Robert Reitzel Kleine Schriften Unser Programm Einführungsartikel in der ersten Nummer des Armen Teufel Als die Nachricht vom Tode Ludwig Feuerbachs in Amerika bekannt wurde, meinte ein in New York wohnender ehemaliger Studiengenosse des Philosophen: »Es ist eigentlich schade um ihn, daß er's nicht weiter gebracht hat, aber er war sein Lebtag ein armer Teufel.« Als Frau Barbara Schiller, ehemalige Jungfer Kodweis, zu Marbach im Schwabenland einem Söhnlein das Leben schenkte, das nachmalen in der Taufe Friedrich benamset wurde, bemerkte der Großonkel der Frau Schiller, ein wohlhabender Bäckermeister, dem man beim Abendschoppen die Nachricht überbrachte: »Wieder ein armer Teufel mehr in der Welt!« Lessing war gestorben, und selbst am Hofe seines »Arbeitgebers«, des Herzogs von Braunschweig, wurde die leichtsinnige Gesellschaft einigermaßen ernüchtert durch den Untergang dieses Sternes erster Größe. Eine der französischen Favoritinnen des Herzogs, welche sich nach der Ursache der vielen ernsten Gesichter erkundigt hatte, brach in die charakteristischen Worte aus: »Mon dieu, tant de bruit pour un pauvre diable!« Ein amerikanischer Professor hatte in seinem Vortrag den Schülern das Leben Faradays als eine nachahmenswerte sittliche Tat vorgestellt und ihnen an dem Beispiel dieses Gelehrten gezeigt, wie man arm geboren und arm sterben und doch als Wohltäter der Menschheit verehrt werden kann. »Pshaw«, meinte nachher einer der hoffnungsvollen »Studenten«, »he was nothing but a poor devil after all.« Doch genug der illustren Beispiele. Dieser arme Teufel, der als neuestes Produkt der deutsch-amerikanischen Journalistik an all die Männer und Frauen appelliert, welche noch Freude an einem offenen, ehrlichen Wort haben, hat weder die Fähigkeit, noch den Ehrgeiz, zu jenen erhabenen Geistern gezählt zu werden. Wir dachten vielmehr, als wir für unsre Zeitung diesen Namen wählten, an eine merkwürdige Figur, die gelegentlich einmal in unseren Gesichtskreis trat. Es war ein Mann, der die Achtzig überschritten hatte, und der in seinem langen Leben nur einmal Heimat und Eigentum kennen gelernt hatte. Das war vor langer, langer Zeit, als er, ein eingewanderter Norweger, in der Schweiz sich ein kleines Geschäftchen gegründet hatte und ein liebendes Weib sein eigen nannte. Sein Weib starb im ersten Jahre des Glücks und mit ihr sein Interesse an allem, was sonst die Menschen ihr Teuerstes nennen. Er wurde zum ruhelosen Wanderer; aber, merkwürdig, wo immer die Standarten der Freiheit erhoben wurden, da hat ihn auch sein Schritt hingeführt. Er stritt mit den Schweizer Eidgenossen gegen den pfäffischen Sonderbund, er träumte als Freischärler den achtundvierziger Traum in Baden mit, er kämpfte auf den Pariser Barrikaden, er durchzog als einer der ersten Pioniere den amerikanischen Kontinent vom atlantischen bis zum stillen Ozean, er blutete in den Schlachten des Unionskrieges; und seit der Zeit bringt er die Winter in einer Soldatenheimat zu, während er im Sommer nach alter Gewohnheit von Ort zu Ort wandert. Seine wenigen Bedürfnisse deckt er entweder durch zeitweilige Arbeit als Schriftsetzer oder aber durch die freiwilligen Gaben, welche ihm gute Menschen darbieten. Dieser Mann hat seit langen Jahren nicht mehr in einem Bett geschlafen, »aber«, erzählte er mir, »wenn ich so des Nachts an irgend einer Landstraße liege, unter irgend einem Baum, und ich sehe die Sterne blinken und höre die Winde sausen, so kommt es mir vor, als ob ich der glücklichste Mensch sei, ich fühle mich als einen Teil dieser großen unendlichen Welt, und von jenen Sorgen, wie sie die anderen Menschen plagen, kann ich mir kaum mehr einen Begriff machen.« Das ist gewiß ein armer Teufel! und wenn wir bei der Taufe unsrer Zeitung an ihn dachten, so war es, weil er zwei Eigenschaften gewissermaßen verkörpert, die einem echten armen Teufel nicht fehlen dürfen, nämlich erstlich die vollständige Unabhängigkeit von allen Verhältnissen, welche die Urteilskraft beeinflussen können, und zweitens die idealistische, tatkräftige Liebe zur Freiheit. In manchen andern Beziehungen wird unser armer Teufel dem von uns geschilderten nicht nacheifern, wenigstens nicht vor seinem achtzigsten Jahre: wir werden zwar im Geist und in Druckerschwärze das weite Land bereisen, aber wir werden uns in dieser guten Stadt Detroit so fest als möglich einnisten und unser Bett so warm machen, wie es ein armer Teufel verdient. Wir appellieren auch nicht an das Mitleid und an den Wohltätigkeitssinn der Menschen, sondern wir beanspruchen nur für unsre geistige Arbeit den entsprechenden Lohn. »Geld machen« zu wollen liegt uns fern. Wann wäre das einem armen Teufel eingefallen? Wirft ihm das Schicksal unerwarteten Reichtum in den Schoß, so nimmt er ihn dankbar entgegen und teilt ihn mit seinem Nebenmenschen, darnach zu streben hat er keine Zeit. Wie? Keine Zeit? Was hat denn so ein armer Teufel zu tun? O, werte Leser und Leserinnen, viel, unendlich viel! Er muß all die Erhabenheit und Schönheit, die uns in der weiten Natur und in den Werken der Menschen sich darbieten, in seinem Herzen erfassen und, wie Klopstock sagt, noch einmal denken; er muß die ganze Weltgeschichte noch einmal mit durchleben. Das ahnst du freilich nicht, reicher Mann, wenn du über die Sorgen klagst, welche dir die Flauheit des Geldmarkts verursacht, daß der arme Teufel vielleicht am selben Tage die Verzweiflung eines Ahasver beim Untergang der heiligen Stadt Jerusalem teilen oder die Verzweiflungskämpfe der letzten Goten in Italien mit durchfechten muß. Und wie viele Mächte streiten sich erst in der Gegenwart um das Herz des armen Teufels! Da lacht der Frühlingssonnenschein, da lockt des Sommers schläfernder Duft, da blinken goldig des Herbstes Früchte, da winkt im Becher sokratische Weisheit, ach, und die schönen Augen – daß auch noch die von Urzeiten her immer den armen Teufel als erstes Opfer sich erkiesen mußten! Ja, wann sollte er da Zeit finden nach Gütern zu streben, welche die Motten und der Rost fressen? Und doch hat für eins seine Seele noch Raum übrig, ja dieses Eine läßt ihn manchmal alles Andere vergessen, das ist das Mitgefühl mit den Armen und Elenden. Der arme Teufel erträgt es lächelnd, daß man ihn am höchsten besteuert, daß jeder schuftige Narr sich damit rühmt, ihn übervorteilt zu haben, ja er läßt sogar achselzuckend das heuchlerische Mitleid über sich ergehen, womit die sogenannten Wohlwollenden ihn beglücken zu müssen glauben; aber sein Herz ergrimmt, wenn er zusehen muß, wie unverschämte Ignoranz im Gewande der Weisheit stolziert, wie die schmarotzende Bosheit dem Stamm der Einfalt, der sie trägt, die Lebenskraft aus den Adern saugt, wie man der Lüge zujauchzt, je ungeschminkter sie auftritt, und wie man an der Wahrheit so lange herummaskiert, bis sie von der Lüge nicht mehr zu unterscheiden ist. Wenn aber einem armen Teufel einmal das Herz ergrimmt, was hat er zu fürchten? Sein Vaterland ist die Welt, seine Religion heißt: tue was dir recht dünkt und scheue Niemand, nicht einmal den Gottespopanz, den man für große Kinder zurechtgeschnitzt hat, seine Partei wird nie einen Beuteanteil beanspruchen, seine Einkünfte können nicht beschnitten werden, und was alle bändigt – das Gemeine nennt es Goethe, die öffentliche Meinung nennt man's heutzutage – liegt für ihn »tief im wesenlosen Scheine«. Er begnügt sich also nicht damit, die Faust im Sack zu machen, er spricht und zwar recht laut, und sobald es Taten gilt, steht er in der ersten Reihe. Luther, der fett gewordene Fürstenknecht, hatte nur Schmähreden für die armen deutschen Bauern, aber Ulrich von Hütten, der Landfahrende, appellierte für sie an Kaiser und Reich, und der arme Ritter Florian Geyer starb für sie den Heldentod. In dem Programm, das in unsrer ersten Nummer erschien, haben wir einige Männer namhaft gemacht, welche, trotzdem sie wahrhafte Wohltäter der Menschheit waren, doch ihr Lebtag arme Teufel bleiben. Der Ärmste aller Armen aber, in dessen Namen die ganze Welt in zwei Heerlager sich geteilt hat, den stellen wir heute, mit Erlaubnis unserer gläubigen Mitmenschen, unsern Lesern als unseren besonderen Protektor vor. Dieser arme Teufel heißt: Jesus, Sohn des Zimmermanns von Nazareth. Ecce homo! Welch eine Menschengestalt, wenn wir sie der sagenhaften Zutaten entkleiden! Er stammte aus dem verachtetsten Winkel Palästinas – »was kann von Nazareth Gutes kommen?« – er war weder ein Priester, noch ein Krieger, noch ein Handwerker, er war im vollen Sinne des Wortes ein erwerbloser Proletarier, er hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegen konnte, und doch erzitterten vor ihm die Hohepriester Gottes und Roms stolzer Statthalterkönig, und doch sank vor ihm in den Staub Jerusalems Tempelpracht. Dieser Jesus begnügte sich nicht damit, im allgemeinen Reden, die Heuchelei zu verdammen, nein, er trat mitten unter die hochkirchlichen Pharisäer und die blasierten Sadduzäer: »Ihr Otterngezücht, wisset ihr nicht, daß die Axt dem Baum schon an die Wurzel gelegt ist?« Er erging sich nicht in allgemeinen Betrachtungen über das Wechselrecht, er ging selber in die Vorhalle des Tempels und stieß die Tische der Wechsler und Wucherer um. Er begnügte sich nicht damit, den Armen und Elenden die Erlösung zu prophezeien, er setzte sich selber nieder mit Zöllnern und Sündern zum gemeinsamen Mahle; er pries vor den Ohren des reichen Frömmlers das Scherflein der armen Witwe, und sagte den Kapitalisten ins Gesicht: Ein reicher Mann kann nicht selig werden. Als die Ehebrecherin vor ihn gebracht wurde, hielt er nicht eine Rede über die unverzeihliche Sünde, die jene begangen, sondern er sprach zu den Anklägern: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie! Und als die Ankläger beschämt hinweggegangen waren, sprach er zu dem Weibe: Hat dich Niemand verdammt? So verdamme ich dich auch nicht. Dieser Jesus, der selber ein armer Teufel war, soll uns ein Vorbild sein! Gleich ihm, wollen wir der Heuchelei und der Ungerechtigkeit auf den Leib rücken, wo wir sie zu fassen kriegen. Andere Zeitungen mögen sich's zur Aufgabe machen, die allgemeinen Grundsätze der neuen Weltanschauung zu predigen, wir wollen den praktischen Konsequenzen das Wort reden und Alles, was um uns her verlogen und versklavt ist, schonungslos an den Pranger stellen. Nomina sunt odiosa, es ist nicht gut, Namen zu nennen, das ist auch so ein Sprichwort, hinter dem so oft Feigheit und Ignoranz sich verstecken. Wir werden im Gegenteil so viel als möglich Namen nennen. Hört Ihr die Geißel sausen, Ihr Pharisäer und Sadduzäer? Poor Devil! Charles Lamb, der bekannte englische Humorist, reiste einst im Postwagen von London nach irgend einem Landaufenthalt. Es befanden sich vier Personen im Wagen: ein Geistlicher, ein Bauer, eine obrigkeitlich aussehende Person und eine dicke Frau. Lamb, welcher kaum dreimal in seinem Leben aus London herauskam, bewunderte im Stillen alles das, was den Mitfahrenden selbstverständlich erschien, »den grünen Baum, die junge Saat, die Welt in ihrem Frühjahrsstaat«, er schenkte einem Jungen, der ihm drei Äpfel für einen Penny verkaufen wollte, einen Schilling, und nahm nur einen Apfel, weil er sonst den Jungen zu beleidigen glaubte, er schrieb ein paar Verse in sein Taschenbuch über ein junges Dienstmädchen, das zwar sehr häßlich war, aber das die Kutsche von fern durch Winken mit dem Taschentuch gegrüßt hatte, kurz er betrug sich so närrisch, wie das nur einem Menschenkind passieren kann, das sich freut, wenn es einmal losgelassen ist. Da bemerkte er plötzlich, daß die Augen der sämtlichen Mitreisenden mit stummer Frage sich auf ihn richteten, und die dadurch auf seinem Gesicht sich ausprägende Verlegenheit benützend, fragte der Bauer, wie die Viehpreise jetzt in London stünden. Lamb mußte zugestehen, daß er sich nie darum gekümmert habe. »Natürlich«, meinte der Geistliche, »das liegt nicht in Ihrer Sphäre, Sie werden mir schon eher mitteilen können, in wie weit bei der letzten Konferenz der anglikanischen Bischöfe Zugeständnisse an die liberale Richtung gemacht wurden? Nein? Haben Sie die letzte Rede von Lord N.N. gelesen? Auch nicht? Wissen Sie etwas von der Bodenkultur und vom Eingangszoll? Wissen Sie, daß wir beabsichtigen, ein neues Schulsystem einzuführen, haben Sie dasselbe gründlich studiert? Sagen Sie mal, wo stammt eigentlich Ihr Vater her?« – Der arme Lamb, der schon längst die verschiedenen »Nein«, mit welchen er alle diese gründlichen Fragen beantworten mußte, mit schweren Schweißtropfen übergossen hatte, wußte auch auf diese letzte Frage nur ein schüchternes: »ich glaube in Essex County.« »Ach so, Sie glauben!« sagte der Geistliche mit einem vernichtenden Blicke und lehnte sich, nachdem er dergestalt seine geistige Tiefe und die Unwissenheit des Fremdlings dokumentiert hatte, mit dem Bewußtsein eines Mannes, welcher der Welt einen Dienst getan hat, in seine Wagenecke zurück. Der wie ein Beamter Aussehende meinte zu seiner dicken Nachbarin: »Das scheint mir ein verdächtiges Subjekt zu sein.« »Keine Idee«, antwortete diese, »das ist nur ein unwissender armer Teufel!« Genau so ergeht es uns in dem bescheidenen Omnibus der Öffentlichkeit, den wir bestiegen haben. Unsre Leser haben gar keine Idee davon, auf wie viele Fragen und Anforderungen wir im Bewußtsein unsrer Unwissenheit und Inkompetenz zerknirscht schweigen müssen. »Der Kerl hat kein festes Programm«, sagt der Sozialist, »und außerdem versteht er von der wirtschaftlichen Frage absolut nischt.« – »Hat die Idee des demokratischen Staates, wie sie Heinzen so klar dargelegt hat, nie erfaßt«, sagt der Radikale. »Schade«, hören wir im Geiste Frau Klara Neymann bemerken, »er hat kein System und die Frauenrechtsfrage kann nur systematisch gelöst werden.« – »Wo bleiben die praktischen Vorschläge zur Schöpfung eines besseren gesellschaftlichen Zustandes?« fragt Freund Zaisser in New York, und aus derselben Stadt donnerts von der internationalen Bierhöhle Justus Schwabs: »Hat zwar revolutionäre Anlagen, ist aber kein Anarchist!« Boppe vom »Freidenker« bezweifelt hartnäckig unsern »sittlichen Ernst«, und Herr Doktor Fritsch von Evansville bedauert gar sehr, daß wir dem leider unter Deutschen schon zu sehr verbreiteten Laster der Trunkenboldhaftigkeit und Bummelei Vorschub leisten (siehe Weihnachtsphantasien mit zwei (!) Flaschen Wein). O heiliger Bacchus nebst den zwölf Aposteln, wo mag der Mann zu Hause sein! Armer Teufel! es wäre zum Verzweifeln, wenn du nicht wüßtest, daß es doch noch Menschen gibt, die sich über das Zwitschern eines Vogels freuen können, ohne gleich traurig zu werden, wenn sie besagten Vogel nicht in eine bestimmte Klasse Federvieh einreihen können. Ist es denn der Mühe wert, dem Bauern zu beweisen, daß er trotz aller Viehkenntnis doch keinen Begriff hat von Viehzucht? Dem Gelehrten, daß er's höchstens soweit bringen kann, nichts zu wissen? Dem schuftigen Spion, daß man's ehrlich meint? Der dicken Frau, daß eine dicke Frau von rechtswegen auch eine gute Frau sein sollte? Nein! Aber es ist der Mühe wert, es macht Vergnügen, uns und andern, weil es gut ist, die Feigheit, die Dummheit und die Frechheit, wo dieselben immer erscheinen mögen, in ihren Farben zu malen. Ist es der Mühe wert, den Leuten, welche glauben, die Sonne ginge um die Erde, klar zu machen, daß die Sache sich umgekehrt verhält, da doch in ihrem Schädel nach wie vor die alte Nacht herrschen wird? Ist es der Mühe wert für einen armen Teufel, der selber ganz unverantwortlich unsystematisch ist, sich über ein Zukunfts-Welt-System den Kopf zu zerbrechen, das unsre Nachkommen verlachen werden? Nein, aber es ist der Mühe wert, und es liegt System darin, die Wahrheit zu sagen! Auch ein armer Teufel war Tillier, der revolutionäre Pamphletist unter der Regierung Louis Philippes. Ich werde vielfach angegriffen in Bezug auf die Kampfweise, die ich verfolge, und namentlich wird es mir vielfach übel genommen, daß ich zu »persönlich« bin. Folgende Stellen aus einem Werke des genannten Freiheitskämpfers sind mir aus der Seele geschrieben. »Den Namen Pamphletist, den ihr mir wie einen Schimpf nachwerft, den heb ich auf und trag ihn als Ehrentitel. Den Menschen die Wahrheit sagen, das ist, all eurem Gerede zum Trotz, ein edles Handwerk. Was kümmerts mich, wenn ein paar alte Grillen und zwei oder drei Hornkäfer, die kein Gebiß mehr haben, mich zornmütig ansummen in ihrem kleinen Grimm; ich bin mir bewußt, einen guten Gebrauch von dem bißchen Verstand gemacht zu haben, das Gott mir zuteilte. Ich bin lieber mit mir selber in Frieden als mit andern, und meine Achtung ist mir mehr wert, als die eines Trupps Maulaffen, welche mich weder kennen noch verstehen. Was haben sie mir als Schriftsteller vorzuwerfen? Ich nahm stets Partei für den Schwachen gegen den Starken; ich wohnte stets unter den zerrissenen Zelten der Besiegten und schlief an ihrem harten Biwak. Freilich habe ich einige allzu pomphafte Beiwörter gestrichen, welche gewisse Namen sich zugelegt hatten; auch habe ich da oder dort einer aufgeblasenen Eigenliebe ihre Blase verknallt. Aber die Leute, die ich so behandelte, standen auf Seiten des Feindes, und ich hatte das Recht, ihre Wichtigkeit zu beschnipfeln. Ich habe das Kriegsrecht nicht überschritten gegen sie; und wenn sie sich über mich beklagen, so ist dies gerade wie wenn ein alter Reichssoldat sich beklagen wollte, er sei bei Austerlitz von einem Franzosen verwundet worden. Nennt das Persönlichkeiten – meinethalben; hat doch jeder seine Art, Krieg zu führen; die andern schießen in halber Mannshöhe auf die Massen; ich aber wähle meinen Mann und nehme ihn aufs Korn. Wenn zufällig ein Federbusch an meiner Tür vorübergeht, dem gebe ich immer den Vorzug. Mein Name verliert sich unter den vielen, welche die große Stadt täglich in ihrem weiten Munde wälzt; aber dennoch bilde ich mir ein, meine Feder sei nicht unnütz.« Karfreitag-Erinnerung Seinem Pfarrhaus-Idyll setzte Joseph Victor Widmann das Horazische Motto vor: Virginibus puerisque canto – den Jungfrauen sing ich und den Jünglingen. Ich hätte dasselbe auch über diese kleinen Schilderungen aus meiner Jugendzeit stellen können. Wer nicht eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele sich bewahrt hat, wer nicht so jung geblieben ist, daß ihm alle die kleinen, süßen Erinnerungen des Lebens und der Liebe ein unveräußerlicher Schatz sind, der überschlage getrost das kindische Zeug und suche in anderen Spalten etwas, was seiner männlichen, streitbaren Seele besser behagt. Aber es ist ja unterdessen wieder einmal Frühling geworden, wirklicher Frühling, sogar in Michigan; die Knospen schwellen wie der Busen junger Mädchen, und die Spatzen tragen Strohbalken zum Nest, dreimal so lang wie sie selber. Glückliche Spatzen. Sie arbeiten nur, wenn sie lieben; die armen Menschen aber müssen noch arbeiten, wenn sie schon lange nicht mehr lieben können. Auch der Karfreitag zog wieder vorüber, und ich war so betrübt wie ein guter Christ; aber nicht weil der Herr Jesus gestorben ist, sondern weil mich die Erinnerung so manchen Karfreitags im Gegensatz zu dem Jetzt wehmütig stimmte. Osterferien waren es. Xenophon hatte keine Schrecken mehr für uns, und die ins Leben sich drängende Natur spottete mit allen Linien des Pythagoräischen Lehrsatzes. In dem braven alten Neckargemünd sah man es nicht gern, wenn so junge Schülerknaben am Karfreitag dem Vergnügen nachgingen; denn da das Städtchen zu gleichen Teilen von Protestanten und Katholiken bewohnt ward, die in friedlichem Einverständnis lebten, so achteten die letzteren die strenge Karfreitag-Feier der ersteren. Dies galt aber nur für die Einheimischen; Fremden wurde es durchaus nicht übel genommen, wenn sie, der Langeweile des Heimat-Ortes entrinnend, hier allerlei Lustbarkeiten suchten. So zogen denn auch wir noch im Dämmer der weichenden Nacht, sechs böse und doch gute Buben, in den Odenwald hinein. Wir fanden nach anhaltendem Marsch ein Dorf, das uns paßte, und ein Wirtshaus, das uns noch viel passender schien, und, begeistert von dem seltenen Trank des in ganzer Freiheit genossenen Weines, schwuren wir dann und dort, nicht ohne unser Blut in den Becher zu träufeln, einen heiligen Eid, zum Beweise unserer unerschütterlichen Freundschaft jeden Karfreitag hier zusammenzukommen, so lange uns der Tod nicht von dem Versprechen entbinden würde. Dreimal noch haben alle sechs ihr Versprechen gehalten; das ist, wenn man bedenkt, daß wir für deutsche Verhältnisse örtlich weit auseinander wohnten, eine seltene Leistung, und mit jedem Karfreitag hatten wir zugenommen an Alter und Weisheit, und jedes Mal wurde es schöner. In jenen Jugendjahren sieht man Vieles und Schönes, aber wir blieben unserem Dörflein treu, trotzdem dasselbe in keiner Weise hervorragende Anziehungspunkte hatte: ein bescheidenes, waldgekröntes Hügelland, ein Kirchlein mit moosigem Turm, aber freilich auch im Pfarrhaus nebenan zwei lustige Pfarrerstöchter; ein Wirtshaus mit leichtem, kühlem Wein, unübertrefflichen Pfannkuchen und grüngoldnem Salat; aber auch hier wuchsen ein paar Töchter immer höher und lieblicher den »Karfreitagsstudenten« entgegen, welch letztere mit berechtigtem Stolz die ersten Bart-Anlagen und dann die ersten Schmisse zur Schau brachten. Wir trafen immer, wenn auch von verschiedenen Seiten, pünktlich zur Mittagsstunde in unserer Herberge ein. Nach dem Essen wurde der Kaffee offiziell im Pfarrhause eingenommen, wir bewirkten dabei durch unser »gesetztes« Betragen, daß die guten Alten beide Augen zudrückten, wenn die beiden Mädchen durch ein Pförtchen in der epheuumrankten Mauer nach dem Wirthausgarten hinüberschlüpften, um zu den Klängen der Ziehharmonika zu tanzen oder der unschuldigen Erotik des Pfänderspiels zu huldigen. Herzen haben wir keine gebrochen, die Wirtstöchter hatten schon ihre Schätze, und die Pfarrersmädchen haben Offiziere geheiratet, lange ehe einer von uns ans Examen denken konnte, aber Stammbuchverse von zweifelhafter Güte wurden eingeschrieben, und verstohlen trat manch ein Veilchen im Taschenbuch die Reise in die Fremde an. Um fünf Uhr aber mußte absolutes Cölibat eintreten, denn nun begann der Sechse geheiligtes Symposium, wobei ich freilich gestehen muß, daß mein unvergeßlicher Paris und ich immer erst mit Gewalt aus versteckten Gartenwinkeln ins Haus transportiert werden mußten. Guter Wein schmeckt mir auch heute noch, aber wann habe ich je so die Steigerung der Stimmung, wie sie unter seinem Einflüsse bei unverdorbenen Menschen stattfindet, erlebt, bejubelt und doch zu gleicher Zeit mit Genugtuung beobachtet! Es wird sich wohl kaum ein Moralprediger finden, der gegen solches sich Betrinken etwas einzuwenden hätte. Ich habe einen der Zettel gerettet, auf welchem der Sekretär der Sechs, der sich als Kaufmann selbstverständlich durch eine schöne Handschrift auszeichnete, die aufeinander folgenden Toaste notierte. Da ist es denn gar kurzweilig zu beobachten, wie die Züge immer freier und kühner werden, bis sie zuletzt in chaotischem Durcheinander über das Papier hintaumeln. Vielleicht kann mancher im Geiste einen solchen Kommers mitmachen, wenn ich die Toaste und Lieder hier notiere. Gaudeamus igitur – Toast: Altheidelberg. Stoßt an Allemannia, resp. Suevia, resp. Arminia soll leben – Toast: Unsere Freundschaft. Vom hohen Olymp herab – Toast: Die Liebe; in besonderer Ausführung: Emilie, Lona, Gretchen, Bertha, Scientia (das war der Kaufmann, der jedesmal Tränen weinte, weil er nicht studieren durfte), Emma. Hier wurde eine Pause und ein Ausflug nach dem Telegraphenbureau gemacht (der Telegraphist wußte schon Bescheid); und nun sausten die Liebesgrüße in die Welt, z. B.: Sechs muntre Burschen sitzen zu Mauer bei dem Wein und schließen ihre Lieben in ihre Gebete ein. Hierauf Fortsetzung: Weg mit den Grillen und Sorgen – Toast: Die deutsche Jugend. Du Schwert an meiner Linken – Toast: Das Vaterland. Wir sind nicht mehr am ersten Glas – Toast: Die Freiheit. Hier erheben sich die Schriftzüge zur höchsten leserlichen Kühnheit. N.B., lieber Leser, diese Toaste wurden immer mit ganzen Humpen Weins honoriert. Einzelnes läßt sich noch entziffern, im buntesten Durcheinander: Die Weltrepublik – Das schwarzbraune Mädel – Der Kater – Mein Alter – Stimmt an mit hellem, hohem Klang – ich hab ja (wahrscheinlich: mein Schätzel schon lang nit mehr gseh) ... Darunter befinden sich wieder einigermaßen leserlich die Namen der Kommersierenden. Wo sind sie heute, die frohen Jugendgenossen, die Karfreitagsstudenten? »Der eine seufzt beim Unterricht,« d. h. mit dem Seufzen ist es nicht so gefährlich – Ludwig Mathy hat, wie man sagt, Karriere gemacht, er steht auf der höchsten Stufe der Lehrerschaft des Mannheimer Gymnasiums, in welchem wir einst zusammen geschwitzt haben; aber von der Republik will er nichts mehr wissen, er ist im sozialen Leben braver Familienvater und seiner Überzeugung nach Reserve-Offizier. »Der schimpft die sündige Seele aus« – und das besorgt der lange Hasenclever gründlich; einst schien er bestimmt, ein Sänger und Held zu werden, ein Volker, der für todmüde Recken der Freiheit die Wache hält, jetzt ist er eine Hauptstütze der orthodoxen protestantischen Kirche. »Und der flickt ihr verfallnes Haus« – mein Freund Leo Müller ist zwar in Vielem noch der Alte, sein Durst ist noch nicht angekränkelt, er glaubt nicht an Gott, aber er glaubt an die Regierung, und ich habe ihn stark im Verdacht, daß in dem Sanitätsrat für ihn selber der Gipfel seiner Wünsche zu finden ist. Das sind die Lebenden. Wie viel besser haben es die Toten! Ein widerwilliger Soldat war Grohe, er hatte die ganze Freiheitssehnsucht seines Vaters geerbt, den sie 1849 als Rebell erschossen haben; aber wer weiß, ob es nicht gerade deshalb für ihn ein Glück war, daß er 1870 auf dem Schlachtfeld bei Nuits den Tod fand. Endlich du, dessen fidus Achates ich war, mein herrlicher Paris! freilich kein blonder Griechenjüngling, sondern ein Römerkopf mit feurig schwarzen Augen über der fein geschwungenen Adlernase, du Abgott aller Mädchen, es ist eine Ironie des Schicksals, daß gerade dich der Liebeskummer in den Hades trieb. Ich wähnte, er schriebe »mit finstrem Amtsgesicht Relationen«, und wandte mich an ihn in einer Frage der Jurisprudenz (was fälschlich auch Rechtspflege genannt wird), da erhielt ich statt von ihm von seiner Mutter einen Brief, der mit dem Satze begann: »Mein Sohn Alfred, der Ihnen immer ein liebendes Andenken bewahrte, kann Ihnen nicht mehr antworten, er hat sich erschossen, weil seine Geliebte ihm untreu wurde, und hat mich einsam als unglücklichste aller Mütter zurückgelassen.« Das sind die Toten, die mir so lebendig geblieben sind; ich aber, ich lebe noch, manchmal ein recht trübseliger Karfreitagsstudent; und ich habe es zu weiter nichts gebracht, als ein armer Teufel zu sein. Aber den Idealen, welche damals dämmernd vor unserer Seele standen, bin ich treu geblieben. Ich erhebe mein Haupt im Frühlingsschein, denn ich habe ein Recht, »Aus der Jugendzeit« zu erzählen. Das Pfarrhaus Pfarrer bin ich auch einmal gewesen, aber zu einem Pfarrhaus habe ich es nicht gebracht, und die Pfarrhäuser, die ich in Amerika kennen lernte, verhielten sich zu den deutschen wie das Wirtshaus des Mississippi zu dem am Rhein. Ottilie Wildermuth, selbst schwäbische Pfarrerstochter, hat den Pfarrhäusern ihrer Heimat ein gar schönes literarisches Denkmal gesetzt, aber wenn uns diese Schilderungen jetzt wieder in die Hand kommen, so drängt sich uns das Gefühl auf, als ob der Humor durch »Rücksichten« beschnitten und das Ganze mit Absicht so gehalten sei, daß man es auch »höheren Töchtern« und der »reiferen Jugend« in die Hand geben kann. Ich will es also trotz dieser Vorbilder versuchen, ein Pfarrhaus zu schildern, nicht in Hohn und Feindschaft, wie etwa Luzifer die Herrlichkeiten des Himmels, aus dem er für immer vertrieben, sondern in Liebe und Wahrheit wie ein freier armer Teufel, der selbst der Kirche die Dankbarkeit nicht vorenthält, wenn sie ihm einmal Leibes- und Herzensnahrung geboten hat. Daß das Pfarrhaus nicht nur bei den Deutschen, sondern auch bei verwandten germanischen Nationen mit einem gewissen idealen Schimmer bekleidet wurde – Ferienbesuche, Glanzpunkte der Jugenderinnerung, entweder in Mondscheinbeleuchtung in einer Sommernacht im Walde oder mit glänzend weißem Schnee und dem Klange ferner Schlittenglocken – ist mir bei einer Stelle des Kiellandschen Romans Schiffer Worse ins Auge gefallen. Ich erinnere an die Stelle: »In diesem Rahmen stand der Prediger – hell, freundlich und doch so wohltuend ernst. Welch muntere Tischreden konnte er nicht halten, wie konnte er nicht auf einen unschuldigen Scherz eingehen, wie herrlich war nicht der Aufenthalt in dem geräumigen, mit allem reichlich versehenen Hause, das von der Fröhlichkeit der Jugend erfüllt und von des Vaters mildem Ernst überwacht war! Er war der Mittelpunkt von allem. Nicht bloß der Mutter und der Tochter Fürsorge drehte sich um ihn, sondern an allen Freuden und Spielen der Jugend mußte der Vater teilnehmen, wenn es die rechte Bedeutung haben sollte; man stopfte ihm gern seine große Meerschaumpfeife, man lief nach Fidibussen, wenn sie ausging, und alles sammelte sich teilnehmend im Kreis um ihn, während die Mutter ihn mit geübter Hand in die Überröcke, Shawls und Pelze einhüllte, wenn er am zweiten Weihnachtstage zur Filialkirche fahren sollte, um dort zu predigen. Wer mochte sich nicht der stillen Sonnabendnachmittage erinnern, wo man eigentlich am liebsten außerhalb des Hauses war, um den Pastor nicht zu stören, der seine Predigt im Studierstübchen ausarbeitete, so daß der Tabaksrauch gleich einer blauen Schlange aus dem Schlüsselloch wirbelte; oder der Sonntagmorgen, ehe man zur Kirche ging, wenn man auf den Vater wartete, der sein Ei mit Rum verzehrte, um seine Stimme klar zu machen.« Kiellands Absicht ist aber durchaus nicht, diese Poesie ungestört auf die Kinder unserer Zeit wirken zu lassen; er macht weiterhin darauf aufmerksam, daß diese freigebigen Pfarrherrn gar geizig mit den Bauern um ihren Zehnten hadern konnten, daß die liebenswürdigen, Untergebenen gegenüber, sehr grob werden konnten, und daß es, wie zur Zeit Jesu, keine größeren Feinde wahrer Religiosität gab als die offiziellen Priester der Offenbarung. Als Schulmeistersohn könnte ich davon auch ein Lied singen; mein Vater hat in seiner langen erzieherischen Laufbahn mit Kindern und Eltern in Frieden gelebt, fast niemals aber mit den Pfaffen. Wohl mir, daß der Pfarrer gerade dieses Pfarrhauses, das mir in schönster Erinnerung blieb, auch in dieser Hinsicht die Schilderung vertragen kann. Noch waren die Ferien nicht zu Ende, wohl aber das Geld, es war also in Erwartung eines gastfreundlichen Pfarrhauses, als ich von Langenbrücken durch das Hügelland zwischen Odenwald und Rheinebene nach Eschelbach wanderte und, bescheiden durch den Torweg eintretend, an der Seitenpforte des rebenumsponnenen Pfarrhauses anklopfte. »Die Herren sind im Garten«, gab mir eine wohlbehäbige Matrone, der man nichts von den Sorgen einer zahlreichen Kinderschar bei geringem Gehalt ansehen konnte, den Bescheid; und wenn ich noch Zweifel an der Gastfreundschaft gehabt hätte, so hätten dieselben schwinden müssen beim Anblick der im Garten versammelten Gesellschaft. Unser geistlicher Herr, ein kleines, vertrocknetes Männchen, hatte nämlich, das Kleinzeug abgerechnet, drei große, starke, mit gesundem Appetit und noch gesünderem Durst ausgestattete Söhne, von denen der älteste, der schöne Louis, gerade mit knapper Not beim dritten Versuche das theologische Staats-Examen hinter sich gebracht hatte, der zweite im fünften Semester studierte und der dritte mein Klassen-Genosse der obersten Klasse des Lyceums war. Da sich Jeder der beiden älteren Söhne schon einen Besuch zugelegt hatte, so ergab sich mit mir ein Kontingent von sechs waffenfähigen Jünglingen, und wenn wir unsre langen Pfeifen aufpflanzten, so war der Witz des Bauern durchaus nicht unangebracht, wenn er über den Zaun herüberrief: »Mer sieht, daß Feiertag sin, Herr Parre, bei Ihne wird orndlich gebacke!« Das Cerevis stand den Söhnen dieses Pfarrhauses gar stattlich zu Gesicht, aber daß sie studieren mußten, das war ein Frevel an der Menschennatur, den freilich die etwas komplizierte Armut dieser Familie entschuldigen mußte. Ein Bruder des Alten nämlich, der, aus fernen Weltteilen zurückgekehrt, als reicher Sonderling gestorben war, hatte für seine Neffen Legate hinterlassen, unter der Bedingung, daß dieselben dem Universitätsstudium sich widmeten. Und so mußten denn die guten Jungen, die zu allen praktischen Verrichtungen entschiedenes Talent hatten – mein Freund Ferdinand z. B. war ein tüchtiger Zeichner, welcher im Pfeifenmalen Besseres leistete als die Künstler dieses Faches, die wir teuer bezahlen mußten – den ganzen unnötigen Wust einer gelehrten Erziehung in ihre armen Schädel pressen, auf der dürren Weide des Abstrakten mühsam grasen, während sie so recht geeignet waren, Früchte zu pflücken von des Lebens goldnem Baum und – nützliche Menschen zu werden. Wie sie es fertig brachten, bei totaler Talentlosigkeit für das verlangte Material und bei unerschütterlicher Faulheit in allen geistigen und geistlichen Dingen doch durch die Examina, wenigstens teilweise, sich durchzuschwindeln, ist mir ein Rätsel; genug, der schöne Louis, ein gewaltiger Schläger, Jäger, Reiter, Don Juan, ist heute Landpfarrer, der andre hat es zum Amtsschreiber gebracht, und der dritte führt den Titel Kassen-Rendant. Hab ich den Söhnen einige Worte gewidmet, so will ich auch den Alten nicht vergessen. Das war ein gar kurioser Geistlicher. Seine Bibliothek umfaßte gewiß nicht mehr als zwanzig Bände, seine Predigten waren kurz und trocken, und wenn ihn Gäste beleidigen wollten, durften sie nur zu ihm in die Kirche gehen. Außer dem vorgeschriebenen Altargebet hat er gewiß nie gebetet, und die dogmatischen Streitigkeiten seiner Amtsgenossen waren ihm gleichgültig wie die hohe Politik. Aber als bester Blumenzüchter und Bienenvater war er weit und breit bekannt. Und so oft der Bauer in den Nöten des Daseins einen Rat brauchte, wenn das Mädel zwei füttern mußte, wenn sie aß und trank, wenn der Bub nicht parieren wollte, wenn der Mann soff oder das Weib zänkisch war, wenn Nachbarn sich verfeindeten, da war der Pfarrer der Ratgeber, der Schiedsherr, der Richter, und so glaube ich, wird er wohl mehr seine Pflicht getan haben als mancher große Theologe und Kanzelredner. Im Pfarrhaus zu Eschelbach stand man auf, wenn das Hühner-Gegacker und das Gebrüll des Rindviehs die aufgehende Sonne begrüßte. Unter dem Klavier im guten Zimmer stand eine mächtige, mit Tabak gefüllte Kiste. Hatte man dort geladen, so fand man im Garten den Alten schon bei seinen Blumen und Bienen. Nachdem man das stereotype Frühstück – Kaffee, Butterbrot, Honig, eingenommen, wurden einige alte Plempen und sonstige Paukutensilien hervorgeholt – auch aus den Jugendtagen des Alten war noch derartiges vorhanden, und bald hallte der Torweg von Terzen und Quarten, wobei einige alte Bauern, die in die Geheimnisse des Paukens sehr wohl eingeweiht waren, die Unparteiischen spielten. Darauf offizieller Frühschoppen beim Kronewirt, wobei es vorkam, daß der Krösus des Ortes, der sonst stundenlang bei einem Kreuzerschnaps karteln konnte, trotz seines Geizes, für das Privilegium, eine rote Mütze auf seinem struppigen Schädel zu balanzieren, ein Fäßchen auflegte und mancher Flurentreter die Prüfungen des Fuchsrittes über sich ergehen lassen mußte. Freilich mußten wir uns dafür gefallen lassen, daß sie uns beim Zego (sonst auch Tarock genannt), trotz unserer Gelehrsamkeit die letzten Batzen abnahmen. Nach dem Mittagessen – Suppe, Suppenfleisch, Gemüse und jene Mehlspeisen, denen nur ein Homer gerecht werden könnte, Spaziergänge in der Umgegend, etwa nach dem benachbarten Michelbach, dem Heimatort des auf allen Tanzböden beliebten Michelbacher Schottisch – das Bier war zwar schwach, beizend aber der Tabak (o ihr grün und schwarz gefleckten Pfälzer Cigarren!), wackre Dirnen, wo gibt's die nicht in badischen Landen! und sechs Mann hoch, konnten wir uns jeder Zeit auf eine Prügelei mit Vorteil einlassen. Den Höhepunkt aber dieser Erlebnisse bildete die wöchentlich zweimal stattfindende Wallfahrt nach dem Kasino in Eichtersheim. Voraus schritt, den ehrwürdigen Zylinder auf dem Haupte, das Meerohr in der Rechten, die Pfeife in der Linken, der würdige Pfarrherr; im Gänsemarsch wir hintendrein, die biblische Wolke zog nicht vor uns her, sondern hinter uns drein, und der Alte zwinkerte vergnügt mit den Augen, wenn uns die vom Felde heimkehrenden Bauernmädchen schon von weitem auswichen. Im Kasino aber saßen die Honoratioren – zwei, drei Pfarrer, der Förster, der Amtsrichter, Doktor und Apotheker am oberen Tisch, unten gruppierten sich die Herren Studenten. Erst lauschten wir ehrerbietig den Gesprächen über der Welt Lauf, aber wenn erst einmal der Wein seine Schuldigkeit getan und der Doktor einen Ganzen in die Welt steigen ließ und der verliebte Amtsrichter die Kellnerin um die Hüfte faßte, dann wurden wir Herren der Situation. Gaudeamus, das Zauberlied, verwischte alle Unterschiede, und ich hab es erlebt, daß die alten Herrn – »Wollen mer noch e mal heirassassa« – mit auf den Tisch stiegen und unter dem Tisch den Salamander rieben. Der alte Pfarrer aber behielt immer klüglich die rechte Zeit des Aufbruchs im Auge, und mit sicherer Hand entnahm er dem ledernen Geldbeutel die Zeche für sich und seine sechs Schutzbefohlenen. Ja, das war noch ein Mann von echter deutscher Art, der hatte es noch nicht vergessen, wie es mit fahrenden Schülern in den Ferien bestellt ist. Es war der Stolz des Pfarrers, uns wohlbehalten nach Eschelbach zurückzubringen, und ein Deserteur hätte seine Gunst auf immer verscherzt. Waren wir einmal dort, so kümmerte er sich nicht weiter um uns, und in der Krone wurde tüchtig exgekneipt, und mancher Bauersmann, zu ungewohnter Stunde über die Schwelle seines Hauses stolpernd, wußte dem bekümmerten Weib keine andre Entschuldigung, als »die Studenten sind wieder im Land!