Kardinal Wiseman Fabiola oder Die Kirche der Katakomben Haec Sub Altari Sita Sempertino, Lapsibus Nostris Veniam Precatur, Turba, Quam Servat Procerum Creatrix Purporeorum. Prudentius. Erster Teil. Frieden. Erstes Kapitel Das christliche Haus Wir bitten unseren Leser, uns an einem Nachmittage im September des Jahres 302 durch die Straßen von Rom zu begleiten. Die Sonne hat den Meridian längst überschritten, und es sind ungefähr noch zwei Stunden bis zu ihrem Untergange. Der Tag ist wolkenlos, die Hitze ist vorüber, die Menschen entströmen ihren Häusern und schlagen den Weg nach den Gärten Cäsars auf der einen Seite oder nach denen des Sallust auf der anderen Seite ein, um die Kühle des Abends auf einem Spaziergange zu genießen oder die Neuigkeiten des Tages zu hören. Aber jener Teil der Stadt, nach welchem uns zu begleiten wir unseren freundlichen Leser bitten, ist der, welcher unter dem Namen Campus Martius bekannt ist. Er umfaßte die flache, angeschwemmte Ebene zwischen den sieben Hügeln des älteren Rom und dem Tiber. Vor dem Ende der republikanischen Periode hatte man begonnen, dieses flache Land, welches einst für die athletischen Übungen und kriegerischen Spiele des Volkes frei und offen gelassen worden, mit öffentlichen Gebäuden zu bebauen. Pompejus hatte dort sein Theater errichtet: bald darauf erbaute Agrippa das Pantheon und die daran grenzenden Bäder. Aber nach und nach entstanden dort auch Privatwohnungen, während die Hügel – in der ersten Zeit des Kaiserreichs der aristokratische Teil der Stadt – nur für größere Bauwerke benützt wurden. So wurde der Palatin nach Neros Feuersbrunst fast zu klein für die kaiserliche Residenz und den daran stoßenden Cirkus Maximus. Der Esquilin wurde von den Bädern des Titus usurpiert, welche auf den Ruinen des Goldenen Hauses erbaut wurden; der Aventin von denen des Caracalla; und zu der Zeit, von welcher wir schreiben, bedeckte der Kaiser Diocletian einen Raum, welcher für manches herrliche Wohngebäude hingereicht haben würde, durch die Errichtung seiner Thermen (heiße Bäder) auf dem Quirinal, nicht weit entfernt von den oben erwähnten Gärten des Sallust. Die besondere Stelle auf dem Campus Martius, nach welcher wir unsere Schritte lenken wollen, ist eine, deren Lage so bestimmt ist, daß wir sie jedem, der mit der Topographie des alten oder neuen Rom bekannt ist, ganz genau beschreiben können. In den Zeiten der Republik lag inmitten des Campus Martius ein großer viereckiger Platz, der von einem Bretterverschlag umgeben und in Hürden abgeteilt war; hier wurden die Comitia oder Zusammenkünfte der verschiedenen Volksklassen abgehalten, um ihre Stimmen abzugeben. Dies wurde die Septa oder Ovile genannt wegen ihrer Ähnlichkeit mit einer Schafhürde. Augustus brachte einen Plan, welchen Cicero in einem Briefe an Atticus Band 4, Br. 16. beschreibt, zur Ausführung, indem er dieses häßliche Machwerk in ein prächtiges und festes Gebäude umwandelte. Die Septa Julia , wie sie fortan genannt wurde, war ein herrlicher Portikus von 1000 Fuß Höhe zu 500 Fuß Breite, von Säulen getragen und mit Gemälden geschmückt. Noch heute sind Spuren ihrer Ruinen vorhanden; sie stand auf dem Platze, wo sich in unseren Tagen die Paläste der Dorias und der Verospis (also an dem heutigen Corso entlang), das Collegio Romano, die Kirche des heiligen Ignatius und die Kapelle der Caravita erheben. Das Haus, in welches wir den Leser bitten, uns zu folgen, liegt gerade gegenüber und auf der östlichen Seite des Gebäudes (auf seiner Grundfläche erhebt sich heute die Kirche des heiligen Marcellus), von wo es sich bis an den Fuß des Quirinals hinzog. Man sieht also, daß es eine sehr beträchtliche Fläche bedeckte, wie es damals der Fall war mit den Häusern der vornehmen Römer. Von außen bietet es nur einen leeren und toten Anblick. Die Mauern sind nackt und schlicht ohne architektonischen Schmuck, nicht hoch und fast ohne Fenster. In der Mitte der einen Wand dieses Vierecks befindet sich eine Thür, in antis, das heißt, nur hervorgehoben durch ein tympanum oder einen dreieckigen Fries, welcher auf zwei Säulen ruht. Indem wir von unserem Vorrecht der unsichtbaren Allgegenwart Gebrauch machen, wollen wir mit unserem Freund oder unserem »Schatten« wie man ihn in alten Zeiten genannt haben würde, eintreten. Jetzt treten wir durch den Porticus, auf dessen Pflaster wir mit Freuden den Gruß »Salve« oder Willkommen in Mosaikschrift lesen, und befinden uns im Atrium oder dem ersten Hofe des Hauses, welcher von Kolonnaden umgeben ist. In der Mitte des marmorgepflasterten Hofes springt sanft murmelnd ein Strahl klaren Wassers, durch den Aquaduct des Claudius von den Hügeln Tusculums hierhergeleitet, in die Luft empor, bald höher, bald niedriger, und fällt dann in ein großes Bassin aus rotem Marmor, über dessen Rand es sich in weiß schäumenden Wellen ergießt und einen seinen Tropfenregen auf die herrlichen, seltenen Blumen, welche in kostbaren Vasen umherstehen, stiebt, bevor er in den größeren unteren Behälter fällt. Unter den Kolonnaden stehen reiche und eigenartige Möbelstücke umher; Ruhebetten, welche mit Silber und Elfenbein eingelegt sind; Tische aus orientalischem Holz, auf welchen Kandelaber, Lampen und andere Hausgeräte aus Bronze und Silber stehen; fein gemeißelte Büsten, Vasen, Dreifüße und herrliche Kunstgegenstände. An den Wänden sind Gemälde, augenscheinlich aus einer früheren Zeit, welche indessen noch ihre ganze Farbenpracht und die Feinheit der Ausführung bewahrt haben. Diese werden unterbrochen durch Nischen, in welchen sich Statuen befinden, die ebenso wie die Gemälde mythologische und historische Gestalten und Scenen darstellen. Aber wir können nicht umhin zu bemerken, daß sich dort nichts befindet, was das Auge ober das zarteste Gemüt verletzen könnte. Und daß dies nicht nur das Resultat des Zufalls, beweist hier und dort ein verhängtes Gemälde, eine leere Nische. Da das gewölbte Dach außerhalb des Säulenganges ein großes Viereck läßt, welches sich nach dem Centrum hin öffnet, impluvium genannt, so ist ein Vorhang oder Schleier von dunklerem Stoff darüber gezogen, welcher sowohl Regen wie Sonne ausschließt. Daher setzt uns nur ein künstliches Zwielicht in den Stand, alles das zu sehen, was wir soeben beschrieben haben, aber es verleiht dem, was dahinter liegt, auch eine um so größere Wirkung. Durch einen Bogengang, gegenüber dem, durch welchen wir eingetreten sind, erhaschen wir einen Blick in den inneren und noch prächtigeren Hof, welcher mit buntfarbigem Marmor gepflastert und mit glänzenden Vergoldungen geschmückt ist. Da der Schleier, der die obere Öffnung bedeckt, welche hier jedoch mit dickem Glase oder Talkschiefer ( lapis specularis ) geschlossen ist, halb zur Seite gezogen worden und einen hellen jedoch milden Strahl der Abendsonne einläßt, sehen wir zum erstenmal, daß wir uns nicht in einer verzauberten Halle, sondern in einem von Menschen bewohnten Hause befinden. Neben einem Tische, welcher gerade außerhalb der Kolonnaden von phrygischem Marmor steht, sitzt eine Matrone, welche die Mitte des Lebens noch nicht überschritten hat; ihre edlen und doch so milden Züge zeigen Spuren von schwerem Leid und Kummer, welcher sie vielleicht in früherer Zeit betroffen hat. Aber ein mächtiger Einfluß hat die Erinnerung daran geschwächt oder sie durch süßere Gedanken gemildert. Und diese Gedanken und jener Einfluß herrschen schon lange vereint in ihrem Herzen. Die Einfachheit ihrer Erscheinung kontrastiert seltsam mit dem Reichtum, welcher sie umgiebt. Ihr Haar, das bereits mit Silberfäden durchzogen, ist unbedeckt und durch keine Kunst entstellt. Ihre Gewänder sind von einfachster Farbe und Stoff, ohne Stickerei, mit Ausnahme des purpurfarbigen aufgenähten Bandes, segmentum genannt, welches die Witwenschaft anzeigte; kein Juwel, kein kostbarerer Schmuck, mit dem die römischen Damen so verschwenderisch umzugehen pflegten, war an ihrer Gestalt zu entdecken. Nur um den Hals trug sie eine dünne goldene Kette oder Schnur, an welcher anscheinend ein Gegenstand hing, den sie sorgsam in dem oberen Saum ihres Gewandes verbarg. In dem Augenblick, wo wir ihrer ansichtig werden, ist sie emsig mit einer Handarbeit beschäftigt, welche nicht für den persönlichen Gebrauch bestimmt ist. Auf einem langen, reichen Streifen von golddurchwirktem Tuch stickt sie mit noch kostbareren goldenen Fäden, und gelegentlich öffnet sie dies oder jenes prächtige Juwelenkästchen, von denen eine Menge auf dem Tische stehen, nimmt eine Perle heraus oder einen in Gold gefaßten Edelstein und fügt ihn dem Muster ein, welches sie stickt. Es scheint, als weihe sie den köstlichen Schmuck aus früheren Tagen irgend einem höheren Zwecke. Aber wie die Zeit vergeht, bemerken wir, daß eine leichte Unruhe sich ihrer Gedanken bemächtigt, welche allem Anschein nach bis jetzt vollständig in ihre Arbeit vertieft waren. Sie wendet den Blick dann und wann dem Eingange zu; nun horcht sie auf Fußtritte und scheint enttäuscht. Sie blickt zur Sonne empor; dann richtet sie das Auge auf eine clepsydra oder Wasseruhr, welche neben ihr auf einem Träger steht. Aber gerade in dem Augenblick, wo ein Gefühl ernsterer Beunruhigung sich auf ihren Zügen zu malen beginnt, ertönt ein fröhliches Klopfen von der Hausthür her, und sie beugt sich mit einem strahlenden Blick des Willkommens vorüber, um den Ankömmling zu begrüßen. Zweites Kapitel Der Sohn des Märtyrers Dieser, ein Jüngling voll Grazie und Munterkeit und Offenherzigkeit, schreitet mit leichten, behenden Schritten durch das Atrium dem inneren Hofe zu. Wir werden kaum die Zeit haben, den Ankömmling flüchtig zu beschreiben, bevor er ihn erreicht. Er ist ungefähr vierzehn Jahre alt, aber groß für sein Alter, von vornehmer Gestalt und männlicher Haltung. Heilsame Leibesübungen haben seinen bloßen Nacken und seine Arme herrlich entwickelt; seine Gesichtszüge lassen auf ein warmes und offenes Herz schließen, während auf seiner hohen Stirn, um welche sich das braune Haar in natürlichen Locken legt, ein Heller, klarer Verstand thront. Er trägt das gebräuchliche Gewand der Jünglinge, die kurze praetexta , welche bis unter das Knie reicht, und eine goldene bulla oder hohle Sphäroide aus Gold, welche an seinem Halse hängt. Ein Bündel Papiere und Pergamentrollen, welche ein hinter ihm schreitender alter Diener trägt, zeigt uns, daß er gerade aus der Schule nach Hause kommt. Dieser Brauch giebt dem heiligen Augustin den schönen Gedanken ein, daß die Juden die paedagogi der Christenheit waren, – indem sie ihr die Bücher trugen, welche sie selbst nicht verstehen konnten. Während wir ihn so beschrieben haben, hat er die Umarmung seiner Mutter entgegengenommen und sich zu ihren Füßen gesetzt. Lange blickt sie ihn schweigend an, als wollte sie in seinen Zügen die Ursache der ungewöhnlichen Verspätung entdecken, denn er ist eine Stunde länger ausgeblieben als sonst. Er begegnet ihrem Auge indessen mit einem so offenen, ehrlichen Blicke, daß jede Wolke des Zweifels schon im nächsten Augenblick verscheucht ist. Dann spricht sie zu ihm wie folgt: »Was hat dich heute so lange aufgehalten, mein teurer Knabe? Ich hoffe, daß dir auf dem Wege kein Unfall begegnet ist?« »Keiner, oh, süßeste Das besondere Epitheton der Katakombe, süß, dulcis Mutter; im Gegenteil, alles ist gar köstlich gewesen – so köstlich, daß ich kaum den Mut habe, es dir zu erzählen.« Ein Blick voll lächelnder Entschuldigung entlockte dem offenherzigen Knaben ein reizendes Lachen; dann fuhr er fort: »Nun, ich glaube doch, daß ich es thun muß. Du weißt, daß ich niemals glücklich bin und nicht schlafen kann, wenn ich es unterlassen habe, dir all das Böse und das Gute des verflossenen Tages über mich zu erzählen.« Die Mutter lächelte wieder verwundert bei dem Gedanken an das »Böse«. »Vor wenigen Tagen las ich, daß die Scythen an jedem Abend einen weißen oder einen schwarzen Stein in eine Urne warfen, je nachdem der Tag glücklich oder unglücklich gewesen war; wenn auch ich das thun müßte, so würde es dazu dienen, in schwarz oder weiß die Tage zu bezeichnen, an welchen ich die Gelegenheit dir alles zu erzählen, was ich gethan, gehabt oder nicht gehabt habe. Aber heute habe ich zum erstenmal einen Zweifel, eine Gewissensangst, ob ich dir alles sagen darf.« Bebte das Herz der Mutter mehr als gewöhnlich vor Angst, oder war es noch eine tiefere Besorgnis, welche ihr Auge trübte, so daß der Sohn ihre Hand ergriff und sie zärtlich an die Lippen führte, während er entgegnete: »Fürchte nichts, geliebteste Mutter, dein Sohn hat nichts gethan, das dir Kummer bereiten könnte. Sag mir nur, ob du alles hören willst, was mir heute geschehen ist, oder nur die Ursache meiner späten Heimkehr?« »Sag mir alles, teurer Pancratius,« entgegnete sie, »nichts, was dich angeht, kann gleichgültig für mich sein.« »Nun denn,« begann er, »dieser letzte Tag, an dem ich die Schule besuche, scheint ein gesegneter für mich gewesen zu sein, und doch voll seltsamer Begebenheiten. Zuerst wurde ich als der siegreiche Mitbewerber bei einer feierlichen Rede gekrönt, welche unser guter Lehrer Cassianus uns als Aufgabe unserer Morgenlehrstunden gestellt hatte, und dies führte, wie du bald hören wirst, zu einigen seltsamen Entdeckungen. Der Gegenstand war: »daß der wahre Philosoph stets bereit sein soll für die Wahrheit zu sterben.« Niemals habe ich etwas so kaltes und albernes gehört (ich hoffe, daß es kein Unrecht ist, wenn ich dies sage) wie die Vorträge, welche meine Gefährten hielten. Aber es war nicht ihre Schuld! Die Armen! Welche Wahrheit könnten sie denn auch die ihre nennen, und welchen Beweggrund könnten sie haben, für irgend eine ihrer eitlen, nichtigen Meinungen zu sterben. Aber welch eine Fülle von herrlichen Eingebungen empfängt ein Christ aus diesem Thema. Wenigstens erging es mir so. Mein Herz glühte und meine Gedanken schienen zu brennen, als ich meinen Aufsatz niederschrieb, in dem vollen Bewußtsein der Lehren, welche du mir gegeben und des häuslichen Beispiels, welches ich vor Augen habe. Der Sohn eines Märtyrers konnte nicht anders empfinden. Als die Reihe an mich kam, meinen Vortrag zu halten, hätten meine Gefühle mich beinahe in der verhängnisvollsten Weise verraten. In der Erregung des Sprechens entschlüpfte das Wort »Christ« anstatt »Philosoph« und »Glaube« anstatt »Wahrheit« meinen Lippen. Bei meinem ersten Versehen sah ich Cassianus zusammenschrecken; bei dem zweiten erglänzte eine Thräne in seinem Auge und indem er sich liebevoll zu mir neigte flüsterte er: »Hüte dich, mein Sohn, gar scharfe Ohren lauschen dir!« »Wie,« unterbrach ihn die Mutter, »ist denn Cassianus ein Christ? Ich wählte seine Schule für dich, weil sie in hohem Rufe steht wegen ihrer strengen Sittlichkeit und der außerordentlichen Gelehrsamkeit, welche junge Schüler dort sammeln können – und jetzt danke ich in der That Gott dafür. Aber in diesen Tagen der Furcht und der Gefahr sind wir gezwungen, wie Fremde in unserem eigenen Vaterlande zu leben. Wir kennen kaum die Gesichter unserer Mitbrüder. Gewiß, wenn Cassianus seinen Glauben bekannt hätte, so wäre seine Schule bald verödet gewesen. Aber fahr fort, mein teurer Sohn; waren seine Befürchtungen begründet?« »Ich fürchte es; denn während die große Masse meiner Mitschüler, welche diese Sprachversehen überhört hatten, meinem aus dem Herzen kommenden Vortrage den reichlichsten Beifall zollten, sah ich, wie die Augen des Corvinus düster forschend auf mir ruhten und er in augenscheinlichem Mißmut sich die Lippen biß.« »Und wer war es, mein Kind, der so erzürnt, und weshalb war er es? »Er ist der älteste und stärkste, aber unglücklicherweise auch der dümmste Knabe in der Schule. Aber dies, wie du ja weißt, ist nicht seine Schuld. Nur hegt er, ich weiß nicht weshalb, stets einen Unwillen und einen Groll gegen mich, deren Ursache ich nicht begreifen kann.« »That oder sagte er etwas gegen dich?« »Ja, und das war die Ursache meiner Verspätung. Denn als wir aus der Schule auf die Wiese am Flusse hinaus gingen, redete er mich in Gegenwart unserer Gefährten in beleidigender Weise an und sagte: »Komm, Pankratius, wie ich höre, ist es das letzte Mal, daß wir uns hier treffen (er legte ein besonderes Gewicht auf das Wort »hier«); aber ich habe eine lange Rechnung mit dir abzuschließen. Du hast in der Schule stets danach gestrebt, deine Überlegenheit über mich und andere, die älter und besser sind als du, an den Tag zu legen; ich sah deinen hinterlistigen Blick auf mich, als du heute deinen hochtönenden Vortrag hieltest; ja, und ich fing Worte in demselben auf, welche du eines Tages – und zwar sehr bald – bereuen wirst; denn wie du wohl weißt, ist mein Vater Befehlshaber in dieser Stadt« – die Mutter schrak leicht zusammen – »und es bereitet sich etwas vor, das vielleicht auch dich nahe angeht. Ehe du uns verläßt, muß ich Rache an dir nehmen. Wenn du deines Namens würdig bist und wenn es nicht ein leeres Wort » Pancratium .« war die Leibesübung, in welcher alle anderen Kämpfe zusammengefaßt waren – Ringen, Faustkampf u. s. w. ist, so laß uns ehrlich streiten in einem männlicheren Kampfe als in dein des Griffels und der Tafel. Die Schreibwerkzeuge in der Schule. Die Tafeln waren mit Wachs überzogen, auf welchem die Schrift mit der spitzen Seite des Griffels eingegraben, mit der stumpfen Seite desselben wieder ausgelöscht wurde. Ringe mit mir oder versuche den cestus Die Handbandagen, welche bei Faustkämpfen angelegt wurden. gegen mich. Ich brenne vor Begierde, dich vor diesen Zeugen deiner frechen Triumphe zu züchtigen, wie du es verdienst!« Die geängstigte Mutter beugte sich kaum atmend und angestrengt lauschend vorüber. »Und was entgegnetest du, mein teurer Sohn?« rief sie endlich aus. »Ich erklärte ihm sanft, daß er im Irrtum sei; denn niemals hätte ich mit Vorsatz irgend etwas gethan, das ihm oder einem meiner Mitschüler Ärger oder Kummer hätte verursachen können, und niemals hätte ich geträumt, eine Überlegenheit über sie geltend machen zu wollen. Und was deinen Vorschlag anbetrifft, Corvinus,« fügte ich hinzu, »so weißt du, daß ich mich stets geweigert habe, mich in persönliche Kämpfe einzulassen, welche mit einem kühlen, besonnenen Erproben der Kraft und Geschicklichkeit beginnen und mit einem wütenden Streit, mit Haß und Rachedurst endigen. Und wieviel weniger könnte ich jetzt auf solche eingehen, wo du selbst eingestehst, daß du den Kampf schon mit den bösen Gefühlen beginnen willst, welche gewöhnlich erst sein trauriges Ende sind?« Jetzt hatten unsere Schulkameraden bereits einen Kreis um uns gebildet, und gar deutlich gewahrte ich, daß sie alle gegen mich waren, denn sie hatten schon auf die Freuden gehofft, welche ihre grausamen Spiele ihnen stets bereiten. Deshalb fügte ich fröhlich hinzu: »Und jetzt, meine Gefährten, lebet wohl. Möge alles Glück bei euch weilen. Wie ich mit euch gelebt habe, so scheide ich von euch – in Frieden!« »Nicht so,« entgegnete Corvinus, dessen Gesicht jetzt blaurot vor Wut war, »sondern – – « Das Gesicht des Knaben wurde feuerrot, seine Stimme bebte, sein Körper zuckte, und mit von Schluchzen halb erstickten Tönen rief er aus: »Ich kann nicht fortfahren, ich kann das übrige nicht erzählen.« »Ich bitte dich um Gottes willen und um der Liebe willen, welche du für das Andenken deines Vaters hegst, verheimliche mir nichts,« sagte die Mutter, indem sie ihre Hand auf das Haupt des Sohnes legte. »Ich werde niemals wieder Ruhe finden, wenn du mir nicht alles sagst. Was that oder sagte Corvinus sonst noch?« Nach einem stillen Gebet und einer minutenlangen Pause erholte der Jüngling sich und fuhr dann fort: »Nicht so,« schrie Corvinus, »nicht so wirst du mir entkommen, du feiger Anbeter eines Eselskopfes! Eine der vielen Verleumdungen über die Christen, welche unter den Heiden verbreitet waren. Du hast deine Wohnung vor uns verheimlicht, aber wir werden dich ausfindig machen; bis dahin trage dieses Zeichen meines festen Vorsatzes, Rache an dir zu nehmen.« Und mit diesen Worten versetzte er mir einen heftigen Schlag ins Gesicht, der mich zurücktaumeln machte, während ein Schrei wilden, tierischen Entzückens sich den Kehlen der Knaben entrang, die in weitem Kreise umherstanden.« Hier brach er in einen Thränenstrom aus, welcher ihm indessen Erleichterung schaffte und dann fuhr er fort: »Oh, wie ich mein Blut in diesem Augenblick kochen fühlte! Wie mein Herz in mir zu zerspringen drohte! Eine Stimme schien mir verächtlich das Wort »Feigling« ins Ohr zu raunen! Es war gewiß ein böser Geist. Ich fühlte, daß ich stark genug war – die Wut, welche sich in mir aufbäumte, machte mich stark – meinen ungerechten Angreifer an der Kehle zu packen und ihn keuchend zu Boden zu werfen. Ich vernahm schon die Beifallsrufe, welche meinen Sieg begleiten und das Blatt gegen ihn wenden würden. Es war der härteste Kampf meines Lebens; niemals bäumten Fleisch und Blut sich so heftig in mir auf! O Gott, möchten sie niemals Macht über mich gewinnen!« »Und was thatest du dann, mein geliebter Knabe?« keuchte die zitternde Matrone hervor. Er entgegnete: »Mein guter Engel besiegte den Dämon, welcher mir zur Seite stand. Ich dachte an meinen gottgesegneten Herrn im Hause des Caiphas, wie er von tobenden Feinden umgeben war, einen Backenstreich empfing, und doch sanft und milde und vergebend war. Und konnte ich wünschen, anders zu sein? Ich streckte Corvinus meine Hand entgegen und sagte: »Möge Gott dir vergeben, wie ich es von ganzem Herzen und aus freiem Willen thue, und möge Er dir seinen Segen in reichem Maße zu teil werden lassen.« In diesem Augenblick kam Cassianus heran, welcher alles aus der Ferne mit angesehen hatte, und die jugendliche Menge stob auseinander. Ich bat ihn bei unserem gemeinsamen Glauben, welchen wir einander jetzt bekannt hatten, Corvinus für das, was er gethan hatte, nicht zu verfolgen, und er gab mir sein Versprechen. Und jetzt, süße Mutter,« murmelte der Knabe in leisem zärtlichem Ton am Halse der Matrone, »meinst du nicht, daß ich das Recht habe, dies einen glücklichen Tag zu nennen?« Drittes Kapitel Die Weihe Während dieses Gesprächs hatte der Tag sich schnell seinem Ende zugeneigt. Jetzt trat eine ältliche Dienerin geräuschlos und unbemerkt ein und zündete die Lampen an, welche auf marmornen und bronzenen Kandelabern standen; dann zog sie sich eben so still wieder zurück. Ein helles Licht fiel auf die unbefangene Gruppe von Mutter und Sohn, die in langem Schweigen verharrten, nachdem die fromme Matrone Lucina auf Pancratius' letzte Frage nur mit einem liebevollen Kusse auf seine glühende Stirn geantwortet hatte. Es war nicht nur ein mütterliches Gefühl, das ihre Brust bewegte; – es war nicht allein die glückselige Empfindung einer Mutter, welche gewisse erhabene und schwer zu befolgende Grundsätze in ihrem Kinde groß gezogen hat und jetzt bei einer schweren Prüfung sieht, wie es mutig und unentwegt nach diesen Prinzipien handelt, – und ebensowenig war es die Freude einen Sohn zu haben, welcher nach ihrer Ansicht trotz seiner jungen Jahre sich so heldenmütig, tugendhaft gezeigt hatte; denn gewiß mit größerem Rechte, als die Mutter der Gracchen ihre Söhne den verwunderten römischen Matronen als ihre einzigen Juwelen zeigte, hätte diese christliche Mutter sich vor der Kirche des Sohnes rühmen können, welchen sie geboren und erzogen hatte. Aber für sie war das noch eine Stunde tieferen, oder sollen wir sagen erhabeneren Empfindens. Es war ein Zeitpunkt, welchem sie schon seit Jahren sehnsüchtig entgegengesehen hatte; ein Augenblick, welchen sie mit all der glühenden Liebe einer Mutter herbeigefleht hatte. Manche frommen Eltern haben ihren Sohn schon in der Wiege für den heiligsten und edelsten Stand bestimmt, welchen die Erde trägt; sie haben gebetet und sich danach gesehnt, ihn zuerst als reinen Leviten und dann als heiligen Priester am Altar zu sehen; sie haben ängstlich und sorgsam jede keimende Neigung bewacht und mit Zartheit versucht, jeden liebenden Gedanken dem Herrn der Heerscharen zuzuwenden. Und wenn dieses nun noch ein einziges Kind, wie Samuel es der Anna war, so muß die Hingabe dessen, was sie mit ihrer zärtlichsten Liebe liebte, als eine That mütterlichen Heldenmutes betrachtet werden. Und was muß nun erst von jenen Matronen des Altertums – Felicitas, Symphorosa oder der ungenannten Mutter der Makkabäer – gesagt werden, denen es nicht genügte, daß ihre Kinder Priester wurden, sondern welche eins, oder viele, oder auch alle dem Feuertode weihten, um sie Gott zu geben? Ein ähnlicher Gedanke war es, welcher in dieser Stunde das Herz der Lucina bewegte, während sie es mit geschlossenen Augen zu Gott emporhob und um Kraft flehte. Sie hatte die Empfindung als sei sie berufen, das, was ihr auf Erden am teuersten war, heldenmütig zum Opfer zu bringen, und obgleich sie es lange vorausgesehen und gewünscht hatte, so konnte sie dieses Verdienst doch nur mit den herbsten Schmerzen einer Mutter erkaufen. Und was mochte in der Seele dieses Knaben vorgehen, während auch er schweigsam und zerstreut dastand? Er hegte keinen Gedanken an eine große, erhabene Bestimmung, die seiner harrte. Keine Vision einer ehrwürdigen Basilika steigt vor ihm auf, welche sechzehnhundert Jahre später eifrig von frommen Pilgern und andächtigen Altertumsforschern besucht werden und seinen Namen, welchen sie tragen wird, auch dem benachbarten Thor von Rom geben wird! Die Kirche und das Thor San Pankrazio. Er ahnt nichts von einer Kirche, die sich in gläubigen Jahrhunderten zu seiner Ehre an den Ufern der fernen Themse erheben wird, und die selbst noch nach ihrer Entweihung von Herzen, welche seinem teuren Rom treu geblieben sind, als letzte Ruhestätte gesucht werden. Old San Pancras , der Lieblingsfriedhof der Katholiken bevor sie einen eigenen Begräbnisplatz hatten. Kein Gedanke an ein silbernes Tabernakel oder ciborium – 287 Pfund schwer – welches Papst Honorius I. über der Porphyrurne aufrichten lassen wird, die seine Asche enthält! Anastasius, der Bibliothekar, im »Leben des Honorius«. Kein Vorgefühl, daß sein Name in jeder Geschichte der Märtyrer genannt werden, sein Bild mit einer Strahlenkrone, ihn als den Märtyrerjüngling der frühsten Christenheit darstellend, über vielen Altären hängen wird! Er war nur der einfache christliche Knabe, welcher es für eine selbstverständliche Sache hielt, daß er Gottes Gebote stets befolgen und seinem heiligen Evangelium gehorchen müsse. Er war nur glücklich, daß er an diesem Tage seine Pflicht gethan hatte, als ihre Erfüllung unter noch schwierigeren Umständen als gewöhnlich an ihn herantrat. In diesen Gedanken lag kein Stolz, keine Überhebung – sonst hätte er durch jene That ja keinen Heldenmut bewiesen. Als er nach seiner stillen, friedlichen Träumerei die Augen wieder aufschlug, fiel sein Blick in dem hellen Lichtglanz, welcher die Halle jetzt erfüllte, auf das Antlitz seiner Mutter, die ihn wiederum anblickte, strahlend von Hoheit und Zärtlichkeit, so wie er sich nicht erinnern konnte, sie jemals zuvor gesehen zu haben. Es war ein Blick wie von einer Inspiration, ihr Angesicht war das einer Vision, ihre Augen waren solche, wie er glaubte, daß Engel sie haben müßten. Schweigend, fast unbewußt, hatte er seine Stellung verändert und kniete jetzt vor ihr. Und dazu hatte er Ursache. Denn war sie ihm Nichtsein Schutzengel, welcher ihn stets vor allein Unglück und Übel bewahrt hatte. Und mußte er nicht in ihr die lebende Heilige sehen, deren Tugenden ihm seit den Tagen seiner Kindheit als Vorbild gedient hatten? Lucina brach das Schweigen in einem Ton voll ernster Rührung. »Die Zeit ist endlich gekommen, mein teures Kind,« sagte sie, »welche schon längst der Gegenstand meines inbrünstigen Gebetes war, nach welcher ich mich in dem Übermaße meiner mütterlichen Liebe gesehnt habe. Eifrig habe ich in dir den emporsprießenden Keim jeder christlichen Tugend beobachtet und Gott dafür gedankt, wenn er ans Licht drang. Ich habe deine Milde, deine Sanftmut, deinen Fleiß, deine Frömmigkeit und deine Liebe zu Gott und Menschen beobachtet. Mit glückseliger Freude habe ich deinen lebendigen Glauben, deine Güte und Sorge für die Armen, deine Gleichgültigkeit weltlichen Dingen gegenüber beobachtet. Aber voll Angst und Sorge habe ich der Stunde geharrt, welche mir mit Bestimmtheit kund thun würde, ob es dir genügen würde, dies armselige Erbteil der schwachen Tugenden deiner Mutter, oder ob du der wahre Erbe der edleren, erhabeneren Eigenschaften deines teuren Märtyrervaters sein würdest! Und diese Stunde, Gott sei dafür gepriesen, ist heute gekommen!« »Was habe ich denn vollbracht, das deine Meinung über mich so verändert oder gehoben hat?« fragte Pancratius. »Hör mich an, mein Sohn. Mir ist, als hätte der barmherzige Heiland dir an diesem Tage, welcher der letzte deiner Schulzeit war, eine Lehre gegeben, welche alles gelernte aufwiegt. Er hat dir gezeigt, daß du das kindische Gebaren abgelegt hast und in Zukunft wie ein Mann behandelt werden mußt. Denn du kannst wie ein solcher denken, sprechen und handeln!« »Wie meinst du das, teure Mutter?« »Was du mir von deinem Vortrage an diesem Morgen erzählt hast, beweist mir, daß dein Herz voll sein muß von edlen und erhabenen Gedanken,« entgegnete Lucina, »du bist zu ehrlich und zu aufrichtig, um zu schreiben und voll Feuer und Inbrunst vorzutragen, daß es eine glorreiche Pflicht sei, für den Glauben zu sterben, wenn du es nicht geglaubt und empfunden hättest.« »Und wahrlich, ich glaube und empfinde es,« unterbrach sie der Knabe. »Welch größere Glückseligkeit auf Erden kann denn ein Christ sich wünschen?« »Du sprichst sehr wahr, mein Kind,« fuhr Lucina fort. »Aber Worte allein würden mich nicht beruhigt haben. Was darauf gefolgt ist, hat mir bewiesen, daß du nicht nur Schmerzen mutig und geduldig ertragen kannst, sondern aus etwas, von dem ich weiß, daß es deinem jungen Patrizierblut schwerer wurde über sich ergehen zu lassen, nämlich den qualvollen Schimpf eines schmachvollen Schlages und die verletzenden, verächtlichen Worte einer mitleidlosen Menge. Nein, noch mehr! Du hast dich stark genug erwiesen, deinem Feinde vergeben und für ihn beten zu können. An diesem Tage hast du dein Kreuz auf dich genommen und die höher gelegenen Pfade des Berges betreten; noch einen Schritt und du wirst das Kreuz auf seinem Gipfel aufpflanzen! Du hast dich als der wahre würdige Sohn des Märtyrers Quintinus erwiesen. Willst du ihm gleich werden?« »Mutter, Mutter! teuerste, süßeste Mutter!« stieß der Jüngling keuchend hervor. »Könnte ich sein echter Sohn sein und nicht wünschen, ihm gleich zu werden? Obgleich ich niemals das Glück empfunden habe, ihn zu kennen, so hat sein Bild doch stets vor meiner Seele geschwebt! Ist er nicht der größte Stolz meiner Gedanken gewesen? Wie haben mein Fleisch und mein Blut über seinen Ruhm gejauchzt, wenn wir alljährlich zu seinem Gedächtnis das Fest begingen, an dem wir ihn als einen jener weißgekleideten Tapferen feierten, welche das Lamm umstehen und ihre Gewänder in seinem Blute waschen. Und wie habe ich zu ihm in der Glut meiner kindlichen Liebe gesteht, daß er mir schicken möge – nicht Ruhm, nicht Auszeichnung, nicht Reichtum, nicht irdische Freuden, sondern das, was er höher erachtete als alles dies: nämlich, daß das einzige, was er hier auf Erden zurückgelassen, so angewendet werden möge, wie er es für am edelsten und nützlichsten halten würde.« »Und was ist das, mein Sohn?« »Es ist sein Blut,« entgegnete der Sohn, »welches noch in meinen Adern fließt, und nur in ihnen. Ich weiß, daß er wünschen muß, daß auch ich es vergießen möge aus Liebe zu seinem Erlöser und um Zeugnis abzulegen von seinem Glauben.« »Genug, genug, mein Kind!« rief die Mutter aus, vor heiliger Erregung zitternd, »nimm das Kennzeichen der Kindheit von deinem Halse, ich habe dir ein besseres Zeichen zu geben.« Er that wie ihm befohlen und legte die goldene bulla ab. Die Mutter sprach mit noch größerer Feierlichkeit im Ton als bisher: »Du hast von deinem Vater einen edlen Namen, eine hohe Stellung, große Reichtümer und alle weltlichen Vorteile geerbt. Aber da ist noch ein Schatz aus seinem Erbe, den ich zurückbehalten habe, bis du dich desselben würdig erweisen würdest. Bis jetzt habe ich ihn vor dir verborgen, obgleich ich ihn höher schätzte als Gold und Edelsteine. Jetzt ist die Zeit gekommen, ihn dir zu übergeben.« Mit zitternden Händen nahm sie die eine goldene Kette ab, welche sie an ihrem Halse trug; und zum erstenmale sah der Sohn, daß ein kleiner Beutel daran hing, welcher reich gestickt und mit Edelsteinen besetzt war. Sie öffnete ihn und nahm einen trockenen aber mit dunklen Flecken besäeten Schwamm daraus hervor. »Auch das ist das Blut deines Vaters, Pancratius,« sagte sie mit bebender Stimme und überströmenden Augen. »Ich selbst trocknete es von seiner Todeswunde, als ich verkleidet an seiner Seite stand und ihn sterben sah an den Wunden, welche ihm um Christi willen geschlagen worden.« Voll Zärtlichkeit blickte sie auf diese Reliquie und küßte sie inbrünstig. Ihre heißen Thränen fielen darauf und feuchteten sie noch einmal wieder an. So wieder flüssig geworden, glänzte die rote Farbe warm und hell, als sei sie soeben erst der Todeswunde des Märtyrers entströmt. Die heilige Matrone drückte den Schwamm an die bebenden Lippen ihres Sohnes und die heiligende Berührung färbte sie rot. Mit der tiefen Rührung des Sohnes und des Christen verehrte er die heilige Reliquie. Ihm war, als sei der Geist seines Vaters in ihn gefahren und hätte das übervolle Gefäß seines Herzens so gewaltsam aufgerührt, daß es zum Überfließen bereit war. So schien die ganze Familie noch einmal wieder vereinigt. Lucina that den Schatz in seine Hülle zurück, hing ihn an den Hals ihres Sohnes und sagte: »Wenn er das nächste Mal feucht wird, so möge es durch ein edleres Naß sein, als das, welches den Augen eines schwachen Weibes entströmt!« Aber der Himmel hatte es anders beschlossen. Und der künftige Vorkämpfer, der künftige Heilige wurde durch das Blut seines Vaters, welches sich mit den Thränen seiner Mutter vermischte, gesalbt und geweiht! Viertes Kapitel Der heidnische Haushalt Während das, was wir in den letzten drei Kapiteln beschrieben haben, in dem christlichen Hause vor sich ging, spielten sich Scenen ganz anderer Art in einem Hause ab, welches in dem Thal zwischen dem Quirinal und den esquilinischen Hügeln lag. Dieses gehörte dem Fabius, einem Manne, dessen Familie dadurch Reichtümer angesammelt hatte, daß sie die Steuern der asiatischen Provinzen verwaltete. Sein Haus war größer und prächtiger, als dasjenige, welches wir bereits besucht haben. Es enthielt ein drittes großes Peristylium oder einen Hof, welcher von sehr großen Gemächern umgeben war; und außer vielen Schätzen europäischer Kunst waren auch noch die seltensten und kostbaren Erzeugnisse des Orients darin angehäuft. Teppiche aus Persien bedeckten den Boden, Seidenstoffe aus China, buntfarbige Gewebe aus Babylon und golddurchwirkte Stickereien aus Indien und Phrygien schmückten die Möbel, während seltsame Arbeiten aus Elfenbein und Metall von ungeheuerlichen Formen und fabelhafter Abstammung, welche überall umherstanden und lagen, den Einwohnern der Inseln jenseit des Indischen Oceans zugeschrieben wurden. Fabius selbst, der Besitzer all dieser Schätze und großer Ländereien, war der echte Typus eines leichtlebigen Römers, entschlossen das irdische Leben gründlich zu genießen. In der That träumte er auch von keinem anderen. Er glaubte an nichts, aber als eine selbstverständliche Sache verehrte er bei jeder passenden Gelegenheit die Gottheit, welche gerade an der Reihe war, und so galt er als ein Mann, der nicht schlechter war als seine Nachbarn. Mehr von ihm zu verlangen hatte kein Mensch ein Recht. Den größten Teil des Tages brachte er in irgend einem der großen öffentlichen Bäder zu, welche außer dem Zweck, den ihr Name andeutet, in ihren vielen Abteilungen auch noch als Klubs, Lesezimmer, Spielräume, Fechthöfe und Ballspielhäuser dienten. Dort nahm er sein Bad, plauderte, las und vertändelte seine Zeit, oder er schlenderte auch ein wenig auf dem Forum umher, um einen Redner sprechen oder die Verteidigung eines Advokaten zu hören, oder er ging in einen der öffentlichen Gärten, wohin sich die vornehme Welt von Rom zu begeben pflegte. Dann kehrte er nach Hause zurück, um ein opulentes Nachtmahl einzunehmen, welches nicht später stattfand als heutzutage unser Mittagessen; an diesem nahmen täglich Gäste teil, welche entweder schon früher eingeladen oder von ihm selbst während des Tages zwischen den vielen Schmarotzern aufgelesen waren, welche stets Umschau nach guter Verpflegung hielten. Zu Hause war er ein guter und nachsichtiger Gebieter. Eine Unzahl von Sklaven besorgten seinen Haushalt in der prächtigsten Weise, und da Mühe und Verdruß dasjenige war, was er am meisten fürchtete, so ließ er die Dinge unter der Leitung seiner Freigelassenen ruhig ihren Lauf nehmen, so lange alles um ihn her wohlgeordnet, vornehm und angenehm war. Indessen ist er es nicht hauptsächlich, den wir unserem Leser vorzustellen wünschen, sondern eine andere Bewohnerin seines Hauses, die Teilnehmerin an all seiner Pracht und seinem großartigen Luxus, die einzige Erbin seines ungeheuren Reichtums. Es ist seine Tochter, welche nach römischer Sitte den Namen ihres Vaters trägt, der jedoch in das weibliche Fabiola Die Betonung liegt auf dem i. umgewandelt ist. Wie wir es zuvor gethan, wollen wir den Leser sofort auch in ihr Gemach führen. Eine Marmortreppe führt in dasselbe vom zweiten Hof aus, an dessen Seiten entlang sich eine Reihe von Zimmern zieht, die alle auf eine Terrasse hinausführen, welche durch einen prächtigen Springbrunnen geschmückt und von einer Menge erotischer Pflanzen und Blumen bedeckt ist. In diesen Gemächern ist alles zusammengetragen, was einheimische und fremde Kunst prächtiges und seltenes aufweisen kann. Ein raffinierter Geschmack, welcher über große Mittel und jede Gelegenheit verfügen kann, hat augenscheinlich die Erwerbung und Anordnung all der Gegenstände überwacht. In diesem Augenblick naht die Stunde der Abendmahlzeit, und wir entdecken die Herrin dieser prächtigen Behausung, wie sie sich vorbereitet, um mit der nötigen Pracht an derselben zu erscheinen. Sie liegt in einem achteckigen Zimmer auf einem mit Silber eingelegten Ruhebett von atheniensischer Arbeit; die Fenster dieses Gemaches reichten bis auf den Fußboden und hatten somit einen Ausgang auf die blütenreiche Terrasse. Der jungen Gestalt gegenüber an der Wand hängt ein Spiegel von poliertem Silber, groß genug, um ihr ganzes Bild zurückzuwerfen; neben demselben auf einem Tische aus Porphyrstein befindet sich eine Sammlung all jener unzähligen seltenen Schönheitsmittel und Parfüms, welche den römischen Damen so lieb geworden waren und für welche sie ungeheure Summen ausgaben.« Die tägliche Milch von fünfhundert Eselinnen wurde gebraucht, um der Poppea, der Gattin Neros, ein einziges Schönheitsmittel zu liefern. Auf einem zweiten von indischem Sandelholz ist eine reiche Schaustellung von Juwelen und Schmuckgegenständen in ihren köstlichen Behältern, zwischen welchen die Auswahl für den Gebrauch des Abends getroffen werden soll. Es ist weder unsere Absicht noch unser Talent, Personen oder Gesichtszüge zu beschreiben; wir haben es mehr mit dem Charakter und der Seele zu thun. Wir wollen uns deshalb darauf beschränken zu sagen, daß Fabiola, welche jetzt zwanzig Jahre alt war, nicht für weniger schön galt als andere Damen ihres Ranges, Alters und Vermögens, und daß sie viele Freier hatte. Aber in Laune und Charakter war sie der vollkommene Gegensatz ihres Vaters. Stolz, hochmütig, herrschsüchtig und heftig, herrschte sie mit einer oder zwei Ausnahmen wie eine Kaiserin über ihre Umgebung, und verlangte demütige Huldigung von allen, welche sich ihr näherten. Ein einziges Kind, dessen Mutter gestorben war, indem sie ihr das Leben gab, war sie von ihrem gutmütigen, sorglosen Vater mit der größten Nachsicht gepflegt und erzogen worden; er hatte ihr die besten Lehrer gegeben, jedes Talent war auf das sorgsamste kultiviert worden, und man hatte ihr stets jeden, selbst den extravagantesten Wunsch erfüllt. Sie hatte niemals erfahren, was die Nichterfüllung eines Wunsches bedeutet. Da sie so viel sich selbst überlassen gewesen, hatte sie viel gelesen und ganz besonders ernste Bücher. Auf diese Weise war sie eine vollkommene Philosophin des Raffinements geworden, das heißt des ungläubigen und intellektuellen Epicurismus, welcher schon seit langer Zeit in Rom Mode war. Vom Christentum wußte sie nur, daß es etwas sehr niedriges, materielles und gemeines sei. Sie verachtete es in der That so sehr, daß sie gar nicht daran dachte, weiter in dasselbe einzudringen. Und was das Heidentum mit seinen Göttern, seinen Lastern, seinen Fabeln und seinem Götzendienst anging, so verspottete sie es einfach, obgleich sie ihm äußerlich anhing. In der That, sie glaubte an nichts, als an das gegenwärtige Leben und dachte an nichts, als an den raffinierten Genuß desselben. Jedoch gerade ihr Stolz war der Schild ihrer Tugend; sie verabscheute die Schlechtigkeit der heidnischen Gesellschaft, wie sie die frivolen Jünglinge verachtete, welche ihr die von ihr eifersüchtig geforderten Aufmerksamkeiten erwiesen, weil sie sich an ihren Thorheiten ergötzte. Sie galt für selbstsüchtig und kalt, aber ihre Moral war fleckenlos. Wenn es scheint, daß wir uns im Anfang in zu langen Beschreibungen ergingen, so hoffen wir, daß unser Leser sie für unumgänglich notwendig halten wird, um ihn in Kenntnis zu setzen von den socialen Zuständen Roms, wie sie zur Zeit unserer Erzählung waren. Diese Auseinandersetzungen werden nur dazu dienen, um ihm alles zu verdeutlichen. Und wenn er versucht sein sollte zu glauben, daß wir Dinge zu prächtig und verfeinert schildern für das Zeitalter des Verfalls der schönen Künste und des guten Geschmacks, so bitten wir ihn, sich daran zu erinnern, daß jenes Jahr, in welchem wir Rom unsern Besuch abstatten, nicht so entfernt war von der besseren Periode der römischen Kunst, z. B. von jener des Antonius, als unser Zeitalter es von dem des Cellini, Rafael oder Donatello ist. Und doch, in wie vielen italienischen Palästen werden noch Gemälde dieser großen Künstler aufbewahrt, hoch geschätzt, wenn sie auch längst keine Nachahmer mehr finden! Und so war es ohne Zweifel auch mit den Häusern, welche den alten reichen Familien Roms gehörten. Wir finden also Fabiola auf ihrem Ruhebette lehnend, in ihrer linken Hand einen silbernen Spiegel mit einem Griffe und in der rechten ein Instrument, welches sich in einer so zarten Hand gar seltsam ausnimmt. Es ist ein scharf gespitztes Stilett, mit einem fein geschnitzten Elfenbeingriff und einem goldenen Ringe, um es daran aufzuhängen. Dies war die beliebte Waffe, mit welcher römische Damen ihre Sklavinnen zu bestrafen pflegten, oder ihren Zorn, wenn sie den geringsten Ärger empfanden oder sich von ihnen gereizt glaubten, an ihnen vergalten. Drei Sklavinnen sind jetzt um ihre Herrin beschäftigt. Sie gehören verschiedenen Rassen an und sind zu hohen Preisen gekauft worden, nicht nur um ihrer äußeren Erscheinung willen, sondern wegen irgend einer seltenen Fertigkeit, welche sie besitzen sollen. Eine ist eine Schwarze; nicht von jener verachteten Negerrasse, sondern von einem jener Stämme, wie die Abyssinier und Nubier, deren Gesichtszüge eben so regelmäßig sind wie die der asiatischen Völker. Sie soll große Kenntnisse der Kräuter und ihrer kosmetischen und heilenden Eigenschaften besitzen, vielleicht auch ihrer gefährlicheren Wirkungen – möglicherweise versteht sie etwas von Zaubertränken, giftigen Tropfen und – Hexerei. Man kennt sie nur unter ihrer nationalen Bezeichnung als Afra. Eine Griechin ist die nächste; sie wurde gekauft um ihrer Erfahrung willen, welche sie in Bezug auf Eleganz der Kleidung hatte und wegen ihrer schönen, reinen Sprache. Man nennt sie daher Graca. Der Name, welchen die dritte trägt, Syra, sagt uns, daß sie aus Asien kommt; sie zeichnet sich durch ihre prächtigen Stickereien und ihren unermüdlichen Fleiß aus. Sie ist ruhig, schweigsam, aber vollständig von den Pflichten in Anspruch genommen, welche ihr jetzt obliegen. Die andern beiden sind geschwätzig, leichtlebig und machen viel Worte bei allem, was sie thun. Jeden Augenblick sagen sie ihrer jungen Herrin die extravagantesten Schmeicheleien oder versuchen es, der Werbung des einen oder andern Bewerbers ihrer Hand das Wort zu reden, je nachdem sie zuletzt oder am höchsten bestochen worden sind. »Wie glücklich würde ich mich schätzen, edelste Herrin,« sagte die schwarze Sklavin, »könnte ich nur im triclinium triclinium – Speisehalle. sein, wenn du heute Abend eintrittst, um den prächtigen Eindruck zu gewahren, welchen dieses neue Antimon Antimon – Spießglanz auf den Rand der Augenlider gestrichen. auf deine Gäste machen wird! Es hat mich manchen Versuch gekostet, bevor ich es so vollkommen herstellen konnte. Ich bin überzeugt, daß man in Rom nichts ähnliches gesehen hat.« »Was mich anbetrifft,« unterbrach sie die fröhliche Griechin, »so würde es mir nicht einfallen, nur eine so hohe Ehre zu erwünschen. Ich wäre zufrieden, wenn ich durch die Thür blicken dürfte, um den Eindruck dieser wundervollen seidenen Tunika zu beobachten, welche zusammen mit der letzten Goldsendung aus Asien kam. Nichts kommt ihrer Schönheit gleich, Und ich darf auch wohl hinzufügen, daß die Art der Verwendung – das Resultat meines mühevollen Studiums – des Stoffes nicht unwert ist.« »Und du, Syra,« fiel hier die Herrin mit verächtlichem Lächeln ein, »was würdest du wünschen? Und was hast du von deinem Machwerk zu rühmen?« »Ich wünsche nichts, edle Herrin, als daß du immer glücklich sein mögest; von meinem eignen Machwerk habe ich nichts zu rühmen, denn ich bin mir nicht bewußt, mehr als meine Pflicht gethan zu haben,« lautete die bescheidene und aufrichtige Entgegnung. Diese gefiel jedoch der hochmütigen Gebieterin nicht und sie sagte: »Mir scheint, Sklavin, daß es nicht allzu sehr deine Gewohnheit ist zu loben. Man hört nur selten ein zartes Wort von deinen Lippen.« »Und welchen Wert würde es auch haben, wenn es von mir käme,« entgegnete Syra, »von einer armen Dienerin einer edlen Dame gegenüber, welche daran gewöhnt ist, den ganzen Tag hindurch zarte Worte von beredten und vornehmen Lippen zu hören? Glaubst du an sie, wenn du sie von ihnen hörst? Verachtest du sie nicht, o Herrin, wenn sie dir von uns kommen?« Ihre beiden Gefährtinnen, warfen ihr zornige Blicke zu. Auch Fabiola war erzürnt über das, was sie für einen Tadel hielt. Eine erhabene Empfindung in einer Sklavin ! »Hast du denn noch immer nicht gelernt,« entgegnete sie hochmütig, »daß du mein Eigentum bist und daß ich dich zu hohem Preise erstanden habe, damit du mir nach meinem Gefallen dienst? Und ich habe ein ebenso gutes Anrecht auf den Dienst deiner Zunge als auf den deiner Arme; und wenn es mir gefallt, mich von dir loben und preisen und anbeten zu lassen, so sollst du es thun, ob du nun willst oder nicht. Eine neue Idee in der That, daß eine Sklavin einen anderen Willen kennt als den ihrer Gebieterin, wenn diese sogar über das Leben der Niedriggeborenen zu verfügen hat!« »Es ist wahr,« erwiderte die Magd ruhig, aber mit Würde, »mein Leben gehört dir, Herrin, und ebenso gehört dir alles andere, das mit dem Leben endet – Zeit, Gesundheit, Kraft, Leib und Atem. Alles dies hast du mit deinem Golde erkauft und es ist dein Eigentum geworden. Aber mein eigen bleibt noch, was nicht der Reichtum eines Königs erkaufen kann – keine Sklavenketten fesseln können – was auch nicht die Grenze des Lebens beenden kann!« »Und was ist das?« »Eine Seele!« »Eine Seele!« wiederholte Fabiola erstaunt, denn sie hatte noch niemals gehört, daß eine Sklavin sich die Eigentümerin eines solchen Besitztums genannt hätte. »Und darf ich dich fragen, was du eigentlich mit dem Worte sagen willst?« »Ich verstehe mich nicht auf philosophische Sentenzen,« antwortete die Dienerin, »aber ich meine jenes in mir lebende Bewußtsein, welches mich empfinden läßt, daß ich ein Dasein mit und zwischen besseren Dingen führen werde als jene sind, welche mich umgeben, welches bewußt vor der Zerstörung und instinktiv vor allem znrückschreckt, was damit verbunden ist, wie die Krankheit es mit dem Tode ist. Und deshalb verabscheut es jede Schmeichelei und es verabscheut die Lüge! So lange ich jene unsichtbare Gabe besitze, die nicht sterben kann, so lange ist es mir unmöglich zu lügen und zu schmeicheln.« Von all diesem verstanden die andern beiden nur wenig. Sie standen in stummem Erstaunen da über die Dreistigkeit ihrer Gefährtin. Auch Fabiola war erschrocken, aber bald bäumte ihr Stolz sich wieder empor und sie sprach mit sichtbarer Ungeduld. »Wo hast du all diese Thorheiten gelernt? Wer hat dich gelehrt, auf diese Weise zu schwatzen? Ich meinerseits habe seit vielen Jahren studiert und bin zu dem Schlusse gekommen, daß alle Ideen eines geistigen Weiterlebens nur Träume der Poeten oder Sophisten sind. Und als solche verachte ich sie. Und willst du, eine arme, unwissende, unerzogene Sklavin dies besser wissen als deine Gebieterin? Oder glaubst du wirklich, daß wenn nach dem Tode dein Körper auf den Haufen von Sklaven geworfen wird, welche sich ertränkt haben oder zu Tode gepeitscht sind, um mit dieser elenden Masse auf einen: Holzstoß verbrannt zu werden, und wenn diese Asche in eine Grube geworfen worden, du sie als ein selbstbewußtes Wesen überleben und ein anderes Leben voll Freude und Freiheit durchleben wirst?« » Non omnis moriar , Nicht alles von mir wird sterben – non omnis moriar . – Horaz wie einer eurer Dichter sagt,« erwiderte die fremde Sklavin bescheiden aber mit einem inbrünstigen Blick, welcher ihre Herrin in Erstaunen setzte, »ja, ich hoffe, nein, ich will dies alles überleben. Und noch mehr; ich glaube, ich weiß, daß es eine Hand giebt, welche auch das kleinste verkohlte Überbleibsel meines Körpers aus jener Leichengrube, welche du so lebhaft beschrieben hast, hervorziehen wird. Und es giebt eine Macht, welche alle Himmelswinde zur Rechenschaft ziehen und sie zwingen jedes Atom meines Staubes, welchen sie zerstieben gemacht haben, zurück zu geben. Dann werde ich noch einmal wieder sein wie ich jetzt bin, nicht als deine oder irgend eines Menschen Sklavin, sondern frei und freudig und glückselig, liebend und geliebt für immer. Diese bestimmte Hoffnung trage ich in meiner Brust!« Hiob. Kap. 19, V. 27. »Was für wilde Ausgeburten einer orientalischen Phantaste, die dich unfähig machen, deine Pflichten zu erfüllen? Davon mußt du geheilt werden. In welcher Schule hast du all diesen Unsinn gelernt? In griechischen oder lateinischen Büchern habe ich niemals davon gelesen.« »In einer, welche meinem Heimatlande angehört; eine Schule, in welcher man keinen Unterschied zwischen Griechen und Barbaren, Freien oder Sklaven kennt oder erlaubt.« »Was!« rief die stolze Dame in heftiger Erregung aus, »ohne einmal auf das künftige, ideale Dasein nach dem Tode zu warten! Schon jetzt nimmst du dir heraus, dich für meinesgleichen zu erachten? Nein, vielleicht sogar als etwas besseres als ich bin! Komm, sag mir doch ohne Umschweif und ohne Rückhalt und Verstellung, ob du das thust oder nicht? Und sie richtete sich auf in einer Stellung gespannter Erwartung. Mit jedem Worte der ruhigen Entgegnung wuchs ihre Erregung; und heftige Leidenschaften schienen in ihr zu kämpfen, als Syra sagte: »O edle Herrin, weit überlegen bist du mir an Stellung und Macht und Gelehrsamkeit und Klugheit und an allem, was das Leben verschönert und bereichert; und an jeder Anmut der Form und der Züge, an jedem Reiz des Handelns und der Sprache; hoch erhaben stehst du über jedem neidischen Gedanken, jeder Rivalität. Wie könnte eine, die so niedrig ist wie ich, an dich heranreichen! Wenn ich aber die reine Wahrheit auf deine befehlende Frage sprechen soll« – hier versagte ihr die Sprache und sie hielt inne, bis eine herrische Bewegung ihrer Gebieterin sie wieder sprechen machte, »so überlasse ich es deinem eigenen Urteil, ob eine arme Sklavin, welche das unumstößliche Bewußtsein hegt, in sich ein geistiges Wesen zu tragen, dessen Daseinsmaß die Unsterblichkeit ist, deren einzige wahre Wohnung im Himmel ist, deren einziges gerechtes Vorbild die Gottheit ist – ob diese arme Sklavin sich an moralischer Würde, an Erhabenheit des Denkens für geringer halten kann als eine Dame, welche, wie begabt sie auch sein mag, kein köstlicheres Schicksal verlangt, kein höheres Ziel und Ende anerkennt als jenes, welche jene schön gefiederten, unvernünftigen Sänger anerkennen, welche ohne Hoffnung auf Freiheit, mit den Flügeln gegen die vergoldeten Stäbe ihres Käfigs schlagen.« Fabiolas Augen funkelten vor Wut; zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie sich getadelt, gedemütigt – von einer Sklavin. Sie griff mit ihrer rechten Hand nach ihrem Stilett und machte einen fast blinden Stoß nach der unerschütterlichen Dienerin. Syra, um ihren Körper zu schützen, hielt instinktiv den Arm empor und empfing den Stich, welcher von dem Ruhebett nach aufwärts geführt, eine tiefere Verwundung verursachte, als sie jemals zuvor erlitten hatte. Der Schmerz der Wunde, aus welcher das Blut in Strömen floß, trieb ihr die Thränen in die Augen. Fabiola schämte sich augenblicklich ihrer grausamen, obgleich unbeabsichtigten That und fühlte sich vor ihren Dienerinnen noch mehr gedemütigt. »Geh, geh,« sagte sie zu Syra, welche mit ihrem Tuche das hervorquellende Blut zu stillen suchte, »geh zu Euphrosyne und laß sie die Wunde verbinden. Ich hatte nicht die Absicht, dich so ernstlich zu verletzen. Aber wart einen Augenblick, ich muß dir eine Entschädigung geben.« Nachdem sie zwischen den Schmuckgegenständen auf dem Tische umhergesucht hatte, fuhr sie fort: »Nimm diesen Ring, und heute Abend werde ich dich nicht mehr brauchen.« Hiermit war Fabiolas Gewissen vollständig beruhigt; für die Verletzung, welche sie der Dienerin zugefügt, hatte sie ihrer eigenen Ansicht nach vollständige Genugthuung geleistet, indem sie einer niederen Sklavin ein kostbares Geschenk machte. Am folgenden Sonntage wurde in der Kirche oder dem Titel Sankt Pastor, nicht weit von ihrem Hause, unter den Almosen, welche für die Armen gesammelt wurden, ein kostbarer Smaragdring gefunden, von dem der fromme Priester Polycarp glaubte, daß er von einer sehr reichen, wohlthätigen Römerin gespendet sein müsse. Aber Er allein, der mit strahlendem Auge auf den Opferstock Jerusalems herabblickt und auch das Scherflein der Witwe bemerkt, sah, wie der verwundete Arm einer fremden Sklavin den Ring in die Opferlade fallen ließ. Fünftes Kapitel Der Besuch Während des letzten Teils des soeben wiederholten Dialogs und der Katastrophe, welche ihm ein Ende machte, trat eine Erscheinung in Fabiolas Zimmer, welche, wenn diese sie erblickt hätte, dem ersteren wahrscheinlich ein Ende gemacht und letztere verhütet haben würde. Die inneren Gemächer des römischen Hauses waren häufiger durch Vorhänge an den Thüröffnungen abgeschlossen als durch Thüren, und daher war es leicht, besonders während einer so erregten Scene wie die oben geschilderte, unbemerkt einzutreten. Dies war auch jetzt der Fall, und als Syra sich umwandte, um das Zimmer zu verlassen, erschrak sie fast, als sie von dem purpurroten Hintergrunde des Thürvorhangs sich eine lichte Gestalt abheben sah, welche sie augenblicklich erkannte, die wir aber kurz beschreiben müssen. Es war die einer Jungfrau oder eigentlich eines Kindes, das nicht mehr als zwölf oder dreizehn Jahre zählte, in reines, fleckenloses Weiß gekleidet, ohne einen einzigen Schmuckgegenstand. In ihrem Antlitz vereinigte sie die Unbefangenheit und Reinheit der Kindheit mit dem Verstande des reiferen Alters. In ihren Augen lag nicht nur die taubengleiche Unschuld, welche der heilige Dichter beschreibt, Hohelied Sal. Kap. 1., V. 14. sondern oft strahlten sie auch in so reiner Liebe, als blickten sie über alles, was sie umgab, fort, und ruhten auf Einem, der von allen anderen ungesehen, nur ihr gegenwärtig und ihrem Herzen unendlich teuer war. Auf ihrer Stirn thronte die Wahrheit und Aufrichtigkeit; ein gütiges Lächeln umspielte ihre Lippen, und auf den frischen jugendlichen Zügen wechselte der Ausdruck tiefer Empfindung mit arglosem Ernst; jedes Gefühl spiegelte sich eben so schnell auf ihrem Antlitz ab, wie ihr warmes und zärtliches Herz es empfand. Diejenigen, welche sie kannten, hegten die Überzeugung, daß sie niemals an sich selbst dachte, sondern sich vollständig zwischen der Güte und Fürsorge für ihre Umgebung und der Hingebung für ihre unsichtbare Liebe teilte. Als Syra diese wunderliebliche Erscheinung erblickte, welche einem Engel gleich vor ihr stand, hielt sie einen Augenblick inne. Aber das Kind ergriff ihre Hand und sagte, indem sie sie ehrerbietig küßte: »Ich habe alles gesehen; warte auf mich in dem kleinen Zimmer am Eingange, wenn ich fort gehe, komme ich zu dir.« Dann trat sie näher. Als Fabiola ihrer ansichtig wurde, bedeckte ein tiefes Rot ihre Wangen, denn sie fürchtete, daß das Kind Zeuge des unwürdigen Ausbruches ihrer Leidenschaften gewesen sein könne. Mit einer hochmütigen Handbewegung entließ sie ihre Dienerinnen und begrüßte dann ihre Verwandte – denn das war sie – mit herzlicher Freundlichkeit. Wir haben schon gesagt, daß Fabiola in ihrer hochfahrenden Laune dennoch einige Ausnahmen machte. Eine derselben war ihre alte Amme und Freigelassene Euphrosyne, welche ihren ganzen Privathaushalt führte und deren ganzes Glaubensbekenntnis dahin lautete, daß Fabiola das vollkommenste Wesen der Schöpfung, die klügste, die schönste, die bewunderungswürdigste Dame in Rom sei. Die zweite Ausnahme bildete ihre junge Besucherin, welche sie liebte und stets mit der zartesten Hingebung behandelte, deren Gesellschaft sie unaufhörlich begehrte. »Es ist wirklich gütig von dir, Agnes,« sagte die schnell besänftigte Fabiola, »meiner plötzlichen Einladung, uns bei der heutigen Abendtafel Gesellschaft zu leisten, so schnell Folge zu leisten. Die Sache ist aber die, daß mein Vater einen oder zwei Fremde eingeladen hat, und ich dringend wünschte, eine Person hier zu haben, mit der ich unter dem Vorwande, daß es meine Pflicht sei, sie zu unterhalten, ungestört sprechen könnte. Ich gestehe indessen, daß ich in Bezug auf den einen unserer Gäste ein wenig Neugierde hege. Es ist Fulvius, von dessen Liebenswürdigkeit, Anmut, Reichtum und Klugheit ich so viel höre, obgleich niemand zu wissen scheint, wer und was er ist, oder woher er so plötzlich gekommen ist.« »Meine teure Fabiola,« antwortete Agnes, »du weißt, daß ich stets glücklich bin, dich zu besuchen, und daß meine gütigen Eltern mir es auch gern gestatten; deshalb mach keine Entschuldigungen über diesen Punkt.« »Und so bist du denn wieder wie gewöhnlich zu mir gekommen,« sagte die andere scherzhaft, »in deinem eigentümlichen schneeweißen Gewande, ohne Edelsteine, ohne Schmuck, grade als wenn du täglich eine Braut wärst. Du scheinst eine ewige Hochzeit zu feiern. Aber gütiger Himmel! Was ist das? Hast du dich verletzt? Oder weißt du nicht, daß mitten auf deiner Tunika, grade an der Stelle des Herzens sich ein großer roter Fleck befindet? – Es sieht aus wie Blut. Wenn dem so ist, so laß mich dir sofort einen anderen Überwurf geben.« »Nicht um alle Schätze der Welt; es ist der Edelstein, der einzige Schmuck den ich heute Abend zu tragen gedenke. Es ist Blut, und zwar das einer Sklavin; in meinen Augen aber edler und hochherziger als das, welches in deinen und meinen Adern fließt!« Fabiola erfaßte sofort die ganze Wahrheit. Agnes hatte alles gesehen; und über alle Begriffe gedemütigt, sagte sie schnippisch: »Du willst also vor aller Welt einen Beweis meiner Laune und Heftigkeit zur Schau tragen, nur weil ich mich hinreißen ließ, eine übermütige Sklavin etwas zu strenge zu strafen?« »Nein, teure Cousine, weit entfernt davon. Ich will nur mir selbst eine Lehre der Charakterfestigkeit und Hochherzigkeit bewahren, welche eine Sklavin mir gegeben hat. Sie ist erhabener als manche, die ein patrizischer Philosoph uns geben kann.« »Welch seltsamer Gedanke, Agnes! In der That, es hat mich oft bedünkt, daß du zu viel aus dieser Klasse von Leuten machst. Schließlich – was sind sie denn eigentlich?« »Menschliche Geschöpfe so gut wie wir selbst, mit derselben Vernunft, denselben Gefühlen, dem gleichen Organismus begabt. Das wirst du mir doch zugeben müssen. Dann bilden sie einen Teil derselben Familie, und wenn Gott, von dem wir unser Leben haben, dadurch unser Vater ist, so ist Er der ihre ebensogut, und folglich sind sie unsere Brüder.« »Ein Sklave mein Bruder oder eine Sklavin meine Schwester! Agnes! Die Götter mögen mich davor bewahren! Sie sind unser Gut und unser Eigentum, und ich kenne nichts anderes, als daß es ihnen gestattet ist, sich zu bewegen, zu handeln, zu denken und zu fühlen, wie ihre Herren es befehlen, oder wie es deren Vorteil ist.« »Komm, komm, Fabiola,« sagte Agnes in ihrer süßesten Weise, »laß uns nicht in einen Wortkampf geraten. Du bist zu wahr und zu hochherzig, um nicht zu fühlen und anzuerkennen, daß du heute in allem, was du am meisten bewundern mußt, von einer Sklavin übertroffen worden bist – in Gemüt, in Vernunft, in Wahrhaftigkeit und in heldenmütiger Stärke! Antworte mir nicht; in jener Thräne sehe ich deine Antwort. Aber, teure Cousine, ich will dir eine Wiederholung deines Kummers ersparen. Willst du mir meine Bitte gewähren?« »Jede, welche zu gewähren in meiner Macht liegt.« »So gestatte mir denn, Syra zu kaufen – nicht, wahr, Syra ist ihr Name. Es wird dir nicht lieb sein, sie um dich zu sehen.« »Du irrst, Agnes. Ich will dies eine Mal meinen Stolz besiegen, und ich gestehe dir, daß ich sie jetzt achten, vielleicht sie sogar bewundern werde. Es ist dies ein neues Gefühl, welches ich für ein Wesen in ihrer Stellung hege.« »Aber ich glaube, Fabiola, daß ich sie glücklicher machen könnte, als sie es jetzt ist.« »Ohne Zweifel, teure Agnes, denn du hast die herrliche Gabe, jeden glücklich zu machen, der in deine Nähe kommt. Niemals sah ich einen Haushalt wie den deinen. Du scheinst jene seltsame Philosophie, auf welche Syra anspielte, in Ausführung zu bringen, nämlich, daß es keinen Unterschied zwischen Freien und Sklaven giebt. Jedermann in eurem Hause lächelt stets und ist freudig besorgt, seine Pflicht zu thun. Und trotzdem scheint niemand dort zu sein, welcher ans Befehlen denkt. Komm, erzähle mir dein Geheimnis!« Agnes lächelte. »Ich argwöhne, du kleine Zauberin, daß du in jenem geheimnisvollen Zimmer, welches du niemals vor mir öffnen willst, deine Zaubertränke und Mixturen aufbewahrst, mit denen du bewirkst, daß jedermann und jedes Ding dich liebt und dir zulächelt. Wenn du eine Christin und im Cirkus ausgestellt wärst, so bin ich fest überzeugt, daß sogar die Leoparden dich schonen und dir zu Füßen kriechen würden. Aber weshalb siehst du so ernst aus, Kind? Du weißt ja, daß ich nur scherze.« Agnes schien in Gedanken versunken; dann sandte sie jenen durchdringenden und zärtlichen Blick empor, den wir schon erwähnt haben; es war, als sähe sie jemand vor sich, nein, als hörte sie ein innig geliebtes Wesen sprechen. Dies ging vorüber, und fröhlich sagte sie: »Nun, nun, Fabiola, es sind schon seltsamere Dinge vorgekommen; und wenn etwas so fürchterliches jemals geschehen sollte, so wäre Syra auf jeden Fall das Wesen, welches man zur Seite haben möchte. Du mußt sie mir also durchaus geben.« »Um Gottes willen Agnes, nimm meine Worte doch nicht so ernst. Ich versichere dir, daß ich sie nur im Scherz gesprochen habe. Ich habe einen zu hohen Begriff von deiner gesunden Vernunft, um etwas so schreckliches auch nur für möglich zu halten. Was aber Syras Hingebung anbetrifft, so hast du recht. Als du im vorigen Sommer fern von Rom warst, und das ansteckende Fieber mich aufs Krankenlager warf, waren die übrigen Sklavinnen nur mit der Peitsche dazu zu bewegen, sich mir zu nähern. Jenes arme Geschöpf hingegen verließ mich kaum, wachte bei mir, pflegte mich Tag und Nacht, und ich glaube wirklich, daß ich ihr meine Wiederherstellung verdanke.« »Und liebst du sie nicht dafür?« »Sie lieben! eine Sklavin lieben! Kind! Natürlich ließ ich es mir angelegen sein, sie großmütig zu belohnen, obgleich ich nicht begreifen kann, was sie mit dem thut, was ich ihr gebe. Die andern sagen mir, daß sie nichts erspart hat, und ganz gewiß giebt sie nicht das geringste für ihre eigene Person aus. Nein, ich habe sogar vernommen, daß sie thörichterweise ihre tägliche Nahrung mit einem blinden Bettlermädchen teilt. Das ist doch wahrlich eine ganz seltsame Idee!« »Teuerste Fabiola,« rief Agnes aus, »sie muß mein Eigentum werden! Du hast versprochen, meine Bitte zu erfüllen. Nenne den Preis, und laß mich sie schon heute Abend mit nach Hause führen.« »Gut, es sei so, du unwiderstehlichste aller Bittstellerinnen! Aber wir wollen nicht miteinander handeln. Schicke morgen jemand her, der mit dem Hausverwalter meines Vaters spricht und alles in Ordnung bringt. Und jetzt, da diese große Geschäftsangelegenheit zwischen uns geordnet ist, laß uns hinuntergehen zu unseren Gästen.« »Du hast aber vergessen deine Juwelen anzulegen.« »Laß das. Ich werde einmal ohne sie sein können. Heute ist mir alle Freude daran vergangen. Sechstes Kapitel Das Gastmahl Als sie hinab kamen, fanden sie bereits alle Gäste in einer Halle versammelt. Es war kein Festmahl, an dem sie teil nehmen sollten, sondern die gewöhnliche Mahlzeit eines reichen Hauses, wo stets der Tisch für eine Gesellschaft von Freunden gedeckt war. Wir wollen uns daher begnügen zu sagen, daß alles in der prächtigsten Weise angeordnet und zubereitet war, und uns nur auf die Mitteilung solcher Begebenheiten und Zufälligkeiten beschränken, welche dazu dienen können Streiflichter auf unsere Geschichte zu werfen. Als die beiden Damen in die exedra oder Halle traten, rief Fabius aus, nachdem er seine Tochter begrüßt hatte: »Wie, mein Kind, obgleich es bereits spät ist, kommst du doch noch in einer Tracht herab, welche kaum für die Gelegenheit paßt! Du hast ja vergessen, deinen Schmuck anzulegen.« Fabiola war verwirrt. Sie wußte nicht, welche Antwort sie geben sollte. Sie schämte sich ihrer Schwäche, indem sie sich durch ihre Heftigkeit hatte hinreißen lassen, und noch mehr dessen, was ihr jetzt eine alberne Art dünkte, sich selbst zu bestrafen. Agnes kam ihr zu Hilfe und sagte errötend: »Es ist meine Schuld, Vetter Fabius; sowohl daß sie zu spät kommt, wie daß sie so einfach gekleidet ist. Ich hielt sie durch mein Geschwätz zurück; und ohne Zweifel wollte sie mich in meiner bescheidenen Gewandung nicht in den Schatten stellen und kam deshalb so gänzlich schmucklos.« »Du, teuerste Agnes,« antwortete der Vater, »erfreust dich des Privilegiums thun zu können, was du willst. Aber im Ernst gesprochen, ich muß dir sagen, daß selbst dir diese Kleidung genügt haben mag, als du ein Kind warst; jetzt aber, wo du heiratsfähig geworden Mit dem vollendeten zwölften Jahre wurden die Mädchen nach dem römischen Gesetz heiratsfähig. bist, könntest du wohl anfangen, ein wenig mehr Aufwand zu treiben und zu versuchen, die Liebe eines schönen und begehrenswerten Jünglings zu erwerben. Aber du hörst ja gar nicht auf das, was ich sage. Komm, komm, ich glaube, du hast bereits eine Wahl getroffen.« Während dieser ganzen Anrede, welche durchaus ebenso gutmütig gemeint, wie sie weltlich gesinnt war, schien Agnes wieder in Nachdenken versunken. Mit gebannten Blicken, wie Fabiola sie nannte, schien sie in lächelnder Verzückung auf die Sprache eines anderen, für jedermann Unsichtbaren zu lauschen. Aber ohne den Faden des Gesprächs zu verlieren, noch irgend etwas erwidernd, was nicht am Platze gewesen wäre, antwortete sie sogleich auf Fabius' Anrede: »O ja, gewiß, ich habe einen gewählt, der mich bereits durch seinen Vermählungsring an sich gebunden und mich mit zahllosen Edelsteinen geschmückt hat!« » annulo fidei suae subarrhavit me et immensis monilibus ornavit me «, heißt es im Officium der heiligen Agnes. »In der That!« rief Fabius aus, »und womit?« »Nun,« entgegnete Agnes mit einem Blick tiefen Ernstes und in einem Ton ungekünstelter Einfachheit, »er hat meine Hand und meinen Nacken mit kostbaren Juwelen geschmückt, und meine Ohren tragen unschätzbare Perlen.« » Dexternam meam et collum meum cinxit lapidibas pretiosis, tradidit auribus meis inaestimabiles margaritas. « Ebendaselbst. »Himmel! wer kann das sein? Komm Agnes, du mußt mir eines Tages dein Geheimnis anvertrauen. Deine erste Liebe, ohne Zweifel. Möge sie von Dauer sein und dich glücklich machen.« »Sie wird ewig dauern,« war ihre Antwort, als sie sich wandte, um sich zu Fabiola zu gesellen und mit ihr in das Speisezimmer zu treten. Es war gut, daß diese den Dialog nicht überhört hatte, denn es würde sie tief verletzt haben zu denken, daß Agnes den wichtigsten Gedanken ihrer Jugend – denn dafür würde Fabiola ihn angesehen haben – vor ihr, der treuesten Freundin verborgen gehalten. Aber während Agnes sie noch verteidigte, hatte sie sich von ihrem Vater gewendet und ihre Aufmerksamkeit den anderen Gästen gewidmet. Einer derselben war ein stiernackiger römischer Sophist oder Alleswisser, Namens Calpurnius; ein anderer war Proculus, ein großer Liebhaber guter Kost, der sich oft im Hause des Fabius einfand. Es bleiben noch zwei andere, welche wir der näheren Beachtung würdigen müssen. Der erste von ihnen, augenscheinlich ein Günstling sowohl von Fabiola wie von Agnes, war ein Tribun, ein hoher Offizier in der kaiserlichen oder Prätorianer Garde. Obgleich nicht über dreißig Jahre alt, hatte er sich bereits durch seine Tapferkeit ausgezeichnet und erfreute sich der Gunst der Kaiser Diocletian im Orient und Maximian Herculius in Rom. Er war frei von jeder Geziertheit in Kleidung und Manieren; obgleich er ein schönes Äußeres hatte, und sehr fesselnd in seiner Unterhaltung war, verschmähte er die abgeschmackten Gesprächsstoffe, mit denen die Gesellschaft sich im allgemeinen unterhielt. Kurzum, er war das vollkommene Vorbild eines edelmütigen, großherzigen Jünglings, voll Ehre und erhabener Gedanken; kräftig und tapfer, ohne ein Atom von Stolz und Prahlerei. Das vollkommene Gegenteil von ihm war der letzte Gast, welchen Fabiola schon genannt hatte, der Stern der Gesellschaft, Fulvius. Jung und fast von weibischem Aussehen, mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidet, mit wertvollen Ringen an jedem Finger, Edelsteinen auf seiner Kleidung, geziert in seiner Sprache, die einen leichten fremdartigen Accent hatte, übertrieben in der Höflichkeit seiner Manieren, aber anscheinend gutmütig und gefällig, hatte er sich in der allerkürzesten Zeit einen Weg in die höchste Gesellschaft von Rom gebahnt. Dies verdankte er in der That zum Teil dem Umstände, daß er am kaiserlichen Hofe gesehen worden war, zum Teil aber auch dem seinen Schliff seiner Umgangsformen. Er war nach Rom gekommen in Gesellschaft eines einzigen männlichen Begleiters, welcher ihm augenscheinlich sehr ergeben war; niemand wußte jedoch, ob dieser ein Sklave, ein Freigelassener oder ein Freund sei. Sie sprachen stets in einer fremden Sprache miteinander, und die dunkelbraunen Gesichtszüge, das scharfe, feurige Auge und der unliebenswürdige Gesichtsausdruck des Dieners, flößte den Untergebenen einen gewissen Grad von Furcht ein; denn Fulvius hatte eine Wohnung in einer sogenannten insula . genommen, einem Hause, welches in verschiedene Wohnungen abgeteilt war; er hatte sie sehr luxuriös möbliert und mit einer Anzahl von Sklaven versehen, welche hinreichend war für den Haushalt eines Junggesellen. All seine häuslichen Einrichtungen zeichneten sich mehr durch übermäßige Verschwendung als durch Geschmack aus, und in der korrumpierten und gesunkenen Gesellschaft des heidnischen Rom hatte man die Obskurität seines Herkommens, die Plötzlichkeit seines Erscheinens bald über seine zur Schau getragenen Reichtümer und den Reiz seiner ungebundenen Unterhaltung vergessen. Einem scharfen Beobachter von Charakteren würde indessen bald eine suchende Ruhelosigkeit seines Blicks, eine angestrengt lauschende, eine unersättliche Neugierde verratende Aufmerksamkeit auf jeden Laut, jede Begebenheit in seiner Nähe aufgefallen sein; und ebenso in Augenblicken des Selbstvergessens, ein düsterer Blick aus seinen aufblitzenden Augen, ein spöttisches Verziehen der Oberlippe, welches ein Gefühl von Mißtrauen einflößte und den Gedanken erweckte, daß sich unter seiner äußeren Liebenswürdigkeit und Sanftmut eine schurkische Bosheit verberge. Die Gäste waren bald an der Tafel. Und da die Damen saßen, während die Männer bei der Mahlzeit auf Ruhebetten lagerten, befanden Agnes und Fabiola sich auf einer Seite, während die beiden jüngeren zuletzt beschriebenen Gäste ihnen gegenüber, und der Herr des Hauses und seine beiden älteren Freunde in der Mitte lagerten – wenn diese Bezeichnung angewendet werden kann in Bezug auf eine an drei Seiten besetzte Tafel, deren vierte Seite um der Bequemlichkeit der Aufwartung willen von der sigma oder dem halbrunden Ruhebett frei blieb. Vorübergehend können wir auch noch erwähnen, daß das Tischtuch, welches zur Zeit des Horaz noch ein unbekannter Luxus, jetzt allgemein im Gebrauch war. Als die ersten Ansprüche des Hungers oder des Gaumens befriedigt waren, wurde die Unterhaltung allgemeiner. »Was gab es heute Neues in den Bädern?« fragte Calpurnius; »ich selbst habe nicht Muße, um mich um solche Kleinigkeiten zu kümmern.« »Sehr interessante Neuigkeiten in der That,« antwortete Proculus. »Wie es scheint, sind sehr bestimmte Befehle vom göttlichen Diocletian gekommen, daß seine Thermen innerhalb des Zeitraumes von drei Jahren vollendet sein müssen.« »Unmöglich!« rief Fabius aus. »Vor einigen Tagen habe ich mir auf dein Wege nach den Gärten des Sallust die Arbeiten angesehen und fand, daß sie während des letzten Jahres nur sehr geringe Fortschritte gemacht haben. Es bleibt noch ein ungeheurer Teil schwerer Arbeit zu thun, wie zum Beispiel das Aushauen des Marmors und das Meißeln der Säulen.« »Es ist wahr,« warf Fulvius ein, »aber ich weiß, daß Befehle nach allen Seiten ergangen sind, alle Gefangenen hierher zu schicken und ebenso alle diejenigen, welche zu schwerer Arbeit in den Bergwerken in Spanien, Sardinien und sogar des Chersones verurteilt sind, soweit sie eben entbehrt werden können, um hier an den Thermen zu arbeiten. Einige tausend Christen werden sie bald zu Ende bringen, wenn sie ordentlich zur Arbeit angehalten werden.« »Und weshalb die Christen besser als andere Gefangene?« fragte Fabiola mit einer gewissen Neugierde. »Nun, in der That,« sagte Fulvius mit seinem bezauberndsten Lächeln, »ich könnte kaum einen Grund dafür angeben; aber es ist einmal Thatsache. Unter fünfzig verurteilten Arbeitern würde ich mich anheischig machen, sofort den einzigen Christen herauszufinden.« »Ist dem wirklich so?« riefen mehrere zugleich aus, »und wie wäre das möglich?« »Gewöhnliche Gefangene,« antwortete er, »lieben natürlicherweise ihre Arbeit nicht, und bei jedem Schritte bedarf es der Peitsche, um sie zu derselben zu zwingen. Wenn das Auge des Oberaufsehers nicht auf ihnen ruht, wird keine Arbeit gethan. Und überdies sind sie natürlich roh, frech, zanksüchtig und rauflustig. Wenn die Christen jedoch zu diesen öffentlichen Arbeiten verdammt sind, so scheinen sie im Gegenteil froh und sind stets gehorsam und guten Mutes. Ich habe in Asien junge Patrizier so beschäftigt gesehen, deren Hände bis dahin niemals eine Art berührt hatten, deren schwache Schultern niemals eine Last getragen; und doch arbeiteten sie angestrengt und fühlten sich augenscheinlich ebenso glücklich wie früher in ihrem prächtigen Heim. Natürlicherweise wenden die Gefangenaufseher trotzdem die Peitsche und den Stock sehr reichlich an, und das ist auch ganz gerecht; denn es ist der Wille unserer erhabenen Kaiser, daß ihnen ihr Los so schwer wie möglich gemacht werde. Aber ungeachtet dessen, kommt niemals eine Klage über ihre Lippen.« »Ich kann nicht gerade sagen, daß ich diese Art von Gerechtigkeit bewundere,« entgegnete Fabiola; »welch seltsame Leute müssen sie aber sein! Ich bin außerordentlich begierig zu erfahren, welches der Grund oder die Ursache dieser Dummheit oder unnatürlichen Gefühllosigkeit bei diesen Christen sein kann.« Proculus entgegnete mit einem munteren Blick: »Das kann uns Calpurnius hier ohne Zweifel sagen, denn er ist ein Philosoph; und ich höre, daß er stundenlang über jeden Gegenstand von den Alpen bis zu einem Ameisenhaufen herab reden kann.« Calpurnius fühlte sich durch diese Herausforderung auf das höchste geschmeichelt und sagte in sehr feierlichem Ton: »Die Christen sind eine fremde Sekte, deren Begründer vor vielen Jahren in Chaldäa in Ansehen stand. Seine Lehrsätze wurden zur Zeit des Vespasian von zwei Brüdern Namens Petrus und Paulus nach Rom gebracht. Einige wollen sogar behaupten, daß dies dieselben Zwillingsbrüder waren, welche die Juden Moyses und Aaron nannten, von denen der zweite seinem Bruder sein Erstgeburtsrecht für eine Ziege verkaufte, aus deren Leder ex chiroctecae oder Handschuhe zu machen beabsichtigte. Ich gebe jedoch diese Identität nicht zu; denn in den geheimnisvollen Büchern der Juden steht geschrieben, daß der zweite dieser Brüder, als er sah, daß die Vögel über den Opfern des anderen bessere Omen verkündeten, ihn erschlug, wie unser Romulus den Remus erschlug, jedoch mit der Kinnlade eines Esels. Hierfür ließ ihn König Mardochäus von Macedonien auf die Bitte seiner Schwester Judith an einem fünfzig Kubitus hohen Galgen aufhängen. Indessen als Petrus und Paulus, wie ich sagte, nach Rom kamen, entdeckte man, daß der erstere ein flüchtiger Sklave des Pontius Pilatus sei, und nun wurde er auf den Befehl seines Herrn auf dem Janiculum gekreuzigt. Ihre Anhänger, deren gar viele waren, machten das Kreuz zu ihrem Symbol und beten es an. Sie halten es für die größte Ehre, Peitschenhiebe zu erdulden und sogar einen schimpflichen Tod zu erleiden, weil dies der Weg ist, auf dem ihre Lehrer gewandelt sind, und sie sich einbilden, daß sie auf diese Weise zu ihnen gelangen, an einen Ort, der da oben zwischen den Wolken ist.« Vergleiche Lucian: De morte Peregrini Diese einleuchtende Erklärung über den Ursprung des Christentums wurde mit zwei Ausnahmen, von allen mit der größten Bewunderung aufgenommen. Der junge Offizier warf einen mitleidigen Blick auf Agnes, als ob er sagen wollte: »Soll ich den Dummkopf bestrafen oder hell auflachen?« Sie aber legte den Finger auf die Lippen und bat stumm lächelnd um Schweigen. »Gut, und die Folgen davon sind, daß die Thermen bald fertig gestellt sein, und wir die herrlichsten Feste haben werden,« bemerkte Proculus. Sagt man nicht, Fulvius, daß der göttliche Diocletian selbst zur Einweihung herkommen wird?« »Es ist schon fest bestimmt, und wir werden dann prächtige Feste und die schönsten Spiele haben. Aber so lange werden wir nicht zu warten brauchen; denn für andere Zwecke sind bereits Befehle nach Numidien gesandt, eine unbeschränkte Anzahl von Löwen und Leoparden noch vor dem Winter in Bereitschaft zu halten.« Und indem er sich dann schnell zu seinem Nachbar wandte und einen scharfen, durchdringenden Blick auf dessen Gesicht heftete, sagte er: »Ein tapferer Soldat wie du, Sebastianus, muß doch entzückt sein von dem edlen Schauspiel, welches uns das Amphitheater bietet, besonders wenn es gegen die Feinde der erhabenen Kaiser und gegen den Staat gerichtet ist.« Der Offizier richtete sich auf seinem Ruhebett empor, sah dem Fragenden mit unbewegtem, majestätischen Ausdruck ins Gesicht und entgegnete ruhig: »Fulvius, ich würde die Benennung, welche du mir beilegst, nicht verdienen, wenn ich mit Vergnügen und kaltem Blute den Kampf – wenn wir es überhaupt so nennen dürfen – zwischen einem wilden Tier und einem hilflosen Weibe oder einem Kinde mit ansehen könnte; denn solcher Art sind die Schauspiele, welche du edel nennst. Ja, ich bin stets bereit, mein Schwert gegen einen Feind der Kaiser oder des Staates zu ziehen; aber ich bin auch ebenso bereit, es gegen den Löwen oder Leoparden zu gebrauchen, welcher sich – selbst wenn es auf kaiserlichen Befehl geschieht – auf die Unschuldigen und Wehrlosen stürzt.« Fulvius fuhr auf, aber Sebastianus legte seine starke Hand auf seinen Arm und fuhr fort: »Laß mich zu Ende reden. Ich bin nicht der erste Römer, und auch nicht der edelste, welcher schon vor mir so gedacht hat. Denk an die Worte des Cicero: »Prächtig sind diese Spiele ohne Zweifel; welche Freude kann es aber für ein zartes Gemüt sein, entweder einen schwachen Mann von einer mächtigen wilden Bestie zerrissen oder ein edles Tier durch einen Wurfspieß getötet zu sehen? Magnificae nemo negat; sed quae potest esse homini polito delectatio, quum aut homo imbecillus avalentissima bestia lanitur aut praeclara bestia venabulo transverberatur? Ep. ad Fam, lib. VII. ep.1. Und ich schäme mich nicht, mit dem großen römischen Redner übereinzustimmen.« »So werden wir dich niemals im Amphitheater sehen, Sebastianus?« fragte Fulvius in weichem aber spöttischem Ton. »Wenn ihr es thut,« entgegnete der Soldat, »so verlaßt euch darauf, daß ihr mich auf Seite der Wehrlosen sehen werdet, und nicht auf jener der Bestien, welche sie zerfleischen wollen.« »Sebastianus hat recht,« rief Fabiola aus, indem sie in die Hände klatschte, »und ich mache diesem Gespräch durch meinen Beifall ein Ende. Ich habe Sebastianus niemals sprechen hören, ohne daß er großherzigen und erhabenen Empfindungen Ausdruck verliehen hätte.« Fulvius biß sich schweigend in die Lippen, und die Gäste erhoben sich von ihren Ruhebetten, um sich zu entfernen. Siebentes Kapitel Arm und reich Während des letzten Teils der soeben wiedergegebenen Unterhaltung, hatte Fabius in Gedanken versunken dagesessen; er grübelte noch über den Inhalt seines Gesprächs mit Agnes nach. Wie still sie ihr Geheimnis für sich behalten hatte! Wer aber konnte dieser Begünstigte sein, der bereits ihr Herz gewonnen hatte? Er ließ gar viele im Geiste vorüberziehen, aber dennoch konnte er keine Antwort finden. Es war besonders das reiche Juwelengeschenk, welches ihm Kopfzerbrechen machte. Er kannte keinen jungen edlen Römer, der im Besitz von reichen Edelsteinen gewesen wäre; und da er täglich in den großen Kaufläden umherschlenderte, so würde er unzweifelhaft davon gehört haben, wenn ein so bedeutender Juwelenkauf gemacht worden wäre. Plötzlich durchzuckte der kluge Gedanke sein Hirn, daß Fulvius, welcher täglich neue und kostbare Edelsteine zur Schau trug, der einzige Mensch sein könne, welcher imstande wäre, ihr solche Geschenke zu machen. Überdies hatte er gelegentliche Blicke aufgefangen, welche der schöne Fremde seiner jungen Cousine zuwarf, so daß ihm gar kein Zweifel mehr daran blieb, daß dieser sterblich in sie verliebt sei; und wenn Agnes diese anbetende Bewunderung nicht zu bemerken schien, so lag dies ganz bestimmt in ihrer Absicht. Nachdem diese Überzeugung einmal seiner Herr geworden, beschloß er, die Wünsche der beiden zu begünstigen, und seine Tochter eines Tages durch die Klugheit zu überraschen, welche er bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hatte. Wir müssen indessen unsere vornehmen Gäste verlassen und uns bescheideneren Scenen zuwenden. Suchen wir Syra auf von dem Augenblick an, wo sie das Gemach ihrer jungen Herrin verließ. Als sie vor Euphrosine erschien, war die gutmütige Amme erschrocken über den Anblick der grausamen Wunde und stieß einen lauten Jammerruf aus. Als sie aber gleich darauf Fabiolas Werk erkannte, wurde sie die Beute widerstreitender Gefühle. »Armes Ding!« sagte sie indem sie die Wunde erst wusch, dann schloß und verband, »es ist ein furchtbarer Schnitt! Was hast du gethan, um das zu verdienen? Wie weh muß es dir gethan haben, mein armes Kind! Wie böse mußt du aber auch gewesen sein, um das herbeizuführen! Es ist eine schlimme Wunde, aber das beste und lieblichste menschliche Wesen hat sie dir beigebracht! Du mußt ja ohnmächtig sein durch den Blutverlust; nimm dieses Belebungsmittel, es wird dir gut thun, und ohne Zweifel war sie gezwungen, dich zu strafen.« »Ohne Zweifel,« sagte Syra belustigt, »war es nur meine Schuld. Ich hatte nicht das Recht mit meiner Gebieterin zu streiten!« » Streiten mit ihr! – streiten ! – O ihr gerechten Götter! Hat man schon jemals davon gehört, daß eine Sklavin mit ihrer Herrin, ihrer edlen Herrin streitet, mit ihrer Herrin, die so klug, so gelehrt! Was! Calpurnius selbst würde sich fürchten, mit ihr zu disputieren. Kein Wunder in der That, daß sie so – so – so aufgeregt war und nicht wußte, daß sie dir wehe that. Aber dies muß geheim bleiben. Niemand darf erfahren, daß du ein so großes Unrecht begangen hast. Hast du nicht ein schönes Band, oder einen Schleier, in den wir deinen Arm hüllen könnten, so daß es aussieht als schmücktest du dich damit? All die anderen haben eine Menge solcher Sachen, die man ihnen entweder geschenkt hat, oder die sie gekauft haben. Aber du scheinst gar kein Auge für solche hübschen Dinge zu haben. Laß uns doch einmal nachsehen.« Sie ging in den Schlafsaal der Sklavinnen, welcher neben ihrem Zimmer lag. Dort öffnete sie Syras Capsa oder Kasten, und nachdem sie seinen ärmlichen Inhalt umsonst durchsucht hatte, fand sie auf dem Boden der Lade ein viereckiges Tuch aus reichem Stoff, der prächtig gestickt und sogar mit Perlen geziert war. Syra errötete tief und bat, sie nicht zu zwingen, dies unpassende Kleidungsstück zu tragen, besonders da es ein Andenken an bessere Tage sei, welches sie schon lange und kummervoll aufbewahre. Aber Euphrosine, welche an nichts weiter dachte, als das Vergehen ihrer Herrin zu verheimlichen, war unerbittlich, und die reiche, prächtige Schärpe wurde anmutig um den verwundeten Arm geschlungen. Nachdem diese Operation beendet, begab Syra sich in den kleinen Wohnraum, welcher dem Zimmer des Thürhüters gegenüber lag; dort durften die Sklaven höheren Ranges ihre Freunde empfangen. In der Hand trug sie einen Korb, welcher mit einem Tuche bedeckt war. In dem Augenblick, wo sie in die Thür trat, kam ein leichter Schritt ihr durch das Zimmer entgegen. Er gehörte einem Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren an, welches die ärmlichste Kleidung trug, jedoch rein und ordentlich aussah. Diese schlang ihre Arme mit einem so fröhlichen Gesichtsausdruck und so herzlicher Freude um Syras Nacken, daß der Zuschauer kaum geglaubt haben würde, daß ihre lichtlosen Augen niemals einen Blick in die Außenwelt gethan hatten. »Setze dich, teure Cäcilia,« sagte Syra im liebevollsten Ton und führte sie zu einem Sitz; »heute habe ich dir einen köstlichen Leckerbissen gebracht; du wirst speisen wie eine Kaiserin!« »Wie das? Ich meine, das thue ich täglich!« »Ja. Aber heute hat meine gütige Herrin mir ein köstliches Gericht von ihrer eigenen Tafel herausgeschickt, und ich habe es für dich hierher gebracht.« »Wie gütig von ihr! Aber wie viel gütiger noch von dir, meine Schwester! Aber weshalb hast du selbst nicht davon gekostet? Es war doch für dich bestimmt und nicht für mich.« »Nun, um dir die Wahrheit zu gestehen, ist es ein größerer Genuß für mich zu sehen, wenn dir die Speisen schmecken, als sie selbst zu essen.« »Nein, teure Syra, nein. Das darf nicht sein. Gott hat gewollt, daß ich arm sei, und ich muß versuchen, seinen Willen zu thun. Ich darf ebensowenig daran denken, die Speisen der Reichen zu essen, wie ihre Kleider zu tragen, so lange ich noch das Gewand der Armut erlangen kann. Ich liebe es, deinen pulmentum pulmentum – Brei, die jetzige Polenta. mit dir zu teilen, weil ich weiß, daß er mir aus Erbarmen von einer gereicht wird, die ebenso arm ist wie ich selbst. Ich verschaffe dir das Verdienst, Almosen austeilen zu können; du giebst mir den Trost zu fühlen, daß ich vor Gott nur immer noch das arme, blinde Geschöpf bin. Ich glaube, daß Er mich um so mehr lieben wird, wenn ich mich nicht von köstlichen Leckerbissen ernähre. Ich möchte lieber mit Lazarus am Thor stehen, als an dem Tische des reichen Mannes sitzen.« »Wie viel besser und klüger du bist als ich, mein gutes Kind! Es soll geschehen, wie du wünschest. Ich will dieses, Gericht meinen Gefährtinnen geben und unterdessen setze ich dir hier deine gewöhnliche bescheidene Kost vor.« »Dank! Dank! meine Schwester! ich werde deine Rückkehr erwarten!« Syra ging in das Gemach der Dienerinnen und stellte die silberne Schüssel vor ihre eifersüchtigen und gierigen Gefährtinnen. Da ihre Gebieterin auch ihnen zuweilen diese Güte erwies, so fiel es ihnen nicht weiter auf. Aber die arme Dienerin war schwach genug sich zu schämen, daß sie vor den übrigen Sklavinnen mit der reichen Schärpe um ihren Arm erscheinen sollte. Sie nahm sie deshalb herab, bevor sie eintrat; und als sie wieder herauskam, legte sie sie so gut sie es vermochte, mit der einen Hand wieder an, um der guten, alten Euphrosyne kein Ärgernis zu geben. Sie war unten im Hofe, im Begriff zu ihrer blinden Freundin zurückzukehren, als sie einen der vornehmen Gäste von der Tafel ihrer Gebieterin allein und wie es schien mit ärgerlicher Miene dem Ausgange zuschreiten sah. Sie trat hinter eine Säule, um eine mögliche und durchaus nicht ungewöhnliche Rohheit zu vermeiden. Es war Fulvins; und kaum hatte sie, von ihm ungesehen, einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen, als sie wie angewurzelt an der Stelle stehen blieb. Ihr Herz begann heftig zu schlagen; dann erbebte und erzitterte es, als würden alle Pulse ihre Thätigkeit einstellen; ihre Kniee schlugen gegeneinander, ein Schauder erfaßte ihren ganzen Körper und der kalte Angstschweiß trat auf ihre Stirn. Ihre weit geöffneten Augen waren gebannt, wie die eines Vogels vor einer Schlange. Sie legte die Hand auf die Brust, machte das Zeichen des Kreuzes – und der Zauber war gebrochen. Noch immer unbemerkt, floh sie im nächsten Augenblick, und kaum war sie geräuschlos hinter den Vorhang getreten, welcher die Treppe verdeckte, als Fulvius mit zu Boden gesenktem Blick an die Stelle kam, auf welcher sie gestanden. Er fuhr zurück, als habe ihn etwas erschreckt, das vor ihm lag. Er zitterte heftig; aber mit einer plötzlichen Anstrengung wurde er wieder Herr über sich selbst; dann blickte er umher und sah, daß er allein war. Kein Auge ruhte auf ihm – mit Ausnahme des Einen, welches er nicht kannte, das in jener Stunde aber deutlich auf dem Grunde seines verderbten Herzens las. Er blickte wieder auf den Gegenstand hinab und bückte sich um ihn aufzunehmen; doch augenblicklich zog er die Hand zurück. Dies wiederholte er mehr als einmal. Endlich vernahm er Schritte, welche näher kamen; er erkannte den martialischen Gang Sebastians. Hastig riß er die kostbare Schärpe, mit welcher Syras verwundeter Arm umwickelt gewesen, vom Boden empor. Als er sie zusammenlegte, erbebte er, und als er zu seinem Schrecken mehrere Tropfen frischen Bluts darauf fand, welches durch den Verband gedrungen, taumelte er wie ein Betrunkener an die Thür und stürzte nach seiner Wohnung. Blaß, krank und schwankend ging er in sein Schlafgemach, die Dienstleistungen seiner eifrig bemühten Sklaven zornig zurückweisend. Nur seinem treuen Begleiter machte er ein Zeichen, ihm zu folgen und die Thür dann fest zu verriegeln. Eine Lampe brannte hell auf dem Tische, auf welchen Fulvius schweigend die gestickte Schärpe warf. Dann zeigte er auf die Blutflecke. Der farbige Mann sagte kein Wort; aber aus seinem gebräunten Gesichte wich alle Farbe, während sein Herr bläulich und aschfahl war. »Es ist dieselbe, ohne Zweifel,« sagte der Untergebene endlich in ihrer fremden Sprache, »aber sie ist bestimmt tot.« »Bist du dessen ganz gewiß, Eurotas?« fragte der Gebieter und heftete seinen scharfen Falkenblick auf ihn. »So gewiß, wie ein Mensch dessen sein kann, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Wo hast du dies gefunden, und woher kommt das Blut?« »Morgen will ich dir alles erzählen; heute Abend bin ich zu krank. Was jene Flecke anbetrifft, welche noch feucht waren, als ich sie fand, so weiß ich nicht, woher sie kamen wenn sie nicht die Vorboten einer Rache – nein, die Rache selbst sind, so fürchterlich wie die Furien sie nur ersinnen, sie nur auf einen Sterblichen herab schleudern können. Das Blut ist nicht jetzt erst vergossen worden.« »Still, still! Dies ist keine Zeit für Träume oder Phantasien. Hat irgend jemand gesehen, daß du das – das Ding aufnahmst?« »Niemand, dessen bin ich gewiß.« »Dann sind wir sicher; es ist besser in unseren Händen aufgehoben als in anderen. Über Nacht wird weiser Rat kommen.« »Wahr, Eurotas; aber schlaf du heute Nacht bei mir in meinem Gemache.« Beide warfen sich auf ihre Lager. Fulvius auf ein reiches Bett, Eurotas auf eine niedrige Pritsche, von welcher aus er, auf seinen Arm gestützt, bis tief in die Nacht hinein mit düsteren aber ernsten Blicken den unruhigen Schlaf des Jünglings bewachte, dessen treuer Beschützer und böser Engel er zu gleicher Zeit war. Fulvius warf sich unruhig hin und her und stöhnte im Schlaf, denn er hatte gar schwere und unheimliche Träume. Zuerst sah er eine wunderschöne Stadt in einem fernen Lande vor sich, durch welche ein Fluß von krystallener Klarheit floß. Darauf ein Schiff, welches die Anker lichtete; auf Deck eine Gestalt, welche ihm mit einem gestickten Tuche ein letztes Lebewohl zuwinkte. Die Scene verwandelt sich, das Schiff ist mitten auf der See, es kämpft mit einen: wilden Sturm, während dieselbe Schärpe wie ein Wimpel vom Mittelmast des Schiffes herab weht. Jetzt fährt das Fahrzeug auf einen Felsen auf, und alle versinken mit einem furchtbaren Schrei in die Tiefe. Aber der Topmast erhebt sich mit seiner ruhigen, kostbaren Flagge über die Wellen, bis inmitten des Gekreisches der Seevögel, welche sie umflattern, eine Gestalt mit einer Fackel in der Hand und schwarzen herabhängenden Flügeln daher saust, den Wimpel von: Mast reißt und ihn mit einem Blick düstern Zorns ausbreitet, als sie in ihrem Fluge vor ihm innehält. Mit feurigen Buchstaben sieht er darauf geschrieben – Nemesis. Rache. Aber es ist Zeit, zu unseren übrigen Bekannten im Hause des Fabius zurückzukehren. Nachdem Syra vernommen hatte, wie die Thür sich hinter Fulvius schloß, hielt sie inne, um sich wieder zu sammeln, sandte ein stilles Gebet zum Himmel empor und kehrte zu ihrer blinden Freundin zurück. Diese hatte ihr frugales Mahl beendet und harrte in Geduld der Rückkehr der Sklavin. Nun begann Syra ihre täglichen Pflichten der Gastfreundschaft und Güte zu erfüllen. Sie brachte Wasser, wusch ihr Hände und Füße, in Übereinstimmung mit dem christlichen Gebot, kämmte und wusch ihr das Haar, wie wenn das arme Geschöpf ihr eigenes Kind gewesen wäre. In der That, obgleich sie nur um weniges älter, war ihr Blick, als sie sich über ihre arme Freundin beugte, so zärtlich, ihre Sprache war so sanft, ihr ganzes Thun so mütterlich, daß man sie für eine Mutter gehalten haben würde, welche für ihr krankes Kind sorgt, und nicht für eine Sklavin, welche eine Bettlerin bediente. Und auch diese Bettlerin sah so glücklich aus, sprach so fröhlich und sagte so herrliche Dinge, daß Syra ihre Arbeit noch in die Länge zog, um ihr zuzuhören und sie anzublicken. Es war in diesem Augenblick, daß Agnes zu der verabredeten Besprechung erschien, und Fabiola darauf bestand, sie bis zur Thür zu begleiten. Als Agnes jedoch leise den Vorhang emporhob, und ihr Blick auf das Bild vor ihr fiel, machte sie Fabiola ein Zeichen hineinzusehen, indem sie ihr durch eine Gebärde Ruhe gebot. Das blinde Mädchen befand sich dem Eingang gegenüber, und ihr zur Seite ihre freiwillige, ebenfalls ahnungslose Dienerin. Fabiolas Herz war gerührt; sie hatte niemals geglaubt, daß es eine uneigennützige Liebe zwischen zwei fremden Menschen auf dieser Erde geben könnte. Und was Barmherzigkeit anbelangte, so war dies ein Wort, welches man weder in Rom noch in Griechenland kannte. Leise zog sie sich zurück, Thränen im Auge, und sagte zu Agnes, als sie sich verabschiedete: »Ich muß mich zurückziehen; du weißt, dieses Mädchen hat nur heute Nachmittag bewiesen, daß eine Sklavin einen Kopf haben kann; jetzt hat sie mir gezeigt, daß sie auch ein Herz besitzen kann. Ich war entrüstet, als du mich vor einigen Stunden fragtest, ob ich denn eine Sklavin lieben könne. Ich glaube jetzt, daß ich Syra lieben könnte. Ich bedaure fast schon, daß ich mich entschlossen habe, mich von ihr zu trennen.« Als Fabiola über den Hof zurückging, trat Agnes lachend ins Zimmer und sagte: »So, Cäcilia, jetzt bin ich endlich deinem Geheimnis auf den Grund gekommen. Dies ist also die Freundin, von der du mir erzähltest; deren Speisen so viel besser sind als meine, daß du in meinem Hause niemals etwas essen wolltest. Nun, wenn die Kost vielleicht auch nicht besser ist, so muß ich dir beistimmen, daß du eine bessere Wirtin gefunden hast.« »O, sprich nicht so, süße Dame Agnes,« antwortete das blinde Mädchen, »es ist in der That die Mahlzeit, welche besser ist. Du hast so viel Gelegenheit, Barmherzigkeit zu üben; aber eine arme Sklavin hat sie nur, wenn sie jemanden findet, der noch ärmer und hilfloser ist als sie. Und das bin ich! Dieser Gedanke macht ihre Speisen mir so süß.« »Nun, du hast recht,« sagte Agnes, »und ich bedaure es nicht, daß du hier bist, um die frohe Neuigkeit zu hören, welche ich Syra bringe. Es wird auch dich glücklich machen. Fabiola hat mir gestattet, deine Gebieterin zu werden, und dich mit mir zu führen. Morgen wirst du frei und mir eine liebe Schwester sein.« Cäcilia klatschte vor Freuden in die Hände und indem sie ihre Arme um Syras Nacken schlang, rief sie aus: »O, wie herrlich! Wie glücklich wirst du jetzt sein, teure Syra!« Aber Syra war tief betrübt und entgegnete mit bebender Stimme: »O gute und liebreiche Herrin, du hast zuviel Güte bewiesen, indem du so große Fürsorge für eine Arme wie ich es bin, zeigtest. Aber verzeih mir, wenn ich dich bitte, mich zu lassen, wo ich bin. Ich versichere dir, teure Cäcilia, ich bin hier glücklich.« »Aber weshalb wünschest du zu bleiben?« fragte Agnes. »Weil ein jeglicher, worinnen er berufen ist, darinnen bleibe vor Gott,« 1 Corinth. Kap. 7, V. 24. entgegnete Syra. »Ich gebe zu, daß dies nicht der Stand ist, in welchem ich geboren bin; andere haben mich in denselben gebracht.« Hier unterbrach ein Thränenstrom sie für einen Augenblick; dann fuhr sie fort: »Aber um so viel klarer ist es mir, daß es Gottes Wille ist, ich solle Ihm in dieser Stellung dienen. Wie kann ich denn wünschen, sie zu verlassen?« »Gut denn,« sagte Agnes noch eifriger, »das können wir leicht ordnen. Ich werde dich nicht frei machen, sondern du kannst auch meine Sklavin sein. Das bleibt doch immer dasselbe.« »Nein, nein,« sagte Syra lächelnd, »das geht nimmermehr. Die großen Lehren, welche unser Apostel uns gegeben, lauten: »Ihr Knechte, seid unterthan mit aller Furcht den Herren, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen.« 1 Petri. Kap. 2, V. 18. Ich bin weit entfernt zu sagen, daß meine Gebieterin zu letzteren gehört, aber du, edle Agnes, bist zu gut und milde und sanftmütig für mich. Wo wäre denn mein Kreuz, wenn ich in deiner Nähe lebte? Du weißt nicht, wie stolz und eigensinnig ich von Natur bin; und ich würde für mich selbst fürchten, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit Schmerzen und Demütigungen erleiden müßte.« Agnes war fast übermannt von Rührung! aber mehr denn je trug sie das Verlangen, einen solchen Schatz voll Tugend zu besitzen; deshalb sagte sie: »Ich sehe Syra, daß kein Beweggrund deines eigenen Interesses dich anderen Willens machen wird; ich muß daher mit einer selbstsüchtigen Bitte kommen. Ich möchte dich in meiner Nähe haben, damit ich von deinen Ratschlägen und deinem Beispiel lernen kann. Komm, diese Bitte wirst du doch nicht abschlagen?« »Selbstsüchtig,« antwortete die Sklavin, »kannst du niemals sein. Und deshalb will ich mich mit meiner Bitte an deine Großmut wenden. Du kennst Fabiola und du liebst sie; du weißt, welch eine edle Seele, welch weisen Verstand sie besitzt! Welche große Eigenschaften und welche hohe Begabung – wenn mir das Licht der Wahrheit sich in ihnen wiederspiegelte! Wie ängstlich und eifersüchtig hütet sie in sich jene Perle der Tugenden, welche nur wir zu schätzen wissen! Welch eine echte, ausgezeichnete Christin könnte sie werden!« »Fahre fort um Gottes willen, teure Syra,« rief Agnes voller Eifer aus. »Und vermagst du darauf zu hoffen?« »Es ist mein Gebet bei Tag und bei Nacht. Es ist mein einziger Gedanke, mein einziges Ziel, es ist die Beschäftigung meines Lebens. Ich will versuchen, sie durch Geduld, durch Ausdauer, selbst durch solche ungewöhnlichen Gespräche, wie wir sie heute geführt, zu gewinnen. Und wenn ich alles erschöpft habe, so bleibt mir immer noch eine Hilfsquelle.« »Und diese ist?« fragten beide zugleich. »Mein Leben für ihre Bekehrung hinzugeben. Ich weiß, daß einer armen Sklavin wie mir, wenig Gelegenheit geboten wird, das Märtyrertum auf sich zu nehmen. Aber man sagt, daß wir binnen kurzer Zeit eine noch fürchterlichere Christenverfolgung zu erwarten haben, und diese wird auch vielleicht ein so armseliges Opfer wie ich es bin, nicht verschmähen. Aber Gottes Wille geschehe; ich habe mein Leben für ihre Seele in seine Hände gelegt. Und ach, beste, teuerste der Gebieterinnen,« rief sie aus, indem sie auf die Knie fiel und Agnes' Hände mit ihren Thränen benetzte, »stelle dich nicht zwischen mich und meinen Lohn.« »Du hast gesiegt, Schwester Syra, o, nenne mich niemals wieder Gebieterin,« sagte Agnes. »Bleibe auf deinem Platze. Eine so selbstlose, großmütige Tugend muß triumphieren. Sie ist zu erhaben für eine so bescheidene Sphäre, wie mein Haushalt es ist.« »Und ich,« fiel hier Cäcilia mit einem Blick voll schelmischen Ernstes ein, »ich muß sagen, daß sie heute Abend etwas böses, eine große Lüge ausgesprochen hat.« »Was war das, mein Liebling?« fragte Syra lachend. »Nun, du sagtest, daß ich besser und klüger sei als du, weil ich mich weigerte, irgend eine unbedeutende Delikatesse zu essen, welche meinen Gaumen für wenige Minuten gekitzelt haben würde, auf Kosten einer unerlaubten Gier. Und du hast Freiheit, Glück, die ungehinderte Ausübung deiner Religion aufgegeben, du willst sogar dein Leben zum Opfer bringen, um die Seele eines Wesens zu erlösen, das dein Tyrann, dein Quälgeist! O pfui, wie konntest du mir so etwas sagen!« Jetzt verkündete der Thürhüter, daß Agnes' Sänfte am Eingange warte. Und jeder, der den liebevollen Abschied dieser drei voneinander – der vornehmen Dame, der Sklavin und der Bettlerin hätte mit ansehen können, würde mit Recht ausgerufen haben, wie so mancher es schon vorher gethan: »O seht doch, wie diese Christen sich untereinander lieben!« Achtes Kapitel Das Ende des ersten Tages Wenn wir noch kurze Zeit vor der Thür verweilen, Agnes sich entfernen sehen und auf das fröhliche Gespräch zwischen ihr und Cäcilia lauschen, in dessen Verlauf Agnes sie bittet, ihr zu gestatten, daß einer ihrer Diener sie nach Hause begleite, da es bereits dunkel geworden, wenn wir das Mädchen herzlich über die Vergeßlichkeit der Dame lachen hören, weil Tag und Nacht für sie doch gleichbedeutend sind, und sie deshalb zur Führerin durch die Katakomben bestimmt ist, deren Gewirr ihr ebenso bekannt ist wie die Straßen von Rom, in denen sie zu allen Stunden mit der größten Sicherheit umhergeht – wenn wir auf diese Weise noch einige Minuten verbringen und dann wieder ins Haus treten, um uns zu erkundigen, wie die Herrin desselben sich nach den Begebenheiten des Tages befindet, so sehen wir den ganzen Haushalt in der größten Aufregung. Sklaven mit Lampen und Fackeln laufen nach allen Richtungen hin, um einen verlorenen Gegenstand an allen möglichen und unmöglichen Orten zu suchen. Euphrosyne besteht darauf, daß er wieder gefunden werden muß, bis das Suchen endlich in Verzweiflung aufgegeben wird. Der Leser wird die Lösung des Geheimnisses bereits erraten haben. Syra hatte sich wie ihr befohlen war, wiederum zu Euphrosyne begeben, um ihre Wunde von neuem verbinden zu lassen, und hatte jetzt erst entdeckt, daß das kostbare Tuch nicht mehr da war. Sie wußte weiter keine Auskunft darüber zu geben, als daß sie es abgenommen und es späterhin wieder umgelegt hatte, freilich nicht so gut, wie Euphrosyne es gemacht hatte; sie gab auch den Grund hierfür an, denn sie verschmähte es, eine Lüge auszusprechen. Bis zu diesem Augenblick hatte sie den Verlust auch gar nicht bemerkt. Die gutmütige, alte Amme nahm sich den Verlust sehr zu Herzen, denn sie glaubte, die arme Sklavin habe diesen kostbaren Gegenstand stets so sorgsam aufbewahrt, um eines Tages ihre Freiheit mit demselben zu erkaufen. Auch Syra war traurig, jedoch aus Gründen, welche sie der guten Haushälterin unmöglich hätte begreiflich machen können. Euphrosyne ließ die ganze Dienerschaft befragen, und einige derselben wurden zu Syras großem Kummer und Leidwesen sogar durchsucht; dann ordnete sie einen allgemeinen Streifzug durch jeden Teil des Hauses an, in welchem Syra sich aufgehalten hatte. Wer hätte es sich denn auch einen Augenblick träumen lassen, daß ein edler Gast, welcher an der Tafel des Hausherrn gesessen, sich einen Gegenstand aneignen würde, ob derselbe nun wertvoll war oder nicht? Daher kam die alte Frau zu dem Schlusse, daß das schöne Tuch auf irgend eine Weise fortgezaubert sei; sie hatte einen großen Argwohn, daß die schwarze Sklavin Afra, von welcher sie wußte, daß sie Syra haßte, einen Zauber angewandt habe, um das arme Mädchen zu betrüben. Denn sie glaubte in der That, daß die Schwarze eine zweite Canidia Canidia – eine berüchtigte Zauberin im Zeitalter des Augustus. sei, da sie sie oft zu mitternächtlicher Stunde ausgehen lassen mußte, unter dem Vorwande, zur Zeit des Vollmondes Kräuter für ihre Salben und Essenzen suchen zu müssen. Als wenn sie, zu einer anderen Zeit gepflückt, nicht dieselben Eigenschaften besäßen! Euphrosyne argwöhnte, daß sie sich nur entferne, um sich tödliche Gifte zu verschaffen, in Wirklichkeit geschah es jedoch, um sich mit anderen ihrer Rasse bei den scheußlichen Orgien des Fetischismus Fetischismus – Religion der Naturvölker, Glaube an Beseelung lebloser Gegenstände und Zauberei. zusammen zu finden oder Zusammenkünfte mit denen zu halten, welche die Ratschläge ihrer imaginären Kunst in Anspruch nahmen. Erst als alles wieder zur Ruhe gekommen war, Syra sich allein befand und bei ruhigerer Überlegung die Begebenheiten des Tages an ihrem Geiste vorüberziehen ließ, fiel es ihr ein, wie Fulvius bei seinem Gange über den Hof plötzlich inne gehalten und zwar grade an der Stelle, wo sie kurz vorher gestanden, und dann mit verdoppelten Schritten der Thür zugeeilt war. Da bemächtigte sich ihrer plötzlich die Überzeugung, daß sie ihr Tuch dort verloren, und er es aufgehoben haben müsse. Daß er gleichgültig daran vorübergegangen, hielt sie für unmöglich. Sie glaubte deshalb bestimmt, daß es sich jetzt in seinem Besitz befinden müsse. Nachdem sie lange über die möglichen Konsequenzen dieses unglückseligen Geschehnisses gegrübelt und zu keinem befriedigenden Schlusse kommen konnte, legte sie die Sache endlich in Gottes Hand und suchte jene Ruhe, welche ein gutes Gewissen so erquickend und süß macht. Als Fabiola sich von Agnes trennte, zog sie sich in ihre zurück; und nachdem ihr die gewöhnlichen Dienste von zweien ihrer Dienerinnen und Euphrosyne geleistet worden, entließ sie dieselben in sanfterer und freundlicherer Weise, als sie es sonst wohl zu thun pflegte. Sobald die Frauen sie verlassen hatten, ging sie um sich wieder auf das Ruhebett zu legen, auf welchem wir sie zuerst erblickt haben; doch zu ihrem großen Entsetzen erblickte sie auf demselben das Stilett, mit welchem sie Syra verwundet hatte. Sie öffnete eine Lade und warf es voll Abscheu hinein. Und niemals hat sie wieder eine ähnliche Waffe gebraucht. Sie nahm das Buch wiederum auf, welches sie zuletzt aus der Hand gelegt, und das ihr so viel Vergnügen und Zerstreuung bereitet hatte. Aber es war eigentlich ein albernes Geschreibsel und erschien ihr jetzt im höchsten Grade frivol. Sie legte es wieder hin und ließ dann ihre Gedanken über die Begebenheiten des Tages hinschweifen. Zuerst fiel es ihr ein, welch ein herrliches Kind ihre Cousine Agnes sei – wie selbstlos, wie rein, wie einfach! Wie vernünftig, ja, selbst wie weise! Sie beschloß, ihr nach jeder Richtung hin eine Beschützerin, eine ältere Schwester zu sein. Sie hatte ebensogut wie ihr Vater, die häufigen Blicke bemerkt, welche Fulvius auf sie geworfen; nicht in der That jene Libertiner Blicke, welche sie selbst so oft mit Verachtung ertragen, sondern schlaue, berechnende Blicke, welche ihrer Ansicht nach irgend einen Plan eines Verbrechens verrieten, deren Opfer Agnes werden könne. Sie beschloß, ihn zu durchkreuzen, welcher Art er auch sein mochte, und kam grade zu dem Gegenteil des Schlusses, welchen ihr Vater sich in Bezug auf ihn gebildet hatte. Sie beschloß, jede Zusammenkunft Fulvius' mit ihr zu verhindern, besonders seinen Zutritt in ihr Haus, und sie tadelte sich sogar, daß sie Agnes in die seltsame Gesellschaft gebracht hatte, welche sich am Tische ihres Vaters zu versammeln pflegte, besonders jetzt, wo sie einsah, daß ihre Beweggründe hierfür durchaus selbstsüchtiger Art gewesen. Und dies geschah fast in demselben Augenblicke, wo Fulvius sich unruhig auf seinem Lager hin und her werfend beschloß, wenn es möglich, Fabius' Haus nie wieder zu betreten und jede Einladung von ihm abzulehnen oder zu vermeiden. Fabiola hatte seinen Charakter ergründet; hatte mit ihrem durchdringenden Auge die Geziertheit seines Wesens und die Verschlagenheit seines Blicks erkannt, und sie konnte nicht umhin, ihn mit dem offenherzigen und großmütigen Sebastianus zu vergleichen. »Welch ein edler Mann doch dieser Sebastianus ist!« sagte sie leise vor sich hin. »Wie verschieden von all den andern Jünglingen, welche unser Haus betreten. Niemals kommt ein thörichtes Wort über seine Lippen, niemals versenden seine klaren, fröhlichen Augen einen unfreundlichen Blick. Wie enthaltsam bei der Tafel – wie es einem Soldaten zukommt; wie bescheiden – das ziert einen Helden – wenn man von seiner eigenen Kraft und seinen kühnen Thaten im Kriege spricht, von denen andere Krieger doch sonst so viel Aufhebens zu machen pflegen. Ah! wenn er nur für mich fühlte, was andere zu empfinden vorgeben – – – « Sie beendete den Satz nicht, aber eine tiefe Schwermut schien sich ihrer ganzen Seele zu bemächtigen. Dann kam ihr das Gespräch mit Syra und all seine Folgen wieder in den Sinn; es war schmerzlich für sie, und doch konnte sie nicht umhin, dabei zu verweilen. Und dann war es ihr, als sei dieser Tag die Krisis ihres Lebens gewesen. Eine Sklavin hatte ihren Stolz gedemütigt, und ihre Seele war weich geworden, sie wußte selbst nicht durch was. Wenn ihr in dieser Stunde die Augen geöffnet worden und sie imstande gewesen wäre, über diese Welt fortzublicken, so würde sie eine Wolke gesehen haben, leicht wie Weihrauch, aber von einem tiefen Rot gefärbt, welche von der Seite des Lagers einer knieenden Sklavin emporstieg – ein Gebet und die Darbringung des Opfers ihres Lebens, welches zusammen nach Oben zog – und als es an den krystallenen Schemel des Gnadenstuhls im Himmel schlug, da fiel es wie ein Thau der göttlichen Gnade auf ihr dürres Herz zurück. Aber dies konnte sie in der That nicht sehen. Deshalb war es jedoch nicht weniger wahr. Tief ermüdet suchte sie endlich Ruhe. Doch auch sie hatte einen beunruhigenden Traum. Sie sah in einem herrlichen blühenden Garten einen hellen Fleck, der von einem strahlenden milden Mittagslicht beschienen, während alles umher dunkel war. Schöne Blumen bedeckten den Rasen, reich blühende Pflanzen zogen sich in Bogen von einem Baum zum andern, deren jeder mit goldenen Früchten bedeckt war. In der Mitte dieses hellen Raums sah sie das arme, blinde Mädchen am Boden sitzen, das Antlitz strahlend vor Glück; während Agnes mit ihrem süßen bescheidenen Lächeln auf der einen Seite, Syra mit ihrem geduldigen, ruhigen Gesicht auf der anderen Seite neben ihr standen und sie liebkosten. Fabiola hegte den unwiderstehlichen Wunsch, mit ihnen zu sein; ihr war es, als genössen sie ein Glück, welches sie nie gekannt oder geahnt hatte, und es schien ihr sogar, als winkten sie ihr, sich zu ihnen zu gesellen. Sie stürzte vorwärts, um ihrer Aufforderung Folge zu leisten, als sie zu ihrem Schrecken einen weiten, schwarzen, tiefen Abgrund vor sich erblickte, auf dessen Boden ein reißender Strom dahin rauschte. Nach und nach stieg das Wasser, bis es den oberen Rand des Teiches erreicht hatte und dort, wenn auch tief, doch glitzernd und klar dahinfloß. Ach! wenn sie nur den Mut fände, in diesen Strom zu tauchen und durch ihn über den Abgrund fortzuschwimmen und sicher an der gegenüberliegenden Seite zu landen! Und immer noch winkten sie ihr und machten ihr Zeichen der Ermutigung, es zu wagen. Während sie aber noch am Rande stand und die Hände in Verzweiflung rang, schien Calpurnius sich aus der dicken, schwarzen Luft loszulösen, einen schweren Vorhang ausbreitend, auf welchem die ungeheuerlichsten und widerlichsten Traumbilder, die in der seltsamsten Weise ineinander verflochten erschienen, dargestellt waren. Und dieser dunkle Schleier wuchs und wuchs, bis er das schöne Bild gänzlich verdeckte. Sie war untröstlich, bis ihr wiederum ein leuchtender Genius, so nannte sie ihn, erschien, in dessen Zügen sie eine vergeistigte Ähnlichkeit mit Sebastianus entdeckte; sie hatte ihn bemerkt, wie er trauernd in der Ferne stand; jetzt näherte er sich ihr und indem er ihr zulächelte, wehte er ihrer fiebernden Stirn mit seinen goldenen und purpurnen Flügeln Kühlung zu. Dann schwand die Vision und sie fiel in einen ruhigen, erfrischenden Schlaf. Neuntes Kapitel Zusammenkünfte Von allen römischen Hügeln ist der Palatin unstreitig derjenige, welcher von beiden Seiten am deutlichsten erkennbar ist. Da Augustus ihn zu seiner Residenz gewählt hatte, folgten mehrere spätere Kaiser seinem Beispiel; nach und nach hatten sie seine bescheidene Residenz jedoch in einen Palast verwandelt, welcher den ganzen Hügel bedeckte. Nero, welcher mit den Dimensionen dieses Bauwerks noch immer nicht zufrieden war, zerstörte die Nachbarschaft durch Feuer und dehnte das kaiserliche Residenzschloß auch auf den benachbarten Esquilin aus, indem er den ganzen Raum zwischen den beiden Hügeln, auf welchem sich heute noch das Colosseum befindet, mit einbegriff. Vespasian riß das »goldene Haus«, dessen prächtige Gewölbe mit den herrlichsten Gemälden geziert noch stehen, wieder ein und errichtete das soeben erwähnte Amphitheater und noch andere Gebäude aus seinem Material. Bald nach dieser Periode wurde der Eingang zum Palast nahe am Triumphbogen des Titus vorüber durch die Via Sacra oder den heiligen Weg gelegt. Nachdem der Besucher durch ein Vestibüle geschritten, befindet er sich in einem Prachtvollen Hofe, dessen Plan man noch heute deutlich erkennen kann. Nachdem er sich von hier aus links wandte, trat er in einen ungeheuren viereckigen Raum, welcher mit Bäumen, Gebüschen und Blumen bepflanzt und von Domitian dem Adonis geweiht worden war. Wenn man sich dann fernerhin links hielt, trat man in eine Reihe von Gemächern, welche Alexander Severus zu Ehren seiner Mutter Mammaea, deren Namen sie ebenfalls trugen, eingerichtet hatte. Sie hatten den Ausblick auf den Monte Coelius grade an jener Ecke desselben, welche auf den späteren Triumphbogen des Constantin und den Brunnen Meta Sudans »Der schwitzende Pfahl«. Es war ein Obelisk aus Ziegelsteinen, welcher noch heute existiert, bekleidet mit Marmor, von dessen Spitze Wasser in Form einer Glasglocke herabfloß und sich in eine weite Schale am Fuße desselben ergoß. genannt, hinausgeht. Dieses waren die Räumlichkeiten, in welchen Sebastianus sich als Tribun ober oberster Offizier der kaiserlichen Leibwache aufhielt. Sie bestanden aus wenigen Zimmern, welche so außerordentlich bescheiden ausgestattet waren, wie es einem Soldaten und Christen zukommt. Sein Haushalt beschränkte sich auf wenige Freigelassene und eine ehrwürdige Matrone, welche seine Amme gewesen war und ihn wie ein Kind liebte. Sie waren Christen, und alle Männer in seiner Kohorte waren es ebenfalls – teilweise durch Bekehrung, aber meistenteils durch die Sorgfalt, welche er bei der Rekrutierung neuer Soldaten anwandte. Wenige Abende nach den soeben im letzten Kapitel beschriebenen Scenen, stieg Sebastianus einige Stunden nach Sonnenuntergang in Gesellschaft eines zweiten Jünglings, von welchem wir bereits gesprochen haben, die Stufen zu dem oben geschilderten Vestibüle hinan. Pancratius liebte und bewunderte Sebastianus mit jener Art von Liebe, welche ein heißblütiger, junger Offizier für einen älteren tapferen Soldaten zu hegen Pflegt, der ihm seine Freundschaft geschenkt hat. Aber es war nicht der Krieger der Cäsaren, sondern der Streiter Christi, welchen der Knabe in dem jungen Tribunen verehrte, dessen Edelmut, Großherzigkeit und Tapferkeit sich in ein so bescheidenes, anspruchsloses Gewand gekleidet hatten und von soviel Vorsicht und Überlegung begleitet wurden, daß sie allen, welche mit ihm in Berührung kamen, unbeschränktes Vertrauen und unbesiegbaren Mut einflößten. Und Sebastianus liebte den Pancratius nicht weniger um seiner Offenherzigkeit, Unerschrockenheit und Unschuld willen. Aber er sah die Gefahren, in welche seine jugendliche Hitze und sein Ungestüm ihn führen konnten; und er ermunterte ihn stets in seiner Nähe zu bleiben, daß er ihn führen, und wenn notwendig, zuweilen zurückhalten könne. Als sie in jenen Teil des Palastes traten, in welchem Sebastianus' Kohorte die Wache hatte, sagte er zu seinem Begleiter: »Jedesmal, wenn ich hier eintrete, fällt es mir wiederum auf, welch ein gütiger Akt der göttlichen Vorsehung es gewesen, den Bogen, der zum Andenken an den Fall des ersten großen Systems, welches wider das Christentum war, und die Erfüllung der größten Weissagung des Evangeliums – der Zerstörung Jerusalems durch das römische Reich Der Triumphbogen des Titus, auf dem die im Tempel zu Jerusalem erbeuteten heiligen Geräte abgebildet sind. – errichtet worden, hier gleichsam an die Thore des kaiserlichen Palastes zu stellen. Ich kann nicht umhin zu hoffen, daß sich eines Tages noch ein Bogen erheben wird, welcher das Andenken eines nicht geringeren Sieges feiert, nämlich den Sieg über den zweiten Feind unserer Religion, das heidnische, römische Reich selbst.