Stanislaw Przybyszewski Epipsychidion Das von uns Beiden, erträumte, erdichtete und erlebte Buch Dir, Dagny, zu eigen. Introibo Die Du mir mit lichttrunkenen Fingern die Schönheit welkender Herbsttrauer, den müden Glanz lustsatter Pracht, die fiebernden Farben sonnenzerfressener Paradiese in meine schweren Träume verwebst – Geliebte – viele Monde sind gegangen, seit ich Dich gesehen, aber noch immer glänzt mein Herz über den Sternen, die Du in mein Leben gesät; noch immer wachsen aus meinem Blut Hände, ringend, flehend nach dem Glück, das Du mir einst entfacht.   Die Du mir im Dämmerungsdunkel mit leisen Händen auf verwunschenen Harfen ein irres Gewebe nie geahnter Melodien spinnst: von seligen Stunden, die wie ein fernes Echo verwehen; von Sonnen, die versinkend ihre schlaftrunkene Glut über die Meere gießen; von Nächten, die mit weichen Flügeln das kranke Herz umfangen – Geliebte – viele Monde sind gegangen, seit Du mir meine tiefste Trauer und mein schwerstes Glück gesungen, aber noch immer seh' ich im Dämmerungsdunkel deine Augen im weltfremden Schmerze tränen, und eine leuchtende Hand seh ich, die sich gespenstisch aus dem Dunkel zu mir herüberschiebt und im flackernden Verzweiflungsschrei die meine umspannt.   Die Du mir den Tag zur Nacht umwandelst, in dunklen Gründen mein Licht verlöschest, alle Weiten mir nahe rückst und alle Nähen in unendliche Fernen breitest – die Du mir im Herzen trübe Irrlichter entflammst und schwarze Traumblüten züchtest – Geliebte – viele Monde sind gegangen, seit Dein letzter Blick in mein Blut sich schmerzlich wühlte, und immer seh ich Dein mondlichtblasses Gesicht, die goldne Krone von seidnen Haaren um Deine Stirn, und in das kranke Lächeln seh ich zwei Tränen schwer und langsam unter den langen Wimpern fließen, und Deine Stimme hör ich, wie sie mir ins Herz ihr düsteres Leid blutet.   Die Du mir die Siegel aller Heimlichkeiten erbrichst und mir die heiligen Runen verborgener Kräfte deutest, und nach allen Stürmen des Lebens Dich immer von neuem wie ein Regenbogen von einem Himmel der Gnade zum anderen über meinem Gramgeschick entspannst – Geliebte – nie noch sah ich meine Sterne in so wilden Stürmen über den Himmel schießen; nie noch hat meine Seele ihre Flügel weiter nach Dir entschwungen; nie haben meine Arme sich schmerzlicher nach Dir gebreitet; nie noch sah ich die Glorie, die meine Sehnsucht um Dein Haupt entfacht, so blutig flackern, wie jetzt, da Du mir in den Ozeanen der Ewigkeit versunken bist. Geliebte! Hier meine Träume! Um Deine Füße winde ich die Kränze, die mein schweres Glück geflochten – Hier mein Herz – mein Herz! In Deine Hände leg ich mein Herz! Sonnenopfer Endlos war mein Reich und ohne Schranken meine Macht. Über Wüsten und über Paradiese habe ich geherrscht, heilige Flüsse durchfurchten mein Land, und drei Meere begrenzten mein Reich. Tausende und Abertausende von Sklaven warfen sich vor mir auf die Knie und beteten den Lichtsohn an. Wenn ich wollte, so wurden Flüsse in neue Betten geleitet, die Wüste unter Meer gesetzt. Wenn ich wollte, so entstanden vor meinen Palästen paradiesische Wundergärten über eine Nacht, und in den Himmel hinein ragten die Gräber, die man meinen Ahnen erbaute, bevor der Mond zweimal seinen Weg vollendet. Die Mächtigsten dieser Erde hab ich unterjocht, die Götter habe ich gehöhnt, denn es war keine Macht, die sich der meinen vergleichen ließe, und keine Kraft gab es, die sich mit der meinen messen könnte. Denn ich war der Sohn des Lichtes und der Sonne, und vor meiner Majestät verblich aller Glanz, und vor meiner Gewalt versank in Staub alle Macht. Und dreimal am Tage opferte ich der Sonne, denn ich liebte die Sonne, meine Heimat, meine Mutter, meinen heiligen Urschoß. Unermeßliches Glück und allen Reichtum der Erde schüttete sie mit liebenden Händen über ihren Sohn. Auf allen Meeren blähten sich die weißen Segel meiner Schiffe, und oft, wenn ich von der Terrasse meines Palastes auf das Meer hinabsah, zogen die Schiffe wie eine endlose Albatrosherde an meinen Augen vorüber. In allen Ländern standen meine Krieger, schwarze Riesen, die sich vom Mark erjagter Löwen nährten. Und wenn sie an der Terrasse meines Palastes in endlosen Scharen schritten, dann dröhnte die Erde, und die Sonne brannte ihre rasendsten Fanale auf den silbernen Helmen und Schilden. Nichts gab es, das nicht unter meiner Macht sich beugte. * Und eines Tages, da meine Heerscharen von ihren weiten Zügen zurückgekehrt waren, trat der Führer vor meinen Thron und sagte: Herr! Weit über die Grenzen Deines Reiches sind wir gegangen; weit über die drei Meere, die Dein Reich beschließen, fuhren uns Deine Schiffe in ein seltsames Land. Der Glanz der Sonne wärmt nicht dort, die Sonne ist wie ein riesiger Topas. Der Tag gleicht dort einer dämmrigen Frühlichtstunde, und aus unsichtbarer Quelle strahlt die Erde ein fahlgrünes Licht in die Nacht hinein. Nichts war dort zu erbeuten, denn es ist das Land der Schatten. Die Erde trägt keine Früchte, und die Menschen sind nicht von unserer Welt. Von dort brachten wir Dir, o König, ein Weib, blaß wie unsere Mondscheinnächte, mit einem Haar, als wäre die Sonne darauf geschmolzen, mit einer Stimme, die von weither zu kommen scheint, als wehte der Wind in der Abenddämmerung über das Meer ein fernes Lied herüber. * Und Du gingst langsam durch den Saal an die Stufen meines Thrones. Und es war, wie wenn Blätter von einer Rose leise abfallen, wenn der Wind sie schüttelt – wie wenn Töne einer berührten Saite, langen Regentropfen vergleichbar, in dem Dunkel verrinnen – wie wenn das Wetterleuchten an heißen Sommerabenden in goldigen Strähnen sich über den Himmel gießt. Es wurde still im Saal, wie in der blauen Morgenstunde, da die ganze Welt in atemverhaltender Erwartung auf den Lichtkampf am Himmel horcht: Und Du kamst näher, wie das fernste Echo der Ewigkeit. Noch näher. Ich fühlte, wie ich in einer geheimen Ehrfurcht zurückwich, wie der Saal zurückzuweichen schien, ich sah einen nebligen Glanz die Räume füllen ... Du bliebst stehen. Und jetzt sah ich deine Augen auf mich gerichtet, tief, wie dunkle Himmelsweiten, traurig, wie herbstliche Dämmerungsschauer und mild wie das Leuchten des Meeres in schwarzen Nächten. Da sank ich vor Dir auf die Knie, und Du, Sklavin, wurdest meine Herrin. * Aus einem dunklen Lande bist Du gekommen, wo die Sonne wie zum Abschied scheint, blank und rot wie Safran. Aus dem Lande ewiger Schatten bist Du gekommen, einem Spiegelbild längst versunkener Welten: Mit Meeren, die gestorben sind und wie blaßgrüner Opal schillern, mit Bergen, die gespenstisch geistern und in seltsam verschlungenen Ketten ins Meer versinken, mit Wäldern, deren Laub in der toten Farbe roten Kupfers düstert. Du kamst, wie ein Strahl, der nach Millionen von Jahren von einem fremden Sterne her sich auf die Erde verirrt. Du kamst, wie Träume über das lustmüde Herz kommen, still und weich mit dem leisen Ton vergilbten Laubs, das zur Erde fällt. Du kamst, wie ein verhallender Klang, den man in seinem Herzen wie den Flügelschlag einer