Joseph Christian von Zedlitz Herr und Sklave Trauerspiel in zwei Aufzügen. 1834 Personen. Don Arias. Donna Flora , seine Gemahlin. Ihr Kind. Der Castellan. Diego , ein Diener. Said , ein Sklave. Gefolge. Diener. Erster Aufzug. Vorhof eines Landhauses. Früher Morgen. Erster Auftritt. Said sitzt auf einem Stein und schlummert. Der Castellan tritt auf. Castellan. Ja, fürwahr! noch Alles leer Hier im Vorhof! Niemand wach! Träg ist dieses Volk der Knechte; Nur im Schlafe ist ihm wohl. – Wie? – Und auch der Wächter schläft? – Wächter! Said. Wie – wer ruft? – Ja so! Castellan. Ja, wer ruft? Elender Sklave! Statt, daß du zu ihrer Pflicht Solltest andre Diener wecken, Muß empor dich meine Stimme Selbst erst aus der Trägheit schrecken. (Geht ab.) Zweiter Auftritt. Said (allein). Ruhig, Herz! Geduld, Geduld! Murre nicht, wenn das Geschick, Das in frühen Jugendtagen Freude dir gezeigt und Glück, Dich nun solches Joch läßt tragen, Dir mit dieser groben Hülle Kaum die nackte Blöße deckt, Einem rauhen, strengen Mann Eigen gab und unterthan, Ja, von dem, der selbst ein Knecht, Läss'st mißhandeln wider Recht! – Senkt, von diesem Kleid gewendet, Sich der Blick in meine Brust, Darf ich muthig zu mir sagen: Herz, mein Herz! du darfst nicht zagen; Trag' ich Unglück doch, nicht Schuld! Und ein frei Gewissen schafft Auch dem Tiefgedrückten Kraft, Und ein Tag, des Lebens letzter, Kommt, der alle Leiden endet. Dritter Auftritt. Said. Der Castellan mit mehreren Dienern, jagdmäßig gekleidet. Castellan. Seht, wie hoch die Sonne steht! Fängt bei euch der Tag jetzt an? Ein Diener. Nun, laßt's gut seyn, Castellan; Noch ist nichts versäumt. Castellan. Befahl Nicht der Herr, daß zu der Jagd Mit dem ersten Morgenstrahl Alles sollt' bereitet seyn? – Und du, dank' es deinem Glücke, Daß auf andre Weis' ich nicht Dich emporgerüttelt! Seht! – Heißt das auch bei dir gewacht? Said. Ich war wach die ganze Nacht, Und nur, als es schon getagt, Fielen mir die Augen zu. Castellan. Zu der Arbeit, nicht zur Ruh' Hält man dich! Said. Ach! schwächer ist, Ihr habt Recht, der Körper, leider, Als die Seele! – Hat ihn Tags der Arbeit Mühe, Kalt' und Wind in langer Nacht, Endlich matt und starr gemacht, Willenlos, auf harten Stein Sinkt er hin und schlummert ein; Doch die stärkre Seele wacht, Und im Traume noch zumal Fühlt sie des durchfrohnten Tages, Der durchwachten Nächte Qual. Castellan. Wie die Reden vornehm klingen! Seele – Qual! – Was soll das heißen? Du hast mehr als du verdienst. – Wirst du nicht genährt, gekleidet? Was braucht so ein Schurke mehr? Ei, wer bist du denn? laß hören! Warst vielleicht ein großer Herr Dort bei deinem Heidenvolke; Bist zur Arbeit viel zu zart; Viel zu vornehm? Said. O, verspart Dem, der durch das Schicksal leidet, Euern Spott! – Wer weiß, ob nicht, Um gedoppelt mich zu höhnen, Euer Mund die Wahrheit spricht. Castellan. Richtig. So wie ich gesagt! Wenn man sich nur recht versteht. Jetzt begreif' ich! – Warst ein Prinz! Hu! ein Herr von Land und Leuten! Said. Ich war glücklich – braucht es mehr? Und wohin mein Auge blickte, Sah ich Menschen, die mich liebten! – Ich war arm; doch wenn die Sonne Rosig sich erhob in Osten, Ich hinaus ins Freie trat, In den Hain, von Balsam triefend, In das duftdurchwürzte Feld; Wenn der Berge fernste Gipfel, Und die grünen Palmenwipfel, Und mein friedlich stilles Zelt Schwamm im goldnen Glanz der Frühe; Wenn das gottgeliebte Land Rings in unbegrenzter Weite Segen dampfend vor mir lag: Betend grüßt' ich da den Tag! Weib und Kind an meiner Seite, Rief im Uebermaß der Wonne: »Der du wohnst im Herz der Sonne, In dem Brand des Lichts, o Herr! Segen, den du mir gegeben, Gib ihn Allen, die da leben, Jeder sey wie ich beglückt!