Henry Murger Die Bohème Inhalt Vorwort des Verfassers. Zur Einführung Wie der Zigeunerbund begründet wurde Ein Engel der Vorsehung Die Liebe in der Fastenzeit Ali Rudolf oder der Türke wider Willen Die Karolingermünze Fräulein Dudelsack Der Goldstrom Was ein Fünffrankstück kostet. Das Kap der Stürme Ein Zigeunercafé Eine Aufnahme in den Zigeunerbund Das Hochzeitsessen Fräulein Mimi Geschiedene Ehen Der Durchzug durch das rote Meer Die Kleider der Grazien Franziskas Muff Fräulein Dudelsacks Liebeslaunen Mimi in Glanz und Seide Romeo und Julia Mimis Ende Nur einmal ist man jung Vorwort des Verfassers. Die Zigeuner, von denen in diesem Buche die Rede ist, haben gar nichts mit jenem Großstadtgesindel zu tun, aus dem sich unsere Boulevarddramatiker ihre Gauner- und Meuchelmördertypen heraussuchen. Sie gehören auch nicht zu jenen Vagabunden, die auf öffentlichen Plätzen als Bärenführer, Säbelschlucker, Verkäufer von diebessicheren Türverschlüssen, Glücksbudenbesitzer und dergleichen ein ebenso interessantes wie für sie selbst einträgliches Gewerbe betreiben. Das Zigeunertum, das hier beschrieben wird, ist überhaupt nicht der Gegenwart entsprungen, es hat zu allen Zeiten und an allen Orten bestanden und kann sich einer erlauchten Herkunft rühmen. Schon im alten Griechenland – um nicht weiter in die Vergangenheit hinabzusteigen – gab es einen berühmten Zigeuner, der auf gutes Glück die blühende jonische Landschaft durchstreifte, von Almosen lebte und des Abends die Leier, zu deren Klang er die Liebesabenteuer der Helena und den Fall Trojas besungen hatte, an irgendeinem gastlichen Herde aufhing. Auch später finden wir die Vorgänger der modernen Zigeuner in allen Epochen der Kunst und Literatur. Im Mittelalter sind es die fahrenden Schüler, die Troubadoure und Minnesänger, die mit Felleisen und Harfe durch das Land zogen, die die blühende Tourraine mit ihrem heiteren Gesang erfüllten und um die goldene Rose in den Blumenspielen der Clemence Isaure kämpften. Auch in der Zeit des Übergangs zur Renaissance fährt das Zigeunertum fort, die Straßen Frankreichs und sogar schon etwas die der Stadt Paris zu durchschweifen, da ist vor allen Meister Pierre Gringoire, der Freund der fahrenden Bettler und Feind der Enthaltsamkeit. Mager und ausgehungert, wie es nur ein Mensch sein kann, dessen ganzes Leben nichts als eine ewige Fastenzeit ist, schlendert er durch die Straßen der Stadt, die Nase in der Luft wie ein Jagdhund, und schnüffelt nach den Gerüchen der Speisehäuser und Garküchen. Vor seinem gierig brennenden Blick scheinen die Schinken, die an den Haken der Schlächter hängen, zusammenzuschrumpfen, während er im Geiste – aber leider nicht in den Taschen – die zehn Taler klimpern läßt, die ihm die Herrn Schöffen für den ›sehr andächtigen und sehr erbaulichen Schwank‹ versprochen haben, den er für das Theater im Saale des Gerichtshauses dichtete. Neben diesem schmerzerfüllten und melancholischen Antlitz des Geliebten der Esmeralda kann die Chronik des Zigeunertums ein weniger abgezehrtes und lebensfroheres Gesicht heraufbeschwören, das des Meisters François Villon, des Geliebten jener Schönen, ›die eine Dirne war‹. Poet und Vagabund im echtesten Sinne der Worte war dieser Mann, dessen Verse, wohl infolge eines inneren Vorgefühls, eine merkwürdige Angst vor dem Galgen widerspiegeln. Und er entging ja auch dem Schicksal, eines Tages wegen eines Münzverbrechens daran aufgeknüpft zu werden, nur mit genauer Not. Dabei hat dieser selbe Villon, der mehr als einmal die ihm auf den Fersen befindliche Polizei außer Atem zu setzen wußte, dieser lärmende Gast in den Absteigequartieren der Rue Pierre-Lescot, dieser Schmarotzer am Hofe des Zigeunerherzogs, dieser Salvator Rosa der Poesie, Elegien von so mitreißender und echter Empfindung gedichtet, daß selbst die Hartherzigsten davon erschüttert werden und den Straßenräuber, den Vagabunden und Wüstling vergessen vor den göttlichen Tränen dieser Muse. Übrigens hat von allen, deren Werke eine Zeit nicht mehr liest, die die französische Literatur erst mit Malherbe beginnen läßt, François Villon wohl die Ehre gehabt, am meisten durch bekannte Literaten, besonders auch durch die großen Bonzen des modernen Parnasses, ausgeplündert zu werden. Sie haben sich alle auf den Garten dieses Armen gestürzt und Münzen des Ruhms aus seinem verborgenen Schatz geschlagen. Manche Ballade, die der heimatlose Rhapsode an einem frostigen Tage neben einem Meilenstein auf der Landstraße oder unter der Dachtraufe schrieb, manches Liebeslied, das er in der Spelunke improvisierte, in der die Schöne, ›die eine Dirne war‹, jedem, der vorbeikam, ihren goldenen Gürtel löste, sie zieren heute, zu einem von Moschus und Ambra duftenden Liebesgetändel umgeformt, das wappengeschmückte Poesiealbum einer aristokratischen Chloris. Aber nun taucht das große Jahrhundert der Renaissance auf. Michel Angelo ersteigt das Gerüst der Sixtinischen Kapelle und betrachtet nachdenklich den jungen Raffael, der auf der Treppe zum Vatikan erscheint mit den Kartons der Loggien unter dem Arm. Benvenuto ersinnt seinen Perseus, Ghiberti ziseliert die Türen des Baptisteriums zu der gleichen Zeit, in der Donatello seine Mamorstatuen auf der Arnobrücke aufstellt, und während die Stadt der Medizäer an Meisterwerken mit der Stadt Leos X. und Julius II. wetteifert, schmücken Tizian und Paolo Veronese die Stadt der Dogen, kämpft St. Markus mit St. Peter. Diese fieberhafte Genialität, die mit der Heftigkeit einer Epidemie plötzlich auf der italienischen Halbinsel ausbricht, breitet seine ansteckende Glorie über ganz Europa aus. Die Kunst, diese Nebenbuhlerin Gottes, erlangt königliche Würde. Karl V. bückt sich, um Tizian den Pinsel aufzuheben, und Franz I. wartet im Vorzimmer der Druckerei, in der Etienne Dolet vielleicht gerade die Korrekturbogen des ›Pantagruel‹ las. Inmitten dieser Wiedergeburt des Geistes fährt das Zigeunertum in alter Weise fort, um einen Ausdruck Balzacs zu gebrauchen, sich Brot und Obdach zu suchen. Clement Marot setzt sich in den Vorzimmern des Louvre fest und wird, bevor die schöne Diane selbst die Favoritin eines Königs wurde, der Favorit jener Dame, die mit ihrem Lächeln drei Regierungen erhellte. Von dem Boudoir der Diane von Poitiers fliegt die ungetreue Muse des Poeten nach dem der Marguerite von Valois, welche gefährliche Gunst Marot mit dem Gefängnis büßen mußte. Fast Zu derselben Zeit kam ein anderer Zigeuner, dessen Jugend am Gestade von Sorrento den Kuß der epischen Muse empfing, Tasso, an den Hof des Herzogs von Ferrara, so wie Marot an den Franz' I. kam. Aber weniger glücklich als der Geliebte der Diane und der Marguerite büßte der Dichter des ›Befreiten Jerusalem‹ die Kühnheit seiner Liebe zu einer Tochter des Hauses Este mit dem Verlust seiner Vernunft und seines Genies. Die religiösen und politischen Kämpfe, die die Ankunft der Medici in Frankreich begleiten, halten den Höhenflug der Kunst in keiner Weise auf. Zu der Zeit, da Jean Goujon, der die heidnische Kunst des Phidias wieder aufnahm, auf der Place des Innocents von einer Kugel getroffen wurde, fand Ronsard die Dichtung des Pindar wieder und gründete, unterstützt von seiner Plejade, die große Schule der französischen Lyrik. Dieser Schule des Erwachens folgte die Reaktion Malherbes und seiner Anhänger, die aus der Sprache alle fremden Grazien verbannten, welche ihre Vorgänger auf dem Parnaß heimisch zu machen versucht hatten. Und es war ein Zigeuner, Mathurin Régnier, der als einer der letzten die Bollwerke der lyrischen Poesie verteidigte gegen die Phalanx jener Rhetoren und Grammatiker, die Rabelais für barbarisch und Montaigne für dunkel erklärten. Es war dieser selbe Mathurin Régnier, der Zyniker, der neue Knoten in die satirische Geißel des Horaz knüpfte und beim Anblick des Sittenverfalls seiner Zeit ausrief: ›Die Ehre ist ein Gott, dem niemand Opfer bringt.‹ Aus dem siebzehnten Jahrhundert gehört eine Reihe von Namen aus dem Literaturkreis der Epochen Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. zum Zigeunertum. Es hat seine Mitglieder unter den Schöngeistern des Hotel Rambouillet, wo es Beiträge zu ›Juliens Blumenstrauß‹ liefert. Es findet Zutritt zum Palais Cardinal, wo es mit dem Ministerdichter, dem Robespierre der Monarchie, an seiner Tragödie ›Marianne‹ arbeitet. Es bestreut das Schlafzimmer der Marion Delorme mit Madrigalen und huldigt Ninon unter den Bäumen der Place Royale. Das Zigeunertum frühstückt des Morgens in der Schenke der ›Schlemmer‹ oder in der des ›Königsschwerts‹ und speist des Abends am Tische des Herzogs de Joyeuse. Es schlägt sich sogar beim Licht der Straßenlaternen für das Sonett der Urania gegen das Sonett des Hiob. Das Zigeunertum befaßt sich mit Liebe, mit Krieg und selbst mit Diplomatie, und, da es alt geworden, bringt es, müde der Abenteuer, das Alte und das Neue Testament in Verse, bewirbt sich um alle frommen Stiftungen und besteigt endlich, wohlgenährt durch fette Pfründe, einen Bischofssitz oder einen Sessel jener Akademie, die ja auch von einem Zigeuner begründet ist. Es war beim Übergang vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert, als die beiden stolzen Genies aufstanden, die die beiden Länder, in denen sie lebten, wenn sie um ihren literarischen Vorrang kämpfen, immer wieder eins dem andern gegenüberstellen: Molière und Shakespeare, diese berühmten Zigeuner, deren Schicksale nur allzu viele Vergleichspunkte bieten. Ebenso finden sich die berühmtesten Namen der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts in den Archiven des Zigeunertums, darunter die Unsterblichen dieser Epoche, Jean Jaques Rousseau und d'Alembert, der Findling vom Vorplatz der Notre-Dame-Kirche. Ferner unter den weniger bekannten Malfilâtre und Gilbert, die überschätzt worden sind, denn das Feuer des einen war nur ein matter Abglanz des bleichen Lyrismus Jean Baptiste Rousseaus, und das Feuer des andern nur eine Mischung ohnmächtigen Stolzes mit einem Hasse, der nicht einmal die Entschuldigung der Echtheit und Aufrichtigkeit aufweisen kann, da er nur die bezahlte Masse der Ränke und Feindschaften einer Partei war. Mit dieser Epoche wollen wir die flüchtige Übersicht über das Zigeunertum in den verschiedenen Zeiten schließen. Wir haben diese mit berühmten Namen durchsetzte Vorrede absichtlich an die Spitze dieses Buches gesetzt, um den Leser vor jeder falschen Vorstellung bei dem Wort Zigeunertum zu bewahren, weil man diesen Namen seit langem auch Bevölkerungsklassen zulegt, mit denen diejenigen, deren Sitten und Sprache in diesem Buche geschildert werden, nichts zu tun haben wollen. Heute wie früher wird jeder Mann, der sich der Kunst widmen will, wenn er sonst keine Existenzmittel hat, als die ihm aus der Kunst zufließenden, gezwungen sein, die Wege des Zigeunertums zu gehen. Die meisten der jetzt lebenden berühmten Künstler sind Zigeuner gewesen, und in ihrem sicheren und glänzenden Ruhm erinnern sie sich oft, vielleicht sogar mit Bedauern, jener Zeit, da sie in der blühenden Jugend ihrer zwanzig Jahre kein anderes Vermögen hatten als ihren Mut, diese Tugend der Jungen, und die Hoffnung, diesen unerschöpflichen Schatz der Armen. Wir wiederholen also noch einmal zur Beruhigung des besorgten Lesers, des ängstlichen braven Bürgers und überhaupt aller, die alles genau definiert haben wollen, in Form eines Axioms: »Das Zigeunertum ist die Lehrzeit des Künstlers. Es ist die Vorstufe zu den akademischen Würden oder auch zum Hospital und zur Morgue.« Und wir fügen hinzu, daß es nur in Paris ein Zigeunertum gibt, und daß es nur dort möglich ist. Wie jede Gesellschaftsklasse zeigt auch das Zigeunertum verschiedene Abstufungen, die sich noch in einzelne Spielarten zerteilen, so daß es gut ist, ihre unterscheidenden Merkmale festzustellen. Wir beginnen mit der zahlreichsten Klasse, der der Unbekannten. Sie umfaßt die große Familie der armen Künstler, die ein verhängnisvolles Schicksal dazu verdammt hat, inkognito dahinzuleben, die vergebens nach einem Fleckchen in der Öffentlichkeit suchen, wo sie sich und ihr künstlerisches Vermögen zeigen könnten. Sie sind das Geschlecht der ewigen Träumer, denen die Kunst kein Handwerk, sondern eine Religion ist. Sie sind die Enthusiasten, die wahrhaft Gläubigen, die beim Anblick eines großen Kunstwerks erglühen und mit klopfendem Herzen vor allem Schönen stehen, ohne nach dem Namen des Künstlers und seiner Schule zu fragen. Diese Art Zigeunertum ergänzt sich aus jungen Leuten, die, wie man sagt, zu Hoffnungen berechtigen, und aus solchen, die diese Hoffnungen schon erfüllt haben, dann aber aus Gleichgültigkeit, Scheu oder Unkenntnis des praktischen Lebens glauben, mit dem Schaffen des Kunstwerks sei alles getan und die Anerkennung des Publikums sowie der Reichtum würden jetzt von selbst über sie herabströmen. So leben sie am Rande des öffentlichen Lebens, vereinsamt und untätig. Wie versteinert in ihrer Kunst nehmen sie die Symbole der akademischen Dithyrambe, die eine Aureole um die Stirn der Dichter legen, wörtlich und, überzeugt, daß sie einst auch das Dunkel ihres Lebens erhellen werde, warten sie ruhig, daß man zu ihnen komme. Wir haben seinerzeit eine kleine Schule solcher Typen gekannt, die so seltsam waren, daß man kaum an ihr Dasein glauben wollte. Sie nannten sich die Schüler des › l'art pour l'art ‹. Diese ›Kunst um ihrer selbst willen‹ bestand nach der Ansicht dieser Naiven darin, daß man sich gegenseitig in den Himmel erhob, daß man dem Zufall, der nicht einmal ihre Namen kannte, in keiner Weise zu Hilfe kam und abwartete, bis sich das Piedestal ihres Ruhms ihnen von selbst unter die Füße schob. Man sieht, dieser Stoizismus grenzt an das Lächerliche, aber wir versichern noch einmal, um keinen Zweifel daran zu lassen, daß es im Schoße des verkannten Zigeunertums wirklich solche Typen gibt, deren Elend entschieden unser Mitgefühl erregen würde, wenn uns nicht der gesunde Menschenverstand veranlaßte, wieder davon abzustehen. Denn wenn wir sie ruhig darauf aufmerksam machen, daß wir nun einmal im neunzehnten Jahrhundert leben, wo das Geld regiert und keine blank gewichsten Stiefel vom Himmel fallen, dann drehen sie uns den Rücken und nennen uns Spießbürger. Im übrigen sind sie in ihrem sinnlosen Heldentum sich selber treu: sie klagen nicht und jammern nicht und ergeben sich widerstandslos dem dunkeln und herben Geschick, das sie sich selbst geschaffen haben. Die meisten sterben an jener Krankheit, die die Wissenschaft nicht beim richtigen Namen zu nennen wagt – am Elend. Und doch könnten viele diesem traurigen Schicksal entgehen, das ihrem Leben zu einer Zeit ein Ende macht, wo im allgemeinen sonst das Leben erst richtig aufblüht. Sie brauchten nur den harten Gesetzen der Notwendigkeit ein paar Zugeständnisse zu machen, indem sie ein Doppelleben begännen und zwei Naturen in sich vereinten: den Dichter, der stets über den Höhen der Menschheit schwebt und dort dem Gesang aus schöneren Welten lauscht, und dem Mann, der in harter Arbeit sich sein tägliches Brot erkämpft. Aber diese Zweiheit, die man immer bei ausgeglichenen Naturen findet und die sogar deren hervorragendes Merkmal sind, sie fehlt den meisten dieser jungen Leute, die ihr Stolz, ihr falscher Stolz, für alle Ratschläge der Vernunft unzugänglich gemacht hat. So sterben sie, vielleicht jung, und hinterlassen manchmal ein Werk, das die Welt zu spät bewundert und das sie vielleicht schon früher gewürdigt hätte, wenn es ihr nur bekanntgeworden. Es gibt in dem unbekannten Zigeunertum noch eine Unterklasse. Sie besteht aus jungen Leuten, die man getäuscht hat, oder die sich selbst getäuscht haben. Sie halten eine Schwärmerei für ein Berufensein, und getrieben von einem selbstmörderischen Schicksal sterben sie als Opfer ihres Stolzes oder als Sklaven einer Schimäre. Zu ihnen gehört auch die lächerliche Klasse der Unverstandenen, jener weinerlichen Dichter, deren Muse immer mit rotgeweinten Augen und schlecht gekämmtem Haar herumläuft, und alle die unfähigen Mittelmäßigkeiten, die, weil sie nicht dazu kommen, sich gedruckt zu sehen, die Muse eine Rabenmutter und die Kunst ein Schafott nennen. Alle wahrhaft starken Geister wissen, daß sie etwas zu sagen haben, und sie sagen es früher oder später. Das Genie und das Talent sind keine Zufälligkeiten im Reiche der Menschheit. Sie erscheinen mit Notwendigkeit und können schon deshalb nicht ewig im Dunkel bleiben. Wenn die Menge ihnen nicht vorangehen will, dann verstehen sie es, der Menge voranzugehen. Das Genie ist wie die Sonne – die ganze Welt sieht es. Das Talent ist wie ein Diamant, der lange im Dunkeln liegen kann, aber immer findet sich einer, der ihn bemerkt. Man tut daher unrecht, wenn man sich von dem Jammern und dem leeren Gerede dieser Klasse von Eindringlingen und Überflüssigen beeinflussen läßt. Sie haben in der Kunst nichts verloren, und sie sind es auch, deren eigentliches Wesen nur aus Faulheit, Ausschweifung und Schmarotzertum besteht. Schlußfolgerung: »Das Zigeunertum der Verkannten ist kein Weg nach oben, sondern eine Sackgasse.« In der Tat führt ein solches Leben durchaus zu nichts. Es ist ein verdummendes Elend, in dem der Geist erlischt wie eine Lampe in einem luftleeren Raum und das Herz in wildem Menschenhaß versteint, so daß gerade die besten Naturen am tiefsten sinken. Wer das Unglück hat, zu lange darin zu weilen oder sich zu tief in seine Höhlen zu verirren, der findet nie wieder den Ausweg, denn es gibt hier gefährliche Abwege, die in ein anderes Zigeunertum führen, mit Sitten, die auch vor ein anderes Forum gehören als das der Literaturgeschichte. Wir haben dann noch eine merkwürdige Abart der Zigeuner zu erwähnen, die man die Liebhaber nennen könnte. Sie sind durchaus nicht uninteressant, für sie hat das Leben der Zigeuner einen verführerischen Reiz. Nicht immer jeden Tag sein Mittagessen zu haben, im Freien zu schlafen, während es in Strömen regnet, im Dezember in einem gelben Nankinanzug herumzulaufen, das scheint ihnen der Gipfel menschlicher Glückseligkeit zu sein, und um es zu genießen, verläßt der eine das wohlgeschützte Vaterhaus, der andere sein Studium, das vor dem glücklichsten Abschluß steht. Sie wenden plötzlich einer ehrenvollen Zukunft den Rücken, um den Abenteuern eines vom Zufall abhängigen Lebens nachzulaufen. Da aber selbst die Kräftigsten eine Lebensweise nicht lange aushalten, bei der eine Herkulesnatur zusammenbrechen würde, so geben sie das Spiel bald wieder auf und kehren reumütig zu den väterlichen Fleischtöpfen zurück. Dann heiraten sie eine Verwandte, lassen sich als Notar in einer Stadt von dreißigtausend Einwohnern nieder, und des Abends am Kamin erzählen sie mit der Genugtuung eines Reisenden, der über eine Tigerjagd plaudert, von ihrem ›Künstlerelend‹. Andere sind hartnäckiger und auch wohl zu stolz, um nachzugeben. Aber sobald sie einmal den Kredit erschöpft haben, den sie als Söhne guter Familien leicht finden, geht es ihnen schlechter als den echten Zigeunern, die außer ihrer Intelligenz niemals andere Hilfsquellen besessen haben. Wir haben selbst einen dieser Zigeuner aus Liebhaberei gekannt, der sich mit seiner Familie überwarf und drei Jahre im Zigeunertum lebte, bis er eines schönen Tages starb und in einem Armenleichenwagen nach dem Armenfriedhof gefahren wurde. Dabei besaß er zehntausend Franken Rente! Es braucht natürlich nicht erwähnt zu werden, daß diese Art von Zigeunern absolut nichts mit der Kunst zu tun hat und in diesem Milieu das allerunbeachtetste Dasein führt. Aber jetzt kommen wir zum echten Zigeunertum, zu demjenigen, das in diesem Buche ja zum Teil geschildert wird. Zu ihm gehören die wahrhaft Berufenen der Kunst und mitunter auch die Auserwählten. Auch dieses Zigeunertum starrt von Gefahren, und zwei Abgründe umgeben es rechts und links: das Elend und der Zweifel. Aber es gibt wenigstens zwischen diesen beiden Schlünden einen Weg zum Ziel, das die Zigeuner mit ihren Blicken erreichen können, ehe sie es mit den Händen erfassen. Man nennt es das offizielle Zigeunertum, weil die dazu Gehörenden mit ihrem Namen schon irgendwie in die Öffentlichkeit gedrungen und so in dem offiziellen Register der Kunst eingetragen sind. Ihre literarischen und künstlerischen Erzeugnisse kommen auf den Markt und finden dort, allerdings zu sehr mäßigen Preisen, ihre Abnehmer. Um das Ziel zu erreichen, das sie sich gesetzt haben, sind ihnen alle Wege recht, und sie wissen aus allen Zufälligkeiten ihres Lebens Nutzen zu ziehen. Regen oder Trockenheit, Dunkel oder Sonnenschein, nichts hält diese verwegenen Abenteurer auf, die bei allen Fehlern eine große Tugend haben. Ihr Geist wird nämlich immer durch ihren Ehrgeiz wachgehalten, und dieser Geist geht ihnen wie ein Trommler voraus und treibt sie an, die Zukunft im Sturm zu erobern. Immer im Kampf mit der harten Not des Tages, sprengen sie mit stets bereiter Lunte jedes Hindernis, kaum daß es vor ihnen aufgetaucht ist. Wie sie sich jeden Tag ihr Brot verschaffen, das ist eine Arbeit des Genies, ein immer neues Problem, das sie mit tollkühner Strategie lösen. Diese Leute verstehen es, sich von dem geizigsten Harpagon Geld zu leihen, und sie würden als Schiffbrüchige auf einem Floß Trüffeln entdecken. Im Notfall wissen sie zu fasten wie der tugendhafteste Anachoret, fällt ihnen aber eine größere Geldsumme in die Finger, dann ergeben sie sich den ausschweifendsten Phantasien, holen sich die schönsten und jüngsten Mädchen, trinken den besten und ältesten Wein und finden überhaupt nicht genügend Fenster, um ihr Geld hinauszuwerfen. Ist dann schließlich das letzte Silberstück tot und begraben, dann kehren sie wieder zu der Tafel des Zufalls zurück, die für alle gedeckt ist, und mit einer ganzen Meute von listigen Einfällen durchjagen sie vom Morgen bis zum Abend alle Gewerbe, die irgend etwas mit der Kunst zu tun haben, um jenes edle Wild zu erlegen, das man ein Fünffrankstück nennt. Diese Zigeuner kennen alles und gehen überall hin, je nachdem sie gerade Lackschuhe oder zerrissene Stiefel haben. Man findet sie heute vor den eleganten Kaminen eines mondänen Salons und morgen unter den Gewölben einer verrufenen Tanzschenke. Sie können keine zehn Schritte über den Boulevard gehen, ohne einen Freund zu treffen, und keine dreißig, ohne einem Gläubiger zu begegnen. Die Zigeuner haben ihre eigene Sprache, die aus dem Ateliergeplauder, dem Bühnenjargon und den Debatten auf den Redaktionen entstanden ist. Alle Stilblüten geben sich in diesem unerhörten Idiom ihr Rendezvous, apokalyptische Wendungen neben geschmackloser Komik, Alltagsausdrücke neben gewagten, dichterischen Perioden. Es ist ein geistvolles Rotwelsch, das allen denen unverständlich ist, die nicht den Schlüssel dazu haben, und das an gewagten Redewendungen auch die freieste Sprache übertrifft. Das Wörterbuch des Zigeunertums ist die Hölle der akademischen Redekunst und ein Paradies für die Freunde neuer Wortbildungen. Dieses ist, in kurzen Worten gesagt, das Zigeunerleben. Es ist wenig gekannt von den Puritanern der Gesellschaft, verschrien bei den Puritanern der Kunst, und es wird beschimpft von all den ängstlichen und neidischen Mittelmäßigkeiten, die doch nicht genug Lungenkraft, Lügen und Verleumdungen haben, um die Stimmen und Namen derjenigen zu ersticken, die aus diesem Vorsaal des Ruhms heraustreten, indem sie vor ihr Talent ihren Mut spannen. Es ist ein Leben der Geduld und der Kühnheit, wo man sich auch im Kampf mit der Dummheit und dem Neid in den festen Panzer der Gleichgültigkeit stecken muß. Wo man, um nicht auf dem Wege zu straucheln, keinen Augenblick den Stolz auf sich selbst verlieren darf, diesen ausgezeichneten Wanderstab. Ein wundervolles Leben und ein schreckliches Leben, das seine Sieger und seine Märtyrer hat, und in das nur der eintreten darf, der sich von vornherein dem unerbittlichen Gesetz des vae victis unterwirft. 1851. H. M. Zur Einführung Wie ein Stück Frühling über Paris ist dieser Roman jung geblieben, wie ein Zipfel eines blauen Maimorgens über der allen Künsten zugeneigten Stadt an der Seine, wenn die Kastanienbäume auf den Boulevards im ersten zarten, goldenen Grün stehen, wenn die frisch geweißten Dampfer auf dem Fluß zu Ausflügen nach Sèvres, Auteuil und Charenton locken, wenn draußen in Versailles die Brunnen springen, und wenn aus den vielen buschigen Plätzen und Gärten mitten in der Stadt in die Hupen der Kraftwagen die Nachtigallen ihren ewigen Aufruf für die Menschen flöten: »Liebt euch! Liebt euch!« Besonders der köstliche Anfang dieser Folge von Szenen, die zu einem Roman zusammengewachsen sind wie eine Reihe von Blumen zu einem Strauß, duftet frisch wie erste Rosen noch in die Gegenwart hinein. Untermischt freilich, wie fast alles, was Murger geschrieben hat, mit einem Hauch, der nach Vergänglichkeit riecht. »Sie ist vorbei, die Blütezeit der Bohème!« stellt ein jedes Geschlecht mehr oder weniger klagevoll fest, wenn es altert und die lockern Zügel der Jugend den Neuen reicht, die natürlich in ihren Augen viel zu ernst sind, um sich noch wie sie freuen zu können. »Wir haben als junge Burschen bei Kahnfahrten auf der Seine gelacht, wie heutzutage nicht mehr gelacht wird«, schrieb Maupassant, der Dichter des Romans vom »Schönen Freund«, diesem gewissenlosen Weiberhelden, an einen seiner Schulfreunde. Ach, schreibt nicht das Alter stets so frohlockend über die Tage der eigenen Jugendzeit und stets so wehmütig krittlig über das neue Geschlecht, das heraufrückt und sich an die Ruderbänke setzt? Der Alternde vergißt in seinem berechtigten Groll über seine dahingeschwundene Schönheit und Kraft, daß die Jugend unsterblich ist wie die Bohème, das Zigeunerleben der jungen Männer und Künstler in den großen Städten. Gewiß! Es mag im lateinischen Viertel von Paris und oben auf dem Montmartre nicht ganz mehr so behaglich und verbrüdert zugehen, wie es Murger beschrieben hat. Beklagt er doch selber schon in seiner »Bohème« gegen Ende den Rückgang der alten Fröhlichkeit und Vertraulichkeit in einer Zeit, wo aus der munteren anspruchslosen Grisette, wie er sie in »Mimi« und »Musette« geschildert hat, die Lorette geworden ist, »ein Zwittergeschlecht von frechen Geschöpfen«, wie er selber sagt, »halb aus Fleisch und halb aus Schönheitsmitteln, ein Geschlecht, deren Wohnung ein Zahlzimmer ist, in dem sie Stücke von ihrem Herzen feilhalten, wie man Rostbeefschnitten feilhält«. Was würde der Dichter der »Musette« erst über die »Cocotte« geschrieben haben, die auf die Lorette des französischen Kaisertums gefolgt ist, über jenes kalte, nur mehr berechnende Geschlecht käuflicher Weiber, die heute die Boulevards des veramerikanisierten Paris bevölkern! Und doch gibt es wahrscheinlich dort, in dieser Stadt des Leichtsinns und der »joie de vivre«, die noch ein so ernster Künstler wie Zola gefeiert hat, auch heute noch »Mimis« und »Musettes«, die einen Vicomte um eines jungen Dichters oder Malers willen verlassen und einen kalten Winter lang oder zwei, nur von Liebe durchwärmt, bei ihrem Liebsten aushalten? Die Bohemiens, deren Name Murger für das Künstlervölkchen, wie wir im Deutschen es nennen, erfunden hat, haben ja eine Mitgift, um die man jede Not und Entbehrung erträgt: eine unverwüstliche, unbezahlbare Heiterkeit. Die Bohème, das Kunstzigeunertum, ist darum recht eigentlich eine Sache der Jugend und wird es ewig bleiben. Ein alter Bohemien ist ein Unding, ein Wesen, das sich selbst überlebt hat und eigentlich nicht mehr Daseinsberechtigung besitzt. Das erkannte schon Murger, der den Namen für sie, nicht etwa den Begriff erfunden hat – denn »Bohemiens« sind schon Homer und Li-Tai-Pe gewesen – und läßt darum gegen den Schluß seiner Szenen seine früheren Kunstzigeuner sich mit ihrer Jugend oratorisch selber zu Grabe tragen. »Wir können nicht länger mehr dies uns einförmig und nutzlos gewordene Landstreicherleben neben der Gesellschaft, beinahe neben dem Leben fortführen«, stellt der Maler als Stimmrohr seines Schöpfers fest. »Du hast recht«, muß ihm der Dichter seufzend erwidern. Und dieser Seufzer lautet ausgeschrieben: »Wir würden sonst sentimental werden.« Ein wenig ins Sentimentale, ins Gefühlsselige, das kraftlos alte vergangene schönere Zeiten bejammert, rückt bereits auch dieser Roman von der »Bohème« gegen sein Ende, das uns etwas rührsam den Abschied und den Tod Mimis ausmalt, die, eine Vorläuferin der empfindsamen »Cameliendame«, im Spital an der Schwindsucht erlischt. »Ihre letzten Seiten erinnern an den Blätterfall im Herbst, dies regelmäßige erschütternde Sterbeereignis, das ich gestern im Luxembourggarten mit Ihrem Roman auf einer Bank in einem Seitengang genossen habe«, schrieb der Dichter Musset an Murger, nachdem er das Buch von der Bohème ganz dicht bei der Stelle gelesen hatte, wo heute ein Denkmal Murgers unfern der Fontaine de Médicis emporragt. Und in der Tat muten diese letzten Blätter der Szenen uns auch heute noch vergilbter und welker an als die immergrünen, mit denen er mit der Begründung des Bohèmebundes anhebt. Wenn Ausgelassenheit und Jugendübermut die eine Seite des Künstlerzigeunertums ausmachen, so steht auf der andern Seite diesen Tugenden mit Recht ein ebenso kecker Stolz entgegen. Ein rechter Bohemien kann wohl die Reichen, die Seßhaften, die Bürger, auf denen er lebt und die er, nicht zu vergessen, mit seinen Scherzen unterhält und mitergötzt, gelegentlich anpumpen. Aber er wird darum nie ein berufsmäßiger Schnorrer sein. Im Gegenteil, zu einem wahren Bohèmetum gehört die stolze Verschwendung als notwendige Begleitung. Der junge Bohemienmaler, der ein Bild »verkloppt«, der angehende Dichter, der einen Zeitungsaufsatz an irgendein Modeblatt wie »Die Schärpe der Iris« im Künstlerkauderwelsch »verklitscht«, sie denken nicht daran, das Geld auf Zinsen zu legen oder Staatsanleihen davon zu kaufen. Sie schmeißen das mühsam Erworbene sofort wieder aufs freigebigste hinaus. Ja, noch mehr, sie laden sich sofort ihre Genossen und Kumpane, ja oft sogar noch ein paar Spießer als Füllsel ein, um ihren Verdienst schleunigst wieder zu verhauen. Ganz mit Recht verweilt Murger ausführlicher bei diesem Künstlerstolz, als er die umständliche und schwierige Aufnahme des braven Hauslehrers Carolus Barbemuche in das Reich der Bohème schildert, in das nur derjenige auf die Dauer eingelassen wird, der von seiner Natur aus einen Paß für diese Zigeunerwelt bekommen hat, für dies »Böhmen«, das zwischen den Kasten und Klassen und außerhalb der Gesellschaft liegt. Man kann nicht so ohne weiteres ein Bohemien werden. Es gehört eine ganz bestimmte Begabung dazu. Und wer sie, diese göttliche Leichtigkeit, nicht besitzt, der kann sich wohl in den unförmlichen unfeierlichen Orden der Bohème aufnehmen lassen, aber er wird dort nie Heimatsrecht erwerben. Folgerichtig scheidet drum der Außenseiter Barbemuche am frühesten und wie von selbst aus der unsichtbaren Gemeinde der Bohemiens aus, in die er eigentlich nur als Gast eingetreten war. Die andern, die echten Bohemiens, schleichen erst viel später ins Spießbürgertum, ins Philistertum, um sich, so gut es gehen mag, den seriösen Leuten anzupassen. Aber die Bohème selber stirbt niemals aus, trotzdem ihr Schöpfer Murger es, zum Schluß grämlich werdend, verkündet hat. Sie wird blühen, solange es eine Kunst und Künstler gibt. Wir in Deutschland kennen sie, wenigstens im Norden, selten, und haben darum noch immer kein rechtes eigenes Wort dafür gebildet. Nur das Studentenleben auf unseren Universitäten und Hochschulen hat manches mit der Bohème gemeinsam, die nach Murgers eigenen Worten nur in Paris besteht und möglich ist. Aber dies unser Studententreiben ist immerhin noch geregelt, lebt auf einem festen Wechsel und hat eine Verfassung wie seinen Komment, eine strenge Verkehrsform, vor der jeder Bohemien, der nicht einmal sich selber Satisfaktion gibt, schaudern würde. Es gibt ja überhaupt zu denken, daß unser Studententum vielfach noch eine Rauf- und Streitlust züchtet, während die Gemeinschaft der Bohemiens – und das ist ihr schönster Zug – vor allem auf die Kameradschaft gegründet ist. Allenfalls in München und seinem Schwabinger Viertel ist etwas der Bohème Verwandtes bei uns erwachsen, wie man auch dort allein in Deutschland einen Kreis oder gar Kreise von Bohemiens finden kann. Auf der Leopoldstraße und zwischen den Häusern ringsum in der Isarstadt können einem wohl auch gegenwärtig noch ähnliche Wesen wie die von Murger hier beschriebenen begegnen. Kerle wie Schaunard, Marcel, Rudolf und Colline, der unserm toten Dichter Peter Hille zum Verwechseln gleicht, Kerle, die ihre Pfeife, ihren Nasenwärmer, kaum zwischen den Lippen hervorziehen, und deren Möbel aus einer Staffelei und ein paar Rahmen oder einem geborgten Flügel bestehen. Und auch Mädchen wie Louise, wie Mimi und Musette können noch an der Isar wie an der Seine und in Wien an der Donau wachsen, Mädchen, die in Musselin und Druckkattun lustiger als die vornehmen Damen herumspazieren und ihre Jugend wie einen Tag im Lenz genießen, und wenn sie sich von ihrem Geliebten trennen, um solide zu werden, scherzend einen Trauerflor um die Abschiedsflasche binden, die man gemeinsam mit dem nunmehrigen »Freund« auf die herrliche Vergangenheit trinkt. Von dem Dichter der Szenen aus dem Leben der Bohème, von Henri Murger, steht im Konversationslexikon zu lesen, daß er in Paris geboren, in kümmerlichen Verhältnissen dort gelebt habe und am 28. Januar 1861, erst neununddreißig Jahre alt, daselbst gestorben sei. Sie passen gut zu ihm, der die dürftige Glücklichkeit der Bohème besungen hat, diese wenigen Worte, die uns sein ganzes flüchtiges Dasein aufs kürzeste enthüllen. Gerade daß er, der auch die bittere Seite des Bohèmelebens erfahren hat, nicht unter allen Umständen heiter wirken mag, ist noch ein besonderer Vorzug von ihm. Seine Munterkeit hat darum nichts Erquältes und Gezwungenes bekommen. »Ich habe keineswegs geschworen,« sagt er an irgendeiner Stelle, »um jeden Preis Lachen zu erwecken. Die Bohème ist auch nicht alle Tage lustig.« Aber seine Frohnatur und sein goldenes Herz, wie es die Wiener nennen, die alle halbe Bohemiens sind, haben ihm sicherlich zeitlebens auch die Entbehrungen und Enttäuschungen seiner Laufbahn versüßt. Als er begraben wurde, konnten leider um seine Gruft noch nicht die Lieder und Chöre erklingen, die spätere Opernschöpfer wie Massenet, Puccini und andere zu dem Text gemacht haben, den seine heiteren Szenen, ein Fries von fröhlichen Einfällen, ihnen darboten. Musset, in dessen starken Bann Murger nach seinem prächtigen Erstlingswurf der Bohème später geriet, war ihm auch im Sterben bereits vorangegangen und fünf Jahre vor ihm geschieden. Und darum konnte auch der Dichter, der dazu berufen gewesen wäre, an seiner Gruft zu sprechen, ihm nicht die schöne Nachrede halten. Aber Paris, dessen Frühling er so köstlich, und nicht zuletzt in seinen jungen Menschen, hingezeichnet hat, vergalt späterhin dem Toten, was es dem lebenden Murger zu verdanken hatte und was es ihm leider schuldig geblieben war. Man bestellte bei dem zu seiner Zeit berühmtesten Bildhauer Millet ein weibliches Standbild für das noch ungeschmückte Grab Murgers. Und als der Bildner fragte, was dies Grabmal, das man von ihm forderte, darstellen sollte, gab man ihm zur Antwort: »Nichts anderes als Murgers Bohème selber: Die Jugend .« Herbert Eulenberg . I. Wie der Zigeunerbund begründet wurde Eines Morgens, es war am 8. April, wurde Alexander Schaunard, der die beiden freien Künste der Malerei und der Musik pflegte, plötzlich durch das Krähen eines Hahns geweckt, der sich irgendwo in der Nachbarschaft befand und ihm als Uhr diente. »Verflucht!« schrie Schaunard. »Meine gefiederte Uhr geht vor. Es ist doch noch gar nicht möglich, daß es schon heute ist.« Mit diesen Worten sprang er schnell aus einem Möbelstück seiner eigenen Erfindung heraus, das ihm des Nachts als Bett diente (allerdings leider herzlich schlecht) und am Tage die Rolle aller andern Möbel spielte, da diese im letzten Winter infolge der strengen Kälte nach und nach abhanden gekommen waren. Um sich vor der scharfen Morgenluft zu schützen, bekleidete sich Schaunard eiligst mit einem rosaseidenen Unterrock, der mit Flittersternen besät war und ihm als Schlafrock diente. Dieses Prachtstück war eines Nachts nach einem Maskenball von einer Dame bei ihm zurückgelassen worden, die töricht genug gewesen, sich von trügerischen Versprechungen des Künstlers täuschen zu lassen. Im Kostüm des Marquis de Mondor, des berühmten Scharlatans des 17. Jahrhunderts, hatte er in seiner Tasche das verführerische Klingeln von einem Dutzend Silbermünzen hören lassen, aber es war nur aus Blech ausgestanztes Phantasiegeld gewesen und den Requisiten eines Theaters entlehnt. Als der Künstler seine Haustoilette beendet hatte, ging er daran, das Fenster und die Läden zu öffnen. Ein helles Sonnenlicht drang plötzlich ins Zimmer und zwang ihn, die noch vom Schlaf verschleierten Augen weit aufzureißen. In demselben Augenblick schlug es von einem benachbarten Kirchturm fünf Uhr. »Wahrhaftig, die Sonne geht auf«, murmelte Schaunard. »Es ist erstaunlich. Aber trotzdem«, fügte er hinzu, indem er einen an die Wand genagelten Kalender zu Rate zog, »muß hier ein Irrtum vorliegen. Nach den bestimmten Angaben der Wissenschaft darf die Sonne um diese Jahreszeit erst um fünfeinhalb aufgehen. Es ist erst fünf, und schon ist sie da. Ein strafwürdiger Diensteifer! Dieses Gestirn ist im Unrecht, ich werde mich auf dem Bureau der Längengrade beschweren. Trotzdem wäre es Zeit, wenn ich anfinge, mich etwas zu beunruhigen. Es ist heute das Morgen von gestern, und da wir gestern den 7. hatten, so muß es heute, falls nicht Saturn den Krebsgang geht, der 8. April sein. Wenn ich aber dem Inhalt dieses Papieres glauben darf,« fuhr Schaunard fort, indem er einen Räumungsbefehl, den der Gerichtsvollzieher an die Wand geklebt hatte, noch einmal las, »so muß ich bis heute mittag Punkt zwölf Uhr diese Wohnung geräumt und meinem Hauswirt, dem Herrn Bernard, für die rückständige Miete von drei Monaten die Summe von fünfundsiebzig Franken gezahlt haben. Ich habe, wie immer, gehofft, der Zufall würde diese Sache schon irgendwie in Ordnung bringen, aber es scheint mir, der Zufall hat noch nicht die nötige Zeit dazu gehabt. Jedenfalls habe ich noch sechs Stunden vor mir, und wenn ich sie richtig anwende, dann finde ich vielleicht ... Los, los! Auf die Suche!« Er war gerade im Begriff, einen Überzieher anzulegen, dessen Stoff früher einmal langbehaart gewesen, jetzt aber zu einer bejammernswerten Kahlheit angelangt war, als er plötzlich, wie von einer Tarantel gestochen, einen Tanz eigener Komposition auszuführen begann, der ihm schon oft auf öffentlichen Bällen die Ehre eines Hinauswurfs durch die Polizei eingetragen hatte. »Wundervoll!« schrie er. »Es ist doch eigenartig, was für Ideen man des Morgens hat. Ich glaube, mir fällt da etwas Neues für meine Arie ein. Wir wollen sehen!« Und Schaunard setzte sich halbnackt an sein Piano, weckte das schlummernde Instrument durch einen wahren Sturm von Akkorden und begann, laut dabei redend, auf dem Klavier die Melodie zu verfolgen, die er schon lange suchte. » C, g, e, c, a, h, c, d , bumm, bumm. F, d, e, d . O weh, dieses d ist falsch wie Judas,« rief Schaunard und schlug wütend auf die schlecht klingende Taste. »Versuchen wir es in Moll... Es soll den Kummer eines jungen Mädchens wiedergeben, das an einem blauen See ein Gänseblümchen zerrupft. Die Idee ist ja gerade nicht neu. Aber da es jetzt Mode ist und man schwerlich einen Verleger fände, der es wagt, eine Romanze ohne einen blauen See herauszubringen, so muß man schon mitmachen. D, g, e, c, a, h, d . Das klingt schon besser, man kann sich dabei schon ein Gänseblümchen vorstellen, besonders, wenn man in der Botanik sehr bewandert ist. Jetzt aber brauche ich, um den blauen See verständlich zu machen, noch etwas Fließendes, Himmelblaues, etwas wie Mondschein (denn der Mond kommt ja auch in dem Gedicht vor). Halt, so geht's – aber ich darf auch den Schwan nicht vergessen...« Schaunard ließ dabei die kristallklaren Noten der hohen Oktaven ertönen. »Nun folgen die Abschiedsworte des jungen Mädchens,« fuhr er fort, »bevor sie sich in den blauen See stürzt, um sich mit dem Geliebten zu vereinigen, der unter dem Schnee begraben liegt. Die Geschichte ist etwas unklar, aber ganz interessant. Hier müßte man etwas Zartes, Melancholisches anbringen. Halt, so geht es; diese letzten Takte weinen ja wie die Magdalenen, das zerspaltet das Herz, Brr!« unterbrach er sich fröstelnd in seinem mit Sternenflitter besäten Unterrock. »Lieber wäre es mir, es zerspaltete mir etwas Holz! Übrigens in meinem Alkoven befindet sich ein Deckenbalken, der mir sehr lästig ist, wenn ich Gesellschaft darin habe ... ich werde etwas Feuer damit machen, denn ich fühle, daß meine Inspiration zugleich mit einem Schnupfen kommt. Aber was macht das! Fahren wir fort, das junge Mädchen zu ertränken.« Und während Schaunards Finger das bebende Klavier folterten, verfolgte er mit leuchtendem Auge und gespanntem Ohr seine Melodie, die wie eine flüchtige Sylphe inmitten der das Zimmer erfüllenden Klangwolken dahinschwebte. »Jetzt müssen wir aber sehen,« begann Schaunard von neuem, »wie meine Musik zu dem Text meines Dichters paßt.« Und mit einer krächzenden Stimme trällerte er das Bruchstück eines jener Lieder, die eigens für die Operetten und Tanzlokale geschaffen scheinen: Die blonde, junge Schöne Wirft ihren Mantel hin, Zum sternenhellen Himmel Blickt sie mit trübem Sinn. Und in die blauen Fluten Des silberweißen Sees »Wie? Was?« schrie Schaunard plötzlich in wohlberechtigter Entrüstung. »Die blauen Fluten eines silberweißen Sees? So was habe ich wirklich noch nicht gesehn. Die Romantik geht mir denn doch zu weit! Dieser Dichter ist ein richtiger Idiot, der weder Silber noch einen See kennt. Überhaupt ist die ganze Ballade blödsinnig. Das Versmaß geniert mich bei der Musik, und in Zukunft werde ich mir meine Gedichte selbst dichten.« Mit der entsetzlichen Nasalstimme, die ihm eigen war, begann er jetzt von neuem, sein Kunstwerk vorzunehmen, bis er endlich mit dem Ergebnis zufrieden war und sich mit einer Grimasse des Jubels beglückwünschte. Aber diese stolze Glückseligkeit dauerte nicht lange. Elf Uhr schlug es auf dem nahen Kirchturm, und jeder einzelne Schlag verlor sich im Zimmer in spöttischen Tönen, die dem armen Schaunard zuzurufen schienen: Bist du bereit? Der Künstler flog von seinem Stuhl empor. »Die Zeit läuft wie ein gejagter Hirsch«, sagte er. »Es bleiben mir nur noch dreiviertel Stunden, um fünfundsiebzig Franken und eine neue Wohnung zu finden. Ich werde es aber wohl kaum fertig bekommen, dazu gehören Zauberkräfte. Immerhin, ich gebe mir fünf Minuten Zeit zum Suchen!« Damit steckte er den Kopf zwischen seine beiden Knie und versank in die Abgründe des Nachdenkens. Die fünf Minuten vergingen, und Schaunard erhob seinen Kopf, ohne daß er etwas gefunden hatte, was nach fünfundsiebzig Franken aussah. »Es gibt wohl nur eine einzige Möglichkeit, von hier fortzukommen, und die ist, einfach hinauszugehen. Draußen ist schönes Wetter, vielleicht macht mein Freund, der Zufall, gerade einen Spaziergang im Sonnenschein. Er muß mich wirklich irgendwo unterbringen, bis ich Mittel gefunden habe, Herrn Bernard zu befriedigen.« Schaunard stopfte jetzt die kellertiefen Taschen seines Überziehers mit allen möglichen Gegenständen voll, knotete etwas Wäsche in ein seidenes Halstuch und verließ sein Zimmer, nachdem er sich mit einigen Worten von seiner Wohnung verabschiedet hatte. Als er den Hof durchschritt, hielt ihn plötzlich der Portier des Hauses an, der ihn zu erwarten schien. »Sie, Herr Schaunard!« schrie er, indem er dem Künstler den Weg vertrat. »Bedenken Sie denn nicht, daß wir heute den achten haben?« »Acht mal fünf sind vierzig, Wer anders sagt, der irrt sich!« trällerte Schaunard. »Ich denke überhaupt an nichts anderes!« »Sie sind nämlich mit ihrem Ausziehen noch weit zurück«, sagte der Portier. »Es ist halb zwölf, und der neue Mieter, der in Ihre Wohnung einzieht, kann jeden Augenblick eintreffen. Sie müßten sich jetzt wirklich etwas beeilen.« »Dann lassen Sie mich bitte vorbei«, antwortete Schaunard. »Ich werde einen Möbelwagen holen.« »Natürlich, aber bevor Sie ausziehen, ist noch eine kleine Formalität zu erledigen. Ich habe Befehl, Sie kein Haar hinaustragen zu lassen, bevor Sie nicht die drei verfallenen Monatsraten bezahlt haben. Sie haben sich doch darauf eingerichtet?« »Selbstverständlich«, meinte Schaunard und wollte weitergehen. »Wenn Sie dann in meine Loge kommen wollen,« fuhr der Portier fort, »dann kann ich Ihnen Ihre Quittungen geben.« »Ich werde sie mitnehmen, wenn ich zurückkomme.« »Aber warum denn nicht jetzt?« fragte der Portier in dringendem Ton. »Ich gehe in eine Wechselstube ... ich habe kein kleines Geld.« »Ach so«, erwiderte der andere beunruhigt. »Sie holen Wechselgeld? Dann werde ich so lange, um Ihnen gefällig zu sein, das kleine Paket aufbewahren, das Sie unter dem Arm tragen und das Ihnen sicher lästig ist.« »Herr Portier,« sagte Schaunard mit Würde, »sollten Sie vielleicht Mißtrauen gegen mich hegen? Glauben Sie denn, ich schleppe Möbelstücke in einem Halstuch davon?« »Verzeihen Sie, mein Herr«, antwortete der Portier, indem er seine Stimme etwas dämpfte. »Herr Bernard hat mir ausdrücklich befohlen, ich dürfte Sie kein Haar davontragen lassen, bevor Sie nicht bezahlt hätten.« »Aber sehen Sie doch«, sagte Schaunard, indem er sein Bündel öffnete. »Das sind doch keine Haare, das sind meine Hemden. Und ich trage sie zur Wäscherin, die neben dem Wechsler wohnt, keine zwanzig Schritte von hier.« »Das ist etwas anderes«, meinte der Portier, nachdem er sich den Inhalt des Bündels angesehen hatte. »Übrigens, ohne neugierig zu sein, Herr Schaunard, dürfte ich Sie wohl nach Ihrer neuen Adresse fragen?« »Ich wohne Rue de Rivoli«, antwortete kaltblütig der Künstler und ging auf die Straße hinaus, wo er sofort schnellere Schritte einschlug. »Rue de Rivoli«, murmelte der Portier, indem er sich die Nase rieb. »Merkwürdig, daß man ihm auf der vornehmen Rue de Rivoli eine Wohnung vermietet hat, ohne sich vorher hier zu erkundigen. Das ist sehr merkwürdig. Hoffentlich kommt der neue Mieter nicht gerade in dem Augenblick, wenn Herr Schaunard auszieht, das würde einen schönen Spektakel auf meinen Treppen geben. Hallo!« fuhr er fort, indem er durch sein Fensterchen auf die Straße blickte. »Da kommt er ja gerade, mein neuer Mieter.« Tatsächlich betrat ein junger Mann mit einem weißen Hut im Stile Ludwigs XIII. auf dem Kopf den Hausflur. Ihm folgte ein Dienstmann, der nicht gerade unter der Last, die er trug, zusammenbrach. »Mein Herr,« fragte er den Portier, der herausgetreten war, »ist meine Wohnung frei?« »Noch nicht, mein Herr, aber sie wird gleich so weit sein. Der bisherige Mieter holt nur einen Wagen, um auszuziehen. Inzwischen könnte ja der Herr seine Möbel auf den Hof stellen lassen.« »Ich fürchte, es könnte regnen«, antwortete der junge Mann, indem er ruhig an einem Veilchensträußchen kaute, das er zwischen den Zähnen hielt. »Meine Möbel würden dann leiden. Dienstmann,« fügte er hinzu und wandte sich an den Mann, der hinter ihm geblieben war und allerlei Gegenstände trug, deren Natur sich der Portier nicht enträtseln konnte, »stellen Sie das in den Hausflur und holen Sie aus meiner Wohnung, was noch an kostbaren Möbelstücken und Kunstwerken da ist.« Der Dienstmann lehnte mehrere, sechs bis sieben Fuß hohe Rahmengestelle an die Wand, die zusammengeklappt waren, sich aber anscheinend leicht entfalten ließen. »Halt!« sagte der junge Mann zu dem Dienstmann, indem er einen Flügel halb aufschlug und auf einen Riß wies, der sich in der Leinwand befand. »Sehen Sie, was Sie angerichtet haben? Sie haben mir meinen großen venezianischen Spiegel zerschlagen. Auf Ihrem zweiten Gang nehmen Sie sich mehr in acht, besonders mit meiner Bibliothek.« »Was redet er denn von seinem venezianischen Spiegel?« murmelte der Portier, indem er einen unruhigen Blick auf die Rahmengestelle warf, die an der Wand lehnten. »Ich sehe keinen Spiegel. Aber vielleicht scherzt er, es ist ja nur ein Ofenschirm. Nun, wir werden ja sehen, was der Dienstmann beim zweitenmal bringt.« Der junge Mann wollte sich gerade von neuem erkundigen, wann die Wohnung endlich frei würde (denn es war halb eins geworden), als ein Dragoner im Ordonnanzanzug erschien und einen Brief für Herrn Bernard brachte. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie allein lasse«, sagte der Portier zu dem jungen Mann, der ungeduldig auf dem Hof auf und ab ging. »Aber hier ist ein Brief aus dem Ministerium für Herrn Bernard, den Hausbesitzer, und ich muß ihn hinaufbringen.« Herr Bernard war, als der Portier bei ihm eintrat, gerade dabei, sich zu rasieren. »Was wollen Sie, Durant?« »Herr Bernard, eine Ordonnanz hat diesen Brief für Sie gebracht. Er kommt aus dem Ministerium.« Und er hielt dem Hausherrn den mit Siegel des Kriegsministeriums verschlossenen Brief hin. »O mein Gott!« hauchte Herr Bernard so bewegt, daß er sich beinahe geschnitten hätte. »Aus dem Kriegsministerium! Sicherlich ist das meine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion, nach der ich schon so lange strebe. Endlich wird meine gute Gesinnung anerkannt. Hier, Durand,« fuhr er fort, indem er in seiner Westentasche herumwühlte, »hier sind fünf Franken, die Sie auf meine Gesundheit vertrinken können. Doch, halt, ich habe gerade kein Geld in der Tasche, ich werde sie Ihnen sogleich geben. Warten Sie!« Der Portier war so verblüfft über diesen unheimlichen Anfall von Großmut, den er bei seinem Hauseigentümer nicht gewohnt war, daß er sich verwirrt seine Mütze über den Kopf stülpte. Aber Herr Bernard, der sonst einen solchen Verstoß gegen die Gesetze der sozialen Ordnung streng gerügt hätte, schien es gar nicht zu bemerken. Er setzte sich die Brille auf, und mit der ehrfurchtsvollen Ergriffenheit eines Veziers, der einen Firman des Sultans empfängt, begann er das Schreiben durchzulesen. Aber schon bei den ersten Zeilen grub eine fürchterliche Grimasse dunkelrote Falten in sein fettes Mönchsgesicht, und seine kleinen Augen schleuderten Blitze, die fast die Locken seiner struppigen Perücke in Brand gesetzt hätten. Schließlich zeigten alle seine Züge eine solche Verwirrung, als sei ein Erdbeben über sein Gesicht gegangen. Der Inhalt des Schreibens aber, das auf einem Briefbogen mit dem Vordruck des Kriegsministeriums stand und von einem Dragoner als Eilboten gebracht worden war, lautete folgendermaßen: »Geehrter Herr und Hausbesitzer! Die Höflichkeit, die, wenn man der Mythologie glauben darf, die Mutter der guten Sitten ist, zwingt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich leider nicht in der Lage bin, meine Miete zu bezahlen. Bis heute früh hatte ich mich in der Hoffnung gewiegt, zur Feier dieses schönen Tages die drei fälligen Mietquittungen berichtigen zu können. Es war eine Schimäre, ein Traum, eine Illusion! Während ich in friedlicher Sicherheit schlummerte, hat das Pech, auf griechisch Ananke, alle meine Hoffnungen vernichtet. Die Zahlungen, auf deren Eingang ich rechnete (mein Gott, was haben wir für schlechte Zeiten!), sind nicht eingetroffen, und von ganz beträchtlichen Summen, die man mir schuldet, habe ich erst drei Franken erhalten. Ich lieh sie mir und will sie Ihnen nicht erst anbieten. Aber zweifeln Sie nicht, mein Herr, es werden auch wieder bessere Tage für unser schönes Frankreich und für mich kommen. Sobald sie uns erstrahlen werden, eile ich auf Flügeln zu Ihnen, um es Ihnen mitzuteilen und die kostbaren Gegenstände abzuholen, die ich zurückgelassen habe. Inzwischen überlasse ich sie Ihrer Obhut und der des Gesetzes, das Ihnen vor Ablauf eines Jahres verbietet, sie zu verkaufen, falls Sie etwa versucht sein sollten, sich in den Besitz der Summe zu setzen, die Ihnen im Register meiner Ehrlichkeit gutgeschrieben ist. Vor allem empfehle ich Ihrer Fürsorge mein Klavier und den großen Rahmen mit den sechzig Haarlocken, deren verschiedene Farben die ganze Skala aller möglichen Haararten durchlaufen. Das Skalpell Amors hat sie von der Stirn der Grazien abgeschnitten. Sie können demnach, geehrter Herr und Hausbesitzer, über das Deckgetäfel, unter dem ich gewohnt habe, verfügen. Ich gewähre Ihnen meine Erlaubnis, die ich mit eigenhändiger Unterschrift bestätige. Alexander Schaunard.« Als Herr Bernard den Brief gelesen hatte, den der Künstler im Bureau eines seiner Freunde geschrieben, der im Kriegsministerium angestellt war, zerknitterte er ihn voller Entrüstung, und da nun sein Blick auf den Vater Durand fiel, der auf das versprochene Trinkgeld wartete, fragte er ihn barsch, was er eigentlich noch wolle. »Ich warte, Herr Bernard.« »Auf was?« »Aber Herr Bernard waren doch so gütig ... in Anbetracht der guten Nachricht ...« stammelte der Portier. »Scheren Sie sich hinaus! Was, Sie Schlingel, Sie behalten hier im Zimmer die Mütze auf dem Kopf?« »Aber, Herr Bernard ...« »Gehen Sie, keine Widerrede! Hinaus! Oder nein, warten Sie lieber. Wir wollen uns das Zimmer dieses Lumpen von einem Künstler ansehen, der auszieht, ohne mich zu bezahlen.« »Aber Herr Schaunard ist doch noch gar nicht ausgezogen«, stammelte der arme Portier. »Er holt sich nur Geld, um Sie zu bezahlen, und bringt einen Wagen mit, der seine Möbel fortschafft.« »Der die Möbel fortschafft?« schrie Herr Bernard. »Laufen Sie, er ist jetzt sicher dabei. Er hat Ihnen eine Falle gestellt, um Sie aus der Loge herauszubringen, Sie Dummkopf!« Als sie auf dem Hof anlangten, wurde der Portier von dem jungen Mann im weißen Hut angehalten. »Ah, da sind Sie ja, Portier!« schrie er. »Kann ich denn nun endlich in meine Wohnung einziehen? Ist heute der 8. April? Habe ich hier nicht gemietet, habe ich Ihnen nicht eine Anzahlung gegeben? Ja oder nein?« »Verzeihung, mein Herr«, sagte der Hauseigentümer. »Mein Portier wird die Sachen, die in der Wohnung zurückgeblieben sind, in den Keller bringen, und in einer halben Stunde können Sie einziehen. Übrigens haben Sie ja Ihre Möbel noch nicht hier.« »Bitte sehr«, antwortete der junge Mann, indem er seine Rahmen auseinanderklappte und dem verblüfften Hausbesitzer die prachtvolle Innenansicht eines Palastes mit Jaspissäulen, Basreliefs und Gemälden berühmter Meister zeigte. »Ja, aber Ihre Möbel?« fragte Herr Bernard. »Das sind sie doch!« antwortete der junge Mann und wies auf das prunkvolle Mobiliar des gemalten Palastes. Er hatte es soeben bei einer Versteigerung der Dekorationen eines Privattheaters erstanden. »Mein Herr,« erwiderte der Hauseigentümer, »ich möchte doch annehmen, daß Sie echtere Möbel als diese haben.« »Aber sie sind echt Rokoko.« »Ich muß doch eine Garantie für meine Miete haben!« »Zum Teufel, ein Palast genügt Ihnen nicht als Sicherheit für die Miete einer Dachwohnung?« »Nein, mein Herr, ich will Möbel, wirkliche Möbel aus Mahagoniholz!« »Ach, geehrter Herr, weder Gold noch Mahagoni machen uns wahrhaft glücklich, wie ein alter Weiser sagt. Und dann kann ich es auch nicht leiden, es ist direkt ekelhaft, alle Welt hat Mahagoni.« »Aber, mein Herr, Sie müssen doch schließlich irgendwelches Mobiliar haben?« »Nein, das nimmt mir den ganzen Platz in meiner Wohnung fort. Und wenn überall Stühle herumstehen, dann weiß man gar nicht mehr, wohin man sich setzen soll.« »Aber Sie haben doch wenigstens ein Bett! Worauf schlafen Sie denn?« »Auf meinem guten Gewissen.« In diesem Augenblick kam der Dienstmann des jungen Mannes von seinem zweiten Gang zurück und betrat den Hof. Unter den Gegenständen, mit denen er bepackt war, befand sich auch eine Staffelei. »O Herr Bernard!« rief der Vater Durand erschreckt und wies auf die Staffelei. »Es ist ein Maler!« »Ein Künstler! Ich hab' es geahnt!« rief jetzt auch Herr Bernard, und die Haare seiner Perücke sträubten sich vor Entsetzen. »Ein Maler! Aber warum haben Sie denn über den Herrn keine Erkundigung eingezogen?« fuhr er fort, indem er sich an den Portier wandte. »Sie kannten also gar nicht seinen Beruf?« »Du lieber Himmel«, antwortete der arme Mann. »Er hat mir doch fünf Franken angezahlt. Wie konnte ich da so was ahnen?« »Wenn Sie mit Ihrer Auseinandersetzung fertig sind ...« begann nun wieder der junge Mann. »Mein Herr,« fiel ihm Herr Bernard ins Wort und rückte sich entschlossen die Brille zurecht, »da Sie keine Möbel haben, können Sie auch nicht einziehen. Das Gesetz berechtigt mich, einen Mieter zurückzuweisen, der keine Garantien gibt.« »Genügt Ihnen mein Wort nicht?« fragte der Künstler mit Würde. »Es ersetzt nur nicht die Möbel ... suchen Sie sich eine andere Wohnung. Übrigens«, fügte er hinzu, da ihm ein plötzlicher Gedanke kam, »könnte ich Ihnen ja das betreffende Zimmer auch möbliert vermieten, indem ich die Möbel Ihres Vorgängers darin lasse. Aber Sie wissen wohl, daß man hierbei vorausbezahlt.« »Es kommt darauf an, was Sie dann für die Rumpelkammer verlangen!« meinte der Künstler. »Die Wohnung wird Ihnen sehr gefallen. Den Mietpreis würde ich Ihnen in Anbetracht der Umstände auf fünfundzwanzig Franken festsetzen.« »Schön«, sagte der junge Mann, indem er in seine Tasche griff. »Können Sie auf fünfhundert Franken herausgeben?« »Auf wieviel sagten Sie?« fragte der Hausbesitzer verblüfft. »Auf die Hälfte von tausend! Haben Sie soviel Geld noch nie gesehen?« fuhr der junge Mann fort und hielt dem Hausbesitzer und dem Portier den Schein vor die Nase, so daß sie fast auf den Rücken fielen. »Ich werde Ihnen herausgeben lassen«, erwiderte Herr Bernard respektvoll. »Es sind übrigens nur zwanzig Franken, denn Durand wird Ihnen die Anzahlung zurückgeben.« »Die kann er behalten,« sagte der Künstler, »aber unter der Bedingung, daß er mir jeden Morgen den Wochentag, das Monatsdatum, das Mondviertel, das voraussichtliche Wetter und die Regierungsform, unter der wir leben, ansagt.« »O mein Herr«, schrie der Vater Durand und machte eine Verbeugung von neunzig Grad. »Schon gut, Alter, Sie werden also mein Kalender sein. Inzwischen zeigen Sie nur dem Dienstmann den Weg, damit ich einziehen kann.« »Und ich werde Ihnen Ihre Quittung schicken«, sagte der Hauseigentümer. So bezog also der neue Mieter des Herrn Bernard, der Maler Marcel, die Wohnung des durchgebrannten Schaunards, nachdem er sie in einen Palast umgewandelt hatte. Inzwischen befand sich dieser besagte Schaunard in den Straßen von Paris auf der Geldsuche. Schaunard hatte das Pumpen zur Höhe einer Kunst erhoben. Für den Fall, daß er einmal Ausländer anzapfen müßte, hatte er die zum Entleihen von fünf Franken nötigen Phrasen in allen Sprachen der Welt auswendig gelernt. Er hatte das ganze Repertoire der Listen studiert, die das Silber anwendet, um denen zu entgehen, die es am hitzigsten verfolgen, und weit besser, als ein Lotse die Stunden von Ebbe und Flut kennt, kannte er die Zeiten, in denen bei seinen Freunden und Bekannten Geld einzukommen pflegte. Daher gab es Häuser, wo man, wenn man ihn des Morgens eintreten sah, nicht sagte: »Da kommt Herr Schaunard!« sondern: »Da kommt der 1. oder der 15. des Monats!« Um nun die Eintreibung dieses Tributs leichter und regelmäßiger zu gestalten, hatte sich Schaunard eine nach Stadtvierteln abgeteilte Liste aller seiner Freunde und Bekannten angelegt. Vor jedem Namen stand das Maximum der Summe, die man nach ihrem Vermögenszustand von ihnen entleihen konnte, die Zeiten, da sie bei Gelde waren, die Stunde ihrer Mahlzeit und der gewöhnliche Küchenzettel. Außer diesem Verzeichnis besaß Schaunard noch eine vollkommen geordnete Buchführung über alle, auch über die kleinsten Beträge, die ihm geliehen waren, denn er wollte sich nicht höher als bis zu einer bestimmten Summe belasten, die durch die regelmäßigen Zuwendungen seines normannischen Erbonkels begrenzt war. Sobald Schaunard also jemand zwanzig Franken schuldete, schloß er dessen Konto ab und bezahlte es ohne weiteres auf einen Schlag, selbst wenn er gezwungen war, sich das Geld von andern zu leihen, denen er weniger schuldete. Auf diese Art erhielt er sich immer einen gewissen Kredit, den er seine schwebende Schuld nannte, und da man wußte, daß er alles zurückzahlte, sobald seine Verhältnisse es ihm gestatteten, half man ihm gern aus, wenn man konnte. Seit er nun also um elf Uhr von Hause fortgegangen war, um die notwendigen fünfundsiebzig Franken aufzutreiben, hatte er gerade fünf Franken zusammengebracht, dank den Buchstaben M, V und R seiner famosen Liste. Der ganze übrige Teil des Alphabets hatte selbst Miete zu bezahlen und daher seine Bitte abgeschlagen. Um sechs Uhr zeigte die Uhr seines Magens durch ein heftiges Hungergefühl an, daß es Zeit zum Essen war. Er befand sich gerade am Mainetor, wo der Buchstabe U wohnte. Schaunard ging also zu U, wo für ihn immer gedeckt war, wenn es überhaupt was zu essen gab. »Wo wollen Sie hin?« fragte ihn der Portier, der ihn im Gang anhielt. »Zu Herrn U...«, antwortete der Künstler. »Er ist nicht da.« »Und seine Frau?« »Ist ebenfalls nicht da. Sie haben mich beauftragt, einem ihrer Freunde, der heute abend zu ihnen kommen wollte, zu sagen, daß sie in der Stadt essen. Hier ist die Adresse, die sie zurückgelassen haben.« Damit hielt er Schaunard ein Stück Papier hin, auf dem stand: »Wir essen bei Schaunard, Rue ... Nr. ...; komm auch hin!« »Merkwürdig,« sagte der, von dem auf dem Zettel die Rede war, im Weitergehen, »was der Zufall doch für komische Verwicklungen herbeiführt.« Schaunard erinnerte sich jetzt, daß ganz in der Nähe eine kleine Kneipe lag, wo er zwei- oder dreimal gar nicht teuer gegessen hatte. Es war eine in den niederen Klassen des Zigeunertums unter dem Namen der Mutter Cadet bekannte Speisewirtschaft. Die Kundschaft bestand meist aus Fuhrleuten der Landstraße nach Orleans, Anfängerinnen vom Montparnasse und jungen Liebhabern des Bobinotheaters. In der schönen Jahreszeit stellten sich auch die Farbenklexer der zahlreichen Ateliers ein, die in der Nähe des Luxembourg wohnten, ferner die Verfasser von ungedruckten Büchern, die Mitarbeiter untergeordneter Zeitungen. Sie alle kamen in Scharen, um bei der Mutter Cadet zu speisen, die berühmt war wegen ihrer Kaninchenfrikassees, ihres echten Sauerkrauts und eines billigen Weißweins. Schaunard nahm im Garten Platz, so nannte man nämlich bei der Mutter Cadet das Grün zweier oder dreier rachitischer Bäume, die mit ihren Blättern ein spärliches Laubdach bildeten. »Dann hilft es nichts«, sagte sich Schaunard. »Jedenfalls werde ich jetzt einmal gehörig schwelgen.« Und ohne sich lange zu bedenken, bestellte er eine Suppe, eine halbe Sauerkraut und zwei halbe Kaninchenfrikassee, denn er hatte wohl bemerkt, daß er bei halben Portionen im Verhältnis mehr bekam. Die Bestellung einer solchen Speisenfolge zog ihm die Aufmerksamkeit einer jungen, weiß gekleideten Dame zu. Sie trug Orangenblüten in den Haaren, Ballschuhe und einen mehr als mutierten Spitzenschleier auf den mageren Schultern. Es war eine Sängerin vom Theater Montparnasse, dessen Kulissenausgänge direkt in die Küche der Mutter Cadet führten. Sie war während einer Pause der ›Lucia‹ schnell zum Essen herübergekommen und beendete jetzt mit einer kleinen Tasse Kaffee ein Diner, das ausschließlich aus einer Artischocke in Öl und Essig bestand. »Zwei Kaninchenfrikassees, Donnerwetter!« sagte sie ganz leise zu dem bedienenden Mädchen. »Der junge Mann lebt nicht schlecht. Was habe ich zu zahlen, Adele?« »Vier Sous die Artischocke, vier die halbe Tasse und einen Sou das Brot. Also zusammen neun Sous.« »Hier!« sagte die Sängerin und ging hinaus, wobei sie trällerte: »Die Liebe, die mir Gott gegeben!« »Sieh einer an, die Donna beschenkt uns mit dem hohen › A ‹, sagte in diesem Augenblick eine geheimnisvolle Persönlichkeit, die an demselben Tische wie Schaunard saß und hinter einem Wall von alten Büchern halbversteckt war. »Sie beschenkt uns?« wiederholte Schaunard. »Ich glaube eher, sie hat es bei sich behalten. Wie sollte sie auch, wenn sie ihre Kehle so in Essig badet.« Damit wies er auf den Teller hin, aus dem Lucia von Lammermoor ihre Artischocke gegessen hatte. »Der Essig hier ist allerdings scharf«, fügte der andere hinzu. »Die Stadt Orleans stellt eine Sorte her, die sich mit Recht eines guten Rufes erfreut.« Schaunard betrachtete aufmerksam den Herrn, der ihn offenbar in ein Gespräch zu verwickeln suchte. Der ruhige Blick seiner großen blauen Augen, die immer nach etwas zu suchen schienen, gab seinem Gesichtsausdruck den Charakter friedlichen Behagens, wie man ihn bei Zöglingen eines Priesterseminars findet. Die Farbe des Gesichts war die eines alten Elfenbeins, nur auf den Wangen hatte er ziegelrote Tupfen. Der unregelmäßig gezeichnete Mund mit den aufgeworfenen Negerlippen ließ Zähne sehen, die für einen Jagdhund passend gewesen wären, und sein Kinn ruhte mit zwei Falten auf einer weißen Halsbinde, die eine Spitze zum Himmel emporsandte, während die andere aussah, als wollte sie sich in die Erde bohren. Unter einem abgetragenen Filzhut mit erstaunlich breitem Rand flossen seine Haare in blonden Wellen herab. Bekleidet war er mit einem nußbraunen Pelerinenmantel, dessen fadenscheiniger Stoff rauh wie eine Raspel war. Aus den klaffenden Taschen dieses Mantels schauten Zeitungen und Broschüren. Ohne sich um die Musterung, der er unterworfen wurde, zu bekümmern, verzehrte er eine Portion garniertes Sauerkraut und gab von Zeit zu Zeit laut seiner Befriedigung Ausdruck. Während er aß, las er zugleich in einem alten Buch und schrieb dann und wann mit einem Bleistift, den er hinter dem Ohr trug, Notizen hinein. »He!