Hermann Kurz Gesammelte kleinere Erzählungen – Zweiter Teil Inhalt Einleitung des Herausgebers Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie Wie der Großvater die Großmutter nahm Das Witwenstüblein Ein Herzensstreich Das gepaarte Heiratsgesuch Das Horoskop Bergmärchen Einleitung des Herausgebers. Die folgenden Bände enthalten die kleinen erzählenden Werke des Dichters. Unter ihnen lassen wir die kleineren novellistischen Erzählungen in zwei Bänden vorausgehen. Sie sind, soweit es die Mannigfaltigkeit des Stoffes erlaubte, so geordnet, daß diejenigen voranstehen, welche Erinnerungen aus der Vaterstadt und Familie des Dichters enthalten. Es wird nicht nötig sein, diesen kleinen, mit Liebe gezeichneten und bald von warmer Empfindung, bald von schalkhaftem Humor belebten Bildern eine weitere Empfehlung mit auf den Weg zu geben; es genügt, die Entstehungsgeschichte der einzelnen kurz zu skizzieren. Die zwei ersten Nummern unseres Bandes standen ursprünglich in der 1837 erschienenen Novellensammlung »Genzianen« in der Abteilung »Familiengeschichten«. Die zwei ersten dieser Familiengeschichten »Die Glocke von Attendorn« und »Der Apostat« wurden in der einen » Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie « vereinigt zugleich stark umgearbeitet und erweitert und erschienen so im ersten Bande der »Erzählungen« 1858. Die Geschichte enthält Erinnerungen aus der Vorgeschichte von Reutlingen, besonders dem großen Brande von 1726, der den größeren Teil der Stadt in Asche gelegt hat. Das Problem einer gemischten Ehe, das nebenbei berührt ist, wollte Kurz noch später in einer Erzählung »Der heilige Florian«, aber wie es scheint mit tragischem Ausgang, behandeln, die Erzählung wird 1869 erwähnt, es ist aber nur ihr Anfang vorhanden. Noch mehr Familien-Erinnerungen stecken in der Geschichte » Wie der Großvater die Großmutter nahm «, sie bildete in den Genzianen die dritte und letzte der Familiengeschichten und ist wenig verändert in den ersten Band der »Erzählungen« übergegangen. Der Großvater des Dichters von väterlicher Seite war Glockengießer und Senator von Reutlingen, seine Frau hieß wirklich Salome, war aber die Tochter des Stadtpfarrers, nicht eines Arztes; wie sich denn auch nicht mehr wird nachweisen lassen, was an dem eigentlichen novellistischen Motiv geschichtlich ist. » Das Witwenstüblein « ist geschrieben zum Andenken an die Pfarrerswitwe Klara Marie Kenngott, die Schwester von Kurz' Vater, welche nach dem Tode beider Eltern Mutterstelle bei ihm vertreten hat. Die Erzählung stand zuerst in den »Dichtungen« von 1739 unter dem Titel »Liebeszauber« und ist dann stark erweitert unter dem jetzigen Titel in den ersten Band der »Erzählungen« aufgenommen worden. Die beiden schwankhaften Liebesgeschichten, » Ein Herzensstreich « und » Das gepaarte Heiratsgesuch «, welche deutlich als Pendants gedacht sind, standen in den Genzianen unter den Titeln »Simplicissimus« und »Der schwäbische Merkur«, sie sind dann mit den jetzigen Überschriften im dritten Bande der »Erzählungen« 1860 wieder erschienen, die erste kaum, die zweite etwas mehr umgestaltet. Es sind mit flottem Humor gemachte Ausführungen von Anekdoten, wie sie wohl in Reutlingen oder Stuttgart im Kurs sein mochten. » Das Horoskop « erschien gleichfalls im dritten Bande der »Erzählungen«. Daß die Geschichte wieder eine Reutlinger Erinnerung enthält, ist deutlich; mehr war über ihren Ursprung nicht auszumachen. An die Erzählungen aus dem wirklichen Menschenleben reihen wir das » Bergmärchen «, das zuerst als »Die Liebe der Berge. Eine antediluvianische Geschichte« in den »Dichtungen« von 1889 stand und bedeutend umgestaltet unter dem jetzigen Titel in den ersten Band der »Erzählungen« übergegangen ist. Man wird die aus groteskem Humor und wirklich bedeutender poetischer Landschaftsanschauung bunt genug zusammengesetzte Märchenkunde von der alten Zeit, wo die Berge noch Riesen waren, die ihrer Streit- und Liebeshändel miteinander pflogen, nicht ungern an dieser Stelle sehen, da sie trotz aller phantastischen Gestaltung im Kerne nichts anderes als lebendige Erinnerung an die schönen Gegenden und Tage der Heimat ist. Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie. Es sind die alten Glocken, Die ich als Kind vernahm. Der Erzähler der nachfolgenden Geschichten lebt mit seinen frühesten Erinnerungen noch im alten Reiche, obschon die Stadt seiner Väter zu der Zeit, als er in ihr das Licht erblickte, lang den Fall der Kaiserkrone gesehen und noch länger eine der freien Städte des heiligen römischen Reiches zu heißen aufgehört hatte. Sie, die einst auf ihr Siegel ein stolzes S. P. Q. R. geschrieben – berechtigt durch die Gleichheit des Anfangsbuchstabens, aber etwas stolz für ein kleines Gemeinwesen, das dem mächtigeren Nachbarfürsten seit Jahrhunderten ein Schirmgeld zahlte – hatte nun schon ein Jahrzehnt die Farben dieses Nachbars, herzogliche, kurfürstliche, königliche, getragen. Aber die Gemüter hatten diese Farben noch wenig angenommen, und wenn auch nicht, wie in einer andern der schwäbischen Reichsstädte, der Bürgermeister bei Übergabe der Gewalt an den fürstlichen Oberamtmann mit gebrochenem Herzen tot zu Boden gestürzt war, so lebte doch bei uns der reichsstädtische Geist in seiner Stärke und Schwäche unvertilgbar fort! die »fremden« Beamten hatten oft Mühe, Wohnungen zu finden, und mußten untereinander selbst zusammenhalten lernen, wie die Bürgerschaft spröd und abgeschlossen unter sich zusammenhielt; ja der Zwiespalt zwischen Gegenwart und Vergangenheit äußerte sich so wunderlich, daß man zum Beispiel einen Weinberg, der, vom Hagel oder Frost beschädigt, jene halb schwarze, halb rote Färbung blicken ließ, spottweise etwas nannte, was man doch selbst geworden war, nämlich »württembergisch«. Wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen. Für uns Knaben konnte es kein größeres Fest geben, als wenn wir in irgend einem vergessenen Winkel eines der alten Warenzeichen entdeckten, die man der Stadt gleich im ersten Feuer der »provisorischen« Besitzergreifung, noch vor dem Reichsdeputationsschlusse, weggenommen hatte, und der Beflissenheit, womit die herzoglichen Beamten bei der Zerstörung derselben zu Werke gegangen waren, kam der Eifer gleich, mit welchem eine im Schoße des mediatisierten Reichsbürgertums nachwachsende Jugend die Reliquien alter Herrlichkeit wieder aufzuspüren wußte. Als besonders glücklichen Entdecker beneideten wir den Dicken, wie wir ihn zu nennen pflegten, einen sehr phlegmatischen Mitschüler, der aber eine zähe Beharrlichkeit hatte und mit der sichern Schärfe seiner langsam bohrenden Augen Dinge ausfindig machte, die von jedem andern übersehen worden wären. Er hatte an einem Tage nicht weniger als zwei Reichsadler entdeckt, die den Händen der Verfolger entgangen waren, beide in der Kirche; der eine, ein Doppeladler, horstete hoch am Gewölbe des Schiffs, der andere, in älterer einfacher Form, saß am Gewölbeschluß der Taufkapelle. Wir hüteten sie wie heilige Schätze, zeigten sie einander nur mit den Augen und verrieten ihr Dasein mit keinem Atemzuge, wiewohl die Vorsicht überflüssig sein mochte, denn die schreckliche Ausrottungsjagd nach den harmlosen Wahrzeichen hatte aufgehört. Die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart begann zu schwinden, einzelne Beamtenfamilien befreundeten sich mit einzelnen Bürgershäusern, vornehmlich mit solchen, die auswärtige Frauen heimgeführt hatten, und, was mehr ist, auch die widerstrebenden Teile gewöhnten sich an die Verschmelzung des winzigen Staates mit dem größeren; wir aber fuhren fort, uns in der Empfindungsweise von Mediatisierten zu