« »Wie! meinst du, daß dieses große Reich erst gestürzt werden müsse, damit sich auf seinen Trümmern das Christentum begründen könne?« »Das wolle Gott verhüten! Ich würde meinen letzten Mutstropfen hingeben, wie ich meinen ersten gegeben habe, um es zu erhalten. Und verlaß dich darauf, wenn das Reich bekehrt wird, so wird es nicht durch allmähliches Wachstum sein, solcher Art wie wir es jetzt erleben, sondern es wird durch ein Mittel sein, so überirdisch, so göttlich, wie wir es jetzt nicht einmal in unseren kühnsten Träumen voraussehen, aber alle werden ausrufen: »Dies hat der Allerhöchste mit seiner rechten Hand gethan.« »Ohne Zweifel; aber deine Idee von einem Triumphbogen des Christentums setzt ein irdisches Werkzeug voraus; und wo glaubst du, daß sich dieses finden würde?« »Nun, Pancratius, ich gestehe dir, daß meine Gedanken sich der Familie eines der Kaiser zuwenden, der des Constantius Chlorus, als einer, welche ganz entschieden einen leisen Keim besseren Denkens und Wollens in sich trägt.« »Aber Sebastianus, wie viele unserer gelehrten und guten Männer würden, nein, werden dir entgegnen, wenn du so zu ihnen sprichst, daß man ähnliche Hoffnungen unter der Regierung des Alexander, des Gordianus und des Aurelianus hegte und nährte; und doch endeten sie stets mit einer Enttäuschung. Weshalb, fragen sie, müssen wir jetzt nicht auf dasselbe Resultat gefaßt sein?« »Ich weiß es nur zu wohl, mein guter Pancratius, und bitter habe ich oft diese trüben Aussichten beklagt, welche unsere Energie vollständig unterdrücken – diesen lauernden Gedanken, daß die Rache ewig dauert, Gnade und Barmherzigkeit aber nur der Zeit angehören; wie oft habe ich beklagt, daß das Blut der Märtyrer, das Gebet der Jungfrauen nicht die Macht haben, die Zeit der Heimsuchung abzukürzen, die Gnadenstunde schneller herbeizuführen.« Inzwischen hatten sie die Wohnung des Sebastianus erreicht; das Hauptgemach war erleuchtet und augenscheinlich zum Empfang einer Versammlung hergerichtet. Aber der Thür gegenüber war ein Fenster bis auf den Fußboden geöffnet; dieses führte auf eine Terrasse, welche an der ganzen Seite des Gebäudes entlang lief. Das Mondlicht fiel so klar in das Zimmer, daß beide instinktiv durch den Raum schritten und auf die Terrasse hinaus gingen. Ein lieblicher, prächtiger Anblick bot sich ihnen dar. Der Mond stand hoch am Himmel; er schien im Äther zu schwimmen, wie nur der Mond in Italien es thut, eine runde volle Kugel, – nicht eine platte Oberfläche – welche sich in ihrer eigenen strahlenden Atmosphäre badete. Er trübte das Licht der Sterne, welche in seiner Nähe schimmerten, und diese schienen sich daher in dickeren, glänzenderen Gruppen in entlegenere Winkel des azurblauen Himmels zurückgezogen zu haben. Solch ein Abend war's grade, auf den viele Jahre später Monica und Augustinus von einem Fenster in Ostia hinausblickten, während sie über himmlische Dinge sprachen. Es ist wahr, daß unter ihnen und um sie her alles groß und herrlich war. Das Colosseum oder das Flavianische Amphitheater erhob sich an der einen Seite in seinem ganzen Umfange, und das leise Murmeln des Springbrunnens, dessen Wasser wie eine silberne Säule erglänzte, gleich der Meereswelle, welche über einen abschüssigen Felsen zurückfließt, schlug beruhigend an das Ohr. An der anderen Seite warf der herbstliche Mond seinen Strahlenglanz auf das großartige Gebäude, welches sie das Septizonium des Severus nannten, und auf die stattlichen Säulen und marmornen Wände der üppigen Bäder des Caracalla. Aber all diese massiven Monumente irdischer Macht und irdischen Ruhms erhoben sich unbeachtet vor den Blicken dieser beiden christlichen Jünglinge, während sie so schweigend da standen; der ältere hatte den rechten Arm um den Nacken seines jugendlichen Gefährten geschlungen und stützte sich auf dessen Schulter. Nach langem Schweigen nahm er den Faden ihrer letzten Unterredung wieder auf und sagte in leiserem, weicherem Ton: »Als wir hier heraustraten, wollte ich dir den Platz zu unseren Füßen zeigen, auf welchem ich stets im Geiste den Triumphbogen sehe, von dem ich dir zuvor gesprochen. Der Triumphbogen des Constantin erhebt sich gerade auf der Stelle, auf welcher sich die obengeschilderte Scene abspielte. Aber wer kann an so kleine irdische Dinge denken, wenn sich das Himmelsgewölbe in seiner ganzen Strahlenpracht über uns erhebt, gerade als wollte es unsere Augen und Herzen zu sich empor ziehen?« »Du sprichst wahr, Sebastianus, und ich habe oft gedacht, daß wenn die untere Seite des Firmaments, zu welcher sich die Augen des Menschen – wie unglücklich und sündhaft er auch immer sein mag – emporheben dürfen, so schön und strahlend ist, was muß dann die obere Seite sein, auf welcher stets das Auge der unendlichen Herrlichkeit ruht! Ich stelle sie mir vor wie einen reich und köstlich gestickten Schleier, durch dessen Gewebe einige wenige Stiche eines güldenen Fadens dringen dürfen, die allein bis zu uns sichtbar sind. Wie erhaben, wie königlich muß jene für uns unsichtbare Oberfläche sein, auf welcher die Engel und die Gerechten, welche die ewige Seligkeit genießen, einherwandeln!« »Welch ein anmutiger Gedanke, Pancratius, und trotzdem wie wahr! Er macht den Schleier, welcher zwischen uns, die wir hier unten arbeiten, und jener triumphierenden Kirche dort oben liegt, so leicht durchdringlich!« »Und vergieb mir, Sebastianus,« sagte der Jüngling mit demselben Blick auf seinen Freund, welcher vor wenig Abenden dem begeisterten Auge seiner Mutter begegnet war, »vergieb mir, wenn ich, während du im Geiste den künftigen Triumphbogen siehst, welcher dem Christentum errichtet werden soll, wenn ich schon jenen Bogen errichtet und offen vor mir sehe, durch welchen wir, trotz unserer Schwäche, die Kirche bald zum Triumph des Sieges führen und selbst zur ewigen Seligkeit eingehen werden.« »Wo, mein teurer Knabe, wo meinst du?« Pancratius deutete fest mit der Hand nach links und sagte: »Dort, mein edler Sebastianus, jeder von jenen offenen Bögen im Amphitheater des Flavian, welche in die Arena führen; über ihnen liegt der Schleier, von dem du soeben noch sprachst! Doch horch!« »Das war das Brüllen eines Löwen, welches vom Coelian herüber drang!« rief Sebastianus erstaunt aus. »Seit heute müssen wieder wilde Tiere im Vivarium des Amphitheaters angekommen sein, denn ich weiß bestimmt, daß sich gestern keine dort befanden.« »Ja, horch nur,« fuhr Pancatius fort, welcher die Unterbrechung unbeachtet ließ. »Dies sind die Töne der Posaune, welche uns zusammen ruft; das ist die Musik, welche uns auf unserem Wege zum Siege begleitet!« Beide hielten für einen Augenblick inne; dann unterbrach Pancratius die Stille von neuem und sagte: »Dies erinnert mich an eine Sache, über welche ich deine Ansicht gern hören möchte, mein teurer Ratgeber; werden deine Gäste bald eintreffen?« »Noch nicht so bald; und dann werden sie auch einzeln kommen; bis sie sich versammelt haben, komm in mein Zimmer, wo niemand uns unterbrechen wird.« Sie gingen die Terrasse entlang und traten in das letzte Zimmer der ganzen Reihe. Es lag an der Ecke des Hügels, grade dem Brunnen gegenüber; es hatte keine andere Beleuchtung als die Strahlen des Mondes, welche an jener Seite durch das geöffnete Fenster fielen. Der junge Soldat blieb an diesem stehen, während Pancratius sich auf das kleine Feldbett setzte. »Um welche große Angelegenheit handelt es sich denn, Pancratius?« fragte der Offizier. »Über was möchtest du denn meine weise Ansicht, meinen Rat hören?« »Vermutlich nur eine unbedeutende Kleinigkeit für einen kühnen und hochherzigen Mann, wie du es bist,« entgegnete der Jüngling bescheiden; »aber eine Sache von größter Wichtigkeit für einen schwachen Knaben, wie ich es bin.« »Für einen guten und tugendhaften – daran zweifle ich nicht; laß mich die Angelegenheit hören und ich verspreche dir meinen Beistand.« »Nun denn, Sebastianus, halte mich nicht für thöricht,« fuhr Pancratius fort, indem er bei jedem Worte zögerte und errötete. »Du weißt, daß ich zu Hause eine Menge überflüssigen Silbergeschirrs habe – das für uns bei unserer einfachen Lebensweise nur eine Last ist. Und so viel ich weiß, wird meine teure Mutter auch nichts mehr von all jenen altmodischen Schmuckgegenständen tragen, welche jetzt eingepackt daliegen und niemandem mehr von Nutzen sind. Ich habe keinen Menschen, der dies alles von mir erben würde. Ich bin und werde der letzte meines Geschlechts sein. Du hast mir oft gesagt, wer in solchem Falle die einzigen und natürlichen Erben eines Christen sind – die Witwen und die Waisen, die Hilflosen und die Armen. Weshalb nun sollen diese auf meinen Tod warten, um das zu bekommen, worauf sie Anwartschaft haben? Und wenn wiederum eine Christenverfolgung kommt, weshalb da Gefahr laufen, daß sie konfisziert werden oder plündernde Liktoren sie stehlen? Wir verlieren dann nicht allein unser Leben, sondern unsere rechtmäßigen Erben verlieren auch ihr Erbteil.« »Pancratius,« sagte Sebastianus, »ich habe dir zugehört, ohne irgend eine Bemerkung über dein edles Anerbieten zu machen. Ich wollte, daß du das Verdienst haben solltest, ohne meine Beihilfe zu Ende zu sprechen. Jetzt sag mir aber, weshalb du zweifelst oder zögerst in Bezug auf das, was du zu thun wünschest?« »Nun, um dir die Wahrheit zu gestehen, so fürchtete ich, daß es außerordentlich anmaßend und unbescheiden erscheinen könne, wenn ein Knabe in meinem Alter sich erbietet, etwas zu thun, was die Leute sicherlich für etwas großes und erhabenes halten werden. Aber ich versichere dich, Sebastianus, es ist durchaus nichts derartiges. Denn ich werde diese Dinge gar nicht entbehren; sie haben für mich nicht den geringsten Wert. Aber für die Armen werden sie Wert haben, besonders in den schweren Zeiten, welche uns bevorstehen.« »Natürlich willigt Lucina ein?« »O, da ist nichts zu befürchten!« Ich würde nicht ein Körnchen Goldstaub anrühren, wenn sie es nicht wünschte. Weshalb ich aber deinen Beistand erbitte, ist hauptsächlich folgendes. Ich würde es niemals ertragen, wenn man erführe, daß ich mich erkühnt habe, irgend etwas zu thun, was ungewöhnlich ist, besonders von einem Knaben. Verstehst du mich? Deshalb will ich und erbitte es von dir, daß du die Verteilung in irgend einem anderen Hause vornehmen lassest. Und sage, daß sie von einem kommen, der – der des Gebets, der Fürbitte, besonders jener der Armen, der Gläubigen besonders bedarf und unbekannt bleiben will.« »Mein guter, wahrhaft edler Knabe, ich will dir mit Freuden dienen. Still! Hörtest du nicht soeben den Namen der Fabiola nennen? Da, noch einmal! Und mit einem Beiwort, welches nicht grade Wohlwollen verriet.« Pancratius näherte sich dem Fenster; zwei Stimmen sprachen so nahe unter demselben miteinander, daß das dazwischenliegende Gesims den Lauschern die Sprecher, welche augenscheinlich ein Mann und eine Frau waren, unsichtbar machten. Nach wenigen Minuten jedoch traten sie wieder auf die von: Monde beschienene Fläche hinaus, auf welcher es so hell war, wie um die Mittagszeit. »Ich kenne jenes dunkle Weib,« sagte Sebastianus, »es ist Fabiolas schwarze Sklavin Afra.« »Und der Mann,« fügte Pancratius hinzu, »ist mein bisheriger Schulgefährte Corvinus.« Sie hielten es für ihre Pflicht, den Faden von dem zu erhaschen, was sie für eine Verschwörung hielten; da die Sprechenden jedoch auf und ab gingen, konnten sie nur hier und dort einen zusammenhängenden Satz erhaschen. Wir indessen wollen uns nicht auf das Erlauschte beschränken, sondern das ganze Gespräch wiedergeben. Vorher nur noch ein Wort über die beiden Sprechenden. Von der Sklavin wissen wir für den Augenblick genug. Wie wir schon früher berichtet, war Corvinus der Sohn des Tertullus, ursprünglich Präfekt des Prätoriums. Dieses Amt, in der Republik unbekannt, und eine Schöpfung des Kaiserreichs, hatte seit der Regierung des Tiberius nach und nach die ganze civile wie militärische Gewalt absorbiert, und derjenige, welcher dieses Amt inne hatte, erfüllte oft sämtliche Pflichten des ersten Richters in Rom. Es bedurfte keiner geringen Nervenstärke, um diesen Platz zur Zufriedenheit despotischer und unerbittlicher Herren auszufüllen. Den ganzen Tag hindurch in einem Tribunal zu sitzen, umgeben von abschreckenden Folterwerkzeugen, unbewegt von dem Jammer und Geschrei alter Männer, Jünglinge und Frauen, bei welchen jene zur Anwendung kamen; ein ruhiges Verhör mit einem Menschen anzustellen, welcher auf der Marterbank ausgestreckt und in den letzten Todeszuckungen liegt; den Befehl zu geben, daß ihm der Todesstreich mit Geißeln versetzt werde, an deren Enden sich bleierne Kugeln befinden; nach solchen Scenen ruhig einzuschlafen und mit dem Wunsch nach ihrer Wiederholung aufzustehen – das war ein Amt, nach welchem allerdings nicht jedes Mitglied des Gerichtshofes strebte. Man hatte den Tertullus von Sicilien herüber kommen lassen, um ihm dieses Amt zu übertragen, nicht weil er ein grausamer, sondern weil er ein kaltherziger Mann war, der kein Erbarmen und keine Parteilichkeit kannte. Sein Tribunal war indessen die erste Schule des Corvinus gewesen; als er noch ein sehr kleiner Knabe war, konnte er stundenlang zu den Füßen seines Vaters sitzen und sich an dem traurigen Schauspiel vor ihm ergötzen, jedesmal auf das höchste erbost, wenn, ein Angeklagter der Verurteilung entging. Als er heranwuchs, wurde er tölpelhaft, roh und brutal; und als er kaum das Jünglingsalter erreicht hatte, verkündeten sein aufgedunsenes, von Sommersprossen übersäetes Gesicht, seine triefenden Augen, von denen das eine zur Hälfte geschlossen war, bereits, daß er ein liederlicher, ausschweifender Mensch sei. Ohne Geschmack für etwas Edleres, ohne Fähigkeit etwas zu lernen, vereinte er in sich einen gewissen animalischen Mut und körperliche Kraft mit einem beträchtlichen Maß gemeiner Schlauheit. Er hatte niemals eine bessere, großherzige Empfindung gehegt und niemals hatte er eine gemeine Leidenschaft unterdrückt. Niemand hatte ihn jemals beleidigt, den er nicht haßte und mit seinen Rachegelüsten verfolgte. Zweien vor allen hatte er geschworen, niemals zu vergeben – dem Lehrer, welcher ihn oft für seine mürrische Trägheit gestraft, und dem Mitschüler, welcher für seinen brutalen Schimpf noch einen Segenswunsch gehabt hatte. Gerechtigkeit und Gnade, Gutes und Böses, das man ihm hatte widerfahren lassen, waren ihm gleichmäßig verhaßt. Tertullus hatte kein Vermögen, das er ihm hätte geben können, und er selbst schien wenig Fähigkeit zu besitzen, sich eines zu erwerben. Und doch hegte er nur den einen, alles andere übertäubenden Wunsch, in den Besitz eines solchen zu kommen, denn Reichtum als das Mittel, die Erfüllung eines jeden Wunsches zu erlangen, war für ihn gleichbedeutend mit höchster Glückseligkeit. Eine reiche Erbin oder eigentlich ihr Vermögen, war der einfachste Gegenstand, welchen man erstreben konnte. Zu ungeschickt, unbeholfen und dumm, um sich selbst einen Weg in die Gesellschaft zu bahnen, suchte er andere Mittel und Wege, welche seinem Gemüt verwandter waren, um die Erfüllung seiner habsüchtigen und ehrgeizigen Pläne zu erlangen. Welcher Art diese Mittel waren, wird seine Unterredung mit der schwarzen Sklavin am besten erklären. »Ich bin jetzt zum viertenmal zu so ungelegener Stunde an die Meta Sudans gekommen, um dich zu sprechen. Hast du irgendwelche Neuigkeiten für mich?« »Nur die eine, daß meine Herrin sich übermorgen nach ihrer Villa in Cajeta Cajeta, das heutige Gaëta. begiebt, und ich sie natürlich begleite. Ich brauche noch mehr Geld, Herr, um meine Verrichtungen zu Euren Gunsten fortzusetzen.« »Noch mehr? Du hast alles bekommen, was mein Vater mir seit Monaten gegeben hat.« »Nun, wißt Ihr denn, was Fabiola ist?« »Ja gewiß, die reichste Erbin in Rom.« »Die hochmütige und kaltherzige Fabiola ist nicht so leicht zu gewinnen.« »Und doch hast du mir versprochen, daß deine Zaubertränke mir ihre Hand oder doch auf jeden Fall ihr Vermögen sichern sollten. Welche Auslagen können denn diese Dinge verursachen? »Sehr große Ausgaben in der That. Die kostbarsten Ingredienzien sind notwendig und müssen bezahlt werden. Und glaubt Ihr denn, Herr, daß ich zu einer solchen Stunde zwischen die Gräber der Via Appia gehen werde, um meine Kräuter zu suchen,, wenn ich nicht gehörig dafür belohnt werde? Wollt Ihr meinen Bemühungen denn nicht hilfreiche Hand leisten? Ich sagte Euch ja, daß das ihren Erfolg beschleunigen werde.« »Und wie kann ich das? Du weißt, daß die Natur mich sehr stiefmütterlich behandelt hat, daß ich keine Eigenschaften besitze, welche einen großen Eindruck auf das Herz eines Mädchens machen könnten. Ich vertraue lieber der Macht deiner schwarzen Kunst.« »Dann laßt mich Euch einen Rat erteilen; wenn Ihr keine Eigenschaften besitzt, durch welche Ihr Fabiolas Herz gewinnen könntet –« »Reichtum, willst du sagen –« »Sie können nicht voneinander getrennt werden; verlaßt Euch drauf, es giebt etwas, das Euch unwiderstehlich machen würde, wenn Ihr es mit Euch brächtet.« »Und das wäre?« »Gold.« »Woher soll ich es nehmen? Das ist es ja gerade, was ich suche.« Die schwarze Sklavin lächelte boshaft und sagte dann: »Weshalb verschafft Ihr es Euch nicht, wie Fulvius es thut?« »Wie erlangt er es?« »Durch Blut.« »Woher weißt du das?« »Ich habe die Bekanntschaft eines alten Dieners gemacht, welcher ihn stets begleitet. Wenn seine Hautfarbe auch nicht ganz so dunkel ist wie die meine, so ist sein Herz desto schwärzer. Seine Sprache und die meine sind einander hinlänglich ähnlich, um eine Besprechung zwischen uns möglich zu machen. Er hat viele Fragen in Bezug auf Gifttränke an mich gerichtet, und er giebt vor, meine Freiheit erkaufen und mich als sein Weib mit nach Hause nehmen zu wollen; aber ich hoffe, daß ich etwas besseres als das in Aussicht habe. Indessen habe ich alles aus ihm herausgebracht, was ich wissen wollte.« »Und was war das?« »Nun, daß Fulvius eine große Verschwörung gegen Diocletian entdeckt habe. An dem Zwickern der schrecklichen Augen des alten Mannes sah ich, daß er der erste gewesen, welcher die Geschichte ausgeheckt hatte. Und man hat ihn mit mächtigen Empfehlungen nach Rom geschickt, daß er hier in derselben Weise verwendet und angestellt werde.« »Aber ich besitze weder die Geschicklichkeit solche Verschwörungen zu entdecken noch auszuhecken, wenn ich sie vielleicht auch einmal zu strafen haben werde.« »Auf eine Weise ist es jedoch sehr leicht.« »Und diese wäre?« »In meinem Vaterlande giebt es große Vögel, welche einzuholen man sich mit den schnellsten Pferden umsonst bemüht; sie verraten sich aber selbst, wenn man sie geräuschlos sucht, denn sie verbergen nur den Kopf.« »Was willst du mir damit begreiflich machen?« »Die Christen. Wird es nicht bald wieder eine Verfolgung geben?« »Ja, und eine fürchterliche sogar; eine so entsetzliche, wie wir sie noch gar nicht erlebt haben.« »Dann befolgt meinen Rat. Ermüdet Euch nicht damit, sie zu Tode zu jagen, und schließlich doch immer nur ganz gemeine Leute zu erhaschen; haltet Eure Augen offen und seht Euch nach einem oder zwei Bedeutenden um, welche halb und halb versuchen, sich zu verbergen; werft Euch auf sie, nehmt Euch ein gutes Teil ihrer konfiszierten Güter und kommt mit einer guten Handvoll, um zwei dafür wieder zu bekommen.« »Dank dir, Dank dir, ich verstehe dich. Du liebst diese Christen also nicht?« »Sie nicht lieben? Ich hasse die ganze Rasse. Die Geister, welche ich verehre, sind die tödlichsten Feinde ihres bloßen Namens.« Und ihr Gesicht verzog sich zu einem furchtbar scheußlichen Lächeln, als sie fortfuhr: »Ich mutmaße, daß eine meiner Gefährtinnen eine Christin ist. O! wie ich sie verabscheue!« »Was bringt dich auf den Gedanken?« »Erstens würde sie um keinen Preis der Welt eine Lüge sagen und bringt uns oft durch ihre alberne Wahrheitsliebe in die unangenehmsten Lagen,« »Gut, und was weiter?« »Dann legt sie keinen Wert weder auf Geld noch auf Geschenke. Daher verhindert sie auch oft, daß man sie uns anbietet.« »Besser!« »Und überdies ist sie –.« Das letzte Wort entging dem Ohr des Corvinus, welcher entgegnete: »Nun, in der That, ich war heute vor dem Thor, um eine Karawane deiner Landsleute ankommen zu sehen; aber du übertriffst sie alle!« »Wahrhaftig!« rief Afra ganz entzückt aus, »wer waren diese?« »Einfach Afrikaner,« Bezeichnung für die wilden Tiere aus jenem Weltteil, im Gegensatz zu Bären und anderen aus dem Norden. entgegnete Corvinus mit einem boshaften Lachen, »Löwen, Panther, Leoparden!« »Elender, beleidigt Ihr mich so?« »Komm, komm, sei ruhig. Sie sind nur zu dem Zwecke hierhergebracht, um dich von jenen verhaßten Christen zu befreien. Laß uns als Freunde scheiden. Hier ist dein Geld. Aber laß es das letzte sein und setze mich in Kenntnis, wenn die Wirkung deiner Zaubertränke beginnt. Ich werde deinen Wink in Bezug auf das Geld der Christen nicht vergessen. Er ist ganz und gar nach meinem Geschmack.« Als er über die Via Sacra von dannen ging, that sie, als ginge sie durch die Carinae , die Straße zwischen dem Palatin und den coelianischen Hügeln; dann wandte sie sich um und indem sie ihm nachblickte rief sie aus: »Narr! Dreifacher Narr! Daß du glauben kannst, ich würde um deinetwillen Experimente an einem Geschöpf von Fabiolas Charakter versuchen!« In einer gewissen Entfernung folgte sie ihm; dann aber wandte sie sich, wie Sebastianus zu seiner Bestürzung glaubte, in das Vestibüle des Palastes. Er beschloß sofort, Fabiola zu benachrichtigen, daß sie vor diesem Komplott auf ihrer Hut sei. Aber dies konnte erst geschehen, wenn sie vom Lande zurückgekehrt war. Zehntes Kapitel Weitere Zusammenkünfte Als die beiden Jünglinge in das Zimmer zurückkehrten, durch welches sie in die Wohnung eingetreten waren, fanden sie die erwartete Gesellschaft versammelt. Eine einfache Mahlzeit stand auf der Tafel; hauptsächlich war diese aber bereitet, um einen ungebetenen Eindringling, der sich möglicherweise zu den Gästen gesellen könnte, zu täuschen. Die Versammlung war groß und verschiedenartig; es befanden sich Geistliche und Laien, Männer und Frauen darunter. Der Zweck der Zusammenkunft war, geeignete Maßregeln infolge einer Begebenheit zu treffen, welche sich vor kurzem im Palaste zugetragen hatte. Wir müssen an dieser Stelle eine kurze Erklärung darüber geben. Sebastianus, welcher das unbegrenzte Vertrauen des Kaisers genoß, benutzte seinen ganzen Einfluß, um im Palaste den christlichen Glauben auszubreiten. Nach und nach hatte er mehrere Bekehrungen vorgenommen; aber vor kurzem war eine Massenbekehrung bewirkt worden, deren nähere Umstände in der ursprünglichen Lebensgeschichte dieses ruhmwürdigen Offiziers verzeichnet sind, und kraft früherer Gesetze wurden mehrere Christen ergriffen und vor den Richterstuhl geschleppt, wo ihr Prozeß nur zu oft mit dem Tode endete. Zwei Brüder, Marcus und Marcellianus waren auf diese Weise angeschuldigt worden und erwarteten den Tod, als ihre Freunde, welche zum Besuch zugelassen wurden, sie mit Thränen in den Augen anflehten, sie möchten ihr Leben retten, indem sie vom Glauben abfielen. Sie schienen zu schwanken, indem sie versprachen zu überlegen. Hiervon hörte Sebastianus und eilte zu ihnen, um sie zu retten. Er war zu gut bekannt, als daß man ihm den Eintritt verweigert hätte, und so trat er gleich einem Engel des Lichts in ihr düsteres Gefängnis. Dieses bestand in einer vergitterten Zelle im Hause der Gerichtsperson, deren Obhut sie anvertraut waren. Diesem war auch die alleinige Wahl und Aufsicht des Gefängnisses überlassen, und hier hatte Tranquillinus, der Vater der beiden Jünglinge, einen Aufschub von dreißig Tagen für sie erlangt, in der Hoffnung, sie in der Beständigkeit ihres Glaubens zu erschüttern, und um seine Bestrebungen zu unterstützen, hatte Nicostratus, der Richter, sie in seinem eigenen Hause in Gewahrsam gebracht. Sebastianus' Unternehmen war ein sehr kühnes und gefahrvolles. Außer den beiden christlichen Gefangenen befanden sich noch sechzehn heidnische Verbrecher in demselben Raum; dann waren dort die Eltern der beiden unglücklichen Jünglinge, welche über sie weinten und sie liebkosten, um sie zur Umkehr zu bewegen und sie so dem drohenden Tode zu entreißen; auch der Gefängniswärter Claudius und der Richter Nicostratus mit seiner Gattin Zoë hatten sich hier eingefunden – alle von dem leidenschaftlichen Wunsche beseelt, die Jünglinge ihrem Schicksal entrinnen zu sehen. Konnte Sebastianus wohl hoffen, daß sich unter dieser Menge keiner finden würde, welchen ein amtliches Pflichtbewußtsein oder der Haß gegen das Christentum veranlassen würde, ihn zu verraten, wenn er sich offen als Christ bekannte? Und wußte er nicht, daß ein solcher Verrat unfehlbar seinen Tod im Gefolge haben mußte? Gar wohl wußte er es. Aber was kümmerte es ihn? Wenn dann drei Opfer dem Christengotte dargebracht worden anstatt zweier – desto besser; was er am meisten fürchtete war, daß keins gebracht wurde. Das Gemach war eine Banketthalle, welche am Tage nur selten benutzt wurde und folglich nur wenig Licht brauchte; wie im Pantheon fiel das geringe Tageslicht durch eine Öffnung im Dache. Sebastianus, welcher dringend wünschte, von allen gesehen zu werden, stand in dem Lichtstrahl, welcher jetzt in den Raum fiel, scharf und glänzend, wohin er kam, während der übrige Teil der Halle fast in absoluter Dunkelheit lag. Er brach sich an dem Gold und den Edelsteinen seiner reichen Tribunenrüstung, und wenn Sebastianus sich bewegte, drang das farbenprächtigste Gefunkel bis in die äußersten Winkel des düsteren Raumes, während ein reiner Glanz auf seinem unbedeckten Haupte lag und seine edlen Züge hervorhob, auf denen in diesem Augenblick der Ausdruck zärtlichsten Kummers lag, wenn er auf die beiden schwankenden, unschlüssigen Bekenner blickte. Es dauerte mehrere Minuten bevor er der Heftigkeit seines Schmerzes Ausdruck in Worten verleihen konnte. Endlich machte er demselben in leidenschaftlichen Ausdrücken Luft. »Heilige und ehrwürdige Brüder,« rief er aus, »die ihr für Christus Zeugnis abgelegt habt; die ihr für ihn gefangen seid; deren Glieder die Merkmale der Ketten tragen, welche euch um seinetwillen angelegt sind; die ihr für ihn Qualen erduldet habet – ich müßte euch zu Füßen fallen und euch verehren und euch anstehen für mich zu beten, anstatt vor euch als Ermahner, oder gar als Tadler zu stehen. Kann das wahr sein, was ich vernommen habe? Während Engel die letzte Blume in eure Krone flochten, habt ihr ihnen Einhalt geboten; ihr habt sogar daran gedacht, ihnen zu sagen, daß sie sie wieder auflösen und die Blumen und Blüten in alle Winde zerstreuen? Soll ich glauben, daß ihr, die ihr euren Fuß auf die Schwelle des Paradieses gesetzt hattet, jetzt daran denkt, ihn im letzten Augenblick zurückzuziehen, um wiederum in diesem Thal der Thränen und des Jammers zu wandeln?« Die beiden Jünglinge senkten das Haupt und legten weinend ein Bekenntnis ihrer Schwäche ab. Sebastianus fuhr fort: »Ihr könnt nicht einmal einem armen Soldaten, wie ich es bin, dem letzten und unwürdigsten der Diener Christi ins Auge sehen; wie könnt ihr denn dem zürnenden Blicke des Herrn begegnen, den ihr im Begriffe seid, vor den Menschen zu verleugnen – wenn ihr es auch nicht in eurem Herzen könnt – an jenem furchtbaren Tage des Gerichts, wenn Er euch zur Strafe wiederum vor seinen Engeln verleugnen wird? Wenn ihr, anstatt männlich und mutig als gute und getreue Knechte vor ihm zu erscheinen – wie ihr es schon morgen gethan haben könntet – endlich vor ihm stehen werdet, nachdem ihr euch noch einige Jahre durch dies irdische Elend geschleppt habt, ausgestoßen aus der Kirche, verachtet von ihren Feinden, und was noch schlimmer ist, Opfer der ruhelosesten Gewissensbisse, gemartert von einer niemals endenden Qual?« »Halt ein, Jüngling, sei barmherzig und halt ein, wer du auch sein magst,« rief Tranquillinus, der Vater der beiden Jünglinge aus. »Sprich nicht so strenge zu meinen Söhnen. Ich schwöre dir, nur den heißen Thränen ihrer Mutter, meinen innigen, unaufhörlichen Bitten hatten sie angefangen nachzugeben, nicht jenen Folterqualen, welche sie mit überirdischer Kraft ertragen haben. Weshalb sollten sie ihre unglücklichen Eltern in Qual und Elend zurücklassen? Befiehlt das deine Religion? Kannst du das fromm und heilig nennen?« »Warte in Geduld, mein guter, alter Mann,« sagte Sebastianus in dem mildesten Ton mit liebevollem Blick, »und laß mich zuerst mit deinen Söhnen sprechen. Sie verstehen, was ich meine, und das kannst du bis jetzt noch nicht; aber mit Gottes Gnade wirst auch du es bald können. – Euer Vater hat in der That recht, wenn er sagt, daß ihr um eurer Mutter und um seinetwillen überlegt habt, ob ihr sie nicht Dem vorziehen sollt, der da gesagt hat: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.« Ihr dürft nicht hoffen, für diese eure alten Eltern jenes ewige Leben zu erkaufen, welches ihr selbst zu verlieren im Begriffe steht. Wollt ihr sie zu Christen machen, indem ihr selbst vom Christentume abfallet? Wollt ihr sie zu Streitern des Kreuzes machen, wenn ihr selbst der Fahne untreu werdet? Wollt ihr sie überzeugen, daß die christliche Lehre kostbarer ist als das Leben, indem ihr das Leben jenen köstlichen Lehren vorzieht? Wollt ihr für sie, nicht das irdische Leben des vergänglichen Leibes, sondern das ewige Leben der Seele erringen? Dann eilt euch es zu erwerben! Legt zu den Füßen des Erlösers die Krone nieder, welche ihr erhalten werdet, und bittet für die Rettung eurer Eltern!« »Genug, genug, Sebastianus, wir sind entschlossen,« riefen die beiden Brüder zu gleicher Zeit aus. »Claudius,« sagte der eine, »lege mir die Ketten wieder an, die du bereits abgenommen hattest.« »Nicostratus,« fügte der andere hinzu, »gieb den Befehl, daß das Todesurteil an uns vollstreckt werde.« Aber weder Nicostratus noch Claudius rührten sich von der Stelle. »Lebe wohl, teurer Vater; mit Gott, geliebteste Mutter,« sagten beide nacheinander, indem sie die Eltern zärtlich umschlungen hielten. »Nein,« entgegnete der Vater, »wir werden uns nicht mehr trennen. Nicostratus, geh und sage dem Chromatius, daß ich von dieser Stunde an Christ geworden bin mit meinen Söhnen. Ich werde mit ihnen sterben für eine Religion, welche so imstande ist, aus Knaben Helden zu machen.« »Und ich,« fuhr die Mutter fort, »werde mich nicht von meinem Gatten und meinen Söhnen trennen.« Die Scene, welche jetzt folgte, läßt sich nicht beschreiben. Alle Anwesenden waren tief bewegt; alle weinten; die Gefangenen nahmen teil an dem Aufruhr dieser neu erweckten Gefühle, und Sebastianus sah sich umringt von einer Gruppe von Männern und Frauen, welche alle von einem Lichtstrahl der Gnade getroffen, durch ihren Einfluß besänftigt, durch ihre Macht besiegt waren! Und doch war alles verloren, wenn auch nur ein einziger zurück blieb! Er sah die Gefahr, welche nicht ihm, sondern der Kirche und jenen Seelen drohte, die auf der Grenze des Lebens schwankten, wenn eine plötzliche Entdeckung gemacht wurde. Einige hingen an seinen Armen, einige hatten seine Kniee umklammert, andere küßten seine Füße, als sei er ein solcher Geist des Friedens, wie er Petrus in seinem Gefängnis zu Jerusalem besucht hatte. Nur zwei der Anwesenden hatten ihren Gedanken keine Worte verliehen. Nicostratus war in der That bewegt, aber durchaus noch nicht besiegt. Seine Gefühle waren erregt, aber seine Überzeugung blieb unerschüttert. Seine Gattin Zoë kniete mit stehenden Blicken und emporgestreckten Armen vor Sebastianus, aber kein Wort kam über ihre Lippen. »Komm, Sebastianus,« sagte der Archivar, denn dies war das Amt des Nicostratus, »komm, es ist Zeit, daß du dich entfernst. Ich kann nicht umhin, die Aufrichtigkeit des Glaubens zu bewundern und die Großmut des Herzens, die dich handeln läßt, wie du es thust – die diese Jünglinge in den Tod treibt; aber meine Pflicht ist gebieterisch und muß meine Privatinteressen überwiegen.« »Und glaubst du nicht mit den übrigen?« »Nein, Sebastianus, ich gebe nicht so leicht nach, ich muß noch größere, noch stärkere Beweise haben, als selbst deine Tugend.« »Oh, so sprich denn du zu ihm!« sagte Sebastianus zu Zoë; »sprich, treues Weib, sprich zum Herzen deines Gatten! Denn ich müßte mich furchtbar täuschen in der That, wenn deine Blicke mir nicht sagten, daß du wenigstens glaubst.« Zoë bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und brach in eine Flut leidenschaftlicher Thränen aus. »Du hast sie aufs äußerste verletzt, Sebastianus,« sagte ihr Gatte; »weißt du denn nicht, daß sie stumm ist?« »Ich wußte es nicht, edler Nicostratus, denn als ich sie zuletzt in Asien sah, konnte sie noch sprechen.« »Seit sechs Jahren,« sprach der andere mit bebender Stimme, »ist ihre einst so beredte Zunge gelähmt, und nicht ein einziges Wort ist über ihre Lippen gekommen.« Sebastianus schwieg einen Augenblick; dann streckte er plötzlich die Arme empor, wie die Christen es stets im Gebet thaten und erhob die Augen gen Himmel; darauf brach er in die Worte aus: »O Gott, Vater unseres Herrn und Heilands Jesu Christi, der Anfang dieses Werkes ist dein, laß seine Vollendung auch dein allein sein. Zeige deine Macht jetzt, denn wir bedürfen ihrer; verleihe sie dies eine Mal nur dem armseligsten und geringsten deiner Werkzeuge. Laß mich – wie unwürdig ich auch sein mag – das Schwert deines siegreichen Kreuzes so schwingen, daß die Geister der Finsternis vor demselben fliehen und deine Erlösung über uns alle komme! Zoë! blick noch einmal zu mir auf!« Keiner von den Anwesenden brach das tiefe Schweigen. Nach einem stillen kurzen Gebet machte Sebastianus das Zeichen des Kreuzes über die Lippen der Frau und sprach: »Zoë! sprich! glaubst du?« »Ich glaube an den Herrn Jesus Christus,« entgegnete sie mit klarer, fester Stimme und fiel Sebastianus zu Füßen. Es war fast ein Schrei, den Nicostratus ausstieß, als er sich auf die Knie warf und Sebastianus rechte Hand mit Thränen benetzte. Der Sieg war vollständig. Alle waren gewonnen. Und sofort wurden Schritte gethan, um jede Entdeckung zu verhindern. Die Persönlichkeit, welche für die Gefangenen verantwortlich war, konnte sie führen, wohin sie wollte, und Nicostratus führte sie alle, Tranquillinus und seine Gattin inbegriffen, der vollkommenen Freiheit seines eigenen Hauses entgegen. Sebastianus verlor keinen Augenblick, sondern übergab sie alle der Fürsorge des heiligen Priesters Polycarp, von dem Titel Sankt Pastor. Es war ein so eigentümlicher Fall, der so viel Heimlichkeit erforderte; die Zeiten waren so drohend und jedes neue Ärgernis mußte sorgsam vermieden werden; die Unterweisung mußte eilig vor sich gehen und durfte weder bei Tage noch bei Nacht unterbrochen werden. Dann empfingen alle in Eile das Sakrament der heiligen Taufe. Diese neue Christenschar wurde durch ein zweites Wunder ermutigt und gestärkt. Dem Tranquillinus, welcher seit langer Zeit auf das heftigste von der Gicht gequält wurde, ward durch die Taufe augenblicklich die vollkommene Gesundheit wiedergegeben. Chromatius war der Präfect der Stadt, und ihm war Nicostratus für die Gefangenen verantwortlich. Diesem Beamten konnte das, was geschehen war, nicht lange verborgen bleiben. Für die Neubekehrten handelte es sich allerdings um Leben und Tod; aber durch den Glauben gestärkt, waren sie jetzt auf alles vorbereitet. Chromatius war ein Mann von geradem Charakter, welcher der Christenverfolgung durchaus abhold war; mit großer Teilnahme lauschte er dem Bericht dessen, was sich zugetragen hatte. Als er jedoch von der Wiederherstellung des Tranquillinus hörte, war er aufs höchste überrascht. Er selbst war ein Opfer derselben Krankheit und litt oft die qualvollsten Schmerzen. »Wenn das, was du mir hier berichtest, wahr ist,« sagte er, »und wenn ich mich persönlich von dieser heilenden Kraft überzeugen kann, so werde ich mich wahrlich diesem Beweise nicht verschließen.« Man ließ Sebastianus holen. Es wäre Aberglauben gewesen, wenn man die heilige Taufe nur als ein Experiment ihrer heilenden Kraft ohne vorhergehende Bekehrung und ohne Glauben vollzogen hätte. Sebastianus schlug einen anderen Weg ein, welchen wir später beschreiben wollen, und Chromatius wurde vollständig geheilt. Bald darauf erhielt auch er zusammen mit seinem Sohne Tibertius die Taufe. Natürlich war es gänzlich unmöglich für ihn, sein Amt weiter zu verwalten, und er hatte es folglich wieder in die Hände des Kaisers gelegt. Tertullus, der Vater des hoffnungsvollen Corvinus und Präfekt des Prätoriums wurde zu seinem Nachfolger ernannt; und so wird der Leser wahrnehmen, daß die Begebenheiten, welche wir soeben aus der Geschichte des heiligen Sebastianus erzählt haben, sich kurze Zeit vor dem Beginn unserer Erzählung zugetragen hatten; denn in einem der ersten Kapitel unseres Buches sprachen wir bereits von Corvinus' Vater als von dem Präfekten der Stadt. Kehren wir jetzt indessen zu dem Abend zurück, an welchem Sebastianus und Pancratius mit dem größten Teil jener obengenannten Personen in den Zimmern des jungen Offiziers zusammentrafen. Viele von ihnen wohnten im Palaste oder in der nächsten Nähe desselben; und außer ihnen war noch anwesend Castulus, welcher ein hohes Amt am Hofe Das Amt wird nicht näher bezeichnet. des Kaisers bekleidete, und seine Gemahlin Irene. Mehrere vorhergehende Versammlungen waren bereits abgehalten worden, um über einen Plan zu beratschlagen, wie man die vollkommenere Unterweisung der Neubekehrten würde bewerkstelligen und mehrere Persönlichkeiten der Beobachtung würde entziehen können, deren veränderte Lebensweise und Rücktritt vom Amt Neugierde erwecken und Nachforschungen veranlassen müßte. Sebastianus hatte für Chromatius die Erlaubnis vom Kaiser erwirkt, daß er sich auf seinen Landsitz in Campanien zurückziehen könne, und man war dahin übereins gekommen, daß eine beträchtliche Anzahl der Neophyten sich dort zu ihm gesellen sollte, um einen einzigen Haushalt zu bilden, mit religiösen Übungen fortzufahren und sich in gemeinsamen Werken der Frömmigkeit zu vereinen. Die Jahreszeit war gekommen, wo jedermann sich aufs Land zurückzog, und der Kaiser selbst begab sich an die Küste von Neapel, von wo er eine Reise durch das südliche Italien zu unternehmen beabsichtigte. Es war daher der günstige Augenblick gekommen, den vorgefaßten Plan auszuführen. Man erzählt in der That, daß der Papst bereits an dem Sonntage, welcher dieser Bekehrung folgte, das heilige Amt im Hause des Nicostratus feierte und diese Entfernung aus der Stadt vorschlug. In dieser Versammlung wurden alle Einzelheiten festgestellt; im Laufe der folgenden Tage sollten verschiedene Parteien auf verschiedenen Wegen aufbrechen – einige direkt auf der Via Appia , andere durch die Via Laatina , wieder andere am Strande des Tiber entlang und über einen Bergpfad durch Arpinum; aber alle sollten sich in der Villa treffen, welche nicht weit von Capua entfernt war. Während der ganzen Besprechung dieser etwas langweiligen Einzelheiten zeigte sich Torquatus, einer der früheren Gefangenen, welche durch Sebastianus bei seinem Besuche im Kerker bekehrt worden, vorlaut, ungeduldig und ungestüm. Er fand an jedem Plan etwas auszusetzen, schien unzufrieden mit den Weisungen, welche ihm gegeben wurden und sprach fast verächtlich von dieser Flucht vor der Gefahr, wie er es nannte. Er brüstete sich damit, daß er für seinen Teil bereit sei, morgen auf das Forum zu gehen, jeden Altar umzustürzen und sich jedem Richter gegenüber offen als Christ zu bekennen. Alles wurde gethan und gesagt, um ihn zu beruhigen und sogar abzukühlen. Aber man empfand die dringende Notwendigkeit, daß er mit den übrigen auf das Land hinaus müsse. Er hingegen bestand darauf, seinen eigenen Weg gehen zu wollen. Nur über einen Punkt blieb jetzt noch zu entscheiden: es handelte sich darum, wer die kleine Kolonie anführen und ihre Unternehmungen leiten solle. Hier erneuerte sich ein Liebesstreit zwischen dem heiligen Priester Polycarp und Sebastianus; jeder von ihnen begehrte in Rom zu bleiben und zuerst das Märtyrertum auf sich zu nehmen. Aber jetzt wurde dieser Zwistigkeit ein schnelles Ende gemacht, durch einen Brief, welcher ins Gemach gebracht wurde; er kam vom Papst und war »an seinen geliebten Sohn Polycarp, Priester des Titels Sankt Pastor« gerichtet und enthielt für ihn den Befehl, die Neubekehrten zu begleiten, während Sebastianus in Rom zurückbleiben sollte, um die schwere Pflicht zu erfüllen, Bekenner zu ermutigen und die Christen in Rom zu beschützen. Hören bedeutete gehorchen, und die Versammlung brach nach einem innigen Dankesgebet auf. Nachdem Sebastianus seinen Freunden ein liebevolles Lebewohl gesagt hatte, bestand er darauf, Pancratius nach Hause zu geleiten. Als sie das Zimmer verließen, bemerkte letzterer: »Sebastianus, mir gefällt jener Torquatus nicht. Ich fürchte, daß er uns noch viel Kummer und Leid bereiten wird.« »Wenn ich die Wahrheit gestehen soll,« antwortete der Soldat, »so möchte auch ich ihn anders haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß er ein Neophyte ist und mit der Zeit und durch die Gnade anders werden wird.« Als sie in den Vorhof des Palastes traten, hörten sie ein Babel von seltsamen, rohen Lauten, dazwischen lautes, gemeines Gelächter und gelegentlich einen gellenden Schrei; dieser Lärm drang aus dem anstoßenden Hofe, in welchem sich die Quartiere der mauritanischen Bogenschützen befanden. In der Mitte desselben schien ein helles Feuer zu lodern, denn über den dazwischen liegenden Portikus stiegen Rauch und Funken empor. Sebastianus redete die Schildwache des Hofes an, auf welchem sie sich befanden und fragte: »Guter Freund, was geschieht wohl da drüben bei unseren Nachbarn?« Diese antwortete: »Die schwarze Sklavin, welche ihre Priesterin, und dem Kapitän jener Truppe angelobt ist, wenn sie ihre Freiheit erkaufen kann, ist zur mitternächtlichen Ceremonie herübergekommen, und dieser grauenhafte Lärm findet jedesmal statt, wenn sie kommt.« »In der That,« sagte Pancratius, »und kannst du mir auch sagen, zu welcher Religion sich diese Afrikaner bekennen?« »Ich weiß es nicht, Herr,« erwiderte der Legionär, »wenn sie nicht das sind, was man Christen nennt.« »Und was bringt dich auf den Gedanken?« »Nun, ich habe gehört, daß die Christen zur Nachtzeit zusammenkommen und scheußliche Gesänge absingen und allerlei grauenhafte Verbrechen begehen; sie kochen und essen das Fleisch eines Kindes, welches zu dem Zwecke geschlachtet worden Dies waren die volkstümlichen Begriffe vom christlichen Gottesdienst. – und derlei Dinge scheinen dort vor sich zu gehen.« »Gute Nacht, Kamerad,« sagte Sebastianus und rief dann, als sie aus dem Vestibüle traten: »Ist es nicht seltsam, Pancratius, daß trotz all unserer Bemühungen und Anstrengungen, wir, die wir uns bewußt sind, den Einen lebendigen Gott im Geiste und in der Wahrheit anzubeten, wir, die wir wissen, mit welcher Sorgfalt wir uns von aller Sünde frei halten und lieber sterben möchten als ein unheiliges Wort sprechen – daß wir noch nach einem Zeitraum von dreihundert Jahren vom Volke mit den Anhängern des niedrigsten Aberglaubens verwechselt werden – daß man unseren Gottesdienst mit jenem Götzendienst auf eine Stufe stellt, welchen wir mehr als alles andere verabscheuen? Wie lange noch, o mein Gott, wie lange noch!« »So lange noch,« sagte Pancratius, während er auf den Stufen außerhalb des Vestibüls stehen blieb und auf den jetzt untergehenden Mond blickte, »so lange noch, wie wir fortfahren werden, in diesem bleichen Licht zu wandeln; so lange noch, bis die Sonne der Gerechtigkeit über unserem Lande in ihrer Schönheit aufgehen und es in ihrem Glanze verherrlichen wird. Sebastianus, sag mir, von wo aus du die Sonne am liebsten aufgehen siehst?« »Den lieblichsten Sonnenaufgang, welchen ich jemals gesehen,« antwortete der Soldat, als wenn er der seltsamen Frage seines Freundes willfahren wollte, »erlebte ich auf dem Gipfel des Berges Latial Der jetzige Monte Cavo oberhalb Albano. am Tempel des Jupiter. Die Sonne ging hinter dem Berge auf und warf seinen riesigen Schatten wie eine Pyramide auf die Ebene und weit auf das Meer hinaus; dann, als sie höher stieg, wurde der Schatten immer kleiner und verschwand endlich ganz. Jeden Augenblick fing irgend ein neuer Gegenstand das Licht auf; zuerst die Schiffe und die Galeeren auf dem Wasser, dann die Küste mit ihren tanzenden Wogen, und nach und nach erglänzte ein weißes Denkmal nach dem andern in den frischen Strahlen – bis endlich das majestätische Rom selbst mit seinen stolzen Zinnen sich in dem Glanz des jungen Tages sonnte.« »Das ist's, was ich erwartet habe, Sebastianus,« bemerkte Pancratius, »und so wird es sein, wenn jene herrlichere Sonne über unserem in Unwissenheit und Irrtum verharrenden Lande aufgeht. Wie schön wird es dann sein zu beobachten, wie die Schatten weichen, und in jedem Augenblick ein neuer, jetzt noch verborgener Reiz unseres heiligen Glaubens und unseres Gottesdienstes ans Licht tritt, bis die kaiserliche Stadt selbst im vollen Sonnenglanze da liegt, ein heiliges Vorbild der Stadt Gottes. Werden die, welche in jenen Zeiten leben, diese Schönheiten sehen und sie würdig zu schätzen wissen? Oder werden sie nur auf den engen Raum um sich herum blicken und die Hand vor die Augen legen, um diese gegen den plötzlichen Glanz zu schützen? Ich weiß es nicht, teurer Sebastianus, aber ich hoffe, daß du und ich auf jenes großartige Schauspiel herabblicken werden von einem Orte aus, von welchem allein es gebührend gewürdigt werden kann, von einem Berge aus, der höher ist als der des Jupiter – sei es der Albano oder sei es der Olymp – wenn wir auf jenem heiligen Berge weilen werden, auf dem das Lamm steht, aus dessen Füßen die Bronnen des Lebens fließen. Vidi supra, montem Agnum stantem, de sub cujus pede fons vivus emanat . Geschichte des heiligen Clement. Schweigend setzten sie ihren Weg durch die tageshell erleuchteten Straßen Ammianus Marcellinus erzählt uns, daß die Straßen Roms zur Zeit des Verfalls des Kaiserreichs tageshell erleuchtet waren. » Et haec confidenter agebat (Gallus), ubi pernoctantinum luminum claritudo dierum solet imitari fugerum « (L, 14. c. 1.) fort. Und als sie Lucinas Haus erreicht hatten und einander liebevoll gute Nacht gesagt, schien Pancratius einen Augenblick zu zögern. Dann sagte er: »Sebastianus, du sagtest heute Abend etwas, das ich gern erklärt hören möchte.« »Was war das?« »Als du mit Polycarp darüber strittest, welcher von euch beiden nach Campanien gehen, welcher hier in Rom bleiben solle, versprachst du, wenn du hier zurückbleiben solltest, sehr vorsichtig zu sein und dich keinen unnötigen Gefahren auszusetzen. Dann fügtest du hinzu, daß du ein Ziel, einen Zweck in der Seele trügest, welcher dich in der That von jedem Wagnis abhalten würde. Doch wenn dieser Zweck erreicht, sagtest du, würde es schwer sein, deinem heißen Wunsche, dein Leben für Christus hinzugeben, gleichwie er das seine für uns hingegeben, Einhalt zu thun.« »Und weshalb, Pancratius, wünschest du so sehr, diesen meinen thörichten Gedanken kennen zu lernen?« »Weil ich – ich gestehe es offen – wirklich neugierig bin zu erfahren, welche Sache so erhaben ist, daß sie in dir dem Streben nach dem, was du für das höchste Ziel eines Christen hältst, Zwang auferlegen kann.« »Es thut mir leid, mein teurer Knabe, daß es nicht in meiner Macht liegt, dir das jetzt zu sagen. Wer eines Tages wirst du es bestimmt erfahren.« »Versprichst du mir das?« »Ja, fest und feierlich! Gute Nacht! Gott segne dich!« Elftes Kapitel Ein Gespräch mit dem Leser Rom hat seine Bewohner in die benachbarten Berge oder an die ganze Seelüfte von Genua bis Paestum geschickt, damit sie sich zu Wasser oder zu Lande belustigen, und so wollen wir die Feiertage benützen, deren die Siebenhügelstadt sich erfreut, und in einfach didaktischer Weise uns bemühen, unserem Leser einige Belehrung zukommen zu lassen, welche auf das, was wir bereits geschrieben haben, ein erklärendes Licht werfen, und auf das, was noch folgt, ihn vorbereiten kann. Aus der überaus zusammengedrängten Form, in welcher die früheste Geschichte der Kirche gewöhnlich studiert wird, und aus der unchronologischen Reihenfolge der Biographien der Heiligen, wie wir sie meistens lesen, könnten wir leicht zu einem irrtümlichen Schluß über die Lage unserer ersten christlichen Vorfahren gelangen. Dies könnte auf zwei verschiedene Arten geschehen. Wir könnten nämlich glauben, daß die Kirche während der ersten drei Jahrhunderte unter einer nimmer ruhenden Verfolgung zu leiden gehabt hätte; daß die Gläubigen in Furcht und Zittern fast nur in den Katakomben ihren Gottesdienst hielten und dort lebten; daß alles, was die Religion kannte, nur das nackte Leben war; daß sie keine Gelegenheit zu äußerer Entwickelung oder innerer Organisation fand, daß sie nicht daran denken durfte, irgend welchen Glanz zu entfalten; kurzum, daß es eine Periode des Kampfes und der Qual war, ohne eine Zwischenzeit des Friedens und des Trostes. Andererseits könnten wir jedoch voraussetzen, daß jene drei Jahrhunderte, durch zehn verschiedene Christenverfolgungen in Epochen geteilt waren, von denen einige von kürzerer, andere von längerer Dauer, die aber durch Pausen absoluter Ruhe und tiefen Friedens scharf voneinander getrennt waren. Jede dieser Annahmen wäre eine irrtümliche, und wir hegen den Wunsch, den wahren Zustand der christlichen Kirche während der verschiedenen Perioden dieses wichtigsten Teils ihrer Geschichte zu schildern. Seitdem die Christenverfolgung einmal über die Kirche hereingebrochen war, hat sie eigentlich niemals wieder ganz geruht bis zu jener endlichen Friedensstiftung unter Constantinus. Wenn das Edikt einer Verfolgung einmal von einem Kaiser erlassen worden, so wurde es selten zurückgenommen; und wenn die Schärfe seiner Gewalt auch nach und nach durch die Thronbesteigung eines milderen Herrschers nachließ oder gänzlich aufhörte, so wurde es doch niemals gänzlich zum toten Buchstaben, sondern blieb stets eine gefährliche Waffe in den Händen eines grausamen oder bigotten Statthalters einer Stadt oder einer Provinz. Daher finden wir in den Zeiten zwischen den großen allgemeinen Verfolgungen, welche durch einen neuen Erlaß befohlen wurden, sehr viele Märtyrer, welche ihre Krone entweder der Wut des Volkes oder dem Christenhaß lokaler Befehlshaber verdankten. Daher lesen wir auch von hartnäckigen, bitteren Verfolgungen, welche in einem Teil des Reiches vor sich gingen, während die anderen Provinzen sich des tiefsten, ungestörten Friedens erfreuten. Vielleicht werden einige Beispiele aus den verschiedenen Phasen der Verfolgungen das wirkliche Verhältnis der alten Kirche zum Staate besser kennzeichnen, als bloße Beschreibungen; und der gründlicher unterrichtete Leser muß diese Abweichung überschlagen oder die Geduld haben, das wiederholt zu hören, was ihm so bekannt ist, daß es bereits abgeschmackt klingt. Trajan war durchaus keiner der grausamen Kaiser; im Gegenteil, er war meistens gerecht und barmherzig. Obgleich er kein neues Edikt gegen die Christen gab, so finden wir doch manche edle Märtyrer, welche unter seiner Regierung den Herrn verherrlichten, so zum Beispiel den heiligen Ignatius, Bischof von Antiochien in Rom, und den heiligen Simeon in Jerusalem. In der That, als Plinius der Jüngere ihn um Verhaltungsmaßregeln den Christen gegenüber bat, welche möglicherweise vor ihn als den Gouverneur von Bythinien geschleppt werden könnten, gab der Kaiser einen Befehl, welcher den niedrigsten Standpunkt der Gerechtigkeit verriet: man solle sie nicht suchen, wenn sie aber angeklagt würden, so sollten sie bestraft werden. Hadrian, welcher keine Christenverfolgung anordnete, gab eine ähnliche Antwort auf eine ähnliche Frage von Serenius Granianus, Prokonsul in Asien. Und doch erlitten unter ihm, ja, sogar auf seinen Befehl, die mutige Symphorosa und ihre sieben Söhne in Tibur oder Tivoli einen grausamen, doch ruhmvollen Märtyrertod. Eine herrliche Inschrift, welche in den Katakomben gefunden wurde, erwähnt des Marius, eines mutigen jungen Offiziers, welcher unter diesem Kaiser sein Blut für Christus vergoß. Und in der That berichtet uns St. Justinus der Märtyrer, der große Apologet des Christentums, daß er seine Bekehrung der Standhaftigkeit verdankt, welche die Märtyrer unter diesem Kaiser an den Tag legten. Und in gleicher Weise erlitten viele Christen Folterqualen und Tod, bevor noch der Kaiser Septimus Severus seine Verfolgungsedikte erlassen hatte. Zu diesen gehörten die berühmten Märtyrer von Scillita in Afrika und die heilige Perpetua und die heilige Felicitas mit ihren Gefährtinnen. Die Geschichte dieser Märtyrer, welche auch das Tagebuch der ersten der genannten edlen Frauen enthält, die am Vorabende ihres Todes ihr zwanzigstes Jahr vollendete, bildet eines der schönsten und rührendsten Dokumente, welche uns aus der frühesten Zeit der Kirche erhalten geblieben sind. Aus diesen historischen Fakten geht hervor, daß es doch auch Zeiten teilweisen und lokalen Stillstandes, und zuweilen sogar gänzliche Einstellung der grausamen Verfolgungen gab, während von Zeit zu Zeit wieder eine schärfere, strengere und allgemeinere Verfolgung des christlichen Namens durch das ganze Reich ging. Eine Begebenheit dieser Art, welche uns aufbewahrt worden, giebt uns höchst interessante, auf unseren Gegenstand bezügliche Aufklärungen. Als die Verfolgung unter Septimus Severus in anderen Teilen des Reiches nachgelassen hatte, geschah es, daß Scapula, Prokonsul in Afrika, die Christenhetze in seiner Provinz mit unerbittlicher Grausamkeit fortsetzte. Unter anderen hatte er Mavilus von Adrumetum dazu verurteilt, von wilden Tieren zerrissen zu werden, als er in eine schwere Krankheit verfiel. Tertullian, der älteste lateinische christliche Schriftsteller, sandte ihm einen Brief, in welchem er ihn bat, sich diese Heimsuchung eine Warnung sein zu lassen und seine Sünden und Verbrechen zu bereuen; weiter erinnerte er ihn in diesem Schreiben an die vielen gerechten Strafen Gottes, welche in verschiedenen Teilen der Welt über grausame Richter der Christen gekommen waren. Aber so groß war die Barmherzigkeit dieser heiligen Männer, daß Tertullian hinzufügte, er und seine Gefährten sendeten die inbrünstigsten Gebete um die Wiederherstellung ihres Feindes zu Gott empor! Dann fährt er fort, ihm vorzuhalten, daß er sehr gut seine Pflichten erfüllen könne, ohne grausam zu sein, indem er handle, wie andere obrigkeitliche Personen gehandelt hätten. So habe zum Beispiel Cincius Severus den Angeklagten die Antworten, welche sie zu geben hatten, um freigesprochen zu werden, in den Mund gelegt. Vespronius Candidus entließ einen Christen aus der Kerkerhaft unter der Angabe, daß seine Verurteilung ernste Tumulte hervorrufen würde. Asper, als er sah, daß ein Gefangener bei Anwendung leichter Folterqualen bereit war, nachzugeben, ließ die Tortur einstellen und drückte sein Bedauern darüber aus, daß man ihm diesen Fall überhaupt vorgetragen habe. Als Pudens eine Anklageschrift durchlas, erklärte er das Dokument für nicht in der gehörigen Form abgefaßt und ungültig, weil es verleumderisch sei, und zerriß es. Wir können aus solchen Zügen also entnehmen, wieviel von der Laune und vielleicht auch dem Charakter der Statthalter und Richter abhing, wenn sie die kaiserlichen Gebote in Bezug auf die Christenverfolgungen in Kraft treten ließen. Der heilige Ambrosius erzählt uns, daß einige Statthalter sich dessen rühmten, wenn sie ihre Schwerter unbefleckt von Blut ( incruentos enses ) aus den Provinzen zurückbrachten. Wir können auch leicht begreifen, daß zu ganz bestimmten Zeiten wilde Christenverfolgungen in Gallien, Afrika und Asien wüten konnten, während der größere und hauptsächliche Teil der Kirche sich tiefen Friedens erfreute. Rom war jedoch unzweifelhaft der Ort, welcher den häufigen Ausbrüchen der Feindseligkeiten am meisten unterworfen war; so daß man es für ein Privilegium seiner Päpste während der ersten drei Jahrhunderte halten kann, daß sie für den Glauben, welchen sie lehrten, blutiges Zeugnis ablegen durften. Zum Papste gewählt werden, war gleichbedeutend mit dem sterben des Märtyrertodes. Zur Zeit unserer Erzählung befand sich die Kirche in einer jener längeren Zwischenzeiten verhältnismäßigen Friedens, welche Gelegenheit zu einer großen und tiefbedeutenden Entwickelung gab. Seit dem Tode Valerians im Jahre 268 hatte keine formelle Christenverfolgung stattgefunden, obgleich diese Zeit durch manches edle, hochherzige Märtyrertum ausgezeichnet ist. Während solcher Perioden waren die Christen imstande ihre Religion vollständig und sogar prächtig zur Ausübung zu bringen. Die Stadt war in Distrikte oder Pfarreien geteilt; jede hatte ihre Titel oder Kirche, in welcher Priester, Diakone und niedere Kleriker das Amt verrichteten. Die Armen wurden unterstützt, die Kranken aufgesucht, die Katechumenen unterrichtet; die heiligen Sakramente wurden dargereicht, täglicher Gottesdienst wurde abgehalten, die Bußkanones wurden durch die Geistlichen jedes Titels ausgeführt; Kollekten wurden zur Erfüllung all dieser und anderer Zwecke gemacht, welche mit frommer Wohlthätigkeit zusammenhingen, und die Folge davon war, daß die Kirche Gastfreundschaft im umfassendsten Maße üben konnte. Wir finden verzeichnet, daß sich im Jahre 250 während des Pontificats des Cornelius in Rom sechsundvierzig Priester und einhundertvierundfünfzig niedere Kleriker aufhielten, welche zusammen mit fünfzehnhundert Armen durch die Almosen und milden Gaben der Gläubigen unterstützt wurden. Euseb. hist. eccl. 6, 43. Diese Anzahl von Priestern stimmt fast genau mit jener der Titel überein, welche damals, wie der heilige Optatus uns berichtet, in Rom waren. Obgleich die Gräber der Märtyrer in den Katakomben noch immer fortfuhren, der Gegenstand der Verehrung während dieser verhältnismäßig friedlichen Zeiten zu sein, und man niemals unterließ, diese Zufluchtsstätten der Verfolgten in sauberster Ordnung zu halten, so dienten sie doch damals nicht allgemein zur Abhaltung des Gottesdienstes. Die Kirchen, welcher wir bereits erwähnt haben, waren häufig öffentlich, groß und sogar prächtig; Heiden pflegten während der Predigten, welche dort gehalten wurden, anwesend zu sein, und ebenfalls hörten sie jenen Teil der Liturgie mit an, welcher für die Katechumenen bestimmt war. Aber gewöhnlich befanden die Kirchen sich in Privathäusern, und waren wahrscheinlich aus den großen Hallen oder triclinia hergestellt, welche die vornehmeren Häuser enthielten. Wenigstens wissen wir, daß der größte Teil der Titel in Rom ursprünglich diesen Charakter trugen. Tertullian erwähnt christlicher Begräbnisstätten unter einem Namen, welcher zeigt, daß sie sich über der Erde befanden, denn er vergleicht sie mit Scheunentennen, welche notwendigerweise unter freiem Himmel waren. Eine Sitte des alten Rom wird den Einwand beseitigen – der möglicherweise erhoben werden könnte – wie es denn großen Menschenmengen gelungen sei, sich an diesen Orten zu versammeln ohne Aufmerksamkeit zu erregen und folglich Verfolgungen herbeizuführen. Es war gebräuchlich, daß die Reichen an jedem Morgen das abhielten, was man ungefähr eine Levée nennen könnte; dieser Versammlung wohnten die Untergebenen, die Klienten, die Boten der Freunde – entweder Freigelassene oder Sklaven – bei; einige wurden in den inneren Hof und so in die nächste Umgebung des Herrn zugelassen, während andere sich nur vorstellten und sofort wieder entlassen wurden. Auf diese Weise konnten hunderte in einem vornehmen, großen Hause aus- und eingehen, zusammen mit der Menge der Sklaven des Haushalts, den Handelsleuten und anderen, welche dort Zutritt hatten, entweder durch den Haupt- oder den hinteren Eingang, ohne daß irgend jemand diesem Umstand besondere Beachtung geschenkt hätte. Es giebt noch eine zweite wichtige Erscheinung in dem gesellschaftlichen Leben des früheren Christentums, welches man kaum für möglich halten könnte, wenn nicht die authentische Geschichte der Märtyrer und die Kirchengeschichte das glaubwürdigste Zeugnis dafür ablegten. Das ist das Geheimnis und die Verborgenheit, welche sie zu bewahren wußten. Es ist gar keinem Zweifel unterworfen, daß es Christen gab, welche sich in der höchsten Gesellschaft bewegten, große, weithin sichtbare öffentliche Stellen bekleideten, und sich sogar in der nächsten Nähe der Person des Kaisers befanden. Und doch wurden sie nicht einmal von ihren vertrautesten heidnischen Freunden beargwöhnt. Ja, es gab sogar Fälle, wo sogar die nächsten Verwandten in vollständiger Unwissenheit über diesen Punkt blieben. Es war jedoch nicht erlaubt, das Geheimnis durch irgend eine Verstellung oder eine That, welche mit der christlichen Moral oder der christlichen Wahrheit nicht in Einklang zu bringen war, besonders aber durch keine Lüge zu wahren. Hingegen wurde jede Vorsichtsmaßregel, welche sich mit vollkommener Wahrheit und Offenheit vertrug, getroffen, um das Christentum dem Auge der Öffentlichkeit zu entziehen. Nichts konnte zum Beispiel im häuslichen Verkehr schwerer zu bewerkstelligen sein, als daß eine Frau ihre wahre Religion vor ihrem Gatten verheimlichte. Und doch behauptet Tertullian, daß dieser Fall kein seltener gewesen. Denn indem er von einer verheirateten Frau spricht, welche nach der Sitte jener Zeit der Christenverfolgungen das heilige Sakrament in ihrem Hause nimmt, sagt er: »Laß deinen Gatten nicht wissen, was du täglich im geheimen nimmst, ehe andere Nahrung über deine Lippen kommt, und wenn er von jenem Brote erfahren muß. so laß ihn doch nicht wissen, wie wir es nennen.« Ad uxorem. 1. 2, c. 5. Hingegen spricht er an einer anderen Stelle von einem katholischen Manne und einem Weibe, die einander die Kommunion reichten. monogamia. c. 11. Wie notwendig dieses vorsichtige Verfahren nun auch sein mochte, um jeder zügellosen Verfolgung vorzubeugen, so fielen seine Folgen doch oft schwer auf jene zurück, welche es beobachteten. Die heidnische Welt, die Welt der Macht, des Einflusses, des Staates – die Welt, welche Gesetze machte, welche ihr am besten paßten, und ihre Ausübung erzwang – die Welt, welche irdisches Glück liebte und den Glauben haßte und verspottete – diese Welt fühlte sich umgeben, erfüllt, durchsickert von einer geheimnisvollen Macht, welche sich verbreitete – niemand wußte wie – und einen Einfluß gewann – niemand wußte woher . Familien gewahrten entsetzt, daß ein Sohn oder eine Tochter dies neue Gesetz angenommen hatte, ohne daß sie eine Ahnung hatten, wie sie mit demselben in Berührung gekommen waren; dieses Gesetz, welches sie in ihren erhitzten Phantasien vom volkstümlichen Standpunkt aus für dumm, gemein, kriechend und antisocial hielten. Auf diese Weise war der Haß gegen das Christentum sowohl politisch wie religiös. Die christliche Religion wurde als un römisch angesehen, als verfolge sie ein Interesse, welches sich der Ausdehnung und der Wohlfahrt des Reiches entgegenstellte, indem es einer unsichtbaren, geistigen Macht gehorchte. Man sagte, die Christen seien irreligiosi in Cesares , » ungetreu den Kaisern « – und das war genug. Von jetzt an hing ihre Sicherheit und ihr Frieden viel von der allgemeinen Stimmung im Volke ab; wenn es irgend einem Demagogen oder Fanatiker gelang, diese zu erregen, so konnte weder ihr Leugnen gegenüber der wider sie erhobenen Anklage, noch ihr friedliches Gebaren, noch die Gesetze des bürgerlichen Lebens sie vor solchen Maßregeln der Verfolgungen schützen, die man ungestraft gegen sie anwenden zu können glaubte. Nach diesen abweichenden Bemerkungen werden wir den unterbrochenen Faden unserer Erzählung wieder aufnehmen. Zwölftes Kapitel Der Wolf und der Fuchs Die Winke der afrikanischen Sklavin waren an dem niedrigen Sinne des Corvinus nicht verloren gegangen. Ihr eigener Haß gegen das Christentum entsprang dem Umstande, daß eine frühere Gebieterin von ihr Christin geworden war und ihre sämtlichen Sklaven frei gelassen hatte; da sie es aber für unrecht gehalten hatte, einen so gefährlichen Charakter wie Afra oder Jubala, wie ihr eigentlicher Name lautete, frei in der Welt umhergehen zu lassen, so hatte sie diese einer anderen Besitzerin übergeben. Corvinus hatte den Fulvius oft in den Bädern und an anderen allgemein besuchten Orten gesehen und ihn um seiner Erscheinung, seiner Kleidung, seiner Unterhaltungsgabe willen bewundert und beneidet. Aber bei seiner trotzköpfigen Blödigkeit und seinem mürrischen Wesen würde er niemals den Mut gefunden haben, ihn anzureden, wenn er nicht entdeckt hätte, daß jener wohl ein raffinierterer, abgefeimterer, deshalb aber ein nicht weniger schlauer Schurke als er selbst sei. Fulvius' Witz und Klugheit mochten den Mangel dieser Eigenschaften in seinem albernen, einfältigen Selbst ergänzen, während seine eigene brutale Kraft und gefühllose Unbekümmertheit und Rücksichtslosigkeit wertvolle Hilfstruppen für jene höheren Gaben sein mochten. Durch die zufällige Entdeckung, welche er über den wahren Charakter des jungen Fremden gemacht, hatte er diesen vollständig in seiner Hand. Er beschloß daher, ein wenig Selbstüberwindung zu üben und mit einem Menschen in Verbindung zu treten, der sich sonst vielleicht als ein gefährlicher Nebenbuhler erweisen könnte. Es war ungefähr zehn Tage nach der zuletzt beschriebenen Versammlung, als Corvinus in den Gärten des Pompejus umherschlenderte. Diese bedeckten das Terrain, welches sein Theater umgab, in der Nähe der jetzigen Piazza Farnese. Unter der Regierung des Carinus hatte eine Feuersbrunst vor kurzem diesen Ort verwüstet, und Diocletian hatte das Gebäude mit großer Pracht wieder hergestellt. Die Gärten unterschieden sich von anderen durch lange Reihen von Platanen, welche einen köstlichen Schatten gewährten. Marmorbilder von wilden Tieren, Brunnen und künstliche Bäche waren hier ein reichlich ausgestreuter Schmuck. Während er umher ging, gewahrte Corvinus den Fulvius und schnell näherte er sich ihm. »Was willst du von mir?« fragte der Fremde, indem er einen Blick des Erstaunens und der Geringschätzung auf die vernachlässigte Kleidung des Corvinus warf. »Ich wünsche ein Gespräch mit dir, welches sowohl zu deinem wie zu meinem Vorteil sein kann.« »Was könntest du mir zu sagen haben, das die erste deiner Versprechungen wahr machte? An der zweiten hege auch ich keinen Zweifel!« »Fulvius, ich bin ein ehrlicher gerader Mensch und kann mich einer Klugheit und Eleganz wie der deinen nicht rühmen; aber wir sind beide von einem Handwerk, und müssen folglich auch eines Sinnes sein.« Fulvius schrak zusammen und tiefe Röte überzog sein Angesicht; dann sagte er mit verächtlicher Miene: »Bursche, was willst du mir damit sagen?« »Wenn du deine Fäuste ballst,« entgegnete Corvinus, »um mir die prächtigen, kostbaren Ringe an deinen schlanken Fingern zu zeigen, so ist das sehr schön. Wenn du aber die Absicht hast, mich damit zu bedrohen, so kannst du deine Hand ebensogut wieder in die Falten deiner Toga zurückschieben. Das sieht noch viel anmutiger aus.« »Mach die Sache kurz, Mensch! ich frage dich noch einmal, was soll dies alles bedeuten?« »Dies bedeutet, Fulvius,« und er flüsterte ihm ins Ohr, »daß du ein Spion und Angeber bist.« Fulvius taumelte zurück; dann nahm er sich zusammen und sagte in einem Ton, der ruhig-hochmütig klingen sollte: »Welches Recht hast du, eine so abscheuliche Anklage wider mich zu erheben?« »Du entdecktest (mit einem starken Nachdruck auf diesem Worte) eine Verschwörung im Osten, und Diocletian – – « Fulvius unterbrach ihn und fragte: »Wie ist dein Name und wer bist du?« »Ich bin Corvinus, Sohn des Tertullus, welcher Präfekt dieser Stadt ist.« Dies schien alles zu erklären, und Fulvius sagte in leisem Ton: »Nichts mehr davon hier. Ich sehe dort einige Freunde, welche auf mich zukommen. Erwarte mich morgen bei Tagesanbruch in irgend einer Verkleidung in der Straße der Patrizier Vicus Patricius unter dem Portikus der Bäder des Novatus. Dort können wir ungestört und ausführlich miteinander reden.« Corvinus kehrte nach Hause zurück, durchaus zufrieden mit seinen ersten Schritten auf der Bahn der Diplomatie. Von einem der Sklaven seines Vaters verschaffte er sich ein Gewand, welches noch dürftiger war als sein eigenes, und fand sich dann in der ersten Stunde des neuen Morgens an dem verabredeten Orte ein. Er mußte sehr lange warten und hatte fast schon die Geduld verloren, als er seinen neuen Freund endlich kommen sah. Fulvius hatte sich fest in einen langen, weiten Mantel gewickelt und die Kappe über das Gesicht gezogen. Er begrüßte den Corvinus mit folgenden Worten: »Guten Morgen Kamerad; ich fürchte, ich habe dich in der kalten Morgenluft lange warten lassen, und du bist noch obendrein so dünn gekleidet.« »Ich gebe zu,« antwortete Corvinus, »daß ich mich gelangweilt haben würde, wenn das, was ich hier beobachtet habe, mich nicht außerordentlich unterhalten und mir zu gleicher Zeit zu denken gegeben hätte.« »Was war das?« »Nun, schon seit früher Stunde, ich vermute bereits längst bevor ich hier eintraf, sind hier von allen Seiten die seltsamsten Exemplare menschlichen Elends, die ich je gesehen, eingetroffen. Durch die Hinterthür in jener engen Gasse sind sie in das Haus getreten. Blinde, Lahme, Verstümmelte, Bucklige, vom Alter Gebeugte, Elende in jeglicher Gestalt! Durch den Haupteingang gingen jedoch Leute, welche augenscheinlich einer viel höheren Klasse angehörten.« »Und weißt du, wem dieses Hans gehört? Es sieht aus wie ein großes altes Gebäude, das seinem Verfall entgegensieht!« »Es gehört einem sehr reichen, und wie man sagt, auch sehr geizigen, alten Patrizier. Aber sieh nur, dort kommen noch einige!« In diesem Augenblick näherte sich ein schwächlicher Mann, vom Alter gebeugt; ihn stützte ein junges, fröhliches Mädchen, das freundlich mit ihm plauderte, während es ihn leitete. »Wir sind gleich am Ziel,« sagte sie zu ihm, »noch ein paar Schritte, und Ihr sollt Euch niedersetzen und ausruhen.« »Ich danke dir, mein gutes Kind,« antwortete der arme, alte Mann, »wie gütig war es von dir, mich schon zu so früher Stunde abzuholen«!« »Ich wußte,« sagte sie, »daß Ihr der Hilfe bedürfen würdet; und da ich das allerüberflüssigste, unnützeste Geschöpf bin, so dachte ich, ich wolle nur gehen, um Euch zu holen. Außer Euch braucht mich ja niemand.« »Ich habe mir stets sagen lassen, daß blinde Leute selbstsüchtig sind, und das scheint auch eigentlich ganz natürlich; aber du, Cäcilia, bist wahrlich eine Ausnahme.« »Durchaus nicht; dies ist nur meine Art, Selbstsucht an den Tag zu legen.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, erstlich habe ich dadurch den Vorteil, daß ich mich Eurer Augen bediene, und dann habe ich die Freude, Euch stützen und leiten zu dürfen. ›Ich war ein Auge für den Blinden‹, das seid Ihr, und ›ein Fuß für den Lahmen‹, daß bin ich selbst.« Job. Kap. 29, V. 15. Bei diesen Worten hatten sie die Thür erreicht. »Jenes Mädchen ist blind,« sagte Fulvius zu Corvinus. »Siehst du nicht, wie gerade sie geht, ohne nach links oder rechts zu blicken?« »Ja, sie ist blind,« entgegnete der andere. »Sollte dies der Ort sein, von welchem ich so oft reden gehört habe, wo die Bettler zusammen kommen, die Blinden sehen, die Lahmen gehen und alle miteinander schmausen? Und doch habe ich die Bemerkung gemacht, daß all diese Leute so verschieden sind von den Bettlern auf der aricianischen Brücke. Der Ort in der Nähe Roms, welcher ferner lästigen und winselnden Bettler wegen am meisten berüchtigt. Sie sehen ehrwürdig und teilweise sogar fröhlich ans, und nicht ein einziger hat mich im Vorübergehen um ein Almosen gebeten.« »Das ist sehr seltsam, und ich gäbe viel darum, wenn ich hinter das Geheimnis kommen könnte. Am Ende könnte man noch irgendwelchen Nutzen daraus ziehen. Du sagst, daß der alte Patrizier sehr reich ist?« »Unermeßlich reich!« »Hm! – Wie könnte man denn hineingelangen?« »Ich hab's! Ich werde meine Schuhe ablegen, ein Bein wie bei einem Krüppel hinaufschnallen, mich der nächsten Gruppe von seltsamen Gestalten, die des Weges kommen, anschließen und kühn mit hineingehen. Einmal drinnen, werde ich mich gerade so gebärden wie sie es thun.« »Das würde dir kaum gelingen. Verlaß dich darauf, jeder einzelne von den Leuten, die hineingehen, ist in jenem Hause genau bekannt.« »O nein, das ist gewiß nicht der Fall, denn einige von den Hineingehenden fragten mich, ob dies das Haus der edlen Dame Agnes sei.« »Wessen Haus?« fragte Fulvius erschrocken. »Weshalb siehst du mich so erschrocken an?« fragte Corvinus. »Es ist das Haus ihrer Eltern. Aber sie ist besser bekannt als jene, da sie eine junge Erbin und fast ebenso reich wie ihre Base Fabiola ist.« Fulvius hielt einen Augenblick inne bevor er sprach; ein starker Argwohn, welcher zu wichtig und zu schlau war, als daß er ihn seinem rohen Gefährten hätte mitteilen können, stieg in ihm auf. Endlich sprach er zu Corvinus: »Wenn du ganz sicher bist, daß diese Leute alle in diesem Hause nicht bekannt sind, so versuch's doch mit deinem Plan. Ich habe die Dame bereits kennen gelernt und will mich durch die große Eingangsthür hinein wagen. So haben wir vielleicht zwei Gelegenheiten ins Haus zu gelangen.« »Weißt du Fulvius, was ich jetzt denke?« »Ohne Zweifel etwas außerordentlich Kluges.« »Ich dachte, daß wir stets zwei Aussichten haben werden, wenn wir beide uns in einem Unternehmen zu einander gesellen.« »Und diese beiden Aussichten wären?« »Die des Fuchses und des Wolfes, wenn sie sich miteinander verbünden, um in eine friedliche Herde einzufallen. Fulvius warf ihm einen Blick voll Verachtung zu, welchen Corvinus durch ein scheußliches Grinsen erwiderte. Dann trennten sie sich und begaben sich auf ihre verschiedenen Posten. Dreizehntes Kapitel Wohlthätigkeit Da es uns weder gefällt, mit dem Wolf noch mit dem Fuchs in das Haus der edlen Agnes zu treten, so werden wir eine weniger körperliche Art wählen, hinein zu kommen, d. h. wir werden uns ohne weiteres drinnen befinden. Agnes' Eltern konnten von beiden Seiten eine lange Reihe edler Vorfahren aufweisen, und ihre Familie gehörte nicht zu jenen erst seit kurzer Zeit Bekehrten, sondern hatte sich schon seit mehreren Generationen zum Glauben bekannt. Wie man in heidnischen Familien das Andenken jener Vorfahren ehrte, welche einen Sieg erfochten oder hohe Staatsämter bekleidet hatten, so gedachte man in diesem und in anderen christlichen Häusern mit frommer Ehrfurcht und liebevollem Stolze jener Familienmitglieder, welche während der letzten hundertundfünfzig Jahre die Palme des Märtyrertums getragen oder hohe kirchliche Würden bekleidet hatten. Aber obgleich auf diese Weise geadelt, und von einem niemals versiegenden Blutstrom benetzt, welcher zur Ehre Christi vergossen wurde, war dieser Stamm doch niemals niedergehauen, sondern hatte verschiedene Stürme überlebt. Dies mag wunderbar erscheinen. Wenn wir aber bedenken, wie mancher Soldat einen ganzen Feldzug mit vielen Schlachten und Gefechten durchmacht, ohne auch nur eine einzige Wunde davon zu tragen – oder wie viele Familien unberührt durch Epidemien gehen, so darf es uns nicht in Erstaunen setzen, wenn die weise gütige Vorsehung über der Kirche wacht, indem sie in ihr durch die Succession vieler Familien lange, ununterbrochene Ketten der Tradition erhält und es auf diese Weise den Gläubigen möglich macht zu sagen: Wenn nicht der Herr der Heerscharen uns einen Samen gelassen hätte, wir wären wie Sodoma gewesen und würden Gomorrha gleich geworden sein!« Jesaias, Kap. 1. V. 9. All diese Ehren und die Hoffnung der Familie vereinigten sich jetzt auf dem einen Haupte, dessen Namen unser Leser bereits kennt, Agnes, das einzige Kind dieses reichen, alten Hauses. Sie wurde ihren Eltern geschenkt, als diese bereits jegliche Hoffnung aufgegeben hatten, daß ihr Geschlecht sich weiter fortpflanzen würde. Schon von frühster Kindheit an war sie von einer solchen Milde des Charakters gewesen, von so unendlichem Liebreiz und so großer Verstäudnisinnigkeit des Gemütes, von so ungewöhnlicher Einfachheit und Unschuld des Herzens, daß sie als der Gegenstand allgemeiner Liebe, ja fast Verehrung, des ganzen Hauses, von den Eltern an bis zu dem niedrigsten Sklaven hinab, aufgewachsen war. Jedoch nichts schien die feste Tugendhaftigkeit ihrer Natur verderben oder erschüttern zu können; ihre guten Eigenschaften wuchsen nur unter guter und edler Anleitung und hatten sich in dem jugendlichen Alter, in welchem wir sie kennen lernen, bereits zu hinreißender Anmut und tiefer Weisheit entwickelt. Sie teilte alle die tugendhaften Gedanken ihrer Eltern und kümmerte sich ebenso wenig um die große Welt wie diese. Sie bewohnte mit ihnen einen kleinen Teil des Hauses, welches mit großer Eleganz, jedoch ohne Luxus eingerichtet war; und ihr Haushalt wurde ihren Bedürfnissen angemessen geführt. Hier empfingen sie die wenigen Freunde, mit welchen sie noch vertraute Verbindungen unterhielten; allerdings war deren Anzahl gering, da Agnes' Eltern weder große Feste gaben noch solche besuchten. Fabiola war eine gelegentliche Besucherin, obgleich Agnes es vorzog, sie in ihrem eigenen Hause aufzusuchen. Diese sprach ihrer jugendlichen Freundin gegenüber oft die Hoffnung aus, daß sie bald eine passende Heirat schließen und alsdann das herrliche alte Haus schmücken und in seiner ganzen Ausdehnung wieder eröffnen möge. Denn trotz des heutzutage gänzlich veralteten Gesetzes des Voconian »wider das Erbrecht der Frauen«, » Ne quis haeredam virginem neque mulierem faceret «, daß niemand eine Jungfrau oder ein Weib zu seiner Erbin machen dürfe. – Cicero in Verrem, I. hatte Agnes von verschiedenen Seitenverwandten große persönliche Vermächtnisse bekommen, durch welche das Familienvermögen bedeutend vergrößert worden. Im allgemeinen natürlich schlossen die heidnischen Besucher, welche in das Haus kamen, nach dem äußeren Schein auf Geiz und berechneten, welche ungeheuren Ansammlungen von Reichtümern die geizigen Eltern machen müßten. Sie hegten anch die Überzeugung, daß alles, was hinter der festen Mauer lag, die den zweiten Hof abschloß, dem Verfall und der Verwüstung überlassen sei. Indessen war dies nicht der Fall. Der innere Teil des Hauses, welcher aus einem großen Hofe und dem Garten mit einer abgeschlossenen Speisehalle oder triclinium bestand, lief in eine Kirche aus, und der obere Teil des Gebäudes, welcher nur von jenen Räumen aus zugänglich, war der Ausübung jener unbegrenzten Wohlthätigkeit gewidmet, welche die Kirche als ein Geschäft ihres Lebens betrachtete. Dies geschah unter der Obhut und Anleitung des Diakon Reparatus und seines Exorcisten Secundus, welche amtlich von dem Papste dazu ausersehen waren, in einer der sieben Regionen, in welche der Papst Cajus ungefähr sieben Jahre zuvor die Stadt zu diesem Zwecke eingeteilt hatte, die Sorge und Aufsicht über die Kranken, Armen und Fremden zu übernehmen. Jede dieser sieben Regionen war einem der sieben Diakone der römischen Kirche zugeteilt. Besondere Zimmer waren eingerichtet, um die Fremden, welche aus weiter Ferne kamen und von anderen Kirchen empfohlen waren, zu beherbergen. Eine einfache Tafel war stets für diese gedeckt. Im oberen Stockwerk war ein Hospital für die Bettlägerigen, die Altersschwachen und die Kranken eingerichtet; dieses stand unter der Obhut der Krankenpflegerinnen und jener Gläubigen, welche es für ein Glück erachteten, an diesem Werke der Nächstenliebe teil nehmen zu dürfen. Hier war es auch, wo das blinde Mädchen ihre Zelle hatte, obgleich sie sich weigerte, wie wir gesehen haben, auch die Nahrung in jenem Hause zu nehmen. Das tablinum oder Archivzimmer, welches gewöhnlich vollständig abgeschlossen in der Mitte des Durchgangs zwischen den inneren Höfen lag, diente hier als Schreibstube, wo die Geschäfte dieser Wohlthätigkeitsanstalt geführt und geordnet wurden; hier wurden alle Dokumente, wie die Geschichte der Märtyrer u.s.w. aufbewahrt, welche einer der sieben Notare, der durch Institution vom heiligen Clemens I. jener Region zu diesem Zwecke zuerteilt war, hier zusammengetragen und geordnet hatte. Eine Verbindungsthür gestattete den Mitgliedern des Haushalts, an diesen Werken der Barmherzigkeit teil zu nehmen; und Agnes war seit den Zeiten ihrer frühesten Kindheit daran gewöhnt, hier viele Male während des Tages aus und ein zu gehen und lange Stunden zuzubringen; stets strahlte sie wie ein Engel des Lichts Trost und Freude über die Leidenden und Betrübten aus. Man konnte dieses Haus mit Recht das Almosenhaus der Region oder des Distrikts, in welchem es lag, die Heimat der Wohlthätigkeit und der Gastfreundschaft nennen; zu diesem Zweck war es den Empfängern durch das posticum oder die Hinterthür zugänglich, welche auf ein vereinsamtes Gäßchen hinausging. Kein Wunder, daß das Vermögen der Bewohner bei einer solchen Allstalt eine leichte Verwendung fand. Wir haben in einem früheren Kapitel gehört, wie Pancratius den Sebastianus bat, für die Verteilung seines Silbergeschirrs und seiner Juwelen unter die Armen zu sorgen, ohne daß jemand erführe, wessen Eigentum dies sei. Dieser hatte den Auftrag durchaus nicht vergessen und das Haus der edlen Agnes als das geeignetste für den Zweck der Verteilung ausersehen. An dem Morgen, welchen wir soeben beschrieben, sollte diese stattfinden; andere Regionen hatten, von ihrem Diakon begleitet, ihre Armen gleichfalls gesandt; während Sebastianus, Pancratius und andere Personen von höherem Range durch den Haupteingang gekommen waren um der Teilung beizuwohnen. Einige derselben hatte Corvinus eintreten sehen. Vierzehntes Kapitel Die Extreme berühren sich Eine Gruppe von Armen, welche gerade wieder an den Eingang kam; machte es dem Corvinus möglich, sich ihnen anzuschließen. Er hatte sich zu ihrem bewunderungswürdigen Ebenbilde umgestaltet in allem – mit Ausnahme der Bescheidenheit ihrer Haltung. Er hielt sich ihnen nahe genug, um deutlich hören zu können, wie jeder beim Eintritt in das Haus die Worte » Deo gratias « – »gedanket sei Gott« – sprach. Dies war nicht nur ein christliches, sondern ein katholisches Losungswort, denn der heilige Augustinus berichtet uns, daß die Ketzer die Katholiken um dieses Wortes willen verspotteten, weil es nicht ein Gruß, sondern eigentlich eine Antwort war. Jedoch die Katholiken bedienten sich desselben, weil es durch frommen Gebrauch geheiligt war. Noch heute hört man es in Italien bei ähnlichen Gelegenheiten. Auch Corvinus sprach die mystischen Worte aus, und so ließ man ihn passieren. Indem er den übrigen auf dem Fuße folgte und ihre Manieren und Gebärden genau nachahmte, befand er sich bald in dem inneren Hofe des Hauses, welcher bereits mit den Armen und Gebrechlichen angefüllt war. Die Männer waren an der einen Seite aufgestellt, die Frauen an der gegenüberliegenden. Unter dem Portikus am Ende des Hofes standen Tische, welche mit kostbarem Silbergeschirr beladen waren und dicht daneben befand sich ein anderer, auf welchem funkelndes Edelgestein ausgebreitet lag. Zwei Silber- und Goldschmiede wogen und schätzten diese Gegenstände auf das Gewissenhafteste; neben ihnen lag das Geld, welches sie zu geben willens waren, und das dann in gerechtem Verhältnis unter die Armen verteilt werden sollte. Corvinus prüfte dies alles mit habgierigem Herzen. Er würde bis auf sein Leben alles hingegeben haben, wenn er diese Dinge hätte erlangen können, und fast dachte er daran, sich auf irgend einen Gegenstand zu stürzen, ihn zu fassen und dann die Flucht zu ergreifen. Bald jedoch sah er die Thorheit oder den Wahnsinn eines solchen Verfahrens ein und beschloß, auf einen Anteil zu warten und inzwischen für Fulvius ganz genau acht auf alles das zu geben, was sich um ihn herum zutrug. Es dauerte aber nicht lange und er begann das ungeschickte seiner Lage einzusehen. Während die Armen alle untereinander verkehrten und umhergingen, blieb er allein unbemerkt. Bald jedoch gewahrte er mehrere junge Leute von besonders angenehmen und feinen Manieren, die, wenn auch sehr thätig und beweglich, hier eine entschiedene Autorität ausüben mußten; sie trugen ein Gewand, welches er unter dem Namen » Dalmatika « kannte, so genannt nach seinem dalmatinischen Ursprung; das heißt, sie trugen über der Tunika anstatt der Toga eine enganschließende kürzere Tunika mit weiten aber nicht zu langen Ärmeln; es war die Kleidung, welche die Diakone angenommen hatten und nicht nur bei ihren feierlichen Amtshandlungen in der Kirche, sondern auch dann trugen, wenn sie ihre in zweiter Reihe stehenden Pflichten an den Armen und Kranken übten. Die Diakonen fuhren fort, die Anwesenden zu ordnen und aufzustellen; augenscheinlich kannte jeder von ihnen die, welche aus seinem eigenen Distrikt kamen und führte sie an einen bestimmten Platz innerhalb der Säulenhalle. Da aber niemand Corvinus erkannte oder als zu seiner Schar gehörig reklamierte, so stand er endlich allein inmitten des Hofes. Sogar er selbst, trotz seiner Beschränktheit, konnte das unpassende der Lage, in welche er sich gestürzt hatte, erkennen. Hier stand er, der Sohn des Präfekten der Stadt, dessen Pflicht es war, solche Entweiher des Hausrechts zu bestrafen! Er war in die innersten Teile des Hauses eines Edelmanns eingedrungen; durch einen Betrug war er hineingekommen, gekleidet wie die Bettler, denen er sich zugesellt hatte, um eines bösen oder doch gesetzwidrigen Zweckes willen. Er blickte nach der Thür und dachte über einen Fluchtplan nach; aber er sah, daß sie durch einen alten Mann namens Diogenes und seine beiden kräftigen Söhne gehütet wurde; diese konnten ihr heißes Blut, welches über Corvinus' Frechheit in Wallung geraten war, kaum mehr im Zaum halten, und verrieten dies durch mürrische, scheele Blicke und Zusammenpressen der Lippen. Er bemerkte, daß er ein Gegenstand der Beratung zwischen den jungen Diakonen war, welche gelegentliche Blicke auf ihn warfen. Er bildete sich ein, daß sogar die Blinden ihn anstarrten, und die Altersschwachen und Krüppel bereit waren, ihre Krücken, Streitäxten gleich, gegen ihn zu erheben.» Er hatte nur einen Trost, es war klar, daß man ihn nicht erkannt hatte, und er hoffte noch immer, irgend einen Vorwand zu ersinnen, um aus dieser Verlegenheit zu kommen. Endlich trat der Diakon Reparatus auf ihn zu und fragte ihn in höflichem Ton: »Freund, augenscheinlich gehörst du nicht zu einer der Regionen, welche heute hierher beschieden sind. Wo wohnst du denn? Sag es mir.« »In der Region der Alta Semita.« Der obere Teil des Quirinal, welcher nach der Porta Pia führt. Mit dieser Antwort bezeichnete er die bürgerliche, nicht die kirchliche Einteilung Roms. Reparatus fuhr jedoch fort: »Die Alta Semita gehört zu meinem Bezirk, und doch kann ich mich nicht erinnern, dich jemals gesehen zu haben.« Als er diese Worte sprach, war er erstaunt, den Fremden totenblaß werden und schwanken zu sehen, als sei er nahe daran umzusinken, während er die Augen starr auf die Verbindungsthür zum Wohnhause gerichtet hatte. Reparatus folgte der Richtung seiner Blicke und sah Pancratius, welcher in diesem Augenblick eingetreten war und sich eiligst eine Aufklärung von Secundus zu erbitten schien. Jetzt war Corvinus' letzte Hoffnung geschwunden. Im nächsten Augenblick stand ihm der Jüngling gegenüber, nachdem er Reparatus gebeten hatte, sich zurückzuziehen. Es war fast dieselbe Stellung wie jene, in welcher sie einander das letzte Mal gegenüber gestanden; nur war er hier nicht von einem Kreise Beifallspender und Hetzer umgeben, sondern eine Menge drängte von allen Seiten auf ihn ein, welche seinen Rivalen augenscheinlich mit günstigeren Augen zu betrachten schien, als ihn; auch konnte Corvinus nicht umhin, die anmutige Entwickelung und männliche Haltung zu bemerken, welche sein früherer Schulkamerad sich im Verlauf von wenigen Wochen angeeignet hatte. Er erwartete einen Strom heftiger Vorwürfe und vielleicht auch eine so harte Strafe, wie er selbst sie bei einem ähnlichen Vorfalle verhängt haben würde. Wie groß war daher sein Erstaunen, als Pancratius ihn in der mildesten Weise folgendermaßen anredete: »Corvinus, bist du wirklich dem Elend anheimgefallen und durch irgend einen Zufall gelähmt worden? Oder hast du vielleicht gar das Haus deines Vaters verlassen?« »Dahin ist es hoffentlich noch nicht gekommen,« entgegnete der Renommist, welchem die freundlich-milde Anrede seine ganze Frechheit wieder gegeben hatte, »obgleich es dir vielleicht eine herzliche Freude bereiten würde, wenn dem so wäre.« »Durchaus nicht, ich versichere dich. Ich hege keinen Groll gegen dich. Deshalb sage mir, wenn du irgend einer Hilfe bedarfst. Wenn es auch nicht recht von dir ist, daß du dich hier eingefunden hast, so kann ich dich in ein abgelegenes Zimmer führen, wo niemand sieht, daß du ein Almosen empfängst.« »Nun, so will ich dir die Wahrheit sagen. Es war nur ein plötzlicher Einfall, daß ich hierher kam, eine Laune! Und ich würde dir dankbar sein, wenn du mich ohne Aufsehen wieder hinausführen wolltest.« »Corvinus,« sagte der Jüngling mit einiger Schärfe im Ton, »dies ist ein strafbares Vergehen. Was würde dein Vater sagen, wenn ich diesen jungen Leuten, die mir augenblicklich gehorchen würden, beföhle, dich ohne weiteres wie du hier stehst, barfuß, gekleidet wie ein Sklave, einen Krüppel nachahmend, vor sein Tribunal auf dein Forum zu schleppen, und wenn ich dann öffentlich die Anklage gegen dich erhöbe, welche jeder Römer in seinem Herzen gutheißen würde, daß du dir den Weg in das Haus eines Patriziers durch schändliche List erzwungen hast?« »Um der Götter willen, guter Pancratius, lege mir nicht eine so furchtbare Strafe auf.« »Du weißt, Corvinus, daß dein eigener Vater gezwungen sein würde, entweder wie Junius Brutus an dir zu handeln, oder sein Amt niederzulegen.« »Ich beschwöre dich bei allem, was du liebst, bei allein, was du heilig hältst, mich und die meinen nicht so grausam zu entehren. Mein Vater und sein ganzes Haus, nicht ich, würde für alle Zeiten zermalmt und vernichtet sein. Ich will mich dir zu Füßen werfen und von dir Verzeihung für all weine früheren Kränkungen und Missethaten erflehen, wenn du nur Mitleid üben wolltest!« »Halt ein, Corvinus, halt ein; ich habe dir gesagt, daß dies alles längst vergessen sei. Aber höre mich jetzt an. Alle die Anwesenden, mit Ausnahme der Blinden hier, sind Zeugen deines Vergehens, deiner Gewalthätigkeit gewesen. Es sind mehr denn hundert Zeugenaussagen gegen dich. Wenn du also jemals von dieser Versammlung sprichst, oder noch mehr, wenn du versuchen solltest, auf Grund derselben irgend jemand zu belästigen, so wird es in unserer Macht liegen, eine Untersuchung vor dem Gerichtshofe deines eigenen Vaters über dich zu bringen. Hast du mich wohl verstanden, Corvinus?« »In der That, ich habe dich verstanden,« antwortete der Gefangene in winselndem Ton. »Niemals, niemals so lange ich lebe, werde ich einer Menschenseele durch eine Silbe verraten, daß ich an diesem furchtbaren Orte gewesen bin. Ich schwöre es dir bei dem – « »Still, still Wir verlangen hier keine solchen Schwüre. Nimm meinen Arm und geh mit mir.« Sich dann zu den anderen wendend sagte er: »Ich kenne diesen Menschen; nur durch einen Irrtum ist er hierhergelangt.« Die Umstehenden, welche die bittenden Gebärden des Unglücklichen und seine jammernden Töne für die Begleitung zu einer Geschichte des Elends und flehentliche Bitte um Hilfe gehalten hatten, riefen alle einstimmig aus: »O Pancratius, erbarme dich! Du wirst ihn doch nicht ohne Hilfe und hungernd von dannen gehen lassen?« »Überlaßt das mir,« lautete die Antwort. Die freiwilligen Thürhüter machten dem Pancratius, welcher Corvinus führte, der sich noch immer hinkend stellte, Platz. An dem Ausgange zur Straße entließ er ihn und sagte: »Corvinus, wir sind jetzt quitt; nur hüte dich, daß du dein Versprechen nicht brichst.« Wie wir gesehen haben, hatte Fulvius sein Glück an dem großen Eingangsthor an der Straße versucht. Römischer Sitte gemäß fand er es unverschlossen; und in der That würde auch niemand an die Möglichkeit gedacht haben, daß ein Fremder das Haus zu dieser Stunde betreten könne. Anstatt des Thürhüters fand er das Thor nur durch ein einfach aussehendes Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren bewacht, das die Tracht der Bäuerinnen trug. Sonst erblickte er niemand. Er hielt dies für eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den starken Verdacht, welcher sich seiner bemächtigt hatte, zu bestätigen. Demgemäß redete er die kleine Thürhüterin an. »Wie heißest du mein Kind? Und wer bist du?« »Ich bin Emerentiana, die Pflegeschwester der edlen Agnes,« entgegnete das kleine Mädchen. »Bist du eine Christin?« fragte er scharf. Die arme kleine Bäuerin riß die Augen in verwunderter Unwissenheit auf und antwortete ruhig: »Nein, Herr.« Es war unmöglich ihrer einfachen Aussage zu mißtrauen, und Fulvius war fest davon überzeugt, daß er sich geirrt habe. Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Emerentiana war die Tochter einer Bäuerin, welche Agnes' Amme gewesen war. Die Mutter war kürzlich gestorben, und die gütige Milchschwester hatte die verlassene Waise holen lassen mit der festen Absicht, sie zuerst unterrichten und dann taufen zu lassen. Sie war erst vor zwei Tagen angekommen und war noch völlig unwissend in Bezug auf das Christentum. Jetzt war Fulvius sehr verlegen und wußte nicht, was er zunächst thun solle. Die Einsamkeit machte ihn gerade so unbeholfen und ratlos, wie die Menschenmenge zuvor den Corvinus gemacht hatte. Er dachte daran, sich wieder zurückzuziehen, aber dies würde all seine Hoffnungen zerstört haben. Er war gerade im Begriff weiter zu gehen, als es ihm einfiel, daß er sich dadurch unangenehm kompromittieren könne. Aber wer anders als die jugendliche Gebieterin des Hauses kam in diesem Augenblick ganz Freude, ganz Glückseligkeit, ganz Frühling, ganz Sonnenschein über den Hof daher! Als sie seiner ansichtig wurde, hielt sie inne, wie wenn sie ferner Anrede harre. Er näherte sich ihr mit seinem holdesten Lächeln, und seinen höflichsten Gebärden und redete sie folgendermaßen an: »Ich habe der gewöhnlichen Stunde, um welche die Besucher zu erscheinen pflegen, vorgegriffen und ich fürchte, edle Agnes, daß ich Euch lästig erscheinen muß, indessen mich trieb die Ungeduld, mich als einen demütigen, unterwürfigen Schützling Eures Hauses einzuschreiben.« »Unser Haus kann sich keiner Schützlinge rühmen,« entgegnete sie lächelnd, »und wir suchen sie auch nicht, denn wir können uns weder mit Einfluß noch mit großer Macht brüsten.« »Verzeiht mir, jedoch mit einer solchen Gebieterin besitzt es den höchsten Einfluß und die größte Macht – nämlich jene, welche ohne jegliche Bemühung oder Anstrengung sich jedes Herz zum willigen Unterthan machen.« Unfähig zu glauben, daß solche Worte ans sie Bezug haben könnten, entgegnete sie mit ungekünstelter Einfachheit: »O, wie wahr sind Eure Worte. Der Herr dieses Hauses besitzt allerdings die Herzen all seiner Bewohner.« »Aber ich,« unterbrach sie Fulvius, »spreche von jener milderen und lieblicheren Herrschaft, welche anmutsvolle Reize nur über jene ausüben können, die das Glück haben, sie aus der Nähe betrachten zu dürfen.« Agnes sah aus, als sei sie in eine Verzückung verfallen; ihre Augen sahen ein ganz anderes Bild vor sich als das ihres elenden Schmeichlers. Mit einem leidenschaftlichen Blick gen Himmel rief sie aus: »Ja, ihm, dessen Schönheit Sonne und Mond an ihrem erhabenen Firmament betrachten und preisen, ihm habe ich meine Dienste und meine Liebe geweiht.« Cujus pulchritudinem sol et luna mirantur, ipsi soli servo fidem. Fulvius war bestürzt und verwirrt. Der begeisterte Blick, die verzückte Stellung, die Melodie der bebenden Laute, mit welchen sie diese Worte sprach, ihre geheimnisvolle Bedeutung, das seltsame des ganzen Auftritts, ließen ihn wie festgewurzelt an der Stelle bleiben und versiegelten seine Lippen. Als er endlich einsah, daß es die günstigste Gelegenheit, welche er jemals finden könnte, um seine Gefühle – die wir aber nicht Liebe nennen dürfen – zu offenbaren, sagte er kühn: »Ihr seid es, von der ich rede, und ich beschwöre Euch, an den Ausdruck meiner aufrichtigsten Bewunderung für Euch und grenzenloser Hingebung und Anhänglichkeit an Euch glauben zu wollen.« Indem er diese Worte sprach, ließ er sich auf ein Knie nieder und versuchte, ihre Hand zu erfassen; aber die Jungfrau riß sich mit Schaudern los, trat zurück und wandte das errötende Antlitz ab. Blitzschnell sprang Fulvius empor; denn er gewahrte Sebastianus, welcher kam, um Agnes zu holen, weil die Armen über ihre Abwesenheit ungeduldig wurden. Der junge Soldat sah empört aus, als er des Fulvius ansichtig wurde. »Sebastianus,« sagte Agnes zu ihm, als er ganz nahe war, »sei nicht böse. Durch irgend einen unabsichtlichen Irrtum ist dieser Herr wahrscheinlich ins Haus gekommen; er wird sich auch ohne Zweifel wieder ruhig entfernen.« Mit diesen Worten zog sie sich zurück. In seiner ruhigen, aber festen und energischen Weise redete Sebastianus jetzt den Eindringling an, welcher die Augen vor seinen Blicken zu Boden schlug. »Fulvius, was suchst du hier? Welches Anliegen hat dich hierher geführt?« »Ich vermute,« entgegnete dieser, indem er seinen Mut wieder gewann, »daß ich wohl ein Recht habe, der edlen Dame dieses Hauses, welcher ich zusammen mit dir an der Tafel ihres Vetters begegnet bin, meine Aufwartung zu machen, so gut wie jeder andere freiwillige Besucher.« »Aber doch nicht zu einer so unvernünftigen, ungewöhnlichen Stunde, wie diese, vermute ich.« »Die Stunde, welche nicht ungewöhnlich und unvernünftig für einen jungen Offizier ist,« erwiderte Fulvius in frechem Ton, »ist es doch auch ebensowenig für einen Bürger, sollte ich meinen.« Sebastianus mußte seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um seiner Empörung Herr zu werden, als er entgegnete: »Fulvius, sei nicht unbedacht mit dem, was du sagst; und vergiß nicht, daß zwei Menschen auf sehr verschiedenem Fuße in einem Hause verkehren können. Und nicht einmal die älteste Freundschaft, um wieviel weniger die Bekanntschaft, welche von einer einzigen Tafelstunde herrührt, kann die Frechheit deines Benehmens gegen die junge Herrin dieses Hauses, von der ich vor wenig Augenblicken Zeuge war, rechtfertigen.« »O, ich vermute, du bist eifersüchtig, mein tapferer Hauptmann!« antwortete Fulvius mit seinem schneidendsten, spöttischsten Ton. »Das Gerücht sagt, daß du der annehmbare, wenn nicht bereits schon angenommene Bewerber um Fabiolas Hand bist. Diese ist jetzt auf dem Lande, und ohne Zweifel willst du dich gern des Vermögens der einen oder der anderen reichen Erbin Roms versichern. Es ist nichts klüger, als zwei Sehnen an seinem Bogen zu haben.« Dieser rohe und schneidende Sarkasmus verletzte die edlen Gefühle des jungen Offiziers aufs Tiefste. Und wenn er sich nicht schon seit langer Zeit in der christlichen Demut und Bescheidenheit geübt hätte, so würde sein heißes jugendliches Blut in diesem Augenblick sicherlich über die Vernunft gesiegt haben. »Es bringt keinem von uns Segen, Fulvius, wenn du noch länger hier bleibst. Die höfliche Entlassung der edlen Dame, die du so gröblich beleidigt hast, hat dir nicht genügt, ich muß ihren Befehl auf rohere Weise zur Ausführung bringen.« Bei diesen Worten faßte er den Arm des ungebetenen Gastes mit seiner kräftigen Faust und führte ihn zur Thür. Als er ihn hinausgeschoben hatte, hielt er ihn noch immer fest und sagte: »Geh jetzt in Frieden, Fulvius, und vergiß nicht, daß du dich an diesem Tage durch dein unwürdiges Betragen gegen die Gesetze dieses Staates vergangen hast. Ich will dich schonen, wenn du dein eigenes Geheimnis wahren kannst; aber ich halte es für gut, wenn du erfährst, daß ich deine Beschäftigung in Rom kenne, und daß deine Unverschämtheit von heute Morgen stets wie ein Schwert über deinem Haupte schweben wird, zur Sicherheit, daß du meinen Rat befolgst. Und nun sage ich noch einmal, geh hin in Frieden!« Aber kaum hatte er den Arm des Fulvius losgelassen, als er sich von rückwärts durch einen unsichtbaren aber augenscheinlich athletischen Angreifer gepackt fühlte. Es war Eurotas, welchem Fulvius nichts zu verbergen wagte, und dem er auch die beabsichtigte Unterredung mit Corvinus anvertraut hatte, worauf dieser ihm gefolgt war. Durch die schwarze Sklavin hatte er schon bei früherer Gelegenheit näheres über den rohen und gemeinen Charakter dieses Klienten ihrer magischen Künste gehört; und jetzt fürchtete er irgend eine geheime Falle für seinen Herrn. Als er den scheinbaren Kampf an der Thür sah, lief er heimlich hinter Sebastianus, welchen er für den neuen Verbündeten seines Pflegebefohlenen hielt und stürzte sich mit der rohen Kraft eines Bären auf ihn. Aber es war kein gewöhnlicher Rivale, mit dem er zu kämpfen hatte. Obgleich Fulvius ihm jetzt zu Hilfe kam, versuchte er umsonst, den Soldaten zu Boden zu schleudern, bis er endlich verzweifelte, auf diese Weise einen Erfolg zu erringen. Da löste er eine kleine aber tödliche Waffe aus seinem Gürtel, ein stählernes Stäbchen aus vollendeter syrischer Arbeit und schwang es gerade über Sebastianus Hinterkopf, als er es in einem Nu seiner Hand entrissen und sich selbst zwei- oder dreimal von einer eisernen Faust herumgeworfen und dann in die Mitte der Straße geschleudert fühlte, wo er flach zu Boden fiel. »Ich fürchte, daß du dem armen Burschen ein Leids angethan hast, Quadratus,« sagte Sebastianus zu seinem Centurio, welcher in diesem Augenblicke des Weges kam, um sich zu seinen christlichen Brüdern zu gesellen. Dieser war ein Mann von herkulischer Stärke und Bauart. »Er verdiente das wohl für seinen feigen Angriff, Tribun,« erwiderte der andere, als sie ins Haus zurücktraten. Die beiden Fremden schlichen tiefbeschämt vom Schauplatz ihrer Niederlage hinweg. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie für einen Augenblick den jetzt nicht mehr hinkenden Corvinus, welcher nach seiner Niederlage an der Hinterthür so schnell von dannen lief, wie ihn seine Füße nur zu tragen vermochten. Wie oft sie sich späterhin auch noch getroffen haben mögen – keiner von ihnen spielte je auf die Geschehnisse dieses Morgens an. Jeder wußte, daß der andere nichts als Schande und Mißerfolge erlebt hatte. Und jetzt kamen beide zu dem Schlusse, daß es in Rom doch noch eine Herde gab, welche sowohl der Wolf wie der Fuchs umsonst angriffen. Fünfzehntes Kapitel Werke der Wohltätigkeit Als die Ruhe nach dieser zweifachen störenden Unterbrechung wieder hergestellt war, fuhr man mit dem friedlichen Werke des Tages fort. Außer der Verteilung größerer und reicherer Almosen von der Kirche, wie z. B. der heilige Laurentianus eine vornahm, war es in jenen früheren Zeiten gar keine so ungewöhnliche Sache, daß jene, welche die Absicht hatten, sich von der Welt zurückzuziehen, ihr ganzes Vermögen mit einemmale den Armen und Bedürftigen gaben. Es wird uns von Nepotian berichtet, daß er bei seiner Bekehrung all sein Hab und Gut den Armen gab. Der heilige Paulinus von Nola that dasselbe. Wir finden es nur ganz natürlich, daß die edle Mildthätigkeit der apostolischen Kirche in Jerusalem kein unfruchtbares Beispiel für die Kirche in Rom sein konnte. Aber diese außerordentliche Opferfreudigkeit bemächtigte sich selbstverständlich der Geber am meisten, wenn der Kirche eine Verfolgung drohte. Und zu solchen Zeiten gaben die Christen, welchen durch die Lage und Umstände das Märtyrertum entgegenleuchtete, und welche – um einen gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden – ihr Herz und ihr Haus schlagbereit halten wollten, alles hin, sowohl um sich von allem frei zu machen, was sie an die Erde fesselte, wie um den ruchlosen Soldaten den Raub zu entreißen, welchen sie den Armen als Erbteil bestimmt hatten. » Dabis impio militi, quod non vis dare sacerdoti, et hoc tollit fiscus, quod non accipit Christus .« – »Du wirst dem ruchlosen Soldaten geben müssen, was du dem Priester nicht geben willst, und der Fiskus nimmt, was Christus nicht bekommt«, sagt der heilige Augustinus Auch sollten die großen Grundsätze nicht vergessen werden, das Licht der guten Werke hell leuchten zu lassen vor den Menschen, während die Hand, welche die Lampe mit Öl anfüllte, dieses so im geheimen that, daß nur Er es sehen konnte, für den es kein Geheimnis giebt. Daß das Silbergeschirr und die Juwelen einer edlen, vornehmen Familie öffentlich geschätzt, verkauft und nach ihrem ganzen Preise unter die Armen verteilt wurden, muß ein hellleuchtendes Beispiel der Wohlthätigkeit gewesen sein, welches die Kirche tröstete, die Großmütigen mit neuem Mute belebte, die Geizigen beschämte, das Herz der Katechumen rührte und Segen und Gebete von den Lippen der Armen sprechen ließ. Und doch blieb die rechte Hand, welche dies alles gab, streng verborgen vor der Neugierde und Kenntnis der Linken; und die Demut und Bescheidenheit des edlen Gebers lagen still gebettet in der Brust dessen, dem diese irdischen Schätze geopfert wurden, damit sie einst mit unendlichen und himmlischen Zinsen zurückgezahlt würden. Und so war es auch bei der in Rede stehenden Sache. Als alles vorbereitet war, erschien Dionysius, der Priester, welcher zugleich der Arzt war, welchem die Sorge für die Kranken übertragen war, und der dem frommen Polycarp in den Titel von St. Pastor gefolgt war. Indem er sich auf einen Stuhl am äußersten Ende des Hofes setzte, redete er die Versammelten folgendermaßen an: »Teure Brüder, unser allbarmherziger Gott hat das Herz eines unserer Mitbrüder gerührt, daß er Mitleid mit seinen armen Mitmenschen habe, und er hat um Christi willen einem großen Teil seines irdischen Reichtums entsagt. Wer er ist, weiß ich nicht; und ich werde auch nicht suchen, es zu erfahren. Er ist nicht einer von jenen, welche ihre Schätze von Rost verzehren und von Dieben stehlen und davon tragen lassen, sondern er zieht es vor, wie der heilige Laurentius, sie von den Händen der Armen in Christi empor in die himmlische Schatzkammer tragen zu lassen. Nehmt also die Verteilung, welche alsbald vorgenommen werden wird, wie eine Gabe Gottes hin, welcher dem Geber diese Barmherzigkeit eingegeben hat. In den Tagen der Heimsuchung und Verfolgung, welche uns bevorstehen, kann sie euch eine gar nützliche Hilfe sein. Und als die einzige Wiedervergeltung, welche von euch gewünscht wird, stimmt alle ein in das vertraute Gebet, welches wir täglich sprechen für diejenigen, so uns gutes thun und geben.« Während dieser kurzen Anrede wußte der arme Pancratius nicht, wohin er die Augen wenden sollte. Er hatte sich in einen Winkel hinter die Anwesenden verkrochen, und Sebastianus hatte sich mitleidig vor ihn gestellt, indem er sich so groß und breit machte, wie nur irgend möglich. Und fast hätte seine Rührung ihn verraten, als die ganze Versammlung auf die Kniee fiel und mit ausgestreckten Armen, emporblickenden Augen und innigem Ton wie mit einer Stimme betete: » Retribuere dignare, Domine, omnibus nobis bona facientibus, propter Nomen tuum, vitam aeternam. Amen. « Wolle gütig geben, o Gott, jedem der uns Gutes thut in Deinem Namen, das ewige Leben. Amen! Dann wurden die Almosen verteilt, und sie erwiesen sich als unerwartet reichlich. Auch wurde allen Nahrung im Überfluß gereicht, und ein fröhliches Mahl beschloß die erbauliche Feier. Es war noch früh. Einige aus der Versammlung nahmen in der That gar keine Speisen zu sich, weil ihnen in der benachbarten Kirche ein geistiges, köstlicheres Mahl bereitet wurde. Als alles vorüber war, bestand Cäcilia, die Blinde, darauf, ihren armen, alten Krüppel nach Hause zu geleiten und seinen schweren Leinenbeutel für ihn zu tragen. Unterwegs plauderte sie so fröhlich mit ihm, daß er erstaunt war, als er sah, daß sie an der Thür seiner armseligen aber reinlichen Wohnung angekommen waren. Seine blinde Führerin drückte ihm dann seinen Beutel in die Hand, wünschte ihm einen eiligen guten Morgen, trippelte leichten Schrittes davon und war seinen Blicken bald entschwunden. Der leinene Sack war ungewöhnlich voll; daher zählte er seinen Inhalt sorgsam durch und fand zu seiner größten Bestürzung, daß er einen doppelten Anteil enthielt. Er zählte noch einmal, aber das Resultat blieb dasselbe. Bei der ersten Gelegenheit, welche sich ihm darbot, stellte er bei Reparatus Nachforschungen an, aber auch von diesem konnte er keine Erklärung erlangen. Wenn er gesehen hätte, wie Cäcilia, als sie um die Ecke gebogen war, laut auflachte, wie wenn sie irgend jemand einen tollen Streich gespielt hätte und dann so leichtfüßig davon lief, als ob sie durchaus keine schwere Last zu tragen habe, so hätte er vielleicht die Lösung des Rätsels seines Überflusses gefunden. Sechzehntes Kapitel Der Monat Oktober Der Monat Oktober in Italien ist gewiß eine herrliche Jahreszeit. Die Sonne hat ihre intensive Hitze, aber nicht ihren Strahlenglanz verloren; sie ist weniger sengend, aber deshalb nicht weniger klar und hell. Wenn sie am Morgen aufgeht, so wirft sie strahlende Funken über die erwachende Natur, wie ein indischer Fürst, wenn er in seinen Audienzsaal tritt, händevoll Goldes und Juwelen in die harrende Menge wirft; und die Berge scheinen ihre felsigen Häupter hervorzustrecken, und die Wälder ihre stolzen Arme auszubreiten, wie um sie in ihrer erhabenen Majestät zu begrüßen. Und wenn sie ihren Lauf durch den wolkenlosen Himmel vollendet hat, wenn sie ihr Ziel erreicht hat und ihr Bett auf dem westlichen Meere aus flüssigem Golde bereitet findet, das Bett, welches von purpurnen Wolkenvorhängen mit goldnen Kanten, die prächtiger sind als jene, welche Ophir um das Lager des Königs Salomo hing, umgeben ist – dann breitet sie sich noch einmal zu einer Scheibe von unendlicher Größe aus und sendet die liebreichsten, mildesten Strahlen herab, als ob sie dem Wege, welchen sie zurückgelegt hat, noch ein letztes Lebewohl senden wollte. Und wenn sie nun ganz verschwunden ist, schickt sie plötzlich hellglänzende Boten aus jener Welt, die sie dann besucht und belebt, zurück, als wenn sie uns erinnern wollte, daß sie bald zurückkehren und uns von neuem beglücken wird. Wenn auch weniger mächtig, so sind ihre Strahlen doch reicher und belebender. Es hat vieler Monate bedurft, um aus dem saftlosen, zusammengeschrumpften Weinstock zuerst grüne Blätter, dann krause, schlanke Ranken und zuletzt kleine Trauben harter, saurer Beeren zu locken; und ihr Wachstum ist erbitternd langsam vor sich gegangen. Aber jetzt sind die Blätter groß und wuchernd und verdienen es wohl, daß sie in Weinländern ihren eigenen Namen haben; Pampinus , latein.; pampino , italien. und die einzelnen kleinen Knollen sind zu herrlichen Traubenbüscheln herangewachsen. Und einige von diesen haben bereits ihre klare bernsteinfarbene Schattierung angenommen, während jene, welche bestimmt sind in reichem kaiserlichen Purpur zu erglänzen, schnell durch eine schillernde Opalfärbung, welche kaum weniger schön ist, in diese Farbe übergehen. Dann ist es köstlich, an einem schattigen Platz auf einem Hügel zu sitzen und dann und wann von seinem Buche aufzublicken, und das Auge über die abwechselungsreiche und sich verändernde Landschaft schweifen zu lassen. Denn, wenn die Brise über die Olivenbäume am Hügel fährt und ihre Blätter umwendet, so bringt sie auf ihnen Licht und Schatten hervor, weil ihre beiden Seiten in ihrer düsteren Färbung verschieden sind. Und wenn die Sonne auf die sich guirlandenartig von einem Baum zum andern ziehenden Ranken in den Weingärten scheint, oder eine Wolke sie verdunkelt, so zeigt das prächtige Gewebe der regungslosen Weinblätter eine gelbere oder braunere Schattierung seines köstlichen Grüns. Dann füge zu diesen die unzähligen anderen Farben, welche dem Bilde seinen Anstrich geben – die dunkle Cypresse, den düsteren Taxus, die reiche Kastanie, den sich rötlich färbenden Obstgarten, die versengten Stoppelfelder, die melancholische Pinie – für Italien das, was die Palme im Osten ist – welche sich über den Buchsbaum, den Erdbeerbaum und die Lorbeerbäume der Villen emporhebt – und dies alles über Berge, Hügel und Ebene verstreut; – hier sprudelnde Brunnen, dort hinabrauschende Kaskaden, Portikos aus glänzendem Marmor, Statuen aus Bronze und Stein, die gemalten Giebel ländlicher Wohnungen; unzählige Blumengärten, Weiden und Wiesen – und du hast einen leisen Begriff von der Anziehungskraft, welche während jenes Monats den Römer – wie heutzutage noch uns – sowohl Patricier wie Bürger aus dem herauszog, was Horaz den Lärm und den Dunst Roms nennt, um seine Blicke an der ruhigeren Schönheit des Landes zu weiden. So sah man denn, als der glückselige Monat herankam, wie die Fenster der Landhäuser geöffnet wurden, um frische Luft einzulassen; unzählige Sklaven waren mit abstauben, scheuern, verschneiden der Hecken zu phantastischen Gestalten, reinigen der Kanäle, um künstliche Bäche in dieselben einzulassen, und ausrupfen des Unkrauts auf den Kieswegen der Gärten beschäftigt. Der Villicus oder ländliche Haushofmeister überwacht alles; und mit einem scharfen Worte oder noch schärferem Hiebe läßt er viele leiden, um vielleicht nur einem einzigen Vergnügen zu verschaffen. Endlich wurden die staubigen Landstraßen mit jeder Art von Fuhrwerk belastet, von dem schweren Karren, welcher die Möbelstücke transportierte und langsam und schwerfällig von Ochsen gezogen wurde, bis zu der leichten Kutsche und dem Kabriolett, mit welchen feurige Berber dahinrasten. Da selbst die besten Straßen nur eng und die Fuhrleute früherer Zeiten ebensowenig höflich und glattzüngig waren als jene unserer Tage, so können wir uns leicht vorstellen, welch ein Lärm, eine Verwirrung, ein Geschrei und Getobe auf den öffentlichen Landwegen herrschte. Unter diesen gab es keinen, welcher begünstigter gewesen wäre, als die anderen. Sabino, Tuskulum und die albanischen Berge waren alle mit prächtigen Villen oder bescheidenen Landhäusern, so wie sie ein Mäcenas oder ein Horaz bewohnen konnte, übersäet. Sogar die flache Campagna um Rom ist mit den Trümmern von Landhäusern ungeheurer Größe bedeckt; während sich von der Mündung des Tiber, an der Küste von Laurentum, Lanuvium und Antium bis nach Cajeta (Gaëta), Bajae und anderen vornehmen Badeorten am Fuße des Vesuvs eine förmliche Straße der schönsten Landhäuser hinzog. Aber auch weit über diese Grenzen hinaus, genügte das Terrain noch nicht, um dem periodischen Fieber der Römer für Landleben genügende Nahrung zu geben. Die Ufer des Benacus (jetzt der Lago Maggiore nördlich von Mailand), des Comersees und die herrlichen Ufer der Brenta erhielten ihre Besucher nicht nur aus den benachbarten Städten, und noch viel weniger bestanden diese aus Wanderern germanischen Ursprungs, sondern diese waren meistens Bewohner der kaiserlichen Hauptstadt. Nach einem dieser »zärtlichen Augen Italiens«, wie Plinius jene Villen nennt, Ocelli Italiae. weil sie die größte Schönheit dieses gesegneten Landes bilden, war Fabiola am Tage nach der Zusammenkunft ihrer schwarzen Sklavin mit Corvinus geeilt, ehe noch das Gedränge auf der Landstraße begonnen hatte. Das Landhaus lag auf einem Abhange des Hügels, welcher sich nach der Bai von Gaëta herab senkt. Wie ihr Haus in der Stadt, zeichnete auch diese Villa sich durch den guten Geschmack aus, mit welchem die verschiedenartigsten und kostbarsten Elemente des Komforts, wenn auch nicht des Luxus, miteinander vereinigt waren. Von der Terrasse an der Vorderseite der prächtigen Villa sah man hinab auf die stille, azurblaue Bai, um welche sich die blühendste aller Küsten zog; wie ein Spiegel in einem Rahmen von emaillierter und erhabener Arbeit lag sie da, belebt von den weißen, sonnenbestrahlten Segeln der Yachten, Galeeren, Vergnügungsboote und Fischerkähne; aus einigen dieser Fahrzeuge stieg das schallende Gelächter fröhlicher Ausflügler empor, aus anderen der Gesang oder die Harfentöne von großen Familiengesellschaften, oder die lauten scharfen und nicht allzufeinen Gassenhauer dieser verschiedenen »Pflüger der Tiefe«. Eine mit Schlingpflanzen bewachsene Galerie aus Gitterwerk führte hinab zu den Bädern an der Küste; und auf dem halben Wege nach dort befand sich eine Öffnung, welche auf einen Lieblingsplatz hinausging, der durch einen aus vorspringenden Felsen sprudelnden Quell immer frisch erhalten wurde. Dieser krystallhelle Wasserstrahl, welcher für einen Augenblick in einem von der Natur gebildeten Bassin zurückgehalten wurde, in welchem er wallte und rauschte und Blasen trieb, bis er endlich über den Rand desselben wieder von dannen rauschte, floß dann murmelnd und spielend in der denkbar ruhigsten Weise an der Seite der vergitterten Galerie entlang hinunter in das Meer. Zwei enorme Platanen warfen ihren Schatten auf diesen klassischen Boden, wie über den Lieblingsboden, wo Plato und Cicero ihre philosophischen Nachforschungen anstellten. Die schönsten und ausgewähltesten Blumen und Pflanzen aus fernen Ländern hatten gelernt, dies Fleckchen Erde zu ihrer Heimat zu machen, in welcher sie sowohl vor übergroßer Hitze wie vor Kälte geschützt waren. Aus Gründen, welche wir später erklären werden, stattete Fabius dieser Villa selten mehr als einen fliegenden Besuch von zwei oder drei Tagen ab; und auch dann fanden diese nur statt, wenn er sich auf dem Wege nach irgend einem lustigeren, allgemein besuchten Orte der römischen Gesellschaft befand, an welchem er Geschäfte hatte oder doch solche zu haben vorgab. Seine Tochter war daher meistens allein und erfreute sich dieser köstlichen Einsamkeit. Außer einer wohlausgestatteten Bibliothek, welche sich stets in dem Landhause befand und meistens aus Werken landwirtschaftlichen Ursprungs und Abhandlungen über lokale Interessen bestand, wurde alljährlich ein Vorrat von Büchern aus alten Lieblingsschriftstellern und einigen leichteren Erzeugnissen des Jahres, von denen sie meistens schon eins der ersten Exemplare zu hohem Preise kaufte, bestehend, zusammen mit einer Menge kleinerer Kunstwerke, welche, in neuen Wohnräumen aufgestellt, dieselben sofort wohnlich und angenehm machen, aus Rom herbeigeschafft. Den größten Teil ihrer Morgenstunden brachte sie an dem obenbeschriebenen Lieblingsplätzchen zu, ein Bücherkästchen zur Seite, aus welchem sie bald den einen, bald den anderen Band wählte. Wenn aber irgend ein Besucher sie in diesem Jahr überrascht hätte, so würde er erstaunt gewesen sein, sie stets in der Gesellschaft einer Gefährtin zu finden. Und diese war eine Sklavin! Wir können uns ungefähr vorstellen, wie bestürzt sie gewesen, als Agnes ihr an dem Tage, welcher dem Mittagsmahl in ihres Vaters Hause folgte, mitteilte, daß Syra, obgleich ihr die verlockende Aussicht auf Freiheit gestellt worden, sich geweigert habe, ihren Dienst zu verlassen. Und noch erstaunter war sie, als sie vernahm, daß der Grund dieser Weigerung die Liebe des Mädchens zu ihr sei. Sie konnte unmöglich das freudige Bewußtsein haben, diese Anhänglichkeit durch irgend eine gütige That oder auch nur durch einfache Erkenntlichkeit für die Pflege errungen zu haben, welche die Dienerin ihr während einer schweren Krankheit gewidmet hatte. Sie neigte also anfangs dazu, Syra einfach für eine Närrin zu halten. Aber damit konnte sie ihr Gemüt doch nicht beruhigen. Allerdings hatte sie zuweilen von Beispielen gelesen, wo Sklaven selbst für grausame und tyrannische Herren Treue und Ergebenheit gehegt hatten, aber diese waren immer nur als Ausnahmen von der allgemeinen Regel aufgeführt worden. Und was waren denn ein Dutzend Fälle von Liebe in so vielen Jahrhunderten, im Verhältnis zu den täglichen zehntausend Fällen von Haß und Rachsucht, deren Zeugin sie war? Und doch war das, was sie hier sah, klar und greifbar, und es machte einen tiefen Eindruck auf sie. Sie wartete noch einige Zeit und beobachtete ihre Dienerin scharf, um zu sehen, ob sie in ihrem Betragen irgend welche Mienen oder Symptome entdecken könne, welche darauf schließen ließen, daß sie glaubte, eine große That begangen zu haben, für welche ihre Herrin ihr Dankbarkeit schuldig sei. Aber sie entdeckte nicht das geringste. Syra erfüllte ihre sämtlichen Pflichten mit demselben einfachen Fleiße und verriet niemals durch das leiseste Zeichen, daß sie sich weniger für eine Sklavin halte als bisher. Fabiolas Herz wandte sich ihr mehr und mehr zu. Und jetzt begann sie das, was sie in ihrer Unterhaltung mit Agnes noch als unmöglich bezeichnet hatte – nämlich eine Sklavin zu lieben – nicht mehr ganz so schwierig zu finden. Außerdem hatte sie noch einen zweiten Beweis gefunden, daß es etwas in der Welt gab, was uneigennützige Liebe heißt, Liebe, welche auf keine Erwiderung hofft und wartet. Nach jenem denkwürdigen Gespräch mit ihrer Sklavin, welches wir in einem der ersten Kapitel unseres Buches wiedergegeben haben, hatte Fabiola deren noch verschiedene mit Syra gepflogen und war darüber ins reine gekommen, daß diese Dienerin eine ausgezeichnete Erziehung genossen haben müsse. Sie war indessen zu rücksichtsvoll, um sie über ihre Vergangenheit zu befragen, besonders da viele Herren, um den Wert ihrer jungen Sklavinnen zu erhöhen, diesen häufig eine gute Erziehung angedeihen ließen. Bald entdeckte sie aber auch, daß sie die griechischen und lateinischen Schriftsteller mit Leichtigkeit und feinem Verständnis las und beide Sprachen sogar richtig schrieb. Nach und nach verbesserte sie ihre Stellung zum großen Ärgernis der übrigen Sklavinnen; sie befahl Euphrosyne, ihr ein besonderes Zimmer anzuweisen, und dies war ein großer Trost und eine bedeutende Erleichterung für das arme Mädchen; überdies beschäftigte sie sie bald als Sekretär und Vorleserin. Trotzdem bemerkte sie keine Veränderung in ihrem Benehmen, keinen Hochmut, keine Anmaßung, denn in demselben Augenblick, wo sich ihr irgend eine Arbeit von der niederen Art bot, wie sie ihr früher zuerteilt worden, schien es ihr doch niemals einzufallen, sie irgend jemand anders zuzuschieben, sondern machte sich sofort fröhlich und zufrieden daran, sie zu erledigen. Wie schon früher bemerkt worden, war die Lektüre, mit welcher Fabiola sich beschäftigte, meistens sehr schwer zu begreifender und klügelnder Art, da sie zum größten Teil aus philosophischer Litteratur bestand. Sie war indessen erstaunt zu sehen, wie ihre Sklavin oft durch eine einfache Bemerkung einen anscheinend unumstößlichen Grundsatz widerlegte, eine hochtönende Phrase tugendhafter Deklamation entkräftete oder eine höhere Ansicht über moralische Wahrheiten durch Meinungsaustausch anregte oder eine praktischere Handlungsweise vorschlug, als jene Schriftsteller, welche sie bis jetzt so aufrichtig bewundert, in ihren Büchern vorschlugen. Dies geschah indessen nicht durch eine in die Augen fallende Schärfe der Urteilskraft oder durch beißenden Witz, noch schien es tiefem Nachdenken oder vielem Lesen oder dem Vorzug einer guten Erziehung zu entspringen. Denn obgleich sie von all diesem Spuren in Syras Worten, Gedanken und Benehmen sah, so waren die Bücher und Doktrinen, welche sie jetzt las, augenscheinlich neu für sie. Aber der Charakter ihrer Dienerin schien eine verborgene, jedoch untrügliche Richtschnur der Wahrheit in sich zu tragen, einen Hauptschlüssel, der stets jedes verschlossene Gewahrsam moralischer Weisheit öffnete; eine gutgestimmte Saite, welche in unfehlbarem Einklang mit allem, was gut und recht war, vibrierte, jedoch einen schrillen Mißklang hervorbrachte mit dem, was da unrecht, lasterhaft oder auch nur nachlässig war. Dieses Geheimnis wollte und mußte sie entdecken; es gab ihr zu größeren, ernsteren Betrachtungen Anlaß, als irgend etwas, das ihr bis jetzt im Leben begegnet war. Sie war noch nicht so weit, um zu lernen, daß der letzte und geringste im Himmelreiche (und was konnte geringer sein als eine Sklavin?) größer an geistiger Wahrheit, an Licht der Seele und himmlischen Gaben war, als selbst der Vorläufer Johannes. Ev. Matth. Kap. 12, V. 11. Es war an einem herrlichen Oktobermorgen, als Herrin und Dienerin sich am Brunnen gelagert hatten und wiederum mit Lesen beschäftigt waren. Erstere ward inzwischen bald der Schwerfälligkeit und des Ernstes ihres Buches müde und suchte in ihrem Bücherkästchen nach etwas leichterem und neuerem. Endlich zog sie ein Manuskript aus dem Behälter und indem sie es der Sklavin reichte, sagte sie: »Hier, Syra, lege jenes dumme Buch beiseite. Hier ist etwas, das sehr interessant sein soll, wie man mir sagt; und es ist erst vor kurzem geschrieben. Es wird für uns beide neu sein.