitze der eigenen Sprache geblieben ist. Die Assaorta bestatten solche, die meuchlings einer Kugel zum Opfer fielen, in aufrechter Körperstellung, stehend. Der Tote soll nach ihrer Auffassung nicht ruhen, gleichsam beständig auf der Wacht stehenbleiben, bis er gerächt ist. Ein solches Assaortagrab sah ich auf freiem Felde in der Umgegend von Halai in der heutigen Colonia Eritrea. Es bildete einen 2 m hohen Tumulus von fast zylindrischer, etwas kegelförmiger Gestalt. Drei horizontale Lagen von weißen Quarzstücken waren zur Verzierung zwischen den dunklen Steinen angebracht. Die Herstellung erfolgt in der Art, daß um den aufrecht gestellten Leichnam so lange Steine gehäuft und geschichtet werden, bis er von allen Seiten zugedeckt ist. Diese Bestattungsweise erinnert an diejenige, die im 63. Abschnitt des Periplus des Agatharchides (wiederholt von Diodor und Strabo) den Troglodyten zugeschrieben wird, die ihre Toten so lange mit Steinen bewarfen, bis sie deren Gestalt vollständig damit bedeckten. Diese Stelle ist von einigen Archäologen ganz falsch interpretiert worden, um den Nachweis zu liefern, als seien die Gebeine der Toten durch die Steinwürfe zerstückelt worden. Als Analogie suchte man die in den Gräbern der Negada-Epoche oft in zerstreutem Zustande aufgefundenen Gebeine als auf gleiche Weise zerstückelt zu erklären, während es sich doch bei ihnen um eine sekundäre Bestattungsweise handelt. In den weiten Steppen- und Wüstenstrichen, die sich zwischen Abessinien und Ägypten ausdehnen, werden sich gewiß noch viele Begräbnisstätten aus älterer Zeit ausfindig machen lassen. Die Reisenden haben dem Gegenstande bisher nicht genügend Beachtung geschenkt. Ich will hier die wichtigsten Beobachtungen, die man gemacht, zusammenstellen. Auf seiner Landreise von Suakin nach Massaua traf Th. v. Heuglin im Jahre 1875 im Gebiete der Beni-Amr, nördlich vom Felkat-Bache, eine Anzahl älterer Grabdenkmäler an, über die er in seinem Reiseberichte (Bull. Soc. Khéd. de Géogr. 1876) nur sehr kurze Auskunft gab, von denen er aber auf der dem Berichte beigefügten Karte zwei Abbildungen gegeben hat, die Bauten mit schuttgefüllten Steinringen und mit in 2 bis 4 Stockwerken aufeinander gesetzten Zylindern zu erkennen geben und im Prinzip sich den Grabanlagen von el-Kab, Mualla und Keren anzuschließen scheinen. v. Heuglin erzählt, daß diese Grabmäler von den heutigen Bewohnern, die Beni-Amr Dieser Teil der durchweg mohammedanischen Beni-Amr, der sich äußerlich von den Hadendoa und Bischarin usw. nicht unterscheidet, hat nebst den ihnen benachbarten Habab und Maria eine semitische Sprache, das Tigré, angenommen, während andere Beni-Amr-Stämme noch dem Bedauye treu geblieben sind. sind, einem ursprünglich in der ganzen Region heimisch gewesenen Stamme zugeschrieben werden, der den Namen Bet-Maleh führt und von dem noch zersprengte Reste im Lande vorhanden sein sollen. General Baratieri bestritt Negli Habab, in Nuova Antologia, 16. März 1892, p. 35. diese Angabe, weil den Bet-Mala, die er als »echte Nomaden, Hirten und Räuber« bezeichnet, solche Luxusbauten nicht zuzutrauen seien. Baratieri beschreibt im Lande der Habab fünf verschiedene Stilarten von Grabmälern, die in ihrer Grundlinie mehr oder weniger den von mir beschriebenen gleichen: mit zwei abgestutzten Kegeln auf einem runden Unterbau; mit zwei oder drei aufeinander gesetzten Zylindern, die oben mit einer Kugel abschließen und von einer Umfassungsmauer umgeben sind (die auf v. Heuglins Zeichnung gegebene Modifikation); ein abgestutzter Kegel, der einen zuckerhutförmigen Aufsatz trägt; ein Würfel mit schwachgeneigten Seitenflächen, der eine hohe Kappe trägt, die mit einer Kugel von der Größe eines Straußeneies geziert ist; ein zylindrisches Mauerwerk trägt zwei Steinpfeiler, die parallel nebeneinander emporragen und am Ende in eine breite und dicke Lanze auslaufen. Diese Form war bei Gudem Gesa zu sehen. Die Größenverhältnisse der Habab-Gräber sind nach Baratieri hinsichtlich der Breite sehr wechselnd, und die Höhe, die sie erreichen, schwankt zwischen 4 und 5 Meter. Alle diese Bauten entbehren einer Eingangstür. Nicht unerwähnt darf der Umstand bleiben, daß diese zierlichen Grabbauten der Habab-Häuptlinge, die Baratieri in die allerdings nicht sehr entlegene Zeit vor Einführung des Christentums verlegt, unter Anwendung von Kalk aufgeführt worden sind; er hebt sie als die einzigen in diesen Gegenden vorhandenen Beispiele von Mörtelbau eigens hervor. Ich habe diese Bauwerke nur deswegen angeführt, weil sich in ihrem Stil offenbar die alten Überlieferungen der Bega-Völker erhalten haben. Grabmal eines ungerächten und deshalb stehend bestatteten Assaorta (Saho) Eine andere Kategorie von Grabmälern, die gleichfalls mit Kalkbewurf und mit Mörtel hier errichtet wurden, gehört wegen ihrer den Bedürfnissen des funerären Ritus des Islams entsprechenden Gestalt der neueren Zeit an und die Gräber sind, wie Baratieri versichert, von aus Ägypten oder Arabien bezogenen Werkleuten hergestellt worden. Baratieri hat auch die den Bogos-Gräbern durchweg analogen Begräbnisstätten der Maria, eines anderen kleinen Hamitenvolkes, und die bei der Bestattung ihrer Toten befolgten Festlichkeiten beschrieben. Je nach der Form der Auffüllung der Grabhügel mit weißen Kieseln soll man daselbst die früheren christlichen Gräber von denen der heutigen Mohammedaner zu unterscheiden vermögen. Die mit gewölbter Kuppe sind christlichen, die flachen Gräber sind mohammedanischen Ursprungs. Auch bei den Maria werden noch heutigen Tages die ungesühnt Verstorbenen mit einem schwarzen Kieselbelag bedeckt, die eines natürlichen Todes Verstorbenen mit einem weißen. Doch soll dieser Brauch nicht mehr allgemeine Geltung haben. Die ausgedehntesten Begräbnisanlagen, die bis jetzt im Gebiet der Bega-Völker bekannt geworden sind, die von Maman, 95 km nördlich von Kassala im Gebiet der Hadendoa gelegen, habe ich selbst im April des Jahres 1865 aufgefunden und in der Zeitschrift f. allg. Erdkunde beschrieben, – eine wahre Gräberstadt mit vollkommen erhaltenen Baulichkeiten, deren Anzahl ich damals auf eintausend geschätzt habe. Die Gräber von Maman ziehen sich am Südhang des gleichnamigen Berges auf einer Strecke von ungefähr 2 km hin, gleich einer wohlgeordneten Stadt. Zu den Bauten sind nur flache, schieferartig sich absondernde Gneisstücke verwandt und ohne ein Bindemittel durch einfaches Aufeinanderschichten hergestellt. Die Stellung zu den Himmelsrichtungen ist eine zwanglose, meist aber sind die Grabbauten nach der Windrose orientiert, mit dem Eingang auf der Ostseite. Die einfachste und am häufigsten angetroffene Form, von der in Maman noch mindestens 500 durchaus wohlerhaltene Beispiele vorhanden sind, besteht aus einem würfelartigen Unterbau mit daraufgesetztem zylindrischen Rondell, bestehend aus einem schuttgefüllten Mauerring, den eine Kuppe von weißen Kieseln oder Kalkstücken krönt. Diese Gräber messen durchschnittlich 3,3 m in der Höhe und 4 m in der Länge. Eine seltenere und vornehmere Stilart dieser Gräber besteht aus einem doppelten, in zwei Stockwerken aufeinander gesetzten Unterbau von würfelförmiger Gestalt mit schwach geneigten Wänden. Diese messen in Höhe und Breite 5 m. Allen Gräbern ist ein im Innern des Unterbaues angebrachtes flaches Gewölbe eigen, das durch allmählich geneigte Schichtung der übereinandergreifenden Gneislagen hergestellt ist. Unter diesem Gewölbe, zu dessen größerer Befestigung wohl der oben aufgesetzte schuttgefüllte Mauerzylinder diente, war der ebene Boden mit großen Steinblöcken belegt, unter denen die Körper der Toten beigesetzt worden sind. Ich habe bei meinem damaligen Besuch leider nicht darauf geachtet, ob die Leichname in ausgestreckter oder in gekrümmter Körperlage, ob frei in einem aus Blöcken hergestellten Hohlraum oder in vergrabenem Zustande beigesetzt wurden. Ich nehme aber als das Wahrscheinliche ein Vergrabensein in ausgestreckter Lage an. Bei meinen damaligen Grabungen erbeutete ich unter einem und demselben Gewölbe