gefallen, obgleich und vielleicht eben weil wir die letzten Tage der Reichsunmittelbarkeit nicht mit erlebt hatten. Diese reichsstädtische Romantik wurde genährt durch den Familiengeist, der uns in einzelnen überlebenden Erscheinungen die ganze »gute alte Zeit« erschauen ließ. Was an jener Zeit Gutes gewesen war, hatte fast ausschließlich der Familie angehört. Das wußten wir nicht, aber wir sahen, daß die alten Familienbräuche ihr Schönes hatten, daß die alten Familienglieder ehrwürdig waren, und aus diesen einzelnen Erscheinungen bauten wir uns die gesamte Vergangenheit in einem verklärenden Lichte auf. Wie konnte ich an der Ehrwürdigkeit einer Zeit zweifeln, aus welcher mein Großvater stammte, ein zu Anfang der zwanziger Jahre mehr als achtzigjähriger Greis, der noch unter Kaiser Karl VI. geboren war! Wer ihn sah, pflegte zu sagen, so müsse Johannes ausgesehen haben, als er seinen »Kindlein« nur noch die Liebe predigte. Er hieß auch Johannes und war liebreich wie ein Kind; ein Greisenkopf mit langen silberweißen Haaren, das rotwangige Gesicht voll Freundlichkeit, sein ganzes Wesen ohne Arg und Falsch. Wie konnten mir die Vorzüge eines reichsstädtischen Rates fraglich sein, in welchem der alte Glockengießermeister gesessen hatte! Mußte mich doch schon die Achtbarkeit überzeugen, die von ihm auf seine ganze Familie ausgeflossen war, gar nicht, als ob sie für reich gegolten hätte, denn da sie gerade so groß war wie die Kinderzahl des Erzvaters Jakob, so ging sein mäßiger Wohlstand in sehr kleine Teile, auch nicht, weil kein Makel auf ihr ruhte, denn es gab noch andere unbescholtene Leute genug, die uns bei aller bürgerlichen Gleichheit doch um einen leisen Grad nachstanden, wie auch wir unsererseits wieder an den Familien von Geblüt, nämlich vom Blute der letzten Reichsbürgermeister, in der Stille emporzuschauen hatten. Derlei kleinere oder größere aristokratische Passionen erwachsen auch in der reinsten Demokratie, und eine reinere hatte es wohl im ganzen Reiche nicht gegeben als die unserer Stadt, in welcher jedes Jahr auf einen bestimmten Tag alles Stadt- und Zunftregiment erlosch und durch eine – wenigstens nach den Verfassungsstatuten – völlig freie Wahl von neuem zu besetzen war. Adelige Geschlechter zumal hatte es seit dem Mittelalter nicht mehr in der Stadt gegeben; das Bürgerrecht war an die Zunftpflichtigkeit geknüpft und der höchste Würdenträger so gut wie jeder Mitbürger, ein Handwerker oder mindestens Angehöriger einer Handwerkerfamilie gewesen; aber wenn ich den Namen des Großvaters an einer der älteren städtischen Feuerspritzen las, die er in seinen tätigen Jahren verfertigt hatte, so bildete ich mir darauf nicht weniger ein, als wenn ich mit ihm über die Straße gehend Zeuge war, wie er als »Herr Senator« begrüßt wurde und bescheiden dankend sein dreieckiges Hütlein zog. An den Glocken konnte ich seinen Namen nicht lesen, denn dazu hingen sie zu hoch, wiewohl ich oft in ihre Nähe kam, da es eine unserer gewöhnlichen Belustigungen war, am Sonntag vom Knabenstande bei der Orgel in den Turm hinauf zu schleichen und dem betäubenden Geläute das Gehör preiszugeben. Was aber vollends in uns ein Gefühl erweckte, das einem hochwohlgebornen Ahnenstolze nicht ganz unähnlich sah, das war die Geschichte der alten Reichsstadt selbst. Und diese Geschichte lernten wir nicht auf dem Papiere kennen, sondern sie hatte sich von Mund zu Munde fortgepflanzt. Durch die natürlichsten Beziehungen wurde sie so für uns, neben den großartigen, aber toten Bildern aus der griechischen und römischen Geschichte, die wir in der Schule lasen, zu einer lebenden Herzensgeschichte, deren kleiner Umfang sich gewaltig erweiterte, indem sie eine Zeit vor uns auftat, die einer Stadt von mittelmäßiger Größe ihren Namen in die Reichsgeschichte einzutragen gestattete. Mündliche