« Castellan. Schweig! Du hast hier nichts zu reden! Nicht, was war, nur das, was ist, Kümmert mich, und jetzo bist Du ein Herr, den mit dem Stocke Ich hier vor mir tanzen lasse, Wenn's mir so beliebt! Said Zu viel! Gib, o Gott, daß ich mich fasse! (Will gehen,) Castellan Bleib! Du sollst mir Rede stehen. Said Nichts verbrach ich; laßt mich gehen! Castellan Was von »fassen« sprachst du da? Schnöder Auswurf, der zum Knecht Eines Knechtes noch zu schlecht! – Said Acht' ich meiner Pflichten nicht, Klagt es meinem, Eurem Herrn, Daß er strafe, wenn ich fehle; Aber wenn ich nichts verbrach, Castellan, häuft keine Schmach Dann auf mich! Bei meiner Seele – Castellan Drohen willst du? Reden führen? – (Er hebt den Stock, um den Sklaven zu schlagen. Dieser entreißt ihm einen Dolch, den er im Gürtel trägt) Said Wagt es nicht, die Hand zu rühren, Denn, bei Gott, ich stoß' Euch nieder! Vierter Auftritt. Vorige. Don Arias tritt aus dem Hause. Diener, die ihm folgen. Arias. Welcher Lärm ist hier im Vorhof? Was geschieht? – Antwort verlang' ich! – Wie kommt in des Sklaven Hand Hier der Dolch? Castellan. Zu guter Stunde Hat dich Gott hierher gesandt, Mir zur Rettung. Arias. Rede deutlich! Castellan. Herr, du weißt, daß diesen Sklaven Du zum Wächter hast bestellt; Als ich nun vorübergehe, Find' ich ihn hier achtlos schlafen, Und weil ich zu seiner Pflicht Ihn Verhalte und ihn schmäle, Wie er es verdienet, bricht Aller Grimm, den seine Seele Still gekocht, hervor in Wuth. Schnell, eh' ich es mich versehe, Hat er mir den Dolch entrissen, Und hätt' dich zu meinem Glück Nicht gesendet das Geschick, Würd' ich hier in meinem Blut Jetzt für meinen Eifer büßen. Arias. Frevel ohne Maß! – Ist so Aufgelöst in meinem Hause Jedes Band der alten Zucht, Daß der Letzte selbst versucht, Des Gehorsams und der Pflicht Schranken frevelnd zu durchbrechen? Said. Herr, verzeihe mir! Arias. Wer spricht? Hast zu zittern du verlernt, Wenn ich rede? Said. Da du ihn Angehört, der mich verklagt, Laß auch den Beklagten sprechen, – Zwar, Herr, siehst du meine Hand Stahlbewaffnet – und wohl weiß ich, Daß nicht Waffen einem Armen Ziemen, der im harten Bann Seines bösen Schicksals schmachtet; Doch ich warb von diesem Manne Schwer gereizt, mit gift'gem Spotte, Uebermüthig lang' gehöhnt, Gegen jegliche Gebühr Schwer verunglimpft – und ertragen Hab' ich's mit Geduld, beachtet Meines Standes traurig Loos, Das an Unrecht mich gewöhnet. Doch zuletzt wollt' er mich schlagen! Da, o Herr, ergriff auch mich Lang' bekämpften Eifers Glühen: Ich vergaß, daß ich ein Sklave – Dieses Eine nur bedenkend, Daß auch ich, o hoher Herr, Sey ein Mensch – und abzuweisen Unverdiente Schmach, ergriff Ich zur Abwehr dieses Eisen; Doch zum Angriff wahrlich nicht. Castellan. Laß durch glatte Worte nicht Diesen Heuchler dich betrügen. Arias. Braucht es, wo der Frevel spricht, Noch der Worte? Said. Herr, nicht lügen