Marie Eugenie delle Grazie Das Buch der Liebe   1916   Verlag Ullstein \& Co, Berlin/Wien Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein \& Co, Berlin. Mit zartem Griff nahm sie eine der Rosen, die er ihr gebracht, aus dem Glas. Die Rose war tiefrot, gegen die Mitte des Kelches zu fast schwarz, und ein heißer Duft strömte ihr daraus entgegen. Ein Duft, der süß war und doch auch wieder herb. Es war der letzte Tag vor ihrer Hochzeit. Draußen verdämmerte ein schwüler Juliabend. Fernes Wettergeleucht umzuckte den Horizont, und die Stadt lag wie in einem violetten Nebel, der immer dichter wurde, immer schwerer, daß einzelne Konturen dahinter verschwanden, andere fast ungeheuerliche Formen anzunehmen schienen. Während die Menschen in eine Dämmerung hineinschritten, die trostlos war und doch zugleich auch etwas geheimnisvoll Lockendes hatte. Wie das Gewitter, das dahinter stand und den Tod bringen konnte, oder die Schauer einer unsäglichen Erquickung. Und morgen war ihr Hochzeitstag ... Mit zitternder Hand setzte sie die Rose in das Glas zurück. Süß und herb war ihr Duft, strömte es auch aus ihrer Seele, wie sie dastand und in Gedanken sich hingab. Noch Jungfrau und doch schon das geweckte Weib. Denn sie liebte ihn, der morgen ihr Gatte werden sollte, und in ihren Pulsen fieberte schon etwas von dem heißen Atem der Nacht, die auch ihre Kelche ganz erschließen würde. Und dann ging es immer weiter, immer tiefer hinein in das violette Dämmerland der Leidenschaft ... Ob er immer derselbe bleiben werde, den sie jetzt in ihm liebte? Aber sie konnte ihn ja gar nicht anders denken! Wie der Bann seiner Nähe sie noch umwob und alles an ihm sie hinnahm, bis auf den feinen Geruch der Zigarette, die er rauchte, den vagen Duft seines Haares, den dunklen Funkelblick, der sie in unbekannte Abgründe zu reißen schien, sooft ihre Augen ineinander tauchten. War sie noch Mädchen? Doch bloß dem Leibe nach. Zu oft und zu heiß schon hatte ihr Blut diesem Blick geantwortet. Erst wie von einem fremden Grauen angeweht – dann in süßem Schreck zurückebbend, bis eine tolle, heiße Woge ihm alles entgegentrug, was vor ihm flüchten wollte. »Da ist der Kranz, Annemarie!« sprach eine müde Stimme hinter ihr. Sie schrak zusammen. Dann irrte ihr Blick von den dunklen Rosen zu den weißen, keuschen Blüten, die wie hingehaucht auf dem seidenen Kissen lagen. Zart und rein, wie aus einem Traum gepflückt. In Form einer Krone sollten sie morgen den Flechtenkranz ihrer braunen Haare umschlingen. Die Krone des Lebens für das Weib und doch zugleich das Symbol seiner völligen Hingabe. Dieser Hingabe an den Einen, von dem schon die Ammen singen, die Dienstboten erzählen, wenn die kleinen Damen nicht schlafen wollen. Für den Mutter und Tanten die Reinheit der Jungfrau hüten, bis er eines Tages kommt und alles nimmt. Ruhig, lächelnd, wie selbstverständlich. Auch er würde morgen ein Sträußchen dieser Blumen im Knopfloch tragen mit einer weißseidenen Schleife, die sie selbst geknüpft. Aber mit dem, was er bis dahin erlebt, hatten die weißen Blüten nichts zu tun. Wie ein Abglanz der bräutlichen Reinheit adelten sie an diesem Tag auch den Bräutigam. Eine leise Mahnung, daß wenigstens sein künftiges Leben zur selben Reinheit verpflichte. Ja ... das war es, das, worüber Annemarie so oft nachgedacht hatte! Da lag es begraben, das eigentliche Geheimnis der Geschlechter. Und dann kam ein Tag, der sie auf festlicher Straße zusammenführte. Sie, die von Höhen herabstieg, zu denen das Leben kaum emporatmete. Er, der vielleicht aus Tiefen und Abgründen kam, in denen es sich breit wälzte, scham- und reuelos, wie es nun eben ist. Und dann waren die beiden eins – – »Weißt du, Mutter, was ich gern wissen möchte?« fragte Annemarie, ohne den Kranz mit einem Finger zu berühren. Die Mutter sah sie bloß an, halb befremdet, halb unsicher. So seltsam kam es ihr vor, daß Annemarie nicht ein Wort fand für ihren Kranz. »Wie es dir ums Herz war, als du – ein Jahr nach deiner Hochzeit deinen Kranz wieder in die Hand nahmst?« Die Mutter riß die Augen auf, weit, fast erschrocken. Dann fielen die welken Lider wieder über die blassen Sterne. Schweigende Hüter der Geheimnisse, die aus glanzlosen Tiefen heraufstierten. »Aber Annemarie!« wehrte sie ab. Heftig wie erschrocken. Und dann mit einem fast hysterischen Lachen: »Wie komisch du oft fragst!« Doch die jungen Augen gaben sie nicht mehr frei. Und wenn die Mutter auch nicht emporsah – ihre Seele fühlte den brennenden Frageblick der Tochter. Zwei rote Flecke traten auf ihre Wangen. Die welken Hände zitterten. Zitterten so heftig, daß selbst die grünen Blattspitzen des Kranzes miterbebten – trotz des weichen, seidenen Kissens. »Siehst du!« lächelte Annemarie. »Was, mein Kind?« »Daß dir meine Frage durchaus nicht so – so komisch erscheint!« »Gott – hab' ich denn komisch gesagt?« Und die blasse Rechte fuhr an die Stirn und strich dort wie hilfesuchend über zwei tiefe Falten hinweg. »Nun also?« drängte Annemarie. Zugleich nahm sie mit einer raschen Bewegung den Kranz aus den Händen der Mutter und legte ihn an die Seite der Vase. So daß Frau Krüger noch hilfloser dastand, mit den wie erschrocken zusammengekniffenen Lippen und den mageren, blassen Händen, die nun nichts mehr hatten, um es Annemarie entgegenzuhalten. »Wie es mir ums Herz war nach ... nach einem Jahr, willst du wissen –? Ja ...« – sie machte einen krampfhaften Versuch zu lächeln – »... wenn ich das nur selbst noch wüßte, Annemarie.« »Jetzt lügst du, Mutter.« Leise, wie tastend kam das zurück. Und doch mit einer Bestimmtheit, die eine neue Blutwelle in das Antlitz der müden Frau jagte. »Aber, Annemarie!« Ihre Stimme überschlug sich. Die welken Arme fuhren wie hilfesuchend in die Luft. Doch Annemaries Antlitz wurde noch härter, die Neugierde ihres Blickes immer grausamer. »Doch, Mama,« und die jungen Lippen lächelten ein Lächeln, das selbst Frau Krüger noch nicht kannte. »Gerade, weil du dich so wehrst.« »Weil ich mich so wehre ... so!« »Das hab' ich dir schon als Kind abgeguckt.« »Du?« »Natürlich. Diese Lautheit, sooft du uns anlügen mußtest. Um des leidigen Friedens willen. Aber –«, und Annemarie stampfte auf, »ich will nicht auch so werden wie – wie du, Mutter, hörst du? Will nicht alles bloß so hinnehmen, nein ... wenn es auch zwischen uns einmal – so werden sollte. Und darum hab' ich dich gefragt.« »Erlaub' mir – Ich hab' in fünf Jahren vier Kindern das Leben geschenkt. Das kam so nacheinander. Wie soll ich mich da noch entsinnen, welche Gedanken ich hatte, als ich meinen Kranz ein Jahr nach der Hochzeit wieder zur Hand nahm?« »Nach einem Jahr, Mama?« »Da ging ich gerade mit Fritzchen!« »Das mußte dich ja doppelt selig machen.« Frau Krügers Augen leuchteten plötzlich auf. In einem Glanz, wie Annemarie ihn noch nie darin gesehen. Mit einer Wärme, die wie eine einzige Welle der Zärtlichkeit auch über sie hinströmte und ihrer pietätlosen Neugierde einen fast fühlbaren Ruck gab. Die Mutter! »Und ob mich das selig gemacht hat.« »Nun – also?« »Aber siehst du ... Wenn es einmal so weit ist, dann denkt man nicht mehr an den Kranz und an – an solche Dinge. Ernst und feierlich wie das Leben dann wird.« Also kein Platz mehr für die Leidenschaft, für den Jubel. Für diese selige Einsamkeit zu zweien – Annemarie sprach es nicht aus, aber der Blick, mit dem sie ihre Mutter streifte, war so seltsam ernst, daß die arme Frau plötzlich mit beiden Händen zugleich nach ihr griff. »Annemarie, du – du bist doch glücklich?« »Doch, Mama, doch ... Noch bin ich es!« Und dann lächelte Annemarie, und Frau Krüger fühlte, daß sie zum ersten Male log. Genau so, wie sie selbst gelogen hatte, durch all die langen, langen Jahre. Mit diesem verschwiegenen Lächeln, das zuletzt eine Gewohnheit wurde und nicht hübscher aussah als all die vielen seinen Fältchen, die das Leben in ihr Antlitz gegraben. Draußen rollte der erste Donner in die Nacht hinein. Und der warme Gewitterwind, der mit flatterndem Gelock vorüberfuhr, griff mit rauher Hand zum offenen Fenster herein und warf die schlanke Vase mit den Rosen zur Seite. Gerade ihren Kranz konnte Annemarie noch retten. Aber das seidene Kissen war schon durch und durch naß. ›Nach einem Jahr?‹ dachte sie. Da klatschte draußen der Regen nieder. * Als Annemarie an diesem Abend ihr Zimmer trat, blieb sie eine ganze Weile stehen und sah mit großen Augen um sich. Seit ihrem vierzehnten Jahre hatte sie diese Stube allein bewohnt. Nun war sie neunzehn. Fünf Jahre, die wie ein Traum dahingeschwunden waren, zwei Lebensalter, die ihrer scheidenden Kindheit hier die Hand gereicht. Die sinnenbange Nacht der Reife, die wie ein Frühlingsgewitter über sie hingegangen, mit ihren Schauern und Schrecken. Und jener unvergessene Spätherbsttag, der in der Jungfrau das liebende Weib geweckt. Bis dahin war alles Sehnsucht und Traum gewesen, eine große einzige Erwartung. Nun stand sie auf der Schwelle, die mit jedem Schritt weiter und tiefer in die Lande der Erfüllung hineinführte. Und morgen war diese Stube leer. Wie ihr Blick aber noch einmal den lieben Raum umfing, kam es ganz seltsam wieder an sie heran. Weiche, innige, versonnene Erinnerungen ... Als tasteten schmeichelnde Kinderhände an ihr empor – leise, scheu, bis sie wieder an das Herz fanden, das hier einmal seinen Knospenfrieden gehabt und nun so ungestüm pochte, daß es den kleinen Heimgeisterchen wohl bange werden konnte. »Du gehst wirklich? Und so leicht? Sieh doch noch einmal, wie schön es hier war! Ein letztes Mal.« Und Annemarie begann um sich zu schauen und mit leisen, fast andächtigen Schritten den kleinen Raum zu durchqueren. Wie man nach langen, langen Jahren wohl wieder eine Kirche betritt und in scheuer Beklommenheit vor den blumengeschmückten Altären stehen bleibt, an denen man einmal voll Demut und Einfalt gebetet. Da waren die Bilder ... Die Seggiola, mit ihrer innigen Muttergebärde. Der Schutzengel, der die weißen Fittiche so fürsorglich über ihr weißes Lager gebreitet. Das goldflimmernde Kommunionbildchen mit dem Kelch und der Hostie. Auch damals war sie wie eine kleine Braut vor dem Altar gestanden: gang weiß mit gelösten Locken. In bebender Hand die hoch und klar brennende Kerze, die sie dem Heiland entgegentrug wie ihre in Liebe und Andacht erschauernde Seele. Sie wandte das Haupt, jäh, unwillkürlich. Da, dicht an ihrem Lager, stand ein altersbrauner Betschemel. Pult und Aufsatz waren mit dunkelrotem Tuch bespannt. An dem mit allerlei Schnitzwerk verzierten Kruzifix hing ein elfenbeinerner Christus. Es war die Arbeit eines Künstlers, die mit dem Betschemel zugleich aus dem Nachlaß eines verstorbenen Bruders an Annemaries Mutter gekommen war. Der Verstorbene aber hatte ihn von einem Oheim geerbt, der in späten Jahren Priester geworden. Nach einem Leben voll schwerer Enttäuschungen, das er zuletzt ganz in den Schutz des Kreuzes geflüchtet ... Allerlei Erinnerungen und Familienlegenden spannen sich um das alte Möbelstück und das blasse Kruzifix. Und obwohl Annemaries Vater in religiösen Dingen völlig gleichgültig gewesen, hatte er doch nicht gewagt, das fast unwillkommene Erbe zu verkaufen oder sonstwie von sich zu tun. So war's zuerst in das Kinderzimmer gewandert und später in Annemaries weißes Nestchen. Und da, ja – da hätte sich allmählich fast wieder ein feines Legendchen um den blassen Christusleib zu spinnen begonnen. Wie in einem Traume schüttelt die junge Braut das Haupt. Wie es wohl kam, daß sie das, gerade das immer bei sich behalten? Es nie weiter geschwatzt im munteren Kreise ihrer Gefährtinnen, die doch auch damals fromm waren, wie sie? – – Das Gewitter hatte eine blitzende Sternennacht zurückgelassen. Blau und klar stand der volle Mond in dem offenen Fenster der Stube. Aus fernen Straßen klang ein altes Lied herüber. Irgendwo kläffte ein Hund. Noch immer war Leben da draußen und die nur schwer zur Ruhe kommende Regsamkeit der Stadt. Hier aber schien es der jungen Braut mit einem Male so feierlich und seltsam still, daß sie es nicht wagte, die Hand nach dem Taster zu strecken und das Licht aufzukippen, das ihre Stube immer in einen einzigen rosigen Schein tauchte. Sondern mit gefalteten Händen stehen blieb und halb versonnen, halb bang nach dem bleichen Christusbilde sah, als müsse ihr gerade heute davon ein Zeichen kommen. Denn ja – das hatte sie erlebt mit dem Bilde, das mußte sie! Wenn es auch immer ein Geheimnis geblieben war zwischen ihr und ihm. Aber war es darum weniger geschehen? Noch glaubt sie es zu hören ... wie in jener Nacht, da es zum ersten Male laut geworden: jenes leise, unsäglich geheimnisvolle und doch gleichsam weckende Knistern, das von dem Kreuze ausging! Als erwache der tote Schmerzensmann dort oben und strecke noch einmal so qualvoll die gepeinigten Glieder aus, oder ziehe sie an sich im letzten Schauer seines mystischen Liebestodes ... Annemarie hatte immer einen tiefen Schlaf gehabt, und doch war sie damals sofort erwacht und hatte in einem gewußt, daß der seltsame Laut von dem alten Betschemel herübergekommen war. Auch damals war der Mond voll und blau im Fenster gestanden wie heute, und draußen hatte der Frühling geblüht. Müd und schlummertrunken war sie bald wieder in die Kissen zurückgefallen. Da war dieses Geknister noch einmal laut geworden. Aber sie hatte sich damals noch nichts dabei gedacht. Dann fing es an, sich auch unter Tags zu melden. Immer aber nur, wenn sie allein in der Stube war ... »Du Armer!« hatte sie da einmal ausgerufen. Und war ans Kreuz gestürzt und hatte die weitklaffenden Wunden an Händen und Füßen geküßt, von einer Zärtlichkeit überwallt, die ihrer anerzogenen Beherrschung sonst völlig ferne lag. Bis zu jener Stunde hatte sie noch immer geglaubt, daß es bloß das Holz sei, das »sich rühre«. Obwohl es schon, wie sie wußte, ein uraltes Möbelstück war. Unter ihren Küssen aber hatte das Kruzifix dann noch einmal jenen seltsamen Laut von sich gegeben. Daß es ihrem frommen Kinderherzen wie eine Offenbarung schien und wie ein geheimnisvolles Versprechen: »Willst du bei mir sein, will ich bei dir sein!« Und mit Tränen in den Augen hatte sie ihrem Erlöser gelobt, immer die Seine zu bleiben ... Ihr Vater freilich durfte nichts ahnen davon. Die Straße, die er rüstig und gottunbekümmert einherschritt, lief weit jenseits des stillen Weges, den Annemaries Mutter mit ihren heimlichen Tränen netzte, an beiden Händen die Kleinen führend, die mehr beklommen als ahnungsvoll zwischen den häuslichen Gewittern dahinlebten. Annemarie war die einzige von den Vieren gewesen, die klug und frühreif den inneren Bruch dieser Ehe erwittert hatte. Des Vaters Sucht, sich brutal auszuleben, der Mutter Ohnmacht, ihm wenigstens Etwas zu sein. So hatte sie auch der Mutter gegenüber geschwiegen. Ob es auch zuweilen geschah, daß die tiefgekränkte Frau, händeringend und tränenüberströmt, vor demselben Gottesbild auf den Knien lag. Ihr aber blieb es stumm ... Dann war der Vater gestorben. Aber wenn er die Seinen auch sorgenlos hinterlassen hatte – in der großen Stille, die hinter dem Tod durch die Stuben zu schreiten begann, schien Annemaries Kreuz noch beredter zu werden. Wenn sie noch unter den Schauern des kaum Erlebten schlaflos dalag, kam leise, ganz leise jener Ton an ihr Lager geschlichen. Wie eine Stimme, die weich und tröstend zu dem Geheimsten sprach, was ihre Seele in sich barg. Gleichsam erinnernd, daß nicht bloß der Tod und die Angst die Herrscher dieses Lebens wären, daß auch die Hoffnung und die Liebe ihr Teil daran hätten und eine Güte, so weltengroß und himmelsweit, daß kein Menschenherz sie ausdenken könne. Und da geschah es, daß Annemarie sich immer öfter von ihrem Lager erhob. Inmitten der Nacht, dem lieben Rufe folgend, der sie zu den Füßen des Heilands führte – und wundersam getröstet wieder entließ. Bis sie Schlaf fand und Träume, die wie aus anderen Gefilden in ihr Leben herüberwinkten. Einer dieser Träume aber kam immer wieder. So seltsam und zauberschön, daß Annemarie ihn bis heute nicht vergessen hatte. Ein blühendes Stück Land mit frühlingsgrünen Auen und Blumen, die mit weit geöffneten Kelchen dicht aneinanderlagen, weiß und purpurn und von einem balsamkühlen Hauch umweht, dem kein irdischer Duft sich vergleichen ließ. Mitten unter den Blumen aber stand der Herr in einem leuchtendem Gewande, nickte ihr zu und sprach: »Mein Garten ist groß. Engel betreten ihn. Sein Name ist Eden.« Wort für Wort hatte Annemarie behalten, bis heute. Keines davon vergessen, keines hinzugetan. So lang dies alles auch schon her war ... Wie es kam, daß sie das gerade heute wieder sah? Gerade jetzt daran denken mußte? Sie war seit ihrer Verlobung so oft hier aus und ein gegangen. Hatte kaum einen Blick mehr gefunden für den alten Betschemel und das bleiche Kruzifix. Hätte noch gestern gelächelt, wenn ihr ein anderer von der süßen Torheit ihrer noch ungeweckten Sinne gesprochen. Der Geliebte hatte sie ja nicht bloß zum Weibe wachgeküßt. Mit der kühlen und selbstsicheren Art des Gelehrten hatte er ihr langsam auch den Schleier von diesen Dingen genommen. Durch seinen überlegenen Blick, sein bloßes Lächeln, in dem sich die ganze Sattheit beruhigten Wissens barg. Er war noch jung und doch schon ein berühmter Mann. Wem sollte sie glauben, wenn nicht ihm, dem Tausende und Tausende das Vertrauen ihrer Seele liehen? Und in einem einzigen Sommer war dies alles geschehen! Daß die Liebe, die sinnenwarme, heiße, sie für immer an die Erde gebunden hatte und der Glaube ihrer Kindheit von ihr gewichen war, wie der balsamkühle Blumenatem jenes Traumes ... Sie war zum Leben erwacht, zum Leben berufen worden. Groß und heiß und hell stand es über ihr, wie ein ewiger Sommertag. – * Annemarie liebte es, bei offenem Fenster zu schlafen. Sie hatte keine Nachbarschaft. Wenn sie das Licht aufkippte, konnte sie sich sorglos entkleiden und die nackten Arme und Schultern in der weichen Blütenkühle der Nacht baden, während sie langsam die lichtbraunen Flechten löste. Wie achtlos, wie gleichgültig sie das früher immer getan hatte! Mit den Gedanken Gott weiß wo, nur nicht gerade dabei. In jener sicheren Geborgenheit jungfräulicher Scham, die nur das fremde Auge fürchtet. Das war so ganz anders geworden, seit sie liebte. Und mit den ersten heißen Küssen war es gekommen. Daß sie die Schönheit des eigenen Leibes entdeckte und wie mit fremden Blicken besah. Mit den Blicken des Geliebten. Schon war sie sich aller Reize bewußt, die ihn betört hatten, ihn festhielten – ihn berauschten oder träumen machten. Ganz von selbst war das so langsam gekommen – über die Blicke, mit denen er sie nahm, unter dem erregten Gestreichel seiner Hände, mit dem trunkenen Lächeln, das ihr nachging. Bis sie wußte: meine langen, goldbraunen Haare sind es ... und die Beuge meines Nackens und die Linie, wenn ich mich erhebe und dann langsam strecke – sooo! Meine Arme aber kann er nicht sehen, ohne die Zähne in die Lippe zu graben. Ganz verstört sieht er dann aus, fast blöde. Aber alles war noch ihr Eigen. Alles, was er so heiß, so sinnlos, so beklommen begehrte. Selbst mit ihren Küssen hatte sie ihn so lange gequält wie möglich. Mit diesen kühlen, jungfräulichen, scheu zurückgehaltenen Küssen. Dann freilich war es eines Tages auch über sie gekommen, hatte sie gleichsam entwaffnet. Seine Lippen hatten ihr diesen tödlichen Brand in die Seele geküßt und mit der Ohnmacht das Mißtrauen und die Zweifel. »Wie wird es sein, wenn ich einmal nichts mehr zu geben habe?« Immer wieder kam sie darauf zurück über allen Jubel der Seele, durch die ganze Schwüle der erregten Sinne. Bis es sie heute gepackt hatte und nicht mehr losgelassen. Daß ihr die eigene Mutter Rede stehen mußte. Doch die war ihr entglitten! Mit einer ganz merkwürdigen Kunst. Wenn diese Kunst nicht eine einzige Schwäche war. Die Angst, in der die arme Frau während eines ganzen Lebens vor der Brutalität des Gatten einhergeflohen war. Sich wie zum Schutze hinter die Schleier der Lüge und die Masken des Schweigens geflüchtet hatte, daß sie nie und nimmer zu dem Selbst zurückfand, das sie doch auch einmal gewesen. Das Weibchen blieb, das sich zwei starke Mannesfäuste zurechtgeknetet. Wie aber, wenn die Mutterschaft wirklich alles so ganz anders machte, so wegnahm? Das Glück und den Rausch durch die Pflicht ernüchterte und ersetzte? Es war noch nicht allzulange her, daß Annemarie selbst ein Kind gewesen. So konnte sie sich nicht recht vorstellen, daß es möglich wäre, über dem Besitz eines Kindes ohne Tränen eine Seligkeit entweichen zu sehen, die das einzige schien im Leben. So viel glaubte Annemarie von sich zu wissen. Von dem Geliebten aber wußte sie gar nichts. Und doch sollte morgen auch nicht eines Schleiers Faden mehr zwischen ihnen sein. Seele in Seele sich ergießen und Leben in Leben. »Sie werden ein Leib sein und eine Seele –« Wie nah sie das mit einem Male hörte! Wie nah und wie laut. Obwohl es aus den Bibelfernen ihrer gläubigen Jugend herüberfand. Und morgen würde sie's noch einmal hören, am Altar. Dann stand es hinfort wie ein Gesetz über ihrem Leben. Das Wort des Herrn von der Heiligkeit der Ehe. Sie war unlöslich, ein Sakrament – die katholische Ehe ... Ja, was wußte sie von ihm? Gerade ein knappes Jahr kannte sie den Geliebten. Vorher hatte sie ihn nie gesehen, gerade nur da und dort zuweilen seinen Namen gehört. Seine Eltern waren tot. Er hatte sie schon als Kind verloren. Geschwister hatte er nie besessen. Einige ferne Verwandte lebten im Ausland. Er selbst war unter fremden Menschen aufgewachsen. Vor Sorgen und frühen Kämpfen hatte ihn ein großes Erbe bewahrt. So war der Ernst wohl niemals in sein Leben getreten. Er hatte sich immer alles leisten können, alles. In dieser Vorstellung lag es! In ihr verankerten sich Annemaries Mißtrauen und Eifersucht. Die Mutter wollte nichts davon hören. Ihre älteren Brüder fanden sie lächerlich. »Er macht dich zu seiner Frau – was willst du mehr?« Den Männern durfte man mit solchen Anliegen nicht kommen. Es war, als rede man in eine andere Welt hinein. Und allzu deutlich zu werden verbot ihr die Scham. Man hatte sich über seine Verhältnisse erkundigt, über seine Stellung. Alles in bester Ordnung. Dazu ein schon jetzt berühmter Name. Gewiß tat sie ihm unrecht! Wer seine Jugend so früh und ausschließlich bei den Büchern verbracht, hatte für das Leben wohl wenig Zeit gefunden. Und doch und doch ... Sie wurde die Qual nicht los. Die Fragen, die Zweifel, die oft geradezu wild auflodernde Eifersucht. Aber es war wohl nur ihre Liebe, die kein Maß mehr kannte. Ganz toll geworden war an der eigenen Sehnsucht. Im Besitz mußte die Ruhe kommen und die Erlösung. Einige Male hatte der Geliebte ihr von seiner Kindheit erzählt. Tolle Schuljungenstreiche, vage Träumereien, die später von einem fast irren Drang in ferne Länder abgelöst wurden. Aber der Anstalt, der sein Vormund ihn anvertraut, stand ein strammer Pädagoge vor, der eine fast militärische Zucht hielt, nicht einen überflüssigen Groschen in den Händen der Jungen litt und ihren gesunden Trieben gerade so viel Zeit ließ, sich in Garten und Wald und zwischen Spiel und Studium heilsam auszutollen. So gingen auch die Jahre der Reife ohne Fährnis vorüber. Sein Erbe aber war durch die fast unverbrauchten Zinsen noch größer geworden. Schon während seiner Studentenjahre hatte er den Grund zu seiner wertvollen Bücher- und Handschriftensammlung gelegt. Dafür war auch sein Vormund immer zu haben gewesen. »Selbst ein alter Bücherwurm!« hatte er ihr lachend erzählt. »Dann freilich – eines Tages, hatt' ich alles auf einmal.« Im ruhigen Fluß des Gespräches war ihm das so entglitten. Und vielleicht hatte er mit diesem »Alles« wirklich nur sein Erbe gemeint und das Recht, endlich ganz darüber zu verfügen. Sie aber hatte plötzlich und wohl auch unerwartet von ihrer Stickerei emporgeschaut – gerade bei diesen Worten. Und hatte die seine Röte gesehen, die sich mit einemmal über seine blassen Schläfen breitete. In seinem Blick aber hatte es wie von einem verlorenen Funken geleuchtet. Ein Glimmen und Glosen, das Annemarie früher nie darin gesehen. Zuletzt war alles hinter den blauen Rauchringeln seiner Zigarre verschwunden. Vielleicht hatte ihn auch nur ihr plötzliches Aufschauen irritiert. Vielleicht ... Sie warf die gelösten Flechten zurück und ließ die knisternde Goldflut langsam über den schauernden Nacken rieseln, eh' sie nach dem durchsichtigen Schildpattkamm griff. Ach, was wollte sie denn? Warum quälte sie sich so? Was auch einmal mit ihm gewesen sein mochte – sie war ihm ja doch verfallen! Mit Leib und Seele, mit jedem Tropfen ihres Blutes, das sie wie in einem einzigen Sturm der Sehnsucht wieder zu bedrängen begann. Daß man sich so ganz und gar an einen anderen Menschen verlieren konnte! Sich so willig vergessen und wehrlos auftrinken lassen ... Wie in einem Traume schüttelte sie das Haupt. * Er aber hatte mit großer Kunst alles mögliche aus ihr herausgefragt. Hatte fast nicht glauben wollen, daß außer der Schulmädelschwärmerei für einen ihrer Lehrer niemals eines anderen Mannes Nähe vor ihm ihre Seele bewegt. Und doch hatte sie die Wahrheit gesprochen und ihm voll und offen dabei ins Antlitz sehen können. Er aber hatte gelacht. »Da hab' ich also wieder Glück gehabt!« »Wieder –?« Es klang noch lang in ihrer Seele nach ... Die Mutter wußte etwas mehr zu erzählen. Annemaries Schönheit war früh und viel bemerkt worden. Ihre kühle Hoheit, die madonnenhaft und königlich zugleich war, hatte noch mehr in Bann gehalten. Jeder Ball war ein Siegeszug geworden und Annemaries Art, sich zu kleiden, eine ernste Angelegenheit der weniger Reizvollen. »Sie hat keinen an sich herankommen lassen,« berichtete die Mutter stolz. »Oder wenigstens nicht näher, als es ihr paßte. Und es paßte ihr eben keiner. Und der, den sie am längsten litt, und dem ich fast schon selbst gern etwas Hoffnung zugesprochen hätte, der blieb ihr eben immer bloß der Jugendgespiele. Bis es den Ärmsten aus der Sonne trieb, die ihn fast ganz versengt hätte!« lachte Frau Krüger mit mütterlichem Stolz. »Das hättest du nicht sagen sollen,« wehrte Annemarie damals ab. »Ein Mann erleidet es nur schwer, daß der Glücklichere um seine vergeblichen Mühen weiß.« Fast in einen Eifer hatte sie sich damals hineingeredet, der schön war und edel und die Lande der gemeinsam verlebten Jugend wie mit einem flammenden Schwert verteidigte. Der Geliebte aber hatte sie noch heißer in die Arme genommen. * Nun sollte Annemarie auch den anderen morgen wiedersehen; nach zwei langen Jahren. Frau Krüger wollte der Tochter das Hochzeitsmahl im eigenen Hause rüsten und hatte selbst die Einladungen verschickt. All die Jugend, die während der vielen Jahre in ihrem gastlichen Hause aus und ein gegangen, sollte Annemaries hohen Tag noch einmal mit ihrem sonnigen Glanze umleuchten. Darunter war auch der Verschmähte. Aber er hatte es wohl schon lange überwunden, hatte in vollem Eifer seither seinen Doktor gemacht und, einer der ersten, von Freiburg aus die Gespielin zu ihrer Verlobung beglückwünscht und zu dem berühmten Gatten, dessen ernstes Heim ihre Anmut und Jugend verschönen sollte. Er war nun wohl auch schon darüber hinaus, wenn er sich auch noch nicht gezeigt hatte seit seiner Heimkehr. Ihn durfte man also zuletzt so vom Tisch fallen lassen. Unter den vielen Spenden, die der jungen Braut seit gestern zugegangen, hatte sich auch ein Strauß von ihm befunden. Ein Tafelkorb voll großer, duftender Lilien. Die Lilie, er wußte es, war immer ihre Lieblingsblume gewesen. Aus diesem Wissen heraus kam seine Spende und band sich zugleich an den bräutlichen Glanz des Festes. Es war eine ganz unverfängliche Gabe. Dazu eine Karte, daß er in der Kirche anwesend sein werde, um Gottes Segen für sie zu erflehen. »Welch ein komischer Passus für einen Mann!« hatte der Geliebte gelächelt. Annemarie war ernst geblieben. Sie wußte, daß Konrad von jeher tiefgläubig gewesen war. Das erfahrene Leid schien gerade diese Saite seines Gemüts noch höher gestimmt zu haben. Es nahm sie wunder, daß man über so etwas lächeln konnte. Daß er der Hochzeitstafel fernblieb, fand sie selbstverständlich. Auch ihre Mutter hatte nicht im Ernst daran gedacht, daß er wirklich kommen könne, mit der Einladung eben bloß einer Form genügt. So war alles aufs beste geordnet. »Wie sieht er denn eigentlich aus, dieser Troubadour?« hatte der Geliebte heute mit leisem Spott gefragt. Und Annemarie war, ohne es zu merken, errötet: »Du wirst ihn ja morgen in der Kirche sehen.« »Wer weiß, ob er sich dort aufzuschauen traut,« hatte der andere weitergeneckt. »Wenn er so fromm ist und so – so täppisch.« Annemaries Röte war immer tiefer geworden, bis sie selbst den Brand ihrer Wangen empfand und den wehen Unwillen, der ihr plötzlich aus der Seele stieg. »Was findest du so täppisch an ihm?« hatte sie gefragt. »Erlaub' mir! Wenn einer neben einem so schönen und geliebten Weib jahrelang herläuft und nicht einen Weg findet, nicht ein Wort?« »Das lag an mir.« Da hatte der Geliebte sie mit einem Blick angelächelt, den sie noch nie in seinen Augen bemerkt, und dann mit wippenden Fingerspitzen die Asche seiner Zigarette weggestäubt: »Der Oberst meines Regiments sagte einmal: ›Der Kerl, der eine halbe Stunde mit einer schönen Frau allein ist und keinen Kuß kriegt oder keine Ohrfeige, ist ein Esel.‹« »Da war ich ihm eben zu heilig für den Angriff,« hatte Annemarie gereizt erwidert. »Und er sich zu gut für den Schimpf.« Der Geliebte aber hatte sie wie ein schmollendes Kind in die Arme genommen und ihr mit klingendem Lachen den Trotz von Lippen und Augen geküßt. Erst als er schied, um sie zum letzten Male im Elternhaus zu lassen, waren seine Worte wieder lebendig in ihr geworden. Unter dem Druck des Gewitters; in der Beklommenheit der tiefvioletten Abenddämmerung, unter dem heißen Geflüster, das zwischen ihren Sinnen und ihrem Mißtrauen sich aufs neue entsponnen hatte. Und nun saß sie da und dachte an den anderen. * Vielleicht hatte er nicht umsonst diese schlaffen, lichtblonden Haare, die großen, schwimmenden Träumeraugen. Schon an dem Knaben war alles zart und scheu gewesen. Leise die Stimme, weit und versonnen der Blick, maßvoll und an sich gehalten jede Bewegung. Nicht einer der Jungen, die mit ihm zur Schule liefen, traute ihm eine wehrhafte Tat zu. Einige wetteten ganz insgeheim, daß der Konrad beim ersten Angriff davonlaufen werde. Da kam aber die Überraschung. Der schlanke Junge hielt nicht nur stand, er wußte die ephebenhafte Geschmeidigkeit seines Leibes im Kampfe sogar zu siegreicher Geltung zu bringen, daß die plumpe Roheit seiner Angreifer daneben einen unsäglich gemeinen und tristen Eindruck machte. In jener Stunde hatte er sich die Achtung seiner Gefährten gewonnen und die Herzen von Annemaries Brüdern. Seit jenem Tage ging er bei ihnen aus und ein. Als Konrad älter wurde, hatten seine Kameraden ihn lange im Verdacht, daß er heimlich Verse mache. Die Art, wie er den jungen Mädchen begegnete oder auch – auswich, vom Leben sprach und von der Liebe und oft schon vom Tode, brachte sie darauf. Aber er studierte bloß Philosophie. Ganz heimlich natürlich, denn sein Vater war Rechtsfreund und wünschte, daß sein Einziger heute oder morgen die reiche Klientel übernehme. Nur Annemaries Brüder wußten, wie tief der arme Junge unter dieser Aussicht litt. Aber der unbeugsamen Forderung des Vaters gesellte sich das heimliche Flehen einer leidenden Mutter – und was hätte Konrad nicht getan, ihr zuliebe? Und doch war nun alles anders gekommen! Sein Rechtsstudium hatte er zwar vollendet und auch seinen Doktor gemacht. Aber Vater und Mutter waren ihm unterdes gestorben, und schon wußte man, daß er die Sorglosigkeit, die ein reiches Erbe ihm sicherte, nun ganz an das Studium der Philosophie wenden wolle. So war ihm ein Traum wenigstens in Erfüllung gegangen. So bitter ihn das Leben auch dafür geprüft hatte. »Jetzt wird er wohl ganz allein sein!« Annemarie wußte selbst nicht, daß sie es vor sich hingesprochen. Nun erschrak sie über den Laut der eigenen Stimme und sah mit wachen Augen um sich. Das Fenster ihrer Stube öffnete sich nach dem Garten, in dem ein mächtiger Akazienbaum im bräutlichen Glast seiner weißen Blüten stand. Wie blaues Silber leuchteten sie im Mond, und die ganze Luft zitterte von ihrem schwülen Atem, bis tief in Annemaries Stube hinein. »Wie eine Braut steht der Baum da!« dachte Annemarie. »Nur daß ihm mit jedem Frühling dieselbe Schönheit zurückkommt und alle seine Blüten!« Sie neigte das Haupt zurück, schloß die Augen. Auch ihr Kranz hatte solche weiße Blüten; die seidenen Bahnen ihres Brautkleides denselben bläulichen Silberglanz ... »Morgen!« Es war so nahe, und all ihr Sehnen bebte jener Stunde entgegen, deren bloßes Ahnen sie schon wie mit zärtlichen Armen umfing. Daß sie den Geliebten auch körperlich nahe empfand – den trinkenden Blick der Augen zu sehen meinte, mit dem er sich beim Küssen über sie beugte; den feinen Duft seiner Haare spürte, der da irgendwo in ihren eigenen Locken hängen geblieben war; den tiefen Glockenton seiner Stimme zu hören glaubte ... Wie in einer Vision die hohe Gestalt sah – den Mann! Nein. So gut sie auch von dem Jugendgefährten dachte, so weh ihr auch noch im Erinnern tat, was er heimlich um sie erlitten haben mochte – mit keinem Atemzug ihrer Seele, keinem Tropfen ihres Blutes hätte sie jemals ihn erwählt neben dem anderen. Das wußte sie nun. Und so war es auch heute wohl nur die Liebe, die selbstvergessene, trunkene Vollliebe des Weibes, vor der sie heimlich und wie ahnend erzitterte, am letzten Tag ihrer Freiheit. * Sooft Annemarie später an ihren Hochzeitstag dachte, hatte sie dieselbe merkwürdige Vorstellung einer wie in silbernen Nebeln zerflatternden Zeit. Er hatte so früh als möglich begonnen, dieser Tag. Wenigstens für sie. Zuerst war die Haarkünstlerin gekommen und hatte ihr die seidenen Flechten in tiefe Scheitel zurechtgelegt. Die Frau verstand ihre Sache. Sie hatte mit einem Blick über Annemaries Antlitz erkannt, welche Linie die madonnenhaft strengen Züge ihres Antlitzes am weichsten und bräutlichsten kleiden würde. Annemarie hatte sich anfangs gewehrt. Aber als die Gute mit dem Eifer der Sachkundigen den Myrtenkranz auf die noch hochgesteckten Flechten legte, erschrak Annemarie selbst über die herbe Hoheit ihrer Züge, das königlich Abweisende der ernsten, unverhüllten Stirne. »Da hätte ja der Herr Gemahl gar keine Courage!« zwinkerte ihr die Alte im Spiegel zu. Selbst Frau Krüger mußte lächeln. Annemarie fühlte, wie sie errötete. »Und wir haben so herrliches Material!« schwatzte die Kämmende weiter. »Wann kommt unsereinem heutzutage noch eine Dame unter, die einen solchen Eigenwuchs hat? Die Herren aber –« Sie lächelte. »Man muß doch zeigen, was man hat!« Draußen hing ein schwüler Hochsommertag, auch wie in silbernen Nebeln. Und mit dem Frühatem der Nelken, die im Garten blühten, mischte sich in der Brautstube der schwelende Geruch der erwärmten Haareisen und wohlriechenden Essenzen, mit denen die goldbraunen Haarwellen Annemaries behandelt wurden. Kein Windhauch regte draußen die Bäume. Selbst die Luft schien wie in einer einzigen Erwartung den Atem anzuhalten. »Wer weiß, wie viele heute noch zum Altar schreiten, auf der ganzen Welt,« dachte Annemarie, »und doch ist es für jede der eine, einzige Tag.« Auch er lag wie in einem weißen, silbernen Dämmer. Und die Alte schwatzte weiter. Aber nur Frau Krüger hielt ihr stand; warf zuweilen wohl auch selbst ein Wort hin oder eine Frage, mit der müden und gleichsam überlegenen Neugierde der Frau, für die das Leben keine Geheimnisse mehr hat. O ja, sie hatte schon Hunderte und Hunderte frisiert, die geschwätzige Alte, und manche der jungen Frauen auch noch nachher bedient, oder sonstwie im Auge behalten. Aber, natürlich ... der Tag kam wohl nie mehr im Leben! »Und ich dachte immer, erst von ihm ab müßte es schöner werden und immer schöner,« bebte Annemaries Stimme in das Geschwätz der beiden Frauen hinein. Frau Krüger schwieg. Die Alte verstummte und lächelte mit großen, nachsichtigen Augen in den Spiegel. Was verhehlte man ihr? Oder gehörten auch dieses Lächeln und dieses Verstummen zu dem weißen Dämmerglanz des Tages? Die Braut versank wieder in sich. Und nur die Blüten des alten Akazienbaumes dufteten in ihr Träumen ... Erst als die tiefgewellten Haare in zwei goldenen Bauschen über Schläfen und Ohren hingen, kam Annemarie wieder zu sich und starrte wie mit fremden Augen die geheimnisvoll lockende Schöne an, die ihr aus dem Spiegel entgegensah. War das noch sie? Sie griff sich an das Haupt, tastete wie nachfühlend das eigene Antlitz ab, den rosigen Brand der Wangen, die unter dem schweren Seidengespinst der goldbraunen Scheitel immer tiefer zu erglühen begannen. Nun war sie ja –! Was hatte man aus ihr gemacht –? »Wie eine Odaliske seh' ich aus,« fuhr es ihr durch den Sinn, wollte es sich auf die Lippen drängen. Aber etwas in ihr verstummte plötzlich. Noch niemals hatte sie sich so schön gesehen. Was würde der Geliebte erst sagen! Und sie hatte nichts gewußt von all diesen Reizen bis heute. Nur die madonnenstrenge Linie ihres Antlitzes immer gekannt und festgehalten. Aber dieses Antlitz – Ein Locken war es, ein sehnsüchtiges Erschauern, eine einzige Schwäche und ohnmächtige Ergebung. Die Braut – das Weib. Vergeblich jedes Besinnen über das, was sie noch gestern gewollt, noch gestern gewesen und all die Jahre vorher. Wie in einem silbernen Nebel entschwand sie sich selbst. * War es wirklich schon so spät, daß die Mutter drängen mußte, als man ihr endlich die weiche, rieselnde Seide über den erschauernden Leib gleiten ließ? Den Kranz in das Gold der Haare drückte – den Schleier festnadelte – die weißen Handschuhe zurechtlegte? Ihr schien, sie sehe und höre nicht mehr. Habe nur den einen Wunsch: immer, immer im festlichen Kleid dieser Stunde vor dem Geliebten zu stehen, in all den Schleiern, die um sie wogten, wie ein einziger silberner Nebel. Als Frau Krüger endlich in den eigenen Staat schlüpfen konnte, pochten die Söhne schon ungeduldig an die Brautkammer. Der Bräutigam war schon da, und unten fuhren die ersten Gäste vor. Schwere seidene Roben rauschten durch den Garten. Diamanten und Saphire leuchteten im Sonnenglast. Der ganze Tantenstaat der Familie war entboten. Wie ein kicherndes Taubennest fuhren zuletzt die Brautjungfern an. Alle gleich gekleidet, in das blasse, verbrauchende Rosa der ersten Apfelblüten. Die Sonne mußte im Mittag stehen. Schon begannen draußen die Glocken zu läuten. Da riß man vor der Braut die Türe auf, daß sie hinausschreite im schwülen Duft ihrer verhüllten Schönheit, mitten hinein in den silbernen Glanz dieses Tages. Dann kamen die Tränen der Mutter. Die Umarmungen der Basen; das halb bewundernde, halb vom Neid erstickte Geflüster der Freundinnen. Aber Annemarie sah nur zwei Augen – und die leuchteten wie zwei Sonnen, gingen in einem einzigen Triumph über sie hin. »Mein bist du, mein!« Er machte sie selig, dieser Blick, und doch auch wieder leis' erschauern, daß ihr war, als müsse sie sich noch tiefer in ihre Schleier hüllen, die Lider senken, um nicht an dem Brand dieser Augen zu vergehen. Und da geschah es, daß sie zum ersten Male wieder an Konrad denken mußte. Nie, nie hatte sie einen solchen Blick in seinen Augen wahrgenommen! Und er hatte sie doch auch geliebt – lang, inbrünstig, mit der ganzen Glut seines jungen Herzens. Der Geliebte freilich war um vieles älter, der reife Mann. Die Werbezeit war vorüber. Wer weiß, wie Konrad sich im Besitz gehabt hätte? Als es aber Zeit wurde aufzubrechen und der Bräutigam mit einem raschen Schritt auf sie zutrat und wieder mit diesem Blick, streckte sie fast abwehrend die Hände von sich. »Sie fürchtet sich, daß du ihr etwas zerknüllst beim Berühren,« kicherte eine der altjüngferlichen Tanten. Er lachte, und in seiner Stimme war ein ganz eigener Jubel, als er entgegnete: » Aber ! Ich werde sie doch nicht berühren !« Über die Wangen der jungen Damen lief eine flüchtige Röte. Annemaries Brüder und Jugendgefährten lächelten sich verstohlen zu. Nur ihr jüngster Bruder biß sich in die Lippe, stand in finsterem Trotz da. Er hatte von Anfang an Annemaries Bräutigam nicht gemocht und sah nun fast gehässig zu ihm hinüber. Die Schwester war von Kindheit an seine Vertraute gewesen und, obwohl die Jüngste unter den Vieren, immer voll mütterlicher Güte für ihn. Konrad aber war noch heute sein bester Freund, mit dem er alles gemein hatte, selbst die Liebe zur Philosophie. Nun war es auch mit seinem Traum zu Ende. Dem deutschen Jungentraum, fern vom Geräusch und Gezappel der Mutter, zwischen der Schwester und dem Freund seiner Schwärmerei für die Schönheit der Platonischen Dialoge zu leben. Endlich reichten die Herren ihren Damen die Arme. Hinter den Türen grüßten und weinten die Dienstboten. Aus einem versperrten Gemach scholl das rasende Gekläff von Annemaries Lieblingshündchen, dem die treue Seele von dem stummen Scheideblick der jungen Herrin noch bang und schwer war. Der Teppich, der über die Treppen und durch den Garten führte, war über und über mit weißen Akazienblüten bestreut. Sie hingen auch in den Stirnbändern und zwischen den Halftern der zwei tadellosen Schimmel, die sich unruhig im Geschirr herumwarfen und wie verstehend dem bräutlichen Zug entgegenwieherten. * Den Schmuck der Kirche hatte der erste Gärtner der Stadt besorgt. Es war im Auftrag des Bräutigams geschehen und sollte eine Überraschung für Annemarie sein. Hundert und aber hundert weißer Rosen schmückten Altäre und Kandelaber. Mächtige Palmen- und Lorbeergruppen umschatteten den Eingang. Bis tief in die Straßen hinein standen die Leute. Der Ordner hatte Mühe, für den Brautzug Platz zu schaffen ... Draußen hing die Sonne noch immer wie zwischen silbernen Nebeln. Und als die Braut in ihrem schimmernden Staat in die Kirche schwebte, schien es fast, als wäre eine der weißen Sommerwolken da draußen hereingeglitten, um hier zwischen Weihrauchatem und Rosenduft weiterzuleuchten. Es war immer dasselbe, was Annemarie um sich und hinter sich hörte: »Wie schön! Wie schön!« Und dies alles war sie heute! Diese Blumen, dieser Glanz, dieses geheimnisvoll festliche Geriesel von Seide und Schleiern und Spitzen, der feierlich beleuchtete Altar, der sie erwartete – die Braut! »Aber sieh doch, Annemarie, sieh!« Die Mutter hatte es noch einmal versucht, sich im letzten Augenblick an sie heranzudrängen, um ihr wenigstens ein Wort des Beifalls für den Schmuck der Kirche zu entlocken. Sie war mit dem Bräutigam im Einverständnis gewesen, und nun schien ihr, als ob Annemarie weder sehe noch höre. Aber Annemarie lächelte bloß. Wenn sie auch nicht um sich spähte, sie hatte doch alles gesehen, alles! Fühlte es mit einem Male bis ins Tiefste ihrer Seele hinein. Beglückt, erschüttert, halb ohnmächtig, noch einmal: die ganze zärtliche Liebe des Mannes, dem sie sich geben wollte, und der sie über einen einzigen Teppich von weißen Rosen bis hieher getragen. Nie, nie wollte sie es ihm vergessen! Als er ihr den Arm reichte, um sie an den Altar zu führen, griff sie fast zitternd nach seiner Hand und hielt sie eine selige Weile fest. Und Hand in Hand traten sie vor den Priester. Der Greis, der dem Brautpaar im Schmuck seiner goldleuchtenden Stola entgegenlächelte, war einst Annemaries Lehrer gewesen, zugleich der Priester, vor dem sie allmonatlich einmal ihr Sündenbekenntnis abgelegt: die weißen Beichten einer reinen, zwischen sonniger Daseinsluft und glücklicher Unwissenheit hinblühenden Kindesseele. Die von der Kirche geforderte Brautbeichte aber hatte sie zu einem anderen getragen. Ihr selbst schien, als ob es zu viel wäre, was zwischen ihrem letzten Bekenntnis lag und den heißen Gewittern der Sinne, in die sie die Leidenschaft so plötzlich hineingewirbelt hatte. Es war eine ganz geheime, fast rätselhafte Scheu in ihr gewesen. Auch lag ein ganzes Jahr zwischen der letzten Beichte des Mädchens und jener der Braut. Und mit einer Art dumpfer Scham empfand sie, daß ihr unterdes zu viele Blüten von der Seele gestreift worden seien. All die weißen, leuchtenden Blüten, die nur im Paradies der Kindheit blühen können. Nicht zuletzt der Glaube, den ihr der Geliebte so langsam und sicher aus dem Herzen gelächelt hatte ... Und doch wußte sie mit einem Male, daß es nicht das allein war, was sie von dem geistlichen Führer ihrer Kindheit und Jugend ferne gehalten. Vielmehr eine einzige Erinnerung, der sie sich in diesem Augenblick fast mit der Deutlichkeit einer Schuld bewußt wurde. Die Erinnerung an das liebliche Geheimnis, das sich in legendenhafter Schönheit zwischen ihr und jenem bleichen Christusbild angesponnen, und das ihre Seele ein ganzes Jahr lang wie in bräutlichen Schauern hingenommen hatte. Kein Mensch mußte darum von allen, die damals und heute um sie waren. Selbst dem Geliebten hatte sie davon geschwiegen. Aber da vor ihr, auf den Stufen des Altars stand der Einzige, dem sich Annemarie im Überschwang ihres Herzens einmal anvertraut. Der Einzige, der um das mystische Verlöbnis ihrer Seele wußte; von dem geheimnisvollen Ton, mit dem sie der Gekreuzigte immer wieder in seine Nähe gerufen. Von den paradiesischen Träumen, in denen er zu ihrer Seele gesprochen: »Willst du bei mir sein, will ich bei dir sein!« Und von dem Reich, das er ihr gezeigt mit den Worten: »Mein Garten ist groß. Engel betreten ihn. Sein Name ist Eden.« Er hatte nie etwas dazu gesagt, der alte Priester. Nur immer gelächelt und geschwiegen. In seinen Augen aber war es jedesmal wie ein ehrfürchtiges Warten gewesen, wenn Annemarie damals mit dem Confiteor auf den Lippen vor ihm niedersank. Das war nun alles vorüber. Und so selig sie auch war, so unausdenkbar es ihr auch erschien, jemals ohne den Geliebten glücklich werden zu können – sie fühlte doch, daß sie mit einem gebrochenen Gelöbnis auf den Lippen da stand und aus einem Lande zur Erde herabgestiegen war, in das sie nie zurückfinden würde. Und so mächtig war diese Empfindung, daß Annemarie die Hand des Geliebten plötzlich in einem jähen Schreck fahren ließ und in einem einzigen Brand unter ihrem Schleier errötete, ob der weißhaarige Priester da oben auch noch immer schwieg und lächelte. »Er wird mich schon damals für überspannt gehalten haben, darum hat er nie etwas dazu gesagt!« dachte Annemarie wie in einer vorüberhuschenden Beruhigung. Dann atmete sie auf. Der feierliche Akt hatte begonnen. Und als ihr »Ja« in das kirchentiefe Schweigen hineinfiel, im Echo der grauen Wölbungen wieder zurückkam, seltsam und wie von einer anderen Stimme wiederholt, da erst fühlte sie, daß sie nun für immer zurückgefunden hatte, ob ein paradiesischer Traum sie auch einmal in die Lande der Engel geführt. * »Werde so glücklich, Annemarie, wie wir Menschen es nur immer werden können!« Sie kam gerade aus der Umarmung der letzten Brautjungfer, als Konrad mit diesen Worten ihre Hand ergriff, sie eine Weile festhielt und sich dann rasch abkehrte. »Ich danke dir – o wie ich dir danke!« stammelte Annemarie zwischen ihren Schleiern hervor. Noch ganz verwirrt von all den Umarmungen der Ihren, von all der Rührung, die sich an ihrem Hals ausweinte – im Innersten gepackt von den Schauern eines neuen Lebens. Gern hätte sie noch etwas hinzugefügt. Irgendein Wort, das seinen Verzicht lindem sollte, ihm eine trostreiche Mitgabe werden. Doch er war schon wieder zurückgetreten, und dort ging er hin, langsam, aber ungebeugt, ein ganzer Mann. »Werde so glücklich Annemarie, wie wir Menschen es nur immer werden können ...« Es war ein Wunsch, der alles herabflehte auf sie, alles ausschöpfte und ihr doch heimlich wehe tat. Wie ein ganz leises, ganz fernes Drohen in den trunkenen Überschwang ihrer Seele hineinklang. »Werde so glücklich, wie wir Menschen es nur immer werden können –« Doch war diese Angst nicht auch stets über ihr gestanden, seit sie ihr Glück gefunden und genommen? Er hatte aus seiner noch gläubigen Seele gesprochen, was Annemarie als ein leiser Zweifel inmitten ihres Glückes schon früh beschlichen hatte. Ja, das blieb wohl ... Diese stumme, scheue, ehrfürchtige Angst vor dem Schicksal. Ob man seinen Glauben bewahrt oder seinen Gott verloren hatte. Tief und wie gedemütigt senkte Annemarie das Haupt unter der weißen Krone ihres Glückes. »Das also war er!« lächelte der junge Gatte, als er Annemarie in den Wagen hob. »Wie hat er dir gefallen?« fragte sie leise zurück. Die Menschen standen noch immer um das festliche Paar. Erst als der Schlag des Wagens zufiel und die feurigen Pferde anzogen, wich die Menge zurück, waren sie frei und für sich allein. »Wie soll ich mich nur ausdrücken, um nicht heute deinen Unwillen zu erregen?« fragte Annemaries Gatte vorsichtig. Sie lächelte. »Ist es möglich, daß du dich vor mir fürchtest?« Er streifte mit einem seltsamen Blick ihre Schleier. Dann sah er mitten in den Glanz der Straßen hinein. »Du hast eine allzu ängstliche Mutter gehabt, Annemarie. Bist von allem ferne gehalten worden. Nun mußt du lernen, Welt und Menschen mit eigenen Augen zu sehen. Die Wirklichkeit vom Traum unterscheiden, das Mögliche vom Unmöglichen. Das kann immer nur allmählich geschehen. Aber weil du mich schon fragst: Er scheint Stil zu haben, dein blonder Troubadour! Nur – in unser Jahrhundert paßt er nicht mehr hinein. Kennst du vielleicht zufällig seinen Lieblingsphilosophen?« »Kant!« kam es zurück. Leise, wie wartend. Er hatte ihre Hand ergriffen und auf seinen Schoß gelegt. Nun lächelte er: »Den allenfalls kann er sich noch retten für – für seine Weltanschauung.« »Und die großen Griechen,« fuhr Annemarie lauter fort. »Platon und Aristoteles.« »Soweit sie ein großer Systematiker für seine Kirche zurechtgemacht hat,« lächelte der junge Gatte herablassend. »Sonst ... Ich glaub', er täte besser, Mönch zu werden. Mit solchen Vellëitäten.« »Denken alle Naturforscher so wie du?« fragte Annemarie zaghaft. »Gegenwärtig alle. Es liegt in der Methode. Aber –« Und er lächelte, während sein Blick plötzlich wie eine einzige Flamme an ihr niederging: »Welch ein törichtes Gespräch für eine solche Fahrt!« Damit kehrte er sich ganz ihr zu, ihre Hand noch immer in der seinen. Annemarie schwieg. Es waren noch zu viele Schauer in ihr ... das fromme Schweigen der Kirche. Der lächelnde Blick des Priesters, für den ihre Seele einmal ein offenes Buch gewesen war. Zuletzt das Wiedersehen mit Konrad – sein Glückwunsch, der sie an so Vieles zugleich erinnerte. War dies alles nur Traum? Dann würde es ihr wahrhaftig nicht leicht werden, sich so rasch in die Wirklichkeit zurückzufinden, die sie aus den Augen des jungen Gatten umwarb. So sehr sie ihn auch liebte. Wie es ihr jetzt ums Herz war, machten sie selbst die Blicke der Menschen erröten, die so angelegentlich nach ihrem weißen Staat sahen; so eigen dabei lächelten. Nun wußte doch jeder, der ihnen begegnete, daß sie heimfuhren! Und sie zog noch tiefer den Schleier herab ... »Dazu noch dieses Mahl jetzt,« sprach ihr Gatte weiter. »Inmitten all dieser Tanten und Basen! Aber es war deiner Mutter nicht auszureden. In einem Hotel war' das alles rascher gegangen.« »Da hätten uns so und so viele fremde Augen auch noch angesehen.« »Stört dich das so?« fragte er. Es sollte wohl nur eine Neckerei sein. Aber der Blick, mit dem er sie dabei ansah, hatte – ja, sie mußte es sich gestehen – hatte fast etwas Entschleierndes. Als hätte die Zudringlichkeit der Straße, die ihr so lästig war, plötzlich ein Recht auf sie bekommen, das ihr wehtat und sie beleidigte. »Es war so ein schöner Traum,« bebte es leise zwischen ihren Lippen hervor. »Na ja,« warf er gleichsam vor sich hin. »Aber nun ist er Wirklichkeit geworden. Und das ist das Schönste an ihm.« Damit sprang er ab, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Man hielt vor dem Haus, in dem Annemarie heute nur mehr ein Gast sein sollte, und in dem sie doch so lange Jahre ihre Heimat gehabt – Fremd und fast erschrocken sah sie um sich ... * Frau Krüger hatte eine Magd, die fast zwanzig Jahre bei ihr diente. Ihrer Umsicht war es zu danken, daß trotz der Fahrigkeit der Hausfrau und dem oft ungefügen Eifer der Mietlinge doch alles aufs beste bestellt und geraten war bei dem festlichen Mahle. Der alte Akazienbaum, der noch gestern selbst wie eine Braut im Glast des Vollmondes geleuchtet, hatte all seine Blüten für den Schmuck der Tafel hergegeben. Ihre Mitte krönten die mit zartem Grün und hochzeitlichen Bändern und Schleiern gezierten Lilien Konrads. Frau Krüger hatte sich als letzte tief aufatmend und erschöpft an ihren Platz gesetzt. Der Weinkrampf, der sie in der Kirche überwältigt hatte, war einer fast peinlichen Stumpfheit gewichen. Es war ein Glück, daß rechts und links einige geschwätzige Basen zugleich auf sie einsprachen, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie selbst saß mit tief geneigtem Haupte da und murmelte ab und zu tonlos: »Es ist doch immer das gleiche!« Zuweilen fuhr sie auf und sah fast erschrocken zu der Braut hinüber. Aber Annemaries Blicke glitten an ihr vorbei und, wenn sie sie trafen, wie durch sie hindurch. Und dann nickte Frau Krüger jedesmal verstohlen vor sich hin: »Ja, ja! Es kann einen wohl nachdenklich machen!« Finster und blaß saß Annemaries jüngster Bruder am Ende der Tafel. Am ihn schwatzten die Brautjungfern mit ihren Kavalieren, kam die Jugend zu Recht mit Scherz und Lachen und dem heimlichen Geplänkel ihrer flüchtigen Siege. Doch Edwin schien niemanden zu sehen als den Bräutigam. Immer wieder hoben sich die blassen Lider, starrten die funkelnden Knabenaugen nach dem Mann, der ihm so wenig gefiel und ihm doch die Schwester entführen durfte für immer. Seine Suppe blieb unausgelöffelt in dem goldumrandeten Teller. Um so eifriger griff er nach der Madeiraflasche, die der Diener ihm zur Seite stehen gelassen. Er, der sonst kaum ein Glas leichten Bieres trank und vertrug, stürzte den schweren Wein wie Wasser hinunter. Einmal und förmlich wie emporgezogen von den zornigen Adleraugen des Knaben hatte der Bräutigam nach ihm geschaut. Da hatten ihre Blicke sich wie zwei Dolche gekreuzt. »Dummer Junge!« lächelte der Gelehrte in sich hinein. Aber freilich, er war der Freund des Verschmähten und hatte während all der Zeit Gott weiß welche Vergleiche zwischen ihm und jenem angestellt. Am besten war es, einstweilen über ihn hinwegzuschauen, wie bisher. Ein Gang folgte dem anderen. Die jungen Gatten, die wie ein Königspaar in der Mitte der Tafel saßen, bemühten sich bis zuletzt, so unbefangen wie möglich dreinzuschauen. Annemarien fiel es merkwürdig leicht. Sie starrte noch immer wie in einen silbernen Nebel hinein. Zuweilen geschah es wohl auch, daß ein paar heimliche Tränen ganz plötzlich ihren Blick umdunkelten. Wenn sie in all die lieben Winkel hineinsah, in denen sie als Kind gespielt und gesessen, und durch die offenen Fenster hinaus in das grüne Geschaukel der Zweige. Wie ein Märchen schien ihr, was sie bis nun erlebt, und geradezu wunderbar, daß nun wirklich alles anders werden sollte für sie und jeder Tag vom Morgen bis zum Abend seine eigene Einteilung haben, wie es ihr gefiel. Das bald lärmende, bald larmoyante Wesen der Mutter war ihr zuweilen eine Qual gewesen. Wie eine Schmach für das ganze Geschlecht war es ihr erschienen, daß die Mutter, so lange von dem Vater bedrückt und entwürdigt, durch keine freie Tat, ja nicht einmal mit einem Gedanken oder Wunsch mehr zu ihrem eigenen Selbst zurückfand. So ganz hatte der Mann sie besessen, den sie einmal geliebt ... Auch über Annemarie kam es wie ein leiser Schwindel, wenn sie bedachte, wie wehrlos die Liebe sie jetzt schon zuweilen gemacht. Aber lag nicht gerade in diesem Gefühl das höchste Glück? In diesem heimlichen Erbeben und Erschauern, wenn der Geliebte nur mit der Hand an ihr vorüberstrich, wie jetzt? Diesem Erglühen des ganzen Blutes, das ihr wie eine heiße Welle ins Antlitz stürzte, sooft er eines jener verhüllten Worte an sie richtete, die für alle andern ganz gleichgültig klingen und doch wie eine wonnige Geheimsprache zwischen zwei Liebenden hin und her gehen können? Wenn sie aber an den ganz von weißen Spitzen und rosigen Brokatvorhängen verhüllten Raum dachte, in dem ihr Weibgeschick sich erfüllen sollte – an das schöne Heim, das sie im Dämmer des Abends erwarten würde, da weit draußen am Ende der großen Stadt, wo ferne Berge schon in die Fenster hereinsahen und der heiße Duft der Sommerblumen wie eine Wolke in allen Stuben hing – dann verstand sie sich selbst nicht ... wie sie da sitzen und mit feuchten Augen noch ihrer Kindheit nachsinnen mochte oder irgendeine Angst in ihrem Herzen hegen? Bis sie sich zuletzt mit dem Gedanken tröstete, es sei all dies Bangen wahrscheinlich nichts als – die Ohnmacht, so viel Glück auf einmal zu ertragen. Um sie aber saßen die anderen und lachten und schwatzten oder nickten ihr bedeutungsvoll zu. »Vergiß es nicht – es ist ein Schicksalstag, ein großer, feierlicher!« Daß es ihr doch immer wieder ganz eigen über die Seele rann; sie überkam wie ein großes, unnennbares Einsamsein. Wenn diese Vielen, die sie von Kindheit auf kannte, nur erst nicht mehr um sie sein würden und sie ganz allein dastehen mit einem Mann, der alle Rechte über sie hatte, den sie über alles liebte und doch um so viel weniger kannte als alle, die bis heute um sie gewesen ... Und gerade da fiel ihr Blick auf den Bruder – den jüngsten Bruder, der so finster und so schweigsam am Ende der langen Tafel saß und die zornigen Blicke wie giftige Pfeile zwischen den gesenkten Lidern nach dem schickte, den sie liebte. War es nur Eifersucht? Oder was haßte er sonst so an ihm? Seit sie denken konnte, war dieser jüngste Bruder ihre Sorge gewesen. Dieses stille, blasse, immer versonnene Kind, in dem vielleicht ein Dichter träumte, vielleicht ein großer Forscher, jedenfalls ein anderer Mensch. Wie zu einer Schwester hatte sie oft mit ihm reden können. Denn sein Herz war voll Ehrfurcht für alles, was die Welt an Großem und Schönem hatte, dabei zärtlich und verträumt, wie die Seele eines Weibes. So war er langsam der blonde, hochaufgeschossene Junge geworden, dem nur bei den Büchern wohl war; bis er sich über Bibel und Geschichte allmählich in die großen Abstraktionen des Menschengeistes hineingefunden hatte – mit seltener Frühreife seitdem in einer Welt lebte, die mit den gemeinen Dingen des körperlichen Daseins so wenig wie möglich zu tun hatte. So mußte er Konrads Freund und Vertrauter werden und zuletzt ganz in den Gedanken des älteren Gefährten aufgehen. Aber seine Liebe war der Schwester geblieben. »Er ist doch nur ein Kind,« dachte Annemarie gerührt. »Das sich nicht vorstellen kann, wie etwas, das es immer so ganz als sein Eigen betrachtet, nun plötzlich einem anderen zugehören soll.« Und doch war ihr mit einem Male, als beginne die Trauer des Bruders heimlich und in irgendeiner unerklärlichen Weise auch auf sie hinüberzuwirken, daß es einen ganzen Augenblick wie ein beklommenes Ahnen über ihrer Seele lag ... * Als der Sekt in den feingeschliffenen Glaskelchen perlte, begannen die Trinksprüche. Gutgemeinte, billige Redensarten, mit etwas Salbung versetzt, bald mit einigem Witz. Manch einer wohl auch darauf angelegt, in die Wangen der Braut ein flüchtiges Rot zu jagen. Und dann war auch das vorüber. Man ließ sich nur mehr den köstlichen Wein munden oder schlürfte das Eis, das immer wieder die Runde um die Tafel machte – und schwatzte sich dabei den letzten Zwang vom Herzen. Nun war auch die Braut vergessen – Annemarie bemerkte zuerst, daß ihr Gatte sich entfernt hatte. Gleich darauf trat die Mutter hinter ihren Stuhl und teilte ihr leise mit, daß draußen der Wagen halte, der sie nun in ihr eigenes Heim bringen sollte. »Ich werde mit dir hinausgehen«, sagte Frau Krüger, »und unterdes frischen Champagner herumreichen lassen. So wird es weiter nicht auffallen.« Annemarie erhob sich und folgte der Mutter ruhig und wie in einer häuslichen Angelegenheit. Draußen warf sie sich noch einmal in ihre Arme. Dann glitt sie wie im Traum über die teppichbelegten Stufen, durch den noch in hellem Sonnenglast prangenden Garten. Am Schlag des Wagens stand schon ihr Gatte und half ihr hinein. Dann fiel die Türe zu. Es war diesmal ein geschlossener Wagen. »Ist es hier schwül!« stammelte Annemarie unwillkürlich. »Wenn du befiehlst, lass' ich das Dach zurückschlagen,« erwiderte der junge Gatte. »Aber weil du auf der Fahrt von der Kirche über die vielen fremden Blicke geklagt hast –« »Laß nur,« bat sie. »Gewiß ist es so besser!« Schweigend fuhren sie dahin. Er hatte sich zurückgelehnt, ihre Hand in der seinen, und Annemarie fühlte, wie seine Blicke immer wieder über sie hinirrten, der Druck seiner Rechten immer heißer und fester wurde. »Nun soll es nur um Gottes willen unserem tauben Faktotum nicht auch noch einfallen, uns mit einem reichbesetzten Tisch zu erwarten,« sprach er mit einer Art komischer Verzweiflung in das Schweigen hinein. Annemarie lächelte. »Wenn Mama keine Aufträge gegeben hat –« »Du weißt, daß ich deine Mutter schätze,« sprach der junge Gatte mit einer gewissen Nachlässigkeit. »Aber es soll mich wundern, wenn sich all diese mütterliche Fürsorge nicht zuletzt noch in einen guten Kaffee ergießt.« Annemarie schwieg. »Vielleicht wär' es doch besser gewesen, wenn wir sofort eine kleine Reise angetreten hätten. Trotz der großen Hitze.« »Das haben wir so gründlich durchgesprochen und so oft jedes Für und Wider erwogen –« »Ja,« nickte er. »Und dann, es ist wahr – wenn wir morgen erwachen, sind wir daheim!« »Und das wird unsäglich schön sein,« lächelte Annemarie versonnen, »dieser alte, verträumte Garten, rings um das Haus!« »Und alles so still ringsum,« kam es gepreßt zurück, »dort wird dich wirklich niemand sehen als ich!« Und wieder flammten seine Blicke über sie hin. Dann hob er ihre Hand an die Lippen. Wie sein Kuß brannte! Annemarie errötete. »Mit unserem Hausgeist werd' ich mich anfangs wohl nur mühsam verständigen können,« sprach sie wie ablenkend. »Sie ist schon mehr als schwerhörig, und da sie so lange deine Junggesellenwirtschaft geleitet, wird sie für die Befehle einer Frau erst recht taub sein. Und vielleicht sogar mit einem gewissen Vergnügen.