Sage und Rede machte uns zuerst mit den Hohenstaufen bekannt, die unserem alten Dorfe Mauern und Stadtrecht verliehen, und die schöne münsterartige Marienkirche zeugte ja gleichsam in Lebensgröße noch von den Tagen, da die junge Stadt dem schwäbischen Kaiserhause ihre dankbare Treue bewies. Nach der unglücklichen Schlacht bei Frankfurt, die durch den Abfall zweier schwäbischen Grafen mit entstellten, aber leicht kenntlichen Namen für König Konrad verloren gegangen war, wurde diese Kirche von den Bürgern während der Not der Berennung gelobt und nach dem Siege über die Belagerer alsbald in Bau genommen. Dieser »Pfaffenkönig« Heinrich Raspe, der unseren Vorfahren heiß gemacht, war der erste Gegenstand, welcher unsere Leidenschaft in Bewegung setzte: wir haßten ihn wie den Teufel, obwohl wir uns etwas ziemlich Eisernes unter ihm vorstellten und uns schon die Ehre unserer Stadt gebot, ihn nicht als einen geringfügigen Gegner anzusehen. Mit voller Parteinahme waren wir dann dabei, als die Stadt in den folgenden Zeiten, mit den anderen Städten verbündet, die »Landherren« befehdete, und bei aller Liebe zu unserem Schiller wollte es uns doch keineswegs behagen, daß er sich vom württembergischen Parteigeiste so weit fortreißen ließ, uns »Gift kochen« zu lassen, von welcher Kochkunst uns doch nicht das entfernteste bewußt war; doch söhnte uns das einigermaßen mit ihm aus, daß er seinen Grafen von uns »gepantscht« nach Hause sandte. Aber Uhland mit seinen »Gerbern« und »Färbern« hatte es eben doch ganz anders getroffen! Über die Geschichte bei Dössingen sodann mußten wir freilich achselzuckend wegzukommen suchen. Eine weitere Nahrung bot unserem städtischen Nationalstolze, wenn ich das Wort in so verjüngtem Maßstab anwenden darf, das sechzehnte Jahrhundert dar, das unsere Vorfahren abermals mannhaft in die Geschichte, leider nicht mehr des Reiches, sondern seiner Zertrennung eingreifen sah. Die Verhältnisse zu den oberschwäbischen Klöstern, deren ehemalige weitläufige Höfe noch jetzt in verschiedenen Stadtteilen an die katholische Zeit erinnern, aus welcher auch im Archiv der Kirche noch ein Schatz verblichener Paramente vorhanden ist, hatten solche Mißstände herbeigeführt, daß die Stadt, wie unser Selbstbewußtsein mit seinem korrektesten Ausdrucke zu sagen liebte, schon ein paar Jahre vor Luthers erstem Auftreten zu reformieren begann. In den strengen Konfessionsformen, die unsere Kindheit umgaben, lag noch ein Nachklang von der politischen Bedeutung, die der Protestantismus einst gehabt hat. Löblich war jedenfalls die Zuverlässigkeit, womit die Stadt an der ergriffenen Überzeugung und an den Verbündeten festhielt, und so findet sie sich auch nach dem Schmalkaldischen Kriege in der kaiserlichen Strafmatrikel aufgeführt. Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges gingen nicht spurlos über ihre Mauern weg. Freund und Feind erschienen nacheinander und nahmen mit dem gleichen Rechte der Gewalt ihren Säckel in Anspruch. Das alte Lied: »Der Schwed' ist kommen«, klingt bekanntlich in den protestantischen Teilen Deutschlands nicht um einen Ton anders als in den katholischen. Doch begnadigte uns Gustav Adolf mit zweien der eben genannten geistlichen Höfe, nur daß uns diese schwedische Schenkung nicht so gut bekam, wie dem Stuhle Petri die »konstantinische«. Gänzlich erschöpft ging die Stadt aus den Drangsalen dieses Krieges hervor, so daß man schwer begreift, wie sie noch die Heimsuchungen überstehen konnte, die gleich darauf durch Ludwig XIV. über das Reich gebracht wurden. Und dennoch war ihr Schicksal nach der Nördlinger Schlacht im Vergleich mit den Nachbarlanden ein gnädiges gewesen. Eine unmittelbare Erinnerung an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in einer Sitte erhalten, welche der Großvater unverbrüchlich beobachtete. Er pflegte