« schrie Schaunard plötzlich und schlug mit dem Messer an sein Glas. »Wo bleibt denn mein Kaninchenfrikassee?« »Es ist keins mehr da«, antwortete das Mädchen, das mit einer Schüssel herbeikam. »Dies ist das letzte, und der Herr hier hat es bestellt«, fügte sie hinzu, indem sie die Schüssel vor den Mann mit den Büchern hinstellte. »Verflucht!« rief Schaunard aus, und in diesem ›Verflucht‹ lag so viel melancholische Enttäuschung, daß der Mann mit den Büchern davon innerlich gerührt wurde. Er stellte den Bücherwall, der sich zwischen ihm und Schaunard erhob, zur Seite, schob die Schüssel bis zur Mitte des Tisches und sagte in sanftester Tonart: »Darf ich Sie bitten, dieses Gericht mit mir zu teilen?« »Aber ich will Sie doch nicht berauben«, antwortete Schaunard. »Sie wollen mich also des Vergnügens berauben, Ihnen gefällig zu sein?« »Na, in diesem Falle ...«, sagte Schaunard und schob seinen Teller heran. »Gestatten Sie mir, Ihnen nicht den Kopf anzubieten«, sagte der Fremde. »O mein Herr,« rief Schaunard, »Sie sind zu gütig, das kann ich nicht annehmen.« Aber als er seinen Teller zurückzog, bemerkte er, daß der Fremde ihm doch den Kopf gegeben hatte! »Verflucht«, brummte Schaunard in sich hinein. »Wozu spielt er denn erst den Höflichen?« »Obgleich der Kopf der edelste Teil des Menschen ist,« fuhr der Fremde fort, »schmeckt er doch am wenigsten beim Kaninchen. Und es gibt viele Leute, die ihn gar nicht essen können. Bei mir ist es anders, ich esse den Kopf sehr gern.« »Dann bedaure ich aber sehr,« sagte Schaunard, »daß Sie sich meinetwegen dieses Vergnügens beraubt haben.« »Wieso?« fragte der Mann mit den Büchern. »Verzeihen Sie, aber ich habe den Kopf behalten, und ich möchte sogar bemerken, daß er ...« »Gestatten Sie«, sagte Schaunard, indem er ihm seinen Teller vor die Nase hielt. »Was ist das für ein Stück?« »Gerechter Himmel! Was sehe ich? O ihr Götter! Noch ein Kopf! Das ist ein bicephales Kaninchen!« schrie der Fremde. »Ein bice ...« fragte Schaunard. »... phales. Das Wort ist griechisch. Tatsächlich hat der gelehrte Buffon, der allerdings etwas aufschnitt, solche merkwürdigen Exemplare beschrieben. Und nun bin ich wirklich stolz, daß ich eine solche Seltenheit gegessen habe.« Dank diesem Zwischenfall kam jetzt die Unterhaltung in Fluß. Schaunard wollte nicht an Lebensart zurückbleiben und bestellte noch einen Liter Wein. Der Mann mit den Büchern ließ ebenfalls noch eine Flasche kommen. Schaunard spendierte Salat, der Mann mit den Büchern Dessert. Schließlich standen um acht Uhr sechs leere Flaschen auf dem Tisch. Angeregt von dem Genuß des billigen Rotweins hatten sie einer dem andern ihre Lebensumstände erzählt, so daß sie sich schon kannten, als wären sie immer beisammen gewesen. Der Mann mit den Büchern hieß Gustav Colline. Er war von Beruf Gelehrter und lebte von Unterrichtsstunden in der Mathematik, Logik, Botanik und mehreren anderen Wissenschaften auf ›ik‹. Das wenige Geld, das Colline mit diesem Stundengeben verdiente, verwandte er hauptsächlich zum Ankauf von alten Büchern. Sein brauner Mantel war bei allen Besitzern von Bücherkarren, die am Kai vom Pont de la Concorde bis zum Pont Saint Michel standen, wohlbekannt. Was er eigentlich mit den zahlreichen Büchern machte, die durchzulesen ein Menschenleben nicht gereicht hätte, das wußte niemand, und er wußte es auch nicht. Aber die Gewohnheit, Bücher zu kaufen, war bei ihm zu einer Leidenschaft geworden, und wenn er einmal des Abends nach Hause kam, ohne einen neuen Schmöker mitgebracht zu haben, dann pflegte er mit Titus zu sagen: »Ich habe einen Tag verloren.« Sein gewinnendes Wesen und seine Sprache, die alle Stilarten durcheinandermischte, seine entsetzlichen Kalauer, mit denen er die Unterhaltung würzte, hatten Schaunard erobert, und er bat Colline sofort um Erlaubnis, seinen Namen in seine berühmte Pumpliste einzutragen. Um neun Uhr abends verließen sie, alle beide ziemlich angeheitert, die Schenke der Mutter Cadet, und man sah es ihrem Gang an, daß sie gehörig in die Flasche geschaut hatten. Colline lud Schaunard zum Kaffee ein, und dieser nahm das an unter der Bedingung, daß er den Likör bestelle. So traten sie in ein Café, das in der Rue Saint Germain l'Auxerrois lag und das Bild des Momus, des Gottes des lustigen Lachens, als Wahrzeichen trug. Als sie das Lokal betraten, waren gerade zwei Stammgäste in eine sehr lebhafte Auseinandersetzung geraten. Der eine war ein junger Mann, dessen Gesicht fast ganz bedeckt war mit den dichten Haaren eines mehrfarbigen Bartes. Im Gegensatz zu der Überfülle von Barthaar war seine Stirn durch eine frühzeitige Kahlheit ganz blank geworden und sah aus wie eine Kniescheibe. Der schwarze Rock, den er trug, war an den Ellbogen ziemlich abgeschabt, und wenn er die Arme zu sehr hob, dann sah man am Ansatz der Ärmel Löcher, die offenbar als Ventilatoren dienten. Seine Hose war vielleicht früher einmal schwarz gewesen, und seine Stiefel, von denen man sich nicht vorstellen konnte, daß sie jemals neu gewesen, sahen aus, als hätte der ewige Jude darin schon ein paarmal die Welt umwandert. Schaunard fiel auf, daß sein Freund Colline und der junge Mann mit dem Riesenbart sich grüßten. »Sie kennen diesen Herrn?« fragte er den Philosophen. »Ganz und gar nicht«, antwortete dieser. »Ich sehe ihn nur manchmal auf der Bibliothek. Ich glaube, er ist ein Literat.« »Wenigstens sieht er so aus«, antwortete Schaunard. Die Persönlichkeit, mit der der junge Mann sich stritt, war ein Individuum von etwa vierzig Jahren, das sicherlich, wie man an seinem dicken, unmittelbar aus den Schultern hervorwachsenden Kopf sah, bestimmt war, einmal am Schlagfluß zu sterben. Auf seiner niedrigen Stirn, die mit einem kleinen, schwarzen Käppchen bedeckt war, stand seine Borniertheit in großen Lettern geschrieben. Er nannte sich Mouton und war Beamter vom vierten Stadtbezirk, wo er das Sterberegister führte. »Herr Rudolf,« schrie er mit einer Eunuchenstimme, indem er den jungen Mann an einem Rockknopf zog, »soll ich Ihnen meine Meinung sagen? Die ganzen Zeitungen taugen nichts. Nehmen Sie einmal an: ich bin Familienvater ... Nicht wahr? Ich gehe ins Café, um meine Partie Domino zu spielen. Sie können mir doch folgen?« »Weiter, weiter«, sagte Rudolf. »Nun gut«, fuhr der Vater Mouton fort und schlug bei jedem Wort auf den Tisch, daß die Flaschen und die Gläser tanzten. »Nun gut, ich lese die Zeitungen – schön! Was sehe ich? Die eine findet weiß, was die andere schwarz nennt, und beide quatschen – Aber was habe ich davon? Ich bin ein guter Familienvater, der hierherkommt ...« »Um Domino zu spielen«, ergänzte ihn Rudolf. »Jeden Abend«, fuhr Herr Mouton fort. »Nun gut, nehmen Sie einmal an: Sie verstehen mich doch?« »Ausgezeichnet!« sagte Rudolf. »Also ich lese einen Artikel, der nicht meiner Meinung ist. Das macht mich zornig, ich verzehre mich vor Wut, denn, sehen Sie, Herr Rudolf, alle Journalisten sind Lügner, Verbrecher ...« »Immerhin, Herr Mouton ...« »Jawohl, Verbrecher!« brüllte der Beamte weiter. »Sie haben immer nur Unheil angerichtet. Sie sind an der Revolution schuld, was man ja auch an Murat sieht.« »Verzeihung,« sagte Rudolf, »Sie meinen Marat.« »Aber nein,« fuhr Herr Mouton fort, »Murat. Ich war doch bei seinem Begräbnis, als ich noch klein war, und im Zirkus hat man doch neulich ein Stück über ihn aufgeführt!« »Ja, das war allerdings Murat!« gab Rudolf zu. »Aber, das predige ich Ihnen ja seit einer Stunde!« schrie der hartnäckige Mouton. »War es vielleicht nicht recht, daß ihn die Bourbonen gouillotinieren ließen, nachdem er sie verraten hatte?« »Wie? Guillotiniert? Verraten? Wen meinen Sie?« fragte jetzt Rudolf. »Nun, Marat!« »Aber nein, Herr Mouton, Sie sprachen doch von Murat! Verstehen Sie mich?« »Natürlich. Dieser Marat war ein Schurke, er hat auch 1795 den Kaiser verraten. Deshalb sage ich ja, daß alle Zeitungen dieselben sind. Schwindler, Lügner sind sie!« »Das ist klar«, sagte einer der Stammgäste und zog Herrn Mouton wieder zu den Dominosteinen zurück, damit er die unterbrochene Partie fortsetze. »Dem habe ich den Standpunkt klargemacht«, sagte Herr Mouton und wies auf Rudolf, der wieder an seinen Tisch zurückkehrte, wo inzwischen auch Schaunard und Colline Platz genommen hatten. »Was für ein Esel!« sagte der Literat zu den beiden jungen Leuten und wies auf den Beamten. »Er hat einen famosen Kopf mit seinen Augenbrauen, die wie Droschkenverdecke sind, und seinen gequollenen Kalbsaugen«, meinte Schaunard und zog eine wundervoll angerauchte kurze Pfeife aus der Tasche. »Wahrhaftig,« sagte Rudolf, »Sie haben da eine sehr schöne Pfeife.« »Oh, ich habe noch eine schönere, die ich mitnehme, wenn ich in elegante Gesellschaft gehe«, erwiderte Schaunard gleichgültig. »Geben Sie mir doch etwas Tabak, Colline.« »Halt!« schrie der Philosoph. »Ich habe keinen mehr.« »Gestatten Sie mir, Ihnen etwas anzubieten«, sagte Rudolf und zog aus seiner Tasche ein Paket mit Tabak, das er auf den Tisch stellte. Diese Liebenswürdigkeit veranlaßte Colline, sich mit einer Runde zu revanchieren. Rudolf nahm an, und die Unterhaltung ging jetzt auf die Literatur über. Als die beiden Freunde Rudolf nach seinem Beruf fragten, den er allerdings schon durch seine Kleidung verriet, gestand er seine Beziehungen zu den Musen ein und ließ zugleich eine zweite Runde kommen. Der Kellner wollte mit der Flasche wieder fortgehen, aber Schaunard bat ihn, sie nur auf dem Tisch stehen zu lassen. Er hatte nämlich in einer der Taschen Collines das Klirren von zwei Fünffrankstücken gehört. Rudolf, der bald ebenso berauscht war wie die beiden andern, erzählte ihnen nun ebenfalls seine Lebensumstände. Sie hätten zweifellos die ganze Nacht im Café verbracht, wenn man sie nicht aufgefordert hätte, nun endlich nach Hause zu gehen. Aber kaum befanden sie sich zehn Schritte von dem Lokal entfernt (sie brauchten dafür eine Viertelstunde), da brach ein wolkenbruchartiger Regen aus. Colline und Rudolf wohnten an den beiden entgegengesetzten Enden von Paris, der eine auf der Ile Saint Louis, der andere am Montmartre. Schaunard, der vollkommen vergessen hatte, daß er keine Wohnung mehr besaß, bot ihnen an, bei ihm zu logieren. »Kommen Sie nur zu mir«, sagte er. »Ich wohne ganz in der Nähe. Wir verbringen die Nacht, indem wir uns über Literatur und Kunst unterhalten.« »Du kannst uns etwas vorspielen, und Rudolf wird seine Verse vortragen«, sagte Colline. »Wahrhaftig, wir müssen lustig sein«, fügte Schaunard hinzu. »Man lebt nur einmal auf der Welt.« Vor seinem Hause angekommen, hatte Schaunard einige Schwierigkeit, es wiederzuerkennen, und er setzte sich einen Augenblick auf die Bordschwelle, um auf Rudolf und Colline zu warten, die in eine noch geöffnete Weinwirtschaft eingetreten waren, um dort die Grundlage zu einem gehörigen Nachtessen zu erstehen. Als sie dann kamen, klopfte Schaunard mehrere Male an die Tür, denn er erinnerte sich unbestimmt, daß der Portier ihn meistens warten ließ. Endlich öffnete sich die Tür, und der Vater Durand, der noch halb von den Wonnen des ersten Schlafs umfangen war, dachte gar nicht daran, daß Schaunard nicht mehr sein Mieter war, und nahm es gleichmütig hin, als dieser ihm seinen Namen durchs Fensterchen zurief. Als sie alle drei die hohe Treppe erstiegen hatten – ein Unternehmen, das ebenso langwierig wie schwierig war –, stieß Schaunard, der an der Spitze marschierte, einen Ruf des Erstaunens aus, als er sah, daß schon sein Schlüssel in der Tür zu seinem Zimmer steckte. »Was ist los?« fragte Rudolf. »Ich verstehe das nicht«, murmelte der andere. »Mein Schlüssel, den ich heute früh mitgenommen habe, steckt hier in der Tür. Ich hatte ihn doch in meine Tasche gesteckt. Wahrhaftig, hier ist er ja!« rief er und zeigte den Schlüssel. »Das ist Zauberei!« »Hexenwerk«, sagte Colline. »Halluzination«, fügte Rudolf hinzu. »Halt!« fuhr Schaunard fort, und in seiner Stimme verriet sich etwas wie beginnende Angst. »Hören Sie das?« »Was?« »Was?« »Mein Klavier, es spielt ganz von selbst. Dieses verfluchte d , es klingt immer falsch!« »Aber das ist sicher nicht bei Ihnen«, sagte Rudolf zu ihm, und indem er sich zu Colline hinwandte, flüsterte er diesem ins Ohr: »Er ist betrunken!« »Natürlich! Außerdem ist es kein Klavier, sondern eine Flöte.« »Ach was, Sie sind ja selber betrunken, mein Lieber«, antwortete der Dichter dem Philosophen, der sich auf den Boden gesetzt hatte. »Es ist eine Geige.« »Eine Gei ... Pah! Hör' doch, Schaunard«, stammelte Colline, indem er seinen Freund an den Beinen zog. »Die Sache ist gut! Dieser Mann behauptet, es sei eine Gei ...« »Donnerwetter!« schrie Schaunard, dessen Verblüffung noch immer gestiegen war. »Mein Klavier spielt noch immer, das ist wirklich Zauberei!« »Hexen ... werk!« heulte Colline und ließ eine der Flaschen fallen, die er in der Hand trug. »Halluzination!« brüllte jetzt Rudolf. Mitten in diesem furchtbaren Lärm öffnete sich plötzlich die Tür des Zimmers, und auf der Schwelle erschien ein Herr mit einem dreiarmigen Leuchter, auf dem rosafarbene Kerzen brannten. »Was wünschen Sie, meine Herren?« fragte er, indem er höflich die drei Freunde grüßte. »Himmel, was habe ich gemacht?« rief Schaunard. »Ich bin falsch gegangen, hier wohne ich ja gar nicht.« »Verzeihen Sie«, fügten Colline und Rudolf, zu dem Fremden gewendet, hinzu. »Er ist voll wie eine Strandkanone.« Aber plötzlich klärten sich die Nebel in Schaunards Kopf auf, denn er las auf seiner Tür die mit Kreide angeschriebenen Worte: »Ich war dreimal hier und wollte mein Neujahrsgeschenk holen. Euphemia.« »Aber gewiß bin ich hier zu Hause«, schrie er jetzt. »Das ist doch die Visitenkarte, die Euphemia am Neujahrstag bei mir abgegeben hat. Dies ist meine Tür.« »Mein Gott,« sagte Rudolf, »ich bin ganz verwirrt von dem allen.« »Glauben Sie, verehrter Herr,« fügte Colline bei, »die Verwirrung meines Freundes muß mich angesteckt haben.« Der Fremde konnte sich nicht enthalten zu lachen. »Wenn Sie einen Augenblick bei mir eintreten wollen,« meinte er, »dann wird ohne Zweifel Ihr Freund, sobald er das Zimmer gesehen hat, seinen Irrtum erkennen.« »Sehr gerne!« Damit nahmen der Dichter und der Philosoph Schaunard beim Arm und führten ihn in das Zimmer oder vielmehr in den Palast, in den Marcel, denn das war der Fremde, das Zimmer umgewandelt hatte. Schaunard ließ seine Blicke über die Herrlichkeiten schweifen und murmelte: »Es ist wunderbar, wie sich meine Wohnung verschönert hat.« »Nun, bist du jetzt überzeugt?« fragte ihn Colline. Aber Schaunard hatte das Klavier bemerkt und sich ihm genähert. Er begann jetzt Tonleitern zu spielen. »He, was wollt ihr alle? Könnt ihr nicht hören?« sagte er und begann Akkorde anzuschlagen. »Das Tier hat seinen Meister erkannt, nur das verdammte d klingt noch immer falsch. Ich habe ja gesagt, es sei mein Klavier.« »Er bleibt dabei«, sagte Colline zu Rudolf. »Er bleibt dabei«, sagte Rudolf zu Marcel. »Und dies da,« fügte Schaunard hinzu, indem er auf den sternenbesäten Unterrock wies, der über einen Stuhl geworfen war, »ist das nicht mein Prunkgewand?« Dabei faßte er Marcel fest ins Auge. »Und dies«, fuhr er fort, indem er von der Wand den gerichtlichen Räumungsbefehl herabriß und ihn vorlas. »Herr Schaunard wird daher verurteilt, am 8. April vor Mittag die Wohnung zu räumen und sie in gutem Zustand dem Vermieter zu übergeben. – Na, bin ich denn nicht dieser Schaunard, dem hier durch den Gerichtsvollzieher gekündigt worden? Und dann noch das?« fügte er hinzu, indem er an Marcels Füßen seine Pantoffeln erkannte. »Sind das nicht meine Hausschuhe, ein Geschenk von zarter Hand? An Ihnen, mein Herr, ist jetzt, Ihre Anwesenheit im Bereich meiner Laren zu erklären.« »Meine Herren,« antwortete Marcel, indem er sich besonders an Colline und Rudolf wandte, »ich gestehe zu, daß der Herr da hier wohnt.« »Hm,« sagte Schaunard, »das ist sehr nett von Ihnen.« »Aber,« fuhr Marcel fort, »auch ich wohne hier.« »Erlauben Sie,« unterbrach ihn Rudolf, »wenn unser Freund ...« »Jawohl,« echote Colline, »wenn unser Freund ...« »Setzen Sie sich, meine Herren«, erwiderte Marcel. »Ich werde Ihnen das Rätsel erklären.« »Wie wär's, wenn wir die Erklärung etwas anfeuchteten?« schlug Colline vor. »Und dabei einen Happen äßen?« fügte Rudolf hinzu. Die vier jungen Leute setzten sich jetzt an den Tisch und fielen über ein Stück kalten Kalbsbraten her, das ihnen der Weinwirt abgelassen hatte. Marcel erklärte dann, was des Morgens zwischen ihm und dem Hauswirt vorgefallen war, als er die Wohnung beziehen wollte. »Dann hat der Herr völlig recht«, sagte Rudolf. »Wir sind bei ihm zu Gast.« »Bitte Sie sind zu Hause«, sagte höflich Marcel. Aber es kostete eine ungeheure Mühe, bis man Schaunard so weit brachte, daß er das Vorgefallene begriff. Ein komischer Zwischenfall verwirrte die Lage noch mehr. Schaunard, der etwas im Schrank suchen wollte, entdeckte dort das Wechselgeld von den fünfhundert Franken. »Ah, ich wußte es ja,« rief er aus, »daß mich das Glück nicht verlassen würde. Jetzt fällt es mir auch ein, daß ich heute morgen ausgegangen bin, um hinter dem Glück herzulaufen. Und weil der Zahlungstermin da war, ist es wahrscheinlich während meiner Abwesenheit gekommen. Wir haben uns wie zwei Briefe gekreuzt. Jedenfalls war es gut, daß ich den Schlüssel an meiner Tür stecken ließ.« »Süßer Wahn!« murmelte Rudolf, als er sah, wie Schaunard die Geldstücke zu Säulen ordnete. »Traumgold, falsches Gold, das ist das Leben!« fügte der Philosoph hinzu. Marcel lachte. Eine Stunde später waren sie alle vier eingeschlafen. Sie erwachten erst gegen Mittag und schienen zunächst sehr erstaunt, sich zusammenzufinden. Schaunard, Colline und Rudolf waren sich völlig fremd und redeten sich mit »Herr« an. Marcel mußte sie daran erinnern, daß sie während der Nacht zusammen hergekommen waren. In diesem Augenblick trat Vater Durand in das Zimmer. »Mein Herr,« sagte er zu Marcel, »wir haben heute den 9. April achtzehnhundertsoundsoviel. In den Straßen ist es schmutzig, und Seine Majestät Louis Philippe ist noch immer König von Frankreich und Navarra. Halt!« fügte er hinzu, als er seinen ehemaligen Mieter, den Herrn Schaunard bemerkte. »Wie sind Sie denn hereingekommen?« »Auf telegraphischem Wege«, antwortete Schaunard. »Was Sie nicht sagen!« erwiderte der Portier. »Aber Sie waren ja immer ein Spaßvogel!« »Durand,« sagte Marcel, »ich liebe es nicht, wenn das Hauspersonal sich in die Unterhaltung mischt. Sie gehen in das benachbarte Restaurant und lassen ein Frühstück für vier Personen herausbringen. Hier ist die Speisenfolge!« fügte er hinzu, indem er ihm einen Zettel gab, auf den er seine Wünsche aufgeschrieben hatte. »Gehen Sie!« »Meine Herren,« wandte sich jetzt Marcel an die drei jungen Leute, »Sie haben mich gestern abend zum Souper eingeladen, erlauben Sie mir, daß ich Sie dafür zum Frühstück einlade. Nicht in meinem Hause, sondern in dem Ihrigen«, fügte er hinzu, indem er Schaunard die Hand drückte. Nach dem Essen ergriff Rudolf das Wort. »Meine Herren,« sagte er, »gestatten Sie, daß ich Sie verlasse.« »O nein,« rief Schaunard gefühlsselig, »wir wollen uns nie verlassen.« »Das ist wahr,« fügte Colline hinzu, »man fühlt sich hier wohl.« »Daß ich Sie für einen Augenblick verlasse«, fuhr Rudolf fort. »Morgen erscheint der ›Regenbogen‹, eine Modenzeitschrift, deren Chefredakteur ich bin. Ich muß noch einige Korrekturbogen lesen und bin in einer Stunde wieder hier.« »Zum Teufel!« rief Colline. »Da fällt mir ein, daß ich noch einem indischen Prinzen eine Stunde geben muß. Er ist eigens nach Paris gekommen, um das Arabische zu lernen.« »Dann gehen Sie morgen hin«, sagte Marcel. »O nein«, antwortete der Philosoph. »Der Prinz muß mich heute bezahlen. Und außerdem will ich Ihnen gerne gestehen, daß mir dieser schöne Tag verloren erschiene, wenn ich mir nicht im Vorbeigehen die Bücherkarren ansähe.« »Aber du kommst doch wieder?« fragte Schaunard. »Mit der Geschwindigkeit eines von sicherer Hand abgesandten Pfeiles«, antwortete der Philosoph, der ungewöhnliche Vergleiche liebte. Und er entfernte sich mit Rudolf. »Übrigens,« sagte Schaunard, als er mit Marcel allein war, »statt mich dem dolce far niente hinzugeben, wäre es ganz gut, wenn ich auch etwas Gold aufzutreiben suchte, um die Habgier des Herrn Bernard zu besänftigen.« »Aber,« fragte Marcel, etwas beunruhigt, »denken Sie denn noch immer daran, auszuziehen?« »Selbstverständlich!« antwortete Schaunard. »Es bleibt mir auch nichts übrig, da ich durch das Gericht zur Räumung verurteilt bin.« »Aber wenn Sie ausziehen,« fuhr Marcel fort, »dann nehmen Sie doch auch Ihre Möbel mit?« »Die Absicht habe ich allerdings. Nicht ein Haar lasse ich zurück, wie sich Herr Bernard auszudrücken pflegt.« »Zum Teufel, das ist mir aber unangenehm,« meinte Marcel, »denn ich habe doch Ihr Zimmer möbliert gemietet.« »Ach ja, das ist wahr«, sagte Schaunard. »Na, trösten Sie sich«, fuhr er melancholisch fort. »Es sind wenig Aussichten vorhanden, daß ich meine fünfundsiebzig Franken heute, morgen oder in der nächsten Zeit finde.« »Aber, hören Sie einmal«, schrie Marcel. »Ich habe eine Idee.« »Und die ist?« »Sehen Sie, die Lage ist doch so: Gesetzlich gehört die Wohnung mir, denn ich habe einen Monat im voraus bezahlt.« »Die Wohnung, ja. Aber wenn ich bezahle, kann ich gesetzlich auch die Möbel abholen, die ich mir auch ohne gesetzliches Recht abholen würde, wenn ich nur könnte.« »Auf diese Weise«, fuhr Marcel fort, »haben Sie die Möbel und keine Wohnung, ich aber die Wohnung und keine Möbel. Können wir da uns nicht einigen, indem wir zusammenwohnen? Ich liefere die Wohnung und Sie die Möbel.« »Und die Miete?« »Da ich jetzt Geld habe, bezahle ich sie. Das nächste Mal sind Sie an der Reihe. Überlegen Sie es sich.« »Ich überlege niemals, besonders nicht, wenn es sich um einen so angenehmen Vorschlag handelt. Ich nehme herzlich gern an, und im übrigen sind die Malerei und die Musik ja auch Schwestern.« »Schwägerinnen!« meinte Marcel. Kurz darauf kehrten Colline und Rudolf zurück, die sich draußen getroffen hatten. Marcel und Schaunard teilten ihnen ihr Uebereinkommen mit. »Meine Herren,« schrie Rudolf und ließ das Geld in der Tasche klirren, »ich lade sie darauf zum Diner ein.« »Nein, diese Ehre wollte ich für mich erbitten«, sagte Colline, indem er aus seiner Tasche ein Goldstück nahm, das er sich ins Auge klemmte. »Dies hat mir mein Prinz gegeben zum Ankauf einer hindostanisch-arabischen Grammatik, die ich aber dann für bare sechs Sous erstanden habe.« »Und ich«, sagte Rudolf, »habe mir vom Kassierer des ›Regenbogens‹ unter dem Vorwand, ich müßte mich impfen lassen, dreißig Frank Vorschuß geben lassen.« »Das scheint ja ein Geldtag zu sein«, meinte Schaunard. »Nur ich habe nichts aufgebracht, das ist beschämend.« »Inzwischen«, begann Rudolf von neuem, »wiederhole ich meine Einladung zum Diner.« »Und ich die meinige«, sagte Colline. »Nun, dann müssen wir losen«, schlug Rudolf vor. »Nein,« schrie Schaunard, »ich habe einen viel besseren Vorschlag. Rudolf wird das Diner bezahlen, und Colline gibt ein Souper.« »Das nenne ich ein salomonisches Urteil«, rief der Philosoph. »Die Esserei wird ja toller als bei Camachos Hochzeit!« meinte Marcel. Das Diner fand in einem provenzalischen Restaurant in der Rue Dauphine statt, das wegen seiner literarisch gebildeten Kellner und seiner Fische berühmt war. Da sie noch Aufnahmefähigkeit für das Souper bewahren mußten, so aßen und tranken sie mäßig. Ihre flüchtige Bekanntschaft vom Abend vorher wurde jetzt intimer. Jeder der jungen Leute pflanzte die Fahne seiner besonderen Kunstansicht auf, und alle vier erkannten, daß sie mit dem gleichen Mut für das gleiche Ziel kämpften. Unter Geplauder und Diskutieren fühlten sie eine gemeinsame Sympathie in sich anwachsen, fühlten sie, daß sie über dieselbe Art von Witz verfügten, die kämpft, ohne zu verwunden, und daß es nichts Schönes gab, bei dessen Anblick ihre jungen Seelen nicht erglüht wären. Alle vier, die dasselbe Ziel vor Augen hatten, hielten ihr merkwürdiges Zusammentreffen für etwas anderes als ein bloßes Spiel des Zufalls. Es mußte die Vorsehung selber sein, die natürliche Beschützerin der Verlassenen, die sie so bei der Hand geführt hatte und ihnen leise ins Ohr den erhabenen Spruch aus dem Evangelium flüsterte: »Helfet und liebet einander.« Beim Schluß des Mahles, bei der die Stimmung etwas feierlich wurde, brachte Rudolf einen Trinkspruch auf die Zukunft aus, und Colline antwortete ihm mit einer Rede, die wahrhaftig aus keinem alten Schmöker entnommen war, aber so zu Herzen ging, daß den andern fast die Tränen in die Augen traten. Nach dem Diner tranken sie im »Momus«, wo sie schon den Abend vorher gewesen waren, Kaffee. Und von diesem Tage an wurde das Lokal für die andern Stammgäste fast unbewohnbar. Nach dem Kaffee und den Likören kehrte der jetzt fest begründete Zigeunerbund zur Wohnung Marcels zurück, die jetzt den Namen Elyseepalast Schaunard erhielt. Während Colline fortging, um das versprochene Souper zu bestellen, kauften die andern Raketen, Schwärmer und ähnliche Feuerwerkskörper, und bevor sie sich zu Tisch setzten, brannten sie aus den Fenstern heraus ein wundervolles Feuerwerk ab, so daß dadurch das ganze Haus auf den Kopf gestellt wurde, und sangen dabei mit entblößten Häuptern einen feierlichen Choral. Am nächsten Morgen fanden sie sich von neuem zusammen, nur daß sie diesmal keine erstaunten Gesichter machten, als sie sich sahen. Bevor sie an ihre besonderen Arbeiten gingen, frühstückten sie bescheiden im Café »Momus« und verabredeten sich auch für den Abend dorthin, um dann eine lange Zeit durch jeden Tag beharrlich hier aufzutauchen. II. Ein Engel der Vorsehung Schaunard und Marcel, die schon seit dem frühen Morgen angestrengt gearbeitet hatten, hielten plötzlich inne. »Verflucht, ich habe Hunger«, sagte Schaunard. Und in müdem Ton fügte er hinzu: »Wird denn heute nicht gefrühstückt?« Marcel schien über diese gänzlich unangebrachte Frage sehr erstaunt zu sein. »Seit wann frühstücken wir denn zwei Tage hintereinander?« sagte er. »Gestern war doch Donnerstag.« Und zur Bekräftigung seiner Worte deklamierte er das Kirchengebot, indem er mit dem Malstock den Takt dazu schlug: »Am Freitag sollst kein Fleisch du essen Und nichts, was diesem ähnlich ist.« Schaunard fand darauf keine Antwort und machte sich wieder an sein Gemälde, das eine Ebene mit einem blauen und einem roten Baum darstellte, deren Zweige sich die Hände zu schütteln schienen. Zweifellos sollte dies eine geistreiche Anspielung auf das hehre Glück der Freundschaft sein. In demselben Augenblick klopfte der Portier an der Tür. Er brachte einen Brief für Marcel. »Er kostet drei Sous«, sagte er. »Wirklich?« erwiderte der Künstler. »Gut, dann werden wir sie Ihnen schuldig bleiben.« Und er schloß ihm die Tür vor der Nase zu. Marcel hatte den Brief genommen und das Siegel abgerissen. Bei den ersten Worten, die er las, machte er einen Akrobatensprung durch das Atelier und begann das famose Lied zu singen, das bei ihm den Gipfelpunkt des Entzückens bezeichnete: »Vier junge Leute auf einer Bank, Die waren alle vier so krank, Keiner mehr einen Tropfen trank.        Au! Au! Au! Au!« »Schön«, sagte Schaunard und sang die Fortsetzung: »Man brachte sie in ein Lazarett, Man steckte die vier in ein einzig Bett –« »Unterbrich mich nicht immer,« schrie Marcel und tanzte und sang weiter: »Da kam eine Schwester, und die war nett.        Ei! Ei! Ei! Ei!« »Wenn du jetzt nicht still bist,« meinte Schaunard, der schon die Symptome beginnenden Wahnsinns zu spüren glaubte, »dann spiele ich dir das Allegro aus meiner ›Symphonie über den Einfluß der blauen Farbe in der Kunst‹ vor.« Und er näherte sich dem Klavier. Diese Drohung wirkte wie kaltes Wasser, das in eine kochende Flüssigkeit gegossen wird. Marcel beruhigte sich, als hätte ihn ein Zauberstab berührt. »Hier!« sagte er, indem er seinem Freund den Brief reichte. »Lies!« Es war eine Einladung zu einem Diner. Sie kam von einem Abgeordneten, einem glänzenden Protektor der Künste und besonders der Marcels, seitdem dieser sein Landhaus abgemalt hatte. »Es ist für heute«, sagte Schaunard. »Schade, daß die Einladung nicht für zwei Personen gilt. Übrigens fällt mir ein, dein Abgeordneter ist ja Regierungsanhänger, da kannst du unmöglich annehmen. Deine Grundsätze verbieten dir, Brot zu essen, an dem der Schweiß des Volkes klebt.« »Pah,« sagte Marcel, »mein Abgeordneter gehört zum linken Zentrum, und er hat neulich gegen die Regierung gestimmt. Übrigens muß er mir einen Auftrag verschaffen, und er hat mir auch versprochen, mich zu empfehlen. Schließlich paßt es mir auch gerade an diesem Freitag, denn ich habe einen Hunger wie Ugolino im Hungerturm, und ich gehe darum heute zum Diner, damit du es weißt.« »Es gibt aber noch andere Hinderungsgründe«, fuhr Schaunard fort, der doch etwas Neid verspürte über das große Glück, das seinem Freund in den Schoß gefallen war. »Du kannst doch nicht in einer roten Jacke und einer Holzträgermütze in die Stadt zum Diner gehen.« »Ich werde mir die Kleider von Rudolf oder von Colline leihen.« »Törichter Jüngling! Vergißt du, daß wir schon über den Zwanzigsten hinaus sind, und daß jetzt die Kleider dieser beiden Herren längst im Pfandhaus sind?« »Ich werde aber schon bis fünf Uhr einen schwarzen Rock auftreiben«, sagte Marcel. »Ich habe drei Wochen gebraucht, um einen zu finden, als ich zu meinem Vetter auf die Hochzeit mußte. Und das war noch dabei zu Anfang Januar.« »Nun, dann gehe ich so, wie ich bin«, erwiderte Marcel, indem er mit stolzen Schritten durch das Zimmer ging. »Ich werde mich doch nicht durch eine einfache Toilettenfrage behindern lassen, meinen ersten Schritt in die feine Gesellschaft zu machen.« »Übrigens,« meinte Schaunard, dem es viel Vergnügen zu machen schien, seinen Freund zu beunruhigen, »wie steht es mit den Schuhen?« Marcel verließ die Wohnung in einer Aufregung, die sich unmöglich beschreiben läßt. Nach zwei Stunden kehrte er, mit einem Kragen belastet, zurück. »Das ist alles, was ich auftreiben konnte«, sagte er kläglich. »Wegen der Kleinigkeit hättest du nicht fortzugehen brauchen«, antwortete Schaunard. »Wir haben hier genug Papier, um ein Dutzend Kragen daraus auszuschneiden.« »Aber«, sagte Marcel, indem er sich die Haare ausraufte, »wir müssen doch, zum Teufel, noch Sachen haben.« Und er begann ein langes Suchen in allen Winkeln der beiden Zimmer. Nachdem er eine Stunde lang alles durchstöbert hatte, besaß er ein Kostüm, das aus folgenden Teilen zusammengesetzt war: einer karierten Hose, einem grauen Hut, einer roten Halsbinde, einem Handschuh, der einmal weiß gewesen war, und einem schwarzen Handschuh. »Die kannst du zur Not als zwei schwarze Handschuhe tragen«, sagte Schaunard. »Aber wenn du dich angezogen hast, wirst du wie das Sonnenspektrum aussehen. Immerhin, schließlich bist du ja Farbenkünstler!« Inzwischen versuchte Marcel die Schuhe. Es war ein Pech, sie gehörten beide an denselben Fuß. Der verzweifelte Maler entdeckte jetzt in einem Winkel noch einen Schuh, in den sie die ausgedrückten Tuben zu werfen pflegten. Er fiel sofort darüber her. »Vom Regen in die Traufe«, meinte sein spöttischer Genosse. »Der eine ist spitz, der andere breit.« »Das sieht man nicht, wenn ich sie lackiere.« »Da hast du recht: Es fehlt dir also nur noch der unentbehrliche schwarze Rock.« »Ach,« sagte Marcel und biß sich in die Finger, »ich gäbe wahrhaftig zehn Jahre meines Lebens und meine rechte Hand her, wenn ich einen hätte.« Von neuem klopfte jemand an die Tür, Marcel öffnete. »Herr Schaunard?« fragte ein Fremder, indem er auf der Schwelle blieb. »Das bin ich«, sagte der Maler und bat ihn, einzutreten. »Mein Herr,« sagte der Fremde, an dessen biederem Gesicht man den Provinzonkel erkannte, »mein Vetter hat mir viel von Ihrer Begabung für die Porträtmalerei erzählt. Da ich als Delegierter für die Zuckerraffineure der Stadt Nantes eine Reise nach den Kolonien mache, so möchte ich meiner Familie ein Andenken an mich hinterlassen. Aus diesem Grunde habe ich Sie aufgesucht.« »O heilige Vorsehung!« murmelte Schaunard. »Marcel, gib dem Herrn einen Stuhl!« »Mein Name ist Blancheron«, fuhr der Fremde fort. »Blancheron von Nantes, Delegierter der Zuckerindustrie, ehemaliger Bürgermeister von V..., Hauptmann der Nationalgarde und Verfasser einer Broschüre über die Zuckerfrage.« »Ich fühle mich hochgeehrt, daß Ihre Wahl auf mich gefallen ist«, sagte der Künstler, indem er sich vor dem Zuckerdelegierten verneigte. »Wie wünschen Sie Ihr Porträt?« »In Miniatur wie das da«, antwortete Herr Blancheron und wies aus ein Ölbildnis. Denn für den Delegierten war alles, was nicht zur Anstreicherarbeit gehörte, Miniatur. Nach dieser treuherzigen Antwort sah Schaunard wohl, wie er seinen Kunden zu behandeln hatte, besonders als dieser noch hinzufügte, er möchte sein Porträt mit seinen Farben gemalt haben. »Ich verwende niemals andere Farben«, sagte Schaunard. »In welcher Größe wünscht der Herr das Porträt?« »So groß wie das da«, antwortete Herr Blancheron und wies auf eine Leinwand. »Aber wieviel soll das kosten?« »Fünfzig bis sechzig Franken. Fünfzig ohne die Hände, sechzig mit.« »Teufel! Mein Vetter sprach mir von dreißig Franken.« »Das ist je nach der Jahreszeit«, sagte der Maler. »Die Farben sind in manchen Monaten bedeutend teurer.« »Halt, das ist ja gerade wie beim Zucker?« »Natürlich.« »Gut, dann also für fünfzig Franken«, sagte Herr Blancheron. »Sie handeln unklug, denn für zehn Franken mehr hätten Sie auch die Hände, und ich würde Ihre Broschüre über die Zuckerfrage hineinlegen, was für Sie sehr schmeichelhaft wäre.« »Wahrhaftig, da haben Sie recht.« »Barmherziger Himmel«, sagte Schaunard zu sich selbst. »Wenn das so weiter geht, platze ich laut heraus und werde ihn dadurch vor den Kopf stoßen.« »Hast du's gesehen?« flüsterte ihm Marcel ins Ohr. »Was?« »Er hat einen schwarzen Rock.« »Ich verstehe, das ist eine großartige Idee.« »Nun wohl, mein Herr«, sagte der Delegierte. »Wann wollen wir dann beginnen? Wir dürfen die Sache nicht hinausschieben, denn ich reise bald wieder ab.« »Ich habe auch eine kleine Reise zu machen, übermorgen verlasse ich Paris. Darum, wenn Sie wollen, können wir sofort beginnen. Bei einer guten Sitzung kommen wir ziemlich vorwärts.« »Aber es wird bald dunkel, und man kann doch nicht bei Licht malen«, sagte Herr Blancheron. »Mein Atelier ist so eingerichtet, daß man darin zu jeder Zeit arbeiten kann«, antwortete der Maler. »Wenn Sie daher Ihren Rock ausziehen und die Stellung einnehmen wollen, dann können wir beginnen.« »Meinen Rock ausziehen? Warum das?« »Sagten Sie mir nicht, das Porträt sei für Ihre Familie bestimmt?« »Jawohl.« »Nun, dann müßten Sie auch in Ihrer häuslichen Tracht gemalt werden, in einem Schlafrock. Es ist das übrigens Sitte.« »Aber ich habe keinen Schlafrock hier.« »Ich habe einen. Der Fall ereignet sich öfters«, sagte Schaunard und zeigte seinem Modell einen mit Farbenklexen beschmierten alten Kittel, bei dessen Anblick der biedere Provinziale denn doch zurückfuhr. »Das ist ein etwas merkwürdiges Kleidungsstück«, sagte er. »Und ein sehr kostbares«, antwortete der Maler. »Ein türkischer Wesir hat es Herrn Horace Vernet verehrt, und der schenkte es mir. Ich bin nämlich sein Schüler.« »Sie sind ein Schüler des berühmten Vernet?« fragte Blancheron. »Ja, mein Herr, ich darf mich dessen rühmen. O ihr Götter,« murmelte er dann vor sich hin, »so verleugnet man seine künstlerische Ehre.« »Darauf können Sie auch stolz sein, junger Mann«, fuhr der Delegierte fort und zog jetzt die Hausjoppe an, die eine so vornehme Herkunft hatte. »Hänge den Rock des Herrn an den Garderobehalter«, sagte Schaunard zu seinem Freund mit einem bezeichnenden Augenzwinkern. »Höre einmal,« murmelte Marcel, indem er seine Beute ergriff und auf Blancheron wies, »der Kerl ist wirklich ein Typ. Von dem mußt du dir eine Zeichnung bewahren.« »Ich werde es versuchen. Aber nun zieh dich schnell an und scher dich weg. Mach, daß du um zehn Uhr zurück bist, ich werde ihn so lange festhalten. Vor allen Dingen bring' mir was in den Taschen mit.« »Ich werde dir eine Ananas mitbringen«, sagte Marcel und machte sich davon. Hastig kleidete er sich an. Der Rock saß ihm wie angegossen, und er entwischte durch die zweite Tür des Ateliers. Schaunard hatte sich an seine Arbeit gemacht. Als es dunkel geworden war, schlug es sechs Uhr, und Herrn Blancheron fiel ein, daß er noch nicht diniert hatte. Er sagte es dem Maler. »Mir geht es gerade so, doch wollte ich Ihnen zuliebe darauf verzichten, obgleich ich in einem Haus auf dem Faubourg Saint-Germain eingeladen war«, sagte Schaunard. »Wir dürfen die Sitzung jetzt nicht unterbrechen, die Ähnlichkeit würde darunter leiden.« Damit ging er wieder an sein Werk. »Übrigens«, sagte er plötzlich, »können wir auch dinieren, ohne daß die Arbeit darunter leidet. Es gibt unten ein ausgezeichnetes Restaurant, das uns alles heraufschickt, was wir haben wollen.« »Sie haben da eine gute Idee,« sagte Herr Blancheron, »und ich hoffe, daß Sie dabei mein Gast sein werden.« Schaunard verneigte sich. »Wahrhaftig,« sagte er bei sich, »das ist ein braver Mensch und ein wahrer Engel der Vorsehung. Wollen Sie nach der Karte speisen?« fragte er seinen Gastgeber. »Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie diese Sorge auf sich nähmen«, antwortete dieser höflich. »Das sollst du am Kreuze bereuen«, jubelte der Maler vor sich hin, indem er, immer vier Stufen auf einmal, die Treppen hinabstürmte. Er betrat das Restaurant, ging ans Büfett und bestellte ein Menü, das den Küchenchef erbleichen machte. »Bordeaux von der gehabten Sorte.« »Aber wer bezahlt das alles?« »Ich nicht, das ist klar«, sagte Schaunard. »Aber ein Onkel von mir, den Sie oben sehen werden, ein verwöhnter Feinschmecker. Also versuchen Sie, Ehre einzulegen, und sorgen Sie, daß in einer halben Stunde serviert wird, natürlich auf feinem Porzellan.« Um acht Uhr hatte Herr Blancheron schon das Bedürfnis, seine Ansichten über die Zuckerindustrie dem Busen eines Freundes anzuvertrauen, und er deklamierte Schaunard den Inhalt der Broschüre her, die er geschrieben hatte. Dieser begleitete ihn dabei auf dem Klavier. Um zehn Uhr tanzten Herr Blancheron und sein Freund Galopp und duzten sich. Um elf Uhr schwuren sie sich, sich niemals zu verlassen, und schrieben jeder ein Testament, in dem sie sich gegenseitig ihr Vermögen vermachten. Um Mitternacht kam Marcel zurück und fand sie Arm in Arm. Sie zerflossen in Tränen, das Wasser stand im Atelier schon einen halben Zoll hoch. Marcel stieß an den Tisch und bemerkte die köstlichen Reste des vornehmen Mahles. Er betrachtete die Flaschen, sie waren vollständig leer. Er wollte Schaunard aufwecken, aber dieser drohte, ihn zu ermorden, wenn er ihm Herrn Blancheron fortnähme, den er als Kopfkissen brauchte. »Undankbarer!« sagte Marcel und zog aus seiner Tasche eine Hand voll Haselnüsse. »Dabei habe ich ihm noch zu essen mitgebracht.« III. Die Liebe in der Fastenzeit Eines Abends in der Fastenzeit kam Rudolf, in der Absicht zu arbeiten, früh nach Hause. Aber kaum hatte er sich an den Tisch gesetzt und seine Feder in die Tinte getaucht, als ein eigentümliches Geräusch ihn ablenkte. Er legte sein Ohr an den Holzverschlag, der ihn von dem benachbarten Zimmer trennte, und hörte ganz deutlich eine Unterhaltung, bei der sich Küsse und andere Liebeslaute abwechselten. »Teufel!« dachte Rudolf und blickte auf seine Uhr. »Es ist noch früh, und meine Nachbarin ist eine Julia, die ihren Romeo bis lange nach dem Morgenlied der Lerche bei sich behält. Diese Nacht könnte ich doch nicht arbeiten.« Damit nahm er seinen Hut und ging wieder fort. Als er seinen Schlüssel beim Portier abgeben wollte, fand er dessen Frau in den zärtlichen Armen eines Liebhabers. Die Ärmste war so verstört, daß es fünf Minuten dauerte, ehe sie die Schnur ziehen konnte. »Es gibt also tatsächlich Augenblicke,« dachte Rudolf, »wo selbst die Pförtnerinnen Weiber werden.« Er trat ins Freie und fand in einem Straßenwinkel einen Feuerwehrmann und eine Köchin, die Ausgang hatte. Sie hielten sich an der Hand und tauschten das Ungeld der Liebe aus. »Donnerwetter!« sagte Rudolf, als er den robusten Krieger und seine wohlgenährte Gefährtin sah. »Das sind aber richtige Ketzer, die gar nicht daran denken, daß wir uns in der Fastenzeit befinden.« Und er ging weiter, um einen Freund aufzusuchen, der in der Nachbarschaft wohnte. »Wenn Marcel zu Hause ist,« sagte er sich, »dann verbringen wir den Abend damit, über Colline zu schimpfen. Man muß doch irgend was anfangen!« Auf sein laut dröhnendes Pochen wurde die Tür ein wenig geöffnet, und ein junger Mann, der einfach nur mit einer Lorgnette und einem Hemd bekleidet war, stellte sich vor. »Ich kann dich nicht empfangen«, sagte er zu Rudolf. »Warum nicht?« fragte dieser. »Deshalb!« sagte Marcel und wies auf einen Frauenkopf, der sich hinter einem Vorhang zeigte. »Die Antwort genügt doch?« »Schön ist sie nicht«, antwortete Rudolf, dem die Tür vor der Nase zugeworfen wurde. »Aber was soll ich nun anfangen?« fragte er sich, als er wieder auf der Straße war. »Ob ich zu Colline gehe? Wir verbringen dann die Zeit damit, über Marcel zu schimpfen.« Als er die Rue l'Ouest durchschritt, die gewöhnlich dunkel und still dalag, gewahrte er einen Schatten, der melancholisch dahinschritt und Verse vor sich hin deklamierte. »Oho,« sagte Rudolf, »was spaziert denn da für ein lebendiges Sonett herum? Ist das nicht Colline?« »Sieh da, Rudolf! Wo gehst du hin?« »Zu dir.« »Du wirst mich nicht zu Hause finden.« »Was machst du denn hier auf der Straße?« »Ich warte.« »Auf was denn?« »Ach,« rief Colline mit spöttischem Pathos, »auf was wartet man, wenn man zwanzig Jahre alt ist, wenn der Himmel voller Sterne steht und die Luft von Liedern erfüllt ist?« »Rede in Prosa.« »Ich warte auf eine Frau.« »Gute Nacht«, sagte Rudolf und nahm im Weitergehen sein Selbstgespräch wieder auf. »Alle Wetter, ist denn heute der Tag des heiligen Cupido, daß ich keinen Schritt gehen kann, ohne über Verliebte zu stolpern? Das ist unsittlich und empörend. Wozu haben wir die Polizei?« Da die Anlagen des Luxembourg noch auf waren, trat Rudolf hinein, um seinen Weg abzukürzen. Aber hier, mitten in den verlassenen Alleen, tauchten geheimnisvoll umschlungen Paare auf und verschwanden wieder, wie erschreckt von dem Geräusch seiner Schritte, in der Stille und Dunkelheit, deren doppelter Zauber sie anzuziehen schien. »Dieser Abend«, sagte sich Rudolf spöttisch, »scheint aus einem Roman abgeschrieben zu sein.« Er war aber trotzdem von einer so sehnsüchtigen Stimmung ergriffen, daß er sich auf eine Bank setzte und schmachtend den Mond ansah. Nach kurzer Zeit war er ganz von fieberhaften Phantasien erfüllt. Es schien ihm, als hätten die marmornen Götter und Heroen, die den Garten belebten, ihre Piedestale verlassen, um den Göttinnen und Heroinen in der Nachbarschaft ihre Huldigung zu überbringen, und er hörte deutlich, wie der dicke Herkules der keuschen Artemis, deren Gewand bedenklich hochgerafft erschien, ein Madrigal aufsagte. Vor der Bank, auf der er saß, sah er einen Schwan, der zu einer Nymphe am Ufer hinschwamm. »Sehr gut«, dachte Rudolf, der alles der Mythologie gemäß auffaßte. »Das ist Jupiter, der sich zu seinem Liebesabenteuer mit der Leda schleicht. Hoffentlich überrascht ihn der Parkwächter dabei nicht.« Rudolf verbarg sein Gesicht in den Händen und überließ sich ganz der süßen Qual seiner Gefühle. Aber mitten im schönsten Träumen wurde er plötzlich durch einen Wächter aufgestört, der sich ihm näherte und ihm auf die Schulter schlug. »Es wird geschlossen, mein Herr«, sagte er. »Das ist ein Glück«, dachte Rudolf. »Denn wenn ich hier noch fünf Minuten geblieben wäre, dann hätte ich mehr Vergißmeinnichtblüten im Herzen, als um den ganzen Rhein herum wachsen.« Und indem er seinen Weg wieder aufnahm, verließ er hastig das Luxembourg und trällerte leise ein sentimentales Lied vor sich hin, das für ihn die Marseillaise der Liebe war. Eine halbe Stunde später war er, ohne zu wissen wie, in den ›Prado‹ gelangt, wo er vor einem Glase Punsch saß und mit einem großgebauten jungen Menschen plauderte, der berühmt war wegen seiner merkwürdigen Nase, die von der Seite gesehen eine Adlernase, von vorne gesehen eine Stumpfnase war. Er war ein Nasenkönig, dem es nicht an Geist fehlte und der genug galante Abenteuer erlebt hatte, um in ähnlichen Fällen seinen Freunden mit einem guten Rat nützlich zu sein. »Sie sind also verliebt?« fragte Alexander Schaunard, denn das war der Mann mit der Nase. »Ja, mein Lieber. Es hat mich vorhin ganz plötzlich überfallen, wie wenn man ganz heftige Zahnschmerzen am Herzen bekäme.« »Geben Sie mir doch mal den Tabak«, sagte Alexander. »Stellen Sie sich vor,« fuhr Rudolf fort, »seit zwei Stunden begegnen mir nichts als Liebespaare. Ich bekam den Einfall, in das Luxembourg zu gehen, wo ich alle möglichen Phantasien hatte, die mich merkwürdig erregten. Ich bin ganz elegisch, ich blöke wie ein Lamm und girre wie eine Taube. Betrachten Sie mich doch einmal, ob ich nicht Wolle und Federn an mir habe.« »Was haben Sie getrunken?« fragte Alexander ungeduldig. »Sie wollen mich verulken.« »Ich versichere Ihnen, daß ich vollkommen nüchtern bin«, sagte Rudolf. »Das heißt, eigentlich bin ich gar nicht nüchtern. Jedenfalls muß ich irgend etwas an mein Herz drücken. Sehen Sie, Alexander, es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, mit andern Worten: Sie müssen mir helfen, eine Frau zu finden ... Wie wär's, wenn wir in ein Tanzlokal gingen? Die erste, die ich Ihnen zeige, zu der gehen Sie hin und sagen ihr, daß ich sie liebe.« »Warum gehen Sie nicht selbst zu ihr hin und sagen ihr das?« fragte Alexander mit seinem wundervollen, nasalen Baß. »Ja, mein Lieber,« sagte Rudolf, »Sie können mir glauben, daß ich plötzlich ganz vergessen habe, wie man es anfängt, solche Geständnisse zu machen. Übrigens haben in allen meinen Liebesromanen meine Freunde das Vorwort geschrieben, und manche auch die Widmung. Ich wußte nie so recht, wie ich anfangen sollte.« »Es genügt, wenn man weiß, wie man Schluß macht«, sagte Alexander. »Im übrigen verstehe ich Sie jetzt. Ich kenne ein junges Mädchen, das für Hoboisten schwärmt, vielleicht gefallen Sie ihr.« »Ja, aber ich hätte gerne, wenn sie weiße Handschuhe und blaue Augen besäße.« »Zum Teufel, blaue Augen, das geht noch ... aber Handschuhe ... Sie wissen doch, daß man nicht alles zugleich haben kann ... Aber wir wollen nach dem aristokratischen Viertel aufbrechen.« »Halt«, sagte Rudolf, als sie in den Salon eintraten, wo sich die eleganteren Mädchen aufhielten. »Da ist eine, die mir recht sanft vorkommt.« Und er wies auf ein junges, nett gekleidetes Mädchen, daß in einem Winkel saß. »Abgemacht!« antwortete Alexander. »Bleiben Sie etwas zurück, ich werde ihr für Sie den Brand der Leidenschaft ins Herz schleudern. Wenn es soweit ist, dann rufe ich Sie.« Zehn Minuten lang plauderte Alexander mit der jungen Schönen, die von Zeit zu Zeit in ein lustiges Lachen ausbrach und schließlich Rudolf ein Lächeln zuwarf, das zu sagen schien: »Kommen Sie, Ihr Anwalt hat den Prozeß gewonnen.« »Also, gehen Sie hin«, sagte Alexander. »Sie haben gesiegt. Die Kleine wird sich sicherlich nicht spröde verhalten, aber spielen Sie für den Anfang doch lieber den Naiven.« »Das brauchen Sie mir nicht erst ans Herz zu legen.« »Mein Gott,« sagte das junge Mädchen, als Rudolf neben ihr Platz genommen hatte, »was haben Sie für einen ulkigen Freund, er redet wie ein ganzes Orchester.« »Dafür ist er auch Komponist«, antwortete Rudolf. Zwei Stunden später waren Rudolf und seine Gefährtin vor einem Hause in der Rue Saint Denis angelangt. »Hier wohne ich«, sagte das junge Mädchen. »Aber wann und wo werde ich Sie wiedersehen, geliebte Louise?« »Morgen abend um acht Uhr in Ihrer Wohnung.« »Ganz bestimmt?« »Mein Ehrenwort«, antwortete Louise und reichte ihm ihre frischen Wangen, diese schönen, reifen Früchte der Jugend und Gesundheit zum Küssen dar. In einem wahren Rausch kehrte Rudolf nach Hause zurück. »Ach,« seufzte er, indem er sein Zimmer mit großen Schritten durchmaß, »so darf das nicht vorübergehen, ich muß es in Versen verewigen.« Und am nächsten Morgen fand sein Portier in seinem Zimmer an die dreißig Bogen Papier verstreut, an deren Kopfende in majestätischer Würde sich die eine Verszeile erhob: »O Liebe, Liebe, Königin der Jugend!« Rudolf erwachte an diesem Tage gegen seine Gewohnheit sehr früh, und obgleich er nur wenig geschlafen hatte, stand er sofort auf. »Ah,« rief er aus, »heute ist der große Tag gekommen! Aber noch zwölf Stunden warten ... womit soll ich diese zwölf Ewigkeiten verbringen?« Und da sein Blick auf seinen Schreibtisch fiel, schien es ihm, als ob seine Feder ihm winkte. Es sah aus, als riefe sie ihm zu: »Arbeite!« »Jawohl, arbeiten! Fort mit der Prosa! ... Aber... hier kann ich nicht bleiben, alles riecht nach Tinte!« Das beste war schon, in ein Restaurant zu gehen, wo er sicher war, keine Freunde zu treffen. »Sie würden mir ansehen, daß ich verliebt bin,« dachte er, »und mir mit ihren Reden mein Ideal verekeln.« Nach einem sehr bescheidenen Frühstück setzte er sich auf die Bahn und befand sich eine halbe Stunde später in dem Wäldchen von Ville d'Avray. Den ganzen Tag wanderte Rudolf umher und durchschweifte das junge Grün des Frühlings. Erst bei einbrechender Nacht kehrte er nach Paris zurück. Nachdem er den Tempel, in dem er seine Göttin empfangen wollte, in Ordnung gebracht hatte, begann er eine den Umständen angemessene Toilette zu machen, wobei er nur bedauerte, daß er sich nicht in Weiß kleiden konnte. Von sieben bis acht Uhr war er eine Beute fieberhafter Erwartung, einer langsamen Folter, in der seine ganze Jugend mit allen früheren Liebesabenteuern vor ihm auftauchte. Immer hatte sich Rudolf nach der idealen Leidenschaft gesehnt, aber immer war er enttäuscht worden. Trotzdem wartete er auf eine Frau, die ihm als Göttin Modell stehen konnte, auf einen Engel in Seide und Samt, dem er seine Sonette vorlesen konnte. Endlich hörte Rudolf die heilige Stunde schlagen, und kurz darauf klopfte es leise zweimal an seine Tür. Rudolf öffnete, es war Louise. »Sehen Sie, ich habe Wort gehalten«, sagte sie. Rudolf zog die Vorhänge zu und zündete eine neue Kerze an. Währenddessen hatte die Kleine Schal und Hut abgenommen und sie aufs Bett gelegt. Die blendende Weiße der Bettbezüge machte sie lächeln und auch ein wenig erröten. Louise war mehr anmutig als schön, und ihr frisches Gesicht bot eine reizende Mischung von Gutmütigkeit und Schelmerei. Sie glich einem Motiv von Greuze, das Gavarni überarbeitet hatte. Die ganze gewinnende Frische eines jungen Mädchens wurde durch eine Kleidung hervorgehoben, die zwar sehr einfach war, aber doch die angeborene Verführungskunst verriet, die allen Frauen vom Beginn des Sprechenkönnens bis zum Tage der Verehelichung eigen ist. Ihre Bewegungen waren bezaubernd, ihre fein beschuhten Füße entzückend klein, und an ihren zarten Händen sah man, daß sie schon lange die Arbeit mit der Nadel aufgegeben hatten. Mit einem Wort, Louise war eine jener flüchtigen Vögel, die infolge eines Einfalls und manchmal auch aus Not einmal für einen Tag oder richtiger für eine Nacht ihr Nest in den Mansarden des Zigeunerviertels aufschlagen und auch gerne eine kurze Zeit bleiben, wenn sie durch ihre Laune oder durch seidene Bänder gefesselt werden. Als Rudolf eine Stunde lang mit ihr geplaudert hatte, zeigte er ihr neben andern die Gruppe von Amor und Psyche. »Ist das Paul und Virginie?« fragte sie. »Ja«, antwortete Rudolf, der sie nicht im Anfang durch einen Widerspruch kränken wollte. »Sie sind gut getroffen«, sagte Louise. »Das arme Kind,« dachte Rudolf, »von Kunst und Literatur versteht sie gleicherweise nichts. Ich muß ihr Unterricht geben.« Inzwischen hatte sich Louise beklagt, daß die Schuhe sie drückten, und er half ihr bereitwillig, sie auszuziehen. Plötzlich erlosch das Licht. »Halt,« rief Rudolf, »wer hat denn die Kerze ausgeblasen?« Ein lustiges Lachen gab ihm die Antwort. Einige Tage später traf Rudolf auf der Straße einen seiner Freunde. »Was machst du denn?« fragte dieser. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.« »Oh, ich lebe ganz der Poesie«, antwortete Rudolf. Der Unglückliche sagte die Wahrheit. Er verlangte von Louise mehr, als sie ihm geben konnte, denn aus einem Dudelsack läßt sich keine Harfe machen. Sie war im Grunde eine Alltagsnatur, und Rudolf wollte sie in feierliche Höhen hinaufführen. Natürlich verstanden sie sich so gar nicht. Acht Tage später traf Louise in demselben Tanzlokal, wo sie Rudolf gefunden hatte, einen jungen, blondhaarigen Mann, der mit ihr ein paarmal tanzte und sie dann mit in seine Wohnung nahm. Er war ein Student im dritten Semester, der sich sehr gut auf die leichtverständliche Sprache des Vergnügens verstand, hübsche Augen und einen wohlgefüllten Geldbeutel hatte. Louise ließ sich von ihm Tinte und Papier geben und schrieb an Rudolf folgenden Brief: »Zehle nicht mehr auf Mir, ich umahrme dich zum letzten Mahl. Adieu Louise.« Als Rudolf des Abends nach Hause kam und den Brief las, erlosch plötzlich auch das Licht. »Merkwürdig«, sagte er nachdenklich. »Das ist dieselbe Kerze, die ich anzündete, als Louise zu mir kam. Offenbar sollte sie mit unserer Liebe sterben. Hätte ich das vorher gewußt, ich würde eine längere gewählt haben«, setzte er halb verächtlich, halb bedauernd hinzu und warf den Brief seiner Geliebten in eine Schublade, die er manchmal die Katakombe seiner Herzenserlebnisse nannte. IV. Ali Rudolf oder der Türke wider Willen Rudolf, den ein ungastlicher Hauswirt schnöde seines Obdachs beraubt hatte, lebte seit einiger Zeit unsteter als die Wolken und brachte es jetzt in der Kunst, entweder auf sein Abendessen oder auf sein Nachtlogis zu verzichten, ziemlich weit. Der Zufall war sein Koch und der freie Himmel sein Hotelwirt. Zwei Dinge aber verließen Rudolf in allen diesen Widerwärtigkeiten nicht, das waren seine gute Laune und das Manuskript des ›Rächers‹, eines Dramas, das bereits eine Rundreise über alle Theaterstationen von Paris gemacht hatte. Eines Tages, als man Rudolf wegen einer allzutollen Aufführung in einem Tanzlokal zur Wache gebracht hatte, traf er dort seinen Onkel, den Herrn Monetti, der von Beruf Ofenfabrikant und außerdem Sergeant bei der Nationalgarde war. Rudolf hatte ihn seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen, und der Onkel, den das Unglück seines Neffen rührte, versprach ihm, seine Lage zu verbessern, wobei er aber zugleich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Er brachte ihn in seinem Hause in einem kleinen Mansardenzimmer unter, das eigentlich nur ein Lagerraum für Ofen und Ofenteile war. Das übrige Mobiliar bestand aus einer an zwei Nägeln festgebundenen Hängematte, einem Gartenstuhl, dem ein Bein fehlte, einem Leuchter und einigen ähnlichen Kunstgegenständen. Vor dem Zimmer lag noch ein Balkon mit wundervoller Aussicht, und dieser Balkon konnte in der warmen Jahreszeit durch zwei in Töpfen gezogene Zwergzypressen in einen Park verwandelt werden. Ein Besucher, der zufällig in dieses hochgelegene Zimmer gekommen wäre, hätte dort einen jungen Menschen im Operettenkostüm eines Türken gefunden, der gerade eine Mahlzeit beendete, durch welche die Gesetze des Propheten in schnödester Weise verletzt wurden. Denn man sah noch die Überreste eines Schinkens und eine Flasche, die einmal mit Wein gefüllt gewesen. Der junge Türke setzte sich jetzt in orientalischer Weise auf den Fußboden und begann an Stelle einer Nargileh aus einer billigen Tonpfeife zu rauchen. Doch war die asiatische Behaglichkeit, in der er dahinträumte, durchaus echt, und nur von Zeit zu Zeit machte er eine Bewegung, indem er einen hübschen Neufundländer streichelte, der leider aus Terrakotta war und daher seine Liebkosungen nicht erwidern konnte. Plötzlich ließ sich draußen auf dem Flur ein Geräusch hören, die Tür öffnete sich, und ein Mann trat herein, der, ohne ein Wort zu sagen, auf einen als Sekretär dienenden Ofen zutrat und aus dem Innern eine Rolle Papiere herauszog, die er sich aufmerksam ansah. »Du hast ja noch immer nicht das Kapitel über die Zugöfen beendet?« sagte der Ankömmling in einem stark piemontesischen Dialekt. »Verzeihung, lieber Onkel«, erwiderte der Türke. »Das Kapitel über die Zugöfen ist wohl das interessanteste in Ihrem ganzen Werk. Man muß es sorgfältig studieren, ich bin gerade dabei.« »Aber das sagst du mir doch jeden Tag, du Unglücksmensch. Und wie steht es mit dem Kapitel über die Mantelöfen?« »Damit komme ich schon weiter. Aber bei der Gelegenheit, lieber Onkel, möchte ich dich bitten, mir noch etwas Holz heraufzuschicken, es herrscht hier eine sibirische Kälte. Ich friere so sehr, daß das Thermometer unter Null sinkt, wenn ich's nur ansehe.« »Immer Holz«, seufzte der Onkel. »Nun gut, ich werde dir noch welches schicken, aber ich verlange dafür auch zu morgen das Kapitel über die Mantelöfen.« »Wenn ich Feuer habe, habe ich auch Ideen«, sagte der Türke, der jetzt wieder in seinem Zimmer eingeschlossen wurde. Rudolf, der hier so als Türke hauste, hatte von seinem Onkel den ehrenvollen Auftrag erhalten, einen Führer durch die Geheimnisse des Ofenbaus zu schreiben, mit dem dann der Onkel seinen eigenen Namen unsterblich machen wollte. Um den Neffen zu der neuen Arbeit anzufeuern, hatte Monetti ihm in den ersten Tagen einen Vorschuß von fünfzig Franken gegeben. Aber Rudolf, der seit fast einem Jahr eine solche Summe nicht mehr beisammengesehen hatte, war halb berauscht in Gesellschaft dieser fünfzig Franken ausgegangen und nach vier Tagen ohne dieselben wieder zurückgekehrt. Monetti, der sein Handbuch möglichst bald beendet sehen wollte, denn er sah sich schon mit einem Ehrendiplom belohnt, hatte Angst, sein Neffe möchte von neuem entweichen. Und um ihn zum Arbeiten zu zwingen und ihn zugleich am Ausgehen zu verhindern, nahm er ihm die Kleider weg und beließ ihm dafür das Kostüm, das er jetzt trug. Trotzdem ging es mit dem herrlichen Führer nur sehr, sehr langsam vorwärts, denn Rudolf hatte absolut keine Begabung für diese Art von Literatur. Für diese träge Gleichgültigkeit rächte sich dann der Onkel wieder, indem er seinem Neffen bald die Mahlzeiten verkürzte, bald ihm den Rauchtabak entzog. Eines Sonntags, als Rudolf wieder einmal bei seinem entsetzlichen Zugofenkapitel Blut und Tinte geschwitzt hatte, zerbrach er die Feder, die ihm zwischen den Fingern brannte, und trat in seinen Balkonpark hinaus, wo er auf und ab marschierte. Aber wie um seine Qual noch zu verstärken, konnte er keinen Blick nach außen werfen, ohne an jedem Fenster einen Raucher zu bemerken. Auf dem goldbronzierten Balkon eines neuen Hauses saß ein Gigerl im Schlafrock und kaute an einer vornehmen Havannazigarre. Ein Stockwerk darüber blies ein Maler den duftenden Rauch eines türkischen Tabaks von sich, der in einer Pfeife mit Bernsteinmundstück brannte. Am Fenster einer Schenke ließ ein dicker Deutscher sein Bier schäumen und stieß mit der Regelmäßigkeit einer Maschine schwere Rauchwolken aus seinem porzellanenen Pfeifenkopf. Über die Straßen zogen Gruppen von Arbeitern, die kurze Stummelpfeifen in den Zähnen hielten und lustige Lieder sangen. Überhaupt rauchten alle Fußgänger, die die Straße durchzogen. »Ach,« seufzte Rudolf voller Neid, »außer mir und den Öfen meines Onkels raucht doch alles zu dieser Stunde der Schöpfung.« Plötzlich wurde unter ihm ein helles, liebliches Lachen vernehmbar. Rudolf beugte sich etwas über den Balkon hinaus und bemerkte, daß ihn die Mieterin des unter ihm befindlichen Stockwerks bemerkt hatte, Fräulein Sidonie, die junge erste Liebhaberin am Luxembourgtheater. Fräulein Sidonie trat an das Gitter ihres Balkons, indem sie mit entzückender Gewandtheit eine Zigarette drehte, wobei sie den Tabak aus einem bestickten Samtbeutel nahm. »O dieser schöne Tabaksbeutel«, murmelte Rudolf in nachdenklicher Bewunderung. »Was ist denn das für ein Ali Baba?« dachte inzwischen Fräulein Sidonie. Und um einen Vorwand zu einer Unterhaltung mit Rudolf zu finden, rief sie plötzlich vor sich hin: »Ach Gott, das ist doch ärgerlich, ich habe keine Streichhölzer.« »Mein Fräulein, darf ich Ihnen welche anbieten?« fragte Rudolf und ließ zwei oder drei, die er in ein Stückchen Papier gewickelt hatte, auf ihren Balkon hinabfallen. »Tausend Dank!« antwortete Sidonie und zündete ihre Zigarette an. »Ach, mein Fräulein,« fuhr Rudolf fort, »als Entgelt für den kleinen Dienst, den ein gütiges Schicksal mir erlaubt hat, Ihnen zu erweisen, wage ich es, eine Bitte an Sie zu richten.« »Er bittet schon!« dachte Sidonie und betrachtete Rudolf etwas aufmerksamer. »Na ja, diese Türken, sie sind flatterhaft, aber sonst sehr nett. Sprechen Sie, mein Herr«, sagte sie laut, indem sie ihr Gesicht zu Rudolf emporhob. »Was ist Ihr Wunsch?« »Ach, mein Fräulein, ich möchte Sie nur um die milde Gabe von ein wenig Tabak bitten. Seit zwei Tagen habe ich nicht mehr geraucht. Nur eine Pfeife ...« »Aber gern, mein Herr. Nur weiß ich nicht, wie ich sie Ihnen geben soll ... vielleicht steigen Sie ein Stockwerk tiefer.« »Leider ist mir das nicht möglich ... ich bin eingeschlossen. Aber es gibt da ein sehr einfaches Mittel.« Damit band Rudolf seine Pfeife an einen Bindfaden und ließ sie auf den Balkon hinab, wo Fräulein Sidonie sie eigenhändig und ausgiebig stopfte. Rudolf zog sie behutsam wieder herauf, ohne daß sie Schaden litt. »Ach, mein Fräulein,« sagte er zu Sidonie, »wieviel köstlicher würde mir diese Pfeife schmecken, wenn ich sie mit dem Feuer Ihrer Augen hätte entzünden können.« Diese liebenswürdige Schmeichelei war zwar durchaus nicht neu, aber Fräulein Sidonie fand sie trotzdem sehr nett. »Sie schmeicheln mir«, glaubte sie erwidern zu müssen. »O, mein Fräulein, ich versichere Ihnen, Sie sind schöner als die drei Grazien.« »Ali Baba ist entschieden galant«, dachte Sidonie. »Sind Sie eigentlich ein wirklicher Türke?« fragte sie Rudolf. »Nicht aus Neigung, sondern nur durch die Not gezwungen«, antwortete er. »Ich bin dramatischer Schriftsteller.« »Und ich Schauspielerin«, erwiderte Sidonie. »Herr Nachbar,« fügte sie dann hinzu, »darf ich Sie einladen, bei mir zu dinieren und den Abend zu verbringen?« »Ach, verehrtes Fräulein, obgleich diese Einladung mir den ganzen Himmel auftut, kann ich sie doch nicht annehmen. Wie ich schon vorhin sagte, hat mich mein Onkel, Herr Monetti, der Ofenfabrikant, dessen Sekretär ich augenblicklich bin, hier eingeschlossen.« »Trotzdem sollen Sie mit mir speisen«, antwortete Sidonie. »Hören Sie zu. Ich gehe jetzt in mein Zimmer und klopfe an meine Decke. An der Stelle, wo ich klopfe, befindet sich eine kleine Falltür, die man zugenagelt hat. Sie werden das Stück Holz, das das Loch verschließt, schon aufbringen, und dann werden wir, wenn auch jeder in seinem Zimmer bleibt, doch wie zusammen sein. Rudolf machte sich gleich an die Arbeit, und nach fünf Minuten war eine Verbindung zwischen den beiden Zimmern hergestellt. »Das Loch ist leider sehr klein,« meinte Rudolf, »aber es bietet genügend Raum, um Ihnen mein Herz hinabzusenden.« »Jetzt wollen wir speisen«, sagte Sidonie. »Decken Sie bei sich, ich werde Ihnen die Schüsseln zureichen.« Rudolf ließ seinen Turban an einem Bindfaden herab und zog ihn, mit Eßwaren beladen, wieder herauf. Dann begannen der Dichter und die Künstlerin, jedes in seinem Zimmer, ihre gemeinsame Mahlzeit. Mit den Zähnen verschlang Rudolf die Pastete, aber nicht minder mit den Augen Fräulein Sidonie. »Ach, mein Fräulein,« sagte Rudolf nach dem Essen, »Ihre Güte hat den Hunger meines Magens gestillt. Könnten Sie nicht auch den Hunger meines Herzens stillen, das schon so lange gefastet hat?« »Armer Junge!« sagte Sidonie, und indem sie sich auf einen Tisch stellte, hielt sie Rudolf ihre Hand an die Lippen, die er mit Küssen bedeckte. Später begann eine verliebt-literarische Unterhaltung. Rudolf erzählte von seinem Drama ›Der Rächer‹ und Fräulein Sidonie bat ihn, es vorzulesen. Über den Rand der Falltür hingelehnt, begann er nun der Schauspielerin, die, um besser hören zu können, ihren Stuhl auf eine Kommode gestellt hatte, sein Kunstwerk vorzulesen. Sie erklärte den ›Rächer‹ für ein Meisterwerk und versprach Rudolf, bei ihrem Theater, wo sie einen entscheidenden Einfluß hatte, die Aufführung durchzusetzen. Mitten in der zärtlichsten Unterhaltung hörte Rudolf auf dem Flur den gebieterischen Schritt seines Onkels Monetti, und er hatte gerade noch Zeit, die Falltür zu schließen. »Hier ist ein Brief,« sagte Monetti, »der dich schon seit einem Monat sucht.