« Die Dienerin that wie ihr befohlen, sah den Titel des neuen Buches an und errötete. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die ersten Zeilen und fand ihre Befürchtungen vollauf bestätigt. Sie sah, daß es eins jener nichtswürdigen Werke war, welche, wie der heilige Justinus klagte, frei cirkulieren durften, obgleich sie im höchsten Grade unmoralisch waren und alles verspotteten, was Tugend hieß; während jedes christliche Buch unterdrückt oder soviel wie möglich beschränkt wurde. Mit ruhiger Entschlossenheit legte sie das Buch wieder fort und sagte: »Meine teure Herrin, verlange nicht von mir, daß ich dir aus diesem Buche vorlese. Ich darf es weder vorlesen, noch darfst du es anhören.« Fabiola war erstaunt. – Sie hatte niemals davon gehört oder auch nur daran gedacht, daß sie ihren Studien irgend welche Beschränkungen auferlegen müsse. Was man in unseren Tagen für die gewöhnliche Lektüre als durchaus unpassend und unerlaubt halten würde, bildete damals einen Teil der gangbaren und modischen Litteratur. Dies beweisen von Horaz bis zu Ausonius alle klassischen Schriftsteller. Und welche, wenn auch noch so strenge Tugend, hätte diese Lektüre unzart erscheinen lassen sollen? Sie beschrieb mit der Feder ja nur ein System der Moral, welches der Meißel und der Pinsel jede Stunde jedem Auge vertraut machten! Fabiola besaß keinen erhabeneren Maßstab für Recht und Unrecht als jenen, welchen das System, unter dem sie erzogen war, ihr geben konnte. »Welchen Schaden könnten wir denn darunter erleiden?« fragte sie lächelnd. »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß in jenem Buche eine Menge böser Thaten und entsetzlicher Verbrechen beschrieben werden; aber das wird uns doch nicht dazu verleiten, sie ebenfalls zu begehen. Und inzwischen finde ich es außerordentlich unterhaltend, über sie, als von anderen begangen, zu lesen.« »Würdest du sie denn unter irgend welchen Umständen begehen?« »Nicht um alle Schätze der Welt.« »Aber ihr Bild muß deine Phantasie beschäftigen, wenn du sie vorlesen hörst. Da sie dich unterhalten, müssen deine Gedanken bei ihnen verweilen und zwar mit Vergnügen.« »Gewiß, und was weiter?« »Jene Bilder sind Sünde, jene Gedanken Verderbtheit.« »Wie ist das möglich? Die Sünde bedarf doch erst einer That , um Sünde zu werden ?« »Gewiß, meine Herrin. Und was ist die That des Geistes, oder wie ich sage, der Seele , anderes als der Gedanke? Eine Leidenschaft, welche den Tod wünscht , ist die, wenn auch unsichtbare That jener unsichtbaren Gewalt; der Schlag, welcher ihn ausführt , ist nur die mechanische That des Körpers, die eben so sichtbar ist, wie ihr Ausgangspunkt! Aber welche Macht gebietet – und welche gehorcht? Welche von ihnen trägt die Verantwortlichkeit der schließlichen Wirkung ?« »Ich verstehe dich,« sagte Fabiola nach einer kurzen Pause verletzten Schweigens. »Aber es bleibt noch ein Bedenken übrig. Du behauptest, es bestehe eine Verantwortlichkeit sowohl für die innere wie für die äußere That. Aber wem gegenüber? Wenn die sichtbare That auf die unsichtbare folgt, so giebt es eine doppelte Verantwortlichkeit für beide, der Gesellschaft, den Gesetzen, den Grundsätzen der Gerechtigkeit, dem eigenen Selbst gegenüber, denn traurige Resultate werden daraus entstehen. Wenn aber nur die unsichtbare That besteht, wem gegenüber kann es da eine Verantwortlichkeit geben? Wer sieht sie? Wer kann sich anmaßen, sie verdammen zu wollen? Wer kann sie ergründen?« »Gott!« antwortete Syra mit einfachem Ernst. Fabiola war enttäuscht. Sie hatte erwartet, von einer ganz neuen Lehre, irgend einem Aufsehen erregenden Grundsatz zu hören. Anstatt dessen waren sie bei dem angekommen, was, wie sie befürchtete, bloßer Aberglaube war, wenn sie auch bereits einsehen gelernt, daß dieser nicht ganz so stark, wie sie ihn einst beurteilt. »Wie, Syra, du glaubst also wirklich an Jupiter und Juno oder vielleicht Minerva, die doch so ziemlich die anständigste der ganzen olympischen Familie ist? Glaubst du wirklich, daß sie irgend etwas mit unseren Angelegenheiten zu thun haben?« »In der That weit entfernt davon. Ich verachte und verabscheue sogar ihre Namen und ich hasse die Schlechtigkeit, welche durch ihre Geschichte oder Fabel auf Erden symbolisiert wird. Nein, ich spreche nicht von Göttern und Göttinnen, sondern von einem einzigen Gott.« »Und wie nennt ihr ihn in eurem System, Syra?« »Er hat keinen anderen Namen als Gott; und diesen haben Ihm die Menschen nur gegeben, um überhaupt von Ihm sprechen zu können. Denn der Name bezeichnet weder Sein Wesen noch Seine Eigenschaften, noch Seinen Ursprung.« »Und diese wären?« fragte die Herrin, deren Neugierde erwacht war. »Einfach wie das Licht ist Sein Wesen; ein und dasselbe überall, unteilbar, unbefleckt, erforschend, allgegenwärtig, und unbegrenzt. Er war bevor es einen Anfang gab, Er wird sein lange nachdem das Ende gewesen. Macht, Weisheit, Güte, Kraft, Liebe und auch Gerechtigkeit sind Sein eigen Seinem Wesen nach, und sie sind so grenzenlos und unendlich wie Er. Nur Er allein kann schaffen, Er allein kann erhalten, Er allein kann zerstören.« Fabiola hatte sehr oft von den begeisterten Blicken einer Sibylle oder einer Orakelverkünderin gelesen; gesehen hatte sie sie indessen bis zu diesem Augenblick noch nicht. Das Antlitz der Sklavin glühte, ihre Augen strahlten in ruhigem Glanze, ihre Gestalt war unbeweglich, die Worte strömten ihr von den Lippen, als seien diese nur ein musikalisches Rohr, welches durch den Atem eines anderen tönen gemacht wurde. Ihr Ausdruck und ihr Wesen erinnerten Fabiola mächtig an jenen zerstreuten, abwesenden und geheimnisvollen Blick, welcher ihr oft an Agnes aufgefallen war; und obgleich er bei jenem Kinde anmutiger und zärtlicher war, so erschien er bei dieser Dienerin ernster und orakelhafter. »Welch ein enthusiastisches, orientalisches Temperament sie hat, wahrlich!« dachte Fabiola, als ihr Blick auf ihrer Sklavin ruhte. »Kein Wunder, daß man den Osten für das Land der Poesie und der Begeisterung hält.« Als sie gewahrte, daß die sichtliche Spannung Syras nachgelassen hatte, sagte sie in dem leichtesten unbefangensten Ton, der ihr für den Augenblick zu Gebote stand: »Aber Syra, kannst du dir denn vorstellen, daß ein Wesen solcher Art, wie du es mir beschrieben, das weit über den Begriff einer alten Fabel oder Sage hinausgeht, sich fortwährend damit beschäftigen kann, die Thaten, ja selbst die bedeutungslosesten Gedanken von Millionen von Geschöpfen zu bewachen?« »Es ist keine Beschäftigung, Herrin, es ist auch keine freie Wahl. Ich nannte Ihn Licht. Ist es denn eine Beschäftigung oder eine Arbeit für die Sonne, wenn sie ihre Strahlen durch das krystallhelle Wasser dieses Brunnens sendet und sogar die Kieselsteine auf seinem Grunde erkennen läßt? Sieh nur, wie sie nicht allein das schöne, sondern auch das garstige und unreine aufdecken, welches dort unten seine Zuflucht gefunden hat; nicht nur die Funken, welche die herabfallenden Tropfen aus dem rauhen Felsgestein des Ufers zu schlagen scheinen; nicht nur die perlengleichen Bläschen, welche nur an die Oberfläche steigen, einen Augenblick glitzern und dann zerplatzen; nicht nur die goldenen Fischlein, welche sich in ihrem Lichte sonnen – sondern auch schwarzes, widerliches, kriechendes Gewürm, welches sich dort unten in den dunklen, schlammigen Winkeln zu verbergen sucht und es doch nicht kann, weil das Licht sie überall hin verfolgt. Und ist alles dies Mühsal oder Arbeit oder Beschäftigung für die Sonne, welche scheint? Viel mehr Mühseligkeit würde es für sie sein, wenn sie ihre Strahlen an der Oberfläche des durchsichtigen Elements zurückhalten und sie verhindern sollte, ihr Licht bis auf den Grund zu werfen. Und was sie hier thut, das thut sie auch am nächsten Strom mit derselben Leichtigkeit, und auch an dem, welcher tausend Meilen von hier entfernt ist; und keine nur denkbare Zunahme ihrer Zahl oder ihres Umfanges könnte uns glauben oder vermuten lassen, daß Strahlen fehlen oder Licht mangeln könnte, um sie alle, alle zu erforschen und bis auf den Grund zu prüfen.« »O Syra, deine Theorien sind immer schön, und wenn sie wahr sind, höchst bewundernswert,« bemerkte Fabiola nach einer Pause, während welcher ihre Augen unverweilt auf dem Quell geruht hatten, als wollte sie die Wahrheit der Worte Syras auf die Probe stellen. »Und sie klingen wie Wahrheit,« fügte sie hinzu, »denn könnte Unwahrheit schöner sein als Wahrheit? Aber welch ein furchtbarer Gedanke ist es, das man niemals eine Minute allein gewesen, niemals einen geheimen Wunsch gehegt, niemals eine einzige Betrachtung für sich allein angestellt hat, niemals die thörichte Phantasie eines hochmütigen oder kindischen Hirns vor Ihm hat verbergen können, der keine Unvollkommenheit kennt. Furchtbarer Gedanke, daß man, wenn du die Wahrheit sprichst , stets unter dem unabgewandten Blicke eines Auges lebt, im Vergleich zu dem die Sonne nur ein Schatten ist; denn sie kann nicht in die Seele eindringen! Er genügt, um mich an irgend einem Abend Selbstmord begehen zu lassen, nur um dieser qualvollen Überwachung zu entgehen! Und doch klingt alles so wahr!« Fabiola sah beinahe wild aus, als sie diese Worte sprach. Der Stolz ihres heidnischen Herzens bäumte sich wie rasend empor; und sie empörte sich gegen die Hypothese, daß sie sich niemals wieder allein mit ihren eigenen Gedanken fühlen könne, oder daß es irgend eine Macht geben solle, welche über ihre innersten Wünsche, Einbildungen und Launen herrschen könne. Und doch kehrte ihr der Gedanke immer und immer wieder: »Aber es klingt so wahr!« Ihr edler Geist kämpfte gegen die qualvolle Leidenschaft, wie ein Adler mit einer Schlange; mehr mit dem Auge als mit Schnabel und Krallen den furchtsamen Feind besiegend. Nach einem Kampfe, welcher sich auf ihrem Antlitz und in ihren Bewegungen verriet, bemächtigte die Ruhe sich ihrer wieder. Zum erstenmal schien sie die Gegenwart eines Wesens zu empfinden, welches größer als sie selbst, welches sie fürchtete – und trotzdem lieben zu können wünschte. Sie legte ihren Geist und ihren Verstand Ihm zu Füßen; und auch ihr Herz gestand zum erstenmale, daß es seinen Meister und Herrn gefunden. Mit ruhiger Intensivität des Gefühls beobachtete Syra die Wirkungen ihrer Worte auf das Gemüt ihrer Herrin. Sie wußte, wieviel von ihrem Erfolge abhing, welch einen mächtigen Schritt auf dem Wege der Religion ihre ahnungslose Schülerin machen müßte, wenn sie die Wahrheit der Worte Syras anerkennen würde; und inbrünstig bat sie um diese Gnade. Endlich erhob Fabiola das Haupt, welches sie zusammen mit ihrer Seele gebeugt zu haben schien, und mit anmutiger Freundlichkeit sagte sie: »Syra, ich bin fest überzeugt, daß ich den tiefsten Grund deiner Wissenschaft noch lange nicht erreicht habe; du mußt noch mehr zu lehren haben.« (Eine Thräne und ein tiefes Erröten schafften der armen Dienerin Erleichterung.) Aber heute hast du meinen Gedanken ein neues Leben, eine neue Welt eröffnet: eine neue Sphäre der Tugend, welche über das Urteil und die Meinungen der Menschen hinausgeht, das Bewußtsein, daß es eine prüfende, gutheißende und belohnende Macht giebt – nicht wahr, so meintest du es? (Syra nickte Beifall) – welche uns zur Seite steht, wenn kein anderes Auge uns sehen oder zurückhalten oder ermutigen kann; ein Gefühl, daß selbst, wenn wir für immer in abgeschlossener Einsamkeit lebten, wir stets dieselben bleiben würden, weil dieser Einfluß auf uns selbst die stärksten, unerschütterlichsten, menschlichen Grundsätze überwinden, uns führen müßte und uns niemals wieder verlassen könnte. Und so erhaben ist die moralische Stellung, zu welcher sie jedes Individuum emporheben würde, wenn ich deine Theorie recht verstehe. Unter derselben zu stehen, selbst wenn man ein äußerlich tugendhaftes Leben führt, wäre nichts als Betrug und positive Schlechtigkeit. Ist es nicht so?« »O meine teure Herrin,« rief Syra aus, »wieviel besser du alles dies in Worte kleiden kannst als ich!« »Du hast mir noch niemals geschmeichelt, Syra,« entgegnete Fabiola lächelnd, »fang jetzt nicht damit an. Aber durch dich ist mir ein neues Licht über andere Gegenstände aufgegangen, welche mir bis heute dunkel waren. Sag mir jetzt, war es nicht dies, was du meintest, als du mir einst sagtest, daß deiner Ansicht nach kein Unterschied zwischen Herrin und Sklavin bestände? Du wolltest damit sagen, daß, da es nur ein äußerer, körperlicher und socialer Unterschied ist, so fällt er durchaus nicht in die Wage jener Gleichheit gegenüber, welche vor eurem höheren Wesen besteht, und er bedeutet nichts im Vergleich zu jener moralischen Überlegenheit, welche jenes Wesen möglicherweise dem einen im umgekehrten Verhältnis zu dem äußeren sichtbaren Range beider zuerkennen würde?« »Ja, das war es zum größten Teil, meine edle Gebieterin; obgleich dieser Gedanke noch andere Betrachtungen in sich schließt, welche dich augenblicklich kaum interessieren würden.« »Und doch, als du jene Ansicht aussprachst, erschien sie mir so ungeheuerlich, so albern, so unerhört, daß Stolz und Zorn die Oberhand in mir gewannen. Erinnerst du dich dessen wohl noch? Sprich, Syra.« »O nein, nein, nein!« rief die sanftmütige Dienerin aus; »o, ich bitte dich, sprich niemals wieder davon!« »Hast du mir jenen Tag vergeben, Syra?« fragte die Gebieterin mit einer Rührung, welche etwas ganz neues für sie war. Die arme Sklavin war überwältigt. Sie erhob sich und warf sich vor ihrer Herrin auf die Kniee und versuchte die Hand derselben zu erfassen; aber diese verhinderte es, und zum erstenmale sank Fabiola an die Brust einer Sklavin und weinte bitterlich. Ihre Thränen flossen lange und unaufhaltsam. Ihr Gemüt sänftigte sich mehr und mehr; ihr Herz siegte über den Verstand. Endlich wurde sie wieder ruhig, und als sie sich den Armen der Dienerin entwand, sagte sie: »Noch eins, Syra. Darf man dieses Wesen, welches du nur beschrieben hast, in Anbetung anreden? Ist es nicht zu groß, zu erhaben, zu fern dazu? »O, durchaus nicht, meine edle Herrin,« antwortete die Dienerin, »Er ist niemandem von uns fern, denn so wie wir in dem Licht Seiner Sonne leben und uns bewegen und unser Wesen haben, so leben und atmen wir auch in dem Glanze Seiner Macht, Seiner Güte und seiner Weisheit. »Und daher dürfen wir ihn anreden, nicht als wäre Er weit entfernt, sondern um uns und in uns, gleichsam wie wir in Ihm sind. Und Er hört uns nicht mit Ohren, sondern unsere Worte fallen sofort in Seinen Busen, und die Wünsche unseres Herzens senken sich augenblicklich in den göttlichen Abgrund des Seinen .« »Aber,« fuhr Fabiola ein wenig scheu und verlegen fort, »giebt es nicht irgend einen großen Akt der Art – wie zum Beispiel das Opfer ist – durch den er öffentlich angebetet wird?« Syra zögerte, denn das Gespräch schien auf heiligen und geheimnisvollen Boden hinüberzuschweifen, welchen die Kirche einem profanen Fuße niemals öffnete. Doch gleich darauf antwortete sie einfach und allgemein bejahend. »Und könnte ich nicht,« fragte die Herrin noch bescheidener und demütiger, »so weit in eurer Schule unterrichtet werden, daß ich diese erhabene Huldigung mit darbringen dürfte?« »Ich fürchte, nein, edle Fabiola; denn man muß durchaus ein Opfer bringen, welches der Gottheit würdig ist.« »O, gewiß, gewiß! ich begreife!« entgegnete Fabiola. »Ein Stier mag gut genug für Jupiter sein oder eine Ziege für Bacchus, wo aber könnte man ein Opfer finden, welches Dessen wert wäre, den du mich kennen gelehrt hast?« »Es muß allerdings eines sein, welches Seiner in jeder Weise würdig wäre; ohne Flecken in seiner Reinheit, unfaßbar in seiner Größe, ohne Gleichen in seiner Annehmbarkeit.« »Und was kann das sein, Syra?« »Nur – Er selbst.« Fabiola schlug beide Hände vor das Gesicht; nach einer kurzen Pause blickte sie ernst in Syras Antlitz und sagte zu ihr: »Ich bin überzeugt, daß, nachdem du mir so klar das tiefe Bewußtsein der Verantwortlichkeit beschrieben hast, in welchem du gewöhnlich sprichst und handelst, du eine große Bedeutung in diese furchtbaren Worte gelegt haben mußt, obgleich ich dich jetzt noch nicht verstehen kann.« »So gewiß, wie jedes Wort, das ich spreche gehört wird, so gewiß, wie jeder meiner Gedanken gesehen wird – so gewiß liegt eine tiefe Wahrheit in dem, was ich gesprochen habe.« »Ich habe nicht die Kraft, jetzt noch weiter über den Gegenstand zu sprechen; mein Geist bedarf der Ruhe.« Siebzehntes Kapitel Die christliche Genossenschaft Nach diesem Gespräch zog Fabiola sich zurück, und während des ganzen übrigen Tages war ihr Gemüt teilweise bewegt, teilweise ruhig. Als sie ruhig und fest auf die erhabene Ansicht vom sittlichen Leben blickte, welche ihr Geist jetzt erfaßt hatte, fand sie eine ungewöhnliche Beruhigung in dieser Betrachtung. Ihr war zu Mute, als habe sie ein großartiges Phänomen entdeckt, dessen Kenntnis sie in neue und höhere Regionen führe, von wo aus sie über die Thorheiten und Irrtümer der Menschen lachen könne. Wenn sie aber an die Verantwortlichkeit dachte, welche dieses neu aufgegangene Licht ihr auferlegte, die Wachsamkeit, welche es erforderte, die ungesehenen und unbelohnten Kämpfe, welche es verlangte, die fast vollständige Vereinsamung einer Tugend, die weder Bewunderung noch Sympathie erregt – dann schauderte sie vor dem Leben, das vor ihr lag, und ihr war's, als solle sie sich ohne Hilfe, ohne Stütze von dem einzigen Halt desselben, den sie bis jetzt gekannt hatte, entfernen. – Der wirklichen Ursache sich durchaus nicht bewußt, sah sie, daß sie weder Mittel noch Kräfte besäße, die herrliche Theorie zur Ausführung zu bringen. Und diese schien wie ein strahlendes Licht in der Mitte einer weiten, nackten, leeren Halle zu stehen, nichts erleuchtend als eine Wildnis! Wozu so viel unnütz verschwendetes Licht? Der nächste Tag war für einen jener Besuche bestimmt worden, welcher alljährlich einmal auf dem Lande gemacht zu werden pflegte – nämlich der im Hause des früheren Präfekten der Stadt, Chromatius. Unser Leser wird sich noch erinnern, daß dieser Beamte sich nach seiner Bekehrung und Niederlegung des Amtes auf seinen Landsitz in Campania zurückgezogen hatte, eine große Anzahl der durch Sebastianus Bekehrten und den heiligen Priester Polycarp, der ihre Unterweisung in der Christenlehre vollenden sollte, mit sich nehmend. Von diesen Umständen war Fabiola natürlich niemals in Kenntnis gesetzt worden, aber allerhand seltsame Gerüchte über die Villa des Chromatius waren ihr zu Ohren gekommen. Man erzählte, daß er eine große Anzahl von Gästen um sich versammelt habe, welche bis jetzt noch niemand dort gesehen, daß er keine Gastmahle gebe, daß er all seinen Sklaven auf dem Lande die Freiheit geschenkt habe, daß aber viele von diesen es vorgezogen hätten, bei ihm zu bleiben; daß der ganze Haushalt, wenn auch sehr zahlreich, so doch außerordentlich glücklich scheine, obgleich kein Mitglied desselben sich in lärmenden Vergnügungen und fröhlichen Zusammenkünften erginge. Alles dieses reizte Fabiolas Neugierde zusammen mit dem dringenden Wunsche, einem gütigen Freunde und Beschützer ihrer Kindheit gegenüber eine angenehme und liebe Pflicht der Höflichkeit zu erfüllen. Und überdies trug sie auch das Verlangen, mit ihren eigenen Augen zu sehen, was ihr als ein sehr platonisches oder utopisches Experiment erschien. In einem leichten Landwagen, der von herrlichen Pferden gezogen wurde, machte Fabiola sich zeitig auf den Weg und fuhr fröhlich über die ebene Landstraße durch das »glückliche Campanien«. Ein herbstlicher Regenschauer hatte den Staub gelegt und die Weinlaubguirlanden, welche sich an der Straße entlang in Bogen von Baum zu Baum zogen und die Hecken ersetzten, wie mit Diamanten besäet. Es dauerte nicht lange, bevor sie die leichte Anhöhe – denn Hügel konnte man dies kaum nennen – erreichte, welche auf ihrem Gipfel die weißen Mauern der großen Villa trug und mit Buchsbaum, Lorbeeren, Taxus, Erdbeerbäumen, und dazwischen schlanke Cypressen, gänzlich bedeckt war. Sie bemerkte allerdings, daß eine Veränderung vor sich gegangen, welche sie zwar im ersten Augenblick nicht genau definieren konnte; als sie jedoch das Parkthor passiert hatte, erinnerte die große Anzahl leerer Piedestale und Nischen sie daran, daß die Villa ihren meist charakteristischen Schmuck verloren habe – nämlich die herrlichen Statuen, welche anmutig zwischen den immergrünen Hecken verteilt waren und ihr den Namen, Ad Statuas Bei den Statuen. gegeben hatte, der nun ganz bedeutungslos geworden war. Chromatius, welcher gehinkt hatte und von Gichtschmerzen geplagt war, als sie ihn zuletzt gesehen, war jetzt ein gesunder, rüstiger alter Mann und empfing sie mit der größten Höflichkeit; er erkundigte sich nach ihrem Vater und fragte, ob das Gerücht wahr sei, welches behauptete, er würde sich binnen kurzem nach Asien begeben. Dies schien Fabiola Kummer und Verdruß zu bereiten, denn ihr gegenüber hatte er dieser Absicht nicht Erwähnung gethan. Chromatius sprach die Hoffnung aus, daß es nur ein falsches Gerücht sein möge und fragte, ob sie vielleicht einen Rundgang durch Garten und Park machen wolle. Sie fand beide so wohl gepflegt wie sonst, überall die schönsten Pflanzen und Gesträuche, aber trotzdem vermißte sie die herrlichen, alten Statuen. Endlich kamen sie an eine Grotte mit einem Brunnen, in welchem sich früher Nymphen und Meeresgötter zu ergötzen pflegten; jetzt bot er dem Auge aber nichts mehr als eine schwarze, glatte Oberfläche. Sie konnte sich nicht länger beherrschen, und indem sie sich zu Chromatius wandte, sagte sie: »Aber Chromatius, sag mir, was in aller Welt hast du gethan, daß du all deine Statuen entfernt und dadurch das besonders reizvolle Aussehen deiner Villa zerstört hast? Was vermochte dich dazu, solche Grausamkeit zu begehen?« »O edle Dame,« antwortete der gutmütige, alte Herr, »zürne doch nicht so heftig. Konnten denn diese Figuren für irgend einen Menschen von Nutzen sein?« »So magst du denken,« entgegnete sie, »aber andere waren nicht deiner Ansicht. Doch sag mir, ich bitte dich herzlich, was hast du mit all diesen Gebilden gemacht?« »Nun, wenn ich offen sein soll, so muß ich dir gestehen, daß ich sie alle unter den Hammer gebracht habe.« »Wie! Und ohne mich etwas davon wissen zu lassen? Du weißt doch, daß mehrere Stücke darunter waren, welche ich mit Freuden gekauft haben würde.« Chromatius lachte hell auf und sagte in jenem vertrauten Ton, welchen die Freundschaft mit Fabiola seit den Tagen ihrer Kindheit ihn anzunehmen berechtigte: »Meiner Treu! Wie deine Einbildungskraft mit dir davon läuft! Viel zu schnell, als daß meine arme, alte Zunge mit ihr Schritt halten könnte. Ich meinte ja nicht den Hammer des Auktionators, sondern den Schmiedehammer. Die Götter und Göttinnen sind alle zerschmettert, alle pulverisiert worden! Wenn du vielleicht noch ein einzelnes Bein oder eine Hand, an welcher mehrere Finger fehlen, wünschest, so könnte ich sie möglicherweise noch finden. Aber ein Gesicht mit einer Nase oder einen Schädel ohne Bruch kann ich dir nicht mehr versprechen.« Fabiola war auf das äußerste bestürzt, als sie ausrief: »Welch ein furchtbarer Barbar du geworden bist, mein weiser, alter Richter! Welchen Schatten einer vernünftigen Ursache für ein so frevelhaftes Beginnen kannst du uns geben?« »Nun siehst du, mein Kind, ich bin älter geworden und ich bin klüger geworden! Und ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß Herr Jupiter und Frau Juno nicht mehr Gott und Göttin sind als du und ich. So machte ich der Sache summarisch ein Ende.« »Gut. Das alles mag ja recht gescheid sein, und ich, obgleich ich weder alt noch weise, bin schon seit langer Zeit derselben Ansicht. Weshalb behieltest und schätztest du sie aber nicht, als reine, schöne Meisterwerke der Kunst?« »Weil sie nicht in letzterer Eigenschaft, sondern als Gottheiten hier aufgestellt worden sind. Sie standen hier als Betrüger, unter falschem Namen. Und wie du eine Büste oder ein Bild, welches du unter den Bildnissen deiner Ahnen finden und als einer ganz anderen Familie angehörig erkennen würdest, hinauswerfen mühtest, so schaffte ich diese, welche Anspruch auf eine viel edlere, höhere Beziehung zu mir machten, hinaus, als ich erkannt hatte, daß sie falsch seien. Und ebensowenig wollte ich die Verantwortlichkeit übernehmen, sie kaufen zu lassen. Damit derselbe Betrug an einem anderen Orte nicht fortgesetzt werde.« »Aber jetzt sag mir, mein rechtschaffener, alter Freund, ist es nicht auch ein Betrug, wenn du fortfährst, deinen Landsitz Ad statuas Bei den Statuen. zu nennen, nachdem keine einzige Statue auf demselben zurückgeblieben ist?« »Gewiß,« antwortete Chromatius, welchen der scharfe Geist dieses Mädchens belustigte, »und du wirst auch bemerken, daß überall Palmenbäume gepflanzt sind. Sobald diese ihre Häupter über die immergrünen Hecken erheben werden, soll diese Villa anstatt ihres alten Namens die Benennung: ad palmas Bei den Palmen. annehmen.« »Das wird ein schöner Name sein,« sagte Fabiola, welche wenig an den höheren Sinn der Bedeutung dachte, den dieser enthielt. Sie wußte natürlich nicht, daß die Villa jetzt eine Erziehungsschule sei, in welcher, Kämpfern und Gladiatoren gleich, viele in verschiedenen Abteilungen auf den großen Kampf des Glaubens, des Märtyrertums und den Tod vorbereitet wurden. Diejenigen, welche diese Unterweisung genossen, waren berechtigt zu sagen, daß sie sich auf dem Wege befänden, die Palme des Siegers zu pflücken, welche sie zum Zeichen des Sieges über diese Welt vor dem Richterstuhle Gottes tragen würden. Und gar viele waren der Palmen, welche binnen kurzem an jenem Asyl der Christen gepflückt werden sollten! Hier aber müssen wir die Geschichte der Demolierung von Chromatius' Statuen wiedergeben, denn sie bildet eine besondere Episode in der »Geschichte des heiligen Sebastianus.« Als Nicostratus, damals Präfekt von Rom, ihn von der Befreiung seiner Gefangenen und der durch die heilige Taufe bewirkten Wiederherstellung des Tranquillinus von der Gicht in Kenntnis setzte, ließ Chromatius, nachdem er sich genau über die Wahrheit dieser Thatsache informiert hatte, den Sebastianus holen und verlangte getauft zu werden, weil er darin das Mittel zur Genesung von derselben Krankheit erblickte. Dies konnte natürlich nicht geschehen, und ein anderes Verfahren wurde ihm vorgeschlagen, welches ihm einen neuen und persönlichen Beweis für das Christentum verschaffen sollte, ohne daß er gezwungen würde, die Taufe ohne die rechte Absicht zu empfangen. Chromatius war berühmt wegen der ungeheuren Anzahl von Götzenbildern, welche er besaß, und jetzt versicherte Sebastianus ihn, daß er augenblicklich wiederhergestellt sein würde, wenn er sich entschließen könne, sie alle in Stücke zu zerschlagen. Dies war eine harte Bedingung, aber er willigte ein. Sein Sohn Tiburtius hingegen tobte und raste und schwor, daß, wenn der versprochene Erfolg nicht eintreten würde, er sowohl Sebastianus wie Polycarp in einen glühenden Ofen werfen lassen würde: eine Sache, die für den Sohn des Präfekten vielleicht nicht einmal so schwer war. An einem Tage wurden zweihundert heidnische Statuen zertrümmert, sowohl diejenigen, welche sich auf dem Landsitze befanden, wie jene, welche das Haus in Rom schmückten. Die Götzenbilder wurden in der That zerstört – aber Chromatius war nicht geheilt. Man ließ den Sebastianus holen und machte ihm die bittersten Vorwürfe. Er blieb jedoch ruhig und unbeugsam. »Ich bin fest überzeugt, daß nicht alle zerstört worden sind. Irgend etwas ist der Vernichtung entzogen worden,« sagte er. Es zeigte sich, daß er recht gehabt hatte. Man hatte einige kleine Gegenstände, welche man mehr als Kunstwerke, denn als religiöse Dinge betrachtet hatte. verborgen wie Achan Buch Josuae Kap. 7. den Raub, nach welchem sein Herz stand. Man brachte sie herbei und zerschlug auch diese. Gleich darauf war Chromatius vollkommen wiederhergestellt. Nun wurde nicht allein er bekehrt, sondern auch sein Sohn Tiburtius wurde einer der gläubigsten Christen. Er starb den herrlichsten, heldenmütigsten Märtyrertod und gab einer Katakombe seinen Namen. Auch hatte er gebeten, in Rom bleiben zu dürfen, um während der bevorstehenden Christenverfolgung seinen Glaubensbrüdern beistehen und sie ermutigen zu können, wozu seine genaue Kenntnis des Palastes, sein großer Mut und seine außerordentliche Thätigkeit ihn besonders befähigten. So war er auch natürlicherweise der treue Freund und häufige Gefährte des Sebastianus und des Pancratius geworden. Nach dieser kleinen Abweichung nehmen wir den Faden der Unterhaltung zwischen Chromatius und Fabiola wieder auf. Letztere vervollständigte ihren Satz indem sie hinzufügte: »Aber weißt du auch Chromatius – doch laß uns an diesem herrlichen Plätzchen niedersitzen, wo, wie ich mich erinnere, früher ein prächtiger Bacchus stand – weißt du, daß allerhand seltsame Gerüchte über euer Thun und Treiben hier das Land durchziehen?« »Du meine Güte. Und welcher Art sind diese Gerüchte? Ich bitte dich, sage es mir!« »Nun, man erzählt, daß eine Menge Leute bei dir wohnen, welche niemand kennt; daß du keine Gäste empfängst, daß du niemanden aufsuchst, nicht mehr ausgehst; kurzum, daß ihr hier eine Art philosophischen Lebens führt und eine durchaus platonische Republik bildet.« »Fühle mich außerordentlich geschmeichelt,« unterbrach Chromatius sie mit einer Verbeugung und einem seltsamen Lächeln. »Aber das ist noch nicht alles,« fuhr Fabiola fort. »Man sagt auch noch, daß eure Tageseinteilung eine höchst unpassende, daß ihr hier keine Belustigungen mehr kennt und höchst enthaltsam lebt, daß ihr in der That hier fast verhungert.« »Aber ich hoffe, daß die Leute uns die Gerechtigkeit wiederfahren lassen hinzuzufügen, daß wir bezahlen, was wir verbrauchen?« bemerkte Chromatius lachend, »sie sagen doch wohl nicht, daß wir beim Bäcker und beim Krämer große Rechnungen haben?« »O nein,« erwiderte Fabiola lachend. »Wie gütig von den Leuten!« fiel der gutmütige, alte Richter wieder ein. »Sie – ich meine das ganze verehrte Publikum – scheint ja den liebevollsten Anteil an unseren Angelegenheiten zu nehmen. Aber ist es nicht seltsam, meine teure, junge Dame, daß so lange wie mein Haushalt in derselben ungebundenen Weise geführt wurde – wie man hier ebensoviel dummes, inhaltloses Geschwätz hörte – hier ebenso stark trank, und dieselben jugendlichen Streiche machte, wie anderswo – ich bitte dich um Verzeihung, daß ich auf solche Dinge anspielte; daß solange wie weder ich noch meine Freunde vorwurfsfrei oder mäßig waren und uns manchen Ausbruch ungebundener Lustigkeit erlaubten, niemand sich auch nur im mindesten den Kopf über uns zerbrach? Aber laßt nur ein paar Leute sich zurückziehen, um in Ruhe und Frieden zu leben, laßt sie frugal, fleißig sein, sich von öffentlichen Angelegenheiten gänzlich fern halten und niemals weder von Politik noch Gesellschaft reden – und sofort erwacht die gemeine Neugierde, welche alles wissen muß; durchaus müssen böswillige Gerüchte und häßlicher Argwohn in Umlauf gesetzt werden über die Motive und die Art und Weise ihres Lebens. Ist dies nicht eine seltsame Erscheinung?« »Das ist es in der That; aber welche Ursache kannst du dafür angeben?« »Ich kann es nur auf den Hang kleiner Seelen zurückführen, welche stets eifersüchtig auf diejenigen ihrer Nebenmenschen sind, die höhere Ziele verfolgen als sie selbst, und daher fast unbewußt alles das herabsetzen, was zu gut und zu hoch ist, als daß sie selbst danach streben könnten.« »Aber welcher Art ist eure Lebensweise hier denn in Wirklichkeit? Welchen Zweck verfolgt ihr mit derselben, mein guter Freund?« »Wir bringen unsere Zeit mit der Ausbildung unserer höheren Fähigkeiten zu. Wir stehen erschreckend früh von unseren Lagern auf – ich wage kaum dir zu erzählen, wie früh; dann weihen wir einige Stunden unseren religiösen Übungen und dann beschäftigen wir uns auf die verschiedenartigste Weise: einige lesen, andere schreiben, jene arbeiten in Park und Garten, und ich versichere dich, kein bezahlter Tagelöhner hat je so angestrengt und so gut gearbeitet wie diese zeitweiligen Ackerbauer und Gärtner. Wir vereinigen uns zu verschiedenen Zeiten und singen herrliche Gesänge miteinander, die alle nur Tugend und Reinheit atmen, wir lesen nützliche, veredelnde Bücher und empfangen Unterricht von den beredtesten Lehrern. Unsere Mahlzeiten sind in der That sehr mäßig; wir leben nur von Früchten und Gemüsen, aber ich habe bereits entdeckt, daß Lachen sich sehr gut mit Linsen verträgt, und daß gute Laune nicht immer von guter Kost abhängt.« »Was! Ihr seid ja vollständige Pythagoräer geworden! Ich glaubte, das sei längst aus der Mode. Aber das muß ein sehr sparsames System sein,« bemerkte Fabiola mit einem verständnisvollen Blick. »Ah! Du schlaues Ding!« antwortete der Richter, »du meinst also wirklich, daß dies schließlich ein sehr sparsames Verfahren sei? Das wird es aber nicht bleiben, denn wir haben einen verzweifelten Entschluß gefaßt.« »Und welcher, in aller Welt, mag der sein?« fragte die junge Dame. »Nichts geringeres als dies. Wir haben beschlossen, daß sich in unserm ganzen Bereich keine einzige arme Person mehr befinden soll. In diesem Winter wollen wir versuchen, all die Nackten zu kleiden, die Hungernden zu speisen und die Kranken zu pflegen. Dadurch werden all unsere Ersparnisse drauf gehen.« »Das ist allerdings ein sehr großmütiger aber auch ein sehr neuer Gedanke für unsere Zeit. Ohne Zweifel wird man euch für eure Mühen nach Herzenslust auslachen und euch von allen Seiten tadeln. Man würde sogar noch schlechter von euch sprechen als man es jetzt thut, wenn es möglich wäre – aber es ist nicht möglich.« »Wie denn, nicht möglich? »Zürne mir nicht, wenn ich es dir sage; aber man ist sogar schon so weit gegangen, anzudeuten, daß ihr alle möglicherweise Christen sein könntet. Aber ich versichere dich, dem habe ich stets mit der größten Entrüstung widersprochen.« Chromatius lächelte lange still vor sich hin. Dann sagte er: »weshalb ein entrüsteter Widerspruch, mein teures Kind?« »Gewiß ein entrüsteter Widerspruch, weil ich dich und Tiburtius und Nicostratus und jene arme, teure, stumme Zoe zu gut kenne, um auch nur einen Augenblick zuzugeben, daß ihr euch zu jener Mischung von Dummheit und Schurkerei bekennen könntet, welche mit diesem Namen bezeichnet wird.« »Laß mich eine Frage an dich richten. Hast du dir jemals die Mühe genommen, irgend welche christlichen Schriften zu lesen, aus welchen du entnehmen könntest, was jene verachtete Körperschaft wirklich thut und hält?« »O nein, das habe ich wahrlich nicht gethan! An solchem Geschreibsel würde ich meine Zeit nicht verlieren. Ich habe nicht einmal die Geduld, mir Kenntnisse über etwas zu verschaffen, das sie betrifft. Sie sind die geschwornen Feinde jedes intellektuellen Fortschritts, sie sind zweifelhafte Bürger, leichtgläubig bis zum äußersten, sie sanktionieren jedes verabscheuungswürdige Verbrechen – und ich verachte sie zu sehr, um mir auch nur die Gelegenheit zu irgend einer näheren Bekanntschaft mit ihnen zu gestatten.« »Nun, teure Fabiola, auch ich habe einst dieselbe Ansicht über sie gehegt, aber seit einiger Zeit habe ich meine Meinung gar sehr geändert.« »Das ist seltsam in der That, umsomehr, da du als Präfekt der Stadt doch oft genug Gelegenheit gehabt haben mußt, diese elenden Kreaturen für die beständige Übertretung unserer Gesetze zu strafen.« Eine Wolke zog über das sonst so fröhliche Gesicht des alten Mannes und eine Thräne stahl sich in sein Auge. Er dachte an den heiligen Paulus, welcher einst die Kirche Gottes verfolgt hatte. Fabiola bemerkte die Veränderung und war tief betrübt. In der liebreichsten Weise sprach sie zu ihm: »Ich fürchte, daß ich etwas sehr gedankenloses gesagt und alte Erinnerungen erweckt habe, die deinem gütigen Herzen qualvoll sein müssen. Vergieb mir, teurer Chromatius, und laß uns von etwas anderem sprechen. Ein Zweck meines Besuches war, dich zu fragen, ob du irgend jemand wissest, der sofort nach Rom abreist. Von verschiedenen Seiten habe ich von der beabsichtigten Reise meines Vaters gehört, und aus Furcht, daß er wieder thun könne, was er schon einmal gethan – nämlich fortgehen, ohne Abschied von mir zu nehmen, um mir Kummer zu ersparen – wünsche ich dringend, ihm darüber zu schreiben.« In jenen Tagen gab es keine Post, und Leute, welche Briefe absenden wollten, mußten entweder einen expressen Boten nehmen, oder irgend eine andere Gelegenheit benützen. »Ja,« antwortete Chromatius, »hier ist ein junger Mann, welcher morgen in aller Frühe abreist. Komm in die Bibliothek und schreib deinen Brief; wahrscheinlich befindet sich auch der Bote dort.« Sie kehrten in das Haus zurück und traten zur ebenen Erde in ein Zimmer, welches mit Bücherschränken und Behältern angefüllt war. An einem Tische in der Mitte des Raumes saß ein junger Mann, welcher aus einem großen Folianten abschrieb, den er zuschlug und beiseite warf, als er eine Fremde eintreten sah. »Torquatus,« sagte Chromatius, indem er sich zu ihm wandte, »diese Dame wünscht einen Brief an ihren Vater in Rom zu senden.« »Es wird mir stets eine große Freude gewähren,« antwortete der junge Mann, »der edlen Fabiola oder ihrem berühmten Vater einen Dienst zu leisten.« »Wie, du kennst sie?« fragte der Richter und legte sein unverhohlenes Erstaunen an den Tag. »Als ich noch sehr jung war, hatte ich die Ehre, wie mein Vater vor mir, im Dienste des edlen Fabius in Asien angestellt zu sein. Krankheit zwang mich, seinen Dienst zu verlassen.« Mehrere Bogen feinen Pergamentpapiers, welche augenscheinlich für die Abschrift irgend eines Buches bestimmt waren, denn sie waren sämtlich zu einer Größe geschwollen, lagen auf dem Tische. Einen derselben schob der gute, alte Mann vor die Dame, dazu Tinte und ein Röhrchen. Sie schrieb einige liebevolle Zeilen an ihren Vater. Dann faltete sie das Papier zusammen, umwickelte es mit einer Schnur, befestigte etwas Wachs an diese, und drückte ihr Siegel, welches sie aus einer gestickten Tasche nahm, auf das Wachs. Von der Absicht beseelt, den Boten eines Tages zu belohnen, wenn sie erst genau wissen würde wie , nahm sie ein zweites Stück von jenem Pergamentpapier, schrieb seine Wohnung und seinen Namen darauf und schob es sorgsam in die Brustfalten ihres Gewandes. Nachdem sie einige leichte Erfrischungen zu sich genommen hatte, stieg sie in ihren Wagen und sagte dem Chromatius ein zärtliches Lebewohl. In seinem Blicke lag etwas liebevoll väterliches, als ob er fühle, daß er sie niemals wiedersehen werde. Wenigstens ein Pfand sie es so; aber es war ein ganz anderes Gefühl, das sein Herz erweichte. Sollte sie immer bleiben, was sie war? Sollte er sie ruhig in ihrer eigensinnigen Verblendung beharren lassen? Sollten dieses großmütige Herz, dieser edle Verstand sich selbst überlassen bleiben, um in dem Schlamme des öden Heidentums weiter zu wühlen, während doch jede Empfindung, jeder Gedanke in ihnen aus starken und dennoch so seinen Fibern gebildet schien, aus denen die Wahrheit das reichste Netz zu weben vermöchte? Das konnte nicht sein. Und doch hielten ihn tausend Gründe von einem Geständnis zurück, welches sie – das fühlte er bestimmt – für den Augenblick wenigstens von jeder weiteren Annäherung an den Glauben zurückhalten würde. »Lebe wohl, mein Kind,« rief er aus, »mögest du hundertfach gesegnet sein auf eine Weise, die dir bis jetzt noch unbekannt ist.« Dann wandte er sein Angesicht ab, lies ihre Hand los und ging eilig ins Haus. Auch Fabiola war heftig erregt, sowohl durch das geheimnisvolle seines Thuns, wie durch die Zärtlichkeit, welche in seinen Worten lag. Plötzlich wurde sie dadurch erschreckt, daß Torquatus, bevor sie noch den Ausgang des Parks erreicht hatte, ihren Wagen anhielt. In diesem Augenblick fiel ihr der Unterschied zwischen dem leichten und ziemlich vertrauten, obgleich achtungsvollen Benehmen des Jünglings und dem milden, mit Fröhlichkeit gemischten Ernst des alten Expräfekten peinlich auf. »Verzeiht diese Unterbrechung, edle Dame,« sagte er, »aber liegt Euch viel daran, daß dieser Brief an Euren Vater schnell besorgt werde?« »Gewiß, ich wünsche, daß er so schnell wie möglich in seine Hände gelange.« »Dann fürchte ich, daß ich kaum imstande sein werde, Euch zu dienen. Es ist mir nur möglich, zu Fuß zu reisen oder mit zufälligen und billigen Gelegenheiten; ich werde mindestens mehrere Tage unterwegs sein.« Zögernd sagte Fabiola: »Würde ich mir eine zu große Freiheit nehmen, wenn ich mich erböte, die Kosten einer schnelleren und sicheren Reise zu tragen?« »Durchaus nicht,« antwortete Torquatos ziemlich eifrig, »wenn es mir dadurch möglich wird, Eurem edlen Hause besser zu dienen.« Fabiola reichte ihm eine schwere gefüllte Börse, welche nicht allein die Kosten der Reise, sondern auch eine reichliche Entlohnung für seine Mühe enthielt. Mit lächelnder Bereitwilligkeit nahm er sie entgegen und verschwand in einer Seitenallee des Parks. Es lag etwas in seinem Wesen, das einen höchst unangenehmen Eindruck machte; ihr kam der Gedanke, daß dieser Mensch kaum eine passende Gesellschaft für ihren lieben alten Freund sein könne. Wenn Chromatius Zeuge dieses Vorfalls gewesen wäre, so würde er in dem gierigen Erfassen des Geldbeutels eine große Ähnlichkeit mit Judas erblickt haben. Fabiola indessen bereute es nicht, durch eine Summe Geldes ein für alle Mal sich einer Verpflichtung entledigt zu haben, welche ihr dadurch, daß sie jenem Menschen die Botschaft an ihren Vater übertragen, auferlegt worden war. Sie zog daher jenes Memorandum aus den Brustfalten ihres Kleides, um es als nutzlos zu vernichten, als sie bemerkte, daß die zweite Seite des Pergamentpapiers beschrieben war; wahrscheinlich hatte der Abschreiber des Buches, welchen sie seine Arbeit hatte beiseite schieben sehen, gerade die Fortsetzung auf jenem Bogen begonnen. Nur wenige Sätze waren darauf geschrieben und sie begann dieselben zu lesen. Zum erstenmal fand sie die folgenden Worte aus einem ihr unbekannten Buche: »Ich sage euch: liebet eure Feinde, thuet Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, welche euch verfolgen und verleumden, auf daß ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der Seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse, und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.« Ev. Matth. Kap. 5, V. 44, 45. Wir können uns die Unschlüssigkeit eines indischen Bauern vorstellen, welcher in einem Strombett einen weißen, durchsichtigen Kiesel findet, rauh und glanzlos von außen, aber funkensprühend da, wo er behauen wird. Er ist nicht imstande zu bestimmen, ob er in den Besitz eines kostbaren Diamanten oder eines wertlosen Steins gekommen ist; ob es ein Ding, welches würdig ist, seinen Platz in der Krone eines Königs zu finden, oder ob es nichts anderes verdient, als von dem Fuße eines Bettlers in den Staub getreten zu werden. Soll er seiner Verlegenheit und Unschlüssigkeit ein Ende machen, indem er den Kiesel ohne weiteres von sich schleudert, oder soll er ihn zu einem Steinschleifer tragen und diesen um den Wert befragen und sich vielleicht ins Gesicht lachen lassen? Solcher Art waren die wechselnden Gefühle Fabiolas auf ihrem Wege nach Hause. »Von wem können diese Sprüche herrühren. Kaum von einem griechischen oder römischen Philosophen. Sie sind entweder sehr falsch oder sehr wahr, entweder erhabene Moral oder gemeine Niedrigkeit. Handelt irgend jemand nach diesen Doktrinen, oder ist das ganze nichts als ein prächtiges Parodoxon? Ich will meinen Kopf nicht länger über diesen Gegenstand zerbrechen. Oder eigentlich will ich Syra darum befragen; es klingt fast wie eine ihrer schönen, jedoch unausführbaren Theorien. Nein, ich will es lieber nicht thun. Sie überwältigt mich mit ihren erhabenen Lehren, welche mir so unmöglich, ihr aber so leicht und natürlich erscheinen. Mein Geist bedarf der Ruhe. Das kürzeste ist, mich von der Ursache meiner Verwirrung und Unruhe zu befreien und solche quälende Worte zu vergessen. So! jetzt übergebe ich sie den Winden. Mag sich ein anderer, der das Papier vielleicht auf der Landstraße findet, damit abmühen! Hoh, Phormio, halt an und nimm das Stück Pergament auf, welches ich soeben verloren habe!« Der Wagenlenker gehorchte, obgleich er bemerkt zu haben glaubte, daß seine Gebieterin es absichtlich fortgeworfen. Fabiola schob es in ihren Busen zurück. Da lag es wie ein Siegel auf ihrem Herzen. Denn dieses Herz war ruhig und friedvoll bis sie nach Hause kam. Achtzehntes Kapitel Versuchung Sehr früh am nächsten Morgen kam ein Maultier mit seinem Führer an die Thür der Villa des Chromatius. Es trug zwei Satteltaschen von bescheidenem Umfange, das ganze bekannte Besitztum des Torquato. Viele Freunde hatten ihr Lager verlassen, um ihm Lebewohl zu sagen und von ihm den Friedenskuß zu erhalten, ehe er abreiste. Möge er sich nicht erweisen wie jener auf Gethsemane! Einige flüsterten ihm ein gütiges, sanftes Wort ins Ohr und beschworen ihn, den Gnaden, welcher er teilhaftig geworden, treu zu bleiben; und er versprach dies ernstlich, wahrscheinlich auch in der festen Absicht, sein Versprechen zu halten. Andere, welche um seine Armut wußten, schoben ihm ein kleines Geschenk in die Hand und stehlen ihn an, seine alten Bekannten und Schlupfwinkel zu meiden. Polycarp indessen, der Leiter und Lehrer dieser Genossenschaft rief ihn auf die Seite und mit innigen Worten und strömenden Thränen beschwor er ihn, die vielleicht kleinen aber gefährlich drohenden Unregelmäßigkeiten und Ausschweifungen, welche in seinem Lebenswandel zu Tage getreten waren, zu besiegen und zu unterdrücken, die Leichtfertigkeit, welche seinem Betragen anhaftete, abzulegen, und alle christlichen Tugenden Mehr zu üben. Torquatus, ebenfalls in Thränen, versprach strengen Gehorsam, kniete nieder, küßte die Hand des guten Priesters und empfing seinen Segen; dann nahm er Empfehlungsbriefe für seine Reise von ihm in Empfang und eine kleine Summe Geldes für seine bescheidenen Ausgaben. Endlich war alles bereit; das letzte Lebewohl war gesprochen, dem letzten frommen Wunsch waren Worte gegeben, und Torquatus auf seinem Maultier sitzend, den Führer am Zügel desselben, ritt langsam die gerade Allee hinunter, welche an das Parkthor führte. Lange, nachdem alles ins Haus zurückgekehrt waren, stand Chromatius noch an der Thür und blickte ihm traurig mit thränenden Augen nach. Solch ein Blick muß es gewesen sein, den der Vater des verlorenen Sohnes seinem von dannen eilenden Kinde nachsandte. Da die Villa nicht an der großen Heerstraße lag, war dieses bescheidene, vierfüßige Beförderungsmittel gewählt worden, um ihn quer durch das Land nach Fundi (dem jetzigen Fondi), dem nächsten Orte, wo er jene erreichen konnte, zu schaffen. Dort sollte er sich des ersten besten Mittels, dessen er habhaft werden konnte, bedienen, um seine Reife fortzusetzen. Fabiolas Börse indessen hatte ihm die Sache in dieser Beziehung bedeutend erleichtert. Die Straße, welche er einschlug, war in ihrer Schönheit sehr verschiedenartig. Zuweilen wand sie sich an den Ufern des Liris dahin und war mit schönen Landhäusern und freundlichen Hütten übersäet. Dann senkte sie sich wieder an den Ausläufern der Appenninen entlang in Miniaturabgründe, war von Felsen eingeschlossen, auf denen wilder Wein, Aloen und Myrtenbäume wuchsen und werdende Ziegen wie kleine Schneeflächen glänzten, während ein kleiner Bach sich rieselnd am Pfade entlang schlängelte und sich in den wilden, prächtigen Wahn hineingearbeitet zu haben schien, daß er ein Gebirgsstrom sei; so groß war der Lärm und die Geschäftigkeit, mit welcher er sich vorwärts drängte und vorgab zu schäumen und sich zu beglückwünschen schien, daß er einen Wasserfall zu Stande gebracht habe, weil er über zwei Steine zu gleicher Zeit sprang und sich in einen Abgrund stürzte – welchen ein großes Acantusblatt verdeckt hatte. Dann trat die Straße wieder aus dem Felsen heraus und gestattete einen weiten Blick auf den großen Garten des glücklichen Campanien mit der blauen Bai von Cajeta im Hintergrunde, auf welcher die weißen Segel ihrer Barken schimmerten und in der Ferne aussahen wie Scharen hellgefiederter Wasservögel, welche sich sonnend auf einem See umherflatterten. Welcher Art waren die Gedanken des Reisenden inmitten dieser abwechselnden Scenen in einem neuen Akte des Dramas, welches er sein Leben nannte? Unterhielten sie ihn? Entzückten sie ihn? Erhoben sie ihn oder bedrückten sie ihn? Sein Auge bemerkte sie kaum. Es war weit über alles das, was vor ihm lag, fortgeschweift, hin zu den schattigen Säulengängen und lärmenden Straßen der Hauptstadt. Der staubige Garten, der künstliche Brunnen, das Marmorbad und die gemalten Hallen waren in seinen Augen weit schöner als frische, herbstliche Weingärten, krystallhelle Bäche, blaues Meer und durchsichtig-klarer Himmel. Nicht auf einen Augenblick verweilten seine Gedanken bei den bösen Thaten und gottlosen Bräuchen, dem Luxus, den Ausschweifungen, der Ruchlosigkeit, der Unehrlichkeit, den Verleumdungen, dem Verrat, der Unreinheit der Stadt – natürlich nicht! O nein! was könnte er, ein Christ, auch jemals wieder mit diesen Dingen zu thun haben? Zuweilen – wie seine Gedanken mehr und mehr abschweiften – sah er in einem dunklen Winkel der Halle in den Thermen einen Tisch, um welchen sich finstere aber eifrige Spieler gelagert hatten und würfelten; er fühlte, wie sich seiner eine zitternde Erregung bemächtigte, die er lange Zeit hindurch bemeistert hatte; aber hinter dem Tische her schienen sich ein paar milde Augen, wie jene des Polycarp, auf ihn zu richten und ihn aufzurütteln. Dann sah er sich wieder in seiner Phantasie an einem hölzernen Tische sitzen, vor ihm stand ein goldener Pokal, angefüllt mit funkelndem, rubinrotem Falernerwein; die Trunkenheit hatte alle Zungen gelöst und unzüchtiges Geschwätz ging mit dem goldenen Becher im Kreise herum. Plötzlich aber erschien ihm das mahnende Gesicht des Chromatius und seine gerunzelte Stirn schien ihm sowohl den Pokal wie das Geschwätz zu verbieten. Er kehrte ja nur in der That zu den unschuldigen Genüssen und Belustigungen der Kaiserstadt zurück, zu ihren Spazierwegen, ihrer Musik, ihren Malereien, ihrer Pracht, ihrer Schönheit. Er vergaß, daß alles dies nur dazu beitrug, die Leidenschaften einer keuchenden, lebenden Masse menschlicher Geschöpfe anzufachen und zu entflammen, ihre bösen Lüste zu erwecken, ihrem Ehrgeiz zu schmeicheln, ihre guten Entschlüsse zu vernichten, ihre Gemüter zu entnerven. Armer Jüngling! er glaubte, er würde imstande sein, durch dieses Feuer zu gehen ohne sich zu verbrennen! Arme Motte! sie glaubte durch diese Flamme flattern zu können, ohne ihre Flügel zu versengen! In dieser zerstreuten, weit abschweifenden Stimmung kam er durch ein enges, von Felsen eingeschlossenes Defilée, und als er sich am Ausgange desselben befand, sah er sich plötzlich vor einer Bucht, welche das Meer hier bildete. Und in ihrer Mitte ragte eine einsame, regungslose Klippe empor. Dieser Anblick rief ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ins Gedächtnis zurück; ob wahr, ob unwahr, das kümmerte ihn wenig. Aber er glaubte fast, den Schauplatz derselben vor sich zu sehen. Es war einmal ein kühner, junger Fischer, welcher an der Küste des südlichen Italiens lebte. An einem stürmischen, finsteren Abende fand er, daß sein Vater und seine Brüder nicht den Mut hatten, sich in ihrer schmalen, festen Schmacke hinauszuwagen. So beschloß denn er trotz aller Ermahnungen, allein in einer kleinen Nußschale, welche an das größere Fahrzeug gebunden war, ins Meer hinauszugehen. Ein frischer, starker Wind wehte, aber er Widerstand ihm in seiner winzigen, schwimmenden Barke, bis die Sonne warm und klar aufging und ihre Strahlen auf eine ruhige, klare See hinabsandte. Müdigkeit und Hitze überwältigten ihn und er schlief ein; gleich darauf weckte ihn ein lauter Schrei, welcher aus der Ferne an sein Ohr zu dringen schien. Er blickte umher und gewahrte das Boot seiner Familie, dessen Besatzung laut schrie und mit den Händen winkte, um ihn zur Umkehr zu bewegen; sie machte jedoch keine Anstrengung, um ihn zu erreichen, Was konnten sie von ihm wollen? Was beabsichtigten sie? Er ergriff die Ruder und begann mit aller Kraft ihnen zuzurudern, aber bald gewahrte er mit Bestürzung, daß das Fischerboot, dem er das Vorderteil seines Nachens zugewandt hatte, jetzt an seinem Hinterschiff lag, und gleich darauf, obschon er die Barke herumlegte, sah er es wieder an der entgegengesetzten Seite. Augenscheinlich hatte er einen Bogen gemacht, aber das Ende desselben befand sich innerhalb seines Anfangs – er beschrieb eine spiralförmige Kurve – und jetzt machte er einen zweiten und noch engeren. Ein furchtbarer Argwohn blitzte in seinem Hirn auf; er warf seine Tunika ab und arbeitete mit seinen Rudern wie ein Wahnsinniger. Aber obgleich er den Kreis hie und da ein wenig unterbrach, so beschrieb er doch fortwährend einen Bogen und kam dem Mittelpunkt desselben, in welchem er einen Trichter nach unten zischenden und schäumenden Wassers gewahrte, immer näher. Da warf er seine Ruder in Verzweiflung hin, richtete sich auf und streckte die Arme wie rasend empor. Ein Meervogel, welcher nahe an seinem Haupte laut aufkrächzte, hörte ihn aufschreien: »Charybdis«! Charybdis – ein Strudel zwischen Sicilien und Italien. Und jetzt war der Zirkel, welchen sein Nachen beschrieb, nur noch um wenige Klafter breiter als dieser selbst; er warf sich stach zu Boden, verdeckte Augen und Ohren mit den Händen und hielt den Atem an, bis er fühlte, wie das Wasser bereits über ihm rauschte und er in den Abgrund hinabgezogen wurde. »Ich möchte wissen,« sagte Torquatus zu sich selbst, »ob irgendjemand jemals auf diese Weise umgekommen ist? Oder ist es eine bloße Allegorie? – und wenn dem so ist – was bedeutet sie? Kann ein Mensch nach und nach auf diese Weise in geistigen Untergang hinabgezogen werden? Sind meine augenblicklichen Gedanken vielleicht schon ein äußerer Kreis, der mich erfaßt hat – und – mich – – « »Fundi!« rief der Maultiertreiber aus, indem er auf eine vor ihnen liegende Stadt zeigte; und gleich darauf betrat das Maultier die breiten Fliesen des Straßenpflasters. Torquatus sah seine Briefe durch und zog einen derselben hervor, welchen er für diese Stadt brauchte. Dann wies ihn sein Führer, welcher gut entlohnt wurde und sich darauf brummend und fluchend über den Geiz des Reisenden entfernte, vor ein armseliges Wirtshaus. Hier erfrug er den Weg nach dein Hause Cassianus, des Schulmeisters, fand es und übergab seinen Brief. Ihn empfing ein so herzliches Willkommen, als wäre er in seine Heimat zurückgekehrt; er nahm teil an der einfachen Mahlzeit seines Wirtes und vernahm während desselben die Geschichte des Gastgebers. Ein Eingeborener von Fundi, hatte er eine Schule in Rom gegründet, deren Bekanntschaft wir bereits im Anfange unserer Erzählung gemacht haben. Er hatte einen außerordentlichen Erfolg gehabt. Als er jedoch eine Christenverfolgung nahe bevorstehend und sich selbst als Christen entdeckt sah, hatte er anderweitig über seine Schule verfügt und war in seine kleine Vaterstadt zurückgekehrt, in welcher die hervorragendsten und wohlhabendsten Bewohner versprochen hatten, ihm nach den Ferien ihre Kinder zum Unterricht anzuvertrauen. In einem Christen sah er nur einen Bruder; und deshalb sprach er stets frei und ohne Rückhalt von seinen früheren Erlebnissen und Aussichten für die Zukunft mit ihm. Ein seltsamer Gedanke, daß die Kenntnis von diesen Dingen eines Tages zu Golde gemacht werden könne, durchzuckte Torquatus' Hirn. Es war noch früh, als Torquatus sich verabschiedete und indem er vorgab, noch verschiedene Geschäfte in der Stadt zu haben, wollte er seinem Wirt nicht gestatten, ihn zu begleiten. Er kaufte sich einen feineren Anzug, ging in das beste Gasthaus und bestellte einen Postillon mit zwei schnellen Pferden; denn um Fabiolas Auftrag auszuführen, war es notwendig, schnell zu reiten, die Pferde auf jeder Station zu wechseln und die ganze Nacht hindurch zu reisen. Dies that er auch, bis er Bovillae an den Ausläufern der albanischen Hügel erreichte. Hier ruhte er aus, wechselte seinen Reiseanzug und ritt fröhlich jene Gräberstraße entlang, welche ihn an die Thore der Stadt führte, innerhalb deren Mauern mehr Gutes und mehr Böses zu finden war, als in irgend einer Provinz des Kaiserreichs. Neunzehntes Kapitel Gefallen Torquatus, welcher jetzt vornehm gekleidet war, begab sich sofort nach dem Hause des Fabius, übergab den Brief, beantwortete alle Fragen, und nahm, ohne daß es einer sehr dringenden Aufforderung bedurft hätte, eine Einladung für die Abendmahlzeit an. Dann ging er, um eine anständige Wohnung zu suchen, deren Preis dem jetzigen Zustande seines Geldbeutels entsprach. Eine solche war auch bald gefunden. Wie wir bereits erwähnt haben, begleitete Fabius seine Tochter niemals auf das Land und besuchte sie dort auch nur selten. Das Faktum war, daß er keine Vorliebe für grüne Felder und rieselnde Bäche hatte; sein Geschmack neigte sich mehr dem Geschwätz und der leichtfertigen Gesellschaft von Nom zu. Während des ganzen Jahres legte die Gegenwart seiner Tochter seinem Freiheitsgefühl den größten Zwang auf; doch sobald sie mit ihrem ganzen Haushalt nach Campanien gegangen war, spielten sich in seinem Hause Scenen ab, welche unerhört waren, und er beherbergte Gäste, welche er mit seiner Tochter niemals in Berührung gebracht haben würde. Männer, die ein ausschweifendes Leben führten, saßen an seinem Tische; und Trinkgelage, welche bis zum frühen Morgen dauerten, unterbrochen durch hohes Spiel und schlüpfrige Gespräche, folgten gewöhnlich auf seine prächtigen Feste. Da er Torquatus eingeladen hatte, mit ihm zu Abend zu essen, ging er aus, um Gäste zu suchen, welche ihn unterhalten sollten. Bald fand er einen Schub Schmarotzer, welche an den Orten, die er gewöhnlich aufsuchte, umherschlenderten und bereit waren, eine Einladung anzunehmen. Als er jedoch von den Bädern des Titus nach Hause zurückging, erblickte er in einem kleinen, einen Tempel umgebenden Hain, zwei Männer, welche in ein ernstes Gespräch vertieft waren. Nachdem er sie einen Moment angeblickt hatte, schritt er auf sie zu; in einiger Entfernung von ihnen hielt er jedoch inne, um auf eine Pause in ihrer Unterhaltung zu warten, die ungefähr folgendermaßen lautete: »An der Nachricht ist also kein Zweifel?« »Durchaus keiner. Es ist ganz sicher, daß das Volk in Nicomedia aufständisch geworden ist und die Kirche – so nennen sie es nämlich – der Christen verbrannt hat; diese lag in nächster Nähe des Palastes und war von dort aus sichtbar. Mein Vater hat es heute Morgen von dem Sekretär des Kaisers selbst gehört.« »Was ist über diese Narren gekommen, daß sie hingingen und einen Tempel an einem der größten und ansehnlichsten Plätze der Metropole bauten? Sie müssen doch gewußt haben, daß früher oder später der religiöse Sinn der Nation sich gegen sie empören und den Dorn im Auge zerstören würde, welcher jede Ausübung und jedes äußere Zeichen einer dem Reiche fremden Religion doch notwendigerweise sein muß.« »Gewiß, auch mein Vater sagt, daß wenn diese Christen nur einen Funken von Verstand hätten, sie ihre Köpfe verstecken und sich in entlegenen Winkeln verkriechen würden, nachdem sie eine Zeitlang von den edelsten und humansten aller Fürsten toleriert worden sind. Da es ihnen aber nicht einfällt, dies zu thun, sondern sie Tempel an öffentlichen Plätzen bauen, anstatt sich in abgelegenen Gäßchen zu versammeln, wie sie es früher zu thun pflegten, so habe ich meinerseits kein Erbarmen mit ihnen. Man kann möglicherweise Berühmtheit – und vielleicht auch einen Gewinn erlangen, wenn man diese abscheulichen Menschen zu Tode hetzt und sie, wenn sich die Gelegenheit bietet, vernichtet.« »Nun, sei es so. Aber kommen wir zum Ziel. Es ist also zwischen uns abgemacht, daß, wenn wir unter den Reichen – welche allerdings nicht zu mächtig sein dürfen – Christen entdecken können, wir zu gleichen Teilen davon profitieren werden. Wir werden einander helfen. Du schlägst kühne und rohe Mittel vor. Ich werde nach meinem eigenen Ermessen handeln. Aber jeder wird den ganzen Profit von denen haben, die er entdeckt, und seinen gerechten Anteil an denen, gegen die wir gemeinsam vorgehen. Ist dem nicht so?« »Genau so.« Jetzt trat Fabius mit einem herzlichen: »Wie geht es dir, Fulvius?« an die beiden Sprechenden heran. »Ich habe dich seit einem Menschenalter nicht gesehen. Komm und speise mit mir zu Abend; ich habe Freunde eingeladen, und ich hoffe, daß auch dein Freund – Corvinus, wie ich vermute – (der genannte junge Mann machte eine ungeschickte Verbeugung) dich begleiten wird.« »Ich danke dir herzlich,« antwortete Fulvius, »aber ich bedaure, daß ich bereits eine andere Einladung angenommen habe.« »Unsinn, Mensch,« sagte der gutmütige Fabius, »es ist niemand mehr in der Stadt, mit dem du möglicherweise zu Abend essen könntest, ausgenommen mit mir. Oder ist die Pest in meinem Hause, daß du dich nicht mehr hinein gewagt hast seit jenem Tage, an dem du zusammen mit Sebastianus bei mir speistest und dann mit ihm in Zank gerietst? Oder ist irgend ein Zauber an dir verübt worden, der dich vertrieben hat?« Fulvius wurde totenbleich und zog Fabius beiseite. »Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so ist mir allerdings etwas derartiges zugestoßen.« »Ich hoffe,« antwortete Fabius ein wenig bestürzt, »daß die schwarze Hexe dir nicht einen ihrer Streiche gespielt hat. Ich wünschte von ganzem Herzen, daß sie erst aus dem Hause wäre. Aber komm,« fuhr er in der fröhlichsten Laune fort, »ich glaube wirklich, daß ein ganz anderer Zauber dich an jenem Abende gefangen gehalten habe. Ja, ja, ich habe die Augen offen, weit offen. Ich bemerkte wohl, daß du dein Herz an meine kleine Verwandte Agnes gehängt hattest.« Fulvius starrte ihn in großer Bestürzung an. Nach einer Pause entgegnete er: »Und wenn dem so gewesen wäre, so bemerkte ich noch zu rechter Zeit, daß deine Tochter fest entschlossen war, nichts Gutes daraus entstehen zu lassen.« »Was du da sagst! Das erklärt also deine beharrliche Weigerung, jemals wieder zu mir zu kommen. Aber Fabiola ist eine Philosophin und versteht gar nichts von solchen Dingen. Ich wünschte in der That, daß sie endlich ihre Bücher aufgäbe und daran dächte, sich zu verheiraten, anstatt auch noch andere Leute daran zu hindern. Ich kann dir jedoch etwas besseres, angenehmeres mitteilen, als das: Agnes ist dir eben so sehr zugethan wie du ihr.« »Ist es möglich? Wie hast du das erfahren?« »Nun, so will ich dir denn mitteilen, was ich dir längst erzählt haben würde, wenn du mir nicht so scheu ausgewichen wärst. Sie selbst hat es mir an jenem Tage anvertraut.« » Dir anvertraut?« »Ja, mir anvertraut! Deine Juwelen haben dir ihr ganzes Herz gewonnen. Das hat sie mir geradezu gesagt. Ich wußte, daß sie nur dich meinen könne. In der That, ich bin überzeugt , daß sie dich meinte.« Fulvius glaubte, es sei von den kostbaren Juwelen, welche er zur Schau trug, die Rede, während der gutmütige Fabius von jenen Edelsteinen sprach, welche der junge Mann, wie er glaubte, Agnes zum Geschenk gemacht habe. Trotz ihres Ernstes und ihrer Zurückhaltung, dachte Fulvius, sei sie also doch nur ein leicht errungener Preis. Hier lagen Rang und Vermögen offen vor ihm, wenn er nur seine Karten geschickt ausspielte. Da störte Fabius ihn in seinen Träumereien und sagte: »Komm jetzt, du brauchst dein Anliegen nur mutig vorzutragen und ich versichere dich, du wirst den Sieg erringen, was Fabiola auch denken mag. Augenblicklich hast du übrigens nichts von ihr zu fürchten. Sie und ihre ganze Dienerschaft sind abwesend. Der Teil des Hauses, welchen sie bewohnt, ist verschlossen, und wir treten durch die Hinterthür in den lustigeren Teil der Wohnung.« »Ich werde nicht unterlassen, zu dir zu kommen,« antwortete Fulvius. »Und Corvinus mit dir,« fügte Fabius hinzu, indem er sich zum Gehen wandte. Wir wollen von dem Bankett nichts weiter sagen, als daß die teuersten und seltensten Weine im Überfluß strömten; daß alle Gäste mehr oder weniger erhitzt und aufgeregt wurden. Fulvius war der einzige, welcher einen klaren Kopf behielt. Das Gespräch aber kam ans die Nachrichten aus dem Osten. Auf den Brand der Kirche in Nicodemia waren absichtlich angelegte Feuersbrünste im kaiserlichen Palaste gefolgt. Es herrschte kein Zweifel darüber, daß der Kaiser Galerius ihr Anstifter gewesen; er aber wälzte den Verdacht auf die Christen, und so bewog er den widerstrebenden Diokletian, ihr wütendster Verfolger zu werden. Jedermann begann einzusehen, daß, bevor noch einige Monate verflossen, ein kaiserliches Edikt erscheinen würde, welches befahl, das Werk der Zerstörung zu beginnen. Und dieser Befehl mußte in Rom einen bereitwilligen Exekutor an Maximian finden. Der größere Teil der Gäste war wie gewöhnlich geneigt, das getroffene Wild zu durchbohren und aufzuspießen. Denn Großmut zu gunsten derer, welche die allgemeine Stimme des Volkes verdammt, verlangt einen Grad von Mut, welcher zu heldenhaft ist, als daß er allgemein sein könnte. Selbst die Freisinnigsten erfanden Gründe, weshalb man für die Christen durchaus keine Rücksichten walten lassen dürfe. Der eine konnte ihr geheimnisvolles Treiben nicht dulden; den anderen ärgerte die mutmaßliche Ausbreitung, welche sie gewannen; dieser Mann glaubte, daß sie dem wahren Ruhm und Glanz des Kaiserreichs entgegenstrebten; jener hielt sie für ein fremdes Element, welches durchaus ausgerottet werden müsse. Der eine hielt ihre Lehren für abscheulich, der andere ihre Sitten für infam. Während dieser ganzen Debatte – wenn man es überhaupt so nennen konnte, da beide Parteien zu demselben Schlusse kamen, hatte Fulvius seine bösen Blicke von einem der Gäste zum anderen schweifen lassen, bis sie endlich auf Torquatus haften blieben. Der Jüngling enthielt sich jeder Einrede, aber sein Antlitz ward abwechselnd leichenfahl und purpurrot. Der Wein hatte ihm unvorsichtigen, raschen Mut gemacht, welcher bis jetzt jedoch noch durch einen festen Vorsatz niedergehalten wurde. Nun aber ballte er die Faust und preßte sie auf sein Herz, dann biß er sich auf die Lippen. Einen Augenblick zerbröckelte er das Brot krampfhaft zwischen den Fingern, gleich darauf stürzte er fast mechanisch einen Becher Wein hinunter. »Diese Christen hassen uns und würden uns alle vernichten, wenn sie könnten,« sagte jetzt einer. Torquatus lehnte sich über den Tisch, öffnete die Lippen zum Sprechen und ermannte sich wieder. »Uns vernichten! In der That! Haben sie nicht Rom unter Nero in Asche gelegt und haben sie jetzt nicht den Palast in Asien über des Kaisers Kopf angezündet?« fragte ein zweiter. Torquatus richtete sich auf seinem Lager empor, streckte die Hand aus, als wolle er etwas darauf entgegnen – und zog sie wieder zurück. »Aber was noch unendlich viel schlimmer ist, sie huldigen solchen antisocialen Doktrinen, daß sie die furchtbarsten Excesse geduldig mit ansehen und sich soweit erniedrigen, daß sie einen ekelhaften Eselskopf anbeten,« fuhr ein dritter fort. Torquatus wand und krümmte sich; er sprang auf und hob gerade den Arm, als Fulvius mit kühler Berechnung des Augenblicks und der Worte mit bitterem Sarkasmus hinzufügte: »Ja, und sie erwürgen ein Kind und verzehren sein Fleisch und sein Blut bei jeder ihrer Versammlungen.« Der Begriff der Heiden vom heiligen Abendmahl. Mit einem Schlage, der jeden Becher und jeden Pokal auf der Tafel erzittern und klingen machte, ließ Torquatus die Faust auf den Tisch fallen und rief mit erstickter Stimme aus: »Es ist eine Lüge! eine verfluchte Lüge!« »Wie kannst du das wissen?« rief Fulvius mit sanfter Stimme, indem er einen milden Blick auf den Jüngling heftete. »Weil,« schrie der andere in der heftigsten Erregung, »weil ich selbst ein Christ und bereit bin, für meinen Glauben zu sterben!« Wenn die herrliche Alabasterstatue mit dem Kopfe aus Bronze, welche in der Nische neben der Tafel stand, herabgefallen und auf den Marmorboden in tausend Stücke zerschellt wäre, so hätte es keine fürchterlichere Sensation hervorrufen können als dieses plötzliche Geständnis. Für einen Augenblick herrschte sprachlose Bestürzung. Dann folgte eine vollständige Pause, und darauf begannen die Empfindungen eines jeden sich in seinen Gesichtszügen zu malen. Fabius sah außerordentlich albern aus, als sei er sich bewußt, seine Gäste in schlechte Gesellschaft gebracht zu haben. Calpurnius schnaubte und blähte sich auf; augenscheinlich hielt er es für den größten Beweis von Nichtachtung gegen sich, daß man einen Gast eingeladen hatte, von welchem die Dummen möglicherweise glauben könnten , daß er mehr über die Christen wissen könne, als er selbst. Ein junger Mann riß den Mund auf und starrte Torquatus an; und ein mürrischer, alter Herr war offenbar unschlüssig, ob er nicht den einen oder den andern zu Boden schlagen solle, ganz gleichgültig wen. Corvinus sah den armen Christen mit jenem halb wilden, halb blödsinnigen Wonnegrinsen an, mit welchem der Landmann die Ratten und Mäuse ansieht, welche sich während der Nacht in der Falle gefangen haben. Hier war also ein Mann zur Hand, den er, sobald es ihm gefiel, auf die Folter spannen oder auf den Rost legen lassen konnte. Aber Fulvius' Aussehen übertraf alle anderen! Wenn ein mit dem Mikroskop Beobachtender jemals Gelegenheit gehabt hat, den Ausdruck einer Spinne zu gewahren, wenn sie nach langem Fasten eine Fliege erblickt, welche feist von dem Blute, das sie anderen ausgesogen hat, sich ihrem Netze nähert – wie sie jeden ihrer Flügelschläge bewacht und ausklügelt, wie sie ihren ersten Faden um sie werfen soll, damit die fette Beute ihr eigen wird – so hat er das beste Bild von Fulvius' Aussehen, sicherlich das treffendste Konterfei seiner Gefühle. Einen Christen zu erwischen, welcher bereit sein würde, zum Verräter zu werden – das war seit langer Zeit schon der Gegenstand seines Wünschens und seines Strebens. Dies hier war ein solcher, dessen war er gewiß, wenn es ihm nur gelang, ihn richtig zu gebrauchen. Wie er dies wissen konnte? Weil er genug von den Christen wußte, um überzeugt zu sein, daß kein echter, aufrichtiger Bekehrter sich gestattet haben würde, bis zum Übermaß zu trinken oder mit seiner Bereitwilligkeit zu prahlen, als Märtyrer sterben zu wollen. Die Gesellschaft erhob sich. Jedermann entfernte sich von dem entlarvten Christen, als sei er ein mit der Pest Behafteter. Er fühlte sich unglücklich und verlassen, als Fulvius, welcher dem Fabius und dem Corvinus ein paar Worte zugeflüstert hatte sich ihm näherte und ihn freundlich bei der Hand nehmend sagte: »Ich fürchte, daß ich sehr rücksichtslos sprach, als ich dir eine Erklärung entlockte, welche sich möglicherweise als sehr gefährlich erweisen kann.« »Ich fürchte nichts,« entgegnete Torquatus wiederum in heftiger Erregung. »Ich werde bis zum letzten Augenblick der Fahne treu bleiben.« »Still! Still!« fiel Fulvius hier ein, »selbst die Sklaven könnten dich verraten. Komm mit mir in ein andres Zimmer, wo wir ruhig miteinander reden können.« Mit diesen Worten führte er ihn in ein prächtiges Gemach, in welches Fabius Flaschen und Becher des feurigsten Falerner Weins für jene hatte bringen lassen, welche nach römischer Sitte ein comissatio oder Trinkgelage liebten. Jedoch nur Corvinus, von Fulvius aufgefordert, folgte ihnen in diesen Raum. Auf einem Tische von kunstvoll eingelegter Arbeit lagen Würfel. Nachdem er den Torquatus noch weiter zum trinken gezwungen, nahm Fulvius dieselben nachlässig auf, warf sie wie spielend hin und sprach inzwischen von den gleichgültigsten Dingen. »Du meine Güte!« rief er dann aus, »welch ein Wurf! Ein wahres Glück, daß ich mit niemand spiele! Ich wäre sonst zu Grunde gerichtet! Versuch du's, Torquatus!« – Wie wir schon früher gehört haben, war das Spiel Torquatus' Ruin gewesen. Wegen eines Handels, welcher aus demselben entstanden, hatte er sich im Gefängnis befunden, als Sebastianus ihn bekehrte. Als er die Würfel in die Hand nahm – ohne Absicht zu spielen, wie er selbst glaubte – beobachtete Fulvius ihn wie ein Luchs seine Beute. Torquatus' Auge flammte begierig auf, seine Lippen verzogen sich krampfhaft, seine Hände zitterten. Fulvius erkannte in all diesem, zusammen mit der Stellung der Hand, der geschickten Bewegung des Handgelenks, dem scharfen Auge, welches augenblicklich den Wert des Wurfes ermaß sofort die Macht einer ersten Versuchung, sich einem abgeschworenen Laster von neuem zu ergeben. »Ich fürchte, du bist bei dieser dummen Beschäftigung nicht viel geschickter als ich selbst,« sagte er gleichgültig. »Aber ich glaube, daß Corvinus es mit dir wagen wird, wenn du um einen sehr niedrigen Einsatz spielen willst.« »Er muß aber in der That sehr niedrig sein – nur um der Unterhaltung willen, denn ich habe dem Spiel gänzlich entsagt. Früher freilich – doch das gehört nicht hierher.« »Komm also,« sagte Corvinus, welchen Fulvius durch einen Blick zu dieser Beschäftigung zwang. Sie begannen um außerordentlich niedrige Einsätze zu würfeln, und gewöhnlich gewann Torquatus. Fulvius zwang ihn noch immer zu trinken und nach und nach wurde er sehr redselig. »Corvinus – Corvinus –« sagte er endlich, als wolle er in seiner Erinnerung suchen, »war denn das nicht der Name, welchen Cassianus mir nannte?« »Wer?« fragte der andere erstaunt. »Ja, ja, das war's,« fuhr Torquatus mit sich selbst sprechend fort – »dieser Renommist, dieser ungeschliffene Bursche! Warst du nicht der Mensch,« fragte er zu Corvinus aufblickend, »der jenen liebenswerten christlichen Knaben, den Pancratius, schlug?« Corvinus war im Begriff zornig zu werden; aber Fulvius hielt ihn durch eine Gebärde zurück und sagte rechtzeitig vermittelnd: »Jener Cassianus, dessen du erwähntest, ist ein ausgezeichneter Lehrer; bitte, sag mir doch, wo er sich jetzt aufhält?« Fulvius war schlau genug, um zu wissen, daß sein Gefährte hierüber gern Gewißheit erlangen wollte, und auf diese Weise beruhigte er ihn! Torquatus entgegnete: »Er wohnt – laß mich nachdenken – nein, nein. Ich will nicht zum Verräter werden. Nein, ich bin bereit, mich für meinen Glauben foltern und verbrennen zu lassen – ich will für ihn sterben; aber ich will niemanden verraten – nein, das will ich nicht!« »Laß mich deinen Platz einnehmen, Corvinus,« sagte Fulvius, welcher sehr wohl bemerkte, daß Torquatus' Interesse am Spiel sich steigerte. Er zeigte hinreichende Geschicklichkeit, um seinen Gegner noch vorsichtiger und aufmerksamer zu machen. Dann legte er einen etwas höheren Einsatz auf den Tisch. Nach einem Augenblick der Überlegung setzte Torquatus ebenso hoch. Er gewann. Fulvius schien ärgerlich. Torquatus warf beide Einsätze auf den Tisch zurück. Jetzt zögerte Fulvius anscheinend, setzte jedoch einen ebenso hohen Betrag aus und verlor wieder. Dann spielten sie schweigend weiter. Jeder verlor und gewann; aber Fulvius blieb fortwährend im Vorteil, denn er war der ruhigere von beiden. Einmal blickte Torquatus auf und schrak zusammen. Er glaubte den frommen Priester Polycarp hinter dem Stuhl seines Gegners zu erblicken. Er rieb sich die Augen und sah dann, daß es nur Corvinus war, welcher ihn anstarrte. Jetzt zeigte er all seine Geschicklichkeit. Das Gewissen war zur Ruhe verwiesen; der Glaube geriet ins Schwanken: die Gnade hatte sich bereits von ihm abgewandt. Denn der Dämon der Habgier, der Gewaltthätigkeit, der Unehrlichkeit war zurückgekehrt und hatte in jene gereinigte, aber schlecht bewachte Seele sieben Geister gelegt, die schlimmer waren als er selbst; und als sie sich dieser armen Seele bemächtigten, entfloh alles, was heilig und gut war aus derselben. Endlich, nachdem wiederholte Verluste und der übermäßige Genuß des Weins ihn in eine Art von Wut gebracht hatten, und er bereits mehrere Mal größere Summen aus dem schweren Beutel, welchen Fabiola ihm gegeben, entnommen hatte, warf er diesen selbst auf den Tisch. Fulvius öffnete ihn ruhig, leerte ihn aus, zählte das Geld und legte einen ebenso großen Haufen Goldes auf den Tisch. Jeder bereitete sich auf den endgültigen Wurf vor. Die verhängnisvollen Würfel fielen; jeder zählte schweigend die Augen. Fulvius zog die Goldhaufen zu sich heran. Torquatus ließ den Kopf auf den Tisch sinken und begrub ihn in beiden Händen. Dann gab Fulvius dem Corvinus ein Zeichen, das Gemach zu verlassen. Torquatus stampfte mit dem Fuße; dann seufzte er, knirschte mit den Zähnen und murrte. Er fuhr mit den Fingern in sein dichtes Haar, und begann es zu zerren und zu raufen. Eine Stimme flüsterte dicht an seinem Ohr: »Bist du ein Christ?« Welcher der sieben Geister war es? Gewiß der furchtbarste! »Es ist hoffnungslos,« fuhr die Stimme fort, »du hast deine Religion geschändet und du hast sie verraten.« »Nein, nein!« stöhnte der Unglückliche in Verzweiflung. »Ja! In deiner Trunkenheit hast du uns alles gesagt. Genug, wenigstens, um es dir unmöglich zu machen, jemals zu denen zurückkehren zu können, welche du so schändlich verraten hast.« »Hebe dich hinweg! Hebe dich hinweg,« rief der gemarterte Sünder in flehendem Tone aus. »Sie werden mir trotzdem noch vergeben, denn Gott –« »Schweig! Nenne nicht seinen Namen! Du bist erniedrigt – du bist meineidig – du bist hoffnungslos verloren. Du bist ein Bettler. Morgen mußt du von Haus zu Haus gehen und dein Brot erbetteln. Du bist ein Ausgestoßener, ein ruinierter Verschwender, ein Spieler. Wer wird dich jemals wieder ansehen? Vielleicht deine christlichen Freunde? Und trotzdem du ein Christ bist , und ein grausamer Tod dich dafür in Stücke reißen wird, so werden sie dich nicht ehren als einen ihrer Märtyrer. Du bist ein Heuchler, Torquatus – und weiter nichts!« »Wer ist's, der mich so fürchterlich quält?« rief er aus und blickte auf. Fulvius stand mit verschränkten Armen neben ihm. »Und wenn dies alles wahr wäre, was kümmert es dich? Was hast du mir sonst noch zu sagen?« fuhr er fort. »Viel mehr als du denkst. Du hast dich durch deinen Verrat vollständig in meine Macht begeben. Ich bin Herr deines Geldes (hier zeigte er ihm Fabiolas Geldbörse), Herr deines Rufs, deines Friedens – deines Lebens. Ich brauche nur deine Mitchristen wissen zu lassen, was du gethan, was du gesagt hast, was du heute Abend gewesen bist – und du darfst ihnen niemals wieder vor Augen kommen. Ich brauche nur jenen »Renommisten«, jenen »ungeschliffenen Burschen«, wie du ihn genannt hast, der aber der Sohn des Präfekten dieser Stadt ist, gegen dich loszulassen – außer mir vermag niemand ihn nach solch einer Herausforderung zurückzuhalten – und morgen stehst du vor dem Tribunal seines Vaters, um für die Religion, welche du entehrt und geschändet hast, zu sterben. Du, der du taumelst und schwankst, du trunkner Spieler, bist du jetzt noch bereit, dein Christentum vor dem Richterstuhl auf dem Forum zu bekennen?« Der Gefallene hatte nicht den Mut, dem Beispiel des verlorenen Sohnes in der Reue zu folgen, wie er es in der Sünde befolgt hatte. Die Hoffnung war in ihm gestorben; denn er war in sein größtes Laster zurück verfallen – und fühlte kaum Gewissensbisse. Er verhielt sich schweigend, bis Fulvius ihn durch die Frage aufrüttelte: »Nun, hast du gewählt? Willst du zu den Christen zurückkehren mit dem heutigen Abend auf deinem Gewissen – oder gehst du morgen vor Gericht? Triff deine Wahl!« Torquatus erhob den Blick zu ihm; alles Licht schien in seinen Augen erloschen, dann antwortete er mit matter Stimme: »Ich wähle keins von beiden.« Nun, und was willst du sonst thun?« fragte Fulvius, indem er ihn mit einem seiner Falkenblicke beherrschte. »Was du willst,« sagte Torquatus, »nur von jenen beiden Dingen keins.« Fulvius ließ sich neben ihm nieder und sagte mit leiser und beruhigender Stimme: »Hör jetzt auf mich, Torquatus. Thu, was ich dir sage, und alles kann noch wieder gut werden. Wenn du thust, was ich dir befehle, so sollst du ein Haus und Verpflegung und Kleidung und Geld zum spielen haben.« »Und was befiehlst du mir?« »Steh morgen um die gewöhnliche Zeit auf; setze dein christliches Gesicht auf; geh unbefangen zwischen deinen Freunden umher; thu, als sei gar nichts vorgefallen; aber beantworte all meine Fragen und sag nur alles.« Torquatus stöhnte: »Ein Verräter! Nichts als ein Verräter!« »Nenne es wie du willst; das oder der Tod! Ja, ein zollweiser Tod. Ich höre, wie Corvinus ungeduldig im Hofe hin- und hergeht. Schnell! Was wählst du?« »Nicht den Tod! Alles, nur das nicht!« Fulvius trat hinaus und fand seinen Freund, der vor Wut und Trunkenheit tobte. Es war ein schweres Werk, ihn wieder zu beruhigen. Über spätere Nachbegierde hatte Corvinus den Cassianus fast vergessen gehabt, aber jetzt war all sein alter Haß erwacht und er dürstete nach Rache. Fulvius versprach ihm, ausfindig zu machen, wo er wohne, und bediente sich dieses Mittels, um sich des Aufschubs irgend welcher heftigen und sofortigen Maßregeln zu versichern. Nachdem er Corvinus zürnend und grollend nach Hause gesandt hatte, kehrte er zu Torquatus zurück, den er zu begleiten wünschte, um sich über seine Wohnung zu vergewissern. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als sein Opfer sich von dem Stuhl erhob und versuchte, seine Sinne durch Auf- und Abgehen zu beruhigen und seine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Aber es war umsonst; es schwindelte ihm, Dank seiner Unmäßigkeit und der darauf folgenden Aufregung. Das Gemach schien sich mit ihm im Kreise zu drehen und sich auf und ab zu senken; er fühlte sich krank und sein Herz klopfte fast hörbar. Schau:, Gewissensbisse, Selbstverachtung, Haß gegen seine Verderber und gegen sich selbst, die Vereinsamung des Ausgestoßenen, die düstere Verzweiflung des Verdammten: dies alles rauschte, schwarzen Wogen gleich, durch seine Seele und abwechselnd gewann jede dieser trostlosen Empfindungen die Oberhand. Unfähig, sich noch länger auf den Füßen zu halten, warf er sich mit dem Gesicht auf ein seidenes Ruhebett, begrub seine glühende Stirn in die eiskalten Hände und stöhnte laut. Aber noch immer drehte sich alles wie im Wirbel mit ihm und er glaubte, ununterbrochenes Wimmern und Klagen in seiner Nähe zu vernehmen. In diesem Zustande fand ihn Fulvius und berührte seine Schultern um ihn aufzurütteln. Torquatus schauderte und krampfartiges Zucken durchflog seinen Körper. Dann rief er aus: »Kann dies die Charybdis sein?« Zweiter Teil. Kampf. Erstes Kapitel Diogenes Die Scenen, welche wir bis jetzt unserem Leser vorgeführt haben, fielen in die Zeit eines jener unsicheren Waffenstillstände, die man nicht Frieden nennen kann und welche die Pause zwischen einer Christenverfolgung und der darauffolgenden ausfüllte. Schon haben Kriegsgerüchte unseren Pfad gekreuzt, und das Brandzeichen ist überall aufgepflanzt, das Gebrüll der Löwen in der Nähe des Amphitheaters, durch welches Sebastianus überrascht, aber nicht erschreckt wurde – die Gerüchte aus dem Osten – die Winke des Fulvius und die Drohungen des Corvinus: alles hat uns dieselbe Nachricht gebracht, daß die Schrecken der Christenverfolgung binnen kurzem wieder erstehen werden, und daß das Blut der Christen fließen muß, fließen in einem volleren und edleren Strom, als er bis jetzt das Paradies des »Neuen Bundes« bespült hat. Die Kirche, immer ruhig und vorsichtig, kann die vielen Zeichen eines drohenden Kampfes nicht nachlässig übersehen und muß Vorbereitungen treffen, ihm zu begegnen. Von dem Augenblick an, wo sie im Ernst beginnt, sich zu rüsten, datieren wir den zweiten Teil unserer Erzählung. Es ist der Anfang des Kampfes. Es war gegen Ende Oktober, als man einen jungen Mann, welcher uns nicht unbekannt ist, fest in seinen Mantel gewickelt – denn es war sehr rauh und kalt und düster – seinen Weg durch die engen Gassen und Gäßchen in jenem Distrikt suchen sah, welchen man Suburra nannte; eine Gegend, deren genaue Ausdehnung und Lage noch heute ein Gegenstand des Streites ist, welche jedoch in der nächsten Nähe des Forums lag. Da das Laster nur zu oft ein Begleiter der Armut ist, so fanden diese beiden hier ein gemeinsames Asyl. Pancratius schien in diesem Teil der Stadt nicht sehr heimisch; er machte unterschiedliche verkehrte Wendungen, bis er endlich die Straße fand, welche er suchte. Trotzdem war das Haus, welches er suchte – die Häuser trugen keine Nummern an den Thüren – ein ungelöstes Rätsel, wenngleich kein ganz unlösbares. Er blickte umher, um das sauberste Gebäude in der Straße zu finden, und da ihm die Reinlichkeit und das ordentliche Aussehen eines Hauses vor allen anderen auffiel, so trat er an dasselbe heran und klopfte mutig an dessen Thür. Ein alter Mann, Diogenes, dessen in unserer Erzählung bereits Erwähnung gethan wurde, öffnete ihm das Thor. Er war groß und breitschultrig, als sei er daran gewöhnt, große Lasten zu tragen, die ihm jedoch den Rücken vorzeitig gebeugt hatten. Sein Haar war silberweiß und wallte zu den Seiten eines massiven Kopfes herab; sein Antlitz trug scharf markierte, melancholische Züge, und obgleich der Ausdruck desselben ruhig war, so zeigte es doch den Stempel einer unendlichen Traurigkeit. Er sah aus wie einer, der viel unter Toten gelebt hatte und sich in ihrer Gesellschaft am glücklichsten fühlte. Seine beiden Söhne, Majus und Severus, schöne, athletisch gebaute Jünglinge, waren bei ihm. Ersterer war damit beschäftigt, ein kunstloses Epitaph auf eine alte Marmorplatte zu gravieren oder vielmehr zu kratzen, deren Rückseite noch die Spuren einer heidnischen Grabschrift trug, welche der jetzige Besitzer oberflächlich auszulöschen versucht hatte. Pancratius sah die Arbeit an und lächelte. Kaum ein einziges Wort war richtig geschrieben, noch war der kleinste Satz korrekt. Hier führen wir sie an: DE BIANOBA POLLECLA QUE ORDEV BENDET DE BIANOBA De via nova – Pollecla, quae horodeum vendit ds via nova. »Aus der neuen Straße. Pollecla, welche Gerste in der neuen Straße verkauft.« Gefunden auf dem Cömeterium des Callistus. Der zweite Sohn machte eine ungeschickte Zeichnung, auf welcher man sah, wie Jonas vom Walfisch verschlungen und Lazarus von den Toten auferweckt wurde; beide waren in der herkömmlichen Weise mit schwarzer Kreide auf ein Brett gezeichnet, eine Skizze, die augenscheinlich für ein dauerhafteres Gemälde an einem anderen Orte ausgeführt worden. Außerdem war ersichtlich, daß der alte Diogenes gerade damit beschäftigt gewesen, einen neuen Stiel für eine alte Axt herzurichten, als das Klopfen ihn in seiner Arbeit gestört hatte. Diese verschiedenen Beschäftigungen der Mitglieder einer und derselben Familie würden einen Besucher von heutzutage vielleicht in Erstaunen versetzt haben; unseren jungen Freund überraschten sie durchaus gar nicht; er wußte sehr wohl, daß die Familie zu dem ehrenwerten und frommen Handwerke der Fossorses oder Totengräber auf den christlichen Begräbnisplätzen gehörte. In der That war Diogenes das Haupt und der Vorsteher dieser Brüderschaft. In Übereinstimmung mit der Versicherung eines unbekannten Schriftstellers, eines Zeitgenossen des heiligen Hieronymus, haben einige neuere Altertumsforscher die Fossorses für einen niederen geistlichen Orden der alten Kirche gehalten, gleich den lectores oder Vorlesern. Aber obgleich diese Ansicht unhaltbar, ist es außerordentlich wahrscheinlich, daß die Pflichten dieses Amtes den Händen von Personen anvertraut waren, welche von einer kirchlichen Autorität eingesetzt und anerkannt wurden. Das gleichmäßige System, welches im graben, ordnen und belegen der zahlreichen Begräbnisplätze um Rom befolgt wurde, ein System, welches von allem Anfang an so vollkommen war, daß es im Laufe der Zeit gar keine positiven Zeichen von Veränderung oder Verbesserung hinterlassen hat, giebt uns alle Ursache zu schließen, daß diese bewundernswerten und ehrwürdigen Arbeiten unter einer Leitung und wahrscheinlich unter derjenigen einer Brüderschaft, welche sich zu diesem Zwecke gebildet hatte, ausgeführt wurden. Es war nicht eine Begräbnisplatz- oder Nekropolisgesellschaft, welche eine Spekulation daraus machte, die Toten zu begraben, sondern eine fromme und anerkannte Brüderschaft, welche sich zu diesem Zwecke verbunden hatte. Eine Reihe von interessanten Inschriften, welche auf dem Cömeterium der heiligen Agnes gefunden wurden, giebt Zeugnis davon, daß das Gewerbe der Fossores in besonderen Familien erblich war, da Großvater, Vater und Söhne es an demselben Orte ausgeführt hatten. Wir können daher die große Geschicklichkeit und Übereinstimmung in der Ausführung der Arbeiten in den Katakomben begreifen. Aber die Fossores hatten augenscheinlich ein höheres Amt oder sogar eine Art von Gerichtsbarkeit in jener unterirdischen Welt. Obgleich die Kirche dafür sorgte, daß jedes ihrer Kinder einen Begräbnisplatz fand, so war es doch natürlich, daß einige für ihre Grabstätte eine Entschädigung zahlen mußten, wenn dieselben einen besonders begehrten Platz, wie es zum Beispiel die Nähe eines Märtyrergrabes war, wählten. Jene Totengräber hatten die Führung solcher Transaktionen, deren man in alten Cömeterien noch häufig Erwähnung gethan findet. Folgende Inschrift wird auf dem Kapitol bewahrt: EMPTU LOCUM AB ARTEMISIUM VISOMVM HOC EST ET PRAETIUM DATUM FOSSORI HILARO IDEST FOL NOOD PRAESENTIA SEVERI FOSS ET LAVRENTI. Emptus locus ab Artemiso bisomus hic est, et pretium datum fossori Hilaro, id est follos ... in praesentia Severi Fossoris et Laurentii. Das heißt: »Das ist das Grab für zwei Tote, gekauft von Artemisius, und der Preis wurde dem Totengräber Hilarus gezahlt – dieser ist... Beutel – Der Preis ist unglücklicherweise unleserlich. in Gegenwart von Severus, dem Fossor und Laurentius.« Möglicherweise war der Zuletztgenannte der Zeuge auf des Käufers Seite und Severus auf jener des Verkäufers. Wie dem auch sein mag, so glauben wir, daß wir dem Leser alles, was über die Profession des Diogenes und seiner Söhne bekannt ist, gesagt haben. Wir verließen den Pancratius im höchsten Grade belustigt über Majus' ungeschickte Versuche in der Steinschneidekunst. Gleich darauf wandte er sich ihm zu und sprach: »Führst du diese Versuche stets selbst aus?« »O nein,« entgegnete der Künstler, indem er aufblickte und lächelte, »ich mache sie nur für arme Leute, welche nicht die Mittel haben, einen geschickteren Arbeiter zu bezahlen. Diese hier war eine gute Frau, welche einen kleinen Laden in der Vianova hatte, und Ihr mögt glauben, daß sie nicht reich geworden ist, besonders da sie ehrlich war. Und doch kam mir ein seltsamer Gedanke, als ich ihr Epitaph einschnitt.« »Laß mich ihn hören, Majus.« »Nun, ich dachte, daß vielleicht nach vielen tausend Jahren oder noch später, Christen mit Andacht meine armselige Kritzelei an der Wand lesen und von der armen, alten Pollecla und ihrem Gerstenstand mit Interesse hören könnten, während nicht eine einzige prächtige Grabschrift jener Kaiser, welche die Kirche verfolgten, gelesen oder auch nur mehr bekannt sein wird.« »Nein, ich kann mir doch kaum vorstellen, daß die prächtigen Mausoleen der Herrscher vollständig in Trümmer sinken und der Vergessenheit anheimfallen werden, während das Gedächtnis einer armen Händlerin durch jenen rohen Stein noch nach Jahrtausenden fortleben wird. – Aber sag mir was gab dir jenen Gedanken?« »Das ist sehr einfach. Ich möchte der Nachwelt lieber das Andenken an die frommen Armen als an die bösen Reichen und Großen erhalten. Und meine einfache Gedenktafel wird vielleicht noch gelesen, wenn alle Triumphbogen unseres Reiches zerstört sind. Sie ist aber schrecklich geschrieben, nicht wahr?« »Laß dich das nicht kümmern. Ihre Einfachheit ist mehr wert, als die schönste Schrift. Was für eine Platte ist das, die dort an die Wand gelehnt steht?« »Ach, das ist eine wunderschöne Inschrift, die man uns zum Aufstellen gebracht hat. Ihr werdet sehen, der Schreiber und der Steinschneider waren nicht ein und dieselbe Person. Sie soll nach dem Cömeterium bei der Villa der edlen Agnes gebracht werden, am Wege von Numantia. Ich glaube, sie ist zum Gedächtnis eines süßen Kindes, dessen Tod von seinen tugendhaften Eltern tief empfunden wird.« Pancratius nahm ein Licht, ging an die Platte und las folgendes: »Der unschuldige Knabe Dionysius ruht hier unter den Heiligen. Vergiß uns nicht in deinen heiligen Gebeten. Der Schreiber und der Steinschneider.« »Teures, glückliches Kind!« fuhr Pancratius fort, als er die Inschrift gelesen hatte, »schließ auch mich, den Leser, mit dem Schreiber und dem Steinschneider deiner Grabschrift in dein heiliges Gebet ein.« »Amen!« sagte die fromme Familie. Ein eigentümlicher heiserer Laut in Diogenes' Stimme ließ Pancratius sich umkehren und jetzt gewahrte er, wie der alte Mann mit Anstrengung versuchte, das Ende eines kleinen Keils, welchen er in das obere Ende des Stiels der Axt getrieben hatte, damit dieser fest am Eisen hafte, abzuschneiden. Aber jeden Augenblick schien irgend etwas die Klarheit seines Blickes zu trüben, und er fuhr sich fortwährend mit dem Rücken seiner rauhen, gebräunten Hand über die Augen. »Was ist's, mein guter, alter Freund?« fragte der Jüngling freundlich. »Weshalb ergreift dich die Grabschrift des jungen Dionysius so ganz besonders?« »Sie ergreift mich nicht um ihrer selbst willen, aber sie erinnert mich an so vieles, das vergangen ist und regt so vieles an, was noch geschehen kann, daß ich fast zittre, wenn ich an beides denke.« »Und welcher Art sind deine trüben Gedanken, Diogenes?« »Nun, seht Ihr, es ist eine einfache Sache, ein gutes Kind wie Dionysius, das in seine einbalsamierte Leinewand gehüllt ist und nach Weihrauch duftet, in seine Arme zu nehmen und in sein kleines Grab zu legen. Seine Eltern mögen weinen, aber sein Übergang vom Leid zur Freude war leicht und süß. Aber es ist etwas ganz anderes und erfordert ein Herz wie meins, das durch die lange Übung so hart geworden ist (hier, strich er wiederum mit der Hand über die Augen), wenn man in aller Eile das zerrissene Fleisch und die gebrochenen Glieder eines anderen Jünglings zusammenraffen, sie schnell in ihr Leichentuch hüllen, sie dann in ein anderes Tuch voll Kalk, anstatt in ein balsamduftendes Bahrtuch wickeln und dann jäh in ihr Grab werfen muß. In dem Cömeterium der heiligen Agnes hat man in Gräbern Kalkstücke gefunden, in welchen ganze Körperteile abgemodelt erschienen, mit dem Abdruck eines feinen Linnens auf der Innenseite, eines gröberen auf der Außenseite. In Bezug auf Balsam und Spezereien bemerkt Tertullian, daß die Araber und Sabäer wohl wüßten, daß die Christen davon für ihre Toten in einem Jahre mehr gebrauchten, als die ganze heidnische Welt für ihre Götter. O wie ganz anders möchte man die Leiche eines Märtyrers behandeln!« »Das ist wahr, Diogenes, aber ein tapferer Kämpfer zieht das einfache Soldatengrab auf dem Schlachtfelde dem kostbar gemeißelten Sarkophag auf der Via Appia vor. Aber sind denn solche Dinge, wie du sie soeben beschrieben, in den Zeiten der Verfolgungen häufig?« »Sie sind durchaus nicht ungewöhnlich, mein guter, junger Gebieter. Ich bin gewiß, daß ein frommer Jüngling wie Ihr, das Grab des Restitutus in dem Cömeterium des Hermes an seinem Todestage besucht hat.« »In der That habe ich das gethan, und ich muß gestehen, daß ich ihn oft fast um sein frühes Märtyrertum beneidet habe. Hast du ihn begraben?« »Ja, und seine Eltern ließen ihm ein prächtiges Denkmal errichten, das arcosolium seiner Krypte. Dieser Ausdruck wird später erklärt. Mein Vater und ich machten es aus sechs Marmorplatten, welche wir in aller Eile zusammengetragen hatten, und ich grub die Inschrift, welche jetzt daneben steht. Ich glaube, daß ich ein besserer Steinschneider war als Majus dort,« fügte der alte Mann hinzu, welcher jetzt seine alte Heiterkeit wiedergewonnen hatte. »Das will nicht viel bedeuten, guter Vater,« entgegnete sein Sohn ebenfalls lächelnd, »aber hier ist die Kopie jener Inschrift, die du gemacht,« fügte er hinzu, indem er ein Pergament aus einem ganzen Haufen Papiere hervorzog. »Ich erinnere mich ihrer vollkommen,« sagte Pancratius, indem er sie durchflog; dann las er sie laut und verbesserte die Fehler der Orthographie, wenn auch nicht die der Grammatik. AELIO FABIO RESTVTO FILIO PIISSIMO PARI N TES FECERVNT QVIVI XIT ANNI . S XVIII MENS VII INIRENE. »Dem Aelius Fabius Restitutus, ihrem frömmsten Sohne, errichteten seine Eltern dieses Grab. Welcher achtzehn Jahre und sieben Monate lebte. In Frieden.« Aelio Fabio Restituto, filio piissimo, parentes fecerunt. Qui vixit annis XVIII mensibus VII. In irene. Er fuhr fort: »Welch ein herrlicher Jüngling, daß er sich schon in so jungen Jahren zu Christus bekannt hat!« »Ohne Zweifel,« erwiderte der alte Mann, »aber ich vermute, daß Ihr stets geglaubt habt, sein Körper ruhe allein in dieser Grabstätte. Der Inschrift nach muß jedermann dies glauben.« »Gewiß habe ich dies immer vermutet. Verhält es sich denn nicht so?« »Nein, edler Pancratius, er hat einen Gefährten, der jünger ist als er selbst und mit ihm die letzte Ruhestätte teilt. Als wir das Grab des Restitutus schlossen, brachte man uns die Leiche eines Knaben, der nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein mochte. O! ich werde jenen Anblick niemals vergessen! Er hatte auf dem Rost gelegen, und sein Kopf, der Leib, kurz alle Glieder bis zu den Knieen hinab waren fast bis auf die Knochen verbrannt, und so entstellt war er, daß man seine Züge nicht mehr zu erkennen vermochte. Armer, kleiner Bursche! Wie muß er gelitten haben! Aber weshalb sollte ich ihn bemitleiden? Nun, wir hatten also keine Zeit zu verlieren und meinten, daß der achtzehnjährige Jüngling seinem kleinen zwölfjährigen Mitkämpfer die Ruhestätte neben sich wohl gönnen und ihn wie einen jüngeren Bruder betrachten würde. So legten wir ihn zu Füßen des Aelius Fabius nieder. Aber wir hatten kein zweites Blutfläschchen, das wir an der Außenseite hätten anbringen können, damit man das Grab eines zweiten Märtyrers daran erkannt hätte; denn das Feuer der Folter hatte alles Blut in seinen Adern ausgetrocknet.« Am 22. April 1823 wurde dies Grab unverletzt aufgefunden. Als es geöffnet wurde, fand man das Knochengerippe, welches der Größe eines achtzehnjährigen Jünglings entsprach, weiß, rein und glänzend wie poliertes Elfenbein. Zu seinen Häupten stand das Fläschchen mit Blut. Mit dem Kopf zu seinen Füßen lag das Skelett eines Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, dessen Kopf und Körper bis hinab zu den Hüftknochen schwarz und verkohlt war, während es von da bis zu den Füßen nach und nach wieder heller wurde. Die beiden Toten ruhen reich gekleidet nebeneinander unter dem Altar des Jesuitenkollegium zu Loreto. »Welch ein edler Knabe! Wenn der erstere älter, so war der zweite jünger als ich. Was meinst du Diogenes, hältst du es nicht für möglich, daß du dieselbe Pflicht auch eines Tages an mir vollziehen mußt?« »O nein, das hoffe ich nicht,« sagte der alte Totengräber, dessen Stimme abermals seltsam heiser wurde. »Ich flehe Euch an, denkt auch nicht im entferntesten an eine solche Möglichkeit. Gewiß wird meine Stunde früher schlagen als die Eure! Wie sollte man denn die alten Bäume schonen und die jungen Pflanzen vernichten!« »Komm, komm, mein guter Alter, ich will dich nicht betrüben. Fast hätte ich vergessen, dir die Botschaft zu überbringen, um deretwillen ich gekommen bin. Du sollst nämlich morgen um Tagesanbruch nach meiner Mutter Haus kommen, damit wir mit dir über die Anordnung der Cömeterien sprechen, deren wir während des uns bevorstehenden Kampfes bedürfen werden. Unser heiliger Vater wird da sein, mit ihm die Priester der Titel, die Diakone der Regionen, die Notare, deren Anzahl verdoppelt worden, und du, der erste Fossor , damit alle in Übereinstimmung handeln können.« »Ich werde kommen, Pancratius,« antwortete Diogenes. »Und jetzt,« fuhr der Jüngling fort, »habe ich dich noch um eine Gunst zu bitten.« »Eine Gunst von mir?« fragte der alte Mann ganz erstaunt. »Ja. Wie ich vermute, wirst du unverzüglich mit deiner Arbeit beginnen müssen. Nun, wie oft ich auch zum Zwecke der Andacht unsere heiligen Cömeterien besuchte, so habe ich sie doch niemals genau durchforscht und untersucht; und dies möchte ich nun gern mit dir thun, der du sie so genau kennst.« »Nichts könnte mir größere Freude gewähren,« antwortete Diogenes, welchem dieses Kompliment gewissermaßen schmeichelte, und dem diese Liebe zu etwas, das er selbst so sehr liebte, von Herzen wohl that. »Wenn ich meine Instruktionen bekommen habe, werde ich mich sofort nach dem Cömeterium des Callistus begeben. Erwartet mich eine halbe Stunde vor Mittag vor der Porta Capena und wir wollen zusammen hinausgehen.« »Aber ich werde nicht allein kommen,« fuhr Pancratius fort. »Zwei Jünglinge, welche vor kurzem erst getauft sind, wünschen so sehr unsere Cömeterien kennen zu lernen; bis jetzt sind sie ihnen noch fremd! und sie haben mich dringend gebeten, sie hinein zu führen.« »Eure Freunde werden mir stets willkommen sein. Aber wie heißen sie? Damit wir keinen Irrtum begehen.« »Einer ist Tiburtius, der Sohn des Chromatius, welcher früher Präfekt dieser Stadt war; der andere ist ein junger Mann Namens Torquatus.« Severus schrak leicht zusammen und sagte! »Torquatus – seid Ihr seiner ganz sicher, Pancratius?« Diogenes verwies ihm dies, indem er sagte: »Daß er in Pancratius' Begleitung zu uns kommt, ist Sicherheit genug.« »Ich gebe zu,« unterbrach sie der Jüngling, »daß ich nicht ganz so viel von ihm weiß wie von Tiburtius, der in Wahrheit ein tapferer edler Jüngling ist. Torquatus ist indessen sehr begierig, all unsere Angelegenheiten und unsere Interessen näher kennen zu lernen und scheint sehr ernst und tief in das Christentum eindringen zu wollen. Was läßt dich fürchten, Severus?« »Nur eine Kleinigkeit in der That. Indessen als ich heute Morgen in aller Frühe nach den Grabstätten hinaus ging, trat ich in die Bäder des Antonius.« Bekannter unter dem Namen: »Bäder des Caracalla.« »Was!« unterbrach ihn lachend Pancratius, »suchst du solche modischen Orte auf?« »Nicht gerade das,« antwortete der ehrliche Künstler, »aber Ihr wißt vielleicht nicht, daß Cucumio, der Capsarius Capsarius, derjenige, welcher die Kleider der Badenden zu verwahren hatte, von capsa = Kasten, Truhe, Schrank. und sein Weib ebenfalls Christen sind?« »Ist es möglich?« »Ja, so ist es. Und überdies bereiten sie sich ihr eigenes Grab im Cömeterium des Callistus, und ich hatte ihnen zu dem Zwecke Majus' Inschrift zu zeigen.« »Hier ist sie,« sagte der Genannte und zeigte das folgende: CVCVMIO ET VICTORIA SE VIVOS FECERVNT CAPSARARIVS DE ANTONINIANAS »Cucumio und Victoria machten es für sich selbst, während sie lebten. Capsarius von Antonius (Bädern).« – Gefunden in dem Cömeterium des Callistus. Fälschlich schrieb Marchi sie dem Cömeterium des Prätextatus zu. »Ausgezeichnet!« rief Pancratius aus, auf das höchste durch die Fehler auf dem Epitaph ergötzt, »aber wir vergessen den Torquatus.« »Als ich also in das Gebäude trat,« sagte Severus, »war ich nicht wenig erstaunt, zu so früher Stunde in einem Winkel Torquatus in vertrautem Gespräch mit dem Sohn des gegenwärtigen Präfekten, Corvinus, dem angeblichen Krüppel zu erblicken, welcher sich in das Haus der edlen Agnes geschlichen hatte, erinnert Ihr Euch dessen?, als ein Unbekannter – Gott segne ihn! – in seiner Barmherzigkeit reiche Almosen für die Armen gestiftet hatte. Für einen Christen keine gute Gesellschaft, dachte ich, und noch obendrein zu solcher Stunde.« »Du sprichst wahr, Severus,« erwiderte Pancratius tief errötend, »aber er ist noch so jung im Glauben, und wahrscheinlich wissen seine früheren Kameraden nichts von seiner Bekehrung. Wir wollen das Beste hoffen.« Die beiden jungen Männer erboten sich, Pancratius zu begleiten, welcher sich jetzt erhoben hatte, um Abschied zu nehmen. Sie wollten ihn sicher durch die ärmliche und verwahrloste Gegend führen. Mit Freude nahm er ihr höfliches Anerbieten an und wünschte dem alten Totengräber herzlich gute Nacht. Zweites Kapitel Die Cömeterien M. ANTONI VS. RESTVTV S. FECIT. YPO GEVSIBI. ET SVIS. FIDENTI BVS. IN. DOMINO »Marcus Antonius Restitutus machte dieses unterirdische Gewölbe für sich und seine Familie, welche auf den Herrn vertrauen.