« ... Lernen kann man aus all dem nichts, sagt der wißbegierige Leser. Höchstens Schlechtigkeit, sagt der Moralische. Es gibt aber auch solche Leser, aufweiche sich Goethes Wort: »Werd ich auch nur halb gelehrt, werd ich doch doppelt beglückt« – in der Form anwenden läßt: Werd ich auch gar nicht belehrt, hat mich Erinnerung beglückt; und diese dürften mich fragen: Aber wo bleibt denn die Liebe? Von Kinder- und Jugendliebe wolltest du doch erzählen! Geduld, das Beste kommt immer zuletzt. Ein Pfarrhaus ohne Pfarrerstochter wäre gar kein richtiges Pfarrhaus. Die Pfarrerstochter spielt in der deutschen Literatur dieselbe liebenswürdige Rolle wie im Leben jedes Musensohnes, dem die Menschen interessanter waren als die Bücher und der, fern dem Schulstaub, auf der von Obstbäumen bekränzten Akademie der Landstraße ab und zu studierte und vom Forschungstrieb durch des hohen Kornes Gassen oder auf verschwiegene Waldpfade geführt wurde. Ich habe das Urbild der Pfarrerstochter von Taubenheim mehr als einmal gefunden; ich habe einmal einen kurzen Traum erlebt in einem orthodoxen Pfarrhaus, aus dem später ein Zuchthäusler hervorging, eine Prostituierte und eine katholische Nonne. Wohl mir, sage ich abermals, daß mir jene Eschelbacher Frühlingstage auch in dieser Hinsicht rein und unverzerrt im Gedächtnis bleiben durften. Ich habe es bisher vermieden, zu berichten, daß ich nicht immer an den Spaziergängen teilnahm, daß ich auf Stunden für die Freunde total verschwunden war, und daß ich selbst bei den offiziellen feierlichen Ausmärschen nach dem Kasino es für gut befand, unter den überhängenden Bäumen ein wenig zurückzubleiben. Es gab nämlich noch etwas im Pfarrhaus, das vom ersten Anblick an mein ganzes Herz ausfüllte, »es isch e Sie, es isch kei Er«, sagt Hebel, des Pfarrers jüngstes Töchterlein, Auguste. Wenn das Eschelbacher Pfarrhaus trotz der Gastfreundschaft nichts weniger als an dasjenige des wackeren Landpredigers von Wakefield erinnerte, so hatte auch Auguste, trotzdem sie wie Goethes Friederike ein Stumpfnäschen hatte, nichts von dem an sich, was sie wie die selig-unselige Pfarrerstochter von Sesenheim zum Ideale zweier großer Dichter qualifiziert hätte. Sie war ein frischer, fröhlicher Backfisch, mit lustigen braunen Augen, das Kleid durch die größere Länge die schon stattgehabte Konfirmation andeutend, aber die Zöpfe noch frei über den Rücken herabbaumelnd. Ich hatte Glück wie Jeder, der dem Leben nur bescheidene Anforderungen stellt, ich hatte keine Nebenbuhler, da die anwesenden Herren Studenten sich über die Beachtung eines Backfisches schon erhaben dünkten. Die Eltern ließen die wilde Hummel gewähren und hatten über der Jüngsten das Damoklesschwert des »Was sich schickt und nicht schickt« noch nicht aufgehängt. Nur mit den Brüdern lag ich in beständigem Kampf. Die Auguste (in jener Gegend wird die Betonung auf die erste Silbe gelegt) wollte überall dabei sein und weinte bittere Tränen, wenn sie sich unseren Ausflügen nicht anschließen sollte. Da ich aber mit ihr bei den Eltern zu petitionieren pflegte, so mußten sich die Brüder meistens dazu bequemen, »das dumme Mädel mitzuschleppen«, und wir hatten dann durchaus nichts dagegen, wenn sie uns beide irgendwo unterwegs im Stiche ließen. Nur von der Eichtersheimer Wallfahrt blieb sie unbarmherzig ausgeschlossen; und ich hätte unsterblichen Hohnes sicher sein können, wenn mir eine der Tränen im Auge geblieben wäre, die ich bei solchen Gelegenheiten schnell noch mit dieser Ariadne weinte, um dann im Galopp, wie Freiligraths Giraffe den Staub aufwirbelnd, der Kolonne nachzueilen. Von der Liebe, wie ich sie auffaßte, von meiner Sehnsucht, konnte Auguste nichts verstehen; sie war gern bei den Buben, daraus machte sie kein Hehl, und die Kameradschaft eines solchen, der für ihre wichtigen Kindergeheimnisse das höchste Interesse zeigte, war ihr sehr angenehm. Als ich sie einmal im Garten über einem Aurikelstock zu küssen wagte, war sie durchaus nicht »süß erschrocken«, sie sagte nur: »Du, vom Fenster aus kann man uns sehen!« und machte mich nachmittags mit einem neutralen Grund bekannt, wie ihn Goethe in Sesenheim sich nicht schöner hätte wünschen können. Hinter dem Garten rauschte ein Bach, über den Bach ging ein Steg, dann kam in einem großen Obstgarten ein wunderlich alt Haus, vor dessen kleinen, bleieingefaßten Scheiben Levkojen blühten. In diesem Hause wohnte eine alte Frau, die mit der Geschichte der verschiedenen Pfarrfamilien, mit den Leiden und Freuden derselben aufs innigste verknüpft war. Ihr beichteten die Herren Studenten, was sie den Erzeugern nicht zu offenbaren wagten, an ihrer alten Brust hatte der schöne Louis sich ausgeweint, als ihm die Braut untreu geworden war, und jede Tochter, die sich Einer aus dem Pfarrhause holte, hatte ihr zuerst über denselben Steg den Erkorenen zugeführt, über den ich mit Auguste Hand in Hand gegangen. Die Dekoration des Zimmers bildeten seltsamerweise die Silhouetten und Photographien alter und junger Heidelberger Studenten, große, in schwarz-weiß-rot ausstaffierte Kommers- und Paukbilder; und wenn die alte Frau von vergessenen Mensuren oder den studentischen Auszügen der revolutionären Zeit erzählte, so klang uns das wie der alten Deutschen Heldenlieder aus der Heroenzeit. Ich sehe die kleine Stube jetzt noch vor mir. Silbern glänzt der mit reinem, weißem Sand bestreute Fußboden, wenn ein Sonnenstrahl den Weg durch das blumenverhüllte Fenster findet. Von dem erhöhten Fenstersitz, auf dem die alte Frau unzählige Strümpfe strickt, hat sie immer dieselbe Aussicht in den Pfarrgarten, dieselbe und doch eine so verschiedene im Winter und Sommer, in Sturm und Regen, im Frühlingsglanz und im schimmernden Schneegewand. Ein Kanarienvogel zwitschert ihr zu Häupten die Stimmungen seines kleinen Vogelherzens, ein paar steiflehnige Stühle, ein runder Tisch, der jedenfalls aus dem Pfarrhause seinen Weg herübergefunden hat, und reinlich weiß lugt zwischen den dunklen Umhängen im Hintergrund das Bett hervor. Das Prachtstück aber ist eine mächtige Truhe, mit großen roten Rosen und grell schimmernden Vergißmeinnichten bemalt. Das ist die Schatzkammer der Alten, welche nur an besonderen Tagen profanen Augen eröffnet wird, ich glaube ein vergilbter Brautkranz ist drinnen und ein paar silberne Löffel und ein Totenkranz und ein paar Briefe des einzigen Sohnes, der schon lange in das ferne Amerika gezogen ist. Für uns aber wird die Truhe zum Kanapee, und eng aneinandergedrückt, die Arme umeinander geschlagen, lauschten wir den Erzählungen von den anderen Paaren, die hier schon in blühender Jugendlust saßen, und von den Studenten, die jetzt schon lange alt oder verdorben, gestorben sind und doch so freundlich im Dämmerschein von den Wänden uns zunicken. Sie ist keine Martha Schwerdtlein , aber sie hat es doch noch nicht vergessen, wie süß für junge Liebe die Minute des Alleinseins ist, und wenn sie, Gastfreundschaft übend, um etwa eine dicke Milch zu holen, in den Keller hinabsteigt, so verschwindet sie gerade lange genug, um uns ein paar jener unschuldigen Küsse zu ermöglichen, welche die Poesie der Jugend sind. Dann aber stürmt es polternd die Treppe herauf – Juchheirassassa, die Allemannen sind da! – kräftige Jünglingsarme schwingen das Mütterchen in erzwungenem Tanz, ein kräftiger Schmatz ihres wildesten Lieblings zaubert dunkle Röte auch in das verwelkte Greisengesicht, der Sand wirbelt auf, der Kanarienvogel schmettert Protest, und wir zwei, wir sind entdeckt und müssen den Spott zum Schaden tragen und schämen uns und glühn, als ob wir uns einer Schuld bewußt wären. Nur ein paar Frühlingstage – dann habe ich die braunen Augen erst wieder gesehen, als sie einem Anderem bräutliche Liebe strahlten, nur ein paar Frühlingstage – im Rundgesang des Kneipabends: »Bruder deine Liebste heißt?« stieg mir noch einige Mal »Auguste« aus der Seele auf die Lippen, dann wurde, ohne daß ich es merkte, auch dieser Name von einem anderen abgelöst. Eine schöne Liebe! – aus den Augen aus dem Sinn! und der sittliche Ernst, der immer fürs ganze Leben baut, rümpft die Nase. Ich aber sage: Was mir allezeit das reinste Vergnügen bereiten kann und in träumerischen Gedächtnisstunden wie eine blühende Insel der Vergangenheit entsteigt, ist das nicht ewig? Kaum ein Menschenleben wird zu verzeichnen sein, welches nicht einmal zur Schuld, zu dem dämonischen Trieb in der Menschennatur, zu dem Verbrechen in irgend welche Beziehungen getreten wäre. Auf dem lebensfrischen Grund einer fröhlichen Studentenfahrt hebt sich in meiner Erinnerung der Untergang einer ganzen Familie. Nicht daß die Ereignisse in ursächlichem Zusammenhang gestanden hätten, aber schon dem Jüngling mußten bei den nachfolgenden Abscheulichkeiten die Beobachtungen bedeutungsvoll werden, welche er früher gemacht. Ich kann eine Schilderung dieser Herbstfahrt um so weniger unterlassen, als orthodoxes Christentum und Judentum damals zum erstenmal in mein Leben in ihrer Eigenart hineinragten. Wir hielten in einem Dorfe, das zwischen Berghausen und Pforzheim liegt, einigen Weinbaues und starker jüdischer Bevölkerungs-Beimischung sich erfreut, einen Kommers ab. Bei der Wahl des Ortes hatte der Umstand mitgewirkt, daß einer unsrer Kommilitonen, ein exzentrischer aber äußerst gutmütiger Mensch, aus dem dortigen Pfarrhause stammte. Das war aber kein gastfreies Pfarrhaus, und schon der Ruf großer Frömmigkeit bewirkte, daß ohne Not kein fahrender Schüler demselben nahte. Unser Kommers vertagte sich bald aus dem Wirtshaussaal auf die Straße; die Bauern waren unsere Gäste; und alsbald erschienen auch sie, die der Herr durchs rote Meer und die Wüste geführt hat, damit sie mit uns Germanen Geschäfte machen könnten: die Juden. Diesmal aber Geschäfte eigener Art; sie waren erschienen, uns die Töchter des Landes zu verhandeln; und es möchte wohl vorgekommen sein, daß einer oder der andere von unsern weniger Skrupulösen auf solchen Handel eingegangen wäre, wenn es sich nicht herausgestellt hätte, daß einer dieser edlen Semiten seine eigene Tochter um einen Gulden an den Mann zu bringen versuchte. Da wuchs uns der tugendhafte germanische Groll, mit Stöcken und Reitpeitschen ging es über das auserlesene Volk her, und die Bauern benützten auch reichlich die Gelegenheit, Zinsen zu zahlen, die man nicht in Wertpapiere umsetzen kann. Es war eine »lütte nüdliche« Judenhetze. Meine moralische Entrüstung war freilich eine inkonsequente, mußte ich doch als Theologe hochhalten den Vater Abraham, der aus Klugheit die Sarah als seine Schwester ausgab und sie dem heidnischen Fürsten überließ, damit ihn derselbe nicht töte, diesen Vater Abraham, der mit dem ewigen Gott in freundschaftlichem Verkehr stand. Später habe ich mich auch überzeugen müssen, daß man aus der Hetze gar nicht mehr herauskäme, wenn man all die Väter prügeln wollte, welche ihre Töchter verhandeln. War man aber der Gemeinheit solcher mercenären Liebe nicht fähig, so war doch der Geist von Wallensteins Lager in uns gefahren: »Eines Mädchens schönes Angesicht muß allgemein sein wie das Sonnenlicht«, – und als des Pfarrers Ida schüchtern und neugierig auf der anderen Seite der Gasse vorüberhuschte, stieß ich auf sie um das Wegerecht fahrender Gesellen wie der Falk auf die Taube. Meine Taube floh in einen Bäckerladen. Ach, Fräulein Ida! (dort Idda ausgesprochen) rief die Bäckerfrau und, durch den Bruder des Namens der Schwester wohl inne, erkannte ich, daß ich es hier mit einem Florbesen statt mit einem gewöhnlichen Besen zu tun hatte, warf mich reuig auf die Kniee und erhielt nur zu rasch die Verzeihung. Da nun die Sache doch ruchbar werden mußte, so entschloß ich mich, den Löwen in seiner Höhle aufzusuchen; d. h. in Begleitung eines Freundes und des Pfarr-Sohnes besuchte ich am nächsten Tage, nachdem ein solenner Frühschoppen etwaige feige Katerstimmung verscheucht hatte, das Pfarrhaus. Das war nun freilich schön hoch gelegen, aber drinnen war's kahl und kalt wie in einer protestantischen Kirche. Der Herr Pfarrer, ein grobknochiger, finsterer Mann, hielt uns eine Predigt über die Laster der Völlerei und der Unzucht in seiner mit dem Bilde Luthers gezierten Studierstube, war aber gezwungen, uns zum Essen einzuladen. Das war ein trauriges Mahl, dürftig die Speise wie die Gestalt der Pfarrerin und sauer der Wein wie des Pfarrers Gesicht. Aber die Töchter, welche ihre Augen nicht aufzuschlagen wagten, waren üppig wie die Sünde, die ältere eine geradezu junonische Schönheit; und ehe uns der Pfarrer nach einem salbungsvollen Tischgebet entlassen, ohne nach der Wiederkehr zu fragen, hatte es doch die jüngere fertig gebracht, mir ein Zettelchen in die Hand zu drücken, darauf gedruckt stand: »Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist. P. 51 V. 12«, während mit Bleistift darunter gekritzelt war: »Nachher im Garten.« Den Sohn hatte der Pfarrer in sein Zimmer gesperrt, er sprang aber durchs Fenster herab, und ist damals drei Tage nicht nach Hause gekommen. Wir aber fanden den Weg in den Garten, ob wir gleich das halbe Dorf umgehen und über ein paar Mauern klettern mußten, und wir fanden dort auch die Töchter und knüpften unter vielen Tränen und Küssen den bekannten ewigen Bund. Arme Ida! sie hat mich sehr geliebt und hat viel für mich gebetet. Religion und Liebe bildeten in ihrer Seele ein seltsam Gemisch. Was Wunder, daß sie schließlich den Seelenbräutigam sich erkor, der die höchste Wonne verheißt. Als sie volljährig wurde, entfloh sie der Tyrannei des Elternhauses zu einer katholischen Verwandten, und sie, die protestantische Pfarrerstochter, trat zum Katholizismus über und ließ über ihre sehnsüchtigen Augen und ihre Gesundheit strotzenden Backen den Nonnenschleier fallen. Die ältere Schwester wurde mit dem reichsten und frömmsten Manne der Gemeinde verheiratet. Nach einjähriger Ehe entfloh sie, wurde in einem Bordell wieder gefunden, entfloh wieder trotz strengster Bewachung und ist in dem Höllenstrudel einer großen Stadt untergegangen. Der Sohn bestand glücklich das theologische Examen und wurde Pfarrer. Als ich aber schon in Amerika war, las ich eines Tages in einer Zeitung die Notiz (wie krampfte es mir das Herz zusammen!), daß derselbe ... in ... wegen eines Notzucht-Versuches zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Ein Freund bestätigte mir brieflich dieses Schicksal des Unglücklichen und fügte hinzu, daß etwa zur selben Zeit der Alte, einer der angesehensten Pfarrer des Bezirks, seine Stellung niederlegen mußte, weil er sich von gewissen Anklagen der Grausamkeit gegen Schüler und des Mißbrauches von Konfirmanden nicht ganz reinzuwaschen wußte. Mich aber ergreift ein Grausen, selbst wenn ich jenes unschuldigen, fröhlichen Herbstkommerses gedenke, und ich will den Namen des Dorfes gar nicht nennen, wo fromme Juden uns zuerst in den Abgrund der Gemeinheit blicken ließen, und das orthodoxe Pfarrhaus stand, das solche Früchte trug. Das letzte Ideal Ich habe einmal einen Mann gekannt, dem wurde die von Kindheit auf geübte süße Gewohnheit des Kirchgangs auf einmal lästig; er hatte nämlich ein paar lustige Brüder gefunden, welche am Sonntagmorgen ihre Frühmesse in der Kneipe abhielten, und es kam ihm viel ergötzlicher vor, einen halben Dollar dem Frühschoppen zu opfern als einen Nickel dem Klingelbeutel. Anfänglich tat es ihm noch im Stillen weh, wenn man sich bei den Gelagen über die »Kaffern« lustig machte, welche die schönste Zeit in der Kirche versitzen; aber nachdem er einige Bücher gelesen, welche ihm die lustigen Brüder geliehen hatten, fühlte er festen Grund unter den Füßen und sprach mit – wie ein Alter. Ingersoll lieferte ihm die Witze über die Bibel, Corvin die saftigen Pfaffengeschichten und für wissenschaftliche Gespräche diente ihm als Spicker Büchners »Kraft und Stoff. Im Übrigen aber lief er als derselbe bornierte Kerl ins Wirtshaus, als welcher er in die Kirche gelaufen war. Er machte sich mit seiner Freidenkerei in den neuen Umgangskreisen noch viel wichtiger als früher mit seiner Frömmigkeit unter den Frommen, lachte wie von jeher über die dümmsten Witze aus vollem Halse und belächelte den Humor, und sein Butterbrot war ihm viel wichtiger als die Not seines Nebenmenschen. Das ist die Sorte, welche mir den Geschmack an dem Freidenkertum verdorben hat, wie einst das patriotische Saufen der Burschenschaft meinem Freund Heinrich Heine die schwarzrotgoldnen Farben zum Ekel gemacht haben. Das ist die Sorte, welcher es eine erwünschte Bequemlichkeit ist, kein Gewissen mehr haben zu müssen, weil sie dann mit größerer Gemütsruhe »Politik treiben«, ihre Mitmenschen unterdrücken und ausbeuten können. Das ist die Sorte, welche den Pfaffen den berechtigten Stoff zur Satire liefert, weil sie, wenn es mit dem Frühschöppeln Matthäi am letzten ist, in der Todesangst an die Märchen der Kindheit sich anklammern und denselben Priester an ihr Sterbebett holen lassen, dem sie vorher die Fenster eingeworfen haben. Einst traf ich einen jungen Mann, der zum erstenmal in einer sozialistischen Versammlung das universale Recht der Arbeit hatte predigen hören. Der Vorhang vor der Zukunft war ihm mit einem Male gehoben, sein Mund überströmte von den guten Vorsätzen, die man um so leichter fassen kann, da es zu ihrer Ausführung der Mithilfe einiger Millionen anderer Menschen bedarf, und sein Antlitz glühte von dem schönen Enthusiasmus des ehrlichen Proselyten einer neuen Religion. Er vertiefte sich auch mit religiösem Eifer in die Schriften von Lassalle und Marx und hörte mit unendlicher Geduld die Reden der sozialdemokratischen Agitatoren an, die mit den Pfaffen das gemeinsam haben, daß sie immer dasselbe sagen. Aber er war jung und mutig. Nach jeder Orgie der sozialdemokratischen Langeweilerei summte es ihm durch den Kopf: Der Worte sind genug gewechselt! Da ließ ihn der Anarchismus Taten ahnen. Sturz der Tyrannei mit allen Mitteln! Aufopferung des Einzelnen zum Wohle Aller! Nicht alle können Winkelriede sein, welche der Freiheit eine Gasse brechen, aber jeder kann einen Feind mit sich ins Grab reißen, – das macht den Boden wunderbar fett, aus welchem das emanzipierte Proletariat seine Früchte der Freiheit zieht. Aber er war weit vom Schauplatz der Taten; die Freiheitsdeklamationen langweilten ihn, sie kamen ihm vor wie Kriegslieder, welche die Festungssoldaten singen, während ihre Kameraden im Felde sich herumschlagen. Aber die Tat kam, die Bombe fiel und verbreitete ungeheuren Schrecken unter den Tyrannen und – Sklaven. Das Ideal, dem er zugejubelt, wurde am Galgen degradiert; noch hielt ihn der wütende Schmerz aufrecht und das Bewußtsein der Internationalität dieses Gefühles. Aber das Bewußtsein, einer für den Augenblick – und auf wie lange hinaus? – verlorenen Sache zu dienen, nagte an ihm, die Unannehmlichkeiten, welchen man durch die Vertretung einer solchen Sache im gesellschaftlichen, im geschäftlichen und schließlich im ehelichen Leben ausgesetzt ist, wurden ihm drückend, das ewige Rebellieren wurde ihm unbequem. Da warf ihm der Zufall (ein höherer Frühschoppenbruder) den Nietzsche und den Stirner in den Weg. Er las – sein Busen klopft höher, sein Auge wird heller. Fort mit den Idealen! fort mit den Pflichten! Die Welt ist für mich da, und ich muß mir sie erobern. Ich baue mir auf festem Land ein Haus; was gehen mich die an, die auf dem Wasser schwimmen oder im Sumpfe wohnen?! Keine Steuern, keine Zölle, auch keine der Freiheit und keine dem Begriff Menschheit, »die sich ja doch Niemand vorstellen kann!« Kein Mitleid, kein Enthusiasmus. Das ist das Freieste! und das Billigste! flüstert in ihm das Tier. Ein tiefer Frieden lagert über meinem also Befreiten, eine absolute Selbstzufriedenheit versöhnt ihn mit allen seinen Transaktionen, selbst wenn sie nicht ganz reinlicher Natur sein sollten. Wie ein Gott lächelt er über das Jammern der Leidenden – wenn ein Gott sich für die Menschheit aufopfert, so kann dabei höchstens der Schwindel der christlichen Religion herauskommen. Götter sind dazu da, die Sterblichen zu genießen. Götter sind wie Goethe, der sich in seiner Audienzstube im Vorderhaus als Dichter und Geheimrat anstaunen ließ, während er in den Negligéstunden seinen Christianen das Hinterpförtchen des Gartens öffnete. Ewiger Frieden, ruhige, naturgemäße Entwicklung! Man erinnert sich, in der Naturgeschichte gelesen zu haben, daß es einer Vorbereitung von unzähligen Jahrtausenden bedurfte, ein organisches Wesen zu schaffen. Erdrevolutionen haben nicht beschleunigt, im Gegenteil, sie haben die Entwickelung immer zurückgeworfen. Also man bleibe ihm mit Revolutionen in der menschlichen Gesellschaft vom Halse, dafern sich dieselben nicht vernunftgemäß, auf ein gegebenes Programm und so wie sie es ihm vorgeschrieben, vollziehen. Vor allen Dingen schone man das Blut, es ist der kostbarste Saft, nur Sklaven schlagen ihre Herren tot, vor dem »freien Manne« erzittere nicht! Das ist die Sonnenhöhe, auf der ich auch gern stehen möchte, wenn sich nur nicht dort nach und nach auch das Gesindel eingedrängt hätte, welches aus Feigheit und Gewinnsucht der Propaganda der Tat die ethische Berechtigung abspricht! Die ehemaligen Humanisten waren schon ganz so schlau; als sie zur Beteiligung am offenen Kampf gegen Rom aufgefordert wurden, und als der wüste Lärm der Bauernrebellion in ihr Ohr drang, da schlugen sie ein freidenkerisches Kreuz und riefen aus: was wollt ihr denn von uns? Wir sind ja Humanisten! Wenn er aber, unser entwickelter Bruder, seine Faulheit, seine verbrecherische Gleichgültigkeit dem allgemeinen Elend gegenüber nicht bloß entschuldigen, sondern sogar prahlerisch rechtfertigen will, so sagt er: Sie sollten doch wissen, daß ich ein Individualist bin! Eigentümlich, die Individualisten, welche sich Freundschaft, Liebe, revolutionären Sturm, Ehre und alles, was wir uns so früher vorgepredigt haben, so zergliedern und chemisch zerlegen, bis ihnen nichts mehr davon übrig bleibt, haben aber doch noch ein Ideal behalten – den Egoismus; und ich habe Menschen kennen gelernt, die in dem praktischen Hinstreben an dieses Ideal Bedeutendes leisten. Nichts interessiert sie, nichts regt sie an, nichts rührt sie, nichts begeistert sie, was sich nicht auf ihre Person bezieht; nur über ihr eignes Glück können sie sich freuen, und nur über eigne Leiden können sie weinen. Ich meine aber, daß ich unter ganz gewöhnlichen Daseinskaffern, welche nicht einmal das Wort Individualismus kennen, dieselbe Gesinnung in Blüte gefunden habe. Jedes Ideal bedingt und schafft sich eine gewisse Moral, also auch der Egoismus. Es läßt sich ungefähr in dem Gebot ausdrücken: »Der Mensch soll sich den Umständen fügen.« Ein Narr war der Verfasser von Onkel Benjamin, daß er am liebsten in den Zelten der Geschlagenen wohnte, »da er es ja doch besser haben konnte«. Setze dich an den Tisch des reichen Mannes und schlage deine Harfe laut, daß auch der Lazarus vor der Tür sich an ihren Klängen erfreuen kann. Narren waren unsere Gemordeten in Chicago , daß sie nicht bei dem Geldpöbel um Gnade bettelten und dadurch ihr ganzes Bestreben zum Verbrechen stempelten. Mir ist aber solche Narrheit lieber als Selbstschändung; als alter Student halte ich etwas auf Komment. Hier sehe ich das verächtliche Lächeln meiner individualistischen Beobachter über meine Rückständigkeit. Mich aber will es bedünken, als ob die Moral: »Der Gewalt gegenüber ist die Ehrlichkeit eine Sünde«, ein Geschlecht heranziehen würde, dem die Heuchelei zur Ehrensache werden müßte und das im Schatten der Tyrannei sich schließlich behaglich fühlen würde. Ich hatte einmal ein Kapitel von Nietzsche gelesen, in welchem »Jenseits von Gut und Böse« die Leidenschaft der Rache wie ein toller Hund totgeschlagen wird. Ich fand das sehr vernünftig, übermenschlich, meinetwegen göttlich. Da sah ich zwei Kinder des Lumpenproletariats in einem Abfallfaß nach nahrhaften Brocken wühlen, hier in unsrer guten Stadt Detroit, wo das Vorhandensein der Armut noch ein Geheimnis, wenn auch ein öffentliches ist; meine Göttlichkeit war zum Teufel, und der tolle Hund wurde in mir lebendig. Mit einem wehmütigen Bekenntnis meiner traurigen Lage will ich schließen. Wie mir die Christen am Christentum, die Sozialdemokraten am Sozialismus, die Anarchisten am Anarchismus die Freude verleidet haben, so geht's mir jetzt auch mit den Individualisten. Ich höre mit gläubigen Ohren die Versprechungen der theoretischen oder wissenschaftlichen oder vernünftigen Anarchisten, zu welchen ich meine Freunde Tucker , Mackay und Schumm zähle, ich nehme an, daß ihre Theorie der Entwertung der jetzigen Werte – vorab das dreimal verfluchte Geld – praktischer Ausführung entgegen sieht (ich habe mir zwar nicht die Mühe gegeben, dieses meinem innersten Wesen zuwidere Thema zu studieren, aber da viel Dümmere als ich damit Staat machen, wird wohl auch keine ewige Weltweisheit drinstecken), aber ich frage mit hunderttausend Elenden: Wann soll denn eigentlich der Anfang gemacht werden? Dann, wenn die Herrschenden einsehen, daß sie doch nur Barrikaden gegen ihren eigenen Sonnenschein bauen, würde wohl die Antwort lauten. Das ist aber gerade so dumm, als wenn man in der Erziehung des Menschengeschlechts die Wollust ignorieren würde. Die Wollust des Herrschens und des Unterdrückens fragt nicht danach, ob sie zum eignen Nutzen arbeitet; sie ist da, unerbittlich grausam für die Oberen wie für die Unteren, und sie wird immer da sein, nicht verstohlen, wie es sich für eine Schändlichkeit ziemt, sondern offen triumphierend; so lange man ihr nicht alle Köpfe abhackt und die Gift blutenden Wunden mit Feuer trocken legt. Nieder mit den Idealen! Gut, nieder aber auch mit dem letzten Ideal, dem Egoismus! Ich für meine Person will mir den kindlichen Glauben bewahren, daß man draufschlagen muß, wo man Unrecht sieht, ohne Besinnen, ohne Überlegung, töricht wie ein Kind und ein Held. Denn Setzen wir nicht das Leben ein, Nie wird uns das Leben gewonnen sein. Die letzte Position Wie meine Seele blutete, wie ich erzitterte und ergrimmte wie unter unverdienten Geißelhieben, als ich vor zwanzig Jahren Heinzens »Sechs Briefe an einen frommen Mann« las und die mir mühsam gerettete Religion dahinschwinden sah wie einen Traum der Kindheit. Ich zerschlug die Broschüre in Fetzen, ich weinte dem Traum nach, der mir so hold erschienen war, ich versuchte noch hundertmal die Wiederherstellung – so wie ein Erwachender die lieblichen Spiegelbilder des Schlafes festzuhalten versucht – umsonst, was niemals mein war, war verloren, und bald lehrte mich der Sonnenschein das Lächeln über alle Träume. Über alle Träume? Ich mußte die Erfahrung machen, daß ich noch viel Glaubensseligkeit zu verlieren hatte, Freundschaft und Liebe erschienen mir in zweifelflackerndem Lichte, und ich lernte mein Vertrauen auf die Menschen verachten, wie ich mein Gottvertrauen verachten gelernt hatte. Aber das ist ein Passionsweg, der nie aufhört, die Enttäuschung über Einzelne begleitet uns bis ans Grab, und ganz gehören uns nur die Toten. Die Menschen sorgen selber dafür, daß wir ihnen als Einzelwesen keinen allzu großen Wert beilegen, aber der Mensch stand vor meiner Seele wie vor der Schillers als unverrückbares Ideal. Und nun kommt dieser Stirner mit seinem verfluchten Buch , das ich wieder in kindischer Wut zerschmeißen möchte, und will mir auch den Menschen stürzen mit seinem ganzen Hofstaat von Tugenden und Idealen! Ich weiß, ich fühle es, daß er, ein wohlmeinender Räuber, mir diesen abstrakten Menschen nur nehmen will, um mich mir selber zum Eigentum zu geben, mich, dieses konkrete Ganze, das lacht und weint und denkt und ißt und trinkt, um mich frei zu machen von der Sklaverei anerzogener Ehrfurcht, um mir ein Glück zu schenken, das ich nur erst ahnen kann. Ich will aber meine letzte Position nicht kampflos aufgeben, ich will meine letzten Altäre verteidigen, ich will einmal noch denen aus der Seele sprechen, die gleich mir noch ein leises Grauen in sich tragen vor dem Priesterspruch: »Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!« »Im Anfang war die Tat« – so etwas hat nur noch für einen Faust Sinn, der noch mit Engeln und Teufeln sich herumschlägt, im Anfang und von Anbeginn unserer Erdexistenz war nichts Anderes, als was noch heute ist und sein wird bis zum Zusammensturz dieses Sonnensystems: Die Entwickelung, das Blühen, das Formwerden. Über den Urwassern, in den Gasen, in der Feuerflüssigkeit gab es weder Liebe noch Haß, weder Vollkommnes noch Unvollkommnes. Aber in der Pflanzenwelt schon begann der Kampf und die Verkümmerung, und in der Tierwelt fing man an, sich gegenseitig aufzufressen. In der Menschenwelt, wenn man dieselbe überhaupt von der Tierwelt unterscheiden kann, brachte man es so herrlich weit, daß man über sich selber nachdachte und darüber Bücher schrieb. Ob das eine Vervollkommnung oder eine Verkümmerung ist, bleibe dahingestellt. Nie wird die Menschenwelt den Frieden der Gestirne kennen. Der Mond ist nicht dankbar für das Licht, das er erhält, aber er ist der Sonne auch nicht neidisch. Wir aber lieben und verklagen uns untereinander, und so wird es bleiben, so lange die Erde Menschen trägt. Uns ist die Kraft der Selbstentäußerung gegeben, einerlei, ob wir das als Glück oder Unglück ansehen. Sie wird da sein, immer, und weder Stirner noch irgendein Selbstforscher wird mir die Tatsache hinwegklügeln können. Einst erwachte ich aus erquickendem Schlafe. Im Nebenzimmer hustete ein Kind, und dieses Geräusch ließ mich nicht wieder einschlafen. Die Eisenbahn brauste alle zehn Minuten an dem Hause vorbei, die Dampfpfeifen dröhnten vom Flusse her, alles das hätte mich nicht gestört, aber dieser Husten! Das Kind ging mich nichts an, es hatte nichts mit meinem Eigentumsgefühl zu tun, ich hatte es nie gesehen. Aber mit jedem der stoßweise wiederkehrenden Anfälle sah ich deutlicher das blasse Gesichtchen mit den stark hervortretenden blauen Adern, den ängstlich und müd aus tiefen Höhlen blickenden Augen, und in mir wuchs ein tiefes, mich überwältigendes Mitleid. Ich vergaß meinen Zweck, wie Stirner sagen würde, ich wollte nicht mehr schlafen, ich kümmerte mich nicht um alle Erkenntnis der Welt, ich dachte nur an das Kind und an den Schwertstoß, der bei jedem Hustenanfall durch das Herz der über es gebeugten Mutter gehen mußte. Hätte ich in diesem Augenblick die Überzeugung gehabt, mit meinem Leben das Leiden dieses armen Lebens aufzuheben, ich hätte mein Leben hingegeben. Das war freilich nur ein Augenblick, gleich darauf regte sich wieder mein Egoismus und raisonnierte: »Welcher Unsinn! Dein Ich kennst du und weißt, wie viel es dir wert ist, es ist aber sehr zweifelhaft, was für ein Ich du in diesem Kinde retten würdest.« Das ist jedenfalls sehr richtig, aber freier war ich doch, auf höherer Entwicklungsstufe stand ich doch, als ich bereit war, meinem höheren Egoismus zu lieb, mein Leben hinzugeben. Einst machten einige junge Leute auf dem Rhein eine Nachenfahrt. Der Kahn stieß an einen Brückenpfeiler und schlug um. Zwei der Jünglinge retteten sich, der Dritte versuchte ein Mädchen zu retten, das nicht schwimmen konnte, und wurde von ihrem Gewicht in die Tiefe gezogen. Das Mädchen war eine dumme geldstolze Bauerntochter, die höchst wahrscheinlich späterhin einen Ehemann unglücklich gemacht hätte; die beiden Jünglinge, die sich retteten, waren unzweifelhaft in dieser Angelegenheit sehr klug, aber wir waren töricht genug, den als Freund in unser Erinnerungsbuch einzutragen, der sein Ich aufs Spiel setzte. In unserer Schülergesellschaft war ein Mensch, der als vollendeter Egoist gelten konnte. Als sein Vater starb, ein Vater, der ihn stets mit großer Güte behandelt hatte, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als die Taschen desselben zu leeren und das Geld zu verzechen. Wir waren so wenig von diesem Einzigen und seinem Eigentum erbaut, daß wir ihn aus unsrem Bunde ausstießen. Dickens bemerkt irgendwo sehr richtig; daß Freundschaft auf die Dauer nur da existieren kann, wo der eine sich dem andern unterordnet; unsere Sympathie wird aber immer dem gehören, der in Freundschaftsdiensten seine Herzensbefriedigung findet, und wir werden immer den verachten, der mit spöttischem Lachen die Gabe der Freundschaft einsteckt. Meine Beispiele mögen hinken, ich weiß auch, daß die ganze Wahrheit den Menschen nie schlechter – wertloser machen kann, aber ich kann die Grenze zwischen dem vollendeten Egoismus und der Gemeinheit noch nicht klar sehen. Und wenn ich die höhere Erkenntnis auf die Freuden der Kinder und der geistig Armen mitleidig herabblicken und den Egoisten mit zugeknöpften Taschen durch die Gassen des Elends gehen sehe, dann sage ich: Nieder mit dem Einzigen! Ein Kapitel vom sittlichen Ernst Nicht jeder kennt die Geschichte, welche Heinzen aus dem Kolonialleben Struves erzählt. Gustav, der Patriarch, weckt in der Nacht den Minister der Ökonomie Ackermann: »Du, die Kuh brüllt«; »Ach, was«, antwortet der, »sie brüllt nach dem Ochsen, ihr fehlt der sittliche Ernscht.« * Es saß ein Zeisig auf einem Zaun, der pfiff ein freies Leid, so daß der Einsiedelmann ordentlich seine Freude daran hatte. Kein Käfig, selbst mit goldenen Stangen und reichem Futter, konnte ihn berücken; ja sogar für die große schöne »Hecke«, worin man umher fliegen kann und worin Grünzeug wächst, fast als ob es im Freien wäre, hatte dieser Vogel keinen Sinn. – Da tönte das Locken eines Vogelweibchens im nahen Wald, und der Zeisig verschwand im grünen Dunkel. – Schade, sagte der Einsiedel, es fehlt ihm der sittliche Ernst. * Auf einem amerikanischen Schlachtfelde trommelte ein 16jähriger Knabe lustig vorauf, er trommelte für die Union, er marschierte gegen die Verteidiger der Sklaverei. Da schlug ihm die Kugel in die Brust. In den zehn Minuten, die der Knabe noch zu leben hatte, vergeudete er Zeit und Atem in den kräftigsten Yankee-Flüchen gegen den Feind, die alle mit God damn begannen. Schade! Hätte er sittlichen Ernst besessen, er hätte sich schnell noch einmal die Unabhängigkeitserklärung vorlesen lassen. * Es waren einmal zwei Geschäftsleute. Beide handelten mit einer Ware, die nicht gangbar war. Da verband der eine ein gangbares Geschäft, das einem Andern gehörte, mit dem seinigen, deckte die Schulden des eignen mit dem Einkommen des fremden, und als er sich genug Profit aus beiden gesammelt, ließ er die ausgepreßte Doppel-Zitrone liegen und zog sich ins Privatleben zurück als hochgeachteter Mann. Der Andre arbeitete, bis nichts mehr vorhanden war; niemand verlor etwas außer ihm selber, aber als er die Bude schloß, war er ein ruinierter, bankerotter, verachteter Mann. – Warum dieser Unterschied? Der erstere hatte sich stets einer würdigen Miene beflissen, nur über ernste Dinge gesprochen, und wenn er je einmal ins Wirtshaus ging, gesorgt, daß er zwischen hochgeachtete Männer zu sitzen kam. Der Andre hatte trotz seines Elends bisweilen gesungen und getrunken und war mehr als einmal unter die Zöllner und Sünder geraten. Geschieht ihm Recht, dem Lump, warum hat er keinen sittlichen Ernst! * Es waren einmal zwei Schulmeister. Der Eine dozierte mit großem Fleiß und bot in seinem Betragen den Kindern ein Beispiel, das so montblancmäßig vor ihnen stand, daß sie ordentlich froren, wenn sie ihn ansahen; wenn sie aber die Klasse verließen, waren sie genau eben so dumm wie vorher. Der Andre hatte die Gabe, den Kindern mit Leichtigkeit beizubringen, was lernenswert war, und er vergaß manchmal so sehr seine Würde, daß er an den tollen Streichen des Knabengesindels selber sich beteiligte. Erst nach vielen Jahren begriffen die Herangewachsenen, wie viel sie diesem Lehrer, der keine Karriere machte, zu verdanken hatten. Der Erstere wurde Schuldirektor. Er hatte den nötigen sittlichen Ernst. * Ich liebte ein Mädchen, das mich ihre Fingerspitzen nicht küssen ließ, weil ich ihr nicht moralisch genug war. Sie verkaufte ihren jugendlich blühenden Leib, ihr Herz voll idealer Gedanken an einen reichen Wüstling, in dessen Sälen sie als geachtete Gattin des geachteten Mannes (denn welcher reiche Mann wäre nicht geachtet!) mit ruhiger Würde waltet. Wenn sie stirbt, wird das Publikum im Allgemeinen, und ein fashionabler Pastor im Besondren mit Bewunderung von dem sittlichen Ernst sprechen, den sie in ihrem Leben betätigt. Ich kannte eine kleine Grisette, welche ihre letzten Brosamen mit dem Geliebten ihres Herzens teilte ... Sie sank von Stufe zu Stufe, sie wird in einer Spelunke sterben und auf dem Armenkirchhof begraben werden. Schade! aber ihr fehlte der sittliche Ernst. * O allweise Mutter Natur! Du allgerechte! Warum hast du den sittlichen Ernst nicht auf dein Programm gesetzt?! Warum hast du uns nicht Alle damit getränkt?! Die Entwickelung wäre dann schon längst vollendet; denn entweder hätten wir uns schon längst gegenseitig aufgefressen (mit sittlichem Ernst verspeist der Uhu den Hasen), oder wir wären vor Langeweile gestorben. – O Nachtigallen, warum singt ihr nur im Lebensfrühling, o Rosen, warum blüht ihr auch auf Gräbern?! Das Weib spricht Wenn ich das Weib nicht schon an und für sich liebte mit der idealen Verehrung, die als Erbteil der Mutter in jedem Mannesherz bleiben muß, und mit der unbezwingbaren Leidenschaft der Natur, die immer und überall nach der Ergänzung, nach der Lösung jedes Dualismus in eine Einheit strebt, so müßte ich es lieben um des heroischen Anteils willen, den es an den Befreiungskämpfen der Menschheit, an den Revolutionen nimmt. Der gesunde Mann muß von Haus aus Revolutionär sein. Mag seine Erziehung eine noch so autoritäre sein, das Bild der Geschichte, das man ihm nicht vorenthalten kann, zeigt ihm in den erhabensten Momenten die Verneinung der Autorität, und indem an seinen Mut und an seine Stärke appelliert wird, muß er sich nach und nach bewußt werden, daß die Gesellschaft, selbst in ihren Verboten, die Revolution, die Geburtshelferin der Evolution, geradezu von ihm verlangt. Das Weib aber wurde in allen bisherigen Religionen und Gesellschaftsformen zur Niedertracht erzogen. Wenn den Herren Philosophen vor den Konsequenzen ihrer eigenen Argumente bange wurde, blieb ihnen immer das Weib als das konservative Prinzip, die Garantie für die Ruhe, welche immer die erste Bürgerpflicht sein wird. Heine macht die kühnsten Witze über die Versuche, auf Grundlage der Religion die Welt zu erklären und die Menschheit mit dem Dasein zu versöhnen, aber es war doch sein innerstes Fühlen, wenn er niederschrieb: Ein Weib ohne Religion ist wie eine Blume ohne Duft. Der Feinschmecker merkte es gar nicht, daß er sich in den Hautgout vernarrt hatte, der den Damen der Welt, welche mit ihren Reizen nicht mehr hausieren gehen können, vorzüglich eigen ist. Dieser Hautgout ist, namentlich seit dem Auftreten des Christentums, dem weiblichen Geschlechte mit solcher Hartnäckigkeit imprägniert worden, daß man gewissermaßen sagen darf: er wird schon mit den weiblichen Kindern geboren. Es war eine nicht unschöne, aber doch im krassesten Egoismus wurzelnde Kindlichkeit, wenn mich des Glückes ganze Fülle überschauerte, als mir des Pfarrers Töchterlein gestand, daß sie für mich gebetet habe. Aber all die frommen Positionen in der Kirche, die in Millionen von Bildern verherrlichte Andacht mit den himmelaufwärts geschlagenen