« »Da tätest du der guten Alten unrecht,« lachte Annemaries Gatte auf. »Die war immer willig, weiß Gott. Und wenn deine Mutter endlich das rechte Stubenkätzchen gefunden, kannst du ja deine Befehle auf Umwegen geben.« »Dazu wird man wohl nicht die Frau seines Mannes,« kam es etwas spitz zurück. »Aber Mie!« schmeichelte er. »Doch, Will!« beharrte Annemarie, während der Gatte seine Zähne wie zu einem scherzhaften Biß in ihre Handfläche grub. »Ich weiß, daß solche Leute sehr ehrlich, sehr vertrauenswürdig und in mancher Beziehung oft nicht genug zu schätzen sind. Aber die gute Alte hat nun einmal etwas allzu lange bei dir das Regiment geführt. Und das macht eigenwillig.« »Aber Mie, ich liefere sie dir ja aus, mit Haut und Haaren!« »Ihre Krallen wird sie wohl für sich selber behalten,« meinte Annemarie nachdenklich. »Und mich auf Schritt und Tritt belauern.« »Das gewiß!« neckte er mit einem eifersüchtigen Blick. Annemarie schüttelte das Haupt. »Ich meine das nicht so. Aber sie hat dir im Laufe der Jahre all deine Gewohnheiten abgeguckt. Darunter vielleicht Liebhabereien, von denen ich noch keine Ahnung habe. Um das ist sie mir voraus!« Er hatte sie ruhig weiterreden lassen und gleichsam belustigt zugehört, noch immer ihre Hand in der seinen. Da glaubte sie plötzlich zu fühlen, daß seine Finger einen leisen Ruck machten, als wär' es ihm mit einem Male peinlich, ihr gerade bei diesen Erörterungen so körperlich nahe zu sein. Es war vielleicht nicht die richtige Stunde für ein solches Gespräch. Warum aber wich er ihr plötzlich auch mit den Augen aus und starrte so angelegentlich in den Abend hinein? »Er soll wissen, daß ich nur als Herrin dort ankommen will!« dachte Annemarie und setzte sich hoch. * Die Bienen hingen noch in den blühenden Linden, als der Wagen vor dem zierlichen Hause hielt, und ihr tiefes Gesumme wehte der jungen Frau wie ein ferner Glockenton entgegen. Wilhelms alte Dienerin stand mit einem Strauß heiß duftender Lilien vor der Türe. Sie hatte ihr Antlitz in die freundlichsten Falten gelegt und strich während der Begrüßung voll Eifer über die weiße Schürze. Fest und ehrbar waren die schwarzseidenen Haubenbänder unter dem eckigen Kinn zusammengeknüpft. Und da war ja auch wieder Annemaries Bologneserhündchen! Sie hatte keinen Begriff, wie es hierhergekommen war. Es sollte wohl eine Überraschung mehr sein. Denn sie selbst hatte während des ganzen Tages keine Zeit gefunden, sich um den kleinen Liebling zu sorgen. »Bijutti!« jubelte sie ganz entzückt auf, als der Kleine mit aufjauchzendem Gekläff über die Treppe auf sie zustürzte und mit den großen, besorgten Kugelaugen immer wieder zu ihr emporsah. »Siehst du, nun haben wir uns wieder!« »Ja,« lächelte der Gatte: »Nur in deinem Bett wird kein Platz mehr für ihn sein.« Annemarie errötete und ließ den Kleinen wieder vorsichtig zur Erde gleiten. »So werd ich ihm sein Pölsterchen vor die Türe legen.« »Meinetwegen,« klang es übermütig zurück. »Um das, was er besser hört als Renate, muß er schweigen.« Es war gut, daß sie in die grüngoldige Dämmerung des Flurs traten, so heiß brannten Annemaries Wangen unter den Worten des Geliebten auf. Wenn sie bis heute im Jubel ihres Glückes, unter dem Sturm seiner Küsse zuweilen ein gehauchtes: »Ich bin dein« vor sich hingestammelt, war es doch bloß eben nur ein Wort gewesen gegen das jede andere Empfindung nun gleichsam verschlingende Gefühl der Gewißheit seines Rechtes in dieser Stunde. Und wieder schien sich etwas ganz leise, ganz heimlich in ihr aufzulehnen. Aber es kam nicht mehr zu Wort. Hier war hinfort ihr Heim, in den Armen des Gatten ihr Glück und ihre Zuflucht. Mit nassen Augen und scheuem Blick starrte sie auf die Schwelle des Flurs, bevor sie hinüberschritt in das Reich, in dem die Liebe das Weib wie eine Sklavin fesselt. Die Fenster der Stuben, die sie zuerst durchschritten, standen weit offen und sahen mitten in den Garten hinein und über ein Beet voll dunkler Violen, die wie violetter Sammet im letzten Schein des Abends aufleuchteten. Das grüne Gerank des wilden Weines spann sich bis zu den Fenstern herein. Dazwischen zog sich ein dichtes Gewirr blühender Waldreben. Sie dufteten heiß und seltsam, als atme ein ferner Birkengrund herüber. Leis, wie verträumt plätscherte aus der Tiefe des Gartens ein Wässerchen. Annemarie hatte als Braut zuweilen das heiße Antlitz in dem moosigen Becken des kleinen Springquells gekühlt. Nun rief ihr ein Geplauder die Erinnerung an die lieblichen Stunden wach, da sie in Begleitung der Mutter während der Einrichtung des jungen Heims hier zuerst voll stillen Glückes aus- und eingegangen. Das seidige Grün des Mai war damals noch über diesen Wipfeln gehangen. Alles war sonniger und freier und heller gewesen, wie ihr schien. Nun lag die Schwüle des Sommers und der heiße Duft seiner Blumen über dem alten Garten und dem stillen Haus, und die Zweige hingen wie grüne Sammetvorhänge überall an den Fenstern nieder. Kaum fühlbar und wie beklommen atmete die Luft. Auch Annemaries Herz begann leise zu pochen ... Die Blumen, die Annemarie während dieser Tage als Angebinde erhalten, waren in die Vasen der Stuben verteilt, ihre Hochzeitsgeschenke, kostbare Teppiche, Spitzen und Silberzeug in gefälligen Lagen und Gruppen geordnet. Und da – wahrhaftig! Annemarie sah es zuerst und kicherte leise auf – da stand auch der gedeckte Kaffeetisch! Nein, Mama hatte nichts vergessen. »Ich hab' es ja gewußt!« lachte der junge Gatte ... »Aber ich denke – davon haben wir heute genug! Du bist doch derselben Meinung?« Annemarie sagte weder ja noch nein. Sie errötete und starrte zum Fenster hinaus. »Tragen Sie diese Kannen wieder hinab,« wandte sich Wilhelm mit erhöhter Stimme an die alte Dienerin. »Hinab, ja!« »Der Tisch kann gleich für morgen früh gedeckt bleiben.« Die runzeligen Lider der Alten fielen halb verschämt, halb verständnisvoll über die dunklen Augen. Mit einem tiefen Knix und in einer Art komischer Hast eilte sie über die Treppe in ihre Küche hinunter. Einen Augenblick blieb es still. So still, daß das tiefe Gesumme der Bienen und Hummeln nun bis in die Stube hineinklang. Annemaries Gatte schritt leis auf eine Türe zu, die bisher verschlossen geblieben war. Mit einer einzigen Bewegung schlug er beide Flügel zurück. Weiße Spitzenkissen leuchteten aus dem Dunkel. Rosa Brokatvorhänge. Weiche, seidene Haidschnuckenfelle. In einer Ecke hielt die kristallhelle Fläche eines silbernen Toilettenspiegels den purpurnen Glanz des Abends fest. Aus allen Vasen und Kelchen aber blühten hochgestielte, dunkle Zentifolien, tiefrot, fast schwarz wie jene, die Annemarie gestern in den Händen gehalten – um dieselbe Stunde. Wie eine heiße Welle schlug ihr Duft aus dem Brautgemach ... Sie hatte alles gesehen, alles – und starrte doch noch immer scheinbar in den Garten hinaus, den Kranz im Haar, den weißen Schleier um den noch jungfräulichen Leib. »Wie schön dieser Abend ist!« hauchte sie mit langsam stockendem Atem. Es sollte unbefangen klingen und riß ihr doch alles von den Lippen, was in ihr zagte und jubelte. »Ja,« sprach der junge Gatte, mit einem raschen Schritt an Annemarie herantretend. »Und das Schönste an ihm ist, daß er ganz mir gehört.« Und während er die Braut mit der einen Hand an sich zog, ließ die andere rasch die seidenen Sonnenblender nieder. * Es war in derselben Nacht, daß Annemarie plötzlich und wie angerufen aus einem wirren Traum emporfuhr. In ihren Ohren sang das Blut. Ihre Pulse pochten noch immer im hämmernden Takt der ersten Liebesstunde. Eine seltsame Beklemmung preßte ihr das Herz zusammen. Als wäre die weite Stube plötzlich enger geworden und hätte keine Luft mehr für ihren stockenden Atem. Ihr erster Blick fiel auf den Gatten. Schien ihr doch, als hätte er eben ihren Namen genannt und sie wäre darüber erwacht. Doch er schlummerte tief und fest, auf den Lippen ein Lächeln, das sie heimlich erröten machte. Rasch kippte sie das Licht wieder ab, sah mit großen Augen um sich – fremd und fast verwundert. Draußen stand die blaue Mondnacht über den Wipfeln ... Wie eingewebt lag der Schatten des Fensterkreuzes in der blaßgelben Seide der Blender. Und wie Annemarie so aufhorchend dasaß, schien ihr, als käme ein leises Singen von draußen, weich, geheimnisvoll, unsäglich verlockend. »Mondzauber!« dachte sie. Da war es fast eine Sünde, hinter geschlossenen Fenstern wachzuliegen. Sie erhob sich, tappte mit den Fußspitzen nach den blauseidenen Pätschelchen in dem weißen Haidschnuckenfell, stahl sich sachte, ganz sachte vom Lager, immer weiter in die Stube hinein, dann in das nächste Zimmer, wo der Tisch noch gedeckt stand und die Blumen ihren betäubenden Atem in die schwüle Luft hauchten. »Hier werd' ich öffnen!« dachte Annemarie. »Drinnen könnt' ihn das Mondlicht wecken ...« Woher ihr mit einem Male die Sehnsucht kam, ganz allein zu sein, wie im weißen Frieden ihrer Mädchenkammer? Sie gab sich keine Rechenschaft darüber, meinte wohl auch, daß sie das alles nur darum so verstohlen tue, um den Gatten nicht zu wecken. Und doch hatte sie ganz deutlich das Gefühl, es zittere auch in ihrer Seele etwas von dem geheimnisvollen Glanz der Gestirne da draußen und zöge sie ihnen nach in Fernen, die weit jenseits der Welt lagen, in der ihr Gatte lebte und träumte. Mit vorsichtiger Hand öffnete sie die Fenster, zog die Blender auf, stieß die äußeren Flügel in das leis aufrauschende Gerank der wilden Reben zurück. Da lag der Garten vor ihr wie ein Traum, und über ihm stand die Nacht – die Nacht, die ihr das Selbst genommen und nicht nur ihren Leib, sondern auch ihre Seele in eines Mannes Hand gegeben ... Welch eine große, schicksalsvolle, geheimnistiefe Nacht das war! Sie faltete die Hände wie zu einem Gebet. Ihr selbst unbewußt kam mit einem Male wieder etwas von der Frömmigkeit ihrer Kindes- und Mädchenjahre über sie – Die Feierlichkeit des Glaubens ihrer Kirche, dem die Ehe ein Sakrament ist. »Ein Geheimnis in Christo.« Und war es nicht so? In der Umarmung, die aus der Jungfrau das Weib machte, lag zugleich das Geheimnis der Zeugung. Einen Teil seiner eigenen Schöpferkraft hatte Gott an die Kreaturen weitergegeben mit der Liebe und ihrer Lust. Und wer es so nahm, dem war sie heilig für immer. Der durfte nicht enttäuschen, noch jemals enttäuscht werden, sollte nicht alles in ihm zusammenbrechen, alles, alles, was den Leib vor Schmach bewahrt und die Seele vor Verzweiflung. Wenn die Weltanschauung ihres Gatten auch eine ganz andere war – daran hatte er bis heute noch mit keinem Wort vor ihr zu rühren gewagt. War ihm auch ihr Glaube nicht heilig – sie selbst war es ihm. Und so würde, so mußte es bleiben. Und eine Regung flüchtiger Zärtlichkeit kam über sie, wie sie dastand, in den rieselnden Spitzen des spinnwebdünnen Nachtgewandes noch den Geruch des Nestes, in dem sie eines Mannes Weib geworden. Der ganze Rausch, die tiefinnerste Seligkeit der kaum entwichenen Stunden schlug wieder in ihr empor ... Ja, sie war glücklich, unsäglich glücklich. Auch das innige Gefühl der Geborgenheit kam nun zum erstenmal über sie – der fromme, tiefe Frieden des jungen Heims. Daß ihr war, als sang' er ihr selbst sein Lied, mit dem leisen Geraun der taunassen Zweige da draußen, dem rhythmischen Fall des Springquells, der so melodisch in die Stille hinein sprach, dem leise Gepieps der jungen Schwalben über dem First. Und die Nacht saß zwischen ihren Sternen und drehte an dem goldenen Faden ihres Glücks. ›Was man nicht alles zusammenträumt, wenn man in so eine blaue Mondnacht hinaussieht,‹ dachte Annemarie mit einem leisen Lächeln. Und hatte dabei das Gefühl, nun überhaupt nicht mehr einschlafen zu können. Auch eine Regung ehrlichen Hungers empfand sie plötzlich. Sie entsann sich, daß die Früchte und der Kuchen und das kleine Backwerk noch auf dem Tisch stehen mußten, wie die vorsorgliche Mutter es angeordnet. Mit dem Schelmenlächeln eines Kindes trippelte sie zurück, fingerte in der silbernen Dämmerung der Stube zwischen den Früchten und Konfitüren herum – schlürfte mit heißen Lippen den Saft einer Nektarine und begann zuletzt wie ein Mäuschen darauflos zu knabbern. »Wahrhaftig wie ein Mäuschen,« dachte sie, »das sich's wohl sein läßt in der tiefen Stille der Nacht und sich dabei ordentlich pfiffig vorkommt.« Und sie kicherte leise auf und naschte selig weiter und ließ die Blicke dabei vergnügt durch den schönen Raum gleiten, der im blauen Zwielicht der Mondnacht noch einmal so vornehm und behaglich aussah: mit den tiefgrün ausspalierten Paneelen, dem samtenen Geleucht der Mahagonimöbel, den wenigen, aber kostbaren Bildern, die in schweren Goldrahmen von der Ledertapete herleuchteten ... Doch plötzlich kam es wie ein leises Unbehagen über Annemarie ... Es ging von den zwei dunklen Augen eines Mannes aus, dessen Bild über dem niederen Büfett hing und gerade ins Mondlicht hineinsah und durch das Mondlicht zu Annemarie herüber. Große, weitgeöffnete Augen, denen ein herrisch-selbstbewußter Blick zu eigen war und zugleich eine versteckte Gier, die gleichsam lauernd hinter dem samtenen Dunkel der Pupille brannte. Zwei Mannesaugen, die einer Frau, die allein und halbentblößt dasaß wie Annemarie, wohl einen heimlichen Schauer in der Seele wecken konnten – in der Seele, die ein Mann soeben wachgeküßt ... Ihres Vaters Bild! Nun erst erkannte sie es und besann sich wie aus einem tiefen Traum heraus auf das, was hinter ihr lag: die unfrohe Kindheit zwischen den Eltern, die einander so ungleich waren ... all die langen, traurigen Jahre, da sie die Mutter immer still weinen gesehen – den Vater mit dröhnenden Schritten und übereinandergepreßten Lippen durch die verängstigten Stuben gehen, um zuletzt oft für ganze Tage zu verschwinden. Wenn ihre Mutter auch bis heute geschwiegen, in der schönen Regung, eines toten Vaters Andenken für die Ehrfurcht der Kinder lebendig zu halten – Annemarie hatte sich doch manches gedacht und viel durchschaut. Daß auch ihre junge Weiblichkeit seltsam wissend geworden war an dem versteckten Zwist und scheu gehüteten Unglück dieser Ehe. Der Vater, ja ... Wie er dort hersah, war er auch gewesen: der schöne, selbstbewußte, rücksichtslose Mann! Immer irgendeinem Genuß nach, der nur für ihn da war – der Fährte einer schönen Frau, mit der ganzen heimlichen Gier und Lust des Jägers. Annemaries Mutter hatte Freundinnen gehabt, mit denen der Gatte sie jahrelang betrogen. Die im Hause aus- und eingegangen waren und ganz arglos getan hatten. Bis irgendein Zufall, ein anonymer Dienstbotenbrief, oder schadenfroher Klatsch die Untreue an den Tag brachte. Dann gab es Sturm und Tränen, niemals aber eine ehrliche Reue. Sowie die Lüge nicht mehr vorhielt, wurde der Vater brutal und zynisch. Das harte Lachen der gierigen Augen, die so heischend aus dem Bild dort zu ihr herübersahen, es hatte auch in seiner Stimme gewohnt. Wie oft hatte Annemarie es gehört! Wie oft war es kalt und grausam selbst unter dem Geschluchze der Mutter laut geworden. O ja, sie hatte wohl gewußt, warum sie diese Frage gestern an die Mutter gerichtet. In jungfräulicher Seele noch einmal vor einem Glück zurückbebend, das dem Weibe alles nahm, um zuletzt mit einer Erinnerung zu bezahlen die schlimmer war als ein heimlich fressendes Gift. Ihre Mutter war ja auch einmal eine junge, strahlende Braut gewesen! Und hatte ihr gestern doch keine andere Antwort gewußt als dieses arme, verlegene und verlogene Lächeln. Aber nicht nur die Mutter, auch die meisten Frauen, die sie kannte, standen mit einem Male so vor ihr. Enthüllt und arm bis auf das entselbstete Schweigen ihrer Seele. Und manche hatten nicht einmal so lange dazu gebraucht wie Frau Krüger. Selbst unter Annemaries älteren Freundinnen gab es einige, die schon trüb und resigniert in enttäuschter Ehe dahinlebten. Sie wußte es. Hatte es ihnen mit dem Blick aus dem armen Antlitz abgelesen, der an dem Unglück der eigenen Mutter wissend geworden war. Und die noch froh und leicht dahingingen, das Haupt noch stolz trugen ... Je nun, von denen waren eben wieder andere Geschichten zu erzählen, die Annemarie nicht weniger gut kannte. Die eine hatte ihren Mann bloß seines Reichtums wegen genommen und hielt, wie man sich erzählte, nur darauf, daß der jährliche Aufwand für ihre Toiletten und ihren Schmuck immer doppelt so groß sein mußte wie der für ihres Mannes Mätressen. Alles andere übersah sie, lächelnd und gerne, denn er selbst war ihr ein Ekel ... Eine andere hatte die erste Untreue sofort mit derselben Münze gelohnt und seitdem so viel Geschmack an der Sache gewonnen, daß Annemarie sich schon ernstlich gefragt hatte, ob es nicht am besten wäre, der lachenden Sünderin in Hinkunft für immer ihr Haus zu verschließen. Sie war nicht schön. Eigentlich fast häßlich. Aber irgend etwas machte alle Männer in ihrer Nähe fahrig. War es ein geheimes Fluidum, das rein geschlechtlich hinüberwirkte, wie die Wellen eines elektrischen Stromes? Ihr Lachen, das satte Bronze ihrer Haut, die fast jünglinghaften Formen des marderschlanken Leibes? Eine Frau kam da nie auf das letzte. Aber Annemarie entsann sich, daß auch ihr Bräutigam immer seltsam geworden war in Melas Nähe. So oder so kam es wohl für die meisten. Durfte man da wirklich für sich an ein wandelloses Glück glauben ... an diese Treue bis an das Grab, von der ihr Beichtvater gestern bei der Trauung so schön gesprochen? Im Antlitz ihres Gatten war alles still geblieben bei dieser Rede. Nur einmal hatte er dem Priester leise zugelächelt – wie ein Weltmann dem anderen. Annemarie hatte es wohl bemerkt. Und der alte Priester war unter diesem Lächeln leise errötet. Hatte sie sich getäuscht, oder gab es wirklich ein Wissen, das von Mann zu Mann ging, wie es heißt, und selbst vor dem Altar nicht haltmachte? Oder hatte sie selbst wieder mehr gesehen, als tatsächlich vorgegangen war? Wie töricht, so dazusitzen, nach der höchsten Stunde, die das Schicksal dem Weibe vorbehalten, und sich die Seele wieder wund und weh zu sinnen. Aber – nun war es geschehen. Und ihres eigenen Vaters Blick hatte Annemarie so weit gebracht ... Ein leises Frösteln lief über ihren Leib. Sie erhob sich, warf wie angeekelt eine Makrone von sich, die sie vor einigen Minuten aus dem silbernen Körbchen herausgelangt. Vielleicht waren es schon die nahenden Schauer des Morgens, die sie so seltsam erbeben machten, diese unheimliche Stille der letzten Stunden nach Mitternacht – vielleicht ... Und da kam es plötzlich wieder durch dieselbe Stille zu ihr – ein leises, leises, gleichsam sprechendes Knistern. Derselbe Ton, mit dem sie das uralte Kruzifix in den weißen Nächten ihrer Mädchenjahre so oft zu sich gerufen. Annemarie wußte, daß es diesmal nur eines der neuen Möbel sein konnte. Daß der Betschemel mit dem redenden Kreuz noch immer in ihrer leeren Stube daheim stand. Sie wußte es so gewiß, wie sie da saß, ein schönes, glückliches Weib in seinem jungen Heim. Und doch kam plötzlich ein wildes Sehnen, ein banges, ratloses und irres Heimweh über ihre Seele – nach allem, was sie verloren und vergessen und hingegeben hatte in dieser einen, einzigen Nacht! * So fand sie der Gatte, der wohl auch erwacht war, wenn ihn nicht Annemaries leises Geschluchze aus seinem lächelnden Traum geweckt hatte. Die Kerze in der Hand, stand er einen Augenblick vor ihr – erstaunt, verstört – bis ihn die halb aufgegessene Nektarine und das zerbröckelte Backwerk einigermaßen beruhigten. »Ja sag' mir nur, Maus, was treibst du denn da? Essen und weinen?« Es war in der Tat drollig, Annemarie fühlte es selbst. Und in ihr Weinen mischte sich ganz leise und wie von ferne her ein kindlich verlegenes Lachen. Aber ihre Tränen flossen weiter. Und nun sank auch ihr Haupt auf den Arm herab, den sie wie hilflos weit über den Tisch gestreckt hatte. Die gelösten Haare fielen auf das glühende Antlitz. Immer heftiger und lauter wurde ihr Geschluchze. Wilhelm stellte den silbernen Leuchter nieder und haschte wie scherzend nach der Linken, die schlaff und bebend herabhing. »Nun sag' mir, wo ich dir helfen soll? Beim Essen oder beim Weinen?« Sie schüttelte bloß das Haupt. Er blickte nach dem Fenster, merkte, daß es weit offen stand, und sog mit geblähten Nüstern den irren Duft der Blumen ein, die draußen blühten. Dann sah er wieder in die Stube zurück und nach Annemarie. Mit Augen, die vom kaum gelöschten Brand der Sinne wieder aufzuglimmen begannen und heiß und trunken über ihre hilflose Gestalt hinirrten. Aber auch mit einer gewissen Verlegenheit. War es ihm doch noch neu – das jungfräuliche Weib, dem die Liebe ein Schreck ist und eine Qual. Wieder griff er nach ihrer Hand, strich kosend unter den Spitzen des Nachtgewandes über ihren schwellenden Arm hin. Ihre Pulse flogen unter dem tastenden Druck seiner Finger – der ganze Leib war eine einzige Erschütterung. Er fühlte es. Und da kam es aufs neue über ihn: Jetzt sie in die Arme nehmen, gerade jetzt! Und weil er ein Mann war und das Weib zu kennen glaubte, seufzte er auf. »Hab' ich dich so unglücklich gemacht?« Seine Stimme bebte. Der samtene Ton darin, der ihre Sinne zuerst gefangengenommen hatte, warb auch diesmal nicht umsonst. Sie fuhr fast erschrocken empor, starrte ihn an. »Aber, Wilhelm!« »Erlaub mir ... Die erste Nacht! Und du schleichst dich weg von mir, um heimlich zu weinen!« Und nun starrte er wirklich trostlos in das Licht hinein. »Nein, nein,« stammelte sie befangen und verwirrt. »Erst – erst wollt' ich nur das Fenster öffnen, um etwas frische Luft zu bekommen, die Rosen rochen so stark ...« »Die Rosen, so?« Er sah sie an und lächelte. Annemarie errötete. Sein Lächeln hatte immer mehr verraten als sein Wort und sein Blick. Es war die eigentliche Seele seines Antlitzes. War selbst im Schlummer nicht von seinen Lippen gewichen in dieser Nacht. Sie wußte, warum sie es fürchtete, davor errötete – gleichsam in ihr Innerstes zurückflüchtete, soweit es noch ihr eigen war. Aber das Lächeln wich nicht aus seinen Zügen. Vielleicht kannte er schon seine Gewalt. So brach sie langsam darunter zusammen, wie ein Vöglein. »Und dann –?« fragte er weich. Sie wies wie beschämt nach dem Obst und dem Backwerk. »Dann überkam mich der Hunger.« »Versteh' ich!« nickte er, immer mit dem gleichen Lächeln. Annemarie fühlte, wie es wieder in ihren Wangen emporlohte. Gab es denn keinen Schleier mehr für ihre Seele? Sie schlug den Blick in den Schoß. »Das alles war aber doch um Gottes willen noch kein Grund, um zu weinen?« sprach er sichtlich gekränkt. »Womit ich auf meine erste Frage zurückkomme.« Sie starrte ihn fast erschrocken an. »Auf welche?« »Nun ... Ob ich dich so unglücklich gemacht habe? Und ich glaube, daß ich als Mann von Kultur und Zartgefühl ein Recht habe, das zu fragen!« Was sollte sie antworten, wenn sie ihr Geheimnis nicht preisgeben wollte? Das letzte, scheu gehütete, keusche Geheimnis ihrer Seele! ... Zu einem Kreuze führte es zurück – nur zu einem Kreuz und zu dem heiligen Meister der Menschenseele, der daran hing. Er würde es gar nicht verstehen, dieses Geheimnis, es vielleicht wieder belächeln, im Innersten seines Herzens ihr vielleicht nicht einmal glauben – so ganz anders geartet, wie er war! Und doch fühlte Annemarie, daß ihr nichts übrig blieb als dieser Verrat an ihrem Letzten. Wenn nichts mehr zwischen ihr und dem Gatten sein sollte – auch nicht die leiseste Sehnsucht, der die Gewalt gegeben war, ihre Seele fortzuführen aus seinem Heim. Vielleicht sah er besser, was in ihr vorging, als sie selbst merkte. Denn plötzlich stand er auf, zog sie schmeichelnd erst an sich, dann langsam aber stark auf seinen Schoß nieder, bog ihr Haupt zurück, bettelte sich mit einem Kuß an ihr Ohr: »Sag' mir, was es ist?« Und mit stammelnden Lippen, mit geschlossenen Augen, mit einem Schauer, der ihren ganzen Leib durchrieselte, gab sie ihm das letzte preis, was sie noch verborgen hatte vor ihm. Dann sah sie ihn an mit einem großen, gleichsam wartenden Kinderblick. Aber er sah nicht den Blick, der um Verständnis, um Güte, um Schonung flehte in dieser Stunde. Wie trunken saugte er sich an ihren zuckenden Lippen fest, – riß sie mit sich empor und mit den starken Armen in den schwülen Frieden der Stube zurück, in der sie sein war mit Leib und Seele ... * Wie in einem Meer von Blumen gingen nun die Tage für Annemarie unter. Sie selbst verkroch sich immer tiefer, immer wohliger, immer gedankenloser in der duftenden Stille des jungen Nestes. Wie ein schnäbelndes Taubenpaar irrten sie den halben Tag in dem alten, verträumten Garten herum. Der junge Gatte hatte sich für ein ganzes Halbjahr einen Urlaub erwirkt. Erst im Herbst, wenn der Süden noch einmal so warm und goldig schien, wollten sie ihre Hochzeitsreise antreten. Bis dahin blühte der dämmrige Garten über ihr Glück hinweg, sangen die Vögel der Heimat in ihr Geplauder, lachten sie von Tag zu Tag herzlicher über die Studien, die sie für die Fahrt in das gelobte Land der Kunst betrieben, ohne jemals vom Fleck zu kommen. Und bald schien es Annemarie, als könne es auch dort nicht schöner sein. Ein tiefer Sommerfriede spann sich um das einsame Haus am Ende des ländlichen Vorortes. Ein Friede, der wie verzaubert war. Als hielten die uralten Linden- und Ulmenwipfel schon von ferne alles ab, was an das laute Leben der Stadt da weit draußen erinnerte. Nicht einmal der Schein ihres abendlichen Lichterkranzes leuchtete vom Horizont herüber. So dicht und schwer hing überall das Grün an Fenster und Türen. Nur das Gepolter der Bauernwagen, die früh zu Markte fuhren, hörte man. Die Ausflügler fanden sich selten herüber. Abseits und still, wie es seit fast zwei Jahrhunderten hier gestanden, schien das alte Haus noch immer von dem süßen Dämmer der Tage zu träumen, zwischen denen das Leben so schlicht, so treuherzig und innig seinen Weg gegangen war. Wie ein frommes Bürgerkind mit leise lächelnden Lippen, verwunderten Blauaugen und zierlich trippelnden Kreuzbandschuhen ... Annemaries Hausrat war prächtig und gediegen, und das feine Verständnis Wilhelms hatte dafür gesorgt, daß er sich so weit als möglich dem wohnlichen Behagen der alten Räume anpasse. Er hatte den Besitz in Bausch und Bogen erstanden und manches alte, wertvolle Stück miterworben. Zierliche Büsten und Figürchen und Bilder, die nun mit großen, verwunderten Augen in die neue Welt hineinsahen und mit einem seltsam wissenden Lächeln, das oft einen leisen Schauer in Annemaries Seele weckte. »Was die wohl alles geseh'n haben mögen!« sagte sie einmal bei Tisch. »Und was sie erzählen würden, wenn sie reden könnten.« »Immer wieder dasselbe,« hatte Wilhelm mit seiner kühlen Forscherruhe geantwortet. »Was alles sich auch um uns ändert – das Leben der einzelnen geht immer den gleichen Weg. Nur die Art, wie wir es genießen oder erdulden, ist verschieden, die Etappen sind dieselben.« »Glaubst du?« fragte Annemarie mit erschrockenen Augen. Und mit einem scheuen Blick nach dem Bild ihres Vaters fügte sie hinzu. »Das zu denken wäre mir entsetzlich!« Der junge Gatte war gerade daran, ein Hühnchen zu zerlegen. Er hatte nicht aufgeblickt. So war ihm Annemaries Ausdruck entgangen. Und wie um eine flüchtige Beunruhigung zu verscheuchen, sprach er lächelnd: »Aber das hat noch keinen angefochten. Weil jeder für sich das Leben aufs neue zu entdecken glaubt. Und sich die Gewißheit seiner Wandelbarkeit so wenig zu Herzen nimmt wie den Gedanken an den Tod. Es sind einfach Tatsachen, die gerade dadurch, daß sie als Gewißheit im menschlichen Bewußtsein verankert sind, merkwürdig viel von ihrem Schreck verlieren.« »Aber wir, Wilhelm, wir!« hatte Annemarie plötzlich aufgeschrien. Und dann waren ihr die Tränen über die Wangen gestürzt, große, dicke Tränen, wie sie verängstigte Kinder weinen, wenn es plötzlich dunkel und still wird um sie. Damals hatte er sie auf den Schoß gezogen und unter tröstenden Küssen an ihren Ohren vorbeigelacht: »Behüte! Wir werden natürlich immer dieselben bleiben! Gleich jung, gleich vergnügt und verliebt und natürlich unsterblich.« Und dann waren sie wieder die alten Kinder, die in dem blühenden Garten Haschen spielten und sich müde tollten oder Gott und die Welt und sich selbst vergaßen in der Glut einer einzigen Umarmung. Bijutti, das weiße Zwerghündchen, lag immer irgendwo in der Nähe und sah mit den großen Kugelaugen besorgt und vorwurfsvoll auf die schöne Herrin, die nur noch gute Bissen hatte für ihren Hund und keine zuckernen Worte mehr dazu, wie einst. Frau Krüger vermied es noch immer, das junge Glück ihrer Tochter zu stören. Auch keine Freundin ließ sich sehen. Zuweilen schien es Annemarie, als ob etwas im Tiefsten ihrer Seele doch nach dem jüngsten Bruder verlange. Wenigstens für eine Stunde; um ihn zum Zeugen ihres Glückes zu machen. Aber er kam nicht, und Wilhelm liebte es nicht, wenn Annemarie von ihm zu reden begann. So glitten die Tage weiter und kaum merklich in den Herbst hinein. Aber es war ein Herbst, der die ganze Schwüle des Sommers behielt und nur mit den ihm eigenen Blumen und den etwas kürzeren Tagen an seine Herrschaft erinnerte. Doppelt süß war es nun, im Dämmer der frühen Abende so eng aneinandergeschmiegt im Grünen zu sitzen. Aber sich das leise Rauschen der Wipfel, kein anderer Ton in der tiefen Stille sonst, als das Plätschern der kleinen Fontäne, und da und dort der dumpfe Fall einer reifen Frucht auf den Rasen. Einmal war Annemarie bei solchem Ton erschrocken aus der heißen Umarmung des Gatten aufgefahren und hatte wie erschauernd gesagt: »Möchte man glauben, daß auch dieser Apfel einmal eine der zarten, rosigen Blüten war, die im Frühling wie Schnee niedergleiten, leis, gewichtlos, unhörbar?« Wilhelms brennende Wange lag im Ausschnitt ihrer Bluse. Er schwieg und wühlte sein Haupt noch tiefer in ihre Brust. Sie fühlte mit einem leisen Frösteln, daß nun und nun wieder der Augenblick kommen mußte, daß er sich erheben und sie in das dunkle, weiche Nest heimziehen würde, in dem ihr Glück wohnte. Und da war es, daß Annemarie zum erstenmal von dem Kinde zu sprechen begann. Leis, fromm, wie angeweht von der schauernden Ehrfurcht vor der Gewalt, die Gott der Liebe gegeben. »Und wenn wir eines Tages nicht mehr allein erwachen, Wilhelm?« Er hatte das Haupt erhoben, sie mit trunkenen Blicken in sich gesogen, dabei mühsam aufgehorcht, als müsse er sich erst besinnen, was sie da sprach. Dann hatte er fast angewidert das Haupt geschüttelt. »Ich will so lang wie möglich die Geliebte haben. Wie du da bist – jetzt ... immer!« * Die alte Renate schlich wie ein Schatten durchs Haus. Wäre der Tisch nicht immer reich bestellt gewesen, Küche und Speisekammer wohl versorgt – das junge Paar hätte wohl glauben können, ganz allein zu sein in dem weiten, stillen, kühlen Haus. Annemarie hatte in einem Anfall jungfraulicher Sparsamkeit erklärt, daß eine zweite Magd erst nach der Rückkehr von Italien notwendig sein werde. Unterdes besorgte eine Bedienerin die gröberen Arbeiten. In der Küche und den Stuben wirtschaftete still und geräuschlos wie bisher die taube Renate herum. Einige Male hatte Annemarie es versucht, auf dem Wege weiblicher Redseligkeit der wunderlichen Hausgenossin näher zu kommen. Sie gab es bald wieder auf. Die Alte wußte sehr gut, daß die Taubheit nicht bloß ein Mangel war, sondern sich je nach Laune und Willkür zuweilen auch als eine Art Waffe gebrauchen ließ. Was sie wollte, verstand sie. Wenn es ihr aber einmal gefiel, ihrem eigenen Willen nachzuhandeln, der im Haus des jungen Gelehrten solange allein maßgebend gewesen, dann war es umsonst, auch nur ein Wort an sie zu richten. Sie wollte eben nicht hören oder tat genau das Gegenteil von dem, was Annemarie ihr anbefohlen, dabei war es ganz unmöglich, ihr diese versteckte Böswilligkeit auch nachzuweisen. Denn Renate lächelte immer, sooft man sie ansah. Ein unsäglich ergebenes, widerlich süßes Altweiberlächeln, das immer freundlicher und botmäßiger zu werden schien, je heller der Zorn der jungen Herrin aufloderte. Aber zuletzt tat sie doch, was ihr gefiel. Wohl sagte sich Annemarie selbst zuweilen, daß ihr in vielen häuslichen Angelegenheiten noch jede Erfahrung mangle. Weil sie aber von Kindheit an gewöhnt war, jeden ihrer Befehle stets in der Art einer höflichen Bitte an die Untergebenen zu richten, empfand sie das hämisch-verstockte Wesen der Alten doppelt bitter. Sie selbst hatte es ihr gegenüber bisher noch in keiner Weise versehen. In den ersten Wochen ihrer Ehe schien Wilhelm diese kleinen Scharmützel nicht zu bemerken. Er kannte Renatens Art eben schon länger und hatte sich mit dem Humor des Junggesellen wahrscheinlich schon früh darüber hinweggesetzt. Immerhin wartete Annemarie mit der ihr eigenen, unbestechlichen Beobachtungsgabe auf ein ähnliches Geplänkel zwischen Wilhelm und dem widerspenstigen Hausgeist. Bald genug jedoch bemerkte sie, daß Wilhelms Befehle immer verstanden und auf das trefflichste vollzogen wurden. Nur ihr, ihr allein galt also dieser unnahbare taube Widerstand. Gleich in den ersten Tagen der Verlobung hatte Wilhelm ihr einmal erzählt, daß es nicht zuletzt die Angst vor all den legitimen häuslichen Ungewittern gewesen, die ihn solange als Junggesellen in seiner gelehrten Klause festgehalten. Und Annemarie hatte sich, der Szenen zwischen den eigenen Eltern gedenkend, heimlich gelobt, den Frieden ihres jungen Heims vor jedem banalen Auftritt zu bewahren. Und weil der Geliebte ihr die Tüchtigkeit und Schulung Renatens immer wieder gerühmt, hatte Annemarie selbst sich geneigt erklärt, die Taube weiterzubehalten. Sie kannte alle Gewohnheiten Wilhelms, war gut, tüchtig, redlich und gewiß auch friedliebend, wenn der Geliebte so lange mit ihr gehaust. Da konnte es nicht fehlen. Nun sah Annemarie zu spät, daß das vage Mißtrauen, dem sie zuerst auf ihrer hochzeitlichen Fahrt nach dem jungen Heim einen vorsichtigen Ausdruck geliehen hatte, voll und ganz berechtigt gewesen. Trotzdem wollte sie nicht sofort als Anklägerin auftreten. Wilhelm selbst sollte langsam auf das ungebührliche Benehmen der Alten kommen und das erste Wort des Tadels sprechen. Wenn er sie streng und ein für allemal an diejenige wies, die hier allein die Herrscherin war, mußte jeder Widerstand aufhören. Und durch Güte und gleichmäßige Freundlichkeit war dann vielleicht auch an das Herz der Alten heranzukommen. Darum wollte Annemarie so leis und vorsichtig wie möglich beginnen. Die Gelegenheit ergab sich von selbst. Es war bei Tisch, an einem verregneten Sonntag, der trüb und doppelt grau durch das hangende Grün der Bäume in die Stuben hineinsah. Wilhelm hatte mit kaum erhobener Stimme noch einmal nach derselben Platte verlangt und Renate die blaugeblümelte Alt-Wiener Schüssel sofort wieder vor ihm niedergestellt. In Annemarie regte sich ein plötzlicher Unwille. Denn eine halbe Stunde vorher hatte sie der wunderlichen Alten einen Befehl erteilt, den diese wieder durchaus nicht zu verstehen schien, so laut, ja überlaut auch Annemarie die Stimme erhob. Das schien ihr nun einer Bemerkung wert. »Wie merkwürdig rasch doch unsere Renate dich versteht,« sprach sie mit einem bezeichnenden Lächeln, »während es mir oft ganz unmöglich ist, mich verständlich zu machen!« Annemarie sagte es im gewöhnlichen Redeton – nicht lauter, nicht leiser – nach ihrer bisherigen Erfahrung aber ganz gewiß unhörbar für Renate. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie gewahrte, daß die Alte, die noch immer mit der Schüssel vor Wilhelm stand, plötzlich bis an die weißen Schläfenhaare zu erröten begann und dabei die Augen mit sichtlich gemachter Unbefangenheit nach dem Fenster wandern ließ, an das noch immer der herbstliche Regen schlug und die vom Septemberwind melancholisch hin und her bewegten Ranken der Klematis ... Wilhelm hatte endlich sein Lieblingsstück herausgefunden, und während die Taube sich wie aufatmend dem Büfett zukehrte, sprach er mit gelehrter Wichtigkeit: »Das hat einen ganz natürlichen Grund, wie alles in dieser natürlichsten aller Welten. Renate hat eben die Aufmerksamkeit ihres Gehörnerves so lange auf meine Stimme und ihre Augen so lange auf meine Lippen eingestellt, daß sie mich jetzt ohne Mühe versteht. Dieses Verständnis ist also durchaus nicht wunderbar. Es ist bloß eine Folge der Anpassung.« »Nun muß ich mir aber doch merken, in welcher Höhe du sprichst, und wie du lautierst,« sagte Annemarie mit einem lächelnden Blick nach der eben hinauseilenden Alten. »Damit sie auch mich endlich verstehen lerne. Sie tut mir immer leid, wenn sie so mangelhaft vor mir steht.« Renate war noch unter der Türe, als Annemarie dies sagte, und glitt so lautlos und schattenhaft wie gewöhnlich aus der Stube. Im nächsten Augenblick aber hörte Annemarie, daß Bijutti draußen laut aufheulte, wie von einem rohen und heimlichen Tritt mißhandelt. Seither wußte sie, daß Renate, wenn es darauf ankam, auch ohne Anpassung hörte. * Die wilden Reben hingen in purpurnen Girlanden um die Fenster des alten Hauses, als Annemarie ihren ersten Besuch erhielt. Es war – Mela ... »Gerade sie!« dachte die junge Frau, und ein fast widerliches Gefühl überkroch sie. Gewiß, wenn eine ihrer Freundinnen, mußte Mela neugierig sein, wie es »ausgefallen« war. Sie, deren Glück so bald in Scherben gegangen. Die nun »von einem Arm in den anderen fiel«, wie man sich zuzischelte, und ihr trauriges Wissen mit einem frivolen Lachen vor sich hertrug. »Zuletzt geht es ja allen so. Nicht einer bleibt das erspart! Und die so tun, lügen!« Aus ihrem eigenen Mund hatte es Annemarie gehört. Nun, sie wollte ihr zeigen, daß über ihrem Glück noch immer die Sonne des ersten Tages stand. Daß die Treulosigkeit auch nicht mit einem Gedanken jemals über diese Schwelle finden würde. Daß echte, reine Liebe eine Kraft in sich trug, die die Seelen noch unlöslicher verband als die Leiber. Sie wollte nicht nur, sie mußte es ihr zeigen! Um vielleicht wenigstens einen Strahl der Erkenntnis in diese arme, entwürdigte Seele leuchten zu lassen. Ein fernes Ahnen von der Hoheit der Güter, die niemand ungestraft von sich wirft ... »Und doch schau' ich zugleich in den Spiegel, ob ich einen guten Tag habe!« dachte Annemarie mit einem leisen Seufzer, als Renate die Türe öffnete, um den Besuch eintreten zu lassen. Sie wußte, daß Wilhelm im Garten war und jeden Augenblick wieder zurück sein konnte. Also war es doch wieder die alte Eifersucht, die noch immer neben ihr herging! Nach all den Wochen süßester Genugtuung sich wieder mit einem leisen Schlangenbiß meldete. »Davon sollt' ich – wenigstens jetzt – meine Seele noch freihalten,« sagte sich Annemarie mit einem Gefühl vager Selbstverachtung. »Wenn Wilhelm es wüßte ...« Sie hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken. Schon schlug ihr Melas prickelndes Lachen ins Gesicht. »Du bist allein? Da brauch' ich mir also keinen Vorwurf zu machen.« »Mein Mann ist im Garten,« erwiderte Annemarie nach einem flüchtigen Händedruck. »Aber er wird sich mit mir freuen, dich zu sehen.« Mela warf mit einer graziösen Bewegung den blonden Zobelkragen zurück. Es war eine ihrer Finessen, immer so früh als möglich im Jahr ihre kostbaren Felle zur Schau zu tragen. Draußen stach noch die Sonne um diese Stunde, und sie selbst trug eine durchscheinende Bluse unter dem Zobelkragen. Aber sie wußte wohl, warum sie diese weichen, seidigen Raubtierfelle so gerne um den schmiegsamen Leib legte. Wie ihr bronzefarbenes Antlitz mit dem überschlanken Hals, dem tierisch zugespitzten Kinn und den kleinen, funkelnden Augen da aus dem samtenen Fell hervorwuchs, glich es selbst einem feinen Marderkopf, der mit glinsernden Blicken nach einer Beute sieht. Der heiße Atem eines japanischen Parfüms schlug wie eine heimliche Flamme aus dem seidenen Geriesel ihres Kleides empor. Die reichberingten Finger lagen bleich, schmal und lang über den abgestreiften Handschuhen. Ein herrlicher Smaragd stach mit grünem Gefunkel aus der raffinierten Fassung. »Wie das Auge einer Schlange,« dachte Annemarie, noch immer von dem gleichen Unbehagen durchfröstelt. Laut aber sagte sie: »Du siehst prächtig aus, Mela! Wo war't ihr über Sommer?« »Natürlich nicht beisammen,« kam es mit einem fast wohligen Gekicher zurück. »Mein Mann hat auch im Sommer seine großen Abschlüsse, wie du weißt. Da läßt er die Fabriken nicht gerne allein. Und ich – ach! In der ganzen Welt war ich natürlich wieder! Ein bißchen Schweiz ... Paris,« sie sog leise die Unterlippe ein – »zuletzt Trouville. Schön war's!« Sie atmete tief auf. Ihre volle Büste dehnte sich, daß die blaßrote Seide darüber leise knisterte. Die kleine, spitze Zunge strich noch immer zwischen den Lippen herum. »Daß dir dieses Alleinsein nicht zuwider wird?« tat Annemarie ahnungslos. Mela bog sich zurück und lachte: kurz, überlegen. »Auf einer Reise? Da ist man doch nie allein.« Es war wie ein halbes Geständnis. Aber Annemarie hatte sich vorgenommen, um keinen Preis mehr zu verstehen. »Nun ja,« sprach sie mit einem gleichsam fliehenden Blick. »Aber schließlich sind es nur fremde Leute.« »Mit denen spricht man sich doch immer am besten,« gab Mela mit einem belustigten Gezwinker zurück. »Du natürlich kannst das jetzt nicht begreifen. Solang eine Liebe noch in den Babyschuhen steckt ...« Und wieder bog sie den Hals zurück, lachte auf. »Es ist eine Bewegung, die sie vor dem Spiegel ausstudiert hat,« dachte Annemarie. Melas Hals war von vollendeter Schönheit, und wenn sie das schmale Kinn so lachend emporhob, gab es eine Linie, die einen ganz merkwürdigen Reiz hatte. Der etwas große Mund mit seinen vollen, brennenden Lippen aber war dann wohl imstande, eine heiße und flüchtige Gier zu wecken. Seine Küsse mußten wild und saugend sein, wie der Biß eines hungrigen Tieres ... »Aber ich hab' noch gar nicht gefragt, wie es euch geht?« lenkte Mela ein. »Natürlich gut. Für Abschluß der Außenwelt habt ihr wenigstens gründlich gesorgt.« Sie beugte sich etwas vor, ließ den Blick durch die weitgeöffneten Flügeltüren von Raum zu Raum gehen. Melas Gatte war ja reich. Und ihr selbst, sagte man, flogen nicht bloß die Rosen der Liebe ins Haus. Aber in dem jungen Heim Annemaries, in dem jedes Bild an der Wand, jedes Möbel seinen künstlerischen Wert und Adel hatte und Stoffe, Farben, Holz und Marmor zu einem Ganzen von unsäglicher Harmonie gestimmt waren – in diesem Nest heimlichsten Glückes packte sie wohl noch ein anderes: die gleichsam ins Auge tretende Übereinstimmung der Seelen, die ihrer Liebe dies junge Heim gegründet. Der reine Friede, der mit den aus allen Vasen nickenden Blumen wie ein einziger Duft die lauschige Stille der Gemächer füllte. Die überall wiederkehrenden Zeichen unzertrennlichen Beisammenseins – ob es nun da zwei eng aneinandergerückte Stühle waren, oder dort das feine Spitzentaschentuch Annemaries neben einem noch offenen Buch, in dem der junge Gelehrte gelesen. Wie eine Offenbarung mußte es für die Unselige sein, die so bald und so leicht das eigene Glück entwürdigt hatte und nun, zwischen heimlicher Sünde und lärmender Betäubung hin- und herirrend, gerade im Frieden des Hauses keine Ruhe mehr fand. »Schön habt ihr's, ja!« sprach Mela wie mit leise stockendem Atem. »Da läßt sich's wohl träumen und – lieben.« Und nicht nur ihr Mund bekannte es – auch ihr Blick glitt zum ersten Male wie unsicher an Annemarie vorüber, mit einem Lächeln, in dessen vager Verlegenheit sich auch ein leiser Neid zu verkriechen schien ... »Du Arme!« dachte Annemarie, und wie erlöst erhob sie sich, als sie durch das offene Fenster den geliebten Mann langsam die Stufen der Terrasse emporsteigen sah. * »Unser erster Besuch, Wilhelm!« Der junge Gatte machte eine tadellose Verbeugung. Mela war zuerst aufgesprungen, aber dann wie eine Katze auf ihren Sitz zurückgeglitten. Nun reichte sie ihm die Hand, über die der kostbare Smaragd sein fahles Grün hinleuchten ließ, und Wilhelm markierte einen flüchtigen Nasenkuß. »Sehr liebenswürdig, daß Gnädige sich unser erinnern ...« »Eigentlich hab' ich wohl nur an Annemarie gedacht,« gab Mela mit einer koketten Wendung zurück. » Wir zwei haben ja immer nur gestritten!« Auch das war ihr eigen, sich in jedem Gespräch mit einem Manne sofort auf einen scheinbaren Kriegsfuß zu stellen. »Um so bald wie möglich den gewissen Frieden schließen zu können!« wie die böse Welt ihr nachsagte. Bei Wilhelm allerdings hatte diese Art nie verfangen. »Zum Streiten ist sie mir doch zu dumm!« hatte er einmal mit der ehrlichen Gründlichkeit des Gelehrten bekannt. Nun lächelte er, artig und doch wie einer, der um keinen Preis mißverstanden werden möchte: »Wirklich? Das hab' ich aber total vergessen!« »Wir können ja wieder anfangen,« neckte Mela. »Aber es würde nicht mehr so unterhaltend sein,« lächelte Wilhelm. »Sind Sie aber unartig geworden,« tat Mela gekränkt. Doch ebenso unvermittelt lachte sie auf: »Das wird man immer nur in einer glücklichen Ehe! Na, Kinder, ich gönn's euch. Bleibt nur immer so recht beisammen, in all dem Behagen eines wolkenlosen Glückes. Ein gesunder Schlaf und eine vortreffliche Verdauung sind dabei garantiert. Und eigentlich braucht man nicht mehr.« Es war der Gegenstich. Annemarie fühlte es. Aber sie lächelte bloß. So leid tat ihr die Freundin gerade in diesem Augenblick, in dem sie mit leisem Hohn einbekannte, wie weh ihr das Glück einer anderen tat. Da war es nicht schwer, großmütig zu bleiben. Eine kleine Pause entstand. Der blasse Glanz der Herbstsonne lag in zitternden Kringeln auf den bunten Ornamenten des weichen Teppichs, in dem Melas zierliche Fußspitze wie nervös hin und her stocherte. Von dem Gepolter eines Bauernwagens, der draußen vorüberrumpelte, klangen leis und gleichsam besorgt die zitternden Behänge des kostbaren Venezianerlüsters, der, in allen Farben leuchtend, gerade über dem Sessel hing, in dem sich Melas schöner Leib zurechtgerekelt hatte. Wie ein heimliches Gelispel guter Hausgeister klang es, die jeden fremden Ton als eine Vergewaltigung des Friedens empfinden, den sie zu hüten haben. Annemarie wenigstens empfand es so. Und vielleicht schlich auch über Melas Seele ein ähnliches Ahnen, als sie sich plötzlich förmlich steif erhob und mit einem fast feindseligen Lachen das tiefe Schweigen aufs neue erklingen machte. »Schön habt ihr's ja ... wirklich schön! Nur ich – verzeih' mir's, aber ich glaube, ich würde mit der Zeit krank an all diesem toten Frieden.« »Du lebst eben dein Leben!« gab Annemarie zurück. Es klang gereizt, und sie bedauerte es sofort. Denn Melas Neigungen waren immer an des Messers Schneide gehangen. Die kleinste Verletzung konnte sie nachtragen; jahrelang geduldig und immer unter der Maske desselben Lächelns auf die Stunde warten, die ihr die heimlich ersehnte Genugtuung brachte. Schon als Kind war sie so gewesen. Immer das gleich schmiegsame, gleich rachelustige Kätzchen. Und seither hatte sie sich recht artig ausgewachsen. Darum wußte Annemarie, daß sie auch ihr dieses rasch entfahrene Wort niemals vergessen würde. Flog der Pfeil schon jetzt zurück? Durch die Augen, die Annemarie scheinbar so freundlich zulächelten, blitzte es wie der grünliche Schein des Smaragds, der an ihrer Hand glimmte. Die geschmeidigen Glieder des schlanken Leibes dehnten sich in weichen, gleichsam welligen Linien, die etwas von der Anmut einer sich langsam entringelnden Schlange hatten. Weit und wie lechzend öffneten sich die vollen Lippen. »Ja, du hast recht, Kleine! Ich lebe mein Leben. Und es war eben immer ein so ganz anderes!« Rachsüchtig klang das noch nicht. Und wie sie Wort um Wort gleichsam nachgenießend so vor sich hinlachte, war sie vielleicht wirklich nur in den Erinnerungen versunken, die sie ihr Leben nannte. Und doch schien es Annemarie, als hätte zum zweitenmal ein böser Geist in den Frieden ihres Heims hineingelacht. Ganz leise und kaum hörbar. Aber eben darum um so bedrohlicher ... Von einer jähen Beklommenheit erfaßt, sah Annemarie nach dem Gatten hinüber. Als müsse seine aufrechte Männlichkeit auch diesmal das rechte Wort finden für die Schlange, die zum erstenmal in ihr Glück hinein zischelte. Und da ertappte sie ihn bei einem Blick ... Gewiß lag auch Verachtung darin und das ganze Wissen des Mannes von dem Weibe, das sich selbst verloren hat. Aber wie seine Augen, gleichsam verschleiert, über den schönen Leib der lachenden Sünderin hinirrten, schien auch in seinem Blick ein Erinnern aufzuzüngeln – scheu und heiß, wie eine verhaltene Flamme ... * »Du bist heute so still,« sagte Wilhelm, als sie am Abend dieses Tages durch den dämmernden Garten schlenderten. »Ja,« sprach Annemarie, mit einem leisen Nicken. »Und ich dachte, du wüßtest auch, warum?« »Warum?« Es kam so hastig zurück, fast wie erwartet, und klang schon jetzt wie eine halbe Abwehr. »Nein,« und er lachte auf. »Für solche Schachprobleme der weiblichen Seele hab' ich nie ein Talent gehabt.« Und wieder lachte er. Aber es war ein Lachen, das Annemarie schon lange an ihm kannte. Das Lachen, mit dem er jede nähere Aussprache von sich schob, wenn er fühlte, daß sie eine für ihn peinliche Wendung nehmen konnte. Das Lachen, mit dem er mancher besorgten Frage ihrer Mutter im vorhinein die Spitze genommen hatte. Das Lachen – ja, nun entsann sie sich ... dasselbe Lachen, mit dem er ihre bräutliche Eifersucht auf seine Vergangenheit abgelenkt, das er gelacht hatte, als sie nach dem Hochzeitsmahl in das junge Heim fuhren und Annemarie auf die Gewohnheiten zu sprechen gekommen war, die die alte Renate ihm abgeguckt. Was brauchte sie noch? Er wußte recht gut, was sie meinte. Und wenn er vielleicht auch bloß um des lieben Friedens willen daran vorübergehen wollte – sein Blick hatte ihn verraten. Der halb versteckte, halb begehrliche Blick, der wie genießend über Melas Leib geglitten war. Mochte er nur weiter schweigen und weiter arglos tun. Sie wußte nun, daß er auch lügen konnte. Unter Lachen und Scherzen lügen. Und ihr war, als müsse sie weinen, laut, heiß, aus innerster Seele heraus. Sie machte ein paar hastige Schritte und ließ sich dann auf einer Bank nieder. Rasch und wie besorgt setzte er sich an ihre Seite. »Was hast du nur, Mie?« Und seine Hände ergriffen die ihren, suchten unter dem weiten Spitzenärmel nach dem Grübchen in ihrem Ellbogengelenk, das er so oft hier geküßt hatte – mit heißen, zuckenden Lippen den Schlag der Pulse suchend, die er entflammt. Fast heftig zog Annemarie den Arm zurück. Nur jetzt keinen Kuß! Nur heute nicht die Erinnerung durch eine Komödie entweihen. In dem Unausgesprochenen, Uneingestandenen lag's, das sich wie ein Gift immer tiefer in ihre schweigende Seele fraß. »Wir haben uns einmal gelobt, keine Geheimnisse voreinander zu haben!« sprach er leise in den Abend hinein. Annemarie zuckte zusammen und sah empor. Tat sie ihm doch vielleicht unrecht? Von der Art, in der sie jenes Lachen deutete, bis zu dem Blick, den sie für einen halben Verrat gehalten? Diesmal hatte seine Stimme so fest, so ehrlich, so lauter geklungen. Der volle Ton war darin gewesen, mit dem er sonst als Mann und Gelehrter von seinen Überzeugungen sprach und sie verteidigte. »Daß ich kein Geheimnis vor dir hab', weiß ich,« sprach sie wie einlenkend. »Auch nicht im Innersten meines Innern.« Er griff wieder nach ihrem Arm, umfing sie mit einem Blick voll zärtlicher Genugtuung. »Und ich hab' immer nur noch das eine: dich! Und es macht mir nachgerade genug zu schaffen.« Die Hand, die ihren Arm hielt, war heiß. In dem Blick, der über sie hinglitt, lag etwas Verschleiertes, wie die Dämmerung, die sie umspann ... »Wenn seine Seele jetzt nur mit einem Gedanken bei der anderen ist, während seine Hand nach mir greift!« dachte Annemarie erbebend – »Bloß weil ich nahe bin ...« Sie war lange, zu innig fromm gewesen, um nicht auf ihre Weise auch nach dieser Richtung hin wissend zu werden. Gewohnt, die Schleichwege des Bösen mit jeder Gewissenserforschung bis ins Innerste zu verfolgen, war ihr auch die ganze Hölle der Gedankensünden bekannt. Nicht in einem war sie je gefallen. Aber es hatte sie doch zuweilen einen kleinen Kampf, zum mindesten eine erhöhte Wachsamkeit gekostet, im geselligen Verkehr nicht an dem oder jenem Mann ein flüchtiges Wohlgefallen zu finden, von dem sie wußte, daß er ein Weib hatte. Wie oft hatte Wilhelm gelächelt, wenn sie ihm in übertriebener Wahrheitsliebe auch diese kleinen Abgründe gezeigt, an die selbst ihre schuldlose Seele zuweilen ganz arglos geraten war. Es eine »törichte Selbstquälerei« genannt, ein »hysterisches Versteckspiel mit der Gesundheit der Sinne«. Im glücklichen Vollbesitz seiner Liebe war es ihr zuletzt selbst so erschienen. Nun sie an dem Gatten zum erstenmal zweifelte, fiel von dem, was er damals gesagt, auch ein merkwürdiger Schein auf ihn selbst zurück. Sein Unglaube gestattete ihm auch ein robusteres Seelenleben! Ein unbefangenes Sichhingeben an Eindrücke, die für ihre Reinheit schon alle Merkmale der Sünde trugen. Mit tiefem Schreck empfand es Annemarie. Wie aber hatte ihr Erlöser gesagt? »... Wer eines anderen Weib nur ansieht, ihrer zu begehren, der hat mit ihr die Ehe gebrochen ...« Und wie sie dasaß, im gequälten Herzen eine Hölle von Zweifeln, erkannte sie wohl, daß auch aus diesen Worten Christi das ganze Licht einer göttlichen Wahrheit strahlte. Und wieder zog sie ihren Arm aus der Hand, die so glühte. Wie in Todesangst flüchtete ihr Blick vor dem seinen. »Es ist zum ersten Male, daß du mich absichtlich quälst, Annemarie,« sprach der Gatte tonlos in ihr Schweigen hinein. »Mir zeigst, daß ich dir auch lästig werden kann. Ich weiß zwar nicht, inwiefern ich das verdient hab' um dich. Aber wenn du vielleicht das Bedürfnis hast, heute ganz allein zu sein ... dieses ritterliche Verstehen muß auch der zärtlichste Gatte haben ...« Er erhob sich, griff nach seinem Hut. Mit einem wehen Aufschrei warf sie sich an seine Brust. »Nicht Wilhelm, nicht ... es war nur – es ist –« Ja, was war es, was da zum ersten Male an ihre Seele angeschlichen kam – ganz leise, ganz heimlich wie eine Schlange und nun ebenso heimlich und unfaßbar wieder entglitt? Wie ein Kind weinte sie sich an der Brust des starken Mannes aus und lächelte zuletzt wie ein Kind wieder zu ihm empor, der mit keinem Wort mehr nach dem frug, was sie einen ganzen, dunklen Augenblick lang von ihm entfernt hatte. Nur leis mit seinen heißen Lippen über ihr Ohr hinkoste, ihren Hals, bis zu dem Grübchen, in das er sich oft wie zum Scherz verbiß: »Nun, Taube, nun ... soll ich jetzt dein Blut austrinken?« »Und wenn es mein Herzblut wäre, Adler,« lächelte das junge Weib mit erlöschender Stimme zurück. Als er sie aber mehr heimtrug als führte, barg Annemarie doch in beklommener Angst das Haupt an seiner Brust. Um nicht das seltsame Geraschel zu hören, mit dem der Abendwind durch die ersten welken Blätter glitt. Vielleicht schlich sie doch dort weg, – die Schlange, die sich auch in ihr Paradies gefunden hatte. * Mit etwas verstörten Mienen saßen sich beide am nächsten Morgen gegenüber. Wie es kam, daß selbst Annemarie bei der Erinnerung an diese Nacht ein leises Schuldgefühl nicht los wurde? Weil sie die beschämende Empfindung hatte, in ihrer Hingabe zum erstenmal eine andere gewesen zu sein als sonst. Geweckt von Küssen, wie sie sie noch nie empfangen, von der Glut eines Begehrens, der sie die letzte noch mädchenhafte Scheu geopfert. Oder war es bloß die Scheu der »getauften Sinne« gewesen, wie ihr Gatte einmal halb bedauernd, halb höhnisch gesagt hatte? In der Angst, noch eine andere Schlange in der eigenen Seele zu entdecken, schrak sie vor weiterem Nachdenken zurück. Aber sie fühlte den Schlangenbiß in dieser Seele, das bohrende Schamgefühl einer geheimnisvollen Erniederung. Und warum konnte auch er ihr nicht in die Augen schauen? Mit einem scheuen Lächeln hatte sich Wilhelm an dem Frühstückstisch ihr gegenübergesetzt, verlegen, bedrückt. Und wenn sein Blick sich von Zeit zu Zeit zu ihr hinüberstahl, glaubte sie zuweilen etwas wie eine demütige Abbitte darin zu lesen. Aber ihr Schreck wurde nur tiefer daran. Denn diese Blicke kamen wie eine Antwort, die sie sich selbst nicht zu geben wagte. Während er über seine Zeitung gebeugt sitzen blieb, begann Annemarie mechanisch nach den Blumen zu schauen, die ringsum in Fenstern und Erkern blühten. Die kleine Nickelbrause in der Hand, schritt sie von Zimmer zu Zimmer. Und die langsam wiederkehrende Freude an der Schönheit des eigenen Heimes, die herbe Frische des Septembermorgens, die zu allen Stubenfenstern hereinquoll und den alten Garten draußen wie in eine einzige Goldflut tauchte, begannen langsam die schwüle Beklommenheit zu bekämpfen, die noch auf ihr lag. Daß sie sich nach einem flüchtigen Blick in den kostbaren Venezianerspiegel wieder der eigenen, erlesenen Schönheit zu freuen begann, der großen tiefdunklen Augen, denen die Müdigkeit einer süßen Nacht heute fast etwas Aphrodisisches lieh, der matten Blässe ihres schmalen Antlitzes, aus der die brennenden Lippen wie eine purpurne Knospe hervorblühten, der zarten, noch jungfräulichen Büste, über die der weiche Seidenfluß des weißen Morgenkleides eine entzückende Linie zog. Ja, sie war schön, war begehrt, war vor Gott und den Menschen dieses einen Mannes angetrautes Weib – und sie liebte, liebte, liebte! Wie recht hatte Wilhelm, sie eine Törin zu nennen, die sich selbst quälte! Wie ein jäher Blitzstrahl der Freude schlug das in ihre Seele und nahm auch das letzte Schuldgefühl von ihr; daß sie in hellem Übermut plötzlich ihre Brause über einen einzigen Gladiolenstock ausgoß und dann wie ein Vögelchen durch all die Stuben zurückflog, mitten hinein in des Gatten Arme. »Du, du, du!« Er nahm sie auf den Schoß, bog ihr Haupt zurück. »Willst du endlich beichten?« Sie schloß die Augen, nickte! »Also – was war es?« »Nimm mir's vom Mund!« neckte sie. Seine Lippen legten sich auf die ihren. »Nun?« »Mela!« hauchte es ihm fast unhörbar entgegen. Gleich darauf schlug sie die Augen auf. Aber sie sah nur noch ein überlegenes Manneslächeln, nicht mehr den blitzartigen Schein, der sich aus dem Blau der weiten Pupille in das Innerste einer Seele zu flüchten schien. »Daß ich mir's gedacht habe!« lachte er nunmehr laut auf. »Also noch immer diese Eifersucht! Nur möcht' ich mir nächstens ein anderes Objekt ausbitten, meine Gnädige!« »Sie hat Eindruck auf dich gemacht, ich hab' es bemerkt.« »Das auch? Nun, ich muß sagen, dann hast du mehr gesehen als ich.« »Es war nur ein Blick, aber ich hab's gesehen.« »Der Blick, mit dem wir Männer jede Frau ansehen, die sich so – entkleidet. Man denkt sich sein Teil und hat genug!« »Du, du,« drohte Annemarie an seinem Ohrläppchen zupfend, »war es auch wirklich bloß so?« »Sie ist doch geradezu häßlich!« »Aber ihre Figur?« forschte Annemarie leise weiter. »Diese ›Mardergrazie‹, die ihr immer wieder neue Verehrer zuführt? Und der modernste aller Lyriker hat sie ein Tigerweib genannt –« »Die Katzen waren nie mein Fall.« »Zudem hatte sie gestern einen guten Tag,« gab Annemarie versöhnt zu, »dieser seltsame Ton der Haut und die schillernden Augen –« »Und weil das dir gefällt, glaubst du nun – O Weiber!« Und ein ganzer Schauer von Küssen fiel über sie ... Als Wilhelm einige Augenblicke später nach der Stadt fuhr, um für ihre verspätete Hochzeitsreise nach dem Süden das nötige Geld einzuwechseln, sah ihm die junge Frau von der Treppe mit einem seligen Lächeln nach. Nun sollten sie erst recht beginnen, ihre Flitterwochen! Dort drüben, am blauen Meer, unter den immergrünen Wipfeln der Hesperiden, die Blüten und Früchte trugen, am selben Zweig. * Schon am nächsten Tag begann Annemarie mit dem Packen. Und ihre Mutter, die vorausgesehen hatte, daß ihr Rat und ihre Umsicht in dem zerstreuten Geschnäbel des jungen Heims nun wirklich nötig sein werde, kam zum ersten Male heraus. Annemarie hatte nicht versäumt, die Ihren durch eine ganze Flut von Ansichtskarten über den jeweiligen Stand ihres jungen Glückes zu beruhigen. Ihr gelehrter Gatte war auch ein kundiger Photograph, der diese der Kunst so nahekommende Fertigkeit auf zahlreichen Forschungsreisen schätzen und üben gelernt und es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. So daß alle Gemächer des jungen Heims schon in den ersten Wochen aufgenommen waren und ihre Besitznahme durch die glückstrahlende Hausfrau offenbarten. »Annemarie am Toilettetisch«, kokett und strahlend nach irgendeiner Ecke hinlachend, aus der vermutlich der selige Besitzer ihrer Reize zu ihr herübersah – »Die junge Hausfrau am Frühstückstisch« – »Idyll zwischen Blumen und Büchern« – »Annemarie mit Bijutti«, »Annemarie als Gartenfee«, »Traumstunde«, »Meine schöne Schläferin«, und wie die Bildchen noch alle hießen, die der glücklichen Mutter wie ebenso viele Brieftauben der Liebesgöttin ins Haus geflogen waren. Bis all diese Zeichen weltvergessenen Getändels den nüchternen Sinn Frau Krügers zuletzt doch etwas beunruhigt hatten und sie bewogen, »endlich einmal nach dem Rechten zu seh'n«, wie sie sagte. Schon der erste Blick zeigte ihr, wie notwendig sie war. In einem Morgenkleid von weißer Seide und echten Spitzen stand Annemarie zwischen zwei neuen Koffern und sah ziemlich ratlos bald in die Tiefe, bald nach den mächtigen Stößen ihrer kostbaren Batistwäsche, die, auf Stühlen und Tischen aufgehäuft, wie duftige Wolken um sie lagen. »Um Gottes willen, Annemarie,« rief Frau Krüger – »du wirst doch nicht dein Bestes nach Italien mitnehmen wollen?« Sie hatte sich in ihrem Eifer kaum Zeit genommen die Tochter zu umarmen und einen Kuß auf die blühenden Lippen ihres Kindes zu drücken, aber doch sofort bemerkt, daß Annemarie ganz seltsam blaß war und aus blau umschatteten Augen abgespannt und müde nach ihr hinsah. »Warum nicht, Mama?« fragte die junge Frau mit einem flüchtigen Erröten. »Dort ist's ja noch immer warm genug.« »Aber wie sie dort die Wäsche bloß waschen!« brach Frau Krüger los. »Alles ganz egal. Vom Rinnstein weg. Ich hab' es doch selbst gesehen, wie ich mit deinem Vater dort war. Und die Koffer brechen sie auf, wenn sie nur etwas besseres Zeug drin wittern. Und ich bin noch heut der Meinung, daß sie schon von der Zollwache aus einen Wink bekommen oder irgendein Signalement, wo sich so ein Eingriff lohnt. Du lachst? Na hör' einmal, dazu wären mir all die echten Spitzen und der feine Leinenbatist doch zu kostbar. Das laß daheim, zwischen Lavendel und Veilchen!