Edouard Rod Auf halbem Wege Roman Alle Rechte vorbehalten.   Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Erstes Kapitel. Es war gegen fünf Uhr abends, als Clarencé nach beendigter Probe das »Moderne Theater« in Begleitung des Direktors verließ, der ihm, neben seinem Viktoriawagen stehend, zu wiederholtem Male versicherte: »Hoffentlich sehen auch Sie jetzt voll Zuversicht der Aufführung Ihres neuen Stückes entgegen? Was mich anbelangt, so war ich kaum je eines Erfolges so vollkommen gewiß, als diesmal. Es wird nicht nur für Sie, sondern auch für unser ganzes Theater ein Ehrentag werden.« Nachdenklich hatte Clarencé ihm zugehört. »Ich danke für Ihr Vertrauen,« antwortete er, »Möchten Sie recht haben! Ich selbst bin nicht mehr im stande, ein klares Urteil zu fällen.« »Nervöse Erregung des Dichters, natürlich,« erwiderte der Direktor lächelnd. »Darüber aber, daß die ›Löwenbraut‹ Ihr Meisterwerk ist – wenigstens bis jetzt – sind wir alle einig. Sie können also ruhig schlafen! – Soll ich Sie nach Hause bringen?« »Nein, ich danke, das Gehen ist mir Bedürfnis, ich mache den Weg lieber zu Fuß.« »Gut, also auf morgen! Nicht wahr, Sie vergessen die kleine Änderung im zweiten Akt nicht?« »Nein, nein, morgen bringe ich sie mit.« Noch ein freundschaftlicher Händedruck, dann sprang der Direktor in seinen Wagen. Clarencé schaute ihm einen Augenblick nach und schöpfte dann tief Atem, als wolle er seine Lungen von der schlechten Luft, die sie mehrere Stunden lang eingeatmet hatten, befreien. Langsam ging er über den belebten Theaterplatz und schlenderte dann die Boulevards entlang. Gern hätte er seine Gedanken mit dem fröhlichen Leben und Treiben beschäftigt, das ihn an diesem schönen Frühlingstage unter dem lichtblauen Himmel umgab. Allein die lange Probe hatte ihn abgespannt; einige Stellen in seinem Stück, die Art, wie die Künstler sie wiedergaben, beschäftigte ihn – das Stück überhaupt quälte und verfolgte ihn. War der Erfolg wirklich so sicher? Bekanntlich täuschen sich die Theaterdirektoren fortwährend in ihrem Urteil trotz ihrer Erfahrung. Er jedenfalls war jetzt wie vor jeder Erstaufführung seiner Stücke von Zweifeln erfüllt, ohne freilich dem damit verbundenen, fast körperlichen Unbehagen eine allzugroße Bedeutung beizumessen. Kannte er doch jenes beklemmende Gefühl, das den Dichter vor der Veröffentlichung seiner Schöpfungen zu ergreifen pflegt: jenen schmerzlichen Vergleich, den dieser in solchen Augenblicken anstellt zwischen dem erträumten und dem zur Ausführung gebrachten Werke, an dem er jetzt tausend Mangel und Schwächen entdeckt. Ein Umstand besonders beunruhigte Clarencé: noch in keinem seiner acht früheren Dramen – sozialen Fragen fernstehenden Liebesdramen –, denen er seinen jungen Ruhm verdankte, hatte er die Macht der Liebe mit solcher Kühnheit geschildert als in diesem letzten Werk. Und doch war die anfängliche Konzeption des Stückes durch deren Ausgestaltung gemildert worden, denn als Clarencé zum ersten Male die Grundidee zu einem neuen Wert durchs Hirn schoß, da war es jenes abstoßende Thema, in dem sich die krankhafte Phantasie eines Euripides, Alfieri und Shelley gefielen: die leidenschaftliche Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Durch einen Zufall war Clarencé auf jenen Gedanken gekommen, gelegentlich eines Besuches bei einem seiner Freunde, bei dem er eine unnatürliche Steigerung des väterlichen Gefühls zu bemerken geglaubt hatte. Dieser Freund, ein talentvoller Maler Namens André Laurier war überhaupt eine allzu weichliche, empfindsame und übermäßig leidenschaftlich angelegte Natur, deren geheimste Regungen Clarencé zu kennen glaubte, und der, ohne es zu ahnen, dem Dichter schon manchen Zug für seine Liebeshelden geliefert hatte. Ein flüchtiger Ausspruch nur, der nach dem Essen im kleinen Familienkreise von den Lippen des Freundes gefallen war, hatte den Gedanken geweckt. Die kleine sechsjährige Paula, Clarencés Patenkind, war plötzlich vom Schoß ihres Vaters herabgeglitten, um auf den des Freundes, der sich häufig mit ihr abgab, zu klettern. »Ei, ei,« rief Clarencé lachend, »sie liebt schon die Abwechslung, das nenne ich früh anfangen!« Ebenfalls scherzend antwortete Laurier: »Sollte man's glauben, daß ich immer ein wenig eifersüchtig bin, wenn sie so wie jetzt von mir fort und zu jemand anderm geht? Wie wird das erst werden, wenn sie sich einmal verheiratet? Ich hasse meinen künftigen Schwiegersohn schon jetzt.« »Dieser Ausspruch sieht dir wieder recht ähnlich!« rief Clarencé lächelnd, während er mit den schönen lockigen Haaren der Kleinen spielte, die ihre großen dunkelgrauen Augen fragend auf ihn gerichtet hielt. Dann fügte er hinzu: »Was du da eben sagtest, erinnert mich an ein Gedicht Chamissos, an das ich lange nicht mehr gedacht habe. Die Tochter eines Löwenbändigers ist Braut. Zum letzten Male betritt sie den Käfig des Löwen, der sich zärtlich zu ihren Füßen niederkauert. Sie erzählt ihm von ihrer bevorstehenden Abreise und sagt ihm lebewohl. Der Bräutigam tritt heran, ruft ihr, will sie mit fortführen, der Löwe aber kann sich nicht von ihr trennen – er stürzt sich auf sie, zerreißt sie und legt sich dann demütig zu Boden, um den Todesstoß zu erwarten.« »So weit würde ich es nun nicht treiben, das verspreche ich dir,« sagte Laurier lachend. Mit einem etwas verächtlichen Ausdruck, den sie meist anzunehmen pflegte, wenn die beiden Männer, ihren Künstlernaturen folgend, phantastische Reden führten, war Frau Laurier der Unterhaltung gefolgt. Was für eine Ideenverbindung konnte man denn zwischen diesem überschwenglichen Gedicht und dem Scherzworte ihres Gatten finden, der doch gewiß nichts von einer Löwennatur an sich hatte? »Ich kann keinen Zusammenhang entdecken,« bemerkte sie. »Die Eifersucht tritt eben in tausenderlei Formen auf,« antwortete Clarencé; »man kann nie wissen, wie sie sich äußert.« »Ja, ja, er hat ganz recht,« warf Laurier ein, »ich habe meine Tochter entschieden allzusehr ins Herz geschlossen. Wer weiß übrigens, ob dieser Fall nicht häufiger vorkommt, als man glaubt!« Fast unmittelbar darauf war Clarencés Phantasie mit Windesflügeln auf dieser Fährte davongeeilt. Sie hatte das kleine, im Herzen seines Freundes glimmende Fünkchen, wo es sich wohl niemals weiter entwickeln würde, zur Flamme, zur verzehrenden Lohe angefacht und ein Trauerspiel aufgebaut, das in seinem modernen Rahmen und der modernen Art äußerer Übertünchung noch fürchterlicher wirken mußte, als jene Dramen aus dem Altertum und Mittelalter. Bald aber war es Clarencés zum Bewußtsein gekommen, daß er die Schöpfung seiner Phantasie der öffentlichen Meinung anpassen, ihre krassesten Momente streichen und mit den Empfindungen des modernen Lebens rechnen müsse. So wurde aus dem Vater ein Schwiegervater und aus der Tochter eine Schwiegertochter. Obwohl auf diese Weise der abstoßendste Teil aus dem Trauerspiel entfernt war, so blieb es doch immerhin noch düster und schauerlich genug. In ergreifender Weise wurde darin der tragische Verlauf einer unerlaubten Leidenschaft geschildert, die zuerst ängstlich geheimgehalten wird, schließlich aber, durch Eifersucht angereizt, in der friedlichen Umgebung kleinbürgerlichen Lebens mit ihrer ganzen elementaren Gewalt losbricht, den Helden zum Mörder macht und die Geliebte gegen seinen Willen ins Verderben reißt. Die Grundidee des Stückes war bereits durch die Berichte von Reportern in die Öffentlichkeit gedrungen, so daß die Zeitungen eine aufregende »Premiere« anzukündigen vermochten, Sie fügten zudem noch einmütig hinzu, daß an einem durchschlagenden Erfolg des Stückes nicht zu zweifeln sei, da Clarencé den einen als geschickter »Macher« galt, während die andern den Kämpfer in ihm erkannten, dessen Kraft über alle Schwierigkeiten triumphiert. Der bereits mit Ruhm gekrönte Schriftsteller stand in seinem vierzigsten Lebensjahre. Kaum daß noch ein kleiner Rest von linkischem Wesen und Schüchternheit die bäuerische Abkunft bei ihm verriet. Auch hatte er nicht die kraftvolle, untersetzte Gestalt der Bergbewohner des Jura, dem er entstammte. Er war im Gegenteil eher schlank und hoch gewachsen und verdankte einem nahezu zwanzigjährigen Aufenthalt in Paris eine weiße Hautfarbe und eine gewisse großstädtische Eleganz. Der Ausdruck seines hübschen, regelmäßigen Gesichts mit der hohen Stirne und dem fast gar zu ernsten Blick, in dessen klarer Tiefe sich der rasche Flug der Gedanken widerspiegelte, schien fortwährend zu wechseln. Obwohl sich seine Haare schon etwas zu lichten begannen, wiesen sie doch noch das glänzendste Schwarz auf. Der spitz zugeschnittene Vollbart dagegen war bereits fast ganz weiß, so daß er bei flüchtiger Betrachtung leicht über das Alter seines Trägers täuschen konnte. Soviel Clarencé auch in der Pariser Gesellschaft verkehrte, so war er doch kein Weltmann geworden. Er sprach wenig, suchte nicht zu glänzen; auch galt er für keinen unterhaltenden Gesellschafter und Tischgenossen, und obwohl ihm die Erfolge seiner Theaterstücke mit der Berühmtheit frühzeitig auch den Wohlstand eingebracht hatten, lebte er dennoch einfach in seiner hübschen, aber bescheidenen Wohnung der Rue Boccador, die er schon jahrelang innehatte, und wo sein Diener Antoine und dessen Frau Juliette für seine täglichen Bedürfnisse sorgten. Seine Laufbahn war nicht hart gewesen. Zu Anfang hatte ihm sein alter Vater, der als Bauer wohl wußte, daß es ohne Saat auch keine Ernte gibt, ohne Knauserei die notwendigen Existenzmittel zukommen lassen. Später verschaffte ihm die Aufnahme seines ersten Stückes bald die Unabhängigkeit, so daß er sich frei entwickeln konnte, ohne niederdrückende Nahrungssorgen, Zwangsarbeit und die Bitterkeit eines erfolglosen Strebens kennen gelernt zu haben. Wenn er trotzdem ebenso »nervös« als irgend einer seiner vom Glück weniger begünstigten Kollegen war, so kam dies von der fortgesetzten Anspannung einer über dem Boden der Wirklichkeit arbeitenden Phantasie und von dem Feuer, mit dem er seine eigene Seele in die Seelen seiner Geschöpfe hineinlegte, deren Leiden und Kämpfe er bei ihrer Ausgestaltung ganz und gar mit durchlebte. Diese fortgesetzte Verschmelzung von Wirklichkeit und Dichtung, die sich ohne sein Wissen in ihm vollzog, hatte ihn allmählich in einen Zustand innerer Erregung versetzt, die mit den Jahren zunahm. Die peinlichsten Bedenken quälten ihn nach jeder vollendeten Seite, immer wieder wurde jeder Satz auf seine Wirkung geprüft, umgeändert und von neuem begonnen. Und auch seitdem »Die Löwenbraut« nun in ihrer fertigen Gestalt vor ihm stand, grübelte er, von Zweifeln gepeinigt, fortgesetzt darüber nach. Eine Frage besonders, die sich zuerst nur leise in ihm geregt hatte, ihm aber bald eine wahre Herzensangst verursachte, verfolgte ihn: »Wie,« so fragte er sich, »muß ein solches Stück auf die Zuhörer wirken? Mit was für Gefühlen kehrt das Publikum, nachdem es ihm Beifall gezollt hat, nach Hause zurück? Was für geheime, vielleicht im tiefsten Grund der Seele schlummernde Laster vermag ein zu Herzen gegangenes Trauerspiel nicht aufzurühren?« So energisch er diese Frage zuerst auch mit Beweisgründen, wie sie den Künstlern geläufig sind, zurückwies, so wurde sie doch immer wieder durch zufällige Ideenverbindungen wachgerufen, ja, sie verdrängte allmählich alle andern den Stil und die Inszenierung betreffenden Bedenken, um sich nach jeder Probe wie ein Kehrreim von neuem einzustellen. Besonders den letzten Akt mit seinen hochgesteigerten, leidenschaftlichen Liebes- und Mordszenen vermochte Clarencé schließlich nicht mehr anzuhören, ohne dabei etwas wie Gewissensbisse zu fühlen. Gerade an dem Tage, da der Direktor des »Modernen Theaters« ihm einen glänzenden Erfolg versprach, war diese Empfindung ganz besonders stark. Ohne Unterlaß summten die feurigen Liebesworte in seinen Ohren, und anstatt ihm Freude zu machen, hinterließen sie einen bitteren, peinlichen Nachgeschmack in ihm, bis endlich das Urteil, das bisher nur unklar seinen Geist erfüllt hatte, ihm deutlich auf die Lippen trat. »Ein solches Werk ist fast ein Verbrechen,« murmelte er. Sofort aber erfuhr die Schärfe seines Urteilsspruches auch wieder eine Milderung in seinem Innern. »Ach was!« fügte er, die Achseln zuckend, halblaut mit einer heftigen Bewegung, die einen Vorübergehenden veranlaßte, sich umzuwenden, hinzu: »Ermüdung, Nervenüberreizung, nichts weiter. Ist einmal die ›Premiere‹ vorüber, dann vergehen die Grillen von selbst.« Er befand sich jetzt in den Champs Elysées, wo es ihm denn endlich auch gelang, sich wenigstens für kurze Zeit an den jungen Blüten der Kastanienbäume, an dem hinter dem Arc de Triomphe sich blutrot färbenden Abendhimmel und an all den schönen Dingen, die der Frühling mit sich bringt, zu erfreuen, so daß sich seine Erregung fast gelegt hatte, als er, vor seiner Wohnung angelangt, auf den Knopf der elektrischen Klingel drückte. Antoine öffnete ihm; sein gutmütiges, dickes Gesicht mit dem wohlgepflegten grauen Kotelettebart aber drückte Verlegenheit und Furcht aus. Die Hände unter seiner Schürze versteckt, stammelte er: »Drinnen im Arbeitszimmer ist ein Herr, ein Herr, der –« »Na, wer denn?« »Ein Zeitungsschreiber,« gestand der Diener, die Augen niederschlagend. Ärgerlich stieß Clarencé mit dem Stock auf den Teppich des Vorplatzes. »Ich hatte Ihnen aber doch so bestimmt gesagt, daß ich in diesen Tagen keinen derartigen Besuch empfangen wolle.« »Ich versuchte es auch, ihn fortzuschicken,« entschuldigte sich Antoine, »er wich aber nicht von der Stelle, sondern sagte, es handle sich um eine für Sie sehr wichtige Sache, Sie würden es sicherlich bedauern, ihn nicht gesprochen zu haben. Und da dachte ich –« »Sie hätten eben nicht denken sollen, Antoine.« Trotzdem entnahm er den Händen des Dieners eine Visitenkarte, auf der ein ihm fremder Name stand. »Philipp Merton,« sagte er. »Kenne ich nicht.« Unschlüssig betrachtete er die Karte noch einen Augenblick, dann murmelte er mit einem ergebenen Seufzer: »Nun er einmal hier ist, bleibt mir wohl nichts andres übrig, als ihn zu empfangen.« Die Handschuhe ausziehend, ging er durchs Vorzimmer, legte Hut und Stock auf ein Tischchen und trat in sein Arbeitszimmer. Dort fand er einen noch fast bartlosen, ziemlich schlecht gekleideten jungen Mann vor, der offenbar Studien zur Beschreibung des Zimmers machte, das übrigens in den Schaufenstern der Photographen vor aller Augen lag. Eine schwierige Aufgabe aber war dies jedenfalls nicht, denn die hier herrschende außerordentliche Einfachheit bildete einen auffallenden Gegensatz zu dem bekannten Luxus so vieler Wohnungen berühmter Männer. Clarencé vermied absichtlich die übertriebene Eleganz der modernen Einrichtungen, deren tausenderlei Einzelheiten nur zerstreuen und die Aufmerksamkeit ablenken. Altertümliche, geschnitzte, aber derbe, einfache Bauernmöbel bildeten die Ausstattung seiner Wohnung. Das mit dunkelgrünem Plüsch bezogene Kamin trug als Schmuck nur eine Florentiner Büste nach Donatello und zwei antike, stets mit den Blumen der Jahreszeit gefüllte Vasen. Die ebenfalls dunkelgrünen Wände verschwanden größtenteils hinter hohen, mit einfach eingebundenen Büchern angefüllten Schränken. Nur zwei Felder waren freigelassen, das eine für ein großes, schönes Frauenportrat in Pastell, das andre für die Kopie eines bekannten Bildes, den Tod darstellend, der sein Herz als Opfergabe darbietet – ein Sinnbild menschlicher Schmerzen – und das hier aufgehängt zu sein schien, um den in diesem stillen, dämmerigen Räume entstehenden Werken gleichsam den Stempel aufzudrücken. Merton hatte es betrachtet, ohne nach seiner Bedeutung zu forschen, dagegen hafteten seine Blicke mit um so größerer Neugierde auf dem Frauenbildnis. Wäre er in der Pariser Gesellschaft weniger fremd gewesen, so hätte er ohne Mühe das Original erkannt, oder es doch wenigstens erraten, denn Clarencés Beziehungen zu Frau Claudine Bréant waren für niemand ein Geheimnis. So aber wußte er nichts von diesem Verhältnis, reimte sich jedoch irgend einen andern kleinen Roman auf eigene Faust zusammen. Beim Geräusch der sich öffnenden Türe wandte er sich hastig ab, als sei er auf einer Indiskretion ertappt worden, dann begann er nach verschiedenen Verbeugungen umständlich zu erklären, daß er in seiner Eigenschaft als Berichterstatter der Zeitung »L'Etoile« gekommen sei. Stehend, ohne ihm einen Sitz anzubieten, hörte Clarencé an, bald aber unterbrach er ihn ziemlich schroff: »Ich kann Ihnen nichts über mein neues Stück mitteilen. In drei bis vier Tagen wird man es ja zu sehen bekommen, dann mag jeder darüber urteilen wie er will.« Etwas aus der Fassung gebracht, zupfte Merton verlegen an den sprossenden Härchen seines Schnurrbarts, dann antwortete er in einschmeichelndem Tone: »Es handelt sich nicht um die ›Löwenbraut‹, verehrter Meister, wenigstens nicht direkt, sondern um einen Artikel, der unter den ›Vermischten Nachrichten‹ erscheinen soll, und worin auch Ihr Name genannt werden wird.« Clarencé erbebte. »Mein Name? Und unter den ›Vermischten Nachrichten‹?« »Ja gewiß,« antwortete der Reporter. »Sie werden übrigens den Bericht in allen Abendblättern finden. Ein junges Mädchen Namens Céline Bouland, Tochter eines in der Rue Saint Ferdinand Nr. 60 wohnhaften Subalternbeamten, hat sich vergangene Nacht das Leben vermittels Kohlenoxydgases genommen. Sie scheint mit einem verheirateten Manne, dessen Name noch nicht ermittelt ist, eine Liebschaft gehabt zu haben. Was zwischen den beiden vorgegangen ist, weiß man nicht; vielleicht, daß ihre Beziehungen entdeckt worden sind, oder aber, daß er sie verlassen wollte, jedenfalls hat sie sich mit Kohlenoxydgas erstickt.« Ein zweites Mal unterbrach ihn Clarencé, erstaunt über die ausführliche Erzählung einer ihm fernstehenden Geschichte. »Bitte, mich nur weiter anzuhören. Neben dem Bett des jungen Mädchens fand man ein Exemplar Ihres bewundernswerten Dramas ›Liebe und Tod‹, worin zahlreiche Stellen angestrichen waren. Sie mußte es also vor ihrem Tode wieder und wieder gelesen haben. Ohne Zweifel sah sie zwischen ihrem eigenen Kummer und dem der poesievollen Heldin des Dramas eine gewisse Ähnlichkeit. Sie können sich wohl denken, daß dieser Fall in die Öffentlichkeit kommen wird, umsomehr, als Sie in diesem Augenblick eine vielgenannte Persönlichkeit sind. Aus diesem Grunde kam mir der Gedanke, Ihnen die Sache sofort mitzuteilen und Sie um Ihre Meinung zu fragen. Die Idee gefiel meinem Chef – und ich gestehe offen, daß ich auf Ihren Beistand rechne – denn,« fügte er mit leiserer Stimme hinzu, »ich bin auf den Erfolg meiner Arbeit angewiesen.« Als der junge Mann das Interesse bemerkte, das seine Erzählung erregte, legte er sofort seine Schüchternheit ab, und nachdem Clarencé sich gesetzt hatte, tat er, eine Antwort abwartend, desgleichen. Da diese jedoch ausblieb, fuhr er mit jugendlichem Ungestüm fort: »Nicht wahr, es ist ein recht seltsames Ereignis, unwillkürlich fällt einem dabei Alfred de Vigny ein, dessen ›Chatterton‹ bekanntlich eine wahre Epidemie von Selbstmorden nach sich gezogen hat. Eine solche Wirkung aber ist ja stets nur schmeichelhaft für den Dichter.« »Finden Sie das?« rief Clarencé. »Ja, finden Sie das wirklich?« Merton führte seinen Gedanken weiter aus: »Jedenfalls beweist es, daß der Dichter Eindruck gemacht hat.« Den Bleistift in der Hand, wartete er geduldig auf Clarencés Entgegnung. Dieser schwankte einen Augenblick zwischen der Klugheit, die ihm zu schweigen gebot, und dem ihm angeborenen Drange nach freimütiger Aussprache. »Sie finden also, daß ein solches Ereignis schmeichelhaft für den Dichter ist?« wiederholte er. »Ich aber, ich sage, es ist demütigend, grausam. Ich weiß zwar nicht, wie Alfred de Vigny über die seinem ›Chatterton‹ folgenden Selbstmorde gedacht hat, niemals aber werde ich glauben, daß er angenehm davon berührt worden ist. Ich für meine Person muß sagen, daß wenn man mir den Beweis liefert, mein Stück ›Liebe und Tod‹ sei in irgendwelchem Zusammenhang mit jenem Unglücksfall, so würde mich dies aufs tiefste und schmerzlichste bekümmern, das gestehe ich Ihnen ganz offen.« Immer lebhafter, sich selbst vergessend, fuhr er, ohne den rasch übers Papier fliegenden Bleistift Mertons zu beachten, fort: »Für Sie, ja da mag das traurige Ereignis ein interessanter Fall und ein glücklich entdecktes Thema für einen Zeitungsartikel sein, für mich aber ist es eine Gewissens- und Herzenssache. Wohl hat es schon vor meinen Dramen Liebespaare gegeben, die sich selbst das Leben genommen haben. Ich habe auch nicht die Kohlenbecken erfunden. Die Unglücklichen selbst sind, auch ohne meine Hilfe, in ihrer Verzweiflung auf dieses Mittel verfallen. Aber wie soll man aus der in ihrer Einfachheit so ergreifenden Geschichte herausfinden, wie weit echte Liebe und wie weit die durch Lektüre überreizte Phantasie mit im Spiele war. Die erste ist eine Naturgewalt wie Wasser, Feuer und Wind. Seitdem die Erde besteht, zieht sie dieselben Verheerungen nach sich und treibt die von ihr erfaßten unglücklichen Paare demselben Endziel entgegen – man ist ihr gegenüber machtlos, wie gegen ein Gewitter oder gegen Ebbe und Flut. Mit der Phantasie dagegen ist es etwas andres. Über sie sind wir die Herren, wir können sie im Zaume halten, ihr die Herrschaft über uns verwehren. Die Schilderungen der Liebe aber, die sind es vor allem, die die Phantasie erregen, und zwar um so tiefer und nachhaltiger, je poetischer das Gewand ist, in dem sie uns vorgeführt werden. Noch einmal frage ich Sie: Wie sollen wir bei der Liebesgeschichte jenes armen Mädchens entscheiden, welche der beiden Gewalten die größere war? Dazu müßte man jede Einzelheit des Vorfalls kennen und das arme Herz, das zu schlagen aufgehört hat, in seinen Tiefen ergründen. Das aber liegt außerhalb unsrer Macht.« Merton wunderte sich, während er seine Notizen machte, nicht wenig, solche Worte von den Lippen eines großen Dichters zu vernehmen, diesen mit einer so tiefen Erregung über ein Problem sprechen zu hören, das ihm selbst mit seinen zwanzig Jahren, vom praktischen Standpunkt aus betrachtet, durchaus nicht als wichtig erschien. Da sein Gegenüber indes innehielt, bemerkte er: »Ich hätte niemals gedacht, daß Ihnen ein Unglück, das Sie nicht persönlich berührt, dem Sie als ein Fremder gegenüberstehen, so nahe gehen könnte.« Lebhaft, als könne er seine Selbstangriffe nicht rasch genug wieder aufnehmen, entgegnete Clarencé: »Als ein Fremder? Ich wiederhole es, wie kann man den Fall richtig beurteilen und von der vollendeten Tatsache auf deren Ursache schließen? Wie kann man ahnen, was in dem Kopf jenes Mädchens vor sich gegangen ist, während sie mein Buch in der bebenden Hand hielt? Ein Fremder! Aber darf denn ein Dichter für seinen Leser ein Fremder sein? Darf er sich gleichgültig darüber hinwegsetzen, wenn er mit seinen Schöpfungen einen unheilvollen Eindruck auf sie ausübt?« Unwillkürlich ruhte Clarencés Blick bei dieser Frage auf Merton, so daß dieser im Glauben, sie sei an ihn gerichtet, antwortete: »Ach was, Unheil! Auch Leute, die nichts lesen und in kein Theater gehen, lieben und sterben wie die andern. Und selbst, wenn jenes Mädchen sich wirklich fälschlicherweise Ihre Heldin zum Vorbild genommen hätte, welche Schuld könnte Sie dabei treffen?« »Die Schuld, das Stück überhaupt geschrieben zu haben.« Clarencé hatte diese bedeutungsvollen Worte gesprochen, ohne ihre Tragweite zu berechnen. Merton, der nicht wissen konnte, daß sie der Ausdruck langer, innerer Kämpfe waren, fuhr überrascht auf, um dann lächelnd eine abwehrende Bewegung zu machen, als ob er andeuten wollte, daß er seine fünf Sinne beisammen habe und sich kein X für ein U machen lasse. »Das ist eine Ansicht, die natürlich niemand teilen wird,« antwortete er endlich mit einem verbindlichen Lächeln, »dafür bürge ich Ihnen. Bedenken Sie doch, was will der Tod jenes unbedeutenden Mädchens gegenüber dem großen Werke bedeuten, dessen Schöpfer Sie sind, das Ihrem Zeitalter, Ihrem Vaterlande zur Ehre gereicht, und das Ihnen die Unsterblichkeit sichert.« Einen Augenblick lang ließ Clarencé den klaren, sanften Blick seiner schönen Augen auf dem jungen Manne ruhen, dann sagte er: »Sie sind noch sehr jung, mein Freund, Darum können Sie auch nicht wissen, von welch geringem Werte ein noch so glänzendes Phantasiebild im Vergleich zu dem allerunscheinbarsten Leben ist. Was nützt oder schadet die Dauer eines Namens oder eines Gedankens? Auf das Unheil, das man angerichtet hat, aus das Gute, das man hätte wirken können und nicht gewirkt hat, darauf allein kommt es an.« »Mir scheint aber doch, daß die Rechte der Kunst –« wollte Merton einwerfen, Clarencé aber unterbrach ihn lebhaft: »Nein, nein, ich bitte Sie, kommen Sie mir nur damit nicht. Die großen, wahren Dichter haben sich niemals mit ihren Rechten zu verteidigen gesucht, sie wußten überhaupt nichts von Rechten, ihnen kam vor allem niemals in den Sinn, diese Rechte von den allgemeinen Menschenrechten zu trennen. Der Begriff Dichterrechte ist nur eine Erfindung eingebildeter, unfähiger Toren –« Er hielt einen Augenblick inne, dann fragte er in plötzlich verändertem Tone: »Sagen Sie, wissen Sie etwas Näheres über das arme Mädchen?« »Nicht mehr, als ich Ihnen bereits mitgeteilt habe: ihren Namen und ihre Adresse. Es wird wohl eines jener Geschöpfe gewesen sein, wie es heutzutage eine Menge gibt, die zu gebildet sind für den Kreis, in dem sie leben, und die, da sie in Ermangelung einer Mitgift nicht zum Heiraten kommen, anderweitig Ersatz suchen. Gerade solche nehmen gewöhnlich ein schlimmes Ende.« »Hatte sie einen Bruder oder eine Schwester?« »Ich glaube nicht.« »Aber doch Eltern?« »Ja, die leben noch.« »Die armen Leute! – Wer weiß, ob sie mich nicht ebenso verwünschen als den Verführer?« Aus Hochachtung für sein Gegenüber unterdrückte der Zeitungsreporter die abfällige Antwort, die ihm über jene kleinen Leute auf den Lippen schwebte, auch wagte er keine weitere Frage an den scheinbar ganz in sich versunkenen Dichter zu richten, der indes nach kurzer Pause fortfuhr: »Und doch war es meine Bestimmung, Liebestragödien zu schreiben. Eine innere Notwendigkeit trieb mich dazu. Die in mir lebenden Bilder drängten gewaltsam nach außen, nach Form und Gestalt. Sorglos, in freudiger Schaffenslust folgte ich jahrelang dem inneren Triebe, ohne daß mir auch nur einmal der Gedanke an jene Frage gekommen wäre, die in dein Zeitungsberichte nunmehr ihre traurige Antwort gefunden hat. Und doch find Sie nicht der erste, der diese Gedanken in mir anregt. Eines Tages, ich weiß nicht, wie es kam, da stiegen sie plötzlich in mir auf. Begreifen Sie jetzt deren wahren Sinn und den tiefen Ernst, den sie in dieser Stunde für mich annehmen? Können Sie es verstehen, was im Gewissen eines ehrlichen Mannes vor sich gehen muß, wenn es ihm mit einem Male klar wird, daß er vielleicht für ein gewaltsam geendetes Leben verantwortlich ist, jedenfalls aber einem schweren Unglück nicht ganz schuldlos gegenübersteht? Solche Bedenken kennt freilich die heutige Jugend nicht mehr. Ihr sprecht nur immer von den Rechten, den Forderungen und von der Religion der Kunst. Ja, ja, man kann sich wohl lange mit dieser Religion begnügen, sie sogar für sehr edel und erhaben halten und mitleidig auf denjenigen herabsehen, der sie verachtet und verschmäht. Eines schönen Tages aber, da entdeckt man, daß die Glaubenslehren jener Religion hohl klingen, daß der Gott, den man so hoch gehalten, nur ein falscher Götze war. Woher diese plötzliche Sinnesänderung? Man hat eben den Ernst des Lebens an sich selbst erfahren, man hat das Leiden persönlich kennen gelernt und sein Herz der Menschlichkeit geöffnet. Nun beginnt man die Welt mit andern, mit sehenden Augen zu betrachten und entdeckt bald, daß es noch etwas Höheres gibt als Bücher, Verse, Trauerspiele und Dichtkunst. Dieses Höhere aber – es ist das einfache und in seinen Wechselfällen doch so großartige wirkliche Leben, das Leben der armen, unglücklichen Menschen, die, manchmal Henker, aber viel öfter Opfer, so oft der Schmied ihres eigenen Unglücks sind, oder die von jenem unbarmherzigen Erzieher, dem Schicksal, gepeinigt und grausam hin und her geschleudert werden. Wie viele, die sich mit einem ausschließlichen Kultus für die Kunst in den Kampf begeben haben, haben nach errungenem Siege nur die Liebe zum Guten mit heimgebracht. – Sie machen große Augen, junger Mann, und ich errate Ihre Gedanken: spießbürgerliche Kleinlichkeit, engherziges Streben, das glauben Sie, sei die Folge von solchen Skrupeln, und Verachtung erfüllt Sie, davon bin ich überzeugt. Heute abend im Bierhaus, da werden Sie zu Ihren Kameraden sagen, dieser Clarencé ist nichts weiter als ein alter Schwachkopf. – Nein, nein, widersprechen Sie mir nicht, ich vergebe Ihnen im voraus. Später aber, wenn Sie einmal Ihren Weg gemacht haben, dann werden Sie vielleicht an meine Worte zurückdenken. Und ist dann wirklich ein Mann aus Ihnen geworden, so werden Sie einsehen, daß ich recht habe.« Zum ersten Male hatte Clarencé den Gedanken, die ihn seit einiger Zeit quälten, bestimmten Ausdruck verliehen. Zugleich aber fühlte er auch, daß sie, nun sie einmal Gestalt in ihm gewonnen hatten, nicht mehr aus seinem Innern zu verdrängen seien, sondern daß er künftighin mit ihnen werde zu rechnen haben. Merton aber, er mochte den Dichter verstanden haben, oder nicht, hatte ein Artikelchen in petto, wie man es sich schöner nicht denken kann, einen Artikel, der seinen Ruf als ein glänzender Reporter zu begründen im stande war. Jetzt kannte er nur noch den einen Wunsch, diese köstliche Errungenschaft so rasch als möglich niederzuschreiben. Er erhob sich also, um sich eiligst zu verabschieden, indem er sagte: »Haben Sie Dank, verehrter Meister, für Ihre vertraulichen Mitteilungen, die meine kühnsten Erwartungen übertroffen haben. Nie viele Leute aber werden durch Ihre Ansichten in Erstaunen versetzt werden!« Diese unvorsichtigen Worte erinnerten Clarencé erst wieder daran, daß seine Äußerungen schwarz auf weiß erscheinen sollten, und sofort bereute er seine Offenherzigkeit. »Allerdings,« antwortete er, »allein ich wünsche nicht, daß sie veröffentlicht werden. Ich habe nur für Sie und für mich gesprochen, und nicht für Ihre Leser.« »Wie,« rief der junge Mann erschrocken, »ich bin als Reporter zu Ihnen gekommen, Sie haben mich als solchen empfangen, ich habe andächtig Ihren Worten gelauscht, mir Notizen gemacht, und nun verlangen Sie, daß –« »Ich verlange gar nichts,« unterbrach ihn Clarencé, »ich habe kein Recht, etwas zu verlangen. Ich bitte nur um Ihre Verschwiegenheit, denn ich habe mich einer großen Unklugheit schuldig gemacht. Wir leben in einer Welt, wo man nicht laut denken darf. Auch im Kampf eines Dichters um seinen Ruhm gibt es Gesetze, und das allererste gipfelt darin, daß er sich nicht selbst widerspricht. Ich aber habe den doppelten Fehler begangen, erstens zu reden, anstatt zu schweigen, und zweitens mich selbst anzuklagen, anstatt mich mit einem Glorienschein zu umgeben. Der Zufall wollte es, daß Sie sich zu einer Stunde hier bei mir befanden, wo man, von seinen Gedanken überwältigt, sich selbst vergißt. Sie werden so edelmütig sein, diesen Zufall nicht auszunützen.« »Aber was soll dann aus meinem Artikel werden?« »Sie behalten ihn für sich.« »Ich bin erst seit kurzem bei meiner Zeitung angestellt und fand bisher noch keine Gelegenheit, einen Beweis meiner Fähigkeiten abzulegen. Mit einem solchen Artikel hätte ich nun mein Glück gemacht. Was aber wird mein Chef sagen, wenn ich statt dessen mit leeren Händen zurückkomme?« »Die Verantwortung bei Ihrem Chef, der ein alter Bekannter von mir ist, werde ich auf mich nehmen. Sagen Sie ihm, daß ich ihn morgen besuchen werde. Ich bürge Ihnen dafür, daß er Ihnen keinen Vorwurf macht, auch werden Sie Ihr Schweigen nicht zu bereuen haben.« Clarencés Worte schienen ihren Eindruck auf Merton nicht zu verfehlen. Sei es nun, daß er sich eine naheliegende vorteilhafte Berechnung in seinem Kopfe zurechtlegte, sei es, daß er wirklich einer edelmütigen Regung folgte, jedenfalls gab er nach, wenn auch nicht ohne einen Seufzer des Bedauerns. »Ich werde also Ihrem Wunsche gemäß schweigen,« sagte er. »Aber schade ist es doch um den schönen Artikel, den ich Ihnen zu verdanken gehabt hätte.« »Beruhigen Sie sich, mein junger Freund, ganz verloren wird er trotzdem nicht für Sie sein. Die Frage, die wir gestreift haben, stellt sich uns jeden Tag in wechselnder Form entgegen. Weittragender, als Sie glauben, wird sie ein Blatt der Zukunftsgeschichte füllen. Heute aber war sie noch beschränkt und persönlich, an den engen Kreis jenes Unglücks und an mein Trauerspiel gebunden, das eben doch nichts weiter als ein Spiel ist. Wer weiß, wie diese Frage morgen auftreten wird. Der literarische Übelstand unsrer Zeit, dem die arme kleine Céline, die mit ihrem Selbstmord etwas Schönes und Herrliches zu vollbringen glaubte, zum Opfer fiel – ist er nicht einer jener verborgenen Krebsschäden, unter denen wir leiden? Früher oder später wird man ihn wohl entdecken, und dann –« Der Satz blieb unvollendet, Merton aber wandte sich in Erwartung einer Prophezeiung auf der Schwelle noch einmal um. »Und dann?« wiederholte er. Clarencé aber schüttelte, von Zweifeln erfüllt, den Kopf. »Ich weiß es nicht,« sagte er. »Ich besitze keine sibyllinischen Bücher. Ich hoffe nur, daß, wenn das Übel einmal aufgedeckt ist, auch nach einem Gegenmittel geforscht werden kann. Männer meines Alters freilich werden es nicht finden. Euch, die ihr nach uns kommt, wird die Aufgabe des Suchens zufallen.