Augen sind doch nur der Hautgout, den sämtliche Priester und Priestersklaven, sämtliche Treibhausmenschen mit Heine »Duft« nennen. Einem Menschen, der im alleinigen Umgang mit der Natur groß geworden, müßten die Manieren einer Andächtigen gerade so verdächtig vorkommen wie diejenigen einer Hetäre; und die Worte, welche nach Hauffs Memoiren des Satans im Sezier-Saal ausgesprochen wurden, hörte ich einst aus dem Munde eines protestantischen Bäuerleins, als ihm zum erstenmal in einer katholischen Kirche der Weihrauch in die Nase stieg: Pfui Teufel, wie stinkt es hier! Dieser Freude an dem Hautgout, welcher von allen Gesetzgebungen und Religionen der Männer so sorglich fortgepflanzt wird, liegt aber noch eine tiefere Absicht zu Grund. Der Mann, d. h. die durch Staat und Kirche im Manne großgezogene Bestie, will besitzen und herrschen; da aber der Natur der Sache nach nur eine Minorität der Männer andere beherrschen und ungerechtes Gut besitzen kann, so sind sie sich darin einig geworden, daß das Weib für Jeden Eigentum und Sklavin sei. Was man so Liebe nennt, ist in den meisten Fällen nur die Wollust des Besitzes, die Genugtuung, Jemanden zu haben, der einem jederzeit zur Verfügung steht; und wo es sich um einen Kampf um das Weib handelt, sei es eine Tanzbodenprügelei oder ein trojanischer Krieg, kann nie von Liebe die Rede sein, sondern nur von der Bestialität der Besitz-Wut. Die Angst um den Besitz des Weibes, um die Tyrannis über dieses Sklaventum, das noch keine Civilisation aufgehoben hat, ist es, welche die Erziehung des Weibes diktiert. Vor allen Dingen gilt es, in den heranwachsenden Mädchen das Gefühl der Abhängigkeit zu vertiefen, sie müssen es frühzeitig lernen, daß sie nur dazu da sind, erhalten und gehalten zu werden. Das wird nicht nur mit Bibelsprüchen in den Kirchenschulen, sondern auch in unsern ganz auf die Moral des Christentums aufgebauten öffentlichen Schulen bezweckt; und in feinerer Weise ist es doch nur der Grundton in den fashionablen Instituten, wo die Töchter der obersten Zehntausend das Eine zu erlernen haben: Wie man sich als »Lady« beträgt. In der Tat zeigt sich hier eine rührende Einigkeit von Arm und Reich, von Reaktionär und Revolutionär. Kein Pfaffe konnte sich wütender auf das mulier taceat in ecclesia berufen, als unser badischer Freiheitsmann Friedrich Hecker, und der Herr Professor, welcher von der Bestimmung des Weibes für die Familie doziert und dadurch jedes Mädchen, das nicht »heiratet«, zu einem Wesen stempelt, das »seinen Beruf verfehlt hat«, steht genau auf demselben Standpunkt wie der erbärmliche Schuft der untersten Stufe, der dir für einen Schnaps die Schuhe beleckt, aber immer noch Mann genug ist, ein Weib zu tyrannisieren. Die heilloseste Angst ist es, welche die Erziehung und die Rechtsstellung des Weibes selbst in der Republik diktiert, ja ich habe manchen Roten gekannt, aus dessen brüllendem Löwengesicht sofort die Hammelsnase heraustrat, wenn von den Rechtsansprüchen des Weibes die Rede war. Man läßt sich schließlich allerlei Revolutionen gefallen, und wenn es nicht anders geht, macht man selber mit; aber wenn es einmal den Weibern einfallen würde, gegen die altheilige Institution des Küssens und Prügelns, des Poussierens und Tyrannisierens zu rebellieren, das wäre dann doch eine zu ungemütliche Revolution! Die wahnsinnige Angst vor dieser Umwälzung, welche den häuslichen Frieden aller Laren und Penaten des Philistertums bedroht, ging sogar so weit, daß man die körperliche Schwäche des Weibes zu einem Gegenstand poetischer Verehrung machte. Recht zart, recht ätherisch, nur so hingegossen, ein Herzfehler, eine leichte Anlage zur Schwindsucht ersetzt allenfalls den so beliebten Hautgout der Religion, so daß sie der starke männliche Arm stützen und heben kann, nicht zu groß, das Köpfchen ruhe an des Mannes Brust, des Mannes Herrscherhaupt muß immer auf sie herabsehen können. Schönheit und Stärke – eine fatale Kombination, angenommen sie würde sich wehren?! Dieser Geschmack der Männer, der sich in der Erziehung äußert, hat es sogar so weit gebracht, daß starke Weiber sich ihrer Stärke schämen und von Schwächlingen von Ehegatten, die sie mit einer Handbewegung an die Wand schmeißen könnten, sich Tränen der Erniedrigung entpressen lassen. Aber ich habe bis jetzt nur von dem Weibe im Allgemeinen geschrieben. Unsere Zeit ist eine wunderbare, sie hat nicht nur durch die Elektrizität die rohere Gewalt des Dampfes überflügelt, sie hat auch in der tiefsten Tiefe des Sklaventums die Forderung der Freiheit erweckt. Das Weib spricht als Anklägerin vor allen Gerichtshöfen der Wissenschaft, spricht, wo Männer sich mit der Feigheit des Schweigens umhüllen. Das ist das schönste Gebild, das uns an des Jahrhunderts Neige entgegentritt: das freie Weib! Ein revolutionäres Weib, wie auch ihre Tätigkeit sich äußern mag, selbst wenn sie nur in den engen Rahmen der amerikanischen Frauenrechtlerinnen sich einfügt, ist ein größerer Triumph der immer nach Freiheit strebenden Natur als hundert revolutionäre Männer; denn sie hatte eine Welt zu überwinden, und wenn sie ihre Erkenntnis abgibt und ihre Forderung erhebt, hat sie immer noch eine Welt gegen sich. »Und geht es zu des Bösen Haus, das Weib ist tausend Schritt voraus«, steht im Faust geschrieben. Das Böse ist aber heutzutage das Befreiende, das die Autorität jedes Tyrannentums Zerschmetternde. Und da gibt es Frauen, für welche die geistigen Schranken, an denen die vorwärts strebenden Männer mühsam herumklettern, gar nicht existieren. Wenn ein Strahl der Sonne in ihr Herz gedrungen, gibt es für sie keine Dämmerung mehr, es ist auf einmal ganzer Tag. Wenn sie die Berechtigung zum vollen Lebensgenuß erkannt haben, blüht auch in ihnen der Mut auf, alles zu verlangen. »Was die Weiber wollen, setzen sie schließlich doch durch«, jammern ja auch die braven Herren der Schöpfung. Nun denn, sie wollen, diejenigen unter ihnen, welche überhaupt wollen können (die willenlose weibliche Plebs hat schließlich in der Weltgeschichte so wenig zu bedeuten wie das männliche Philistertum) und ihr Wollen ist längst über die Emanzipation des Geschlechtes hinausgegangen, sie wollen, was jeder Kämpfer der Freiheit auf seine Fahne schrieb: Zerstörung aller Schranken, welche der freien Entwicklung des Individuums im Wege stehen, die kein andres Gesetz kennt als die Gerechtigkeit für Alle. Und ihr Wille wird Tat werden. Zieht euch die Schlafmütze über die Ohren, ihr ehrsamen Bürger! Es wird eine Gardinenpredigt geben, die Niemand vergißt, der sie gehört. Legt euch lieber ins stille, kühle Grab, es bricht eine Zeit an, welche dem Menschengeschlecht den Beweis liefern wird, daß nicht umsonst die Griechen die höchsten Ideale: die Schönheit, die Wahrheit und die Freiheit, in weiblicher Gestaltung personifiziert haben. »'s tut wunderselten gut« Man braucht weder ein Philosoph noch ein hypnotischer oder sonstiger Mediziner oder gar ein praktischer Heuchler zu sein, um zuzugeben, daß der Schein unsrem Gedankenleben, der Erinnerung, dem Genuß der Gegenwart und der Hoffnung mehr Inhalt gibt als das Leben, die Wirklichkeit. Es genügt, zu dieser Erkenntnis zu kommen, ein wenig Lebenserfahrung und ein wenig Selbstdenken. Nicht was du durch die fünf Türen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Spüren in dich aufgenommen hast, sondern was du dir nachträglich dazu denkst, macht das Schöne der Erinnerung aus, nicht der Kuß, die Umarmung, der Wein und das Lied, die geglückte Forschung, die Tat bilden den Genuß des Augenblicks, sondern der unbewußte Vergleich mit den Augenblicken der Leere, die Einreihung des Gefundenen in eine imaginäre Kette, die Achtung vor dir selber. Mit andern Worten, der Egoismus oder die Eitelkeit ist der gute Gesell, dessen Zauberstab die Paradiese erschließt. Das Weib wird erst anmutig und herrlich, der Wein wird erst Sonnenfeuer und Sonnengold, weil sie die Ehre haben, von dir umarmt und getrunken zu werden. Das gilt auch für die sogenannte platonische Liebe und für den Dichter bei Wasser und Brot; denn die lieblichste Form des Egoismus, die Phantasie, schmeichelt dir ja doch immer den Besitz vor. – Und nun gar erst die Hoffnung! Sprechen wir nicht davon, wir segnen sie, und wenn sie uns tausendmal genarrt hätte. – Die Kunst schafft uns die höchste Welt des Scheines; aber nur der hat ihre ganze Bedeutung erfaßt, den sie zugleich mit der wirklichen Welt versöhnt. Ich habe die Phantasie die lieblichste Form des Egoismus genannt, ich hätte gerade so gut sagen können: die Liebe. Die ist auch ein »Land voll träumerischem Trug«, wie Lenau mit zarter Anklage Amerika genannt hat, und wir haben uns in den Trug so verliebt, daß wir kaum mehr wagen, uns ihr Wesen gegenständlich zu machen. Du magst in allen andern vor der Welt leuchtenden Fragen dich vom Glauben, d. h. von der Sklaverei der Autorität losgerungen haben, in der im Geheimen brennenden Frage der Liebe ziehst du es vor, dir Blumen um deine Fesseln zu winden, statt sie zu zerbrechen, du rühmst dich deiner Abhängigkeit von den Schranken, die du, dem Beispiel der Edelsten folgend, dir selber gebaut hast, und du schämst dich der Gedanken und Taten, in welchen du frei den Trieb der Natur betätigt hast. Und in der Tat, die Feigheit auf diesem Gebiete ist erklärlich und darum verzeihlich. Hat doch hier der Zeuge der Wahrheit nicht einmal den armseligen Trost, daß die Zukunft sein Martyrium anerkenne und vergolde. Jeder Held einer Religion oder einer politischen oder sozialen Freiheit stirbt in dem schönen Gedanken: Der liebe Gott oder die Weltgeschichte, welche das Weltgericht ist, wird auch dir gerecht werden. Der Rebell von gestern ist der glorreiche Freiheitskämpfer von heute, der Märtyrer von heute ist der Sieger von morgen. Wer aber in der Liebe »über die Stränge geschlagen hat«, für den haben die Weltgeschichten aller Art nur milde Verurteilung, Schonung, Verzeihung, wenn er anderweitig sich groß und nützlich erwiesen hat. Das gute Recht auf das Außerordentliche, das in religiösen, politischen und sozialen Dingen von der bewundernden Nachwelt als das Wesen des Genius gepriesen wird, existiert nicht für den Liebesritter; er hat von jeher keinen größeren Ruhm mit ins Grab genommen, als der Kater, der in irgend einem Winkel sein kampf- und liebereiches Dasein endet. Der Ritter von Gleichen ist freilich mit päpstlicher Bewilligung mit seinen zwei Weibern zu Ehren gekommen, aber er hätte sich einmal einfallen lassen sollen, sich noch eine Dritte beizulegen, und er wäre sofort in die Kategorie der Höllenbraten à la Don Juan gesunken. Der gute und tapfere Ritter von Gleichen erinnerte mich aber daran, daß ich durch die Lektüre der letzten Tage auf mein Thema gekommen bin. Ich las nämlich wieder einmal eine Heysesche Novelle, deren feine Psychologik von Männlein und Weiblein so hoch gepriesen wird, während doch insgeheim gerade die feinsten Helden der Heyseschen Erzählungskunst von Männlein und Weiblein für die größten Dummköpfe gehalten werden. Der Held, den man sich als ein Bild vollkommener Männlichkeit zu denken hat, ist in gedachter Novelle in zwei Frauen zu gleicher Zeit verliebt. Pardon! Die Ausdrucksweise ist zu niedrig, sagen wir: Eine wundersame Doppel-Liebe hat von ihm Besitz ergriffen; und was das Unglaubliche, Niedagewesene ist, die beiden Damen wohnen in den beiden Herzkammern ganz friedlich nebeneinander. Der Gedanke an die Eine beeinträchtigt nicht im Geringsten den Gedanken an die Andre, erzählt er dem Freunde, setzt aber im Bewußtsein an das Ungeheuerliche seiner Beichte hinzu: Ich weiß wohl, daß mir kein Mensch so etwas glauben würde. Die eine der beiden Damen, die ehelich angetraute, merkt die Geschichte und findet sie ganz begreiflich, namentlich daß die andre in ihren Mann verliebt ist – nur muß natürlich die andre aus dem Hause – und sie weigert sich fortan der ehelichen Umarmung, weil es ihr immer dabei zu Mut sein würde, als ob die andre zuschaue. Dieser unangenehme Waffenstillstand währt, bis die Nachricht kommt, die andre habe sich jetzt auch glücklich verheiratet. Bald stirbt aber die eheliche Frau des Doppelliebenden. Nach Jahr und Tag trifft er die andre. Die Geschichte mit der Verehelichung derselben war ein Schwindel gewesen. Sie ist noch schöner geworden und beide lieben sich noch gerade so heiß. Na, denkt man, das trifft sich ja famos. Ja, wenn der Herr Paul Heyse kein so feiner Psychologiker wäre. Jetzt ist's dem Helden der Geschichte plötzlich so zu Mut, als ob bei einer etwaigen ehelichen oder auch unehelichen Umarmung die andre, die Tote, zusehen würde. Also zieht er mit schmerzlichem Blicke von dannen, und was die Zurückgebliebene gedacht haben mag, wird die geneigte Leserin wissen. So hat sich's denn auch hier wieder bewährt: Ob nun ein Mädel zwei Knaben oder ein Knabe zwei Mädel lieb hat, 's tut wunderselten gut! Herr Heyse hat vermutlich seiner Zeit gedacht, er habe mit seiner Novelle etwas sehr Kühnes getan und das deutsche Publikum (zum Glück lesen so etwas nur Gebildete!) wird auch darüber erschrocken sein, daß hier die Behauptung aufgestellt wurde, daß man zwei Personen des andern Geschlechtes zu gleicher Zeit »wahrhaft« lieben könne. Du lieber Himmel, das Volkslied, das so naiv und wahrhaft wie die Natur selber sein kann, hat das schon vor vielen und allen Jahrhunderten nie bezweifelt. Es hat nur die praktische Erfahrung, meinetwegen als Warnung, dazu gesetzt, daß es wunderselten gut tue; nicht weil es an und für sich etwas Unrechtes oder gar etwas Unnatürliches sei, wenn ein Mädel zwei Knaben lieb hat, sondern weil die neidische Welt und die Eifersucht, d.i. Borniertheit, Dummheit der Geliebten so etwas nicht erlauben. Wenn's dann ein Unglück gibt und der eine bringt sich um oder sie schlagen sich gegenseitig tot (mich freut's immer, wenn's Mädel wenigstens übrig bleibt), so spricht man gelehrt von der tragischen Sühne der Schuld, und ist doch nichts Andres als die sittliche Rohheit, die uns christliche und andere Lügenbeutel als Moral aufgehalst haben! Der Psychologiker Heyse, der wie so mancher unschuldig als ein Schriftsteller der freien Liebe verlästert wurde, steht lange nicht auf dem natürlichen Standpunkt des Volksliedes, er läßt immer durchblicken, daß es sich bei dieser Doppelliebe um eine Schuld handle, und – Strafe muß sein, gebüßt muß werden. Um wie viel roher aber als der aus bornierter aber wenigstens ehrlicher Leidenschaft hervorgehende Mord ist diese aus Gewissensangst geborene Feigheit und Verleugnung des natürlichen Triebes, die zugleich dem Weibe die größte Beleidigung zufügt, die raffinierte Gemeinheit ersinnen kann. Aber halt, in solchen Dingen fehlt mir ja das Urteil. Ich weiß ja nicht, was wahre Liebe ist. Wenigstens haben mir das schon ganz gute Freunde auf den Kopf zugesagt, wenn ich es wagte, die Behauptung aufzustellen, man könne mehr als Eine lieben. Du kannst mit dem besten Freunde im Wald spazieren gehen, nur darfst du in gewissen Dingen nicht die Wahrheit sagen. Ich habe ihnen freilich manchmal geantwortet, daß dieses Aufgehen in einer einzigen Liebe ebenso von Beschränktheit des Gemütes zeuge, wie das orthodoxe Festhalten an einer allein selig machenden Idee von Beschränktheit des Verstandes. Aber ich war doch selber nicht ganz ehrlich, denn bei den Frauen, die mir geneigt waren, habe ich das Loblied der Vielseitigkeit niemals angestimmt. Von der Idee, daß es für das männliche Geschlecht Rechte geben soll, die für das weibliche nicht existieren, die einem schon von der Mutter selbst eingeprägt wird und die unsrem männlichen Stolze so sehr schmeichelt und so bequeme Entschuldigung für kleine und große Gemeinheiten schafft, kann man sein Lebtag nicht frei werden; denn wenn man auch theoretisch kühn für Rechtsgleichheit des Weibes in Allem eintritt, in der Praxis ertappt man sich doch immer wieder auf jenen feudalen Gefühlen, die einem Kirchenvater und einem Sklaventreiber zu gleicher Ehre gereichen. Ein elender Trost mag es für das Weib sein, daß die Männer-Rechte auch nur so entschuldigt oder heuchlerisch verdeckt werden, während sie vor dem höheren Forum der Sittlichkeit ihr Haupt nicht erheben dürfen. Wer wirklich freie Liebe verlangt, den naturgemäßen Gemeingenuß zweier sich anziehender Wesen, ohne Rücksicht auf die feinen Gefühle und die groben Gesetze der Gesellschaft, der kann froh sein, wenn er nur als ein Narr angesehen wird, oder wenn er so viel Geist, noch besser so viel Geld, besitzt, daß ihm die Meinung der Welt über seine Ansichten und Handlungen Wurst sein kann. Trotzdem fehlt es in unserer Zeit des Eisganges zertrümmerter Autorität nicht an Stimmen, die klar und offen im Namen der Vernunft das natürliche Recht fordern, welches unsre größten Denker der philosophischen Zeit umgingen oder mit einigen Formeln abspeisten, welches das gemeine Volk doch nicht verstehen kann, unsre größten Dichter nicht einmal in der Welt des Scheines im Namen der Kunst zu proklamieren wagten den einzigen Shakespeare ausgenommen. Wenn ich von solcher Freiheit singen und sagen höre, die so frei ist, daß selbst die Freidenker ihr Pfui darüber erheben müssen, so freut es mich doch, daß ich in meiner ältesten Vergangenheit schon Erlebnisse finde, die in aller Unschuld den Stempel der natürlichsten Natürlichkeit trugen. Wie man weiß, habe ich mir stets ein Gewerbe daraus gemacht, das was man so seine Jugendeseleien nennt, den Lesern des Armen Teufel vorzusetzen, Kapitel aus der unerschöpflichen Geschichte der Liebe; ich meine halt, der Mensch habe nichts Besseres zu erzählen, als gerade das, was er seine Dummheiten nennt. Ich mache mir auch gar nichts daraus, daß mir derartige Schriftstellerei viel Spott eingebracht hat, getröste mich bei dem Gedanken, daß solcher Spott vorzüglich bei Denjenigen wächst, die gewisse Sachen nicht erlebt haben und sie also auch mit dem größten Nachahmungstalent nicht von sich geben können. Wenn ich also so von der Liebe träumerischem Truge schwärmte und mit dem Farbenspiele, das Erinnerung um die Jugendliebe schlingt, andre zu ergötzen versuchte – von der Jugendliebe darf man schreiben, was später folgte, verzeiht man nur einem Toten – so muß es aufgefallen sein, daß die Geschichten sich an so viele Persönlichkeiten hefteten, daß unmöglich eine zeitlich aufeinander folgende Reihe für die paar Jugendjahre angenommen werden konnte. In der Tat, mein junges Herz war so groß, daß ich mehr als einmal zwei, drei Mädchen zu gleicher Zeit liebte, und zwar jede von ganzem Herzen, in alle Ewigkeit. Aus jener Zeit mag das Talent stammen, das mich heute noch befähigt, an einem Tage drei, vier, fünf Liebesbriefe zu schreiben, von denen jeder ehrlich gemeint ist. Damals war ich mir des Unmoralischen, des Unmöglichen solcher Kapazität noch gar nicht bewußt; aber ich mußte doch schon erfahren, daß es wunderselten gut tut. In einem sehr schönen Gedicht hatte ich einst geschildert, wie ich mit Emilie auf Ebersteinschloß die ersten Küsse getauscht. Dieses Gedicht schrieb ich auch in ein hübsch in blaues Glanzpapier gebundenes Heft, dessen Poesien durchweg der andern Göttin, Emma, gewidmet waren, und das ich auch eines Tages besagter Emma zu Füßen zu legen wagte. Sie schickte mir das Heft zurück mit der Bemerkung, ich solle die Sachen der Betreffenden auf sellem Berge vorlesen. Dies gab mir vorerst eine dunkle Ahnung, daß man der Liebe in Mannheim nicht von der Liebe im Schwarzwald erzählen darf. Ein andermal war ich von der Liebe in Mannheim außergewöhnlich gütig behandelt worden, also daß ich auf der Fahrt nach Heidelberg dem liebsten Freunde mein, der auch in aller Stille jener Emma ergeben war, mein Glück vorweinen und vorjubeln mußte. Als wir aber in Heidelberg in die weiße Rose kamen, brachte ein Mägdelein, das selber eine Moosrose im grünen Mieder war, den Wein, und vor lauter Glück mußte ich ihr um den Hals fallen und sie küssen. Das Mägdelein hielt das auch für ganz in der Ordnung. Mein Freund aber bewies mir mit den Worten tiefster Entrüstung, daß ich gar keiner wahren Liebe fähig sei; wahre Liebe trage man als Geheimnis in der Brust, und vor allen Dingen werfe man sich nicht der ersten besten Kellnerin an den Hals. Da er mir zu gleicher Zeit seinen eigenen Seelenzustand offenbarte und wie er stillschweigend gelitten und meine wahnsinnigen Ausbrüche auf der Reise erduldet, kam ich mir wahrhaftig wie ein Unwürdiger neben ihm vor und wie ein ganz schlechter Kerl. Als ich ihn beim Wiedersehen vor fünf Jahren an die Geschichte erinnerte, lachte er, an seine Liebe wollte er sich gar nicht mehr erinnern, er schämte sich ihrer. »Lassen wir die Dummheiten!« Aber diese Dummheiten waren mir süßer und bittrer Ernst und sind mir mein bestes Gut geblieben. Mein Freund, der nur eine auf einmal lieben konnte, liebte schon längst gar keine mehr. Ich aber küßte mit derselben Andacht mehr als einen Mund, den ich vor zwanzig Jahren geküßt, ohne daß darum das Gedächtnis der Lieben, die ich in Amerika wußte, Einbuße gelitten hätte. Es fragt sich also doch, wer der wahren Liebe am nächsten kam. Ein armes Herz, das nicht einmal den Vergleich mit einem Photographie-Album aushalten kann, eine arme Liebe, die nicht einmal die Vielseitigkeit der Freundschaft beansprucht. Was ihr (nicht meine Leser, sondern die Nasenrümpfer, die osores und irrisores ) eure einzige, ausschließliche Liebe nennt, ist nicht Egoismus, Betätigung aller naturberechtigten Gefühle und Fähigkeiten, sondern Geiz, Neid und Tyrannei. Ihr leugnet es zwar, aber im tiefsten Innern preist ihr doch den Türken glücklich, der seine Liebe in den Harem einsperrt und von Eunuchen bewachen läßt. Nur Eine, nur Einen lieben? Der Himmel lacht euch aus mit seinem Sonnenauge, das tausend Sterne beglückt, das Dasein des kleinsten Schmetterlings ist euch ein Vorwurf und ein Ärger. In dem hohen Liede des Korinther-Briefes – kein Pfaff soll mir weismachen, daß der geniale Teppichweber nur die christliche agapae gemeint hat – heißt es: Die Liebe ist langmütig, sie eifert nicht, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie freuet sich der Wahrheit. – Wer diese Eigenschaften heute und seit Beginn der christlichen Ära in der Liebe des Weibes sucht, wird schwer enttäuscht und zum Heuchler und Lügner wider Willen. Ich habe auch noch in meiner erwachsenen Unschuld einst geglaubt, es gäbe nichts Schöneres als der Liebsten von der Liebsten zu erzählen. Ein Glück, das man nicht erzählen kann, ist kein Glück. Ein Kartäuser mit oder ohne Kutte, der nur mit sich oder mit dem nie antwortenden Gotte spricht, ist ein Verrückter. Wem aber sollte ich das Glück einer neuen Liebe anvertrauen, wenn nicht derjenigen, mit welcher ich schon durch tausend Fasern des Leibes und Geistes verknüpft bin? Aber, unerfahrener Jüngling, folge nicht meinem Beispiel des unbeschränkten Vertrauens, 's tut wunderselten gut. Denn das Weib ist selbstisch – wie sollt es anders sein? Sie hat sonst nichts zu sagen, in der Liebe will sie das Machtwort haben; sie ist sonst abhängig, wird vom Manne »gehalten«, in der Liebe will sie ihn halten, will sie besitzen und herrschen; von allen andern Interessen des Mannes bekommt sie nur den Gnadenzipfel, seine Liebe will sie ganz und allein haben; sie opfert ihre schönsten, vom Sonnenschein der ewig wirkenden menschlichen Anziehungskraft hervorgelockten Triebe, schneidet sie ab als wilde Schößlinge dem Einen zulieb, folglich, grausame Logik! verlangt sie vom Manne dasselbe Opfer. Opfer bedingt immer Opfer, und mit Recht kann man daher von der wahren Liebe sagen, daß sie statt etwas Freudiges eine fortwährende Selbstaufopferung ist, zu gegenseitigen Gunsten. So fehlt also immer dieser wahren, vielbesungenen Liebe jenes Element, ohne welches kein Verhältnis auf das Prädikat edel Anspruch machen kann, das absolute Vertrauen. Du willst dem Weib nicht weh tun, du verheimlichst, du lügst. Und das geht dann so weit, daß man sogar zu feig wird, das Ende der Liebe zu konstatieren; denn die Liebe zu einer Person ist nicht mit dir geboren, sie kann also auch vor dir sterben. Eine solche tote Liebe wird dann von den Beiden mit allerlei Spezereien, als da sind Treue, Pflicht, Gewohnheit, sorgsam einbalsamiert, damit der Geruch der Verwesung nicht aufkommen kann, und Tag für Tag, meinetwegen auch Nacht für Nacht lügen sie sich vor, sie sei noch lebendig, bis ihnen das zu langweilig wird und sie selber wie zwei Gestorbene neben einander hergehen. In den »anständigen« Eheverhältnissen einer einzigen modernen Stadt gibt es mehr solcher Mumien-Kammern als in ganz Ägypten. In der eingangs erwähnten Novelle von Heyse läßt die Gemahlin des traurigen Helden die Katze aus dem Sack, wenn man ein so triviales Wort auf ein so feines Seelengemälde anwenden darf. Sie sagt nämlich zu ihrem Manne: Daß du sie liebst, finde ich natürlich, lieb ich sie doch selber wie eine Schwester, aber – du wirst begreifen – so hochherzig bin ich doch nicht, daß ich deine Liebe mit ihr teilen könnte. Diese Frau wird geschildert als das Ideal eines Weibes. Aber sie hat sich selber gekennzeichnet. So hochherzig ist sie nicht, sie ist gar nicht hochherzig, sie ist gar nicht edel, sie ist genau so gemein wie der Mann, der eine hohe Mauer um seinen Garten baut, damit kein andrer den Anblick genieße, wie der gemeine Selbstsüchtling, der eher den Wein verderben läßt, als daß er einen Durstigen damit labte. Das unübersteigliche Hindernis, welches der allein naturwürdigen freien Liebe im Wege steht, ist der falsche Egoismus des Weibes. Und doch steht das Weib der Natur, dem Bösen nennt's Mephistopheles, um tausend Schritte näher als der Mann, und doch wird sie auf dem Wege friedlicher Energie eine Umgestaltung ins Werk setzen, von der keine Revolution des Mannes sich träumen lassen kann, wenn du ihr mit redlichem Sinne das eine Evangelium verkündest, vor dem Geiz und Neid und ihre scheusälige Tochter, die Eifersucht, weichen müssen: Vor allem sei deine Liebe frei! Ich überlasse es redlichen Männern, diesen Gedanken auszudenken, und sich selbst zu prüfen, ob sich zwischen ihn und seine Ausführung nicht der Schatten der Furcht für die eigene Autorität drängt. Das ist ein Hohelied, würdig von einem neuen Goethe gesungen zu werden. Der alte hatte zwar den Mut, der Teilung der Liebe zu leben, aber er wagte sie nicht durch die Kunst zu verherrlichen. Wie kläglich wird der »Vertrauensbruch« der Eheleute in den »Wahlverwandtschaften« durch die chemische Formel entschuldigt, wie christlich ist es von dem modernen Heiden, daß er auch für dies Außerordentliche den See sein Opfer heischen läßt! 's tut wunderselten gut. Mir tut's gut, daß mein Herz wie eine Aeolsharfe ist, auf der die freien Winde nach allen Tonarten Loblieder zum Preise der Schöpfung spielen konnten. Die Krone der Schöpfung aber ist nicht ein Weib, sondern das Weib. Und die immer wieder gesucht zu haben, durch jeden neuen Fund nur zu neuem Suchen angespornt, kann so wenig Unrecht sein, wie in einem ganzen Leben in all den Menschen, mit denen man in Berührung kam, nach dem Menschen geforscht zu haben. Und ich freue mich, daß mir, wenn auch spät, die Erkenntnis gekommen ist, daß jede wahre und für die Zukunft maßgebende Kultur des Weibes erst mit der absoluten Freiheit desselben anheben kann, mit anderen Worten, daß man Achtung von seinem Lebensgenossen erst dann erwarten kann, wenn man ihm alle Rechte eingeräumt hat, die man für sich selber beansprucht. Der unglückliche Erbprinz Es wurde einmal ein Erbprinz geboren und der hieß Mensch. Dem war alle Macht und Herrlichkeit der Erde versprochen, und er sollte in sie eingesetzt werden an dem Tage, an dem er sich mit der gleichaltrigen Prinzessin Freiheit vermählen würde. Die Erziehung dieses Erbprinzen vertraute der liebe Gott einem Ehepaare an, das von Ewigkeit her im Himmel schon gewohnt hatte, dem Onkel Staat und der Tante Kirche. Das waren aber ein böser Onkel und eine böse Tante. Sie haßten die arme Prinzessin Freiheit, und weil sie gern selber alle Macht und Herrlichkeit besessen hätten, so wollten sie dafür sorgen, daß der Erbprinz nie aus den Kinderschuhen herauskäme und daß er die Prinzessin Freiheit nie kennen lerne. Das war eine ganz merkwürdige Geschichte: der Prinz war schon ein großer, starker Junge, er hätte gern Braten gegessen und Wein getrunken, aber man ernährte ihn immer noch mit Schafsmilch, er wäre gern auf Bäume geklettert und durch den Fluß geschwommen, aber man hatte ihn immer noch eingebüschelt und eingewickelt wie ein ganz kleines Kind, und wenn er strampelte und schrie, so drohte man ihm mit dem schwarzen Mann oder man steckte ihm den süßen Lutschbeutel der Geduld in den Mund. Nun hatte Tante Kirche eine Magd angenommen, die hieß Wissenschaft und tat gar untertänig, aber eigentlich war sie auch eine Prinzessin und treu ergeben ihrer Schwester, der Freiheit. Einst fragte der Prinz: wie alt bin ich denn? da sagte ihm die Magd: schon viele, viele tausend Jahre. Das hörte die böse Tante und die arme Magd wurde hart gescholten und geschlagen und in die dunkle Kammer gesperrt; dem Knaben aber wurde alle Tage vorgesagt, obgleich er ein Erbprinz war: du bist und bleibst ein dummer kleiner Junge. Die gute und getreue Magd aber wurde ihrer Leiden satt und entfloh aus dem Hause und ward in der frischen Luft immer größer und schöner und des Nachts schlich sie sich heimlich zu dem Prinzen ein und lehrte ihn lesen und erzählte ihm von dem weiten Himmelszelt und vielen andern schönen Dingen. Da erkannte eines Tages Prinz Mensch seine Stärke, er zerriß die Wickelbänder, und ob sie ihn auch hart straften mit der Rute des Gesetzes, er ließ sich nicht mehr bändigen, er erzwang sich die ersten Hosen und die Erlaubnis, im Garten spazieren zu gehen. Da sprach der böse Onkel zu der bösen Tante: er fühlt seine Kraft, wir müssen ihm etwas zur Beschäftigung geben. Da machten sie einen Streifen an seine Hosen und gaben ihm einen bunten Rock und einen Säbel. Nun konnte er nach Herzenslust anrennen gegen Bäume und Felsblöcke und Nebelgestalten. Und wenn er sich dabei traf mit dem eignen Schwert und zu Boden fiel, daß er sich arg weh tat, dann belobte ihn der Onkel Staat, denn er dachte: so kann ich ihn immer im Zaum halten. Wenn der Prinz aber die hohe Mauer erklettern wollte, welche den Garten von dem Reiche der Prinzessin Freiheit trennte, dann wurde er immer Wochen lang wieder in Wickelbänder eingeschnürt, so hart, daß sie ihm ins Fleisch schnitten, und er gelobte, er wolle es nicht wieder tun. Die Tante Kirche aber, damit er nicht gar zu wild wurde, und da er nun doch einmal lesen gelernt hatte, gab ihm ein Zauberbuch in die Hand, das jeden, der es dreimal liest, blind macht und lahm. Nun war aber ein Blatt in dem Buche, welches einen Gegenzauber enthielt, und das hatte die böse Tante auszureißen vergessen, und dieses Blatt las der Erbprinz lieber denn alle andern Blätter des Zauberbuches, denn es handelte von der Liebe. Ich will eine Geliebte, ich will heiraten, sprach eines Tages der Prinz zu dem alten bösen Ehepaar. Darüber erschraken sie gewaltig, denn sie wußten wohl, daß ihrer Herrschaft Gefahr drohe. Da sandten sie dem Prinzen, der schon lang ein großer, starker Jüngling geworden war, gleich drei Jungfrauen auf einmal ins Gemach, die hießen Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber wenn sie auch gar schön gen Himmel schauen konnten, so hatten sie doch weder Fleisch noch Knochen, und unser Prinz wandte sich traurig von ihnen ab. Zur selben Zeit begab es sich, daß die beiden Alten oft greulichen Streit hatten über die Abgaben und das Edelgestein, das dem Erbprinzen von Rechtswegen gehörte, und als sie sich wieder einmal arg in den Haaren hatten, da erklomm der Prinz geschwind einen hohen Baum und schaute über die Mauer. – Ach, was sah er da! Sonnen und Monde leuchteten und funkelten zu gleicher Zeit, die Vögel sangen Jubellieder von allen Bäumen, riesengroße Blüten hauchten wundersüßen Duft aus, und in all der Herrlichkeit wandelte Prinzessin Freiheit, nackt, von Goldhaar umflossen, aus ihren großen, stolzen Augen ging ein leuchtender Flammenstrom in das Herz des Erbprinzen. Schwester Wissenschaft berührte mit ihrem Zauberstabe die trennende Mauer, die stürzte mit Gekrache, über die Trümmer hin schwang sich der Jüngling mit kühnem Satz und umschlang die Prinzessin und küßte sie und hielt sie so fest ans Herz gepreßt, daß er schier meinte, sie seien für immer eins geworden. Aber schon waren auch Onkel Staat und Tante Kirche in höchster Wut herangerast, und, die Luft verfinsternd, umgab sie das kolossale Heer der Mönche und Ritter und Beamten und Büttel und Professoren und Soldaten, kurz alle häßlichen dämonischen Geister, welche das böse Ehepaar zum Schutz seiner unrechtmäßigen Herrschaft im Solde hielt. Wehe! Wehe! welch ein heilloses Kämpfen! Was halfen dem Prinzen Mensch seine kräftigen Fäuste, was half der Freiheit ihr flammendes Schwert! Von hinten hockten sie ihnen auf den Nacken, mit Stricken umschlangen sie die edlen Leiber, mit Weihrauchdämpfen betäubten sie ihnen die Sinne, mit Szeptern zerschlugen sie ihnen die edeln Glieder. Nun warf man den Prinzen ins dunkelste Verließ, und wenn ihn Onkel Staat nicht mit spitzen Ruten schlug, so predigte ihm, und das war noch viel schlimmer, Tante Kirche. Die Wissenschaft, auf einmal klein und erbärmlich geworden, verdingte sich wieder als Magd, und die Freiheit war blutend, mit dem Schmutze des Hohnes besudelt, weit ab in die Verbannung geflohen, verdorben, gestorben. Gestorben? Nein, zuweilen in stillen Nachtstunden, wenn der Erbprinz in bittern Schmerzen lag und über sein Elend nachdachte, dann sang ihm Nachtigall das Lied von der verratenen und verkauften Prinzessin Freiheit, und bei dem süßgewaltigen Tone schmolz ihm das Herz in Tränen sehnsüchtiger Liebe. Und manchmal drang ein freudiger Sonnenstrahl durch des Gefängnisses Gitter und verkündete ihm: die Freiheit lebt und wird gesunden, und du sollst sie doch noch dein eigen nennen; dann jubelte sein Herz, und in Fesseln sang er ein stolzes Lied von der Zukunft. * Das ist ein trauriges Märchen, sagte das Kind, dem ich es erzählt, da ist ja nicht einmal eine Hochzeit drin. Ja mein Kind, und viel trauriger ist es noch, daß es ein wahres Märchen ist und daß es schon mehr als einmal passierte und immer wieder passiert. Hat es gar kein Ende? fragte das Kind. O ja, für dich und mich. Wenn wir im Grabe liegen, dann ist das Märchen aus. Sollen wir von den Klugen lernen oder von den Toren? Wohl steht es einem armen Teufel an, bei der Jahreswende obige Frage an sich zu stellen, namentlich wenn er, wie Schreiber dieses, immer noch manchmal sich so hilfsbedürftig fühlt wie damals, als er zum ersten mal »ganz aus dem Kopf« einen »Aufsatz« zu Papier bringen sollte; oder wenn es ihm passieren kann, daß er für einen Narren gehalten wird, gerade wenn er das Rechte getan zu haben glaubt, und Lob über sich ergehen lassen muß, wenn er überzeugt ist, einen dummen Streich gemacht zu haben. Fragen, Lernen, Reproduzieren, daraus besteht doch bei der unendlichen Mehrzahl der Menschen, bei den Zeitungsschreibern aber durchweg, die ganze sogenannte selbständige Tätigkeit; und wer Glück hat, dem passiert es auch, daß er etwas findet, wenn »nichts zu suchen ihm stand im Sinn«. George Eliot, die weiseste Romanschriftstellerin der Anglosachsen, sagt irgendwo: »Ich habe noch nie einen Narren gefunden, von dem ich nicht hätte etwas lernen können.