« »Was kann das sein?« fragte Rudolf und riß ihn auf. »O, lieber Onkel,« rief er aus, »jetzt bin ich reich! Dieser Brief teilt mir mit, daß ich einen Preis von dreihundert Franken bei einem Ausschreiben der Blumenspiele erhalten habe. Bring mir schnell meinen Überzieher und meine Sachen, damit ich meine Lorbeeren pflücke. Das Kapitol wartet meiner!« »Und mein Kapitel über die Zugöfen?« fragte Monetti kühl. »Aber, mein Onkel, das hat doch jetzt noch Zeit. Ich brauche meine Sachen, denn ich kann doch nicht in diesem Anzug ausgehen.« »Du wirst nicht eher ausgehen, bis mein Leitfaden fertig ist«, sagte der Onkel und verschloß die Tür wieder sorgfältig. Als Rudolf allein war, überlegte er nicht lange, welchen Entschluß er fassen sollte. Er befestigte an seinem Balkon eine Bettdecke, aus der er einen Knotenstrick gemacht hatte, und stieg trotz der Gefahr dieses Versuchs daran auf den Balkon von Fräulein Sidonie hinab. »Wer ist da?« rief diese, als Rudolf an ihre Scheiben klopfte. »Still«, antwortete er. »Öffnen Sie!« »Barmherziger Himmel«, sagte die Schauspielerin. »Sie hätten sich den Tod holen können.« »Hören Sie, Sidonie«, bat Rudolf und las ihr den Brief vor. »Sie sehen, Reichtum und Ruhm lächeln mir zu ... Sollte es die Liebe nicht auch können?« Am nächsten Morgen verließ Rudolf mit Hilfe eines Anzuges, den ihm Sidonie verschafft hatte, das Haus seines Onkels. Er eilte zu dem Sekretär der Akademie der Blumenspiele, der ihm eine goldene Rose im Werte von dreihundert Franken überreichte, die nicht viel länger lebte, als es auch natürliche Rosen tun. Einen Monat später erhielt Herr Monetti von seinem Neffen eine Einladung zur Erstaufführung des ›Rächers‹. Dank dem Talent Sidonies erlebte das Stück siebzehn Aufführungen und brachte seinem Autor vierzig Franken ein. Einige Zeit darauf, es war zum Glück in der schönsten Jahreszeit, wohnte Rudolf auf der Avenue de Saint Cloud, auf dem fünften Ast des dritten Baumes links von dem Ausgang des Boulogner Wäldchens. V. Die Karolingermünze Gegen Ende Dezember erhielt die Post den Auftrag, ungefähr hundert Exemplare eines Schriftstücks auszutragen, das hier in einer wörtlichen Abschrift folgen soll: Herrn ... Die Herren Rudolf und Marcel geben sich die Ehre, Sie zu nächsten Sonnabend, dem Abend vor Weihnachten, bei sich einzuladen. Es wird sehr lustig werden! P.S. Man lebt nur einmal auf der Welt! Festprogramm. Erster Teil. Sieben Uhr: Eröffnung der Festräume; lebhafte und angeregte Unterhaltung. Acht Uhr: Einzug und Umzug der geistreichen Verfasser des Lustspiels ›Der kreißende Berg‹, das vom Odeontheater abgelehnt wurde, durch die Festräume. Acht Uhr dreißig: Herr Alexander Schaunard, der bekannte Pianist, trägt auf dem Klavier seine lautmalende Symphonie ›Der Einfluß der blauen Farbe auf die Künste‹ vor. Neun Uhr: Erste Lesung des Gesetzentwurfs zur Abschaffung der Tragödiendichtung. Neun Uhr dreißig: Herr Gustav Colline, transzendentaler Philosoph, und Herr Schaunard beginnen eine Diskussion über die Beziehungen zwischen Philosophie und Metapolitik. Um jede Kollision zwischen den beiden Antagonisten unmöglich zu machen, werden sie beide angebunden werden. Zehn Uhr: Herr Tristan, Literat, erzählt seine ersten Liebeserlebnisse. Herr Alexander Schaunard begleitet ihn dabei auf dem Klavier. Zehn Uhr dreißig: Zweite Lesung des Gesetzentwurfs zur Abschaffung der Tragödiendichtung. Elf Uhr: Schilderung einer Kasuarjagd durch einen exotischen Prinzen. Zweiter Teil. Zwölf Uhr: Herr Marcel, Historienmaler, läßt sich die Augen verbinden und improvisiert mit weißer Kreide das Zusammentreffen zwischen Napoleon und Voltaire in den Elyseeschen Gefilden. Zu gleicher Zeit improvisiert Herr Rudolf einen Vergleich zwischen dem Autor der ›Zaira‹ und dem Autor der ›Schlacht bei Austerlitz‹. Zwölf Uhr dreißig: Herr Gustav Colline stellt in dezentem Negligee die athletischen Spiele der Vierten Olympiade dar. Ein Uhr morgens: Dritte Lesung des Gesetzentwurfs zur Abschaffung der Tragödiendichtung, und dann Sammlung für die Tragödiendichter, die nach der Annahme brotlos sein werden. Zwei Uhr: Beginn der Gesellschaftsspiele und Zusammenstellung der Quadrillen. Fortsetzung dieser Belustigungen bis zum Morgen. Sechs Uhr: Sonnenaufgang und Schlußchor. Während der ganzen Dauer des Festes sind die Ventilatoren geöffnet. N.B. Jeder Anwesende, der versucht, Verse vorzulesen oder sie aus dem Gedächtnis zu deklamieren, wird sofort aus den Festräumen entfernt und der Polizei übergeben. Ebenso wird dringend gebeten, keine Kerzenstümpfchen einzustecken. Zwei Tage später waren die Exemplare dieses Sendschreibens bis in die untersten Schichten der Literatur und Kunst gedrungen und hatten dort eine tiefe Erregung herbeigeführt. Immerhin gab es unter den Eingeladenen nicht wenige, die den von den beiden Freunden angekündigten Herrlichkeiten nicht so recht trauen wollten. »Ich glaube an die ganze Geschichte nicht«, sagte einer der Skeptiker. »Ich habe ein paarmal die Mittwochabende Rudolfs auf der Rue de la Tour d'Auvergne besucht. Zum Sitzen gab es nur an die Wand gemalte Stühle, und als Getränk Wasser nach Belieben.« »Nein, diesmal wird es ernst«, sagte ein anderer. »Marcel hat mir den Festentwurf gezeigt, der geradezu magische Effekte verspricht.« »Sind Frauen da?« »Ja, die Schminkeuphemia will die Königin des Festes werden, und Schaunard soll sogar Damen der Gesellschaft einführen.« Die Idee zu diesem Fest, das so großes Staunen in den Kreisen des Zigeunertums erregte, lag eigentlich weit zurück, da Marcel und Rudolf schon seit einem Jahr diese pompöse Galafeier angekündigt, aber sie immer wieder von einem Sonnabend auf den andern verschoben hatten. Schließlich konnten sie sich nicht mehr sehen lassen, ohne ironischen Fragen ihrer Freunde zu begegnen, so daß sie endlich, um alle Brücken hinter sich abzubrechen, ihre Einladung zum Vorabend von Weihnachten in die Welt sandten. »Jetzt bleibt uns nur noch übrig,« sagte Rudolf zu Marcel, »die hundert Franken aufzutreiben, die wir unbedingt für das Fest brauchen.« »Wir werden sie finden,« sagte Marcel, »weil wir sie finden müssen.« Aber der Vorabend des Festes kam heran, ohne daß der erwartete Zufall ihnen irgendwelches Geld in den Schoß geschüttet hätte, und sie begannen die Pracht ihres Programms nach und nach zu beschneiden, bis sie schließlich ihren Kostenanschlag auf fünfzehn Franken heruntergebracht hatten. »Morgen müssen wir Ernst machen mit dem Geldauftreiben, denn absagen können wir nicht mehr«, sagte Rudolf. »Ausgeschlossen«, stimmte ihm Marcel zu. »Ich werde meinen Onkel aufsuchen«, fuhr Rudolf fort, »und begeistert seinen Bericht über die Schlacht bei Studzianka anhören. Das bringt mir sicher fünf Franken ein.« »Und ich«, meinte Marcel, »werde dem alten Medici eine ›Schloßruine‹ verkaufen. Das bringt auch fünf Franken ein, und wenn ich Zeit habe, noch drei Türmchen und eine Mühle hinaufzumalen, vielleicht sogar zehn.« Am nächsten Morgen standen sie sehr frühzeitig auf. Marcel nahm eine Leinwand und begann eine Schloßruine zu malen, während Rudolf sich anschickte, seinen Onkel Monetti zu besuchen, der auf dem Rückzug aus Rußland die berühmte Schlacht bei Studzianka mitgemacht hatte. Um zwei Uhr traf Marcel mit einem Gemälde unter dem Arm auf dem Place du Carrousel seinen Freund Rudolf, der von seinem Onkel kam. Beide sahen etwas niedergeschlagen aus. »Nun,« fragte Marcel, »hast du Erfolg gehabt?« »Nein, mein Onkel hat einen Ausflug nach Versailles gemacht. Und du?« »Dieser gemeine Medici will keine Schloßruinen mehr, er hat ein ›Bombardement von Tanger‹ verlangt.« »Unser ganzer Ruf ist dahin, wenn wir unser Fest nicht geben. Was soll unser Freund, der einflußreiche Kritiker, denken, wenn ich ihn umsonst eine weiße Krawatte und gelbe Handschuhe anziehen lasse?« In großer Unruhe kamen sie wieder in ihrem Atelier an, gerade als es auf der Uhr eines Nachbarn vier schlug. »Noch drei Stunden«, sagte Rudolf. »Aber bist du sicher,« meinte Marcel, »daß hier nirgends mehr Geld liegt. Die Emigranten haben zur Zeit Robespierres ihr Geld in den Möbeln versteckt. Unser Lehnstuhl hat vielleicht einem Emigranten gehört, sollen wir ihn auseinandernehmen?« »Wahnsinn!« sagte Rudolf verzweifelt. Aber plötzlich stieß Marcel, der die Ecken des Ateliers durchstöbert hatte, ein lautes Triumphgeschrei aus. »Wir sind gerettet!« rief er und zeigte seinem Freund eine alte Münze in der Größe eines Fünffrankstücks, die ganz mit Grünspan bedeckt war. Es war ein karolingisches Geldstück, wenigstens wies die glücklich noch erhaltene Jahreszahl auf die Regierungszeit Karls des Großen hin. »Sie ist sicherlich nicht echt, keine dreißig Sous kriegst du dafür«, sagte Rudolf mit einem verächtlichen Blick auf den Fund seines Freundes. Mit dreißig Sous läßt sich schon allerlei anfangen«, meinte Marcel. »Jedenfalls will ich ihn Medici anbieten. Hast du sonst nichts mehr? Halt, da ist ja noch der Abguß vom Schienbein des berühmten russischen Tambourmajors Jaconowski, das bringt sicher was.« »Nimm das Schienbein. Es ist ein Jammer, wie hier ein Kunstgegenstand nach dem andern verschwindet.« Während Marcel fort war, suchte Rudolf seinen Freund Colline, den transzendentalen Philosophen auf, der ganz in der Nähe wohnte, und entlieh sich halb mit Gewalt den schwarzen Frack. »Du kannst ja ruhig in Hemdsärmeln kommen«, sagte er. »Man wird dich für einen biederen Hausdiener halten.« »O nein«, sagte Colline errötend. »Ich werde meinen braunen Paletot anziehen. Aber warte doch,« fügte er hinzu, als er sah, daß sich Rudolf mit dem Frack schon entfernen wollte, »ich habe noch ein paar Kleinigkeiten in den Taschen.« Die Kleinigkeiten, die darin waren, bestanden in einer Reihe von Quart- und Oktavbänden sehr gelehrter Art, die allein schon den Grundstock zu einer kleinen Bibliothek gebildet hätten. Als Rudolf nach Hause kam, saß Marcel auf der Erde und spielte mit drei Fünffrankstücken. »Bei Medici war zufällig ein Münzensammler,« erzählte Marcel, »dem gerade dieses Stück fehlte. Er bot mir sofort fünf Franken. Aber Medici stieß mich an und warf mir einen Blick zu, der ›halbpart‹ bedeutete. Daraus haben wir den Preis bis auf dreißig Franken getrieben, von denen ich ihm leider fünfzehn abgeben mußte. Jetzt dürfen die Eingeladenen kommen, wir können ihnen ungeahnte Genüsse bieten.« Sofort begannen die beiden Freunde mit den Vorbereitungen. Sie räumten das Atelier auf, machten Feuer an im Kamin, hingen einen mit Kerzen besteckten Bilderrahmen als Kronleuchter an die Decke und stellten einen Tisch in die Mitte des Ateliers, der als Rednertribüne dienen sollte. Davor wurde der einzige Lehnstuhl hingesetzt als Platz für den einflußreichen Kritiker, und auf einem kleineren Tische lagen alle Werke, Romane, Versbücher, Feuilletons, deren Verfasser den Abend mit ihrer Anwesenheit zieren sollten. Um jeden Zusammenstoß zwischen den verschiedenen Arten von Literaten zu verhindern, war im übrigen das ganze Atelier in vier Abschnitte eingeteilt, die jeder mit einem in aller Eile hergestellten Schild versehen waren. Man las darauf: Versdichter                             Romantiker Prosadichter Klassiker Für die Damen war in der Mitte ein Platz vorbehalten. »Schön,« sagte Rudolf, »aber es fehlen noch Stühle.« »Es befinden sich ein paar auf dem Treppenabsatz,« meinte Marcel, »aber sie sind an der Wand befestigt. Wir müßten sie losmachen.« »Natürlich machen wir sie los«, sagte Rudolf und holte die Stühle, die irgendeinem andern Mieter gehörten. Als es sechs schlug, gingen die Freunde schnell etwas essen und begaben sich dann an die Beleuchtung der Räume. Sie fühlten sich selbst davon geblendet. Um sieben Uhr kam Schaunard mit drei der versprochenen vornehmen Damen. Sie hatten aber vergessen, ihre Diamanten und ihre Hüte mitzubringen. Auf eine, die einen roten Schal mit schwarzem Muster trug, machte Schaunard Rudolf besonders aufmerksam. »Dies ist eine hochvornehme Dame,« sagte er, »eine Engländerin, die nach dem Sturze der Stuarts ihre Heimat verlassen mußte. Sie ernährt sich ganz bescheiden, indem sie englische Stunden gibt. Wie sie mir erzählt hat, war ihr Vater Lordkanzler unter Cromwell. Du mußt also sehr höflich gegen sie sein. Duze sie nicht zu auffällig.« Zahlreiche Schritte hörte man jetzt im Treppenhaus, es waren die Eingeladenen, die ankamen. Sie schienen erstaunt zu sein, daß im Kamin Feuer brannte. Der schwarze Rock Rudolfs näherte sich den Damen, und er küßte ihnen mit der ganzen Anmut eines Grandseigneurs aus der Barockzeit die Hand. Als ungefähr zwanzig Personen anwesend waren, fragte Schaunard, ob jetzt nicht irgendeine Erfrischung gereicht würde. »Sogleich«, sagte Marcel. »Wir warten nur noch auf die Ankunft des einflußreichen Kritikers, dann wird heißer Punsch gereicht.« Um acht Uhr waren alle Eingeladenen versammelt, und die Vorführung des Programms konnte beginnen. In den Pausen wurden Getränke dargeboten, deren Zusammensetzung ein Rätsel für alle Zeiten blieb. Ungefähr um zehn erschien die weiße Weste des einflußreichen Kritikers. Er blieb nur eine Stunde und wußte sich im Trinken sehr zu beherrschen. Als es um Mitternacht kein Holz mehr gab, begannen die Gäste mit Sitzplätzen in Rücksicht auf die Kälte miteinander zu losen, wer seinen Stuhl ins Feuer werfen sollte. Um ein Uhr war man so weit, daß alles stehen mußte. Im übrigen herrschte eine liebenswürdige Heiterkeit unter den Eingeladenen. Kein Zwischenfall störte die Stimmung, außer einer aufgeplatzten Naht in Collines schwarzem Rock und einer Ohrfeige, die Schaunard der Tochter von Cromwells Lordkanzler gab. Dieser denkwürdige Abend bildete acht Tage lang den Hauptgesprächsstoff in den Kreisen des Zigeunertums, und die Schminkeuphemia, die die Königin des Festes gewesen, pflegte darüber zu ihren Freunden zu sagen: »Es war hochvornehm, sogar Kerzenbeleuchtung hatten sie.« VI. Fräulein Dudelsack Fräulein Dudelsack war ein hübsches Mädchen von zwanzig Jahren, das bald nach seiner Ankunft in Paris zu dem geworden, was alle hübschen Mädchen werden, wenn sie eine elegante Figur, viel Koketterie und etwas Ehrgeiz haben und mit der Orthographie auf dem Kriegsfuß stehen. Nachdem sie lange Zeit die Vergnügungsabende des Studentenviertels verschönt und dort mit einer sehr gefühlvollen, wenn auch nicht immer richtigen Stimme eine Menge ländlicher Liedchen gesungen, die ihr den Beinamen eintrugen, unter dem sie von da ab von den hervorragendsten Vertretern der kommenden Dichtergeneration gefeiert wurde, verließ sie plötzlich die ärmliche Rue de la Harpe und zog nach dem eleganteren Quartier Breda. Sie wurde jetzt bald eine der Löwinnen der vornehmen Vergnügungswelt und näherte sich nach und nach jenem Höhepunkt der Berühmtheit, der darin besteht, daß man in den Pariser Zeitungen genannt oder für die Kunsthandlung lithographiert wird. Trotzdem unterschied sich Fräulein Dudelsack doch von den übrigen Damen, zwischen denen sie lebte. Wie alle echten Frauen liebte sie innerlich Eleganz und Schönheit. Sie sehnte sich nach Reichtum und den Genüssen des Reichtums. Aber sie wäre doch nie die Geliebte eines Mannes geworden, der nicht wie sie selbst jung und schön war, und sie hatte mehr als einmal glänzende Anerbietungen reicher alter Lebemänner zurückgewiesen. Ihre Liebesneigungen waren heftig und impulsiv, sie dauerten aber nie lange genug, um zu wirklichen Leidenschaften anzuwachsen. Und die außerordentliche Veränderlichkeit ihrer Gefühle, die geringe Sorgfalt, mit der sie auf den Geldbeutel und die Kleidung derer sah, die um ihre Gunst warben, brachten eine große Beweglichkeit in ihr Leben und verursachten bei ihr einen ständigen Wechsel zwischen einem eigenen Wagen und dem Omnibus, zwischen hochherrschaftlicher Wohnung und einem Schlafquartier im Hinterhaus, zwischen seidenen und baumwollenen Kleidern. Zu der Zeit, da sie die Geliebte eines jungen Staatsrats war, der ihr in galanter Weise die Verfügung über sein Erbteil überließ, hatte sie die Gewohnheit, einmal wöchentlich in ihrem hübschen kleinen Salon in der Rue de la Bruyère einen Gesellschaftsabend zu geben. Ihre Abende glichen so ziemlich den meisten Pariser Gesellschaftsabenden, nur daß man sich bei ihr besser als anderswo amüsierte. Wenn es nicht genügend Stühle gab, so setzte sich einer auf den Schoß des andern, und es kam oft vor, daß ein Paar aus einem Glas trank. Rudolf, der der Freund von Fräulein Dudelsack war, und der niemals (sie wußten beide nicht, warum) mehr war als ihr Freund, bat sie eines Abends, seinen Freund, den Maler Marcel einführen zu dürfen. »Er ist ein talentvoller Junge«, fügte er hinzu, »und wird sicher einmal auf einem Sessel der Akademie sitzen.« »Bringen Sie ihn nur her«, antwortete sie. An dem Abend, wo sie zusammen hingehen wollten, stieg Rudolf zu Marcel hinauf, um ihn abzuholen. Der Maler machte gerade Toilette. »Wie, du willst in einem farbigen Hemd in eine Gesellschaft gehen?« fragte Rudolf. »Ist das denn nicht Sitte?« erwiderte Marcel ruhig. »Sitte? Unglücksmensch, es ist ein tödlicher Verstoß!« »Wirklich?« meinte Marcel und betrachtete sein Hemd, das auf einem blauen Untergrund Vignetten mit einem von einer Meute vorfolgten Eber zeigte. »Ach was, ich binde einen Vatermörder um, und da mein Methusalem sich bis zum Halse knöpfen läßt, so sieht man nichts von meinem Hemd.« »Du willst doch nicht den Methusalem anziehen?« fragte Rudolf beunruhigt. »Ich muß leider«, antwortete Marcel. »Gott und mein Schneider haben mir keinen neueren Rock beschert. Außerdem hat er neue Knöpfe bekommen, und ich habe ihn auch kürzlich erst frisch geschwärzt.« Marcels Rock trug den Beinamen Methusalem auch nicht ohne Berechtigung, denn er hatte mit der neuesten Mode weniger als nichts zu tun und war außerdem von einer unangenehmen grünen Farbe. Aber Marcel behauptete, bei Licht könne er für schwarz durchgehen. Nach fünf Minuten war Marcels Toilette beendet. Sie zeigte den denkbar schlechtesten Geschmack, und er sah aus wie ein Malerlehrling, der sich in eine Gesellschaft verlaufen hat. Aber die beiden Freunde sollten an diesem Abend noch eine Überraschung erleben. Fräulein Dudelsack hatte sich nämlich mit ihrem Freund, dem Staatsrat, überworfen und war nach einer heftigen Auseinandersetzung von ihm verlassen worden. Ihre Gläubiger und der Hausherr hatten darauf ihre Möbel gepfändet und diese auf den Hof heruntergeschafft, von wo sie am nächsten Tage zur Versteigerung abgeholt werden sollten. Trotz dieses Zwischenfalls dachte Fräulein Dudelsack keinen Augenblick daran, ihren Gesellschaftsabend ausfallen zu lassen. Sie ließ ganz ruhig den Hof in einen Salon umwandeln, legte einen Teppich auf das Pflaster, traf alle Vorbereitungen wie sonst, zog eine Empfangstoilette an und lud alle Mieter des Hauses zu ihrem kleinen Fest ein, wobei sie nur die Sorge für die Beleuchtung der Gnade des Himmels überlassen mußte. Dieser Schwank hatte einen ungeheuern Erfolg. Noch nie war ein Abend bei Fräulein Dudelsack so unterhaltsam und lustig verlaufen. Man sang und tanzte noch, als in der Frühe die Arbeiter kamen, um die Möbel, die Teppiche und Sessel fortzuholen. Nun war man allerdings gezwungen, aufzubrechen, und die Gesellschaft ging in fröhlichster Stimmung auseinander. Marcel und Rudolf blieben noch bei Fräulein Dudelsack, die in ihre Wohnung hinaufgegangen war, wo sich nichts mehr als ihr Bett befand. »Ach ja,« sagte sie, »jetzt fängt mein Abenteuer an, weniger lustig zu sein. Ich werde wohl bei Mutter Grün logieren müssen. Ich kenne schon dieses Hotel, es zieht da manchmal sehr.« »Oh, gnädiges Fräulein,« sagte Marcel, »wenn ich die Schätze eines Krösus besäße, ich würde Ihnen einen Tempel anbieten, kostbarer als der des Salomo, aber ...« »Aber Sie sind kein Krösus, mein Freund. Ich bin Ihnen auch für die Absicht dankbar ... Übrigens,« setzte sie hinzu, indem sie ihr Gemach mit einem Blick streifte, »ich langweile mich hier. Die Möbel waren schon alt, ich hatte sie schon sechs Monate. Außerdem, nach dem Ball geht man gewöhnlich zum Souper.« »Auf zum Souper, Torero!« sang Marcel, der gerne faule Witze machte, besonders des Morgens. Da Rudolf bei einem Kartenspiel, das während der Nacht gemacht worden war, etwas Geld gewonnen hatte, führte er Fräulein Dudelsack und Marcel in eine Wirtschaft, die gerade geöffnet wurde. Nach dem Frühstück hatte keiner von den dreien Lust, schon zu Bett zu gehen, und so beschlossen sie, den begonnenen Tag auf dem Lande zu verbringen. Sie befanden sich in der Nähe eines Bahnhofs, nahmen den nächstbesten Zug und kamen so nach Saint Germain. Den ganzen Tag durchstreiften sie die Wälder und kehrten erst abends um sieben wieder nach Paris zurück. Marcel wäre gerne noch länger geblieben. Er meinte, es könnte höchstens halb eins sein, und die zunehmende Dunkelheit käme nur daher, daß der Himmel mit Wolken bedeckt sei. Marcels Herz, das sich schon während der Nacht entzündet hatte, stand nämlich in hellen Flammen, und er versprach seiner Begleiterin, ihr ein noch viel schöneres Mobiliar als das frühere zu kaufen. Das Geld wollte er sich durch den Verkauf seines berühmten Gemäldes ›Der Durchgang durch das Rote Meer‹ verschaffen. Aber der schöne Gegenstand seiner Liebe ließ sich zwar die Hände, den Hals, und was sonst an ihr zugänglich war, küssen, wollte aber von einem Einbruch in ihr Herz nichts wissen. In Paris trennte sich Rudolf von den beiden andern, und der Maler erhielt die Erlaubnis, das junge Mädchen bis zu ihrer Tür zu begleiten. »Darf ich Sie besuchen?« fragte Marcel. »Ich werde Ihr Porträt malen.« »Lieber Freund,« sagte die Kleine, »ich kann Ihnen nicht meine Adresse geben, da ich ja gar nicht weiß, wo ich morgen wohne. Aber ich werde Sie besuchen und Ihren Rock ausbessern, der ein Loch hat, daß ein Heuwagen hindurchfahren kann.« »Ich werde Sie erwarten wie den Messias«, sagte Marcel. »Aber nicht so lange«, meinte die Kleine lachend. »Was für ein reizendes Mädchen«, sagte Marcel, indem er langsam weiterging. »Sie ist die Göttin der Heiterkeit. Ich werde mir noch ein Loch in den Rock machen.« Er war noch keine dreißig Schritte gegangen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Es war Fräulein Dudelsack. »Lieber Herr Marcel,« sagte sie, »sind Sie ein Kavalier?« »Durch und durch. Rubens und meine Dame, so lautet mein Wahlspruch.« »Nun, dann vernehmet meine traurige Mär, hochedler Ritter«, antwortete Fräulein Dudelsack, die etwas von der Literatur in sich aufgenommen hatte, obgleich sie mit den Regeln der Grammatik manchmal auf gespanntem Fuße stand. »Mein Hauswirt hat den Schlüssel zu meiner Wohnung entfernen lassen, und es ist elf Uhr nachts – begreifen Sie meine Lage?« »Ich begreife sie«, sagte Marcel und bot seiner Dame den Arm. Dann führte er sie nach seinem Atelier, das auf dem Quai aux Fleurs lag. Fräulein Dudelsack fiel fast um vor Schlaf, hatte aber noch die Kraft, Marcel, dem sie die Hand drückte, zu sagen: »Sie vergessen doch nicht, was Sie mir versprochen haben?« »O geliebtes Mädchen«, sagte der Künstler mit etwas bewegter Stimme. »Sie sind hier unter einem gastlichen Dach. Schlafen Sie in Frieden, gute Nacht. Ich gehe fort.« »Warum denn?« fragte sie, und die Augen fielen ihr fast zu. »Ich versichere Ihnen, ich habe keine Furcht. Außerdem sind ja hier zwei Zimmer, ich lege mich auf Ihr Sofa.« »Mein Sofa ist zu hart, um darauf zu schlafen. Es ist wie mit Kieselsteinen gepflastert. Ich schlafe bei einem Freund, der im selben Block wohnt. Es ist besser so, denn wenn ich auch gewöhnlich mein Wort halte, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und Sie sind achtzehn. Gute Nacht.« Am nächsten Morgen um acht kam Marcel mit einem Blumentopf nach Hause, den er auf dem Markt gekauft hatte. Fräulein Dudelsack, die sich ganz bekleidet aufs Bett gelegt hatte, schlief noch immer. Bei dem Geräusch, das er machte, erwachte sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Guter Junge!« sagte sie. »Guter Junge?« wiederholte er. »Heißt das nicht so viel wie Dummkopf?« »Oh,« antwortete Fräulein Dudelsack, »warum sagen Sie so etwas? Das ist nicht nett. Anstatt mir Bosheiten an den Kopf zu werfen, sollten Sie mir lieber den hübschen Blumentopf schenken.« »Ich hab' ihn ja eigens für Sie mitgebracht«, sagte Marcel. »Nehmen Sie ihn, und als Dank für meine Gastfreundschaft singen Sie mir eins Ihrer schönen Liedchen. Vielleicht bleibt etwas von dem Echo Ihrer Stimme in diesem Atelier zurück, und ich höre es noch, wenn Sie fortgegangen sind.« »Sie wollen mich doch nicht vor die Tür setzen?« fragte sie. »Jetzt, da ich keine Wohnung habe. Hören Sie, Marcel, ich ziere mich nicht lange, wenn ich meinem Herzen Luft machen will. Sie gefallen mir, und ich gefalle Ihnen. Wenn das auch keine Liebe ist, so ist es vielleicht ein Ansatz dazu. Also, ich gehe nicht. Ich bleibe hier, solange die Blumen, die Sie mir geschenkt haben, nicht verwelken.« »Ach,« seufzte Marcel, »die werden schon in zwei Tagen verwelkt sein. Hätte ich das gewußt, ich hätte Immortellen gekauft.« Vierzehn Tage wohnten Fräulein Dudelsack und Marcel schon zusammen, und sie führten, obgleich sie oft ohne Geld waren, das wundervollste Leben von der Welt. Fräulein Dudelsack fühlte für den Maler eine Neigung, die nichts mit ihren früheren Leidenschaften zu tun hatte, und Marcel begann zu fürchten, er hätte sich ernsthaft in seine Freundin verliebt. Er wußte nicht, daß sie dieselbe Sorge hatte, und sah jeden Morgen nach, ob auch die Blumen noch frisch wären, deren Welken ja das Ende ihres Verhältnisses bedeuten sollte. Er begriff nicht, warum sie sich so gut hielten, bis er eines Nachts erwachte und Fräulein Dudelsack nicht neben sich fand. Er stand auf und schlich in das Atelier, wo er seine Geliebte fand, die jede Nacht seinen Schlaf benutzte, um den Blumen Wasser zu geben, damit sie nicht verwelken konnten. VII. Der Goldstrom Es war am 19. März. Und wenn Rudolf das Alter eines Methusalem erreichen würde, nie würde er diesen Tag vergessen. Denn es war an diesem selbigen Tage, am Fest des heiligen Josephs, als er des Nachmittags um drei Uhr ein Bankgeschäft verließ, in dem er in guter und klingender Münze fünfhundert Franken abgehoben hatte. Der erste Gebrauch, den Rudolf von diesem gewaltigen Goldschatz machte, war der, daß er vor allem damit keine Schulden bezahlte, denn er hatte sich geschworen, von jetzt ab äußerst sparsam zu leben und sich keine Ausschweifungen zu gestatten. Überhaupt wollte er nur noch an die notwendigsten Dinge denken und kaufte sich zunächst einmal eine türkische Pfeife, nach der er sich schon lange sehnte. Mit diesem köstlichen Gegenstand bewaffnet, richtete er seine Schritte nach der Wohnung seines Freundes Marcel, der ihn seit einiger Zeit beherbergte. Als Rudolf das Atelier des Malers betrat, klingelte es in seinen Taschen wie in dem Glockenturm einer Kirche an einem hohen Feiertag. Marcel, der dieses ungewohnte Geräusch hörte, glaubte, einer seiner Nachbarn, der manchmal an der Börse spekulierte, mache es, und vertiefte sich, ohne nur aufzublicken, unwillig in sein Gemälde ›Der Durchgang durch das Rote Meer‹, das schon seit drei Jahren auf seiner Staffelei stand. Rudolf, der noch kein Wort gesagt hatte, wollte sich einen Spaß mit seinem Freund machen und ließ ein Fünffrankstück zur Erde rollen. Jetzt erst erhob Marcel seinen Blick und betrachtete Rudolf, der ein äußerst ernstes Gesicht machte. Dann ergriff er schnell das Geldstück und steckte es hocherfreut in seine Tasche. Er wußte übrigens, daß Rudolf ausgegangen war, um Geld zu holen, hatte aber durchaus nicht geglaubt, daß er irgendeinen Erfolg haben würde. Marcel schwieg also ebenfalls und arbeitete weiter daran, einen Ägypter in den Fluten des Roten Meeres zu ertränken. Gerade als er mit diesem Mord fertig war, ließ Rudolf ein zweites Fünffrankstück fallen und brach zugleich in ein lautes Lachen aus, als er das verblüffte Gesicht des Malers sah. »Wie,« rief Marcel, der durch den hellen Klang des Silbers wie elektrisiert war, »dein Lied hat noch eine zweite Strophe?« Ein drittes Geldstück rollte zur Erde, dann ein viertes und noch eins, und endlich tanzte eine ganze Quadrille von Fünffrankstücken im Zimmer herum. Bei Marcel machten sich deutliche Zeichen einer beginnenden Geisteszerrüttung bemerkbar, bis Rudolf, der immer lauter lachte, plötzlich seine Taschen mit vollen Händen leerte, und die Silberstücke ein fabelhaftes Steeplechase durch das Zimmer begannen. Es war wie eine Überschwemmung des goldhaltigen Paktolusstromes, wie der Goldregen Jupiters, der sich in den Schoß der Danae ergießt. Marcel stand unbeweglich und stumm mit starren Augen da. Das Staunen schien auf ihn zu wirken, wie einst die Neugierde auf Lots Weib wirkte, und als Rudolf seine letzten Geldstücke zu Boden warf, war er mindestens zur Hälfte schon zur Salzsäule geworden. Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden Freunde so weit wieder zur Besinnung kamen, daß sie vernünftig miteinander reden konnten. »Dieses Geld ist die Frucht meiner Bemühungen«, sagte Rudolf, indem er die Silberstücke aufraffte und sie auf den Tisch legte. »Jetzt endlich kann ich meine Träume verwirklichen.« »Es müssen mindestens sechstausend Franken sein«, dachte Marcel, indem er ehrfurchtsvoll das Geld betrachtete. »Ich habe eine Idee. Ich werde Rudolf veranlassen, meinen ›Durchgang durch das Rote Meer‹ zu kaufen.« Plötzlich nahm Rudolf eine theatralische Haltung an, und mit großer Feierlichkeit in den Bewegungen und in der Stimme sagte er zu dem Maler: »Höre mich an, Marcel, der Reichtum, den du hier strahlen siehst, ist von mir ehrlich erworben worden. Eine edelmütige Hand gab ihn mir, und ich habe dafür den heiligen Schwur abgelegt, mit seiner Hilfe und durch meine Arbeit mir eine geachtete Stellung in der Welt zu erobern. Die Arbeit ist die heiligste aller Pflichten.« »Und das Pferd ist das edelste aller Tiere«, unterbrach ihn Marcel. »Hast du noch mehr solcher Gemeinplätze zur Hand?« »Unterbrich mich nicht mit deinen seichten Scherzen«, antwortete Rudolf. »Sie prallen übrigens an dem festen Panzer meines unerschütterlichen Willens ab. Folgendes sind meine Pläne: Jetzt, da ich über die materiellen Sorgen des Lebens hinaus bin, werde ich ernsthaft arbeiten. Ich werde ein großes Werk schreiben und mir die öffentliche Meinung erobern. Vor allen Dingen löse ich mich von dem Zigeunertum los. Ich kleide mich, wie es sich gehört, ich schaffe mir einen schwarzen Frack an und besuche die feinere Gesellschaft. Wenn du den gleichen Weg einschlagen willst, können wir weiter zusammen wohnen, aber du mußt meine Grundsätze annehmen. Vor allen Dingen muß die äußerste Sparsamkeit bei uns Platz greifen. Wenn wir uns einrichten, können wir uns drei Monate ohne Sorgen der Arbeit widmen.« »Mein Freund,« sagte Marcel, »die Sparsamkeit ist die Grundlage der Nationalökonomie. Wenn du mir sechs Franken gibst dann werde ich dafür ein Lehrbuch darüber kaufen ... Übrigens, du hast ja da eine türkische Pfeife?« »Ja,« sagte Rudolf, »ich habe sie für fünfundzwanzig Franken gekauft.« »Wie, du verschwendest fünfundzwanzig Franken für eine Pfeife und sprichst von Sparsamkeit?« »Sicher war das Sparsamkeit«, antwortete Rudolf. »Sonst zerbrach ich täglich eine Pfeife zu zwei Sous, was auf das Jahr berechnet noch eine viel größere Summe ausmacht. Ich habe also dabei gespart.« »Da hast du allerdings recht«, sagte Marcel. »Daran hatte ich nicht gedacht.« In diesem Augenblick schlug eine Uhr in der Nachbarschaft die sechste Stunde. »Wir wollen schnell essen,« sagte Rudolf, »ich will noch heute abend mit meinem Plan beginnen. Übrigens fällt mir gerade ein, daß wir jeden Tag eine Masse Zeit mit dem Einholen und Zubereiten des Essens verschwenden. Zeit bedeutet aber für den Arbeitenden Geld, und wir müssen doch sparsam sein. Wir werden also von heute ab in der Stadt essen.« »Ja,« meinte Marcel, »zwanzig Schritte von hier befindet sich ein ausgezeichnetes Restaurant. Es ist zwar etwas teuer, aber da es so nahe liegt, sparen wir an Zeit, indem wir nicht so weit zu gehen haben.« »Wir wollen heute hingehen«, sagte Rudolf. »Aber morgen oder übermorgen müssen wir eine noch sparsamere Maßregel ergreifen ... statt ins Restaurant zu gehen, werden wir uns eine Köchin nehmen.« »Nein, nein!« unterbrach ihn Marcel. »Lieber nehmen wir einen Bedienten, der dann zugleich unser Koch ist. Das bietet unendliche Vorteile. Unser Essen wird immer fertig sein, er wichst unsere Stiefel, er wäscht meine Pinsel aus und besorgt uns alle Gänge. Ich werde ihm sogar etwas Kunstverständnis beibringen, dann kann er mir als Lehrling behilflich sein. Wir sparen auf diese Art täglich jeder sechs Stunden, die wir mit großem Nutzen auf unsere Arbeit verwenden können.« »Nun ja«, meinte Rudolf. »Übrigens habe ich noch eine andere Idee ... aber wir wollen erst essen gehen.« Fünf Minuten später saßen die beiden Freunde in einem in der Nähe gelegenen Restaurant und setzten ihr Gespräch über die Sparsamkeit fort. »Folgendes ist meine Idee«, sagte Rudolf. »Wie wär's, wenn wir uns statt eines Dieners eine Geliebte hielten?« »Eine Geliebte für zwei!« rief Marcel entsetzt. »Das hieße den Geiz doch auf die Spitze treiben, und wir würden unser Geld verschwenden, indem wir uns bald Messer kauften, um uns gegenseitig die Hälfte abzuschneiden. Ich ziehe einen Bedienten vor; außerdem verleiht uns das Ansehen.« »Ja, das ist wahr!« sagte Rudolf. »Aber dann müssen wir auch einen intelligenten Burschen wählen. Wenn er einen Schimmer von der Orthographie hat, bringe ich ihm das Redigieren bei.« »Das würde später eine Erwerbsquelle für seine alten Tage sein«, stimmte Marcel zu, indem er die Rechnung nachsah, die sich auf fünfzehn Franken belief. »Eigentlich etwas teuer. Gewöhnlich haben wir zusammen für dreißig Sous gespeist.« »Ja,« meinte Rudolf, »aber das Essen war schlecht, und wir mußten nachher noch einmal soupieren. Im ganzen gerechnet ist es also doch eine Ersparnis.« »Du hast heute immer recht«, murmelte der Maler. »Und wie ist es nun, arbeiten wir heute?« »Nein, heute nicht, ich besuche meinen Onkel, um ihn über meine neue Lage aufzuklären. Er ist ein tüchtiger Mensch und kann mir gute Ratschläge geben. Was machst du, Marcel?« »Ich, ich gehe zum alten Medici und frage ihn, ob er keinen Auftrag zum Restaurieren von alten Bildern hat. Übrigens, gib mir doch fünf Franken.« »Wozu?« »Ich komme über den Pont des Arts und besuche vielleicht ein Lokal.« »Das ist eine überflüssige Ausgabe, und wenn es auch nicht viel ist, so verstößt es doch gegen unsere Grundsätze.« »Ja, du hast recht«, sagte Marcel. »Ich werde also über den Pont Neuf gehen ... doch dann nehme ich eine Droschke.« Die beiden Freunde trennten sich, indem sie verschiedene Richtungen einschlugen. Aber durch einen seltsamen Zufall trafen sie sich in demselben Lokal. »Sieh da, du hast also deinen Onkel nicht angetroffen?« fragte Marcel. »Und du hast Medici nicht gesehen?« fragte Rudolf. Sie begannen beide zu lachen. Trotzdem kehrten sie zu früher Stunde ... am nächsten Morgen wieder heim. Zwei Tage später waren Rudolf und Marcel vollständig verwandelt. In ihren eleganten neuen Anzügen sahen sie beide so strahlend und vornehm aus, daß sie, wenn sie sich auf der Straße trafen, sich kaum zu grüßen wagten. Ihr System der Sparsamkeit war jetzt in vollem Schwung, nur mit dem Arbeiten hatte es noch nicht so recht begonnen. Sie besaßen jetzt einen Diener, einen langen Burschen von vierunddreißig Jahren, der aus der Schweiz herstammte und hervorragend unintelligent war. Im übrigen schien er nicht zum Diener geboren zu sein, denn wenn ihm einer seiner Herren ein etwas auffälliges Paket zu tragen gab, dann errötete er vor Unwillen, und sie mußten für die Besorgung einen Dienstmann nehmen. Doch besaß er auch seine Vorzüge, und wenn man ihm einen Hasen gab, dann brachte er ein einigermaßen eßbares Hasenragout fertig. Im übrigen war er früher Destillateur gewesen und hatte eine große Vorliebe für seine Kunst bewahrt. Einen großen Teil der Zeit, die er seinen Herren hätte widmen sollen, verwandte er darauf, einen neuen Likör zusammenzustellen, dem er seinen Namen geben wollte. Auch gelang ihm ein guter Nußbranntwein. Am weitesten brachte Baptiste es aber in der Fertigkeit, Marcels Zigarren aufzurauchen und dabei Rudolfs Manuskripte als Fidibusse zu verwenden. Eines Tages wollte Marcel ihn im Kostüm des Königs Pharao als Modell für sein Gemälde ›Durchzug durch das Rote Meer‹ benutzen. Diesen Vorschlag wies Baptiste energisch zurück und verlangte seinen Abschied. »Gut,« sagte Marcel, »wir werden heute abend mit Ihnen abrechnen.« Als Rudolf nach Hause kam, erklärte ihm sein Freund, man müßte Baptiste wegschicken. »Er nützt uns zu gar nichts«, sagte er. »Das ist wahr«, antwortete Rudolf. »Er ist der reine Kunstgegenstand.« »Stiefelwichsen versteht er nicht.« »Er ist faul.« »Man muß ihn hinauswerfen.« »Werfen wir ihn hinaus.« »Trotzdem hat er einige Vorzüge. Sein Hasenklein ist eßbar.« »Sein Nußlikör ist ausgezeichnet. Er ist der Raffael des Nußlikörs.« »Ja, aber das ist auch alles, und das kann uns nicht genügen. Wir verlieren unsere ganze Zeit, indem wir mit ihm diskutieren.« »Er hindert uns am Arbeiten.« »Er ist schuld, wenn ich mit meinem ›Durchzug durch das Rote Meer‹ nicht mehr für den Salon zurechtkomme. Er hat sich geweigert, mir als Pharao zu sitzen.« »Ihm verdanke ich es, daß ich eine mir aufgetragene Arbeit nicht beenden konnte. Er wollte nicht zur Bibliothek gehen, um mir die nötigen Notizen zu suchen.« »Er richtet uns zugrunde.« »Entschieden, wir können ihn nicht mehr behalten.« »Schicken wir ihn fort ... aber dann müssen wir ihn bezahlen.« »Wir werden ihn bezahlen, aber er soll gehen! Gib mir Geld, damit ich mit ihm abrechne.« »Wie? Geld? Aber ich führe doch nicht die Kasse, das tust du doch?« »Unsinn, du hast sie. Du hast die oberste Leitung übernommen«, sagte Rudolf. »Aber ich versichere dir, ich habe kein Geld!« rief Marcel. »Was, es sollte kein Geld mehr da sein? Das ist unmöglich! Man kann nicht in acht Tagen fünfhundert Franken ausgeben, besonders wenn man, wie wir es getan haben, mit der äußersten Sparsamkeit lebt und sich auf das Allernotwendigste beschränkt. Wir müssen die Rechnungen durchsehen, dann werden wir den Fehler finden.« »Ja,« sagte Marcel, »aber wir werden kein Geld finden. Trotzdem können wir das Ausgabebuch durchsehen ... Also am 19. März. Einnahmen: Fünfhundert Franken. Ausgaben: Eine türkische Pfeife fünfundzwanzig Franken, Diner fünfzehn Franken, verschiedene Ausgaben vierzig Franken.« »Was waren denn das für Ausgaben?« sagte Rudolf zu Marcel, der vorlas. »Das war doch der Abend, da wir erst des Morgens nach Hause kamen. Übrigens haben wir dadurch Holz und Licht gespart.« »Weiter – fahr' fort.« »Am 20. Frühstück ein Frank fünfzig; Tabak zwanzig Centimen; Diner zwei Franken; ein Lorgnon zwei Franken fünfzig. Oh, das war für dich. Wozu brauchtest du ein Lorgnon? Du siehst hieran ...« »Du weißt ganz gut, daß ich für den ›Regenbogen‹ einen Bericht über den Salon schreiben mußte. Es ist unmöglich, eine Kritik über Gemälde zu liefern, wenn man kein Lorgnon hat. Die Ausgabe war also wohl berechtigt. Weiter!« »Ein Spazierstock ...« »Aha, der war für dich«, sagte Rudolf. »Einen Spazierstock brauchtest du wirklich nicht.« »Das sind alle Ausgaben vom 20.«, meinte Marcel, ohne auf den Spazierstock weiter einzugehen. »Am 21. haben wir im Restaurant gefrühstückt und außerdem auch zu Mittag und zu Abend gegessen.« »Aber das kann doch nicht so viel gekostet haben.« »Viel nicht ... kaum dreißig Franken. Es steht unter ›Verschiedene Ausgaben‹.« »Eine unbestimmte und niederträchtige Bezeichnung.« »Am 22. kam Baptiste. Wir gaben ihm fünf Franken Vorschuß, für die italienische Drehorgel fünfzig Centimen, Sammlung zum Loskauf kleiner Chinesenkinder, die von ihren barbarischen Eltern sonst in den Gelben Fluß geworfen worden wären, zwei Franken vierzig.« »Na, ich habe ja nichts gegen die Drehorgel«, sagte Rudolf. »Aber was gehen uns die Chinesenkinder an?« »Ich bin nun einmal mitleidig!« antwortete Marcel. »Weiter, bis jetzt sind wir eigentlich noch gar nicht verschwenderisch gewesen.« »Am 23. und 24. ist nichts notiert. Am 25. an Baptiste drei Franken gezahlt. Es scheint, daß er oft Geld bekommen hat.« »Desto weniger schulden wir ihm«, sagte Rudolf. »Weiter!« »Am 25. März verschiedene für die Kunst notwendige Ausgaben sechsunddreißig Franken vierzig Centimen.« »Was können wir denn da so Notwendiges gekauft haben? Ich erinnere mich nicht.« »Wie, du erinnerst dich nicht? ... Das ist doch der Tag, wo wir auf den Notre-Dame-Turm gestiegen sind, um Paris aus der Vogelschau zu betrachten.« »Aber das kostet doch nur acht Sous«, meinte Rudolf. »Ja, aber nachher haben wir in Saint-Germain zu Mittag gegessen. Am 27. ist nichts notiert. Am 28. erhielt Baptiste auf sein Gehalt sechs Franken.« »Ja, jetzt bin ich sicher, daß wir ihm nichts mehr schulden, wir bekommen höchstens noch Geld heraus.« »Am 29. ist nichts. Am 30. hatten wir Gäste zum Essen, macht dreißig Franken fünfzig Centimen. Der 31. das ist heute, wo wir noch nichts ausgegeben haben. Du siehst also, wie genau ich Buch geführt habe. Zusammen sind das noch keine fünfhundert Franken.« »Dann muß also noch Geld in der Kasse sein.« »Wir können nachsehen«, sagte Marcel und zog eine Schublade auf. »Es ist nichts darin, nur eine Spinne.« »Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen«, sagte Rudolf. »Wo, zum Teufel, kann dann aber das ganze Geld hingekommen sein?« fragte Marcel und starrte verzweifelt die leere Kasse an. »Ganz einfach«, sagte Rudolf. »Baptiste hat alles bekommen.« »Warte einmal!« schrie Marcel und holte ein Papier aus der Schublade. »Die letzte Mietquittung! Hast du das bezahlt?« »Ich? Ich werde doch nicht so dumm sein!« meinte Rudolf. »Es ist ein Rätsel!« sagte Marcel. »Wir wollen Baptiste fragen.« »Jawohl«, sagte der herbeigerufene Diener nachlässig, als ihm Marcel die Quittung zeigte, »ich habe ganz vergessen, Ihnen zu sagen, daß der Hauswirt heute früh kam, als Sie fort waren. Ich habe es bezahlt, um ihm die Mühe des Wiederkommens zu ersparen.« »Wo haben Sie denn das Geld gefunden?« »O, in der Schublade, die gerade offen stand. Ich dachte sogar, die Herren hätten sie absichtlich zu dem Zweck offen gelassen, und glaubte so Ihren Befehlen nachzukommen.« »Baptiste«, sagte Marcel bleich vor Zorn. »Sie haben sich eine Eigenmächtigkeit zuschulden kommen lassen, Sie sind aus unserem Dienst entlassen. Geben Sie uns Ihre Livree zurück.« Baptiste nahm die Wachstuchmütze ab, aus der seine Livree bestand, und reichte sie Marcel hin. »Gut«, sagte dieser. »Sie können gehen.« »Und mein Lohn?« »Was sagen Sie? Lohn? Sie haben mehr erhalten, als wir Ihnen schuldig sind. Ich habe Ihnen für weniger als vierzehn Tage vierzehn Franken bezahlt. Was haben Sie mit all dem Gelde angefangen? Sie unterhalten wohl eine Tänzerin?« »Eine Seiltänzerin!« fügte Rudolf hinzu. »So werde ich also hinausgestoßen,« sagte der unglückliche Diener, »ohne eine Kopfbedeckung!« »Behalten Sie Ihre Livree«, erwiderte Marcel, der wider Willen Mitleid empfand, und gab ihm die Mütze. »Trotzdem hat dieser Unglückliche unser Vermögen vergeudet«, sagte Rudolf, als er den armen Baptiste davonziehen sah. »Aber wo werden wir heute zu Mittag speisen?« »Das werden wir morgen wissen!« antwortete Marcel. VIII. Was ein Fünffrankstück kostet. Eines Sonnabends lernte Rudolf, als er im Restaurant zu Abend speiste, dort eine Putzmacherin kennen, die sich Fräulein Laura nannte. Sobald sie hörte, daß Rudolf Chefredakteur der Modejournale ›Regenbogen‹ und ›Castor‹ war, begann sie herausfordernd mit ihm zu kokettieren, denn sie hoffte, daß er für sie Reklame machen könnte. Auf diese Lockungen antwortete Rudolf mit einem wahren Feuerwerk geistreicher Liebesbeteuerungen, so daß am Schluß des Diners Fräulein Laura, die inzwischen erfahren hatte, daß ihr Nachbar ein Dichter war, ihm offen zu verstehen gab, daß sie nicht abgeneigt sei, ihn zu ihrem Petrarka zu erwählen. Sie bewilligte ihm sogar ohne Umschweife ein Stelldichein für den nächsten Tag. »Himmel!« sagte sich Rudolf, als er Fräulein Laura nach Hause begleitete, »ist das eine entzückende Person! Sie ist elegant gekleidet und scheint sogar gebildet zu sein. Ich hätte wirklich nichts dagegen, sie glücklich zu machen.« Vor ihrer Haustür ließ Fräulein Laura Rudolfs Arm los und dankte ihm, daß er sie einen so weiten Weg begleitet habe. »O meine Gnädigste,« antwortete Rudolf mit einer tiefen Verneigung, »ich wünschte, Sie wohnten in Moskau oder auf den Sundainseln, dann hätte ich so viel länger das Vergnügen, Ihr Begleiter zu sein.« »Das würde ein weiter Weg sein«, meinte sie kokett. »Wir hätten die Boulevards genommen«, erwiderte Rudolf. »Gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.« Und ehe Laura noch an Widerstand denken konnte, hatte er sie auf den Mund geküßt. »Aber, mein Herr,« rief sie, »Sie gehen sehr schnell vor.« »Nur, um desto eher am Ziel zu sein«, antwortete er. »In der Liebe muß man die ersten Wegstrecken im Galopp zurücklegen.« »Ein merkwürdiger Kauz«, dachte die Putzmacherin, als sie in ihrer Wohnung war. »Eine hübsche Person«, sagte sich Rudolf, als er weiterging. Rudolf schlief in dieser Nacht nicht besonders, er träumte von Fräulein Laura, und als er am nächsten Morgen seiner Gewohnheit gemäß um elf Uhr aufstand, beschloß er, sofort auf der Redaktion des ›Regenbogens‹ sein Geld abzuheben, um seine neue Bekannte in ein vornehmes Restaurant führen zu können. Auf der Straße begegnete ihm ein Omnibus, an dessen Scheiben ein auffälliges Plakat klebte mit den Riesenbuchstaben: Heute Sonntag Wasserkünste in Versailles. Ein Blitzstrahl, der zu seinen Füßen eingeschlagen wäre, hätte keinen tieferen Eindruck auf ihn machen können als der Anblick dieses Plakats. »Heute ist ja Sonntag!« schrie er. »Das hatte ich ganz vergessen. Wie soll ich denn da Geld auftreiben? Und alles, was Geld hat in Paris, ist heute unterwegs nach Versailles.« Trotzdem lief Rudolf, von einer irrsinnigen Hoffnung getrieben, wie sie bei Menschen gerade in der größten Verzweiflung auftritt, zur Zeitung hin. Irgendein glücklicher Zufall konnte ja doch den Kassierer hingeführt haben. Herr Boniface war tatsächlich da gewesen, aber nur einen Augenblick, und sofort wieder gegangen. »Er fährt nach Versailles!« sagte der Junge zu Rudolf. »Alles ist verloren«, sagte Rudolf. »Aber«, fügte er nach einer Weile hinzu, »mein Rendezvous findet doch erst abends statt, ich habe also noch fünf Stunden Zeit. In jeder Stunde kann ich doch zwanzig Sous auftreiben! Auf, ans Werk!« Da in dem Viertel, wo er sich befand, ein Literat wohnte, den er den einflußreichen Kritiker nannte, beschloß er, bei ihm einen Versuch zu machen. »Sicher ist er zu Hause«, dachte er. »Er schreibt Sonntags sein Feuilleton. Er muß mir fünf Franken leihen.« »Ach, das sind Sie«, sagte der Schriftsteller, als er Rudolf sah. »Sie kommen mir sehr gelegen, Sie können mir einen Gefallen tun.« »Das trifft sich ja wunderbar«, dachte der Redakteur des ›Regenbogens‹. »Waren Sie gestern im Odeon?« »Ich bin jeden Abend im Odeon.« »Dann haben Sie doch das neue Stück gesehen, ich brauche eine Inhaltsangabe.« »Die ist leicht geschrieben«, sagte Rudolf und setzte sich an den Schreibtisch. Als er seine Analyse dem Literaten reichte, nickte dieser befriedigt. »Sehr gut«, sagte er. »Sie ist nur etwas kurz.« »Wenn Sie Gedankenstriche hineinsetzen«, meinte Rudolf, »und Ihre kritischen Ansichten hinzufügen, so können Sie sie sehr in die Länge ziehen.« »Leider habe ich wenig Zeit«, sagte der Kritiker. »Aber wie wär's, wenn Sie Ihrer Inhaltsangabe eine kurze oder vielmehr eine lange Würdigung hinzufügten.« »Schade!« sagte Rudolf. »Ich habe natürlich Ansichten über das Stück, aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich sie schon ausgiebig für den ›Castor‹ und den ›Regenbogen‹ geäußert habe.« »Das macht nichts, schreiben Sie alles noch einmal!« »Gut«, dachte Rudolf. »Ich schreibe ihm für zwanzig Franken Feuilleton, dafür kann er mir die fünf Franken nicht abschlagen.« »Himmel und Hölle!« fluchte der Kritiker, als Rudolf fertig war. »Es fehlen immer noch zwei Spalten, womit soll ich diesen Abgrund ausfüllen? Übrigens, da Sie hier sind, schreiben Sie doch noch ein paar paradoxe Bemerkungen hinzu!« »Hm«, dachte Rudolf, als er sich von neuem an den Schreibtisch setzte. »Ich werde ihn doch nur um zehn Franken anpumpen. Ich darf meine Paradoxe nicht so billig verkaufen.« Und er schrieb noch dreißig Zeilen mit witzigen Bemerkungen über die Klavierpest, die Mode der Goldfische, die Schule des gesunden Menschenverstandes und den Rheinwein. »Das ist sehr nett«, sagte der Kritiker. »Fügen Sie noch hinzu, daß das Bagno ein vornehmer Aufenthalt ist, weil man dort immer noch die verhältnismäßig anständigsten Leute findet.« »Warum das denn?« »Weil noch zwei Zeilen fehlen. Gut, jetzt ist es genug«, sagte der einflußreiche Kritiker und rief seinen Diener, damit er sein Feuilleton in die Druckerei bringe. »Und nun an's Geschäft!« dachte Rudolf und trug seine Bitte vor. »Das tut mir aber leid,« sagte der Kritiker; »ich besitze keinen Sou. Lolotte ruiniert mich mit ihren Pomadeschachteln, und vorhin hat sie mich bis aufs Hemd ausgeraubt, weil sie sich in Versailles die Wasserkünste ansehen will.« »Sie geht auch nach Versailles!« rief Rudolf. »Das ist ja eine Epidemie.« »Doch wozu brauchen Sie das Geld?« »Ich will es Ihnen sagen«, antwortete Rudolf. »Ich treffe mich heute abend um fünf Uhr mit einer vornehmen und geistvollen Dame, die sogar Omnibus fährt. Ich wollte mein Schicksal auf einige Tage mit dem ihrigen vereinen und halte es für angemessen sie mit den höheren Genüssen des Lebens, Diner, Tanz, Spazierfahrt und dergleichen, bekanntzumachen. Dafür brauche ich unbedingt fünf Franken, und wenn ich sie nicht finde, wird die ganze französische Literatur in meiner Person blamiert sein.« »Aber warum leihen Sie sich denn dieses Geld nicht von dieser Dame selbst?« rief der Kritiker. »Beim erstenmal? Das geht nicht! Nur Sie können mich aus meiner Verlegenheit ziehen.« »Bei allen Mumien Ägyptens schwöre ich Ihnen auf mein großes Ehrenwort, daß ich nicht so viel besitze, um eine Einsoupfeife oder eine Jungfernschaft zu kaufen. Doch habe ich hier einige alte Schmöker, die Sie versetzen können.« »Heute, am Sonntag? Ausgeschlossen! Alle Pfandleihen sind zu. Übrigens, was sind das für Schmöker? Poesiebände? Kein Mensch kauft so was!« »Höchstens, wenn er vom Gericht dazu verurteilt würde«, sagte der Kritiker. »Warten Sie, hier sind noch einige Romane und Konzertbillette. Wenn Sie es geschickt anfangen, können Sie daraus Geld lösen.« »Lieber wäre mir etwas anderes, zum Beispiel eine Hose.« »Hier«, sagte der Kritiker. »Nehmen Sie diesen Band Bossuet und die Gipsbüste Odilon Barrets. Auf Ehrenwort, es ist das Scherflein der Witwe.« »Ich sehe, daß Sie den besten Willen haben«, sagte Rudolf. »Ich werde also diese Schätze mitnehmen. Aber daraus dreißig Sous zu lösen, das ist wirklich die dreizehnte Arbeit des Herkules.« Nach langem mühevollen Umherlaufen und mit Hilfe einer Beredsamkeit, deren selbst er nur in wenigen wichtigen Augenblicken fähig war, gelang es ihm, zwei Franken auf die Poesiebände, die Romane und die Gipsbüste zu entleihen. »Die Sauce ist da,« murmelte er, »nun noch der Braten! Jetzt gehe ich zu meinem Onkel.« Als er eine halbe Stunde später zu seinem Onkel kam, las dieser auf dem Gesicht seines Neffen den Grund seines Kommens. Sofort sammelte er sich zur Abwehr und begann zu klagen. »Es sind schwere Zeiten, das Leben ist teuer, die Schuldner bezahlen nicht, die Gläubiger wollen ihr Geld, das Geschäft ist elend. Du kannst mir glauben, ich habe mir von meinem Ladengehilfen Geld leihen müssen, um eine Rechnung zu bezahlen.« »Warum hast du denn nicht zu mir geschickt?« sagte Rudolf. »Ich hätte dir gern das Geld geliehen. Ich habe vor drei Tagen zweihundert Franken eingenommen.« »Danke, mein Junge«, sagte der Onkel. »Aber du brauchst es wohl selbst. Übrigens, da du gerade hier bist, du könntest mit deiner guten Handschrift mir einige Rechnungen ausschreiben, die ich absenden muß.« »Die fünf Franken kommen mir teuer zu stehen«, meinte Rudolf, indem er sich an die Arbeit machte. »Lieber Onkel«, sagte er, als er fertig war, zu Monetti. »Ich weiß, du liebst ja so sehr die Musik, ich habe dir Konzertbillette mitgebracht.« »Das ist sehr nett von dir, mein Junge. Du ißt doch bei mir?« »Danke, Onkel, ich werde auf dem Faubourg Saint-Germain zum Diner erwartet. Ich bin sogar in einiger Verlegenheit, weil ich nicht die Zeit hatte, mir zu Hause Geld zum Ankauf von einem Paar Handschuhe zu holen.« »Du hast keine Handschuhe? Soll ich dir die meinen leihen?« »Danke, wir haben nicht die gleiche Größe. Aber wenn du mir gerade das Geld leihen könntest ...« »Gewiß, mein Junge, wenn man in Gesellschaft geht, muß man gut gekleidet sein. Besser Neid erwecken als Mitleid, wie meine Tante zu sagen pflegte. Hier sind neunundzwanzig Sous, ich leihe sie dir. Ich hätte dir auch mehr gegeben, aber ich habe sonst nichts hier unten. Und das Geschäft im Stich lassen, indem ich hinaufgehe, darf ich nicht. Jeden Augenblick kann ein Käufer kommen.« »Du sagtest mir doch eben, das Geschäft ginge gar nicht.« Der Onkel Monetti schien nicht zu hören, er sagte zu seinem Neffen, der das Geld einsteckte: »Mit der Rückgabe hat es keine Eile!« »So ein Geizkragen!« dachte Rudolf, indem er sich davonmachte. »Jetzt fehlen mir noch einunddreißig Sous! Wo soll ich die auftreiben? Das beste ist, ich stelle mich auf den Kreuzweg der Vorsehung.« Rudolf nannte so den Zentralpunkt von Paris, nämlich das Palais Royal, wo man tatsächlich keine zehn Minuten verweilen kann, ohne ein Dutzend Bekannte, vor allem Gläubiger zu finden. Rudolf stellte sich also vor dem Palais Royal auf Posten, aber es dauerte lange, bis die Vorsehung in Tätigkeit trat. Endlich glaubte Rudolf sie zu bemerken. Sie trug einen weißen Hut, einen grünen Überzieher und einen Spazierstock mit einem goldenen Knopf ... es war also eine sehr gut gekleidete Vorsehung. »Ich bin entzückt, Sie zu treffen«, sagte der elegante junge Mann, als er Rudolf sah. »Begleiten Sie mich doch etwas, wir wollen plaudern.« »Um Gottes willen«, dachte Rudolf, denn er kannte den unerträglichen Redestrom des andern. Am Pont des Arts benutzte endlich Rudolf die Gelegenheit und sagte zu seinem Begleiter: »Ich muß Sie jetzt leider verlassen, ich habe kein Geld für den Brückenzoll.« »Aber was macht das?« meinte der andere und hielt Rudolf fest, indem er dem alten Wächter zwei Sous hinwarf. »Jetzt oder nie!« dachte der Redakteur des ›Regenbogens‹, während sie über die Brücke schritten. Als sie das Ende erreicht hatten, blieb er plötzlich vor der Uhr des Instituts stehen und starrte mit verzweifelter Geste hinauf. »Himmel! Ein Viertel vor fünf!« schrie er. »Ich bin verloren!« »Was gibt's?« fragte der andere erstaunt. »Leider«, sagte Rudolf, »habe ich dank Ihrer interessanten Unterhaltung eine wichtige Zusammenkunft versäumt.« »Ist sie wichtig?« »Sehr, ich sollte um fünf Uhr Geld abholen ... in Batignolles ... Nie werde ich dorthin kommen ... Zum Teufel, was fange ich nur an?« »Du lieber Himmel,« sagte der Geschwätzige, »das ist doch einfach. Kommen Sie mit mir, ich leihe Ihnen Geld.« »Unmöglich! Sie wohnen in Montrouge, und ich habe um sechs Uhr eine Geschäftsangelegenheit an der Chaussee d'Antin ... Verfluchtes Pech!« »Ich habe einiges Geld bei mir«, sagte die Vorsehung ängstlich. »Aber es ist nur wenig.« »Wenn ich nur soviel hätte, um eine Droschke zu nehmen, vielleicht käme ich dann zur Zeit nach Batignolles.« »Hier, mein Lieber, alles, was ich hier habe: einunddreißig Sous.« »Geben Sie es schnell, vielleicht geht es noch«, sagte Rudolf, und dann eilte er davon, um nach dem Ort seines Rendezvous zu gehen. »Das war eine schwere Geschichte«, sagte er, indem er sein Geld zählte. »Genau hundert Sous! Jetzt werde ich Laura zeigen, was die Literaten für seine Lebensart haben, und daß ihnen nur das nötige Geld fehlt, um zu den reichsten Leuten zu gehören.« Er traf seine Angebetete schon an der verabredeten Stelle. Er blieb mit ihr den ganzen Abend zusammen und verschwendete seine fünf Franken in freigebigster Weise. Fräulein Laura war entzückt von seiner feinen Lebensart und schien erst zu bemerken, daß Rudolf sie nicht zu ihrer eigenen Wohnung führte, als sie in sein Zimmer trat. »Es ist unrecht, daß ich das tue«, sagte sie. »Lassen Sie es mich nie bereuen durch eine Undankbarkeit, die Ihrem Geschlecht nun einmal eigen ist.« »Gnädiges Fräulein,« sagte Rudolf, »ich bin bekannt wegen meiner Anhänglichkeit. Alle meine Freunde staunen über meine Treue und nennen mich deshalb den General Bertrand der Liebe.« IX. Das Kap der Stürme Der erste Monat in jedem Vierteljahr enthält zwei schreckliche Tage, den Ersten und den Fünfzehnten. Rudolf, der diesen Daten nie ohne Grauen entgegensah, nannte sie das Kap der Stürme. An diesen Tagen ist es nicht die Morgenröte, die die erwachenden Menschen begrüßt, sondern es sind die Gläubiger, die Hauswirte, die Gerichtsvollzieher, die an die Türen klopfen. Dieser Tag beginnt mit einem Regen von Rechnungen, Quittungen, Wechseln, und er endet mit einem Hagel von Protesten – Dies irae ! Am Morgen eines solchen fünfzehnten Aprils schlief Rudolf ganz behaglich und träumte, einer seiner Onkel hätte ihm im Testament ein ganzes Königreich Peru mit allen Peruanerinnen vermacht. Während er so in einem wahren Goldstrom herumschwamm, weckte ihn gerade im herrlichsten Augenblick seines wundervollen Träumens das Geräusch eines im Türschloß herumgedrehten Schlüssels. Rudolf richtete sich, noch halb vom Schlaf befangen, auf, und als er verwirrt um sich blickte, bemerkte er eine seltsame Gestalt in seinem Zimmer. Der Fremde, der zu so früher Stunde hereingetreten war, trug auf dem Kopf einen dreispitzigen Hut, auf dem Rücken eine lederne Tasche und in der Hand eine Aktenmappe. Bekleidet war er mit einem grauen Uniformfrack, und er keuchte hörbar von der Anstrengung, die ihm das Ersteigen der fünf Treppen gemacht hatte. Sein Benehmen war liebenswürdig, und in seinem Schritt lag etwas Klingendes, als habe sich eine ganze Wechselstube in Bewegung gesetzt. Rudolf war einen Augenblick erschrocken, als er den dreispitzigen Hut und den Frack sah, denn er glaubte es mit einem Stadtsergeanten zu tun zu haben. Aber der Anblick der wohlgefüllten Ledertasche ließ ihn von seinem Irrtum zurückkommen. »Ach ja, jetzt fällt es mir ein«, dachte er. »Es ist eine Anzahlung auf meine Erbschaft, dieser Mann kommt aus Westindien. Aber warum ist er denn nicht schwarz?« Und indem er nachlässig auf die Geldtasche wies, sagte er zu dem Mann: »Ich weiß schon, was es ist. Legen Sie sie dorthin! Danke.« Der Mann war ein Bote der Bank von Frankreich. Er antwortete auf die Einladung Rudolfs, indem er ihm ein Schriftstück mit hieroglyphischen Zeichen und Ziffern vor die Augen hielt. »Ah, Sie wollen eine Quittung?« sagte Rudolf. »Das ist recht. Reichen Sie mir die Feder und die Tinte. Sie stehen dort auf dem Tisch.« »Nein, ich möchte Geld holen«, antwortete der Kassenbote. »Und zwar hundertfünfzig Franken. Wir haben heute den 15. April.« »Ach so«, erwiderte Rudolf, indem er den Wechsel überflog. »Ordre Birmann. Das ist mein Schneider ... Leider«, fügte er mit einem melancholischen Blick auf einen über das Bett geworfenen Überzieher hinzu, »schwinden die Ursachen dahin, aber die Folgen bleiben! Wie? Ist heute wirklich schon der 15. April? Das ist doch merkwürdig! Und ich habe bis jetzt noch keine Erdbeeren gegessen.« Der Kassenbote ärgerte sich über das umständliche Wesen Rudolfs. »Sie haben bis vier Uhr Zeit zum Bezahlen«, sagte er und ging hinaus. »Ehrlichen Leuten setzt man keinen Termin«, antwortete Rudolf. »Wahrhaftig,« fügte er hinzu, indem er mit Bedauern dem Geldmenschen mit dem Dreispitz nachsah, »der gemeine Kerl nimmt seinen Geldsack mit.« Rudolf schloß die Vorhänge seines Bettes und versuchte, wieder in den Erbschaftstraum zurückzusinken. Aber er fand nicht den richtigen Weg und geriet statt dessen vor den Direktor des Theatre Français, der ihn mit abgezogenem Hut bat, ihm ein Drama zu schreiben. Rudolf, der die Verhältnisse kannte, bat ihn um einen Vorschuß, und gerade, als der Direktor ihm das Geld übergeben wollte, wurde der Schläfer von neuem geweckt, und zwar diesmal durch den Eintritt einer neuen Kreatur des 15. April. Es war Herr Benoît, der hartherzige Besitzer des möblierten Miethauses, in dem Rudolf wohnte. Herr Benoît war zugleich Hauswirt, Schuhmacher und Wucherer für seine Mieter, und an diesem Morgen verbreitete er einen abscheulichen Geruch von schlechtem Fusel und von verfallenen Rechnungen. In seiner Hand trug er eine leere Geldtasche. »Zum Teufel!« dachte Rudolf. »Das ist sicher kein Theaterdirektor, sonst trüge er eine weiße Krawatte und seine Geldtasche wäre gefüllt.« »Guten Tag, Herr Rudolf«, sagte Benoît, indem er sich dem Bett näherte. »Herr Benoît ... guten Tag! Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?« »Nun, es ist doch heute der 15. April!« »Schon? Wie doch die Zeit vergeht! Das ist ganz merkwürdig. Ich muß mir einen Nankingpaletot kaufen. Der 15. April? Du lieber Himmel, ohne Sie, Herr Benoît, hätte ich gar nicht daran gedacht. Wieviel Dank schulde ich doch Ihnen dafür!« »Sie schulden mir außerdem hundertzweiundsechzig Franken«, erwiderte Herr Benoît. »Und es ist Zeit, diese kleine Rechnung zu erledigen.« »Ich habe es durchaus nicht eilig ... Sie brauchen sich nicht soviel Mühe zu machen, Herr Benoît. Ich lasse Ihnen Zeit ... kleine Rechnungen werden große Zahlungen.« »Aber Sie haben es schon ein paarmal hinausgeschoben«, fuhr der Hauseigentümer fort. »Na, dann wollen wir alles regeln, Herr Benoît, mir ist das völlig gleichgültig. Ob heute oder morgen! Und schließlich sind wir alle sterbliche Menschen ... also regeln wir es!« Ein liebenswürdiges Lächeln erhellte das faltige Gesicht des Hausherrn, und er glich ganz seinem leeren Geldbeutel, der vor Hoffnung anschwoll. »Also, was schulde ich Ihnen?« fragte Rudolf. »Zunächst drei Monate Miete zu fünfundzwanzig Franken, das macht fünfundsiebzig Franken.« »Irrtum vorbehalten«, sagte Rudolf. »Weiter!« »Dann drei Paar Stiefel, zwanzig Franken das Paar.« »Einen Augenblick, Herr Benoît, werfen wir das nicht durcheinander. Jetzt habe ich es nicht mit dem Hausherrn zu tun, sondern mit dem Schuhmacher ... ich bitte um eine besondere Rechnung. Zahlen sind eine ernsthafte Sache, man darf sie nicht in Verwirrung bringen.« »Meinetwegen«, sagte Herr Benoît, den die Hoffnung, endlich seine Rechnungen quittiert zu sehen, sehr mild gestimmt hatte. »Hier ist eine besondere Rechnung für die Stiefel. Drei Paar zu zwanzig, das macht sechzig Franken.« Rudolf warf einen mitleidigen Blick auf ein Paar lebensmüder Stiefel. »Ach,« dachte er, »wenn sie der ewige Jude getragen hätte, könnten sie nicht schlimmer aussehen. Es war in der Zeit, als ich Marie nachlief, daß sie sich so ausgetreten haben ... Fahren Sie fort, Herr Benoît.« »Das waren also sechzig Franken«, sagte der Hauswirt. »Dann haben wir noch geliehenes Geld, siebenundzwanzig Franken.« »Halt, Herr Benoît! Wir haben abgemacht, daß jeder Heilige seine besondere Nische bekommt. Das Geld haben Sie mir als Freund geliehen. Verlassen wir also den Bereich der Schuhmacherei und betreten wir den Bereich des Vertrauens und der Freundschaft, wo wieder besonders abgerechnet wird. Wie hoch beläuft sich Ihre Freundschaft für mich?« »Siebenundzwanzig Franken.« »Siebenundzwanzig Franken! Sie haben einen billigen Freund, Herr Benoît. Und nun wollen wir zusammenziehen: fünfundsiebzig, sechzig und siebenundzwanzig ... das macht alles in allem?« »Hundertzweiundsechzig Franken«, sagte Herr Benoît und hielt die drei Rechnungen hin. »Hundertzweiundsechzig Franken«, wiederholte Rudolf. »Es ist doch merkwürdig, was die Addition für eine hübsche Sache ist! Nun gut, Herr Benoît, jetzt, da wir miteinander abgerechnet haben, können wir alle beide beruhigt sein, wir wissen, woran wir uns zu halten haben. Nächsten Monat werde ich Sie bitten, zu quittieren und da sich inzwischen das Vertrauen und die Freundschaft, die Sie für mich hegen, nur vermehren können, so werden Sie mir, falls es nötig sein sollte, ein weiteres Ziel gewähren. Sollten inzwischen der Hauswirt und der Schuhmacher etwas ungeduldig werden, so bitte ich, der Freund, ihnen gut zuzureden. Es ist merkwürdig, Herr Benoît, aber jedesmal, wenn ich an Ihren dreifachen Charakter eines Eigentümers, eines Schuhmachers und eines Freundes denke, fühle ich mich getrieben, an die heilige Dreieinigkeit zu glauben.