am Peter- und Paulstage zu fasten. Bis in sein höchstes Alter genoß er an diesem Tage keinen Bissen; erst abends aß er ein Stücklein trocken Brot, trank dann einen Schluck Wein und ging zu Bette. Der Fasttag galt dem Andenken einer Rettung, deren sich die Stadt im »Kirschenkriege«, einer wenig rühmlichen Episode jener endlosen Kriegswirren, zu erfreuen gehabt. Schon war sie vom kaiserlichen General, der vor den Toren lag, durch einen Trompeter und »Schröck-Kapitän« zur unbedingten Übergabe aufgefordert, Major Widerhold, der nachmalige Oberst und Kommandant von Hohentwiel, war mit seiner unzulänglichen Truppe abgezogen, und das Ärgste stand bevor; da gelang es dem Syndikus, von den Kaiserlichen eine Kapitulation zu erwirken, die den Bürgern Raub, Mord, Brand und den gefürchteten Glaubenswechsel ersparte. Das Gedächtnis dieses Tages überlebte größere Glücks- und Unglücksfälle beinahe zwei Jahrhunderte lang. Einen zweiten Fasttag feierte der Großvater zum Andenken eines Tages von verhängnisvollerer Bedeutung. In seiner Stube befand sich ein altertümlicher Ofen, auf dessen Vorderplatte das Bild unserer Stadt, in vollen Flammen stehend und von flüchtenden Menschen erfüllt, gegossen war, mit einer darüber schwebenden Inschrift: »Dein Sünd, dein Brand.« Die Inschrift flatterte steif, und die Flammen loderten schwerfällig, aber um so frischer überrankte die lebendige Überlieferung das Unglücksdatum des 23. September 1726, des Tages, an welchem die Stadt der Raub jener Flammen geworden war. Oft erzählte der Großvater von dem furchtbaren Brande, an dessen Andenken sich für uns eine anmutige Familiensage knüpfte. Er hatte sie aus dem Munde seines Vaters, der, zu jener Zeit neun Jahre alt, in der Verwirrung des Augenblicks mit sechs anderen Kindern in einen großen Kleiderkasten gesperrt und zur Stadt hinausgetragen wurde. Einen Tag lang blieb der Kasten auf einer Anhöhe unter dem verzweifelten Geschrei der Kinder stehen. Zum Glück hatte er Luft, der altertümlich riesige Schrank, und sie waren noch immer besser daran, als manche andere Kinder, die in jenen Schreckenstagen verloren gingen und erst spät oder gar nicht mehr gefunden wurden. Die Stadt wurde unvorbereitet in völliger Sorglosigkeit vom Schicksal überfallen. Zwar erinnerte man sich nachher, daß der fromme Hauptprediger längst das Unglück von der Kanzel geweissagt hatte. Da in den Schrecken der unaufhörlichen Kriegszeiten Geschlecht um Geschlecht verwildert war und die obrigkeitlichen Mandate jetzt im Frieden wenig zur Herstellung der alten strengen Zucht bewirkten, so hatte er jeden Sonntag gegen die sündenbeladene Stadt gedonnert und jede seiner Predigten mit den Worten geschlossen: »Aber es wird dereinst ein Feuer kommen, das niemand löschen kann.« Er selbst erlebte es nicht, daß seine Worte, die vielleicht geistlich gemeint waren, so buchstäblich in Erfüllung gingen; aber die zerknirschte Stadt schrieb seine Weissagung über ihre rauchenden Trümmer, und es lag in der Anschauung jener Zeit, welche Herzenshärtigkeit mit Bußfertigkeit wunderbar vereinigte, in jedem Ausbruch der Elemente ein himmlisches Strafgericht zu erblicken. An jenem Septembertage jedoch ahnte niemand etwas von einem Strafgerichte, vielmehr war der Jahrgang so günstig gewesen, daß man wohlgemut dem herbstlichen Danksagungsfest entgegensah. Die Vorratskammern waren voll, und zum erstenmal in zwölf Friedensjahren hatte man Hoffnung, die langen Nachwehen der Kriege vollends zu überwinden. Die Glocken hatten gestern so fleißig wie immer zu der strengen Sonntagsfeier geläutet. Hier schlugen sie zu ungewohnter Stunde, doch nicht zu unbekanntem Zwecke wieder an, indem sie dem alten Türmer, der zu Grab getragen wurde, den letzten Gruß nachriefen. Wer hätte gedacht, daß seine Glocken noch einmal diesen Abend zusammen laut werden würden, daß