« Wißt ihr, liebe Leser, wo ich das Zitat gefunden habe? In einer jener amerikanischen Roman-Zeitungen, die auf den dümmsten Geschmack berechnet sind, wo auf zehn blutdürstige Schurken immer ein edler Mensch kommt, der schließlich die Tugend zum Triumphe führt, wo die Heldin mindestens je einmal vergiftet, erstochen, ertränkt und zu einer Scheinehe gezwungen wird, ehe sie mit dem Richtigen auf Tod und Leben vereinigt wird – in einer solchen Zeitung, in der ich wahrhaftig nichts zu suchen hatte, fand ich auf einmal diesen Ausspruch der Eliot, noch dazu mit einer gar nicht Übeln Begründung, so daß also die Zeitung selber mit dem hineingeschneiten vernünftigen Gedanken eine Bestätigung des Eliot'schen Wortes war. Jeder gute Vater, jeder gewissenhafte Lehrer wird seinem Sohne sagen: Halte dich an kluge, vernünftige Leute, die wissen, was sie wollen, und die es zu etwas bringen. Wenn wir aber in die Kulturgeschichte blicken, so wird es uns auf einmal klar, daß wir alles, was uns einen Zoll von der Bestialität entfernte, alles, was uns das Leben erträglich macht, den Menschen zu verdanken haben, welche von ihren Zeitgenossen, ja häufig von denen, auf deren natürliche Liebe sie angewiesen waren, als Narren angesehen wurden. Der kluge Mann, der Mann von Welt, der Mann, »der was vor sich bringt«, behält alle seine Weisheit für sich, und er braucht sie auch sehr notwendig, und läßt dir nur das kahle: Hilf dir selber! Der kluge Mann ist in Folge seines Erfolges auch ganz zufrieden mit den Dingen, wie sie sind; nur der Narr wird von Sehnsucht nach Besserem verzehrt, und wenn er es hat, verschmäht er, es zu monopolisieren, und schenkt dir und allen, was er gefunden, der Narr! Der Astronom Kepler lebte jährlich von einer Summe, welche nach hiesigem Gelde etwa 50 Dollar betrug. Er war Narr genug, seine Kenntnisse nicht wie seine Kollegen praktisch zu verwenden, d. h. in den damals der Theologie völlig gleichgestellten Künsten der Astrologie, Nekromantik etc., dafür mußte er darben, dafür wurde seine Mutter als Hexe verurteilt, dafür lebte er im Gefängnis und starb den Hungertod. Aber dieser Narr hat die Weltgesetze entdeckt, deren Kenntnis heutzutage jeder vernünftige Vater von seinen Kindern erwartet! Aber noch mehr, wir finden in der Geschichte des Geistes Narren, die durch die Disharmonie ihres Wesens mit der sie umgebenden Menschenwelt soweit getrieben wurden, daß sie scheinbar absichtlich sich selber schädigten und herabwürdigten. Ein englischer Schriftsteller gibt dem unglücklichen Robert Burns folgenden Nachruf: Er war ein Narr, der sein Leben, seine Zeit, alles vergeudete. Er mußte eine Zeit erleben, da selbst die Trunkenbolde von Dumfries mit abgewandten Blicken, an ihm vorbeigingen, da keine Freundeshand sich fand, die ihn aus den Schatten herausholte, in denen er verschwand. Aber was sind wir diesem armen Narren schuldig? Die edelsten Schotten haben wenig getan im Vergleich zu der Fülle, welche dieser gehetzte und verachtete Mann uns hinterlassen hat. Seine Worte tönen durch die Welt, er ist der Magier, welcher in Myriaden Seelen alles heraufbeschwört, was an freiem Mut, Edelsinn und Liebe vorhanden ist. Er hat mehr getan als alle die unantastbaren Moralisten, welche in ihm ein abschreckendes Beispiel sahen, und nur noch heuchlerische Pfaffen wagen es heute, ein Wort gegen sein Andenken zu erheben. Hat England seinen Burns und seinen Charles Lamb, den der höhere moralische Pöbel als Trunkenbold verachtete, während die Besten seiner Zeitgenossen ihn liebten, wie ihn die Nachwelt liebt, so haben wir unsern Fritz Reuter. Sein Vater ist in die Grube gegangen mit dem Gedanken: Mein Sohn hat kein Lebensziel, er vergeudet seine Kräfte wie ein Narr. Aber der wackere Bürgermeister von Stavenhagen würde trotz seiner Ehrenhaftigkeit und trotz des guten Biers, das er braute, längst vergessen sein, wenn ihn sein nichtsnutziger Sohn nicht unsterblich gemacht hätte, und die wahre Mission Fritz Reuters, der im Kleinen, im eigentlichen Volksleben, das wahrhaft Menschliche, die edeln Instinkte zu finden wußte, welche Garantien einer bessern Zukunft sind, wird erst dann beginnen, wenn nach dem sinnverwirrenden Kampf unserer Zeit das Suchen nach den Wurzeln unserer Kraft wieder Weisheit geworden ist. Bis dahin aber steht es einem armen Teufel wohl an, wenn er fragt: Sollen wir von den Klugen lernen oder von den Toren? Und wenn er es dann einsieht, daß er von den Klugen nichts erhalten kann, entweder weil sie das, was sie besitzen, ängstlich hüten und egoistisch vergraben, oder weil ihre Klugheit nur darin besteht, nicht zu verraten, daß sie nichts zu verschenken haben, so wird er sich mit mir an den Tisch derer setzen, welche in zeitlichen Dingen arme Narren waren, aber die Perlen der Schönheit und die Edelsteine ewiger Weisheit wie trunkene Verschwender unter das Volk warfen. Eine Weihnachtspredigt Wenn ich heute, am Geburtstag des Judenjünglings, den die Christen zu verehren behaupten, in einem jener Gotteshäuser die Predigt halten dürfte, wo die Sitze gepolstert sind und alljährlich versteigert werden, so würde ich ungefähr folgendermaßen sprechen: Geliebte Unandächtige in dem Herrn, den ihr noch gar nicht kennt! Heut wird es mir vielleicht gelingen, euch andächtig zu machen, denn solch' eine Predigt wie meine wird schwerlich je an eure längeren und kürzeren, mehr oder weniger verbrecherisch verknorpelten Ohren und Öhrchen geschlagen haben. Es ist euch zwar schwer beizukommen, denn während die Töchter Evas im Ballsaal ihre Herzen möglichst ungeschützt den Pfeilen Amors darbieten, sind sie in der Kirche mit möglichst vielen kostbaren Hüllen umwickelt, zum großen Ärger der jungen und alten Christen und der Herren Prediger selber. Wenn ich euch so betrachte mit euren den Tieren geraubten Pelzjacken und -röcken, so meine ich, ihr seid doch gut belesen in der Bibel, ihr habt etwas gelernt von dem schlauen Jakob. Der umhüllte seine Glieder mit Pelzen, damit der alte blinde Isaak ihn für seinen erstgeborenen Sohn halte und ihm seinen Segen gebe. So wollt ihr wohl auch mit euren Ottern- und Katzen- und Marder- und Robben-Fellen den Herrgott täuschen, damit er euch für ehrliche Esau-Naturen hält und ihr euch seinen Segen erschleichet. Mögt ihr ihn haben! Euerm Herrgott könnt ihr vielleicht etwas vormachen, »dem Schlafenden da droben«, aber nicht mir. Ich sehe es jenem kostbaren Mantel an, daß er noch letzte Nacht in einer Spielhölle am Nagel hing, und jenem, daß ein Hürlein ihn lachend um die nackten Lenden geschlagen, und jenem, daß er unter seinem prahlerischen Kragen einen lumpigen, schofeln Bankerotteur und Fälscher verbirgt. Ich weiß, daß jene Salskin-Jacke mit dem horizontalen Handwerk verdient wurde, das heuer erst recht einen goldenen Boden hat, und daß der Schimmer jener Diamanten einen Ehemann bedeutet, der beide Augen zudrückt, wenn die Herren Liebhaber so nobel sind, daß für ihn auch etwas abfällt. Ich rieche aus euren Parfüms heraus den Gestank der Fabriken, aus euren Gesängen tönt mir das Sausen der Maschine heraus und der Fluch des Sklaven, der sie bedient. Aber ich will keine Straf- und Bußpredigt halten, ich will euch nur die Geschichte erzählen, die ihr schon hundertmal gehört habt und doch nie recht, die Geschichte von der Geburt, die irgendwann irgendwo stattgefunden hat und die man den Germanen zu lieb auf den 25. Dezember verlegte, weil dieselben um diese Zeit sich sowieso ihren Julrausch antranken. Vielliebe hochgeborene Damen und Herren, ich muß euch in sehr niedrige Gesellschaft führen. Es war in einem Wirtshaus, als Maria, die Frau des Zimmermanns Joseph, ihre Stunde herannahen fühlte, ein Wirtshaus, aber bitte, falle Niemand in Ohnmacht, Bier wurde dort keins getrunken, höchstens Wein vom Ölberge und etwa importierter Baktrerschnaps. Damals gehorchte man noch der Obrigkeit und begab sich zur Volkszählung an den Ort, an dem man geboren war. Wenn das heute noch der Fall wäre, so würde auch mancher und manche meiner Andächtigen den Weg nach einem Kartoffeldörfchen in Irland oder Deutschland antreten müssen. Infolge der Volkszählung war das Wirtshaus so besetzt, daß man der armen Wöchnerin nicht einmal ein Zimmer anweisen konnte und diese allerhöchste Niederkunft im Stalle stattfinden mußte. Denkt euch, wie unbequem! Der Stallgeruch und das neugierige Vieh! Von einem Arzte wird auch nichts erzählt, und es scheint nicht einmal weiblicher Beistand zugegen gewesen zu sein. Die Ersten, welche dem, nach dem Rembrandt'schen Bilde zu urteilen, über die ganze Geschichte sehr erstaunten Joseph gratulierten, waren Hirten, Cowboys würde man hierzulande sagen. Und in solcher Lage und solcher Gesellschaft schlug der Herr des Himmels und der Erden zum ersten Male die Augen zu der Menschheit auf, die er erlösen sollte! Mit dem Gratulieren war es aber so eine Sache. Ihr, meine lieben Christinnen, würdet in einem solchen Falle die Wöchnerin schwerlich besuchen, und ihr, meine Christen, würdet die Sache mit einem Witz oder mit einer moralischen Bemerkung abmachen, für das Übrige ließet ihr die »Little Sisters of the Poor« oder professionelle Engelmacher sorgen. Denn dieser Jesus, bitte erröten Sie nicht, liebe Christinnen, hatte eigentlich gar kein Recht, auf die Welt zu kommen; er war ein uneheliches Kind, ein Bastard, ein junger Kuckuck, der dem guten Joseph ins Nest hineingewachsen war. Nein, so ein Skandal! Ich will es ja gern glauben, daß Gott der Herr oder der heilige Geist der Vater war, aber das macht die Sache nur noch schlimmer. Wenn so hohe Herrschaften ein so schlechtes Beispiel geben, wie soll da die Heiligkeit der Ehe aufrecht erhalten werden? Zudem tat der liebe Gott auch gar nichts, um seinen leichtsinnigen Streich wieder gut zu machen; er sorgte nicht einmal materiell für sein jüdisches Kind der Liebe; er bezahlte weder für dessen Erziehung noch für Board, er sorgte nicht dafür, daß es in einer anständigen Familie untergebracht wurde, kurz, er benahm sich wie ein wahrer Raben- oder besser Kuckucks-Vater. Mag es auch seinem Einfluß zuzuschreiben sein, daß der Knabe im Säuglingsalter, da ihn doch der Tod noch nicht geschmerzt hätte, von der Mordwut des Herodes verschont blieb, so hat er ihn doch unleugbar in seinem dreißigsten Lebensjahre der ungerechten und wunderlichen Obrigkeit überlassen und hat ruhig zugesehen, wie man ihn am Kreuze zu Tode marterte. Und dieser von Gott und den Menschen verlassene jüdische Bastard, der »von Rechtswegen« den Tod des Verbrechers erlitt – ihm singen sie heute Hosiannah auf dem ganzen Erdenrund, und in gewaltigen Hallen unter goldenen Kuppeln erschallt sein Name; die Fürsten der Erde beugen vor ihm die Knie, und ihr, meine lieben Andächtigen, habt ihm zu lieb eure schönsten Kleider angezogen und eure frömmsten Gesichter aufgesetzt!!! Und da sitzt ihr und lügt euch und mir vor, das sei der Mann, der euch erlöst habe, euch, die ihr eine Heiligkeit der Ehe erheuchelt und zugleich die Liebe zum Hurentum erniedrigt habt, euch, die ihr die Armut zum Verbrechen stempelt, euch, die ihr wie der Pöbel von Jerusalem das Blut derjenigen fordert, welche gegen eine ungerechte Obrigkeit Protest einlegen. O erbärmliches Gaukelspiel! O schamloser Betrug! Ihr gleicht dem Geist, den ihr begreift. Ich sehe eure Seelen in ihrer häßlichen Nacktheit, und ich schaudere. Aber weit über euch hinweg, hinaus aus den Mauern dieses armseligen Gotteshauses schaut mein Blick das jüdische Kindlein zum erhabensten Symbol heranwachsen, gewaltig wie der in Lebensfluten und Tatensturm auf und ab wallende Geist der Erde selber. Die Sehnsucht der Völker hat das Märchen vom Jesuskind gedichtet. Vor zwei Jahrtausenden haben schon die Sklaven des mächtigsten Reiches der Erde geahnt, daß aus der Tiefe die Erlösung kommen muß, aus der Tiefe der Menschheit, wo immer unversehrt der Same der rettenden Tat, der Gedanke der Revolution geborgen ist. Ein Proletarier muß der Volkserlöser sein, ein Kind der Liebe! Tyrannen-List stellt schon seiner Kindheit nach, aber die Weisen bringen ihre Schätze an die Wiege des Kindes und prophezeien seinen Ruhm. Der Staat wird ihn ans Kreuz schlagen unter dem Jubel des Pöbels, der Priester und der Reichen. Aber töten kann er ihn nicht. Die Auferstehung folgt auf jeden Karfreitag. Die Tage werden länger, die Sonne tritt ihren Siegesgang an. Das ist der Jesus der sozialen Revolution. Ich glaube an ihn; ich feiere seine Geburt; ich hoffe es zu erleben, daß er eure Wechseltische umstößt und euch Alle zum Tempel hinausjagt, ihr Andächtigen, damit endlich der Friede den Menschen werde und das Wohlgefallen auf Erden. Amen! Der Kampf um die Freiheit Aus der Kindheit kommen in wachenden und schlafenden Träumen Bilder, unzusammenhängend, aber mit so frisch glänzenden Farben wie die Wandgemälde, die man in Pompeji aus dem Aschengrab ans Licht zog. Ein Sommerabend, da man auf der Haustreppe saß, im Mondschein, mit dem kleinen horchenden Herzen, Levkojenduft und der Gesang der Mädchen, die, Hand in Hand, singend durch die Gassen ziehen. Oder du schmeckst auf einmal wieder im Munde das schwarze Brot, das du in die Milch tauchtest, und siehst zu gleicher Zeit den Abglanz des Abendsonnenscheins in den Fenstern am Hause des reichen Mannes gegenüber. Und oft ergreift dich mitten in lichtem Leben der Schauder einer schwarzen Nacht, wo ein unbeschreibliches Gespenst unter dem Bettchen herausschlüpfte und dich mit großen brennenden Augen anblickte und mit knöchernen Fingern nach deinem Herzen krallte. Wie der laute Schrei des Entsetzens dein Herz löste und wie dich das Gefühl absoluter Sicherheit in den Armen der Mutter einschlafen ließ, wie nur Götter einschlafen können! Denkst du noch an die kleinen Schweine, die dir lieber waren als die täppischen Gespielen, die dich nicht verstehen wollten? Denkst du noch an den ersten Pfirsich, in dessen Sammethaut du mit tapferen Zähnen und, wie das fromme Huhn, mit zum Himmel gerichteten Augen hineingebissen? Und einmal warst du verloren und verlassen in dem Wäldchen hinter dem Hause, du konntest den Weg nicht mehr finden und Sonne und Bäume lächelten mild über dein bitteres Weinen. Dann zog einmal am Himmel schwarzes Gewölk auf, und du ducktest dich wie die Schwalben und lachtest doch in den Donner und Blitz, die dir nie wehe getan; es fiel der strömende Regen, und die Erde dampfte dir den uralten Segen in die kleine, wollüstig schnuppernde Nase. Aber der Himmel war so weit und der Regenbogen so fern, und weil du sie nicht auch fassen und halten konntest, weintest du die törichten Tränen der Sehnsucht nach dem Unendlichen. Dann kam die Zeit, da du beten gelernt hattest. Es war eine neue, närrische Welt. Wenn du die Händchen auf die geschlossenen Augen preßtest, sahst du glänzende Ringe im Schwarzen sich drehen, und du meintest, es seien Engelsflügel. Und der arme Kopf mußte lernen, unbegreifliche Dinge, und wenn du fragtest: warum müssen die Buchstaben so aufeinander folgen? so konnte dir niemand Antwort geben. Aber die roten und blauen Blumen des Ährenfeldes waren dir vertraut wie deine eigenen Lippen und Augen, und die Ähren, die wie Bäume über dir wuchsen, drücktest du mit herkulischer Kraft an deine Brust. Und eines Tages wurde dir der unendliche Schmerz zuteil, zu wissen, daß du Ich bist. Den Käfern und Blumen, mit denen du dein Stillleben genossen, wurde diese Grausamkeit erspart. Aber du hattest in dem Augenblicke, in dem du denken konntest: Ich bin ich, im kindlichen Gemüt schon die Vorahnung eines Schmerzes, welcher den Jüngling von Sais erfüllte. Weinen ist die Medizin der kindlichen Leiden. Später schämt man sich dieser Schwäche. Aber das Kind weint und lacht und spielt weiter und glaubt an die Welt als an sein Eigentum. Das Kind wird sieben Jahre alt. Man zieht seinen Geist groß an der Bibel. Jedes Buch, das seinem wütenden Begehren nach Wissen, seiner verschämten Leselust gereicht wird, ist mit biblischen Ideen gesättigt. Der Teufel, der nie unter den Gespielen fehlt, zeigt dir die Stellen der Bibel, von welchen die Phantasie, gestachelt von dem unbefriedigten Warum, ihre Schachte in die Tiefen der Gemeinheit baut. Aber das hindert dich nicht, die ewigen Wahrheiten zu vernehmen, welche in dem selben, schnöd mißbrauchten Buche stehen, die Wahrheiten, welche dir durch den Umgang mit Blumen und Tieren selbstverständlich geworden sind: Niemand kann zwei Herren dienen! Hast du zwei Röcke, so gib dem einen, der keinen Rock hat. – Ich erinnere mich des unaussprechlichen Elendes, welches mich erfüllte, als meine Mutter es als eine Unmöglichkeit erklärte, einen wandernden Savoyardenknaben in unser armseliges und doch für mich die Fülle des Lebens enthaltendes Heim aufzunehmen. Aber hier ist das heilige Buch, das nur mit ehrfürchtigen Augen angesehen werden darf und in dem nur die zum Verbrechen gestempelte Lust an dem Geschlechtlichen etwas Verbotenes, Geheimnisvolles und darum Gemeines finden kann; hier sind die klaren Aussprüche des Zimmermannssohnes, die alles das verdammen, was dem bürgerlichen und wohlanständigen Treiben der Eltern als höchstes irdisches Lebensziel erscheint. Der Reiche, den du nach dem Evangelium bemitleiden mußt, weil er nicht ins Himmelreich kommen kann, ist geachtet; deine Mutter lächelt, wenn er sie begrüßt, und dein Vater zieht tief den Hut. Da beschmutzt dir die Harpyie der Lüge den festlich gespreiteten Tisch deiner Kindheit und du hast Augenblicke, in denen du so einsam und verloren dir vorkommst, wie damals in dem Wäldchen hinter dem Vaterhaus. – Aber das Kind weint und lacht und spielt und denkt immer noch, die Welt gehöre sein. Der du dies liesest und nie in deiner Kindheit einem noch Ärmeren das Butterbrot gegeben hast, in welches du gerade hineinbeißen wolltest, und nie die Strafe des andern, beseelt von dem menschlichen Korpsgeiste, ohne Murren erlitten hast, du kennst auch nicht den Kampf um die Freiheit und brauchst nicht zu lesen, was ich aus der Tiefe meiner Erinnerung hervorhole. Und du, der sich etwas auf die Kenntnis des Harmonischen in der Kunst einbildet, du magst ein vorzüglicher Kenner der ewigen Schönheit bei Raphael, Michelangelo, Goethe sein, wenn dir aber die unkünstlerische Dissonanz des gesellschaftlichen Lebens keine Schmerzenslaute und keinen Kampf entlockt, dann bist du doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Aber ich bin noch gar nicht bei den hoffnungslosen »Erwachsenen« angelangt. – Wie beantwortet man die unkommentmäßigen Fragen eines Kindes? Mit einem faulen Witz, mit einer Ausflucht oder im moralischen Fall mit einer Drohung. Aber, hat Heine aus seiner vielgequälten, in Enttäuschung und Eitelkeit verluderten und doch mit dem Unendlichen so ganz verbundenen Seele aufgeschrien: Ist das eine Antwort? Das Erste, was uns mit dem erwachenden Ich von unsern Beschützern entgegengebracht wird, ist die Heuchelei und die Feigheit: Wir können nicht, wie wir wollen, und wir dürfen nicht, wie wir sollen. Wahrlich, der Mensch, der mit seinem Gott hadert, hat ein Recht, ihn zu fragen: Warum hast du mich nicht in den Leib eines Tieres fahren lassen? Wenn du ein phantasiebegabtes Kind bist, dem seine Erkenntnis: Ich bin ich, zum Stachel, zum Fluch und zur Seligkeit wird, so wirfst du dich, wie einst in den Mutterschoß, in die bunte Traumwelt der Religion. Die gehört ganz dein eigen. Ein Kind ist so eifersüchtig auf seinen Gott und Himmel wie auf seine Mutter. Die schöne reale Welt, die jungen, fröhlichen grunzenden Schweinchen, die Kornblumen, die dir entgegenblühten wie deine eigenen Augen, das Plätschern des Baches, das dir so stillzufrieden ertönte wie dein eigenes Lachen, es wird dir alles unwahr, symbolisch. Was sind Blumen, was ist das ehrwürdige Dach des väterlichen Hauses – Stoff für das Feuer, das alle Lust der Welt verzehrt. Was sind die kleinen Freuden dieses vergänglichen Daseins gegen jene künftige Herrlichkeit, wo der Unaussprechliche auf weißem Throne sitzt und Myriaden von Unsterblichen in Gesängen seine Macht und Gnade preisen. Aber auch diese kindische und doch reine Freude wird dir vergällt; denn von unten aus der Hölle hörst du das Ächzen der Verdammten. Jeremias Taylor, der seiner Zeit und in der Entwicklungsperiode seines Selbst ein frommer Bibelchrist war, schrieb über die Predigten, mit welchen christliche Kinder gefüttert werden, ein wahres Wort: Wenn man sämtliche Folterqualen, welche an dem Körper eines Menschen ausgeübt werden können, die jeden Muskel, jede Sehne, jede Ader in Mitleiden ziehen, zusammennimmt, so ist es doch noch ein verzeihliches Verbrechen im Vergleich zu den Predigten über die ewige Verdammnis, welche mein Vater uns Kindern zum Abendsegen vorlas. Wohlgemerkt! Du, der du dies liesest und mit unbefangenem, tierischem Wohlbehagen geboren bist, dir wären solche Vorlesungen am Ohr vorübergeklungen wie das Brüllen der Kühe. Für dich ist auch auf deinem späteren Lebenswege ein Epos, ein Drama dasselbe beruhigende Geräusch wie die Predigt des dümmsten Pfarrers. Wir aber, die wir zur Phantasie und zum immer sich erneuernden Selbstbewußtsein verurteilt sind, uns schuf diese vom boshaftesten Wahnsinn gezeugte Höllentheorie schlaflose Nächte. Und die schlaflose Nacht eines Kindes ist ein Verbrechen, das nie wieder gesühnt werden kann. Ein Augenblick, ein kleiner Raum Trennt mich von des Himmels Saum Oder von der Hölle. Das singen sie heuer noch in allen Kirchen. Man denke sich einen ewigen Gott, der sich an der ewigen Qual seiner sündigen Menschenkinder erfreuen kann! Man denke sich einen Allwissenden, der auf die kindlichen Zweifel eines werdenden Wesens stumm bleibt! Ich und viele Tausende wissen es, daß wir uns als schlechte Menschen vorkamen, noch ehe wir wußten, was gut und böse ist, daß wir als Kinder schon die Selbstzerknirschung und hündische Büßerlust wahnsinniger Mönche austragen mußten, weil uns zwischen allen frommen Entzückungen die Zweifel aufstiegen an einem Gott, der uns nicht einmal so viel Güte offenbarte, wie die unter dem Druck der Lüge und Feigheit lebenden Eltern. – Aber das Kind weint und lacht und spielt und wächst und glaubt immer noch, die Welt erobern zu können. Was sind die Zweifelsqualen des Jünglings oder des Mannes, der schon Licht von ferne sieht, der mit der Tatsache rechnen kann, daß es Menschen gibt, die ohne Gott wandeln und die darum doch zu den Besten und Weisesten gezählt werden, gegen den Abgrund der Verzweiflung, der dem im Knaben werdenden Menschen sich eröffnet, wenn er zuerst entdeckt, das ein Etwas ihn von den andern scheidet, daß bei dem Mahle, das zur Sättigung aller gesetzt ist, ihm stets ein Gefühl des Hungers, der Unbefriedigung, ja schließlich des Ekels überbleibt?! In eine Mädchenseele zu blicken, wage ich nicht; ich ahne nur die Schrecknisse des Weibes, dem Willenlosigkeit und Unwissenheit zur Lebenspflicht gemacht werden; ich verfluche die Tortur des Geheimnisses – sie rächt sich an dem ganzen Geschlechte, das vom Weibe geboren wird. Daß du nicht bist wie die andern, im späteren Leben mag es dir köstliche Minuten des Mitleids bereiten und erhabene des Stolzes, wenn du auf der freien Bergeshöhe stehst und tief unten die Schwachen und Alltäglichen auf den staubigen Landstraßen dahinhasten siehst, keinen Blick für die Blumen am Wege, kein Grüßen für das Rauschen des Wassers, nur immer einem Ziele entgegen, hinter dem sich eine neue, endlose Landstraße zieht. In deiner Jugend aber stempelt dich das, nicht zu sein wie die andern, in deinen eigenen Augen zum Verbrecher. Ich habe schon gesagt, Kinder müßten schon die Selbstzerknirschung und hündische Büßerlust wahnsinniger Mönche auskosten – ich setze heute hinzu: Die Seelengeschichte eines Knaben, der Antwort auf seine Fragen ersehnt, kennt Momente, welche der letzten Nacht eines zum Tode Verurteilten erspart bleiben. O, ich weiß, es gibt eine Erziehung, welche keine Erziehung ist, weil sie in dem absoluten Vertrauen zwischen Eltern und Kindern besteht. Aber auch dann, welcher Vater ist so stark in der Erinnerung, daß er alles ahnen kann, was in des Knaben Seele vorgeht und doch zum Aussprechen nicht reif wird, und welche Mutter wäre stark genug, alle Fragen ihres Kindes zu beantworten? Wer religiös erzogen ist, muß allein, ohne Hilfe, jene Hölle überwinden, die mehr als Petrus der Eckstein der Kirche ist. Der Mann ist stolz darauf, seine Schmerzen allein zu tragen, aber wenn er ein Mann ist, hat ihm doch des Lebens Kampf und Erfahrung wenigstens einen Freund erworben, dem er alles sagen darf. Dem Weib und dem Kind ist dieser Ausweg verschlossen. Vor dir liegt das große Buch der Wahrheit und des Lebens, die Bibel. Wer das glaubt, was darin steht, wird selig, hat man dir gesagt. Nur schade, daß der Teufel, so Zweifel genannt wird, auch dem in der Schrift Forschenden keine Ruhe läßt. Du liesest in den Propheten von den Auserlesenen Gottes und siehst dich mit ihnen, triumphierend über die Leiber der Heiden hinwegschreitend, die Welt erobern. Da flüstert dir dein Teufel ins Ohr: Ist es auch recht, daß es Auserwählte gibt? Sollten Ihm, der der Vater aller ist, nicht alle Kinder gleich lieb sein? Dann wirfst du hastig das Buch herum, so daß das neue Testament sich dir öffnet, abergläubisch wie ein Puritaner suchst du in dem ersten Satze, auf den dein Finger fällt, die Lösung des Rätsels, das dir das Gehirn zermartert. Und du triffst auf das Kapitel von der Bekehrung Pauli in der Apostelgeschichte: »Saulus aber schnaubete mit Dräuen und Morden wider die Jünger des Herrn.« Du bist dieser Saulus! durchzuckt es dich, und dein Auge fliegt weiter von Zeile zu Zeile. Es umleuchtete ihn auf dem Wege nach Damaskus, und eine Stimme sprach zu ihm. – O allmächtiger, allgütiger Gott, schenk mir ein solches Leuchten, laß mich nur einmal die Stimme vernehmen, und ob ich vor dem Leuchten erblindete, und ob mich der gewaltige Klang deines Wortes tötete, ich will gern sterben, wenn ich im Glauben an dich sterben kann! O die entsetzliche Nacht! Du ringst die Hände dir wund, Tränen, die wie Feuer brennen, überfluten deine Augen, Leib und Seele ist nur ein Gebet. Aber der Mond, der dir sonst so liebe Märchen erzählte, flimmert dir heute ein höhnisches Leuchten und das Flüstern der Bäume im Nachtwind hat keine Antwort für dich. – Da schreit es in dir auf: Lüge ist alles und Betrug, Heuchler sind die, die du achtest und lieben sollst. Fluch dir, Gott! Ich verachte dich, denn du bist ohnmächtig, treffe mich mit deinem Blitz, du Verächtlicher, wenn du kannst ... Was muß das Ende eines solchen Kampfes sein? Der Wahnsinn, der Tod oder der Schlaf. Die Natur, gütiger als Gott, schenkt uns den letzteren. Und wir erwachen mit dem stolzen Gefühl des Verbrechers aus eigener Wahl. Die Mutter küßt uns wie sonst, die Knaben laden uns wie sonst zum Spiele; sie wissen nicht, daß wir Ausgestoßene sind, in Ewigkeit Verfehmte. In Gleichgültigkeit verschließen und begraben wir, was unsre Hoffnung war und unsre Qual. O übermütige Lust des atheistischen Knaben! Wenn der Pfarrer in der Kirche von dem schrecklichen Ende predigt, das die Gottesleugner nehmen und damit auf den ohne Sang und Klang begrabenen Schuhmacher anspielt, der nie in die Kirche ging und sich zu Tode soff, weil niemand seine Schuhe aus so unheiligen Händen entgegennehmen wollte, so lachen wir innerlich. Wir haben diesen Tod schon hinter uns, uns kann niemand mehr etwas weismachen. Wir treiben Schindluder während des Gottesdienstes und nicken den Mädchen zu, als ob wir ausgepichte Don Juans wären. Und merkwürdig, was wir während des Kampfes so ängstlich gehütet, unser Geheimnis geben wir jetzt prahlerisch preis. Auf den Spaziergängen lehren wir durch gottlose Redensarten unsere Genossen das Gruseln. »Ich mache dir eine Wette, daß es keinen Gott gibt. Ich verlache dich, Gott! Schmettre mich doch nieder, wenn du existierst. Ich werfe diesen Stein gen Himmel, er ist für dein Antlitz bestimmt. Seht ihr, er rührt sich nicht, weil er nicht ist!« Und siehe da, du warst nicht mehr allein, es fanden sich auch andere, welche nur auf den Anstoß gewartet hatten, um in Verwünschungen gegen den bösen Traum der Kindheit zu wetteifern. Nur von den Seelenkämpfen, die vorhergegangen, erzählt keiner. Es ist aber immer eine gute Seele dazwischen, welche am geeigneten Orte sich ausschütten muß. In der Untersuchung vor dem Pfarrer spielen wir eine klägliche Rolle, wir schworen ab wie Galilei, denn unser Mut war nicht größer als der seinige. Darum mußten wir doch mit Prügeln und Leibeshaft büßen; und im Gefängnisse fühlten wir uns zu Hause, da wir es für in der Ordnung hielten, daß Verbrecher eingesperrt werden müssen. Wir hatten es aber doch gar wohl vernommen, daß ein andrer unsrer Lehrer gesagt hatte, es sei eine Schande, Knaben um solcher Dummheiten willen zu strafen. Und das gab zu denken: Nur Dummheiten? Und wir glaubten schon der Freiheit teilhaftig zu sein, welche Kolosse und Extremitäten ausbrütet?! Ach, wir ahnten nicht, daß sich schon ein viel feineres und stärkeres Netz um unsre geistigen Flügel spann, das wir mit ganz andern Anstrengungen zerreißen mußten wie die groben Stricke der geoffenbarten Religion. Aber es war doch ein Glück, zu rebellieren und zu randalieren; und bei all dem Poltern zog doch die junge Liebe in das Herz und baute eine Welt, die für uns unendlich genug war. Aus den Klassen in die Isten Das Klassifizieren mag eine sehr nützliche und notwendige Geistesübung sein, mir ist es immer zum Fluch geworden. Wenn ich an die Klassen des Lyceums denke, durch die ich mich hindurchlügen mußte, und an das Entsetzen der Familie und der Menschheit, als ich eines Tages in einer Klasse sitzen blieb, so wird mir heute noch wund und weh. Ich habe mein Lebtag, die Heidelberger Allemannen, und die kann man doch keine Klasse nennen, ausgenommen, nur einmal den Wunsch gehegt, mich irgend einer Menschenklasse einzuordnen, mich rubrizieren zu lassen, das war, als ich mich in die Seele Kosinskis dachte und den Dienst bei einer Räuberbande irgend einer Staatsanstellung vorgezogen hätte. Dieser Räuberdrang führte mich auch nach Amerika; als ich mich aber im Land der Freien und Braven zuerst auf mich selber besann, war ich schon wieder in eine Klasse gepreßt, die Maryland Classis der reformierten Synode hatte mich in ihre mütterlichen Arme geschlossen. Rabenmutter, schlimmer als Josua der Eroberer, wollte sie mir den Geist beschneiden, und als ich ihr entlief, sandte sie mir ihren Fluch nach. In Philadelphia war es eine Zeit lang Mode unter der Geistlichkeit, Ale zu trinken, und mancher Witwe Ölkrüglein wurde zum Alekrug für den Herrn Pastor. Gestern hatten wir noch vergnüglich zusammen gebechert, und die Frau Pastorin W. hatte mich an ihren umfangreichen Busen geschlossen wie einen eignen Sohn, heute mußte ich schon »seitab durch den Wald als räudig Schäflein traben«. Das macht, ich hatte durch meine Predigt vor den versammelten Herren der Classis mich als einen untüchtigen »Hirten« erwiesen. Der Mensch ist ja der reine Rationalist, hatte eine maßgebende Stimme gesagt; und so war ich auf einmal aus den Klassen in die Ismen und die Isten vertrieben. Rationalist wäre kein so übler Titel, ratio heißt die Vernunft, aber freilich unter den Theologen soll die Vernunft immer die Magd der Gottesfurcht bleiben; und wenn du einem guten Theologen demonstrierst, daß die Vernunft doch über das Wort Gottes gehen müsse, da man ja ohne dieselbe die Bibel nicht lesen und verstehen kann, so wird er dich vernichten mit dem Wort: Ja, Sie sind eben ein Rationalist, mit Ihnen ist nichts anzufangen, Sie haben Ihren Ruhm dahin. Was hat mir aber diesen Isten-Titel eingebracht? Ich suchte im Evangelium das rein Menschliche. Ich erlaubte mir den Teufel mit Hörnern und Schwanz, der des Menschen Sohn die Herrlichkeit der Welt anbot, in jener Predigt in das zweite Ich zu verwandeln, die innere Stimme, welche irgendein Martyrium für Wahnsinn erklärt und über die Ehre noch den Genuß setzt. – Na meinetwegen Rationalist! Ich war Sprecher der Freien Gemeinde, also eine Klasse vorgerückt, aber wie es nun einmal mein Unglück ist, konnte ich mich auch hier nicht ans Programm halten. Ich war doch dazu da, Juden, Christen und Heiden zu beweisen, daß es keinen Gott gibt – was gingen mich die Lumpen und Schwären des Lazarus an, was die Forderungen der Stände, die uns ein schützend Dach bauen, die uns füttern, kleiden und beschuhen? Aber ich konnte es nicht lassen, ich schrie den modernen Sadduzäern in die Ohren: Euer Nichtglauben und Hoffen ist nichts wie tönend Erz und klingende Schelle, denn ihr habt die Liebe nicht. Ist das Freiheit, wenn mir Millionen Sklaven zu Tyrannen werden? Ist das Seligkeit, wenn ich mich mit den Forschern der wissenschaftlichen Wahrheit in astronomische Ewigkeiten versenke und darüber vergesse, daß rings um mich her das Recht mit Füßen getreten wird? Ich weiß es nicht, wer es zuerst aussprach, aber höhnend und murrend schlug mir immer deutlicher ans Ohr das Wort: der Kerl ist ja ein Sozialist! Also wieder aus einer Klasse heraus in einen Ismus hineingeschmissen. Nun, ein Schimpfwort ist das gerade auch nicht; im Grunde genommen bedeutet es doch nur einen Menschen, der über dem eignen nicht das Wohl und Wehe der Gesellschaft vergißt. Also meinetwegen Sozialist! Sozialismus und freie Gemeinden zu vereinigen, das geht nur eine Zeit lang, dann wird man nolens volens vorgerückt. Ich wurde also promoviert und betrat mit Ehrfurcht die Klasse der freien Künste, zu welcher jeder gehört, der dem lieben Publikum etwas vorsingen, vorgeigen, vorschreiben oder vorschwindeln kann; und da mein Instrument zufällig die Feder ist, so rechnete man mich unter die Journalisten. Unter diesen Isten hätte man mich füglich in Frieden wohnen lassen können, es gibt darunter so viele gescheite und dumme, gute und schlechte Menschen, daß für einen armen Teufel wohl auch noch Raum übrig sein sollte. Es wird aber wohl meine eigene unglückselige Naturanlage gewesen sein, welche mir auch hier wieder einen Streich spielte. Man gründete einen Journalistenbund, also Allmächtiger! Wieder eine Klassis. Ich hielt mich abseits, weil mir die Gerüche dieser Gesellschaft denn doch zu gemischt waren, und weil ich die Überzeugung hatte, daß man mich doch alsbald wieder aus dieser Klasse hinauspromovieren würde. Und so saß ich denn auf dem Isolierschemel und würde noch darauf sitzen, wenn mir nicht die Weltgeschichte höchst eigenhändig auch noch den letzten Ismus auf die viel gebrandmarkte Stirn gedrückt hätte. Es begab sich im Jahre des Herrn 1886, daß man Männer als gemeine Verbrecher vor das Tribunal schleppte, welche das auszusprechen wagten, was seit einem halben Jahrhundert der Grundton der prophetischen Bücher des neuen Bundes war, welche dem kranken, verfaulenden Körper unsrer Gesellschaft die Diagnosis stellten. Die Tugend, sagten sie, welche uns das Christentum, die Monarchie und die Republik gepredigt haben, ist nur ein leerer Wahn, denn ihre Früchte sind Unfriede, Heuchelei, Verbrechen, geistige und körperliche Sklaverei; der Richter in der Gerichtshalle ist kein geringerer Betrüger als der Pfarrer in seiner Kirche, und wenn ihr den heiligen Antonius selber in eure Parlamente wähltet, so müßte er dort zum Schuft werden; der Raubmörder, den man hetzt wie ein wildes Tier, ist besser als eure Fabrikanten und Minenbesitzer und Kornwucherer; eure Religion ist die Heuchelei und das Geschäft, euer Gesetz ist ein gewaltiges Netz, in welchem man die Fische fängt, welche euer aller Nahrung sein sollten, und eure Staatsmänner sind emsig bemüht, die Maschen dieses Netzes immer enger zu stricken. Hat man nicht vor einem Jahrhundert auf diesem Kontinent einer werdenden Nation der Welt die Frohbotschaft verkündet, daß es Zeiten gibt, da das Volk das Recht und die Pflicht hat, an die Gewalt zu appellieren, da die Revolution die einzige Erlösung ist? Hat nicht diese werdende Nation zum Staunen der Welt diese Erlösung an sich vollzogen mit Schwert, Pulver und Blei, mit Totschlagen und Totschießen? Wenn ihr uns nicht glaubt, so laßt's euch von den Festrednern des 4. Juli erzählen oder lest jenen herrlichen Kodex, von Bauern und Handwerkern als ewiges Gesetz angenommen, welcher jedem Menschen das Recht auf Freiheit und Glück zuerkennt, und dann fragt euch, ob ihr nicht ebensoviel seid wie jene, und ob ihr nicht auch Menschen seid! Wenn diese Männer solches in gelehrten Schriften oder, zum wollüstigen Gruseln der Reichen, in Dichtungen und Gemälden ausgesprochen hätten, so hätte niemand sie gehindert, ja wie manchem Arzt oder Propheten der Neuzeit hätte ihnen die Wahrheit vielleicht goldnen Lohn eingebracht. Sie aber sagten sich: Unsre Wahrheit muß dahin getragen werden, wo sie Frucht tragen kann, sie muß denen gesagt werden, für welche sie zur Erlöserin werden kann, und sie muß so gesagt werden, daß sie sie auch verstehn. Nie haben Herrschende friedlich sich ihrer unrechtmäßigen Gewalt begeben, das Volk ist die Urkraft, die alles Neue und Gute schaffen muß, das Volk der Vereinigten Staaten aber sind die Arbeiter. Das war das Verbrechen der Männer, die man in Chicago prozessierte und hinmordete, daß sie sich an die richtige Adresse gewandt haben!! Das war es, was mir trotz meines Isolierschemels wie ein elektrischer Funke in die Augen und ins Herz sprang, und ich habe gesprochen und geschrieben, wie es einem Mann geziemt, dem der Sinn für Recht und Wahrheit noch nicht abhanden gekommen ist. Ich habe protestiert und gedroht und geweint und geflucht, wie es ein Mensch tut, der machtlos ungeheure Freveltat vor seinen Augen sich vollziehen sieht. Und ich Tor war der Meinung, mein Wort müsse widerhallen in jedem Männerherzen, in jedes Weibes Brust, die einen Sohn gesäugt, in jedem jungen Gemüt, das für das Ideal der Freiheit glüht ... aber mein Lohn war ein anderer, mein Erfolg war ein sehr bescheidener, man hat mir nur einen neuen Ismus angehängt, von allen Seiten quakte, gröhlte und grunzte es: Das Scheusal ist ja ein Anarchist! Ein recht guter Prediger, schade, daß er vom Rationalismus angefressen ist! – Ein tüchtiger, radikaler Redner, leider gerät er immer mehr in das sozialistische Fahrwasser! – Ein Zeitungsschreiber, der einem Vergnügen machen könnte, wenn er nur den verdammten anarchistischen Wahnsinn lassen würde! – Aber ich bin so ausgewachsen, daß mich die Ismen und Isten nicht mehr genieren, in eine Klasse kann mich kein Mensch mehr hineinbringen, und zwei Dinge, selbstgewählte Dinge, wird mir schließlich jede Klasse, jede Schule, jede Partei zugestehen müssen: meinen Isolierschemel und mein Schicksal, als armer Teufel zu leben und zu sterben. Fremd im eigenen Hause Wenn uns ein deutschländischer Vetter mitleidig oder höhnisch die Heimatlosen nennt, so dürfen wir ihm antworten: Wenn wir keine Heimat haben, so hast du keine Freiheit. Aber ach! der Vetter ist im Vorteil, denn während ihm die Abwesenheit der Freiheit durchaus keine Unbehaglichkeit verursacht und er schon längst bei den Klängen der Regimentsmusik mit Behagen an die Table d'Hôte der Knechtschaft sich setzt, können wir es nur mit einem Seufzer aus dem tiefsten Innern bestätigen: Ja, wir sind heimatlos! Für Menschen, welche tierisches Behagen erfüllt, wo immer sie Vieh treiben und das Beste der Krippe mitessen dürfen, für Fanatiker der Religion oder irgend einer Partei existieren die Schmerzen der Heimatlosigkeit nicht; wer aber weder am Dienen noch am Herrschen Geschmack findet, wem nicht alle Wünsche befriedigt sind, wenn es ihm »gut geht«, wer nicht in einem Programm seiner Zeit aufgeht, sondern unter allen Umständen die Individualität sich wahrt, gerade der wird das Weh nach irgend einer Heimat erst dann los, wenn der blasse Bruder des Schlafes für ihn die Fackel senkt. Ich habe es erfahren, was es heißt, fremd geworden zu sein in der eigenen Heimat, die so grün und schön in den Träumen der Nächte und der Tage vor mir stand, wie es tut, wenn einem selbst im Vaterhause der Stein des Mißverständnisses statt des Brotes der Liebe gereicht wird! Wie gern würde ich die Begeisterung für mein Adoptivvaterland als Balsam in meine Herzenswunde träufeln! Es will mir nicht gelingen, denn ich kann Amerika nicht lieben, ich weiß, daß wir Heimatlosen niemals tiefe Wurzeln in diesem Boden schlagen, niemals in ganzer Freudigkeit in diesem Sonnenlicht emporsprossen können. Fremd sind wir nicht nur im Vaterhaus, sondern auch im eigenen Haus, das wir uns hier gebaut, in der Familie, die uns, den Verächtern des staatlichen Kampfes um die Beute, Ruhehafen und Kraftherd sein sollte. Und wenn du das beste und treueste Weib zur Seite hättest, zwischen dir und deinen Kindern steht eine unsichtbare Barriere – du bist und bleibst ein Deutscher, sie sind und werden immer mehr Amerikaner; mit andern Worten und damit mich Niemand nationaler Schwachheiten bezichtige: Das Beste in dir verstehen sie nicht, die Sprache deines Herzens reden sie nicht, und deinen edelsten Schatz, das Erbteil, das Niemand besteuern kann, kannst du ihnen nicht hinterlassen. Man rede mir nicht von den Oasen in dieser Menschenwüste, Familien, die befähigt waren, in sich selber das heilige Feuer zu nähren und durch eine Verkettung von günstigen Umständen ungestört sich in sich selber entwickeln konnten! Ich habe die traurige Erfahrung gemacht, daß auch unter diesen Ausnahmen oft die Selbstlosigkeit, der Friede, die gegenseitige Liebe nur so lange vorhanden waren, als man »zu Besuch« da war, daß aber der intimere Einblick dieselbe Gemeinheit fand, welche man auf die Gemeinen beschränkt glaubte. Hier handelt es sich um allgemeine Erfahrungen, und die liefern leider in Bezug auf die nächste Generation der Deutschamerikaner ein schlechtes Resultat. Am schlimmsten steht es natürlich mit den Mischehen. Wo deutsche Mutter und amerikanischer Vater, verwischen sich in der Nachkommenschaft die deutschen Züge fast vollständig. Wo deutscher Vater und amerikanische Mutter, geht der Prozeß nicht so rasch vor sich, aber der Einfluß der Tochter dieses Landes ist der überwiegende, und die Barriere zwischen Vater und Kindern ist schon der Sprache wegen von vornherein eine unübersteigliche. Sind aber beide eingewanderte Deutsche, so werden doch die Kinder anders als die Eltern, und während die Mutter dem Wesen der Kinder sich anbequemt, bleibt der Vater in seinem Denken und Fühlen allein. Gutreligiöse Menschen und radikale Freidenker beklagen ein gemeinsames Geschick. Ich meine nicht die Pharisäer ihrer Bekenntnisse. Unter denen sind sogar die Christen noch im Vorteil und scheinbar die Besseren; denn, wenn ihnen auch gar nichts daran liegt, ob ihre Kinder wirklich religiös sind, so sorgen sie doch dafür, daß dieselben wenigstens äußerlich in ihre Fußstapfen treten, in denselben Kirchen knien und demselben unsichtbaren Gott den Pfennig opfern, den sie als Taler von demselben Gott Mammon wieder zurück zu erhalten hoffen. Die Pharisäer unter den Radikalen aber, welche aus irgend einer jener undefinierbaren und schwer bis zu ihrer Wurzel zu führenden Eitelkeiten eine freisinnige Rolle spielen, blicken gleichgültig dazu, wenn die Kinder den Glauben an Dinge und die Ehrfurcht vor Göttern heucheln, welche die Alten ihr ganzes Leben lang lächerlich gemacht haben. Ja, im Innern sagen sie sich wohlgefällig: »Der Junge ist schlauer als ich; der weiß, wo man sich Freunde machen muß, der paßt in die Welt!