sechs Schädel, und hier war es auch, wo ich den ersten Schädel der merkwürdigen, damals neuen Nagergattung Lophiomys zutage förderte. Bauten in der großen Gräberstadt auf der Südseite von Gebel Maman (95 Kilometer nördlich von Kassala, 16° 15' n. Br., 36° 28' östl. Gr.) Außer diesen Grabkapellen waren zu Maman noch viele schmucklose Gräber vorhanden, die aus einfachen Steinhaufen bestanden, also die gewöhnliche Begräbnisweise der heutigen Zeit aufwiesen. Christliche Embleme waren nirgends zu sehen; das einzige Ornament, das hin und wieder an den Bauten in Betracht kam, bestand aus eingeschalteten weißen Kalksteinstücken, Kalkstein tritt als eine große Seltenheit des Gebietes in der Nachbarschaft zutage auf der Westseite des Gebel Kuureb. die als Längsstreifen oder in Gestalt einer schachbrettartigen Karrierung verwandt worden waren. Sicherlich gehört die Gräberstadt von Maman der vormohammedanischen Zeit an, aber man darf ihr kein allzu hohes Alter beimessen, da gewisse Einzelheiten der so lose geschichteten Mauerwerke mich anwiesen, hier, in dieser mit starken Sommerregen bedachten Region, mit Jahrhunderten nicht so freigebig zu sein, wie im eigentlichen Ägypten. Jedenfalls war in der Nähe ein Hauptlager der Vorfahren der heutigen Hadendoa, und im Verlaufe vieler Generationen ein bevorzugter Sammelplatz ihrer Toten. Man wird nicht weit fehlgehen, wenn man in dieses Gebiet den Schwerpunkt der Entwicklung der heidnischen Blemmyes oder Bega verlegt. Daß auch die Gräber von Maman im allgemeinen derselben Grundidee gemäß angelegt worden sind, wie die primitiveren Formen, die uns beim Beginn dieser Mitteilungen beschäftigt haben, liegt auf der Hand; indes sind wesentliche Unterschiede hervorzuheben in: dem Vorhandensein einer Eingangstür, 2. dem Gewölbe- und Freiraum über dem eigentlichen Grabe an Stelle der Ausfüllung, der gemeinsamen Bestattung von mehreren Toten in einem und demselben Grabe. Zur Kennzeichnung der Zeitepoche, denen die verschiedenen Grabdenkmäler und Gräberstädte angehörten, müssen wir uns mit der Rolle beschäftigen, die diese Hirtenstämme und Nomaden, die heute die Region des Etbai innehaben, in der Geschichte gespielt haben. Mit dem Namen Bega (Bedscha, auch Buga) bezeichnen die arabischen Geschichtsschreiber und Geographen jene Reihe von Hirten- und Nomadenvölkern, die im Osten vom Nil die Bergwüstenländer von Ägypten an bis zum äthiopischen Hochland innehaben und die durch eine große Übereinstimmung in Lebensgewohnheit, Tracht und Sprache ausgezeichnet sind. Innerhalb des engeren Ägyptens waren sie, wie das noch beute der Fall ist, durch die Stämme der Ababde und Bischarin vertreten, und diese waren es auch, die als Blemmyes während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, unablässig Ägypten mit Raubzügen und Einfällen bedrohend, den Schrecken ihres Namens über alle Gaue des zivilisierten Niltals verbreiteten. Die arabische Bezeichnung Bega scheint etymologisch mit derjenigen zusammenzuhängen, wie sie bei diesen Völkern selbst als Kollektivname für ihre Rasse gebräuchlich ist. »Bedauye und Bejauye« ist das nomen proprium des Bega-Volkes; mit »to-Bedauye« wird die Begasprache bezeichnet. Die semitische Namensform Bega tritt bereits in früher Zeit auf; denn auf der in altäthiopischer (Geez-) Schrift verfaßten Axumitischen Königstafel wird unter den Titeln des Königs Aizanes (der nach E. Glaser von 348 bis 365 n. Chr., nach anderen von 351–364 regierte) auch derjenige »von Bega« aufgeführt, eine Bezeichnung, der als Äquivalent im griechischen Text des genannten bilinguen Steines der gleiche Name gegenübersteht. Über die Herkunft des Namens Blemmyes ist nichts bekannt. Strabo ist der älteste Schriftsteller, der den Völkernamen Blemmyes kennt; deswegen darf aber nicht behauptet werden, daß dieser Name vor dem ersten vorchristlichen Jahrhundert unbekannt gewesen sei. Wenn man liest, was Strabo über die geographische Völkerverteilung in den zwischen Ägypten und dem abessinischen Hochland gelegenen Strichen sagt, so ist man zu der Annahme genötigt, daß bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. – denn er beruft sich wiederholt auf Eratosthenes, dessen Angaben er gleichsam wörtlich anführt – derselbe ethnische Bestand in Nubien zu verzeichnen war wie heutigen Tages. Verschiedene Schriftsteller haben ohne Grund sich darüber Sorgen gemacht, daß die Wohnsitze der Blemmyes nicht mit Sicherheit festzustellen seien, und selbst Quatremère, der alle die alten Angaben über dieses Volk zusammengestellt hat, äußert sich in dieser Sache wenig zuversichtlich. Nach dem Stande unserer heutigen Kenntnis jener Gegenden aber erscheint die Sachlage eine sehr einfache. Strabo entwirft mit wenigen Worten folgendes aus Eratosthenes entlehnte Bild der nubischen Völkergruppierung: »Alles, was unterhalb Meroë gelegen ist, vom Nil bis zum Roten Meer und bis an die Grenzen der Ägypter, gehört den von den Äthiopiern abhängigen Blemmyes und Megabaren. An der Küste wohnen die Troglodyten. Auf der linken Nilseite in Afrika« (also offenbar auch inklusive der in der Richtung zur Bajuda und nach Kordofan zu gelegenen Steppenstriche) »wohnt das große Volk der Nubier, von Meroë an bis zu den Nilkatarakten. Diese sind den Äthiopiern nicht unterworfen, sondern leben unter verschiedenen kleinen Königen.« Die hier nebeneinander genannten Blemmyes und Megabaren werden den heutigen Bewohnern, den Bischarin und Ababde, entsprochen haben; die Troglodyten, die Küstenbewohner dieser Gebiete, waren den Seefahrern längst bekannt und von diesen mit dem vagen, sich in verschiedenen Gebieten wiederholenden Namen der Höhlenbewohner belegt. Daß diese Völker eines Stammes gewesen seien, scheint den Alten nicht ganz klar geworden zu sein, wenigstens bespricht Strabo die Troglodyten an einer anderen Stelle, ohne ihrer Verwandtschaft oder Identität mit den Blemmyes Erwähnung zu tun. Denn bei den erstgenannten schöpfte Strabo aus einer anderen Quelle, nämlich aus dem Bericht des Agatharchides. Diodor spricht allerdings von den Megabarensern als von einem Stamm der Troglodyten. Daß man aber, wo von Ägypten die Rede war, unter dem Namen Troglodyten ein ganz bestimmtes Volk und eine ebenso bestimmte Ausdehnung des von ihnen bewohnten Gebiets – die Küstenländer auf der ganzen Westseite des Roten Meeres – im Sinne hatte, das beweist allein schon die Bezeichnung des Handelsemporiums Berenike troglodytica, im Gegensatz zu anderen der ägyptischen Königin zu Ehren (der Mutter des Philadelphus) erteilten Städtenamen. Ptolemäus sagt ausdrücklich, daß die ganze Küstenstrecke, die vom Elefantenberge (das äthiopische Hochland) bis zum arabischen und aualitischen Golf – d. h. bis zum Roten Meer und dem Golf von Aden – reicht, mit dem Namen der troglodytischen Region bezeichnet werde. Der Name Troglodytica deckt sich mit dem heutigen Etbai. Was nun die Nubier anlangt, die in späterer Zeit als Nobadae bezeichnet werden (von Nap oder Napata Barka l, ihrer Hauptstadt, einerseits und dann von dem alten Namen Nub), so waren sie im Tal des transkataraktischen Nils offenbar schon damals in ihrer heutigen Verfassung seßhaft, allerdings in weiterer Ausdehnung stromaufwärts als gegenwärtig, wo über den Gebel Barkal hinaus eine nubische Bevölkerung nicht mehr in überwiegenden Verhältnissen vorhanden ist, da die Araberinvasionen, die in der Folge auch direkt vom Roten Meere aus eingewirkt haben, sie allmählich von ihren Sitzen am Nil zwischen dem 18. und 19. Grad n. Br. verdrängt haben. Die arabische, sowohl von Norden als auch von Osten her auf diese Völker einwirkende Infiltration (z. B. Gaalin, Scheikieh usw.) trägt auch daran Schuld, daß vieles von den alten Eigentümlichkeiten der Nubier ausgelöscht worden ist. Vermag doch niemand zu sagen, ob die heutigen Nubier, die sogenannten Barabra, Söhne oder bloß Erben der alten sind, ob ihre direkten Vorfahren jenes »elende Volk von Kusch« waren, das die Ägypter des mittleren Reiches zur Botmäßigkeit gezwungen, und dem sie sehr bald den Stempel ihrer eigenen