« – Kürzlich gefunden in dem Cömeterium der Heiligen Nereus und Achilleus. M. Antonius Restitutus fecit hypogeum sibi et suis, fidentibus in Domino. Es scheint uns fast, als hätten wir Einer vergessen, mit deren Gedanken und Charakter wir diese kleine Erzählung begannen, nämlich der frommen Lucina. Ihre Tugenden waren in der That von jener stillen, unaufdringlichen Art, die sich wenig dazu eignet in der Öffentlichkeit zu erscheinen oder an allgemeinen Angelegenheiten teilzunehmen. Ihr Haus, welches ein Titel oder eine Pfarrkirche war, oder dieselbe vielmehr umschloß, war jetzt auch noch dadurch geehrt, daß es den Papst beherbergte. Das Herannahen einer gewaltigen Verfolgung, in welcher die Herrscher im geistigen Reiche Christi als Feinde des Kaisers zum ersten Opfer auserkoren sein würden, hatte es nötig gemacht, den Oberhirten der Kirche aus seiner gewöhnlichen Behausung zu entfernen und dieselbe in ein sicheres Asyl zu verlegen. Zu diesem Zwecke wurde Lucinas Haus gewählt. Und während dieses und des darauffolgenden Pontificats fuhr es zu ihrer großen Freude fort, die Residenz des Kirchenfürsten zu bleiben, bis befohlen wurde, die wilden Bestien nach dort zu bringen, damit Papst Marcellus sie zu Hause füttern könne. Diese schändliche Strafe verursachte seinen Tod. Lucina, welche schon mit vierzig Jahren in den Orden der Diakonissinnen – sonst waren sechzig Jahre das Alter, mit dem Frauen in demselben Aufnahme fanden, und nur zu ihren Gunsten war die seltene Ausnahme gemacht worden – getreten war, fand in den Pflichten ihres Amtes vollauf Beschäftigung. Die Aufsicht und Überwachung der Frauen in der Kirche, die Sorge für die Armen und Kranken ihres eigenen Geschlechts, die Anfertigung und Instandhaltung der heiligen Gewänder und des Linnens für den Altar, der Unterricht der Kinder, die Vorbereitung der weiblichen Neubekehrten auf das Sakrament der heiligen Taufe: dies alles war das Amt der Diakonissinnen und gab ihnen im Verein mit ihren häuslichen Verrichtungen vollauf Beschäftigung. Und in der Ausübung dieser verschiedenartigen Pflichten floß Lucinas Leben ruhig dahin. Den Hauptzweck desselben schien sie erreicht zu haben. Ihr Sohn hatte sein Dasein Gott geweiht und lebte, stets bereit, sein Blut für den Glauben zu vergießen. Ihn zu behüten, für ihn zu beten war ihre Wonne; das schien ihr keine Mühe. Früh am Morgen des bestimmten Tages fand die Zusammenkunft statt, welcher im letzten Kapitel erwähnt wurde. Es wird genügen, wenn wir sagen, daß bei derselben vollkommene Instruktionen gegeben wurden in Bezug auf umfangreichere Einsammlung von Almosen, welche dazu verwendet werden sollten, die Cömeterien zu erweitern, die Toten zu begraben, denen zu helfen, welche durch die Verfolgung gezwungen würden sich zu verbergen, Gefangene zu verpflegen, Zutritt zu ihnen zu erwirken und schließlich die Leiber der Märtyrer einzulösen oder wieder zu erlangen. Für jede Region wurde ein Notar ernannt, welcher ihre Geschichten schreiben und interessante Begebenheiten aufzeichnen sollte. Die Kardinäle oder Titularpriester bekamen Instruktionen in Bezug auf die Austeilung der Sakramente, besonders der heiligen Eucharistie, während der Verfolgung; jedem wurden mehrere Cömeterien anvertraut, in deren unterirdischer Kirche er die heiligen Geheimnisse zu feiern hatte. Der Papst wählte den des Callistus, ein Umstand, welcher den Diogenes, den ersten Totengräber desselben, mit nicht geringem, aber sehr unschuldigem Stolz erfüllte. Diesen guten, alten Mann schienen die aufregenden Vorboten einer bevorstehenden Verfolgung mehr anzuregen als traurig zu machen. Kein kommandierender Ingenieuroffizier unserer Tage hätte seine Befehle für die Verteidigung einer befestigten Stadt, welche er durch seine Geschicklichkeit und Klugheit erretten sollte, frischer und klarer und deutlicher geben können, als er die seinen den ihm untergebenen Wächtern der verschiedenen Cömeterien um Rom erteilte, welche er nach seinem eigenen Hause bestellt hatte, um ihnen die Beschlüsse der hohen Versammlung mitzuteilen. Der Schatten des Sonnenzeigers an Porta Capena zeigte auf Mittag, als er mit seinen Söhnen durch das Thor trat und die drei jungen Männer dort bereits wartend fand. Zu Zweien gingen sie die Via appia entlang; als sie ungefähr eine halbe Meile vom Thor Jetzt Sankt Sebastian. Die alte Porta Capena lag beinahe eine englische Meile weiter nach der Stadt hin als das jetzige Thor. entfernt waren, gingen sie auf besonderen Wegen, indem sie um verschiedene Gräber, welche an der Straße lagen, schlichen, in ein und dieselbe Villa zur rechten Seite. Hier fanden sie alle Requisiten zu einem Abstieg in die unterirdischen Cömeterien, wie da sind Kerzen, Laternen und die nötigen Werkzeuge, um Licht zu schaffen. Severus schlug vor, daß man sich in Paare teilen sollte, da die Zahl der Führer und der Fremden gleich groß war; bei der Teilung nahm er dann Torquatus für sich selbst in Beschlag. Welchen Grund er hierfür hatte, können wir leicht begreifen. Ohne Zweifel würde es unsere Leser ermüden, wenn wir der ganzen Unterhaltung der Gesellschaft folgen wollten. Diogenes beantwortete nicht allein alle Fragen, welche man an ihn richtete, sondern er gab auch von Zeit zu Zeit sehr kluge, kurze Aufklärungen über solche Gegenstände, die er für besonders anziehend hielt. Aber wir glauben, daß es unsere Freunde mehr fesseln und belehren wird, wenn wir den ganzen Inhalt jener Unterhaltung in eine gedrängtere erzählende Form zusammenfassen. Und überdies werden sie ja auch den Wunsch hegen, etwas über die spätere Geschichte jener wunderbaren Gräber zu hören, in welche wir unsere jugendlichen Pilger geführt haben. Die Geschichte der ersten christlichen Begräbnisstätten, der Katakomben, wie sie gewöhnlich genannt werden, kann in drei Abteilungen zerfallen: von ihrem Anfang bis zur Periode unserer Erzählung oder einige Jahre später; von diesem Zeitpunkt bis zum achten Jahrhundert; und dann bis herab auf unsere Zeit, wo wir Ursache haben zu hoffen, daß eine neue Epoche beginnen wird. Im allgemeinen haben wir es vermieden, den Ausdruck »Katakomben« zu gebrauchen, weil es unseren Leser zu dem irrigen Glauben verleiten könnte, daß dies der ursprüngliche oder Gattungsname dieser ersten christlichen Krypten gewesen. So verhält es sich indessen nicht. Rom war gewissermaßen von einer Umschanzung von Cömeterien, sechzig oder siebzig an der Zahl, umgeben; jeder derselben war allgemein bekannt unter dem Namen eines oder mehrerer Heiligen, deren Leiber dort ruhten. So haben wir die Cömeterien des heiligen Nereus und Achilles, der heiligen Agnes, des heiligen Pancratius, des Praetextatus, der Priscilla, des Hermes u. s. w. – Zuweilen wurden diese Cömeterien auch nach dem Namen der Plätze benannt, an welchen sie lagen, wie z. B. Ad Nymphas; Ad ursum pileatum; Inter duas lauros, Ad Sextum Philippi u. s. w. Das Cömeterium des heiligen Sebastianus, welches zuweilen auch Coemeterium ad Sanctam Caeciliam (Cömeterium der heiligen Cäcilie) und anders genannt wurde, bezeichnete man auch hier und da mit dem Namen Ad Catacumbas. Das Wort ist wahrscheinlich aus einer griechischen Präposition und einem lateinischen Zeitwort gebildet. Die Bedeutung dieses Wortes ist vollständig unbekannt, obgleich man sie möglicherweise dem Umstande zuschreiben kann, daß die Überreste des heiligen Petrus und des heiligen Paulus während einiger Zeit dort begraben waren, und zwar in einer Krypta, welche noch heute ganz in der Nähe existiert. Dieser Ausdruck wurde der Name jenes besonderen Cömeteriums und ward dann allgemein, bis wir das ganze System dieser unterirdischen Gräber Katakomben nannten. Ihr Ursprung war während des letzten Jahrhunderts der Gegenstand heftiger Kontroversen. Indem sie sich auf zwei oder drei vage und verschiedene Deutungen zulassende Textstellen beriefen, erklärten einige gelehrte Schriftsteller, daß die Katakomben ursprünglich heidnische Abgrabungen gewesen seien, welche zu dem Zwecke gemacht worden, um Sand für den Bau der Stadt zu gewinnen. Diese Sandgruben wurden arenaria genannt, und mit diesem Worte bezeichnet man auch zuweilen die christlichen Begräbnisstätten. Aber eine genauere und wissenschaftlichere Untersuchung und Prüfung, welche der gewissenhafte F. Marchi eigens zu diesem Zwecke angestellt hat, warf jene Theorie vollständig über den Haufen. Der Eingang zu den Katakomben fand oft, wie man noch heutzutage sehen kann, durch diese Sandgruben, welche sich ebenfalls unter der Erde befinden, statt und ohne Zweifel bildeten sie einen passenden Deckmantel für die Cömeterien. Aber verschiedene Umstände beweisen, daß sie weder jemals als christliche Begräbnisplätze gebraucht noch in christliche Cömeterien umgewandelt wurden. Der Mann, welcher den Sand aus der Erde graben will, wird seine Grube so nahe wie möglich an der Oberfläche anlegen, wird den leichtesten Zugang schaffen, um das Material hinauf zu befördern, und wird sie so groß und weit anlegen wie es sich nur irgend mit der Sicherheit der Überdachung und dem Vorhandensein dessen, was er sucht, verträgt. Und all diese Bedingungen finden wir erfüllt in den » arenaria « welche sich noch heutigen Tags in großer Anzahl in der Umgegend von Rom finden. Die Katakomben jedoch sind nach ganz entgegengesetzten Grundsätzen konstruiert. Die Katakombe senkt sich sofort, gewöhnlich durch eine Anzahl steiler Stufen, unter die Schicht losen und bröcklichten Sandes in jene hinab, welche sich zu der Härte eines weichen aber konsistenten Gesteins verdichtet hat, und auf deren Oberfläche jeder Streich der Axt noch heute sichtbar ist. Wenn man diese Tiefe erreicht hat, befindet man sich im ersten Stockwerk des Cömeteriums; denn man steigt wiederum auf Stufen in das zweite und dritte hinunter, und alle sind nach demselben Grundsatze angelegt. Eine Katakombe läßt sich in drei Abteilungen zerlegen, in ihre Gänge oder Straßen, ihre Kammern oder Plätze und in ihre Kirchen. Die Gänge sind lange, enge Galerien, welche mit leidlicher Regelmäßigkeit ausgehauen sind, so daß Decke und Boden mit den Seiten rechte Winkel bilden, oft so eng, daß kaum zwei Personen nebeneinander gehen können. Oft laufen sie eine bedeutende Strecke geradeaus, aber sie werden von anderen durchkreuzt und diese wiederum von anderen, so daß sie ein vollständiges Labyrinth oder Netzwerk von unterirdischen Gängen bilden. Es könnte leicht verhängnisvoll werden, wenn man sich darin verirrte. Aber man darf nicht glauben, daß diese Gänge nur angelegt sind, um durch sie an einen anderen Ort zu gelangen. Sie selbst sind die Katakombe oder das Cömeterium. Die Mauern sowohl wie die Seiten der Treppen enthalten Zellen oder Gräber, das heißt Reihen von Aushöhlungen, große und kleine, von genügender Länge um einen menschlichen Körper aufnehmen zu können, vom kleinen Kinde an bis zum ausgewachsenen Manne, welche mit der Seite gegen die Mauer gelegt wurden. Zuweilen findet man vierzehn, zuweilen nur drei oder vier dieser Reihen übereinander. Sie sind augenscheinlich so genau dem Maße des Körpers angepaßt, daß anzunehmen ist, dieser habe neben dem Grabe gelegen während dieses gemacht wurde. Wenn, wie wir von Diogenes gehört haben, der in Linnen gehüllte Tote in seine enge Zelle gelegt wurde, schloß man dieselbe hermetisch, entweder durch eine Marmorplatte oder häufiger noch durch mehrere breite Fliesen, deren Kanten in eine Rinne oder Furche geschoben wurden, welche man vorher in das Gestein geschnitten. Dann wurde die Außenseite mit Cement überstrichen. Die Inschrift wurde in den Marmor gegraben oder in den noch feuchten Mörtel geritzt. Von den Marmorplatten sind tausende gesammelt; man sieht sie in den Kirchen und Museen; die letzteren sind vielfach kopiert und veröffentlicht; aber bei weitem die größere Anzahl von Gräbern ist namenlos und unbekannt, keine Inschrift ist auf ihnen sichtbar. Und jetzt kann der Leser mit Recht fragen, in welche Periode fällt die Zeit der Begräbnisse in den Katakomben, und wie kann man ihren Anfang und ihr Ende bestimmen? Wir wollen versuchen, seine Frage so schnell und kurz wie möglich zu beantworten. Es finden sich nirgends Beweise dafür, daß die Christen schon vor der Konstruktion der Katakomben ihre Toten irgendwo begraben hätten. Zwei Grundsätze, so alt wie das Christentum selbst, bedingen diese Art der Bestattung. Der erste ist die Art von Christi Grablegung. Er wurde in ein Grab in einer Höhle gelegt, in Linnen gehüllt, mit köstlichen Spezereien einbalsamiert. Ein großer Stein schloß Sein Grab. Da der heilige Paulus Ihn so oft als das Vorbild unserer Auferstehung nennt und davon redet, daß wir in der Taufe mit Ihm begraben sind, so war es natürlich, daß Seine Jünger begraben zu sein wünschten wie er, damit sie wie Er auferstehen könnten. Dieses Liegen und Warten auf die Auferstehung war der zweite Gedanke, welcher die Anlegung dieser Grabstätten leitete. Jeder Ausdruck, welcher auf sie Bezug hatte, sprach von der Auferstehung. Das Wort »begraben« ist unbekannt auf den christlichen Inschriften, »In Frieden beigesetzt« ist der am meisten gebrauchte Ausdruck. Das bedeutet, daß die Toten dort nur für die Zeit niedergelegt sind, bis sie wieder gerufen werden; wie ein Pfand, ein wertes Besitztum, welches in treue aber nur zeitweise Hut gegeben worden ist. Sogar der Name » coemetario « bezeichnet nur, daß es ein Ort ist, wo viele liegen, nur für kurze Zeit schlummernd wie in einem Schlafsaal, bis der große Tag kommt und die Posaune ihn auferweckt. Daher wird das Grab nur der »Platz« oder technischer übersetzt »der kleine Platz« locus, loculus . genannt, an dem die in Christus Entschlafenen ruhen. Diese beiden Vorstellungen, welche bei der Anlage der Katakomben gewaltet haben, waren nicht erst spätere Einschaltungen in das christliche System, sondern müssen während seiner frühsten Zeit noch viel lebendiger geherrscht haben. Sie flößten Abscheu gegen den heidnischen Brauch der Leichenverbrennung ein, und nirgends haben wir eine Andeutung gefunden, daß dieser auch zu irgend einer Zeit von den Christen befolgt worden wäre. Wohl aber findet man in den Katakomben selbst unzählige Beweise dafür, daß sie schon in der frühsten Zeit des Christentums ihren Ursprung haben. Der Stil ihrer Gemälde, welche noch heute erhalten sind, gehört einer Zeit der blühendsten Kunst an. Ihre Symbole – der symbolische Geschmack an und für sich selbst, ist charakteristisch für eine weit zurückliegende Zeit. Denn in späteren Perioden verlor sich diese eigentümliche Geschmacksrichtung mehr und mehr. Obgleich Grabinschriften mit bestimmten Daten selten sind, so finden sich unter den zehntausend, welche der weise und gelehrte Cavaliere de Rossi gesammelt und veröffentlicht hat, doch ungefähr dreihundert, welche Daten aus der konsularischen Zeit von den ersten Kaisern an bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts tragen (A. D. 350). Ein anderer seltsamer und interessanter Gebrauch liefert uns Daten von Gräbern. Beim Schließen des Grabes pflegten die Angehörigen und Freunde des Verstorbenen, um sie zu bezeichnen eine Münze, eine geschnittene Gemme aber zuweilen auch nur eine Muschel oder einen Kieselstein in den feuchten Cement zu drücken und dort zu belassen; wahrscheinlich um das Grab leichter wiederfinden zu können, wenn sich keine Inschrift auf demselben befand. Man findet jetzt noch viele dieser Gegenstände, und schon längst bestehen ganze Sammlungen derselben. Aber es ist nicht ungewöhnlich, daß man dort, wo die Münze, oder um uns wissenschaftlich auszudrücken, die Medaille herabgefallen ist, in dem Cement einen deutlichen und klaren Abdruck derselben findet, welcher uns ebenfalls über das Datum aufklärt; und dieses bezeichnet oft die Regierung des Domitian und zuweilen diejenige anderer Herrscher aus der ersten Kaiserzeit. Man mag nun fragen, weshalb dieser Wunsch, das Grab mit Bestimmtheit wiederfinden zu können? Außer Motiven natürlicher Pietät, giebt es noch einen, welcher fortwährend auf den Grabsteinen wiederholt ist. Wenn Mangel an Raum verhinderte, daß man das volle Datum des Todes einer Person angeben könnte, so würde man bei uns zu Lande die Angabe des Todes jahres auf dem Grabstein der des Todes tages vorziehen. Es ist mehr historisch. Es liegt niemandem so viel daran, den Tag, an welchem jemand gestorben zu kennen, wenn er das Jahr nicht weiß; aber das Jahr ohne den Tag ist eine wichtige Erinnerung. Und doch, während so wenige alte christliche Inschriften uns das Jahr des Todes geben, zeigen tausende den Tag , an welchem sie starben, ob nun in der Hoffnung der Gläubigen auf das ewige Leben oder in der Gewißheit der Seligkeit als Märtyrer gestorben. Dies ist leicht erklärt. Für beide Klassen mußten jährliche Gedächtnisfeiern abgehalten werden und zwar genau am Tage ihres Todes. Daher war eine akurate Kenntnis desselben notwendig. Und deshalb verzeichnete man auch nur ihn. In einem Cömeterium ganz nahe demjenigen, auf welchem wir unsere drei Jünglinge zusammen mit Diogenes und seinen Söhnen ließen, wurden vor kurzem Inschriften gefunden, welche von jenen beiden Klassen von Gestorbenen zeugten. Die eine in griechischer Sprache, welche, nachdem sie der »Beisetzung der Augenda am dreizehnten Tage vor den Kalenden (oder den ersten Juni)« erwähnt, fügt diese einfache Bitte hinzu: ΖΗCΑΙC ΕΝΚω ΚΑΙ ΕΡωΤΑ ΥΤΤΕΡΗΜωΝ »Lebe im Herrn und bitte für uns.« Ein anderes Fragment lautet wie folgt:  . . .  N. IVN –  . . . . .  . IVIBAS – IN PACE ET PETE PRO NOBIS ... Nonas Jun ... Vivas in pace et pete pro nobis . »Die Nonen des Juni... Lebe in Frieden und bitt für uns.« Eine dritte lautet folgendermaßen: VICTORIA . REFRIGERER [ET] ISSPIRITVS . TVS IN BONO »Victoria, sei erquickt, und möge dein Geist im Guten sein.« Letztere erinnert uns an eine eigentümliche Inschrift, welche in den Mörtel gekratzt neben einem Grabe im Cömeterium des Praetextatus, nicht viele Ellen von dem des Callistus entfernt, gefunden wurde. Sie ist bemerkenswert, erstens weil sie lateinisch mit griechischen Buchstaben geschrieben ist; dann, weil sie ein Zeugnis von der Gottheit Christi giebt, und zuletzt weil sie ein Gebet um die Erquickung und Glückseligkeit des Verstorbenen enthält. Wir füllen die Lücken, welche durch das Ausfallen von einem Teil des Mörtels entstanden sind, aus. Victoria, refrigeris (et) spiritus tuus in bono. »Der wohlverdienten Schwester Bon ... am achten Tage vor den Kalenden des Nov. Christ, Gott der Allmächtige erquicke deinen Geist in Christo.« Trotz dieser Abschweifung zu Gebeten auf den Gräbern, wird der Leser, so hoffen wir, nicht vergessen haben, daß wir das Faktum, die christlichen Cömeterien von Rom stammten aus den frühsten Jahrhunderten, bereits konstatiert haben. Jetzt haben wir nun anzugeben, seit welcher Periode sie in Anwendung kamen. Nachdem der Kirche der Frieden gesichert war, gab ihre Frömmigkeit den Christen den Wunsch ein, in der Nähe der Märtyrer und anderer Frommen früherer Jahrhunderte begraben zu werden. Aber im allgemeinen gesprochen, genügte es ihnen, unter den Steinen zu liegen. Daher kommt es, daß die Grabsteine, welche oft in dem Schutt der Katakomben und zuweilen auch an ihren ursprünglichen Plätzen gefunden werden und konsularische Daten aus dem vierten Jahrhundert tragen, dicker, größer und besser ausgehauen sind, als jene der früheren Perioden, welche an den Wänden angebracht sind. Aber vor dem Ende jenes Jahrhunderts werden diese Monumente seltener, und spätestens im darauffolgenden hörten die Beisetzungen in den Katakomben ganz auf. Papst Damasus, welcher im Jahre 384 starb, bebte ehrerbietig davor zurück – wie er uns selbst auf seinem Grabstein verkündet – sich in die Gesellschaft der Heiligen zu drängen. Daher können wir annehmen, daß Restitutus, dessen Grabschrift wir unserem Kapitel als Überschrift geben, im Namen der alten Christen sprach, wenn er die zwei- bis dreihundert Meilen lange unterirdische Stadt mit ihren sechs Millionen schlafender Bewohner, welche auf den Herrn vertrauen und ihrer Auferstehung harren, als ihr eigenstes Werk und Eigentum verkündete. Dies ist die Berechnung, welche F. Marchi nach genauer und fleißiger Prüfung aufstellt. Wir können hier noch erwähnen, daß bei der Konstruktion dieser Begräbnisorte der Sand, welcher aus einer Galerie entfernt, in die nächste, welche bereits hergestellt, geschafft wurde. Daher kommt es, daß man deren jetzt viele verschüttet findet. Drittes Kapitel Was Diogenes nicht von den Katakomben erzählen konnte Diogenes lebte während der ersten Periode der Geschichte der Cömeterien, wenn auch schon gegen Schluß derselben. Wenn er ihr späteres Schicksal hätte ahnen können, so würde er schon in der nächsten Zukunft eine Epoche gesehen haben, welche seinem Herzen Freude bereitet hätte, und darauf eine zweite, welche ihn zu Tode betrübt haben würde. Obgleich nun der Inhalt dieses Kapitels in keinem direkten Zusammenhang mit unserer Geschichte steht, so wird er wesentlich dazu beitragen, uns über die gegenwärtige Topographie seines Schauplatzes aufzuklären. Als der Kirche Friede und Freiheit wiedergegeben, wurden die Cömeterien Orte der Andachtsübungen und anderer Zusammenkünfte. Jede derselben trug den Namen eines oder mehrerer Märtyrer, welche darin begraben waren. An ihren Todestagen drängten sich Massen von Bürgern und Pilgern zu ihren Gräbern, wo die göttlichen Geheimnisse gefeiert wurden und eine Predigt zu ihrem Lobe gehalten wurde. Von jetzt an wurden die ersten Märtyrologien oder Kalender der Märtyrertage zusammengesetzt, und aus diesen konnten die Gläubigen ersehen, wohin sie sich zu wenden hatten. »In Rom, in der Via Appia, oder der Salaria, oder der Ardeatina.« so lauten die Bezeichnungen, welche man täglich in der Martyrologie von Rom, die jetzt durch die Beiträge späterer Jahrhunderte bedeutend angewachsen ist, lesen kann. Einige Eintragungen aus dem alten Kalendarium Romanum dienen hier als Beispiel: III. Non. Mart. Lucii in Callisti. VI. Id. Dec. Eutichiani in Callisti. XIII. Kal. Feb. Fabiani in Callisti, et Sebastiani ad Catacumbas. VIII. Id. Aug. Systi in Callisti . Wir haben diese Anführungen aus dem Cömeterium des Callistus gewählt, weil wir während des Niederschreibens dieses Kapitels die Nachricht empfingen, daß man Gräber und Grabschriften dieser Päpste und des heiligen Antherus in einer Kapelle des kürzlich festgestellten Cömeteriums des Callistus gefunden mit einer Inschrift in Versen vom heiligen Papste Damasus. – » Prid. Kal. Ian. Sylvestri in Priscillae. IV. Id. (Aug.) Laurentii in Tiburtina. III. Kal. Dec. Santurnini in Thrasonis. Ruinart, Acta mart . Ein uneingeweihter Leser jenes Buches kann kaum die Bedeutung seiner Bezeichnungen ermessen; sie haben dazu gedient, mehrere sonst sehr angezweifelte Cömeterien zu erweisen. Außerdem kommt uns noch eine andere Klasse sehr schätzenswerter Schriftsteller zu Hilfe. Ehe wir ihrer jedoch erwähnen, wollen wir einen Blick auf die Veränderungen werfen, welche jene Andachtsübungen in den Katakomben hervorriefen. Erstens wurden bequeme Eingänge mit guten Treppen hergestellt; dann wurden Mauern aufgeführt, um die zerfallenden Galerien zu stützen; und in gewissen Entfernungen wurden trichterförmige Öffnungen in die Gewölbe gemacht, um Licht und Luft einzulassen. Endlich wurden Basiliken oder Kirchen über jenen Eingängen errichtet, welche gewöhnlich direkt auf das Hauptgrab – damals confessio der Kirche genannt – zuführte. Der Pilger, welcher nach der heiligen Stadt kam, besuchte jede dieser Kirchen, – ein frommer Gebrauch, welcher noch heute geübt wird, – stieg hinab und ging durch gut angelegte Wege, ohne sich mühsam vorwärts tasten zu müssen, an die Grabstätte des berühmtesten Märtyrers, und von dieser zu anderen, welche vielleicht eben so sehr Gegenstand der Andacht waren. Während jener Periode durfte kein Grab geöffnet, kein Leib herausgenommen werden. Durch Öffnungen, welche in die Gruft gemacht worden, führte man Tücher oder Binden, brandea . genannt, in dieselbe hinein, um die Reliquien des Märtyrers zu berühren, und dann wurden diese Gegenstände wieder nach fernen Ländern gebracht, um dort ebenso hoch in Ehren gehalten zu werden. Kein Wunder, daß der heilige Ambrosius, der heilige Gaudentius und andere Bischöfe soviel Schwierigkeiten hatten, die Leichen oder andere große Reliquien von Märtyrern für ihre Kirchen zu erlangen. Eine andere Art von Reliquien bestanden in dem, was man im allgemeinen das »Öl der Märtyrer nannte, das heißt, jenes Öl, welches häufig mit Balsam vermischt in einer Lampe neben seinem Grabe brannte. Oft steht ein runder, steinerner Pfeiler von ungefähr drei Fuß Höhe und auf der oberen Platte ausgehöhlt neben einem Monument; wahrscheinlich diente er dazu die Lampe zu tragen, oder man benutzte ihn, um deren Inhalt zu verteilen. Der heilige Gregorius der Große schrieb an Königin Theodelinda, daß er ihr eine Sammlung von Ölen jener Päpste sende, welche Märtyrer waren. Das Verzeichnis, welches diese begleitete, wurde von Mabillon in der Schatzkammer von Monza abgeschrieben und später von Ruinart veröffentlicht. Acta Martyr. tom. III . Es existiert noch heute dort, und die Fläschchen, welche in metallenen Kapseln verschlossen sind, ebenfalls. Diese Besorgnis, die Ruhe der Heiligen nicht zu stören, zeigt sich am schönsten in einer Begebenheit, welche uns der heilige Gregorius von Tours überliefert. Unter den Märtyrern, welche die alte römische Kirche am höchsten verehrte, befanden sich die heiligen Chrysanthus und Daria. Ihre Gräber wurden durch die wunderbarsten Heilungen, welche sich dort vollzogen hatten, so berühmt, daß ihre Glaubensgenossen über denselben einen Raum erbauten (derselbe ist ausgegraben) mit einem Gewölbe von kunstvollster, kostbarster Arbeit, in welchem sich tausende von Andächtigen versammelten. Dies wurde von den Heiden entdeckt, und der Kaiser schloß sie ein, ließ den Eingang vermauern und dann von oben, wahrscheinlich durch das luminare oder die Ventilationsröhre Erde und Schutt und Steine auf sie hinabschütten, so daß die fromme Versammlung lebendig begraben wurde, wie die beiden heiligen Märtyrer vor ihr. Während der Friedenszeit der Kirche war dieser Ort unbekannt, bis er durch eine göttliche Offenbarung entdeckt wurde. Man gestattete den Pilgern indessen nicht, diese heilige Stätte wieder zu betreten; durch ein Fenster, welches in der Mauer angebracht wurde, durften sie nur hineinblicken, um auf diese Weise nicht nur die Gräber der Märtyrer sondern auch die Leiber derjenigen zu sehen, welche vor ihren Altären lebendig begraben waren. Und da das grausame Morden stattgefunden, während die Vorbereitungen zur Erteilung der heiligen Eucharistie getroffen wurden, sah man noch die silbernen Kannen umherliegen, in welchen der Wein für jedes heilige Opfer gebracht wurde. S. Gregor. Turon. de gloria mart. lib . I. c. 28 bei Marchi p. 81. Man hat ein Epigramm des heiligen Damasus auf diesen Vorfall bezogen. Carm. 28. Es ist begreiflich, daß die Pilger, welche sich nach Rom wandten, eines Handbuchs oder Führers für die Katakomben bedurften, um wissen zu können, welche Stätten sie aufsuchen mußten. Es ist ebenfalls nur natürlich, daß sie bei ihrer Heimkehr ihre weniger begünstigten Nachbarn zu erbauen suchten, indem sie ihnen einen Bericht von dem gaben, was sie gesehen hatten. Daher existieren, nicht weniger zu unserem Glücke als zu jenem der daheim gebliebenen Nachbaren, mehrere Dokumente dieser Art. Den ersten Platz unter diesen nehmen die Kataloge ein, welche im vierten Jahrhundert zusammen gestellt sind; der eine über die Grabstätten römischer Päpste, der andere über diejenigen der Märtyrer. Veröffentlicht durch Bucherius im Jahre 1634. Nach diesen kommen drei ausführliche Führer durch die Katakomben; um so interessanter, weil sie ganz verschiedene Wege angeben und doch wunderbar in ihren Berichten übereinstimmen. Um den Wert dieser Dokumente zu zeigen und die Veränderungen zu beschreiben, welche während der zweiten Periode ihrer Geschichte in den Katakomben stattfanden, wollen wir einen kurzen Bericht von einer Entdeckung geben, welche in jenem Cömeterium gemacht wurde, in welchem wir unsere kleine Gesellschaft zurückgelassen haben. Unter dem Schutt am Eingange zu einer Katakombe, deren Name noch zweifelhaft war, und welche man für die des Prätextatus gehalten hatte, fand man das Fragment einer Marmortafel, welche von links nach rechts schräge durchgebrochen war. Auf derselben standen folgende Buchstaben (Von) ...nelius dem Märtyrer. Der junge Kavaliere de Rossi erklärte sofort, daß dies ein Teil der Grabschrift des heiligen Papstes Cornelius sei; daß man darunter wahrscheinlich sein Grab in einer sich von den anderen Gräbern unterscheidenden Form finden werde; und daß, da alle oben erwähnten Wegeweiser darin übereinstimmten, es in das Cömeterium des Callistus zu verlegen, diese Katakombe, und nicht die einige hundert Ellen entfernt liegende des heiligen Sebastianus die Ehre dieses Namens für sich in Anspruch nehmen müsse. Er ging noch weiter und prophezeite, daß, da jene Handbücher behaupteten, der heilige Cyprian sei neben dem Cornelius begraben, man irgend etwas in dem Grabe finden müsse, welches für diese Ansicht spräche, da es bekannt war, daß sein Leib in Afrika ruhe. Es dauerte nicht lange und seine Weissagungen bestätigten sich. Die große Treppe, welche man entdeckte Wir sind der Ansicht, daß die Krypta vor der Treppe entdeckt wurde. erwies sich als nach einem größeren Raume führend, welcher sorgsam aus Backsteinarbeit hergestellt war und Licht und Luft von oben empfing. Zur Linken befand sich ein Grab, welches wie die andern in den Felsen gehauen war; jedoch befand sich außerhalb kein Bogen über demselben. Es war indessen sehr hoch und breit, und mit Ausnahme eines einzigen Grabes, welches sich sehr hoch über demselben befand, fanden sich deren weder unterhalb noch seitwärts oder oberhalb. Der übrige Teil der Platte fand sich in demselben; das erste Stück wurde aus dem Museum Kircherianum, Unter den Privatmuseen ist als das älteste zu nennen: Museum Kircherianum , von Kircher gesammelt und dem Jesuitenkollegium zu Rom vermacht. – Athanasius Kircher, einer der größten Gelehrten seiner Zeit, geb. den 2. Mai 1601 zu Geisa im Fuldaischen, gest. den 30. Okt. 1680 zu Rom. Im Vatikan trägt noch heute die von ihm gestiftete ausgezeichnete Sammlung von Altertümern (darunter die berühmte »Ficoronische Liste« seinen Namen »Museo Kircheriano«. wohin es gebracht worden, herbeigeschafft und paßte vollständig zu demselben; die Fragmente bedeckten das Grab in folgender Gestalt. Von Cornelius dem Märtyrer, Bischof. Darunter, von der untern Kante dieses Steines bis auf den Boden reichend, befand sich eine Marmortafel, welche mit einer Inschrift bedeckt war, von welcher nur die linke Seite erhalten ist; das übrige ist losgebröckelt und verloren. Oberhalb des Grabes befand sich eine zweite Platte in den Sandstein eingelassen, von welcher die rechte Seite noch existiert, einige weitere Fragmente wurden im Schutt gefunden; es ist nicht hinreichend um den ganzen Inhalt zu entziffern, aber es genügt, um zu zeigen, daß die Inschrift in Versen war, welche von Papst Damasus herrührten. Wie ist diese Autorschaft festzustellen? Sehr leicht. Wir wissen nicht allein, daß dieser von uns bereits erwähnte heilige Papst eine Freude daran hatte, Verse, welche er selbst schrieb auf die Gräber der Märtyrer zu setzen, Diese Inschriften bilden den größten Teil seiner hervorragenden Werke in Versen. sondern die Anzahl seiner noch heuzutage bekannten Inschriften weist eine ganz besondere und elegante Form der Buchstaben auf, welche die Altertumsforscher mit dem Namen »Damassianer« bezeichnen. Und die Fragmente jener Marmorplatten zeigen Bruchstücke von Versen, welche mit diesen Buchstaben geschrieben sind. Aber fahren wir fort. An der Mauer rechts vom Grabe und auf demselben Niveau waren zwei Gestalten in Lebensgröße gemalt, sie trugen priesterliche Gewänder und einen Heiligenschein um das Haupt. Augenscheinlich war die byzantinische Arbeit aus dem siebenten Jahrhundert. Unten an der Mauer, an der linken Seite jeder Gestalt, Buchstabe unter Buchstabe, standen ihre Namen; einige Buchstaben waren verlöscht, wir ergänzen dieselben in Cursivschrift: SCI + COR N EL I PP ––––SCI + C IPRI A N I . »(Das Bild) des heiligen Papstes Cornelius, des heiligen Cyprian.« Auf der andern Seite einer schmalen Mauer, welche im rechten Winkel vorspringt, befinden sich zwei ähnliche Bilder; aber nur ein Name kann entziffert werden, der des heiligen Sixtus, oder wie er dort und auch anderswo genannt wird, Sustus. Auf den Bildern der hervorragendsten Heiligen kann man noch heutzutage, in den Mörtel gekratzt, in den Schriftzügen des siebenten Jahrhunderts die Namen jener Pilger lesen, welche das Grab besucht hatten. Diejenigen zweier Pilger sind folgende: + LEO PRB IOANNIS PRB Es mag interessant sein, hier der Eintragung in das römische Kalendarium zu erwähnen: » XVIII. Kal. Oct. Cypriani Africae: Romae celebratur in Callisti .« – »Sept. 14. (Die Grablegung) des Cyprian in Afrika. In Rom wird sie gefeiert im Cömeterium des Callistus.« Wir sehen also, wie ein Fremder, welcher diese beiden Inschriften liest, die Gemälde sieht, und weiß, daß die Kirche das Andenken dieser beiden Märtyrer an ein und demselben Tage feiert, sehr leicht zu der Annahme verleitet werden kann, daß beide hier zusammen beigesetzt sind. Schließlich steht zur rechten Seite des Grabes eine abgestumpfte Säule, ungefähr drei Fuß hoch, am oberen Ende, wie schon erwähnt, ausgehöhlt. Und als eine Bestätigung dessen, was wir über den wahrscheinlichen Zweck dieser Aushöhlung gesagt, hat der heilige Gregor in dem Verzeichnis heiliger Öle, welche er der lombardischen Königin schickte auch das » Oleum S. Cornelii «, das Öl des heiligen Cornelius angeführt. Wir sehen also, daß man bereits während dieser zweiten Periode an die Stelle der ersten einfachen Form der Cömeterien größere Bequemlichkeit und mehr äußeren Schmuck treten ließ. Aber wir dürfen deshalb noch nicht glauben, daß wir in Gefahr sind, diese späteren Verschönerungen irrtümlich für die Produktionen früherer Jahrhunderte zu halten. Der Unterschied ist so außerordentlich groß, daß wir ebensogut den Irrtum begehen könnten, einen Rubens für einen Beato Angelico zu halten, wie eine byzantinische Figur für das Werk der ersten beiden Jahrhunderte. Wir kommen jetzt zu der dritten Periode dieser heiligen Cömeterien, zu der traurigen Zeit ihrer Verwüstung. Als die Lombarden und später die Sarazenen die Umgebung von Rom zu devastieren begannen, und die Katakomben der Entweihung ausgesetzt waren, ließen die Päpste die Überreste der berühmtesten Heiligen ausgraben und sie in die Basiliken der Stadt übertragen. Dies nahm seinen Fortgang bis in das achte oder neunte Jahrhundert, aus welcher Zeit wir noch immer lesen, daß die herrschenden Päpste Ausbesserungen an den Cömeterien vornehmen ließen. Sie hörten jetzt auf, Orte der Andachtsübungen zu sein, und die Kirchen, welche sich über ihren Eingängen befanden, wurden zerstört oder fielen dem Verfall anheim. Nur solche erhielten sich, welche befestigt waren und verteidigt werden konnten. Dies waren die Basiliken Sankt Paulus auf der Via Ostiensis, von Sankt Sebastianus in der Via Appia, Sankt Laurentius in dem Ager Veranus oder Via Tiburtina, Sankt Agnes auf der Via Nomentana, Sankt Pankratius auf dem Aurelian und die größte von allen, Sankt Peter im Vatican. Die erstere und letzere waren von besonderen Burgen und Befestigungen umgeben, und der Reisende kann noch heutzutage die Spuren fester Mauern in der Nähe der übrigen entdecken. Merkwürdig ist es indessen, daß der junge Altertumsforscher, dessen Namen wir oft in ehrenvoller Weise erwähnt haben, zwei Basiliken über dem Eingange zur Katakombe des Callistus in fast unversehrtem Zustande wieder entdeckt hat; die eine dient jetzt als Backhaus, die andere als Weinschenke. Wahrscheinlich ist eine derselben die so oft erwähnte vom Papst Damasus erbaute Basilika. Die Erde und der Schlamm, welche durch die Luftlöcher hinabgespült, die Zerstörung, welche Jahre hindurch von Leuten vollführt, die durch unbewachte Eingänge von den Weingärten her eingedrungen sind, die bloße Wirkung, welche Zeit und Wetter ausüben: dies alles hat uns nur elende Trümmer der alten Katakomben zurückgelassen. Und doch ist uns noch vieles geblieben, wofür wir dankbar sein können. Es ist genug vorhanden, um die Aufzeichnungen, welche uns aus besseren Zeiten überliefert worden sind, zu bestätigen, und diese dienen jetzt dazu, uns bei der Rekonstruktion unserer Ruinen zu leiten. – Der gegenwärtige und der vorige Papst haben für diese heiligen Orte während weniger Jahre mehr gethan, als sonst während ganzer Jahrhunderte geschehen ist. Die gemischte Kommission, welche sie eingesetzt haben, hat Wunder verrichtet. Mit sehr beschränkten Mitteln geht sie systematisch zu Werke und vollendet indem sie vorwärts schreitet. Nichts wird von dem Platze genommen, an dem es gefunden wird, aber alles wird so weit es möglich ist, wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Von allen Gemälden werden genaue Durchzeichnungen gemacht, und die alten Pläne der Katakomben werden sorgsam studiert. Und diese erfreulichen Resultate zu sichern, hat der Papst Pius IX. aus eigenen Mitteln Weingärten und Felder gekauft, besonders in Tor Marancia, wo sich das Cömeterium der Heiligen Nereus und Achilleus befindet; und wir glauben ebenfalls, daß er das Terrain oberhalb der Katakombe des Callistus käuflich erworben hat. Der französische Kaiser hat Künstler nach Rom geschickt, welche ein herrliches Werk über die Katakomben – vielleicht ein wenig übertrieben – zusammengestellt haben: ein wahrhaft kaiserliches Unternehmen. Es ist indessen Zeit geworden, daß wir uns wieder hinunter zu unserer Gesellschaft verfügen und unsere Besichtigung dieser wundersamen Stadt, deren Bewohner abgeschiedene Heilige sind, unter der Führung unserer Freunde, der Totengräber, beenden. Viertes Kapitel Was Diogenes von den Katakomben erzählte Alles, was wir unserem Leser aus der ersten Periode der Geschichte des unterirdischen Roms – wie geistliche Altertumsforscher die Katakomben gern zu nennen pflegten – mitgeteilt haben, hat Diogenes seinen jugendlichen Zuhörern ohne Zweifel besser erzählt, als sie, die Fackeln in der Hand langsam durch eine grade lange Galerie, welche in der That von vielen anderen Gängen gekreuzt wurde, dahin schritten. In verschiedenen Absätzen und mit selbstverständlichen Erläuterungen erklärte er ihnen das, was unser trockenes, prosaisches zweites Kapitel enthielt. Endlich wandte Diogenes sich nach rechts, und Torquatus blickte ängstlich umher. »Ich möchte wissen, an wievielen Wendungen wir vorübergegangen sind, bevor wir diese Hauptgalerie verließen?« »An sehr vielen,« entgegnete Severus trocken. »Wie viele glaubst du, zehn oder zwanzig?« »Mehr als das, meine ich; aber gezählt habe ich sie niemals.« Torquatus indessen hatte sie gezählt; er wollte sich nur vergewissern. Noch immer stillstehend fuhr er fort: »Wie unterscheidest du denn die richtige Wendung? Ah! was ist dies?« rief er aus und that, als ob er eine kleine Nische in der Mauer genau untersuche. Aber Severus hatte ihn scharf im Auge und sah, daß er ein Zeichen in den Sand machte. »Komm nur, komm,« sagte er, »oder wir werden die anderen aus den Augen verlieren und nicht mehr sehen, nach welcher Seite sie sich wenden. Jene kleine Nische ist für eine Lampe bestimmt. Du wirst an jeder Ecke eine solche finden. Was uns selbst betrifft, so kennen wir jede Biegung, jeden Gang, jede Galerie hier unten ebensogut wie du jene in der Stadt über uns.« Torquatus war einigermaßen beruhigt durch diese Erzählung von den Lampen – jenen kleinen irdenen, welche eigens für die Katakomben angefertigt zu sein scheinen, und von denen man so viele findet. Aber er war doch nicht vollständig zufriedengestellt und zählte so gut er konnte die Wendungen als sie vorwärts gingen. Bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande blieb er beständig stehen und prüfte bestimmte Stellen und Ecken. Aber Severus beobachtete ihn mit Luchsaugen und ließen seiner Wachsamkeit nichts entgehen. Endlich traten sie durch einen Thorbogen und befanden sich in einem viereckigen Raum, welcher reich mit Gemälden geschmückt war. »Wie nennt Ihr diesen Raum?« fragte Tiburtius. »Es ist eine der vielen Krypten oder cubicula , deren es in unseren Katakomben unzählige giebt,« antwortete Diogenes, »zuweilen sind sie nur Familiengräber, aber gewöhnlich enthalten sie das Grab irgend eines Märtyrers, an dessen Jahrestage wir hier zusammen kommen. Sieh jenes Grab uns gegenüber, welches, obgleich in einer Fläche mit der Mauer, doch einen Bogen über sich hat. Der wird bei solchen Gelegenheiten zum Altar, auf welchem die göttlichen Geheimnisse gefeiert werden. Du kennst natürlich diesen Brauch?« Hier fiel Pancratius ein: »Vielleicht kennen meine beiden Freunde, welche erst vor kurzem getauft sind, ihn nicht; aber ich bin damit vertraut. Es ist gewiß eines der glorreichsten, herrlichsten Privilegien eines Märtyrers, daß der heilige Leib und das kostbare Blut unseres Herrn über seiner Asche geopfert wird, und so unter den Füßen Gottes zu ruhen. »Sic venerarier ossa libet, Ossibus altar et impositum; Illa Dei sita sub pedibus , Prospicit haec, populosque suos Carmine propitiata fovet.« Prudentius, περι στεφ III,48. Der Gedanke, daß der Märtyrer »unter den Füßen Gottes ruht«, bezieht sich auf die wirkliche Gegenwart Christi im heiligen Altarsakrament. Laßt uns aber die Gemälde in dieser Krypta genau betrachten.« »Grade um dieser Malereien willen habe ich euch vor allen anderen Krypten hierher gebracht. Es ist eine der allerältesten und enthält eine vollständige Serie von Gemälden, von den frühsten Zeiten an bis herab zu einigen, welche mein eigner Sohn ausgeführt hat.« »Nun denn, Diogenes, erkläre sie meinen Freunden ganz systematisch,« sagte Pancratius. »Ich glaube, ich kenne die meisten derselben, wenn auch nicht alle, und es wird mir große Freude gewähren, deine Beschreibung mit anzuhören.« »Ich bin kein Gelehrter,« erwiderte der alte Mann bescheiden, »wenn man aber als Knabe und als Mann sechzig Jahre unter Gegenständen gelebt hat, so lernt man sie besser kennen, wie selbst die gelehrtesten Leute, weil man sie inniger liebt. – Ich vermute, daß alle, die hier gegenwärtig, vollständig eingeweiht sind?« fügte er nach einer Pause hinzu. »Alle,« antwortete Tiburtius, »wenn auch noch nicht so gründlich unterrichtet, wie Convertiten es gewöhnlich sind. Torquatus und ich haben bereits die heilige Kommunion empfangen.« »Genug,« begann der Totengräber von neuem. »Selbstverständlich ist die Decke der älteste Teil der Malerei; denn diese wurde schon gemacht, als die Krypta gegraben wurde; die Mauern hingegen wurden erst geschmückt, je nachdem man die Gräber aushöhlte. Wie ihr seht, ist über die Decke eine Art von Gitterwerk gemalt, mit Weinlaub und Trauben; vielleicht soll dies den wahren Weinstock vorstellen, von welchem wir die Zweige sind. Dort seht ihr Orpheus sitzen, welcher süße Musik macht, nicht allein seiner eigenen Herde, sondern auch den wilden Tieren des Waldes, welche vom Zauber gebannt um ihn her stehen.« »Wie! das ist doch ein vollständig heidnisches Bild,« unterbrach ihn Torquatus ein wenig verdrießlich und spöttisch; »was hat das mit dem Christentum zu thun?« »Es ist eine Allegorie, Torquatus, und noch dazu eine sehr schöne,« belehrte ihn freundlich Pancratius. »Die Anbringung heidnischer Bildnisse, wenn diese an und für sich arglos sind, ist gestattet. Du siehst zum Beispiel Masken und andere heidnische Ornamente an dieser Decke, und gewöhnlich gehören sie einer weit zurück liegenden Zeit an. Und so wurde unser Heiland unter dem Symbol des Orpheus dargestellt, um Sein heiliges Bildnis vor heidnischer Blasphemie und Entweihung zu schützen. Sieh jetzt nach jenem Bogen hin, das ist eine spätere Darstellung desselben Gegenstandes.« »Ich sehe,« sagte Torquatus, »ein Hirte, welcher ein Lamm auf seinen Schultern trägt – der gute Hirte: das kann ich verstehen; ich erinnere mich der Parabel.« »Aber weshalb ist dieser Gegenstand ein so beliebter?« fragte Tiburtius; »ich habe ihn auch in anderen Katakomben bereits bemerkt.« »Wenn du dir jenes arcosolium So wurden die gewölbten Gräber genannt. ansiehst, so wirst du eine noch vollkommenere Ausführung desselben Gegenstandes finden,« antwortete Severus. »Aber ich glaube, es ist besser, erst das zu beenden, was wir angefangen haben und bei der Decke zu bleiben. Siehst du jene Figur dort zur Rechten?« »Ja,« erwiderte Tiburtius, »es ist augenscheinlich diejenige eines Mannes in einem Kasten. Eine Taube fliegt ihm entgegen. Soll das die Sündflut darstellen?« »Du hast es erraten,« sagte Severus, »es ist ein Sinnbild der Wiedergeburt durch das Wasser und den heiligen Geist, und der Erlösung der Welt. Das ist unser Anfang, und hier ist unser Ende: Jonas aus dem Schiffe gestoßen und vom Walfisch verschlungen; und dann herrlich und in Freuden unter dem Schatten seines Kürbis sitzend. Die Auferstehung im Herrn und ewige Ruhe als ihre Frucht.« »Wie natürlich ist solch ein Bild an diesem Orte!« bemerkte Pancratius nach der anderen Seite zeigend, »und hier haben wir noch ein Sinnbild derselben tröstlichen Lehre.« »Wo?« fragte Torquatus gelangweilt, ich sehe nichts als eine vollständig in Binden eingehüllte Gestalt, welche wie ein großes Kind in einem kleinen Tempel steht; und ihr gegenüber steht eine zweite Figur.« »Richtig,« sagte Severus, »das ist die Art wie wir stets die Auferstehung des Lazarus darstellen. Sieh her, dies ist eine rührende Versinnbildlichung der Hoffnungen, welche unsere verfolgten Väter hegten: Die drei babylonischen Jünglinge im feurigen Ofen.« »Jetzt meine ich, wir könnten diese Kammer abgethan haben, nachdem wir das arcosolium besichtigt haben,« sagte Torquatus. »Was bedeuten diese Bilder um dasselbe?« »Wenn du zur Linken blickst, so siehst du die Vermehrung der Brote und Fische. Wie du weißt, ist der Fisch Das Wort ist meistens im griechischen gegeben und Christus wird gewöhnlich ichtys genannt. das Symbol Christi.« »Wie das?« fragte Torquatus ziemlich ungeduldig. Severus wandte sich zu Pancratius, damit dieser als der gelehrtere die Antwort darauf gäbe. »Über die Entstehung giebt es zwei Ansichten,« sagte der Jüngling auf das bereitwilligste. »Die eine findet ihre Begründung in dem Worte selbst; seine Buchstaben bilden den Anfang von Worten, welche in der Übersetzung bedeuten: Jesus Christus, Sohn Gottes, Heiland. Dies ist die Deutung des heiligen Optatus ( adv. Parm. lib. III) und des heiligen Augustinus de C.D. lib. XVIII. c. 23). Die andere findet sie in dem Symbol selbst; daß wie der Fisch im Wasser entsteht und lebt, so wird der Christ durch die Taufe aus dem Wasser geboren und mit Christus darin begraben. Dies ist Tertullians Erklärung ( de Baptismo, lib. II. c. 2). Daher kommt es, daß wir auf dem Wege hierher auf manchen Gräbern einen Fisch eingegraben oder das Wort ›Fisch‹ auf demselben eingeschnitten sahen. Fahr jetzt fort, Severus.« »Dort zeigt uns also die Vereinigung von Brot und Fische wie Christus in der Eucharistie die Speise Aller wird. In derselben Katakombe befindet sich noch ein interessantes Gemälde. Auf einem Tische liegen ein Laib Brot und ein Fisch, ein Priester hält die Hand darüber ausgestreckt; gegenüber liegt eine Frauengestalt in Anbetung. Der Priester ist dieselbe Gestalt, welche auf einem in nächster Nähe befindlichen Gemälde als die heilige Taufe spendend dargestellt wird. In einer Kammer, welche jetzt bloßgelegt wird, befinden sich sehr alte Verzierungen, wie Masken u. s. w. und Fische, welche schwimmende Körbe mit Brot und Flaschen Weins auf ihrem Rücken tragen. Gegenüber ist Moyses, wie er an den Felsen schlägt, aus dem alle tranken; und dieser Fels ist Christus, unser Trunk sowohl wie unsere Speise.« Das Urbild dieser Figur ist der heilige Petrus, wie er uns in den Katakomben dargestellt wird. Auf einem Glasgemälde, welches eine Darstellung dieses Vorganges zeigt, steht über dem Haupte der Figur, welche an den Felsen schlägt, der Name Petrvs . »Nun sind wir endlich beim ›Guten Hirten‹ angelangt,« sagte Torquatus. »Ja,« fuhr Severus fort, »ihr seht ihn in der Mitte des arcosolium , in seinem einfachen Überwurf und seiner Beinkleidung, ein Lamm auf den Schultern, das verirrte Schäflein seiner Herde. Zwei weitere stehen ihm zur Seite; der träge Widder zu seiner Rechten; das sanfte Schaf zur Linken; der Büßer auf dem Ehrenplatze. Auf jeder Seite seht ihr ebenfalls eine Figur, augenscheinlich von Ihm ausgesandt um zu predigen. Beide beugen sich vorüber und sprechen zu Schafen, welche nicht zu der Herde gehören. Zu beiden Seiten befindet sich eins, welches sichtlich ihrer Worte nicht achtet, sondern ungestört weiter weidet, während ein anderes Kopf und Augen aufwärts wendet und mit gespannter Aufmerksamkeit lauscht. Ein reichlicher Regen fällt auf sie herab; das bedeutet die Gnade Gottes. Es ist nicht schwer, dieses Bild zu deuten.« »Was aber macht dieses Sinnbild zu einem so beliebten?« fragte Tiburtius eifrig. »Wir glauben, daß dieses und ähnliche Gemälde hauptsächlich aus der Zeit stammen, wo die Novatianische Ketzerei der Kirche so viel Not verursachte,« antwortete Severus. »Was für Ketzerei ist das?« fragte Torquatus leicht hin, denn er glaubte, schon zu viel Zeit verloren zu haben. »Es war und ist in der That noch jene Ketzerei,« belehrte ihn Pancratius, »welche da lehrt, daß es Sünden giebt, welche zu vergeben die Kirche nicht die Macht besitzt, welche zu groß sind, als daß Gott sie verzeihen könnte.« Pancratius merkte nicht, welche Wirkung seine Worte übten. Severus jedoch, welcher Torquatus nicht einen Augenblick aus den Augen ließ, bemerkte wie dieser abwechselnd rot und blaß wurde. »Und ist das Ketzerei?« fragte der Verräter verwirrt. »Gewiß, und eine furchtbare!« erwiderte Pancratius. »Denn wer durfte der Gnade und Barmherzigkeit dessen ein Ziel setzen, der kam, nicht um die Gerechten, sondern um die Sünder zur Buße zu rufen. Die katholische Kirche hat stets gelehrt, daß der Sünder, wenn er aufrichtig bereut – möge seine Sünde noch so schwarz sein, die Masse seiner Sünden noch so ungeheuer – durch das Sakrament der Buße, Verzeihung der Sünden erlangen kann. Und deshalb hat sie stets dieses Bild des guten Hirten, welcher bereit ist in die Wildnis zu gehen, um ein verlorenes Schaf zurückzuholen, so sehr geliebt.« »Aber nimm den Fall an, daß einer, welcher Christ geworden ist und die heilige Kommunion empfangen hat,« sagte Torquatus sichtlich gerührt, »wieder abtrünnig werden und dem Laster verfallen sollte, und – und,« – seine Stimme zitterte – »seine Brüder beinahe verriete – würde die Kirche einem solchen nicht jegliche Hoffnung nehmen?« »Nein, nein,« antwortete der Jüngling, »dieses sind grade die Verbrechen, welche die Katholiken vergeben, und um deretwillen die Novatianer sie schmähen. Die Kirche ist eine Mutter, welche ihre Arme stets ausbreitet, um ihre verirrten Kinder wieder aufzunehmen.« Eine Thräne zitterte in Torquatus' Auge; das Bekenntnis seiner Schuld schwebte einen Augenblick auf seinen bebenden Lippen; aber wie wenn ein Tropfen schwarzen Giftes dieselben zu gleicher Zeit berührt und ihn fast erstickt hätte, so kam in demselben Augenblick ein harter, eigensinniger Ausdruck über sein Gesicht, er biß sich auf die Lippen und sagte mit sichtlichem Bemühen, ruhig zu bleiben: »Das ist allerdings eine tröstliche Lehre für die, welche ihrer bedürfen.« Severus allein bemerkte, daß der Augenblick der Gnade wieder vorüber gegangen war, und daß irgend ein verzweifelter Gedanke einen Hoffnungsstrahl in dem Herzen jenes Mannes erstickt hatte. Diogenes und Majus, welche sich entfernt gehabt hatten, um eine Stelle zu besichtigen, an welcher eine neue Galerie geöffnet werden sollte, kamen jetzt zurück. Torquatus sprach den alten Totengräber an: »Jetzt haben wir die Gänge und die Kammern gesehen. Ich bin begierig, die Kirche zu sehen, in welcher wir uns alle versammeln werden.« Der nichts Böses ahnende Totengräber war im Begriff, den Weg dorthin zu zeigen, als der unerbittliche Künstler einfiel: »Ich glaube, Vater, daß es heute schon zu spät geworden ist. Du weißt, daß wir noch viel Arbeit zu verrichten haben. Diese unsere jungen Freunde werden uns entschuldigen, besonders, da sie die Kirche noch immer zu rechter Zeit sehen können, und obendrein in besserer Ordnung, weil der heilige Papst die Messe darin zu celebrieren wünscht.« Sie stimmten bei. Als sie an die Stelle gekommen waren, von wo aus sie die erste gradelaufende Galerie verlassen hatten, um nach der Kammer mit den Gemälden zu gelangen, blieb Diogenes stehen, hielt die Gesellschaft an, ging einige Schritte in einen gegenüberliegenden Gang und sagte: »Wenn man diese Galerie zu Ende geht und sich dann nach rechts wendet, wird man zur Kirche gelangen. Ich habe euch nur hierher gebracht, um euch ein arcosolium mit einem schönen Bilde zu zeigen. Ihr seht hier die heilige Jungfrau, welche das göttliche Kind in den Armen hält, während die Weisen aus dem Morgenlande, deren hier vier dargestellt sind, obgleich wir deren sonst nur drei kennen, in Anbetung vor Ihm liegen.« Es giebt verschiedene Wiederholungen dieses Bildes. Wenn wir uns recht erinnern, hat man ein solches kürzlich in der Katakombe der heiligen Nereus und Achilleus gefunden. Alle bewunderten das Gemälde; der arme Severus aber empfand bitteren Kummer darüber, daß sein guter, alter Vater ohne es zu wollen die Aufklärung gegeben hatte, welche Torquatus so dringend wünschte. Außerdem hatte er ihm noch ein unfehlbares Kennzeichen für die verhängnisvolle Ecke gegeben, indem er seine Aufmerksamkeit auf das Grab nahe derselben, welches durch ein so merkwürdiges Bild geschmückt war, gelenkt hatte. Als die Gesellschaft sich getrennt hatte, teilte er seinem Bruder alles, was er beobachtet hatte, mit und fügte hinzu: »Dieser Mann wird uns noch Kummer bereiten. Ich hege großes Mißtrauen gegen ihn.« In kurzer Zeit hatten sie alle Merkmale entfernt, welche Torquatus an den verschiedenen Ecken und Wendungen angebracht hatte. Aber dies bot noch immer keine Sicherheit gegen seine Anschläge, und sie machten Vorbereitungen, den Weg zu verändern, indem sie den gegenwärtigen schlossen und an einem andern Punkte abbogen. Zu diesem Zwecke ließen sie den Sand, welcher von neuen Ausgrabungen herrührte, an das Ende einer Galerie, welche den Hauptgang kreuzte, wo dieser niedrig war, bringen und ihn dort aufgehäuft liegen, bis die Gläubigen von der beabsichtigten Veränderung in Kenntnis gesetzt werden konnten. Fünftes Kapitel Über der Erde Damit unser Leser sich von seiner langen unterirdischen Exkursion erhole, müssen wir ihn auf einen anderen Besuch mit uns führen und zwar nach dem glücklichen Campanien oder dem »gesegneten Campanien«, wie ein alter Schriftsteller es nannte. Dort verließen wir Fabiola verblüfft und verwirrt durch einige geschriebene Worte, welche sie gefunden hatte. Sie hatte sie erhalten wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, von der sie sich keine Vorstellung machen konnte. Sie hätte sie sich gern erklären lassen, aber sie hatte nicht den Mut zu fragen. Am nächsten Tage und den darauffolgenden Tagen hatte sie viele Besuche, und oft dachte sie daran, einem oder dem anderen ihrer Gäste die geheimnisvollen Sprüche vorzulegen, aber sie gewann es dennoch nicht über sich. Dann kam eine Dame, deren Leben wie das ihre philosophisch korrekt und kalt tugendhaft war. Sie besprachen die modernen Ansichten des Tages miteinander. Endlich nahm sie ihr beschriebenes Stück Pergament hervor, damit der Gast sich ebenfalls den Kopf darüber zerbreche; doch zögerte sie wieder, es ihr vorzulegen, es erschien ihr fast wie eine Entheiligung. Ein gelehrter Mann, wohl belesen in allen Zweigen der Wissenschaft und der Litteratur, machte ihr einen langen Besuch und sprach sehr anziehend über die erhabeneren Anschauungen der älteren Schulen. Sie kam in Versuchung, ihn über ihre Entdeckung zu befragen; aber es war ihr, als handle es sich um etwas höheres, das er nicht imstande sei zu begreifen. Es war seltsam, daß die edle und stolze römische Dame sich fast wie instinktiv an ihre christliche Sklavin wandte, wenn es galt, sich Trost oder Belehrung zu verschaffen. So war es auch dieses Mal. In der ersten Stunde, wo sie sich nach so vielen Tagen der Zerstreuung und Gesellschaft allein sahen, nahm Fabiola ihr Pergamentblatt hervor und gab es Syra. Über das Antlitz der letzteren zog ein Ausdruck tiefer Rührung, welcher ihrer Gebieterin indessen entging, und sie war vollständig ruhig, als sie, nachdem sie gelesen hatte, wieder emporblickte. »Jene Schrift,« sagte Fabiola, »bekam ich wahrscheinlich durch einen Irrtum in der Villa des Chromatius. Ich bin ganz verwirrt durch jene Sprüche und kann mich mit nichts anderem beschäftigen.« »Und weshalb das, meine edle Herrin? Der Sinn ist doch klar genug?« »Ja. Und grade diese Klarheit ist es, welche mir soviel Unruhe schafft. Meine natürlichen Gefühle empören sich gegen dieses Gefühl. Ich glaube, ich würde einen Mann verachten, welcher nicht Böses mit Bösem, Haß mit Haß vergälte. Das höchste wäre Vergebung zu üben; aber Böses mit Gutem vergelten – das scheint mir ein unnatürliches Begehren von der menschlichen Natur. Und doch während ich alles dies empfinde, werde ich mir klar darüber, daß ich dahin gekommen bin, dich zu achten für eine Handlungsweise, welche grade das Gegenteil von dem ist, was ich meinen Ansichten nach zu erwarten berechtigt war. »O, sprich nicht von mir, teure Gebieterin, sondern sieh einfach auf jenen Grundsatz. Du ehrst ihn ja auch in Anderen, das weiß ich. Verachtest oder achtest du den Aristides, weil er sich einem rohen Feind verpflichtete, indem er, dazu aufgefordert, seinen eigenen Namen auf die Scherbe schrieb, welche für seine Verbannung stimmte? Du, als edle Römerin, verachtest, oder ehrst du den Namen des Coriolan um der edlen Milde wegen, welche er gegen deine Vaterstadt übte?« »Gewiß verehre ich beide so hoch wie möglich; Syra, aber du weißt doch, jene waren Heroen, und nicht alltägliche Menschen.« »Und weshalb können wir nicht alle Heroen sein?« fragte Syra lachend. »O du meine Güte, Kind! In welch einer Welt lebten wir, wenn wir es wären! Es ist köstlich von den Thaten dieser wundersamen Menschen zu lesen, aber es würde uns traurig machen, wenn wir sähen, daß gewöhnliche Menschen sie jeden Tag vollbrächten.« »Weshalb?« fragte die Dienerin eifrig. »Weshalb? Nun, wer möchte denn ein kleines Kind, das man säugt, in seiner Wiege finden, wie es mit Schlangen spielt oder sie erwürgt? Mir würde es sehr unangenehm sein, wenn ein Gast, welchen ich an meine Tafel geladen, mir ruhig erzählte, daß er am selben Morgen bereits einen Minotaur getötet oder eine Hydra erdrosselt habe; oder wenn ein Freund sich erböte, die Tiber durch meine Ställe zu leiten, um diese zu reinigen. Nur kein Heroengeschlecht! sage ich.« Und Fabiola lachte herzlich über die Idee. Mit derselben guten Laune fuhr Syra fort: »Aber nimm nun an, Herrin, daß wir das Unglück hätten, in einem Lande zu leben, wo solche Ungeheuer wie Centauren und Minotauren, Hydren und Drachen existierten. Wäre es denn nicht besser, daß gewöhnliche Menschen genug von einem Helden in sich verspürten, um diese zu besiegen, als daß wir von der andern Seite der Welt einen Theseus oder Herkules holen lassen müssen, um sie zu vernichten? Wahrlich, in solchem Falle wäre ein Mann, wenn er sie bekämpfte, nicht mehr Heros als ein Löwentöter es in meiner Heimat ist.« »Sehr wahr, Syra; aber ich sehe die Nutzanwendung deiner Idee nicht ein.« »Die Nutzanwendung ist diese: Zorn, Haß, Ehrgeiz, Rache, Geiz sind für mein Gemüt ebenso fürchterliche Ungeheuer wie Schlangen und Drachen; und sie überfallen und zerfleischen den gewöhnlichen Menschen grade so, wie jene wilden Ungetüme. Weshalb sollte ich denn nicht grade so gut imstande sein, sie zu besiegen wie Aristides, Coriolan oder Cincinatus? Weshalb müssen wir es denn den Heroen überlassen, das zu vollbringen, was wir doch ebensogut selbst zu thun imstande sind.« »Willst du dies wirklich als einen ganz allgemeinen moralischen Grundsatz aufstellen? Wenn das der Fall ist, so fürchte ich, daß du dich zu hoch emporschwingst.« »Nein, teure Gebieterin. Du warst überrascht, als ich mich erkühnte, zu behaupten, daß innere und unsichtbare Tugend ebenso notwendig sei wie die äußere und sichtbare. Aber ich fürchte, daß ich dich noch mehr überraschen muß.« »Fahre fort und fürchte dich nicht, mir alles zu sagen.« »Nun denn, der Grundsatz des Systems, zu dem ich mich bekenne ist folgender: daß wir als gewöhnliche und alltägliche Tugend; nein, als einfache Pflicht das betrachten und ausüben müssen, was jedes andere Gesetz – sei es das reinste und erhabenste – für heldenhaft und einen Beweis der leuchtendsten Tugend hält.« »Das ist allerdings ein erhabener moralischer Standpunkt. Aber merk wohl auf den Unterschied zwischen diesen beiden Fällen. Der Heros wird durch die Lobpreisungen der Welt gehoben und gestützt; seine That wird aufgezeichnet und der Nachwelt überliefert, wenn er seine eigenen Leidenschaften unterdrückt und eine erhabene Handlung begeht. Wer aber sieht, belohnt oder kümmert sich um das arme, ungekannte, unglückliche Geschöpf, welches sich in demütiger Verborgenheit abmüht, seinem Beispiel zu folgen?« Mit feierlich andächtigen Blicken und Gebärden erhob Syra die Augen und die rechte Hand zum Himmel und sagte dann langsam: »Sein Vater im Himmel, welcher die Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.« Überwältigt schwieg Fabiola einige Augenblicke, dann sagte sie liebreich und ehrfurchtsvoll: »Wiederum, Syra, hast du meine Philosophie besiegt. Deine Weisheit ist ebenso folgerichtig wie sie erhaben ist. Du verlangst, daß eine heroische, wenn auch ungesehene Tugend die gewöhnliche Alltagstugend eines jeden Menschen sei. Die Menschen aber, welche auch nur versuchten , solche Tugend zu üben, müßten mehr sein als Götter. Der einfache Gedanke allem wiegt aber schon alle Philosophie auf. Kannst du mich noch höher führen als so?« »O, noch weit – weit höher.« »Und wohin würdest du mich schließlich führen?« »Dorthin, wo dein Herz dir sagen würde, daß es endlich Frieden gefunden hätte.« Sechstes Kapitel Beratungen Die Verfolgung hatte bereits seit einiger Zeit unter Diocletian und Galerius im Osten gewütet; die Verordnung, dieselbe auch im Westen anzufachen war jetzt an Maximian ergangen. Es war jedoch beschlossen, aus derselben ein Werk der Ausrottung und nicht der Unterdrückung des christlichen Namens zu machen. Man war dahin überein gekommen, auch nicht eines einzigen zu schonen, die Häupter der Kirche zuerst niederzumetzeln, und dann mit der allgemeinen Abschlachtung der ärmeren Klassen zu beginnen. Zu diesem Zwecke war es notwendig Maßregeln zu treffen, damit die verschiedenen Zerstörungswerkzeuge in grausamer Harmonie arbeiteten, damit jedes nur mögliche Instrument in Anwendung komme, um den sichern Erfolg dieser Anstrengungen zu garantieren. Auch sollte die Majestät des kaiserlichen Befehls mit ihrem ganzen Schrecken bei dem vernichtenden Schlage mitwirken. Zu diesem Zwecke hatte der Kaiser, obgleich ungeduldig, sein blutiges Werk zu beginnen, der Ansicht seiner Ratgeber nachgegeben, daß das Edikt geheim gehalten werden solle, bis es gleichzeitig in jeder Provinz und jedem Bezirk des Westens proklamiert werden könne. Die rachedrohende Gewitterwolke hing auf diese Weise eine Zeitlang in qualvoller Heimlichkeit über den auserlesenen Opfern; dann entlud sie sich plötzlich über ihnen und goß ihre verschiedenen Bestandteile »Feuer, Hagel, Schnee, Eis und tobenden Sturm« auf ihre Häupter herab. Es war im Monat November, als Maximian Herculeus die Versammlung einberief, in welcher er die Ausführung seiner Pläne endgültig festsetzen wollte. Zu derselben waren die ersten und vornehmsten Beamten seines Hofes und des Staates geladen. Der erste derselben, der Präfekt der Stadt, hatte seinen Sohn Corvinus mitgebracht, welchen er als Anführer eines Corps von Verfolgern in Vorschlag gebracht hatte, welche bekannt waren wegen ihrer Roheit und ihres Hasses gegen die Christen, die sie ausspüren und mit erbarmungsloser Grausamkeit zu Tode hetzen sollten. Die vornehmsten Präfekten oder Gouverneure von Sicilien, Italien, Spanien und Gallien waren gegenwärtig, um ihre Befehle entgegen zu nehmen. Zusammen mit diesen waren mehrere gelehrte Männer, Philosophen und Redner, unter denen sich auch unser alter Bekannter Calpurnius befand, gerufen worden; auch war an mehrere Priester, welche aus verschiedenen Landesteilen gekommen waren, um eine strengere Verfolgung zu erwirken, der Befehl ergangen zu erscheinen. Wie wir gesehen haben, war der Palatin die gewöhnliche Residenz der Kaiser. Es gab aber noch eine zweite, für welche sie eine besondere Vorliebe hegten, und die der Lieblingsaufenthalt des Maximian Herculeus war. Während der Regierung des Nero war der reiche Senator Plautius Lateranus des Verrats beschuldigt und natürlich mit dem Tode bestraft. Sein unermeßliches Vermögen wurde von dem Kaiser mit Beschlag belegt, und einen Teil desselben bildete sein Haus, von Juvenal und anderen Schriftstellern beschrieben, welches von ungewöhnlicher Größe und Pracht war. Es war herrlich auf dem Coelius und an dem südlichen Abhange der Stadt gelegen, so daß man von seinen Terrassen einen Ausblick hatte, welchem kein anderer in Rom und Umgegend gleichkam. Über die hügelige Campagna fort, welche hier von kolossalen Aquädukten begrenzt, von graden Straßen, an denen sich lange Reihen von Marmorgrüften entlang zogen, durchschnitten, mit glänzenden Villas, welche wie funkelnde Edelsteine aus dunklen Cypressen- und Lorbeerhainen hervorlugten, übersäet war, erreichte das Auge gegen Abend hin die dunkelblaue Kette von Hügeln, auf welchen wollüstig wie auf einem Ruhebette, Alba und Tusculum mit »ihren Töchtern« – wie die orientalische Phrase lautet – ausgestreckt lagen und sich in dem untergehenden Tagesgestirn sonnten. Die felsigen Gipfel der Sabinerberge zur linken, und die goldene Fläche des Meeres zur rechten Seite des Schauenden begrenzten diese wunderbar herrliche Landschaft. Es hieße Maximian eine Eigenschaft zuschreiben, welche er nicht besaß, wenn wir behaupten wollten, daß er diese so ungewöhnlich prächtig gelegene Residenz um ihrer seltenen Schönheit willen geliebt hätte. Der Grund dieser Vorliebe waren die Pracht der Gebäude, welche er noch erweitert und geschmückt hatte, und die Leichtigkeit, mit welcher er die Stadt verlassen und hier draußen Wölfe und Eber jagen und erlegen konnte. Ein Eingeborener von Sirmium in Sclavonien, daher ein berüchtigter Barbar der niedersten Herkunft, ein gemeiner durch Schlachtenglück emporgestiegener Soldat, ohne Erziehung, mit wenig mehr als tierischer Kraft begabt, welche den Namen Herculeus zu einem sehr passenden für ihn machte, hatte er den Purpur durch seinen barbarischen Gesinnungsgenossen Diocles als Kaiser unter dem Namen Diocletian bekannt, erlangt. Wie dieser, habsüchtig bis zur Niederträchtigkeit, verschwenderisch bis zur Sorglosigkeit, denselben rohen Lastern und schändlichen Verbrechen ergeben, vor deren Beschreibung die Feder eines Christen zurückschreckt, ohne Herrschaft über seine Leidenschaften, ohne Sinn für Gerechtigkeit oder menschliches Gefühl, hatte dieses Ungeheuer niemals aufgehört, jeden, der ihm im Wege stand zu unterdrücken, zu verfolgen und zu ermorden. Für ihn war die herannahende Verfolgung das, was ein bevorstehendes Fest für einen Schlemmer und Vielfraß ist, welcher der Aufregung einer Überladung seines Magens bedarf, um die Einförmigkeit der täglichen Excesse zu unterbrechen. Riesenhaft von Gestalt mit den wohlbekannten Zügen seiner Rasse, Gesicht und Haar mehr gelb als rot, mit ruhelos rollenden Augen, in denen sich ein Gemisch von Wildheit, Mißtrauen und Lasterhaftigkeit ausdrückte – so flößte dieser Tyrann (fast einer der letzten von Rom) jedem, der ihn erblickte, Furcht und lähmenden Schrecken ein. Nur nicht den Christen. War es daher zu verwundern, daß er diese Rasse bis auf den bloßen Namen haßte? In der großen Basilika oder Halle des lateranischen Palastes Aedes Lateranae. hielt Maximian seine buntscheckige Ratssitzung ab; jedem einzelnen Mitgliede derselben war Schweigen bei Todesstrafe auferlegt. In der halbrunden Wölbung des oberen Endes der Halle saß der Kaiser auf einem reich mit Gold verzierten Thron aus Elfenbein, und vor ihm hatten sich seine knechtischen und vor Furcht bebenden Ratgeber aufgestellt. Eine auserwählte Leibwache hütete den Eingang, und der Befehlshaber Sebastianus lehnte nachlässig an der Thür, in Wirklichkeit aber prägte er sich jedes Wort, das gesprochen wurde, ein. Wenig ließ sich der Kaiser träumen, daß die Halle, in welcher er saß, und die er später mit dem daranstoßenden Palaste als einen Teil der Mitgift seiner Tochter Fausta dem Constantinus übergab, von diesem einst dem Oberhaupt jener Kirche, welche er auszurotten gedachte, geschenkt werden und mit Beibehaltung ihres Namens, Lateranensische Basilika, die Kathedrale von Rom werden würde »die Mutter und das Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises.« Die Inschrift, welche sich am Haupteingange der Basilika befindet. Omnium urbis et orbis ecclesiarum mater et caput. Wenig dachte er daran, daß auf derselben Stelle, wo sein Thron stand, sich ein Stuhl erheben würde, von dem Befehle ausgehen sollten, welche in Welten dringen würden, die noch kein römischer Fuß betreten hatte; auf dem sich ein unsterbliches Geschlecht von geistlichen und weltlichen Herrschern durch Jahrtausende erhalten würde. Aus religiöser Höflichkeit wurden die Priester, von welchen jeder seine Geschichte zu erzählen und Klagen anzubringen hatte, zuerst zugelassen. Hier war ein Fluß ausgetreten und hatte auf den angrenzenden Ebenen vielen Schaden angerichtet; dort hatte ein Erdbeben einen ganzen Stadtteil vernichtet; an der nördlichen Grenze drohten die Barbaren einzufallen; im Süden wütete die Pest unter der frommen Bevölkerung. Und in jedem einzelnen Falle hatte das Orakel erklärt, daß alles dies durch die Christen verschuldet sei, deren Duldung die Götter erzürnte und deren böse Zauberkünste Unglück über das Reich brächten. Ja, einige Orakel hatten ihre Frommen tief betrübt, indem sie offen verkündet hatten, daß sie nicht eher wieder sprechen würden, als bis die verhaßten Nazarener vollständig ausgerottet seien; und das große delphische Orakel hatte nicht gesäumt zu erklären, »daß die Gerechten den Göttern nicht erlaubten zu sprechen«. Dann kamen die Philosophen und Redner an die Reihe, von denen jeder einzelne seine langgewundene Rede hielt, während Maximian die unverhohlensten Zeichen seiner Ermüdung gab. Da jedoch die Kaiser im Osten eine ähnliche Zusammenkunft abgehalten hatten, so hielt er es für seine Pflicht, die Langeweile zu ertragen. Zum zehntausendstenmal wurden dieselben Verleumdungen vor einer beifallslustigen Versammlung wiederholt: die Lügen von dem Morde und der Verspeisung unschuldiger Kinder, der Verübung schändlicher Verbrechen, der Anbetung der Leiber von Märtyrern, der Verehrung eines Eselskopfes, und widersinnig und widersprechend genug sprach man endlich die Beschuldigung aus, daß die Christen Ungläubige seien und keinem Gotte dienten. Und all diese Geschichten wurden fest geglaubt, obgleich ihre Erzähler wahrscheinlich sehr wohl wußten, daß sie nichts als ungeheure heidnische Lügen seien, welche gut dazu dienten, den Abscheu vor dem Christentum aufrecht zu erhalten. Aber endlich erhob sich der Mann, von welchem man annahm, daß er die Doktrinen des Feindes am gründlichsten studiert habe und seine gefährliche Taktik am genausten kenne. Man vermutete, daß er dessen Bücher gelesen habe und eine Widerlegung seiner Irrtümer vorbereite, die vollständig vernichten mußten. So groß in der That war das Gewicht, welches er bei seinen Anhängern hatte, daß wenn er behauptete, die Christen handelten nach den ungeheuerlichsten Grundsätzen, man selbst dem Papste grade ins Gesicht gelacht haben würde, wenn er den Versicherungen des Calpurnius widersprochen hätte. Was wäre auch sein Wort gewesen gegenüber den zuversichtlichen Aussagen des Philosophen! Er schlug einen ganz verschiedenen Ton an und seine Gelehrsamkeit setzte seine sophistischen Gefährten in Erstaunen. Er sagte, daß er nicht allein die Originalschriften der Christen selbst, sondern auch die ihrer Vorfahren, der Juden gelesen habe; diese seien unter der Regierung des Ptolomeus Philadelphus nach Ägypten gekommen, um einer Hungersnot in ihrem eigenen Lande zu entrinnen; nachdem es ihnen durch die Künste ihres Anführers Josephus gelungen, alles Korn aufzukaufen, hätten sie es nach ihrem Heimatlande geschickt. Daraufhin habe Ptolomeus sie in Gefangenschaft gesetzt und ihnen gesagt, daß sie, da sie alles Korn verzehrt hätten, jetzt von Stroh leben sollten, indem sie aus demselben Backsteine machten, um eine große Stadt damit zu erbauen. Als dann Demetrius Phalerius durch sie eine große Menge seltsamer Erzählungen von ihren Vorfahren gehört hatte, sperrte er Aaron und Moyses, ihre beiden gelehrtesten Männer in einen Turm, nachdem er ihnen die Hälfte ihrer Bärte hatte abrasieren lassen, damit sie die ganze Chronik im griechischen niederschreiben sollten. Diese seltenen Bücher hatte Calpurnius gesehen und auf ihnen allein wollte er seine Berichte aufbauen. Diese Rasse machte jedem König und jedem Volke, das seinen Weg kreuze, den Krieg und zerstöre und vernichte sie alle. Es sei ihr Grundsatz, wenn sie eine Stadt einnähmen, jeden Bewohner über die Klinge springen zu lassen; und das alles käme daher, weil sie vollständig unter der Herrschaft ihrer ehrgeizigen Priester ständen; und so zwar, daß, als ein gewisser König Saulus, auch Paulus genannt, einen armen gefangenen König Namens Agag verschont habe, die Priester befahlen, daß man ihn herausbringe und in Stücke haue. »Und jetzt,« fuhr er fort, »stehen diese Christen noch immer unter der Herrschaft derselben Priesterschaft, und noch heute sind sie bereit, auf ihren Befehl hin das ganze römische Reich zu zerstören, uns alle auf dem Forum zu verbrennen, und sich sogar an den geheiligten und ehrwürdigen Häuptern unserer göttlichen Kaiser zu vergreifen.« Ein Schauer des Entsetzens durchlief die ganze Versammlung bei dieser Erzählung. Man beruhigte sich indessen bald wieder, als der Kaiser den Mund öffnete um zu sprechen. »Was mich anbetrifft, so habe ich noch einen anderen und schwerwiegenderen Grund für meinen Abscheu gegen diese Christen. Sie haben es gewagt, im Herzen des Kaiserreichs, in dieser Stadt selbst eine höhere religiöse Autorität einzusetzen, welche man bis jetzt nicht gekannt hat, die unabhängig von der Regierung des Staates ist und eben so große Gewalt über ihre Seelen besitzt wie diese. Früher erkannte jedermann den Kaiser als den höchsten Herrscher in religiösen wie in weltlichen Dingen an. Daher trägt er noch jetzt den Titel ›Pontifex Maximus‹. Aber diese Menschen haben eine geteilte Macht eingesetzt und kennen daher auch nur einen geteilten Gehorsam. Ich verabscheue daher diese priesterliche Gewalt über meine Unterthanen wie einen frechen Eingriff in meine Rechte. Denn ich erkläre, daß ich lieber vernehmen würde, es sei ein neuer Rival für meinen Thron erstanden als daß einer dieser Priester in Rom gewählt sei.« Dies sind genau die Worte des Decius bei der Wahl des heiligen Cornelius auf den Stuhl Petri: » Cum multo patientius audiret levari adversum se aemulum principem quam constitui Romae Dei sacerdotem .« – Kann es einen stärkeren Beweis dafür geben, daß unter dem heidnischen Kaiserreich die päpstliche Macht bereits so fühlbar und sichtbar war, daß sie die Eifersucht des Kaisers erweckte. Dieser Rede, welche mit einer harten widrigen Stimme und mit starkem fremdem Accent gehalten wurde, folgte ein ungeheurer Beifall; nun machte man Pläne für die gleichzeitige Veröffentlichung des Edikts im ganzen Abendlande und für seine vollständige und vernichtende Ausführung. Sich dann scharf zu Tertullus wendend, sagte der Kaiser: »Präfekt, du sagtest, daß du einen Menschen vorschlagen würdest, welcher die Ausführung dieser Anordnungen überwachen und auf das unbarmherzigste mit den Verrätern verfahren würde.« »Hier ist er, mein Gebieter, Corvinus, mein Sohn.« Und Tertullus führte den jugendlichen Bewerber an den Schemel des Kaisers, vor welchem er niederkniete. Maximus blickte ihn durchdringend an. Dann brach er in ein grauenvolles Lachen aus und sagte: »Auf mein Wort, ich glaube, der wird es vollbringen! Wie, Präfekt, ich wußte nicht, daß du einen so häßlichen Sohn habest. Ich bin der festen Überzeugung, daß er der Mensch ist, den wir brauchen; jede Eigenschaft eines gründlichen, gewissenlosen Unholds drückt sich auf seinem Gesichte aus.« Sich dann zu Corvinus wendend, welcher glühendrot vor Wut, Schrecken und Scham war, sagte er: »Merke dir's, Bursche, ich will die Arbeit ordentlich gethan sehen; kein verstümmeln und zerhacken, keine Mißgriffe und Tölpeleien. Ich bezahle gut, wenn ich gut bedient werde, aber ich lasse auch tüchtig durchprügeln, wenn man mich schlecht bedient. So, jetzt geh; und vergiß nicht, daß, wenn dein Rücken mir für einen kleinen Fehler verantwortlich ist, dein Kopf es für einen größeren sein muß. Die fasces der Liktoren enthalten sowohl eine Axt wie Ruten.« Der Kaiser erhob sich, um sich zu entfernen, als sein Auge auf Fulvius fiel, welcher als Hofspion hierher befohlen war, sich aber soviel wie irgend möglich im Hintergrunde hielt. »He, he! du dort, mein würdiger Freund aus dem Osten,« rief er ihn an, »so tritt doch näher!« Fulvius gehorchte mit anscheinender Freude, obgleich in Wahrheit mit Widerstreben; es war ungefähr, als hätte man ihn aufgefordert, in die Nähe eines Tigers zu gehen, ohne daß er vorher Gelegenheit gehabt hätte, sich von der Festigkeit seiner Ketten zu überzeugen. Von Anfang an hatte er wahrgenommen, daß sein Aufenthalt in Rom dem Maximian nicht sehr wünschenswert erschien, obgleich ihm der Grund hierfür noch nicht ganz klar war. Es war nicht allein, daß der Tyrann eine große Menge eigener Günstlinge hatte, welche er bereichern mußte, und Spione genug, welche Bezahlung von ihm erwarteten, ohne daß Diocletian ihm derer noch mehrere aus Asien zusandte – obgleich auch dies ins Gewicht fiel, aber es war noch mehr. Er glaubte im innersten seines Herzens, daß Fulvius hauptsächlich nach Rom gesandt worden, um als Spion an ihm selbst zu dienen, und alles, was an seinem Hofe gesagt und gethan werde nach Nicomedia zu berichten. Während er daher gezwungen war, ihn zu dulden und anzustellen, mißtraute er ihm, was für ihn schon gleichbedeutend mit Haß war. Es war daher ein kleiner Trost für Corvinus, als er vernahm, wie sein kluger und feiner Verbündeter ebenso rauh wie er selbst ungefähr mit folgenden Worten vor der ganzen Versammlung angeredet wurde: »Keine von deinen feinen, angenommenen Gebärden für mich, Bursche! Ich brauche Thaten, und kein albernes Lächeln. Du bist als berüchtigter Spürhund hierher gekommen, um die Verschwörer aus ihren Nestern zu ziehen und ihre Eier für mich auszusaugen. Bis jetzt habe ich aber noch nichts davon gesehen, und doch hast du immer Geld genug erhalten, um das Geschäft damit zu beginnen. Diese Christen werden dir Wild genug liefern; halte dich also bereit, und laß uns sehen, was du leisten kannst. Du kennst meine Art und Weise; ich rate dir also, scharf umher zu blicken, damit du nicht plötzlich etwas sehr Scharfes vor dir siehst. Das Vermögen der Missethäter soll zwischen den Angebern und dem Staatsschätze geteilt werden, wenn ich nicht ganz besondere Gründe entdecke, um das Ganze an mich zu nehmen. Jetzt kannst du gehen.« Die meisten der Anwesenden glaubten, daß diese »ganz besonderen Gründe«, wohl sehr allgemein werden könnten. Siebentes Kapitel Düsterer Tod Wenige Tage nach Fabiolas Rückkehr vom Lande hielt Sebastianus es für seine Pflicht, ihr seine Aufwartung zu machen, um ihr, soweit dies möglich war ohne Herzeleid zu verursachen, das mitzuteilen, was er von dem Gespräch zwischen Corvinus und ihrer schwarzen Sklavin erlauscht hatte. Wir haben bereits erwähnt, daß von all den edlen Jünglingen, welche das Haus ihres Vaters besuchten, kein einziger mit Ausnahme von Sebastianus die Bewunderung und Achtung Fabiolas erregt hatte. So offenherzig, so großmütig, so tapfer und doch so bescheiden; so milde, so gütig in Handlung und Worten, so selbstlos und so fürsorglich für andere, in seinem Charakter Vornehmheit und Einfachheit, große Weisheit und praktischen Sinn so edel vereinend, war er für sie der Typus jeder männlichen Tugend, ein Mensch, der durch näheren Verkehr nicht verlieren, durch Vertraulichkeit nicht leiden konnte. Als man ihr daher meldete, daß der Tribun Sebastianus sie in einer der unteren Hallen allein zu sprechen wünsche, klopfte ihr Herz laut bei der ungewöhnlichen Nachricht, und tausend seltsame Gedanken über den möglichen Zweck dieser Unterredung stiegen in ihr auf. Diese Aufregung verminderte sich nicht, als er, nachdem er sich wegen seiner anscheinenden Zudringlichkeit entschuldigt hatte, mit einem Lächeln bemerkte, daß er, obgleich er sehr wohl wisse, wie oft sie durch die vielen Bewerber um ihre Hand belästigt werde, dennoch dieser Liste einen neuen, obgleich noch nicht erklärten Kandidaten hinzufügen müsse. Wenn diese weitschweifige Einleitung sie vielleicht überraschte oder sogar erfreute, so ward sie bald wieder niedergeschlagen, als sie erfuhr, daß dieser Bewerber kein anderer sei als der gemeine und rohe Corvinus. Denn selbst ihr Vater, welcher so wenig Menschenkenntnis besaß, wenn es sich nicht grade um seine Geschäfte handelte, hatte bei dem letzten Bankett genug von ihm gesehen, um ihm im Gespräche mit seiner Tochter die obenerwähnten Eigenschaften beizulegen. Sebastianus, welcher mehr die physischen als die seelischen Wirkungen von Afras Zaubertränken fürchtete, hielt es für seine Pflicht Fabiola über den Handel zu belehren, welcher zwischen diesen beiden Pfuschern in der schwarzen Kunst abgeschlossen worden war, wenn er auch sehr wohl einsah, daß der Kern dieses Vertrages darin bestand, daß die Sklavin dem Beutel eines widerstrebenden Dummkopfes Geld entlocken wollte. Natürlich erwähnte er nichts von dem, was in jenem Zwiegespräch über die Christen gesagt worden war. Er beschwor das junge Mädchen nur auf der Hut zu sein, und Fabiola versprach, von jetzt an die nächtlichen Ausflüge ihrer schwarzkünstlerischen Sklavin zu verhüten. Sie glaubte keinen Augenblick, daß Afra versuchen würde, dasjenige auszuführen, was sie zu thun versprochen hatte, auch fürchtete sie sich durchaus nicht vor der Zauberei welche sie gründlich verlachte und verachtete. In der That schien Afras letztes Selbstgespräch hinlänglich zu beweisen, daß sie ihr Opfer nur täuschen wollte. Aber Fabiola war empört, daß sie der Gegenstand eines Handels zwischen zwei so gemeinen Charakteren gewesen und von der Sklavin wie ein habsüchtiges, geiziges Geschöpf hingestellt worden sei, für welches der Preis eitles Gold war. »Ich fühle,« sagte sie endlich zu Sebastianus, »wie gütig es von dir ist, herzukommen und mich auf diese Weise zu warnen; ich bewundere die Zartheit, mit welcher du eine so unangenehme Sache behandelt hast, und die Milde, welche du für jeden an den Tag legst, der in diese Angelegenheit verwickelt ist.« »Ich habe in diesem Falle nur gethan, was ich für jedes menschliche Geschöpf gethan haben würde – ich habe dir nur Kummer und Gefahr erspart,« entgegnete der junge Soldat. »Ich hoffe, du willst sagen, was du für jeden Freund gethan haben würdest,« sagte Fabiola lächelnd, »sonst fürchte ich, daß dein Leben mit Werken unbelohnter Wohlthätigkeit hingehen würde.« »Möge es so hingehen! Besser könnte ich es niemals anwenden!« »Sicherlich Sebastianus, du sprichst nicht im Ernst. Wenn du einen Menschen, welcher dich stets nur gehaßt und deinen Untergang beabsichtigt hätte, von einer Gefahr bedroht sähst, die ihn unschädlich machen könnte, so würdest du doch nicht die Hand ausstrecken um ihm zu helfen oder ihn zu retten?« »Gewiß würde ich das thun. Gott sendet Seinen Sonnenschein und Seinen Regen ebensogut auf Seine Feinde wie auf Seine Freunde herab. Sollen wir schwachen Menschen denn eine andere Gerechtigkeit üben?« Diese Worte setzten Fabiola in Erstaunen; sie waren denen auf ihrem geheimnisvollen Pergament so ähnlich, sie waren identisch mit der moralischen Theorie ihrer Sklavin Syra. »Ich glaube, Sebastianus, du bist im Morgenlande gewesen; hast du diese Prinzipien dort eingesogen?« fragte sie ihn plötzlich. »Ich habe in meiner Umgebung ein Mädchen von seltenen sittlichen Ansichten, wenn sie auch nur aus eigener Wahl eine Dienerin ist. Sie hat dieselben Gedanken mir gegenüber ausgesprochen und sie ist eine Asiatin.« »Nein. Nicht in fernen Ländern habe ich sie eingesogen, sondern an der Brust meiner Mutter, obgleich sie ohne Zweifel ursprünglich aus dem Osten zu uns gedrungen sind.« »Gewiß sind sie schön in der Theorie,« bemerkte Fabiola nachdenklich, »aber der Tod würde uns ereilen bevor wir sie auch nur zur Hälfte zur Ausführung bringen könnten, wenn wir sie zur Richtschnur unseres Lebens machen wollten.« »Und könnte der Tod uns denn besser finden, wenn auch nicht überraschen, als indem wir unsere Pflicht thun, selbst wenn wir noch nicht bis zur Vollendung vorgedrungen sind?« »Was mich anbetrifft,« begann das junge Mädchen von neuem, »so bin ich der Ansicht des alten epikuräischen Dichters. Diese Welt ist ein Festmahl, von welchem ich bereit bin mich zu entfernen, wenn ich satt bin – ut conviva satur – aber nicht früher. Ich will das Buch des Lebens bis zu Ende lesen und es ruhig zuschlagen, wenn ich die letzte Seite gelesen habe.« Sebastianus schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: »Die letzte Seite vom Buche dieses Lebens kommt schon in der Mitte des Bandes, wo immer auch das Wort ›Tod‹ geschrieben sein mag. Aber auf der nächsten Seite beginnt das leuchtende Buch eines neuen Lebens – ohne eine letzte Seite.« »Ich verstehe dich,« sagte Fabiola gutmütig, »du bist ein tapferer Soldat und du sprichst wie ein solcher. Du mußt stets auf den Tod in tausend Gestalten vorbereitet sein, wir sehen ihn selten plötzlich kommen; er kommt in barmherzigerer Gestalt und heimlich zu den Schwachen. Du denkst ohne Zweifel an ein ruhmreicheres Schicksal, du bist bereit ganze Garben von feindlichen Pfeilen in deine Brust aufzunehmen und mit Ehren bedeckt zu fallen; du siehst dem Grabe des Soldaten entgegen, über dem Trophäen aufgebaut sind. Für dich eröffnet das herrliche Buch des Ruhms seine Seiten nach dem Tode.« »Nein, nein, edles Mädchen,« rief Sebastianus mit Begeisterung aus. »Das meinte ich nicht. Ich wünsche keinen Ruhm, dessen man sich nur in der Phantasie erfreuen kann. Ich spreche von dem gemeinen Tode, der zu mir kommen kann wie zu dem niedrigsten Sklaven, der mich in schleichendem, brennendem Fieber verzehrt, mich in langer, qualvoller Krankheit vernichtet, mich mit fressenden eiternden Beulen bedeckt. Oder, wenn du willst, von jenem Tode, der mich durch die Wut eines Mitmenschen trifft. Laß ihn kommen in jeglicher Form – er kommt von einer Hand, die ich liebe!« »Und meinst du wirklich, daß der Tod dir in solcher Gestalt willkommen wäre?« So freudig würde ich ihn begrüßen, wie der Epikuräer die sich öffnenden Thüren, hinter welchen er die strahlenden Lampen erblickt, die reiche Tafel mit ihren köstlichen Gerichten, und die aufwartenden mit Rosen bekränzten Diener. So glücklich würde ich sein wie die Braut, welcher der herannahende Bräutigam verkündet wird, der mit reichen Gaben kommt um sie ihrer neuen Heimat zuzuführen. Frohlockend wird mein jubelndes Herz schlagen, wenn der Tod – in welcher Gestalt er auch nahen mag – die Thore öffnet, welche Eisen auf dieser Seite, aber Gold auf der anderen sind, und den Weg zu einem neuen und ewigen Leben frei lassen. Mich kümmert's nicht, wie furchtbar der Bote auch sein mag, der mir das Herannahen Desjenigen verkündet, der in himmlischer Schönheit prangt.« »Und wer ist Er?« fragte Fabiola eifrig. »Kann man Ihn nicht anders erblicken als durch die fleischlosen Rippen des Todes?« »Nein,« erwiderte Sebastianus, »denn Er ist es, der uns nicht allein für unser Leben, sondern auch für unser Sterben belohnen soll! Glücklich diejenigen, deren innerstes Herz, in welchem Er stets gelesen hat, rein und unschuldig geblieben ist, deren Thaten tugendhaft gewesen! Denn sie werden die strahlende Erscheinung Dessen sehen, der ihnen den Lohn für ihr Leben bringt!« Wie ähnlich Syras Lehren! dachte sie. Aber ehe sie wieder sprechen konnte, um zu fragen woher diese stammten, trat ein Sklave ein, blieb auf der Schwelle stehen und sagte ehrerbietig: »Ein reitender Bote ist soeben aus Bajae Damals vornehmer Badeort in der Nähe von Neapel. eingetroffen, Herrin.« »Verzeih mir, Sebastianus!« rief sie aus. »Er soll augenblicklich eintreten!« Staubbedeckt und abgehetzt trat der Bote ein; sein ermüdetes Pferd hatte er am Thor zurückgelassen. Er überreichte Fabiola ein versiegeltes Paket. Ihre Hand zitterte, als sie es in Empfang nahm; und während sie die Schnüre löste, fragte sie zögernd: »Von meinem Vater?« »Über ihn wenigstens,« lautete die bedeutungsvolle Antwort. Sie entfaltete das Papier, ließ das Auge darüber schweifen, schrie auf und fiel zu Boden. Sebastianus nahm sie in seine Arme, legte sie auf ein Ruhebett und ließ sie in den Händen ihrer Dienerinnen, welche auf den Schrei herbeigeeilt waren, zurück. Ein Blick auf den Bogen hatte ihr genügt. Ihr Vater war tot. Achtes Kapitel Noch düsterer Als Sebastianus in den Hof trat, fand er die Diener um den Boten versammelt, welcher ihnen die traurigen Einzelheiten vom Tode ihres Gebieters mitteilte. Den Brief, welchen Torquatus dem Fabius überbrachte, hatte die gewünschte Wirkung gehabt. Er kehrte in seiner Villa ein und brachte auf dem Wege nach Asien einige Tage in der Gesellschaft seiner Tochter zu. Er war noch liebevoller als gewöhnlich, und als sie sich trennten, schienen sich sowohl des Vaters wie des Mädchens traurige Ahnungen zu bemächtigen, daß sie sich niemals wiedersehen würden. Er gewann seinen frischen Mut jedoch bald in Bajae wieder, wo eine Gesellschaft von Lebemännern seiner ungeduldig harrte. Hier hielt er sich verpflichtet zu verweilen, während seine Galeere ausgerüstet und mit den besten Lebensmitteln und Weinen, welche Campanien zu bieten vermochte, für die Reise verproviantiert wurde. Er gab jedoch seinen üppigen Neigungen bis zum Exceß nach, und als er nach einem tüchtigen Abendessen aus dem Bade kam, packte ihn das Fieber und nach vierundzwanzig Stunden war er eine Leiche. Seinen großen Reichtum hatte er seinem einzigen Kinde ungeteilt hinterlassen. Als der reitende Bote Bajae verließ, war man grade damit beschäftigt, den Körper einzubalsamieren, welcher auf Fabius' Galeere nach Ostia gebracht werden sollte. Als Sebastianus diesen traurigen Bericht vernahm, that es ihm fast leid, vom Tode gesprochen zu haben, wie er es gethan hatte. Mit traurigen Gedanken verließ er das Haus. Fabiolas erster Sturz in den düsteren Abgrund des Kummers war tief und fürchterlich; sie verlor fast die Besinnung. Dann trugen die Elasticität der Jugend und der Sinne sie wieder an die Oberfläche empor, und als sie den Blick wieder über das Meer des Lebens schweifen ließ, sah sie nichts als einen unbegrenzten Ocean von schwarzschäumenden Wogen, auf denen außer ihr kein lebendes Wesen umhertrieb. Ihr Weh schien grenzenlos und unermeßlich. Mit einem Schaudern schloß sie die Augen und versank wieder in Bewußtlosigkeit, bis man ihren Geist zum Bewußtsein zurückrief. So wurde sie zwischen Leben und vorübergehendem Tod hin- und hergeworfen, während ihre Dienerinnen Mittel gegen das anwandten, was sie für eine Reihenfolge von gefährlichen Krämpfen und Konvulsionen hielten. Endlich richtete sie sich empor, bleich, starr und thränenlos, und schob sanft die Hand beiseite, welche bemüht gewesen, ihr Wiederbelebungsmittel einzuflößen. In diesem Zustande verharrte sie lange; eine tödliche Erstarrung schien über sie gekommen zu sein; die Augensterne waren für das Licht unempfindlich geworden, und ihre Umgebung flüsterte sich ängstlich die Befürchtung zu, daß ihr Verstand vielleicht gelitten habe. Der Arzt, welchen man herbeigerufen hatte, rief ihr laut und vernehmlich die Frage ins Ohr: »Fabiola, weißt du, daß dein Vater gestorben ist?« Sie erbebte, fiel zurück, und eine strömende Thränenflut schaffte ihrem Herzen und ihrem Kopfe Erleichterung. Sie sprach von ihrem Vater und rief unter Schluchzen nach ihm und sprach milde, unzusammenhängende aber liebevolle Dinge von ihm und zu ihm. Zuweilen schien sie zu glauben, daß er noch am Leben sei; dann wieder fiel es ihr ein, daß er tot sei, und sie weinte und stöhnte, bis der Schlaf an die Stelle der Träume trat und ihr erschüttertes Gemüt und den zuckenden Körper stärkte. Nur Euphrosine und Syra wachten bei ihr. Erstere hatte von Zeit zu Zeit die gewöhnlichen heidnischen Trostesworte gesprochen, hatte sie daran erinnert, welch ein gütiger Gebieter, welch ein ehrlicher Mann und welch ein liebevoller Vater er gewesen war. Aber schweigend saß die Christin da; nur dann und wann sprach sie ein leises, beruhigendes Wort zu ihrer Herrin und bediente sie mit einer zärtlichen Emsigkeit, welche selbst in diesem Augenblicke nicht ganz unbeachtet blieb. Was mehr konnte sie denn noch thun? – nur beten! Was konnte sie hoffen, als daß vielleicht eine neue Hoffnung wie eine Blume verborgen in dieser Heimsuchung ruhe? Daß ein Engel des Lichts in der dunklen Wolke dahersegle, welche das Haupt ihrer Herrin umschattet hatte? Als der Kummer wich, ließ er Raum für die Gedanken. Und diese bemächtigten sich Fabiolas in düsterer und grübelnder Gestalt. »Was war aus ihrem Vater geworden? Wohin war er gegangen? Hatte er sich in das Nichts aufgelöst. War sein Leben von jenem Auge durchforscht, welches das Unsichtbare sieht? Hatte er jene Prüfung bestanden, welche Sebastianus und Syra beschrieben hatten? Unmöglich! Was war also aus ihm geworden?« Ein Schauer erfaßte sie bei diesem Gedanken, und sie verschloß ihr Gemüt diesen Grübeleien. O! was gäbe sie für einen Strahl von einem unbekannten Lichte, der in das Grab fallen und ihr zeigen könnte, was es war! Die Poesie hatte vorgegeben, es zu erhellen, es sogar zu glorifizieren; in Wahrheit war sie aber nur wie ein trauernder Engel mit gebeugtem Haupte und gesenkter Fackel am Eingange stehen geblieben. Die Wissenschaft war hineingedrungen und war entsetzt mit besudelten Schwingen und erloschener Lampe aus der verpesteten Gruft zurückgekehrt, denn sie hatte nichts gefunden als ein Beinhaus. Und die Philosophie hatte kaum gewagt, das Grab zu umkreisen; voll Schrecken hatte sie einen flüchtigen Blick hineingethan, sie war zurückgeprallt und hatte dann nur gelallt und geschwatzt. Sie hatte die Achseln gezuckt und gestanden, daß das Problem noch ungelöst, das Geheimnis noch verschleiert sei. O nur ein Etwas, oder einen Menschen, der, besser als alle diese, der qualvollen Ungewißheit ein Ende machen könnte! Während diese Gedanken wie düstere Nacht auf dem Herzen Fabiolas lasten, sieht ihre Sklavin eine Erscheinung des Lichts, die sich in menschliche Gestalt gekleidet, durchsichtig und leuchtend aus dem Grabe emporschwingt. Vergeistigt und frei, lieblich und strahlend entsteigt sie dem Bette der Verwesung. Und dann noch eine, und noch eine; vom Wasser und vom Lande; aus den dunstigen Begräbnisplätzen und unter dem geweihten Altar hervor; aus dem verwachsenen Dickicht, wo verborgener Mord an dem Gerechten verübt worden, und von Schlachtfeldern, wo Israel in alten Zeiten Schlachten für seinen Gott geliefert hat. Wie krystallhelle Wasserstrahlen steigen sie in die Luft empor, wie brennende Feuerzeichen, welche von der Erde zum Himmel gesandt worden, bis Millionen und Millionen, Seite an Seite, die Schöpfung von neuem mit frohem und unvergänglichem Leben bevölkern. Und wie weiß sie dies? Weil Einer, der größer und besser als alle Poeten, Weisen und Sophisten den Versuch gemacht hatte; Er war zuerst in das dunkle Bett des Todes hinabgestiegen, hatte es geweiht, wie er die Wiege geweiht und die Kindheit heilig gemacht hatte. So hatte Er auch den Tod zu einer heiligen Sache und seine Stätte zu einem Heiligtum geweiht. An einem dunklen Abend war Er hinabgestiegen; und am klarsten Morgen war Er wieder daraus hervorgegangen; in Spezereien und Weihrauch hatte man Ihn hineingelegt, und in Seiner eigenen duftenden Unverweslichkeit war Er auferstanden. Und von diesem Tage an hatte das Grab aufgehört ein Gegenstand des Schreckens für die christliche Seele zu sein, denn es ist geblieben, wozu Er es gemacht hatte – die Furche, in welche die Saat der Unsterblichkeit gelegt werden muß. Die Zeit war jedoch noch nicht gekommen, um von diesen Dingen mit Fabiola reden zu können. Sie trauerte noch, wie Jene trauern, die keine Hoffnung haben. Ein Tag nach dem andern ging hin in düsteren Betrachtungen über das Geheimnis des Todes, bis andere Sorgen kamen, welche sie glücklicherweise aus ihrer dumpfen Stimmung aufrüttelten. Die Leiche kam an, und nun folgte ein Leichenbegängnis, wie Rom es noch selten gesehen hatte. Prozessionen bei Fackelschein, in denen die wächsernen Bilder von Vorfahren getragen wurden, dann ein ungeheurer Scheiterhaufen aus aromatischen Hölzern aufgebaut und mit den kostbarsten Wohlgerüchen Arabiens durchtränkt. Dies war das Ende! Wenige Handvoll verkohlter Knochen, welche in eine Alabaster Urne gesammelt und dann in eine Nische des Familienbegräbnisses gestellt wurden! Zuletzt der Name des Toten darauf geschrieben! Calpurnius hielt die Rede bei der Leichenfeierlichkeit. Der Mode des Tages angemessen stellte er die Tugenden des gastfreien und fleißigen Bürgers der falschen Moralität jener Menschen gegenüber, welche man Christen nannte, die den ganzen Tag fasteten und beteten und im geheimen mit ihren gefährlichen Grundsätzen in jede edle Familie eindrangen und Unsittlichkeit und Gesetzwidrigkeit in allen Klassen verbreiteten. Wenn es ein Dasein nach dem Tode gab – worüber die Philosophen noch nicht einig waren – so sonnte Fabius sich jetzt an einem grünen Ufer im Elysium und schlürfte Nektar. »Und ach!« schloß der alte winselnde Heuchler, welcher nicht einen einzigen Becher Falerner Weins für eine Amphore Großes irdenes Gefäß, in welchem man den Wein in den Kellern aufbewahrte. jenes Trankes hingegeben haben würde, »ach! wenn die Götter doch das Nahen jenes Tages beschleunigen möchten, an welchem ich, sein armseliger Untergebener, seine schattige Ruhe und sein stilles Gastmahl mit ihm teilen könnte!« Dieser edle Wunsch trug ihm einen nicht endenwollenden Beifall, ein! Auf diese Sorge folgte eine andere. Fabiola mußte ihren starken Geist daran gewöhnen, die verwickelten Geschäfte ihres Vaters zu prüfen und zu ordnen. Wieviel Kummer verursachte ihr die Entdeckung von häufiger Ungerechtigkeit, von Betrug, Bedrückung und Übervorteilung in den Handlungen eines Mannes, den die Welt stets als den ehrlichsten und freigebigsten aller öffentlichen Unternehmer gepriesen hatte! Wenige Wochen später trat Fabiola in dem dunklen Gewande der Trauernden eine Runde von Besuchen bei ihren Freunden an. Der erste galt Agnes, ihrer Verwandten. Neuntes Kapitel Der falsche Bruder Wir müssen unseren Leser jetzt einige Schritte in der Geschichte des Torquatus zurückführen. Am Morgen nach seinem Falle erblickte er beim Erwachen Fulvius neben seinem Bette. Es war der Falkner, welcher einen guten Habicht erwischt hatte und jetzt kam um ihn zu zähmen und ihn zu lehren, wie er auf die Taube niederzustoßen habe. Dafür gewährte er ihm eine Gefangenschaft, in welcher es ihm an nichts fehlen würde. Mit der ganzen Ruhe und Kälte einer geübten Hand rief er ihm jeden Umstand der Schwelgerei des vorhergehenden Abends ins Gedächtnis zurück, sein vollständiges Verderben und den einzigen Ausweg aus demselben. Mit gefühlloser Präzision zog er jeden Faden des Netzes straffer an und fügte demselben noch manche Masche hinzu. Torquatus' Lage war folgende: wenn er sich nur mit einem einzigen Schritt dem Christentum wiederum näherte, der, wie Fulvius ihn versicherte, überdies nutzlos sein würde, so sollte er sofort dem Richter übergeben und mit einem grausamen Tode bestraft werden. Blieb er jedoch seinem verräterischen Vertrage treu, so sollte es ihm an nichts fehlen. »Du bist heiß und hast Fieber,« schloß Fulvius endlich, »ein Spaziergang am frühen Morgen und frische Luft werden dir wohlthun.« Der arme Unglückliche willigte ein, und kaum hatten sie das Forum erreicht, als Corvinus wie durch Zufall zu ihnen stieß. Nach den gegenseitigen Begrüßungen sagte er: »Es ist mir lieb, daß ich euch getroffen habe; ich möchte euch zu der Werkstätte meines Vaters führen und euch dieselbe zeigen.« »Werkstätte?« fragte Torquatus erstaunt. »Ja, der Ort. an dem er seine Gerätschaften aufbewahrt; sie ist soeben herrlich eingerichtet und geordnet. Hier ist sie, und jener grimme alte Aufseher Catulus öffnet grade die Thüren.« Sie traten in einen weiten Hofraum, welcher ringsumher mit einem Wetterdach umgeben war, unter dem sich Folterwerkzeuge in jeder nur erdenklichen Form befanden. Torquatus prallte zurück. »Tretet nur ein, ihr Herren,« sagte der alte Folterknecht, »fürchtet euch nicht; das Feuer ist noch nicht angezündet und niemand wird euch etwas zu Leide thun, wenn ihr nicht grade zu jenen gottlosen Christen gehört. Für sie haben wir hier kürzlich alles hergerichtet.« »Nun, Catulus,« sagte Corbinus, »erkläre doch diesem Herrn hier, der ein Fremder ist, den Gebrauch deiner hübschen, zierlichen Spielsachen.« Mit fröhlichem Mut führte Catulus sie in seinem Schreckensmuseum umher, erklärte ihnen alles mit so herzlich gutem Willen und so vielen Scherzen, die durchaus nicht in die Situation paßten, daß er in seinem Enthusiasmus dem Torquatus fast praktische Illustrationen von dem, was er beschrieb, gegeben hätte, indem er einmal beinahe sein Ohr mit einer scharfen Zange gefaßt und ein andermal eine Keule in kaum zollbreiter Entfernung von seinen Zähnen geschwungen hatte. Das Rad, ein großer Rost, ein eiserner Stuhl, in welchem sich ein umfangreicher Ofen zum Heizen befand, große Kessel um heißes Öl oder siedende Wasserbäder darin zu bereiten; Gießlöffel, um Blei darin zu schmelzen und es fein säuberlich in den Mund der Gefolterten zu träufeln; Zangen, Haken und eiserne Kämme von verschiedenen Formen um die Rippen der Opfer zu entfleischen; Skorpione oder Geißeln an deren Enden sich eiserne oder bleierne Knoten befanden; eiserne Kragen, Handschellen und Fesseln von der furchtbarsten Gestalt; endlich Schwerter, Messer und Äxte in der geschmackvollsten Abwechselung – dies alles zeigte und besprach der Alte mit wahrem Ergötzen, und erzählte von dem Vergnügen, welches er haben würde, wenn er all diese Werkzeuge bei den hartköpfigen und dickfelligen Christen in Anwendung bringen dürfte. Diese fürchterlichen Werkzeuge der Grausamkeit sind in der »Geschichte der Märtyrer« genannt, und Kirchengeschichtsschreiber erwähnen ihrer ebenfalls. Torquatus war vollständig zu Boden geschmettert. Man führte ihn nach den Bädern des Antonius, wo er die Aufmerksamkeit des alten Cucumio, des Oberaufsehers der Kleiderabteilung, oder capsarius , und seines Weibes Viktoria, welche ihn in der Kirche gesehen hatten, auf sich lenkte. Nach einer guten Erfrischung wurde er in einen Spielsaal in den Thermen geleitet, wo er natürlich verlor. Fulvius borgte ihm Geld, verlangte aber für jeden Heller, welchen er ihm gab, eine Verschreibung. Und auf diese Weise war er bereits nach wenigen Tagen vollständig unterjocht. Ihre Zusammenkünfte fanden früh und spät statt; während des Tages ließ man ihn frei umhergehen, aus Furcht, daß er das Mißtrauen der Christen erwecken und dadurch seinen Wert verlieren könne. Corvinus hatte beschlossen, einen furchtbaren Angriff auf sie zu machen, sobald das Edikt in Kraft getreten sein würde. Deshalb verlangte er von Torquatus, daß dieser, als sein Anteil an dem Vertrage, die hervorragendsten Cömeterien ausspionieren sollte, in welchen der Papst zu fungieren beabsichtigte. Über diese hatte Torquatus sich sehr bald vergewissert, und mit dem Besuche in der Katakombe des Callistus erfüllte er die von ihm eingegangene Verpflichtung. Als jener Kampf zwischen Gnade und Sünde, welchen Severus bemerkt hatte, in seiner Seele stattfand, war es das Bild des Catulus mit seinen hundert Folterwerkzeugen und jenes des Fulvius mit seinen hundert Verschreibungen, welches die Wage auf der Seite des ewigen Verderbens sinken ließ. Nachdem Corvinus seinen Bericht entgegen genommen und nach demselben einen rohen Grundriß der Katakombe entworfen hatte, beschloß er, dieselbe früh am nächsten Morgen nach der Veröffentlichung des Dekrets anzugreifen. Fulvius schlug einen anderen Weg ein. Er beschloß die vornehmsten Mitglieder der Geistlichkeit und Anführer der Christen in Rom dem Ansehen nach kennen zu lernen. Wenn er diese Kenntnis erst einmal erlangt hatte, so war er überzeugt, daß keine Verkleidung im stande sein würde, sie vor seinem durchdringenden Auge zu verbergen, und dann sollte es ihm leicht werden, sich ihrer einer nach dem anderen zu bemächtigen. Daher bestand er darauf, daß Torquatus ihn als seinen Gefährten mit zu der ersten großen Feierlichkeit nehmen solle, welche viele Priester und Diakonen um den Papst versammeln würde. Er bewältigte jede Einwendung, verscheuchte jede Furcht, und versicherte Torquatus, daß wenn er nur erst durch seine Parole hineingelangt sei, er sich vollständig wie ein Christ benehmen würde. Bald darauf benachrichtigte Torquatus ihn, daß sich die beste Gelegenheit hierzu bei der im kommenden Monat Dezember bevorstehenden Ordination bieten würde. Zehntes Kapitel Die Ordination im Dezember Wer die Geschichte der ältesten Päpste gelesen hat, wird mit der Thatsache bekannt sein, welche fast von jedem einzelnen verzeichnet ist, daß er im Monat Dezember verschiedene Ordinationen abhielt, in welcher er eine gewisse Anzahl von Priestern und Diakonen, und viele Bischöfe für verschiedene Orte einsetzte. Die ersten beiden Würden waren bestimmt, den geistlichen Dienst in der Stadt zu versehen; letztere sollten die Oberhirten für andere Diöcesen stellen. In späteren Zeiten war der Quatember im Dezembermonat, welcher sich nach dem Feste der heiligen Lucia richtete, der Zeitpunkt, an welchem der Papst seine Konsistorien hielt, seine Kardinalpriester und Diakone ernannte und die Bischöfe für alle Teile der Welt präconisierte. Und wenn diese Funktion jetzt auch nicht mehr mit dem Zeitpunkt der Ordination zusammenfällt, so wird sie doch noch stets zu demselben Zwecke abgehalten. Marcellinus, unter dessen Pontifikat unsere Erzählung spielt, soll nach zuverlässigen Aussagen in verschiedenen Jahren zwei Ordinationen in diesem Monat abgehalten haben. Eine von diesen ist es, von welcher wir als nahebevorstehend gesprochen haben. Wo diese Feierlichkeit stattfinden solle, war Fulvius' erste Frage. Und wir können nicht umhin zu vermuten, daß die Antwort für den christlichen Altertumsforscher von großem Interesse sein wird. Ebenso kann unsere Kenntnis der alten römischen Kirche nicht vollständig sein, wenn wir nicht jenen Ort kennen, wo ein Papst nach dem andern Predigte und die göttlichen Geheimnisse feierte, und seine Konzilien oder jene glorreichen Ordinationen abhielt, welche nicht nur Bischöfe, sondern auch Märtyrer hinaussandten, daß sie Kirchen leiteten, und einem heiligen Laurentius seine Diakonenwürde oder einem heiligen Novatus oder Timotheus ihre priesterlichen Würden gaben. Dort auch suchten ein Polycarp und ein Irenaeus den Nachfolger des heiligen Petrus auf, und von dort kamen die Apostel, welche den englischen König Lucius bekehrten. Das Haus, welches die römischen Päpste bewohnten und die Kirche, in welcher sie fungierten, bis Konstantinus ihnen die Basilika und den Palast des Lateran überwies, die Residenz und die Kathedrale der glorreichen Reihe der Märtyrerpäpste in den ersten drei Jahrhunderten, kann unmöglich ein unwürdiger Ort sein. Und damit wir bei seiner Ausforschung uns nicht durch nationale oder persönliche Vorurteile leiten lassen, wollen wir einem gelehrten noch lebenden Altertumsforscher folgen, welcher mit anderen Nachsuchungen beschäftigt, zufällig alle jene Daten zusammengestellt hat, deren wir zu unserem Zwecke bedürfen. » Sopra l'antichissimo altare di legno, rinchiuso nell' altare papale « u.s.w. »Über den ältesten hölzernen Altar, eingeschlossen in den päpstlichen Altar der allerheiligsten Lateranensischen Basilika.« Monsig. D. Bartolini, Rom 1852. Wir haben das Haus von Agnes' Eltern als an dem Vicus Patricius belegen geschildert. Diese Straße hatte noch einen anderen Namen, denn man nannte sie auch die Straße der Cornelii, Vicus Corneliorum, weil die berühmte Familie dieses Namens an ihr wohnte. Der Centurio, welchen der heilige Petrus bekehrte, Apostelgeschichte, Kap. 10. gehörte zu dieser Familie, und vielleicht verdankte der Apostel ihm die Einführung in das Haus des Oberhauptes der Familie in Rom, Cornelius Pudens. Dieser Senator heiratete Claudia, eine edle Brittin, und es ist seltsam, wie der unkeusche Dichter Martial mit den reinsten und zartesten Dichtern wetteifert, indem er den Hochzeitsgesang dieser beiden tugendhaften Gatten singt. In ihrem Hause hielt der heilige Petrus sich auf; und sein Mitapostel der heilige Paulus zählte sie zu seinen vertrautesten Freunden: »Cubulus und Pudens und Linus und Claudia und alle Brüder grüßen dich.« 2. Timoth., Kap. 4, V. 21. Von diesem Hause also gingen die Bischöfe hinaus, welche der Fürst der Apostel in alle Richtungen der Welt sandte, um für den christlichen Glauben zu wirken und zu sterben. Nach dem Tode des Pudens wurde das Haus das Eigentum seiner Kinder oder seiner Enkel; Ein zweiter und jüngerer Pudens ist ebenfalls bekannt geworden. zweier Söhne und zweier Töchter. Letztere sind bekannter, weil sie einen Platz im Heiligenverzeichnis der Kirche gefunden haben, und weil sie ihren Namen zweien der berühmtesten Kirchen in Rom gegeben haben, die der heiligen Praxedes und die der heiligen Pudentiana. Es ist die letztere, welche Alban Buttler die älteste Kirche der Welt nennt, In seinem Leben der Heiligen, 19. Mai. und die zugleich den Vicus Patricius und das Haus des Pudens bezeichnet. Wie in jeder anderen Stadt, so wurde auch in Rom das eucharistische Opfer ursprünglich nur an einem Orte vom Bischöfe dargebracht. Und selbst noch nachdem mehrere Kirchen errichtet waren, und die Gläubigen in denselben zusammen kamen, ward die Kommunion ihnen nur an einem Altar erteilt. Es war Papst Evaristus, der vierte Nachfolger des heiligen Petrus, welcher die Kirchen Roms unter besonders merkwürdigen Umständen vermehrte. Dieser Papst that zwei Dinge. Erstens verfügte er, daß von jetzt an nur noch steinerne Altäre errichtet, und daß diese konsekriert werden sollten; und zweitens verteilte er die »Titel«; das heißt, er teilte Rom in Pfarreien, deren Pfarrkirchen er den Namen »Titel« beilegte. Der Zusammenhang dieser beiden Handlungen wird jedem ersichtlich sein, welcher die Genesis, Kap. 28 liest. In demselben hören wir, daß Jakob, nachdem er die Himmelsleiter im Traume gesehen, »während er auf einem Stein des Orts zu seinen Häupten« geschlafen hatte, »sich fürchtete und sprach: Wie furchtbar ist dieser Ort! Hier ist nichts anders, als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. Und Jakob erhob sich am Morgen, nahm den Stein ... und richtete ihn auf als Mal, und goß Öl oben darauf. Die Kirche oder das Oratorium, wo die heiligen Geheimnisse gefeiert wurden, war für die Christen wirklich das Haus Gottes; und der steinerne Altar, welcher in demselben aufgerichtet war, wurde durch das Aufgießen von Öl konsekriert, wie es noch heutigentages geschieht (denn das Gesetz des Evaristus besteht in seiner vollen Kraft), und wurde so ein Titulus oder Monument. Zwei bemerkenswerte Thatsachen sind aus diesem Bericht ersichtlich. Die eine ist daß es zu jener Zeit nur eine Kirche mit einem Altar in Rom gab, und ohne Zweifel diese später und noch heute unter dem Namen Sankt Pudentiana bekannt ist. Die zweite ist, daß der einzige Altar, welcher damals existierte, nicht aus Stein war. Es war in der That der hölzerne Altar, welchem der heilige Petrus gebraucht hatte; er wurde in jener Kirche aufbewahrt, bis der heilige Papst Sylvester ihn nach der Basilika des Lateran bringen ließ, in welcher er jetzt noch der Hochaltar ist. Nur der Papst kann an demselben Messe lesen, oder ein Kardinal, welcher durch eine besondere Bulle dazu autorisiert ist. Der Hochaltar ist vor kurzem prächtig ausgeschmückt worden. Ein Stück des hölzernen Altars ist stets in St. Peters Altar in der Kirche St. Pudentia aufbewahrt worden. Kürzlich hat man es mit dem Holze des Altars im Lateran verglichen und gefunden, daß beide identisch sind. Wir schließen ferner, daß das Gesetz des Evaristus keine rückwirkende Kraft hatte, und daß der hölzerne Altar der Päpste in jener Kirche, wo er zuerst aufgerichtet worden, bewahrt, wenn er auch von Zeit zu Zeit umhergetragen und an anderen Orten benützt wurde. Die Kirche am Vicus Patricius, welche vor der Errichtung der »Titel« bestand, war selbst also kein Titel. Sie fuhr fort, die bischöfliche oder eigentlich die päpstliche Kirche von Rom zu sein. Das Pontifikat des heiligen Pius I., von 142 –157, bildet aus zwei Gründen eine wichtige Episode in ihrer Geschichte. Erstens fügte der Papst ohne den Charakter der Kirche selbst zu verändern, derselben ein Oratorium bei, welches er zu einem Titel machte; Auf dieser Stelle steht jetzt die Caetanische Kapelle. und nachdem er denselben seinem Bruder Pastor verliehen, wurde er Titulus Pastoris benannt, lange Zeit hindurch noch die Bezeichnung des Kardinalats, welches zu jener Kirche gehörte. Dies zeigt, daß die Kirche selbst mehr als ein Titel war. Zweitens kam während dieses Pontifikats, und zwar zum andernmal, der heilige und gelehrte Apologet Justinus nach Rom und erlitt den Märtyrertod. Wenn man seine Schriften mit seiner Lebens- und Leidensgeschichte vergleicht, kommt man zu einigen bemerkenswerten Schlußfolgerungen in Bezug auf den christlichen Gottesdienst während der Zeit der Verfolgungen. »An welchem Orte kommen die Christen zusammen?« fragt ihn der Richter. »Meint Ihr, daß wir alle an einem Orte zusammenkommen?« entgegnet er. »Dem ist nicht so.« Als er aber gefragt wurde, wo er sich aufhalte, und wo die Zusammenkünfte mit seinen Schülern stattfänden, antwortete er: »Ich habe bis jetzt in der Nähe des Hauses eines gewissen Martinus gewohnt, in dem Bade, welches man unter dem Namen des Timothinischen kennt. Ich bin zum andernmale nach Rom gekommen und kenne keinen andern Ort als den, welchen ich Euch genannt habe.« Die Timothinischen Bäder bildeten einen Teil des Hauses der Familie des Pudens; es sind jene, von welchen wir sagten, daß Fulvius und Corvinus an einem frühen Morgen dort zusammengekommen. Novatus und Timotheus waren die Brüder der heiligen Jungfrauen Praxedes und Pudentiana, und daher wurden die Bäder, weil sie aus der Hand des einen Bruders in die des anderen übergingen, die Bäder des Novatus oder des Timotheus genannt. Daher wohnte der heilige Justinus an diesem Orte, und da er keinen anderen kannte , wohnte er auch dem Gottesdienste daselbst bei. Die Gesetze der Gastfreundschaft lassen uns dies schon voraussetzen. In seiner Apologie, welche die christliche Liturgie beschreibt – natürlich so wie er sie hörte und auffaßte – spricht er von dem fungierenden Priester in Ausdrücken, welche den Bischof oder Oberhirten der Stadt hinlänglich beschreiben; nicht nur indem er ihm einen Titel giebt, welcher den Bischöfen des Altertums beigelegt wurde, sondern indem er ihn als diejenige Persönlichkeit beschreibt, welcher die Fürsorge für die Witwen und Waisen obliegt, welche den Kranken, den Armen, den Gefangenen, den Fremden, die als Gäste kommen, hilft, kurzum, als jenen, »welcher es unternimmt, für alle die zu sorgen, welche in Not und Kummer sind«. Dies konnte kein anderer sein als der Bischof oder der Papst selbst. Wir müssen ferner bemerken, daß es vom heiligen Papst Pius verzeichnet ist, er habe ein Taufbecken in dieser Kirche errichtet, ein weiteres Vorrecht der Kathedrale, welches mit dem päpstlichen Altar später nach dem Lateran übertragen wurde. Es wird berichtet, daß der heilige Papst Stephanus (a. D. 257) den Tribun Nemesius und seine Familie mit vielen anderen in dem titulus Pastoris taufte. Der gelehrte Bianchini vermutet sehr glaublich, daß die »Station« am Ostersonntag nicht im Lateran (der Kathedrale), noch in St. Peter sei, wo der Papst fungiert, und wo man sie begreiflicherweise vermuten würde, sondern in der Basilika Liberia, weil an diesem Tage in Sankt Pudentiana getauft wurde, welche Kirche von jener nur um einen Steinwurf entfernt liegt. Und hier war es auch, wo der heilige Diakon Laurentius die reichen Geräte der Kirche unter die Armen verteilte. Mit der Zeit ist dieser Name einem anderen gewichen. Aber die Stelle ist noch dieselbe, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Kirche Sankt Pudentiana während der ersten drei Jahrhunderte die einfache Kathedrale von Rom war. An diesen Ort willigte Torquatus widerstrebend ein, den Fulvius zu führen, damit er der Dezember-Ordination beiwohnen könne. Wir finden sowohl auf Grabschriften, wie in den Märtyrologien oder in Kirchengeschichten unzählige Spuren von allen Weihen, welche die katholische Kirche noch heute erteilt. Grabschriften erinnern uns vielleicht am häufigsten an jene des Lektors oder Vorlesers, und an die des Exorcisten. Wir wollen von beiden ein interessantes Beispiel geben. Von einem Lektor: CINNAMIVS OPAS LECTOR TITVLI FASCIOLE AMICVS PAVPERUM QVI VIXIT ANN. XLVI. MENS. VII. D. VIII. DEPOSIT IN PACE X. KAL. MART. »Cinnamius Opas Lektor, vom Titel der Fasciola« (jetzt der heiligen Nereus und Achilleus), »der Freund der Armen, welcher sechsundvierzig Jahre, sieben Monate und acht Tage lebte. Beigesetzt in Frieden am zehnten Tage vor dem 1. März.« Von einem Exorcisten: MACEDONIVS EXORCISTA DE KATOLICA »Macedonius, Exorcist der katholischen Kirche«. Vom Cömeterium des heiligen Thraso und Saturninus. Indessen war es nicht notwendig, daß eine Weihe die Vorstufe zu einer anderen bildete; sondern Personen blieben oft während ihres ganzen Lebens in einer der niederen Weihen. Daher war die häufige Erteilung derselben nicht notwendig, und wahrscheinlich wurde dieselbe auch niemals öffentlich zusammen mit der Austeilung der höheren Weihen vorgenommen. Da Torquatus die nötige Parole kannte, trat er ein, begleitet von Fulvius, welcher sich bald sehr geschickt bewies, das, was seine Umgebung that, nachahmen zu können. Die Versammlung war nicht groß. Sie wurde in einer Halle des Hauses abgehalten, welche in eine Kirche oder ein Oratorium umgestaltet war; in derselben befanden sich hauptsächlich die Geistlichen und solche, welche die Weihen empfangen sollten. Unter den letzteren waren auch Marcus und Marcellianus, die gleichzeitig mit Torquatus bekehrten Zwillingsbrüder, welche zu Diakonen geweiht wurden, und ihr Vater Tranquillinus, welcher die Priesterweihe empfing. Ihre Züge und Gestalt prägte Fulvius sich genau ins Gedächtnis; und noch genauer merkte er sich die hier versammelten vornehmsten Geistlichen von Rom. Aber auf einen vor allen anderen heftete er seinen durchdringenden Blick, studierte jede Bewegung, jeden Blick, jeden Zug, jeden Laut. Dies war der Papst, welcher die erhabene Ceremonie vornahm. Marcellinus hatte schon seit sechs Jahren die Kirche regiert und bereits ein ehrwürdiges Alter erreicht. Sein mildes, wohlwollendes Antlitz schien nichts von dem Besitz jener Kraft und Widerstandsfähigkeit zu verraten, welche das Märtyrertum erheischt, und welche er durch seinen für Christus erlittenen Tod an den Tag gelegt hat. In jener Zeit vermied man sorgsam jedes äußere charakteristische Zeichen, welches den Wölfen den Oberhirten hätte verraten können. Es wurde nur das Gewand ehrenwerter Bürger getragen. Aber es herrscht kein Zweifel darüber, daß während des Altardienstes ein unterscheidendes Gewand von fleckenlosem Weiß, der Vorläufer der weiten Casel, über die gewöhnliche Kleidung geworfen wurde. Der Bischof trug außerdem eine Krone oder infula , der Ursprung der späteren Mitra, während er in der Hand den Stab, das Sinnbild seines Hirtenamtes und seiner Autorität trug. Auf ihn, welcher jetzt mit dem Gesichte der Versammlung zugewandt war, vor dem Altar des heiligen Petrus, der zwischen ihm und dem Volke stand, heftete der Spion aus dem Osten seine schärfsten Blicke. Er prüfte ihn auf das genaueste, maß mit den Augen seine Größe, merkte sich die Farbe seines Haars und seine Gesichtsfarbe, achtete auf jede Bewegung seines Hauptes, auf seinen Gang, seine Sprachweise, seine Stimme, beinahe auf seinen Atem, bis er zu sich selbst sagen konnte: »Er mag sich verkleiden wie er will, – sobald dieser Mann sich draußen bewegt, ist er mein Opfer – und ich kenne seinen Wert.