« Zweites Kapitel. Kaum war Merton verschwunden, so trat bei Clarencé an Stelle der Frage in ihrer Allgemeinheit der ihn so tief berührende traurige Einzelfall wieder in seiner ganzen Schärfe in den Vordergrund. »Vor allem muß ich jetzt Näheres über die Sache erfahren,« dachte er laut, klingelte dann nach Antoine und befahl ihm, die Abendzeitungen herbeizuholen. »Sämtliche, wie nach einer Premiere,« sagte er. Eine Viertelstunde später kehrte Antoine, der bei allem was er tat dem Sprichwort »Eile mit Weile« huldigte, mit seiner Ernte zurück, worauf Clarencé hastig eine um die andre Zeitung entfaltete und prüfend die Spalten mit der Überschrift »Vermischte Nachrichten« überflog, in denen Eigennutz und Haß, Elend und Vergeltung aufeinanderstoßen. Fast in jeder Zeitung wurde, oft in recht wenig zartfühlender Weise, jenes traurigen Ereignisses mit mehr oder weniger genauen Einzelheiten und vielen Entstellungen Erwähnung getan, selbst der Name der Unglücklichen, der Stand des Vaters, die Wohnung waren angegeben, nur der Name des Liebhabers fehlte. Mehrere Zeitungen nannten ihn zwar Maler X. und nur eine einzige bezeichnete ihn mit dem Anfangsbuchstaben L. – Clarencé versuchte nun, sich aus den sich im einzelnen häufig widersprechenden Berichten einen möglichst wahrscheinlichen Verlauf des traurigen Ereignisses zusammenzustellen. Ja, ja, sie hatte geliebt, die arme tote Kleine, mit jener Liebe, deren Macht und Zauber alle andern Empfindungen überwältigt. Und diese Liebe hatte sich in ihr befestigt beim Lesen schöner Dichterworte, die die Gefühle ihres Herzens mit dem strahlenden Glorienschein der Poesie umwoben. Da war sie durch irgend einen Zwischenfall, vielleicht durch einen von einer gekränkten Gattin aufgefangenen Brief oder durch den Vater oder sonst jemand, in die rauhe Wirklichkeit zurückversetzt worden. Die plötzliche Erkenntnis eines Unrechts, Gewissensbisse, ein Gefühl demütigender Schande, angsterfüllte Tage, qualvolle Nächte, waren dem glückseligen Traume gefolgt, bis endlich der alte und doch ewig neue Auftritt mit dem Geliebten stattfand: »Liebst du mich noch?« »O ja, ich liebe dich.« »Mehr als alles?« »Ja, mehr als alles.« »Nun denn, so flehe ich dich an, laß uns zusammen sterben, es muß sein, denn –« Der Mann aber, der geschworen hatte, daß seine Liebe stärker sei als der Tod, ihm stand jetzt das Leben, das vielleicht an eine unzerreißbare Kette geknüpft war, deren Stärke ihm jetzt erst zum Bewußtsein kam, höher als die Liebe. Da hatte sie sich denn allein auf die große Reise, die ihr, mit ihm vereint, so schön erschienen wäre, begeben und als Gepäck nur den schmerzlichen Zweifel mitgenommen, nicht genug geliebt worden zu sein. – Ein Trauerspiel war es, das durch seine häufige Wiederkehr kaum mehr als ein solches betrachtet wird, und das man in den Zeitungen gewöhnlich nur mit ein paar Zeilen abtut. Wenn es diesmal mehr Aufsehen erregte, so geschah es nicht wegen Céline Bouland, dem unscheinbaren Mädchen, sondern seinetwegen, Clarencés wegen. Sein bei ihr gefundenes Werk »Liebe und Tod« hatte der Sache einen neuen Reiz verliehen. Einige Zeitungen führten sogar Zitate daraus an, ja eine ging so weit, den Bericht mit den Worten zu schließen: »Ein schöner Erfolg für einen Dichter!« Sicherlich würden auch noch andre außer Merton die Frage an ihn richten: »Was halten Sie von dem Einfluß der Bücher oder von der Verantwortung der Schriftsteller dem Publikum gegenüber?« »Aber nicht nur unsre Werke,« so grübelte Clarencé weiter, »können Schaden bringen, sondern auch unser Leben, unsre Persönlichkeit, die Entwicklung unsers Charakters und unsers Talents, denn wir Schriftsteller nehmen eine unverhältnismäßig einflußreiche Stellung im sozialen Leben ein. Das Publikum streut uns mehr Weihrauch, als wir verdienen – falls es uns nicht, meistens auch wieder ohne genügenden Grund, einer unbarmherzigen Kritik überläßt. Ein solch tägliches Einsaugen von Komplimenten und schönen Redensarten, dieses gelegentliche Sichsonnen im Gefühle der Unsterblichkeit muß nun aber notgedrungen unsern Seelen, unserm Charakter Schaden bringen. Wir kommen in unsrer Selbstüberschätzung schließlich so weit, daß wir die allgemein menschlichen Gesetze, die doch allein gut und weise sind, verachten. Wir setzen unsern Ehrgeiz darein, anders zu sein als die große Menge, etwas zu besitzen, das ihr fehlt, eine Gabe unser eigen zu nennen, die uns über sie erhebt. Wir maßen uns an, andre Gefühle, Zerstreuungen und Leidenschaften haben zu dürfen, und verlangen dann, daß diese mit einem andern Maße als mit dem gewöhnlichen gemessen, anders beurteilt werden, als bei gewöhnlichen Sterblichen. Ach, welches Unrecht begehen wir damit, ohne eine Ahnung von den schlimmen Folgen einer solchen Sonderstellung zu haben! Sie, die hehre Kunst und Poesie, wie hat sie, wenn auch durch unsre eigene Schuld, unser Wesen, ja selbst unsre Handlungen verunstaltet!« An diesem Punkte seiner Betrachtung angelangt, hielt Clarencé erschrocken inne. Hatte er doch soeben sich selbst, seiner sozialen Stellung und den Gefühlen, die seit zehn Jahren sein Leben ausfüllten, das Urteil gesprochen. Wie vor einer verschlossenen Türe, die man nicht zu öffnen wagt, wich er zurück und lenkte seine Gedanken mit Gewalt wieder auf die Hinterbliebenen in der Rue Saint Ferdinand, indem er leise wiederholte: »Die armen unglücklichen Menschen!« Und nun ergriff ihn plötzlich der Wunsch, zu ihnen zu eilen und ihnen seine Teilnahme auszusprechen. Allein er gab dieser Regung nicht sofort nach, denn neu erwachende Bedenken hielten ihn davon zurück. »Die Leute kennen mich ja nicht,« sagte er zu sich selbst, »und wer weiß, vielleicht grollen sie mir so sehr, daß mein Erscheinen ihren Kummer nur noch vergrößert.« Antoine meldete jetzt, daß das Essen aufgetragen sei. Schweigend trat Clarencé an dem Diener vorbei ins Speisezimmer, aber er mußte sich zum Essen zwingen. Gegen Ende der Mahlzeit fragte Antoine, den seines Herrn bekümmerte Miene nicht wenig beunruhigte: »Soll ich den schwarzen Anzug bereithalten?« »Nein Antoine, ich brauche ihn nicht.« »Herr Clarencé gehen also heute abend nicht mehr aus?« »Doch, doch, aber ich ziehe mich nicht um.« Da hatte er ja nun fast unwillkürlich seinen Entschluß gefaßt. »Ich gehe heute abend nicht in Gesellschaft,« fügte er hinzu. Wieder schlug er die Richtung nach den jetzt in hellem Lichterglanz erstrahlenden Champs Elysées ein, die er langsam entlang ging, um endlich in die düstere Rue des Ternes einzubiegen. Je näher er seinem Ziele kam, desto krasser malte er sich den Auftritt aus, den sein Erscheinen voraussichtlich hervorrufen würde. Was für einen herzzerreißenden Anblick mochte das für seine krankhaft erregten Nerven geben! Und wer weiß, ob die schluchzenden Stimmen nicht dieselben Worte wiederholten, die ihm sein Gewissen seit einiger Zeit zuflüsterte. Unschlüssig stand er vor der verschlossenen Türe des großen, vielstockigen Hauses, in dem, eng zusammengedrängt, eine Menge Familien ihr bescheidenes Dasein fristeten. »Wozu hierher gehen? Was verpflichtet mich dazu? Was für eine Macht treibt mich?« Schon zog er die Klingel, erkundigte sich beim Concierge nach Herr Bouland, stieg die Treppe hinauf und wurde von einem erschrockenen Dienstmädchen in ein kleines Besuchzimmer geführt, dessen Möbel mit leinenen Überzügen bedeckt waren, und das von der einzigen Kerze, die das Mädchen, das sich mit Clarencés Visitenkarte entfernte, hatte stehen lassen, spärlich beleuchtet war. Neugierig betrachtete er die einfache Standuhr, die Porzellanlampe und die blauen gläsernen Vasen, die das Kamin schmückten, den ovalen Tisch, auf dem einige illustrierte Zeitungen lagen, sowie die wenigen Bilder an den Wänden. Allein ihm blieb kaum Zeit, sich über die einfache Umgebung, in der sich ein solch schreckliches Drama abgespielt hatte, zu wundern, denn schon öffnete sich leise die Türe und der Vater erschien auf der Schwelle. Bouland, ein kleiner, ziemlich wohlgenährter Mann mit einem runden, gutmütigen, glattrasierten Gesicht, schlichten, leicht ergrauten Haaren und fleischigen Händen war so recht der Typus eines friedlichen, beschränkten Bürgers mit bescheidenen Ansprüchen, der nichts von aufrührerischen Wünschen und eingebildeten Sorgen weiß. Allein dieses sonst so ruhige Gesicht trug jetzt die Spuren tiefsten Schmerzes, schwere Tränen liefen langsam über die vollen Wangen, die kleinen Augen waren von breiten schwarzen Ringen umgeben, und auf Haltung und Bewegung lag der Stempel einer gewissen unbewußten Hoheit, die der harte Schicksalsschlag dem einfachen Manne aufgedrückt hatte. Tief ergriffen, fast wie ein Schuldbeladener, stammelte Clarencé: »Verzeihen Sie, daß ich, ein Fremder, so ohne weiteres bei ihnen eindringe. Allein ich hörte von dem Unglück – von dem entsetzlichen Unglück, das Sie betroffen hat – und da wollte ich Ihnen sagen – wie sehr ich Anteil daran nehme, denn –« »Denn,« wollte er fortfahren, »ich fühle mich mit verantwortlich für das was geschehen ist.« Allein er hielt inne und ließ den Satz unvollendet. Der Vater seufzte und wischte sich die Augen mit dem karierten Taschentuch, das er in der Hand hielt. »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte er und fuhr dann in abgerissenen Sätzen fort: »Ach, Sie können unsern Schmerz nicht ermessen, nein, Sie können es nicht. Unser einziges Kind! Und was für ein Kind! Niemals hat sie uns einen Kummer bereitet, sich niemals unserm Willen widersetzt. Und dabei war sie immer so vernünftig – o ja, klug und vernünftig. – Mein Gott, was mag plötzlich mit ihr vorgegangen sein? – Es gibt ja wohl junge Mädchen, denen man nicht recht trauen kann, die zum Bösen neigen, aber sie – ach sie war ein Engel! Das sagen alle, die sie gekannt haben. – Sie hatte keinen Fehler, nicht einen einzigen, nur die Bücher, die liebte sie zu sehr, ja, das war das Unglück – sie hat zu viel gelesen. Ich glaubte aber eben, sie lese nur zum Zeitvertreib und denke nicht mehr an die Erzählungen, wenn sie die letzte Seite gelesen hatte, so wie ich es mache. Deshalb ließ ich sie so ruhig gewähren. Sie aber glaubte an diese erfundenen Geschichten, die niemals wahr sind – und die, wie alles, was Lüge heißt, nur Unheil anrichten, die –« Seine Stimme hatte sich erhoben, plötzlich aber hielt er inne, faßte sich und sagte mit seinem Taktgefühl: »Ach, verzeihen Sie, ich vergaß – Sie sind ja Herr Clarencé, der Schriftsteller, nicht wahr?« »Ja,« antwortete dieser schüchtern, fast demütig. Einen tiefen Seufzer ausstoßend, fuhr der alte Bouland in leisem Tone fort: »Sie hat alle Ihre Bücher gelesen. Ich will nicht sagen, daß diese es waren, die – o nein, nein, das sage ich nicht – aber sie hatte sie lieber, als alle andern. Wir, ihre Mutter und ich, sind mit ihr ins Theater gegangen, als Ihr letztes Stück aufgeführt wurde, wie hieß es doch noch? ›Königin – Königin Auberty‹, glaube ich. Ich sagte zwar damals zu ihr – ›das ist nichts für dich Célinechen – solch romantische Geschichten taugen nicht für junge Mädchen‹ – aber sie wollte durchaus hingehen – und wir konnten ihr keinen Wunsch abschlagen. Ach, wenn Sie gesehen hätten, wie sie beim Schluß weinte! Ich neckte sie auf dem Heimweg noch darüber und sagte: ›Du weißt doch, daß die ganze traurige Geschichte nur erfunden ist.‹ Die arme Kleine, ich hatte ja keine Ahnung, was dabei in ihrem Herzen vor sich ging.« Weder Zorn noch Groll, nur jene tiefe Trostlosigkeit, bei der alle Vorwürfe, jede fruchtlose Auflehnung zum Schweigen kommen, sprach aus seinem Tone. Ein erneuter Seufzer entrang sich seinen Lippen, dann nahm er nach kurzem Schweigen, das Clarencé nicht zu unterbrechen wagte, wieder das Wort: »Wenn sie nur wenigstens mehr Vertrauen zu uns gehabt und uns alles gesagt hätte! Sie war ja unser Augapfel, da hätten wir sie gewiß auch verstanden – obwohl solche Geschichten nichts sind für einfache Leute wie wir. Wir hätten sie aber doch beschützen, sie vielleicht retten können. – Dann wäre unser Liebling doch noch bei uns. Aber ihr fehlte der Mut dazu – sie war nicht fürs Böse geschaffen, und als sie sah, daß – daß wir alles erfahren würden – da, da ist sie lieber – o wie entsetzlich, wie entsetzlich!« Das Gesicht ins Taschentuch vergraben, überließ sich Bouland einen Augenblick seinem Schmerze, dann aber mußte plötzlich ein unbestimmter Verdacht in ihm aufsteigen, denn er fragte, den Kopf aufrichtend, mit leisem Mißtrauen: »Sie aber, Sie kannten sie wohl nicht?« »Nein, Herr Bouland, ich habe sie niemals gesehen.« »Niemals gesehen? Und doch sind Sie gekommen, um –« »Aus Teilnahme für Ihr Unglück und weil –« Seine Stimme schwankte. »Weil mein Name mit Ihrem Trauerfall in Verbindung gebracht worden ist.« »Ach ja, richtig, Ihr Buch, das neben ihr lag.« Eine lange, gedankenschwere Pause trat ein. »Ja, ja, Ihr Buch,« wiederholte Bouland endlich, dann fügte er etwas zögernd hinzu: »Würden Sie sie vielleicht gerne sehen?« »Ich wagte nicht, Sie darum zu bitten.« »So kommen Sie.« Er nahm die einzige, ihnen als Beleuchtung dienende Kerze und ging Clarencé voran ins Sterbezimmer. Es war ein hübsches Mädchenstübchen, das die wenig wohlhabenden Eltern, dem Geschmack des Töchterchens Rechnung tragend, so viel als möglich mit einem gewissen bescheidenen Luxus ausgestattet hatten, und das dank einiger hübscher Kleinigkeiten, wie geschmackvoll angebrachte Stoffdrapierungen, gut ausgewählte Photographieen in schönen Rahmen und dergleichen, die den Charakter harmloser Koketterie trugen. Auf einem lackierten Tischchen stand, von einem Schirm beschattet, eine Lampe, deren Schein auf einen kleinen, blauen Band fiel, den Clarencé sofort erkannte. Niemand hatte ihn ohne Zweifel berührt, seitdem er, gleich einer geleerten Phiole, Célines Hand entglitten war. In einer Ecke des Zimmers saß weinend die Mutter. So versunken war sie in ihren Schmerz, daß sie beim Geräusch fremder Schritte nicht einmal den Kopf hob. Neben dem Bett stand, den Hut in der Hand, ein Mann im Überzieher, dessen Blicke auf dem mit Blumen überstreuten Bahrtuche ruhten, das die Gestalt der Toten bedeckte. »Herr Clarencé ist hier, um Céline zu sehen – er kannte sie zwar nicht, aber –« Mit einem heftigen Ruck wandte sich der Mann um, und Clarencé erbebte bis ins Mark. »Du – du – du bist es also!« stammelte er. Laurier war es, der Freund aus der Kinderzeit, sein bester, liebster Freund, dessen Leben er so genau zu kennen geglaubt hatte. Noch war Bouland mit seiner Erklärung nicht zu Ende gekommen, so lagen die beiden einander tieferschüttert in den Armen. Die durch diesen neuen Auftritt aus ihrer dumpfen Verzweiflung aufgerüttelte Mutter hatte sich erhoben und betrachtete verständnislos die beiden Männer. Laurier machte sich zuerst aus der Umarmung los, indem er sagte: »Du hast sie sehen wollen, nun denn, da schau her!« Voll schwermütigen Ernstes entfernte er das Leichentuch, und nun kam das Antlitz der Toten zum Vorschein. Sie hatte reiche, feine, dunkle Haare, die aufgelöst neben ihr auf dem Kissen lagen, eine edle, klare Stirne, im übrigen aber unregelmäßige Züge. Wie sie so mit blutlosen Lippen und für immer geschlossenen Augen dalag, hätte niemand vermuten können, daß sie einst schön gewesen war. Eingehüllt in die Schatten des Todes war mit dem feurigen Blick und dem frisch pulsierenden Leben auch der Reiz ihrer Persönlichkeit entschwunden. Für Laurier allein mochte um die gesenkten Lider noch etwas von dem zärtlichen Ausdruck der treuen Augen und von ihrem anmutigen Lächeln schweben. Langsam deckte er das Tuch wieder über die Tote, ordnete liebevoll die Blumen und wandte sich dann zu seinem Freunde. »Sie kannte dich sehr gut. Wie oft sprachen wir zusammen von dir! – Deine Bücher begeisterten sie – sie waren unsre Vertrauten, unsre Freunde.« Clarencé verstand es nämlich vortrefflich, seinen dichterischen Gestalten die für den Augenblick passendsten und beredtesten Worte in den Mund zu legen, wodurch jedem Auftritt so ganz der Stempel der Wahrheit aufgedrückt war. Auch in den schwierigsten Situationen seiner Stücke schrieb er rasch, mit sicherer Hand die erdichteten Zwiegespräche nieder, als entströmten sie einer unversiegbaren Quelle. Hier aber, angesichts dieses wirklichen Jammers, in den er sich mit hineingezogen fühlte, suchte er vergeblich nach einem Ausdruck seiner tiefen Bewegung. »Armer Freund! Armer Freund!« war alles, was er zu stammeln vermochte. Hierauf wandte er sich zu den Eltern, die, kurze Zeit von ihrem eigenen Schmerze abgelenkt, voll Erstaunen diese Wiedererkennungsszene beobachteten. »Sie sehen,« sagte er zu ihnen, »ich stehe wie ein alter Bekannter in Ihrem Kreise. Ohne diejenige, die Sie beweinen, je gesehen zu haben, traure ich mit Ihnen um sie.« »Sie sind ein guter Mensch,« murmelte die Mutter unter Tränen, während Clarencé zu sich selbst sagte: »Die armen Leute, sie haben nur Güte und Nachsicht für mich!« Als er sich dann nach einigen weiteren freundlichen Worten verabschieden wollte, riefen beide Eltern wie aus einem Munde: »Wie, Sie wollen schon fortgehen? Aber nicht wahr, Sie kommen wieder?« Er versprach es. Es war, als habe sich bereits ein Band zwischen ihnen und dem Fremden, der ihren Jammer teilte, geknüpft. Beglückt über die Verzeihung, die ihm die schlichten Leute hatten zu teil werden lassen, verließ er sie erleichterten Herzens. Dieselbe Verzeihung, die himmlische Frucht eines gemeinsamen Schmerzes, war auch Laurier gewahrt worden, der sich mit dem Freunde entfernte. Der Kummer, den er ihnen bereitet, der Haß, der ihr Herz zu Anfang erfüllt hatte, das alles war vergessen, vergessen seitdem sie fühlten, wie er mit ihnen litt, wie tief auch er von dem Schlage betroffen wurde. Schweigend gingen Laurier und Clarencé eine Zeitlang in der dunkeln Straße nebeneinander her. Da erwachten in der Seele des Dichters plötzlich wieder alte, im Laufe der Jahre verwischte Kindheitserinnerungen. Er sah in dem jetzt so tief gebeugten Manne neben sich seinen kleinen Schulkameraden von Besançon wieder, der, ebenso wie er selbst, als linkischer, aber von stolzen Zukunftsträumen erfüllter Bauernjunge aus seinem Dorfe herein zur Schule kam. Sie hatten sich vom ersten Augenblick an aneinander angeschlossen, hatten sich mit denselben Jungen herumgeprügelt und während der Ferien die meilenweite Entfernung, die sie trennte, nicht gescheut, um zusammenzukommen. Als Laurier im sechzehnten Jahre stand, war er plötzlich von einer Schwermut, wie sie bei phantasiereichen jungen Leuten nicht selten vorkommt, befallen worden, die bis zu Selbstmordgedanken führte, und die den Freund nicht wenig bekümmerte. Mit einem Male aber hatten zwei blonde Zöpfe und ein Paar munterer Augen, die ihm von ungefähr in den Weg kamen, die Todesgedanken verscheucht. Eine fröhliche Liebesidylle entspann sich, die zwar bald wieder in sich selbst zerrann, die aber nur der Anfang von einer Menge andrer wurde. Denn Laurier war immer verliebt und befand sich fortgesetzt in einer gewissen Ekstase. Ein romantisches Abenteuer folgte dem andern, und stets umwob er das Bild der gerade Auserkorenen mit dem Zauber einer überreichen Phantasie. Dies geschah nicht zum mindesten mit dem ruhigen, vernünftigen Mädchen, das jetzt seine Gattin und die Mutter seines einzigen Kindes war. Dabei schien es, als habe Jeanne Lauriers sanfter, stiller Geist diese stürmische, exaltierte Natur endlich zur Vernunft gebracht. War doch sie, die liebliche Erscheinung mit den glatt gescheitelten blonden Haaren, dem freundlichen, heiteren Ausdruck der blauen Augen, den seinen, etwas allzu zarten Zügen, der Anmut ihrer Bewegungen, dem einschmeichelnden Klang der Stimme und mit ihren geraden, vernünftigen Ansichten so ganz dazu geschaffen, Friede und Behaglichkeit um sich zu verbreiten. »Du hast die richtige Frau gefunden,« pflegte Clarencé mit Vorliebe zu seinem Freunde zu sagen. »Sie hat dich beruhigt, und die sanfte, gleichmäßige Liebe, mit der sie dich umgibt, ist mehr wert als stürmische Leidenschaft. Du darfst von Glück sagen.« Jetzt ärgerte sich aber Clarencé nicht wenig, daß ihn seine Menschenkenntnis betrogen und er von diesem »Roman« seines Freundes nichts geahnt hatte. So sagte er denn, während sie in die Rue de la Grande Armée einbogen, in vorwurfsvollem Tone: »Warum hast du mir diese ganze Geschichte verheimlicht?« Ein Achselzucken Lauriers war seine ganze Antwort. Nachdem die beiden dann wieder schweigend eine Strecke zurückgelegt hatten, wagte Clarence endlich die ihn bedrückende Frage zu stellen: »Wie steht es nun aber mit Jeanne?« »Sie weiß alles – seit gestern. Sie benahm sich sehr großmütig.« Wieder trat eine Pause ein, dann fuhr Clarencé fort: »Und jene andre – wo hast du sie kennen gelernt?« »Im Atelier.« »Malte sie denn auch?« »Ein wenig.« Langsam, als koste ihn jedes Wort eine besondere Anstrengung, sprach er weiter: »Sie kam eines Tages zu mir – mit einer unbedeutenden kleinen Landschaft, um mich darüber um Rat zu fragen. Warum sie sich gerade an mich wandte, der ich doch keine Schüler annehme, ich weiß es nicht – irgend ein innerer Drang muß sie veranlaßt haben. Sie war schüchtern und wagte kaum, die Augen aufzuschlagen. Ich hätte sie ja nun, wie alle andern, auch mit der Antwort fortschicken können, daß ich keinen Unterricht erteile. Warum tat ich es nicht? Der Wunsch, sie näher kennen zu lernen, muß mich wohl dazu veranlaßt haben. Wahrscheinlich fühlte ich sofort, daß sie mir vom Schicksal zugeführt fei. So sagte ich ihr, sie möchte nur wiederkommen – und sie ist wiedergekommen. – Du siehst, die Sache war sehr einfach.« Liebevoll schob Clarencé den Arm unter den seines Begleiters. »Mein armer Freund,« sagte er in teilnehmendem Tone, »wie leid tust du mir!« »Du bedauerst mich, ja, ich glaube es dir,« erwiderte Laurier traurig, »denn du verstehst es, den Kummer andrer mitzufühlen. Und doch kannst du meinen Schmerz nicht ganz ermessen, denn du hast sie nicht gekannt, du weißt nicht, was für ein entzückendes, tief angelegtes Wesen sie bei aller Einfachheit doch war, du weißt nicht, wie sehr wir uns geliebt haben, denn kein Mensch kann das wissen – Worte vermögen es nicht auszudrücken.« O ewige Täuschung aller Liebenden, die glauben, ihre Liebe sei größer, ihr Kummer tiefer, als der aller andern Menschen! Was soll man ihnen antworten, wenn Verzweiflung ihnen solche Worte auf die Lippen drängt? »Mein armer Freund!« war alles, was Clarencé zu wiederholen vermochte. Als sie nach einiger Zeit in die Nähe der Place de l'Etoile kamen, begann Laurier, stehen bleibend, von neuem: »Eine Frage hat sich dir sicherlich aufgedrängt, und ich weiß, wie sie lautet: ›Warum hast du sie die weite Reise allein antreten lassen? Sie ist dahin, er aber, der sie so sehr geliebt zu haben vorgibt, er geht umher, er lebt, ißt, schläft. Wie ist das möglich?‹ Ja, ja, das fragst du dich, du, der du mich genau kennst.« Mit gesenktem Kopf ging er, ohne die Einwände seines Freundes zu beachten, weiter, blieb dann wieder stehen und sagte: »Dieses Warum, ich will es dir beantworten. Es gibt eben etwas, mein Freund, das stärker ist als unser Wille. Es gibt Pflichten, die man nicht vergessen kann , und deren Kette man oft erst in der verhängnisvollsten Stunde seines Lebens fühlt. Ich kann, ich darf nicht sterben, denn ich bin zu arm dazu. Sterben heißt so viel, als meine Angehörigen, sie, die ich, Gott weiß es, ebenfalls liebe, dem Elend preiszugeben. Weil ich jenen nichts zu hinterlassen habe, kann ich ihr nicht folgen. Um jener willen stehe ich hier lebendig neben dir, während der Tod mir eine süße Erlösung wäre. Wer weiß, ob die drohende pekuniäre Not nicht auch mit ein Grund ist, warum Jeanne mein Haus nicht verläßt – warum sie mir vergeben hat. Armut ist bekanntlich eine Macht, die schon manchen Herzenskummer überwältigt hat.« Eine ihm bis dahin fremde Empfindung quälte Clarencé. Er, der mit so viel poetischem Schwung die Verheerungen der Leidenschaft schilderte, er bebte jetzt vor der krassen Wirklichkeit zurück, vor jener Wirklichkeit, die von der Dichtkunst nicht nur geschmückt, sondern auch gefälscht wird, und deren tiefen Sinn er zum ersten Male durchschaute. Grausam strafte sie jene sinnreichen Kunstgriffe und raffinierten Mittel Lügen, deren sich die Dichter bedienen, und die er selbst stets hochgestellt hatte. Was für einen Wert hat denn jene romantische Darstellung der Seelenzustände, die die Beifallsrufe der Menge hervorlockt, wenn schon ein einziges unscheinbares, aber wirkliches Unglück die ewige Lüge, die den von der Phantasie umwobenen Traumgestalten anhaftet, an den Tag bringt? Wie ein hungernder Bettler auf ein Almosen, so wartete Laurier auf ein Wort der Teilnahme, auf ein Wort zur Linderung seiner Qual. »Was du mir da sagst, ist entsetzlich grausam, so begreiflich es auch ist,« murmelte Clarencé. »Ja, nicht wahr? – Die Dichter suchen immer nach außergewöhnlichen Ereignissen, und das Leben selbst ist doch so einfach. Ach, so einfach und so grausam! – – Jenes arme, teure Geschöpf,« fuhr er nach einer Pause fort, »wohl beweine ich es, aber ich beklage es nicht. Nein, nein, ihm ist der bessere Teil zugefallen. Der Tod hat ja nichts Erschreckendes, wie so viele glauben: bringt er doch Vergessenheit, Bewußtlosigkeit, Unverantwortlichkeit. - Du mußt das ja wissen, da du diese Ansicht so überzeugungsvoll in deinen Werken niedergelegt hast, in jenem Werke besonders, das sie vor allem liebte – vielleicht allzusehr liebte. Und auch ich halte diesen Ausdruck für die größte und zugleich für die trostreichste Wahrheit, die ich jemals gelesen habe. Übrigens machst du es – verzeih mir meine Offenheit – wie ihr Schriftsteller alle, ihr mildert, verschiebt, verschönert, ja ihr fälscht sogar die Verhältnisse nach eurem Gutdünken. So werdet ihr zu den Urhebern jener Sinnes- und Herzenstäuschungen, denen so viele Unglückliche anheimfallen, und die manche, so wie meine kleine Freundin, in den Tod treiben, oder durch die man, so wie ich, eine nie heilende Wunde mit sich durchs Leben schleppt.« Teils erregt, teils sanft klagend, in abgerissenen Sätzen, machte Laurier seinem bedrängten Herzen Luft. Erst vor seiner am Ende der Avenue Kléber gelegenen Wohnung verstummten die Klagen. »Soll ich mit dir hinaufkommen?« fragte Clarencé. »Nein, ich danke dir, jetzt nicht.« »Du weißt aber doch, daß Jeanne mich nicht ungern hat. Vielleicht, daß –« »Nein, nein – komme lieber morgen, das ist wirklich besser. – Morgen also, nicht wahr?« Damit verschwand er in der dunkeln Türöffnung. Drittes Kapitel. Langsam schlug Clarencé den Rückweg ein. Einige Aussprüche Lauriers gingen ihm im Kopfe herum, und mehrmals sprach er den Satz halblaut vor sich hin: »Ihr seid die Urheber der Sinnes- und Herzenstäuschungen.« Hatte sein Freund ihm damit nicht die endgültige Antwort auf die ihn beunruhigende Frage entgegengeschleudert? Drückten diese Worte nicht mit fürchterlicher Klarheit die traurige Wirkung einer Herz und Sinne betörenden Dichtung aus, deren süßes Gift sich unbewußt zuerst in die Seelen der Leser und dann in ihre Handlungen schleicht? Wir sind die Urheber der Sinnes- und Herzenstäuschungen – das heißt, deutlicher ausgedrückt: wir fügen den gewöhnlichen Verirrungen und Sorgen des Lebens noch neue, eingebildete Schmerzen und Aufregungen hinzu. Unsre schönen Dichterworte mit ihrem trügerischen Sinn verschieben die einfachen, gesunden Begriffe der Menschen. Mit unsern erdichteten Erzählungen stellen wir armen, unwissenden Wesen Vorbilder auf, die sie verwirren und sie, im stolzen Gefühle ihres vermeintlichen Heldentums, zu verzweifelten Handlungen treiben. Immer tiefer versenkte sich Clarencé in diese trüben Gedanken, die von der Allgemeinheit allmählich auf sein eigenes Leben zurückkamen, das ihm nun in neuem Lichte erschien. Voll Bangigkeit fragte er sich, ob nicht die Kette seiner Handlungen gleichfalls von der Täuschung beherrscht sei, wovon seine Schriften überflössen. Wie immer in Stunden trüber Stimmungen und Zweifel trieb es ihn auch jetzt unwillkürlich zu Claudine, die ein kleines Häuschen bewohnte, das, von einem winzigen Garten umgeben, zwischen den Mietshäusern der Rue de Balzac eingezwängt lag. Sein ganzer mit ihr durchlebter »Roman« zog an seinem Geiste vorüber, und mit dem plötzlich in ihm aufsteigenden Wunsche, auch daran ändern und verbessern zu können, so wie er es noch bei der »Löwenbraut« hätte tun können; versenkte er sich prüfend in jede Einzelheit. Trug dieser »Roman« jene vornehmen Merkmale, die ein gelungenes Werk – es mochte nun geschrieben oder erlebt sein – auszeichnen? Oder war es am Ende auch, so wie »Liebe und Tod«, von jener ungesunden Herzens- und Sinnestäuschung durchtränkt, die die kleine Céline in den Tod getrieben und Lauriers häusliches Glück zerstört hatte? * * * Zehn Jahre war es her, seitdem sich sein »Roman« entsponnen hatte, der, obwohl für niemand ein Geheimnis, von der Welt doch stillschweigend übersehen wurde, da sie das Verhältnis wegen seiner langen Dauer gewissermaßen als sanktioniert betrachtete. Kurze Zeit nach den ersten Erfolgen seiner Theaterstücke hatte Clarencé die Bekanntschaft Frau Bréants gemacht, die, nach kaum einjähriger Ehe von ihrem Gatten verlassen, als geschiedene Frau lebte. Die ihr gesetzlich zukommende Jahresrente hatte sie zurückgewiesen, da sie, wie sie sagte, ihrem Gatten nichts verdanken, ihn überhaupt so rasch als möglich aus ihrem Gedächtnis und Leben streichen wolle. Um sich nun aber einen Lebenszweck zu schaffen und ihre bescheidenen Einkünfte zu vermehren, faßte sie, einem lang gehegten Wunsche nach Unabhängigkeit und Tätigkeit folgend, den Entschluß, ihr bedeutendes musikalisches Talent zu verwerten. Sie war schön, stolz und ein wenig menschenscheu, dabei frei von jeglicher Gefallsucht. Erschien ihr doch die Schönheit, die ihr kein Glück gebracht hatte, eher als ein Hindernis für Frauen, die ehrlich ihr Brot verdienen wollen. Gleich beim ersten Zusammentreffen fiel Clarencé Claudines Wesen auf, das so sehr von dem der Künstlerinnen und Weltdamen, mit denen er bis dahin verkehrt hatte, abstach. Sofort verliebte er sich in sie, verbarg indes anfangs seine Gefühle, deren Macht er sich noch nicht eingestand, hinter einer herzlichen Kameradschaft. Häufig besuchte er die junge Frau, die ihn stets freundlich empfing, und so knüpfte sich allmählich ein Band zwischen ihnen, das sie zuerst selbst kaum fühlten. Clarencé, der schon verschiedene schmerzliche Erfahrungen mit der Liebe gemacht hatte, wiegte sich nur zu gern in die süße Hoffnung ein, daß es nun ewig so zwischen ihnen bleiben werde, verkannte aber dabei seine eigene Natur vollständig. Zudem fachten bald äußere Umstände seine Leidenschaft zu hellen Flammen an. So wenig kokett und so zurückhaltend Claudine auch war, so gab es doch eine Menge junger Herren, die sich um ihre Gunst bemühten, und es kam mehr als einmal vor, daß Clarencé boshafte Zungen in einer Weise von ihr sprechen hörte, die ihn mit machtlosem Zorn erfüllte. In solchen Augenblicken, die seine Liebe nur steigerten, wurde der glühende Wunsch immer unbesiegbarer in ihm, sich zu ihrem rechtmäßigen Beschützer zu machen und sein Leben mit dem ihren zu teilen. Eines Tages gegen Abend traf er bei seinem Besuche einen wegen seiner galanten Abenteuer bekannten Kollegen, namens Bellisle, bei ihr, der, in dem Lehnstuhl sitzend, den Clarencé gewöhnlich innehatte, sich schon ganz wie zu Hause zu fühlen schien, Clarencé, der seinen Zorn kaum zu beherrschen vermochte, wartete in fieberhafter Erregung auf das Weggehen des Eindringlings. Dieser aber plauderte behaglich über alles mögliche und ließ es dabei nicht an verschiedenen verliebten Anspielungen fehlen, während Clarencé, der sich außer stande fühlte, kaltblütig am Gespräche teilzunehmen, hartnäckig schwieg und mit einem Ausdruck nach der Uhr starrte, der zu sagen schien: »Was auch kommen mag, ich bleibe hier.« »Tue das, wenn du willst,« antworteten die höhnischen Blicke des andern, »mir bleibt doch das letzte Wort.« Schließlich aber räumte Bellisle doch das Feld, wenn auch nicht ohne seinem Gegner einen triumphierenden Blick zuzuwerfen, der diesen erbleichen machte. Kaum hatte sich die Türe geschlossen, so fuhr Clarencé in die Höhe, ging auf Claudine zu, die ihren Gast einige Schritte durchs Zimmer begleitet hatte, und rief mit kaum gezügelter Heftigkeit: »Ich hoffe, daß dieser Mann niemals wieder Ihre Schwelle überschreitet.« »Aber ich bitte Sie, warum denn?« fragte die junge Frau aufs höchste überrascht. »Kennen Sie diesen Menschen denn? Wissen Sie nicht, daß eine Frau – eine alleinstehende Frau – einen Mann wie Bellisle nicht bei sich empfangen kann?« Sie setzte sich, wies mit der Hand nach dem Fauteuil, den Bellisle soeben verlassen hatte, und antwortete, Clarencé scharf ansehend, in sanftem Tone: »Ich dächte doch, mein lieber Freund, daß es meine Sache ist, zu entscheiden, wen ich empfangen darf oder nicht.« Aufgeregt ging er einigemal im Zimmer hin und her, dann blieb er plötzlich vor ihr stehen und sagte leise mit bebender Stimme: »Noch aus einem andern Grund kann ich Ihren Verkehr mit diesem Menschen nicht ertragen – weil – weil ich Sie liebe.« Eine leise Röte stieg in ihre Wangen. »Herr Bellisle hat niemals etwas derartiges zu mir gesagt.« »Ha,« rief Clarencé leidenschaftlich, »in seinen Augen hätten solche Worte auch nicht den gleichen Sinn gehabt wie in den meinigen. Wenn ein Mann wie er von Liebe spricht, so weiß man, was das sagen will. Ich aber, ich biete Ihnen mein Herz an, mein Leben, alles, was ich bin und habe. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.« Claudine hatte den Blick von ihm abgewandt und gab sich alle Mühe, ihre Bewegung zu verbergen. Erst als sie sich wieder Herr ihrer Stimme wußte, antwortete sie: »Was Sie da tun, mein lieber Freund, ist sehr edel und großmütig, denn ich bin eine arme Frau, die Ihnen weder Vermögen, noch angesehene Verwandte mit in die Ehe bringen könnte. Vielleicht würden Sie sich sogar mit einigen Ihrer Freunde verfeinden, die sicherlich nicht damit einverstanden wären, wenn Sie eine geschiedene Frau heirateten. Sie würden damit eine große Torheit begehen. Aber es war edelmütig von Ihnen, mir Ihre Hand anzubieten, und ich bin stolz darauf, diesen Wunsch in Ihnen erweckt zu haben. Trotzdem muß ich Ihnen sagen, daß ich den festen, unerschütterlichen Entschluß gefaßt habe, mich nicht wieder zu verheiraten.« Nun die bindenden Worte einmal ausgesprochen waren, hatte Clarencé auch eine andre Antwort erwartet, denn die Sympathie, die sie ihm entgegenbrachte, der freundliche Blick, mit dem sie ihn in Gesellschaft sowohl, als in ihrem behaglichen Heim begrüßte, der wärmere Ton ihrer Stimme, wenn sie mit ihm sprach – all diese kleinen Anzeichen, die die menschliche Eitelkeit so gern zu ihren Gunsten ausbeutet, berechtigten ihn fast zu einer günstigeren Antwort. »Ha,« rief er voll Groll und Bitterkeit, »so spricht nur eine Frau, die nicht liebt!