« Annemarie warf die Lippen auf, wie schmollend. »Glaubst du, Mama?« Und dann, wie mit einem intimen Appell: »Aber es ist doch unsere Hochzeitsreise, Mama!« »Ich hab' dir genug feine Leinwand auch noch mitgegeben,« beharrte Frau Krüger. »Und für die Banditenbräute wär' mir das entschieden leid! Und wenn du so viel auch noch mitnehmen willst – wo bleibt dir denn Raum für warme Sachen und Kleider?« »Das hab' ich mir selbst gedacht,« gab die junge Frau kleinlaut zu. »Also! Laß mich da vorerst Luft machen und dann bring' herbei, was ich dir sage. Du bist doch wohl?« »Gewiß, gewiß,« beeilte sich Annemarie zu sagen. Wie sie aber nun der Mutter den Rücken kehrte und langsam, fast wie tastend nach dem Schlafzimmer zurück schritt, war etwas in ihrem Gang, was Frau Krüger stutzen machte. »Das wär' wie bei mir!« murmelte sie leise, schüttelte aber gleich darauf den Kopf über den eigenen Einfall. »Sie wird schlecht geschlafen haben und müde sein.« Dann nahm sie den Hut ab, legte die Jacke weg. Es konnte beginnen. Vorerst schob sie all den Batist zurück und stieß dabei auf einige Leinenhemden. Sie begann zu zählen. »Ein Dutzend genügt.« »Hemden sind schon da, Annemarie,« rief sie der Tochter nach. »Aber das andere bring! Nachtwäsche, Leibchen und was du etwa in Kartons und Schachteln dazwischen legen willst. Das gibt Halt! Nun?« Sie horchte nach dem Schlafzimmer, bekam aber keine Antwort, weshalb sie annahm, daß Annemarie wahrscheinlich auch ihr Morgenkleid ablegen wolle. »Meinetwegen brauchst du dich nicht noch schöner zu machen,« rief sie hinein. »Im Gegenteil. Leg' dein seidenes Hauskleid ab und nimm irgendeinen Voileschlafrock, möglichst dunkel. Beim Packen wird man immer selbst zerknittert.« Sie begann die Hemden einzupacken. Erst eine Reihe legend, Stück an Stück, dann mit der zweiten beginnend. Annemarie kam noch immer nicht zurück. Aber sie wollte ihr Zeit lassen, und weil sie doch etwas müde war, ließ sie sich einen Augenblick in einen der weichen Stühle fallen und nahm Bijutti auf den Schoß, der traulich wie einst an ihrem Rocksaum herumschnupperte. Ihre Gedanken kamen und gingen. Muttergedanken. Wie schön es ihr Liebling hatte! Wie still und vornehm getönt jeder Raum! All die Blumen an den Fenstern. Und drinnen der Duft des jungen Genists ... Mein Gott, aber war es nicht auch bei ihr so gewesen? Einmal, im Anfang? Sie schüttelte wieder das Haupt, wie von etwas unendlich Fernem, unsäglich Traurigem angeweht. »Gott behüte sie!« Die Pendule im Speisezimmer ging ihren sachten Gang, vor dem offenen Erkerfenster zwitscherten die Spatzen und pickten die Krumen auf, die Annemarie ihnen täglich streute. Draußen lag alles in Glanz und Frieden. Herinnen atmete förmlich hörbar das Glück. Oder war es bloß Bijutti? Wahrhaftig, da lag er in ihrem Schoß und schlief bereits! »Annemarie!« rief Frau Krüger wieder. Keine Antwort. Nun machte sie sich selbst auf. Eilends, das schlummernde Hündchen noch immer auf dem Arm. »Ja, sag' mir nur –« Mehr brachte sie nicht hervor, denn schon sah sie, was es gab: In den Lehnstuhl vor ihrem Toilettetisch zurückgelehnt, lag Annemarie mit geschlossenen Augen, totenblaß. Ein scharfer Geruch machte Frau Krüger niesen. Auf dem silbernen Heidschnuckenfell lag ein offenes Flakon. »Riechsalz und Ohnmacht!« besann sich die erschrockene Mutter. Aber nun wußte sie auch, woran man war. Bijutti lag im nächsten Augenblick neben dem englischen Lavendelsalz und erwachte mit einem drolligen Niesen zu den Füßen seiner Herrin. Frau Krüger aber begann Annemaries Stirne zu betupfen und zu frottieren. Groß und wie verwundert schlug das junge Weib endlich die Augen auf. »Ist dir das heut' zum ersten Male gescheh'n?« begann Frau Krüger ihr mütterliches Examen. Annemarie setzte sich hoch und strich wie sinnend über ihre Stirne hin. »Schon einige Male – seit zwei Wochen.« »Und dein Mann hat das nie beachtet?« Annemarie atmete tief und wie schluckend auf. »Er war zufällig nie dabei. Und ich hab' ihm nichts sagen mögen.« »Erlaub' mir ...?« Ihr Blick irrte nach dem jungen Lager. Annemarie errötete. »Sowie dein Mann kommt, werd' ich mit ihm sprechen ... Und mit dem Packen hat es nun natürlich sein Ende –« ...? Groß und erschrocken starrte sie die junge Frau an. » Mutter ?!« Da glitt Frau Krüger gerührt an der jungen Madonna nieder. Und während sie wie in Ehrfurcht die Arme um den bebenden Leib ihres Kindes legte und dann weich über die blassen Hände hinstrich, sprach sie feierlich leise, wie in einem Gebete: »Ja, Annemarie, so wird bald ein – anderes zu dir selbst sagen!« * Über Annemarie aber kam ein tiefer Schreck, eine beschämte Trauer. Sie gedachte jenes Abends im Garten, wenige Tage nach ihrer Hochzeit, und wie kühl, ja fast abwehrend der junge, Gatte damals eine solche Möglichkeit von sich gewiesen hatte. Nur die Geliebte wollte er so lange wie möglich besitzen, sie immer wieder umwerben und genießen, in der seligen Trunkenheit selbstsüchtiger Leidenschaft. Nun war sie doch Mutter geworden, und etwas in ihr zitterte vor dem ersten Blick, den er über den Leib hingehen lassen würde, der fortan den Gesetzen eines anderen Lebens untertan war. Eines Lebens, das alle Reize dieses Leibes verunstalten, alle Kraft ihrer Jugend rücksichtslos und gierig an sich reißen würde, um ein Wesen aufzubauen, das ihr noch so fremd und gleichgültig war, daß sie im ersten Augenblick der Gewißheit fast einen dumpfen Haß gegen dieses Geschöpf empfand. Das nur immer nehmen und nehmen würde von ihr und sie mondelang verbrauchen und verunstalten. Selbst seine Geburt war eine Bedrohung ihres Lebens, und blieb ihr Leben auch ungefährdet – ihre erste Blüte war dahin, die Blüte, die der Mann am Weibe liebte, weil sie nur für ihn da war, für ihn allein. Unter einem Strom von Tränen kam ihr dies alles zu Bewußtsein, und wie eine Erlösung empfand sie es, daß ihre Mutter dem jungen Vater als erste von dem Glücke Mitteilung machen wollte, das für ihn so gar kein Glück bedeutete, wie sie wußte. Aber die Scheu vor dem gesunden Empfinden ihrer Mutter und vor der heiligen Ergriffenheit, die sie gezeigt, versiegelte ihre Lippen. »Aber sag' es ihm nur recht vorsichtig, Mama,« bat sie. Frau Krüger lachte auf. »Na, erlaub' mir ... Ein Kind, das in Ehren zur Welt kommt. Das ist ja eine Freude !« »Doch, doch,« wich Annemarie aus. »Und ich will mich einstweilen hier auf die Chaiselongue legen. Vielleicht kann ich etwas schlafen.« Es war eine Lüge; zugleich eine Flucht, die ihn zwingen sollte, nach der unerwarteten und unwillkommenen Mitteilung schon etwas vorbereitet das Weib aufzusuchen, das nicht mehr die Geliebte war, sondern die Mutter seines Kindes. Nicht einmal Bijutti durfte bei Annemarie bleiben. So ganz allein wollte sie sein mit dem, was nun durch ihre Seele ging. Und während Frau Krüger, innersten Jubels voll, in den herbstlich bunten Garten hinabstieg, um ja die erste zu sein, die den jungen Vater mit der großen Botschaft begrüßte, lag Annemarie tränenüberströmt auf ihren Kissen und konnte nicht fassen, was über sie gekommen war. Denn nun wurde ja alles, alles so ganz anders; sie wußte es. Wie sehr hatte der Geliebte sich nur auf diese Reise gefreut, auf diesen hochzeitlichen Flug, mitten ins Blaue hinein, an die seligen Gestade Sorrents und Neapels, wo die Rosen und Veilchen aufs neue zu blühen begannen, wenn hier schon alles in Frost und Nebel lag. »Dort liebt man auch ganz anders,« hatte er ihr einmal mit einem dunklen Blick gesagt. »Das wirst auch du dort erlernen. Jeder einzelne Sinn wird dort wieder ein Heide – ein froher, unbekümmerter, göttergleich genießender Heide. Ohne daß man es merkt, und doch wie aus einem innersten Gesetz heraus. Denn alles ist darauf gestimmt. Das Meer, in dem noch die Sirenen zu singen und zu kichern scheinen, die buhlenden Lüfte, die geheimnisvolle Fruchtbarkeit, der heiße Duft der Blumen, die so ganz anderen Linien der Hügel und der Berge. Selbst das Christentum der Italiener ist ein anderes und eigentlich noch immer das mehr oder weniger getaufte Heidentum. Die Sentimentalität, die unserem Katholizismus anhaftet, ist ihm fremd. Ja, selbst die Religion hat dort ihre Sinnlichkeit. Wie herrlich wird es da sein, das alles wieder zu genießen, mit einem Weib wie du!« Wort für Wort klang ihr das noch in den Ohren. Und nun? Wilhelms Urlaubsgesuch lag zwar noch unerledigt beim Minister, aber es war nur noch eine Frage weniger Tage, dann bekam ihre Freiheit auch von Amts wegen die Flügel. Und nun! Was würde ihr Gatte tun? Und wieder kam es wie eine heimliche Scham über sie, die zugleich eine einzige Trauer war. Blieb es bei dem Urlaub, und er mußte all die langen Wochen zu Hause verbringen – Tag für Tag und Stunde um Stunde an sie und ihre Qual gekettet, Zeuge all des Unschönen und Peinlichen, das mit ihrem Zustand einherging, – Annemarie zitterte davor! Ließ sich das Gesuch noch in letzter Stunde zurückziehen, wurde es ein Jahr noch einmal so arbeitsreich und arbeitsgrau wie all die anderen, die im Süden zu vergessen der Geliebte sich schon so gefreut hatte. Sie selbst aber saß dann wohl lange Stunden daheim, immer allein mit diesen Gedanken, die so beklommen und todtraurig waren, daß ihre Seele wie gehetzt immer wieder vor ihnen herfloh, in der Angst das eigene Kind hassen zu lernen, bevor es noch geboren. Und Annemarie fühlte, daß sie niemanden, ja niemanden hatte, dem sie jemals von all dem sprechen konnte. Zuletzt ihre Mutter, die sich aus einer unseligen Ehe so ganz und so selbstvergessen in die Kinderstube geflüchtet hatte. Draußen knarrte das Gartenpförtchen, dann klang ein fester Schritt unter Annemaries Fenster ... Ein überraschter Gruß flog auf: »Sie, Mama?« Es war ihr Gatte. Wie von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben erhob sich Annemarie und schlich in den Erker, unter dessen Fenster Gatte und Mutter standen. Es war offen, und der gelbseidene Sonnenblender schützte sie vor dem Gesehenwerden. »Warum tu ich's?« dachte sie. »Was er auch sagen, wie er sich auch gehaben wird, es ist meine Pflicht, ihn zu verstehen.« Aber da entsann sie sich plötzlich jenes Abends, nach dem Besuche Melas, und sie blieb. Nicht das, was er jetzt sagen würde, war für ihre Zweifel maßgebend. Annemarie glaubte Wort für Wort vorauszuhören. Die Miene, mit der er dann vor sie hintreten, die Maske, die er vornehmen oder – nicht vornehmen würde, sollte ihr zum ersten Male verraten, ob sie ihm damals unrecht getan? Und sie blieb stehen. * Es war ein klarer Oktobermittag, eine tiefe, fast sonntägliche Stille, in die ihres Gatten Gruß und seine Worte hineinfielen – Worte, die Annemarie nie wieder vergessen sollte ... »Sie, Mama?« Annemarie wußte, daß ihr Gatte ihrer Mutter nur in kühler Achtung zugetan war – so hörte sie auch jetzt mehr die Enttäuschung als die Freude aus seiner Stimme. »Na, vermißt werdet ihr mich gerade nicht haben,« lachte Frau Krüger gutmütig zurück. »Dafür habt ihr euch zu rasch nach einer anderen Gesellschaft umgeschaut.« »Wie meinen Sie das?« hörte Annemarie ihren Gatten mit etwas unsicherer Stimme fragen. »Mela!« dachte sie und konnte nicht umhin, einen Augenblick leise vor sich hinzulächeln. Weil ihr schien, als ob ihr Gatte sich auf ein schwiegermütterliches Examen gefaßt machte. »Mit Ausnahme einer Freundin Annemaries war bis jetzt kein Mensch bei uns,« sprach Wilhelm kühl weiter. »Allerdings haben wir auch niemanden vermißt. Sie verzeihen, Mama, aber –« Er lachte auf. Und Annemarie hörte voll stiller Seligkeit, daß noch immer der alte Jubel aus seiner Stimme klang. »Das ist nur selbstverständlich,« erwiderte Frau Krüger. »Und wenn mir Annemarie nicht unlängst geschrieben hätte, daß ihr nun ernstlich an eure Abreise denkt, wär' ich noch eine Weile ausgeblieben. Daß ich aber schon so notwendig sei –,« fügte sie mit einem gerührten Zittern in der Stimme hinzu – »davon freilich hatt' ich keine Ahnung.« »So notwendig?« nahm der junge Gatte mit einem gewissen Staunen ihr Wort auf. »Wie meinen Sie das?« »Nun ja,« lachte Frau Krüger verständnisvoll. »Es ist immer dasselbe bei den Männern. Sie stellen es bloß an und tun dann, als ob sie nicht verstünden. Mit dem meinen war es genau dasselbe beim erstenmal.« Und wieder lachte sie auf, laut, herzlich, mit einer fast jugendlichen Schelmerei. Es machte ihr sichtlich ein Vergnügen, den berühmten Mann, der so lange auf sie herabgeschaut, nun auch etwas bänglich vor sich zu sehen. Ein tiefes Schweigen antwortete ihr. Annemaries Herz begann fühlbar zu pochen. »Ich verstehe Sie noch immer nicht, Mama.« »Also,« lachte Frau Krüger aufs neue herzlich auf, nun aber mit einer Stimme, die wie von Tränen durchzittert war. »Gott hat Ihnen ein großes Glück zugedacht, lieber Wilhelm. Annemarie ist Mutter!« Es war nur ein leichter Windhauch, der gerade in diesem Augenblick einsetzte und den gelbseidenen Sonnenblender ganz sachte vor Annemaries Augen hin und her zu schaukeln begann. Oder war es ein neuer Schwindelanfall? Ihr schien, als müsse sie um sich greifen, sich irgendwo festhalten, recht fest, um nicht zu fallen. Immer tiefer, immer rascher, vielleicht ins Bodenlose – Denn Wilhelm schwieg noch immer ... »Sie scheinen mir nicht zu glauben?« hörte sie ihre Mutter nach einer Weile wieder reden. Und nun ihres Gatten Stimme. Ein gezwungenes, fast ärgerliches Auflachen: »Nein, in der Tat, Mama! Obwohl ich mir allerdings schon längst hätte denken können, daß Ihnen bei dieser ersten Visite nur das einfallen würde.« »Aber wenn ich es Ihnen sage –?« »Unsinn!« »Sie ist doch vor mir ohnmächtig geworden. Hat mir gestanden, daß es nicht zum ersten Male ist. Schwer übel war ihr –« Keine Antwort. »Ich habe ja selbst vier Kindern das Leben gegeben!« ... »Unsinn!« kam es aufs neue zurück, nun fast barsch. Zuletzt noch einmal ihrer Mutter Stimme: beschämt, leise, wie von einer jähen Enttäuschung gebrochen: »Und Sie freuen sich nicht?« »Auf die Kinderstube, jetzt schon? Nein! Da müßt' ich wahrhaftig lügen. Aber ich will erst Annemarie selbst sehen –« Sie gingen der Treppe zu. Stimmen und Schritte verhallten. * Als der junge Gatte sein Heim betrat, lag Annemarie wieder auf den Kissen ihres Ruhebettes, müde, bleich, mit halbgeschlossenen Augen. Nur die kleinen, blassen Kinderhände bebten leise. Alle Qual und die ganze Enttäuschung ihrer hilflosen Seele bargen sich in das Zittern dieser armen, jungen Sande ... Aber niemand sah es. Aus den Augen ihrer Mutter strahlte noch immer die Freude über den künftigen Enkel. Im Antlitz des Gatten stand der ärgerliche, aber feste Wille, sich dem Augenblick so weit wie möglich anzupassen. Sonst nichts. Keine Rührung, keine Angst. Kaum ein flüchtiges Mitleid. Sie hatte ihm eine Freude verdorben, ihm den Becher vom Munde gezogen, aus dem er in heißen, gierigen Zügen jenes Glück getrunken, das allein er begehrt. Und wenn es auch geradezu lächerlich gewesen wäre, in diesem Falle von irgendeiner Schuld zu sprechen – in seinem verdunkelten Blick stand es geschrieben, daß er nicht übel gelaunt war, sie allein für dies alles verantwortlich zu machen. Und Annemarie empfand mit wachsendem Schrecken, welch eine unsägliche Selbstsucht es sein mußte, die sich so wenig beherrschen konnte, auch wenn es die Selbstsucht der Liebe war ... Rasch, heftig, ohne Gruß trat er ein. Und während sein forschender Blick fast kühl über sie hinglitt, sprach er mit einem erzwungenen Lächeln: »Du wirst doch nicht wirklich Ernst machen wollen, Annemarie?« Ihre Augen öffneten sich, starrten ihn an – groß, fremd, wie einen Menschen, den man zum ersten Male sieht. »Doch, Wilhelm, es ist Ernst!« Sein Blick ruhte noch immer auf ihr, kühl, sachlich, glitt von dem blassen Antlitz mit den dunkelumrandeten Augen wie prüfend zu dem zusammengekrümmten Leib herab. ›Nun schaut er mich als Arzt an,‹ dachte Annemarie. ›Und mit dem Bedauern des Ästheten, der mich schon jetzt entstellt und häßlich findet.‹ Und wie ein kalter Schauer brach es von diesem Blick in das Innerste ihrer Seele. Der Abscheu fiel ihr ein, mit dem er einst vor dem Bild eines niederländischen Meisters von »diesem widerwärtigen Anblick« gesprochen, weil der Maler die Eva seines »Sündenfalls« mit gesegnetem Leib dargestellt. Es war dies gleich in der ersten Zeit ihrer Verlobung gewesen, und seine physiologischen Erläuterungen wären weiß Gott wie weit gediehen, wenn nicht ihre Mutter, die unterdes ein anderes Bild jener Galerie besichtigt hatte, wieder zu ihnen getreten wäre. Aber der Ekel, dieses fast persönliche Beleidigtsein des Freundes unversehrter Frauenschönheit hatten sich tief in Annemaries Erinnerung gegraben. Seine Antwort während jener schwülen Liebesstunde im Garten hatte sie nicht in Zweifel gelassen, daß der Geliebte hierin immer der gleiche bleiben würde – auch wenn es ihr eigenes Schicksal werden sollte. Und wieder quoll es wie ein dumpfer Haß gegen das keimende Leben in ihr empor. Denn wie bitter sie der Gatte auch enttäuschte in dieser Stunde, ihn liebte, ihn kannte sie, ihm allein wollte sie gefallen! Um ihn litt sie, was sich nicht aussprechen ließ, in dieser einen, entsetzlichen Stunde! »Dir war schon einige Male übel, sagt deine Mutter?« Ein Arzt hätte nicht kühler fragen können. Sie schloß die Augen, nickte. »Erst zuvor wieder –« »Von einer Reise kann da natürlich keine Rede sein,« wurde nun auch die Mutter laut. Er biß sich in die Lippen. »Richtig, das auch noch! Damit die Annehmlichkeiten kein Ende nehmen. Denn nun muß ich mein Gesuch natürlich zurückziehen. So monatelang daheim zu sitzen, mit einem Urlaub im Sack, den man nicht genießen kann, wäre doch allzu ärgerlich ...« Er erhob sich, machte einige rasche Schritte durch das Zimmer, blieb zuletzt mit geblähten Nüstern stehen. »Was riecht denn da so widerwärtig?« »Das Lawendelflakon! Es wird noch offen sein,« hauchte Annemarie. »Ich mußte es wieder brauchen und war schwindlig.« Frau Krüger hatte das Fläschchen schon aufgenommen und versichert. Annemarie, die mit müden Blicken nach der Mutter sah, merkte, daß ihre Hand bebte, während sie das Flakon auf die Glasplatte der Toilette stellte. Ein feiner, zitteriger Ton irrte durch den Raum, als die beiden Glasflächen sich berührten. Etwas unsäglich Zartes, fast Seelenhaftes lag darin. Als beginne eine ganz fremde, ganz ferne Stimme da zum ersten Male zu ihnen allen zu sprechen: »Gebt acht auf mich – ich bin euer Glück! Mit einem einzigen Wort könnt ihr mich jetzt töten.« Sie fühlten es alle drei – und alle drei schwiegen – Als ihre Mutter nach einigen Augenblicken mit hastigen Worten Abschied nahm, begleitete sie der junge Gatte hinaus. Annemarie blieb allein zurück. Aber so groß auch ihre Qual war, so tief ihre Enttäuschung – der Schrei, der von ihren Lippen kam, war so leise wie das Erklingen jenes Glases. Nur Bijutti hörte ihn, und er sprang zu seiner jungen Herrin empor und sah mit großen, besorgten Augen nach ihr hin – stumm, treu in der alten Liebe und Bewunderung. Für ihn war sie noch immer dieselbe. * Die Hochschule öffnete wieder ihre Hallen, und auch Annemaries Gatte verschwand nun täglich für einige Stunden in seinen Hörsaal. Er las das besuchteste Kolleg, hatte Hunderte von Schülern, die zum Teil sogar über das Weltmeer kamen, um die Jünger des unerschrockenen Forschers zu werden, für den es, wie er sagte, kein Geheimnis gab zwischen Himmel und Erde, das die menschliche Vernunft nicht einmal in eine natürliche Formel kleiden würde – keine andere Ehrfurcht als jene vor der »Berufung des obersten Tieres zur Herrschaft über die Welt«. Annemarie, die keine Ahnung von den letzten Folgerungen seiner Weltanschauung hatte, zählte daheim mit strahlendem Antlitz die »Indices« nach. Fast tausend Hörer waren es, die im ersten Semester die Vorlesung ihres Gatten besuchen wollten, Amerikaner, Inder, Japaner waren darunter, selbst ein junger Mohr, den Wilhelm einmal scherzweise »einen abgefallenen Enkel der heiligen drei Könige« nannte. Annemarie lachte nicht mit. Ihr Glaube verbot es, der, schon halb verloren, mit dem Kinde unter ihrem Herzen wieder schüchtern aufzublühen begann. Doch sie konnte nicht umhin, den Gatten mit einem stolzen Blick zu betrachten – ihn, dessen Namen sie trug. Und die Angst über den Abgrund, der zwischen den Welten lag, in denen ihre Seelen dahinlebten, griff immer seltener an ihr Herz. Sie beschied sich, ihn ganz der Gnade Gottes zu empfehlen, an den er doch auch irgendwie glauben mußte, weil er ihn vor ihr noch niemals verleugnet hatte. Und wußte sie, was sonst noch in dem Reich vorging, in dem er lebte und webte? Die Welt mußte unterdes doch ganz andere Erkenntnisse gewonnen haben als jene, die allein die Kirche gelten ließ. So mußte er auch selbst wissen, wie er auf all den Wegen, die er beschritten hatte, wieder zum heiligen Urgrund aller Dinge zurückfand. Und dann waren es auch sonst so ganz andere Empfindungen, die sie jetzt beschäftigten. Zuerst das geheimnisvolle Werden, das so unauflöslich mit ihrem eigenen Sein verbunden war. Noch hatte sich ihre Abneigung gegen den allzufrühen Eindringling nicht in Liebe verwandelt. Aber wenn auch die Seele der Mutter noch nicht ihre Madonnenaugen aufgeschlagen hatte, ihr Leib verwuchs täglich inniger mit dem keimenden Leben. Die Gesetze, die sie aneinander banden, banden sie zu gleichem Heil oder Unheil. Wie sie diesem Kinde das Leben oder den Tod geben konnte, so konnte auch dieses Geschöpf für sie selbst der Anfang eines neuen Glückes oder der – Tod sein ... Es war Gott selbst, der da in ihr schuf und wirkte. Bis in die letzte Faser ihres Leibes fühlte sie das oft. Daneben schlich ihre heimliche Angst, über diesem keuschen Hoffen und Erwarten die Liebe des Gatten zu verlieren. Sie kannte die Glut seiner Sinne, die ganze Rücksichtslosigkeit seines Begehrens. Und je mehr sie sich von ihm lossagen mußte, desto quälender wurde die Sorge, daß während dieser Zeit irgendein neuer Rausch seine Sinne umgarnen könne. Halbe Nächte schlief sie darüber nicht. Bewachte voll heimlicher Eifersucht jede Miene des neben ihr Schlummernden, jeden Laut, den er im Traum vor sich hinsprach. Sowie er aber aus dem Kollegium heimkam, wich sie nicht mehr von seiner Seite. Kam er über das, was er einmal »das Widerwärtige dieses Anblickes« genannt, hinüber? Annemarie wußte es nicht. Nach dem, was sie an jenem Oktobertag erlauscht, war es ihr aber allmählich doch ein Trost geworden, daß Wilhelm sich so gar keine Mühe nahm, sich in dem zu verstellen, was den innersten Kern seines Wesens ausmachte. Er war ja unsäglich brutal gewesen damals. Aber die Rücksicht und Zärtlichkeit, mit der sie der Wissende jetzt umgab, schienen ihr eben deshalb geradeso echt und unverstellt. »Du hast heute dem Ästheten einiges verzeihen müssen,« hatte er ihr nach jenem ersten Aufflackern seiner Selbstsucht damals reuig gestanden. »Aber der Naturforscher wird sich darum nur noch mehr bemühen, wieder gutzumachen, was er sofort hätte verstehen müssen.« Und seither hatte er ihr mit keiner Miene mehr wehgetan. Ihr aber schien, als müsse sie mit ihrer fortwährenden Nähe schon jetzt den schlummernden Instinkt des Vaters in ihm wecken. Wenn ihr Zustand den jungen Leib auch von Tag zu Tag mehr entstellte, ihr Antlitz immer blässer und schmäler wurde – gerade diese Blässe gab ihr einen neuen Reiz, die gleichsam erschöpfte Müdigkeit ihrer Bewegungen zog, wie der Gatte ihr einmal nach einem plötzlichen, heißen Kusse gestand, seine Sinne ganz seltsam hinter ihr her. Ihre großen Augen schwammen in einem Dämmerlicht, das schon die verhüllte Innigkeit der Mutter verkündete. In ihre Stimme war das leise Erbeben des Geschöpfes gekommen, das sich bewußt ist, auf Tritt und Schritt eines Schutzes zu bedürfen. Auch das machte ihn allmählich ganz merkwürdig weich. Und was er sonst an ihr geliebt hatte, war ihm noch immer dieselbe Augenweide: ihr herrliches Haar, das, ganz lose hinaufgenommen, wie leuchtende Bronze in dem feinen Nacken lag und wie Seide knisterte, wenn seine Hand im Ungestüm einer lang unterdrückten Liebkosung darüber hinfuhr. Der Duft ihres jungen, wohlgepflegten Leibes; ihre herrlichen Arme, die sie absichtlich nur halb unter dem wogenden Geriesel der weiten Japanärmel verbarg – all die Seide, die so geheimnisvoll um sie rauschte, die bei jedem Schritt an ihrem Leib erzitternden Spitzen, in die sich Annemarie bis zu den schmalen Füßen herab zu kleiden pflegte ... Ja, sie war schön, trotz alledem, noch immer schön! Nicht nur der Spiegel, auch die Augen des Gatten sagten es ihr, die oft so heiß, so qualvoll erlöschend in die ihren tauchten, der Blick, der sie suchte und doch immer wieder fliehen mußte, weil ihr Leib jetzt heilig war und geweiht. * Draußen fiel schon der erste Schnee nieder, und Annemarie war noch nicht aus dem Haus gekommen. Für die tägliche Bewegung im Freien, die der Arzt ihr angeordnet, genügte der alte, stille Garten. Bis zu den Füßen in ihren weichen Pelzmantel gehüllt, schritt sie langsam und versonnen zwischen den verschneiten Hecken hin und her, meist im dämmernden Rot der winterlichen Mittagssonne, oft über auch in der tiefen Stille des abendlichen Schweigens, wenn die weite Landstraße draußen ganz ruhig lag und der volle Mond kalt und klar auf sie niedersah. Und dann träumte Annemarie von ihrem Kinde. Von dem Wesen, das dies alles noch nicht sah, das für die Welt noch nicht da war und doch schon lebte – ein zartes, geheimnisvolles, dämmerndes Leben, von dem nur Gott wußte und sie ... Was ging in dem jungen Menschenleib vor, der sich da in ihr bildete? Schon war sein Herzschlag fühlbar. Sein erstes Regen, dem leisen Flügelschlag eines träumenden Vogels vergleichbar, hatte ihr schon den ersten süßen Mutterschreck gebracht. Seitdem hatte sie begonnen, das junge Geschöpf zu lieben. Fast verschämt, in der ihr eigenen stillen Weise, mit der heimlichen Andacht einer Seele, die noch Ehrfurcht hatte vor den Dingen, an denen das Wissen der anderen schon mit den rohen Griffen der Schulbubenweisheit herumfingerte. In dem Bücherschrank ihres Gatten stand das Werk eines berühmten Naturforschers, das auf zahlreichen Tafeln die allmähliche Entwicklung des menschlichen Keimes veranschaulichte. Ganz zufällig hatte Annemarie einmal gerade dieses Buch herausgegriffen, es aber sofort wieder geschlossen. Einige Wochen später fand sie es auf ihrem Arbeitstisch. Ihr Gatte hatte es hingelegt und sich angetragen, ihr von Blatt zu Blatt den Werdegang des jungen »Menschentieres« zu erläutern, der für die Wissenschaft so gar kein Geheimnis mehr schien. Und während er das Buch wie spielend aufgeblättert hatte, war Annemaries Blick auf einer Tafel haften geblieben, die das Kind im fünften Monat seines Werdens wiedergab. Von dem zarten, durchsichtigen Amnion wie von einem Schleier umschlossen, saß es mit gekrümmtem Rücken wie lauernd da, die zarten Gliedmaßen eng an sich gezogen, beide Händchen an den Strang gelegt, der es hielt und ihm die Nahrung von Leib zu Leib vermittelte. Die noch unbewimperten Augenlider waren fest geschlossen, das kahle Köpfchen wie in einem tiefen Schlummer geneigt, über das kleine Antlitz der Ausdruck einer solch demütig-tragischen Hingebung an das eigene Werden gebreitet, daß die junge Mutter plötzlich in einem Strom von Tränen ausbrach und beide Hände vor das Antlitz legte, um das erschütternde Bild nicht mehr zu sehen. »Aber Annemarie,« hatte der Gelehrte mit seinem überlegenen Lächeln gestaunt, »wie kann dich etwas, was so ganz und gar natürlich ist, in solcher Weise erschüttern?« »Eben darum,« hatte sie, wie von einem Schauer überrieselt, geantwortet. »Weil ich jetzt erst sehe, daß der Fluch, den Gott im Paradiese über uns ausgesprochen, bis auf den werdenden Menschen zurückgeht. Woher käme sonst dieser tragische Ernst schon in das Antlitz eines Geschöpfes, das erst wie in einem Traum empfindet, daß es in dieses Leben hineingeboren werden soll –?« »Du bist eben leidend,« hatte ihr Gatte damals gesagt und das Buch wieder ruhig zugeklappt. »Aber wenn du dein Kind zum ersten Male lachen hören wirst, – so lachen, wie eben nur Kinder lachen können, dann denk' ich, reden wir wieder davon.« »Dann steht es eben schon im Banne dieser Welt,« hatte Annemarie ihm geantwortet, »die uns alle betrügt und auch um dieses Erinnern bringt, das selbst dem Embryo wie ein Grauen vor der Menschwerdung auf der Stirne geschrieben steht.« Ihr Gatte war ihr damals die Antwort schuldig geblieben, beim Abendessen aber gelegentlich der Polemik seines Leibblattes mit einem gelehrten Theologen wieder einmal um so heftiger über die Pfaffen hergefallen. Die es schon von den Urzeiten an so gut verstanden hätten, »diese schauernde Angst in die Seele der noch unwissenden Menschen zu pflanzen,« die seither eine der »großen Suggestionen« geblieben war, durch die sie den Willen der Dummen banden. – Oft und oft hatte die junge Mutter seither an dieses Gespräch zurückgedacht. Meist in der Einsamkeit dieser abendlichen Gänge durch den vereisten Garten. Wenn der Schnee in leisen Flocken ganz sacht aus den Zweigen der Büsche fiel, und niemand um sie war als Bijutti, der es sich nicht nehmen ließ, auch auf diesen Gängen wie schützend hinter ihr herzutrollen. – Hatte ihr Gatte recht? Annemarie war zu gebildet, um nicht zu wissen, mit wieviel Ungerechtigkeit und Blutschuld so ziemlich jede Religion belastet war. Auch die Kirche Christi. Aber nur um so reiner und göttlicher leuchtete ihr dann aus all dem Menschenwerk die ewige Gestalt des Heilandes entgegen und die überwältigende Größe seines sittlichen Willens, daß ihr alles Nachdenken darüber zuletzt immer wie ein Bild des Abends ward, der sie umgab: ringsum alles dunkel und wie tot das erstarrte Leben der Erde, gefangen in Nacht und Frost – über ihr aber das Firmament mit den leuchtenden Sternen Gottes – den Zeugen, die nach einer Welt wiesen, an die zuletzt doch nichts hinanreichte als der Glaube und die Liebe – was immer die Menschen auch davon zu wissen meinten. Alle Liebe aber, die sich in ihrem Herzen barg, alle Kraft ihres Willens und die ganze Güte ihres Wesens wollte sie dereinst über das Geschöpf hinströmen lassen, das Gott mit der Erkenntnis seines schuldbeladenen Ursprungs gezeichnet hatte – mit diesem tragisch-feierlichen, erschütternd-fürchterlichen Ernst des Ausdruckes, ehdenn es sehen und hören und reden und klagen konnte ... * Es war in diesen Tagen, daß ihr ein lange und fast schamhaft gehegter Wunsch in Erfüllung ging: der jüngste ihrer Brüder, ihr Liebling, betrat zum ersten Male die Schwelle ihres jungen Heims. Annemarie wußte, daß Edwin bald nach ihrer Hochzeit eine Reise nach Südfrankreich angetreten hatte, und sie wußte auch, daß er auf der Rückreise in Paris mit Konrad zusammengetroffen war, der sich wegen ernster Studien dahin begeben hatte. Sein erstes Werk, eine Arbeit über die Philosophie Abälards und seiner Zeit, sollte dort vollendet werden, wo der glanzvolle Ruhm und die tragische Liebe des mittelalterlichen Meisters sich zu einem Schicksal verdichtet hatten, das allen empfindsamen und liebenden Herzen dieser Welt noch heute heilig ist. Und weil Annemarie aus den Briefen Edwins an die Mutter von diesem Zusammentreffen wußte, hatte sie es bisher fast ängstlich vermieden, auch nur mit einem Wort von dieser Reise zu sprechen. Kannte sie doch die Eifersucht ihres Gatten und wußte, wie herb sie noch durch die Empfindlichkeit genährt wurde, die in dem eigenen Bruder der Gattin den unversöhnlich mitleidenden Freund des Zurückgewiesenen sah. Heimlich aber und ganz für sich hatte Annemarie oft und oft an den fernen Bruder gedacht, der wie ein junger Minstral in das Land der Troubadours gezogen war, um den Spuren des großen Humanisten Petrarca zu folgen, der seine, vielleicht um nichts weniger entsagungsvolle Liebe zu Laura in jene unsterblichen Sonette ergossen hatte. Einmal, nur ein einziges Mal, war ihr Gatte mit dem ihm eigenen kühlen Spott auf diese »Pilgerfahrt der Enttäuschten« zu sprechen gekommen. Aber auch damals war Annemaries Seele nicht aus einem Schweigen zu locken gewesen, das sie beiden Teilen schuldig zu sein glaubte. Je länger aber der Bruder ihr ferne war und je mehr sich ihr das innerste Wesen des Gatten im täglichen Zusammenleben erschloß, desto klarer begriff sie, daß es nicht bloß eine flüchtige Abneigung, daß es vielmehr eine ganze Welt war, die zwischen Wilhelms Art und Edwins Empfinden lag und die beiden wohl für immer trennte: die hohe, fast übersinnliche Gedankenwelt, in der Konrad lebte und webte. Da konnte es ihren Gatten durchaus nicht versöhnlich stimmen, daß gerade sein Nebenbuhler eine solche Kluft zwischen ihn und den Menschen gelegt hatte, dem Annemarie nach ihm am herzlichsten zugetan war. Und nun saß er vor ihr und sah mit den großen, zärtlichen Pagenaugen in die ihren, tief, tief und mit einem fast ängstlich-zornigen Fragen. »Sonst – bist du also wirklich wohl, Annemarie?« Sie strahlte seinen Blick zurück. Da entspannten sich seine Züge. Ein weiches, unsäglich schönes Lächeln verklärte sein Antlitz. »Du aber bist gewachsen,« sprach Annemarie leise nickend in sein aufatmendes Schweigen hinein. »Das will ich meinen! Und wär' es nur von dem vielen Herumklettern in und um Avignon. Ach, Annemarie,« – und seine schlanke Pagenfigur dehnte sich – »wie gemein und nüchtern ist doch seitdem unser Leben geworden!« Er legte die Hand vor die Augen, seufzte leise auf ... »Ich werde sie nicht los, diese gotischen Dome, diese dämmernden Refektorien, die gleichsam hallende Stille dieser blumenumsponnenen Kreuzgänge – die, wie mit leiser Kinderstimme klagende Poesie dieser gefallenen Burgen und Schlösser. Die Straßen sind so weiß ... wie geschmolzenes Silber flimmern sie zuweilen im Sonnenbrand. Man lechzt dort oft nach dem wohligen Grün unserer Wälder. Und doch! Nicht einmal diese Straßen kann ich vergessen! Minnesänger und Ritter und Kreuzfahrer sind darüber hingezogen, und es könnte Laura sein, die uns in jeder Ecke in Avignon begegnet. Abends, wenn es dämmert und die mandelförmigen Augen der Frauen, die zur Vesper ziehen, ebenso heiß als mystisch unter den weißen Schleiern hervorleuchten. Und dann kommt man zurück und ...« Er sah wie ein Erwachender um sich und verstummte. »Und bei mir gefällt es dir auch nicht?« fragte Annemarie lächelnd. Seine feinen Brauen zogen sich fast schmerzhaft zusammen; die schlanken Knabenhände bebten. Dann ging ein langer, dunkler Blick über sie hin. »Sag' es nur!« nickte sie gütig. »Du weißt, daß ich drei Dinge nie leiden mochte,« sprach er endlich gepreßt: »Kirchen, in denen zu viel Sonne ist; Bäche, denen man bis auf den Grund sieht, und Menschen, die alles zu wissen meinen.« »Wobei du natürlich nur an meinen Mann denkst?« lachte sie nunmehr laut auf. »Und doch wird er es herzlich bedauern, dich nicht gesehen zu haben. Er hat Vorlesung.« Nun lachte Edwin auf. »Um das zu verhindern, hab' ich mir ja eigens den Lektionskatalog gekauft.« »Edwin! So sprichst du von jemandem, den ich liebe?« »Lassen wir das,« kam es herb zurück. Eine ganze Weile blieb es still um die beiden. Die zierliche Rokokouhr pinkte fast ängstlich in ihr Verstummen hinein. Die Wintersonne, die ihr rotes Gold so lange zu Annemaries Füßen gelegt hatte, zog den purpurnen Glast wie ängstlich hinter eine graue Schneewolke zurück. Nur die blauen Hyazinthen, die da und dort an den Fenstern blühten, schienen in dem beklommenen Schweigen noch heißer aufzuatmen. Und mit einem Male wußte die junge Frau, daß Edwin nun von Konrad sprechen werde. Nicht anders, als hätt' es ihr der Duft dieser Blumen gesagt. So schwül, so verhalten und legendenhaft zart war das Schweigen, das zwischen ihr und dem Bruder zitterte. »Unterdes hat Konrad sein Buch erlebt,« begann Edwin mit einem tiefen Blick in Annemaries sonnige Mutteraugen; »ein anderer Abälard, der seinem Helden Straße für Straße den Passionsweg der Liebe folgen konnte.« »Also ein bedeutendes Werk?« fragte Annemarie, alles andere überhörend. »Die Stimmung war gegeben,« fuhr Edwin mit dem unablenkbaren Starrsinn seiner jugendlichen Freundestreue fort, »ein Schmerz, der nie versiegen wird. Eine Liebe, die das Martyrium der Entsagung zu einer unauslöschlichen Sehnsucht geheiligt. Ecce Abälard!« »Lassen wir das,« wehrte die junge Mutter fast verlegen ab. »Er ist ein Mann und ich bete täglich, daß er seine Ergänzung finde. Das wird ihm wieder die Ruhe geben und mit dem Frieden des Blutes die neue Freude am Leben.« »Der Friede des Blutes!« höhnte Edwin. »Wie schnell du deinen Mann verstehen gelernt hast und nach ihm redest! Freilich, wem die Liebe bloß eine Angelegenheit des Blutes ist, nicht ein göttliches Geheimnis, das sich von Seele zu Seele spinnt – für den wird diese Angelegenheit immer leicht zu erledigen sein. Der wird erst kein Werk schreiben müssen, um seine Passion in einer geistigen Geburt zu vergöttlichen. Die nächste Dirne wird ihm vielleicht genügen, sie zu vergessen.« Annemaries Augen blitzten auf. »Du sprichst von meinem Mann, Edwin, vergiß es nicht!« »Wirklich nur von ihm?« lächelte der junge Bruder geringschätzig. »Da ist es ja bald nicht einer, der heutzutage über die Straße läuft, dem dieses Bekenntnis nicht bei den Augen heraussähe. Nein, nein, Annemarie, es muß nicht bloß dein Mann sein, den ich meine, wenn ich so rede. Und red' ich von ihm, dann mein' ich noch Hunderttausende ... Leider!« Seine Stimme bebte. Eine tiefe Blässe lag über dem jungen Antlitz und lieh ihm einen fast fanatischen Ausdruck ... Was war es, das ihn heute stärker machte als sie? Annemarie begriff es nicht. Aber sie legte die Hand an die Augen und bat leise: »Das Buch ... erzähle mir von dem Buche!« »Natürlich hat er sofort im ältesten Teil von Paris Wohnung genommen,« sprach Edwin mit leuchtenden Augen weiter. »In einem ganz schmalen, fast hätt' ich gesagt halb vermoderten Gäßchen der Cité. Ob es wirklich wahr ist, daß auch Abälard in jener Gasse gewohnt hat, weiß ich nicht. Konrad nahm es hin, wie ein Mönch die Wunder der siebenten Nocturne. Aber wenn jemand heutzutage imstande wäre, Abälards Heim zu rekonstruieren, ist es Konrad. Das Haus, in dem Heloïsens eifersüchtiger Onkel gewohnt, soll sich zum Teil noch heute im Umbau des alten Domherrenhofes erhalten haben. Die bleigefaßten Fensterscheiben, durch die Heloïse aus ihrer Kemenate nach Notre Dame hinübersah, wurden auch mir gezeigt. Auch in Konrads Stube grüßt der ehrwürdige Dom hinein und, wie in Licht gefaßt, von der anderen Seite das spitze Nadeltürmchen der Sainte-Chapelle. Und dort zwischen Regesten und ehrwürdigen Schweinslederbänden der Stadtbibliothek eingebaut, hat Konrad seinen Sommer verträumt. Jeden Abend aber auf dem Friedhof.« »Auf dem Friedhof?« fuhr Annemarie aus ihrem versonnenen Lauschen empor. »Warum?« »Ich meine den Père Lachaise ,« nickte Edwin bedeutungsvoll. Annemarie starrte ihn noch immer an. »Wo Abälard und Heloïse in demselben Grabe ruhen. Noch jetzt, nach Jahrhunderten.« »Wie schön!« stammelte Annemarie unwillkürlich. »Aber mein Gott, wie traurig, solch ein täglicher Gang!« Edwin senkte die Lider und lehnte sich zurück. »Je nachdem. Denn er ist schön, dieser Friedhof, und von einem ganz unbeschreiblichen Reiz. Je näher man aber zu dem Grab der beiden Liebenden kommt, desto größer wird die Menschenschar, die einem entgegenwallt. Ein Paar nach dem anderen – alle jung, wie der Frühling, und von der Liebe gezeichnet und ihrem Gram oder einer Hoffnung, die bis an die Sterne greift. Ganz heilig wird einem da zumute! Als ginge das Schicksal und das Leben und wie oft auch des Todes Majestät selbst an einem vorüber – der Liebe entgegen und allem, was sie bringt: ›Morituri te salutant!‹ Wenn dann die Sonne untergeht und der Abend sein goldenes Netz über die Stadt hängt, daß die Seine und die Boulevards und weit, weit draußen noch das Marsfeld wie in einer einzigen Glorie aufleuchten, während ringsum die träumerischen Friedhofsblumen noch einmal so süß und einmal so beklemmend zu duften beginnen – dann, Annemarie, wüßt' ich keinen Ort dieser Erde, wo ein Mann, der seine Liebe begraben mußte, zugleich so traurig und selig sein könnte wie an dieser Gruft!« Er hatte sich erhoben, seine lichten Augen blitzten sie noch einmal an. Schlank wie er dastand, mit den nur leicht gescheitelten, braungoldenen Locken um die blasse Stirne, den trotzig aufgeworfenen Jünglingslippen, auf denen schon jetzt die Herbheit des Mannes lag, der sich nichts abhandeln ließ von diesem Leben, erschien Edwin der Schwester wie einer jener Prinzen des Velasquez, die bleich und voll hochmütiger Verachtung auf eine Welt herablächeln, die niemals die ihre werden kann ... Wie aus einem unsagbar schönen Traum herabgestiegen, stand er im blassen Gold der Wintersonne da – hoch, rein, fast wie eine Offenbarung all des Hehren und Göttlichen, an das auch Annemarie einmal geglaubt. »Du bist treu, Edwin,« murmelte sie scheu. »Bleib' es. Es ist so schön!« Und er war schon lange draußen, als Annemarie noch immer dastand – still, regungslos und fast wie beschämt. Warum nur – warum? * Langsam kamen die winterlichen Festtage heran. Frau Krüger hätte es gerne gesehen, wenn das junge Paar den Weihnachtsabend bei ihr verbracht hätte. Doch Annemarie schüttelte mit einem geheimnisvollen Lächeln das Haupt. »Gerade den nicht, Muttchen, verzeih', aber –« Und ein fast heiliger Glanz legte sich über ihre Mienen. »Ihr könnt ja im Wagen hin- und zurückfahren«, warf die Mutter in ihrer lebhaft unbekümmerten Art ein, »und, wenn es euch paßt, bei mir übernachten. Daß Edwin sich still verhält, laß meine Sorge sein.« »Es ist nicht Edwins wegen,« beharrte Annemarie. »Also will es dein Mann nicht?« Da leuchteten Annemaries Augen in übermütiger Seligkeit auf: »Nein, Mama, das – Kindchen, das Kindchen will es nicht! Wie könnt' ich es in dieser Nacht aus dem Hause tragen!« Frau Krüger lachte hell auf. »Es ist ja noch gar nicht auf der Welt, dein Kindchen!« »Aber bis ins Innerste seines träumenden Seelchens hinein soll es dieses Abends Weihe fühlen,« lächelte Annemarie in süßer Versonnenheit zurück. »Schon jetzt in seinem Dämmer ahnen, wie innig wir es erwarten, wie weich und wohlig das Nestlein ist, in das Gott es hineinfallen läßt, und daß ihm schon jetzt die ersten Weihnachtskerzlein angesteckt werden. Das ist auch Wilhelms Meinung. Einen niedlichen Baum werden wir haben, und darunter will ich seine kleine Wäsche legen. All die feinen weißen Bündelchen und spitzenbesetzten Häubchen und seine ersten flockigen Pätschelchen. Ein rosabebändertes Moseskörbchen hab' ich ihm gerüstet, da kommt der Taufstaat hinein. Weißer Atlas und echte Spitzen und für das zarte Händchen ein ganz dünnes Armband, mit Mamas und Papas Medaillon. Ein Liliputschmuck, Mama!« »Annemarie, Annemarie!« warnte Frau Krüger, wie von einem leisem Schauer angeweht. Sie war abergläubisch. Doch sie verstummte sofort. »Am heiligen Tag speisen wir dann bei euch,« versprach Annemarie, bevor sie schied. Und dabei blieb es. Nein, Edwin machte ihr nun keine Sorge mehr! Mochten er und Wilhelm selbst mit ihrer Abneigung fertig werden. Sie durfte jetzt nichts und niemand mehr bekümmern, bis sie das kleine Wunder in den Armen hielt, dem ihre Liebe den Atem gegeben. So rüstete sie ihr festliches Haus. Durch eine Fülle von Güte und Nachsicht war es ihr gelungen, der alten Renate endlich die Rezepte des Backwerks abzuschmeicheln, das ihr Liebster in diesen Tagen bevorzugte. Sie war überrascht, daß es fast durchweg französische »Patisserien« waren. Raffinierte Leckereien, die mehr an die »Konfiserie« gemahnten als an die weihnachtliche Küche eines deutschen Hauses. Die Alte wollte es erst nicht zugeben, hatte aber vergessen, daß über einigen der Rezepte noch immer die fremden Titel standen: »Arbre de Noël« , »Fleur de Lys« usw. »Und mein Mann hat diese Schleckereien immer bevorzugt?« staunte Annemarie. »Die Gnädige werden es ja selbst sehen,« meckerte die Alte geheimnisvoll. Die junge Frau schüttelte den Kopf. »So ein Leckermaul! Und hat es mir bis heute verschwiegen. Na wart'! In einer gedeckten Schüssel soll er die bekommen. Und dazu – Glasur Fondant! Ja sagen Sie mir – wie sind denn Sie zu dieser französischen Geheimwissenschaft gekommen?« lachte Annemarie zuletzt belustigt auf. Da kroch ein ganz eigentümlicher Blick der Alten über sie hin. »Wie in der ersten Zeit!« dachte Annemarie. Aber dann lachte auch Renate. »Von meiner ersten Gnädigen, in Lausanne!« »Richtig,« nickte Annemarie. »Das vergaß ich, daß mein Mann Sie aus der Französischen Schweiz mitgebracht hat und Sie schon einen Dienst dort hatten!« Renate biß sich in die Lippen und schwieg. Sie konnte zuweilen tun, als wenn ihre eigenen Angelegenheiten sie nichts mehr angingen. ›Nun ja,‹ dachte Annemarie. ›Bei uns ist sie ja auch geborgen.‹ Unterdes rüsteten Stadt und Land für das heilige Fest des Kindes. Von ihrem Wohnzimmer, dessen blumengeschmückte Fenster nach der Landstraße blickten, konnte Annemarie täglich die Bauernwagen sehen, die die Last der Tannenbäume zur Stadt brachten. Ganze Wälder fuhren da an ihr vorüber, fast mochte es einem leid tun. Wenn sie aber dann all der strahlenden Kinderaugen gedachte, die zu diesen Tannen emporfunkeln würden, an all das heimliche Glück, das in ihrem Schatten aufblüht – vergaß sie den Wald, der so gedankenlos beraubt wurde, und lief, so schnell sie konnte, in den eigenen Garten hinaus, wo das Tännchen grünte, das zum erstenmal ihr junges Heim durchduften sollte. Aus eigenem Grund sollte der Baum gewachsen sein, der ihrem Haus das heilige Fest weihte. Für den naturforschenden Gatten hatte sie ein kostbares Geschenk bestimmt: einen neuen »Zeiß«. Das schärfste und feinste Mikroskop, das sich denken ließ. Das Institut der Hochschule hatte kein besseres. Den Schmuck für das Bäumchen aber ließ Wilhelm sie nicht mehr besorgen. Eine ganz seltsame, ganz plötzliche Angst war über ihn gekommen: daß die junge Mutter sich bei diesen weihnachtlichen Fahrten irgendein Übel zuziehen oder sonst einen Unfall haben könnte. »In der Stadt herrscht jetzt ein ganz entsetzliches Gewühl,« warnte er. »Da laß ich dich nicht mitten hinein. Dieses Hasten und Drängen! Kaum daß unsereiner durchkommt. Dazu der oft glatte Bürgersteig –« »Ich kann mir ja einen Wagen nehmen und von Laden zu Laden fahren,« beharrte Annemarie. »Für Renate muß ich doch auch eine Kleinigkeit besorgen.« »Das hab' ich schon bedacht. Sie bekommt Geld und einen Muff.« »Woher weißt du denn, daß sie einen Muff braucht?« staunte Annemarie. »Da es zehn Jahre her sind, daß ich ihr den letzten gekauft habe ... und sie den alten nach ihrem Ausgang neulich mit einer gewissen Absicht im Vorsaal liegen ließ. Wenn man so lange mit jemandem haust, kennt man seine Art.« »Auch den Muff würde ich besser selber kaufen. Ihr Männer werdet ja immer überhalten.« Aber er gab nicht nach. »Du bleibst zu Hause!« Und diesmal war es nicht bloß seine Festigkeit, die ihren Willen beugte. Die Zärtlichkeit, mit der er schon jetzt für das Kleine sorgte, rührte sie tief. Einige Tage später sandte der Pelzhändler den Muff heraus. Annemarie, die gerade im Garten herumwandelte, übernahm selbst den Karton und trug ihn mit hausfraulicher Wichtigkeit in »Christkindchens Geheimstube«. Aber ihre sorgliche Freude verwandelte sich in eine Art staunenden Schreckes, als sie die Schachtel geöffnet hatte. Ein echter Skunks! Ihre eigene Mutter hatte keinen besseren und war doch eine vermögende Frau. Wenn da keine Verwechslung vorlag, wußte sie kaum, was sie denken sollte. War Wilhelm doch gerade in der letzten Zeit nicht gerade freigebig gewesen. Und hatte bisweilen selbst den Aufwand für das Kleinchen beanstandet. Ja zuletzt noch mit kühler Überlegenheit von ihrer »kostspieligen Knauserigkeit« gesprochen, die, um zu verhindern, daß er um einige Kronen überhalten würde, eine stundenlange Autofahrt in Vorschlag bringe. Eine bessere Magd und dieses Toilettestück! »Es muß ein Irrtum sein,« entschied Annemarie noch einmal. »Und ist es keiner, dann will ich so tun!« Am besten war es wohl, nach Tische mit der Angelegenheit zu beginnen, wenn ihr gelehrter Gatte, seiner Amtssorgen wieder für einen halben Tag ledig, zwischen den Blumen des Erkers ihr gegenübersaß und seinen schwarzen Kaffee trank. Das war jetzt seine beste Stunde und auch die Bedienung nicht mehr in Hörweite. Nur um die Einleitung war Annemarie etwas besorgt. Da half ihr ein Zufall. Wilhelm hatte, wohlverpackt in einigen Schachteln, den Schmuck für das Bäumchen selbst herausgebracht. »Beim Kaffee öffnen wir's dann,« hatte er bei der Übergabe gesagt. »Hoffentlich hab' ich deinen Geschmack getroffen.« Es war so traulich und wohlig warm in dem Erker, als Annemarie den spitzenüberrieselten Arm hob, um den dunklen Trank aus der silbernen Kanne in Wilhelms Lieblingstasse gleiten zu lassen. Von allen Plätzchen ihres jungen Nestes war ihr dieses das liebste. Weiße Azaleen und blaue Hyazinthen schmückten in einem lieblichen Bogen das weite Halbrund der Fenster. Aus der mächtigen Japanvase, die am Boden stand, quoll eine üppige Grünlilie nieder. Misteln und Stechpalmen zierten schon jetzt da und dort die kostbaren Blumenschalen. Die Sonne blinzte wie mit einem feurigen Auge herein und ließ die satten Farben der seidenen Perserteppiche noch bunter aufleuchten. Wie die Stimme eines guten Hausgeistes sang die Gasflamme im Kamin ... ›Nur jetzt das rechte Wort finden!‹ dachte Annemarie. ›Den Ton, der diesen Frieden nicht stört ...‹ Ihre Hand bebte leise. Aber Wilhelm sah es nicht. Er hatte ein Fachblatt vorgenommen und schaute mit einem Eifer hinein, der Annemarie noch zaghafter machte. Und doch – sie fühlte es – wenn je, mußte sie diesmal ihre Hausfrauenrechte geltend machen! Sie war in zu gesunden, bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, um einen Aufwand zu verstehen, der einer wenn auch noch so verdienstlichen Dienerin die Allüren einer Dame zugestand. Nervös und unsicher nestelte sie eine Weile an den Bindfäden der Konfektschachteln herum, die das Stubenmädchen auf einen Seitentisch niedergestellt hatte. Es war stille, draußen und drinnen – der weiche, mollige Friede eines wohlbehüteten Heims. »Wie wird das nun im nächsten Augenblick werden?« dachte Annemarie besorgt. Doch ihre Erregung lieh sich nicht länger beherrschen. »Der Muff ist nun auch gekommen,« begann sie, »aber leider verwechselt worden.« »Wieso?« fragte Wilhelm, ohne aufzublicken. »Denk' dir!« tat Annemarie belustigt, »ein echter Skunks – ich bitte dich! Mama hat keinen besseren.« »Wirklich? Dann tut es mir leid –« Annemarie horchte auf. »Aber diesen Muff hab' ich für Renate gekauft.« »Wilhelm –?! Ich versteh' dich nicht!« Er legte das Blatt beiseite und sah sie mit der ihm eigenen, zuweilen fast unheimlichen Ruhe an. »Dann tust du mir leid, Annemarie. Aber ich dachte, daß eine Frau, die weiß, welch schweren Tagen sie entgegengeht und welch sorgsame und treue Hände sie in diesen Tagen brauchen wird, in diesem Fall eines Sinnes mit mir sein dürfte.« »Die Leute bekommen doch ihren Lohn,« brauste nun Annemarie auf. »Und Renate zweimal so viel, als sie noch leisten kann –« »Was Renate mehr erhält, hat sie längst um mich verdient,« kam es abweisend zurück. »Und ich hätte da nie mehr etwas dreinzureden?« lachte Annemarie gereizt. Es war vielleicht töricht, sich so fortreißen zu lassen, aber sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen. Und dann gab es keinen Halt mehr bei ihr. Sie wußte, daß es durch Ruhe leichter und besser an die gewappnete Sicherheit des Gatten heranzukommen war, und suchte noch jetzt nach dem Wort, über das sich eine Verständigung finden, der Friede wiederherstellen ließ. Aber sie war auch das Spielzeug ihres körperlichen Zustandes. Und schon brachen ihre Tränen hervor ... Ein Geräusch im Nebenzimmer ließ sie verstummen. Renate stand in der Türe und hielt ihr ein längliches Portefeuille entgegen: »Die Vorlesemappe des Herrn Professors! Er hat sie im Vorsaal liegen lassen.« »Es ist gut,« nickte Annemarie, der es schien, als lache ihr die boshafte Alte mitten ins Herz hinein. ›Sie hat wieder alles gehört,‹ dachte sie, ›trotz ihrer Taubheit, und wird es dir nie vergeben!‹ * Die Weihnachtsferien hatten bereits begonnen, aber Annemaries Gatte kam noch immer nicht zur Ruhe. Bald hatte er in der Bibliothek etwas nachzuschlagen, bald einige neue Präparate zu besichtigen. Kolloquien und Rigorosen wollten heuer kein Ende nehmen. »Ich dachte, die Studenten wären um diese Zeit alle schon längst daheim?« fragte Annemarie, während Wilhelm sich wieder einmal voll nervöser Eile für die Fahrt nach der Stadt bereit machte. »Die gewisse Sorte schon,« gab er zu, »die auch sonst immer trachtet, der Bude so rasch wie möglich den Rücken zu kehren. Die Fleißigen und die Armen aber suchen gerade in diesen Tagen einen Schritt weiterzukommen.« Das leuchtete ein und Annemarie war beruhigt. Aber eine leise Verstimmung blieb doch in ihr zurück, und je heimlicher sie sich damit trug, desto quälender wurde dieses Gefühl. Wie hatte sie sich all die Monate her schon gefreut, den Gatten wieder einige Wochen für sich allein zu haben! Eine ganze Reihe häuslicher Pläne entworfen, deren jeder ein fröhliches Genießen zu zweien werden sollte. Ihren täglichen Morgengang im Garten hatte sie während dieser Tage wieder an seinem Arm machen wollen. Ihm endlich zeigen, wie zahm sie die Amseln herangefüttert hatte, mit welch drolliger Zutraulichkeit ein alter Rabe sich Tag für Tag von ihr die Fleischreste aus Bijuttis Näpfchen reichen ließ. Er schien der anerkannte Führer einer ganzen schwarzen Horde, die fern am Waldesrand ihr Wesen hatte und mit einmütigem Gehorsam seinen heiseren Rufen Folge leistete. Den Flug in Annemaries Garten aber hatte der findige Nimrod ein für allemal sich allein vorbehalten. Und wenn ihm ja einmal ein Neugieriger folgte, geschah es nur, um voll Neid von irgendeinem Baum herabzuäugen, gierig krächzend, aber stets in der gebührenden Distanz. Und der Wald selbst, der wie eine geheimnisvolle Festung vom Horizont herübersah mit seinen verschneiten Wipfeln, seinem feierlichen Schweigen! Wie herrlich mußte es sein, in diesen klaren, frosthellen Tagen auf einem leichten Schlitten dahinzufahren! Erst in raschem Flug über die weiße Hermelindecke der Felder, dann immer tiefer in die blauen Schatten hinein, die so märchendunkel den Horizont verhängten. Vielleicht, daß einem da und dort ein Häslein über den Weg sprang, ein Reh zwischen den dürren Farnbüscheln hervorlauschte. Der Schnee würde in leichten Flocken von den erschütterten Zweigen stäuben und die Eiszapfen, die man im Sonnenglast des Mittags bis herüber blitzen sah, ganz fein und leis erklirren, daß es wie eine heimliche Musik wäre. Bijutti würde mit heller Stimme in das tiefe Schweigen hineinkläffen und der alte Rabe wie zum Empfang am Eingang des Waldes hocken. Und wie köstlich warm es wäre, in den weichen, molligen Fellen so zu zweien zu versinken! Dies und noch manches andere hatte die junge Frau sich ausgedacht und zuweilen in langen Träumen vor sich hingesponnen. Nun zerrann es wie der Schnee, der auch schon wieder leise von den Zweigen zu sickern begann ... Woher hätte sie auch den Mut genommen, den immer so ernst und versonnen heimkehrenden Gatten mit solchen Kindereien zu behelligen? Und war es nicht auch so schön? Das Bäumchen stand schon über und über geschmückt – ganz in Weiß und Silber. Nur die Schneerosen fehlten, die Annemarie noch in letzter Stunde daran stecken wollte. Jeden Tag duftete das Haus von einem anderen Kuchen. Selbst Renatens Gezänk mit dem ihrer Meinung nach noch nicht ganz »adretten« Stubenmädchen verstummte allmählich. Alle Blumen des noch fernen Frühlings blühten und dufteten schon jetzt in Annemaries Stuben. Und wenn sie den Winter sehen wollte, wie er war – da draußen flirrte und glitzerte er und legte den Rauhreif seines Bartes über alle Büsche und Bäume ihres Gartens. Was wollte sie noch? * Es war Wilhelms plötzlich ganz verändertes Wesen, das ihr einen grauen Flor über diese lichten Tage legte. Amtssorgen – Berufspflichten, sie wußte es. Seine bald nervöse Fahrigkeit, bald verstimmte Schweigsamkeit hatte gewiß nur diesen einen Grund! Mit jedem Morgen sagte sich Annemarie das aufs neue, um ja den Tag über auszuhalten und nichts von der eigenen Unruhe in sein Wesen zu tragen. Und dennoch litt sie darunter, wie sie vielleicht noch nie gelitten hatte. War es doch zum ersten Male, daß sie diese fremde Art an dem Geliebten entdeckte! Auch ihre Eifersucht hatte schon wieder einigemal an ihm herumzufingern versucht, war aber immer wieder an irgendeinem weichen Wort oder einem zärtlichen Blick abgeglitten. Was aber sollte sein stundenlanges Brüten? Der nur mehr halbe Anteil, den er an ihren Vorbereitungen nahm? Die fast verlegene Beklommenheit, mit der er an all den zärtlichen Sächelchen vorübersah, die sie zum Empfang des Kindchens rüstete und meist unter seinen Augen zurechtlegte – im lauschigen Frieden desselben Erkers, in dem er so gerne seine freien Stunden verbrachte? Halbe Tage hatten sie in früheren Wochen hier verscherzt, vertändelt, durchkost. Nun hatte er immer irgendeine Lektüre bei sich, oder er nahm seine Stationspräparate unter das Mikroskop, schrieb, zeichnete. ›Was ist nur zwischen uns gekommen?‹ sann Annemarie immer wieder. Aber es ließ sich nicht erfingern. So gleichmäßig ruhig schien sonst seine Art, so weich, fast ritterlich jede Zärtlichkeit, mit der er ihr nahte. Und doch, doch war etwas zwischen ihnen – daß ihr oft schien, sie fühle es und auch er wisse darum! Aber keines wagte davon zu sprechen. Nicht anders, als hätte sich das Schicksal selbst plötzlich zwischen sie gesetzt, lauernd, stumm, drohend ... oder irgendein Gespenst, das der Vergangenheit angehörte oder der Zukunft ... Einmal, als Annemarie, über ein zierliches Erstlingsjäckchen gebeugt, wieder so vor sich hinsann und dann plötzlich emporsah, ertappte sie den Gatten bei einem Blick, der ihr lange zu raten gab. Es war ein halb verlegener, kühl forschender, gleichsam ihr innerstes Wesen sondierender Blick, nicht anders, als hätte der Geliebte auch sie selbst ganz heimlich unter ein Mikroskop genommen. »Du willst –?« fragte sie betreten. Da kam er wie ein Erwachender zu sich, sah zur Seite und errötete. »Nichts, Liebling, nichts,« murmelten seine Lippen. Dann erhob er sich. Und auch ihr verschlug es das Wort ... Wie ein Blitz fuhr ihr aber plötzlich die Erinnerung in die Seele, daß sich die Glut seines Begehrens schon oft hinter solchen Blicken verlarvt hatte, und daß gerade seine starren Augen ihr vielleicht verraten, was sein Mund zu stolz war, auszusprechen: die Qual der Entsagung, in der sie ihn, des Kindchens wegen, von sich fernhielt. Der Groll gegen das Ungeborene, das ihm so früh den Traum zerstörte, den er nun einmal von der Liebe des Weibes hatte. Fast beschämt ließ Annemarie das Jäckchen in den Schoß sinken. War es das , oder –? Wie ein weiter, dunkler Raum lag es zwischen ihr und seiner Seele. * Der Weihnachtsabend kam. Doch selbst an diesem Tage mußte Annemarie bis zuletzt all ihre Liebe und Selbstbeherrschung zusammennehmen, um nicht ungehalten zu werden. Unter dem Vorwand, mit einem Kollegen noch rasch einige fachliche Angelegenheiten zu besprechen, hatte sich Wilhelm schon am frühen Nachmittag in die Stadt begeben. Nun dämmerte der Abend heran, und er war noch immer nicht zurück. Im Hause selbst war alles gerüstet. Die kleine Abendtafel leuchtete im seidigen Glanz des Prunktischzeuges. Die kristallenen Vasen und Kelchgläser schimmerten und blitzten. Eine zierliche Silberschale, bis an den Rand mit weißen Nizzarosen gefüllt, schmückte die Mitte des Tisches. Dunkle Tannen- und lichte Lärchenzweige lagen auf dem Schnee der Damastdecke. Alle Türen waren weit geöffnet. Alle Deckenkronen brannten. Der Geruch der Narzissen und Hyazinthen, die an den Fenstern blühten, mischte sich in den Duft der Tanne und den Balsamatem des Salonrauches, den Annemarie in einer silbernen Räucherschale auf dem Kamin verschweben ließ. Aus der Küche schlug der würzige Geruch des Lebkuchenfisches bis in den Vorsaal hinauf. Kein Zweifel, Renate würde auf die Minute fertig sein! Dann war nur noch das Bäumchen anzuzünden, die Bescherung vorzunehmen – Wie aber, wenn der Herr des Hauses der einzig Unpünktliche war? Gerade an diesem Abend, der so ganz im Zeichen der Stunde stand? Immer wieder trat Annemarie ans Fenster, lüftete die seidenen Gardinen, spähte nach der abendlich stillen Straße hinaus. In nervösem Überschwang hatte sie heute ihre Leute zur Arbeit und Eile angehalten. Nun war es an ihr sich zu schämen, wenn Wilhelm nicht zur rechten Stunde kam. Sie selbst trug zum ersten Male den weichen, duftigen Staat, in dem sie nach der Geburt als junge Mutter empfangen wollte. Ein langhinfließendes, hyazinthenfarbiges Rekonvaleszentenkleid, dem eine goldgestickte Samtstola fast eine mystisch-priesterliche Weihe lieh. Das erste Atelier der Stadt, die Wiener Werkstätten, hatten es ihr geliefert. Es war das Weihnachtsgeschenk ihrer Brüder und nach den Zeichnungen des Jüngsten verfertigt worden, dem die Gewandmotive der byzantinischen Kaiserinnen gerade gut genug waren, die junge Schönheit der geliebten Schwester damit zu schmücken. Die Werkstätten hatten das Kleid ausgestellt und selbst die Modeblätter davon Kenntnis genommen. Nur Wilhelm wußte noch nichts davon. Für ihn sollte es die erste Überraschung werden, wenn er über die Schwelle der Weihnachtsstube trat. Und nun kam er nicht. Selbst Bijutti, der, mit einem blaßblauen Seidenbändchen geschmückt, auf seinem molligen Angorafelle lag, knurrte schon verdrießlich und ungeduldig vor sich hin, sooft er die junge Herrin ans Fenster eilen sah. * Endlich – es war nah' an sieben Uhr – schrillte draußen die Hausglocke. Renate selbst kam aus dem Erdgeschoß, um zu öffnen. Mit fast jugendlicher Leichtigkeit trippelte sie unter Annemaries Fenstern durch den Garten und rückte noch rasch die schwarzseidene Haube zurecht, bevor sie das Pförtchen öffnete. Richtig war es Wilhelm, den sie einließ. Welchem anderen hätte sie auch die Ehre erwiesen, sich selbst zu bemühen? Warum aber hielt sie ihn noch länger auf, kam gar nicht zu Ende mit ihrem Getu' und Getuschel? ›Es wird sich um eine Überraschung für mich handeln,‹ sagte sich Annemarie, die ihren sonst so widerwilligen Hausgeist immer mit einem gewissen Unbehagen in so vertraulicher Nähe ihres Gatten sah. Doch heute galt es eine Ausnahme. Leis und sorgsam ließ die junge Frau den emporgehobenen Vorhang fallen und wandte sich noch einmal nach dem Spiegel. Es galt den Sieg des Abends. Und – ›Du bist schön!