« Der Hausbesitzer war beim Anhören dieser Worte zu gleicher Zeit rot, grün, gelb und weiß geworden, und bei jeder neuen Spötterei seines Mieters prägte sich dieser Regenbogen der Wut deutlicher auf seinem Gesicht aus. »Mein Herr,« sagte er, »ich dulde es nicht, daß man sich über mich lustig macht. Ich habe jetzt lange genug gewartet. Hiermit kündige ich Ihnen, und wenn Sie mir bis heute abend das Geld nicht bezahlt haben, dann ... weiß ich, was ich tue.« »Geld! Geld! Habe ich denn von Geld angefangen?« rief Rudolf. »Und übrigens, wenn ich auch Geld hätte, heute würde ich Ihnen doch keins geben. An einem Freitag bringt das Unglück!« Die Wut des Herrn Benoît schwoll jetzt zu einem Orkan an, und wenn ihm das Mobiliar nicht selbst gehört hätte, dann würde er sicherlich irgendeinen Stuhl zerschlagen haben. Unter allerlei Drohungen verließ er das Zimmer. »Sie vergessen Ihren Geldbeutel!« rief ihm Rudolf zu. »Was für ein Beruf!« murmelte der junge Mann, als er allein war. »Lieber möchte ich Löwen bändigen! ... Aber«, fuhr er fort, indem er aus dem Bett sprang und sich hastig ankleidete, »hier kann ich nicht bleiben. Die Angriffe der vereinten Gegner werden sich fortsetzen. Ich muß fliehen, und außerdem muß ich frühstücken. Halt, wie wär's, wenn ich Schaunard aufsuchte? Ich werde ihn um ein Gedeck bitten und außerdem einige Sous von ihm leihen. Hundert Franken würden mir genügen. Also gehen wir zu Schaunard.« Als Rudolf die Treppe herab kam, traf er Herrn Benoît, der, nach dem leeren Aussehen seines Geldbeutels zu urteilen, neue Enttäuschungen bei anderen Mietern erlebt haben mußte. »Wenn jemand nach mir fragt,« rief Rudolf, »dann sagen Sie nur, ich sei aufs Land gereist ... oder in die Schweiz ... oder nein, sagen Sie nur, ich sei ausgezogen.« »Dann werde ich die Wahrheit sagen«, murmelte Benoît und begleitete seine Worte mit einem sehr bestimmten Kopfnicken. Schaunard wohnte auf dem Montmartre, also an dem entgegengesetzten Ende von Paris. Der Weg dahin war für Rudolf mit vielen Gefahren verknüpft. »Heute sind die Straßen mit Gläubigern gepflastert«, sagte er vor sich hin. Trotzdem schlug er nicht den Weg über die äußeren Boulevards ein, wie er es eigentlich am liebsten getan hätte. Eine wahnsinnige Hoffnung ermutigte ihn, gerade durch das gefährliche Pariser Zentrum zu gehen. Er dachte nämlich, an einem solchen Tage, wo die Millionen in den Taschen der Bankbeamten nur so über das Pflaster herumspazierten, könnte es doch leicht sein, daß ein verlorengegangener Tausendfrankschein in ihm seinen barmherzigen Finder fände. Deshalb ging Rudolf langsam, die Augen auf den Boden gerichtet; seines Weges. Aber er fand nur zwei Stecknadeln. Nach zwei Stunden war er bei Schaunard. »Ach, das bist du?« rief dieser. »Ja, ich möchte bei dir frühstücken.« »Ach, mein Freund, du kommst sehr ungelegen. Ich erwarte jede Minute meine Geliebte, und ich habe sie seit vierzehn Tagen nicht mehr gesehen. Wärst du zehn Minuten früher gekommen ...« »Aber kannst du mir denn nicht wenigstens hundert Franken leihen?« fuhr Rudolf fort. »Was? Auch du?« rief Schaunard im höchsten Erstaunen. »Auch du willst Geld? Hast du dich denn mit meinen Feinden verbündet?« »Ich gebe sie dir Montag zurück.« »Oder wenn Freitag auf Sonntag fällt. Lieber Freund, vergißt du denn, was wir heute für ein Datum haben? Ich kann gar nichts für dich tun. Aber du brauchst nicht zu verzweifeln, der Tag ist noch nicht zu Ende. Du kannst noch der Vorsehung begegnen, die steht nie vor Mittag auf.« »Ach,« antwortete Rudolf, »die Vorsehung ist vollauf damit beschäftigt, zu sehen, daß kein Sperling vom Dache fällt. Ich gehe zu Marcel.« Marcel wohnte damals auf der Rue de Breda. Rudolf fand ihn in trüben Gedanken vor seinem großen Gemälde sitzen, dem ›Durchzug durch das Rote Meer.‹ »Was hast du?« fragte Rudolf, als er eintrat. »Du läßt ja ganz die Flügel hängen.« »Ach,« jammerte der Maler, »bei mir ist schon seit vierzehn Tagen Karwoche!« Für Rudolf war diese Antwort klar wie Quellwasser. »Salzheringe und Schwarzrettich? Natürlich, ich habe das auch durchgemacht! Aber die Sache ist mir sehr unangenehm, ich wollte dich nämlich um hundert Franken anpumpen.« »Hundert Franken!« rief Marcel. »Bist du denn ganz wahnsinnig? Du willst von mir eine solche fabelhafte Summe haben zu einer Zeit, wo ich hoffnungslos unter dem Äquator der Not sitze? Du hast wohl Haschisch zu dir genommen?« »Ach,« antwortete Rudolf, »ich habe überhaupt noch nichts zu mir genommen.« Damit ließ er seinen Freund am Ufer des Roten Meeres sitzen. Von Mittag bis vier Uhr machte Rudolf die Runde durch die Wohnungen aller Bekannten, aber ohne den geringsten Erfolg. Der Einfluß des 15. April machte sich überall unangenehm bemerkbar. Aber es wurde jetzt Zeit zum Diner, das heißt, die Zeit kam, aber leider nicht das Diner, und Rudolf kam sich vor wie ein Schiffbrüchiger. Als er den Pont Neuf überschritt, fiel ihm plötzlich etwas ein. »Donnerwetter,« sagte er sich, »am 15. April ... am 15. April ... hatte ich da nicht eine Einladung zum Diner?« Indem er seine Taschen durchwühlte, fand er folgende Karte darin: Barriere de la Villette. Zum Großen Sieger. Tafel mit 300 Gedecken. Jahresbankett zu Ehren der Geburt des Neuen Messias der Menschheit am 15. April 184... Gültig für eine Person. N.B. Diese Karte berechtigt nur zu einer halben Flasche Wein. »Ich teile zwar nicht die Meinungen der Schüler dieses neuen Messias,« sagte sich Rudolf, »aber an ihren Spenden nehme ich gerne teil.« Und mit der Schnelligkeit eines Vogels durcheilte er die Strecke, die ihn von der Barriere trennte. Als er in den Gasträumen des Großen Siegers ankam, fand er dort eine riesige Menschenmenge. Der Saal mit den dreihundert Gedecken enthielt fünfhundert Menschen, und ein ungeheurer Horizont von Kalbfleisch mit Möhrchen tat sich vor Rudolfs Blicken auf. Endlich begann man die Suppe aufzutragen. Als die Tischgenossen gerade dabei waren, den ersten Löffel zum Munde zu führen, traten fünf oder sechs Personen in Zivil, mehrere Stadtsergeanten und ein Polizeikommissar in den Saal. »Meine Herren,« sagte der Polizeikommissar, »auf höheren Befehl ist das Bankett verboten worden. Sie müssen den Saal verlassen.« »Ach,« sagte Rudolf, als er mit den andern hinausging, »da hat mir das Schicksal einmal schon in die Suppe gespuckt.« Und er schlug traurig wieder den Weg nach seiner Wohnung ein, wo er des Abends gegen elf Uhr anlangte. Herr Benoît erwartete ihn. »Ah, da sind Sie ja?« fragte ihn der Hauseigentümer. »Haben Sie daran gedacht, was ich Ihnen heute morgen sagte? Bringen Sie mir das Geld?« »Ich erwarte noch heute abend welches und werde es Ihnen morgen früh geben«, antwortete Rudolf, indem er auf seinem Platz nach seinem Schlüssel und seiner Kerze suchte. Er fand aber nichts. »Herr Rudolf,« sagte Herr Benoît, »es tut mir sehr leid, aber ich habe Ihr Zimmer anderweitig vermieten müssen, es war sonst keins frei. Sie müssen sehen, wo Sie unterkommen.« Rudolf war ein starker Geist, und eine Nacht unter freiem Himmel hatte für ihn keine großen Schrecken. Übrigens konnte er bei schlechtem Wetter in einer Proszeniumsloge des Odeontheaters schlafen, wie er das schon oft getan hatte. Aber er verlangte die Herausgabe seiner Sachen, die aus einem Packen Papier bestand. »Das ist recht«, sagte der Hauswirt. »Ich darf diese Sachen nicht zurückbehalten, sie liegen in dem Schreibsekretär. Kommen Sie mit herauf. Wenn das Fräulein, dem ich das Zimmer vermietet habe, noch nicht zu Bett ist, können wir hineingehen.« Das Zimmer war im Laufe des Tages an ein junges Mädchen vermietet worden, das sich Mimi nannte und einst mit Rudolf ein zärtliches Verhältnis begonnen hatte. Sie erkannten sich sofort, Rudolf flüsterte Mimi leise ins Ohr und drückte ihr zart die Hand. »Hören Sie, wie es regnet«, sagte er und machte sie auf das Sausen des Sturmwindes aufmerksam, der sich draußen erhoben hatte. Fräulein Mimi ging sofort zu Herrn Benoît hin, der in einem Winkel des Zimmers wartete. »Dieser Herr da«, sagte sie, indem sie auf Rudolf wies, »ist der Bekannte, dessen Besuch ich heute abend erwartete ... Ich bin sonst für niemand zu sprechen.« »Oh«, rief Herr Benoît mit verblüfftem Gesicht. »Na, das ist ja sehr gut!« Während Mimi in Eile ein improvisiertes Souper zurechtmachte, schlug es Mitternacht. »Ah,« sagte Rudolf zu sich selbst, »der 15. April ist vorüber, und ich habe wieder einmal mein Kap der Stürme umschifft. Süße Mimi«, fügte er dann laut hinzu, indem er das schöne Mädchen in seine Arme schloß und sie auf den Nacken küßte, dort, wo die Haare begannen. »Sie wären ja gar nicht imstande, mich vor die Tür setzen zu lassen. Sie sind ein Engel der Gastfreundschaft.« X. Ein Zigeunercafé Gustav Colline, der große Philosoph, Marcel, der große Maler, Schaunard, der große Komponist, und Rudolf, der große Dichter, wie sie sich untereinander nannten, verkehrten damals regelmäßig im Café Momus, wo man sie wegen ihrer Unzertrennlichkeit nur die vier Musketiere nannte. Sie hatten sich zu ihren Zusammenkünften einen Raum ausgewählt, in welchem für vierzig Personen bequem Platz gewesen wäre. Aber sie blieben immer allein, denn sie verstanden es, diesen Raum den gewöhnlichen Gästen ganz und gar unmöglich zu machen. Der zufällige Besucher, der sich in diese Löwenhöhle wagte, wurde ohne weiteres das Schlachtopfer dieses wütenden Quartetts und ergriff meistens, ohne seine Zeitung zu Ende zu lesen oder seinen Kaffee auszutrinken, die Flucht, betäubt von den unerhörten Aphorismen über Kunst, Literatur und Sozialpolitik. Die Unterhaltung dieser vier Gesellen war überhaupt eine derartige, daß der Kellner, der sie bediente, in der Blüte seiner Jahre dem Idiotismus verfiel. Schließlich hatte der Unfug eine solche Höhe erreicht, daß der Wirt eines Tages die Geduld verlor und zu ihnen hineintrat, um eine geharnischte Beschwerde loszulassen, die sich um folgende Punkte drehte: 1. Herr Rudolf kam jeden Morgen frühstücken und schleppte sämtliche Zeitungen in »sein« Zimmer. Er trieb seine Unverschämtheit sogar so weit, daß er wütend wurde, wenn irgend jemand die Streifbänder aufgerissen hatte, so daß alle andern Gäste bis zum Mittagessen der Zeitungen beraubt waren und in trauriger Unkenntnis der wichtigsten politischen Ereignisse verblieben. Die Mitglieder des Stammtischs ›Gemütlichkeit‹ kannten kaum die Namen der Minister der augenblicklichen Regierung. Herr Rudolf hatte auch das Café gezwungen, auf den ›Castor‹ zu abonnieren, eine monatlich erscheinende Hutmacherzeitung, die jedesmal einen philosophischen Artikel von Gustav Colline brachte. Der Wirt hatte sich anfangs dagegen gesträubt, aber Herr Rudolf und seine Freunde riefen alle Viertelstunden durchs Lokal: »Kellner, den ›Castor‹! Bringen Sie uns den ›Castor‹!«, bis schließlich auch die andern Gäste neugierig wurden und diese Zeitschrift verlangten. 2. Der besagte Herr Colline und sein Freund erholten sich von ihren geistigen Anstrengungen, indem sie von zehn Uhr morgens bis gegen Mitternacht Tricktrack spielten, und da das Café nur ein einziges Tricktrackspiel besaß, konnte sich sonst niemand dieser Unterhaltung widmen. Wenn man es von ihnen verlangte, dann sagten sie einfach: Das Tricktrack wird gelesen, kommen Sie morgen wieder.« Der Stammtisch ›Gemütlichkeit‹ war auf diese Weise genötigt, sich Liebesgeschichten zu erzählen oder Pikett zu spielen. 3. Herr Marcel, der vergaß, daß ein Café ein öffentliches Lokal ist, erlaubte sich sogar, seine Staffelei, seinen Malkasten und alle sonstigen Utensilien seiner Kunst mitzubringen, und trieb sein ungehöriges Benehmen so weit, daß er Modelle beiderlei Geschlechts kommen ließ. Wodurch die Sittlichkeit des Stammtisches ›Gemütlichkeit‹ in bedauerlicher Weise gefährdet wurde. 4. Dem Beispiel seines Freundes folgend, sprach Herr Schaunard davon, sein Klavier in das Café zu schaffen, und er scheute sich nicht, ein Motiv aus seiner Symphonie ›Der Einfluß der blauen Farbe auf die Künste‹ im Chor singen zu lassen. Herr Schaunard ging noch weiter, er schob in die Laterne, die dem Café als Aushängeschild diente, ein Transparent, auf dem man las: Unentgeltlicher Unterricht in Vokal- und Instrumentalmusik. Für Personen beiderlei Geschlechts. Auskunft am Büfett. Was zur Folge hatte, daß das Büfett jeden Abend von Leuten in höchst zweifelhafter Kleidung belagert wurde, die sich erkundigten, wo der Unterricht stattfände. Im übrigen traf sich hier Herr Schaunard mit einer Dame, die sich Schminkeuphemia nannte und niemals einen Hut trug. Ein Mitglied des Stammtisches erklärte bereits, er würde nie mehr einen Schritt in ein Lokal lenken, wo sein Geschmack so beleidigt würde. 5. Nicht zufrieden damit, eine sehr mäßige Zeche zu machen, versuchten sie diese noch geringer zu machen. Unter dem Vorwand, sie hätten den Mokka des Lokals im Ehebruch mit der Zichorie ertappt, brachten sie eine Kaffeemaschine mit, auf der sie sich ihren Kaffee selbst bereiteten. Und sie versüßten ihn mit Zucker, den sie anderswo zu billigem Preise erstanden hatten, was eine Beleidigung für die Küche des Hauses war. 6. Offenbar verdorben durch die Reden dieser Herren, erlaubte sich der Kellner Bergami, unerachtet seiner niederen Herkunft und mit Hintansetzung jedes Anstandgefühls, an seine Prinzipalin ein Gedicht zu richten, in welchem er sie aufreizte, ihre Pflichten als Gattin und Mutter zu vergessen. An dem überspannten Stil des Schreibens war leicht zu erkennen, daß es unter dem verderblichen Einfluß des Herrn Rudolf und seiner Literatur verfaßt war. Infolgedessen sah sich der Leiter des Etablissements zu seinem Bedauern gezwungen, die Gesellschaft Colline zu bitten, sich ein anderes Lokal zu suchen, um dort ihre revolutionären Zusammenkünfte zu pflegen. Gustav Colline, der der Cicero des Bundes war, ergriff nunmehr das Wort und bewies a priori dem Wirt, daß seine Beschwerde lächerlich und schlecht begründet wäre. Man täte ihm eine hohe Ehre an, wenn man sein Lokal zu einem Mittelpunkt der Intelligenz machte, und sein und seiner Freunde Auszug würde den Ruin seines Hause herbeiführen, das jetzt zum Range eines Künstler- und Literatencafés erhoben sei. »Aber«, warf der Wirt ein, »Sie und diejenigen, die Sie besuchen, verzehren so wenig.« »Diese Nüchternheit, über die Sie sich beklagen, beweist unsere moralische Gesinnung«, erwiderte Colline. »Übrigens hängt das ganz von Ihnen ab, ob wir eine bedeutend höhere Zeche machen, Sie brauchen uns nur ein Konto zu eröffnen.« »Wir werden das Kontobuch liefern«, sagte Marcel. Der Wirt tat, als habe er von diesem Vorschlag gar nichts gehört und verlangte eine Aufklärung über den lasterhaften Brief, den Bergami an seine Frau gerichtet hatte. Rudolf, dem der Vorwurf gemacht wurde, bei dieser unerlaubten Leidenschaft den Sekretär gespielt zu haben, verteidigte mit lebhaftem Feuer seine Unschuld. »Übrigens«, fügte er hinzu, »war die Tugend Ihrer Frau Gemahlin ein festes Bollwerk gegen ...« »Allerdings!« rief der Wirt mit stolzem Lächeln. »Meine Frau ist aber auch im Kloster erzogen worden.« Kurz, Colline brachte es fertig, ihn vollständig mit seiner geschmeidigen Beredsamkeit einzuwickeln, und zum Schluß einigte man sich dahin, daß die vier Freunde sich nicht mehr ihren Kaffee selbst machen wollten, daß das Lokal in Zukunft den ›Castor‹ gratis bekam, daß Schminkeuphemia sich von nun an einen Hut aufsetzen würde, daß das Tricktrack des Sonntags von zwölf bis zwei dem Stammtisch ›Gemütlichkeit‹ überlassen wurde, und vor allem, daß man in Zukunft keinen weiteren Kredit verlangen wollte. Und ein paar Tage lang ging alles gut. Am Abend vor Weihnachten brachten die vier Freunde ihre ›Gemahlinnen‹ mit ins Café. Es waren Fräulein Dudelsack, Fräulein Mimi, die neue Geliebte Rudolfs, ein entzückendes Geschöpf mit glockenheller Stimme, und Schminkeuphemia, das Ideal Schaunards. Schminkeuphemia trug an dem Abend einen Hut. Nur Fräulein Colline, die man überhaupt nie sah, fehlte wie immer. Nach dem Kaffee, der von einer außerordentlich großen Anzahl Likörgläschen begleitet war, verlangte man Punsch. Der Kellner, der an ein so nobles Auftreten nicht gewöhnt war, ließ sich die Bestellung zweimal wiederholen. Euphemia, die noch niemals in einem Café Schnaps getrunken hatte, war entzückt über die zierlichen Gläschen. Marcel machte Fräulein Dudelsack Vorwürfe wegen eines neuen Hutes, dessen Herkunft ihm sehr verdächtig vorkam. Mimi und Rudolf, die sich noch in den Flitterwochen ihres Liebesglücks befanden, hielten stumme Zwiesprache miteinander, die von hörbaren Zärtlichkeiten unterbrochen wurde. Colline aber ging von einer Dame zur andern und flüsterte ihr mit gespitzten Lippen galante Stilwendungen aus dem Musenalmanach zu. Während sich so die lustige Gesellschaft dem Lachen und der Unterhaltung hingab, saß im Hintergrund des Zimmers an einem einzelnen Tisch ein Fremder und beobachtete mit seltsamen Blicken das bewegte Schauspiel, das sich vor ihm abspielte. Seit ungefähr vierzehn Tagen kam er so jeden Abend, er war von allen Gästen der einzige, der dem schrecklichen Lärm der Zigeuner hatte widerstehen können. Die furchtbarsten Sticheleien waren an ihm abgeglitten. Den ganzen Abend saß er mit stieren Augen da und rauchte seine Pfeife, während seine Ohren auf alles lauschten, was um ihn gesagt wurde. Im übrigen schien er gutmütig und wohlhabend zu sein, denn er besaß eine Uhr, die noch dazu von einer goldenen Kette festgehalten wurde. Ja, eines Abends, als Marcel ihn zufällig am Büfett traf, sah er zu seinem Staunen, daß der Fremde beim Bezahlen seiner Zeche ein Goldstück wechselte. Von diesem Augenblick an nannten ihn die vier Freunde nur den ›Kapitalisten‹. Plötzlich bemerkte Schaunard, der ausgezeichnete Augen hatte, daß die Gläser leer waren. »Zum Teufel auch«, sagte Rudolf. »Heute ist heiliger Abend. Wir sind alle gute Christen, wir müssen uns etwas Besonderes leisten.« »Du hast recht«, stimmte ihm Marcel zu. »Verlangen wir einmal etwas ganz Überirdisches.« »Colline,« fügte Rudolf hinzu, »klingle mal schnell dem Kellner.« Colline begann wie ein Wahnsinniger zu klingeln. »Aber was sollen wir nehmen?« fragte Marcel. Colline machte eine Verbeugung wie ein Regenbogen und sagte: »Das wollen wir den Damen überlassen.« »Ich«, sagte Fräulein Dudelsack und ahmte mit dem Mund das Knallen der Pfropfen nach, »würde mich durchaus nicht vor Champagner fürchten.« »Bist du verrückt?« fragte Marcel. »Champagner ist doch überhaupt gar kein Wein.« »Um so besser, ich liebe es, wenn er knallt.« »Und ich«, sagte Mimi mit einem zärtlichen Blick auf Rudolf, möchte gerne Beaunewein in einer kleinen Korbflasche.« »Hast du den Kopf verloren?« fragte Rudolf. »Nein, ich will ihn noch verlieren«, antwortete Mimi, auf die der Beaune einen eigentümlichen Reiz auszuüben pflegte. »Ich«, sagte Schminkeuphemia und ließ sich auf dem gepolsterten Sofa auf und nieder schnellen, »wünsche mir Parfait Amour . Dieser Likör ist gut für den Magen.« Schaunard warf ihr mit seiner nasalen Stimme einige so grobe Worte an den Kopf, daß sie mitsamt dem Polster erzitterte. »Ach ja,« rief jetzt plötzlich Marcel aus, »geben wir einmal hunderttausend Franken aus!« »Außerdem«, fügte Rudolf hinzu, »beklagt sich der Wirt, weil wir zu wenig verzehren. Setzen wir ihn in Erstaunen!«» Ja,« sagte Colline, »feiern wir ein glänzendes Fest. Außerdem schulden wir den Damen den unbedingtesten Gehorsam. Die Liebe lebt von der Hingabe, der Wein ist die Würze des Vergnügens, das Vergnügen ist die Pflicht der Jugend, die Frauen sind Blumen, die man begießen muß. Begießen wir sie! Kellner! Kellner!« Und Colline begann von neuem wie ein Wahnsinniger zu klingeln. Der Kellner eilte auf Windesflügeln herbei. Als er von Champagner, Beaune und verschiedenen Likören hörte, verzog sich sein Gesicht zum höchsten Erstaunen. »Ich habe Löcher im Magen,« sagte Mimi, »ich möchte gerne Schinken haben.« »Und ich Sardinen und Butter«, fügte Fräulein Dudelsack hinzu. »Und ich Radieschen,« meinte Euphemia, »mit etwas Fleisch darumgelegt.« »Sagt doch gleich, daß ihr soupieren wollt«, rief Marcel. »Das wäre uns allerdings angenehm«, antworteten die Damen. »Kellner, bringen Sie uns alles, was zu einem Souper gehört«, sagte Colline gewichtig. Das erstaunte Gesicht des Kellners spielte jetzt in allen Farben. Langsam stieg er zum Büfett hinab und teilte dem Leiter des Cafés mit, was für unglaubliche Dinge man ihm bestellt hatte. Der Wirt glaubte zuerst, es sei ein Scherz, als es aber von neuem klingelte, ging er selbst hinauf und wandte sich an Colline, für den er eine gewisse Achtung hegte. Colline erklärte ihm, daß man bei ihm den Vorabend von Weihnachten feiern wollte, und er sollte nur das Bestellte kommen lassen. Der Wirt antwortete nichts und ging ganz verwirrt hinunter. Eine Viertelstunde lang beriet er mit seiner Frau, die schließlich, da sie wegen ihrer Erziehung im Schwesternpensionat eine gewisse Vorliebe für Bildung und Kunst besaß, ihren Gatten überredete, das Souper auftragen zu lassen. »Schließlich«, meinte der Wirt, »können sie ja auch zufällig einmal Geld haben.« Damit gab er dem Kellner Befehl, den Gästen zu liefern, was sie bestellten, und vertiefte sich mit einem alten Stammgast in eine Partie Pikett. Es war ein verhängnisvoller Leichtsinn von ihm! Von zehn Uhr ab bis Mitternacht konnte der Kellner nur die Treppe hinauf- und hinabsteigen. Jeden Augenblick verlangte man etwas neues von ihm. Euphemia ließ sich auf englische Art auftragen und nahm von jeder Platte abwechselnd einen Bissen; Mimi trank alle Weine durcheinander aus allen Gläsern; Schaunard schien die Wüste Sahara in seiner Kehle zu haben; Colline warf ein Kreuzfeuer von Blicken um sich, zerbiß seine Serviette mit den Zähnen und kniff das Tischbein, das er für das Knie von Fräulein Dudelsack hielt. Nur Marcel und Rudolf verloren nicht ihre Besinnung und sahen nicht ohne Unruhe der Stunde der Abrechnung entgegen. Der Fremde betrachtete die Szene mit ernster Aufmerksamkeit. Von Zeit zu Zeit öffnete sich sein Mund wie zu einem Lächeln, dann hörte man ein Geräusch wie von einem Fenster, das knirschend geschlossen wird. Es war der Fremde, der innerlich lachte. Ein Viertel vor zwölf schickte die Dame vom Büfett die Rechnung. Sie belief sich auf die wahnsinnige Höhe von fünfundzwanzig Franken fünfundsiebzig Centimen. »Wir wollen losen,« sagte Marcel, »wer mit dem Wirt unterhandeln soll. Es wird eine ernste Sache werden.« Sie nahmen das Dominospiel und deckten auf, wer die größte Augenzahl hatte. Das Los traf unglücklicherweise Schaunard, der zwar ein ausgezeichneter Musiker, aber ein schlechter Diplomat war. Er kam gerade zum Wirt, als dieser nacheinander drei Partien verloren hatte und sich in einer abscheulichen Laune befand. Schon bei den ersten Worten Schaunards geriet er in einen heftigen Zorn, und Schaunard, der leider keinen milden Charakter hatte, antwortete mit doppelt so starken Unverschämtheiten. Der Streit wurde natürlich sehr lebhaft, und der Wirt ging hinauf, um seinen Gästen mitzuteilen, daß keiner das Lokal verlassen dürfte, ehe nicht alles bezahlt sei. Colline wollte mit seiner begütigenden Beredsamkeit vermitteln, aber der Wirt erblickte jetzt zufällig die Serviette, die der Philosoph zu Scharpie zerzupft hatte, und geriet in eine doppelte Wut. Um sich sicherzustellen, wagte er sogar, mit seinen profanen Händen nach dem geheiligten braunen Mantel Schaunards und nach den Umhängen der Damen zu greifen. Ein Schnellfeuer von Beleidigungen entspann sich zwischen den Zigeunern und dem Wirt, während die Damen von Liebesgeschichten und Putzsachen sprachen. Der Fremde trat jetzt plötzlich aus seiner Zurückhaltung hervor. Langsam erhob er sich, machte einen und dann noch einen Schritt und näherte sich dem Wirt, dem er leise einige Worte zuflüsterte. »Gewiß bin ich einverstanden, Herr Barbemuche«, sagte der Wirt. »Machen Sie es mit ihnen ab.« Damit verließ er das Zimmer. Der Fremde trat jetzt langsam an den Tisch der Zigeuner heran, grüßte die Herren, verneigte sich vor den Damen, und nachdem er sein Taschentuch hervorgezogen und sich noch einmal geschneuzt hatte, begann er mit schüchterner Stimme: »Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit. Schon seit langem verzehrt mich die Sehnsucht, Ihre Bekanntschaft zu machen, aber mir fehlte bisher eine passende Gelegenheit, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Gestatten Sie, daß ich die Gelegenheit benutze, die sich mir heute bietet?« »Gewiß, gewiß«, sagte Colline, und Rudolf und Marcel grüßten stumm. Aber das allzu große Feingefühl Schaunards hätte beinahe alles verdorben. »Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte er lebhaft, »Sie haben nicht die Ehre, uns zu kennen, und es schickt sich nicht, daß Sie ... Übrigens wären Sie wohl so freundlich, mir etwas Tabak zu geben? ... Sonst stimme ich völlig mit meinen Freunden überein ...« »Meine Herren,« fuhr Barbemuche fort, ich bin wie Sie ein Jünger der schönen Künste. Auch haben wir, wie ich aus Ihren Gesprächen entnahm, die gleichen Neigungen, so daß ich das lebhafte Verlangen spüre, einer Ihrer Freunde zu sein und Sie hier jeden Abend treffen zu dürfen ... Der Wirt dieses Hauses ist ein ungeschliffener Mensch, aber ich habe ihm zwei Worte gesagt, und Sie können ungehindert gehen ... Ich hoffe, daß Sie mir nicht die Möglichkeit verweigern, Sie hier wiederzusehen, indem Sie den kleinen Dienst annehmen, den ich ...« Die Röte des Unwillens stieg in Schaunards Gesicht. »Er spekuliert auf unsere Verlegenheit«, sagte er. »Er hat unsere Rechnung bezahlt. Aber ich werde mit ihm um die fünfundzwanzig Franken Billard spielen und ihm dabei einige Points vorgeben.« Barbemuche nahm den Vorschlag an und war klug genug, zu verlieren. Dieser schöne Zug gewann ihm die Achtung der Zigeuner, und man verließ sich mit dem Versprechen, sich am nächsten Tag wiederzusehen. »Auf diese Weise schulden wir ihm nichts«, sagte Schaunard zu Marcel. »Unsere Würde ist gerettet.« »Im Gegenteil,« wir können eigentlich noch ein neues Souper verlangen«, fügte Colline hinzu. XI. Eine Aufnahme in den Zigeunerbund An jenem Abend, da Carolus Barbemuche ein von den Zigeunern verzehrtes Souper aus seiner Privatschatulle bezahlte, richtete er es so ein, mit Gustav Colline zusammen den Heimweg anzutreten. Seitdem er an den Zusammenkünften der vier Freunde, denen er aus der Not geholfen, teilnahm, war er besonders auf Colline aufmerksam geworden und empfand für diesen Sokrates, dessen Plato er später werden sollte, eine besondere Sympathie. Unterwegs lud er Colline ein, mit ihm noch in ein Lokal zu gehen, und sie fanden auch noch ein Weinlokal, wo sie sich hinsetzten und Punsch bestellten. Barbemuche war eigentlich ein etwas schüchterner Mensch, aber erregt von dem heißen Getränk, wurde er jetzt doch etwas gesprächig, und nachdem er einiges aus seinem Leben erzählt hatte, wagte er endlich seiner Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er doch offiziell in den Zigeunerbund aufgenommen würde, und bat Colline, ihm zu helfen, dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. »Hm,« sagte Colline bedächtig, »Sie pflegen doch die schönen Künste?« »Ich bebaue bescheiden das edle Gefild der Wissenschaft«, antwortete Carolus. Colline, dem der Satz gefiel, verneigte sich: »Sie verstehen doch auch etwas von Musik?« fragte er weiter. »Ich habe Baßgeige gespielt.« »Das ist ein philosophisches Instrument, es gibt so ernste Töne von sich. Aber wenn Sie musikalisch sind, dann werden Sie auch verstehen, daß man, ohne die Gesetze der Harmonie zu verletzen, zu einem Quartett nicht noch eine fünfte Person hinzufügen kann, weil es dann kein Quartett mehr ist.« »Es wird ein Quintett«, antwortete Carolus. »Jawohl, genau so, wie Sie zur Dreieinigkeit, diesem göttlichen Dreieck, noch eine vierte Person hinzufügen können, dann wird es ein Viereck, nur daß die Religion dann auch in ihren Grundlagen zerstört ist.« »Erlauben Sie«, sagte Carolus, dessen Verständnis den verwickelten Gedankengängen Collines nicht so recht folgen konnte. »Ich verstehe nicht ...« »Oh, es ist sehr einfach«, unterbrach ihn der Philosoph. »Sehen Sie, mein lieber Herr, ich und meine Freunde, wir sind gewohnt, zusammen zu leben, und wir fürchten, daß durch das Hinzukommen eines neuen Genossen die Harmonie gestört wird, die jetzt zwischen unseren Sitten, Ansichten, Liebhabereien und Charakteren besteht. Wir haben uns vorgenommen, eines Tages die vier Kardinalpunkte der Gegenwartskunst zu werden, und es würde uns stören, noch einen fünften Kardinalpunkt zu sehen.« »Sie glauben also, daß es nicht so leicht ist, zur Ehre Ihres intimen Umgangs zu kommen?« Der Philosoph gab keine direkte Antwort. »Sagen Sie mir, lieber Herr, welches ist auf dem edlen Gefild der Wissenschaft die Furche, die Sie am liebsten beackern?« »Die großen Philosophen und die guten klassischen Autoren sind meine Vorbilder, ich nähre mich von ihrem Studium. Der ›Telemach‹ hat mir zuerst die Leidenschaft eingeflößt, die mich verzehrt.«» Den ›Telemach‹ findet man häufig auf den Bücherkarren am Quai«, sagte Colline. »Ich habe noch neulich ein Exemplar für fünf Sous erstanden. Es war ein Gelegenheitskauf, ich will ihn Ihnen aber gern abtreten. Übrigens ein wertvolles Werk und für seine Zeit gut geschrieben.« »Ja, mein Herr,« fuhr Carolus fort, »die höhere Philosophie und die gute Literatur, sie ziehen mich an. Für mich ist die Kunst ein Priestertum.«» Ja, ja«, sagte Colline, der eine Uhr schlagen hörte und merkte, daß es schon spät war. »Ich fürchte, es ist schon morgen früh, und ich möchte eine Person, die mir teuer ist, nicht in Unruhe versetzen.«» Ja, es ist wirklich spät, sagte Carolus. »Gehen wir nach Hause.« »Wohnen Sie weit?« fragte Colline.» Rue Royale Saint Honoré Nr. 10.« Colline erinnerte sich, schon einmal in diesem Miethause, einem prächtigen Gebäude, gewesen zu sein. »Ich werde mit den Herren über Sie reden«, sagte er, sich verabschiedend, zu Carolus. »Sie können sicher sein, daß ich zu Ihren Gunsten spreche. Übrigens, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen einen Rat gebe?« »Sprechen Sie!« sagte Carolus. »Seien Sie besonders liebenswürdig und galant gegen die drei Damen, denn diese üben einen großen Einfluß auf meine Freunde aus. Unter dem Einfluß ihrer Geliebten werden Sie alles von Marcel, Schaunard und Rudolf erreichen können.« »Ich werde mir Mühe geben«, sagte Carolus. Am nächsten Morgen geriet Colline gerade zur Frühstückszeit in den Kreis seiner Freunde. Die drei Liebespaare gaben sich zufällig einer Orgie von Artischocken mit gepfefferter Sauce hin. »Hier gehts ja verflucht großartig zu,« sagte Colline, »das kann nicht lange mehr dauern. Ich komme als Gesandter des edelmütigen Sterblichen, mit dem wir gestern hier im Café zusammen waren.« »Will er schon wieder sein Geld zurückhaben, das er für uns ausgelegt hat?« fragte Marcel. »Oh,« sagte Fräulein Mimi, »das hätte ich nicht von ihm gedacht, er macht einen so anständigen Eindruck.« »Nicht darum handelt es sich«, fuhr Colline fort. »Dieser junge Mann wünscht, einer der Unsrigen zu werden. Er will Anteile unserer Gesellschaft erwerben und natürlich an ihren Vergünstigungen teilnehmen.« Die drei Zigeuner erhoben ihre Köpfe und sahen sich an. »Welche gesellschaftliche Stellung nimmt dein Schützling ein?« fragte Rudolf. »Er ist nicht mein Schützling«, antwortete Colline. »Ihr habt mich gebeten, ihm zu folgen, und er seinerseits hat mich eingeladen, ihn zu begleiten. Er hat mir einen Teil der Nacht mit Aufmerksamkeiten und seinen Likören verkürzt, aber trotzdem habe ich meine Unabhängigkeit bewahrt.« »Sehr gut«, sagte Schaunard. »Skizziere uns doch die Hauptseiten seines Charakters«, sagte Marcel. »Edle Seele, Sittenstrenge, gute Schulbildung, ist die Offenheit selbst, spielt die Baßgeige, wechselt oft Fünffrankstücke.« »Sehr gut«, sagte Schaunard. »Und was will er?« »Ich habe es schon gesagt. Er hegt den grenzenlosen Ehrgeiz, uns duzen zu dürfen.« »Das heißt, er will uns ausbeuten«, erwiderte Marcel. »Er will vorwärtskommen, indem er sich auf unsern Wagen setzt.« »Was für eine Kunst treibt er?« fragte Rudolf. »Kunst?« sagte Colline. »Nun, Literatur und Philosophie gemischt.« »Was für philosophische Kenntnisse besitzt er?« »Seine Philosophie ist etwas rückständig. Er nennt die Kunst ein Priestertum.« »Priestertum hat er gesagt?« fragte Rudolf verblüfft. »So sagte er.« »Und was sind seine Ansichten in der Literatur?« »Er liest ›Telemach‹.« »Sehr gut«, sagte Schaunard und kaute an seinen Artischockenblättern. »Was? Sehr gut, du Esel?« unterbrach ihn Marcel. »Sage so was nicht in der Öffentlichkeit.« »Noch einmal,« fragte Rudolf, »welche gesellschaftliche Stellung nimmt er ein? Wovon lebt er? Wie heißt er? Wo wohnt er?« »Er nimmt eine ansehnliche Stellung ein. Er ist Lehrer für alles im Schoße einer reichen Familie. Er heißt Carolus Barbemuche und verzehrt seine Einkünfte in vornehmer Weise. Seine Wohnung ist in der Rue Royale.« »Wohnt er möbliert?« »Nein, er hat eigene Möbel.« »Ich bitte ums Wort«, sagte Marcel. »Es ist für mich klar, daß Colline bestochen ist. Er hat sich für eine Reihe von Likörgläschen verkauft und uns ein Bild von diesem Fremden entworfen, das viel zu günstig ist, um wahr zu sein. Nein, wie ich schon gesagt habe, der Fremde will nur auf uns spekulieren, durch uns Ruhm erwerben.« »Sehr gut«, sagte Schaunard. »Ist denn keine Sauce mehr da?« »Nein,« antwortete Rudolf, »die Auflage ist vergriffen.« »Auf der anderen Seite«, fuhr Marcel fort, »hegt vielleicht dieser arglistige Fremde noch schwärzere Pläne. Wir sind hier nicht allein, meine Herren«, fuhr er fort und warf einen sprechenden Blick auf die Damen. »Wie wäre es, wenn dieser Schützling Collines, der sich unter dem Mantel der Literatur bei uns einschleicht, ein schurkischer Verführer wäre? Überlegen Sie wohl. Ich jedenfalls stimme gegen seine Aufnahme.« »Meine Herren,« sagte Colline erregt, »die Eifersucht, die unseren Freund Marcel verzehrt, hat ihn seiner Sinne beraubt ...« »Zur Ordnung!« brüllte Marcel. »Jawohl, sie hat ihn verrückt gemacht, aber ich werde mit einem Wort alle diesbezüglichen Bedenken zerstreuen. Marcels Bemerkung war eine Beleidigung für die Tugend dieser Damen, aber noch mehr, es war eine Beschimpfung ihres guten Geschmacks. Carolus Barbemuche ist nämlich sehr häßlich.« Bei dieser Behauptung wurde ein entschiedener Widerspruch auf dem Gesicht der Schminkeuphemia sichtbar. Unter dem Tisch entstand ein Geräusch. Es war Schaunard, der mit Fußtritten die kompromittierende Offenheit seiner jungen Freundin tadelte. »Außerdem«, fuhr Colline fort, »kann ich den elenden Angriff meines Gegners mit einem Wort beseitigen, indem ich Ihnen mitteile, daß besagter Carolus der platonischen Philosophie huldigt.« Dieser Aufklärung folgte Erstaunen bei den Herren, heftiger Unwille bei den Damen. »Was ist das, platonische Philosophie?« fragte Euphemia. »Es ist eine Art Krankheit bei Männern, die es nicht wagen, eine Frau zu umarmen«, sagte Mimi. »Ich hatte einmal einen solchen Liebhaber, behielt ihn aber keine zwei Stunden.« »Solche Dummköpfe!« meinte Fräulein Dudelsack. »Du hast recht, meine Liebe«, sagte Marcel zu ihr. »Der Platonismus in der Liebe ist wie das Wasser beim Wein. Wir trinken unseren Wein ungemischt.« Die Erklärung Collines hatte eine günstige Stimmung für Carolus herbeigeführt, und der Philosoph wollte sie ausnutzen. »Ich begreife also wirklich nicht,« fuhr er fort, »was man gegen diesen jungen Menschen einzuwenden hat, der uns doch immerhin einen Dienst erwiesen hat. Was dann aber die Anklage angeht, ich hätte mich bestechen lassen, so betrachte ich das als eine schwere Beleidigung meiner Würde. Ich bin in der ganzen Angelegenheit mit der Klugheit einer Schlange vorgegangen, und wenn mir nicht durch ein ausdrückliches Vertrauensvotum diese Klugheit bestätigt wird, dann erkläre ich meine Demission.« »Du willst also die Kabinettsfrage stellen?« fragte Marcel. »Jawohl«, antwortete Colline. Die drei Zigeuner berieten sich und einigten sich dann einstimmig, dem Philosophen die verlangte Anerkennung seiner großen Klugheit auszusprechen. Marcel ergriff nun das Wort und erklärte, er würde vielleicht für den Antrag Collines stimmen, verlangte aber die Annahme folgenden Zusatzaktes: »Da die Einführung eines neuen Mitgliedes in den Bund eine ernsthafte Sache ist, und ein Fremder, der Sitten, Gewohnheiten und Meinungen seiner Kameraden nicht kennt, Elemente der Zwietracht einschleppen kann, so soll jedes Mitglied einen Tag mit dem besagten Carolus verbringen und sein Leben, seinen Geschmack, seine literarischen Fähigkeiten und seine Garderobe genau erkundigen. Die Zigeuner werden dann ihre besonderen Erfahrungen miteinander austauschen und sich über die Aufnahme oder Nichtaufnahme schlüssig werden. Im übrigen muß sich Carolus vor dieser Aufnahme einem Noviziat von einem Monat unterwerfen und darf die Mitglieder vor Ablauf dieser Zeit weder duzen noch Arm in Arm mit ihnen über die Straße gehen. Am Tage der eigentlichen Aufnahme wird ein glänzendes Fest auf Kosten des neuen Mitgliedes gefeiert. Die Kosten dieser Genüsse müssen sich auf mindestens zwölf Franken belaufen.« Dieser Zusatzakt wurde einmütig angenommen. Am selben Abend ging Colline absichtlich recht früh ins Café, um als erster Carolus zu sehen. Er brauchte auch nicht lange zu warten, denn Carolus kam bald mit drei ungeheuren Rosensträußen an. »Halt,« fragte Colline, »was wollen Sie mit diesem Garten machen?« »Ich erinnerte mich Ihres guten Rats, und da Ihre Freunde sicherlich mit ihren Damen kommen, so bringe ich ihnen diese Blumen mit. Es sind sehr schöne Rosen.« »Das sind sie, sie werden sicherlich fünfzehn Sous gekostet haben.« »Wo denken Sie hin?« erwiderte Carolus. »Jetzt im Dezember? Sagen Sie lieber fünfzehn Franken.« »Barmherziger Himmel,« schrie Colline, »drei Fünffrankstücke für diese einfachen Gaben Floras, welche Torheit! Sie besitzen wohl ein Silberbergwerk? Ach, lieber Herr, diese fünfzehn Franken werden Sie leider zum Fenster hinauswerfen müssen.« »Wieso? Was wollen Sie damit sagen?« Colline erzählte nun, was für eifersüchtige Vermutungen Marcel seinen Freunden gegenüber geäußert hatte, und welcher Streit darüber entstanden war. »Ich habe aufs schärfste betont,« fügte er hinzu, »daß Sie die reinsten Absichten hätten, aber die Opposition war trotzdem sehr stark. Hüten Sie sich also, neuen Verdacht zu erwecken, indem Sie zu galant gegen die Damen sind, und vor allem, lassen Sie zunächst einmal die Blumen verschwinden.« Damit nahm Colline die Rosen und versteckte sie in einem Schrank, der mit allem möglichen Gerümpel angefüllt war. Dann teilte er Barbemuche noch die anderen Aufnahmebedingungen mit, entwarf ihm ein schnelles Bild der Eigenheiten der drei Zigeuner und riet ihm, sich auf jeden besonders einzustellen. Die drei Freunde kamen übrigens bald, und sie brachten wieder ihre Gemahlinnen mit. Rudolf zeigte sich höflich gegen Carolus, Schaunard wurde vertraulich, Marcel aber blieb kalt. Carolus seinerseits bemühte sich, herzlich und heiter gegen die Herren, dagegen sehr zurückhaltend gegen die Damen zu sein. Beim Aufbrechen lud Barbemuche Rudolf für den nächsten Tag zum Diner ein, doch bat er ihn, schon zur Mittagsstunde zu kommen. Der Dichter nahm die Einladung an. Als Rudolf am nächsten Morgen zur festgesetzten Zeit bei Carolus eintraf, fand er, daß dieser in der Tat in einem sehr schönen Miethaus ein elegant eingerichtetes Zimmer bewohnte. Nur wunderte sich Rudolf, daß mitten am hellen Tage die Fensterläden geschlossen, die Vorhänge herabgelassen waren und zwei Kerzen auf einem Tische brannten. »Ja,« sagte Barbemuche, »nur im Geheimnisvollen und in der Stille gedeiht die Wissenschaft.« Sie nahmen nun Platz und plauderten, bis es nach einer Stunde Carolus gelang, seinen Gast zum Anhören eines selbstverfaßten kleinen Werkes zu bewegen. Rudolf ahnte, was ihm bevorstand, aber er war doch auch neugierig, den Stil Barbemuches kennenzulernen, und versicherte, er sei entzückt, dieses Werk ... Carolus wartete gar nicht den Schluß dieser Phrase ab. Er stürzte zur Tür, schloß sie von innen ab, schob noch den Riegel davor und kehrte zu Rudolf zurück. Dann nahm er ein kleines Heftchen zur Hand, dessen bescheidenes Format und geringe Dicke ein Lächeln der Befriedigung auf dem Gesicht des Dichters hervorriefen. »Ist dies das Manuskript Ihres Werkes?« fragte Rudolf. »Nein,« antwortete Carolus, »das ist nur der Katalog meiner Werke, und ich suche jetzt die Nummer des Werkes, das ich mit Ihrer freundlichen Erlaubnis Ihnen vorlesen will ... Hier haben wir es: ›Don Lopez oder das Verhängnis. Nr. 14‹ Es steht im dritten Fach.« Damit öffnete er einen kleinen Schrank, in dem Rudolf voller Staunen eine riesige Menge von Manuskripten bemerkte. Carolus nahm eines heraus, verschloß den Schrank und setzte sich dem Dichter gegenüber. Rudolf warf einen Blick auf jedes der vier Hefte, die das Manuskript bildeten und auf einem Format geschrieben waren, das ihn an das Marsfeld erinnerte. »Mut,« sagte er sich, »es sind ja keine Verse ... immerhin, es nennt sich ›Don Lopez‹.« Carolus nahm das erste Heft und begann folgendermaßen: »In einer kalten Winternacht sah man zwei Reiter, in lange Mäntel eingehüllt, auf trägen Maultieren über eine jener öden Landstraßen ziehen, die die schauerlichen Wüsten der Sierra Morena durchqueren ...« »Um Gottes willen«, dachte Rudolf, ganz zu Boden geschmettert durch diese Einleitung, während Carolus ruhig in diesem Stil weiterlas. Rudolf, der nur oberflächlich hinhörte, grübelte über ein Mittel zur Flucht. »Da ist das Fenster«, sagte er sich im stillen. »Aber, abgesehen davon, daß es verschlossen ist, befinden wir uns im vierten Stock. Ah, jetzt begreife ich, warum er sich so eingeschlossen hat.« »Nun, was halten Sie von meinem ersten Kapitel?« fragte Carolus. »Ich bitte Sie, legen Sie Ihrer Kritik keinen Zwang auf.« »Die große Gestalt des Don Lopez«, antwortete Rudolf, der nur sehr unbestimmte Erinnerungen hatte, »ist sehr sorgfältig studiert. Auch gefällt mir die Beschreibung des Maultiers des Don Alvar außerordentlich, man sieht es lebendig vor sich, wie auch die Landschaft gut gezeichnet ist. In Ihren Ideen bemerkt man den Einfluß Rousseaus und Lesages. Indessen, gestatten Sie mir eine Bemerkung. Sie machen zu lange Sätze und brauchen zu häufig das Wort ›hinfüro‹. Es ist dies ein hübsches Wort, wenn es dann und wann einmal vorkommt, aber zu häufig gebraucht, verliert es an Wert.« Carolus nahm das zweite Heft und las noch einmal den Titel: ›Don Lopez oder das Verhängnis‹. »Ich habe früher einmal einen Don Lopez gekannt«, sagte Rudolf. »Er verkaufte Zigaretten und Bayonner Schokolade. Vielleicht war er mit Ihrem verwandt ... Aber, fahren Sie fort!« Am Ende des zweiten Kapitels unterbrach der Dichter Carolus. »Tut Ihnen nicht Ihre Kehle etwas weh?« fragte er. »Ganz und gar nicht«, antwortete Carolus. »Wir kommen jetzt zur Geschichte der Inesilla.« »Ich bin darauf sehr gespannt ... Indes, wenn Sie müde sind, brauchen Sie nicht ...« »Drittes Kapitel!« sagte Carolus mit klarer Stimme. Rudolf betrachtete aufmerksam Carolus und bemerkte, daß er einen sehr kurzen Hals und eine blühende Gesichtsfarbe hatte. »Ich habe noch eine Hoffnung«, sagte der Dichter, als er diese Entdeckung machte. »Er könnte einen Schlaganfall bekommen.« Beim vierten Kapitel bemerkte Carolus plötzlich, daß Rudolf vorgeneigt auf seinem Stuhl saß, mit der Hand am Ohr und in der Haltung eines Mannes, der in die Ferne lauscht. »Was haben Sie?« fragte er. »Still!« sagte Rudolf. »Hören Sie es nicht? Es ist mir, als rufe jemand ›Feuer‹! Wollen wir einmal nachsehen?« Carolus lauschte einen Moment, konnte aber nichts hören. »Nun, vielleicht hat mir das Ohr geklungen«, sagte Rudolf. »Fahren Sie fort! Don Alvar interessiert mich ganz erstaunlich. Er ist ein ritterlicher Jüngling.« Carolus fuhr fort zu lesen und legte allen Wohlklang seiner gewaltigen Stimme in folgende Worte des jungen Don Alvar: »O Inesilla, wer Sie auch sein mögen, Engel oder Dämon, und woher Sie auch stammen mögen, Ihnen weihe ich mein Leben, und ich folge Ihnen, sei es in den Himmel, sei es in die Hölle!« In diesem Augenblick klopfte es draußen an der Tür. Es war der Portier, der einen Brief brachte. Carolus riß ihn hastig auf. »Wie unangenehm«, sagte er. »Wir sind gezwungen, die Lektüre auf ein andermal zu verschieben. Ich muß leider sofort etwas besorgen.« »Oh,« dachte Rudolf, »dieser Brief kam vom Himmel. Man sieht doch, daß es noch eine Vorsehung gibt.« »Wenn es Ihnen recht ist,« fuhr Carolus fort, »dann erledigen wir gemeinsam diesen kleinen Gang und dinieren dann nachher.« »Ich stehe zu Ihrer Verfügung«, sagte Rudolf. Als er des Abends mit seinen Freunden zusammentraf, fragten diese ihn über Barbemuche aus. »Bist du zufrieden mit ihm? Hat er dich gut bewirtet?« riefen sie. »Ja,« sagte Rudolf, »aber es ist mir teuer zu stehen gekommen.« »Wieso?« fragte Schaunard unwillig. »Carolus hat dich doch nicht etwa bezahlen lassen?« »Er hat mir einen Roman vorgelesen, in denen Namen wie Don Lopez und Don Alvar vorkamen, und wo die Helden ihre Geliebten Engel oder Dämon nannten.« »Entsetzlich!« riefen alle Zigeuner im Chor. »Aber sonst,« fragte Colline, »abgesehen von seiner literarischen Begabung, was hältst du von Carolus?« »Er ist ein braver junger Mann. Übrigens könnt ihr eure Beobachtungen selbst machen, er rechnet darauf, uns einen nach dem andern zu bewirten. Schaunard ist morgen an der Reihe. Nur wenn ihr zu Barbemuche geht, nehmt euch vor dem Manuskriptschrank in acht, er ist ein gefährliches Möbelstück.« Schaunard kam pünktlich zum Stelldichein und nahm eine Untersuchung vor wie ein Untersuchungsrichter oder ein Gerichtsvollzieher. Auch er kam des Abends mit vielen Beobachtungen an, er hatte vor allem die Wohnungseinrichtung studiert. »Dieser Barbemuche«, sagte Schaunard, »strotzt von guten Charaktereigenschaften. Er kennt die Namen sämtlicher Weine und läßt Eßgerichte auftragen, wie sie mir nicht einmal meine Tante an ihren Geburtstagen vorgesetzt hat. Er scheint mir mit den vornehmsten Schneidern und den feinsten Schuhmachern auf dem besten Fuße zu stehen. Ich habe übrigens bemerkt, daß er so ziemlich unsere Figur hat, so daß wir ihm im Notfalle unsere Anzüge borgen können. Er ist auch gar nicht so sittenstreng, wie Colline ihn uns geschildert hat, und er hat mit mir alle Lokale besucht, in die ich ihn führte. Er benahm sich überall wie ein richtiger Mensch. Für Morgen ist Marcel eingeladen.« Carolus wußte, daß Marcel sich am meisten seiner Aufnahme widersetzt hatte, und behandelte ihn infolgedessen besonders aufmerksam. Am meisten stimmte er den Maler aber dadurch zu seinen Gunsten, daß er versprach, ihm Porträtaufträge in der Familie seines Zöglings vermitteln zu wollen. Als daher Marcel seinen Bericht erstattete, fanden die Freunde, daß die Feindseligkeit, die er zuerst gegen Carolus gehegt hatte, völlig geschwunden war, und Colline konnte Barbemuche am nächsten Tage mitteilen, daß er aufgenommen sei. »Aber mit einem Vorbehalt«, fügte er hinzu. »Wie meinen Sie das?« fragte Carolus. »Ich möchte damit sagen, daß Sie noch eine Reihe vulgärer Gewohnheiten haben, die Sie ablegen müssen.« »Ich werde es tun, indem ich Sie nachahme«, antwortete Carolus. Während der ganzen Zeit seines Noviziats suchte der platonische Philosoph leidenschaftlich den Verkehr mit den Zigeunern, und indem er so genauer ihre Sitten studierte, konnte er sich manchmal nicht eines gewaltigen Erstaunens enthalten. Eines Morgens kam Colline mit strahlendem Gesicht zu Barbemuche. »Also, mein Lieber,« sagte er, »Sie sind jetzt endgültig einer der Unsern. Wir brauchen nun nur noch den Tag des Aufnahmefests und den Ort, wo es stattfindet, zu bestimmen.« »Aber das trifft sich ja ausgezeichnet«, antwortete Carolus. »Die Eltern meines Zöglings befinden sich augenblicklich auf dem Lande. Der junge Vicomte, dessen Mentor ich bin, wird mir für einen Abend die Räume zur Verfügung stellen, wir haben es dadurch gemütlicher. Indessen müßten wir dann den jungen Vicomte einladen.« »Das wäre köstlich«, antwortete Colline. »Wir erschließen ihm so die Horizonte der Literatur. Aber glauben Sie, daß er einverstanden ist?« »Ich bin im voraus davon überzeugt.« »Dann brauchen wir also nur noch den Tag festzusetzen.« »Darüber können wir uns heute abend im Café einigen.« Carolus suchte jetzt seinen Schüler auf und teilte ihm mit, daß er in eine hervorragende literarisch-artistische Gesellschaft als Mitglied aufgenommen sei und ein Diner mit einem anschließenden Fest geben wollte. Er schlug ihm vor, an diesem Fest teilzunehmen. »Aber da sich das Fest bis tief in die Nacht hinein ausdehnt, und Sie nicht so spät heimkehren dürfen, so könnten wir«, fuhr Carolus fort, »zu unserer Bequemlichkeit das Fest in diesen Räumen veranstalten. Ihr Diener François ist diskret, Ihre Eltern werden nichts erfahren, und Sie machen so die Bekanntschaft der geistig bedeutendsten Künstler und Autoren von Paris.« »Die schon gedruckt sind?« fragte der junge Mann. »Aber gewiß. Der eine ist Chefredakteur des ›Regenbogen‹, auf den Ihre Frau Mutter abonniert ist. Es sind ganz hervorragende, ja fast berühmte Männer. Ich bin mit Ihnen sehr befreundet, sie haben reizende Frauen.« »Frauen kommen auch?« fragte der Vicomte Paul. »Entzückende Frauen«, antwortete Carolus. »Oh, mein teurer Lehrer, wie danke ich Ihnen. Natürlich geben wir das Fest hier. Wir zünden alle Kronleuchter an, und ich werde die Überzüge von den Möbeln nehmen lassen.« Des Abends kündigte Barbemuche im Café an, daß das Fest am folgenden Sonnabend stattfinden würde. Die Zigeuner ermahnten ihre Geliebten, an ihre Toiletten zu denken. »Vergeßt nicht,« sagten sie, »daß ihr wirkliche Salons betretet. Also bereitet euch vor: einfache, aber vornehme Kleidung!« Am Morgen des feierlichen Tages erschienen Colline, Schaunard, Marcel und Rudolf bei Barbemuche, der sehr erstaunt war, sie so früh zu sehen. »Es ist doch nichts geschehen,« fragte er etwas beunruhigt, »daß das Fest verschoben werden muß?« »Ja und nein«, antwortete Colline. »Es handelt sich nämlich um folgendes: Im allgemeinen machen wir nie große Umstände, aber wenn wir mit Fremden zusammentreffen, dann müssen wir doch ein gewisses Dekorum wahren.« »Ja, und?« fragte Barbemuche. »Ja, und da wir nun heute abend«, fuhr Colline fort, »den jungen Edelmann treffen, möchten wir aus Rücksicht für ihn und auch aus Rücksicht auf uns selbst Sie bitten, uns einige bessere Kleidungsstücke zu leihen. Wir können doch unmöglich in Bluse oder Paletot unter die strahlenden Kronleuchter dieses Palastes treten.« »Ja,« sagte Carolus, »ich habe aber doch keine vier schwarzen Röcke.« »Das macht nichts,« sagte Colline, »wir behelfen uns mit dem, was Sie haben.« »Ja, dann sehen Sie einmal«, sagte Carolus, indem er ihnen seinen wohlgefüllten Kleiderschrank öffnete. »Aber Sie haben ja ein wahres Arsenal von eleganten Sachen!« »Drei Hüte!« rief Schaunard begeistert. »Wie kann man denn drei Hüte haben, wenn man nur einen Kopf hat?« »Und die Schuhe,« sagte Rudolf, »seht doch!« »Wirklich, da sind Schuhe!« jubelte Colline. Und im Nu hatten sie sich jeder eine vollständige Ausstattung angeeignet. »Bis heute abend«, sagten sie, indem sie Barbemuche verließen. »Unsere Damen werden blendend sein.« »Aber«, sagte Barbemuche mit einem Blick auf seinen ausgeplünderten Schrank, »Sie lassen mir ja gar nichts. Wie soll ich Sie denn empfangen?« »Ach, Sie? Das ist etwas anderes«, sagte Rudolf. »Sie sind der Herr des Hauses, Sie können sich über die Etikette hinwegsetzen.« »Trotzdem,« sagte Carolus, »es bleiben mir ja nur ein Schlafrock, eine Unterhose, eine Flanelljacke und Pantoffeln. Sie haben mir alles genommen.« »Was schadet das? Sie sind im voraus entschuldigt«, antworteten die Zigeuner. Um sechs Uhr war ein sehr schönes Diner im Speisesaal serviert. Die Zigeuner kamen. Marcel hinkte etwas und war schlechter Laune. Der junge Vicomte stürzte sich den Damen entgegen und führte sie auf die besten Plätze. Fräulein Mimi trug ein wundervolles Phantasiekostüm. Fräulein Dudelsack hatte sich höchst verführerisch gekleidet. Euphemia glich einem Fenster mit farbigen Gläsern, sie wagte kaum, sich an den Tisch zu setzen. Das Essen dauerte zweieinhalb Stunden und verlief in strahlender Stimmung. Der junge Vicomte Paul trat andauernd seiner Tischdame Mimi auf den Fuß, und Euphemia ließ sich von jedem Gericht zweimal geben. Schaunard badete sich im Rebenblut. Rudolf improvisierte Sonette und zerbrach Gläser, um den Rhythmus zu markieren. Colline plauderte mit Marcel, der aber noch immer schlecht gelaunt war. »Was hast du nur?« fragte er ihn. »Mich schmerzen empfindlich die Füße. Dieser Carolus hat einen Fuß wie ein junges Frauenzimmer.« »Na,« sagte Colline, »ich werde ihm schon sagen, daß das nicht so weitergeht. Er soll sich in Zukunft seine Schuhe ein paar Nummern weitermachen lassen. Doch jetzt wollen wir in den Salon gehen, wo uns die exotischen Liköre erwarten.« Das Fest begann von neuem mit noch höherem Glanz. Schaunard setzte sich ans Klavier und trug mit erstaunlichem Schwung seine neue Symphonie ›Der Tod des jungen Mädchens‹ vor. Der Schlußteil mußte wiederholt werden, und am Klavier sprangen zwei Saiten. Um ein Uhr morgens brachen die Zigeuner auf und kehrten auf großen Umwegen nach Hause zurück. Barbemuche war betrunken und hielt unverständliche Ansprachen an seinen Zögling, der seinerseits von den blauen Augen Fräulein Mimis träumte. XII. Das Hochzeitsessen Es war kurze Zeit, nachdem der Dichter Rudolf und das junge Fräulein Mimi einen gemeinsamen Hausstand begründet hatten. Seit ungefähr acht Tagen beunruhigte sich der Zigeunerkreis sehr über das Verschwinden Rudolfs, der einfach unauffindbar war. Man hatte an allen Orten, wo er jemals gewesen war, nach ihm gefragt und überall die gleiche Antwort erhalten: »Nein, seit acht Tagen haben wir ihn nicht mehr gesehen.« Vor allem befand sich Gustav Colline in einer großen Unruhe, und er hatte auch einen gewissen Grund dazu. Einige Tage vorher hatte er nämlich Rudolf einen hochphilosophischen Artikel anvertraut, den der Dichter unter der Rubrik ›Vermischtes‹ im ›Castor‹, der Monatsschrift für das elegante Hutgewerbe, deren Chefredakteur er war, abdrucken wollte. War dieser hochphilosophische Artikel inzwischen vor den Augen des erstaunten Europas erschienen? Immer wieder stellte sich der unglückliche Colline diese Frage, die um so verständlicher war, da er bisher noch ungedruckt durchs Leben ging und sich vor Verlangen verzehrte, einmal zu sehen, wie sich seine Gedanken elegant gedruckt ausnehmen würden. Er hatte sechs Franken für Eintrittsgelder zu den verschiedenen Lesesälen von Paris ausgegeben, ohne irgendwo den ›Castor‹ zu finden, und schwur sich jetzt, keine Minute mehr zu ruhen, ehe er nicht den verlorenen Redakteur dieser Zeitschrift gefunden hätte. Mit Hilfe von einigen Glückszufällen erfuhr der Philosoph schon nach zwei Tagen die Wohnung Rudolfs und beeilte sich, sie des Morgens um sechs Uhr aufzusuchen. Rudolf wohnte in einem Logierhaus einer stillen Nebenstraße des Faubourg Saint Germain, und zwar in der fünften Etage, weil es keine sechste gab. Als Colline die Tür gefunden hatte, steckte kein Schlüssel darin, und er klopfte zehn Minuten lang, ohne daß jemand von innen antwortete. Der Lärm lockte schließlich den Portier hervor, der Colline aufforderte, ruhig zu sein. »Sie sehen doch, daß der Herr noch schläft«, sagte er. »Eben darum will ich ihn aufwecken«, erwiderte Colline und klopfte von neuem. »Aber er will Ihnen doch nicht antworten«, fuhr der Portier fort und stellte vor Rudolfs Tür ein Paar Lackstiefel und ein Paar Damenstiefel hin, denen er neuen Glanz gegeben hatte. »Halt einmal«, sagte Colline, indem er sich das doppelte Lackstiefelpaar ansah. »Ich muß mich doch getäuscht haben, das kann nicht die richtige Tür sein, hier wohnt nicht Herr Rudolf.« »Entschuldigen Sie, der Herr wohnt hier!« »Lieber Freund, dann haben Sie sich aber mit den Stiefeln geirrt!« »Durchaus nicht,« sagte der Portier, »dies sind die Stiefel des Herrn Rudolf und seiner Dame.« »Seiner Dame!« rief Colline verblüfft. »Ah, dieser Lüstling! Also deshalb will er nicht aufmachen! Na, ich werde später wiederkommen, ich weiß ja jetzt, wo er wohnt.« Und er machte sich eilends davon, um seinen Freunden die große Neuigkeit mitzuteilen. Die Lackstiefel Rudolfs wurden allgemein für Fabeln gehalten, die nur in der überstarken Phantasie Collines existierten, und auch die angebliche Geliebte erklärte man einstimmig für eine Unmöglichkeit. Aber diese Unmöglichkeit stellte sich doch als Wirklichkeit heraus, indem nämlich Marcel des Abends einen an sämtliche Freunde gerichteten Brief erhielt, der folgendermaßen lautete: »Das Schriftstellerehepaar Rudolf beehrt sich, die Herrschaften für morgen abend pünktlich um fünf Uhr zum Diner einzuladen N.B. Es sind Teller da.« »Meine Herren,« sagte Marcel, indem er das Schreiben vorlas, »die Nachricht bestätigt sich, Rudolf hat wirklich eine Geliebte. Noch mehr, er lädt uns zum Diner ein, und die Nachschrift verspricht Tafelgeschirr. Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich diese letztere Bemerkung für eine dichterische Übertreibung halte, doch das werden wir ja sehen.« Am nächsten Tage begaben sich Marcel, Gustav Colline und Alexander Schaunard, ausgehungert wie am letzten Fastentag, zur festgesetzten Zeit zu Rudolf, den sie dabei antrafen, wie er mit einer rötlichen Katze spielte, während eine junge Frau den Tisch deckte. »Meine Herren,« sagte Rudolf, indem er seinen Freunden die Hand drückte und auf die junge Frau hinwies, »gestatten Sie mir, daß ich Ihnen die Herrin des Hauses vorstelle. Mimi, dies sind meine besten Freunde, und nun trage die Suppe auf.« »Oh, meine Gnädigste,« sagte Alexander Schaunard, sich auf Mimi stürzend, »Sie sind frisch wie eine Blume im Felde!« Nachdem er sich dann überzeugt hatte, daß wirklich Teller vorhanden waren, erkundigte er sich, was es zu essen gäbe. Er trieb sogar seine Neugierde so weit, daß er die Deckel von den Kesseln hob, in denen das Essen kochte. Der Anblick eines Hummers machte auf ihn einen tiefen Eindruck. Colline dagegen hatte Rudolf beiseite gezogen und erkundigte sich nach seinem philosophischen Artikel. »Mein Lieber, er ist im Druck. Der ›Castor‹ erscheint nächsten Donnerstag.« Worauf der Philosoph beinahe einen Freudentanz veranstaltet hätte. »Meine Herren,« sagte Rudolf zu seinen Freunden, »ich muß um Verzeihung bitten, weil ich solange nichts von mir hören ließ, aber ich befand mich in den Flitterwochen.« Und er erzählte die Geschichte seiner Verbindung mit diesem reizenden Geschöpf, das ihm als Mitgift ihre achtzehneinhalb Jahre, zwei Porzellantassen und eine rötliche Katze mitgebracht hatte, die ebenso wie sie selbst Mimi hieß. »Meine Herren,« fuhr Rudolf fort, »beginnen wir nunmehr unser Hochzeitsessen. Ich kündige Ihnen übrigens an, daß es nur bürgerlich zugehen wird. Trüffeln können wir Ihnen nicht bieten, wohl aber die größte Herzlichkeit.« In der Tat herrschte bald eine herzliche Stimmung an dem kleinen Tisch, und wenn das Essen auch einfach war, so hatte es doch einen gewissen Stil. Rudolf hatte sich tatsächlich angestrengt und Colline, der bemerkte, daß sogar die Teller gewechselt wurden, feierte Mimi als Göttin des Kochherdes. Vor allem erregte der Hummer eine allgemeine Bewunderung. Unter dem Vorwande, er habe Tierkunde studiert, verlangte Schaunard, ihn selbst zerlegen zu dürfen. Hierbei zerbrach er ein Messer und gab sich selbst das größte Stück, was bei allen Teilnehmern tiefen Unwillen erregte. Aber Schaunard besaß keine Spur von Empfindlichkeit, und als noch ein Stück übrigblieb, legte er es ruhig beiseite und sagte, er wolle es als Modell für ein Stilleben benutzen, an dem er gerade zu malen vorgab. Colline sparte seine Sympathie für das Dessert auf und weigerte sich hartnäckig, sein Stück Rumtorte gegen eine Eintrittskarte zu der Orangerie in Versailles umzutauschen, was ihm Schaunard vorschlug. Die Unterhaltung begann sich jetzt zu beleben. Auf drei rotgesiegelte Flaschen folgten drei grüngesiegelte, in deren Mitte bald noch eine andere eintrat, die am Hals mit Silberpapier umwickelt war. Es war ein nicht gerade echter Champagner, wie er in Paris für zwei Franken die Flasche verkauft wurde. Aber die Zigeuner nahmen ihn doch als authentischen Sekt an, und obgleich der Pfropfen nicht gerade mit besonderer Lebhaftigkeit entwich, gerieten sie in Ekstase, als sie die Menge Schaum sahen. Schaunard benutzte den Rest seiner Nüchternheit, um irrtümlich auch das Glas Collines auszutrinken, denn der Philosoph, der gerade sein Stück Biskuit in das Senfglas tunkte, war im übrigen ganz darin vertieft, Fräulein Mimi den philosophischen Artikel zu erklären, der im ›Castor‹ erscheinen sollte. Plötzlich wurde er dann ganz blaß und bat um Erlaubnis, nach dem Fenster gehen zu dürfen und sich mitten in der Nacht den Sonnenuntergang anzusehen. »Es ist schade, daß der Champagner nicht in Eis gekühlt war«, sagte Schaunard und versuchte, sein leeres Glas mit dem vollen eines Nachbarn zu vertauschen, was ihm aber nicht gelang. Colline hatte aufgehört, frische Luft zu schöpfen. Er saß wieder am Tisch und schlug plötzlich Rudolf auf die Schulter. »Morgen ist doch Donnerstag?« fragte er. »Nein,« antwortete Rudolf, »morgen ist Sonntag.« »Nein, Donnerstag.« »Zum Teufel nochmal, morgen ist Sonntag.« »Ach was, Sonntag«, lallte Colline, und sein Kopf schwankte hin und her. »Nun gerade ist ... Donn ... erstag.« Dann sank er mit dem Gesicht langsam auf den weichen Käse, der sich auf seinem Teller befand, und schlief ein. »Was hat er denn mit seinem Donnerstag?« fragte Marcel. »Ach, jetzt fällt es mir ein«, sagte Rudolf. »Er denkt an seinen Artikel im ›Castor‹. Seht, jetzt spricht er im Schlaf davon!« Nach dem Essen brachte Fräulein Mimi Kaffee, und die vier Freunde steckten sich ihre Pfeifen an. Aber die Zeit verrann, und es war schon lange Mitternacht vorbei, als Rudolf den andern beizubringen suchte, daß es Zeit zum Aufbruch sei. Aber nur Marcel, der nüchtern geblieben war, erhob sich. Schaunard und Colline jedoch schienen sich für die Nacht festsetzen zu wollen. »Was soll ich nur machen?« sagte Rudolf zu Marcel. »Ich kann sie doch nicht hierbehalten. Früher ging das, aber jetzt ...« Dabei schweiften seine Blicke zu Mimi hinüber, deren sanft leuchtende Augen nach einem Alleinsein zu zweien zu verlangen schienen. »Na, ich weiß schon Rat«, sagte Marcel. »Ich werde sie schon fortbringen. Zunächst Schaunard. Ha! Schaunard!« schrie er laut. »He? Was ist los?« fragte dieser, der in einem blauen Meer süßester Trunkenheit zu schwimmen schien. »Wir haben nichts mehr zu trinken und alle Durst.« »Ja ... wohl«, stammelte Schaunard. »Die Flaschen sind viel zu klein.« »Wir wollen die Nacht durchhalten«, fuhr Marcel fort. »Aber wir müssen etwas zu trinken holen, ehe die Läden geschlossen werden.« »Gleich an der Ecke wohnt mein Kaufmann«, sagte Rudolf zu Schaunard. »Laß dir auf meine Rechnung zwei Flaschen Rum geben.« »Jawohl, jawohl, jawohl!« rief Schaunard und zog mit Schaunards Hilfe statt seines eigenen Paletots, den Paletot Collines an. Dann schwankte er hinaus. »Das wäre der erste!« sagte Marcel. »Jetzt kommt der zweite. He! He! Colline!« schrie er, indem er dem Philosophen einen heftigen Stoß gab. »Wie? ... Was?« »Schaunard ist weg und hat aus Versehen deinen braunen Paletot angezogen.« Colline blickte um sich und sah in der Tat an der Stelle, wo sein Überzieher hängen mußte, den karierten kurzen Rock Schaunards. Plötzlich kam ihm eine beunruhigende Idee. Er hatte an dem Tage auf einem Karren eine finnische Grammatik gekauft, und es steckten außerdem wie gewöhnlich sieben oder acht Bände philosophischen Inhalts darin. »Meine Bücher!« schrie er ganz entsetzt. »Beruhige dich, er wird sie nicht lesen«, sagte Rudolf. »Ja, aber ich kenne ihn. Er ist imstande, sich die Pfeife damit anzustecken.« »Oh, du kannst ihn noch leicht erwischen«, erwiderte Colline. »Du triffst ihn sicher an der Tür.« Der Philosoph stülpte sich seinen ungeheuern Hut auf den Kopf und eilte hinaus. »Und ich,« sagte Marcel zu Rudolf, »will unten dem Portier sagen, daß er nicht wieder öffnet, wenn sie klopfen.« Als Rudolf seinen Freund an die Tür begleitete, hörte er auf der Treppe ein langgezogenes Miauen, auf das sein Kater mit einem ebensolchen Miauen antwortete. »Armer Romeo!« sagte Rudolf zu Marcel. »Seine Julia ruft ihn. Los, geh' hin!