« Claudines Augen, die den seinigen ausgewichen waren, wandten sich jetzt mit sanftem, liebevollem Ausdruck wieder ihm zu. Einen Augenblick noch zögerte sie, nach den rechten Worten suchend, dann begann sie, ihrer Erregung wieder Herr, in ernstem Tone: »Ja, mein Freund, ich werde mich nicht wieder verheiraten, das ist eine fest beschlossene Sache. Glauben Sie ja nicht, daß Groll und Bitterkeit über die unglücklichen Erfahrungen, die ich in meiner Ehe gemacht, mich zu diesem Entschlusse geführt haben. Ich bin nicht so töricht, über alle Männer den Stab zu brechen, weil einer mir Böses getan hat. Nur gegen die Ehe selbst lehne ich mich auf. In meinen Augen ist sie eine soziale Lüge, eine Heuchelei, ein Deckmantel für ein ganzes Heer niedriger Berechnungen. Es gibt ja viele unglückliche Frauen, denen zur Sicherstellung ihres Lebens keine andre Wahl bleibt, als sich unter das Joch zu beugen. Diese müssen sich eben ins Unvermeidliche finden, und ich will sie gewiß nicht verdammen. Ich aber bin, dank des kleinen Vermögens, das mein Vater mir hinterlassen hat, und dank meines geringen Talents unabhängig. Und das will ich bleiben.« Clarencé glaubte nicht, daß sie im Ernst rede, denn früher schon hatte sie bei Gelegenheit ähnliche Ansichten ausgesprochen, die aber stets nur als momentane Laune von ihm belacht worden waren. »Was für Ideen!« sagte er. »Sie sprechen ja wie eine Sozialistin. Nun denn, so bleiben Sie eben bei Ihren Ansichten. Ich habe kein Recht, zu wissen, was und wer sich dahinter versteckt.« »Sie glauben, ich wolle etwas damit verbergen?« »Wenn Frauen Philosophie treiben,« warf er, unfähig, sich länger zu beherrschen, ein, »so steckt immer etwas dahinter, oder – jemand.« Claudine aber wurde nicht ärgerlich. Noch immer ruhte ihr Blick voll auf ihm, und dieser Blick war so offen und herzlich, daß Clarencé sich seiner Heftigkeit schämte. »Halten Sie mir meine Überraschung zu gute,« sagte er mit leiser Stimme, »denn wenn ich auch Ihre freisinnige Denkungsart schon kannte, so hielt ich Sie bis jetzt doch nicht für eine Frauenrechtlerin.« »Das bin ich auch nicht,« entgegnete sie, den Kopf schüttelnd. »Ich will mich nur nicht jener sozialen Einrichtung – nennen Sie sie Gewohnheit, oder Gesetz, oder Sakrament – fügen, unter der ich so viel gelitten habe. Mehr wollte ich nicht sagen, etwas andres steckt nicht hinter meiner Weigerung.« Und in dem Wunsche, ihn von Grund aus zu überzeugen, fügte sie noch hinzu: »Nichts und niemand, ich schwöre es Ihnen.« »O,« rief Clarencé, »Sie brauchen keinen Eid abzulegen, das verlange ich durchaus nicht. Da Sie sich Ihre volle Freiheit zu bewahren wünschen, haben Sie auch das Recht, Ihre Geheimnisse für sich zu behalten.« Er erhob sich und fuhr stehend in abgerissenen Sätzen fort: »Ja, ich weiß wohl, Sie sind ein starker, energischer Charakter, Sie sagen es nicht nur, sondern Sie beweisen es auch. Eine Entgegnung auf Ihre kluge Beweisführung gibt es aber nicht, und so bleibt mir nichts andres übrig, als Ihnen lebewohl zu sagen. – Selbstverständlich werde ich meine Besuche bei Ihnen einstellen, denn ich liebe Sie zu sehr, um Ihr Freund bleiben zu können. Auch ich will offen sein: Für mich wäre eine Freundschaft zwischen uns von jetzt an ebenso eine Heuchelei, wie für Sie die Ehe. Ich will diese Freundschaft nicht. Ich will es nicht mit Ihnen erleben, wenn bei Ihnen die Stunde kommt, wo Sie sich selbst und Ihre Ansichten Lügen strafen – und sie wird kommen, meine liebe Freundin. Wohl bin ich überzeugt, daß Ihr Entschluß heute aufrichtig ist, aber eines Tages, da wird er in sich selbst zusammenfallen. – Was Sie heute für mich nicht tun wollen, weil Sie mich nicht lieben, das werden Sie später für denjenigen tun, dem Sie Ihr Herz geschenkt haben. Dann werden Sie die Nichtigkeit Ihrer heutigen Bedenken einsehen und ihm freudig ihre Unabhängigkeit opfern.« »Sie rechtfertigen Ihren Ruf als ein Kenner der Frauen,« antwortete sie mit halbem Lächeln. Clarencé bemerkte nicht, daß ihr liebevoll nachsichtiger Blick den leisen Spott, der in ihren Worten lag, wieder gutmachen sollte. »Nun verhöhnen Sie mich auch noch! Aber Sie haben ganz recht, eine Liebe, die man nicht teilt, ist ja auch nur etwas Lächerliches. Ich werde es schon über mich vermögen, Ihnen nicht mehr unter die Augen zu treten.« Damit verbeugte er sich und reichte ihr die Hand. Die junge Frau aber hielt ihn zurück. »Warten Sie,« sagte sie leise. Langsam verstrichen einige Augenblicke – einer von jenen Augenblicken, da ein Entschluß in unsrer Seele zur Reife gelangt. Halb abgewendet, das Kinn in die Hand und den Ellbogen auf die Lehne des Fauteuils gestützt, saß sie da. »Sie wird ihre Ansicht ändern,« dachte er. Claudine aber schlug jetzt die schönen Augen, in denen eine Träne glänzte, zu ihm auf und sagte langsam und feierlich: »Ich bin entschlossen, mich nicht wieder zu verheiraten, mein Freund. Das soll aber nicht heißen, daß ich Sie nicht liebe. – Ja, ich liebe Sie und will Ihnen angehören – Sie sehen, daß auch ich großmütig sein kann.« – Clarencé konnte es sich lange Zeit nicht vergeben, daß er Claudine verkannt hatte, diese dagegen trug ihm in ihrer tiefen Liebe seine böse Gedanken nicht nach. Ein Band bildete sich zwischen ihnen, das sich während zehn Jahren des innigsten, von keinem Mißverständnis getrübten Zusammenlebens immer fester knüpfte. Frau Bréant übte bald jenen gewaltigen Einfluß auf Clarencé aus, den edle Frauen dadurch vor allem auch auf die bedeutendsten Männer gewinnen, daß sie geliebt werden und dieser Liebe würdig sind. Ihr schuldete er den hohen Schwung seiner Schöpfungen, das Gleichgewicht seines Lebens und so viel Glück und Heiterkeit, als seine ruhelose Dichterseele überhaupt erhoffen konnte. Dankbar erkannte er dies an, und diese Dankbarkeit wirkte veredelnd auf seine Liebe. Noch niemals waren sie einander überdrüssig geworden, und obwohl nicht ein Tag verging, an dem sie sich nicht sahen, wurden sie doch nie müde, sich immer näher kennen und lieben zu lernen. * * * An diesem Tage nun hatte Clarencé, ehe er sich zur Probe begab, bei seiner Freundin das Gabelfrühstück eingenommen. »Du kommst doch nachher wieder und erzählst mir, wie es gegangen ist?« hatte sie ihn beim Abschied gefragt. »Nein, heute nicht. Diese langen Sitzungen gehen mir auf die Nerven, da will ich dich lieber mit meiner schlechten Laune verschonen.« Sie erwartete ihn an diesem Abend also nicht, um so mehr aber würde sie sich wie immer gefreut haben, wenn er unverhofft gekommen wäre. Ihr, der ruhig und klug Erwägenden, Vernünftigen und stets Nachsichtigen würde es gewiß bald gelingen, seine schmerzlichen Bedenken zu verscheuchen. Voll Teilnahme würde sie mit ihm den Freund beklagen, den auch sie kannte, und über dessen »allzu überschwengliche Phantasie« sie häufig spottete. Ja, in der Tat, er kam zu ihr wie ein eingebildeter Kranker zu einem vertrauenerweckenden Arzte, dessen Worte allein schon genügen, die Schwermut zu verscheuchen. Clarencé war es, als werde ihm beim Anblick des Häuschens bereits etwas leichter ums Herz. »Du bist es! Was für eine freudige Überraschung! – Aber was gibt's?« fügte sie beim Anblick seiner verstörten, schmerzlich bewegten Züge hinzu. »Warst du mit dem Fortgang des Stückes nicht zufrieden?« »Ach, das Stück kommt nicht in Betracht,« rief er und erzählte seine Erlebnisse und Gedanken. Claudine war eine vortreffliche Zuhörerin. Mit ihrem hübschen, sprechenden Gesicht, dem fein geschnittenen Munde, der gedankenvollen, von üppigen dunkeln Haaren umrahmten Stirne, mit der heiteren Ruhe des klaren Blicks und der kraftvollen Anmut in der Haltung erinnerte sie an jene entzückende Polymnia, in die der antike Geist all seinen geheimnisvollen Zauber gelegt hat. Dabei war sie von ungemein rascher Auffassungsgabe, und dieses mit wärmster Teilnahme gepaarte Verständnis sprach aufs lebhafteste aus ihren schönen Augen. In den stillen, ungestörten Plauderstunden mit ihr war es ihm immer, als vertraue er seine Gedanken einem getreuen Echo an, das ihm diese Gedanken geläutert, gemildert und verschönt zurückgab. Auch jetzt, während seiner Erzählung, empfand er diesen beruhigenden Einfluß. War er doch sicher, von den schönen Lippen das Wort der Befreiung zu hören, das er in sich selbst nicht finden konnte. »Die armen Menschen!« rief Claudine, von tiefstem Mitleid überwältigt. »Wie entsetzlich, so ohne Abschied zu sterben! Welch schreckliches Ende eines schönen Traumes! Und er mit seinem Gemüt! – Nicht wahr, du wirst dich liebevoll seiner annehmen, ihn nicht allein lassen. Man braucht so viel Teilnahme bei einem solchen Kummer, und seine ganze Umgebung wird seinen Schmerz nur erhöhen. Du mußt häufig zu ihm gehen, ihn trösten –« »Gewiß, ich werde tun, was in meiner Macht steht – aber wie wenig vermag ich!« Leise fügte er hinzu: »Was vermögen überhaupt Worte! Man richtet viel mehr Schaden damit an als Gutes. – Das ist mir heute so recht klar geworden, als ich mein Trauerspiel neben jenem armen Mädchen liegen sah. Ich fühlte mich fast verantwortlich – jawohl, verantwortlich für dieses Unglück.« »Du?« »Für dieses und für viele andre unglückliche Folgen, die vielleicht eingetreten sind, und von denen ich nichts weiß. Der arme Laurier, dem es natürlich nicht einfiel, mir einen Vorwurf zu machen, hat doch so ganz das Richtige damit getroffen, daß er mich unter die Urheber der Sinnes- und Herzenstäuschungen rechnet. Die Tatsache lehrt mich heute, daß er recht hat, denn die Gedanken, die wir mit der Absicht in die Welt hinausstreuen, müßigen Menschen die Zeit zu vertreiben und sie zu rühren, verfliegen nicht wie unfruchtbarer Staub, sie sind im Gegenteil Samenkörner, die je nach dem Boden, auf den der Wind sie hinweht, Keime treiben. Nun gibt es aber auch Keime giftiger Pflanzen, und die unbedachten Hände, die solchen Samen ausstreuen, machen sich eines Unrechts schuldig.« Aufmerksam lauschte Claudine, aber ihr Lächeln war verschwunden. Mit verschleiertem Blick suchte sie nach einer Antwort auf diese Äußerungen, deren gefährliche Folgen sie ahnte, ohne sie widerlegen zu können. Endlich sagte sie in zögerndem Tone: »Das sind nutzlose Selbstquälereien. Das Werk eines Dichters steht als etwas Selbständiges da, ohne Beziehung zu wirklichen Ereignissen, auch wenn zwischen beiden eine Ähnlichkeit zu finden ist.« »Ja,« antwortete Clarencé, »gerade so wie das Gift unabhängig von demjenigen ist, der sich damit vergiftet.« Der paradoxe Vergleich reizte Claudine, und lebhaft erwiderte sie: »Wieder das häßliche Wort Gift, womit du die schönsten Errungenschaften des menschlichen Geistes beschimpfst. Hat nicht auch die Poesie ihre Existenzberechtigung? Ihr Dichter haucht den in euren Seelen wohnenden Bildern Leben ein. Was kann man mehr von euch verlangen, als daß ihr uns diese Bilder mit voller Aufrichtigkeit, ohne Entstellung vorführt, so wie eure innern Augen sie erblicken? Dann nur würdet ihr ein Unrecht begehen, wenn ihr diese Bilder aus irgend einem niedrigen Beweggrund ändern wolltet. Versenkt ihr euch aber mit ganzer Seele in ihren Anblick und wendet ihr eure ganze Kraft an, sie treulich wiederzugeben, so erfüllt ihr euren Beruf. Wer macht den Fluß für die Landschaften verantwortlich, die er im Vorüberfließen wiederspiegelt?« Auch Clarencé schwieg einen Augenblick nachdenklich, um nach dem schwachen Punkt in dieser Auffassung seiner Kunst zu suchen, der er trotz ihrer Schönheit nicht beizupflichten vermochte. »Meine Seele,« sagte er langsam, »ist kein Wasser, das seiner selbst unbewußt dahinfließt. Sie kann begreifen, urteilen und vergleichen. Mir ist die Gabe zu teil geworden, Leidenschaften zu schildern und die Menschen damit zu rühren. Daß dies eine herrliche Gabe ist, weiß ich wohl! was aber dann, wenn sie nun Unheil anrichtet? Höre weiter: unsre Werke sind Poesieen, die Früchte unsrer Einbildungskraft. Dabei hält aber jeder von uns seine geistigen Produkte für wahr, und kein höheres Lob gibt es für uns, als wenn auch andre uns darin beistimmen. Aber, großer Gott, was ist das für eine Wahrheit? Angenommen, irgend ein harmloser Mensch verpflanzt diese anscheinend naturgetreuen Darstellungen ins wirkliche Leben, nimmt sich unsre Helden zum Vorbild, impft sich deren Gefühle ein und versucht, sein Leben so zu führen, wie es in unfern Schauspielen oder Büchern geschildert wird, was dann? Ich habe allerdings niemals jemand aufgefordert, dies zu tun, niemals die in meinen Stücken vorkommenden Personen als Vorbilder empfohlen, mich nie als Seelenleiter aufgespielt. Dafür aber habe ich die Liebespaare, die ich der Öffentlichkeit übergab, nach bestem Können idealisiert und versucht, Liebe und Teilnahme für sie zu erwecken. Ich habe sogar ihre Schmerzen und Leiden hin und wieder so anziehend geschildert, daß vielleicht in manchem Leser die Sehnsucht nach ähnlichen Schmerzen erwacht ist. Was ich an Talent mein eigen nenne, habe ich angewandt, um die Liebe in allen ihren Phasen zu preisen. Ich habe sie in eine ideale Welt erhoben, wo sich die Grenzen von gut und bös verwischen, und sie so dargestellt, daß sie als Gipfelpunkt, als höchstes Ziel des Lebens erscheint.« Fragend schlug Claudine die großen Augen zu ihrem Freunde auf, und ihre Stimme hatte ihre ruhige Heiterkeit verloren, als sie antwortete: »Nun, und ist das denn nicht auch die höchste Wahrheit?« In diesem Augenblick mußte sie wohl etwas von den geheimen Vorgängen ahnen, die sich seit einiger Zeit in Clarencés Innerem abspielten, denn plötzlich waren sie beide weit entfernt von dem ihnen so nahe gegangenen traurigen Ereignis sowohl, als von der sie scheinbar beschäftigenden Streitfrage, Sie dachten nur noch an sich und ihre eigenen Gefühle und Sorgen. So gut verstand Claudine seine Empfindungen, daß sie unwillkürlich und um vielleicht einer enttäuschenden Antwort zuvorzukommen, den allzu bestimmten Wortlaut der Frage verbesserte: »Oder doch wenigstens eine große Wahrheit? Du selbst hast ja daran geglaubt, ebenso wie ich, und ich hoffe, du tust es noch immer. Wenn deine Werke diese Wahrheit predigen, so kommt es daher, weil dein Leben – unser Leben davon erfüllt ist. Haben denn wir die Helden nachgeahmt, oder sind wir ihr Vorbild gewesen? – Unser freier Wille war es, uns außerhalb der Gesetze und menschlichen Vorschriften zu lieben, und heute wie gestern sage ich, daß hierin kein Unrecht liegt. Unrecht wäre es nur, wenn wir unsrer Liebe untreu würden. Weder deine Bücher, noch dein Leben – unser Leben,« verbesserte sie sich von neuem – »dienen hiefür als Beispiel.« »Du hast recht,« murmelte Clarencé bestürzt und unruhig. »Solltest du dieses Leben bereuen?« fragte Claudine, die in seinem Herzen wie in einem offenen Buche zu lesen vermochte. Clarencé aber ergriff die Hand seiner Freundin und sagte mit leisem Zweifel im Ton: »Nein, wir haben kein Unrecht begangen, denn wir waren ja beide frei und haben niemand mit unsrer Liebe gekränkt, niemand betrogen. Und doch, kam dir niemals der Gedanke, daß es besser für uns wäre, uns den allgemeinen Gesetzen unterzuordnen?« Verneinend schüttelte Claudine den schönen, stolzen Kopf und ihr Gesicht nahm einen eigensinnigen, verschlossenen, fast harten Ausdruck an, während Clarencé in immer eindringlicherem Tone fortfuhr: »Wir entbehren zum Beispiel das Glück, Kinder zu haben, denn so kühn wir auch der Welt, dem Herkommen und den allgemeinen Vorschriften getrotzt haben, der Mut, eine Familie zu gründen, hat uns doch gefehlt. Ist das nun nicht eine Inkonsequenz, und woher kommt sie?« Anstatt auf seine Frage einzugehen, entzog Claudine ihm langsam die Hand und murmelte leise: »Wie du dich verändert hast!« Diesmal war sie es, die mit ihrer Überzeugung ins Wanken geriet, denn auch in ihr, wie sie es im Herzen einer jeden Frau getan hätten, hatten diese Worte eine schmerzliche Saite berührt. Clarencé aber fuhr eifrig fort: »Nein, ich habe mich nicht verändert, wenigstens nicht in dem Sinn, wie du glaubst. Ich mache nur neue Entdeckungen auf meinem Lebenswege. So fühle ich zum Beispiel von Tag zu Tag mehr, daß meine Person als einzelnes Individuum von nur geringem Wert ist, daß ich nur ein Ring an der großen menschlichen Kette bin und nur als solcher Bedeutung habe. Eine Ansicht, Claudine, die wir nicht kannten, als wir, uns selbst genug, unsern Liebesbund schlössen. Nein, verändert habe ich mich nicht, aber ein Licht ist mir aufgegangen, mit dem ich jetzt meine Werke beleuchte, und ich kann nichts in ihnen finden, was den Menschen Nutzen gebracht hatte.« »Wie manches liebende Herz ist durch deine Worte bis in den tiefsten Grund erschüttert worden!« »Ja, und vielleicht war diese Erschütterung bei vielen so groß, daß sie ohne diese Gemütserschütterung heute noch in Ordnung und Zufriedenheit leben würden.« »Ordnung und Zufriedenheit! Ihr Lob willst du nun singen? Ist nicht die leiseste Begeisterung, die uns daraus aufrüttelt, edler als sie? Ordnung und Zufriedenheit! Hast du den Aufschrei deines Lieblingsdichters, den du so oft anführtest, denn vergessen? ›Man lebt doppelt in den Flammen‹?« »Wenn er sich nun aber wie ich getauscht hätte?« Eine lange Pause trat ein. Endlich nahm Clarencé in dumpfem Tone das Wort wieder auf. »Verzeih, wenn ich dir wehgetan habe, Claudine, aber mein Unrecht wäre noch größer, wollte ich dir das verheimlichen, was meine Seele bewegt. Es ist besser, ich spreche aufrichtig mit dir, wie ich es immer getan habe, seitdem ich dich kenne und liebe. Und wenn ich nun dasselbe Licht, von dem ich eben sprach, erhebe und damit mein Leben – unser Leben betrachte, so frage ich mich, ob unser Beispiel nicht auch gefährlich ist, wie jede Lebensführung und jedes Werk, wodurch die Menschen von der Einfalt, Mäßigung und den durch Erfahrung bewährten Gesetzen unsrer Vorfahren und von dem breiten Wege der großen Menge abgelenkt werden können. Diese Frage quält mich unbewußt schon seit einiger Zeit, doch erst durch den Tod der armen kleinen Unbekannten und durch die Verzweiflung meines Freundes habe ich ihre traurige Erklärung gefunden. Kannst du meine Gefühle verstehen?« Eine Träne glänzte in den Augen der jungen Frau, während sie antwortete: »Nein, mein Freund, zum erstenmal verstehe ich dich nicht.« Dann fügte sie, sich gleichsam entschuldigend, hinzu: »Was kann ich dafür, wenn jenes Licht, von dem du sprichst, auf meinem Wege nicht scheint? Ich bin noch immer der Ansicht, daß deine Werke schöne Schöpfungen sind, auf die ich stolz bin. Ich halte deine Liebe noch immer für eine schöne Liebe, und ich bereue nichts, weil ich dich liebe. Wenn ich einen Wunsch habe, so ist es nur der, dich gegen diese Hirngespinste ankämpfen zu sehen, die dich in deinen Augen herabwürdigen.« Clarencé antwortete nicht, und lange saßen die beiden, in tiefe, sich in der Stille bekämpfende Gedanken versunken, nebeneinander. Sie dachte: »Wenn er ein solches Heer fernliegender Dinge aufrührt und sich mit Menschenwohl, Gesetzen und Pflichten abquält, so ist das gewiß ein Zeichen, daß er mich nicht mehr liebt.« »Sollten wir,« so dachte er, »an jenem Wendepunkt des Lebens angelangt sein, wo sich die Verirrungen des Herzens und der Vernunft zu rächen beginnen? Wenn wir uns nun selbst betrogen hätten! Wenn wir uns nicht mehr verstehen konnten?« Um diese bösen Fragen zu verscheuchen, rief er die trauten Erinnerungen an die schöne Zeit ihrer Liebe, an ihr langes, inniges Zusammenleben und vollkommenes geistiges Ineinanderaufgehen zu Hilfe. Dann rückte er näher zu Claudine heran und zog sie liebevoll an seine Brust. »Liebst du mich noch?« Und erfüllt von dem Wunsche, an die ewige Dauer ihrer beiderseitigen Liebe zu glauben, schmiegte sie sich leidenschaftlich an ihn und stammelte aus tiefster Seele: »Ach, ich!« Zärtlich drückte Clarencé die Lippen auf die schönen, tränenüberströmten Augen, aber selbst in diesem Augenblick, wo die alte Liebe mit ihrer ganzen Macht sein Herz bewegte, vermochte er sich nicht von den bedrückenden Erlebnissen dieses schweren Tages zu befreien. Ja, ja, er befand sich in der Tat an einem Wendepunkt seines Lebenspfades. Ein finsterer Wald beschattete diesen, und der rechte Weg war nicht zu finden! Viertes Kapitel. Am nächsten Morgen war Clarencé noch nicht mit Anziehen fertig, als Antoine mit einer Visitenkarte hereinkam. »Schon wieder!« empfing ihn sein Herr ärgerlich. »Sie wissen doch, daß ich keine Besuche annehme.« »Es ist aber ein Verwandter des Herrn Clarencé,« erklärte er, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ein Neffe, ein sehr seiner, junger Herr.« Dabei hielt er seinem Gebieter die Karte hin, auf der geschrieben stand: Jacques Clarencé, Schriftsteller. Die Wirkung war peinlich. Clarencé mochte es dabei ähnlich zu Mute sein, wie jenen Märchenhelden beim Zusammentreffen mit ihren Doppelgängern, die sie vergeblich abzuschütteln versuchen. Ein Augenblick des Nachdenkens genügte Clarencé übrigens zur Feststellung der Personalien dieses vergessenen Neffen. Er war ein Sohn seines einzigen Bruders Moritz, dem Clarencé seinen Anteil an dem väterlichen Erbe überlassen hatte, und den er seit dem Tode seines Vaters nicht wiedergesehen hatte. »Er soll hereinkommen.« »Ins Arbeitszimmer?« »Nein, hier herein. – Einen Neffen kann man schon in Hemdärmeln empfangen.« Deutlich sah Clarencé das alte Bauernhaus wieder vor sich, an dem die Jahre gewiß spurlos vorübergerauscht waren: sein großes Dach, unter dem die Ernte des Jahres aufbewahrt wurde, seinen hölzernen, durchbrochenen Balkon, zu dem eine Freitreppe hinaufführte, das ungeheure Scheunentor, den alten Nußbaum im Hof, den Gemüsegarten, zwischen dessen Beeten Balsaminen, Ringelblumen, Bocksbart, Sonnenblumen und duftendes Geißblatt blühten, und darüber das Stückchen Weinberg, dessen Trauben nur in guten Jahren zur Reife gelangen. Auch alte, halb vergessene Gestalten tauchten wieder auf und belebten das ländliche Bild. Clarencé aber blieb keine Zeit mehr, sie alle zu erkennen, denn Antoine öffnete die Türe, um den Gast eintreten zu lassen. Jacques war ein hübscher, großer, schlanker Bursch, der durchaus keinen schüchternen, höchstens einen noch etwas ungewandten Eindruck machte. Sein brünettes, hageres Gesicht mit dem energischen Kinn trug die Spuren anstrengenden Studiums; auf der schmalen Oberlippe sproßte ein nach oben gedrehtes Schnurrbärtchen, unter dem beim Sprechen kräftige, gesunde Zähne zum Vorschein kamen. Gleich auf den ersten Blick konnte man ihm ansehen, daß er zu jenen willensstarken, berechnenden Menschen gehörte, die mit kühnem Mute ins Leben hinaussteuern und den sich ihnen in den Weg stellenden Hindernissen mit Energie und Ausdauer entgegentreten. Deutlich las Clarencé in den scharfen, klugen braunen Augen seines Neffen die Frage: »Wird mein Onkel mir von Nutzen sein? Werde ich auf seine Hilfe zählen können?« Sich ehrerbietig verneigend, trat der junge Mann auf Clarencé zu und sagte, ihm die Hand entgegenstreckend: »Guten Tag – lieber Onkel.« Er hatte einen Augenblick gezögert, ob er sich diese Anrede wohl erlauben dürfe. Clarencé aber ergriff die ihm dargebotene weiche und doch kraftvolle, muskulöse Hand, deren allzufester, selbstbewußter Druck ihn indes von neuem unsympathisch berührte. Trotzdem antwortete er herzlich: »Guten Tag, lieber Neffe.« Jacques schien zu fühlen, daß sein sicheres Auftreten keinen guten Eindruck machte, denn er änderte sein Benehmen sofort mit bewunderungswürdiger Geschmeidigkeit, indem er in bescheidenerem Tone fortfuhr: »Verzeihen Sie die Störung. Seit mehreren Tagen schon wollte ich Sie um einen Platz für Ihre Premiere bitten, wagte es aber nicht und versuchte, mir einen solchen anderweitig zu verschaffen. Allein es war unmöglich. Da aber der Wunsch, Ihnen meinen Beifall zollen zu können, meine Schüchternheit noch überwog, bin ich gekommen, Sie um eine Eintrittskarte zu bitten, und wäre es auch nur für einen Stehplatz.« »Ich habe meine Freibillette noch nicht,« antwortete Clarencé, »allein ich werde dir eines schicken, du kannst dich darauf verlassen.« »Ich danke Ihnen sehr für Ihre Freundlichkeit, denn einen solchen Onkel zu haben, und ihm nicht einmal Beifall klatschen zu können, wäre doch unerhört!« »Nun aber sage mir,« fuhr Clarencé, ihm einen Sitz anweisend, fort, »seit wann bist du denn eigentlich schon in. Paris?« »Seit einigen Wochen.« »Wie, und schon – Schriftsteller?« »Nun ja, wenigstens will ich es werden.« »Zweifel und Bedenken gibt es also bei dir keine, das lasse ich mir gefallen! Aber wie kommt es, daß du mich erst heute besuchst? Warum hast du mir nicht schon früher Nachrichten von den Deinigen gebracht?« »Ich wußte, daß Sie von Ihrem neuen Stück sehr in Anspruch genommen waren. Es stand ja in allen Zeitungen, und da fürchtete ich, Sie zu stören.« »Aber ein Neffe!« »Kann ein Neffe wissen, wie er von seinem Onkel aufgenommen wird, wenn dieser ein berühmter Mann ist? Sie kannten mich noch nicht, denn ich war noch ganz klein, als Sie nach Großvaters Tode zu uns kamen. Seitdem haben wir Sie nicht wiedergesehen, und mein Vater pflegte zu sagen: ›Paul hat uns vergessen‹.« »Ich bin allerdings nicht wieder nach Prône gekommen,« erwiderte Clarencé, »und geschrieben habe ich deinem Vater auch nicht, der übrigens ebenso saumselig ist. Inzwischen vergeht die Zeit, die Jahre fliehen, und eines schönen Tages entdeckt man, daß die Jugend dahin ist. Mit dieser Erkenntnis tauchen dann auch diejenigen wieder vor uns auf, die man so lange nicht mehr gesehen hat, und die sich, wie du sagst, von uns vergessen glauben.« Clarencé gab sich alle Mühe, den unsympathischen Eindruck, den das selbstgefällige Wesen seines Neffen auf ihn machte, zu überwinden. Dennoch forderte er den jungen Mann auf, auch seinerseits das verwandtschaftliche Du zu gebrauchen, und erkundigte sich voll Teilnahme nach Eltern und Geschwistern. »Ich danke, es geht ihnen gut,« antwortete Jacques, ohne weiter auf die Frage einzugehen. »Wieviel Geschwister seid ihr eigentlich?« »Fünf. Ich habe zwei Brüder, die auf dem Felde arbeiten, und zwei Schwestern; die jüngste, die nach dir Pauline genannt wurde, ist erst acht Jahre alt.« »Bist du der Älteste?« »Nein, der Zweite.« »Ich möchte dieses Nest voll junger Clarencés wohl einmal sehen!« »Das hängt nur von dir ab, lieber Onkel,« rief Jacques, den dieses freundliche Entgegenkommen nun doch etwas zutraulicher machte. »Dein Besuch würde alle mit stolzer Freude erfüllen. Du ahnst es nicht, wie viel zu Hause von dir gesprochen wird. So oft mein Vater deinen Namen in der Zeitung liest, sagt er: ›Ja, ja, der hat seinen Weg gemacht!‹ Und dabei trifft uns ein Blick, der sagen will: ›Folgt seinem Beispiel!‹ Seit meiner frühesten Jugend habe ich das mit angehört, und da sagte ich denn zu mir selbst: ›Warum soll ich es schließlich nicht auch so weit bringen als Onkel Paul? Wenn man nichts andres braucht, als schreiben zu können, gut, so werde ich's lernen.« Auf ein Wort der Ermutigung wartend, hielt er inne. »Nur weiter,« sagte Clarencé. »Wenn sonst in einer Familie wie der unsrigen ein Kind eine solche Geschmacksrichtung zeigt, so wird das als ein Unglück angesehen, nicht wahr? Bei uns aber war, deines Beispiels wegen, gerade das Gegenteil der Fall. Eines Tages kam unser Dorfschulmeister zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich klug sei, daß meine Aufsätze ihn in Erstaunen setzten, kurz, daß ich mich zum Studium eigne. Ich befand mich gerade im Zimmer und hörte natürlich mit gespitzten Ohren zu. Mein Vater rieb sich das Kinn, dachte nach, machte vielleicht einen Kostenüberschlag und sagte dann: ›Nun denn, so soll er in die Fußstapfen seines Onkels Paul treten, anstatt sich mit unserm Boden abzuquälen, der doch nichts Rechtes mehr trägt. Wer etwas gelernt hat, weiß sich immer durchzubringen.‹« Das sichtliche Interesse, mit dem sein Onkel ihm zuhörte, ermutigte Jacques zu weiteren Geständnissen: »Der Vater fügte dann noch hinzu: ›Und außerdem bin ich überzeugt, daß dein Onkel dir zu deinem Fortkommen behilflich sein wird, denn es muß ihm doch Freude machen, einen Neffen zu haben, der seinem Beispiel folgt.‹ Damit war meine Laufbahn entschieden. In Besançon habe ich meine verschiedenen Examina absolviert, und nun bin ich hier. Was ich jetzt eigentlich beginnen soll, weiß ich vorläufig indes noch nicht. Ich habe bereits das Terrain sondiert und gesehen, daß es schwierig und alles überfüllt ist, aber schadet nichts, ich will den Mut nicht verlieren.« »Du sprichst goldene Worte, mein Junge,« sagte Clarencé, bei dem sich das Interesse mit Mitleid zu paaren begann. »Vorwärts, ist also deine Losung, das ist ein schöner, ein herrlicher Wahlspruch, der Wahlspruch eines Helden. – Aber, vorwärts, nach welcher Richtung, nach welchem Ziele? Das möchte ich gerne wissen, denn nur Söldner und bezahlte Knechte kämpfen unbekümmert um das Wie und Was, die andern haben einen Zweck, ein Ideal. Wie heißt das, dem du zustrebst?« Diese Frage brachte Jacques nun doch aus der Fassung. Sein Ideal gipfelte darin, es überhaupt zu etwas zu bringen, das Wie und Was kam bei ihm erst in zweiter Linie. Aber er war zu klug, dies einzugestehen, und so sagte er in überzeugungsvollem Tone: »Mein Ideal ist, ebenso schone Werke zu schaffen, wie die deinigen, ein Werk zum Beispiel wie das, dem man in einigen Tagen Beifall klatschen wird.« »Armer Junge!« murmelte Clarencé. Gerne hätte er diesem Sohne desselben Bodens und derselben Vorfahren seine Bedenken entgegenrufen, ihm die Beschwerden vor Augen führen mögen, die selbst eine vom Glück begünstigte Dichterlaufbahn mit sich bringt. Allein wozu? Würde er auf ihn hören? Schon zeigte sich ein mißtrauischer Zug auf Jacques' Gesicht, jener Ausdruck, den der Bauer annimmt, wenn man ihm sein Feld, sein Schwein, oder seine Kuh heruntersetzen will. So begnügte sich Clarencé denn damit, ohne weitere Erklärung zu wiederholen: »Armer Junge!« Und nun sahen sich Onkel und Neffe einen Augenblick schweigend an. »Entweder ist er ein Schwächling, oder ein eingebildeter Mensch,« beurteilte ihn Jacques, »oder macht er sich über mich lustig. Wahrscheinlich aber will er mir nur imponieren, ohne selbst ein Wort von dem zu glauben, was er mir sagt. Aber wie aufrichtig er dabei aussieht, und was für ein famoser Schauspieler er ist!« Clarencé dagegen sagte sich, den jungen Mann beobachtend: »Sein Gesicht erinnert mich an meine Jugend, sein Wesen an meinen Vater. Ja, ja, wir sind wohl Zweige desselben Stammes. Ob ich einst auch so war wie er?« Jacques unterbrach zuerst die etwas peinlich werdende Stille, indem er sich erhob und in beinahe herablassendem Tone sagte: »Du scheinst etwas angegriffen zu sein, lieber Onkel, was vor einer Premiere ja auch nicht zu verwundern ist. Übrigens versichert mir jedermann, daß die ›Löwenbraut‹ einen glänzenden Erfolg haben werde. Und nun vollends nach jenem kleinen Abenteuer in der Rue Saint Ferdinand.« »Sprich mir nur davon nicht!« rief Clarencé fast zornig. »Du weißt nicht, was für eine Saite du damit berührst.« Sprachlos stand Jacques dieser unerwarteten Heftigkeit gegenüber, Clarencé aber fand bald seine Ruhe wieder und fügte in sanftem Tone hinzu: »Weißt du, mein Junge, es gibt Dinge, die dir noch fremd sind, und die du doch verstehen mußt, wenn du Schriftsteller werden willst. Komm also nach meiner Premiere einmal zu mir zum Essen, dann wollen wir zusammen plaudern. Heute bin ich beschäftigt, du hast mich schon allzulange aufgehalten.« Sobald sich Jacques nach überschwenglichen Äußerungen seiner Dankbarkeit entfernt hatte, fuhr Clarencé zu Laurier. Was für neue Gemütsbewegungen mochten dort seiner warten? Arme kleine Jeanne! Wie sie wohl das schwere, unverdiente Unglück trug, sie, das reizende, trotz seiner dreißig Jahre noch fast kindliche Geschöpf, das nur fürs Glück geschaffen zu sein schien, das heftige Leidenschaften nicht kannte, und nun doch von ihren Wirkungen nicht verschont blieb? Wie war es nur möglich gewesen, daß dieses in den kleinbürgerlichen Kreisen von Paris aufgesproßte Pflänzchen, dieses still dahinfließende Bächlein Lauriers überschwengliche, schwärmerische Seele hatte anziehen können? Clarencé war es immer unbegreiflich gewesen. Ein leichtes Hindernis, der Widerstand der Eltern, guter Bürgersleute, die ihre Tochter an keinen Künstler verheiraten wollten, sowie ein im Hintergrund auftauchender zweiter wohlhabender Bewerber – das hatte genügt, die Phantasie des Malers zu erregen und ihn in einen Zustand unglücklicher Liebe zu versetzen, in den er sich derart hineinsteigerte, daß er mit Selbstmord und Entführung drohte. Jeanne, deren Seele er so viel Romantik eingeflößt hatte, als sie zu fassen vermochte, lächelte liebevoll, die Eltern gaben nach, und das eheliche Leben begann. Nur ein trauriges Ereignis trübte es bald. Der Zusammenbruch eines Bankhauses verschlang sämtliche Ersparnisse der guten Rentiersleute, die Laurier zwar sofort in sein Haus aufnahm, die aber ihr Unglück nicht lange überlebten. Von diesem Ereignis abgesehen, verdunkelte nicht eine Wolke das häusliche Glück, das durch die Geburt eines gesunden Kindes noch erhöht wurde. Man hätte glauben können, das Schicksal scheue sich, den Frieden dieser ruhigen, sanften Frauenseele zu stören. Clarencé hatte Jeanne manchmal das Wiesenblümchen genannt. Wohl beugen die zarten Pflänzchen im Gewittersturm ihre Stengel, aber nicht alle erheben sich wieder. Laurier hatte zwar gesagt: »Sie ist großmütig«, aber wie weit mochte diese im ersten Augenblick bewiesene Großmut gehen? »Sie stirbt vielleicht daran,« sagte sich Clarencé, und ihm fiel dabei die Ruhe ein, mit der sein Freund noch vor wenigen Tagen in Gegenwart seiner Gattin den gewohnten Satz mit angehört hatte: »Du hast die rechte Frau gefunden, wohl dir!« Nicht mit dem leisesten Zucken der Wimper hatte ihm Laurier damals widersprochen, und auch seine zärtliche Aufmerksamkeit für seine Gattin war unverändert geblieben. »Wie er sich verstellen kann!« dachte Clarencé. Sofort aber berichtigte er sich selbst: »Doch nein, wer weiß? Mit seinem phantastischen Sinn und seinem liebebedürftigen Herzen war er wahrhaftig im stande, zwei Frauen zu lieben.« Laurier war ausgegangen, Jeannes Jungfer Justine führte Clarencé in den kleinen Salon, indem sie mit geheimnisvoller Miene sagte: »Frau Laurier fühlt sich nicht ganz wohl, soll ich Sie trotzdem anmelden?« »O ja, gewiß.