« Darüber wollen wir uns auch keinen Kummer machen; kann man auch Trauben lesen von den Dornen? Aber für euch blutet mein Herz, ihr ehrlichen Frommen, wenn ihr eure Kinder den Schätzen nachjagen seht, welche die Motten und der Rost fressen, und mehr noch für euch, denn ich verstehe euch ganz, ihr unabhängigen Kämpfer der Freiheit, die ihr, auf Lohn und Anerkennung und Erfolg verzichtend, die herrliche Hoffnung im Busen truget, daß in den Früchten eures Leibes auch die Früchte eures Geistes erwachsen und eure Kinder das erobern würden, worum ihr vergeblich gekämpft. O abscheuliche Barriere! Eure Töchter haben keine Tränen für die Märtyrer der Freiheit, sie sind berechnend, aber geistesleer; sie sind gefallsüchtig, aber sie können nicht lieben; sie haben weder Abscheu noch Mitleid für ihre Schwestern im Schmutz, noch Geringschätzung, weil sie überzeugt sind, daß sie das erhabene Ziel erreichen werden: eine Ehe, die eine gute Versorgung ist. O abscheuliche Barriere! Ihr seid die Kinder mit dem seligmachenden Kinderglauben an einen Weltsieg der Gerechtigkeit, an einen Freiheitsmorgen für alle Unterdrückten; eure Söhne sind die Alten, die eure Narrheit belächeln, weil sie mit amerikanischer Genauigkeit wissen, was in der Welt zum Erfolg verhilft. Wißt ihr noch, wie wir uns sträubten gegen die Kenntnisse, welche der Broterwerb verlangt, wie wir aber heimlich gierig an den Quellen sogen, wo Menschenliebe strömt und der Glaube an das Ideale; wie wir durch die Wälder schwärmten, wo der Wind frei durch die Wipfel saust und am schäumenden Wildbach die Blume der Romantik blüht! Zu unsrem freudigen Erstaunen finden wir hin und wieder einen jungen Deutschamerikaner, der sich für deutsche Literatur interessiert. Hier ist ein Samenkorn auf den richtigen Boden gefallen! Aber wenn wir die Sache näher untersuchen, so ist es ihm nur darum zu tun, mit einigen Dingen sich oberflächlich bekannt zu machen, die man in Gesellschaft wissen soll, und die Sprache will er nur darum nicht vergessen, weil er schlau genug ist, einzusehen, daß man dieselbe zum Fortkommen im Leben brauchen kann. Wir aber haben gegen alle Verbote das gelernt, was uns nicht nützen konnte und uns doch einzig und allein zu Menschen gemacht hat. Ich habe die Karriere so vieler Söhne tüchtiger Väter und freiheitsliebender Mütter verfolgt. Nur der Kultus des Wahren und Schönen umgab ihre Jugend, nur die besten und freiesten Schulen besuchten sie. Aber Verständnis und Liebe für die Ideale ihrer Eltern, den Haß gegen alle Unterdrücker, die Sehnsucht nach der Befreiung der Armen und Elenden konnte man ihnen doch nicht beibringen. Eine Zeit lang noch zwang sie die kindliche Pietät, äußerlich wenigstens an den Bestrebungen der Eltern Anteil zu nehmen – es gab ja auch hin und wieder Vergnügen dabei, und das konnte man mitnehmen – aber bald trieben sie in andre Kreise, wo sie sich mehr zu Hause fanden; und wenn man schließlich die paar Stunden des oft sonderbaren Vergnügens abrechnete, so blieb nichts übrig als der Geschäftsmann und die Losung: Geld, Geld und noch einmal Geld. Ich habe wohl beobachtet, das unsrer Jugend, vielleicht gerade weil der Erwerbssinn so stark in ihr ist, ein gewisses praktisches Gerechtigkeitsgefühl, ein Verlangen nach Ellbogenraum für jeden nicht abgeht, und ich darf sie nicht unter die Feinde der sozialen Evolution zählen; ob die soziale Revolution in ihnen ein Feuer entzünden wird, von dem wir bis jetzt noch keinen Funken entdecken konnten, kann für den Einen ein schmerzender Zweifel, für den Andern eine stille Hoffnung sein. So viel ist sicher: Das Deutschamerikanertum, das seinen Lessing und Feuerbach und Börne in Fleisch und Blut mit herüber gebracht hat, das stirbt mit uns, die wir die Heimat verloren haben und im eigenen Hause fremd sind. Luginsland I. Am Fenster ist mein Posten, Da hab ich dankbar erblickt, Wie die Abendsonne dem Osten Ihr letztes Grüßen geschickt. Aufsteigt aus Herbsteswipfeln Wie ein weißes Alpen-Meer, Mit glühendroten Gipfeln Fahren die Wellen daher. Dann – war das Leuchten vergangen, Das Dunkel verschlang die Pracht. Es faßt mich wie ein Bangen – Fremd in der fremden Nacht. II. Trat ein Sternlein aus den Wolken, Ging so seinen stillen Gang, Auf der Straße fern ertönte Mandolinenklang. Kinderjauchzen, Rossewiehern, Klingend zieht die Pferdebahn, Und in immer läng'ren Pausen Fängt das traute Schweigen an. Sternlein in der Ätherferne Blinkt mich an mit holdem Schein. Wolken kommen, Wolken gehen, Du und ich sind nie allein. III. Aus der traumbangen Nacht, Vom Lager der Schmerzen Heben mich weiße Arme empor. Ein Augenblick am Weibesherzen, Von dem Schein der Liebe verführt, Macht mich stark wie Antäus, Wenn er die Mutter Erde berührt. Wie das Leben mich grüßt Durch das Fenster gen Osten! Rötlich und ahnungsschwer das Frühlicht. Der Hoffnung frischen Trank zu kosten Mit der Sonne, die mächtig sich hebt, Kraftaussprühendes Feuer, Daß sie die Welt und mich belebt. So im sturmschweren Rot, Das Gold prophezeihend, Hebt sich die Freiheitssonne empor, Mit Feuersglut die Erde weihend, Daß selbst der Stein dem Lichte erklingt. Keine Gewalt der Tyrannen, Und auch kein Gott sie niederzwingt. * Dies ist der Tag, da die großen Schatten von ungesehenen Wolken rasch über meine Aussicht hinstreifen, und der Wind fegt neckisch aus allen Ecken und hat eben einen Blumenstock von meinem Fensterbrett heruntergeholt. Das abscheuliche Zeichen der Zivilisation, das den Pfad des Menschen selbst im Hochgebirg und im Urwald bezeichnet, verunreinigt auch meine kleine Landschaft: die herrenlosen Papierfetzen; sie ärgern mich nicht minder als meine, mit dem Frühling wiedergekehrte, Brigade der kontrakten, antiquierten Straßenreiniger. Wie sie mit ihren Harken den trockenen Straßenschmutz dem Winde zu entreißen trachten, bemerke ich, daß sie genau um ein Jahr älter und steifer und gichtbrüchiger geworden sind. Und wie ich selber, alt und steif und gichtbrüchig geworden, dasitze, fühle ich mich als ihren Kollegen; erleben kann ich nichts mehr, so muß ich denn das welke Laub und die dürren Schnitzel der Vergangenheit sammeln. Als sie in der Mittagsstunde in Reih und Glied auf der Rasenböschung saßen, habe ich einen Schnaps zum Kessel-Mahl gestiftet, und ich bildete mir ein, aus den lächelnden, zahnlosen Gesichtern steige ein lautloses Hurrah zu dem Leidensgenossen empor. Wir waren gerade dreizehn, einer von uns wird zur nächsten Frühjahrsarbeit nicht mehr antreten, das hindert aber nicht, daß wir uns heute Alle des Sonnenscheins freuen; uns gottbegnadeten Proletariern geht das Öl bis zuletzt nicht aus, von dem das Lämpchen der Lebensfreude glüht. Heute morgen weckten mich die Klänge einer Drehorgel. Es war mir so wohl wie einer Ballschönen, für die der geliebte Lieutenant ein Morgenständchen arrangiert hat. Ich dehnte mich auf meinem Daunenpfühl, und mein Herz flüsterte mir zu: Heute passiert dir noch was Schönes. Richtig ertönt unten die in ihrem rauhen Selbstbewußtsein unverkennbare Stimme des Expreßmannes, und wie im Julklapp wird etwas Schweres hereingeschoben. Vivat, eine Weinkiste, goldgelber Saft, dem bei Bingen, wo heute noch der Kaiser Karl seinen nächtlichen Segensgang durch die Rheinlande antritt, die Sonne die Seele eingehaucht hat. Sei gegrüßt, du Gold im Munde der Morgenstunde! Wie oft habe ich dich schnöd vergeudet und dem fröhlichen Schwein des Rausches die kostbaren Perlen vorgesetzt! Aber vergeudet man nicht auch die Jugend und die Liebe, und wer mit ihnen haushälterisch umging, war nie jung und hat nie geliebt. So lange die Erde noch solchen Wein schenkt, ist sie keine Rabenmutter, kein Planet, der seinen Zweck verfehlt hat; so lange es Menschen gibt, denen es Genuß und Selbstbefriedigung ist, dem ferne Weilenden solchen Genuß zu senden, so lange sperre ich meinen Pessimismus zu meinen Schmerzen und glaube an den rothaarigen Erlöser, das kommende Jahrhundert. Ich wollte euch wohl einmal von meinen Schmerzen erzählen und von der gebildeten Krankheit, die mir die Ehre angetan hat, ihre Residenz in meinem Körper aufzuschlagen; aber die Wahrheit wollt ihr ja doch nicht glauben, und an Mißverständnissen seid ihr so groß, daß ich mich manchmal frage: schreibe ich nicht deutsch, deutlich? Bin ich als Mystiker bekannt oder habe ich mir einigermaßen Mühe gegeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen? Ich schrieb an Freunde, wie es sich verhält, wie ich Philosoph genug bin, den Humor des Unabänderlichen zu verstehen und wie ich freier als je in der körperlichen Beschränkung Welt und Leben erfasse. Sie antworten mir mit einer Beschwörung, ich solle den Mut nicht sinken lassen, ich sei es meiner Sache schuldig, daß ich bis zuletzt aushalte und was sonst so schöne, aber in meinem Falle gewiß überflüssige Ermahnungen sind. Ich beschrieb Andren mit dürren Worten meinen medizinischen »Umstand«, sie meinten: »Na, so schlimm ist's jedenfalls nicht!« Einem meiner Besten deutete ich in Bezug auf einen erwünschten Besuch das periculum in mora an, er antwortete mir: »Vorläufig nehme ich Dein Schreiben als einen Stimmungsbrief.« Da fällt mir dann dabei ein, daß man mir in den einfachsten Dingen nicht so recht geglaubt hat. Einst hatte einer meiner Verehrer – ich erlaube mir auch einmal diesen opulenten Ausdruck – Gelegenheit, in meine Korrespondenz Einsicht zu erhalten. »Ja, kriegen Sie denn wirklich alle diese Briefe«, fragte er erstaunt, »aus aller Herren Länder?« Er mußte also vorher geglaubt haben, meine Briefkasten-Notizen seien aus der Luft gegriffen. Erzählte ich meine Abenteuer als Grüner, so verständigten sie sich unter einander: Natürlich ist zwei Drittel davon nicht wahr. Schilderte ich kleine Szenen aus meinem jugendlichen Liebesleben, nicht einmal mit Ausschmückung, nur mit genauerem Bewußtsein der Gefühle, die noch wirr im jugendlichen Busen sich drängten, so meinten sie: »Das hat er hübsch aufgemacht.« Und doch war ich mein Lebtag nicht im Stande, etwas aufzumachen, etwas zu erfinden, sondern konnte nur bringen, was ich innerlich und äußerlich erlebt habe. Ich habe nie Tränen geschrieben, wenn ich sie nicht geweint habe, ich habe nie von Liebe gesprochen, wenn mich nicht der alte süße Wahnsinn übermannt hatte; ich habe nie eine Blume gepriesen, wenn sie nicht blühend vor mir stand; ja, ich bin so wahr, daß ich es nie wie gewisse deutsche Dichter fertig brachte, bei Wasser oder Bier den göttlichen Wein zu besingen. Das ist Wein, der vor mir steht, er ist so süß wie der Kuß des schönen Försterstöchterleins in der »Weißen Rose« in Heidelberg; sie war selber wie eine Moosrose, des Busens Fülle im grünen Samtmieder, das dunkle Haargelock um das blühende Gesicht. Er macht mich stolz, er macht mir Mut, euch von den kleinen Geschichten im Bereiche meines Luginsland zu erzählen, euch, die ihr mit eignen und Pferde- und Pferdekraft- und elektrischen Beinen durch die Welt stürmt, die ihr räsonniert, wenn die Ozeanfahrt zwei Stunden länger dauert als stipuliert, die ihr es schwer empfindet, daß mit dem Mars noch keine Konnexion hergestellt ist, und – die ihr doch noch dankbar seid, wenn man euch das Veilchen zeigt, »das still am Wege blüht«. Der mir gegenüber liegende Grasplatz (verflucht sei, wer ihn in »Lotten« auslegt!) ist meine Wiese. Es wächst freilich nur ein Gras darauf, das höchstens einmal nach einer mit Himmelstränen durchtauten Nacht ganz grün wird, das gelbe Leontodon kommt nicht einmal zur Blüte, weil die armen Leute schon vorher die Pflanzen ausstechen, um Salat daraus zu machen. Ach ihr Hundsblumen und Gänseblümchen, einst so wenig beachtete, wenn ich jetzt eure Sterne auf meiner Wiese aufgehen lassen könnte! Die Böschung, welche meine Wiese von der gemeinen Straße trennt, bildet nur der Bergpfad, auf dem allerlei meist recht gewöhnliche Menschen einherschreiten. Nichts individuelles, ob sie in Lumpen gehen oder in einem Anzug, den der Schneider für vierzig Dollars verpfuscht hat. Nur der Herr Pfarrer macht eine Ausnahme, etwas vom Tannhäuser steckt selbst nach seiner römischen Bußfahrt noch in ihm, und wenn er bei aller apostolischen Würde und Haltung nicht umhin kann, nach den Töchtern des Landes zu schielen, so wünsche ich jedes Mal pietätvoll: Gott segne deine Studia! – Im Winter wars schöner – wie lang ists her? ein Augenwink – als der Schnee hoch lag. Da kamen die Büblein und Mädlein aus der Schule, liebes Gesindel! schreien ohne Tonart, balgen ohne Prinzipien, wälzen sich ohne Anstand im Schnee. Es gab aber eine hohe Schneewehe, in die sich noch keins hineingewagt hatte. Da kam ein kleines Mädchen auf kraftvoll gedrechselten Beinchen, unter der schottischen Mütze hingen verzaust die blonden Locken; hinter ihr her schlitterte an einem Bücherriemen die Wissenschaft über den Schnee. Ich dachte daran, aber ganz gewiß nicht das Mädchen, daß die so schnöd behandelte Weisheit noch ins Köpfchen kommen muß. Den Schneeberg sehen, aufsteigen, einsinken war eins. Nun saß sie bis über die Ohren vergnügt in ihrem Nest, und das lachende Gesichtchen glühte wie ein Röslein im weißen Schnee. Wenn ich jeden Tag so ein Bildchen sehen könnte, brauchte mir kein Maler was zu malen. Heraus konnte sie nicht mehr, es gruben also die Buben einen Schacht und zogen sie an den Beinen herfür. Aber verfrühter Frühling fraß den Schnee, schöne Tage wie das trügerische Lächeln der Sultanin, die nach deinem Herzblut trachtet. Grausamer Frost gebot dem sehnsüchtigen Sprossen der Baumknospen Halt. Und was ist aus meinem heutigen schönen Apriltag geworden? Die fliegenden Schatten haben sich zu einer grauen Wolkendecke vereinigt. Es wird dunkel, die Schwüle fröstelt einen an, und der Wind schleudert barsche Regentropfen. Drüben auf der anderen Seite der großen Verkehrsstraße kämpft eine elegante Dame – ein seltener Schmetterling in dieser Gegend – mit dem Sturm. Den Oberkörper verdeckt der Schirm, aber unterm schwarzseidenen Kleid flattert lustig der weiße Unterrock. Ich meine die Füßchen zu sehen, aus dem der Dichter-Anatom den ganzen herrlichen Bau des Menschenleibes sich konstruiert, ich vernehme das Knistern der Seide in der Umarmung, ich atme den Veilchenduft der Spitzen, die den rosigen Busen umrahmen. Ferner und ferner ab leuchtet es weiß auf, nur meine Augen vermögen zu folgen, bis das Nichts, das selbst dem Renner Achilles die Grenze setzt, auch den letzten Schein verschlungen hat. Ich bescheide mich wieder in meinem lieben Gefängnis. Noch ein Rest Wein, dem Vergangenen. Und nun lasse ich mich in Traum wiegen von der Symphonie, die meinen Blumen entströmt. * Auch was man in den Armen Teufel schreibt, ist eine Petition an den Himmel. Mein Grasfleck, auf dem sie, seit des Frühlings ersten grünen Spitzen, gehauen und gestochen mit Äxten und Hacken und Schaufeln und Tischmessern, hat sich doch jetzt mit den lieben gelben Blumen besternt, die ich schon vermissen zu müssen glaubte, und die nun doch erschienen sind wie ein tausendfacher und doch so bescheidener Gruß aus der Heimat. Es sind Proletarier unter den Frühlingsblumen, mit allerlei schnöden Namen nennt sie das Volk, und blickt doch jede einzelne, von jenem Golde erfüllt, das sich nicht münzen läßt, so geradeaus zur Sonne empor, wie es der Mensch nicht einmal vermag, und als ob sie des volltönenden Namens sich bewußt sei, den die Botanik ihnen gegeben: Leontodon tarataxicum. Proletarier unter den Frühlingsblumen, und doch oder gerade darum in dem schnell vollendeten Kreis ihres Daseins mitschaffend an der Segensfülle, die jeder Frühling über die Erde spreitet. Aus ihrem Kraut bereitet die medizinische Wissenschaft, die auch die bescheidenen Quellen nicht vergißt, einen Heiltrank für Naturen, die noch nicht von metallischen Giften zerfressen und geheizt werden, der arme Mann aber ein schmackhaftes Salätlein, wenn der Reiche noch kaum den Luxus des im Mistbeet gezogenen Kopfsalats sich erlauben kann. Tausend zierliche Mückchen und Käferlein finden ihre Heimat in der Blume, die nur ein strahlendes Herz ist und des Nachts sorgfältig sich und ihre Gäste in den grünen Blättermantel hüllt. Die Kinder aber schlingen aus den hohlen Stengeln Ketten, sind die allein echten Liebesketten, nur so lang zwei innig aneinander geschmiegt, bleiben diese Ketten unzerrissen; aber sie lassen sich verlängern, so lange es Blumen gibt, und das kleinste Kind kann mit den tappigen Rosenfingern ein grünes Glied schlingen, das den unheilbarsten Bruch wieder zusammenfügt. Wenn aber das kurze sonnige Dasein verblüht ist, steckt der Leontodon seine eigene Sterbekerze an; pausbäckige Kinderengel blasen die Lichter aus. Jetzt hat die Geschichte ein Ende, denken sie, und haben doch nur den Samen eines künftigen Frühlingslebens dem Winde übergeben! Das klingt fast wie eine fromme Betrachtung. Und warum denn nicht? Heute ist Himmelfahrtsfest, und die Glocken läuten mit einem Male, und mein Herz läutet mit, und die Gefühle, die unsterblich sind, klingen und fliegen wie gefiederter Samen der Zukunft bis in den Himmel hinein. O blumenumranktes Fenster, du mußt dich weiten für all die Seligkeit, die hereindrängt und hinausziehen will im Mai, im Mai. Die Tulipanen stehen als Opferkelche, röter glüht die Rose und wird zum Hymnus an dich, du Maienkönigin, du der Hoffnung, der Freude und der Liebe ewig jungfräuliche Mutter! ob sie dich Isis nennen oder Astarte oder Kypris oder Maja oder Maria, du bist dieselbe; und wie du ein Stück ionischen Himmels über die düstern Wälder Germaniens gespannt und ein Stück südlicher Sonnenglut in die Herzen meiner Vorfahren versenkt, und der Liebe zeugende Heldenkraft in stolzen Busen entzündet, so hast du mir die Sterne ins Gras gezaubert und den großen Frühling aller Wesen in mein kleines Herz! Maja, Maria! wie kann der Christenpriester es wagen, dich zu preisen, er, dessen Liebe als eine verfluchte und gottverlassene im Dunkel kriechen muß? Darf auch der Maulwurf das Licht preisen und der Aaskäfer den Duft der Rose? Maja, Maria, wie haben sie dich herabgewürdigt zur gebärenden Magd eines Gottes, der das eigene Werk seiner Vollkommenheit verfluchte, der Menschen schuf, um sie den Qualen der Verdammnis preiszugeben, Kinder mit dem Fluch der Erbsünde belastete und das Licht seiner Gnade nur ausbreitet, wo Hundedemut ihm entgegenkommt. Maja, Maria! wie viel lieblicher als der Priester Lehre ist die menschliche Sage, die wie blühendes Unkraut in den Küchengarten der biblischen Geschichte hineinragt. Eine aufblühende Jungfrau saßest du im Abendschein auf dem Dache deines Hauses. Da ging im römischen Kriegsgewand ein blondgelockter germanischer Jüngling vorbei. Und wie die Augen sich fanden, ein Schicksalsblitzen, so fanden die blühenden Leiber sich, noch ehe die Nacht dem Morgen wich. Da ward geboren der souveränen Liebe Sohn, dem der Mutter südliches Blut die germanische Sehnsucht nach Menschenliebe im Herzen reifte, also daß er nie Gehörtes den Armen und Elenden verkündete und am Tempel der Tyrannei rüttelte, bis er zusammenbrach und mit den stürzenden Trümmern auch ihn erschlug, den fallenden und doch unbesiegten, mit dem die unendliche Kette der Blutzeugen der Wahrheit anhebt, die noch heute kein Recht findet vor Kaiphas und Pilatus. Maja, Maria! in solcher Liebe bist du, wie es Isis war und Astarte und Kypris, in solchem Menschentum wie in jedem Blümlein, das der Erde Rinde sprengt und in jedem Lerchenlied, das seine eigene Himmelfahrt verkündet. Dich erniedrigen zur gebärenden Magd des jüdischen Himmelstyrannen, zur Mutter eines Gottes, der dich und die Natur verleugnend an sich selber verzweifeln mußte?! Dich zur Trägerin eines Wunders machen, das Kastraten in den Zwingburgen des Geistes besingen und das der feile Priester in schnödes Geld ausmünzt?! Da du doch die Seele jenes einzigen und ursprünglichen Wunders bist, das allein zwischen uns und der Verzweiflung steht, des ewigen Frühlings, dem unser Herz zujubelt, wenn es auch schon mühsam schlägt, der uns immer eine Offenbarung ist, und wenn wir tausendmal wissen, daß darauf folgen die sengende Glut des Sommers, des Winters Erstarrung. Obs aus dem Schoß der Erde oder aus den Tiefen des Menschengeschlechts sich hervordrängt, immer ists die Sonne der Liebe, die die Rosen der Freiheit küßt. Die Glocken läuten, denn heute ist Himmelfahrt, und die ungeweihten Tulipanen und mein ketzerisches Herz läuten mit. Hoch oben in jenem Tiefblau, das wie eine Friedensinsel in den weißen Wolken liegt, schwebt meine Seele, und ich höre wie einen anschwellenden Päan den Gesang aller hoffnungsfreudigen Herzen auf dem weiten Erdenrund, und der Erinnerung liebliche Göttin zeigt mir die gesegneten Auen, auf denen ich in des Lebens Wonnetagen meine Himmelfahrten feierte. Aus süßen, nimmer vergessenen Mädchen-Augen schaust du mich an, Maja, Maria! und ich drücke all die Herrlichkeit ans Herz, von den strahlenden Sonnen bis zu den kleinen Sternen, die der Frühling für mich ins Gras gestreut hat. * Das war ein trauriger Rückschlag. Pankraz und Servaz, die ruppigen Heiligen, haben der Pfingsten-Maien Lust ein Ende gemacht, und mich selber warfen sie wieder aufs Schmerzenslager, als ob die Himmelhunde das Ketzerische aus meinem Lobgesange der Maja Maria herausgewittert hätten. Ich konnte nur noch Zwiesprache halten mit den Geistern meiner Blumen, die mir von Schneeglöckchen und Crocus bis zur Tulpe und Rose den Frühling gebracht hatten; selbst die Geranien ließen ihre roten Blütenblättchen fallen wie blutige Tränen, das Immergrün vergaß, seine blauen Blümchen zu treiben, und sträubte zornig seine Ranken im peitschenden, kalten Wind, und der treue Shamrock beschloß, einen langen Schlaf zu tun. Ich möchte auch einen solchen langen Schlaf antreten, und wäre es ein Todesschlaf, wenn ich sicher wäre, daß ich wie diese Pflanze zu tausendfältigem Blühen wieder erstehen würde; verschlafen all die Experimente und Versuchsbomben unsrer Zeit, denen ich ja doch nicht mehr nachlaufen oder davonlaufen kann, um aufzuwachen in einem jener tollen Frühlinge, wo der Idealismus im Bewußtsein seiner Ewigkeit sein Blut verschwenderisch ausgießt, wo schon vor den unsicheren, strauchelnden Gehversuchen der Freiheit, die ihre lang gefesselten Glieder reckt, um den gehemmten Blutumlauf wieder herzustellen, die höchsten Menschen und die festesten Burgen taumeln und stürzen wie beim Erdbeben, die Ameisen-Weisheit nur noch gut genug ist, das Schmarotzertum der dicken Mehlwürmer und Schmeißfliegen fern von der Sonne in unterirdischen Kammern zu zerstückeln, und der Leichtsinn und die Liebe der gefiederten Genossen des Himmels über dem Kampf und Dampf der Erde ihre Triumphe feiern. Vielleicht daß ich dann nicht nur in Gedanken mitfliegen, sondern auch mit beiden Beinen mitmarschieren könnte. Das sind aber törichte Wünsche; ich will mich hüten vor langem Schlaf, denn ich fürchte – »das Auferstehen wird nicht so schnell von statten gehen«. Ich will lieber mein Herz wach erhalten, damit es mit jedem Schlage gegen das grenzenlose Leid der Menschen protestiere, ich will nur auf einem Ohre schlafen, damit mir kein Weckruf der Freiheit entgehe; und jeder Sonnenstrahl, der sich bis zu mir verirrt, soll mich daran erinnern, daß es der lahme Tyrtäus war, dessen Gesänge der Griechen Herzen zu höchstem Mut entflammten. Neulich zogen im kalten Regenwind zwei fahrende Musikanten an meinem Fenster vorüber. Bis an die Ecke der Straße waren sie schon gekommen, da mochte es sie bedünken, daß sich vielleicht bei mir Dankbarkeit auch für ihre Musik finden würde. Sie kehrten zurück und spielten mir eins auf. Es waren echte Söhne Italiens, es war Grazie wie sie grüßten, wie sie ihre Instrumente hielten, wie sie sich für den Obolus dankend verneigten, auf den braunen, dunkeläugigen Gesichtern das Gepräge jener Melancholie, die uns immer an das Lied Mignons erinnert. Spielten einige Opern-Auszüge und die Marseillaise. Da erinnerte ich mich jenes Tages, da ich zu diesen Klängen mit Tausenden in den Friedhof zu Waldheim einmarschierte. Und ich fragte mich: War ich denn damals weniger ohnmächtig als jetzt? Habe ich denn nicht mit gesunden Gliedern und mit vor Entrüstung hochpochendem Herzen zugesehen, wie man die Vertreter der Sache des Volkes rechtlos hinmordete, zugesehen mit Tausenden und Abertausenden, die gerade so gut in der Matratzengruft oder im Grabe hätten liegen können? Wem in jenen Tagen nicht Rache das Gelöbnis, Rache die Hoffnung und Zuversicht war, der trug kein menschlich Herz im Busen. Schmach und Hohn wurde auf uns gehäuft, aber unsre Rache bestand in der Entschuldigung, daß wir so frei gewesen, und in dem Betteln um das bürgerliche Recht. Seit jener Zeit klang mir die Marseillaise nur wie ein Spottlied auf uns selber im Ohr. Seit jener Zeit habe ich mich in der Bescheidenheit geübt und mich zu dem Gedanken gezwungen, daß die Saat oft weit von dem Felde aufgeht, auf das sie gestreut wurde [...] * Ja, wenn man kaum eine schmerzfreie Stunde hat, ist da nicht viel zu sehen und gar nichts zu berichten. Es war wahrhaftig nicht die Flasche Rüdesheimer, es ist auch nicht in irgend einer Weise eine direkte Strafe der Natur, daß mir die Feuerpein seit einiger Zeit wieder im Gebein tobt, es ist nur, weil es sich so gehört und weil man sonst zu üppig würde. Nun hat man freilich im Fieber gar wundersame Träume und Gesichter, aber es ist gerade wie mit dem, was man im Rausch spricht (»Trinken wir, sind wir begeistert, – Reden wir mit Engelzungen«), zum Niederschreiben taugts doch nicht. Und gerade jetzt hätte ich so viel zu sagen. Der Sack für das katholische Plauderstübchen ist übervoll, Ariolus bedrängt mich hart mit einer intimen Beschreibung des erhabenen Schillerfestes, welches der »Deutsche Klub« mit Braten und Salaten abgehalten hat, verschiedenen niederträchtigen Subjekten sollte aufs Haupt geschlagen werden, in Europa hätte ich ein bißchen mitregieren und in Amerika mitwählen mögen, endlich ein Briefkasten von außergewöhnlichem Reichtum; und alle diese guten Taten muß ich verschieben wie der Schlossermeister Ruckhaber in Freiburg, als er dem Studenten, der ihn Morgens um fünf schon um einen Kronentaler anpumpen wollte, durch die verschlossene Zimmertür zurief: I kann jetzt nit, i lieg im Schweiß. Aber die lieben Blumen, die mir von treuen Freundinnen des Armen Teufel zum 11. Geburtstag zugesandt wurden und die in meinem Herzen nie welken werden, sollen doch nicht unerwähnt bleiben. Das Schlimmste ist, daß ich, wie ich jetzt schon voraussehe, auf die hohe Freude, bei der Einweihung unsrer Turnhalle mitzuwirken, verzichten muß. Ich hätte gern etwas geschrieben über das Fest, das nächsten Donnerstag seinen Anfang nimmt, aber sämtliche Zeitungen Detroits besorgen ja das Puffen in so ausgedehntem Maßstabe und sind, seitdem der Soziale Turnverein nicht mehr so ein Proletarier ist, sondern Eigentum hat und sein eigenes Haus zur Einweihung vollendete, so begeisterte Freunde desselben geworden, daß man die Stimme des Armen Teufel nicht vermissen wird. Möge im Festjubel die Verantwortlichkeit der Zukunft nicht ganz vergessen werden! Möge bei dem plötzlichen Wachstum der revolutionäre Geist, welcher die eigentliche Lebenskraft eines Turnvereins bildet, der seinem Namen Ehre machen will, nicht geschädigt werden! Es war recht hübsch, daß mit dem Beginn des 11. Jahrgangs auch der fast durchweg aus alten Turnern und Freidenkern bestehende Gesangverein »Concordia« im Armen Teufel wieder angetreten ist. Wozu die Feindschaften, da doch Menschen und Gesangvereine nur so kurze Zeit haben, einander etwas Schönes zu sagen und zu singen?! Ich freue mich, daß das Eröffnungskonzert von meinen Privat-Detektives als glänzender Erfolg bezeichnet wird. Herr Abel darf sich wieder einmal sagen, mit Orchester und Chören Künstlerisches geleistet zu haben. Von den Solisten wird gerühmt, daß Herr Mengel wie ein glücklicher junger Ehemann gesungen, Frau Julia Bindemann dem Ozean, dem Ungeheuer, wieder einmal nach allen Regeln der Kunst den Standpunkt klar gemacht und Frau Katharina Reese – »es war ein herzigs Veilchen« – alle Herzen, die nicht schon im Banne ihrer dunkeln Augen lagen, durch den tiefen Wohllaut ihrer Stimme erobert habe. Danksagungstag haben wir ja auch diese Woche, das ist ein freier Tag und Lustbarkeit für die Setzer, ein Raub am Redakteur des Armen Teufel, der bekanntlich in der elften Stunde, am Donnerstag, immer erst seine besten Gedanken bekommt. – Ich werde zur Feier, da ich ja doch nicht, wie unser Gouverneur es wünscht, in einem »place of worship« mich versammeln kann, wieder einmal meinen Freund und Collegen Hiob lesen, der noch viel schlimmer daran war als ich. Das ist so eine richtige Danksagungstaglektüre, und kein Pfaff kann dagegen was einzuwenden haben. * Mit diesem Tagesgestirn, das scheinbar immer mehr im Süden unsere Welt an sich heraufrauschen läßt, beginnt für meine Detroiter Freunde eine arbeitsreiche Woche, die in ihrem Schoß die Keime künftiger geistiger Größe tragen soll. Heute zieht man mit Pauken und Trompeten ein in die neue Halle des Sozialen Turnvereins. Wir wissen, was dieser Tag für Detroit zu bedeuten hat; er ist nicht nur ein Freudentag für den Turnverein, oder, da ja ein Verein an und für sich eine so mythische und unfaßbare Person ist wie ein Volk, für diejenigen Mitglieder, welche ihr redliches Streben an die Erringung einer Heimat für die Ausbildung des Körpers und des freien Gedankens gesetzt haben; er ist auch ein auf lange Zeit hinaus letzter Versuch, dem Freidenkertum im breitesten Sinne des Wortes, dem revolutionären Deutschtum dieser Stadt einen Zentral- und Vereinigungspunkt zu schaffen. Das Entgegenkommen von Seiten der Turner war da, mit fröhlichem Mute haben sie sich eine Last von Schulden und Sorgen, Sorgen und Schulden aufgeladen. Es liegt jetzt an dem freisinnigen Deutschtum, zu zeigen, daß es den schönen Gedanken zu würdigen versteht. Der Gedanke an die unumgänglich notwendige Erziehung der Kinder zu wehrhaften Menschen, die auf ihren eigenen Füßen stehen können, ist ja allein schon ein bindender Gedanke, dessen jede sonstige Vereinigung entbehrt. Die Jungen haben diesmal den Sammelruf ergehen lassen, Grauköpfe, die sich schon längst in die Höhle des Mißmutes oder einer falschen Selbstzufriedenheit zurückgezogen haben, kommen wieder zum Vorschein und werden heute Abend beim elektrischen Lichte sich wundern, daß sie noch alle vorhanden sind; an der glänzenden Beteiligung von erprobten Frauen und schönen Mädchen fehlt es nicht. Die Sonne geht heute auf wie ein junger Alexander, der seinen Siegeslauf beginnt. Sei es uns und der Sache, der wir doch auch in Not und Tod treu bleiben, ein günstiges Omen! [...] * Mein Geburtstag fällt mitten in die Zeit der mitleidslosen Schneestürme und des splitternden Eises, aber er bringt mir doch immer einen Frühling von Blumen. Narzissen und Nelken für Herzen, die nimmer welken, Rosen in stolze Blüten geschossen, ich habe sie mit meinem Herzblut begossen. Dazwischen die Veilchen, die duftenden, blauen, noch hab ich ihnen ein Geheimnis anzuvertrauen; der Azalea Blütenstrauß trägt mich weit nach dem Lande der Sehnsucht, an die Gestade des Mittelmeeres hinaus; und mein Shamrock blüht wieder treu und bescheiden wie die Hoffnung der Völker, die lieben und leiden. Wenn ich so unter Blumen liege und mit geschlossenen Augen die Nacht erwarte, die mir doch nur Schmerz bringt und Unrast, dann sehne ich mich oft nach dem großen, schönen Schweigen, nach der heiligen Stille, die man in einer Wohnung der Lebendigen nie empfinden kann. Ich meine aber nicht das absolute Schweigen des Todes, das dem Lebenden nie gegenständlich sein kann, ich meine die Stille, die von den Tönen erfüllt ist, die für sie passen, die uns stärkt, indem sie uns beruhigt, die uns erlöst und befreit. Und, obschon vom Markte des Lebens verbannt und zu einer gewissen Einsamkeit verursacht, sehne ich mich nicht nach dem Beifallsgeklatsch des Publikums, das mir doch einst süß genug war auf der Rednerbühne, sondern ich beschwöre mir Einsamkeiten herauf, die ich erlebt und die mir heute noch wohl tun. Da gedenk ich zunächst der schönen Stille, die im Mannheimer Carcer herrschte, und die ich in keinem Gefängnis wieder so gefunden habe. An einem Sonntage, den ich in dem höchst einfach möblierten, halbdunkeln Gemach zubringen mußte, kam sie mir so recht zum Bewußtsein. Sonst hallten die steinernen Gänge des Jesuiten-Klosters vom Gestampf und Kampfgeschrei angehender homerischer Helden wider, jetzt schlurfte nur noch der Pedell mit dem klirrenden Schlüsselbund vorüber, dann Stille. Ich hörte den Holzwurm bohren und die Mäuse knabbern. Mein Herz war so ruhig: die Prügel für die begangene Freveltat hatte ich weg, die Sühne war also schon geschehen. Man war damals human genug, einem die Carcerstrafe nicht durch ein Pensum zu verbittern. Mein Herz war so frei. Wie ich mich so auf die Pritsche streckte, auf die schon so mancher junge Feuerkopf sich gebettet, war es mir, als ob ein Summen in allen Sprachen über die tote Wissenschaft sich lustig machte und das Knacken des alten gichtbrüchigen Tisches explodierte dazwischen wie ein Scholaren-Witz. Fernher wie aus einer anderen Welt klang bisweilen ein Jauchzen aus dem Schloßgarten, aber es störte meine Kreise nicht. Mein Herz war glücklich, zu träumen und zu dichten in der Stille. Wenn aber mein Blick durch das Fensterlein hoch oben den Himmel suchte und zwischen Himmelsblau und Baumesgrün die alte Sternwarte erblickte, dann wurde mein Herz fröhlich. Ich wußte ja, dort oben saß mein Mathematik-Professor, auch ein närrischer Kauz und Freund der Einsamkeit, und dachte an seine verratene Liebe und korrigierte wütend verpfuschte Gleichungen und erholte sich dazwischen an – meinen Gedichten – er pflegte mir dieselben förmlich zu stehlen, und sein kindliches Herz habe ich mir leichter erobert als meine Angebeteten – und wartete, daß es da unten losgehen sollte. Da tat ich ihm dann den Gefallen und begann ein schauderhaftes Getöse mit Commersliedern und mit Deklamationen, Fausti Fluch und Carlo Moor trug ich ihm »in der Stille« vor, oder ich wütete auf eigene Faust gegen allerlei Tyrannei und die Untreue des Weibes – der Bach im Tal ist ihrer Falschheit Spiegel. Nie hat mir das Predigen später so wohl getan. Wie die Töne in dem hohen Loch gleichsam an den Wänden sich verdichteten und noch in die Stille nachgrollten! – Ich kann von diesem seltsamen Schweigen nicht Abstand nehmen, ohne zu erwähnen, daß ein Jagdfrühstück im Walde unmöglich mit demselben Genuß verzehrt werden kann wie ein Liebesgaben-Lunch im Carcer. Man hat mich einmal, Gott segne den Familienrat! in die Verbannung geschickt in die welsche Schweiz. Canton de Vaudt, Liberté et Patrie! Wohl hat mir deine Freiheit behagt und unter vielen Vaterländern könnte ich dich wählen; aber ich habe auch viele weniger angenehme Einsamkeiten dort erlebt. Statt, im Studierzimmer eingeschlossen, klassisches Französisch aus Corneille und Racine zu studieren, hätte ich lieber das einfache aimer conjugiert mit der Madeleine aux Grands Moulins, die den Yvorne so zierlich kredenzte und mit ihren Stricknadel-Lanzen so schlecht sich verteidigte. In diesem Paradies der Erde hatte ich doch Heimweh. Nach was? Nach deutschen Kneipen, nach dem deutschen Lieb mit den blauen Augen und dem grünen Schleier, nach – deutschen Schulbänken. Und so schritt ich in einer Nacht aus dem fröhlichen Orbe, wo die Mädchen im Mondschein durch die Gassen zogen wie wandelnde Blumen und sangen und aus den Tavernen das Klirren der Gläser und das rhythmische Stampfen des Tanzes erscholl, hinaus, dem rauschenden Wasser entlang, bis mich die weißen Steine und dunkeln Cypressen mahnten, daß ich in die Ruhestatt der Toten gedrungen. Es war ein feierliches, aber doch unheimliches Schweigen, das ich dort, auf einem Grabhügel sitzend, ertrug. Meine Kindheit war zu sehr getränkt von dem Hineinragen der Geisterwelt, als daß ich mir an solchem Orte die Unbefangenheit hätte wahren können. Seltsame Gestalten bildeten sich aus Busch und Baum, das Mondlicht rann wie glühend flüssiges Silber über mein Herz, und es war ein Lispeln und Raunen in den Büschen. Und doch sehnte ich mich, zitterte förmlich nach einer Offenbarung. Das war fürwahr die rechte Stunde, und es war der rechte Ort. Aber nicht einmal ein lumpiges Gespenst erbarmte sich meiner. Ich blieb allein in der Stille mit meinem töricht klopfenden Herzen. Ich raffte mir eine Rose und entfloh nach der schlummernden Stadt; aber noch lange war mirs zu Mut, als ob die Rose aus dem Herzen eines Toten entsprossen sei und als sei ich jetzt verbunden jenem Herzen unterm Boden. – Später bin ich einmal eine ganze Nacht auf einem Friedhof gewesen, aber da hatte ich mit dem Totengräber scharf gezecht und schlief so friedlich auf einer Marmorplatte wie der drunter. Zog ich einst in einer Nacht in New York auf Abenteuer herum, recht wie Bursch in Saus und Braus, und mein Herz dachte nicht an Stille und Schweigen. Traf ich auch ein Mädchen, die ebenfalls auf Saus und Braus aus war, ein glutäugiges Franzosenkind; keine vom Handwerk, ein wohlerzogenes Teufelchen, das aus irgendwelchen Mauern des Anstandes und der guten Sitte entflohen war. Wir kneipten und küßten und sangen und amüsierten ohne Zweifel die Zuschauer. Zuletzt als wir selig und schläfrig waren, hatten wir auch einen Ruheplatz gefunden, wenn