weichenden Erinnerung hört, und Du kamst mit der Stille der Nacht, wenn sie ihre Schwermut über die Erde blutet. In die Sonnenwunder meiner Heimat bist Du gekommen, wo die schwingende Hitze weißglühender Sonne die Flüsse trocknet, wo in den Nächten die schwüle Glut feuergesättigter Erde den Atem beklemmt und die Sterne glühen, wie heiße Fieberflecke, die das rasende Herz des Alls auf den Himmel wirft. * Deine Augen starrten mit großer, ängstlicher Frage in die wilde Pracht meines Reiches. Sie wurden wund von dem heißen Glanz, Dein Blut schien zu kochen, und auf Deine Stirn trat sprengend das feine Netz der Adern hervor. Du wurdest scheu und siechtest hin. In die tiefsten Gründe meines Palastes hast Du Dich verborgen, mit schwerer Seide die Fenster verhängt und mit dicken Teppichen jeden Laut erstickt. Noch seh ich Dich, wie Du still durch die endlose Flucht der dunklen Säle schreitest, noch hör ich Deine Schritte wie verrauchenden Nebel schwermütiger Akkorde. In Deinem lichten Haar die schwarze Rose. Schwer und gluttrunken glänzte sie in der blassen Goldflut Deiner Haare. Scheu wurdest Du wie eine Antilope auf den wildesten Felsen meiner Berge; Dein ängstlicher Blick irrte wirr durch die endlose Flucht der dunklen Säle und in den Nächten hört ich Dich die kranke Sehnsucht weinen – nach Deiner Heimat zurück, nach dem riesigen Topas auf dem dämmerungstiefen Himmel. Ich begann die Sonne zu hassen, die Dich tötete. Ich wünschte, ich hätte die Macht, den Himmel in der Stunde zur Ruhe zu zwingen, wenn sich das Morgenrot aus der schwülen Umarmung der Nacht loswurzelt und seine schreienden, bluttrunkenen Äste über den Himmel wirft und über den ganzen Osten hin die übermächtige Gipfelkrone wie eine feuergesättigte Koralleninsel in rotem Lichte blüht. Ich wünschte, ich hätte die Macht, den Himmel zur Ruhe zu zwingen, wenn das Dunkel den Himmel überzieht, und die Erde die Liebesglut der Sonne in die Wolken zurückstrahlt. Oh! diese Stunde, die blaue Stunde des Himmels festzuhalten, da die Töne langsam, wie Schneeflocken in leiser Schwermut in endlose Tiefen fallen, da im Herzen wirre Träume blühen, und ihre Sehnsucht über alle Weiten und Fernen ziellos irrt: weit über die Berge, die in den Himmel wild zerhackte Linien schreien, weit über die Meere, die in sich selbst untertauchen, weit über die Urwälder meines Reiches, wo die Ewigkeit in tauber Ruhe brütet. Und ich wünschte, ich hätte die Macht, das Frühlicht mit der Abendröte zu vermählen, ungeahnte Farben ineinanderzuwirken, einen neuen Himmel über die Erde zu spannen, daß kein Tag Dir mit weißem Glanz die Seele trübte, und keine Nacht deinen sehnsuchtsflackernden Blick beengte. Einen neuen Himmel wollt ich über Deinem Haupt entspannen, leuchtend wie grünes Polarlicht in ewigen Nebelnächten. Nur keine Sonne, die sich mit gellen Stößen Dir in die Augen keilte, und in Deinem Blute giftige Keime ausbrütete. * In dem dunklen Gemach saß ich bei Dir und sah, wie Deine Augen sich immer größer und ängstlicher öffneten, wie Dein Gesicht durchsichtig wurde und blaß, wie blaugeaderter Alabaster. Ich saß und brütete, wie ich Dir Licht schaffen könnte, kaltes, totes Licht, das den Himmel Deiner Heimat Dir ersetzen würde. Und ich schickte meine Boten in die Welt hinaus, daß sie die Erde nach seltenem Gestein durchwühlen, dessen kühler Glanz Dir die Säle erleuchtete. Und von Indien her brachte man Dir Diamanten, stolz und herrlich wie steingewordenes Licht, kühl wie die Hand eines Sterbenden und lindernd wie die wunderkräftigen Blätter der Lotosblume. Von Griechenland her kamen blaue Saphirsteine, die einst die Halbmonde der Artemis schmückten, rein, keusch und kühl, wie die schwermütigen Nächte der Herbstmonde. Den Priesterinnen der Gallier wurden die heiligen Smaragden geraubt, die auf den Opferaltären der Druiden in die finsteren Eichenwälder die Runen künftiger Geschicke strahlten. Den ägyptischen Magiern wurden ihre Chrysolithen entrissen, die wie gefrorene Sonnenstrahlen in kaltem Lichte blühen – Chrysolithen, die den Wahnsinn heilen, die nächtlichen Gespenster verjagen und vor das sehnsuchtstrübe Auge niegeahnte Pracht paradiesischen Glückes zaubern. Von unbekannten Ländern her schleppte man unermeßliche Schätze herbei: schwarze Achate mit weißen Adern; Hyacinthen, grün, mit rötlichen Streifen; tolläugige Jantaren, giftig und berauschend wie Bilsenkraut. Die ganze Erde wurde nach seltenem Gestein durchwühlt, alle Meere wurden nach Perlen und Korallen durchsucht, und in den dunklen Sälen häuften sich Schätze auf Schätze – Steine, auf denen noch das Blut ermordeter Priester und Zauberer klebte; Beryllen, die Tote ins Leben zurückrufen; Orite, die das elendste Herz mit überweltlichen Träumen berauschen; glanzlose Chalcedone, die ewige Jugend verleihen. Dann wieder Steine, die wie Augen hungriger Tiger Wutfunken sprühten: tückische Onyxe, die alle Abgründe des Schmerzes öffnen; tausendfarbige Opale, die das Hirn in weiße Nebel hüllen und das Herz in irre Schwermut lösen. Es war, wie wenn gleißende Sterne in einer großen, toten Sonne zusammengeschmolzen wären. Über dem düsteren Gefunkel der Achate und Orite breitete sich die schwermütige Lichtflut violetter Amethyste. In das stolze Dithyrambengeglüh der Diamanten stach mit spitzen Strahlen die schweigsame Kälte der Onyxe. Die grünliche Goldflut der Topase tanzte mit den Hyazinthen wilde Lichtfanfaren. Von fremden Welten träumten die Smaragde und in blauem Dämmerungslicht strahlten die Saphire ihren herben Zauber. Und in dem kreisenden Trubel der gleißenden Farben, in all dem Wirbel und Geschrei der tollgewordenen Gesteinsonne gingst Du leise auf mich zu. Näher, immer näher. Du beugtest Dich über mich und sagtest leise: Ich will nicht dieses Opfer; opfre mir die Sonne – Deine Sonne – Opfre mir, o Lichtsohn, Deine Mutter! Und es war, als wiche der Boden unter mir weg, als knickten die Säulen des Saales ein und die schwere Decke stürze über mich zusammen. Es war, als wäre eine Ewigkeit herabgefallen. Nur das tückische Gefunkel der Edelsteine sprühte in fiebrigem Taumel Funkenregen in meine Augen. Und immer fühlte ich Deinen Blick starr auf mich gerichtet mit einem schweren wartenden Schweigen, das ich wie ein fliehendes Wetterleuchten an den blanken Wänden gleiten sah. Und das Schweigen füllte den großen Saal, fraß das Licht auf; es verglomm das Geglüh der Edelsteine und in der tauben Stille hört ich die Schläge Deines Herzens wie ein dumpfes Pochen an den Toren des Ewigen. Endlich fühlt ich, daß ich antworten mußte, und wie ein fremdes Echo scholl es mir von den Wänden zurück: Ich opfre Dir die Sonne! Und Du nahmst meinen Kopf in Deine blassen Hände und sagtest: Ich danke Dir, o König! Und wieder glühte lange das Schweigen um die blanken Wände, bis plötzlich eine wilde Blume sich schreiend mit weitgeöffnetem Kelch in jähem Glücke hochreckte: Geliebter! * Seit dieser Zeit liebtest Du mich. Deine Liebe war weiß und rein und weich wie die Flügel einer Polarmöwe. Dein Herz fühlt ich an meiner Brust die Glut meiner Sonne atmen, und in mein Blut sangst Du mir ein Paradies hinein, sangst fremde Zauberworte, die ich nicht verstand, fremde Worte, die ich streichelte und küßte, Worte, die meine Seele lebendig sah, die sie einmal schon gekostet hat, als ich noch mit Dir zusammen in dem Urschoß des Daseins die Ewigkeit trank und der Erde den Uranfang träumte. Und ich war glücklich. Ich war glücklich, obwohl ich fühlte, daß das Verderben über mir hing und rote Blitzwolken nahten. Endlose Stunden saß ich bei Dir. Weiße Nebel sah ich um mich kreisen, rote Blitze schossen um mich herum; Angst und Verzweiflung grub mit mageren Gespensterhänden tiefe Gänge in mein Herz – aber ich war glücklich. Draußen wartete die Sonne auf mich. Die Sonne, der ich einst dreimal am Tage Dankesopfer brachte. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein lauerte mir die Sonne auf. Sie ging langsamer als sonst. Um die Mittagszeit schien sie stille zu stehen; mit zögerndem Ruck tauchte sie gegen den Abend ins Meer, um bald, oh bald rachesinnend über meinem Reich zu lauern. Tag für Tag blieb sie über meinem Palast stehen und wartete. Aber nie wieder habe ich ihr geopfert. Aus der Opferschale trank meine weiße Königin den Trank der Liebe und des Vergessens, auf den heiligen Meßgewändern lösten sich des Nachts ihre Glieder und die sonnengeweihten Rubinen des Opferaltars träumten auf ihren Fingern von der einstigen Pracht der Sonnenfeste. Ich höhnte die Sonne; ich haßte sie, und in bangem Erwarten fürchtete ich ihre Rache. * Nie hast Du wieder von Deiner Heimat gesprochen, aber ich fühlte sie über mir, um mich herum, denn Du wurdest nun meine Heimat. Dein Blick küßte die gespenstischen Stunden Deiner Berge wie lähmendes Gift in mein Herz; Deine Hände geisterten in meine Gedanken die welke Trauer Deines toten Landes, und Deine Stimme goß über meine Träume die Farbe geschmolzenen Opals, die Farbe Deiner toten Meere. Ging ich mit Dir, so war's, als sinke mein Fuß in jahrtausendaltem Moos unter, und zu allen Seiten sah ich die Wälder Deines Landes in kupferroter Dämmerung düstern. Und wenn die Nächte kamen, Nächte, kurz und hell wie der Blick eines Tigers, der seinen Käfig gesprengt hat, – wenn Deine Hände auf der Harfe irrten und die Töne wie blaue Fäden schmelzenden Schnees über endlose Gletscherfelder rieselten, dann breitete meine Sehnsucht ihre schmerzsatten Flügel, mein Blick irrte weit über die mondbeglänzten Dächer der Millionenstadt, weit über den Himmelsrand, der mit dunkelrotem Band das Meer umsäumte, und aus dem Schweigen meiner wunden Seele riß sich ein Schrei los – der Sonne zu, die hinter dem Meere sich zu ihrer Rache rüstete. Wie ich mich da nach der Sonne sehnte! Nur noch einmal zu sehen, einmal noch, wie sie im Niedergang die rote Flut über mein Reich gießt – einmal nur, wie sie um den Mittag in sengender Glut über den Dächern meiner Stadt steht – einmal noch, wie sie im Triumph die Nacht zersprengt. Die weiße Albatrosherde meiner Schiffe möcht ich sehen, wenn sie träge, vom Licht zerfressen, auf dem Meere steht; die flammenden Fanale möchte ich sehen, die die Sonne auf den silbernen Helmen meiner Krieger entzündet. Etwas riß, zerrte an mir. Kaum hatt ich Macht über meine Glieder. Mein Herz stahl sich hinter das Meer; mein Auge weidete sich in trunkener Lust an dem Wunder aller Wunder, und in schreiendem Jubel grüßt ich die Sonne, meine Mutter, mein Glück und mein Verderben. Aber immer von neuem erstickt ich in mir den Verzweiflungsschrei nach der Sonne, und immer wieder kehrte ich in das rote Lichtreich unseres Gemachs zurück, und in dem dunklen Grund Deines verlangenden Blickes tauchte meine Sehnsucht unter. Und es war, als liebten mich Deine Hände dann mehr, als wühlte sich Dein Auge tiefer und heißer in mein Herz, als pochte jede Nacht Dein Blut stärker nach mir. Ich preßte Dich an mich, ich stürzte mich mit allen Sinnen in das Glück, das Du, Du allein mir gabst, aber nie konnte ich vergessen, daß da draußen die Sonne die Nacht zersprengt und ihre blutrünstigen Arme weit über den Himmel wirft. Die Sonnenarme, die sich in vergeblicher Qual jeden Morgen vom Himmel lösen wollten, um den treulosen Sohn zu fassen. * Aber es kam die Zeit, da sich mein Herz nach der Sonne nackt schrie. Mein Blick irrte unstet in dem dämmrigen Saal an den kristallnen Blumen, die sich an den Wänden emporrankten; er wurde krank in dem kalten Gefunkel des Edelgesteins, das mir mit fahlem Licht in die Adern schien. Meine Hände wurden durchsichtig; meine Stimme klang mir fremd, und immer stärker wurde meine Sehnsucht nach dem Tag, nach der schwellenden Hitze, nach der Mittagsglut, in der mein Reich zu einer weißen Lichtwüste zusammenschmolz. Und trübe mit kranker Trauer senkte sich Dein Blick in meine Seele. Tief, tiefer noch wühlte er sich hinein und las meine Sehnsucht und meine Angst. Dein Blick brach an meinem Verlangen, meiner Gier nach der Sonne. Fremd lösten sich Deine Hände, wenn ich sie in den meinen hielt; das Licht Deiner Augen barst, und glanzlos in stumpfer Verzweiflung starrtest Du vor Dich hin. Und draußen stand die Sonne und brütete Pest, Verderben und Hungersnot über meinem Reiche aus. Sie verbrannte die Frucht auf den Feldern; sie trocknete die Flüsse in meinem Lande aus; die üppigen Weidentriften wurden rot wie eine unermeßliche Brandwunde; sie dörrte meinem Volk das Fleisch an den Knochen, so daß es in brandigen Fetzen abfiel, und vor meinem Palast hört ich mein Volk wie eine tausendköpfige Hyäne brüllen, in der Hungersnot sich verzweifelt krampfen; ich fühlte seine Flüche und Verwünschungen wie Schwefelregen auf mein Herz fallen, aber ich trat nicht in die Sonne hinaus. Dich, Dich sah ich nur, wie Du in der dunkelsten Ecke kauertest, wie Deine weitgeöffneten Augen die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies bluteten. Ich saß und brütete, aber meine Seele wurde stumpf und kalt in dem Übermaß ihres Elends. * Da eines Tages erbrach das tollgewordene Sklavenvolk die Tore meines Palastes und wälzte sich vor meinen Thron. Mein Herz schütterte. Was war aus meinem Volk geworden! Dies ekle Getier mit der bleichen Haut, die an den Knochen klebte und die Eingeweide durchschimmern ließ – das war mein Volk?! Und in Raserei schrie ich: Fort von meinen Augen! Fort! Aber das Volk rührte sich nicht! Es schien, als streckte sich jeder Sklave mit ausgebreiteten Armen lang hin vor meinem Thron, und in grausigem Entsetzen sah ich vor mir in dem endlosen Saal ein Totenfeld von übers Kreuz gespannten Gerippen. Dann sah ich nichts mehr. Ich fühlte nur, wie ich auf die Terrasse hinausgetragen wurde; mein Auge stierte irrsinnig auf die mit ekler Haut überzogenen Totenköpfe meines Volkes, auf die dürren Knochen tausend weitgestreckter Arme, die sich schreiend zu mir emporreckten; Augen sah ich leuchten, wie bei verreckenden Schakalen, und mordlüstern, bluttriefend schrie das Volk: Gib uns Deine weiße Sklavin! Und wie die Erde sich wutschnaubend öffnet und das Feuer über die Länder speit, so spie diese Sklavenbrut ihre mordlechzende Rache: Aufs Kreuz mit ihr! Aufs Kreuz! Der