Zivilisation aufgeprägt haben, oder ob die Vorfahren dieser Barabra, wie Lepsius annimmt, aus den sogenannten Nuba-Bergen des südlichen Kordofans eingewandert sind. Weiß man doch immer noch nicht, welcher Art die Sprache war, die in den meroitischen Inschriften vom Gebel Barkal, von Philae usw. niedergelegt ist, ob in einem der drei Idiome der heutigen Nubier der Schlüssel zu ihrem Verständnis zu suchen sei oder eher in der Sprache der Bega, dem heutigen to-Bedauye. Letzteres war die Ansicht Herodots. Zur Blütezeit der Äthiopenherrschaft mögen alle diese Völker, die ein gemeinschaftliches Band der Abstammung und Rasse umschlang, wenn auch mit abweichenden Lebensgewohnheiten und verschiedenen, sich allmählich zu eigenen Sprachen differenzierenden Idiomen, ein mächtiges Ganze dargestellt haben, das in der Hand eines tatkräftigen Herrschers wohl Großes vermochte. Bei Ptolemäus findet sich der Name der Blemmyes denen der Megabariden und Moliben angereiht an einer Stelle, die vermuten läßt, daß dieser Schriftsteller, der nicht mehr auf so alte Nachrichten angewiesen war wie Diodor oder Strabo, dem erstgenannten Volke mehr südlichere Wohnsitze anweist, etwa die heutigen Tages vorzugsweise von den großen Stämmen der Hadendoa und Beni-Amr eingenommenen Striche. Die genannten Stämmme unterscheiden sich von den Bischarin weder durch Sprache noch durch Tracht und Sitten. In diesen südlichen, mit reicheren, namentlich auch für die Pflege der Rinderrassen geeigneten Weidegründen ausgestatteten Gebieten lag gewiß der Schwerpunkt der Entwicklung der Blemmyes als Nation. Damals, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, waren sie also noch nicht in die historische Aktion eingetreten; das geschah erst bei zunehmendem Verfall der Römerherrschaft in Ägypten, als unaufhörliche Aufstände und innere Unruhen die Sicherheit der sonst stets aufs sorgfältigste überwachten Südgrenze gelockert hatten. Vielleicht gaben gar die Einfälle der Palmyrer unter Zenobia den unmittelbaren Ansporn zu ähnlichen Versuchen, denn bereits im Triumphzuge des Aurelian sollen gefangene Blemmyes mitgewirkt haben. Wenige Jahre später, während der Regierung des Probus, sehen wir die Blemmyes bereits als Eroberer mitten in Ägypten, nachdem sie sich der Städte Koptos und Ptolemaïs (el-Menschieh) bemächtigt, von deren Bewohnern sie zu Hilfe gerufen worden waren, zur Zeit, da sie im offenen Aufstande gegen die Regierung sich befanden. Der Soldatenkaiser Probus war aber siegreich über sie (278) und ließ auch zu seinem Triumphzug gefangene Blemmyes nach Rom schleppen. Während des langen Zeitraums vom 3. bis zum 7. Jahrhundert sehen wir nun die Blemmyes als beständige Bedroher von Ägypten, während sie andererseits auch den Nubiern des Niltals feindlich gegenüberstanden, also in den Nobaden einen Gegner in der Flanke hatte, der von den Römern eigens dazu ausgerüstet wurde. Diokletian soll, wie Prokopius berichtet, die Blemmyes eine Zeit lang durch Zahlung von Subsidien von weiteren Einfällen abgehalten haben, ganz den neuzeitlichen Gepflogenheiten entsprechend, an denen die türkische Regierung in Arabien bis zum großen Kriege festhielt. Welche Bedeutung aber den Blemmyes damals zukam, geht aus der von Eusebius berichteten Tatsache einer eigenen Gesandtschaft an den Kaiser Konstantin hervor. Daß die Nobaden ein Übergreifen der Blemmyes auf die westliche Nilseite nicht zu verhindern imstande waren, beweist die Gefangennahme des nach der Großen Oase verbannten und dort im Exil wohnenden Patriarchen Nestorius bei einem Raubzuge, den diese wilden Nomaden bis dahin unternommen hatten, und ebenso wunderbar erscheint die Wiederfreilassung und Auslieferung des Kirchenfürsten an den Befehlshaber von Panopolis (Achmim) auf der anderen Nilseite. Denn die Blemmyes beherrschten auf der Westseite auch in dieser nach Norden vorgeschobenen Lage die Wüste, wie aus einer Episode in der Lebensgeschichte des heiligen Pachomius bekannt ist. Als die Nobaden unter Justinian das Christentum angenommen hatten (um 540), dauerten ihre Kämpfe mit den Blemmyes mit erneuter Erbitterung fort, und zwar blieben die ersteren Sieger, während die Blemmyes sich hartnäckig gegen die neue Lehre verschlossen zu haben scheinen und später wahrscheinlich direkt vom Heidentum zum Islam bekehrt wurden, nachdem sie etliche Jahrhunderte lang vergeblich gegen die überall siegreichen Heere der Kalifen gekämpft hatten. In der neuen Gestaltung der Geschichte, die nun im Orient platzgreift, sehen wir auch diese Völker plötzlich ihres alten Namens verlustig gehen. Wie aus Ägypten »Masr« wurde, so sehen wir die Blemmyes und Troglodyten fürderhin »Bega« genannt. Makrizi, der seine Quellen zum Teil aus sehr alten Gewährsmännern schöpft, berichtet ausführlich über diese hamitischen Völkerschaften unter dem Kollektivnamen Bega. Er behauptet geradezu, daß sie ursprünglich religionslos gewesen seien, setzt aber auseinander, wie sich unter ihnen nach und nach der Islam auszubreiten begann. Zum ersten Male besiegt und zur Verzichtleistung auf den Eigenbesitz ihres Landes gezwungen wurden die Bega unter Mamun im Jahre 838. Ihre Islamisierung vollzog sich in der Folge hauptsächlich durch die Besetzung der Goldminen des Etbai durch die Araber. Bei den Gruben von Olaki waren bereits um das Jahr 954 n. Chr. 3000 aus Ägypten und Jemen herbeigezogene Reiter dazu bestimmt, die Herrschaft des Islams aufrechtzuerhalten. Zu jener Zeit, als der Zuzug von echten Araberstämmen nach dem Sudan erst in seinem Beginn war, hatte nur der nördliche Teil der Bega, und auch dieser nur zum Teil, sich bekehren lassen; die Hauptmasse der südlichen Bega, die zwischen dem christlichen Alloa (beim heutigen Khartum) und dem Roten Meer saßen, sind damals noch Heiden gewesen. Zur Zeit, als der Islam aufkam, waren semitische Beduinen noch nicht in den ägyptischen Wüsten heimisch geworden, obgleich ein Verkehr zwischen Oberägypten und Syrien auf dem direkten Landwege stattfand; diesen vermittelten Karawanen, deren Begleitmannschaft offenbar aus echten Arabern bestand. Sie wurden damals Sarazenen genannt; die erste Erwähnung dieses in späteren Zeiten so gefürchteten Namens findet sich in der dem heiligen Athanasius zugeschriebenen Lebensbeschreibung des heiligen Antonius. (Vergl. Kap. III über den hl. Antonius.) Bei der großen von den alten Ägyptern vor der Wüste bekundeten Scheu, bei der grundsätzlichen Trennung der Begriffe von Rotland und Schwarzland – Wüste und Niltal –, ist anzunehmen, daß den Blemmyes nahe verwandte, wenn nicht gar mit ihnen identische Stammesteile von jeher bis in die Breite von Suez unangefochten ihr Wesen treiben durften. Denn daß die Ababde noch vor wenigen Menschenaltern sich der nordischen Eindringlinge in harten, aber vergeblichen Kämpfen zu erwehren hatten, das beweisen zahlreiche Gräber und örtliche Bezeichnungen, die dem Reisenden heute noch in diesen Strichen entgegentreten. Zwar waren semitische Wüstenstämme gewiß schon in frühern Zeiten in Ägypten ansässig geworden, das geschah aber vorzugsweise an den Rändern des Niltals und in Kontakt mit der seßhaften Bevölkerung, den Ackerbauern. Eine Frage von großer Bedeutung für die Kulturgeschichte betrifft den Weg, den die Einführung des Kamels genommen. Ist es auf dem nördlichen Landwege über den Isthmus von Suez durch semitische Beduinen oder durch die sogenannten hamitischen auf dem südlichen Wege, also ursprünglich zur See eingeführt worden? Das Kamel scheint, wie ich bereits früher, Golenischef folgend, ausgeführt habe, den Ägyptern bereits im Mittleren Reich bekannt gewesen, wenn auch nicht von ihnen benutzt worden zu sein. Selbst für das Alte Reich fand ich ein Beispiel dieser Kenntnis auf den von hieratischer Schrift begleiteten Felszeichnungen bei Assuan, und Georg Moeller fand sogar in einem protohistorischen Grabe bei Benisuef ein kleines Kamelmodell. Zur Zeit des Neuen Reiches hat man sich des Kamels bereits auf Wüstenexpeditionen durch Vermittlung der freien Nomadenstämme bedient, wie urkundlich feststeht. Diese