Lernt' ich. Arias. Ha, mich dünkt es Fabel, Einen Dolch gezückt zu sehen In des Sklaven Hand! und wagen Kannst du, aufrecht noch zu stehen, Deine Augen aufzuschlagen? Du vermagst aus deiner Brust Noch ein Wort hervor zu keuchen? Ha, beim ew'gen Gott! ich mach' es So – und du hast ausgelebt! Said. Du bist Herr, dein Sklave ich! Wohl lischt deines Mundes Hauch Meines Lebens Licht und Niemand Fragt dich, ob du recht gethan. Wem, um ein so niedrig Leben, Dürftest Rechenschaft du geben? Doch, mir keiner Schuld bewußt, Darf ich nicht vor dir erbeben. Arias. Blicke dieses Eisen an! Diese Waffe spricht dein Urtheil. Said. Liege sie denn hier, o Herr, Dir zu Füßen. Deine Nähe Ist ein Schild, der schirmend auch Selbst den armen Sklaven deckt. Arias. Deiner Rede Schlingen fangen Nicht mein Herz. Der Frevel wird Nicht durch sie getilgt. Said. O glaube Meinem unverfälschten Wort! Nicht Empörung, Herr, nicht Mord Sann ich, Aufruhr nicht, vor welchem Meine Seele Abscheu hegt! Bei dem Blut, das mich gezeugt: Was dein Dienst mir auferlegt, Hab' ich streng erfüllt. Arias. Gehorchen Nicht allein, du sollst auch schweigen! Und, daß du es lernen mögest, Will ich sorgen. Said. Blick' auf mich! Eingehüllt in dieses schlechte Kleid bin ich; der Abfall nährt mich Von der Diener Kost:, was, hungrig, Deine Rüden oft verschmähn, Wird mir vorgesetzt zur Speise Und es däucht mir gut. – In schwerer Arbeit bring' ich hin den Tag, All' die lange Nacht durchwach' ich, Habe nichts, als was des Daseyns Elend nackte Nothdurft fristet! – Nie erscheint für mich ein Festtag, Und das Jahr ist hingeflossen, Und die ganze lange Zeit Bringet keine Stunde jemals, Wo ich Armer mich gefreut. – Und doch haben meine Lippen Nie geklaget; unverdrossen, Dient' ich, und ob auch mein Herz Oft in stillem Gram gebrochen, Innen trug ich meinen Schmerz; Was ich litt, nie gab ich's kund, Und kein Wort hab' ich gesprochen. Arias. Sieh! – und doch ist jetzt dein Mund So beredt! Said. Von Noth getrieben; Durch der Menschen hart Bezeigen Tief im Innersten empört. Arias. Ziemt dir solcher Ton? Castellan. Hast du selbst es nun! – Den macht Auch dein eigen Wort nicht schweigen. Arias. Will dein starrer Nacken sich Ruhig nicht in Demuth bücken, Will ich ihn danieder drücken. Said. Herr, du hörtest nicht, wie hart Ich gehöhnt, gescholten ward. Arias. Ei! thut dir der Spott so weh? Said. Weil ein herbes Schicksal mich Von den Meinen abgeschieden, Aus der Fülle mich gerissen Meines Glücks; bis an den Hals Mich in Elend hat gesenkt, Bin ich, Herr, nicht noch ein Mensch? Was dich schmerzt, es schmerzt auch mich; Was dich freut, mich freut's wie dich. – Dieser Leib fühlt Hunger, Kälte, Hitze und Ermattung, Krankheit So wie du – und meine Seele Sollte Ehr' und Schmach nicht fühlen? Arias. Nun, weil du im Punkt der Ehre So empfindlich – laßt den Büttel Ihn, an einen Hund gekettet, Mit der Pritsche durch das Dorf Gasse auf und nieder treiben; Daß du wissest künftighin, Was die Ehre sey des Sklaven. Said. Hoher Herr, Barmherzigkeit! Zeuge Gott, ich bin nicht schuldig, Und bin ich's, dennoch verzeih'! – Herr, die Tage sind nicht gleich Und das Menschenherz, geduldig Heut, ist morgen sturmbeweget, Und die Seele, aufgereget, Dünkt sich ihrer Bande frei. Wenn ein Wort, das sich nicht ziemt, Unbedacht dem Mund