Sonne zum Opfer! So rast nicht der Taifun, wenn er vom tiefsten Grund das Meer in den Himmel einem Spielball gleich emporwirft; so rast nicht der Samum, wenn er über meine Karawanen Sandberge schüttet; so raste nicht einmal die Sonne, als sie das Pestgift über mein Reich säete, wie das Volk da, dies eiternde Volk zu meinen Füßen. Plötzlich wurde es still. Mit abgerissenem Ruck. Wie wenn man einen rasenden Hengst über einem Abgrund mit eiserner Faust zum Stehen bringt, daß die Erde sich unter ihm aufreißt. Als hätte eine unsichtbare Sichel mit einem Schnitt das ganze Volk wie eine Roggengarbe gefällt: Auf die Terrasse, in die pestspeiende Glut der Sonne trat langsam meine weiße Königin. Ihre Augen waren geschlossen; ihr Gesicht wie im Schmerzenskrampf verzogen. Mit übers Kreuz gelegten Armen mit langsamen Schritten trat sie näher und näher. Ich wollte schreien, ich wollte auf sie stürzen, um sie zurückzureißen, aber als wäre ich in die Erde eingewachsen, an jedem Glied mit eisernen Ketten gefesselt, als wäre meine Kehle leer geworden, mußt ich stehen und sie anstarren. Jetzt blieb sie stehen, jetzt irrte zitternd ihr Fuß auf den feuerglühenden Steinen, jetzt ein gewaltsamer Ruck: sie wurde so weiß, daß sie sich in der Sonne aufzulösen schien, noch ein Ruck, noch ein Schrei, und leblos sank sie mir zu Füßen ... * Furchtbar war meine Rache. In vielen Tagen rast ich gegen mein Volk. Aber willig ließ es sich aufs Kreuz schlagen, willig warf es sich unter die Räder des heiligen Sensenwagens, mit verzücktem Glück nahm es auf alle Martern und Qualen, die ich ihm zugedacht hatte, denn der Himmel hatte sich geöffnet, kühle Winde wehten die Pest weg, und über Nacht sproß in üppigem Überfluß die Frucht hervor. Noch einmal fluchte ich der Sonne, noch einmal fluchte ich der Sklavenbrut, die sich mein Volk nannte und verschloß mich in dem dunklen Gemach mit der toten Gesteinssonne, wo Deine blassen Hände in angstflackernden Todesschauern die meinen umspannten. In diesem toten Saal werde ich Deine Harfe bluten hören, werde die glänzenden Nebel sehen, die Du einst in das dämmrige Dunkel strahltest, und Dein Herz werde ich hören, wie es in der schweren Stille pocht – pocht – pocht und mich ruft und mich lockt in Deine Heimat, zu Dir zurück, in Deine Heimat, wo die Sonne blank und safranrot wie zum Abschied scheint, wo die Meere wie blaßgrüner Opal verglühen und die Wälder in der Farbe roten Kupfers düstern. Ehe einmal der Mond seinen Lauf vollendet, wird mein Schiff seine weißen Segel spannen und mich über das Meer fahren, in meine neue Mondlichtheimat, zu Dir, meine weiße Sklavin, zu Dir zurück. Helle Nächte Und wieder einmal kam die blaue Stunde, die Stunde der großen Sehnsucht, da das Meer das hohe Lied von Dir und Mir, das düstere Leid unseres Gramgeschickes singt. Alles verschwimmt in meiner Seele; der Traum meiner Nächte fließt in den wachen Tag über; in tiefem Dunkel blühen auf nackten Bäumen schwere, goldene Blütendolden; rings auf den Felsen schlafen schwarze Schicksalsvögel, und Milliarden von Sternen säen fahles Licht in die Meeresgründe hinab.   Nie hab ich Dich so traurig gesehen.   So traurig sah ich einmal die schwarzen Felder am Allerseelentag. Der Wind fegte das faulende Laub vor sich hin, pfiff in dem dürren Gras der bereiften Wiesen, dunkel brütete die Nacht über den Gräbern, dunkel geisterten die nackten Pappeln am Wege, und durch die irre Finsternis mühte sich der winzige Schein eines fernen Hüttenfensters.   So traurig sah ich einmal die Sonne an einem Herbstabend untergehn. Den ganzen Tag troff der Regen. Unablässig rieselte er und schluchzte, löste die Seele in unruhiger Schwermut, und darüber lastete bleiern der Himmel in hoffnungslosem Brüten. Es dämmerte, aber man sah nicht die Sonne, nur ein schwaches, schmutziges Leuchten kroch am Himmelsrand hervor und verschwand.   So traurig hört ich einmal ein Lied, zerfetzt vom eisigen Winde, am Grab eines Kindes. Trockene Schneemassen wirbelten in der Luft; der schneidende Frostwind köpfte die dürren Kronen der jungen Bäume, und auf den kleinen Sarg fielen die gefrorenen Klumpen der harten Erde, fielen und stöhnten das letzte Wiegenlied.   Und so traurig sah ich einmal eine flügellahme Möwe gegen die Zeit der Meeresflut auf dem Riff einer Felseninsel sitzen. Schon wälzten sich die Wogen über das felsige Gestein, schon zerspritzte ihr Schaum an dem winzigen Riff; langsam tauchte die Insel unter in dem schäumenden Gewoge, und mit todesbanger Traurigkeit sah die Möwe den Untergang nahn. Noch einmal flog sie auf, noch einmal fiel sie kraftlos zurück, schob den Kopf zwischen die Flügel und erwartete den Tod.   In der blauen Stunde, in der letzten Glut des blutigen Widerscheins der versunkenen Sonne hab ich Dich gesehen einen Augenblick lang, denn schon flogst Du wie ein Erdschatten über den Himmel und tauchtest in das dunkle Schweigen der Nacht hinein. Du verflogst wie ein flüchtiger Erdschatten. Nur einen schweren Blick hast Du mir noch zugeworfen, einen Blick voll weinender Sehnsucht, innig und so hilflos wie die stammelnde Bitte eines Kindes. Und ich trug Deinen schweren flehenden Blick in meiner Seele wie das Echo fernster Glückserinnerung, wie den verhallenden Klang einer gesprungenen Saite und suchte Dich, suchte ...   Auf allen Meeren irrt ich herum, aber mein Schiff konnte Deine weiße Mondlichtsheimat nicht finden. Durch viele Länder bin ich gegangen, aber nie konnte ich Deinen Blick fassen, der mir in meinem Herzen wie eine blaue Wunderblume blüht.   Gib mir Deine Hand!   Einstens ehrt ich die Menschenhand. Die fernsten Räume hat sie nahe gerückt, eiserne Regenbogen über klaffende Abgründe geworfen, Berge hat sie durchbohrt, die Erde durchwühlt und ihr Gewässer in neue Betten geleitet. Den Marmor hat sie mit Leben durchglüht und in dem harten Granit ein Gewebe der zartesten Spitzen gehauen, alle Schönheit hat sie erzeugt und alle Sehnsucht erfüllt, – aber was ist mir die allmächtige Menschenhand gegen Deine zarte, schmale Hand, wenn sie sich leuchtend im Dunkel vorschiebt, wie ein schwermütiger Harfenakkord sich um mein Herz legt und über das bange Zwielicht meines Lebens die sternenselige Pracht deiner goldenen Haare breitet!   Oh, gib mir Deine Hand!   