Wüstenstämme können in der Breite von Theben eben nur Hamiten, Vorfahren der Blemmyes, gewesen sein. Die Annahme erscheint dabei nicht ungerechtfertigt, daß man ihnen die Einführung des nützlichen Lasttieres in Afrika zu verdanken hatte. Es wäre das ein bleibendes Verdienst. Von Völkern, die sich durch Eroberungen und Expansionskraft hervortun, erwartet man auch Leistungen auf kulturellem Gebiet, und wären es auch nur mittelbar erzielte Erfolge, die sie zuwege gebracht. Da wir bei den Blemmyes und Bega uns vergeblich nach anderen Errungenschaften umsehen, also solchen auf dem Gebiete der Kamelzucht, so darf auch die Kamelfrage nicht aus dem Auge gelassen werden. Noch heutigen Tages werden die besten Kamele der Welt von diesen Völkern gezüchtet. Das leichtfüßige weiße Reitkamel der Bischarin schlägt an Geschwindigkeit und Ausdauer alle anderen aus dem Felde; ferner steht außer allem Zweifel, daß die von den verschiedenen hamitischen Stämmen des Sudans im großen betriebene Kamelzucht Tiere hervorbringt, die von keinem Erzeugnis asiatischer Herkunft übertroffen werden. Aber lange vor den Kamelen haben die Vorfahren dieser Nomaden noch ein anderes Tier in den Dienst des Menschen gestellt, dessen Bedeutung, namentlich für Ägypten, nicht hoch genug anzuschlagen ist. Das geschah durch Zähmung und Heranzucht des Wildesels ihrer heimatlichen Berge. Durch diesen allein ist in alten Zeiten der Bann gebrochen worden, der die Wüsten dem Weltmeer gleich als unbezwingliche Schranke zwischen den Völkern bestehen ließ. An dauernden Werken ihres Fleißes und der Arbeit ihrer Hände haben diese Völker, die sich immer nur mit der Pflege von Tieren, nie mit derjenigen von Pflanzen befaßten, die auch nie fester Wohnstätten bedurften, nichts hinterlassen, es sei denn, man rechnete dazu die letzten Ruhestätten ihrer Toten, die in manchen Gegenden allerdings mit so überraschender Sorgfalt hergestellt worden sind und zum Teil noch werden, daß bei ihrem Anblick dem Beschauer der verwunderte Ausruf entfährt: hier wohnen ja die Toten besser als die Lebendigen! Die große Rolle, die den sogenannten Hamiten bei den Völkerbildungen Afrikas zuerteilt war, ist seit Lepsius zur Genüge bekannt. Nach einer Vermutung, der ich bei einer anderen Gelegenheit Ausdruck gegeben habe, gedrängt durch den Zwang untrennbar miteinander verschlungener geographischer und kulturhistorischer Erwägungen, reicht diese Rolle bis in das höchste Altertum hinauf, das man kennt. Die Hypothese läßt den in grauer Vorzeit am Nil von Oberägypten seßhaft gewordenen Teil dieser Völker, nach Verdrängung oder Vernichtung der Ureinwohner und nach stattgehabter späterer Verschmelzung mit vorderasiatischen Kultur- und Rassenelementen, zu der Entstehung des historischen Ägyptervolkes Veranlassung geben, sie bezeichnet mit anderen Worten die Begavölker als das Wildreis jenes Stammes, der dazu berufen war, den Fortschritt der menschlichen Gesittung in so hervorragender Weise zu fördern. In seinem gegenwärtigen Zustand, der derselbe zu sein scheint, in dem die Hamiten bereits vor zweitausend Jahren den alten Schriftstellern gegenübertraten, erscheint dieser Wildling allerdings wie die Verneinung jedweden Kulturfortschrittes. Eine andere Pflege als diejenige, die sie ihren Kamelen und Schafen, ihren Eseln und Rindern angedeihen lassen, ist ihnen unbekannt, es sei denn die Pflege des eigenen Haupthaares, in der der ganze Stolz ihrer äußeren Erscheinung gipfelt. Und doch mögen in ihnen schlummernde Keime der Entwicklung stecken, die der Menschheit zugute kommen können, sobald die Verhältnisse sie begünstigen. Wie wäre anders die Rolle zu erklären, die sie gespielt haben und wohl fortdauernd noch in Afrika spielen, nicht staatenbildend, aber völkerzersetzend und neugestaltend! Man könnte versucht sein, sie als eine Art von Völkerhefe zu bezeichnen, sowie man andere Völker Völkerdünger genannt hat. Diese Rolle spielten in Afrika die Hamiten bis auf den heutigen Tag. Man wird der Mitwirkung, die zahlreiche ihrer Stämme s. Zt. der Sache des Mahdi gewährt haben, stets gedenken müssen. Ihr begeistertes, todesmutiges Kämpfen gegen Ägypter und Briten entsprach zwar nicht dem Glauben an die Wahrheit des neuen Bekenntnisses, wohl aber kam dabei voll und unverdeckt der wütende Rassenhaß der alten Blemmyes zur Geltung, der instinktive Trieb zum Festhalten am Alten, der tiefeingewurzelte Haß gegen alles Fremde. Die Stetigkeit dieser Rasse, die am Roten Meer der große Weltverkehr seit mehr als zwei Jahrtausenden beständig streift, ist erstaunlich. Den Völkern der beschleunigten Generationsfolge scheint eine Kraft innezuwohnen, die den modernen Kulturnationen, bei denen das späte Heiraten an der Tagesordnung ist, völlig fehlt, nämlich die Kraft der Erhaltung des ursprünglichen Typus. In dieser Art der Zuchtwahl durch die Gesunden, in dem Prinzip der Fortpflanzung des Individuums, bevor dasselbe von Krankheiten befallen wird, die das Leben verkümmern lassen, darin liegt wohl auch der Schlüssel zu dem Geheimnis, das die Stetigkeit des ewigen Volkes der Ägypter umgibt. – XI. Die neuen Versuche mit den alten Goldbergwerken der Ägypter In diesem Abschnitt sollen nur Vorkommnisse und Verhältnisse Berücksichtigung finden, die bis zum Jahre 1907 Geltung hatten. Die ägyptische Goldminenspekulation, die in den Jahren 1903 bis 1905 ihre höchste Entwicklung erreicht hatte, scheint in den letzten Jahren aufgehört zu haben, die Börsenkreise überhaupt zu interessieren. In den Zeitungen ist während der Kriegsjahre so gut wie gar nicht mehr davon die Rede gewesen. Offenbar ist vielfach mehr Gold in diese Minen hineingesteckt als aus ihnen zutage gefördert worden. Daß in den Quarzgängen der großen Granit- und Gneisregion zwischen Nil und Rotem Meer Gold von weiter Verbreitung sei, wußte man längst. Inschriften und Papyrustexte berichten ausführlich über die Goldminen der ägyptisch-nubischen Wüsten, die während der Epoche des Neuen Reiches in Betrieb waren. Gold muß aber schon in den ältesten Zeiten in den ägyptischen Bergen aufgefunden oder aus den nächsten Gebieten bezogen worden sein; denn in einem der prä- oder protohistorischen Gräber, die Quibell bei el-Kab aufgedeckt hat, fand sich als Totenbeigabe des Bestatteten ein kleiner Goldbarren und im benachbarten Hierakonpolis fand derselbe Ägyptologe den aus reinem Goldblech geformten Falkenkopf, der 596 Gramm wiegt und auch der protohistorischen Epoche der drei ersten Dynastien (bis 3300 v. Chr. hinaufreichend) angehört hat. Die Goldschmiedekunst stand schon zur Zeit der XII. Dynastie (2000 v. Chr.) auf einer sehr hohen Stufe, wie zahlreiche Grabfunde beweisen. Die in Tel-el-Amarna aufgefundenen Keilinschrifttafeln, die einen Nachrichtenaustausch bekunden, der zwischen Amenophis III. und Am. IV. und babylonischen und vorderasiatischen Königen stattgefunden hat (etwa zwischen 1400 und 1350 v. Chr.) setzen uns durch den, ägyptischen Königen zugeschriebenen, Goldreichtum in Erstaunen. Wie ich durch A. H. Sayce erfuhr, sind die erwähnten Tafelbriefe von wiederholten Nachfragen nach Gold erfüllt, und es heißt da immer, Gold sei im Lande der Pharaonen ja so häufig wie Staub. Wenn der König von Babylon des Goldes bedarf, um einen neuen Tempel zu schmücken, den er erbaut, so schreibt er darum nach Ägypten und erinnert den Pharao daran, daß nicht nur sein eigener Vater, sondern sogar der König des entlegenen Kappadoziens, daß beide der Freigebigkeit des ägyptischen Königs 20 Talente Gold zu verdanken gehabt hätten und daß nun ebensoviel auch an ihn verabfolgt werden könne. Was nun die spätere Zeit anlangt, so bekundet ja der große Papyrus Harris, im Zusammenhang mit der Goldausbeute, die von Ramses III. (1200 v. Chr.) den Tempeln zuerkannten Opfer und Geschenke, aus denen sich erstaunliche Einnahmen des Königs folgern lassen. Unter den Ptolemäern erfuhren die Goldminen eine noch größere Ausdehnung, und die arabischen Schriftsteller des Mittelalters erzählen von der um die Mitte des 10. Jahrhunderts in Nubien, dem Lande