es auch kein cyprischer Hain war. Ich erwachte. Eine Lampe warf ein scheues Licht auf die nackte Gestalt neben mir; wie eine Bacchantin hatte sie sich hingeworfen, wie eine Psyche schlief sie jetzt. Aber diese Stille, diese beängstigende Stille mitten in diesem Hexenkessel New York, mitten in dem Viertel, wo es nicht Tag noch Nacht gibt! Kein Johlen eines Betrunkenen von der Straße, kein Rasseln eines Bahnwagens. Nur irgendwo im Zimmer, vielleicht aus einem Eisschrank, das Tropfen von Wasser in regelmäßigen Zwischenräumen. Da mußte mir der entsetzliche Gedanke an die Morgue durch den Kopf fahren. Und sie selbst – sie atmete ja nicht mehr, der Busen hob und senkte sich nicht mehr. War das Leichenfarbe, das auf den herrlichen Leib sich gelagert? Die grausame Stille schnürte mir Herz und Kehle zu. Da legte ich zögernd meine Hand auf ihre Brust. Sie schlug die Augen auf und lächelte. Rosenlichter ergossen sich über die weißen Glieder. Sonnentöne verklärten das Gemach, und das erbarmungslose Tropfen der Zeit verklang in des Liebestammelns Raserei. Darum will ich aber doch zuletzt ausruhen in einer reineren, kühleren Stille. Könnt ich noch einmal dich genießen, Frieden des Bergwalds! Nicht unten am Abhang, wo die Finken im Gebüsch zanken, hoch oben, wo nur noch einzelne Tannen und Birken über moosige Felsen und Heidekraut ihren Schatten werfen. Hier zu ruhen an einem sonnigen Nachmittag. Rings umschließt nach der Tiefe zu der Hochwald deine Ruhe-Insel, kein Geräusch aus der Tiefe dringt zu dir herauf. Unterm tiefblauen Himmel schläft selbst der Wind in den Zweigen. Nur das Summen der Bienen, das süße Wiegenlied. Und das ruhige Pochen deines Herzens, es ist dir, als sei es eins mit dem Klopfen des großen Mutterherzens, an dem du ruhst. Das ist die heilige Stille, das ist das Schweigen, das alle Rätsel löst und allen Zwiespalt versöhnt. Der Tod ist nur ein schlechter Ersatz dafür. Aber man ist auch mit dem schlechten Ersatz zufrieden, wenn einem keine Wahl bleibt. * Geschrieben steht, daß Demjenigen, der nichts hat, auch noch das genommen werden soll, was er zu besitzen sich einbildet. Auf meiner Wiese sind Telegraphenstangen in den Schnee gepflanzt, es sind Kreuze oder Galgen, mit welchen die Zivilisation die Erde verschimpfiert, sie marschieren gerade auf mein Fenster los, und der Durchbruch der Straße ist nur eine Frage der Zeit. Wenn man bedenkt, daß jede solche Stange einen gemordeten Baum bedeutet, so möchte einem das Herz bluten. Hat es schon je einen Menschen besser oder glücklicher gemacht, wenn er Triumphe der Gemeinheit Tage, Wochen, Monate früher erfuhr, als auf dem klassischen Wege der Fama? Ist es eine so große Genugtuung für den Menschengeist, daß man armselige Verbrecher abfangen kann, sobald sie den Boden des neuen Landes betreten? Ist es etwas Erhabenes, heute schon zu wissen, daß gestern die Schwiegermutter gestorben ist, oder Majestät X bei Majestät Y diniert hat oder Kain zwischen Euphrat und Tigris seinen Bruder erschlagen hat? Gewiß, für leere Geister wird das zum täglichen Brot, und spekulative Geister müssen doch im Augenblicke wissen, wann und wo die Aktien eines staatlich geheiligten Schwindels gestiegen oder gefallen sind. Ich will noch gar nicht davon reden, daß der Telegraph überall im Dienst der Herrschenden steht – Bedürfnis ist er nur für Hohlköpfe und Schufte, die auf Kosten Andrer Wohlleben wollen. Und steht es mit all dem, was man unter dem Begriff Zivilisation zusammenfaßt, besser? Die Telegraphenstangen rücken auf mich los – wie viel Waldursprünglichkeit, Freiheit, Menschenwürde ist an diesen Kreuzen und Galgen geopfert worden? [...] * Wir haben heute wieder einmal einen prächtigen, echten, kühlen Maimorgen, da muß ich doch einen Augenblick mit meinen Lesern plaudern. Natürlich von meiner Krankheit. Als ich noch so gesund war, daß ich nur aus Kindheitserinnerungen wußte, was Krankheit sei, habe ich mir mit unendlicher Geduld manchen Stockschnupfen und Lumbago und unzählige Fälle von Rheumatismus explizieren lassen – jetzt revanchiere ich mich en gros. Viel schlimmer als die Leiden im Wachen, die aus dem anständigsten Menschen einen schimpfenden Thersites machen könnten, ist der Schlaf, der einem Starrkrampf gleicht, aus dem man sich mit aller Gewalt der Angst vor quälenden Traumbildern, von deren Unwirklichkeit man zu gleicher Zeit überzeugt ist, heraus arbeitet, um mit einer Ermattung zu erwachen, die nichts anderes denken und fühlen läßt als den Wunsch nach Auflösung. Dennoch hat eine solche Krankheit auch ihre Freuden. Man kann sich wenigstens billige Vergnügungen verschaffen; so ungefähr nach dem Rezepte des sparsamen Kammachers, der statt eine teure Schlittenfahrt mitzumachen, nachts die Beine so lange aus dem Bett streckte, bis sie eiskalt waren, um sie dann mit einem wollüstigen Ah! wieder unter die Decke zurückzuziehen. So gelingt mir manchmal eine Bauchlage, die mir für köstliche Minuten die Wollust vollständiger Schmerzensfreiheit und absoluter Ruhe sichert. Es ist freilich nicht viel Poesie dabei, man kann nicht rauchen, nicht trinken, nicht küssen, aber man kann sich die Frühlingsluft über den Rücken und ruhige Gedanken durch die Seele streichen lassen. Im Himmel kanns auch nicht schöner sein. Außerdem bietet so eine Krankheit die schönste Gelegenheit, das süße Gefühl des Sich-Selbst-Bemitleidens auszukosten. Oft denke ich an Heinrich Heine, dessen liebe, dicke Frau ja auch nichts von dem Zeug verstand, das er mit Bleistift unter Schmerzen niederkritzelte, und dem es noch schlechter ging als mir; denn trotzdem er dem Kranz der Wein-Poesie die duftigsten Blüten hinzugefügt hat, dachte doch kein Mensch daran, ihm einen guten Rheinwein ins Haus zu schicken; ja ich habe seine süße Mathilde im Verdacht, daß sie ihm, wenn jemals ein Tropfen aus der Champagne sich dorthin verirrte, denselben wegtrank; aus purer Fürsorge natürlich, da ja so aufregende Getränke nervenkranken Menschen vom Übel sind. Auch steigt mir das Bild des vom Aussatz geschlagenen Sängers auf; dessen Lieder als fliegende Blätter ins Weite flattern. Der Handwerksbursch singt sie, im Morgenschein auf der Landstraße marschierend, der Student beim Becherklang, die Mädchen mit den blonden Zöpfen im Mondschein. Er aber sitzt in seinem Siechtum, eingemauert, in seiner Zelle, einsam. Und an eine der wahrhaft schönen Episoden in Gustav Freytags »Verlorener Handschrift« erinnere ich mich. Der gelähmte Bauernjunge liegt in seiner Kammer und schmiedet die unmöglichsten Verse auf die schöne Ilse. Weil er durch sein Fensterlein nur die Köpfe der Vorübergehenden sehen kann und die gegenüber liegende Mauer, schmückt die gute Ilse die nackte Mauer mit Schlinggewächsen und geht, so oft sich ihr Gelegenheit bietet, durch das Hintergäßchen am Fenster ihres Poeten vorbei. Selbstbemitleidung ist angenehm, das Mitleid anderer kann einen berühren wie ein Almosen, das zum Hohn angeboten wird, und es kann passieren, daß einem Einer versichert, wie sehr ihn unser Fall schmerze, der einem selber ungeheuer leid tut. Beim Mitfreuen braucht man es nicht so genau zu nehmen, in der Aufnahme des Mitleidens kann man nicht vorsichtig genug sein. Oft muß ich unter den größten Schmerzen hellauf lachen, wenn ich an meine christlichen Mitpatienten denke. Was die ihrem Herrgott alles vorjammern! »Wie du willst, o Herr! aber warum mir diesen Kelch? Laufen nicht genug schlechte Kerle in der Welt herum? Und ich habe dir doch immer getreulich gedient! Freilich, ich bin ein Sünder, o Herr! und deiner Gnade durch Jesum Christum nicht würdig, aber warum mußt dus denn gerade an mir so arg machen!? Hilf! hilf, Gott verdamm mich – verzeih mirs o Gott! – hilf!« Die Paffen erzählen viel von der Ergebung in Gottes Willen; aber frömmere Menschen als Hiob und Luther hat es nicht gegeben, und die haben sich gewiß nicht geniert, mit ihrem Gott zu hadern. Ich aber denke der Zeiten, da es meine Sehnsucht war, pro liberate mori, mit dem Schwert in der Hand für die Freiheit zu kämpfen und zu sterben; und ich denke an die braven Jungen, die in Pittsburgh und in den Gefängnissen aller Länder hinter Mauern ihr junges Leben in sich hineinfressen müssen, und ich sage mir: Es ist auch eine Gunst des Schicksals, wenn man sich und andern beweisen darf, daß man tapfer leiden kann. * Mein Luginsland war mir verleidet. Meine Wiese in Orion hatte mir unaufhörlich anmutige Bewegung geboten, Leben von unten, vom stillen Pflanzengrund, wo die geheimnisvollen Quellen den See speisen, Leben von oben im Wind, der, mit zartem Fingerspiel über die Saiten der ewigen Harfe fahrend, die Fläche kräuselt oder mit silberner Helmzier die Wellen schmückt, die er zum lustigen Kriege gegen das Land führt. So leicht wird der Mensch undankbar, ungerecht, meine Wiese an der McDougall Ave. gefiel mir nicht mehr. Außerdem hatte sich hier ein wüster Lärm eingestellt, doppelt empfindlich nach jener heiligen Stille, und es ärgerte mich, daß ein gewisses Gedicht von mir, wo selbst die Pferdebahn eine musikalische Rolle spielt und von einem des Abends in immer weitern Kreisen sich lagernden großen Schweigen die Rede ist, gegenstandslos geworden war. Die Menschen, denen es immer pressiert, die Jäger und Jagdhunde hatten wieder einen Sieg davon getragen. Jetzt geht es Tag und Nacht mit den modernen elektrischen Mordmaschinen; das ist ein Geklingel und Gerappel und Geschlenker und Gefauche, es ist das Lied der siegreichen Habgier, das wirklich Steine erweichen und Menschen rasend machen kann. Kurzum, es war wüster geworden, und hinter meinem Rücken stänkert immer noch die Zichorienfabrik – aber von der später. Da erwachte ich an einem Morgen mit einem hellen Glanze, der meine Bude erfüllte. Ein Spatz wiegte sich auf dem Baumast, den ich von meinem Bette aus sehe, und er schrie ganz deutlich: Komm! jetzt komm mal her, alter Junge, wir eröffnen heute die Saison bei einem vollständig neu eingerichteten und von den eminentesten Künstlern dekorierten Hause; bei der mit blauer Seide ausgeschlagenen Decke produziert unsre Sonnenbeleuchtung auf dem aus reinem Alabaster hergestellten Fußboden und den Säulen und Wandverzierungen aus gleichem Material die wunderbarsten Lichteffekte. Wir bitten um besondere Berücksichtigung der letzteren in Ihrer werten Kritik, zu deren Ausübung wir Ihnen nach wie vor die Loge Luginsland zu freier Verfügung stellen. – Und es war ein Wunder geschehen. Aber der großsprecherische Spatz hatte nichts damit zu tun, es handelte sich um ein Arrangement meiner Wiese, der ich wochenlang keinen Blick geschenkt hatte. Diese alte Jungfer, dürr, vertrocknet, kein Schwellen mehr im Busen, kein Wachstum mehr im Schoß, besann sich auf das alte Zaubermittel der weiblichen ars amandi: Wenn keine Schönheit mehr aus einem selber herausblüht, muß man es mit einer neuen Toilette versuchen. Und sie sprach mit dem Wind, der über sie hinfuhr, und mit den Wolken und mit den Gestirnen. Und in einer wetterdurchtosten Nacht, da die Schiffe vom Nordwest über den St. Clair See geschleudert wurden wie Schaumflocken und selbst das elektrische Licht auf den Türmen vor Schreck erlosch – eine anständige alte Jungfer ist um so schamhafter, je weniger sie zu enthüllen hat – da kein Mensch sich hinauswagte und kein menschliches Auge sie belauschen konnte, wechselte sie ihr Gewand, wechselte sie mit ihm – und das ist den sterblichen armen alten Jungfern versagt – ihr ganzes Wesen. Und am Morgen grüßte sie mich ganz in Weiß, in reinem, fleckenlosem, majestätischem Weiß. Und die Sonne lieh ihr ein rosiges Lächeln, und der Himmel spannte über sie den blauen Baldachin. * Es hat geschneit, nicht viel, aber gerade genug für den kommenden Frost, es war wie der Zuckerüberguß über der Torte; und die Spatzen taten so stolz, wie gesagt, als ob sie die Konditoren gewesen wären. – Wie wir aber neuerdings in Erfahrung gebracht haben, geht es ja auch der Grille im Winter nicht so schlecht, wie der gute Lafontaine andeutete, warum aber hat er seiner fleißigen Ameise, die sich doch im Winter mit all ihrem Reichtum verkriechen muß, nicht den Sperling entgegengesetzt. Wahrhaftig, dieser freche Proletarier kommt mir im Winter immer am behäbigsten und lustigsten vor. Vielleicht imponiert er sich selber um so mehr, weil gerade dann diejenigen andern Vögel, welche sich den Luxus einer Reise nach dem Süden nicht gestatten können, um so deutlicher in ihrem ganzen Habitus das Gefühl der Armut, der Verlassenheit kundgeben. Und neue Qualen bringt der Morgen Von den Gedanken, die sich unter einander verklagen und entschuldigen, spricht die Bibel, und es ist ein bezeichnendes Wahrwort. Ich aber habe jüngst in einer Schmerzensnacht einen Streit zwischen den zwei Hälften meines Körpers belauscht, und das war nichts weniger als erbaulich. Es war in einer jener gespenstischen Herbstnächte. Ich sah keinen Himmel und keine Sterne, nichts als einen großen Mond, drohend und doch blaß wie ein Richter, der mit der Schuld in der eigenen Brust einen armen Sünder verurteilen muß. Im Hause ächzte es unheimlich in Treppen und Gebälk, ich hörte jeden Schlafseufzer aus den Zimmern der Kinder und die Katzen trappten, als ob es lauter gestiefelte Kater wären. Die Sache begann mit einer im Gehirn mir auftauchenden Bemerkung eines Arbeiterblattes in Berlin, mit meiner Weisheit sei nichts getan, der ganze Kerl bestehe aus lauter Zitaten, das Volk aber wolle die Sprache seiner Väter mit Hist! und Hott! und Himmelherrgottsakrament. Sonderbar, dachte ich, die schütteln ihre Ausdrucksweise doch auch nicht aus dem Ärmel, nein, sie haben sie in der Werkstätte unter der Zuchtrute, auf der Straße und in den Kneipen beim sogenannten Vergnügen mit viel Nachahmungskraft von ihren Altgesellen erlernt; mir aber wollen sie es übel nehmen, wenn ich die Sprache meiner Väter rede, die allerdings für den Markt, die Kneipe und die meisten Volksversammlungen eine tote ist, aber von jedem Menschen verstanden wird, dessen Gemüt und Geist noch nicht im Sumpfe ausbeutender Selbstsucht oder krasser Not erstickt ist. Und an wen soll man sich wenden, zu wem soll man sprechen, wenn nicht zu diesen?! Es ist eine heillose, von gewissenlosen Agitatoren kolportierte Lüge, daß der gemeine Mann die Sprache der Gebildeten nicht verstehen könne. Ich habe auf meinen früheren Vortragsreisen durchaus die Erfahrung gemacht, daß die einfachen Arbeiter mich am besten verstanden, vielleicht nicht Wort für Wort, aber der Strom meiner eigenen Begeisterung erreichte direkt ihr Herz – und ist es ein Verbrechen, daß ihnen zugleich meine, von den Lehrern der Menschheit erworbene Sprache wie Musik erklang?! Weh euch, wenn ihr Revolution machen wollt mit Menschen, die für Farbe und Klang keinen Sinn mehr haben! Noch sonderbarer ist es, grübelte ich weiter, daß diese ledernen Agitatoren oder Führer (die, wie die bisherige Erfahrung beweist, schließlich immer ihre Anhänger gefunden haben) gar zu gern unter die Literaten gehen – in der Tat scheuen sie zu diesem Zwecke keine Opfer der Genossen und tun alles umsonst – und daß sie dann auf einmal äußerst dünnhäutig werden. Verfällt man solchen Kerlen gegenüber einmal in die Sprache ihrer Väter, sagt man ihnen: Ihr seid Dummköpfe, eitle Kaffern, weder fähig noch würdig, die Sache des Proletariats zu vertreten – gleich schreien sie: »Sehet, das will ein gebildeter Mann sein, wir dürften uns eine solche Sprache nicht erlauben.« Gleich behauptet ein Jeder, in ihm sei die Majestät der Arbeiterschaft verletzt. So behandelt man das Volk! rief 1848 der Schnapsbarthel, als ihn der Wirt zum Löwen in Zell wegen unanständiger Aufführung auf die Straße warf. Und wahrhaftig, die Stimmung war so, daß man dem Löwenwirt, der selber ein guter Republikaner war und später für die damalige »Sache« Hab und Gut verlor, die Fenster einwarf. Der Schnapsbarthel bezog aber noch am nämlichen Abend seine Prügel von den nämlichen Leuten. Zell im Wiesental – schon wollten langbezöpfte, aurikeläugige Reminiszenzen vor mir auftauchen, da begann die elektrische Batterie zu spielen und die Beine begannen den alten Tanz des heiligen Veit. Heine hat den Tanz ein Beten mit den Beinen genannt, aber dieses Zucken Deiner Beine kommt wohl nicht vom Beten her, brummte es in meinem aus Zitaten zusammengesetzten Gehirn; und nun begann der keineswegs lustige Krieg. Es klagte nämlich der Oberkörper den Unterkörper an und umgekehrt, daß er am meisten zur Schädigung des Ganzen beigetragen habe. Es kamen da Dinge zum Vorschein, an die ich selber nicht mehr gedacht hatte, nicht lauter wüste Sachen, auch holde Erinnerungen tauchten auf, und manchmal strich es wie ein kühlender Waldhauch über mein fieberndes Gehirn. Habt Ihr ihn nicht damals zur Sünde getragen? sprach der Mund zu den Beinen, und es kam von diesen: Hast du die Geschichte nicht angefangen mit deinem verdammten Küssen? So haderten sie miteinander. Ihr werdet wohl beide Euer Teil zu dem Unglück beigetragen haben, seufzte das Gehirn. Und nun ging der Spektakel erst recht los. Das ganze Gesindel, von den großen Fußzehen, die sich eigentlich im Alleinbesitz eines aristokratischen Zipperleins stolz fühlen sollten, bis zu den Augen, die immer trüber dreinschauen, beschuldigte das Gehirn, es sei ein rechter Protz; am lautesten schimpfte der Magen, der sowieso aus purer Bosheit am Streik ist. Nur die Lungen arbeiteten schweigend fort, und das Herz, das ewig blutende Herz pochte und klapperte hastiger, immer hastiger wie eine Mühle, die nichts mehr zu mahlen hat. Aber auch die Rebellen wurden zum Schweigen gebracht durch ein anhaltendes Hustengewitter, das den ganzen Körper durchtobte, bis der fahle Morgenschein einen Todmüden traf, der ihm den Rücken zudrehte und endlich Ruhe, ach nur eine Stunde Rast erhoffte. Ich wußte freilich, daß auch diese Hoffnung eine törichte: denn jetzt nahte die Stunde der Lust, die Stunde der Fütterung für die schwarzgrauen, geflügelten Dämonen. Den ganzen Sommer hindurch lag ich hinter jenen Drahtnetzen, die tausendmal schlimmer als Kerkergitter das volle, reine Zuströmen der Luft verhindern, um schließlich im Herbst doch von den Fliegen aufgefressen zu werden. O ihr Polytechniker und Naturwissenschaftler! warum seid ihr ohnmächtig gegen diese für den kranken, nervös bis zum Wahnsinn empfindlichen Menschen fast unerträgliche »Geißel Gottes«? O Mönch von Banth, was ist dein Mückenkrieg gegen meine Qualen! Du brauchtest ja nur einen Schritt aus deiner Zelle und dein Haupt umfächelte Waldesodem und deine Füße wandelten auf taufrischem Moosteppich, und deine Augen schweiften über des Frankenlandes stromdurchglänzte Au; während ich ... Aber never say die, so ganz ohne Widerstand ergeben wir uns nicht. Jetzt kommt die frische fröhliche Morgenjagd. Die Gattin als Scharfschütze mit der Fliegenklappe, die Töchter mit wallenden Tüchern als Zumlandhinausjägerinnen. Die Luft wird rein, süßer Friede, komm, ach komm ... da, o meine Ahnung! naht das wilde Heer. Die Morgenstunde für die liebe Schuljugend ist angebrochen. Diese glückliche Schuljugend, die nichts von »Hausarbeit« kennt. Während wir mit zitternder Hastigkeit beim Frühstück die Lektion in die armen, malträtierten Schädel einzupressen versuchten, schon halb erdrückt durch die Ahnung eines gräßlichen Fiaskos, amüsieren sich diese von dem Augenblick an, da sie die Augen aufmachen, bis um 9 Uhr die Schulglocke läutet. Aber wie amüsieren sie sich? Es sind dies wahrhaftig keine hypochondrischen Gedanken; ich habe zuviel Gelegenheit zu beobachten, denn gerade vor dem von mir bewohnten Hause, wo sich allerdings ein kleines Straßenhügelchen befindet, wird alltäglich der Thing der männlichen Schuljugend der Nachbarschaft abgehalten. Wirkliche Spiele kennen sie nicht, es sei denn das Werfen mit Taschenmessern nach der Umzäunung, das dann in ununterbrochenem Holzton gar lieblich zu mir heraufdringt. Ich sehe sie nie auf der Wiese, welche einen herrlichen Tummelplatz für uns gebildet hätte, immer dicht an den Häusern. Es gibt nicht einmal Fraktionen unter ihnen und es kommt nie zu einer solennen Prügelei. Ihr Hauptvergnügen scheint im Brüllen zu bestehen; sie brüllen in langgezogenen Tönen, als ob sie Neckarflößer wären, sie brüllen, wenn sie dicht nebeneinander stehen. Es ist der reine Blödsinn, namentlich die deutschamerikanische Jugend ist stark darin; und aus dieser Generation glauben gewisse deutschamerikanische Pädagogen noch etwas machen zu können. In den Ferien hat man das Vergnügen den ganzen Tag; also gesegnet sei die Schule! Unterdessen kam auch das Wagengerassel, das Schnurren und Klimpern der elektrischen Cars in vollen Gang, versöhnend klingt nur dazwischen das Amboßgeläute aus der nahen Schmiede ... Fahr wohl, ersehnte Ruhe! »So kommt der Tag heran, ach! ging er wieder.« Da hab ich aus lauter Angst und Verzweiflung dieses Stück Jammer für den Armen Teufel geschrieben. Ein Gedenkblatt an Orion O matins bleus comme des yeux, Matins frais comme des coups d'ailes! Wenn ich am frühen Morgen in der kühlen Stille meine Augen öffnete und mich nach Osten wandte, glühten mich durch die Seufzerallee oder lovers lane, die zwischen den Teichen zu unsrer festungsartigen Cottage führte, die Morgenstrahlen so feurig an, daß wahrlich keine allzu lebhafte Phantasie dazu gehörte, Phoibos selber zu erblicken, wie er, der ewig junge Götterjüngling, die Sonnenrosse am Himmel herauflenkt; wandte ich mich links, so lag der See vor mir, tiefgrün, geheimnisvoll, als ob die Schatten der Nacht sich in ihn versenkt hätten. Ich kenne einen Mann, in dessen Schlafzimmer ein blutrünstiger, gekreuzigter Christus so aufgehängt ist, daß die ersten Blicke des Erwachenden darauf fallen. Seine ersten Worte sind denn auch ein Gebet, und das hat er wohl nötig; denn sein Geschäft ist der Handel, und seine Profite müssen der schwindsüchtigen Tasche des arbeitenden Proletariats entlockt werden. Warum sollte nicht sein erstes Gefühl am Morgen ein Gebet der Entschuldigung sein zu dem geschundenen Heiland, den er den ganzen Tag zu übervorteilen gedenkt?! Mein ganzes Leben aber ist eine einzige Andacht, und sollte ich jeden Morgen mit einem schmerzerpreßten Fluch erwachen; ein einziges Gebet des Dankes und der Freude zur Sonne, die mir jeden Tag die Welt neu schenkt und die Liebe weckt, mein Kapital, Handwerkszeug und Warenlager, und die aus tausend Menschengesichtern, seien sie auch von Arbeit und Kummer gefurcht, mir wiederstrahlt. Die Sonne ist es, welche mich aus dem Barbarentum geweckt und mir das Barbarentum abgestreift hat wie ein unreines, faulendes Gewand; nicht die Gesänge der Alten und Jungen, nicht die Forschung in heiligen und unheiligen Schriften, die Sonne ist es, die mich zum Hellenen gemacht hat. Das Gedächtnis meines Herzens ist eine große Bildergalerie voll lauter Sonnenbildern, und wenn ich auch nicht mehr weiß, wo und wie sie anheben – vielleicht mit dem Blick der über die Wiege geneigten unendlichen Mutterliebe, vielleicht mit dem Leuchten grüner Matten, das mit dem Frühlingswind durch die offene Türe der Schwarzwaldhütte drang – die letzten in der Reihe, die sich um Orion gruppieren, stehen deutlich abgegrenzt vor mir. Es war einer jener wunderklaren Herbstmorgen der letzten Tage, als ich mich gen Westen wandte. Da erglänzten rings um den See die Baumwipfel in rosigem Feuer, durch die schon von Blättern gelichteten Äste trat das sonst so prosaische Klubhaus der nordwestlichen Bucht hervor wie Uhlands Schloß am Meer, intensiv blau leuchtete die Fläche des Sees, und zwischen einigen zerflatternden Goldwölkchen wiegte sich im Azur ein Raubvogel auf freien Schwingen. Nur etwa eine Minute währte die himmlische Beleuchtung; und wie der Durstige am Becher, der nur flüchtig seine Lippen berührt, sog ich mit raschem tiefem Zug die Herrlichkeit ein. Dann erlosch mit einem Schlag das rote Feuer; da standen wieder gewöhnliche Bäume und Häuser in der klaren Herbstluft, weißlichblau war die Farbe des Himmels und grün in allen Schattierungen die des Wassers. – Schöner noch als solche Offenbarungen der Natur, singt Klopstock, sei »ein froh Gesicht, das den großen Gedanken ihrer Schöpfung noch einmal denkt«. Ich aber vermißte das sympathische Menschengesicht nicht; denn keinem solchen, auch dem ausdrucksvollsten nicht, ist es gegeben, naiv wiederzuspiegeln, was das ganze Wesen durchglüht. Der Einfachste und Größte leidet unter dem Fluche der Erziehung, welche uns lehrt, das Mienenspiel wie die Sprache im Dienste der Heuchelei zu verwenden, oder wenigstens, die wahren Gedanken zu verbergen. Klopstock wird sich unter dem frohen Gesicht wohl kaum eins mit einem Schnurrbart gedacht haben. Wo man aber mit der Geliebten und durch die Geliebte das Schöne genießt, da ist der intime Umgang der eigenen Seele mit der Natur schon aufgehoben. Das Weib ist Hauptsache geworden. Und sollte das Urweib, die ewig fruchtbare und furchtbare Segnerin, die Alles gebiert und Alles verschlingt, nicht wenigstens dieselben Ansprüche machen wie ihre irdischen Töchter: daß du allein mit ihr sein mußt, wenn du ihre Schönheit in dir vertiefen willst? Das Liebespaar, das Gesellschaft sucht, ist schon kein Liebespaar mehr, und wer die erhabensten Eindrücke nicht mit der Natur allein empfangen kann und muß, für den ist es nur konventionelle Lüge, wenn er zu seinem Mitwanderer sagt: das ist schön. Es gibt aber Stunden, wo man von seinen Schätzen mitteilen will, wo auch die heimlichste Liebe in der Bewunderung des geliebten Gegenstandes durch Andre Genugtuung findet, wo man als Sterblicher mit den Allen gemeinen Freuden und Leiden zu spielen sich sehnt, in den Gräbern gestorbener Hoffnung zu wühlen und dann wieder von Mund zu Mund zu hören, daß man sich doch noch etwas wert ist. Kurz, wie selbst Thoreaus Einsiedelei am Walden Pond sich der Gäste freute, so wäre auch Orion nicht vollkommen gewesen ohne Menschen. Die Autochthonen samt den zugereisten Villenbewohnern habe ich mir freilich fast gänzlich vom Leibe gehalten – was konnte das Interesse des fremden, in aller Freundlichkeit sich aufdrängenden Besuchers anderes sein in meinem Falle als Mitleid, was ist dies Mitleid anderes als Neugierde, Verachtung, Selbstbeglückwünschung des Gesunden? Was wir aber brauchen, das sind Menschen, welche sich mit uns freuen, das Leiden wollen wir schon allein besorgen. Was also die Orioniten anbelangt, so sind sie allen Erfahrungen nach ein gerade so borniertes Völkchen, wie es sich irgendwo in amerikanischen Landstädtchen findet. Die Squaws und jungen Bucks amüsieren sich in den drei Kirchen mit Singen, Beten und Poussieren, die alten Krieger und Häuptlinge im Hinterzimmer des einzigen Wirtshauses mit Schnapstrinken und Fluchen. Von religiösem Fanatismus habe ich aber nichts bemerkt, im Gegenteil, trotzdem eine dunkle Kunde von meiner Teufelei unter die Bevölkerung gedrungen war, war Jung und Alt jederzeit bereit, dem sick man einen Gefallen zu erweisen, und einer deutschen Dame blieb es vorbehalten, mich als einen »Gottgeschlagenen« zu bezeichnen. Dafür war es aber auch eine deutsche Frau, alt und halberblindet, eine frühere Leserin des Armen Teufel, welche mir eines Tages in einem eigens zu diesem Zweck von ihr gekauften Töpfchen ein Sträußchen Gelbveigelein brachte. Also so ganz unbekannt in gutem und bösem Sinne war der Arme Teufel in Orion auch nicht. Nicht unerwähnt soll unsre Landlady und Nachbarin, Frau Axford, bleiben. Ihr verstorbener Mann, nach Thomas Paine genannt, war seiner Zeit ein hervorragender Freidenker Michigans. Es ist ihm nicht gelungen, seine Überzeugung auf seine Familie zu übertragen; aber wird man sich darum grämen, wenn man sagen kann, daß Mutter und Söhne im Verkehr mit ihren Nebenmenschen hilfreich und gut sind? Frau Axford behauptet zwar, an Gott und Unsterblichkeit zu glauben, aber uns fremden Gottlosen erwies sie sich als wirkliche Freundin. Man macht bekanntlich oft umgekehrte Erfahrungen. – Das kleine, unter Bäumen ganz versteckte und rings vom Wasser umflossene Haus zu unsrer Rechten wird jeden Sommer von einer 75jährigen Frau ganz allein bewohnt. Da sie sich sehr rüstig zu Wasserfahrten zeigte und des Abends oft durch farbige Lampen ihren Freunden die Einladung zum evening tea anzeigte, wobei aber auch fröhliches Klingen von Gläsern sich bemerklich machte, so wob ich um sie einen Sagenkreis, machte sie zur emeritierten Piratenkapitänswitwe, die manchmal in stürmischen Nächten, nur um nicht ganz aus der Übung zu kommen, Expeditionen unternimmt, und beschenkte sie mit einem fabelhaften, durch großartige Strandräubereien am Orionsee erlangten Reichtum. Auch mit solchen Kindlichkeiten kann sich ein kranker Mann die Zeit vertreiben. Jedenfalls haben sie der guten alten Dame keine schlaflose Minute auf ihrem einsamen Lager verursacht. – Endlich sei noch erwähnt, daß es auch eine Frau war, und zwar eine Deutsche, welche das einzige genießbare Brot in Orion buk. – Von dem weniger interessanten Geschlecht der Männer erwähne ich nur den Stationsmeister, eine Gestalt, die an Falstaffs Genossen Bardolph erinnert, der es, unterstützt von den übrigen »Beamten« Orions (die grimme Postmeisterin ausgenommen), mit seinem Amt sehr gemütlich nimmt, und der Barbier, der in Bezug auf seine glückliche Hand nur mit meinem hiesigen Leibkünstler Z. (der mich aber, wie es scheint, im Stiche gelassen hat) verglichen werden kann, und dessen Name MoDavis, mir zu denken gab. Es stellte sich heraus, daß er von deutschen Eltern gezeugt und geboren, die Verstümmelung des Namens aber seinen amerikanischen Pflegeeltern zuzuschreiben ist. Wenn einmal seine Nachkommen als Millionäre sich aufgetan haben, so wird sich zweifelsohne ein Heraldiker finden, der aus den MoDavis ein uraltes keltisches Fürstengeschlecht herausdestilliert, während es sich wahrscheinlich um eine Familie Moddewies aus Böblingen oder so wo her handelt. Während unserer Anwesenheit brannte das Haus des Bürgers MoDavis in einer prachtvollen Nacht nieder. Es war eine Affaire wie beim Brand im Hutzelwald, das Spritzenhaustor war verschlossen, und man konnte den Schlüssel nicht finden. So saß die ganze Gemeinde, einschließlich meiner Brut, um das brennende Haus herum, mit allerlei praktischen Zwiegesprächen sich die Zeit vertreibend, bis im Morgenschein die letzten Flammen den Grund leckten. Auch unser MoDavis bewies wahrhaft germanisches Phlegma, nach dem Rezepte seines mutmaßlichen Landsmannes: » müßig sah er seine Werke und bewundernd untergehen.« Orion ist für mich noch aus einem besonderen Grunde ein merkwürdiges Nest, ich bin von dort abgezogen, nach viermonatlichem Aufenthalt mit Kind und Kegel, ohne einer Seele etwas schuldig geblieben zu sein. Und ob ich gleich sonst nicht zu den Regelrechten gehöre, denen die Menschen die liebsten, welchen sie nichts schuldig sind, sondern gern eine große Last von unabgetragener Dankbarkeit mit ins Grab nehme, so habe ich doch obiges Faktum als ein für mich in glänzender Einsamkeit dastehendes Kuriosum erwähnt. Ein Kleinod der Erinnerung wird mir die Siedelei am Orionsee bleiben, wie die Villa Eichenhain in Montello , Emmishofen , der Wallensee, Sauk City , mein Luginsland – weil ich dort mit den liebsten Menschen in Freiheit zusammen sein konnte. Wann werden am kleinen, blauen, kaum über die Grenzen des Countys hinaus bekannten amerikanischen See wieder diese Lieder gesungen, diese Themata besprochen, diese Weine getrunken werden?! O die zauberprächtigen Nächte! sind sie schöner und werden sie schöner gefeiert wo die Sterne stehen über der Bucht von Bajä? Dort drüben war vor Minuten noch die Mondsichel zwischen zwei schwarzen Baumgruppen silberleuchtend gestanden, die junge Göttin, die noch die alte, verblassende lieblich im Arme hielt. Jetzt zwinkerten die Sterne unsicher aus unerreichbaren Fernen, und tiefe, sommerwarme, liebebrütende Dunkelheit lag über dem Wasser. Da kam es aus der hintersten Ferne in zitternden, sehnsüchtigen Tönen. Kennst du die Melodie, kennst du das Lied, das du gesungen, in der Abenddämmerung, den Rhein hinunter fahrend, oder im Heidekraut am Felsen, wo die weite Welt im Sommerglanz heraufgrüßte, oder auf den zerbröckelten Stufen der Burgruine – ringsum lauschte der Wald – unter manchem liebwerten gastlichen Dache auch, aber immer im Sonnenschein geliebter Augen: »Wie gerne dir zu Füßen sang ich mein schönstes Lied!« Und die Klänge kommen näher durch das Dunkel, die Melodie wandelt sich, alle Saiten rauschen zur Begleitung der süßen neckischen Weise: »Wo e kleins Hüttle steht« ... Das ist Zitherklang, und wenn der überm Orionsee schwebt, kann er nur zum Armen Teufel kommen. Nun kann ich mit Strachwitz sagen: »Heil dir, Romantik, du bist da!« – Und aus den rundbäuchigen Flaschen sprudelt echter Bocksbeutel, und aus den schlanken duftet echter Rüdesheimer – das ist der Kuß der Heimat! und blaue Augen und rote Lippen beim Laternenschein, das ist der Kuß der neuen Welt! – Von der Insel drüben aber, wo ein paar Lichter tanzen, bringt manchmal der Nachtwind einen mächtigen Schwall herüber – ist's Eselsgeschrei? ist's Löwengebrüll? Es ist der schwarzhäuptige Bruder Pfarrer, welcher den dunkeln Sündern, die da drüben ihr Campmeeting haben, die Hölle heiß macht. Eemen! Eemen! Wir rufen Evoe ! dazu. Aber wenn die Predigten und Bekenntnisse und Bekehrungen vorüber, fahren die frommen, glutäugigen, samthäutigen Primadonnen noch in einer Barcarole spazieren, und in den alten Plantagenliedern, deren Melodien noch bis in die afrikanische Heimat zurückgehen, seufzt und weint die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Sklaverei in Ole Kentucky und Ole Virginny und lacht und jauchzt der kindliche Humor einer kindlichen Rasse; und selbst diese kindliche Religion hat etwas anmutendes, wenn sie so in versöhnender Entfernung in schmelzenden Tönen über dem dunkeln Wasser klingt: I'se wuked all day in the br'ilin' sun, Lawd Jesus, call me home! Now de sun is down an' de wuk is done, Lawd Jesus, call me home! Von der Veranda unterm Weidenlaub aber klingen die deutschen Lieder frischer und reicher an Wendungen und Verschlingungen der Melodien, und ist doch auch nur die Sehnsucht, die heimliche, nach Heimat und Jugend, die sich Luft macht, und am längsten zittert im Herzen nach: Ade, Ade, Ade! Ja, Scheiden und Meiden tut weh. Und ist es nicht auch kindlicher Humor, wenn die alten Brüder den Fuchsritt singen und die hessische Nationalhymne und das Lied vom Kuckuck? Und wenn sie Salamander reiben mit ernster Miene – exercitium fiat eins, zwei, drei! – oder gar mit einem alten amerikanischen Kavalleriesäbel (zum Nutzen der einheimischen Industrie) die Hüte durchbohren –? Ich durchbohr den Hut und schwöre Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein braver Bursche sein. – Item, solche Nächte kann man nur in Amerika erleben. Es war aber an einem hellen Sommertag, da kam's per Gondel über den See und zu Fuß durch die Seufzerallee gezogen, Musikanten, Turner, Sänger, Zigeuner, und die zwei längsten Bierbrauer Detroits waren die Flügelmänner. Da wurde der grüne Rasen vor der Villa Weidenlaub zum Parkettboden und das ganze Rondell der Seebucht zum Konzertsaal. Und abermals vernahmen die Nixen des Orionsees, was sie noch nie gehört, moderne und klassische Musik, ausgeführt von Meistern ihrer Instrumente – Alles, um einem kranken, armen Teufel eine Freude zu machen. Nie hat der Mark Keintz ein so fideles Gesicht gemacht beim Dirigieren und Fiedeln – im Theaterorchester pflegte er sehr brummig auszusehen und kaum die Augen zu heben, wenn die schönsten Beine ihm vor der Nase herumtanzten. Und der Hugo schickte mir über die Geige mitleidige Blicke aus seinen schönen Augen, weil ich an jenem Tage gar so sterbenskrank aussah, da doch mein Herz ganz von Musik und Freude voll war, und Graul flötete, daß die Engel im Himmel hinter weißen Wölkchen hervorlugten, und Nick Tinnette strich den Baß mit der Grazie eines Atta Troll, und die beiden böhmischen Landsleute spielten und tranken zünftig, wie es sich bei Musikanten gehört. Ein alter Freund aber, dem die Natur trotz des schon silberschimmernden Haares das Metall des Tenors noch nicht geraubt hat, schmetterte ewig schöne Müllerlieder in die blaue Luft und den Sang, der gesungen werden soll, so lange es noch gute Musikanten und treue Freunde gibt: »wenn dieser Siegesmarsch in das Ohr mir schallt ...« Ringsum aber schaukelte auf den leicht erregten Wellen die Flotille von Gondeln, in welchen die Haute Volée dieses kleinen Venedigs das nie Dagewesene bestaunte. Ob nicht einer oder der andre bei sich gedacht haben mag: Merkwürdig, wie diese gottlosen Dutchmen sich des Lebens freuen können?! Es war so ähnlich wie eine Hoftafel im Grünen oder das Fest eines fürstlichen Beilagers, Publikum durfte von weitem den Abglanz unsrer Freude in sich aufnehmen und den Tönen lauschen, denen man keine Grenzen setzen kann. Nur fand hier das umgekehrte Verhältnis zu derartigen Festen statt: Die armen Teufel waren es, welche frei in den Genüssen schwelgten, für welche die Reichen schweres Geld zahlen müssen und doch die Tochter aus Elysium nicht herbeizwingen können, die Geldprotzen aber waren es diesmal, die hinter dem Zaun, außerhalb des Stackets, outside of the fence, hockten und zusehen mußten. Auch das ist nur in Amerika möglich. Wie ich nur mit einem unbeschreiblichen Gefühle der Wehmut zögernd, protestierend von Orion scheiden konnte, so kann ich mich jetzt auch von den »Rückblicken« nicht losreißen. Ich habe dort auch etwas zurückgelassen, eine Gefährtin, die so alt war wie der Arme Teufel; nicht ohne Nachruf sollen ihre Gebeine bleichen am Seestrand. Die Reise um mein Zimmer Ich war zu üppig geworden, ich feierte reine Orgien der Lebenslust. Schon glaubte ich den schlimmsten aller Lindwürmer, der da hauset in der Höhle des eigenen Gebeins, überwunden, schon pries ich die Wissenschaft, welche durch eine künstliche Wirbelsäule die natürliche ersetzt, und sah mich mit erhobenem Haupte irgendwo dem Frühling entgegenwandern – da mußte ich es wieder lernen, in Qualen meine Freuden zu büßen, in Schmerzen meine ganz kleinen Gedankenkinder zu gebären und mich mit Großvaters Wanduhr zu trösten, die zwar geht, aber immer nur auf einem Fleck. Theodor Lessing in München, ein Dichter der »Gesellschaft«, hat die Qualen einer schlaflosen Nacht gar grausam geschildert. »Verdurstende Pilger durchwandern die Wüste, die Stunden, Wahnsinn, Reue, unfruchtbare Zwiesprach mit den eigenen Gedanken besuchenden Einsamen ... Da zählst du die Atemzüge, da wanderst du rastlos durchs Zimmer Und horchst auf das Dämmern des Hirnes, wo Bild sich jaget auf Bild, Da glüht dir die Schläfe im Fieber, doch Schlummer findest du nimmer, Bis endlich die Milch des Morgens aus nächtigen Wolken quillt.