Und sieh mich an! Alle Schönheit dieser Erde hab ich gesehen. Im Schoß der Ewigkeit hab ich die ungeheuere Sonne liebend umfangen, als sie in die nackte Erde das flammende Blut des Feuers goß; die Wunder des Edens hab ich durchlebt und mich in dem Glanz gesonnt, den meine Königskrone von einem Pol zum andern in die Welt strahlte. Pyramiden hab ich gebaut und auf tausende von Meilen das Wasser der Meere in die Wüsten geleitet, – ich habe die grausige Schönheit des Ozeans gesehen, als er sich über die Himmelsränder in den Weltraum zu ergießen schien, und die Erde sah ich sich aufreißen und das All in kochender Sintflut versinken, – aber was ist mir alle Schönheit und alle Macht gegen Deinen Blick, diesen traurigen Blick, da er in der blauen Stunde auf meine Seele fiel, die Wunderblume in ihr weckte, die mit weitgeöffnetem Kelch die Sehnsucht und das Verlangen trinkt. Oh, sieh mich an, wie einmal schon am weißen Strand in der Dämmerung ... Wir schwiegen, aber unsere Seelen wuchsen, flochten sich ineinander und träumten, träumten: von der ewigen Stille, da man die Strahlen der Sterne wie verzitternde Saiten hört, – von der endlosen Klarheit, da der Himmelsrand die Erde nicht berührt und das Auge endlos und körperlos durch alle Weltenräume schweift, – von der vergessenen Pracht uralter Sarkophage, in denen stolze Königsleiber durch Jahrtausende modern, – von stillen Meeren, die abgestorben in spiegelglatter Ruhe sinnen, – von schweigenden Vögeln, die lautlos mit ewig gebreiteten Flügeln durch sonnenlose Weiten ziehen, – von toten Städten, die in schattenlosem Schweigen vom Widerscheine leben, den unsichtbare Sterne jenseits der Meere werfen.   So saßen wir versunken, dem Leben fremd, und träumten von jenen Dingen. Denn es gibt keine größere Schönheit als die tote Pracht, vom Spinngewebe umsponnen, als alte, rostzerfressene Kronen und den fahlen Glanz, den abgestorbene Dinge strahlen.   Und sprich mit mir!   Gern hört ich, wenn einst, auf der Terrasse meines Palastes im Mondenschein die fremde Sklavin mit silbernen Stäbchen die Zither schlug und eintönige Lieder sang, – Lieder, wie sie Palmen in einsamen Wüstenoasen weinen oder schlanke Zypressen an zerfallenen Gräbern bluten. Mit stählernen Flügeln rauschte mein Herz, wenn mein Heer in der todesverachtenden Wucht der Zimbeln und ehernen Hörner an mir vorüberstampfte. Lange Stunden saß ich am Meer und ließ seine königsstolzen Ewigkeitsrhythmen meine Seele durchschauern, – aber was sind mir alle Klänge, aller Rausch, und Glut und Sehnsucht dieser Lieder gegen die Musik Deiner Stimme, wenn sie sich mit der verfließenden Röte abendlicher Schwermut in meine Träume verwebt und purpurne Kränze später Herbstblumen in mein Denken verflicht!   Komm! Sprich mit mir! * Traum, Traum, Alles nur Traum! Ich sah im roten Frühlicht mein endloses Reich im Morgennebel zerfließen; die Sonne schmolz auf meinem Haupte die stolze Königskrone; in alle Winde zerstieben meine schwarzen Krieger; im goldenen Sonnenstaub lösten sich auf meine Paläste und meine Gärten, und wieder bricht sich die Brandung zu meinen Füßen, wieder ist es Nacht, die dunkle Nacht über dem Meer. [...]stert aus dem schwarzen Gewoge; zwei Sterne mühen sich mit fahlem Licht durch die Nacht und versprühen glitzernden Reif auf den Sturm des Meeres. Um zwei Sterne wachsen rotglühende Dunstringe; sie wachsen, ballen sich zu Wolken, wogen hin und her über den Himmel, und zwei Sterne werden zu zwei riesigen Feuerherden. Sie ringeln sich tief wie zwei Vulkankrater in den Himmel hinein, zerfetzen die Nacht in flackernde Purpurstreifen, und in sprühender Rutenschwingung schießen Feuerströme ins Wasser hinab. Einen Augenblick steht das Meer in hochgereckten Flammenbränden, wirft seine feuerstrotzenden Arme in den Himmel hinauf, wälzt sich an den Rändern an ihm empor, und von allen Seiten saugt der Himmel die kochende Brandung in sich auf. Und mitten in dem Brand des Alls seh ich Dich mit weitgestreckten Armen mit flackerndem Haar, das wie eine Flut von Kometenschweifen über den Himmel fliegt. Langsam erlischt das Wunder; der Himmel verglüht, und auf dem Dunkel des Meeres verzittern zwei fahle Sterne wie glitzernder Reif. Aber Dich seh ich noch immer, hochgereckt, leuchtend wie damals, da Du auf meinen göttlichen Machtspruch aus dem Urwillen entstanden warst: denn Ich war Gott!   Ich war der Werdewille jeglicher Erde, durch den sie sich ewig neuformte und neugestaltete. Ich war der Scheidewille, durch den sich das Wasser vom Lande trennte. Ich war der lenkende Gedanke, der den Sternen unverrückbare Bahnen gezeichnet hat. Ich war das Herz des Alls, und von meinem Blute lebte das All. Die Sonne war ich, und um mich sausten im gleichmäßigen Lauf die Erden. Ich war die Macht der Zeit, die das Feuer erstarrte, die Felsen verwitterte und fruchtbares Land bildete. Ich war die weise Vorsehung, die den Mutterschoß für die Lebenskeime bereitete. Bis die Zeit kam, da mein Schöpferwille erlahmte; meine Gedanken irrten über den Ozeanen und entspannten mit ihren Flügeln einen trüben Himmel über dem All, oder hockten wie müde Möwen beieinander und sahen sehnsüchtig in die endlosen Lichtfernen. Und wenn ich in weißem Licht mein Werk badete, wenn ich alle Fernen in blauen Dämmerungsnebeln auflöste, wenn ich des Tages müde das Licht löschte und die Welt in den finsteren Grüften der Nacht begrub, wenn Ewigkeiten und abermals Ewigkeiten über meine Seele liefen, da fühlte ich in dunkler Ahnung, daß noch eine Sehnsucht, noch ein Verlangen in mir auf das Werde harrte. In endlosen Nächten träumt ich von der Vollendung meines Werkes, von der Erfüllung all meiner Kräfte: aber vergebens hab ich Welten zerstört und aus den Scherben neue geformt; vergebens schüttelte ich die Sterne durcheinander und warf sie auf neue Bahnen; vergebens kehrt ich um und um die Ordnung der Dinge, machte Tag zur Nacht, verlöschte das Licht und entzündete es von Neuem: unbefriedigt und gleichgültig sah ich zu dem fruchtlosen Spiel. Da endlich kam die Stunde, da das Wort zum Körper wurde, mein Wille strotzte von nie gekannter Kraft, und in der Nacht des großen Wunders schulterte die Welt von meinem Donner: Werde!!   So bist du entstanden!   Und von dem Urquell meiner Macht strömte endlos die göttliche Gnade in Deine Seele über. Sie breitete sich über die Erde; mit tausend Sinnen erfaßte sie mein Werk, durchdrang seine tiefsten Heimlichkeiten, bannte die Sterne in ihrem Lauf, erriet das fernste Schicksal. Deine Macht glich der meinen, denn alle Schönheit und alle Kraft hab ich Dir gegeben. Und Du warst auf Erden, was ich im Himmel war. Mit liebenden Händen schüttete ich auf Dich herab den Glanz der Sterne und die verträumte Lichtflut blasser Mondscheinnächte, einen neuen Himmel hab ich über Dir entspannt, regenbogenfarbne Lichtferne vor Deinen Augen gebreitet, und die nackte Erde verwandelte ich in ein Paradies. Mit vollen Händen warf ich den Samen in die Frühlingserde. Und wo einst nackte Berge durch Jahrtausende verwitterten, blühten jetzt endlose Zaubergärten auf. Wo einst wilde Stürme hohe Sandberge in den Himmel warfen, breiteten sich jetzt herrliche Wiesen und reiche Weidentriften; und wo noch vor kurzem gespenstische Schluchten und Riffe geisterten, schossen jetzt jungfräuliche Palmenwälder empor. Die nackten Felsenwände rankten sich üppige Weinberge hinauf; schlüpfrige Moortriften bedeckten die breiten Blätter und Blüten gelber Seerosen, und die Abgründe hinab fielen dichte Efeugeflechte. Aber vergebens entfacht ich am Himmel immer größere Wunder; vergebens erschöpfte sich meine Macht, um immer selteneren Reichtum aus der Erde hervorzuzaubern. Abwesend und gleichgültig sahst Du zu der endlosen Folge von Zeugen und Sterben, dem endlosen Wechsel von Wachstum und Vergehn. Still und traurig sah ich Dich in dem milden Duft der Abendröte in den Zaubergärten zwischen