entflohen, Laß die Winde es verwehn. Arias. Thut, wie ich befahl! Said. Mein Flehn Wird dich rühren! Mitleid ist Göttlich! – Arias. Fort! Said Und Trost entfließt Ihm, wie Brunnen in der Wüste. Arias. Straf' ich, ein gerechter Richter, Dich nicht, wie du es verdient? Denn weil eine Ehrensache Ist zu nennen dein Vergehn, Mußt du eine Ehrenstrafe Billig auch dafür bestehn, Said. Herr, vergib! – und willst du strafen, Hab' ich mich so sehr vergangen, Daß an mir mein hart Vergehen Milde nicht verdient – so strafe! Winke deine Henker her, Hau' die Glieder mir vom Leibe, Daß, verstümmelt, nur ein Rumpf Von mir Armen übrig bleibe, Doch beschimpfen laß mich nicht. Arias. So geschieht's! Said. Im Staube lieg' ich Hier vor dir! – auf meinen Nacken Setz' ich deinen Fuß – die Kniee Dir umschling' ich – laß mich tödten! Laß mich tödten, Herr, und siehe, Dankend küss ich deine Hände, Und des Herzens letztes Regen, Und der Stimme letzter Laut Sey Gebet für dich und Segen Zu dem Gott, der jetzt uns schaut. – Doch beschimpfen laß mich nicht! Arias. Hör' zu winseln auf! Vergebens Heulst du hier; ich ändre nichts! Said. Denke, daß der Herr des Lebens Rächet, was am wehrlos Schwachen Stolzer Uebermuth gethan. Arias. Frecher Schwätzer! – Faßt ihn an! Said. Nun denn! Fluch dir auf dein Haupt! Und wie ich um deine Füße Flehend meine Arme wand Und du lachtest – also müsse Zürnend dich der Himmel strafen, Daß du so vor mir, dem Sklaven, Du einst selbst, getränkt von Jammer, Liegen magst zu Hohn und Spott! Und, wie ich kein Mitleid fand, Fruchtlos deine Hand erheben! Arias. Fort! Said. Bei meiner Väter Gott! Dir zum Unheil bleib' ich leben! (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug Die vorige Decoration. Erster Auftritt Said (tritt auf). Wehe, wehe meinem Leben! Erde, öffne deinen Schlund. Samum, gift'ger Wind der Wüste, Der du Blindheit, Pest, Verwesung Trägst auf deinen Schwingen her, Rausch' herüber übers Meer! Mach' mich blind, verlisch das Licht Dieser Augen, daß sie nicht Meine Schande länger schauen! Weh', daß ich geboren bin! – Warf mich höhnend die Natur Aus dem weiten Kreis der Wesen, Aus der Schöpfung großem Haus Wie ein ekles Scheusal aus, Daß ich leide, was ich leide? – Thiere freu'n sich in den Wäldern Ihrer Freiheit und gesellt Zu den Wesen ihrer Art Sind sie glücklich; und wenn Hunger Oder Kälte sie befällt, Dulden sie gemeines Uebel! Aber Spott, Verachtung, Schmach Folgt nicht in die Wälder nach; Dazu nur ward ich erlesen! – O, verflucht, was Mensch sich nennt! Ja, der Löwe brüllt in Wuth, Tiger fressen ihre Beute, Und der grimme Wolf will Blut, Wenn ihn dürstet; Jeder stillt Sein Bedürfniß und nichts weiter, Und er schonet seines Gleichen; Nur das Menschenunthier mordet Aus Gelust und treibet Scherz Mit Verzweiflung, Angst und Schmerz Seines eigenen Geschlechtes! Weh'! mir zieht's die Brust zusammen, Und mir dunkelt's vor dem Blick! – – Herz, du brichst, wenn keine Rache Deiner Wunden Gluth soll kühlen, Wenn er nicht wie du soll fühlen! – Ja! – so sey's! – Ich schleudre Brand In das Haus, und Trümmer finde Er bei seiner Rückkehr dort, Wo sein Eigenthum einst stand! Daß er wisse, meine Hand – O, ich Thor! wiegt schnödes Gut Gleich mit meines Herzens Blut? – – – Ha! ich athme! – Ja, bei Gott! So geschieht's! – O, eine Stunde Nur