‹ sagte ihr der Spiegel noch einmal – ›trotz allem!‹ Leis und fast von einem abergläubischen Schauer angefröstelt erbebte ihre Hand, als sie den Wachsstock ergriff, um die ersten Weihnachtslichter in ihrem jungen Heim zu entzünden. Sie war mit Wilhelm übereingekommen, daß zuerst ihre gegenseitige Bescherung stattzufinden habe. Dann wollte man der Dienerschaft schellen. In blankem Weiß standen die Gabentische rechts und links von der Tanne. Blasse Weihnachtsrosen und goldene Mistelzweige waren über die Geschenke hingestreut. Um ihre doch etwas unlieben Worte gut zu machen, hatte Annemarie noch rasch eine Düte seinen Zuckerwerks in Renatens schwarzen Muff gesteckt. Nur – der Muff selbst! Sie wußte nicht, warum ihr das schwarze Ding immer widerwärtiger, ja fast ungeheuerlich erschien, obwohl sie sich schon längst mit der Großmut ihres Gatten abgefunden hatte. Wie ein kleines, lauerndes Ungeheuer erschien ihr der dunkle Pelz, das sich heimtückisch und boshaft auf ihrem Weihnachtstisch niedergelassen, um in seiner Weise die Festfreude zu stören ... geheimnisvoll und vielleicht gerade dann, wenn man am wenigsten daran dachte. Die Kerzen brannten schon bis an den Gipfel der Tanne, als Wilhelms Schritte endlich – etwas langsam und müde, wie es Annemarie schien – über den Vorsaal zu ihr fanden ... * Er war bleich, wie Annemarie bei seinen Eintritt sofort merkte – ganz seltsam bleich – und hatte tiefe Schatten unter den Lidern. Sein Blick flackerte erst über den Baum hin, dann etwas verlegen an ihr vorüber ... ›Was hat er nur?‹ mußte sie wieder sinnen. Er hatte sich nach Tisch besonders zärtlich, fast gerührt von ihr verabschiedet. Nun kam er wieder wie ein Fremder heim, sah über sie hinweg, zerstreut, unsicher, nervös – wohin? Wie eine Königin stand sein Weib vor ihm, die Mutter seines Kindes – in einem Kleid, das er an einer anderen gewiß nicht übersehen hätte. Und derselbe Blick, der so zerstreut an ihr vorüberstreifte, glitt ebenso achtlos an dem blumen- und bändergeschmückten Moseskörbchen ab, das vor ihm stand. Obwohl das wächserne Christkindlein selbst in eigener Person den Erstling des Kaufes darin erwartete – lächelnd, mit weit und liebend geöffneten Ärmchen. Sah sie recht? Wahrhaftig! Es war Renatens Muff, an dem sein Auge hing: starr, mit einem gewissen Unbehagen und doch zugleich mit einem Ausdruck voll träumender Versonnenheit ... Ohne Wort, ohne Gruß starrte Annemarie ihn an. War das ihr Gatte oder der nächstbeste Fremde, der nur eben von der Straße hereinkam, um sich einige gleichgültige Dinge zu besehen? Und wieder lief es wie ein Frösteln über sie hin. Da kam er zu sich. »Verzeih', daß ich dich so lange warten ließ, Annemarie. Aber der Kollege war erst nicht zu Hause, dann wieder in Gesellschaft.« Er gab sich einen Ruck, wie um mehr Haltung zu gewinnen, strich hastig über die Stirne hin: »So vertrödelt man seine Zeit!« »Um glücklich zu sein, haben wir noch immer Zeit genug,« gab Annemarie mit leiser Bitterkeit zurück. »Doch – gestatte ... daß die Lichter nicht erlöschen, bevor wir uns beschenken –. Diesen Zeiß hast du dir immer auch daheim gewünscht ...,« sie lächelte süß und mit zuckenden Lippen – »mög' er dich in den nächsten Wochen mehr an dem Daheim fesseln!« Ihre Stimme erlosch. »Aber Annemarie!« wehrte er fast betreten ab. »Du hast doch eine Art –!« Ihre Augen blitzten ihn an: »Ich?« »Verzeihe, aber – diese Sucht mein' ich, alles sofort auf die große Szene zuzuspitzen! Ein Mann wie ich hat eben doch noch einiges andere zu bedenken als Weihnachtsidyllen und Nervenkrisen.« Sie sah ihn noch immer an: fremd, starr, durchdringend. Und etwas in ihm schien sich nicht nur zu wehren, sondern auch zu winden unter diesem Blick ... Wieder entglitt ihr sein Auge, mit diesem Lächeln, das eben so verbindlich als unfaßbar war. Dann küßte er ihre Hand. »Mit dem neuen Zeiß hast du mir natürlich eine ungeheure Freude gemacht. Erlaube, daß nun auch ich –« Er griff in seine Rocktasche, fuhr mit der Hand einige Male darin herum – aber es blieb immer nur dasselbe zart rosa gefärbte, noch halb von einem Gummiband zusammengehaltene Seidenpapier, das er daraus hervorzog. Und nun erblich er bis an die Lippen ... Nur Annemarie erschrak nicht. Sie kannte die gelehrte Zerstreutheit des Gatten und mußte unwillkürlich lächeln, leis, aber doch versteckt. »Wer weiß, wo du mein Christkindchen liegen gelassen hast! Was war es denn?« Die tiefe Blässe, die bisher sein Antlitz bedeckt hatte, wich einem dunklen Rot, das ihm bis in die Schläfen emporstieg. »Eine – eine Perlenschnur! Aber wo hätt' ich denn nur –?« Nun begann er auch in den anderen Taschen zu suchen – seine Wangen färbten sich immer tiefer –. »Vielleicht hast du es drüben schon irgendwo hingelegt?« kam Annemarie ihm entgegen. Seine Hilflosigkeit rührte sie immer mehr; schien ihr fast ein Zeugnis für ihn und seine Art, die immer in irgendeiner Weite verloren war, in einer Welt sich auslebte, die wirklich eine versunkene war. Ihr inniger Humor kehrte wieder: »Nun, du alter Paläontologe, wo hast du meine Perlen eingegraben? Schnell heraus damit, bevor sie ein Fossil werden!« Ihr helles Lachen zwang eine flüchtige Heiterkeit in sein Antlitz; aber ihren Versuch, nun auch in seinen Taschen zu suchen, wies er fast heftig zurück. »So laß doch, du machst mich nur noch nervöser –!« »Es wird drüben liegen,« beharrte Annemarie. »Komm, laß uns suchen! Oder hast du es deinem Kollegen gezeigt?« Er stand noch immer wie festgewurzelt, strich langsam und qualvoll über Stirn und Augen. »Aber, Wilhelm,« lächelte Annemarie, »man kann ja hinschicken, wenn sie selbst es nicht dort bemerkt haben sollten. So sprich doch!« »Ich werde selbst hinfahren,« begann er endlich tonlos. In diesem Augenblick wurde unten heftig geschellt. Gleich darauf trat Renate ein, lächelnd, halb verlegen und doch mit einem merkwürdig dreisten Blick. Ihre Hand hielt ein in Seidenpapier gefaltetes Päckchen. »Das hat ein Dienstmann soeben abgegeben, bitte. Der gnädige Herr haben es wo vergessen!« Sie dehnte das Wort ... Hastig griff Wilhelm danach, riß es ihr fast aus der Hand. »Sonst war nichts dabei?« »Nein, bitte.« Immer dasselbe Lächeln im Antlitz, glitt Renate leise hinaus. »Deine Perlen, Annemarie!« Die Hand, die ihr das kostbare Geschenk entgegenhielt, bebte noch. Aber in seiner Stimme war ein Klang, der etwas von dem verhaltenen Jubel einer Erlösung hatte und Annemarie tief rührte. Sie bezog ihn auf die Freude, sie so reich beschenken zu können. Dann glitt ihr Blick über die Perlen ... Wie sie auf dem blaßblauen Samt des geöffneten Behälters vor ihr lagen, in dem matten, vornehmen Perlmutterglanz der erlesenen Funde, jede einzelne nach Größe und Wert ein köstliches Juwel, schien es Annemarie, als müsse sie dem Geliebten in einem einzigen Sturm der Rührung und Dankbarkeit abbitten, was all die Zeit her ihre Gedanken an ihn bemakelt und vergiftet hatte. »Wilhelm!« stammelte sie mit Tränen in den Augen. »Das – das ist ja ein kleines Vermögen!« Sie drängte sich an ihn, legte selbst seine Hand an ihr Herz. »Aber nun mußt du selbst auch sie mir umlegen,« schmeichelte sie leise. Er lächelte bewegt und doch noch immer versonnen. »Also komm'.« Und nun fühlte sie erst, wie eiskalt seine Hände waren, nun mit dem kosenden Gleiten der Perlen auch seine Finger einen Augenblick ihre warme Haut streiften. »Hat dich das wirklich so heftig erregt?« forschte sie mit einem Blick in den Spiegel, Er zuckte leise zusammen. »Deine Hände sind so kalt!« klagte Annemarie besorgt. »Und auch sonst –« Ein jähes Schmollen warf ihr die Lippen auf. »Ich trag' schon heute meinen Taufstaat, Wilhelm, und du hast mir noch mit keinem Blick gesagt, ob ich dir gefalle!« Da griff er von hinten nach ihrem Haupt, beugte es zurück und schloß mit zwei leichten Küssen ihre Augen. »Schelm du, und ob du schön bist in diesem Staat! Wohl ein Traum, den du in deinem Erker ausgesonnen hast?« Annemarie schüttelte das Haupt. »Es war Edwins Gedanke! Die Brüder und Mama haben's mir geschenkt.« Die Lippen des Gatten kräuselten sich zu dem ihm eigenen Spott. »Edwin, schau! Träumt der auch schon von – Frauenkleidern? Da werd' ich hoffentlich bald ganz ungeschoren bleiben von seinem Haß –« »Wie du nur sprichst, Wilhelm!« »Die Kerzen brennen ab,« bemerkte er, wie nebenbei. »Ich denke, wir bescheren jetzt unseren Leuten!« »Renatens Muff!« lächelte Annemarie glückstrahlend. Ihr schien wieder einmal, als könne nichts und niemand mehr ihr Glück stören. * Fast übermütig klang der Ton der kleinen Silberschelle durchs Haus. Gleich darauf kam Renate angetrippelt. Nunmehr ohne Schürze, die schwarzseidene Haube tief in die gelbe Stirne hineingerückt. Um ihre Lippen lag noch immer dasselbe Lächeln, als hatte sie während der ganzen Zeit das Zimmer ihrer Herrschaft nicht verlassen. ›Was sinnt sie nur?‹ dachte Annemarie. Sie hatte in ihrem Jubel gewähnt, auch der unangenehmen Empfindungen Herr geworden zu sein, die der Anblick der Alten immer in ihr auslöste. Nun stand all das Peinliche und Fremde gleichsam in doppelter Gestalt vor ihr. Schien sich wie ein feindliches Fluidum zwischen sie und den Gatten zu drängen. Es ist mein Zustand, sagte sich Annemarie zum hundertsten Male. Ich empfinde jetzt nicht normal. Mit einem Ruck tapferer Selbstüberwindung schritt sie an den Gabentisch. Schon tauchte in der geöffneten Türe auch das derbfrohe Landmädelgesicht des jungen Stubenmädchens auf. Die Wartefrau folgte und strich mit den rauhen Arbeitshänden noch einmal rasch über die blanke Schürze. Beklommen von all dem Glanz, von all der eigenen Erwartung. Annemarie hob den Muff empor. »Das ist für Sie, liebe Renate! Wir bekommen einen strengen Winter und Sie alle auch viel Arbeit mit mir –« In ihre Stimme kam ein leises Beben. Ihr Blick flüchtete zu dem Gatten. Wie eine Abbitte war's. »Und damit Sie gleich beim ersten Griff was Gutes drin finden, liebe Renate, haben wir Ihnen noch das hineingelegt.« Sie zog ein Geldbeutelchen hervor und die Tüte mit dem Zuckerwerk ... Langsam, fast zögernd trat die Alte näher, und die welken Lippen zuckten wie von einem verhaltenen Lächeln, als sie die Hand ausstreckte, um den Muff in Empfang zu nehmen. »Vielen Dank den Herrschaften!« Es war ihre gewöhnliche Art, der gleiche, komisch-gemessene Bückling, der immer steifer und förmlicher geworden war, seit eine andere als Gebieterin in dieses Haus gezogen. Mit einem etwas wärmeren Blick dankte sie zu ihrem Herrn hinüber, und wie für ihn allein gesprochen schien es, als sie sagte: »Nun hab' ich zu dem großen Skunkskragen, den mir meine frühere Gnädige geschickt hat, auch noch den Muff! Ist das aber schön!« Sie kicherte auf – leise, seltsam. Es war das richtige Altweiberlachen, das ganz harmlos sein und doch voll heimlicher Bosheit stecken kann. Fast betreten stand Annemarie da. Sie fühlte, daß die Alte sie beschämen wollte, vor ihren eigenen Dienstboten, in Gegenwart des Gatten, der sie schon einmal wegen des Pelzwerkes, das sie für eine Dienerin zu kostbar gefunden, zurechtgewiesen hatte. Vielleicht selbst um den Preis einer Lüge sie beschämen wollte! Und mit einem Lächeln nahm sie den versteckten Kampf auf. Renate sollte wenigstens fühlen, daß sie ihr nicht glaubte, was sie da sagte, und auch das Geschenk des Kragens für unangebracht hielt. Nun erst recht! »Was Sie nicht sagen, liebe Renate!« staunte sie. »Sogar einen Skunkskragen?« Die Alte nickte bloß, ruhig, aber voll einer Genugtuung, die selbst dem Herrn des Hauses in diesem Augenblick nicht genehm sein mochte. Denn er kehrte sich ab. Nun aber kam die Beredsamkeit des Stubenmädchens in Fluß. »Ein großer, schöner Kragen, meiner Seel'. Wir alle haben ihn schon probiert. Nicht wahr, Frau Fasching?« Die Frage war an die Aufwärterin gerichtet, die noch immer wie bezaubert dastand, mit offenem Mund in die ihr so fremde Welt hineinstarrte. Aber auch sie nickte mit dem ihr eigenen, gutmütigen Grinsen. Renate hatte die Wahrheit gesprochen! »Warum quält es mich nur?« dachte Annemarie mit immer steigender Befremdung. »Ich habe doch noch nie jemandem etwas mißgönnt in meinem Leben! Warum ist mir gerade das so peinlich?« Laut aber sagte sie: »Nun, dann müssen Sie dieser Dame jedenfalls sehr kostbar gewesen sein, liebe Renate! Aber nun ist ja auch noch Anna da und unsere gute Frau Fasching ...« Sie hatte ihre Unbefangenheit zurückgewonnen. Ruhig und vornehm, wie es der Dame des Hauses zukam, verteilte sie die weiteren Gaben. Als die arme Aufwärterin, die Annemarie in Anbetracht ihrer vier Kinder besonders reich bedachte, mit einem feuchten Dankesblick zu ihr emporsah, schien es ihr, als glimme zugleich auch etwas wie ein heimliches Bedauern in ihren Augen auf. Aber sie täuschte sich wohl. Was konnte dieses Arbeitstier wissen oder ahnen? Die Leute aus dem Volke waren so gar nicht kompliziert! * Sie saßen schon eine Weile an der festlich geschmückten Tafel. Aber die eigentliche Weihnachtsfreude wollte sich noch immer nicht einstellen. Auch ihr Reden war mehr ein Selbstgespräch zu zweien, in dem jedes etwas in sich hineinzuschweigen schien, von dem das andere nichts wissen durfte. Es war nicht Annemaries Schuld, daß ihr der letzte Weihnachtsabend im Elternhause plötzlich vor die Seele trat und mit ihm die so ganz andere Weise des Gatten. Das Damals und das Heute ... Erst ein Jahr lag dazwischen. So wenig – ja, wenn sie gerecht sein wollte, so gar nichts hatte sich geändert. Die sinnlich erregte Spannung jener Tage war bloß dem Behagen des ruhigen Besitzes gewichen. Der Bräutigam hatte den Hausrock des Gatten angelegt. Und doch schien ihr mit einem Male, als wäre ein unsäglicher Glanz aus ihrem Leben geschwunden – für immer und gerade heute! ›Ich bin nicht normal,‹ dachte sie wieder und neigte in stiller Demut das Haupt. Ein Zuspruch ihres ehemaligen Beichtigers kam ihr wieder in den Sinn: »Sich desto reumütiger der eigenen Unzulänglichkeit zu erinnern, je heftiger die Welt uns anficht.« ›Mein Glaube!‹ rief es voll leiser Wehmut in ihrer Seele. ›Mein armer, verlorener Glaube ...‹ Für den Mann freilich, der so ruhig und selbstzufrieden kauend ihr da gegenübersaß, war auch » dies ganze Ach und Weh von einem Punkt aus zu kurieren«. Für ihn war es eben bloß »eine Folge des veränderten Blutdruckes«. Wie grell und schmerzhaft nüchtern sein Wissen doch alles entschleiert hatte in ihrer Welt! Auch das kam ihr erst heute zum ersten Male so recht zu Bewußtsein ... Endlich stellte das Stubenmädchen die letzte Überraschung des Abends auf: die Lausanner Patisserien. Annemarie hatte sie selbst in dem kostbaren Dessertkörbchen aus Meißens Rokokozeit aufgeschichtet und eigenhändig das weiße Spitzendeckchen darübergelegt, damit des Gatten Überraschung vollkommen wäre. Mit schalkhafter Anmut hielt sie ihm das zierliche Ding entgegen: »Und nun rate, was da drinnen ist?« Er hob die Hand, lüftete das Deckchen, stieß einen Ruf lauter Überraschung aus. Aber seine Augen blieben ohne Glanz, das schweigende Antlitz völlig unbewegt. Umsonst suchte Annemarie nach jenem kindlichen Geleucht in seinen Zügen, das jede plötzliche Freude über ein Menschenantlitz ergießt – und fast kam sie ein leichtes Mißtrauen an. Selbst sein Ruf erschien ihr mit einem Male wie ein vorbereiteter, sein Staunen wie die gutmütige Absicht, ihr eine kleine Freude zu lassen. »Renate wird geschwatzt haben,« schoß es ihr durch den Sinn, »um mir auch diese Freude zu verderben!« Das lange Getuschel, mit dem die Alte den Heimkehrenden am Gartentor festgehalten, lebte wieder in ihrem Erinnern auf. Und doch konnte alles nur eine bloße Vermutung sein. Ein Argwohn mehr, der ihrem reizbaren Zustand entfloß und schon allmählich auch die anderen um sie aufzureizen begann. Daß alles wie von einer heimlichen Feindseligkeit zitterte. ›Nur diese Stunde nicht verderben!‹ klang es in ihrem gequälten Herzen wieder. ›Ihn nicht ohne jeden Grund herausfordern.‹ Unterdes hatte Wilhelm eine ganze Hand der leckeren Dinge auf seinen Teller gelegt. »Wie bist du mir denn darauf gekommen?« lächelte er sie an. Sie warf in hausfraulichem Eifer den Kopf zurück. »Erlaub' mir! Ich mußte doch wissen, was dir an dem Abend das Liebste war! Allzugern hat es deine Renate ohnedies nicht verraten. Ich hab' es mich schon etwas kosten lassen. Wenn man so gar nichts weiß von seines Mannes Heimlichkeiten.« Er gab keine Antwort und kehrte rasch und wie suchend plötzlich das Haupt ab. »Du vermißt etwas?« fragte Annemarie. »Verzeihe,« lächelte Wilhelm, »aber ich hab' zu diesen Bäckereien und an diesem Abend immer gerne etwas Champagner getrunken.« »Ich hab' dir einen Asti einkühlen lassen. Hätt' es mir Renate gesagt –« Sie verstummte, weil das Mädchen eben mit dem Wein erschien. »Wünschen die Herrschaften noch etwas?« »Nein, Sie können gehen, Anna.« Nun waren sie allein. »Gib mir dein Glas, Annemarie!« Sie wollte gehorchen, besann sich aber sofort. »Verzeih', wenn ich dir nicht Bescheid tu', aber du weißt –« Sie lächelte gerührt und müde ... »Meinetwegen!« klang es gereizt zurück. »Dafür werd' ich dir zum Taufschmaus deine Lieblingsmarke einkühlen lassen!« bat Annemarie mit beklommener Demut ab. »Ich weiß, ich weiß!« Er lachte auf. »Wir haben Grundsätze!« »Wilhelm!« flehte sie leise. Seine Augen funkelten sie an. Wie ein grünliches Schillern flog es durch die grauen Pupillen. Dann stürzte er sein Glas hinab. Sie faltete die Hände über dem Schoß, sah ihn lang und innig an – »Ist es nicht meine Pflicht, jetzt nur an das Werdende zu denken?« Sein Blick, kühl, glitt an ihr nieder, fast angewidert. »Ja, ja, ja ... und noch einmal – meinetwegen!« brach es aus ihm hervor. »Und dann war es ja nur die Erinnerung an meine Jugend und an ihre – Abende! Die du übrigens selbst geweckt hast mit diesen – Süßigkeiten ...« Täuschte sie sich, oder ... Aber nein, es war Hohn, der Hohn einer ganz merkwürdigen, einer förmlich aufatmenden Genugtuung, der aus seinen Worten klang, in seinem plötzlichen Auflachen vibrierte. – »Nur, ich bitte – wenn ich einen Augenblick wieder in diesen Erinnerungen leben will, dann komme mir nicht mit den Verheißungen eines Taufschmauses. Ich bin kein Philister!« Und wie in fieberndem Durst leerte er aufs neue sein Glas, mit starren Augen über sie und alles hinwegsehend, was um ihn war – in Fernen hinein, die sie nicht kannte, von denen sie nichts wußte ... Langsam und schwer erhob sich Annemarie. »Ich kann dich ja auch ganz allein lassen, heute – wenn du willst!« Sie hatte es ruhig und völlig beherrscht gesagt. Aber gerade die Kraft, die sie an diese Ruhe gewandt hatte, brach nun erst recht ihre mühsam bewahrte Selbstbeherrschung. Daß sich ihre so lange niedergerungene Qual plötzlich in einem lauten Wehschrei löste – in einem Strom von Tränen, der ihren Blick verdunkelte, bis sie schwankend und halb ohnmächtig auf dem nächsten Ruhebett zusammenbrach. Aber wenn er auch sofort emporsprang, sie wie ein Kind in seine Arme nahm und in beschämter Reue und mit tausend Liebkosungen immer wieder ihre Verzeihung erbat – Annemarie schloß doch kein Auge mehr, gerade in dieser Nacht. * Das Dreikönigsfest war vorüber, die Vorlesungen hatten wieder begonnen. Still und geräuschlos glitten die Tage in ihrem gewöhnlichen Gleichmaß dahin. Auch in Annemarie war es wieder still und klar geworden. Wenn sie nun an jenen heftigen Ausbruch zurückdachte, kam es wie leise Scham über sie. Ja, fast schien ihr, als hätte sie dem Gatten unrecht getan. Sie mußte auch seine Lage begreifen, auch mit ihm fühlen. Und wie sie ihn kannte, erschien ihr zuletzt auch seine unter so heißen Liebkosungen vorgebrachte Verteidigung glaubhaft: daß er sich über all der Fürsorge, mit der ihr Mutterinstinkt das noch Ungeborene umgab, vernachlässigt und beiseite geschoben fühle. Eifersucht war es also – eine zwar kindische, aber doch auch verständliche Eifersucht. Und sie glaubte so gerne daran! Auch Wilhelm schien seine ganze Heiterkeit zurückgewonnen zu haben. Und daß er ihr nicht mehr so viele Stunden widmen konnte wie in den freien Tagen ihrer jungen Ehe, war natürlich. Sein Amt heischte die Erfüllung vieler Pflichten. Die Studien, die er für sein neues Werk betrieb, hielten ihn oft stundenlang in seinem Institut zurück. Kam er dann bleich und etwas wortkarg nach Hause, verstand Annemarie, daß er nun erst recht der Ruhe bedürfe, und mühte sich, alle Kleinlichkeiten aus seiner Nähe fernzuhalten. So blieben die Mahlzeiten nun die einzigen Stunden, die sie in alter Fröhlichkeit gesellten. Der übrige Tag aber war nun für Annemarie ein einziges, heiliges Erwarten – in Träumen, in Gedanken, in tausend heimlichen Wünschen für das, was unter ihrem Herzen wurde. Über solch ein kleines Häubchen oder Jäckchen in versonnener Arbeit gebückt, vergaß sie zuletzt selbst, daß der Gatte so lange ferne weilte. Sie war doch nicht mehr allein! Und wenn er sich ferne mühte und sorgte, geschah es in derselben Liebe, die sie an all die zierlichen Dingelchen wandte, die schon jetzt das Eigentum ihres Kindes waren. Sanft und keusch wie die Blumen des Paradieses, dem seine Seele entsteigen sollte, dufteten die ersten Blüten des Frühlings in ihrem Erker – Primeln und Veilchen und Märzenbecher und die großen, prächtigen Duc van Tholl. An einem dieser Tage gingen ihr plötzlich die zierlichen Bändchen aus, die sie noch für einige Erstlingsjäckchen brauchte. Und weil die Wintersonne gar so herrlich von dem wolkenlosen Himmel strahlte, die Luft so klar war und die Wege trocken, beschloß Annemarie selbst zur Stadt zu fahren. Es kam ganz plötzlich über sie – ein Drang, ein Wunsch – vielleicht nur eine Laune. Die Sehnsucht, sich wieder einmal in voller Freiheit zu ergehen, wie ein Mensch, der trotz allem noch gesund ist und sich auch wieder einmal fühlen will. Als sie schon in Hut und Mantel dastand, kam es ihr erst in den Sinn, daß Wilhelm diese Fahrt in die immerhin etwas ferne Stadt nie zugegeben hätte. Sie mußte lächeln – ›Nun soll er sich selbst überzeugen, was ich noch kann!‹ dachte sie voll heimlichen Übermutes. ›Ich mache meine Besorgungen, und dann hol' ich ihn ab. Ja, wahrhaftig, ich hol' ihn ab!‹ Nicht einmal nach einem Wagen schickte sie. Wenn sie um die nächste Ecke bog, stand sie vor der Endstelle der Straßenbahn, die auch Wilhelm täglich benutzte. Das sollte eine fröhliche Fahrt werden! Renate sah ihr etwas verblüfft nach, und Bijutti kläffte ärgerlich hinter ihr her, enttäuscht, daß er allein daheim bleiben mußte. Annemarie aber huschelte sich noch wohliger in ihrem Pelz zurecht und schritt mit einem vergnügten Nicken in den frischen Wintertag hinaus. * Früher, als sie gedacht hatte, war Annemarie in der Stadt und mit ihren Besorgungen zu Ende. Als sie den letzten Laden verließ, schlug die Uhr auf dem Stefansturm die elfte Stunde. Um Zwölf schloß Wilhelm sein Kolleg. Sie hatte also fast noch eine Stunde Zeit. ›Ich werde auf den Ring hinausgehn‹ dachte sie, ›und in den Anlagen vor der Universität etwas promenieren. Um dreiviertel Zwölf stell' ich mich dann vor der Türe seines Hörsaales auf. Oder nein, noch besser – ich warte in der Aula und laß ihn ganz ahnungslos an mir vorübergehen, um ihn plötzlich am Arm zu fassen: Wollen Sie mich begleiten, mein Herr?‹ Sie lachte, laut, fröhlich, unvermittelt, daß ein vorübertrippelndes Mütterchen erstaunt den Kopf nach ihr wandte und dann mit einem Blick voll gütigen Verstehens leis und gerührt vor sich hinnickte. Annemarie aber besann sich nun doch und schritt in gefaßter Würde noch einmal so fraulich dahin ... An der großen Wegkreuzung des Schottentors hielt sie einen Augenblick bestürzt ein. Es war nicht so leicht, heil und sicher durch all die hin- und hersausenden Wagen und Autos da hinüberzukommen, wenn man nicht rasch zu Fuße war, jeden Schritt so bedacht abmessen mußte, wie Annemarie. Sie blieb also stehen, um einen günstigen Augenblick abzuwarten, der ihr gestattete, die Straße ohne Fährlichkeit zu überschreiten. Groß und massig und doch edel in all seinen Verhältnissen erhob sich gerade ihr gegenüber der mächtige Palast des Wissens, die Stätte, von der auch ihres Gatten Ruhm ausstrahlte. Mit leuchtenden Augen sah Annemarie hinüber. Welche Fenster wohl die seinen waren? Sie wußte, daß er eines der besuchtesten Kollegs las; daß in dieser selben Stunde einige hundert junge Augenpaare an ihm hingen, so und so viele junge Seelen gespannt und wißbegierig aufhorchten – jeder Blick ihm zugewandt, jedes Denken in ihm verankert und der Lehre, deren Apostel er war. Und wie er reden konnte! Reden? Zwingen, überwältigen, mit sich fortreißen. Und doch selbst immer so ganz ruhig dabei bleiben. So beherrscht und sieghaft sicher. Nur daß die feinen Lippen zuweilen wie in leisem Hohn aufzuckten, wenn unter der scheinbar so unerbittlichen Logik seiner Sätze ganze Denkwelten zusammenbrachen, wenn er, von irgendeinem Petrefakt oder einem Präparat ausgehend, das vor ihm unter dem Mikroskope lag, so ganz nebenbei auf die Schöpfungsgeschichte Moses' zu reden kam und den Menschen, den der liebe Gott angeblich gleichsam vollkommen nach seinem »Ebenbilde« geschaffen. Wobei er nur leider vergessen, einige fatale »Rudera« seiner bildnerischen Tätigkeit zur rechten Zeit verschwinden zu lassen, wie zum Beispiel » dieses «. – Noch entsann sie sich des tiefen Schreckes, der sich ihrer Seele bemächtigt, als sie den Geliebten gelegentlich eines Festvortrages zum ersten Male so am Werke gesehen, – mit der gleichen Beredsamkeit, derselben ehernen Ruhe, dem gleichen Lächeln überlegenen Hohns. Jedes Wort für ihren Glauben damals noch eine Blasphemie und doch solch heimlichen Zaubers voll, daß keine andere Wahrheit mehr daneben zu bestehen schien. Mit keinem Worte hatte er sich jemals bemüht, offen und absichtlich gegen ihren Glauben anzukämpfen. Seine Ruhe war es, die ihn ihr genommen, sein Hohn – dieses selbe, sieghafte Lächeln, das sie so liebte an ihm! Und all die anderen, dort droben, die auch noch jung waren und vielleicht so gläubig wie sie damals. Wie erging es ihnen? Sie seufzte leise auf – Wer konnte ihn hören, ohne von ihm überwältigt zu werden? Wenn es aber allen so erging ... Vielleicht war es doch die Wahrheit – die reine, sieghafte Wahrheit, der er diente! ... »Annemarie!« Wie eine Erwachende fuhr die junge Frau empor. Wahrhaftig, da stand Mela vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und lächelte sie an – schön, strahlend, in fast mädchenhafter Anmut. Von Kopf bis zu den Füßen in kostbaren Seal gekleidet, den schneeigen Hermelinmuff mit den ersten Veilchen geschmückt. Und wieder war es der beklemmende Duft der Rosa centifolia , der wie eine schwüle Atmosphäre um die marderschlanke Gestalt zitterte, selbst von der Frische der Schneeluft nicht aufzutrinken war – immer und überall um sie zu sein schien, wie eine Wolke der Liebesgöttin, der sie so reuelos und unbekümmert diente. »Daß man dich endlich auch wieder einmal sieht!« lächelte Mela mit einem kräftigen Händedruck. »Aber freilich, in deiner Lage –« »Mama hat mir schon gesagt, daß du neulich bei ihr warst,« stammelte Annemarie fast befangen. »Bloß um wieder einmal von dir zu hören, du Dornröschen,« gab Mela mit leichtem Schmollen zurück. »Ich war nämlich schon ehrlich böse auf dich, mußt du wissen. Denn eine Visite macht man doch in absehbarer Zeit zurück, wenn man schon seinen – seinen Antrittsbesuch unterlassen hat! Freilich, seit ich weiß, daß du erwartest, Hab' ich dir alles verziehen. Wie du nur dastehst, so blaß, verträumt und verängstigt – armes Katzerl!« Es konnte ehrliches Mitfühlen sein. Nur – Annemarie vertrug selbst dieses nicht mehr von solcher Seite. Und fast hochmütig hob sie den seinen Kopf. »Eine Mutter gehört nicht mehr sich allein und einem Kinde schuldet man gar manches. Vor und nach seiner Geburt.« Sie betonte das »nach«! Mit einem irrlichternden Blick sah Mela an ihr hinunter, dann lächelte sie. »Wie man sich eben das Leben denkt, Annemarie! Zuletzt wird doch alles eine einzige Enttäuschung. Mit einem Kinde freilich mag unser Glück noch am längsten währen. Nur, daß es gerade dann nicht mehr unser Glück ist.« »Unser Glück muß immer das Glück der anderen sein, wenn es rein sein soll!« gab Annemarie mit offenem Blick zurück. Ein nervöses Zucken kam in Melas feine Schultern. »Die anderen!« sprach sie leis und herbe. »Die anderen! Man lernt sie bald genug kennen. Aber ich bin die letzte, die jemandem seine Freude verdirbt!« Wieder flog der grüne Schein durch ihre Augen – schlangenhaft bannend, geheimnisvoll. Dann lächelte sie ... »Es genügt mir, dich wieder einmal gesehen zu haben. Man war nicht umsonst miteinander einmal jung und töricht. Diese Erinnerungen sind immer süß. Na, leb' wohl – und laß dich doch vielleicht einmal sehen. Dein Baby darf ich mir doch anschau'n kommen? Ach, – aber verzeih, dort grüßt eben unser Arzt herüber. Ich hab' eine ganz persönliche Frage an ihn –« Und schon glitt sie wie ein Marder mitten durch das Gewühl der Menschen und Wagen – schlank, anmutig, sorglos. Mit einem harten Blick sah Annemarie ihr nach. Richtig – dort stand er ja schon an der Ecke, der Hausarzt, der so zufällig dahergekommen war! Veilchen im Rockknopf, einen Tuff Schneeglöckchen in der Hand ... »Er muß viel Zeit haben, dieser Hausarzt,« dachte Annemarie belustigt, »daß er so blumengeschmückt über den Ring gehen kann! Aber er war schön, jung, schlank und brünett wie Mela. Und wie er nun den Hut zog und die fein gantierte Hand zum Kuß an die Lippen hob, erinnerte er Annemarie sogar einen flüchtigen Augenblick an Konrad. Doch schon mußte die schöne Sünderin ihm einen warnenden Wink gegeben haben. Mit gesenktem Haupt und auffallend ernstem Antlitz an ihrer Seite weitergehend, schien er nun wirklich bloß der Arzt, dem eine Vertrauenssache vorgetragen wird. »Eine ganz persönliche Angelegenheit!« Vielleicht hatte Mela diesmal gar nicht gelogen. Es war kein millionenschwerer Liebhaber diesmal, der für ihren Luxus aufkommen mußte – sondern ein schöner, junger, lebensdurstiger Mann. »Das schöne Muskeltier!« von dem Mela mit ihrem zweideutigen Demi-vierge-Lächeln schon als Sechzehnjährige geträumt ... Also wahrhaft eine ganz persönliche Angelegenheit! Hätten die sonoren Glockenstimmen der Votivkirche nicht eben laut die zwölfte Stunde verkündet, Annemarie wäre noch länger stehen geblieben, um den beiden nachzuschauen. Nun aber erschrak sie und sputete sich, auf die andere Seite hinüberzukommen. * Es war jedenfalls am klügsten, in der Aula auf Wilhelm zu warten. Da mußte er ihr geradeswegs entgegenkommen, und sie konnte ihn nicht verfehlen. Schon strömte es über die mächtige Rampe nieder – wirr, schwarz – der große Strom der Jugend, der täglich hier mündete und von hier sich wieder verlief. Da und dort leuchteten im Sonnenlichte die bunten Kappen der Couleurstudenten auf. In einen Fiaker, der eben vorfuhr, sprangen mit lautem Gruß an die geleitgebenden Kommilitonen zwei Chargierte hinein. Deutsch-Nationale. Sie mochten wegen irgendeines Handels wieder einmal beim Rektor vorstellig geworden sein. Zwei Japaner, kleine, windige Kerle, glitten wie Wiesel durch das Gewühl: den Blick zu Boden und doch alles ringsum mit heimlichem Geblinzel erspähend. Immer dasselbe Lächeln um die Lippen, das so verbindlich und höflich schien und doch wahrscheinlich eine einzige Niedertracht war. Aber gerade ihr Erscheinen zwang Annemarie nun zu doppelter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß die meisten Exoten im Kolleg ihres Mannes saßen. Auch die zwei Inder, die dort so feierlich und ernst niederstiegen, wie Brahminen über die Stufen eines Tempels. Wilhelm mußte heute früher geschlossen haben – kein Zweifel. Und nun beflügelte auch Annemarie ihren Schritt. Da prallte ihre Eile an einem feierlichen Zug junger Theologen ab, die eben die Rampe herabkamen: Paar an Paar – helläugig, rotwangig, ein Kinderlächeln um die bartlosen Jünglingslippen. Rein und unberührt vielleicht nur mehr sie allein von all dem Schmutz, der in der großen Stadt bis an die heiligen Tempelschwellen der Jugend brandete ... In schwarzen Talaren die Alumnen. Im Habit der Benediktiner die Schotten. In dunkelblauer Soutane die schönen Söhne Ungarns, des marianischen Königreiches, so treu dem Herrscherhause wie seinem Gott. Und alle trugen Gürtel um die Hüften – der gottgeweihten Reinheit Zeichen auch für den Mann. Die künftigen Priester Christi! Da kamen sie fröhlich und ahnungslos aus demselben Haus, in dem ihr Gatte den »Bankerott des Christentums« verkündete. Wissen und Glaube! Wie aber, wenn zuletzt auch das Wissen bloß ein Glaube war – und ein irregeleiteter dazu? Und der Glaube das einzige Wissen? Er führte zu Gott – jenes von Gott; immer weiter, immer ferner und doch auch ins Ungewisse hinein! Wie zuversichtlich ihr Gatte auch zuweilen tat – die flüchtigen Blicke, die Annemarie dann und wann in seine Fachblätter warf, hatten sie belehrt, daß auch die Argumente, mit denen er die Welt aus den Angeln heben wollte, nicht weniger anfechtbar waren als die Beweise vom Dasein Gottes. Das kreuzte sich alles in ihrem Hirn, während sie mit gespannten Blicken nach rechts und links sah, um den etwa heraustretenden Gatten ja zur rechten Zeit zu erspähen. Plötzlich gab es ihr einen Ruck. Dort ging er ja schon! Er selbst und kein anderer, wahrhaftig. Und ihr Blick mußte sogar schon eine ganze Weile an ihm gehangen sein, und nur die schlanke Frauengestalt, die an seiner Seite schritt, hatte sie, verträumt und versonnen, wie sie immer war, in der Ungewißheit erhalten. Wer es wohl war? Natürlich eine Hörerin. Annemarie wußte, daß ihr Gatte deren eine ziemlich große Schar hatte. Aber auch eine Fremde, so schien es. Das vornehm-kühne, fast adelige Profil, der kleine, wie gedrechselte Kopf – die zierlich-bewegliche Figur – das tiefe Schwarz der Haare, dem ein fast bläulicher Schimmer zu eigen war ... Eine Italienerin oder Französin! schloß Annemarie, und ganz gewiß eine Dame von Welt. Alles gewählt und elegant, bis auf die Schuhe und das dunkelgrüne Täschchen aus Ecrasé, das sie wie eine Mappe in der Rechten trug. Nur – warum ging sie so dicht neben ihrem Gatten? Verstand es immer wieder mit der feinen Schulter ihn zu streifen? Der Weg war nun doch schon breit genug. Er selbst freilich beugte sich auch immer wieder in angelegentlichem Gespräch herab – hob und senkte zuweilen etwas nervös die Schultern, warf den Kopf dann wieder steif in den Nacken. Sie schienen ganz ernstlich bei einer Sache zu sein, und Annemarie eilte, so gut sie konnte, hinter ihnen her, von einer jähen und fast melancholischen Eifersucht überwallt. Da wandte – an der Biegung der Straße, die Fremde einen Augenblick das Haupt zurück und zeigte ihr volles Antlitz. »Wie töricht ich wieder war!« sagte sich Annemarie. »Die hat doch auch bald ihre vierzig Lenze!« Aber freilich – schön, schön war sie noch immer. Bildhaft geprägt in jedem Zug wie eine Medaille. Von einer Anmut der Bewegungen, die an Mela erinnerte und dabei doch etwas Königliches hatte. Wer es wohl war? * Im selben Augenblick kehrten sich die beiden der anderen Seite der Straße zu, blieben Antlitz gegen Antlitz stehen, wie abschiedbereit. So geschah es, daß Annemaries Gatte sie zuerst bemerkte, ja vielleicht schon erkannt hatte, bevor ihr Blick noch in den seinen fiel. Sie merkte, daß es ihm einen Ruck gab. Auch sein Blick nahm eine eigentümliche Starrheit an. Dann schien er rasch einige Worte zu sagen. Die Bewegung, mit der er den Hut zum Abschied zog, war tadellos. Aber sein Arm bebte dabei, und sein Auge blieb halb verstört, halb verlegen an Annemarie hängen, so daß sein Gruß ebensogut ihr gelten konnte. Hastig und ohne einen Blick nach ihr zu wenden, eilte die Fremde über die Fahrstraße hinüber. Der Gelehrte blieb stehen. Eine tiefe Falte zwischen den Brauen, ließ er Annemarie an sich herankommen. War es Verlegenheit oder der Unwille, daß sie gegen seinen Willen gehandelt hatte? Sie nahm das letztere an. Er tat zu sicher. »Also doch!« grollte er, als sie ihm mit einem herzlichen Lachen die Hand entgegenstreckte. »Wie unberechenbar ihr Frauen seid! Da geht man fort, glaubt dem gesunden Verstand und der vernünftigen Einsicht daheim zur Herrschaft verholfen zu haben. Aber da kommt so eine Laune, wie ein Wirbelwind, und stellt alles auf den Kopf, setzt das Beste aufs Spiel! Gib mir deinen Arm – du gehst doch schon so schwer –« Rasch und doch noch immer sichtlich unwillig zog er sie an seine Seite. »Du, du,« drohte Annemarie, nunmehr vollkommen beruhigt. »Sei lieber froh, daß ich dir keine Szene mache. Wenn man so gerade zurecht kommt, wie jetzt ich –« »Gerade zurecht!« lachte er kurz auf. »Das passiert unsereinem doch so ziemlich jeden Tag; daß sich nach Schluß irgendein Hörer oder eine Hörerin mit irgendeiner Frage heranmacht und eine Strecke mit uns geht. Du kannst also vollkommen beruhigt sein. Wenn ich aber jeden Tag hier in der Angst leben müßte, ob du nicht wieder tust, was du heute getan –« »Aber Wilhelm,« lächelte sie zu ihm empor. »Du siehst doch, daß alles gut gegangen ist. Und ein wenig freuen könntest du dich doch auch, mich unvermutet um so vieles früher zu sehen. Und jetzt fahren wir miteinander heim. Im selben Wagen! Seit unserer Hochzeit ist das nicht wieder geschehen, denk' nur! So treu und verzaubert bin ich unterdes immer daheim gesessen. Das reine Dornröschen, wie Mela mir soeben gesagt hat –« »Du warst bei ihr?« »Dort an der Straßenecke sind wir zufällig aneinandergeraten,« erwiderte Annemarie, mit dem Kopf hinüberdeutend. Ganz zufällig ging auch ihr Blick der Richtung nach und merkte nicht ohne Betroffenheit, daß fast an derselben Stelle nun die Fremde stand und wahrscheinlich eine ganze Weile schon von dort ihr und dem Gatten nachgeschaut hatte. Nur Wilhelm gab kein Zeichen, daß er sie auch bemerkt hatte. Vielleicht hatte er auch gar nicht hingesehen. »Die Dame scheint eine Fremde?« sprach Annemarie unter dem unmittelbaren Eindruck. »Wen meinst du?« »Deine Hörerin, die jetzt dort drüben steht und sehr neugierig zu sein scheint.« »Als wenn ihr das nicht alle wäret!« lachte er kurz auf. »Aber komm, da steht ein leeres Auto –« »Wozu diese Auslage?« wehrte Annemarie ab. »Ich bin mit der Straßenbahn hereingefahren –« »Und ich führ' dich im Auto heim,« beharrte er fast aufgeregt, »damit du siehst, wie ernst es mir ist mit diesem Verbot!« An der Straßenecke, vor der das Auto hielt, stand ein kleines Mädchen mit den ersten Frühlingsblumen: »Schneekaderln, Schneekaderln!« Etwas vom Gelock eines Vogelrufes klang in der jungen Stimme. Melas Veilchen kamen Annemarie in den Sinn. Die Primeln, die der Geliebte ihr entgegengetragen. Sie hatte das ja schon alles zu Hause. Fast an jedem Fenster blühten ihr die ersten Wunder des Frühlings. Und doch fuhr es ihr wie ein leiser Stich durchs Herz, als Wilhelm sie in den Wagen hob, ohne auch nur eines der Sträußchen für sie zu kaufen, die eine bebende Kinderhand ihm entgegenhielt. Vor einem Jahre noch hätte er das nicht übersehen. So kam es, daß Annemarie während der ganzen Heimfahrt nur mehr an Melas Blumen dachte ... * Endlich war die kleine Ausstattung ganz beisammen, und in der Waschküche ging ein gewaltiges Putzen und Plätten los. Frau Krüger war selbst herausgekommen, um dem noch etwas unerfahrenen Stubenmädchen zu zeigen, wie man mit all den Spitzen und Bündchen und Stickereien am schonendsten verfuhr und doch alles zu schönstem Ansehen brachte. Einen ganzen Tag blieb sie in der Plättkammer, und was nicht sogleich hinaufgetragen werden konnte, wurde unterdes auf der alten Biedermeierkommode niedergelegt, die in Renatens Stube stand und so breit und gediegen war, daß auch eine ganze Brautausstattung darauf Platz gefunden hätte. Und als alles beisammen war, setzte sich das Mädchen nieder, um die zierlichen Kokarden und Bandgarnituren an Häubchen und Jäckchen festzunähen, die Annemarie voll sorgender Muttereitelkeit für das Kleine zurechtgefältet hatte. In allen Farben und Schattierungen leuchtete es um die gute Anna: zartrosa und himmelblau und lichtgrün und blaßlila und goldig wie die Märzenbecher, die auch an Renatens Fenstern blühten. Und als Frau Krüger endlich heimgefahren war, kam Annemarie selbst jeden Augenblick hinab, um nachzusehen und dabei einen gemütlichen Plausch mit dem jungen Geschöpf zu halten, das ihr in der Einfalt eines frommen Gemütes ehrlich und treu ergeben war und mit jener plumpen Zärtlichkeit anhing, in der arme Landmädchen ihren Dank für das so viel leichtere und schönere Dasein in einem guten Dienst Ausdruck geben. Nur Renate schlich noch einmal so verdrossen durchs Haus. Mit keinem Finger, ja kaum mit einem Blick streifte sie die kostbare Erstlingswäsche, die wie der Staat einer großen Puppe herumlag und jedes Frauenherz entzücken mußte, wenn nur etwas Mütterlichkeit und Liebe darin wohnte. Doch Annemarie sah mit Nachsicht darüber hinweg. Auch mußte es ja nicht der Groll gegen sie sein, der sich in dieses unfreundliche Gehaben hüllte. Renate war eben ein altes Mädchen, ohne Liebe und Freude dahingegangen zeitlebens. Da mochten ihr weiß Gott welch bittere Gedanken und Empfindungen zuweilen kommen. Vielleicht war es ihr auch nicht recht, daß dieser ganze Jubel der Erwartung sich nun gerade in ihrer Stube breit machte. Sie hatte nun einmal diese Wunderlichkeiten an sich. Annas Zimmerchen aber wäre zu klein gewesen und auch zu dunkel für die Vollendung all des zierlichen Tands. »Haben Sie nur noch einen Tag Geduld mit uns, liebe Renate,« bat Annemarie selbst, als sie nach der Arbeit des ersten Nachmittags wieder emporstieg. »Aber bitte,« kam es spitz zurück, »ich bin ja hier nicht Hausfrau!« »In Ihrer Stube schon, liebe Renate!« begütigte Annemarie die Verdrossene. Doch sie vermied es, noch einmal zurückzuschauen. In der letzten Zeit hatte sie oft eine ganz unerklärliche Angst vor dem stechenden Blick überfallen, der aus den rotumränderten Eulenaugen der Alten nach ihr ging. * »Laß dich nicht wieder heimbegleiten,« scherzte Annemarie, als sie dem Gatten am nächsten Vormittag bis zur Gartentüre folgte. Dabei lachte sie auf, hell, übermütig; das ganze Herz voll Sonne. Sie wußte selbst nicht, wie es sie ankam und warum? Es war wohl der Frühling, der nun schon gleichsam fühlbar in der Luft lag, den man »roch«, wie sie sagte ... der bräutliche Duft der Erde, die unter den immer wärmeren Sonnenküssen langsam zu neuem Leben erwachte – vielleicht auch nur der braungoldene Schimmer, der so verheißungsvoll über den saftgeschwellten Büschen hing; die zärtlichen Spitzen der ersten Grashalme, die da und dort wie neugierig unter dem zerfließenden Schnee hervorsahen. Und eines Tages würde dann alles eine einzige Geburt sein – ein neuer Daseinsjubel, der hoch und hell wie eine Lohe zum Himmel emporschlug! Es war ihr Mutterherz, ihr eigenes Muttersehnen, das diesem Frühling so hoffnungsvoll und seligkeitsahnend entgegenflog – die Gewißheit der Erlösung einer heiligen Geburt! Ihr Gatte war schon längst um die Straßenecke, und Annemarie stand noch immer im Freien, ließ den warmen Wind in ihren Stirnlocken spielen und sah mit leuchtenden Augen in die blauen Fernen hinaus und nach den braunen Äckern hinüber, aus denen die ersten Lerchen aufstiegen. War es möglich, daß man so glücklich sein konnte wie sie? Ihr schien, als könne gerade dieser Tag nie und nimmer aus ihrem Erinnern schwinden ... Endlich besann sie sich all der zierlichen Sächelchen, die noch in Renatens Stube lagen, und stieg in das Erdgeschoß hinab. Auch damit kam man heute zu Ende. Und dann gehörte all ihr Hoffen, all ihr Bangen nur mehr der einen, geheimnisvollen Stunde ... Als Annemarie hinabkam, erwartete sie eine kleine Überraschung. Anna war, vielleicht durch Renatens verdrossenes Wesen angespornt, die halbe Nacht am Nähtisch gesessen und hatte fast alles zu Rande gebracht. »Nur die Decken für das Wägelchen sind noch zu unterfüttern,« lächelte sie gutmütig, »dann darf der kleine Prinz schon kommen!« »Ja, Liebe, wenn es ein Junge wäre!« seufzte Annemarie. Das Mädchen sah auf und meinte mit inniger Schlichtheit: »Das Weißzeug, das wir da gemacht haben, ist weder für ein Mäderl, noch für ein Buberl, bloß für einen kleinen, herzigen Menschen. So soll sich die Gnädige auch darauf allein freuen!« »Wie schön Sie das jetzt gesagt haben, Anna!« lächelte Annemarie dankbar. »Das will ich Ihnen gedenken, wenn Sie einmal von mir weg heiraten sollten. Und wie hübsch Sie alles gemacht haben!« Sie trat an die Kommode, mit leiser Hand da und dort zärtlich über die weichen Sächelchen hinstreichelnd. Dabei glitt ein verhaltenes Lächeln über ihre Züge. Fast konnte sie nun begreifen, daß Renate wie eine aufgestörte Katze wieder draußen herumknurrte. Die große Platte der alten Kommode war nun fast ganz von all dem blütenweißen Zeug bedeckt. Kaum daß die alte Ständeruhr zwischen den staubgrauen Alabastersäulchen noch ihren Platz behauptete. Aber da – was lag dort? Ein Album! Schwarz, alt, abgegriffen. Nur – Annemarie entsann sich nicht, es schon gestern dort liegen gesehen zu haben. Und mehr aus Langweile denn aus Neugierde begann sie darin zu blättern. »Gehört das Ihnen?« »Nein,« erwiderte Anna, emsig weiterstichelnd. »Renate hat es gestern herausgenommen, um mir das Bild der Gnädigen zu zeigen, bei der sie solange gedient hat –« »Ach ja,« nickte Annemarie, »sie hat mir schon einmal davon gesprochen. Ich war aber so gar nicht neugierig damals. Weil ich aber nun schon einmal dabei bin, könnten Sie es mir wohl zeigen!« Damit reichte sie dem Mädchen das Buch hin. »Es steckt in einem der letzten Blätter,« meinte Anna. »Weil es die Dame erst voriges Jahr geschickt hat.« »Renate ist ihr jedenfalls noch immer sehr anhänglich,« sprach Annemarie. »Und ich könnte nicht sagen, daß es mir mißfällt. Nur –« Das Mädchen lächelte, langsam weiterblätternd, naiv zu ihr empor: »Wenn der Herr Professor nicht geheiratet hätt', war's mit der ganzen Anhänglichkeit nicht so weit her. Denn wie der gnädige Herr damals von der Französin fortgezogen ist, hat sie auch der Renate eine Szene gemacht–,« tuschelte Anna wichtig. »Was Sie – nicht sagen!« stammelte Annemarie betroffen. Sie selbst hatte bis heute nicht gewußt, daß ihr Gatte einmal bei der Herrin Renatens gewohnt. Es war übrigens auch ganz nebensächlich. Ein Student hauste ja bald da, bald dort – »Hier!« rief das Mädchen im selben Augenblick, mit dem Finger auf ein Bild tippend und zugleich das Buch der Herrin entgegenhaltend – Doch sie erhielt keine Antwort. Den Blick starr auf das Bild gerichtet, brach die junge Frau, wie von einem jähen Schwindel gepackt, mit einem dumpfen Wehlaut vor ihr zusammen – schwer und hart auf den Boden hinschlagend, der sich gleich darauf mit ihrem Blute zu färben begann. * Es war schon Frühling, wirklicher Frühling, als Annemarie wieder das Bett verlassen durfte, dieses doppelte Schmerzenslager, auf dem sie nicht nur den Glauben an die Treue des Gatten, sondern auch ihr erstes süßes Hoffen verloren hatte ... Durch die unbefangene Erzählung Annas von dem Bilde, das ihre Herrin noch knapp vor dem Unfall angeschaut, konnte der Schuldbewußte sofort den traurigen Zusammenhang erraten. Und während der Arzt und Annemaries Mutter oben in banger Sorge um das junge Leben zitterten, hatte Wilhelm unten eine kurze, aber um so wirksamere Auseinandersetzung mit der Alten, die noch am selben Tage das Haus verließ. Annemarie selbst sprach kein Wort. Um nichts in der Welt hätte sie der Mutter verraten, wie es um ihr »Glück« stand. Und daß auch sie sich schon belogen und betrogen fühlte. Daß Wilhelm jede eigene Schuld leugnen würde, sah sie voraus. Für seine Vergangenheit konnte sie ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Er war ein Mann. Und daß diese Vergangenheit wieder im alten Sinne zur Gegenwart geworden war, würde er nie zugeben, das wußte sie. Selbst die Lüge, mit der er seine einstige Geliebte als Studentin bezeichnet hatte, ließ sich im Sinn einer zarten Schonung umdeuten. Ganz wurde ein Mann solche Weiber ja nie los; auch dafür gab es Beispiele. So beiläufig glaubte Annemarie ihn reden zu hören. Für das Ahnen ihrer tiefverwundeten Seele aber lag des Gatten Schuld plötzlich so greifbar bloß, daß sie heimlich staunte, so lange voll Vertrauen und Arglosigkeit geblieben zu sein, wo doch sein ganzes Wesen bereits ein einziger Selbstverrat war. Sein verstörtes Gebaren; die unsicheren und nie ganz klaren Ausreden, mit denen er sein stundenlanges Ausbleiben, selbst während der Ferien, entschuldigt hatte; die ehrfurchtslose Gier, in der er am Weihnachtsabend den Champagnerfreuden seiner Junggesellenabende nachgeträumt – vor allem aber die Verwirrung, ja der Schreck, der ihn befallen hatte, als er plötzlich die für sie bestimmten Perlen nicht fand ... das kostbare Geschenk, mit dem er Renaten bedacht hatte, die wohl schon damals von der Anwesenheit ihrer einstigen Herrin wußte, beim Überbringen der Perlen aber so gar nicht überrascht getan. Dies alles lohte plötzlich wie ein grelles Licht vor ihr auf – wie der dämonische Widerschein eines Brandes, der langsam, aber sicher ihr ganzes Glück verzehrte. Und das einzige, das Reinste und Heiligste, was ihr als Erinnerung an dieses flüchtige Glück geblieben wäre, – ihr Kind – es war das erste Opfer dieses Brandes geworden! Was mit ihr selbst noch geschah oder geschehen konnte, schien ihr all dem gegenüber so gleichgültig, daß es ihr im Paroxysmus der ersten wütenden Schmerzanfälle fast komisch war, daß man einen Menschen, den das Leben so betrogen, mit so viel Kunst und Sorge für dasselbe Leben wieder zurechtrichten wollte. Aber freilich – ihre Mutter ahnte nichts, und der Arzt sah auch nicht mehr als eine Tatsache, der weiter nachzuspüren nicht seines Amtes war, was immer er sich auch denken mochte. Der Schuldige aber schlich wie ein Verbrecher um ihr Lager herum – zog hundertmal während des Tages ihre kalten Hände an die Lippen, bat mit jedem Blick um Vergebung, erstickte wie in Tränen an jedem Wort, das er zu ihr sprach. Und sie selbst war so todmüde – wie erschlagen vom Ekel all des traurigen Wissens, das plötzlich über sie gekommen war! Später, dachte sie dann wohl. Später soll er mir Rechenschaft geben! So war sie während der ganzen Zeit stumm und apathisch dagelegen, bis sie eines Tages mit einer Art verächtlichen Erstaunens gewahrte, daß auch ihr Leib und ihre Seele sich langsam wieder in die alte Ordnung der Dinge zu finden begannen. Daß sie »auf dem Wege der Genesung war«, wie der alte Hausarzt Frau Krüger's mit einem strahlenden Lächeln feststellte. Und nun konnte alles wieder von neuem beginnen ... * Die Stare schwatzten schon lustig von den Bäumen, und die Blätter sprengten ihre braungoldenen Knospenwiegen. Tag für Tag aber saß dieselbe Amsel auf dem First des Hauses und flötete ihr Liebeslied in den langsam dämmernden Abend hinein. Frühling war es – auch Annemarie mußte wieder an ihn glauben! Wie ein fernher dämmerndes Sehnen kam es zuweilen über sie, wenn sie in ihren losen Rekonvaleszentenkleidern am Fenster stand und nach dem Walde hinübersah, in dem aus feuchtem Mutterboden nun dieselben Frühlingsblumen aufsprossen, die in ihrem Erker schon langsam verblühten. Es war derselbe Wald, in den sie sich immer an der Seite des Gatten hineingeträumt hatte – dem sie ihr Kindchen in erster fröhlicher Mutterfahrt vorstellen wollte. Das war nun alles vorüber. Nur die Sehnsucht war geblieben und peinigte sie nun erst recht – so beständig und geheimnisvoll, als hätte sie dort alles verloren und brauche nur endlich hinüberzufahren, damit alles wieder sei wie einst. ›Recht wunderlich bin ich geworden!‹ sagte sie sich dann. Aber die Empfindung blieb stärker als ihr Verstehen. So nahm sie eines Tages einen Wagen und fuhr hinüber ... Zwischen Feldern, auf denen die Wintersaat schon in grünen Halmen emporsproß, und braunen Sturzäckern, deren dampfende Schollen der Pflug des Bauers zum letztenmal umwühlte, ging die Fahrt dem Wald entgegen – immer der Sonne nach. Da und dort sprang ein Häslein auf, das noch nicht lang ins Leben gefallen war und nun unter Mutters Schutz seine ersten Kapriolen schlug. Der alte Rabe, den Annemarie so lange gefüttert, saß am Wege und sah gedankenvoll vor sich hin, wie erwägend, ob es nun nicht doch schon Zeit wäre, ganz über Land zu fliegen. Als der Wagen vorüberfuhr und Annemarie den drolligen Gesellen mit dem alten Lockruf begrüßte, schlug er in fröhlichem Erkennen die Flügel zusammen und ließ ein lautes Gekrächz hören – so aufrichtig und ehrlich in seiner Freude, sie wiederzusehen, daß Annemarie fast dankbar nach ihm zurückblickte. Über ihr aber standen die Lerchen im Blau – hoch, hoch, daß ihr fast schwindelte, ihnen nachzuschauen, und nur ihr schwirrendes Getriller wie der Ton einer hochgespannten Saite zu ihr herniederklang – ein Wunder auch er, das der Frühling entbunden. Am Wiesenrain guckte schon da und dort ein Maßliebchen hervor. Ja, die ganze Luft schien vom süßen Duft eines verborgenen Veilchengrundes durchatmet. Im Walde will ich dann aussteigen und Blumen pflücken, dachte Annemarie. Die Blumen, nach denen sie sich gesehnt hatte, um sie ihrem Kindchen auf die Wiegendecke zu streuen! Die Blumen, die das erste Spielzeug sein sollten für seine kleinen Händchen und die großen verwunderten Augen ... Die Blumen waren nun da, aber die Äuglein hatten sich nicht dem Licht erschließen dürfen. Ohne der Mutter Kuß, ohne des Heilands Segen war das arme Geschöpfchen von ihr gegangen. Und ach! auch sie fühlte sich schuldig an seinem Tode. ›Wär' ich damals zu Hause geblieben!‹ Hundert- und hundertmal schon hatte sie sich das vorgeworfen. Nun war es zu spät, auch für ihre Reue. Statt des Kindes lag Bijutti in ihrem Schoß, und sie hätte ihn dafür töten können in diesem Augenblick. So jäh und heftig überkam es sie zuweilen. Selbst der Friede, der wieder in ihrem Heim wohnte, war eine Lüge, sie fühlte es. Renate war fort, und auch die andere hatte schon längst die Stadt verlassen. Wenigstens hatte Wilhelm geschworen, daß dies gerade an jenem Vormittag geschehen wäre, an dem Annemarie die Fremde mit ihm gesehen. Es sei ein Abschied fürs Leben gewesen, sagte er. Und jedes Beisammensein mit der einstigen Geliebten rein und makellos geblieben. Dabei beharrte er. Als sie ihm aber sein seltsames Wesen am Weihnachtsabend in Erinnerung brachte, gestand er zynisch, daß es wohl jedem Mann in seiner Lage so ergangen wäre, der, zwischen eine unnahbare Gattin und eine alle Stürme der ersten Leidenschaft erweckende Begegnung gestellt, eben immer nur mit Mühe gerade noch seinen Schwur retten könne. Denn die erste Geliebte vergesse kein Mann, besonders wenn sie schon ein reifes Weib gewesen und er noch ein Unwissender. Offener konnte man wohl nicht sein. So mußte Annemarie auch daran glauben. Und sie liebte ihn ja noch immer! Liebte ihn doppelt, seit sie gefühlt, wie unmöglich es ihr wäre, ihn mit einer anderen zu teilen. Liebte ihn unter heftigen Vorwürfen gegen die eigenen Sinne – mit einer Eifersucht, durch die sie sich selbst entwürdigt fühlte, sich selbst verachten lernte. Wohl war es ihr gelungen, ihn bis heute noch ferne zu halten. In stummem und grollendem Versagen ihn fühlen zu lassen, daß der Weg von der Geliebten zur Frau nicht gar so leicht wäre, als seine männliche Eitelkeit vielleicht glaubte. Aber gerade diese Tage voll geheimnisvoller Glut und wonniger Hingebung – der Vögel Liebeswerben, der Keime Regen – diese ganze brünstige Sonnentrunkenheit der Erde hatten sie wieder schwach gemacht. Daß eine fast sklavische Sehnsucht nach ihm in ihr aufschrie, sooft nur sein Schritt vor ihrer Stube erklang ... Die Straße begann sich zu senken und rechts und links zwischen braunen Erdhügeln hinzuwinden. Schon nickten da und dort grüne Zweige in den Wagen hinein. Nun ging es wirklich dem Walde zu. »Wissen Sie vielleicht, wo hier Veilchen blühen?« fragte sie den Kutscher, der, die Zügel nur mehr lässig in der Hand, die Pferde ruhig der Straße nachgehen ließ. Er nickte und lächelte, wie von einem fernen Erinnern angeweht. »Wenn wir hineinkommen, gleich rechts und dann immer weiter unter den alten Buchen fort ... Da hat es Veigerln und Primeln und Traubenhyazinthen. Wer weiß, blüht nicht auch schon der Faltrian! Dort können wir halten, wenn die Gnädige will. Vor ein paar Jahr'ln« – er lächelte – »bin ich selbst dort noch mit meiner Alten umag'stieg'n.« »Also halten Sie dort!« nickte Annemarie. Und dann lehnte sie sich zurück, mit Lippen und Nüstern den köstlichen Duft einatmend, der mit dem Brodem der feuchten Walderde um sie aufstieg. Wie ein goldgrünes Netz hingen die ersten zitternden Zweige über dem Wagen. Dazwischen flirrten und flitzten die blanken Flügelchen unzähliger Mücken und Fliegen. Auch die wilden Bienen schwärmten schon aus. Ob sie nicht in dem hohlen Stamm dort ihre Waben hatten? Wie fernes Geläut zog es von dort her über den verlorenen Weg ... Wie schön das Leben doch war – trotzalledem! Wie heilig dieses ewige Sich-geben- und ergebenmüssen – dieses zitternde Gependel zwischen Lust und Tod! Alles, alles konnte man vergessen und vergeben in einer Stunde wie dieser. ›Wie gut ist es, daß ich allein bin!‹ dachte Annemarie. Und sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ein traumhaftes Brüten überkam sie ... In diesem Augenblick fuhr Bijutti mit lautem Gekläff aus ihrem Schoße empor. Feste Schritte, erst ferner im welken Laub des Vorjahres raschelnd, dann immer näher kommend, schlugen an ihr Ohr – Überrascht und fast etwas neugierig sah Annemarie empor und – sah mitten in Konrads Augen hinein! Den Hut in der Hand, blaß bis an die Lippen und gleich darauf in einer einzigen Verklärung erstrahlend, blieb er am Wege stehen und grüßte, nickte, starrte sie an – mit einem Blick so todernst und tieftraurig, daß sich ihr Herz wie in einem einzigen Krampfe zusammenzog. Sie hob die Hand, wollte winken. Vielleicht wartete er, daß sie dem Kutscher ein Wort sage, damit er halte, vielleicht ... Aber schon hatte sie sich gefaßt, und mit ruhiger Würde gab sie den Gruß des Mannes zurück, dessen Blicke sie noch immer begehrten ... Dann fuhr der Wagen weiter, und zwischen ihm und ihr schlugen die Zweige zusammen. Warum aber war ihr plötzlich, als müsse sie weinen? ... »Werde so glücklich, Annemarie, wie wir Menschen es nur immer werden können!« Er hatte es gesagt und doch dabei als erster an ihrem Glücke gezweifelt, schon damals. So war er der letzte, dem sie jetzt Rede stehen durfte. Und schon stürzten die Tränen aus ihren Augen. Damals und – heute ... Ob er schon wußte, was ihr geschehen war? Nicht mehr als Edwin, aber so viel auch ganz gewiß! Und plötzlich entsann sie sich wie in einem Traume der weißen Fliederzweige, die Edwin an einem Tage, da sie noch zwischen Tod und Leben gerungen, mit feierlichem Ernst auf ihre Bettdecke gelegt hatte. »Ich – dank' dir!« hatte sie in halbem Erkennen gestammelt. Doch Edwin hatte mit einem wehen Lächeln das Haupt geschüttelt: »Diese Blumen sind von einem anderen, Annemarie!« Hatte sie das bloß geträumt, oder war es wirklich geschehen? Sie wußte es nicht mehr. Mit einemmal aber entsann sie sich, daß sie der Mutter gestern von ihrer Absicht gesprochen hatte, »nach dem Walde dort drüben zu fahren!« Die hatte es wohl den Brüdern mitgeteilt und Edwin sofort dem, den er über alles liebte. So war die Brücke zu dieser Begegnung geschlagen worden! Und nun war Annemarie erst recht froh, daß es bloß beim Gruß geblieben war. Die Räder knirschten, die Pferde hielten an. »Wenn die Gnädige jetzt Veigerln pflücken will?« meinte der Kutscher. Langsam glitt Annemarie aus dem Wagen. Bijutti schlief wieder. Mochte er liegen bleiben. Sie lechzte förmlich danach, nun ein Weilchen ganz allein zu sein. Auf dem schmalen Pfad, den ihr der Kutscher gewiesen, weiterschreitend, fand sie bald zu dem Veilchengrund hinüber. Immer langsam abwärts steigend, eine weiche Böschung hinab, sicher und unbeirrbar von der süßen Duftwolke geleitet, die aus der kleinen Talmulde emporstieg. Zwei uralte Buchen breiteten sich wie schützend über das kleine Paradies, das in ihrem grünen Schatten gedieh. Da war eine Wiese, ganz blau von Veilchen und jenen seltsam duftenden wilden Hyazinthen, die Annemarie seit ihrer Kindheit liebte. Wie ein Sonnenfleck leuchtete ein gelber Primelgrund herüber. Und zwischen den niederen Haselbüschen guckten schon die Anemonen hervor. Auch die Blätterchen jener wildwachsenden Orchidee, der das Volk den lieblichen Namen »Marienschuhe« gegeben, entdeckte Annemarie. Aber sie stand schon kahlgepflückt, vielleicht hatte sie ein Kenner gebrochen und noch nicht lange – der Saft quoll noch wie Tau aus den Zellen der Bruchstellen, vielleicht – Und Annemarie errötete. Konrad selbst mußte es gewesen sein! Er, der die Blumen so liebte, um ihrer Reinheit willen. »Die Blumen, die Kinder und die Schmetterlinge, auf denen noch die Schönheit des verlorenen Paradieses liegt,« wie er einmal in seiner weichen Art gesagt hatte. Sie entsann sich, daß er aus dieser Richtung gekommen war. Nur Blumen hatte sie keine in seiner Hand gesehen. Aber freilich – was hatte sie überhaupt noch gesehen, als er so plötzlich vor ihr stand? Nun entdeckte sie selbst die Spuren seiner Tritte im feuchten Grund der Mulde. Rasch bückte sie sich – pflückte und pflückte, bloß um ihre Gedanken los zu werden ... Was er wohl denken – ahnen mochte von ihrer Ehe? Da schlug das Blut wie eine einzige Welle des Trotzes gegen ihr Herz. Niemand sollte es wissen. Niemand als die drei, die ihr so unsäglich wehgetan, und der Gott, den sie täglich bat, sie zu stärken, damit sie dies alles vergessen könne. Und da – gerade da geschah es, daß die Erinnerung an den Gatten plötzlich in einem einzigen Sehnen in ihr emporschlug. Das Blut, von der alten Liebe wachgeküßt, fast hörbar in ihren Ohren zu rauschen, in ihren Schläfen zu pochen begann. Eine Schwäche überkam sie, die ein einziger Drang war zu verzeihen, zu vergessen, sich wieder zu verlieren in dem Glück der Hingebung. Wie ein Sturm packte es sie, daß sie mit kindisch leichten Sprüngen zurücklief, geradeaus dem Wagen entgegen – die Wangen hochgerötet; die Arme bis an die Beuge mit Blumen gefüllt. Der Kutscher war, die kurze Pfeife im Mund, auf seinem Sitz eingeschlafen; Bijutti, von einem späten Sonnenstrahl gerade auf das schokoladefarbige Näschen getroffen, soeben mit einem drolligen Niesen erwacht. Als Annemarie aber ihren Fuß wieder in den Wagen setzen wollte, fand sie den ganzen Boden mit Veilchen und Primeln bedeckt. Obenauf lagen zwei herrliche Orchideen – die »Marienschuhe«, die sie im Walde nicht mehr gefunden! Er selbst hatte sie ihr zu Füßen gelegt und war dann seine einsame Straße wieder weiter gezogen. Er, der sie noch heute liebte und ihr wie in einem Bilde die zierlichen Frauenschuhe zu Füßen legte, damit sie auch weiter über sein Herz hingehen möge, wie bis jetzt ... Ihre Stimme zitterte und ihre Lippen waren blaß, als sie dem nichtsahnenden Kutscher ihr lautes: »Nach Hause« zurief. Wie die Blumen zu ihr empordufteten und all der Duft förmlich nach ihr griff, wie mit weichen, heißen, unsichtbaren Händen ... Sie schloß die Augen und lehnte sich wie erschöpft in die Kissen zurück, ein, herbes Lächeln um die weichen, dürstenden Lippen: ›Melas Blumen!