schwarzen Palmen wie mattes Irrlicht gleiten. Still und traurig sah ich Dich die Bergabhänge hinabschweben, wie aufgelöst in weißen Nebelleuchten. Ich sah Dich am Meeresstrande träumen, versunken in die nächtlichen Lieder des Meeres, die am Ufer schlaftrunken verhallten. Und wenn auf den Gipfeln der Berge alle Feuer erloschen, wenn über den Gärten und Wäldern das letzte Licht verzitterte und im Schweigen der Nacht jeder Ton verglühte, dann kroch zaubernd das Meer zu deinen Füßen; langsam umspülten Dich lockend seine Wellen, und trugen Dich auf das jenseitige Ufer zu neuen Gestaden. Wie im Traum gingst Du auf dem Meer. Deine Augen, weitgeöffnet, starrten fremd in dunkle Fernen, und über den Wellen schleiftest Du die leuchtende Flut deiner goldenen Haare. * Einsam irrtest Du umher, und Dein Herz welkte in Sehnsucht wie eine Blume in der Hitze der tropischen Sonne. Verlangend streckten sich in Deinen Träumen die blassen Hände nach dem unsichtbaren Gott, der die Pracht und den Überfluß dieser Erde Dir zu Füßen geworfen hatte. Verlangend suchten deine Augen den Gott, den Du in dem Duft deiner Gärten atmetest, den Du in der Melodie der Ozeane trankst, den Du mit dem Licht, das Dich umströmte, in alle Fernen strahltest. Und als wieder einmal Dein Haar über dem Meere wie blasses Mondlicht flimmerte, da fiel die Nacht von Deinen Augen, und Du sahst mich, Deinen Gott, am jenseitigen Ufer. Einen Augenblick bliebst Du stehen im schauernden Glück; einmal noch entflammte sich meine göttliche Liebesgnade wie eine junge Sonne um Deine Stirn, und plötzlich, als hätte er sich in der Abendröte aufgelöst, zerfloß Dein Körper. So verzittert der Tau, wenn der Morgenwind über die Wiesen streicht. So verhallen am Ufer die letzten Wellenakkorde, wenn ein fernes Ruder in die glatte Abendflut des Meeres eine Furche reißt. So verglüht in tiefer Finsternis der leuchtende Schweif eines fallenden Sternes, und so verfließt in der Dämmerung die Sintflut trunkener Farben, wenn die Nacht am Himmel das Schweigen entspinnt ... * So träum ich oft den Uranfang für Dich und mich, träume lange Stunden hindurch, suche Dich und verlange nach Dir. Du verloschest wie ein Irrlicht, verflogst wie Nebel in der ersten Frühlichtsstunde. Vielleicht bist Du gestorben und thronst unerreichbar über allem Zorn und allem Schmerz des Lebens, aber noch immer tastet sich Dein Blick irrend in meine dunkelsten Seelengründe, noch immer singt Deine Stimme mir ins Herz die schwermütigen Sterne hinein, die einst über unserem Glück glitzernden Reif versprühten. Oft seh ich Dich am Rande meines Bettes sitzen und mit traurigem Lächeln mir in die halbwachen Augen starren. Deine schluchzende Hand streichelt meine Haare. Deine Lippen ruhen abendmild auf meiner Stirn, und Deine Augen trinken Verlangen an meinem Blut. Oft seh ich Dich auf dem schäumenden Kamm der Wellen liegen, wenn die Flut gegen den Mittag die Ufer stürmt. Wie diamantner Reif glitzert im Licht der weiße Schaum auf den goldenen Strähnen Deines Haares. Oft seh ich Dich in Mondscheinnächten auf den Klippen fern im Meere sitzen und singen – singen in den steppenweiten Rhythmen der Sterne, die mit tausendfach gebrochener Strahlenflut Deine Füße liebend umschmeicheln. Dann schmilzt der Mond auf Deinem Haupte; sickert, aufgelöst in perlendem Sprühregen, durch die Seide Deiner Haare und tropft in dünnen Silberstrahlen in das Wasser hinab. Und lächelnd, verträumt, wirfst Du mit beiden Händen den flimmernden Silbertau des geschmolzenen Mondes in das andächtige Schweigen, das um Dich kauert. Unablässig wirfst Du den Demantstaub in die Goldflut der Sternenstrahlen, die sich tausendfach in dem Meer zu Deinen Füßen bricht, und langsam erblüht rings um Dich in flirrender, funkensprühender Pracht der Hochzeitsring des Meeres. Schaukelnd umspült er Deine Füße, löst sich los vom Meer, wächst flimmernd an Dir empor, windet sich wie ein kostbares Band um Deinen Leib, strömt hinauf, verflicht sich in Dein Haar und schlingt sich wie ein Diadem, geschweißt aus Mondlicht und Sternengold um Deine Stirn. Doch wenn ich die Anker meines Schiffes lichtete, wenn ich die Segel spannte, um zu Dir, Du Meeresbraut, hinauszufahren, sah ich Dich in der leuchtenden Ferne verzittern, sah Deinen schwarzen, langen Blick verglimmen, und Dein Haar sah ich, wie es über dem Meer den demantenen Tau des Mondlichtes und den goldenen Reif der Sterne versprühte ... * Die Sterne verblühen, das Meer wacht auf, und wie ein Traum des versunkenen Glücks klingt in meiner Seele Dein schwerer Blick. Die Rosen verwelkten, und ihr Duft verzittert in dem blauenden Schweigen des Frühlichts, und von dem Dornenstrauch fielen weiße Dolden herab, wie Töne, die eine unsichtbare Hand von einer Harfensaite reißt. Das Meer wacht auf, flammendes Rot des Ostens weckt den Tag, und wie ein Erdschatten gleitest Du über den Himmel hinweg. Auf allen Meeren hab ich Dich gesucht, alle Länder hab ich durchforscht und konnte Dich nicht finden. Und doch saßt Du einmal neben mir auf dem Himmelsthron über den Wolken. Die Milchstraße war zu unseren Füßen, und die Strahlen aller Welten verflochten sich zu Glorien der Allmacht um unsere Häupter, und unser Blick trank in der heiligen Ruhe des Gottseins die unbefleckte Schönheit des Alls. Mit Dir zusammen hab ich das Paradies verloren, und umheult von Sturmorkanen, umschrien von Blitzen, die in dem schwarzen Himmel meine düsteren Schicksalsrunen rissen, trug ich Dich, Du armes Kind, und suchte, wo ich Dich betten könnte. Und wieder hast Du mit mir über Völker und Länder geherrscht; auf Deinen Wunsch schickte ich Tausende meiner Sklaven ins Verderben, damit sie zu Deinen Füßen seltene Schönheit breiten; Städte habe ich brennen lassen, wenn Du das Dunkel scheutest, und Städte ließ ich schleifen, damit Du meine Schiffe sehen könntest, als sie mit siegreichen Fanfaren in den Hafen einliefen. An meiner Seite sahst Du in die brechenden Augen des gekreuzigten Nazareners. Auf meinen Armen trug ich Dich aus der ewigen Stadt, da Horden der Barbaren flammende Fackeln in die heiligen Tempel warfen. Und Du rittest neben mir, als ich hinauszog, um das heilige Grab mit meinem Blut zu weihen. Und so weit meine unsterbliche Seele zurückdenkt, seh ich Dich immer neben mir. Tausendmal sprengte sie die Gruft meines Leibes und verkörperte sich von Neuem, aber immer war ich mit Dir zusammen. * Und nun weiß ich es! Ich war kein König, ich war kein Gott, und nie hab ich den einsamen Strand verlassen, an dem meine Hütte steht. Nun weiß ich es: An diesem Strand lebten wir unser größtes Glück; wie stolze Königskinder irrten wir auf nie betretenen Pfaden und pflückten seltene Blumen in zerklüfteten Schluchten. An diesem Strand fühlt ich Deine Hand heiß und glücklich in der meinen brennen; hörte Dein stilles Lachen in finsteren Nächten glühen, und Deine Träume schlugen an mein Herz wie weiße Vögelfittiche. Ich war kein Gott, ich war kein König, denn von Urbeginn an war ich der Sohn des Meeres und Du Geliebte ein unerreichbarer Traum, den die schönheitstrunkene Mondnacht auf den leuchtenden Fluten singt. Am Meer Und wieder kam die blaue Stunde, die Stunde der großen Sehnsucht, da das Meer mir das hohe Lied von Dir und Mir, das düstere Leid unseres Gramgeschickes singt. Und wieder lebe ich durch die große Nacht des Wunders, da zuerst Dein langer, schwerer Blick sich in die dunkelsten Tiefen meiner Seele senkte und ihr die tiefsten Rätsel meines Uranfangs entschleierte.   