« Der hübsche kleine Raum mit den hellen Möbeln im Stile Ludwigs des Sechzehnten und den tausend geschmackvollen Kleinigkeiten, die selbst abzustauben der sorgsamen Hausfrau ein tägliches Vergnügen bereitete, trug sein gewöhnliches Aussehen. Voll Rührung bemerkte Clarencé ein Sträußchen Vergißmeinnicht, die traurig die Köpfchen senkten. André hatte sie vor dem Unglück mitgebracht, und Jeanne gab ihnen kein Wasser mehr. Und nun trat sie herein, sorgfältig gekleidet wie immer, in einem hübschen Morgenanzug, blau wie die Farbe ihrer Augen. Gänzlich unverändert, mit ihrer gewohnten herzlichen Anmut begrüßte sie Clarencé, so daß dieser dachte: »Sie glaubt, ich wisse von nichts, und beherrscht sich.« Jeannes erste Worte belehrten ihn indes sofort eines andern. »Sie sind natürlich von allem unterrichtet?« Kaum daß ein leises Beben die klare Stimme durchzitterte. Ja so ruhig klang sie, daß Clarencé die junge Frau fast gefragt hätte: »Und Sie selbst, wissen, begreifen Sie denn das Schreckliche?« Sie wartete seine Frage indes nicht ab, sondern fuhr fort: »Der arme André ist schon wieder ›dorthin‹ gegangen. Die ganze Nacht hat er geweint, er ist sehr unglücklich.« Diesmal aber entfuhr Clarencé nun doch die Frage: »Und Sie, Jeanne, Sie selbst?« »Ich,« antwortete sie, den zuerst unruhig umherirrenden Blick wieder voll auf Clarencé richtend, »ich habe mich sehr, sehr gegrämt, wie Sie sich wohl denken können, mein lieber Freund, umsomehr, als der Schlag mich so ganz unerwartet traf. Wohl schien mir André seit einiger Zeit verändert; er war zerstreut, viel auswärts – er vernachlässigte mich ein wenig, allein ich war seiner Liebe so sicher, ach, so sicher.« Eine Träne glänzte an den langen Wimpern, aber sofort senkten sich die Lider und die Träne war verschwunden. »Dann aber habe ich mir die Sache zurechtgelegt.« Das reizende Kindergesicht nahm plötzlich einen tiefernsten Ausdruck an, der es förmlich verwandelte. »Zuerst dachte ich an unsre Paula. Sie kennen ihre lebhafte Phantasie und rasche Auffassungsgabe, und da sagte ich mir: ›Niemals darf sie etwas von der Geschichte erfahren.‹ Ach, und André! Ich sah seine Verzweiflung – er ist ohnedies schon so grausam bestraft – bedenken Sie doch, ein solcher Tod!« Ein Schauder schüttelte ihre zarte Gestalt. »Was sollte ich tun? Unser Kind an mich nehmen und mit ihm fortgehen, den Unglücklichen sich selbst überlassen? Dieser Gedanke kam mir wohl, ich gestehe es, o ja, ich hatte Anfälle von Zorn und Rachsucht. Dann aber, als ich das Kind und den Vater wieder vor mir sah, da sagte ich zu André: ›Ich verzeihe dir!‹ Und ich will ihm nicht nur halb, nicht nur äußerlich verzeihen, nein, ich verspreche es Ihnen. Alles was ich kann, will ich tun, um ihn zu trösten und ihm den Schmerz überwinden zu helfen.« »Wissen Sie, Jeanne, daß das sehr schön, sehr edel ist?« »Vor allem ist es vernünftig,« murmelte sie mit verlorenem Blick. »Nur eine großherzige Natur kann so fühlen,« sagte er warm. »Oder eine ruhig Überlegende.« Die Wahl ihrer Worte für eine Handlung, die ihm als etwas Erhabenes erschien, war ihm unverständlich. Jeanne aber fuhr in ihrer verständigen Weise fort: »Was ich da sage, wundert Sie wohl? Sie sind eben auch eine Künstlernatur wie er. Ihr beide lebt immer in einer andern, in einer eingebildeten Welt. Schon während wir verlobt waren, habe ich das bemerkt und mich oft darüber beunruhigt, denn ich selbst bin ganz anders angelegt. Seit gestern aber habe ich plötzlich über Dinge nachdenken müssen, die mir früher nie in den Sinn kamen, auch nicht beim Romanelesen. Nun fielen mir auf einmal all jene Eifersuchts- und Liebesszenen, wie sie in den Büchern geschildert werden, wieder ein. Aber ich fühlte es wohl, eifersüchtig war ich nicht – vielleicht, weil das Mädchen tot ist. Sie kann uns ja jetzt nichts mehr zuleide tun – wie sollte ich ihr da noch zürnen? André aber bleibt mir trotz alledem, er ist mein Gatte, wir sind fürs Leben vereint. Und ich will ihn nicht von mir lassen, sondern ihm helfen wieder froh und glücklich zu werden. Dann wird sich vielleicht auch mein schwerer Kummer allmählich mildern – so wie sich jeder Kummer mildert.« Leise, nur noch wie ein Hauch, klangen die letzten Worte. »O Jeanne,« rief Clarencé, »wie bewundere ich Sie! Wie richtig Sie das Leben ansehen, ohne jemals darüber gegrübelt zu haben!« Etwas wie ein Lächeln flog über den traurigen Blick der großen, nachdenklichen Augen. »Auf eine solche Auffassung waren Sie wohl nicht von mir gefaßt, mein lieber Freund? Ich gehöre nun aber eben einmal nicht zu den Menschen, die sich zu hochtragischen Handlungen aufzuschwingen vermögen. Ich habe jetzt nur noch den einzigen Wunsch, daß wir am Ende des Trauerspiels angekommen sein möchten, und unser Leben wieder in ruhige, friedliche Bahnen lenken können. – Helfen Sie mir in diesem Sinne, ich bitte Sie. Aber seien Sie vorsichtig, vergessen Sie, daß Sie ein Schriftsteller sind, und seien Sie ganz nur Mensch! Reißen Sie Ihren Freund aus seinen romanhaften Ideen heraus und führen Sie ihn in die Wirklichkeit zurück – das ist der wahre Liebesdienst, den Sie – vielleicht nur Sie allein – uns erweisen können, denn Sie kennen André von Grund aus und werden ihm gegenüber am ehesten die rechten Worte finden.« Fünftes Kapitel. Die folgenden Tage brachten für Clarencé nur schmerzliche Eindrücke, die ihn immer wieder in den Kreis des Jammers hineinzogen, der Célines Selbstmord gefolgt war. Die dumpfe Verzweiflung der Eltern, die tiefe Niedergeschlagenheit Lauriers, der sich widerstandslos seinem Schmerze überließ, der stolzere, wenn auch nicht weniger schwere Kummer Jeannes, die ihre ganze Kraft einsetzte, um vielleicht noch einige Trümmer ihres Glückes zu retten – all diese Seelenschmerzen hatte er stündlich vor Augen, denn er verließ die armen Menschen nur, um in die Theaterproben zur »Löwenbraut« zu eilen. Allein er war außer stande, ihnen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Noch erfüllt von dem wirklichen Leid, das er mit durchlebte, erschien ihm sein künstliches Gebäude von Schmerz und Unglück immer schaler und erbärmlicher. Nun endlich war Céline zur ewigen Ruhe gebettet, und Clarencé hatte seinen Freund auch auf diesem schweren Gange begleitet. Wie gern hätte er den auf der Rückfahrt vom Friedhof wie bewußtlos neben ihm Sitzenden getröstet, aber er fand keine Worte. Ja, hätte er diese Szene in einem seiner Stücke niederschreiben müssen, dann wäre seiner Feder sicherlich ein Zwiegespräch entströmt, das viele gerührt hätte; da er nun aber selbst handelnd dabei war, fühlte er die Machtlosigkeit der Worte, und nur schweigend vermochte er die Hand seines Freundes zu drücken. Noch nicht ein Wort hatten sie gewechselt, als der Wagen vor dem Hause in der Avenue Kléber hielt. »Du steigst jetzt doch hier aus?« fragte Clarencé. »Ja,« antwortete Laurier. »Soll ich mit hinaufkommen?« »Wie du willst.« Clarencé öffnete ihm oben die Türe und sah ihn schluchzend in Jeannes Arme stürzen, die ihn mit der kleinen Paula erwartet hatte. Erschreckt über diesen wortlosen Schmerzensausbruch entfloh die Kleine, während Jeanne ihren Gatten lange liebevoll umfangen hielt und sanft, ohne ein Wort zu sprechen, ihre Lippen auf seine Stirne drückte, bis er sich beruhigt hatte. Dann führte sie ihn wie einen Kranken mit sich fort, nachdem sie den Freund mit einem traurig lächelnden Blick verabschiedet hatte. – Die letzten Tage war Clarencé nur wenig mit Claudine zusammengekommen. Aber obwohl sie ihn nicht recht verstand und nur tief bekümmert, sogar etwas gekränkt war über all das Fremde, das plötzlich bei ihrem Freunde zu Tage trat, so drängte es ihn doch wieder in ihre Nähe und zu einer Aussprache mit ihr. Fast unwillkürlich stellte er sich, während er die Richtung nach ihrer Wohnung einschlug, die Frage: »Ob sie es jetzt wohl über sich vermögen wird, mich, der ich ihr nichts Böses getan habe, ebenso liebevoll und nachsichtig an ihr Herz zu ziehen, wie es diese kleine, schwer beleidigte Jeanne mit ihrem Gatten getan hat?« Aber ach, die Worte, mit denen sie ihn empfing, verschärften nur die zwischen den beiden bestehende Mißstimmung. In Claudines schönen Augen las er weder etwas von dem Mitleiden, noch von der Teilnahme, wonach er wie nach einem heilsamen Balsam lechzte. Und als er ihr von neuem den Kummer der Unglücklichen und seine eigenen schmerzlichen Gefühle zu schildern versuchte, da sprach sie wohl ihr herzliches Bedauern aus, verfehlte indes nicht, auch Worte der Ermahnung daran zu knüpfen, die ihn verletzten. »Ich begreife wohl, wie nahe dir das alles gehen muß,« sagte sie, »aber ich wünschte zugleich, du möchtest deine trübe Stimmung nun überwinden. Man muß den Wechselfällen des Lebens mutig die Stirne bieten, so hart sie uns auch treffen mögen. Glaubst du nicht, daß du deinem Freunde, dem du doch helfen möchtest, von weit größerem Nutzen sein könntest, wenn du ihm mit gutem Beispiel vorangingest und dich mit Kraft und Energie zu wappnen suchtest? Dessen bedarf er jetzt vor allem.« »O, er hat ja seine bewundernswerte Frau, die ihm verziehen hat. Wenn du gesehen hattest, wie er weinend in ihren Armen lag!« Claudine hatte Jeanne, die sie übrigens kaum kannte, stets für ein unbedeutendes Frauchen gehalten, das ohne viel Einfluß auf ihre Umgebung gleichmütig dahinlebte. »Nun denn,« sagte sie mit einem Anflug von Spott, »so wird ihn seine Frau schon wieder trösten. Die Zeit heilt alle Wunden, mein lieber Freund, und, wie man zu sagen pflegt, nur die Toten kommen nicht wieder.« Sie dachte dabei an jene andre, aus dem Leben Geschiedene, von der schon fast niemand mehr sprach, als wolle man sie dafür strafen, daß sie es gewagt hatte, den Frieden eines vom Gesetze sanktionierten Glückes getrübt zu haben. Plötzlich aber fuhr Claudine in verändertem, sanftem Tone fort: »Noch einmal, lieber Freund, schüttle die Traurigkeit ab und verweile nicht bei Dingen, die nicht mehr zu ändern sind. Was vergangen ist, ist vergangen, Gegenwart und Zukunft verlangen ihr Recht. Bedenke, was die nächsten Tage alles von dir fordern werden!« »O schweig!« rief Clarencé. »Sprich mir nicht von jenem Werke, das ich am liebsten vernichten möchte! Ich wollte, ich hätte es niemals geschrieben!« Mütterlich liebevoll lächelte sie. »Gottlob, daß dies nicht mehr möglich ist! Und bald, so hoffe ich, wirst auch du deine Ansicht geändert haben.« Am darauffolgenden Tage fand die schon lange als wichtigstes literarisches Ereignis der Saison angekündigte erste Aufführung der »Löwenbraut« statt, der eine außergewöhnlich begeisterte Aufnahme zu teil wurde. Allein neben diesem Drama, dem das Publikum in atemloser Spannung folgte, spielte sich an diesem denkwürdigen Abend noch ein zweites ab, von dem niemand im Saale eine Ahnung hatte, und dessen Schauplatz sich auf die kleine Loge beschrankte, in der Frau Bréant und Clarencé den Ereignissen des Abends anwohnten. Es war der stumme, aber tiefernste Kampf zwischen zwei miteinander ringenden Seelen, den sie vor jedermann, ja fast vor sich selbst geheim hielten. – Claudine war durchaus nicht blasiert, sie konnte im Gegenteil so ganz in einem Schauspiel, welcher Art es auch sein mochte, aufgehen, es so vollkommen mit durchleben, daß Clarencé sie häufig darüber neckte. Auch an diesem Abend wurde sie, obwohl mit jeder Einzelheit des Stückes vertraut, bald von dem Zauber hingerissen, mit dem ihr Freund seine Liebesgestalten zu umweben verstand. In die Rührung, die sie mit allen im Haus teilte, mischte sich bei ihr aber noch ein ganz besonderes Gefühl. Verdankte dieses Trauerspiel sein Dasein nicht ein wenig auch ihr? War nicht die Macht der Liebe, die da auf der Bühne geschildert wurde, ein Abbild der ihrigen? Aus jedem Worte fand sie dies heraus, ja, sie erkannte in der Heldin sogar gewisse Charakterzüge, die ihr selbst eigen, die aber so zartfühlend eingeflochten waren, daß andre sie nicht entdecken konnten. So schmeichelhaft waren diese sein abgelauschten Züge, daß sie sich unwillkürlich nach ihrem Freund umwandte und murmelte: »Aber das bin ja ich – das sind doch wir beide!« Ein zärtlicher Ausdruck im zweiten Akt stammte von ihr, Clarencé hatte ihn von ihren Lippen genommen und in sein Werk verpflanzt wie einen Kuß, dessen Süßigkeit sich durch ein Wunder verewigte. So war sie also doch noch immer das einzige Vorbild des geliebten Meisters, noch war er nicht müde, in ihrer Seele zu forschen, sie blieb die lebendige Quelle, aus der sein Genius schöpfte. Allein noch hatte sie sich diesem beglückenden Gefühle nicht ganz hingegeben, als ihr wieder die Erinnerung an die am Abend vorher ausgesprochenen Worte Clarencés durch den Kopf schoß: »Mein Werk ! Ich möchte es am liebsten vernichten – ich wollte, ich hatte es niemals geschrieben!« Gestern hatte sie diesen Ausspruch noch für eine momentane Laune angesehen, jetzt aber fühlte sie plötzlich, daß diese grausamen Worte das Werk bis in seinen tiefsten Grund trafen, und daß auch sie selbst ihren Teil an der Verwünschung haben müsse. Eben endigte der zweite Akt unter brausenden Beifallsstürmen. Claudine wandte sich nach Clarencé um, dieser aber hatte sich bereits leise, ohne ein Wort zu sagen, entfernt und sich ins Foyer begeben. Erst nachdem der Vorhang wieder in die Hohe gezogen war, kehrte er zurück. Heimlich, mit neu erwachender Hoffnung beobachtete sie ihn. Der glänzende Erfolg, der rauschende Beifall, sie mußten doch allmählich sein Herz höher schlagen machen, ihn den törichten Grillen entreißen? Doch nein. Schweigend setzte sich Clarencé auf seinen Platz, als gehe ihn das Stück überhaupt nichts an, und so oft Claudine auch nach ihm hinsah, immer starrte er mit gerunzelter Stirne gleichgültig vor sich hin. »Was hast du denn?« fragte sie ihn endlich. »Man könnte glauben, du seiest gar nicht hier mit deinen Gedanken.« »Ich? Was fällt dir ein? – Die Sache läuft ja famos, ich bin sehr zufrieden.« Doch der Ton seiner Stimme strafte die Worte Lügen. Claudine bestrebte sich, ihre Aufmerksamkeit wieder dem Stücke zuzuwenden, dem das Publikum mit immer wärmerem Interesse folgte. Allein sie war es nicht im stande. Voll Unruhe und Besorgnis drehte sie sich immer wieder nach ihrem Freunde um, der ihre Blicke mit einem Lächeln erwiderte, das im Grunde keines war, und auf ihre Fragen nur nichtssagende Antworten hatte. Die sichtliche Anstrengung, seine Stimmung vor ihr zu verbergen, ängstigte sie immer mehr. Warum hatte er kein Vertrauen mehr zu ihr? Endlich glaubte sie ein Mittel gefunden zu haben, seine Aufmerksamkeit in den Zuschauerraum zu lenken. »Viktor Delambre ist auch hier, dort drüben in der Loge des Direktors. Wußtest du es? Sieh nur, wie er klatscht!« Dabei zeigte sie mit dem geschlossenen Fächer auf den schonen, stolzen Kopf des alten Meisters mit dem kühnen, blendendweißen Schnurrbart und dem üppigen, silberglänzenden Haare, dessen ehrwürdige Gestalt so recht das Spiegelbild einer kraftvollen und zugleich zart empfindenden Seele war. Clarencé schätzte und bewunderte ihn ungemein und gab viel auf sein Urteil, trotzdem begnügte er sich jetzt, nachlässig zu wiederholen: »Ja, ja, richtig, er ist hier.« Der Beifall wuchs. Man fühlte es förmlich, wie er die Versammlung durchzitterte. Claudine aber wurde es immer schwerer ums Herz. Während des dritten Zwischenaktes wurde Clarencé im Foyer von den freudig erregten Darstellern seines Stückes umringt, die ihm stürmisch die Hände drückten, ihn umarmten und beglückwünschten, während Ausrufe wie die folgenden an sein Ohr schlugen: »Ein glücklicher Treffer!« – »Zweihundert Vorstellungen, was?« – »O ja, zum mindesten.« – »Die andern Autoren können sich jetzt mit Geduld wappnen!« Merton, der sich auch unter der Menge der Bewunderer befand, gelang es endlich, in Clarencés Nähe zu gelangen. »Ach, verehrter Meister, wie oft denke ich an unsre Unterhaltung!« »Vergessen Sie sie lieber.« »Nein, nein, sie verfolgt mich.« Was wollte er damit sagen? Waren Clarencés Worte auf guten Boden gefallen? »Besuchen Sie mich gelegentlich wieder, aber nicht als Reporter, wir plaudern dann zusammen.« »Haben Sie Dank, verehrter Meister!« Auch Jacques hatte sich ins Foyer gedrängt. Prüfend betrachtete er all die vielen berühmten Leute, die ihm indes durchaus keine besondere Verehrung einflößten. Auch das Stück selbst fand er in seinem tiefsten Innern überspannt und altmodisch, trotzdem gab er sich alle Mühe, ein begeistertes Gesicht zu machen, und als er seinen Onkel erreicht hatte, schüttelte er ihm die Hand, indem er mit der ganzen Wärme, deren seine hohe Fistelstimme fähig war, rief: »Herrlich, wunderbar! Ich bin stolz, fast als ob es mich selbst anginge.« »Der kann ruhig Liebesdramen mit ansehen, ohne eine Ansteckung befürchten zu müssen,« sagte Clarencé zu sich selbst. Jacques räumte jetzt Delambre den Platz, der, ungebeugt von der Last seiner fünfundsiebzig Jahre, klaren Auges und elastischen Schrittes mit ausgestreckter Hand auf Clarencé zukam. »Ich gratuliere, mein Freund! Wie viel hätte ich Ihnen zu sagen! – Werden Sie sich nachher dem gemeinschaftlichen Essen anschließen?« »Nein, ich bin zu müde, ich gehe lieber nach Hause.« »Wollen wir wenigstens den Heimweg zusammen machen? Dann können wir noch ein bißchen plaudern.« Währenddessen drängte sich in Claudines Loge die Schar der begeisterten Freunde, die, jeder auf seine Weise, ihrer Bewunderung Ausdruck gaben. Sie alle waren darin einig, daß Clarencé mit der »Löwenbraut« ein Meisterwerk geschaffen hatte. Ihre stolze Siegesgewißheit gab auch Claudine etwas von ihrem Vertrauen zurück. »Auch er muß doch schließlich,« so dachte sie, »von dem Taumel der Begeisterung ergriffen werden, denn wie könnte ein Sieger seinem eigenen Triumphe gegenüber kalt bleiben!« Beruhigt, fast glücklich gab sie sich wieder ganz dem Schlußakte des sich nun rasch abwickelnden Dramas hin, von dem ein glühender Hauch mächtiger, unwiderstehlicher Leidenschaft ausströmte. »Ach, mein Freund, nie vorher habe ich die ganze Erhabenheit dieser Liebes- und Sterbeszenen so tief empfunden als jetzt.« Da sie indes nicht wagte, ein noch höheres Lob auszusprechen, so sagte sie nur, zum ersten Male in ängstlichem Tone: »Du hast das Beste deines Selbsts hineingelegt, dein ganzes heißes Herz – es macht dich im wahren Sinne des Wortes zum großen Manne, zum Dichter.« Gerne hätte sie noch etwas Vertraulicheres hinzugefügt, zum Beispiel: »Und das kommt daher, weil du selbst so warm zu lieben verstehst.« Allein ihr Auge traf Clarencés Blick, der eine solche Herzensangst ausdrückte, daß ihr die Worte auf den Lippen erstarben. Einige Minuten später beugte er sich zu ihr herunter – ob es wohl die ersehnte Antwort war? »Verzeih, wenn ich dich jetzt verlasse,« sagte er. »Du weißt, daß diese Tage die einzigen sind, wo ich dir nicht ganz angehören kann.« Noch nie hatte sie glühender gewünscht, ihn für sich allein zu haben, ihn trösten und beruhigen zu können, als zu dieser Stunde, trotzdem aber antwortete sie ruhig: »Ja, gehe nur, mein Freund.« Und er entfernte sich, ohne die Träne zu sehen, die sie aus ihren Augen wischte. – Nun war die Heißgeliebte unter dem Dolchstoß einer wilden, fanatischen Liebe gefallen, und starres Entsetzen hielt die Versammlung einen Augenblick gefangen, dann aber brach sich die Begeisterung Bahn, wie immer, wenn ein gewaltiger Dichter die Stimmen der Leidenschaft entfesselt hat. Claudine allein beteiligte sich nicht daran. Mit fest geschlossenen Lippen und bebendem Herzen saß sie in dumpfem Schrecken und banger Ahnung wie erstarrt auf ihrem Platze. Sie mochten klatschen, rufen und schreien um sie her, sie hörte sie nicht. Denn über diese begeisterte Menge hinweg sah sie den bodenlosen Abgrund vor sich, in den finstere Machte den Menschen dann und wann hineintreiben. Wieder und wieder ertönte jetzt der Name des Dichters, die Bravorufe verdoppelten sich, und in den Pausen, während die Hände ausruhten, machte man sich gegenseitig auf Delambre aufmerksam, der, weit über die Logenbrüstung gebeugt, mit jugendlichem Feuer Beifall klatschte. Da es aber gewöhnlich nicht seine Art war, seine Bewunderung so auffallend kundzutun, gab es manche, die diese Begeisterung boshaft auslegten. »Unserm alten Delambre mag es heute trotz allem ein bißchen unbehaglich zu Mut sein, denn seine Alleinherrschaft in diesem Theater hat nun eben doch aufgehört.« »Wer weiß, ob er nicht gerade deshalb so eifrig klatscht,« sagte ein andrer. »Pfui, schweigen Sie, Er gehört zu den wenigen, die über dem Neide stehen.« »Es gibt überhaupt niemand, der über dem Neide steht.« Derjenige, der diesen hübschen Ausspruch getan hatte, wäre höchlichst überrascht gewesen, wenn er eine halbe Stunde später, nachdem die stürmischen Gratulationen im Foyer verrauscht waren, Clarencé mit Delambre das Theater hätte verlassen sehen. »Machen wir uns noch ein wenig Bewegung, wenn es Ihnen recht ist,« sagte der ruhmgekrönte Altmeister, indem er freundschaftlich den Arm seines jungen Kollegen ergriff. »Es ist eine schöne Nacht, und nach den Gemütsbewegungen, in die Sie uns versetzt haben, bedarf man der frischen Luft.« Trotz seiner fünfundsiebzig Jahre war seine Haltung aufrecht, sein Gang jugendlich elastisch. Mit einem herrlichen, von Glanz und Heiterkeit strahlenden Abend war dieses Greisenalter zu vergleichen, und niemand vermochte sich der ehrwürdigen Gestalt zu nähern, ohne die tiefste Sympathie für ihn zu empfinden. Die beiden Männer gingen zuerst schweigend die Boulevards entlang. Dann begann Delambre: »Das war ein schöner Abend für Sie, mein Freund. Solche Augenblicke sind reicher Lohn für alle Arbeit und Mühe. Sie haben ein großartiges, Wahrheit atmendes Werk geschaffen – ein Meisterwerk, das ist das richtige Wort. Und Sie sind verstanden worden. Eine höhere Freude und Genugtuung gibt es nicht in unsrer Laufbahn.« Vielleicht dachte Delambre an die Kämpfe seiner Jugend, die nicht alle mit Sieg gekrönt worden waren, und an seine ersten Stücke, von denen manche zehn Jahre gebraucht hatten, bis sie vom Publikum günstig aufgenommen wurden. »Ja,« antwortete Clarencé, »es war ein erfolgreicher Abend. Ich bin zufrieden.« Es lag ein gewisses Zögern in seinem Tone, das seinem Gefährten nicht entging. »Ei, wie Sie das sagen, so ohne Freude, ohne Begeisterung! Da war ich anders! Wenn meine Premieren Erfolg hatten, da strömte mein Herz über vor Glück. Jubeln, tanzen, springen mußte ich wie ein Kind.« Als Clarencé schwieg, fuhr Delambre in liebevollem Tone fort: »Ich habe Sie beobachtet heute abend. Sie sahen ganz mißtrauisch aus, als fürchteten Sie, man errate Ihre Gedanken. Hier aber kann uns niemand hören, und es ist auch keine Gefahr, daß Ihre Worte morgen anders ausgelegt werden könnten, als Ihnen lieb ist. Ich bin Ihr Freund, ich ehre und bewundere Ihre Kunst. Noch bin ich ganz erfüllt von Ihrem Werke, und doch sehe ich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Darf ich es nicht wissen?« Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit bewegter Stimme hinzu: »Verzeihen Sie mir meine Unbescheidenheit, allein meine Zuneigung, meine Bewunderung für Sie treibt mich dazu.« Gerührt von dieser herzlichen Teilnahme, die ihm so ganz zur rechten Stunde entgegengebracht wurde, antwortete Clarencé: »Sie täuschen sich nicht, verehrter Meister, der heutige Erfolg beglückt mich nicht. Wem aber möchte ich wohl lieber mein Herz ausschütten als Ihnen? Wer könnte mich besser beruhigen – wenn dies überhaupt möglich wäre – als Sie? Sie sind ja der Stolz unsres Standes, Sie haben Lebenserfahrung und Verständnis für das, was die Seelen bewegt.« Er hielt einen Augenblick nachdenklich inne und fuhr dann fort: »Nein, dieser Erfolg hat mich nicht beglückt – ach, wo ist sie hin die Zeit, wo der Beifall der Menge mir als das höchste, wünschenswerteste Gut erschien? In solchem Verlangen und Streben, da geht es dem Künstler und Dichter wie den Goldgräbern und Millionenspekulanten, er hört und sieht kaum mehr etwas andres. Ist der Traum aber erfüllt, ja, dann steht man wohl sinnend still und prüft das Werk, das man ins Leben gerufen hat. Bei solcher Prüfung steigen dann Bedenken in uns auf. Die Kritiker loben das Werk, das Publikum klatscht Beifall, die pekuniären Einnahmen wachsen, die Direktoren verlangen nach neuen Produkten – alles umsonst. Man sagt sich wohl, ich habe ein Werk geschaffen, das das Interesse des Publikums erregt hat, wer weiß, vielleicht überlebt es mich sogar. Jedenfalls übt es in diesem Augenblick und vielleicht auch noch nach Jahren einen Einfluß auf die Menschen aus, es wirkt auf das Empfindungsvermögen der Jugend, der jungen Mädchen –« Ein Zittern ging bei diesen letzten Worten durch Clarencés Stimme, so daß Delambre, die Gedanken seines jungen Freundes erratend, plötzlich stehen blieb. Dieser fuhr fort: »Was für einen Wert aber hat ein solcher Einfluß? Treibt er die harmlosen Menschen, die ihm unterliegen, zum Guten, oder zum Bösen? Ja, ja, ich gebrauche absichtlich diese aus der Mode gekommenen Worte. Ist es ein guter Samen, den wir ausstreuen? Bringt er eine nützliche Frucht hervor, oder vielmehr eine Giftpflanze? Das frage ich mich, lieber Meister. Diese Fragen waren es, die mich den ganzen Abend verfolgt haben. Können Sie mir darauf antworten?« Unbeweglich, mit gespannter Aufmerksamkeit hatte Delambre ihm zugehört. Endlich antwortete er, langsamen Schrittes weitergehend: »Aber, mein lieber Freund, wie können Sie sich von derartigen Skrupeln quälen lassen! Sie wären berechtigt bei solchen, deren Werke niedrige Instinkte wecken und nähren. Sie aber, dessen edles Streben so klar auf der Hand liegt, Sie, bei dem jedes Wort, das Sie niedergeschrieben haben, durchaus empfunden ist, Sie, der Sie so aufrichtig nach der Wahrheit streben – offen gestanden, es wird mir schwer, Ihre Bedenken zu verstehen.« Das Thema ändernd, fuhr er mit gutmütiger Offenherzigkeit fort: »Auch ich habe unruhige, irrende Seelen geschildert und auch meine Werke haben Einfluß auf die Menschen ausgeübt – sie tun es vielleicht noch. Allein die Frage, die Sie da eben an mich richteten, ist mir niemals in den Sinn gekommen.« »O bei Ihnen, lieber Meister, da ist es auch etwas ganz andres.« »Warum bei mir?« »Weil Ihre Werke Kraft, Gerechtigkeit und Mut predigen, Ihre Helden sind wohl fein und zart empfindende Wesen, aber niemals Schwächlinge; sie zaudern manchmal am Scheidewege, aber nur, um desto sicherern Schrittes in den guten Pfad einzubiegen. Ruhigen Gewissens und fröhlichen Gemüts können Sie Ihre Werke den jetzigen und den kommenden Geschlechtern vorführen und zum Publikum sagen: ›Tue desgleichen‹« »Ist man denn der tiefen Bedeutung und Wirkung dessen, was man schreibt, jemals ganz sicher?« erwiderte Delambre nachdenklich. »Vermag man sich immer gewissenhaft Rechenschaft über die Gedanken zu geben, die unsern Sinn durchkreuzen! Will man diese Gedanken aber vollends den Geschöpfen seiner Phantasie einimpfen, so geraten wir auf eine schwierige Bahn, denn das Charakterbild jener erdichteten Wesen hängt teilweise von der Auffassung jedes einzelnen Individuums ab. Aber die Männer Ihrer Generation haben eine unruhvolle Seele und einen unschlüssigen, leicht beirrten Geist, zweiflerische Grübler sind es. Die Männer meines Zeitalters dagegen, die waren – ich spreche in der Vergangenheit, da nicht mehr viele von ihnen leben – ja, wir waren gesunder, frischer, kräftiger, während ihr euch stets mit tausend Bedenken quält und tausend Hindernisse seht. Wir waren harmloser, jugendlicher. Ich für meine Person habe mich niemals mit Grübeln abgegeben – wahrscheinlich viel zu wenig, aber was ich zu wenig getan, das tut ihr zu viel, und das ist vielleicht noch schlimmer, Ihr verbraucht eure Phantasie mit wahrhaft erschreckender Geschwindigkeit, ihr Verschlingt sie förmlich und verderbt euch damit nur den Magen. Nichts aber ist der Heiterkeit des Geistes schädlicher als das.« »Sie haben recht,« sagte Clarencé. »Aber verfolgen wir die Sache weiter. Ist es nicht ganz natürlich, daß nach solchen Übertreibungen einige unter uns zu der Erkenntnis ihres Irrtums kommen und auf dem betretenen Wege umkehren möchten? In diesem Fall befinde ich mich. Ich prüfe die Wirkung meiner Werke, und sie erschreckt mich. Ich habe tatsächlich gesehen,« – scharf betonte er die Worte – »wie sie vernichtend ins Leben eingegriffen und zwei arme Wesen rettungslos der Verzweiflung anheimgegeben haben. – Wie könnte ich das jemals vergessen?« Mit seiner klangvollen, ruhigen Stimme entgegnete Delambre: »Sie glauben das gesehen zu haben, mein Freund, weil Sie die Tatsache im Lichte Ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung deuten. Ich weiß, von was für einem Fall Sie sprechen. Was aber will ein einziges Beispiel sagen? Könnte man nicht ebensoviele andre finden, die das Gegenteil beweisen? Verscheuchen Sie solch falsche, gefährliche Einbildungen, denken Sie vielmehr an das Gute, das Sie mit Ihren Schöpfungen bewirkt haben.« »Kann das Gute das Böse ungeschehen machen?« Wieder blieb Delambre stehen. Die Avenue des Champs Elysées, auf der sie sich jetzt befanden, war fast menschenleer, kaum daß hin und wieder das Rollen eines Wagens die nächtliche Stille unterbrach. »Wissen Sie, daß ich Sie recht anspruchsvoll finde, mein lieber Freund?« sagte er ernsthaft. »Wir wollen die Tragweite unsers Einflusses nicht übertreiben, weder im Guten, noch im Bösen. Die Menschheit geht ihren Weg und zieht uns mit sich, weit mehr, als daß wir sie führen. Ihren geheimnisvollen Gesetzen folgend, eilt sie einem unbekannten Ziele zu. Was sind wir? Fünkchen im Weltall. Wohl gibt es welche, die ein klein wenig heller glänzen als die andern – so wie Sie und vielleicht ich –, aber auch sie werden erlöschen, wie die Abendsterne vor den Morgensternen erblassen. Solange sie aber scheinen, wollen wir doch lieber glauben, daß sie ein wohltuendes Licht ausstrahlen.« »Wenn die Flamme nun aber brennt, anstatt zu leuchten?« »Das mag ja wohl vorkommen. Aber hören Sie weiter.« Delambre dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Nehmen wir eine friedliche Lampe an, die dem über sein weißes Blatt gebeugten Denker Licht spendet. Während er in ihrem Kreise seine Arbeit vollendet, summen sorglose Nachtfalter um die Flamme und verbrennen sich am Glase. Hätte man nun ihretwegen die Lampe auslöschen, das Heft schließen, die Ideen sterben lassen sollen?« Clarencé wollte auch jetzt noch etwas erwidern, allein Delambre mochte der Vergleich wohl unwiderleglich erscheinen, denn er ließ ihm keine Zeit zu einer Antwort. »Grübeln Sie nun nicht länger nach,« fügte er hinzu, »sondern gehen Sie mutig auf dem betretenen Weg weiter, der nur zum Guten führen kann, weil er aus edeln Motiven entspringt. Folgen Sie offen und ehrlich Ihren Eingebungen, so wie Sie es immer getan haben – vor allem verscheuchen Sie die nutzlosen Grillen – es wäre schade um die Zeit.« Damit reichte er Clarencé herzlich die Hand und ging dann jugendlichen Schrittes in der Richtung nach dem Arc de Triomphe weiter, während ihm sein Kollege, in Gedanken verloren, nachschaute. Sechstes Kapitel. Auf Claudines Bitte brachte Clarencé seinen Freund Laurier, den sie seit der traurigen Katastrophe noch nicht gesehen hatte, zu ihr. Sie, die selbst so warm zu lieben verstand, beklagte ihn aus tiefstem Herzen und hoffte, wohltuende, stärkende Trostesworte für ihn zu finden. Aber beim Anblick einer solch haltlosen Schwäche mußte sich ihr kraftvoller, energischer, zu Widerstand und Kampf neigender Charakter unwillkürlich auflehnen. Bot doch der Unglückliche mit seinen müden, gealterten Zügen und der vernachlässigten Haltung in der Tat das Bild eines ohne alle Würde getragenen Schmerzes und eines geradezu erniedrigenden moralischen Elends. Seine Worte verschärften den peinlichen Eindruck der Erscheinung noch. »Unter dem Vorwand, zu arbeiten, schließe ich mich in mein Atelier ein,« sagte er, »und betrachte untätig die nackte Leinwand und meine trockene Palette. So vergehen die Stunden, ich zähle sie nicht mehr.« Dann wieder verlor er sich in den trostlosesten Mutmaßungen und in Ausrufen der Verzweiflung über das Unabänderliche: »Ach, wenn ich sie doch nie gesehen hätte! Dann lebte sie noch und wäre glücklich samt ihren armen Eltern. Ein andrer hätte sie dann geliebt und geheiratet, denn sie war wie geschaffen für das ruhige, sichere Glück des Familienlebens. – Ach, wenn ich alles hätte voraussehen können! Warum forderte ich sie damals auf, wieder in mein Atelier zu kommen, anstatt sie fortzuschicken wie alle andern? Leider sieht man eben nicht in die Zukunft, und die Gegenwart war so schön! – Und später, wenn wir doch miteinander entflohen wären, gewiß, es wäre noch immer besser gewesen als so. – Nun ist sie dieses schrecklichen Todes gestorben, und meine Angehörigen, um derentwillen ich so viel geopfert habe, werden dadurch doch nicht vom Unglück verschont bleiben. Denn was kann ich ihnen jetzt noch sein? Nichts, gar nichts. – Ich bin ein elendes Wrack. Arbeiten ist mir unmöglich – wie soll ich es können mit diesem nagenden Schmerzgefühl im Herzen? – Und niemals, niemals wird die Wunde heilen!« So sprach er langsam weiter mit starren Augen, immer die alte Klage, dieselben Sätze wiederholend, bis endlich Claudine ihn unterbrach: »O reden Sie doch nicht so, Herr Laurier. Ihr Schmerz ist freilich grenzenlos, und wir begreifen ihn. Aber man darf sich vom Kummer nicht übermannen lassen, auch wenn er noch so groß ist. Man kann und soll ihn ertragen lernen. Bedenken Sie doch, wie viel Ihnen noch geblieben ist! Die treueste, edelste Liebe umhegt Sie, von all den Freunden gar nicht zu sprechen, die alles tun werden, um Sie zu trösten und aufzurichten.« »Ich weiß das alles wohl, gnädige Frau – ja, wenn sie anders, wenn sie eines natürlichen Todes gestorben wäre, dann fände ich vielleicht die Kraft – aber so« – eine unbeschreibliche Herzensqual sprach aus seinem Blick – »so – in der Verzweiflung! Mir ist, als habe ich sie hineingetrieben – und diesen Gedanken kann ich nicht ertragen, ich kann es nicht! – O mein Gott, wenn ich sie wenigstens noch um Verzeihung hätte anflehen können! Aber so ist alles aus – ich werde sie ja niemals wiedersehen!« »Solche Äußerungen würden sie wahrscheinlich nur in Erstaunen setzen,« rief Claudine, sich mehr und mehr erhitzend. »Ihnen Verzeihen! Was denn? Daß Sie sie geliebt haben? Gibt es eine Frau, die nicht alles Böse, das die Liebe ihr angetan hat, von vornherein verzeiht? Sie dürfen sicher sein, daß sie mit Ihrem Namen auf den Lippen gestorben ist, ohne Vorwurf, voll Dank nur für Ihre Liebe, Sie können mir glauben, denn ich würde es ebenso machen. Was wißt ihr Männer überhaupt von der Liebe einer Frau? Ganz und gar, ohne Rückhalt, ohne Reue geben wir uns ihr hin, es koste was es wolle! Wenn es sich um unsre Liebe handelt, kommt selbst das Leben nicht in Betracht.