‹ fuhr es ihr durch den Sinn. O ja, wenn sie wollte – die Liebe stand auch an ihrem Weg! * Der Abend hing schon wie eine violette Wolke über der fernen Stadt, und die Amsel, die der Nacht alltäglich in seliger Trunkenheit ihr Liebesglück entgegenflötete, sah vom First des Daches fast erschrocken auf den jäh anfahrenden Wagen herab ... »Du bist lange ausgeblieben, Annemarie!« sagte der Gatte, mit hastigen Schritten an den Schlag tretend. Er war schon eine ganze Weile vor dem Haus auf und ab gegangen – Annemarie hatte es aus der Ferne bemerkt. Und nun zitterte seine Stimme, flackerte sein Blick, bebte selbst der starke Arm, der sie aus dem Wagen hob. »War es nicht doch etwas zu früh für eine so weite Fahrt?« Sie sagte vorerst kein Wort, reichte ihm bloß die Hand und merkte dabei, daß seine Finger ebenso brannten wie die ihren. Er hatte sie erwartet ... in Sehnsucht, vor der Tür des Hauses, wie ein Hund – Wie lange war das nicht geschehen? Es verschlug ihr fast den Atem, wenn sie es bedachte. Doch sie verbarg ihre Erregung und bezahlte den Kutscher, ihn zugleich für eine neue Fahrt bestellend. »Du bist wohl recht tief im Wald drin gewesen?« fragte der Gatte wieder mit halber Stimme. »Erlaube –« Und er bückte sich wie eine Magd an ihr nieder und las das welke Laub und die Halme ab, die sich an ihr Kleid geheftet hatten. Ja, bis an den Saum ihres Kleides bückte er sich, und seine Finger zitterten, wie er so an ihr niederstrich ... »Ach, laß doch,« wehrte Annemarie scheinbar kühl ab. Doch sie hatte Mühe ihre Erregung zu verbergen. So leid tat er ihr in seiner demütigen Sehnsucht. So heftig und heiß schlug auch in ihr wieder die alte Leidenschaft empor. »Und diese Blumen!« staunte er mit einem halben Lächeln. »Nicht wahr?« sprach Annemarie kokett zurück. »Aber ich habe sie nicht allein gepflückt.« Sein Blick irrte noch immer begehrend an ihr auf und nieder. So fragte vorerst auch nur sein Auge. Erst leis und wie aus einem Traume kam die Stimme nach: »Nicht allein, Annemarie?« Sie hatte nun wieder beide Arme voll, und während sie mit einem leichten Nicken den Kutscher entließ und lächelnd auf ihr bellendes Hündchen niedersah, erwiderte sie wie nebenbei: »Die größere Hälfte hat mir Konrad in den Wagen gelegt.« Annemarie glaubte zu bemerken, daß er sich im ersten Augenblick bemühte, sein Lächeln festzuhalten. Aber die Eifersucht war stärker. Bis an die Lippen erblassend, keines Wortes mächtig stand er da. Und Annemarie glitt an ihm vorüber ins Haus – leicht, lächelnd, mit hocherhobenem Haupte – die Blumen mit beiden Armen an die wogende Brust gedrückt. ›Wenn er wüßte, wie ich ihn jetzt liebe,‹ dachte sie. ›Wie ich fast ersticke ...‹ Leicht wie ein Reh huschte sie über den dämmernden Flur und geradeswegs in ihr Zimmer, in dem ihr Bett seit dem Tage, der ihr alles genommen, allein stand. Schon wollte sie die Türe hinter sich zuziehen, sie abschließen, wie all die Tage seither, wenn sie sich umkleidete oder zurückzog. Aber er war diesmal noch rascher gewesen. Hoch, bleich, und doch lodernd wie eine einzige Flamme, stand er in der Tür. Und nun – ja, sie sah es mit süßem Erbeben – nun drehte er selbst den Schlüssel im Schloß – wie damals in jener ersten, seligen Nacht ... »Wo sind die Blumen, die er dir gegeben hat?« zischte er hinter ihr auf. »Weiß ich es?« fragte Annemarie. »Ich habe ja dieselben gepflückt.« »Du lügst!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, der ganze Mann war nur eine einzige, bebende Qual. Annemarie öffnete die Arme und ließ die Blüten langsam auf die opalisierende Glasplatte ihres Toilettetisches fallen. Dann setzte sie sich davor nieder und begann die amethystbesetzten Hutnadeln aus dem vollen Haar zu ziehen. »Aber daß ich nicht lüge,« lächelte sie dabei durch den Spiegel nach ihm zurück – »diese zwei – Marienschuhe hat er mir in den Wagen gelegt.« Wie der Fang eines Raubvogels stieß seine Rechte nieder. Gleich darauf flogen die Blumen durch das offene Fenster hinaus. Annemarie nahm langsam den Hut ab. »Und was – was habt ihr gesprochen?« zischte Wilhelm wieder auf. »Wie – ist er überhaupt dort hingekommen?« »Weiß ich es?« rief Annemarie im herben Ton überzeugender Unschuld. »Und wüßt' ich es – würde ich dich anlügen? Verwechsle unsere Rollen nicht, bitte!« Sie hörte nicht mehr, was er sagte in diesem Augenblick. Nur das dumpfe Geräusch des Falles, mit dem er sich vor ihr niederwarf, ließ ihr Blut und ihre Seele erbeben ... »Annemarie – was tust du mit mir?« Wie ein Kind weinte der Gedemütigte das zu ihr empor – in einem einzigen, hellen, fast süßen Schmerzensschrei. Da beugte sich Annemarie zu ihm herab, strich mit den weichen Fingern leise, ganz leise über seine Haare hin – über seine Wangen – bis zu den Lippen, die sich plötzlich in einem flammenden Kuß auf ihre Hand preßten. »Kannst du mir vergeben, Annemarie?« Sie konnte bloß nicken. So ohnmächtig verröchelten ihre Worte unter seinen Küssen. Nur von ferne und wie aus einem wonnigen Traume sah sie noch das verzückt zurückgebogene Haupt eines Weibes in ihrem Spiegel, das in seliger Ekstase an dem Herzen des Geliebten verging. * Die Linden blühten, und die Bienen hingen wie leuchtende Bernsteintropfen an den bebenden Kelchen – summten und schwirrten in goldenen Wölkchen über den heißduftenden Nelkenbeeten und den weißen Lilien. Es war Sommer geworden, und Annemarie hatte es kaum bemerkt – noch immer wie berauscht von dem Frühling der Liebe, der ihr zum zweiten Male erblüht war. Nur noch wenige Wochen, dann schloß die Hochschule wieder ihre Tore, und der Geliebte und sie trugen ihr junges Glück in irgendein lauschiges Alpental hinein, wo blaue Wasser stäubten und verborgene Blumen blühten und niemand ihren Faltertraum stören konnte. Nicht einmal ihre Adresse hatte Annemarie den Freundinnen verraten. So ganz allein wollten sie sein! In tiefster Einsamkeit, in engstem Beisammensein den Jahrestag feiern, der sie für immer vereint hatte. Nur mehr daran dachte Annemarie. Alles andere hatte sie vergeben und vergessen in jener heißen Nacht ihrer Wiedervereinigung. Freilich, der Gatte hatte sie auch zu überzeugen gewußt. Nicht seine Schuld war es, daß die einstige Geliebte, von tausend Erinnerungen und einer jäh entflammten Eifersucht angetrieben, es versucht hatte, ihn noch einmal zu sehen, bevor auch ihr Leben in die graue Straße des Alters mündete. Nur noch einmal ihn sehen, sprechen, den Ton seiner Stimme hören – mehr hatte auch sie nicht gewollt! Gewiß war es ein Fehler gewesen, von alledem zu schweigen, doch auch seine Lage war schwer. Annemarie sah es nun vollkommen ein. Er hatte geglaubt, sie schonen und behüten zu müssen. Wäre sie an jenem Tage nicht ihm nachgefahren, hätte sich alles in Ruhe ordnen lassen; Wilhelm selbst hätte, wie er nun behauptete, ihr alles gestanden. Schon Renatens wegen, deren Mitwissen ihm geradezu peinlich war in jenen Tagen. Ja, wäre sie damals nicht nachgefahren! Sie seufzte leise auf. Dann hätte sie jetzt wohl anderes zu tun, als so müßig dazusitzen, die Hände im Schoß – während ein blasses Kinderantlitz wie aus einem fernen, fernen Traum auf sie herablächelte. Wie weh das tat, noch immer! Um ihren Gedanken zu entfliehen, begann Annemarie die Rosen in dem hohen Kristallglas zu ordnen, die so voll und prächtig auf dem Gartentisch vor ihr lagen, hier und dort noch einen Tropfen Morgentaus in dem Sammet der purpurnen Kelche. Da kamen Schritte über den Kies daher – ein fester, männlicher Tritt. Daß es Wilhelm nicht sein konnte, wußte Annemarie. War er doch eben erst fortgefahren. Für einen Besuch war es noch zu früh – Sie hob den Kopf, um schon im nächsten Augenblick mit einem lauten Freudenschrei emporzuspringen. »Edwin!« Aber gleich darauf verhauchte ein anderer Ruf auf ihren Lippen – befremdet, scheu, fast ängstlich: »Ja – habt ihr denn wieder Manöver?« Er stand im Waffenrock vor ihr, den schmucken Helm in der Hand, blitzblank vom Scheitel bis zur Sohle ... »Nein, Annemarie. Bloß einberufen sind wir, um im fernen Galizien zu zeigen, was wir im Brucker Lager gelernt haben. An den San, glaub' ich, geht's. Und einige Wochen werden wohl verstreichen, eh' wir uns wiederschauen!« »Also eine bloße Waffenübung.« Er lächelte. »Da die ganze Welt in sommerlichem Frieden liegt! Und alle Diplomaten aufs neue die gewohnten Versicherungen abgegeben haben –« »Ja,« nickte Annemarie. »Wenn man ihnen glauben darf, kann es wohl noch einige Jahre so weitergehen. Und wer würde das nicht gerne glauben? Aber setz' dich, Edwin! Und laß dich noch einmal begucken! Mir scheint, als wärst du in diesem Jahr noch strammer in die Montur gewachsen.« Er runzelte die Stirne, sah mit einem strengen Blick verhaltenen Wohlgefallens an sich nieder. »Es wäre auch schlimm, Annemarie, wenn wir nicht endlich ganz hineinwüchsen. Es kommt eine Zeit, die endlich wieder Männer und Taten brauchen wird!« »Männer und Taten?« wiederholte Annemarie wie versonnen. »Die hat es doch immer gegeben!« Seine Augen blitzten auf. »Ich meine andere Männer und andere Taten, Annemarie.« Sie lächelte. »Ach ja, ich weiß es. Und am liebsten glaub' ich, sähst du noch auf jedem Berg eine Ritterburg dazu. Träumer du! Wenn es wirklich wieder zu einem Krieg kommen sollte, der wird ganz anders werden, sagt mein Mann. Wie wir selbst ganz andere Menschen geworden sind, seither ...« »Andere Menschen?« Nicht nur sein Blick, auch seine Stimme schien sich zu verdunkeln. »Andere Menschen? Ja, Annemarie, leider! Und Menschen fürcht' ich, vor denen man erschauern wird, wenn ihr wahres Antlitz endlich zum Vorschein kommt – hinter all dem Kulturlack und Humanitätsfirnis. Andere Menschen – weiß Gott! Und wohl mir, daß ich nie in ihrem Lager gestanden bin. Wenn es wirklich zu dem – zu dem großen Fall der – Masken kommen sollte.« »Wie du dich gleich ereiferst!« seufzte die Schwester. »Wenn ich nur ein Wort wiederhole, das er gesagt hat.« »Du irrst, Annemarie,« sprach Edwin fest, aber ruhig. »Und kommst über das Persönliche nicht hinweg, wie jede Frau. Wenn ich mich jetzt ereifert habe, hab' ich tatsächlich diese Zeit und diese Menschen gemeint, in der vollen Schnittreife ihrer Selbstsucht und Heuchelei und des unheimlichen Größenwahns, von dem auch der Unbedeutendste heute besessen ist. Bloß weil er meint, daß endlich die Zeit gekommen ist, wo jeder seine Rechnung ohne Gott machen kann. Daß dein Mann auch dazu gehört und sogar ein Rufer in diesem Streit ist, weiß ich und tut mir leid – deinetwegen –« Er hielt an und dehnte das Wort, während sein Blick, wie ein reiner Sonnenstrahl ihr Auge suchte. »Ich bin glücklich!« rief Annemarie hastig und wie bedrängt. »Ich wünsche mir selbst nichts Besseres,« gab Edwin mit einem tiefen Atemzug zurück. »Aber wie gesagt, in diesem Falle kämpfen eben zwei Welten gegeneinander. Begriffe, nicht Menschen. Und, glaub' es mir, die Götzendämmerung dieser Zeit ist nahe.« »Es ist doch die einzige Zeit, die keine Götzen hatte,« warf Annemarie ein. »Keine Götter, willst du sagen, und das stimmt! Und tausend schöne Namen für die beiden entsetzlichen Unholde, die sie ein für allemal auf ihre Altäre gesetzt: die Selbstsucht und die Gottlosigkeit –« »Du bist noch so jung,« lächelte Annemarie. »Und die Jugend hat zu allen Zeiten immer nur sich selbst gelten lassen. Ist das nicht auch ein Götzendienst?« »Wenn ich die Forderung meiner Generation vertreten würde – wär's einer, Annemarie,« kam es ernst zurück. »Dieses rücksichtslose Sich-ausleben! Ich aber stehe für die Ideale vergangener Zeiten ein – die zugleich immer ewige Ideale waren. Und lebe mein Leben also gegen meine Zeit und wider meine Jugend – und zuweilen nicht ganz ohne Kampf, Annemarie. Und weil dieser Kampf ein fortwährendes Entsagen, Widerstreben und Aufopfern bedeutet, kann von einer Selbstsucht darin nicht mehr die Rede sein. Das müßte dir doch einleuchten, denk' ich, wenn du nicht schon farbenblind geworden wärst für das, was wirklich gut ist und wahr –« »Und daran ist natürlich wieder mein Mann schuld,« lachte Annemarie hell dazwischen. »Ich hab' dir schon gesagt, daß er in diesem Falle eine Größe ist, mit der ich durchaus nicht zu operieren brauche,« lächelte der Bruder fein zurück. »Es dürfte vielleicht genügen, zwei einfache Gegensätze vor dir erstehen zu lassen, in denen sich das Einst und Jetzt wie in einem Bilde spiegelt. In einem Bilde, Annemarie, das ich selbst geschaut; in einem Geschehen, das ich selbst erlebt. Und das seither in einer so mystischen Schönheit und unvergänglichen Klarheit vor mir steht, als wäre mir in jenem einsamen Kreuzgang eine Offenbarung des Heiligen Geistes geworden. Eines jener erhabenen Gesichte, die hinfort wie ein einziges Licht über unserem ganzen Leben leuchten – wegweisend und sühnend –« »In einem Kreuzgang?« murmelte Annemarie. Er legte die Rechte vor die Augen und griff mit der Linken wie spielend nach einer der Rosen, die vor ihr lagen. »Das war in Rom, vor drei Jahren, nach meinem Abiturium. Meine Koffer waren schon für die Rückreise gepackt, weil ich besorgte, nicht mehr unangefochten über die Grenze zu kommen. Du weißt ja, welche Sprache die Exaltados Italiens schon damals beliebten. Bloß weil wir endlich Bosnien annektiert hatten! Wie all der scheu gehütete Haß mit einemmal hervorzüngelte – daß es einem aus den Blättern förmlich wie Schlangengezischel entgegenkam. Aber doch – Rom war schön – unsterblich schön, trotz alledem! Und so beschloß ich, mir noch einen letzten schönen Morgen zu machen. Er galt dem Lateran. Als ich die Sammlungen besehen und in der Kirche von Altar zu Altar, von Grabdenkmal zu Grabdenkmal gegangen war, entsann ich mich wie von ferne, daß Konrad mit einem ganz eigentümlichen Entzücken mir einmal von dem Kreuzgang dort gesprochen, um den die Kirche und ein Teil des alten Klosters sich zu einem unvergeßlichen Rund zusammenschlössen. Und weil ich gerade allein war und der Kustode der Kirche doppelt zugänglich, ließ ich mir jene Türe öffnen –« Er ließ die Hand herabsinken, hob das Haupt und sah mit langsam erstarrendem Blick in die goldflimmernde Sommerluft hinein, wie in eine Vision ... »Daß du uns davon nie erzählt hast?« sprach Annemarie leise. Er schien es nicht zu hören. So innig hing sein inneres Schauen wieder an jenem Bild. »Es war ein sonniger Aprilmorgen,« begann er leise, »und kurz vorher hatte es geregnet. Einer jener flüchtigen Frühlingsregen, die wie ein einziger Segen über die sprossende Erde niedergehen. Da und dort – ich sah es genau – hingen noch einzelne Tropfen an den Rundbogen der Arkaden und fielen, vom flirrenden Sonnenlicht durchsickert, langsam und schwer wie goldige Berylle auf die Brüstung und die alten Epitaphien, die längs des Ganges gereiht standen. Ich war zurzeit der einzige in dem weiten, hallenden Gang. Denn der Kustode hatte mich allein gelassen. Die Fenster, die von der anderen Seite herübergingen, waren wie unnahbar geschlossen. Kein Laut ringsum als das Geriesel des Windes in den klirrenden Wedeln der alten Phönixpalmen und das schüchterne Gepink eines einsamen Finken, dem es, weiß Gott wie, gelungen war, unangefochten bis nach Rom zu kommen. Und da, siehst du, da kam es plötzlich über mich ... Ein unsagbar süßer Schauer. Ein Friede, so tief und rein – das untrügliche Gefühl, über einer Stätte hinzuwandeln, der ein ganzes Zeitalter den Adel seiner Prägung verliehen; die ganze Generationen mit dem Atem ihres reinen Wandels erfüllt, daß es plötzlich wie der Wohlgeruch eines Tempels um mich war, in dem sich das innerste Heiligtum aufgetan hat, und die Nähe der Gottheit über die Menschen hinschauert. In der Kirche, siehst du, hatt' ich das nicht empfunden. Aber hier, wo im Laufe der Jahrhunderte so und so viele Männer ihr Leben Gott hingegeben hatten – jeder ein Mensch wie ich und du, mit all seinen Schwächen und Begierden, in nie ruhendem Kampf und doch immer neuem Sieg über sich selbst ... Der eine vielleicht todtraurig bis an sein Ende – der andere voll leuchtender Fröhlichkeit in Christo, wie der ›Poveretto‹. Ein Dritter in der ewig erschauernden Furcht vor der Gottheit – doch alle Helden und Heilige, für die es keinen anderen Ruhm gab und keine andere Glorie als den täglichen Kampf in dieser lebensnahen Einsamkeit ... hier wußt' ich – nein, hier fühlt' ich es plötzlich: das war die Vergangenheit, die in Gott gelebt hatte! Denn auch die draußen mußten ihre Begierden am Zügel halten. Auch über ihnen stand noch das Gesetz des Gottes, an den sie glaubten, zu dem sie beteten. Mit dem sie sich in der Erinnerung seines mystischen Liebestodes wenigstens einmal im Jahr am Altare vereinten – rein und sündenfrei und demütig vom Herzen. Die Vergangenheit, die wir hingegeben haben! Und wofür? Ich hatte mir selbst noch keine rechte Antwort gegeben, als ich sie von einer anderen Seite erhielt: Eine Weile nach mir hatte der Küster zwei Damen eingelassen. Engländerinnen, die ich sofort an ihrem Wesen erkannt hätte, wenn ich nicht ohnedies ihrer Sprache mächtig wäre. Ganz von meinen Träumen befangen, hatt' ich sie anfangs gar nicht beachtet und sie mich vielleicht überhaupt nicht bemerkt. Denn ich stand in der Ecke des Querganges, vom Schatten seiner gekoppelten Säulchen gedeckt, und die beiden kamen von der anderen Seite herüber, in lautem, fast erregtem Gespräch und ohne sichtliches Interesse für die Schönheit des Ortes, ohne das geringste Empfinden für die tiefe Weihe seines Friedens ... Die eine, schon vom Alter etwas gebeugt, mit blitzenden Steinen in den Ohren – um den breiten Mund einen Zug rohen Sattseins, der mir an diesem Ort und im Antlitz einer Matrone doppelt widerwärtig war. Die andere jung, schlank, beweglich. In einem Frühjahrskleid, das sie ganz gewiß über den Umweg nach Paris mitgebracht hatte. Auf den braunroten Flechten einen wippenden Federhut, der einen tiefen Schatten über zwei Augen warf, so schön wie ich sie selten gesehen habe, und doch so gierig und gleichsam brutal im Ausdruck, wie der Zug um die Lippen der Alten. Mutter und Tochter ... Und weil sie immer lauter wurden, und immer näher kamen, mußte ich schließlich hören ... ›Er scheint dich noch wahnsinnig zu lieben, wenn er euch bis nach Amerika nachgefahren ist,‹ sagte die Alte, mit einem Anflug von Respekt. ›Und sein halbes Vermögen geopfert hat, bloß um eure Spur zu finden! Macht dir das keinen Eindruck? Wenn du auch den Mann nicht mehr liebst, der Vater deines Kindes bleibt er doch –‹ Die Junge zog die Schultern empor, lächelte und blieb mit diesem Lächeln vor der Phönixpalme stehen, auf der noch immer der singende Vogel saß. ›Wie niedlich!‹ hörte ich sie sagen. ›Und was hast du ihm auf seine Depesche geantwortet?‹ fragte die Mutter mit einem flüchtigen Blick nach dem Vogel. Wieder jenes Heben und Senken der Schultern. ›Daß es mir sehr leid täte, ihm einen solchen Schmerz und Schrecken zu bereiten, daß es aber Fälle gibt im Leben, wo der eigene Egoismus unbarmherzig ein anderes Schicksal opfern muß.‹ ›Er ist herzleidend,‹ sagte die Alte nach einer Weile. ›Darum hab' ich auch sofort Paris verlassen, um nicht noch von seinem Arzt requiriert zu werden,‹ kam es zurück. ›Kaum, daß ich mehr Zeit für die Probe bei Worth hatte.‹ ›Und das Kind?‹ hörte ich noch die Mutter fragen. Sie bekam keine Antwort mehr. Man hatte mich erblickt und machte sofort kehrt. In jener falschen Scham, die jede Niedertracht der Briten begleitet. Siehst du, Annemarie, das war die Antwort, die mir unsere Zeit gab auf die Frage nach ihrem Ideale: ›der Egoismus, dem es gestattet ist, das Schicksal der anderen zu opfern!‹ « »Ein Fall!« sagte Annemarie, während sie die Hand an die Stirne legte. »Dann behüte Gott deine selige Unwissenheit,« lachte der Bruder auf. Vielleicht hatte er bemerkt, daß sie im selben Augenblick leise zusammenschrak. Denn er faltete die Hände und sprach wie in einem Gebet: »Ja, er behüte sie dir, Annemarie.« Den Blick auf den Schatten der Zweige gerichtet, die im Sommerwind über ihnen nickten, saß Annemarie regungslos da. Es war ein ganz zufälliges Schweigen. Und sie wußte nicht, wie es geschah, daß gerade dieses Schweigen plötzlich wie eine schwere Wettermolke über ihrer Seele hing, als bärge sich auch für sie ein Schicksal darin, trotz all der Sonne, die noch um sie war. »Und da meinst du?« fragte sie endlich beklommen. Edwin erhob sich. Hoch, schlank, förmlich strahlend stand er vor ihr – ein einziger, leuchtender Jugendglaube. »Daß wir diesen Krieg nicht fürchten sollen, Annemarie, trotz alledem! Weil wir mit all dem Blut uns darin reinwaschen können vor Gott und für das Truggold der Gegenwart wieder ein Ewiges einhandeln: die lichtere Zukunft – das bessere Menschentum.« »Wenn es dazu kommt,« murmelte Annemarie. »Wilhelm hat auch gedient!« Sie empfand es fast als eine Rechtfertigung des Gatten, daß sie in diesem Augenblick das sagen konnte von ihm. * Als ein Jahr später in Annemaries Garten die Rosen blühten, lag ihr eine liebliche Menschenblüte an der Brust. Ein Junge, der nur die großen, verträumten Blauaugen aufzuschlagen brauchte, um schon jetzt »ganz an die Mutter zu erinnern«, wie Frau Krüger sagte. Doch auch der Vater, der das Äußere des Knaben ganz vom gelehrten Standpunkt betrachtete, gab nach einigem Zögern zu, daß das Köpfchen des Kleinen sich zu einem »Langschädel« entwickeln und den Krügerschen Typus wiederholen werde. »Die Nase scheint die meine werden zu wollen,« sprach er, »vielleicht auch die Stirne. Aber sonst –« So weit angelangt, schwieg er immer und sah mit einigem Befremden auf das Kind herab, das sein Blut war und doch in der Knospe schon jetzt ein anderer Mensch als er: zart, still, blaß. In keinem Zug an die frische Kraft erinnernd und an die zuweilen fast derbfrohe Heiterkeit, die sich Wilhelm trotz aller Gelehrsamkeit zu erhalten gewußt. Ja, zuweilen schien es ihm fast, als hätte sich die geheimnisvoll waltende Bildnerkraft der Natur mit ihm einen seltsamen Scherz erlaubt und ihm wie zum Hohn ein Abbild Edwins in die Wiege gelegt. Seine goldblonden Haare waren es, sein verträumter, zuweilen plötzlich wie erstarrender Blick. Und nicht er allein bemerkte dies. Auch Frau Krüger hatte es sofort erkannt und in ihrer frommen Weise gedeutet. »Vielleicht will es Gott so, damit diese unnatürliche Abneigung zwischen deinem Bruder und ihm endlich ein Ende nimmt.« »Nicht Wilhelm hat damit begonnen!« erwiderte Annemarie dann, um der Gerechtigkeit willen. Und doch stand gerade diese Abneigung des bis in die innerste Seele lauteren Bruders wie eine fortwährende Warnung vor ihr, ob sie sich's auch nicht gerne gestand. Was hatte er gegen ihren Mann? Was hielt die beiden noch immer so fremd und herb auseinander? Edwin stand noch immer am San. Aus der Waffenübung war ein »erhöhter Friedensstand« geworden. Aber sooft er auch an Annemarie schrieb, so innig er die Ankunft ihres »Rosenjungen« begrüßt hatte – außer einem kalten Gruß hatte er noch heute nichts übrig für den Gatten der Schwester. »Er hat kein Vertrauen in seine sittliche Haltung,« sagte sich dann Annemarie mit leisem Groll. »Bloß weil mein Mann eine andere Weltanschauung hat!« Aber Edwin war noch so jung. Man mußte sich bemühen, ihn zu verstehen. Immerhin fiel es ihr auf, daß auch Wilhelm anfangs eine ganz seltsame Scheu bei jeder Berührung mit dem Kleinen an den Tag legte. Es blieb etwas Fremdes zwischen ihm und dem Kinde, trotz aller Zärtlichkeit. Ein Zurückscheuen vor der anderen Art, die er in ihr geliebt, in dem Bruder aber auch seinerseits immer instinktiv abgewehrt hatte. Was in ihrem Weibwesen ganz Liebe, Reinheit und Hingebung war, hieß, ins Männliche übersetzt: Treue, Keuschheit und Ausdauer. Und nicht ohne Schreck fiel ihr zuweilen ein, mit welcher Geringschätzung ihr Gatte von Konrad gesprochen, dessen Ähnlichkeit mit Edwins Art nicht zu verkennen war, den Wilhelm aber nur als halben Mann gelten ließ und noch heute zuweilen lächerlich machte. »Deine Romantiker!« nicht anders nannte er die beiden. Oder wohl auch: »eine Spezies, die Gott sei Dank im Aussterben ist.« Wie konnten die beiden ihm auch anders erscheinen? Ihm, für den es keine Seele gab, nur Triebe und Strebungen? Keinen Gott, nur Kraft und Energie? Und doch zerrannen all diese heimlichen Sorgen in nichts, wenn sie den Vater über den Knaben gebeugt sah, das lebendige Band förmlich fühlte, das sie nun noch einmal so fest und innig mit dem Geliebten verknüpfte. Niemand, niemand konnte ihr die beiden mehr rauben! Und selbst wenn der Gatte vor ihr starb – da war ein Teil seines Selbst, der immer ihr eigen blieb – sie vielleicht im bloßen Ton der Stimme voll süßer Schauer an ihn erinnern würde; im Gang, in einem flüchtigen Lächeln – durch irgendeinen geisterhaft mahnenden Wesenszug – so wenig ähnlich er auch sonst ihm zu werden versprach. Zwei Wesen hatten sich in einem dritten aufs neue gefunden, um sich hinfort nie wieder zu verlieren! Wie groß Gott war und wie einzig in seiner Schöpfung, ihr schauerndes Mutterherz begriff es erst an dieser Wiege ... Damit dem Kleinen aber ja nichts fehle und alle Schönheit und der ganze süße Heimfriede des Vaterhauses sein Wachen und Träumen segne, hatte die junge Mutter jeden Gedanken an seine Erholung in der Fremde mit Zuhilfenahme irgendeiner stellvertretenden Pflege herb und fast eifersüchtig von sich gewiesen. Selbst Großmama durfte sich nicht mehr an ihn machen, als Annemarie für gut fand. »Seht ihr denn nicht, wie sich seine Nasenflügel aufblähen, wenn ich bloß in seine Nähe komme – und einzig ich?« rief Annemarie in seligem Stolz. »Er riecht mich! Was würde er denn tun, wenn er mich eines Tages nicht mehr beschnuppern könnte. Und ich – ich hätte ja keine ruhige Stunde mehr, wenn ich mir da irgendwo in der Fremde denken müßte: nun hat er so lange geweint und die Fäustchen geballt und voll Trotz vielleicht sogar gehungert, bis ihn die liebe Not endlich doch an eine andere Brust gewöhnt hat. Nein, nein, ich bleib' bei Bubi!« »Dein Mann wird aber seine Erholung brauchen!« erinnerte die Mutter. So wurde endlich beschlossen, daß Wilhelm eine kleine Alpenfahrt machen sollte, um den Rest seiner Ferien dann am Gestade der Adria zu verbringen, wo er wieder »allerlei pelagischen Mulder« in seine Netze fangen wollte. Und Annemarie, die wußte, wie streng und ernst er sein Forschen nahm, war damit vollkommen einverstanden. * An einem dieser süß duftenden Juliabende geschah es, daß Mela wieder erschien, um die junge Mutter zu beglückwünschen und zugleich für den Sommer Abschied zu nehmen. Sie traf Annemarie schon im Freien, mitten unter dem schaukelnden Grün der blühenden Linden, die huschende Schatten und spielende Lichter über die weiße Spitzendecke des zierlichen Wägelchens streuten, in dem das Kleine schlief. »Nun hast du doch, was du dir so heiß gewünscht!« sprach Mela mit einem leisen Zucken der Lippen. »Dein Mann wird wohl außer sich sein vor Freude und Stolz?« »Du irrst,« lächelte Annemarie. »Er ist ganz ruhig. Ruhig und sicher, wie es dem wirklichen Glück zukommt.« »Das wirkliche Glück!« wiederholte Mela achselzuckend. »Wo gibt es das? Es hätte sich denn eigens zu euch herausgeflüchtet. Aber verzeih, das ist mir jetzt bloß so entfahren.« Sie nahm Platz und schüttelte wie irritiert die weiße Federboa von den Schultern. »Mela,« sprach Annemarie gütig, »warum suchst du nicht auch dein Glück festzuhalten? Ich meine dein eigenes Glück! Du läufst die ganze Welt danach ab, und es wohnt vielleicht noch immer bei dir daheim und wartet nur, daß du nach seiner Hand greifst.« »Laß uns davon schweigen!« fuhr Mela fast gereizt empor. Und sie schwieg eine Weile. Dann beugte sie sich neugierig über das Wägelchen. »Er schläft wohl, dein kleiner Prinz? Darf man einen Augenblick die Vorhänge lüften?« Annemarie tat es selbst in süßem, besorgtem Mutterstolz. Da lag er, die linke Wange auf dem geballten Fäustchen, das kleine Mäulchen wie eine halberschlossene Rosenknospe dem leisen Hauch der Atemzüge geöffnet, einige zarte Schweißperlen auf der drollig gerunzelten Stirne, zärtliche Grübchen an den runden Handgelenken – selig verloren in den bewußtlosen Träumen des ersten irdischen Schlafes. »Süß ist so was schon!« sprach Mela wie in leis emporschauernder Weibesandacht! »Aber schließlich – wenn es einem nicht bestimmt ist – so leb' ich doch mein Leben!« Annemarie sah sie voll Muttergüte an. »Auch du hast einmal davon geträumt, Mela. Und wie du jetzt sprichst, tust du mir leid. Denn wer von uns hätte sein Leben bloß für sich empfangen?« »Ach du,« lachte Mela auf. »Die Religiöse!« »Alles Leben ist Liebe, Mela, bis auf Gott zurück. Und jede echte Liebe Religion.« »Wie es der Pfarrer sagt,« zitierte Mela. »Aber, Annemarie, wer glaubt heute noch daran? Auch die Frau will heutzutage ihr Leben genießen und sich nicht vom zwanzigsten Jahr ab wieder in die Kinderstube einschließen lassen, der sie erst mit dem siebzehnten entronnen ist. Schau' doch in unserem Kreis herum ... Außer dir ist noch keine Mutter geworden. Und die Wissenschaft selbst gibt uns das wie ein Recht an die Hand –« »Eine ruchlose Wissenschaft,« fuhr Annemarie empor. »Pardon,« wehrte Mela ab. »Ich meine nicht diesen – diesen gewissen Mord. Bloß die Verhütung. Und wenn ich nicht irre, hab' ich deinen Mann selbst einmal in einer Gesellschaft sich darüber äußern gehört, daß es fast eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit sei. Oder hat er bloß mit dir nie darüber gesprochen? Schließlich –,« sie lächelte frivol – »das könnt' ich begreifen!« Ein flüchtiger Schatten huschte über Annemaries Stirne. Ob sie es wußte! Und während ihr Blick nach dem schlummernden Kinde glitt, entsann sie sich plötzlich wie mit einem leisen Schauer, daß es ganz gewiß nicht die Seele des Vaters war, die mitgezeugt hatte an diesem Leben. Nicht sein Wunsch. Auch er hatte sich nur die Geliebte im Weib erhalten wollen. Darum sah wohl das Kind auch nur ihr ähnlich. Die es auch durch ihre Sehnsucht ins Leben gerufen. Und wieder war ihr, als ertappe sie Gott selbst auf einem der geheimnisvollen und heiligen Wege, an denen er die Tore des Lebens öffnet und schließt, daß sie im innersten Herzen erbebte. »Wie mein Mann als Gelehrter darüber denkt, weiß ich nicht,« wich sie aus. «Daß aber eine solche Übung der Untergang eines ganzen Volkes werden kann, davon bin ich überzeugt.« »Man ist doch nicht bloß dieses oder jenes Volk!« warf Mela naserümpfend ein. »Ich lebe auch für mich –« Annemarie sah sie an und nickte ihr fast traurig zu. »Du denkst wohl recht gering von mir, Annemarie?« fragte Mela gereizt. »Nein, Mela,« kam es ernst zurück. »Ich möchte dich nur bloß auch einmal glücklich sehen! Denn was du auch sagst und wie du auch tust – du bist es nicht.« War es ihre, jedem Wesen plötzlich offene Muttergüte, oder der Blick in das Antlitz des friedvoll und schuldlos schlummernden Kindes, was die reulose Sünderin plötzlich zwang, das Antlitz zu neigen und mit zuckenden Lippen den Tränen zu mehren, die ihr ins Auge traten? »Nur jetzt nichts reden,« dachte Annemarie. »Wo das Gute in ihr vielleicht selbst wie ein Neugeborenes zum ersten Mals die Augen aufschlägt!« Wie Madonnenfriede hing es um die drei, daß nur die leisen Atemzüge des schlummernden Kindes einen Augenblick wie der Hauch Gottes in das tiefe Schweigen hineinwehten ... Da erschollen Wilhelms Schritte. Er war aus seinem letzten Kolleg heimgekehrt und rief schon von der Biegung des Laubganges ein fröhliches »Prosit die Ferien!« herüber. Und ja – Annemarie sah es mit Staunen und wachsender Verachtung, wie unglaublich rasch sich Melas Wesen zierte und verwandelte, so wie ein Mann nur in ihre Nähe kam. »Gnädige Frau haben sich wieder einmal unser erinnert?« hörte sie den Gatten fragen. Dann fühlte sie seinen warmen Händedruck. Alles wie in einem Traum. Denn ihr Blick kam noch immer nicht los von Mela. Da stand sie – schön, schlank, siegesdurstig und siegesgewiß – selbst wie ein Stück Sommerhimmel anzuschauen in dem duftigen bleu Linonkleid mit den weißen Cluny-Einsätzen, das, seitlich geschlitzt, feines Spitzengeriesel der Dessous sehen ließ und den Schuh aus weißem Antilopenleder. Die langfransige Federnboa schmiegte sich wie eine zärtliche Schlange an ihre Hüften. An dem tiefen und spitzen Ausschnitt der durchscheinenden Bluse duftete eine blasse La France . Der Paradiesreiher des koketten Hütchens legte sich kosend an die ondulierten Wellen des tiefbraunen Haares, das selbst ihre Ohren verdeckte und gerade nur so viel von den bernsteinfarbigen Läppchen freiließ, daß man die kostbaren Smaragde sehen konnte, die einen grünlichen Schiller über die leicht geröteten Wangen hauchten. Und all diese schwülen Parfüms, die wieder um sie waren! Das »Nénuphar« ihrer Badetabletten, der feine Ambrahauch des Reihergestecks, der süße Atem der Rosa centifolia , der immer und überall wie eine heiße Sommerwolke um sie hing. Die schillernden Augen aber glinserten wie das Grün ihrer Smaragde, und deutlich sah Annemarie, wie kokett und berechnet die anmutige Lässigkeit war, mit der Mela sich nach der Begrüßung auf ihren Stuhl zurücksinken ließ. »Ich erinnere mich Ihrer sehr oft,« nahm sie Wilhelms Vorwurf auf. »Aber Annemarie war erst einmal bei mir, und auch das mehr notgedrungen –« Wie erwartungsvoll sah sie dabei die Freundin an. »Annemarie ist jetzt vollauf beschäftigt, wie Gnädigste sehen!« lächelte Wilhelm. »Gewiß. Und man muß euch beiden wirklich Glück wünschen,« meinte Mela, mit einem zerstreuten Blick in den bunten Rosenflor des Gartens hinein. »Alles blüht hier. Die Erde und die Menschen. Mir trägt es eben bloß – Schnittblumen.« Ihre Stimme sank, die schönen Augen schlossen sich. Wer sie nicht kannte, mußte Mitleid mit ihr haben. »Aber – Sommerpläne werden Gnädigste doch auch schon haben?« lenkte Wilhelm ab. Sie atmete lang und wie erlöst auf. »Gott sei Dank, ja! Diese drei Monate im Jahr, die mich immer so weit wie möglich forttragen, machen mein Glück aus. Ich hab' zwar noch kein bestimmtes Ziel – aber so halb und halb bin ich doch schon im reinen. Zunächst möcht' ich nach Innichen. Dann, wenn der Herbst langsam bunter wird, nach Bozen. Oder ich lasse Bozen und bade am Lido. Wen die Wellen dort einmal getragen haben, der vergißt sie ja nie.« Und ein wohliges Dehnen ging durch ihre Glieder. Eine Bewegung, die am Strande selbst natürlich und schön gewesen wäre, hier aber fast etwas Laszives hatte. Annemarie machte sich an dem Wägelchen zu schaffen und lächelte ruhig vor sich hin. ›Wenn du mich vielleicht eifersüchtig machen willst,‹ dachte sie, ganz ihres Glückes sicher. ›Du Arme!‹ »Und ihr?« hörte sie Mela fragen. »Wo denkst du hin?« erwiderte die junge Mutter. »Ich bleibe natürlich zu Haus!« »Daß ich mir's nicht gedacht' hab!« lachte Mela klingend auf. »Du stillst gar am Ende selbst?« »Das tut jede gewissenhafte Mutter heutzutage, meine Gnädigste!« sprach Wilhelm ernst. Mela erwiderte nichts. Doch ihr Blick hob sich und schlich mit einem ganz unsagbaren Ausdruck des Bedauerns zu Annemarie hinüber, der in diesem Augenblick fast etwas Verletzendes hatte; wie ein beiläufiges Abschätzen dessen war, was nach all ihrer mütterlichen Hingabe von Annemaries Schönheit noch übrigbleiben würde. »Du brauchst mich nicht zu bedauern, Mela,« lächelte die junge Mutter verklärt. »Es ist das Süßeste, was ich mir denken kann.« »Diese – Weibchentalente fehlen mir also entschieden!« lachte Mela silbern auf. »Aber – verzeihe, Annemarie, du kennst mich!« »Ja,« nickte Annemarie mit einem traurigen Blick. Sie staunte, daß Wilhelm schwieg. Etwas hätte er nun doch sagen müssen! Doch er saß mit gesenkten Augen da, halb verlegen, halb versonnen. Und Mela ließ den weißen Halbschuh gerade vor seinem Blick aus den Spitzen des geschlitzten Unterkleides hervorschlüpfen und schlug mit dem zierlichen Füßchen auf dem leise rieselnden Kies den Takt zu den Worten, die Wilhelm nicht fand. »Nun zeigt sie, daß auch ihr Fuß kleiner ist als der meine,« dachte Annemarie angewidert. Aber sie lächelte weiter. Selbst zu den Unarten ihres Gastes. Wer so reich war wie sie, konnte alles vergeben. * Als der Herbst seine bunte Fülle über die Lande auszuschütten begann, war Wilhelm schon einige Wochen unterwegs. Erst hatte er, seinem Versprechen getreu, von Station zu Station einen Brief geschrieben. Nun ging es wohl rascher vorwärts. Denn seit einigen Tagen trafen nur Karten ein. Er war von den Alpen über den Karst langsam nach jenen Gegenden abgebogen, die vor kurzem noch der Schauplatz des Balkankrieges gewesen waren. »Um doch etwas von dem Hauch der Weltgeschichte zu verspüren,« wie er schrieb. Und Annemarie nahm an der Wiege ihres Kindes immer wieder die bunten Ansichtskarten zur Hand, die sie wenigstens im Bilde mitgenießen ließen, was ihr Mann nun mit voller Seele in sich aufnahm. Sie gönnte es ihm ja so herzlich! Nach all den Mühen, mit denen sein Amt und das neue Werk ihn belastet hatten. Wenn ihr von Zeit zu Zeit auch die Einsamkeit etwas auf die Seele fiel – ein Blick ins Antlitz ihres Kindes öffnete dem Mutterherzen einen Himmel, den sie für alle Paradiese dieser Welt nicht eingetauscht hätte. Ob sie nun – oft mitten in der Nacht – dem immer durstigen, kleinen Mäulchen zu Willen sein mußte – oder nach all dem besorgten Halbschlummer morgens süß müde mit dem Kleinen in dem immer reicher blühenden Garten saß: Träume spinnend, ganze Bilder in die verhüllten Lande seiner Zukunft hineinschauend ... aus all dem Sinnen zuweilen durch Bijuttis leises Geknurr emporgeschreckt, der an ihrer Seite sich langsam zu einer vierbeinigen Aja entwickelt hatte, in gespannter Aufmerksamkeit auf jede Regung des Kindes lauschend – und Annemarie mit drolliger Beflissenheit sofort an ihre Mutterpflicht erinnernd. Hatte sie dann das Kleine an die Brust genommen, gönnte sich auch Bijutti eine Weile Ruhe und lag, Mutter und Kind hütend, mit halb geschlossenen Augen zu Annemaries Füßen. So traf sie eines Tages der einzige, noch lebende Bruder ihrer Mutter, Onkel Paul, der nach einem vielbewegten, aber immer dezent verhüllten Junggesellenleben nunmehr nur noch seine Gicht und die Würde seines Amtes zu hüten hatte. Als dem Vertreter einer der obersten Richterstellen des Landes war ihm die Pflicht, seine eigene Meinung immer ganz hinter den Begriff einer Rechtsbestimmung zurücktreten zu lassen, allmählich so zur zweiten Natur geworden, daß ihm »die Maske festgewachsen war«, wie er sagte; er selbst nur mehr »ein wandelnder Paragraph« sei, wenn sich nicht von Zeit zu Zeit noch »der alte Bauchredner« in ihm meldete, mit welch geheimnisvollem Geschöpf er seine eigentliche Natur meinte. Und aus diesen Zwiegesprächen zwischen seiner »forensischen Verlogenheit« und seinem »durchaus wahrhaftigen Untermenschen« hatte er sich mit der Zeit eine geradezu beißende Lebensphilosophie zurechtgelegt, die allerdings nur im Kreise seiner Freunde und Verwandten zu Wort kam, hier aber auch nichts und niemanden verschonte, zuletzt das »verzopfte Recht«, dessen Vertreter er war. Annemarie, die den schrullenhaften Widerwillen des alten Herrn gegen alles kannte, was die Menschen gemeinhin Familienglück nannten, sprang in einer Aufwallung jäher Freude empor. Hatte sie's doch schon als Kränkung empfunden, daß der Onkel, dem sie selbst als Kind sehr zugetan war, es bis heute verschmäht hatte, sich ihren Jungen anzusehen. Doch schon nach den ersten Worten merkte sie, daß der verbissene Junggeselle zunächst in einer anderen Absicht gekommen war und den Kleinen bloß mit einem flüchtigen Interesse betrachtete, ja fast mit einer Art Scheu. »Wenigstens kenn' ich jetzt den, der mir auch meine letzte Liebe abwendig gemacht hat,« scherzte er mit verbissener Galanterie für die junge Mutter, deren Besuche vor der Geburt des Kindes immer etwas Farbe und Frohsinn in seine Galligkeit gebracht hatten. Dann ging er mit der den Juristen eigenen Sachlichkeit sogleich auf sein Ziel los. »Erinnerst du dich, daß dein Mann dir gelegentlich von einem gewissen Doktor Markesicz gesprochen hat?« fragte er, mit einem gewissen Unbehagen an seiner dunkelblauen Brokatkrawatte herumrückend, die wie alles an dem alten Herrn ganz neueste Mode und letzte Eleganz war. »Er ist Arzt, da irgendwo in Niederösterreich, und hat bei uns einen nicht ganz reinlichen Scheidungsprozeß hängen. Und weil er nun – durch deinen Mann vermut' ich, erfahren hat, daß er durch seine Heirat auch mit mir jetzt irgendwie zusammenhänge, hat er sich natürlich sofort der gemeinsamen Semester erinnert und daraus das Recht auf einen Überfall bei mir hergeleitet. Anatol Markesicz heißt er –« »Gewiß,« nickte Annemarie. »Ich entsinne mich. Und ich glaube, daß die zwei einmal sogar recht gute Kommilitonen waren.« In die verkniffenen Äuglein des alten Herrn kam ein etwas nervöses Geblinzel. Dann räusperte er, hart und trocken. »Kommilitonen, so! Na ja. In seiner Jugend mag er ja anders gewesen sein. Und wenn ich ihm zufällig wo bei einem Junggesellendiner begegnet wäre, hätten er und mein Bauchredner sich sofort verstanden, glaub' ich. Weniger angenehm ist es mir, daß er sich in derselben Angelegenheit an den Richter wendet, unter Bezugnahme auf diese Jugendfreundschaft und, hm – und Verwandtschaft. Es steht also fest, daß dein Mann dir von ihm gesprochen hat?« »Und immer nur als von einem ganz hervorragenden Menschen,« bemerkte Annemarie. »Der nicht nur ein tüchtiger Arzt ist, sondern auch ein geistvoller Gesellschafter und geradezu bedeutender Musiker. Dabei allerdings zuweilen etwas unberechenbar. Auch sagte Wilhelm, daß Doktor Markesicz eine Lehrkanzel, die ihm schon angeboten war, brüsk abgelehnt habe, wenn ich mich recht erinnere.« »Na – lassen wir das,« meinte Onkel Paul, mit einem skeptischen Lächeln. »Ich habe jedenfalls mit anderen Eigenschaften dieses Polen zu tun. Und da er gestern bei mir war und mich nach den ersten Worten trotz aller angezogenen Beziehungen sofort bis an den Hals zugeknöpft fand, vermut' ich nun, daß er sich jetzt vielleicht an dich wenden will, und da wollt' ich dir nur sagen, daß ich, soweit ich bis jetzt diese Angelegenheit überblicke, durchaus nichts für ihn tun kann!« »Aber Onkel,« staunte Annemarie, – »damit – kann er einer Frau doch zuletzt kommen. Und Wilhelm ist fort.« »Übrigens ist er wirklich ein entzückender Mensch sonst,« meinte der alte Jurist. »Und wenn es auf meinen Bauchredner ankäme, der könnte ihm auch nach der anderen Seite gerecht werden. Hoffentlich ist die Ärztekammer weniger verbissen als mein Paragraph –« »Onkel,« rief Annemarie, »es geht ihm doch nicht an die Existenz?« Der alte Jurist zog den Kopf zwischen die Schultern und ließ diese ebenso rasch wieder sinken. »Laß dir was sagen, mein Kind,« lachte er dann zynisch. »Kanaillen sind wir mehr oder weniger alle – ich meine die Männer, was das betrifft! Nur – gewisse Dinge darf man eben nie auf den Markt bringen. Und nun geh' ich. Du bist gewarnt.« »Aber Onkel,« stammelte Annemarie. »Alle? Alle können doch unmöglich so sein. Das kommt dir so vor, weil deine Akten immer nur mit diesen Angelegenheiten zu tun haben.« Der alte Herr zog die Mundwinkel herunter. »Na, lassen wir's! In meinen Jahren sind natürlich alle tugendhaft, wie Shakespeare sagt. Und nun, Schluß!« Er erhob sich. »Schau,« sagte Annemarie, mit seligem Mutterstolz noch einmal nach dem Kleinen weisend, der mit geballten Fäustchen schlafend, das Zünglein zwischen die rosigen Lippen geklemmt, in süßem Frieden dalag ... »Na ja,« hüstelte Onkel Paul. »Wird auch nicht anders werden! Übrigens –,« und er bemühte sich, so zärtlich als möglich dreinzuschauen, »seit ich weiß, daß er kein krebsroter Fötus mehr ist, werde ich öfter kommen.« »Wer weiß –?« und er legte den silbernen Knopf seines Gehstockes etwas nachdenklich an die Nase – »wer weiß, was aus dem meinen geworden wäre?« »Ja – hast du denn jemals einen gehabt?« staunte Annemarie betroffen. Onkel Paul schüttelte sich. »Behüte. Wie man eben von einem Schicksal spricht, dem man glücklich entronnen ist, wenn man einen so gewissenhaften Bauchredner hat wie ich, der unserer forensischen Verlogenheit wenigstens daheim das Mundwerk abnimmt.« »Behüte dich Gott, Annemarie!« * Es war anfangs Oktober, und die fernen Buchenwälder leuchteten schon im Purpur des Herbstes. Annemarie begann das Haus für die Rückkehr des Gatten zu rüsten. Er hatte dann noch zwei Wochen Ferien, und die wollte sie mit ihm und Kleinchen genießen. Weil die Sonne aber Tag für Tag immer goldener vom Himmel schien und die Fernen gar so klar und rein lockten, begann Annemarie ihren Jungen nun auch langsam in die Welt hinauszuführen. Bald nach Tisch, wenn die Sonne noch hoch stand, ging es ins Freie hinaus, immer der schönen Straße nach, die zwischen grünen Wiesen und frisch bestellten Äckern dem fernen Wald zuführte, der in dem herbstlichen Bunt seiner Farben wie eine leuchtende Abendwolke am Horizont stand. Anna schob das Wägelchen mit dem Kleinen. Annemarie schritt in seligem Mutterstolz nebenher. Hoch im Blauen sangen die Lerchen ihrem blonden Prinzlein das Schlummerlied. Und wenn Klein-Wilhelm dann erwachte und mit drollig verdutzten Äuglein in die unendliche Himmelskuppel emporsah – einen flüchtigen Moment wie in schwindelndem Bangen das Mäulchen verzog, um gleich darauf den Blick den beiden Hüterinnen seines kleinen Menschenschicksals zuzukehren, zog es jedesmal wie ein unendliches Glück in Annemaries Herz ein. »Seelchen, kommst du zu mir?« konnte sie dann mitten im Feld aufjubeln. Anna aber meinte mit der ihr eigenen Bedächtigkeit: »Keine fünf Monat hat er und erkennt uns schon! Das wird ein g'scheiter Bub werden.« Tag für Tag zu solch fröhlicher Fahrt ausziehend, hatte Annemarie bald das ganze Gelände abgestreift. Bis an den Wald war es zu weit und wär' es zu spät geworden. Aber die Wiesen lagen so warm und sonnig, und da war noch ein kleiner buschumgrünter Hohlweg, der zwischen sanftabfallenden Hängen auch noch irgendwohin führte, wo Annemarie noch nicht gewesen war. So schlug man eines Tages auch diese Straße ein ... Die Brombeersträuche, die bis an den Weg herankrochen, hingen noch voll schwarzer Beeren, und Anna machte immer wieder halt, um sich die Schürze voll zu pflücken, während Annemarie die zarten Parnassien brach, die so verträumt am Wiesenrand blühten, und die seidenen Herbstzeitlosen, die wie blasse Flämmchen schon überall aus dem Boden stachen. So ging es eine Weile fort, bis die kleine Mulde fast plötzlich in eine offene Landstraße mündete, die den Blick wieder nach den Hängen des Wiener Waldes frei ließ und nach den zierlichen Dörfchen, die, zwischen weiche Hügel und grüne Wiesen eingebettet, da und dort gastlich herüberwinkten. Auch an Annemaries Straße lag so ein Ort, und das erste seiner Häuschen war eine »Busch'nschenke«, aus der das lustige Gefiedel eines Wiener Musikantentrios klang. Über die grüne Hecke hinweg sah man Bürger und Bauern gemütlich ihren »Heurigen« trinken, und zwischen den ungedeckten Tischen trieben sich die Hühner herum. Selbst ein rosiges Ferkel war da und quiekte, bis an den Hals in eine Pfütze eingegraben, als viertes in das lustige Gezirp der Geigen und »Klampfen« hinein. Dem Hause gerade gegenüber aber stand ein wettergebräuntes Wegkreuz, und ein bleicher Christus lächelte verscheidend in den Glanz der Sonne hinein. So einsam hing er da, so ganz allein, ob auch nur über eines Weges Breite die Freude der Menschen lärmte und sich Genüge tat. In der Art, wie der Heiland das Haupt neigte, trotz aller Qual noch voll heiliger Geduld und Hingebung lächelte, lag eine Ähnlichkeit, die Annemarie ganz seltsam an den Kruzifixus des alten Betschemels erinnerte, den sie in ihrem Mädchenzimmer zurückgelassen. Und je länger sie hinblickte, desto größer und sprechender schien ihr diese Ähnlichkeit. Daß ein ganz merkwürdiges Gefühl über sie kam – halb Sehnsucht, halb Reue und die alte mystische Liebe jener Tage. Als wäre das eigene Kreuz ihr so lange nachgezogen, damit sie es eines Tages wieder an ihrer Straße fände und sich jener Zeit erinnere! »Kommen Sie, Anna, wir fahren dort hinüber,« sprach sie leise. »Ich will dem Heiland meine Blumen geben.« Und während das Mädchen ein kurzes Gebet sprach und Klein-Wilhelm im Schatten des Kreuzes ruhig weiterschlief, hob Annemarie sich auf die Zehen und legte die bleichen Parnassien und die lila Herbstzeitlosen und einige wilde Verbenen, die wie dunkle Kinderaugen aus den weißen Blüten sahen, leis und bewegt zu den Füßen des Erlösers nieder. Ein schräger Sonnenstrahl, der ihr gerade in die Augen fiel, zwang sie zu einer plötzlichen Wendung. Wie erwachend streifte ihr Blick noch einmal die Schenke, aus der die lustigen Töne über den Weg klangen – und da – nein, träumte sie? da war ihr mit einem Male, als sähe sie mitten in Konrads Antlitz hinein und er stünde wieder an ihrem Weg, wie damals im Walde, in der einen Hand den Hut, in der anderen –? Nein, keine Blumen waren es diesmal – vielmehr ein dunkler, kleiner Gegenstand, den Annemarie auf den ersten Blick für eine Tasche hielt, die er rasch und fast verlegen unter dem Überrock barg, der ihm über dem Arm hing. War es wirklich ein Traum? Aber nein, dort schritt er, noch einmal tief grüßend, vorüber, mit einem dunklen Seitenblick das Wägelchen streifend, in dem das Kind des Mannes lag, den er haßte ... »Der Herr hat schon zum zweitenmal gegrüßt,« erinnerte das Mädchen. »Er wird die Gnädige kennen.« Annemarie aber stand noch immer regungslos da und sah mit großen Augen um sich, wie von einem seltsamen Ahnen durchschauert, das sie förmlich zwang, das Bild des Ortes sich noch einmal tief in die Seele zu prägen: dort die Schenke, mit den frohen Tönen des Lebens; hier das Kreuz und darunter ihr friedlich schlummerndes Kind. Als würde sie dieses alles noch einmal sehen in ihrem Leben, gerade so und in einer Stunde, die an einer Wende ihres Schicksals schlug. »Gehen wir,« sprach sie dann leise, und wie von einem Schauer angeweht, der aus Fernen kam, in die nur Gott hineinsieht ... * Das ganze Haus prangte im Schmuck der späten Blumen, als Annemaries Gatte wiederkam. Selbst in Bijuttis Halsband stak eine kleine, lila Aster, und das Wägelchen, in dem der Erstgeborene dem Vater bis an die Gartenpforte entgegenfuhr, war bis zu den Radspeichen mit den purpurnen Ranken des wilden Weins behängt. Und als wüßte der kleine Schelm, daß es sich heute um eine Sache handle, bei der es galt, ganz gegenwärtig zu sein, lag er mit groß aufgeschlagenen Augen in seinen weißen Spitzenkissen und brachte der festlichen Gelegenheit sein Nachmittagsschläfchen zum Opfer. So fand ihn der Vater und beugte sich wohl etwas allzurasch über ihn, denn Klein-Wilhelm begann sich mit einem quiekenden Schrei gegen die ihm zugedachte Liebkosung zu wehren. Was Bijutti bewog, nun auch seinerseits mit einem drohenden Gebelfer auf den Heimkehrenden loszufahren, das um vieles echter klang als das freudige Gewinsel, mit dem er den Gatten seiner jungen Herrin empfangen hatte. War es Eifersucht oder ein anderer, durch irgendeine Eigentümlichkeit Wilhelms bedingter Widerwille? Der Hund war über seine Abneigung noch so wenig hinweggekommen wie Konrad und Edwin. Annemarie sah nur den Gatten, den so lang vermißten, so heißersehnten Gefährten, dessen bloßes Nahen sie noch immer bis ins Innerste erbeben ließ. Hoch, schlank, tief gebräunt von der Sonne des Südens stand er vor ihr, und sie merkte gar nicht, daß sie es war, die im Jubel des Wiedersehens sich viel öfter an seine Brust warf, viel inniger an sein Herz legte, als sein Arm sie an sich zog. Nicht einmal die leise Verlegenheit bemerkte sie, mit der sein Blick dem ihren auswich, als sie mit einem süßverschämten Gestammel bekannte: »Auch nicht einen Tag länger hätt' ich so leben mögen.« Kein Wort fand er darauf. Nur sein Arm schlang sich kameradschaftlich in den ihren, und mit dem Humor des Heimkehrenden meinte er: »Nun vergeßt aber auch nicht, daß ich mir endlich auch Gesicht und Hände waschen muß, nach dieser neunzehnstündigen Fahrt, und vor allem Hunger hab' – einen ganz unbändigen Hunger!« »Drei Kolli sind es,« wandte er sich zugleich an Anna, die mit dem Kutscher eben die Koffer ins Haus trug. »Und hast mir gedroht, sechs Kisten mit Präparaten heimzubringen,« lachte Annemarie. »Nun ist's nur eine. Da hast du doch auch an deine Erholung gedacht, wie ich sehe?« »Es war notwendig,« sagte er, und ihr schien, als kläng' es wie eine leise Trauer in seiner Stimme. »Aber du siehst blühend aus, Annemarie!« Sein Kuß streifte ihre Stirne. So nah erst, Antlitz an Antlitz, gewahrte sie, daß seine Züge etwas merkwürdig Gespanntes hatten und tiefe Schatten unter seinen Augen lagen. Auch sein Haar schien ihr etwas lichter geworden, wenigstens an den Schläfen. Aber er hatte ja eine so lange, so beschwerliche Fahrt hinter sich, ihr zuliebe keine Station mehr gemacht. Wenn er sich erst einmal recht ausgeschlafen hatte, konnte man darüber reden. Als sie eine halbe Stunde später an dem reichgedeckten Tisch saßen, schwand Annemaries letzte Sorge. So tapfer hatte er daheim früher nur selten zugelangt. Annemarie selbst legte Stück um Stück auf seinen Teller, schälte seine Lieblingsfrüchte, große, herrliche Nektarinen und vollsaftige Birnen, füllte immer wieder des Liebsten Glas aus der bauchigen Champagnerflasche, die in dem silbernen Empirekübel kühlte. Schon begann ihr eigenes Blut wie beschwingt durch die Adern zu kreisen – die Sehnsucht verschämt und heimlich in ihren Augen aufzuleuchten. Bis die Sprache in einem keuschen Erinnern zu dem zurückfand, was Annemarie seinem Verlangen einst bei einem anderen Mahle versagt hatte: »Nun kriegst du ihn doch, deinen Champagner!« Hatte er es vergessen? Er lächelte und leerte sein Glas wieder in einem einzigen Zug, wie damals. Doch sein Blick wich von ihr in den Abend hinaus, der im Blausilber des Vollmondes zu den offenen Fenstern der Gartenterrasse hereingrüßte, auf der heute serviert wurde – der herrlichen Nacht zuliebe, die noch fast sommerlich lau war und mit dem heimeligen Gezirp der Grillen den Heimgekehrten zu begrüßen schien, wie mit einem zarten Griff in schwirrende Liebeslauten. Von den weißen Balsaminenbeeten, die gerade unter der Terrasse blühten, stieg ein süßer Atem empor. Die gilbenden Hängebirken schienen flüssiges Gold von den schaukelnden Zweigen zu schütteln. In weiter Ferne bellte ein Hund zum schweigenden Mond empor. Trauter, weicher, süßester Heimfriede mußte sich um alle spinnen, die jetzt mit ganzer Seele daheim waren ... Auch Wilhelm sah noch immer hinaus – wie gebannt, wie erstarrt. Und dann sprach er mitten in das Schweigen hinein. »Wie schön muß es jetzt am Meere sein!« »O du,« schmollte Annemarie. »Bist du denn noch immer nicht daheim – daß du nicht hörst, nicht siehst?« »Was denn?« lächelte er, halb erschrocken, halb verträumt. »Anstoßen wollt' ich doch mit dir!« Sie hob ihm ihr Glas entgegen. Einige Tropfen waren über den feinen Rand getreten und liefen, vom Glanz der Hängelampe durchzittert, wie flüssige Edelsteine an ihrem blassen Handgelenk herab. Jäh – fast schrill klangen ihre Gläser zusammen. Aug' in Aug' tauchten sie ineinander. Aber da war etwas in seinem Blick, so weit, so fremd, so abgrundtief, daß es ihr schien, als versänke sie selbst darin, wie in einem Meere ... Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, schien etwas fortzuwischen – endlich ganz zu erwachen. »Und wie ist es euch ergangen, unterdes?« Da hatte sie ihn endlich, wo sie ihn wollte – daheim! Und nun fand sie fast kein Ende im Eifer ihrer jungen Mutterschaft. Um wieviel Bubi zugenommen habe. Wie er schon langsam seine Umgebung zu erkennen beginne, und wie drollig und schlau er jede ihm unliebe Nähe dadurch abwehre, daß er einfach sofort die Augen schließe ... daß er ferner, trotz aller Ähnlichkeit mit der Mutter, schon jetzt in allen Angelegenheiten seines kleinen Lebens ganz unheimlich die Art des Vaters hervorkehre, was Annemarie mit der Wiedergabe einiger putziger Eigenheiten illustrierte. Zuletzt erzählte sie von den langen Fahrten in das herbstliche Gelände hinaus, und mit einiger Befangenheit bekannte sie endlich auch, daß Konrad bei einer dieser Fahrten wieder ihren Weg gekreuzt habe. Annemarie hatte sich, wenn auch nicht auf ein Aufbrausen, so doch wenigstens auf ein mißtrauisches Ausfragen des Gatten bereit gemacht. Doch nichts von alldem geschah. Mit einem wie suchenden Blick noch immer in die Mondnacht hinausstarrend, sprach er leis und wie nebenbei: »Und was macht dein anderer Romantiker?« Er meinte Edwin. »Die haben noch immer erhöhten Friedensstand dort,« berichtete Annemarie, sich mit einem leisen Seufzer der Enttäuschung endlich der Art des Gatten anpassend. »Na ja, wollen wir hoffen, daß es dabei bleibt,« nickte Wilhelm. Plötzlich schien er sich zu besinnen: »Übrigens habe auch ich eine Begegnung gehabt ...« »Nun?« forschte Annemarie. »Deine Freundin Mela hat statt an dem Lido in Lussin gebadet. Da haben wir uns dann und wann am Strande getroffen. Sie hatte natürlich wieder Begleitung ...« Seine Stimme stockte, die dunkeln Brauen zogen sich wie unwillig zusammen. »Mir scheint, den Arzt, von dem du mir schon einmal gesprochen ...« Annemarie, die einen Augenblick wie witternd die feinen Nasenflügel gebläht hatte, lächelte den Gatten achselzuckend an. »Und seitdem«, sprach er ruhig weiter, »hat sie sich irgendwie das Recht abgeleitet, mir von all den Weltgegenden, zwischen denen sie sich jetzt in dieser – dieser Begleitung herumtreibt, Ansichtskarten zu senden –« Er griff in die Brusttasche und langte ein Päckchen hervor, das sich im nächsten Augenblick wie bunte Herbstblätter über den weißen Damast des Tischtuches ausbreitete. »Da sind sie! Und auf der letzten droht sie mir, wegen Mangels jeder Antwort, diese Serie unter deiner Adresse fortzusetzen!« »Du warst also sehr brav, wie ich sehe!« sagte Annemarie, mit festem Druck nach seiner Hand greifend. »So brav als ich jetzt müde bin – todmüde,« nickte er mit einem letzten Blick in die Mondnacht hinaus. Dann erhob er sich. »Ich geh' jetzt zu Bubi,« hauchte Annemarie. Es klang wie eine Frage. Doch Wilhelm nickte bloß. Da glitt sie leise hinaus. * Wenige Tage später begannen Melas Karten mit einer seltsamen Regelmäßigkeit ins Haus zu flattern. Alle nunmehr an Annemarie gerichtet; meist von zwei, drei Kavalieren mitunterschrieben, immer aber auch von Melas Gesellschafterin. »Pour l'honneur du drapeau!« wie Annemaries Gatte jedesmal mit giftigem Hohn bemerkte. »Wenn ich nur wüßte, was sie mit alldem will?« meinte Annemarie einmal mit einem befremdeten Blick nach dem Gatten. »Was dieses plötzliche Sichherandrängen soll? Wer Mela kennt, dem darf bange werden.« »Weiß ich's?« kam es achselzuckend zurück. Und den Blick aufs neue in das Buch versenkend, in dem er gerade las, sprach er höhnisch: »Vielleicht liegt es ihr daran, uns nun erst recht zu beweisen, daß es ihr auch ferner beliebt, die zu bleiben, die sie ist.« »Das kann uns doch herzlich gleichgültig sein,« erwiderte Annemarie. Und nach einer Pause flüchtigen Nachdenkens sprach sie leise und wie für sich selbst: »Fast bange wird mir vor all dieser Zärtlichkeit, denn ich weiß ja doch –« »Was weißt du wieder?« fragte Wilhelm kurz und scharf. Annemarie zuckte die Achseln: »Daß sie eine Katze ist.« Dann wurde zwischen ihnen nicht weiter darüber gesprochen. Melas Karten aber folgten sich nun immer rascher, je weiter und tiefer ihre Fahrt nach dem Süden ging. Venedig – Bologna – Florenz – Rom ... Plötzlich blieben sie aus. »Nun wird sie wohl auf der Heimreise sein!« lächelte Annemarie. »Oder vielleicht an einem Ort, von dem wir nichts erfahren sollen,« meinte Wilhelm. »Auch möglich. Nur –« »Nun?« »Du scheinst sie ja noch schärfer zu beargwohnen als ich?« scherzte Annemarie. Er gähnte und sah in den Garten hinaus, in dem der Herbstwind die tiefgelben Blätter der Platanen wie rollendes Gold vor sich herjagte. »Das ist mir alles doch so gleichgültig ...« Annemarie sah es und glaubte es und war über die Begegnung des Gatten mit der gefährlichen Frau vollkommen beruhigt. Und doch war etwas im Wesen Wilhelms, das ihr seit seiner Heimkehr oft und viel zu denken gab. Etwas Fremdes, Seltsames, Fahriges, das ihm da draußen irgendwo angeflogen sein mußte. War es eine Art Überarbeitung? Aber er hatte ja fast nur »Stationspräparate« mitgebracht. Flüchtige Aufnahmen der zartesten Tier- und Pflanzenwelt des Meeres, erst einer späteren Sichtung und Bearbeitung vorbehalten. Und wie sollte sie sich die tiefe Melancholie erklären, die ihn nun immer öfter befiel? Die wachsende Verdrossenheit, mit der er seinen Pflichten nachging? Die immer wieder hervorbrechende Sehnsucht nach dem Meer und nach dem Süden? »Wenn Bubi nicht wäre, könnten wir jetzt auch in Italien sein!