Heinrich Seidel Die Gans Ein Lobgesang. Lasst mich heut den Ruhm vermelden Der geliebten edlen Gans, Die da strahlt gleich einem Helden In dem höchsten Ruhmesglanz, Die das Kapitol gerettet, Wie ein jeder Schüler weiss, Die uns köstlich nährt und bettet; Ihr gebühret Ruhm und Preis. Und mit ganz besondrer Stärke Strahlt sie in der Poesie: Shakespeares, Schillers, Goethes Werke Wurden alle nur durch sie. Ja, sie glänzt in allen Reichen: Stromweis floss aus ihrem Kiel Hohe Weisheit ohnegleichen, Und der allerschönste Stil. Wenn sich Dichter dann und Denker Müd' geschrieben und gedacht, Philosophen, Staatenlenker Endlich ihren Punkt gemacht, Ruhten sie von ihrem Werke Sanft auf Gänsedaunen aus, Neue Kraft und neue Stärke Sogen sie im Schlaf daraus. Und wie köstlich anzusehen Ist die wohlgebratne Gans, Hat der Mensch sie vor sich stehen In dem knusprig braunen Glanz. Ja, von ihrem Duft umfächelt, Leuchtet jedes Angesicht, Und es schmunzelt gar und lächelt Der verstockte Bösewicht. Sie ist lieblich, sie ist lecker Und beseeligt alle Leut', Selbst den Schlemmer und den Schlecker, Den die Leber hoch erfreut Sie verkläret im November Grauer Tage trüben Schein, Duftet froh durch den Dezember Bis ins neue Jahr hinein. Drum erhebt die vollen Becher Mit des edlen Rheinweins Fluth! Lobt die Gans, ihr frohen Zecher: Sie ist edel, sie ist gut! Ja das Alter und die Jugend Halte hoch die Gans und werth: Dankbarkeit ist eine Tugend, Die den Menschen ziert und ehrt.