« rief er, indem er dem verliebten Tier die Tür öffnete. Es stürmte in einem gewaltigen Satz die Treppe hinunter, bis es die zärtlichen Pfoten seiner Geliebten erreicht hatte. Als Rudolf mit Mimi allein war, die sich vor dem Spiegel in verführerischster Weise ihr Haar löste, näherte er sich ihr und zog sie in seine Arme. Und wie ein Musiker, bevor er sein Stück beginnt, erst eine Akkordfolge anschlägt, um sich von der Klangreinheit seines Instruments zu überzeugen, so setzte Rudolf die junge Mimi auf seine Knie und drückte auf ihre Schultern einen langen und innigen Kuß, der sich in einem Erschauern dem ganzen Körper des blühendfrischen Geschöpfs mitteilte. Das Instrument war gestimmt. XIII. Fräulein Mimi Rudolf stand in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr, als er Fräulein Mimi kennenlernte und ihn jene Liebesleidenschaft ergriff, die einen so großen Einfluß auf sein Leben ausübte. Er führte damals das vom Zufall bestimmte, phantastische Leben eines echten Zigeuners, aber er war vielleicht der heiterste und unbesorgteste von ihnen allen. Und wenn er nach einem ärmlichen Diner einen guten Witz gemacht hatte, dann schritt er über das Straßenpflaster, das ihm oft genug als Bett gedient hatte, mit einem Stolz einher, der in einem merkwürdigen Gegensatz zu seinem in allen Nähten klaffenden schwarzen Rock stand. Rudolf traf eines Tages die junge Mimi, die er schon früher gekannt hatte, als sie noch die Geliebte eines seiner Freunde war. Und jetzt machte er sie zu seiner eigenen. Es entstand zunächst ein großer Lärm unter Rudolfs Freunden, als sie von seiner ›Heirat‹ erfuhren. Aber da Fräulein Mimi sehr liebenswürdig war, sich durchaus nicht zierte und, ohne Kopfschmerzen zu bekommen, das Pfeifenrauchen und die literarischen Unterhaltungen ertrug, so gewöhnte man sich an sie und behandelte sie als Kameradin. Mimi war eine entzückende Frau und entsprach ganz den körperlichen und poetischen Idealen Rudolfs. Sie war jung, klein, zierlich und munter. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Aristokratisches, wurden aber ganz überstrahlt von dem milden Glanz ihrer blauen, feuchten Augen. Manchmal jedoch, in Momenten der Langeweile oder schlechten Laune, konnten sie auch einen brutalen Charakter annehmen, dann trat die ihrem Wesen zugrunde liegende Eigenliebe und Gefühllosigkeit hervor. Aber meistens zeigte sie ein liebenswürdiges Gesicht mit einem frischen, naiven Lächeln, einen hingebenden oder verführerischen Blick. Junges Blut floß heiß und schnell durch ihre Adern und überzog ihre zarte, kamelienweiße Haut mit einem rosigen Schein. Diese etwas krankhafte Schönheit verführte Rudolf, und er verbrachte manche Stunde der Nacht damit, die bleiche Stirn seiner schlafenden Geliebten mit Küssen zu bekränzen, während die feuchten, müden Augen hinter den halbgeschlossenen Lidern unter dem Vorhang der prächtigen braunen Haare hervorblitzten. Was aber vor allem Rudolf wahnsinnig verliebt in Fräulein Mimi machte, das waren ihre Hände, die sie trotz der häuslichen Arbeiten wundervoll weiß zu bewahren wußte. Und doch sollten diese kleinen zarten Hände, die so süß zu küssen waren, diese Kinderhände, in die Rudolf sein neuerblühtes Herz hineingelegt hatte, bald dieses Herz eines Dichters mit ihren rosigen Nägeln zerfleischen. Nach einem Monat begann Rudolf einzusehen, daß er sich mit einem flatterhaften Wesen verbunden hatte, dessen Hauptvergnügen es war, sich mit den ausgehaltenen Frauen des Viertels zu unterhalten. Sie befreundete sich mit ihnen, und der Luxus, den sie bei einigen von ihnen sah, erweckte in Fräulein Mimi, die bisher in ihren Ansprüchen sehr bescheiden gewesen war, allerlei Wünsche. Sie begann von Seide, Samt und Spitzen zu träumen. Und trotz aller Verbote Rudolfs fuhr sie fort, diese Damen zu besuchen, die ihr alle übereinstimmend rieten, mit diesem Zigeuner zu brechen, der ihr nicht einmal hundertundfünfzig Franken geben konnte, um sich ein Tuchkleid zu kaufen. »Ein so hübsches Mädchen wie Sie«, sagten ihr diese Ratgeberinnen, »wird mit Leichtigkeit ein besseres Verhältnis finden. Sie brauchen nur zu suchen.« Und Fräulein Mimi begann zu suchen. Angesichts ihrer häufigen Ausgänge, für die sie nur schlecht begründete Vorwände fand, hegte Rudolf einen immer mehr anwachsenden Argwohn. Aber jedesmal, wenn er einer wirklichen Untreue auf die Spur kam, legte er sich selbst eine Binde vor die Augen, um nichts zu sehen. Und er betete Mimi noch immer an. Er empfand für sie eine eifersüchtige, überspannte und zanksüchtige Liebe, die das junge Mädchen nicht begriff, weil es für Rudolf nur jene Neigung hegte, die aus der Gewohnheit entsprang. Und im übrigen hatte Mimi die Hälfte ihres Herzens schon in der Zeit ihrer ersten Liebe verschwendet, und die andere Hälfte war noch ausgefüllt mit den Erinnerungen an ihren ersten Liebhaber. Acht Monate verflossen so, während gute und schlimme Tage miteinander abwechselten. Zwanzigmal war Rudolf in dieser Zeit entschlossen gewesen, sich von Fräulein Mimi zu trennen, die für ihn alle diese rohen Grausamkeiten einer nicht liebenden Frau bereit hielt. Tatsächlich war das Leben für beide Teile eine Hölle geworden. Aber Rudolf hatte sich an diese täglichen Kämpfe gewöhnt, und er fürchtete nichts so sehr, als daß dieses ganze Verhältnis aufhören könnte, weil er fühlte, daß damit auch die fieberhaften Erregungen seiner Jugend ein Ende nehmen würden. Und dann muß auch gesagt werden, daß es Stunden gab, in denen Fräulein Mimi Rudolf allen Unwillen, den er je gegen sie gehegt hatte, vergessen machte. Es gab Augenblicke, wo dieser Dichter unter dem Zauber ihrer blauen Augen wie ein Kind zu ihren Füßen sank, wo er in ihrer Liebe die ganze Poesie seiner Jugend wiederfand. Inmitten ihrer stürmischen Streitigkeiten fanden sich Rudolf und Mimi zwei- oder dreimal monatlich wie durch eine gemeinsame Regung in der frischen Oase einer süßen Liebesnacht zusammen. Dann nahm Rudolf den lächelnden und glühenden Kopf seiner Freundin in seine Arme, und ganze Stunden hindurch flüsterte er ihr leidenschaftliche und törichte Liebesworte zu. Mimi, die im Anfang kühl blieb, erwärmte sich dann immer mehr an Rudolfs Feuer. Ihre gleichgültige Kühle schmolz bei der Berührung mit diesem Herzen, seine fieberhafte Glut steckte sie an, und sie warf sich ihm an den Hals, um ihm mit Küssen zu sagen, was sie ihm nicht mit Worten sagen konnte. Aber am nächsten Tag führte der gleichgültigste Anlaß einen Streit herbei, und die Liebe floh erschreckt für lange Zeit davon. Schließlich erkannte Rudolf, daß ihn die weißen Hände Mimis, wenn er sich nicht in acht nahm, in einen Abgrund führen würden, in dem er seine Zukunft und seine Jugend verlieren mußte. Seine Vernunft sagte ihm, daß seine Geliebte ihn nicht mehr liebte, und wenn sie ihm einmal eine Stunde der Zärtlichkeit schenkte, dann war das eine Laune der Sinne, wie sie bei verheirateten Frauen vorkommt, wenn sie ein neues Kleid erwarten, oder auch, wenn ihr Geliebter gerade nicht da ist, und so nach einem Sprichwort das Schwarzbrot essen, weil sie kein Weißbrot haben. Schließlich faßte er einen Entschluß und kündigte ihr an, sie sollte sich einen andern Geliebten suchen. Mimi begann zu lachen und machte höhnische Bemerkungen, als sie aber sah, daß es Rudolf ernst war, wurde sie unruhig und war dann einige Tage sehr liebenswürdig gegen ihn. Aber ihr Geliebter ließ sich nicht weiter mit ihr ein, sondern fragte nur, ob sie schon jemand gefunden hätte. »Ich habe noch gar nicht einmal gesucht«, antwortete sie. Aber sie hatte doch gesucht, und sogar schon, bevor Rudolf ihr den Rat gegeben. In vierzehn Tagen hatte sie zwei Versuche gemacht. Eine ihrer Freundinnen hatte sie mit einem noch sehr jungen Mann bekanntgemacht, der vor ihren Augen Seidenstoffe und Polisandermöbel auftauchen ließ. Aber, wie Mimi schnell bemerkte, war dieser junge Student vielleicht ein guter Mathematiker, doch in der Liebe noch ein blinder Anfänger, und, da Mimi sich nicht gern mit Erziehung abgab, ließ sie ihn kurzerhand laufen. Dafür verliebte sie sich in einen bretonischen Edelmann, den sie nicht lange zu bitten brauchte, bis er sie zu seiner Komtesse machte. Rudolf merkte trotz ihres Leugnens, daß etwas im Gange war. Er wollte Sicherheit haben, und als sie eine Nacht durch nicht nach Hause gekommen war, lauerte er ihr des Morgens vor dem Hause, wo er sie vermutete, auf. Mit müden, dunkelumrandeten Augen kam Mimi am Arm ihres neuen Herrn und Gebieters, der sie nunmehr geadelt hatte, heraus. Beim Anblick ihres Geliebten schien sie etwas überrascht zu sein, doch trat sie ruhig auf ihn zu, und sie wechselten einige Worte. Dann ging jeder nach seiner Seite ab. Der Bruch war jetzt entschieden. Rudolf kehrte in seine Wohnung zurück und verbrachte den Tag damit, alles in Pakete zu packen, was seiner Geliebten gehörte. Im Laufe des Tages, der dieser Scheidung folgte, erhielt Rudolf Besuche von verschiedenen Freunden und teilte ihnen mit, was geschehen war. Alle beglückwünschten ihn zu dem Ereignis wie zu einem großen Glück. Rudolf schwur, nun sollte es für ewig aus sein mit Bedauern und Verzweiflung. Er ließ sich sogar auf den Mabilleball schleppen, wo er mit seinem verschlissenen Anzug sehr schlecht für den ›Regenbogen‹ repräsentierte, obgleich diese Zeitschrift ihm den freien Eintritt in diese schönen Hallen des Vergnügens und der Eleganz verschaffte. Er traf hier von neuem Freunde, denen er eine Stunde lang mit großem Überschwang von Ironie die Geschichte seiner Liebe erzählte.» Ach,« sagte der Maler Marcel, als er die spöttischen Worte seines Freundes hörte, »Rudolf stellt sich zu vergnügt, da stimmt etwas nicht!« »Er ist reizend«, meinte eine junge Frau, der Rudolf einen Blumenstrauß verehrt hatte. »Und wenn er auch nicht elegant gekleidet ist, so würde ich mich doch gerne kompromittieren, indem ich mit ihm tanzte, wenn er mich nur einladen wollte.« Rudolf hörte diese Worte, und zwei Sekunden später war er schon auf den Beinen, um seine Dame unter einem wahren Sturmregen schwülstig galanter Redensarten zu einem Tanz aufzufordern. Nun kannte Rudolf vom Tanzen auch nicht die geringsten Anfangsgründe, aber von einem außerordentlichen Mut beseelt, stürzte er sich in das Gewühl und improvisierte einen Tanz, wie ihn bisher noch kein Mensch gesehen hatte. »Unglaublich«, sagte der Maler Marcel. »Rudolf kommt mir wie ein Betrunkener vor, der sich in zerbrochenen Gläsern herumwälzt.« »Jedenfalls hat er sich ein prächtiges Weib erobert«, meinte ein anderer, als er sah, daß jetzt Rudolf mit seiner Tänzerin ziemlich eilig und, ohne sich von seinen Freunden zu verabschieden, den Saal verließ. Die Gefährtin des Dichters war ein kräftiges Mädchen aus der Normandie, eine üppige Gestalt, deren etwas ländliches Wesen sich schnell inmitten der Pariser Eleganz und eines trägen Lebens verfeinert hatte. Sie nannte sich meist Frau Seraphine und war zurzeit die Geliebte eines Rheumatikers, eines Pairs von Frankreich, der ihr monatlich tausend Franken gab. Dieses Geld teilte sie mit einem flotten Handlungsgehilfen, der sie dafür verprügelte. Rudolf hatte ihr gefallen, sie rechnete bei ihm nicht auf Geld und nahm ihn mit nach Hause. »Lucilie,« sagte sie zu ihrer Kammerzofe, »ich bin für niemand zu sprechen.« Und nachdem sie in ihr Toilettenzimmer gegangen war, kam sie nach fünf Minuten in einem leichteren Kostüm zurück. Sie traf Rudolf unbeweglich und stumm, denn während seines Alleinseins hatte ihn eine dumpfe Traurigkeit voll quälender Erinnerungen überfallen. »Sie sehen mich ja gar nicht an, du sprichst ja gar nichts«, sagte Seraphine erstaunt.» Meinetwegen«, dachte Rudolf, indem er seine Blicke erhob, »betrachten wir sie, aber nur vom Künstlerstandpunkt!« Seraphine war wirklich sehr schön. Ihre herrlichen Formen, die durch den Schnitt ihres Kleides hervorgehoben wurden, schimmerten lockend unter dem halb durchsichtigen Stoff. Das ganze mächtige Fieber des Begehrens erwachte in den Adern Rudolfs, eine heiße Glut stieg ihm in den Kopf. Nicht länger betrachtete er Seraphine mit den Augen eines Ästheten, und er nahm die Hände des schönen Mädchens in die seinen. Langsam zog er Seraphine an sich. Ihre Wangen überzogen sich mit jener rosigen Glut, die die Morgenröte des Verlangens ist, und in ihm verging gerade die letzte Spur eines Kunstkritikers, als plötzlich an der Wohnungstür heftig geklingelt wurde. »Lucilie! Lucilie!« rief Seraphine ihrer Kammerzofe zu. »Öffnen Sie nicht. Sagen Sie, ich sei noch nicht zurückgekehrt.« Bei dem zweimal gerufenen Namen Lucilie fuhr Rudolf auf. Lucilie war der Taufname Mimis, und eine Flut von Erinnerungen überwältigte ihn. »Ich will Ihnen durchaus keine Ungelegenheiten machen, gnädige Frau«, sagte er. »Übrigens muß ich auch aufbrechen, es ist spät, und ich wohne sehr weit. Guten Abend.« »Wie, Sie wollen gehen?« rief Seraphine aus und verdoppelte das Feuer ihrer Blicke. »Warum wollen Sie denn fort? Ich bin frei, Sie können ruhig hierbleiben.« »Unmöglich«, antwortete Rudolf. »Ich erwarte heute einen Verwandten, der aus dem Feuerland zu Besuch kommt. Er enterbt mich, wenn er mich nicht zu Hause antrifft, um ihn zu empfangen. Guten Abend, gnädige Frau!« Und er eilte hastig hinaus. Als Rudolf nach Hause kam, traf er auf der Treppe seinen rötlichen Kater, der kläglich miaute. Seit zwei Nächten rief er schon vergeblich nach seiner Geliebten, einer leichtfertigen Angorakatze, die währenddem galante Fahrten über die benachbarten Dächer unternahm. »Armes Tier«, sagte Rudolf. »Bist du auch betrogen worden? Deine Mimi hat dir auch solche Streiche gespielt wie mir die meinige? Ach was, trösten wir uns. Glaube mir, mein armes Tier, das Herz der Frauen und der Katzen ist ein Abgrund, den die Männer und die Kater nie ergründen werden.« Als Rudolf in sein Zimmer eintrat, umfing ihn trotz des drückendheißen Wetters ein eisiges Gefühl. Es war das Frösteln der Einsamkeit, dieser schrecklichen Einsamkeit, aus der es keine Erlösung gibt. Er zündete seine Kerze an und sah das verwüstete Zimmer mit den offenstehenden leeren Schubladen der Schränke. Er stieß mit dem Fuß an die Pakete, in denen Mimis Sachen eingepackt waren, und er verspürte eine lebhafte Freude, weil sie noch nicht dagewesen war, um sie abzuholen. Als er sich dem Bett näherte und die Vorhänge zurückzog, blickte er auf dieses seit zwei Tagen nicht gemachte Lager und sah die beiden Kissen nebeneinander liegen und unter dem einen halbverborgen eine spitzenbesetzte Nachthaube hervorragen. Sein Herz wurde von einem unbezwinglichen Schmerz zusammengepreßt, er fiel vor dem Bett auf die Knie, barg sein Gesicht in seinen Händen und begann zu weinen. Während dieser ganzen Nacht wurde Rudolf von den Erinnerungen der vergangenen acht Monate gequält, und immer sah er das Bild dieser jungen Frau, die er vielleicht niemals geliebt hatte, deren zärtliche Lügen aber seinem Herzen seine erste Jugend und Mannheit zurückgezaubert hatten. Erst, als schon die Morgenröte die Dämmerung durchbrach, versank er in einen kurzen, bleischweren Schlaf. Des Morgens kamen seine Freunde auf Besuch, und sie erschraken, als sie sein durchwachtes, müdes Gesicht sahen. »Natürlich,« sagte Marcel, »das habe ich erwartet. Seine gestrige Ausgelassenheit war ja gar nicht natürlich. Die Sache kann nicht so weitergehen.« Und zusammen mit zwei oder drei Kameraden begann er eine Fülle von Enthüllungen über Fräulein Mimi zu machen, von denen jedes Wort sich wie ein Dorn in Rudolfs Herz einbohrte. Seine Freunde bewiesen ihm, daß seine Geliebte ihn die ganze Zeit über wie einen Dummkopf hintergangen habe, sowohl in seiner Wohnung wie anderswo, und daß dieses zarte Geschöpf ein Gefäß verdorbener Neigungen und wilder Instinkte war. Und einer löste den andern ab in diesem Versuch, Rudolfs Liebe in Verachtung umzuwandeln, aber sie erreichten ihr Ziel nur zur Hälfte. Die Verzweiflung des Poeten verwandelte sich in Zorn, und er stürzte sich wütend auf die Pakete und nahm alles heraus, was er ihr während ihres Verhältnisses geschenkt hatte. Es war dies der weitaus größere Teil, denn Mimi war in der letzten Zeit unersättlich in Forderungen, besonders an Toilettegegenständen, gewesen. Am folgenden Tage kam sie, um ihre Sachen abzuholen. Rudolf befand sich allein zu Hause, und er mußte alle seine Selbstachtung anspannen, um sich seiner Geliebten nicht an den Hals zu werfen. Er empfing sie mit vorwurfsvollem Stillschweigen, und sie antwortete mit jenem kalten und scharfen Hohn, der selbst den Schwächsten und Furchtsamsten zur Wut bringt. Vor dieser beißenden Verachtung, die seine Geliebte mit unverschämter Hartnäckigkeit zur Schau trug, erwachte in Rudolf ein brutaler und heftiger Zorn. Einen Augenblick fragte sich Mimi, bleich vor Schrecken, ob sie wohl lebend aus seinen Händen herauskommen würde. Über dem Geschrei, das sie ausstieß, eilten einige Nachbarn herbei und rissen sie aus dem Zimmer. Zwei Tage später fragte eine Freundin Mimis an, ob er die Sachen herausgeben wollte, die er noch in Aufbewahrung hätte. »Nein!« antwortete er. Und dann plauderte er mit der Botin seiner Geliebten. Sie erzählte ihm, daß sich Mimi in einer sehr unangenehmen Lage befände, da sie keine Wohnung habe. »Und ihr Geliebter, auf den sie so verrückt ist?« »Aber,« antwortete Amalie, denn so hieß Mimis Freundin, »dieser junge Mann hatte ja gar nicht die Absicht, sie zur Geliebten zu nehmen. Er besitzt schon seit langem ein festes Verhältnis und scheint sich wenig um Mimi zu kümmern. Sie wohnt jetzt bei mir und fällt mir sehr zur Last.« »Mag sie sehen, wie sie zurechtkommt«, sagte Rudolf. »Sie hat es so gewollt, mich geht es nichts an.« Und er sagte Fräulein Amalie verliebte Schmeicheleien und versicherte ihr, sie sei die schönste Frau auf der Welt. Amalie berichtete Mimi ihre Unterhaltung mit Rudolf. »Was sagte er? Wie geht es ihm?« fragte Mimi. »Hat er über mich gesprochen?« »Gar nicht, Sie sind schon vergessen, meine Liebe. Rudolf hat eine neue Geliebte, der er eine prachtvolle Toilette gekauft hat. Er hat nämlich viel Geld eingenommen und geht selbst wie ein Fürst gekleidet. Er ist übrigens ein sehr liebenswürdiger Mensch und hat mir reizende Sachen gesagt.« »Ich werde schon erfahren, was das heißen soll«, sagte Mimi. Jeden Tag kam jetzt Amalie unter irgendeinem Vorwand zu Rudolf, und obgleich sich dieser immer wieder vornahm, nicht über Mimi zu sprechen, tat er es doch. »Sie ist sehr vergnügt«, berichtete die Freundin, »und scheint sich wegen ihrer Zukunft keine Sorge zu machen. Übrigens versichert sie, sie könnte zu Ihnen zurück, wenn sie nur wollte, aber sie täte das dann nur, um Ihre Freunde zu ärgern.« »Schön«, sagte Rudolf. »Sie soll nur kommen, wir werden dann schon sehen.« Und er begann von neuem, Amalie den Hof zu machen, die das dann alles Mimi erzählte und ihr versicherte, Rudolf sei ganz verliebt in sie. »Er hat mir die Hand und den Hals geküßt«, sagte sie. »Sehen Sie, er ist noch ganz rot. Demnächst will er mich zum Ball begleiten.« »Liebe Freundin,« sagte Mimi gekränkt, »ich verstehe schon, daß Sie mir einreden wollen, Rudolf liebte Sie, und an mich dachte er nicht mehr. Aber Sie verlieren Ihre Zeit, sowohl mit ihm wie mit mir.« Tatsächlich war Rudolf nur so liebenswürdig zu Amalie, um sie häufiger zu sehen und mit ihr über Mimi zu sprechen. Aber obgleich Amalie das sehr gut fühlte, wußte sie doch durch absichtlich falsche Berichte die beiden immer wieder auseinander zu halten. Am Tage, wo sie zum Ball gehen wollte, kam sie des Morgens zu Rudolf und fragte ihn, ob er noch immer bei seinem Versprechen bleibe. »Selbstverständlich«, antwortete er. »Ich werde doch nicht auf eine Gelegenheit verzichten, der Begleiter der schönsten Dame der modernen Zeit zu sein.« Amalie setzte eine kokette Miene auf und versprach, pünktlich zur Stelle zu sein. »Übrigens,« meinte Rudolf, »wenn Mimi ihren Geliebten mit mir betrügen und eine Nacht in meiner Wohnung verbringen will, dann werde ich ihr alle ihre Sachen zurückgeben.« Amalie richtete zwar diese Bestellung aus, gab ihr aber einen ganz anderen Sinn. »Ihr Rudolf ist doch ein unvornehmer Mensch«, sagte sie zu Mimi. »Sein Vorschlag ist eine Gemeinheit, er will Sie damit auf das Niveau der allerniedrigsten Geschöpfe herabdrücken. Wenn Sie zu ihm gehen, gibt er Ihnen nicht nur Ihre Sachen zurück, sondern er macht Sie auch noch zum Gespött seiner Freunde. Die haben es gemeinsam miteinander abgemacht.« »Ich gehe schon nicht hin«, sagte Mimi, und als sie sah, wie Amalie ihre Toilette zurechtmachte, fragte sie, ob sie zum Balle ginge. »Ja«, antwortete die Freundin. »Mit Rudolf?« »Ja, er trifft mich heute abend zwanzig Schritte vom Hause.« »Viel Vergnügen«, sagte Mimi. Als aber die Stunde des Rendezvous herannahte, lief sie in aller Eile zu dem Geliebten Amaliens und teilte ihm mit, daß diese im Begriff stehe, ihn zu betrügen. Der Herr, der eifersüchtig wie ein Tiger war, kam sofort zu Amalie und sagte ihr, wie nett er es fände, daß sie den Abend mit ihm verbringen wolle. Um acht Uhr lief Mimi zu dem Ort hin, wo Rudolf Amalie treffen wollte. Sie bemerkte auch ihren Geliebten, der in wartender Haltung auf und ab ging. Zweimal kam sie an ihm vorbei, ohne daß sie es wagte, ihn anzureden. Rudolf sah sehr elegant aus, sein Gesicht hatte durch die erlittenen Schmerzen etwas Charakterfestes bekommen, und Mimi war seltsam bewegt. Endlich entschloß sie sich, mit ihm zu sprechen. Rudolf hörte sie ohne Zorn an und fragte sie in sanftem Tone, wie es mit ihrem Befinden ginge. »Ach, ich bringe Ihnen eine schlechte Nachricht. Fräulein Amalie kann nicht mit Ihnen zum Ball gehen, ihr Geliebter hält sie fest.« »Dann werde ich allein zum Ball gehen.« Fräulein Mimi stellte sich jetzt, als schwanke sie, und sie stützte sich auf die Schulter Rudolfs. Er nahm ihren Arm und schlug ihr vor, sie nach Hause zu führen. »Nein,« sagte Mimi, »ich wohne bei Amalie. »Und da sie jetzt ihren Geliebten bei sich hat, kann ich nicht eher zurückkehren, bis er fort ist.« »Ich habe Ihnen doch durch Fräulein Amalie einen Vorschlag gemacht«, sagte jetzt der Dichter. »Hat sie ihn Ihnen übermittelt?« »Ja,« sagte Mimi, »aber in Ausdrücken, daß ich selbst nach allem, was vorgegangen ist, nicht daran glauben kann. Nein, Rudolf, trotz allem, was Sie mir vorwerfen können, habe ich doch nicht daran gedacht, daß Sie mir zutrauen, einen solchen Vorschlag anzunehmen.« »Sie haben mich falsch verstanden, oder man hat Ihnen Falsches berichtet«, erwiderte Rudolf. »Ich bleibe noch immer bei meinem Vorschlag. Es ist neun Uhr, und Sie haben noch drei Stunden Zeit zum Überlegen. Bis Mitternacht bleibt der Schlüssel in meiner Tür stecken. Guten Abend.« »Guten Abend«, sagte Mimi mit zitternder Stimme. Rudolf ging nach Hause und legte sich angekleidet aufs Bett. Um halb zwölf trat Fräulein Mimi in sein Zimmer. »Ich nehme Ihre Gastfreundschaft in Anspruch«, sagte sie. »Der Geliebte Amaliens ist bei ihr geblieben, und ich kann nicht dorthin.« Bis drei Uhr morgens plauderten sie und sprachen sich über manches aus. Von Zeit zu Zeit drängte sich auch das trauliche Du in die Unterhaltung. Um vier Uhr verlosch die Kerze, so daß Rudolf eine neue anzünden wollte. »Nein,« sagte Mimi, »es lohnt sich nicht mehr, es ist Zeit zum Schlafen.« Fünf Minuten später hatte ihr hübscher, braunhaariger Kopf wieder seinen Platz auf dem Kissen eingenommen, und mit zärtlicher Stimme lockte sie die Lippen Rudolfs zu ihren bleichen Händen, deren weißer Glanz mit der weißen Farbe der Betttücher wetteiferte. Rudolf zündete keine Kerze mehr an. Am nächsten Morgen erhob sich Rudolf zuerst, und indem er Mimi mehrere Pakete zeigte, sagte er ganz sanft zu ihr: »Hier ist alles, was Ihnen gehört. Sie können es mitnehmen, ich halte Wort.« »Ach,« sagte Mimi, »ich bin so müde. Sehen Sie, ich könnte die schweren Pakete gar nicht auf einmal fortschaffen. Ich möchte lieber wiederkommen.« Und als sie sich angekleidet hatte, nahm sie nur eine Halskrause und ein Paar Manschetten. »Ich hole das, was bleibt, nach und nach«, sagte sie lächelnd. »Nein,« sagte Rudolf, »nimm alles mit oder gar nichts. Die Sache muß ein Ende haben.« »Im Gegenteil, sie soll von neuem beginnen,« sagte die junge Mimi und umarmte Rudolf, »und sie soll für immer dauern.« Nachdem sie zusammen gefrühstückt hatten, gingen sie fort, um einen Ausflug zu unternehmen. Als sie das Luxembourg durchschritten, traf Rudolf einen großen Dichter, der ihm immer ein großes Wohlwollen bewiesen hatte. Aus Schicklichkeitsgründen tat Rudolf, als sähe er ihn nicht. Aber der Dichter schritt mit freundlichem Gruß auf ihn zu und grüßte seine Gefährtin mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Wer ist dieser Herr?« fragte Mimi. Rudolf nannte einen Namen, der sie vor Vergnügen und Stolz erröten machte. »Oh,« sagte Rudolf, »das Zusammentreffen mit diesem Dichter, der die Liebe so wundervoll besungen hat, ist ein gutes Vorzeichen und wird unserem neuen Bund Glück bringen.« »Wie ich dich liebe!« sagte Mimi und drückte Rudolfs Hand, obgleich sie sich mitten in einer Volksmenge befanden. »Ach,« dachte Rudolf, »was ist nun besser, sich betrügen lassen, indem man an die Geliebte glaubt, oder nie an sie glauben in der Furcht, sonst immer von ihr betrogen zu werden?« XIV. Geschiedene Ehen Der Maler Marcel und Fräulein Dudelsack hatten eigentlich ihren freien Bund nur infolge einer Laune und ohne jede Herzensregung geschlossen. Aber als sie eines Abends nach einem heftigen Streit übereinkamen, sich zu trennen, und sich schon die Hände zum Abschied reichten, bemerkten sie, daß diese Hände nicht voneinander lassen wollten. Ohne daß sie es wußten, war aus der Laune die Liebe entstanden. Halb lachend gestanden sie es sich ein. »Das ist eine ernste Geschichte«, sagte Marcel. »Wie, zum Teufel, ist das nur gekommen?« »Oh,« meinte Fräulein Dudelsack, »wir sind selber schuld, wir hätten vorsichtiger sein müssen.« »Was gibt es denn?« fragte Rudolf hereintretend. Er wohnte jetzt neben Marcel. »Was es gibt?« erwiderte dieser. »Nun, diese Dame und ich haben eine nette Entdeckung gemacht. Wir sind nämlich ineinander verliebt. Es muß uns im Schlaf angeflogen sein.« »Oh, im Schlaf, das glaube ich gerade nicht«, meinte Rudolf. »Aber wie kommt ihr zu dem Glauben, daß ihr euch liebt? Vielleicht übertreibt ihr die Gefahr?« »Zum Henker!« antwortete Marcel. »Wir können uns nicht leiden!« »Und können uns trotzdem nicht verlassen«, fügte Fräulein Dudelsack hinzu. »Dann, meine Kinder, ist die Sache klar. Ihr habt ein zu feines Spiel gespielt und alle beide verloren. Genau so war es mit Mimi und mir. Seit fast zwei Jahren zanken wir uns Tag und Nacht. Auf diese Art entstehen die dauerhaftesten Ehen. Na, jetzt wird ja euer Haushalt ein Pendant zu nennen sein, und wenn Schaunard und Euphemia auch ins Haus ziehen, wie sie angedroht haben, dann werden wir hier ja ein hübsches Trio erleben.« In diesem Augenblick trat Colline herein. Man teilte ihm den Unfall mit, der Fräulein Dudelsack und Marcel zugestoßen war. Colline kratzte den Rand seines Hutes, der ihm wegen seiner Größe als Dach diente, und murmelte: »Ich wußte es schon im voraus. Die Liebe ist eine Lotterie. Wer sich daran reibt, sticht sich. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Abends sagte Rudolf zu Mimi: »Weißt du es schon? Fräulein Dudelsack hat sich in Marcel verliebt, sie will ihn nicht mehr verlassen.« »Das arme Mädchen!« antwortete Mimi. »Sie hat immer einen so gesunden Appetit.« »Ja, und Marcel ist wieder in sie verschossen. Er betet sie mit einer sechsunddreißigkarätigen Liebe an, wie dieser Halunke Colline sagen würde.« »Der arme Junge!« sagte Mimi. »Er ist so eifersüchtig!« »Das ist wahr,« meinte Rudolf, »er und ich sind die reinen Othellos.« Einige Zeit später vereinigte sich mit den Haushaltungen Rudolfs und Marcels die von Schaunard. Der Musiker zog mit Schminkeuphemia in das Haus ein. Von diesem Tage an wohnten alle andern Mieter des Hauses auf einem Vulkan, und beim nächsten Termin kündigten sie einstimmig dem Hausbesitzer. Tatsächlich kam es selten vor, daß einmal ein Tag ohne Lärm in einem der drei Haushaltungen verlief. Einmal waren es Mimi und Rudolf, die sich mit allerlei Wurfgeschossen bombardierten, wenn sie sich mit bloßen Worten nicht einigen konnten; ein andermal machte Schaunard mit dem Ende seines Spazierstocks einige Bemerkungen zu der mißgestimmten Euphemia; dann wieder hatten sich Marcel und Fräulein Dudelsack etwas zu sagen, aber sie nahmen wenigstens die Rücksicht, wenn ihre Diskussionen etwas hitziger wurden, Türen und Fenster zu schließen. Wenn zufällig einmal Friede in den Haushaltungen herrschte, so waren die andern Mieter nicht weniger die Opfer dieser kurzen Eintracht. Durch die dünnen Wände der Zimmer drangen die intimsten Einzelheiten der Zigeunerehen und verrieten alle ihre Geheimnisse, so daß mancher Mieter lieber den offenen Krieg hatte als die Aussöhnungen des Friedensschlusses. Es war überhaupt ein sehr seltsames Leben, das jetzt sechs Monate lang hier geführt wurde. Vor allem herrschte die ehrlichste Brüderschaft, die alles teilte, was hereinkam, Gutes und Böses. Es gab Tage des Glanzes, wo man nicht auf die Straße gegangen wäre, ohne Handschuhe anzuziehen, Tage des Schwelgens, an denen von morgens bis abends diniert wurde. Dann kamen andere, an denen man kaum Schuhe an den Füßen hatte, Tage des Fastens, an denen weder des Morgens noch des Abends von einer gemeinsamen Mahlzeit die Rede war und das Tischgeschirr sich ausruhen konnte. Aber wunderbar! In dieser Gemeinschaft, wo es drei junge und hübsche Frauen gab, entstand unter den Männern nie der geringste Streit. Sie unterwarfen sich manchmal den flüchtigsten Launen ihrer Geliebten, aber nicht einer hätte sich bei der Wahl zwischen der Frau und dem Freund einen Augenblick bedacht. Seit sechs Jahren kannten sich jetzt die Zigeuner, und dieser lange, in einer täglichen Vertrautheit verbrachte Zeitraum hatte, ohne ihre scharf hervortretenden Unterschiede irgendwie zu verwischen, doch eine ganz ungewöhnliche Harmonie ihres Denkens herbeigeführt. Sie hatten ihre eigenen Sitten und eine besondere Sprache, die ein Fremder schwerlich verstanden hätte. Wer sie nicht genauer kannte, nannte ihr freies Benehmen Zynismus, obgleich es weiter nichts war als Offenheit. Unbedingte Gegner jedes Zwanges, haßten sie alles Falsche und Gemeine, und wenn man ihnen übertriebene Eitelkeit vorwarf, dann entwickelten sie stolz ihre Zukunftspläne. Sie waren sich ihres Wertes bewußt, ohne daß sie ihn überschätzt hätten. Aber nach sechs Monaten des gemeinsamen Lebens brach plötzlich eine Scheidungsepidemie unter ihnen aus. Schaunard eröffnete den Reigen. Eines Tages bemerkte er, daß das eine Knie der Schminkeuphemia besser geformt war als das andere, und da er auf dem Gebiete der Plastik dem strengsten Purismus huldigte, so warf er Euphemia hinaus, wobei er ihr als Andenken den Stock gab, mit dem er ihr so manches Mal Bescheid gesagt hatte. Dann zog er eine Weile zu einem Verwandten, der ihm eine Gratiswohnung angeboten hatte. Vierzehn Tage später verließ Mimi Rudolf, um sich in die elegante Equipage des Vicomte Paul zu setzen, des ehemaligen Schülers von Carolus Barbemuche, denn der Vicomte hatte ihr die wundervollsten Kleider versprochen. Nach Mimi bewerkstelligte Fräulein Dudelsack ihren Auszug, indem sie mit großem Hallo wieder unter den Aristokratinnen des galanten Lebens auftauchte, die sie verlassen hatte, um Marcel zu folgen. Diese Trennung ging ohne Streit, ohne Aufregung, ohne vorangegangene Worte vor sich. Wie ihre Liebe durch eine Laune entstanden war, so kam auch durch eine andere Laune der Bruch. Es war eines Abends im Karneval, als Fräulein Dudelsack mit Marcel den Maskenball der Großen Oper besuchte. Zufällig stand ihr beim Maskenball ein junger Mann gegenüber, der ihr früher einmal den Hof gemacht hatte. Sie erkannten sich und sprachen beim Tanz ein paar Worte zusammen. Ohne es zu wollen, erzählte sie dem jungen Mann von ihrem jetzigen Leben, und daß sie sich nach dem früheren zurücksehne. Diese Sehnsucht war wohl so stark, daß Fräulein Dudelsack sich nach Schluß der Quadrille irrte und, statt Marcel die Hand zu reichen, die Hand ihres Gegenübers ergriff. Er führte sie davon und verschwand mit ihr in der Menge. Marcel suchte sie mit einiger Unruhe. Er fand sie nach einer Stunde, wie sie am Arm des jungen Mannes aus dem Café der Großen Oper herauskam und lustige Refrains trällerte. Als sie Marcel sah, der mit gekreuzten Armen in einer Ecke stand, winkte sie ihm ein Lebewohl zu und sagte: »Ich komme wieder!« »Das heißt, Sie brauchen nicht mehr auf mich zu warten«, übersetzte Marcel. Er war eifersüchtig, aber er war vernünftig und kannte seine Geliebte. Er wartete nicht länger, sondern ging nach Hause, allerdings mit schwerem Herzen und leichtem Magen. Im Schrank suchte er nach einigen Überbleibseln und fand ein steinhartes Stück Brot neben dem Skelett eines Räucherherings. »Gegen seine Trüffeln hätte ich nicht ankämpfen können«, dachte er. »jedenfalls hat sie ein Souper gehabt.« Und nachdem er sich noch einmal mit dem Taschentuch über die Augen gefahren war, ging er zu Bett. Zwei Tage später erwachte Fräulein Dudelsack in einem rosafarbenen Boudoir. Ein blaues Coupé wartete vor ihrer Tür, und alle Feen der Mode, die eigens herbeigerufen waren, legten ihr ihre Wunder zu Füßen. Fräulein Dudelsack sah entzückend aus und schien noch jugendlicher geworden zu sein in dieser eleganten Umgebung. Nun begann sie wieder ihr früheres Leben, war auf allen Festen und hatte bald ihren früheren Ruf zurückgewonnen. Überall sprach man von ihr, zwischen den Kulissen der Börse wie in den Wandelgängen des Parlaments. Und ihr neuer Geliebter, Herr Alexis, war ein reizender junger Mann. Manchmal beklagte er sich bei seiner Geliebten, weil er sie etwas gleichgültig und kalt fand, wenn er ihr von seiner Liebe sprach. Aber dann sah sie ihn lachend an und tätschelte ihm die Hand. »Was wollen Sie, mein Lieber?« sagte sie zu ihm. »Ich habe sechs Monate bei einem Manne ausgehalten, der mich mit Salat und Wassersuppe ernährte und mir ein Baumwollkleid gab. Das einzige, was nichts kostete, war die Liebe, und da ich sehr in ihn vernarrt war, haben wir viel Liebe verschwendet. Mir bleiben jetzt nur die Krümchen vom Kuchen; sammeln Sie sie auf, ich hindere Sie nicht. Im übrigen habe ich Ihnen nichts verhehlt, und wenn die seidenen Bänder nicht so teuer wären, säße ich jetzt noch bei meinem Maler. Was mein Herz angeht, das höre ich kaum noch schlagen, seit es in einem Korsett von achtzig Franken steckt. Ich fürchte sogar, ich habe es in einer Schublade bei Marcel liegen lassen.« Das Verschwinden der drei Zigeunerhaushaltungen veranlaßte ein Fest in dem Hause, wo sie gewohnt hatten. Als Zeichen seiner Freude gab der Eigentümer ein großes Diner, und die Mieter illuminierten. Rudolf und Marcel bezogen eine gemeinsame Wohnung. Sie hatten jeder ein Ideal, das sie aber nicht beim Namen nannten. Nur manchmal sprachen sie von ihrem vergangenen Leben und erinnerten sich an die Lieder, die Fräulein Dudelsack und Fräulein Mimi gesungen hatten, an die Mondscheinnächte, an die im Schlaf verbrachten Vormittage und die im Traum genossenen Diners. Und dann fühlten sie, ohne daß sie es auszusprechen wagten, wie sehr sie diese verschwundenen Geschöpfe geliebt hatten, mit denen vielleicht das schönste Stück ihrer Jugend dahingegangen war. Eines Abends bemerkte Marcel, als er über den Boulevard schlenderte, einige Schritte vor ihm eine Dame, die beim Aussteigen aus einem Wagen ein so entzückendes Bein zeigte, daß selbst der Kutscher diesen Anblick als ein reizendes Trinkgeld mit den Augen verschlang. »Alle Achtung!« sagte Marcel. »Das ist ja ein wundervolles Bein. Dem möchte ich einmal gern den Arm anbieten. Machen wir uns heran!« »Verzeihen Sie, meine Gnädigste«, sagte er, indem er sich der Unbekannten näherte, deren Gesicht er nicht sogleich sehen konnte. »Haben Sie nicht zufällig mein Taschentuch gefunden?« »Gewiß, mein Herr, hier ist es«, antwortete die junge Frau und überreichte Marcel ein Taschentuch, das sie in der Hand trug. Der Maler war vollständig verblüfft. Dann aber ließ ihn ein lauter Ausbruch des Lachens wieder zu sich kommen, und er erkannte an dieser lustigen Fanfare seine frühere Geliebte. Es war Fräulein Dudelsack. »Ah,« schrie sie, »Herr Marcel geht auf Abenteuer aus, das ist aber lustig! Was wolltest du noch so spät in dieser Gegend?« »Ich gehe in dieses Gebäude«, sagte er und wies auf ein Theater, wo er freien Eintritt hatte. »Sie sind übrigens sehr neugierig!« fügte er etwas unwirsch hinzu. »Und Sie sehr geistvoll«, sagte die junge Dame. »Außerdem sollten Sie nicht so laut sein, alle Welt hört uns und hält uns für ein Liebespaar, das sich zankt.« »Das wäre nicht das erstemal, daß uns das passierte«, warf Marcel ein. Fräulein Dudelsack fühlte eine Herausforderung in diesen Worten und antwortete schnell: »Und es wird auch nicht das letztemal sein, nicht wahr?« Das Wort war deutlich genug. »Ihr Himmelslichter«, sagte er, indem er seine Augen zu den Sternen erhob. »Ihr seid Zeugen, daß ich nicht angefangen habe. Schnell meinen Panzer um!« Damit war das Feuer eröffnet. Es handelte sich jetzt nur noch darum, einen schicklichen Weg zu finden, auf dem sich ihre beiderseitigen Neigungen, die so plötzlich wieder erwacht waren, vereinigen konnten. Während sie nebeneinander gingen, betrachteten sie sich gegenseitig. Sie sprachen nicht, aber ihre Augen, diese Bevollmächtigten des Herzens, trafen sich oft, und nach Verlauf von einer Viertelstunde hatte dieser Kongreß von Blicken den Streit stillschweigend geschlichtet. Man brauchte jetzt den Frieden nur zu unterzeichnen. Fräulein Dudelsack war es, die zuerst das Schweigen brach. »Ehrlich gestanden,« fragte sie, »wo wolltest du jetzt hin?« »Ich wollte eine junge Dame treffen.« »Ist sie hübsch?« »Ihr Mund ist ein Nest des Lächelns.« »Den Ausdruck kenne ich schon bei dir.« »Aber du,« fragte Marcel, »woher kamst du auf den Flügeln dieser Droschke?« »Ich habe Alexis zur Bahn gebracht. Er will seine Familie besuchen.« »Was ist das für ein Mensch, dieser Alexis?« Fräulein Dudelsack entwarf jetzt ein entzückendes Bild ihres Geliebten, und so gingen sie langsam über den Boulevard und spielten die Komödie ihrer wiedererwachten Liebe. Bald zärtlich, bald spöttisch fügten sie Strophe auf Strophe zu dem Gedicht ihrer Liebe, das sie schon so oft gesungen. Als sie an eine Straßenecke kamen, tauchte plötzlich eine ziemlich starke Patrouille auf. Fräulein Dudelsack spielte die heftig Erschreckte. Sie klammerte sich am Arm Marcels an und sagte: »O, mein Gott, sieh nur diese Soldaten. Es gibt gewiß wieder revolutionäre Unruhen. Retten wir uns, ich habe eine furchtbare Angst. Bring mich fort.« »Aber wohin denn?« fragte Marcel. »Zu mir. Du sollst sehen, wie hübsch es da ist. Wir werden soupieren und uns über Politik unterhalten.« Aber Marcel dachte an Herrn Alexis. »Nein,« sagte er, »ich gehe nicht hin, trotz des angebotenen Soupers. Ich will meinen Wein nicht aus dem Glas eines andern trinken.« Sie antwortete nichts auf diese Abweisung. In ihrer Erinnerung tauchte das ärmliche Heim des Malers auf, denn dieser war sicherlich inzwischen kein Millionär geworden. Dann hatte sie eine neue Idee, und indem sie das Auftauchen einer zweiten Patrouille zum Anlaß nahm, heuchelte sie einen neuen Schrecken. »Man wird schießen«, schrie sie. »Ich wage es nicht, nach Hause zurückzukehren. Marcel, lieber Freund, führe mich zu einer meiner Freundinnen, die in deinem Viertel wohnen muß.« Als sie den Pont Neuf überschritten, begann Fräulein Dudelsack plötzlich laut zu lachen. »Was gibt es?« fragte Marcel. »Nichts!« sagte sie. »Nur, mir fällt ein, meine Freundin ist ja umgezogen. Sie wohnt jetzt in Batignolles.« Als Rudolf das Liebespaar zärtlich umschlungen ankommen sah, war er durchaus nicht erstaunt. »Wenn man die Liebe nicht gründlich begräbt,« sagte er, »dann steht sie immer wieder auf!« XV. Der Durchzug durch das rote Meer Seit fünf oder sechs Jahren arbeitete Marcel an jenem prächtigen Gemälde, das, wie er behauptete, den Durchzug durch das Rote Meer darstellte, und seit fünf oder sechs Jahren wurde dieses Meisterwerk der Farbe von der Jury hartnäckig zurückgewiesen. Durch die häufigen Wege, die es vom Atelier des Künstlers zur Ausstellung und von der Ausstellung zum Atelier zurückgelegt hatte, kannte es diese Wege so genau, daß es, auf Räder gesetzt, sicherlich ganz allein sich zum Louvre gefunden hätte. Marcel, der die Leinwand wohl zehnmal vollständig umgemalt hatte, schrieb das Scherbengericht, das ihn immer wieder vom Salon ausschloß, einer persönlichen Feindschaft der Jurymitglieder zu, und er hatte seine Mußestunden dazu benutzt, zu Ehren der Zerberusse des Instituts ein kleines Schimpfwörterbuch mit wilden und boshaften Illustrationen anzulegen. Diese Sammlung hatte in den Ateliers und auf der Kunstschule einen großen Erfolg, und es gab keinen Pariser Maler, der es nicht kannte. Lange Zeit hindurch hatte sich Marcel durch die hartnäckigen Zurückweisungen, die ihn bei jeder Ausstellung trafen, nicht entmutigen lassen. Nach seiner Ansicht war das Gemälde ein Meisterwerk, das schon eines Tages seinen Weg machen würde. Darum schickte er es auch immer wieder von neuem ein. Um die Kunstrichter irrezuführen und ihrem Vorurteil gegen den ›Durchzug durch das Rote Meer‹ die Spitze abzubrechen, änderte er einige Nebendinge, ohne die Gesamtkomposition umzuarbeiten, und gab dem Bild einen ganz neuen Titel. Einmal kam es bei der Jury als ›Übergang über den Rubikon‹ an, aber man erkannte den Pharao wieder, trotzdem ihm der Mantel des Cäsar übergeworfen war, und das Gemälde wurde mit allen gebührenden Ehren zurückgewiesen. Im nächsten Jahr überzog Marcel eine Fläche seiner Leinwand mit einer weißen Farbschicht, die Schnee darstellen sollte, pflanzte eine Fichte in eine Ecke und kleidete einen Ägypter zu einem Grenadier der kaiserlichen Garde um. Das Bild hieß jetzt: ›Übergang über die Beresina.‹ Aber die Jury, die gerade an diesem Tage sich den Staub von der Brille gewischt hatte, fiel nicht auf diese neue List herein. Sie erkannte sofort die hartnäckige Leinwand wieder, besonders an einem großen, buntfarbigen Teufelspferd, das sich vor einer gewaltigen Woge des Roten Meeres aufbäumte, und auch der ›Übergang über die Beresina‹ verfiel der Ablehnung. »Schön,« sagte Marcel, »ich werde warten. Nächstes Jahr schicke ich es unter dem Titel: ›Durchgang durch die Gemäldeausstellung‹.« »Sie werden sehr getroffen sein ... getroffen sein ... getroffen sein«, sang der Komponist Schaunard nach einer neu verfaßten Melodie, die aus einer Tonleiter von Donnerschlägen geschaffen schien und in ihrer Begleitung sämtliche Klaviere der Nachbarschaft seekrank gemacht hatte. »Wie können sie«, murmelte Marcel, »ein solches Werk zurückweisen, ohne daß die Scharlachfarbe des Roten Meeres ihnen ins Gesicht steigt und sie mit Scham bedeckt? Und dabei stecken in dem Bild für fünfhundert Franken Farbe und für eine Million Genie, ohne meine schöne Jugend zu rechnen, die kahl wie mein Filzhut geworden ist. Aber sie haben es nicht zum letztenmal gesehen, bis zu meinem letzten Atemzug werde ich es ihnen einsenden. Ich will, daß es sich in ihr Gedächtnis eingraviert.« »Auf diese Weise wird es wenigstens überhaupt graviert«, sagte Gustav Colline und war innerlich stolz auf seinen Witz. Marcel aber fuhr unentwegt in seinen Verwünschungen fort, die Schaunard dann in Musik setzte. »Sie wollen mein Bild nicht annehmen!« sagte Marcel. »Die Regierung bezahlt und bekleidet sie und gibt ihnen das Kreuz der Ehrenlegion, nur damit sie jedes Jahr am 1. März meine Leinwand zurückweisen ... Ich durchschaue ihre Absicht sehr gut, sie wollen, daß ich meine Pinsel hinwerfe. Sie hoffen, mich durch die Abweisung des ›Roten Meeres‹ zur Verzweiflung zu treiben. Aber sie kennen meinen Charakter schlecht, wenn sie damit rechnen, daß ich auf eine so grobe List hereinfalle. Ich warte überhaupt nicht mehr bis zur nächsten Ausstellung. Von heute an wird mein Werk das Damoklesgemälde sein, das ewig über ihren Häuptern schwebt. Ich werde es jetzt jede Woche einmal einem von ihnen ins Haus, in den Busen ihrer Familie, in das innerste Heiligtum ihres Privatlebens schicken. Ich will die Ruhe ihres Familienglücks stören, daß ihnen der Wein sauer, der Braten angebrannt, die Gattin abscheulich vorkommt. Sie sollen in kurzer Zeit verrückt werden, so daß man sie in der Zwangsjacke zu den Sitzungen des Instituts schicken muß. Dieser Plan gefällt mir.« Einige Tage später, als Marcel schon seine furchtbaren Rachepläne gegen seine Verfolger vergessen hatte, erhielt er den Besuch des alten Medici. Es war dies unter den Zigeunern der Beiname eines Juden, namens Salomon, der damals in allen Maler- und Literaturkreisen wohl bekannt war und mit ihnen mancherlei Geschäfte hatte. Der alte Medici handelte mit allem möglichen Trödlerkram. Er verkaufte Zimmereinrichtungen von zwölf Franken an bis zu dreitausend Franken. Er kaufte alles und wußte es mit Profit wieder loszuschlagen. Sein Laden, der sich auf dem Place du Carrousel befand, war ein Feenschloß, in dem man alles fand, was man wünschte. Alle Erzeugnisse der Natur, alle Schöpfungen der Kunst, alles, was die Fruchtbarkeit der Erde und das Genie des Menschen hervorbringt, wurde für Medici zu einem Verkaufsgegenstand. Sein Geschäft befaßte sich mit allem und jedem, was überhaupt existierte, und erstreckte sich sogar auf geistige Dinge. Medici kaufte Ideen und Einfälle, um sie entweder selbst auszubeuten oder sie wieder zu verkaufen. Er verkaufte Zigarren gegen eine Feuilletonidee, Pantoffeln gegen ein Sonett, frische Seefische gegen Witze. Er unterhielt sich gegen Stundenhonorar mit Schriftstellern, die in den Zeitschriften über gesellschaftliche Neuigkeiten berichten mußten. Er besorgte Karten für die Parlamentstribünen und Einladungen zu Privatsoireen. Er vermietete für eine Nacht, für Tage und Monate an obdachlose Maler, die dafür mit Kopien nach Meisterwerken des Louvre bezahlen mußten. In der Theaterwelt gab es keine Geheimnisse für ihn. Er brachte Stücke an, er setzte besondere Aufführungen durch. Sein Kopf war ein wirkliches Adreßbuch, und er kannte die Namen und Privatverhältnisse aller Berühmtheiten, auch der weniger wichtigen. Als er mit dem intelligenten Gesicht, das ihn auszeichnete, bei den vier Zigeunern eintrat, erkannte er, daß er in einem günstigen Moment gekommen war. In der Tat saßen die Freunde gerade bei einer wichtigen Beratung, die unter dem Vorsitz eines wilden Hungers stattfand, und überlegten, auf welche Art sie sich etwas zu essen verschaffen könnten. Es war ein Sonntag gegen Ende des Monats, also ein böser Tag und ein finsteres Datum. Der Eintritt Medicis wurde daher mit einem Freudenchor begrüßt, denn man wußte, daß der Jude viel zu sehr mit seiner Zeit sparte, um sie für Höflichkeitsbesuche zu verschwenden. Sein Erscheinen hing also immer mit einer Geschäftsangelegenheit zusammen. »Guten Abend, meine Herren«, sagte er. »Wie geht es Ihnen?« »Colline,« sagte Rudolf, der behaglich ausgestreckt auf seinem Bett lag, »übe die Pflichten der Gastfreundschaft. Biete unserem Gast einen Stuhl an, der Gast ist heilig. Ich grüße Sie im Namen Abrahams.« Colline holte einen Sessel herbei, der so elastisch wie Bronze war, schob ihn dem Juden zu und sagte mit einladender Stimme: »Bilden Sie sich ein, Sie wären Cinna, und besteigen Sie diesen Sitz.« Medici ließ sich in den Sessel fallen und wollte sich gerade über dessen Härte beschweren, als er sich erinnerte, ihn selbst an Colline gegen einen politischen Aufsatz für einen ideenarmen Abgeordneten eingetauscht zu haben. Während er sich hinsetzte, klang es in seinen Taschen von Silbermünzen, und die vier Zigeuner begannen, durch diesen melodiösen Klang berauscht, sich süßen Träumen hinzugeben. »Herr Marcel,« sagte Medici, »ich komme ganz einfach, um Ihr Glück zu machen, das heißt, ich habe Ihnen eine wunderbare Gelegenheit zu bieten, sich als Künstler durchzusetzen. Die Kunst, das wissen Sie wohl, Herr Marcel, ist ein steiniger Weg, und der Ruhm ist die Oase.« »Vater Medici,« sagte Marcel, der auf glühenden Kohlen saß, »im Namen Ihres Schutzpatrons, der fünfzig Prozent, machen Sie es kurz.« »Jawohl,« warf Colline ein, der stets einen geistreichen Witz im Köcher hatte, »seien Sie kurz wie König Pipin der Kurze.« »Oho!« riefen die Zigeuner und sahen nach, ob der Fußboden sich nicht öffnete, um die Philosophen zu verschlingen. Aber Colline wurde diesmal noch nicht verschlungen. »Also die Sache ist folgende«, fuhr Medici fort. »Ein reicher Amateur, der eine Galerie zusammenstellt, um damit eine Rundreise durch Europa zu machen, hat mich beauftragt, ihm eine Serie hervorragender Kunstwerke zu verschaffen. Ich möchte Ihnen den Zutritt zu dieser Ausstellung verschaffen. Ich will Ihnen Ihren ›Durchzug durch das Rote Meer‹ abkaufen.« »Gegen bar?« fragte Marcel. »Gegen bar!« antwortete der Jude und ließ das Orchester seiner Silberlinge spielen. »Bist du nun zufrieden?« fragte Colline. »Wahrhaftig,« schrie Rudolf wütend, »wir müssen uns wirklich einen Knebel anschaffen, um diesem Lumpen sein dummes Maul zu stopfen. Siehst du denn nicht, daß er von lumpigem Silber redet? Ist dir denn gar nichts heilig, du Gottloser?« Colline setzte sich erschreckt auf einen Tisch und nahm die Haltung des Harpokrates, des Gottes des Schweigens, an. »Fahren Sie fort«, sagte Marcel, indem er auf sein Gemälde wies. »Sie sollen selbst die Ehre haben, einen Preis für dieses unbezahlbare Werk zu bestimmen.« Der Jude legte fünfzig Dreifrankstücke in guter neuer Münze auf den Tisch. »Und dann?« fragte Marcel. »Das ist die Vorhut.« »Herr Marcel,« sagte Medici, »Sie wissen gut, daß mein erstes Wort immer auch mein letztes ist. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Aber überlegen Sie wohl: es sind hundertfünfzig Franken, und das ist schon eine Summe.« »Aber eine sehr geringe Summe«, antwortete der Maler. »Allein in der Robe Pharaos steckt für hundertfünfzig Franken Kobalt. Zahlen Sie mir wenigstens noch die Unkosten, runden Sie die Summe nach oben ab, und ich will Sie Leo X . nennen, Leo X . Nummer zwei.« »Hier mein letztes Wort«, sagte Medici. »Ich gebe keinen Sou mehr. Aber ich biete den Anwesenden ein Diner mit beliebigem Wein, und beim Dessert bezahle ich in Gold.« »Sagt denn niemand ein Wort?« heulte Colline und schlug dreimal mit der Faust auf den Tisch. »Ich stimme zu!« »Gut,« sagte Marcel, »abgemacht!« »Das Gemälde werde ich morgen abholen«, sagte der Jude. »Auf, meine Herren, das Diner wartet.« Medici bewirtete die vier Freunde auf wirklich großartige Weise. Er bot ihnen eine Menge Dinge an, die bisher in ihrem Leben völlig unbekannte Größen gewesen waren. Vom Tage dieses Diners ab hörte der Hummer auf, für Schaunard ein fabelhaftes Wesen zu sein, und er zog sich bei dieser Gelegenheit eine solche Vorliebe für dieses Seetier zu, daß sie sich bis zum Wahnsinn steigerte. Die Zigeuner kehrten so berauscht von diesem Festgelage heim, als kämen sie von der Weinlese. Beinahe hätte übrigens diese Trunkenheit bedauernswerte Folgen gehabt, denn Marcel wollte, als er des Morgens um zwei an dem Geschäft seines Schneiders vorbeikam, seinen Gläubiger unbedingt wecken und ihm hundertfünfzig Franken auf seine Schuld abzahlen. Ein Funke von Vernunft, der noch im Gehirn Collines glühte, hielt den Maler gerade noch am Rand des Abgrundes zurück. Acht Tage nach diesem Festgelage erfuhr Marcel, welche Galerie sein Gemälde aufgenommen hatte. Als er zufällig über den Faubourg Saint-Honoré kam, blieb er in einer Gruppe stehen, die neugierig das Aushängeschild über einem Laden betrachtete. Dieses Aushängeschild war nichts anderes als das Gemälde Marcels, das Medicis an einen Delikatessenhändler verkauft hatte. Nur hatte sich der ›Durchgang durch das Rote Meer‹ noch etwas verändert und trug auch einen neuen Titel. Es war nämlich ein Dampfschiff hinzugefügt, und man las darüber: ›Zum Hafen von Marseille.‹ Ein schmeichelhafter Beifall erhob sich unter den Zuschauern, als man das Bild enthüllt hatte. Marcel ging, entzückt von diesem Triumph, weiter und murmelte: »Volkes Stimme ist Gottes Stimme!« XVI. Die Kleider der Grazien Fräulein Mimi, die gerne bis spät in den Tag hinein schlief, erwachte eines Morgens um zehn Uhr und schien sehr erstaunt, Rudolf weder an ihrer Seite noch überhaupt im Zimmer zu sehen. Den Abend zuvor hatte sie ihn noch am Schreibtisch sitzen gesehen. Er wollte über Nacht eine hochliterarische Arbeit beenden, die man ihm aufgetragen hatte, und die junge Mimi war an dieser Arbeit ganz besonders interessiert. Der Dichter hatte ihr nämlich Hoffnung gemacht, daß er ihr für das Honorar ein Frühlingskleid kaufen würde, dessen Stoff sie in dem Modemagazin zu den zwei Affen, vor dessen Schaufenster ihre Koketterie oft Andachtsübungen veranstaltete, gesehen hatte. Deshalb hatte Mimi seit Beginn dieser Arbeit ein großes Interesse an dem Vorwärtskommen Rudolfs. Manchmal trat sie auch an ihn heran, während er schrieb, lehnte ihren Kopf über seine Schulter und fragte ernst: »Wie weit ist es mit meinem Kleid?« »Keine Sorgen«, antwortete Rudolf. »Ein Ärmel ist schon fertig.« Eines Nachts hörte sie, wie Rudolf mit den Fingern schnippte, was bei ihm gewöhnlich ein Zeichen war, daß er mit seiner Arbeit zufrieden war. Sofort richtete sich Mimi im Bett auf, steckte ihren braunen Kopf durch die Vorhänge und rief: »Ist mein Kleid fertig?« »Eben bin ich mit der Taille fertig geworden«, antwortete Rudolf und zeigte ihr die vier großen, eng beschriebenen Blätter. »O wie fein!« sagte Mimi. »Dann brauche ich nur noch den Rock. Wie viele Seiten mußt du schreiben, um einen Rock zu haben?« »Das ist je nachdem. Da du nicht groß bist, so könnten wir schon für zehn Seiten, zu fünfzig Zeilen, zu dreiunddreißig Buchstaben einen anständigen Rock haben.« »Ja, ich bin nicht groß«, sagte Mimi nachdenklich. »Aber es darf trotzdem nicht aussehen, als ob man mit dem Stoff sparte. Die Kleider werden jetzt sehr weit getragen, und ich möchte schöne Falten haben, damit es hübsch knistert, wenn man geht.« »Natürlich«, antwortete Rudolf ebenso ernst. »Ich werde dann auf jede Seite zehn Zeilen mehr setzen, damit die Kleider knistern.« Und Mimi schlief beglückt wieder ein. Da sie leider mit ihren Freundinnen, Fräulein Dudelsack und Fräulein Euphemia, über das schöne Kleid gesprochen hatte, das Rudolf ihr zurechtschrieb, so verfehlten auch die beiden andern Damen nicht, die Herren Marcel und Schaunard von der Großmut ihres Freundes gegen seine Geliebte in Kenntnis zu setzen. Und diesen Mitteilungen waren Anspielungen gefolgt, die nichts anderes bezweckten, als sie zur Nachahmung des gegebenen Beispiels anzureizen. »Nämlich,« fügte Fräulein Dudelsack hinzu, indem sie Marcel am Schnurrbart zupfte, »wenn das noch acht Tage so weiter geht, bin ich gezwungen, mir deine Hose zu leihen, um darin auszugehen.« »Ich habe noch elf Franken ausstehen«, antwortete Marcel. »Wenn ich die bekomme, werde ich deine Blöße nach der neuesten Mode bekleiden.« »Und ich?« fragte Euphemia Schaunard. »Mein Morgenkleid zerfällt direkt in Fetzen.« Schaunard zog drei Sous aus der Tasche und gab sie seiner Geliebten. »Hier,« sagte er, »kauf dir eine Nadel und Garn. Bring' dein Morgenkleid wieder in Ordnung. Daran hast du Vergnügen und Beschäftigung zugleich.« Trotzdem beschlossen Marcel, Schaunard und Rudolf in einem geheimen Konzil, daß sich jeder von ihnen in gleicher Weise bemühen wollte, der gerechten Eitelkeit ihrer Geliebten ein Opfer zu bringen. »Die armen Mädchen wissen sich mit einem Nichts zu schmücken«, sagte Rudolf. »Aber sie müssen dieses Nichts doch wenigstens haben. Seit einiger Zeit gehen Literatur und Kunst sehr gut, wir verdienen jetzt bald soviel wie die Dienstmänner.« »Es ist wahr, ich darf mich nicht beklagen«, unterbrach ihn Marcel. »Die schönen Künste blühen und gedeihen, man glaubt unter der Regierung Leos X . zu sein.« »Ja,« meinte Rudolf, »du gehst ja jetzt jeden Morgen in aller Frühe fort und kommst erst abends um acht zurück. Hast du tatsächlich einen Auftrag?« »Es ist sogar eine wunderbare Sache, mein Lieber, die mir Medici verschafft hat. Ich male in der Avemariakaserne achtzehn Grenadiere ab, jedes Porträt für sechs Franken, mit einjähriger Garantie für die Ähnlichkeit wie bei Uhren. Ich hoffe, das ganze Regiment zu bekommen. Das Geld erhalte ich übrigens durch Medici, denn ich habe mit ihm abgeschlossen und nicht mit meinen Modellen.« »Was mich angeht,« sagte Schaunard in nachlässigem Ton, »so habe ich, so unwahrscheinlich es klingt, noch zweihundert Franken ausstehen.« »Donnerwetter, dann laßt uns sie doch holen«, sagte Rudolf. »In zwei oder drei Tagen denke ich sie erheben zu können«, antwortete Schaunard. »Und das will ich auch nur sagen. Wenn ich von der Kasse komme, dann werde ich auch einmal verschiedenen Passionen von mir freien Lauf lassen. Vor allem hängt da bei dem Althändler nebenan ein Nankinrock und ein Jagdhorn, die mir schon lange ins Auge stechen. Ich werde sie mir verehren.« »Aber«, fragten Marcel und Rudolf wie aus einem Mund, »woher hoffst du dieses ungeheure Kapital zu entnehmen?« »Hören Sie, meine Herren«, sagte Schaunard, indem er eine ernste Miene annahm und sich zwischen seine Freunde setzte. »Wir dürfen es uns nicht verhehlen, daß wir, ehe wir Mitglieder der Akademie und reiche Steuerzahler werden, noch manchmal trockenes Brot zu essen haben. Dabei stehen wir nicht allein da in der Welt. Der Himmel hat uns als fühlende Wesen geschaffen, und so haben wir uns jeder eine Gefährtin gewählt, mit der wir unser Schicksal teilen müssen.« »Zum Teufel,« fragte Rudolf, »was willst du mit dieser langen Einleitung?« »Ich möchte dieses sagen,« fuhr Schaunard fort, »daß wir unter den gegenwärtigen Umständen unrecht täten, wenn wir die Stolzen spielten und auch außerhalb unserer Kunst eine Gelegenheit verschmähten, vor der Null, die jetzt unser Kapital darstellt, eine Ziffer zu setzen.« »Nun gut,« sagte Marcel, »wem von uns wirfst du vor, daß er den Stolzen spielt? Ich, der ich einst der ganz große Maler sein werde, habe mich doch nicht geweigert, einfache französische Soldaten abzumalen, die mich mit ihren Löhnungspfennigen bezahlen.« »Und ich,« fuhr Rudolf fort, »ich arbeite seit vierzehn Tagen an einem medico-chirurgisch-dentologischen Lehrgedicht für eine zahnärztliche Größe, die mir das Dutzend Verszeilen mit fünfzehn Sous bezahlt. Trotzdem schäme ich mich nicht, und ehe ich meine Muse mit verschränkten Armen stehen lasse, arbeite ich lieber das Pariser Adreßbuch zu einem Epos um. Wenn man eine Leier hat ... dann muß man, zum Teufel auch, darauf spielen. Und außerdem braucht Mimi Schuhe.« »Dann werdet ihr mir also auch keine Vorwürfe machen,« sagte Schaunard, »wenn ihr erfahrt, woher die Goldquelle kommt, deren Überströmen ich erwarte.« Folgendes war die Geschichte der zweihundert Franken Schaunards. Vor etwa vierzehn Tagen war er zu einem Musikverleger gegangen, der ihm unter seinen Kunden Klavierstunden oder Aufträge zum Klavierstimmen versprochen hatte. »Ausgezeichnet!« sagte der Verleger, als er ihn sah. »Sie kommen mir wie gerufen. Gerade heute war jemand hier, der einen Pianisten verlangte. Er ist ein Engländer, und ich glaube, er wird Sie gut bezahlen ... Sind Sie wirklich ein guter Musiker?« Schaunard begriff, daß ein bescheidenes Auftreten ihm in den Augen des Verlegers schaden würde. Ein bescheidener Musiker, vor allem ein bescheidener Pianist, ist eine seltene Sache. Darum antwortete Schaunard ziemlich pathetisch. »Ich bin ein erstklassiger Künstler. Wenn ich nur eine angegriffene Lunge, lange Haare und einen schwarzen Frack hätte, so würde meine Berühmtheit die Sonne überstrahlen, und anstatt von mir achthundert Franken zu verlangen, um die Partitur meiner Symphonie ›Der Tod des jungen Mädchens‹ stechen zu lassen, würden Sie mir auf den Knien und auf einem silbernen Tablett dreitausend Franken anbieten. Jedenfalls, da meine Finger zehn Jahre Zwangsarbeit auf den fünf Oktaven hinter sich haben, so verstehe ich mich einigermaßen auf die Handhabung der schwarzen und weißen Tasten.« Der Mann, an den sich Schaunard wendete, war ein Engländer, der sich Mr. Birn'n nannte. Der Komponist wurde zuerst von einem blauen Lakaien empfangen, der ihn einem grünen Lakaien vorstellte. Dieser gab ihn an einen schwarzen Lakaien weiter, der ihn in einen Salon einführte, wo der Insulaner in einer spleenigen Haltung kauerte und offenbar wie ein zweiter Hamlet über die Nichtigkeit alles Irdischen nachgrübelte. Schaunard wollte gerade den Grund seines Hereintretens erklären, als sich ein durchdringendes Geschrei erhob und ihn unterbrach. Dieses entsetzliche Geschrei, das die Ohren zerriß, wurde durch einen Papagei verursacht, der eine Etage tiefer auf einem Balkon saß. »O der Tier, der Tier, der Tier!« stöhnte der Engländer und sprang von seinem Sessel auf. »Ich uerde davon verruckt!« Im selben Augenblick begann der Vogel sein Repertoire vorzutragen, das viel umfangreicher war als das gewöhnlicher Papageien. Schaunard stand ganz verblüfft da, als das Tier, angetrieben von einer weiblichen Stimme, Verse aus Racines Phädra in theatralischer Betonung vorzutragen begann. Dieser Papagei war der Liebling einer Schauspielerin, deren Boudoir sehr in Mode war. Sie gehörte zu jenen Frauen, die, ohne daß man weiß, warum, auf der Rennbahn der Galanterie die höchsten Preise erzielen, und deren Namen bei den Soupers der vornehmen Kavaliere als lebendes Dessert auf der Speisekarte stehen. Heutzutage gibt es einem Christen Ansehen, mit einer solchen Heidin gesehen zu werden, die häufig genug nichts Antikes an sich hat, außer ihrem Geburtsdatum. Wenn sie hübsch sind, dann ist der Schaden dabei nicht einmal so groß. Man riskiert es höchstens, auf Stroh geworfen zu werden, nachdem man sie in Seide gebettet hat. Aber wenn ihre Schönheit beim Parfümeur gekauft ist und keinen drei Tropfen Wasser auf einem Lappen standhält, wenn ihr Geist aus einem Gassenhauer herstammt und ihr Talent aus dem Beifall der bezahlten Claque, dann kann man sich schwer erklären, wie Menschen, die klug und wohlhabend sind und manchmal einen berühmten Namen haben, sich bis zu dem Niveau eines Geschöpfes erniedern, das ihr eigener Diener nicht zu seiner Geliebten machen würde. Diese Schauspielerin nun gehörte zu der Zahl solcher Tagesschönheiten. Sie nannte sich Dolores und behauptete Spanierin zu sein, obwohl sie in irgendeinem verrufenen Viertel von Paris geboren war. Sie hatte sieben oder acht Jahre gebraucht, um von diesem Viertel bis in die vornehme Straße zu kommen, in der sie jetzt lebte. Ihr Wohlstand war in demselben Maße gewachsen, in dem ihre Schönheit verfiel. An dem Tage, da sie sich den ersten falschen Zahn einsetzen ließ, bekam sie ein Pferd, und mit dem zweiten Zahn das zweite Pferd. Augenblicklich lebte sie auf großem Fuß, wohnte in einem wahren Louvre, zeigte sich auf allen Rennen und gab Bälle, zu denen ganz Paris hinströmte. Der Papagei, dessen Sprachtalent ihn zu einer Berühmtheit des ganzen Viertels gemacht hatte, war aber für die nächsten Nachbarn allmählich zu einem Gegenstand des Schreckens geworden. Den ganzen Tag saß er auf dem Balkon und hielt von seiner Stange herab, die ihm als Rednertribüne diente, endlose Ansprachen. Einige Journalisten, die bei seiner Herrin verkehrten, hatten ihm gewisse parlamentarische Formen beigebracht. Außerdem kannte er das ganze Repertoire seiner Herrin und trug es mit einem Ausdruck vor, daß er sie sicher im Falle einer Erkrankung hätte vertreten können. Da diese Dame übrigens in bezug auf die Liebe keinem Nationalismus huldigte und Besucher aus allen Weltgegenden empfing, so kannte auch der Papagei alle Sprachen und erlaubte sich manchmal in fremdländischen Idiomen Kraftausdrücke, bei deren Anhören jeder Matrose errötet wäre. Die Gesellschaft dieses Vogels, die ein paar Minuten lang interessant und belehrend sein konnte, wurde zu einer wahren Folter, wenn sie länger dauerte. Die Nachbarn hatten sich wiederholt beschwert, waren aber von der Schauspielerin hochmütig abgewiesen worden. Ebensowenig hatte es etwas genutzt, daß zwei oder drei Mieter, ehrsame Familienväter, aus Unwille über die leichtfertigen Sitten, die sich aus den Worten des Papageis verrieten, ihre Wohnung kündigten, denn die Schauspielerin hatte den Hausbesitzer bei seiner schwachen Seite zu nehmen gewußt. Der Engländer, bei dem Schaunard eingetreten war, hatte drei Monate seine Geduld zu wahren gewußt. Eines Tages verbarg er seine Wut, die aufs höchste gestiegen war, unter einer Staatstoilette, und offiziell gekleidet, als ginge er nach Windsor zum Handkuß bei der Königin Victoria, ließ er sich bei Fräulein Dolores melden. Sie lud ihn, als sie seinen eleganten Anzug sah, ohne weiteres zum Frühstück ein, aber der Engländer antwortete in einem Französisch, das er in fünfundzwanzig Lektionen von einem Spanier gelernt hatte: »Ich nehme der Einladung unter der Bedingung an, daß wir dieses ... abscheuliche Vogel verspeisen.« Damit wies er auf den Papagei hin, der schon einen Insulaner in ihm gewittert und ihn mit dem › God save the king ‹ begrüßte. Dolores dachte, der Engländer, ihr Nachbar, sei gekommen, um sich über sie lustig zu machen, und wollte schon wütend werden, als er hinzusetzte: »Da ich sehr reich, will ich kaufen das Tier.« Dolores antwortete, sie hätte ihren Vogel gern und möchte ihn nicht in die Hände eines andern übergehn lassen. »Oh, ich würden sie nicht in meine Hände nehmen,« erwiderte der Engländer, »sondern unter meine Stiefel.