laß mich, o Himmel, leben, Und ihm wird zurück gegeben! (Geht ab.) Zweiter Auftritt. Ein altes Schloß am Eingange eines Waldes. Vorsaal. Ein hohes und breites Eisengitter bildet den Eingang. Eine Seitenthür. Donna Flora. Ihr Kind. Diego. Das Kind. Mutter, komm. Flora. Sey ruhig, Kind! Auf den Vater warten wir. Das Kind. Ach! es ist so garstig hier! Flora. Sieh nur, wie dort von den Bäumen Sich die Zweige zu uns her Frisch und grün herüber neigen! Wollen in das Fenster steigen. Das Kind. Mutter, ach! ich fürcht' mich sehr! Flora (das Kind zum Fenster hebend). Siehst du, wie die Wasser schäumen In der Tiefe? ist's nicht schön? Das Kind. Nicht hinunter mag ich sehn. Flora. Und dort drüben, wie die Sonne Schlafen geht! Blick' hin geschwind! Wie es dort so golden schwimmt. Blick' nur hin, du meine Wonne! Das Kind. Käm' nur schon der Vater bald! Flora. Wo er auch so lang mag säumen? – Geh', Diego, späh' im Wald, Ob man nicht die Jagd vernimmt. Diego. Wag' ich, Euch allein zu lassen? Dieses alte Schloß hier ist Unbewohnet, wie Ihr wißt; Nur den Jägern dient der Saal Je zuweilen zum Asyl, Wenn vielleicht ein Ungewitter Oder Nacht sie überfiel, Weit vom Dorfe. Flora. Mein Gemahl Weiß, daß ich ihn hier erwarte; Nicht mehr ferne kann er seyn. Ungeduldig wird der Kleine, Darum sag' ihm, daß er eile. Diego. Edle Frau, verzeiht, ich meine – Flora Geh' nur, geh'! – Bleib' kurze Weile Ich auch mit dem Kind allein, Wird mir ja kein Leib geschehen; Ohne Sorge kannst du seyn. (Diego geht ab.) Flora. Komm, mein Herz, hier in den Saal! Schöne Dinge sollst du sehen! Mächtige Geweihe sind An den Wanden und daneben Alte Waffen; komm geschwind! (Sie drückt das zögernde Kind mit Heftigkeit an sich.) Fürchte nichts, mein süßes Leben! Bist ja bei der Mutter, Kind! – (Sie geht mit dem Kinde in das Nebengemach.) Dritter Auftritt. Said (tritt auf). (Nachdem er sich spähend umgesehen hat, verschließt er das Eisengitter und nimmt den Schlüssel zu sich.) So! noch einmal! – Fest ins Schloß Sprang die Feder, und sie hat Das vergeltende Geschick Nun in meine Hand gegeben. 's ist geschehn! – nicht mehr zurück Führt von hier der Weg ins Leben. – Laß doch sehen; hier daneben Ist ein Saal, dort werden sie – Warum zittr' ich? Fluch ihm, Fluch! – Bin ich zu des Thiers Genossen Von euch selbst hinabgestoßen, Ist vom Menschen nichts in mir: Nun, wohlan! so will, ein Thier, Ich von ihrem Blute trinken Volle Gnüge! – O! sie haben Alle Quellen meines Daseyns Unbarmherzig mir vergiftet! Lebt' ich hundert Jahr' auf Erden, Eine Lust nur kann mir werden: Rache – wird, sie muß mich laben! (Er geht gegen die Thür des Seitengemaches.) Vierter Auftritt. Said. Flora tritt mit dem Kinde aus dem Saale. Flora. (aufschreiend). Ach! Said. Was schreckt Euch? Flora. Said! – Ihr? Said Recht! ich bin's! Ihr kennt mich wohl! Müßt mich kennen. Saht ja eben, Als Ihr durch das Dorf gegangen, Dort mich lust'ge Kurzweil treiben; An ein Thier war ich gehangen! Flora O, um Gott! was wollt Ihr hier? Geht, ich bitt' Euch! – Gehet, eilet! Noch in diesem Augenblick Kommt mein Gatte! Wenn Ihr weilet Und er trifft Euch hier – Said Nicht bangen Darf Euch! laßt mich immer bleiben. Flora Streng und heftig, wie er ist, Könnt' er schwer an Euch es ahnden. O, Ihr wißt ja – Said Meinet Ihr? Flora Ich beklag' Euch, glaubt