« Aber, Namensbruder des größeren Schlaflosen, was fesselt dich in die vier Wände deiner Qual? Keine Stadt ist so trostlos, daß man nicht durch die einsamen Straßen wandern könnte, und wenn du nur dem letzten Betteln sterbender Wollust begegnest oder dem Vorbeihuschen des Verbrechens, es ist immerhin Zusammenhang mit dem Menschlichen. Keine Stadt ist so fromm, daß man nicht eine Nachtkneipe fände, wo unter Lumpen und Stumpfsinnigen nicht auch ein »entgleister« Schelm sich befindet, mit dem du alle Teufel des Wahnsinns und alle Engel der Melancholie in die Flucht schlagen kannst. Kein Dorf liegt so im Sand vergraben, daß du nicht ein dunkel hinströmendes Wasser fändest, in welchem die Sterne sich spiegeln, oder ein paar nächtlich blühende Pflanzen im Gärtchen oder vor dem Fenster eines Bauernhauses, oder ein helleres Stück Himmel, eine Macht des Lichtes irgendwo verkündend. Und wenn du ein ganzer Mensch bist, so muß auch im Bereich eine Tür sein oder ein Fenster, an die du anklopfen kannst, das Herz fast lauter pochend als der schüchterne Finger. Ein Nachtspaziergang, das ist das Chloral, das Morphium, das Codein des Menschen mit gangbaren Beinen. Wer zu bequem ist, zu einem Nachtspaziergang sich aufzuraffen, den mögen immerhin in seiner Bude die Gespenster plagen – ich versage ihm jegliches Mitleid. Aber die Schlaflosigkeit des unheilbar Siechen! Ich bewundere den Alles bewältigenden Geist eines Blanqui ; jahrelang gefesselt, jahrelang von dem Himmel ausgeschlossen, der Allen gehört, da muß die gräßliche Schlaflosigkeit eintreten, und nur der erhabene Wahnsinn, zu einer welterlösenden Tat sich dennoch berufen zu fühlen, kann die selbstzerstörende Verzweiflung oder den Blödsinn fernhalten. Ich kenne aber einen, der mit voller Fähigkeit der Lebensfreude liegt, liegt an derselben Stelle – die Jahreszeiten wechseln vor ihm wie ein Tag, und er hat nichts zu erwarten als den Tod ... Sollte es für so einen nicht doch noch möglich sein, Spaziergänge zu machen, auf Reisen zu gehen wie » Auch Einer «? Trotzdem ich in manchen katholischen Dingen nicht unbewandert bin, habe ich doch nie ein Buch des hochgelehrten Joseph Marie de Maistre gelesen. Er ist der Liebling der wenigen noch vorhandenen wirklichen Katholiken, die noch im 19. Jahrhundert das einzige Heil der Völker in ihrer unbedingten Unterwerfung unter den Willen des Papstes erblicken. Vom seinem Bruder Xavier aber hab ich in meiner Kindheit ein reizendes Büchlein gelesen. Dieser Xavier hatte als Kriegsmann in aller Herren Länder vom Ardennerwald bis zum Kaukasus sich herumgetrieben, und manche exotische Blüte hat er im Wandern gepflückt und literarisch der Welt konserviert, aber sein Letztes und Bestes war die bescheidene voyage autour de ma chambre. Ich kann mich des Inhaltes nicht mehr so recht entsinnen, trotzdem ich es zu Füßen der Frau Leonie las, der französischen Göttin meiner Kindheit, ich weiß nur, daß mich das Büchlein beglückt hat, und daß es mich heute noch immer wieder zu einer »Reise um mein Zimmer« anregt, die selbst in die schlaflosen Nächte eines Gefesselten Paradiese schaffen kann. * Zu den größten Wohltaten meines Zimmers – und daher auch der Name Luginsland – gehört das große Fenster an meinem Bett. Wenn der Vorhang bei Tag heruntergezogen ist, so bedeutet es Abgefallensein, Unzugänglichkeit des Dahinterliegenden. Sonst aber ist Alles, was sich an ihm als Aussicht bietet, herzlich willkommen, Regen, Schnee und Sonnenschein und das kleine Stück alltäglichen Menschenlebens. Heute glaubte ich auf meiner Wiese schon einen grüngelblichen Schimmer beobachtet zu haben, aber das ist vermutlich Aberglaube. Des Nachts leuchtet mein Fenster heller als die elektrischen Lampen, die es sich bequem machen und ganz genau zu wissen scheinen, daß es in diesem deutschen Stadtviertel bei nachtschlafener Zeit nicht viel zu beleuchten gibt. Einer meiner früheren Nachbarn, ein Barbier, der außer einem schönen Durst auch eine schöne Frau sein eigen nannte, behauptete, oft des Nachts besagte Bettgenossin auf das erhellte Fenster aufmerksam gemacht zu haben: »See our Bob's window, er studiert, the poor man!« Ei ja, wenn das Studium auch manchmal seltsamer Natur war, das Mitleid des braven Jungen, der es auch nie zu etwas bringen wird hienieden, verliert dadurch nichts an seinem Wert. – Ganz ungemütlich wäre mir das Verhüllen des Fensters bei stürmischen Nächten. Mein Zimmer kommt mir erst dann recht gemütlich vor, wenn auch das Antlitz der Nacht hereinschaut. Ich bin mit ihr vertraut, mich schreckt sie nicht, auch wenn alle ihre lieben Augen vom schwarzen Schleier verhüllt sind und der Sturm die Klage der Unergründlichen an die Scheibe peitscht. Ist sie nicht die Mutter? Sind wir nicht alle aus dem Schoße der Nacht vom Lichtgott geholt? – Wir waren oft glücklich im Luginsland, ein Glück von Wenigen geteilt, stillvergnügt oder beim Klirren der Rappiere mit brausendem Gesang; aber ein Glück in der Nacht sagte mir immer wieder: Was gibt es Schöneres als die Auflösung der wärmsten Lebensfreude in den weichem Armen der Nacht, der Schlaf nach dem Bacchanal, das Tröpflein Lethe im letzten Becher?! Da sticht mich was, da kratzt mich was, da mahnt mich was an meine Pflichten. Meine Lebensreise, und sei es auch nur die voyage autour de ma chambre, ist noch lange nicht am Ziel angelangt. In der Tat wird sie nie zu Ende kommen; denn wenn ich ums Zimmer herum schließlich bei meiner Bücherei angelangt sein werde, fängt die ganze Welt erst recht an. Aber was sticht mich, was kratzt mich, was stachelt mich zu ungewohnter Beweglichkeit unter meinen Decken? »Ein immergrünes Stechpalmreis Sei unsrer Liebe Zeichen.« An meinem Fenster hängt noch von Weihnachten her ein Kranz von Stechpalmzweigen, des in jedem englischen und amerikanischen Herzen die süßesten Erinnerungen weckenden holly. Dieses wunderbare Dorngewächs mit dem glänzenden Tiefgrün seiner Blätter und den schimmernden roten Beeren schmückte die Halle der alten Angelsachsen, wenn der Julstamm im Kamin brannte und, begrüßt vom Halloh der Männer und dem Gebell der Rüden, der Eberkopf auf mächtiger Schüssel hereingetragen wurde; und in der ärmlichsten Blockhütte der Pioniere Amerikas fand sich sein Kränzlein neben dem Mistelzweig in der »heiligen Nacht«. Mit ihm umkränzten schon die Römer den Altar der strengen Diana Abnoba, und – mir bringt es den ganzen alten Schwarzwald samt seiner jungen Liebe. Leuchtendes Grün und Rot grüßt dich aus dem Schnee beim Steigen in den schweigenden Bergen. Matter ist das Grün des Kachelofens im Wirtshaus zu Todtmoos, aber wohlige Wärme durchdringt den in grauer Abendwanderung erstarrten Körper und löst die Lippen, daß der Markgräfler geschmeidig eingeht und lustig fahrender Schüler Lied heraus. Röter als die Hollybeeren glühn dem Annemeili »des Mundes Röselein Und die blauen Augen gießen Drüber ihren Sternenschein.« Ich weiß nicht, ob außer dem Meister Josephus Scheffel ein deutscher Dichter die Stechpalme (ilex aquifolium) poetisch verwertet hat. Im Volkshumor und in der Volksmedizin des Schwarzwaldes spielt sie ihre Rolle. Mit großem Gusto erzählte mir vor vierzig Jahren der Dr. von Rotteck, als das Büblein zum ersten Mal mit dem alten Herrn zur Yburg hinaufsteigen durfte, daß ein Bauer, dem er für einen bösen »Wolf« Stechpalmaufguß verschrieben, die Blätter äußerlich mit Dazwischenlegung gebraucht habe. Es war kein Vergnügen für den Bauer gewesen, aber ein Spaß für den Doktor, und item, es hat geholfen. – Ach, mein armes Kränzlein ist arg dürr geworden, die roten Beeren sind längst verschwunden, die immergrünen Blätter sind ledergrau wie etwa jetzt die Wangen des weiland schönen Annemeili in Todtmoos; es rappelt nur so, wenn man den Vorhang darüber zieht; nur die Stacheln an den Blättern sind geblieben, und an den alten Doktor mußte ich gleich wieder denken, als ich sie zuerst im Bett spürte. Nur die Stacheln am Verwelkten – ach, das war auch schon oft meiner Liebe Zeichen! Aber mit einem Mißklang will ich gewiß nicht schließen, habe ich auch mit einem solchen angefangen. Was kann mein Kranz dafür, daß er in der Krankenstube verdorrt ist! Er mag wohl Zwiesprache gehalten haben mit dem verbrennenden Holz in meinem Ofen, und das mögen schwere Seufzer und böse Anklagen gewesen sein! Den Winter draußen am Orionsee hätte er frischgrün überdauert. Und weil mein Herz einen gesunden Boden hat für Alles, was immergrün, und weil mein Auge wie ein zögernder und inniger Sonnenstrahl nur von meinem Fenster etwas nach rechts zu gleiten braucht, um auf Altheidelberg haften zu bleiben, freue ich mich, daß ich noch trompeten kann und daß noch nie die Dornen mir einen Rosengarten verleidet; und Du, Du – ich weiß nicht mehr, ob ich die Eine meine oder an Alle denke, ich schicke Dir den Gruß des selig unseligen Dichters vom Oberrhein: »Sitzt oben Einer im Regensturm, Was glaubt ihr, daß er triebe? – Bläst immerzu dasselbe Lied, Das Lied von seiner Liebe.« Bei dieser Reise ist das Schönste, daß es nie pressiert. Man kann überall anhalten, solang es einem beliebt, ohne daß das Billet verfällt, man kann die fabelhaftesten Abstecher machen, z. B. von Heidelberg nach Persien, ohne Geld und ohne Paß, und wenn es einem einfällt, daß man irgendwo etwas hat liegen lassen, so kehrt man einfach um. Diese Reise geht nicht per Eisenbahn; wie wär's, wenn ich sie noch einmal zu Fuß machen könnte? Ich habe etwas zu berichten, das Manchem dieselbe freudige Überraschung bereiten wird wie mir selber; vermutlich ist es nur eine vorübergehende freundliche Täuschung eines grausamen Geschickes, aber ich kann's nicht verschweigen: ich kann meine Beine wieder bewegen. Pfui Teufel, wie trivial! und der Teufel hole alle Krankheitsgeschichten und die Krankheiten dazu. Aber es grenzt ans Wunderbare, und darum sollen es vornehmlich die Herren Doktoren unter meinen Freunden wissen. Drei Jahre lang waren diese Beine paralysiert, das Fleisch schwand von den Knochen und die Nägel der Zehen wuchsen wie Adlerklauen. Es ist eine Qual, die man selbst erlebt haben muß, um sie zu würdigen, wenn irgendein Glied dem Willen des Gehirns den Gehorsam versagt! Da erst wird es einem deutlich, daß man kein Göttersohn, sondern ein Erdenwurm ist, den irgendein Streich auseinanderhauen kann; wer weiß, was aus dem andern Ende wird! Mich muß ein unsichtbarer Erzengel geschlagen haben, denn ich sah nicht sein Antlitz, und ich fühlte keine Wunde. Ich war wie ein entwurzelter Baum: die Zweige und Blätter saugen noch Luft und Licht ein und bewegen sich lustig im Winde, ja am Stamme sprießt noch was Grünes hervor, aber die Wurzeln sind starr und steif, werden dürr und können nach und nach zu Brennholz verhackt werden. Und doch war ich wieder nicht wie ein entwurzelter Baum, sondern wie ein von einem Dämon Besessener. Meine Beine, dieses Unterhaus, das von jedem Zusammenhang mit dem Oberhaus sich emanzipiert hatte, diese arbeitsunwilligen und darum unnützen Proletarier, meine Beine, die schon in der Tanzstunde sich als kaum mittelmäßig erwiesen hatten und später auf Bällen vor dem holden Szepter Terpsichores in den hintersten Bierwinkel entflohen, exekutierten auf eigene Faust die verrücktesten pas de deux. Es war wie ein Tanz der Gerippe, dessen Humor das Gehirn, das arme vernünftige Gehirn! nicht begreifen kann, dem es aber zuzusehen verdammt ist und dessen Kosten es durch tiefe Erschöpfung bezahlen muß. Lunchpause. Ich erinnere mich, daß ich das alles nur auf einer Station meiner Reise um das Zimmer niederschreibe und genieße als Erfrischung den Duft der Hyazinthen und Narzissen. Dann folgte eine Periode der vollständigen Abgestorbenheit in diesen Beinen, wie sie auf das Rasen Wahnsinniger folgen muß, nur dumpfer, aber intensiver Schmerz erinnerte mich zuweilen daran, daß sie überhaupt noch vorhanden waren. Dann die Ruhe des Todes. – Jetzt hatte ich erst einen Sinn gefunden in dem grausamen biblischen Wort: So dich ein Glied deines Leibes ärgert, so hacke es ab. Es war an einem Tage des Vorfrühlings, Datum weiß ich nicht mehr, so ungefähr vorvorvorvorgestern, als, wie wahrscheinlich schon tausendmal, unbewußt der Wunsch der Bewegung durch mein Gehirn ging, und ich bemerkte ein eigentümliches Rühren des rechten Beins (in der technischen Sprache des Luginsland door-leg genannt), das nicht auf einen unwillkürlichen Reflex zurückgeführt werden konnte. Ich begann zu exerzieren, Kommando des Gehirns, Bewegung der Beine, eins, zwei, drei, und siehe da, sie hoben und senkten sich wie es ordentlichen Turnzöglingen zukommt. Von da an bis zum Draufstehn und ins Wirtshaus gehen, vor der Dame sich neigen und die Berge besteigen, ist's noch so weit hin, daß man es nimmermehr erleben wird. Aber es ist doch merkwürdig, ein kleiner Ärger für gewisse Fromme, ein kleines Rätsel für die Herren Ärzte und eine kleine Freude für uns, die uns keine nachfolgende Enttäuschung mehr wegnehmen kann. Hurrah! Und heute ist wahrhaftig der Frühling da. Ich komme nicht weiter auf meiner Reise, ich muß mit Augen und Gedanken am Fenster bleiben. Letzte Nacht stand das Tauwasser auf der Avenue, ein mildes Frühlingsgewitter entlud sich noch dazu mit fernem Blitz und Donner, es herrschte die ahnungsvolle Schwüle, die einer neuen Liebe vorausgeht. Wenn der elektrische Wagen, von grünen und blauen Funken umsprüht, durch das Wasser rauschte und seine Lichtstrahlen hinein und bis weit in meine zum See gewordene Wiese warf, war es gerade wie wenn damals der kleine Dampfer auf dem Orionsee seine sommernächtlichen Fahrten machte. Der kleine Dampfer, der so viel Spektakel machte, hat jetzt auch ausgepfiffen, aus Altersschwäche sank er zu Grund und bildet jetzt ein neues und gefährliches Hindernis für die früher so blühende Schifffahrt. Überhaupt vollzieht sich mit dem Orionsee, zu welchem mich nun einmal Erinnerung zurückgeführt hat, eine merkwürdige Umwandlung: Er wächst zu. Vielleicht aus Trauer, daß ich nicht mehr zurückgekehrt bin, vielleicht geniert er sich, daß ich ihn in die Weltberühmtheiten eingereiht habe; so oder so, mit einem dichten, grünen Schleier verhüllt er sein Antlitz, das die schönsten Sonnenuntergänge der Welt gesehen hat. Und doch ist es kein Versumpfen, aus der Tiefe steigen die Quellen, aus der Tiefe steigen die Wasserpflanzen und weben ein undurchdringliches Netz. Nachen oder Schwimmer, die sich hinein wagen, werden von tausend zärtlichen Armen festgehalten. Die paar langweiligen Menschen, welche jetzt noch die Ufer des Orionsees bewohnen, werden aus Mangel an Sommergästen im Winter sich selber auffressen; die verscheuchten Wasservögel aber kehren zurück und nisten friedlich in dem Algenwald; die blaue Iris wird als Flagge über den Wohnungen der Fische wehen, träumerisch, wie meine Katze die Blätter der Tulpen an meinem Fenster, zupft der wilde Gänserich an der gelben Wasserrose, aber in scheuen Kreisen umzieht die junge Brut die weiße Nymphäa, die Königin der grünen Tiefe. Wenn dann die alten Weidenbäume, zu gigantischgrotesken Proportionen ausgewachsen, wie eine graue Mauer das grüne Geheimnis umschließen und nur ein verborgener Pfad an den Trümmern der Villa Weidenlaub vorbei zu diesem amerikanisch-wäßrigen Dornröschen führt, dann will ich, selber ein Gespenst, wiederkehren in einer Sternennacht und mit dem Geiste Thoreaus Siesta und Zwiesprach halten auf dem grünen, wogenden Teppich. Schau, wie das Sternbild des Orion flimmert! es freut sich des kleinen Triumphes, den die Natur in stiller Gewalt über die Gier der Menschen gefeiert hat! Aber heute ist es wieder Tag am Luginsland, und ein Frühlingstag. Die Wassertümpel auf meiner Wiese spiegeln den Himmel so klar wider, daß man unwillkürlich vor sich hin summt: »O du himmelblauer See ...«, die Spatzen pfeifen so schön wie anderswo die Nachtigallen, und die Katze, Enkelin der Toten am Orionsee, spielt an meiner Seite mit den von meinem Blumenstrauß gestohlenen, in Rot und Gelb flammenden Tulpenblättern. Passiflora Gebt mir die Toten, ich schenke euch die Lebendigen. Nur dich wünsche ich mir lebend und blühend; ich habe keinen Namen für dich, meine Augen werden so trüb, daß ich deine Züge kaum erkennen kann, aber ich muß noch einmal deine Arme um mich geschlungen fühlen, dein Herz schlagen hören und von deinen Lippen die Ruhe der erfüllten Leidenschaft saugen. Sonst aber schenke ich euch die Lebendigen, gebt mir die Toten! Es ist auch an der Zeit, daß ich mich mit meiner zukünftigen Gesellschaft bekannt mache. Ich wollte etwas nachsuchen in »Romanzero«. Unter den Bänden von Heines Werken, welche mir der Raub guter Freunde gelassen hat, ist er noch vorhanden. Aus dem Suchen wurde aber nichts, der alte Zauber überwältigte mich. Die Passionsblume ist eine Schlingpflanze, sie umrankte mich mit wollüstig pressenden Schlingen, daß mir der Atem fast verging; und ihre großen Blüten, violett, weiß, schwefelgelb, wuchsen um mich empor und dufteten narkotische Träume mir ins Gehirn, bis ich mich selber als toten Mann liegen sah im offenen Marmorsarg und das Mitleid mit diesem Toten den atemraubenden Druck der unter großen hoffnungsgrünen Blättern fortkriechenden Flechten löste. Armer Kerl! rings um dich Passiflora und in ihrem Blumenschoße Geißel, Dornenkrone, das Kreuz, der Kelch – o dieser Kelch! selbst den Wein macht er zu Gift – die Nägel und der Hammer. Auch am glatten Marmor kriecht das Gewürm empor, hier rastet es in den Skulpturen des Sarkophages, aber die Avantgarde streckt schon lüstern die scheußlichen Köpfe über den Rand. Und keine Mouche , die toten Lippen zu küssen, keine dämmernden Sterne, in die kommende Nacht der Verwesung goldene Tränen zu weinen! Weh mir, warum habe ich mich in diesen Zaubergarten gewagt! Mein Herz pocht, als ob es selbst die Toten überholen wollte, und mein Doktor muß in Zukunft auf seinen Prohibitionszettel ergänzend schreiben: Zu vermeiden: Wettrennen, Sekt ohne Selters, Ärger, schwere Speisen, Liebe, Zugluft, Haß und – Heinrich Heine. Das war aber ein merkwürdiges Gefühl, als ich in Heines letzten Gedichten wieder den Wein einschlürfte, der mir schon längst in Fleisch und Blut übergegangen, als etwas Altes, Geprüftes und doch berauschend Neues. O, ihr lieben Kinder, einst ahnte ich nicht, daß man nur so das ganze Recht hat, den 18. Band der Hoffmann und Campeschen Ausgabe zu lesen. Und dabei mußte mir der andere unbesiegt Gefallene vor das Seelenantlitz treten: Friedrich Nietzsche, der titanische, der prometheische Heuchler, zu dem unsere marklos gewordene Wahrheit kaum die Augen aufzuschlagen wagt. Er büßte, nicht in seinen unbewußten und darum glücklichen kranken Tagen, nein in den Tagen seines gesunden Alleingehens die Heuchelei der Zufriedenheit in der Hoheit. Er ragt in unsere Zeit wie ein erratischer Block, der vom Anfang und vom Ende spricht, eine tragische Figur, die von einer höheren Gewalt als von den Göttern geschaffen wurde. Rundköpfe der Aufklärung haben es immer versucht, die Göttersagen der Völker zu Priesterlügen zu stempeln; und wie die Priester, welche aus den Fäden zwischen dem Verstandenen und dem Unbegreiflichen Stricke für die armen hoffenden und kindergläubigen Menschen drehten, so wollten sie andererseits für das Leugnen und Profanieren dieser – »Sommerfäden« Anerkennung und Belohnung. Zehn Priester, einfach gewissenlose Handlanger der ihnen in die Hand gewachsenen Macht, und hundert revolutionäre, fanatische Rundköpfe kommen auf einen langgebauten Schädel, in welchem die Ehrfurcht vor den Göttersagen aller Völker die tiefste Grundlage aller Erkenntnis ist. Freidenker schreiben sich die Finger wund und schreien sich die Kehlen heiser, wenn sie ein naives Dogma mit einem gescheiten Axiom in die Berge zurückjagen können. Fort mit Gott Vater, Sohn, heiligem Geist und Maria der Schmerzensreichen! – die Pfaffen leben davon, und ohne Pfaffen keine Tyrannei. Wir geben euch dafür die bedingte Willensfreiheit, die unbewußte Vernunft der Atome, die Ordnung im Hinblick auf die Nützlichkeit, ohne welche auch unser »Staat« nicht existieren kann. In der Göttersage aller Völker aber, in dem, was die Menschen gefühlt, welche mit der Natur auf du und du standen und ohne Zangen und Hebel die gegenseitigen Geheimnisse ahnten, ist es unerbittlich ausgesprochen, daß hinter den Höchsten, hinter den Göttern das gemeine Schicksal steht, das Fatum, die Dira Necessitas , die Ananke , das ewig Unberechenbare; und wer wie Thoreau in den Wasserkreisen, welche das fliegenschnappende Raubtier Fisch verursacht, die Andeutung der ewigen Harmonie erblickt, ist dem Verständnis am nächsten. Thoreau war aber nicht wie wir in der Laubhütte der Passiflora geboren. Hier war ein Amerikaner mit dem Blute Rousseaus in den Adern; er sog die Milch klassischer Musen, die der Pan eines urwäldlichen Erdteiles befruchtet hatte. Wir können bei ihm eine Gedankenstunde ausruhen, aber wir finden uns immer wieder in der mondbeglänzten, romantischen Wildnis, wo im Marmorsarkophag der tote Mann liegt. Der titanische »Heuchler« Nietzsche – ich spreche es und weiß, daß mich wohl Menschen, aber Füchse und Raben ganz gewiß nicht mißverstehen – ist unsern Augen entrückt, vielleicht unter die Sterne versetzt; »abgestürzt« und »Strafe muß sein!« wispern die Rundköpfe, aber es hat ihm noch Niemand die Grabrede gehalten. Die Grabreden aber, welche dem ehrlichsten aller Menschen, dem Dichter Heinrich Heine zu Leid und Lieb losgelassen werden, nehmen nie ein Ende. Bei Nietzsche müssen sie gelehrt tun und bändeweises Studium prätendieren, bei Heine könnten sie sich auf die eine Strophe versteifen, diese Gladiatoren des »Gemeinverständlichen«: Wer ein Herz hat und im Herzen Liebe trägt, ist überwunden Schon zur Hälfte; und so lieg ich Jetzt geknebelt und gebunden – Mit diesen gerechtfertigten Abschweifungen aber (gerechtfertigt, weil von der schonungslosesten Selbstkritik einer unbezwinglichen Ehrlichkeit bis zu der selbstvernichtenden Übermenschlichkeit eines Phaeton nur ein Schritt ist) betrüge ich mich nicht um das Doppelgefühl beim abermaligen Schwelgen in dem 18. Band. O wie klein bin ich! jammerte der proletarische Teil meiner Seele. Und ich sah zwei riesige Waagschalen im goldblauen Herbsthimmel schimmern. In die eine packte ich einhundert deutsche Dichter: Dehmel, Liliencron, Holz, Wille, Stauff von der March, Mackay, Franz Held (einige Fetzen seines liederlichen Rockes wollten mit Gewalt im Winde flattern), Bierbaum – wie kann ich sie alle nennen, die mir in der Fremde liebgeworden sind! – in die andere legte ich den »Romanzero«. Und die letztere Schale sank, sank, bis sie an meinem Herzen lag, die andere aber segelte hin vergnüglich und verschwand mit den Wölkchen des Abendrots. Da bemerkte ich, daß in der schweren Schale mein eigenes Herz gelegen hatte, und daß ich ein frevelhaftes Spiel gespielt. Wäre sie nicht zurückgekehrt, hätte ich in Ewigkeit an den Kanälen zur Würdigung der neuen deutschen Dichter Handlanger sein müssen. So aber sprach mein wiedergewonnenes Herz mit, und ich kritisierte, als ob es sich im 18. Bande um Manuskriptblätter handelte, auf welche ich erst das Imprimatur zu setzen hätte: Hier müssen drei Verse gestrichen werden, das ist unnötige Ausmalung eines zufällig gewonnenen Witzes. Salopp? wozu? man braucht dem Publikum nicht dadurch seine Verachtung auszudrücken, daß man gerade so ungeniert spuckt. Streichen wir für die Gesamtausgabe dieser Werke das ganze Gedicht. Ich beschließe förmlich das letzte Gedicht, das letzte Abschiedswort – nur die dicke Mathilde geniert mich, sie war nicht einmal eifersüchtig! Aber was sind solche Kritteleien im Vergleich mit der gemeinsamen Vergangenheit: Harz, Schwarzwald, Göttingen, Heidelberg, Paris, Washington, alle Trikoloren unbändiger Nationen gleichfarbig gemacht durch unser verschwenderisch vergossenes Herzblut! – Ich lese, ich lese Korrektur, ich bin gezwungen dazu, weil es zu meinem Geschäft gehört, ich mit meinen verlöschenden Augen. Da fall' ich, wie man in der Überstürzung der Liebeseile die Treppe hinauf fällt, aus dem grotesk gräßlichen Fluch, semitischen Erbteils, aus der Rumpelkammer des Gedächtnisses hervorgeholt wie eine Gespenstergeschichte, mit der man Philister auf ihr Niveau zwingt, in die sprachlose Bewunderung des Fanals: Enfant perdu – »Verlorner Posten in dem Freiheitskriege – Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus ... Ein Posten ist vakant ...«; und ich lag in einem Grübeln, ob ich oder der tote Mann im Sarkophag oder Heinrich Heine das ausgeströmt, und es fiel mir das Trivialste ein, daß ich noch nicht alt genug, um auf dreißig Kriegsjahre Anspruch zu machen. Aber – »die Wunden klaffen«, und »meine Waffen sind nicht gebrochen ...« Nietzsche sagt einmal, daß keine Sprache die höchsten Gedanken ausdrücken könne, aber er sprach doch selber, voll von Mitleid mit andern und mit sich, dieser weise unweise Zarathustra, der ein Adler, aber nur ein Adler war und außerhalb der atmosphärischen Erdhülle erstarren mußte. Heine sang, und er hatte immer seinen Text. Der Höhengänger hat selten einen neuen Ausblick gewonnen, ohne seinem Wolfgang Apollo einen Denkstein zu setzen; er wußte aber kaum, was er unsrem undefinierbaren Vogel zu verdanken hatte, diesem Wundervogel aus Tausendundeiner Nacht, der heute kosmopolitischer Spatz war, morgen deutsche Nachtigall und immer die ohne Nest in den Lüften waffenschön klirrende Lerche: Allons enfants! Als ich wieder »Romanzero« las, wußte ich, daß es für mich keiner verständlicheren Sprache brauchte. Ich erinnerte mich daran, daß sehr viele gescheite Leute, welche die Bibel als das A und O des Unsinns bezeichnen, geflügelte Worte gebrauchen, die schon bald ein halb Jahrtausend in der Lutherschen Übersetzung dieses merkwürdigen Sammelwerkes gedruckt stehen, und ich konnte nicht umhin, mit Mitleid die Anstrengungen der jungen deutschen Dichter Revue passieren zu lassen; von meinen sehnsüchtigen Nachklängen in der skythischen Verbannung gar nicht zu sprechen. Du, Mouche! Ich fühle es, du kamst zu mir, solang ich noch sehen und fühlen und deine Tränen im Wein als die kostbarsten Perlen trinken kann; weißt du, von was der tote Mann in seinem Sarg manchmal träumt? Von der Königin Pomare : Sie tanzt mich rasend, ich werde toll, Sprich, Weib, was ich dir schenken soll? Du lächelst. Heda! Trabanten! Läufer! Man schlage ab das Haupt dem Täufer. Und weil der tote Mann an sie gedacht, ist sie unsterblich wie Paris selber. Mein Freund Franz Held hat sich die Mühe gegeben, eine ganze Unzahl von Grisetten und Cocotten der deutschen literarischen Unsterblichkeit einzuverleiben. Es sind wesenlose Schatten, schon verblüht, als sie der Dichterjüngling in sein Notizbuch schrieb, wie die Veilchen, die man am Abend eines heißen Tages einem Straßenkind auf dem Boulevard Strasbourg abkauft. Nur Tartarin würde an ihnen noch Wohlgeruch finden, dieser Tartarin, der durch Alphonse Daudet das Eigentum der halben gebildeten Welt geworden ist und es durch Franz Helds famose Fortentwicklung des südfranzösischen Don Quixote (»Tartarin in Paris«) für die ganze zu werden verdient. Aber, Königin Pomare! das ist ja nur ein Glastroddelchen an dem sternhimmelgroßen Kronleuchter Heinescher Dichtung, der nur durch die Elektrizität des Herzens zu seiner Strahlenpracht entzündet werden kann. Um einem Bann zu entrinnen, wollte ich mir noch einmal den Mann ansehen, den hinwelkenden Griechen in jüdisch-germanischer Hülle. Eine Nachtigall, der man die Augen ausgestochen, sie sang das Glück, das sie nie erlebte, für Alle. Aber als ich das Nachwort zum »Romanzero« las, da packte mich ein Schrecken. Solches habe ich ja selber geschrieben, fast wörtlich; und doch habe ich weder abgeschrieben, noch nachgeahmt, nur ein ähnliches Schicksal hämmerte ähnlichen Galgenhumor aus mir heraus: ... Ich hatte damals noch etwas Fleisch und Heidentum an mir, und ich war noch nicht zu dem spiritualistischen Skelette abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen Auflösung entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers Merlin, welches sich im Walde Brozelind in der Bretagne befindet, unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grüne Flammen gen Himmel lodern. Aber um diese Bäume und ihr frisches Wehen beneide ich dich, Kollege Merlin, denn kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spät nur Wagengerassel, Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen. – Das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß Solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld, Alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden ... Nein, da bin ich doch um so viel weniger gestraft worden, als mein Geist weniger teuflische Gewalt über die Menschen hat. Meine Wiese hat jetzt noch im Morgennebel einen schönen grünen Schimmer, und üppig wächst das Unkraut. Ich kann mich doch noch bisweilen unter Menschen tragen lassen und mit Pferdebeinen über den Strom und durch den Wald reisen. Ja, ich habe in dem kuriosen Badenest Mt. Clemens gelebt wie ein Sardanapal . Gesang und Sekt und Saitenspiel und – Kartoffelklöße! sie waren kulinarische Verkörperung des träumerischen Schimmers der süßen, dunkeln Augen, die über ihre Zubereitung gewacht. Ach, daß eine solche »Gesundheitsliebe« nie die Matratzengruft in der Rue d'Amsterdam erreicht hat! Was aber soll aus den armen Hanswursten werden, fragt Heine, die ich euch und mir zum Spaß tanzen ließ? Ich werde in meiner nächsten Stunde der Andacht mit dem »Romanzero« zeigen, daß sie noch alle lebendig sind, ja daß sie heute noch kräftig übel riechen, wenn sie nur den Namen des Dichters hören, der sie als Marionetten benützte. Das ist Heinrich Heines Unsterblichkeit, daß ihm das ganze Pack von Heuchlern, Sykophanten und Lakaien, von feierlichen Lügnern und boshaften Dummköpfen nie verzeihen wird. Sie wüten heute, als ob er noch verwundet werden könnte, der kranke Mann, der zollweis sterbende Held, dessen Gebeine schon vor vierzig Jahren im Friedhof des Montmartre zu Staub und Asche geworden sind. Die Tote am Orionsee In einer sterbenszufriedenen Stunde am blauen See träumte ich mir einmal eine schöne Feuerbestattung. Auf der Veranda liegt, wie sonst im Leben, der Leichnam des kranken Mannes; die in ihren Gondeln vorüberfahrenden Orioniten, die ihn oft mit neugierigen und erschrockenen Augen betrachtet, wie er die Rauchwölkchen in die Luft steigen und das Weinglas im Sonnenlicht funkeln ließ, wissen nicht, daß er seinen letzten Trunk getan und seinen letzten Kuß geküßt hat, nur die kleine schwarze Katze, die sich sonst auf seiner Brust so behaglich zusammengerollt, schnuppert ängstlich in dem starren Gesicht und entflieht, wie von einem eisigen Hauch getroffen, mit einem plötzlichen Satze seitab. Manchmal tritt eine Tochter oder das Weib durch die Türe heraus, wirft aus überquellenden Augen einen Blick auf das dennoch geliebte Gesicht und kehrt wieder zurück an die Arbeit, an die Herstellung des opulentesten Mahles, das je diese Hütte gesehen hat. Der Abendzug bringt eine Anzahl tatfreudiger Gestalten, Turner von Detroit, meinen Doktor Tobias an der Spitze, der mit ganzer Seele in der Ausführung des kommenden Heidenspaßes aufgeht. Während die Sonne prächtig in Himmel und Wasser verblutet, sitzen sie bechernd um ein Tönnchen, und es geziemt sich, daß auch dem Toten Flasche und Glas mit dem geliebten Sonnentrank der Heimat zur Seite gestellt werde. Wie aber das Dunkel über dem Wasser sich lagert, beginnt ein geheimnisvolles Leben am See. Zwei ausgediente Nachen werden mit eisernen Klammern zusammengetan, und auf diese wird eine hohe Lage reichlich mit Öl getränkten und mit chemischen Brandsamen durchstreuten dürren Holzes gebaut. Darauf bettet man den Toten, so daß sein Antlitz vor der ganzen dunkeln Welt ringsum wie lebendig aufleuchtet, wenn der Fackelglanz darüber streift. Unterdessen haben die Freunde die ganze Flottille des Bootmeisters von Orion gemietet; und nun schwebt es über die Wasser, der Scheiterhaufen in der Mitte, hinein zwischen die verschwiegenen Inseln; kein Laut von Menschenstimmen, nur eine Flöte tönt irgendwo im Ufergebüsch eine einfache Volksweise, und das Wasser rauscht auf unter dem Drucke der Ruder. Jetzt ein helles Hornsignal, die Fackel wird an den schwimmenden Holzstoß gelegt, und unter den Klängen des Männergesanges »Integer vitae« schießen die Flammen hoch auf, daß der Wald in rotem Lichte steht und die Wellen aufzucken wie Feuerschlangen. Wenn aber der Leichnam in der glühenden Lohe verschwunden und der Holzstoß bis zum Wasserspiegel niedergebrannt ist und die dunkelgrüne Tiefe die verkohlten Reste mit den lecken Kähnen verschlungen hat – dann begrüße von der Villa Weidenlaub her rauschende Musik die Zurückkehrenden! Spielt mir den Päan der siegreichen Griechen von Salamis! – Und nun leget die Hände ans lecker bereitete Mahl, und ein Zechen soll anheben in den Zimmern, auf der Veranda, auf den Treppen, im Grase des Ufers, ein liedergewaltiges, bis von Osten her die Lichtpfeile dazwischen schießen und der Tag beginnt, der wie die andern ist. * Das wäre schön gewesen, aber es kommt gewöhnlich anders. Schade, gerade dort hätte sich so etwas Polizeiwidriges ausführen lassen, gegen eine solche Invasion wäre die hohe Obrigkeit machtlos gewesen. Und wenn es nachher geheißen hätte: Strafe zahlen »for disorderly conduct«, so teuer wie die gütige Mitwirkung des Undertakers wäre die Sache doch nicht gekommen. Aber es war nur ein Träumen; ich bin sonst gar nicht so für das Feierliche. Ich würde für mich sagen, wie ich es, zur Entrüstung einiger weicher Seelen in Chicago, von unsrem Harling sagte: Überlaßt die Sache der Armenkommission! nur daß ich in meinem Leben nie an eine Obrigkeit appelliert habe. Wenn es also doch nicht anders geht, so sollen mir der »Meester« und der John Wagner sechs Bretter zusammennageln, in diesen Kasten soll man mich legen auf Hobelspäne, damit mir die Knochen nicht weh tun, und mich mit einem Leintuch bedecken, weniger wegen der »Schenierlichkeit«, als weil nur die schöne Nacktheit Berechtigung hat, und der Miesel soll mich auf seinem Gemüsewagen nach dem Krematorium fahren, und wenn er mich abgeliefert, soll er rechtsumkehrt machen, um irgendwo einen Schoppen zu trinken. Das nenne ich eine »schöne Leich«, und billig dazu, die Kosten für das Verbrennen werden wohl aus der »Erbschaftsmasse« herausgeschlagen werden können. Vor allen Dingen aber soll Niemand dabei »einige tröstende Worte sprechen«, ich könnte sonst vor Ärger wieder lebendig werden. All das ist meine ernste Meinung. Wenn aber übereifrige Freunde jetzt wieder annehmen, daß müßte gleich nächste Woche geschehen, so sind sie schiefgewickelt. Ich finde also nichts Schreckliches darin, wenn ein Mensch wie ein Hund begraben wird, und ich habe das Tier, das ich am meisten geliebt habe, sogar unbegraben am Strande des Orionsees liegen lassen! Nur eine Katze! Mancher Gebildete und Ungebildete verzieht den Mund zu einem Lächeln, das doch nur ein Grinsen ist; aber der Altmeister Friedrich Theodor Vischer , der es wagen durfte, dem Faust einen dritten Teil hinzuzusetzen, hat ein liebreiches Poem verfaßt auf den Tod seines Kätzleins, das an einer vergifteten Maus starb. Hört die drei letzten Strophen: Vor Hungerstod könnt ich dich wahren, Nicht vor der rohen Menschheit Gift, Es schützen keines Hauses Laren Vor Mord, der in die Ferne trifft. Ich trüge wahrlich noch viel eher Manch eines Tiervergifters Tod. Verzeih mirs Gott, sie geht mir näher, Des armen Kätzleins Todesnot. Und leb ich nach dem Lärm hiernieden Noch fort auf einem stillen Stern, Sei auch in Gnaden herbeschieden Das Kätzlein zu dem alten Herrn. Ich habe im Armen Teufel über manchen schon ein freundschaftliches Wort gesagt, der sich nachher als ein ganz gewöhnlicher Schubiack erwiesen hat; was ich über meine Katze geschrieben, habe ich niemals bereuen müssen, sie ist mir, vor allem aber sich selber treu geblieben bis ans Ende. Einst vor zwölf Jahren, als noch der Arme Teufel nur in meinem Gehirne gärend stand, wurde sie, eben der Mutter Brust entwöhnt, zu uns ins Haus gebracht, ein klein, putzig Ding, »die Nase fein, die Augen helle, jedwede Linie eine Welle und jede Regung weich und rund«. Ihren Anzug, grau, mit schwarzen Streifen symmetrisch dekoriert, brachte sie gleich fürs ganze Leben mit. Durch ein Versehen des in der Physiognomie etwas unbewanderten Pfarrers wurde sie Johnny getauft, und obgleich sie ihre Weiblichkeit sehr bald bewies und auch für schriftliche Dokumente »Jeanette« substituiert wurde, bleibt ihr auch für die Nachwelt der männliche Name, sowie Aurora Dupin, verehelichte Dudevant, für alle Zeiten Schorsch Sand blieb. Die Werke unserer Johnny ließen sich aber nicht einbinden, sie bestanden in einer zahllosen Nachkommenschaft von Söhnen und Töchtern, die alle wohlgebaut und wohlgeraten den ungenannten Vätern und der Mutter Ehre machten. Nur einmal, in späteren Jahren, gebar sie ein verkrüppeltes buckliges Katerchen, an dem sie mit außerordentlicher Liebe hing, das aber in Folge einer Darmverschlingung (Diagnose des berittenen Tierarztes Schorsch Cöster) frühzeitig totgeschlagen werden mußte. Denn nur die Menschen läßt man hoffnungslos leiden, ein Abscheu in ihren eigenen und in Anderer Augen, um die Ohnmacht der medizinischen Wissenschaft an ihnen zu beweisen, und weil der liebe Gott es so will. – Johnny hatte keines der Laster der gewöhnlichen Katzen, sie war von Natur reinlich, sie stahl nicht, sie holte sich, wenn man ihr Deputat vernachlässigt hatte, als ihr gutes Recht das beste Stück vom Tisch und ging hocherhobenen Hauptes damit ab; sie wußte auch nichts von jener philiströsen Anhänglichkeit an das Haus, sie hatte vielmehr einen Zug von bohemianism wie die Familie, an die sie sich angeschlossen, freute sich des Umziehens und des Reisens und fand überall einen wünschenswerten Platz für ihr Wochenbett. Mitnehmen hätte sie sich nie lassen, wenn nicht die Vorliebe für unsre Sorte bei ihr vorhanden gewesen wäre; denn was sie tat, war nur ihr freier Wille, insofern als man den Ausdruck der eigensten Natur freien Willen nennen kann. Sie war das unabhängigste Geschöpf, dem ich je begegnet. Eine Drohung beantwortete sie mit einem Tage und Nächte währenden Jagdausflug, und dem Menschen, der einmal seine Hand gegen sie aufgehoben hatte, verzieh sie nie. Sie war unbestechlich. Wo sie nicht liebte, nahm sie die zärtlichsten Huldigungen als selbstverständlich, fraß die dargereichten besten Bissen und blieb kalt. Sie ließ sich aber, selbst wo sie die feindseligsten Gefühle hegte, nie zu der rohen Tat des Kratzens oder Beißens hinreißen, sie begnügte sich mit einem verächtlichen Fauchen und hat sich dadurch jeweils in Respekt gesetzt. Hunde und fremde Katzen duldete sie nicht in ihren Räumlichkeiten, Vögel, mit deren sinnlosem Piepsen sie sich nie befreunden konnte, fraß sie auf. Mäuse und Ratten, fast so groß wie sie selber, tötete sie zum Sport, ohne je die Kadaver weiter zu berühren, sobald sie aber merkte, daß man diese Jagd als ihre Pflicht ansah, blieb sie tagelang auf dem Sofa liegen. – Sie gab sich immer so, wie sie gerade aufgelegt war. Was habe ich Alles ausgestanden mit diesem Frauenzimmer! Meine zärtlichsten Schmeichelworte, meine flehendsten Bitten konnten ihr Herz nicht rühren, wenn sie eben »nicht so fühlte«. Von jener vielbesungenen Treue, die doch meistens nur Borniertheit oder Heuchelei ist, wußte sie nichts; es konnte vorkommen, daß sie einem nie vorher gesehenen Besucher (nie einer Besucherin) sich ohne Weiteres auf den Schoß setzte, eine Gunstbezeugung, zu welcher gegen ihren Willen keine Macht der Erde sie gebracht hätte, und für die Dauer seiner Anwesenheit mich als nicht vorhanden betrachtete. Wenn sie aber wollte, war sie von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit, und in den langen Jahren unseres Zusammenseins hatte sie doch die meisten Stunden ihrer guten Laune für mich übrig. Dann blieb sie an meiner Seite, und wenn zehn Kater draußen im Mondschein ihre verlockenden Lieder anstimmten. Dann bereitete sie mir jene willkommenen Störungen der Arbeit, indem sie mit der zarten Pfote die Feder niederhielt und sich zwischen mich und das Papier drängte. Wie oft hat sie zugehört, wenn ich meine Predigten und Vorträge einstudierte, indem sie mit großen Augen jede meiner Bewegungen verfolgte. Wahrscheinlich hat sie sich dabei gedacht: Ist er schon übergeschnappt oder kommts noch? Denn wenn sie auch nichts gegen den Flug meiner Gedanken einzuwenden hatte, für Religion, für Ideale hatte sie kein Verständnis. Aber wenn sie, so ganz daheim fühlend, in meinen Armen lag, erzählte sie mir in der nur uns beiden verständlichen Sprache von den Promenaden in mondbeglänzter Zaubernacht, wenn der Baldrian duftet, wie sie die verliebten Katerjünglinge auf halsbrecherischem Wege hinaufgeführt, um sie auf dem Dachfirst mit Ohrfeigen zu traktieren, oder wie sie zierlich und sittig auf der Fenz saß, während in beiden Höfen die Helden um sie kämpften, daß die Haare davon flogen und vom Schlachtgeschrei die Menschen schaudernd in ihren Betten erwachten; wie sie so manchem mächtig beschnurrbarteten blonden Faust Gretchen und Helena zugleich war und manchen schwarzen Othello von der Eifersucht kuriert hat. Wenn sie dann einschlief, schnurrte es noch aus ihr in dem zufriedenen Ton des Weisen, der weiß, was er will: Man muß genießen und schlafen, um wieder genießen zu können. Post mortem nulla voluptas . – Von unserer Johnny hieß es auch wie von der Jungfrau in der heiligen Schrift, sie hat sieben etc. Männer gehabt, und der jetzt ihr Mann ist, ist nicht ihr Mann; und doch, Rätselhaftigkeit des Herzens! haßte und verachtete sie die Männer, stolz war sie nur auf ihre Kinder, und keine Madonna blickte holdseliger als diese Katze, wenn sie im Neste ihrer Neugeborenen halb verlegen, halb stolz eine Gratulation entgegennahm. Sie hat mir auch eine Tochter zurückgelassen, eine glänzendschwarze Melanie, eulenäugig, graziös wie ein junger Panther, aber was mir die Mutter war, kann die mir doch nicht sein. Zwölf Jahre sind für eine Katze, was fünfzig Jahre für eine Helena sind und hundert für eine Ninon Lenclos . In Orion flackerte noch einmal die ganze Lebenslust unsrer Johnny auf. Sie betrat die freie Natur zum erstenmal, als ob sie eine geborene Prinzessin derselben sei. Ihr Pelz glänzte, ihre Augen funkelten, aber die Zähne, dieses tadellose schimmernde Gebiß, fielen ihr aus. Von da an bemächtigte sich ihrer eine tiefe Melancholie, sie ahnte, daß auf das Genießen schließlich ein Schlaf folgen muß, aus dem man nicht mehr erwacht. Am Tage unsrer Rückkehr in die Stadt fand man sie in einem verborgenen Winkel am See tot liegen. Sie hat niemandem etwas vorgejammert, sie hat kein Mitleid verlangt; einsam und stolz ist sie gestorben, weil sie nicht mehr leben konnte in Unabhängigkeit und Vollkraft. Es war in ihrem Sinne gehandelt, wenn ich der Natur das Begräbnis überließ. So netzt sie denn der Wellenschaum, wenn er von Sturm auf den Strand geschleudert wird, und der Regen des Himmels strömt auf sie herab, und die Weiden decken sie mit welken Blättern zu. Ich warte, bis die Insektenwelt ihren Wintervorrat aus dem schwindenden Körper ergänzt hat, dann will ich mir ihr feines Schädelgebilde kommen lassen, es soll zwischen meinen Büchern stehen zum Gedächtnis eines Wesens, das den Adel der Natur besaß, das nie zu einer sklavischen Handlung sich erniedrigt, das nie gelogen hat, weil es immer nur seinem Willen folgte, seinem Wesen, seiner Laune in Liebe und Haß. Ruhe-Briefe Villa Weidenlaub, am Orionsee I. Und der Himmel ist im Wasser, Und die Freude ist auf Erden. Also noch einmal in der Welt, nach fünfzehn Monaten Zimmergefängnis, noch einmal im Besitz der Erde, und wäre sie schon tausendmal verteilt worden, noch einmal erfüllt von jenem überströmenden Gefühl, das uns die Jugend als Erbe hinterläßt: »Wie ist doch die Erde so schön, so schön! Es wissens die Vögelein, Sie haben so leichtes Gefieder Und singen so fröhliche Lieder In den blauen Himmel hinein. Und Maler und Dichter wissen es, Es wissens viel andre Leut, Und wers nicht malt, der singt es, Und wers nicht singt, dem klingt es Im Herzen voll lauter Freud.