des Goldes (nub bedeutet im Altägyptischen Gold), wieder mit neuem Eifer in Angriff genommenen alten Minentätigkeit, die wesentlich dazu beigetragen hat, in diesem Gebiete der ethnischen Hegemonie der Araber und dem Islam die Wege zu ebnen. Trotz aller unter der Regierung Mehemed Alis, vor etwa achtzig Jahren gemachten Anstrengungen, den Wert dieser Goldlager auf ihre Abbaufähigkeit zu prüfen, war die Frage dennoch bis in die neueste Zeit eine offene geblieben. Die Entlegenheit der Stätten, die aller Kraftmittel bare baum- und wasserleere Wüstenei des Etbai – diesen Namen führen jene Bergeinöden zwischen Nil und Rotem Meer – ließen von jedem ernsten Versuch einer Wiederaufnahme des alten Betriebes absehen. Dazu gesellte sich noch als Hauptübelstand, durch den die moderne Goldgewinnung zu der des Altertums in ein böses Mißverhältnis geriet, die Wertabnahme des Goldes selbst und der jetzt weit kostspieligere Betrieb vermittels freier menschlicher Arbeitskräfte, an Stelle der Sklaven und Kriegsgefangenen des Altertums. Aber die Gegenwart verfügt dafür wiederum über Mittel, die noch vor einem Menschenalter unbekannt waren oder für unverwendbar galten. Eisenbahnen bewältigen heutzutage die Wüsten, und früher wenig beachtete chemische Lösungskräfte erleichtern die Herausziehung auch der kleinsten Goldmoleküle aus verhältnismäßig ärmerem Gestein. Es kann daher nicht wundernehmen, daß von dem Momente an, wo nicht nur Ägypten, sondern auch die gesamte Nilregion als Domäne Englands gesichert erschien, wo jeder Geldanlage in diesem ungeheuren Gebiet die eigene staatliche Garantie schützend zur Seite stand, ein Herbeiströmen von englischem Kapital erfolgen mußte, das sich nun auch in der Tat über jene verschollenen Trockentäler der ägyptischen und nubischen Gebirge zu ergießen begann. Es war zwar immer noch fraglich, ob schließlich nicht doch mehr englisches Gold verbraucht als nubisches gewonnen werden würde, aber keinem Zweifel konnte es unterliegen, daß ein so großartiger Aufwand an Intelligenz und Energie, wie er nun von den vielen im Lande tätigen Minengesellschaften geschah, für Ägypten und für den Sudan von der allergrößten Bedeutung und wohl geeignet sein mußte, die Entwicklung dieser Gebiete mächtig zu fördern. Zwar hat man oft über den verderblichen Einfluß des Großkapitals in neuerschlossenen Kolonien Beschwerde führen gehört, wenn eine aufkommende Latifundienwirtschaft die selbständige Betätigung des einzelnen, namentlich der Ansiedler lahmlegte. Über ähnliche Übelstände wurde besonders in Rhodesia geklagt. Im Etbai, dem Lande der alten Ichthyophagen (heute Ababde) und Troglodyten (heute Bischarin), liegen die Verhältnisse ganz anders. In diesem weiten Gebiete zwischen 19° und 25° nördl. Br., wo in einer Ausdehnung von 400 000 Quadratkilometer kaum ein Bewohner auf vier von ihnen kommt, wo kein gepflanzter Halm gedeiht und von Haustieren nur Kamele, Schafe und Ziegen, kaum Esel natürliche Weide finden, hier war die Unternehmungslust der Londoner Kapitalisten nur mit Freuden zu begrüßen; sie konnte Steine in Brot verwandeln. Auch die Wissenschaft konnte dabei nicht leer ausgehen. Sehr wenig ist in dieser Richtung geschehen. Die umherziehenden Prospektoren haben ordentliche Kartenaufnahmen nicht zustande gebracht, und wenn sie auch topographische Lokalskizzen herstellen mußten, so werden die betreffenden Syndikate zu ihrer Veröffentlichung nicht gern die Hand geboten haben. Die endliche Enthüllung des geographischen Kartenbildes vom Etbai, dieses alte Desiderat, hätte nun doch nicht mehr lange auf sich warten lassen müssen. Überall an den Stätten, wo vor Jahrhunderten oder vor Jahrtausenden dem Goldquarz nachgespürt worden ist, haben sich auch Spuren des alten Betriebes erhalten, in unzähligen Mauerresten und in gewaltigen Schutt- und Schlackenhaufen. Die Berichte der zahlreichen zur Auskundschaftung geeigneter Schürfstellen ausgesandten Expeditionen boten in dieser Hinsicht viele interessante Einzelheiten dar, die wohl verdienten, die Aufmerksamkeit der Ägyptologen und Altertumsforscher auf dieses bisher so unzugängliche Gebiet zu lenken. Vor allem wird es aber doch eines geübten Auges bedürfen, um im flimmernden Sonnenglanz der stets glühenden und im einförmigen Einerlei von braun in braun abgetönten Felswände die schriftlichen Überlieferungen des Altertums zu erspähen. Auch mögen die Hausruinen der alten Grubenarbeiter, die Türme, Kastelle und Wachthäuser auf den Höhen, die zu Hunderten über das Land zerstreut sind, noch manchen beschriebenen Stein, manchen überraschenden Fund in Aussicht stellen, der neues Licht auf die Vergangenheit dieser merkwürdigen Minenindustrie zu werfen imstande wäre. Von neu entdeckten Ausbeutungsstellen ist kaum irgendwo die Rede. Nur in den seltensten Fällen sind Stellen mit goldführenden Quarzgängen aufgefunden worden, die nicht schon von den Alten ausgebeutet worden wären, denn überall führten Schlacken, Steinmörser, Felssprengungen und andere Überbleibsel des alten Betriebs auf die Spur. Daher durfte ich jetzt auch von neuen Versuchen, die alten Goldminen wieder auszubeuten, sprechen, statt von neuen Betrieben. 25 verschiedene Gesellschaften und Syndikate waren bis 1903 von der ägyptischen Regierung konzessioniert worden und bis zum Beginn des Oktobers waren nicht weniger als 35 Expeditionen in die ägyptisch-nubischen Wüsten entsandt worden zur Erkundung von Schürfstellen. Die Anteilscheine lauteten überall auf 1 Lstr. Die Mehrzahl dieser Gesellschaften verfügte über Kapitalien im Betrage von je 100 000 Lstr. und mehr, eine von ihnen sogar über 250 000 Lstr. Es konnte nicht überraschen, daß bei solcher Hochflut der Spekulation auch viele unlautere Gründungen mit unterliefen. Als ein Mißbrauch wurde es namentlich bezeichnet, daß die Börsenspekulation in einzelnen Fällen sich der Anteilscheine bemächtigte, noch während die Prospektierungsexpeditionen im Gange waren. Ein Syndikat soll sogar solche Anteilscheine bereits auf den Markt gebracht haben, bevor das Prospektieren noch überhaupt begonnen hatte, sodaß solchergestalt Geist und Wortlaut der Abmachungen in flagranter Weise verletzt wurden. Auf Grund der durch die ersten dieser Erforschungszüge, durch die des Ingenieurs C. J. Alford im Jahre 1899, erzielten Ergebnisse hatte die ägyptische Regierung zunächst beschlossen, daß besonders leistungsfähigen und verantwortlichen Personen und Korporationen gewisse Teile des Gebiets, die Aussicht auf Erschließung ausbeutungsfähiger Lager darboten, zu je Hunderten und Tausenden von englischen Quadratmeilen zuerkannt wurden. Die Zuerkennung solcher Erkundigungsfelder (prospecting areas) geschah für eine begrenzte Zeitdauer und dem Konzessionär wurde innerhalb seiner Konzession das ausschließliche Erkundigungs- und Schürfungsrecht zuerkannt, zugleich mit der Befugnis, den Abbau jedes einzelnen der entdeckten Lager an andere zu verpachten. Die Lehensbesitzbedingungen betrafen mithin zweierlei Stadien, ein zeitweiliges der Auskundschaftung und Erforschung des zuerkannten Gebiets und ein dauerndes der Minenpachtung. Die ägyptische Regierung und die des ägyptischen Sudans haben hinsichtlich der Erteilung von Konzessionen verschiedene Grundsätze aufgestellt, die erstere, bedächtiger im Beginn ihrer Minengesetzgebung, legte Vorsicht an den Tag und stellte strengere Bedingungen, die letztere gestattete behufs Heranziehung des Kapitals größere Erleichterungen. So ließ sich die ägyptische Regierung an jährlicher Minenpacht (Erze und Metalle jeder Art) 2 Pfund äg. (= 20 Mk 80 Pf.) für den Feddan (= 4200 qm.) zahlen, die Sudanregierung begnügte sich mit 1 Pfd. äg., wenn Gold oder Silber, mit einem halben Pfd. äg., wenn andere Erze in Betracht kamen. Die Minenpachtung war in Ägypten auf 30 Jahre festgesetzt, mit fakultativer Verlängerung auf je 15 Jahre, die Sudanregierung verlangte eine Erneuerung der Pachtbedingungen nach Ablauf von 21 Jahren. Noch größer war der Unterschied, den beide Regierungen in betreff der Lehensbesitzbedingungen stellten. Die ägyptische erheischte vom Konzessionär ein Depot von 1000 Pfd. äg., die des Sudan war mit 100 Pfd. äg. zufriedengestellt. Der Erlaß einheitlicher Minengesetze war ein dringendes Bedürfnis, ließ sich aber nicht durchführen, solange die Verwaltung beider Länder nicht auf eine gemeinsame Grundlage gestellt war. Unter den 25 konzessionierten Gesellschaften sind fünf, die eine dominierende Stellung innehatten, durch die Bedeutung der ihnen zuerteilten Gebiete und die Zahl der sich an diese anlehnenden Nebengesellschaften. Die angesehenste und reichste scheint die Egyptian Mines Exploration Company zu sein. Sie war unter den konzessionierten die älteste und das ihr seit Mai 1900 erteilte Recht erstreckte sich innerhalb des eigentlichen Ägyptens, zwischen 25° und 27° n. Br. längs des Roten Meeres auf ein Gebiet von 10 000 englischen Geviertmeilen. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit konzentrierte sich auf die alten Goldminen von Um-Ruß, wo in Schächten von einigen hundert Fuß Tiefe goldhaltige Quarzgänge von 8 bis 36 Zoll Dicke einen Probeertrag von je 1 Unze 8 Pfenniggewicht, von 1 Unze 25 Pfgw. und in einem Fall sogar von 3 bis 10 Unzen auf die Tonne von 2240 Pfd. Troy-Gewicht des Gesteins ergeben haben sollen, laut Bericht des Oberingenieurs C. J. Alford von Februar 1903. Letzterer hielt die Minen, wenn die goldführenden Gänge sich in der Tiefe fortsetzen, für abbaufähig. Es wird behauptet, daß bei Beginn der südafrikanischen Goldspekulation keine Mine für rentabel galt, die weniger als zwei Unzen auf die Tonne zu liefern vermochte, während man sich heute daselbst mit weit geringeren Erträgen begnügt. Um-Ruß ist unter 25° 30' n. Br. gelegen, 7 km vom Roten Meer, in dem auch von mir 1864 besuchten Uadi-Mbaruk gelegen, das bei einer kleinen Fahrzeugen zugänglichen Bucht dieses Namens mündet. E. Floyer, der ägyptische Telegraphendirektor, der die alten Minen im Jahre 1891 besichtigt und als erster beschrieben hat, gibt die Ausdehnung der daselbst zutage tretenden Quarzgänge auf 5 englische Geviertmeilen an, und Alford schätzte das von den Gruben eingenommene Areal auf 1500 acres (6,07 Quadratkilometer). Hunderte von den alten Steinhütten der Arbeiter sind nach Floyer bei Um-Ruß noch sichtbar und von der Ansiedlung aus griechisch-römischer Epoche (Nechesia des Ptolemäus) sollen dort gegen 300 Hausruinen erhalten sein. Die alten Goldminen von Mysore in Südindien, die heute wieder genügenden Ertrag abwerfen, sollen überraschende Analogien mit denen von Um-Ruß an den Tag legen. Dort erreichten die Stollen eine Tiefe von 400 Fuß, man hoffte aber in Um-Ruß mit solchen von geringerer Ausdehnung sich begnügen zu können. Von Um-Ruß zum Meer bei Embarek war 1905 bereits eine kleine Eisenbahn, ferner waren elektrische Mühlen und Felsbohrer u. dergl. in Betrieb. Den nördlichen Teil ihrer Konzession hatte die erwähnte Kompagnie, die das Gebiet in eine Anzahl von Prospektierungsparzellen zerlegte, bereits an eine reiche Zweiggesellschaft, an die Fatirah Exploring Compagnie in Pacht gegeben, die auf diesem 1200 englische Geviertmeilen umfassenden Gebiet in der Gegend des Gebel-Fatireh (Mons Claudianus) am Gebel Hadrabia (26° 40' n. Br.) am Gebel Aralia, am Um Esch, bei Debach und bei Fauachir (letzteres an der Keneh-Kosser-Straße) ihr Heil versuchen wollte. An allen diesen Stellen sind vielfache Spuren eines alten Minenbetriebes ersichtlich, aber die ägyptischen Landesgeologen Barrow und Hume, die das in Betracht kommende Gebiet in den Jahren 1897–1898 erforscht haben und darüber ein eigenes mit Karten ausgestattetes Werk veröffentlichten, äußerten sich über das dortige Vorkommen von Gold ziemlich skeptisch. Sie behaupteten, daß in ihren von anstehenden Gängen entnommenen Proben kein Gold nachzuweisen gewesen sei, sie wollten allerdings nicht in Abrede stellen, daß dieses Metall überall in der Region, wo metamorphisches Gestein mit Graniten in Kontakt kommt, vorhanden sein könne. Inzwischen sollen die Ingenieure der genannten Zweiggesellschaft in der Tat das Vorhandensein von Gold an den bezeichneten Örtlichkeiten nachgewiesen haben Die Fatirah-Mine soll nach einem Bericht von 1905 in einer 35 Zoll breiten Quarzader 15 dwts. 13 grns. Gold auf die Tonne geliefert haben, und in einer anderen 16 dwts. auf die Tonne. Auf die Egyptian Mines Exploration Cy. folgte im Süden das Gebiet der Egyptian Hamesh Concession, die dem Sudan Mining Syndicate zugehört, das unter Leitung der im südindischen Betriebe bewährten Ingenieure John Taylor and Sons stand. Die Gesellschaft hatte Anrecht auf 20 000 engl. Geviertmeilen und war vorläufig mit Prospektieren beschäftigt. Von den durch sie geförderten Arbeiten hat man trotz der darauf verwandten großen Kosten noch nicht viel gehört, aber ihr Gebiet ist von außerordentlichem Interesse. In den Bereich ihrer Pachtung, die sich südlich vom 25° n. Br. über den Rest des eigentlichen Ägyptens und über die längs des Roten Meeres hinziehende Gebirgszone erstreckt, fallen viele mit Überbleibseln aus dem Altertum versehene Örtlichkeiten des früheren Minenbetriebs, Hamesch, Sighit, Hoffeiri, Sikaït, Gebel, Sebara, Uadi Gemal, Uadi Chaschab u. a. Auch die noch etwas problematischen Smaragd- und Topasgruben gehören hierher. Die bei Hamesch und Samut begonnenen Arbeiten haben in mehreren Brunnenschächten reichen Wasservorrat erzielt. Die Ruinen von Hamesch liegen nach Floyer unter 24° 40 Min. n. Br. am westlichen Fluß der Granitkette und nahe am Ursprung des beim Gebel-Selsele in die Nilebene auslaufenden Uadi-Schaït. Die daselbst erhaltenen, von großen Scherbenmengen umgebenen Hausreste sollen einen durchaus europäischen Charakter zur Schau tragen. Viele tausend Tonnen Gestein müssen hier von den Alten aus den Schächten zutage gefördert worden sein. Mit überraschender Sorgfalt sind die Galerien angelegt und Stützpfeiler zum Tragen der Decke aus dem geförderten Gestein ausgespart. Der östliche die Küste umfassende Teil dieser Hamesch-Konzession wurde 1905 Besitz von Streeters Konzession. Als nächstes Konzessionsgebiet reihte sich im Süden das der Egyptian Sudan Minerals an, einer reichen, 1896 konzessionierten, aber 1905 liquidierten Gesellschaft, deren Anrecht sich über 5500 englische Geviertmeilen eines zwischen 22° und 23° n. Br. befindlichen und landeinwärts bis zu 34° östlich. Länge v. Gr. reichenden Gebirgslandes erstreckte, im Herzen des alten nubischen Goldlandes, dessen grausamer, auf äußerste Ausbeutung menschlicher Kraft basierter Minenbetrieb zu ptolemäischer Zeit uns in den Berichten von Agatharchides und Diodor klargemacht worden ist. Hier sind die vom französischen Ingenieur Linant de Bellefonds in den dreißiger Jahren wiederaufgefundenen Goldminendistrikte die sich im Umkreise des Gebel Ellebe oder Elba befinden. Das große, gegenüber von Dakkeh am Nil auslaufende Uadi Alaki (Allagi), von dem später die Rede sein soll, nimmt in diesen Bergen seinen Ursprung. In den vom Westabhange des zentralen Gebirgsmassivs herabkommenden Quelltälern des großen Sammeluadis liegen die alten Minenstätten, die heute den Namen Derekib und Hegatt führen und wo zahlreiche Zeugnisse von einem ungemein ausgedehnten Minenbetrieb vorliegen, die für den Altertumsforscher gewiß noch manche Überraschung aufbewahren mögen. Vor allen Dingen handelt es sich um Ausfindigmachung von Inschriften, die dort doch irgendwo vorhanden sein müssen. Die Gesellschaft der Egyptian Sudan Minerals hat das Hauptquartier ihrer Arbeiten zu Derekib aufgeschlagen und ein altes Kastell, das die Ansiedlung beherrscht, wohnlich eingerichtet. Nach Linants Beschreibung sind hier mit dem Granit Schiefer in Kontakt, die von weißen Quarzgängen durchzogen werden, an die sich rote und gelbe Tonlager anschließen. Die Umgegend ist nach allen Richtungen hin von Gruben und Stollen durchsetzt. Tiefe Vertikalschächte sind durch Galerien unter sich in Verbindung gebracht, und an dem Ende einer solchen fand man den goldhaltigen Gang durch eine solide Mauer aus Ziegelstein verbarrikadiert. Es