Nacht über dem Meer! Der Dampfer stampfte ächzend durch den Sturm, und gegen die Scheiben der Kajütenfenster klatschten die Sturmwogen. Ich dachte an meine ferne Heimat, an ihre öden Stoppelfelder in dem Zauberglanz der herbstlichen Mondnächte; dachte an das kahle Storchnest, das ich einst als Knabe auf die höchste Spitze der Pappel gebaut, und das nie ein Storch bezogen hat; ich dachte an die schaurigen Märchen, die mir unsere alte Magd erzählte, wenn sie an den endlosen Winterabenden Flachs spann ... Der Dampfer stampfte und ächzte. Mir gegenüber spielten ein paar Passagiere Karten, rings auf den Polsterbänken schliefen Menschen; ich horchte auf den heulenden Sturm da draußen, horchte auf das eintönige Gepolter der Maschine und – schrak plötzlich zusammen. Ich sah starr auf mich hergerichtet ein kleines mondlichtblasses Frauengesicht, mit Augen – Augen ... Ich sah nicht ihre Form, auch nicht ihre Farbe; ich fühlte nur, wie sie mit weichen, flehenden Händen sich um mein Herz legten, wie sie es lockten und in ein fiebriges Klopfen küßten. Einen Augenblick sah ich es um ihre Lippen zucken, als wollte sie mir Etwas sagen, als müßte ich ihr etwas sagen; aber nur einen Augenblick lang. Ihr Gesicht wurde wieder stumm und kalt. Nur ihre Augen glühten sich noch tiefer in mein Herz hinein. Es riß mich aufzustehen und dem Blick zu folgen. Und ich wußte: würde ich aufstehn, würde er vor mir, dicht vor mir wie ein Stern dahinschweben und mich über alle Meere, alle Stürme führen. Ich weiß nicht, wie lange wir uns anstarrten. Ich weiß nicht, war ich wach? Träumte ich? Aber da brach schon das Licht in ihren Augen, sie schlossen sich, und ihr Gesicht sank wieder auf das Polster zurück. * In dem Menschengewühl auf der Landungsbrücke habe ich sie verloren. Und ich suchte sie – O! wie ich sie suchte! Nie früher hatte ich sie gesehen, aber von Urbeginn an waren wir zusammengewesen. Und vom Morgen bis in die späte Nacht hinein suchte ich ratlos auf allen Straßen der großen Stadt. Tage lang. In jedem Weibe glaubte ich sie zu sehen, durch jedes Fenster sah ich sie nach mir ausspähen, immer den Blick mit der brennenden Frage, ob ich nicht kommen, nicht folgen würde. Und ich sah diese Augen, wie sie weit und licht wurden; ich sah sie rotglühen wie glimmende Kohlen, sah sie strahlen wie das weiße Licht elektrischer Lampen, und oft am nächtlichen Strand sah ich regenbogne Farbenringe um sie kreisen, wie man sie um Gaslichtflammen durch bereifte Scheiben sieht. Und je länger ich suchte, wuchs die Strahlenglorie um die verglühenden Blicke des Doppelgestirns. Über den ganzen Himmel hin sah ich zwei ungeheure Flammenscheiben erblühen und an dem Saum der Erde im roten Dunst verzittern, bis endlich die zwei Augen wie zwei Blutsonnen ins Meer tauchten – unerreichbar ... * Ich ging in schweren Träumen. Vielleicht würde ich gesunden, wenn ich diese Augen töten könnte! Ich ging und dachte an ein andres Augenpaar. Zwei Menschenaugen auf einer goldenen Schüssel starrten mich an: das war Johannes der Täufer. Oh, mit welcher Lust stach sie hinein, die Königstochter mit einer goldenen, spitzen Nadel! Jäh schossen zwei dünne Fäden Blut hervor, die Augen weiteten sich im Schmerzenskrampf, schrien auf und brachen. Wild jauchzte die Königstochter auf, denn nun brach der Liebesbann. So träumte ich und ging und suchte.   Da hörte ich am nächtlichen Strande eine lange, lauernde Stimme, voll lockender Rätsel und schmeichelnder Heimlichkeiten. Eine Stimme war es, deren Klang mir keinen Anfang hatte und ohne Ende in die Ewigkeit strömte; eine Stimme, die im Ewigkeitsringe in sich selbst zurückfloß. Nun erst wußte ich! Das war die Stimme, die aus den Augen blutete, nach denen ich suchte. Das Meer war es: Das hatte damals seinen Blick in meine Seele gesungen. Und diese Stimme, die jetzt mein Herz in alle Fernen lockte, die hatte auch in ihre Seele den Sternenblick hineingesungen, die Stimme des Meeres – den Blick ins Paradies der Ewigkeit ... Denn dieses Paradies singt nur das Meer!   Nie früher hatte ich es gesehen, obgleich mein Herz oft auf der Sintflut seiner Nebel träumte; nun wußte ich, daß es seit Urbeginn mit mir zusammengewesen war, Blut von meinem Blute, Wesen von meinem Wesen, mein Kind, meine Schwester, mein Weib: – das Meer. Kein Sterblicher hat es geliebt, wie ich es liebe. Oh, dieses Wunder über alle Wunder, das meergewordene Wort der Schöpfung.   Ich liebe es im witternden Zwielicht des werdenden Tages, wenn es still und glatt sich in zwei Meere teilt. Ich sehe, wie die stille Fläche sich am Horizont emporschiebt, wie sie sich mit dem Himmel vermählt; mit breiten purpurnen Zungen an seinem Dunkel sich emporleckt, weit empor – ich sehe über dem himmelgewordenen Meere rote Paläste und Wundergärten erblühn, zu allen Seiten phantastische Formen sprießen: zerfetzte riesige Farenkräuter, kristallklar gegliederte Palmenblätter, Orchideenkelche, die den ganzen Osten mit glühenden Schweifen peitschen.   Ich liebe es an den stillen Mittagen, wenn die Sonne über das Wellengekräusel ihren Diamantstaub schüttet, wenn Milliarden und Abermilliarden winziger Kristalle in tollem Geflimmer mit stechenden Lichtern über den großen Mutterschoß tanzen.   Ich liebe es, wenn die Windsbraut es aufwühlt und seine Wogen über den Horizont hochbuchtet und schwer wie Steingeröll in wildem Ringkampf ans Ufer wälzt.   Aber über Alles lieb ich es, wenn die Ewigkeit die schwere Trauer des Abendrotes über seine brütende Schwermut blutet: Da lieb ich es am meisten und sitze stundenlang und horche: * Um ewig stille, schneebewachsene Höhen wälzt die Nacht in schwarze Tiefen ihre dunkle Last. Die Felswand hinab, in tauber Ruhe, behüten Schatten das stille Sonnengrab. Schon glüht das Schweigen um die Felsengründe, schon spinnen Sterne über dem Wasser ihre ersten Träume, schon buchtet sich das Meer mit leuchtenden Nebeln die Himmelssäume hinauf:   Vergiß, Herz, vergiß!   Und aus der Blume der Ewigkeit, die auf dem Schnee der gipfelhehren Berge wächst, blüht ein dunkles Lied über das Meer. Tastend strömt es über die Flut, gleitet mit leisen Fingern über ihr Gekräusel wie über Perlen eines Rosenkranzes, schon glänzt es über alle Weiten:   In hundert Jahren ist alles vergessen!   Und die Andacht des Meeres, das Licht, das seinen Gründen entquillt und sich vom Himmel aus Sternenkelchen ergießt, das Lied der Berge, das seine Kränze von Ewigkeit zu Ewigkeit flicht, dies Alles nur Ein Ton, Ein Traum, Ein Glück:   Alles vergessen!   