« Elftes Kapitel »Am Tage vor dem ersten Juni hörte auf zu leben Präciosa, ein Mädchen, ( puella ) eine Jungfrau von nur zwölf Jahren, die Dienerin Gottes und Christi. Unter dem Konsulat des Flavius Vincentius und des Fravitus, eines konsularischen Mannes.« – Gefunden in der Katakombe des Callistus. Wenn der weise Thomassinus diese erst vor kurzem aufgefundene Inschrift gekannt hätte, als er mit einem so großen Aufwand von Gelehrsamkeit bewies, daß man in den frühsten Zeiten der christlichen Kirche im Alter von zwölf Jahren das Gelübde der Jungfräulichkeit öffentlich ablegen durfte, so würde er sie sicherlich angeführt haben. Vetus et Nova Ecclesiae Disciplina; circa Beneficia. Par. I. lib. III. (Luc. 1727). Denn dürfen wir daran zweifeln, daß »das Mädchen, welches erst zwölf Jahre alt, eine Jungfrau und eine Dienerin Gottes und Christi war,« es nur dadurch gewesen, daß sie Gott geweiht war? Im anderen Falle wäre ihre Jungfräulichkeit in so zartem Alter ja nichts auffallendes und bemerkenswertes gewesen. Denn obgleich dieses nach römischem Gesetz heiratsfähige Alter dasjenige war, in welchem solche Hingabe an Gott von der Kirche erlaubt war, so bewahrte sie doch jene feierlichere Weihe, in welcher der Schleier der Jungfräulichkeit vom Bischofe verliehen ward, für einigermaßen reifere Jahre auf. Gewöhnlich fand diese Feier dann am Ostersonntag statt. Jene erste Handlung bestand wahrscheinlich in nichts anderem, als daß das Mädchen aus den Händen der Eltern ein einfaches dunkles Gewand empfing. Wenn aber irgend eine Gefahr drohte, so erlaubte die Kirche die feierliche Weihe schon um viele Jahre früher und bestärkte die Bräute Christi in ihrem heiligen Vorsatze, indem sie ihnen ihren feierlichen Segen erteilte. Eine Verfolgung der wildesten Art war auf dem Punkte auszubrechen, und diese würde die zartesten Lämmer der Herde nicht verschonen. Es war daher kein Wunder, daß diejenigen, welche sich in ihrem Herzen dem Lamme verlobt hatten, um für immer seine keusche Braut zu sein, wünschten, diese himmlische Hochzeit noch vor ihrem Tode zu feiern. Sie sehnten sich danach, die vollerblühte um Palmen geschlungene Lilie zu tragen, wenn der Tod ihr Los sein sollte. Agnes hatte seit den frühesten Tagen ihrer Kindheit diesen heiligsten Stand für sich erwählt. Die überirdische Weisheit, so anmutig gepaart mit der Einfachheit eines harmlosen und unschuldigen Kindes, welche sich stets in all ihren Worten und Werken kundgethan hatte, machte sie ihren Jahren weit voraus reif für jede Berücksichtigung, welche man einem Wesen gewähren konnte, dessen Herz sich nach der keuschen, bräutlichen Stunde sehnte. Eifrig griff sie nach dem Anspruch, welchen die nahende Gefahr ihr gestattete, und verlangte die mehr als gewöhnliche Milderung des Gesetzes, welches zu gewöhnlichen Zeiten für die Erfüllung ihres Wunsches noch einen Aufschub von mehr als zehn Jahren vorgeschrieben hätte. Eine zweite Postulantin gesellte sich diesem Ansuchen bei. Wir können uns leicht vorstellen, daß zwischen ihr und Syra seit der ersten Unterredung zwischen ihnen, welche wir beschrieben haben, eine heilige Freundschaft erwachsen war. Dieses Gefühl hatte sich gesteigert durch alles, was Agnes von Fabiola zum Lobe ihrer Lieblingssklavin gehört hatte. Hierdurch, und durch die bescheideneren Berichte der Dienerin selbst, hatte sie die Überzeugung gewonnen, daß das Werk, welches sie auszuführen beschlossen hatte – die Bekehrung Fabiolas – vollständig den Händen Syras überlassen werden konnte. Dank der Vorsicht und Zartheit, mit welcher an demselben gearbeitet wurde, war es in augenscheinlichem Gedeihen begriffen. Während der häufigen Besuche, welche sie bei Fabiola abstattete, begnügte sie sich damit, das zu bewundern und zu billigen, was ihre Verwandte ihr von den Gesprächen mit Syra mitteilte, aber sie vermied es auf das sorgfältigste, irgend ein Wort zu sagen, welches den Verdacht irgend eines heimlichen Einverständnisses zwischen ihnen hätte erwecken können. Nach Fabius' Tode hatte Agnes als eine Verwandte, und Syra als eine Dienerin des Hauses, Trauer angelegt; daher kam es, daß ein Wechsel der Oberkleider in dem Gemüt seiner Tochter nicht den Verdacht rege machen konnte, beide hätten einen heimlichen oder gemeinsamen Schritt gethan. Soweit konnten sie also ohne Gefahr darum bitten, unverzüglich die feierliche Weihe zur ewigen Jungfräulichkeit empfangen zu dürfen. Ihre Bitte wurde genehmigt; aus leicht begreiflichen Gründen jedoch wurde dies sorgsam geheim gehalten. Nur einen oder zwei Tage vor dem glücklichen, an welchem sie ihre geistige Hochzeit feiern sollten, teilte Syra es ihrer blinden Freundin als ein großes Geheimnis mit. »Und so wollt ihr also alle guten Dinge für euch allein behalten,« sagte letztere, indem sie sich den Anschein gab, traurig zu sein. »Nennst du das Barmherzigkeit?« »Mein teures Kind,« sagte Syra beruhigend, »sei nicht beleidigt. Es war notwendig, ein tiefes Geheimnis daraus zu machen.« »Und daher vermute ich, daß ich Ärmste nicht einmal gegenwärtig sein darf?« »O ja, Cäcilia, gewiß darfst du das. Und du mußt dir auch alles genau ansehen,« entgegnete Syra lächelnd. »Laß es gut sein mit dem Sehen! Aber sag mir, wie werdet ihr gekleidet sein? Was müßt ihr dazu vorbereiten?« Syra gab ihr eine genaue Beschreibung des Gewandes und des Schleiers, ihrer Farbe und Schnittes. »Wie rührend!« sagte sie. »Und was habt Ihr denn dabei zu thun?« Die andere, belustigt über die ungewohnte Neugierde der armen Blinden, beschrieb ihr die kurze Ceremonie sehr ausführlich. »So, nun noch eine Frage,« begann Cäcilia von neuem, »wann und wo wird alles dies stattfinden? Du sagtest, daß ich kommen dürfe; da muß ich doch auch die Zeit und den Ort kennen.« Syra sagte, daß es im Titel des Pastors sein werde, um die Zeit des Sonnenaufgangs, nach drei Tagen. »Aber was hat dich so neugierig gemacht, meine Liebe? So sah ich dich noch niemals. Ich fürchte, du fängst an, weltlich zu werden.« »Laß nur gut sein,« antwortete Cäcilia, »wenn Leute vor mir Geheimnisse haben, so sehe ich nicht ein, weshalb ich nicht auch meine eigenen haben soll.« Syra lachte über diese scheinbare Verdrießlichkeit, denn sie kannte die demütige Einfalt dieses kindlichen Herzens gar wohl. Sie umarmten sich zärtlich und trennten sich. Cäcilia ging gradeswegs zu der gütigen Lucina, denn sie war überall gern gesehen. Kaum hatte die fromme Matrone sie vorgelassen, als sie auf sie zustürzte, sich an ihre Brust warf und in einen Strom von Thränen ausbrach. Lucina beruhigte und liebkoste sie. Nach wenigen Minuten war sie wieder zufrieden und fröhlich und augenscheinlich tief in einer Verschwörung mit der guten Dame; es mußte sich wohl um etwas handeln, das ihr große Freude bereitete. Als sie sich wieder entfernte, war sie glückstrahlend und leichtfüßig und begab sich nach Agnes' Hause, in dessen Hospital der gute Priester Dionysius wohnte. Sie fand ihn zu Hause; und nachdem sie sich vor ihm auf die Kniee geworfen hatte, sprach sie so inbrünstig zu ihm, daß er zu Thränen gerührt ward und ihr gütig und tröstend zusprach. Das Tedeum war damals noch nicht verfaßt; aber etwas sehr ähnliches erklang in dem Herzen des blinden Mädchens, als es sich wieder seinem armseligen Obdach zuwandte. Endlich kam der glückliche Morgen heran; vor Tagesanbruch waren die heiligen Mysterien bereits gefeiert, und der größte Teil der Gläubigen hatte sich wieder entfernt. Nur jene waren zurückgeblieben, welche an der besonderen Feier teilnehmen sollten und aufgefordert waren, derselben als Zeugen beizuwohnen. Diese waren Lucina und ihr Sohn, Agnes' bejahrte Eltern und selbstverständlich auch Sebastianus. Aber umsonst blickte Syra nach ihrer blinden Freundin aus. Wahrscheinlich hatte diese sich mit der Menge entfernt; und schon fürchtete die sanfte Sklavin, daß sie die Arme durch die Zurückhaltung, welche sie bis vor ihrer letzten Unterredung bewahrt hatte, verletzt haben könnte. Noch war die Halle in das Dämmerlicht des Wintermorgens gehüllt, obgleich der glühendrote Streif im Osten einen klaren Dezembertag prophezeite. Auf dem Altar brannten wohlriechende Kerzen von ungeheurer Größe, und um diese her standen goldene und silberne Lampen von großem Werte, welche einen milden Glanz in dem Sanktuarium verbreiteten. Vor dem Altar stand ein Stuhl, nicht weniger ehrwürdig als dieser selbst – der Stuhl des heiligen Petrus – welcher jetzt im Vatikan aufbewahrt wird. Auf diesem saß der ehrwürdige Papst, den Stab in der Hand, die Krone auf dem Haupte, und um ihn her standen seine Diener, kaum weniger ehrwürdig als er selbst. Aus dem Halbdunkel der Kapelle drangen zuerst die Laute süßer Stimmen, die in weichen Tönen einen Hymnus sangen, welcher die Empfindungen, die bald darauf in »Jesu corona virginum« »Jesu, der Jungfrauen Krone« Die Hymne der Jungfrauen. ihre Verkörperung fanden, zum Ausdruck brachten. Dann trat geführt von den Priestern und Diakonen, deren Obhut sie anvertraut war, die Prozession der bereits geweihten Jungfrauen in die Halle des Sanktuariums. Und in ihrer Mitte schritten zwei, deren blendendweiße Gewänder zwischen jenen dunkelgekleideten hell hervorleuchteten. Dies waren die beiden neuen Postulantinnen, welche, während die übrigen vorüberschritten und zu beiden Seiten Reihen bildeten, von je zwei Geweihten an die Stufe des Altars geleitet wurden, wo sie zu den Füßen des Papstes niederknieten. Ihre Patinnen blieben neben ihnen stehen. Jede wurde beim Herantreten feierlich gefragt, was ihr Begehr sei; dann sprach sie ihren Wunsch aus, den Schleier nehmen zu dürfen und versprach, die damit verbundenen Pflichten zu üben und zwar unter der Obhut der erwählten Patinnen. Denn obgleich geweihte Jungfrauen schon vor diesem Zeitpunkt begonnen hatten, in Gemeinschaft zu leben, so wohnten doch noch viele derselben in ihrem eigenen Hause; auch verboten die Verfolgungen die Abschließung. In der Kirche befand sich jedoch ein für die geweihten Jungfrauen abgeschlossener Platz, und oft auch kamen sie zum Zweck besonderen Unterrichts oder Andachtsübungen allein zusammen. Nun wandte sich der Papst an die jungen Aspirantinnen; er sprach zu ihnen in glühenden und liebevollen Worten. Er sagte ihnen, welch ein hoher, herrlicher Beruf es sei, schon auf Erden das Leben der Engel zu führen, welche weder heiraten noch verheiratet werden; denselben keuschen Himmelspfad zu betreten, welchen das fleischgewordene Wort für Seine eigene Mutter gewählt hatte, und dort oben angekommen in die reinen Reihen jener auserwählten Schar aufgenommen zu werden, welche dem Lamme folgt, wohin Es auch geht. Er verbreitete sich über die Lehre des heiligen Paulus, welcher an die Korinther schreibt, daß der Stand der Jungfräulichkeit jedem anderen Stande vorzuziehen sei; und mit tiefem Gefühl beschrieb er das Glück, auf Erden keine andere Liebe zu haben als jene Eine, welche nicht vergeht, sondern mit der Unsterblichkeit im Himmel endet. Denn die ewige Seligkeit sei die Blume, welche aus jener auf Erden geübten Liebe zu Gott im Himmel erblühe, bemerkte er. Nach dieser kurzen Rede und einer Prüfung der Bewerberinnen um diese große Ehre, fuhr der heilige Papst fort, die verschiedenen Teile ihrer Ordensgewänder durch Gebete zu segnen, welche wahrscheinlich beinahe identisch mit denen sind, welche noch heute gebräuchlich; dann wurden diese Kleidungsstücke ihnen von ihren respektiven Patinnen angelegt. Die jungen Ordensschwestern legten das Haupt auf den Altar zum Zeichen ihrer Selbstopferung. Aber im Abendlande wurde das Haar nicht abgeschnitten wie im Morgenlande, sondern man ließ es stets lang. Dann wurde ein Kranz von Blumen auf das Haupt einer jeden gedrückt; und obgleich es Winter war, hatte die wohlgepflegte und geschützte Terrasse Fabiolas die schönsten und duftendsten Blüten geliefert. Alles schien beendet. Agnes kniete in einer ihrer strahlend glücklichen Verzückungen mit gen Himmel gerichteten Blicken am Fuße des Altars, während Syra in ihrer sanften Demut in sich zusammengesunken neben ihr lag und sich verwundert fragte, wie sie solch großer Gnade würdig befunden sei. So vertieft waren beide in ihre Gebete, daß sie eine leise Bewegung der Versammlung, als ob sich etwas unerwartetes zugetragen hätte, nicht bemerkten. Endlich ermannten sie sich, als sie den Bischof die Frage wiederholen hörten: »Meine Tochter, was suchest du?« und bevor sie sich noch umwenden konnten, fühlte jede ihre Hand ergriffen und hörte die Antwort von einer Stimme gegeben, welche ihnen beiden teuer war: »Heiliger Vater, unter dem Schutze dieser beiden heiligen Jungfrauen, welche schon glückliche Himmelsbräute sind, flehe ich um den Schleier, welcher mich dem Herrn Jesum Christum weiht, der meine einzige Liebe auf Erden ist.« Sie waren überwältigt von Freude und Zärtlichkeit, denn es war die arme blinde Cäcilia. Als sie von dem Glücke gehört, welches Agnes und Syra erwartete, hatte sie sich wie wir gesehen haben, zu der gütigen Lucina geflüchtet, welche sie bald tröstete, indem sie ihr die Möglichkeit in Aussicht stellte, dieselbe Gnade für sie zu erlangen. Sie versprach, ihr alles zu geben, was notwendig sei; nur bestand Cäcilia darauf, daß ihr Gewand grob sein solle, wie es sich für ein armes Bettlerkind gezieme. Der Priester Dionysius trug dem Papste ihre Bitte vor und erlangte die Gewährung derselben; und da sie wünschte, daß ihre beiden Freundinnen ihre Patinnen sein sollten, wurde es bestimmt, daß er sie nach der Konsekration derselben an den Altar führen sollte. Cäcilie hatte indessen ihr Geheimnis wohlbewahrt. Der Segen war gesprochen, das Kleid und der Schleier wurden ihr angelegt; dann wurde sie gefragt, ob sie keinen Blumenkranz mitgebracht habe. Zögernd zog sie unter ihrem Gewande den Kranz hervor, welchen sie sich verschafft hatte, einen kahlen, dornigen Zweig, welcher zu einer Krone geschlungen war. Indem sie ihn hinreichte, sagte sie: »Ich habe keine Blumen, welche ich meinem Bräutigam darbringen könnte. Er trug auch für mich keine Blumen. Ich bin nur ein armes Mädchen, und glaubt ihr, daß mein Herr zürnen wird, wenn ich ihn anflehen werde, mich zu krönen, wie Er sich selbst krönen ließ? Und dann sollen ja auch Blumen die Tugenden derjenigen verkörpern, welche sie tragen; und in meinem öden, unfruchtbarem Herzen ist nichts besseres gewachsen als diese Dornen.« Sie konnte mit ihren armen, blinden Augen nicht sehen, wie ihre beiden Patinnen ihre Blumenkränze von den Köpfen nahmen, um sie ihr aufzusetzen; aber ein Zeichen des Papstes gebot ihnen Einhalt; und inmitten der weinenden Versammlung wurde sie unter ihrer Dornenkrone freudig lächelnd an den Altar geleitet. Hat doch die Kirche immer gelehrt, daß Unschuld von Dornen gekrönt die erhabenste Tugend ist! Zwölftes Kapitel Die Villa in der Via Nomentana Die Via Nomentana wendet sich von Rom ostwärts, und zwischen ihr und der Via Salaria befindet sich ein tiefer Abgrund, hinter welchem sich auf der Seite der Via Nomentana ein sanftwelliges Terrain erhebt. Auf diesem liegt ein malerischer, runder Tempel und neben demselben eine wahrhaft schöne Basilika, welche der heiligen Agnes geweiht ist. Hier lag die Villa, welche ihr Eigentum war; die Entfernung von der Stadt betrug ungefähr eine halbe Meile. Es war bestimmt worden, daß die beiden, jetzt die drei Neugeweihten sich hierher begeben sollten, um den Tag in Zurückgezogenheit und stiller Freude zuzubringen. Vielleicht waren ihnen nur noch wenige ähnliche Tage vergönnt! Wir brauchen diesen ländlichen Aufenthaltsort nicht weiter zu beschreiben, sondern wollen uns damit begnügen zu sagen, daß alles in demselben Glück und Zufriedenheit atmete. Es war einer jener angenehmen Tage wie der römische Winter sie uns bietet. Die felsigen Spitzen der Apenninen trugen eine blendendweiße Schneehülle; der Boden war nur leicht gefroren, die Atmosphäre durchsichtig, der Sonnenschein glühend und der Himmel wolkenlos. Einige wenige graue Flocken von zerfließendem Rauch aus den Hütten und die blätterlosen Weinstöcke – das war alles, was verriet, daß man im Dezember war. Jedes lebende Wesen schien die liebreiche Gebieterin des Hauses zu kennen und zu lieben. Die Tauben kamen und ließen sich auf ihre Schulter oder ihre Hand nieder, die Lämmer in den Gehegen hüpften umher und sprangen ihr entgegen in den: Augenblick, wo sie ihnen näher kam. und fraßen mit sichtlicher Freude die duftenden Kräuter, welche sie ihnen brachte; aber kein Geschöpf erkannte ihre gütige Herrschaft so sehr an wie der alte Molossus, der riesengroße Kettenhund. Er war nahe dem Thor angekettet, und so wütend, daß nur einige der Diener ihm nahe zu kommen wagten. Sobald aber Agnes erschien, legte er sich auf die Erde, wedelte mit seinem buschigen Schweife und winselte, bis er abgekettet wurde; jetzt durfte sich ihm ein Kind ohne Furcht nähern. Er verließ seine Herrin nicht für einen Augenblick, er folgte ihr wie ein Lamm, und wenn sie sich setzte, lag er zu ihren Füßen, sah zu ihr auf und bewies seine Freude darüber, daß sie ihre zarte Hand liebkosend auf seinem zottigen Kopfe ruhen ließ. Es war in der That ein friedlicher Tag; zuweilen still und ruhig, milde und lieblich, wenn die drei miteinander von dem Glücke dieses Morgens und von jenem glücklicheren Morgen sprachen, der über dem Blau des ihnen jetzt sichtbaren Himmels anbrechen würde, und dessen Vorbedeutung der heutige ihnen war; zuweilen auch fröhlich und sogar lustig, wenn Agnes und Syra die blinde Freundin wegen des Betruges, den sie an ihnen geübt, zur Rede stellten. Dann lachte sie herzlich wie sie es immer that und sagte, daß sie einen noch besseren Streich gegen sie vorbereitet habe, nämlich, daß sie sie überholen und die erste, nicht die letzte sein würde, wenn jener schönere Morgen anbrechen würde. Inzwischen war Fabiola nach der Villa gekommen, um Agnes den ersten Besuch nach ihrem großen Kummer zu machen und ihr für ihre Teilnahme zu danken. Sie schritt weiter, hielt aber plötzlich inne, als sie sich der Stelle näherte, wo diese glückliche Gruppe versammelt war. Denn als sie die beiden erblickte, welche die äußere Pracht des Himmels sehen konnten, wie sie sich über jene beugten, die seinen ganzen Glanz in ihrer Seele trug – da sah sie plötzlich in diesem Bilde die Versinnlichung ihres Traums. Sie wollte indessen nicht unerwartet zu ihnen treten und wünschte auch Agnes allein zu treffen, nicht in der Gesellschaft ihrer eigenen Sklavin und eines armen blinden Mädchens; deshalb wandte sie sich wieder ab, ehe man sie bemerkt haben konnte und ging nach einem entfernten Teil des großen Parks. Dennoch konnte sie nicht umhin, sich zu fragen, weshalb sie nicht fröhlich und glücklich sein könne wie jene drei? Weshalb lag ein so tiefer Abgrund zwischen ihnen? Es war jedoch beschlossen, daß der Tag nicht ohne Wolken zu Ende gehen sollte; er wäre sonst zu beseligend für diese Erde gewesen. Außer Fabiola hatte sich noch eine andere Persönlichkeit aus Rom entfernt, um Agnes einen weniger willkommenen Besuch abzustatten. Es war Fulvius, welcher niemals die Versicherungen des Fabius vergessen hatte, daß sein bezauberndes, geistreiches Wesen und seine kostbaren Schmuckgegenstände den schwachen Sinn der jungen Agnes bethört hätten. Er hatte gewartet bis die ersten Tage der Trauer vorüber waren, und er fürchtete sich vor dem Hause, in welchem er einst einen so unfreundlichen Empfang gehabt oder eigentlich eine summarische Ausweisung erlitten hatte. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie sich zum erstenmale ohne ihre Eltern oder männliche Begleiter nach ihrer außerhalb der Stadt gelegenen Villa begeben habe, hielt er die passende Gelegenheit für gekommen, um seine Bewerbung anzubringen. Er ritt zur Porta Nomentana hinaus und befand sich bald vor Agnes' Landhause. Er stieg ab, sagte, daß er sie in wichtigen Geschäftsangelegenheiten sprechen müsse und wurde nach einigen Schwierigkeiten durch den Thürhüter eingelassen. Man bezeichnete ihm einen Gartenweg, an dessen Ende er die Gesuchte finden würde. Die Sonne war dem Untergänge nahe, die Gefährtinnen hatten sich von ihr entfernt, und Agnes saß allein an einem noch hellen, sonnigen Platze, der alte Molossus lag zu ihren Füßen. Sein leises Murren – eine Seltenheit, wenn er sich in ihrer Nähe befand – ließ sie von ihrer Arbeit aufblicken, denn sie war damit beschäftigt, die winterlichen Blumen, welche die andern ihr brachten, zu einem Kranze zu winden. Indem sie leicht drohend einen Finger erhob, unterdrückte sie den Ausdruck des instinktiven Mißbehagens, welchen der Hund an den Tag legte. Wie einer, der seines Erfolges bereits gewiß ist, näherte Fulvius sich ihr mit respektvoller, dennoch aber freierer Miene als gewöhnlich. »Ich bin gekommen, edle Agnes,« sagte er, »um den Ausdruck meiner Hochachtung vor dir zu wiederholen, und ich könnte keinen besseren Tag gewählt haben, denn schöner und klarer hätte die Sonne des Sommers ihn uns nicht gegeben.« »Schön und klar in der That ist er für mich gewesen,« erwiderte Agnes, welche die Erinnerung zu den Vorgängen des Morgens zurücktrug, »und kein Sonnenaufgang meines Lebens hat mir einen schöneren gebracht – er kann mir nur noch einen herrlicheren bringen.« Fulvius fühlte sich geschmeichelt, als sei dies ein Kompliment, welches ihm gegolten habe, und antwortete: »Du sprichst ohne Zweifel von dem Tage deiner Vereinigung mit dem, welcher vielleicht dein Herz schon gewonnen hat.« »Das ist allerdings schon geschehen, entgegnete sie wie abwesend; »und dieser Tag gehört Ihm allein.« »Und sind jener Kranz und jener Schleier auf deinem Haupte bereits eine Vorbereitung für jene glückliche Stunde?« »Ja, sie sind das Zeichen, welches mein Geliebter meinem Antlitz aufgedrückt hat, damit ich keinen anderen Geliebten anerkenne als Ihn.« » Posuit signum in fuciem meam, ut nullum praeter Eum amatorem admittam. « Offizium der heiligen Agnes. »Und wer ist dieser Glückliche? Ich war nicht ohne Hoffnung – und ich will sie auch jetzt nicht aufgeben – daß ich einen Platz in deinen Gedanken einnahm, vielleicht sogar in deiner Liebe.« Agnes schien seine Worte kaum zu beachten. Nicht der leiseste Schatten von Scheu oder Furchtsamkeit lag in ihren Blicken und ihrem Benehmen, nicht einmal Verlegenheit that sich darin kund: »Rein war ihr weiß Gewand, und fleckenlos die Seele, Sie kannte keine Furcht, denn fremd war ihr die Sünde.« Ihr kindliches Antlitz blieb fröhlich, offen und vertrauensvoll; ihre mildstrahlenden Augen blickten Fulvius mit einer ernsten Einfachheit, welche diesen fast erbeben machte, grade ins Gesicht. Dann erhob sie sich mit anmutiger Würde und sagte: »Milch und Honig flössen von Seinen Lippen als das Blut Seiner geschlagenen Wange die meine benetzte.« » Mel et lac ex ejus ore suscepi, et sanguis ejus ornavit genas meas. « Offizium der heiligen Agnes. Sie ist wahnsinnig, begann Fulvius grade zu denken, als der begeisterte Ausdruck ihres Gesichts, der strahlende Glanz ihrer Augen, als sie in weiter Ferne auf einen Gegenstand sah, der nur ihr allein sichtbar war, ihn in Schrecken und Furcht setzte. Nach einem kurzen Augenblick ermannte sie sich, und er faßte sich wiederum ein Herz. Sofort beschloß er, nicht von seinem Antrag abzulassen. »Edle Agnes,« sagte er, »du spottest eines Menschen, der dich aufrichtig bewundert und liebt. Ich weiß es aus der besten Quelle – ja, der besten Quelle – von einem gemeinsamen verstorbenen Freunde, daß es dir gefallen hat, meiner mit Wohlwollen zu gedenken, und zu sagen, daß du meiner Bewerbung um deine Hand ein geneigtes Ohr leihen würdest. Ich bitte dich daher ernst und dringend, verweigere sie mir nicht. Vielleicht erscheine ich dir nicht förmlich und beredt genug, aber ich bin aufrichtig und ehrlich.« »Weiche von mir, Speise des Todes!« sagte sie mit ruhiger Erhabenheit, »denn ein Geliebter besitzt bereits mein Herz, dem allein ich die Treue bewahre, dem ich mich mit ungeteilter Liebe hingebe; Einer, dessen Liebe keusch ist, dessen Liebkosungen rein sind, dessen Bräute ihren jungfräulichen Kranz niemals ablegen.« » Discede a me pabulum mortis, quia jam ab alio amatore praeventa sem. Ipsi soli servo fidem, ipsi me tota devotione committo. Quem cum amavero casta sum, cum tetigero munda sum eum accepero virgo sum. « Offizium der heiligen Agnes. Fulvius, welcher sich am Schlusse seiner letzten Worte aufs Knie niedergelassen hatte und jetzt so strenge und unabänderlich abgewiesen war, geriet in Wut und Zorn darüber, daß er sich einer so vollständigen Täuschung hatte hingeben können. »Ist es nicht genug, abgewiesen zu werden, wenn man zuvor ermutigt worden ist?« schrie er. »Mußt du mir auch noch Beleidigungen ins Gesicht schleudern? Und mußt du mir gradezu sagen, daß ein anderer mir heute zuvorgekommen ist? – Sebastianus wiederum – wie ich vermute – – « »Wer bist du!« rief eine zürnende Stimme hinter ihm, »daß du es wagen kannst, mit Veracht und Spott den Namen eines Jünglings zu nennen, dessen Ehre unbefleckt ist, und dessen Tugend ebenso über jeden Zweifel erhaben ist, wie sein Mut?« Er wandte sich um und stand Fabiola gegenüber, welche, nachdem sie eine Zeitlang im Garten hin- und hergewandert war, glaubte, daß sie ihre Verwandte jetzt unbeschäftigt und allein finden würde. Sie hatte ihn plötzlich bei einer Wendung des Weges entdeckt und seine letzten Worte gehört. Fulvius war wie niedergeschmettert und verhielt sich schweigend. Fabiola fuhr in edler Entrüstung fort: »Und wer bist du weiter, daß du nicht zufrieden, dich schon einmal in das Haus meiner Verwandten gedrängt und eine derbe Zurechtweisung dafür erhalten zu haben, es jetzt wagst, in ihre ländliche Zurückgezogenheit einzudringen und sie zu beleidigen?« »Und wer bist du,« erwiderte Fulvius, »daß du dich erkühnst, die herrschsüchtige Gebieterin in dem Hause einer anderen spielen zu wollen?« »Eine,« entgegnete Fabiola, »welche dadurch, daß sie es ihrer Verwandten gestattet, zum erstenmal mit dir an ihrer Tafel zusammen zu treffen, und deine Anschläge auf ein unschuldiges Kind entdeckte, sich durch Ehre und Gewissen verpflichtet fühlt, diese zu durchkreuzen und dieses Kind vor dir zu schützen.« Sie ergriff Agnes bei der Hand und führte sie fort. Zum erstenmal bedurfte es eines leichten Schlages auf Molossus Kopf, einer Züchtigung, welche erhalten zu haben er sich noch niemals erinnerte, um ihn vom Bellen zurückzuhalten. Fulvius knirschte mit den Zähnen und murmelte fast hörbar: »Warte nur, stolze Römerin, diese Stunde und diesen Tag sollst du mir bitter bereuen! Du sollst erfahren und fühlen, wie furchtbar Asien sich rächen kann!« Dreizehntes Kapitel Das Edikt Als der Tag der Veröffentlichung des Edikts in Rom endlich gekommen war, fühlte Corvinus ganz die Wichtigkeit des Auftrages, dessen Ausführung ihm anvertraut war, nämlich die Anbringung des Erlasses an der dazu bestimmten Stelle auf dem Forum. Aus Nicodemia waren Nachrichten eingetroffen, daß ein tapferer christlicher Soldat mit Namen Georgius einen ähnlichen Erlaß herabgerissen und mutig die Todesstrafe für seine Kühnheit erduldet hatte. Corvinus hatte beschlossen, daß nichts ähnliches in Rom vorkommen solle, denn er fürchtete die Folgen eines solchen Vorfalles für sich selbst zu sehr; deshalb traf er jede Vorsichtsmaßregel, welche in seiner Macht lag. Das Edikt war in großen Buchstaben auf Pergamentbogen, welche zusammengeheftet waren, geschrieben, und diese waren wiederum auf ein Brett genagelt, welches von einem festen Pfeiler getragen wurde, an dem es aufgehängt war. Nicht weit davon befand sich der Puteal Libonis, der Stuhl des Richters auf dem Forum. Die Anbringung des Erlasses geschah indessen nicht früher, als bis das Forum öde dalag und die Nacht hereingebrochen war. Man beabsichtigte, daß der Befehl den Bürgern früh am nächsten Morgen in die Augen fallen und einen desto fürchterlicheren Eindruck auf ihre Gewitter machen solle. Um die Möglichkeit des Versuches einer nächtlichen Zerstörung dieses kostbaren Dokuments zu verhindern, erbat Corvinus sich mit derselben schlauen Vorsicht, welche die jüdischen Priester anwandten, um die Auferstehung zu verhindern, als Nachtwache auf dem Forum eine Abteilung von der pannonischen Kohorte, einer Truppe, welche aus Soldaten zusammengesetzt war, die den wildesten Rassen des Nordens, den Daciern, Pannoniern, Sarmaten und Germanen angehörten, deren häßliche Gesichter, wildes Aussehen, geflochtenes helles Haar und buschige rote Bärte sie für das Auge des Römers zu einem wirklichen Schreckbilde machten. Diese Männer waren der lateinischen Sprache kaum mächtig; sie wurden von Offizieren aus ihrem eigenen Vaterlande befehligt und bildeten während des Verfalles des Kaiserreichs die treuste Leibwache der regierenden Tyrannen, die oft ihre eigenen Landsleute waren; denn es gab keinen ungeheuerlichen Exceß, welchen sie nicht begangen hätten, wenn es ihnen befohlen wurde, ihn auszuführen. Eine Anzahl dieser stets kampfbereiten Wilden wurde so verteilt, daß sie jeden Weg zum Forum bewachen konnten; sie hatten strengen Befehl, jeden, der es versuchen sollte, ohne die Parole oder das Symbolum zu passieren, einfach zu durchbohren oder niederzuschlagen. Das Symbolum wurde jeden Abend von dem befehlenden Oberoffizier den Truppen durch seine Tribunen und Centurionen mitgeteilt. Um aber die Möglichkeit zu verhüten, daß irgend ein Christ sich für den Fall, daß er es zufällig erfahren hätte, während der Nacht desselben bedienen könnte, hatte der verschlagene Corvinus eines gewählt, von dem er sicher war, daß kein Christ sich desselben bedienen würde. Es war » Numen imperatorum «, die »Gottheit der Kaiser«. Zuletzt machte er noch seine Runde und gab jeder der Schildwachen die strengsten Instruktionen; die genausten erhielt jedoch der Mann, welchen er nahe bei dem Edikt aufgestellt hatte. Dieser Mann war für seinen Posten wegen seiner rohen Kraft und seines riesigen Körpers und der außerordentlichen Wildheit seines Aussehens und seines Charakters ausersehen worden. Corvinus gab ihm die schärfsten Weisungen, wie er niemand schonen solle, sondern um jeden Preis verhindern müsse, daß irgend jemand sich mit dem heiligen Edikt zu schaffen mache. Immer von neuem wiederholte er ihm die Parole und verließ den Mann dann, welcher schon halb betäubt durch sabaia oder Bier, » Est autem sabaia ex hordeo vel frumento in liquorem conversis paupertinus in Illyrico potus .« – »Sabaia ist das Getränk der Armen in Illyrien, bereitet aus Gerste und Weizen, welche in eine Flüssigkeit verwandelt sind.« Marcellinus, lib. XXVI. 8, p. 422, ed. Lips . nur das tierische Bewußtsein hatte, daß es ihm als durchaus nicht unangenehmes Geschäft obliege, irgend einen Menschen vor Tagesanbruch noch niederzumetzeln oder aufzuspießen. Die Nacht war rauh und windig mit gelegentlichen eisigkalten Regenschauern. Der Dacier wickelte sich fest in seinen Mantel und schritt auf und ab. Dann und wann that er einen langen Zug aus einer Flasche, welche ein Getränk enthielt, von dem man behauptete, daß es aus wilden Kirschen des Thüringer Waldes destilliert werde. In der Zwischenzeit dachte er mürrisch und verdrießlich – nicht an den Wald oder den Fluß, an welchem seine jungen Barbarenkinder spielten – sondern an den Zeitpunkt, welcher am besten dazu geeignet sein würde, dem gegenwärtigen Kaiser die Kehle abzuschneiden, und die Stadt zu plündern. Während alles dies vor sich ging, befanden sich Diogenes und seine braven Söhne in ihrem ärmlichen Heim in der nicht weit entfernten Vorstadt und trafen die Vorbereitungen zu ihrem kärglichen Mahle. Sie wurden durch ein leises Klopfen an der Thür unterbrochen, dem ein Zurückschieben des Riegels und der Eintritt von zwei jungen Männern folgte, welche Diogenes sofort bewillkommte, als er sie erkannte. »Tretet ein, meine edlen, jungen Männer; wie gütig von euch, meinem armen Hause diese Ehre anzuthun! Ich wage kaum, euch unsre kärgliche Kost anzubieten; wenn ihr aber mit uns speisen wollt, so werdet ihr uns in der That ein christliches Liebesmahl bereiten.« »Wir danken dir herzlich, Vater Diogenes,« antwortete der ältere der beiden, Quadratus, der sehnige Centurion des Sebastianus, »Pancratius und ich sind grade in der Absicht gekommen, mit dir zur Nacht zu speisen. Aber noch nicht sofort. Wir haben Geschäfte in diesem Teile der Stadt, und wenn dieselben erledigt, werden wir froh sein, etwas Speise zu bekommen. Inzwischen kann einer deiner Söhne ausgehen und Lebensmittel für uns anschaffen. Kommt, wir müssen etwas Gutes haben, und ich will, daß ihr euch mit einem mäßigen Glase kräftigen Weins aufheitert.« Mit diesen Worten gab er einem der Söhne seine Börse und erteilte ihm zugleich die Weisung, etwas bessere Vorräte und Speisen zu bringen, als diese einfache Familie seines Wissens gewöhnlich zu essen pflegte. Sie setzten sich, und Pancratius wandte sich, um irgend etwas zu sagen an den alten Mann: »Guter Diogenes, ich habe von Sebastianus gehört, daß du dich entsinnst, den glorreichen Diakonus Laurentius für Christus sterben gesehen zu haben. Erzähle mir etwas von ihm.« »Mit Freuden,« antwortete der alte Mann. »Es ist nun beinahe fünfundvierzig Jahre her, seitdem es geschah, A. D. 258. und da ich älter war als ihr es jetzt seid, so könnt ihr euch vorstellen, daß ich mich aller Vorgänge ganz genau erinnere. Er war in der That als ein prächtiger Jüngling anzusehen: so milde und gütig und sanft, so schön und anmutig; und seine Sprache war so liebreich, so zart, besonders wenn er zu den Armen sprach. Wie sie ihn alle liebten! Ich folgte ihm überall hin. Ich stand daneben, als der ehrwürdige Papst Sixtus zum Tode schritt, und Laurentius ihm entgegen ging und ihm so zärtliche Vorwürfe machte – grade so wie ein Sohn sie seinem Vater gemacht haben würde – weil er ihm nicht gestattete, sein Gefährte in diesem Selbstopfer zu sein, wie er ihm zur Seite gestanden hatte, wenn sie den Leib und das Blut des Herrn geopfert hatten. »Das waren herrliche Zeiten, Diogenes, nicht wahr?« unterbrach ihn der Jüngling; »wie entartet wir jetzt sind! Welch ein anderes Geschlecht das war! Sind wir nicht elend und mutlos geworden, Quadratus?« Der rauhe Soldat lächelte über die großherzige Aufrichtigkeit dieser Klage und gebot Diogenes fortzufahren. »Ich sah ihn auch, als er die reichen Silbergerätschaften der Kirche an die Armen verteilte. Seit jener Zeit haben wir nichts so prächtiges mehr erlebt. Da gab es goldene Lampen und Leuchter, Weihrauchkessel, Kelche und Patenen, Prudentius in seiner Hymne an St. Laurentius. außerdem eine ganze Menge eingeschmolzenen Silbers, welches unter die Blinden, die Lahmen und die Bedürftigen ausgeteilt wurde.« »Aber sag mir,« fragte Pancratius, »wie ertrug er die letzten fürchterlichen Qualen? Es muß grauenhaft gewesen sein.« »Ich habe alles gesehen,« antwortete der alte Totengräber, »und es wäre unerträglich furchtbar gewesen, wenn ein Anderer es hätte ertragen müssen. Zuerst hatte man ihn auf das Rad geflochten und verschiedene Foltern angewendet – kein Seufzer entrang sich seiner Brust. Da befahl der Richter, daß man jenes fürchterliche Bett oder den Rost heize und vorbereite. Zu sehen, wie sein zartes Fleisch sich in Blasen zusammenzog und barst, und tiefe, rot brennende Wunden zeigte, wo die eisernen Stangen eingeschnitten hatten; den Rauch zu sehen, der dick wie aus einem Kessel von seinen: Körper aufstieg: das Feuer unter ihm zischen zu hören, als sein Körper sich schmelzend auflöste; und jeden Augenblick das Zucken zu bemerken – welches die Agonie jeder einzelnen Muskel mitteilte – die scharfen spasmodischen Krämpfe, welche seine Glieder nach und nach zusammenzogen – alles dies, ich gestehe es, war das grauenhafteste Schauspiel, welches ich je im Leben gesehen habe. Wenn man ihm aber ins Antlitz blickte, so war alles das vergessen. Sein Kopf hob sich von dem brennenden Körper empor und streckte sich vor, als sei er in die Betrachtung einer himmlischen Vision versunken, wie jene, welche Diakonus Stephanus gehabt hatte. Sein Gesicht glühte allerdings von der unter ihm angefachten Glut, und der Schweiß floß in Strömen herab; aber der Schein des Feuers, welcher nach oben fiel und durch seine goldenen Locken drang, bildete eine Glorie um seinen schönen Kopf und sein Antlitz, welche ihm das Ansehen gab, als sei er bereits im Himmel. Und jeder seiner Züge, die rein und sanft wie immer, trug einen so sehnsuchtsvollen, begeisterten Ausdruck, der sich auch dem himmelwärts gerichteten Auge mitteilte, daß jeder gern den Platz mit ihm getauscht hätte.« »Das würde ich gethan haben,« unterbrach ihn Pancratius wiederum, »und zwar so bald wie es Gott gefällt. Ich wage nicht zu glauben, daß ich ertragen haben könnte, was er ertrug, denn er war in der That ein edler und heldenmütiger Priester, während ich nur ein schwacher unvollkommener Knabe bin. Aber glaubst du nicht, teurer Quadratus, daß uns in solchen Stunden eine Kraft verliehen wird, die der Größe unserer Prüfungen angemessen ist, welcher Art diese auch sein mögen? Du würdest alles ertragen können, das weiß ich, denn du bist ein prächtiger, starker Soldat, welcher an Entbehrungen und Mühseligkeiten und Wunden gewöhnt ist. Was aber mich anbetrifft, so besitze ich nichts als ein williges Herz, das ich geben könnte. Und glaubst du, daß das genug wäre?« »Genug, mein teurer Knabe, genug,« rief der Centurion aus; er war tief bewegt und blickte zärtlich auf den Jüngling, welcher mit blitzenden Augen von seinem Sitz aufgesprungen war und die Hände auf die Schultern des Soldaten gelegt hatte. »Gott wird dir Kraft geben, wie er dir schon Mut gegeben hat. Aber wir dürfen die Arbeit dieser Nacht nicht vergessen. Hülle dich gut in deinen Mantel und ziehe die Toga ganz über den Kopf. So ist's recht! Es ist eine feuchte und kalte Nacht. Jetzt, guter Diogenes, leg noch mehr Holz auf das Feuer und laß uns die Abendmahlzeit bereit finden, wenn wir zurückkommen. Wir werden nicht lange fortbleiben; laß die Thür ein wenig geöffnet.« »Geht, geht meine Söhne,« sagte der alte Mann, »und Gott schütze euch! Was ihr auch im Sinne haben möget, ich bin überzeugt, daß es etwas lobenswertes ist.« Quadratus wickelte sich fest in seinen Soldatenmantel, die beiden Jünglinge traten wieder auf die dunkle Gasse der Suburra hinaus und schlugen die Richtung nach dem Forum ein. Während ihrer Abwesenheit wurde dir Thür mit dem wohlbekannten Gruße: »Gelobt sei Gott« geöffnet, und Sebastianus trat ein; er fragte ängstlich, ob Diogenes die beiden jungen Männer gesehen habe, denn er hatte etwas von dem erfahren, was sie auszuführen im Sinne hatten. Er erfuhr hier, daß sie binnen wenigen Minuten zurück sein würden. Kaum war eine Viertelstunde verronnen, als man eilige Schritte sich nähern hörte; die Thür wurde aufgestoßen und schnell wieder geschlossen, darauf hinter Ouadratus und Pancratius fest verriegelt. »Hier ist es,« sagte der zuletzt genannte, indem er unter herzlichem Lachen ein Bündel zerknitterten Pergaments hervorzog. »Was?« fragten alle ungestüm. »Nun, was anders als das große Edikt,« antwortete Pancratius mit knabenhafter Freude, »seht doch her! Domini Nostri Diocletianus et Maximianus, Invicti, Seniores Augusti, Patres Imperatorum et Caesarum ,« »Unsere Herren Diokletian und Maximian, die unbesiegten, Augustii die älteren, Väter der Kaiser und Cäsaren.« und so weiter. Da geht es hin!« Und er schleuderte es in das prasselnde Feuer, während die kräftigen Söhne des Diogenes einen Holzscheit daraufwarfen, um es nieder zu halten. Da kräuselte es sich nun zusammen und krümmte sich und krachte und schrumpfte ein; bald kam ein Wort oder ein Buchstabe an die Oberfläche, bald ein anderer, jetzt das Lob eines Kaisers, dann eine antichristliche Lästerung, bis endlich nichts als ein Haufen schwarzer Asche übrig war. Und würden nach Ablauf weniger Jahre diejenigen, welche dies stolze Dokument geschrieben hatten, etwas anderes oder mehr sein? Wenn ihre Leichen auf einem Scheiterhaufen von Cederholz und Spezereien verbrannt und ihre Asche zusammengescharrt wurde, eine Handvoll, kaum genug, um eine, vergoldete Urne damit anzufüllen? Und würde jenes Heidentum, welches durch Erlaß dieses Befehls am Leben erhalten werden sollte, in wenigen Jahren noch etwas anderes sein als ein toter Buchstabe oder ein Häuflein Asche, so wertlos wie jenes, das dort auf dem Herde lag? Und das große Reich selbst, welches diese »unbesiegten« Kaiser durch Grausamkeit und Ungerechtigkeit aufrecht erhielten, wie ähnlich würde es in wenigen Jahren jenem vernichteten Dokument sein! Die Monumente seiner Größe würden in Asche oder in Trümmern liegen und verkünden, daß kein wahrer Herr ist, als Einer, der stärker ist, als die Cäsaren, der Herr der Herren, und daß weder Klugheit noch Macht der Menschen wider ihn etwas vermag! Etwas ähnliches dachte Sebastianns vielleicht, als er in Gedanken versunken in die verglühende Asche des hochtönenden und grausamen Ediktes, welches sie herabgerissen hatten, blickte; sie hatten es nicht in kindischem Übermut gethan, sondern weil es Blasphemien gegen Gott und Seine heiligsten Wahrheiten enthielt. Sie wußten, daß zehnfache Folter ihr Los sein würde, wenn man sie entdeckte; aber die Christen jener Tage stellten ihr Leben willig aufs Spiel, wenn sie sich auf das Märtyrertum vorbereiteten. Der Tod für Christus – das war das Ziel dem sie entgegen sahen, ob nun schnell und leicht oder langsam und qualvoll. Und wie tapfere Soldaten, welche in den Kampf ziehen, dachten sie nicht darüber nach, wo ein Speer oder ein Schwert sie treffen könne, ob der Todesstoß ihrem Dasein sofort ein Ende machen würde, oder ob sie sich stundenlang auf dem blutdurchtränkten Boden, verstümmelt und durchbohrt, würden winden müssen, um Zoll für Zoll zwischen Haufen von Niedergemetzelten zu verenden. Sebastianus ermannte sich bald wieder und hatte kaum das Herz, denen, welche diese That verübt hatten, einen Vorwurf zu machen. Sie hatte ja auch ihre komische Seite, und er fühlte sich versucht zu lachen, wenn er an das Staunen und die Wut dachte, welche der nächste Morgen bringen würde. Gern wandte er sich dieser Ansicht der Sache zu, denn er sah, wie Pancratius ihn ängstlich beobachtete, und sein Centurion ein wenig verlegen aussah. So setzten sie sich dann nach einem herzlichen Gelächter fröhlich zum Mahle nieder; denn es war noch nicht Mitternacht, und die Stunde für den Beginn des Fastens, welches der heiligen Eucharistie vorauf ging, war noch nicht gekommen. Quadratus hatte außer seiner Herzensgüte noch einen anderen Zweck bei diesem Arrangement im Auge gehabt; teils wollte er den Mut seines jungen Freundes und den von Diogenes' Haushalt aufrecht erhalten für den Fall ernstlicher Folgen der soeben verübten kühnen That, teils wollte er einen Vorwand für ihren Aufenthalt im Hause des alten Totengräbers schaffen. Aber keiner der Anwesenden schien Furcht zu empfinden. Die Unterhaltung lenkte sich bald auf Erinnerungen aus Diogenes' Jugend und der guten, alten, inbrünstigen Zeit, wie Pancratius fortfuhr sie zu nennen. Sebastianus begleitete seinen Freund nach Hause und machte dann einen weiten Umweg, um das Forum auf seinem eigenen Nachhausewege zu vermeiden. Wenn irgend jemand an diesem Abend Pancratius beobachtet hätte, als er allein in seinem Zimmer sich zum Schlafengehen vorbereitete, so würde er gesehen haben, wie der Jüngling dann und wann wie bei der Erinnerung an ein seltsames aber angenehmes Abenteuer lächelte. Vierzehntes Kapitel Die Entdeckung Beim ersten Morgenstrahl war Corvinus bereits auf den Füßen, und trotz der Düsterkeit des Tages ging er graden Wegs nach dem Forum. Er fand die Vorposten ruhig und auf ihrem Platze, und eilte nach dem hauptsächlichen Gegenstande seiner Sorge. Es würde nutzlos sein, wenn man versuchen wollte, sein Erstaunen, seine Wut, seine Raserei zu beschreiben, als er das leere Brett erblickte, auf welchem nur noch wenige Fetzen des aufgenagelten Pergaments hingen, und daneben stehend in unbewußter Dummheit seine dacische Schildwache. Er hätte sich wie ein Tiger auf den Mann stürzen mögen, wenn er nicht in dem blitzenden Auge des Barbaren eine Art hyänenhaften Schielens gesehen hätte, welches ihm riet, alles derartige zu unterlassen. Aber in leidenschaftlicher Wut schrie er: »Bursche! wie ist das Edikt verschwunden? Sprich augenblicklich!« »Sachte, sachte, Herr Kornweiner,« antwortete der gleichmütige Nordländer, »da ist es, wie Ihr es übergeben habt.« »Wo, du Narr? Komm her und sieh!« Der Dacier trat zu ihm und sah zum erstenmal auf das Brett. Nachdem er es einige Minuten angestarrt hatte, sagte er: »Nun ist das nicht das Brett, welches Ihr gestern Abend aufgehängt habt?« »Ja, du Schafskopf, aber es war eine Schrift darauf, und die ist fort. Grade sie solltest du behüten!« »Nun, Hauptmann, seht doch, was Schrift angeht, so verstehe ich nichts davon, denn ich war niemals ein Gelehrter. Da es die ganze Nacht geregnet hat, so hat der Regen die Schrift vielleicht ausgelöscht.« »Und da es regnete, hat der Wind vermutlich das Pergament, auf welches sie geschrieben war, fortgeweht?« »Kein Zweifel, Herr Kornweiner, Ihr habt recht.« »Geh Bursche, hier giebt es nichts zu scherzen. Sag mir sofort, wer während der Nacht hier gewesen ist! »Nun, es sind ihrer zwei gekommen.« »Zwei?« »Ja, zwei Zauberer, oder Kobolde, oder noch schlimmeres.« »Sprich mir keinen solchen Unsinn vor!« Das Auge des Daciers blitzte trunken auf. »Gut, sag mir, Arminius, wie sahen denn die Leute aus, und was thaten sie?« »Nun, einer von ihnen war nur ein Gelbschnabel, ein Bursche, groß und lang und dünne; er ging um den Pfeiler herum, und er muß wohl das fortgenommen haben, was Ihr sucht, während ich mit dem anderen zu thun hatte.« »Und was ist's mit ihm? Wie sah er aus?« Der Soldat riß Augen und Mund auf, starrte Corvinus einige Minuten an und sagte dann mit einer Art stumpfsinniger Feierlichkeit: »Wie er aussah? Nun, wenn er nicht Thor selber gewesen ist, so war er doch nicht weit davon. Solche Kraft habe ich niemals verspürt.« »Was that er denn, um sie dich fühlen zu lassen?« »Anfangs trat er zu mir und plauderte ganz freundlich, fragte mich, ob mir nicht sehr kalt sei und dergleichen mehr. Endlich fiel es mir ein, daß ich jeden durchbohren sollte, der zu nahe kam –« »Gewiß,« unterbrach ihn Corvinus, »und weshalb hast du nicht gethan, wie dir befohlen?« »Weil er mich nicht ließ. Ich sagte ihm, er solle machen, daß er fortkomme, oder ich würde ihn aufspießen; ich trat zurück und zielte mit meinem Wurfspieß; wie es geschah, weiß ich nicht, aber ruhig nahm er ihn mir aus der Hand, zerbrach ihn übers Knie, als wäre es das hölzerne Schwert eines Marktschreiers gewesen, und schleuderte die eiserne Spitze fünfzig Klafter weit fort, wo Ihr sie noch in der Erde stecken sehen könnt.« »Nun, und weshalb stürztest du dich nicht sofort mit deinem Schwert auf ihn und schafftest ihn so aus der Welt? Aber wo ist dein Schwert? Es steckt ja nicht in der Scheide.« Mit blödem Grinsen wies der Dacier auf das Dach der benachbarten Basilika und sagte: »Dort, seht Ihr es nicht im Morgenlicht auf den Dachziegeln glänzen?« Corvinus folgte der Richtung seiner Hand und erblickte allerdings etwas, das wie ein Schwert aussah; er wollte aber kaum seinen Augen trauen. »Wie ist es dorthin gekommen, Bube?« fragte er. Der Soldat zupfte in verhängnisvoller Weise an seinen: Barte; dies ließ Corvinus seine Frage in höflicherem Ton wiederholen, und jetzt erhielt er die Antwort: » Er oder es – was es nun auch gewesen sein mag – entwand es ohne sichtliche Anstrengung meiner Hand, aber er wandte einen Zauberspruch an, und er schleuderte es ebenso leicht dort hinauf, wo Ihr es jetzt seht, wie ich einen Scheibenwerfer ein Dutzend Ellen weit fortwerfen könnte.« »Und dann?« »Und dann gingen er und der Knabe, welcher hinter dem Pfeiler hervorkam, ruhig von dannen.« »Welch seltsame Geschichte!« murmelte Corvinus vor sich hin, »und doch sind die Beweise für die Erzählung des Burschen vorhanden. Nicht jeder Mensch wäre zu solchen Kraftleistungen im stande. Aber sag mir nur, weshalb hast du nicht Lärm geschlagen und die anderen Schildwachen zur Verfolgung der Missethäter aufgefordert?« »Erstens, Meister Kornweiner, weil man in meinem Vaterlande wohl mit lebenden Menschen, aber nicht mit Kobolden und Gespenstern kämpft. Und zweitens, was hätte es genützt? Ich sah ja, daß das Brett, welches ich bewachen sollte, unbeschädigt dort hing.« »Dummer Barbar!« murmelte Corvinus ganz leise; dann fügte er hinzu, »diese Sache wird dir sehr schlecht bekommen, denn du weißt, daß es ein Kapitalverbrechen ist.« »Was ist ein Kapitalverbrechen?« »Wenn du einen Mann an dich herantreten und mit dir sprechen läßt, ohne daß er das Losungswort giebt.« »Sachte, sachte, Hauptmann, wer sagt Euch denn, daß er es nicht gab? Ich habe das nicht gesagt.« »Aber kannte er es denn? So konnte er kein Christ sein.« »Ja, er trat an mich heran und sagte ganz deutlich: »Nomem Imperatorum.« Der Name des Kaisers. »Was?« brüllte Corvinus. »Nomen Imperatorum.« »›Numen Imperatorum‹ war die Losung,« schrie der wütende Römer. »Nomen oder Numen , das ist doch wohl ganz gleichgültig, wie ich meinen sollte. Ein Buchstabe kann doch keinen Unterschied machen. Ihr nennt mich Arminius, und ich nenne mich Hermann, und doch ist es derselbe Name. Woher sollte ich denn die seinen Unterschiede in Eurer Sprache kennen?« Corvinus war über sich selbst wütend, denn er sah ein, wieviel besser er seinen Zweck erreicht haben würde, wenn er einen scharfen, intelligenten Prätorianer auf jenen Posten gestellt hätte anstatt eines brutalen, wilden Fremden. »Gut,« sagte er in der bösesten Laune, »für alles dies wirst du dem Kaiser verantwortlich sein; und du weißt, er ist nicht geneigt, solche Dinge ungestraft vorübergehen zu lassen.« »Seht her, Herr Krummbeiner,« entgegnete der Soldat mit einem Blicke schlauer Dummheit, »was das anbetrifft, so fahren wir ungefähr in demselben Boot.« (Corvinus wurde bleich, denn er wußte, daß dies wahr sei.) »Und Ihr müßt irgend etwas ersinnen, um mich zu retten, wenn Ihr Euch selbst retten wollt. Ihr waret es, den der Kaiser verantwortlich machte für jenes – wie nennt Ihr es doch gleich – für jenes – Brett.« »Du hast recht, mein Freund; ich muß angeben, daß ein starker Trupp dich angegriffen und dich auf deinem Posten ermordet hat. Halt dich also während einiger Tage in deinem Quartier auf und du sollst Bier im Überfluß haben, bis die Sache sich im Sande verlaufen hat.« Der Soldat ging fort und versteckte sich. Einige Tage später wurde der Körper eines augenscheinlich ermordeten Daciers an das Ufer der Tiber gespült. Man glaubte, daß er in einem Handgemenge mit Trunkenbolden gefallen sei, und man gab sich keine weitere Mühe, die näheren Umstände zu ermitteln. Es verhielt sich allerdings so, aber Corvinus hätte die beste Auskunft über den Vorgang geben können. Bevor er jedoch die verhängnisvolle Stelle auf dem Forum verließ, spähte er sorgfältig auf dem Boden umher, ob er nicht irgend eine Spur des kühnen Thäters entdecken könne. Da erblickte er grade unterhalb des Platzes, an welchem das Edikt festgenagelt gewesen, ein Messer, von welchem er bestimmt wußte, daß er es bereits in der Schule im Besitze irgend eines seiner Kameraden gesehen habe. Er nahm es auf und verbarg es als ein Instrument künftiger Rache, und dann eilte er fort, um sich eine zweite Abschrift des Edikts zu verschaffen. Fünfzehntes Kapitel Erklärungen Als der Tag endlich angebrochen war, strömten große Menschenmassen von allen Seiten auf das Forum, von der Neugierde getrieben, endlich das furchtbare Edikt zu lesen, dessen Veröffentlichung schon seit so langer Zeit gedroht hatte. Als sie indessen nur das leere Brett entdeckten, entstand ein allgemeiner Aufruhr. Einige bewunderten den Mut der Christen, welche man meistens für feige hielt; andere waren empört über die Frechheit solch einer That; einige machten die Obrigkeit, welche die Proklamation erlassen hatte, lächerlich; andere waren zornig, weil die Unterhaltung, welche sie sich für den Tag versprochen hatten, nun möglicherweise noch einen Aufschub erleiden mußte. Bereits zu früher Stunde waren die vornehmen Besucher öffentlicher Orte mit Gesprächen über diesen Gegenstand beschäftigt. In den großen antoninischen Thermen war eine Gruppe regelmäßiger Besucher in dieses Thema vertieft. Da waren Scaurus, der Advokat und Proculus und Fulvius und der Philosoph Calpurnius und mehrere andere, welche sehr angelegentlich mit einigen staubigen Bänden beschäftigt waren. »Das ist eine seltsame Geschichte mit dem Edikt!« sagte einer. »Sag' lieber, eine verräterische Beleidigung gegen die Person der göttlichen Kaiser!« entgegnete Fulvius. »Wie ward es vollbracht?« fragte ein Dritter. »Hast du nicht gehört, daß die dacische Schildwache, welche am Brunnengeländer aufgestellt war, tot aufgefunden wurde, mit siebenundzwanzig Dolchwunden, von denen neunzehn absolut tödlich waren?« »Nein, das ist ein ganz falsches Gerücht,« unterbrach Scaurus; »es ist durchaus nicht mit Gewalt, sondern durch Zauberei geschehen. Zwei Frauen näherten sich dem Soldaten, welcher die eine mit seiner Lanze durchbohrte; diese aber durchstieß das Weib und blieb auf der anderen Seite im Erdboden stecken, ohne der Frau auch nur die leiseste Wunde beizubringen. Dann hieb er mit seinem Schwerte nach der anderen; aber ebensogut hätte er den Hieb nach einem Marmorblocke führen können. Sie warf ihm eine Handvoll Pulver ins Gesicht, und er flog in die Luft und wurde heute morgen schlafend und unverletzt auf dem Dache der Ämilianischen Basilika aufgefunden. Einer meiner Freunde, welcher schon früh unterwegs war, sah noch die Leiter an der Basilika lehnen, auf welcher man ihn hinunter getragen hatte.« »Wunderbar! Seltsam!« riefen viele aus. »Was für außergewöhnliche Menschen diese Christen doch sein müssen!« »Ich glaube kein Wort davon,« bemerkte Proculus. »Es giebt keine solche Zauberkraft; und ich sehe wahrlich nicht ein, weshalb diese elenden Menschen sie mehr besitzen sollten, als wir vornehmen Leute. Komm Calpurnius,« fuhr er fort, »leg' doch jenes alte Buch beiseite und beantworte diese Fragen. Ich habe eines Tages nach einer köstlichen Mahlzeit über diese Leute mehr durch dich erfahren, als bis dahin während meines ganzen Lebens. Welch ein wunderbares Gedächtnis du haben mußt, um dich so der Genealogie und der Geschichte dieses barbarischen Volkes zu erinnern! Ist das, was Scaurus uns soeben erzählt hat, möglich oder nicht?« Calpurnius ließ sich mit großer Pomphaftigkeit folgendermaßen aus: »Es ist kein Grund vorhanden, weshalb man solche Dinge für unmöglich halten sollte; denn die Kraft der Zauberei hat keine Grenzen. Um ein Pulver zu bereiten, welches einen Menschen in die Luft zu schnellen vermag, wäre es nur notwendig, ein Kraut zu finden, in welchem die Luft mehr vorherrschend ist, als die anderen drei Elemente. Und solche sind nach der Lehre des Pythagoras zum Beispiel Hülsenfrüchte oder Linsen. Wenn diese nun gesammelt werden, sobald die Sonne im Tierkreise der Wage steht – deren Natur es ja ist, selbst schwere Dinge in der Luft balancieren zu können – im Augenblick ihrer Paarung mit dem Merkur – eine beschwingte Macht wie ihr wißt – und ihnen von einem geschickten Zauberer durch gewisse Hexensprüche der gehörige Nachdruck verliehen wird – sie dann zu Pulver gestoßen werden in einem Mörser, welcher aus einem Äroliten oder Stein, welcher in den Himmel geflogen und wieder herabgefallen ist, hergestellt worden, so würde dieses Präparat ohne Zweifel einen Menschen in den Stand setzen oder gar zwingen, in die Luft zu stiegen. Es ist in der That wohlbekannt, daß die thessalischen Hexen ganz nach Belieben durch die Wolken von einem Orte zum anderen fliegen – und dies kann doch nur durch Hexerei geschehen. »Nun also zu den Christen. Du wirst dich erinnern, mein ausgezeichneter Proculus, daß ich in der Erzählung, auf welche zurückzukommen du mir die Ehre erwiesen hast – es war an der Tafel des klugen Fabius, wenn ich mich recht besinne – erwähnte, daß die Sekte ursprünglich aus Chaldäa gekommen sei, einem Lande, welches stets seiner geheimen Künste wegen bekannt gewesen. Die Geschichte hat uns ein Beispiel aufbewahrt, welches das wichtigste Zeugnis für diese Behauptung ablegt. Es ist ganz bestimmt, daß hier ein gewisser Simon, welcher zuweilen Simon Petrus und zu anderen Zeiten wieder Simon Magus genannt wurde, vor einer großen Menschenmenge in der That hoch in die Luft hinaufschwebte; da sein Zaubermittel ihm aber aus dem Gürtel geglitten war, fiel er wieder zur Erde und brach beide Beine. Und aus diesem Grund war man gezwungen, ihn mit dem Kopf nach unten zu kreuzigen.« »Folglich sind also alle Christen Zauberer?« fragte Scaurus. »Gewiß, das ist ein Teil ihres Aberglaubens. Sie glauben, daß ihre Priester die außergewöhnlichste Macht über die Natur besitzen. So denken sie zum Beispiel, daß sie die Körper der Menschen in Wasser baden können, wodurch ihre Seelen die wunderbarsten Gaben erhalten. Sie sind überzeugt, daß sie durch dieses Bad – wenn sie nämlich Sklaven sind – über ihre Gebieter, ja, über die göttlichen Kaiser selbst erhöht werden.« »Entsetzlich!« riefen alle aus. »Dann wieder,« begann Calpurnius von neuem, »wissen wir ja alle, welch ein furchtbares Verbrechen einige von ihnen gestern Abend begangen haben, indem sie ein kaiserliches Edikt unserer göttlichen Herrscher herabgerissen; und stellt euch nur vor – was die Götter verhüten mögen – wenn sie in ihrem Verrat noch weiter gegangen wären und sich an dem geheiligten Leben unserer Kaiser vergriffen hätten, so wäre es nur vonnöten gewesen, daß sie zu einem jener Priester gegangen wären, das Verbrechen eingestanden hätten und um Vergebung gebeten hätten. Und wenn dieser sie ihnen gewährt, so halten sie sich für vollkommen schuldlos.« »Grauenvoll!« fiel der ganze Chor ein. »Solch eine Lehre,« sagte Scaurus, »ist unverträglich mit der Sicherheit des Staates. Ein Mensch, welcher glaubt, daß ihm sein Nebenmensch seine Sünden vergeben kann, ist imstande, jedes Verbrechen zu begehen!« »Und das ist ohne Zweifel der Grund dieses neuen und schrecklichen Ediktes gegen sie,« meinte Fulvius. »Nach allem, was Calpurnius uns von diesen verzweifelten Menschen erzählt hat, kann keine Maßregel gegen sie strenge genug sein.« Fulvius hatte Sebastianus, welcher während dieses Gesprächs eingetreten war, scharf angeblickt. Jetzt wandte er sich ausdrücklich an ihn: »Und du, Sebastianus, denkst ohne Zweifel ebenso, nicht wahr?« »Ich bin der Ansicht, daß wenn die Christen wirklich das sind, was Calpurnius von ihnen behauptet, nämlich schändliche Zauberer, sie nichts besseres verdienen als von der Erde vertilgt zu werden. Aber selbst dann noch würde ich ihnen eine Gelegenheit zum Entrinnen gewähren,« antwortete er ruhig. »Und diese wäre?« fragte Fulvius höhnisch. »Ich würde befehlen, daß niemand sich an ihrer Vertilgung beteiligen dürfte, der nicht beweisen könnte, daß er selbst freier von Verbrechen ist als sie. Keiner dürfte die Hand gegen sie erheben, welcher nicht behaupten könnte, daß er selbst niemals ein Ehebrecher, ein Wucherer, ein Erpresser, ein Betrüger, ein Trunkenbold, ein schlechter Gatte, ein schlechter Vater, ein schlechtes Kind, ein Bösewicht oder ein Dieb gewesen. Denn daß die armen Christen eines dieser Verbrechen begingen, behauptet niemand.« Fulvius krümmte sich unter diesem Verzeichnis von Sünden und noch mehr unter dem entrüsteten aber ruhigen Blicke Sebastianus! Bei dem Worte »Dieb« indessen zuckte er sichtbar zusammen. Hatte der Soldat denn gesehen, daß er an jenem Abende im Hause des Fabius' das Tuch an sich genommen hatte? Sei dem nun wie ihm wolle, die Abneigung, welche er gegen Sebastianus bei ihrer ersten Begegnung gefaßt hatte, war bei der zweiten bereits zum Hasse heran gereift; und in jenem Herzen stand das Wort »Haß« immer nur mit blutigen Buchstaben geschrieben. Er hatte diesem Gefühl nur noch Intensivität hinzuzufügen. Sebastianus ging hinaus, und seine Gedanken machten sich in vertrauten Worten des Gebetes Luft. »Wie lange noch, o mein Gott, wie lange? Welche Hoffnung können wir denn für die Bekehrung Vieler zur Wahrheit hegen, wieviel weniger noch für die Bekehrung dieses ganzen großen Reiches, wenn wir noch immer ehrliche und gelehrte Männer finden, welche jede Verleumdung glauben, die gegen uns vorgebracht wird? Menschen, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert sorgsam jede Fabel und Lüge über uns aufspeichern? Welche sich dagegen wehren, in unsere Lehren einzudringen, weil sie sich einmal die Überzeugung gebildet haben, daß sie falsch und verächtlich sind?« Er sprach laut, da er sich allein glaubte. Plötzlich sagt eine süße Stimme neben ihm: »Guter Jüngling, wer du auch sein magst, der du so sprichst – und mich dünkt, daß ich deine Stimme kenne – vergiß nicht, daß der Sohn Gottes dem blinden Auge des Menschen Licht gab, indem er Staub auf dasselbe streute, welcher in den Händen des Sterblichen jedes sehende Auge blind gemacht haben würde. Laß uns sein wie der Staub zu seinen Füßen, wenn wir durch seine Hand das Mittel werden wollen, das seelische Auge der Menschen sehend machen zu wollen. Lassen wir uns noch eine Zeitlang unterdrücken und treten, üben wir uns noch länger m der Geduld; vielleicht steigt noch aus unserer Asche der Funke auf, welcher zündet.« »Ich danke dir, ich danke dir, Cäcilia, für deinen gütigen und gerechten Vorwurf,« sagte Sebastianus. »Wohin trippelst du denn so fröhlich an diesem ersten Tage der Gefahr?« »Weißt du denn nicht, daß ich zur Führerin des Cömeteriums des Callistus ernannt worden bin? Ich gehe jetzt, um mein Amt anzutreten. Ich bete, daß ich die erste Blume des kommenden Frühlings sein möge!« Und fröhlich singend wollte sie weiterschreiten. Doch Sebastianus bat sie, noch einen Augenblick zu verweilen. Sechzehntes Kapitel Der Wolf in der Herde Nach den Abenteuern der Nacht blieb unseren Jünglingen nicht viel Zeit zur Ruhe. Lange vor Tagesanbruch mußten die Christen auf sein und sich in ihren verschiedenen Titeln versammeln, um sich vor Sonnenaufgang schon wieder nach allen Seiten hin zerstreuen zu können. Es sollte dort ihre letzte Zusammenkunft sein. Die Oratorien sollten geschlossen werden, und der Gottesdienst von diesem Tage an in den unterirdischen Kirchen der Katakomben abgehalten werden. Man konnte nicht erwarten, daß es allen gelingen würde in Sicherheit, selbst am Sonntage, fast eine Meile weit zum Thore hinaus pilgern zu können. Es gab eine Katakombe, ad sextum Philippi genannt, welche mutmaßlich eine Meile weit außerhalb Rom lag, aber gar viele derselben lagen eine halbe Meile weit vom Herzen der Stadt entfernt. Es war daher den gläubigen Seelen in solchen Zeiten der Unruhe und der Gefahr gestattet, die heilige Eucharistie in ihren eigenen Häusern aufzubewahren und am Morgen sich selbst die heilige Kommunion zu reichen »vor dem Genusse anderer Speise«, wie Tertullius sagt. Die Gläubigen fühlten sich, nicht wie Lämmer, welche zur Schlachtbank geführt werden, nicht wie Verbrecher, welche sich auf die Hinrichtung vorbereiten, sondern wie Soldaten, die sich für die Schlacht bewaffnen. Ihre Waffen, ihre Nahrung, ihre Kraft, ihren Mut – das alles fanden sie im heiligen Sakramente. Sogar die Lauen und Furchtsamen nahmen frische Kraft aus dem Brot des Lebens. In den Kirchen, wie man es jetzt noch in den Katakomben sieht, wurden Stühle für die Beichtväter aufgestellt, vor denen die Sünder niederknieten, ihre Sünden beichteten und die Absolution erhielten. In Zeiten wie diese wurden die Bußgesetze weniger strenge gehandhabt und die Länge öffentlicher Buße abgekürzt. Die ganze Nacht war von den eifrigen Priestern dazu angewendet, ihre Herde, wenn es sein mußte, für ihre letzte öffentliche Kommunion auf dieser Erde vorzubereiten. Wir brauchen unseren Leser nicht daran zu erinnern, daß der Gottesdienst, wie er damals abgehalten wurde in der Hauptsache und in vielen Details derselbe war, wie er ihm jetzt noch täglich am katholischen Altar beiwohnt. Nicht allein, daß man grade wie heute die Messe als das Opfer des Leibes und des Blutes unseres Herrn ansah; nicht allein, daß Aufopferung, Wandlung und Kommunion stattfanden wie jetzt, sondern es sind auch noch die meisten Gebete identisch mit den heutigen, so daß der Katholik, welcher sie sprechen hört, und noch vielmehr der Priester, welcher sie in derselben Sprache wie die römische Kirche der Katakomben sie sprach, noch heutigestages spricht, sich in lebender und thätiger Gemeinschaft fühlen mag mit den Märtyrern, welche die heiligen Geheimnisse feierten, und den Märtyrern, welche ihnen in Andacht versunken, beiwohnten. Als bei der Gelegenheit, welche wir beschreiben, der Augenblick gekommen war, in welchem man den Friedenskuß gab – eine herzliche Umarmung brüderlicher Liebe – hörte man Schluchzen und sah Thränenströme fließen, denn für viele war es der Scheidegruß. Mancher Jüngling hing an dem Halse seines Vaters; wußte er doch kaum, ob dieser Tag sie nicht für immer bis zu jenem Tage trennen würde, an welchem sie wieder mit himmlischen Palmen geschmückt einhergehen würden. Und wie schlossen Mütter ihre Töchter ans Herz, in der Inbrunst jener neuen Liebe, welche die Furcht vor der Trennung entflammte! Dann kam die Kommunion, feierlicher als gewöhnlich. Die tiefste Stille herrschte. »Der Leib unseres Herrn Jesu Christi« sagte der Priester zu jedem, indem er ihm das heilige Brot reichte. »Amen,« antwortete der Empfänger mit innigen Lauten der Treue und des Glaubens. Dann streckte er mit der Hand ein Orarium oder weißes Linnentuch hin, in welches ihm ein Vorrat vom Brote des Lebens gethan wurde, der hinreichend war bis zur nächsten öffentlichen Kommunion. Das Tuch wurde sorgsam und ehrfurchtsvoll zusammengelegt, auf der Brust verborgen und oft noch in eine zweite und kostbarere Hülle gethan, zuweilen sogar in eine goldene Kapsel. Als die vatikanische Katakombe im Jahre 1571 durchforscht wurde, fand man in einigen Gräbern zwei kleine, viereckige, goldene Dosen, auf deren Deckel sich ein goldener Ring befand. Diese sehr alten heiligen Gefäße haben nach Vottari dazu gedient, die heilige Eucharistie um den Hals zu tragen ( Roma Subterranea, tom 1 fig. 11 ); und Pellicia bestätigt dies durch manche Argumente ( Christianae Eccl. Politia, tom III, pag. 20 ). Jetzt bedauerte zum erstenmale die arme Syra den Verlust ihres reich gestickten Tuches; sie würde es längst den Armen gegeben haben, wenn sie es nicht stets ängstlich für solch eine Gelegenheit und diesen Gebrauch aufbewahrt hätte. Ihrer Gebieterin war es ebenfalls nicht gelungen, sie dazu zu bewegen, daß sie irgend welche Gegenstände von Wert von ihr annahm, ohne daß Syra sofort die Bedingung gemacht hätte, über sie nach Belieben verfügen zu dürfen, d. h. sie als Almosen für die Armen zu verwenden. Die verschiedenen Versammlungen hatten sich bereits vor der Entdeckung der That, welche an dem Edikt begangen worden, aufgelöst. Oder vielmehr hatten sie sich nach den Cömeterien begeben. Die häufigen Zusammenkünfte des Torquatus mit seinen beiden heidnischen Verbündeten in den Bädern des Caracalla waren von dem capsarius und seinem Weibe auf das strengste überwacht worden, wie wir bereits mitgeteilt haben; und Victoria hatte die Verschwörung, am Tage nach der Veröffentlichung des Edikts einen Einfall in das Cömeterium des Callistus zu machen, belauscht. Daher hielten die Christen sich am ersten Tage für gesicherter und benutzten diesen Umstand, um durch ein feierliches Hochamt die Kirchen der Katakomben einzuweihen, welche nachdem sie einige Jahre außer Gebrauch gewesen, durch die fossores wieder in gute Ordnung gebracht worden und jetzt mit allen notwendigen Requisiten für den Gottesdienst versehen waren. Als bei Corvinus der erste Schrecken vorüber war und er so schnell wie möglich eine zweite, wenn auch nicht so pomphafte Abschrift des Edikts hatte anfertigen und aufhängen lassen, begann er die sehr ernstlichen Folgen der Wut seines kaiserlichen Herrn zu erwägen. Der Dacier hatte recht; er würde für den Verlust verantwortlich gemacht werden. Er hielt es für notwendig, noch an demselben Tage irgend etwas zu vollbringen, das die Schande, welche er über sich gebracht hatte, auslöschen sollte, bevor er den Blicken des Kaisers wieder begegnete. So beschloß er denn, den Angriff der Katakombe, welche für den nächsten Morgen festgesetzt war, um einen Tag zu verfrühen. Deshalb begab er sich, als es noch früh war nach den Bädern, wo Fulvius, welcher den Torquatus stets ängstlich bewachte, diesen in der Erwartung festhielt, daß Corvinus kommen würde, um mit ihm zu beratschlagen. Das ehrenwerte Trio that seine Köpfe zusammen. Corvinus, von dem widerstrebenden Apostaten geführt, sollte an der Spitze einer auserwählten Truppe von Soldaten, die ihm zur Verfügung stand, einen Einfall in das Cömeterium des Callistus machen und von dort die Geistlichkeit und die hervorragendsten Christen heraustreiben oder schleppen; während Fulvius, welcher mit einer zweiten Soldatenabteilung draußen bleiben, sie auffangen und jeden Rückzug abschneiden sollte und die wichtigsten Persönlichkeiten, besonders den Papst und die hohe Geistlichkeit, welche wiederzuerkennen seine Anwesenheit bei der Priesterweihe ihm ermöglichte, in Sicherheit bringen würde. Dies war sein Plan. »Mögen Narren die Rolle des Iltis im Kaninchengarten spielen – ich werde der Jägersmann sein, der draußen seine Beute erjagt,« sagte er vor sich hin. Inzwischen hatte Victoria genug erlauscht, um sich in dem abgelegenen Zimmer, wo sie beratschlagten, mehr als gewöhnlich mit Bürsten und Reinigen zu schaffen zu machen, ohne sich den Anschein zu geben, als ob sie horchte. Sie teilte dem Concumio alles mit, und dieser, nachdem er sich lange den Kopf gekratzt, kam auf ein bemerkenswertes Mittel, wie man die wichtige Information an den gehörigen Ort gelangen lassen könne. Sebastianus, welcher dem Morgengottesdienste beigewohnt hatte, wurde durch seine Pflichten im Palaste daran gehindert, mehr zu thun; der fast allgemeinen Sitte gemäß hatte er sich nach den Bädern begeben, teils um seinen Körper durch diese gesunde Erfrischung zu stärken, teils um den Argwohn von sich abzulenken, welchen seine Abwesenheit grade an diesem Morgen erweckt haben würde. Während Sebastianus also auf diese Weise beschäftigt war, schrieb der alte Capsararius, wie er selbst sich in seiner anteposthumen Grabschrift genannt hatte, auf ein Stückchen Pergament alles, was sein Weib von der Absicht eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs und dem Plan, sich der heiligen Person des Papstes zu bemächtigen, erlauscht hatte. Dies heftete er mit einer Nadel an die innere Seite von Sebastianus' Tunika, die ihm zur Aufbewahrung übergeben war, da er in Gegenwart anderer nicht zu ihm sprechen durfte. Der Offizier ging nach dem Bade in die Halle, wo die Geschehnisse des Morgens besprochen wurden, und wo Fulvius wartete, bis Corvinus kommen würde, um ihm mitzuteilen, daß alles bereit sei. Als er traurig und niedergeschlagen hinausging, fühlte er, wie ihn etwas auf der Brust stach; er untersuchte seine Kleidung und fand das Papier. Er war ungefähr in demselben eleganten Latein geschrieben wie Cucumios Epitaph, aber er verstand genug davon, um es für notwendig zu halten, daß er seine Schritte augenblicklich nach der Via Appia anstatt nach dem Palatin wende, und den in der Katakombe versammelten Christen die wichtige Mitteilung zu machen. Da er jedoch in dem armen, blinden Mädchen einen sichereren und zuverlässigeren Boten fand, als er selbst war, da sie die allgemeine Aufmerksamkeit nicht auf sich lenken würde, hielt er sie an, gab ihr den Zettel, dessen Inhalt er noch einige Worte hinzugefügt hatte, und bat sie, denselben so schnell wie möglich an seinen Bestimmungsort zu tragen. Und in der That, kaum hatte er die Bäder verlassen, als Fulvius die Nachricht erhielt, daß Corvinus mit seiner Truppe bereits dem verabredeten Orte zueile, und zwar durch die Felder, um keinen Argwohn zu erwecken. Augenblicklich bestieg er sein Pferd und ritt die große Heerstraße entlang, während der christliche Soldat in einem Nebengäßchen seinen blinden Boten instruierte. Als wir Diogenes und seine Gesellschaft durch die Katakomben begleiteten, kehrten wir kurz vor der unterirdischen Kirche um, weil Severus diese nicht dem Torquatus verraten lassen wollte. In dieser war die christliche Gemeinde jetzt versammelt und ihr oberster Hirte mit ihr. Sie war nach dem Princip erbaut, welches all solchen Aushöhlungen – denn wir können sie kaum Gebäude nennen – eigen war. Der Leser muß sich zwei der Cubicula oder Kammern vorstellen, wie wir sie beschrieben haben, von denen jede auf der Seite einer Galerie oder eines Ganges liegt, so daß die Thüren oder eigentlich die großen Eingänge einander gegenüberliegen. Am Ende einer jeden wird man ein arcosolium oder Altargrab finden; und die Vermutung, daß in der einen Abteilung die Männer unter der Obhut der ostiarii Thürhüter – ein Amt, welches eine der niederen Stufen der Priesterweihe war. und in der anderen die Frauen unter dem Vorsitz der Diakonissen sich versammelten, hat große Wahrscheinlichkeit für sich. Diese Trennung der Geschlechter während des Gottesdienstes war in den Zeiten des ersten Christentums ein Gegenstand ängstlich aufrecht erhaltener Disciplin. Oft entbehrten diese unterirdischen Kirchen nicht ganz des architektonischen Schmuckes. Die Wände waren besonders in der Nähe des Altars gemalt und übergipst, und Halbsäulen, welche mit ihren Basen und Kapitälern nicht ohne Schönheit und Anmut aus dem Sandstein herausgeschnitten waren, teilten entweder die verschiedenen Räume oder schmückten den Eingang. In der Hauptbasilika, welche in der Katakombe des Callistus entdeckt ist, fand man eine Kammer ohne Altar, welche mit der Kirche durch eine Art von trichterförmiger Öffnung verbunden war, die die steinerne Mauer, welche hier ungefähr zwölf Fuß dick ist, durchbohrt und in abschüssiger Richtung in die tiefer liegende Kammer in einer Höhe von fünf oder sechs Fuß führt, so daß alles, was in der Kirche gesprochen wurde, gehört werden konnte, ohne daß die in der Kammer Versammelten irgend etwas von dem sehen konnten, was in der Kirche vor sich ging. Man vermutet, und zwar mit Recht, daß dies der Ort gewesen, welcher für jene Klasse öffentlicher Büßer, welche man audientes oder Hörer nannte, und für die Katechumenen, welche noch nicht durch die Taufe geweiht waren, reserviert war. Plan der unterirdischen Kirche im Cömeterium der heiligen Agnes. A. Chor od. Altarplatz m. bischöf. Stuhl (a) u. Bänke f. d. Geistlichen (b). B. Abteil. f. d. Männer, vom Chor durch zwei Pfeiler getrennt, welche einen Bogen tragen. C. Korridor d. Katakombe, welche d. Eintritt in die Kirche vermittelt. D. Abteil. f. d. Frauen m. einem Grabe darin. Die Basilika, in welcher die Christen versammelt waren, als Sebastianus seine Botschaft sandte, war jener ähnlich, welche man in dem Cömeterium der heiligen Agnes entdeckt hatte. Jede der beiden Abteilungen war doppelt, das heißt, sie bestand ans zwei großen Kammern, welche durch Halbsäulen in dem, was wir die Kirche der Frauen nennen könnten, und durch flache Pfeiler in jener der Männer, geteilt waren. Der hervorragendste Zug dieser Basilika ist jedoch noch eine weitere Fortführung derselben, um ihr einen Chor oder Presbyterium zu geben. Dieses hat ungefähr die halbe Größe jeder anderen Abteilung, von welcher sie durch zwei Säulen an der Mauer getrennt ist; auch unterscheidet sie sich nach Art der heutigen Presbyterien durch ihre geringere Höhe. Denn während jede der übrigen Abteilungen zuerst ein hochgewölbtes Grab in ihrer Mauer und dann noch vier bis fünf Reihen von Gräbern über diesem hat, ist der Chor nicht viel höher als die arcosolien oder Altargräber. Am Ende des Chors an der Mitte der Mauer ist ein Stuhl, dessen Rücken- und Seitenlehnen aus dem festen Stein gehauen sind, und an jeder Seite desselben zieht sich eine steinerne Bank hin, welche auf diese Weise das Ende und die beiden Seiten des Chors ausfüllt. Da die Platte des gewölbten Grabes hinter dem Stuhl höher ist als die Rückenlehne des Throns, und da dieser unbeweglich ist, scheint es klar, daß die heiligen Geheimnisse an dieser Stelle nicht gefeiert sein konnten. Es muß daher ein tragbarer Altar vor den Thron gestellt worden sein, und zwar freistehend in der Mitte des Chors: und jetzt erzählt uns die Tradition, daß dies der hölzerne Altar des heiligen Petrus gewesen sei. Auf diese Weise haben wir die genaue Einrichtung, wie man sie in den Kirchen, welche nach den Verfolgungen gebaut worden und wie man sie noch heute in sämtlichen alten Basiliken Roms findet – der bischöfliche Stuhl im Mittelpunkt der Apsis, das Presbyterium oder die Sitze für die Geistlichkeit zu beiden Seiten, und der Altar zwischen dem Thron und dem Volke. So lieferten die ersten Christen in ihren unterirdischen Gotteshäusern die Principien, welche für die Formen der kirchlichen Bauart für alle Zeiten maßgebend wurden. In solch einer Basilika müssen wir uns also die Gläubigen versammelt denken, als Corvinus und seine Satelliten vor dem Eingange zum Cömeterium anlangten. Dies war der Weg, welcher aus einem halbverfallenen Gebäude, das mit Reisigbündeln vollgepfropft war, über einige Stufen hinunterführte, und welchen Torquatus kannte. Sie fanden die Luft rein und trafen sofort ihre Maßregeln. Fulvius sollte mit einem Trupp von zehn oder zwölf Leuten auflauern, um den Eingang zu bewachen, und jeden ergreifen, der etwa versuchen sollte, heraus zu gelangen oder hinein zu gehen. Corvinus und Torquatus bereiteten sich vor, mit einem kleinen Trupp von acht Mann hinunter zu steigen. »Diese unterirdische Arbeit gefällt mir nicht,« sagte ein alter, graubärtiger Legionär. »Ich bin ein Soldat und kein Rattenfänger. Stellt mir meinen Mann am helllichten Tage und ich will Faust gegen Faust, Fuß gegen Fuß mit ihm kämpfen; aber ich habe nicht Lust, wie Ungeziefer in einer Gußrinne zu ersticken ober vergiftet zu werden.« Diese Rede fand ein williges Ohr bei den Soldaten. Einer sagte: »Dort unten könnten ja hunderte von diesen schlauen Christen sein, und wir sind unserer wenig mehr als ein halbes Dutzend.« »Dies ist nicht die Arbeit, für die wir unsere Löhnung erhalten,« fügte ein anderer hinzu. »Ihren Zauberkram möchte ich kennen lernen, aber nicht ihre Tapferkeit,« fuhr ein Dritter fort. Es bedurfte der ganzen Beredsamkeit des Fulvius, um sie nicht in ihrem Beschluß wankend zu machen. Er versicherte sie, daß nichts zu fürchten sei; daß die feigen Christen wie Hasen vor ihnen davonlaufen würden, und daß sie bestimmt mehr Gold und Silber in der Kirche finden würden, als ihre ganze Jahreslöhnung ausmachte. Auf diese Weise ermutigt, tasteten sie sich bis an den Fuß der Treppe hinunter. Sie konnten in gewissen Zwischenräumen Lampen unterscheiden, welche ihren gedämpften Schein in die düstere, vor ihnen liegende Strecke warfen. »Stille!« sagte einer, »horcht auf jene Stimme!« Aus weiter Ferne drangen die gedämpften Laute bis zu ihnen; es waren die Töne einer frischen, jugendlichen Stimme, welche die Angst nicht erbeben machte, so klar, daß man sogar die Worte verstehen konnte, als sie die folgenden Strophen intonierte: »Dominus illuminatio mea et salus mea; quem timebo? Dominus protector vitae meae; a quo trepidabo?« »Der Herr ist mein Licht und mein Heil; wen sollte ich fürchten? Der Herr ist der Beschützer meines Lebens: vor wem sollte ich zittern?« Dann fiel ein voller Chor von Stimmen ein, welcher sang wie das Brausen vieler Wasser: »Dum appropriant super me nocentes, ut edant carnes meas; qui tribulant me, inimici mei, ipsi infirmati sunt et ceciderunt« »Wenn Frevler sich mir nahen um mein Fleisch zu verzehren, die mich drängen, meine Feinde, werden selbst ohnmächtig und stürzen.« Ein Gemisch von Scham und Wut bemächtigte sich der Angreifer, als sie diese Worte des ruhigen Vertrauens und des Widerstandes vernahmen. Wiederum sang die einzelne Stimme, aber wie es schien in leiseren Tönen: »Si consistant adversum me castra, non timebit cor meum« »Wenn gegen mich sie Lager schlagen, fürchtet nichts mein Herz.« – Ps. 26. »Ich glaube, ich kenne diese Stimme,« murmelte Corvinus. »Ich sollte sie aus tausenden herauskennen. Sie gehört meinem Verderben an, der Ursache jener verruchten That von gestern Abend und der Mühseligkeiten von heute. Sie gehört dem Pancratius an, der das Edikt heruntergerissen hat. Vorwärts, vorwärts, Leute; jeden Preis für seinen Kopf, ob ihr ihn mir tot oder lebendig bringt!« »Aber wartet,« sagte einer, »laßt uns unsere Fackeln anzünden.« »Hört!« sagte ein Zweiter, als sie mit der Befolgung dieses Rates beschäftigt waren, »welch ein seltsames Geräusch! Es ist als wenn in weiter Ferne gehämmert und gekratzt würde! Ich höre es schon seit geraumer Zeit.« »Und seht nur,« fügte ein Dritter hinzu, »die Lichter, die wir anfangs glimmern sahen, sind verschwunden und die Musik hat aufgehört. Wir sind sicherlich entdeckt.« »Keine Gefahr,« sagte Torquatus und legte eine Kühnheit und einen Mut an den Tag, welche er durchaus nicht empfand. »Jenes Geräusch rührt nur von jenen alten Maulwürfen, Diogenes und seinen Söhnen her, welche damit beschäftigt sind, Gräber für die Christen, die wir ergreifen werden, herzurichten.« Torquatus hatte dem Trupp umsonst geraten, keine Fackeln mitzubringen, sondern sich mit solchen Lampen zu versehen, wie Diogenes sich ihrer bei seiner Arbeit bediente, oder Wachskerzen zu nehmen, wie er selbst eine bei sich führte. Aber die Männer fluchten und schworen, daß sie nicht ohne helles Licht hinuntergehen und sich nur eines solchen bedienen würden, welches weder durch Zugluft oder einen Schlag auf den Arm ausgelöscht werden könne. Bald trat die Folge hiervon zu Tage. Als sie leise und vorsichtig weiter gingen und in der engen, niedrigen Galerie vorwärts drangen, begannen die öligen, harzigen Fackeln mit gewaltigem Funkeln zu zischen und zu prasseln und blendeten und erhitzten die Leute aufs höchste; eine Wolke dicken, pechigen Rauches umgab die Träger mit einer fast undurchdringlichen Atmosphäre, trübte das Licht der Fackeln und erstickte sie beinahe. Torquatus hielt sich als Anführer der Truppe und zählte jede Wendung nach rechts und links, wie er sie sich damals gemerkt hatte. Indessen fand er jedes Zeichen, welches er damals heimlich angebracht hatte, sorgfältig entfernt. Plötzlich hielt er bestürzt und beschämt inne; denn als er kaum die Hälfte der Wendungen gezählt hatte, fand er den Weg vollständig versperrt. Es waren nämlich schärfere Augen als er vermutete, auf der Wacht gewesen. Severus hatte mit seinen Beobachtungen nicht nachgelassen und war entschlossen, sich nicht überraschen zu lassen. Er war unten nahe am Eingange des Cömeteriums, als die Soldaten sich oben demselben näherten; und sofort lief er der Stelle zu, wo der Sand vorbereitet lag, um den Weg abzuschließen; hier waren sein Bruder und mehrere andere kräftige Arbeiter für den Fall der Gefahr aufgestellt. Mit der Ruhe und Schnelligkeit, an welche sie gewöhnt waren, machten sie sich mutig ans Werk, schaufelten den Sand von beiden Seiten des engen und niedrigen Ganges zusammen, während gut gezielte Schläge mit der Axt große Stücken Sandsteins, welche die Öffnung vollständig schlossen, von der Decke herabsprengten. Und hinter diesem Hemmnis standen sie, kaum imstande, ein Lachen zu unterdrücken, als sie die Äußerungen ihrer Feinde durch die lose Scheidewand vernahmen. Diese Arbeit war es, welche die Legionäre vernommen hatten, die die Lampen verdeckte und den Gesang dämpfte. Torquatus' Bestürzung wurde nicht gemindert durch die Flut von Beschimpfungen und Flüchen und die Androhungen der furchtbarsten Strafen, weil man ihn für einen Verräter oder einen Narren hielt. »Wartet einen Augenblick, ich bitte euch,« sagte er. »Es ist möglich, daß ich mich bei meiner Berechnung getäuscht habe. Ich erkenne die richtige Ecke wieder an einem merkwürdigen Grabe, welches sich wenige Schritte unweit derselben befindet; ich will nur in einen oder zwei der letzten Gänge gehen und hineinsehen.« Mit diesen Worten lief er in die nächste Galerie zur Linken zurück, that ein paar Schritte vorwärts und verschwand dann vollständig. Obgleich seine Gefährten ihm bis an den Eingang zu dieser Galerie gefolgt waren, konnten sie nicht wahrnehmen, wie dies geschehen war. Es erschien wie Zauberei, an die zu glauben sie augenblicklich bereit waren. Er und seine Wachskerze schienen im gleichen Augenblick verschwunden zu sein. »Von solchen Arbeiten wollen wir nichts mehr wissen,« sagten sie einstimmig, »entweder ist Torquatus ein Verräter oder er ist durch Zauberkraft verschwunden.« Ermüdet, erhitzt durch die dumpfige Atmosphäre, welche durch ihre Fackeln fast glühend geworden, berußt, geblendet und beinahe erstickt durch den pechigen Rauch, niedergeschlagen und entmutigt, – so kehrten sie um; und da ihr Weg sie grade auf den Eingang zuführte, schleuderten sie ihre lodernden Fackeln hier und da in die Seitengalerien, um sich ihrer zu entledigen. Als sie zurückblickten, war es fast, als ob eine festliche Beleuchtung die Atmosphäre des düsteren Ganges erhellte. Aus den Mündungen der verschiedenen Wege drang ein feuriges Licht hervor, welches dem matten Sandstein eine glühendrote Färbung verlieh, während die Rauchsäulen, welche sich an die Decke emporgehoben hatten, wie goldige Wolken durch die ganze Galerie zu ziehen schienen. Die geschlossenen Gräber, auf deren gelbe Fliesen oder marmorne Platten dieser ungewöhnliche Widerschein fiel, schienen mit goldenen oder silbernen Tafeln bedeckt zu sein. Es sah aus wie eine Huldigung, welche dem Märtyrertum am ersten Tage der Verfolgung von den Furien des Heidentums dargebracht wurde. Die Fackeln, welche sie angezündet hatten, um mit ihnen das Werk der Zerstörung zu vollbringen, dienten nur dazu, um einen hellen Glanz auf die Denkmäler jener Tugend zu werfen, die noch niemals verfehlt hatte, die Kirche zu retten. Bevor aber noch diese enttäuschten Bluthunde mit gesenkten Köpfen den Ausgang des Cömeteriums erreicht hatten, schraken sie vor dem Anblick einer seltsamen Erscheinung zurück. Im ersten Augenblick glaubten sie, einen Strahl des Tageslichts erblickt zu haben; bald aber merkten sie, daß es das Flackern einer Lampe war. Diese wurde von einer hochaufgerichteten, unbeweglichen Figur fest und sicher gehalten und warf ihren Schein auf die Gestalt zurück, welche in ein dunkles Gewand gehüllt war, so daß sie einer jener bronzenen Statuen glich, deren Kopf und Extremitäten aus weißem Marmor sind und welche den Beschauer erschrecken, wenn er sie zum erstenmale erblickt, weil sie die größte Ähnlichkeit mit lebenden Wesen haben. »Wer kann es sein? Was ist es?« flüsterten die Männer einander voll Entsetzen zu. »Eine Zauberin,« entgegnete einer. »Der genius loci ,« Der Schutzengel der Stätte. bemerkte ein anderer. »Ein Geist,« vermutete ein dritter. Während sie sich ihm vorsichtig näherten, schien dieses Etwas ihre Gegenwart gar nicht zu bemerken; die Augen hatten keinen Glanz, sie blieben furchtlos und unbewegt. Endlich kamen zwei der Legionäre nahe genug, um die beiden Arme der Gestalt packen zu können. »Wer bist du?« schrie Corvinus wütend. »Eine Christin,« antwortete Cäcilia mit ihrer gewohnten freundlichen Sanftmut. »Schleppt sie fort,« befahl er, »sie wenigstens soll für unsere Enttäuschung büßen.« Siebzehntes Kapitel Die erste Blume Cäcilia, welche wie der Leser weiß, bereits gewarnt war, hatte sich aber durch einen anderen nahegelegenen Eingang in die Katakombe begeben. Kaum war sie hinuntergestiegen, als sie den scharfen Geruch der Fackeln verspürte. »Dies ist nicht unser Weihrauch, das weiß ich,« sagte sie zu sich selbst, »der Feind ist bereits eingedrungen.« Sie eilte daher an die Stelle der Versammlung und gab Sebastianus' Zettel ab; außerdem fügte sie einen Bericht über das, was sie selbst wahrgenommen hatte, hinzu. Der junge Soldat erteilte ihnen den Ratschlag auseinander zu gehen und den Schutz der inneren und niedrigeren Gänge aufzusuchen, und bat den Papst, sich nicht zu entfernen bis er ihn holen lassen würde, da es grade seine heilige Person sei, auf welche man es abgesehen hatte. Pancratius bestürmte die blinde Botin, sich ebenfalls zu retten. »Nein,« entgegnete sie, »mein Amt ist es, den Eingang zu hüten und die Gläubigen sicher zu geleiten.« »Aber der Feind kann dich ergreifen.« »Das schadet nichts,« sagte sie lachend, »wenn sie mich nehmen, so mag das tausend Würdigeren das Leben retten. Gieb mir eine Lampe, Pancratius.« »Wozu? Sie kann dich doch nicht sehend machen,« bemerkte er lächelnd. »Das ist wahr. Aber andere können sehen.« »Und wenn es deine Feinde sind?« »Selbst die,« antwortete sie, »ich will nicht im Dunkeln ergriffen werden. Wenn mein Bräutigam sich mir im Dunkel dieses Cömeteriums naht, so muß er meine Lampe mit Öl gefüllt finden.« Sie eilte davon, erreichte ihren Posten, und da sie kein anderes Geräusch als das leiser Fußtritte vernahm, so glaubte sie, daß es die ihrer Freunde seien und hielt ihre Lampe empor, um sie zu führen. Als die Bande mit ihrer einzigen Gefangenen ans Tageslicht kam, war Fulvius wütend. Es war schlimmer als ein vollständiger Mißerfolg – es war lächerlich – eine arme kleine Maus, welche der kreisende Berg geboren. Er verspottete Corvinus, bis dieser Unhold vor Wut schäumte und sich krümmte; dann fragte er plötzlich: »Und wo ist Torquatus?« Er hörte die Erzählung seines plötzlichen Verschwindens, welche in ebensoviel verschiedenen Arten vorgetragen wurde wie das Abenteuer der dacischen Schildwache; aber er war außerordentlich erzürnt. Er zweifelte in seinem Inneren nicht einen Augenblick daran, daß er von seinem vermeintlichen Opfer getäuscht worden, und daß Torquatus sich in das unentwirrbare Labyrinth des Cömeteriums geflüchtet habe. Und wenn dies der Fall, so mußte diese Gefangene darum wissen; er beschloß daher, sie zu verhören. Er stellte sich zu diesem Zweck vor sie, nahm seinen durchdringendsten und prüfendsten Blick an und sagte barsch und befehlend: »Blicke mich an, Weib, und sprich die Wahrheit.« »Ich muß dir die Wahrheit sagen, ohne dich anzublicken, Herr,« antwortete das arme Mädchen mit ihrem fröhlichsten Lächeln und ihrer sanftesten Stimme, »siehst du denn nicht, daß ich blind bin?« »Blind!« riefen alle zugleich aus und drängten sich um sie, um sie anzusehen. Über die Züge des Fulvius aber flog ein leiser Zug von Rührung, so leise, so unmerkbar wie das Wogen, welches eine spielende Brise auf blühenden Matten hervorruft. Eine Erkenntnis war ihm in den Sinn gekommen, ein Schlüssel war in seine Hände gefallen. »Es würde lächerlich sein, wenn zwanzig Soldaten mit einem blinden Mädchen durch die Stadt marschieren wollten,« sagte er. »Geht in eure Quartiere zurück, und ich werde dafür sorgen, daß ihr alle gut belohnt werdet. Du, Corvinus, nimmst mein Pferd, trittst vor deinen Vater und berichtest ihm alles. Ich werde mit der Gefangenen in einem Wagen nachfolgen.« »Keinen Verrat, Fulvius,« sagte er ärgerlich und verbissen. »Daß du sie bringst! Der Tag darf nicht ohne ein Opfer zu Ende gehen.« »Fürchte nichts,« lautete die Antwort. Fulvius dachte in der That darüber nach, ob er nicht versuchen solle, für den verlorenen Spion einen zweiten wieder zu gewinnen. Aber die gelassene Sanftmut der armen Bettlerin beunruhigte ihn mehr als der lärmende Eifer des Spielers, und ihre lichtlosen Augen forderten ihn mehr heraus, als das wilde Rollen derjenigen des Trunkenboldes. Doch konnte er immer noch den ersten Gedanken, welcher ihm gekommen war, verfolgen. Als er allein mit ihr im Wagen war, nahm er einen sanfteren Ton an. Er wußte, daß sie das letzte Gespräch nicht gehört haben konnte. »Mein armes Kind,« sagte er, »seit wann bist du denn blind?« »Seitdem ich lebe,« erwiderte sie. »Erzähle mir deine Lebensgeschichte! Woher kommst du?« »Ich habe keine Geschichte. Meine Eltern waren arm und brachten mich nach Rom, als ich vier Jahre alt war; sie kamen damals hierher um zu beten, denn sie hatten ein Gelübde zu erfüllen, das sie den seligen Märtyrern Chrysanthus und Caria gethan, als ich in meiner frühesten Kindheit einmal sehr krank gewesen. Vor dem Titel der Fasciola übergaben sie mich der Obhut einer frommen, lahmen Frau, während sie hineingingen, um ihre Andacht zu verrichten. Es war an jenem denkwürdigen Tage, als viele Christen durch einen Regen von Steinen und Erde, der auf sie hernieder fiel, lebendig begraben wurden. Meine Eltern hatten das Glück, unter diesen zu sein.« »Und wie hast du seither gelebt?« »Gott wurde dann mein Vater und seine heilige katholische Kirche meine Mutter. Der eine nährt die Vögel in der Luft; die andere pflegt die kranken Lämmer der Herde. Mir hat es seitdem niemals an irgend etwas gefehlt.« »Du gehst aber frei und ohne Furcht in den Straßen umher, grade so gut, als ob du sehen könntest.« »Woher weißt du das?« »Ich habe dich gesehen. Erinnerst du dich nicht, daß du an einem frühen Morgen des vorigen Herbstes einen armen lahmen Mann durch den Vicus Patricius führtest?« Sie errötete und blieb stumm. Sollte er vielleicht auch gesehen haben, daß sie ihren Anteil der empfangenen Almosen in den Sack des armen alten Mannes geschoben hatte? »Du hast bekannt, daß du eine Christin bist?« fragte er in nachlässigem Ton. »Gewiß! Wie hätte ich es leugnen können?« »Jene Zusammenkunft war also eine Zusammenkunft von Christen?« »Allerdings! was hätte es sonst sein sollen?« Mehr brauchte er nicht zu wissen. Sein Argwohn war bestätigt. Agnes, von welcher Torquatus ihm nichts hatte sagen wollen oder können, war also eine Christin. Daran war kein Zweifel mehr. Sein Spiel war gewonnen. Sie mußte nachgeben oder er würde sich rächen. Nachdem er sie eine Weile schweigend angesehen hatte, sagte er: »Weißt du, wohin ich dich jetzt bringe?« »Vor den Richter dieser Welt, wie ich vermute, der mich zu meinem Bräutigam im Himmel senden wird.« »Und du bist so ruhig?« fragte er erstaunt; denn auf ihrem Gesichte spiegelte sich außer einem sanften Lächeln kein anderer Vorgang ihrer Seele ab. »Ich bin glücklich!« lautete die kurze Antwort. Als er alles erfahren hatte, was er wünschte, übergab er seine Gefangene an den Thoren der Basilika Aemilia dem Corvinus und überließ sie ihrem Schicksal. Wie der vorhergehende Abend war auch dieser Tag kalt und regnerisch gewesen. Das Wetter und der Vorfall der letzten Nacht hatten keinen Enthusiasmus aufkommen lassen; und während der Präfekt gezwungen gewesen, innerhalb des Hauses zu Gericht zu sitzen, wo keine großen Menschenhaufen sich ansammeln konnten, hatten die meisten der Neugierigen sich zerstreut, da Stunde auf Stunde verrann, ohne daß eine Gefangennahme oder ein Verhör vor sich gegangen oder auch nur irgend eine Nachricht eingetroffen wäre. Nur noch einige Wenige verweilten über die gewöhnliche Stunde der Erholung hinaus in den öffentlichen Gärten. Jedoch kurz vor dem Eintreffen der Gefangenen war wiederum eine Schar von Zuschauern herbeigekommen, und diese standen nun in der Nähe einer Seitenthür, von wo aus sie jeden Vorgang beobachten konnten. Da Corvinus seinen Vater auf das vorbereitet, was er zu erwarten hatte, ersuchte Tertullus die Zuhörer sich vollkommen ruhig zu verhalten, damit er seine Überredungskunst allein mit ihr, wie sie glauben würde, an ihr versuchen könne. Er war von Mitleid bewegt und glaubte, daß es wenig Schwierigkeiten bieten könne, den Widerstand einer armen, unwissenden, blinden Bettlerin zu besiegen. Daher drohte er jedem, der sich erdreisten würde, die Stille zu brechen, die schwerste Strafe an. Es kam wie er berechnet hatte. Cäcilia ahnte nicht, daß noch irgend jemand gegenwärtig sei, als der Präfekt sie freundlich anredete: »Wie heißt du, mein Kind?« »Cäcilia.« »Das ist ein edler Name, hat deine Familie ihn dir gegeben?« »Nein, ich bin nicht von edler Abkunft; wenn Ihr es anders nicht so nennen wolltet, weil meine Eltern, obgleich arm, für Christus gestorben sind. Da ich blind bin, nannte mich die, welche mich in Pflege nahm Coeca , Blinde. und dann machten sie später aus lauter Güte Cäcilia daraus.« »Jetzt gieb aber all die Thorheit mit den Christen auf, die dich in deiner Blindheit und Armut belassen haben. Ehre die Befehle der göttlichen Kaiser und opfere den Göttern; dann wirst du Reichtümer und schöne Kleider und köstliche Leckerbissen haben. Die größten Ärzte sollen versuchen, dir dein Augenlicht wiederzugeben.« »Du müßtest mir bessere Beweggründe als diese nennen, Herr; denn grade die Dinge, für welche ich Gott und seinem göttlichen Sohne am meisten danke, sind jene, welche du mich aufgeben heißest.« »Wie meinst du das?« »Ich danke Gott, daß ich arm und schlecht gekleidet bin und nichts habe als einfache Speisen; denn all diese Dinge machen mich Jesum Christum, meinem einzigen Bräutigam, um so ähnlicher.« »Thörichtes Mädchen!« unterbrach sie der Richter, welcher nahe daran war, die Geduld zu verlieren, »hast du auch schon all diese albernen Täuschungen gelernt? Wenigstens kannst du deinem Gott nicht dafür danken, daß er dich blind gemacht hat!« »Täglich und stündlich danke ich ihm dafür mehr als für alles andere.« »Wie das? Hältst du es für einen Segen, niemals das Antlitz eines menschlichen Wesens, niemals die Sonne oder die Erde gesehen zu haben? Was für seltsame Einbildungen das sind!« »O edler Herr! Es sind keine Einbildungen. Denn inmitten dessen, was du Dunkelheit nennst, sehe ich eine Stelle, die ich Licht nennen muß, weil sie so seltsam von allem absticht, was rund umher ist. Und dieser helle Fleck ist für mich das, was du Sonne nennst. Er sieht stets mit der hellsten Klarheit auf mich herab und lächelt mich an. Ich weiß, daß dies das Antlitz Dessen ist, dem ich mit ungeteiltem Herzen angehöre. Um keinen Preis der Welt möchte ich mir diesen Strahlenglanz durch eine hellere Sonne verdunkeln, noch seine wundersame Lieblichkeit durch die Verschiedenheit anderer Gesichter verwischen lassen. Ich wollte nicht, daß mein Blick durch irdische Bilder von Seiner Betrachtung abgelenkt würde. Ich liebe Ihn zu sehr, um nicht stets zu wünschen, daß ich immer nur Ihn allein sehen könnte!« »Komm, komm! Ich mag nichts mehr von diesem albernen Geschwätz hören. Gehorche den Kaisern sofort – oder ich muß versuchen, was eine leichte Folter bei dir thut. Der Schmerz wird dich bald zahm machen.« »Schmerz?« wiederholte sie unschuldig. »Ja, Schmerz. Hast du den noch niemals gespürt? Hat dir noch nie im Leben jemand wehe gethan?« »O nein, die Christen thun einander nicht weh.« Das Folterbett stand wie gewöhnlich vor ihm und er gab Catulus ein Zeichen, sie auf dasselbe zu legen. Der Folterknecht packte sie an den Armen und stieß sie darauf zurück. Da sie keinen Widerstand leistete, gelang es ohne Mühe, sie auf das hölzerne Bett zu legen. Die Schlingen der stets bereiten Stricke waren bald um ihre Knöchel gelegt und die Arme wurden über den Kopf hinaufgezogen. Das arme blinde Mädchen sah nicht, wer dies alles verrichtete; sie wußte nichts anderes, als daß es dieselbe Persönlichkeit sei, die zu ihr gesprochen hatte. Wenn bis hierher Ruhe geherrscht hatte, so hielten die Zuschauer jetzt beinahe den Atem an. Cäcilia bewegte die Lippen in ernstem Gebet. »Noch einmal, ehe wir fortfahren, befehle ich dir, den Göttern zu opfern und so der grausamen Folter zu entrinnen,« sagte der Richter mit strengerer Stimme. »Weder Qualm noch Tod werden mir die Liebe zu Jesum Christum aus dem Herzen reißen,« erwiderte das arme auf die Folterbank gespannte Opfer mit festem Ton. »Ich kann nicht anders als dem Einen lebendigen Gotte opfern: und die willige Opfergabe bin ich selbst.« Der Präfekt machte dem Folterknechte ein Zeichen, und dieser setzte die beiden Räder der Folterbank um deren Kurbeln die Stricke geschlungen waren, in eine schnelle, wirbelnde Bewegung, die Glieder der Jungfrau wurden durch einen plötzlichen Ruck gestreckt, und dies genügte, einen marternden oder vielmehr einen folternden Schmerz durch ihren ganzen Körper zu jagen. Noch waren jedoch die Glieder nicht aus ihren Gelenken gerissen; dies zu bewerkstelligen blieb dem nächsten Drehen des Rades vorbehalten. Ein Zittern all ihrer Züge und eine plötzliche Blässe legten allein Zeugnis ab von dem Schmerz, welchen die arme Blinde empfand. Und dieser war um so fürchterlicher, weil sie die Ursache desselben nicht einmal sehen konnte. »Ha! ha!« rief der Richter aus, »fühlst du das? Komm, laß es genug sein; gehorche und du wirst frei sein.« Sie schien seine Worte nicht zu beachten, sondern machte ihren Gefühlen im Gebete Luft: »Ich danke Dir, o mein Herr Jesus Christus, daß Du mich zum erstenmal um Deinetwegen Schmerzen erdulden läßt. Ich habe Dich im Frieden geliebt; ich habe Dich im Glücke geliebt; ich habe Dich in der Freude geliebt – und jetzt im Schmerze liebe ich Dich noch unermeßlich viel mehr. Wieviel süßer ist es, wie Du am Kreuze zu leiden, als selbst auf dem harten Pfühl am Tische des armen Mannes zu liegen!« »Du spottest meiner!« schrie der Richter wutentbrannt, »und du verhöhnst meine Nachsicht. Wir werden etwas schärferes versuchen. Hier Catulus, lege eine brennende Fackel an ihre Seiten.« Die Folterbank diente einem doppelten Zweck; erstens als direkte Folter und zweitens, um den Körper während der Anwendung anderweitiger Tortur ausgestreckt zu erhalten. Das Feuer war eine der gebräuchlichsten. Ein Schauer von Widerwillen und Schrecken bemächtigte sich der Versammlung, welche nicht umhin konnte, Mitgefühl für das arme Geschöpf zu empfinden. Ein Murmeln unterdrückter Empörung ertönte aus allen Teilen der Halle. Zum erstenmal merkte Cäcilia, daß sie sich inmitten einer Menschenmenge befand. Ein keusches Erröten bedeckte ihre Stirn, ihre Wangen und ihren Nacken, welche soeben noch weiß wie Marmor gewesen. Der zürnende Richter bot dem sich bei der Menge bahnbrechenden Gefühl Einhalt, und alle horchten wieder in tiefem Schweigen, als sie von neuem mit heiligerem Ernst als zuvor begann: »O mein teurer Herr und Bräutigam! Ich bin Dir immer treu und ergeben gewesen! Laß mich Qual und Folterpein für Dich erdulden, aber erspare mir peinliches Erröten vor menschlichen Blicken. Nimm mich schnell hinauf zu Dir, und laß mich nicht vor Scham das Gesicht mit den Händen bedecken, wenn ich vor Dir erscheine.« Wiederum vernahm man ein Murmeln des Mitleids. »Catulus!« brüllte der getäuschte Richter in Wut; »thu deine Pflicht, Bursche! Warum zögerst du so lange? Brauchst du einen ganzen Tag, um deine Fackel anzuzünden?« Der Folterknecht trat vor und streckte seine Hand nach ihrem Gewande aus, um es zur Seite zu ziehen. Aber er wandte sich ab und sagte in weicherem Ton zum Präfekten: »Es ist zu spät! Sie ist tot!« »Tot!« schrie Tertulus. »Tot! Und du hast das Rad doch nur einmal umgedreht! Das ist unmöglich!« Catulus drehte das Rad zurück – aber der Körper blieb bewegungslos. Es war wahr! Sie war von der Folterbank empor zum Himmelsthron gestiegen. Sie sah nicht mehr das zürnende Gesicht des Richters, sondern sie lag im Arm des himmlischen Bräutigams. War ihre reine Seele wie süßer Weihrauch im Gebet hinübergegangen? Oder war das Blut nach der Intensivität ihres ersten jungfräulichen Errötens nicht mehr zum Herzen zurückgeflossen? Im »Leben der Märtyrer« finden wir viele Beispiele, wo ihr Tod die Frucht des Gebets gewesen, wie bei der heiligen Praxedes, der heiligen Cäcilia, der heiligen Agatha u. s. w. In der Stille, welche der Schrecken und die Verwunderung hervorgerufen hatten, rief plötzlich eine kühne, junge Stimme aus einer Gruppe, heraus, welche sich nahe an der Thür gebildet hatte: »Gottloser Tyrann, siehst du nicht, daß eine arme, blinde Christin mehr Macht über Leben und Tod besitzt als du oder deine grausamen Gebieter?« »Wie! Zum drittenmal innerhalb vierundzwanzig Stunden wagst du es, meinen Pfad zu kreuzen? Dieses Mal sollst du mir nicht entwischen!« Dies waren die Worte des Corvinus, denen er noch einen fürchterlichen Fluch hinzufügte, als er von der Seite seines Vaters fortstürzte und um die Einfriedung vor dem Richterstuhle herum auf die Gruppe zulief. Da er jedoch blindlings vorwärts rannte, stieß er gegen einen Offizier von herkulischem Bau, welcher sich ohne Zweifel ganz zufällig von der Gruppe loslöste. Er taumelte und der Soldat erfaßte ihn indem er sagte: »Ich hoffe, du bist nicht verletzt, Corvinus?« »Nein, nein, Quadratus, laß mich nur gehen!« »Wohin läufst du denn in solcher Eile? Kann ich dir behilflich sein?« fragte der Soldat ihn noch immer festhaltend. »Laß mich los, sage ich, oder er wird entkommen.« »Wer wird entkommen?« »Pancratius,« schrie Corvinus, »der soeben meinen Vater beleidigt hat.« »Pancratius!« sagte Quadratus und blickte verwundert umher; als er sich überzeugt hatte, daß der Jüngling glücklich fort war, fügte er langsam hinzu: »ich sehe ihn nicht.« Dann ließ er Corvinus los, aber es war zu spät. Der edle Knabe war in Sicherheit bei Diogenes in der Suburra. Während sich dieser Vorfall abspielte, befahl der gedemütigte Präfekt dem Catulus, er solle dafür sorgen, daß der Körper in die Tiber geworfen werde. Ein anderer in seinen Mantel gehüllter Offizier trat auf die Seite und machte dem Catulus ein Zeichen, welches dieser verstand und seine Hand ausstreckte, um die ihm dargebotene Börse in Empfang zu nehmen. »Draußen vor der Porta Capena in der Villa der Lucina, eine Stunde nach Sonnenuntergang,« sagte Sebastianus. »Ich werde sie sicher dorthin bringen,« sagte der Folterknecht. »Woran glaubst du, daß das arme Mädchen starb?« fragte einer der Zuschauer seinen Begleiter, als sie sich entfernten. »Vor Schrecken, meine ich,« erwiderte er. »Vor christlicher Keuschheit,« sagte ein Fremder, der schnell an ihnen vorüberging. Achtzehntes Kapitel Vergeltung Der Präfekt der Stadt ging, um seinen Bericht über die widrigen Begebenheiten des Tages abzustatten und sein möglichstes zu thun, um seinen unwürdigen Sohn zu schützen. Er traf den Kaiser in der schlechtesten Laune an. Wenn Corvinus ihm während der ersten Morgenstunde dieses Tages in den Weg gekommen wäre, so hätte niemand für seinen Kopf stehen können. Und jetzt hatte das Resultat des Einfalles in das Cömeterium seine Wut von neuem angefacht, als Tertullus in das Audienzzimmer trat. Es war Sebastianus gelungen, den Nachtdienst thun zu können. »Wo ist dein Bube von einem Sohn?« war die erste Begrüßung, welche der Präfekt erhielt. »Er wartet draußen demütig auf deine Befehle, göttlicher Kaiser, und wünscht nur deinen gottähnlichen Zorn über die Streiche, welche der verhängnisvolle Zufall seinem Diensteifer gespielt hat, zu besänftigen.« »Zufall!« rief der Tyrann aus, »Zufall, in der That! Seine eigene Dummheit und Feigheit! Ein schöner Anfang, bei den Göttern! Aber er soll mir dafür büßen. Bring ihn herein.« Winselnd und zitternd wurde das Ungeheuer hereingeführt; Corvinus warf sich dem Kaiser zu Füßen, der ihm einen Stoß versetzte und ihn wie einen gepeitschten Hund mitten in die Halle stieß. Dieser Anblick stimmte den kaiserlichen Gebieter lächerlich und half seine Wut besänftigen. »Komm Bursche! steh auf,« sagte er, »und laß mich deine eigene Erzählung hören. Wie ist mein kaiserlicher Befehl verschwunden?« Corvinus erzählte eine unzusammenhängende Geschichte, welche den Kaiser stellenweise belustigte, denn er sah bald die komische Seite des verübten Streiches. Dies war ein gutes Zeichen. »Nun,« sagte er endlich, »ich will Gnade an dir üben. Liktoren, löst eure Äxte.« Sie zogen ihre Äxte hervor und prüften deren Schärfe. Corvinus warf sich wiederum zu Boden und schrie: »Schone mein Leben; ich kann wichtige Mitteilungen machen, wenn ich leben darf!« »Wer will denn dein armseliges Leben nehmen?« antwortete der sanftmütige Maximian. »Liktoren, legt eure Äxte aus der Hand; die Ruten sind gut genug für ihn.« Im nächsten Augenblick waren seine Hände ergriffen und gebunden, die Tunika war von den Schultern gestreift und eine Flut von Rutenhieben fiel auf dieselben herab, bis er brüllte und sich vor Schmerzen wand und krümmte. Dieser Anblick gewährte dem kaiserlichen Herrn das größte Vergnügen. Bluttriefend und gedemütigt stand der Gestrafte vor ihm. »Nun Bursche,« sagte letzterer, »jetzt mach uns auch die wundersamen Mitteilungen, von denen du sprachst.« »Ich weiß, wer gestern Nacht das Verbrechen an deinem kaiserlichen Edikt begangen hat.« »Wer ist es gewesen?« »Ein Jüngling Namens Pancratius, dessen Messer ich grade unter der Stelle fand, von welcher dein Befehl fortgeschnitten worden ist.« »Und weshalb hast du ihn dann nicht ergriffen und der gerechten Strafe überliefert?« »Zweimal fast habe ich ihn heute schon in Händen gehabt, denn ich habe seine Stimme gehört; aber beide Mal ist er mir wieder entschlüpft.« »Dann laß ihn nicht zum drittenmal entwischen, oder du wirst seine Stelle einnehmen müssen. Woher aber kennst du ihn oder sein Messer so genau?« »Er war mein Schulgefährte in der Schule des Cassianus, der sich später als Christ entpuppte.« »Ein Christ, der es wagt, meine Unterthanen zu belehren, sie zu Feinden meines Landes zu machen, untreu ihrem Herrscher und Verächter der Götter. Ich vermute, daß auch er es gewesen, welcher den Pancratius, dieser jungen Viper, lehrte, unseren kaiserlichen Befehl herabzureißen. Weißt du, wo er sich aufhält?« »Ja, mein Gebieter! Torquatus, welcher dem christlichen Aberglauben entsagte, hat es mir gesagt!« »Und wer ist dieser Torquatus?« »Ein Mensch, der sich während einiger Zeit mit Chromatius und einer Gesellschaft von Christen auf dem Lande aufgehalten hat.« »Nun, dies kommt ja schlimmer und schlimmer. Ist denn auch der Expräfekt Christ geworden?« »Ja. Und er lebt mit vielen anderen dieser Sekte in Campanien.« »Welcher Verrat! Welche Treulosigkeit! Ich weiß kaum mehr, wem ich noch trauen soll. Präfekt, schicke sofort jemand aus, der augenblicklich all diese Leute und den Schulmeister und auch den Torquatus gefangen nimmt.« »Herr, er ist kein Christ mehr,« unterbrach ihn der Richter. »Nun, was kümmert das mich?« erwiderte der Kaiser verdrießlich, »nimm so viele gefangen als du kannst, und schone keinen, und verursache ihnen so viel Qual als möglich. Verstehst du mich? Und nun fort mit euch allen! Es ist Zeit, daß ich zur Nacht speise.« Corvinus ging nach Hause; und trotz schnell herbeigerufener ärztlicher Hilfe lag er die ganze Nacht im heftigen Fieber und in den brennendsten Schmerzen. Am nächsten Morgen bat er seinen Vater, an der Expedition nach Campania teilnehmen zu dürfen, damit er seine Ehre wiederherstellen, seinen Rachedurst befriedigen, und der Schande und dem Spott entgehen könne, mit welchem die römische Gesellschaft ihn ohne Zweifel überhäufen würde. Als Fulvius seine Gefangene vor dem Tribunal abgeliefert hatte, eilte er nach Hause, um wie gewöhnlich dem Eurotas seine Erlebnisse mitzuteilen. Der alte Mann lauschte der nackten Erzählung mit unerschütterlichem Ernst und sagte endlich kalt: »Sehr wenig Profit bei all diesem, Fulvius.« »Kein augenblicklicher Profit, in der That, aber die Aussicht auf eine nutzbringende Zukunft wenigstens.« »Wie das?« »Nun, die stolze Agnes ist in meiner Gewalt. Jetzt weiß ich endlich mit Sicherheit, daß sie eine Christin ist. Ich kann sie nun notwendigerweise entweder gewinnen oder sie vernichten. In beiden Fällen gehört ihr Besitztum mir.« »Nimm die zweite Alternative an,« sagte der alte Mann mit unheimlichem Funkeln seiner Augen ohne die Züge zu verändern; »es ist der kürzere und weniger mühsame Weg.« »Aber meine Ehre steht auf dem Spiel; ich kann mich nicht in der Weise verhöhnen und verspotten lassen, wie ich dir erzählt habe.« »Man hat dich verhöhnt und verspottet, und das schreit nach Rache. Du hast mit Narrenspossen keine Zeit zu verlieren, vergiß das nicht. Deine Gelder sind fast verbraucht und frische Einkünfte sind ausgeblieben. Du mußt jetzt einen entscheidenden Streich führen.« »Eurotas, gewiß wirst du doch wünschen, daß ich diese Reichtümer lieber auf ehrliche (hier lächelte Eurotas, das Wort war ihnen sonst unbekannt) Weise erlange, als durch niedrige Mittel.« »Erlange ihn, erlange ihn nur auf irgend einem Wege, vorausgesetzt, daß dieser sicher und schnell zum Ziele führt. Du kennst unseren Vertrag. Entweder wird der alte Glanz und Reichtum der Familie wieder hergestellt, oder sie geht mit dir zu Ende. Sie soll nicht länger in Schande, das heißt in Armut leben.« »Ich weiß es, ich weiß es, ohne daß du mich täglich an diese bittere Bedingung erinnerst,« sagte Fulvius indem er die Hände rang und von Kopf bis zu Füßen bebte. »Laß mir nur Zeit, und alles kann noch ein gutes Ende nehmen.« »Ich lasse dir Zeit bis alle Hoffnung geschwunden ist. Augenblicklich ist unsere Lage keine angenehme. Aber Fulvius, jetzt ist der Tag gekommen, an dem ich dir sagen muß, wer ich bin.« »Wie? Warst du denn nicht der treue Diener meines Vaters, dessen Fürsorge er selbst mich anvertraute?« »Ich war der ältere Bruder deines Vaters, Fulvius, und ich bin das Haupt der Familie. Ich habe nur einen Gedanken, nur ein Ziel im Leben gehabt: unserem Hause die alte Größe und den früheren Glanz, den es durch die Verschwendung und die Nachlässigkeit meines Vaters verloren, wiederzugeben. Da ich glaubte, daß dem Vater, mein Bruder, größeres Geschick für die Ausführung dieses Zwecks besäße, trat ich ihm unter gewissen Bedingungen meine Rechte und Vorteile ab; eine dieser Bedingungen war die Vormundschaft über dich und die ausschließliche Bildung deines Geistes und deiner Fähigkeiten. Du weißt, wie ich dich gelehrt habe, dir keine Gewissensbisse über die Mittel zu machen, welche wir in Anwendung bringen müssen, um unseren großen Zweck zu erreichen.« Fulvius, dessen Blicke wie gebannt voll tiefer Aufmerksamkeit und Verwunderung an dem Sprecher hingen, sank vor Scham fast in die Erde, als er das Innerste der beiden Herzen so vor sich aufgedeckt sah. Aber der düstere alte Mann hielt seine Blicke mehr denn je gebannt und fuhr fort. »Du erinnerst dich des schweren und verwickelten Verbrechens, durch welches wir die geteilten Überbleibsel eines Familienvermögens in deiner Hand vereinigten.« Fulvius bedeckte das Gesicht mit den Händen, ein Schauder erfaßte ihn, dann sagte er flehend: »O, erspare mir das, Eurotas, um des Himmels willen, erspare mir das!« »Gut denn,« fuhr der andere unbewegt wie immer fort: »ich will mich kurz fassen. Vergiß nicht, Neffe, daß derjenige, welcher nicht vor einer glänzenden Zukunft zurückschreckt, die nur durch Schuld zu erringen ist, auch nicht vor dem Rückblick auf eine Vergangenheit schaudern darf, welche sie durch mehr als ein Verbrechen vorbereitet hat. Denn die Zukunft wird eines Tages ebenfalls Vergangenheit sein. Laß unseren Vertrag daher ehrlich und gradsinnig sein, denn auch die Sünde hat ihre Ehrlichkeit. Die Natur hat dir ein Übermaß von Selbstsucht und Verschlagenheit gegeben, und mir gab sie die Kühnheit und die Gewissenlosigkeit, jene zu leiten und auf die rechte Bahn zu führen. Unser Schicksal ist durch denselben Wurf entschieden – wir werden reich – oder wir sterben zusammen.