es mir! Hart ist man mit Euch verfahren. Said Dünkt's Euch auch? Flora Es war nicht recht, Und mir graut vor jener That; Dennoch folget meinem Rath: Geht von hier! – Weckt seine Wuth Nicht noch mehr; es wird nicht gut! Said. Sie zu wecken bin ich hier. Flora. O, Ihr werdet sicherlich – Said. Denkt an Euch und nicht an mich. Flora. Was ersinnt Ihr? Gott, – o sprecht! Herr des Lebens! – Euer Wort – Dieser Blick, er macht mich beben! Said. Sprecht ein kurz Gebet, macht fort! Flora. Nein! – Ihr droht nicht meinem Leben! O, entsetzlich! – nicht ermorden Wollt Ihr mich! Said. Ja! Flora (schreit auf). Said. Ihr müßt sterben! Ihr und Euer Kind – wir Alle! Flora. Nein! – Ihr seyd ein Mensch – es hat Eine Mutter Euch geboren! – Ihr vermögt es nicht! Said. Verloren Sind die Worte! Flora. Unmuth führt Leicht das Herz des Menschen irre! Und gewaltsam harte That Ist oft schwer bereuet worden! Wenn mein Gatte, zornentglüht – Said. O, daß eine That ich wüßte, Gleich der seinen! – zu bezahlen Was ich litt, mit gleichen Qualen! Flora. Wenn Euch Unrecht ist geschehen, Wenn man Euch mißhandelt hat, Sagt, ich armes Weib, was that Ich Euch Böses, daß mein Blut Ihr vergießen wollt? Said. Mich rührt Keine Bitte! Euer Flehen Trifft kein Herz! Flora. Und doch! Said. Ihr müßt! Flora. Nein! Ihr könnt es nicht! – Ihr seyd Schwer gereizt, da ist die Seele Ihrer Kraft nicht frei und mächtig. Das Gefühl, das Rache schreit, Ist nicht Eures Herzens Stimme! Said. Ja, sie ist's! und seinem Grimme Müßt Ihr fallen! Das Kind. Mutter! Mutter! Flora. Weh! o Gott! – O Gott! – Erbarmen! Laßt das Kind – nehmt mich! Doch laßt, Laßt das Kind! – Ich bin sein Weib, Und sein Unrecht konnt' ich theilen; Doch das Kind – Said. Es ist sein Blut! Darum soll es zeitig sterben, Daß sich nicht des Vaters Wuth Weiter mög' in ihm vererben. Ihm ja gleicht es! Flora. Rührt's nicht an! Said. 's ist sein Auge! – Dieser Blick Ist voll Hohn und Grimm wie seiner! Nein, dir sollen, kleiner Wolf. Zähne nicht und Klauen wachsen! Weil du jung noch, würg' ich dich, Eh' du würgest! – Flora. Ha, zurück! Ew'ger Gott! erbarmt Euch meiner! Das Kind. Mutter! Flora. Eher tödte mich! (Man hört Jagdhörner.) Flora. Mein Gemahl! – O, Hülfe, Rettung! Said. Ist er's? Nun, so mag er schauen Mit dem Tigerblick, sein Blut Fließen hier von diesem Eisen. Seine Nähe soll's nicht hindern. Fünfter Auftritt. Vorige. Don Arias. Diego. Jagdgefolge. Arias (am Gitter). Was geschieht? – Was ist – ? Flora. O, Hülfe! Rettung mir und Eurem Kinde! Das Kind. Vater! Said. Seyd willkommen mir! Arias. Ha, Unsel'ger! Wie, du hier? Oeffne! daß ich nicht die Pforten Zürnend aus der Angel hebe! Said. Wenig nützt Euch's! Habt Geduld, Und ich öffn' Euch selbst. Flora. O Qualen! Said. Seht! ich steh' in Eurer Schuld, Und nun eben möcht' ich zahlen. Arias. Oeffne, sag' ich! Said. Ei, stoßt zu! Raset, tobt! Die Eisenstäbe Sind hübsch stark und nicht sogleich Sprengt Ihr sie. Flora. O, mäßigt Euch! Arias. Mir ins Antlitz sprichst du Hohn? Said. Müht Euch nicht! Seht, dieses Gitter Bricht nicht Euer Arm in Splitter! – Zwingt Ihr's nicht? – Nehmt Eure Zähne! Arias. Wisse, daß der Tod dein Lohn! Said. Meint Ihr etwa, daß ich wähne Lebend hier von diesem Orte Weg zu gehn? mit nichten! Sterben Soll fürwahr, was diese Pforte Scheidet. Flora. Mein