fehlt nicht an Wasser in den Brunnen und natürlichen Zisternen. Am Vereinigungspunkte des Uadi Alaki mit den Uadi Alfaui sind die Werke gelegen, die den Namen Alfaui führen und die gleichfalls im Altertum ausgebeutet wurden. Die alten Schächte sind jetzt verschüttet. Da die besten Quarzgänge, die meist zwischen Schiefern und Granit verlaufen, bereits von den Alten ausgebeutet worden sind, ist hier, wie bei Derekib auf einen höheren Ertrag als 1 Unze auf die Tonne nicht zu rechnen. Man ist daher auf die Suche nach neuen Gängen gezogen und dabei, wie es scheint, erfolgreich gewesen. Ende März 1903 konnten die bei Alfaui tätigen Werkmeister Lake und Kay berichten, daß sie in einem neuen Schacht bei 40 Fuß Tiefe auf einen Gang gestoßen seien, von dem die Probe 6 Unzen Reingold auf die Tonne ergab. Der Durchschnittsertrag soll 2 ½ Unzen betragen haben. Im Westen ihres Gebietes hat die Gesellschaft der Egyptian Sudan Minerals, die es in verschiedene Teilkonzessionen zerlegte, die Sseïga-Konzession prospektiert. Man kann zu Kamel von Assuan aus in vier Tagen dahin gelangen auf einem auch für Karren und selbst Fahrräder zugänglichen Weg. Die Entfernung beträgt gegen 210 km (nach Linants Karte) in Südsüdost von Assuan. An drei Stellen findet sich unterwegs reichliches und gutes Trinkwasser, bei Umm Hobal, bei Nagib und im Uadi-Haimar. Über die Sseïgawerke berichtete im Februar 1903 der Verwalter der Gesellschaft Captain Mc. Cormick voller Begeisterung. Die alten Minen daselbst wären geradezu ein Wunderwerk und die von allen Mitgliedern der Expedition geteilte Ansicht ginge dahin, daß nie so schöne Gänge gesehen und auch nirgend welche angetroffen seien, die leichter zu übersehen und auf Schürfungsfähigkeit zu erkunden wären. Die Alten scheinen bei Sseïga ihre Schächte nur bis zu 60–90 Fuß Tiefe geführt zu haben. Einem ungeheueren Quarzgang von 10–30 Fuß Mächtigkeit folgend, der in eine Schieferformation ausläuft, haben sie dort einen besonders reichen Erzgang erschlossen. In »African World« sind photographische Abbildungen von diesen interessanten, für Archäologen sehr verlockenden Vorkommnissen, zu sehen. Am erfolgreichsten in ihren Erkundigungen scheint indes von allen Konzessionsgesellschaften bis jetzt die Ende 1901 gebildete Nile-Valley-Company gewesen zu sein, deren Gebiet sich westlich vom 34° östl. Länge von Gr. an das der Egyptian Sudan Minerals anschließt und den Unterlauf des Uadi-Alaki innehat, der alten Heerstraße der frühesten ägyptischen Goldexpeditionen. Das zwischen 22° und 23° nördl. Breite gelegene und bis an den Nil zwischen Uadi Haifa und Dakkeh reichende Gebiet dieser Mutung umfaßt einen Flächenraum von über 7000 engl. Geviertmeilen. Laut Bericht verfügte die Gesellschaft 1905 über einen Barbestand von eingezahlten 225 000 Lstr. arbeitenden Kapitals. Ihr stand das Recht zu, Teilstrecken von je 25 engl. Geviertmeilen an Nebengesellschaften in Pacht zu geben. Die Teilnehmer sind gebunden, 6 Monate nach Abschluß des Pachtvertrages mit den Arbeiten zu beginnen. Der der Muttergesellschaft zu entrichtende Anteil am Gewinn wird je nachdem auf zwischen 30 und 45 Prozent festgesetzt. Den Mittelpunkt dieser seit November 1902 schwunghaft betriebenen Schürfungen bildete die von den arabischen Geographen Idrisi und Abulfeda beschriebene alte Minenstätte im Uadi-Alaki, die heute den Namen Umm-Garayat (arabisch »Mutter der Dörfer«) führt, im ägyptischen Altertum aber Akita hieß. Umm-Garayat liegt unter 22° 40' n. Br. und 33° 18' ö. L. von Gr. in Südost 40 engl. Meilen vom Nil bei Dakkeh. Auf Linants Karte des Etbai vom Jahre 1854 ist Garayat richtig eingetragen, obgleich weder dieser noch irgend ein anderer Reisender vor Mr. Wells, dem früheren Minenverwalter der Gesellschaft, diesen Platz besucht zu haben scheint. Gegenüber von Dakkeh liegt am rechten Nilufer das Dorf Kuban, wo das große Uadi-Alaki ausmündet, und an diesem Platze wurde die Steininschrift aufgefunden, deren Wortlaut in der »Geschichte Ägyptens« von H. Brugsch ausführlich wiedergegeben ist und die über die unter Ramses II. vorgenommene erfolglose Brunnenbohrung im Tal der Goldgruben berichtet. Aus einem merkwürdigen Papyrus der Turiner Sammlung, der sogar graphisch die Grubenanlagen von Akita zum Ausdruck bringt, geht ferner hervor, daß bereits Seti I. (1400 v. Chr.) dort Gold gewinnen ließ. Die folgenden Beischriften auf diesem Papyrus dürften von Interesse sein: »die Berge, aus welchen das Gold herausgezogen wird. Sie sind mit roter Farbe angemerkt«. »Die Straße, welche verlassen ist, nach dem Meere zu.« »Die Häuser von ... der Goldwäsche.« »Der Brunnen.« »Der Denkstein des Königs Mineptah I. und des Seti I.« (wäre aufzusuchen!) »Das Heiligtum des Ammons in dem heiligen Berge« usw. Die heutigen Mineningenieure wissen von »zahlreichen Überbleibseln alter Dörfer (»Mutter der Dörfer«) mit zerstörten Wachtürmen auf den Bergen« zu berichten, die der Gegend von Umm-Garayat ein eigenartiges Gepräge erteilen. Die Masse der aus den alten Gruben daselbst zutage geförderten Steine wird von ihnen auf einige 100 000 t geschätzt. Die eigentliche Minenarbeit der Alten ergab sich aus der Betrachtung mancher Einrichtungen und Gerätschaften, die sich vorfanden, so der Sortierhäuser, der Handmühlen und Mörser, der großen Haufen von Steinscherben, verschiedener Schlagwerkzeuge aus hartem Gestein u. dgl. Das zum Waschen des zerkleinerten goldführenden Quarzes erforderliche Wasser wurde aus Brunnen und Sammelbecken geschöpft, auch fanden sich aus Stein errichtete Staudämme zum Aufspeichern des Regenwassers. Andere Minenstätten des Altertums sind in der Nachbarschaft vorhanden, so bei Absciel, wo ungeheure Massen von Steintrümmern und große Schlackenhaufen von der Emsigkeit des alten Betriebes Zeugnis ablegen, und wo die Prospektoren noch reiche Funde zu machen hoffen, da auch Kupfererze daselbst nachgewiesen worden sind. Andere Werkplätze aus alter Zeit sind zu Autschani zu sehen, ferner bei Dimhed, Umm-Gadia und besonders bei Marara, an denen während des Septembers 1903 prospektiert worden ist. Umm-Garayat liegt übrigens bereits nahe an der Westgrenze der Granitregion, denn wenige Kilometer weiter in West beginnt der Nubische Sandstein, der sich ununterbrochen bis zum Nil ausdehnt. Die mit besonderem Eifer hierselbst ins Werk gesetzten Schürfungen lieferten überraschende Ergebnisse. Ein alter Vertikalschacht wurde bei 69 Fuß Tiefe bis auf den Grund freigelegt. Der goldführende Gang ergab Proben im Werte von 4 bis 10 Unzen auf die Tonne berechnet. Bei Weiterführung des Schachtes wurden noch 2–3 Unzen pro Tonne erzielt und die 10 bis 30 Zoll starke Quarzader bis auf 106 Fuß Tiefe verfolgt. Alsdannn wurde in verschiedenen Richtungen mit Querstollen vorgegangen, wobei man an einer Stelle auf derartig reichen Goldquarz stieß, daß im Laufe von zwei Tagen Gold im Werte von 1180 Lstr. ausgeschieden werden konnte. Ferner wurde ein mächtiger Quarzgang von 6 Fuß Dicke in Angriff genommen, der zwei Unzen pro Tonne ergab. Mit solchen wertvollen Probestücken kehrte Wells nach England zurück, um Vorbereitungen zu einer neuen Expedition in größerem Maßstabe zu betreiben. Diese brach im September 1902 auf. Im Juli 1903 konnte berichtet werden, daß allein durch die bisherige Probegewinnung bereits Gold im Wert von 13 557 Lstr. gewonnen sei, während die Gesamtausgaben der Gesellschaft im ganzen den Betrag von 32 000 Lstr. erreicht hatten. Im Februar 1906 berichteten die Ingenieure Lake und Currie, daß der Hauptschacht bereits bis zu einer Tiefe von 424 Fuß getrieben worden sei. Mit 150 in Keneh angeworbenen Ababde wurden die Schürfungsarbeiten zu Umm-Garayat in Angriff genommen und die Ingenieure waren von ihren Leistungen durchaus befriedigt. Ababde und Bischarin sind die hamitischen Nomadenstämme, die das weite Gebiet des Etbai seit undenkbaren Zeiten innehaben. Die Nile-Valley-Company ist auch hinsichtlich der Wasserfrage vom Glück begünstigt gewesen, indem sie sich in einem 113 Fuß tiefen Brunnenschacht beständigen Zufluß sichern konnte, der vermittelst Pumpen täglich 2000 Gallonen (10 000 Liter) liefern sollte. In das Gebiet der Nile-Valley-Company fällt auch eine interessante in Südost von Umm-Garayat gelegene örtlichkeit im Uadi Onguat, das von Süden dem Uadi Alaki zufließt. Auf einer von Kapitän Lyons entworfenen großen Manuskriptkarte seiner Aufnahmen von 1895 sind bei dem Bir-Ongat oder Onguar, einem sehr wasserreichen Brunnen unter 22° 14' n. Br. Felsinschriften mit rohen Zeichnungen von langhörnigen Rindern und rohgemeißelten Hieroglypheninschriften angegeben. 