« »Ach, warum bin ich nicht anstatt ihrer gestorben!« war alles, was Laurier zu erwidern fand. Lange dehnte er seinen Besuch aus, ohne daß es den Freunden gelungen wäre, seine trostlose Stimmung zu heben. »Der arme Mann!« sagte Clarencé, nachdem er ihn hinausbegleitet hatte. »Welch ein Jammer!« »Ja,« antwortete Claudine, »welche Seelennot! Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß ein Mensch so schwach sein könnte, – Diese unendlichen, fruchtlosen Klagen, diese ewigen ›Wenn‹ und ›Wenn‹ und ›Wenn‹ – das ist unmännlich, unwürdig. Und wohin soll eine solche Mutlosigkeit schließlich führen – was soll aus einem Menschen werden, in dem jegliche Willenskraft ertötet ist?« »Wer weiß, vielleicht löschen solche Leiden in der Seele am ehesten noch das Böse aus, das durch nichts andres hätte wieder gut gemacht werden können.« Claudine schien den Sinn dieses Satzes zu erwägen. »Was für eine Metaphysik, lieber Freund!« murmelte sie, dann fügte sie mit einem Seufzer hinzu: »Mir ist bei dem allem nur das eine klar, daß wir nicht der gleichen Meinung sind.« »Nicht mehr der gleichen Meinung,« verbesserte er traurig. Wo war sie hin, die vollständige Seelenübereinstimmung, die ihrem langen, vertrauten Verkehr einen solchen Reiz verliehen hatte? Warum wichen ihre Ansichten nun plötzlich auseinander? Was war das für eine geheime Macht, die sich fremd, fast feindlich zwischen sie stellte? »Ich bin nicht diejenige, die sich verändert hat,« sagte Claudine. »Man muß die Wandlungen des Lebens mitzumachen verstehen.« Sie schüttelte den schönen, stolzen Kopf, und eine eigensinnige Falte lag auf ihrer Stirn, als sie antwortete: »Warum, wenn die alten Ansichten die richtigen sind?« »Weiß man je so ganz gewiß, ob man im Recht ist?« »Ach, mein Freund, wie schwach du bist!« Als sie indes den traurigen Ausdruck in seinem Gesicht sah, hielt sie plötzlich inne. Es tat ihr leid, ihn gekränkt zu haben, und liebevoll, einschmeichelnd trat sie auf ihn zu. »Du bist müde und angegriffen, mein Freund, da muß ich dich doch trösten, für dich stark sein, dir helfen, die bösen Grillen zu verscheuchen, und dir wieder Mut und Selbstvertrauen einflößen. Ei, ei, soll ich wirklich nun den Mann spielen?« Mit einem Versuch zu lächeln drückte er den Mund auf die teuren Lippen und sagte: »Tenacem propositi virum.« Der Scherz aber blieb ungedeutet, und dem Kusse fehlte das gewohnte Feuer. * * * Ein Besuch seines Neffen Jacques, der zu dem ihm versprochenen Mittagessen erschien, war nicht im stande, Clarencés trübe Gedanken zu zerstreuen. Der junge Mann, dessen sicheres, ungeniertes Auftreten Clarencé schon das erste Mal aufgefallen war, sprach gewandt und mit Überlegung und in der unverkennbaren Absicht, zu gefallen, wodurch er aber gerade das Gegenteil erreichte. In wohlvorbereiteten Sätzen beglückwünschte er seinen Onkel zu dessen Erfolg und lobte das Stück, indem er dabei Szenen, die man vielleicht hätte anfechten können, als besonders gelungen hervorhob und andre, die sich durch ihre Einfachheit und Wahrheit auszeichneten, unbewußt herabsetzte. Diese Kritik ärgerte Clarencé, so daß er sich rasch erhob und seinen Neffen aufforderte, sich mit ihm zu Tisch zu begeben. Während Antoine dann den ersten Gang herumreichte, versuchte Clarencé, das Gespräch auf Prône zu lenken, er bekam aber nur kurze Antworten, deren Inhalt darin gipfelte, daß der Vater ein strenger, unzugänglicher Mann sei, die Mutter eine tüchtige, sparsame Hausfrau, und daß die auch unter sich nicht harmonierenden Brüder den »studierten« Bruder stets mit Eifersucht gequält hätten. Man fühlte aus seinen Worten deutlich heraus, daß er für seine Angehörigen statt Zuneigung oder Anhänglichkeit nur eine gewisse hochmütige Verachtung empfand. Zugleich schien er sich nicht wenig darüber zu wundern, daß sein Onkel, der doch schon so lange von der Heimat losgelöst war, sich überhaupt noch für das Schicksal seiner Verwandten interessierte. »Aus all dem schließe ich, daß du ihnen nicht gleichst?« sagte Clarencé mit einem Anflug von Spott, der dem mit Zerlegen einer Hummerschere beschäftigten Jacques vollständig entging. »Allerdings nicht,« antwortete er; »unter ihnen war ich der einzige meiner Art.« »Welches ist nun aber die bessere Art?« Diesmal jedoch begriff der junge Mann. Sofort ließ er seinen Hummer im Stich und setzte sich in Verteidigungszustand. »Welches die bessere ist, weiß ich nicht, jedenfalls ist meine Art anders als die ihrige.« »Nun denn, so sprich mir jetzt wenigstens von dir im einzelnen, nachdem du mich über deine Angehörigen nur im allgemeinen aufgeklärt hast.« Jacques gehörte nicht zu denjenigen, die Spott ertragen können. »Von mir?« fragte er, scharf auf seiner Hut bleibend, »was soll ich dir da erzählen?« »Nun, so fahre da fort, wo du gestern aufgehört hast.« Der junge Mann hatte eine mißtrauische, verschlossene Miene angenommen. Allein er mochte sich schließlich doch wohl sagen, daß es unter allen Umständen am klügsten für ihn sei, sich mit seinem Onkel auf freundschaftlichen Fuß zu stellen, und so begann er mit gut gespielter Offenherzigkeit, zuerst langsam, dann immer lebhafter werdend, von seiner Schulzeit zu erzählen. »Ich hatte mir vorgenommen, immer der Erste in meiner Klasse zu sein, und so war ich es auch. Natürlich mußte ich tüchtig büffeln, um es so weit zu bringen, denn die in einer Dorfschule gemachten Vorstudien sind bekanntlich nicht glänzend, das weißt du ja selbst. Ich liebe jedoch die Arbeit an und für sich, denn nichts ist mir so sehr verhaßt als ein faules Herumbummeln, Ich liebe sie aber auch als Mittel zum Herrschen und Siegen, als eine Waffe, einen Hebel. Mir kam schon oft der Gedanke, daß für meine Altersgenossen die Universität jetzt die gleiche Bedeutung hat wie die Kriegsschule zur Zeit Napoleons: sie führt zu Glanz und Ruhm, Kluge Männer sind heutzutage ebensosehr die Herren der Welt, als es die Soldaten zu jener großen Zeit der großen Kriege waren.« Clarencé mußte über den Eifer seines Neffen lächeln. »Täuschest du dich nicht am Ende um zehn bis fünfzehn Jahre?« fragte er. Jacques verstand nicht sogleich. »Um fünfzehn Jahre? Wieso?« »Schau dich nur einmal um. Zähle, wenn du kannst, das Heer der jungen Leute, die auf den gleichen Erfolg rechnen wie du. Erschreckt dich ihre unendliche Zahl nicht?« »Ha, wenn man sich durch die Konkurrenz beunruhigen lassen wollte!« rief Jacques voll kühnen Mutes. »Glaubst du denn nicht, daß auch für die Helden der Feder, von denen man seit einem halben Jahrhundert so viel erwartet, eine Zeit kommen könnte, wo es ihnen geht wie jenen jungen zwanzigjährigen Offizieren, die hofften, mit dreißig Jahren General zu sein, und die nach Napoleons Verschwinden froh sein mußten, wenn sie im Alter mit dem Charakter eines Obersts in den Ruhestand treten durften. Hast du niemals an die Unmenge nutzloser Bücher gedacht, die sich in den Magazinen der Verleger anhäufen – an all die Arbeit, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die sich an sie knüpfen? An den geringen Wert, den sie für die Zukunft haben?« »Was für einen geheimnisvollen Grund mag er haben,« fragte sich der stets mißtrauische Jacques, »mich so zu entmutigen? Fürchtet er, mir beistehen zu müssen, oder will er am Ende nicht, daß es einen Kollegen gibt, der seinen Namen trägt?« Zwischen diesen beiden Vermutungen schwankend, antwortete er unerschrocken: »Nein, an so etwas denke ich nicht. Man käme auch nicht weit, wollte man immer nur die Hindernisse vor Augen haben. Wohl weiß ich, daß unser Beruf überfüllt ist, aber wenn auch die Mehrzahl der jungen Streber zu Grunde geht, so werden doch einige, die, mit Talent ausgerüstet, ihren Weg begonnen und dem Kampfe standgehalten haben, den Gipfel des Ruhmes erreichen.« »Ein junger Mann aber,« fiel Clarencé ihm lebhaft ins Wort, »der diesen Weg betreten will, darf dies doch nicht nur mit der Absicht tun, den täglich wachsenden Haufen von Büchern durch einige weitere Romane zu vergrößern. Ein unbesiegbarer innerer Drang muß ihn treiben, die in ihm lebenden Wahrheiten und Ansichten der Welt kundzutun. Nur dann haben wir das Recht, in unsern Werken zu den Menschen zu sprechen. Und du, mein Junge, der du von deinen Bergen herabsteigst, um dich kühnen Mutes in unsre Großstadt zu stürzen, sage mir, was für Wahrheiten bringst du uns?« »Ich bin wenigstens von dem Wunsche beseelt, sie mit der Feder in der Hand zu suchen.« »Wirklich?« Clarencés offener, durchdringender Blick ruhte auf dem jungen Manne, der ihn zuerst verwegen aushielt, dann aber doch errötend die Augen niederschlug. »Siehst du wohl,« fuhr Clarencé fort, »du willst die Zahl der Schriftsteller nur vergrößern, um Ehre und Vorteil für dich selbst daraus zu ziehen. Dabei bezweifle ich nicht, daß du die schönen Wissenschaften liebst, o nein, ich bin sogar davon überzeugt! aber nicht ein innerer Beruf führt dich zu uns, du willst einfach Schriftsteller werden, so wie ein andrer sich zum Beispiel zur Laufbahn eines Ingenieurs entschließt.« Einem jungen Kampfhahn gleich richtete sich Jacques auf. »Erlaube mir, lieber Onkel,« sagte er, »daß ich dir ganz offen antworte. Als du damals nach Paris kamst, so wie ich jetzt, als Neuling, warst du da mit den notwendigen Wahrheiten ausgerüstet?« Er zögerte einen Augenblick – jedoch nur so lange, bis er sich überlegt hatte, wie seine Worte wohl aufgenommen würden – dann fuhr er unerschrocken fort: »Wie verhalt es sich mit deinem neuesten Werke, mit dieser »Löwenbraut«, der ich neulich Beifall geklatscht habe? Daß es ein wundervolles Drama ist, steht außer Zweifel, immer wieder hörte ich um mich her und zwar von den schärfsten Kritikern das Wort ›Meisterwerk‹ aussprechen. Aber trotz allem, ist es denn etwas andres, als die Schilderung der Liebe und Leidenschaft? Hat das Stück seine Existenzberechtigung nicht vor allem durch die künstlerische Vollendung seines Aufbaus und durch seine Poesie?« Nun war Clarencé an der Reihe, in Verwirrung zu geraten, denn Jacques' Worte trafen ihn an seiner empfindlichsten Stelle, und diese Verwirrung verfehlte nicht, den kühnen Gegner mit stolzer Siegesfreude zu erfüllen. »Du hast recht,« sagte Clarencé endlich, »mein Werk stimmt mit meinen Worten nicht überein, das weiß ich wohl. Aber darauf kommt es jetzt nicht an, es handelt sich weder um mich, noch um einstens, sondern um dich und um deine Zukunft. Wer konnte vor zwanzig Jahren, als ich meine schriftstellerischen Versuche machte, etwas von der Krisis ahnen, in der wir uns jetzt befinden? Damals gab es noch Raum für den Dilettantismus, und man ahnte noch nicht, wohin er uns führen würde. Denke also jetzt nicht an meine Werke, sondern an meine Worte. Der Schriftsteller in mir mag sich getäuscht haben, der Mensch aber sieht klar in dieser Stunde, ihm mußt du glauben.« Jacques, dessen Mißtrauen noch immer nicht besiegt war, überlegte. Seine Lippen bewegten sich, als habe er schon eine Antwort bereit, allein er hielt sie zurück und begnügte sich mit einem vielsagenden Lächeln, Clarencé aber, der ihn aufmerksam beobachtete, entging dieses Mienenspiel nicht. »Du denkst etwas, das du nicht zu sagen wagst,« sagte er. »Sprich nur ohne Scheu, ich werde dir deine Offenheit niemals übelnehmen.« »Ach, etwas sehr Schlimmes war es nicht, lieber Onkel,« sagte er in spöttischem Tone. »Ich dachte nur, daß du wie ein bekehrter Don Juan redest, der Enthaltsamkeit predigt. Du sprichst dem Talent ein hartes Urteil. Hat es dir denn aber nicht alles gegeben, was du nur von ihm erwarten konntest, Reichtum, und vor allem die Freude, es zu entfalten? Verdankst du ihm nicht das Glück deines Lebens?« »Das Glück!« Tief melancholisch war der Ton, in dem Clarencé dieses rätselhafte Wort wiederholte. »Das Glück! Gibt es überhaupt einen Beruf, der uns glücklich zu machen im stande wäre? Bildest du dir vielleicht ein, daß es sich an den Erfolg oder an erworbene Reichtümer knüpft?« »Jedenfalls,« fügte Jacques sich in dem behaglichen Raume umsehend, voll innerster Überzeugung, »scheint es mir, als ob du, lieber Onkel, doch alles erreicht hättest, was sich ein Mensch nur wünschen kann.« Clarencé, der Jacques' Gedanken erriet, antwortete langsam: »Den Wohlstand oder Luxus, den wir unsern Werken verdanken, den siehst du wohl, die Schmerzen und innern Kämpfe aber, die sich daran knüpfen, von denen hast du keine Ahnung, kannst sie nicht haben. Einen Begriff davon bekommt man erst nach Jahren heißer Arbeit, Sie entwickelt in uns die gefährlichste aller Fähigkeiten, die Phantasie, ja, sie entwickelt sie bis zu einem solch hohen Grade, daß wir sie schließlich nicht mehr zu bemeistern vermögen. Ach, du weißt nicht, was für ein Folterwerkzeug sie dann für uns wird, und welch hohen Preis sie für die Gaben von uns fordert, die sie uns geschenkt hat! Da wir nun aber durch die Schöpfungen unsrer Phantasie in dem Bereich unsrer Dichtungen festgehalten werden, so bildet sich allmählich eine überreizte Empfindsamkeit in uns aus, die uns das klare Urteil über die menschlichen Verhältnisse trübt. Sind uns die Verheerungen, die unsre Phantasie an uns selbst angerichtet hat, dann einmal zum Bewußtsein gekommen, so fragen wir uns unwillkürlich, was für eine Wirkung wir auf die große Menge unerfahrener Leser und Zuhörer erzielt haben, Zweifel steigen plötzlich in uns auf: Waren es am Ende Giftkörner, die wir unter die harmlos vertrauenden Menschen ausstreuten? O, wenn du wüßtest, wie bitter ein solcher Zweifel ist! Wenn du wüßtest, wie er uns den bescheidenen, flüchtig errungenen Ruhm verkümmert!« Mit gesenktem Blick hörte Jacques zu, indem er dachte: »Ob er es wohl aufrichtig meint? Wenn nicht, dann ist er bei Gott ein noch besserer Schauspieler als die Darsteller seines Stückes.« »Wir Alten freilich,« fuhr Clarencé fort, »wir können uns nicht mehr ändern, denn wir sind nun schon mit unserm eigenen Gifte durchtränkt. Bei euch aber, den Beherrschern der Zukunft, da ist es etwas andres. Was für eine trügerische Macht lockt euch in unsre Fußstapfen? Ihr seid Bauern. Warum verlaßt ihr eure väterliche Scholle? Oder wenn ihr sie zu eng und klein findet, warum bevölkert ihr nicht die neuen Weltteile, ihr, die ihr doch Hacke und Spaten zu handhaben versteht? Glaube mir, die wahre Unabhängigkeit und Freiheit – das Glück – wenn wir an diesem Worte festhalten wollen – uns Schriftstellern wird es nicht zu teil. Glück liegt nur im bescheidenen Genügen, in einem mit nutzbringender, gesunder Arbeit gewürzten Lebenslose.« Solche Ansichten waren Jacques' Natur, seinem eroberungslustigen Geiste und seinem festen Vorsatze, dem väterlichen Stande zu entrinnen, indes zu sehr zuwider, als daß sie Eindruck auf ihn gemacht hätten, auch hörte er schon seit einiger Zeit nur mit halbem Ohre zu. Da er aber sowohl zu klug war, um energisch zu widersprechen, als auch zu stolz, um nachzugeben, so begnügte er sich damit, zu antworten: »Jeder muß eben im Kampf ums Dasein die Waffen gebrauchen, die ihm am besten zu passen scheinen. Du hast das getan, lieber Onkel, und Erfolg war dein Lohn. Warum soll ich nicht auch wie du, den Versuch machen?« »Das Unglück ist nur,« sagte Clarencé, »daß du das Leben als eine zu gewinnende Schlacht ansiehst, während es doch nur eine unschädliche Tätigkeit, oder besser eine wohltätige Pflicht sein soll.« In ernstem Tone, den Blick fest auf seinen Neffen gerichtet, sprach er diese Worte, in denen die Erfahrung seines Lebens gipfelte. Allein Jacques war zwanzig Jahre alt: wie hätte er sie verstehen sollen? Siebentes Kapitel. Die Teilnahme einer gütigen Frau tut dem Unglücklichen wohl. Auch Laurier empfand dies und wiederholte deshalb häufig seine Besuche bei Claudine, freilich ohne zu ahnen, wie wenig seine Schwäche von Frau Bréant gebilligt wurde. Die Ausdauer aber, mit der er an seinem Schmerze festhielt, hatte sie schließlich doch gerührt und besiegt. »Er ist zwar schwach,« sagte sie sich, »aber er ist doch wenigstens treu.« Der Unglückliche war in der Tat nur noch ein Schatten seiner selbst. Zu Hause sah er meist schweigend und teilnahmlos in einen Winkel starrend da, bei Frau Bréant dagegen, in den behaglichen, Liebe atmenden Räumen des kleinen Hauses, belebten sich seine Züge, während er unermüdlich von der Toten sprach, ihr Bild wieder und wieder heraufbeschwor und seiner teilnehmenden Zuhörerin tausend kleine Züge der Geliebten schilderte. »Wie sehr hätte die Arme Sie geliebt!« sagte er zu der jungen Frau. »So ist es nun aber eben einmal im Leben, es geht dahin, ohne daß es uns mit denen zusammenführt, deren Bekanntschaft von Wert für uns gewesen wäre. Oft ist nur die Breite einer Straße zwischen uns und ihnen, um uns für immer von ihnen zu trennen.« »Und wer weiß, welche Wirkung ein zur rechten Zeit und von der richtigen Persönlichkeit gesprochenes Wort gehabt hatte?« antwortete er, von neuem über die ihn verfolgenden Wenn nachgrübelnd. »Wenn Sie sie gekannt hätten, wenn Sie ihre Freundin gewesen wären, dann hätte sie Ihnen ihr Herz ausgeschüttet, und Sie, mit Ihrem Mut, mit Ihrer Energie und Willenskraft, Sie hatten sie gerettet.« Geduldig hörte Claudine diese nutzlosen Klagen mit an, da sie wohl wußte, daß Aussprechen Erleichterung schafft, dann jedoch suchte sie ihm mit freundlichen Vernunftgründen wieder Interesse am Leben beizubringen. »Warum aber wollen Sie selbst nicht auf meine Ratschläge hören? Sie rühmen meinen Lebensmut. Nun denn, die Anlage dazu hat jedermann in sich, man muß sie nur durch etwas Willenskraft entwickeln. Warum tun Sie das nicht? Warum versuchen Sie es nicht, Ihre trüben Gedanken und Erinnerungen durch Arbeit zu verscheuchen? Arbeit ist ein weiser Arzt, der einzige, der gegen ein Leiden wie das Ihrige etwas auszurichten vermag. Sie sagten mir, Ihre Freundin sei stolz auf Ihre Kunst gewesen, nun denn, so verwirklichen Sie jetzt die Werke, die Sie mit ihr geplant haben.« Doch traurig senkte er den Kopf und murmelte: »Ja, ja, sie war ehrgeizig – ich aber, ach, ich habe keine Kraft mehr.« »So versuchen Sie wenigstens, im Andenken an die Tote zu arbeiten, um der Freude willen, die sie an Ihren Schöpfungen gehabt hatte.« »Wenn ich es nur könnte, aber es ist mir unmöglich. Meine Hand zittert, meine Augen umdüstern sich, machtlos stehe ich meiner kahlen Leinwand gegenüber – und wenn das so bleibt. Großer Gott! Was soll dann aus den Meinigen werden?« Claudine verstand den Sinn dieser Worte nur halb, da Lauriers Verhältnisse ihr fremd waren. Kaum einige Male und in langen Zwischenräumen war sie mit Jeanne zusammengetroffen, für die sie keine Sympathie empfand. Deshalb beschränkte sich ihr Mitleid auch einzig und allein auf Laurier, während das andre Opfer sie kalt ließ. Ihrer Ansicht nach mußte eine Frau wie Jeanne sicherlich schnell wieder Trost in ihren spießbürgerlichen Hausfrauenpflichten finden. Clarencé aber brachte Claudine bald die Aufklärung über die neue Sorge, die seinen armen Freund quälte. Jeanne, zu der Clarencé jetzt häufig ging, hatte sie ihm eines Tages anvertraut. Nachdem die beiden lange von Laurier und dessen täglich zunehmendem finsteren Trübsinn gesprochen hatten, sagte die junge Frau, den Blick gedankenvoll in die Ferne gerichtet: »Ach, wenn meine Verzeihung ihn wenigstens aus seinem Jammer hätte herausreißen können! Niemals habe ich ihm einen Vorwurf gemacht, brachte ihm so viel Liebe als möglich entgegen, und doch muß ich ihn neben mir und vor den Augen des Kindes, das er kaum mehr eines Blickes würdigt, dahinsiechen sehen. Mir graut vor der Zukunft – umsomehr, als ich auch gegen jene andre uns drohende Gefahr nichts ausrichten kann.« »Schließlich wird Ihre liebevolle Güte ihn doch noch heilen,« sagte Clarencé. In tiefster Niedergeschlagenheit aber schüttelte Jeanne den Kopf. »Nein, nein, ich fühle es wohl, daß ich nichts mehr über ihn vermag. Auch wenn er bei mir ist, weilt sein Geist in der Ferne Selbst im Tode hält sie ihn noch gefangen und läßt ihn nicht wieder gesund und froh werden.« »Vielleicht,« warf Clarencé ein, »daß eine Luftveränderung ihm gut tun würde. Man sollte ihn aufs Land schicken, in seine Heimat, oder noch besser, ihn mit dorthin nehmen.« »Ja, wenn er einwilligt. Das müßte dann aber bald geschehen, denn später – da könnten wir es nicht mehr.« Errötend und mit noch leiserer Stimme fügte sie hinzu: »Denn – seine Arbeit war unser tägliches Brot.« »Wie? Was sagen Sie?« rief Clarencé bestürzt, »sollten Sie sich in finanzieller Bedrängnis befinden?« Noch tiefer errötend gestand sie: »Ich habe bereits meinen Schmuck verkauft, um unsre Miete zu bezahlen.« »Wie ist dies aber möglich mit einem Namen wie dem seinigen?« »Name – Talent - ganz richtig! Allein wir lebten eben von der Hand in den Mund.« – Ach, wie wenig Ähnlichkeit hatte doch diese traurige Wirklichkeit mit den in den Büchern und Theaterstücken geschilderten hochgespannten Szenen von Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung! Dort, in den Schöpfungen der Phantasie heldenmütige Entsagung, edle Verzweiflung und erhabene Entschlüsse. Im täglichen Leben dagegen kleinliche Nahrungssuchen, engherzige Berechnungen, die jeden höheren Schwung der Seele ertöten. Hier blieb der zum Akt der Befreiung zu schwache Mann am Leben, während die Frau in ihrer Todesangst ums tägliche Brot Stolz und Eifersucht vergaß! Und das war die nackte, häßliche Wahrheit, die Liebe aber mit ihrem Gefolge von herrlichen Träumen, von großartigem Selbstvergessen und vornehmer Verachtung erwies sich als Lug und Trug! Früher oder später also muß die platte, trockene, tyrannische Wirklichkeit siegen, Ihr gegenüber muß die Menge geflügelter Einbildungen aufflattern und zerstieben wie ein Starenschwarm vor einem mageren Hunde, und das ist das wahre, echte Leben mit seinen Bürden und Pflichten! Wenige Stunden später erzählte Clarencé seiner Freundin ausführlich von diesem traurigen Besuche. »Geldverlegenheiten, Nahrungssorgen in einem solchen Augenblick!« rief Claudine voll Bestürzung. »Man muß ihnen beistehen, ihnen Bilder, Skizzen abkaufen.« »Daran habe ich natürlich auch schon gedacht,« antwortete Clarencé, »Aber das ist ja nur für den ersten Augenblick, was soll später werden?« »O später, da wird man weiter sehen. Jetzt, für den Augenblick muß geholfen werden – später, da ist er vielleicht geheilt und kann seine Arbeit wieder aufnehmen.« »Glaubst du das?« »Warum nicht, da er sich doch nicht ums Leben gebracht hat!« Mit halbem Lächeln und einem Anflug ihrer gewohnten Verachtung für alles Schwache fügte sie hinzu: »Men have died from time to time and worms have eaten them. But not for love Von jeher sind die Menschen gestorben und wurden von Würmern gefressen, aber nimmermehr an der Liebe. – erinnerst du dich an Rosalinde?« »Ja,« antwortete Clarencé, »so spricht eine Romanheldin. Aber trotz des verächtlichen Realismus, der aus diesen Worten klingt, sind es doch immer erdichtete Worte, und die lügen, wie fast alle Poesie. Man stirbt vielleicht nicht an der Liebe, dafür aber an den Folgen der Liebe.« Ein Schauder durchlief seinen Körper, während er fortfuhr: »Außerdem sind es nicht nur die Pforten des Todes, die sich im Zustand der Verzweiflung vor uns öffnen, es gibt noch andre, dunklere, und unser armer Freund scheint mir nicht mehr weit von diesen entfernt zu sein.« Das entsetzliche Bild eines seiner Vernunft beraubten Wesens stieg vor ihren geistigen Augen auf, und in schweigendem Entsetzen sahen sie sich an. »O mein Gott!« murmelte Claudine, die Augen schließend. Sofort aber faßte sie sich wieder. »Man muß dagegen ankämpfen, irgend einen Versuch machen,« sagte sie. »Man kann ihn doch nicht einfach zu Grunde gehen lassen.« »Was willst du machen? Ihm seine Geliebte zurückgeben? Ihn von seinen Gewissensbissen befreien? Das ist beides gleich unmöglich.« »Wir können aber doch wenigstens an seiner Stelle einen Entschluß fassen, ihn mit unsrer Energie unterstützen,« fuhr sie eifrig fort. »Mir kommt ein Gedanke. Er hat mir häufig, und zwar mit einem gewissen Heimwehgefühl von seinem Geburtsort und von seiner Mutter erzählt, die er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Mir machte es ganz den Eindruck, als sehne er sich nach ihr. Dieser Wunsch ist nun aber doch immerhin ein Zeichen wiedererwachenden geistigen Lebens, wer weiß, vielleicht laßt sich darauf weiterbauen. Schicke ihn also oder bringe ihn, wenn nötig, selbst dorthin. Du, und nicht seine Frau, denn ihre Begleitung würde ihm nichts nützen.« »Man könnte ja immerhin einen Versuch machen,« erwiderte er. »Und wie steht es mit dir, mein lieber Freund?« fuhr sie langsamer fort. »Fühlst du selbst, der du dich ja nicht über dein Schicksal zu beklagen hast, nicht auch ein wenig den Wunsch, deiner Heimat wieder einmal einen Besuch zu machen?« Clarencé errötete, sich so durchschaut zu sehen. »Allerdings – manchmal – vielleicht – aber davon kann ja keine Rede sein.« Einen Seufzer unterdrückend, wandte Claudine den Blick von ihm ab. »Auch dir würde eine Abwechslung gut tun,« sagte sie mit erzwungener Ruhe. »Begleite deinen Freund in seine Heimat, und gehe du dann in die deinige. Gebirgsluft und Kindheitserinnerungen werden dich erfrischen, nachher kannst du dann gekräftigt dein freies, stolzes Leben eines gefeierten, guten Samen ausstreuenden Dichters wieder aufnehmen.« Auch jetzt, wie bei dem Gespräche mit seinem Neffen, sah Clarencé das alte Bauernhaus mit den gelben Maiskolben unter dem vorgekragten Wetterdach wieder vor sich, den großen Nußbaum im Hof, die altmodischen Blumen im Garten und den kleinen Weinberg mit seinen spärlichen Früchten. Ihm war es, als atme er schon jetzt die kräftige Tannenluft des Jura ein, die dort wie ein göttlicher Hauch von den Höhen ins Tal herabweht. Trotzdem gestand er den ihn plötzlich überkommenden glühenden Wunsch nicht ein. »Du würdest mich aber doch begleiten?« fragte er. Sanft verneinend schüttelte sie den Kopf. »Bedenke doch, du findest ja dort einen Bruder, eine Schwägerin, Neffen und Nichten, die dich für sich allein haben möchten. Ich aber –« Sie vollendete nicht, trotzdem las Clarencé ihr die Gedanken von der Stirne. Was sollte ich, eine Fremde, in jenem Hause? Was für einen Platz würde ich am heimatlichen Herde einnehmen, wo man nichts von meinem Dasein weiß – unter jenen schlichten Menschen, die keine Ahnung von unserm Liebesbund haben? Mit welch verächtlichem Blick würden sie mich betrachten, und was sollte ich ihnen erwidern?« Vielleicht daß in diesem Augenblick doch ein Schatten von Bedauern durch ihr Herz zog, denn etwas gab es also immerhin, das sie nicht mit ihrem Freunde teilen konnte. Er entwich ihrem Einfluß, er verließ sie, wenn es auch nur für einige Wochen war, und wer weiß, ob er ihre Begleitung auch wirklich wünschte? Claudines Art aber war es nicht, sich nutzlosen Gedanken hinzugeben. Energisch wie immer schüttelte sie sie ab und sagte, sich mit ihrem ganzen Stolze wappnend: »Ich möchte dich lieber allein deinen Angehörigen überlassen, mein Freund, das gehört mit zu der Kur, die ich dir anrate. Das Einzige, was mich beunruhigt, ist, daß du dann in Lauriers nächster Nachbarschaft sein wirst, nicht wahr?« »Allerdings nur wenige Kilometer entfernt.« »Nun denn, meine Ratschläge gehen dahin, ihn, nachdem du ihn seiner Mutter übergeben hast, so wenig als möglich aufzusuchen. Laß die beiden ungestört bei einander, das wird für ihn wie für dich besser sein. Nichts soll ihn an die schmerzliche Vergangenheit erinnern. Denke vor allem an dich selbst, denn auch du bedarfst der Zerstreuung und Ablenkung Gesund und froh kehrt ihr dann beide zurück.« »Wenn ich dich nur wenigstens mit mir nehmen könnte!« wiederholte er mit zögernder Stimme, Claudine jedoch hatte das bestimmte Gefühl, daß dieser Wunsch nicht wirklich von Herzen kam. »Man kann eben nicht alles haben, mein Freund,« sagte sie. »Wer weiß, vielleicht ist es sogar besser, ich bin nicht bei dir. Du wirst mich bei deiner Rückkehr ja wiederfinden.« »Als dieselbe?« »Ja, immer.« Damit war die Sache abgemacht. Kaum daß zwischen ihnen die sich rasch vorbereitende Reise der beiden Freunde noch erwähnt wurde. Achtes Kapitel. Clarence an Claudine Bréant. Prône, den 16. Juni. Geliebte Freundin! Endlich ist Laurier bei seiner Mutter, einer brauen alten Frau, untergebracht. Viel Verständnis für den Zustand ihres Sohnes wird sie wohl nicht haben, aber wer weiß, ob nicht gerade sie in ihrer schlichten Einfalt einen wohltuenden Einfluß auf sein Gemüt ausübt. Das ist noch meine letzte Hoffnung, denn unser armer Freund befindet sich in einem weit schlimmeren Zustand, als wir glaubten. Ich gewann diesen Eindruck auf der Reise, die recht beschwerlich war, so beschwerlich, daß ich nicht umhin konnte, einen leisen Seufzer der Erleichterung auszustoßen, als ich mich von dem Unglücklichen verabschiedet hatte. Mehr möchte ich Dir heute lieber nicht von ihm erzählen, sondern versuchen, die traurigen Erinnerungen möglichst aus meinem Gedächtnis zu bannen. Von Saint-Tandre aus fuhr ich mit der noch immer existierenden alten Postkutsche hieher. Es ist ein länglicher, schmutziggelber Rumpelkasten, ohne Federn und mit entsetzlich harten Sitzen, Der Postillon trägt auch durchaus keine malerische Uniform, sondern die gewöhnliche graue Bluse der Fuhrleute; nur die mit einer roten Borte eingefaßte Mütze verrät seine Würde als Staatsangestellter. Wie oft blieb ich als Kind am Straßenrand stehen, um diesem altmodischen Verkehrsmittel nachzublicken, das der Fortschritt noch nicht durch etwas Neues ersetzt hat, das aber eine im Bau befindliche Eisenbahn demnächst unter den alten Plunder verbannen wird. Für mich war die alte Postkutsche damals ein Bote aus jenen fernen, märchenhaften Landen, nach denen sich mein kindliches Herz sehnte, und die ich mir so ganz anders dachte, als das kleine Stückchen Erde, das ich täglich vor Augen hatte. Seither habe ich allerlei gesehen, fremde Länder, Städte, Meere und Flüsse, auch die Menschen habe ich beobachtet, und dabei ist es mir manchmal gegangen wie einem Schauspieler, der, ohne selbst eine Rolle zu haben, ein Theaterstück von den Kulissen aus betrachtet. Ihm sind die Fehler und Schwächen der Schauspieler nicht verborgen, er kennt ihre Kniffe und Intrigen, all den jämmerlichen Trug und Schein, der sie umgibt. Er hört den Souffleur, der sich in seinem Kasten den Schweiß von der Stirne wischt, sowie die Flüche des unzufriedenen Direktors, auch weiß er, daß der Verfasser des Stücks allabendlich kommt, um sich nach der Einnahme zu erkundigen. Ist es da zu verwundern, daß er dem Stücke mit weniger Illusionen und weniger Vergnügen folgt als der harmlose Zuschauer im Parkett? In einem ähnlichen Falle befinde auch ich mich. Denn gar zu viel haben mich die Menschen schon hinter die Kulissen sehen lassen. Ich habe die Kehrseite ihres trügerischen Äußeren, ihre Ränke und Kniffe allzu genau beobachtet, und mit den Illusionen ist auch die Belustigung verschwunden. Das ungefähr waren meine Gedanken, während ich im Postwagen hin und her geschüttelt wurde. Mit ihnen tauchte auch eben jenes wissensdurstige Kerlchen vor mir auf, das einst von sehnsüchtigen Wünschen erfüllt am Straßenrand stand und der alten Postkutsche nachschaute, in die er für sein Leben gern hineingeklettert wäre, um sich ein Stückchen von der großen, weiten Welt anzuschauen. Deutlich sehe ich den kleinen Burschen vor mir in seiner blauen Bluse mit den in derben Schuhen steckenden bloßen Füßen und dem für einen Bauernjungen allzu blassen Gesicht. Mir war es plötzlich, als setze der kleine Mann sich neben mich, wobei seine kindlichen Züge einen seltsam altklugen Ausdruck annahmen. Folgendes Zwiegespräch entspann sich nun zwischen uns. »Na, sprich, mein Junge, was ist aus all dem Sehnen und Wünschen geworden, dem du einst auf dieser Landstraße nachhingst?« »Es ist mir entschwunden.« »Alles?« »Ja, ich glaube.« »Ist wirklich gar keiner von den Wünschen übrig geblieben?« »Nur der eine, diese Gegend wiederzusehen, und bald wird ja auch der erfüllt sein.« »Das klingt ja, als ob du dich über diese Erfüllung beklagtest. Das ist recht undankbar gegen das Schicksal. Vergleiche dich doch mit deinen Kameraden, die dich einstens durchprügelten, wenn du deine Aufgabe allzugut gelernt hattest, Sie waren von denselben Wünschen erfüllt wie du, auch sie hatten gerne die Welt gesehen, und doch haben sie hinter der hohen, finstern Mauer des Jura ausharren müssen, wo ihre Tage einförmig dahinflössen. Wahrscheinlich werden sie. dich auch jetzt noch ebensosehr beneiden wie damals, als du den ersten Platz in deiner Klasse gepachtet zu haben schienst. Hoffentlich aber strafst du die Dummköpfe mit der gleichen Verachtung wie damals.« »Ob sie mich beneiden, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß ich weit davon entfernt bin, sie zu verachten, denn wahrscheinlich haben sie in ihrer Einfalt manches gelernt, was nur fremd ist. Bin ich denn darum besser als sie, weil ich mehr in der Welt herumgekommen bin, mehr gesehen, mehr erlebt habe?« »Deine Worte beweisen wenigstens, daß du den Rat des Schulmeisters befolgt und deinen Geist erweitert hast.« »Was hilft mir das? Wird das Herz dadurch besser?« »Du hast deinen Geist aufs glänzendste bereichert.« »Vielleicht, aber womit?« »Mit Gedanken, Empfindungen, Kenntnissen, kurz mit allem, was einen Mann erst zum echten Manne und zu einem würdigen, führenden Mitglied der menschlichen Gesellschaft macht.« »Habe ich dadurch mehr Gutes gewirkt als andre?« »Gutes wirken? Was für ein kleinliches Streben! War das denn dein Zweck, als du in die Welt hinauszogst?« »Jedenfalls bereue ich jetzt bei meiner Rückkehr, daß ich dieses Streben nicht früher gekannt habe.