« Damit wies er auf die Absätze seiner Schuhe. Dolores bebte vor Unwillen und wollte diesem gerade Ausdruck geben, als sie an der Hand des Engländers einen Diamantring erblickte, der seine zweieinhalbtausend Franken Rente wert war. Diese Entdeckung wirkte wie eine kalte Dusche auf ihren Zorn. Sie bedachte, daß es doch wohl unklug sei, sich mit einem Manne zu erzürnen, der fünfzigtausend Franken an seinem kleinen Finger trug. »Mein Herr,« sagte sie, »da dieser arme Coco Sie stört, werde ich ihn in die hinteren Zimmer setzen, dann können Sie ihn nicht mehr hören.« Der Engländer begnügte sich, ein zufriedenes Gesicht zu machen. Dann rief er, indem er auf seine Stiefel wies: »Ueit lieber hätten ich ...« »Seien Sie unbesorgt«, sagte Dolores. »In dem Zimmer, wo ich ihn hinsetze, kann er unmöglich Eure Lordschaft stören.« Als nun Mr. Birn'n sich anschickte, mit einem flüchtigen Gruß Dolores zu verlassen, nahm diese, die niemals ihre Interessen aus den Augen ließ, ein kleines Paket von einem Ziertischchen und sagte: »Mein Herr, ich habe heute abend im Theater eine Benefizvorstellung, ich spiele in drei verschiedenen Stücken. Darf ich Ihnen einige Logenplätze anbieten? Die Preise sind nicht erhöht worden.« Und sie drückte dem Engländer zehn Logenkarten in die Hände. »Nachdem ich so nett zu ihm war,« dachte sie, »kann er es mir nicht abschlagen. Und wenn er mich in meinem Rosakostüm sieht, wer weiß? Hinter einem solchen Ring steckt sicher eine Million! Er ist zwar häßlich und sehr langweilig, aber vielleicht kann ich so einmal, ohne seekrank zu werden, nach England kommen.« Der Engländer nahm die Billette, ließ sich noch einmal sagen, wozu sie bestimmt waren, und fragte nach dem Preis. »Jede Loge kostet sechzig Franken. Es sind zehn Karten ... aber die Sache drängt nicht. Ich hoffe, daß Sie als Nachbar mir von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen, mich zu besuchen.« »Ich nicht lieben Schulden«, antwortete Mr. Birn'n, und nahm einen Tausendfrankschein aus seiner Brieftasche, den er auf den Tisch legte, während er die Karten in seine Tasche gleiten ließ. »Ich werde Ihnen herausgeben«, sagte Dolores und öffnete ein kleines Schränkchen, in dem sie ihr Geld aufbewahrte. »O nein,« rief der Engländer, »das sein für Trinkgeld.« Und er ging hinaus. »Trinkgeld!« schrie Dolores wütend. »Solch ein Flegel! Ich werde ihm das Geld zurückschicken.« Aber die Grobheit ihres Nachbarn hatte sie nur oberflächlich gekränkt. Beim Nachdenken beruhigte sie sich. Tausend Franken waren nicht zu verachten, und sie erinnerte sich, daß sie schon Unverschämtheiten zu billigerem Preis hingenommen hatte. »Ach was,« sagte sie sich, »man muß nicht so stolz sein. Niemand ist dabeigewesen, und heute habe ich die Rechnung meiner Wäscherin. Außerdem spricht dieser Engländer ein so schlechtes Französisch, daß er vielleicht nur ein Kompliment hat machen wollen.« Und Dolores steckte fröhlich das Geld ein. Aber des Abends nach dem Theater kam sie wütend nach Hause. Mr. Birn'n hatte von den Karten keinen Gebrauch gemacht, und die Logen waren leer geblieben. Als sie um halb eins auftrat, las die unglückliche Benefiziantin auf den Gesichtern ihrer Kolleginnen die Freude, die sie empfanden, weil die besseren Plätze so leer waren. Sie mußte allerlei spöttische und mitleidige Bemerkungen anhören, und als sie zu Hause angekommen war, öffnete sie, obgleich es schon späte Nacht war, das Fenster und weckte Coco und damit zugleich den Engländer, der längst im Vertrauen auf das erhaltene Versprechen sanft entschlummert war. Von diesem Tage an war der Krieg zwischen der Künstlerin und dem Engländer erklärt, ein Krieg bis zum äußersten, ohne Pardon und Waffenstillstand, wobei die beiden Gegner vor keinen Kriegskosten zurückschreckten. Der Papagei bekam besonderen Unterricht im Englischen und schrie den ganzen Tag in seiner schrillsten Stimme wilde Beschimpfungen gegen seinen Nachbarn heraus. Es war eine ganz unerträgliche Sache, und Dolores selbst litt darunter. Aber sie hoffte von einem Tag zum andern, daß Mr. Birn'n ausziehen werde. Der Insulaner seinerseits erfand alle Arten von Teufelswerk, um sich zu rächen. Er hatte zuerst eine Trommlerschule in seinem Salon gegründet, aber der Polizeikommissar hatte es verboten. Mr. Birn'n, der allmählich immer erfindungsreicher wurde, errichtete jetzt einen Pistolenschießstand, auf dem sich seine Dienerschaft den ganzen Tag betätigen mußte. Als auch hierüber der Kommissar einschritt und ihm einen Paragraphen der städtischen Verordnungen vorwies, wonach der Gebrauch von Schußwaffen in den Häusern verboten war, gab Mr. Birn'n die Feuerschlacht auf. Aber acht Tage später bemerkte Fräulein Dolores, daß es in ihren Zimmern regnete. Der Hauseigentümer eilte zu Mr. Birn'n, den er gerade dabei traf, wie er in seinem Salon ein Seebad nehmen wollte. Die Wände dieses ziemlich großen Zimmers waren mit Metall ausgeschlagen, und in das Wasser, mit dem das so hergestellte Bassin angefüllt war, hatte man eine Menge Salz hineingeschüttet. Es war ein richtiger kleiner Ozean, in dem sogar Fische herumschwammen. Durch eine Öffnung, die in dem oberen Getäfel einer Tür angebracht war, stieg dann Mr. Birn'n täglich in sein Bad. Nach einiger Zeit drang natürlich die Feuchtigkeit in die darunter liegende Wohnung, und Dolores hatte einen halben Zoll Wasser in ihrem Schlafzimmer stehen. Der Hausbesitzer wurde wütend und bedrohte Mr. Birn'n mit einer Entschädigungsklage. »Haben ich nicht den Recht«, fragte der Engländer, »zu baden in meiner Wohnung?« »Nein, mein Herr.« »Wenn ich nicht haben den Recht, dann ist gut«, sagte der Engländer, der die Gesetze des Landes, in dem er wohnte, wohl zu schätzen wußte. »Schade, es mir machte viel Vergnügen!« Und am selben Tage gab er den Befehl, seinen Ozean abzulassen. Es war die höchste Zeit, denn es hatte sich schon eine Austernbank auf dem Boden gebildet. Natürlich gab Mr. Birn'n den Kampf nun durchaus nicht auf und suchte nach einem legalen Mittel zur Fortsetzung dieses eigenartigen Krieges, der, da er nicht nur in Theaterkreisen, sondern auch in weiteren Kreisen bekanntgeworden, das Entzücken des ganzen müßigen Paris bildete. Aber auch Dolores hielt sich durch ihre Ehre gebunden, siegreich aus einem Kampfe hervorzugehen, über den bereits Wetten abgeschlossen waren. Schließlich war Mr. Birn'n auf das Klavier verfallen, und das war gar nicht so dumm von ihm, denn das abscheulichste aller Instrumente kämpfte jetzt gegen den abscheulichsten aller Vögel. Sobald der Engländer diesen Plan erfaßt hatte, ging er auch an die Ausführung. Er mietete ein Klavier und bestellte sich einen Klavierspieler, der dann niemand anders war als Herr Schaunard. Der Engländer erzählte ihm ausführlich, welchen Ärger er wegen des Papageis schon gehabt und was er alles getan hatte, um die Schauspielerin zum Nachgeben zu bringen. »Nun bin ich auf folgendes verfallen«, sagte Mr. Birn'n. »Die Schauspielerin und ihre Tier schlafen bis Mittag. Ich werden ihnen die Schlaf verderben. Das Gesetz dieses Landes erlauben zu machen Musik von Morgen bis Abend. Verstehen Sie, uas ich wollen von Ihnen?« »Aber«, warf Schaunard ein, »das wäre nicht einmal unangenehm für die Schauspielerin, wenn sie mich den ganzen Tag spielen hörte, und dazu noch gratis. Ich bin ein erstklassiger Künstler, und wenn ich nur eine angegriffene Lunge hätte ...« »Oh, oh,« unterbrach ihn der Engländer. »Ich sage Ihnen ja auch nicht, zu machen ausgezeichneter Musik. Ich sage nur zu machen tapp tapp auf die Klavier. So etwa ...« Damit versuchte der Engländer eine Tonleiter zu spielen. »Und immer, immer dieselbe Sache, ohne Erbarmen, Herr Musiker, immer die Tonleiter. Ich verstehen ein wenig die Medizin, das machen verrückt. Sie werden verrückt da unten, das rechnen ich bestimmt. Los, mein Herr, beginnen Sie sofort. Ich bezahlen Sie gut!« »Und auf diese Weise«, sagte Schaunard zu seinen Freunden, nachdem er ihnen diese ganze Geschichte erzählt hatte, »übe ich jetzt seit vierzehn Tagen meinen Beruf aus. Immer dieselbe Tonleiter von fünf Uhr morgens bis zum Abend. Es ist das ja eigentlich keine wirkliche Kunst, aber was wollt ihr, Kinder, der Engländer bezahlt mir für mein Hämmern zweihundert Franken den Monat. Und ich müßte mein eigener Henker sein, wenn ich das zurückwiese. Ich habe angenommen, und in zwei oder drei Tagen gehe ich mein erstes Monatsgehalt abheben.« Infolge dieser gegenseitigen Geständnisse kamen die drei Freunde überein, das bevorstehende Hereinströmen von Geld zu benutzen, um ihren Geliebten die Frühlingskleider zu kaufen, nach der sich die Eitelkeit einer jeden schon lange gesehnt hatte. Man beschloß übrigens, daß derjenige, der sein Geld zuerst abhebe, auf die andern warten sollte, damit die Anschaffungen zugleich gemacht würden und die drei Damen gemeinsam das Vergnügen genössen, eine neue Haut anzuziehen, wie sich Schaunard ausdrückte. Zwei oder drei Tage nach dem Konzil eröffnete Rudolf den Reigen. Sein dentologisches Gedicht war fertig, und er erhielt achtzig Franken. Zwei Tage später erhob Marcel bei Medici das Honorar für achtzehn Korporalporträte, jedes zu sechs Franken. Marcel und Rudolf hatten alle Mühe, vor der Welt den Besitz ihres Geldes zu verheimlichen. »Mir ist es, als schwitzte ich Gold«, sagte der Dichter. »Mir geht es geradeso«, meinte Marcel. »Wenn Schaunard noch lange macht, kann ich unmöglich meine Rolle eines anonymen Krösus weiter fortführen.« Aber am nächsten Tag sahen die Zigeuner Schaunard in einem goldgelben Nankingrock ankommen. »Ach, du lieber Gott«, rief Euphemia, als sie ihren Geliebten so elegant gekleidet sah. »Wo hast du diesen Rock gefunden?« »Zwischen meinen Noten«, antwortete der Musiker und gab seinen Freunden ein Zeichen, daß sie ihm folgen sollten. »Ich habe es abgehoben«, sagte er, als sie allein waren. »Hier sind die Geldrollen.« Und er wies auf eine Handvoll Goldstücke. »Schön«, rief Marcel. »Los! Plündern wir die Läden. Dudelsack wird glücklich sein.« »Und Mimi erst!« fügte Rudolf hinzu. »Los, kommst du nicht mit, Schaunard?« »Gestattet mir eine Erwägung«, erwiderte der Komponist. »Wenn wir diese Damen mit tausend Modelaunen überschütten, dann begehen wir vielleicht eine Torheit. Denkt einmal nach! Wenn sie den Modekupfern des ›Regenbogen‹ gleichen, fürchtet ihr dann nicht, daß dieser Luxus einen beklagenswerten Einfluß auf ihren Charakter ausübt? Und brauchen junge Männer wie wir die Frauen so zu behandeln, als wären wir hinfällige und lächerliche Lebegreise? Ich mache mir gewiß nichts daraus, vierzehn oder achtzehn Franken zu opfern, um Euphemia ein neues Kleid zu verschaffen, aber ich fürchte, wenn sie einen neuen Hut aufhat, dann wird sie mich vielleicht nicht mehr grüßen. Eine Blume im Haar steht ihr wunderschön! Wie denkst du darüber?« Mit dieser Frage wandte er sich an Colline, der inzwischen eingetreten war. »Die Undankbarkeit ist die Tochter der Wohltat«, sagte der Philosoph. »Auf der anderen Seite,« fuhr Schaunard fort, »wenn eure Geliebten elegant gekleidet sind, wie werdet ihr dann in euren abgetragenen Anzügen an ihrer Seite aussehen? Man wird euch für ihre Kammerzofen halten. Ich sage das nicht in bezug auf mich,« unterbrach sich Schaunard und spreizte sich in seinem Nankingrock, »denn ich kann mich, Gott sei Dank, jetzt überall sehen lassen.« Aber trotz dieser geistvollen Opposition Schaunards wurde endgültig beschlossen, daß am nächsten Morgen zugunsten der Damen die Läden in der Nachbarschaft geplündert werden sollten. Und wirklich erstiegen am nächsten Morgen, es war an demselben, als Fräulein Mimi beim Erwachen sehr erstaunt die Abwesenheit Rudolfs bemerkte, der Dichter und seine beiden Freunde die Treppen des Hauses, begleitet von einem Laufburschen der Zwei Affen und von einer Modistin, die mit Modellen bepackt war. Schaunard, der das famose Jagdhorn gekauft hatte, ging voraus und blies den Einzugsmarsch. Mimi, die im Zwischenstock wohnte, rief ihre beiden Freundinnen, und sie kamen auf die Nachricht, daß man ihnen Hüte und Kleider brächte, wie Lawinen herabgestürzt. Als die drei Frauen all diesen ganzen armseligen Reichtum vor sich ausgebreitet sahen, wären sie vor Freude fast verrückt geworden. Mimi begann in einem Heiterkeitsanfall durch das Zimmer zu tanzen und ließ eine kleine Baregeschürze in der Luft herumflattern. Dudelsack hatte sich Marcel an den Hals geworfen. Sie hielt in jeder Hand einen zierlichen, grünen Schuh und schlug sie wie Zimbeln gegeneinander. Euphemia betrachtete tränenüberströmt Schaunard und konnte nur schluchzen: »Ach, mein Alexander, mein Alexander!« Nachdem der erste Freudentaumel vorüber, die Auswahl getroffen und alles bezahlt war, kündigte Rudolf den drei Frauen an, sie müßten sich einrichten, ihre neuen Kleider am nächsten Tage fertig zu haben. »Wir machen eine Landpartie«, sagte er. »Kleinigkeit!« schrie Fräulein Dudelsack. »Das ist nicht das erstemal, daß ich an einem Tage mir einen Stoff gekauft, das Kleid genäht und es schon getragen habe. Und wir haben ja auch noch die Nacht. Wir werden fertig sein, nicht wahr, meine Damen?« »Wir werden fertig sein!« schrien Mimi und Euphemia aus einem Mund. Sofort machten sie sich an die Arbeiten und ließen sechzehn Stunden lang weder Schere noch Nadel im Stich. Der folgende Tag war der erste Mai. Die Osterglocken hatten vor einigen Tagen den neu erwachten Frühling eingeläutet, und auf allen Wegen kam er eilig und freudig herbei. Er malte den Himmel blau, die Bäume grün und gab allen Dingen die schönsten Farben. Er weckte die Sonne auf, die hinter Nebel und Schnee geschlafen hatte, die stolz und wunderbar herankam. Und die Schwalben kamen, die Blumen blühten, und die Menschen wurden jung und fröhlich. Als auf der nahen Kirche zum Angelus geläutet wurde, standen die drei fleißigen Koketten, die kaum ein paar Stunden hatten schlafen können, schon vor ihrem Spiegel und betrachteten ihre neuen Kleider. Sie waren alle drei reizend und ganz gleich gekleidet, und auf ihren Gesichtern lag auch der gleiche Widerschein von Zufriedenheit, den die Erfüllung eines langgehegten Wunsches gewährt. »Ich bin noch nie so zufrieden gewesen«, sagte Mimi zu ihrem Geliebten. »Mir ist, als habe der liebe Gott alles Glück meines Lebens in diese Stunde gelegt, und ich fürchte, es möchte mir nichts mehr für die Zukunft bleiben. Ach was, wenn nichts mehr da ist, bleibt doch immer noch was. Wir haben ja das Rezept dazu«, fügte sie hinzu, indem sie Rudolf umarmte. Euphemia hatte einen Kummer. »Ich liebe so die grüne Natur und die kleinen Vögel«, sagte sie. »Aber auf dem Lande trifft man gar keine Menschen, und niemand kann meinen hübschen Hut und mein schönes Kleid bewundern. Wenn doch das Land auf dem Boulevard läge!« Um acht Uhr morgens wurde die ganze Straße in Bewegung gesetzt durch die Hornfanfaren, mit denen Schaunard das Zeichen zum Abmarsch gab. Alle Nachbarn lagen in den Fenstern, um den Auszug der Zigeuner zu sehen. Colline, der das Fest mitmachte, ging hinterher und trug die Sonnenschirme der Damen. Eine Stunde später befand sich die lustige Gesellschaft inmitten der Gefilde von Fontenay-aux-Roses. Als sie des Abends ziemlich spät wieder zu Hause anlangten, erklärte Colline, der den Tag über das Amt eines Schatzmeisters ausgeübt hatte, daß man vergessen hätte, sechs Franken auszugeben, und legte das Überbleibsel auf den Tisch. »Was sollen wir damit anfangen?« fragte Marcel. »Wir wollen uns doch Staatspapiere dafür kaufen«, schlug Schaunard vor. XVII. Franziskas Muff Jacques, ein sehr begabter, aber ewig hungernder Bildhauer, und Franziska hatten sich in einem Hause der Rue de la Tour d'Auvergne getroffen, wo sie beide zu gleicher Zeit, anfangs April, eingezogen waren. Es dauerte etwa acht Tage, bis der Künstler und das junge Mädchen die nachbarlichen Beziehungen anknüpften, die schließlich immer entstehen, wenn man denselben Flur bewohnt. Aber, ohne daß sie bisher ein Wort miteinander gewechselt hatten, kannten sie sich doch schon, einer den andern. Franziska wußte, daß ihr Nachbar ein armer Teufel von einem Künstler war, und Jacques erfuhr, daß seine Nachbarin ihre Familie verlassen hatte, um der schlechten Behandlung von seiten ihrer Schwiegermutter zu entgehen, und sich durch Nähen ernährte. Sie vollbrachte Wunder der Sparsamkeit, um sich durchs Leben zu schlagen, aber da sie niemals Vergnügungen gekannt hatte, sehnte sie sich auch nicht danach. Eines Abends im April kam Jacques todmüde nach Hause. Er hatte seit frühmorgens nichts gegessen und fühlte sich unendlich traurig. Es war eine jener vagen Traurigkeiten, die keinen bestimmten Grund haben, die aber das ganze Innere ergreifen, eine Art Lähmung des Herzens, der besonders die Unglücklichen verfallen, die einsam leben. Jacques, der in seiner viereckigen Zelle zu ersticken glaubte, öffnete sein Fenster, um etwas frische Luft zu schöpfen. Der Abend war schön, und die untergehende Sonne warf eine märchenhafte Stimmung über die Hügel des Montmartre. Jacques blieb nachdenklich am Fenster stehen und lauschte dem harmonischen Chor der Vögel, die ihre Frühlingslieder in die Abendstille hinaussangen. Aber alles das vermehrte nur noch seine Traurigkeit. Plötzlich sah er einen Raben, der krächzend vorüberflog, er dachte an die Zeiten, da diese Vögel dem frommen Einsiedler Elias das Brot brachten, und es fiel ihm ein, daß jetzt die Raben nicht mehr so barmherzig wären. Als er es nicht mehr aushalten konnte, schloß er das Fenster, zog den Vorhang zu, und da er kein Geld hatte, um sich Öl für seine Lampe zu kaufen, so zündete er eine Harzkerze an, die er von einer Reise nach der Grande-Chartreuse mitgebracht hatte. Immer tiefer in seine Traurigkeit verstrickt, stopfte er seine Pfeife. »Zum Glück hab' ich noch genug Tabak, um die Pistole zu verschleiern«, murmelte er und begann zu rauchen. Der arme Jacques mußte an dem Abend sehr traurig sein, weil er daran dachte, die Pistole zu verschleiern. Es war dies sein letztes Mittel in den großen Krisen, und gewöhnlich gelang es ihm ziemlich gut. Dieses Mittel bestand aus folgendem: Jacques rauchte Tabak, über den er einige Tropfen Opiumtinktur gegossen hatte, und er rauchte so lange, bis die Rauchwolke, die sich ausbreitete, so dick geworden, daß alle Gegenstände im Zimmer, vor allem auch eine Pistole, die an der Wand hing, dahinter verschwanden. Wenn die Pistole vollständig unsichtbar war, dann verfiel auch Jacques durch die doppelte Einwirkung von Tabak und Opium fast immer in Schlaf, und meistens verließ ihn auch seine Traurigkeit an der Schwelle der Träume. An diesem Abend nun hatte er seinen ganzen Tabak verraucht, die Pistole war verschleiert, aber die bittere Traurigkeit hielt ihn noch immer gefangen. Im Gegensatz dazu fühlte sich heute Fräulein Franziska, als sie nach Hause kam, äußerst fröhlich, und ihre Fröhlichkeit hatte, wie die Traurigkeit Jacques, auch keine bestimmte Ursache. Es war eine von diesen frohen Stimmungen, die vom Himmel zu kommen scheinen, als Geschenk für gute Herzen. Fräulein Franziska war also in guter Laune und sang vor sich hin, als sie die Treppe hinaufstieg. Aber als sie ihre Tür öffnen wollte, drang ein plötzlicher Windstoß durch das offene Flurfenster und löschte ihre Kerze aus. »Gott, ist das ärgerlich!« rief das junge Mädchen. »Nun muß ich die sechs Treppen noch einmal hinunter und wieder hinaufsteigen.« In diesem Augenblick bemerkte sie einen Lichtschimmer hinter der Tür von Jacques' Zimmer, und ihre Müdigkeit, in Verbindung mit einer gewissen Neugierde, riet ihr, den Künstler um etwas Licht zu bitten. »Das ist eine Gefälligkeit,« sagte sie sich, »die man sich täglich unter Nachbarn erbittet und die nichts Unschickliches an sich hat.« Sie klopfte also zweimal leise an Jacques' Tür, und er öffnete, etwas erstaunt über diesen späten Besuch. Aber kaum hatte sie einen Schritt in das Zimmer getan, als die Rauchwolke, die es erfüllte, sie fast erstickte, und ehe sie noch ein Wort hatte sprechen können, sank sie ohnmächtig auf einen Stuhl und ließ ihren Kerzenleuchter und den Schlüssel zu Boden fallen. Es war Mitternacht, alles im Hause schlief. Jacques hielt es nicht für angebracht, um Hilfe zu rufen, denn er fürchtete seine Nachbarin bloßzustellen. Er öffnete also nur das Fenster, um frische Luft hereinzulassen, und sprengte dem jungen Mädchen einige Tropfen Wasser ins Gesicht, worauf sie die Augen öffnete und langsam wieder zu sich kam. Als nach Verlauf von fünf Minuten Franziska sich völlig wieder erholt hatte, teilte sie ihm den Grund mit, warum sie bei ihm eingetreten war, und entschuldigte sich wegen des Vorgefallenen. »Jetzt, da es mir wieder wohl ist,« fügte sie hinzu, »kann ich nach meinem Zimmer zurückgehen.« Und sie hatte schon die Tür geöffnet, als sie bemerkte, daß sie nicht nur ihre Kerze noch nicht angezündet hatte, sondern auch ihren Zimmerschlüssel vermißte. »Ich bin doch gedankenlos«, sagte sie und näherte ihren Leuchter der Harzkerze. »Da komme ich hierher, um meine Kerze anzuzünden und will ohne Licht wieder fort.« Aber in diesem Augenblick entstand durch das Offenstehen der Tür und des Fensters ein Durchzug, der plötzlich die Kerze auslöschte, so daß sich die beiden jungen Leute im Dunkeln befanden. »Das ist doch wie behext«, sagte Franziska. »Verzeihen Sie mir alle die Mühe, die ich Ihnen mache, und zünden Sie das Licht wieder an, damit ich meinen Schlüssel finde.« »Gewiß, mein Fräulein«, antwortete Jacques und suchte im Finstern tastend nach den Streichhölzern. Er hatte sie bald gefunden. Aber dann kam ihm ein plötzlicher Einfall, und er steckte sie in seine Tasche. »O Gott, Fräulein,« rief er, »nun sind wir in einer neuen Verlegenheit. Ich habe kein einziges Streichhölzchen, das letzte habe ich ja, als ich nach Hause kam, verbraucht.« »Ich glaube, das ist ein verflucht gescheiter Gedanke«, dachte er bei sich selbst. »Ach, du lieber Himmel«, sagte Franziska. »Ich kann ja zur Not ohne Licht in mein Zimmer gehn, es ist nicht so groß, daß man sich darin verläuft. Aber ich brauche meinen Schlüssel. Bitte, mein Herr, helfen Sie mir suchen, er muß zur Erde gefallen sein.« »Ja, wir wollen suchen«, erwiderte Jacques. Und so begannen denn die beiden nach dem verlorenen Gegenstand zu suchen. Aber wie von einem gemeinsamen Gefühl geleitet, fanden sich ihre Hände, die in dem gleichen Winkel suchten, wohl zehnmal in der Minute. Und, da sie beide gleich ungeschickt waren, so fanden sie den Schlüssel nicht. »Der Mond, der jetzt gerade durch Wolken verdeckt ist, scheint direkt in mein Zimmer«, sagte Jacques. »Warten wir eine Weile. Er wird uns dann zu unserem Suchen leuchten.« Und auf das Wiedererscheinen des Mondes wartend, begannen sie miteinander zu plaudern. Es war eine Plauderei im Dunkeln, in einem kleinen Zimmer, in einer Frühlingsnacht; eine Plauderei, die mit nichtssagenden, oberflächlichen Redensarten begann und allmählich zu vertraulichen Geständnissen führte. Die Worte wurden nach und nach verwirrter, stammelnder. Sie begannen zu flüstern, zu seufzen, und die Hände, die sich unwillkürlich fanden, sprachen das aus, was die Lippen sich nicht zu sagen getrauten. Endlich trat der Mond aus den Wolken hervor, sein klares Licht erfüllte das Zimmer. Mit einem leichten Schrei fuhr Franziska aus ihrem Träumen auf. »Was ist Ihnen?« fragte Jacques, indem er seinen Arm um ihre Taille legte. »Nichts«, murmelte Franziska. »Ich glaubte, man habe geklopft.« Und ohne daß Jacques es gewahrte, schob sie mit einem Fuß den Schlüssel, den sie bemerkt hatte, unter einen Schrank. Sie wollte ihn jetzt nicht finden. Franziska war ein blondes, fröhliches Mädchen von etwa zwanzig Jahren. Bis jetzt hatte sie die Liebe nicht gekannt, aber ein unbestimmtes Gefühl, daß sie nicht lange leben würde, riet ihr, nicht länger mehr zu zögern, wenn sie sie kennenlernen wollte. So hatte sie Jacques getroffen und sich in ihn verliebt. Ihre Verbindung dauerte sechs Monate. Im Frühjahr kamen sie zusammen, im Herbst verließen sie sich. Franziska war schwindsüchtig, sie wußte es, und ihr Freund Jacques wußte es auch. Vierzehn Tage, nachdem ihr Verhältnis begonnen hatte, erfuhr er es durch einen Freund, der Arzt war. »Im Herbst, wenn die Blätter gelb werden, wird sie wohl dahingehen«, sagte dieser. Franziska hatte diese Mitteilung zufällig gehört und bemerkt, welche Verzweiflung sie ihrem Freund verursachte. »Was kümmert es uns, daß die Blätter gelb werden?« sagte sie zu ihm und legte alle ihre Liebe in ein Lächeln. »Was kümmert uns der Herbst? Wir sind im Frühling, und die Blätter sind grün, genießen wir die Gegenwart! Wenn du siehst, daß ich vom Leben Abschied nehmen will, dann nimm mich in die Arme und küsse mich. Und dann verbiete mir fortzugehen. Du weißt, daß ich gehorsam bin, ich werde bleiben.« Und so durchlebte dieses reizende Geschöpf fünf Monate lang die Entbehrungen des Zigeunerlebens und hatte immer ein Lied oder ein Lächeln auf den Lippen. Jacques ließ sich dadurch täuschen, aber sein Freund sagte oft: »Franziska geht es schlechter, sie muß sich pflegen.« Dann durchlief Jacques ganz Paris, um Medizin aufzutreiben. Aber Franziska wollte von allem nichts wissen und warf die Arzneien zum Fenster hinaus. Wenn sie des Nachts einen Hustenanfall bekam, dann schlich sie sich auf den Flur hinaus, damit Jacques sie nicht hören sollte. Eines Tages, da sie zusammen einen Ausflug aufs Land unternommen hatten, bemerkte Jacques einen Baum, dessen Blätter gelb wurden. Er betrachtete traurig Franziska, die langsam und verträumt an seiner Seite ging. Franziska bemerkte das Erbleichen Jacques' und erriet auch die Ursache. »Du bist zu dumm«, sagte sie, indem sie ihn küßte. »Wir sind erst im Juli. Bis zum Oktober haben wir noch drei Monate. Indem wir uns, wie wir es tun, Tag und Nacht lieben, verdoppeln wir die Zeit, die wir gemeinsam durchleben können. Und wenn ich mich unter gelben Blättern nicht wohl fühle, dann ziehen wir in einen Fichtenwald, dort sind die Blätter immer grün.« Im Oktober mußte sich Franziska zu Bett legen. Jacques' Freund pflegte sie. Die kleine Kammer, in der sie wohnte, lag im obersten Stockwerk des Hauses und ging auf einen Hof hinaus, in dem sich ein jeden Tag mehr entblätternder Baum erhob. Jacques hatte einen Vorhang vor das Fenster gezogen, um den Baum vor der Kranken zu verbergen, aber Franziska verlangte, daß der Vorhang entfernt werde. »O mein Freund,« sagte sie zu Jacques, »ich gebe dir hundertmal mehr Küsse, als er Blätter hat.« Und sie fügte hinzu: »Mir geht es übrigens viel besser ... Ich werde bald ausgehen können. Aber da es kalt sein wird und ich keine roten Hände haben möchte, so mußt du mir einen Muff kaufen.« Während der ganzen Krankheit war dieser Muff ihre einzige Sehnsucht. Am Abend vor Allerheiligen sah sie, daß Jacques verzweifelter als je war, und wollte ihm Mut machen. Um ihm zu beweisen, daß es ihr besser ging, stand sie auf. Der Arzt kam gerade dazu und brachte sie mit Gewalt so weit, daß sie sich wieder hinlegte. »Mut, Jacques«, flüsterte er dem Künstler ins Ohr. »Es geht zu Ende, Franziska stirbt.« Jacques brach in Tränen aus. »Du kannst ihr jetzt geben, was sie haben will«, fuhr der Arzt fort. »Es ist keine Hoffnung mehr.« Franziska erriet am Gesicht der beiden, was der Arzt gesagt hatte. »Höre nicht auf ihn«, rief sie und streckte die Arme nach Jacques aus. »Höre nicht auf ihn, er lügt. Wir werden morgen zusammen ausgehn ... es ist Allerheiligen. Es wird kalt sein, kauf' mir einen Muff ... Bitte, bitte, ich fürchte mich diesen Winter so vor dem Frost.« Jacques wollte mit seinem Freund fortgehen, aber Franziska hielt den Arzt zurück. »Geh' mir den Muff holen«, sagte sie zu Jacques. »Nimm einen guten, damit er lange hält.« Und als sie mit dem Arzt allein war, sagte sie zu ihm: »Ja, mein Herr, ich muß sterben, ich weiß es ... Aber bevor ich hinübergehe, geben Sie mir bitte etwas, was mich noch eine Nacht bei Kräften hält. Machen Sie mich für eine Nacht wieder schön, und dann will ich sterben, da der liebe Gott nun einmal nicht will, daß ich noch länger lebe ...« Während der Arzt sie aufs beste zu trösten suchte, fuhr ein Windstoß ins Zimmer und warf ein welkes Blatt, das sich von dem Baum auf dem Hofe losgerissen hatte, auf das Bett der Kranken. Franziska zog den Vorhang zurück und sah, daß der Baum vollständig entblättert war. »Es ist das letzte«, sagte sie und legte das Blatt unter ihr Kissen. »Sie werden erst morgen sterben«, sagte der Arzt. »Sie haben noch die Nacht vor sich.« »Oh, welch ein Glück!« sagte das junge Mädchen. »Eine Winternacht ... sie wird lang sein.« Jacques kam zurück und brachte den Muff. »Er ist sehr schön«, sagte Franziska. »Ich werde ihn tragen, wenn ich ausgehe.« Sie verbrachte die Nacht mit Jacques. Am andern Tage, am Allerheiligenfest, als mittags das ›Ave‹ geläutet wurde, begann ihr Todeskampf, und ihr ganzer Körper bebte und zitterte. »Mir ist so kalt an den Händen«, murmelte sie. »Gib mir meinen Muff.« Und sie versenkte ihre armen Hände in das Pelzwerk. »Es geht zu Ende«, sagte der Arzt zu Jacques. »Küsse sie.« Jacques drückte seine Lippen auf die der Geliebten. Im letzten Augenblick wollte man ihr den Muff wegnehmen, aber sie klammerte sich mit den Händen darin fest. »Nein, nein,« sagte sie, »laßt ihn mir. Wir sind im Winter, es ist kalt. Ach, mein armer Jacques ... mein armer Jacques ... was soll aus dir werden? Oh, mein Gott!« Und dann war Jacques allein. Zwei Männer wachten an dem Lager der Hingeschiedenen. Einer, der aufrecht stand, war der Arzt. Der andere kniete vor dem Bett, drückte die Lippen auf die Hände der Toten und schien sie verzweifelt an sich reißen zu wollen, es war Jacques. Seit mehr als sechs Stunden verharrte er in einer schmerzerfüllten Besinnungslosigkeit. Eine Drehorgel, die unten vorbeikam, brachte ihn wieder zu sich. Die Orgel spielte ein Lied, das Franziska des Morgens beim Erwachen zu singen pflegte. Eine jener irrsinnigen Hoffnungsgedanken, wie sie nur aus tiefster Verzweiflung entstehen können, überkam Jacques. Er schwebte einen Monat in die Vergangenheit zurück, in die Zeit, da Franziska noch lebte. Er vergaß die Gegenwart und bildete sich einen Augenblick ein, die Verstorbene sei nur eingeschlafen und müßte jetzt gleich erwachen, um mit offenem Mund ihren Morgengesang anzustimmen. Aber die Töne der Orgel waren noch nicht verhallt, als Jacques schon wieder in die Wirklichkeit zurückkam. Der Mund Franziskas war auf immer für alle Lieder geschlossen, und das Lächeln, das ihr letzter Gedanke noch ihren Lippen aufgeprägt hatte, schien auch schon zu entschwinden. »Mut, Jacques«, sagte der Arzt, der der Freund des Bildhauers war. Jacques erhob sich und sagte, indem er den Arzt betrachtete: »Es ist vorbei. Nicht wahr, es gibt keine Hoffnung mehr?« Ohne auf diese irre Bemerkung zu antworten, zog der Freund die Vorhänge des Bettes vor. Dann trat er zu dem Bildhauer hin und reichte ihm die Hand. »Franziska ist tot,« sagte er, »es war nicht anders zu erwarten. Gott weiß, daß wir alles getan haben, um sie zu retten. Sie war ein braves Mädchen, Jacques, das dich sehr geliebt hat, und zwar mehr und anders, als du selbst sie geliebt hast. Denn ihre Liebe war nichts als Liebe, während die deine mit egoistischeren Gefühlen gemischt war. Franziska ist tot ... aber damit ist nicht alles erledigt, wir müssen jetzt die nötigen Schritte wegen des Begräbnisses tun. Wir wollen es zusammen besorgen und die Nachbarin bitten, hier solange zu wachen.« Jacques ließ sich von seinem Freunde fortziehen. Den ganzen Tag liefen sie umher, zum Meldeamt, zum Begräbnisinstitut, zum Friedhof. Da Jacques kein Geld mehr hatte, versetzte der Arzt seine Uhr, einen Ring und ein paar Kleidungsstücke, um die Kosten der Bestattung, die auf den nächsten Tag angesetzt wurde, aufzubringen. Erst spät am Abend kamen sie zurück, und die Nachbarin zwang Jacques, etwas zu essen. »Ja,« sagte er, »ich will etwas essen. Mir ist kalt, und ich brauche Kraft, denn ich habe diese Nacht zu arbeiten.« Die Nachbarin und der Arzt begriffen ihn nicht. Jacques setzte sich an den Tisch und verschlang ein paar Bissen so hastig, daß er beinahe daran erstickt wäre. Dann verlangte er zu trinken. Aber, indem er das Glas an die Lippen brachte, ließ er es fallen. Das Glas, das jetzt zerbrach, hatte ihn nämlich an eine Begebenheit erinnert, die seinen ganzen, etwas gemilderten Schmerz wieder zum Ausbruch brachte. An dem Tage, als Franziska zum ersten Male zu ihm gekommen, hatte sie sich plötzlich etwas unwohl gefühlt, und Jacques gab ihr eben aus diesem Glase Zuckerwasser zu trinken. Später, als sie zusammenwohnten, hatten sie es zu einer Lebensreliquie gemacht. In den seltenen Augenblicken des Wohlstandes pflegte der Künstler für seine Freundin eine oder zwei Flaschen stärkenden Weines zu kaufen, dessen Gebrauch ihr verschrieben war, und jedesmal trank Franziska aus diesem Glase den Wein, aus dem ihre Liebe eine bezaubernde Fröhlichkeit entnahm. Jacques betrachtete, ohne etwas zu sagen, mehr als eine halbe Stunde lang, die einzelnen Stücke dieses so zerbrechlichen und teuern Andenkens, und es war ihm, als sei auch sein Herz zerbrochen, und die Splitter zerrissen seine Brust. Als er zu sich kam, sammelte er die Reste des Glases und warf sie in eine Schublade. Dann bat er die Nachbarin, ihm zwei Kerzen zu besorgen und durch den Portier einen Eimer voll Wasser heraufkommen zu lassen. »Geh' nicht fort,« sagte er zum Arzt, der auch gar nicht daran dachte, »ich brauche dich sogleich.« Man brachte das Wasser und die Kerzen, und die beiden Freunde blieben allein. »Was willst du machen?« fragte der Arzt, als er sah, wie Jacques das Wasser in einen Holzkübel goß und gleichmäßig Gips hineinmengte. »Errätst du das nicht?« erwiderte der Künstler. »Ich will Franziskas Kopf abformen, und da ich nicht den Mut dazu hätte, wenn ich allein wäre, so darfst du nicht fortgehn.« Jacques zog jetzt den Bettvorhang zurück und nahm das Tuch weg, das man über das Gesicht der Toten geschoben hatte. Seine Hand zitterte, und ein ersticktes Schluchzen kam über seine Lippen. »Bringe die Kerzen«, rief er seinem Freund zu, »und halte den Holzkübel.« Eine der Kerzen wurde an das Kopfende gestellt, so daß ihr ganzes Licht über Franziskas Gesicht fiel. Die andere Kerze kam an das Fußende. Mit einem in Olivenöl getauchten Pinsel strich der Künstler über Augenbrauen, Wimpern und Haare der Toten, die er so, wie sie sie im Leben getragen hatte, zurechtstrich. »So tut es ihr nicht weh, wenn wir ihr die Maske abnehmen«, murmelte Jacques vor sich hin. Nachdem diese Vorbereitungen erledigt und der Kopf der Toten in eine günstige Lage gebracht war, begann Jacques den Gips in gleichmäßigen Lagen aufzutragen, bis er die notwendige Dicke erreicht hatte. Nach einer Viertelstunde Arbeit war alles erledigt und der Abguß durchaus gelungen. Auf seltsame Weise war jetzt auf dem Gesicht Franziskas eine Veränderung eingetreten. Das Blut, das wohl im Körper noch nicht ganz erstarrt war, hatte sich ohne Zweifel durch die Gipsmasse erwärmt und war der Haut zugeströmt, und ein Hauch durchsichtigen Rosas mischte sich mit dem blassen Weiß von Stirn und Wangen. Die Lider, die sich beim Abnehmen der Maske erhoben hatten, ließen das ruhige Blau der Augen sehn, und ein gewisses Bewußtsein leuchtete in ihnen auf. Den Lippen aber, die ein beginnendes Lächeln halb geöffnet hatte, schien ein letztes Wort zu entschweben, das beim Abschied vergessen und nur mit dem Herzen vernehmbar war. Vor der ruhigen Heiterkeit dieses Gesichts, auf dem der Todeskampf keine Spuren hinterlassen hatte, hätte niemand die langen Leiden vermutet, die ihrem Ableben vorangegangen waren. Franziska schien in einen Traum der Liebe versunken; wenn man sie so sah, hätte man glauben können, sie sei vor Schönheit gestorben. Der Arzt, den die Müdigkeit überwältigt hatte, schlief in einer Ecke. Jacques aber verfiel von neuem seinen Zweifeln. Sein überreiztes Gehirn überließ sich hartnäckig dem Glauben, die von ihm so sehr Geliebte begänne wieder zu erwachen. Und da kaum merkliche Nervenzuckungen, die eine Folge des soeben beendeten Gipsabgusses waren, von Zeit zu Zeit die Unbeweglichkeit des Körpers unterbrachen, so nährte dieser Anschein von Leben in Jacques eine glückliche Illusion. Sie dauerte bis zum Morgen, bis der Beamte kam, der den Totenschein ausstellte und die Erlaubnis zur Beerdigung gab. Während die Nachbarin Franziska in den Sarg bettete, hatte man Jacques in ein anderes Zimmer geführt, wo er einige seiner Freunde traf, die mit zur Beerdigung gehen wollten. Die Zigeuner, die alle für Jacques eine brüderliche Liebe hegten, enthielten sich doch ihm gegenüber jener Tröstungsversuche, die den Schmerz nur zu verstärken pflegen. Ohne eines dieser Worte zu finden, die so schwer auszusprechen und so unangenehm zu hören sind, drückten sie einer nach dem andern ihrem Freunde die Hand. »Dieser Tod ist ein großes Unglück für Jacques«, sagte einer von ihnen. »Ja«, antwortete der Maler Lazare, ein seltsamer Mensch, der durch seine Willenskraft schon früh alle Leidenschaften der Jugend unterdrückt und zugunsten seiner Künstlerschaft das Menschliche in sich erstickt hatte. »Aber es ist ein Unglück, das er selbst in sein Leben hineingebracht hat. Seit Jacques Franziska kennenlernte, hat er sich sehr verändert.« »Jedenfalls hat sie ihn glücklich gemacht«, meinte ein anderer. »Glücklich?« erwiderte Lazare. »Was nennen Sie glücklich? Wie dürfen Sie eine Leidenschaft Glück nennen, die einen Menschen in einen Zustand versetzt, wie ihn Jacques jetzt durchmacht? Zeigen Sie ihm ein Meisterwerk, er wird nicht einmal hinsehen, und, um seine Geliebte noch einmal lebendig zu sehen, würde er ein Gemälde von Tizian oder Raffael zertreten. Meine Geliebte ist unsterblich, sie betrügt mich nicht. Sie wohnt im Louvre und heißt Gioconda.« Lazare hätte seine Ansichten über Kunst und Liebe noch weiter ausgeführt, aber man brach jetzt zur Kirche auf. Nach einigen stillen Gebeten richtete sich der Leichenzug zum Kirchhof ... Da es gerade Allerseelen war, erfüllte eine ungeheure Menschenmenge das Asyl der Toten. Viele Leute wandten sich um und betrachteten Jacques, der mit entblößtem Haupt hinter der Leiche herschritt. »Der arme Mensch«, sagte einer. »Sicherlich ist es seine Mutter.« »Nein, sein Vater«, meinte ein anderer. »Oder seine Schwester«, riet ein dritter. Als man an dem ausgeschaufelten Grab ankam, stellten sich die Zigeuner mit entblößten Köpfen im Kreise darum auf. Jacques trat an den Rand der Gruft, sein Freund, der Arzt, hielt ihn am Arm zurück. Die Totengräber hatten es eilig und wollten schnell fertig werden. »Grabreden gibt es nicht«, sagte einer von ihnen. »Um so besser! Hoppla, Kamerad, los, fang' an!« Sie hoben den Sarg vom Wagen, umwanden ihn mit Stricken und senkten ihn hinab. Ein Mann zog die Stricke heraus und nahm dann mit Hilfe seiner Kameraden eine Schaufel, um Erde auf den Sarg zu werfen. Bald war das Grab zugeschüttet. Ein kleines Holzkreuz wurde darauf gepflanzt. Mitten unter seinen Tränen hörte der Arzt, wie Jacques in den leidenschaftlichen Ruf ausbrach: »Oh, meine Jugend, hier wirst du zu Grabe getragen!« Jacques gehörte einer Vereinigung an, die sich ›Die Wassertrinker‹ nannte und die eigens geschaffen schien, um den famosen Bund aus der Rue des Quatres-Vents nachzuahmen, der in Balzacs schönem Roman ›Ein großer Mann aus der Provinz‹ beschrieben ist. Aber es bestand doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den Helden dieses Bundes und den Wassertrinkern, die, wie alle Nachahmer, die Grundsätze, die sie verwirklichen wollten, übertrieben. Dieser Unterschied wurde schon durch die eine Tatsache klar, daß in dem Buche des Herrn von Balzac die Bundesmitglieder schließlich ihr Ziel erreichten und dadurch bewiesen, daß alle Grundsätze gut sind, die Erfolg haben; während die Gesellschaft der ›Wassertrinker‹ sich nach mehreren Jahren des Bestehens ganz natürlich durch den Tod ihrer Mitglieder auflöste, ohne daß einer seinen Namen mit einem Werk verband, das an diese Gesellschaft erinnerte. Während seines Verhältnisses zu Franziska lockerten sich die Beziehungen Jacques' zur Gesellschaft der ›Wassertrinker‹ immer mehr. Die Not des Daseins zwang den Künstler, gewisse Bedingungen zu verletzen, die sich der ›Bund der Wassertrinker‹ an seinem Gründungstag feierlich zugeschworen hatte. Da diese jungen Leute immer auf den Stelzen eines unbändigen Stolzes umherliefen, so hatten sie es sich zum obersten Grundsatz gemacht, niemals die hohen Gipfel der Kunst zu verlassen, das heißt, es durfte keiner von ihnen trotz der elendesten Not irgendeine Konzession an das Alltagsleben machen. So hätte der Dichter Melchior niemals, wie er es nannte, seine Leier prostituiert, um einen Geschäftsprospekt oder einen politischen Artikel zu schreiben. So was konnte der Dichter Rudolf tun, ein Taugenichts, der zu allem fähig war und niemals ein Hundertsousstück liegen sehen konnte, ohne sofort einen energischen Angriff darauf zu machen. Der Maler Lazare hätte in seinem Bettlerstolz nie seine Pinsel damit beschmutzt, einen Schneidermeister mit einem Papagei auf den Fingern abzumalen, wie es der Maler Marcel tat, der dafür seinen berühmten Rock ›Methusalem‹ bekam, einen Rock, der die Ausbesserungsspuren seiner sämtlichen Geliebten trug. Solange Jacques in Ideengemeinschaft mit den ›Wassertrinkern‹ lebte, ertrug er auch ihre Tyrannei. Als er aber Franziska kennenlernte, wollte er das arme, schon kranke Mädchen nicht einer Entbehrung ausliefern, die er während seines Alleinseins gerne ertragen hatte. Jacques war aber ein sehr rechtlicher und ehrlicher Charakter. Deshalb ging er zu dem Vorsitzenden der Gesellschaft, dem stolzen Lazare, und teilte ihm mit, er würde in Zukunft jede Arbeit annehmen, die ihm etwas einbrächte. »Mein lieber Freund,« antwortete ihm Lazare, »deine Liebeserklärung war eine Abschiedserklärung an die Kunst. Wir werden deine Freunde bleiben, wenn du willst, aber wir sind nicht mehr deine Kameraden. Treibe dein Handwerk, wie du willst. Für mich bist du kein Bildhauer mehr, sondern ein Verfertiger von Gipsfiguren. Ich gebe zu, daß du jetzt Wein trinken kannst, aber wir, die wir auch weiterhin Brot und Wasser genießen, wir bleiben Künstler.« Trotz allem, was Lazare gesagt hatte, blieb Jacques ein Künstler. Aber um Franziska pflegen zu können, unternahm er manchmal lohnende Arbeiten. So arbeitete er lange Zeit in der Werkstätte des Ornamentisten Romagnesi. Erfindungsreich und geschickt in der Ausführung, wie Jacques war, hätte er leicht, ohne die ernste Kunst aufzugeben, sich einen guten Ruf im Entwurf dieser Genrearbeiten erwerben können, die ein Hauptgegenstand im Handel mit Luxuswaren geworden sind. Aber Jacques war faul wie alle wahren Künstler und verliebt wie ein Dichter. Die Jugend in ihm hatte sich spät entwickelt, aber sie glühte, und mit dem Vorgefühl eines baldigen Endes wollte er sie ganz in die Arme Franziskas ausgießen. So kamen häufig für Jacques gute Arbeitsgelegenheiten, ohne daß er darauf einging, denn es hätte ihn gestört, und er fand es nun einmal so schön, im Schimmer von Franziskas Augen dahinzuträumen. Als seine Freundin tot war, begann der Bildhauer wieder die früheren Freunde, die Wassertrinker, aufzusuchen. Aber der Geist Lazares herrschte in diesem Kreis, und sie waren alle wie versteinert in dem Egoismus der Kunst. Jacques fand hier nicht, was er suchte. Man verstand gar nicht seine Verzweiflung, die man durch Vernunftsgründe zu heilen suchte, und so zog denn Jacques vor, seinen Schmerz lieber zu verbergen, als ihn zu einem Gegenstand der Diskussion zu machen. Er brach schließlich vollständig mit den Wassertrinkern und begann allein zu leben. Fünf oder sechs Tage nach Franziskas Beerdigung suchte Jacques einen Marmorwarenhändler am Friedhof Montparnasse auf und machte ihm folgendes Anerbieten. Der Händler sollte für Franziskas Grab eine Einfriedigung liefern, zu der sich der Künstler den Entwurf vorbehielt, und im übrigen sollte er Jacques einen Block weißen Marmors geben, wofür Jacques drei Monate lang für den Händler als Steinmetz oder Bildhauer tätig sein wollte. Der Grabsteinhändler hatte damals gerade mehrere besondere Bestellungen. Er besuchte Jacques' Atelier und sah an verschiedenen angefangenen Arbeiten, daß ihm der Zufall in Jacques einen wirklichen Schatz zugeführt hatte. Acht Tage später hatte Franziskas Grab eine Einfriedigung, und das Holzkreuz in der Mitte war durch ein steinernes mit eingemeißeltem Namen versehen. Zum Glück hatte es Jacques mit einem ehrlichen Menschen zu tun, der begriff, daß hundert Kilogramm Gußeisen und drei Quadratfuß Pyrenäenmarmor keine Bezahlung für drei Monate Arbeit waren, besonders da ihm das Talent Jacques' mehrere tausend Franken Gewinn einbrachte. Er bot dem Künstler an, mit einem Anteil in sein Geschäft einzutreten, aber Jacques lehnte es ab. Die Einförmigkeit dieser ganzen Arbeit widerstrebte seiner erfinderischen Natur, und im übrigen besaß er in dem Marmorblock das, wonach er sich gesehnt hatte. Er wollte daraus ein Meisterwerk machen, das für Franziskas Grab bestimmt war. Mit dem Beginn des Frühjahrs besserten sich seine Verhältnisse. Sein Freund, der Arzt, brachte ihn mit einem fremden Fürsten in Verbindung, der sich in Paris niederließ und hier in der feinsten Stadtgegend einen prächtigen Palast erbauen ließ. Verschiedene hervorragende Künstler arbeiteten an der Ausstattung dieses Schmuckhauses. Jacques erhielt den Auftrag, einen Kamin anzufertigen. Er brachte einen wundervollen Entwurf, die ganze Poesie des Winters lebte in diesem Marmor, der die Flammen einhüllen sollte. Da Jacques' Atelier zu klein war, erhielt er zur Fertigstellung seines Werkes ein Zimmer in dem noch nicht bewohnten Palast eingeräumt. Auch gewährte man ihm eine ziemlich hohe Anzahlung auf den verabredeten Preis für seine Arbeit. Jacques konnte jetzt seinem Freund, dem Arzt, das Geld, das dieser ihm bei Franziskas Begräbnis vorgestreckt hatte, zurückerstatten. Dann lief er zum Friedhof, um den Hügel über dem Sarg der Geliebten mit einem Bett von Blumen zu bedecken. Aber der Frühling war schon vor Jacques dagewesen, und auf dem Grab des jungen Mädchens blühten in dem emporsprossenden Grün unzählige Blüten. Der Künstler hatte nicht den Mut, sie herauszureißen, denn er dachte, daß in diesen Blumen etwas von seiner Freundin lebte. Als der Gärtner ihn fragte, was er mit den mitgebrachten Rosen und Stiefmütterchen machen sollte, hieß Jacques ihn, sie auf ein benachbartes, frisch aufgeworfenes Armengrab zu pflanzen, das ohne Einfriedigung dalag und als Erkennungszeichen nur ein in die Erde gestecktes Stück Holz hatte. Jacques verließ den Friedhof in einer ganz anderen Stimmung, als er ihn betreten hatte. Mit einer freudigen Hingabe betrachtete er die schöne Frühlingssonne, die so oft die Haare Franziskas vergoldet hatte, wenn sie über die Felder lief und mit ihren weißen Händen die Wiesenblumen streifte. Ein Schwarm von guten Gedanken jubelte in Jacques' Herzen. Als er an einer kleinen Schenke auf dem äußeren Boulevard vorbeikam, erinnerte er sich, daß er hier einmal mit Franziska infolge eines ausgebrochenen Unwetters eingekehrt war und daß sie hier zu Mittag gegessen hatten. Jacques trat hinein und ließ sich an demselben Tisch Essen auftragen. Den Nachtisch brachte man ihm in einer bemalten Untertasse. Er erkannte die Untertasse und erinnerte sich, daß Franziska eine halbe Stunde damit verbracht hatte, das darauf gemalte Bilderrätsel zu raten. Und weiter erinnerte er sich an ein Lied, das Franziska gesungen hatte. Ihre gute Laune war durch das kleine Glas Rotwein entstanden, das so billig war und allerdings mehr Fröhlichkeit als Traubenblut enthielt. Aber dieses Aufsprießen süßer Erinnerungen weckte in ihm seine Liebe wieder auf, ohne zugleich seinen Schmerz zu erwecken. Jacques, der wie alle Poeten und Träumer für Aberglauben empfänglich war, glaubte, daß Franziska, die vorhin seinen Schritt in ihrer Nähe gehört, ihm diesen Hauch guter Erinnerungen aus ihrem Grabe gesandt hätte, und er wollte sie mit keiner Träne beschweren. So verließ er die Schenke mit leichtem Schritt und erhobenem Haupt. Seine Augen leuchteten, sein Puls schlug, und auf seinen Lippen schwebte fast ein Lächeln, als er den Kehrreim von Franziskas Lied summte: »Die Liebe schweift auf allen Wegen, Nun öffnet Herzen ihr und Tor.« Dieser Refrain in Jacques' Munde war immer noch eine Erinnerung, aber doch auch schon ein neuer Gesang, und vielleicht machte der Künstler an diesem Abend, ohne es zu wissen, den ersten Schritt von der Traurigkeit zur Melancholie und von dort zum Vergessen. Denn wie auch die Gedanken und das Tun sich dagegen stemmen, die Gesetze des ewigen Wechsels wollen es so. Wie die Blumen, die ihre Kraft vielleicht aus dem Körper Franziskas entnommen hatten, auf ihrem Grabe erblüht waren, so lebten die Säfte der Jugend in Jacques' Herzen auf, und aus den Erinnerungen seiner alten Liebe erwuchs ein unbestimmtes Sehnen nach einer neuen Liebe. Im übrigen gehörte Jacques zu jenen Künstlern und Dichtern, denen die Liebe zu einem Werkzeug der Kunst und der Poesie wird und deren Geist nur so lange regsam ist, als er durch die Kräfte des Herzens angetrieben wird. Bei Jacques war die Erfindung wirklich eine Tochter der Empfindung, und ein Stückchen seines eigenen Wesens legte er in alles, was er schuf. Bald bemerkte er, daß die Erinnerungen ihm nicht mehr genügten, und daß, wie eine Mühle sich von selbst abnützt, wenn sie kein Korn mahlt, so auch sein Herz sich verbrauchte, weil das Gefühl darin fehlte. Die Arbeit hatte nicht mehr den Reiz wie sonst, und die früher so leicht fließende Phantasie wurde zu einer quälenden Mühe. Jacques wurde unzufrieden mit sich und begann seine früheren Freunde, die Wassertrinker, zu beneiden. Er suchte sich zu zerstreuen, lief den Vergnügungen nach und knüpfte neue Beziehungen an. Er verkehrte häufig mit dem Dichter Rudolf, den er in einer Wirtschaft kennengelernt hatte, und sie faßten beide eine große Sympathie zueinander. Jacques hatte ihm seine Sorgen erzählt, und Rudolf brauchte nicht lange, um den Grund zu erkennen. »Mein lieber Freund,« sagte er, »ich kenne das.« Und indem er ihm auf die Brust klopfte, da, wo das Herz lag, fügte er hinzu: »Machen Sie schnell, Sie müssen dort wieder Feuer anzünden. Ergeben Sie sich nur unverzüglich irgendeiner Liebesleidenschaft, dann werden die Ideen Ihnen schon wieder fließen.« »Ach,« sagte Jacques, »ich habe Franziska zu sehr geliebt.« »Sie können sie ja auch weiterlieben. Sie werden sie auf den Lippen einer andern küssen.« »Könnte ich nur ein Mädchen finden,« sagte Jacques, »das ihr gliche!« Und er verließ Rudolf, um zu träumen. Sechs Wochen später hatte Jacques seine ganze Spannkraft wiedergefunden. Er entzündete sie an den süßen Blicken eines hübschen Mädchens, das Marie hieß und mit seiner etwas kränklichen Schönheit an die der armen Franziska erinnerte. Es gab wirklich nichts Entzückenderes als diese hübsche Marie, die achtzehn Jahre weniger sechs Wochen alt war, wie sie niemals zu sagen verfehlte. Ihre Liebe zu Jacques war bei Mondschein entstanden während eines Balles im Freien und unter den Klängen einer kratzenden Violine, einer schwindsüchtigen Baßgeige und einer schrillen Klarinette. Jacques traf sie, als er mit ernstem Gesicht den für die Tanzenden bestimmten Halbkreis umschritt. Als ihn die lärmenden, lustigen Besucherinnen sahen, wie er in seinem bis zum Hals zugeknöpften schwarzen Rock so steif vorüberging, flüsterten sie sich zu: »Was will denn dieser Leichenbitter hier? Soll jemand begraben werden?« Aber Jacques bemerkte von dem allen nichts. Er blieb ganz allein, und sein Herz blutete an den Dornen der Erinnerung, die ihn doppelt scharf quälten, als jetzt das Orchester zu einem lustigen Kontertanz aufspielte. Inmitten seiner trüben Versunkenheit bemerkte er plötzlich Marie, die ihn in einem rosa Hut von einem Winkel aus betrachtete und wie eine Tolle über seine traurige Miene lachte. Jacques hörte dieses Lachen und näherte sich dem jungen Mädchen, indem er ihm einige Worte zurief. Sie antwortete ihm lustig, und er bot ihr seinen Arm, den sie auch annahm. Er sagte ihr, daß er sie hübsch fände wie einen Engel, was sie sich zweimal wiederholen ließ. Er stahl ihr grüne Äpfel, die an den Bäumen des Gartens hingen, und sie biß mit einem wahren Entzücken hinein. Dabei ließ sie dieses klingende Lachen hören, das wie ein Ritornell ihres unverwüstlichen Frohsinns erschien. Jacques machte mit dem rosa Hut einen zweiten Rundgang durch den Garten, und so kam es, daß er zwar allein diesen Ball besuchte, aber ihn nicht allein verließ. Trotzdem hatte er Franziska nicht vergessen, und nach den Worten Rudolfs küßte er sie täglich auf den Lippen Maries, während er im stillen an der Figur arbeitete, die er auf dem Grab der Toten aufstellen wollte. Eines Tages, als er Geld bekommen hatte, kaufte er Marie ein Kleid, und zwar ein schwarzes. Das junge Mädchen war sehr zufrieden, fand aber, daß Schwarz eigentlich nicht zu dem fröhlichen Sommer paßte. Aber Jacques sagte ihr, er liebe das Schwarze sehr, und sie täte ihm einen großen Gefallen, wenn sie das Kleid alle Tage trüge. Marie gehorchte ihm auch. Eines Sonnabends sagte Jacques zu dem jungen Mädchen: »Komm morgen recht früh, wir wollen eine Landpartie machen.« »Oh, das ist herrlich«, meinte Marie. »Ich werde dir eine Überraschung bereiten, du wirst schon sehen. Morgen wird es schönes Wetter.« Marie arbeitete die ganze Nacht, um ein neues Kleid fertigzustellen, das sie von ihren Ersparnissen gekauft hatte, ein schönes rosa Kleid. Und am Sonntag erschien sie fein herausgeputzt in Jacques' Atelier. Der Künstler empfing sie kühl, fast brutal. »Und dabei wollte ich dir eine Freude machen, indem ich mir dieses strahlende Kleid anfertigte!« sagte Marie, die sich die Kälte Jacques' gar nicht erklären konnte. »Wir machen keine Landpartie«, antwortete er. »Du kannst nach Hause gehen, ich habe zu arbeiten.« Mit schwerem Herzen kehrte Marie heim. Unterwegs traf sie einen jungen Mann, der Jacques' Geschichte kannte und sich auch schon um sie beworben hatte. »Sieh da, Fräulein Marie, Sie sind also nicht mehr in Trauer?« fragte er sie. »In Trauer?« wiederholte sie. »Um wen?« »Was! Das wissen Sie nicht? Das ist doch allgemein bekannt. Das schwarze Kleid, das Jacques Ihnen gegeben hat, bedeutet ...« »Nun?« fragte Marie. »Nun, es war doch ein Trauerkleid. Jacques ließ Sie Trauer um Franziska tragen.« Von diesem Tage an bekam Jacques Marie nicht mehr zu sehen. Der Bruch brachte ihm Unglück. Die schlechten Tage kamen wieder, er bekam keine Aufträge mehr und verfiel in ein so schreckliches Elend, daß er schließlich zusammenbrach und seinen Freund, den Arzt, bat, ihn in einem Krankenhause unterzubringen. Der Arzt sah auf den ersten Blick, daß diese Unterbringung auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Jacques, der sich über seinen Zustand keinem Zweifel hingab, befand sich schon auf dem Wege zur Wiedervereinigung mit Franziska. Er kam in das Saint-Louis-Krankenhaus. Da er noch gehen und tätig sein konnte, bat er den Leiter des Krankenhauses, ihm ein kleines unbenutztes Zimmer zu geben, und ließ sich einen Schemel, Bossierhölzer und Tonerde dorthin bringen. So arbeitete er während der ersten zwei Wochen an der Figur, die er für das Grab Franziskas bestimmt hatte. Es war eine große Engelsgestalt mit ausgebreiteten Flügeln. Diese Figur, die die Züge Franziskas trug, wurde nicht ganz vollendet, denn Jacques konnte nicht mehr auf eine Leiter steigen und bald auch nicht mehr das Bett verlassen. Eines Tages fiel ihm das Heft des Assistenzarztes in die Finger, und Jacques, der die ihm verschriebenen Arzneien las, begriff, daß es mit ihm zu Ende ging. Er schrieb an seine Familie und ließ Schwester Genovefa kommen, die ihn immer aufs mildtätigste gepflegt hatte. »Schwester,« sagte Jacques, »oben in dem Zimmer, das man mir eingeräumt hatte, steht eine Tonfigur, die einen Engel darstellt. Sie war für ein Grab bestimmt, aber ich habe sie nicht in Marmor ausführen können. Trotzdem habe ich in meiner Wohnung einen schönen, rosageäderten Block Marmor stehen. Kurzum, liebe Schwester, ich gebe Ihnen meine Statuette für die Kapelle des Krankenhauses.« Jacques starb wenige Tage später. Da das Begräbnis gerade am Tage der Eröffnung des Salons stattfand, konnten die ›Wassertrinker‹ nicht daran teilnehmen. »Die Kunst kommt vor allem«, sagte Lazare. Die Familie Jacques war nicht reich, und der Künstler konnte deshalb keine besondere Gruft finden. Er wurde irgendwo eingescharrt. XVIII. Fräulein Dudelsacks Liebeslaunen Der Leser wird sich erinnern, wie der Maler Marcel dem Juden Medici sein famoses Gemälde ›Der Durchzug durch das Rote Meer‹ verkaufte und wie dies dann einem Delikateßwarenhändler als Ladenschild diente. Am Tage nach diesem Verkauf, dem ein üppiges Diner bei dem Juden folgte, erwachten Marcel, Schaunard, Colline und Rudolf sehr spät. Noch ganz benommen von den Nachwirkungen des gestrigen Rausches erinnerten sie sich zuerst an gar nichts, was geschehen war, und als auf der nahen Kirche der ›Angelus‹ gelautet wurde, sahen sie sich gegenseitig mit einem traurigen Lächeln an. »Das ist die Glocke, die mit ihrem frommen Ton die Menschen an die Mittagsstunde mahnt«, sagte Marcel. »Ja,« fuhr Rudolf fort, »es ist jene feierliche Stunde, da sich die anständigen Leute ins Eßzimmer begeben.« »Wir müßten also sehen, auf welche Weise wir zu anständigen Leuten werden könnten«, murmelte Colline, für den an jedem Tage das Fest des heiligen Appetits im Kalender stand. »O du gelobtes Land meiner Jugend, in dem Milch und Honig floß, wo bist du geblieben?« fügte Schaunard hinzu. »Vier Mahlzeiten hatte ich damals täglich.« »Und sich sagen zu müssen,« meinte Marcel, »daß zu dieser Stunde mehr als hunderttausend Kotelette in der Pfanne schmoren!« »Und ebenso viele Beefsteaks!« fügte Rudolf hinzu. Wie zum Spott riefen, während die vier Freunde sich über das furchtbare Problem des heutigen Frühstücks berieten, die Kellner eines unten im Hause befindlichen Restaurants mit lautschallender Stimme die Bestellungen der Gäste in die Küche hinein. »Wollen denn diese Halunken niemals schweigen?« fragte Marcel. »Jedes Wort gibt mir einen Stich in den Magen.« »Wir haben Nordwind«, sagte Colline ernst und wies auf eine sich drehende Wetterfahne auf einem benachbarten Dach. »Wir werden heute nicht frühstücken, die Elemente sind dagegen.« »Wieso?« fragte Marcel. »Es ist das eine meteorologische Beobachtung, die ich gemacht habe«, antwortete der Philosoph. »Der Nordwind verkündet fast immer Abstinenz, während der Südwind meist Vergnügen und Wohlleben anzeigt. Die Philosophie nennt das den Finger Gottes.« Wenn Gustav Colline hungrig war, machte er blutige Witze. In diesem Augenblick stieß Schaunard, der seine Hand in einen der Abgründe, die ihm als Taschen dienten, getaucht hatte, einen Schreckensschrei aus. »Hilfe! Es steckt was in meinem Paletot!« heulte er und versuchte seine Hand aus den Scheren eines Hummers zu befreien, der ihn gepackt hatte. Auf den Schrei, den er ausstieß, antwortete plötzlich ein anderer Schrei. Es war Marcel, der auch zufällig eine Hand in seine Tasche gesteckt hatte und hier einen Schatz entdeckte, an den er nicht mehr gedacht hatte, nämlich die hundertfünfzig Franken, die der Jude Medici ihm den Abend vorher als Bezahlung für den ›Durchzug durch das Rote Meer‹ gegeben hatte. Auf einen Schlag kehrte jetzt den Zigeunern die Erinnerung zurück. »Seid mir gegrüßt, ihr Herren!« sagte Marcel und legte einen Haufen Geldstücke auf den Tisch, zwischen denen fünf oder sechs neue Goldstücke funkelten. »Man sollte glauben, daß sie lebten«, meinte Colline. »Und wie lustig sie singen!« sagte Schaunard, indem er die Goldstücke tanzen ließ. »Es sind wahre Kunstwerke!« fügte Rudolf hinzu. »Aus Sonnengold gegossen. Wenn ich König wäre, dann erlaubte ich überhaupt kein anderes Geld und ließe auf jedes Stück das Bild meiner Geliebten schlagen.« »Und dabei gab es Länder, wo Gold soviel wert war wie Kieselsteine«, sagte Schaunard. »Bei den Eingeborenen Amerikas bekam man vier Goldstücke für zwei Sous. Einer meiner Vorfahren ist in Amerika gewesen, die Wilden gaben ihm ein Begräbnis in ihrem Bauch. Das hat meiner Familie großen Abbruch verursacht.« »Aber was ist denn das?« fragte Marcel und betrachtete den Hummer, der im Zimmer herumkroch. »Woher kommt dieses Tier?« »Mir fällt jetzt ein,« antwortete Schaunard, »daß ich gestern abend einmal in Medicis Küche gewesen bin. Es scheint, daß dieses Reptil irgendwie in meine Tasche hineingefallen ist. Diese Tiere sind nämlich sehr kurzsichtig. Aber weil ich es einmal hier habe, will ich es auch behalten. Ich werde es zähmen und rot anstreichen, das steht ihm besser. Seit Euphemia fort ist, fühle ich mich so einsam, und das gibt mir Gesellschaft.« »Meine Herren,« schrie Colline, »bitte beobachten Sie, daß sich die Wetterfahne nach Süden gedreht hat. Wir werden also frühstücken.« »Das glaube ich auch«, sagte Marcel und nahm ein Goldstück in die Hand. »Hier ist einer, der für uns kochen läßt, und zwar mit ziemlich viel Sauce.« Man besprach jetzt ernsthaft und umständlich die Speisenfolge. Jedes Gericht gab Anlaß zu einer Diskussion und Abstimmung. Der von Schaunard vorgeschlagene Eierkuchen wurde abgelehnt, ebenso der Weißwein, gegen den Marcel eine Stegreifrede hielt, die ihn als einen tiefen Weinkenner erwies. »Die erste Pflicht des Weines ist rot zu sein«, schrie der Künstler. »Sprecht mir nicht von euren weißen Weinen.« »Aber«, fiel Schaunard ein, »der Champagner?« »Ach was! Ein besserer Apfelwein, ein rasendes Lakritzenwasser! Ich gebe alle Keller von Epernay und Ai für ein einziges Faß Burgunder. Im übrigen wollen wir ja auch keine Grisetten verführen noch Gassenhauer dichten. Ich stimme gegen den Champagner.« Als das Programm festgelegt war, stiegen Schaunard und Colline zum Restaurant hinab, um das Essen zu bestellen. »Wie wär's, wenn wir Feuer machten?« fragte Marcel. »Natürlich,« antwortete Rudolf, »damit würden wir kein Verbrechen begehen. Das Thermometer lädt uns schon lange dazu ein, also machen wir Feuer. Der Kamin wird allerdings sehr erstaunt sein.« Und er lief ins Treppenhaus und rief Colline nach, Holz heraufbringen zu lassen. Ein paar Minuten später kamen Schaunard und Colline zurück, gefolgt von einem Kohlenträger, der ein großes Bündel Holz hereinschleppte. Marcel suchte nun in einer Schublade nach etwas überflüssigem Papier, um das Feuer anzuzünden, und dabei fand er zufällig einen Brief, dessen Handschrift ihn erzittern machte. Er trat zur Seite, um ihn zu lesen. Es war ein Brief, den Fräulein Dudelsack mit Bleistift geschrieben hatte, als sie noch mit Marcel zusammenwohnte. Das Datum lag nun gerade ein Jahr zurück. Der Brief enthielt nur wenige Worte: »Mein lieber Freund! Mach' Dir meinetwegen keine Sorgen, ich bin bald wieder zurück. Ich bin etwas ausgegangen, um mich im Gehen zu erwärmen. Im Zimmer friert es, und der Kohlenhändler pumpt uns nichts mehr. Ich habe zwar schon die beiden letzten Stuhlbeine zerschlagen, aber sie haben kaum so lange gebrannt, wie ein Ei Zeit zum Kochen braucht. Außerdem dringt der Wind durch das Fenster herein, als wäre er bei uns zu Hause, und er gibt mir eine Menge böser Ratschläge, die Dich sehr bekümmern würden, wenn ich sie befolgte. Da will ich lieber einen Augenblick ausgehen und mir die Schaufenster in der Nachbarschaft ansehen. Es soll da Samt zu zehn Franken das Meter geben. Das ist kaum zu glauben, ich muß es mir ansehen. Zum Essen bin ich wieder zu Hause. Dein Dudelsack.« »Das arme Mädchen!« murmelte Marcel, indem er den Brief in die Tasche steckte. Und er blieb eine Weile nachdenklich stehen. Zu dieser Zeit befanden sich die Zigeuner schon lange im Witwerstand, mit Ausnahme von Colline, dessen Geliebte aber immer unsichtbar und anonym geblieben war. Selbst Euphemia, die liebenswürdige Gefährtin Schaunards, hatte eine harmlose Seele gefunden, einen Jüngling, der ihr sein Herz, eine elegante Wohnungseinrichtung und einen Ring aus seinen brennend roten Haaren angeboten hatte. Nach vierzehn Tagen wollte er sich übrigens sein Herz und seine Möbel wieder abholen, denn bei einer Betrachtung der Hände seiner Geliebten hatte er bemerkt, daß sie zwar einen Haarring trug, aber einen schwarzen. Und er vermutete, er sei verraten worden. Trotzdem war Euphemia nicht vom Pfade der Tugend abgewichen, sondern weil ihre Freundinnen sie ein paarmal wegen der roten Haare geneckt hatten, hatte sie sie schwarz färben lassen. Der Herr war, als alles aufgeklärt wurde, so zufrieden mit Euphemia, daß er ihr ein seidenes Kleid kaufte. Es war ihr erstes seidenes Kleid, und an dem Tage, da sie es zum erstenmal anzog, rief sie aus: »Jetzt will ich gerne sterben!« Was Fräulein Dudelsack anging, so war sie fast eine offizielle Persönlichkeit geworden, und seit drei oder vier Monaten hatte Marcel sie nicht mehr getroffen. Von Mimi hatte Rudolf niemals mehr jemand sprechen hören, ausgenommen sich selbst, wenn er allein war. »Was ist denn los?