200 Fuß westlich davon ist die Inschrift »der Schreiber Amenhotep« zu lesen. Im südlichsten und bisher am wenigsten erforschten Teil des Etbai war 1903 dem Gabait (Sudan) Mining Syndikate eine Mutung zugewiesen worden, deren Gebiet (später Victoria Investment Corporation) in einer Ausdehnung von ungefähr 8000 engl. Geviertmeilen innerhalb 20° und 22° n. Br. von der Roten Meerküste landeinwärts bis zum 36° öst. L. von Gr. reichte und im Norden an das Gebiet der Egyptian Sudan Minerals grenzte. Veranlassung zu dieser Konzession gab die von Theodore Bent im Jahre 1896 gemachte Entdeckung von alten Goldminenstätten im Westen des Irbagebirges, nahe bei Kap Rauai unter 21° n. Br. Bent hat über seine damals waghalsige Exkursion in ein Gebiet, das zum Teil noch von Mahdisten besetzt war, in dem Journal der Londoner Geographischen Gesellschaft (Juli 1896) berichtet, aber keine Karte dazu entworfen. In sechs Tagereisen erreichte er von dem ägyptischen Küstenposten Mohammed-Ghul (Rauai) aus, den Gebel-Irba auf der Nordseite umgehend, das Uadi-Gadai und drei Wegstunden weiter westlich das Uadi-Gabait, wo er die Überbleibsel einer alten Minenstadt auffand. Bei den Trümmern von 700–800 Steinhütten fanden sich Hunderte von wohlgearbeiteten Steinmörsern zum Zerkleinern des Goldquarzes, der in der Nähe gefördert worden war. Auch einer griechischen Inschrift daselbst tut Bent Erwähnung, er war aber wegen ihrer schlechten Erhaltung außerstande, sie zu lesen. Auch im Uadi Hayet fand der Reisende ausgedehnte Reste von einer alten Niederlassung, desgleichen an einer weiter im Westen gelegenen Stelle mit Namen Oso. Im März 1903 waren die Ingenieure des Gabait-Syndikats Noel Griffin und W. H. Snell zu einer vorläufigen Rekognoszierungstour durch das Konzessionsgebiet aufgebrochen. Sie sind drei Monate unterwegs gewesen und wollen 1200 englische Meilen zurückgelegt haben. Im September d. J. hat das Syndikat, das sich einer großen Öffentlichkeit befleißigt, eine in größerem Stil angelegte Expedition dahin ausgesandt, geführt von dem Ingenieur Griffin, dem elf weiße Bergleute beigegeben waren. Die Arbeiten sollten zunächst an den von Bent erkundeten und von Griffin auf seiner ersten Expedition untersuchten Minenstätten von Akelabellah (Okele-Belha) und Uadi Oie in Angriff genommen werden. Der erstgenannte Platz ist, der Angabe nach, bloß 11 engl. Meilen vom Militärposten Mohammed Ghul entfernt. Im Uadi-Oie sind, nach dem ersten Bericht von Griffin, die alten Werke von großer Ausdehnung. Eine dort vorhandene Galerie oder Schachtgrabung soll sich in 675 Fuß Länge hinziehen und mit einem 4 Fuß hohen und 50 Fuß tiefen Zugang versehen sein. Der genannte Ingenieur behauptet, daß ihm in Rhodesia, dem alten Ophir, nichts vorgekommen sei, was sich an Größe der Anlagen und an Ergiebigkeit der Gänge mit denen der Konzession vergleichen lasse. Er fand drei alte Türme von 30 Fuß Höhe und 12 Fuß Dicke, zwei von diesen in geringer Entfernung von der Küste. Der eine der Türme soll mit einem solid gewölbten Kuppeldach versehen sein. Bent hielt sie für Signaltürme. Griffin ist der Ansicht, daß genaue Nachforschungen daselbst einem Altertumsforscher wichtige Ergebnisse liefern könnten. An den alten Minenstätten von Gabait sind Hausruinen nach allen Richtungen über das Land zerstreut und bedecken daselbst viele Acres, streckenweise zählen sie nach Hunderten. Griffin brachte auch von den merkwürdigen Steinmörsern bezw. Handmühlen, die Bent beschrieben und abgebildet hat, mehrere Exemplare mit. Die von ihm vorgelegten zwei Proben von Goldquarz ergaben an Reingold, auf die Tonne zu 2340 Pfund berechnet, die eine 5 Unzen 16 Pfgw. 23 Gr., (dazu 1 Unze 8 Pfgw. 2 Gr. Silber), die zweite 13 Unzen 4 Pfgw. 17 Gr. Gold und 1 Unze 8 Pfgw. 19 Gr. Silber Troy-Gewicht. In einem der alten Schächte, zu dem die Ingenieure hinabgestiegen waren, wurde ein Quarzpfeiler von 18 Zoll Durchmesser vorgefunden, der als Deckenträger im Gestein ausgespart war und eine Prüfung des hier ausgebeuteten Ganges gestattete. Er enthielt Gold und Silber in reichem Verhältnis. Von den großen Haufen des zutage geförderten Gesteins, die in einer Reihe von 1500 Fuß Länge aufgeschichtet waren, wurde ein großer Vorrat von Proben behufs chemischer Analyse mitgenommen. Der Goldgehalt, der sich daraus ergab, betrug zwischen 2 und 4 Unzen pro Tonne, mit entsprechendem Anteil von Silber. Der Durchschnittsertrag von vierzehn Proben lieferte 17 ½ Pfenniggewicht Gold und 4 Pfenniggewicht Silber, auf die Tonne berechnet (20 Pfgw. = 1 Unze). Außer den von Th. Bent entdeckten Minen wurden auch noch im südwestlichen Teil der Konzession alte Werkplätze bei Gabatilo und Radschakinde festgestellt, die namentlich bei der letzten genannten Örtlichkeit von großer Ausdehnung sind und durch zahlreiche vorgefundene Steinmörser von der Emsigkeit des alten Betriebes Zeugnis ablegen. Aus den obigen Angaben wird ersichtlich, daß in dem großen Gebiete des noch so wenig bekannten Etbai zwischen 19° und 25° n. Br. Überbleibsel aus dem Altertum in großer Zahl vorhanden sind und nur ihrer Erforschung von geübten Archäologen harren, um die Wissenschaft mit den wichtigsten Tatsachen zu bereichern. Gerade im Jahre 1904, als die von verschiedenen Minengesellschaften ausgerüsteten Expeditionen sich meistens noch im Stadium einer versuchsweisen Erkundung von geeigneten Schürfungsstellen befanden, wo sie unablässig bestrebt waren, alle Winkel und Schluchten der fast menschenleeren Gebirgseinöden zu durchspüren, durfte die Gelegenheit für wissenschaftliche Forschungsreisende eine besonders verlockende gewesen sein, sich an dem einen oder anderen Unternehmen zu beteiligen. Da die Gesellschaften in ihrem Besitz durch die räumliche Feststellung ihrer Konzessionen gesichert waren, hätten sie auch gewiß, jeder Geheimtuerei abhold, nichts gegen eine solche Begleitung ihrer Expeditionen einzuwenden gehabt, aber die Wissenschaft hat die ihr dargebotenen Aussichten auf Erfolg nicht auszunützen verstanden. Quellenverzeichnis Die elf Abschnitte des Buches erschienen in der ursprünglichen Fassung unter folgenden Überschriften: I. Aus dem nächtlichen Tierleben in der Oase (in der »Gartenlaube« 1874, S. 31–35). II. Ausflüge um Kosser. (Brief an Dr. Th. Kotschy in Verh. der Zool. botan. Ges. Wien, 1865, Bd. XV, S. 267–280.) III. Die ältesten Klöster der Christenheit, St. Antonius und St. Paulus (in Kunst und Leben, Stuttgart 1878, S. 275–316). IV. Erinnerungen von einer Fahrt nach Sokotra (in Westermanns Monatshefte, 1891, Februar, S. 604 bis 626, und April, S. 29–53). Das Volk von Sokotra (in »Unsere Zeit«, herausg. von Rudolf v. Gottschall, 1883, 11. Heft, S. 657–669). V. Ein altes Stauwerk aus der Pyramidenzeit (in Westermanns Monatshefte, 1895, LXXXVIII, S. 35 bis 44). VI. Ein altes Heiligtum an den Ufern des Möris (in Westermanns Monatshefte, 1895, Juni, S. 361–372). VII. Die Steinbrüche am Mons Claudianus in der östlichen Wüste Ägyptens (in Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde, Berlin 1897, XXXII, S. 1–22). VIII. Aus dem römischen Villenviertel des alten Hippone (Bône) (in »Die Woche«, Berlin, 1910, Nr. 30, S. 1266–1272). IX. Ägyptische Relikten im äthiopischen Süden (in »Vossische Zeitung«, Berlin, 1907, vom 30. Juni). X. Über Bega-Gräber (in Verh. der Berl. Anthrop. Ges., Berlin, 1899, S. 538–554). XI. Die Wiederaufnahme des alten Goldminenbetriebes in Ägypten und Nubien (in »Vossische Zeitung«, Berlin, 22. und 26. Mai 1903).