« So sprach der kleine Kerl an meiner Seite, und bei den letzten Worten wuchs er plötzlich empor und glich mir so sehr, daß ich ihn nicht mehr von mir selbst unterscheiden konnte: zugleich wurde mir auch klar, daß es in der überfüllten Postkutsche recht ungemütlich wurde. Ich versuchte, mich nun dadurch, zu zerstreuen, daß ich meine Blicke der Gegend zuwandte, allein der Rücken des Postillons und der Hut eines Geistlichen verhinderten mich daran, einen rechten Eindruck von all dem Schönen um mich her zu gewinnen. Trotzdem konnte ich hie und da ein Stückchen von den hinter uns liegenden Alpen oder von der dunkeln Jurakette vor uns entdecken. Zu beiden Seiten der Straße prangten blühende Hecken, wogende Kornfelder und duftig grüne Bäume. Der ganze Zauber des in den Sommer übergehenden Frühlings lag über der lachenden, von Jugendfreude, Sonnenglanz und Blumenduft berauschten Erde ausgebreitet. Mein Bruder holte mich in seinem Sonntagsanzug am Halteplatz des Postwagens ab. So lange hatte ich ihn nicht gesehen, daß ich ihn kaum wiedererkannte. Er ist ein kräftiger, stämmiger Mann mit sonnverbranntem, bärtigem Gesicht und großen, schwieligen, braunen Händen. Aber obwohl ich neben ihm fast verschwinde, so besteht dennoch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen uns. Jawohl, ich erkannte sofort meine Züge in den seinigen wieder und sagte zu mir selbst: »So hättest du auch aussehen können, wenn – wenn – Ach, wie viele Wenn trennen mich von diesen muskulösen Armen, von diesem Stiernacken und dem schlichten, beschränkten Ausdruck dieser Züge! Und wer weiß, ob er, während er meine weiße Haut, meinen eleganten Reiseanzug und meine Handschuhe musterte, sich nicht ebenfalls die Frage stellte: »So hätte ich auch werden können, wenn –« Aber wir beide sind nun eben einmal so, wie wir sind, und so betrachteten wir uns gegenseitig voll Verwunderung. Ich hatte die Absicht, im Hotel abzusteigen, dessen Küche sich nebenbei eines berechtigten Rufes erfreut, allein es war unmöglich. Schon beim ersten darauf bezüglichen Wort nahm Moritz' Gesicht den Ausdruck beleidigter Würde an, der jede weitere Erörterung abschnitt, ja, ich mußte mich sogar noch entschuldigen. »Ich fürchtete, euch lästig zu fallen, denn das Haus ist doch nicht sehr groß, und ihr seid eine zahlreiche Familie.« »Was schadet das. Man kann sich immer einrichten.« Damit war die Sache abgetan. Nun machte mein Bruder, der niemals ein überflüssiges Wort spricht, einem hinter uns stehenden Burschen, einem meiner Neffen, ein Zeichen, mein Gepäck zu nehmen, und führte mich dann in seine Wohnung, das heißt in das väterliche Haus, wo ich das Licht der Welt erblickt, wo meine Eltern und Großeltern geboren und gestorben sind, in die Heimat, die auch die meinige hätte bleiben, wo ich hätte leben und sterben können, wenn – da ist schon wieder ein Wenn, meine geliebte Freundin. Mein Gott, wie sie mich umschwirren, diese unzähligen Wenn! Haus und Garten waren noch immer die alten, nur den großen Birnbaum am Eingang zum Weinberg, der immer so herrliche Früchte trug, vermißte ich – er ist tot. Die andern Bäume schienen mir seit meinem letzten Besuche kaum gewachsen zu sein. Was sind auch zwanzig Jahre im langsamen, engbegrenzten Leben heranwachsender Bäume. Einen um den andern betrachtete ich, und fast jeder weckte irgend eine Erinnerung in mir, vor allem der alte Nußbaum. Wie oft bin ich auf den untersten Ast dieses mächtigen Baumes geklettert, um in seinem kühlen Schatten meine lateinischen Vokabeln zu lernen. Meine Schwägerin, die ich zum ersten Male sah, erwartete mich mit ihren beiden Töchterchen auf der Schwelle des Hauses. Sie ist groß und hager, hat ein scharfes, energisches Profil und eine graugelbe Hautfarbe, Mit feierlicher Miene führte sie mich ins Haus, wo noch alles unverändert am alten Platze steht. In der Küche dieselben derben Rohrstühle, unter dem gewaltigen Kamin, wo die Schinken geräuchert werden, dieselben Töpfe. Eine Verwandlung hatte nur die sogenannte gute Stube erfahren, das heißt der Raum, wo bevorzugte Gäste empfangen werden, und wo sich die Familie niemals ohne zwingenden Grund aufhält. Ihr sieht man das bescheidene, wenn auch nicht recht geglückte Streben nach Eleganz an. Sie allein mit ihrer modernen Tapete, mit den neu überzogenen Möbeln und den Bildnissen von Carnot und Felix Faure, die an Stelle Napoleons des Dritten und der Kaiserin getreten sind, legen Zeugnis ab von dem Fortschritt des Jahrhunderts. Noch vieles hätte ich Dir zu erzählen, teure Freundin. Von mir selbst aber und von meinen Gefühlen für Dich will ich lieber nicht sprechen, denn Neues könnte ich Dir ja doch nicht berichten. Nur so viel, daß ich Dein bin auf immer. Claudine an Clarencé. ... Du fürchtest, mir schon Gesagtes zu wiederholen, teurer Freund. Glaubst Du wirklich, daß ich solche Dinge weniger gern höre, als etwas andres? Denkst Du am Ende gar, Du müssest mich mit interessanten Neuigkeiten traktieren wie Deine schönen Leserinnen? Bedenke doch stets, daß ich nichts weiter bin als ein Weib, das Dich über alles liebt und das nichts von Dir verlangt, als daß Du ihr Deine liebevolle Gesinnung bewahrst. Wage Deine Worte nicht ängstlich ab, suche nicht nach schönen Bildern und Ausdrucken, sondern sage mir nur das, wozu Dich Dein Herz drängt: erzähle mir, womit Du Deine Tage ausfüllst, und vor allem vertraue mir Deine Gedanken und Empfindungen an. Der Schluß Deines Briefes beunruhigt mich, denn er bestärkt mich in einer Sorge, die mich in letzter Zeit häufig, wenn auch bis jetzt nur flüchtig, heimgesucht hat. Ich kann sie nicht näher bezeichnen oder erklären, sie äußert sich in einem unklaren Angstgefühl vor etwas Neuem, Fremdem. Was aber ist dieses Fremde? Ich weiß es nicht, und doch graut mir davor. Das eine nur ist mir klar, daß es trennend zwischen uns steht, gleich einem unsichtbaren Feind, gegen den man machtlos ist, weil man ihn nicht ergreifen kann. O glaube mir, das ist ein qualvoller Zustand für diejenige, die Dir ihre ganze Liebe, ihr ganzes Sein und Wesen rückhaltlos zu eigen gegeben hat. Und wenn ich Deine Erzählungen lese von der alten Postkutsche, von Deinen Kindheitseindrücken und von dem Vaterhause, das Du mit fast frommer Rührung wieder betrittst, nachdem Du ihm so lange gleichgültig ferngeblieben warst, so ist es mir, als bereuest Du Deine Laufbahn und als schauest Du voll Geringschätzung auf den Teil Deines Lebens zurück, der mit mir verknüpft ist. Zwischen Deinen Zeilen, ja selbst in Deinem Bestreben, mir einen schönen, wohlgeordneten Brief, den man veröffentlichen könnte, zu schreiben, fühle ich eine Sehnsucht, ein Heimweh heraus, das Dich quält, mit dem aber meine Person nichts zu tun hat. Und das macht mich namenlos traurig. Wirst Du mir antworten, daß auch ich jetzt an grundlosen Einbildungen leide? Und wenn Du dies tust, werde ich Dir glauben können? Du siehst, mein Freund, diesmal bin ich es, die Dir etwas Neues mitteilt, denn Zweifel, Mißtrauen und Vorwürfe sind in der Tat etwas Neues zwischen uns beiden. Ich hatte mir zwar fest vorgenommen, meine Empfindungen für mich zu behalten, aus Angst, Dich damit zu kränken, allein es war mir unmöglich. Du machst Dir keinen Begriff, wie schwer Deine Abwesenheit diesmal auf mir lastet. Wie kommt das nur? Wir waren doch schon mehr als einmal voneinander getrennt. Aber damals fühlte ich mich eben zu jeder Stunde von Deinen Gedanken umgeben, nichts stand zwischen uns als eine kleine örtliche Entfernung (was übrigens auch schon immer zu viel ist) und jeden Augenblick konnten wir sie aufheben. Heute aber erscheint mir diese Entfernung größer, unüberbrückbarer als bisher. Ich bin nicht sicher, Dich nach Deiner Rückkehr so wiederzufinden, wie Du mich verlassen hast. In weite Ferne scheinst Du mir entrückt, und wer weiß, ob nicht jeder Tag Dich mir noch mehr entfremdet? Wieder und wieder habe ich Deinen Brief gelesen und nach einem beruhigenden Worte gesucht, aber vergebens. – Doch genug davon. Du siehst, auch ich kann von trüben Gedanken verfolgt werden, aber ich will mir alle Mühe geben, sie bis zu Deinem nächsten Briefe aus meinem Herzen zu verbannen, vielleicht daß dieser mir dann bessere Kunde bringt. Teurer Freund, liebst Du mich denn wirklich noch? Clarencé an Claudine Bréant. Muß ich Deine letzte Frage beantworten? Bedarf es dessen wirklich? Ist unsre Liebe denn nicht ein geheiligter Zufluchtsort, in den die nicht mit ihr zusammenhangenden Gedanken und Sorgen des Lebens weder eindringen dürfen, noch können? Die Stürme, die auch unsre Liebe durchzumachen hatte, gehören der Vergangenheit an, unbedingtes, gegenseitiges Vertrauen hat sie allmählich beruhigt. O laß das Deinige doch jetzt nicht wankend werden! Du bist eine etwas eifersüchtig angelegte Natur, Claudine. War denn nicht gerade Deine, wie Du weißt, stets ungerechtfertigte Eifersucht die einzige Veranlassung zu den wenigen Mißhelligkeiten in unserm Zusammenleben? O, gib solchen Empfindungen jetzt keinen Raum, gönne mir dieses erneute Durchleben meiner bescheidenen Kinderzeit, das mich um mehr als ein Vierteljahrhundert verjüngt? Du selbst hast es mir ja als Heilmittel empfohlen. Und sind solche Jugenderinnerungen nicht eben die Quelle; aus der unser Innenleben seine Nahrung schöpft? Glaubst Du, daß ich der Liebe, wie ich sie für Dich empfinde, fähig gewesen wäre, wenn meine fernste Vergangenheit mich nicht eben zu dem gemacht hätte, was ich bin? Weißt Du noch, wie Du eines Tages zu mir sagtest, daß Du mich nicht hättest lieben können, wenn ich heiteren, leichten Sinnes gewesen wäre? Das waren Worte, die Dir und Deinem liebreichen Herzen so recht ähnlich sehen. Und weißt Du auch, was mich zu dem ernsten Grübler gemacht hat? In erster Linie diese Gegend, die ich in der langen Zeit der Abwesenheit fast vergessen hatte, deren heimliche, aber tiefe Einwirkung ich jetzt erst so recht begreife. Ja, ich bin wohl der echte Sohn dieses Landes, dessen melancholischer Charakter meinem ganzen Leben seine Färbung gegeben hat. Ein Zug unbeschreiblicher Schwermut liegt auf dieser Gegend, die Du leider nicht kennst. Hinter den Hügeln, an die sich unser Häuschen anschmiegt, zieht sich die lange, massige Kette des Jura hin mit ihren schwarzen, tannenbewachsenen Abhängen und ihren hohen, kahlen Felsengipfeln. Mir erschien dieser finstere, schwarze Jura immer wie die Mauer eines Gefängnisses, denn sie trennte mich von der weiten Welt, deren Geheimnisse zu ergründen meine Seele ein glühendes Verlangen trug. War es da zu verwundern, daß ich ihr um ihrer düstern, schroffen Höhe willen grollte? Zu Füßen dieses finstern Gesellen dehnt sich aber dann eine freundliche, belebte Ebene aus. Halb unter Bäumen versteckt, oder an sonnigen Abhängen lachen uns liebliche Dörfer mit ihren Kirchtürmen entgegen. Die goldene Pracht der Kornfelder wechselt mit Weinbergen ab, deren Reben sich auf kahlem Boden hinranken. Rauchende Schlote erheben sich an den Ufern der Rhône, die sich zwischen steilen Ufern hinwindet und sich mit kleinen Nebenflüssen vereinigt, deren Lauf durch lange Reihen von Weiden oder Pappeln verraten wird. Im Grunde aber hat auch dieses Landschaftsbild, ebenso wie der Jura, etwas Hartes, Strenges, Schwermütiges an sich, mit dem Unterschied nur, daß es diesen ernsten Charakter eher einmal ablegen und in strahlender, unvermuteter Heiterkeit aufleuchten kann. An einem hellen Tage, wenn hinter der niedrigen, dunkeln Kette des Saléve die Alpen ihre Häupter entblößen, wenn der Montblanc zum Vorschein kommt, dann strahlt die plötzlich wie verwandelte Gegend in den leuchtendsten, purpurnen und violetten Farben. Bis in die düstersten Straßen eines ärmlichen Städtchens, bis in die Tiefe eines betrübten Herzens hinein dringt nun das siegreiche Licht, und mit erheitertem Gemüte betrachtet das Auge die Schönheit der Natur. Plötzlich aber steigen Wolken auf, und verschwunden ist das zauberhafte Blendwerk; nur ein tiefes, schmerzliches Bedauern bleibt zurück und die Sehnsucht, jenes herrliche Naturspiel von Licht und Glanz noch einmal zu durchleben. Aber der Wunsch bleibt unerfüllt, der Herbst bricht an, trübe Regentage folgen, Nebel kriechen an den Bergen hin und hüllen die Landschaft in schwermütige Trauer. Diesmal wirst Du nun hoffentlich nicht wieder sagen, daß ich Dich mit effekthaschenden Naturbeschreibungen traktiere. Du mußt es ja fühlen, wie meine Worte der Ausdruck meines eigensten Wesens, meiner innersten Empfindungen sind. Denn ich wiederhole es Dir, meine geliebte Freundin, ich bin der echte Sohn dieser Landschaft. Wohl kennt auch mein Gemüt Augenblicke, wo die Sonne herrscht und Licht und Freude verbreitet; erlischt sie aber, so bleibt nur schmerzliches Wünschen und Sehnen nach ihrer heitern Lebenslust in mir zurück. Meine Begegnung mit Dir war solch ein heller Sonnenstrahl für mich. Zu dieser Stunde freilich, ich gestehe es Dir offen, da steigen Wolken auf und verdüstern sein Licht, aber wenn auch verhüllt, ist die Sonne deshalb doch nicht verschwunden. Dich selbst trifft ja keine Schuld, ich kann nur sagen und bitten: verzeihe mir und habe Geduld. Und nun laß mich wieder zu meiner Kinderzeit zurückkehren. Ich war ein träumerischer, empfindsamer Knabe, und diese ernsten Naturschauspiele verfehlten nicht, ohne daß ich mir darüber Rechenschaft zu geben vermocht hätte, ihren Einfluß auf meine weiche Seele auszuüben. Viel später erst klärte mich ein kleines Gedicht Heines, das Du sicherlich auch kennst, über meine Empfindungen auf. Ich war der einsame Fichtenbaum, der unter nordischem Himmel von Morgenland, Sonne und von einer Palme träumt. – Eine traurige, unsern Familienkreis betreffende Begebenheit trug vollends dazu bei, mich zu dem zu machen, der ich bin. Ein Schlaganfall warf meine Mutter noch während meiner Kindheit aufs Krankenlager. Langsam siechte sie dahin, und ich pflegte sie. Ach, wie viele teure Erinnerungen knüpfen mich an sie! Deutlich, als habe ich ihr Bild vor Augen, steht sie vor mir in ihrem grauen Kleide, ihrer Mütze, wie die Bäurinnen sie hier tragen, und in ihrem braunen, gestrickten Umschlagtuche. Ich sehe den schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge, die großen, nachdenklichen Augen und die arme gelähmte, geschwollene linke Hand, Und was für gute Freunde wir waren! Lief ich einem Schmetterling nach, so folgte ihr Blick jeder meiner Bewegungen, und brachte ich das gefangene Tierchen triumphierend zu ihr hin, so bewunderten wir wohl miteinander den samtartigen Schimmer der goldenen Flügel, dann aber sagte meine Mutter: »Nun mußt du ihm seine Freiheit wiedergeben.« Gehorsam ließ ich ihn los, und taumelnd schwang er sich in die Luft. Häufig aber lief ich nicht davon, sondern saß still und unbeweglich neben meiner Mutter. Dann legte sie wohl ihre rechte Hand, die sie allein noch zu bewegen vermochte, sanft auf meine Haare, und etwas von der tiefen Zärtlichkeit, die sie für mich empfand, strömte auf mich über. Manchmal auch weinte sie still vor sich hin. Fragte ich sie dann nach dem Grunde, so antwortete sie: »Ich weiß es nicht,« und auch meine Augen wurden feucht wie die ihrigen. Wie hätte in solcher Umgebung ein heiteres, sorgloses Wesen sich in mir entfalten können? Mag uns auch das spätere Leben noch so viel Schönes und Herrliches bringen, nichts ist im stande, die ersten Kindheitseindrücke zu verwischen. Du siehst es nun, teure Freundin, ich bin der Sohn einer melancholischen Landschaft und einer kranken Mutter. Ist es da zu verwundern, daß ich kein fröhliches Gemüt habe? Du aber sagst ja, daß Du mich gerade deshalb habest liebgewinnen müssen. Voll Dankbarkeit denke ich an all das, was Du während der letzten zehn Jahre für mich gewesen bist, was ich an Kraft, Energie und Lebensmut aus Dir geschöpft habe. Wieder und wieder lese ich Deinen Brief, der mich beunruhigt. Sollte ich Dich am Ende in den trüben Kreislauf meiner Gedanken hineingezogen, Dich mit meiner Schwermut angesteckt haben? O Claudine, scheuche sie von Dir, räume ihr keinen Platz in Deinem Herzen ein! Wenn ich auch manchmal von Hamlets finsterem Geiste gequält werde, so glaube mir, daß ich wie er mit voller Wahrheit zu Dir sagen kann: »Zweifle an der ganzen Welt, am Leben, an Gott, aber niemals an meinem Herzen, das nur Dir gehört.« P.S. Hast Du etwas von Jeanne gehört? Du versprachst mir doch, nach ihr zu sehen. Sie muß in großer Sorge sein; ich bitte Dich, nimm Dich ihrer ein wenig an. Claudine an Clarencé Mein geliebter Hamlet! Hätte Ophelia mein Alter und meine Erfahrung gehabt, so würde sie Dir wohl folgendermaßen geantwortet haben: »Wenn man glauben soll, mein lieber Prinz, so muß man rückhaltlos glauben können, um an die Liebe zu glauben, muß man an die Sonne glauben, und wenn Ihr mir sagt, daß ich an allem zweifeln dürfe, nur nicht an Eurer Liebe, ach, so fühle ich mich leider versucht, gerade an ihr zu allererst zu zweifeln.« Die Geschichte lehrt, daß Ophelia zu einer solchen Antwort wohl berechtigt gewesen wäre. Um aber auf uns zurückzukommen, glaubst Du wirklich, daß unsre Liebe ein Zufluchtsort sein könnte, wo andre Gedanken nicht einzudringen vermögen? Gibt es überhaupt in unserm Innern solche geweihte Stätten? Jedenfalls scheint mir die unsrige, wenn sie überhaupt vorhanden ist, seit einiger Zeit von allerlei häßlichen Schmarotzerpflanzen überwuchert, so etwa wie ein verödeter Tempel. Du widersprichst mir – nun denn, so höre mich an. Wir beide waren doch stets der Ansicht, daß wir das Recht hätten, uns zu lieben, ohne uns gegen irgend jemand darüber verantworten zu müssen. Wir haben die gesetzlichen Formen verschmäht, ohne uns um das Urteil der Welt und um das Morgen zu kümmern. Als stolze, unabhängige Wesen, die kein Joch auf sich dulden, haben wir gehandelt. Ich behaupte noch heute, daß wir recht daran getan haben. Wie denkst Du darüber? Das ist jetzt die Frage, die mich fortgesetzt beschäftigt. Wenn Du meine Grillen, wie Du sie nennst, verscheuchen willst, so antworte mir frei und offen. Aber verstehe mich wohl: ich glaube ja gewiß nicht, daß Du mich verlassen willst, o nein, ich zweifle weder an der Treue Deiner Gefühle, die Dich an mich fesseln, noch an der Aufrichtigkeit Deines Wortes, dessen Wert ich wohl zu schätzen weiß. Aber ich sehe Dich einen Weg betreten, auf dem ich Dir nicht zu folgen vermag. Ich sehe, wie Du bis zur Krankhaftigkeit von Fragen und Bedenken gequält wirst, für die mir das Verständnis abgeht, und die Du versucht bist, in einem Sinne zu lösen, der unsern bisherigen gemeinsamen Begriffen geradezu zuwiderläuft. Worin liegt nun der Grund dieser vollständigen Umwandlung? Und doch, wie viele würden sich an Deiner Stelle glücklich preisen! Daß Du es nicht bist, das eben quält und schmerzt mich vor allem, denn mein Leben gäbe ich freudig hin, könnte ich Dich dadurch erheitern. Ich bin zu jedem Opfer bereit, um Dir die unsichtbare Last, die Dich niederdrückt, zu erleichtern; selbst Dir entsagen wollte ich willig, wüßte ich, daß Du ohne mich glücklicher wärest. Unaufhörlich sind meine Gedanken bei Dir, ich leide darunter, Dich nicht bei mir zu haben, ich sehne mich nach Deiner Nähe, möchte Dich zurückrufen. Dabei fürchte ich mich vor dem, was in Dir vorgeht, während Du fern von mir bist, ich fürchte mich vor dem Kummer, der Dich quält, und vor den Erinnerungen, die Du heraufbeschwörst. Wohl war ich es, die Dir diese Kur verordnet hat, nun aber bereue ich sie, denn nur zu gern bist Du meinem Rate gefolgt. Ach, wenn Deine Vergangenheit, Deine Erinnerungen Dich mir raubten! Schon sprechen Deine Briefe nicht mehr von »uns«, sie sind voller Eindrücke, die wir nicht gemeinschaftlich erlebt haben, voller Gefühle, denen ich fernstehe. Wenn Du hier bist, verscheucht ein Wort, ein Kuß alle Mißverständnisse – nun aber bist Du so weit, ach so weit! Und Deine Briefe vergrößern nur die Entfernung, anstatt sie aufzuheben. Sie enthalten Sätze, die in einer mir fremden Sprache geschrieben zu sein scheinen – in einer Sprache, in der wir nie miteinander gesprochen haben. Glaube mir, wenn ich der warnenden Stimme in meinem Innern gehorchen wollte, so würde ich Dich jetzt anflehen, ohne Aufschub zu mir zurückzukommen. Aber beruhige Dich, ich höre nicht auf sie, ich will nicht, daß Du mich für launisch und wankelmütig hältst. Bleibe also fern, so lange Du es für gut findest. Kehrst du dann aber zu mir zurück, so komm als der Freund wieder, dem ich mein Herz geschenkt habe, und der sich selbst und seinen Ansichten treu geblieben ist. Bis dahin aber vertraue mir frei und offen alles an, was Dich bewegt. Fast hätte ich Dein Postskriptum vergessen. Nein, ich habe Frau Laurier noch nicht wiedergesehen. Ich kann mir aber auch gar nicht denken, was ich ihr sagen sollte. Du weißt es ja, mein ganzes Mitleid wendet sich dem Manne zu, der um seiner Liebe willen leidet. Sie kennt ja die Liebe nicht! Daß sie ein gutmütiges Frauchen, auch eine gute Mutter und sorgsame Gattin ist, das will ich gerne zugeben. Aber ich kann mir nicht helfen, ich habe nun einmal kein Verständnis für solch passive Naturen, und ich bin fest davon überzeugt, das entsetzliche Ereignis hat ihr mehr Unannehmlichkeit als persönlichen Kummer gebracht. Zudem glaube ich, daß sie nicht viel Sympathie für mich empfindet. Mir ist es immer, als betrachte sie mich mit einer gewissen – fast verletzenden Neugierde. Nein, nein, sie verlangt nicht nach meinem Troste. Trotzdem werde ich sie demnächst besuchen, wenn Dir etwas daran liegt. Kenne ich doch nichts Lieberes, als Deine Wünsche zu erfüllen. Clarencé an Claudine. Wie töricht und grundlos doch Deine Besorgnisse sind, teure Freundin! Ich bin auch jetzt Dir ebenso nahe, als in Paris, wo ich nur einige Schritte zu machen brauche, um an Deine Tür zu klopfen, und auch brieflich spreche ich ebenso offen mit Dir, als wenn ich bei Dir in Deinem kleinen Salon säße. Noch habe ich Laurier nicht wiedergesehen, obwohl uns nur wenige Kilometer trennen. Ich rede mir selbstsüchtigerweise vor, daß, wenn er nicht zu mir kommt, er meiner auch nicht bedarf, und schließe daraus, daß sich sein Gemüt in der Stille seines Dorfes allmählich beruhigt. Vielleicht ist es eine Selbsttäuschung, jedenfalls verschiebe ich meinen Besuch, der diese Täuschung zerstören könnte, von einem Tag zum andern. Du siehst, daß ich Dir nach besten Kräften gehorche und so viel als möglich meiner »Kur« lebe. Was nun aber meine Erinnerungen anbelangt, so hast Du ihretwegen wirklich nichts zu befürchten. Wohl habe ich, und zwar mit tiefer Rührung, in dem Buche der Vergangenheit zu blättern begonnen, aber diese Rührung legt sich allmählich wieder. Wenn Du wüßtest, welche schroffe Scheidewand die lange Trennung von der Heimat zwischen mir und meiner ganzen Umgebung, meinen Verwandten, ihren Lebensanschauungen und ihrem Charakter aufgerichtet hat! Nicht das geringste geistige Band besteht noch zwischen mir und jenen Wesen, die doch demselben Stamm entsprossen sind. Ja, wir sind so verschieden wie zwei einander feindliche Tiergattungen, und wenn wir uns nicht gegenseitig zerfleischen, so kommt es nur daher, weil die in uns Menschen vorhandenen tierischen Triebe von der Zivilisation gemildert worden sind. Freude und Genuß kann ein Zusammenleben mit ihnen also weder mir noch ihnen bringen. Als Ersatz schließe ich mich um so inniger an das Land selbst an. Sein stiller, erhabener Ernst tut mir wohl, und ich glaube, wenn ich Dich hier bei mir hätte, so wäre ich vollkommen glücklich. Sollte das denn aber unmöglich sein? Du bittest mich, Dir alles zu sagen, was ich denke, nun so erfahre denn auch den Plan, oder vielmehr den schönen Traum, den ich mir neulich ausgedacht: Du verzichtest auf Paris, auf Deine Unabhängigkeit und auf einige Deiner Ansichten; wir beugen uns den allgemeinen Gesetzen, kaufen uns eine hübsche Besitzung auf einem Fleckchen Erde wie dieses hier, gründen eine Familie und erziehen unsre Kinder zu anspruchsloser Bescheidenheit, zu Tugend und Weisheit, Du übst Dein musikalisches Talent nur noch zum Vergnügen aus, und ich schreibe harmlose, unschädliche Werke. Mit dem beruhigenden Bewußtsein, niemand Ärgernis gegeben, sondern der Menschheit im Gegenteil eher genützt zu haben, könnten wir dann dem Alter entgegengehen. O wie schön wäre das! Das Leben schreitet vorwärts, meine liebe Freundin, die Jahre fliehen. Überlege Dir meinen Vorschlag reiflich bis zu meiner Rückkehr und betrachte ihn ja nicht als eine vorübergehende Laune. Welch ein Glück, wenn Du dann zu jener Lösung gelangtest, die ich schon so lange herbeisehne! Claudine an Clarencé. ... Nachdenken soll ich über den Vorschlag, den Du mir am Schluß Deines Briefes unterbreitest? Aber mein Freund, Du weißt es ja längst, wie ich über diesen Punkt denke. Ich habe meine Ansicht seither nicht geändert, werde es niemals tun, das bleibt ein für allemal gesagt. Sich dem allgemeinen Joche beugen, wenn man das Glück gehabt hat, es abzuschütteln. Gott soll mich davor bewahren! Bedenke doch, das hieße ja so viel, als zugeben, daß wir uns getäuscht haben. Die zehn durch ungetrübte gegenseitige Liebe verklärten Jahre, auf die ich so stolz bin, sie müßten ja dann in unsern eigenen Augen plötzlich als ein Irrtum, als ein Unrecht erscheinen, das wir durch eine gesetzmäßige Heirat wieder gut machen wollen. Könntest Du Dich wirklich zu einem solch demütigenden Geständnis herablassen? Ich für meinen Teil wäre es nicht im stande, dazu bin ich denn doch zu stolz. Dann erst würde ich mein Leben – unser Leben – für befleckt halten, dann würde ich vor mir selbst erröten. Die ganze Sache erscheint mir übrigens so klar, so selbstverständlich, daß ich nicht weiter darüber rechten mag, und hoffentlich wirst Du bei Deiner Rückkehr nicht wieder darauf zurückkommen. Was nun Deinen Plan, unsern Wohnsitz auf dem Lande aufzuschlagen, anbetrifft, so weiß ich nicht, ob ich ihn wirklich ernsthaft nehmen soll. Womit würden wir dann aber unsre Tage ausfüllen? Du weißt, wie sehr eine ernsthafte Beschäftigung mir Lebensbedürfnis ist, und in die Rolle einer Gemüse und Blumen züchtenden Gärtnerin kann ich mich nicht hineindenken. Du selbst aber würdest ohne Deine Bücher, Dein Theater und Deine literarischen Aufregungen vor Langeweile zu Grunde gehen. Wohl will ich gern glauben, daß Deine augenblickliche Schwärmerei für ein Leben auf dem Lande von Herzen kommt, der Wunsch aber, für immer dort zu sein, ist eine Selbsttäuschung. Du bist scharfsichtig genug, um einzusehen, daß ich recht habe. Wenn ich mich aber trotzdem täuschte, wenn Dein Wunsch, Dich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, wirklich ernst wäre, wenn es nur einer Zustimmung zu Deinem Plane meinerseits bedürfte, um Dich glücklich zu machen, so weißt Du wohl, daß ich dazu bereit bin. Verlange von mir, Dir bis ans Ende der Welt zu folgen, und ich werde es tun. Fordere jedes Opfer – es gibt keines, das mir für Dich zu schwer dünken würde, nur das eine Opfer verlange nicht, das ich dir nicht bringen könnte, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen. Wie langsam doch die Tage dahinschleichen! Findest Du es nicht auch? Clarencé an Claudine. ... Als ich gestern in der Richtung der nach Gex führenden Landstraße auf einem Seitenpfade dahinschlenderte, traf ich plötzlich mit unserm unglücklichen Laurier zusammen, das heißt ich fand ihn, unbeweglich im Schatten eines Nußbaumes ausgestreckt, am Wegrande liegen; den Blick hielt er starr gen Himmel gerichtet. Ohne daß er mich bemerkte, blieb ich neben ihm stehen, und zweimal mußte ich ihn beim Namen rufen, um ihn aus seinem Dahinbrüten zu wecken. Endlich schien er zu erwachen, einen Augenblick sah er mich an, dann sagte er: »Ah, du bist es!« Seine Stimme hatte ihren hellen Klang verloren, und noch lange wird mich der seltsame Ton verfolgen, mit dem er die Worte sprach: »Ah, du bist es!« Nun stand er auf, besann sich und fuhr dann fort: »Ja, richtig, du bist bei deinem Bruder – bei deinem Bruder Moritz – in Prône, nicht wahr?« »Gewiß, du weißt doch, wir sind ja zusammen hergekommen.« »Ja, ja, ich erinnere mich.« Er sah matt und angegriffen aus, die Augen waren starr, Bart und Haare ungepflegt. Obwohl ich meinen schmerzlichen Eindruck kaum zu verbergen vermochte, sagte ich trotzdem: »Du siehst besser aus. Sicherlich hat dir der Landaufenthalt schon gut getan.« Den Kopf schüttelnd, faßte er nach der Stirne. »Nein, nein, die Gedanken sind noch immer da – nichts vermag sie zu verscheuchen.« »Du hast aber doch deine Mutter.« »O ja, sie ist gut gegen mich – sehr gut. Aber sie versteht mich nicht – – immer wieder sagt sie: ›Du mußt wollen, du mußt gesund werden wollen , mußt handeln wollen !‹ – Ach, und ich kann es doch nicht.« Lange blieb ich bei ihm, ich versuchte ihn zu zerstreuen, Kindheitserinnerungen in ihm zu erwecken und seine Gedanken auf die Natur zu lenken. Alles umsonst. Höchstens daß der Künstler hin und wieder in ihm aufblitzte, wenn ich ihn auf einen besondern Lichteffekt aufmerksam machte. So hoffte ich, vielleicht damit einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben. »Wie wäre es, wenn du zu arbeiten versuchtest?« sagte ich, »es gibt ja schöne Motive in dieser Gegend.« Mit verschleierten Augen schaute er um sich. »Arbeiten?« wiederholte er, als suchte er nach dem Sinn eines fremden Wortes, »arbeiten? – Nein, nein, ich arbeite nicht. Ich muß mich ausruhen.« »Das ist ja ganz gut, und du hattest die Ruhe auch sehr nötig, aber um einen Schmerz zu überwinden, ist Arbeit noch besser als Ruhe. Du solltest dich wirklich wieder daran machen.« »Ich sollte – ja, ich sollte wohl – vielleicht, aber –« Eine müde Bewegung, die seine entsetzliche Geistesverwirrung deutlicher ausdrückte, als Worte es im stande gewesen wären, beschloß den Satz. »Wenn du aber nicht einmal zu arbeiten versuchst, was tust du denn dann den ganzen Tag?« »Du sahst es ja, ich lege mich nieder – schlafe – denke –« Der Abend brach herein. Ermüdet kehrten die Bauern mit ihren Gerätschaften auf dem Rücken vom Felde heim, während ich meinen armen Freund bis in die Nähe seines Dorfes begleitete. »Du darfst deiner Schwäche nicht so sehr nachgeben,« sagte ich beim Abschied zu ihm. »Zerstreue dich doch, besuche mich morgen in Prône. Nicht wahr, morgen?« »Morgen? Nein, da kann ich nicht, ein andermal – nächste Woche.« Schließlich willigte er ein, am nächsten Sonntag zu kommen. Ob er sich seines Versprechens wohl erinnern wird? Auf dem Rückwege machte ich mir bittere Vorwürfe über meinen Optimismus, der mich so lange von dem Ärmsten ferngehalten hatte. Wie vieler Pflichten entledigt man sich auf diese Weise aus Feigheit, unter dem Vorwand, daß keine zwingende Notwendigkeit vorliege. Wie viel Gutes könnte man tun, wenn man seiner Trägheit nicht so häufig nachgäbe! Fast vergessen hatte ich den armen Menschen, mich fast über sein Ergehen beruhigt, während das Übel doch unaufhaltsam weitergeschritten war. Und nun sind auch in mir all die alten eingeschlummerten Gewissensbisse von neuem erwacht. Ich sehe sie wieder vor mir, die arme Céline, die mit meinem Buche in der Hand gestorben ist. Die ganze traurige Geschichte mit all ihren erwiesenen und möglichen Folgen steht wieder vor mir. Wie soll man sich von solch qualvollen Gedanken, wenn sie einmal Wurzel gefaßt haben, befreien? Vergebens frage ich es mich. Mehrere Gruppen von Bauern, die schweigend und teilnahmlos für ihre Umgebung des Weges zogen, überholten mich. Beim Vorübergehen nahmen sie den Hut vor mir ab, einige wandten sich auch um und warfen mir einen neugierigen Blick zu. Wahrscheinlich dachten sie: »Das ist einer von den Reichen und Glücklichen, der braucht sich nicht anzustrengen.