« schrie plötzlich Rudolf, als er Marcel in träumerischer Haltung am Kamin hocken sah. »Das Feuer will wohl nicht anbrennen?« »Doch, doch«, sagte der Maler, indem er das Holz anzündete, das sich knisternd entflammte. Während seine Freunde ihren Appetit anregten, indem sie die Vorbereitungen zur Mahlzeit trafen, hatte sich Marcel wieder allein an den Kamin begeben und las noch einmal den Brief, den ihm Fräulein Dudelsack dagelassen hatte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch die Adresse einer intimen Freundin seiner früheren Geliebten wußte. »Ah,« rief er so laut, daß die andern ihn hören konnten, »jetzt weiß ich, wie ich sie finde!« »Wen finden?« fragte Rudolf. »Was machst du da?« fügte er hinzu, als er sah, daß sich der Künstler zum Schreiben hinsetzte. »Nichts! Es ist nur ein eiliger Brief, den ich vergaß. In einem Augenblick bin ich fertig.« Und Marcel schrieb folgendes: »Liebes Kind! Durch einen Schlaganfall von heidenmäßigem Glück habe ich Geld bekommen. In meiner Wohnung wird ein großartiges Frühstück vorbereitet mit den prächtigsten Weinen. Außerdem haben wir Feuer im Kamin, wie die reichsten Leute. So was muß man gesehen haben, wie Du früher zu sagen pflegtest. Also komm' einen Augenblick zu uns; Rudolf, Colline und Schaunard sind da. Du kannst uns zum Dessert Lieder singen, es gibt nämlich auch Dessert. Da wir einmal hier zusammen sind, werden wir wahrscheinlich eine Woche lang bei Tisch sitzen bleiben. Du brauchst also nicht zu fürchten, daß Du zu spät kommst. Es ist so lange her, daß ich Dich nicht mehr habe lachen hören! Rudolf wird Verse auf Dich machen, und wir werden tausendmal auf unsere verstorbene Liebe trinken, selbst auf die Gefahr hin, daß sie dadurch wieder zum Leben erwacht. Bei Menschen, wie wir beide es sind, ist ja der letzte Kuß niemals der letzte. Ach, wenn es letzten Winter nicht so kalt gewesen, hättest Du mich nie verlassen. Du hast mich nur für ein Bündel Brennholz verraten und weil Du Angst hattest, Du könntest rote Hände bekommen. Du hast wohlgetan, und ich zürne Dir wegen dieser Sache ebensowenig wie wegen aller früheren. Aber komme Dich wärmen, solange Feuer da ist. Ich küsse Dich, so oft Du willst. Marcel.« Als Marcel diesen Brief beendet hatte, schrieb er einen zweiten an Fräulein Sidonie, die Freundin, und bat diese, das beigelegte Schreiben an die Adressatin zu senden. Dann ging er zum Portier hinab und beauftragte ihn mit der Besorgung des Briefes. Er bezahlte ihn im voraus, und bei dieser Gelegenheit sah der Portier in der Hand des Malers ein Goldstück glänzen. Bevor er daher seinen Gang besorgte, stieg er schnell zum Hauseigentümer hinauf, bei dem Marcel im Rückstand mit der Miete war. »Ach, Herr,« rief er ganz außer Atem, »der Künstler vom sechsten Stock hat Geld. Sie wissen doch, dieser Große, der mir ins Gesicht lacht, wenn ich ihm die Quittung bringe.« »Ja,« sagte der Hausbesitzer, »das ist der Unverschämte, der von mir Geld borgen wollte, um mir eine Anzahlung zu machen. Ich habe ihm gekündigt.« »Ich weiß schon. Aber er strotzt jetzt gerade vor Geld; mir sind von dem Anblick fast die Augen übergegangen. Er gibt ein Fest ... jetzt wäre ein günstiger Moment.« »Da haben Sie recht«, stimmte ihm der Hauswirt zu. »Ich werde selbst sogleich hingehn.« Frau Sidonie, die zu Hause war, als man ihr Marcels Brief brachte, schickte das an Fräulein Dudelsack adressierte Schreiben sofort durch ihr Mädchen hin. Die frühere Geliebte Marcels besaß jetzt eine reizende Wohnung in der Chaussee d'Antin. Als sie den Brief erhielt, hatte sie gerade Gesellschaft, und zwar wollte sie an diesem Abend ein großes Prunkdiner geben. »Himmel, das ist aber ein Wunder!« rief Fräulein Dudelsack und lachte wie toll. »Was gibt es?« fragte ein hübscher junger Mann, der steif wie ein Statue dastand. »Eine Einladung zum Diner!« antwortete die junge Frau. »Wie finden Sie das?« »Ich finde, daß sich das schlecht trifft«, sagte der junge Mann. »Warum denn?« fragte sie. »Warum? Sie denken doch nicht etwa dahinzugehen?« »Gewiß denke ich daran. Sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen.« »Aber meine Liebe, das wäre doch höchst unschicklich ... Sie werden ein andermal hingehen.« »Ach, wie nett ... ein andermal! Es handelt sich um einen alten Bekannten, Marcel, der mich zum Diner einlädt, und das ist bei ihm eine so ganz ungewöhnliche Sache, daß ich es mir unbedingt ansehen muß. Ein andermal! Als ob die Diners in seinem Hause nicht so selten wie die Sonnenfinsternisse wären!« »Wie, Sie brechen Ihr Wort, um einen solchen Menschen zu besuchen?« fragte der junge Mann. »Und gerade mir erzählen Sie es?« »Wem soll ich es denn sonst erzählen? Dem Großmogul? Den würde das wenig interessieren.« »Aber so was ist doch eine merkwürdige Offenherzigkeit!« »Sie wissen ganz gut,« erwiderte sie, »daß ich niemals so bin wie die andern.« »Aber was denken Sie denn von mir, wenn ich Sie jetzt, da ich weiß, wohin Sie wollen, so einfach gehen lasse? Seien Sie doch vernünftig. Sowohl für mich wie für Sie schickt sich so etwas nicht. Sie müssen sich schon bei dem jungen Mann entschuldigen.« »Mein lieber Maurice,« sagte Fräulein Dudelsack mit einer sehr festen Stimme, »Sie kannten mich, bevor Sie mich nahmen. Sie wußten, daß ich voller Launen stecke und daß sich keine lebende Seele schmeicheln kann, mich von einer abgebracht zu haben.« »Verlangen Sie von mir, was Sie wollen,« sagte Maurice, »aber nicht so etwas ...! Zwischen Launen und Launen ist doch ein Unterschied.« »Maurice,« rief sie, indem sie ihren Hut aufsetzte, »ich werde zu Marcel gehen. Ich gehe hin! Verlassen Sie mich, wenn Sie wollen, aber ich kann nicht anders. Er ist der beste Junge von der Welt und der einzige; den ich jemals geliebt habe. Wenn sein Herz von Gold gewesen wäre, er hätte es schmelzen lassen, um mir Ringe daraus zu machen. Der arme Junge!« sagte sie und zeigte ihm seinen Brief. »Sehen Sie, sobald er etwas Holz hat, um einzuheizen, lädt er mich ein, mich zu erwärmen. Ach, wenn er nur nicht so faul gewesen wäre, und wenn es nur in den Geschäften keinen Samt und keine Seide gegeben hätte! Ich lebte so glücklich mit ihm. Er brachte es fertig, daß ich alle Entbehrungen ertrug, und er hat mir auch den Namen Dudelsack gegeben wegen meines gefühlvollen Singens. Jedenfalls, indem ich zu ihm hingehe, sind Sie sicher, daß ich wieder zu Ihnen zurückkomme ... falls Sie mir nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.« »Offenherziger konnten Sie mir nicht gestehen, daß Sie mich nicht lieben«, sagte der junge Mann. »Lieber Maurice, Sie sind doch sonst ein so vernünftiger Mensch, wie können Sie sich da über eine solche Sache ernsthaft erregen? Sie haben mich wie ein schönes Pferd in einem Pferdestall, und ich, ich liebe Sie ... weil ich den Luxus liebe, den Lärm der Feste, alles was klingt und strahlt. Werden wir doch nicht sentimental, das wäre lächerlich und dumm!« »Dann lassen Sie mich wenigstens mit Ihnen gehn!« »Aber Sie würden sich gar nicht amüsieren«, sagte Dudelsack, »und Sie werden uns daran hindern, uns zu amüsieren. Denken Sie doch daran, mein Junge, daß er mich natürlich umarmen wird.« »Haben Sie schon einmal einen so nachgiebigen Menschen gefunden wie mich?« »Herr Vicomte,« erwiderte sie, »eines Tages, als ich in meinem Wagen mit Lord *** nach den Champs Elysées fuhr, traf ich Marcel und seinen Freund Rudolf. Sie kamen zu Fuß, waren sehr ärmlich gekleidet und mit Straßenschmutz bedeckt wie die Schäferhunde und rauchten ihre Pfeifen. Drei Monate hatte ich Marcel nicht mehr gesehen, und mir war es, als spränge mein Herz zum Wagenfenster hinaus. Sofort ließ ich halten und plauderte eine halbe Stunde lang mit Marcel, während ganz Paris in Equipagen an uns vorüberzog. Marcel bot mir billige Butterkuchen an und ein Veilchensträußchen für einen Sou, das ich an meinen Gürtel steckte. Als er mich verlassen hatte, wollte Lord *** ihn zurückrufen, um ihn einzuladen, mit uns zu dinieren. Ich habe den Lord für diese Liebenswürdigkeit geküßt. Sehen Sie, lieber Maurice, so bin ich nun einmal, und wenn es Ihnen nicht gefällt, dann sagen Sie es mir sogleich, damit ich meine Pantoffel und meine Nachthaube nehme.« »Dann ist es also manchmal eine gute Sache, arm zu sein«, sagte Vicomte Maurice mit einem Gesicht, in dem sich eine neiderfüllte Traurigkeit malte. »Aber gar nicht«, meinte Fräulein Dudelsack. »Wenn Marcel reich wäre, hätte ich ihn nie verlassen.« »Dann gehen Sie«, sagte der junge Mann und drückte ihr die Hand. »Sie haben Ihr neues Kleid angezogen, es sitzt Ihnen wunderbar.« »Richtig, das ist wahr! Als ob ich heute früh eine Vorahnung gehabt hätte. Ich werde es in Marcels Gesellschaft einweihen. Auf Wiedersehen! Heute werde ich wieder einmal fröhlich sein.« Marcel war in der Tat der einzige Mann, den sie je geliebt, und vor allem der einzige, für den sie wirkliche Entbehrungen erlitten hatte. Deshalb hatte nur ihr tiefeingewurzeltes Verlangen nach allem, was glänzt und klingt, sie veranlassen können, ihn zu verlassen. Sie zählte zwanzig Jahre, und der Luxus war für sie fast eine Frage der Gesundheit. Sie konnte wohl eine Zeitlang ohne ihn leben, aber ihn niemals ganz entbehren. Da sie sich ihrer Unbeständigkeit bewußt war, wollte sie niemals ihr Herz durch einen Treuschwur binden. Sie war von vielen jungen Leuten, für die sie selbst eine starke Neigung empfand, leidenschaftlich geliebt worden, und stets brachte sie ihnen eine unbefangene Offenheit entgegen: »Sie wollen mich, und ich will Sie. Abgemacht, feiern wir Hochzeit!« Sie hätte zehnmal, wenn sie nur gewollt hätte, ein festes Verhältnis, eine sogenannte Zukunft haben können. Aber sie glaubte nicht an eine Zukunft und wollte von keiner Bindung etwas wissen. »Morgen,« sagte sie manchmal, »das ist nur ein Kalenderschwindel. Das ist nur ein täglich erneuter Vorwand, den die Menschen erfunden haben, weil sie die Obliegenheiten des Heute hinausschieben wollen. Morgen haben wir vielleicht Erdbeben, heute steht die Erde zum Glück noch fest.« Eines Tages schlug ihr ein netter junger Mann, mit dem sie schon sechs Monate zusammenwohnte und der sich wahnsinnig in sie verliebt hatte, in allem Ernst vor, sie zu heiraten. Aber sie lachte ihm hellauf ins Gesicht. »Ich soll meine Freiheit in das Gefängnis einer Ehe einsperren?« sagte sie. »Niemals!« »Aber mich quält fortwährend die Angst, Sie zu verlieren.« »Sie würden mich noch viel schneller verlieren, wenn ich Ihre Frau wäre«, antwortete Fräulein Dudelsack. »Reden wir nicht mehr darüber. Ich bin übrigens auch nicht frei«, fügte sie hinzu, wobei sie zweifellos an Marcel dachte. So verbrachte sie ihre Jugend, indem sie sich von allen Winden des Abenteuerlichen treiben ließ. Sie machte viele glücklich und machte auch sich beinahe glücklich. Der Vicomte Maurice, mit dem sie jetzt zusammen lebte, hatte große Mühe, sich an ihren unzähmbaren, freiheitstrunkenen Charakter zu gewöhnen, und mit einer von Eifersucht durchtränkten Ungeduld wartete er, nachdem sie zu Marcel gegangen war, auf ihre Rückkehr. »Wird sie wohl dort bleiben?« fragte er sich den ganzen Abend, und diese Frage bohrte sich tief in sein Herz. »Der arme Maurice!« sagte Dudelsack ihrerseits. »Er findet es ein wenig grausam. Ach was, man muß die Jugend erziehen!« Dann flogen ihre Gedanken plötzlich zu Marcel, zu dem sie hinging, und indem sie alle Erinnerungen an ihren früheren Geliebten an sich vorüberziehen ließ, fragte sie sich, welch ein Wunder ihm so plötzlich den Tisch gedeckt hätte. Im Gehen las sie noch einmal den Brief, den ihr der Künstler geschrieben hatte, und unwillkürlich überkam sie eine leise Traurigkeit. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Mit Recht bedachte sie, daß sie gerade jetzt weniger als je Grund zum Betrübtsein habe, und als in diesem Moment ein heftiger Wind zu stürmen begann, rief sie: »Es ist doch komisch, wenn ich auch nicht zu Marcel hingehen wollte, dann würde der Wind mich hintreiben.« Und mit beschleunigtem Schritt eilte sie weiter, fröhlich wie ein Vogel, der nach seinem früheren Nest zurückfliegt. Plötzlich begann es heftig zu schneien. Dudelsack blickte sich um, ob sie keine Droschke sähe. Aber sie fand keine. Da sie sich gerade in der Straße befand, in der ihre Freundin Sidonie wohnte, dieselbe, die ihr Marcels Brief gebracht hatte, kam sie auf den Gedanken, einen Augenblick zu dieser Frau hinaufzugehen und zu warten, bis das Wetter ihr die Fortsetzung ihres Weges erlaubte. Als sie bei Frau Sidonie eintrat, fand sie dort eine zahlreiche Gesellschaft. Man spielte gerade eine Partie Landsknecht weiter, die schon vor drei Tagen begonnen hatte. »Lassen Sie sich nicht stören«, sagte Fräulein Dudelsack. »Ich komme nur für einen Augenblick und gehe gleich wieder.« »Hast du Marcels Brief erhalten?« flüsterte ihr Frau Sidonie ins Ohr. »Ja«, antwortete Dudelsack. »Ich gehe zu ihm hin, er hat mich zum Diner eingeladen. Willst du nicht mitkommen? Du würdest dich sehr amüsieren.« »Ach, ich kann nicht«, sagte Sidonie und wies auf den Spieltisch. »Wie steht der Einsatz?« fragte sie den Bankhalter. »Es liegen sechs Louis darin«, rief dieser laut und hielt die Karten in der Hand. »Ich setze zwei«, schrie Frau Sidonie. »Ich bin nicht stolz, ich fange auch mit zwei an«, antwortete der Bankhalter, der schon mehrere Male gepaßt hatte. »König und Aß. Ich bin verloren«, fuhr er fort, indem er die Karten aufdeckte. »Die Könige bringen immer Unglück!« »Man spricht nicht über Politik«, fiel ein Journalist ein. »Und die Asse haben schon meiner ganzen Familie Unglück gebracht«, fuhr der Bankhalter fort. Plötzlich drehte er einen König um. »Hurra, es lebe der König!« schrie er. »Liebe Sidonie, geben Sie mir zwei Louis.« »Schreib' sie dir ins Gedächtnis«, rief Sidonie wütend über ihren Verlust. »Sie schulden mir dann fünfhundert Franken, Kleine«, sagte der Bankhalter. »Sie werden noch auf tausend kommen. Der Nächste gibt.« Sidonie und Dudelsack plauderten leise. Die Partie ging weiter. Ungefähr zu derselben Zeit setzte man sich bei den Zigeunern zu Tisch. Marcel war während der ganzen Mahlzeit unruhig. Jedesmal, wenn man Schritte im Treppenhaus hörte, zuckte er zusammen. »Was hast du nur?« fragte Rudolf. »Man sollte denken, du erwartetest jemand. Wir sind doch alle zusammen.« Aber bei einem unwillkürlichen Blick, den der Künstler ihm zuwarf, begriff der Dichter, womit sich sein Freund innerlich beschäftigte. »Das ist wahr,« dachte er im stillen, »wir sind nicht alle zusammen.« »Eigentlich fehlen uns Frauen«, sagte plötzlich Schaunard. »Zum Henker!« grölte Colline. »Willst du wohl deine zügellosen Gedanken unterdrücken? Wir haben ausgemacht, daß nicht mehr über die Liebe gesprochen wird, das verdirbt die Sauce.« Und die Freunde begannen mit erneutem Eifer zu trinken, während draußen die Schneeflocken durch die Luft wirbelten und im Kamin das Holz aufflammte und Funken in die Höhe warf. Gerade als Rudolf mit lauter Stimme den Refrain eines Liedes sang, klopfte es mehrmals an die Tür. Wie ein Schwimmer, der ins Wasser taucht und endlich mit dem Fuß den Boden erreicht hat, sich dann mit einem Satz nach oben abschnellt, so sprang Marcel, der langsam in eine beginnende Trunkenheit versunken war, mit einem Satz von seinem Stuhle auf und eilte an die Tür, um zu öffnen. Es war nicht Fräulein Dudelsack. Ein Herr erschien auf der Schwelle, er hielt in der Hand ein kleines Papier. Seine Miene war sehr liebenswürdig, sein Schlafrock überladen geschmacklos. »Ich finde Sie in trefflicher Stimmung«, sagte er mit einem Blick nach dem Tisch, auf dessen Mitte der Überrest einer riesigen Hammelkeule thronte. »Der Hauseigentümer!« sagte Rudolf. »Man erweise ihm die gebührenden Ehren!« Und er begann mit Messer und Gabel einen Wirbel auf seinem Teller zu schlagen. Colline bot ihm seinen Stuhl an, und Marcel rief: »Los, Schaunard, ein Glas Weißwein für den Herrn. Sie kommen gerade zur rechten Minute«, sagte der Künstler zum Hauseigentümer. »Wir waren dabei, einen Trinkspruch auf Besitz und Eigentum auszubringen. Mein Freund dort, der Herr Colline, sprach darüber zu Herzen gehende Sätze. Da Sie nun einmal hier sind, wird er sie Ihnen zu Ehren wiederholen. Fang' noch einmal an, Colline.« »Verzeihung, meine Herren,« sagte der Hauswirt, »ich möchte Sie aber nicht stören.« Und er entfaltete das kleine Papier, das er in der Hand hatte. »Was ist das für eine Drucksache?« fragte Marcel. Der Hauswirt, der einen forschenden Blick durch das Zimmer gesandt hatte, bemerkte die Gold- und Silbermünzen, die noch auf dem Kaminsims lagen. »Es ist die Quittung«, sagte er schnell. »Ich hatte schon die Ehre, sie Ihnen vorzuweisen.« »Gewiß«, erwiderte Marcel. »Mein ausgezeichnetes Gedächtnis erinnert mich genau an diese Kleinigkeit. Es war an einem Freitag, dem 8. Oktober, mittags um zwölf ein viertel.« »Sie ist bereits unterschrieben,« sagte der Hauswirt, »und wenn es Sie nicht stört ...« »Verehrter Herr,« sagte Marcel, »ich hatte mir schon selbst vorgenommen, Sie zu besuchen. Denn ich habe Ihnen vieles zu sagen.« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« »Tun Sie mir den Gefallen, eine kleine Erfrischung anzunehmen«, fuhr Marcel fort und nötigte ihn, ein Glas Wein zu trinken. »Sie haben mir übrigens neulich ein kleines Schriftstück geschickt ... mit dem Bildnis einer Dame, die eine Wage in der Hand hielt. Es war mit dem Namen Godard unterzeichnet.« »Das ist mein Gerichtsvollzieher«, sagte der Hauswirt. »Er hat eine ganz miserable Handschrift«, meinte Marcel. »Mein Freund dort, der alle Sprachen kennt,« damit wies er auf Colline, »versuchte vergebens, mir das Schriftstück zu entziffern, das übrigens mit fünf Franken Porto belastet war ...« »Es war eine Kündigung«, unterbrach ihn der Hauswirt. »Es war nur eine rein formale Vorsichtsmaßregel ... sie ist so üblich.« »Eine Kündigung, das dachte ich mir«, sagte Marcel. »Deshalb beabsichtigte ich auch, zu Ihnen zu kommen. Ich wollte nämlich diese Kündigung in einen neuen Vertrag umwandeln. Das Haus gefällt mir, die Treppe ist sauber, die Straße freundlich, und dann fesseln mich auch viele Privatgründe an diese Mauern.« »Aber«, sagte der Hauseigentümer, indem er von neuem seine Quittung entfaltete, »das letzte Quartal ist noch zu bezahlen.« »Ich werde es bezahlen, mein Herr, ich hegte schon selbst im stillen die Absicht.« Unterdessen hatte der Hauswirt den Kamin, auf dem Geld lag, nicht aus den Augen gelassen, und die Anziehungskraft seiner begierigen Blicke war so stark, daß die Geldstücke sich zu bewegen und näher zu kommen schienen. »Ich freue mich, gerade zu einer Zeit zu kommen, wo es Sie nicht geniert. Wir können also die kleine Rechnung erledigen«, sagte er, indem er die Quittung Marcel hinstreckte. Dieser jedoch, der einem solchen Angriff nicht direkt entgegentreten konnte, schweifte wieder ab. »Ich höre, Sie haben auch in der Provinz Grundbesitz?« fragte er. »Oh, nur wenig«, antwortete der Hauswirt. »Ein kleines Haus in Burgund, eine geringwertige Farm, ohne besondere Einkünfte ... die Pächter zahlen nicht ... Deshalb«, so fügte er hinzu, indem er die Quittung immer noch vorstreckte, »kommt mir diese kleine Zahlung gerade sehr zustatten ... Es sind sechzig Franken, wie Sie ja wissen.« »Sechzig, jawohl«, sagte Marcel und wandte sich zum Kamin, von dem er drei Goldstücke herabnahm. »Also sechzig«, fügte er hinzu und legte die drei Louis etwas von dem Eigentümer entfernt auf den Tisch. »Endlich!« murmelte dieser, und sein Gesicht erhellte sich plötzlich. Die Quittung hielt er noch immer in der Hand. Schaunard, Colline und Rudolf betrachteten voller Unruhe die Szene. »Wahrhaftig, lieber Herr,« sagte jetzt Marcel, »da Sie durch Ihren Besitz Burgunder sind, so werden Sie es nicht verschmähen, ein paar Worte mit einem Landsmann zu sprechen.« Und indem er eine Flasche alten Mâcon entkorkte, goß er dem Hauswirt ein volles Glas ein. »Ah, wundervoll!« sagte dieser. »Ich habe niemals einen besseren getrunken.« »Er ist von einem Onkel von mir, der dort wohnt, und mir von Zeit zu Zeit ein paar Körbe davon schickt.« Der Hauseigentümer hatte sich erhoben und streckte seine Hand nach dem vor ihm liegenden Geld aus, als ihn Marcel von neuem unterbrach. »Schlagen Sie es mir nicht ab, mir noch einmal Bescheid zu tun«, sagte er, indem er seinem Gläubiger von neuem eingoß und ihn zwang, mit ihm und den drei andern Zigeunern anzustoßen. Der Hauswirt wagte es nicht, nein zu sagen. Er trank von neuem, stellte sein Glas hin und schickte sich abermals an, das Geld zu nehmen, als Marcel ausrief: »Halt, mein Herr, mir kommt ein Gedanke. Ich habe jetzt gerade etwas viel Geld. Mein Onkel aus Burgund hat mir einen Zuschuß zu meinem Wechsel geschickt, und ich fürchte, ich werde das Geld verschwenden. Sie wissen ja, die Jugend ist unbesonnen ... Wenn es Ihnen also recht ist, werde ich ein Vierteljahr im voraus bezahlen.« Damit nahm er noch sechzig Franken in Silber und legte sie zu denen, die schon auf dem Tisch waren. »Ich werde Ihnen dann eine Quittung für das kommende Quartal ausstellen«, sagte der Wirt. »Ich habe ein Formular in der Tasche,« fügte er hinzu, indem er seine Briefmappe hervorzog. »Ich brauche es nur auszufüllen und vorzudatieren ... Ein reizender Mieter!« dachte er im stillen und verschlang die hundertzwanzig Franken mit den Augen. Die drei Zigeuner, die die Diplomatie Marcels nicht verstanden, saßen bei diesem Vorschlag ganz verblüfft da. »Aber der Kamin hier raucht«, fuhr Marcel fort. »Das ist sehr lästig.« »Warum haben Sie mir das nicht schon mitgeteilt?« fragte der Hauswirt, der nun ebenso zuvorkommend wie sein Mieter sein wollte. »Ich hätte längst den Schornsteinfeger kommen lassen. Morgen werde ich es in Ordnung bringen lassen!« Und nachdem er die zweite Quittung ausgefüllt hatte, legte er sie beide vor Marcel hin und streckte von neuem seine Hand nach dem Geld aus. »Sie glauben gar nicht,« sagte er, »wie gelegen mir gerade jetzt diese Summe kommt. Ich habe Rechnungen für Hausreparaturen zu bezahlen und befand mich in ziemlicher Verlegenheit.« »Es tut mir leid,« sagte Marcel, »daß ich Sie etwas warten ließ.« »Oh, das hat nichts zu sagen ... meine Herren ... ich habe die Ehre!« Und seine Hand streckte sich von neuem aus. »Erlauben Sie,« sagte Marcel, »wir sind noch nicht fertig. Sie kennen ja das Sprichwort: Wenn der Wein abgezogen ist,« ... damit füllte er das Glas des Hauswirts wieder ... »dann muß er auch getrunken werden.« »Ganz recht«, sagte der Wirt und setzte sich höflich wieder hin. Diesmal begriffen die Zigeuner nach einem Augenzwinkern Marcels, worauf er hinauswollte. Inzwischen begann aber der Hauswirt schon auf eigentümliche Art seine Augen zu verdrehen. Er schaukelte sich auf seinem Stuhle, erzählte lockere Geschichten und versprach Marcel, der mit ihm über Wohnungsreparaturen sprach, fabelhafte Verschönerungen. »Und nun die schwere Artillerie vor!« sagte der Künstler leise zu Rudolf, indem er auf die Flasche mit Rum wies. Nach dem ersten Gläschen sang der Hauswirt ein so anzügliches Lied, daß sogar Schaunard errötete. Nach dem zweiten Gläschen beichtete er seine ehelichen Enttäuschungen, und da seine Gattin Helene hieß, verglich er sich mit Menelaus. Nach dem dritten Gläschen bekam er weltschmerzliche Anwandlungen und äußerte weisheitsvolle Sätze wie die folgenden: »Das Leben strömt dahin ... Geld macht nicht glücklich ... der Mensch ist eine Eintagsfliege ... oh, wie angenehm ist doch die Liebe.« Und indem er Schaunard zum Vertrauten wählte, erzählte er ihm von seinem heimlichen Verhältnis mit einem jungen Mädchen, dem er eine prächtige Wohnung eingerichtet hatte, und das sich Euphemia nannte. Und er lieferte eine so genaue Beschreibung dieser jungen Person und ihrer hingebenden Zärtlichkeit, daß Schaunard von einem seltsamen Verdacht befallen wurde, der zur Gewißheit wurde, als ihm der Hauswirt einen Brief zeigte, den er aus der Tasche zog. »Himmel!« schrie Schaunard, als er die Unterschrift sah. »Abscheuliches Mädchen, du durchbohrst mir das Herz.« »Was hat er nur?« riefen die Zigeuner, erstaunt über diese Worte, aus. »Seht,« sagte Schaunard, »dieser Brief ist von Euphemia. Dies ist der Klex, wie sie ihn immer als Unterschrift wählt.« Und er ließ den Brief seiner früheren Geliebten herumgehen. Er begann mit den Worten: »Mein dicker Lümmel!« »Das bin ich, ihr dicker Lümmel«, sagte der Hauswirt und versuchte sich zu erheben, ohne daß es ihm aber gelang. »Sehr gut,« sagte Marcel, der ihn beobachtet hatte, »er hat Anker geworfen.« »Euphemia, grausame Euphemia!« murmelte Schaunard. »Du machst mir tiefen Schmerz.« »Ich habe ihr Rue Coquenard Nr. 12 eine kleine Wohnung im Zwischenstock eingerichtet«, sagte der Hauswirt. »Hübsch ist sie, hübsch ... sie hat mich viel Geld gekostet ... Aber die wahre Liebe fragt nicht nach Geld, und dann habe ich auch zwanzigtausend Franken Rente ... Sie fragt auch hier wieder nach Geld«, fuhr er fort, indem er den Brief wieder an sich nahm. »Armes Mäuschen! ... Ich werde ihr das da geben, es wird ihr Freude machen ...« Und er streckte die Hand nach dem von Marcel hingelegten Geld aus. »Halt, halt,« rief er, indem er erstaunt auf dem Tisch herumtastete, »wo ist es denn?« Das Geld war verschwunden. »Unmöglich kann ein anständiger Mann zu solchen verbrecherischen Machenschaften seine Hand reichen«, hatte sich Marcel gesagt. »Mein Gewissen und die Moral verbieten es, das Geld für meine Miete in die Hände dieses alten Wüstlings zu geben. Ich werde so zwar mein Quartal nicht bezahlen, aber dafür bleibt auch meine Seele ohne Gewissensbisse. Welch eine Sittenlosigkeit! Und ein Mann mit weißem Haupt!« Indessen war der Hauswirt langsam unter den Tisch gesunken und hielt den Flaschen unverständliche Ansprachen. Da er schon zwei Stunden fort war, begann seine Frau sich zu beunruhigen und schickte das Dienstmädchen, das bei seinem Anblick laute Schreie ausstieß. »Was haben Sie mit meinem Herrn gemacht?« fragte sie die Zigeuner. »Nichts«, sagte Marcel. »Er kam vor einer Weile wegen seiner Miete herein. Da wir kein Geld hatten, baten wir ihn um einen Aufschub.« »Aber er ist doch betrunken!« sagte das Mädchen. »Das war er schon in hohem Maße,« antwortete Rudolf, »als er kam. Er sagte uns, er habe seinen Weinkeller geordnet.« »Und er hatte so wenig Besinnung,« fuhr Colline fort, »daß er uns die Quittungen ohne das Geld hierlassen wollte.« »Geben Sie sie seiner Frau«, fügte der Maler hinzu, indem er ihr die Quittungen überreichte. »Wir sind anständige Menschen und wollen nicht seinen Zustand ausnutzen.« »Ach du lieber Gott, was wird die gnädige Frau sagen?« rief das Mädchen und schleppte den Hauswirt, der sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, davon. »Endlich!« schrie Marcel. »Morgen wird er wiederkommen«, sagte Rudolf. »Er hat das Geld gesehen.« »Wenn er wiederkommt,« meinte der Maler, »dann werde ich ihm androhen, ich würde seine Frau über seine Beziehungen zu Euphemia aufklären. Er wird uns schon Zeit lassen.« Als der Hauswirt fort war, begannen die vier Freunde von neuem zu trinken und zu rauchen. Nur Marcel bewahrte einen Schimmer von Bewußtsein in seinem Rausch. Immer wieder lief er bei dem geringsten Geräusch, das er auf der Treppe hörte, nach der Tür, um sie zu öffnen. Aber die Leute, die heraufstiegen, hielten stets in einem tiefer gelegenen Stockwerk an, und der Maler ging langsam wieder bis zu seinem Winkel am Kamin, wo er sich hinsetzte. Mitternacht schlug, und Fräulein Dudelsack war immer noch nicht gekommen. »Vielleicht«, dachte Marcel, »war sie nicht zu Hause, als man ihr meinen Brief brachte. Sie wird ihn heute abend, wenn sie heimkommt, finden und morgen kommen. Dann haben wir ja auch noch Feuer. Es ist unmöglich, daß sie nicht kommt. Also warten wir bis morgen!« Und er schlief in seiner Kaminecke ein. Im selben Augenblick, als Marcel einschlief, um von seiner früheren Geliebten zu träumen, verließ diese das Haus ihrer Freundin, wo sie so lange geblieben war. Aber sie befand sich nicht allein, ein junger Mann begleitete sie, ein Wagen erwartete sie an der Tür, und sie stiegen beide ein, um in schnellem Trab davonzufahren. – Die Partie Landsknecht ging noch immer weiter bei Frau Sidonie. »Wo ist denn Fräulein Dudelsack?« schrie plötzlich jemand. »Wo ist der kleine Seraphin?« fragte jemand anders. Frau Sidonie begann zu lachen. »Sie sind zusammen geflohen«, sagte sie. »Ach, das ist eine merkwürdige Geschichte. Was für ein seltsamer Mensch ist doch meine Freundin! Denken Sie sich ...« Und sie erzählte die ganze Geschichte, wie sich Fräulein Dudelsack, nachdem sie sich fast mit dem Vicomte Paul überworfen, auf den Weg gemacht hatte, um zu Marcel zu gehen, dann einen Augenblick in dieses Haus getreten war und dort den jungen Seraphin getroffen hatte. »Ich habe gleich so etwas vermutet«, sagte Sidonie, indem sie ihren Bericht unterbrach. »Ich habe sie den ganzen Abend beobachtet, er ist nicht so dumm, dieser kleine Biedermann. Kurz, sie sind auf und davon, und wer sie einholen wollte, müßte flinke Beine haben. Aber die Geschichte ist doch sehr komisch, wenn man bedenkt, wie verrückt sie auf ihren Marcel ist.« »Wenn sie auf den Maler so verrückt ist, wozu nimmt sie denn den Seraphin, dieses halbe Kind, das noch nie eine Geliebte gehabt hat?« fragte ein junger Mann. »Sie bringt ihm das Buchstabieren bei«, meinte der Journalist, der sehr boshaft sein konnte, wenn er verloren hatte. Fünf Tage lang führten die Zigeuner, ohne auszugehen, das herrlichste Leben von der Welt. Von morgens bis abends saßen sie zu Tisch. In ihrem Zimmer, das von einer unsagbaren Atmosphäre erfüllt war, herrschte eine wunderbare Unordnung. Neben einem fast ganz aus Austernschalen bestehenden Hügel lag eine Armee von Flaschen der verschiedensten Größen. Der Tisch war mit Speiseresten aller Art bedeckt, und im Kamin brannte ein wahrer Wald. Am sechsten Tag entwarf Colline, der Oberzeremonienmeister, wie er das jeden Morgen tat, die Speisenfolge für Frühstück, Mittagessen, Vesper und Abendessen und legte sie den Freunden zur Begutachtung vor, die jeder als Zeichen ihrer Zustimmung ihre Unterschrift daraufsetzten. Aber als Colline die Schublade öffnete, die als Kasse diente, um das nötige Geld für die Gerichte des Tages daraus zu entnehmen, wich er zwei Schritte zurück und wurde bleich wie Banquos Geist. »Was gibt es?« fragten gleichgültig die andern. »Was es gibt? Nur noch dreißig Sous gibt es!« sagte der Philosoph. »Hölle und Teufel!« riefen jetzt die andern. »Da werden wir unsere Speisekarte abändern müssen. Übrigens, dreißig Sous richtig angewandt ... Na, jedenfalls werden wir uns keine Trüffeln leisten können.« Eine Weile später war der Tisch gedeckt. Er zeigte drei in schönster Symmetrie aufgestellte Schüsseln: eine Schüssel mit Heringen, eine Schüssel mit Kartoffeln, eine Schüssel mit Käse. Im Kamin rauchten zwei kleine Holzscheite. Und draußen fiel immerzu der Schnee. Die vier Zigeuner setzten sich zu Tisch und entfalteten feierlich ihre Servietten. »Es ist merkwürdig,« sagte Marcel, »dieser Hering schmeckt nach Fasan.« »Das kommt von meiner guten Zubereitung«, erwiderte Colline. »Der Hering ist bisher verkannt worden.« In diesem Augenblick ertönte von der Treppe her ein lustiger Gesang, und es klopfte an der Tür. Marcel, der unwillkürlich zu zittern begann, lief hin und öffnete. Fräulein Dudelsack flog ihm an den Hals und hielt ihn fünf Minuten lang umschlungen. Marcel fühlte, wie sie in seinen Armen erbebte. »Was hast du?« fragte er. »Mir ist kalt«, sagte sie mechanisch und näherte sich dem Kamin. »Ach,« rief Marcel, »und wir hatten ein so wundervolles Feuer.« »Ja,« sagte Fräulein Dudelsack und betrachtete die fünftägigen Speisenüberreste auf dem Tisch, »ich komme zu spät!« »Warum?« fragte Marcel. »Warum?« wiederholte sie und errötete ein wenig. Sie setzte sich Marcel aufs Knie. Sie zitterte noch immer, und ihre Hände hatten einen bläulichen Schimmer. »Du warst wohl nicht frei?« fragte Marcel sie leise. »Ich, nicht frei?« schrie das hübsche Mädchen. »Ach, Marcel, wenn ich inmitten der Sterne säße, im Paradies des lieben Gottes, und du winktest mir, ich stiege zu dir hinab. Ich nicht frei!« Und sie begann von neuem zu zittern. »Es sind fünf Stühle hier«, sagte Rudolf. »Das ist eine ungleiche Zahl, abgesehen davon, daß der fünfte eine lächerliche Form hat.« Damit zerschlug er den Stuhl in Stücke und warf diese in den Kamin. Das Feuer loderte sofort zu einer hellen und anheimelnden Flamme empor. Dann gab der Dichter Colline und Schaunard ein Zeichen, und sie erhoben sich. »Wo geht ihr hin?« fragte Marcel. »Wir gehen uns Tabak kaufen«, antworteten sie. »In Havanna«, fügte Schaunard hinzu und blinzelte Marcel an, der ihm mit einem Blick dankte. »Warum bist du nicht früher gekommen?« fragte er seine Geliebte von neuem, als er mit ihr allein war. »Das ist wahr, ich habe mich etwas verspätet ...« »Fünf Tage, um über den Pont Neuf zu kommen? Du hast wohl einen Umweg über die Pyrenäen gemacht?« Sie senkte den Kopf und schwieg. »Ach, du böses Mädchen«, sagte der Maler traurig und klopfte ihr leise mit der Hand auf das Korsett. »Was hast du denn hier sitzen?« »Du weißt es wohl«, antwortete sie lebhaft. »Aber was hast du gemacht, seit ich dir geschrieben habe?« »Frage mich nicht!« antwortete sie schnell und küßte ihn mehrmals. »Frage mich nach nichts. Laß mich nur an deiner Seite warm werden, während es draußen so kalt ist. Du siehst, ich hatte mein bestes Kleid angezogen, um zu dir zu gehen ... Der arme Maurice, er begriff gar nichts, als ich fortging, um hierher zu kommen, aber es war stärker als ich ... Ich habe mich auch auf den Weg gemacht ... Es ist schön, das Feuer«, fügte sie hinzu und näherte ihre kleinen Hände den Flammen. »Ich werde bis morgen bei dir bleiben? Willst du?« »Es wird sehr kalt hier sein,« sagte Marcel, »und wir haben nichts mehr zu essen. Du bist zu spät gekommen«, wiederholte er. »Ach, was«, sagte sie. »Um so mehr erinnert das an vergangene Zeiten.« Rudolf, Colline und Schaunard blieben vierundzwanzig Stunden aus, um ihren Tabak zu finden. Als sie zurückkamen, war Marcel allein. Nach sechstägiger Abwesenheit sah der Vicomte Maurice Fräulein Dudelsack zurückkehren. Er machte ihr keinen Vorwurf und fragte nur, warum sie so traurig sei. »Ich habe mich mit Marcel gezankt«, sagte sie. »Wir sind in Streit auseinandergegangen.« »Und doch,« sagte Maurice, »wer weiß? Vielleicht kehren Sie noch einmal zu ihm zurück.« »Was wollen Sie?« erwiderte Fräulein Dudelsack. »Von Zeit zu Zeit habe ich eben das Bedürfnis, wieder einmal die Luft seines Lebens zu atmen. Mein sinnloses Dasein gleicht einem Lied. Jede Liebesgeschichte darin ist eine Strophe, aber Marcel ist der Refrain.« XIX. Mimi in Glanz und Seide »Nein, nein, Sie sind nicht mehr die alte Mimi! Sie sind heute Frau Vicomtesse, morgen werden Sie vielleicht Frau Herzogin sein, denn Sie haben Ihren Fuß auf die Leiter gesetzt, die nach oben führt. Das Tor zu Ihren Träumen hat sich Ihnen endlich weit aufgetan, und siegreich und triumphierend ziehen Sie hinein. Ich war mir übrigens dessen immer sicher, daß die eine oder die andere Nacht Sie schon einmal an Ihr Ziel bringen würde. Es ging gar nicht anders. Ihre weißen Hände waren für den Müßiggang geschaffen und riefen noch seit langem nach dem Siegelring einer aristokratischen Verbindung. Jetzt haben Sie ein Wappen! Wir aber ziehen noch immer jenes vor, das die Jugend Ihrer Schönheit gab, und auf dem sich durch Ihre blauen Augen und ihr weißes Gesicht Himmelsbläue über ein Lilienfeld zu ergießen schien. Ob Sie zum Adel oder zum Volk gehören, Sie bleiben immer entzückend, und ich habe Sie wohl erkannt, als Sie neulich des Abends mit flüchtigem Fuß und elegantem Schuhwerk durch die Straße eilten und mit behandschuhter Hand dem Wind halfen, die Volants Ihres neuen Kleides aufzuheben. Sie taten es ein wenig, um sie vor Schmutz zu schützen, am meisten aber um ihre bestickten Röcke und ihre durchbrochenen Strümpfe zu zeigen. Sie trugen einen Hut von bewunderungswürdiger Machart, und Sie schienen sogar in großer Verlegenheit zu sein wegen des kostbaren Spitzenschleiers, der von diesem kostbaren Hut herabwehte. Es war in der Tat eine schwere Verlegenheit, denn es handelte sich um die Frage, was Sie besser kleidete und Ihrer Koketterie mehr eintrug, nämlich ob Sie den Schleier herabgelassen oder aufgesteckt tragen sollten. Trugen Sie ihn herabgelassen, dann mußten Sie damit rechnen, daß Ihre Freunde, die Ihnen begegneten, Sie nicht erkannten und zehnmal dicht an Ihnen vorübergingen, ohne zu ahnen, daß sich unter dieser prächtigen Hülle Fräulein Mimi verbarg. Auf der anderen Seite, wenn Sie den Schleier aufgesteckt trugen, dann konnte man ihn übersehen, und wozu hatten Sie ihn denn. Aber Sie lösten diese Schwierigkeit in geistvollster Weise, indem Sie das wundervolle Gewebe alle zehn Schritte aufsteckten und dann wieder herabließen. Ach, Mimi ... oh, Verzeihung ... Frau Vicomtesse! Ich hatte wohl recht, als ich Ihnen sagte: Geduld, verzweifeln Sie nicht, die Zukunft birgt für Sie Kleider, Brillanten und Soupers in ihrem Schoß. Sie wollten mir damals nicht glauben, Sie Ungläubige. Nun, meine Prophezeiungen haben sich doch erfüllt, und wenn ich der Zukunft auch weiterhin mein Ohr leihe, dann höre ich das Stampfen und Wiehern von Pferden, die vor ein blaues Coupé gespannt sind, und ein bepuderter Lakai, der den Tritt vor Ihnen herabsenkt, fragt: ›Wohin fahren die gnädige Frau?‹ – Ach, und dann ganz spät, du lieber Gott, wenn Sie das Ziel eines langgehegten Ehrgeizes erreicht haben, werden Sie in Belleville oder Batignolles große Tafel halten, hofiert von alten Militärs und zahmgewordenen Seladons, die bei Ihnen heimlich dem Landsknechtspiel oder dem Bakkarat huldigen wollen. Aber bevor Sie diese Epoche erreichen, in der die Sonne Ihrer Jugend schon im Absteigen begriffen ist, werden Sie, liebes Kind, noch manche Elle Seide und Samt auftragen; manches erlebte Gut wird im Tiegel Ihrer Launen dahinschmelzen; viele Blumen werden an Ihrer Stirn welken, viele unter Ihren Füßen zertreten werden, und manchmal werden Sie Ihr Wappen wechseln. Man wird nacheinander auf Ihrem Haupt die Kronenschnur der Baronin, die Krone der Gräfin, das perlenbesetzte Diadem der Marquise glänzen sehen. Die Unbeständigkeit wird Ihre Devise sein, und Sie werden nach Laune oder Notwendigkeit einen nach dem andern, oder auch mehrere zugleich, alle Ihre zahlreichen Anbeter befriedigen, die sich im Vorzimmer Ihres Herzens anstellen, wie man vor dem Theater ansteht, wenn ein Zugstück gegeben wird. Also gehen Sie ruhig Ihren Weg, belasten Sie sich nicht mit Erinnerungen, lassen Sie nur Ihren Ehrgeiz walten. Gehen Sie, Ihr Weg ist schön, und wir wollen wünschen, daß er noch lange leicht für Ihre Füße ist. Vor allem aber wollen wir wünschen, daß all diese Kostbarkeiten, diese schönen Kleider nicht zu früh das Leichentuch werden, das Ihren frohen Sinn verschlingt.« Diese Worte richtete der Maler Marcel an das junge Fräulein Mimi, als er sie zwei oder drei Tage nach ihrer zweiten Scheidung von dem Dichter Rudolf traf. Aber obgleich er sich bemühte, die Spöttereien, die sein Horoskop durchsetzten, möglichst milde zu gestalten, ließ sich Mimi durch die süßen Worte Marcels nicht täuschen und begriff sehr gut, daß er sich ohne alle Ehrfurcht vor ihrem neuen Titel über sie maßlos lustig gemacht hatte. »Sie sind boshaft gegen mich, Marcel,« sagte Fräulein Mimi, »das ist schlecht von Ihnen, denn ich war immer sehr gut gegen Sie, als ich noch Rudolfs Geliebte war. Aber wenn ich ihn verlassen habe, so war er selbst daran schuld. Er hat mich ohne Umschweife einfach fortgejagt. Und wie hat er mich dabei in den letzten Tagen, die ich bei ihm war, behandelt? Oh, ich war damals sehr unglücklich. Sie wissen gar nicht, was für ein Mensch Rudolf ist, er besteht ganz und gar aus Jähzorn und Eifersucht und würde mich stückweise töten. Natürlich liebte er mich, aber seine Liebe war gefährlich wie eine geladene Schußwaffe, und was habe ich während der fünfzehn Monate für ein Leben geführt. Sehen Sie, Marcel, ich will mich gewiß nicht besser machen, als ich bin, aber ich habe schwer durch Rudolf gelitten, das wissen Sie ja auch selbst. Nicht wegen der Entbehrungen habe ich ihn verlassen, glauben Sie mir, daran war ich schon früher gewöhnt, nein, er hat mich weggejagt. Er hat meine Selbstachtung mit Füßen getreten, er hat mir gesagt, ich hätte keinen Anstand, wenn ich noch bei ihm bliebe. Er hat mir gesagt, er liebte mich nicht mehr, und ich sollte mir einen anderen Liebhaber suchen. Er ist sogar so weit gegangen, mich auf einen jungen Mann aufmerksam zu machen, der mir nachschlich, und hat mich durch seine Herausforderungen schließlich diesem jungen Mann in die Arme getrieben. Aus Zorn und aus Not bin ich dann zu ihm gegangen, denn ich liebte ihn nicht, ich kann nun einmal diese Art von langweiligen und sentimentalen jungen Männern nicht leiden. Schließlich bedauere ich aber doch nicht, was ich getan habe, und ich würde es in dem gleichen Falle noch einmal tun. Jetzt, da Rudolf mich nicht mehr hat, und er weiß, daß ich mit einem andern glücklich bin, ist er wütend und sehr unglücklich. Ein Bekannter von mir hat ihn neulich getroffen, er hatte rote Augen. Das setzt mich übrigens nicht in Erstaunen, ich wußte, daß es soweit mit ihm kommen und daß er mir nachlaufen werde. Aber Sie können ihm sagen, daß er seine Zeit verliert und daß es jetzt ernsthaft und für immer aus ist. Ist es lange her, Marcel, daß Sie ihn nicht gesehen haben, und hat er sich wirklich sehr verändert?« fragte sie plötzlich in einem weicheren Ton. »Gewiß, er hat sich verändert«, antwortete Marcel. »Er hat sich stark verändert.« »Sicherlich ist er verzweifelt, aber was kann ich dagegen tun? Um so schlimmer für ihn, er hat es so gewollt. Die Sache mußte schließlich einmal zu Ende gehn. Trösten Sie ihn.« »Oh, oh,« meinte Marcel ruhig, »das ist zur Hauptsache längst geschehn. Sie brauchen sich gar nicht zu beunruhigen, Mimi.« »Sie sagen nicht die Wahrheit, mein Lieber«, fuhr Mimi in etwas spöttischem Ton fort. »So schnell wird sich Rudolf nicht trösten. Sie hätten nur sehen sollen, in welchem Zustand er sich am Abend vor meinem Fortgehen befand! Es war an einem Freitag, ich wollte nicht die Nacht bei meinem neuen Geliebten zubringen, denn ich bin etwas abergläubisch, und Freitag ist ein schlechter Tag.« »Da haben Sie unrecht, Mimi. In der Liebe ist der Freitag ein guter Tag. Die Lateiner nannten ihn den Tag der Venus.« »Ich verstehe kein Latein«, sagte Fräulein Mimi und fuhr fort. »Ich kam also von Paul zurück und traf Rudolf auf der Straße, wo er auf mich gewartet hatte. Es war spät, schon nach Mitternacht, und mich quälte der Hunger, denn ich hatte schlecht diniert. Ich bat also Rudolf, mir etwas zum Abendessen zu holen. Er kam nach einer halben Stunde und war lange umhergelaufen, ohne etwas besonders Gutes aufzutreiben: Brot, Wein, Sardinen, Käse und einen Apfelkuchen. Ich hatte mich inzwischen schon ins Bett gelegt, und er deckte den Tisch neben meinem Bett. Ich tat so, als sähe ich ihn nicht, aber ich beobachtete ihn genau. Er war bleich wie der Tod, zitterte und ging im Zimmer umher, als wüßte er nicht, was er tat. In der Ecke sah er mehrere Pakete mit meinen Sachen auf der Erde liegen. Dieser Anblick schien ihm schmerzlich zu sein, und er stellte den Bettschirm vor die Pakete, um sie nicht mehr zu sehen. Als alles fertig war, begannen wir zu essen. Er wollte mich zum Trinken bewegen, aber ich hatte weder Hunger noch Durst, und mein Herz war mir schwer. Es war auch kalt, denn wir besaßen nichts, um einzuheizen, und der Wind sauste durch den Kamin. Wir waren sehr traurig. Rudolf sah mich starr an, er legte seine Hand in die meine. Ich fühlte, wie sie zitterte, sie war zugleich heiß und eisig kalt. ›Das ist das Begräbnismahl unserer Liebe‹, sagte er ganz leise. Ich antwortete nicht, hatte aber auch nicht den Mut, meine Hand aus der seinigen zu ziehen. ›Ich bin müde‹, sagte ich schließlich. ›Es ist spät, wollen wir nicht schlafen gehn?‹ Rudolf sah mich an. Ich hatte, um mich etwas gegen die Kälte zu schützen, eine seiner Halsbinden um den Kopf gewickelt. Er nahm sie ab, ohne etwas zu sprechen. ›Warum nimmst du sie ab‹, fragte ich. ›Mich friert.‹ ›O Mimi‹, sagte er jetzt. ›Bitte, das kostet dich nichts, setze für diese Nacht noch einmal deine kleine gestreifte Haube auf.‹ Es war eine weiß und braun gestreifte Nachthaube. Rudolf liebte es sehr, mich darin zu sehen, es erinnerte ihn an ein paar schöne Nächte, denn nach diesen zählten wir unsere schönen Tage. Da es die letzte Nacht war, die ich an seiner Seite verbringen sollte, wagte ich nicht, ihm diese Laune abzuschlagen. Ich stand auf und suchte meine gestreifte Haube, die in einem der Pakete lag. Dabei vergaß ich, den Bettschirm wieder davorzustellen. Rudolf aber bemerkte es und verbarg die Pakete, wie er es vorher getan hatte. ›Gute Nacht‹, sagte er. – ›Gute Nacht‹, antwortete ich ihm. Ich glaubte, er würde mich umarmen, und hätte mich ihm nicht widersetzt, aber er nahm nur meine Hand und führte sie an seine Lippen. Sie wissen, Marcel, wie leidenschaftlich er meine Hände küßte. Ich hörte seine Zähne klappern und fühlte die eisige Kälte seines Körpers. Er drückte immerzu meine Hand und legte sein Gesicht auf meine Schulter, die bald ganz mit Tränen benetzt war. Rudolf befand sich in einem schrecklichen Zustand. Er biß in die Bettücher, um nicht laut zu schreien, aber ich hörte sein ersticktes Schluchzen und fühlte immerzu auf meine Schulter die Tränen fallen, die zuerst brannten und dann eisig kalt wurden. In diesem Augenblick mußte ich all meine Kraft aufbieten, um nicht weich zu werden. Ich brauchte nur ein Wort zu sagen, nur meinen Kopf umzuwenden, dann hätte mein Mund Rudolfs Mund gefunden, und wir hätten uns noch einmal versöhnt. Ach, einmal war es mir wirklich, als stürbe er in meinen Armen, oder er würde wenigstens wahnsinnig, wie er ja einmal schon fast geworden ist. Ich fühlte, wie ich nachzugeben begann. Ich wollte schon die erste sein, ich wollte ihn mit meinen Armen umfangen, denn man mußte tatsächlich herzlos sein, um einem solchen Schmerz gegenüber unempfindlich zu bleiben. Aber dann erinnerte ich mich plötzlich der Worte, die er mir gesagt hatte: ›Du hast kein Anstandsgefühl, wenn du noch hierbleibst, denn ich liebe dich nicht mehr!‹ Ja, als ich mich an diese grausamen Worte erinnerte, wenn jetzt Rudolf im Todeskampf gelegen wäre und ein Kuß von mir ihn hätte retten können, ich hätte meine Lippen abgewandt und ihn sterben lassen. Schließlich versank ich, bezwungen von meiner Müdigkeit, in einen Halbschlaf. Dabei hörte ich Rudolf immerzu weinen, und ich schwöre Ihnen, Marcel, dieses Weinen dauerte die ganze Nacht hindurch. Und als es Tag wurde, und ich in dem Bett, in dem ich zum letztenmal geschlafen hatte, diesen Geliebten sah, den ich verlassen sollte, um in die Arme eines anderen zu gehen, da erschrak ich furchtbar, als ich auf Rudolfs Gesicht die Verwüstungen sah, die der Schmerz darin eingeschrieben hatte. Er erhob sich wie ich, ohne etwas zu sagen, und er wäre beim ersten Schritt fast gefallen, so schwach war er. Trotzdem zog er sich schnell an und fragte mich nur, wie es mit mir stände und wann ich fortginge. Ich antwortete ihm, ich wüßte es noch nicht. Er ging fort, ohne mir Adieu zu sagen oder mir die Hand zu drücken. So haben wir uns verlassen. Was muß es für ihn für ein Schlag gewesen sein, als er zurückkam und mich nicht mehr antraf.« »Ich war gerade da, als Rudolf zurückkam«, sagte Marcel zu Mimi, die vom vielen Reden ganz außer Atem war. »Als er sich von der Pförtnersfrau den Schlüssel geben ließ, sagte diese: ›Die Kleine ist fort.‹ ›Ah,‹ antwortete Rudolf, ›das wundert mich nicht. Ich dachte es mir.‹ Und er ging in sein Zimmer hinauf, während ich ihm folgte, denn ich fürchtete auch eine Krisis. Aber es geschah gar nichts dergleichen. ›Heute ist es zu spät,‹ sagte er, ›um ein anderes Zimmer zu mieten, wir wollen das morgen zusammen tun. Jetzt gehn wir dinieren.‹ Ich dachte, er würde sich betrinken, aber ich täuschte mich. Wir nahmen ein bescheidenes Diner in einem Restaurant ein, wo Sie auch schon ein paarmal mit ihm waren. Ich hatte zum Trinken Beaune bestellt, um Rudolf etwas aufzuheitern. ›Das war ein Lieblingswein von Mimi‹, sagte er. ›Wir haben ihn oft an diesem Tisch, wo wir jetzt sitzen, zusammen getrunken. Sie trank übrigens viel, die gute Mimi.‹ Da ich sah, daß er sich in gefühlvolle Erinnerungen vertiefen wollte, sprach ich von anderen Dingen, und es war nicht mehr von Ihnen die Rede. Er verbrachte den ganzen Abend mit mir und schien so ruhig wie das Mittelmeer zu sein. Was mich dabei am meisten wunderte, war, daß diese Ruhe nichts Erzwungenes an sich hatte. Es war unverkennbare Gleichgültigkeit. Gegen Mitternacht gingen wir nach Hause. ›Du scheinst erstaunt zu sein,‹ sagte er zu mir, ›mich in meiner augenblicklichen Lage so ruhig zu finden. Gestatte mir einen Vergleich, der vielleicht etwas trivial ist, aber doch den Vorzug hat, sehr richtig zu sein. Mein Herz gleicht einem Regenfaß, dessen Abflußhahn die ganze Nacht offengestanden hat. Des Morgens befindet sich auch kein Tropfen Wasser mehr darin. Mir ist es tatsächlich so gegangen, ich habe die ganze Nacht geweint, und es sind keine Tränen übriggeblieben. Es ist merkwürdig, ich fühle auch nicht mehr den geringsten Schmerz, und in diesem Bette, wo ich neben einer Frau, die so unempfindlich war wie ein Stein, fast meine Seele ausgehaucht hätte, werde ich jetzt schlafen wie ein Lastträger, der den ganzen Tag gearbeitet hat.‹ ›Komödie!‹ dachte ich im stillen. ›Sobald ich fort bin, wird er mit dem Kopf gegen die Mauer schlagen.‹ Ich ließ jedoch Rudolf allein und ging in mein Zimmer hinauf, legte mich aber nicht zu Bett. Um drei Uhr morgens glaubte ich in Rudolfs Zimmer ein Geräusch zu hören, und schnell stieg ich hinab, denn ich dachte, ich würde ihn in einer fieberhaften Erregung finden ...« »Nun, und?« fragte Mimi. »Nun, mein liebes Kind, Rudolf schlief. Das Bett war nicht aufgewühlt, und alles sah danach aus, daß der Schlaf sehr ruhig gewesen war.« »Es ist möglich«, sagte Mimi. »Er war von der vorhergegangenen Nacht zu ermüdet. Aber am nächsten Morgen?« »Am nächsten Morgen hat Rudolf mich zu früher Stunde geweckt, und wir suchten uns in einem anderen Hause Zimmer, in die wir noch an demselben Abend einzogen.« »Aber was machte er,« fragte Mimi, »als er das alte Zimmer verließ? Was sagte er, als er sich von dem Raum verabschiedete, in dem er mich so sehr geliebt hat?« »Er hat ruhig seine Sachen gepackt«, antwortete Marcel. »Und als er in einer Schublade ein Paar Handschuhe von Ihnen fand, die Sie vergessen hatten, und ebenso zwei oder drei Briefe von Ihnen ...« »Ich weiß schon«, sagte Mimi in einem Ton, als wollte sie sagen: Ich habe sie absichtlich vergessen, damit er ein Andenken an mich hat. »Was hat er damit gemacht?« »Wenn ich mich recht erinnere,« antwortete Marcel, »so hat er die Briefe in den Kamin geworfen und die Handschuhe zum Fenster hinaus. Aber er tat es ohne theatralische Geste, ganz natürlich, so wie man eine wertlose Sache fortwirft.« »Mein lieber Herr Marcel, ich wünsche von Herzen, daß diese Gleichgültigkeit anhalten möchte. Aber noch einmal und in aller Aufrichtigkeit: ich glaube nicht an eine so schnelle Heilung, und trotz allem, was Sie mir erzählt haben, bin ich überzeugt, daß sein Herz gebrochen ist.« »Möglich,« antwortete Marcel, indem er sich von Mimi verabschiedete, »ich müßte mich aber sehr täuschen, wenn die einzelnen Stücke nicht noch sehr lebenskräftig sind.« Während dieses Gespräch auf offener Straße stattfand, wartete der Vicomte Paul auf seine neue Geliebte, die sich sehr verspätete und gar nicht nett gegen den Herrn Vicomte war. Er warf sich ihr zu Füßen und girrte ihr seine Liebesromanze vor, die immer wieder dieselbe war und darin bestand, daß Mimi reizend sei, bleich wie der Mond und sanft wie ein Lamm, daß er sie aber vor allem wegen ihrer Herzensschönheit liebe. »Ach,« dachte Mimi gelangweilt, »mein Geliebter Rudolf redete nicht so eintönig.« Rudolf schien tatsächlich, wie Marcel es gesagt hatte, von seiner Liebe zu Fräulein Mimi gründlich geheilt zu sein, und drei oder vier Tage nach der Trennung sah man den Dichter wie umgewandelt wieder erscheinen. Er war so elegant gekleidet, daß ihn sein eigener Spiegel nicht mehr wiedererkannt hätte. Nichts an ihm schien das Gerücht zu bestätigen, das das Fräulein mit geheuchelter Teilnahme über ihn verbreitet hatte, nämlich daß er beabsichtige, sich das Leben zu nehmen. Rudolf war in der Tat vollkommen ruhig. Ohne mit einer Wimper zu zucken hörte er die Berichte, die ihm über das neue und luxuriöse Leben seiner früheren Geliebten zugetragen wurden, denn das junge Mädchen verfehlte nicht, durch eine Freundin, die fast jeden Abend Gelegenheit hatte, Rudolf zu sehen, diesen über ihr Dasein auf dem laufenden zu halten. »Mimi ist sehr glücklich mit dem Vicomte Paul«, sagte die Freundin zu dem Dichter. »Sie scheint wahnsinnig in ihn vernarrt zu sein. Nur eins beunruhigt sie. Sie fürchtet, Sie könnten ihre Ruhe durch Verfolgungen stören, die übrigens für Sie gefährlich wären, denn der Vicomte betet seine Geliebte an, und er hat zwei Jahre Fechtunterricht gehabt.« »Oh, sie kann ruhig schlafen,« antwortete Rudolf, »ich habe durchaus nicht die Absicht, Essig in den süßen Honig ihrer Liebe zu gießen. Und ihr Geliebter mag seinen Degen in der Scheide lassen, ich werde mich doch nicht an einem jungen Edelmann vergreifen, der noch in den Säuglingsjahren seiner Illusionen ist.« Aber wenn man Mimi die gleichgültige Art, mit der ihr früherer Geliebter alle diese Dinge aufnahm, mitteilte, dann zuckte sie nur die Schultern und sagte: »Schön, sehr schön, wir werden schon in einigen Tagen sehen, was daraus wird.« Eines Abends begegnete Rudolf einem befreundeten Dichter, den er seit seiner Trennung von Mimi noch nicht gesehen hatte. Rudolf schien bedrückt und traurig zu sein, er eilte mit langen Schritten über die Straße und ließ seinen Stock durch die Luft wirbeln. »Ach, das sind Sie!« sagte der Dichter, und indem er Rudolf die Hand reichte, musterte er ihn aufmerksam. Da er seine bekümmerte Miene sah, glaubte er einen tröstenden Ton anschlagen zu müssen. »Mut, lieber Freund, ich weiß, so etwas schmerzt, aber einmal mußte es doch dahin kommen. Besser jetzt als später, und in drei Monaten werden Sie völlig geheilt sein.« »Was reden Sie da für einen Unsinn?« fragte Rudolf. »Ich bin doch nicht krank.« »Aber du lieber Himmel,« sagte der andere, »verstellen Sie sich doch nicht. Ich weiß doch von dieser Geschichte, und wenn ich sie nicht wüßte, würde ich sie Ihnen vom Gesicht ablesen.« »Ich glaube, Sie irren sich«, erwiderte Rudolf. »Ich bin etwas verstimmt diesen Abend, das ist wahr, aber über die Ursachen dieser Mißstimmung sind Sie ganz auf dem Holzwege. Die Sache ist die, daß mein Schneider mir heute einen neuen Frack liefern wollte und nicht Wort gehalten hat. Deswegen bin ich ärgerlich.« »Na, na,« sagte der Dichter lachend, »das müssen Sie mir noch erst erläutern, wie jemand dazu kommt, ein so betrübtes Gesicht zu machen, nur weil ihm der Schneider nicht Wort gehalten hat.« »Und doch ist es sehr einfach«, antwortete Rudolf. »Ein Grund führt nämlich den andern herbei. Ich hatte mich zu heute abend mit einer jungen Dame verabredet, die ich in einer Gesellschaft treffen und nachher mit in meine Wohnung nehmen wollte. Zu der Gesellschaft kann ich nur im Frack gehen, und da ich keinen hatte, sollte mir der Schneider einen bringen. Er bringt mir aber keinen, ich kann nicht in die Gesellschaft gehen und die Dame treffen, die jetzt vielleicht jemand anders trifft und von ihm nach Hause geführt wird. Mir entgeht also ein Glück oder ein Vergnügen, und das ist der Grund, weshalb ich betrübt bin.« »Schön«, sagte der Freund. »Sie sind also glücklich mit einem Fuß aus der Hölle heraus und wollen sich schon wieder in eine neue stürzen? Übrigens, mein lieber Freund, vorhin, als ich Sie sah, hatte ich den Eindruck, als ob Sie hier auf jemand warteten.« »Das tue ich auch tatsächlich.« »Aber wir sind hier doch in dem Viertel, wo Ihre frühere Geliebte wohnt. Sollten Sie etwa auf diese lauern.« »Ganz und gar nicht. Ich befinde mich nicht auf den Spuren meiner früheren Leidenschaft, sondern auf denen einer neuen. Es handelt sich um eine andere junge Dame, mit der ich mich schon halb verständigt habe.« »Wirklich!« rief der Dichter. »Sie scheinen eine sehr verliebte Natur zu sein!« »Ich kann es nicht ändern«, antwortete Rudolf. »Mein Herz gleicht einer möblierten Wohnung, die man weitervermietet, wenn der frühere Mieter sie verläßt. Wenn eine Liebe aus meinem Herzen auszieht, schlage ich einen Zettel an, um eine neue Liebe zu finden. Die Wohnung ist übrigens neu hergerichtet und gleich beziehbar.« »Und wer ist die neue Göttin? Wo und wann haben Sie sie kennengelernt?« »Erzählen wir es der Reihe nach«, sagte Rudolf. »Als Mimi mich verlassen hatte, glaubte ich, ich würde mich nie wieder in meinem Leben verlieben. Für mich war die Liebe tot, sehr tot, ganz und gar tot, und um sie feierlich zu begraben, gab ich ein kleines Trauermahl, zu dem ich einige Freunde einlud. Die Tischgenossen sollten betrübte Gesichter machen, und die Flaschen waren mit schwarzem Flor umbunden.« »Mich haben Sie aber nicht eingeladen.« »Verzeihung, aber ich wußte nicht die Adresse der Wolke, auf der Sie zu thronen pflegen. Nun, einer der Gäste hatte ein junges Mädchen mitgebracht, das ebenfalls vor kurzem von ihrem Geliebten verlassen war, und ein Freund von mir, der immer sehr stark auf dem Cello der Gefühlsseligkeit spielt, erzählte ihr meine Geschichte. Er sprach mit dieser jungen Witwe über die prächtigen Eigenschaften meines Herzens, das wir gerade begraben wollten, und lud sie ein, auf die ewige Ruhe dieses Herzens zu trinken. ›Ach was‹, sagte sie, indem sie ihr Glas erhob, ›ich trinke im Gegenteil auf sein fröhliches Weiterleben‹, und sie warf mir einen Blick zu, der wirklich Tote erwecken konnte. Jedenfalls wirkte der Blick bei mir so, denn sie hatte ihren Trinkspruch noch nicht beendigt, als ich auch schon einen Auferstehungskantus anstimmte. Oder hätten Sie an meiner Stelle anders gehandelt?« »Eine nette Frage! ... Wie heißt sie?« »Das weiß ich noch nicht, ich werde sie erst nach ihrem Namen fragen, wenn wir unseren Ehebund schließen. Ich weiß sehr gut, daß ich nach der ehrsamen Ansicht gewisser Leute noch nicht die gesetzliche Trauerzeit hinter mir habe, aber ich werde bei mir selbst ein Gesuch einreichen und mir Dispens erteilen. Jedenfalls bringt mir meine Zukünftige als Mitgift ihren Frohsinn mit, der die Gesundheit der Seele, und ihre Gesundheit, die der Frohsinn des Körpers ist.« »Ist sie hübsch?« »Sehr hübsch, ihr Gesicht ist reizend. Man sollte glauben, sie schminke sich jeden Morgen mit dem Pinsel Watteaus: Blond ist sie, Freund, und wo ihr Blick hingeht, Ein jedes Herz in hellen Flammen steht – Beweis, das meinige!« »Eine Blondine? Wirklich?« »Ja, ich habe genug von Elfenbein und Ebenholz, ich gehe zu Blond über.« »Arme Mimi,« sagte der Freund, »so schnell bist du vergessen!« Zwei Tage später erfuhr Fräulein Mimi, daß Rudolf eine neue Geliebte hätte. Sie erkundigte sich vor allem nach einer Sache, ob er der neuen auch so häufig die Hand küsse wie früher ihr. »Mindestens so oft«, antwortete Marcel. »Außerdem küßt er ihr auch noch die Haare, eins nach dem andern, und sie werden wohl zusammen bleiben, bis er mit allem durch ist.« »Ach,« sagte Mimi und strich sich mit der Hand über ihre Frisur, »es ist nur ein Glück, daß er nicht schon bei mir auf den Gedanken gekommen ist, wir wären unser ganzes Leben lang zusammengeblieben. Glauben Sie wirklich, daß er mich gar nicht mehr liebt?« »Bah! ... Lieben Sie ihn denn noch?« »Ich, ich habe ihn überhaupt noch nie geliebt.« »Doch, Mimi, doch. Sie haben ihn in den Stunden geliebt, wo das Herz der Frauen sich hingibt. Sie haben ihn geliebt und brauchen sich nicht zu entschuldigen, denn gerade das spricht für Sie.« »Ach was,« sagte Mimi, »jetzt liebt er aber doch eine andere.« »Das ist wahr,« meinte Marcel, »aber das macht nichts. Später wird die Erinnerung an Sie für ihn einmal wie eine jener Blumen sein, die man ganz frisch und noch duftend zwischen die Blätter eines Buches legt. Man findet sie später erstorben, entfärbt, verwelkt, aber immer noch von einem leisen Duft ihrer ersten Frische erfüllt.« Eines Abends sagte der Vicomte Paul zu Mimi, die mit leiser Stimme vor sich hinträllerte: »Was singen Sie da, lieber Schatz?« »Das Grablied unserer Liebe, das mein Geliebter Rudolf kürzlich gedichtet hat.« Und sie begann zu singen: »Der letzte Sou ist nun entschwunden, Das ist für uns ein wichtiger Scheidungsgrund, Und ohne Tränen nach so schönen Stunden, So trennen wir uns kühl von Bett und Mund. Es war ein Kranz von wundervollen Tagen, Von Nächten, die durch Glück und Liebe hell, Und waren kurz sie auch – wozu da klagen? Die schönen Stunden schwinden immer schnell.« XX. Romeo und Julia Elegant wie ein Modekupfer aus seiner Zeitschrift ›Der Regenbogen‹, in Handschuhen und Lackschuhen, frisiert, mit gekräuseltem Schnurrbart, den Spazierstock in der Hand, das Monokel im Auge, strahlend, jung und einfach hübsch – so stand an einem Novemberabend unser Freund, der Dichter Rudolf, und wartete auf eine Droschke, um sich nach Hause fahren zu lassen. Rudolf, der auf eine Droschke wartete? Was für ein Geldstrom war da plötzlich in sein Leben hineingeflossen? Zu dieser selben Stunde, da der verwandelte Dichter seinen Schnurrbart drehte und auf einer ungeheuren Regaliazigarre kaute, während seine Blicke nach schönen Damen ausschauten, kam auch einer seiner Freunde über den nämlichen Boulevard. Es war der Philosoph Colline. Rudolf sah ihn kommen und erkannte ihn schnell, wie ihn ja jeder, der ihn nur einmal gesehen hatte, für immer im Gedächtnis behielt. Colline war wie stets mit einem Dutzend alter Scharteken beladen. In seinem unsterblichen braunen Mantel, bei dessen Unverwüstlichkeit man auf den Gedanken kam, er sei schon von den alten Römern erbaut, und in dem berühmten Hut mit den breiten Krempen, den man den Mambrinshut der modernen Philosophie nannte, ging Gustav Colline mit langsamen Schritten dahin und deklamierte ganz leise das Vorwort zu einem Werk, das seit drei Monaten – in seiner Phantasie im Druck war. Als er sich der Stelle näherte, wo Rudolf stand, glaubte ihn Colline einen Augenblick zu erkennen, aber die unendliche Eleganz, die der Dichter ausstrahlte, stürzte den Philosophen doch wieder in Zweifel und Ungewißheit. »Rudolf in Handschuhen mit einem Spazierstock! Halluzination, Utopie, Geistesverwirrung! Rudolf frisiert – mit seinem kahlen Kopf! Wo hatte ich denn nur meine Augen? Übrigens wird zu dieser Stunde mein armer Freund dabei sein, in wehmütigen Versen den Verlust der jungen Mimi zu beklagen, die ihn ja verlassen haben soll. Eigentlich ist es schade, daß diese junge Schöne fort ist, sie verstand es ganz ausgezeichnet, den Kaffee zuzubereiten, diesen Trank erlesener Geister. Aber Rudolf wird sich hoffentlich trösten und sich bald eine neue Kaffeemaschine anschaffen.« Colline war über sein Wortspiel so entzückt, daß er sich am liebsten selbst Bravo! zugerufen hätte, aber in diesem Augenblick langte er dicht bei Rudolf an und mußte sich hier vor der Macht der Tatsachen beugen. Es war doch Rudolf, frisiert, mit Handschuhen und Spazierstock! Das Unmögliche erwies sich als wahr. »Donnerwetter!« rief Colline. »Ich täusche mich nicht. Das bist du, ich zweifle nicht mehr!« »Ich auch nicht«, antwortete Rudolf. Colline begann jetzt mit dem größten Erstaunen seinen Freund in Augenschein zu nehmen, und er bemerkte plötzlich zwei seltsame Gegenstände an ihm, über deren Zweck er nicht ins klare kam, nämlich eine Strickleiter und einen Käfig, in dem irgendein Vogel sich bewegte. »Nun ja,« sagte Rudolf zu seinem Freund, »ich sehe dir deutlich am Gesicht ab, wie du dich vor Neugierde verzehrst. Ich will dich zufriedenstellen. Aber wir wollen die Straße verlassen, es ist so kalt, daß deine Fragen und meine Antworten erfrieren würden.« Und sie traten beide in ein Café hinein. Die Augen Collines verließen indessen weder die Strickleiter noch den Käfig, in dem der kleine Vogel, den die Luft im Café erwärmt hatte, nunmehr zu singen anfing. Aber es war eine Sprache, die der polyglotte Colline durchaus nicht verstand. »Zunächst,« fragte der Philosoph, indem er auf die Strickleiter wies, »was ist das?« »Das ist ein Bindeglied zwischen meiner lieben Freundin und mir«, antwortete Rudolf in einem singenden Ton. »Und dies da?« fragte Colline und wies auf den Vogel. »Das«, sagte der Dichter mit fast schmelzender Stimme, »ist eine Uhr.« »Bitte sprich zu mir ohne poetische Vergleiche, in gemeiner Prosa, aber so, daß man es verstehen kann.« »Gern. Hast du Shakespeare gelesen?« »Ob ich ihn gelesen habe! To be or not to be . Er war ein großer Philosoph ... Jawohl, ich habe ihn gelesen.