Gemahl! Arias. Verderben – (für sich) Ha! was sinnt er? – Sollt' er's wagen? – Said. Nun? was steht Ihr so betroffen? – Ras't doch, ras't! Rollt Euren Blick Mit dem Grimme der Hyäne! Arias. Nun – verflucht! – Said. Schreiet Eurem Büttel, Lasset Eure Hunde los! – Blicket her! – Hier diesen Mund, Glühend, wie Damaskus Rosen: Sehet, meine Sklavenlippen Drück' ich drauf. Arias. O! Said. Um den Leib Schling' ich meine Sklavenarme, – Arias. Ha! so treffe mein Geschoß – Said. (schließt Flora in seine Arme) Nun, wohlan! Flora. Weh mir! Zurück! Arias. (läßt das Geschoß sinken). Said. Grauet Euch vor diesem Schilde? Drückt doch ab! – warum so müde Plötzlich? Arias. Höll' und Teufel! Said. Thut mir's kund! – Arias. Hund der Wüste! Flora. O, erbarme – Said. (zieht den Dolch). Und nun – sterbet! Flora. Ah! (Sie sinkt ohnmächtig in Saids Arme). Arias. Halt ein! Sey barmherzig! gib sie frei Und dir soll verziehen seyn! Said. Frei gibt sie der Tod wie mich! Arias. Said! o erbarme dich! Weh! – sie ist zur Leiche worden! Gib sie frei und sieh, ich schwöre: Fern von mir sey jede Rache; Was du that'st, ich will verzeihn! Said. Ihr, verzeihn? – Haha! – ich lache! Arias. Reich bin ich an Geld und Gut! Gib sie frei und nimm von Allem, Was ich habe, nach Gefallen! Willst du Gold? – sprich! – es sey dein. Said. Wie so gütig könnt Ihr seyn! Seht doch! – Ei! – doch als ich flehte, Als ich dort im Staube rang, Bittend Eure Knie' umschlang, Euern Fuß auf meinen Nacken Setzte und um Gott beschwor: Daß um leichte Schuld Ihr nicht Mich unmenschlich solltet quälen, Ließ't Ihr mich – o, daß ich's denke! – Und ich sollte – ? Nimmermehr! Arias. O, halt' ein! – Auf meinen Knieen Fleh' ich dich! und nimm zum Lohne, Was ich habe! – Ich will büßen, Was ich Hartes dir gethan. (Mit brechender Stimme.) Nimm mein eigen Leben an, Aber Weib und Kind verschone! (Er sinkt auf seine Kniee.) Said. (aufschreiend, läßt den Dolch fallen). Ha! – Gerecht ist Gott! Er sieht Auf der Menschen dunkles Leid, Alle Thränen zählt sein Auge, Jeden Seufzer hört sein Ohr, Und vor sein Gericht, vergeltend, Zieht den Schuld'gen er hervor. Flora (erholt sich, ihre Blicke suchen das Kind). Rui – lebst du? Said. Ja, er lebt! Das Kind. Mutter! Mutter! Flora. Ja, er lebt! Said. Don Arias – auf! erhebt Euch von dieser tiefen Stelle, Die nicht Eurem Blute ziemt. Arias. Said! Said. O, vergeßt es nie, Daß Euch, seine Macht zu zeigen, So der Himmel konnte beugen: Daß vor mir, der Menschen letztem, Ihr gelegen auf dem Knie. Arias. Said, Said! Flora. Wär' es möglich! Said. Seyd getrost! – Und weil ich, frevelnd, Meiner Niedrigkeit vergessen, Weil so schwere Schuld mich drückt, Daß ich diesen Dolch gezückt, Weil ich mich so hoch vermessen, Es gewagt, ein schlechter Sklave, Euch zu fassen mit Gewalt, Meinen Arm um Euch zu schließen, Eure Lippen zu berühren Ich gedroht – Seht – so sey dieß meine Strafe! (Er durchsticht sich.) Seyd versöhnt – und wollt verzeihn! Arias. Mensch! – O Himmel! Flora. Weh! sein Blut! Said. Laßt es immer ruhig fließen! – Nehmt den Schlüssel. Flora. (öffnet; Don Arias und das Gefolge treten ein). Eilet – helft! Said. Müht Euch nicht; ich traf mich gut! – Flora. Gott! – er stirbt! Arias. Nein, nein! – Erwache! Said. Segn' Euch Gott! – Dieß meine Rache! (Er stirbt.) (Der Vorhang fällt.) Ende.