« Ich aber sagte mir wie schon oft, daß ihr einfaches Dasein mit seinen körperlichen Anstrengungen das einzig Richtige sei, denn sie allein befolgen im wahren Sinne des Wortes das ernste, wohlbegründete Gebot: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Aber wahrscheinlich wirst Du mir antworten, daß das nur leere Worte sind, denen Du nicht beistimmen kannst. Claudine an Clarencé. ... Weißt Du auch, mein armer Freund, daß Du mir nicht mehr allzu weit von Lauriers fixer Idee entfernt zu sein scheinst? Dein sonst so klarer Geist umdüstert sich. Deutlich fühle ich aus Deinen Worten heraus, daß ein Kampf in Deinem Innern vor sich geht, der Dich noch tiefer erschüttert, als Du es mir eingestehst, und es ist hohe Zeit, daß ich ernstlich mit Dir darüber spreche. Denn nicht nur das Gleichgewicht Deines Geistes steht in Gefahr, sondern auch das Deiner Seele, und damit die Ruhe und der Frieden unsers Lebens. Lauriers Unglück ist zu einer bösen Stunde über Dich hereingebrochen, es hat eine Seelenkrisis in Dir zum Ausbruch gebracht, die sich schon lange vorbereitet haben muß, ohne daß wir beide etwas davon geahnt haben. Wohin wird sie Dich führen? Ich weiß es nicht, aber bebende Angst erfüllt mich, denn werde nicht ich dieser Verwandlung zum Opfer fallen müssen? Nun ist es ausgesprochen, das Wort, das mir so schwer auf dem Herzen liegt, die Sorge, die auch bei mir zur fixen Idee zu werden droht. Diese Angst ist um so qualvoller, als ich weder an Deiner Rechtlichkeit, noch an Deinem Herzen zweifle. Und doch fühle ich, wie Du Dich mehr und mehr von dem Punkte entfernst, wo unsre Seelen sich zusammenfanden, und ich habe nicht die Macht, Dich zurückzuhalten. Du verlierst Dich in Regionen, wohin ich Dir nicht zu folgen vermag, wo es keinen Platz für mich gibt, wo ich vielleicht nur eine Last oder ein Hemmschuh für Dich bin. O mein Freund, wenn ich Dich richtig durchschaut habe, so sage es mir. Uns verbindet ja keine unlösbare Kette. So wollen wir uns doch diese Freiheit zu nutze machen, auf die ich, wie Du weißt, so stolz bin! Wenn Du mir wirklich innerlich entfremdet bist, wenn Du mein Dasein als eine Last empfindest, wenn Du mich weniger liebst, so flehe ich Dich an, sage es mir ehrlich. Du bist frei. Ich verlange nur das eine, daß Du Dir selbst und Deinem wahren, offenen Charakter treu bleibst. Ein leiser Wink genügt, und ich verschwinde für immer von Deinem Lebenswege. Unaufhörlich grüble ich über die Frage nach, wo wohl Dein Glück fern von mir zu finden wäre, doch ich weiß es nicht. Dir aber wird es vielleicht gelingen, ein solches Glück zu finden – und wer weiß, ob es Dir nicht schon gelungen ist? Enthülle mir Deine innersten Gedanken, niemals soll ein Vorwurf Dich treffen, denn niemals werde ich etwas von Dir verlangen, was Du mir nicht aus eigenem Antriebe geben willst. Bange Zweifel haben mich gequält, ob ich diesen Brief abschicken soll. Eine innere Stimme warnte mich davor, und doch muß es sein, denn haben wir je irgend ein Geheimnis voreinander gehabt? Der Brief geht also ab, und voll Ungeduld warte ich auf Deine Antwort. Clarencé an Claudine. ... Du übertreibst das Übel, dessen Vorhandensein ich nicht ableugnen kann, vor allem aber verbindest Du damit eine persönliche Sorge, die durch nichts gerechtfertigt ist. Du bist und bleibst für mich, was Du mir immer warst, heute ebenso wie gestern: ein Leben ohne Dich ist für mich undenkbar. Nicht eine Stunde am Tage vergeht, ohne daß meine Gedanken bei Dir weilen. Fast schäme ich mich, Dir all das zu wiederholen, was Du doch längst wissen solltest. Wenn ich jetzt darauf zurückkomme, so geschieht es nur, um Deine schwarzen Gedanken zu verscheuchen. O, gönne ihnen keinen Raum in Deinem Herzen. Sie haben kein Recht, sich dort einzunisten. Nicht wahr, nun sind sie verschwunden, und ohne ihre Rückkehr fürchten zu müssen, kann ich jetzt frei und offen über den Punkt in Deinem Briefe sprechen, der eine gewisse Wahrheit enthält? Ich will Dir nicht verheimlichen, daß Du eine Wunde berührt hast, die nicht von heute stammt, sondern nur durch die Ereignisse der letzten Zeit wieder aufgerissen und zum Bluten gebracht worden ist. Eigentlich wollte ich eine Aussprache darüber bis zu meiner Rückkehr aufschieben, Dein Brief aber veranlaßt mich, schon jetzt zu sprechen. Unser Bündnis ist frei, sein Bestehen hängt einzig und allein von unserm Willen ab. Du rufst mir dieses Abkommen von neuem ins Gedächtnis zurück und findest darin Grund zu stolzer Genugtuung, Nun denn, bei mir ist das Gegenteil der Fall: es erfüllt mich mit tiefer Besorgnis. Du weißt, daß ich von jeher gewünscht habe, unser Verhältnis vor der Welt sanktioniert zu sehen, Du aber hast Dich meiner Bitte stets widersetzt. Heute nun ist dieser Wunsch mehr denn je in mir rege, weil ich die Überzeugung gewonnen habe, daß wir dem wichtigsten sozialen Gesetz zuwider handeln, demjenigen, das zwar unsre persönliche Freiheit einschränkt, dem wir uns aber um des Gemeinwohles und um des Beispiels willen fügen müssen. Wir haben uns bis jetzt nur von unsern eigenen Ansichten leiten lassen und kühnen Mutes dem Urteil der Welt getrotzt. Lange Zeit war auch ich in dem Wahne befangen, wir seien im Rechte, nun aber glaube ich, daß wir einen großen Irrtum begangen haben. Ja, ich glaube es nicht nur, sondern ich bin fest davon überzeugt, weil mir mit den Jahren auch das Verständnis für die wohlbegründeten Forderungen, die das öffentliche Leben an uns stellt, aufgegangen ist, weil ich einsehen gelernt habe, daß unsre Gedanken und Handlungen von unberechenbaren Folgen für unsre Umgebung sein können, weil ich die Notwendigkeit anerkenne, unsre persönlichen Gefühle der allgemeinen Meinung, so unvollkommen sie uns auch erscheinen mag, unterzuordnen. Du siehst, meine liebe Freundin, eine Wandlung ist allerdings mit mir vorgegangen. Warum aber sollte sie sich mit unserm Leben nicht vereinbaren lassen? Meine einzige Antwort auf Deinen Brief ist also die flehentliche Bitte an Dich, unsern Irrtum wieder gutzumachen, indem Du auch vor der Welt als diejenige erscheinst, die Du in Wirklichkeit schon seit zehn Jahren für mich bist. O weise sie nicht zurück, denn meine ganze Zukunft knüpft sich an die Erfüllung dieser Bitte. Du begreifst, daß ich nach dem, was vorgefallen ist, nun andern Zielen als bisher zustreben muß, das soll aber nicht heißen, daß ich meinen Beruf als Schriftsteller aufgeben werde. O nein, aufs Schreiben könnte ich ebensowenig verzichten, als der Baum auf seine Frucht und die Pflanze auf ihren Samen. Aber in anderm Sinne soll es geschehen. Und ich fühle deutlich, daß, wenn meine neue Tätigkeit fruchtbar werden soll, zwischen meinen Ideen und meinen Handlungen auch Einklang herrschen muß. Diese Einheit aber vermagst nur Du allein herzustellen. Dein Verstand wird sich wohl gegen meine Bitte auflehnen, aber ich kenne auch Dein Herz, und auf dessen Stimme mußt Du hören, dann werden die geringen Meinungsunterschiede, die heute zwischen uns stehen, von selbst verschwinden. Claudine an Clarencé. Mein lieber Freund! Es wird wohl nicht anders gehen, als daß wir nach Deiner Rückkehr die betreffende Angelegenheit besprechen, da sie Dich in solch hohem Grade aufregt und beunruhigt. Aber ich bitte Dich inständig, laß sie wenigstens bis dahin ruhen. Denn Mißverständnisse verschärfen sich gewöhnlich im brieflichen Verkehr, und so bin ich auch überzeugt, daß jedes weitere Wort, das wir schriftlich über jenen Punkt verlieren, uns nur noch mehr voneinander entfernt. Bist Du erst wieder hier in meinem kleinen Salon, an Deinem gewohnten Platze, dann können wir unsre verschiedenen Beweisgründe gegeneinander abwägen, und ich glaube, daß sie uns dann beiderseits weniger schroff erscheinen als heute. Jetzt aber will ich Dir zu Deiner Zerstreuung etwas vom Pariser Klatsch erzählen, denn Deine Gedanken drehen sich allzuviel um Dich selbst. Es wird Dir guttun, mein Freund, wenn Du ein wenig aus diesem Kreislauf heraustrittst und wir von Dingen sprechen, die uns nicht näher berühren ... Clarencé an Claudine. Gestern war ich bei Laurier, das heißt eigentlich sollte ich sagen bei seiner Mutter, denn der Unglückliche hat meine Gegenwart kaum beachtet, keine vier Worte konnte ich aus ihm herausbringen. Der Eindruck, den ich über seinen Zustand mit mir nahm, war so traurig, daß ich mich verpflichtet fühlte, Jeanne, deren Anwesenheit bald notwendig sein wird, etwas vorzubereiten. Ob sie jetzt schon von Nutzen wäre, weiß ich nicht. So viel Energie und Klugheit das arme Frauchen in diesem traurigen Falle auch bewiesen hat, dem unsichtbaren Feinde gegenüber, dessen Näherkommen man wohl fühlt, aber nicht zu bekämpfen vermag, könnte auch sie nur hilflos gegenüberstehen. Gegen Fieber, Typhus oder Schwindsucht gibt es doch wenigstens Mittel. Man kämpft gegen ein bestimmtes Leiden an, beschränkt es auf seinen Herd und hemmt das Fortschreiten. Was aber soll man gegen jene Verzehrung des Geistes machen, die sich aus Reue, Gewissensbissen, Verzweiflung und fixen Ideen zusammensetzt? Man ist umso machtloser dagegen, als der Kranke selbst zu jeglichem Widerstand unfähig zu sein scheint und sich willenlos seinem Leiden und der Sehnsucht nach dem Tode überläßt. Lauriers alte Mutter, der ein solcher Zustand etwas vollständig Neues ist, beobachtet ihn mit dumpfer Angst, aber ohne Verständnis. Lange Zeit hatte sie den Sohn nicht wiedergesehen, trotzdem aber war sie stolz auf ihn, denn sie wußte ja, daß er es zu »etwas gebracht« hatte. Sie liebte ihn aus der Ferne, ohne Ansprüche an ihn zu erheben, ohne sich über seine Vernachlässigung ihrer Person zu wundern, denn auch ihre andern Kinder sind in die Welt hinausgezogen. So ging sie einsam dem Alter entgegen, zufrieden, die Ihrigen wenigstens gut versorgt zu wissen. Und nun ist der Einzige, der zu ihr zurückkehrt, nur noch ein elender Schatten seiner selbst. Wenn er über den Marktplatz des Dörfchens geht, so sehen sich die Männer auf der Terrasse des Wirtshauses verwundert an und sagen: »Wie, das ist Mutter Lauriers Sohn? Ei, ei!« Übrigens läßt man es nicht bei dieser allgemeinen Bemerkung bewenden, sondern fragt die arme Frau mit jener grausamen Neugierde aus, die die Bauern füreinander an den Tag legen! »Was fehlt denn Eurem Jungen! Er sieht ja ganz krank aus. Warum ist er überhaupt hier? Und warum hat seine Frau ihn nicht begleitet?« Da allerlei unklare Gerüchte über Lauriers Leben bis hierher gedrungen sind, suchen die Leute der Sache durch arglistige Fragen auf den Grund zu kommen. »Ist es wahr, daß die beiden sich scheiden lassen? Es hat wohl Verdruß zwischen den Gatten gegeben?« Tapfer hält die gute Frau den Angriffen stand. Sie widerlegt, erklärt, verteidigt die traurige Tatsache und verbirgt nach besten Kräften ihren Kummer. Bei mir aber hat sie freilich etwas davon durchblicken lassen, weil sie weiß, daß ich von allem unterrichtet bin. Sie hat sogar verschiedene Fragen an mich gestellt, denn von ihrem Sohne erhält sie kaum eine Antwort. Auch schien sie nicht besser von der Sache unterrichtet zu sein, als die Klatschbasen des Dorfes. »Es ist also eine wirkliche Krankheit, an der er leidet? Wie heißt man sie denn? Können die Ärzte wirklich gar nichts dagegen tun? – Und das alles wegen einer elenden Dirne? – Ein Mann, der es schon so weit gebracht hatte im Leben! Denn was den Geldpunkt anbelangt, da geht es ihm doch gut, nicht wahr? Von dieser Seile ist doch nichts zu befürchten?« Ich habe sie beruhigt, ohne ihr indes zu verheimlichen, daß André von dem Ertrag seiner Arbeit lebe. »Aber wie steht es denn mit seiner Frau, hatte die denn kein Geld?« »Ihre Eltern haben ihr ganzes Vermögen verloren.« »Es hieß aber doch immer, daß er mit seinen Bildern so viel Geld verdiene?« »Ja, aber er brauchte auch viel.« »Legte er denn nichts zurück?« »Leider Gottes, nein.« »Das ist aber unverantwortlich, wenn man Weib und Kind hat. Ich bin nur eine einfache Bäurin und verstehe nichts von solchen Geschichten, aber ich muß doch sagen: wie kann ein Mann so handeln!« »Machen Sie ihm keine Vorwürfe. Vor allem muß er nun wieder gesund werden.« »Freilich, aber wie? Manchmal, wenn ich nicht mehr an mich halten kann, dann predige ich ihm Vernunft, aber da ist's, als ob man einen toten Baum schüttle. Ein andermal koche ich ihm seine Lieblingsspeise, er aber merkt's nicht einmal, und wenn ich mit ihm spreche, bekomme ich meistens keine Antwort. – Du lieber Gott, was soll man da machen?« »Ja, was soll man da machen?« war alles, was ich zu erwidern wußte. Hier wurde ich von meinem Bruder unterbrochen, der in mein Zimmer hereinkam. Ich sah sofort, daß er mir etwas Besondres zu sagen hatte, und so legte ich meine Feder nieder. Und richtig, nach der gewohnten Einleitung über Regen und schönes Wetter, fragte er mich: »Ist es wahr, was man sagt?« »Was denn?« »Daß du gestern zu jenem Maler nach Saint-Tandre gegangen bist?« (Du siehst, keinen Schritt kann ich machen, ohne daß nicht jedermann es erfährt.) »Ja, allerdings.« »So kennst du ihn also?« »Natürlich, wir waren ja zusammen auf dem Lyzeum in Besançon.« »Ah so!« Nach einer Pause fuhr er fort: »Was ist denn mit ihm vorgegangen?« »Ich glaube, er hat einen schweren Kummer durchzumachen gehabt.« Neues Schweigen. Diese unklare Antwort befriedigte Moritz keineswegs. Da er jedoch sehr gut merkte, daß ich mich nicht weiter einlassen wollte, so suchte er nach einem Mittel, mich wider meinen Willen zum Sprechen zu bringen. »Pah, Kummer!« brummte er. »Kummer! So etwas heißt ihr also Kummer?« Wieder schwieg er, um endlich heftig hervorzustoßen: »Man sagt nämlich, daß er Frau und Kind elendiglich habe sitzen lassen, um einem Frauenzimmer nachzulaufen, das ihn habe umbringen wollen.« Meine erste Regung war, voll Empörung diese Entstellung der Tatsachen zu berichtigen, allein ich gab ihr nicht nach. Wozu auch? So begnügte ich mich, in kaltem Tone zu antworten: »Ganz so verhalt sich die Sache denn doch nicht.« Herausfordernd, die Hände in den Hosentaschen vergraben, stellte sich mein Bruder vor mich hin. »So, also anders ist die Sache. Nun wie denn?« Wie hätte ich diesem Manne wohl Célines Liebesgeschichte erzählen sollen, ihm, der weder Verständnis für deren Tragik, noch für deren Poesie gehabt hätte. Ich machte auch gar keinen Versuch, sondern antwortete nur, daß ich nicht genau Bescheid wisse und auch lieber nicht über die Angelegenheit spreche. Er dachte einen Augenblick enttäuscht nach, strich seinen langen Bart und sagte: »Na, jedenfalls sind derartige Geschichten immer schmutzig.« Daraufhin fing er an, seine Ansichten über das Familienleben und die Ehe preiszugeben, und schließlich über die Leute in Harnisch zu geraten, die immer »etwas Besondres« haben wollen. Seinem praktischen, materiellen Geiste ersetzte der Grundsatz »tun wie andre Leute« den kategorischen Imperativ des Philosophen. Dieser Grundsatz ist der Gipfelpunkt seiner Weisheit, die Basis seiner Moral, das entscheidende Gesetz, an dem nicht gerüttelt wird. Und wer weiß, ob mein Bruder, der derbe Bauer, sehr weit von der Wahrheit entfernt ist? Als wir am Abend wie gewöhnlich vor dem Hause saßen, um frische Luft zu schöpfen, machte auch meine Schwägerin einen Versuch, etwas von mir über Lauriers eigentümliches Wesen zu erfahren. Sie tat es mit noch größerer Heftigkeit und mit der Grausamkeit jener Frauen, die sich keinen »Fehler« vorzuwerfen haben. Wie eine Furie ist sie über die arme kleine Unbekannte hergefallen, die ihrer Ansicht nach nichts andres sein kann als eine – eine – Sie schreckte vor keinem häßlichen Wort zurück, trotz der Anwesenheit ihrer beiden Töchterchen, die erstaunt die Augen aufrissen, während mein Bruder seiner Gattin voll Eifer zustimmte. Mir aber riß schließlich doch die Geduld. »Wie sehr ihr im Irrtum seid!« rief ich. »Das arme Mädchen war gar nicht so, wie ihr denkt, sondern ein braves, anständiges Geschöpf.« »Anständig! O, das ist stark!« schrie mein Bruder auf, streifte mit dem Nagel die Asche von seiner Pfeife ab und fuhr dann empört fort: »Aber so seid ihr Großstädter, ihr wißt nicht einmal mehr das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Mit euren verrückten Ideen führt ihr schließlich ein Leben wie die Tiere!« Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Denn war dieses kurz zusammengefaßte Urteil wohl so ganz ungerecht? Doch nun lebe wohl, meine Liebe! Da Du es mir ja nicht erlaubst, will ich auf die mir am Herzen liegende Angelegenheit nicht zurückkommen. Und doch, wie schön müßte es sein, mit seinen Ansichten und Handlungen im Einklang zu stehen! Claudine an Clarencé. Mein lieber Freund! Ich habe Frau Laurier und ihr Töchterchen besucht. Meine Ansicht über die Mutter aber hat sich nicht geändert. Ihre blauen Augen sind so ruhig wie ein seit Beginn der Welt schlummernder See, auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck von Sanftmut und Milde, und ihre Stimme klingt noch immer wie die eines sorglosen Kindes. Spricht sie von ihrem Unglück, so hört man aus ihren Worten nichts von jener Herzensangst heraus, die Dich erfüllt. Übrigens fühlte ich deutlich, daß sie kein Zutrauen zu mir hat. Möglich wäre es zwar immerhin, daß sie einen Ehrgeiz darein setzt, mir ihre wahren Gefühle zu verbergen, doch ich glaube es nicht. Ihr Haus befindet sich in tadelloser Ordnung, nicht die kleinste Einzelheit verrät etwas von dem Unglück, das dort eingezogen ist. Dagegen spricht aus Paulas großen Augen eine ängstliche Unruhe, und sobald von ihrem Vater die Rede ist, huscht ein dunkler Schatten darüber hin, als ahne sie irgend etwas Trauriges. Dann gleitet die Hand der Mutter mit einer liebevoll beruhigenden Gebärde über die Haare der Kleinen hin. Ich bin tatsächlich überzeugt, daß jener Unglücksfall Dich tiefer betroffen hat, als jene brave kleine Frau. Vielleicht wäre es ratsam, Du kämest nun zurück, denn mir scheint, daß der Aufenthalt auf dem Lande Dein seelisches Gleichgewicht eher vollends vernichtet, anstatt es wieder herzustellen. Die von mir angeratene »Kur« hat keine gute Wirkung gehabt. Längst schon habe ich es eingesehen, daß die Einsamkeit Dir schlecht bekommt, denn nun öffnest Du bereitwillig Tür und Tor den schwarzen Gedanken, die sich nur zu gern in Dir breit machen. Der Umgang mit Deinen Verwandten in Prône, mit denen Dich so gar keine geistige Gemeinschaft verbindet, genügt nicht, diese Grillen zu verscheuchen. Mir macht es immer mehr den Eindruck, als seiest Du auf einen verderbenbringenden Abweg geraten und wollest nun mit Vorbedacht darauf weiterschreiten. Deine Nerven sind von anstrengender Arbeit und von den schmerzlichen Eindrücken jenes traurigen Ereignisses in hohem Grade überreizt, daher die unberechtigten Selbstquälereien. Versuche doch endlich, sie abzuschütteln, verscheuche die traurigen Erinnerungen, entschließe Dich, wieder Du selbst zu werden, Deinem Talente zu folgen und schöne, ergreifende Dramen zu schreiben, in denen Du die Herrlichkeit der Liebe preisest. Mach Dir keine Vorwürfe über die erhabenen Schöpfungen Deiner Phantasie, denn die Sittenprediger mögen sagen, was sie wollen, die Liebe ist eben doch, trotz der Verheerungen, die sie hin und wieder anrichtet, die schönste aller Tugenden. Soziale Ordnung? Herkommen? Erfahrungen der großen Menge? Ist es möglich, daß gerade Du mir von solchen Dingen sprichst? All das kommt doch nur in Betracht für Leute, die nichts oder nichts mehr von der Liebe wissen. Wohnt sie aber in unserm Herzen, dann füllt sie nicht nur dieses völlig aus, sondern auch Erde und Himmel. Ich kenne keine andern Gesetze als die ihrigen und ich hoffe, daß auch Du bald alle törichten Hirngespinste, mit denen Du Dich selbst betrügst, vergessen haben wirst. Graute mir nicht vor dem Dorfe, wo Du Deine finstern Gedanken herumschleppst, so würde ich kommen, Dich zu holen, trotz der Grundsätze Deines Schwagers und der bösen Zunge Deiner Schwägerin. Denn es gibt ein unumstößliches Gesetz, das auch ich für richtig halte, und das heißt: »Menschen, die sich lieben, sollen sich niemals voneinander trennen!« Beherzige es, mein Freund, und kehre zu mir zurück. Tausend Küsse – Deiner liebenswürdigen Schwägerin zum Trotz! Clarencé an Claudine. Meine geliebte Freundin! Wie deutlich spricht Deine warme, treue Zuneigung aus Deinem lieben Briefe! Und doch, Du ahnst es wohl, ich kann Deinen Ansichten nicht beipflichten. Wie willst Du von mir verlangen, daß ich einem Ereignis, das mich bis in den Grund meiner Seele erschüttert hat, und dessen traurige Folgen mich auf Schritt und Tritt begleiten, gegenüberstehen soll, als gehe es mich nichts an. Wie könnten wohl Lehren, wie ich sie erhalten habe, bei einem denkenden und fühlenden Menschen fruchtlos bleiben? Noch einmal laß es mich Dir wiederholen, ich bin ein andrer geworden, und wohl oder übel mußt auch Du diese Wandlung mit mir durchmachen. Du wirfst mir vor, ich sei auf einen Irrweg geraten. Nun denn, meine Liebe, mir scheint viel eher, als ob Du Dir eigensinnig – verzeih das Wort, das mir unwillkürlich in die Feder floß – vorgenommen habest, auf einem lange vorher bestimmten Wege weiterzugehen, ohne Dich von dem beeinflussen zu lassen, was Dir auf diesem Pfade begegnet, etwa so wie man sich im voraus ein Eisenbahnbillett für eine bestimmte Station nimmt. Allein trotzdem zweifle ich nicht, daß, wenn ich Dir einmal mündlich all das wiederholen werde, womit ich Dich seit drei Wochen schriftlich zu überzeugen versuche, Du mir doch noch recht geben wirst. Sollten meine Worte aber nicht genügen, so wird gewiß irgend ein unerwarteter Zwischenfall mir helfen, Dich zu bekehren. Du siehst, ich klammere mich in recht optimistischer Weise an eine hoffnungsvolle Zukunft fest, denn eines ist sicher: mit dem Mißklang, der jetzt zwischen uns herrscht, könnte ich nicht weiterleben. Und an Dir allein, Claudine, liegt es, die Harmonie wieder herzustellen. Laurier kam gestern zu mir, oder vielmehr, man hat ihn hergebracht. Mit wütender Miene umkreiste ihn meine Schwägerin, während mein Bruder ihm verächtlich den Rücken kehrte, was Laurier übrigens gar nicht bemerkte. Nach seinem Weggang schalt mich das Ehepaar förmlich aus. Mein Gott, welch eine Kluft trennt mich von ihnen, aber auch zwischen mir und Dir und allen andern Menschen scheint sich mir eine solche aufzutun. Mir ist, als sei ich allein auf der Erde, und diese Einsamkeit lastet entsetzlich schwer auf mir. Heute wird hier und in der ganzen Gegend ein großes Volksfest gefeiert. Am Eingang ins Dorf ist ein aus Tannenzweigen und mit bunten Papierblumen geschmückter Triumphbogen errichtet, den ich von meinem Fenster aus sehe. Auch eine große Menschenmenge, die sich um ein Karussell drängt, kann ich aus der Ferne beobachten, während die Klänge der Musik bis zu mir herübertönen. Lust und Freude rings umher, und was für eine glückselige Sorglosigkeit! Auf baldiges Wiedersehen! Neuntes Kapitel. Es war am Abend eines schönen Erntetages. Ermüdet von der anstrengenden Arbeit hatte sich die ganze Familie Clarencé nach dem Abendessen vors Haus gesetzt, um der Ruhe zu pflegen und die kühle Luft zu genießen. Auch die Knechte waren dem Beispiel gefolgt und saßen teils auf der Holzbank neben der Türe, teils auf Stühlen, die sie aus der Küche geholt, oder aber auf dem Rasen, mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt. Schweigend rauchten die Männer ihre Pfeife, während die beiden kleinen Mädchen, die Hände übers Knie gefaltet, unbeweglich in die geheimnisvolle Dämmerung hinausstarrten. Ihre Mutter aber, die grüne Erbsen aushülste, bemerkte plötzlich ihre Untätigkeit und unterbrach mit schrillem Tone die abendliche Stille: »Na, ihr Faulpelze, was fällt euch ein, rasch helft mir!« Langsam schickten die beiden sich an, dem Befehl zu gehorchen. Die Hülsen krachten unter ihren Fingern und nun begannen sie ohne Veranlassung miteinander zu kichern. In der Ferne, jenseits der Ebene, verschwanden die glänzenden Gletscher der Alpen allmählich in den abendlichen Schatten, und auf die weiten, menschenleeren Felder, auf die benachbarten Wälder und auf das langgestreckte Dorf, durch das sich, kaum sichtbar, die Landstraße hinzog, senkte sich ein Hauch tiefen Friedens hernieder. Es war, als habe sich die ganze Erde, befriedigt von ihrem Tagewerk, zu wohligem Schlummer niedergelegt. Da plötzlich tauchte aus der hereinbrechenden Dunkelheit ein staubbedeckter Mann auf, der atemlos stehenblieb und fragte: »Ist vielleicht der Schriftsteller Clarencé hier?« »Ja, ich bin es.« Alle Gesichter hatten sich neugierig dem Ankömmling zugewandt, der mit dem Hut in der Hand fortfuhr: »Mutter Laurier schickt mich – die Mutter des Malers, Sie wissen doch, wen ich meine?« »Ja. Was gibt es?« rief Clarencé, von banger Ahnung erfüllt. Mühsam die Worte zusammensuchend, berichtete der Mann: »'s ist eine böse Geschichte – Er war so seltsam die letzte Zeit, allen Leuten fiel sein Wesen auf, und nun ist er vollends ganz übergeschnappt. Er erzählt Geschichten ohne Sinn und Verstand, rollt die Augen und gebärdet sich wie ein vom Teufel Besessener. – Heute hat er sich nun gar zum Fenster hinausstürzen wollen – seine Mutter mußte um Hilfe rufen – Leute kamen herbeigelaufen. Aber vier Mann, und zwar von der stärksten Sorte, konnten kaum Herr über ihn werden – er legte eine Kraft an den Tag, die man bei dem schmächtigen Menschen niemals vermutet hätte. Dann wurde ein Arzt geholt, der ihm eine mit Riemen versehene Jacke überzog, in der er sich nicht mehr bewegen kann. Der Doktor meinte auch, daß die Mutter ihn nicht länger bei sich behalten könne, und daß er in ein Krankenhaus gebracht werden müsse. Daraufhin sagte dann Mutter Laurier zu mir: »Lauf zu Herrn Clarencé, dem Schriftsteller, der in Prône bei seinem Bruder Moritz wohnt, und bitte ihn, herüberzukommen, er wird mir raten, was zu tun ist.« Tief erschüttert rief Clarencé, sich erhebend: »Gut, ich komme mit Ihnen.« Mit aufmerksamer, verschlossener Miene waren die andern dem Berichte gefolgt. Selbst die Schwägerin hatte ihre Arbeit unterbrochen. Unschlüssig sah sie ihren Gatten an und fragte dann den Boten: »So eilig wird es wohl nicht sein. Es ist gewiß auch morgen früh noch Zeit genug?« »Natürlich,« antwortete der Mann. »Augenblicklich muß er sich wohl oder übel ruhig verhalten.« »Nein, nein,« rief Clarencé, »ich mache mich sofort auf den Weg.« »Ja, weißt du, der Fuchs hat heute schon einen harten Tag gehabt,« bemerkte Moritz. »Laß nur, ich werde zu Fuß gehen, bemühe dich nicht.« Wieder sahen sich die beiden Gatten verständnisvoll an, aber bald siegte wohl irgend eine kluge Berechnung über den bösen Willen, denn Moritz fuhr fort: »Nein, nein, das will ich nicht haben, Saint-Tandre ist zu weit für einen Herrn wie du. Wenn dir so viel daran liegt, heute noch hinzukommen, so kann der Fuchs diesen Weg schon noch machen.« Er winkte seinen Sohn Claude herbei und ging mit dem schweren Schritt eines durch harte körperliche Arbeit ermüdeten Mannes dem Stalle zu. Auf der Schwelle wandte er sich um und sagte, auf den Boten zeigend, zu seiner Frau: »Bring ihm ein Glas Wein: es reicht schon noch, bis angespannt ist.« Der Wagen wurde von Claude aus der Remise herausgezogen, und bald rollte das Fuhrwerk davon, während es unter den Zurückbleibenden summte und schwirrte wie in einem Bienenstock. Moritz hielt die Zügel, und bald entspann sich zwischen ihm und dem neben ihm sitzenden Boten ein lebhaftes, mit halblauter Stimme geführtes Gespräch, von dem der allein im hinteren Teil des Wagens sitzende Clarencé nichts verstehen konnte. Unzweifelhaft aber drehte es sich um den Fall Laurier, denn von Zeit zu Zeit bog Moritz sich zurück, um neugierige Fragen wie die folgenden an seinen Bruder zu richten: »Sag' mal, jene Frau, du weißt schon, die mit ihm durchgegangen ist, wo hält sich die eigentlich jetzt auf?« Oder: »Hatte sie denn einen Mann?« Oder: »Was wird nun aber seine Frau, die richtige, meine ich, zu der Geschichte sagen? Du mußt es doch wissen, da du ja die ganze Sippschaft kennst.« Clarencé aber gab nur unbestimmte Antworten wie: »Ach nein, ich weiß nichts, ich bin nicht genau unterrichtet.« Das Zartgefühl verbot ihm, die falschen Vermutungen zu berichtigen, und schließlich erklärte er offen: »Außerdem, nimm mir's nicht übel, aber ich spreche nicht gern über die Sache.« »Nun, dann laß es eben bleiben, wenn du nichts sagen willst.« Moritz war gekränkt und wandte sich nun nicht mehr um, so daß Clarencé ungestört seinen trüben Gedanken, die ihn wieder mitten in die traurige Katastrophe hineinführten, überlassen blieb. Endlich erreichte man Saint-Tandre. Der Wagen fuhr über den Marktplatz, wo aus den verschiedenen Wirtshäusern noch Lichter schimmerten, bog dann in eine enge Straße ein und hielt vor dem kleinen, still und dunkel daliegenden Laurierschen Hause. Einige Weiber standen nicht weit davon entfernt und schwatzten, nach den geschlossenen Läden hinaufsehend, mit halblauter Stimme. Neugierig scharten sie sich jetzt um den Wagen, sahen Clarencé frech an und versuchten, den Boten auszufragen. Erst als die jammernde Mutter Laurier die Haustüre öffnete, schwiegen sie alle, die Ohren spitzend. »Ach, Sie sind es, lieber Herr! Ich danke Ihnen, daß Sie noch heute nacht gekommen sind, Sie sind aber auch der Einzige, der uns vielleicht helfen kann. O mein Gott, was soll nun geschehen?« »Es war sehr gut, daß Sie mich rufen ließen,« antwortete Clarencé, vom Wagen steigend. »Sie wissen, wie nahe ich Ihrem Sohne stehe – ich werde tun, was ich kann. Haben Sie seine Frau schon benachrichtigt?« »O nein, was hätte ich ihr sagen sollen? Ich weiß es nicht.« Ja, ja, die arme Mutter hatte recht, was sollte man Jeanne sagen? Wie die rechten Worte finden, die sie in milder Form von der vielleicht längst geahnten und doch immer wieder von sich gewiesenen entsetzlichen Tatsache in Kenntnis setzten? »Ich werde morgen telegraphieren,« sagte Clarencé, während er ins Haus trat. So konnte er den furchtbaren Augenblick, wo die arme Frau das Telegramm lesen mußte, doch wenigstens noch um einige Stunden hinausschieben, jenen Augenblick, da sie, die erschrockene kleine Paula an sich gepreßt, wahrscheinlich in denselben Ruf wie die alte Mutter ausbrechen wird: »Mein Gott, was soll nun geschehen?« Denn diese Frage drängt sich doch immer zuerst auf, wenn ein schwerer Schicksalsschlag den häuslichen Herd erschüttert und sich die Pfade der Zukunft in hoffnungsloser Finsternis verlieren. Mittlerweile war Mutter Laurier mit Clarencé und dessen Bruder in die Küche getreten, wo eine kleine Lampe ihren matten Schimmer verbreitete. Voll zitternder, ahnungsvoller Angst schaute die alte Frau mit dem gebeugten Rücken aus ihren vom Weinen geröteten Augen zu Clarencé auf, während der in einer Ecke stehende Moritz seine neugierigen Blicke umherschweifen ließ. »Denken Sie nur, lieber Herr, er kennt mich gar nicht mehr, mich, seine Mutter. Und wenn Sie gesehen hätten, wie er sich gebärdete – er, der doch sonst immer so sanft und still war! Jetzt ist er wenigstens wieder ruhig. Vielleicht, daß es ihm doch ein wenig besser geht. Kommen Sie, ich will Sie zu ihm führen.« Damit öffnete sie halb die zum Nebenzimmer führende Türe, und Clarencé vermochte eine dunkle Gestalt zu unterscheiden, deren Kopf mit den todesblassen Zügen sich gleichmäßig hin und her bewegte. »André, mein armer André,« rief er, »bist du es wirklich?« Wild rollte der Unglückliche die Augen. Die mit Schaum bedeckten Lippen bewegten sich wie beim Kauen, Schweißtropfen liefen über das Gesicht, der Körper stak in der schweren Zwangsjacke, die ihn eng umschloß, vielleicht sogar verletzte. »André, André!« rief Clarencé noch einmal, während die Mutter das Gesicht in ihrem Taschentuch verbarg und Moritz, der auf der Schwelle stehen geblieben war, voll unbarmherziger Neugierde den Kopf vorstreckte. »André, erkennst du mich denn nicht?« Noch immer rollte er die Augen, wackelte mit dem Kopfe und bewegte die Lippen, die unverständliche Worte lallten. Mit gespannter Aufmerksamkeit machte Moritz einen Schritt vorwärts. »Was sagt er?« Niemand antwortete. Einen Augenblick noch horchte er, dann murmelte er ärgerlich: »Unmöglich, ein Wort zu verstehen.« Mit verzweifelter Miene ließ sich die Mutter auf einen Stuhl niederfallen und begann dann leise zu weinen, so wie nur Frauen weinen, die schon viel Leid erfahren haben, bei neuem Kummer aber immer wieder Tränen finden. Bald jedoch kehrte sie in dem Wunsche, irgend etwas zu tun, zu ihrem Sohne zurück, Sie wischte ihm den Schweiß vom Gesicht und murmelte: »Armer Junge, ich bin es ja, deine Mutter. – Du erkennst mich doch, nicht wahr? Hast du arge Schmerzen dort drin im Kopf? Aber hab nur Geduld, ich will dich schon pflegen, weißt du, so wie damals, als du noch ganz klein warst.« Da indes alles Zureden fruchtlos blieb, wandte sie sich mit einer Gebärde der Verzweiflung ab. »Warum mußte ich auch diesen Jammer noch erleben, warum durfte ich nicht vorher sterben?« Die Beine drohten, ihr den Dienst zu versagen, und sie bot ein Bild hilflosen Jammers. Da nahm Clarencé sie in seine Arme, redete ihr freundlich zu und versuchte, eine Hoffnung in ihr zu erwecken, die er selbst nicht teilte. »Verlieren Sie den Mut nicht, man darf nie verzweifeln. Diese Art Krankheiten werden häufig geheilt – bei richtiger Behandlung. Und wir werden alles tun, daß er in die rechte Pflege kommt, ich verspreche es Ihnen. Die besten Ärzte soll er haben – morgen schon werde ich meinen armen Freund mit nach Paris nehmen.« Mit halblauter Stimme fragte Moritz: »Was meinst du, können wir jetzt bald wieder heimfahren? 's ist wegen dem Fuchsen, der –« »Fahr nur nach Hause, wenn du willst, ich bleibe hier, um mit dieser armen Frau zu wachen.« Der ganze folgende Tag verging mit Vorbereitungen zur Abreise. Da Laurier keine Zeichen der Unruhe gab, entfernte der Arzt die Zwangsjacke, worauf sich der Kranke erhob, bald im Zimmer hin und her ging, bald sich im Kreise herum bewegte und dabei unzusammenhängende Worte murmelte. Dazwischen sank er immer wieder erschöpft gleich einer leblosen Masse in seinen Lehnstuhl zurück. Ein Wärter wurde telegraphisch von einem benachbarten Krankenhause herbeigerufen, der an Stelle der unerfahrenen Mutter die Pflege übernahm. »Ob er wohl hier bleibt?« fragten sich die erschrockenen Nachbarn, »Und wie lange? Was wird man mit ihm anfangen?« Nach einer Rücksprache mit dem Arzt erklärte Clarencé, daß er den Kranken noch am selben Abend fortführen werde. »Ein längeres Verweilen hier, wo ihm nicht die geeignete Pflege zu teil werden kann, hat keinen Zweck.« Nun dieser Entschluß gefaßt war, mußte auch das Telegramm an Jeanne abgeschickt werden. Allein vergebens suchte Clarencé nach mildernden Ausdrücken; und das Entsetzliche ohne weiteres auf das Telegrammschema niederzuschreiben, sträubte sich seine Feder. So änderte er die Adresse und schickte folgende Botschaft an Claudine ab: »Bei Laurier der Irrsinn ausgebrochen. Ich komme morgen früh mit ihm nach Paris. Bitte Jeanne zu benachrichtigen, sie vorzubereiten.« Gegen Abend wurde die Abreise vor den Augen fast des ganzen ums Haus gescharten Dorfes bewerkstelligt. Unterstützt von dem Wärter und Clarencé, erschien der Kranke, allein nur für wenige Augenblicke, denn eilig schoben ihn seine Gefährten in einen alten Landauer hinein und folgten ihm dann auf dem Fuße, worauf der Wagen in raschem Tempo davonfuhr. Durch einen Spalt der geschlossenen Läden sah Mutter Laurier dem verschwindenden Wagen und der sich zerstreuenden Menschenmenge nach, dann wandte sie sich zum Arzte, den Clarencé gebeten hatte, bei ihr zu bleiben, und der ihre stumme Frage beantwortete: »Sie dürfen die Hoffnung noch nicht aufgeben, gute Frau. Warum sollte er nicht wieder gesund werden – es liegt ja keine erbliche Belastung vor, das ist sehr beruhigend. Vielleicht ist es nur eine durch die Aufregungen der letzten Zeit hervorgerufene Krisis.« Nachdenklich nickte sie mit dem alten Kopfe, der während der verflossenen Tage so viel Neues hatte fassen müssen, und sagte: »Aufregungen – ja, so wird es sein. – Verfluchtes Weib!« Und ihre geballte Faust erhob sich drohend gegen die Tote. * * * Kaum war Laurier in einem reservierten Coupé des Schnellzugs untergebracht, so begann er wieder vor sich hin zu sprechen, ohne Pause, indem er nur mühsam unzusammenhängende Worte und Sätze aneinander reihte, aus denen ganz selten ein halbwegs verständlicher Sinn herausleuchtete. Unaufhörlich kehrte Célines Name, vermischt mit Ausdrücken der Zärtlichkeit, der Sehnsucht und der Reue auf seine Lippen zurück, oder es blitzte eine schöne Erinnerung an die Zeit ihrer Liebe aus seiner geistigen Umnachtung auf. Diese Flut von wirren Reden aber griff Clarencé schließlich derart an, daß auch ihm der Kopf schwirrte und er, von wilder Angst gepackt, an seine heiße Stirne faßte, indem er vor sich hin murmelte: »Nein, nein, es ist nichts – nur Ermüdung, Aufregung und das Grauen vor diesem Zusammensein; sobald ich ihn nicht mehr sehe, wird es vorübergehen.« Erschrocken darüber, nun ebenso wie der Kranke laut mit sich selbst gesprochen zu haben, hielt er inne, und um seine Gedanken abzulenken, richtete er den Blick auf den Wärter. Es war ein robuster Mensch, der seinen Kranken kaum beobachtete und, unberührt von dessen trauriger Verfassung, bald in einen behaglichen Halbschlummer verfiel. Um den Ton einer vernünftigen Stimme zu hören, begann Clarencé ein Gespräch mit ihm: »Was halten Sie von diesem Zustand? Sie haben doch sicherlich viel Erfahrung. Ist ein neuer Tobsuchtsanfall zu befürchten?« »Das läßt sich nie voraussagen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man ihm die Jacke angelassen hätte. Der Arzt hielt es freilich nicht für notwendig – na, aber klüger wäre es trotzdem gewesen.