« sprach er eines Tages mitten aus dem Schweigen heraus, das nun oft wie die Wolke eines fernen Gewitters über ihnen lastete. »Wie kannst du wünschen, daß Bubi nicht wäre – um einer Reise willen?« fragte die junge Mutter erschrocken zurück. Er besann sich, versuchte zu lächeln: »Ich meinte bloß, wenn er nicht so früh gekommen wäre!« Doch es klang nicht echt. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Da hatte sie ihn wieder, diesen geheimen Vorwurf, der nur ein Ausdruck seines innersten Wunsches war, daß ihre Ehe so lang als möglich kinderlos geblieben wäre. Um ihn nicht noch mehr zu verstimmen, erhob sie sich und schlich leise an Bubis Bettchen. Das Haupt in die Hand gestützt, saß sie bis in die Dämmerung hinein an dem kleinen, schneeweißen Lager, in dieser Stube, die wie ein einziges Nestchen der Liebe war, weich, warm, mollig und tief still. Nur vom leisen Pendelschlag der Uhr durchtickt, die das Kindermädchen Stunde für Stunde an Bubis wechselnde Bedürfnisse erinnerte. So genau war der Tag schon für ihn eingeteilt. So sorglos schlummerte Bubi in sein Leben hinein, dessen Sorgen und Lasten das zärtlichste Mutterherz trug. Und wenn er erst zu trinken verlangte! Das suchende Gekrabbel der kleinen Händchen an ihrer Brust – das tiefe Aufatmen, mit dem er sich festsaugte – die wohligen Kehllaute, mit denen er sich's schmecken ließ ... Bis in ihren eigenen Schlaf hinein genoß Annemarie den seligen Traum dieses Glückes. So vergaß sie auch diesmal an dem kleinen Lager gar bald, was ihr Gatte soeben gesprochen hatte. »Wenn Bubi nicht da wäre?!« Ach! er wußte ja selbst nicht, was er damit gesagt hatte. So durfte man's ihm nicht übelnehmen. Wenn Bubi nicht da wäre – dieses kleine, süße, lutschende oder schlummernde, alle ewig in Atem haltende weiße, drollige Bündelchen – – – Dann wäre ja auch die ganze Welt nicht mehr da, nicht nur für Annemarie, auch für diesen komischen, gelehrten Papa! Was denn! Sie glaubte es zu wissen und lachte plötzlich auf in dieser einzigen Glückseligkeit, daß Bubi doch da war – trotz alledem – Ein leises, weiches, seliges Mutterlachen – Das Lachen, das die Menschen dem Paradies enttragen haben ... * »Es ist ein Besuch beim Herrn,« sagte Anna, als sie kam, um das Amt bei Bubi wieder anzutreten. »Ein großer, mächtig feiner Herr. Bloß ein bisserl fremd spricht er. Aber sonst – ein schöner Mann.« »Haben Sie seine Karte hineingetragen?« fragte Annemarie. Das Mädchen nickte. »Ja. Und der Herr hat ihm selbst die Tür aufgemacht und ihn ›lieber Freund‹ angerufen. Ein Herr Doktor ist es, glaub' ich!« »Der Pole!« fuhr es durch Annemaries Sinn. Der »den nicht ganz sauberen Scheidungsprozeß« bei Onkel Paul anhängen hatte! Also war er doch gekommen – hatte seine Sache nicht aufgegeben ... Annemarie entsann sich, ihrem Mann gleich nach seiner Heimkehr von der Möglichkeit dieses Besuches gesprochen zu haben, und Wilhelm hatte sich mit einem ihm sonst nicht gerade eigenen Interesse nach allen möglichen Einzelheiten erkundigt. Annemarie freilich konnte ihm nicht mehr berichten, als Onkel Paul in ritterlicher Schonung eines reinen Frauenohres ihr mitzuteilen für gut befunden hatte. Es war wohl sein Freund und ein geliebter Jugendfreund dazu. Immerhin hatte es Annemarie dem Gatten schon damals übel vermerkt, daß er auch für die »innerliche Unsauberkeit dieses Menschen«, wie Onkel Paul sich ausgedrückt hatte, so gar keinen Abscheu bekundete. Doch hatte Wilhelm, wohl um einer schärferen Auseinandersetzung vorzubeugen, damals selbst das Gespräch abgebrochen. Nun durfte Annemarie neugierig sein. Wenn sie aus der Kinderstube nach ihrem Boudoir ging, das an den Salon stieß, konnte sie wenigstens die Stimme des Fremden hören. Diese »weiche, tieftonige, schmeichelnde Stimme, die an sich Musik war«, wie Wilhelm ihr damals erzählt hatte. Doch ein Gefühl innerster Reinheit hielt sie zurück. Die Abneigung, sich auch nur einen flüchtigen Augenblick lang, um irgendeines körperlichen Vorzugs willen für einen Menschen einnehmen zu lassen, der in tiefster Seele krank war und faul. Die Gedanken und Empfindungen, die sie an dieses kleine, weiße Bettchen trug, sollten rein sein bis auf ihr Letztes. Engel hielten hier Wacht – sie glaubte, nein, sie fühlte das förmlich zuweilen! Wie eine Sünde wider den Schutzgeist ihres Kindes wäre es ihr erschienen, nur einen Augenblick die Nähe dieses unreinen Menschen aufzusuchen oder irgendein Wohlgefallen an ihm zu finden. Das Kindermädchen war wieder hinausgegangen, um das Nachtlicht für die kleine Stube zurechtzumachen. In regelmäßigen Zügen atmete das schlummernde Kind. Nur die gilbenden Ranken des wilden Weines, in denen der Novemberwind spielte, schlugen draußen ab und zu wie im Takt an die Scheiben. Und mitten in den heiligen Frieden dieses Schweigens hinein klangen plötzlich süße Töne herüber – die Stimme ihres eigenen Klaviers! Erst ein paar sanfte, unsäglich weich angeschlagene Akkorde, in gebrochener Folge, wie die Stimme einer Harfe ... dann, wie auf den Flügeln des Abendwindes einherschwebend, wie klingende Tropfen in die Stille fallend, die Klänge der »Berceuse« Chopins! Voll süßester, heimlichster Zärtlichkeit, so wunderbar und meisterhaft gespielt, nein, fast gesungen, daß Annemarie förmlich atemlos hinüberlauschte. Der Ehebrecher, der Weib und Kind verlassen, spielte dort drüben ein »Wiegenlied« – zart, innig, so keusch und rein, wie nur die Mutter selbst es noch singen konnte am Bette des Lieblings – von einer tieftragischen und hoffnungslosen Liebe der Seele Chopins eingegeben! Wie verzaubert saß Annemarie da, und als die Töne, mehr gehaucht als gespielt, endlich verklangen, war ihr einen Augenblick, als müsse sie sich erheben und hinübergehen, um zu danken. Hatte sie doch sofort begriffen, daß dieses Spiel eine Huldigung war für sie! Doch ein einziger Blick nach der Wiege hielt sie zurück. Dort regte sich ihr Kind – die Blumenseele eines Engels, der vielleicht noch nicht lange vor Gott gestanden ... So begann wohl jede Verführung und jedes Zugeständnis an diese Welt, die nicht die ihre war – nie die ihre werden konnte! Bis in die tiefste Seele fühlte sie das. Und sie kehrte sich ab und sah in den Abend hinaus, der nun auch mit leisen Regentropfen an ihre Fenster zu pochen begann – leise, fast melodisch, in melancholisch-stetem Fall ... * »Nun hast du wenigstens sein Spiel gehört,« sagte Wilhelm, als er eine Viertelstunde später in das Speisezimmer trat. »Und er selbst ist auch noch immer der alte, köstliche Mensch.« »Sein Spiel war entzückend,« gab Annemarie zu. »Und auf diese Distanz könnt' ich ihn meinetwegen ertragen. Sonst –,« und ihre Stimme klang herb – »Ich liebe reine Luft um mein Kind!« »Ich merke nur, daß du schon wieder eine ganze Weile nicht mehr an der Luft warst,« entgegnete Wilhelm fast schroff, »so unnatürlich und krankhaft klingt, was du soeben gesagt hast.« »Dann ist unsere ganze Moral krank,« erwiderte Annemarie fest. »Vielleicht. Insofern sie nicht mehr in unsere Zeit paßt!« Annemarie legte Messer und Gabel nieder und starrte den Gatten an, der mit höhnisch gesenkten Mundwinkeln vor ihr saß und nervös in seinem Teller herumstocherte. »Wilhelm!« bat sie leise. »Das sagst du doch bloß, weil dieser Mensch dein Freund ist.« »Das sag' ich, weil er zuerst ein Mensch ist und mir alles Menschliche nahegeht. Wie – na, meinetwegen und wenn du willst, wie eine Krankheit. Aber doch wie eine, die heut oder morgen auch dich und mich befallen kann.« Annemarie schüttelte leise das Haupt. »Für mich steh' ich gut.« »Solange du mich liebst. Die Frage ist eben, wie es wäre, wenn –« Sie legte die Hand auf seinen Mund. »Auch nicht aussprechen, bitte!« Sie fühlte, wie sich seine Lippen unter ihrer Hand verzogen. »Na ja,« sprach er nach einer Weile sarkastisch. »So seid ihr! Die einen kommen über den Hennen- und Kükenstandpunkt nie hinaus. Und die anderen –« »Sind Dirnen!« klang es scharf zurück. »Auch deiner Meinung nach. Oder ich habe nie recht gehört, was du die ganze Zeit über von Mela gesprochen hast.« »In dieser Sache handelt es sich eben um einen ganz besonderen Fall. Mein Freund ist nicht nur Arzt, er ist auch Künstler, wie du eben gehört hast. Eine durch und durch ästhetische Natur –« »Daß ihr doch immer die Kunst zur Kupplerin macht!« entgegnete Annemarie unwillig. »Laß mich ausreden! Anatols Frau hat ihn nie verstanden, ihm nie folgen können. Ein solches Verhältnis wird zuletzt unleidlich, bricht in sich selbst zusammen. Der Mensch braucht Temperament, Geist, sprühendes Leben um sich ... ein Weib, das nie aufhört, eine Geliebte zu sein. Die Wiegenlieder, die er anderen so schön vorspielt – er selbst mag sie eben nicht in seinem Hause. Aber –,« und er stürzte hastig ein Glas Wein hinunter, um sich selbst Schweigen zu gebieten ... »Nun hat er aber auch seine Geliebten schon einige Male gewechselt, wie Onkel Paul mir sagte,« rief Annemarie. »Und doch ist dein Onkel der Richtige, ihn zu verstehen!« »Nicht von Amts wegen, wie er gesagt hat,« wehrte Annemarie die Zumutung des Gatten ab, die sich vielleicht schon im nächsten Augenblick in eine Bitte um ihre Fürsprache verwandeln konnte. »Und der eigentliche Grund soll sogar eine recht unsaubere Angelegenheit sein –« »Verleumdungen der Frau!« »Die oft genug verziehen hat. Also nicht erst zu verleumden braucht.« Er setzte das Glas nieder, lehnte sich mit halb geschlossenen Augen zurück. »Du könntest ein – ein solches Abirren also durchaus nicht verzeihen, Annemarie?« kam es durch die plötzliche Stille leis und wie tastend auf sie zu. »Nicht einmal verstehen!« rief Annemarie mit blitzenden Augen. Er sah zur Seite. »Dann hätt' es natürlich keinen Sinn, wenn ich dich bitten wollte, dieser – dieser fremden Sache bei deinem Onkel vielleicht –,« er zögerte, forschte in ihrem Antlitz – »vielleicht doch ein Wort zu sprechen –?« »Nein!« entschied Annemarie mit einem stolzen Aufleuchten ihres ganzen Wesens. »Und selbst wenn Onkel zugänglich sein sollte. Doch er selbst darf ja nicht. Dem Gesetz ist – meine Moral noch heilig!« »Immer diese Pathetik!« wehrte Wilhelm mit einem spöttischen Lächeln ab. »Ja, aber, daß ich nicht vergesse ... da ist wieder einmal eine Karte von deiner Freundin gekommen und zufällig in meine Hände geraten. Sie ist nun allein, wenn man ihr glauben darf.« Er erhob sich, ließ die Karte auf den Tisch fallen ... Wie ein blau leuchtender Fleck lag sie auf dem hell schimmernden Damasttuch. Das Meer, in violenfarbigem Purpurglanz um zwei rötlich-gelbe, einsame Felsen brandend. In der Luft, wie eine silbrige Wolke, das seidige Weiß einer Möwe ... »Capri,« stand gedruckt darauf. Schief unten, in Melas steiler Schrift: »Ich bin allein – am Meere!« »Also Gott sei Dank, noch recht ferne von uns!« lächelte Annemarie. »Und du – glaubst ihr das?« kam es wie forschend aus dem Erker herüber. »Warum nicht? Da sie uns auch bisher nicht im unklaren gelassen hat?« Er schwieg und neigte sich tief über das Buch, das er vorgenommen. * Immer sonniger gedieh unterdes das Kind. Wenn sich Annemarie eine Meile entfernt hatte – welch eine Freude war es ihr da bei ihrer Rückkehr, die großen blauen Augen ihres Jungen voll gespannter Aufmerksamkeit auf die Türe gerichtet zu sehen, durch die sie wieder eintreten mußte! Welch eine Musik ihrem Mutterherzen der helle Vogelschrei, mit dem er sie begrüßte! Süßestes Gekose das weiche Tasten der kleinen Händchen, die so jäh, so zärtlich nach ihr griffen. Ein köstliches Fest für ihren Mutterstolz aber war das tägliche Bad. Zu sehen, wie drall und stramm der kleine Kerl sich schon aufsetzte, wie patzig die Fingerchen zuweilen nach dem Schwamm langten, als gält' es, mitzuhelfen; wie überlegen, und gleichsam jeden weiteren Versuch entschieden ablehnend, er Annas gelegentliches Eingreifen sofort zurückwies, das war ebenso süß wie drollig. Dabei quiekte er, meist guter Laune, schon munter allerlei Unverständliches vor sich her – weiche, ungeduldige Schnalz- und Kehllaute, die Nestsprache des jungen Menschen. Wilhelm, der bei dieser Gelegenheit auch zuweilen in der Kinderstube erschien, nannte es zwar »die Sprache der Ahnen« und verwies Annemarie zu näherem Vergleich an den Käfig der jungen Affen in Schönbrunn. War es aber die etwas erregtere Art, in der er diese seine Meinung zur Geltung zu bringen suchte oder irgendein besonderer Ausdruck seines Blickes dabei – Klein-Wilhelms Augen, der stramm aufrecht in der Wanne saß, wurden immer größer, immer dunkler, und zuletzt stieß er einen solch lauten und zornigen Schrei aus, daß es wie ein einziger Protest des Jungen klang, dem bloß die Sprache zu fehlen schien, um zu sagen, daß er sich jeden weiteren Vergleich nach dieser Richtung entschieden verbitte. Das Kindermädchen lachte hell auf, selbst des Vaters Ernst wich für eine Weile einem lächelnden Staunen. Annemarie aber hob ihr Kind aus dem Wasser und hielt es einen Augenblick hoch in die Sonne empor – »Von Gott bist du gekommen – sein bleibst du!« Wilhelm zuckte wie nachsichtig die Achseln ... »Kinderstube der Menschheit!« Und ging hinaus. Noch merkwürdiger schien Annemarie, was einige Tage später geschah. Eine häusliche Angelegenheit zwang sie, Anna mit dem Bad des Kindes zu betrauen, wenigstens mit den Vorbereitungen. Als der Handwerker, dem sie die nötigen Anleitungen für die vorzunehmende Reparatur gegeben, sich entfernt hatte, eilte sie sofort nach der Kinderstube. Ein mächtiges Geschrei empfing sie – ein Geschrei, in dem etwas wie die Seele eines lauten Hilferufes vibrierte. Was war geschehen? Nichts. Das Mädchen hatte es bloß versucht, den Kleinen in das Wasser zu setzen. Weil sie es aber zum ersten Male tat und er in ihre etwas schußlige Art kein Vertrauen zu haben schien, mußte sich in seiner Vorstellung die Empfindung irgendeiner Gefahr für sein Leben ausgelöst haben. Totenblaß, mit weit und schreckhaft geöffneten Augen klammerte er sich mit beiden Händchen an den Arm des Mädchens fest und starrte fast entgeistert in das durch seine lebhaften Bewegungen in heftiges Schwanken geratene Wasser. Und eine tiefe Rührung überkam Annemarie bei diesem Anblick; eine Rührung, die zuletzt fast Ehrfurcht wurde. Schon fühlte sich die kleine Kreatur als ein noch hilfloses Einzelgeschöpf: bangte, ja rang um ihr scheinbar bedrohtes Leben, mit einer Kraft, die nicht bloß ein dunkler Erhaltungstrieb war, der auch etwas Heiliges innezuwohnen schien, wie eine ferne, ferne Erinnerung an irgendeine Verantwortung. Und wieder dachte sie: »Gott!« Vielleicht griff sie fehl – war es doch nichts, als der kindische Eigensinn, der sich gegen das Ungewohnte wehrte! Aber dieses Wehren selbst blieb ihr lange in der Erinnerung und regte alle möglichen Fragen in ihrer Seele an. Zuletzt einen ganzen Sturm von Gefühlen, der sich mit heftigem Abscheu wider jene Weiber kehrte, die, bloß um das Leben zu genießen, nichts anderes sein wollten als die Geliebten ihrer Männer – so lange wie möglich jung und begehrenswert – Hetären! Rom und Griechenland war an diesen Weibern zugrunde gegangen. Ganze Völker. Bis der Erlöser selbst das Kind wieder auf seine Arme genommen und es mit göttlichen Worten hoch, hoch über die Verderbnis jener Tage emporgehoben hatte. Junge, reine, natürliche Völker hatten das Erbe einer entarteten Kultur angetreten; sich vermehrt und über die Erde verbreitet. Und ein Volk – das auserwählte Gottes, hielt noch immer den Kindersegen heilig und hoch ... Seither war die Welt wieder verderbt und alt geworden. Schon riefen in Frankreich Dichter und Priester die entarteten Weiber vergeblich zu ihrer Pflicht zurück. »Und bei uns?« fragte sich Annemarie. Sie kannte nicht bloß die eine Mela. Wenn man Ärzten und gewissenhaften Hebammen glauben durfte, nahmen die Verbrechen gegen das keimende Leben einen immer bedrohlicheren Umfang an. Und wenn in vielen Fällen vielleicht auch Leichtsinn und Genußsucht die eigentliche Schuld trugen – so war doch auch viel böser Wille mit am Werk. Annemarie erschauerte, so oft sie das bedachte und sich zugleich der Heftigkeit erinnerte, mit der Klein-Wilhelm sich um sein scheinbar bedrohtes Leben wehrte. Wußte man aber wirklich so genau, wann diese Lebensempfindung schon Bewußtsein war oder nicht? Und war das bloße Leben an sich nicht für immer im Bewußtsein des Schöpfers verankert, dem noch niemand in seine heilige Werkstätte geschaut hatte? Tausend Fragen – und sie seufzte leise auf, wenn sie bedachte, daß sie sich nicht über eine einzige im Einverständnis mit ihrem Gatten befand. * Der Winter neigte seinem Ende zu. Schon guckten Primeln und Leberblümchen zwischen dem Efeu in Annemaries Garten hervor, und die ersten wurden in Bubis Stube gebracht. »Blume–le ... Blume–le!« sagte Anna ihm endlos vor, und er quiekte und riß sie mit heftigem Griff an sich, aus großen, lachenden Augen bestaunend, was es sonst noch gab auf dieser Welt außer ihm. »Wenn es Gott gefällt, macht er im blühenden Garten seine ersten Schritte!« lächelte die glückliche Mutter bei diesem Anblick. Drum mußten die zwei sich jetzt schon kennenlernen! Der Garten und ihr Kind ... O ja, die zwei gehörten zusammen! Unverrückbar wie ein einziges, heiliges Erinnern stand noch jener Abend vor ihr, da sie inmitten all des sommerlichen Blühens zum erstenmal für sein heiliges Werderecht gekämpft hatte. »Wie weit ich auch von Gott vielleicht abgeirrt bin seither,« sagte sie sich im stillen – »das hat er mir gelohnt!« So schien ihr die Natur selbst wieder in ihrem Kinde aufzublühen. Tag für Tag wurde nun Klein-Wilhelm mit seinem Wägelchen in den Garten hinabgetragen und zwischen den knospenden Büschen hin und her geführt. Und schon schien er selbst diese tägliche Freiluftstunde als einen Genuß zu empfinden – lachte froh auf, und mitten in all den Glanz hinein, wenn es hinab ging, begann in langendem Begehren nach den kätzchengeschmückten Weidenzweigen zu greifen, schüttelte mit behaglichem Krähen ein ums andere Mal das schon dicht behaarte, goldige Köpfchen. Flog eine Amsel mit süßem Lockruf über ihm weg, schnalzte er laut auf, und Bijuttis Eifer, eine über seinen Kopf hinweggeworfene Gerte zu apportieren, riß ihn immer wieder zu demselben hellen Lachen hin, wobei er mit Händchen und Füßchen so lebhaft zu zappeln begann, daß es dem Stolz der Mutter und der Erfahrung Annas wirklich nur mehr eine Frage der nächsten Zeit schien, wann ihr Goldjunge den ersten selbständigen Schritt machen, das erste wirkliche Wort lallen werde. Wurde er aber dann wieder in die Wohnstube gebracht und samt seinem Wägelchen in den sonnenüberfluteten Erker hineingeschoben, mitten zwischen Vater und Mutter, dann konnte er, das kleine Fingerchen im Mund, wohl soundso oft mal das drollige Köpfchen hin und her wenden, bald den Vater anlächelnd, bald Annemarie – mit einem Blick, der so süß und schalkhaft war, daß es oft schien, als müsse er jetzt und jetzt auch in Worten zu fragen beginnen: »Ist sie's? Ist er's? Sind's alle beide?« Um nach einer möglichst eingehenden Vergewisserung süß und müde und todzufrieden endlich einzuschlummern. Leise, ganz leise, rollte ihn dann Annemarie selbst in seine Stube zurück. Nach einer solchen Ausfahrt war es und knapp vor Tisch, daß Annemarie, aus der Kinderstube zurückkehrend, plötzlich eine weiche Frauenstimme aus ihrem kleinen Salon herüberklingen hörte – zugleich ein gedämpftes, halb spöttisches, halb triumphierendes Lachen. »Mela!« fuhr es ihr durch den Sinn. Wie kam's, daß man ihr den Besuch noch nicht gemeldet hatte? Aber freilich, sie besann sich. Wilhelm war noch einmal in den Garten hinabgestiegen! Da war sie ihm wohl von der Straße her gleich entgegengekommen und von ihm selbst ins Haus geleitet worden. Ruhig und doch rascher, als es sonst ihre Art war, trat Annemarie ein. Dem großen Empirespiegel gegenüber, der zwischen den Fenstern stand, saßen die beiden, und Mela lachte noch immer: leis gurrend, mit halbgeschlossenen Augen, den Blick halb wohlgefällig, halb forschend auf den Spiegel gerichtet, der ihr reizendes Bild wie ein silberner Rahmen umfing und ihr zugleich den Blick über das ganze Zimmer freiließ und nach der Türe, durch die man eintreten mußte, daß sie auch Annemarie sofort bemerkte. »Und da ist auch des Hauses Herrin!« begrüßte sie, noch immer lächelnd, die Nahende. »Grüß Gott, Annemarie!« »Daß du uns so gar nicht von deiner Heimkehr verständigt hast, Mela?« erwiderte Annemarie, die sich entsann, erst vor kurzer Zeit eine Karte mit dem Poststempel »Genua« erhalten zu haben. Mela sah sie einen Augenblick zwischen den gesenkten Lidern hervor an – halb forschend, halb belustigt: »Wozu? Ich komm' noch immer für alle zu früh!« Annemarie tat, als hätte sie nicht gehört. Dann ließ sie sich langsam nieder. »Du hast unterdes viel Schönes gesehen? Italien, die ganze Riviera –?« Melas Lider waren noch immer halb geschlossen, und Annemarie glaubte zu bemerken, daß der Blick, der ihr heute nicht von Aug' zu Aug' standhalten konnte, heimlich und fast tückisch durch den Spiegel an sie heranschlich. »Du hast es natürlich nicht der Mühe wert gefunden, mir mehr als eine Karte zu beantworten,« sagte Mela endlich wie schmollend. »Immer gerade nur das Notwendigste!« Annemarie war im Innersten gut und einem jähen Angriff gegenüber fast immer wehrlos. So war es natürlich, daß sie unwillkürlich nach irgendeiner Entschuldigung suchte. Wenn es auch eine Lüge war. »Verzeih', aber ich dachte, daß Wilhelm dies einige Male in meinem Namen besorgt habe –« »In – deinem Namen?« wiederholte Mela, fast verblüfft. Gleich darauf aber lachte sie auf, laut, hell, daß die ganze Stube förmlich zu klingen begann von diesem Lachen: »Na dann, weißt du – dann hat er entweder dich oder mich vergessen! Oder vielleicht gar alle – beide?« wandte sie sich an Wilhelm: »Sie! Sie –?!« »Ich habe nicht immer genug Zeit, alle Aufträge meiner Frau auszuführen!« entgegnete der Gelehrte mit einer Verbeugung. Es klang wie ein artiges Ausweichen, doch in seinem Antlitz stieg eine jähe Röte auf. War es nur diese Verlegenheit, die Mela so belustigte? Wie ein silberner Quell sprang ihr Lachen empor, und während der Finger drohte, glitt ihr Blick mit einem Ausdruck seltsamer Befriedigung über Annemarie hin. Es klang ja alles harmlos, ganz harmlos ... und doch: sie wußte nicht, warum ihr mit einem Male war, als hätte jedes der Worte, das nun gesprochen wurde, noch eine andere Bedeutung gehabt und auch Melas Lachen einen anderen Grund. Doch sofort erschrak Annemarie über ihren Verdacht: Ich tu' ihnen unrecht! besann sie sich in einer fast erregten Abwehr. Ich war es ja selbst, die zuerst gelogen hat! Dann hat Wilhelm meine Lüge weitergesponnen. Nun tut sie, als ob sie daran glauben wollte, und lacht doch darüber hinweg. Nur – Und wieder stieg es wie ein ganz leises, ganz fernes Mißtrauen in ihr empor. Warum legen wir plötzlich all diesen Dingen solch eine Wichtigkeit bei? Sie und er und – ich? Und, auch das war nicht zu leugnen, Mela war heute koketter als je! Die Art, wie sie dasaß – das eine Bein leicht über das andere geschlagen, daß der enge, faltenlose Rock jede Linie des geschmeidigen Körpers nachzeichnete. Das fast lüstern irritierte Gestreichel, mit dem ihre Rechte immer wieder die Zobelschweifchen der kostbaren Stola durch die Finger gleiten ließ ... das wohlberechnete Heben und Senken der langbefransten Lider – das Auf- und Abtippen des zierlichen Fußes – der um einen Ton noch tiefer angesetzte, herrliche Alt ihrer Stimme ... So und so viele Einzelheiten und doch jede für sich eine schlau ins Treffen geführte Waffe der unersättlichen Gefallsucht einer sieggewohnten Frau! Selbst die Luft, die um sie war, schien erregt zu zittern. Buhlerin! dachte die junge Mutter mit einem Anflug feindlicher Verachtung. Doch als sich Mela erhob, um Abschied zu nehmen, mußte sich Annemarie gestehen, daß ihr alles gelungen war, was sie sich in der flüchtigen Rachsucht für die unbeantworteten Karten etwa vorgenommen. Selbst sie hatte Mela aufs neue bezaubert. * Der Mai war ins Land gezogen, und Bubis Sprechversuche hatten sich allmählich zu einer Lautbildung verdichtet, die dem zärtlichen Ohr der Mutter schon wie ein ganz korrektes »Papa« und »Mama« klang. Und was dem kleinen Mund noch nicht recht gelingen wollte, begann Bubis Wille aus eigener Kraft zu leisten – des jungen Menschen erste und vielleicht wichtigste Tat: sich eines Tages auf die Beine zu stellen! Ganz prächtig gelang ihm das schon, und nun hieß es doppelt achthaben auf das geliebte Leben! Erst hatte Klein-Wilhelm es versucht, sich an dem Arm der Mutter oder Annas emporzuziehen, und wenn es gelungen war, eine Weile mit einem breiten und fröhlichen Lachen dazustehen: »Na seht ihr – es ist gar nicht so schwer!« So ungefähr klang dieses Lachen. Und mit dem Gelingen kam bald die fröhliche Zuversicht und der Wunsch, es immer wieder zu versuchen. Als der kleine Kerl seine Absicht zum erstenmal allein ausführte, war Annemarie gerade zugegen. Und ein seliges Entzücken überströmte ihr Herz. Wie lange noch, und ihr Kindchen würde auf sie zuschreiten können wie all die anderen auch! Nur Bijutti erschrak. Ihm, der auch Klein-Wilhelm solange nur auf allen Vieren herumkriechen gesehen hatte, schien das, was vor seinen treu besorgten Augen geschah, so unerhört und entsetzlich, daß er mit einem förmlichen Warnungsschrei auf Bubi zustürzte, ihn bei einem Zipfel des weißen Schlitzkleidchens packte und mit aller Gewalt wieder auf »alle Viere« bringen wollte, was nach Bijuttis Erfahrung nun einmal das sicherste war! Das waren Ereignisse und Tage, die Annemarie mit leuchtenden Augen in ihr »Erstlingsbuch« schrieb. Wobei sie sich nur ärgerte, daß der Vater, trotz aller Freude, noch immer seine wissenschaftliche Ruhe bewahrte und ihr mit seinem herablassenden Lächeln erklärte, daß dies ein Wunder wäre, das sich nicht bloß in ihrem Haus ereignete. Um seine »Konsequenz« nicht bis zu dem lächelnden: »Die Menschenaffen haben das zuerst getan« zu reizen, schwieg Annemarie. Frau Krüger aber, die gerade an diesem Tag herausgekommen war, bewog Annemarie sofort, dies große Ereignis in Bubis Leben auch Edwin mitzuteilen, der noch immer am San stand. Schon zwei Tage später lief seine Antwort ein: »Nun ist dein Kind ganz Gottes. Es kann emporschauen!« Wie so anders das klang! »Und was ist damit gesagt?« fragte Wilhelm mit seinem überlegenen Lächeln. »Aber ich bin objektiv genug, zu begreifen, daß eine Mutter lieber an Märchen glaubt als an die Wahrheit!« Es schien ihm offenbar ganz unmöglich, ihr auf diesem Weg nur ein bißchen entgegenzukommen. Daß Annemarie zuletzt jeden Versuch aufgab und in einer fast abergläubischen Scheu vermied, seinen Unglauben zu weiteren Äußerungen zu reizen. Um nichts in der Welt wollte sie das Schicksal herausfordern. Und das stand nun einmal auch in Gottes Hand! Ein Märchen, das noch keiner ergründet hatte, mit allem Wissen der Welt. – Sonst – ja, sie konnte sich nicht entsinnen, daß Wilhelm jemals liebevoller und gütiger gegen sie gewesen wäre als gerade jetzt. Mit einem Kuß auf ihre Stirne schied er, mit einem fröhlichen Gruß und irgendeinem Geschenk für Bubi kam er wieder heim. Schon lange nicht hatte sein Lachen so hell geklungen, seine Augen so fröhlich geleuchtet! ›Was ich wollte, könnt' ich von ihm haben,‹ dachte Annemarie zuweilen. Und dann war ihr, als müsse sie beten, daß es so bliebe. Ganz leise, heimlich und fast verschämt. Es schien ihr wieder einmal zu groß – ihr Glück! * »Heute hab' ich deine Freundin gesehen,« berichtete Wilhelm eines Tages, als er aus dem Kolleg heimkehrte. »Solang du es gestehst, ist nichts dabei,« lachte Annemarie unbefangen zurück. »Fändest du es schlimmer, wenn ich sie auch noch ein Stückchen begleitet hätte?« forschte er mit einem etwas verlegenen Lächeln. »Ist es geschehen?« »Ja,« bekannte Wilhelm. »Da du es gestehst, will ich es diesmal nicht weiter ankreiden,« lächelte Annemarie, noch immer gnädig. »Einmal ist keinmal. Aber schon dir selbst zuliebe solltest du es nicht wieder tun. Die Männer, die man mit Mela sieht, kommen eben auch ins Gerede.« »Sie blieb erst gar nicht stehen und sprach doch weiter,« berichtete er achselzuckend. »So zwang sie mich, mitzugehen.« Annemarie zog die feinen Augenbrauen empor: »Eine höfliche Verbeugung hätt' es auch getan. Aber lassen wir es nun!« Einige Tage später erzählte Frau Krüger Annemarie gelegentlich eines Besuches, daß sie den Schwiegersohn in der Begleitung Melas gesehen habe. Annemarie horchte auf: »Und Wilhelm?« fragte sie. »Glaubst du, daß er dich auch bemerkt hat?« »Das könnt' ich nicht sagen. Und ich hatte so große Eile, daß ich mir nicht einmal Zeit nahm, es zu beachten.« »Wilhelm hat mir schon erzählt, daß er Mela getroffen und begleitet hat,« bemerkte Annemarie. Doch es ging ihr nach. Hatte er vielleicht nur deshalb bekannt, weil er sich von ihrer Mutter beobachtet glaubte? Als er später heimkehrte, sagte sie kein Wort von dem Besuch der Mutter. Erst beim Abendessen und ganz unvermittelt begann sie davon zu reden. »Mama hat mir erzählt, daß sie dich neulich in der Stadt gesehen hat.« »Warum ist sie mir denn ausgewichen?« klang es fast verletzt zurück und keinesfalls betreten. »Sie sah dich mit Mela und wollte nicht stören.« »Wenn das vielleicht ein – schwiegermütterlicher Wink sein soll,« lachte Wilhelm gereizt, »dann bitte deiner Mutter zu sagen, daß sie mich damals durchaus nicht gestört hätte – bloß heute und mit solchen, mehr oder minder verblümten Andeutungen.« »Mama hat doch nicht die geringste Andeutung gemacht,« widersprach Annemarie. »Und noch eigens hinzugefügt, daß sie wohl auch selbst Eile gehabt –« »Nadelstiche das!« zischte er plötzlich zwischen den Zähnen hervor, wie jemand, der nur mit Mühe eine lang zurückgehaltene Gereiztheit beherrscht. Dann erhob er sich und ging in seine Stube. War es nur diese flüchtige Verstimmung oder die gegen Semesterschluß sich wieder von Tag zu Tag häufende Überbürdung? Die sonnige, fröhliche Übereinstimmung, in der Annemarie so blindselig nun lange Wochen mit dem Gatten dahingelebt hatte, war wieder einmal dahin. Daß auch die Kommissions- und Fakultätssitzungen sich gegen Schluß zu vermehrten, wußte Annemarie von früher her. Auch die Frauen seiner Kollegen, mit denen sie verkehrte, hatten zuweilen darüber geklagt. Schlimmer war es, daß er aus all diesen Sitzungen, die oft bis gegen Mitternacht währten, immer so tief verstimmt heimkam. Und aller Groll, der sich über den Einwurf oder die Gegenrede irgendeines Kollegen in ihm angesammelt hatte, brach dann aufs neue hervor. »Warum bleibst du denn immer auf, bis ich komme?« rief er einmal ungeduldig, als ihn Annemarie, die letzte noch wach, am Gartenpförtchen begrüßte. »Es war auch so schön hier draußen,« wehrte sie mit zitternder Stimme ab. »Und Wilhelm schläft so ruhig. Da wollt' ich auch noch etwas von der Mondnacht genießen.« »Nun geh' aber zu Bett,« sprach er. Es sollte milder klingen. Ihre Liebe aber, die ihn heute mit fast bräutlicher Sehnsucht erwartet hatte, hörte recht wohl den Zwang heraus, ja fast die Scheu, nun mit ihr allein zu bleiben. »Du hast noch zu tun?« fragte sie demütig. Es klang wie ein Flehen. Nur etwas Güte, ein liebes Wort, der Kuß, den er ihr nun schon all die Tage zu geben vergaß, und sie wäre zufrieden gewesen. »Ein Referat hab' ich noch zu schreiben,« gab er in kühler Sachlichkeit zurück. »Laß dich also nicht länger stören.« Damit ging er nach seiner Stube ... Als Annemarie im Laufe der Nacht einmal erwachte, war das Bett an ihrer Seite noch immer leer. Und weil auch gerade Bubi zu schreien begann, stand sie auf und spähte durch die nur für einen Augenblick geöffnete Tür nach Wilhelms Studierzimmer hinüber. Der Lichtschein, der im Spalt der Schwelle lag, verriet ihr, daß er noch immer wache. Oder war er drüben eingeschlafen? Es ließ ihr keine Ruhe! Das leise weinende Kind an der Brust, ging sie hinüber. Da saß er, das Haupt in beide Hände gestützt und brütete vor sich hin – die Zähne in der Unterlippe, blaß, verdrossen, in Blick und Antlitz den Ausdruck einer Erschöpfung, die sie erschütterte. »Wilhelm,« bat sie, in der geöffneten Türe stehenbleibend. »Willst du nicht endlich auch an dich denken?« Er sprang auf, schlug mit der Faust in den Tisch hinein. »Nicht einmal hier hab' ich Ruhe! Und was soll ich denn drüben? Das Kind zahnt, und du nimmst es doch immer zu dir.« »Wie du dich gleich erregst!« sprach sie entsetzt. Denn der ganze Mann war ein einziges Erbeben, vom Haupt bis zu den Füßen. Sie sah es. »Ich meinte es ja nur gut mit dir, Wilhelm.« Ein hartes Lachen war die Antwort. Sollte sie ihn noch mehr reizen? Das weinende Kind am Herzen, schlich Annemarie hinaus. * Einige Tage später fand sich Mela ein. Annemarie kam ihr mit ehrlicher Liebenswürdigkeit entgegen. Sie nahm an, daß es Melas Abschiedsbesuch sei, und wollte ihr, vor der wieder voraussichtlich langen Trennung, einige freundliche Worte mit auf den Weg geben. Wilhelm war nicht zu Hause, als sie kam, und Annemarie mußte aus Bubis Stube gerufen werden. Mela aber war der meldenden Magd auf dem Fuß gefolgt und stand mitten in Annemaries Schlafgemach, als diese heraustrat. »Verzeih, daß ich hier eingedrungen bin,« lächelte sie mit einem seltsamen Blick über Annemaries duftiges Morgenkleid. »Es ist ganz unabsichtlich geschehen. Weil ich aber schon da bin, darf ich mich wohl auch hier ein bißchen umschauen, ja?« »Warum nicht?« lächelte Annemarie mit dem fröhlichen Selbstbewußtsein der Frau, die weiß, daß alles nicht nur wohlgeordnet, sondern auch schön ist in ihrem Heim. Und erst dieses Gemach – wie lieblich war es! Ein Nest aus Seide und Spitzen und Blumen und weißen, kosigen Fellen, in die der Fuß fast bis an die Knöchel versank. Die Fensterläden waren der Sonne wegen geschlossen, und eine goldige Dämmerung machte das Zimmer noch heimeliger. Wie ein Brautgemach sah es noch immer aus, mit den zierlichen Biedermeierkränzen in dem weißen Brokat der Vorhänge, den kostbaren Spitzendecken über der zyklamenfarbigen Seidenunterlage, der rosa Ampel, von der füllhorntragende Amoretten niederlächelten, den Finger am Mündchen, wie Schweigen gebietend – dem reich versilberten Toilettetisch mit den tiefroten Zentifolien, die aus allen Gläsern und Vasen blühten. Die Lider halb gesenkt, mit einem erzwungenen, und wie über einer unlieben Entdeckung gleichsam stehengebliebenen Lächeln sah Mela in dem süßen Dämmer um sich. Ein erst leises, dann fast krampfhaftes Zucken der Mundwinkel zog ihre Lippen herab. Die feingantierte Hand, die noch immer das blaßgrüne Visitkartentäschchen hielt, begann leise zu beben. ›Wär' es möglich, daß sie mich beneidet?‹ dachte Annemarie, wie von etwas Feindseligem angeweht. Gleich darauf aber sagte sie sich, daß es wohl andere Gedanken sein mochten, die nun das Herz der Freundin bewegten, wenn auch vielleicht nur für einen Augenblick: ihre eigene unglückliche Ehe! Gewiß nur das. »Hab ich dich noch nie hereingeführt?« fragte sie, wie nebenbei. Mela lachte auf – kurz, herb. Und wieder schien es Annemarie, als vibrierte in diesem Lachen doch auch etwas wie ein versteckter Neid. »Bewahre! Ihr seid gar heimliche Leute.« Nun lachte auch Annemarie. »Na hör' einmal!« »Und das Kind?« fragte Mela nach einer Weile mit gleichsam stockender Stimme. »Wo hast du das über – über Nacht?« »Es hat seine eigene Stube, und Anna besorgt es so treu, daß ich beruhigt sein kann. Freilich, wenn es schreit, hol' ich es mir immer ein Weilchen herüber.« Mela schwieg und sah mit demselben versteckt-unfreundlichen Blick noch einmal in dem lieblichen Gemach um sich. Dann kehrte sie sich hastig der Terrasse zu und lachte noch einmal gedehnt auf: »Hier also schläft – Dornröschen!« Gewiß war es nur ein Scherz. In Annemarie aber rührte diese lachende Frage einen Schmerz auf, über den sie sich in der Reinheit ihres Herzens noch nicht einmal selbst bisher Rechenschaft gegeben hatte. Wie lang war es her, daß sie von dem Gatten auch nur einen zärtlichen Kuh erhalten hatte? Bis heute war es ihr ganz natürlich erschienen, daß er für sie so wenig Zeit hatte, so lange aufblieb Nacht für Nacht, schrieb, las, bis ihm von all der Müdigkeit des Tages die Augen zufielen, wenn nicht das Kind zu schreien begann und sie rasch zu dem Kleinen eilte, damit sein Weinen nicht den lauten Unmut des so spät noch in seinem Studierzimmer arbeitenden Vaters wecke. Kaum bedacht hatte sie das bis heute. Nun eine Fremde lachend und wie mit leisem Neid daran rührte, entsann sie sich plötzlich in einem jähen und schmerzhaften Erwachen all der Zweifel und Fragen, die sie bisher wie in schlummernder Angst von sich gewiesen. Wer aber brauchte es zu wissen? Zuletzt dieses unselige Weib, dem die Liebe bloß Vergnügen war oder Lüge ... »Du trittst wohl schon deine Sommerreise an?« fragte sie wie ablenkend, nachdem Mela zwischen den Palmen der offenen Terrasse Platz genommen hatte. Die bronzefarbenen Lider Melas hoben sich langsam empor, und ihr Auge lachte mit einem irritierten Blick zu Annemarie hinüber: »Nein, meine Liebe. So bald wirst du mich heuer nicht los!« »Aber Mela!« wehrte Annemarie ab. »Weil es nämlich nicht ausgeschlossen ist, daß ich diesmal den Sommer in der Nähe verbringe. Wenigstens den Juli!« »So lange sind auch wir noch da. Später macht Wilhelm wieder eine kleine Reise.« Mela kniff die Augen ein und blinzelte mit verzogenen Lippen in den sonnigen Garten hinaus. Als höre sie nicht oder interessiere sie nicht, was sie da höre. »Du wirst mich also wenigstens einmal noch zu – überstehen haben!« sprach sie, sich plötzlich erhebend. »Komm' nur!« lächelte Annemarie wieder gütig und versöhnt. »Und vielleicht einmal an einem Nachmittag, damit wir länger plaudern können. Im Garten ist es so schön an diesen langen Abenden!« Annemarie fühlte, daß es Worte waren, die ihr nicht von Herzen kamen. Und ganz heimlich erschrak sie fast über die Eile und den sie selbst befremdenden Zwang, der sie zu diesen Worten veranlagte. ›Warum hab' ich das jetzt gesagt?‹ sann sie im gleichen Augenblick. Und im gleichen Augenblick hatte sie genau dieselbe Empfindung wie damals vor dem Kreuz am Wege: ›Schau' um dich und merk' dir alles genau: den Tag, an dem du das gesagt – die Stelle, an der du es gesprochen ... du wirst noch einmal ihrer gedenken!‹ Und wie Melas feingantierte, schlanke Hand sich zum Abschied in die ihre legte, durchlief ein leiser Schauer ihren Leib. * Als Wilhelm am Abend dieses Tages heimkam, saß Annemarie mit dem Kleinen im Garten. In dem zierlichen Wägelchen stramm aufrecht sitzend, ließ er sich von ihr seinen Griesbrei einlöffeln und jauchzte dem nahenden Vater schon von weitem mit vollem Mund entgegen. Annemarie glaubte zu bemerken, daß Wilhelms Blick etwas ärgerlich über den Kleinen hinglitt. Er war die Nacht über wieder recht unruhig gewesen und sie selbst war einige Male hinübergegangen, um nach seinem kleinen Ach und Weh zu forschen. Zuletzt hatte sie den Liebling, im Vertrauen auf seine endliche Schlafsucht, zu sich genommen. Aber Wilhelms jäher Eintritt, der wieder bis spät in die Nacht hinein gearbeitet hatte, mußte ihn wohl aufgeschreckt haben, daß er aufs neue zu lärmen begonnen hatte und kaum mehr zur Ruhe zu bringen war. Und doch hatte Wilhelm an sich gehalten. Nun schien er doppelt verstimmt heimzukehren, hatte kaum einen Blick für den kleinen Kerl und seine drollig-zärtliche Art, ihn willkommen zu heißen. Er beginnt auch über das Kind wegzusehen, sagte sich Annemarie in jäh aufquellender Bitterkeit. Doch sie bezwang sich und hielt ihm herzlich die Hand entgegen. »Mela läßt dich auch grüßen,« berichtete sie unbefangen. »Sie war hier –« Er schien es zu überhören. Klein-Wilhelm begann noch lauter zu lärmen. »Befreien Sie mich, bitte, wenigstens einen Augenblick von dieser Qual!« schrie Wilhelm das Mädchen an, das ins Haus gelaufen war, um Bubis Bajazzo zu holen. Annemarie gab ihr einen Wink. Sein Breilöffelchen in der einen Hand, Bajazzo in der anderen, sah Bubi mit groß und fragend geöffneten Augen den Vater an, während Anna das Wägelchen rasch in Bewegung setzte. Das aber paßte dem Kleinen keineswegs. Es schien ihm eben ein Bedürfnis, gerade jetzt in der Nähe des Vaters zu bleiben. Und während er den Bajazzo und das Löffelchen fallen ließ, machte Bubi Miene, sich während des Fahrens im Wägelchen aufzustellen, daß Annemarie mit einem lauten Schrei nach dem Kinde sprang. Auch Wilhelm war aufgesprungen. »Also bleiben Sie, bleiben Sie,« schrie er dem Mädchen zu. »Aber ich kann das nicht länger mit anhören!« »Er will doch nur dich!« erinnerte Annemarie mit bebender Stimme. »Gib ihm den Zeigefinger, und er ist zufrieden.« »Ich hab' wohl noch anderes zu tun, nicht?« klang es gereizt zurück. Und ohne weiter ein Wort zu verlieren, schritt er dem Hause zu ... Als der Kleine endlich zur Ruhe gebracht worden war, und Annemarie zum Abendbrot auf der Terrasse erschien, sagte Wilhelm, über die Zeitung hinüber, wie nebenbei: »Ich habe Anna den Auftrag gegeben, von heute an meine Polster und Decken auf das Ruhebett im Studierzimmer zu legen. So kann ich schlafen, ohne dich durch meine Nervosität kränken zu müssen. Aber du wirst verstehen – ich bin nun einmal herunter!« Es klang so ritterlich, so echt ... Warum traten ihr nur die Tränen in die Augen? Den Blick fest auf ihren Teller gerichtet, damit er diese Tränen nicht sehe, zwang sich Annemarie zu einem freundlich-stolzen Nicken: »Ich selbst wollt' es dir schon lange vorschlagen, Lieber, denn du brauchst Ruhe, und Bubi –,« ihre Stimme zitterte – »Bubi braucht jemanden, der ihn liebt.« »So ist allen geholfen!« kam es kurz zurück. ›Wenn Mela mich jetzt weinen sehen könnte!‹ dachte Annemarie, als sie an diesem Abend zur Ruhe ging. »Dornröschen?« Ja. Auch ihr Glück war in einen tiefen und wie verzauberten Schlaf gesunken, und wer weiß, wie lange dieser Schlaf noch währen mochte – wer weiß? * Eine Woche später erkrankte das Kind. Der Arzt, der in aller Frühe kam, zeigte gerade keine Besorgnis und führte auch das Fieber nur auf die heftige Zahnarbeit zurück. Doch empfahl er große Ruhe und möglichste Beachtung der heftigen Reizbarkeit des Kleinen. Da lag nun ihr Liebling mit mattem Blick und geröteten Wangen, und Annemarie griff jeden Augenblick nach der kleinen Hand, um den Puls zu fühlen, streichelte kosend über das weiche Puppenärmchen hin, sang mit leiser Stimme ein Schlummerlied nach dem anderen, bis ihrem Prinzlein endlich die Augen zufielen und ein wenn auch unruhiger Schlummer wenigstens für den Augenblick die stundenlange Erregung des Kindes einzulullen begann. Der Arzt hatte die Möglichkeit dieses Schlummers als eine Wohltat gepriesen, weil bei den Schmerzen und der heftigen Reizbarkeit des Kleinen ein Schüttelfrost zu befürchten war. Nun saß Annemarie mit gefalteten Händen vor dem kleinen Bettchen und sprach in der goldigen Dämmerung des verhängten Gemaches aus tiefster Seele ein Dankgebet. Das erste, seit langer, langer Zeit! Wenn sie ihren Gottesglauben auch nie ganz verloren hatte – es lag an der Nähe des Mannes, den sie liebte, mit dem sie lebte, daß ihre Seele so lange stumm geblieben war, ihr Glaube immer nur in einem Dämmer gewohnt hatte, sein und scheu und ohne den Mut des Bekennens. Kalb Scham vor ihm, der so groß und frei tat mit seinem Wissen; halb stumpfe Angst vor dem Unbekannten, Unabwehrbaren, das vielleicht gerade deshalb über sie alle hereinbrechen konnte. Liebt Wilhelm uns alle nicht? fragte sie sich oft. Oder ist er wirklich auch innerlich überzeugt von dem, was er lehrt? Ihrem Weibes- und Mutterherzen schien es unfaßbar, daß jemand, der liebte, nicht zugleich in ewiger Angst und Sorge lebte und wie ein Kind aus den Finsternissen des Daseins nach dem ewigen Vater rief ... Noch zitterte der Schreck der bewegten Nacht in ihrem Herzen nach. Jetzt – jetzt bricht sie über uns herein, die Strafe! Wie oft hatte sie sich das während all der Stunden der Angst nicht vorgesagt und den starren Blick nach oben gewandt – suchend, abbittend, flehend? Der Arzt hatte erklärt, daß keine unmittelbare Gefahr bestehe, aber doch wenigstens einige Stunden der Ruhe als Notwendigkeit bezeichnet, damit Schlimmeres ausgeschlossen bleibe. Nun schlief ihr Einziges – schlief fest, tief. Und wenn es vorerst auch nur der Schlaf des Fiebernden und Erschöpften war, es war doch der Schlaf, die Ruhe. Gott hatte sie erhört. ›Und ich‹ – sagte sich Annemarie wie in leiser Selbstverachtung, ›ich! Nicht einmal ein Kruzifix ist in meinen Stuben, so viele ich auch habe. Reichtum, Kunst, Schönheit, aber alles dem Leben zugewandt, dem Genuß – wie manches Bild bloß dem Kitzel der Sinne!‹ Nichts, aber auch nichts erinnerte an ihn – den ewigen Herrn des Todes und des Lebens. ›Selbst wenn derjenige, der für uns am Kreuze gestorben ist, wirklich nur ein Mensch gewesen wäre‹ sagte sich Annemarie – ›selbst dann hätt' er einen Altar der Ehrfurcht in unserem Herzen verdient und eine Ecke in unseren Stuben!‹ Und das alles hatte sie vergessen, es aufgegeben, ohne Kampf, fast ohne Gegenwehr. Nur im Vertrauen auf das selbstbewußte Lächeln des geliebten Mannes und einige Schlagworts die ja für alles mögliche reichen mochten, solang es glatt weiterging, nur nicht für eine große Not und eine innerlichste Bedrängnis ... Nun hat der Herr mich zum Zweiten Male heimgesucht, dachte sie. Aber noch immer in Liebe und Geduld! Ihr erstes Kind fiel ihr ein, das ein Opfer ihrer unbeherrschten Leidenschaft und der wenn auch nur scheinbaren Untreue ihres Mannes geworden war. Aber doch ein Opfer der selbstsüchtigen Triebe, die den Menschen, der so weit von Gott lebt, zu einem Knecht des Lebens und der eigenen Sinne machen. Wie wollte sie nun wachen und beten und Tag für Tag ihre Seele zu Gott hinflüchten! Der alte Betschemel in ihrer Mädchenstube fiel ihr ein, den sie so leichten Herzens daheim gelassen hatte, trotz des innig-schönen, fast legendenhaften Erinnerns an das, was sich einmal von dem bleichen Heiland seines Kruzifixes zu ihrer reinen Mädchenseele hinübergesponnen. Und jenes Kreuz am Wege, unter dem das Wägelchen mit ihrem Kind gestanden und ihr selbst einen Augenblick so eigen zumut geworden war, als stünde sie da vor einer Wende ihres Lebens und blicke ahnungsdurchschauert in eine Zeit hinein, die erst kommen sollte ... Und nun schlief ihr Kind! Immer tiefer, immer ruhiger. Selbst der Brand des Fiebers, der solange den kleinen Körper durchloht hatte, ebbte langsam zurück. So gut war Gott! Und mit gefalteten Händen schlich Annemarie von dem kleinen Bettchen nach dem Fenster, um wenigstens mit einem Blick in das leuchtende Blau hinein dem Gott zu danken, der sie nur mild erinnert hatte, nicht zürnend getroffen ... So fand sie der heimkehrende Gatte und schloß sogleich wieder die Türe – achselzuckend, auf den Lippen ein vages Lächeln, im Antlitz den Ausdruck einer fast herablassenden Nachsicht. ›Nicht einmal sehen kann er das!‹ dachte Annemarie in beklommener Sorge. ›So weit sind unsere Seelen auseinander!‹ Aber sie gelobte sich, ihn mit keinem Wort zu reizen ... Als der Arzt am Abend zum zweiten Male kam, erklärte er, daß die Möglichkeit einer ernsteren Gefahr nunmehr wohl ganz geschwunden sei. »Gott!« sprach Annemarie leise, als sie mit Wilhelm zugleich an das Bettchen des Kleinen trat, der wieder und nun fest und ruhig schlief. »Es wäre auch ohne ihn so gekommen!« lächelte Wilhelm überlegen. Und ihr fiel auf, wie vollkommen ruhig, ja fast zerstreut er wieder beim Abendessen war. * Die Tage wurden immer länger und goldiger, Blühen der Rosen nahm kein Ende. Wenn der Sommerwind nicht gar so hastig von den Bergen über die Ebene einhergefahren wäre, hätte der Arzt dem kleinen Patienten schon den Aufenthalt im Freien gestattet. So munter und eßlustig war das Kind bei Tag, so ruhig waren seine Nächte. Und was Klein-Wilhelm über sein erstes Werdeleid bei Nacht versäumt hatte, holte er in stundenlangem Schlummer nun bei Tag ein. Nur reizbar war er noch und durch jede Kleinigkeit aufzuschrecken und in Unruhe zu bringen, weshalb der Arzt das kleine Wägelchen vorerst auf die sonnige Terrasse fahren ließ, wo sich's bei halbgeöffneten Fenstern und wohlig durchwärmter Luft noch einmal so gut schlafen ließ. Annemarie aber saß unentwegt bei ihrem Kinde – irgendein Buch oder eine kleine Arbeit in der Hand. Selig, daß ihr Liebling nun wieder blühen und gedeihen könne, wie draußen die Blumen. Wieder stand es fest bei ihr, daß sie auch diesen Sommer dem Kleinen zulieb im eigenen Heim verbringen müsse. Wilhelm konnte ja wieder irgendeine Reise machen. Und er war einverstanden; hatte sich merkwürdig rasch damit abgefunden, Frau und Kind für einige Wochen zu entbehren. »Vielleicht braucht er es wirklich!« dachte Annemarie, die über der Freude, das Kind wieder langsam genesen zu sehen, in der ersten Zeit kaum mehr etwas beachtet hatte. Nun aber mit jedem neuen Tag sich wieder ein Stück der alten Ordnung einfügte und in die Freude über das Behauptete wieder langsam ein wehmütiges Sehnen nach dem Entbehrten sich zu mischen begann, sah Annemarie doch etwas aufmerksamer um sich. »Nun wird der Kleine mich nachts bald ganz entbehren können,« berichtete sie eines Tages dem Gatten. »Er schläft fast ununterbrochen, seit die Zähnchen heraus sind, und Anna ist auch so vortrefflich eingeschult ...« Sie sagte es gelegentlich und gleichsam ganz nebenhin und lauschte doch in innerster Seele auf seine Antwort. Er war gerade daran, in die Stadt zu fahren, und hatte wie immer Eile. So große Eile, daß er nun schon seit Wochen keine Zeit mehr fand, ihr auch nur einen flüchtigen Kuh auf die Lippen zu drücken. Auch jetzt wandte er sich kaum zurück, sah nicht die rührende Sehnsucht in den wartenden Augen, hörte nicht die zitternde Hingebung in der Stimme seines Weibes. »Da bin ich wieder und ganz dein!« Die zerstreuten Blätter seines Vorleseheftes langsam in die Mappe einordnend, bemerkte er nur: »Um so besser für dich, wenn du wieder Ruhe hast! Ich selbst hab' mich jetzt drüben schon ganz eingewohnt, und da ich noch immer bis spät in die Nacht hinein zu arbeiten habe, bleib' ich auch drüben. So wirft du in keiner Weise gestört.« »Ich?« wollte Annemarie sagen. Doch Stolz und Scham schnürten ihr die Kehle zusammen. Hatte Wilhelm vergessen, daß er es gewesen, der sich von ihr geschieden hatte, um nicht gestört zu werden? Nun schob er ihr in erheuchelter Rücksicht den eigenen Wunsch und die eigene Schuld zu. Wohl missend, daß ihr Stolz zu groß war, ihn auch nur mit einem einzigen Wort noch an ihre Seite zu rufen. Dann schied er von ihr, wie er all die Wochen gegangen war: mit einem flüchtigen Scherz und einem pflichtgemäßen Handkuß – immer gleich liebenswürdig, gleich ritterlich und gleich unangreifbar. ›Ist es wirklich nur sein Amt und sein neues Werk, das ihn so weit wegführt von mir?‹ dachte Annemarie. Er trug einen berühmten Namen und wußte, was er seinem Ruhm schuldig war. Aber daneben blühte ihm doch auch der Garten der Liebe und Weib und Kind darin! War es dem Ehrgeiz des Mannes wirklich möglich, so ganz und gar alles zu vergessen, was des Weibes Glück ausmacht? Es schien. Und weil sie nun einmal eines solchen Mannes Weib geworden, war es ihre Pflicht, ihn zu verstehen, wenn sie nicht ein Hindernis werden wollte auf seinem Weg. So quälte sich Annemarie mit hundert Zweifeln und Fragen, um zuletzt doch noch immer einen Grund zu finden oder eine Antwort, die ihn entschuldigte. Und doch stand es die ganze Zeit über wie eine einzige schwarze Wolke vor ihr – ob ihr Kind auch wieder lachte und ringsum alles blühte und jeder Tag. der heraufstieg, noch einmal so sonnig und leuchtend schien. * An einem dieser Tage war es, daß Annemarie, der ernsteren Sorgen um das Kind enthoben, sich wie erwachend der eigenen Schönheit besann und all des anmutigen und gefälligen Tandes, den ihr die Putzmacherin und Kleiderkünstlerin ins Haus getragen. Auch ihre herrlichen Haare, die sie seit Bubis Geburt in mütterlicher Eile oder in hausfraulichem Eifer etwas vernachlässigt hatte, suchte sie wieder gefälliger zu ordnen. Bis sie, nach einer kaum halbstündigen Mühe, sich mit unbefangener Freude gestehen konnte, daß sie noch immer gleich jung und schön war. Wie viel auch in der letzten Zeit an ihrer Seele vorübergegangen ... Es war gegen Ende Juni, und Wilhelm hatte, wie jährlich um diese Zeit, wieder fast täglich eine andere Sitzung. Annemarie wußte, daß er auch heute spät heimkam: gewiß erst um eine Stunde, da das Kind schon schlief und das Mädchen wachend bei ihm sah, bis Annemarie selbst zur Ruhe ging. Und weil morgen wieder der Tag herankam, an dem sie sich vor Jahren zum erstenmal gesehen, beschloß Annemarie, dem Gatten ein kleines Fest zu rüsten und ihn mit all der Anmut und Schönheit zu empfangen und zu umgeben, die ihn damals an ihr und ihrer Art so entzückt hatte. Was der Spiegel der Eitelkeit des Weibes zugeflüstert, als Annemarie zum erstenmal nach so langer Zeit wieder ihre herrlichen Haare gelöst und dann mit ungezwungener Kunst hochgesteckt hatte – es klang wie ein liebliches Lied noch immer in ihrer Seele nach: »Du bist schön und begehrenswert ... schön und begehrenswert! Zeig' es ihm, bis er es fühlt.« Und so sollte es sein: Mit keinem Wort, keiner Koketterie, keiner einzigen Sentimentalität wollte sie den Geliebten zurückrufen. Nur durch sich selbst siegen, wie einst, wie damals! Unter den neuen Kleidern, die man ihr gebracht, war eines, das einen fast bräutlichen Glanz hatte: leichte, weiße, rieselnde Seide, mit duftigen Spitzeneinsätzen, die über Zarten, maigrünen Bändern lagen. Der herzförmige Ausschnitt ließ ihren schönen, schlanken Hals wie durchsichtigen Alabaster hervorwachsen, und der raffinierte Laliqueschmuck mit dem großen, blaßblauen Aquamarin, den ihr Edwin vor zwei Jahren aus Paris mitgebracht, schien den weichen Schimmer ihrer Kaut noch zu erhöhen. Ihre Wangen, von der Freude der Erwartung mit einer süßen Röte überhaucht, leuchteten im Purpurschein der Rose, die sie in dem Ausschnitt des Kleides trug. Nilgrüne Schuhe aus kostbarem Antilopenleder umspannten den kleinen Fuß. Im Gürtel stak das spinnwebdünne Spitzentaschentuch, das sich der Geliebte als erstes Geschenk von ihr erbeten. Das Abendmahl hatte sie auf der Terrasse zurechtstellen lassen. Kaltes Geflügel, das zarte junge Grün auserlesener Salate, und die ersten Himbeeren, in kostbarer Kristallschüssel über dunklen Rebenblättern aufgeschichtet. In dem silbernen Eiskübel daneben kühlte der goldige Asti des Gardasees. Still und fast feierlich leuchteten die mattgeschliffenen Lichttulpen in die schwüle Mondnacht hinaus und in die Einsamkeit des Gartens, der von all dem Glück wußte, an das die junge Frau heute wieder in so heißer Sehnsucht dachte ... * Mit keinem Schritt werd' ich ihm entgegengehen! sagte sich Annemarie, als sie den Gatten in den Garten treten und dann langsam die Treppe emporsteigen hörte. Er sollte ganz überrascht sein! »Ist meine Frau noch auf?« hörte sie ihn draußen fragen. »Die Gnädige wartet mit dem Abendessen auf der Terrasse!« berichtete die Magd. Er hätte auch in der Vorhalle ablegen können. Doch Annemarie mußte, daß er immer erst nach seiner Stube ging, schon lange nicht mehr vorerst zu ihr kam, wie einst. ›O du!‹ dachte sie mit wehmütigem Schmollen. Aber heute? Sie hob noch einmal rasch das Taschenspiegelchen empor, das an der Gürtelkette hing. Ja, sie war schön, ganz seltsam schön heute! So schön, daß man auch das größte Wert einen Abend darüber vergessen mußte, wenn man ein Mann war. Da konnte sie auch warten. Langsamen Schrittes kam er, trat ein und blieb einen Augenblick fast betroffen stehen. »Haben wir Gäste?« hörte sie ihn fragen. Annemarie war dem Gatten mit einer anmutigen Bewegung entgegengeglitten. Nun griff sie nach seiner Hand, hielt sie fest und lächelte süß und doch traurig: »Nur einen, Wilhelm!« Er sah um sich, blickte sie wieder an ... »Die Erinnerung!« sprach sie leise in sein ratloses Schweigen hinein. »Ach ja, ich weiß,« nickte er, fast betreten. »Und habe vor einigen Tagen selbst daran gedacht. Aber über all dem Wirrwarr des Semesterschlusses es natürlich wieder vergessen. Verzeih'!« Und die Hand, die sie noch immer in der ihren hielt, schloß sich mit einem jähen Druck um ihre Finger. Dann ging sein Blick über sie hin: »Du bist schön, Annemarie!« Sie fühlte, daß ihr ein flüchtiges Erröten in die Wangen stieg. Die Genugtuung, daß er es sah und sagte. Und doch auch noch eine andere, fast schamhafte Empfindung: Als hätte ein Fremder diese Worte zu ihr gesprochen! Daß ihr einen Augenblick der Atem ausblieb und es wie ein leiser Schreck, wie ein staunendes Bangen über ihre Seele kam – So lange waren sie sich ferne gewesen! Aber sofort gewann sie ihre natürliche Unbefangenheit zurück. »Es sollte durchaus keine Feierlichkeit sein, Wilhelm,« lächelte sie dem Gatten zu. »Bloß ein stilles, inniges Gedenken des Tages, der unsere Wege zum erstenmal zusammengeführt hat. Ihn wollen wir leben und leuchten lassen; mit dem Wein, den du liebst, und den Rosen, die auch damals so reich geblüht haben! So, und nun – nun nimmst du Platz, und wir lassen's uns munden. Um mich –«, sie lächelte schalkhaft – »brauchst du dich ja nicht mehr zu bemühen. Mich – hast du.« Und schon begann sie ihm vorzulegen. Dann schob sie den Salat und die eingemachten Früchte an seinen Teller. »Du wirft wieder recht müde sein?« Er nickte bloß und begann, wie in ratloser Haft zu essen. »Ich weiß, daß alles, was in solch einer Sitzung erledigt wird, mehr oder weniger Amtsgeheimnis ist,« plauderte Annemarie in sein Schweigen hinein. »Aber ein wenig könntest du mir doch zuweilen erzählen von all dem, was dich jetzt wieder so in Atem hält.« Das nervöse Zucken, das schon einige Zeit um seine Lider und Mundwinkel spielte, wurde heftiger. Die tiefe Blässe, die bisher sein Antlitz bedeckt, wich einem jähen Rot. »Das wäre kaum der Mühe wert,« sprach er, ohne den Blick vom Teller zu heben. »Und die Ferien stehen ja auch vor der Türe.« »Hoffentlich erholst du dich besser als voriges Jahr!« meinte Annemarie besorgt. »Ach, lassen wir das,« entgegnete er mit einer fast ungeduldigen Bewegung. »Das Essen mundet mir noch und –,« er sah, gleichsam suchend, nach ihr hinüber – Annemarie streckte die Hand nach der Lüsterklingel – »Du willst jetzt den Schaumwein? Anna soll ihn öffnen –« Seine Hand langte nach ihrem Arm, zog ihn leis und mit einem jähen Ruck hinab. »Das werd' ich selbst tun – heute ...« Wie ein verhaltenes Beben ging es durch seine Stimme. Annemarie reichte ihm die Korkschere von der Servante. Auch ihre Finger bebten, ihr Herz begann heftig zu pochen. Wie einer Braut war ihr wieder zumut. Und doch! Warum kam sie über dieses schamhaft-befremdende Bangen nicht weg? »Er sieht wieder, daß ich schön bin,« fühlte sie. »Aber er sieht es mit anderen Augen.« Da sprang der Pfropfen mit einem lauten Knall in die Luft und geradeswegs zu dem offenen Fenster hinaus. Gleich darauf schäumte der Wein in die Kelche. Annemarie hatte sich vorgenommen, nicht kokett zu sein. Und nun, was überkam sie nur? Die Art, wie ihr Auge beim Anklingen der Gläser in das seine sank – ihr Mund ihm zulächelte – die Lider während des Trinkens sich langsam und genießend schlossen ... »Du bist noch immer so schön wie damals, Annemarie!« hörte sie ihn plötzlich an ihrer Seite flüstern. Mit zwei hastigen Schritten war er um den Tisch an sie herangekommen, legte den Arm um ihren Leib, zog sie auf seinen Schoß. »Soll ich wirklich wieder glücklich werden?« zuckte es in schmerzlicher Luft durch ihre Seele. »Das Weib, das er liebt und sucht ... nicht bloß so hingehen läßt neben sich?« Seine Lippen berührten ihr Haar, glitten langsam an ihren Wangen nieder. Auch ihr Mund brannte ihm entgegen. Aber sie hatte zu lange gelitten, sich zu schmerzlich gesehnt. Und wie sie da in seinen Armen lag und auf seinem Schoß, sie konnte selbst jetzt die Empfindung nicht los werden, daß es auch heut nur ein flüchtiger und vielleicht entwürdigender Sinnenrausch war, der nach ihr griff. Nicht mehr die Liebe, der sie dieses Fest gerüstet! Und plötzlich quollen zwei Tränen zwischen ihren geschlossenen Lidern hervor und rannen kühl über ihre brennenden Wangen. Hatte er sie gesehen? Er sprach kein Wort. Aber seine Arme gaben sie frei. Sein Mund fand sich nicht mehr zu dem ihren. Hastig und fast verlegen erhob er sich. »Es ist schon recht spät geworden heute!« Er war schon längst in seiner Stube und glaubte sie gewiß bei dem Kinde, während der Mond noch immer auf ein junges Weib hinabsah, das wie eine Braut geschmückt, leis und trostlos in die Nacht hinausweinte ... Was ist es nur – was ist es? sann Annemarie. Doch sie kam nicht zu Ende, mit all ihren Fragen. Weder die Nacht, noch die Nähe ihres Kindes, noch irgendein greifbarer Argwohn konnten die ratlose Qual von ihrer Seele nehmen. Und die eine Frage, die alles auf eine Karte setzte, wie in einem törichten Spiel mit der Hoffnung auf den Gewinn auch vielleicht den Einsatz verlor – die wollte Annemarie noch immer nicht stellen. Nicht einmal sich selbst. Es war, es konnte keine andere sein, die ihr des Gatten Herz entwendet! Bloß an ihm lag es, an seiner Art. Und das wollte, das mußte sie eben weiter ertragen. Ich selbst war wohl auch recht töricht, sagte sie sich. Eine Frau, die zwei Kinder gehabt hat, wird nicht mehr wie ein Mädchen umworben. Und sie sagte sich's vor, bis sie einschlief. Aber noch in ihren Träumen hörte Annemarie das eigene Weinen. – – * Als sie am Abend des folgenden Tages mit dem Kinde auf der Terrasse saß, kam plötzlich Mela hereingeflattert. Ganz in blauschwarze Seidengaze gehüllt – schwül und schön wie eine dunkle Gewitterwolke ... »Nun komm' ich noch einmal und dann nimmermehr!« lachte sie zu den Worten aus dem Märchen. Annemarie war fast betroffen. Sie entsann sich, bestimmt gehört zu haben, daß die Freundin nun doch vor einiger Zeit abgereist sei. Nun stand sie plötzlich da und lachte der Überraschten mit spöttischer Überlegenheit ins Gesicht. »Du staunst, wie ich merke?« »Weil man mir gesagt hat, daß du längst nicht mehr in Wien wärst,« erwiderte Annemarie. Mela blinzelte wie eine Katze in die Sonne. Dann ließ sie sich in einen der gelben Korbstühle sinken und rekelte sich wie zu einem langen Verweilen zurecht. »Wer hat es dir gesagt?