Und nun breitet meine Seele ihre traumschweren Flügel, – von einem Himmelssaum zum andern umfängt sie das Meer mit schlaftrunkenen Armen, und Herz an Herz ruhen wir Beide, Ich und das Meer. * Denn nie noch hat das Meer je einen Sterblichen geliebt, so wie es mich liebt. Denn meine Seele ist das Meer. Dieselben uferlosen Formen, dieselbe schäumende Freiheitspracht, derselbe Aufruhr und Überschwang. Und das Meer verlangte nach mir, und lange Jahre lebte ich mit ihm allein zusammen, und träumte mein Herz mit seinen Melodien in den Schlaf und wuchs erwachend mit seinem Morgenrot in den Himmel hinauf.   Aber Einmal, als die Abendstunde kam und das Meer seine heilige Nachtmesse zu singen begann, sah ich sie kommen, das Weib mit den Sternenblicken, das Weib mit der Stimme des Meeres, das Weib, nach dem ich einst gesucht hatte. Wie eine Sturmtaube kam sie, eine verirrte Möwe, die endlich ihre Heimat findet. Über Tausende Meilen, über Flüsse und Berge war sie gekommen, dem Abendsterne folgend, der im Osten des Meeres scheint. Und als sie aus dem Walde trat, der an den Ufern des Meeres wächst, stürzte sie langhin auf ihr Gesicht und weinte lautlos: Das warst Du! Und ich nahm Dich auf meine Arme und trug Dich in meine Hütte. Deine Füße waren von der harten Wanderung wund und bluteten. Und ich wusch Deine Füße und küßte die heiligen Wundmale. Wir blieben zusammen.   Um uns schrien lautlos die Blitze ...   Aber das Meer grollte. Denn in den Stürmen unseres Glückes vergaßen wir seine Schönheit. Und Einmal in einer dunklen Herbstnacht, als wir in unsrer Hütte mit heißen Lippen lachten, hörten wir das Meer aus allen Schlünden aufbrüllen. Unsere Hände lösten sich jäh, und mit Entsetzen starrten wir durchs Fenster. Höher als höchste Tannengipfel wuchsen zwei Sturzwellen aneinander empor, überschlugen sich, und bäumten von Neuem hoch, und wie das Todesgewimmer verreckender Tiere scholl durch den Donner des Meeres ein Lärm von Notpfeifen und Nebelhörnern ... Wir stürzten hinaus. Auf der Gipfelspitze einer Woge sahen wir ein Boot aufwirbeln und verschwinden. Wir standen und starrten ... ein paar Trümmer von Menschenleichen, zerbrochenen Planken tanzten auf dem Getose. Und über dem Aufruhr des Meeres, wie ein verglimmender Span, stand fern im schwarzen Nebel der dünne Strahl des Leuchtturms ... Wir kehrten stumm in unsre Hütte zurück. Die ganze Nacht lang sprachen wir kein Wort. Aber ich fühlte Deine Augen mit kranker Trauer durch die Finsternis glühen ...   Seit dieser Nacht wurde unsere Liebe scheu und siech. Und einmal in einem schweren Wintersturm, als der Zorn des Meeres mit Schwefelblitzen und Donnerkeilen auf unsre Hütte regnete, da flog meine Sturmtaube weit hinaus, weit, allein und tauchte ins Meer. Und da glättete sich das Meer zu alter Schönheit und alter Versonnenheit von einem Pol zum anderen, denn es hatte sein Herz wiederbekommen.   Denn Dein Herz war das Herz des Meeres. Das hat mir das Meer selbst gesagt. Denn als Einmal meine Seele sich in Trauer über dem Meere auflöste, fühlt ich plötzlich ein Herz um mich flattern, gegen meine Brust klopfen. Ich sah es, wie es über dem Meere flog und untertauchte, wie es sich hochwarf, und wieder fühlte ich sein fiebriges Klopfen, wie den Flügelschlag eines Vogels im Todeskampf. Entsetzt fing ich an zu pfeifen, schreien, lachen, um die Angst zu betäuben, aber immer stärker fühlte ich es um mein Gesicht schlagen und gegen meine Brust klopfen. Und das Herz wächst, wächst, springt, zerreißt die Nacht und taucht jäh ins Meer. Jetzt klopft es: die ganze Erde und bebt und schüttert, das Herz wühlt in der Erde. Breit öffnet sich der Meeresgrund, und alles Blut der Erde, alle Flüsse und Seen und Ozeane strömen zum Erdenherzen zurück. Aus meinem Blute wachsen lange, zitternde Gespensterhände der Sehnsucht. Ich fliehe auf die höchsten Berge, und auf mein Machtwort stürzen von allen Höhen Schneelawinen in die Meeresgründe herab: bis dort, wo noch vor kurzem weit das Wasser glänzte, jetzt eine unendliche Schneefläche blaut. Denn so hat mir meine Sehnsucht gesagt, daß ich in der schwarzen Nacht wenigstens ihren Schatten sehen müßte auf dem Schnee, wenn sie über die Welt schwebt. Aber ich sah keinen Schatten. Und auf mein Machtwort wälzen alle Gletscher der Erde ungeheure Eisfladen herab, und in trübem Opal grünt das Eis über dem Schnee. Denn wieder hat mir die Sehnsucht gesagt, daß ich in der schwarzen Nacht sehen müßte, wie über dem leuchtenden Eise eine Flamme aufblüht, wenn noch ihr Herz für mich schlägt. Und sieh: eine feine Feuerflamme züngelt auf, breitet sich; wie Lauffeuer wälzt sie sich über die Eisflächen – und Schnee und Eis in einem Nu ein Feuermeer; das Erdenherz erbebt von Neuem und wirft sein heiliges Blut empor. Und wieder glänzen die Nebel, wieder glüht das Schweigen in Mondlichtstreifen um die Himmelssäume, und wieder tropft das Sternenlicht in zitternden, millionenfach verrinnenden Silberadern bis auf den Grund hinab.   Nie hat das Meer mich geliebt, wie seit jener Zeit. Alle seine Heimlichkeiten hat es mir offenbart: seinen Blick, seine Stimme, sein Herz. Nichts vertrug es mehr auf seinen Wogen; wie schlecht geleimte Kästchen zerriß es tausend Panzerschiffe Mir zum Opfer, und Abertausende von Menschengerippen bedeckten den Strand meiner Felseninsel. Nur Ich, Ich allein, der Sohn des Meeres, der Sohn seiner Rätsel und Stürme durft es noch befahren. Und in einer dunklen Nacht fuhr ich hinaus. Das lange, schmale Boot tanzte wie ein Kreisel um sich selbst herum. Von einer Woge zur andern sprang es über weite Abgründe, stürzte von Tiefe zu Tiefe, wie ein Tropfen von Berg zu Tal, wie Gischt von Tal zu Berg geschüttelt. Ich schrie vor Entzücken über das herrliche Spiel, das das Meer mit seinem Sohne trieb. Da wurde es still. Nur eine Sekunde lang. Das Meer lag spiegelglatt. Und da sah ich mein Boot auswachsen; ich fühlte, wie es zu leben begann, ein warmer, blutdurchzuckter Tierkörper wurde. Zu beiden Seiten buchtete das Meer sich hoch, und die gebuchteten Meeresflächen wuchsen in den Körper hinein; zwei ungeheure Flügel entschwangen sich; ich saß auf dem Rücken eines Riesenvogels. Ein Schwingenschlag – und langsam löste sich das fleischgewordene Meer vom Grunde. Noch ein Schwingenschlag und ich sah tief hinab auf einen verglühenden Stern: die Erde ...   Und wieder wälzt die Nacht um ewig stille, schneebewachsene Höhen in schwarze Tiefen ihre dunkle Last. Die müde Glut der Sonne verlischt am Himmelsrand, kühl wölbt die Ruhe sich empor, und wie ein Ewigkeitsschauer kommt das Wetterleuchten. Erdfern fliehen die Räume, die Seele wirkt auf dem Wasser aus Sternenstrahlen glitzerndes Gewebe, und durch alle Nähen und Weiten flammt ewigkeitswitternd mein Frühlichtstraum: In hundert Jahren ist Alles vergessen. Versprüht ist die Freude, versunken das Glück. Längst schon verwitterte das Leid. Nur das Meer bleibt, und meine Liebe bleibt, die aus der Tiefe ihrer dunklen Gramgeschicke flammende Traumbrände wirft. Und wieder breit ich meine sturmsatten Flügel um seine Ufer; mit sehnsuchtseligen Armen umfasse ich sein Dunkel und sauge und trinke mein Ewigkeitsglück, mein schweres Glück – Das Meer! Mein Meer!   Christianiafjord und Plaza dela Mera 1898/99.