« Fulvius verwünschte innerlich den Tag, an welchem er nach Rom gekommen war, und jenen, an dem er sich an seinen strengen Gebieter gebunden hatte, dessen geheimnisvolles Band so viel stärker war, als er bis dahin geahnt hatte. Aber er fühlte, daß er an ihn festgebannt sei, und ebenso machtlos wie das Lamm in den Tatzen des Löwen. Mit schwererem Herzen denn je warf er sich auf sein Lager, denn eine düstere, furchtbare Ahnung lastete mit jeder neuen Nacht drückender auf seinem Herzen. Vielleicht ist der Leser jetzt begierig zu erfahren, was aus dem dritten Mitgliede unseres würdigen Trios, dem abtrünnigen Torquatus, geworden ist. Als er bestürzt und verwirrt fortlief, um das Grab zu suchen, das ihm als Führer dienen sollte, geschah es, daß sich grade an der Galerie, in welche er eintrat, eine vernachlässigte Treppe befand, welche in den Sandstein gehauen war und in ein niedrigeres Geschoß des Cömeteriums führte. Die Stufen waren durch die Benutzung glatt und schlüpfrig geworden, und der Abstieg war steil. Torquatus, welcher sein Licht vor sich hielt und achtlos weiter lief, fiel kopfüber in die Öffnung hinein und blieb dort unten noch lange nachdem seine Gefährten fortgegangen waren, betäubt und bewußtlos liegen. Endlich kam er wieder zu sich, und lange Zeit war er noch so verwirrt, daß er nicht wußte, wo er sich befand. Er erhob sich und tastete umher, bis sein Bewußtsein endlich wiederkehrte und er sich erinnerte, daß er in der Katakombe sei. Wie es aber zuging, daß er allein und im Dunkeln, begriff er noch immer nicht. Da fiel es ihm plötzlich ein, daß er noch einen kleinen Vorrat von Wachskerzen bei sich habe und ebenso das Mittel, um sie anzuzünden. Er machte Gebrauch hiervon und war froh, endlich wieder Licht um sich zu haben. Aber er entfernte sich von der Treppe, an welche er keine Erinnerung mehr hatte, und ging weiter und weiter, sich immer unrettbarer in dem unterirdischen Labyrinth verirrend. Er hoffte bestimmt an irgend einen Ausweg zu gelangen, bevor noch seine Kerzen und seine Kraft erschöpft sein würden. Aber nach und nach begann doch eine gräßliche Furcht sich seiner zu bemächtigen, seine Stärke begann zu erlahmen, denn er hatte bereits seit dem frühen Morgen gefastet, und nachdem er anscheinend schon stundenlang umher gewandert war, kehrte er immer wieder an dieselbe Stelle zurück. Anfangs hatte er nur nachlässig umhergeblickt und gedankenlos die Inschriften auf den Gräbern gelesen. Als er aber matter und matter, und seine Hoffnung auf Erlösung schwächer wurde, begannen jene feierlichen Monumente zu seiner Seele zu reden, in einer Sprache, der er sein Ohr nicht verschließen, welche nicht zu verstehen er nicht behaupten konnte. »In Frieden beigesetzt« war der Bewohner des einen Grabes, »in Jesum entschlafen« war ein anderer, und sogar die tausend Namenlosen all umher lagen hier in tiefem Frieden, jede einzelne Ruhestätte trug das Siegel der mütterlichen Fürsorge der Kirche. Und drinnen lagen die gesalbten Überreste und harrten auf den Ruf der himmlischen Posaunen, welche sie zur seligen Auferstehung erwecken würde. Und in wenigen Stunden würde er tot sein wie jene! Jetzt zündete er seine letzte Kerze an und sank dann auf einem Schutthaufen zusammen. Aber würde er wie sie von frommen Händen zur Ruhe gebettet werden? Allem, unbetrauert, unbekannt, unbeweint würde er auf dem kalten Erdboden sterben. Hier würde er verwesen und zerfallen. Und wenn in späteren Jahren seine Gebeine, denen das christliche Begräbnis versagt geblieben, einmal gefunden wurden, so sprach die Tradition die Vermutung aus, daß es die verfluchten Überreste eines Apostaten seien, welcher sich in der Katakombe verirrt habe. Und dann würden auch diese, wie er, von der Gemeinschaft dieser heiligen Stätte ausgestoßen werden. Es ging schnell zu Ende; er konnte es fühlen; ihm begann zu schwindeln; sein Herz fing an zu zucken. Die Kerze wurde zu kurz für seine Finger und er stellte sie neben sich auf einen Stein. Vielleicht hätte sie noch drei Minuten brennen können; aber ein Tropfen, welcher durch die Decke sickerte, fiel auf sie herab, und sie erlosch. So geizig war er mit jenen drei Minuten mehr des Lichts, so angstvoll hütete er jenen kleinen Kerzenrest wie das letzte Glied, das ihn mit den Freuden dieser Erde verband, so begierig war er, noch einen allerletzten Blick auf äußere Dinge zu werfen, damit er nur keinen in sein Inneres zu thun brauche, – daß er Feuerstein und Stahl hervorzog und sich länger als eine Viertelstunde abmühte, um dem Zunder, der durch den kalten Angstschweiß seines Körpers feucht geworden war, einen Funken Lichts zu entlocken. Und als er dann den Rest seiner Kerze wieder angezündet hatte, nützte er ihren Schein nicht, um noch einmal umherzublicken, sondern er heftete den Blick mit blödem Ausdruck auf dieselbe, als sei sie der Zauber, an welchem sein Leben hinge und dieses müsse mit ihr verlöschen. Bald schimmerte der letzte Funke wie ein Glühwurm – dann ward es Nacht. War er ebenfalls tot? fragte er sich. Weshalb nicht? Immerwährende vollständige Nacht hatte sich auf ihn herabgesenkt. Er war für immer von jedem Verkehr mit den Lebenden abgeschnitten; keine Nahrung würde je wieder über seine Lippen kommen, kein Laut mehr an sein Ohr schlagen, seine Augen würden kein Licht, keinen Menschen, keinen Gegenstand mehr sehen. Er war den Toten zugesellt, nur war sein Grab viel größer als das ihre, aber trotzdem war es dunkel und einsam und geschlossen für ewig. Was ist der Tod denn anderes? Nein, es konnte der Tod noch nicht sein. Auf den Tod mußte doch irgend etwas folgen. Aber auch dies kam. Der Wurm begann an seinem Gewissen zu nagen, und er wuchs schnell und ward so groß wie eine Schlange und wand sich um sein Herz. Er versuchte an freundliche Dinge zu denken, und sie zogen an seiner Seele vorüber: jene stillen Stunden in der Villa mit Chromatius und Polycarpus, ihre gütigen Worte, ihre letzte Umarmung. Aber aus dieser friedlichen Vision zuckte ein jäher, versengender Blitz auf: er hatte sie verraten, er hatte von ihnen gesprochen – und zu wem? Zu Fulvius und Corvinus. Die verhängnisvolle Saite war berührt wie der empfindliche Nerv eines Zahnes, der seinen wühlenden Schmerz bis in das Centrum des Gehirns sendet. Das wüste Trinkgelage, das unehrliche Spiel, die niedere Heuchelei, der gemeine Verrat, der fürchterliche Abfall, die qualvollen, marternden Sakrilegien der letzten Tage, der mörderische Überfall des heutigen Morgens: alles dies tanzte wie ein Kreis von Dämonen Hand in Hand in der Dunkelheit vor ihm, und sie schrieen und lachten und pfiffen und stöhnten und weinten und fletschten die Zähne, und sprühende Funken, welche vor seinen Augen erzitterten, schienen rauchenden Fackeln in ihren Händen zu entsteigen. Er sank um und bedeckte die Augen. »Vielleicht bin ich doch tot,« sagte er vor sich hin, »denn die Hölle kann nichts fürchterlicheres als dies in sich bergen.« Sein Herz war zu matt, um Wut empfinden zu können; in der Ohnmacht der Verzweiflung schwand jede Hoffnung. Seine Kraft ging schnell zu Ende – da glaubte er plötzlich in einiger Entfernung Laute zu vernehmen. Aber er wies diesen Gedanken von sich. Doch wieder schlugen ferne Harmonien an sein Ohr. Er erhob sich. Die Töne wurden klarer. Sie klangen so süß, so ganz wie ein Chor von Engelsstimmen, daß er zu sich selbst sagte: »Wer hätte geglaubt, daß der Himmel der Hölle so nahe ist! Oder kommen sie mit dem furchtbaren Richter einhergeschwebt, um mich zu verurteilen?« Und jetzt drang aus derselben Entfernung, aus welcher die süßen Töne kamen auch ein klarer Lichtschimmer. Deutlich hörte er die Worte, welche der Gesang begleitete: » In pace, in idipsum, dormiam et requiescam .« »In Frieden werde ich schlafen und ruhen.« Psalm 4, V. 9. »Diese Worte sind nicht für mich. Sie würden für das Begräbnis eines Märtyrers passen; aber nicht für das eines Verlorenen!« Der helle Schein kam näher; es war, als wenn die Dämmerung in helles Tageslicht übergeht. Er drang in die Galerie und glitt durch dieselbe; er zeigte dem Unglücklichen ein Bild, welches zu deutlich war, um nicht wirklich zu sein. Zuerst kamen Jungfrauen in weißen Gewändern und trugen Lampen, darauf folgten ihrer vier, welche eine in ein weißes Tuch gehüllte Gestalt trugen, auf deren Haupt eine Dornenkrone ruhte; nach ihnen der jugendliche Acolyth Tarcisius, welcher einen Rauchkessel trug, dem duftender Weihrauch entstieg; und hinter der übrigen Geistlichkeit schritt der ehrwürdige Papst, ihm zur Seite Reparatus und ein anderer Diakon. Diogenes und seine Söhne mit trauerndem Antlitz, und viele andere, unter denen er auch Sebastianus erblickte, schlossen die Prozession. Da viele von ihnen Lampen und Kerzen trugen, schienen sich die Gestalten in einer unveränderlich milden Atmosphäre des Lichts zu bewegen. Als sie an ihm vorüber gingen, sangen sie den nächsten Vers des Psalms: » Quoniam Tu Domine singulariter in spe constituisti me .« »Denn Du, o Herr, hast mich ganz besonders im Vertrauen stark gemacht.« Psalm 4, V. 9. » Das ,« rief er aus, indem er sich erhob, » das ist für mich!« Mit diesem Gedanken hatte er sich auf die Knie geworfen; und wie durch eine Eingebung der göttlichen Gnade fielen ihm Worte ein, die er früher gehört hatte; Worte, welche für diesen Augenblick paßten; Worte, die er wie ein Echo sprechen mußte. Schwach und matt kroch er vor, wandte sich in die Galerie, durch welche die Prozession schritt und folgte ihr unbemerkt in einiger Entfernung. Sie trat in eine Kammer, welche so erleuchtet wurde, daß ein Bild des guten Hirten gütig und freundlich auf ihn herabsah. Doch er wollte nicht über die Schwelle treten, er blieb draußen stehen und schlug sich vor die Brust und flehte um Gnade. Die Leiche war auf die Erde gelegt worden; weitere Psalmen und Hymnen wurden gesungen und Gebete gesprochen, alles in dem fröhlichen hoffnungsvollen Ton, in welchem die Kirche stets vom Tode spricht. Endlich wurde die Leiche in das unter einem Bogen für sie bereitete Grab gelegt. Während dies geschah, näherte Torquatus sich einem der Zuschauer und flüsterte ihm die Frage zu: »Wessen Begräbnis ist das?« »Es ist die Beisetzung der seligen Cäcilia, einer blinden Jungfrau, welche heute Morgen in die Hände der Soldaten gefallen ist, während sie in diesem Cömeterium weilte. Und jetzt hat Gott ihre Seele zu sich genommen, antwortete ihm der Gefragte. »Dann bin ich ihr Mörder!« rief er laut jammernd aus, und indem er sich taumelnd bis vor die Füße des heiligen Papstes schleppte, fiel er dort zu Boden. Es verging geraume Zeit, bevor er seinen Gefühlen in Worten Luft machen konnte. Als er diese endlich fand, waren es jene, welche er zu sprechen beschlossen: »Vater, ich habe gegen dich und den Himmel gesündigt, und ich bin nicht wert, daß du mich dein Kind heißest!« Der Papst hob ihn sanft empor, drückte ihn an seine Brust und sagte: »Ich heiße dich wieder willkommen, mein Sohn, in deines Vaters Hause, wer du auch sein magst. Aber du bist schwach und matt und bedarfst der Ruhe.« Schnell wurden einige erquickende Tränke herbeigeschafft. Aber Torquatus wollte nicht ruhen, bevor er nicht öffentlich seine ganze Schuld bekannt und die Verbrechen dieses Tages eingestanden hatte (denn man war noch am Abend desselben Tages). Alle freuten sich und jubelten über die Rückkehr des verlorenen Sohnes, über die Wiederauffindung des verirrten Lammes. Agnes warf einen letzten liebevollen Blick auf das Leichentuch der blinden Jungfrau und sah dann zum Himmel empor. Ihr war es fast, als sähe sie sie zu den Füßen des himmlischen Bräutigams sitzen, lächelnd, nicht mehr blind, die Augen weit geöffnet und eine Handvoll Blumen auf das Haupt des Büßers herabwerfend – die erste Frucht ihrer Fürbitte bei dem allmächtigen Vater. Diogenes und seine Söhne nahmen sich seiner an. Ganz in der Nähe wurde ihm in einer christlichen Hütte eine bescheidene Unterkunft besorgt, damit er sich weder in dem Bereich der Versuchung noch in dem der Rache befände, und er wurde in die Liste der Büßer eingetragen. Jahre der Bußübungen, welche durch die Fürbitte von Bekennern – das heißt von künftigen Märtyrern – abgekürzt wurden, sollten ihn darauf vorbereiten, wieder in den Vollgenuß all der Gnaden und Rechte zu treten, deren er verlustig gegangen war. Das Bußsystem ist in einem Werke beschrieben, welches von der zweiten Periode der Geschichte der Kirche handelt. Es ist ganz bekannt, besonders durch die Schriften des heiligen Cyprianus, daß diejenigen, welche sich während einer Verfolgung schwach erwiesen und einer öffentlichen Buße unterworfen wurden, eine Verkürzung derselben durch die Fürbitte von Bekennern und solcher Personen, welche um des Glaubens willen eingekerkert wurden, erlangen konnten. Neunzehntes Kapitel Zwiefache Rache Sebastianus' Besuch im Cömeterium hatte nicht allein dem Zwecke gegolten, die Überreste der ersten Märtyrerin zu ihrer Beisetzung dorthin zu bringen, sondern er wollte auch mit Marcellinus über dessen Sicherheit beratschlagen. Sein Leben hatte zu großen Wert für die Kirche, um schon so früh hingeopfert zu werden, und Sebastianus wußte nur zu wohl, wie eifrig man nach demselben trachtete. Torquatus bestätigte dies jetzt, indem er die Pläne und Absichten des Fulvius verriet und den Zweck seiner Gegenwart bei der Ordination im Dezember. Die gewöhnliche Residenz des Papstes bot jetzt nicht mehr Sicherheit genug; und eine kühne Idee war es, welche der mutige Soldat gefaßt hatte – dieser »Beschützer der Christen«, wie man ihn öffentlich nannte nach dem, was uns seine Geschichte von ihm erzählt. Der Papst solle dort untergebracht werden, wo gewiß niemand ihn vermutete, und wo man nicht einmal von einer Nachsuchung träumen konnte: nämlich in dem Palast der Cäsaren selbst! So wird in dem oben erwähnten Werke berichtet. Zweckentsprechend verkleidet begab der heilige Bischof sich aus dem Cömeterium, und von Sebastianus und Quadratus begleitet, brachte man ihn sicher und ohne Unfall in die Wohnung der Irene, einer christlichen Dame von Rang, welche in einem abgelegenen Teil des Palatinus, wo ihr Gatte ein Hausamt bekleidete, wohnte. Früh am nächsten Morgen schon war Sebastianus bei Pancratius. »Mein lieber Knabe,« sagte er, »du mußt Rom augenblicklich verlassen und dich nach Campania begeben. Die Pferde für dich und Quadratus stehen bereit, und wir dürfen keine Zeit verlieren.« »Und weshalb, Sebastianus?« fragte der Jüngling mit traurigem Antlitz und thränenden Augen. »Habe ich irgend ein Unrecht begangen oder zweifelst du an meiner Kraft?« »Keins von beiden, ich versichere dich. Aber du hast versprochen, dich von mir in allen Dingen führen zu lassen, und niemals ist dein Gehorsam notwendiger gewesen als jetzt.« »Sag mir weshalb, guter Sebastianus, ich bitte dich!« »Es muß für den Augenblick noch Geheimnis bleiben.« »Was! noch ein Geheimnis?« »Sag' lieber dasselbe , denn es wird dir zugleich mit dem anderen enthüllt werden. Aber ich kann dir sagen, was ich von dir verlange, und ich glaube, das wird dir für den Augenblick genügen. Corvinus hat den Befehl bekommen, Chromatius und seine ganze kleine Gemeinde zu ergreifen, und diese ist noch jung im Glauben, wie das unglückselige Beispiel des Torquatus uns nur allzugut bewiesen hat; und was noch schlimmer ist, er soll deinen guten alten Lehrer Cassianus in Fundi einem grausamen Tode weihen. Ich will, daß du hineilst bevor sein Abgesandter – oder vielleicht geht er auch selbst – dort eintrifft, und ihnen einschärfst, auf ihrer Hut zu sein.« Jetzt blickte Pancratius wieder fröhlich; er sah, daß Sebastianus ihm vertraute. »Dein Wunsch ist Grund genug für mich,« sagte er lächelnd, »aber ich würde bis ans Ende der Welt gehen, um meinen guten, alten Cassianus oder jeden anderen christlichen Glaubensbruder zu retten.« Bald war er reisefertig; er nahm einen zärtlichen Abschied von seiner Mutter, und bevor noch Rom sich den Schlaf aus den Augen gewischt hatte, trabten er und Quadratus, jeder mit wohlgefüllten Satteltaschen auf ihren mächtigen Rossen, durch die Campagna von Rom, um die einsamere und sichere Fährte auf der Via Latina zu erreichen. Da Corvinus beschlossen hatte, diese feindliche Expedition als ehrenvoll, ergiebig und angenehm in der eigenen Hand zu behalten, wurde sie noch um einige Tage aufgeschoben, damit er sich vorerst von jenen eindringlichen Züchtigungen erholen und die gehörigen Vorbereitungen machen könne. Er ließ einen Wagen mieten und warb einen Trupp numidischer Läufer an, welche mit einem schnell dahin sausenden Wagen Schritt halten konnten. Aber immerhin war er nur zwei Tage hinter den Christen zurück, obgleich er auf der belebteren und kürzeren Via Appia reiste. Als Pancratius bei der »Villa bei den Statuen« anlangte, fand er die kleine Gemeinde bereits in der höchsten Aufregung durch die Gerüchte, welche über die Veröffentlichung des Edikts zu ihr gedrungen war. Alle hießen ihn auf das wärmste willkommen, und mit der größten Ehrerbietung und Achtung wurde der Brief mit Sebastianus' Ratschlägen entgegen genommen. Gebete und Besprechungen folgten auf seine Lesung und verschiedene Beschlüsse wurden gefaßt. Marcus und Marcellianus waren mit ihrem Vater bereits zur Ordination nach Rom gereist. Nicostratus, Zoë und andere folgten ihnen jetzt. Chromatius, welchem die Krone des Märtyrertums nicht bestimmt war, obgleich die Kirche sein Andenken zusammen mit dem seines Sohnes am elften August feiert, fand für einige Zeit eine Unterkunft in der Villa Fabiolas, für deren Benutzung die junge Herrin den Erlaubnisschein gegeben hatte, ohne den Grund dafür zu kennen; Chromatius wünschte nämlich, noch einige Zeit in der Gegend zu bleiben. Kurzum, die Villa ad Statuas wurde in der Obhut einiger weniger treuen Diener zurückgelassen, auf welche man sich vollständig verlassen konnte. Als die beiden Abgesandten sich und ihren Pferden die notwendige Ruhe gegönnt hatten, reisten sie auf derselben Straße, welche Torquatus erst kürzlich eingeschlagen hatte nach Fundi, wo sie in einem unscheinbaren Gasthause außerhalb der Stadt an der Straße nach Rom einkehrten. Pancratius fand seinen alten Lehrer, der ihn liebevoll umarmte, bald auf. Er teilte ihm seinen Auftrag mit und beschwor ihn zu fliehen oder sich wenigstens zu verbergen. »Nein,« sagte der gute alte Mann, »das darf nicht sein. Ich bin schon alt und meines armseligen Berufs so müde. Ich und mein Diener sind die einzigen beiden Christen in der Stadt. Die besten Familien haben in der That ihre Kinder in meine Schule geschickt, weil sie wußten, daß sie so streng sittlich geführt wird, wie das Heidentum es nur immer erlaubt; aber grade diese Strenge hat es bewirkt, daß ich nicht einen einzigen Freund unter meinen Schülern habe. Und ihnen geht auch noch die natürliche Verfeinerung der römischen Heiden ab. Sie sind rohe Landbewohner, und ich hege die feste Überzeugung, daß sich unter den älteren einige befinden, welche sich kein Gewissen daraus machen würden, mir das Leben zu nehmen, wenn sie dies unbestraft thun könnten.« »O Cassianus! welch ein traurig elendes Dasein mußt du führen! Vermochtest du gar keinen Eindruck auf sie hervorzubringen?« »Wenig oder keinen, Pancratius! Und wie könnte ich auch, mein teurer Knabe, wenn ich sie jene gefährlichen Bücher lesen lassen muß, welche jene Fabeln enthalten, von denen die römische und griechische Litteratur strotzt? Nein, ich habe nur wenig mit meinen Büchern auszurichten vermocht; vielleicht ist mein Tod imstande, mehr für sie zu thun.« Pancratius fand, daß all seine Gegenvorstellungen umsonst waren, und beinahe hätte er den Entschluß gefaßt, mit dem alten Manne zu sterben. Aber er erinnerte sich seines dem Sebastianus gegebenen Versprechens, sein Leben während dieser Reise nicht aufs Spiel zu setzen. Indessen beschloß er, sich nicht aus der Umgebung der Stadt zu entfernen, bevor er das Ende gesehen hatte. Corvinus traf mit seinen Leuten vor der Villa des Chromatius ein, und früh am Morgen brach er plötzlich durch die Thore herein und stürzte auf das Haus zu. Er fand es leer. Er ließ es von oben bis unten durchsuchen, entdeckte aber weder einen Menschen, noch ein Buch, noch ein christliches Symbol. Er war bestürzt und enttäuscht. Er blickte umher, und als er einen Diener entdeckte, welcher im Garten arbeitete, fragte er ihn, wo sein Gebieter sei. »Herr sagt Sklaven nicht, wohin er geht,« lautete die Antwort in einem Latein, welches im richtigen Verhältnis zu einer so rohen Satzbildung stand. »Du willst mich verspotten! Welchen Weg haben er und seine Begleiter eingeschlagen?« »Durch Thor da unten.« »Und dann?« »Sieh dahin,« antwortete der Diener, »du siehst Thor? Gut. Du siehst nix mehr. Mich arbeitet hier, mich sieht Thor, mich sieht nix mehr.« »Wann sind sie gegangen? Das kannst du mir doch wenigstens beantworten.« »Nachdem die zwei von Rom da sein.« »Welche zwei? Immer zwei, wie es scheint!« »Ein guter Jüngling! So schön! o so schön! und singt so süß! Der andere sehr groß, sehr stark, o, sehr! Siehst du das junge Baum an Wurzeln herausgezogen? Er thun das so leicht, wie ich mein Spaten aus Erde ziehen.« »Wieder die zwei,« schrie Corvinus in furchtbarster Wut. »Wiederum hat jener feige Bursche meine Pläne durchkreuzt und meine Hoffnungen zerstört. Er soll mir dafür büßen!« Sobald er ein wenig der Ruhe gepflegt hatte, machte er sich wieder auf die Reise und beschloß, seiner ganzen Wut an seinem alten Lehrer Luft zu machen, wenn nicht auch der, welchen er seinen bösen Dämon nannte, bereits dort vor ihm gewesen sein sollte. Während der Reise beschäftigte er sich damit, Rache gegen Lehrer und Mitschüler zu brüten; und er war entzückt, als er bei seiner Ankunft in Fundi sah, daß wenigstens einer von beiden dort sei. Er zeigte dem Gouverneur der Stadt den Befehl, welcher auf Gefangennahme und Bestrafung des Cassianus, eines der allergefährlichsten Christen, lautete: aber jener Beamte, ein humaner Mann , bemerkte, daß die Kommission die gewöhnliche Jurisdiktion in dieser Angelegenheit unnötig mache und gab dem Corvinus vollständig Macht zu handeln. Er bot ihm die Hilfe eines Henkerknechts und andere Requisiten an; aber beides wurde abgelehnt. Corvinus hatte in seiner eigenen Leibwache einen mehr als hinreichenden Vorrat von Kraft und Grausamkeit mitgebracht. Er nahm indessen einen öffentlichen Beamten mit sich. Er begab sich nach dem Schulhause, als sich sämtliche Schüler in demselben befanden, schloß die Thüren und beschuldigte den Cassianus, welcher ihm mit offenen Armen und freundlichem Gesicht entgegen ging, um ihn zu begrüßen, daß er ein Verschwörer gegen den Staat und ein hinterlistiger Christ sei. Die Knaben stimmten ein rohes Geschrei an, und an diesen Tönen erkannte Corvinus sofort, daß sich viele seinesgleichen darunter befinden mußten – junge Bären mit dem Herzen alter, blutdürstiger Hyänen. »Knaben!« schrie er, »liebt ihr euren Lehrer Cassianus? Er war auch einmal der meine und ich hege manchen Groll gegen ihn!« Ein Schrei der Verwünschung ertönte zwischen den Bänken. »Dann habe ich eine gute Neuigkeit für euch; hier ist die Erlaubnis des göttlichen Kaisers Maximianus für euch, daß ihr mit dem Cassianus machen dürfet, was ihr wollt.« Ein Hagel von Büchern, Schreibtafeln und anderen Schulwurfgeschossen wurde gegen den Lehrer gerichtet, welcher unbeweglich mit gekreuzten Armen vor seinem Verfolger stand. Dann stürzten die Knaben von allen Seiten mit drohenden Gebärden, welche einen brutalen Angriff prophezeiten, auf ihn ein. »Halt, halt,« rief Corvinus, »wir müssen systematischer dabei zu Werke gehen.« Die Erinnerung an seine eigenen süßen Schultage war wieder in ihm aufgestiegen; die Erinnerung an jene Zeit, auf welche die meisten von uns mit sanfteren Empfindungen zurückblicken als jene, welche die Betrachtung der Gegenwart in uns wachrufen kann. Er sonnte sich in dem Andenken an die Kinderzeit, in welcher andere nur die Bilder selbstloser, fröhlicher, glücklicher Stunden sehen; und er suchte in der Erinnerung nach dem, was ihm damals wohl am meisten Freude bereitet haben würde, daß er es den hoffnungsvollen Jünglingen, welche ihn umgaben, als eine Vergünstigung gewähre. Aber nichts fiel ihm ein, das ihm eine solche Freude bereitet haben würde, als seinem Lehrer jeden Schlag zurückzahlen zu dürfen und mit seinem Blute jedes Wort des Vorwurfs schreiben zu können, das ihm einst gesagt worden war. Köstlicher Gedanke, dessen Verwirklichung er jetzt erleben sollte! Es liegt durchaus nicht in unserer Absicht, die Gefühle unserer zarten Leser mit Beschreibungen der grausamen und teuflischen Qualen Peinigen zu wollen, welche unsere christlichen Vorfahren von ihren heidnischen Verfolgern erdulden mußten. Wenige sind fürchterlicher, aber wenige stammen auch aus so authentischen Quellen, wie die Beschreibung der Torturen, welche an dem Märtyrer Cassianus verübt wurden. Gebunden in die Mitte seiner wilden jungen Tiger gestellt, so ward er das langsam hinsiechende Opfer ihrer schwachen, ohnmächtigen Grausamkeit. Wie der christliche Poet Prudentius uns erzählt, schnitten einige ihre Aufgaben mit den seinen stählernen Stilets, welche zum Schreiben auf den mit Wachs überzogenen Tafeln dienten, in sein Fleisch ein; andere übten die Erfindungsgabe einer frühreifen Brutalität, indem sie seinem wunden, blutenden, zuckenden Körper jeden nur denkbaren Schmerz zufügten. Blutverlust und akuter Schmerz erschöpften ihn endlich, und er fiel zu Boden ohne die Kraft, sich wieder erheben zu können. Ein Freudenschrei ertönte, neue Qualen wurden ihm verursacht – und endlich zerstreute sich die Bande jugendlicher Dämonen, um die Geschichte ihrer unschuldigen Freuden ihren respektiven Eltern zu erzählen. Es kam den Verfolgern niemals in den Sinn, ihren christlichen Opfern ein anständiges Begräbnis zu geben; und Corvinus, welcher seine Augen an diesem Schauspiel seiner Rache geweidet und seine willigen Werkzeuge stets zu neuen Grausamkeiten angespornt hatte, ließ den sterbenden Mann liegen, wo er war, um seinen Geist einsam und unbemerkt auszuhauchen. Sein treuer Diener indessen nahm ihn auf, legte ihn auf sein Bett und sandte, wie es vorher verabredet war, dem Pancratius ein Zeichen, welcher bald an seine Seite eilte, während Quadratus alle Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf. Der Jüngling war entsetzt über den Anblick, welcher sich seinem Auge darbot und über die Beschreibung der namenlosen Torturen, welche sein armer Lehrer erduldet hatte; aber eben so erbaut war er auch über die Geduld, welche der Alte an den Tag gelegt hatte. Denn nicht ein Wort des Vorwurfs war über seine Lippen gekommen, und nichts als inbrünstiges Gebet hatte seine Gedanken und seine Zunge beschäftigt. Cassianus erkannte seinen teuren Schüler, lächelte ihm zu und drückte seine Hand mit der erkaltenden Rechten, aber er vermochte nicht mehr zu reden. Er lebte noch bis zum nächsten Morgen, dann schlummerte er sanft hinüber. Die letzten Ehren eines christlichen Begräbnisses wurden ihm noch auf derselben Stelle erwiesen, denn das Haus war sein Eigentum. Dann eilte Pancratius von dannen; das Herz war ihm schwer, und nur mühsam noch kämpfte er die Empörung gegen das wilde, herzlose Ungetüm nieder, welches ohne Gewissensbisse zu empfinden diese Tragödie angestiftet und ihrer Aufführung beigewohnt hatte. Er irrte sich indessen. Kaum hatte Corvinus seinen Rachedurst gestillt, als er auch schon die Nichtswürdigkeit und Schande dessen empfand, was er gethan hatte. Er fürchtete, daß sein Vater es erfahren könne, und dieser hatte stets große Achtung vor Cassianus gehegt. Er fürchtete den Zorn der Eltern, deren Kinder er an diesem Tage in der That demoralisiert und zu einem Verbrechen angestachelt hatte, welches kaum weniger fürchterlich war als Vatermord. Er befahl, seine Pferde anzuschirren, aber man entgegnete ihm, daß sie noch einige Stunden der Ruhe bedürften. Dies steigerte seinen Ärger noch. Gewissensbisse quälten ihn, und er setzte sich zum Trinken nieder, um seine Sorge zu ertränken und die Zeit hinzubringen. Endlich machte er sich auf die Reise, und nachdem er gegen Abend noch für eine oder zwei Stunden an der Landstraße eingekehrt war, fuhr er die ganze Nacht hindurch. Der ununterbrochene Regen hatte den Weg fast unergründlich gemacht; dieser zog sich an dem großen Kanal entlang, welcher die Pontinischen Sümpfe drainiert, und war zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt. Auf seiner Haltestelle hatte Corvinus wiederum getrunken; Wein, Ärger und Gewissensbisse hatten ihn erhitzt. Der langsame Schritt seiner abgehetzten Rosse reizte ihn, und er peitschte wütend auf sie ein. Während sie in dieser Weise gehetzt wurden, hörten sie den Hufschlag von Pferden, welche in rasender Eile hinter ihnen herkamen, und jetzt tobten sie mit unaufhaltsamer Schnelligkeit vorwärts. Die Begleiter blieben bald um ein beträchtliches Stück Weges zurück, und die scheuen Pferde bogen jetzt zwischen die Bäume auf dem engen Pfade am Kanal ein und galoppierten vorwärts, während sie den Wagen ununterbrochen von einer Seite auf die andere schleuderten. Die hinterherkommenden Reiter, welche das heftige Klappern der Hufe und der Räder vernahmen, ebenso wie die Rufe der numidischen Begleiter, gaben ihren Pferden die Sporen und ritten tapfer vorwärts. Sie hatten die Läufer bereits um eine Strecke Weges überholt, als sie einen Krach, einen Fall und ein Plätschern vernahmen. Das Rad war gegen einen Baumstamm gefahren, der Wagen war umgestürzt und der halbtrunkene Insasse war kopfüber ins Wasser geschleudert. Im selben Augenblick war Pancratius schon vom Pferde gesprungen und stand mit seinem Gefährten am Ufer des Kanals. Bei dem blassen Lichte des aufgehenden Mondes und an dem Ton seiner Stimme erkannte der Jüngling den Corvinus, welcher mit den Fluten des schlammigen Stromes kämpfte. Er war an dieser Stelle nicht tief, aber das hohe lehmige Ufer war naß und abschüssig, und jedesmal, wenn der Unhold versuchte es zu erklimmen, glitt sein Fuß wieder aus und er siel in die tiefere Strömung der Mitte zurück. Er war in der That bereits erschöpft und betäubt durch dieses winterliche Bad. »Es würde dem Burschen nur recht geschehen, wenn wir ihn ertrinken ließen,« murmelte der rauhe Centurion. »Still, Quadratus! Wie kannst du so sprechen! Reich mir deine Hand! So!« sagte der Jüngling, indem er sich über das Ufer lehnte und seinen Feind am Arm packte, grade als dieser die welken Büsche, welche er erfaßt hatte, fahren lassen mußte und halb ohnmächtig ins Wasser zurückfiel. Dies wäre sein letztes Tauchen gewesen. Sie zogen ihn heraus und legten ihn am Wege nieder, eine bemitleidenswerte Gestalt in den Augen seines größten Feindes. Dann rieben sie ihm die Schläfen und die Hände, und er begann bereits wieder Lebenszeichen von sich zu geben, als seine Begleiter herankamen. Ihrer Fürsorge übergaben die Jünglinge ihn sowohl wie seine Geldbörse, welche sich von seinem Gürtel gelöst hatte, als sie ihn aus dem Kanal zogen. Sein eigenes Messer jedoch, welches zugleich mit dem Beutel zu Boden gefallen war, behielt Pancratius zurück; es war dasselbe, welches Corvinus bei sich getragen hatte, um einen Beweis dafür zu haben, daß er derjenige gewesen, welcher das Edikt heruntergeschnitten habe. Die Läufer und übrigen Begleiter behaupteten dem Corvinus gegenüber, als er das Bewußtsein wieder erlangt hatte, daß sie ihn aus dem Wasser gezogen hätten, daß seine Geldbörse jedoch in demselben verloren gegangen und auf dem Grunde im tiefen Morast begraben liegen müsse. Sie trugen ihn in eine benachbarte Hütte, indessen der Wagen wieder in stand gesetzt wurde. Während er schlief, feierten sie mit seinem Gelde ein lustiges Gelage. Zwei Racheakte waren an diesem Tage verübt worden, – ein heidnischer und ein christlicher. Zwanzigstes Kapitel Die öffentlichen Arbeiten Wenn die Thermen des Diocletianus durch die Arbeit und den Schweiß der christlichen Gefangenen bereits vor dem Edikt errichtet wurden, so wird es niemand überraschen zu hören, daß diese mit der zunehmenden Heftigkeit der wildesten aller Verfolgungen an Zahl noch zunahm, während ihre Leiden bis zur Unerträglichkeit verschärft wurden. Jener Kaiser wurde in höchst eigener Person zur Einweihung seines Lieblingsbauwerkes erwartet, und daher wurde die Anzahl der Arbeitenden verdoppelt, um die Vollendung zu beschleunigen. Vom Hafen von Luna, aus Sardinien, sogar aus der Krim oder dem Chersonesus, wo sie in Steinbrüchen oder Bergwerken beschäftigt gewesen, langten täglich ganze Reihen von angeblichen Verbrechern an, und hier wurden sie nun bei den noch schwereren Arbeiten der Baukunst angestellt. Das Material zu transportieren, den Marmor und die Steine zu sägen und zu schneiden, den Mörtel zu mischen und Mauern aufzuführen: das waren die Pflichten, welche den um der Religion willen Verurteilten oblagen, von denen die meisten Männer waren, welche durchaus nicht an so niedere Arbeit gewöhnt. Den einzigen Lohn, welchen sie für ihre Arbeit erhielten, teilten sie mit den Ochsen und Maultieren, mit denen sie auch die Arbeit teilten. Ein Obdach, wenig besser als ein Stall, um darin zu schlafen, Nahrung kaum hinreichend, um ihre Kräfte aufrecht zu erhalten; Kleidung genug, um sie notdürftig gegen die Unbill der Jahreszeit zu schützen – das war alles, was sie zu erwarten hatten, Fesseln an den Füßen, schwere Ketten, welche sie an der Flucht hindern sollten, vermehrten ihre Leiden noch. Rohe und unvernünftige Aufseher überwachten jeden Trupp mit der Peitsche oder dem Stock in der Hand und waren stets bereit, der schweren Mühsal noch den brennenden Schmerz hinzuzufügen, ob es nun geschah, um ihrer eigenen zügellosen Wut an den wehrlosen Opfern Luft zu machen, oder um ihren noch grausameren Gebietern Genüge zu thun. Aber die römischen Christen trugen noch besondere Sorge für diese frommen Dulder für den Glauben, welche in hohem Ansehen bei ihnen standen. Ihre Diakonen besuchten sie, nachdem sie vorerst die Aufseher bestochen hatten: und junge Männer wagten sich kühn unter sie, um kräftigere Nahrung oder wärmere Kleidung an sie zu verteilen, oder um ihnen die Mittel zu bringen, mit denen sie ihre Kerkermeister gefügig machen konnten, um eine bessere Behandlung von ihnen zu erlangen. Dann pflegten sie auch zu bitten, daß diese Märtyrer sie in ihre Gebete einschließen möchten, und sie küßten die Ketten und die Beulen, welche diese heiligen Bekenner des Glaubens für Christus trugen. Diese Männer, welche gefangen waren, weil sie ihrem göttlichen Herrn treu dienten, waren auch noch für einen anderen Zweck nützlich. Wie die Fischbehälter, in welchem der üppige Lucullus seine für ein Gastmahl bereits gemästeten Lampreten aufbewahren ließ; wie die Käfige, in denen seltene Vögel; die Hürden, in denen gut gefüttertes Vieh für die Opfer oder für das Fest eines kaiserlichen Geburtstages aufbewahrt wurden; wie die Zellen in der Nähe des Amphitheaters, in welchen wilde Bestien für die Schaustellung bei den öffentlichen Spielen – grade so waren die öffentlichen Arbeiten die Vorratskammern, aus denen man zu jeder Zeit das Material für eine blutige Hekatombe nehmen oder die Befriedigung des allgemeinen Appetits nach grausamen Schauspielen bei jeder festlichen Gelegenheit bewerkstelligen konnte, – öffentliche Vorräte von Nahrung für jene wilden Tiere, wann es dem römischen Volk einfiel, sich an ihren blutdürstigen Neigungen ergötzen zu wollen. Solch eine Gelegenheit stand nun bevor. Die Christenverfolgung hatte sich hinausgezogen. Bis jetzt war noch keine Persönlichkeit von Bedeutung gefangen genommen. Die Niederlagen des ersten Tages waren noch nicht wieder vollständig ausgewetzt und man erwartete nun etwas wirksameres, umfassenderes, größeres. Das Volk verlangte mehr Unterhaltung; und der herannahende kaiserliche Geburtstag versprach ihm Befriedigung seines Wunsches. Die wilden Tiere, welche Pancratius und Sebastianus gehört hatten, brüllten noch nach ihrer gesetzlichen Beute. » Christianos ad leones «, schien von ihnen so ausgelegt zu sein, als bedeute es, »daß die Christen ihnen von Rechts wegen zukämen.« Eines Nachmittags gegen Ende Dezember begab sich Corvinus nach den Bädern des Diocletianus, begleitet von Catulus, welcher ein scharfes Auge für passende Fechter im Amphitheater hatte, ungefähr so wie ein guter Viehhändler es für das auf den Markt gebrachte Vieh hat. Er rief den Rabirius, den Oberaufseher der Gefangenenabteilung, und sagte zu ihm: »Rabirius, ich bin auf Befehl des Kaisers gekommen, um eine hinreichende Anzahl der unter deiner Aufsicht stehenden verruchten Christen auszuwählen, welche bei Gelegenheit des herannahenden Festes die Ehre haben sollen, im Amphitheater zu fechten.« »In der That,« entgegnete der Beamte, »ich kann keine entbehren. Ich bin gezwungen, die Arbeit in einer ganz bestimmten Zeit zu Ende zu führen und das vermag ich nicht, wenn man mir Arbeiter nimmt.« »Ich kann dir nicht helfen. Man wird dir andere senden, um jene zu ersetzen, welche man dir genommen hat. Du mußt Catulus und mich durch die Reihen der Arbeitenden führen und uns diejenigen wählen lassen, welche uns passend erscheinen.« Rabirius, welcher über diese unvernünftige Forderung murrte, gab derselben trotzdem nach, und führte die beiden auf eine weite Fläche, welche soeben überwölbt war. Man betrat dieselbe durch eine runde Vorhalle, welche wie das Pantheon das Licht von oben erhielt. Diese führte in einen der kürzeren Arme einer kreuzförmigen Halle von edlen Dimensionen, auf welche eine Anzahl von kleineren, obgleich ebenfalls geräumigen Zimmern hinausgingen. In jeder Ecke der Halle, wo die Arme sich kreuzten, sollte ein riesiger aus einem Block bestehender Granitpfeiler errichtet werden. Zwei derselben standen bereits an ihrem Platze; ein dritter war mit Stricken umwickelt, welche von großen Gangspillen ausliefen; er sollte am nächsten Morgen aufgerichtet werden. Eine bedeutende Anzahl von Männern waren beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Catulus stieß den Corvinus an und zeigte mit dem Daumen auf zwei schöne Jünglinge, welche nach Sklavenart bis zu den Hüften bloß, Musterbilder männlicher, athletischer Formen waren. »Diese beiden muß ich haben, Rabirius,« sagte der liebenswürdige Versorger der wilden Bestien, »sie werden ausgezeichnet passen. Ich bin überzeugt, daß sie Christen sind, denn sie sind so willig und fröhlich bei der Arbeit.« »In diesem Augenblick kann ich sie unmöglich entbehren. Sie sind mir wenigstens so viel wert wie sechs andere Männer oder zwei Pferde. Wartet doch, bis die schwerste Arbeit vorüber ist, dann stehen sie euch zu Diensten.« »Wie heißen sie, daß ich mir ihre Namen merken kann? Und merk wohl auf, erhalte sie in gutem Stande.« »Sie heißen Largus und Smaragdus; sie sind junge Männer aus guten Familien, aber sie arbeiten wie Plebejer und werden froh sein, wenn sie euch folgen dürfen.« »Ihr Wunsch soll ihnen erfüllt werden,« sagte Corvinus mit großer Freude. Und er wurde ihnen erfüllt. Als sie durch die Arbeiterreihen schritten, suchten sie noch eine Anzahl von Gefangenen aus, gegen deren Wahl Rabirius sich stets, aber meistens umsonst sträubte. Endlich kamen sie an einen jener Räume, welche sich an der östlichen Seite des längeren Arms der Halle entlang zogen. In einem derselben sahen sie eine Anzahl von Verbrechern, (wenn wir diese Bezeichnung anwenden müssen) welche nach der Arbeit ausruhten. Den Mittelpunkt dieser Gruppe bildete ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen, mit einem langen; weißen Barte, welcher ihm bis auf die Brust herabwallte; milde von Blick, sanft von Worten, fröhlich bei seiner geringen Arbeit. Es war der Bekenner Saturninus, welcher jetzt in seinem achtzigsten Jahre stand und trotzdem zwei schwere Ketten tragen mußte. Auf jeder Seite von ihm befanden sich die jugendlicheren Arbeiter Cyriacus und Sisinnius, von welchen man erzählt, daß sie neben ihrer eigenen Arbeit auch noch seine Fesseln trugen. In der That, man sagt sogar, daß es ihre besondere Freude war, neben ihrer eigenen vorgeschriebenen Arbeit auch noch ihren schwächeren Brüdern zu helfen und die schwere Arbeit für sie zu verrichten. Siehe Piazza über die Kirche Santa Maria degli Angeli in seinem Werke über die »Stationen in Rom«. Aber ihre Zeit war noch nicht gekommen, denn bevor sie die Märtyrerkronen erhielten, wurden sie unter dem nächsten Pontifikat noch zu Diakonen geweiht. Mehrere andere Gefangene lagerten zu den Füßen des alten Mannes auf der Erde, welcher, auf einem Marmorblock sitzend, mit freundlichem Ernste zu ihnen sprach, ihre Aufmerksamkeit fesselte und sie auf diese Weise ihre Leiden vergessen zu machen suchte. Was sprach er zu ihnen? Belohnte er Cyriacus für seine außerordentliche Barmherzigkeit, indem er ihm prophezeite, daß zum Gedenken an dieselbe ein Teil des ungeheuren Gebäudes, an dessen Errichtung sie mitarbeiteten, eines Tages unter seiner Anrufung Gott geweiht, ein Titel werden, und mit einem berühmten Namen die Reihe der Kardinäle dieses Titels schließen werde? Der letzte Kardinal dieses aufgehobenen Titels St. Cyriacus, welcher aus einem Teil der Bäder des Diocletian erbaut wurde, war Kardinal Bembo. Oder sprach er von jener noch herrlicheren Vision, wie dieses kleinere Oratorium in einen erhabenen Tempel zu Ehren der Engelskönigin übergehen würde, welcher jene ganze prächtige Halle mit ihrem Vestibül unter der leitenden Geschicklichkeit des mächtigsten künstlerischen Genius, den die Welt je getragen, in sich fassen würde?« Michelangelo. Die schöne und edle Kirche Santa Maria degli Angeli wurde von ihm aus der mittleren Halle und dem runden Vestibül, welche im Text beschrieben sind, erbaut. Später wurde der Boden höher gelegt; auf diese Weise wurden die Pfeiler gekürzt und die Höhe des Gebäudes um mehrere Fuß vermindert. Konnte diesen armen, unterdrückten Gefangenen ein tröstenderer Gedanke gegönnt werden, als daß sie nicht so sehr ein Bad für den Luxus eines heidnischen Volkes oder die Verschwendungssucht eines gottlosen Kaisers erbauen halfen, wie sie in Wahrheit eine der stattlichsten Kirchen errichteten, in welcher der wahre Gott angebetet und die jungfräuliche Mutter des Sohnes Gottes andächtig verehrt wird. Aus der Entfernung sah Corvinus die Gruppe; er blieb stehen und fragte den Oberaufseher nach den Namen derjenigen, welche sie bildeten. Willig zählte dieser sie her. Dann fügte er hinzu: »Du kannst auch jenen alten Mann mitnehmen, wenn es dir gefällt; denn er ist die Kost nicht wert, die er bekommt; seine Arbeit ist kaum nennenswert.« »Ich danke dir,« entgegnete Corvinus, »der würde eine schöne Figur im Amphitheater machen. Das Volk läßt sich nicht mit gebrechlichen alten Leuten abspeisen, die ein einziger Schlag von der Tatze eines Bären oder Tigers schon zu Boden wirft und tötet. Das Volk will junges Blut fließen und frisches, volles Leben gegen Wunden und Streiche kämpfen sehen, ehe der Tod kommt, um den Kampf zu entscheiden. Aber da ist noch einer, dessen Namen du mir nicht genannt hast. Sein Gesicht ist von uns abgewandt; er trägt nicht die Kleidung der Sträflinge und auch keine Ketten. Wer mag er sein?« »Ich kenne seinen Namen nicht,« antwortete Rabirius, »aber er ist ein schöner Jüngling, welcher einen großen Teil seiner Zeit unter den Gefangenen zubringt, sie ermuntert, und oft sogar an ihrer Arbeit teilnimmt. Natürlich bezahlt er gut dafür, daß man ihm dies alles gestattet; daher kommt es uns nicht zu, Fragen an ihn zu richten.« »Aber mir kommt es zu,« sagte Corvinus scharf und trat zu diesem Zwecke vor. Die Stimme schlug an das Ohr des Fremden und er wandte sich, um zu sehen, wer es sei. Mit den Blicken und Gebärden eines Tigers stürzte Corvinus sich auf ihn, ergriff ihn und rief triumphierend aus: »Legt ihm augenblicklich Ketten an. Dieses Mal, Pancratius, sollst du mir nicht wieder entschlüpfen!« Einundzwanzigstes Kapitel Das Gefängnis Wenn ein Christ unserer Zeit wirklich wissen will, was seine Vorfahren während jener drei Jahrhunderte der Verfolgung für den Glauben gelitten haben, so raten wir ihm, nicht allein die Katakomben zu besuchen, wie wir es mit ihm gethan haben, und auf diese Art zu erfahren, welch ein Leben sie zu führen gezwungen waren, sondern wir empfehlen ihm jene unvergänglichen Aufzeichnungen zu lesen, die »Akten der Märtyrer«, welche ihn darüber belehren werden, wie sie den Tod erlitten. Wir kennen nichts Geschriebenes, das so rührend, so zart, so tröstend wäre, das uns so viel Kraft zu glauben und zu hoffen einflößt, das uns so nach Gottes Wort leben lehrt, wie jene ehrwürdige Denkschrift. Und wenn unser Leser, so beraten, nicht die Muße hat, viel über diesen Gegenstand zu lesen, so möchten wir ihn gern auf eine Probe beschränken, nämlich auf die authentische Geschichte der heiligen Perpetua und der heiligen Felicitas. Es ist wahr, daß es am besten ist, wenn der Gelehrte sie in ihrem einfachen, afrikanischen Latein liest; aber wir hoffen, daß irgend jemand uns bald eine würdige Übersetzung von diesem und einigen ähnlichen christlichen Dokumenten aus jener Zeit liefern wird. Die, welche wir hier ausgewählt haben, sind dieselben, welche dem heiligen Augustinus bekannt waren, und man kann sie nicht ohne Rührung lesen. Wenn der Leser die krankhafte Empfindsamkeit und die überreizte Erregung, welche ein moderner französischer Schriftsteller in dem imaginären Tagebuch, welches ein zum Tode verurteilter Verbrecher bis zur nahe bevorstehenden Hinrichtung führt, an den Tag legt, mit jenem natürlichen Pathos und der herrlichen Wahrhaftigkeit vergleicht, welche in der Erzählung von Vivia Perpetua, einer zarten Frau von einundzwanzig Jahren, vorherrscht, so wird er nicht zögern zu gestehen, daß die einfachen Erzählungen aus dem Christentum unendlich viel natürlicher und anmutiger sind als die kühnsten Erdichtungen der Romantik. Und wenn unsere Herzen traurig und unsere Seelen müde sind, oder wenn die kleinlichen Verfolgungen unserer Zeit unseren schwachen Geist geneigt machen zu murren, so können wir nichts besseres thun, als uns zu jener wirklich goldenen, weil wahren Legende, oder zu der Geschichte der edlen Märtyrer von Vienne oder Lyon, oder jenen vielen ähnlichen ebenfalls bekannten Dokumenten wenden, um unseren Mut durch die Betrachtung dessen, was Frauen und Kinder, Katechumen und Sklaven ohne zu murren für Christus gelitten haben, neu zu beleben. – Aber wir weichen von unserer Erzählung ab. Pancratius wurde mit einigen zwanzig anderen gefesselt und zusammengekettet durch die Straßen Roms geführt und in das Gefängnis geschleppt. Während sie so, taumelnd und hilflos stolpernd, vorwärts getrieben wurden, schlugen die Wachen, welche sie führten, unbarmherzig auf sie ein, und jeder Mensch, welcher ihnen hinreichend nahe kam, um sie erreichen zu können, versetzte ihnen ohne Bedenken oder Gewissensbisse Schläge und Stöße. Die weiter Entfernten bewarfen sie mit Steinen oder Unrat, oder sie griffen sie mit den unzüchtigsten Schimpfreden an. Endlich erreichten sie das Gefängnis, wurden hineingeworfen und fanden dort bereits andere Opfer, sowohl Männer wie Frauen, welche ihrer Todesstunde warteten. Der Jüngling hatte, als ihm Handschellen angelegt wurden, grade noch Zeit gefunden, einen seiner Häscher zu ersuchen, daß er seine Mutter und Sebastianus von dem Geschehenen in Kenntnis setze, und bei dieser Bitte drückte er dem Manne seine wohlgefüllte Börse in die Hand. Ein Gefängnis im alten Rom war nicht der Ort, in welchen ein armer Mann um Aufnahme gebeten haben würde, weil er vielleicht gehofft hätte, dort bessere Kost und ein behaglicheres Unterkommen zu finden als in seinem eigenen armseligen Heim. Zwei oder drei dieser Löcher – denn sie sind nichts besseres – existieren noch heute, und eine kurze Beschreibung des oben erwähnten wird genügen, um dem Leser einen Begriff von dem zu geben, was ein Bekenner zu leiden hatte, selbst wenn er nicht zum Märtyrer wurde. Es bestand aus zwei viereckigen unterirdischen Kammern, eine unter der anderen, mit nur einer runden Öffnung in der Mitte jeder Wölbung, durch welche allein das Licht, die Luft, Nahrung, andere Gegenstände und Menschen hineingelangen konnten. Wenn das obere Geschoß angefüllt war, so können wir uns leicht vorstellen, wieviel von den ersteren beiden in das untere gelangen konnte. Es gab keine andere Art und Weise der Ventilation, der Reinhaltung und des Zugangs. In den Wänden, welche aus großen Steinblöcken bestanden oder noch bestehen, sind große, eiserne Ringe befestigt, um die Gefangenen daran zu fesseln. Aber viele der Unglücklichen lagen auch auf der Erde, die Füße an den Klötzen befestigt; und die erfinderische Grausamkeit der Verfolger steigerte die Unbehaglichkeit des feuchten Steinbodens noch, indem sie das einzige Lager, welches die verstümmelten Glieder und die gekrümmten Rücken der gefolterten Christen hatten, mit Glas- und Thonscherben bestreuten. Daher haben wir in Afrika eine Anzahl von Märtyrern, an ihrer Spitze die heiligen Saturninus und Dativus, welche sämtlich ihren Leiden in den Gefängnissen erlagen. Und die Akten der Märtyrer von Lyon erzählen uns, daß viele der neu Ankommenden im Kerker ihren Entbehrungen und Qualen erlagen, bevor ihr Körper noch die Folterqualen erduldet hatte, während wieder andere, welche so grausam gefoltert in dasselbe zurückkehrten, daß ihre Wiederherstellung ganz unmöglich schien, ohne jede ärztliche oder andere Hilfe dort ihre Gesundheit wieder erlangten. Zugleich aber auch erkauften sich die Christen den Zutritt in diese Wohnungen des körperlichen Leidens – doch nicht des Kummers – und lieferten alles, was unter solchen Umständen die Qualen lindern, und das zeitige wie geistige Wohl dieser hochverehrten und inniggeliebten Mitbrüder fördern konnte. Die römische Justiz verlangte wenigstens die äußere Form einer Untersuchung, und daher wurden die christlichen Gefangenen aus ihren Kerkerlöchern vor das Tribunal geführt. Hier wurden sie einem Verhör unterworfen, von welchem sehr wertvolle Beispiele in den prokonsularischen Märtyrerakten ganz in derselben Fassung, wie der Sekretär oder Einschreiber des Gerichtshofes sie in die Annalen eintrug, aufbewahrt sind. Als der Bischof von Lyon, Pothinus, damals in seinem neunzigsten Jahre gefragt wurde: »Wer ist der Gott der Christen?« da entgegnete er mit einfacher Würde: »Wenn du würdig sein wirst, wirst du es erkennen. »Si dignus fueris, cognosces.« Ruinart, S. 145. Zuweilen auch pflegte der Richter sich auf eine Diskussion mit seinen Gefangenen einzulassen, und natürlich zog er stets den kürzeren dabei, obgleich jener selten weiter ging, als daß er einfach sein christliches Glaubensbekenntnis hersagte. Oft, wie in dem Falle eines Ptolomäus, welchen der heilige Justinus so schön erzählt, oder wie in jenem der heiligen Perpetua, begnügte er sich damit, die einfache Frage zu stellen: »Bist du ein Christ?« Und auf die bejahende Antwort verhängte er die Todesstrafe über den Angeklagten. Pancratius und seine Gefährten standen vor dem Richter, denn es fehlten nur noch drei Tage bis zum munus oder jenen Spielen, bei welchen sie »mit den wilden Tieren kämpfen sollten.« »Was bist du?« fragte er den Einen. »Ich bin ein Christ, durch Gottes Gnade,« lautete die Antwort. »Und wer bist du?« fragte der Präfekt den Rusticus. »Ich bin in der That ein Sklave Cäsars,« entgegnete der Gefangene, »aber als ich Christ wurde, hat Christus selbst mich frei gemacht. Und durch seine Gnade und Barmherzigkeit bin ich derselben Gnade teilhaftig geworden wie jene, welche du hier vor dir siehst.« Dann wandte sich der Richter an den Priester, Lucianus, ehrwürdig durch seine Jahre und seine Tugenden, und sprach folgendermaßen zu ihm: »Komm, sei den Göttern und dem kaiserlichen Befehl gehorsam.« »Niemand kann getadelt oder verdammt werden, welcher den Geboten des Herrn Jesus Christus gehorcht,« antwortete der alte, silberweiße Mann. »Welche Studien und Wissenschaften treibst du?« »Ich habe mich bemüht, jeder Wissenschaft Herr zu werden und habe es mit jedem Studium versucht. Aber schließlich wandte ich mich den Lehren des Christentums zu, wenn sie auch jenen nicht gefallen mögen, welche auf den Wegen verkehrter und falscher Ansichten einhergehen.« »Unglücklicher! findest du Gefallen an jenen Lehren?« »Den größten Gefallen! Denn ich folge der wahren Lehre der Christen.« »Und welches ist jene Lehre?« »Die wahre Lehre, welche wir Christen heilig halten, ist, an Einen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge zu glauben; und unsern Herrn und Heiland Jesus Christus, den Sohn Gottes, zu bekennen, welchen die Propheten von alters her verkündet haben, daß Er kommen werde, die Menschheit zu richten; und der da der Herr und Meister der Erlösung ist für jene, so unter ihm lernen wollen. Ich, ein armer, sündiger Mensch, bin in der That zu schwach und unbedeutend, um große Dinge von seiner unendlichen Gottheit sagen zu können. Dieses Amt gebührt nur den Propheten.« »Akten des heiligen Justinus.« Ruinart, S. 129. »Mich dünkt, du bist ein guter Verbreiter der falschen Lehre für andere und verdienst, schwerer bestraft zu werden als die übrigen. Laßt diesen Lucianus im Stock gehalten werden; seine Füße spannt in das fünfte Loch. Dies wird für die denkbar weiteste Dehnung gehalten. »Und ihr beiden Weiber dort! Wie ist euer Name und euer Stand?« »Ich bin eine Christin, und Christus ist mein Bräutigam. Mein Name ist Secunda,« antwortete die eine. »Und ich bin eine Witwe mit Namen Rufina. Ich habe denselben seligmachenden Glauben,« fuhr die andere fort. Endlich, nachdem er viele ähnliche Fragen gestellt und ähnliche Antworten von allen anderen erhalten hatte, mit Ausnahme eines unglücklichen Mannes, welcher zum Kummer der anderen schwankte und sich dazu verstand, den Göttern wieder opfern zu wollen, wandte der Präfekt sich zu Pancratius und redete ihn folgendermaßen an: »Und jetzt, übermütiger Jüngling, der du den Mut hattest, das Edikt der göttlichen Kaiser herabzureißen, selbst du sollst noch Gnade finden, wenn du dich bereit erklärst, den Göttern zu opfern. Zeige so deine Weisheit und deine kindliche Liebe zugleich, denn du bist ja noch ein sehr junger Bursche.« Pancratius machte das Zeichen des Kreuzes und entgegnete sehr ruhig: Ich bin der Diener Christi. Ihn bekenne ich mit den Lippen, ihn trage ich in meinem Herzen, ihn bete ich an in Ewigkeit. Die Jugend, welche du in mir verspottest, hat die Weisheit eines grauen Hauptes, wenn sie nur einen Gott verehrt. Aber eure Götter samt denen, welche sie anbeten, sind dem ewigen Verderben geweiht!« »Schlagt ihn auf den Mund für seine Lästerungen und peitscht ihn mit Ruten!« schrie der erzürnte Richter. »Ich danke dir,« entgegnete der edle Jüngling sanft, »daß du mich dieselbe Strafe erdulden läßt, welche mein Heiland leiden mußte.« Dann sprach der Richter das Urteil in der gewöhnlichen Form: »Wir befehlen, daß Lucianus, Pancratius, Rusticus und andere, und die Frauen Secunda und Rufina, welche sämtlich eingestanden haben, daß sie Christen sind und sich weigern, dem heiligen Kaiser zu gehorchen und die Götter Roms anzubeten, den wilden Tieren im Amphitheater des Flavian preisgegeben werden.« Der Pöbel heulte vor Freude und Haß und begleitete die mutigen Bekenner ihres Glaubens mit dieser Musik ins Gefängnis zurück; nach und nach aber hielt die Würde ihrer Haltung und die strahlende Ruhe, welche auf ihren Zügen lagerte, den Volkshaufen in Furcht. Einige Männer behaupteten sogar, sie hätten bemerkt, wie eine zarte, duftige Atmosphäre einige der Gefangenen umgeben habe Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Wegzehrung Einen starken Gegensatz zu dem Toben und Streiten, welches draußen vor sich ging, bildete die Scene innerhalb des Gefängnisses. Friede, Heiterkeit, Gelassenheit, Frohsinn und Freude herrschten hier; die rauhen Steinmauern und Gewölbe tönten wieder von dem Absingen der Psalmen, welche Pancratius anstimmte, und in welchen der Abgrund dem Abgrunde zurief, denn die Gefangenen in dem unteren Kerkerloch stimmten in den Gesang der Psalter ein. Der Vorabend des »Kampfes« mit den wilden Tieren – dieser »Kampf« bedeutete nichts anderes als »zerrissen werden«, war immer ein Tag größerer Freiheit. Die Angehörigen und Freunde der auserwählten Opfer wurden zugelassen, um diese noch einmal zu sehen; und die Christen machten sich diese Erlaubnis im vollen Umfange zu Nutzen; sie zogen in Strömen nach dem Gefängnis und empfahlen sich den Gebeten der Bekenner Christi. Am Abend wurden sie hinaus geführt, um das zu genießen, was ein »freies Mahl« genannt wurde; das war ein reichliches und sogar üppiges, öffentliches Mahl. Die Tafel war von Heiden umgeben, welche begierig waren, das Verhalten und die Mienen der Fechter des nächsten Tages zu beobachten. Aber sie sahen weder die Prahlerei und das Toben, noch die Bitterkeit und Niedergeschlagenheit gewöhnlicher Verbrecher. Für die Gäste war es in der That eine agape oder Liebesmahl, denn sie speisten unter fröhlichen Gesprächen in freudiger Ruhe. Pancratius konnte jedoch nicht umhin, über diese rohe, gefühllose Neugierde und die hämischen Bemerkungen der Menge ein- oder zweimal einen scharfen Verweis zu erteilen; er sagte: »Der morgende Tag ist noch nicht genug für euch, weil es euch unsagbare Freude gewährt, auf die Gegenstände eures künftigen Hasses zu blicken. Heute seid ihr unsere Freunde, morgen unsere Feinde. Aber merkt euch unsere Gesichter wohl, damit ihr sie am Tage des Gerichts wieder erkennt.« Viele der Umstehenden zogen sich nach diesem Verweise zurück, und nicht wenige wurden durch ihn zur Bekehrung geführt. Aber während die Verfolger auf diese Weise ein Fest für die Körper ihrer Opfer vorbereiteten, hatte die Kirche, ihre Mutter, für ein viel köstlicheres Mahl Sorge getragen, ein Mahl, das für die Seelen ihrer Kinder bestimmt war. Die Diakone, besonders Reparatus, welcher sich freudig zu ihnen gesellt haben würde, waren bis dahin unablässig um sie beschäftigt gewesen. Jetzt aber verbot seine Pflicht ihm dies. Nachdem er daher so gut wie möglich für ihre zeitlichen Bedürfnisse gesorgt hatte, kam er mit dem frommen Priester Dionysius, welcher noch in Agnes Hause wohnte, überein, gegen Abend hinreichende Anteile vom Brote des Lebens zu senden, um früh am Morgen der Schlacht die Kämpfer Christi damit zu stärken. Obgleich die Diakonen die konsekrierten Elemente von der Hauptkirche nach anderen trugen, wo sie nur durch die Titularpriester ausgeteilt wurden, so lag das Amt, dieselben zu den Märtyrern im Gefängnisse oder zu den Sterbenden zu tragen, den niederen Priestern ob. An diesem Tage, wo die feindlichen Leidenschaften des heidnischen Rom so ungewöhnlich erregt waren durch das bevorstehende Blutbad so vieler christlicher Opfer, war es ein Werk, das mehr als gewöhnliche Gefahr in sich barg, diese Pflicht zu erfüllen. Denn durch die Enthüllungen des Torquatus war es bekannt geworden, daß Fulvius sich alle im Heiligtum anwesenden Priester gemerkt und seinen unzähligen sehr rührigen Spionen eine Beschreibung von ihnen gemacht hatte. Daher konnten sie sich bei Tage ohne genügende Verkleidung kaum hinauswagen. Das heilige Brot wurde vorbereitet, und der Priester wandte sich vom Altar, auf welchem es lag, um zu sehen, wer wohl der sicherste Überbringer sein könne. Bevor noch ein anderer hervortreten konnte, kniete bereits der junge Akolythgehilfe Tarcisius zu seinen Füßen. Mit emporgestreckten Händen, bereit das anvertraute heilige Pfand entgegen zu nehmen, mit einem Antlitz, das in seiner rührenden Unschuld strahlend schön wie das eines Engels war, schien er nicht nur um diesen Vorzug zu bitten, sondern ihn beinahe zu fordern. »Du bist zu jung, mein Kind,« sagte der gütige Priester von Bewunderung für das sich ihm darbietende Bild erfüllt. »Meine Jugend, heiliger Vater, wird meine beste Beschützerin sein. O! verweigere mir diese hohe Ehre nicht!« Thränen glänzten in den Augen des Knaben und seine Wangen glühten in bescheidener Rührung, als er diese Worte sprach. Eifrig streckte er die Hände aus, und seine Bitte war so voll Innigkeit und Mut, daß ein Widerstand ganz unmöglich war. Der Priester hüllte die heiligen Geheimnisse sorgsam in ein Tuch von seinem Linnen, dann in eine äußere Decke, legte sie in seine Hände und sagte: »Vergiß nicht Tarcisius, daß ein unermeßlicher Schatz deiner schwachen Kraft anvertraut ist. Vermeide alle öffentlichen Plätze auf deinem Wege und vergiß nicht, daß heilige Dinge nicht den Hunden gegeben, Perlen nicht den Schweinen vorgeworfen werden dürfen. Wirst du die heiligen Gaben Gottes sicher behüten?« »Ich werde eher sterben als sie verraten,« antwortete der fromme Jüngling, indem er das himmlische Gut in den Falten seines Überwurfs verbarg und sich mit fröhlicher Ehrfurcht auf den Weg machte. Auf seinen Zügen lagerte ein Ernst, welcher weit über den gewöhnlichen Gesichtsausdruck seiner Jahre hinausging, als er leichtfüßig durch die Straßen trippelte, dabei gleichmäßig die belebtesten wie die besonders einsamen Gassen vermeidend. Als er sich der Thür eines großen Wohnhauses näherte, sah dessen Gebieterin, eine reiche Dame ohne Kinder, ihn daherkommen. Ihr fiel seine Schönheit und seine Sanftmut auf, als er mit auf der Brust gekreuzten Armen dahineilte. »Warte einen Augenblick, teures Kind, nenne mir deinen Namen und sag' mir, wo deine Eltern sind,« sagte sie, ihm den Weg vertretend. »Ich bin Tarcisius, ein Waisenknabe,« erwiderte er, lächelnd emporblickend, »und ich habe keine Eltern und kein Heim außer dem einen, von dem zu hören dir vielleicht mißfallen könnte.« »So tritt in mein Haus und ruhe dich aus. Ich will mit dir reden. O, wenn ich ein Kind hätte, das dir gleich wäre!« »Nicht jetzt, edle Dame, nicht jetzt! Mir ist eine schwere und heilige Pflicht auferlegt worden, und ich darf nicht einen Augenblick verweilen.« »So versprich mir, morgen wieder zu kommen; dies hier ist mein Haus.« »Wenn ich am Leben bin, so werde ich kommen,« antwortete der Knabe mit strahlendem Blick, so daß er ihr wie ein Bote aus einer höheren Sphäre erschien. Sie blickte ihm noch lange nach, und nachdem sie einen kurzen Augenblick mit sich zu Rate gegangen war, beschloß sie, ihm zu folgen. Bald darauf aber schlug das Getöse eines Tumults, untermischt mit Angstgeschrei, an ihr Ohr. Sie hielt auf ihrem Wege inne, bis dieses wieder verstummt war, dann schritt sie von neuem vorwärts. Inzwischen eilte Tarcisius weiter. Seine Gedanken beschäftigten sich mit besseren Dingen als mit dem Reichtum jener Dame. Gleich darauf gelangte er auf einen freien Platz, wo Knaben, welche soeben aus der Schule entlassen waren, zu spielen begannen. »Wir brauchen noch einen zu unserem Spiel. Woher sollen wir den nehmen?« fragte ihr Anführer. »Prächtig!« rief ein anderer, »hier kommt grade Tarcisius, den ich seit Menschengedenken nicht gesehen habe. Er pflegte in all diesen Spielen sehr gewandt zu sein. Komm Tarcisius,« fügte er hinzu, indem er diesen beim Arm faßte und ihn aufhielt, »wohin denn so schnell? Nimm doch an unserem Spiel teil! Thu's uns zu Liebe.« »Jetzt kann ich nicht, mein guter Petilius, in der That, ich darf nicht. Ich habe ein Geschäft von großer Wichtigkeit vor.« »Aber du mußt,« rief der erste Sprecher, ein großer, starker, lärmender Knabe, und packte ihn an. »Ich dulde keine wunderlichen Launen, wenn ich irgend etwas gethan haben will. Komm augenblicklich und spiel mit uns!« »Ich flehe dich an,« sagte der arme Jüngling mit innigem Ton, »laß mich fort.« »Durchaus nicht,« erwiderte der andere. »Was hast du da so sorgsam in deinen Brustfalten versteckt? Einen Brief vermutlich; nun, dem wird es nichts schaden, wenn er eine halbe Stunde später an Ort und Stelle kommt. Gieb ihn her, ich werde ihn sorgsam beiseite legen während wir spielen.« Und mit diesen Worten griff er nach dem heiligen anvertrauten Gut, das der Knabe auf der Brust trug. »Niemals, niemals,« antwortete das Kind und warf einen Blick zum Himmel empor. »Ich muß und will sehen, was du dort verbirgst,« fuhr der andere beharrlich in rohem Tone fort, »ich muß dies wundersame Geheimnis kennen.« Und dabei begann er, frech an ihm zu zerren. Bald waren sie von einem Haufen Männer aus der Nachbarschaft umgeben, und alle fragten neugierig, was geschehen sei. Sie sahen einen Knaben mit auf der Brust gekreuzten Armen, der mit übernatürlicher Kraft ausgestattet schien, denn er Widerstand jeder Anstrengung, welche sein viel größerer und stärkerer Gegner machte, um ihm das zu entreißen, was er trug. Stöße, Schläge, Püffe, Fußtritte – alles das schien er kaum zu fürchten. Er ertrug alles ohne Murren und ohne Versuch, Wiedervergeltung zu üben; aber er blieb unerschütterlich in seinem Vorsatze. »Was giebt es? Was kann es sein?« begann einer den andern zu fragen, als Fulvius zufällig des Weges kam und zu dem Kreise trat, welcher sich um die Kämpfenden gebildet hatte. Er kannte sofort den Tarcisius wieder, welchen er bei der Ordination gesehen hatte; und da man an ihn, den besser Gekleideten, dieselbe Frage richtete, entgegnete er verächtlich, indem er sich auf dem Absatze umwandte: »Was es giebt? Was es sein kann? Nur ein christlicher Esel, welcher die Geheimnisse trägt!« Asinus portans mysteria , ein lateinisches Sprichwort. Dies war genug. Fulvius, welcher solche nutzlose Beute verachtete, kannte die Wirkung seiner Worte sehr wohl. Die heidnische Begierde, die Geheimnisse der Christen enthüllt zu sehen und sie beschimpfen zu können, war geweckt, und die allgemeine Forderung wurde an Tarcisius gestellt, seine Bürde herauszugeben. »Niemals, so lange ich lebe!« war seine einzige Antwort. Ein schwerer Schlag von der Faust eines Schmieds betäubte ihn fast, während das Blut aus der Wunde quoll. Dann folgte noch einer und noch einer, bis er mit Beulen und Quetschungen bedeckt, jedoch die Arme noch immer fest auf der Brust gekreuzt, schwer zu Boden fiel. Der Pöbel drängte sich um ihn zusammen und war grade im Begriff, ihn zu packen und das dreimal heilige ihm anvertraute Gut auseinander zu reißen, als eine gigantische Faust sich einen Weg bahnte und das Gedränge nach links und nach rechts auseinander teilte. Einige taumelten nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes hinüber, andere wirbelten umher, sie wußten selbst nicht wie, bis sie umsanken, und die übrigen machten einem athletischen Offizier, welcher der Urheber dieser Niederlage war, freiwillig Platz. Kaum hatte er den Ort gesäubert, als er auf die Kniee fiel und mit Thränen in den Augen den verwundeten, sterbenden Knaben zärtlich wie eine Mutter empor richtete und ihn im weichsten Ton fragte: »Hast du große Schmerzen, Tarcisius?« »Kümmere dich nicht um mich, Quadratus,« entgegnete er, indem er die Augen lächelnd öffnete, »aber ich trage die göttlichen Geheimnisse; nimm sie an dich.« Mit verdoppelter Ehrfurcht hob der Soldat den Knaben empor, als wenn er nicht nur das zarte Opfer jugendlicher Hingebung, die heiligen Überreste eines Märtyrers trüge, sondern den König und Herrn der Märtyrer selbst, jenen, der für unsere Erlösung in den Tod gegangen war. Das Haupt des Kindes lehnte vertrauensvoll an der mächtigen Brust des Soldaten, aber seine Arme und Hände umklammerten noch immer ängstlich das anvertraute höchste Gut. Der tapfere Träger fühlte nicht die Last der heiligen, doppelten Bürde, welche er trug. Niemand hielt ihn an, bis ihm eine Dame entgegen kam und ihn bestürzt anblickte. Sie trat näher und betrachtete seine Last genauer. »Ist es möglich?« schrie sie erschrocken auf. »Kann das Tarcisius sein, den ich noch vor wenigen Augenblicken so schön, so lieblich sah? Wer mag dies gethan haben?« »Edle Frau,« antwortete Quadratus, »sie haben ihn gemordet, weil er ein Christ war.« Die Dame blickte einen Augenblick in das Gesicht des Kindes. Tarcisius öffnete die Augen, lächelte sie an und – verschied. Aus jenem Blicke ging ihr das Licht des Glaubens auf; sie beeilte sich, ebenfalls Christin zu werden. Der ehrwürdige Dionysius konnte vor Thränen kaum sehen, als er die Hände des Kindes voneinander that und von seiner Brust, unverletzt, unberührt, das Allerheiligste nahm; und es dünkte ihn, daß er jetzt, wo er den Schlaf des Märtyrers schlief, mehr wie ein Engel aussah, als vor einer Stunde, da er ihn noch lebend gesehen. Quadratus selbst trug ihn nach dem Cömeterium des Callistus, wo er zwischen älteren Gläubigen begraben wurde; später setzte ihm der heilige Papst Damasus ein Epitaph, das niemand lesen kann, ohne daraus zu schließen, daß der Glaube an die wahre Gegenwart des Leibes unseres Herrn Jesus Christus in der heiligen Eucharistie damals bereits derselbe war wie er es heute ist: »Tarcisium sanctum Christi sacramenta gerentem, Cum male sana manus peteret vulgare profanis; Ipse animam potius voluit dimittere caesus Prodere quam canibus rabidis coelestia membra.« Tarcisius verbarg die Sakramente des Heilands, Fest entschlossen, diese dem Volke nicht zu enthüllen. Und eher sein Leben in heiliger Frommheit dahin zu geben. Als des Himmlischen Glieder den reißenden Hunden zum Fraß. Siehe ebenfalls Baronius' Anmerkungen zur Geschichte der Märtyrer. Die Worte »(Christi) coelestia membra« auf die heilige Eucharistie angewandt, stehen hier für eins jener gelegentlichen aber höchst auffallenden Argumente, welche mehr das Resultat der gewöhnlichen Sprach- und Denkweise des Altertums als einer konventionellen und wohlüberlegten Phraseologie sind. In den Akten der römischen Märtyrer wird erwähnt, daß man seinen Gedenktag am fünfzehnten August in dem Cömeterium des Callistus feierte, von wo seine Überreste in späterer Zeit in die Kirche Sankt Sylvester in Campo übertragen wurden, wie eine alte Inschrift besagt. Die Gefangenen erhielten die Nachricht von diesem Vorfalle erst nach ihrer Mahlzeit; und vielleicht war die Besorgnis, daß man sie der Seelennahrung berauben könnte, von welcher sie Kraft und Mut erhofften, das einzige, was für einen Augenblick den Frieden und die Reinheit ihrer Seele hätte trüben können. In diesem Augenblick trat Sebastianus ein und bemerkte sofort, daß eine traurige Botschaft eingetroffen sein müsse, und schnell erriet er, welcher Art diese gewesen sei, denn Quadratus hatte ihn bereits von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt. Er ermutigte daher die Bekenner und versicherte sie, daß die heißersehnte Glaubensstärkung ihnen nicht versagt bleiben würde. Dann flüsterte er Reparatus, dem Diakon, einige Worte zu, und dieser eilte augenblicklich mit einem hellen Blicke des Einverständnisses hinaus. Sebastianus, welchen die Wachen kannten, hatte ungehindert täglich in dem Gefängnis aus- und eingehen können. In seiner Sorge für die Insassen desselben war er unermüdlich gewesen. Jetzt aber war er gekommen, um seinem teuersten Freunde Pancratius das letzte Lebewohl zu sagen. Dieser hatte die Unterredung herbeigesehnt. Sie zogen sich in eine Ecke zurück, und der Jüngling begann: »Erinnerst du dich, Sebastianus, wie wir vor dem Fenster deines Zimmers standen und die wilden Tiere brüllen hörten, und auf die vielen offenen Bögen des Amphitheaters hinabsahen, die ebensovielen Triumphbögen für die Christen glichen?« »Ja, mein teurer Knabe; ich erinnere mich jenes Abends sehr wohl, und mir war es damals, als fühle dein Herz das, was morgen deiner harrt, bereits voraus.« »So war es auch in der That. Ich hatte die innere Überzeugung, daß ich einer der ersten sein würde, welcher die tobende Wut jener Stellvertreter der menschlichen Grausamkeit werde befriedigen müssen. Aber jetzt, wo die Zeit gekommen ist, kann ich mich einer so hohen, fast unermeßlichen Ehre kaum würdig halten. Was kann ich gethan haben, Sebastianus – nicht sie zu verdienen – aber als ein Gegenstand so hoher Gnade auserwählt zu sein?« »Du weißt, Pancratius, daß nicht der, welcher will, noch der, welcher läuft, sondern Gott der Barmherzige es ist, welcher erwählt. Röm. 9, 16. Aber sag mir, wie denkst du in diesem Augenblick über das glorreiche Schicksal, das deiner morgen harrt?« »Ich muß dir in Wahrheit gestehen, es erscheint mir so köstlich, so hehr, so weit erhaben über alle Ansprüche, die ich zu machen wagen durfte, daß es mir oft mehr wie ein Traum als wie Wirklichkeit erscheint. Ist es nicht beinahe unglaublich, daß ich, der ich diese Nacht noch in einem kalten, düsteren, traurigen Kerker zubringe, morgen, bevor die Sonne wiederum untergegangen, den Tönen himmlischer Harfen lauschen und im Zuge mit weißgekleideten Heiligen einherschreiten werde, daß ich den Duft des himmlischen Weihrauchs einatmen und ans dem krystallhellen Bronnen des Wassers des Lebens schlürfen soll? Ist es nicht zu ähnlich dem, was man von einem Anderen hört oder liest, aber kaum für sich selbst in wenigen Stunden schon zu hoffen wagt?« »Und nichts mehr als das, was du mir soeben beschrieben hast, Pancratius?« »O ja, viel mehr noch; viel mehr, als man ohne Anmaßung sagen darf! Daß ich, ein Knabe, welcher kaum aus der Schule entlassen ist, der noch nichts für Christus gewirkt hat, sagen darf: ›Morgen werde ich Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen und Ihn anbeten: und Er wird mir eine Palme und eine Krone geben, ja, und Er wird mich liebevoll in Seine Arme schließen‹ – das ist eine so schöne Hoffnung , daß es mich fast erschreckt zu denken, es wird bald Gewißheit sein. Und doch, Sebastianus, fuhr er innig fort, indem er die beiden Hände seines Freundes ergriff, es ist wahr, es ist wahr!« »Und noch mehr, Pancratius?« »Ja, Sebastianus, noch mehr, und immer noch mehr! Man schließt die Augen im Angesichte von Menschen, und öffnet sie wieder im Angesichte Gottes! Man schließt sie vor den Blicken von zehntausend Geschöpfen, welche von den Stufen des Amphitheaters mit Haß, Verachtung und Wut auf Einen herabsehen, und schlägt sie gleich darauf vor jenem einen sonnigen, gütigen Antlitz auf, dessen Glanz uns blenden oder versengen würde, wenn seine Strahlen uns nicht umgäben und umarmten und bewillkommten. Wir stürzen uns sofort in die unermeßliche Liebe des Herzens Gottes und tauchen ohne Furcht vor Vernichtung in dem glühenden Ocean von Gnade und Liebe unter! Wahrlich, Sebastianus, es klingt wie Anmaßung, wenn ich sage, daß morgen – nein, stille! – der Wächter vom Kapitol – verkündet die Mitternachtsstunde – daß heute – heute – mir alles dies zu teil werden wird!« »Glücklicher Pancratius!« rief der Soldat aus, »schon stundenlang vorher kostest du die Wonne, deren du teilhaftig werden sollst.« »Und weißt du, teurer Sebastianus,« fuhr der Jüngling fort, als hätte er die Unterbrechung gar nicht bemerkt, »es scheint mir so gütig, so gnädig, daß Gott mir einen solchen Tod gewährt! Wieviel bereitwilliger muß man ihm bei meinem Alter ins Antlitz sehen, wenn er allem, was auf Erden hassenswert ist, ein Ende macht, wenn er den Anblick widerlicher, wilder Tiere und sündiger Menschen auslöscht und dem teuflischen Gebrüll beider Schweigen gebietet! Wie viel schwerer würde es sein, zu scheiden, wenn der letzte liebende Blick einer Mutter, wie die meine es ist, auf mir ruhte, und der letzte Laut, den ich hörte, die wehmütige Klage ihrer süßen Stimme wäre! – Es ist wahr, ich werde sie noch sehen und hören, wie es bestimmt ist – zum letztenmale – heute – vor dem Kampfe. Aber ich weiß, daß sie mich nicht mutlos machen wird.« Eine Thräne hatte ihren Weg in das Auge des liebevollen Knaben gefunden; aber er trocknete sie schnell und sagte in fröhlichem Ton: »Aber Sebastianus, du hast dein Versprechen nicht erfüllt – dein doppeltes mir gegebenes Versprechen – mir die Geheimnisse zu enthüllen, welche du vor mir hattest. Dies ist die letzte Gelegenheit dazu, komm also, erzähle mir alles!« »Erinnerst du dich noch, welches die Geheimnisse waren?« »Sehr wohl in der That erinnere ich mich dessen, denn ich war damals sehr bestürzt und beunruhigt. Erstens sagtest du an jenem Abend bei der Zusammenkunft in deinen Gemächern, daß es einen Grund gäbe, welcher schwerwiegend genug sei, um deinem brennenden Wunsche, für Christus zu sterben, Einhalt zu thun; und jetzt vor kurzem weigertest du dich, mir den Grund dafür anzugeben, weshalb du mich so eilig nach Campania sandtest, und fügtest so noch ein zweites Geheimnis zu dem ersten. Weshalb – das vermag ich nicht zu begreifen.« »Und doch bilden beide nur ein Geheimnis. Ich hatte versprochen, über deinem wahren Wohlergehen zu wachen, Pancratius; es war eine Pflicht der Liebe und der Freundschaft, welche ich erfüllte. Ich sah, wie glühend du das Märtyrertum ersehntest; ich kannte das warmblütige Temperament deines jugendlichen Herzens; ich fürchtete, daß du dich durch eine zu gewagte That bloßstellen würdest. Deshalb beschloß ich, meine eigene innige Sehnsucht zu dämpfen, bis ich dich sicher durch alle Gefahren hindurch geleitet haben würde. That ich recht damit?« »O, es war zu gütig von dir, teurer Sebastianus; es war edel und gut. Wie aber steht dies alles mit meiner Reise im Zusammenhang?« »Wenn ich dich nicht fortgeschickt hätte, so würde man dich ergriffen haben, weil du die Kühnheit besessen, das Edikt herabzureißen, oder weil du mutig genug gewesen, dem Präfekten im Gerichtshof eine Zurechtweisung zu geben. Man würde dich ohne Zweifel verurteilt haben, und du hättest für Christus gelitten; der Urteilsspruch jedoch würde einem anderen, einem bürgerlichen Vergehen gegolten haben, der Rebellion gegen die Kaiser. Und mehr noch, mein teurer Knabe, du wärest für einen Triumph auserlesen worden. Sogar die Heiden hätten mit Stolz auf dich gedeutet, wie auf einen mutigen und tapferen Jüngling; selbst in deinem Kampfe wäre deine Seele vielleicht durch eine vorüberziehende Wolke des Stolzes verdunkelt worden; auf jeden Fall wäre dir diese Schmach und Schande erspart geblieben, welche das unterscheidende Verdienst und den besonderen Ruhm derer bilden, die sterben müssen, nur weil sie Christen sind.« »Sehr wahr, Sebastianus,« sagte Pancratius errötend. »Als ich aber sah, wie man dich ergriffen hatte, indem du eine großherzige That der Liebe an den Bekennern Christi begingst; als ich sah, wie man dich an einen Galeerensträfling gekettet, wie einen gemeinen Verbrecher durch die Straßen schleppte; als ich sah, wie man dir drohte und dich mit Steinen warf, wie andere Gläubige; als ich den Urteilsspruch zusammen mit dem der anderen über dich aussprechen hörte, nur weil du ein Christ bist und um keines anderen Vergehens willen – da fühlte ich, daß meine Aufgabe vollendet sei! Ich würde nicht einen Finger gerührt haben um dich zu retten!« »Deine Liebe zu mir ist gewesen wie die Liebe Gottes – so weise, so barmherzig – so strenge!« schluchzte Pancratius, indem er sich an die Brust des Soldaten warf. Dann fuhr er fort: »Versprich mir noch eins! Versprich mir, daß du bis zum Ende dieses Tages bei mir bleiben und mein letztes Vermächtnis an meine Mutter in Sicherheit bringen wirst.« »Ich verspreche es dir – und wenn es mein Leben kosten sollte! Wir werden nicht lange voneinander getrennt sein, Pancratius!« Jetzt gab der Diakon das Zeichen, daß alles bereit sei, um das heilige Opfer im Kerker selbst darbringen zu können. Die beiden Jünglinge blickten umher, und Pancratius war in der That überrascht. Der heilige Priester Lucianus lag auf dem Boden ausgestreckt; seine Gliedmaßen qualvoll in die Catasta oder die Pflöcke gespannt, so daß er sich weder erheben noch bewegen konnte. Auf seine Brust hatte Reparatus die drei linnenen Tücher gebreitet, welche für den Altar gebraucht werden; auf diesen lag das ungesäuerte Brot und stand der mit Wein und Wasser gefüllte Kelch, welchen der Diakon mit der Hand stützte. Das Haupt des bejahrten Priesters wurde emporgehalten, als er die üblichen Gebete las und die vorgeschriebenen Ceremonien der Opferung und der Wandelung vollzog. Und dann näherte sich jeder andächtig mit Thränen der Dankbarkeit in den Augen und empfing aus seiner geweihten Hand die geheimnisvolle Speise. Eine solche Feier der göttlichen Geheimnisse durch einen Priester dieses Namens in Antiochien ist in der Geschichte des heiligen Lucianus beschrieben. (Ruinart, tom III, pag. 182.) Wunderbares und schönes Beispiel, wie erfinderisch die Kirche Gottes war! Fest und bestimmt wie ihre Gesetze sind, findet ihre scharfsinnige Liebe stets Mittel und Wege, ihre Grundsätze, d. h. ihre unerschütterlichen Grundpfeiler zu zeigen, indem sie die Strenge jener Gesetze mildert ; ja, die Ausnahmen, welche sie macht, dienen nur dazu, eine erhabenere Anwendung derselben zu bewerkstelligen. Hier war ein Diener Gottes und Spender Seiner Geheimnisse, welcher dieses eine Mal berufen war, mehr als andere Priester, dem ähnlich zu sein, dessen Stellvertreter er war – Priester und Altar zugleich. Die Kirche schrieb vor, daß das heilige Opfer nur über den Überresten von Märtyrern dargebracht werden dürfe; – hier war ein Märtyrer, dem es durch ein seltsames Vorrecht vergönnt war, es über seinem eigenen Körper darzubringen. Noch lebend, lag er bereits »unter den Füßen Gottes«. Die Brust hob sich noch, und das Herz schlug noch unter den göttlichen Geheimnissen; aber es war nur noch der Priester , welcher diesen Akt vollzog; sein Selbst war bereits tot, und das Opfer des eigenen Lebens hatte er schon gebracht, wenn auch nicht vollendet. Nur noch Christi Leben war in und außer dem Heiligtum jener Brust. Gal. Kap. 2, V. 20. Ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebet in mir. Ist jemals die Wegzehrung für Märtyrer würdiger bereitet worden? Dreiundzwanzigstes Kapitel Der Kampf Der Morgen brach hell und klar und frostig an. Und die Sonne, welche ihre Strahlen auf die vergoldeten Ornamente der Tempel und anderer öffentlicher Gebäude warf, schien diese in Feiertagspracht zu kleiden. Auch die Menschen treten bald in ihren besten Gewändern, ungewöhnlich reich geschmückt, auf die Straßen hinaus. Die verschiedenen Ströme vereinigen sich zu einem einzigen, der sich nach dem flavianischen Amphitheater zu ergießt, welches man heutigen Tags nur unter dem Namen »Colosseum« kennt. Jedermann lenkt seine Schritte nach dem Bogen zu, welcher mit der auf seiner Karte angegebenen Nummer bezeichnet ist, und so saugt jenes steinerne Ungeheuer nach und nach den Strom von Leben auf, welcher sich bald in jene ovalen übereinander aufsteigenden Reihen von Stufen lenkt, bis das Innere desselben gleichsam nur noch einen mit menschlichen Gesichtern gezierten Teppich trägt, und die Mauern sich durch das Hin- und Herwogen der Massen zu heben und zu senken scheinen. Und nachdem diese Massen durch Blut gesättigt und von Wut entstammt sind, lösen sie sich noch einmal wieder auf und stürzen wie ein breiter, ununterbrochener Strom durch die vielen Wege, auf welchen sie hineingedrungen sind, und die jetzt den außerordentlich passenden Namen »Vomitorio« tragen, wieder hinaus. Vomitorio – denn niemals drang ein schlammigerer Strom von Hefe und Pest des Menschentums aus einem schmutzigeren Reservoir durch schmutzigere Kanäle, als der römische Pöbel, welcher sich, trunken vom Blute der Märtyrer, aus allen Poren des herrlichen Amphitheaters ergoß. Umgeben von seinem ganzen Hofstaat, kam der Kaiser zu den »Spielen«. Begierig wie der niedrigste seiner Unterthanen, sich an dem grausamen Spiel zu ergötzen und seine Augen an diesem Blutbade zu weiden, erschien er mit dem unermeßlichen Pomp und der strahlenden Pracht, welche einem kaiserlichen Feste gebührten. Sein Thron befand sich an der östlichen Seite des Amphitheaters, wo ein großer Raum, pulvinar genannt, für den kaiserlichen Hofstaat abgesperrt und reich geschmückt war. Verschiedene Spiele folgten aufeinander; und mancher verwundete oder getötete Gladiator hatte den Sand mit seinem Blute gefärbt, als der Pöbel, welcher nach wütenderem Kampfe lechzte, nach den Christen und den wilden Tieren zu verlangen oder vielmehr zu brüllen begann. Es ist daher Zeit, daß wir unserer Gefangenen gedenken. Ehe noch das Volk von Rom auf den Füßen war, hatte man sie aus dem Kerker in eine Gefängniszelle, spoliatorium genannt, gebracht, wo man ihnen die Ketten und Fesseln abnahm. Der Versuch wurde gemacht, sie prunkhaft wie heidnische Priester und Priesterinnen zu kleiden; sie leisteten jedoch Widerstand und sagten, da sie freiwillig zu dem Kampfe gekommen, sei es unbillig, sie zu einer Verkleidung zwingen zu wollen, welche sie verabscheuten. Während des ersten Teils des Tages blieben sie auf diese Weise vereinigt, ermutigten einander und sangen die göttlichen Lobgesänge ungeachtet des Gebrülls und des Tobens, welches ihre Stimmen von Zeit zu Zeit übertönte. Während sie noch so beschäftigt waren, trat Corvinus ein. Mit einem frechen Blick übermütigen Triumphes sprach er zu Pancratius: »Dank den Göttern, endlich ist der Tag gekommen, den ich längst herbei gesehnt habe. Es ist ein langer und langweiliger Kampf um den Sieg zwischen uns gewesen. Ich habe ihn gewonnen!« »Was sagst du, Corvinus? Wann und wo hätte ich mit dir gekämpft?« »Immer. Überall. Du hast mich in meinen Träumen heimgesucht; du hast vor meinen Augen wie ein Meteor getanzt, und ich habe umsonst versucht, dich zu packen. Du bist mein Folterknecht, mein böser Genius gewesen. Ich habe dich gehaßt; ich habe dich den höllischen Geistern geweiht; ich habe dich verflucht, ich habe dich verabscheut; – und jetzt ist mein Tag der Rache gekommen.« »Mich dünkt,« entgegnete Pancratius lächelnd, »dies sieht nicht aus wie ein Kampf. Denn er ist nur auf einer Seite gewesen. Ich habe von all diesen Gefühlen nicht ein einziges gegen dich gehegt.« »Nein? Meinst du, daß ich dir glaube? Du hast stets wie eine Viper auf meinem Wege gelegen, du hast mich in die Ferse gestochen; du hast mich überfallen.« »Wo, frage ich noch einmal.« »Überall, wiederhole ich. In der Schule; im Hause der stolzen Agnes; auf dem Forum; in der Katakombe; im Gerichtshof meines eigenen Vaters; in der Villa des Chromatius. Ja, überall, überall, überall!« »Und an keinem anderen Orte als an denen, welche du genannt hast? Hörtest du nicht die Hufschläge von Pferden, die dich einzuholen versuchten, als dein Wagen in wilder Hast durch die Via Appia geschleift wurde?« »Elender!« schrie der Sohn des Präfekten in Wut, »und war es dein verfluchtes Roß, welches mit Vorsatz wütend angespornt, das meine scheu machte und beinahe meinen Tod verursachte?« »Nein, Corvinus, höre mich ruhig an. Es ist das letzte Mal, daß wir zusammen sprechen. Ich ritt ruhig mit einem Gefährten gen Rom zu, nachdem wir unserem alten Lehrer Cassianus die letzten Ehren erwiesen hatten,« (Corvinus schrak zusammen, denn dies hatte er bis jetzt nicht gewußt) »als ich das Gerassel eines in rasendster Eile dahin sausenden Gefährtes vernahm; dann allerdings gab ich meinem Pferde die Sporen. Und dein Glück war es, daß ich es that.« »Wie das?« »Weil ich dich grade noch zu rechter Zeit erreichte. Deine Kräfte waren beinahe erschöpft, dein Blut war fast erstarrt durch das wiederholte Untertauchen in dem eisigen Wasser des Kanals; dein schon erlahmter Arm hatte seinen letzten Halt verloren, und du fielst zum letztenmal ins Wasser zurück. Da erblickte ich dich. Ich erkannte dich, als ich dich fast bewußtlos, hinaufzog. Ich hatte den Mörder eines Menschen, der mir teuer gewesen, in meinen Händen. Die göttliche Gerechtigkeit schien dich erreicht zu haben. Zwischen dir und deinem Richter stand nur mein Wille. Mein Tag der Rache war gekommen – und ich befriedigte sie vollkommen.« »He! und wie? Sag' mir das!« »Indem ich dich aus dem Wasser zog, dich an das Ufer legte und dich rieb, bis das Herz seine Funktionen wieder aufnahm; indem ich dich deinen Dienern übergab, als ich dich vom Tode gerettet hatte.« »Du lügst!« brüllte Corvinus, »meine Diener sagten mir, daß sie mich herausgezogen hätten.« »Und haben sie dir mein Messer wiedergegeben zusammen mit deinem Geldbeutel aus Leopardenfell, welchen ich auf der Erde fand, nachdem ich dich aus dem Wasser gezogen hatte?« »Nein. Sie sagten, daß die Geldbörse im Kanal verloren gegangen sein müsse. Es war allerdings ein Beutel aus Leopardenfell, die Gabe einer afrikanischen Zauberin. Was hast du von dem Messer zu sagen?« »Daß ich es hier habe, noch rostig vom Wasser. Sieh es an. Deinen Geldbeutel gab ich deinen Sklaven, mein eigenes Messer behielt ich für mich. Sieh es noch einmal an. Glaubst du mir jetzt? Bin ich stets eine Viper auf deinem Wege gewesen?« Zu wenig großmütig, um zuzugeben, daß er in dem Streite unterlegen sei, fühlte Corvinus sich nur verachtet, erniedrigt vor seinem früheren Schulkameraden. Ihm war, als müsse sogar sein Herz erröten. Er dünkte sich wie ein Körnchen Staub, das der andere, in seiner reinen Hand zerrieben hatte. Er wurde elend, ließ den Kopf auf die Brust sinken, er taumelte und schlich von dannen. Er verwünschte die Spiele, den Kaiser, den tobenden Pöbel, die brüllenden Tiere, seine Pferde, seinen Wagen, seine Sklaven, seinen Vater, sich selbst – alle Dinge, alle Menschen, mit Ausnahme eines einzigen – wenn es sein Leben gekostet hätte, so wäre er nicht im stande gewesen, den Pancratius zu verwünschen. Er hatte die Thür erreicht, als der Jüngling ihn zurückrief. Er wandte sich um und sah ihn mit einem Blicke an, welcher Verehrung, ja, beinahe Liebe verriet. Pancratius legte die Hand auf seinen Arm und sagte: »Corvinus, ich habe dir von Herzen vergeben. Aber dort oben wohnt einer, der dir nicht ohne deine aufrichtige Reue vergeben kann. Erflehe von ihm Verzeihung! Wenn du es nicht thust, so prophezeie ich dir an diesem Tage, daß, welchen Tod ich auch erleiden mag, du eines Tages desselben sterben wirst.« Corvinus schlich fort, und niemand sah ihn an diesem Tage wieder. Er ging des Anblicks verlustig, an welchem seine rohe Phantasie sich bereits seit Tagen ergötzt hatte, nach dem er sich schon seit Monaten gesehnt hatte. Als der Festtag vorüber war, wurde er von seinem Vater vollständig berauscht aufgefunden; er kannte keine andere Art und Weise, seine Gewissensbisse zu übertäuben. Als er die Gefangenen verließ, trat der lanista oder Meister der Gladiatoren, in den Raum, und gebot ihnen, ihm zum Kampfe zu folgen. Sie umarmten einander schnell und nahmen von diesem Leben Abschied. Sie traten in die Arena oder auf den Kampfplatz des Amphitheaters, der sich dem kaiserlichen Thron gegenüber befand; dann hatten sie zwischen zwei Reihen von venatores oder Jägern hindurchzuschreiten, welchen die Sorge für die wilden Tiere oblag und die mit einer schweren Peitsche bewaffnet waren, mit welcher sie jedem Vorübergehenden einen heftigen Schlag versetzten. Sie wurden nun einzeln oder in Gruppen, wie das Volk es verlangte, oder die Leiter des Schauspiels es für gut befanden, vorwärts gebracht. Zuweilen wurde die erwählte Beute auch auf eine erhöhte Plattform gestellt, um besser sichtbar zu sein; zuweilen wurde sie auch an einen Pfosten gebunden, um desto hilfloser zu sein. Eine beliebte Unterhaltung war es ebenfalls, ein weibliches Opfer in ein Netz zu binden und es den wilden Tieren vorzuwerfen, die es hin- und herwarfen und aufspießten. Siehe die Akten der Märtyrer von Lyon. Ruinart. vol. 1, pag. 152. Hier ist die Beschreibung eines Märtyrers, eines Jünglings von fünfzehn Jahren, und diejenige der heiligen Perpetua und Felicitas. S. 221. Gewöhnlich machte ein einziges Gefecht mit einem wilden Tiere dem Leben des Märtyrers schon ein Ende, während gelegentlich auch drei oder vier losgelassen wurden, ohne daß sie dem Fechter eine tödliche Wunde beizubringen vermochten. Der Bekenner wurde dann entweder wieder ins Gefängnis zurückgeführt, um späterhin weitere Qualen zu erdulden oder in das spoliatorium gebracht, wo die Lehrlinge der Gladiatoren sich damit belustigten, ihn aus der Welt zu schaffen. Wir aber müssen uns damit begnügen, die letzten Schritte unseres jugendlichen Helden Pancratius hier auf Erden zu verfolgen. Als er durch den Gang schritt, welcher nach dem Amphitheater führte, erblickte er Sebastianus, welcher auf einer Seite stand und neben ihm eine dichtverschleierte, in einen Mantel gehüllte, weibliche Gestalt. Er erkannte sie sofort, blieb vor ihr stehen, kniete nieder, ergriff ihre Hand und küßte sie liebevoll. »Segne mich, meine teure Mutter,« sagte er, »in dieser ersehnten Stunde.« »Blicke auf, mein Kind, gen Himmel,« erwiderte sie, »dort hinauf, wo Christus mit seinen Heiligen deiner harrt. Kämpfe den guten Kampf für deine unvergängliche Seele und zeige dich treu und fest in der Liebe zu deinem Erlöser. Siehe die Geschichte der heiligen Felicitas und ihrer sieben Söhne. Ruinart, vol. 1, pag. 55.) Und denk auch an jenen, dessen kostbare Reliquie du an deinem Halse trägst.« »Ehe viele Stunden verflossen sind, wird sie einen doppelten Wert für dich haben, meine süße Mutter.« »Vorwärts, vorwärts! Nichts mehr von diesen Narreteien,« rief der Lanista, indem er noch einen Schlag mit seinem Stocke hinzufügte. Lucina zog sich zurück, während Sebastianus die Hand ihres Sohnes drückte und ihm ins Ohr flüsterte: »Mut, teurer Knabe; möge Gott dich segnen! Ich werde dicht hinter dem Kaiser stehen; sende mir einen letzten Blick und – deinen Segen!« »Ha! ha! ha!« ertönte ein teuflisches Gelächter unmittelbar hinter ihm. War es das Lachen eines Dämons? Er blickte sich um und sah nur noch den Zipfel eines flatternden Mantels, welcher hinter einem Pfeiler verschwand. Wer konnte es gewesen sein? Er erriet es nicht. Es war Fulvius, welcher durch jene Worte das letzte Glied einer Kette von Beweisen erlangt, die er seit langer Zeit geschmiedet hatte – nämlich daß Sebastianus mit Gewißheit ein Christ sei. Bald stand Pancratius inmitten der Arena, der letzte der getreuen Truppe. Man hatte ihn bis zuletzt bewahrt in der Hoffnung, daß der Anblick der Leiden anderer seine Festigkeit erschüttern würde; aber dies hatte den entgegengesetzten Eindruck gemacht. Er blieb stehen, wohin man ihn gestellt hatte, und seine noch zarte Gestalt stach seltsam von den sehnigen, schwieligen Gliedern der Folterknechte ab, welche ihn umgaben. Jetzt ließen sie ihn allein, und wir können ihn nicht besser beschreiben als Eusebius, ein Augenzeuge, einen um wenige Jahre älteren Jüngling beschreibt: »Ihr hättet einen zarten Jüngling, welcher noch nicht in sein zwanzigstes Jahr getreten war, sehen können, wie er ohne Ketten dastand, die Hände in Kreuzesform emporgestreckt, und aufmerksam und innig mit festem, unerschrockenem Herzen zu Gott flehend; er wich nicht von dem Platze, an welchem er zuerst gestanden, er schwankte nicht einen Augenblick, während Bären und Leoparden, deren Brüllen ihm Tod bedeuteten, vorwärts stürzten, um seine Glieder in Stücke zu zerreißen. Und doch, ich weiß nicht, wie es geschah, schien eine geheimnisvolle, göttliche Macht ihre Tatzen und Rachen zu lähmen und zu packen, und gleichsam wie erschrocken zogen sie sich zurück. Hist. Eccles. lib. VIII. cap. 7. So war die Haltung, und so das Wunder, welches sich an unserem heldenmütigen Jüngling zu vollziehen schien. Der Pöbel war wild und unsinnig, als er sah, wie eine wütende Bestie nach der anderen ihn tobend umkreiste, und brüllend mit dem Schweife um sich schlug, während er wie in einen Zauberkreis gebannt schien, dem sie sich nicht zu nähern vermochten. Ein wütender Stier, welcher gegen ihn losgelassen wurde, stürzte den Nacken gebeugt wild vorwärts. Plötzlich, als ob er gegen eine Wand gerannt wäre, hielt er inne, kratzte den Boden auf und wühlte heiser brüllend im Sande umher. »Reize ihn, Feigling, reize ihn!« brüllte noch lauter der wütende Kaiser. Pancratius erwachte wie aus einer Verzückung und indem er die Arme bewegte, lief er seinem Feinde entgegen. Euseb. ibid. Siehe ebenfalls Briefe des heiligen Ignatius an die Römer. (Ruinart. vol. I, pag. 40.) Aber die wilde Bestie – als ob sich ein Löwe auf sie gestürzt hätte – wandte sich um und lief dem Ausgange zu; hier stieß sie auf ihren Wärter, hob diesen auf den Hörnern empor und schleuderte ihn hoch in die Luft. Jedermann war fassungslos, mit Ausnahme des tapferen Jünglings, welcher seine betende Stellung wieder eingenommen hatte. Da plötzlich rief einer aus der Menge: »Er trägt ein Zaubermittel um den Hals; er ist ein Zauberer!« Die ganze Pöbelschar wiederholte den Schrei, bis der Kaiser, welcher Ruhe befohlen hatte, ihm zurief: »Nimm das Amulett von deinem Halse und wirf es von dir, oder ich schicke dir jemand, der es härter für dich besorgt.« »Herr,« entgegnete der Jüngling mit seiner melodischen Stimme, die süß durch das ganze Amphitheater ertönte, »es ist kein Zaubermittel, das ich trage,» sondern ein Andenken an meinen Vater, welcher an diesem selben Orte das gleiche herrliche Bekenntnis ablegte, das ich hier in Demut ablege. Ich bin ein Christ. Und aus Liebe zu Jesum Christum, dem Gottmenschen, gebe ich mein Leben freudig hin. Nimm mir nicht dies einzige Vermächtnis, welches ich einer Anderen noch reicher und wertvoller zurücklasse, als ich selbst es bekommen habe. Versuch es noch einmal; es war ein Panther, welcher ihm die Krone verschaffte; vielleicht giebt er sie auch mir.« Für einen Augenblick herrschte Totenstille. Die Menge schien besänftigt, gewonnen. Die anmutige Gestalt des tapferen Knaben, sein begeistertes Antlitz, die süßklingenden Laute seiner Stimme, die Unerschrockenheit seiner Sprache, die großmütige Hingebung an seine Sache: das alles hatte auf jene feige Herde gewirkt. Pancratius fühlte dies, und sein Herz bebte mehr vor ihrer Gnade als vor ihrer Wut zurück. Er hatte gehofft, er werde noch an diesem Tage den Himmel sehen; sollte er enttäuscht werden? Thränen traten ihm in die Augen, als er die Arme noch einmal in Kreuzesform ausstreckte und in einem Ton, welcher alle Herzen erzittern machte, ausrief: »Heute, ach ja, heute, gebenedeiter Herr, heute ist der Tag, an welchem du zu mir kommst. Zögere nicht länger; du hast deine Kraft denen, die nicht an dich glauben, jetzt hinlänglich durch mich bewiesen; beweise jetzt mir, der ich an dich glaube, deine Gnade!« »Der Panther!« rief eine Stimme. »Der Panther!« wiederholten zwanzig. »Der Panther!« brüllten hunderttausend in einem Chor, welcher wie das Rollen einer Lawine klang. Das Amphitheater faßte 150 000 Menschen. Wie mit einem Zauberschlage stand plötzlich ein Käfig inmitten der sandigen Fläche; er schien aus dem Boden herauszuwachsen und indem er emporstieg, fielen seine Wände und befreiten auf diese Weise den gefangenen Bewohner der Wüste. Die unterirdischen Konstruktionen für die Ausführung dieser Erfindung sind im Kolosseum gefunden worden. Mit einem einzigen graziösen Sprunge gewann der zierliche Wilde seine Freiheit; und obgleich durch Dunkelheit, Absperrung und Hunger wütend gemacht, schien er beinahe mutwillig, wie er umher sprang, sich drehte und wendete, hüpfte und fast geräuschlos auf dem Sande umhertanzte. Endlich wurde er seine Beute gewahr. All seine katzenartige List und Grausamkeit schienen zurückzukehren und zusammen zu wirken, indem sie die vorsichtigen und hinterlistigen Bewegungen des sammetweichen Leibes belebten. Das ganze Amphitheater war so still, als sei es die Zelle eines Eremiten, während jedes Auge begierig die Annäherungen überwachte, welche das falsche Tier nach seinem Opfer machte. Pancratius stand noch auf demselben Platze, dem Kaiser grade gegenüber, augenscheinlich so sehr in höhere Gedanken versunken, daß er die Bewegungen seines Feindes gar nicht beachtete. Der Panther war um ihn herumgeschlichen, als verschmähe er es, ihn anders, als von vorn anzugreifen. Auf dem Bauche kriechend, langsam eine Tatze vor die andere setzend, lag er endlich einige Augenblicke regungslos da. Ein tiefes, knurrendes Brüllen, ein elastischer Sprung durch die Luft – und man sah ihn zusammen gekrochen wie ein Blutigel mit seinen Hinterbeinen auf der Brust, mit seinen Vordertatzen an der Kehle des Märtyrers. Noch einen Augenblick stand dieser aufrecht da. Er führte die rechte Hand an den Mund, und indem er mit einem Lächeln zu Sebastianus hinüberblickte, sandte er ihm mit einer liebevollen Bewegung des Arms den letzten Gruß von seinen Lippen, und fiel. Die Arterien des Halses waren zerrissen, und der Schlaf des Märtyrertums senkte sich sofort auf seine Lider herab. Sein reiches, helles, klares Blut vermischte sich unzertrennlich mit dem seines Vaters, welches Lucina um seinen Hals gelegt hatte. Das Opfer der Mutter war angenommen. Der Märtyrer Saturus, welcher von einem Leoparden zerrissen wurde, redete den Soldaten Pudens, der noch nicht Christ geworden war, im Augenblick des Sterbens an und beschwor ihn, sich zu bekehren. Dann bat er ihn um den Ring an seinem Finger, tauchte ihn in sein eigenes Blut, gab ihn zurück und hinterließ ihm so das Erbe dieses kostbaren Pfandes und das Andenken an sein Blut. Vierundzwanzigstes Kapitel Der christliche Soldat Die irdische Hülle des jungen Märtyrers wurde in der Via Aurelia zur Ruhe bestattet, in der Katakombe, welche bald darauf seinen Namen trug und denselben auch, wie wir bereits bemerkt haben, dem benachbarten Thore gab. In späteren Zeiten des Friedens wurde eine Basilika über seinem Grabe errichtet, welche heute noch steht und seine Ehre allem Volke verkündet. Die Wut der Verfolgung stieg jetzt und vervielfältigte ihre täglichen Opfer. Gar manche fielen, deren Namen auf den Seiten dieses Buches erwähnt wurden, besonders die kleine Gesellschaft aus der Villa des Chromatius. Die erste war Zoë, deren Stummheit Sebastianus geheilt hatte. Ein heidnischer Pöbelhaufen überraschte sie, wie sie am Grabe des heiligen Petrus betete; man schleppte sie sofort vor den Richterstuhl und ließ sie mit dem Kopfe so lange über einem schwebenden, rauchenden Feuer hängen, bis sie starb. Ihr Gatte wurde mit drei anderen seiner Anhänger gefangen, wiederholt gefoltert und endlich geköpft. Tranquillinus, der Vater von Marcus und Marcellianus, welcher Zoë um ihre Märtyrerkrone beneidete, betete öffentlich am Grabe des heiligen Paulus; man warf ihn in den Kerker, und er wurde zu Tode gesteinigt. Auch seine Söhne erlitten einen grausamen Tod. Der Verrat des Torquatus, indem er seine früheren Gefährten und besonders den tapferen Tiburtius, Die Kirche feiert sein Andenken zusammen mit dem seines Vaters, wie bereits erwähnt wurde, am 11. August. welcher jetzt geköpft wurde, nannte und beschrieb, erleichterte, dieses unerhörte Werk der Vernichtung um vieles. Sebastianus bewegte sich inmitten dieses Gemetzels, nicht wie ein Baumeister, der sein mühevolles Werk durch einen Sturm zerstört sieht, nicht wie ein Hirte, der zusehen muß, wie seine Herde von Landstreichern davongetragen wird. Er fühlte sich wie ein Feldherr auf dem Schlachtfelde, der nichts weiter vor Augen hat als den endlichen Sieg; der jeden für ruhmreich hält, welcher sein Leben hingiebt, um diesen zu erkaufen, und der bereit ist, sein eigenes mit Freuden zu lassen, wenn der Sieg um diesen Preis errungen werden kann. Jeder Freund, der vor ihm fiel, war ein Band weniger, das ihn an die Erde knüpfte, eine Kette mehr, die ihn an den Himmel band, eine Sorge weniger hienieden, eine Fürsprache mehr dort oben. Zuweilen saß er einsam oder hielt schweigend inne an jenen Plätzen, wo er mit Pancratius geweilt und gesprochen; dann kamen ihm jener lebendige Frohsinn, die anmutigen Gedanken und die unbewußte Tugend des schönen und liebenswürdigen Jünglings ins Gedächtnis zurück. Aber niemals war es ihm, als seien sie weiter voneinander getrennt als zu jener Zeit, da er ihn auf die Expedition nach Campania sandte. Er hatte das gegebene Versprechen eingelöst, und jetzt kam er selbst bald an die Reihe. Das wußte er gar wohl; er fühlte wie die Gnade des Märtyrertums sich ihm mehr und mehr nahte und in ruhiger Gewißheit erwartete er seine Stunde. Seine Vorbereitungen waren einfach. Was er an Geld und Wertsachen besaß, verteilte er an die Armen, und indem er sein Besitztum verkaufte, brachte er es außerhalb des Bereiches der Konfiskation. Fulvius hatte einen ansehnlichen Teil von der christlichen Beute zusammengetragen; aber im ganzen war er dennoch enttäuscht. Er war nicht gezwungen gewesen, den Beistand des Kaisers, dessen Nähe er sorgsam vermied, zu erbitten; aber er hatte nichts erspart, er war noch immer nicht auf dem Wege reich zu werden. An jedem Abend hatte er das vorwurfsvolle und höhnische Verhör des Eurotas über den Erfolg des Tages zu bestehen. Jetzt indessen teilte er seinem gestrengen Herrn – denn ein solcher war Eurotas für ihn geworden – mit, daß er einem edleren Wilde auflauern würde, nämlich dem Offizier, welcher des Kaisers Liebling war, und der unzweifelhaft ein großes Vermögen in seinem Dienste angesammelt haben müsse. Er brauchte nicht lange auf die Gelegenheit zu warten. Am neunten Januar wurde eine Hofversammlung abgehalten, welcher alle Streber nach kaiserlicher Gunst und jene beiwohnten, welche den kaiserlichen Zorn zu fürchten hatten. Auch Fulvius war anwesend, und wie gewöhnlich harrte seiner ein sehr kühler Empfang. Nachdem er aber schweigend die halblaut gemurmelten Flüche des kaiserlichen Grobians über sich hatte ergehen lassen, trat er kühn vor, beugte ein Knie und sprach folgendermaßen zu seinem Herrscher: »Allmächtiger Herr! deine Göttlichkeit hat mir oft vorgeworfen, daß ich durch meine Entdeckungen nur einen armseligen Gegendienst für deine erhabene Gunst und freigiebigen Unterstützungsgelder geleistet habe. Jetzt aber habe ich die niederträchtigste aller Verschwörungen und die schändlichste Undankbarkeit entdeckt, welche sich in der nächsten Nähe deiner göttlichen Person eingenistet hat.« »Was soll das heißen, Bube?« fragte ungeduldig der Tyrann. »Sprich gerade heraus, oder ich werde dir die Worte mit einem eisernen Haken aus der Kehle holen lassen.« Fulvius erhob sich, und indem er seine Worte mit einer bezeichnenden Handbewegung begleitete, sagte er mit einer höhnischen Milde des Tons: »Sebastianus ist ein Christ.« »Du lügst, Schurke! Du sollst deine Aussage beweisen, oder du wirst eines so stückweisen Todes sterben, wie noch kein Christenhund vor dir gestorben ist.« »Ich habe hinlängliche Beweise hier aufgezeichnet,« erwiderte er, indem er ein Pergament hervorzog und es dem Kaiser mit gebeugtem Knie darbot. Der Kaiser war im Begriff, eine zornige Antwort zu geben, als zu seiner größten Bestürzung Sebastianus mit ruhigen Blicken und edler Haltung vortrat und mit fester Stimme sagte: »Mein Gebieter, ich erspare dir alle Mühe der Beweisführung. Ich bin ein Christ, und ich rühme mich dieses Namens.« Maximian, ein roher, wenn auch kluger Soldat ohne Erziehung, konnte sich in ruhigem Zustande kaum in mittelmäßigem Latein ausdrücken; wenn er jedoch in Leidenschaft geriet, bestand seine Sprache in abgerissenen Sätzen, welche von rohen und beleidigenden Worten strotzten. In einem solchen Zustande befand er sich jetzt; und er schüttete über Sebastianus eine Flut von Vorwürfen aus, in welchen er ihn jedes Verbrechens bezichtigte und ihn mit jedem schimpflichen Namen bezeichnete, welchen er in seinem reichen Vorrat von rohen Ausdrücken finden konnte. Die zwei Verbrechen aber, über welche er die Glocke am lautesten schlug, waren Undankbarkeit und Verrat. Er habe eine Schlange an seinem Busen genährt, sagte er, einen Skorpion, einen bösen Dämon, und er wundere sich nur noch, daß er am Leben sei. Der christliche Offizier ließ dies Geschützfeuer ebenso beherzt über sich ergehen, wie er so manches Mal dem Angriff des Feindes auf dem Schlachtfelde widerstanden hatte. »Hör mich an, mein kaiserlicher Herr,« sagte er dann, »vielleicht ist es das letzte Mal. Ich habe gesagt, daß ich ein Christ bin, und darin findest du das beste Unterpfand für deine Sicherheit.« »Was soll das heißen, undankbarer Mann?« »Es bedeutet dies, edler Kaiser: wenn du eine Leibwache suchst von Männern, die stets bereit sind, ihren letzten Blutstropfen für dich hinzugeben, so geh in den Kerker und nimm die Christen aus dem Stock am Boden und aus den Kettenringen an der Mauer; schicke in die Gerichtshöfe und laß die verstümmelten Bekenner vom Rost und von der Folterbank nehmen; gieb deine Befehle und laß in den Amphitheatern die blutigen Hälften, welche noch Leben haben aus den Rachen der Tiger reißen; gieb ihnen eine Gestalt wieder so gut es noch möglich ist, gieb ihnen Waffen in die Hand und reihe sie um dich – und in dieser verstümmelten und häßlichen Schar wirst du mehr Treue, mehr Ergebenheit, mehr Mut finden, als in all deinen dacischen und panonischen Legionen. Du hast ihnen die Hälfte ihres Blutes genommen, und sie werden die andere Hälfte mit Freuden für dich hingeben.« »Thorheit und Wahnsinn!« entgegnete höhnisch der Halbwilde. »Ich würde mich eher mit Wölfen als mit Christen umgeben. Dein Verrat beweist mir genug.« »Und was hätte mich denn daran gehindert, jeden Augenblick auch als Verräter zu handeln , wenn ich einer gewesen wäre? Habe ich nicht zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Zutritt zu deiner erhabenen Person gehabt? Und habe ich mich als Verräter gezeigt? Nein, mein Kaiser, niemals ist dir jemand treuer und ergebener gewesen als ich. Aber ich habe noch einen anderen und höheren Herrn, dem ich dienen muß; einen, der uns beide richten wird, und seinen Gesetzen muß ich vor den deinen gehorchen.« »Und weshalb hast du wie ein Feigling deine Religion verborgen gehalten? Doch nur, um dem bitteren Tode zu entgehen, den du verdienst!« »Nein, mein Herrscher. Ich bin ebensowenig Feigling wie Verräter. Niemand weiß besser als du, daß ich keins von beiden bin. So lange wie ich meinen christlichen Brüdern noch Gutes thun konnte, weigerte ich mich nicht, inmitten ihres Blutbades und meines Kummers zu leben. Aber jetzt ist die Hoffnung in mir erstorben, und ich danke Fulvius aus der Tiefe meines Herzens, daß er mir durch seine Anklage die Verlegenheit erspart hat, zu wählen, ob ich den Tod suchen oder das Leben ertragen will.« »Über diesen Punkt werde ich für dich entscheiden. »Tod« lautet dein Urteil, und es soll ein langsamer, qualvoller sein. »Aber,« fügte er leiser hinzu als spräche er zu sich selbst, »dies darf nicht bekannt werden. Alles muß sein ruhig zu Hause geschehen, oder der Verrat wird weiter um sich greifen. Herr Quadratus, nimm deinen christlichen Tribunen gefangen. Hörst du mich, Dummkopf? Weshalb rührst du dich nicht?« »Weil ich selbst ein Christ bin.« Ein zweiter Wutausbruch, ein zweiter Strom von rohen Schimpfreden! Es endete damit, daß der Befehl gegeben wurde, den großen, kräftigen Centurion sofort zu töten. Mit Sebastianus sollte jedoch anders verfahren werden. »Befehlt dem Hyphax, sofort hierher zu kommen,« brüllte der Tyrann. Nach wenigen Minuten erschien ein großer, halbnackter Numidier. Ein Bogen von ungeheurer Größe, ein reich bemalter Köcher mit Pfeilen angefüllt, ein kurzes Schlachtschwert – das waren zugleich die Waffen und der Schmuck des Anführers der afrikanischen Bogenschützen. Er stand hoch aufgerichtet wie eine schöne Bronzestatue mit hellglänzenden Augen vor dem Kaiser. »Hyphax, morgen früh habe ich ein hübsches Stück Arbeit für dich. Sie muß aber gut ausgeführt werden,« sagte der Kaiser. »Wie du befiehlst, mein Kaiser,« antwortete der dunkle Häuptling mit einem Grinsen, das zwei Reihen glänzendweißer Zähne sehen ließ. »Siehst du dort den Hauptmann Sebastianus?« Der Neger beugte das Haupt. »Es zeigt sich, daß er ein Christ ist!« Wenn Hyphax auf heimatlichem Boden gestanden und plötzlich auf eine giftige Natter oder in das Nest eines Skorpions getreten wäre, so hätte er nicht heftiger zusammenschrecken können, als er es in diesem Augenblicke that. Der Gedanke, einem Christen so nahe zu sein – was bedeutete der für ihn, der jedes Greuel liebte, jede Abgeschmacktheit glaubte, jede Abgötterei übte, jede Abscheulichkeit beging! Maximian fuhr fort, und Hyphax nickte zu jedem Absatz seiner Rede den Takt und begleitete ihn mit dem, was er ein Lächeln nannte – es war kaum ein menschliches zu nennen. »Du wirst Sebastianus in dein Quartier führen, und früh am Morgen – nicht heute Abend, vergiß das nicht, denn ich weiß, daß ihr um diese Tageszeit alle betrunken seid – früh am Morgen, wenn eure Hände noch fest und sicher sind, werdet ihr ihn an einen Baum im Hain des Adonis binden und ihn dann langsam totschießen. Langsam , vergiß das nicht. Keiner von euren schönen Schüssen mitten durchs Herz oder durch den Kopf, aber eine Anzahl von Pfeilen, bis er erschöpft von Schmerz und Blutverlust stirbt. Verstehst du mich? Nimm ihn also gleich mit dir. Und vergiß nicht: Schweigen – sonst –« Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Rettung Trotz aller Bemühungen, es geheim zu halten, verbreitete sich dennoch schnell die Nachricht von der Entdeckung, daß Sebastianus Christ sei und am nächsten Morgen erschossen werden solle in allen Kreisen, welche irgend eine Verbindung mit dem Hofe des Kaisers unterhielten. Aber auf niemand machte diese zwiefache Nachricht einen so furchtbaren Eindruck wie auf Fabiola. »Sebastianus ein Christ!« sagte sie zu sich selbst; »der edelste, reinste, weiseste der vornehmen Römer ein Mitglied jener gemeinen, dummen, rohen Sekte? Unmöglich! Und doch scheint die Thatsache so feststehend. »Habe ich mich denn getäuscht? War er nicht das, was er schien? War er ein gemeiner Betrüger, welcher Tugend heuchelte und im geheimen ein Libertin war? Auch das unmöglich! Ja, dies war in der That ganz unmöglich! Dafür hatte sie sichere Beweise. Er wußte ja, daß er sowohl ihre Hand wie ihr Vermögen hätte erlangen können, wenn er beides verlangt hätte, und er hatte stets großmütig und zartfühlend gegen sie gehandelt. Er war, was er schien, dessen war sie gewiß – nicht vergoldet, sondern echtes Gold!« Wie denn aber dieses Wunder erklären, daß ein Christ alles war, das da edel, gut und liebenswert? Die eine Lösung, daß er dies alles sei, grade weil er ein Christ war, drängte sich Fabiolas Seele nicht auf. Sie sah das Problem in einer anderen Gestalt: wie konnte er das, was er war, sein, trotzdem er ein Christ war? Sie überdachte es fortwährend, aber umsonst. Dann stellte es sich ihrem Geiste so dar: vielleicht hatte der gute, alte Chromatius doch recht, und das Christentum ist nicht das, was ich geglaubt habe; ich hätte versuchen sollen, tiefer in dasselbe einzudringen. Ich bin fest überzeugt, daß Sebastianus niemals all die furchtbaren Dinge begangen hat, deren man die Christen beschuldigt. – Und doch klagt jedermann sie derselben an! Gab es denn nicht neben der niedrigen auch eine mehr geläuterte Form dieser Religion, grade so wie es in ihrer eigenen Sekte, dem Epikuräismus, zwei Abarten gab? Die eine roh, materiell, im Sumpfe der Sinnlichkeit watend – die andere geläutert, skeptisch und überlegend. Ohne Zweifel gehörte Sebastianus der höheren Form an und verachtete und verdammte den Aberglauben und die Laster der gemeineren Christen. Solch eine Hypothese mochte haltbar sein; aber es war schwer, mit ihrem Verstande zu vereinbaren, daß ein Mann wie dieser edle, hochherzige Soldat jener verhaßten Rasse angehören konnte! Und doch war er bereit, für seinen Glauben zu sterben! Über Zoës und der anderen Schicksal hatte sie nichts erfahren, denn sie war erst Tags zuvor von einer Reise zurückgekehrt, welche sie nach Campania unternommen hatte, um die Angelegenheiten ihres Vaters zu ordnen. Wie traurig war es doch – so dachte sie – daß sie nicht mehr und eingehender über solche Gegenstände mit Sebastianus gesprochen hatte! Jetzt war es jedoch zu spät. Morgen würde er nicht mehr sein. Dieser zweite Gedanke verursachte ihr den stechenden Schmerz eines Pfeils, welcher mitten ins Herz trifft. Ihr war, als erlitte sie persönlich einen Verlust, als fiele Sebastianus' Schicksal schwer auf jemand zurück, mit dem sie durch ein geheimnisvolles Band eng verbunden. Ihre Gedanken wurden trüber und düsterer, als sie in der Dämmerung einsam diesen Reflektionen nachging. Plötzlich wurde sie durch den Eintritt einer Sklavin gestört, welche Licht in das Gemach brachte. Es war Afra, die schwarze Dienerin, die kam, um die Abendmahlzeit ihrer Gebieterin, welche sie allein einzunehmen wünschte, herzurichten. Während sie mit diesen Vorkehrungen beschäftigt war, sagte sie: »Hast du die Neuigkeit schon vernommen, Herrin?« »Welche Neuigkeit?« »Nun die, daß Sebastianus morgen früh mit Pfeilen erschossen werden soll. Wie schade! Er war doch ein so schöner, herrlicher Jüngling!« »Schweig, Afra, wenn du mir nicht irgend welche nähere Umstände über die Sache mitteilen kannst.« »O gewiß kann ich das, teure Herrin. Und meine Nachrichten sind in der That ganz erstaunlich. Weißt du, daß man in ihm einen jener elenden Christen entdeckt hat?« »Schweig, ich bitte dich, und schwatze nicht mehr über Dinge, für die du kein Verständnis hast.« »Gewiß nicht, wenn du mir Schweigen befiehlst. Vermutlich hegst du kein Interesse für sein Schicksal, Herrin. Mir ist es sehr gleichgültig. Er wird nicht der erste Offizier sein, den meine Landsleute erschossen haben. Viele haben sie getötet – aber einige haben sie auch gerettet. Aber das war natürlich nur Zufall.« In ihren Worten und ihrer Betonung lag eine Bedeutsamkeit, welche dem scharfen Ohr und dem klaren Verstande Fabiolas nicht entging. Sie blickte zum erstenmal auf und heftete den Blick forschend auf das dunkle Gesicht ihrer Dienerin. Dieses verriet keine Bewegung; sie stellte eine Flasche Wein auf den Tisch, grade als ob sie nicht gesprochen hätte. Endlich sprach die Herrin zu ihr: »Afra, was willst du damit sagen?« »O, nichts, nichts; was kann eine arme Sklavin denn wissen? Und vor allen Dingen – was könnte sie thun?« »Komm, komm, deine Worte bedeuten etwas, das ich durchaus erfahren muß.« Die Sklavin ging um den Tisch herum und stellte sich nahe an das Ruhebett, auf welchem Fabiola lag. Sie blickte hinter sich, neben sich und flüsterte dann: »Willst du Sebastianus' Leben geschont sehen?« Fabiola schnellte fast aus ihrer Lage empor indem sie entgegnete: »Gewiß!« Die Dienerin legte den Finger an die Lippen, um sie zur Ruhe zu ermahnen und sagte dann: »Es wird viel Geld kosten.« »Nenne deinen Preis!« »Hundert sestertia Ungefähr 16 000 Mark. und meine Freiheit.« »Ich nehme deine Bedingungen an; welche Sicherheit bietest du mir aber dagegen?« »Sie sollen nur bindend sein, wenn er vierundzwanzig Stunden nach der Hinrichtung noch lebt.« »Angenommen! Und welche Sicherheit hast du ?« »Dein Wort, Herrin!« »Geh, Afra, verliere nicht einen Augenblick.« »Eile ist nicht notwendig,« erwiderte die Sklavin ruhig, indem sie ohne Hast die Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu Ende führte. Dann verfügte sie sich sofort nach dem kaiserlichen Palast und begab sich gradeswegs in das mauritanische Quartier; hier trat sie bei dem Obersten ein. »Was willst du, Jubala, zu dieser Stunde?« fragte er. »Heute Nacht begehen wir kein Fest.« »Das weiß ich, Hyphax, aber ich habe wichtige Geschäfte mit dir zu besprechen.« »Wichtige Geschäfte? Welcher Art?« »Es handelt sich um dich, um mich, und um deinen Gefangenen.« »Sieh ihn dir an,« sagte der Barbar indem er über den Hof fort zeigte, auf welchen sein Gemach einen freien Überblick hatte. »Du würdest nicht glauben, daß er morgen erschossen werden soll. Sieh nur wie friedlich und fest er schläft. Er könnte keinen schöneren Schlaf haben, wenn er sich statt dessen morgen verheiraten sollte.