« forschte sie endlich mit einem seltsamen Lauern im Blick. »Ich kann mich nicht recht entsinnen,« grübelte Annemarie eine Meile. »Aber ja, nun weiß ich es! Dein Hausarzt –«, sie mußte unwillkürlich lächeln – »hat es meinem Mann erzählt und der mir. So wird es sein. Aber auch Mama hat es schon gewußt. Karten hast du zwar keine geschrieben, aber ich dachte ... Du wolltest etwas sagen?« unterbrach sie sich selbst. Denn ein ganz eigener Laut war von Melas Lippen gekommen. Fast wie ein unterdrücktes Lachen ... »Ich? – Nein!« lachte die Freundin nun geradeheraus. Und als Annemarie sie ernster ansah, meinte sie achselzuckend: »Drei Wochen am Kobenzl sind keine Sommerreise. Und Ansichtskarten schreibt man von dort herab auch nicht, wenn man –«, sie stockte und lächelte aufs neue – »wenn man Geschmack hat. Also dein Mann hat es dir gesagt?« »Wo du seist, wußte er allerdings auch nicht ...« Mela sah mit einer hastigen Wendung in den Garten hinein, der in leuchtender Blüte stand. »Wie schön ihr es jetzt hier habt und welcher – welcher sonnige Friede –!« sie dehnte das Wort und sah plötzlich mit einem forschenden Blick in Annemaries Antlitz. Mit einem Blick, der so starr und zudringlich war, als wolle er bis ins Innerste ihrer Seele hinein spähen. Es war ein seltsam beklommenes Schweigen, das eine Weile zwischen den beiden zitterte, und zugleich hatte Annemarie nach langer Zeit wieder die instinktive Empfindung, daß es eine geheime Feindseligkeit war, die sich in diesem Blick verbarg und wie eine Schlange auf sie zuglitt – wie schon einmal, wie ... Und der Abend nach dem ersten Besuch Melas stand wieder vor ihr. Der Streit, den sie mit dem Gatten ihretwegen gehabt hatte ... Der Blick verstohlenen Wohlgefallens, bei dem sie ihn ertappt – sein Leugnen, und jene Nacht – die eine, einzige, von der sie noch heute die Empfindung hatte, als wäre damals an ihr etwas entweiht und gleichsam befleckt worden ... Und mitten in dies Erinnern hinein klang Melas Stimme: »Nur du! Du siehst gerade nicht gut aus heute, Annemarie!« Und da war es, daß eine ganz seltsame Gefaßtheit und Ruhe plötzlich über Annemarie kam. Ein gleichsam hellsehender Argwohn, der sie bewog, das tückische Spiel der Unseligen – wenn es ein solches war – mit denselben Waffen aufzunehmen. Verstellung und Lüge! Noch niemals hatte Annemarie sie gebraucht. Die Wahrheit und die Reinheit selbst war jedes Wort gewesen, das sie bis heute gesprochen hatte. Nun war ihr, als fühle sie förmlich die Hand der Feindin, die an ihrem Glück herumfingerte – frohlockend es schon dort zu betasten begann, wo es jetzt zerbrechen konnte – vielleicht schon zerbrochen war! Und wenn es auch noch nicht die Sünde war, wenn nur der Neid da in sie hineinlauschte, an ihr herumfragte – er sollte nicht triumphieren! Lüge um Lüge! Vielleicht – vielleicht erfuhr sie so die Wahrheit ... Und während Annemarie ein kokettes Lächeln voll verstohlener Seligkeit auf ihre Lippen mühte, sprach sie leise: »Wilhelm und ich haben gestern ein kleines Fest gefeiert!« »Ah?« Auch Mela wollte lächeln. Aber irgend etwas riß ihr die Mundwinkel förmlich herab, und der Ruf ihrer Lippen erstarb wie unter einem plötzlichen Herzstoß. »Ja,« nickte Annemarie mit einem verträumten Blick nach dem Kinde hin ... »Wir haben den Tag gefeiert, an dem wir uns zum erstenmal gesehen haben! Da ist es etwas –«, sie schien zu überlegen und überlegend doch nicht gleich das rechte Wort zu finden – »etwas spät geworden!« Wie von einem jähen Schlag getroffen, fuhr Mela empor, setzte sich hoch und nun ... Ja, wahrhaftig! Das waren die Augen der Schlange, die Annemarie nun anfunkelten ... zornig, heimtückisch, rachsüchtig – Daß es eine ganze Weile tödlich still blieb zwischen den beiden – Und nun wußte es Annemarie, fühlte es: Sie will an mein Glück heran! Oder –? War es ihr schon gelungen? Daß sie noch fragen mochte! Eich nicht an die Stirne schlug, an das arme, törichte Herz, das wieder so kindlich geglaubt und vertraut hatte, aus der eigenen Reinheit heraus ... War Wilhelm es nicht gewesen, der sie von Melas Abreise zuerst verständigt, einen vielleicht erwachenden Argwohn in ihr auf diese Weise beruhigt hatte? Aber wann – wann war es nur geschehen? Und während Annemarie dem bösen Blick Melas mit freundlicher Unbefangenheit standhielt, begann sie in fiebernder Hast nachzusinnen ... Nun fiel ihr auch das ein! Hier war es gewesen, im Garten! Nach dem letzten Besuch Melas, und einige Tage, nachdem er sein Studierzimmer auch zu seiner Schlafstube gemacht ... Und all die Monate vorher, als fast jeden zweiten Tag eine Karte Melas ins Haus geflattert war – unter Annemaries Adresse, aber doch vielleicht nur für ihn bestimmt? – Und im selben Zug fällt es ihr ein, daß Wilhelm und sie vor der Verlobung das gleiche Versteckspiel mit ihrer eigenen Mutter getrieben haben. Es war ihm also nicht fremd! Nur – Und plötzlich ging es über all die Bitterkeit und durch all den Argwohn wie ein einziges, süßes Beruhigen hin ... die Verachtung, mit der er von Mela und ihrer »Gesellschafterin« gesprochen! Diesem »pour l'honneur du drapeau« , wie er voll Ärger gesagt hatte ... Es hatte zu ehrlich geklungen damals, zu aufrichtig ... Dazwischen freilich lag wieder sein seltsames Gebaren am Abend der Rückkehr. Die tiefe, fast kranke Sehnsucht nach dem Meere, die ihn wochenlang gepeinigt. Der Drang, alles liegen und stehenzulassen und wieder nach dem Süden zu fahren. Der kaum mehr verhehlte Unmut über das Kind. »Das Meer ... das Meer!« war jedes zweite Wort gewesen. Und wie sie dasaß und in Blitzeshast alles Erinnern durch ihre zerquälte Seele stürmen ließ, leuchtete es vor ihrem inneren Schauen mit einem Male tiefblau auf und malachitgrün, darüber ein weißes, seidiges Leuchten ... Melas letzte Karte – »Ich bin allein – am Meere ...!« Daß ihre Seele plötzlich blind zu werden glaubt an dem grellen Licht, das ihr wie ein einziger Blitzstrahl alles enthüllt und beleuchtet, was sie bisher nicht verstehen konnte, nicht fassen wollte und doch Tag für Tag schon erlitten hat. Nur weniger Sekunden Dauer und doch ein ganzes Schicksal. Träumt sie dies alles oder – oder wird sie toll? Ist es schon am Ende, wie sie da sitzt; ruhig, gefaßt, scheinbar höflich und der anderen noch immer zulächelt ... Sie hat keine Zeit mehr, mit sich selbst fertig zu werden. Schritte kommen aus dem Haus. Es ist seine Stimme, die an ihr Ohr schlägt. Da ist er selbst! * »Sie hier, gnädige Frau?« ›Wie man unrecht tun kann!‹ denkt Annemarie in aufatmender Erlösung – Denn seine Frage scheint nicht bloß, sie ist eine einzige Überraschung! »Das haben Sie nicht erwartet, wie?« lachte Mela spöttisch zurück. Auch das klang echt. Und Klein-Wilhelm, den das rasche Nahen des Vaters und Melas Lachen aus dem Schlaf geweckt hatte, runzelte die Stirn und begann, wie von einem plötzlichen Unbehagen erfaßt, zu weinen. Daß Annemarie in einem Augenblick alles vergaß und sich leise des eigenen Argwohns zu schämen begann. Nichts mehr sehend und hörend als das weinende Kind, das nach ihr begehrte und in seiner drolligen Sprache, die nur sie verstand, alles mögliche zugleich verlangte: Bajazzo und Bijutti und Biskuit ... So nahm sich Annemarie keine Zeit, das Geplänkel der beiden weiter zu beachten. Erst als der Kleine beruhigt war und sie auf ihren Platz zurückkehren konnte, bemerkte sie mit einem gewissen Erstaunen, daß Mela noch immer gleich boshaft lächelte und Wilhelm so erschöpft und müde dasaß, wie sie ihn schon lange nicht gesehen hatte. »Die gnädige Frau will heuer dieselbe Reise machen, die ich voriges Jahr gemacht habe,« berichtete er. »Da wollte sie noch einiges von mir hören –« Die vollen Lippen noch immer zu demselben spöttisch-trotzigen Lächeln verzogen, sah Mela mit blitzenden Augen zu ihm hinüber. »Das heißt, so nebenbei,« bemerkte sie spitz. »Hauptsächlich und vor allem wollt' ich mich wieder einmal von Annemaries Glück und Wohlbefinden überzeugen. Und ich kann nicht sagen, wie es mich freut, daß ich alles so ganz beim – alten getroffen habe!« Und während sie das feingestielte Lorgnon langsam an die blinzelnden Augen hob, meinte sie, mit demselben spöttischen Blick beide umfassend: »Nach vier Jahren noch ein solches Fest – rührend! Und wie nett, daß gerade ich es zuerst erfahre.« Es sollte wohl eine Neckerei sein. Doch im Ton ihrer Stimme vibrierte etwas, das Annemarie wieder unwillkürlich aufhorchen ließ. Schmerz, Unzufriedenheit, irgendeine wehe Enttäuschung, die sich an fremdem Glück noch einmal so wund reibt. ›Die Arme!‹ dachte Annemarie. ›Wie weh' sie sich selbst tut!‹ Und doch war etwas im Blick der Freundin, das sie weder an eine Reue glauben ließ noch an ein wirkliches Mitempfinden. Das fremde Glück freilich tat gerade immer denen am wehesten, die das eigene verloren hatten. So war es wohl nicht billig, auch von Mela mehr zu verlangen, als Menschen möglich war. ›Ich selbst aber werde sie nie mehr ein Glück fühlen lassen!‹ dachte Annemarie in edler Aufwallung. Und so schien es ihr ganz natürlich, daß auch Wilhelm schwieg und in ratloser Befangenheit fast verlegen in den Garten hinausschaute. »Und wann gedenkst du zu reisen?« fragte Annemarie. Mela ließ die Hand mit dem Lorgnon in den Schoß fallen und schob spielend den herrlichen Smaragd an ihrem Finger auf und nieder. Dann legte sie das Haupt zurück. Kühl, gleichsam ablehnend. »Das hängt noch von der Gesellschaft ab, die sich uns heuer anschließen will. Mein Mann tut mit und hat auch einige Freunde eingeladen. Der eine« – sie schien einen Augenblick befangen und flüchtete den Blick in die Feme hinaus – »der eine ist glücklicher Besitzer einer Pacht. Mit der will er uns in Salona erwarten ...« »Also ein reicher Mann,« ergänzte Annemarie. »Ein Millionär,« nickte Mela mit einem gleichsam wartenden Lächeln. Doch Annemarie wollte nicht weiter fragen. Sie hatte bemerkt, daß Wilhelm eine jähe und heftige Bewegung gemacht hatte. Zugleich entsann sie sich der herben, ja rücksichtslosen Worte, die er einmal für Melas Leben gebraucht. Übermüdet und reizbar, wie er ihr heute wieder erschien, wollte sie jeden Anlaß vermeiden, der ihn zu irgendeiner boshaften Bemerkung hinreißen konnte. Glaubte sie doch förmlich zu fühlen, daß er an irgend etwas heute litt. Oder – einfach wieder Ruhe brauchte, Ruhe haben wollte, auch vor dem törichten Geschwätz dieser Mondänen, die keine Ahnung von ernster Mannesarbeit hatte. Schon sein Gruß beim Eintritt war so eigen gewesen! Nun galt es, wenigstens den Abschied freundlicher zu gestalten. Im Garten begann es schon leise zu dämmern. Ganze Wolken von Duft hingen in dem schwülen Sommerabend. Fern vom Horizont zuckte bläuliches Wetterleuchten herüber. Auch das Kind war wieder eingeschlummert. Und da alle drei einen Augenblick schwiegen, hing eine beklommene und fast lauernde Stille über ihnen. Als wollte das Gewitter, das noch in der Ferne murrte, mit seinem ersten Sturmpfiff gerade in ihr Schweigen hineinfahren ... Mela schien es zuerst zu empfinden. »Nun geh' ich aber!« lachte sie kurz auf. »Sonst komm' ich noch in das Wetter hinein.« »Bist ja selbst wie eine Wolke heute gekleidet,« neckte Annemarie. »Aber es steht dir gut, dieses dunkle Blau. Ganz seltsam gut!« setzte sie in leiser Versonnenheit hinzu. »Und wenn ich jetzt ein Maler wäre – so würd' ich dich malen: Starr aufrecht, wie du stehst ... hinter dir die regungslosen Baumwipfel. In der Ferne die dunklen Wolken und einen fallenden Blitz.« Ein hartes Auflachen Melas ließ Annemarie verstummen. »Wirklich? Und wie würdest du dieses Bild nennen?« »Gewitterabend!« erwiderte Annemarie, noch immer ganz eigentümlich befangen von dem seltsam beklemmenden Reiz, der wieder von Mela herüberatmete. ›Nicht?‹ wollte sie mit einem Blick nach dem Garten fragen. Doch Blick und Wort erstarben ihr auf den Lippen ... Da stand er und trank das schöne Weib förmlich in sich hinein; mit Augen, die nichts anderes mehr zu sehen schienen – mit einem Ausdruck, der nicht mehr bloßes Wohlgefallen war, sondern Sünde und jene fast hündische Demut, mit der ein Mann sich dem Weibe unterwirft, dem zulieb er alles vergessen ... Der erste Blitz des »Gewitterabends« – Und er traf mitten in Annemaries Herz! »Wo bekomm' ich hier einen Wagen?« hörte sie Mela fragen. Und dann die gepreßte Stimme Wilhelms: »Wenn Sie gestatten, werd' ich Sie selbst hinführen.« »Ich könnte mich zwar auch allein zurechtfinden,« meinte Mela spitz. »Wenn Sie mir aber unterwegs etwas von Ihrer Reise erzählen wollten –! Du gestattest doch, Annemarie?« Und schon gab sie ihr die Hand, nickte ihr zu – raschelte über die Treppe hinab, wie der Wind, der durch welke Blätter geht. Und hinter ihr – er. Nicht einmal seinen Hut hatte er genommen! * Diesmal hab' ich recht gesehen!‹ sagte sich Annemarie. Er verging ja förmlich an ihr ... Und sie – Mela? Spielte sie noch mit ihm oder schon mit allen beiden? ›Klarheit, Klarheit!‹ schrie es in der Seele der Gequälten. ›Um jeden Preis, selbst um den meines Glückes.‹ Aber wie sie gewinnen ... Wo? Wann? Ihre Pulse hämmerten. Bis an den Hals fühlte sie das Pochen ihres Herzens. Und doch war etwas in ihr wie mit einem Male ruhig geworden, ganz seltsam ruhig. Eine Gefaßtheit über sie gekommen, die Besinnen und Überlegung zugleich war. Ein hastig sorgender Blick irrte nach dem Kinde ... Es schlief wieder, tief und ruhig, sein kleines Spielzeug zärtlich ans Herz gedrückt. Ein zweiter Blick flog dem nahenden Gewitter entgegen. Zwischen den Donnerschlägen, die seinen Blitzen folgten, war noch immer eine lange Pause. So hing es erst über dem Horizont. »Du gibst mir Zeit, Gott!« betete Annemarie in zuckender Seele. »So zeig' mir auch den Weg und die Wahrheit!« Noch warf sie ihren weichen Spitzenmantel über das schlummernde Kind, um es auch vor einem vielleicht einbrechenden Sturm zu schützen. Dann sprang sie über die Treppe rasch in den Garten hinein, immer leiser und vorsichtiger hinter den Büschen hingleitend, die das geschnitzte Holzstaket längs der Straße begleiteten ... Wenn sie den Garten rasch durchquerte, kam sie ungesehen wieder an die beiden heran, die erst an der langen Front des Hauses vorübermußten, um hier die Straße zu gewinnen, an deren Ende die Trambahn hielt und einige Mietskutschen standen. Die Straße war schon ganz leer und totenstill. So still, daß Annemarie die Schritte der Nahenden hörte, noch bevor sie um die Ecke bogen ... ›Sie werden sich ganz sicher glauben,‹ flog es ihr durch den Kopf. ›Und wenn nur der Schatten einer Vertraulichkeit zwischen ihnen ist, auch aussprechen, was sie sich zu sagen haben. Ich aber werde hier alles hören können –‹ Alles?! Ihre Hand fuhr an das Herz. So weh war ihr dort. Aber es mußte sein, es mußte! Wollte sie endlich erlöst sein von all dieser Qual oder von einer Schmach, die sie auch nicht eine Stunde länger tragen wollte. Melas Lachen – laut, hart, böse – schon flog es um die Ecke! Nun sprach sie ... kurz, gereizt, höhnisch. ›Noch weiß ich nichts – gar nichts!‹ tröstete sich die Lauschende. ›Das ist ja auch sonst ihre Art.‹ Nun klang eine tiefe Stimme in das Verstummen der anderen hinein. Ihres Mannes Stimme: Gedämpft, vorsichtig, aber doch wie ein demütig verstohlenes Flehen. Der Blick, bei dem ihn sein Weib ertappt – nun hatte er die Sprache bekommen! Und es war die Sprache der Erniedrigung. Der Ton, mit dem er auch zu ihr einmal emporgefleht hatte – um Erhörung, um Verzeihung ... ›Verzeihung?‹ schrillte es laut durch ihre Seele. ›Wofür?‹ Und schon gab ihr Erinnern Antwort, daß sie mit einem Male Glied um Glied der Kette zu sehen meinte, die das Schicksal da geschmiedet – und jedes Wort voraus zu wissen, das sie noch hören konnte. Die beiden aber kamen ahnungslos näher, immer näher ... In dem Haus gegenüber, das einem alten General gehörte und eine Loggia nach der Straße hatte, schien noch jemand draußen zu sein. Laut und wie warnend hörte Annemarie den Gatten sagen: »Leiser, bitte. Dort ist noch jemand!« So kam es, daß die Streitenden gerade vor den Büschen stehenblieben, hinter denen Annemarie lauschte. Was ein Fremder nicht hören sollte, mußte nun gerade vor ihr laut werden. ›O Vorsehung!‹ dachte sie in gläubig erschauernder Seele. Gott selbst wollte es – »Ich hab' dir schon einmal gesagt, der Mann, den ich liebe, ist mein – ganz mein. Oder ich stoß' ihn von mir ... so!« Mela schien zugleich eine Bewegung zu machen. »Wie ihr es mit uns tut, wenn ihr uns satt habt.« »Ich habe sie seither auch nicht mit einer Hand berührt ...« Es war Wilhelms Stimme ... Wie schwindelnd tastete Annemarie um sich. Wie er log! Und wohl ihr, daß er doch nicht mehr zu verschweigen hatte! Aber ihre Tränen, die Tränen, die sie aus ahnungsvoll erschauernder Seele an jenem festlichen Abend in seinen Armen geweint – sie mußten ihn mit einer letzten Ehrfurcht erfüllt haben. Daß er nicht weiter anzutasten wagte, was sein war, um es nicht noch tiefer zu erniedrigen. Wie zu einem Gebet faltete Annemarie die Hände ... Gott sei Dank, Gott sei Dank! Sie hatte nicht dem Wechsel seiner Freuden gedient. Rein und unversehrt stand sie vor Gott und ihrem Kinde. »Nein!« hörte sie Melas Stimme höhnen – »Du hast sie nicht berührt. Wer solche Feste feiert, bis zur letzten Erinnerung, der bleibt der Geliebten treu und läßt bloß sein Bett ins Studierzimmer tragen! Glaubst du, daß ich mich noch weiter so erniedrigen lasse; so spielen mit mir?« »Mit dir hab' ich wohl nicht gespielt,« kam es wie ein dumpfes Grollen zurück. »Und entsinne dich, daß ich schon einmal bereit war, alles, aber auch alles für dich hinzugeben. Selbst – das Kind –« »Skandal will ich keinen!« warf Mela brüsk hin. »Aber du spielst mit mir,« hörte Annemarie den Gatten sagen. »Darum bist du heute gekommen. Ohne mein Wissen, gegen unsere Verabredung. Bloß um einen Grund zu haben ...« »Grund – wofür?« lachte Mela kalt und hell. »Für diese Reise mit dem Millionär – diesem – diesem Lebemann, den ganz Wien kennt.« »Dem – Lebemann!« klang es wie leise Verachtung zurück. »Dem Lebemann! Köstlich ... Als ob das nicht die meisten von euch wären. Mehr oder weniger. Und je nach ihren Mitteln.« »Mela!« Und es lag ein solches Flehen, eine solche Erniedrigung und Hingabe im Ton seiner Stimme, daß Annemarie, von Schmerz und Scham überwältigt, mit hastiger Hand mitten in die Büsche hineingriff und sich bebend festhielt, um nicht umzusinken. Ein Rascheln und Rauschen lief von Zweig zu Zweig, von Busch zu Busch. Auch doppelt hörbar in der Stille. »Was war das?« hörte sie Mela fragen. »Ein Vogel ist abgeflogen,« beruhigte sie Wilhelm. Dann gingen sie hastig weiter, verstimmt und schweigend ... Und wieder fiel ein Blitz in der Ferne. Aber der Donner antwortete jetzt fast unmittelbar, und nun fuhr auch der Sturm wie mit einem einzigen Griff in Zweige und Wipfel – jäh, wild, daß es wie ein donnerndes Brausen einherfuhr. ›Das Kind!‹ zuckte es wie ein letztes Besinnen durch die Seele Annemaries. Dann flog sie förmlich zurück, wie der Vogel, der noch einmal sein zerstörtes Nest sucht. Es war nun ihr Letztes! * Wenn Annemarie die Büsche und Baumgruppen hinter sich hatte, brauchte sie bloß einige Beete zu übersetzen, um unmittelbar vor dem großen Blumenparterre zu stehen, nach dem die Terrasse hinausging. ›Es wird noch schlafen!‹ dachte sie. Und doch: ›Schneller, schneller!‹ zischte es in ihren Ohren, trieb es sie vorwärts. Eine ganz rätselhafte Angst, die um so quälender war, als sie ja noch gar keinen Grund dafür wußte. Der Donner freilich rollte immer stärker und näher. Die Wolken jagten wie gespenstische Ungeheuer daher. Der Sturm raste ... Aber noch fiel kein Tropfen. Und wenn das Kind vielleicht auch erwacht war – ›Ich müßte es schreien hören,‹ dachte Annemarie, kaum noch den Atem findend in all der bangen Eile ... Und wieder riß nur die Qual und Empörung an ihrem Herzen. Sank ihr die Gewißheit, daß ihr Glück nun für immer dahin war, wie lähmendes Blei auf die Glieder. ›Ich träume – vielleicht träum' ich das alles!‹ sagte sie sich in einem letzten Erbangen vor dem, was ihr nun noch zu erleiden blieb. Aber nein – Groß, fürchterlich, – ein einziger Ernst und trostloseste Gewißheit stand es vor ihrer Seele. »Gewitterabend!« Was sie nur wie ein Bild geschaut, war Wirklichkeit geworden. Schon zuckten die Blitze über das Haus hin, das nicht mehr ihr Heim war – es nie mehr sein durfte. Nie mehr! ›Das Kind, das Kind!‹ Sie blieb einen Augenblick stehen, lauschte durch den Sturm – Alles still ... ›Ich bin ja auch in zwei Minuten dort!‹ sagte sich Annemarie. ›Sofort – jetzt !‹ Da sprang etwas wie suchend in der Dämmerung an ihr empor ... weiß, keuchend – Bijutti! Nun wußte es Annemarie: Das Kind war erwacht, brauchte etwas! Sonst wär' der kleine, treue Vierbein nicht so eilig auf die Suche gegangen. Und jetzt flog sie förmlich. Die Terrasse ... Sie lag schon ganz im Dunkel des Abends und der Gewitterwolken. Nun hörte sie auch das Kind weinen und weinend rufen. »Mama kommt schon, kommt schon!« schrie sie laut, in einem Satz das Parterre nehmend. Wie sie aber nach der Treppe abbiegen wollte, um die wenigen Stufen zu nehmen, verstellte der Hund ihr den Weg und sah laut kläffend zur Brüstung der Terrasse empor. Und wahrhaftig –! Dort richtete sich jetzt ein weißes Bündelchen auf, stand , erst die Händchen auf die Balustrade legend – zog dann langsam die Füßchen nach ... Annemarie entsann sich, daß sie selbst zuletzt den Wagen dort hingerückt. Nun hatte das erwachende Kind sich erhoben – stand in der Dunkelheit ratlos – griff um sich und zog endlich auch das Körperchen nach, der Gefahr unbewußt ... »Bleib', Liebling, bleib', um Gottes willen!« schrie die Mutter in ihrer Herzensangst. War es ihr Schrei? Oder der Blitz, der gerade fiel und sie dem Kind vielleicht so nah erscheinen ließ, daß es meinte, bloß nach ihr langen zu dürfen, um sie auch schon zu haben? Es stieß einen lauten Ruf aus, streckte Köpfchen und Händchen ins Leere. Und da lag es schon – »Der Rasen ist weich – der Rasen ist weich – weich ...,« hörte Annemarie eine fremde Stimme wie in zähneklappernder Angst immer wieder neben sich sagen. Sie begriff nicht, daß es ihre eigene war! Schon lag sie auf den Knien, hob das Kind empor. – Es gab keinen Laut von sich. »Gott! Gott!« hörte sie die bebende Stimme wieder stammeln. Endlich – ein Schrei! Der erste ... »Ich danke dir – danke, danke!« betete es wirr in ihrer Seele. So war es wohl nur die im ersten Augenblick gleichsam erstickte Angst, die nun aus dem Kinde doppelt laut emporschrie! »Sag', wo es dir weh tut, mein Liebling!« bettelte Annemarie, der nun selbst erst Atem und Besinnung zurückkamen. »Da – da – da?« Sie frug und tastete zugleich vorsichtig Ärmchen und Beinchen und Rückgrat des Kleinen ab. Er ließ es sich ruhig gefallen, ohne auch nur einmal schmerzhaft zu zucken – wimmerte nur noch leise vor sich hin. So war nichts geschehen – wirtlich? Und da schlug er auch schon die Äuglein auf, sah zu ihr empor – lächelte sie plötzlich an und dann mitten in einen Blitz hinein – tapfer, neugierig, wie es einem kleinen Mann zukam. »Bubi!« jubelte Annemarie, fast besinnungslos in ihrer Freude. Wenn ihr nur das Kind blieb –! Nun wußte sie's. * Als sie, den Kleinen im Arm, in sein Zimmerchen trat, fand sie Anna eben daran, alles für die Nacht zurechtzumachen. Das Mädchen hatte keine Ahnung von dem, was geschehen war; konnte keine haben. Nicht einmal das Weinen des Kindes konnte bis zu ihr gedrungen sein. Das Zimmer lag nach der Straße. ›Hätt' ich sie gerufen, bevor ich den beiden nachging!‹ sagte sich Annemarie in heftiger Gewissenspein. Aber – Hätte sie es auch getan? Ihre Leidenschaft – die Selbstsucht ihrer Liebe, das eigene gekränkte Ich hatte sie zum zweitenmal vergessen lassen, was sie dem Wesen schuldete, das Gott in ihre Arme gelegt, damit sie ihm Mutter sei. ›Verzeih' mir, Herr!‹ betete es in ihrer Seele. ›Verzeih' mir und laß mich glauben, daß du mich nur durch die Angst gestraft hast. Daß es wirklich keinen Schaden genommen!‹ Das Kind, das von heut' an niemanden mehr hatte als seine Mutter ... »Das Nachtlicht brennt schon, bitte!« bemerkte Anna erstaunt, als ihre Herrin auch das elektrische Licht aufkippte. »Es ist wegen des Gewitters,« stammelte Annemarie verwirrt. »Damit dem Kleinen nicht bange wird. Und dem Herrn sagen Sie –« Das Mädchen stand schon in der Tür und wandte sich aufhorchend noch einmal zurück. »Nein, lassen Sie,« sprach Annemarie, noch unentschlossen. »Ich werd' es ihm selbst sagen.« Klein-Wilhelm lag schon ruhig – ganz merkwürdig ruhig. Sog Löffelchen um Löffelchen seines Breies hinab, wie Annemarie es zärtlich-langsam dem kleinen Mündchen zuführte. Wenn das Kind auch so ruhig einschlief, durfte sie wohl sorglos sein? An dem Heiligtum des kleinen, weißen Bettchens wollte sie dann überlegen, was sie dem Ehrlosen noch zu sagen hatte, der bereit war, selbst sein Kind hinzugeben, um die Liebe einer Dirne. Eine Viertelstunde verging – eine halbe. Das Kind hatte das Köpfchen in die Kissen zurückgelegt und lag still und ruhig da, mit weit und groß geöffneten Augen geradeswegs zur Decke emporstarrend. »Wie immer, bevor er einschläft,« tröstete sich Annemarie. Und doch begann sie wieder voll Sorge all die feinen Gliederchen und Gelenke abzutasten ... »Bubi, weh – weh?« fragte sie in todesbanger Spannung. Das Kind sah sie an, schien nicht mehr zu verstehen. Etwas Fremdes und Starres dämmerte ihr aus den kleinen Äuglein entgegen ... »Der Schlaf!« sagte sie sich. Wieder vergingen Minuten. Ihr Mann war schon heimgekommen. Im Speisezimmer mußte das Nachtmahl bereitstehen. Annemarie pflegte sich oft bei dem Kleinen zu verspäten. Die Mägde wußten, daß deshalb doch alles wie sonst zu besorgen war. So mochte es nicht auffallen, daß die Frau noch immer nicht kam. Plötzlich hörte sie die Türe nebenan gehen. Sein Schritt! Kam er wirklich, sie zu holen? Und gerade heute –? ›Warum nicht?‹ schrie es voll Bitterkeit in ihrem Herzen. ›Er kann ja so gut lügen und sich – verstellen. Aber –‹ Sie war noch immer nicht ganz zu Ende mit sich selbst. Wie sollte sie es ihm sagen? Nur eines wußte sie: Nicht hier! Da stand er schon auf der Schwelle: »Wo bleibst du denn?« hörte sie ihn leise fragen. Den Finger am Mund, erhob sich Annemarie. »Das Kind schläft!« hauchte sie, ohne ihn anzublicken. Und schon wollte sie den Arm ausstrecken, um das Licht abzukippen. Dann – Ihre Hand bebte. Ihre Füße waren wie von Stein, die Lippen eiskalt – – Dann ging es dem Schicksal entgegen! Geradeswegs. Nicht eine Nacht länger sollte dieses Dach sie bedecken ... Die Finger schon am Taster, streifte sie mit den Augen noch einmal das schlafende Kind. Was – war das? Beide Fäustchen hoch emporgezogen und wie in einem Krampf an die Brust gedrückt ... die Lider weit aufgerissen und die rollenden Augäpfel fast in ihre Höhlen zurückgezogen, daß ihr Weiß in geisterhafter Blässe aus dem jäh geröteten Antlitz stach, lag das Kind da, so grausig entstellt und fremd, daß Annemaries entsetzter Mutterblick Mühe hatte, das süße Gesichtchen wiederzukennen ... »Das Kind – es stirbt!« schrie sie auf; laut, gell. Dann brach sie an dem kleinen Lager zusammen. * Es half nichts, daß der alte Hausarzt der Krügers die ganze Nacht selbst an dem kleinen Bettchen wachte, Tees und alle nur denkbaren Beruhigungsmittel, oft mit großer Kraftanwendung, zwischen die krampfhaft übereinandergepreßten Kiefer des Kindes flößte; immer wieder die kalten Tücher auf dem brennenden Köpfchen erneuerte; soundso oft die Uhr zog, um mit ehrlicher Bekümmernis den regellos wilden und doch immer kleiner werdenden Puls zu fühlen. Die Fenster standen weit offen, und die herrliche Sommernacht, die dem Gewitter gefolgt war, sandte ihren köstlichen Atem herein. Aber die kleine Lunge rang umsonst, diese herrliche Luft einzuschlürfen. Auf die unter heftiger Atemnot sich langsam verfärbenden Lippen trat immer reichlicher der in Schaum verwandelte Speichel. Und während das arme Körperchen ein einziges Zucken und Bewegen war, lagen die Sinne des Kindes wie in einem starren, todähnlichen Schlaf, den kein Reiz zu wecken, kein Anruf mehr zu stören vermochte. »Eklampsie!« sagte der Arzt. Und während der ersten Anfälle schien es, als hätte er nicht jede Hoffnung aufgegeben. »Die Fraisen!« seufzte Anna, die voll Hilfsbereitschaft und mit tränenden Augen zwischen dem leidenden Kinde und der weinenden Mutter die ganze Nacht hin und her ging. Doch auch sie, die so viele kleine Geschwister aufgezogen und zwei unter denselben Anfällen leiden gesehen, behielt den Kopf oben, die Hoffnung im Herzen. »Die meisten Kinder überleben's!« sagte sie. »Warum nicht unser Bubi?« Die verschränkten Hände vors Antlitz gelegt, war der Vater während der ersten Stunden wie vernichtet dagesessen, daß der Arzt um diesen scheinbar immer tiefer erstarrenden Jammer anfangs die größte Sorge gezeigt hatte. Annemarie wußte es besser. Es war die Schuld, die Gewissenspein, die sich dort das Antlitz verhüllte! Das vernichtende Bewußtsein, daß ihm, dem treu- und pflichtvergessenen Gatten und Vater, mit dem Tode des Kindes ein, wer weiß wie oft, genahter Wunsch in Erfüllung ging. Und wenn es vielleicht auch ein klar ausgesprochener Wunsch gewesen – »Wenn Bubi jetzt nicht wäre ...!« Wie oft hatte sie das nicht anhören müssen? Nun durfte ihm wohl angst und bang werden vor der Minute, die dieses Leben auslöschen konnte. Und sie selbst? Wenn ihr die Todesangst um das süße, kleine Geschöpf dort auch das Herz abdrückte, die Tränen immer heißer ihr Antlitz überströmten, der Faden ihres eigenen Lebens voll Schmerz und Qual unter den Krämpfen des armen Körperchens dort hin und her zuckte – war nicht auch sie eine Mörderin? Der Vater hatte nicht gewollt, daß dieses Kind lebe. Die Mutter es in der Leidenschaft ihrer pflichtvergessenen Liebe dem Sturze preisgegeben, dessen Folgen es nun erlag. Und doch – sie fühlte es – fühlte es noch durch alle Schauer und die ganze Hölle der Reue hindurch, daß sie stark genug sein werde, davon zu schweigen! Damit er, der an dem Kinde und an ihr so gefehlt, die ganze Wucht der Strafe fühlen möge, die der Gott über sie verhängt, den er verleugnete. Einige Male im Laufe dieser schreckensvollen Stunden hatte Wilhelm wie tröstend nach ihrer Hand gegriffen – aber Annemarie hatte sie ihm entzogen; irgendein Wort an sie gerichtet – doch sie war stumm geblieben. Die Mägde, die, jedes Anrufs gewärtig, fortwährend aus und ein gingen, hatten es noch nicht beachtet. Doch der Arzt, der die schwerkranke Mutter nach dem jähen Verlust ihres ersten Kindchens behandelt hatte – auch damals so plötzlich geholt und wie in ein Schicksalsgewitter hineintretend – er schien sich schon langsam seine Gedanken zu machen. Annemarie sah es, und auch Wilhelm mochte es fühlen. Aber der alte Mann, der seit Jahrzehnten bei so vielen Familien aus und ein ging, hatte mit der Zeit auch schweigend verstehen gelernt und nie nach mehr gefragt, als man ihm sagte; wenn es nicht geradezu seine Pflicht war, nach mehr zu fragen. Und einmal im Laufe dieser Stunden und der immer rascher wiederkehrenden Anfälle mochte es ihm doch wohl auch hier als Pflicht erschienen sein, eine Frage zu stellen. Und er stellte sie. Zart, gleichsam tastend, wie es seine Art war. Wer zuletzt bei dem Kinde gewesen? »Ich!« Lauter als alles, was sie bisher gesagt, hatte Annemarie es gerufen. Wie herausgestoßen von einer namenlosen Qual war es von ihren Lippen gekommen. Nur dieses eine Wort: »Ich!« »Die Mutter!« hatte der alte Mann langsam und weich gesagt. Und es hatte wie ein Kredo geklungen. Wie ein völlig beruhigtes: »Ich glaube dir!« Warum auch nicht? Er kannte sie ja so lange. War überzeugt, ihr glauben zu dürfen. Das Kind war in den besten Händen gewesen! Darum hatte er auch wohl nicht weiter gefragt und nur so ganz beiläufig bemerkt: »Eine große Angst oder irgendein tiefer Schreck, zum Beispiel über einen jähen Fall, pflegen zuweilen auch diese Krämpfe herbeizuführen.« Dann war weiter kein Wort mehr darüber gefallen. Und nun saß er, den Schlaf einer ganzen Nacht hinopfernd, mit gefalteten Händen vor dem kleinen Dulder – beobachtend oder, wenn es not tat, sofort wieder rüstig eingreifend. Nur seine Blicke gingen zuweilen verstohlen und wie leise fragend zwischen den beiden Menschen hin und her, die gerade in dieser Nacht so ferne voneinander saßen und sich so wenig zu sagen hatten, obwohl ihnen ihr Liebstes genommen werden sollte ... Draußen sang und wisperte die Nacht in den taufeuchten Zweigen. Süße Wolken von Duft kamen in die Stube herein. Schon ging es wie ein ganz sanftes, ganz leises Regen dem neuen Tag entgegen. Jeder Vogel, jedes Insekt, das gestern noch gelebt hatte, würde diesen neuen Morgen wieder begrüßen. Nur ihr Kind nicht? Es konnte, durfte ja nicht sein! Wenn Annemarie nur daran dachte, war ihr, als sollte sie selbst sterben. Und doch kam noch ein Anfall – ein allerletzter – und mit ihm die Stunde, da das Entsetzliche geschah. Von grauenvollster Atemnot gepeinigt, begann das Kind aufs neue mit den kraftlosen Ärmchen auszuschlagen – während Schaum vor die Lippen trat und eiskalter Schweiß über und über den kleinen Körper bedeckte. Weit und wie hilfesuchend quollen die starren Augen aus ihren Höhlen. Die Kiefer knirschten aneinander. Blaurot wurden Stirne, Lippen und Wangen. »Stimmritzenkrampf!« sagte der alte Mann an dem kleinen Bettchen. Er sagte es leise, zart, wie vor den eigenen Worten erschreckend; fast wie in einer Scham über die eigene Ohnmacht. Aber – Er ließ die Hände fallen, man sah es! Dann schritt er langsam auf Annemarie zu, ergriff ihren Arm, führte die Schluchzende noch einmal an das kleine Bettchen ... Und da geschah es, daß der wie in einem letzten Bewußtwerden flüchtig erwachende Blick ihres Kindes noch einmal die Mutter traf: Groß, schreckhaft-tief – in einer gleichsam versinkenden Angst – Der Angst um das eigene Leben. Der Blick, den sie schon einmal in diesen Augen gesehen! Damals, als das Kind ohne sie gebadet worden war und in schauernder Angst vor dem Ertrinken sich so fest und instinktiv an die Arme des Mädchens geklammert hatte ... Nur ein wenig Wasser war es damals gewesen, und der sorgende Mutterarm hob es sofort aus der Tiefe, in der es zu versinken gemeint. Nun sank es für immer in den Abgrund hinab, über den keiner Mutter Arm es mehr emporheben konnte – durch der eigenen Mutter Schuld! Noch hörte sie, wie ein Frost ihr die Zähne zusammenschlug; sah, wie in einem immer dichter werdenden Nebel, einige Gestalten auf sich zuschwanken. Dann war es, als fielen große, schwarze Schleier vor ihr nieder: einer nach dem anderen ... einer nach dem anderen ... Hinter dem letzten versank sie selbst. * Wilhelm war nach der Stadt gefahren, um das Nötige für die kleine Bestattung anzuordnen. Und als Annemarie sich aus den Tüchern wand, in die man die von einem krampfhaften Frost Geschüttelte gehüllt hatte, fand sie die kleine Leiche schon unter den Blumen, die Annas treue Hand über den toten Liebling gestreut. Rechts und links von dem zerwühlten Bettchen brannten still und feierlich zwei hohe Wachskerzen, und ein blauer Sommerfalter, den die zuckenden Lichter in die stille Stube gezogen, flatterte immer wieder über das blonde Köpfchen hinweg, daß es wie ein Bild vom Gestade der Ewigkeit war ... Dort hinüber können! Aus all dem Schmutz, über all die Lüge ... Wie das in ihrer Seele schrie – ein einziges lechzendes Verlangen! Doch auch dort war noch kein Friede für sie zu finden. So dunkel und mächtig stand die eigene Schuld vor ihr. So wußte sie genau, was ihr noch zu tun blieb. Und als sie in einem neuen Strom von Tränen wenigstens für den Augenblick eine kleine Erleichterung gefunden hatte, setzte Annemarie sich an den Tisch neben die kleine Leiche und begann mit fester Hand den Abschiedsbrief an den zu schreiben, dem einmal alle Liebe und der ganze Glaube ihrer reinen Jugend gehört hatten. Erst nach der Bestattung sollte er ihn finden. Bis dahin wollte sie schweigen und mit keinem Wort den heiligen Frieden stören, den der Tod über dieses Haus gebreitet. Bis an das kleine Grab gemeinsam mit ihm gehen, dem sie Treue und Liebe in jeder Lebenslage geschworen – den letzten Weg, den sie noch miteinander zu gehen hatten! Dann mochte er in seinem öden Heim den Brief finden, der ihm sagte, daß sie alles wußte und nicht ein zweites Mal verzeihen konnte. Und hier mußte dieser Brief geschrieben werden! Unter den flackernden Lichtern, zwischen denen das Kind lag, das nie gewesen wäre, wenn es nach des Vaters Willen gegangen – das dem Tode verfallen war, weil auch die Mutter ihre Pflicht vergessen. Hier, wo Gott sie beide gefunden und beide gestraft hatte ... hier! Und während ihre Blicke immer wieder durch brennende Tränen nach dem toten Liebling gingen, schrieb Annemarie in wenigen Zeilen und mit fester Hand den Abschied an den Treulosen nieder. Und als sie den Brief endlich faltete und versiegelte, war auch von ihrem ganzen Glück nicht mehr übrig als der traurige Duft von Blumen, die auf einer Leiche lagen, und der flüchtige Schmelz der Farben, die ein Sommerfalter auf seinen Schwingen zum Fenster hinaustrug ... * Was Annemarie noch bis zum Tage des Begräbnisses gefürchtet hatte: daß irgendein Wort oder ein heuchlerischer Tröstungsversuch des Gatten sie aus der angenommenen Ruhe reißen und vor der Zeit zu sprechen zwingen könnte – traf nicht ein. Kühl und besonnen wie sein Wissen und er selbst blieb auch der Schmerz des berühmten Mannes. Da fiel es ihr nicht schwer, auch das eigene Wesen ganz in die starren Falten des Wehs zu hüllen, das ihr zukam. Möglich, daß sein Ausweichen auch eine Art Schonung war, bevor, wie er glauben mochte, er selbst zu dem letzten Schlag ausholte, der sie im Innersten treffen sollte. Oder die Vorbereitung auf ein weiteres Jahr voll Verstellung und Lüge. Die Dirne, die er liebte, wollte ja »keinen Skandal«, wie sie gesagt hatte. Nicht den offenen Bruch. Aber auch nicht die »Teilung«. Vielleicht war sie doch noch nicht zu Ende mit ihm, wie er fürchtete: Liebte ihn noch oder wollte ihn und sie, deren Glück sie nicht sehen konnte, noch eine Weile quälen ... die Sommerreise auf der Yacht des Millionärs konnte ja noch in Frage bleiben. Und vielleicht war es auch ihm zuletzt nicht unrecht, im Dunkel der Sünde weiterzuspielen. Der »Skandal« griff ja auch an seinen Namen. Und den liebte er. Den, das wußte Annemarie, würde Wilhelm selbst am liebsten bis zuletzt bewahrt wissen. Bewahrt vor dem Licht einer Öffentlichkeit, der es vielleicht doch einfallen konnte, an seiner Handlung nicht nur sein Leben, sondern auch die moralischen Werte seiner Weltanschauung zu messen. Schon der Gedanke an Edwin und Konrad mußte ihm fürchterlich sein. Noch mehr jener an seine Gegner. Darum war er vielleicht auch gegen sie bis zuletzt so ritterlich gewesen. So ganz unfaßbar liebenswürdig. Um sie immer wieder zu einer Rolle zu bestimmen, die längst nicht mehr die ihre war ... Oder ging doch noch ein bißchen Reue nebenher? Genug. Der Tag des Begräbnisses kam, und die scheinbare Einigkeit der Gatten blieb bis zuletzt ungestört. Nicht einmal Frau Krügers ewig tastende Muttersorge und Mutterzärtlichkeit kam an das innerste Leid ihres Kindes und an die maskierte Würde des trauernden Vaters heran. * Bevor sie den kleinen Sarg hoben und aus dem Zimmer trugen, durch das solang die Atemzüge ihres Kindes geweht, ging Annemarie noch einmal hinüber. Ganz allein. Nur sie hörte den leisen Schritt, der ihr auch dahin nachfolgte, immer wieder – immer wieder: die eigene Schuld! Und hier, wo die junge Menschenblüte gelacht und geweint, geschlafen und gejubelt; wo noch alle Erinnerungen wach waren, die eines Menschenkindes Spuren bedeuten: die ersten, fast tierischen Laute, mit denen es nach der Mutter geschrien, wenn ihn hungerte; tausend kleine, süße Drolligkeiten; der oft so putzige Ernst des kleinen Mannes; das erste »Ma–ma!«, das ihr Kindchen ihr entgegengerufen, und jener letzte, wie in einem jähen Besinnen und Erkennen auch von der Schuld der Mutter noch einmal aufflackernde, tiefernste, tragische Blick – Hier lernte Annemarie nicht nur die Vergangenheit, sondern auch ihres eigenen Lebens Zukunft zuerst und ganz erfassen und das, was für sie noch Zukunft heißen durfte, gemessen an dieser Schuld ... Sie hatte keine Tränen mehr zu geben. Wenigstens jetzt nicht. Wie ausgebrannt war ihr Herz. Erstarrt ihr Antlitz hinter der Maske, die sie vorgenommen. Nur eine weiße Rose, die letzte, die im Garten erblüht war, legte sie zwischen die stillen Hände des Kindes und ihr eigenes Bild an die kleine Brust. Dann sank sie noch einmal ins Knie vor dem Sarg. Und während sie die Arme wie zu einem Heiligtum emporstreckte, schluchzte sie leise: »Nimm auch mich selbst hinab! Ich darf kein Glück mehr haben in dieser Welt!« Es war ein Gelöbnis, mit dem sie ihre Schuld für immer an den kleinen Toten binden wollte. Endlich kam Frau Krüger und holte sie mit sanfter Gemalt heraus. Gleich hinter ihr traten die zwei Leichenträger mit der blauen Schulterschärpe ein. Nach ihnen zum ersten und letzten Male der Vater. »Jetzt!« dachte Annemarie bitter. Wo der kleine Sarg geschlossen wird und das arme, blasse Kindesantlitz kein Vorwurf mehr sein kann für ihn. Sie wußte, daß er, der alles Glauben und Hoffen nur an das Leben band, den Tod nicht nur fürchtete, ihn geradezu verabscheute. So war wohl auch die Leiche des eigenen Kindes nur mehr ein Gegenstand innerlichen Widerwillens für ihn. Eine Form des ewigen Kreislaufes, der man am besten auswich. »Wie roh, wie unsäglich roh das alles ist!« dachte Annemarie, bei diesem Endkapitel des Materialismus angelangt. »Und daß ich mir nicht schon früher gesagt habe, daß ein Mensch, der nur an das glaubt, was sich erforschen, betasten und berechnen läßt, des Heiligsten ermangeln mußte: der Ehrfurcht!« Nun war auch ihr Leben und ihr Glück dem Moloch zum Opfer gefallen, vor dem fast ein ganzes Volk und seine Besten so lange den Weihrauch geschwungen hatten. Gottlosigkeit und Übermenschentum ... Ja, was waren sie anderes, als roheste Selbstsucht und brutalste Gewissenlosigkeit. Da schritten sie ja noch einmal an ihr vorüber – auf einem ehernen Antlitz die Maske der gesellschaftlichen Heuchelei – in der Gestalt des Mannes, den sie über alles geliebt hatte! Mit keinem Blick streiften sich die beiden. Als er aber drinnen war, löste Annemarie rasch ihren Arm aus der Hand der Mutter. Sie besann sich, daß nun der richtige Augenblick wäre, den Abschiedsbrief auf den Schreibtisch Wilhelms niederzulegen. Vor der Bestattung kam er nun nicht mehr hinein. Ruhig, als hätte sie eben bloß noch etwas in Ordnung zu bringen, schritt Annemarie durch die ganze Flucht der Zimmer zurück, legte den Brief rasch auf den Tisch nieder, an dem einmal auch ihr Stuhl gestanden – ließ einen letzten, großen Blick noch einmal durch die Stube gehen, die wohl noch mehr von dem Verrat des Gatten wußte und von der stummen Qual der Nächte, da vielleicht noch das Bessere in ihm sich gewehrt und auch um sie gelitten hatte. Dann ging sie mit großen Schritten hinaus, stolz und fremd wie eine Königin, die sich in eine Welt verirrt, die nie die ihre gewesen war. Schon hörte sie durch die weitgeöffnete Tür der Halle die feierlich-gleichmäßigen Schritte der beiden Träger, die den kleinen Sarg hinabbrachten. Von der Treppe wehte ihr der herb-schwüle Blumenduft der Kränze entgegen, die man soeben hinabgetragen hatte, um den kleinen Liebling zu bedecken. Und da standen ja auch schon die anderen Leidtragenden – ihre Brüder und Tanten. Sogar Onkel Paul war gekommen. Ein flüchtiges und ganz seltsames Lächeln glitt über das verhärmte Antlitz der Betrogenen, als sie den »Prokurator des Obersten Gerichtshofes« sah, der ihr mit der ganzen ehrlichen Sauertöpfigkeit seines »Bauchredners« das Beileid aussprach und keine Ahnung hatte, wie bald die Nichte auch seine »forensische Verlogenheit« in Bewegung setzen mußte. »Was für ein Axiom sein Bauchredner wohl für unseren Kasus finden wird?« dachte sie bitter in sich hinein. Und um wieviel diese Angelegenheit »sauberer« ist als jene des Polen, den Onkel Paul verurteilt und doch auch – verstanden hatte? Aber da stand schon ihr Mann und bot ihr den Arm. Würdevoll und korrekt, bis zum letzten Augenblick ... O Maskerade des Lebens! fuhr es ihr durch den Sinn. Und wie sie alles, was geschehen war und noch geschah, nun bedachte, erschien es ihr plötzlich fast als ein Wunder, daß ihr Kind auch nur ein Jahr lang leben konnte und gelebt hatte, in dieser stickigen Atmosphäre der Lüge und des Betruges. »Halte dich fest, nun kommt die Treppe!« hörte sie den Gatten sagen. Und dann, wie in ehrlicher Besorgnis, weicher und leise: »Du wirst mir doch nicht fallen, Annemarie –?!« O wie weh' es tat, noch einmal so die geliebte Stimme zu hören! Nun er nichts anderes mehr für sie hatte als Mitleid ... »Das letzte, was ich auf lange von ihm höre!« dachte Annemarie wie in einem Traum. Dann sprang sie rasch und fast leicht in den Wagen – Er sollte sie nicht wieder berühren – * Es war der letzte Sonntag im Juni, und die Straßen lagen noch hell und laut, als die Wagen vom Friedhof zurückfuhren ... Wilhelm hatte, von Onkel Paul in ein längeres Gespräch verwickelt, nicht gleich Zeit gefunden, in den Wagen zu steigen, in dem Annemarie mit der Mutter und den älteren Brüdern Platz genommen. So fuhren sie voraus, und Annemarie freute sich, daß ihr auch die letzte kleine List so wohlgelungen war. Sie selbst hatte dem Kutscher nicht das eigene Heim, sondern die Wohnung der Mutter als Endziel angegeben. Nun fuhren die Ihren von der traurigen Feier des Todes völlig ahnungslos der noch herberen Enttäuschung entgegen, mit der das Leben da draußen sie alle erwartete. Nur Edwin war ferne. Erst daheim, im Schoße der Mutter, wollte Annemarie ihr ganzes Weh ausschütten ... Die schöne, breite Straße, die vom Döblinger Friedhof zwischen schattigen Bäumen wieder in das vornehme Villenviertel Wiens mündet, lag im strahlenden Glanz der Abendsonne. Hunderte und Hunderte zogen darüber heim. Die Blumen in den Händen, die sie auf den Bergwiesen des herüberwinkenden Hermannskogels gepflückt, oder in den lieblichen Wäldern um Neuwaldegg und Salmannsdorf. Mundharmonikas und Okarinen ließen ihre fröhlichen oder sentimentalen Klänge erschallen. Die Alten schwatzten. Die Jungen lachten und girrten. In das Geschrei der sich haschenden Kinder bellten wichtig und aufgeregt die mitausgezogenen Hunde drein. Ein Wiener Sonntag! Er war heiß und schwül gewesen, wie von fernen Gewittern bedroht. Und die schwarze Wolkenbank, die schon seit dem Morgen im Westen gestanden, war noch immer sichtbar: Unbeweglich, durch all die vielen Stunden her, bis zum Abend, fast unheimlich ... Nun aber begann es schon kühl und wohlig von den Hängen des Kahlenbergs herabzuwehen. Aber die grünen Saaten der Döblinger Vorberge lief der Wind, daß ihr welliges Gekräusel wie bläuliche Seide im letzten Abendgold aufglänzte. Und tief unten im Tal schlug ein fernes Glockenspiel eine volkstümliche Weise an, die die rüstig Heimziehenden munter mitsangen oder pfiffen: »Mei' einzige Freud' is' mei' herziger Bua – Mei' einzige Freud' is' mei' Bua!« Und da klang über die letzten Vorstadtwiesen und Villengärten herüber auch schon das fröhliche Geschmetter der Militärkapelle, die allsonntäglich in dem großen Park auf der Türkenschanze konzertierte. Straußische Walzerklänge ... – die »Frühlingsluft«! Süß einwiegend, lebenstrunken, leidvergessen ... »Wenn wir nur schon bald draußen wären aus all dem Jubel und Lärm!« meinte Frau Krüger mit einem besorgten Blick nach der Tochter, die starr und regungslos, beide Augen geschlossen, in der Ecke des Wagens lehnte. Er war zwar geschlossen – nur ein Fenster herabgelassen. Aber doch: wie herb und schmerzhaft mußte nur das Gequiek und Geplauder all der heimziehenden Kinder da draußen an das arme, zuckende Mutterherz greifen! »Soll ich ganz schließen?« fragte Frau Krüger leise. Doch Annemarie schüttelte das Haupt. »Es wär' auch sonst wohl kaum auszuhalten,« meinte der älteste Bruder mit einem besorgten Blick nach der Schwester, die blässer und blässer zu werden schien und immer tiefer in ihre Schleier versank. Da – eben als der Wagen den Park entlang fuhr, über dessen Gitter die blühenden Robinien rosige Purpurwolken legten – hielt die Militärkapelle mitten im Spiel ein. Wie auf einen einzigen, gewaltsamen Ruck hin. Zugleich begannen die Menschen dichtgedrängt und wirr aus dem Park zu fluten – daß es sich wie eine einzige Sturzwelle ansah, die über irgendeine Angst oder eine plötzliche Stauung den Weg ins Freie suchte. Blutrot und erregt oder totenblaß und starr alle Antlitze. Die Männer schrien und gestikulierten heftig mit Stöcken und Schirmen – schweigend und beklommen zogen die Frauen nebenher. So und so viele angstverstörte Kinder schienen mit einem Male dasselbe zu fragen ... Und immer dichter quoll es heraus, überströmte die Straße, hielt auf dem offenen Gleise der Straßenbahn, lauschte zu den Schaffnern empor, die mit den Wagen soeben aus der Stadt kamen. Schon flatterte da und dort ein langes, weißes Flugblatt auf, von Hand zu Hand weitergegeben, gerissen. »Da ist etwas geschehen!« murmelte Annemaries ältester Bruder. Am Ende der Straße stand ein Zeitungskiosk. Er war geschlossen. Aber noch immer stürmten die Menschen an. »Ausverkauft!« war mit flüchtig hingekritzelter Schrift in roter Tinte auf einem weißen Blatt zu lesen, das an der Türe hing. »Etwas Großes ist da geschehen!« sprach aufs neue Annemaries Bruder – »wenn nicht etwas Entsetzliches!« Dann beugte er das Haupt hinaus ... »Extraausgabe–ee!« scholl es vom Ende der Straße her. Und gleich darauf, wie ein rascher Kommentar: »Der Mord in Serajewo!« Nun erblich auch Frau Krüger. »In Serajewo –? Dort ist doch gegenwärtig unser Thronfolger, nicht?« stammelte sie fragend zu ihrem Sohn hinüber. Er nickte bloß. Aber ein wilder, ein gleichsam einziger Schrei von der Straße warf ihnen im selben Augenblick die Antwort zu: »Sie haben den Thronfolger getötet!« »Soll ich halten lassen?« fragte Frau Krüger zu Annemarie hinüber. Und zugleich gewahrend, daß der Kutscher eine andere Richtung einschlug, rief sie laut: »Er fährt ja nach der Stadt, Annemarie! Nicht zu euch?« Und sie beugte sich an Annemarie vorüber zum Fenster hinaus, um den Kutscher anzurufen. Aber schon lag Annemaries Haupt in ihrem Schoß. Wie ein Kind war sie wieder an der Mutter niedergeglitten. Und das totenblasse Antlitz hinter der dunkeln Wolke ihrer schwarzen Schleier bergend, weinte, nein schrie sie zu ihr empor: »Nimm mich wieder zu dir, Mutter ... nimm mich zu dir! Ich habe kein – Heim mehr!« Und ohnmächtig glitt sie auf den Boden des Wagens herab. * Das waren seltsame Tage, die nun für Annemarie kamen. Dieses Erwachen in dem stillen, weißen Mädchenzimmer, das sie als strahlende Braut verlassen, um sich jetzt Stunde für Stunde darin eines Lebens zu entsinnen, das alle Qualen in sich geborgen, die eine Frauenseele nur erleiden konnte, und nun doch so befremdend hinter ihr lag, daß es ihr eines Tages vielleicht wie ein banger, ferner Traum erscheinen mochte. Wenn ich selbst schuldlos wäre! dachte sie. So aber fühlte sie, daß ihr auch hier kein Friede beschieden war, keine Ruhe, das Bewußtsein der eigenen Pflichtvergessenheit selbst den tiefen und reinen Schmerz um ihr Kind vergiftete. Und doch waren es Stunden voll seltsamer Weihe, die sie nun in der alten Stube verlebte. Wo jedes Möbelstück seinen Platz behalten hatte; jedes Bild noch immer an derselben Stelle hing – die Bäume, zu denen sie schon als Kind emporgeblickt, noch immer leise und verträumt vor den Fenstern rauschten. »Als wäre nichts geschehen unterdes!« dachte sie zuweilen mit einem wehen Stich im Herzen. Dann sah sie wohl nach dem alten Kruzifix, dessen weißer Heilandsleib nun doppelt geheimnisvoll in das Dunkel ihres Schmerzes hineinleuchtete. Daß sie lange, bange Stunden davor knien und beten konnte – oder in einem Anfall verzweifelnder Seelenempörung ihn anstarren und fragen: »Warum dies alles mir ?!« Doch der bleiche Dulder gab ihr keine Antwort mehr. Oder nur die eine, die auch er in letzter Stunde zu Gott emporgerufen ... Jenes geheimnisvoll-leise, gleichsam sprechende Geknister, das ihre reine Mädchenseele zur ersten und reinsten Liebe ihres Herzens entflammt – es lieh sich nicht mehr hören. Tönte nur noch in ihrer Erinnerung fort, wie die Stimmen der weißen, wundersamen Unschuldstage, die sie in dieser Stube verlebt. Daß sie mit brennenden Augen oft halbe Nächte lang schlaflos dalag – zwischen dem Schmerz um das Erlittene und der wieder erwachenden Sehnsucht nach jenem mystischen Erleben aus ihrer Vergangenheit. Doch keine Antwort kam ihr mehr. Keiner jener weißen Träume, die sie in das Wunderreich zurückführten, das er selbst ihr gezeigt. Allein mußte sie durchleiden, was sie ohne ihn auf sich genommen. Ganz allein ... Onkel Paul war der erste, der sich nach dem konfusen und verzweifelten Bericht Frau Krügers bei Annemarie einfand. Sie selbst hatte noch nicht die Kraft, das Haus zu verlassen. So elend fühlte sie sich. Einen Brief Wilhelms, der schon am nächsten Tag eingelaufen war, hatte Frau Krüger auf Annemaries Geheiß uneröffnet dem alten Juristen übergeben. Die ganze Tragödie ihres Lebens, alles, was sie stumm oder ahnungslos so lange erlitten und getragen, war ja jetzt nur mehr ein »Fall«, wie die Juristen sagen. Eine Streitsache, der es bestimmt war, einige Zeit hindurch in soundso vielen Aktenstücken, die zwischen dem »Verteidiger des Ehebandes« und den »Parteien«, hin und her wanderten, ein mehr oder weniger langes Leben zu fristen, um dann eines Tages den Grabesschlummer einer für Gott und die Menschen erledigten Sache anzutreten. So mochten sich auch die Berufenen allein damit befassen. Das feingeschnittene Antlitz tief herabgeneigt, so daß der goldene Knopf seines Gehstockes fast das scharf ausrasierte Kinn des alten Juristen berührte, saß Onkel Paul regungslos da und horchte aufmerksam auf das, was Annemarie zu erzählen hatte. Sie begann mit der ersten Treulosigkeit, der sich Wilhelm ihr gegenüber schuldig gemacht: den heimlichen Zusammenkünften mit seiner Jugendgeliebten. Wobei sie jedoch in einer fast ängstlichen Flucht vor den eigenen Gedanken den Verdacht, daß es schon damals zu einem ernsteren Vergehen gekommen sei, überzeugt und entschieden von sich wies. »Und deine Beweise für diese Lossprechung?« lächelte der alte Herr mit einem eigentümlichen Blick über seinen Stock hinweg. »Wie könnte ich Beweise für etwas beibringen, wovon ich bis zuletzt keine Ahnung hatte?« seufzte Annemarie müde. »Ich habe bloß die Empfindung gehabt, daß seine Beteuerungen damals so wahr und echt waren wie seine Reue.« »Und wie denkst du heute darüber?« wiederholte Onkel Paul mit anderen Worten seine Zweifel. »Noch so wie damals, und trotz alledem!« entschied Annemarie nach einigem Nachsinnen. »Es mag dir vielleicht seltsam erscheinen, aber – –« Der alte Junggeselle hob das Haupt und starrte eine Weile, leise vor sich hinpfeifend, in die grünen Wipfel hinein, die sich draußen im Sommerwind hin und her schaukelten. »Seltsam erscheint mir nichts mehr in diesen Angelegenheiten,« sprach er endlich achselzuckend in das Schweigen hinein. »Deine Perlen aber muß er damals doch bei ihr vergessen haben!« »Sie haben an jenem Tage in einem Restaurant miteinander gespeist. Dabei hat er ihr das Geschenk gezeigt, das er für mich gekauft, und die Perlen dann liegengelassen. So hat er es mir erzählt,« besann sich Annemarie. »Auch das Restaurant kenn' ich.« Der alte Jurist räusperte sich. »Möglich, möglich. Und vielleicht sogar um ihr zu zeigen, wie sehr seine Neigung für dich engagiert sei. Wobei ich die vierzig Jahre der Französin als mildernden Umstand gelten lassen will. Immerhin: Warum hat er überhaupt reagiert?« »Sie hat ihn ja bis in den Hörsaal verfolgt!« »Verfolgt ist gut,« murmelte Onkel Paul, »sehr gut! Wenigstens in diesem Fall. Und wie gesagt: immer ihre Vierzig vor Augen. Waren noch irgendwelche schöne Reste da?« »Eine schöne – ganz seltsam schöne Figur, – große, dunkle Augen – ein vornehm blasses Gesicht – ähnlich wie – wie Mela!« gab Annemarie mit zitternder Stimme zu. »Der ›Typus‹ also, wie mein Bauchredner sagen würde,« nickte Onkel Paul mit einem leisen Herabziehen der Mundwinkel. »Der unentrinnbare Typus! Der mit dem ›Archetypus‹ des Platon beginnt und im gemeinen Leben der hierzu prädestinierten Individuen dann unfehlbar immer dasselbe Unheil anstiftet. Mein Bauchredner würde deinen Mann also auch in diesem Falle vollkommen verstehen, wie du siehst.« »Auch entschuldigen?« fragte Annemarie scharf. »Das ist wieder ein anderes Kapitel,« murmelte Onkel Paul ausweichend. »Als Jurist brauch' ich zunächst nur die Fakta. Und illustrativ ist auch dieses. Also eine noch reizvoll alternde Französin. Mit der Zwangsvorstellung der Jugendliebe –« ›Ja – ja!‹ wollte es plötzlich laut aus dem wunden Herzen Annemaries hervorschreien. Wilhelms Benehmen am Weihnachtsabend fiel ihr ein. Das fast zynische Vergnügen, mit dem er von den Festabenden seiner Junggesellenzeit gesprochen. Aber zugleich schrie auch ihr Stolz auf. Bäumte sich ihr innerstes Weibgefühl gegen die Möglichkeit, in derselben Weise zweimal entwürdigt worden zu sein. Und ganz zuletzt sprach noch etwas für die Wahrheit seiner Worte: Damals hatte er sie noch begehrt; seit er Mela verfallen war, kaum mehr beachtet. Und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Laß dieses – dieses Faktum in die Vergessenheit sinken, Onkel, wenn du meinen Advokaten berätst,« bat sie mit gefalteten Händen. »Es soll keine – keine unsaubere Angelegenheit werden, wie die des Polen!« »Aber wir werden Indizien brauchen, mein Kind,« gab Onkel Paul zu bedenken. »Können gar nicht genug haben, um seinen Charakter nach dieser Seite hin zu profilieren! Noch kennst du nicht die Schwierigkeiten einer lückenlosen Beweisführung. Die Wucht eines plötzlichen und geschickten Einwandes von gegnerischer Seite. Die Klippen all der Pro und Kontras im Verfahren –« »Wie du meinst, Onkel,« gab Annemarie endlich mit feuchten Augen zu. »Aber doch nur dann, wenn es sich als unbedingt notwendig erweisen sollte.« Ihr stand der Abend vor der Seele, da sie, mit den Blumen Konrads in den Händen, heimgekehrt war und die Eifersucht Wilhelms sich wie eine einzige Flamme daran entzündet hatte. Das laute Schluchzen, mit dem er zu ihren Füßen niedergesunken war; die Versöhnung und die Nacht, die sie nach schwerer Trennung wieder vereint hatte. Der Sommer in dem stillen, hochgelegenen Alpendorf, in dem sie nur ihrer Liebe gelebt ... Die vom Gezirp der unzähligen Grillen erfüllte, schwüle Vollmondnacht, in der sie ihren armen Jungen empfangen. Und wie heiß die frühen Zyklamen und wilden Orchideen damals vom Waldrain zu den offenen Fenstern hereingeatmet hatten, wie laut und lebensvoll das blaue Alpenwasser draußen zu Tal geeilt war: Liebesgottesdienst – Lebensmusik! Und ein neues Wesen hatte dabei die Seele empfangen. Nun war das alles wie nie gewesen. Lag draußen, auf dem Friedhof, sechs Schuh tief ... Aber sie mußte stark bleiben. Eben deshalb ... »Das andere freilich hab' ich Wort für Wort selbst gehört,« sprach Annemarie mit tonloser Stimme weiter. »Kann ich alles beschwören – alles!« Und was Frau Krüger dem alten Juristen tags vorher nur in flüchtigen und verzerrten Zügen wiedergegeben, rundete sich in Annemaries sachlich klarer Darstellung nun allmählich zu dem Faktum, das nicht erst mühsam konstruiert werden mußte. »Indizium – Verdacht – Überführung – Punktum!« summierte Onkel Paul mit einem zufriedenen Kopfnicken, als Annemarie zu Ende war. »Selbst einen Zeugen hab' ich,« lächelte Annemarie müde. »Wenn auch nur dafür, daß die beiden richtig eine ganze Weile an der Stelle standen und sprachen, von der aus ich alles erhorcht hab' und erhorchen konnte.« »Aber das ist ja geradezu brillant!« rief Onkel Paul händereibend. »Vorausgesetzt, daß es sich um ein ganz einwandloses Subjekt handelt –« »Der alte General uns gegenüber! Er saß auf seiner Terrasse und sah einige Male nach den beiden hinüber.« »Alter Militär – um so besser! Nur –«, und Onkel Paul erhob sich – »wie hast du es über dich gebracht, dem Inkulpaten gegenüber so lange zu schweigen? Sein Haus zu verlassen, ohne ihm nur ein Wort ins Gesicht zu werfen? Das ist sonst nicht gerade Frauenart, soviel ich die –«, er räusperte – »die Weiber kenne. Und meinem Bauchredner hast du einen ungeheuren Respekt damit abgezwungen. Doch aber klafft mir da eine« – er hielt ein und sah nun scharf zu Annemarie hinüber – »eine Lücke! Und der Psycholog in mir wäre natürlich neugierig!« Annemarie fühlte förmlich, wie alles Blut in einem einzigen Augenblicke nach ihrem Herzen zurückebbte. So tief erschrak sie: Ihr Geheimnis – ihre Schuld! War es möglich, daß sie gerade für den zuerst offenbar wurde, dem sie ihre Sache in die bewährten Hände gelegt? »Du vergißt, daß mein – daß das Kind erkrankte und die – die Todesnacht zwischen meine erste Erregung trat und dann die – die Leiche!« Der alte Herr kniff die Lippen ein und starrte mit einem Male ganz angelegentlich seinen Stock an. »Und das ist so – plötzlich gekommen?« »Er weiß alles!« dachte Annemarie in ratloser Qual. »Er, der gewohnt ist, immer nur die Schuld zu suchen.« Sie seufzte auf. »Ja, – plötzlich ... o, so plötzlich!« Und schon strömten die Tränen über ihr Gesicht, verhüllte sie gleichsam vor sich selbst erschauernd, das Antlitz. Es war so gut wie ein Bekenntnis ... Eine Weile blieb es totenstill. Nur das Gesäusel der alten Akazien draußen lispelte leise zu den Fenstern herein: »Sss – Sss – sst!« Auch wie in Angst – und Schweigen gebietend ... »Du armer – Mensch du!« sprach Onkel Paul erschüttert in Annemaries Schluchzen hinein. »Du armer Mensch!« Dann sank die Hand des alten Mannes wie einst auf ihr Haupt herab, strich langsam und beruhigend über die goldbraunen Scheitel. Kein Wort mehr. Daß Annemarie wußte: ›Auch das ist nun begraben, und kein Mensch erfährt mehr etwas davon, ich wollte denn selbst –‹ Nur vor Gott stand noch ihre Schuld. Aber sie wagte nicht, darüber hinauszudenken ... noch nicht. »Du willst also los von dem Menschen, ganz los?