« »Erinnerst du dich an Romeo und Julia?« »Ob ich mich daran erinnere!« sagte Colline. Und er begann zu deklamieren: »Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang ... Zum Donnerwetter, ich erinnere mich schon. Aber was soll das?« »Wie?« fragte Rudolf, indem er auf die Strickleiter und den Vogel wies. »Das begreifst du nicht? Es ist doch genau wie in dem Drama: Ich bin verliebt, mein Freund, verliebt in eine Frau, die Julia heißt.« »Ja, und dann ...?« fuhr Colline ungeduldig fort. »Nun, da meine neue Göttin Julia heißt, so bin ich auf den Gedanken gekommen, mit ihr das Drama von Shakespeare zu spielen. Vor allem nenne ich mich nicht mehr Rudolf, sondern Romeo Montague, und du tust mir einen Gefallen, wenn du mich nie anders nennst. Ich werde mir übrigens, damit es die ganze Welt erfährt, neue Visitenkarten machen lassen. Aber das ist nicht alles, ich werde, da wir uns im Karneval befinden, die Gelegenheit benützen und ein Samtwams mit einem Degen tragen.« »Um Tybald zu töten?« fragte Colline. »Natürlich«, fuhr Rudolf fort. »Die Strickleiter schließlich, die du hier siehst, benutze ich dazu, um zu meiner Geliebten zu gelangen, die zufällig wirklich einen Balkon besitzt.« »Aber der Vogel, der Vogel?« fragte Colline hartnäckig. »Nun, der Vogel, der eine Taube ist, soll die Rolle der Nachtigall spielen und mir jeden Morgen den genauen Zeitpunkt ansagen, wenn ich mich den angebeteten Armen meiner Geliebten entziehen will, und sie, indem sie meinen Hals umschlingt, mit ihrer süßen Stimme genau wie in der Balkonszene sagen wird: ›Nein, der Tag ist ja noch fern, es war die Lerche nicht ...‹ mit anderen Worten: es ist noch nicht elf Uhr, die Straßen sind schmutzig, geh' noch nicht, wir haben es hier gemütlich! Um endlich die Nachahmung vollständig zu machen, werde ich sehen, daß ich eine Amme auftreibe, die ich zur Verfügung meiner Vielgeliebten stelle. Auch hoffe ich, daß der Kalender freundlich genug sein wird, mir von Zeit zu Zeit etwas Mondschein zu verschaffen, während ich den Balkon meiner Julia ersteige. Was sagst du zu meinem Plan, Philosoph?« »Hübscher kann es nicht sein«, meinte Colline. »Aber könntest du mir nicht auch das Geheimnis deines eleganten Aussehens verraten, das dich ganz unkenntlich macht? ... Du bist also reich geworden?« Rudolf antwortete nicht, aber indem er dem Kellner winkte, warf er ihm nachlässig ein Zwanzigfrankstück zu und sagte: »Halten Sie ab!« Dann klopfte er auf seine Börse, in der es zu klingen begann. »Du hast wohl einen Glockenturm in der Tasche, daß das so klingt?« »Nur ein paar Goldstücke!« »Goldstücke?« fragte Colline mit einer vor Staunen erstickten Stimme. »Zeig' doch einmal eins her, wie sie aussehen.« Dann trennten sich die beiden Freunde, Colline, um überall die Nachricht von Rudolfs verschwenderischem Leben und seiner Liebe zu erzählen, der Dichter, um nach Hause zu fahren. Dieses Zusammentreffen ereignete sich in der Woche nach dem zweiten Abbruch der Liebesbeziehungen zwischen Rudolf und Mimi. Der Dichter hatte, als ihn seine Geliebte verlassen, das Bedürfnis empfunden, sein Logis zu wechseln, und war mit seinem Freund Marcel in ein anderes Haus gezogen. Das Zimmer, das Rudolf diesmal wählte, war unvergleichlich schöner als alle, die er früher gehabt hatte. Es gab hier fast anständige Möbel, vor allem ein Sofa, dessen roter Bezug sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Samt hatte. Ferner standen auf dem Kamin zwei Porzellanvasen mit aufgemalten Blumen und in der Mitte eine Alabasterstanduhr mit schrecklichen Verzierungen. Rudolf setzte die Vasen in einen Schrank, und da der Hauswirt gerade kam, um die Uhr, die stehengeblieben war, in Gang zu setzen, bat ihn der Dichter, es nicht zu tun. »Ich habe nichts dagegen,« sagte er, »daß die Uhr auf dem Kamin bleibt. Aber sie bleibt nur als Kunstgegenstand. Sie zeigt jetzt gerade Mitternacht, das ist eine schöne Stunde, und darauf soll sie stehenbleiben! Am Tage, wo sie fünf Minuten nach zwölf anzeigt, ziehe ich aus.« Wenige Tage später erstrahlte dieses Zimmer im hellsten Glanz und hallte von dem Lärm froher Gäste wider. Es wurde das Einweihungsfest gefeiert, und zahlreiche Flaschen erklärten die lustige Stimmung der Eingeladenen. Rudolf selbst verfiel dem ansteckenden Frohsinn seiner Freunde, und in einem Winkel begann er einer zufällig erschienenen jungen Frau aufs zärtlichste den Hof zu machen. Gegen Ende des Festes waren sie so weit, daß sie für den folgenden Tag ein Zusammentreffen verabredeten. Fräulein Julia fand sich auch am nächsten Abend pünktlich ein, doch kamen sie an dem Tage nicht über gegenseitige Erklärungen hinaus. Julia hatte erfahren, daß Rudolf sich erst kürzlich von einem blauäugigen Mädchen, das er sehr geliebt, getrennt hatte. Sie wußte auch, daß einer früheren Trennung schon einmal eine Versöhnung gefolgt war, und wollte nicht das Opfer einer Wiederkehr der alten Liebe werden. »Sehen Sie,« sagte sie mit einer hübschen, eigenwilligen Geste, »ich möchte nicht gern eine lächerliche Rolle spielen. Ich sage Ihnen jetzt schon, daß ich sehr böse werden kann. Bin ich erst einmal hier die Herrin, so bleibe ich auch und weiche nicht vom Platze.« Rudolf bot seine ganze Beredsamkeit auf, um sie zu überzeugen, daß ihre Furcht unbegründet sei, und sie kamen auch zu einer Verständigung. Aber sie ließ sich doch nicht davon abbringen, um Mitternacht aufzubrechen. »Wozu diese Eile?« sagte sie. »Wir kommen doch dahin, wohin wir wollen, wenn wir uns auch unterwegs aufhalten. Ich bin morgen wieder da.« Und so kam sie eine Woche lang jeden Abend, um, sobald es zwölf schlug, wieder fortzugehn. Dieses kleine, gefühlvolle Vorspiel hatte zur Folge, daß Rudolf sich tiefer in die Sache verstrickte, als er anfangs beabsichtigt hatte. Fräulein Julia arbeitete auch bewußt darauf hin, aus seiner anfänglichen Laune durch ihr geschicktes Widerstreben eine wirkliche Liebe zu entwickeln. Bei jedem neuen Besuch, den sie Rudolf machte, bemerkte sie in allem, was er sagte, seine zunehmende Neigung. Er zeigte, wenn sie sich etwas verspätete, jene bezeichnende Ungeduld, die das junge Mädchen entzückte, und er schrieb ihr sogar Briefe, deren Sprache in ihr die Hoffnung erweckte, daß sie demnächst seine legitime Geliebte werden würde. Indessen bemerkte auch Rudolf, daß es jetzt nur noch an ihm lag, diesem kleinen Roman einen glücklichen Abschluß zu geben, und es geschah gerade hierbei, daß er auf den Gedanken kam, Shakespeare in seinem Liebesspiel von Romeo und Julia nachzuahmen. Seine zukünftige Geliebte fand die Idee herrlich und versprach, den Scherz voll und ganz mitzumachen. Es war gerade an dem Abend, da die Vereinigung stattfinden sollte, als Rudolf den Philosophen Colline traf. Der Dichter hatte soeben die seidene Strickleiter gekauft, um damit den Balkon seiner Julia zu erklettern. Der Vogelhändler, an den er sich wandte, besaß leider keine Nachtigall, und so erstand Rudolf dafür eine Taube, von der man ihm sagte, daß sie jeden Morgen beim Beginn der Morgendämmerung sänge. Zu Hause angekommen überlegte der Dichter, daß es keine so leichte Sache sei, an einer Strickleiter hinaufzuklettern, und daß es daher gut sei, die Balkonszene etwas einzuüben, wenn er nicht, ganz abgesehen von einem Absturz, Gefahr laufen wollte, in den Augen derer, die ihn erwartete, lächerlich und ungeschickt zu erscheinen. Er befestigte also seine Strickleiter an zwei Nägeln, die er gut in die Zimmerdecke geschlagen hatte, und verbrachte die ihm noch verbleibenden zwei Stunden mit turnerischen Übungen. Schließlich gelangte er nach unzähligen Versuchen so weit, daß er etwa zehn Sprossen erklettern konnte. »Gut,« sagte er sich, »ich bin jetzt meiner Sache sicher. Und sollte ich übrigens wirklich steckenbleiben, so würde die Liebe mir Flügel verleihen.« Und so begab er sich, mit der Strickleiter und dem Taubenkäfig beladen, zu Julia, die in seiner Nachbarschaft wohnte. Ihr Zimmer lag im Gartenhaus und besaß tatsächlich eine Art Balkon. Nur befand sich dieses Zimmer im Erdgeschoß, und so konnte man den Balkon auf die leichteste Art von der Welt ersteigen. Rudolf war auch äußerst verblüfft, als er diesen Zustand entdeckte, der sein ganzes poetisches Kletterprojekt zuschanden machte. »Es schadet nichts,« sagte er zu Julia, »wir können trotzdem die Balkonszene spielen. Hier ist ein Vogel, der uns morgen durch seine melodiöse Stimme wecken und uns den genauen Zeitpunkt sagen wird, wann wir uns verzweiflungsvoll voneinander trennen müssen.« Damit stellte Romeo seinen Käfig in eine Ecke des Zimmers. Am andern Morgen um fünf Uhr tat die Taube auch ihre Schuldigkeit und erfüllte das ganze Zimmer mit einem anhaltenden Gurren, das die Liebenden sicher geweckt hätte, wenn sie überhaupt geschlafen hätten. »Hörst du?« fragte Julia. »Jetzt ist der Augenblick da, um auf den Balkon zu gehen und uns verzweifelt voneinander zu verabschieden. Was hältst du davon?« »Die Taube geht vor«, sagte Rudolf. »Wir sind im November, und da steht die Sonne erst um Mittag auf.« »Das ist egal,« sagte Julia, »ich stehe jetzt auf.« »Warum? Was willst du tun?« »Mein Magen ist leer, und ich kann dir nicht verbergen, daß ich gerne etwas essen möchte.« »Es herrscht doch eine wunderbare Harmonie in unseren Gefühlen, ich habe ebenfalls einen furchtbaren Hunger«, sagte Rudolf, indem er sich auch erhob und schnell in die Kleider schlüpfte. Julia hatte schon Feuer angemacht und suchte in ihrem Speiseschrank nach eßbaren Dingen. Rudolf half ihr beim Suchen. »Halt,« sagte er, »Zwiebeln!« »Und Speck«, sagte Julia. »Und Butter.« »Und Brot.« Ach, das war alles! Während ihres Suchens sang die Taube froh und unbesorgt auf ihrer Stange weiter. Romeo sah Julia an, Julia sah Romeo an, dann richteten sie gemeinsam ihre Blicke auf die Taube. Sie sagten sich weiter nichts. Das Schicksal der Taubenuhr war besiegelt. Und hätte sie auch Berufung eingelegt, es wäre vergebene Liebesmühe gewesen, denn der Hunger ist ein grausamer Richter. Rudolf hatte ein Kohlenfeuer angezündet und briet Speck in zerlassener Butter. Er machte eine ernste und feierliche Miene. Julia enthäutete in melancholischer Haltung Zwiebeln. Die Taube sang noch immer, es war ihr Schwanengesang. Und als Begleitung zu diesem Sterbelied zischte die Butter in der Pfanne. Fünf Minuten später sang nur noch die Butter, die Taube war verstummt. Romeo und Julia hatten ihre Uhr in einen Braten verwandelt. »Sie hatte eine hübsche Stimme«, sagte Julia, indem sie sich an den Tisch setzte. »Sie war ein zartes Wesen«, meinte Romeo und zerschnitt seine braungebratene Weckeruhr. Die beiden Liebenden sahen sich an, und zu ihrem Staunen bemerkten sie jeder eine Träne im Auge des andern. ... Diese Heuchler! Es waren die Zwiebeln, die sie zum Weinen gebracht hatten. XXI. Mimis Ende Der Dichter Rudolf hatte sich in das Verhältnis mit der blonden Julia eingelassen, um sich über den Bruch mit seiner Mimi zu trösten. Aber während ihn so der Ärger trieb, war es bei ihr eine flüchtige Laune, die keinen langen Bestand haben konnte. Das junge Mädchen war im Grunde nichts als ein leichtfertiges Geschöpf, das ihr Liebeshandwerk allerdings gründlich verstand. Gescheit genug, um den Geist eines andern zu bemerken und sich seiner zu bedienen, spürte sie ihr Herz nur, wenn sie sich den Magen überladen hatte, denn dann machte es ihr Beschwerden. Damit verband sie eine unmäßige Selbstsucht und eine grenzenlose Eitelkeit, so daß sie lieber bei ihrem Geliebten ein gebrochenes Bein als bei sich selbst einen Besatz weniger an ihrem Kleide gesehen hätte. Sie war ein sehr gewöhnliches Geschöpf von mittelmäßiger Schönheit und zu allem Schlechten veranlagt, das aber doch manchmal verführerisch wirken konnte. Sie begriff sehr gut, daß Rudolf sie nur genommen hatte, um dadurch die andere zu vergessen, und verstand auch, daß er seine Absicht nicht erreichte, sondern gerade an ihrer Seite sich erst recht aufs lebhafteste nach der Entschwundenen sehnte. Eines Tages plauderte Julia mit einem jungen Studenten der Medizin, der ihr den Hof machte, über ihren Geliebten, den Dichter. »Mein liebes Kind,« sagte der Student, »dieser Bursche bedient sich Ihrer, wie man sich des Höllensteins bedient, um sich eine Wunde auszuätzen – er will seine Herzenswunde ausätzen. Es ist daher sehr dumm von Ihnen, wenn Sie sich seinetwegen Gedanken machen und ihm treu bleiben.« »Oho«, rief das junge Mädchen und begann laut zu lachen. »Glauben Sie denn im Ernst, daß ich mich geniere?« Und noch an demselben Abend gab sie dem Studenten den Beweis des Gegenteils. Dank der Geschwätzigkeit eines von diesen guten Freunden, die nie eine Gelegenheit vorüberlassen, jemand Schmerz zu bereiten, erfuhr Rudolf von der Geschichte und benutzte sie, um mit seiner Aushilfsgeliebten zu brechen. Er verschloß sich jetzt in eine tiefe Einsamkeit, in der ihn alle Fledermäuse der Langeweile aufsuchten, denen er vergebens durch Arbeiten entgegenzutreten suchte. Jeden Abend schrieb er einige zwanzig Zeilen, die ihm fast ebenso viele Schweiß- wie Tintentropfen kosteten, und es wurden doch nur alte, abgedroschene Ideen, die mühsam in entlehnte Wortwendungen gekleidet waren. Wenn er sie dann nachher durchlas, saß er verblüfft da wie ein Mann, der Brennesseln auf seinem Gartenland erntet, wo er glaubte Rosen gesät zu haben. Er zerriß dann das Blatt, auf dem er einen solchen Rosenkranz von Albernheiten abgebetet hatte, und trat es wütend mit Füßen. »Nun ja,« sagte er dann, indem er sich auf die Brust schlug, »die Saite ist gesprungen, mit meiner Kunst ist es vorbei.« Und da lange Zeit hindurch auf alle seine Versuche, zu arbeiten, die gleiche Enttäuschung folgte, so überkam ihn jene mutlose Schwäche, die auch das stärkste Selbstbewußtsein untergräbt und das hellste Denken abstumpft. Und mit Neid erinnerte er sich dann des stolzen Gefühls, das ihn früher zu beseelen pflegte, wenn er eine sich gestellte Arbeit vollendet hatte. Wie man sich bisweilen noch an dem Duft verwelkter Rosen berauscht, so berauschte sich jetzt Rudolf an den Erinnerungen seines früheren Lebens, als noch jeder Tag eine neue Elegie, ein erregendes Drama oder eine komische Groteske brachte. Und er durchlebte noch einmal alle Phasen seiner seltsamen Liebe zu der teuren Verlorenen, von den Flitterwochen an bis zu den häuslichen Stürmen, die den letzten Bruch herbeigeführt hatten. Er wiederholte sich all ihre listigen Ausreden, ihre Scherzworte. Er sah sie, wie sie sich in der kleinen Wohnung bewegte und ein lustiges Lied trällerte, wie sie ihn stets mit der gleichen heiteren Miene empfing, mochten die Tage schlecht oder gut sein. Ja, was hatte er mit seinem Bruch gewonnen? Sicherlich hatte ihn Mimi in der Zeit, als er mit ihr zusammen lebte, betrogen. Aber daß er das erfuhr, das war schließlich seine eigene Schuld gewesen, weil er sich ja die qualvollste Mühe gab, um es zu erfahren, und seine ganze Zeit verbrauchte, die Beweise herbeizuschaffen. Er hatte sich selbst den Dolch geschärft, der dann sein Herz durchbohrte. Und außerdem, mit wem hatte sie ihn schließlich betrogen? Meistens war es doch nur mit einem Schal, einem Hut, mit Gegenständen also und nicht mit einem Manne gewesen. Und die Ruhe, der Frieden, die er von der Trennung erhofft hatte, waren sie wirklich gekommen? Leider nein! Sie waren jetzt noch weniger da als früher. Früher konnte er seinem Schmerz Luft machen, er konnte sie ausschelten und ihr drohen, er konnte ihr seinen Kummer zeigen und ihr Mitleid erwecken. Jetzt aber verzehrte er sich in seinem einsamen Schmerz, seine Eifersucht war ohnmächtige Wut geworden. Früher konnte er doch wenigstens, wenn er Verdacht hegte, Mimi am Ausgehen verhindern, er konnte sie bei sich behalten und sich ihres Besitzes sichern. Jetzt aber traf er sie auf der Straße Arm in Arm mit ihrem neuen Geliebten, und er mußte ihr noch ausweichen, während sie glücklich dahinging, zu irgendeinem Vergnügen. Dieser elende Zustand dauerte drei oder vier Monate. Nach und nach wurde Rudolf ruhiger. Marcel, der eine lange Reise gemacht hatte, um Fräulein Dudelsack zu vergessen, kam nach Paris zurück und zog wieder zu seinem Freund, und sie sprachen sich gegenseitig Trost zu. Als Rudolf eines Sonntags den Luxembourg durchschritt, traf er Mimi in großer Toilette; sie ging nämlich zum Ball. Sie nickte ihm zu, worauf er seinen Hut zog. Diese Begegnung brachte ihn in starke Erregung, aber der Schmerz war doch geringer als sonst. Er ging noch eine Weile durch die Anlagen und dann nach Hause. Als Marcel des Abends nach Hause kam, fand er ihn bei der Arbeit. »Wie, du arbeitest?« fragte Marcel, indem er sich über seine Schulter neigte. »Und Verse?« »Ja«, antwortete Rudolf erfreut. »Ich glaube, meine Begabung ist doch noch nicht ganz erstorben. Ich bin Mimi begegnet, ich sitze jetzt hier schon vier Stunden und fühle wieder die ganze Kraft meiner alten Tage.« »So?« fragte Marcel unruhig. »Und wie steht ihr miteinander?« »Sei unbesorgt,« antwortete Rudolf, »wir haben uns nur gegrüßt. Weiter ist es zu nichts gekommen.« »Wirklich nicht?« »Wirklich nicht! Ich fühle, daß es zwischen uns aus ist, aber wenn ich dadurch wieder zum Arbeiten komme, will ich ihr gern verzeihen.« »Wenn es so ganz und gar aus ist,« fuhr Marcel fort, der die Verse Rudolfs gelesen hatte, »weshalb dichtest du sie denn an?« »Ach,« antwortete der Dichter, »ich nehme meine Poesie, wo ich sie finde.« Acht Tage lang arbeitete er an seiner kleinen Dichtung. Als er sie beendet hatte, las er sie Marcel vor, dem sie gefiel und der Rudolf zuredete, nun auch weiter zu arbeiten. »Denn«, sagte er, »es lohnt sich gar nicht, Mimi zu verlassen, wenn du immer in ihrem Schatten leben mußt. Freilich sollte ich, statt andern zu predigen, lieber mir selber predigen, denn ich kann noch immer nicht Fräulein Dudelsack aus meinem Herzen reißen. Na, wir werden ja hoffentlich nicht ewig junge Leute bleiben, die in solche Teufelsgeschöpfe vernarrt sind.« »Leider«, erwiderte Rudolf, »braucht man der Jugend nicht erst zu sagen, sie möchte gehn.« »Das ist wahr,« sagte Marcel. »Aber es gibt Tage, da möchte ich solch ein richtiger Ehrengreis sein, Mitglied vom Institut, Ritter verschiedener Orden, und vor allem erlöst von allen diesen Weibern! Und der Teufel soll mich holen, wenn ich dann noch einmal zu ihnen zurückkehrte. Und du,« fügte der Maler lachend hinzu, »möchtest du auch schon sechzig Jahre alt sein?« »Heute möchte ich lieber sechzig Franken haben«, antwortete Rudolf. Kurze Zeit darauf war Fräulein Mimi mit dem jungen Vicomte Paul in ein Café gegangen und öffnete eine Zeitschrift, in der die Verse standen, die Rudolf auf sie gedichtet hatte. »Das ist gut!« rief sie lachend. »Jetzt macht mich mein früherer Liebhaber Rudolf schon in den Zeitschriften schlecht.« Aber als sie die Verse zu Ende gelesen, blieb sie schweigsam und nachdenklich sitzen. Der Vicomte Paul, der erriet, daß sie an Rudolf dachte, versuchte, sie auf andere Ideen zu bringen. »Ich werde dir Ohrringe kaufen«, sagte er. »Ja,« meinte Mimi, »Sie haben Geld, das haben Sie!« »Und einen italienischen Strohhut«, fuhr der Vicomte Paul fort. »Nein,« sagte Mimi, »aber wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann kaufen Sie mir dies da!« Und sie zeigte ihm das Heft, in dem Rudolfs Dichtung stand. »Oh, das? Nein!« rief der Vicomte verletzt. »Gut«, antwortete Mimi. »Dann kaufe ich es mir selbst, und zwar mit Geld, das ich mir auch selbst verdiene. Es ist mir übrigens auch lieber, daß es nicht von Ihrem Gelde kommt.« Und zwei Tage lang arbeitete Mimi wieder in ihrem alten Putzgeschäft, bis sie so viel verdient hatte, daß sie sich das Heft kaufen konnte. Sie lernte das Gedicht auswendig, und um den Vicomte Paul zu ärgern, trug sie es den ganzen Tag ihren Freunden vor. Es war am 24. Dezember, und das Quartier Latin hatte an diesem Tage ein ganz besonderes Aussehen. Seit zwei Uhr nachmittags wurden die Pfandhäuser, die Trödlerläden und die Antiquariatsgeschäfte von einer lärmenden Menge belagert, die sich gegen Abend verzog, um die Verkaufsstände der Fleisch- und Wursthändler und die Kolonialwarenläden zu stürmen. Die Verkäufer hätten hundert Arme haben müssen, wie Briareus, um alle Kunden zu bedienen, die sich mit Lebensmitteln versehen wollten. Bei den Bäckern stand man in Schlangenlinien an wie in den Tagen einer Hungersnot. Die Weinhändler schenkten den Ertrag dreier Ernten aus, und der geschickteste Statistiker hätte große Mühe gehabt, die Zahl der Schinken und Würste festzustellen, die in dem berühmten Geschäft von Borel in der Rue Dauphine verkauft wurden. An diesem einzigen Nachmittag wurden bei dem alten Cretaine, genannt Brötchen, achtzehn Nachschübe seiner Butterkuchen umgesetzt. Während der ganzen Nacht drang lärmendes Geschrei aus den Miethäusern, deren Fenster strahlten, und eine Kirmeslustigkeit erfüllte das ganze Viertel. Man feierte nach altem Brauch den Weihnachtsabend. An diesem Abend kamen Marcel und Rudolf um zehn Uhr in betrübter Stimmung nach Hause. Als sie die Rue Dauphine durchschritten, fiel ihnen ein starkes Gedränge in dem Laden eines Fleischwarenhändlers auf, und sie blieben einen Augenblick stehen, gefoltert von dem Anblick der delikaten gastronomischen Produkte. Die zwei Zigeuner glichen in ihrer Betrachtung der Person in einem spanischen Roman, die einen Schinken so begierig anstarrte, daß er davon immer magerer wurde. »Das ist einmal eine getrüffelte Truthenne«, sagte Marcel und wies auf einen prächtigen Vogel, durch dessen rosig schimmernde Haut die Perigorder Trüffeln, mit denen er gespickt war, durchschimmerten. »Ich habe gottlose Menschen gekannt, die von so etwas essen konnten, ohne sich davor auf die Knie zu werfen«, fügte der Maler hinzu, indem er auf die Truthenne Blicke warf, deren Glut sie schon allein hätte braten können. »Und was hältst du von dieser bescheidenen Hammelkeule?« fragte Rudolf. »Wie wundervoll ist sie in der Farbe, man sollte glauben, sie sei frisch aus einem Schlächterladen genommen, wie sie Jordaens in seinen berühmten Gemälden gemalt hat. Die Hammelkeule war das Lieblingsgericht der Götter und meiner Patin, der Frau Chandelier.« »Betrachte dir ein wenig diese Fische«, fuhr Marcel fort und wies auf einige Forellen. »Das sind die geschicktesten Schwimmer von allen Wasserbewohnern. Diese kleinen Tiere, die so anspruchslos aussehen, könnten Geld verdienen, wenn sie öffentlich ihre Kunststücke zeigten. Stelle dir vor, daß sie einen reißenden Wasserfall ebenso leicht hinaufsteigen, wie wir eine Einladung zum Souper annehmen. Ich hatte fast einmal eine gegessen.« »Und dahinten die großen runden, vergoldeten Früchte, deren Blätter wie Säbel von Wilden aussehen! Man nennt sie Ananas, sie sind die Reinetteäpfel der Tropen.« »Sie interessieren mich nicht«, erwiderte Marcel. »Den schönsten Früchten ziehe ich dieses Stück Rinderbraten, diesen Schinken oder auch diesen kleinen Schinken vor, der in dem durchsichtigen, ambrafarbenen Gelee liegt.« »Da hast du recht«, sagte Rudolf. »Der Schinken ist des Menschen Freund, wenn er einen hat. Übrigens würde ich auch nicht diesen Fasan verschmähen.« »Das glaube ich gern, er ist die Speise der Könige.« »Ja, es ist heute Weihnachten«, sagte Marcel, als ihnen beim Weitergehen ganze Prozessionen fröhlicher und mit Vorräten aller Art beladener Menschen begegneten. »Erinnerst du dich noch unserer Feier vom vorigen Jahr?« fragte Rudolf. »Ja,« antwortete Marcel, »es war im Momus, und Barbemuche hat alles bezahlt. Nie hätte ich geglaubt, daß ein so zartes Geschöpf wie Euphemia so viele Würste verschlingen könnte.« »Wie schade, daß Momus uns das Lokal verboten hat«, sagte Rudolf. »Ach ja,« stimmte Marcel zu, »die Feste kommen wohl wieder, aber es sind nicht dieselben.« »Möchtest du denn heute Weihnachten feiern?« fragte Rudolf. »Mit wem und womit?« erwiderte der Maler. »Mit mir natürlich.« »Und wer bezahlt?« »Warte ein wenig«, sagte Rudolf. »Ich gehe in dieses Café, wo ich Leute kenne, die hoch spielen. Ich werde mir von einem, der gewonnen hat, ein paar Sesterzen leihen und etwas zum Anfeuchten einer Sardine oder eines Schweinsfußes mitbringen.« »Dann geh«, rief Marcel. »Ich habe einen Wolfshunger. Ich werde dort drüben warten.« Rudolf ging in das Café, und ein Herr, der gerade in zehn Runden dreihundert Franken gewonnen hatte, machte sich ein Vergnügen daraus, dem Dichter ein Vierzigsousstück zu leihen, das er mit jener üblen Laune gab, die das Spielfieber mit sich bringt. Bei einer andern Gelegenheit und in einem andern als einem Spielzimmer würde er vielleicht vierzig Franken geliehen haben. »Nun?« fragte Marcel, als er Rudolf zurückkommen sah. »Das ist alles«, sagte der Dichter und zeigte das Geldstück. »Eine Kruste Brot und ein Tropfen Wein«, meinte Marcel. Trotzdem brachten sie es fertig, sich für diese bescheidene Summe Brot, Wein, Fleisch, Tabak, Licht und Feuerung zu kaufen. Sie betraten das Haus, wo sie jeder ein gesondertes Zimmer bewohnten. Marcels Zimmer, das ihm als Atelier diente und größer war, wurde deshalb als Festsaal gewählt, und die Freunde trafen nunmehr gemeinsam die Vorbereitungen zu ihrem üppigen Gelage. Aber an diesem kleinen Tisch, an dem sie saßen, neben diesem Feuer, in dem die schlechten, feuchten Holzscheite weder Flammen noch Hitze gaben, saß auch stumm und traurig ein seltsamer Gast, das Phantom der entschwundenen Zeit. Sie verharrten mehr als eine Stunde lang schweigend und nachdenklich, alle beide offenbar in denselben Gedanken vertieft und zugleich bemüht, ihn voreinander zu verbergen. Es war Marcel, der zuerst das Schweigen brach. »Weißt du,« sagte er zu Rudolf, »das ist aber nicht das, was wir uns versprochen haben.« »Was meinst du damit?« fragte Rudolf. »Du lieber Gott,« antwortete Marcel, »versuch' doch nicht, dich jetzt vor mir zu verstellen! Du denkst an das, was du vergessen solltest, und ich tue es leider auch.« »Nun, und dann?« »Es muß das letztemal sein«, schrie Marcel. »Zum Teufel mit den Erinnerungen, die uns den Geschmack am Wein verderben und uns traurig machen, während ringsum alle lustig sind. Also denken wir an etwas anderes, und machen wir mit dem Früheren Schluß!« »Ja, das sagen wir immer,« meinte Rudolf, »und doch ...« Damit versank er wieder in seine Träumerei. »Und doch kommen wir immer wieder darauf zurück«, ergänzte ihn Marcel. »Das rührt aber daher, daß wir, statt uns ehrlich um das Vergessen zu bemühen, die nebensächlichsten Dinge zum Anlaß nehmen, uns gerade in diese Vergangenheit zu vertiefen. Vor allem aber rührt es daher, daß wir hartnäckig in derselben Umgebung leben, in der wir diese Geschöpfe kennengelernt haben. Wir sind weniger die Sklaven einer Leidenschaft, als die einer Gewohnheit. Diese Fesseln müssen wir brechen, wenn wir nicht in einer lächerlichen und schändlichen Sklaverei zugrunde gehen wollen. Schließlich ist das Vergangene vergangen, und alle Fäden, die uns noch damit verknüpfen, müssen wir zerreißen. Die Stunde ist gekommen, da wir vorwärts gehen wollen, ohne einen Blick nach rückwärts zu werfen. Wir haben unsere Zeit der Jugend, der Sorglosigkeit und Unbesonnenheit gehabt. Es war alles sehr schön, und man könnte daraus einen hübschen Roman machen. Aber diese Komödie verliebter Tollheiten, diese wahnsinnige Zeitverschwendung von Leuten, die glauben, sie hätten eine Ewigkeit auszugeben, muß aufhören. Wir verdienten eine allgemeine Verachtung, wir müßten uns selbst verachten, wenn wir so fortführen, am Rande der Gesellschaft, ja am Rande des Lebens selbst zu leben. Denn schließlich, ist das überhaupt ein Dasein, das wir führen? Und diese Unabhängigkeit, diese Freiheit der Sitten, auf die wir uns soviel einbilden, sind das nicht höchst zweifelhafte Vorzüge? Die wahre Freiheit besteht darin, daß man die andern entbehren und aus eigener Kraft bestehen kann. Haben wir die? Nein! Der erste beste Lump, dessen Namen wir nicht fünf Minuten lang tragen möchten, rächt sich an unseren Späßen und wird unser Herr an dem Tage, da wir ihn um hundert Sous anbetteln, die er uns leiht, nachdem er uns für hundert Franken List und Erniedrigung hat ausgeben lassen. Ich für meinen Teil habe das satt. Die Poesie existiert nicht nur in der Ungebundenheit des Lebens, im Lotteriespiel um das Glück, in Liebesbeziehungen, die nicht das Leben einer Kerze überdauern, in mehr oder weniger sinnlosem Ankämpfen gegen die Vorurteile, die doch ewig die Welt beherrschen werden – denn man stürzt viel leichter eine Dynastie als eine Sitte, und wenn sie noch so lächerlich wäre. Es genügt wirklich nicht, im Dezember einen Sommerpaletot zu tragen, um Begabung zu haben, und man kann ein echter Dichter oder Maler sein, selbst wenn man gute Schuhe trägt und dreimal täglich ißt. Was man auch sagt oder tut, wenn man ein Ziel erreichen will, dann muß man immer einen schon gebahnten Weg einschlagen. Meine Auseinandersetzung erstaunt dich vielleicht, lieber Rudolf, du wirst sagen, daß ich meinem Ideal untreu bin, du wirst mich korrupt nennen, aber alles, was ich sagte, ist der Ausdruck meines ernsten Wollens. Ohne, daß ich es wußte, hat in mir eine allmähliche und heilsame Umwandlung stattgefunden, ich bin zur Vernunft gekommen – für dich vielleicht etwas überraschend und vielleicht sogar gegen meinen Willen. Aber die Vernunft ist da, und sie hat mir gezeigt, daß ich mich auf einem schlimmen Weg befand, den fortzusetzen lächerlich und gefährlich gewesen wäre. Und wirklich, was ist das Ende, wenn wir dieses inhaltlose und unnütze Vagabundenleben weiterführen? Wir kommen in die dreißiger Jahre, unbekannt, abgeschlossen, zerfallen mit allem und mit uns selbst, voller Neid gegen die, die irgendein Ziel erreicht haben, zu einem schmählichen Schmarotzertum gezwungen, um unseren Lebensunterhalt zu erwerben – glaube nicht, daß ich ein phantastisches Gemälde entwerfe, um dich zu erschrecken. Ich sehe die Zukunft durchaus nicht schwarz, aber ich sehe sie auch nicht rosig, ich sehe sie, wie sie ist. Bis jetzt war uns unsere Lebensführung durch die Not aufgezwungen, wir konnten uns damit entschuldigen. Heute gäbe es keine Entschuldigung für uns, denn wenn wir uns jetzt nicht dem regulären Leben anpassen, dann tun wir es freiwillig, da die Gründe, die uns bisher verhinderten, nicht mehr da sind.« »Wo hinaus willst du eigentlich?« fragte Rudolf. »Aus welchem Grunde und zu welchem Zweck hältst du diese Strafpredigt?« »Du verstehst mich sehr gut«, fuhr Marcel in demselben ernsten Ton fort. »Vorher waren wir beide, du und ich, in Gedanken versunken und sehnten uns nach vergangenen Zeiten. Du dachtest an Mimi und ich an Dudelsack. Du hättest, wie ich, gerne deine frühere Geliebte an deiner Seite gehabt. Nun, und da sage ich, daß wir beide nicht mehr an diese Geschöpfe denken dürfen, daß wir nicht auf der Welt sind, um diesen gewöhnlichen Dirnen unser Leben zu opfern. Mit zwanzig Jahren kann man für sie die törichtsten Dinge begehen, mit fünfundzwanzig aber wird man lächerlich. Wir können noch so viel um die Sache herumreden, es bleibt doch dabei, mein Lieber, daß wir alt sind. Wir haben zu viel und zu schnell gelebt, das Instrument unseres Herzens hat Sprünge bekommen und gibt nur noch falsche Töne. Man ist nicht drei Jahre lang ungestraft der Geliebte eines Fräulein Dudelsack oder einer Mimi gewesen. Für mich ist die Sache beendet, und da ich vollkommen auch mit allen Erinnerungen brechen will, so werde ich jetzt alle Kleinigkeiten verbrennen, die sie noch hier zurückgelassen hat und die mich jedesmal, wenn ich sie sehe, zwingen, an sie zu denken.« Marcel hatte sich erhoben und nahm nun aus einer Kommodenschublade eine kleine Schachtel, in der sich die Andenken an Fräulein Dudelsack befanden: ein verwelkter Strauß, ein Gürtel und ein Endchen Band und einige Briefe. »Vorwärts,« sagte er zu dem Dichter, »mache es auch so, Freund Rudolf.« »Nun ja, meinetwegen«, rief dieser, sich aufraffend. »Du hast recht! Auch ich will mich von diesem Mädchen mit den weißen Händen für immer losreißen.« Damit stand er schnell auf und holte ein kleines Paket mit den Andenken an Mimi, die fast ganz von derselben Natur waren wie die von Marcel zusammengesuchten. »Das paßt sich gut«, murmelte der Maler. »Mit diesem alten Zeug können wir das Feuer wieder anfachen, das uns ausgeht.« »Das ist wahr,« sagte Rudolf, »hier herrscht eine Kälte, bei der sich Eisbären wohlfühlen würden.« »Los,« rief Marcel, »verbrennen wir sie im Duett. Sieh doch, die Briefe Dudelsacks flammen wie ein Punchfeuer. Sie hat ihn immer sehr geliebt, den Punch. Weiter, Freund Rudolf, aufgepaßt!« Und einige Minuten lang warfen sie abwechselnd die Reliquien ihrer vergangenen Liebe in das Kaminfeuer, das hell und knisternd aufflammte. »Armes Mädchen!« sagte Marcel ganz leise und betrachtete den letzten Gegenstand, den er in der Hand hielt. Es war ein kleiner, verwelkter Strauß von Feldblumen. »Wie hübsch war sie doch eigentlich, und sie liebte mich sehr! Nicht wahr, du kleiner Strauß, ihr Herz hat es dir erzählt, als deine Blumen an ihrem Gürtel steckten? Armer kleiner Strauß, du siehst so aus, als wolltest du mich um Gnade bitten. Nun ja, aber nur unter der einen Bedingung, daß du mir niemals von ihr sprichst, niemals!« Und er benutzte einen Augenblick, als er glaubte, daß Rudolf ihn nicht beobachtete, um den Strauß in seine Brusttasche zu schieben. »Ach, ich betrüge ihn,« dachte der Maler, »aber es geht über meine Kraft.« Und als er einen flüchtigen Blick auf Rudolf warf, sah er, daß der Dichter, der ebenfalls mit seinem Autodafé zu Ende war, eine kleine Nachthaube, die einst Mimi gehört hatte, zärtlich küßte und sie heimlich in seine Tasche steckte. »Na ja,« murmelte Marcel, »er ist ebenso feige wie ich.« Im Augenblick, da Rudolf wieder nach seinem Zimmer gehen wollte, um sich schlafen zu legen, klopfte es zweimal leise an Marcels Tür. »Wer, zum Teufel, kommt denn jetzt noch?« fragte der Maler und ging hin, um zu öffnen. Er stieß einen Schrei der Überraschung aus, als er die Tür aufmachte. Es war Mimi. Da es im Zimmer sehr dunkel war, erkannte Rudolf nicht sofort seine Geliebte, und da er nur die Gestalt einer Frau bemerkte, hielt er sie für eine flüchtige Eroberung seines Freundes und wollte sich zurückziehen. »Ich störe wohl?« fragte Mimi, die auf der Türschwelle stehengeblieben war. Als Rudolf ihre Stimme hörte, fiel er wie vom Blitz getroffen auf seinen Stuhl. »Guten Abend«, sagte Mimi, die näher getreten war, zu ihm und drückte ihm die Hand, die er ihr mechanisch hinhielt. »Was, zum Teufel, führt Sie zu dieser Stunde her?« fragte Marcel. »Mir war so kalt«, antwortete Mimi zitternd. »Ich sah, als ich auf der Straße vorbeiging, noch Licht bei Ihnen, und da bin ich, obgleich es schon spät ist, noch heraufgekommen.« Und sie zitterte noch immer. Ihre Stimme hatte etwas Krankhaftes an sich und durchdrang Rudolfs Herz mit einem dunkeln Grauen. Er betrachtete sie aufmerksam von der Seite. Das war nicht mehr Mimi, das war ihr Gespenst. Marcel bot ihr einen Platz am Kamin an. Mimi lächelte, als sie die schöne Flamme sah, die lustig im Kamin tanzte. »Ach, das tut gut«, sagte sie, indem sie ihre armen, bläulich angelaufenen Hände dem Feuer näherte. »Übrigens, Herr Marcel, wissen Sie, weshalb ich eigentlich hierhergekommen bin?« »Nein, das weiß ich nicht.« »Ja,« fuhr Mimi fort, »ich kam einfach, um Sie zu bitten, ob Sie mir nicht hier im Haus zu einem Zimmer verhelfen könnten. Man hat mich aus meiner Wohnung hinausgesetzt, weil ich einen Monat Miete schulde, und nun weiß ich nicht, wohin ich gehen soll.« »Teufel,« sagte Marcel und schüttelte den Kopf, »wir stehen nicht im besten Ruf bei unserm Wirt, und unsere Empfehlung würde Ihnen wenig nützen, mein armes Kind.« »Was soll ich denn aber anfangen?« fragte Mimi. »Ich weiß nicht wohin.« »Wieso?« fragte Marcel. »Sind Sie denn nicht mehr Vicomtesse?« »Ach, du lieber Gott, ganz und gar nicht.« »Aber seit wann denn?« »Schon seit zwei Monaten.« »Sie haben dann also wohl dem jungen Vicomte übel mitgespielt?« »Nein«, sagte sie mit einem heimlichen Blick auf Rudolf, der sich in die dunkelste Ecke des Zimmers gesetzt hatte. »Der Vicomte hat mir eine Szene gemacht wegen eines Gedichtes, das man auf mich gemacht hat. Wir zankten uns, und ich habe ihn hinausgeschickt. Er war ein geiziger Hund, das können Sie glauben.« »Na,« meinte Marcel, »er hatte Sie aber doch schön ausgestattet, nach Ihrem Aussehen zu urteilen, als ich Sie seinerzeit traf.« »Ja, und nun stellen Sie sich vor,« sagte Mimi, »daß er mir alles wieder abnahm, als wir uns trennten, und ich erfuhr dann, daß er meine Sachen in einem billigen Gasthaus, wohin er mich öfters zum Essen führte, öffentlich versteigern ließ. Er ist reich, dieser Junge, und bei all seinem Geld ist er geizig wie ein Filz und dumm wie eine Gans. Er wollte nicht, daß ich reinen Wein tränke, und ließ mich alle Freitage fasten. Glauben Sie wohl, daß er mich zwingen wollte, schwarze Wollstrümpfe zu tragen, weil die weniger schmutzten als die weißen? Man sollte es nicht für möglich halten! Und dann hat er mich schön gelangweilt. Ich kann wohl sagen, ich habe bei ihm mein Fegfeuer durchgemacht.« »Und kennt er Ihre jetzige Lage?« fragte Marcel. »Ich habe ihn nicht mehr gesehen«, antwortete Mimi, »und will ihn auch nicht mehr sehen. Mir wird ganz übel, wenn ich nur an ihn denke. Ich würde lieber verhungern, als ihn um einen Sou bitten.« »Aber«, fuhr Marcel fort, »seit Sie ihn verlassen haben, sind Sie doch nicht allein geblieben.« »Jawohl,« schrie Mimi lebhaft, »ich versichere Ihnen, Herr Marcel, ich habe für meinen Unterhalt gearbeitet. Nur weil es mit dem Blumenmachen nicht recht ging, habe ich etwas anderes angefangen, ich stehe Modell für Maler. Wenn Sie also Beschäftigung für mich hätten ...« fügte sie lustig hinzu. Dann aber bemerkte sie, wie Rudolf, den sie, während sie mit seinem Freund sprach, nicht aus den Augen gelassen hatte, unwillkürlich auffuhr, und sie sagte schnell: »Aber ich stehe nur Modell für den Kopf und die Hände. Ich habe viel zu tun, und an drei oder vier Stellen schuldet man mir noch Geld. Ich bekomme es in zwei Tagen, nur bis dahin möchte ich ein Zimmer finden. Wenn ich Geld habe, kann ich in meine alte Wohnung zurückkehren. Sieh da!« rief sie aus und betrachtete den Tisch, auf dem noch fast das ganze Essen stand, das die Freunde kaum berührt hatten. »Sie wollen soupieren?« »Nein,« sagte Marcel, »wir hatten keinen Hunger.« »Ihr seid sehr glücklich«, sagte Mimi treuherzig. Bei diesem Wort fühlte Rudolf, wie sich sein Herz furchtbar zusammenzog. Er machte Marcel ein Zeichen, das dieser auch verstand. »Da Sie nun einmal hier sind, Mimi,« sagte der Maler, »so müssen Sie auch an unserer Mahlzeit teilnehmen. Wir wollten eigentlich zusammen Weihnachten feiern, Rudolf und ich, und dann ... dann sind wir eben auf andere Gedanken gekommen.« »Dann komme ich also gerade recht«, sagte Mimi und warf einen fast gierigen Blick auf das Essen. »Ich habe nichts zu Mittag gehabt«, sagte sie leise dem Maler ins Ohr, damit es Rudolf nicht hören konnte, der auf sein Taschentuch biß, um nicht in Tränen auszubrechen. »Komm doch auch an den Tisch, Rudolf,« sagte Marcel zu seinem Freund, »wir wollen gemeinsam soupieren.« »Nein«, sagte der Dichter und blieb in seiner Ecke. »Sind Sie mir böse, Rudolf, weil ich hierhergekommen bin?« fragte ihn Mimi sanft. »Oder wollen Sie, daß ich gehe?« »Nein, Mimi,« antwortete Rudolf, »es betrübt mich nur, daß ich Sie so wiedersehe.« »Das ist meine Schuld, Rudolf, und ich beklage mich nicht. Was vorbei ist, ist vorbei, wir wollen beide nicht mehr daran denken. Warum sollten Sie nicht mein Freund sein können, weil Sie früher einmal etwas anderes waren? Aber Sie sind es auch, nicht wahr? Und darum machen Sie auch nicht länger ein böses Gesicht und setzen Sie sich zu uns an den Tisch.« Sie erhob sich, um ihn an der Hand zu nehmen, war aber so schwach, daß sie keinen Schritt tun konnte und wieder auf ihren Stuhl sank. »Die Wärme hat mich übernommen,« sagte sie, »ich kann mich kaum aufrecht halten.« »Komm schon«, sagte Marcel zu Rudolf, »und leiste uns Gesellschaft.« Der Dichter trat jetzt heran und begann mit ihnen zu essen. Mimi war sehr heiter. Als das einfache Mahl beendet war, sagte Marcel zu Mimi: »Mein liebes Kind, es ist uns unmöglich, Ihnen hier im Hause ein Zimmer zu verschaffen.« »Dann muß ich also gehen?« fragte sie und versuchte, sich zu erheben. »Aber nein!« rief Marcel. »Ich kann die Sache noch in anderer Weise in Ordnung bringen. Sie bleiben einfach in meinem Zimmer, ich werde zu Rudolf ziehen.« »Das wird Sie sehr belästigen,« sagte Mimi, »aber es dauert ja nicht lange, nur zwei Tage.« »Auf diese Art ist es uns gar nicht unbequem«, meinte Marcel. »Also Sie bleiben hier. Gute Nacht, Mimi, schlafen Sie wohl.« »Vielen Dank«, stammelte sie und reichte Marcel und Rudolf, die sich entfernten, die Hand. »Wollen Sie sich einschließen?« fragte Marcel, als er an der Tür stand. »Warum?« fragte Mimi mit einem Blick auf Rudolf. »Ich fürchte mich nicht.« Als sich die beiden Freunde in dem anderen Zimmer befanden, das auf demselben Flur lag, sagte Marcel plötzlich zu Rudolf: »Nun, was willst du jetzt tun?« »Ja, ich weiß nicht«, murmelte Rudolf. »Ach was, rede doch keinen Unsinn! Geh zu Mimi. Morgen früh werdet ihr wieder im alten Geleise sein.« »Wenn es Fräulein Dudelsack wäre, die zurückgekommen, was würdest du dann tun?« fragte Rudolf seinen Freund. »Wenn sich Fräulein Dudelsack im andern Zimmer befände?« erwiderte Marcel. »Nun, offen gestanden, seit einer Viertelstunde wäre ich dann schon nicht mehr hier.« »Schön,« sagte Rudolf, »dann werde ich mutiger sein als du. Ich bleibe hier.« »Wir werden ja sehen«, sagte Marcel, der sich schon ins Bett gelegt hatte. »Legst du dich auch hin?« »Natürlich«, antwortete Rudolf. Aber als Marcel mitten in der Nacht wach wurde, bemerkte er, daß Rudolf ihn verlassen hatte. Des Morgens ging er vorsichtig an die Tür des Zimmers klopfen, in welchem sich Mimi befand. »Herein!« rief sie. Und als sie ihn sah, gab sie ihm ein Zeichen, leise zu sprechen, um den noch schlafenden Rudolf nicht zu wecken. Er saß auf einem Stuhl, den er an das Bett gerückt hatte, und sein Kopf ruhte auf einem Kissen neben dem Kissen Mimis. »So haben Sie die Nacht verbracht?« fragte Marcel sehr erstaunt. »Ja«, antwortete das junge Mädchen. Rudolf erwachte plötzlich, und nachdem er Mimi geküßt hatte, reichte er Marcel die Hand. »Ich will sehen, daß ich etwas Geld für das Frühstück auftreibe«, sagte er zum Maler. »Inzwischen leistest du Mimi Gesellschaft.« »Nun,« fragte Marcel das junge Mädchen, als er mit ihr allein war, »was ist diese Nacht geschehen?« »Etwas sehr Trauriges,« antwortete Mimi, »Rudolf liebt mich noch immer.« »Ich weiß es.« »Ja, Sie wollten ihn von mir losreißen. Ich bin Ihnen deshalb nicht böse, Marcel, Sie hatten recht. Ich habe dem armen Jungen nur Schmerz bereitet.« »Und Sie,« fragte Marcel, »lieben Sie ihn auch noch?« »Ach, ob ich ihn liebe!« antwortete sie und faltete die Hände. »Das war ja meine ganze Qual. Ich habe mich sehr verändert, mein lieber Freund, und in sehr kurzer Zeit.« »Nun, wenn er Sie liebt und Sie ihn lieben, und Sie können beide nicht ohne einander sein, dann vereinigen Sie sich doch wieder und versuchen Sie es noch einmal, zusammen zu bleiben.« »Es ist unmöglich«, sagte Mimi. »Warum?« fragte Marcel. »Natürlich wäre es vernünftiger, wenn Sie sich verließen, aber um sich nicht mehr zu sehen, müßten Sie tausend Meilen voneinander entfernt sein.« »In kurzer Zeit werde ich viel weiter fort sein.« »Wieso? Was wollen Sie damit sagen?« »Sprechen Sie nicht darüber zu Rudolf, es würde ihn zu sehr betrüben, ich gehe für immer fort.« »Aber wohin?« »Halt, mein armer Marcel,« sagte Mimi weinend, »betrachten Sie mich doch!« Und indem sie etwas das Bettuch wegschob, zeigte sie dem Maler ihre Schultern, ihren Hals und ihre Arme. »Ach, du lieber Gott«, rief Marcel schmerzlich bewegt. »Sie armes Mädchen!« »Nun, sehen Sie es nicht selbst, mein Freund, daß ich bald sterben muß?« »Aber wie ist das nur in so kurzer Zeit gekommen?« »Ach,« antwortete Mimi, »bei dem Leben, das ich seit zwei Monaten führe, ist das gar nicht erstaunlich. Die Nächte verbringe ich mit Weinen, während der Tage stehe ich in ungeheizten Ateliers Modell. Dazu kam die schlechte Ernährung, der Kummer, den ich durchmachte. Außerdem, damit Sie alles wissen, habe ich mich mit einer scharfen Essenz vergiften wollen. Man hat mich zwar gerettet, aber, wie Sie sehen, nur für kurze Zeit. Sehr gesund bin ich ja nie gewesen. Nun, es ist alles meine Schuld, wäre ich ruhig bei Rudolf geblieben, dann stände es heute nicht so schlimm mit mir. Armer Freund, noch einmal falle ich ihm zur Last, doch es wird nicht für lange sein. Das letzte Kleid, das er mir schenken wird, wird ganz weiß sein, mein armer Marcel, man wird mich darin begraben. Ach, wenn Sie wüßten, wie ungern ich sterbe! Rudolf weiß, daß ich krank bin. Als er gestern abend meine mageren Arme und Schultern sah, saß er mehr als eine Stunde lang, ohne zu sprechen. Er erkannte seine Mimi gar nicht wieder ... ach, mein eigener Spiegel würde mich nicht wiedererkennen. Doch es ist gleich, ich war einmal hübsch, und er hat mich geliebt. »O mein Gott,« rief sie dann und barg ihr Gesicht in Marcels Hände, »ich werde Sie verlassen, armer Freund, und Rudolf auch. O du lieber Gott!« Und das Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Auf, Mimi,« sagte Marcel, »seien Sie nicht so verzweifelt, Sie werden doch noch geheilt werden. Sie brauchen nur recht viel Pflege und Ruhe.« »Ach nein,« erwiderte Mimi, »es ist nichts mehr zu hoffen, ich fühle es. Ich habe gar keine Kräfte mehr, und als ich gestern hierher kam, brauchte ich mehr als eine Stunde, um die Treppen zu ersteigen. Wenn ich hier eine andere vorgefunden, ich hätte mich ohne weiteres zum Fenster hinausgestürzt. Obgleich er ja eigentlich frei war, indem wir nicht mehr zusammen lebten. Aber sehen Sie, Marcel, ich wußte doch, daß er mich noch liebte. Nur deshalb,« sagte sie, in Tränen zerfließend, »nur deshalb habe ich nicht sogleich sterben wollen, aber nun ist es ganz vorbei mit mir! Denken Sie nur, Marcel, wie gut er doch ist, mein armer Geliebter, daß er mich noch aufgenommen hat nach all dem Leid, das ich ihm zugefügt habe. Ach, der liebe Gott ist ungerecht, denn er läßt mir nicht die Zeit, Rudolf den Kummer wieder vergessen zu machen, den ich ihm zugefügt habe. Rudolf ahnt nicht, wie schlimm es mit mir steht. Ich wollte nicht, daß er sich an meine Seite legte, denn mir ist, als nagten schon die Würmer in meinem Körper. Wir haben die Nacht mit Weinen und Erzählen von vergangenen Zeiten verbracht. Ach, mein lieber Freund, wie traurig ist es doch, wenn man das Glück, an dem man achtlos vorübergegangen ist, hinter sich liegen sieht! Meine Brust brennt, und wenn ich meine Glieder bewege, dann ist es mir, als wollten sie brechen. Halt,« sagte sie plötzlich zu Marcel, »geben Sie mir doch mein Kleid. Ich will mir einmal die Karten legen, ob Rudolf wohl Geld bringt. Ich möchte so gern wieder einmal wie früher mit euch ein gutes Frühstück essen, das würde mir nichts schaden; Gott kann mich nicht kränker werden lassen, als ich schon bin. Sehen Sie,« sagte sie und wies auf die Karten, die sie hingelegt hatte, »hier ist Pik, das ist die Farbe des Todes. Und hier ist Treff«, fügte sie etwas fröhlicher hinzu. »Ja, wir werden Geld haben.« Marcel wußte nicht, was er zu dem hellseherischen Delirium dieses Geschöpfes sagen sollte, das nach ihren eigenen Worten schon die Würmer des Grabes in ihrem Körper fühlte. Nach einer Stunde kam Rudolf zurück. Er brachte Schaunard und Gustav Colline mit. Der Musiker trug seinen Sommerüberzieher. Er hatte, als er hörte, daß Mimi krank sei, seine Winterkleider verkauft, um Rudolf Geld zu leihen. Colline seinerseits hatte Bücher verkauft. Er hätte sich lieber einen künstlichen Arm oder ein Holzbein machen lassen, als sich von seinen geliebten Schmökern getrennt. Aber Schaunard gab ihm zu verstehen, daß man mit seinen Armen oder Beinen nichts anfangen könnte. Mimi gab sich alle Mühe, um beim Empfang ihrer alten Freunde ihre frühere Heiterkeit wiederzufinden. »Ich bin nicht mehr schlecht,« sagte sie, »und Rudolf hat mir verziehen. Wenn er mich bei sich behalten will, werde ich gern in Holzschuhen und Kopftuch gehen. Jedenfalls bekommt Seide meiner Gesundheit nicht«, fügte sie mit einem herzzerreißenden Lächeln hinzu. Auf eine Vorstellung Marcels hin sandte Rudolf zu einem seiner Freunde, der gerade sein ärztliches Examen bestanden hatte. Er war derselbe, der auch die kleine Franziska gepflegt hatte. Als er kam, ließ man ihn mit Mimi allein. Rudolf, den Marcel vorbereitete, erfuhr jetzt, in welcher Gefahr seine Geliebte schwebte. Als der Arzt Mimi untersucht hatte, sagte er zu dem Dichter: »Sie können sie nicht hierlassen. Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist sie verloren. Wir müssen sie ins Krankenhaus schicken. Ich werde Ihnen einen Brief für die Pitié geben, ich kenne dort einen Assistenzarzt, der sich ihrer annehmen wird. Wenn sie bis zum Frühjahr durchhält, werden wir sie vielleicht noch retten. Wenn sie aber hierbleibt, ist sie in acht Tagen tot.« »Ich wage es nicht, ihr das vorzuschlagen«, sagte Rudolf. »Nun, dann werde ich es ihr selber mitteilen«, erwiderte daraufhin der Arzt. Mimi stimmte zu. »Morgen schicke ich den Aufnahmeschein für die Pitié«, sagte der Arzt. »Lieber Freund,« sagte Mimi zu Rudolf, »der Arzt hat recht, Sie könnten mich hier nicht pflegen. Im Krankenhaus wird man mich vielleicht heilen, ich muß schon dahin gehen. Ach, weißt du, ich habe jetzt solche Sehnsucht, weiterzuleben, daß ich einverstanden wäre, stets eine Hand ins Feuer zu halten, wenn nur die andere Hand in der deinigen liegen dürfte. Und dann kannst du mich ja besuchen. Du brauchst dir also keine Besorgnisse um mich zu machen, ich werde gut gepflegt werden, dieser junge Mann hat es mir gesagt. Ich bekomme Geflügel im Krankenhaus, und es ist warm dort. Während ich mich so pflege, wirst du arbeiten, um Geld zu verdienen, und wenn ich geheilt bin, wohne ich wieder bei dir. Ich habe jetzt wieder starke Hoffnung. Wenn ich zurückkomme, bin ich wieder hübsch wie früher. Ich war schon einmal krank in der Zeit, da du mich noch nicht kanntest, und man hat mich geheilt. Trotzdem war ich damals nicht glücklich, und ich hätte eigentlich sterben müssen. Jetzt, da ich dich wiedergefunden habe, und wir glücklich sein können, wird man mich sicher heilen, denn ich werde mich tapfer gegen die Krankheit wehren. Ich werde alle die bitteren Sachen schlucken, die man mir geben wird, und wenn der Tod mich holen will, dann muß er es schon mit Gewalt tun. Reich' mir den Spiegel, ich glaube, ich habe schon wieder etwas Farbe bekommen. Ja,« sagte sie, indem sie sich im Spiegel betrachtete, »meine Wangen röten sich schon wieder, und meine Hände sind noch immer sehr schön. Küsse sie noch einmal, armer Freund, es wird nicht das letztemal sein.« Damit umschlang sie seinen Hals und badete sein Gesicht in ihrem aufgelösten Haar. Bevor sie ins Krankenhaus übersiedelte, wollte sie, daß die Zigeuner einen Abend mit ihr verbrächten. »Macht, daß ich lache,« sagte sie, »die Fröhlichkeit ist meine Gesundung. Diese Schlafmütze von einem Vicomte hat mich krank gemacht. Stellen Sie sich vor, er verlangte, daß ich Orthographie lerne. Was sollte ich damit anfangen? Und dann seine Freunde – was war das für eine Gesellschaft? Ein richtiger Geflügelhof, in dem der Vicomte der Pfau war. Er zählte selbst seine Wäschestücke. Wenn er sich jemals verheiratet, dann wird er auch die Kinder zur Welt bringen.« Nichts konnte furchtbarer sein, als die fast aus dem Grab geholte Lustigkeit des unglücklichen Mädchens. Die Zigeuner gaben sich alle Mühe, nicht in Tränen auszubrechen und das Gespräch in diesem heiteren Ton weiterzuführen, den das arme, dem Tod geweihte Kind angeschlagen hatte. Am nächsten Morgen erhielt Rudolf den Aufnahmeschein vom Krankenhaus. Mimi war so schwach, daß sie sich nicht auf den Beinen halten konnte, und man mußte sie zu dem Wagen hinuntertragen. Während der Fahrt litt sie furchtbar durch die Stöße der Droschke. Aber mitten unter ihren Schmerzen war das, was zuletzt bei allen Frauen stirbt, ihre Koketterie, noch lebendig. Zwei- oder dreimal ließ sie den Wagen vor Modewarengeschäften halten, um sich die Schaufenster anzusehen. Als Mimi den Saal betrat, der ihr durch den Aufnahmeschein zugewiesen war, wurde ihr das Herz mit einemmal sehr schwer. Irgendein inneres Gefühl sagte ihr, daß sie innerhalb dieser trostlosen Mauern sterben würde. Es bedurfte ihrer ganzen Willensanspannung, um dieses erstarrende Gefühl des Unheils zu verbergen. Als sie im Bett lag, küßte sie Rudolf noch ein letztes Mal und sagte ihm Lebewohl, indem sie ihn bat, am folgenden Sonntag, dem öffentlichen Besuchstag, wiederzukommen. »Es riecht hier nicht gut«, sagte sie. »Bringe mir Blumen, Veilchen, es gibt noch welche.« »Ja,« sagte Rudolf, »auf Wiedersehn am Sonntag!« Und er zog die Vorhänge ihres Bettes zu. Als Mimi die im Flur verhallenden Schritte ihres Geliebten hörte, wurde sie plötzlich von einer fast wahnsinnigen Erregung ergriffen. Sie öffnete plötzlich die Vorhänge, lehnte sich halb hinaus und schrie unter Tränen: »Rudolf, nimm mich mit, ich will von hier fort!« Die Schwester lief bei ihrem Schrei hinzu und suchte sie zu beruhigen. »Ach,« sagte Mimi, »ich werde hier sterben.« Am Sonntag morgen, an dem Tage, da er Mimi sehen sollte, erinnerte sich Rudolf, daß er ihr Veilchen versprochen hatte. Aus einer Art abergläubischer Stimmung ging er trotz des abscheulichen Wetters zu Fuß nach den Wäldchen von Aulnay und Fontenay, wo er so oft mit Mimi gewesen war, und suchte dort nach Veilchen. Er fand die Landschaft, die unter der strahlenden Sommersonne so herrlich und froh gewesen war, düster und eisig. Zwei Stunden lang suchte er unter den schneebedeckten Büschen, hob mit einem kleinen Stock Äste und Heidekraut auf und fand schließlich gerade am Teich von Plessis, wo sie sich oft gelagert hatten, einige winzige Blüten. Als er auf dem Rückweg nach Paris durch das Dorf Châtillon kam, begegnete ihm auf dem Kirchplatz ein Taufzug, in welchem er einen seiner Freunde erkannte, der mit einer Sängerin von der Großen Oper Taufzeuge war. »Was, zum Teufel, machen Sie denn hier?« fragte der Freund sehr erstaunt, weil er Rudolf hier auf dem Lande sah. Der Dichter erzählte ihm das Vorgefallene. Der junge Mann, der Mimi gut gekannt hatte, fühlte sich von dem Bericht sehr ergriffen. Er zog eine Tüte mit Bonbons von der Tauffeier aus seiner Tasche und überreichte sie Rudolf. »Die arme Mimi! Geben Sie ihr das von mir, und sagen Sie ihr, ich würde sie besuchen.« »Dann müssen Sie aber bald kommen, wenn Sie sie noch sehen wollen«, sagte Rudolf, indem er sich verabschiedete. Als Rudolf ins Krankenhaus kam, umfing ihn Mimi, die sich nicht mehr rühren konnte, mit einem zärtlichen Blick. »Ah, meine Blumen!« rief sie mit dem Lächeln der erfüllten Sehnsucht. Rudolf schilderte ihr seine Irrfahrt durch diese Gegend, die einst das Paradies ihrer Liebe gewesen war. »Die lieben Blumen«, sagte das arme Mädchen und küßte die Veilchen. Auch die Bonbons machten sie sehr glücklich. »Man hat mich also doch noch nicht ganz vergessen«, sagte sie zu Rudolf. »Wie gut seid ihr doch alle, ihr, meine Freunde. Ah, ich liebe sie alle, deine Kameraden!« Das Zusammensein verlief in fast fröhlicher Stimmung. Schaunard und Colline waren ebenfalls gekommen, und die Krankenwärter mußten sie nachher zwingen, zu gehen, denn die Besuchsstunde war schon überschritten. »Adieu«, sagte Mimi. »Also bestimmt Donnerstag, und kommt recht früh.« Als Rudolf den Tag darauf abends nach Hause kam, fand er den Brief eines Assistenzarztes vom Krankenhaus, dem er seine Freundin besonders empfohlen hatte. Der Brief enthielt nur die Worte: »Mein Freund, ich habe Ihnen eine schlimme Nachricht mitzuteilen. Nummer 8 ist tot. Als ich heute morgen durch den Saal ging, fand ich das Bett leer.« Rudolf fiel auf einen Stuhl, ohne daß er eine Träne vergießen konnte. Als später Marcel kam, fand er seinen Freund in derselben stumpfen Haltung. Ohne zu sprechen, reichte ihm der Dichter den Brief. »Das arme Mädchen!« sagte Marcel. »Es ist doch merkwürdig,« meinte Rudolf, »ich empfinde gar keinen Schmerz. War wohl doch meine Liebe schon tot, als ich erfuhr, daß Mimi sterben sollte?« »Wer weiß?« murmelte der Maler. Der Tod Mimis erregte in dem Zigeunerkreis große Trauer. Acht Tage später traf Rudolf auf der Straße den Assistenzarzt, der ihm den Tod seiner Geliebten mitgeteilt hatte. »Ach, mein lieber Rudolf«, rief dieser, indem er auf den Dichter zueilte. »Verzeihen Sie mir den Schmerz, den ich Ihnen durch meine Übereilung verursachte.« »Was meinen Sie damit?« fragte Rudolf erstaunt. »Wie,« erwiderte der junge Arzt, »Sie wissen es nicht? Sie haben sie nicht wiedergesehen?« »Wen?« schrie Rudolf. »Nun, Mimi!« »Was?« sagte der Dichter und wurde ganz bleich. »Ich hatte mich geirrt. Als ich Ihnen die schreckliche Nachricht mitteilte, war ich das Opfer einer Täuschung. Die Sache kam so. Ich war zwei Tage nicht im Krankenhaus gewesen. Als ich nun wiederkam und meinen ärztlichen Rundgang machte, fand ich das Bett Ihrer Freundin leer. Ich fragte die Schwester, wo die Kranke sich befände, und sie antwortete mir, sie sei in der Nacht gestorben. Aber es war anders gewesen. Während meiner Abwesenheit hatte man Mimi in einen anderen Saal gebracht, und in das von ihr verlassene Bett wurde eine neue Kranke gelegt, die während der Nacht starb. So erklärt sich der Irrtum, dem ich verfiel. Am nächsten Tag fand ich dann Mimi in einem benachbarten Saal. Ihr Ausbleiben hat sie in schreckliche Erregung versetzt, und sie gab mir einen Brief für Sie. Ich habe ihn sofort selbst in Ihre Wohnung gebracht.« »Ach, du lieber Gott,« schrie Rudolf, »seitdem ich glaubte, daß Mimi tot sei, bin ich überhaupt nicht zu Hause gewesen. Ich habe bei dem ersten besten Bekannten geschlafen, wo ich mich gerade befand. Mimi lebt! Oh, mein Gott, was muß sie über mein Fernbleiben denken! Das arme, arme Mädchen! Wie geht es ihr? Wann haben Sie sie gesehen?« »Vorgestern morgen, es ging ihr weder besser noch schlechter. Sie ist sehr unruhig und hält Sie für krank.« »Bringen Sie mich gleich zur Pitié,« sagte Rudolf, »damit ich sie sprechen kann.« »Warten Sie einen Augenblick«, sagte der Assistenzarzt, als sie am Tor angekommen waren. »Ich lasse mir vom Direktor die Erlaubnis geben, Sie hineinzuführen.« Rudolf wartete eine Viertelstunde in der Vorhalle. Als der Arzt zurückkam, ergriff er Rudolfs Hand. »Mein Freund,« sagte er, »nehmen Sie an, der Brief, den ich Ihnen vor acht Tagen schrieb, hätte die Wahrheit enthalten.« »Was!« rief Rudolf und mußte sich an einen Pfeiler lehnen. »Mimi ...« »Diesen Morgen um vier Uhr!« »Bitte führen Sie mich in den Sektionssaal, ich möchte sie noch einmal sehen.« »Sie ist nicht mehr dort«, sagte der Assistenzarzt. Dann wies er auf einen großen Wagen, der im Hof vor einer Halle mit der Aufschrift ›Sektionssaal‹ stand. »Dort ist sie«, sagte er. Es war in der Tat der Wagen, mit dem man die nicht reklamierten Leichen in das Massengrab überführte. »Adieu«, sagte Rudolf zu dem Assistenzarzt. »Wollen Sie, daß ich Sie begleite?« schlug dieser vor. »Nein«, sagte Rudolf, sich verabschiedend. »Ich möchte allein sein.« XXII. Nur einmal ist man jung Ein Jahr nach Mimis Tode feierten Rudolf und Marcel, die sich nicht verlassen hatten, mit einem Fest ihren Eintritt in die offizielle Welt. Marcel war endlich in den Salon gelangt, wo er zwei Bilder ausstellte, von denen das eine durch einen reichen Engländer angekauft wurde. Da Marcel auch noch einen staatlichen Auftrag erhielt, so konnte er einen Teil seiner Schulden bezahlen. Er hatte sich eine anständige Wohnung eingerichtet und besaß ein richtiges Atelier. Fast zur selben Zeit gelangten auch Schaunard und Rudolf an die Öffentlichkeit und damit zu Ruf und Wohlstand, der eine durch ein Melodienalbum, das auf allen Konzerten gesungen wurde und seinen Ruhm begründete, der andere mit einem Buch, das einen Monat lang die Kritik in Atem hielt. Was Barbemuche anging, so hatte er schon lange dem Zigeunertum Lebewohl gesagt, und Gustav Colline hatte eine Erbschaft gemacht und sich dann vorteilhaft verheiratet, so daß er jetzt Soireen mit Musik und Kuchen geben konnte. Eines Abends, als Rudolf in seinem eleganten Sessel saß und die Füße auf seinen echten Teppich legte, sah er Marcel ganz erregt hereintreten. »Du hast keine Ahnung,« sagte er, »was mir begegnet ist.« »Nein«, antwortete der Dichter. »Ich weiß nur, daß ich dich besuchen wollte, daß du sicherlich zu Hause warst, mir aber nicht öffnen wolltest.« »Ich habe dich natürlich gehört. Aber rate einmal, mit wem ich zusammen war.« »Wie soll ich das wissen?« »Mit Fräulein Dudelsack, die gestern abend kostümiert bei mir hereinschneite.« »Was, du hast Fräulein Dudelsack wieder getroffen?« fragte Rudolf in bedauerndem Ton. »Sei unbesorgt, wir haben die Feindseligkeiten nicht wieder eröffnet. Sie kam nur zu mir, um ihre letzte Zigeunernacht mit mir zu verbringen.« »Wieso?« »Sie verheiratet sich.« »Ach was!« schrie Rudolf. »Gegen wen denn, um des Himmels willen?« »Gegen einen Postmeister, der der Vormund ihres letzten Liebhabers war, einen verrückten Kerl, wie es scheint. Dudelsack hat ihm gesagt: ›Mein lieber Herr, bevor ich Ihnen wirklich die Hand reiche und zum Standesamt gehe, will ich noch einmal acht Tage Freiheit haben. Ich habe meine Angelegenheiten zu regeln. Ich will mein letztes Glas Champagner trinken, meine letzte Quadrille tanzen und meinen Geliebten Marcel umarmen, der, wie es scheint, jetzt ein vornehmer Herr geworden ist.‹ Und so hat mich dieses süße Geschöpf acht Tage lang gesucht, um dann gestern abend, gerade als ich an sie dachte, in mein Zimmer zu stürzen. Ach, mein Freund, wir haben eigentlich eine traurige Nacht verbracht, es war alles nicht mehr so wie früher, ganz und gar nicht mehr so. Wir sahen beide aus wie eine schlechte Kopie eines Meisterwerks. Ich habe sogar diese unsere endgültige Trennung in einem kleinen Klagelied besungen, das ich dir vorjammern will.« Und Marcel begann die folgenden Strophen zu trällern: Nun klingen erste Frühlingslieder, Die Schwalben fliegen durch das Blau, Und plötzlich denk' ich deiner wieder, Du unbeständ'ge schöne Frau. Noch einmal leben auf die Stunden, Da noch mein Herz dein Himmel war, Noch einmal grüßt mit seinen Runden Ein glückerfülltes Liebesjahr. Ja, meine Jugend lebt noch immer, Und auch dein Bild, das einst so klar, Und trätst du leise in mein Zimmer, Mein ganzes Herz böt ich dir dar. Komm wieder, die ich nie vergessen, Treulose Muse schön'rer Zeit, Laß uns vereint noch einmal essen Das heil'ge Brot der Fröhlichkeit. Die Möbel in dem kleinen Zimmer, Die miterlebten unser Glück, Sie strahlen heut in hellem Schimmer Und hoffen, daß du kommst zurück. Sie trauerten um dich, du Feine, Als du den Rücken uns gekehrt, Das Bett und auch das Glas, das kleine, Das du so oft und gern geleert. Wie einst im weißen Sonntagskleide Verläßt mit mir du froh die Stadt, Wir streifen leicht durch Wald und Heide Und sind von Luft und Sonne satt. Und abends, wenn wir heimwärts wallen, Berauscht von Glück und süßem Wein, Dann läßt ein Lied du froh erschallen, Und alle Vögel stimmen ein ... Und wirklich, ich begreif es nimmer – Verrauscht war grad' das Faschingsfest, Da flog mit einemmal ein schlimmer Zugvogel in das alte Nest. Doch als ich sie dann küssen wollte, Die Ungetreue, blieb ich leer, Ich war verdrossen, und sie grollte – Wir waren nicht die alten mehr. Leb' wohl, du Schöne, Wunderbare, Längst starbst mit unsrer Liebe du, Du liegst im Grabe schöner Jahre, Die alte Zeit, sie deckt dich zu. Nur wenn der Asche wir gedenken, Des stillen Glücks, das uns verließ, Kann manchmal uns Erinnerung schenken Den Schlüssel zu dem Paradies. »Nun,« sagte Marcel, als er zu Ende gelesen hatte, »hast du dich jetzt beruhigt? Meine Liebe zu Fräulein Dudelsack scheint wirklich gründlich tot zu sein, sonst wäre mir nicht ein so glatter Grabgesang darauf gelungen.« Damit wies er ironisch auf das Manuskript seiner Dichtung. »Armer Freund,« sagte Rudolf, »dein Geist duelliert sich mit deinem Herzen, nimm dich in acht, daß dieses dabei nicht getötet wird!« »Das ist schon geschehen«, antwortete der Maler. »Wir sind erledigt, mein Alter, wir sind tot und begraben. Man ist nur einmal jung! Wo ißt du heute zu Abend?« »Wenn du Lust hast,« sagte Rudolf, »dann wollen wir heute für zwölf Sous in unserem alten Restaurant in der Rue de la Four speisen, wo es Teller aus bäuerischem Steingut gibt, und wo wir immer solchen Hunger hatten, wenn wir mit dem Essen fertig waren.« »Nein, ich danke«, erwiderte Marcel. »Ich habe nichts dagegen, mich in alte Erinnerungen zu vertiefen, aber das muß bei einer Flasche guten Weines geschehen, und wir müssen in einem bequemen Sessel sitzen. Du lieber Gott, ich bin nun einmal verdorben. Ich liebe nur noch gute Sachen!«