« Ich will mich ja gewiß nicht versündigen am Luginsland, ich werde mich ja doch wieder mit ihm befreunden müssen. Es hat ja auch eine Wiese, aber sie ist, was man so »stoob'g« nennt, und ein paar Baumgruppen, aber sie sind überall von Häusern und Stadtstraßen eingeengt. Und es ist ja auch ziemlich friedlich da, aber das Gerappel der Wagen und Straßenbahnen geht doch den ganzen Tag, und des Morgens mit dem ersten Sonnenstrahl hastet schon der Fluch der Arbeit mit den Blechkesseln nach den verschiedenen Kasernen, und wenn die Luft auch für eine große Stadt eine reine genannt werden darf, so wird sie doch manchmal von der schnöden Zichorienfabrik hinter dem Hause verpestet, und wenn sich nicht zuweilen ein Lüftchen her verirrt, liegt man auch wie ein Fisch auf dürrem Sand. Hier aber ... Ich muß diese Lebenswonne beschreiben; sollte sie mir jemand neiden, so möge er bedenken, daß die Schmerzen der Matratzengruft in ihrer ganzen Scheußlichkeit mir auch in dieses Paradies nachgefolgt sind. An den blauen Wassern lieg ich, goldnen Sonnenschein im Herzen. Der Lake Orion ist ein Becken, das ein den Menschen freundlicher Titan aus dem Felsengrund gehauen hat, dann füllte er es mit dem klarsten Wasser der Quellen, und um das Ganze hübscher und mannigfaltiger zu machen, setzte er kleine, waldgekrönte Inseln hinein. Das ist alles, das ist für mich meine Welt. Wasser und Bäume und die tausend Farben, welche die Sonne hinein zaubert, das ist der Reiz dieser Landschaft, ich aber bin mitten darin. Unsre Villa liegt nicht weit von der Landstraße und nicht weit von der Eisenbahn und doch so abgeschlossen wie auf einer grünen Insel. Intimen Besuchern rate ich, auf die Anmeldung am Frontportal durch den immerhin etwas steifen und zeremoniellen Butler – diese Leute sind nun einmal so – zu verzichten und sich lieber ums Haus herum durch den etwas verwilderten Garten zu schlängeln, um an der Hinterfront mit einem Schlag in die bisher verborgene strahlende Wasserwelt versetzt zu werden. Hier ist die säulengetragene Veranda, auf der ich meine Tage verträume, und auf die ich mir in warmen Nächten auch das Bett setzen lassen werde. Durch nichts als durch einen kleinen Grasfleck, auf dem die Kinder gerade drei Purzelbäume schlagen können, getrennt, liegt zu meinen Füßen der See. Man wohnt so in Venedig, aber die Lagunen stinken, wenn auch die begeisterten Italiafahrer selten das Faktum erwähnen, und das Fieber schwebt darüber, und ekelhaft schmutzig ist die Flut, welche die Marmorstufen beleckt. Hier aber schaukelt der Nachen am hölzernen Quai auf klarblauem Wasser, durch das du hinabsehen kannst, zwanzig, dreißig Fuß tief bis zum schimmernden Steingrund mit seinen wehenden Algen; und der frische Gesundheitshauch, den die Hügel einander über den See zusenden, erstirbt auch in der glühendsten Mittagshitze nicht. Über mir spreiten nicht Palmen ihre Kronen, es sind nur ganz gemeine hochstämmige, langästige amerikanische Weidenbäume mit ihren graugrünen Blättern. »Kühl weht das Weidenlaub von Babylon.« Aber meine Bäume wissen nichts von Babylon und nichts davon, daß Judas an einem ihrer Sippschaft sich gehenkt hat, und daß Ophelia und Desdemona sie besungen, sie sind so ohne Religion und ohne Gefühl eines historischen Zusammenhangs und ohne Wunsch wie meine Seele, wenn sie unter ihnen einschläft. Sind rechte Proletarierbäume, die an jedem Wasser wachsen. Doch schwingen und singen die Vögel darin, und wenn die Sonne des Mittags darauf scheint, glänzen die Blätter so grüngolden wie im Buchenwald, und des Nachts blinken die Sterne hindurch wie die Augen verschwiegener, verschämter Liebe. »Still liegen und einsam sich sonnen« ist auf diesem Fleck Erde wahrlich keine tapfere Kunst. Der absolute Friede liegt in der Luft. Wohl stöhnt und schnaubt und brüllt bisweilen die Eisenbahn hinter uns, es ist, wie wenn ein Untier im Vorüberbrausen sich ärgert, daß es den Frieden dieses Asyls nicht stören kann. Daß ich diese heilige Stille noch einmal erleben darf! nur Zwitschern und Locken von Singvögeln – endlich einmal keine Spatzen, sondern wirkliche Singvögel, zu denen ich freilich auch das lustig lärmende Gesindel der Robins, Blackbirds, Catbirds und Schwalben rechne – und das leise Glucksen der Wellchen, die am Strande spielen. Hier muß die Seele gesunden, das kann kein Siechtum des Leibes verhindern. Wieder einmal die Natur schauen dürfen, wie sie beim ersten Morgengrauen ihre Hüllen wegwirft, in schimmernder Mittagsglut nackt ihre Arme nach uns ausbreitet, bis sie aus des Abends Schleiern verschämt an unseren sehnenden Busen sinkt! Wieder die Sonne begleiten dürfen auf ihrem feurigen Ritt und des Nachts mit den Sternen Zwiesprache halten! Und das alles, wonach so mancher arme Teufel aus dem feurigen Ofen eines sklavischen Daseins vergebens sich sehnt, mir geschenkt durch die Güte einiger Freunde, nein durch den prometheischen Funken, der sie mir zu Freunden gemacht, und den zu schüren und weiter zu tragen mir ein Gott verliehen. Ich bin dankbar; dankbar sein können, heißt glücklich sein. Eben braust die Eisenbahn wieder vorbei, das Untier pfeift so vorwurfsvoll, als ob es wüßte, daß ich es doch für ein unfreundliches Biest halte. Es soll mir ja die Besucher bringen; denn alles zu seiner Zeit, nicht ganz der Einsamkeit ist die Villa Weidenlaub geweiht. Hier möchte ich vielmehr alle Freunde haben, mit denen ich einmal eine schöne Stunde verlebt und Euch alle, die ihr einmal Braut meiner Seele wäret (Alle? das Echo in diesem Friedensparadies antwortet: Alle!), alle Musik, die ich gehört, und allen guten Wein, den ich schon getrunken (ein trefflicher Keller steht uns zur Verfügung, aber leider ...). Hier klingt alles köstlich, von einer Regimentsmusik oder einem Männerchor, die von der gegenüberliegenden Insel das Echo wecken könnten, bis zu dem Lebe! liebe! in einer engeren Gesellschaft oder dem Zitherklang auf der Veranda. Wenn du ein guter Sänger bist, so kannst du hier mit derselben Begeisterung »Santa Lucia« singen wie am Golf von Neapel oder auf dem Genfersee, wenn du aber nur einen Dudelsack in der Kehle hast, so fährst du ein Stück auf den See hinaus, bis das nächste Vorgebirg dich verdeckt, dann klingt auch das schön. Bist du aber so ein Glücklicher, der jenen Inbegriff von Musik und Wein, ein Liebchen, sein eigen nennt; so bringe du es erst recht mit; alle Heineschen Verse werden dir hier einfallen, und süßer als der Sang der Nachtigallen ist das Geflüster Liebender auch unter Weidenbäumen. – Nicht vergessen soll werden, daß hier auch alles gut schmeckt, was hier herum wächst und gebacken und geschlachtet wird; der unüberwindliche Appetit der Kinder bezeugt es, und meine immer noch eheliche Gattin blüht wie eine Pfingstrose. – Ich habe also dem Dampf-Leviathan schleunigst Abbitte getan und werde ihn jeweils mit dem Gedanken begrüßen: Ob er wohl etwas Liebes mitbringt? Nur eins darf man von mir nicht erwarten: Viel schreiben. Um Briefe der Ruhe schreiben zu können, muß man Ruhe haben, und wenn man zuviel Zeit hat, hat man nie Zeit genug. Für heute resp. für die Woche ists schon genug. Eben sinkt die Sonne Homers, ich eile, ihre letzten Küsse zu empfangen. II. Wir haben einen Sonnenuntergang erlebt, wie man ihn hier fast ohne Ausnahme in wechselnder Pracht genießen kann. Als die Himmelskönigin samt der lodernden Feuerburg ihrer Wolken wie Sardanapal untergegangen war, und nur noch Rosenwölkchen im Zenith den kurzen Triumph des Leichtsinns über das Tragische zu feiern schienen, erglänzte das Wasser in der Seebucht vor mir in jenem schimmernden Gold, das man mit Makarts Katharina Cornaro immer im Gedächtnis behalten wird. Zog ein Schifflein hindurch, so ließ es hinter sich einen breiten tiefblauen Streifen, über den allmählich die goldnen Wogen sich wieder schlossen. Drüben unter den Uferbäumen noch Tiefgrün; aber nicht lockend wie am Morgen oder in der Mittagsglut, nixenhaft ladend zum Bade, sondern wie eine düstere Wahrsagerin unter Trauerweiden das Ende der schimmernden Herrlichkeit verkündend. Fern hinaus in der weiten Fläche violette Tinten, in die Nacht sich verlierend. Dann geht ein Hauch über das Wasser, die goldene Herrlichkeit verblutet in trübem Rot. Als der Neumond schüchtern herauflugte, traf er eine unruhige, schwarze Fläche, die kaum sein Licht widerspiegelte, und er verschwand ohnmächtig hinter den Wolken, die auf einmal da waren wie die Geier, die auf einen sterbenden Helden sich senken, wie ein Vorhang, der sausend vor alles Licht fährt und uns allein läßt in der Finsternis. Und was jetzt um mich starrt wie eine Mauer, ohne Ruderschlag, ohne den Nachtgesang eines Menschen oder Vogels, das ist die Johannisnacht! O wo seid ihr, Lichter des Himmels, und ihr Milliarden Leuchtwürmchen, Lichter der sommerbrünstigen Erde? Einst schimmerten sie in den gelösten Haaren der Geliebten, und der Glanz der Sterne verklärte ihr liebes bleiches Gesicht! Von den Bergen stiegen die Feuergarben und das Jauchzen der Menschen, und wir umschlangen uns, als ob uns kein Tag mehr trennen könnte. Aber Titania ist tot. Verlassen und verwirrt stürzen sich ihre geflügelten Trabanten in das Fatum meines Lampenlichtes und verzappeln ihr Leben auf meinem Haupt, auf meiner Brust. Das ist ein Totentanz ohne Musik, ein stiller, schauerlicher; das ist eine Johannisnacht, die dich am Morgen verzweifeln läßt. III. Aber es kam doch ein Morgen, frisch im Tau wie ein Jüngling, der vom Gebirge steigt, und ich sprach zu meiner Seele: Einst hast du die Sonnenwende in den Nächten begrüßt mit lohenden Holzstößen und liebeflammendem Herzen, wenn aber die Sonne selber hinter den Bergen emporstieg, so lagst du und schliefst; nun, da du für immer im Tale wohnst und unter einem Himmel, der weit und breit ist wie das Meer, erlebst du den ersten Lichtschein und seufzest oder jauchzest wie das Nilpferd, von welchem der Naturforscher Brehm, in Frack und weißen Glacé von Afrika erzählend, behauptete, es begrüße jeden Morgen mit sanftem Gerohre oder wildem Gebrüll den Schöpfer der Welt. Wenn die Geschöpfe am Orionsee auch ihren Schöpfer begrüßen, so sind sie gewiß am frühesten daran von allen Lebewesen. Die stille, heilige Nacht währt nur bis zwei Uhr, gleich darauf geht ein Vogelgezeter los, das unter Umständen eine schläfrige, mißgestimmte Seele tief empören kann. Es ist da namentlich ein geflügelter Spektakelmacher, der den Ton angibt; für den Kerl beschränkt sich die Schlafenszeit auf die Dunkelheit von 11 bis 2 Uhr. Über seine Herkunft ist unsre ornithologische Familie im Unklaren; während die Gattin behauptet, es sei ein Blackbird, der an Landeskenntnis rasch sich bereichernde Sohn ihn Robin nennt, versteigt sich Arthur dazu, einen Pirol in ihm zu vermuten. Jedenfalls gehört er nicht zum Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben, sondern zu den Dichtern, die es verkünden müssen allen, welch Glück vom Himmel ihnen gefallen; denn was er unablässig vom Rande seines Nestes und von den benachbarten Baumwipfeln zwitschert und flötet, bedeutet in unsrer Sprache: »Ich bin der Vater!« In meinem rachsüchtigen Gemüt meine ich immer, Madame Vogel müßte sich ihre eigenen Gedanken über den Prahlhans machen. – Gegen vier Uhr läßt er und das Korps, das er dirigiert, etwas nach, wahrscheinlich ist es die erste Frühstückspause, und zartere Töne kommen zur Geltung. Es ist da namentlich ein süßes Stimmchen, das über die Seebucht einen sehnsüchtigen Ruf ergehen läßt, der sich anhört wie: O sweet, come sweetee! Ich bin überzeugt, daß dieser Musjeh schon längst eine zahlreiche Familie hat und daß die Sehnsucht, die sich in seinem Sang ausspricht, auf die schöne vergangene Zeit der jungen Liebe sich bezieht. – Zu den liebsten Stimmen des dämmernden Tages gehörte mir der Ruf einer Eule, er klang in langen und wohlabgemessenen Zwischenräumen wie Guggu, und dann in tieferer Lage wiederholt Guggu, Gugguu! Diese Molltöne hatten etwas ungemein Beruhigendes; es klang wie das gute Gewissen nach einer angenehmen und nützlich verbrachten Nacht, und man sah ordentlich, wie der Vogel sich dabei mit der rechten Pfote behaglich über den Magen strich. Herr oder Madame Eule war Einsiedler, ich habe nie eine Antwortstimme gehört, und jetzt ist leider das niedliche Guggu verstummt. Ist er oder sie der Alles hinraffenden Dummheit zum Opfer gefallen – der Präkonsul dieses Gemeinwesens hat die Eulen als schädliche Tiere für vogelfrei erklärt! – oder fortgezogen, weil ihm der Gesang nicht gefiel, den wir in einer schönen Nacht auf der Veranda der Villa Weidenlaub losließen? Unterdessen haben schon einige Hähne gekräht, nur pro forma und nicht mit der richtigen Begeisterung, weil sie sich bewußt sind, daß hier andere Leute viel früher aufstehen, im Gegenteil, beim Hähnekrähen pflegt man gewöhnlich wieder im stiller gewordenen kühlen Morgen einzuschlafen. Da erhebt sich auf dem Grasfleck am nun schon aufblitzenden Wasser ein solches Gekreisch, Gekrächz, Gezänk, Gezeter, als ob hundert Mönche mit hundert Rabbinern disputierten, es sind die Schwarzvögel, die sich um die Überbleibsel unseres gestrigen Abendmahles streiten. Es dauert aber nicht lange, hoch oben im Weidenbaum erschallt ein Warnungspfiff, und mit Geknatter und Gesause verschwindet die ganze Gesellschaft im Gehölz – mit hochgehobenen Pfötchen und funkelnden Augen, jede Sehne zu zitternder Straffheit gespannt, schleicht die Katze durch die tauschweren Kleeblüten. So wie sie mich sieht, ist alle Jagdlust blitzschnell aus Augen und Haltung verschwunden, sie scheint ganz versunken, mir den Rücken zukehrend, in den Anblick der Morgenpracht, durch ein leises Zucken der Ohren deutet sie dezent die Überraschung an, die sie bei meinem Anruf empfinden sollte, und indem sie mir ein Gesichtchen zudreht, in welchem die Augen noch halb im Banne des Schlafes zu stehen scheinen, spricht sie mir durch jenen neckischen, unendlich lieben Triller, den nur die Katzensprache kennt, ihre Verwunderung aus, daß ich auch schon wach sei. Alte Katze, altes Hausmöbel der Stadt, Vermächtnis jener guten Tante, die in ihrem umfangreichen Busen auch für diesen verleumdeten, verhetzten armen Teufel ein Plätzchen übrig hatte, das hast du dir auch nicht träumen lassen, daß du noch einmal Freinacht und Freijagd erleben solltest, wie sie der Komponist des Rodensteinschen wilden Heeres nicht besser sich träumen lassen konnte, kontemplative Sonnung wie Hiddigeigei im Schloßgarten am Rhein, und – die Liebe, im Sonnenschein coming through the rye, nächtlich am Kreuzweg, wo der Tanzboden mit Baldrian bestreut ist und der Mond der Kronleuchter ist! O, man kann in anständiger Gesellschaft kaum davon reden, diese hochbetagte Katzendame, die ihr Leben nur unter dem ausschließlichen Einfluß gelehrter und schöngeistiger Kreise hingebracht, die an den Rätseln des Daseins schon die Zähne sich ausgebissen und zu allem noch in ihrer Witwenschaft eine Familie von drei unerzogenen Kindern mit gebracht hat – schon in der zweiten Nacht ihres Hierseins hat sie mit einem grasgrünen, nein schneeweißen, allerdings wohlhabenden Katzenjüngling vom Lande, der ihr Erzuronkel sein könnte, ein skandalöses Verhältnis angeknüpft, das vermutlich nicht ohne Folgen bleiben wird! Ein Glück, daß die unschuldigen Kleinen (Miezchen, Melanie und Peter), die fröhlich wie Tigerchen in der Freiheit heranwachsen, nicht wissen, warum das Lager der Mutter in so mancher Nacht kaum warm wird. Wenn du zu mir kommst, erlaube ich dir, daß du alle diese Nacht- und Morgengeschichten verschläfst. Es schläft sich süß in dieser Kühle. Du kannst dich noch genug laben, wenn die Sonne über dem Wasser rings um meine Burg hoch steht. Weithin flimmerts und glitzerts; wenn du aber in die dämonische Schönheit des Wassers dich versenken willst, so wirf dich unter meinen Weiden und Erlen ins Gras und blicke in die grünen, geheimnisvollen Spiegel; denn, Goethe zum Trotz, ist es nicht das »feuchtverklärte Blau«, das dem Fischer zum Verhängnis wird, sondern das Grün, in welchem du Himmel und Bäume und dein eigen Antlitz widerspiegelt siehst und aus dessen unergründlichem Dämmer das feuchte Weib heraufsteigt. Seele des Weibes, wie gleichst du dem Wasser! Und doch seid ihr alle Narcissus, ihr sehnend Hinabblickenden! ihr sucht ja doch nur euer eigenes, schöneres Gesicht, euer besseres, verklärtes Selbst. Kühlung deiner kampfheißen Stirn, Friede deinem hochklopfenden Herzen, lockt es aus der Tiefe, und du sinkst in die schmeichelnden, buhlenden Wogen. Und wenn »Du auftauchst vom Grunde – So bist du müde und alt, – So still ists rings in der Runde – Und über die Wasser wehts kalt«. Wohl dir, wenn dir der Himmel zur Warnung ein Zweiglein in die klare, grüne Fläche fallen läßt, jetzt runzelt sich alles zusammen, der Unfriede zittert in tausendfach gebrochenen Blitzen, und das ideale Angesicht, die Harmonie der Schönheit, die deine Seele sucht, grinst dir entgegen von Hohn und Haß verzerrt, schlangenumringelt, ein Medusenhaupt. Ich weiß aber, wie der Kühne sich und seine Freudigkeit rettet und das Rätsel löst. Er reißt die Kleider vom Leibe, die lächerlichen Schranken, die niederziehenden Rücksichten, er springt kühn wie ein Frosch in die geheimnisvolle Flut und taucht wieder hervor wie ein schaumgeborener Gott. Mit den Armen umschlingt er und zerteilt er den trügerischen Zauber, in Wollust zwingt er und bannt er den Dämon, und aus Friede und Unfriede bringt der Siegende die blühende Prinzessin Gesundheit ans Sonnenlicht. IV. Oft wenn ich die Wasserfläche vor mir betrachte, im geheimnisvollen Grün des Morgens, im Rot und Gold der untergehenden Sonne, oder wenn die Nacht ihr Mondesantlitz in den dunkeln Wellen kühlt, oft erfaßt mich eine heiße Sehnsucht, einen nackten Menschenleib emportauchen zu sehen. Es brauchte kein feuchtes Weib zu sein, nur eines Menschen Sohn, der schwimmen und tauchen kann. Die Poesie der Griechen hat nicht umsonst alle Gewässer mit menschenähnlichen Gestalten gefüllt. Selbst der Geist Gottes fühlte sich einsam, als er über den Wassern schwebte, und er hatte keine Ruhe, bis er mit Wesen spielen konnte, in denen er sich selber wiederzufinden glaubte. – Soweit hatte ich morgens geschrieben, der Abend brachte mir Erfüllung meines Wunsches, Orioniten und Sommerfrischler erhuben auf einmal ein Plätschern im Wasser, als ob die Heidenzeit angebrochen sei, und wehmütig klang von ferne in ihr Jauchzen das Läuten des Betzeitglöckleins. In den feinen Badeorten freut sich der Zuschauer der knappen Badeanzüge, viel empfehlenswerter (für den stillen Beobachter nämlich) ist der Gebrauch jener langen Nachthemden, die schon jeder Liebende verflucht, und der sog. Wrappers im Bade, sie vermitteln Ansichten, wie sie nicht einmal Böcklin malen dürfte. Dabei ist mir denn wieder einmal eingefallen, wie die getrennte Erziehung der Geschlechter, die Scheu, ja der Abscheu vor dem Nackten, der den Kindern förmlich aufgezwungen wird, den Fluch heraufbeschwören, der unserm späteren Liebesleben den Stempel der Lüsternheit aufprägt, und daß es diese Lüsternheit ist, welche unsre moralischen Dichter als den keuschen Zauber des süßen Unbekannten in Töne setzen und für welche die Ritter der staatserhaltenden Sittlichkeit ihre Lanzen einlegen. In den Tagen meiner Knabenzeit, da schon der Jüngling in mir erwachte und die Wogen dieser Lüsternheit mir überm Kopfe zusammenzuschlagen drohten, war es die Göttin Gelegenheit, die meiner Phantasie die nötigen frischen Bäder verabreichte. Es war die Zeit, da man Tag und Nacht nach dem entschleierten Geheimnis des weiblichen Leibes sich sehnt, und doch seiner Geliebten und Angedichteten die Gemeinheit der Nacktheit nicht einmal in Gedanken zuzutrauen wagt. Wir wohnten in einem großen Hause, das in Form eines halben Quadrats gebaut war. Von dem Fenster meiner Bude im obersten Stock des einen Flügels sah ich, hinterm Vorhang versteckt, direkt in das Zimmer des andern Flügels, in welchem vier liebliche Töchter, im Alter von 10 bis 16 Jahren, des Morgens die Sonne begrüßten, nackt und weiß aus Decken und Nachtgewändern sich schälten, Kämpfe und Spiele junger Najaden führten, wie sie das Auge Vater Homers gesehen, und mit rosigen Leibern dem Bade entstiegen. Wie oft habe ich die Psychegestalt der Ältesten gesehen, mir zugewandt, mit den Augen in die Sonne blinzelnd, die Arme über das blonde Köpfchen erhoben, wohlig sich reckend und streckend, unbewußt ihrer Schönheit, aber im Gefühl der Jugend und Gesundheit, indes die schimmernden Wassertropfen ihr aus dem Haar über den jungen Busen rannen. Das war allerdings eine Offenbarung, wie sie mir alte und neue Klassiker nicht bieten konnten, und die mich doch zurückführte auf das Schönste, was ich gelesen. Und – wunderbar! jene dunkle Glut der Lüsternheit, die Ausgeburt der Nacht und der Unwissenheit, erlosch in mir, ich fühlte mich dankbar und glücklich und frei. Oft traf ich mit dem schönen Mädchen auf dem Gange nach der Schule zusammen, aber nie hat mich in ihrer Gesellschaft ein gemeiner Gedanke gestört. Nur Sonnenschein war zwischen uns. Ich habe auch nie an sie eines jener Jammergedichte gemacht, mit denen man die eigene Sinnlichkeit zu belügen sucht. Das Unbewußte, das Unbekannte, das Geheimnisvolle – hier sind die Wurzeln der Religion, hier haust der Dämon, der uns aus dem Natürlichsten selber die Geißel des Unnatürlichen zusammendreht. Ich glaube gern an die Keuschheit der Germanen, von denen Tacitus erzählt, Knaben und Mädchen badeten täglich zusammen, und der wahnsinnige Badeanzug und die Badehose waren noch nicht erfunden. Trotz manchen lieben Besuches hatten wir doch im Ganzen in den letzten zwei Wochen eine trübe Zeit. Man fühlt sich auf dem Lande mitleidend, wenn die Grundbedingungen zum Wachstum der Nahrung wie mit göttlicher Bosheit durch die Natur vorenthalten werden; man fühlt das Wetter ganz anders als in der Stadt. Kein richtiges Grün, kein Blau, immer grau der Himmel, trotz sausender Winde kein Wolkenjagen, und Abend für Abend versank die rote Sonne wie eine Schusterkugel, die in einen Sack plumpst. Aber der Orionsee hat auch so was wie ein Urner Loch, wenns da herausbläst, müssen schleunigst Türen und Fenster geschlossen werden. Es kam diese Nacht ein Sturm, daß es mich ordentlich im Bett aufhob, und ein prachtvoller Regen auf die dürre Landschaft. Leider heißts auch hier wie in jedem richtigen Zecherlied: Es gibt wohl manchmal zu viel, aber nie genug. V. Es gibt so kühle, dunkle Nächte am See. Ich wache auf und ein süßer Duft wogt mit der Kühle über mein Bett. Es ist, als ob eben die Nixen auf meiner Veranda getanzt hätten, mit Seerosen bekränzt. O ihr weißen Blumen! wie ich euch geliebt habe als Knabe, wenn ich am Waldweiher lag und aus euern Blütenkelchen die ganze deutsche Märchenpracht emporstieg. Noch jetzt, wenn sie mir sie bringen, herausgerissen aus ihrer geheimnisvollen Tiefe, mit müde hängenden Köpfen, blicken sie mich an wie meine grausam entwurzelten, verschmachtenden Jugendträume. Ein Weib war einmal einem Manne die Sonne, und für sie tauchten aus der Tiefe seiner Seele die weißen und goldnen Rosen herauf. Da neigte sie sich wie liebend zu ihm herab und riß sie ihm alle lächelnd aus der Seele und machte einen Kranz daraus für ihr Haupt. Aber in wenig Minuten waren die Blumen welk, und nun lag der Kranz verdorrt und zertreten im Staub der Straße. Ich wache auf, eine Grille beginnt zu zirpen, nur wenige Takte, dann verstummt sie wieder wie erschrocken in der großen Stille. Das war aber nicht wie der Gesang des Heimchens, den uns der englische Romancier erst recht herzensnah gebracht hat, das war wie das Seufzen einer ganz einsamen Seele, die in der Nacht erwacht und aus der dunkeln Stille ohne Antwort wieder in den Traum zurück sich sehnt. * Letzte Woche hatten wir Zuwachs unsrer Seebewohner bekommen, einige Studenten von Ann Arbor und ein Gänserich, den sich meine Nachbarin zulegte. Die Studenten sind wieder fort, schöne Augen mögen ihnen nachgeweint haben, der Gänserich ist zu meiner Freude stationär geworden. Die Studenten ruderten viel und ließen fortwährend – singen konnten sie nicht – jenes unmöglichste, unsinnigste, aufs Tiermenschliche zurückgehende Geräusch los, den College Yell. Ich ärgerte mich nicht darüber, es ergötzte mich sogar. Wenn nur irgendwie, und sei es noch so formlos und unschön, das Gefühl jugendlicher Unabhängigkeit zur Geltung kommt! Mein Gänserich blieb ihnen aber nie die Antwort schuldig. Das ist ein Prachtkerl, der Monarch des ganzen Sees, und weil er Niemanden seinesgleichen zu tyrannisieren hat – im ganzen Bezirk gibt es merkwürdigerweise keine zahmen Gänse oder Enten – so gebärdet er sich, als ob Land und Wasser und Menschen ihm untertan seien. Eben hat er sich noch in der Bucht zu meinen Füßen gepuddelt, und gleich darauf ertönt von der fernsten Insel sein Triumphgeschrei; mitternächtig erhebt dieser Erzbummler vom See seinen Ruf, als ob ein Kapitol zu erobern wäre. Er sieht ordentlich wie ein Schwan aus, wenn er durch das blaue Wasser rudert, und ich glaube, er hält sich auch für einen und das entschädigt ihn für die Einsamkeit und den unbefriedigten Drang seines Herzens. Nur vor einer hat er Respekt, vor unsrer gebildeten alten Katze. Als er an unsrem Grasplatz landete, entstand sofort ein Duell ohne Binden und Bandagen, welches mit seinem Rückzuge, allerdings nicht ohne Würde ausgeführt, endete. Madame Jeanette hat Familie, und wenn sie auch selber außerhalb unseres Bezirkes in der Wahl ihres Umganges nicht die wünschenswerte Vorsicht zeigt, im Hauskreis, als Umgang ihrer Töchter, duldet sie nicht einmal einen fremden Kater, geschweige denn einen Gänserich. Aber die Tage und Nächte des Herbstes werden kommen, wenn hoch oben in der Luft der Schrei der freien Gänse ertönt, die nach Süden ziehen; dann wird in der Brust meines armen Gänserichs ein nie gekanntes Sehnen erwachen, und er wird die Flügel breiten und auffliegen und ohnmächtig zurücksinken. Der unzerreißbare Faden ist an seinem Fuß befestigt, die Unkraft der Zivilisation ist ihm schon eingeboren; und ist seine Domäne noch so groß, er ist und bleibt ein Haustier und kann nur Jammertöne nachsenden seinen wilden Vettern, die ihrem Naturdrang folgen und in Nord und Süd ihr Vaterland haben. Da ich nun doch einmal ins Tierreich geraten bin, will ich noch hinzufügen, daß die schlimmsten Feinde meines Daseins, die Fliegen, mich auch hier gefunden haben. Kein Wunder, daß die Ruhebriefe so spärlich ausfallen! Ich glaube mich noch zu erinnern, wie mir diese Bestien auf der Nase spazierten, als ich noch eingebüschelt in der Wiege lag und die Gefühlsnerven nach und nach ins Bewußtsein traten; ganz gewiß weiß ich, daß sie mich in den Schulstunden zur Tierquälerei verführten, das einzige Biest, das diese Bestialität in mir weckte, und daß sie mir den höchsten Genuß der Kirchweih (Kirmes, Kerwe), den Zwetschgenkuchen, verekelten. Das liebe Tierchen befindet sich auch in der Wüste Sahara und im Hochgebirg des Himalaya, wenn das ein Trost ist. Es findet sich auch hier und zwar bei Tag und bei Nacht und erfreut sich noch einer besonderen Abhärtung. Orion ist nämlich eine windige Gegend, wenigstens diesen Sommer hat uns das fortwährende Blasen manchen schönen Tag ungenießbar gemacht; das treibt wenigstens die Fliegen weg, sollte man denken, ja prost die Mahlzeit! Das scheint gerade ihr Lieblingswetter zu sein. Ordentlich wo's Wetter richtig weht, setzen sie sich hin und lassen sich den Hobel ausblasen. Ich sage: Ich verachte die Wissenschaft samt der Technik, die aus Einöden Paradiese macht, so lange sie uns nicht gegen diese Bestien schützen kann. Damit es nicht an Abwechslung fehle, tanzen im letzten Abendscheine die Mosquitos an. Sie haben mich wacker angezapft, aber zu einer rechten Feindseligkeit kann ich es doch nicht bringen. Sie fressen nicht, sie kneipen, sie besudeln nicht, wo sie genießen; sie wissen so schön ihre Zeit zu wahren. In der Nachmittagssonne führen sie für mich graziöse Tänze auf und werfen mir gewiß verliebte Seitenblicke zu: »Und heute Nacht ...« Ja wenn ich nur meine Freude dran haben könnte! Ums Blut wärs mir nicht leid, aber als Bezahlung lassen sie ein Tröpflein Gift! Hier neige ich mich wieder bewundernd vor der Naturwissenschaft, sie erklärt doch Vieles. Es sind nur die Weibchen unter den Mosquitos, die stechen. Es heißt also wieder: Schweigen und Leiden. V. Jeden Morgen fliegt ein Vogel mit kläglichem Geschrei über den See. Das klingt wie Ahnung des Abschieds. Und wie um mir den kommenden Abschied recht schwer zu machen, zeigt sich in diesen ersten Herbsttagen der See oft in seiner schönsten Beleuchtung. Heute liegt der Schatten großer, weißer Wolken auf den dichter mit Bäumen bestandenen Inseln, so daß man sich wohl einbilden kann, dunkler Urwald schließe ihn ein, wie einst, als des roten Mannes Canoe um die scharf abgeschnittenen Landzungen herumschoß. Zwischen den Inseln hindurch blickt man in grünes, sonniges Land, und ganz in der Ferne schließt ein blauer Höhenzug, der mir heute zum erstenmal sichtbar ist, die Landschaft ab. Das Wasser schimmert in Myriaden Silbersternen, ein einsamer Nachen zieht eine tiefgrüne Furche hindurch, und mit dem Rauschen des Windes dringt das Geschrei badender Kinder an mein Ohr, deren weiße Körper ab und zu zwischen dem Weidenlaub des Ufers aufleuchten. Es gilt den Frieden dieser Stunde festzuhalten für trübe Tage und schmerzzerrissene Winternächte. Wie die Wellen einlullend ans Ufer schlagen, erinnere ich mich des Sturmes, den wir letzte Woche hatten. Wenn man an einen Sturm auf einem Alpensee oder gar auf einem unsrer amerikanischen Ungeheuer denkt, wars freilich nur ein Sturm im Teekessel. Aber von meinem Fenster aus gesehen, machte der Sturm im Teekessel seine Sache so gut, daß das Gefühl der Ehrfurcht, das Heinzen wegen des theologischen Beigeschmackes aus der Liste der Begriffe ausgestrichen wünschte, sich unwillkürlich ins Herz schlich. Es war ein stilles Gewitter ohne Donner, und die fernen Blitze machten sich nur durch die gelbe Färbung der schwarzen Wolkenwand bemerklich, die schließlich alles verschlang, die Ufer und den See mit seinen zornigen, weißen Gischt schäumenden Wogenwölfen. Grausige Finsternis am hellen Tage, erfüllt von dem unheimlichen, das Mark durchschneidenden Sausen des Sturmes, eine Ouvertüre zur großen Oper des jüngsten Gerichtes. Nur die hohen, sonst so breit im Sonnenschein sich ausladenden Weiden wurden bisweilen sichtbar. Aber das waren Gespensterbäume wie in den Skizzen von Doré; das Laub schien grau und eingeschrumpft, und gerade in die Höhe standen die Äste wie Arme, die verzweifelnd vom Himmel Rettung erflehten. Langsam kam wieder Licht in das Chaos, aber lauter, triumphierend, das Herz mit sich fortreißend, klang der Gesang des Sturmes. Ein großes Raupennest, das, hoch oben am Baume gesponnen, mich schon lange geärgert hatte, wurde samt dem Aste, an dem es saß, hoch in die Luft gewirbelt und weit hinaus in die wütende Wasserfläche geschleudert. Wann kommt der Sturm, der die unerreichbar hohen Nester aller menschlichen Schmach und allen menschlichen Elends mit fortreißt und die Brut ertränkt in der sühnenden Flut?! Aber zu so alttestamentlicher Leidenschaft, deren ich mich nicht schämen werde, solange auf hohem Roß das Schlechte trabt und das Kindliche in mir noch mit einem Gran Kindischem versetzt ist, findet man an einem so friedlichen See selten Veranlassung. Alles, was nach den Zeitungen zu urteilen, die Menschen da draußen interessiert, kommt einem so klein, so fremd vor, selbst die Liebe verliert das Selbstzerfleischende und begnügt sich schließlich mit dem angenehmen Gefühl, daß irgendwo jemand freundlich unsrer gedenkt, und immer mehr geht unser ganzes Fühlen und Denken in den beiden unendlichen Themen auf: die Natur und unser eigenes Seelenleben. Darum muß man hier, wenn man nicht in dem Blödsinn populärer Romanliteratur Schlaf sucht, Thoreau lesen oder Friedrich Nietzsche oder beide, denn groß ist die innere Verwandtschaft des Deutschen mit dem Amerikaner. War es Thoreau oder Nietzsche, der einem seiner Werke das Motto vorgesetzt hat: »Ich beabsichtige keineswegs eine Ode an die Niedergeschlagenheit zu dichten, sondern ich will von meinem hohen Sitz so herzhaft prahlen wie der Herold des Morgens, und wäre es auch nur um die Nachbarn aufzuwecken« –? Ein Gefühl tiefer Beschämung wird uns freilich nicht erspart, wenn wir an der innigen Vertrautheit Thoreaus mit seinem » Walden Pond « merken, wie lose unser Zusammenhang mit der Natur ist, wie wüst der Abgrund, der uns von dem trennt, was unser eigenstes Leben sein sollte. Aber ich fühle doch, daß mit den Bekenntnissen dieses unabhängigsten aller Sterblichen, der es für reichliche Ausfüllung eines Sommers hielt, auf den Hügeln umher zu wandern, Beeren zu pflücken und mit Eidechsen und Feldmäusen Zwiesprache zu halten, auch die frische Luft, die über den See streicht, und der Samtschein, der vom Wasser in tausend Farben wiedergeboren wird, in meine Seele eingezogen sind. Man muß mit Thoreau die Erfahrung gemacht haben, daß es besser ist, allein zu reisen, weil man dann zu jeder Zeit aufbrechen kann, um nicht in der Einsamkeit Nietzsches bange zu werden.