« begann Onkel Paul nunmehr wieder sachlich. Annemarie nickte. »Und der Brief, den er dir gestern geschrieben hat? Wolltest du selbst ihn nicht lesen, oder hat es deine Mutter für gut befunden?« »Ich selbst wollte nicht!« klang es dumpf zurück. Über das lederne Antlitz des alten Juristen huschte ein ganz eigenes Lächeln hin. Ein Lächeln, das ihn fast schön und jung machte. »Das heißt, du – liebst ihn noch immer! Und fürchtest, von ihm wieder überredet zu werden. Ist es so? Sag'?« Annemarie schwieg. Aber die Tränen perlten nun auch zwischen den Fingern hervor, die das arme Antlitz verhüllten. »Ja, ja,« nickte der alte Jurist immer mit demselben Lächeln vor sich hin. »Das ist das Weib! In seiner ursprünglichsten, göttlichen Ausgabe ... wie ich selbst es aus soundso vielen Fällen meiner Praxis kennengelernt habe. Und eigentlich auch mein letzter Glaube. Donnerwetter.« Und er schlug fast irritiert mit dem Stock in die Luft hinein: »Wir natürlich machen uns das immer zunutze. So auch dein Herr Gemahl! Kein Wort der Reue oder Beschämung in seinem Brief! Nur die ewig alten Versicherungen und Beteuerungen der Liebe. Er kennt dich also.« Annemarie horchte auf, ließ die Hände sinken. »Dann ist es in diesen Tagen zwischen ihm und Mela zum Bruch gekommen!« entfuhr es ihr überrascht. »Und wenn?« forschte der Jurist. »Ich meine ... einstweilen ist die Sache noch unter uns. Nicht einmal einen Advokaten hab' ich noch für dich geworben. Nun?« Annemarie schüttelte das Haupt. »Nein, Onkel Paul! Ich kann nicht mehr zurück. Ein Grab liegt zwischen uns und so viele – so viele Lügen , daß er selbst erst sterben müßte, damit ich ihm verzeihen könnte.« »Also dann ans Licht mit den Schlangen,« sprach der alte Herr langsam. »An das Licht, an das wir selbst nicht mehr glauben –!« »Wie meinst du das, Onkel?« fragte Annemarie betroffen. Seine Hand fiel schwer auf ihre Schulter. »Kind, du! Glaubst du noch immer, daß das Leben so gelebt wird, wie es in den Büchern steht? Und die Gesetze Gottes und der Menschen es vorschreiben? Einmal haben wir Deutschen wenigstens darin uns vor aller Welt in die Brust werfen können. Nun –«, und er schüttelte leise das alte Haupt – »nun beginnen auch wir schon es so zu machen wie alle Welt. Wo sind die schönen Tage, da ich noch den frohen Glauben hatte an die Sinnes- und Herzensreinheit unseres Volkes? Und bei Kant und Fichte und Schelling auf den deutschen Idealismus geschworen habe? Die Zeit, die uns das rücksichtslos-verantwortungsvolle Ausleben der Persönlichkeit gelehrt hat – die ›das Recht des Stärkeren im Kampf ums Dasein‹ von der Natur in die Moral projiziert – ich seh' sie heute mit ganz anderen Augen an! Vielleicht ist auch das eine Altersschwäche, wie mein noch immer vorwitziger Bauchredner sagt. Aber – glaub' mir – das reinigende Gewitter wird nicht ausbleiben. Und je früher es kommt, desto besser für uns! Wie immer auch das importierte Ungeziefer heißt, das sich auf der Borke der deutschen Eiche eingenistet – ins Mark hat es sich ihr zum Glück noch nicht hineingefressen – noch nicht ... aber oft wird mir schon angst.« »Onkel!« rief Annemarie mit gefalteten Händen zu ihm emporsehend. »Du – du sprichst ja wie Edwin!« Er nickte müde, wie beschämt. »Leider erst, nachdem ich mein Damaskus hinter mir habe. Und nun, leb' wohl! Deine Sache wird noch heute in die besten Hände kommen!« * Kaum drei Wochen waren seit Onkel Pauls Besuch vergangen, und schon flammten die ersten Blitze des Gewitters, von dem er damals gesprochen, weithin sichtbar am Weltenhimmel auf ... Ein vor Kampfeslust gleichsam aufjauchzender Brief Edwins war gleich nach dem Mord von Serajewo eingelangt, noch bevor Edwin eine Ahnung von dem Geschick hatte, das die geliebte Schwester und mit ihr die Seinen daheim getroffen: Daß die ganze Armee, bis zum letzten Mann, dem das Bajonett über die Schulter guckt, förmlich lechze, wider die Mörderbande in dem ewig Zwietracht und Verrat säenden Serbien geführt zu werden, um den Tod des geliebten Prinzen zu rächen ... mehr noch, um den giftigen Umtrieben gründlich ein Ende zu bereiten ... Daß die Täter, wie alle Welt wisse, wohl bei Kragujewatz im Bombenwerfen unterrichtet worden, die eigentlichen Anstifter aber auch diesmal wieder an der Newa säßen und über den grünen Tisch hinüber, an dem noch immer die freundlichsten diplomatischen Händedrücke gewechselt würden, an den Belgrader Gesandten Instruktionen erließen, von denen bis an den San bereits jeder ruthenische Bauer in Kenntnis scheine – nur nicht unsere Diplomaten! Und daß man deshalb der festen Überzeugung sei, daß nach einer Kriegserklärung an Serbien sofort die ganze faule Bombe explodieren werde, die man bisher das »europäische Konzert« genannt ... »Und wißt Ihr, was mich besonders ergreift an diesem gewaltigen Gewitter, das nun unausweichlich heranzieht und dessen Donner zuerst über die Doppelgruft von Artstetten dahingerollt? Daß es, so ganz wie unser Nibelungenepos beginnt: mit dem Bund zweier Menschen, die sich über alles geliebt und Hand in Hand noch im Tode dagelegen sind – legendenhaft treu – legendenhaft schön! Ich hab' mir von einem Kameraden, der zur Bestattung kommandiert war, darüber einiges schreiben lassen. Wie der Vorgesang eines gewaltigen Epos – der erste Satz einer mächtigen Symphonie war diese Leichenfeier! Die Ankunft der beiden Särge unter den schon langsam im Donautal emporsteigenden Gewitterwolken – die bleichen Leidtragenden – die verstörten Priester – das Militär, das stumm bleiben mußte und doch kaum mehr an sich halten konnte ... Dann der von Baron Tinti über die Fährte nach Artstetten geleitete Zug. Der letzte Salut der Geschütze, der sich mit den ersten Donnern des Gewitters wie symbolisch vermählt, daß die Wellen der Donau ihr Echo talabwärts trugen, immer weiter, tiefer – nach Ungarn, Serbien – bis an das Schwarze Meer, von dessen Gestaden noch einmal die große, dunkle Mörderfaust herdroht – Rußland! Und dieses Donautal bei Artstetten selbst! Die alten Gemarkungen desselben ›Bechelaren‹, wo der treue Rüdiger gehaust und der ›Nibelungen Not‹ ihren Anfang genommen, die ›Nibelungentreue‹ so sieghaft sich bewährt ... Gott selbst hat an diesem Epos gedichtet, so mystisch schön, so legendenhaft dunkel ist schon sein Auftakt. Und darum kann dieses Epos nur der ›Weltkrieg‹ heißen, oder ich und wir alle haben nie gefühlt, was der Atem Gottes in der Geschichte ist! Heil uns, wenn Österreichs und Deutschlands Waffen sich in alter Nibelungentreue bewähren! Wenn der Weltenbrand uns wieder zu einem Volk von Brüdern zusammenschweißt – der tiefe Weltenfriede, der folgen wird und muß, uns dann rein und frei findet von allen Lastern und Krankheiten einer Zeit, die auch schon an unsere Seelen gegriffen: schwächend, vergiftend, zerstörend – Heil uns!« So weit Edwins Brief. Er war der bestürzten Mutter fast aus den Händen gefallen. Weiß Gott, wie sie ihn liebte, ihren Jungen! Wie nur die Möglichkeit seines Verlustes sie in tiefster Seele erzittern ließ. Verstört und kaum eines Wortes mächtig, hatte sie sich zu ihrem Gott geflüchtet. Annemarie, noch zu tief im eigenen Leid verloren, war nur eine halbe Zuhörerin gewesen. Hatte aber der Mutter, den erregten Zustand Edwins erwägend, aufs neue untersagt, ihm auch nur ein Wort von dem zu schreiben, was ihr widerfahren war, sie selbst nun durchleiden mußte. Sie kannte die Abneigung, die er gegen Wilhelm hegte, und fürchtete, daß Edwin Urlaub nehmen könnte und sich zu irgendeiner Tat des Hasses hinreißen lassen. Seitdem waren einige Wochen vergangen – scheinbar stille, friedliche Hochsommerwochen. Die Wiener wie sonst in ihre Alpen gefahren. Das äußere Bild der Stadt kaum verändert. Und doch war nun der ganze Horizont plötzlich ein einziges Wetterleuchten. Und in einer Gewitterschwüle, die etwas von der Erwartung des Weltgerichtes hatte, hielten Völker und Länder den Atem an. Das »Tier« der Apokalypse war dem Abgrund entstiegen! Wer weiß, wie bald nun auch ihre vier Reiter in dem dunkeln Gewölk einhergeflogen kamen: Krieg, Hunger, Pest und Tod ... Schon ging auch in den Straßen jenes seltsame Gewispel von Mund zu Mund, das wie Blättergesäusel vor einem großen Sturm ist. Gerüchte flogen auf – wurden bereitwillig aufgenommen – ungeprüft weitergegeben. Dann kam der Tag, an dem Österreich sein kurzbefristetes Ultimatum an Serbien stellte. Wieder hielt alles den Atem an, horchte auf. Aus dem Erinnern des Volkes aber begannen schon die Adler des Liedes aufzufliegen, das im siegreichen Wehen der Fahnen Österreichs da unten einst geboren worden: »Prinz Eugen, der edle Ritter, Wollt' dem Kaiser wiederum kriegen Stadt und Festung Belgerad!« Wem die Worte damals wohl zuerst auf die Lippen gesprungen, bis sie wie eine einzige Befreiung mitten in die Schwüle und das Schweigen hineinschlugen? Die Parole – der Wille, das Ziel eines ganzen Volkes? Es war auf einmal wieder da, das alte Lied, und ganz Wien sang, pfiff, trommelte es mit. Aus dem in den Liederbüchern für Volksschulen solange begrabenen Lied war wieder ein – Volkslied geworden! Es klang mit dem ersten fröhlichen Pfiff in den hellen Morgen hinein, der von der Donau herüberkam – mischte sich wie anfeuernd in den strammen Schritt der Wache, die vor der »Burg« aufzog, lebte zum Ärger aller Nachmittagsschläfer plötzlich auf allen Walzen der Werke wieder auf – klang geheimnisvoll im Takt der heimziehenden Burschen wider, die es in die schweigende Nacht hineinsangen. »Laß dich nicht länger verhöhnen, du greiser, ehrwürdiger Friedenskaiser. Wir dulden es nicht!« Ein ganzes Volk sang es seinem Monarchen entgegen mit dem Liede vom »Prinzen Eugen«. Und eines Tages las dasselbe Volk mit nassen Augen das »Manifest« seines geliebten Kaisers. Der Krieg war da! * Auch Annemarie fand keinen Schlummer in diesen Nächten, und die gewaltige Spannung, die draußen die ganze Welt in Atem hielt, erhöhte noch die Reizbarkeit ihrer Seele. Die fast göttliche Intuition, mit der sie draußen ein ganzes Volk für seine gerechte Sache einstehen sah, Schuld und Sühne, weckte die Vorwürfe, mit denen sie das eigene Gewissen belastete, zu immer stärkerem Ansturm auf ihre Seele. Mit brennenden Augen lag sie bis in den Morgen hinein wach – verzehrte sich in schluchzender Sehnsucht nach dem toten Kinde, das wie eine verwelkte Blume da draußen wieder Atom um Atom der Erde zurückgab – wieder »Staub« wurde – und mit ihm alles, o alles, was sie geliebt! Ganze Stunden brachte sie während des Tages auf dem stillen Friedhof zu, den die große Zeit, die sich draußen vorbereitete, fast um alle Besucher gebracht, daß die junge Mutter bald allein in der ganzen Reihe der Gräber stand, die der Tod seither aufgeworfen. Doch auch dahin folgte ihr das dumpfe Gefühl ihrer Schuld, der nagende Vorwurf: ›Es lebte noch, lachte und blühte noch, wenn du es damals nicht allein gelassen! Das Hündchen, das dich geholt, hat mehr Pflichtgefühl in seiner kleinen Brust gehabt als du in deiner auflodernden Leidenschaft und Eifersucht!‹ Und wenn sie dann heimkam und sich wie eine Gehetzte vor dem Kruzifix niederwarf, vor ihrem Kruzifix – da schwieg ihr auch Gott! Denn was sie den Menschen verheimlichen konnte, vielleicht durfte – er wußte es, er hatte es gesehen, er allein! Und er verzieh nur der Reue, sie wußte es, der demütigen Selbstanklage vor dem Priester. An dem Morgen nach einer solchen Nacht voll Zweifeln und Qualen erhielt Annemarie einen Brief Onkel Pauls, in dem er mitteilte, daß nun alles in die besten Wege geleitet sei, die äußeren Formalien erledigt wären und der erste Versöhnungsversuch für einen der nächsten Tage angesetzt. Weshalb er noch einmal mit ihr sprechen wolle. Wann er sie daheim treffe? »Ich werde selbst kommen!« telephonierte Annemarie sofort zurück. Dann machte sie sich eine ganze Stunde früher auf den Weg. Bevor die Hand der weltlichen Gerechtigkeit im »Sühnetermin« zum erstenmal zwischen ihr und dem Treulosen niederfiel, wollte sie selbst auch von aller Schuld gereinigt sein und wenigstens ihres Gottes Urteil hören. Der greise Priester, zu dem sie so lange die weißen Beichten ihrer Mädchenjahre getragen; der ihren Bund vor dem Altar eingesegnet und vielleicht in nächster Zeit auch im Namen der Kirche, der sie angehörte, und im Auftrag des Konsistoriums als Mitverteidiger des Ehebandes auftreten mußte – er sollte an Gottes Statt hören, was auch ihre Seele belastete. Schwer, so schwer, daß ihr nun zuweilen selbst die Schuld ihres Gatten nur wie ein übermütiger Streich dagegen erschien, der um so viel leichter zu vergeben und zu verstehen war. Ein Menschenleben – des eigenen Kindes Leben belastete ihre Seele! Vielleicht, daß Gott durch den Mund seines Priesters das Wort sprach, das sie entsühnte oder zum Geständnis zwang, auch der Welt gegenüber. Die Gerechtigkeit Gottes wollte sie reden hören, bevor sie es wagte, die der Welt entscheiden zu lassen. * Es war noch immer die alte Kirche auf dem weiten, hallenden Platz gegenüber der Schule, über deren ausgetretene Stufen auch ihre Kinderfüße einst auf und nieder getrippelt waren. Daneben der stille, graue Pfarrhof, über dessen Mauern so versonnen die Bäume des alten Gartens rauschten. Ein Stück Wien, wie man es weit, weit in der Vorstadt draußen noch heute trifft, in der uralten und doch so behäbigen Vorstadt, durch deren stille Gassen schon Beethoven und Schubert gewandert und sich noch heute darin zurechtfinden könnten – den »Himmelspfortgrund«, wie die ältesten Bürger sie noch heute gerne nennen, mit dem Namen, in dem die Erinnerung an ein uraltes Kloster zugleich mit einer der schönsten Legenden weiterlebt. Es war am späten Nachmittag, zwischen vier und fünf Uhr, als Annemarie nach langer Zeit zum ersten Male wieder in das stille Gotteshaus trat. Sie wußte, daß es die Stunde war, in der der alte Pfarrer an jedem Samstag die Beichte hörte, so pünktlich und gewissenhaft Jahr um Jahr, als die alte Turmuhr über ihm die Stunde schlug. Und Tränen traten ihr in die Augen, als sie, mitten aus dem flirrenden Geleucht des Hochsommertages in den kühlen Dämmerfrieden der Kirche tretend, schon von weitem das greise Haupt ihres einstigen Lehrers im Beichtstuhl sah – die Hände andächtig auf dem Brevier gefaltet, in dem er las, demütig und pflichtbereit dem Augenblick entgegenharrend, da eine Seele nach Gott schrie in ihrer Not ... Reuevoll und bis auf den Grund hatte Annemarie ihr Gewissen erforscht, bevor sie das Haus verlassen. Nun warf sie sich zu einer kurzen Anrufung des Höchsten noch einmal vor einem Altar nieder, bevor sie das Letzte und Höchste tat, was der Glaube ihrer Kirche von ihr forderte. Dann sank – nein, brach sie förmlich vor dem Beichtstuhl ins Knie. * Der Priester mußte schon bei den ersten Worten des Confiteor ihre Stimme erkannt haben. Denn eine flüchtige Bewegung zuckte durch seine Gestalt und schien das der Vorschrift der Kirche gemäß halbabgekehrte Haupt noch tiefer herabzudrücken. Er wußte wohl von der langen Seelsorge her, daß alle, die lange, lange nicht mehr gekommen waren, um dann eines Tages wie vom Sturm Gottes herangepeitscht so vor ihm niederzusinken, unendlich mehr hier abzuladen hatten als jene, die im Gleichmaß gottseliger Übungen dahinlebten; Stunde um Stunde ängstlich bedacht, auch nicht einen Schritt vom Wege zu weichen. Und sein Evangelium lehrte ihn, daß es gerade diese waren, über deren Rückkehr der gute Hirte frohlockte. Vielleicht hatte er sie schon von dem Augenblick verloren gegeben, da er ihre Hand in die des Mannes gelegt, der jedem positiven Glauben so fremd und feindselig gegenüberstand. Oder wußte er schon von dem, was sie erlitten hatte und nun anstrebte? Annemarie fühlte förmlich, daß ihre eigene Erschütterung sich auch dem Beichtiger mitgeteilt hatte, und zum ersten Male nach langer Zeit empfand sie wieder die jedem gläubigen Herzen so unsäglich tröstliche, ja fast wunderbare Gewißheit, daß der Mensch, zu dem sie da sprach, in diesem Augenblick ganz und restlos nur für sie da war und für ihren Kummer. »An Gottes Statt« sein Geschöpf zu hören. Schon das war ein Glück; ein so großes Glück nach all dem Schrecklichen, was ihr widerfahren, und dem noch Schrecklicheren, was sie bisher als eigene Schuld stumm und ratlos mit sich herumgetragen, daß ihre gleichsam erlöste Qual sich plötzlich in einem Strom von Tränen entlud, die heiß und brennend über ihr blasses Antlitz rannen und ihrem Herzen doch so unendlich wohltaten wie nichts, was die Menschen und sie selbst bisher zu ihrem Trost versucht hatten. »Ich weiß nicht, ob es Euer Hochwürden schon bekannt ist, daß ich meinen Mann verlassen mußte?« hauchte sie nun in das Ohr des Priesters hinein. Und von einer fast kindischen Angst ergriffen, daß der ehrwürdige Greis auch nur einen Augenblick über ihre Gründe im unklaren sein könne, stammelte sie hastig: »Nicht – nicht weil ich der schuldige Teil bin, bitte.« »Ich weiß schon einiges, amtlich,« nickte der Priester beruhigend. »Und hätte mir das auch nur schwer denken können von Ihnen. Sie waren ja immer ein so gutes und reines Kind. Und müssen diesen Mann wohl sehr – sehr geliebt haben, um vergessen zu können, daß er ein ausgesprochener Gottesleugner war! Aber bitte« – und sein Haupt neigte sich wieder ihren Lippen entgegen. »Entlasten Sie nur weiter Ihr Herz, der Heiland hat für jeden einen Trost, der in Reue und Selbsterkenntnis sich ganz zu ihm zurückfindet!« ›Jetzt – jetzt!‹ dachte Annemarie. Doch es war nicht mehr die Angst vor dem Bekenntnis, nur das Bangen vor dem Urteil Gottes über ihre Tat, das sie nun hören würde. Der oberste Richter aller Menschenwerke, auch derer, die sich vor dem Antlitz der Welt verbergen konnten, oder gerade noch entschuldbar waren – er selbst würde nun zu ihr sprechen, durch seines Priesters Mund. Er selbst! Und sie erschauerte ... Da tönte die Orgel, die den Nachmittagsgottesdienst begleitet, plötzlich laut in ihr Verstummen hinein. Das tiefe Schweigen um sie schien mit einemmal eine einzige Stimme zu werden, die auch wie ein großes Bekennen, eine gleichsam himmelstürmende Reue war, eine einzige Abbitte vor dem Reinsten und Heiligsten – Daß auch sie das Wort fand. »Dessenungeachtet muß ich mich vor Gott und Euer Hochwürden einer viel größeren Sünde anklagen, als es jene ist, die mir das Recht gab, meinen Gatten zu verlassen,« bekannte Annemarie mit langsam fester werdender Stimme. Mit einem Male nur mehr darauf bedacht, auch nicht das geringste zu vergessen, was ihr die Seele belastete; mit keinem Wort die eigene Schuld zu beschönigen, sich ganz und voll in tiefster Demut und Reue Gott zu Füßen zu werfen – – Bis sie nichts mehr zu sagen hatte ... Der Priester saß noch immer mit abgewandtem Antlitz da, wie es die Kirche gebot, regungslos, die Hände vor der Brust gefaltet. Und in das tiefe Schweigen, das einen Augenblick zwischen ihm und ihr hing, klang nun doppelt laut das Gebet der Gemeinde hinein, das unterdes den Gesang abgelöst hatte. Das Vaterunser! »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben –« Da nickte auch der Priester – leise, bewegt: »Achten Sie wohl auf das, was Gott selbst in diesem Augenblick mit der Stimme der Gläubigen in Ihre Reue hineinruft: ›Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‹ Was Sie ihm da soeben gestanden haben, aus tiefster Reue heraus und mit dem ernstlichen Vorsatz, es nach Kräften zu sühnen, – das ist eine jener Handlungen, die wir anderen Menschen vollkommen verstehen und entschuldigen. Ihr Herz war zerrissen von der Angst um den Verlust des Gatten – da vergißt sich einen Augenblick auch die Mutterpflicht. Das würde jeder Mensch begreifen und entschuldigen. Sogar der Paragraph des weltlichen Gerichtes, unter den Ihre Schuld fällt – ›die Versäumnis der pflichtgemäßen Obhut‹ – würde in Ihrem Falle hinfällig, weil Sie wie sinnesverwirrt waren von der Übermacht der Zweifel und Eifersucht, die alles andere für Ihr Besinnen zurückdrängten. ›Dämmerzustände‹ nennt die forensische Seelenkunde eine solche Verfassung und würde auch Ihren Fall darunter subsumieren. Sie für mehr als entsühnt erachten durch den Verlust, der als Folge dieses Versäumnisses doppelt wuchtig Ihre Seele treffen muß. Das wäre die Welt und ihr Urteil, vor dem Sie bestehen könnten. Wir gläubigen Christen aber wissen, daß Gott anders urteilt. Daß für unser Pflichtgefühl nie und nimmer eine solche ›Dämmerung‹ hereinbrechen darf. Daß wir bei allem Leid und jeder Sorge nie vergessen dürfen, daß wir fortwährend im Angesichte Gottes stehen – mit aller Verantwortung mehr an sein Gericht gebunden als an jenes der Menschen. Und vor seinem Gericht hat Ihr Versäumnis nun allerdings ein anderes Antlitz, darum weise ich auch Ihre Sühne nur an dieses Gericht. Und er selbst hat es zuvor mitten in Ihr Bekenntnis hineingesprochen: ›Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern ...‹« Er faltete die Hände noch inniger, schloß die Augen, lehnte sich zurück ... Wie schön dieses Greisenantlitz war in seinem tiefen, unbewegten Gottesfrieden! Sie dachte es ganz unwillkürlich. Aber wenn sie ihn recht verstanden hatte –?! »Ich kann nicht mehr zurück, Hochwürden!« stammelte sie unter einem neuen Strom von Tränen »Ich kann nicht!« Der Priester lächelte – leise, fein. So fein, als hätte er nicht nur diesen Widerstand vorausgesehen, sondern auch die Ohnmacht, in der er einmal zusammenbrechen würde. Und er schüttelte leicht das Haupt: »Das hab' ich Ihnen auch nicht zugemutet! Wenn ich Ihnen aber die Lossprechung geben soll und Sie vollkommen entsühnt entlassen, dann müssen Sie Ihrem Gemahl nicht nur vor Gott verzeihen, sondern ihm auch in Demut und Reue ihre eigene Schuld gestehen, wie Sie ihn seiner Schuld wegen vor das Gericht der Welt fordern. Das Kind war auch sein. Auch er hat es verloren durch Ihre Schuld. Und wenn er jener Unseligen auch versprochen hat, es um ihrer Liebe willen hinzugeben, wie sie sagten, so hat auch er nur in der Verblendung der Leidenschaft so gehandelt. Darum dürfen Sie ihn nicht für etwas bestrafen lassen, wofür Sie selbst keine Sühne geleistet haben oder leisten wollen. Verstehen Sie mich?« »Mein Gott – ja!« hauchte Annemarie gebrochen. »Aber wie – wo – wann soll ich ihm das sagen? Oder vielleicht in – in einem Brief?« »Hätt' ich Ihr Schuldbekenntnis brieflich angekommen?« klang es streng zurück. »Haben Sie ihm brieflich seine Schuld vorgehalten? Sie wollen ihn vor die Richter stellen! Vor Gottes Thron aber gilt für alle das gleiche Gesetz.« »Ich habe – habe in den nächsten Tagen den ersten Versöhnungsversuch,« stammelte Annemarie. »Vielleicht dort –?« Wieder lächelte der Priester – leise, wissend: »Gott selbst wird Ihnen den Weg zeigen ... Und vielleicht will er noch mehr damit!« Annemarie sah ihn an – »Daß Sie selbst der Stein seien, der mit seiner erdbelasteten Schwere gegen den anderen schlägt, damit ihm in letzter Stunde noch vielleicht ein letzter, göttlicher Funke entspringe!« ›Wie wohl mir ist!‹ dachte Annemarie, als sie auf die Straße hinaustrat. ›Wie leicht!‹ Und daß sie wieder den Menschen ins Antlitz schauen durfte! All den Müttern, die ihr entgegenkamen, die geputzten Kleinen an zärtlich-führender Hand ... Nur – Ob es Gott wirklich so gewollt hatte, als er in derselben Stunde, die ihr des Gatten Schuld enthüllt, sie selbst mit einer kaum geringeren an ihn gebunden hatte – noch einmal? Daß nun auch sie wie mit gefalteten Händen vor ihn hintreten mußte: »Vergib!« Wer Gottes Wege zu Ende sehen könnte! Und da war noch ein recht schwerer – der zu Onkel Paul ... ›Zu spät komm' ich auch noch,‹ besann sich Annemarie mit einem flüchtigen Blick auf die Uhr in ihrem Armband. Und der alte Herr hatte die Pünktlichkeit aller Juristen. Nahm in seiner Weise auch jedes Versäumnis übel. Sie beflügelte ihren Schritt, um zu einem Wagen zu gelangen – – * »Na, da bist du ja endlich,« sagte Onkel Paul, mit einem prüfenden Blick über ihr Antlitz. Er hatte soeben ein »Präludium« Bachs gespielt, den er seiner »Präzision« wegen allen anderen Komponisten vorzog. Bis in den Vorsaal hinaus waren die feierlich ernsten Klänge zu Annemarie gedrungen. Und auch auf dem Antlitz des alten Herrn schien noch etwas von ihrer Weihe zu liegen. Nun erhob er sich vom Flügel, führte sie an einen Stuhl vor seinem breit ausladenden Schreibtisch: »Setz' dich, mein Kind! Die Sache hat nämlich unterdes eine –«, er stockte, sah sie aufs neue prüfend an – »eine recht fatale Eile bekommen.« »Wieso?« fragte Annemarie. Er beugte das Haupt auf ein Aktenbündel, das vor ihm lag, faltete etwas umständlich einen Brief des Advokaten auseinander, dem eine andere Beilage entfiel, auf der Annemarie die Schriftzüge ihres Gatten erkannte. Onkel Paul rückte an seiner Brille, sah wieder empor: »Dein Mann mußte nämlich ansuchen, daß der – hm ... der erste Versöhnungstermin eine Notbefristung erfahre –« »Mußte?« fragte Annemarie betroffen. Und nun sah Onkel Paul sie voll an, fast durchdringend: »Weil er nämlich schon Dienstag auf den Kriegsschauplatz muß.« Annemarie griff wie schwindelnd um sich. »Er ist – einberufen?« »Du weißt ja, daß er gedient hat.« »So – rasch!« entfuhr es ihren Lippen. Onkel Paul zog, noch immer den Blick auf ihr Antlitz geheftet, langsam die Schultern empor. »Daran werden wir uns künftig noch mehr gewöhnen müssen. Und wer weiß, ob dieses ganze Verfahren angesichts dieser Eile noch einen Sinn hat? Jetzt–,« seine Stimme sank – »wo Tod und Leben nur mehr eine Welle sein werden! Aber du bist bleich geworden, Annemarie?« »Entsetz–lich!« klang es ihm tonlos entgegen. »Und nun – nun auch noch das! Es ist ein bißchen viel, Onkel. Und wenn ich es ihm ersparen könnte ... ich meine, wenn es sich doch irgendwie hinausschieben ließe?« Onkel Paul lachte. Kurz, trocken. Das typische Lachen seines Berufes. »Ein Termin? Man sieht, daß du noch keinen Prozeß geführt hast, Annemarie! Im Gegenteil, der eine Versöhnungsversuch wird nun wohl für alle drei gelten. Das liegt nicht nur in der Eile des Ausnahmezustandes, die nun alles beflügeln wird, sondern auch in der« – er sah sie wieder an, gleichsam wartend – »in der Tragik dieses Augenblickes, möcht ich sagen. Denn wenn du selbst angesichts dieser Situation unversöhnlich bleibst, wo dir in den nächsten Tagen vielleicht schon die nächstbeste Kugel den ganzen Prozeß ersparen und die volle Freiheit geben kann? ... Na, dann muß es dir doch wirklich ernst sein mit der Absicht, loszukommen.« »Und – er?« hauchte Annemarie mehr als sie sprach. Und ihr Blick verriet, daß ihre ganze Seele nur mehr diese eine Frage war ... »Ja so!« hüstelte der alte Jurist mit einem versteckten Seitenblick. Und während er das silberne Papiermesser zur Seite warf, mit dem er bisher scheinbar angelegentlich gespielt, und aufs neue nach dem Brief Wilhelms griff, sprach er: »Du willst, wenn ich dich recht verstehe, über die Gemütsverfassung des Beklagten orientiert sein? Nun –,« Onkel Paul hüstelte aufs neue ... »nach allem, was sein Vertreter dem deinen mitteilt und ich selbst zufällig heute von dem Verteidiger des Ehebandes erfahren habe, hegt er die feste Überzeugung, daß du dich erbitten lassen wirst, und besteht für sein Teil auf diesem Versuch. Obwohl du dich bisher geweigert hast, seine Briefe anzunehmen, und auch diese letzte Zusammenkunft – vorausgesetzt, daß du deine Klage aufrechthältst, eine, hm – eine recht empfindliche Demütigung für den berühmten Mann werden dürfte!« Die Hände qualvoll ineinander verkrampft, den Blick noch immer ins Leere gerichtet, saß Annemarie regungslos da. »Ich wollte dich also auf jeden Fall vorbereiten,« sprach Onkel Paul. »Und die betreffende Vorladung dürfte ja auch schon auf dich warten, wenn du heute heimkommst.« Annemarie schwieg noch immer. Nur ihre blassen Finger begannen leise zu zucken. Die noch vom Weinen geröteten Lider senkten sich immer schwerer und müder über die brennenden Augen ... »Diese Versöhnungsversuche pflegen nämlich zuweilen in einer Rührung unterzugehen, die durchaus nicht echt ist,« sprach der alte Jurist gleichsam sondierend weiter. »Und meist sogar nichts anderes als eine Überrumpelung des schwächern Teiles. Wobei dem Beklagten in Eurem Fall auch noch das Faktum der Einberufung zustatten kommt. Weshalb ich dir raten möchte, wenigstens nach dieser Seite so viel wie möglich mit dir selbst ins reine zu kommen. Denn so ernst, ja tragisch auch für jeden, der jetzt da hineinmuß, schon die nächsten Tage werden können ... wenn dein Herz dir sagt, daß du ihn schon jetzt ganz und für immer verloren hast, dann darf die selbst sichere Möglichkeit seines Todes dich absolut nicht in deinem Vorsatz beirren. Denn was man nicht mehr besitzt, kann man auch nicht mehr verlieren.« Er machte eine Bewegung, um wieder nach dem Papiermesser zu greifen, das dem alten Junggesellen in den vielen einsamen Stunden der Arbeit und des Nachsinnens wohl ein unentbehrliches Spielzeug geworden war. Doch ein neuer Blick in Annemaries Antlitz lenkte ihn ab. »Du bist aber so bleich, mein Kind, so bleich,« rief er besorgt. »Oder ist es nur die Hitze? Ich werde dir ein Glas Wasser bringen lassen oder sonst eine Erfrischung –« »Nicht, nicht,« bat Annemarie. »Nur jetzt kein fremdes Gesicht, ich bitte dich! Und –«, sie erhob sich – »glaube ja nicht, daß es die Möglichkeit seines Todes ist, die mich jetzt so ergreift oder – oder dann schwach werden ließe. Dazu hab' ich mir in all diesen Tagen zu oft gesagt, daß selbst sein Tod für mich und ihn besser gewesen wäre als ein Leben mit diesen Erinnerungen. Ich frage mich nur, wie es kommt, daß ihm – gerade ihm jetzt so gar nichts mehr an der Freiheit zu liegen scheint, die er nun haben könnte? Es – es muß also wohl zu Ende sein mit ihm und – und der anderen?« Und ihre Augen, groß und erwartungsvoll geöffnet, flüchteten wie die eines Kindes zu dem Mann, der so oft schon in den Abgrund des Lebens hinabgesehen hatte, an dem sie selbst zum ersten Male stand. »Und was würdest du dir davon erhoffen?« fragte Onkel Paul stirnrunzelnd. Sie atmete tief und schwer auf. »Für mich ist wohl alles zu Ende, Onkel. Aber er! Wenn er vielleicht noch zurückfinden könnte –« Der alte Jurist hatte nun doch sein Papiermesser erwischt. Und während er mit der flachen Klinge langsam und taktmäßig auf seinen breiten Daumennagel schlug, sprach er trocken: »Ich glaube dir schon einmal gesagt zu haben, daß ich die Mehrzahl meines Geschlechtes für Kanaillen halte. Und den wenigsten die sittliche Kraft zutraue, einmal auf dieser Bahn, wieder in die rechten Gleise zurückzufinden. Unsere Zeit hat zu viele Schlagworte nach dieser Seite ausgegeben, zu viele sittliche Werte zerstört. Wer einmal in der festen Überzeugung lebt, daß mit diesem Dasein alles zu Ende ist und er nicht nur keinen freien Willen hat, sondern auch keinen anderen Richter als sich selbst in diesen Angelegenheiten, dem wird es schwerlich gelingen, das frei gewordene Tier in sich wieder an die Kette zu legen. Dazu kommt die Suggestion des ich-süchtigsten Zeitalters. Wer glaubt heute keine Persönlichkeit zu sein? Nicht das Recht zu haben, diese Persönlichkeit ganz auszuleben? Und wenn dein Mann dir das nicht in irgendeinem Privatissimum schon gesagt hat, war er ohnedies noch rücksichtsvoll. Du siehst mich an? – Nun ...,« und der alte Herr lächelte – »ein Präjudiz soll ja damit noch nicht geschaffen sein. Aber glaub' nur ja nicht, daß ich dies alles bloß aus meiner eherechtlichen Praxis heraus deduziert habe. Ich selbst« – eine feine Röte stieg in die blassen Schläfen Onkel Pauls – »ich selbst habe mich ja auch einmal zu dieser – dieser, hm ... dieser ›Umwertung aller Werte‹ verleiten lassen ... danach zu leben versucht. – Bis es mir denn doch eines Tages klar wurde, daß ich dabei schön langsam in eine Gesellschaft geriete, die selbst meinem ›Bauchredner‹ zu schlecht wäre. Na, lassen wir's –,« und er warf sein Papiermesser auf den Schreibtisch zurück – »Aber wenn es jetzt bei mir da so einsam ist und so – so tödlich und herzbeklemmend still zuweilen –« Er verstummte, erhob sich und trat ans Fenster ... Im Innersten erschüttert eilte Annemarie dem alten Sonderling nach. Und während sie seine Hand ergriff, sprach sie leise: »Ich danke dir, Onkel Paul! Das – war jetzt groß von dir! Und wenn ich es vielleicht doch einmal bereuen sollte, trotz alledem anders gehandelt zu haben – müßt' ich immer zugleich voll Rührung und Dankbarkeit auch dieser Stunde gedenken. Denn mehr kann man nicht tun, als du getan hast, um mich zu – zu warnen. Nur –«, und zum ersten Male trat ein ganz leises Lächeln auch in ihre Züge – »nur hast du gerade damit das Gegenteil von dem erreicht, was du wolltest –« Das scharf profilierte Antlitz des alten Herrn, das, schon von der Dämmerung umwoben, blaß und kantig im letzten Licht stand, fuhr wie fragend herum. »Ja, Onkel Paul,« lächelte Annemarie still und unbeirrt weiter. »Denn nun sag' ich mir: Und wenn er einmal zu dem gleichen Ende käme? Vielleicht jetzt schon nah daran ist? Da soll er nicht auch so allein stehen mit – mit seiner Reue, Onkel Paul. Und wissen, daß auch ich etwas zu bereuen habe.« Es war zuerst ganz still, ganz still um die beiden. Dann begannen ein paar Fältchen in dem alten Antlitz zu zucken – erst um die Lippen, nun um die Augen – immer stärker und verräterischer – Mit einem leisen Kuß beugte Annemarie sich über seine Hand. Schon schritt sie der Tür zu. »Annemarie!« scholl es laut hinter ihr her. »Onkel?« »Tu also, was du mußt!« nickte er ernst. »Ihr Frauen seid der bessere Teil. Ich hab' es immer gewußt ...« Dann kam noch eine ganz leise, eine unsäglich rührende Bewegung seiner Hand, die sagte, was ein Mann nicht mehr bekennen konnte. * »Ich werde ihm also vergeben,« sprach sich Annemarie wie in einem Traum vor, als sie wieder auf der Straße stand. »Ihm, der dem Tod entgegengeht! Ihm vergeben, damit er mir vergebe und Gott uns beiden ...« Wie natürlich ihr das mit einemmal erschien, wie selbstverständlich und doch auch zugleich göttlich-erhaben. ›O heiliger Christusfriede!‹ dachte sie, wie von einem Unsagbaren angeschauert. Und da draußen lief eine Welt, die nichts mehr wissen wollte von ihm! – Und wieder schien ihr, als wehe eine himmlische Balsamkühle über sie hin. Es war wohl nur der Abend, der mit seinem frischen Atem nun auch den schwülen Großstadtbrodem zu durchsetzen begann. Sonst? Und sie starrte wie erwachend um sich: wie einfach und doch zugleich schreckhaft war dieses Leben mit einem Male wieder geworden! So auf die letzten Maße zurückgekommen in allem und für jeden. Diese Maschine, nein, dieses Kunstwerk, an dem Generationen gebaut und verbessert und herumgetüftelt hatten. Ein Werk, so kompliziert und doch so tadellos funktionierend, daß es keinem auch nur einen Augenblick eingefallen wäre, daran zu denken, ob sein Haus morgen noch aufrechtstehen, sein Geld noch den vollen Wert haben und das Korn, das draußen soeben unter der Sichel fiel, auslangen werde, einem ganzen Volke auch wirklich das Brot zu sichern? »Schräubchen um Schräubchen war nun das Meisterstück auseinandergefallen, und jeden Tag versagte ein anderer Hebel. Gerade noch, daß die letzten Nieten zusammenhielten. Und die großen, heiligen Einfachheiten, die in Gottes Hand ruhten, da waren sie wieder, nackt und bloß, wie am Anfang der Tage: das Leben, das Schicksal und der Tod! Die weite Welt aber plötzlich so klein geworden, daß jede neue Kriegserklärung der Angst und der Freiheit ein Stück Land mehr gleichsam unter den Füßen wegzog. Und die ganze Erde nur noch der bebende Schauplatz eines unerhörten Weltgerichtes schien. Wohl denen, die jetzt reinen Herzens sind! dachte Annemarie. Oder sich wieder zu ihrem Gott zurückfanden, wie sie. Mit kindlich gefalteten Händen vor dem großen Geschehen standen, in Andacht und schlichter Demut empfingen und hinnahmen, was kein Wissen jemals ganz ergründen, keine Voraussicht berechnen und ausklügeln, kein Wille bezwingen konnte: das Leben, das Schicksal und den Tod! Die aber in diesem Glauben nach dem Schwert griffen und die Fahnen vorantrugen – sie waren des Volkes wahre Führer! All die Hunderttausende, die in den weiten Gemarkungen Österreichs und Deutschlands dem Ruf der beiden Kaiser folgten, die zuerst in Demut und Andacht die Hände gefaltet und zu Gott erhoben hatten. Sie, die über die rücksichtslose Selbstsucht einer dünkelhaften Zeit wieder das göttliche Banner der Ehrfurcht und Liebe hinwegtrugen. Einer für alle und alle für dieses große, einzige Heiligtum, das alles in sich barg, was sie liebten: die Heimat! Und – er? Der auch nur mehr zwei Tage Zeit hatte, sich zu besinnen? Vielleicht in einem ahnenden Erschauern vor dem Tod, der nun für alle bereit stand, nach ihr die Hände streckte – zum letzten Male vielleicht? »Vergib!« Zwei Tage noch ... Sollte sie ihn wirklich so lange warten lassen? Wie hatte der Priester zu ihr gesagt? »Seien Sie selbst nun der Stein, der durch seine erdbelastete Schwere gegen den anderen schlägt, damit ihm, in letzter Stunde noch vielleicht, ein letzter, göttlicher Funke entspringt ... Gott selbst wird Ihnen den Weg zeigen.« Er hatte ihn ihr gezeigt! Führte sie nun selbst weiter: mit ihren Gedanken, ihrem Willen, ihrer plötzlich in einem einzigen Verstehen und Mitleid aufflammenden Liebe. Und was sie nicht für möglich gehalten, bevor sie gehört, daß die große Zeit nun auch den, der sie betrogen, für eine große Tat und vielleicht für den Tod fordere – es stand nun plötzlich so klar und bestimmt vor ihr, daß sie nichts anderes mehr sah und fühlte: Zu ihm – jetzt gleich! Ihm zu vergeben, ihm zu gestehen – mit ihm zu sein in dieser Not! Gottes Weg war der ihre geworden. * Es war fast dunkel, als der Wagen, den Annemarie genommen, um in den stillen Vorort hinauszufahren, die letzten Straßen der Stadt durchflog. Schon flammten da und dort in magischem Glanz die Schauläden auf. Die Blumenverkäuferinnen hielten wie sonst ihre duftenden Lasten feil. Die Reihe der Wagen und Autos schien kein Ende zu nehmen. Auf den Bürgersteigen zogen wie sonst die Menschen heim – schöne Mädchen, geputzte Frauen. Aber kein Lächeln war mehr auf ihren Lippen, schreckhaft groß alle Augen geöffnet und alle von diesem einen, schaudernden Blick ins Ungewisse: Wem wird uns der nächste Tag von der Seite reißen? Wann fährt der Blitz auch in unseren Frieden? Mütter, Töchter, Bräute waren es, Wiens Frauen, seine Anmut selbst. Aber sie lächelten nicht mehr. Auch nicht eine! Es war das Wien von gestern und doch schon ein ganz anderes Wien ... Vor den Kaffeehäusern saßen die Menschen wie sonst. Aber jeder stumm und gleichsam erstarrt über irgendeine Zeitung gebeugt. Und da klang es ja auch schon wieder aus irgendeiner Straße hervor: »Extra – Ausgabe–ee!« Und die Leute stürzten förmlich dem Rufer entgegen, fielen über ihn her, hielten die flatternden Blätter in den Lichtschein der nächsten Laterne oder Lampe, riefen den anderen zu, was aufs neue die Welt erschütterte. Lasen es selbst noch einmal – verstummten. In einer solchen Straße und in dem plötzlichen Atemanhalten dieser Erwartung war es, daß Annemarie eine von der Wucht all dieses Geschehens förmlich erdrückte Stimme wie vernichtet sagen hörte: »Das ist nun schon die zehnte Kriegserklärung ... an einem Tag!« Als hätte die heimlich erschauernde Seele der Menschheit es selbst vor sich hingesprochen – erschauernd vor all dem Blut, vor all dem Leid, das nun über die Kreatur kam ... Plötzlich ein lautes, vielhufiges Getrappel. Der Boden erdröhnt – Autos und Wagen biegen rechts und links ab – erschrockene Kinder laufen laut kreischend über die Straße – Requirierte Pferde! Koppelweise führen sie die reitenden Soldaten mit sich. Schöne, große, wohlgenährte Tiere, die mit erschrockenen Augen wild fragend um sich schauen; mit einem letzten Blick noch einmal nach dem Stall suchen, in dem es ihnen bis heute wohl gewesen. Sie können nicht sprechen – sich nicht wehren, das Schicksal, das die ganze Welt in einen Wirbel hineingezogen, hatte plötzlich auch in den stummen Frieden der Tiere hineingegriffen – reißt sie mit sich, dem Menschen nach, dem sie dienen, dem Tod entgegen, der sie mit ihm erwartet – irgendeinem fürchterlichen Geschehen, von dem ihre sanften, frommen Augen noch keine Ahnung haben. Da ist eines, das sich auch jetzt nicht dem fremden Willen unterwerfen, der noch unbekannten Hand fügen will. Es wirft laut wiehernd den Kopf herum und trägt den Husaren, der es reitet, unter das Tor zurück, in dem noch sein Herr steht – ein rüstiger Metzger, dem die Rührung sonst gerade nicht das Herz weich macht. Nun aber wischt er sich mit dem Handrücken rasch die Augen trocken: »Geh' nur wieder, Hansl, geh' ...« Und sein Blick ist so verstört wie der des Tieres. Selbst der Husar ist weich geworden, tätschelt den Hals des Pferdes, klopft seine Flanke: »Na, – vorwärts, Kamerad!« Zu Kampf und Tod vereint, der Mensch und das Tier! Dasselbe Schicksal für beide. Wie schlicht und groß das Leben mit einemmal für alle geworden ist, denkt die schwarzgekleidete Frau in dem Wagen und faltet unwillkürlich die Hände ... * Am Ende des alten Gartens ließ Annemarie halten. Nur wenige Schritte von der Stelle, an der sie den Gatten belauscht hatte. Der Kutscher bekam den Befehl, sie zu erwarten. Langsam und in wehmütiger Andacht nahm sie den Weg, über den das Schicksal für drei Menschen einhergekommen war. Noch gestern wär' es ihr unmöglich erschienen, jemals in ihrem Leben wieder diese Straße zu gehen; auch nur mit ihrem Kleid den Boden zu streifen, der ihr Glück erblühen und so jäh versinken gesehen ... noch einmal vorüberzukommen an dem verlorenen Paradies, aus dem eine zitternde Kinderstimme so bang und vorwurfsvoll nach ihr weinte ... Nun geschah es doch. Und es war Gottes Weg, den sie da ging: seine Kraft, die sie stärkte, daß sie ihn gehen konnte. Sein Gericht, das sie führte. Die Zweige der uralten Bäume nickten leis auf sie nieder. In den Büschen wispelte die Nacht. Der scheue Duft der Violen, die auf dem großen Beet vor der Terrasse blühten, stahl sich mit dem Abendwind an sie heran und kämpfte ihr aufs neue das Herz zusammen. Daß Annemarie wieder die Augen ihres Kindchens zu sehen meinte, die auch so violenblau gewesen. Und jenen letzten, furchtbar ernsten, gleichsam wissenden Blick: ›Gott hat mich in eure Arme gelegt – und ihr ließet mich fallen!‹ Meine Schuld – meine eigene Schuld! Wie ein Schwert fuhr das wieder durch ihre Seele, zwang sie, das Haupt zu neigen, in Demut und Reue, daß sie bis ins Innerste fühlte: ›Ich komm' nicht nur zu vergeben; auch abzubitten komm' ich. Und schuldbelastet, wie er.‹ Ob er daheim war? Und wie es nun wohl aussah in dem stillen Haus, das einmal ihr Daheim gewesen? In dem sie einen Mann über alles geliebt, einem Kinde das Leben geschenkt und es wieder verloren hatte? So leicht hatte sie sich's in der ersten, jäh aufflammenden Empörung gedacht, dies alles zu verlassen, zu vergessen, es eines Tages vielleicht von sich zu weisen, als wär' es niemals gewesen. Nun stand es wieder vor ihr. Diese eine, einzige Wirklichkeit! Groß, unabweisbar, unverrückbar. Nicht mehr und nicht weniger als ihr eigenes Leben ... Annemarie wußte, daß Bubis Mädchen gleich nach ihr das Haus verlassen hatte. Die Treue hatte es ihr selbst geschrieben. Ohne einen näheren Grund anzugeben. Vielleicht aus der bloßen Empfindung heraus, daß ihres Bleibens nicht länger in einem Hause sei, dessen Herrin vom Grab des Kindes weg den Gatten verlassen. Sonst wußte Annemarie nichts mehr von dem Haus, in das sie nun trat, und das doch einmal auch das ihre gewesen war. Nicht einmal, wer ihr die Türe öffnen würde, wußte sie nun ... * Das Gartenpförtchen war nur angelehnt, als Annemarie läuten wollte. Vielleicht hatte die neue Magd für einen Augenblick das Haus verlassen – oder er selbst war noch im Garten. Leis und wie angeschauert stieß Annemarie das Türchen auf und trat ein. Alles still ... Nur der Springquell, der in dem kleinen Birkenrondell seinen schimmernden Strahl steigen ließ, plätscherte hörbar durch das tiefe Schweigen. Der Rasen mußte frisch geschnitten worden sein. Denn der süßlich-herbe Duft gemähten Grases schien die Luft noch schwüler zu machen. Die Schwalben, die ihr Nest unter dem Windfang hatten, piepsten wie träumend in die Nacht hinein. Kein Laut sonst. Und alle Fenster dunkel. Langsam und beklommen stieg Annemarie die teppichbelegten Stufen empor – stand in der Halle. Durch die geöffnete Tür quoll ihr der Atem der Blumen entgegen, die sie selbst in den Kistchen auf der Terrasse gezogen: weiße Lilien und glorienfarbige Hängenelken und die großen, buntleuchtenden Edelwicken. Das mochte nun alles ein einziges Blühen sein! Über die knospenden Ranken war ihr Kindchen in die Arme des Todes gefallen ... Sie mußte eine Weile stehenbleiben, um nur wieder weiter zu können. So weh tat ihr das Herz; schien alles wieder wie eine einzige Gewalt gleichsam fühlbar auf sie einzudringen, sie zurückzustoßen: Weck' nicht die Furien, die auf dieser Schwelle schlafen – kehr' um! Sie hörte es förmlich. Aber es war Gottes Weg. Sie mußte ihn gehen. Der Mond, der draußen alles mit seinem blauen Licht überglastete, starrte ihr wie fragend in das blasse Gesicht. Nun brauchte sie kein Licht mehr. Dort war die Tür zu seiner Stube! Und war er nicht daheim, dann wollte sie sich an seinen Schreibtisch setzen wie einst und auf ihn warten wie so oft. Ach, daß sie ihm nichts anderes zu sagen hatte! * Die Stube lag ganz im blauen Licht des Mondes, und mitten in diesem Licht saß er selbst – wie ein Schatten: lang, schwarz, regungslos. Nicht einmal das Haupt hob er, als Annemarie eintrat. So versonnen saß er da. Oder er glaubte, daß es die Magd sei. Wie das Pochen eines ängstlichen Herzens hämmerte das Getick einer Uhr durch das tiefe Schweigen ... Da rief sie ihn an: »Wilhelm!« Er fuhr empor, sank aber sofort wieder auf seinen Stuhl zurück, mit beiden Händen die Lehnen umklammernd, dann strich er wie träumend über die Stirne hin – fassungslos, den eigenen Augen mißtrauend. »Wilhelm?« sprach Annemarie noch einmal. Nun merkte er doch, daß es Wahrheit sei. Ein jäher Ruck ging durch seine Gestalt, riß ihn empor. Dann lief ein Zittern über seine Glieder – fragte wie ein letzter Zweifel noch aus seiner Stimme heraus: »Annemarie ...! Bist du es wirklich?« Und auch in ihr horchte es auf: gespannt, ängstlich. Wie ein letzter Glaube, der fürchtet, noch einmal betrogen zu werden. Doch er log nicht. Diesmal wenigstens nicht. Sie, fühlte es. Sein ganzes Herz zitterte aus seiner Frage, jubelte wie fassungslos in seiner Stimme auf: »Du!« Und sein Fuß hatte nicht die Kraft, ihr entgegenzugehen; auch nicht einen Schritt. So tat sie es selbst. »Ja, Wilhelm, ich bin es.« »Und warum – kommst du – Annemarie?« Langsam, Wort für Wort fiel es in das Schweigen hinein. Als bange er, daß schon ihr nächstes Wort wieder alles zerstören würde, was sein zages Hoffen an ihr Erscheinen band. ›Wie in einem Traum ist mir,‹ fühlte Annemarie. ›Als wär' ich gar nie fortgewesen oder eben erst heimgekommen. Und doch weiß ich, daß ein Abgrund zwischen mir und ihm liegt – so wenige Schritte uns auch trennen. So helfe mir Gott, daß ich darüber hinweg komm'. Und stark und wahr bleibe bis zuletzt!‹ Hastig schlug sie den dichten, schwarzen Schleier zurück, atmete tief auf, streckte ihm, wie in einem letzten Zögern, langsam die Hand entgegen: »Man hat mir gesagt, daß du noch immer auf mein Verzeihen hoffst, Wilhelm. Dein Glaube soll dich nicht betrogen haben. Ich will meinen Schwur halten, bis zuletzt.« Er machte eine Bewegung, ihre Hand zu ergreifen, hielt aber, gleichsam überwältigt, noch einmal an sich. »So viel willst du mir ersparen, Annemarie? Kommst selbst, es mir zu sagen? Annemarie!« Und nun griff er mit beiden Händen nach ihrer Rechten; hielt sie fest – krampfhaft fest. Vom Haupt bis zu den Füßen eine einzige Erschütterung. »Wie soll ich dir das jemals danken, Annemarie?« Seine Stimme versagte. »Aber setz' dich doch!« bat er, mit einer unbeholfen-verlegenen Bewegung den schönen Barockstuhl heranrückend, in dem sie ihm so oft hier gegenübergesessen. »Da hinein setz' dich, noch einmal. Wenn ich – wenn ich glauben soll, daß du wirklich verzeihen kannst.« Sie ließ sich nieder, faltete die Hände im Schoße – sah an ihm vorüber in die Nacht hinaus. ›Alles wie einst!‹ fuhr es durch ihre Seele. ›Nur das süße Stimmchen wird nie mehr laut werden da drüben. Nie mehr –‹ Und wie von einem Frost geschüttelt, zog sie die Schleier um sich. »Hat man dir – dir gesagt, daß ich einberufen bin?« fragte er leis und gleichsam wartend in ihr Schweigen hinein. Annemarie nickte und sah ihn an – voll, ganz, zum ersten Male: »Ja, Wilhelm! Aber glaube nicht, daß ich nur deshalb gekommen bin oder – oder gekommen wäre!« sagte sie ruhig. Und als sein Blick fast schmerzlich in den ihren hineinfragte, sprach sie fest: »Weil ich gekommen bin, dir nicht bloß zu vergeben, sondern auch dich selbst um Vergebung zu bitten!« Er lehnte sich zurück, sah sie an. Und etwas in ihm schien zu erstarren. »Annemarie?!« Sie glaubte seine Gedanken zu erraten und schüttelte leise das Haupt. »Du tätest mir unrecht, Wilhelm! Aber selbst eine Untreue wäre noch nichts gegen das, was ich dir abzubitten habe –« »Du – mir?« Und er beugte sich vor, spähte besorgt und erregt in ihr Antlitz, wie zweifelnd, ob sie auch noch wisse, was sie da sage. Grabesstill war es einen Augenblick um die beiden. Und der Mond legte einen blassen Strahl zwischen sie, der so geheimnisvoll zitterte wie das Unnennbare, das nun in ihren Seelen nach Worten rang ... »Den Tod unseres Kindes!« sprach Annemarie erschauernd. Er lehnte sich zurück – starrte sie an. Und sie sah, er begriff es nicht. »Du – Annemarie?« Sie nahm alle Kraft zusammen. »Doch, Wilhelm, doch! Als ich, von meiner Eifersucht getrieben, hinter dir und der – der anderen her war, da ist es geschehen! Das Kleinchen war allein, ganz allein unterdes. Als ich zurückkam, hatte es sich im Wägelchen aufgerichtet. Dann sah es mich kommen – beugte sich über die Brüstung der Terrasse, mir entgegen ... So ist es dem Tod in die Arme gefallen!« Seine Augen waren groß und weit geworden. Sein Antlitz totenblaß. Nun kam wieder Bewegung in seine Züge, wie über ein einziges, erschütterndes Begreifen: »Annemarie – du Ärmste! Was mußt du gelitten haben, in dieser einen Nacht!« Sie konnte nicht sprechen. Aber ihre Tränen erzählten es aufs neue. Diese heißen, großen Reuetränen, in die der Mond hineinleuchtete, daß sie wie Perlen waren, die von den Fingern Gottes glitten ... »Und mich – mich willst du deshalb um Verzeihung bitten?« murmelte er, beide Hände vors Antlitz legend. »Ach! Es ist ja doch nur wieder meine Schuld!« Sie schüttelte heftig das Haupt. »Nein, Wilhelm, nein! Das weiß ich nun genau.« »Auch das Gewissen kann uns täuschen, Annemarie,« sprach er nach einer Meile tonlos. »Schau,« – und er griff aufs neue nach ihrer Hand, streichelte wie tröstend darüber hin – »nun sitz' ich da und glaube vielleicht, daß ich wieder ein anderer bin. Aber« – und seine Stimme stockte – »wär' ich es auch, wenn man mich nicht selbst betrogen hätte?« Annemarie begriff, daß er Mela meinte. Doch sie schwieg. »Und wie – wie ist dir das gekommen?« fragte er nach einer Weile, gleichsam tastend. »Diese Kraft, nicht nur zu vergeben, sondern auch –?« »Von selbst kommt uns diese Kraft wohl nie, Wilhelm.« Er legte das Antlitz in die Hand, starrte vor sich nieder. »Die gibt nur Gott, Wilhelm!« sprach sie laut und innig. Er fuhr empor, sah sie an und Annemarie glaubte zu bemerken, daß sich das alte Lächeln kühlen Hochmutes um seine Lippen legen wollte. »Nur Gott, Wilhelm!« wiederholte sie fest und mit einer Stimme, in der ihre ganze Seele zu vibrieren schien. »Und wenn er mich nicht zu dir geschickt hätte –« Er starrte sie noch immer an ... »Dann hätte auch ich in der Lüge weitergelebt wie du. Und mit mir und den anderen weiter Komödie gespielt, in dem Glauben, auch dazu ein Recht zu haben. Nur er gibt uns die Kraft, in Demut alles zu bekennen und die Reue, die sich an die Rechenschaft vor ihm gebunden fühlt – einmal, dort oben ...« Ihre Stimme brach. Aber in den großen, schönen Augen, die voll und weitgeöffnet in die Nacht hinausstarrten, stand das Bild des Mondes wie eine Antwort des Himmels. Wilhelm hatte sich langsam erhoben. »Du bist also wieder – so weit, Annemarie?« »Sonst hätt' ich wohl nicht weiterleben können, Wilhelm.« »Ja,« nickte er, gleichsam bestätigend vor sich hin. »Darin war er immer groß, dein Gott! Vergiß aber ja nicht, daß es immer nur die Schwachen sind, die er so niederwirft. Um ihnen dann die eigene Ohnmacht als ein Gefühl der Stärke vorzutäuschen –« »Auch wenn diese Ohnmacht die einzige Lebensmöglichkeit ist, Wilhelm?« rief Annemarie, wie beschwörend. »Täusche dich nicht weiter! Wenigstens nicht in der Stunde, in der sich auch vor dir der Tod aufrichtet.« Er war ans Fenster getreten und sah mit verschränkten Armen in die Nacht hinein. »Der Tod, nun ja ...,« wehte es durch die Stille zu ihr herüber. »Aber ein Mann bricht davor nicht zusammen, Annemarie.« »Und was weißt du von ihm?« fragte sie laut zurück. Er zog die Schultern empor, ließ sie wieder sinken. Sie erhob sich, trat ganz nahe an ihn heran: »So habe wenigstens vor ihm Ehrfurcht, Wilhelm. Die Ehrfurcht, die du weder für unsere Liebe gehabt, noch für das junge Leben, das Gott in unsere Hände gelegt. Die Ehrfurcht, die jeder haben muß, wenn er eines Tages vor sich selbst bestehen soll!« Er ergriff ihre Hand, hielt sie fest: »Was soll ich dir darauf erwidern, Annemarie? Ein Mann wirft so leicht nicht von sich, wofür er ein ganzes Leben lang eingestanden ist. Aber« – und in seine Stimme kam ein leises Beben ... »etwas geb' ich dir zu: Wir sind vielleicht allzu – allzu siegesgewiß in dieses Leben hineingestürmt und haben vergessen, daß es doch für jeden vor einem – Abgrund endet. Wenn du mit diesem Bekenntnis zufrieden bist –,« er atmete tief auf – »so weit war ich schon, bevor du kamst!« »Dann will ich Gott dafür danken, alle Stunden und bis er dich wieder in meine Arme legt!« schluchzte sie auf. »Und jetzt – leb' wohl!« »Du – läßt mich allein?« stammelte er zurückfahrend. »Jetzt?!« Die Hände wie zum Gebet gefaltet, blickte Annemarie ihn an. »Ja, Wilhelm! Weil ich fühle, daß Gott es so will. Und wir beide einsam bleiben müssen, gerade jetzt! Um die ganze Größe dieser Zeit zu erfassen und würdig zu werden für ein neues Leben. Glaube nicht, daß ich deshalb aufhören werde, dein zu bleiben! Aber noch steht ein – Toter zwischen uns –« Ihre Stimme brach. Fremd und wie erstaunt, diese Worte in den Raum hineinsprechen zu müssen, in dem einst ihr ganzes Glück daheim gewesen, sah Annemarie um sich ... »Gib mir wenigstens deine Hand – deine liebe Hand!« bat er mit einem dumpfen Aufschluchzen. Und sie gab sie ihm noch einmal, wie damals, am Altare. * Unerhörtes, Unsägliches war über die alte Erde hinweggegangen. Aber nun blühte doch wieder der Frühling! In Nord und Süd, in Ost und West hatte man den heiligen Mutterboden zu klaffenden Spalten aufgerissen und sie mit Blut gedüngt und mit Toten angefüllt, als sollte sie künftig keine anderen Ernten mehr bringen. Und nun sproßte doch wieder die junge Saat empor, die in gesegneten Halmen der Menschen Brot barg! Geschöpfe, die halbe Tiere waren, hatte der Feind ins Land geführt, und sie hatten schlimmer als Tiere gehaust und gewütet – Brand und Mord und Raub und Schändung von einer Gemarkung zur anderen tragend ... Aber nun spielten doch wieder die Kinder im Freien, flochten Kränze aus den ersten Blüten des Frühlings und sangen mit den jungen Vogelstimmen, als wär' es ausgemacht, daß die Tage, die nun kamen, wieder nur den Liedern und den Blumen und den Vögeln gehören sollten! Noch lag die ganze Welt im Ungewissen, was die nächste Zeit bringen werde. Ob den Frieden oder ein weiteres Jahr voll Blut und Schrecken? – Aber da gingen schon wieder die jungen Liebespaare Hand in Hand durch die blaue Dämmerung und bauten ihr künftiges Nest mitten zwischen die Sterne hinein! Auch in der alten Schenke, die auf der Straße nach Grinzing stand, dem noch älteren Wegkreuz gerade gegenüber, fiedelten wieder die Musikanten, und der blaue Flieder blühte so dicht über die Hecke hinweg, als hätt' er überhaupt nie zu blühen aufgehört. Eine in tiefste Trauer gekleidete junge Frau, die eben aus dem schmalen Hohlweg heraustrat, blieb wie mit einem Ruck stehen. Aber nicht, weil das lustige Gefiedel ihr allzu laut entgegenklang, das Lachen der Zecher zu roh und entweihend in den Schmerz hineinschrie, den sie auch hier mit sich trug. Der blasse, stille Christus auf dem Wegkreuz dort hemmte plötzlich ihren Schritt, peitschte das Erinnern in ihrer Seele auf; daß die einsam Dahinwandelnde, die vielleicht ganz absichtslos wieder auf diese Straße geraten war, mit einem Male wußte: ›Hier bin ich schon einmal gewesen! Habe gebetet und Blumen niedergelegt. Und wie so anders war alles damals!‹ Und wenn Zither und Fiedel und »Klampf'n« jetzt drüben noch einmal so laut geklungen hätten und die »Samstag-Abend-Hetz« der durstigen Wiener noch einmal so hell aufgejauchzt – die blasse, stille Frau dort hätte doch nichts mehr den Gedanken entreißen können, die sie bestürmten, als sie nun wieder an diesem Kreuze stand: sich der leisen Stimme entsinnend, die zu Füßen desselben Christusbildes schon einmal in ihrer Seele laut geworden, sie förmlich ermahnt hatte, sich alles wohl einzuprägen hier. Als würde sie es eines Tages wiedersehen und in einer Stunde, die an einer Wende ihres Schicksals schlug. Es war Annemarie ... Aber was konnte ihr jetzt noch ein Schicksal werden? Nun das Gewitter über so viele schon hingestürmt war, auch über sie! Ihnen allen nichts zurückgelassen hatte als Gräber und Tränen und, wenn es gut ging, irgendein schüchternes Hoffen in ein neues Leben hinein? Und wie eine Erwachende schüttelte sie das Haupt. Sie hatte nichts mehr zu erwarten! Sich bloß noch zu besinnen, was sie künftig mit ihrem Leben anfangen wollte ... Tief unten in Serbien, bei Valjewo, war ihr Mann gefallen und gerade noch sterbend den Händen des entmenschten Feindes abgerungen worden. Schon auf der Schwelle des Todes aber hatte er seinem Burschen ein einziges Wort für sie auf ein Blatt Papier geschrieben: »Gott!« Der heiligste Abschiedsgruß, den er ihr senden konnte – der Friede für ihn und für sie. Und nach ihm war Edwin gefallen – in den Karpathen. Und hier? Ach! Hier hatte das Wägelchen mit ihrem Kindchen gehalten, das nun dort drüben auf dem Döblinger Friedhof lag. Und nichts, nichts mehr stand auf ihrem Wege, als das Kreuz! »Was willst du noch von mir, Herr?« Ganz leis und unwillkürlich murmelten es ihre Lippen. Ja, was konnte er noch wollen? Sie hatte nichts mehr zu geben ... »Annemarie!« sprach da jemand in ihr versonnenes Schweigen hinein. Konrad! Er war es wieder, wie damals ... Unsäglich zart, fast behutsam griff er nach ihrer Hand: »Ich hab' mir wohl gedacht, daß ich dich wieder einmal hier finden werde, Annemarie,« ... sprach er mit einem beklommenen Blick in ihr schmerzstarres Antlitz und über die schwarzen Schleier. Und dann, wie in einem plötzlichen Besinnen: »Du gestattest doch, daß ich dich noch immer so nenne, wie damals, als wir – als wir noch Spielgefährten waren?« Sie nickte – leise, schmerzlich. »Warum nicht, Konrad? Da die Kindheit nun doch für mich das einzige bleibt, woran ich ohne Qual zurückdenken kann?« »Ich weiß alles!« stieß er gepreßt hervor. »Du hast – Unsägliches erlitten. Ich selbst den besten Freund verloren!« Sie schwieg und sah mit einem herben Blick in die Erde hinein. »Ja,« murmelte er, wie verstehend. »Das blüht nun wieder und hat dir doch alles verschlungen!« Sie hob die tränenfeuchten Augen müde zu ihm empor: »Ja, Konrad – alles!« Er atmete befangen auf und griff dann wie suchend in seine Rocktasche, zog ein dünnes Blatt hervor – »Das hab' ich zwar für mich gemacht, Annemarie. Aber nun –«, er stockte und hielt ihr das kleine Ding entgegen – »nun ist mir doch, als hätt' ich es bloß für dich so lange herumgetragen –« Es war ein Bild – eine Photographie: Annemarie, das Mädchen und das Wägelchen mit dem schlummernden Kind darin. Über ihnen der Gekreuzigte und die Blumen, die sie damals zu seinen Füßen niedergelegt ... In tiefster Seele erschüttert, stand Annemarie da. Rang nach Worten und brachte doch kein einziges hervor, bis ihr ein Strom von Tränen das arme Herz befreite und mit den Tränen wieder die Sprache kam: »Ich danke dir ... O, wie ich dir danke, Konrad! Es war alles, was ich besessen habe.« Er hatte, den Hut in der Rechten, wie in stiller Ehrfurcht den Ausbruch ihres Schmerzes miterlitten. Nun hob er wieder den Blick, sah sie an. Und eine leise Röte stieg in seine Schläfen, als er gleichsam erinnernd sagte: »Ich hab' es auch für mich gemacht, Annemarie!« Sie senkte das Haupt, schwieg. »Und ich wollte dich bitten,« fuhr er leiser fort, »daß du es so lange behältst, bis du – bis du vielleicht eines Tages mir hier, vor demselben Kreuze, noch etwas anderes sagen kannst als jetzt.« Dann hob er ihre Hand an die Lippen und ging. Das Bildchen in der Hand, stand Annemarie da und sah dem Enteilenden nach, bis die nächste Biegung des Weges ihn ihren Blicken entzog und die ersten Dämmer des Abends grau und schwermütig auf sie fielen und auf das Bild in ihrer Hand und das Kreuz, dessen Schatten lang und dunkel vor ihr lag. Dann schüttelte sie leise das Haupt. Glaubte er wirklich, daß das Leben für sie noch einmal beginnen könne? Mit der Hoffnung und einem neuen Frühling? Er, der dort hinging, mit einer Liebe im Herzen, die nur darum noch so stark und frei war, weil sie nie aufgehört hatte ein – Traum zu sein? Annemarie wußte es besser! Und wie sie das Bild jetzt in ihr Täschchen schob, geriet ihr aufs neue das weiße Blatt in die Hände, auf das ein Sterbender in seines Lebens letzter Not das letzte Wort für sie geschrieben: »Gott!« Da hing er ja wieder vor ihr, nur an ihres Weges Ende, wie er einmal an seinem Anfang gestanden, und wies sie auf die Straße, die weitab lag von dem täuschenden Schein dieser Welt und von jedem eigenen Glück: Fremde Not zu lindern, fremde Tränen zu stillen – mithelfend die Wunden einer Zeit zu heilen, die so namenloses Elend über die Menschen gebracht, weil ihr die Ehrfurcht gefehlt und die Liebe.