« »Wie wir, du und ich, Hyphax, es am übernächsten Tage thun werden.« »Komm nur! Nicht ganz so schnell! Es giebt gewisse Bedingungen, die vorher erfüllt werden müssen.« »Nun, und diese sind?« »Erstens deine Freilassung. Ich kann keine Sklavin heiraten.« »Die Freilassung ist mir bereits zugesagt.« »Zweitens eine gute Mitgift, eine gute Mitgift in der That; denn niemals habe ich mehr des Geldes bedurft als jetzt.« »Auch die ist mir sicher. Wieviel verlangst du?« »Gewiß nicht weniger als sechstausend Mark.« Ich führe der Deutlichkeit wegen das Äquivalent in deutschem Gelde an. »Ich bringe dir zwölftausend.« »Ausgezeichnet! Woher hast du all dies Geld genommen? Wen hast du beraubt? Wen hast du vergiftet, meine bewundernswerte Priesterin? Weshalb bis über morgen warten? Laß es schon morgen sein, schon diese Nacht, wenn es dir gefällt.« »Schweig jetzt, Hyphax; das Geld ist rechtlicher Verdienst. Aber es sind auch Bedingungen daran geknüpft. Ich sagte dir, daß ich auch gekommen sei, um von dem Gefangenen zu sprechen.« »Nun, was hat er mit unserer bevorstehenden Heirat zu schaffen?« »Sehr viel.« »Was?« »Er darf nicht sterben.« Der Kapitän glotzte sie mit einem Gemisch von Dummheit und Wut an. Er schien im Begriff, sich an ihr vergreifen zu wollen; aber unerschrocken und unbewegt stand sie vor ihm und schien ihn durch die starke Zauberkraft ihres Auges im Banne zu halten, wie die Schlangen ihres Heimatlandes es mit dem Geier thun. »Bist du von Sinnen?« rief er endlich aus, »du könntest ebensogut gleich meinen Kopf verlangen. Wenn du das Gesicht des Kaisers gesehen hättest, als er den Befehl erteilte, so würdest du begreifen, daß er in dieser Sache nicht mit sich spaßen läßt.« »Bah! bah! Mann! Natürlich muß der Gefangene tot scheinen und als tot gemeldet werden.« »Und wenn er sich dann wieder erholt?« »So werden seine Mitchristen Sorge tragen, ihn verborgen zu halten.« »Sagtest du, er müsse noch vierundzwanzig Stunden am Leben bleiben? Ich wollte, du hättest zwölf gesagt.« »Gut. Aber ich weiß, daß du genau berechnen kannst. Wenn er in der fünfundzwanzigsten Stunde stirbt, so kümmert es uns nicht mehr.« »Es ist unmöglich, Jubala, ganz unmöglich. Er ist eine zu wichtige Person.« »Meinetwegen denn! So hat unser Handel ein Ende. Das Geld bekomme ich nur unter dieser Bedingung. Zwölftausend Mark fortgeworfen!« – Und sie wandte sich, um zu gehen. »Bleib, bleib!« rief Hyphax gierig; der Dämon der Habsucht gewann in ihm die Oberhand. »Laß uns sehen. Wie, meine Soldaten werden die Hälfte des Geldes in Schmausereien und Bestechungen verzehren.« »Gut, dafür habe ich noch viertausend in Reserve.« »Sprichst du wahr, meine Prinzessin, meine Zauberin, mein reizender Dämon? Das würde aber zu viel für meine Schurken sein. Wir werden ihnen die Hälfte geben und die andere Hälfte – unserer Mitgift hinzufügen, nicht wahr?« »Wie es dir gefällt, vorausgesetzt nur, daß die Sache meinem Vorschlage gemäß ausgeführt wird.« »So wären wir also einig. Er soll noch vierundzwanzig Stunden leben – und dann feiern wir eine prächtige Hochzeit.« Sebastianus hatte inzwischen keine Ahnung von den liebenswürdigen Unterhandlungen, welche über seine Lebensrettung gepflogen wurden. Denn wie Petrus zwischen zwei Wachen, schlief er einen gesunden Schlaf an der Mauer des Hofes. Ermüdet von der Arbeit des Tages, hatte er die seltene Vergünstigung gehabt, sich früh zur Ruhe legen zu dürfen, und das Marmorpflaster gab ein gutes Soldatenbett. Nach einigen Stunden der Ruhe wachte er erquickt und erfrischt auf, und jetzt, wo alles ruhig war, erhob er sich leise und warf sich mit ausgestreckten Armen zum Beten ans die Knie. Das Gebet des Märtyrers ist keine Vorbereitung auf den Tod; denn er stirbt einen Tod, der keiner Vorbereitung bedarf. Der Soldat, welcher plötzlich erklärt, daß er Christ geworden, neigt das Haupt und vermischt sein Blut mit dem des Bekenners, den zu töten er gekommen war; oder der Freund von unbekanntem Namen, welcher den Märtyrer grüßt, der zum Tode geht, und dann ergriffen und gezwungen wird, sein Schicksal mit ihm zu teilen – beide sind ebenso vorbereitet auf den Märtyrertod, wie jene, welche monatelang mit Gebeten beschäftigt im Kerker geschmachtet haben. Es ist daher nicht ein Schrei um Vergebung der begangenen Sünden; denn es lebt ein Bewußtsein jener höchsten Liebe in ihnen, das alle Furcht verjagt – eine innere Zuversicht auf jene höchste Gnade welche unvereinbar ist mit Sünde. Auch bei Sebastianus war es nicht ein Gebet um Mut und Kraft; denn das entgegengesetzte Gefühl war ihm unbekannt. Es kam ihm niemals in den Sinn zu zweifeln, daß er, welcher dem Tode für seinen irdischen Gebieter auf dem Schlachtfelde kühn ins Antlitz geblickt hatte, ihm nicht freudig und zu jeder Zeit, an jedem Orte für seinen himmlischen Herrn entgegentreten würde. Daher war sein Gebet, welches bis zum Morgen dauerte, eine frohe Hymne des Ruhms und der Ehren für den König der Könige; er vereinigte sich bereits mit den strahlenden Augen und den wehenden Flügeln der Seraphime, um dem Herrn seine nimmer endende Huldigung darzubringen. Als seine Blicke dann auf die hellen Sterne am Himmel fielen, forderte er sie auf, wachsame Schildwachen zu sein wie er selbst, und ihm die Losung der göttlichen Lobgesänge zu sagen; und als der nächtliche Wind in den blätterlosen Bäumen des benachbarten Hains des Adonis raschelte, gebot er ihm, seine wunderliche Musik einzustellen und sein rauhes Spiel in den zitternden Zweigen zu leiseren Hymnen zu gestalten – die einzigen, welche in diesen winterlichen Nachtstunden von der Erde aufsteigen durften. Jetzt machte ihn der Gedanke vor Wonne erbeben, daß die Morgenstunde nahte, denn der Hahn hatte gekräht; und bald würde er das leise Säuseln in den Zweigen über ihm zusammen mit dem scharfen Sausen fliegender Pfeile vernehmen, die ihr Ziel niemals verfehlen. Und er bot sich ihren spitzigen Zungen mit Freuden dar, wenn sie auch zischten wie die Schlangen und gierig waren, sein Blut zu trinken. Er bot sich dar als ein Opfer zur Ehre Gottes, als ein Mittel, Seinen Zorn zu besänftigen. Er gab sich besonders hin für die trauernde Kirche und flehte, daß sein Tod ihre Leiden mildern möge. Und dann stiegen seine Gedanken höher von der irdischen zur himmlischen Kirche empor; sie erhoben sich wie der Adler zum Fluge von den höchsten Spitzen der Berge zur Sonne hinauf. Die Wolken sind geschwunden, und der blaue, duftige Schleier des Morgens ist zerrissen wie der Vorhang des Tempels, und er sieht in die tiefsten Tiefen des Himmels; weit, weit hinein, dorthin wo hinter tausenden von Heiligen und Legionen von Engeln das ist, was Stephanus von der innersten und herrlichsten Himmelspracht sah. Und jetzt verstummt sein Lobgesang; Harmonien schlugen an sein Ohr, zu süß und erhaben, um den Mißlaut irdischer Stimmen zu vertragen; sie erreichten ihn und ergötzen ihn; sie trugen den Himmel in seine Seele – und was konnte er dafür wiedergeben? Es war wie der reinste, erquickendste Bronnen, mehr wie ein Strom des Lichts als wie Wasser; es floß von den Füßen des Lammes her und ergoß sich in sein Herz, das nur stille halten und die Gabe entgegennehmen konnte. In den funkelnden, hüpfenden Wellen, die ihm entgegenschlugen, sah er die Angesichter bald des einen, bald des anderen der seligen Freunde, welche vor ihm aus dem irdischen Leben geschieden waren. Es war als tränken und badeten und scherzten und tauchten und lösten sie sich auf in diesem rieselnden Wasser. Sein Antlitz glühte, als ob die Vision sich auf demselben widerspiegelte, und die Morgendämmerung (o, welch eine Dämmerung war es) warf ihren rötlichen Schein auf sein Gesicht, als er sich erhob, die Arme in Kreuzesform legte und sich dem Osten zuwandte. So stand er da. Als Hyphax die Thür öffnete und ihn sah, wäre er imstande gewesen über den Hof zu kriechen und ihn auf den Knieen zu verehren. Sebastianus erwachte wie aus einer Verzückung. Das Klimpern der Sesterzen erklang in Hyphax' geistigem Ohr; so machte er sich denn wissenschaftlich und systematisch an die Arbeit, um sie zu verdienen. Er wählte von seiner Truppe, die aus hundert Mann bestand, fünf Scharfschützen, welche einen fliegenden Pfeil mit einem noch schnelleren zu spalten vermochten, rief sie in sein Gemach, nannte ihnen ihre Belohnung, verheimlichte jedoch seinen eigenen Anteil und bestimmte, wie die Vollstreckung des Urteils vor sich gehen solle. Was die Leiche anbetraf, so hatten die Christen bereits im geheimen eine große Summe für ihre Auslieferung geboten, und zwei Sklaven sollten außerhalb des Hains warten, um sie in Empfang zu nehmen. Bei seinen eigenen Leuten konnte er auf strengste Geheimhaltung rechnen. Sebastianus wurde in den benachbarten Hof des Palastes geführt, welcher das Quartier dieser afrikanischen Bogenschützen von seiner eigenen Wohnung trennte. Dieser war mit dichten Baumreihen bepflanzt und dem Adonis geweiht. Fröhlich und mutig schritt er inmitten seiner Henker einher, gefolgt von der ganzen Truppe, der allein man es gestattet hatte, Zuschauer sein zu dürfen, wie man sie zu einer gewöhnlichen Schaustellung geschickten Bogenschießens zugelassen haben würde. Der Offizier wurde entkleidet und an einen Baum gebunden, während die auserwählten fünf sich ruhig und gesammelt ihm gegenüber aufstellten. Im besten Falle blieb es doch immerhin ein trauriger Tod. Kein Freund, kein teilnehmender Mensch war ihm nahe: nicht ein einziger christlicher Bruder, welcher den Gläubigen sein letztes Lebewohl hätte bringen oder ihnen seine letzten Worte und die Standhaftigkeit seines Sterbens hätte berichten können. Inmitten des gedrängt vollen Amphitheaters zu stehen, angesichts von hunderttausend Zeugen christlicher Standhaftigkeit; die ermutigenden Blicke vieler zu sehen, und die leise geflüsterten Segenswünsche einiger weniger Freunde zu hören – das hatte etwas Begeisterndes, Tröstendes; es lieh der mächtigen Unterstützung der göttlichen Gnade wenigstens die schwache Beihilfe menschlichen Mitleids. Das Geschrei einer tobenden, empörten Menge erhöht sogar den natürlichen Mut, wie der Ruf des Jägers den gehetzten Hirsch anspornt. Aber diese tote, schweigende Scene bei Tagesanbruch innerhalb des Hofes eines Hauses, wie ein Bündel Heu oder eine ausgestopfte Puppe mit gefühlloser Gleichgültigkeit festgebunden zu werden, damit gemäß dem Befehl des Tyrannen mit kaltem Blute nach Einem gezielt werde; allein zu sein inmitten einer Herde von schwarzen Wilden, deren Sprache sogar fremd und unschön und unverständlich, die aber ohne Zweifel ihre rohen Scherze machten und lachten, wie Menschen es vor einem Spiel zu thun pflegen, von welchem sie sich Belustigung versprechen – alles dies hatte mehr das Ansehen eines Aktes der Grausamkeit, der in einem düsteren Walde von Banditen vollzogen werden sollte, als eine offene und großartige Verherrlichung des Namens Christi: es war einem Morde ähnlicher als dem Märtyrertum. Aber Sebastianus sorgte sich um alles dies nicht mehr. Engel blickten über die Mauer zu ihm herüber; und die aufgehende Sonne, welche seine Augen blendete und ihn nur zu einem leuchtenderen Ziel für seine Schützen machte, schien nicht klarer auf ihn herab, als das Antlitz des einzigen Zeugen, welchen er dafür hatte, daß er um seinetwillen litt. Der erste Mohr spannte seinen Bogen – und ein Pfeil saß zitternd in Sebastianus' Fleisch. Die Scharfschützen schossen der Reihe nach, und ein Jubelschrei begleitete jeden Treffer, welcher dem kaiserlichen Befehl gemäß jedem Lebenswerkzeug nahe kam, dasselbe aber sorgsam vermied. Und so ging das Spiel weiter; jedermann lachte, höhnte, lärmte, heulte, spottete und freute sich, ohne einen Funken von Gefühl für den mit Blut besudelten zusammenbrechenden Körper zu zeigen: »Membraque picta cruore novo.« Prudens III 29 . alle trieben Scherz und Spott, mit Ausnahme des Märtyrers, dem alles bitterer Ernst war – jeder stechende Schmerz, die langsame Qual, die Erschöpfung, die Müdigkeit, die harten, knotigen Stricke, die angespannte Stellung! O! und auch das standhafte Herz, der unermüdliche Geist, die unerschütterliche Treue, die stille Geduld, die unersättliche Sehnsucht für den Herrn und Heiland zu leiden – das alles war ihm Ernst. Ernst war das Gebet, ernst der Aufblick des Auges zum Himmel, ernst das Lauschen des Ohres auf die Musik der himmlischen Thürhüter, welche ihm die Thore der Ewigkeit öffnen sollten. Es war in der That ein trauriger Tod, und doch war dies noch nicht das schlimmste. Denn der Tod kam nicht. Die goldenen Thore blieben geschlossen; der Märtyrer im Herzen, welchem noch größerer Ruhm und größere Herrlichkeit auf Erden vorbehalten war, sah sich nicht plötzlich vom Leben zum Tode befördert, sondern er sank nur bewußtlos in den Schoß der Engel. Seine Peiniger sahen, daß sie jetzt die Grenze erreicht hatten, bis zu welcher sie gehen durften: sie durchschnitten die Stricke, welche ihn banden, und Sebastianus fiel erschöpft und allem Anschein nach tot auf den Teppich von Blut nieder, welchen er selbst für sich auf dem Pflaster ausgebreitet hatte. Lag er dort wie ein edler Krieger, so wie er jetzt in seiner eigenen schönen Kirche in Marmor nachgebildet unter seinem Altar liegt? Wir wenigstens können ihn uns nicht schöner vorstellen. Und nicht nur jene Kirche lieben wir, sondern auch die alte Kapelle, welche inmitten des verfallenen Palatin steht, um die Stelle zu bezeichnen, auf welcher er fiel. Auf dem Palatin zwischen den Triumphbögen des Titus und des Constantinus steht einsam eine Kapelle. Es ist die, welche wir erwähnt haben. Vor einer Anzahl von Jahren ließ die Familie Barberini sie renovieren. Sechsundzwanzigstes Kapitel Das Wiederaufleben Die Nacht war längst herabgesunken, und die Sterne funkelten am Himmel, als die schwarze Sklavin, nachdem sie ihren Heiratsvertrag zu ihrer eigenen Zufriedenheit abgeschlossen hatte, in das Haus ihrer Gebieterin zurückkehrte. Es war in der That eine kalte Winternacht; Afra hatte sich warm eingehüllt und war durchaus nicht in der Laune, sich stören zu lassen. Aber es war auch eine herrliche Nacht, und der Mond schien mit zarten silbernen Händen das weiche Kleid der Meta Sudans Meta Sudans – der im ersten Teil bereits beschriebene Springbrunnen. zu streicheln. Hier stand sie still, und nach ein paar Minuten tiefer Ruhe brach sie in ein schallendes Gelächter aus, als ob irgend eine Erinnerung komischer Art bei dem Anblick dieses herrlichen Springbrunnens in ihr aufstiege. Sie wandte sich dann, um weiter zu gehen, als sie sich plötzlich rauh am Arm gepackt fühlte. »Wenn du nicht gelacht hättest,« sagte jemand in bitterem Ton, »so würde ich dich nicht wieder erkannt haben. Aber dein Hyänenlachen ist unverkennbar. Horch, die wilden Tiere, deine afrikanischen Vettern, antworten dir vom Amphitheater her. – Was machte dich lachen, sag es mir!« »Du!« »Wie! ich?« »Ich dachte an unsere letzte Zusammenkunft an diesem Orte, und welch ein Narr du doch bist!« »Wie gütig von dir, Afra, an mich zu denken, besonders da ich durchaus nicht an dich dachte, sondern an deine Landsleute dort drüben in jenen Zellen.« »Laß ab von deinen Frechheiten und nenne Leute bei dem Namen, der ihnen zukommt. Ich bin nicht mehr Afra, die Sklavin – wenigstens werde ich es in einigen Stunden nicht mehr sein – sondern Jubala, die Gemahlin des Hyphax, Oberbefehlshaber der mauritanischen Bogenschützen.« »Ein sehr achtbarer Mann ohne Zweifel, wenn er nur außer seinem kauderwälsch noch irgend eine verständliche Sprache reden könnte; aber diese wenigen Stunden der Zwischenzeit werden hinreichen, um unser Geschäft abzumachen. Mich dünkt, du begingst einen Irrtum in dem, was du soeben sagtest. Nicht wahr, du warst es, die bei unserer letzten Zusammenkunft einen Narren aus mir machte? Was ist aus deinen schönen Versprechungen geworden? Und aus meinem noch schöneren Golde? Beides tauschten wir bei jener Gelegenheit aus! Was ich gab, hat sich als recht erwiesen, was du gabst, ist zu Staub geworden.« »Ohne Zweifel. Ein Sprichwort in meiner Muttersprache sagt: »Der Staub auf dem Rocke eines weisen Mannes ist besser als das Gold im Gürtel eines Thoren.« Aber laß uns zur Sache kommen, hast du wirklich jemals an die Kraft meiner Zaubersprüche und Getränke geglaubt?« »Gewiß that ich das. Willst du wirklich sagen, daß alles nur Betrug war?« »Nicht alles. Du siehst, wir sind den Fabius losgeworden, und die Tochter ist in den Besitz des Vermögens gelangt. Das war ein vorbereitender Schritt von unumgänglicher Notwendigkeit.« »Was! Willst du behaupten, daß deine Beschwörungsformeln den Vater aus dem Wege räumten?« fragte Corvinus entsetzt und trat einen Schritt zurück. Es war nur ein glücklicher Gedanke, der Afra plötzlich gekommen war; sie nahm also ihren Vorteil wahr und fuhr fort: »Gewiß! Was sonst? Es ist sehr leicht, auf diese Weise jemanden los zu werden, der einem im Wege ist.« »Gute Nacht! Gute Nacht!« rief er von Furcht übermannt. »Bleib noch einen Augenblick,« sagte sie in einigermaßen versöhnendem Ton: »Corvinus, ich gab dir an jenem Abend zwei Ratschläge, welche mehr wert waren, als all dein Gold. Gegen den einen hast du gehandelt, und den zweiten hast du nicht befolgt.« »Wie?« »Habe ich dir nicht geraten, die Christen nicht zu verfolgen, sondern sie in deinen Netzen zu fangen? Fulvius hat das letztere gethan und dabei manches gewonnen. Du thatest ersteres – und was hast du geerntet?« »Nichts als Wut, Beschämung und Schläge.« »Mein erster Ratschlag war also gut; nun, befolge dann den zweiten.« »Und dieser war?« »Dich meiner Herrin mit all deinem Reichtum anzubieten, wenn du durch christliche Beute reich genug geworden. Bis jetzt hat sie jeden Antrag kalt zurückgewiesen; aber eines habe ich dabei sorgfältig beobachtet. Kein einziger ihrer Freier hatte ihr Reichtümer zu bieten. Jeder Verschwender hat nach ihrem Vermögen getrachtet, um das seine wieder dadurch herzustellen; verlaß dich darauf, derjenige, welcher den Preis gewinnen will, muß nach dem Grundsatze handeln, daß zwei und zwei vier macht. Verstehst du. mich?« »Nur zu gut, denn woher soll ich meine zwei nehmen?« »Höre mich an, Corvinus, denn dies ist unsere letzte Besprechung, und ich habe eine gewisse Vorliebe für dich, du kannst gewissenlos, herzlich, unbarmherzig und gefühllos hassen.« Dann zog sie ihn näher an sich heran und flüsterte: »Ich weiß von Eurotas, dem ich alles abschmeicheln kann, daß Fulvius einige prächtige, christliche Preise in Aussicht hat, besonders einen. Komm hierher in den Schatten, wo uns niemand sehen kann, und ich werde dir sagen, wie du ihm seinen Schatz vorweg nehmen kannst. Überlaß ihm den gemeinen Mord, der vielleicht sehr mühsam ist und böse Folgen haben kann; aber tritt dann zwischen ihn und seine Beute. Er würde jeden Augenblick an dir ebenso handeln.« Während einiger Minuten sprach sie eindringlich und leise zu ihm; am Schlusse des Zwiegesprächs rief er jubelnd aus: »Ausgezeichnet! Herrlich!« – Welch ein Wort in solchem Munde! Sie that seinem Freudenausbruch Einhalt, indem sie ihn am Ärmel zupfte und nach dem gegenüberliegenden Gebäude zeigend, ausrief: »Still, sieh dort hin.« Wie hat sich das Blatt gewendet! Oder vielmehr, wie hat sich die Erde in einer so kurzen Zeit gedreht! Das letzte Mal, wo diese beiden gottlosen Geschöpfe auf derselben Stelle standen und Verderben für andere planten, befanden sich in jenem Fenster dort oben zwei tugendhafte Jünglinge, welche wie zwei gute Engel, sich bemühten, ihr Gewebe von Unheil zu entwirren und ihre bösen Pläne zu durchkreuzen. Sie sind fort! Der eine schlummert in seinem Grabe; der andere schläft dem Tage der Vollstreckung seines Todesurteils entgegen. Der Tod muß uns doch wie eine heilige Macht erscheinen, wenn wir sehen, wie gern er die Guten in sein Reich holt und wie gern er die Bösen zurückläßt so lange er kann. Er reißt die Blume ab und läßt das Unkraut sein giftiges Leben weiterleben, bis es der natürlichen Verwesung anheimfällt. Aber in dem Augenblick, wo sie hinaufblickten, standen zwei andere Gestalten im Fenster. »Das ist Fulvius,« sagte Corvinus, »der grade jetzt an das Fenster getreten ist.« »Und der andere ist sein böser Dämon Eurotas,« fügte die Sklavin hinzu. Beide lauschten und beobachteten von ihrem dunklen Winkel aus. In diesem Augenblick trat Fulvius wieder an das Fenster; in der Hand hielt er ein Schwert, dessen Gefäß er bei dem hellen Mondlicht sorgsam umwandte und prüfte. Endlich warf er es zu Boden und schrie fluchend: »Es ist doch nur Erz!« Eurotas kam mit dem, was allem Anschein nach der Gürtel eines reichen Offiziers gewesen; er untersuchte ihn lange. »Nichts als falsche Steine! Nun, ich erkläre, daß der ganze Plunder keinen Heller wert ist. Dabei hast du nur ein armseliges Geschäft gemacht, Fulvius.« »Immer Vorwürfe, Eurotas! Und doch hat dieser elende Gewinn das Leben eines der besten Offiziere des Kaisers gekostet.« »Und hat dir wahrscheinlich keinen Dank von deinem Herrn eingebracht!« Eurotas hatte recht. Als die Sklaven am nächsten Morgen den Körper des Sebastianus abholten, waren sie erstaunt, eine dunkle Frauengestalt vorübergehen zu sehen, welche ihnen zuflüsterte: »Er lebt noch.« Anstatt ihn daher hinaus zur Bestattung zu tragen, brachten sie ihn in die Wohnung der Irene. Die frühe Morgenstunde und der Umstand, daß der Kaiser am Abend vorher in seinen Lieblingspalast, den Lateran übersiedelt war, erleichterten die Ausführung bedeutend. Augenblicklich ließ man den Dionysius holen, und dieser gab den Ausspruch ab, daß jede der Wunden heilbar sei, da kein einziger Pfeil einen edlen Teil getroffen hatte. Aber der Blutverlust war ein so ungeheurer gewesen, daß er der Ansicht war, es würden Wochen vergehen, ehe der Patient imstande sein könne, eine Bewegung zu machen. Während vierundzwanzig Stunden kam Afra unablässig, um sich nach Sebastianus' Ergehen zu erkundigen. Als die Prüfungszeit vorüber war, führte sie Fabiola in die Gemächer der Irene, damit sie selbst sich überzeuge, daß er atme – wenn auch kaum merkbar. Der Akt ihrer Befreiung vom Sklavendienst ward vollzogen, ihre Mitgift ausbezahlt, und der ganze Palatin und das Forum hallten wieder von dem abscheulichen Ritus und den tollen Gelagen ihrer Hochzeit. Fabiola fragte mit so zärtlicher Sorgfalt nach dem Ergehen Sebastianus', daß Irene die feste Überzeugung gewann, auch sie sei eine Christin. Die ersten Male begnügte sie sich damit, den Bescheid an der Thür entgegenzunehmen und der Wirtin des Sebastianus eine große Geldsumme zu übergeben, um mit derselben die Kosten seiner Wiederherstellung zu bestreiten; aber nach zwei Tagen, als er auf dem Wege der Besserung war, wurde sie höflich aufgefordert, einzutreten, und zum erstenmal in ihrem Leben ward sie sich bewußt, sich im Schoße einer christlichen Familie zu befinden. Man sagt uns, daß Irene die Witwe des Castulus war, eines der Bekehrten, welche zur kleinen Gemeinde des Chromatius gehörte. Ihr Gatte hatte soeben den Tod erlitten; aber sie wohnte noch unbeachtet in den Gemächern weiter, welche die seinen im Palaste gewesen waren. Zwei Töchter lebten bei ihr, und ein auffallender Unterschied im Benehmen der beiden fiel Fabiola auf, als sie bekannter mit ihnen wurde. Die eine sah Sebastianus wie einen Eindringling an und kam ihm selten oder niemals nahe. Ihr Betragen gegen die Mutter war rauh und hochmütig, all ihr Denken gehörte der Alltagswelt an – sie war vorlaut, selbstsüchtig und leichtsinnig. Die andere, welche jünger als sie, war das vollständige Gegenteil – so sanft, so geduldig und liebevoll; so rücksichtsvoll für andere, ihrer Mutter so zugethan, so aufmerksam und opfermütig dem armen Kranken gegenüber. Irene selbst war der Typus einer christlichen Matrone aus den mittleren Klassen. Fabiola fand sie weder klug, noch witzig, noch gelehrt, noch von feinen Sitten; aber sie sah sie stets ruhig, thätig vernünftig und ehrlich. Sie war herzensgut, großmütig, innig, liebevoll und geduldig. Die vornehme, heidnische Dame hatte niemals einen solchen Haushalt gesehen – so einfach, so sparsam, so ordentlich. Nichts störte ihn, außer dem Charakter der älteren Schwester. In wenigen Tagen hatte man die Gewißheit erlangt, daß die tägliche Besucherin keine Christin sei, aber dies rief durchaus keine Veränderung in dem Verhalten gegen sie hervor. Und dann machte auch sie ihrerseits eine Entdeckung, welche sie betrübte, nämlich die – daß die ältere Tochter noch Heidin sei. – Alles was sie sah, machte einen günstigen Eindruck auf sie und begann die harte Kruste des Vorurteils zu schmelzen. Für den Augenblick jedoch waren noch all ihre Gedanken von Sebastianus in Anspruch genommen, dessen Genesung nur langsam vorwärts schritt. Sie machte Pläne mit Irene, wie sie ihn nach ihrer Villa in Campania transportieren könne. Dort wollte sie dann in Muße mit ihm über Religion verhandeln. Doch der Ausführung dieses Plans stellte sich ein unüberwindliches Hindernis entgegen. Wir wollen nicht versuchen, unseren Leser einen Einblick in die Gefühle des Sebastianus thun zu lassen. Nach dem Märtyrertum gelechzt zu haben, es erfleht zu haben, all seine Qualen und Schmerzen durchkostet zu haben, dafür gestorben zu sein so weit menschliches Bewußtsein reicht, die Welt bereits aus dem Gesicht verloren zu haben und dann wieder in ihr zu erwachen, nicht als Märtyrer, sondern als ein gewöhnlicher Erdenmensch, dem eine Prüfung auferlegt ist, und welcher des Heils noch verlustig gehen kann – dies war doch gewiß eine härtere, Prüfung als das Märtyrertum selbst. Er dünkte sich jenem Manne gleich, welcher inmitten einer stürmischen Nacht versucht, einen tobenden Fluß oder eine bewegte Meeresbucht zu durchschiffen, und nachdem er stundenlang gekämpft und sein Schiff hin und hergelenkt hat und beinahe gekentert wäre, sich wieder an derselben Landungsstelle sieht, von welcher er abgestoßen ist. Oder es war ihm wie dem heiligen Paulus, der wieder auf die Erde zurückgeschickt und den Faustschlägen des Satans preisgegeben wird, nachdem er schon die geheimnisvollen Worte vernommen hat, die nur ein Geist sprechen kann. Indessen murrte er nicht, kein Klagelaut kam über seine Lippen. Er betete im stillen den göttlichen Willen an und hoffte, daß es seine Absicht sei, ihm das Verdienst des zwiefachen Märtyrertums zu gönnen. Nach dieser zweiten Krone sehnte er sich so sehr, daß er jeden Vorschlag zur Flucht oder zur Geheimhaltung von sich wies. »Jetzt habe ich,« entgegnete er großmütig, »das eine Vorrecht des Märtyrers erworben – ich darf mutig und kühn zu den Verfolgern sprechen. Und dessen will ich mich am ersten Tage, da ich mein Lager verlassen darf, bedienen. Pflegt mich daher gut, damit jener Tag um so früher kommt!« Siebenundzwanzigstes Kapitel Die zweite Krone Die denkwürdige Verschwörung, welche die schwarze Sklavin dem Corvinus verriet, war eine, der wir schon in dem Gespräch zwischen Fulvius und seinem Hüter Erwähnung gethan haben. Die arglosen Eingeständnisse der blinden Märtyrerin hatten ihm die Überzeugung verschafft, daß Agnes Christin sei, und er glaubte jetzt zwei Mittel zugleich in der Hand zu haben. Entweder konnte er sie zu einer Heirat mit sich zwingen, oder er konnte sie vernichten und durch die Konfiskation einen guten Anteil ihres Vermögens für sich erlangen. Die Schmähreden und Anstachelungen des Eurotas hatten ihn für diese zweite Alternative bestimmt; aber da er daran zweifelte, daß er eine zweite Zusammenkunft von ihr erlangen würde, schrieb er ihr einen achtungsvollen aber dringenden Brief, welcher ihr von seiner uneigennützigen Liebe sprach und sie beschwor, seine Werbung anzunehmen. Nur ganz zu Ende ließ er einen leisen Wink einfließen, daß er möglicherweise gezwungen werden könne, ihr gegenüber einen anderen Weg einzuschlagen, wenn demütige Bitten nichts fruchten sollten. Auf dieses Ansuchen erhielt er eine feine, wohlerzogene aber bestimmte abschlägige Antwort; eine feste endgültige und hoffnungslose Zurückweisung. Aber noch mehr; der Brief sagte in klaren Ausdrücken, daß die Schreiberin bereits dem reinen, fleckenlosen Lamme verlobt sei und von keinem irdischen Wesen die Versicherung irdischer Liebe entgegennehmen dürfe. Diese Abweisung stählte sein Herz gegen das Mitleid; aber er beschloß vorsichtig zu handeln. Inzwischen faßte Fabiola, welche Sebastianus' Entschluß, nicht zu fliehen, sah, den romantischen Gedanken, ihn gegen seinen eigenen Willen zu retten, indem sie seine Begnadigung vom Kaiser erflehte und erlangte. Sie kannte nicht die Abgründe der Schlechtigkeit in den Herzen der Menschen. Sie glaubte wohl, daß der Herrscher für einige Augenblicke toben würde, aber sie hielt es nicht für möglich, daß er einen Mann, einen mutigen, tapferen Soldaten zweimal zum Tode verdammen könne. Ein wenig Gnade und Erbarmen müsse noch in seinem Herzen wohnen, meinte sie; und diese sollten ihre flehentlichen Bitten und ihre Thränen an die Oberfläche locken, wie die Hitze den Balsam aus hartem Holze zieht. Deshalb schickte sie dem Kaiser ein Gesuch um Audienz, und da sie die Habgier dieses Mannes kannte, bat sie, ihm zugleich ein Zeichen ihrer eigenen und ihres verstorbenen Vaters echter Unterthanentreue überreichen zu dürfen. Dieses bestand in einem Ringe, der mit Edelsteinen von seltener Schönheit und ungeheurem Werte besetzt war. Das Geschenk wurde angenommen; aber man ließ ihr einfach den Bescheid zukommen, zusammen mit anderen Bittstellern ihr Gesuch am zwanzigsten des Monats im Palatin zu überreichen und am Fuße der großen Treppe auf das Erscheinen des Kaisers zu warten, wenn er sich zu den Opfern begebe. Wenig ermutigend wie diese Antwort war, beschloß sie dennoch alles zu wagen und ihr bestes zu thun. Der bestimmte Tag kam. Fabiola, die sowohl als Bittstellerin wie als um ihren Vater Trauernde, schwarze Gewänder trug, nahm ihren Platz in den Reihen viel unglücklicherer Wesen als sie selbst war, ein; es waren Mütter, Kinder, Schwestern, welche Gnadengesuche für ihre Teuersten überreichen wollten, die jetzt in Kerkern und Bergwerken schmachteten. Sie fühlte die leise Hoffnung, welche sie noch gehegt hatte, bei dem Anblick von so vielem und grenzenlosem Unglück, das zu unermeßlich war, als daß ihm abgeholfen hätte werden können, in sich ersterben. Aber auch der letzte Funke erlosch bei jedem Schritt, welchen der Tyrann auf den marmornen Stufen that, obgleich sie ihren Brillantring an seiner rohen Hand funkeln sah. Denn auf jeder Stufe riß er einem unglücklichen, demütig Bittenden ein Papier aus der Hand, blickte einen Augenblick verächtlich hinein und zerriß es dann oder schleuderte es zu Boden. Nur hier und da gab er eine der Schriften seinem Sekretär, einem Manne, der kaum weniger tyrannisch und herrisch aussah als er selbst. Jetzt war beinahe schon die Reihe an Fabiola; der Kaiser war nur noch zwei Stufen von ihr entfernt, und ihr Herz pochte heftig, nicht aus Furcht vor Menschen, sondern aus Besorgnis um Sebastianus' Schicksal. Sie würde gebetet haben, wenn sie gewußt hätte wie oder zu wem. Maximian streckte die Hand aus, um ein ihm dargebotenes Bittgesuch zu nehmen, als er zurückfuhr und sich umwandte, denn er hörte, wie jemand sehr gebieterisch seinen Namen rief. Auch Fabiola blickte auf, denn sie kannte die Stimme. Ihr gegenüber, hoch oben in der weißen Marmorwand hatte sie ein geöffnetes Fenster bemerkt, welches von gelbem Marmor eingerahmt war; es gab einem rückwärtigen Korridor, welcher zu den Gemächern der Irene führte, das Licht. Jetzt blickte sie durch die Stimme geleitet hinauf und in der dunklen Umrahmung des Fensters bot sich ihr ein furchtbares, aber schönes Bild dar. Es war Sebastianus, bleich und mager, welcher dort ruhig und fest mit vergeistigten Zügen, als sei er keiner Leidenschaft oder heftigen Empfindung mehr fähig, vor ihnen stand; aus der leichten Hülle, welche er um sich geworfen hatte, sahen seine zerrissene Brust und seine wunden Arme hervor. Er hatte die bekannten Trompetentöne gehört, welche ihm das Nahen des Kaisers verkündeten, hatte sich langsam von seinem Schmerzenslager erhoben und war bis an das Fenster gekrochen, um ihn zu begrüßen. Siehe die Akten des heiligen Sebastianus. »Maximian!« rief er mit hohler aber deutlicher Stimme. »Wer bist du, Bursche, daß du den Namen deines Kaisers so frei auszusprechen wagst?« schrie der Tyrann indem er sich zu ihm wandte. »Ich komme wie ein von den Toten Auferstandener, um dir zu sagen, daß der Tag des Zorns und der Rache schnell herannaht. Du hast das Blut der Heiligen Gottes auf dem Pflaster dieser Stadt vergossen; du hast ihre heiligen Leiber in den Fluß geworfen oder sie auf die Düngerhaufen vor den Thoren der Stadt schleudern lassen. Du hast die Tempel Gottes verwüstet und Seine Altäre geschändet und das Erbteil Seiner Armen geraubt. Um dieser und deiner anderen schändlichen Verbrechen und deiner Abgötterei, deiner Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen, deiner Habgier und deines Hochmuts willen hat Gott dich gerichtet und Sein Zorn wird dich gar bald treffen. Du sollst den Tod der Gewaltthätigen sterben, und Gott wird Seiner Kirche einen Kaiser nach Seinem Herzen geben. Und dein Andenken wird in der ganzen Welt verflucht sein bis an das Ende aller Zeiten. Bekehre dich und thue Buße so lange es noch Zeit ist, gottloser Mann; flehe den allmächtigen Gott um Verzeihung an, im Namen seines Sohnes des Gekreuzigten, den du bis auf diesen Tag verfolgt hast.« Tiefes Schweigen herrschte, während diese Worte voll und klar gesprochen wurden. Der Kaiser schien unter dem Eindruck eines lähmenden Schreckens zu stehen; denn Sebastianus alsbald wieder erkennend, war es ihm, als stände er einem Toten gegenüber. Nachdem er aber bald sich und seinen Zorn wiedergefunden hatte, schrie er: »Ho! ihr Burschen dort! Geht hinauf und bringt ihn her!« (Er hatte nicht den Mut, seinen Namen auszusprechen). »Hyphax, hierher! Wo ist Hyphax? Ich sah ihn doch soeben noch!« Aber der Mohr hatte Sebastianus längst erkannt und war in sein Quartier geflohen. »Ha! er ist fort, wie ich sehe! Also du Tölpel dort! Wie heißt du doch?« (sich zu Corvinus wendend, welcher seinen Vater begleitete) »geh fort nach dem Hofe der Numidier und befiehl dem Hyphax, augenblicklich vor mir zu erscheinen!« Mit schwerem Herzen machte Corvinus sich auf den Weg, um den gegebenen Befehl auszuführen. Hyphax hatte bereits erzählt, was sich zugetragen und seine Leute zur Verteidigung aufgestellt. Nur ein Zugang am Ende des Hofes war offen gelassen, und als der Bote diesen erreicht, hatte er nicht den Mut, weiter hinein zu gehen. Fünfzig Männer standen an jeder Langseite des Raumes entlang mit Hyphax und Jubala an den entgegengesetzten Enden. Ruhig und unbeweglich mit nackter Brust und entblößten Armen, den Bogen gespannt, den Pfeil aufgelegt und nach der Thür gerichtet – so standen sie da und sahen aus wie eine Allee von Basaltstatuen, welche zu einem ägyptischen Tempel führt. »Hyphax,« sagte Corvinus mit bebender Stimme, »der Kaiser schickt mich, um dich zu holen.« »Sag Seiner kaiserlichen Majestät in aller Untertänigkeit von mir, daß meine Leute geschworen haben, kein Mensch solle über jene Schwelle hinaus- oder hineingehen, ohne in seinen Rücken oder seine Brust oder in sein Herz hundert Pfeile zu bekommen,« antwortete der Afrikaner, »wenn uns der Kaiser nicht zuvor ein Zeichen seiner Vergebung für jedes Vergehen schickt.« Corvinus eilte mit dieser Meldung zurück, und der Kaiser nahm sie mit lautem Lachen entgegen. Die Scharfschützen waren Leute, mit denen er keinen Streit heraufbeschwören durfte; denn er verließ sich auf sie in der Schlacht und bei jeder Revolte, weil sie geschickt auf die feindlichen Anführer zu zielen verstanden. »Die schlauen Schurken!« rief er aus. »Hier trage diesen Flitterkram dem schwarzen Weibe des Hyphax hin.« Und damit gab er ihm Fabiolas kostbaren Ring. Corvinus lief wiederum zurück, überbrachte die gnädige Botschaft und warf den Ring hinüber. In einem Augenblick erschlaffte jeder Bogen, und jeder Pfeil fiel zur Erde. Jubala sprang entzückt vorwärts und fing den Ring auf. Ein schwerer Schlag von der Faust ihres Gatten streckte sie zu Boden; ein jubelnder Beifall brach los. Der Wilde nahm den Edelstein, und das Weib erhob sich. Jetzt begann die frühere Sklavin zu fürchten, daß sie die eine Knechtschaft nur gegen eine andere und schlimmere eingetauscht habe. Hyphax verschanzte sich hinter dem kaiserlichen Befehl. »Wenn du uns gestattet hättest, ihm einen Pfeil durch den Kopf oder das Herz zu senden, so wäre alles gut abgelaufen,« sagte er. »Auf diese Weise aber sind nicht wir verantwortlich.« »Auf jeden Fall werde ich selbst dieses Mal zugegen sein, um darauf zu sehen, daß meine Befehle ordentlich ausgeführt werden,« sagte Maximian. »Ihr beiden Burschen mit den Keulen, tretet heran!« Zwei der ihn begleitenden Folterknechte traten aus dem Hintergrunde hervor; auch Sebastianus, welcher kaum aufrecht stehen konnte, war inzwischen herbeigeschleppt worden. Ruhig, milde und furchtlos stand er da. »Hört mich, ihr Leute,« sagte der Barbar, »ich will kein Blut auf dieser Treppe vergossen sehen: treibt ihm also das Leben mit euren Keulen aus; macht die Sache schnell ab! – Edle Dame, gebt Eure Bittschrift« – sagte er zu Fabiola, welche er erkannt hatte und deshalb achtungsvoller behandelte, indem er die Hand nach ihrem Gnadengesuche ausstreckte. Sie war entsetzt und verzweifelt; eine Ohnmacht wandelte sie an bei dem Bilde, das sich ihr darbot. Dann sagte sie fast unhörbar: »Kaiserlicher Herr, ich fürchte, es ist zu spät!« »Wie! zu spät?« fragte er auf das Papier blickend. Plötzlich flammte sein Auge zornig auf und er sagte: »Was! Elende! du wußtest, daß Sebastianus noch am Leben? Bist du eine Christin?« »Nein, Herr,« erwiderte sie. Weshalb verdorrte diese Verneinung ihr fast die Kehle? Und wenn es ihr Leben gekostet, so hätte sie nicht vermocht, zu sagen, daß sie etwas anderes sei. O Fabiola, dein Tag ist nicht mehr fern! »Aber wie du soeben sagtest – ich fürchte, es ist zu spät,« sagte der Kaiser wieder ruhiger geworden, indem er ihr die Bittschrift zurückgab. »Ich glaube, jener Schlag ist der ictus gratiosus gewesen.« Der coup de grace , der Schlag, durch welchen »den Schmerzen der Verbrecher ein Ende gemacht wurde«. Das Zerbrechen der Beine der Gekreuzigten wurde ebenfalls als ictus gratiosus angesehen. »Ich werde ohnmächtig, kaiserlicher Herr,« sagte sie ehrerbietig, »darf ich mich zurückziehen?« »Gewiß. Aber ich darf nicht vergessen, dir für den prächtigen Ring zu danken, welchen du mir gesandt hast, und den ich soeben dem Weibe des Hyphax (noch vor kurzem ihre eigene Sklavin!) geschenkt habe. Er wird an einer schwarzen Hand noch besser glänzen als an der meinen! Gehab dich wohl!« Und mit einem boshaften Lächeln warf er ihr eine Kußhand zu, als läge dort nicht der Körper eines Märtyrers, der Zeugenschaft gegen ihn ablegen würde. Er hatte recht gehabt. Ein schwerer Schlag auf den Kopf war der verhängnisvoll entscheidende gewesen, und Sebastianus war bereits dort, wohin er sich so innig gesehnt hatte. Er nahm eine doppelte Palme mit sich hinauf und erhielt dafür eine zwiefache Krone. Und doch war es ein schimpfliches Ende in den Augen der Welt! Ohne Umstände totgeschlagen, während der Kaiser im Gespräch begriffen war! Aber welch ein Martyrium liegt in diesem Schimpf! Wehe uns, wenn wir wissen, daß unser Leiden uns Ehre einträgt! Als der Tyrann das Werk vollendet sah, befahl er, daß Sebastianus nicht in die Tiber noch auf einen Düngerhaufen geworfen werden solle. »Hängt hinreichend Gewichte an seinen Körper,« sagte er, »und werft ihn in die Cloaca, Der große Abzugskanal von Rom. daß er dort verfaule und Würmerfraß werde. Die Christen sollen ihn wenigstens nicht haben.« Dies geschah, und die Akten der Heiligen berichten uns, daß er in der folgenden Nacht der heiligen Matrone Lucina erschienen sei und ihr mitgeteilt habe, wo seine Überreste zu finden seien. Sie gehorchte seinem Befehl, und er wurde mit allen Ehren dort beigesetzt, wo sich heute seine Basilika erhebt. Achtundzwanzigstes Kapitel Die erste Hälfte des entscheidenden Tages Es giebt entscheidende Tage im Leben des einzelnen Menschen sowohl, wie es solche für die ganze Menschheit giebt. Nicht nur die Tage von Marathon, Cannae oder Lepanto, an welchen ein anderer Ausschlag vielleicht das ganze politische und sociale Schicksal der Menschheit anders gestaltet haben würde. Wer es ist auch wahrscheinlich, daß Kolumbus nicht nur auf den Tag, sondern auf die genaue Stunde zurückblicken konnte, deren Entscheidung der Welt alles das sicherte, was er sie lehrte und ihr gab, und ihm den hehren Platz gab, welchen er unter den Größten dieser Erde einnimmt. Und jeder von uns, wie klein und unbedeutend er auch sein mag, hat seinen entscheidenden Tag gehabt, seinen Tag der Vorsehung, der seine Stellung oder seine Beziehungen zu anderen veränderte; seinen Tag der Gnade, an dem der Geist über die Materie siegte. In welcher Weise es auch gewesen sein mag – jede Seele hat, Jerusalem gleich, ihren Tag gehabt. »O, daß du doch erkennen möchtest an diesem deinem Tage u.s.w.« Luk. Kap. 19, V. 42. Und so war es mit Fabiola. Hatte bei ihr nicht alles einer Entscheidung entgegengestrebt? Kaiser und Sklavin, Vater und Gast, Gute und Böse, Christen und Heiden, Arme und Reiche; dann Leben und Tod, Freude und Schmerz, Gelehrsamkeit und Einfachheit, Schweigen und Reden: waren sie nicht alle gekommen als Triebfedern und hatten in den verschiedensten Richtungen an ihrer Seele und ihrem Geiste und ihrem Verstande gezerrt? Hatten sie ihr edles und großmütiges, wenn auch stolzes und stürmisches Herz nicht alle nach einer Richtung gelenkt, wie Steuerruder und Wind gegeneinander kämpfen und doch nur den einen Lauf des Schiffes bestimmen? Was entscheidet endlich den einmütigen Beschluß all dieser widerstreitenden Kräfte untereinander? Das steht nicht bei den Menschen. Nur Weisheit, aber nicht Philosophie entscheidet. Wir haben uns soeben mit Begebenheiten beschäftigt, welche am zwanzigsten Januar verzeichnet sind. Möge der Leser einen Blick in seinen Kalender werfen und sehen, welchen Namen der folgende Tag trägt, dann wird er zugeben, daß es ein wichtiger Tag in unserer Erzählung sein muß. Der einundzwanzigste Januar: Agnes. Von der Audienz fort begab Fabiola sich in die Gemächer der Irene, wo sie nichts fand als Kummer und Verzweiflung. Sie hatte das größte Mitleid mit dem Jammer, den sie vor Augen sah, aber sie empfand, daß zwischen jenem Schmerz und ihrem eigenen dennoch ein großer Unterschied sei. Es war eine Lebendigkeit des Geistes in ihnen, fast ein Frohlocken, das durch ihren Kummer brach; ihre Wolken waren zuweilen sonnig angehaucht und hell. Aber sie selbst war in tote, schwarze, düstere, schwere Finsternis versunken; ihr war, als habe sie einen unersetzlichen, hoffnungslosen Verlust erlitten. Ihr Suchen nach dem Christentum, mit dem sich in ihren Gedanken alles verband, was liebenswert und klug und aufgeklärt war, hatte sein Ende erreicht, wie sie meinte. Der Lehrer, den sie geliebt und erwünscht hatte, war tot. Als die Menge sich aus dem Palast und dessen Umgebung entfernt hatte, nahm sie liebevollen Abschied von der Witwe und ihren Töchtern; aber, wie es auch sein mochte, sie konnte die heidnische Schwester nicht so innig lieben, wie die andere. Nun saß sie allein zu Hause und versuchte zu lesen; sie nahm einen Teil nach dem anderen von berühmten Werken vor, welche von Tod und Seelenstärke, von Freundschaft und Tugend handelten. Aber jedes Buch erschien ihr schal, ungesund und unwahr. Sie versank tiefer und tiefer in eine düstere Traurigkeit, die bis zum Abend anhielt, als sie endlich durch einen Brief gestört wurde, den man ihr überbrachte. Die griechische Sklavin, Graja, welche ihn übergeben hatte, zog sich an das entfernteste Ende des Gemaches zurück, denn sie war bestürzt und erschrocken über das, was sie erblickte. Denn kaum hatte ihre Gebieterin einen Blick auf den Zettel geworfen, als sie wild von ihrem Ruhebett emporsprang, mit den Händen in das Haar fuhr, sie dann wie in Todesangst gegen die Schläfen preßte, einen Augenblick wie versteinert in dieser Stellung verharrte, dann mit unnatürlich starrem Blick aufsah und endlich mit jammervollem Stöhnen auf einem Sessel zusammenbrach. So blieb sie einige Minuten, den Brief in beiden Händen haltend, die Arme schlaff herabhängend, augenscheinlich vollständig bewußtlos. »Wer hat diesen Brief gebracht?« fragte sie endlich etwas gefaßter. »Ein Soldat, Herrin,« antwortete die Dienerin. »Laß ihn eintreten.« Während ihrem Befehl Folge geleistet wurde, versuchte sie sich zu sammeln und ihr Haar zu ordnen. Sobald der Soldat eingetreten war, führte sie folgendes Gespräch mit ihm: »Woher kommst du?« »Ich habe den Nachtdienst im Kerker des Tullian.« »Wer gab dir diesen Brief?« »Die edle Agnes selbst.« »Weshalb ist das arme Kind dort?« »Ein Mann, Namens Fulvius hat die Beschuldigung gegen sie erhoben, daß sie Christin sei.« »Sonst nichts?« »Sonst nichts, dessen bin ich gewiß.« »Dann werden wir die Sache bald ordnen. Ich kann das Gegenteil beweisen. Sag' ihr, daß ich augenblicklich bei ihr sein werde, und nimm dies für deine Mühe!« Der Soldat entfernte sich, und Fabiola blieb allein. Wenn es etwas zu vollbringen galt, so war ihr Geist zugleich energisch und konzentriert, obgleich sich in der Folge die Weichheit des Weibes vielleicht oft um so peinlicher geltend machte. Sie hüllte sich fest in einen Mantel, begab sich ohne Begleitung nach dem Gefängnis, und wurde sofort in eine abgeschlossene Zelle geführt, welche man Agnes in Anbetracht ihres Ranges und der beträchtlichen Schenkungen ihrer Eltern angewiesen hatte. »Was hat dies zu bedeuten, Agnes?« fragte Fabiola ungestüm, nachdem sie ihre Verwandte herzlich umarmt hatte. »Vor wenigen Stunden nahm man mich gefangen und brachte mich hierher.« »Und ist Fulvius wirklich Thor und Schurke genug, um eine Anklage wider dich zu ersinnen, welche fünf Minuten vollständig über den Haufen werfen können? Ich selbst werde zu Tertullus gehen und sofort dieser albernen Beschuldigung widersprechen.« »Welcher Beschuldigung, du Gute?« »Nun, daß du Christin bist!« »Und das bin ich, dem Himmel sei dafür Dank!« entgegnete Agnes und machte das Kreuzzeichen. Diese Verkündigung traf Fabiola nicht wie ein Blitz, noch machte sie sie bestürzt oder aufgeregt oder stutzig. Sebastianus hatte derselben alle Schärfe und Schwere genommen. Sie hatte jenen Glauben bei dem gefunden, welchen sie für den Inbegriff jeder männlichen Tugend hielt; und jetzt war sie nicht mehr erstaunt, ihn auch in jener zu finden, welche sie als das Vorbild der weiblichen Vollkommenheit geliebt hatte. Die stille Größe der Erhabenheit dieses Kindes, seine arglose Unschuld und unwandelbare Güte hatte sie verehrt. Es machte Fabiolas Bedenken geringer, es brachte ihr Problem der Lösung näher, zwei so unvergleichliche Wesen zu finden, die nicht zufällig aufgeschossene Pflanzen, sondern edle Schößlinge waren, die demselben Keim entsprossen. Sie neigte das Haupt in liebevoller Verehrung vor dem Kinde und fragte: »Wie lange bist du Christin?« »So lange ich lebe, Fabiola; ich sog den Glauben mit der Muttermilch ein, wie wir zu sagen pflegen.« »Und weshalb hieltest du es vor mir geheim?« »Weil ich deine heftigen Vorurteile gegen uns kannte; weil ich wußte, wie du uns für die Thäter der schändlichsten Verbrechen hieltst und glaubtest, daß wir dem lächerlichsten Aberglauben frönten. Ich bemerkte, wie du uns als dumm, unerzogen, unphilosophisch und unvernünftig betrachtetest. Du wolltest kein Wort über uns hören, und der einzige Gegenstand, den deine großmütige Seele haßte, war der christliche Name.« »Das ist wahr, teure Agnes, und doch glaube ich nicht, daß ich ihn gehaßt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß du und Sebastianus Christen wart. An euch beiden hätte ich alles lieben können.« »So denkst du jetzt, Fabiola; aber du kennst nicht die Macht des allgemeinen Vorurteils, das Gewicht einer stets wiederholten Lüge. Wie viele edle Gemüter, große Geister und liebevolle Seelen sind von diesen beiden in Fesseln geschlagen! Wie viele Menschen haben sie glauben gemacht, daß wir sind, was wir nicht sind, nämlich schlechter als die Schlechtesten!« »Ach, Agnes, es ist selbstsüchtig von mir, in deiner gegenwärtigen Lage so mit dir zu streiten. – Du wirst den Fulvius doch natürlich zwingen, zu beweisen , daß du Christin bist?« »O nein, teure Fabiola; ich habe es bereits bekannt und beabsichtige, es morgen früh auch öffentlich zu thun.« »Morgen früh! Wie! morgen früh?« rief Fabiola entsetzt bei dem Gedanken, daß die Sache so nahe bevorstand. »Ja. Morgen früh. Um jeden Lärm und jeder Störung um meiner Person willen zuvorzukommen (obgleich ich vermute, daß man sich nicht viel um mich kümmern wird), soll ich morgen früh verhört, und ein summarisches Verfahren eingeschlagen werden. Sind das nicht freudige Nachrichten, teure Fabiola?« fragte Agnes lebhaft, indem sie die Hände ihrer Cousine ergriff. – Dann richtete sie einen ihrer verzückten Blicke empor und rief aus: »Siehe, wonach ich mich lange gesehnt habe, das schaue ich jetzt; worauf ich gehofft habe, das besitze ich jetzt; mit Ihm allem fühle ich mich jetzt im Himmel vereint, den ich hier auf Erden so innig geliebt habe. Ecce quod concupivi jam video, quod speravi jam teneo; ipsi sum juncta in coelis quem in terris posita tota devotione dilexi. – Offizium der heiligen Agnes. O! ist Er nicht schön, Fabiola, schöner als die Engel, welche um Ihn stehen! Wie süß ist Sein Lächeln! Wie milde Sein Blick! Wie gütig der ganze Ausdruck Seines Angesichts! Und jene holde und liebreiche Jungfrau, die Ihm stets zur Seite ist, unsere Königin und Gebieterin, die nur Ihn allem liebt, wie huldvoll winkt sie mir, mich ihrem Gefolge anzuschließen! Ich komme! Ich komme! – Jetzt sind sie fort, Fabiola; aber morgen in der Frühe werden sie kommen, um mich zu holen; sehr früh, vergiß das nicht, und dann werden wir für immer vereint sein!« Fabiola fühlte, wie ihr eigenes Herz sich hob und schwoll, als sei ein neues Element in dasselbe eingezogen. Sie wußte nicht, was es sei, aber es schien etwas besseres, als eine einfache, menschliche Empfindung. Sie hatte das Wort »Gnade« noch nicht vernommen. Agnes indessen bemerkte die glückliche Veränderung in ihrer Seele und dankte Gott innerlich dafür. Sie bat ihre Verwandte, noch einmal vor Tagesanbruch zu ihr zu kommen, um den letzten Abschied von ihr zu nehmen. Um dieselbe Zeit wurde in dem Hause des Präfekten eine Beratschlagung zwischen diesem würdigen Beamten und seinem noch würdigeren Sohne abgehalten. Um den Inhalt derselben kennen zu lernen, thäte der Leser gut, ihr zuzuhören. »Gewiß,« sagte der Richter, »wenn die alte Hexe in der ersten Sache recht gehabt hat, so hatte sie es auch in der zweiten. Aus Erfahrung kann ich dafür einstehen, daß Reichtum gar mächtig ist, wenn es gilt, irgend ein Hindernis aus dem Wege zu räumen oder einen Widerstand zu besiegen.« »Und du wirst auch zugeben müssen,« sagte Corvinus, »daß nach der Aufzählung, welche wir gemacht haben, unter den Bewerbern um Fabiolas Hand sich nicht ein einziger befunden hat, den man nicht mit Recht einen Bewerber um ihr Vermögen hätte nennen können.« »Du selbst einbegriffen, mein teurer Corvinus.« »Ja, bis zu einem gewissen Punkte; aber nicht, wenn es mir gelingt, ihr mit mir zugleich den großen Reichtum ihrer Verwandten Agnes anzutragen.« »Und noch dazu in einer Weise, welche, wie mich dünkt, leichter siegen wird, nach dem, was ich von ihrem großmütigen und erhabenen Charakter gehört habe. Wenn du ihr jenen Reichtum unabhängig von jeder Bedingung giebst, so wirst du ihr eine der beiden Verpflichtungen auferlegen, entweder dich zum Gemahl zu nehmen oder dir das Vermögen vor die Füße zu werfen.« »Bewundernswert, mein Vater! Die zweite Alternative war mir bis jetzt noch nicht eingefallen. Siehst du keine andere Möglichkeit mich in den Besitz desselben zu bringen, als durch sie?« »Durchaus keine. Fulvius wird natürlich seinen Anteil verlangen, und die Wahrscheinlichkeit ist, daß der Kaiser erklären wird, er beabsichtige, das Ganze für sich zu nehmen. Denn er haßt Fulvius. Wenn ich aber einen gemeinfaßlichen und augenscheinlich vernünftigen Plan in Vorschlag bringe, das Vermögen der nächsten Verwandten zu geben, welche unsere Götter verehrt – und das thut Fabiola doch, nicht wahr?« »Gewiß, mein Vater.« »So glaube ich, daß er ihn annehmen wird; während ich fest davon überzeugt bin, daß keine Aussicht vorhanden ist. er werde mir aus freien Stücken ein Geschenk damit machen. Dieser Vorschlag von einem Richter gemacht, würde ihn in Wut versetzen.« »Wie willst du es denn bewerkstelligen, Vater?« »Ich werde im Lauf der Nacht ein kaiserliches Reskript aufsetzen lassen, das zur Unterschrift bereit ist; und gleich nach der Urteilsvollstreckung werde ich mich in den Palast begeben; den Unwillen, welchen dieselbe hervorgerufen hat, um vieles übertreiben, die ganze Schuld auf Fulvius' Schultern wälzen und dem Kaiser zeigen, wie sehr es seinen Ruhm und seinen Glanz erhöhen wird, wenn er das Vermögen derjenigen Person giebt, welche das nächste verwandtschaftliche Anrecht daran hat. Er ist ebenso eitel, wie er grausam und räuberisch ist, und ein Laster muß benutzt werden, um das andere zu bekämpfen.« »Nichts könnte besser erdacht sein, mein teurer Vater; ich werde mich mit leichtem Herzen zur Ruhe legen. Morgen wird der entscheidende Tag meines Lebens sein. Meine ganze Zukunft hängt davon ab, ob sie mich annimmt oder abweist.« »Ich wünschte nur, daß ich diese unvergleichliche Dame gesehen und die Tiefen ihrer Philosophie ergründet hätte, ehe du den Handel endgültig abschließt,« sagte Tertullus, indem er sich erhob. »Fürchte nichts, Vater, sie ist wohl würdig, deine Schwiegertochter zu werden. Ja, ja, morgen ist der Wendepunkt meines Schicksals!« Sogar Corvinus kann seinen entscheidenden Tag haben. Weshalb denn nicht Fabiola? Während dieses vertraute Gespräch geführt wurde, fand auch eine Besprechung zwischen Fulvius und seinem liebenswürdigen Onkel statt. Letzterer, welcher spät heimkehrte, fand Fulvius einsam und mürrisch in seinem Gemache sitzend. Er redete ihn an: »Nun Fulvius, ist sie in Sicherheit gebracht?« »Das ist sie, Onkel; so sicher wie Mauern und Riegel sie machen können; aber ihr Geist ist so frei und unabhängig wie immer.« »Das darf dich nicht bekümmern. Ein scharfer Stahl macht scharfem Geist ein Ende. Ist ihr Schicksal entschieden? Und kann kein Zweifel über die Folgen herrschen?« »Nun, wenn nichts unvorhergesehenes geschieht, so ist ersteres entschieden. Die Entscheidung über den zweiten Punkt hängt noch von der kaiserlichen Laune ab. Aber ich muß gestehen, daß ich Schmerz und Gewissensbisse empfinde bei dem Gedanken, daß ich ein so junges Leben für einen so ungewissen Zweck opfere.« »Komm Fulvius,« sagte der alte Mann strenge und sah so kalt und unbewegt aus, wie ein grauer Fels im Morgennebel, »hoffentlich wirst du keine Schwäche und Weichherzigkeit in dieser Angelegenheit zeigen. Erinnerst du dich, welcher Tag morgen ist?« »Ja, der zwölfte vor den Kalenden des Februar.« 21. Januar. »Stets der entscheidende Tag für dich. Es war an diesem Tage, daß du, um den Reichtum eines anderen zu gewinnen, das begingst, was – –« »Gnade, Gnade!« unterbrach ihn Fulvius in Todesangst. »Weshalb mußt du mich stets an alles das erinnern, was ich selbst am liebsten vergessen möchte?« »Weil du dich selbst vergessen möchtest – und das darf nicht sein. Ich muß dir jeden Vorwand nehmen, daß du dich vielleicht durch dein Gewissen, durch Tugend oder gar Ehre leiten lassen könntest. Es ist Thorheit, Mitleid für das Leben irgend eines Menschen zu heucheln, welcher deinem Glücke im Wege steht, nachdem was du ihr angethan hast.« Fulvius biß sich die Lippen in schweigender Wut und bedeckte sein purpurrotes Gesicht mit beiden Händen. Eurotas rüttelte ihn auf, indem er sagte: »Gut also. Morgen ist wieder ein entscheidender Tag für dich, und vielleicht der letzte. Laß uns die Aussichten ruhig erwägen. Du willst zum Kaiser gehen und deinen gerechten Anteil an dem konfiszierten Vermögen fordern. Nehmen wir den Fall an, daß er dir gewährt wird?« »So werde ich ihn möglichst schnell verkaufen, meine Schulden bezahlen und mich in irgend ein Land zurückziehen, wo man meinen Namen niemals gehört hat.« »Setzen wir aber den Fall, daß du mit deinen Ansprüchen abgewiesen wirst?« »Unmöglich! Unmöglich!« rief Fulvius aus, den der bloße Gedanke schon zur Verzweiflung brachte; »es ist mein Recht, das ich mir sauer genug verdient habe. Man kann es mir nicht verweigern.« »Ruhig, mein junger Freund; laß uns die Sache mit kaltem Blute überlegen. Erinnere dich unseres Sprichwortes: ›Zwischen dem Steigbügel und dem Sattel fällt noch mancher ab‹. Nimm nur an , daß man dir deine Rechte verweigert?« »Dann bin ich ein ruinierter Mann. Ich habe keine andere Aussicht hier, meine Angelegenheiten noch einmal ordnen zu können. In dem Falle muß ich notgedrungen fliehen.« »Gut. Und was schuldest du am Bogen des Janus?« Im Forum oder in der Nachbarschaft desselben standen mehrere dem Janus geweihte Bogen, welche einfach nach seinem Namen genannt wurden; hier hatten die Wucherer und Geldleiher ihren Stand. »Mehrere hundert Sestertia und fünfzig Prozent Zinsen. Ich schulde sie jenem gewissenlosen Juden Ephraim.« »Auf welche Sicherheit hin?« »Auf meine sichere Erwartung hin, daß ich die Besitztümer jener Dame erlangen werde.« »Und glaubst du, daß er dich entwischen lassen wird, wenn du dich getäuscht hast?« »Gewiß nicht, wenn er weiß, daß ich solche Absicht hege. Aber von diesem Augenblick an müssen wir auf alles vorbereitet sein. Und zwar müssen wir alle Vorkehrungen so geheim wie möglich treffen.« »Überlaß das mir, Fulvius. Du siehst, wie ereignisreich der morgende Tag oder eigentlich schon der heutige für dich werden kann, denn der Morgen naht schon. Leben und Tod hängen für dich davon ab. Es ist der große Tag deines Daseins. Mut denn, oder vielmehr einen unbeugsamen Willen! Stähle dich, um dein Schicksal heraus zu arbeiten.« Neunundzwanzigstes Kapitel Die zweite Hälfte desselben Tages Der Tag ist noch nicht angebrochen, und trotzdem sprachen wir schon von seinem zweiten Teil. Was soll das bedeuten? Freundlicher Leser, haben wir dich nicht zu seinem ersten Vespergesang geführt, welcher zwischen Sebastianus von gestern und Agnes von heute geteilt war? Haben die beiden ihn nicht zusammen gesungen, ohne Neid, ohne Eifersucht, mit unparteiischer Brüderlichkeit, der eine vom Himmel herab, zu dem er am Morgen emporgestiegen ist, die andere aus dem Kerker, in den sie am Abend hinunterstieg? O glorreiche, christliche Kirche! Wie groß bist du in deiner harmonischen Einigkeit, die sich vom Himmel herab bis zur Erde erstreckt, überall hin, wo die Gerechten im Kerker schmachten. Fulvius verließ seine Gemächer und trat in die kalte, schneidende Nachtluft hinaus, um sein Blut zu kühlen und seine pochenden Schläfen zu beruhigen. Planlos irrte er umher, aber ohne daß er es merkte, lenkten seine Schritte sich mehr dem Kerker der Tullia zu. Da er buchstäblich ohne jegliches Empfinden war – was konnte ihn dann dorthin ziehen? Es war ein seltsam zusammengesetztes Gefühl, das aus den bittersten Ingredienzien bestand, welche jemals den Becher eines Giftmischers angefüllt haben. Es waren nagende Gewissensbisse; gekränkte Eitelkeit, stachelnder Geiz, demütigende Scham und ein furchtbares Gefühl der sich nahenden Vollendung seines Verbrechens. Freilich war er abgewiesen, verschmäht, beschämt von einem Wesen, das kaum mehr war als ein Kind, während er des Vermögens dieses Mädchens bedurfte, um sich vor Tod und Schande und Bettelarmut zu bewahren – wenigstens dachte er so – und doch wollte er lieber ihre Hand haben als ihr Haupt. Der Mord, welcher an ihr begangen werden sollte, schien ihm so empörend gräßlich – wenn er nicht durchaus unvermeidlich war. Er wollte ihr also noch eine letzte Gelegenheit bieten. Jetzt stand er am Thor des Kerkers, zu dem er sich durch Kenntnis des Losungswortes Einlaß verschaffen konnte. Er nannte es, trat ein und wurde auf seinen Wunsch in die Zelle seines Opfers geführt. Agnes erbebte nicht, sie flüchtete nicht in einen Winkel, wie ein Vogel, in dessen Käfig ein Habicht Einlaß gefunden hat – ruhig und mutig stand sie vor ihm. »Hier wenigstens schone mich, Fulvius,« sagte sie sanft; »ich habe nur noch wenige Stunden zu leben, laß mich sie in Ruhe und Frieden hinbringen.« »Edle Agnes, ich bin gekommen, um sie zu Jahren zu machen, wenn es dir gefallen sollte. Und anstatt des Friedens biete ich dir Glück .« »Sicherlich Fulvius, die Zeit für solch eitle, traurige Dinge – wenn ich dich recht verstehe – ist vorüber. So zu einem Mädchen zu sprechen, das du dem Tode geweiht hast, bleibt doch immerhin bitterer Hohn.« »Es ist nicht so, edle Agnes; dein Schicksal liegt in deiner eigenen Hand; nur dein eigener Eigensinn wird dich dem Tode überliefern. Ich bin gekommen, noch einmal mein Anerbieten zu wiederholen, und mit ihm biete ich dir auch das Leben. Doch dies ist die letzte Aussicht, welche du auf Rettung hast.« »Habe ich dir nicht schon früher gesagt, daß ich Christin bin, und daß ich lieber tausend Leben hingeben würde, als einmal meinen Glauben verleugnen?« »Jetzt verlange ich nicht mehr von dir, dies zu thun. Noch stehen die Thore des Kerkers mir offen. Flieh mit mir! Und trotz der kaiserlichen Befehle sollst du Christin bleiben und dennoch leben.« »Und habe ich dir nicht auch klar und deutlich gesagt, daß ich bereits mit meinem Herrn und Heiland Jesus Christus verlobt bin, und daß ich ihm die ewige Treue bewahre?« »Wahnsinn und Thorheit! Beharre nur bis morgen dabei, und du wirst dafür vielleicht mit dem gelohnt, was du mehr fürchtest, als den Tod, und das diese Illusion für immer aus deinem Hirn treiben wird.« »Ich fürchte nichts für Christus. Denn wisse, ich habe einen Engel, der mich stets bewacht, und der nicht zugeben wird, daß der Magd seines Herrn Leides geschieht. »Mecum enim habeo custodem corporis mei, Angelum Domini.« Das Brevier. Fulvius hatte allmählich die Geduld verloren und konnte seinen Zorn nicht länger bemustern. Wiederum abgewiesen, verschmäht von einem Kinde, über dessen Haupte dieses Mal sogar das Schwert hing! Aus der sengenden Glut, welche ihn innerlich verzehrte, schlug eine nicht zu unterdrückende Flamme empor; und in einem einzigen Augenblick wurden die giftigen Ingredienzien, deren Mischung in seinem Herzen wir beschrieben haben, zu einem schwarzen Tropfen destilliert – Haß ! Mit zornsprühenden Augen und wütender Gebärde schrie er: »Elendes Weib! Ich gebe dir noch eine einzige Gelegenheit, dich vor der Vernichtung zu erretten! Wähle! entweder das Leben mit mir oder den Tod!« »Lieber den Tod für sie erwählen als das Leben mit dir, du Ungeheuer!« ertönte eine Stimme von der Thür her. »Den Tod soll sie haben,« antwortete er und ballte die Faust und warf einen teuflischen Blick auf die Sprecherin, »und du ebenfalls, wenn du es noch ein einziges Mal wagst, deinen verfluchten Schatten auf meinen Weg zu werfen.« Zum letztenmal war Fabiola mit Agnes allein. Während einiger Minuten hatte sie ungesehen den Kampf beobachtet, den sie, wenn sie Christin gewesen wäre, betrachtet haben würde, als ginge er zwischen einem Engel des Lichts und einem Dämon der Finsternis vor sich. Und wahrlich, wenn ein menschliches Wesen ersterem jemals ähnlich sein konnte, so war es Agnes in diesem Augenblick. Als Vorbereitung für das herannahende Fest ihrer endgültigen Vermählung mit dem Lamme, wo sie den Bund ihrer ewigen Liebe, wie Er es gethan, mit Blut besiegeln sollte, hatte sie über ihre schwarzen Trauergewänder ein weißes, fleckenloses, bräutliches Gewand geworfen. Inmitten des düsteren Kerkers, der nur durch eine einzige kleine, qualmende Lampe erhellt war, sah sie strahlend, beinahe blendend aus, während ihr Versucher in seinen dunklen Mantel gehüllt, sich bückend um aus der niederen Thür des Kerkers zu fliehen, aussah wie ein schwarzer, besiegter Dämon, welcher in einen dunklen, höllischen Abgrund taucht. Dann blickte Fabiola ihr ins Antlitz, und ihr war, als hätte sie es noch nie so süß, so friedlich gesehen. Keine Spur von Zorn oder Furcht oder Bewegung war darin zu entdecken; keine Blässe, keine Nöte, nicht die Veränderung hektischer Erregung oder bleicher Niedergeschlagenheit. Aus ihren Augen strahlte mehr als der gewöhnliche, milde Geist, ihr Lächeln war so sanft und fröhlich wie sonst, wenn sie miteinander sprachen. Sie war von einer Würde, einer Größe des Wesens und des Ansehens angehaucht, welche Fabiola mit jener Miene und Erhabenheit, und jener ambrosischen, köstlichen Atmosphäre verglichen haben würde, an welcher man nach der poetischen Mythologie ein Wesen höherer Art auf Erden erkannte. »Incessu patuit Dea.« Es war nicht Begeisterung, denn es war leidenschaftslos; aber es war ein Ausdruck, eine Gebärde, welche nur die reinste Tugend, der geläutertste Geist einer Gestalt zu geben vermögen. Daher erhoben sich ihre Gefühle für Agnes zu einer höheren Stufe; sie kamen religiöser Ehrfurcht näher. Agnes faßte mit beiden Händen die Hände Fabiolas, kreuzte sie auf ihrer eigenen ruhigen Brust und sagte, indem sie ihr mit ruhigem, friedlichem Ernst ins Antlitz sah: »Fabiola, sterbend habe ich noch eine Bitte an dich. Du hast mir niemals auch nur eine einzige abgeschlagen, daher bin ich gewiß, daß du auch diese erfüllen wirst.« »Sprich nicht so zu mir, Agnes, du hast nicht mehr zu bitten, du hast mir nur noch zu befehlen.« »So versprich mir denn, daß du sofort beginnen wirst, die Lehren des Christentums zu erlernen. Ich weiß, daß du sie dir zu eigen machen wirst, und dann wirst du nicht länger für mich sein, was du jetzt bist.« »Und was bin ich?« »Dunkel, dunkel, teure Fabiola. Wenn ich dich erblicke, sehe ich einen edlen Geist in dir, einen großmütigen Charakter, ein liebevolles Herz, einen scharfen Verstand, ein zartes, moralisches Gefühl und ein tugendhaftes Leben. Was kann man mehr von einer Frau wünschen? Und doch liegt für meine Augen über all diesen herrlichen Gaben eine Wolke, ein düsterer Schatten – der Schatten des Todes. Verjage ihn – und alles wird hell und klar sein!« »Ich fühle es, teure Agnes, ich fühle es. Wenn ich so vor dir stehe, sehe ich aus wie ein schwarzer Fleck im Vergleich zu deiner strahlenden Klarheit. Und wenn ich mich zum Christentum bekehre – kann ich dann werden, was du bist?« »Du mußt durch den Strom gehen, Fabiola, der uns voneinander trennt« (Fabiola schrak zusammen, denn sie erinnerte sich ihres Traumes), »kühlende, erfrischende Wässer werden über deinen Körper fließen, und das Öl der Glückseligkeit wird dein Fleisch salben; deine Seele wird rein gewaschen werden wie frischgefallener Schnee, und dein Herz wird weich werden wie das eines Kindes. Aus dem Bade wirst du hervorgehen wie ein neues Wesen, das zu einem neuen und unsterblichen Leben geboren ist.« »Und werde ich dann alles verlieren, was du soeben noch an mir gerühmt hast?« fragte Fabiola niedergeschlagen. »Wie der Gärtner eine abgehärtete, kräftige aber nutzlose Pflanze wählt, und auf sie den kleinen Schößling einer anderen pfropft, die gut und süß ist, und deren Blüten und Früchte dennoch der ersteren angehören, ohne sie der Anmut und Schönheit zu berauben, welche sie vorher besaß – so wird das neue Leben, welches du empfangen wirst, dich veredeln, erheben und heiligen (dies Wort wirst du kaum verstehen können) dich, und die kostbaren Gaben der Natur und der Erziehung, welche du bereits besitzest. Welch ein herrliches Geschöpf würde das Christentum aus dir machen, Fabiola!« sagte die Märtyrerin. »Du führst mich in eine neue Welt, Agnes! O, daß du mich doch nicht schon an ihrer Schwelle verlassen müßtest!« »Horch! horch!« rief Agnes voll begeisterter Freude, »sie kommen, sie kommen! Du hörst den abgemessenen Schritt der Soldaten in der Galerie. Sie sind die Brautführer, welche kommen um mich abzuholen. Aber ich sehe auf den hellen Wolken des Morgens die weißgekleideten Brautjungfern, welche mir winken, hinauf zu kommen. Ja, meine Lampe ist gerichtet, und ich gehe fort, meinem Bräutigam entgegen. Lebe wohl, Fabiola, weine nicht um mich. O, wenn ich dich doch das Glück empfinden lassen könnte, für Christus sterben zu dürfen, wie ich es thue! Und jetzt werde ich dir ein Wort sagen, welches ich dir gegenüber noch niemals ausgesprochen habe – Gott segne dich!« Und sie machte das Kreuzzeichen auf Fabiolas Stirn. Eine Umarmung, stürmisch und konvulsivisch auf Fabiolas, zärtlich und ruhig auf Agnes' Seite, war ihr letzter Gruß auf dieser Erde. Die eine eilte nach Hause von einem neuen und hochherzigen Vorsatz beseelt. Die andere folgte der tiefbeschämten Wache. Über den ersten Teil der Qualen der Märtyrerin werfen wir den Schleier des Schweigens, obgleich die alten Kirchenväter und die Kirche selbst bei denselben verweilen, weil sie ihre Krone verdoppeln. »Duplex corona est praestita martyri. Prudentius Es genüge zu sagen, daß ihr Schutzengel sie vor Schande bewahrte, »Ingressa Agnes turpitudinis locum, Angelum Domini praeparatum invenit.« Officium der heiligen Agnes. und daß die Reinheit ihrer Person eine Höhle des Lasters in ein heiliges und liebliches Sanktuarium verwandelte. Die Kirche der heiligen Agnes auf der Piazza Navona ist eine der schönsten in Rom. »Cui posse soli Cunctipotens dedit Castum vel ipsum reddere fornicem. Nil non pudicum est, visere Dignaris, almo vel pede tangere.«          Prudentius Es war noch früh am Morgen, als sie wiederum vor dem Tribunal des Präfekten auf dem Forum Romanum stand; unverändert, unverletzt, ohne Erröten auf dem lächelnden Antlitz, ohne Schmerz oder Kummer in ihrem unschuldigen Herzen. Nur ihr langes, unbeschnittenes Haar, das Symbol der Jungfräulichkeit, welches aufgelöst war, floß in goldenen Wellen über ihr schneeweißes Kleid herab. »Non intorto crine caput comptum« – »ihr Haupt war nicht umgeben von gekräuselten Haaren.« – Der heilige Ambrosius (de Virg. lib. 1, c. 2.) Siehe Prudentius, Beschreibung der heiligen Eulalia. Es war ein lieblicher Morgen. Gar viele werden sich noch erinnern, welch ein herrlicher Tag es oft am Jahresfeste gewesen, wenn sie aus der Porta Nomentana, jetzt der Porta Pia, hinauspilgerten, der Kirche zu, welche den Namen unserer jungfräulichen Märtyrerin trägt, um auf ihrem Altar die beiden weißen Lämmer geweiht zu sehen, aus deren Wolle die Pallien gewebt werden, welche der Papst den Erzbischöfen seiner Gemeinde sendet. Schon sind die Mandelbäume weiß, aber nicht von Frost, sondern von Blüten; die Erde zwischen den Weinstöcken wird gelockert, und der Frühling scheint in den schwellenden Knospen zu schlummern, welche nur auf das Signal des Südwinds warten, um zu springen und zu wachsen. »Solvitur acria hyems gratu vice veris et Favoni.« Horaz . Die Atmosphäre, welche in den wolkenlosen Himmel emporsteigt, hat grade die Temperatur, welche man liebt, denn die Sonne, die wohl schon Kraft, aber noch keine Hitze hat, sänftigt den gelinden Frost der Luft. Einen solchen Tag der heiligen Agnes haben wir häufig erlebt, zusammen mit tausenden von Glücklichen und Fröhlichen, welche an ihren Altar eilten. Der Richter saß auf dem offenen Forum, und eine ansehnliche Menschenmenge bildete einen Kreis um den verhängnisvollen Raum, welchen nur wenige mit Ausnahme der Christen gern und freiwillig betraten. Unter den Zuschauern befanden sich zwei, deren Aussehen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog; sie standen einander an beiden Enden des Halbkreises, welchen der Volkshaufe bildete, gegenüber. Der eine war ein in seine Toga gehüllter Jüngling; ein Hut mit breiter, herabhängender Krempe verbarg sein Gesicht, so daß man seine Züge nicht unterscheiden konnte. Die andere Gestalt war eine Dame von aristokratischem Aussehen; schlank und hoch aufgerichtet stand sie da, alles in allem eine Erscheinung wie man sie bei solchen Gelegenheiten kaum gewöhnt war zu sehen. Sie sah aus wie jene herrliche antike Statue, welche die Künstler mit dem Namen Pudicitia benennen, als sie so dastand von Kopf bis zu Fuß in ein Tuch oder einen Mantel von indischer Arbeit gehüllt, dessen reiches Muster in feuerrot, blau und gold ihn zu einem wahrhaft kaiserlichen Kleidungsstück machte, welches an diesen Ort des Verderbens und des Bluts noch weniger paßte als die Gegenwart einer Frau selbst. Eine Sklavin oder Dienerin, sorgsam verschleiert wie ihre Herrin, begleitete sie. Die Dame stand unbeweglich, den Ellbogen auf eine Marmorsäule gestützt, da, und ihr Geist und ihre Seele schienen, für alles andere unempfänglich, nur mit einem einzigen Gegenstande beschäftigt. Agnes wurde von ihrer Wache in den offenen Raum geführt und stand mutig und unerschrocken dem Richterstuhl gegenüber da. Ihre Gedanken schienen in weite Fernen zu schweifen; sie beachtete auch nicht einmal jene beiden, welche bis zu ihrem Erscheinen der Gegenstand allgemeiner Beachtung gewesen. »Weshalb trägt sie keine Fesseln?« fragte der Richter in zornigem Ton. »Sie bedarf ihrer nicht: sie folgt so willig,« antwortete Catulus, »und sie ist noch so jung.« »Aber sie ist eigensinniger als die ältesten. Legt ihr augenblicklich Handschellen an.« Der Folterknecht suchte hin und her zwischen solchem Kerkerschmuck – für christliche Augen war er dies wirklich – und endlich wählte er das kleinste und leichteste Paar aus, welches er finden konnte und legte es um ihre Gelenke. Wie spielend schüttelte Agnes lächelnd die Hände, und rasselnd fielen sie gleich der Natter des heiligen Paulus vor ihre Füße. Der heilige Ambrosius, ubi supra . »Aeterne Rector, divide januas, Coeli, obserratas terrigenis prius, Ac te sequentem, Christe, animum voca, Cum virginalem, tum Patris hostiam.«                  Prudentius »Es sind die kleinsten, welche wir haben, Herr,« sagte der besänftigte Henker, »ein so junges Geschöpf sollte andere Armspangen tragen.« »Schweig, Bursche!« schrie der aufgebrachte Richter. Dann wandte er sich zu der Gefangenen und fügte in weicherem Tone hinzu: »Agnes, es schmerzt mich um deine Jugend, es thut mir leid um deine Lage, deine schlechte Erziehung. Ich möchte dich retten, wenn es möglich wäre. Bedenk dich, so lange es noch Zeit ist. Entsage den falschen und trügerischen Lehren des Christentums, gehorche dem kaiserlichen Edikt und opfere den Göttern.« »Es nützt dir nichts, mich noch länger zu versuchen,« entgegnete sie. »Mein Entschluß ist unerschütterlich. Ich verachte deine falschen Götter und kann nur den einen lebendigen Gott lieben und ihm dienen. Ewiger Herrscher, öffne weit deine himmlischen Thore, welche den Menschen noch bis vor kurzem verschlossen waren. Christus, rufe die Seele zu dir, welche an dir hängt, und die sich dir bereits durch das Gelübde der Jungfräulichkeit hingegeben hat und jetzt deinem Vater durch das Opfer des Märtyrertums angehört.« »Ich vergeude die Zeit, wie ich sehe,« sagte der ungeduldige Präfekt, welcher Symptome des Mitleids und der Sympathie in der Volksmenge gewahrte. »Sekretär, schreib das Urteil. Wir verurteilen Agnes, mit dem Schwert bestraft zu werden, weil sie die kaiserlichen Edikte mißachtet hat.« »An welcher Straße und an welchem Meilenstein soll das Urteil vollzogen werden?« fragte der Henker. Es war Brauch, die Enthauptung außerhalb der Stadt an dem zweiten, dritten oder vierten Meilenstein vorzunehmen; aber aus Prudentius und anderen Schriftstellern geht hervor, daß die heilige Agnes am Orte des Gerichts den Tod erlitt; dafür sprechen auch noch andere Beweise. »Es soll auf der Stelle und hier vollzogen werden,« lautete die Antwort. Einen Augenblick lang hob Agnes Augen und Hände zum Himmel empor, dann kniete sie ruhig und gefaßt hin. Mit ihren eigenen Händen zog sie ihr seidenweiches Haar über den Kopf zusammen und bot ihren schneeweißen Nacken dem Streiche dar. Es folgte eine Pause, denn der Henker zitterte vor Bewegung und Mitleid und vermochte das Schwert nicht zu schwingen. Wie das Kind dort allein niederkniete in ihrem weißen Gewande, das Haupt gesenkt, die Arme züchtig auf der Brust gekreuzt, die goldenen Locken bis ans den Boden herabhängend und ihr holdes Antlitz fast verschleiernd, hätte man sie sehr wohl mit einer herrlichen, seltenen Pflanze vergleichen können, deren schlanker, lilienweißer Stil durch die Üppigkeit der goldenen Blüte niedergezogen wird. Der Richter tadelte den Henker in den heftigsten Ausdrücken um seines Zögerns willen und gebot ihm, sofort seine Pflicht zu thun. Der Mann fuhr mit seiner rauhen, linken Hand über die Augen und erhob das Schwert mit der rechten. Man sah es durch die Luft blitzen und in der nächsten Minute lagen Blume und Stengel am Boden. Man hätte es fast für ein Niederknieen zum Gebet halten können, wenn das weiße Gewand nicht in einem Augenblick schon hochrot gefärbt gewesen wäre – getränkt im Blute des Lammes. Der Mann zur Rechten des Richters hatte mit unverwandtem Blicke die Enthauptung verfolgt, und ein boshafter Triumph flammte in seinen Augen auf, als er auf die hingestreckte Gestalt sah. Die ihm gegenüberstehende Dame hatte das Haupt abgewandt, bis das Gemurmel der Menge, welche bis jetzt atemlos und lautlos den Vorgängen gefolgt war, ihr verkündete, daß alles vorüber sei. Jetzt trat sie kühn hervor, löste den herrlichen Brokatmantel von ihrer Gestalt und breitete ihn wie ein Leichentuch über den verstümmelten Körper. Ein rauschend stürmischer Beifall folgte auf diese liebreiche That weiblichen Mitgefühls, Prudentius berichtet, daß ein plötzlicher Schneefall den Körper der heiligen Eulalia, welche als Leiche auf dem Forum lag, einhüllte. und jetzt stand die Dame in den Gewändern tiefster Trauer vor dem Richterstuhl. »Herr,« sagte sie in deutlichen, klaren Lauten, welche aber dennoch die tiefste Erregung verrieten, »gewähre mir eine Bitte. Laß nicht die rauhen, kalten Hände deiner Diener noch einmal die geheiligten Überreste jener berühren und entweihen, die ich mehr geliebt habe als irgend etwas anderes auf dieser Welt. Laß mich sie von hier nach der Grabstätte ihrer Väter tragen, denn sie war eben so edlen Blutes wie sie großen Herzens war.« Augenscheinlich war Tertullus tief ergrimmt, als er entgegnete: »Wer du auch sein magst, Weib, deine Bitte kann nicht gewährt werden. Catulus, sorge dafür, daß die Leiche wie gewöhnlich in den Fluß geworfen oder verbrannt wird.« »Ich flehe dich an, Herr,« bat die Dame in ernstem Ton, »bei jedem Anspruch, den weibliche Tugend an dich machen darf, bei jeder Thräne, die eine Mutter über dich vergossen hat, bei jedem zärtlichen Worte, das eine Schwester jemals in Kummer oder in Krankheit zu dir gesprochen; bei jedem Dienst, den ihre zarten, liebreichen Hände dir geleistet, flehe ich dich an, meine demütige Bitte zu gewähren. Und wenn bei deiner Heimkehr heute Abend Töchter dir an der Schwelle deines Hauses entgegen treten, die deine Hände küssen, welche mit dem Blute eines Wesens befleckt sind, dem ähnlich zu sein, der Stolz eines jeden Mädchens sein dürfte, so sei wenigstens im stande, ihnen zu sagen, daß du es mir nicht verweigert, ihr jenen letzten Tribut zu leisten, welcher ihrer mädchenhaften Tugend gebührte.« Die lauschende Menge gab ihre Sympathie so unverhohlen kund, daß Tertullus, eifrig bemüht diese zu unterdrücken, sie in scharfem Tone fragte: »Sag, bist auch du eine Christin?« Sie zögerte einen kurzen Augenblick, dann erwiderte sie: »Nein, Herr, ich bin es nicht, aber ich gestehe, daß, wenn irgend etwas im stande wäre, mich dazu zu machen, es das wäre, was ich heute gesehen habe.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, daß um die Religion des Kaiserreichs zu erhalten, solche Wesen wie sie eines war, (hier übermannten die Thränen sie für einen Augenblick) erschlagen werden müssen, während Ungeheuer, welche den menschlichen Namen und die menschliche Gestalt entehren, leben und gedeihen! O Herr, du weißt nicht, was du an diesem Tage von der Erde gelöscht hast! Sie war das reinste, süßeste, heiligste Geschöpf, welches ich je auf derselben wandeln sah – die Blume der Weiblichkeit, wenn auch beinahe noch ein Kind. Und sie hätte noch gelebt, wenn sie nicht die dargebotene Hand eines gemeinen Abenteurers verschmäht hätte, der sie mit seinen schändlichen Anträgen bis in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit ihrer Villa, in das Heiligtum ihres Hauses, und sogar noch bis in ihren letzten Zufluchtsort, den Kerker verfolgte! Und nun mußte sie sterben, weil sie jenen asiatischen Spion nicht mit ihrem Reichtum beglücken, mit ihrer Hand adeln wollte!« Mit stiller Verachtung deutete sie auf Fulvius, der zurückprallte und wütend schrie: »Sie lügt, Herr! Das sind schändliche, verleumderische Erfindungen. Agnes hat offen bekannt, daß sie Christin sei.« »Laß mir Zeit, Herr, während ich ihn überführe,« entgegnete die Dame mit edler Würde. »Blick in sein Gesicht, und du wirst dort finden, was vollauf Beweis für meine Worte ist. Fulvius, hast du nicht zeitig heute Morgen jenes liebliche Kind in seiner Zelle aufgesucht und ihm unumwunden gesagt, (von dir ungesehen belauschte ich euch) daß du ihr nicht allein das Leben retten, sondern allen kaiserlichen Edikten zum Trotz noch dafür sorgen würdest, daß sie im geheimen Christin bleibe, wenn sie nur deine Hand annehmen wolle?« Fulvius stand da, bleich wie der Tod; er stand , wie ein Mensch es noch während einer Sekunde thut, der mitten durchs Herz geschossen oder vom Blitz getroffen worden ist. Er sah aus wie ein Mann, dessen Urteil gesprochen werden soll – nicht das Todesurteil, sondern jener Richterspruch, der ihn zum ewigen Schandpfahl verdammt. Der Richter wandte sich zu ihm und sprach: »Fulvius, dein Aussehen bestätigt diese furchtbare Anklage. Ich könnte dich deshalb sofort deines Hauptes verlustig erklären. Aber nimm meinen Rat, flieh für immer von hier. Flieh und verbirg dich vor dem Zorn aller gerechten Menschen und vor der Rache der Götter. Zeige dein Antlitz niemals wieder; nicht auf dem Forum, nicht an irgend einem anderen öffentlichen Platze in Rom. Wenn diese edle Dame will, so werde ich jetzt ihre Anklage gegen dich aufzeichnen. Willst du mir deinen Namen nennen?« fragte er in achtungsvollem Ton die Trauernde. »Fabiola,« antwortete sie. Jetzt war der Richter nur noch Liebenswürdigkeit, denn wie er hoffte, stand seine künftige Schwiegertochter vor ihm. »Ich habe oft von dir gehört,« sagte er, »von dir und deinen herrlichen Eigenschaften und Talenten und deiner großen, erhabenen Tugend. Du bist überdies diesem Opfer schändlichen Verrats nahe verwandt und hast ein Recht, die Herausgabe ihrer Leiche zu fordern. Du darfst über sie verfügen.« Diese Rede wurde im Anfang von einem lauten Zischen und durchdringenden, Geschrei unterbrochen, welches Fulvius' Abgang begleitete. Er war bleich vor Scham, Schrecken und Wut. Fabiola dankte dem Präfekten voll Anmut und machte Syra, welche sie begleitete, ein Zeichen. Diese gab ein zweites Zeichen, und augenblicklich erschienen vier Sklaven, welche die Sänfte einer Dame trugen. Fabiola erlaubte niemandem, die sterblichen Überreste der Märtyrerin vom Boden zu heben, sondern that es selbst in Gemeinschaft mit Syra. Sie legten sie in die Sänfte und bedeckten sie mit dem kostbaren Leichentuche. »Tragt diesen Schatz nach ihrem eigenen Hause,« sagte sie und schritt als Leidtragende mit ihrer Dienerin hinterher. Ein kleines Mädchen, in Thränen aufgelöst, bat demütig, ob sie mit ihnen gehen dürfe. »Wer bist du?« fragte Fabiola. »Ich bin die arme Emerentiana, ihre Pflegeschwester,« erwiderte das Kind; und freundlich faßte Fabiola ihre Hand. In demselben Augenblick, wo die Leiche fortgetragen wurde, stürzte eine große Anzahl von Christen, Männer, Weiber und Kinder mit Schwämmen und Linnentüchern vor, um einige Tropfen des kostbaren Blutes aufzufangen. Umsonst warfen die Wachen sich auf sie und machten Gebrauch von Peitschen, Geißeln, Knütteln und sogar noch schärferen Waffen, so daß sich das Blut von manchem mit dem der Märtyrerin vermischte. Wenn ein Herrscher bei seiner Krönung oder seinem ersten Einzuge in die Hauptstadt, einer alten Sitte gemäß, Händevoll goldener und silberner Münzen in die Menge wirft, so kann er keinen erbitterteren Wettkampf um seine ausgestreuten Schätze hervorrufen als jenen, welcher hier zwischen den ersten Christen entbrannt war um das, was sie höher schätzten als Gold und Edelsteine – die rubinroten Tropfen, welche aus dem Herzen einer Märtyrerin für den Herrn geflossen waren! Aber alle ehrten und achteten den Anspruch, welchen einer zu machen berechtigt war, und hier war es der Diakon Reparatus, welcher mit Gefahr seines Lebens gegenwärtig war, um mit einem Fläschchen in der Hand das Blut der heiligen Agnes aufzufangen, daß es wie ein treues Siegel zum ewigen Angedenken an ihr Märtyrertum über ihrem Grabe aufgehängt werde. Dreißigstes Kapitel Das Ende desselben Tages Tertullus eilte sofort nach dem kaiserlichen Palaste: zum Glück oder zum Unglück für die Kandidaten des Märtyrertums. Hier fand er den Corvinus mit dem in Bereitschaft gehaltenen Reskript, welches auf das feinste in großen Anfangsbuchstaben geschrieben war. Er genoß das Privilegium, stets bei dem Kaiser ohne vorhergehende Meldung vorgelassen zu werden. Er berichtete über Agnes' Tod wie über eine gleichgültige Geschäftsangelegenheit, übertrieb die Erregung des Volkes, welche wahrscheinlich durch denselben hervorgerufen wurde; schrieb alles der Thorheit des Fulvius zu, dessen größte Schuld er indessen nicht entdeckte aus Furcht, daß er die Untersuchung gegen ihn würde führen müssen und dadurch seine eigene Handlungsweise an den Tag brächte. Er verminderte den Wert von Agnes' Besitztum und schloß indem er sagte, daß es ein Akt der Güte und Gnade sein und gewiß der Erbitterung des Volkes entgegenarbeiten würde, wenn man das Vermögen ihrer Verwandten, und durch letztwillige Verfügung ihrer nächsten Erbin, überlassen wollte. Er beschrieb Fabiola als eine junge Dame von außerordentlicher Klugheit und wunderbarer Gelehrsamkeit, welche dem Dienste der Götter ergeben sei und dem Genius der Kaiser tägliche Opfer bringe. »Ich kenne sie,« sagte Maximian lachend, als steige die Erinnerung an eine sehr komische Begebenheit wieder in ihm auf. »Armes Ding! sie sandte mir einen prächtigen Ring, und gestern bat sie für das Leben Sebastianus' grade als er mit Keulen zu Tode geschlagen war.« Und er lachte ganz unmäßig; dann fuhr er fort: »Ja, ja, unter allen Umständen! Eine kleine Erbschaft wird sie über den Verlust jenes Burschen trösten. Laß sofort ein Reskript aufsetzen, und ich werde es unterzeichnen.« Tertullus brachte dasjenige, welches er vorbereitet hatte, zum Vorschein, indem er sagte, er habe schon im voraus auf die erhabene Großmut des Kaisers gerechnet; der gekrönte Barbar setzte eine Unterschrift darunter, welche einem Schuljungen Schande gemacht haben würde. Gleich darauf übergab der Präfekt das Papier seinem Sohne. Kaum hatte er den Palast verlassen, als Fulvius denselben betrat. Er hatte sich nach Hause begeben gehabt, um das passende Hofkleid anzulegen und mit Hilfe eines Bades und der Kunst wohlriechender Essenzen die Spuren der Leidenschaften, welche an diesem Morgen sein Gesicht durchfurcht und verzerrt, aus demselben zu entfernen. Er hatte das bestimmte Vorgefühl, daß er eine furchtbare Enttäuschung erleben werde. Die kaltblütige Besprechung des Eurotas am vorhergehenden Abend hatte ihn vorbereitet, und die Durchkreuzung all seiner schlauen Pläne und die unzähligen Widerwärtigkeiten dieses Tages hatten ihn in seiner instinktiven Überzeugung bestärkt. Ein Weib in der That schien dazu geboren, ihm überall, wohin er sich auch wenden mochte, entgegenzutreten und ihm Niederlagen zu bereiten: aber »Dank den Göttern,« dachte er, »hier kann sie meinen Weg nicht kreuzen. Heute morgen hat sie meinen Ruf für alle Zeiten geschändet; aber die Belohnung, welche mir von rechtswegen gebührt, kann sie nicht für sich in Anspruch nehmen; sie hat mich zu einem Ausgestoßenen gemacht, aber es liegt nicht in ihrer Macht, mich zum Bettler zu machen.« Dies schien sein einziger Hoffnungsanker. Die Verzweiflung trieb ihn vorwärts und er war fest entschlossen, seine Ansprüche auf Agnes' konfisziertes Vermögen, dem einzigen Mitbewerber – dem raubsüchtigen Kaiser selbst gegenüber – bis aufs äußerste zu verfechten. Er wollte sogar sein Leben daran wagen, denn wenn es ihm mißlang, war er doch vollständig ruiniert. Nachdem er geraume Zeit gewartet, trat er in die Audienzhalle und schritt vorwärts, um sich mit dem süßesten Lächeln, das er auf seine Lippen zu zaubern vermochte, dem Kaiser zu Füßen zu werfen. »Was suchst du hier?« lautete die erste Begrüßung. »Herr,« erwiderte er, »ich bin gekommen, um dich demütig um deine kaiserliche Gnade und Gerechtigkeit anzuflehen und zu bitten, du wollest befehlen, daß man mich sofort in den rechtmäßigen Besitz des mir gebührenden Anteils von Agnes' Vermögen setze. Auf meine Anklage hin hat man sie überführt, und sie hat soeben die wohlverdiente Strafe aller derer erlitten, welche den kaiserlichen Befehlen entgegenhandeln.« »Das ist alles in Ordnung. Aber wir haben bereits vernommen, wie dumm und ungeschickt du deiner Gewohnheit gemäß die ganze Sache geführt hast. Dadurch hat das Volk angefangen, gegen mich zu murren und unzufrieden zu sein. Also je schneller du dich aus meiner Nähe, meinem Palaste und Rom entfernst, desto besser für dich. Verstehst du mich? Gewöhnlich pflege ich nicht, solche Warnungen zweimal ergehen zu lassen.« »Ich werde augenblicklich jeder Kundgebung deines erhabenen Willens gehorchen. Aber ich bin fast aller Mittel entblößt. Befiel, daß man mir ausliefere, was mir rechtmäßig zukommt, und ich gehe sofort.« »Keine Worte mehr,« brüllte der Tyrann, »geh mir auf der Stelle aus den Augen. Was das Vermögen anbetrifft, welches du mit so großer Frechheit forderst, so kannst du dasselbe nicht bekommen. Wir haben das Ganze durch einen unwiderruflichen Befehl einer ausgezeichneten und verdienstvollen Persönlichkeit – der edlen Fabiola – überlassen.« Fulvius sprach kein Wort mehr, sondern küßte die Hand des Kaisers und zog sich zurück. Er war ein gebrochener, zu Grunde gerichteter Mann. Als er zum Thor des Palastes hinausschritt, hörte man ihn nur murmeln: »So hat sie mich also doch zum Bettler gemacht!« Als er seine Wohnung erreichte, war Eurotas, welcher die Antwort in den Augen seines Neffen las, über dessen Ruhe und Gelassenheit aufs äußerste bestürzt. »Ich sehe,« sagte er indessen trocken, »es ist alles vorüber?« »Ja. Sind deine Vorbereitungen getroffen, Eurotas?« »Fast alle. Ich habe die Edelsteine, Einrichtungsstücke und Sklaven mit einigem Verlust verkauft, aber mit der kleinen Summe, welche ich noch in Händen habe, können wir sicher nach Asien hinüber gelangen. Ich habe nur Stabio behalten, den treusten und zuverlässigsten unserer Diener. Er wird unsere geringen Habseligkeiten und Reisebedürfnisse auf seinem Pferde tragen. Zwei weitere Rosse werden für dich und mich in Bereitschaft gehalten. Nur noch einen Gegenstand habe ich für unsere Reise zu besorgen und dann bin ich zum Aufbruch bereit.« »Und was für ein Gegenstand ist das?« »Das Gift. Gestern Abend bestellte ich es, aber es kann erst heute Mittag bereit sein.« »Zu welchem Zweck?« fragte Fulvius bestürzt. »Das weißt du sicherlich selbst,« antwortete der andere unbewegt. »Ich beabsichtige, anderswo noch einen Versuch zu machen; aber unser Handel ist klar; die Familie meines Vaters darf nicht in Armut zu Grunde gehen. Sie darf nur in Ehren enden!« Fulvius biß sich auf die Lippen und sagte: »Gut; sei es, wie du willst. Ich bin dieses Lebens müde. Verlaß das Haus sobald als möglich, aus Furcht vor Ephraim; und halte bald nach Anbruch der Nacht an dem dritten Meilenstein vor der Porta Latina. Dort werde ich dich finden. Denn auch ich habe noch eine Sache von großer Wichtigkeit zu erledigen, bevor ich mich auf den Weg mache.« »Welcher Art ist sie?« fragte Eurotas und verriet die größte Neugierde. »Das kann ich selbst dir nicht sagen. Wenn ich aber zwei Stunden nach Sonnenuntergang nicht bei dir bin, so gieb mich auf und bringe dich ohne mich in Sicherheit.« Eurotas heftete seine kalten, schwarzen Augen mit einem jener Blicke auf Fulvius, welche diesen stets bis in die innersten Tiefen erforschten. Er wollte sehen, ob er vielleicht den geheimen Gedanken hege, sich seinem Griffe zu entwinden. Aber Fulvius sah kalt und weniger verschlossen aus als gewöhnlich, und so that der alte Mann keine weiteren Fragen. Während dieses Gesprächs hatte Fulvius seine Hofkleidung abgelegt und zog sein Reisegewand an. So vollständig bereitete er sich augenscheinlich auf seine Reise vor, daß er sogar seine Waffen zu sich steckte, damit ihr Mangel ihn nicht nötige, noch einmal nach Hause zurückzukehren. Außer seinem Schwerte schob er auch noch einen jener krummen Dolche vom schärfsten Schliff und verhängnisvollster Form, die man nur im Orient kannte, in seinen Gürtel und verbarg ihn sorgsam durch seinen Mantel. Eurotas begab sich sofort nach dem numidischen Quartier im kaiserlichen Palaste und fragte nach Jubala. Diese trat mit zwei kleinen Fläschchen von ungleicher Größe ein und war grade im Begriff, ihm die nötigen Erklärungen zu geben, als ihr halbbetrunkener, halbzorniger Gatte sich ihnen näherte. Eurotas hatte nur noch Zeit genug, um die Flaschen in seinem Gürtel zu verbergen und ihr eine Münze in die Hand zu drücken, als Hyphax herantrat. Sein Weib hatte ihm von den Anträgen gesprochen, welche Eurotas ihr vor ihrer Verheiratung gemacht hatte, und dadurch war in seinem heißen, afrikanischen Blut jene Eifersucht erzeugt, welche sich bis zum Haß steigerte. Der Wilde warf das Weib mit der grenzenlosesten Roheit aus dem Gemache und hätte einen Streit mit dem Syrier begonnen, wenn dieser nicht, jetzt, da er seinen Zweck erreicht, Nachsicht geübt und den Anführer der Bogenschützen versichert hätte, daß seine Augen ihn niemals wiedersehen würden, worauf er sich zurückzog. Es ist indessen Zeit, daß wir zu Fabiola zurückkehren. Der Leser ist wahrscheinlich darauf vorbereitet, uns sagen zu hören, daß sie als Christin nach Hause zurückkehrte – aber dem war nicht so. Denn wieviel wußte sie bis jetzt vom Christentum, um sich zu demselben bekehren zu können? In Sebastianus und Agnes hatte sie in der That jene selbstlose, großmütige, mehr als irdische Tugend bewundert, welche sie jetzt bereit war, ihrem Glauben zuzuschreiben. Sie sah ein, daß dieser Beweggründe für Thaten, Grundsätze für das Leben, Seelengröße, Gewissensmut und fest entschlossenen, tugendhaften Willen gab, wie kein anderes Glaubenssystem sie zu verleihen imstande war. Und selbst wenn die erhabenen Enthüllungen Syras in Bezug auf eine unsichtbare Sphäre von Tugendhaftigkeit und deren allsehenden Herrscher aus derselben Quelle flossen – was war dies alles denn anderes als ein großartiges, moralisches und intellektuelles System, zum Teil praktisch, zum Teil spekulativ, wie jeder andere Codex philosophischer Gelehrsamkeit? – Bis jetzt hatte sie noch nichts von den wirklichen und hauptsächlichen Lehren des Christentums, seinen unergründlichen und doch zugänglichen geheimnisvollen Tiefen gehört; nichts von dem hehren, großen, himmelhohen Gebäude des Glaubens, welches die einfache Seele zu fassen vermochte, wie das Auge eines Kindes das vollkommene Abbild eines Berges aufnehmen kann, den ein Riese nicht abzumessen vermag. Sie hatte noch niemals von einem Gotte gehört, der Einer ist in der Dreifaltigkeit, nichts von Seinem Sohne, der gleichwesentlich mit dem Vater und um der Menschen willen Fleisch geworden ist. Noch hatte ihr niemand die wundersame Geschichte der Erlösung durch das Leiden und den Tod Gottes erzählt. Sie hatte nicht von Bethlehem, nicht von Nazareth, nicht von Golgatha gehört. Wie konnte sie sich Christin nennen oder Christin sein, wenn sie über alles dies noch in Unwissenheit schwebte? Wie viele Namen mußten ihr noch bekannt und lieb werden, die ihr bis jetzt noch fremd oder barbarisch klangen – Maria, Joseph, Petrus, Paul oder Johannes? Nicht zu erwähnen des teuersten von allen, der Balsam ist für das wunde Herz, der wie Honig aus der zerbrochenen Honigscheibe tropft. Und wieviel hatte sie noch zu lernen von den Mitteln, das Heil ans Erden zu wirken in der Kirche, von der Gnade, den Sakramenten, dem Gebet, der Liebe Gottes und der Nächstenliebe. Welche unerforschten Regionen lagen noch hinter der schmalen engbegrenzten Strecke, welche sie bis jetzt erforscht hatte! Nein. Fabiola kehrte nach Hause zurück, fast erschöpft durch den vorhergehenden Tag und die letzte Nacht und die traurigen Vorgänge des Morgens; sie zog sich in ihre innersten Gemächer zurück, vielleicht keine Philosophin mehr, aber immer noch keine Christin. Sie befahl der ganzen Dienerschaft, sich fern von dem Hofe zu halten, in welchem sie sich aufhielt, damit auch nicht das geringste Geräusch sie störe, und sie verbot, daß irgend jemand Zutritt zu ihr erhalte. So saß sie stundenlang da, zu heftig erregt, als daß der Schlummer ihr hätte Beruhigung bringen können. Lange trauerte sie um Agnes, wie eine Mutter um ein Kind, welches ihr plötzlich entrissen worden. Und doch, fiel nicht ein zarter Lichtstrahl auf die Wolke, welche alles verdüsterte? War ihre Trauer nicht weniger herbe als jene, welche sie an der Bahre ihres Vaters empfunden? Schien es ihr nicht wie eine Beleidigung gegen die Vernunft, wie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu denken, daß sie vernichtet sei – daß sie in ihren strahlend weißen Gewändern mit ihrem lächelnden Antlitz, ihrem unschuldigen, fröhlichen Herzen gradeswegs in – das Nichts gegangen sei; – daß Gewissen, Gerechtigkeit, Reinheit und Wahrheit sie immer weiter gelockt, bis sie endlich mit weit geöffneten Armen, um sie zu empfangen in einen Abgrund gestürzt, auf dessen Grunde die Vernichtung lauerte? Nein. Agnes war glücklich, irgendwo, irgendwie; dessen war sie gewiß. Oder Gerechtigkeit wäre nur ein leeres Wort. »Wie seltsam,« dachte sie weiter, »daß jeder, der mit besonders vortrefflichen Eigenschaften ausgerüstet, ein Mann wie Sebastianus, ein Mädchen wie Agnes der verachteten Rasse der Christen angehören mußte! Nur eine noch ist übrig – und diese will ich morgen befragen.« Als sie sich von diesen Gestalten ab und der heidnischen Welt zuwandte und Fulvius, Tertullus, den Kaiser und Calpurnius erblickte – sie bebte zusammen als sie sich dabei ertappte auch den Namen ihres Vaters zu nennen – da widerte sie der Gegensatz zwischen Niedrigkeit und Edelmut, Laster und Tugend, Dummheit und Weisheit, Sinnlichkeit und Vergeistigung an. So bildeten sich ihr Geist und ihre Seele zu einer Form um, welche durch irgend eine praktische Vortrefflichkeit ausgefüllt werden muß, wenn sie nicht zerspringen soll; ihre Seele lechzte wie der ausgetrocknete Erdboden, dem der Himmel seinen Regen herabsenden muß, wenn er nicht zur ewigen Wüste werden soll. Gewiß, Agnes verdiente wohl den Ruhm, durch ihren frühen Tod die Bekehrung ihrer Anverwandten herbeigeführt zu haben; aber gab es nicht noch eine andere, eine Untergebene, welche ältere Ansprüche machen konnte, sie veranlaßt zu haben? Eine, die die Freiheit von sich gewiesen und ihr Leben geweiht hatte, um diesen selbstlosen Gewinn zu erringen? Als Fabiola noch einsam und trostlos dasaß, wurde sie durch den Eintritt eines Fremden gestört, welcher unter dem ominösen Titel »Ein Bote des Kaisers« eingeführt wurde. Der Thürhüter hatte ihm anfangs den Einlaß verwehrt; da der Fremde ihm aber die Versicherung gab, daß er der Überbringer einer wichtigen Botschaft des Herrschers sei, fühlte er sich verpflichtet, den Haushofmeister zu fragen, was er thun solle. Darauf erhielt er den Bescheid, daß man keinem, welcher unter einem solchen Vorwand komme, den Eintritt verweigern dürfe. Fabiola war aufs höchste bestürzt und erzürnt, aber ihr Zorn wurde ein wenig durch die lächerliche Erscheinung der Persönlichkeit, welche sich unter einem so feierlichen Namen eingeführt hatte, gemildert. Es war Corvinus, welcher sich ihr mit linkischer Grazie näherte und ihr in einer augenscheinlich sehr blumenreichen Rede, welche einem außerordentlich schlechten Gedächtnis anvertraut worden, ein kaiserliches Reskript und seine eigene aufrichtige Liebe, die Güter der edlen Agnes und seine rohe Hand zu Füßen legte. Fabiola konnte durchaus nicht den Zusammenhang zwischen diesen beiden kombinierten Geschenken verstehen, und es fiel ihr nicht ein, zu vermuten, daß das eine die Bestechung für das andere bildete. Daher bat sie ihn, dem Kaiser für seinen huldreichen Akt ihren unterthänigen Dank zu überbringen und fügte hinzu: »Sag dem Herrscher, daß ich heute zu krank bin, um ihm meinen Dank und meine Huldigung darbringen zu können.« »Aber du weißt doch, edle Fabiola, daß diese Güter konfisziert und verfallen waren,« stieß er in der größten Verwirrung hervor, »mein Vater hat sie für dich zurück erlangt.« »Das war unnötig,« sagte Fabiola, »denn sie waren mir schon vor langer Zeit vermacht und wurden mein in dem Augenblick,« hier versagte ihr die Stimme und erst nach langem Kampfe gelang es ihr, sich zu beherrschen; dann fuhr sie fort: »in dem Augenblick, als sie aufhörten, jener anderen Eigentum zu sein; daher konnten sie auch nicht der Konfiskation anheimfallen.« Corvinus war niedergeschmettert. Endlich murmelte er etwas, das die demütige Bitte sein sollte, als bescheidener Bewerber um ihre Hand zugelassen zu werden; Fabiola indessen glaubte, er begehre eine Belohnung dafür, daß er ein so wichtiges Dokument überbracht habe. Sie versicherte ihn, daß sie jeden gerechten Anspruch, den er an sie machen könne, voll und gern in einem günstigeren Augenblick anerkennen werde; da sie aber überaus müde und krank sei, müsse sie ihn bitten, sie jetzt allein zu lassen. Er ging in der fröhlichsten Laune von dannen, denn er war überzeugt, daß er den ersehnten Preis errungen habe. Nachdem er sich entfernt hatte, warf sie kaum einen Blick auf das Pergament, welches er offen auf einem kleinen Tische neben ihrem Ruhebette hatte liegen lassen, sondern dachte weiter über die traurigen Vorgänge nach, deren Augenzeuge sie gewesen. Es fehlte noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergange. Zuweilen drehte sich ihr Träumen um diesen Punkt, zuweilen um jenen der letzten Geschehnisse, und zuletzt weilte sie bei dem Augenblick, wo sie Fulvius auf dem Forum gegenüber gestanden. Ihr Gedächtnis zauberte ihr den ganzen Vorgang noch einmal vor die Seele, und nach und nach geriet sie in einen so peinlichen Zustand qualvoller Erregung, daß sie laut ausrief: »Dank dem Himmel! Das Antlitz jenes Elenden werde ich niemals wiedersehen!« Kaum waren diese Worte ihren Lippen entschlüpft, als sie die Augen mit der Hand überschattete, sich auf dem Ruhebett emporrichtete und nach der Thür blickte. War es ihre überhitzte Phantasie, welche sie betrog, oder war das, was ihre Augen sahen, Wirklichkeit? Ihr Ohr entschied in dieser Frage, denn es vernahm die Worte: »Und wer, edle Dame, ist der Mann, den du durch diese freundliche Rede ehrst?« »Du, Fulvius,« sagte sie, indem sie sich voll Würde erhob. »Abermals bist du ein Eindringling; nicht allein in das Haus, die Villa, den Kerker, sondern in die geheimsten Gemächer der Wohnung einer Frau! Und was noch schlimmer ist, in das Haus des Kummers um eine, die du gemordet hast. Entferne dich sofort, oder ich lasse dich schmählich hinaustreiben.« »Setze dich und fasse dich, edelste der Frauen,« entgegnete der Friedenstörer, »dies ist mein letzter Besuch bei dir; aber wir haben eine Rechnung von Bedeutung miteinander abzuschließen. Du brauchst dich nicht mit Schreien oder Hilferufen abzumühen; deinen Befehlen, daß die Dienerschaft sich fern halte, ist nur zu pünktlich nachgekommen. Niemand befindet sich innerhalb Hörweite.« Es verhielt sich in der That so. Ohne daß Corvinus es ahnte, hatte er dem Fulvius den Weg vorbereitet; denn als er an das Thor kam, sagte ihm der Thürhüter, welcher ihn zweimal bei Gastmählern im Hause gesehen hatte, daß er den strengsten Befehl habe, niemand einzulassen, es sei denn, daß er ein Bote des Kaisers sei. Dies, behauptete Fulvius, sei der Fall bei ihm; und der Thürhüter, verwundert darüber, daß so viele kaiserliche Boten an einem Tage kamen, ließ ihn passieren. Er bat, die Thür unverschlossen zu lassen für den Fall, daß der Hüter nicht auf seinem Posten sein sollte, wenn er zurückkäme; denn er habe die größte Eile und wolle das Haus, über welches so tiefe Trauer hereingebrochen, nicht gern stören. Er fügte hinzu, daß er keines Führers bedürfe, da er den Weg zu Fabiolas Gemächern kenne. Fulvius nahm der Dame gegenüber Platz und fuhr fort: »Du solltest dich nicht beleidigt fühlen, edle Fabiola, daß ich so unerwartet zu dir komme und dein liebenswürdiges Selbstgespräch über meine Person belausche; es ist das eine Lehre, die du selbst mir im Kerker der Tullia gegeben hast. Ich muß jedoch mit einer alten Rechnung aus früherer Zeit beginnen. Als ich zum erstenmal von deinem ehrenwerten Vater an seine Tafel geladen wurde, traf ich ein Wesen, dessen Blicke und Worte sofort meine ganze Liebe errangen – ich will ihren Namen jetzt nicht erwähnen – und ihr Herz erwiderte dies mit instinktiver Sympathie.« »Frecher Mann!« rief Fabiola aus, »daß du es wagst, diesen Gegenstand hier zu berühren! Es ist nicht wahr, daß eine solche Liebe jemals zwischen euch bestand.« »Was die edle Agnes betrifft,« fuhr Fulvius unbeirrt fort, »so kann ich mich auf das Zeugnis des Glaubwürdigsten aller Menschen berufen, auf das deines Vaters, der mich mehr als einmal ermutigte, bei meiner Werbung zu beharren; er versicherte mich, daß seine Verwandte ihn zum Vertrauten ihrer Liebe gemacht habe.« Fabiola war empfindlich berührt; denn sie erinnerte sich jetzt der Winke, welche Fabius ihr gegeben hatte und begriff nun dies verhängnisvolle Mißverständnis. »Ich weiß sehr wohl, daß mein armer, teurer Vater in einer Täuschung über diesen Gegenstand befangen war; aber ich, vor der jenes teure Kind kein Geheimnis hatte – « »Mit Ausnahme ihrer Religion,« unterbrach Fulvius sie mit bitterer Ironie. »Schweig!« fuhr Fabiola fort, »jenes Wort klingt von deinen Lippen wie eine Blasphemie – ich weiß, daß du für sie nur ein Gegenstand des Abscheus und des Schreckens warst.« »Gewiß! Nachdem du mich dazu gemacht hattest! Von der Stunde unserer ersten Begegnung an wurdest du meine bittere und unversöhnliche Feindin. Du schlossest einen Bund mit jenem verräterischen Offizier, der jetzt seinen wohlverdienten Lohn erhalten, und welchen du für den Platz erkoren, den ich anstrebte. Unterdrücke deine Entrüstung nur, schöne Dame, denn ich will zu Ende gehört sein, – du untergrubst meinen Ruf, du vergiftetest ihre Gefühle und du verwandeltest meine Liebe in notgedrungene Feindschaft.« » Deine Liebe!« rief Fabiola jetzt entrüstet aus, »selbst wenn alles , was du gesagt hast, nicht niedrig und falsch wäre – welche Liebe konntest du für sie hegen? Wie konntest du ihre ungekünstelte Einfachheit, ihre natürliche Ehrlichkeit, ihren seltenen Verstand, ihre offene Unschuld mehr würdigen, als der Wolf die Sanftmut des Lammes oder der Geier die Milde der Taube zu verstehen vermag? Nein! es war ihr Reichtum, die Stellung ihrer Familie, ihre edle Geburt, nach denen du strebtest – und nichts anderes! Ich las es in dem Aufblitzen deiner Augen, als sie sich zum erstenmal wie die eines Basilisken auf sie hefteten!« »Die Beschuldigung ist falsch!« antwortete er, »wenn sie meine Bitte gewährt hätte, wenn ich eine liebenswerte Gattin errungen hätte, so wäre ich auch meines Glückes würdig gewesen; ich wäre häuslich, zufrieden und liebevoll gewesen; ich wäre ihrer so würdig geworden wie – –« »Wie ein Mensch es sein kann,« fiel Fabiola ein, »der, indem er seine Hand anbietet, sich bereit erklärt, den Gegenstand seiner Liebe, innerhalb drei Stunden zu heiraten oder – zu morden. Sie zieht letzteres vor, und er – hält sein Wort. Verschone mich mit deiner Gesellschaft! Du verpestest die Atmosphäre, in der du dich bewegst!« »Ich werde dich verlassen, wenn ich mit der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, zu Ende bin, und du wirst wenig Ursache zur Freude haben, wenn ich fortgehe. Du hast also vorsätzlich und ohne Veranlassung von meiner Seite jeden ehrenhaften Vorsatz meines Lebens durchkreuzt und zerstört, du hast meine einzige Hoffnung getötet, du hast es mir unmöglich gemacht, Rang, Stellung, Wohlleben und häusliches Glück zu erringen.« »Und das war dir noch nicht genug. Nachdem du wie ein Spion gehandelt und dadurch meine Verdammnis herbeigeführt hattest, nachdem du heute früh mein Gespräch im Kerker belauscht – da streiftest du jedes weibliche Schamgefühl ab und stelltest dich auf das Forum, um öffentlich zu vollenden, was du im geheimen begonnen, du riefest den obersten Richter und durch ihn den Kaiser gegen mich auf, du erregtest die Wut und das Rachegefühl des Pöbels gegen mich! Wenn mich nicht eine Empfindung, die stärker ist als Furcht, hierhergeführt hätte, so könnte ich jetzt wie ein gehetzter Wolf umherschleichen, bis ich Gelegenheit fände, mich zum nächsten Thor hinauszustehlen.« »Und ich sage dir, Fulvius,« unterbrach ihn hier Fabiola, »daß das Frohngeld der Tugend in dieser gottlosen Stadt in dem Augenblick erhoben werden wird, wo du ihre Thore hinter dir lassest. Noch einmal befehle ich dir, mein Haus wenigstens zu verlassen – oder mir zu gestatten, daß ich mich dieser beleidigenden Zudringlichkeit entziehe.« »Wir scheiden noch nicht, edle Dame,« sagte Fulvius, dessen Gesicht sich nach und nach mit einer flammenden Zornesröte bedeckt hatte, während seine Lippen leichenfahl wurden. Er packte ihren Arm und warf sie auf ihren Sitz zurück, »und hüte dich,« fügte er hinzu, »mir entwischen oder Hilfe herbeirufen zu wollen; dein erster Schrei würde dein letzter sein – und wenn es mein eigenes Leben kostete.« »Du hast mich zu einem Ausgestoßenen gemacht, der nicht allein die Gesellschaft, sondern auch Rom meiden muß, ein heimatloser Wanderer auf einer Erde, die keinen Freund für mich trägt – war das noch nicht genug, um deinen Rachedurst zu befriedigen? Nein, du mußtest mich durchaus noch meines Goldes, meines rechtmäßig wenn auch qualvoll erworbenen Reichtums berauben; du, eine Fremde für mich, ein junges, wehrloses Weib, du mußtest mir meinen Frieden, meinen Ruf, meine Existenzmittel rauben!« »Böser und gottloser Mensch!« rief jetzt die empörte Römerin unbekümmert um die Folgen, »du sollst schwer für deine Kühnheit büßen. Du wagst es, mich in meinem eigenen Hause eine Diebin zu nennen?« »Ich wage es! Und ich sage dir, dies ist dein Tag der Rechenschaft, nicht meiner. Ich habe meinen vollen Anteil an dem Vermögen deiner Verwandten rechtmäßig verdient, – wenn auch durch ein Verbrechen, das kümmert dich nicht. Ich habe es schwer verdient, durch Qualen und Herzensangst, durch schlaflose Nächte des Kampfes mit höllischen Feinden, die mich endlich besiegt haben, ja, und mit einem in meinem eigenen Hause, der stärker und furchtbarer ist als sie alle; ich habe es verdient durch rastloses Suchen nach Beweisen, daß sie Christin war – ich mußte meinen stolzen, wenn auch erniedrigten Geist beugen! – Habe ich jetzt nicht ein Recht, mich dieses Goldes zu freuen? Ja, nenne es wie du willst, nenne es mein Blutgeld – je schändlicher erworben es ist, desto unedler ist es von dir, einzuschreiten und es mir zu entreißen! Es ist, wie wenn ein reicher Mann dem Hunde das Aas aus dem Maul reißt, das dieser sich durch geschwollene Pfoten und zerrissenes Fell erjagt hat.« »Ich will nicht nach weiteren Bezeichnungen suchen, die ich dir beilegen könnte; eine eitle Einbildung muß dein Hirn umnachten,« sagte Fabiola mit einem Ernst, der nicht ganz frei von Angst und Schrecken war. Sie fühlte, daß sie sich einem Wahnwitzigen gegenüber befand, in dem eine heftige Leidenschaft, angestachelt durch eine tief erregte, unbemeisterte Phantasie, sich zu jener Intensivität verruchter, bösartiger Aufregung steigerte, die ein moralischer Wahnsinn ist – ein Wahnsinn, in dem sich der gemeine Mörder für den tugendhaften Rächer hält. »Fulvius,« fuhr sie mit scheinbarer Ruhe und ihm grade ins Gesicht blickend fort, »ich bitte dich jetzt zu gehen. Wenn du Gold brauchst, so sollst du es haben; aber geh, in des Himmels Namen, geh, bevor du deine Vernunft durch deinen Zorn vernichtest.« »Welche eitle Einbildung meinst du?« fragte Fulvius. »Nun, daß ich an einem solchen Tage auch nur des Reichtums und der Besitztümer meiner armen Toten gedacht haben oder aus ihrem grausamen Tode einen Vorteil gezogen haben könnte.« »Und doch ist es so. Der Kaiser selbst hat mir gesagt, daß er dir jene Erbschaft überlassen habe. Willst du mich vielleicht glauben machen, daß dieser großmütigste und freigebigste aller Prinzen sich jemals von einem Heller getrennt, ohne daß man ihn bestochen oder ihn um denselben gebeten hätte?« »Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß, daß ich lieber Hungers gestorben wäre, als daß ich um einen Heller von solchem Gelde gebeten hätte!« »Willst du mir also zu verstehen geben, daß in dieser Stadt ein Mensch lebt, der uneigennützig genug gewesen, für dich um dieses Geld zu bitten, ohne daß du ihn darum ersucht hättest? Nein, nein, edle Fabiola, dies alles ist zu unglaublich. Aber was ist das?« Mit Heftigkeit und Ungestüm packte er das kaiserliche Reskript. welches unbeachtet da gelegen seitdem Corvinus sich entfernt hatte. Er empfand ungefähr dasselbe wie Äneas, als er Pallas' Gürtel auf dem Körper des Turnus sah. Die Wut, welche seiner List und Spitzfindigkeit gewichen zu sein schien solange er sich bemühte, Fabiolas Schuld gegen sich zu beweisen, brach bei dem Anblick dieses verhängnisvollen Dokuments aufs neue los. Er besichtigte es einen Augenblick und vor Zorn mit den Zähnen knirschend, schrie er: »Jetzt, du edles Weib, überführe ich dich der Gemeinheit, der Raubsucht und der unnatürlichen Grausamkeit! Das überschreitet alles, dessen du mich anzuklagen im stande gewesen! Sieh dies schön geschriebene Reskript mit seinen goldenen Buchstaben und herrlich bemalten Rändern an. Und dann wage noch einmal mir zu sagen, daß es in der einen Stunde hergestellt wurde, welche zwischen dem Tode der von dir so tief Betrauerten und dein Augenblick verrann, in welchem der Kaiser mir mitteilte, daß er es bereits unterzeichnet habe! Gieb nicht vor, den großmütigen Freund nicht zu kennen, der dir dieses reiche Geschenk verschaffte. Bah! während Agnes noch im Kerker weilte – während du mich der Grausamkeit und des Verrats gegen sie anklagtest – mich, einen Fremden! – Da berietest du, die vornehme Dame, die tugendhafte Philosophin, die liebende, zärtliche Anverwandte, du, meine strenge Richterin, da berietest du mit dir selbst, wie du aus meinem Verbrechen Vorteil ziehen könntest, um dir ihren Reichtum zu sichern; du suchtest dir den feinen Schreiber, der deine Habgier mit seiner Feder vergolden und deinen Verrat an deinem eigenen Fleisch und Blut mit seinem errötenden Minium übermalen sollte.« Rote Farbe. »Halt ein, Wahnsinniger, halt ein!« rief Fabiola, die sich umsonst bemühte, eine Herrschaft über seine funkelnden Augen zu üben. Aber in noch wilderem Ton fuhr er fort: »Und dann kommst du in der That und bietest mir Gold an, nachdem du mich so schändlich beraubt hast. Du hast mich übertroffen – und jetzt bemitleidest du mich! Du hast mich zum Bettler gemacht – und nun bietest du mir Almosen – Almosen von meinem eigenen verdienten Lohn, von jenem Lohn, den sogar die Hölle den ihr bestimmten Opfern gewährt, solange sie noch auf Erden wandeln!« Fabiola erhob sich wieder, aber er packte sie mit dem Griff eines Wahnsinnigen, und diesmal ließ er sie nicht los. Er fuhr fort: »Jetzt höre auf die letzten Worte, die ich zu dir sprechen werde, oder es sind die letzten, welche du hörst. Gieb mir jenes unrechtmäßig erworbene Gut zurück. Es ist nicht gerecht, daß ich die Schuld trage, und du den Lohn hast. Übertrage es durch deine Handschrift als freies Geschenk auf mich – und ich gehe. Thust du es nicht, so hast du dein eigenes Urteil unterzeichnet.« Eine fürchterlich drohende Gebärde begleitete diese Worte. Fabiolas stolzes Selbst bäumte sich in ihr empor; ihr unbesiegtes, starkes römisches Herz hielt Stand. Die Gefahr machte sie furchtlos. Mit frauenhafter Würde raffte sie ihre Gewänder fest um sich zusammen und entgegnete: »Fulvius, höre auf meine Worte, wenn es auch vielleicht die letzten sind, welche ich spreche; bestimmt sind es die letzten, welche du von mir hörst. »Dir diesen Reichtum überlassen? Ich bin bereit, ihn dem ersten Aussätzigen zu geben, der mir auf der Straße begegnet – dir aber nimmermehr. Niemals sollst du einen Gegenstand berühren, welcher jener heiligen Jungfrau gehörte, sei es ein Edelstein, sei es ein Strohhalm! Deine Berührung wäre eine Entweihung. Nimm mein Gold, wenn du willst; aber von dem, was sie jemals besessen, könnten keine Schätze der Welt etwas von mir erkaufen. Und ein Vermächtnis schätze ich höher als das ganze Erbgut: du hast mir jetzt zwei Alternativen geboten, wie du es ihr gestern Abend gethan – deine Forderungen zu erfüllen oder zu sterben. Agnes hat mich gelehrt, was ich zu wählen habe. Noch einmal sage ich, geh!