« »Ach, ich hätte es barbarisch gefunden!« Der Wärter schien erstaunt. »Durchaus nicht, warum denn? Man tut doch das alles nur zum Besten der Kranken. Im Zaum muß man solche Leute halten, sonst stürzen sie sich einfach zum ersten besten Fenster hinaus.« Kurz nach Dijon schlief der Wärter vollends ganz ein, und bald hörte man sein lautes Schnarchen. Vielleicht, daß dieses Geräusch beruhigend auf Laurier wirkte, jedenfalls sprach er jetzt nicht mehr, und wären nicht die weit aufgerissenen, ausdruckslosen Augen gewesen, so hätte man glauben können, auch er schlafe. Eine Stunde der Beruhigung trat ein, während der sich Clarencé wenigstens halbwegs zu erholen vermochte. Allein gegen Morgen, als die Landschaft aus der Dämmerung herauszutreten begann, wurde Clarencés Bangigkeit vor der bevorstehenden Ankunft und vor dem Anblick von Jeannes Verzweiflung mit verdoppelter Macht wach. Seine Dichterphantasie malte ihm die entsetzlichsten Szenen aus. Er sah Jeanne und Paula vor sich, nicht nur im ersten Schmerze, sondern auch in dem trostlosen Elend der auf diesen Schicksalsschlag folgenden endlosen Tage und Jahre. Er glaubte ihr Weinen und Schluchzen zu hören, und das Mitleid, das ihn für die Unglücklichen erfüllte, wurde noch verschärft durch das trostlose Bewußtsein, ihrem Jammer machtlos gegenüberzustehen. »Was ist zu tun?« rief er laut, und seine eigene traurige Antwort lautete: »Nichts, nichts – Gar nichts.« Nein, es gab keine Rettung. Zwei unschuldige, aus dem sorglosen Frieden ihres Daseins herausgerissene Wesen waren von nun an verdammt, ihr Leben in Trauer und Elend weiterzuschleppen. Weder für sie, noch für den Unglücklichen selbst gab es mehr eine Hoffnung. Schwarz und finster war alles, wohin er blickte. Während er so mit seinem geistigen Auge dieses düstere Gemälde betrachtete, war es ihm plötzlich, als erhelle ein schwacher Lichtstrahl den dunkeln Hintergrund. Neben der in ihren Schmerz versunkenen Jeanne stand Claudine, mutig und stark wie immer, die Seele voll kräftiger Trostesworte. Er rief ihren Namen in die traurige Stille des dumpfen Raumes hinein, und dem Rufe gehorsam, mischte sich das geliebte Bild unter die schwer gebeugten Gestalten des trüben Bildes, »Du wenigstens bleibst mir treu, immer, immer!« Und die geliebte Stimme antwortete: »Ja, immer.« »Du, ja, du wirst Rat und Hilfe finden – einen Ausweg – eine Rettung.« – Die Morgensonne verbreitete jetzt ihren goldenen Schimmer über die Ebene. An Bahnhöfen und Dörfern sauste der Zug vorüber; man näherte sich Paris. Nun erwachte auch der Wärter, streckte sich gähnend, beugte sich über den noch immer schweigsamen Laurier und sagte: »Er ist ja ganz ruhig.« Clarencés qualvolle Bangigkeit aber kehrte zurück. * * * Inzwischen hatte Claudine ihren Auftrag erfüllt. Sofort nach Empfang der Depesche lief sie in die Avenue Kléber, ohne sich vorher zu besinnen, wie sie der armen Frau die traurige Nachricht mitteilen wolle. Wahrscheinlich hoffte sie, daß ihr durch Jeannes passive Ruhe die Aufgabe nicht allzu schwer gemacht würde. Sie fand das Haus wie immer im Zustand peinlichster Ordnung. Als sie sich in dem geschmackvollen Salon auf einen hübschen kleinen Lehnstuhl niedergesetzt hatte, trat Paula in hellem Sommerkleidchen herein und begrüßte artig als wohlerzogenes kleines Mädchen den Gast. »Guten Tag, gnädige Frau, Mama schickt mich, Ihnen einstweilen Gesellschaft zu leisten. Sie wird gleich kommen.« »Geht es deiner Mama gut?« fragte Claudine. »O ja, ganz gut, ich danke.« Da Frau Bréant, von ihren Gedanken hingenommen, schwieg, übernahm Paula die Kosten der Unterhaltung. »Papa ist verreist – er wird jedoch bald zurückkommen – er ist krank gewesen, aber es geht ihm jetzt viel besser. Mama freut sich sehr, ihn wiederzusehen – ach, und ich erst!« »Du liebst deinen Papa wohl sehr?« Die großen Augen leuchteten auf, und in heller Begeisterung rief Paula: »O ja, das will ich meinen, Papa ist aber auch so gut, ach, so gut!« Nun erschien Jeanne, aufs sorgsamste gekleidet wie immer, mit ruhigem Gesicht, klarem Blick und ihrem gewohnten höflichen, zurückhaltenden Wesen. Claudine aber durchfuhr der wenig freundliche Gedanke: »Die begreift sicherlich langsamer als ihre Tochter!« Und ohne weiteres begann sie: »Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, liebe Frau Laurier.« Mit ruhiger Aufmerksamkeit richteten sich die blauen Augen auf Claudine, die in leiserem Tone fortfuhr: »Vielleicht wäre es besser, die Kleine fortzuschicken.« Paula hatte jedoch verstanden, und ein Ausdruck der Angst flog über ihr Gesichtchen. Jeanne aber drückte, kaum merklich zusammenschauernd, auf die Glocke und übergab das Kind dem Dienstmädchen, das dem Rufe gefolgt war. Hierauf wandte sie sich mit jener schönen Harmonie der Bewegungen, die sie stets beibehielt, von neuem der tief erregten Claudine zu, die wiederholte: »Ich bringe Ihnen schlechte Nachrichten, liebe Frau Laurier – Sie werden viel Mut nötig haben.« Jeannes Züge verzogen sich schmerzlich, ihre Augen schlössen sich. »Ist er tot?« »Nein, nein, tot ist er nicht.« Großer Gott, wie sollte sie das Entsetzliche in Worte kleiden? »Herr Clarencé, der bei ihm ist, telegraphierte mir, daß er ihn mit zurückbringe. Eine ernste Krisis sei eingetreten.« »Eine Krisis? Was für eine Krisis?« Da war sie, die direkte Frage, der nicht auszuweichen war. Claudine suchte nach mildernden Ausdrücken: eine geistige Krisis – nervöse Erregung – Delirien – aber die Worte wollten ihr nicht recht über die Lippen. Ohne zu antworten, ergriff sie Jeannes Hand und drückte sie teilnehmend. »O mein Gott!« stöhnte die junge Frau, die dies entsetzliche Schweigen richtig deutete. »Ich ahnte es längst!« Das sonst so friedliche, jetzt ganz verzerrte Gesicht verriet einen solch namenlosen Schmerz, daß Claudine die Tränen in die Augen stiegen. »Ja, es ist schrecklich,« stammelte sie. »Aber Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.« »Sagen Sie mir alles,« bat Jeanne. »Das Telegramm des Herrn Clarencé« enthält keine Einzelheiten – das Wenige, was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Er bringt Ihren Gatten morgen früh zurück – er trägt mir auf, Sie zu benachrichtigen – mehr steht nicht darin.« Jeannes Hand, die Claudine noch immer umfaßt hielt, machte sich sanft los, um die endlich hervorbrechenden und langsam über die Wangen herabrieselnden Tranen abzuwischen, während die halb unterdrückte dumpfe Klage wiederholt von ihren Lippen kam: »Der arme liebe Mann! Der arme liebe Mann!« Nur um ihn litt sie, nicht ein Gedanke galt ihrem eigenen Schmerze. Nachdem sie dann lange, halb in den Armen der Frau liegend, die sie kaum kannte, die ihr bis dahin nicht einmal sympathisch gewesen war, und deren Wesen sie nicht begriff, geweint hatte, versuchte sie, zu sprechen und dem Ausdruck zu geben, was ihre Seele erfüllte. »Es war nicht anders zu erwarten – das Unglück – ich ahnte es längst – ich sah es kommen. Dieses empfindsame Gemüt – wie hätte es einem solchen Schlage standhalten können? Wo hatte er die seelische Kraft hernehmen sollen? Mein Gott, warum habe ich sie ihm nicht einzuflößen vermocht?« Dieser Ausspruch rührender Selbstverleugnung traf Claudine bis ins tiefste Innere ihres leidenschaftlichen, zu Eifersucht und Heftigkeit neigenden Wesens. War es Seelengröße oder Schwäche, die ihm zu Grunde lag? »O!« rief sie lebhaft, »Sie waren ja die Güte, die Nachsicht selbst – mehr konnten Sie nicht tun. Wie viele an Ihrer Stelle –« Sie vollendete den Satz nicht, den Jeanne indes trotzdem beantwortete: »Vielleicht – aber gewiß hätten ihn andre besser verstanden und ihm auf richtigere Art verziehen; ich tat wohl, was ich konnte, allein – eine solche Leidenschaft – sie lag mir so fern.« Dann fuhr sie zwischen ihren Tränen hindurch fort: »Er ist ja mein Gatte – wir sind fürs Leben vereint – ich habe nur ihn –. Wie hätte ich ihm lange grollen können? Wenn Sie wüßten, wie gut er war, als meine Eltern damals ins Unglück kamen! Wenn Sie wüßten, wie Paula an ihm hängt! O glauben Sie mir, um die Bande, die uns drei verknüpfen, zu zerreißen, dazu brauchte es mehr als – einer Verirrung, eines Fehltritts. Der Tod allein vermag uns zu trennen. Was jetzt noch über uns kommt –« Ein Schauder erschütterte ihren zarten Körper vom Scheitel bis zur Sohle, allein mit Gewalt nahm sie sich zusammen. »Was jetzt noch über uns kommt – das Entsetzliche, es macht diese Bande nur fester – inniger. In Zukunft hat er ja niemand mehr als mich – alle andern werden sich vor ihm fürchten, ihn meiden – ich aber bleibe bei ihm. Hoffentlich werden sie ihn mir lassen – o, sprechen Sie, nicht wahr, man wird ihn mir nicht nehmen?« Voll Inbrunst preßte Claudine die junge Frau an sich und küßte ihr Stirn und Haare. »Wie groß, wie edelmütig Sie sind! Wie bewundere ich Sie!« »Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich bin nicht anders als alle Frauen. Wenn ein solcher Schlag uns trifft – mein Gott, wie nichtig sind dann alle andern kleinen Kümmernisse! Bedenken Sie doch, wer sollte ihn pflegen, wenn ich ihn verließe? Mein Leben gehört ihm. Es ihm widmen dürfen, ist alles, was ich verlange.« »Freunde aber werden Sie wenigstens in Ihrer Nähe haben,« sagte Claudine, »Freunde, die Ihnen nach besten Kräften beistehen wollen.« Endlich war Claudine auf den Grund dieser sanften, heldenmütigen Seele gekommen, die sich so fest vor jedermann verschlossen hatte, daß es eines Keulenschlags vom Schicksal bedurfte, um sie zu öffnen. All ihr Stolz war in sich selbst zusammengestürzt, angesichts einer solchen Aufopferung, die ihr plötzlich in grellem Lichte zeigte, was sich an Selbstsucht in ihre eigene Liebe mischte. »O Jeanne,« sagte sie noch einmal, »wie gerne würde ich Ihnen helfen, Ihren Kummer zu tragen, aber Sie sind so gut und edel, daß ich es kaum wage, mit Ihnen zu weinen.« Zehntes Kapitel. Es gibt Stunden, wo die mannigfaltigen Einzelheiten, aus denen sich unser Leben bis dahin zusammengesetzt hat, und die unser Auge im Wechsel der Tage nur unklar zu unterscheiden vermochte, uns plötzlich in ihrer wahren Bedeutung erscheinen. Irgend ein Zufall, ein Zusammentreffen oder eine Begegnung genügt häufig, unsre Seele zu erleuchten, so wie ein unerwarteter Sonnenstrahl uns in einer Landschaft neue Abhänge, Schluchten und Krümmungen enthüllt. Während derselben Nacht, in der Clarencé seinen Freund zurückbrachte, raffte der Tod Viktor Delambre dahin. Ohne vorangegangene Leiden, ohne Todeskampf hatte der Greis für immer die Augen geschlossen. Durch dieses Ereignis mischte sich eine andre, erhabenere und friedlichere Trauer in die peinlichen Eindrücke, die Clarencé bei der Rückkehr erwarteten, denn kaum war der Bahnhof mit seinem Getreibe verlassen, so mußte ohne Aufschub zwei Verpflichtungen nachgekommen werden. Zuerst der schmerzlicheren, der Unterbringung Lauriers in einer Anstalt. Die Spezialisten hatten dies für notwendig erachtet und ein berühmtes Irrenhaus angeraten, in dem schon mancher bedeutende Mann Aufnahme gefunden und langsam dahingesiecht war. Allein alle Vorstellungen und Bitten vermochten den Widerstand Jeannes nicht zu brechen. »Er ist mein Gatte, ich will ihn nicht verlassen,« war ihre einzige Entgegnung. »Es wäre unrecht von mir, ihn in fremde Pflege zu geben, und ebenso unrecht wäre es, ihn mir zu nehmen.« Vergebens stellte man ihr vor: »Sie können ihn aber doch nicht bei sich im Hause pflegen.« »Ich werde mein Möglichstes tun.« »Es ist eine entsetzliche Qual, die Sie sich da auferlegen.« »Der Gedanke, ihn dort unter all den Unglücklichen zu wissen, wäre weit schlimmer.« Und da er ruhig war, ließ man ihr den Willen. Die zweite Frage betraf den Geldpunkt. Der ruhige, klare Verstand der jungen Frau trat auch der pekuniären Sorge mit Fassung entgegen. Diese Sorge jedoch konnte wenigstens fürs erste durch den Verkauf der Bilder, Skizzen und Kunstgegenstände, die Laurier angesammelt hatte, abgewannt werden. Was später geschehen würde, mußte dem Zufall und dem Schicksal überlassen bleiben. Aus all diesen trüben Beschäftigungen, die die ersten Tage nach Clarencés Rückkehr ausfüllten und die seinen Geist unaufhörlich beschäftigten, wurde er durch die Beerdigung Viktor Delambres wenigstens für einige Stunden herausgerissen. Nun folgte auch er unter der Schar berühmter Männer dem reichgeschmückten Trauerwagen. Ein feiner Regen rieselte auf die Blumen und Kränze und auf den langen Zug hernieder, der in unordentlichem Durcheinander folgte. Clarencé wurde von verschiedenen Bekannten begrüßt und tauschte mit ihnen Fragen aus, wie sie bei solchen Gelegenheiten gang und gäbe sind. Dabei wunderte er sich wieder einmal über die kühle Gleichgültigkeit, mit der die Menge den Tod eines großen Mannes hinnimmt, und über die geringe Lücke, die selbst diejenigen zurücklassen, deren Name doch die Welt erfüllt hat. Allein anstatt sich nutzlosen Betrachtung über die Nichtigkeit des irdischen Ruhmes hinzugeben, führte er sich die edle Gestalt des Dahingeschiedenen in ihrem Denken, Arbeiten und Wirken vor die Seele. Er sah die hohe, heitere, von dem reichen, silberweißen Haare umrahmte Stirne wieder vor sich, das klare Auge, das voll Güte in den Herzen andrer zu lesen verstand. Ihm war es, als höre er die klangvolle Stimme, die teils in warmer Begeisterung, teils in beißendem Spott oder scharfem Tadel anzuschwellen vermochte. Und von der Persönlichkeit des Mannes ging er auf dessen Werke über, auf diese Kraft und Energie atmenden Romane, Schauspiele, Flugschriften und Gedichte, die alle entweder einen edlen Grundsatz verfochten oder irgend einen schönen Sieg der Seele darstellten, und die alle mit ergreifender Übereinstimmung für Wahrheit, Herzensgüte und Gerechtigkeit stritten. Es waren die Geistesprodukte eines Mannes, der, Augen und Ohren nutzlosen Zweifeln verschließend, fest und unerschütterlich seinen Weg verfolgt hatte, und der nach vollendetem Lebenszweck in Frieden und mit der Überzeugung dahinfahren konnte, nur guten Samen für eine zukünftige Ernte hinterlassen zu haben, Clarencé gedachte auch der trostreichen Worte bei ihrem letzten Zusammentreffen. Damals hatte der Meister ihn beruhigt, aber wer weiß, ob er nicht ein wenig zu viel von jenem Wohlwollen beeinflußt war, das er stets seinen jungen Kollegen entgegenbrachte, und das seinen Grund vielleicht darin hatte, daß der Dichter durchaus an ein Fortschreiten des Menschen zum Lichte glauben wollte. An jenem Abend freilich, da hatten seine Worte nicht mit seinen Werken und seinem Leben im Einklang gestanden, denn während er der Versuchung zu Nachsicht erlegen war, predigten diese: »Rechtschaffen denken und ehrlich handeln. Alles ist verdammenswert, was diesem einfachen Gesetze zuwidergeht: verdammenswert sind die übermäßig grübelnden Gedanken, die, unentschlossen, ohne einen festen Boden finden zu können, hin und her flattern; verdammenswert die Verachtung der allgemein menschlichen Einrichtungen, die aus den Erfahrungen von Jahrhunderten hervorgegangen sind, und die der moderne Geist in seinem Übermut umzustürzen bestrebt ist. Verdammenswert eben gerade dieser stolze Übermut und alles, was eine überfeinerte Kultur an Verkünsteltem und Ungesundem in unsre Seelen geträufelt hat!« Ja, das war die Lehre, die der große Tote hinterlassen hatte. Während Clarencé schweigend, neben einem Unbekannten hergehend, über all das nachdachte, berührte eine Hand seine Schulter. Es war sein Neffe Jacques in Begleitung Mortons, der nach ihm gesucht hatte. »Ich dachte mir wohl, lieber Onkel, daß du der Trauerfeier anwohnen würdest.« »Ja,« antwortete Clarencé, »alle, die eine Feder führen, sollten hier anwesend sein.« Die beiden jungen Leute wechselten einen Blick, der etwa sagen sollte: »Das ist natürlich eine leere Phrase.« Hierauf bemerkte Jacques mit wichtiger Miene: »Wir beide, Merton und ich, sind als Journalisten hier.« »Ah, du gehörst auch zu dieser Zunft?« »Ja, auch ich.« »Seit wann denn?« »Seit acht Tagen.« »Er ist auch beim ›Etoile‹ ,« fügte Merton hinzu. »Und damit wäre also die erste Stufe der Ruhmesleiter erreicht.« »Ja, nun handelt es sich nur noch um ein weiteres Emporklimmen.« Merton, der schon einige Erfahrungen in seinem Berufe gesammelt hatte, antwortete: »Es ist nicht so gewiß, daß man gerade immer steigt.« Eine Pause trat ein, die Jacques mit der etwas spöttisch klingenden Frage unterbrach: »Nun, lieber Onkel, du warst ja in Prône, hast Kindheitserinnerungen aufgefrischt und die Familie wiedergesehen?« »Ja, ich habe deine Angehörigen kennengelernt: es sind brave Leute, die sehr an dir hängen.« »Hu!« »Deinem Vater liegt deine Zukunft sehr am Herzen.« »Ja, das glaube ich wohl. Diese Jugenderinnerungen haben dich gewiß weich gestimmt?« »Allerdings. Aber für solche Gefühle habt ihr jungen Leute ja noch keinen Sinn, Werdet erst einmal ein bißchen älter, dann werdet ihr schon sehen, was man alles mit den Jahren lernt.« Jacques zeigte in der Richtung nach dem Sarge hin, den eine lange Reihe von Rücken und Regenschirmen verdeckte, und sagte: »Der dort ist alt geworden und hat doch nicht viel vom Leben gelernt.« »Wie, was sagst du?« rief Clarencé aufs höchste überrascht. »Solltest du ihn am Ende gar bewundert haben?« antwortete Jacques mit erstaunter Miene. »Allerdings. Begreifst du denn nicht, daß mit ihm ein Stern erster Größe erloschen ist? Als du die Kunde von seinem Tode in den Zeitungen lasest, fühltest du da nicht, daß die Welt einen ihrer edelsten Geister verloren hat? Ist es möglich, daß du ohne Bewegung, ohne Trauer hinter seinem Sarge hergehst?« Jacques sah wieder nach Merton hin, der schweigend zuhörte, denn ihn rührte, wie schon früher einmal, der aufrichtige Ton in Clarencés Stimme. »Ich werde natürlich niemals die Vermessenheit haben, mit dir zu rechten, lieber Onkel,« antwortete Jacques. »Trotzdem muß ich dir, auf die Gefahr hin, dein Mißfallen zu erregen, gestehen: Delambre erschien mir wohl als ein begabter Mann, der sein Handwerk aus dem Grunde verstand, der sich aber allzusehr in Gemeinplätzen und abgedroschenen Phrasen erging. Und dann machte er sich durch seinen Glauben an was weiß ich was alles, und durch seine Vertrauensseligkeit doch eigentlich lächerlich.« »Du selbst, du glaubst wohl an gar nichts mehr?« »Was kann ich dafür? Ich bin von Männern deiner Generation erzogen worden und nicht von solchen der seinigen. Für mich – für uns – stellt Delambre die Vergangenheit dar, und zwar eine längst entschwundene Vergangenheit. Du und noch einige andre, die mehr oder weniger Ähnlichkeit mit dir haben, ihr seid die Gegenwart, und euch kann man nicht nachsagen, daß ihr uns Leichtgläubigkeit und Vertrauensseligkeit gelehrt hättet. Stelle einmal deine Werke neben die seinigen: tritt uns da nicht eine ganz andre Philosophie, eine andre Lebensauffassung entgegen?« Merton, der bis dahin noch nichts gesagt hatte, bemerkte: »Racine nach Corneille.« Jacques aber fuhr eifrig fort: »Auf der einen Seite schöne, mehr oder weniger hohle Worte, eine glänzende Beredsamkeit, zugleich aber breite Weitschweifigkeit – die alte Redekunst im Dienste abgedroschener, abgedankter Wahrheiten und Lehren. Auf der andern Seite die feine Kunst der Seelenmalerei – vollständige Geistesfreiheit, verständnisvolle Schilderung der Leidenschaft und eine Wißbegierde, die beobachtet, ohne Schlüsse zu ziehen. Das ist die Art schriftstellerischer Tätigkeit, die Männer deiner Generation erfunden haben, und die einer deiner Zeitgenossen in einem herrlichen Werte unter die Schutzherrschaft Virgils stellt.« »Wenn man nun aber auch dieser Art bald überdrüssig würde?« sagte Clarencé. »Wenn man fände, daß man dem Verstand allzuviel Herrschaft und Freiheit eingeräumt hat? Wenn man wieder das Bedürfnis fühlte, Schlüsse zu ziehen?« »Viele unter uns,« antwortete Merton, »sind nicht mehr weit von diesem Bedürfnis entfernt. Wir fangen bereits an, jener vielgerühmten Kunstrichtung der Gegenwart zu mißtrauen, denn mancherlei Ereignisse haben uns die Gefahr gezeigt, die sie im Gefolge hat. Wenn die Älteren uns beistehen wollten, wer weiß, ob wir dann nicht eine andre, bessere Richtung fänden?« »Ah!« rief Clarencé, den diese Worte mit heller Freude erfüllten, »wenn wir euch dazu bringen könnten, aus unsern Erfahrungen Nutzen zu ziehen!« »Jedenfalls haben Sie, verehrter Meister, mir eines Tages Worte gesagt, denen ich manche neue Idee verdanke!« »Ja,« sagte Jacques, »Merton neigt zur Philantropie, ich dagegen halte es lieber mit den Verstandesmenschen, ich lobe mir unter den Alten vor allem die Klugen und Scharfsichtigen.« In diesem Augenblick unterbrach ein berühmter Kollege, der Clarencés Arm ergriff, die Unterredung, worauf sich die beiden jungen Leute entfernten. Später, auf dem Kirchhofe, während die offiziellen Reden, die in ihrer gewohnten farblosen Lauheit mit dem niederfallenden Regen wetteiferten, über dem offenen Grabe gehalten wurden, entdeckte Clarencé hinter den Rednern wieder die beiden seinen, klugen Köpfe der jungen Leute. Was sie wohl eigentlich dachten? Was für Eindrücke sie von den gehörten Worten und von den einer fremden Erfahrung entstammenden Lehren in ihrem Innern bewahrten? Wahrscheinlich wußten sie es selbst nicht. Später erst, wenn sie ihren halben Lebensweg zurückgelegt haben, dann werden auch sie sich vielleicht umwenden, um einen Blick nach rückwärts zu werfen, und dann werden sie in der Erinnerung an alte Zeiten, an die entschwundenen Gestalten und die erloschenen Stimmen die tiefen Wahrheiten begreifen, denen sie jetzt nur widerstrebend ihr Ohr öffnen. * * * Vom Kirchhof aus ließ sich Clarencé zu Frau Bréant führen. In der Stimmung, in der er sich befand, trat ihm die Frage, die beide unaufhörlich zwischen sich schweben fühlten, wie von selbst als glühende, angsterfüllte Bitte auf die Lippen. Noch wenige Tage zuvor war Claudine fest entschlossen gewesen, gleich die erste Eröffnung mit den Worten abzuschneiden: »Nein, nein, lieber Freund, niemals.« Aber auch sie fühlte sich jetzt verändert, unschlüssig. Es war, als ob die edle Selbstverleugnung Jeannes ihr das Leben in einem andern Lichte gezeigt habe. Eine geheime, gebieterische Stimme befahl ihr, nachzugeben, aber trotzdem sträubte sich ihr Stolz mit aller Macht gegen eine Seelenregung, die sie noch immer eine »Kapitulation« nannte. Lange verharrte sie in dumpfem Schweigen, ihr Blick war trübe, und auf ihre Stirne hatte sich jene Falte gelegt, die ihrem schönen Gesicht manchmal einen gar zu energischen, fast harten Ausdruck verlieh. Auch klang ihre Stimme durchaus nicht sicher, als sie endlich fast das Gegenteil von dem sagte, was sie beabsichtigt hatte: »Du willst also bei deiner Ansicht beharren? Sind wir denn nicht glücklich unter den jetzigen Verhältnissen? Muß ich dir meine Gründe wiederholen?« »Nein, Claudine, wiederhole sie nicht. Prüfe sie vielmehr, indem du sie mit dem Leben um dich her in Verbindung bringst.« Und mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Bringe sie mit meinen Gründen in Verbindung – vergleiche sie –« »Mit den deinigen?« murmelte Claudine. »Sie sind ja die Gründe eines Mannes, der mit sich selbst uneins, mitten in einer geistigen Krisis steht.« »O, gesegnet sei diese Krisis, aus der ich als ein neuer Mensch hervorgehen werde! Aber merke dir wohl, wenn ich meinen Lauf als Schriftsteller fortsetzen, wenn ich arbeiten und Neues schaffen soll, ja selbst wenn ich mir meine Liebe bewahren will, so muß mein Leben – unser Leben – auf einer neuen Grundlage aufgebaut werden. Das aber hängt allein von dir ab. Ich fühle mich in den augenblicklichen Verhältnissen wie gelähmt. Es geht nicht mehr anders, als daß wir auch vor der Welt verbunden werden, nach dem Gesetze, dessen Heiligkeit ich heute einsehe, und vor dem auch du jetzt, ich flehe dich an, deinen Stolz beugen sollst.« Heftig richtete Claudine den Kopf auf. »Wie könnte ich? – Mein Stolz ist mein Gewissen.« »Er hat dich betrogen.« »Was für eine Demütigung, dies glauben und anerkennen zu müssen!« »In deinem früheren Leben hast du eine schwere Kränkung erfahren und dich infolgedessen heftig gegen die bindende Macht der Ehe aufgelehnt. Wer wollte dir diese Empörung verargen? Aber muß sie denn ewig dauern? Haben dir all die Ereignisse der letzten Zeit nicht die Torheit, ja das Unrecht einer solch hartnäckigen Auflehnung gezeigt?« Wieder war Claudine im Begriff, zu widersprechen, da tauchte Jeannes Bild vor ihrem Geiste auf, das Bild der schlichten und doch so heldenmütigen Frau, die, ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, das herrlichste Beispiel tiefster, selbstverleugnender, verzeihender Liebe gegeben hatte – und die Worte verwandelten sich auf ihren Lippen. »Ja,« sagte sie träumerisch, »viel hat sich ereignet – und Jeanne –« Sie vollendete nicht, er aber erriet ihre Gedanken und sprach an ihrer Statt weiter. »Ja, Jeanne! Sie hat dir gezeigt, welche Macht jene Kette, die du so sehr verachtest, auch den Schwächsten verleiht. Sie, das unbedeutende, schüchterne Geschöpf, von der du sicherlich nicht gedacht hättest, daß du je eine Lehre von ihr empfangen könntest, sie hast du vor deinen Augen emporwachsen und den entsetzlichsten Schicksalsschlägen mutig entgegentreten sehen. Warum aber konnte sie dies? Nur allein deshalb, weil zwischen ihr und demjenigen, der ihr so schweres Leid zugefügt hat, ein unlösbares Band besteht, weil die beiden fürs Leben vereinigt find.« »Ah!« rief Claudine, »sind wir das denn nicht auch durch unsern Willen?« »Gewiß - und doch, höre mich an. Wir werden alter, ohne die Güter errungen zu haben, die doch die höchsten der Erde sind – einen eigenen Herd, eine Familie, einen Kreis zuverlässiger Freunde. In den Augen der Welt gehen wir als zwei getrennte Wesen dem Alter entgegen, und bringt jemand unsre beiden Namen zusammen, so geschieht es in häßlicher, spöttischer Weise. Jedes von uns verfolgt seinen eigenen Weg, und wenn diese Wege sich jetzt auch noch vereinigen - wer möchte behaupten, daß die mannigfaltigen Zufälle, denen man auf seiner Lebensreise ausgesetzt ist, sie nicht auch einmal dauernd trennen könnten? Morgen, ja schon in dieser Stunde kann ein unerwartetes Ereignis sich zwischen uns stellen, gegen das unsre Liebe sowohl als unser Wille machtlos sind. – Wenn Jeanne nicht Lauriers Gattin gewesen wäre, so hätte man ihn nicht bei ihr gelassen. Und dann, abgesehen von solch traurigen, zum Glück seltenen Fällen, bedenke, was für eine schreckliche Zeit ich jetzt durchgemacht habe – du aber warst fern von mir.« »Bin ich diejenige, die sich verändert hat?« »Nein, ich weiß es wohl, daß ich es bin. Aber höre weiter. Wenn du meine Gattin wärest, so würden wir solche Wandlungen zusammen durchmachen, das mußt du doch auch fühlen? Wenn du mein Weib wärest, dann ständen wir uns jetzt nicht uneinig gegenüber und verteidigten verschiedene Ansichten. Wie Zwillingsblumen, die sich unter demselben Sonnenstrahl öffnen, würden unsre Gedanken entstehen und wachsen. Mit denselben Augen würden wir das Leben betrachten, und die Ereignisse um uns her würden denselben Widerhall in uns wecken.« »Aber, mein Freund,« unterbrach ihn Claudine, »was für eine Idylle malst du da aus! Was für Illusionen! So wirf doch nur einen Blick in die Zeitungen, lies die Gerichtsverhandlungen und Tagesnachrichten. Oder noch besser, betrachte dir doch die Ehepaare in unserm Bekanntenkreise, die Familien, deren erbärmliches Dasein dir doch nicht verborgen ist. Zähle all die schmählichen Lügen, die niedrigen Interessen, die sich unter dem ehrenwerten Deckmantel der rechtmäßigen Verbindungen verbergen. Dort, dort vor allem steckt der Krebsschaden. Ach, großer Gott, als ob Standesamt und kirchliche Formen genügten, um das Wunder einer vollkommenen Vereinigung zu stände zu bringen. Wenn dieses Wunder überhaupt möglich ist, so habe ich geglaubt, daß wir es vollbracht haben, ja, ich habe mich diesem Glauben hingegeben, denn wenn dieses Wunder geschehen kann, so kann es nur durch die Liebe geschehen, Sie allein hat die magische Macht, es zu vollbringen. Mehr aber bedarf es doch nicht, denn während sie herrscht, wiederholt sich das Wunder, so wie die Sonne immer wieder Licht und Wärme verbreitet, und diejenigen, die es zu stände bringen, verlangen nichts weiter. Sind aber Wärme und Licht verschwunden, so ist auch die Sonne erloschen, und wenn die Liebe ihre Wundermacht verloren hat, so ist sie tot.« »Claudine!« »Was können uns dann alle Gesetze und äußerlichen Bande nützen? Was hilft es uns, daß wir für immer verbunden sind? Was hat das Leben dann noch für Wert? Was bleibt uns? Nichts, gar nichts.« Nur mühsam unterdrückte sie die Tränen und fügte dann in leiserem, traurigem Tone hinzu: »Ich will dir ja gewiß keinen Vorwurf machen, mein lieber Freund. – Ach, und wenn ich niemals etwas andres von dir angenommen habe als deine Liebe, so tat ich es, weil ich wollte, daß sie frei und unabhängig sein solle. Und nun sehe ich es ein, es war das Richtige, denn wenn sie dahin ist –« »Ist es möglich, Claudine,« siel er ihr nun auch seinerseits ins Wort, »daß du mir in der Stunde mit Zweifeln kommen kannst, wo mein ganzes Wünschen und Sehnen nur darauf gerichtet ist, dir besser und vollständiger denn je anzugehören?« »Ach,« sagte sie mit tränendurchzitterter Stimme, »so hast du also bisher etwas entbehrt? Diese Erkenntnis schmerzt mich noch tiefer als alles andre. Du weißt, wie meine Liebe zu dir mein ganzes Sein und Denken erfüllt hat, und so verlangt mein Herz auch nur nach Liebe, nach deiner vollen, ganzen Liebe; mehr begehre ich nicht, sie genügt mir. Ich kümmere mich weder um Gesetze, mit denen sie sich nicht verträgt, noch um solche, die ihr eine Stütze gewähren könnten, eine Stütze, die ich verschmähe. Diese Liebe aber, ich fühle es, entschwindet mir mehr und mehr – o, widersprich mir nicht! Du selbst hast gesagt: ›Wir gehen dem Alter entgegen.‹ Dir erscheint ein solcher Ausspruch als etwas Selbstverständliches, als die einfachste, natürlichste Sache der Welt. Mich aber kränkt er nicht nur, sondern ich halte ihn auch für falsch. Mein Herz ist voll unerschöpflicher Jugendkraft. Was liegt mir daran, deine Gattin zu heißen, wenn ich dich dann weniger mein eigen fühle? Ich selbst kann dir als solche nicht mehr Liebe entgegenbringen, du weißt dies, und doch genügt es dir nicht. Und dabei bildest du dir ein, mich noch zu lieben!« »Ja, ich liebe dich sogar mehr denn je, vielleicht nur auf eine andre Art.« »Ich will aber nichts von einer andern Art wissen. Unsre alte, schöne Liebe nur verlange ich.« »Sie kann nicht ewig dauern, es ist unmöglich auf dieser Erde.« »Warum hast du mich dann so sicher in diese Täuschung eingewiegt?« »Wir waren eben beide in einem Traume befangen, wie er jedem Menschen im Leben einmal geschenkt wird, und der unsrige war herrlich. Was kann ich dafür, daß das Erwachen gekommen ist? Es liegt nun eben einmal in der Bestimmung von uns Menschen, daß wir nicht nur für uns allein leben sollen, Wir hängen von tausend Umständen ab, mit tausend Ketten sind wir an unsre Nebenmenschen geschmiedet.« »Ketten, Ketten, nichts als Ketten!« »Unwillig wirft man sie ab, zerreißt sie und glaubt sich auf ewig von ihnen befreit. O über die Täuschung! Denn der Augenblick bleibt nicht aus, wo man ihre Last, aber auch ihre Notwendigkeit fühlt. Dies, Claudine, ist eine solch unumstößliche Wahrheit, daß die Durchschnittsmenschen sie widerstandslos anerkennen, Leute wie wir – sie sind wohl im stande, diese Wahrheit lange Zeit zu verachten, weil sie die gefährliche Gabe haben, sich mit ihren Gedanken und Empfindungen von der großen Menge abzusondern, weil sie im Banne ihrer Phantasie stehen und von ihr irregeleitet werden, weil sie sich eine eigene Welt schaffen neben oder außerhalb der Wirklichkeit. Sind ihnen aber einmal die Augen über das wirkliche tägliche Leben, über seine Anforderungen und Pflichten aufgegangen, dann wird ihnen ähnlich zu Mut wie verirrten Wanderern, die den rechten Weg wiedergefunden haben und nun ein neues Land betreten, in dem auch sie sich verwandeln. Andre Stimmen werden in ihrem Innern laut. Sie fangen an, sich Vorwürfe darüber zu machen, so viele gute Handlungen unterlassen, so manch nachahmenswertes Beispiel nicht gegeben zu haben. Vielleicht hatten sie sich für Halbgötter gehalten, jetzt aber wollen sie nur noch Menschen sein, Menschen im wahren, edelsten Sinne des Wortes, Glaube nur ja nicht, daß sie deshalb an geistigem und seelischem Wert einbüßen, o nein, ihre Gedanken und Empfindungen werden im Gegenteil weiter, allgemeiner, selbstloser. Sieh, Claudine, zu dieser Einsicht bin ich gekommen, und deshalb sage ich jetzt zu dir: Wenn du meine Frau, meine rechtmäßige Frau auch in den Augen der Welt wärest, dann könnte ich voll Zuversicht der Zukunft entgegensehen. Freudigen Schrittes würde ich in jenem fremden Lande vorwärts schreiten, von der Überzeugung getragen, die Güter dort zu finden, nach denen mich verlangt. Während so – doch nein, ich will nicht länger mit dir rechten. Deine Gründe sind vielleicht ebenso stichhaltig als die meinigen – ich weiß es nicht, will es auch nicht wissen! Bei Gott, es handelt sich jetzt überhaupt nicht mehr darum, sie gegeneinander abzuwägen, sondern darum, sich ein erträgliches Leben zu schaffen. Unter den bisherigen Verhältnissen weiterzuleben aber, ist für mich unmöglich, und deshalb flehe ich dich an –« Er schwieg. Lange sah Claudine ihn an, ohne zu sprechen. Ihr letzter Widerstand, die Auflehnung ihres Stolzes und ihrer jugendheißen, despotischen Liebe ging allmählich unter in einem Gefühle unendlicher, milder Zärtlichkeit, Sie dachte: »Ohne ihn leben? – Nein, nein, ich kann es nicht. – Ihn leiden sehen? – Ach, so möge denn er vor allem glücklich sein, auf seine Weise, wenn es nicht anders möglich ist. Nach wie vor kann ich ihm ja mein Leben widmen, und wenn ich das seinige von nun an mit andern Menschen teilen soll, nun denn, so sei es.« Ihr Gesicht hatte sich nach und nach aufgehellt, ihre Augen wurden feucht und einige Tränen rollten langsam über ihre Wangen herab. Nun reichte sie Clarencé die Hand, und ohne sich weiter auszusprechen, sagte sie: »Wie du willst, mein Freund.« War er nun gefunden, der Ausgang aus dem dunkeln Irrgarten? War der erste Schritt getan auf dem neuen Wege, einer besseren, glücklicheren Zukunft entgegen?   Ende.