« »Dich in dem Besitz dessen lassen, was mir gehört? Dich verlassen, damit du über mich triumphierst wie über einen, den du übertölpelt hast – du hoch geehrt, ich entehrt – du reich, ich bettelarm – du glücklich, ich unglücklich? Nein! Nimmermehr! Ich kann mich nicht mehr von dem erretten, wozu du mich gemacht hast, aber ich kann dich verhindern, das zu sein, wozu du kein Recht hast. Und deshalb bin ich hergekommen. Dies ist mein Tag der Rache. Jetzt stirb!« Während er diese Vorwürfe hervorstieß, schob er sie mit seiner linken Hand langsam rückwärts nach dem Ruhebette hin, von welchem sie sich erhoben hatte, während seine rechte zitternd nach einem in den Brustfalten seines Gewandes verborgenem Gegenstande suchte. Kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, als er sie heftig auf das Ruhebett warf und sie bei den Haaren packte. Sie leistete keinen Widerstand, sie stieß nicht einmal einen Schrei aus, teils, weil eine Empfindung von Mattigkeit und Erschlaffung über sie kam, teils, weil ein edles Gefühl der Selbstachtung sie daran hinderte, einem so tief verachteten Feinde auch nur die leiseste Furcht zu verraten. In dem Moment, wo sie die Augen schloß, sah sie etwas durch die Luft blitzen; sie wußte nicht, ob es seine zornsprühenden Augen oder ein blanker Dolch waren. Im nächsten Augenblick glaubte sie sich dem Ersticken nahe; es war, als sei eine schwere Last auf sie herabgefallen; ein heißer Strom ergoß sich über ihren Busen. Eine süße, ernste Stimme klang ihr in die Ohren: »Laß ab, Orontius, ich bin deine Schwester Mirjam!« Fulvius schrie in einem von Leidenschaft beinahe erstickten Ton: »Du lügst! Laß mir meine Beute!« In einer Sprache, welche für Fabiola fremd war, hörte sie noch einige mit matter Stimme gesprochene Worte; dann löste sich der feste Griff von ihrem Haar; sie vernahm, wie der Dolch zu Boden geschleudert wurde, und Fulvius, als er aus dem Gemache stürzte, in herzzerreißendem Ton aufschrie: »O Christus! Dies ist deine Nemesis!« Fabiolas Kräfte kehrten wieder, aber sie fühlte, wie die Last, welche sie bedrückte, immer schwerer wurde. Sie machte einige Anstrengungen und befreite sich von ihr. Ein zweiter Körper lag neben ihr, anscheinend tot und mit Blut bedeckt. Es war die treue Syra, welche sich zwischen das Leben ihrer Herrin und den Dolch ihres Bruders geworfen hatte. Einunddreißigstes Kapitel ΔΙΟΝΥCΙΟΥ ΙΑΤΡΟΥ ΠΡΕCΒΥΤΕΡΟΥ »(Das Grab des) Dionysius, Arzt (und) Priester«, vor kurzem beim Eingange zur Krypta des heiligen Cornelius im Cömeterium des Callistus gefunden Die großen Gedanken, welche dieser Vorfall selbstverständlich in dem edlen Herzen Fabiolas erweckt haben würde, wurden durch die dringenden Forderungen, die der Moment an sie stellte, für den Augenblick unterdrückt. Ihre erste Sorge war, das strömende Blut mit dem; was ihr am nächsten zur Hand war, zu stillen. Der dumme Thürhüter hatte bereits begonnen, über das lange Verweilen des Fulvius (der Leser kennt seinen wahren Namen jetzt) unruhig zu werden, als er ihn wie einen Wahnsinnigen zur Thür hinausstürzen sah und Blutflecke auf seinen Gewändern wahrzunehmen glaubte. Augenblicklich alarmierte er den ganzen Haushalt. Fabiola gebot den Hereindrängenden mit einer Handbewegung an der Thür ihres Zimmers Halt und forderte nur die alte Euphrosyne und die griechische Dienerin auf einzutreten. Letztere hatte sich unendlich liebevoll an Syra angeschlossen, seitdem sie dem Einflusse der schwarzen Sklavin entrückt worden und hatte ihren moralischen Lehren stets mit der größten Sanftmut gelauscht. Man sandte sofort einen Sklaven ab, um den Arzt zu holen, welcher Syra – wie wir sie vorläufig noch nennen müssen – in jeder Krankheit behandelt hatte. Es war Dionysius, welcher, wie wir bereits bemerkt haben, in Agnes' Hause wohnte. Inzwischen hatte Fabiola mit namenloser Freude bemerkt, daß das Blut anfing langsamer zu fließen. Endlich schlug die Dienerin sogar die Augen auf, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Für keine Schätze der Welt würde sie den dankbar lächelnden Blick eingetauscht haben, welchen Syra in diesem Moment auf sie richtete. Nach kurzer Zeit langte auch der gütige Arzt an. Er untersuchte die Wunde außerordentlich sorgsam und gab die günstige Erklärung ab, daß für den Augenblick wenigstens nichts zu befürchten sei. Wenn jener Dolchstoß das beabsichtigte Ziel nicht verfehlt hätte, so würde er Fabiola grade ins Herz getroffen haben. Trotz des Verbotes hatte die treue Dienerin sich während des ganzen Tages unbemerkt in der Nähe ihrer Herrin aufgehalten; sie drängte sich ihr nicht auf, aber sie wartete ängstlich auf jede Gelegenheit, die sich darbieten könnte, um jene Eindrücke der Gnade, welche die Vorgänge des Morgens notwendigerweise auf sie gemacht haben mußten, nach Kräften zu unterstützen. Während sie sich in einem nahegelegenen Gemache aufhielt, vernahm sie plötzlich heftige Worte, deren Klang ihr leider nur zu bekannt war; geräuschlos eilte sie hinzu und verbarg sich hinter dem Vorhang, welcher die Thüröffnung zu Fabiolas Zimmer verdeckte. Im Dunkel verborgen stand sie an derselben Stelle, wo Agnes sie vor wenigen Monaten noch so liebevoll getröstet hatte. Nicht lange hatte sie dort gestanden, als der letzte heftige Streit begann. Während der Mann ihre Herrin rückwärts vor sich herschob, folgte sie ihm, und als er den Arm hob, stürzte sie an ihm vorüber und deckte mit ihrem Körper den seines Opfers. Der Schlag fiel, aber durch den Stoß, welchen sie seinem Arm gab, verfehlte er das Ziel, er traf ihren Nacken, verursachte dort eine tiefe Wunde, welche indessen dadurch minder verhängnisvoll wurde, daß der Stahl auf das Schlüsselbein stieß. Wir brauchen nicht zu sagen, was es sie kostete, dieses Opfer zu bringen. Weder Furcht vor Schmerzen noch Angst vor dem Tode würde sie einen Augenblick zurückgehalten haben; es war nur das Entsetzen vor dem Gedanken, ihrem Bruder das Kainszeichen auf die Stirn zu drücken, ihn zum doppelten Brudermörder zu machen, welcher sie auf das qualvollste peinigte. Aber sie hatte ihr Leben für ihre Herrin gewagt. Mit dem Mörder, dessen Kraft und Gelenkigkeit sie kannte, zu kämpfen, wäre nutzlos gewesen; zu versuchen, das ganze Haus zu alarmieren, bevor noch der verhängnisvolle Schlag gefallen, erschien ihr hoffnungslos, so blieb ihr nichts übrig, als die Selbstaufopferung zu vollenden und sich für Fabiola hinzugeben. Doch aber wollte sie ihrem Bruder noch die Ausführung seines furchtbaren Verbrechens ersparen – und indem sie dies that, offenbarte sie Fabiola ihre verwandtschaftlichen Beziehungen und ihre wahren Namen. In seiner blinden Wut wollte er ihr nicht Glauben schenken; als sie ihm aber die Worte zurief, welche in ihrer Muttersprache bedeuteten: »Gedenke meines Tuches, das du hier gefunden,« da kehrte eine so furchtbare Geschichte häuslichen Elends in sein Gedächtnis zurück, daß er, wenn die Erde sich in diesem Augenblick vor seinen Füßen geöffnet hätte, mit Freuden in den Abgrund hinabgesprungen wäre, um so seiner Schande und seinen marternden Gewissensbissen ein Ende zu machen. Es war doch seltsam, daß er dem Eurotas niemals gestattet hatte, sich dieses Familienkleinodes, dieses Heiligtums aus glücklicherer Zeit zu bemächtigen; wie eine Reliquie hatte er es aufbewahrt seit dem Augenblick, wo es wieder in seinen Besitz gelangt war, und als jeder, auch der geringste Gegenstand eingepackt oder beseitigt wurde, hatte er es sorgsam zusammengefaltet und auf seinem Herzen verborgen. Als er hier in Fabiolas Gemach seinen orientalischen Dolch hervorgezogen, hatte er auch das Tuch herausgerissen, und beides wurde nun auf dem Fußboden gefunden. Gleich nachdem Dionysius die Wunde verbunden und die nötigen Wiederbelebungsmittel angewandt hatte, um das Bewußtsein zurückzubringen, sprach er den Wunsch aus, daß man der Kranken vollkommene Ruhe gönne und so wenig Personen wie möglich in ihre Nähe kommen lasse, um jede Aufregung zu vermeiden; im übrigen sollte man ihr auf das genauste die von ihm vorgeschriebene Behandlung angedeihen lassen und zwar bis Mitternacht. »Ich werde morgen in aller Frühe wiederkehren,« fügte er hinzu, »und muß meine Patientin dann allein sehen.« Er flüsterte ihr einige Worte ins Ohr, die ihr wohler zu thun schienen als alle Arzeneien und Tränke, denn ein engelhaftes Lächeln kam über ihre Züge. Fabiola hatte sie in ihr eigenes Bett gelegt, und indem sie ihre Dienerschaft in das äußere Gemach wies, wahrte sie sich selbst das Vorrecht – denn dafür hielt sie es – die Dienerin pflegen zu dürfen, welcher sie noch vor wenigen Monaten kaum dankbar gewesen, als diese sie während einer ansteckenden Fieberkrankheit allein bedient hatte. Den anderen hatte sie mitgeteilt, auf welche Weise die Wunde beigebracht worden; die Verwandtschaft zwischen dem Mörder und ihrer Retterin hatte sie jedoch verschwiegen. Obgleich sie sich selbst erschöpft und fieberkrank fühlte, war sie nicht zu bewegen, sich auch nur für einen Augenblick von dem Lager der Kranken zu entfernen; und als Mitternacht vorüber war und keine Arzeneien mehr angewandt werden sollten, sank sie auf einem niedrigen Ruhebett neben der Patientin zusammen. Welcher Art mochten ihre Gedanken sein, als sie ihnen jetzt in dem trüben Licht eines Krankenzimmers den Einzug in ihre Seele und ihr Herz gestattete? Sie waren einfach und ernst. Plötzlich sah sie die Wahrheit und Wesenheit alles dessen ein, was ihre Sklavin ihr jemals gesagt. Als sie zuletzt mit ihr gesprochen, waren ihr die Grundsätze, denen sie mit Entzücken gelauscht hatte, wie etwas überirdisches erschienen – wunderherrliche Theorien, die niemals zur Ausführung gebracht werden konnten. Als Mirjam eine Sphäre der Tugendhaftigkeit beschrieben hatte, in welcher man keinen Lohn, keinen Beifall von Menschen erwarten durfte, sondern nur von dem gütigen Auge Gottes gesehen werde – da hatte sie diesem Gedanken, welcher mächtig auf ihre empfängliche Seele gewirkt hatte, ihre staunende Bewunderung gezollt; aber sie hatte sich dagegen aufgelehnt, ihn zum zwingenden Maßstab ihrer stündlichen Handlungsweise zu machen. Und doch – wenn der Dolchstoß, dem die Sklavin sich entgegen geworfen, um ihn von ihrer Gebieterin abzuwenden, verhängnisvoll geworden, wie es leicht möglich gewesen – welches wäre ihre Belohnung gewesen? Was konnte also ihr Beweggrund gewesen sein, wenn nicht jene Theorie der Verantwortlichkeit einer höheren, unsichtbaren Macht gegenüber? Und wenn Mirjam von Heldenmut in der Tugend gesprochen – wie eitel und träumerisch hatte sie dann dieser Grundsatz gedünkt! Und doch hatte diese Sklavin hier ohne Vorbereitung, ohne Nebengedanken, ohne Überlegung, ohne Erregung, ohne Ruhm – ja, sogar mit dem deutlichen Verlangen nach Geheimhaltung, eine That der Selbstaufopferung vollbracht, welche in jeder Beziehung heldenmütig war. Woraus konnte diese entsprungen sein, wenn nicht aus gewohnheitsmäßigem Heldenmut der Tugend, der in jedem Augenblick bereit war, das als selbstverständlich zu vollbringen, was den Namen eines Soldaten für alle Zeit verherrlichen würde? Sie war also keine Träumerin, keine Theoretikerin, sondern eine ernste, wahre Ausüberin alles dessen, was sie lehrte. Konnte dies nur Philosophie sein? O nein, es mußte Religion sein! Die Religion von Agnes und Sebastianus, denen sie Mirjam in jeder Beziehung ebenbürtig glaubte. Ach! wie sie sich sehnte, wieder mit ihr sprechen zu dürfen! Seinem Versprechen gemäß fand sich der gütige, liebevolle Arzt früh am nächsten Morgen wieder ein und fand die Kranke bereits viel kräftiger. Er bat, ihn mit ihr allein zu lassen. Dann breitete er ein Linnentuch über den Tisch, stellte angezündete Kerzen darauf und zog aus den Brustfalten seines Gewandes ein gesticktes Tuch. Aus diesem nahm er ein goldenes Gefäß, dessen heiligen Inhalt sie gar wohl kannte. Dann trat er zu ihr und sagte: »Mein teures Kind, wie ich dir versprochen, bringe ich dir nicht nur das wahrste und einzige Mittel gegen jede Krankheit, sei sie körperlich oder seelisch, sondern ich bringe dir den Arzt selbst, der durch sein Wort alle Dinge wiederherstellt, » Qui verbo suo instaurat universa .« Brevier. dessen Berührung die Augen der Blinden sehend, die Ohren der Tauben hörend macht, dessen Willen die Aussätzigen heilt, dessen Gewandessaum Kraft ausströmt, um alle zu heilen. Bist du bereit, ihn zu empfangen?« »Von ganzem Herzen bereit,« sagte sie und faltete die Hände, »ich sehne mich danach, Ihn zu besitzen, Ihn, den allein ich geliebt habe, an den ich geglaubt habe, dem mein Herz gehört.« »Wohnt kein Zorn, keine Empörung in deinem Herzen gegen den, der dich verwundet hat? Steigt keine Eitelkeit, kein Zorn, kein Hochmut in deiner Seele auf bei dem Gedanken an das, was du vollbracht hast? Oder bist du dir irgend eines anderen Fehlers bewußt, welcher des demütigen Bekenntnisses und der Lossprechung bedarf, ehe du die heilige Gabe in dein Herz aufnimmst?« »Ehrwürdiger Vater, ich weiß, daß ich unvollkommen und voller Sünde bin; aber ich bin mir keiner besonderen Missethat bewußt. Ich brauche dem nicht zu vergeben, auf welchen du hindeutest; ich liebe ihn zu innig und würde mit Freuden mein Leben hingeben, um seine Seele zu retten. Und auf was sollte ich stolz sein? Ich, eine arme Sklavin, die nur den Geboten Gottes gehorcht hat?« »So lade denn den Herrn in dein Haus, mein Kind, daß Er komme und dich heile und dich mit seiner Gnade erfülle.« Dann näherte er sich dem Tische, nahm einen kleinen Teil der heiligen Eucharistie in Form eines ungesäuerten Brotes von demselben, feuchtete es mit einigen Tropfen klaren Wassers an, da es hart war, und schob es Mirjam zwischen die Lippen. Eusebius, in seinem Bericht über Serapion, teilt uns mit, daß dies die Art war, den Kranken die heilige Kommunion ohne den Kelch zu erteilen. Sie schloß dieselben, und lag einige Minuten in fromme Betrachtungen versunken da. Und auf diese Weise versah der heilige Dionysius sein zwiefaches Amt als Arzt und als Priester, wie wir es auf seinem Leichenstein gelesen Zweiunddreißigstes Kapitel Das Opfer wird angenommen Während dieses ganzen Tages schien die Kranke mit ernsten, aber beseligenden Gedanken beschäftigt. Fabiola, welche sie niemals verließ, mit Ausnahme von kurzen Augenblicken, wo sie die notwendigsten Befehle erteilte, beobachtete ihre Gesichtszüge mit einem Gemisch von Schrecken und Wonne. Es war ihr, als sei die Seele ihrer Dienerin ihrer Umgebung entrückt und befände sich in einer ganz anderen Sphäre. Bald zuckte ein Lächeln wie ein Sonnenstrahl über ihre Züge, bald glänzte eine Thräne in ihrem Auge oder rollte langsam über ihre Wange herab; zuweilen hatte sie die Augen aufgeschlagen und heftete sie lange auf den Himmel, während ein seliger Ausdruck vollkommener und stiller Zufriedenheit auf ihrem Antlitz ruhte. Dann wandte sie sich mit einem Blick unendlicher Zärtlichkeit zu ihrer Herrin und streckte ihr die Hand entgegen, welche diese liebevoll in die ihrigen schloß. Der ärztlichen Vorschrift gemäß verharrte Fabiola alsdann regungslos in dieser Stellung; sie empfand es wie eine Wohlthat, fast wie eine Ehre, mit einem so seltenen Beispiel von Tugendreinheit in Berührung zu sein. Endlich sagte sie im Laufe des Tages, nachdem sie ihrem Pflegling einige Nahrung verabreicht hatte, mit lächelnder Miene: »Mirjam, ich glaube, daß du dich schon viel wohler fühlst. Dein Arzt muß dir eine wundertätige Arzenei gegeben haben.« »Das hat er wahrlich gethan, meine teure Herrin.« Fabiola war augenscheinlich peinlich berührt. Dann lehnte sie sich über sie und sagte in ihrem sanftesten Ton: »O, nenne mich nicht mehr mit diesem Namen. Wenn diese Bezeichnung überhaupt noch angewandt werden sollte, so müßte ich sie dir gegenüber gebrauchen. Aber in Wahrheit gehört sie nicht mehr hierher. Was ich längst zu thun beabsichtigte, ist jetzt geschehen. Und das Schriftstück, welches deine Befreiung verkündet, lautet nicht auf eine »Freigelassene«, sondern auf eine » ingenua «, Personen, welche von der Sklaverei befreit wurden, behielten die Bezeichnung von »Freigelassenen« ( libertus, liberta ) der Gebieter, welchen sie angehört hatten, wie z. B. »Freigelassener des Augustus«. Wenn sie ursprünglich einer freien Klasse angehört hatten, wurden sie als » ingenuus oder ingenua « (wohlgeboren) befreit und jener Klasse wieder zugeteilt. denn eine solche bist du, das weiß ich.« Mirjam gab nur durch einen Blick ihre Dankbarkeit zu erkennen, aus Furcht Fabiola von neuem zu verletzen. Und so fuhren sie fort, schweigend miteinander glücklich zu sein. Gegen Abend kam Dionysius abermals und fand die Besserung so weit fortgeschritten, daß er kräftigere Nahrung vorschrieb und ein wenig Unterhaltung gestattete. Sobald sie allein waren, sagte Fabiola: »Ich muß jetzt die erste Pflicht erfüllen, nach der mein Herz sich sehnt: ich muß dir danken – ich wollte, es gäbe ein bezeichnenderes Wort – nicht für das Leben, das du mir gerettet hast, sondern für das hochherzige Opfer, welches du dafür gebracht – und laß mich hinzufügen, für das unvergleichliche Beispiel heroischer Tugend, welche allein dich dazu treiben konnte.« »Was anderes that ich denn, als meine einfache Pflicht? Du hattest ein Recht an mein Leben, das ich dir hätte opfern müssen, selbst wenn es sich um viel geringeres gehandelt hätte als um die Rettung des deinen,« entgegnete Mirjam. »Ohne Zweifel,« antwortete Fabiola, »erscheint es dir so, die du in den Lehren auferzogen bist, die mich überwältigen, nämlich daß die Menschen die heldenmütigsten Thaten als Pflichten der außergewöhnlichsten Tugend zu betrachten haben.« »Und dadurch hören sie auf, das zu sein, was du sie nennst,« entgegnete Mirjam. »Nein, nein,« rief Fabiola enthusiastisch, »versuche nicht, mich vor meinem eigenen Herzen niedrig und kleinlich zu machen, indem du mich lehrst, das zu unterschätzen, was ich nur als einen Akt unvergleichlicher Tugend bezeichnen kann. Seitdem ich diese That gesehen, habe ich Tag und Nacht darüber nachgedacht, und meine Seele hat danach gedürstet, mit dir darüber zu reden; aber selbst jetzt wage ich es noch nicht, mit dir davon zu sprechen, aus Furcht, daß ich dich durch die Flut meiner überquellenden Gefühle von neuem schwach machen könnte. Es war edel, es war groß, es war über jedes Lob erhaben, obgleich ich weiß, daß du es nicht zugeben willst. Ich weiß nicht, durch was die Größe deiner Handlung noch gesteigert werden könnte; ich kann nicht glauben, daß menschliche Tugend auch nur noch um eine einzige Stufe höher steigen könnte!« Mirjam, die sich jetzt zu einer sitzenden Stellung emporgerichtet hatte, umfaßte Fabiolas Hand mit der ihren, und indem sie sich zu ihr wandte, sprach sie in sanftem, mildem, wenn auch tief ernstem Ton zu ihr: »Gute und edle Dame, höre mich nur auf einen Augenblick an. Da es dich schmerzt, will ich das nicht mehr verkleinern und herabsetzen, was du zu schätzen gütig genug bist, aber ich will dich lehren, wie weit entfernt wir noch von dem sind, was hätte gethan werden können. Laß mich dir zu diesem Zweck eine Scene ausmalen, die ähnlich aber in jeder Beziehung umgekehrt ist. Laß es einen Sklaven sein – verzeih mir, teure Fabiola, daß ich dir wiederum einen Schmerz verursache – ich sehe es in deinen Zügen, aber es soll der letzte sein, den ich dir zufüge – ja, einen wilden, undankbaren, aufrührerischen Sklaven, gegen den großmütigsten und gütigsten aller Herrn. Und laß den Schlag, nicht eines Mörders, sondern des gerechten Richters über seinem Haupte schweben. Wie würdest du die That nennen, wie die Tugend jenes Gebieters bezeichnen, welcher aus reiner Liebe, und damit er jenen Unglücklichen für sich retten könne, sich unter die Streiche jener Axt wirft und dann in seinem letzten Willen noch bestimmt, daß er jenen Sklaven zum Erben seiner Reichtümer macht und den Wunsch ausspricht, daß man diesen wie seinen Bruder betrachte?« »O Mirjam, Mirjam, du hast ein Bild entworfen, welches zu erhaben ist, als daß Menschen daran glauben könnten. Du hast deine eigene That nicht verdunkelt, denn ich sprach von menschlicher Tugend. Zu handeln, wie du es soeben beschrieben Haft, würde, wenn es möglich ist, die Tugend eines Gottes erfordern!« Mirjam drückte die gefalteten Hände an die Brust, heftete auf Fabiolas verwundert fragende Augen einen Blick voll himmlischer Begeisterung und entgegnete dann in mildem, feierlichem Ton: »Und Jesus Christus, der alles dies für die Menschheit that, war in Wahrheit Gott.« Fabiola bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und verhielt sich lange Zeit hindurch schweigend. Mirjam betete ernst und andächtig in ihrem eigenen, stillen Herzen. »Mirjam, ich danke dir aus der Tiefe meiner Seele,« sagte Fabiola endlich, »du hast dein Versprechen, mich zu führen, erfüllt. Seit einiger Zeit habe ich begonnen zu fürchten, daß du keine Christin seist; aber das konnte ja nicht sein! Sag mir jetzt, ob diese hehren und doch so süßen Worte, die du soeben gesprochen hast, und die sich in mein Herz gesenkt haben, so tief, so leise und so unwiderbringlich wie ein Stück Gold, das auf die Oberfläche des stillen Meeres geworfen, bis auf seinen Grund sinkt – ob diese Worte nur einen Teil des christlichen Systems bilden, oder ob sie seinen Hauptgrundsatz ausmachen?« »Teure Gebieterin, aus einer einfachen Allegorie hat dein mächtiger Geist den Hauptschlüssel unserer ganzen Lehre mit einem Griffe erfaßt. Dein feines Verständnis hat die hauptsächlichsten und hervorragendsten Doktrinen des Christentums herausgezogen und in einen Gedanken zusammen gefaßt. Du hast ihren innersten Gehalt ans Licht gezogen. Daß der Mensch, Gottes Geschöpf und Knecht sich gegen den Herrn auflehnte, daß die unerbittliche Gerechtigkeit ihn gerichtet und verfolgt hatte; daß dieser Herr selbst sich äußerte und Knechtsgestalt annahm, und im Äußern gleich einem Menschen erfunden wurde; Philipp. Kap. 2, V. 7. daß Er in dieser Gestalt Streiche, Faustschläge, Gespött und einen schmählichen Tod erlitt; daß Er ›der Gekreuzigte‹ wurde, wie die Menschen ihn hier nennen, und dadurch die Menschheit vom ewigen Verderben erlöste, ihr einen Teil seines eigenen Reichtums gab: alles dieses ist in den Worten zusammengefaßt, die ich gesprochen habe. »Und du hast den richtigen Schluß gefunden. Nur Gott hätte eine so gottgleiche That vollbringen oder ein so erhabenes Sühnopfer darbringen können.« Fabiola saß wiederum in tiefe Gedanken versunken da. Endlich fragte sie schüchtern: »War es dies, was du in Campanien andeutetest, als du sagtest, daß Gott allein das Opfer sei, welches Gottes würdig?« »Ja; aber ich deutete auch eine Fortsetzung dieses Opfers selbst in unseren Tagen an, welche darin besteht, daß wir eine allmächtige Liebe hegen. Doch hiervon darf ich für den Augenblick noch nicht sprechen.« Fabiola begann von neuem: »Ich sehe jetzt in jedem Augenblick, wie alles, was du je zu mir gesprochen hast, übereinstimmt und zusammenpaßt wie die Teile einer Pflanze; eins entspringt aus dem andern. Ich glaubte, daß sie nur die lieblichen Blüten einer prächtigen Theorie trüge; du hast mir in deinem Wesen bewiesen, wie diese zur süßen und wirklichen Frucht reifen können. In der Lehre, welche du mir soeben erklärt hast, entdecke ich den edlen Stamm, aus dem alle anderen sprießen – sogar jene edle Frucht. Denn wer könnte sich weigern, für einen anderen zu thun, was viel weniger ist als das, was Gott für ihn gethan hat? Aber Mirjam, es giebt eine tiefe und unsichtbare Wurzel aus der dies alles entspringt; vielleicht so dunkel, daß man sie nicht sehen kann, so tief, daß man sie nicht erreichen kann, so verwachsen und verschlungen, daß es nicht in der Macht des Menschen liegt, sie zu entwirren – und doch vielleicht so einfach, so erreichbar für ein vertrauendes Gemüt. Wenn ich in meiner gegenwärtigen Unwissenheit sprechen dürfte, so würde ich wünschen, daß diese Wurzel groß genug wäre, um das ganze Weltall auszufüllen, reich und kräftig genug, um die Schöpfung mit allem zu versehen, was gut und vollkommen ist; stark genug, um das Wachstum deines edlen Baumes zu tragen, bis sein Gipfel bis an die Sterne ragt und seine Äste bis an das Ende der Welt reichen. »Ich meine, der Gedanke jenes Gottes, den du mich fürchten lehrtest, da du zu mir als Philosophin von Ihm sprachst, und den du mir als den allgegenwärtigen Wächter und Richter zeigtest; den du mich als Christin aber lieben lehren wirst, den du mir zeigen wirst als die Wurzel und den Ursprung jener grenzenlosen Güte und Barmherzigkeit. »Wenn nicht ein tiefes Geheimnis in Seinem Wesen verborgen liegt, so kann ich die wundersame Lehre von der Erlösung des Menschen nicht verstehen.« »Fabiola,« entgegnete Mirjam, »weisere Lehrer als ich, sollten die Unterweisung einer so begabten und klugen Schülerin übernehmen. Aber willst du mir glauben, wenn ich es versuche, dir einige Erklärungen zu geben?« »Mirjam,« antwortete Fabiola mit starkem Nachdruck, »Eine, die bereit ist, für die andere zu sterben, wird diese gewiß nicht täuschen.« Und jetzt begann die Kranke wiederum lächelnd, »du bist abermals auf einen großen Grundsatz gekommen – auf den Glauben . Ich will deshalb nur einfach erzählen, was Jesus Christus, der in Wahrheit für uns gestorben ist, uns gelehrt hat. Du wirst an mein Wort glauben wie an das einer gewissenhaften Zeugin; du wirst das Seine hinnehmen als das eines unfehlbaren Gottes.« Fabiola neigte das Haupt und lauschte mit andächtigem Gemüte jener, in der sie schon seit langer Zeit eine Lehrerin wunderbarer Weisheit verehrte, die sie aus einer ihr unbekannten Schule geschöpft hatte; welche sie jetzt aber beinahe wie einen Engel anbetete, der ihr die Schleusen des ewigen Meeres zu öffnen vermochte, dessen Wasser unergründliche Weisheit sind, die sich über die Welt ergießt. Mirjam erklärte in den einfachen Ausdrücken der katholischen Lehre die erhabene Doktrin der Dreieinigkeit; nachdem sie den Sündenfall berichtet, enthüllte sie das Geheimnis der Menschwerdung indem sie die Worte des heiligen Johannes anführte, die Geschichte des ewigen Wortes, bis Es Fleisch wurde und unter den Menschen wandelte. Oft wurde sie durch Ausdrücke der Verwunderung oder des Beifalls unterbrochen, welche ihre Schülerin äußerte; niemals aber durch Worte des Zweifels oder durch Sophistereien. Die Philosophie hatte der Religion Platz gemacht, Tadelsucht der Sanftmut, Ungläubigkeit dem Glauben. Jetzt aber schien Traurigkeit sich des Herzens Fabiolas bemächtigt zu haben. Mirjam las diese in ihren Augen und befragte sie um die Ursache. »Kaum wage ich es dir zu sagen,« entgegnete diese. »Aber alles, was du mir erzählt hast, ist so schön, so göttlich, daß es mir notwendig erscheint, hier zu enden. »Das Wort , (welch eine edle Bezeichnung!) das heißt der Ausdruck der Liebe Gottes, die Sichtbarkeit Seiner Weisheit, die Beweise Seiner Allmacht, der Atem Seines lebenschaffenden Daseins – dies alles wird Fleisch! Aber wer soll ihm dieses geben? Soll Er die abgeworfene Hülle einer besudelten Menschheit auf Sich nehmen, oder wird ein neues Menschentum besonders für Ihn erschaffen? Soll Er seinen Platz in einer zwiefachen Genealogie finden und dadurch die zwiefache Flut der Verdammnis und Verderbnis in sich aufnehmen? Und giebt es irgend jemand auf der Erde, der groß und mutig und erhaben genug ist, um sich Sein Vater zu nennen?« »Nein,« flüsterte Mirjam andächtig und sanft, »aber es wird Eine sein, die heilig und demütig genug ist, um würdig zu sein, sich Seine Mutter zu nennen! »Beinahe achthundert Jahre bevor der Sohn Gottes auf die Welt kam, sprach ein Prophet und zeichnete seine Worte auf und legte diese Schrift in die Hände der Juden, der hartnäckigen Feinde Christi; und seine Worte lauteten also: ›Siehe, die Jungfrau wird empfangen, und einen Sohn gebären, und sein Name wird genannt werden Emanuel,‹ Isaias, Kap. 7, V. 14. das bedeutet in der hebräischen Sprache ›Gott mit uns‹, das heißt mit den Menschen. »Diese Weissagung erfüllte sich im Laufe der Zeit durch die Empfängnis und die Geburt des Sohnes Gottes auf Erden.« »Und wer war sie ?« fragte Fabiola mit tiefer Ehrfurcht. »Eine, deren Namen von jedem gebenedeit wird, der ihren Sohn wahrhaft liebt. Maria ist der Name, unter dem du sie kennen lernen wirst: Mirjam, derselben in ihrer eigenen Sprache, ist derjenige unter dem ich sie verehre. Du begreifst, daß sie durch Heiligkeit und Frömmigkeit und Tugend für jene große, hehre Bestimmung vorbereitet war; nicht geläutert, sondern von allen Anfang an rein; nicht gereinigt, sondern immer heilig; nicht von der Sünde befreit, sondern vor derselben stets bewahrt. Die Flut, von welcher du sprachst, fand vor ihr den Damm eines ewigen Gesetzes, welches nicht dulden wollte, daß die Heiligkeit Gottes in Berührung kommen sollte mit dem, was sie nur erlösen konnte, wenn sie ihm fremd blieb. Klar wie das Blut Adams, als der Atem Gottes es funkelnd in seine Adern goß, rein wie das Blut der Eva, als sie frisch geformt von der Hand Gottes aus der Seite des schlafenden Adam gezogen wurde – so waren das Blut und das Fleisch, aus dem der Geist Gottes das herrliche, erhabene Menschentum bildete, welches Maria Jesus gab. »Und nach diesem köstlichen Privilegium, welches unserem Geschlecht gewährt ist, darfst du dich nicht wundern, daß viele, wie unsere süße Agnes diese Jungfrau ohnegleichen zum Vorbilde ihres Lebens gewählt haben; daß sie in ihr, der von Gott Auserwählten, das Urbild jeder Tugend sehen; daß sie eher versuchen, auf Flügeln ungeteilter Liebe wie sie es gethan, aufwärts zu streben, als sich selbst durch die zärtlichsten Bande an den Triumphwagen dieser Welt spannen lassen.« Nach einer langen Pause des Sinnens fuhr Mirjam fort, in kurzen Worten die Geschichte der Geburt unseres Heilands zu berichten, Seine arbeitsame Jugend, Sein thätiges aber dornenvolles, öffentliches Leben und dann Sein schmähliches Leiden und Sterben. Oft wurde die Erzählung durch Thränen und Schluchzen der erregten Lauscherin und wißbegierigen Schülerin unterbrochen. Endlich war die Zeit der Ruhe gekommen, als Fabiola noch bescheiden fragte: »Bist du zu ermüdet, um mir noch eine Frage zu beantworten?« »Nein,« lautete die willige Antwort. »Welche Hoffnung kann es denn geben für eine, die nicht sagen kann, daß sie unwissend war, denn sie gab vor, alles zu wissen; daß sie vernachlässigt habe zu lernen, denn sie trug einen nie verlöschenden Durst nach jeder Art von Kenntnis zur Schau; – die nur sagen kann, daß sie die wahre Weisheit verschmähte und ihren Spender verhöhnte; – welche Hoffnung kann es geben für die, welche der Qualen spottete, die die Liebe bewiesen; die des Todes lachte, der das Lösegeld war; die Seiner nicht achtete, den sie den Gekreuzigten nannte?« Eine Thränenflut unterbrach ihre Rede. Mirjam wartete, bis der erlösende Strom in jenen sanften Thau übergegangen war, der dem Herzen wohlthut. Dann sprach sie in beruhigendem Ton: »Zur Zeit unseres Heilands lebte ein Weib, das denselben Namen trug wie Seine reine, fleckenlose Mutter; aber sie hatte öffentlich und so erniedrigend gesündigt, wie du, Fabiola, es zu thun verabscheuen würdest. Wir wissen nicht wie es geschah, aber sie lernte unseren Heiland kennen; in dem tiefsten Innern ihres Herzens stellte sie ernste Betrachtungen an, bis sie dahin kam, Seine barmherzige und herablassende Freundlichkeit gegen die Sünder innig zu lieben und Seine seltsame Güte und Nachsicht mit den Gefallenen zu bewundern. Sie liebte mehr und mehr. Und sich gänzlich vergessend, dachte sie nur noch daran, wie sie ihre Liebe zeigen könne, auf daß sie, wenn auch nur die geringste Ehre Ihm , die größte Schande aber sich selbst bringen könne. »Sie ging in das Haus eines reichen Mannes, wo die gewöhnlichen Ehren der Gastfreundschaft dem göttlichen Gaste versagt geblieben; in das Haus eines hochmütigen Mannes, welcher in der Eitelkeit seines Herzens die öffentliche Sünderin verachtete; sie erwies Ihm, den sie liebte, die Ehren, welche man Ihm gegenüber vernachlässigt hatte; und wie sie es erwartet hatte, verspottete man sie ihres aufdringlichen Thuns wegen.« »Und wie that sie dies, Mirjam?« »Sie kniete vor Ihm nieder, als Er an der Tafel saß, sie ließ eine Flut von Thränen auf Seine Füße fallen; sie trocknete sie mit ihrem reichen Haar, sie küßte sie inbrünstig und salbte sie mit köstlichem Öl.« »Und was geschah dann?« »Jesus verteidigte sie gegen die beißenden Spottreden seines Gastgebers; Er sagte ihr, daß ihr vergeben sei um ihrer großen Liebe willen und entließ sie mit süßen Trostesworten.« »Was wurde dann aus ihr?« »Als Er auf dem Calvarienberge gekreuzigt wurde, hatten zwei Frauen das Vorrecht, dicht neben Ihm zu stehen; Maria, die sündenlose und Maria, die reuige, um zu beweisen, wie reine und bereuende Liebe Hand in Hand gehen können neben Ihm, der da sagte, daß Er nicht gekommen sei die Gerechten zu berufen, sondern die Sünder zur Buße.« An diesem Abend wurde nichts mehr gesprochen. Mirjam, durch die Anstrengung des Sprechens ermüdet, sank in einen ruhigen Schlummer. Fabiola saß ihr zur Seite; ihr Herz war zum zerspringen voll von dieser Erzählung der Liebe und göttlichen Barmherzigkeit. Immer wieder dachte sie über dieselbe nach, und mehr und mehr sah sie ein, wie folgerecht sich jeder Teil dieses wunderbaren Systems aus dem anderen entwickelt hatte. Denn, ebenso wie Mirjam bereit gewesen war, für sie zu sterben, in Nachahmung der Liebe ihres Erlösers, so war sie auch bereit gewesen, ihr zu vergeben, als sie sie in ihrer Gedankenlosigkeit beleidigt und verletzt hatte. Sie fühlte, daß jeder Christ eine Nachahmung, ein Abbild seines Herrn sein müsse; und die, welche hier so friedlich neben ihr schlummerte, war in der That ihrem Vorbilde getreu und konnte für sie wohl als seine Nachfolgerin gelten. Als Mirjam nach einiger Zeit erwachte, fand sie ihre Gebieterin (die Urkunde, welche ihr die Freiheit wiedergeben sollte, war noch nicht ausgefertigt) zu ihren Füßen liegend, wo sie sich in den Schlaf geweint hatte. Sie begriff sofort das ganze Verdienst und die Bedeutung dieser Selbsterniedrigung; sie bewegte sich nicht, sondern dankte Gott mit vollem überfließendem Herzen dafür, daß er ihr Opfer angenommen hatte. Als Fabiola erwachte, kroch sie auf ihr eigenes Lager zurück, wie sie glaubte unbemerkt. Es hatte sie einen heimlichen, stechenden Schmerz gekostet, diesen Akt der Selbsterniedrigung zu vollbringen; aber sie hatte den Stolz ihres Herzens jetzt vollständig besiegt. Zum erstenmal empfand sie, daß ihr Herz christlich sei. Dreiunddreißigstes Kapitel Mirjams Geschichte Als Dionysius am nächsten Morgen kam, fand er sowohl die Kranke wie die Pflegerin so strahlend glücklich, daß er beide um ihrer herrlichen Nachtruhe willen beglückwünschte. Sie lachten über diese Äußerung, stimmten aber überein in der Aussage, daß dies die glücklichste Nacht ihres Lebens gewesen sei. Dionysius war erstaunt, bis Mirjam die Hand Fabiolas ergriff und sagte: »Ehrwürdiger Priester Gottes, ich vertraue deiner väterlichen Fürsorge und Obhut diese Katechumenin an, welche wünscht, vollständig in die Geheimnisse unseres heiligen Glaubens eingeweiht und durch das Wasser des ewigen Heils wiedergeboren zu werden.« »Wie!« rief Fabiola bestürzt, »bist du denn mehr als ein Arzt?« »Das bin ich, mein Kind,« erwiderte der alte Mann, »ich bin dessen zwar nicht würdig, aber ich bekleide das höhere Amt eines Priesters in Gottes Kirche.« Ohne zu zögern kniete Fabiola vor ihm nieder und küßte seine Hand. Der Priester legte die rechte Hand auf ihr Haupt und sagte: »Sei festen Mutes, meine Tochter, du bist nicht die erste deines Hauses, welche Gott in Seine heilige Kirche geführt hat. Es ist jetzt schon viele Jahre her, als ich in der Verkleidung eines Arztes hierher gerufen wurde, und zwar durch eine alte Dienerin, welche nicht mehr ist. In Wirklichkeit kam ich aber, um die Gattin des Fabius noch wenige Stunden vor ihrem Tode zu taufen.« »Meine Mutter!« rief Fabiola aus. »Sie starb wenige Stunden, nachdem sie mir das Leben geschenkt hatte. Und starb sie als Christin?« »Ja. Und ich weiß bestimmt, daß ihr Geist Zeit deines Lebens neben deinem Schutzengel einherschwebte, und daß er es war, der dich mit seiner unsichtbaren Hand dieser seligen Stunde entgegen geführt hat. Und vor Gottes Thron hat deine fromme Mutter ohn Unterlaß für dein Seelenheil gebetet.« Zehnfache Freude erfüllte die Brust der beiden Freundinnen. Nachdem mit Dionysius Verabredungen in Bezug auf Fabiolas notwendige Unterweisung und Vorbereitung, sowie ihre Vorbereitung zur heiligen Taufe getroffen worden, ging sie an Mirjams Lager und indem sie deren Hand ergriff, sagte sie leise und sanft: »Mirjam, darf ich dich von heute ab Schwester nennen?« Ein warmer Händedruck war die einzige Antwort, welche sie erhielt. Zusammen mit ihrer Gebieterin empfingen nun die alte Amme Euphrosyne und die griechische Sklavin den vorbereitenden Unterricht, um am Osterabend die Taufe zu empfangen. Wir dürfen einer vierten nicht vergessen, die bereits in die Liste der Katechumenen eingetragen war, und welche Fabiola mit sich nach Hause genommen und bei sich behalten hatte, nämlich Emerentiana, Agnes' junge Pflegeschwester. Es war ihre größte Freude, sich nützlich zu machen, indem sie das Amt einer bereitwilligen Botin zwischen dem Krankenzimmer und dem übrigen Hause versah. Während ihrer Genesung, als Mirjam bereits ihre Kräfte zurückkehren fühlte, teilte sie Fabiola manche Einzelheiten aus ihrem früheren Leben mit. Und da diese auf den voraufgehenden Teil unserer Erzählung einiges Licht werfen werden, so wollen wir ihre Geschichte in zusammenhängender Form wiedergeben. Einige Jahre bevor unsere Geschichte begann, lebte in Antiochien ein Mann, der, wenn auch nicht von vornehmer und alter Abkunft, doch reich war und sich in den höchsten Kreisen jener üppigsten und schwelgerischsten aller Städte bewegte. Um seine Stellung aufrecht zu erhalten, mußte er große Ausgaben machen, und aus Mangel an strenger Sparsamkeit war er nach und nach tief in Schulden geraten. Er war mit einer Dame von großer Tugend verheiratet, die zum Christentum übertrat, zuerst im geheimen und später mit der wenn auch widerstrebend gegebenen Einwilligung ihres Gatten. Inzwischen hatten ihre beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, ihre häusliche Erziehung unter ihrer strengen und gewissenhaften Obhut empfangen. Ersterer, Orontius, so genannt nach dem Lieblingsstrom, welcher die Stadt durchfloß, war bereits fünfzehn Jahre alt, als sein Vater die Religion seiner Gattin entdeckte. Er hatte von seiner Mutter viel über die Lehren des Christentums gehört und hatte mit ihr zusammen gar oft dem christlichen Gottesdienst beigewohnt. Daher besaß er die gefährlichen Kenntnisse, von denen er später einen so verhängnisvollen, traurigen Gebrauch machte. Er selbst aber hatte nicht die geringste Neigung, die Lehren oder die Gebräuche des Christentums anzunehmen, und wollte nichts von einer Vorbereitung auf die Taufe hören. Er war zornig, eigenwillig und hinterlistig, er legte seinen Leidenschaften niemals Zügel an und kannte keine strengen Gebote der Sittlichkeit. Er hoffte nur auf Auszeichnungen in den Augen der Welt und erwartete seinen vollen Anteil an allen Freuden und Genüssen derselben. Er hatte eine vollendete Bildung, und außer der griechischen Sprache, welche damals in Antiochien allgemein gesprochen wurde, war er der lateinischen mächtig, welche er fließend und gefällig, wenn auch mit leicht fremdländischem Accent sprach, wie wir bereits gesehen haben. In der Familie bediente man sich des einheimischen Idioms der Dienerschaft gegenüber, und zuweilen auch im streng vertraulichen Verkehr. Orontius bedauerte es durchaus nicht, als der Vater ihn der Aufsicht seiner Mutter entrückte und darauf bestand, daß er der herrschenden und vom Staate begünstigten Religion angehöre. Um die Tochter, welche drei Jahre jünger war, hegte er nicht so ernste Besorgnisse. Er hielt es für thöricht und unmännlich, so viel Aufhebens der Religion wegen zu machen; sie zu wechseln oder jener des Reichs untreu zu werden, hielt er für ein Zeichen von Schwäche. Da die Frauen aber eine reichere Phantasie besitzen und der Herrschaft ihrer Gefühle mehr unterworfen sind, so konnte man ja ihren Launen aller Art nachgeben. Daher gestattete er seiner Tochter Mirjam, deren Name syrisch war, da die Mutter einer reichen Familie in Edessa entsprossen war, die freie Ausübung ihres neuen Glaubens. Dazu hatte sie eine ungewöhnlich hohe Geistesbildung genossen und wurde jetzt, einfach und anspruchslos wie sie war, ein Muster von Tugend und Sittsamkeit. Wir müssen bemerken, daß es grade zu einer Zeit war, in welcher Antiochien wegen der Gelehrsamkeit seiner Philosophen, von denen auch einige bedeutende und hervorragende Christen waren, berühmt war. Einige Jahre später, als der Sohn das Mannesalter erreicht und seinen Charakter genügend entwickelt hatte, starb die Mutter. Vor ihrem Ende noch hatte sie die Anzeichen des herannahenden Ruins ihres Gatten wahrgenommen; und fest entschlossen, daß ihre Tochter nicht von seinen unvernünftigen und sorglosen Geschäftsgebarungen, noch von dem unglückverheißenden Egoismus und Ehrgeiz ihres Sohnes abhängig werden solle, sicherte sie ihr vor der Habsucht und Verschwendung jener beiden ihr eigenes großes Vermögen. Sie widerstand jedem Kunstgriff und jedem Einfluß, der aufgeboten wurde, um sie zur Herausgabe ihres Besitztums zu veranlassen oder dasselbe flüssig zu machen, damit den Verlegenheiten der Familie damit ein Ende bereitet werde. Auf ihrem Totenbette schärfte sie ihrer Tochter außer einer Menge anderer mütterlicher Ermahnungen ein, daß sie stets ihr kindliches Pflichtgefühl walten lassen und niemals erlauben solle, nachdem sie ihre Mündigkeit erreicht, daß an diesen Verfügungen irgend eine Änderung getroffen werde. Die Angelegenheiten gestalteten sich immer verwickelter, die Gläubiger drängten; über die vorhandenen Mittel war in unvernünftigster Weise disponiert worden – als eine geheimnisvolle Persönlichkeit Namens Eurotas in der Familie auftauchte. Außer dem Haupte derselben schien niemand ihn zu kennen; und dieses sah augenscheinlich diesen Neuangekommenen wie einen Fluch und einen Segen, wie einen Überbringer der Rettung und des Ruins zugleich an. Der Leser kennt bereits die eigenen Enthüllungen des Eurotas; es genügt hinzuzufügen, daß, da er der ältere Bruder und sich wohl bewußt war, mit seinem rohen, wüsten, mürrischen und unverträglichen Charakter nicht die Stellung eines Familienoberhauptes und Verwalters eines bereits vorhandenen Vermögens einnehmen zu können – da er den hochmütigen Ehrgeiz besaß, sein Haus in eine höhere Sphäre erheben, seine Reichtümer und Güter noch vermehren zu wollen – er sich mit einer mäßigen Summe Geldes als Abfindung begnügte, für Jahre verschwand, sich in die gefährlichen Verhältnisse des inneren Asiens begab, sogar bis nach China und Indien vordrang und mit einem bedeutenden Reichtum und einer Sammlung seltener Edelsteine in die Heimat zurückkehrte. Mit letzteren unterstützte er die kurze Laufbahn seines Neffen in Rom und führte diesen ins Verderben. Eurotas fand anstatt einer reichen Familie, in deren Kassen er noch seinen überflüssigen Reichtum hätte fließen lassen können, nur ein bankerottes Haus vor, das er vom Ruin erretten konnte. Aber sein Familienstolz siegte; und nach vielen Vorwürfen, und bitteren Streitigkeiten mit seinem Bruder, von denen niemand etwas ahnte, bezahlte er mit Aufopferung seines eigenen Kapitals die Schulden desselben und wurde auf diese Weise in der That der Herr der Vermögensüberreste seines Bruders und damit auch der Tyrann der ganzen Familie. Nach einigen weiteren Jahren freudlosen und verbitterten Daseins erkrankte der Vater und starb. Auf seinem Totenbette teilte er seinem Sohne Orontius mit, daß er ihm nichts hinterlassen könne, daß alles, wovon er schon seit Jahren gelebt, ja, sogar das Dach über seinem Haupte seinem Freunde Eurotas, dessen Verwandtschaft er nicht weiter erklärte, gehöre, und daß er von diesem allein Beistand in Rat und That und Führung erwarten solle. So sah sich dieser Jüngling voll Stolz, Ehrgeiz und Lebensfreudigkeit in die Hände eines kaltherzigen, gewissenlosen und nicht weniger ehrgeizigen Mannes gegeben, welcher alsbald als die Basis gegenseitigen Vertrauens die bedingungsloseste Unterwerfung unter seinen Willen vorschrieb, während er selbst in der Eigenschaft eines Untergebenen auftreten würde, welcher es als Hauptgrundsatz aufstellte, daß nichts zu groß oder zu klein, nichts zu gut oder zu schlecht sei, um es zu thun, wenn es dazu beitragen könne, die Stellung und den Reichtum der Familie wieder aufzurichten. Nach dem Ruin, welcher das Haus ereilt hatte, war es unmöglich, noch länger in Antiochia zu bleiben. Mit einem guten Kapital in Händen konnte anderswo viel ausgerichtet werden. Aber jetzt reichte der Erlös aus dem Verkauf aller übrig gebliebenen Habe kaum hin, um die Verbindlichkeiten des Vaters zu decken, welche nach dem Tode desselben noch entdeckt wurden. Das Vermögen der Schwester war noch unberührt; und beide Männer kamen dahin überein, daß ihr dasselbe entrissen werden müsse . Jeder Kunstgriff wurde versucht, alle Überredungsgabe angewendet, aber sie widersetzte sich einfach und entschlossen allem ; erstens weil sie den Wunsch ihrer sterbenden Mutter erfüllen wollte, und zweitens, weil sie die Absicht hegte, ein Haus für fromme Jungfrauen zu gründen, in dem sie ihr eigenes Leben hinzubringen gedachte. Sie war jetzt grade in dem Alter, wo sie über ihr eigenes Vermögen verfügen konnte. Wohl bot sie den beiden jeden Vorteil an, welcher zu gewähren in ihrer Macht lag, und schlug ihnen vor, mit ihr zusammen von ihren Mitteln zu leben. Aber dies entsprach den Absichten der beiden Männer nicht, und als jedes andere Mittel sich als vergeblich erwiesen, begann Eurotas anzudeuten, daß es am besten sei, Eine, die sich ihren Zwecken und Plänen so sehr widersetze, aus dem Wege zu räumen, koste es was es wolle. Orontius schauderte entsetzt zurück, als er diese Andeutung zum erstenmal vernahm. Nach und nach machte Eurotas ihn mit derselben vertraut, bis er – noch immer vor der wirklichen Begehung eines Schwestermordes zurückschreckend – zu meinen begann, er habe etwas gutes, tugendhaftes gethan, wie die Brüder des Joseph zu thun geglaubt, als sie eine langsamere und weniger sanguinische Methode anwandten, um mit einem halsstarrigen Bruder zu verfahren. List und von keinem anderen gesehene Gewalt, welche auch das Gesetz nicht ahnden konnte, und welche aufzudecken niemand den Mut hatte, boten ihm die beste Aussicht auf Erfolg. Unter den Vorrechten, welche den Christen während der ersten Jahrhunderte gewährt wurden, haben wir schon jenes erwähnt, daß sie die heilige Eucharistie zum Zwecke der häuslichen Kommunion im Hause aufbewahren durften. Wir haben auch die Art und Weise beschrieben, wie es in ein orarium oder Linnentuch gehüllt wurde, welches wiederum oft in eine kostbarere Decke gelegt wurde. Die köstliche Gabe wurde in einem Kästchen ( arca ) mit einem Deckel bewahrt, wie der heilige Cyprianus uns berichtet hat. » Cum arcam suam, in qua Domini sanctum fuit, manibus indignis tentasset aperire, igne inde surgente deterrita est, ne auderet attingere .« – »Als sie mit unwürdigen Händen ihren Kasten zu öffnen versuchte, in welchem das Heilige des Herrn war, wurde sie davon abgehalten ihn zu berühren durch Feuer, welches aus demselben aufstieg.« De Lapsis . Orontius wußte dies, und er wußte überdies noch, daß sein Inhalt weit höher geschätzt wurde als Silber und Gold; daß es, wie die Kirchenväter uns lehren, als ein Verbrechen betrachtet wurde, nachlässigerweise ein Krümchen dieses heiligen Brotes fallen zu lassen, Siehe Martenne »De antiquis Ecclesiae Ritibus.« und daß der Name »Perle«, welcher dem kleinsten Atom gegeben wurde, So in den morgenländischen Liturgien. Fortunatus nennt die heilige Eucharistie »Corpus Agni margaritum ingens« – »Die große Perle des Leibes des Lammes.« Lib. III. car. 25. andeutete, wie teuer und kostbar es in den Augen eines Christen sei, so daß dieser alles, was er besaß, hingegeben hätte, um jenes vor schändlicher Entheiligung zu bewahren. Das reich mit Perlen gestickte Tuch, welches mehr als einmal eine Rolle in unserer Erzählung gespielt hat, war die äußere Hülle, in welcher Mirjams Mutter diesen Schatz aufbewahrt hatte, und ihre Tochter hielt es sowohl als ein teures Erbstück, wie als einen heiligen Gegenstand, den sie demselben Gebrauche geweiht hatte, in Ehren. Eines Tages früh am Morgen kniete sie vor ihrem Kästchen und war grade im Begriff, es nach einem inbrünstigen Gebet zu öffnen. Zu ihrer größten Trauer und Bestürzung fand sie es bereits geöffnet und des kostbaren Inhalts beraubt! Wie Maria Magdalena am Grabe, so weinte sie hier bitterlich, weil sie ihr den Leib des Herrn genommen hatten, und sie nun nicht wußte, wohin sie ihn gelegt hatten. Joh. 20, 13. Wie sie, beugte sie sich weinend nieder und blickte in ihren Kästen und fand dort ein Papier, welches sie in ihrem Kummer im ersten Augenblick übersehen hatte. Wenige Zeilen auf demselben teilten ihr mit, daß das, was sie suche, sicher in den Händen ihres Bruders sei und wieder ausgelöst werden könne. Sie eilte sofort zu ihm und fand ihn zusammen mit dem düsteren Manne, in dessen Nähe sie immer zitterte, eingeschlossen; sie fiel vor ihm aufs Knie und flehte ihn an, ihr das zurückzugeben, was sie höher schätzte als ihren ganzen Reichtum. Er war im Begriff ihren Thränen und ihren Bitten nachzugeben, als Eurotas seinen strengen Blick auf ihn richtete, ihn in Schrecken setzte und dann folgendermaßen zu ihr sprach: »Mirjam, wir nehmen dich beim Wort. Wir wollen deinen Ernst und die Treue deines Glaubens auf eine hinreichende Probe stellen. Ist es dir wirklich Ernst mit dem, was du uns anbietest?« »Ich will alles hingeben, alles was ich besitze, um das Allerheiligste vor Entweihung zu bewahren.« » – So unterschreib dieses Papier,« sagte Eurotas hohnlachend. Sie nahm die Feder zur Hand, und nachdem sie das Dokument flüchtig durchgesehen hatte, unterzeichnete sie es. Damit hatte sie dem Eurotas ihr ganzes Vermögen übergeben. Orontius war wütend, als er sich von dem Manne überlistet sah, welchem er diese List gegen seine Schwester angeraten hatte. Aber jetzt war es zu spät, er hielt fest, was er einmal errungen hatte. Eine formellere Entsagungsakte mit den Äußerlichkeiten, welche das römische Gesetz verlangte, wurde noch von Mirjam verlangt. Während einer geraumen Zeit wurde sie noch mit Güte und Rücksicht behandelt; dann gab man ihr hie und da einen Wink von der Notwendigkeit, sich zu entfernen, da Orontius und sein Freund sich nach Nicomedia, der kaiserlichen Residenz, zu begeben gedachten. Sie bat, daß man sie nach Jerusalem senden möge, wo sie Einlaß in eine Genossenschaft frommer Frauen zu finden hoffte. Infolgedessen wurde sie an Bord eines Fahrzeuges gebracht, dessen Kapitän einen verdächtigen Charakter hatte und folglich nur mit spärlichen Mitteln versehen war. Doch sie trug auf ihrer Brust das, von dem sie Zeugnis abgelegt hatte, daß sie es höher schätze als Gold und Gut. Denn wie der heilige Ambrosius von seinem Bruder Satyrus, der noch Katechumen war, erzählt, trugen die Christen die heilige Eucharistie auf der Brust, wenn sie sich auf eine Seereise vorbereiteten. Wir brauchen nicht noch hinzuzufügen, daß Mirjam es in den einzigen Gegenstand von Wert eingehüllt hatte, welchen sie aus dem Hause ihres Vaters mitzunehmen den Mut hatte. Als das Schiff in See war, steuerte der Kapitän grade aus, als beabsichtige er einem fernen Lande, anstatt dem an derselben Küste liegenden Hafen von Joppe entgegenzusegeln. Es war schwer zu erraten, welche Absicht er dabei hegen mochte, aber seine wenigen Passagiere gerieten in Angst, und ein ernster Streit war die Folge. Diesem wurde durch einen plötzlichen Sturm ein Ende gemacht; der Wind trieb das Schiff während einiger Tage nach seinem Wohlgefallen vor sich her und zerschmetterte es dann an einer felsigen Insel in der Nähe von Cypern in Atome. Wie Satyrus schrieb Mirjam es der kostbaren Bürde, welche sie trug, zu, daß sie die Küste lebend erreichte. Sie war fast die einzig Überlebende; wenigstens sah sie nicht, daß außer ihr noch jemand gerettet wurde. Daher berichteten jene, welche am Leben blieben und nach Antiochia zurückkehrten, daß sie tot, mit den übrigen Passagieren und der Mannschaft in den Meereswogen umgekommen sei. Von Männern, welche vom Strandraub lebten, wurde sie an der Küste aufgefunden. Arm und ohne Freunde, wurde sie an einen Sklavenhändler verkauft, nach Tarsus gebracht, welches auf dem Festlande lag, und dann wieder an eine Persönlichkeit von hohem Range verkauft, von welcher sie mit Güte und Nachsicht behandelt wurde. Nach kurzer Zeit gab Fabius einem seiner Agenten in Asien den Auftrag, ihm eine Sklavin von seinen Sitten und tugendhaftem Gemüt zu verschaffen, welche er seiner Tochter als Dienerin geben wollte. Und so gelangte Mirjam unter dem Namen Syra nach Rom, um Fabiola das himmlische Heil zu bringen. Vierunddreißigstes Kapitel Seliger Tod Wenige Tage nach den Begebenheiten, über welche wir in unserem vorletzten Kapitel berichtet haben, wurde Fabiola berichtet, daß ein alter Mann, welcher große Angst und Unruhe (man vermochte nicht zu unterscheiden, ob diese wirklich oder gemacht sei) an den Tag legte, mit ihr zu sprechen wünsche. Als sie hinunter kam und ihn nach seinem Begehr und Namen befragte, erwiderte er: »Mein Name, edle Dame, ist Ephraim, und ich habe eine große Schuld auf das Eigentum der verstorbenen edlen Agnes eingetragen; dieses ist, wie ich höre, in deine Hände übergegangen, und ich komme jetzt, um die Bezahlung dieser Schuld von dir zu verlangen, denn sonst bin ich ein ruinierter Mann!« »Wie ist das möglich!« rief Fabiola in höchstem Erstaunen aus. »Ich kann nicht glauben, daß meine edle Cousine jemals Schulden gemacht hat.« »Nein. Sie nicht,« entgegnete der Wucherer ein wenig beschämt; »aber ein Herr Namens Fulvius, welchem die Güter nach ihrer Konfiskation zufallen sollten; daher streckte ich ihm bedeutende Summen vor.« Ihr erster Impuls war, dem Manne die Thür zu weisen. Dann aber kam ihr der Gedanke an die Schwester, und sie sagte ruhig und höflich: »Welche Schulden Fulvius auch gemacht haben kann – ich will sie bezahlen. Doch nur mit den gesetzlichen Zinsen und ohne Rücksicht auf wucherische Verbindlichkeiten.« »Aber edle Dame, vergiß nicht das Risiko, welches ich eingegangen bin. Ich habe nur sehr mäßige Zinsen verlangt, das schwöre ich.« »Gut,« entgegnete sie, »wende dich an meinen Haushofmeister, er wird die Angelegenheit ordnen. Du wirst keine Gefahr mehr laufen.« Sie gab dem Freigelassenen, welcher ihre Geschäfte besorgte, die bezüglichen Befehle, die Summe unter solchen Bedingungen zu zahlen, daß diese auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Höhe zurückgeführt wurde. Aber bald genug übertrug sie ihm noch eine wichtigere Arbeit, nämlich diejenige, ihres verstorbenen Vaters Rechnungsführung und Bücher durchzusehen, um jeden Fall von Bedrückung und zugefügtem Unrecht festzustellen, damit jeder nur mögliche Ersatz geleistet werden könne. Nachdem sie sich weiter darüber vergewissert, daß Corvinus in der That durch seinen Vater das kaiserliche Reskript erlangt hatte, durch welches das ihr von rechtswegen zufallende Vermögen vor der Beschlagnahme bewahrt blieb, ließ sie ihm eine Belohnung in solcher Höhe zukommen, daß ihm dadurch ein anständiger Wohlstand für sein ganzes Leben gesichert wurde, wenn sie sich auch beharrlich weigerte, ihn jemals wieder zu sehen. Nachdem diese zeitlichen Angelegenheiten gar bald geordnet waren, teilte sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit nur noch zwischen der Sorge für die Kranke und der Vorbereitung auf die Taufe. Um Mirjams vollständige Wiederherstellung zu beschleunigen, brachte sie sie zusammen mit einem kleinen Teile ihres Haushalts nach einem Orte, der ihnen beiden teuer war, nach der Villa an der Via Nomentana. Der Frühling war endlich gekommen, und Mirjam konnte auf ihrem Ruhebette an das Fenster gerückt werden, oder man brachte sie während der wärmsten Stunden des Tages vor das Haus in den Garten, wo Fabiola sich an der einen Seite, Emerentiana an der andern Seite, und der arme Molossus, der seine ganze Lebendigkeit verloren hatte, sich zu ihren Füßen niederließen. Hier sprachen sie von toten Freunden und besonders von jener, an welche sie jeder Gegenstand in ihrer Umgebung erinnern mußte. Und kaum wurde Agnes' Name genannt, als ihr alter, treuer Wächter die Ohren spitzte, mit dem Schweife wedelte und wehmütig umherblickte. Häufig sprachen sie auch von christlichen Dingen. Dann setzte Mirjam die Lehren und Unterweisungen, welche der heilige Dionysius gegeben hatte, mit jener Wärme der Überzeugung fort, welche Fabiola schon anfangs so sehr entzückt hatte. Niemals aber verließ sie dabei jene angeborene Bescheidenheit und Selbstlosigkeit. Als er ihnen zum Beispiel von der Wirkung und Bedeutung des Kreuzzeichens sprach, welches bei der heiligen Taufe entweder auf der Stirn der Gläubigen oder über dem Wasser, welches ihre Wiedergeburt bewirkt, oder über dem Chrisma, mit welchem die Salbung vollzogen wird oder über dem Allerheiligsten, mit welchem sie gespeist werden, S. Aug. in Joh. tract. 118, 5. gemacht wird, erklärte Mirjam den Katechumenen die häufige Anwendung des heiligen Zeichens und flehte sie an, das getreulich zu üben, was alle guten Christen thaten, nämlich das Kreuz zu schlagen im Verlaufe und beim Beginn jeder Arbeit, beim Ausgehen und bei der Heimkehr, beim Anlegen der Kleider oder der Sandalen, bei den Waschungen, beim Niedersetzen zum Mahl, beim Anzünden der Lampen, beim Schlafengehen, oder beim Beginn irgend eines Gesprächs. Tertullian, welcher früher als zweihundert Jahre n. Chr. Geburt lebte und der älteste geistliche Schriftsteller ist, de Coron. Milit. cap. 3. Indessen bemerkte jedermann mit Ausnahme von Fabiola, daß die Kranke ihre Kräfte nicht wieder erlangte, obgleich die Wunde längst geheilt war. Oft sind Mutter und Schwester die letzten, welche die Verheerungen einer tückischen Krankheit bei Kind oder Schwester wahrnehmen. Liebe ist so hoffnungsreich und so blind! Auf Mirjams Wangen lag eine hektische Röte, sie war so mager und matt, und von Zeit zu Zeit vernahm man einen trockenen Husten von ihrem Lager her. Sie lag stets lange wach und wünschte, man möge ihr Lager so aufstellen, daß sie vom ersten Sonnenstrahl an ihre Blicke auf einer Stelle ruhen lassen könne, welche in ihren Augen schöner war, als der reichste duftendste Blumenflor. Lange Zeit hindurch hatte sich in der Villa ein Eingang zu der Katakombe befunden, welche an der Via Nomentana lag. Jetzt hieß diese bereits das Cömeterium der heiligen Agnes, denn nahe an ihrem Eingange hatte man die Märtyrerin beigesetzt. Ihr Körper ruhte in einem cubiculum oder einer Kammer unter einem gewölbten Grabe. Grade über dem Eingange zu dieser Kammer, inmitten des Parks, befand sich eine Öffnung, welche oben von einem niedrigen Parapet umgeben und durch Gebüsch verdeckt war; durch diese erhielt die unten befindliche Kammer Licht und Luft. Nach dieser Stelle liebte Mirjam hinzublicken, weil es die größte Annäherung nach dem Grabe jenes von ihr so hoch geliebten und verehrten Mädchens war, welche sie in ihrem schwachen, hilflosen Zustande machen konnte. An einem stillen, schönen Morgen – es fehlten nur noch wenige Wochen bis zum heiligen Osterfeste – blickte sie wiederum nach jener Richtung, als sie plötzlich ein halbes Dutzend junger Männer daherkommen sah, welche auf ihrem Wege nach dem in der Nähe vorüberfließenden Anio, wo sie zu angeln beabsichtigten, den kürzesten, wenn auch verbotenen Weg durch den Park der Villa gewählt hatten. Sie gingen an der oben beschriebenen Öffnung vorüber; und nachdem der eine von ihnen hinabgeblickt hatte, rief er die anderen herbei. »Dies ist eins jener unterirdischen Verstecke der Christen.« »Eins jener Löcher, die in den Kaninchenbau führen.« »Laßt uns hinabsteigen,« sagte ein anderer. »Gut! aber wie würden wir wieder hinaufgelangen?« fragte ein dritter. Dies Gespräch konnte Mirjam nicht hören, aber sie sah, was darauf folgte. Einer, der noch genauer hinabgeblickt hatte, indem er die Augen mit der Hand gegen das Licht schützte, rief die anderen herbei, damit sie dasselbe thäten; aber zugleich machte er ihnen Zeichen zu, sich ruhig zu verhalten. Schnell hatten sie große Steine von der Felseneinfassung eines Brunnens herbeigeholt und warfen einen Hagel derselben auf irgend einen Gegenstand hinab, den sie dort unten erblickt hatten. Als sie fortgingen, lachten sie herzlich. Mirjam glaubte, daß sie dort unten eine Schlange oder irgend ein anderes widerliches Tier gesehen und sich damit belustigt hätten, es mit Steinen zu bewerfen. Als die Hausbewohner wach wurden, erwähnte sie des Vorfalles ihnen gegenüber, damit die Steine wieder entfernt würden. Fabiola selbst ging mit einigen Dienern hinunter, denn sie pflegte Agnes' Grab mit der eifersüchtigsten Sorgfalt. Wie groß war aber ihr Kummer und Schrecken, als sie Emerentia in Blut gebadet und tot fand! Das arme Kind war hinabgestiegen, um am Grabe ihrer Pflegeschwester zu beten. Es stellte sich heraus, daß sie abends zuvor am Flusse vorbeigegangen, als dort heidnische Orgien gefeiert worden; als die Tobenden sie aufgefordert hatten, daran teil zu nehmen, hatte sie ihnen nicht nur Vorwürfe über ihre Gottlosigkeit gemacht und sich geweigert, mit ihnen in Gemeinschaft zu treten, sondern sie hatte ihnen auch noch ihre Grausamkeit gegen die Christen vorgeworfen. Sie bewarfen das Mädchen mit Steinen und verwundeten es ernstlich, aber es flüchtete sich vor ihrer Wut in die Villa. Da sie sich matt und sterbend fühlte, kroch sie von niemand bemerkt nach Agnes' Grab, um dort zu beten. Als einige ihrer Angreifer vom vorigen Abend sie dort entdeckten, war sie bereits unfähig gewesen, sich fort zu bewegen. Diese rohen Heiden hatten der Kirche vorgegriffen und ihr die Bluttaufe erteilt. Sie wurde neben Agnes begraben, und dem einfachen Bauernkinde wurde die Ehre zu teil, daß sein Andenken alljährlich als das einer Heiligen gefeiert wird. Fabiola und ihre Gefährten machten den üblichen Kursus der Vorbereitung durch, obgleich er in diesem Falle der Christenverfolgung wegen abgekürzt wurde. Da sie am Eingange eines Cömeteriums, welches noch dazu mit großen Kirchen versehen war, wohnten, wurde es ihnen leicht, die drei Stadien der Katechumenen durchzumachen. Zuerst waren sie Hörende, Audientes. denen es gestattet wurde, gegenwärtig zu sein, wenn die Lektionen vorgetragen wurden; dann Knieende, Genuflectentes . welche einem Teil der liturgischen Gebete beiwohnten, und zuletzt Auserwählte oder Bittende Electi oder competentes um die Taufe. Sobald sie der letztgenannten Klasse angehörten, mußten sie dem Gottesdienste häufig beiwohnen, besonders aber an den drei Mittwochen, welche auf den ersten, den vierten und den letzten Sonntag in der Fastenzeit folgten. Für diese Tage hat das römische Meßbuch noch heute eine zweite Kollekte und Lektion, was sich von jenen Gebräuchen herschreibt. Jeder, der den gegenwärtigen Ritus der Taufe in der katholischen Kirche prüft und beachtet, besonders den für Erwachsene, wird in eine einzige Handlung das zusammengedrängt sehen, was in alten Zeiten auf verschiedene gottesdienstliche Funktionen verteilt war. An einem Tage fand die Abschwörung des Satans statt, und dieses wiederholte sich dann noch einmal kurz vor der Taufe; an einem anderen Tage wurde die Berührung der Ohren und der Nasenlöcher oder Ephpheta vorgenommen. Dann wurden die Exorcismen und Kniebeugungen, Bezeichnungen der Stirn und des Leibes, Dies findet man hauptsächlich bei der Taufe von Erwachsenen während der Wiederholungen des Vaterunsers. das Anhauchen des Täuflings und andere bedeutungsvolle Riten wiederholt. Noch feierlicher war die Salbung, welche sich nicht auf den Kopf allein beschränkte, sondern sich über den ganzen Körper ausdehnte. Auch das apostolische Glaubensbekenntnis wurde getreulich gelernt und dem Gedächtnis eingeprägt. Jedoch die Lehre vom heiligen Altarsakramente wurde erst nach dem Empfang der Taufe vorgenommen. Während dieser vielen vorbereitenden Übungen ging die Bußzeit der Fasten schnell und feierlich vorüber, bis endlich der Osterabend kam. Es ist nicht unsere Sache, die Ceremonie der Kirche bei der Ausspendung der Sakramente zu beschreiben. Das liturgische System hatte seine große Entwickelung, nachdem der Friede zurückgekehrt war, und vieles, was äußeren Glanz und Feierlichkeit betrifft, war unvereinbar mit der fürchterlichen Verfolgung, welche die Kirche erduldete. Es genügt uns, gezeigt zu haben, daß nicht nur die Lehren und die großen, heiligen Handlungen, sondern sogar die Ceremonien und das Beiwerk während jener ersten drei Jahrhunderte fast dieselben waren, wie sie es heute noch sind. Wenn irgend jemand es für wert erachtet, unserem Beispiel zu folgen, so wird er vielleicht eine glänzendere Periode beschreiben als jene, welche wir für unsere Feder gewählt haben. Die Taufe Fabiolas und ihres Haushalts wurde durch keine andere Festlichkeit als durch rein fromme Freuden gefeiert. Alle Titel der Stadt waren geschlossen und unter anderem auch der Titel Sankt Pastor mit seinem päpstlichen Taufbrunnen. Am Morgen des bedeutungsvollen Tages schlich daher die ganze Gesellschaft um die Mauern nach der anderen Seite der Stadt, und indem sie die Via Portuensis oder den Weg, welcher nach dem Hafen an der Mündung des Tiber führte, entlang ging, bog sie in einen Weingarten nahe den Gärten des Cäsar ein und stieg hinab in das Cömeterium des Pontianus, welches als der Ruheplatz der persischen Märtyrer Abdon und Sennen berühmt war. Der Morgen wurde mit Vorbereitungen und Gebeten hingebracht, und gegen Abend begannen die Feierlichkeiten, welche die ganze Nacht hindurch dauern sollten. Als der Zeitpunkt für die Spendung der Taufe gekommen war, leitete er allerdings nur eine düstere Feier ein. Tief unten in den Eingeweiden der Erde hatte man das Wasser eines unterirdischen Stroms in einen viereckigen Brunnen oder eine Cisterne gefaßt, ungefähr vier oder fünf Fuß tief. Es war klar in der That, aber kalt und bleich, wenn wir einen solchen Ausdruck gebrauchen dürfen, dieses unterirdische Bad, welches aus tufo oder vulkanischem Felsgestein gebildet war. Eine lange Reihe von Stufen führte in dieses einfache Taufbecken hinunter; ein schmaler, vorstehender Rand an der Seite genügte für den Priester und den Täufling, welcher dreimal in die reinigenden Fluten getaucht wurde. Dies Ganze existiert noch bis auf den heutigen Tag, grade so erhalten wie es damals war, mit der einzigen Ausnahme, daß man jetzt oberhalb des Wassers ein Gemälde sieht, welches Johannes unseren Heiland taufend darstellt. Dieses ist wahrscheinlich ein oder zwei Jahrhunderte später dort angebracht worden. Unmittelbar nach der Taufe folgte die Firmung, und darauf wurde der Neophyt oder das neugeborene Kind der Kirche nach der notwendigen Unterweisung zum erstenmal zum Tische des Herrn zugelassen und mit dem Brote der Engel gespeist. Erst spät am Ostertage kehrte Fabiola in ihre Villa zurück. Eine lange, von keinem Worte begleitete Umarmung war die erste Begrüßung zwischen ihr und Mirjam. Beide waren so zufrieden, so glückselig, so reich belohnt für alles, was sie einander seit Monaten gewesen waren, daß Worte ihre Gefühle nicht auszudrücken vermochten. Der große Gedanke und der alles übertönende Stolz Fabiolas an diesem Tage war der, sich jetzt endlich zu dem erhabenen Standpunkt ihrer früheren Sklavin emporgeschwungen zu haben – nicht in Tugend, nicht in Reinheit des Charakters, nicht in Größe der Seele, nicht in himmlischer Weisheit, nicht in Verdiensten vor Gott – o nein! – in all diesem stand sie noch bedeutend unter ihr. Aber als ein Kind Gottes, als Erbin eines ewigen Reichs, als ein lebendiges Glied des Leibes Christi – sie durfte teilhaben an all Seiner Gnade, an dem Preise seiner Erlösung; sie war ein neues Geschöpf in Ihm, sie fühlte sich Mirjam ebenbürtig, und mit glückseliger Freude sagte sie ihr das. Niemals war sie so stolz auf ein köstliches Kleid gewesen, wie sie es heute auf das weiße Gewand war, welches sie erhalten, als sie aus dem Taufbecken gestiegen, und das sie jetzt acht Tage lang tragen mußte. Aber der barmherzige Vater im Himmel weiß, wie er unsere Freuden mit Kummer mischen muß, und er sendet uns letzteren, wenn Er uns am besten darauf vorbereitet hat. In jener innigen Umarmung, deren wir oben Erwähnung gethan, gewahrte Fabiola zum erstenmal den kurzen, schweren Atem und die wogende Brust ihrer teuren Schwester. Sie wollte bei diesem Gedanken nicht einen Augenblick verweilen, aber dennoch sandte sie einen Boten zu Dionysius und ließ ihn bitten, am nächsten Morgen zu kommen. An diesem Abend feierten sie ihr Ostermahl alle zusammen. Fabiola war stolz, an Mirjams Seite den Vorsitz an einer Tafel zu führen, an welcher ihre eigenen getauften Sklaven und jene aus Agnes' Haushalt, die sie sämtlich in ihrem Dienste behalten hatte, saßen oder lagerten. Sie konnte sich nicht entsinnen, jemals eine so köstliche Mahlzeit gehalten zu haben. Früh am nächsten Morgen rief Mirjam Fabiola an ihre Seite und in zärtlich liebevoller Weise, wie ihre frühere Gebieterin sie niemals an ihr bemerkt hatte, sagte sie: »Meine teure Schwester, was wirst du thun, wenn ich dich verlassen habe?« Fabiola war fast von Schmerz überwältigt. »Willst du mich denn verlassen? Ich hatte gehofft, daß wir immer wie Schwestern zusammenleben würden. Wenn du aber wünschest Rom zu verlassen, so gestatte mir, dich zu begleiten, um dich wenigstens pflegen und dir dienen zu können.« Mirjam lächelte, aber eine Thräne schimmerte in ihrem Auge, als sie zum Himmel empor deutete. Fabiola verstand sie und sagte: »O nein, nein, teure Schwester. Bete zu Gott, der dir keine Bitte versagen wird, daß ich dich nicht verliere. Ich weiß, daß es selbstsüchtig ist; aber was kann ich ohne dich sein, ohne dich thun? Jetzt, wo ich gelernt habe, wieviel diejenigen, welche bei Christus wohnen, durch ihre Fürbitte thun können, will ich zu Agnes »Agnae sepulchrum est Romulea in domo Fortis puellae, martyris inclitae. Conspectu in ipso condita turrium Servat salutem virgo Quiritum; Necnon et ipsos protegit advenas, Puro ac fideli pectore supplices.« Prudentius und Sebastianus beten, daß sie für mich bitten und ein so großes Unglück von mir abwenden. »Du mußt wieder gesund werden. Ich bin fest überzeugt, daß deine Krankheit keine ernste ist; das warme Wetter und das herrliche Klima von Campania werden dich bald wieder gesund machen. Dort werden wir wiederum an der Quelle sitzen und von besseren Dingen als von Philosophie reden.« Mirjam schüttelte das Haupt, nicht traurig, sondern fröhlich, indem sie entgegnete: »Täusche dich nicht, meine teure Schwester. Gott hat mich hier gelassen, damit ich diesen glücklichen Tag noch erlebe. Aber Seine Hand ruht auf mir und Er führt mich in den Tod, wie Er mich durch das Leben geführt hat. Ich heiße den Tod willkommen! Und ich weiß wieviel Tage mir noch bleiben.« »O! geh noch nicht so schnell von mir!« rief Fabiola schluchzend. »Nicht, so lange du noch dein weißes Gewand trägst, geliebte Schwester,« antwortete Mirjam. »Ich weiß, daß du um mich trauern möchtest; und ich will dir auch nicht eine einzige Stunde deiner bedeutungsvollen Weiße rauben.« Dionysius kam und bemerkte sofort eine große Veränderung in seiner Patientin, welche er seit längerer Zeit nicht gesehen hatte. Es war, wie er gefürchtet hatte. Die tückische Spitze des Dolches hatte sich um den Knochen gedreht und das Rippenfell verletzt; die Auszehrung hatte sich schnell entwickelt. Er bestätigte Mirjams ernsteste Befürchtungen. Fabiola ging, um an Agnes' Grabe um Ergebung zu flehen. Sie betete lange und innig und unter heißen Thränen. Dann kehrte sie zurück. »Schwester,« sagte sie mit Entschlossenheit, »Gottes Wille geschehe, ich bin bereit, selbst dich ihm hinzugeben. Aber jetzt sage mir, ich bitte dich darum, was willst du, daß ich thun soll, wenn du von mir gegangen bist?« Mirjam sah zum Himmel empor und entgegnete: »Lege meinen Leib zu Agnes' Füßen nieder und bleib, um zu ihr und für mich zu beten, bis ein Fremder aus dem Morgenlande, der Überbringer guter Botschaft kommt.« Am folgenden Sonntage, dem »Sonntage der weißen Kleider«, feierte Dionysius auf besondere Erlaubnis die heiligen Geheimnisse in Mirjams Zimmer und erteilte ihr die heilige Kommunion als Wegzehrung. Dieses Lesen der heiligen Messe in Privathäusern war nach dem heiligen Augustinus und anderen nichts seltenes. St. Ambrosius las die Messe in dem Hause einer Dame jenseit des Tiber (Paulinus in seinem Leben, tom. II.) St. Augustin erwähnt eines Priesters, welcher die Messe in einem Hause las, das von bösen Geistern heimgesucht sein sollte. Dann salbte er sie mit Öl und sprach Gebete dabei – das letzte Sakrament, welches die Kirche spendet. Fabiola und ihr ganzer Haushalt, welche dieser feierlichen Handlung unter Thränen und Gebeten beigewohnt hatten, stiegen jetzt in die Krypta hinunter und kehrten nach der frommen Handlung in ihren dunklen Gewändern wieder zu Mirjam zurück. »Die Stunde ist gekommen,« sagte diese und ergriff Fabiolas Hand, »vergieb mir, wenn ich nicht immer meine Pflicht gethan habe, wenn ich dir nicht stets ein gutes Beispiel gab.« Dies war mehr als Fabiola ertragen konnte, und sie brach in einen Strom von Thränen aus. Mirjam tröstete sie und sagte: »Drücke das Zeichen der Erlösung auf meine Lippen, wenn ich nicht mehr sprechen kann; und, guter Dionysius, gedenk meiner vor Gottes Altar, wenn ich geschieden bin.« Er betete neben ihr, und sie antwortete ihm, bis ihre Stimme endlich versagte. Aber ihre Lippen bewegten sich, als sie sie auf das Kreuz drückte, welches ihr gereicht wurde. Sie sah ruhig und freudig aus, bis sie zuletzt die Hand an die Stirn führte und dann die Brust berührte und tot zurückfiel, indem sie das erlösende Zeichen machte. Ein Lächeln flog über ihr Antlitz, und sie starb, wie tausende von Kindern Christi nach ihr gestorben sind. Fabiola betrauerte sie innig. Aber jetzt trauerte sie wie jene, die da hoffen. Dritter Teil. Sieg. Erstes Kapitel Der Fremde aus dem Morgenlande Uns ergeht es wie einem, der in Einsamkeit dahinwandelt. Einer nach dem andern sind sie von uns abgefallen, jene, deren Worte und Werke und Gedanken uns begleitet und uns aufrecht erhalten haben. Es sieht traurig und öde ringsumher aus. Aber dies ist nicht unnatürlich. Wir haben nicht eine Zeit des Friedens und des gewöhnlichen Lebens beschrieben, sondern einen Abschnitt voll Kampf und Krieg und Streit. Ist es unnatürlich, daß die Tapfersten, die Heldenmütigsten, die Besten um uns her gefallen sind? Wir haben die Erinnerung an die grausamste Verfolgung, welche die Kirche jemals erlitten, wieder auferweckt; es war eine Zeit, in welcher man mit der Absicht umging, eine Säule aufzurichten, welche die Inschrift tragen sollte, daß das Christentum bis auf den Namen ausgerottet sei. Ist es seltsam, daß die Heiligsten und Reinsten die ersten waren, welche die Märtyrerkrone erhielten? Und doch hat die Kirche Christi noch manche Jahre einer härteren Verfolgung zu ertragen gehabt als jene, welche wir beschrieben haben. Eine Reihenfolge von Tyrannen und Unterdrückern führte den Krieg gegen sie fort, ohne Unterbrechung, bald auf diesem Teil der civilisierten Welt, bald auf jenem, selbst dann noch, als Konstantinus die Verfolgung unterdrückt hatte, so weit seine Macht reichte. Diocletianus Galerius, Maximinius und Licinius im Osten, Maxentius und Maximianus im Westen – sie alle gönnten den Christen während ihrer verschiedenen Regierungen keinen Frieden. Ähnlich einem jener tobenden Orkane, welche durch die halbe Welt rasen und verschiedene Länder mit ihrer zerstörenden Energie heimsuchen, während ihre unheimlichen Vorboten sie sämtlich verdüstern, so ließ diese Verfolgung ihre Wut erst an einem Land, dann an einem zweiten aus, zerstörte alles, was christlich war, zog von Italien nach Afrika, vom oberen Asien nach Palästina, Ägypten und dann zurück nach Armenien, während sie keinem einzigen Orte absoluten Frieden gönnte, sondern wie eine verdüsternde Gewitterwolke über dem ganzen Reiche hing. Und doch wuchs die Kirche, doch breitete sie sich aus und trotzte dieser sündigen Welt. Papst auf Papst stieg auf den päpstlichen Stuhl und von dort aufs Schafott; Versammlungen wurden in den dunklen Hallen der Katakomben abgehalten; Bischöfe kamen mit Gefahr ihres Lebens nach Rom, um die Nachfolger des heiligen Petrus um ihren Rat zu befragen; Briefe wurden zwischen weit entfernten Kirchen und dem obersten Hirten der Christenheit ausgetauscht; die Diöcesen sprachen sich untereinander Mut zu und versicherten sich ihrer Liebe und Sympathie. Ein Bischof folgte dem anderen auf seinem Bischofsitz und weihte Priester, um den Platz der Gefallenen auszufüllen, und machte sie zugleich zur Zielscheibe auf dem Bollwerke der Stadt, daß der Feind sie träfe. Aber das Werk des unvergänglichen Reiches Christi breitete sich ohne Unterbrechung aus und fürchtete nicht, daß es ausgerottet werden könne. Es war in der That inmitten all dieser Kämpfe und Schrecken, daß der Grundstein zu einem mächtigen System gelegt wurde, welches bestimmt war, in späteren Jahrhunderten seine wundersame Wirkung zu üben. Die Verfolgung trieb viele aus den Städten in die Wüsten Ägyptens, wo das Mönchtum entstand, so daß es heißen konnte: »Die Wildnis jauchzte und blühte wie eine Lilie, daß sie sproßte und aufblühte und jauchzte, freudig und lobsingend.« Isaias 35, 1. 2. Und als nun Diocletianus seines Purpurs entkleidet worden und als kindischer, mürrischer, alter Mann gestorben war – als Galerius lebend von Beulen und Ungeziefer verzehrt, durch ein öffentliches Edikt zugestanden hatte, daß all seine Angriffe ohne Erfolg gewesen – als Maximianus Herculeus sich erdrosselt hatte, und Maxentius im Tiber umgekommen war – als Maximinus unter Qualen gestorben, welche weit fürchterlicher waren als jene, welche er den Christen auferlegt, und die ihm von der ewigen Gerechtigkeit gesandt, indem seine Augen ohne äußere sichtbare Veranlassung aus ihren Höhlen getreten waren – als Licinius durch Konstantinus zum Tode verurteilt worden – da stand die Braut Christi, welche sie alle hatten vernichten wollen, jung und blühend da und begann ihre Herrschaft über die ganze Welt anzutreten. Es war im Jahre 313, als Konstantinus, nachdem er den Maxentius vernichtet hatte, der Kirche ihre volle Freiheit gab. Selbst wenn die alten Schriftsteller es nicht beschrieben hätten, so könnten wir uns die Freude und die Dankbarkeit der armen Christen vorstellen, als dieser große Wechsel im Schicksal ihrer Religion eintrat. Es war, als käme die weinende aber glückliche Bevölkerung einer Stadt, welche durch die Pest dezimiert worden, zu erstenmale wieder heraus, nachdem die Proklamation erlassen, daß die Krankheit erloschen. Denn hier zu einer Zeit, wo die Familien während zehn Jahren kaum wagten, in den ihnen zunächst gelegenen Cömeterien zusammen zu kommen, wußte mancher nicht, wer von seinen Freunden oder Verwandten zum Opfer gefallen, und wer noch unter den Überlebenden war. Zuerst noch scheu, aber nach und nach mutiger geworden, wagten sie sich heraus. Bald wurden die alten Stätten ihrer Zusammenkünfte, welche die Kinder, die während der letzten zehn Jahre geboren waren, noch nicht kannten, gereinigt, wieder in stand gesetzt, von neuem geschmückt und eingeweiht. Dann wurden sie dem öffentlichen Gottesdienst übergeben, der jetzt ohne Furcht abgehalten werden konnte. Konstantinus hatte auch befohlen, daß alle öffentlichen und privaten Besitztümer und Vermögen, welche als den Christen gehörig konfisziert worden, denselben zurückgegeben würden, aber mit der weisen Vorsicht, daß die augenblicklichen Besitzer durch den kaiserlichen Schatz schadlos gehalten werden sollten. Bald kam die Kirche in Bewegung und trat mit all den Hilfsquellen ihrer wunderbar schönen äußerlichen Formen und Institutionen hervor. Entweder wurden die schon vorhandenen Basiliken ihrem ursprünglichen Zweck wiedergegeben, oder es wurden an den Plätzen Roms, welche den Christen am teuersten waren, neue gebaut. Unser Leser befürchte indessen nicht, daß wir ihn jetzt in eine lange und ausführliche Kirchengeschichte einweihen. Dies bleibe einem Schriftsteller überlassen, der die Fähigkeit besitzt, die Großartigkeit und Pracht des freien und ungefesselten Christentums zu beschreiben. Wir wollen das gelobte Land, das sich wie ein lockendes Paradies vor unseren Füßen ausbreitet, nur aus der Ferne zeigen; wir sind nicht der Josue, der andere hineinführen wird. Das wenige, was wir in diesem kurzen dritten Teil unseres bescheidenen Buches noch hinzuzufügen haben, ist nur das, was noch notwendig zu dessen Vollendung gehört. Wir nehmen also an, daß wir im Jahre 318 angelangt sind, fünfzehn Jahre nach dem Tode Mirjams, den wir im letzten Kapitel beschrieben haben. Die Zeit, und strenge, unerschütterliche Gesetze haben der christlichen Religion Sicherheit verliehen, und die Kirche arbeitet ununterbrochen an ihrer Organisation. Viele, welche bei der Wiederkehr des Friedens die Köpfe hatten hängen lassen, weil sie nur durch feigen Verrat dem Tode entronnen waren, hatten ihren Fall jetzt bereits durch Buße und Reue gesühnt. Dann und wann wurde ein bejahrter Unbekannter von den Vorübergehenden voll Ehrfurcht begrüßt, wenn sie sahen, daß sein rechtes Auge ausgebrannt, seine Hand verstümmelt war, oder wenn sein Gang zeigte, daß die Sehnen seiner Kniegelenke während der letzten Verfolgung um Christi willen durchschnitten worden. Im Orient wählten einige Gouverneure, welche der Massenmorde müde geworden, gegen Ende der Verfolgung diese weniger grausame Art, die Christen zu behandeln. – Siehe Eusebius. Wenn unser freundlicher Leser uns jetzt hinaus zur Porta Nomentana nach jenem Thale folgen will, das er bereits kennt, so wird er eine traurige Verwüstung unter den herrlichen Bäumen und farbenreichen Blumenbeeten in Fabiolas Villa finden. Baugerüste erhoben sich an Stelle der ersteren; Mauersteine, Marmor und Säulen liegen auf letzteren. Konstantia, die Tochter Konstantinus', hatte, als sie noch nicht Christin geworden, an Agnes' Grabe um die Heilung einer schmerzhaften Beule gefleht. Ihr Gebet war erhört worden; sie hatte dort eine beseligende Erscheinung gehabt und ward vollständig geheilt. Jetzt war sie getauft und trug ihre Schuld der Dankbarkeit dadurch ab, daß sie die herrliche Basilika über jenem Grabe errichtete. Die Gläubigen hatten indessen noch immer Zutritt zu der Krypta, in welcher sie begraben war, und groß war der Zuzug von Pilgern, welche aus allen Teilen der Welt kamen. Eines Nachmittags als Fabiola aus der Stadt in ihre Villa zurückkehrte, nachdem sie den Tag mit der Pflege von Kranken zugebracht hatte, die in einem Hospital untergebracht waren, das sie in ihrem eigenen Hause gegründet, kam der fossor , welcher die Aufsicht über die Gräberstätte hatte, ihr mit lebhaft gerötetem Antlitz und in nicht geringer Erregung entgegen und sagte: »Herrin, ich glaube, daß der Fremde aus dem Morgenlande, den du schon so lange erwartest, angekommen ist.« Fabiola, welche die Worte der sterbenden Mirjam stets in ihrem Herzen, wie ein Heiligtum bewahrt hatte, rief hastig: »Wo ist er?« »Er ist wieder gegangen.« Ihr Gesicht ward traurig. »Aber wie kannst du wissen, daß er es war?« fragte sie dann. Der Totengräber entgegnete: »Im Laufe des Morgens bemerkte ich in der Menge einen Mann, der noch nicht fünfzig Jahre zählen mochte, durch Kummer und Abtötungen aber vor der Zeit alt geworden war. Sein Haar war beinahe weiß, und das war auch sein lang herabwallender Bart. Seine Kleidung war morgenländisch, und er trug auch den Mantel, welchen die Mönche aus jenen Ländern zu tragen Pflegen. Als er an Agnes' Grab kam, warf er sich unter einer Flut von Thränen zu Boden, stöhnte, und schluchzte, daß es das Mitleid aller Umstehenden erregte. Gar viele näherten sich ihm und flüsterten: ›Bruder, du hast großen Kummer, aber weine nicht also, die Heilige ist barmherzig.‹ – Andere wieder sagten: ›Fürchte nichts, wir alle werden für dich beten.‹ Diese Scene ist der Wirklichkeit entlehnt. Aber für ihn schien es keinen Trost mehr zu geben. Doch ich dachte bei mir, in der Nähe einer so sanften und gütigen Heiligen sollte niemand so trostlos, so niedergeschmettert sein – mit Ausnahme eines einzigen Mannes.« »Weiter, weiter,« – rief Fabiola ungeduldig, »was that er dann?« »Nachdem noch eine geraume Zeit vergangen,« fuhr der fossor fort, »erhob er sich und zog aus den Brustfalten seines Gewandes einen herrlichen, funkelnden Ring, welchen er auf ihr Grab legte.« »Und dann?« »Als er sich umwandte, sah er mich und erkannte meine Kleidung. Er näherte sich mir, und ich sah, wie er zitterte, als er, ohne mir ins Gesicht zu blicken, bescheiden und furchtsam fragte: ›Bruder, weißt du, ob hier irgendwo ein Mädchen aus Syrien, Namens Mirjam liegt?‹ Schweigend deutete ich auf ihr Grab. Nach langem, sichtbar qualvollem Kampfe mit sich selbst, fragte er mich wieder, dieses Mal mit kaum vernehmbarer Stimme: ›Weißt du, Bruder, woran sie gestorben ist?‹ – ›An der Schwindsucht‹ entgegnete ich. ›Gott sei gelobt und gepriesen!‹ rief er und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Dann fiel er zu Boden. Länger als eine Stunde blieb er so weinend und stöhnend liegen; dann erhob er sich, näherte sich dem Grabe, küßte den Stein voll Ehrfurcht, und – ging.« »Er ist es, Torquatus! Er ist es!« rief Fabiola freudig aus, »weshalb hast du ihn nicht zurückgehalten?« »Ich wagte es nicht, Herrin; nachdem ich sein Gesicht einmal gesehen hatte, fand ich nicht mehr den Mut, seinem Auge zu begegnen. Aber ich bin gewiß, daß er wiederkehren wird, denn er entfernte sich nach der Stadt zu.« »Wir müssen ihn finden!« schloß Fabiola. »O teure Mirjam, diese Vision tröstete dich also im Sterben!« Zweites Kapitel Der Fremde in Rom Früh am nächsten Morgen ging der Pilger durch das Forum, als er eine Gruppe von Menschen um eine Gestalt versammelt sah, welche augenscheinlich von ihnen gequält und gehänselt wurde. Er würde einer solchen Scene an einem öffentlichen Orte wenig Beachtung geschenkt haben, wenn nicht plötzlich ein bekannter Name an sein Ohr geschlagen wäre. Deshalb trat er näher. In der Mitte stand ein Mann, der viel jünger war als er selbst. Aber wenn er älter aussah als er war, weil er krank und mager, so war dasselbe bei dem anderen aus ganz entgegengesetzten Gründen der Fall. Er war kahlköpfig und aufgedunsen; sein Gesicht war geschwollen und rot und mit Beulen und Geschwüren bedeckt. Die List der Trunkenbolde lauerte in seinem Blick, und Gang und Stimme waren die eines Mannes, welcher gewöhnlich betrunken war. Seine Kleidung war beschmutzt, und seine ganze Erscheinung zeugte von steter Vernachlässigung. »O weh, Corvinus,« sagte ein Jüngling zu ihm, »wirst du jetzt nicht die verdiente Strafe bekommen? Hast du nicht vernommen, daß Konstantinus in diesem Jahr nach Rom kommt, und glaubst du nicht, daß dieses Mal die Christen an die Reihe kommen?« »Nein, nein,« antwortete der Mann, welchen wir beschrieben haben, »dazu sind sie lange nicht schlau genug. Ich weiß noch, daß wir es ebenfalls fürchteten, als Konstantinus nach dem Tode des Maxentius sein erstes Edikt über die Freiheit der Christen bekannt machte; aber im nächsten Jahr schon nahm er uns alle Furcht, indem er alle Religionen für gleichberechtigt erklärte.« Eusebius ubi sup. »Das mag für die allgemeine Regel recht schön sein,« warf hier ein anderer ein, welcher entschlossen schien, den Trunkenbold zu quälen, »aber man nimmt sicher an, daß er alle jene ermitteln lassen wird, welche einen thätigen Anteil an der letzten Verfolgung nahmen, um das lex talionis Das Recht der Wiedervergeltung, wie es auch im mosaischen Gesetz vorgeschrieben war »Aug um Auge, Zahn um Zahn« u. s. w. an ihnen vollziehen zu lassen; Schlag um Schlag, Verbrennen um Verbrennen und wildes Tier um wildes Tier!« »Wer sagt das?« fragte Corvinus erblassend. »Nun, das wäre doch nur natürlich,« entgegnete ihm hohnlachend einer. »Und sehr gerecht,« fügte ein anderer hinzu. »Ach, es schadet nichts,« sagte Corvinus, »sie lassen einen doch wieder laufen, wenn man selbst Christ wird. Und ich muß gestehen, ich bin bereit, lieber alles zu werden, als dort zu stehen –« »Wo Pancratius stand,« warf ein dritter ein, der boshafter war. »Haltet das Maul!« brüllte der Trunkenbold jetzt in schäumender Wut. »Nenne seinen Namen nur noch ein einziges Mal, wenn du den Mut hast!« Dabei erhob er die Faust und blickte drohend nach dem Sprecher. »Ach! weil er dir weissagte, wie du sterben würdest,« schrie der Bursche, indem er die Flucht ergriff. »Ho! ho! einen Panther her für Corvinus!« Alles flüchtete vor dem Tier in Menschengestalt, welches jetzt zur Wut aufgestachelt war, als sei ein wildes Tier der Wüste hinter ihnen her. Er verwünschte sie und bewarf sie mit Steinen. Der Pilger hatte diesen Vorfall aus der nächsten Nähe mit angesehen; dann ging er weiter. Corvinus bewegte sich langsam auf derselben Straße entlang, welche nach der lateranischen Basilika, jetzt der Kathedrale von Rom, führte. Plötzlich ertönte ein heiseres Brüllen und zu gleicher Zeit ein durchdringender Schrei. Als sie beim Colosseum an den Höhlen der wilden Bestien vorüberkamen, näherte sich Corvinus, getrieben von der krankhaften Neugierde jener Menschen, die sich für das Opfer irgend eines Verhängnisses halten, das mit einem besonderen Gegenstande in Zusammenhang steht, dem Käfig, in welchem sich ein prächtiger Panther befand, der dazu bestimmt war, an den großen Tierkämpfen teilzunehmen, welche zu Ehren der bevorstehenden Ankunft des Kaisers in Rom stattfinden sollten. Er trat nahe an das Gitter und reizte die Bestie durch Bewegungen und Worte indem er sagte: »Wahrscheinlich wirst du mein Tod sein! Ha, ha! du sitzest sicher genug in deiner Höhle!« – In diesem Augenblick machte das wütende Tier einen Satz gegen ihn, packte ihn zwischen den Eisenstäben durch an Hals und Kehle und brachte ihm eine fürchterliche Wunde bei. Der unglückliche Mensch wurde von Herbeieilenden emporgehoben und in seine in der Nähe liegende Wohnung getragen. Der Fremde folgte ihm und fand die Behausung im höchsten Grade armselig, schmutzig und unbehaglich; zu seiner Bedienung hatte er nur einen alten, kränklichen, krüppelhaften Sklaven, der augenscheinlich ebenso einfältig und tölpelhaft war wie sein Gebieter. Diesen sandte der Fremde fort, um einen Wundarzt herbeizuholen, der indessen sehr lange auf sich warten ließ; inzwischen that er selbst sein bestes, um das heftig aus der Wunde quillende Blut zu stillen. Während er noch damit beschäftigt war, heftete Corvinus einen Blick auf ihn, der entweder Wahnsinn oder Delirium verriet. »Kennst du mich?« fragte der Pilger mit sanfter Stimme. »Dich kennen? Nein – ja. Laß mich sehen! Ha – der Fuchs! Mein Fuchs? Denkst du noch daran, wie wir miteinander Jagd auf die verhaßten Christen machten? Wo hast du dich denn seitdem versteckt gehalten? Wie viele von ihnen hast du erlegt?« Und dabei lachte er frech und höhnisch. »Ruhig, ruhig Corvinus,« entgegnete der andere. »Du mußt dich sehr ruhig verhalten oder du bist rettungslos verloren. Überdies quält es mich, wenn du jener Zeiten erwähnst, denn wisse, ich selbst bin jetzt Christ geworden.« »Du Christ geworden?« brüllte Corvinus mit wilder Stimme. »Du, der du mehr von ihrem besten Blute vergossen hast, als irgend ein anderer Mensch auf dieser Welt? Und ist dir dies alles vergeben worden? Oder hast du ruhig darauf schlafen können? Haben dich nicht die Furien während der Nacht gepeitscht? Haben keine Gespenster dich heimgesucht? Hat keine Viper dir das Herzblut ausgesogen? Wenn nicht, so sage mir, wie du all diese Schreckbilder in die Flucht geschlagen hast, auf daß ich hingehe und thue wie du! Wenn du es mir nicht sagst, so werden sie kommen! Ha! ha! Sie werden kommen! Rache und Wut! Warum hast du denn nicht dieselben Qualen erdulden müssen wie ich?« »Sei ruhig, Corvinus, sei ruhig! Ich habe gelitten, wie du leiden mußt. Aber ich habe Hilfe gefunden, und ich will sie auch dir bringen, sobald der Arzt dich gesehen hat. Er kommt soeben.« Der Doktor untersuchte ihn und verband die Wunde; aber er gab wenig Aussicht auf Genesung bei diesem Kranken, dessen Blut durch Unmäßigkeit und Völlerei bereits gänzlich vergiftet war. Jetzt nahm der Fremde seinen Platz an der Seite des Lagers wieder ein und sprach von der Gnade Gottes und Seiner Bereitwilligkeit, auch dem elendesten und letzten aller Sünder zu vergeben; er nannte sich selbst als den lebenden Beweis hierfür. Der unglückliche Mann schien in einem Zustande der Betäubung zu liegen, denn obgleich er aufhorchte, schien er die Worte, welche zu ihm gesprochen wurden, nicht zu verstehen. Nachdem der gütige Lehrer ihm die wichtigsten Lehren des Christentums erklärt hatte – mehr hoffend als mit Bestimmtheit voraussetzend, daß der Kranke ihm seine Aufmerksamkeit schenke – fuhr er fort: »Und jetzt, Corvinus, wirst du mich fragen, wie die Vergebung der Sünden denjenigen erteilt wird, der alles dies glaubt? Es geschieht durch die Taufe, durch die Wiedergeburt aus dem Wasser und dem heiligen Geist.« »Was?« brüllte der kranke Mann. »Indem der Sünder mit dem wiedergebärenden Wasser benetzt wird.« Hier wurde er durch ein konvulsivisches Stöhnen, das mehr einem Brüllen glich, unterbrochen. »Wasser! Wasser! Kein Wasser für mich! Fort damit! Fort damit!« Und ein Krampf schien die Kehle des Kranken zusammenzuschnüren. Der Pilger wurde von lähmendem Entsetzen gepackt, aber dennoch suchte er, den Unglücklichen zu beruhigen. »Du mußt nicht glauben, daß man dich in deinem gegenwärtigen Fieberzustand forttragen, und in fließendes Wasser tauchen wird« (der Kranke stöhnte und wurde von kalten Schauern gepackt), »bei den Taufen der Sterbenden Die Taufe der Sterbenden oder Bettlägerigen wurde auf die Weise vollzogen, daß man ihr Haupt mit einigen Wassertropfen besprengte. – Siehe Bingham, Buch 11. Kap. 11. genügen wenige Tropfen, nicht mehr als sich hier in diesem Napf befinden.« Und er zeigte ihm das Wasser in einem kleinen Gefäß. Beim Anblick desselben wand und krümmte der Verwundete sich, der Schaum trat ihm vor den Mund, und heftige Krämpfe schüttelten seinen Körper. Die Töne, welche er von sich gab, glichen mehr denen eines wilden Tieres, als Lauten, welche sich menschlichen Lippen entringen. Der Pilger sah sofort, daß die Wasserscheu mit all ihren fürchterlichen Symptomen bei dem Kranken durch den Biß des wilden Tieres zum Ausbruch gekommen war. Nur mit großer Mühe gelang es ihm und dem Diener, ihn auf dem Lager zurückzuhalten. Zuweilen stieß er die entsetzlichsten Blasphemien gegen Gott und Menschen aus. Und wenn diese Anfälle wieder vorüber waren, pflegte er zu stöhnen und zu klagen: »Wasser wollen sie mir geben! Wasser! Wasser! Nein, kein Wasser für mich! Feuer! Feuer! Feuer habe ich, sonst nichts! Ich brenne schon, innen und außen! Seht nur, wie es näher und näher kommt! Jeden Augenblick näher! Die Flammen züngeln schon an mir empor!« Und er blies nach allen Seiten in die Flammen, welche er in seinen Fieberphantasien zu sehen meinte. Dann wandte er sich wieder zu seinem tiefbetrübten Krankenpfleger und schrie: »Weshalb löschest du sie nicht aus? Du siehst doch, daß ich schon brenne!« So ging der traurige Tag zu Ende, und die unheimliche Nacht kam. Das Fieber nahm zu und mit ihm das Delirium und die heftigen Anfälle von Tobsucht. Der Körper wurde schwächer und schwächer. Endlich richtete der Sterbende sich im Bette auf und mit stieren Augen grade vor sich hin blickend, rief er mit von Wut halb erstickter Stimme aus: »Hinweg, Pancratius, fort mit dir! Du hast mich jetzt lange genug angestarrt. Halte deinen Panther zurück! Halte ihn fest: er will mir an die Kehle springen. Er kommt! O!« Und mit einem konvulsivischen Griff, als wolle er die wilde Bestie von seiner Kehle abwehren, riß er den Verband von seiner Wunde. Ein Strom von Blut ergoß sich über ihn, und er fiel auf das Lager zurück, ein grauenerregender Leichnam. Sein Freund hatte gesehen, wie verstockte Sünder sterben. Drittes Kapitel Das Letzte Am nächsten Morgen machte der Pilger sich auf den Weg, um das Geschäft zu erledigen, an dessen Ausführung er durch die im letzten Kapitel berichteten Umstände verhindert worden war. In der Nähe der Janusbilder auf dem Forum sah man ihn, wie er sich zuerst geschäftig nach jemand zu erkundigen schien. Endlich war die Persönlichkeit gefunden, und die beiden schritten einer schmutzigen, kleinen Schreibstube unter dem Kapitol auf dem Hügel zu, welcher Clivus Asyli genannt wurde. Alte, staubige Bücher wurden hervorgeholt, Kolonne auf Kolonne durchgesehen, bis sie an das Datum »Konsul Diocletianus Augustus und Maximianus Herculeus Augustus« kamen. Hier fanden sie verschiedene Eintragungen in Bezug auf gewisse Dokumente. Eine Rolle halb vermoderter Pergamente jenes Datums wurde hervorgeholt, die Nummer, welche mit den vorher erwähnten Eintragungen übereinstimmte, herausgezogen und geprüft. Das Resultat der Nachforschung schien für beide Teile gleich befriedigend. »Dies ist das erste Mal in meinem Leben,« sagte der Besitzer des kleinen Geschäftsraums, »daß ich einen Menschen gesehen habe, welcher glücklich entkommen, nach fünfzehn Jahren wieder zurückkehrt, um sich nach seinen Schulden zu erkundigen. Ein Christ, wie ich vermute, Herr?« »Gewiß; durch Gottes Gnade.« »Das konnte ich mir denken; guten Morgen, Herr. Ich würde glücklich sein, wenn ich Ihnen einmal dienen könnte unter ebenso vernünftigen Bedingungen, wie mein Vater Ephraim, der jetzt in Abrahams Schoß ruht, es gethan hat.« Als der Fremde außer Hörweite war, fügte der Jude hinzu: »Ein großer Narr, das muß ich sagen.« Mit festerem Schritt und fröhlicherer Miene, als man sie bis jetzt an ihm wahrgenommen, begab er sich gradeswegs nach der Villa an der Via Nomentana. Nachdem er abermals, wenn auch mit leichterem Herzen, sein Gebet in der Krypta gesprochen hatte, wandte er sich sofort an den Totengräber, als feien sie niemals voneinander fern gewesen: »Torquatus, kann ich mit der edlen Fabiola sprechen?« »Gewiß,« entgegnete der andere, »folge mir.« Als sie miteinander weiter gingen, gedachte keiner von beiden alter Zeiten, noch that er Fragen in Bezug auf die Lebensgeschichte des anderen. Es schien ein instinktives Einverständnis obzuwalten, daß die Vergangenheit ebensowohl vor Menschen begraben sein sollte, wie sie hofften, daß sie es vor Gott sei. Fabiola war an diesem und dem vorhergehenden Tage zu Hause geblieben, weil sie auf die Wiederkehr des Fremden wartete. Sie saß im Garten nahe an einem Springbrunnen, als Torquatus sie dem Pilger bezeichnete und sich dann zurückzog. Sie erhob sich, als sie den langerwarteten Besucher nahen sah, und eine unbeschreibliche Rührung überkam sie, als er endlich vor ihr stand. »Edle Fabiola,« sagte er mit demütigem Ton und ernster Bescheidenheit und Einfachheit, »ich würde niemals gewagt haben, mich wieder vor dir zu zeigen, wenn nicht eine Pflicht der Dankbarkeit sowohl, wie eine zweite der Gerechtigkeit mich dazu gezwungen hätte.« »Orontius,« erwiderte sie, » – ist dies der Name, mit dem ich dich nennen muß?« (er nickte zustimmend) »du kannst keine Verpflichtung gegen mich haben – mit Ausnahme jener einen, welche unser großer Apostel uns auferlegt – daß wir uns untereinander lieben sollen.« »Ich weiß, daß du so denkst. Und deshalb, gütige Fabiola, hätte ich, Unwürdiger der ich bin, niemals den Mut gehabt, dich zu belästigen, wenn nicht strengste Pflichterfüllung das Motiv gewesen wäre, welches mich herbeigeführt hat. Ich weiß, wieviel Dankbarkeit ich dir schulde, für all die unendliche Liebe und Treue, welche du jener erwiesen hast, die mir jetzt teurer ist, als irgend eine Schwester der Erde dem Bruderherzen sein kann. Du vollbrachtest alle jene Thaten der Liebe an ihr, welche ich versäumt habe.« »Das war es, was sie zu mir geführt hat, damit sie der Schutzengel meines Lebens werden sollte. Vergiß nicht, Orontius, daß Joseph von seinen Brüdern verkauft wurde, damit er der Erretter seines Volkes werde.« »Du bist in der That zu gut und erbarmungsvoll gegen einen Unwürdigen wie ich es bin,« begann der Pilger von neuem, »aber ich will dir nicht mehr für deine Güte gegen jene danken, die dich so reichlich dafür gelohnt hat. Erst heute früh habe ich wieder einen Beweis deiner Fürsorge gehabt, ohne daß der Empfänger desselben einen Anspruch an deine Mildthätigkeit hätte machen dürfen.« »Ich verstehe dich nicht,« bemerkte Fabiola. »So laß mich dir alles deutlich erzählen,« erwiderte Orontius. »Ich bin jetzt seit vielen Jahren ein Mitglied einer jener Genossenschaften in Palästina, deren Mitglieder abgeschieden von der Welt an einsamen Orten leben und ihre Tage und sogar ihre Nächte in frommen Betrachtungen, mit der Arbeit ihrer Hände und dem Absingen göttlichen Lobes zubringen. Strenge Buße für unsere vergangenen Sünden, Fasten, Abtötungen und Gebete bilden den größten Teil unseres Büßertums. Hast du auch hier von solchen Männern gehört?« »Der Ruhm des heiligen Paulus und heiligen Antonius ist ebenso groß im Westen wie im Osten,« entgegnete die Dame. »Es war der größte Schüler des letzteren, mit dem ich zusammen gelebt habe; sein erhabenes Beispiel und der Trost, den er mir spendete, stützten mich. Aber ein Gedanke quälte mich unaufhörlich, und selbst nach langen Jahren der Buße raubte er mir noch den Frieden und die Sicherheit. Bevor ich Rom verließ, war ich eine schwere Schuld eingegangen; diese mußte zusammen mit den vereinbarten Zinsen bis zu einer erdrückenden Höhe angewachsen sein. Aber dennoch war es eine Verpflichtung, die ich mit reiflicher Überlegung auf mich genommen hatte, der ich mich folglich auch nicht entziehen durfte. Ich war ein armer Cönobit Klosterbruder. und lebte nur von dem Ertrag der wenigen Palmblattmatten, die ich flechten konnte; sonst nährte ich mich von den kärglichen Wurzeln und Gräsern, die der Boden lieferte. Wie sollte ich meinen Verpflichtungen nachkommen? »Mir blieb nur noch ein Mittel. Ich konnte mich meinem Gläubiger als Sklave hingeben, um für ihn zu arbeiten und seine Schläge und verächtlichen Schimpfworte mit Geduld ertragen, oder ich konnte mich von ihm nach meinem Werte verkaufen lassen – denn ich bin noch stark. In beiden Fällen hätte ich das Beispiel unseres Erlösers vor Augen gehabt, das mich getröstet und aufrecht erhalten hätte. Ich hätte das einzige hingegeben, was ich besaß – mich selbst. »Heute Morgen begab ich mich nach dem Forum, fand meines Gläubigers Sohn, prüfte seine Rechnungsbücher und fand, daß du, edle Fabiola, meine ganze Schuld bezahlt hattest. Deshalb bin ich jetzt dein Sklave und nicht der jenes Juden.« Demütig kniete er vor ihr nieder. »Steh auf! steh auf!« sagte Fabiola und wandte sich thränenden Auges ab. »Du bist nicht mein Sklave, sondern mein teurer Bruder in unserem gemeinsamen Herrn.« Als er sich dann, wie sie ihm befahl, neben ihr auf einem Sitz niedergelassen hatte, fuhr sie fort: »Orontius, ich habe noch eine große Gunst von dir zu erbitten. Gieb mir einen genauen Bericht von den Umständen, welche dich dem Leben zugeführt haben, das du jetzt führst.« »Ich werde dir gehorchen und mich so kurz wie möglich fassen. In einer trüben, entsetzlichen Nacht floh ich, wie du weißt, aus Rom, begleitet von einem Manne –« – hier versagte ihm die Stimme. »Ich weiß, ich weiß, wen du meinst – Eurotas,« unterbrach ihn Fabiola. »Derselbe. Der Fluch unseres Hauses, der Urheber all meiner und meiner teuren Schwester Leiden. Wir mußten mit großem Kostenaufwand ein Schiff mieten, welches uns von Brundusium Brundusium – das heutige Brindisi. nach Cyprus brachte. Wir versuchten es mit dem Handel und verschiedenen anderen Spekulationen –aber nichts gelang uns. Es lastete augenscheinlich ein Fluch auf allem, was wir unternahmen. Unsere Mittel schmolzen zusammen, und wir waren wiederum gezwungen, ein anderes Land aufzusuchen. Wir kreuzten hinüber nach Palästina und ließen uns für einige Zeit in Gaza nieder. Gar bald suchte uns bitteres Elend heim. Jedermann mied uns, wir wußten nicht weshalb, aber mein Gewissen sagte mir, daß ich das Kainszeichen auf der Stirn trug.« Hier hielt Orontius einige Minuten inne; heiße Thränen entquollen seinen Augen. Dann fuhr er fort: »Endlich, als unsere Mittel erschöpft waren und nichts uns blieb als einige Edelsteine von allerdings großem Wert, von denen Eurotas sich jedoch aus mir unbekannt gebliebenen Gründen nicht trennen wollte, begann er mich zu überreden, daß ich das verächtliche Amt eines Angebers der Christen übernehmen solle. Grade damals brach eine furchtbare Verfolgung aus. Zum erstenmale in meinem Leben empörte ich mich gegen seine Befehle und verweigerte ihm den Gehorsam. Eines Tages forderte er mich auf mit ihm zu den Thoren hinaus zu gehen; wir wanderten weit, bis wir endlich an einen köstlichen Fleck Erde inmitten der Wüste gelangten. Es war ein enges Thal, üppiges Grün wucherte überall, Palmbäume verbreiteten kühlenden Schatten; ein klarer Bach rieselte hindurch, der einem Felsen am oberen Ende des Thals entsprang. In diesem Felsen erblickten wir Grotten und Höhlen, aber diese schienen unbewohnt zu sein. Man hörte außer dem leisen Rauschen des Wassers keinen Laut. »Wir ließen uns nieder um zu ruhen; da begann Eurotas eine grauenvolle Rede. Die Zeit sei gekommen, sagte er, wo wir beide den furchtbaren Entschluß ausführen müßten, den er gefaßt, nämlich, den Ruin unserer Familie nicht zu überleben. Hier auf dieser Stelle müßten wir beide sterben; die wilden Tiere würden unsere Leichen verzehren, und niemand würde jemals das Ende der beiden letzten unseres Stammes erfahren. »Nach diesen Worten zog er zwei kleine Fläschchen von ungleicher Größe hervor, gab mir die größere und verschluckte den Inhalt der kleineren. »Ich weigerte mich, seinen Befehl zu vollziehen und hielt ihm die Ungleichheit der Phiolen vor; aber er entgegnete, daß er alt sei und ich jung; daß der Inhalt im richtigen Verhältnis zu unserer Lebenskraft stehe. Noch immer weigerte ich mich, denn ich hegte nicht den Wunsch zu sterben. Aber eine Art von dämonischer Wut schien sich seiner zu bemächtigen; er packte mich mit der Faust eines Riesen, als ich so am Boden saß, warf mich auf den Rücken und schrie: »Wir müssen beide zusammen untergehen.« Und damit goß er mir den Inhalt der Flasche in die Kehle, ohne mir auch nur einen Tropfen zu ersparen. »In einer Minute verlor ich das Bewußtsein; so blieb ich liegen, bis ich in einer Höhle erwachte und mit matter Stimme um einen Labetrunk bat. Ein ehrwürdiger, alter Mann mit weißem Bart hielt eine hölzerne Schale mit klarem Wasser an meine Lippen. »Wo ist Eurotas? fragte ich. »Ist das dein Gefährte? fragte der alte Mönch. »Ja, entgegnete ich. »Er ist tot, lautete die Antwort. »Ich weiß nicht, durch welches Verhängnis dies herbeiführt worden, aber ich danke Gott aus tiefstem Herzen, daß Er mich errettet hat. »Jener alte Mann war Hilarion, ein Eingeborener von Gaza. welcher, nachdem er viele Jahre mit dem heiligen Antonius in Ägypten zugebracht hatte, in diesem Jahre A. D. 303 zurückgekehrt war, um in seinem eigenen Lande das Cönobiten- und Eremitenleben zu gründen, und bereits mehrere Schüler gefunden hatte. Sie lebten in den nahe gelegenen Höhlen und nahmen ihre Nahrung unter dem Schatten jener Palmen ein und würzten ihr trockenes Brot in dem Wasser jenes Baches. »Ihre Güte gegen mich, ihre fröhliche Frömmigkeit, ihr heiliges Leben – das alles gewann mich ihnen sobald ich genesen war. Ich erblickte die Religion, welche ich verfolgt hatte, in einer erhabenen Form; die Lehren meiner teuren Mutter und das Beispiel meiner frommen Schwester kehrten in mein Gedächtnis zurück, so daß ich mich der göttlichen Gnade anempfahl, meine Sünden zu den Füßen eines Priesters des Herrn bekannte und beklagte und die heilige Taufe am Osterabend empfing.« »So sind wir doppelt Geschwister, sogar Zwillingsgeschwister der Kirche, denn auch ich wurde an jenem Tage zum ewigen Leben geboren. Aber was gedenkst du jetzt zu thun?« »Heute Abend schon meine Rückreise anzutreten. Ich habe die beiden Zwecke meiner Reise erreicht. Der erste war, meine Schuld zu tilgen – der zweite, eine Gabe am Grabe der Agnes niederzulegen. Du wirst nicht vergessen haben,« fügte er lächelnd hinzu, »daß dein guter Vater unabsichtlich den Glauben in mir erweckte, sie trage Verlangen nach den Edelsteinen, welche ich zur Schau trug. Thor, der ich war! Aber ich beschloß nach meiner Bekehrung, daß sie die schönsten erhalten solle, welche ich noch in Eurotas' Besitz fand. Diese habe ich ihr gebracht.« »Aber besitzest du die Mittel, um die Rückreise antreten zu können?« fragte die edle Fabiola zögernd. »Ich habe deren im Überfluß durch die Mildthätigkeit der Gläubigen,« entgegnete er. »Ich führe Briefe vom Bischof von Gaza mit, die mir überall ein Unterkommen und Nahrung sichern; aber ich werde von dir einen Trunk Wasser und eine Kruste Brot annehmen im Namen eines Jüngers.« Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu, als plötzlich ein Weib wie rasend durch die Büsche daher gejagt kam, sich ihnen zu Füßen warf und ausrief: »O, rette mich, teure Herrin! Rette mich! Er verfolgt mich und will mich töten!« Fabiola erkannte in dem armen, geängstigten Geschöpf ihre frühere Sklavin Jubala wieder; aber ihr Haar war ergraut und hing in wilden Strähnen über das Gesicht, und ihre ganze Gestalt erzählte eine Geschichte des tiefsten Elends. Fabiola fragte, von wem sie spreche. »Von meinem Gatten,« entgegnete sie, »er hat mich schon lange grausam und hart behandelt, aber heute ist er tierischer und roher denn je. O! rette mich vor ihm!« »Hier ist keine Gefahr für dich,« beruhigte sie die edle Römerin, »aber ich fürchte, arme Jubala, daß du durchaus nicht glücklich bist. Ich sah dich vor langer, langer Zeit zum letztenmal.« »Nein, teure Herrin, ich bin nicht glücklich, aber weshalb sollte ich kommen, um dir von meinem Elend zu sprechen? O! weshalb habe ich dich und dein Haus jemals verlassen, wo ich so glücklich hätte sein müssen! Ich hätte dann mit dir und Graja und der guten, alten Euphrosyne, die jetzt tot ist, lernen können, gut zu werden. Ich hätte Christin werden können!« »Wie, Jubala, hast du wirklich daran gedacht?« »Seit langer Zeit schon, Herrin, in meinem Kummer und meinem Schmerz und meinen Gewissensbissen. Denn ich habe gesehen, wie glücklich die Christen sind, selbst jene, die ebenso verderbt gewesen sind wie ich. Und weil ich meinem Gatten dies heute Morgen andeutete, hat er mich geschlagen und mir gedroht, mein Leben zu nehmen. Aber Gott sei dafür gelobt, durch eine Freundin habe ich die Lehren der Christen kennen gelernt.« »Seit wie langer Zeit hast du von seiner schlechten Behandlung zu leiden gehabt, Jubala?« fragte Orontius, welcher von seinem Onkel davon gehört hatte. »Bald nach unserer Heirat sprach ich ihm von einem Anerbieten, welches mir ein dunkler Fremder, Namens Eurotas gemacht hatte, antwortete die Gefragte. »Ah! Und er war in der That ein böser Mann, ein Mensch von düsteren Leidenschaften und gewissenloser Schlechtigkeit. Meine quälendste Erinnerung steht mit ihm in Verbindung.« »Wie das?« fragte Orontius, dessen Neugierde geweckt worden. »Höre; als er Rom verließ, verlangte er zwei narkotische Tränke von mir. Einen für einen Feind, wenn man ihn jemals zum Gefangenen machen sollte. Dieser sollte durchaus tödlich wirken. Der zweite sollte nur das Bewußtsein für einige Stunden rauben, für den Fall, daß er desselben für sich bedürfe. »Als er die beiden Tränke von mir holen kam, war ich grade im Begriff, ihm zu erklären, daß entgegen allem äußeren Schein, die kleine Phiole ein stark wirkendes Gift enthielte und die größere eine schwächere und verdünnte Dosis. Aber in diesem Augenblick trat mein Gatte ein und trieb mich in einem Anfall von Eifersucht aus dem Gemache. Nun fürchte ich, daß ein Irrtum begangen und ein unbeabsichtigter Tod verursacht worden ist.« Fabiola und Orontius blickten einander schweigend an, staunend über die wundersamen Wege der Vorsehung. Plötzlich wurden sie durch einen markerschütternden Schrei des Weibes aufgerüttelt. Voll Entsetzen gewahrten sie, daß ein Pfeil in ihrer Brust steckte. Während Fabiola sie stützte, blickte Orontius umher und sah noch das widerliche Grinsen eines schwarzen Gesichts, welches durch den Zaun lugte. Im nächsten Augenblick sah man einen Numidier auf seinem Rosse davon eilen, den Bogen nach Art der Parther über die Schulter gespannt, bereit den Kampf mit jedem Verfolger aufzunehmen. Ohne daß sie es bemerkt hatten, war der Pfeil zwischen Fabiola und Orontius durchgeflogen. »Jubala,« fragte Fabiola, »wünschest du als Christin zu sterben?« »Von ganzem Herzen,« antwortete die Schwarze. »Glaubst du an einen Gott in drei Personen?« »Ich glaube fest an alles , was die christliche Kirche lehrt.« »Und an Jesum Christum, der für uns und unsere Sünden geboren ward und starb?« »Ja. Ich glaube alles, was du glaubst.« Die Antwort wurde bereits mit matter Stimme gegeben. »Beeile dich, beeile dich, Orontius,« rief Fabiola und zeigte nach dem Brunnen. Er stand bereits an dem Becken desselben, füllte seine beiden Hände mit Wasser, kam eilends zurück und goß es über das Haupt der armen Afrikanerin, indem er die Taufformel sprach. Gleich darauf hauchte sie ihre Seele aus, und das Wasser der Wiedergeburt floß zusammen mit dem Blute der Sühnung. Nach diesem traurigen aber dennoch trostreichen Vorfall traten sie in das Haus und gaben dem Torquatus ihre Weisungen in Bezug auf das Begräbnis dieser zweifach getauften Neubekehrten. Orontius war überrascht durch die einfache Sauberkeit des Hauses, welche einen so scharfen Gegensatz zu der strahlenden Pracht bildete, die ehemals in Fabiolas Behausung geherrscht. Aber plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit in einem inneren Gemache durch einen köstlichen Schrein gefesselt, der mit Edelsteinen besetzt, jedoch von einem durchsichtigen Vorhang so verhüllt war, daß man nur die äußere Umrahmung desselben sehen konnte. Er trat näher und gewahrte die Inschrift: »Das Blut der seligen Mirjam, vergossen von grausamen Händen!« Orontius wurde leichenblaß, dann feuerrot. Er taumelte zurück. Fabiola gewahrte dies, und indem sie auf ihn zuschritt und freundlich die Hand auf seinen Arm legte, sagte sie milde und gütig: »Orontius, da drinnen ist etwas, das uns beide tief erröten machen muß – aber dennoch dürfen wir nicht verzweifeln.« Bei diesen Worten zog sie den verhüllenden Vorhang zur Seite, und Orontius erblickte zwischen zwei Krystallplatten das gestickte Tuch, welches in so innigem Zusammenhange mit seiner eigenen und der Geschichte seiner Schwester stand. Auf demselben lagen zwei spitze Waffen, auf denen Blut eingerostet war. In der einen erkannte er seinen eigenen Dolch; in der andern glaubte er eines jener Werkzeuge weiblicher Rache zu sehen, mit denen, wie er wußte, heidnische Damen ihre Dienerinnen zu strafen pflegten. »Wir beide haben, ohne es zu wollen, eine Wunde geschlagen und das Blut derjenigen vergossen, welche wir jetzt wie unsere Schwester im Himmel ehren. Doch was mich anbetrifft, so brach an jedem Tage, wo ich jene That beging und ihr Gelegenheit gab, ihre reiche Tugend zu entfalten, die Morgenröte der Gnade für meine Seele an. Was sagst du?« fragte Fabiola. »Daß ich ebenfalls von dem Augenblick an, wo ich sie mißhandelte und sie dahin brachte, ihren christlichen Heldenmut zu beweisen, Gottes Hand, welche auf mir ruhte, zu empfinden begann – Seine Hand, die mich zur Reue und Vergebung geführt hat.« »So ist es stets,« schloß Fabiola. »Das Beispiel unseres Herrn hat die Märtyrer gemacht; und das Beispiel der Märtyrer führt uns zu ihm empor. Ihr Blut macht unsere harten Herzen weich; das Seine reinigt unsere Seelen. Das ihre sieht um Gnade für uns – das Seinige verleiht sie! »Möge die Kirche in den Tagen des Friedens und der Siege niemals vergessen, was sie dem Zeitalter ihrer Märtyrer schuldet. Was uns beide betrifft, so schulden wir ihr unser seelisches Leben. Möchten viele, welche nur davon lesen, dieselbe Erbarmung und Gnade daraus schöpfen!« Sie knieten nieder und beteten lange vor dem Schrein. Dann trennten sie sich, um sich niemals wieder zu sehen. Nach wenigen Jahren, welche Orontius in strengen Bußübungen hinbrachte, bezeichnete ein grüner Hügel unter den Palmen in dem kleinen Thal bei Gaza die Stelle, wo er den Schlaf der Gerechten schlief. Und nach vielen Jahren, welche sie mit Werken der christlichen Barmherzigkeit und Frömmigkeit ausfüllte, ging auch Fabiola zum ewigen Frieden ein und fand ihre Ruhestätte neben Agnes und Mirjam.   Ende .