sein Turm so bald nach seinem Scheiden unwohnlich werden sollte? Noch vor kurzem hatte man durch einen »fremden« Schieferdecker aus Heidelberg den Engel von der Turmspitze abnehmen und neu vergoldet unter großen Feierlichkeiten wieder aufsetzen lassen. Wie sollte nicht alles im besten Stande sein? Die Abendglocke hatte längst geläutet, das Nachtessen war vorüber, doch wachte noch die ganze Stadt, und die frühesten Schläfer hatten den Abendsegen noch nicht ausgelesen, als vom Turm und in den Gassen Feuerlärm ertönte. Der Mann, in dessen Hause das Feuer ausbrach, war schon in frühester Kindheit gleichsam vom Schicksal gezeichnet worden. Sein Vater stand mit dem Kind auf dem Arm am Laden, der statt des Fensters diente, scherzte mit ihm und tat, als ob er es hinauswerfen wollte, da verlor er das Gleichgewicht und stürzte mit ihm auf die Gasse hinab, so daß das Kind ein Ärmlein brach. Jetzt nach vierundsechzig Jahren war es diesem bestimmt, daß sein Haus ein Herd der Zerstörung für seine gesamte Mitbürgerschaft werden und sein oder der Seinigen schuldhafter Leichtsinn ihn mit seiner ganzen Familie in die Verbannung führen sollte. Noch ehe die Lohe ausschlug, war die Hilfe zur Hand, aber es war ein Feuer, das niemand löschen konnte. Die Bewohner hatten es zu lang verheimlicht, nun befreite es sich mit doppelter Gewalt, und im Angesichte der Löschanstalten stand plötzlich das Haus nach allen Seiten in vollem Brande. Die Flamme sprang über die enge Straße auf das gegenüberliegende Haus und bildete einen Bogen, dessen feuerspeiender Regen die Mannschaft zurücktrieb. »Alsbald zündeten die beiden brennenden Häuser auch die in ihrem Rücken gelegenen Häuserreihen an, und das Feuer wütete in drei Gassen zugleich, alle Rettungsversuche zersplitternd und verwirrend. Die Gassen waren eng, die Giebel vorspringend, so daß sie einander über der Straße beinahe berührten, die Gebäude fast alle von Holz, die Stuben getäfelt, die Böden mit schlechtgefugten Brettern belegt, alle Stockwerke vollgepfropft mit dem Hausrat einer eng zusammengedrängten Bevölkerung, alle Häuser angefüllt mit den Gaben des Jahres, mit Frucht, Futter, Stroh und Holz: Speise im Übermaß für jenes Ungeheuer, das nur hungriger vom Fressen wird! Und es fraß nach allen Richtungen der Stadt: abwärts die kurze Strecke gegen das untere, und aufwärts die lange Zeile gegen das obere Tor. Am Himmel hatte ein gelinder Süd geweht; aber das Feuer schuf sich seinen eigenen Luftzug, der zum Sturme wurde und die Flamme vor sich hertrieb, so daß die Häuser nicht mehr einzeln, sondern reihenweise in Brand gerieten. Wenn das Feuer eine Straße durchrast hatte, – dies erzählten Augenzeugen noch viele Jahre lang als das Schrecklichste, dann drehte sich der Wind, als ob er eigens dazu bestellt wäre, und jagte die Lohe wieder eine andere Straße hinab. Umsonst versuchte man durch Niederreißen von Häusern dem Glutstrom seine Nahrung zu rauben; die Maschinen zerbrachen oder verbrannten. Die rüstige Bürgerschaft, die schon manche Feuersbrunst unverzagt überwältigt hatte, verlor den Mut, und nun entstand ein verworrenes Gedränge derer, die noch zu retten suchten, und derer, die unter Jammergeschrei flüchteten. Diese füllten die Gassen und Stadttore, so daß es oft eine Stunde dauerte, bis der eine zum Tor hinaus, der andere wieder hereingelangte. Kranke und Alte wurden in Betten, oder was der Zufall an die Hand gab, erst nach den noch unversehrten Stadtteilen und dann, wenn hier das Feuer nachstürmte, vor die Tore geschleppt. Da draußen war es wie eine weite Walstatt anzusehen, wo Tausende unter freiem Himmel lagen, wund an Leib und Seele. Viele erkrankten tödlich in der nassen Kälte, die außerhalb des Feuerbezirks herrschte. Kreißende Frauen wurden aus den Flammen herausgetragen, andere wurden im Freien unzeitig von der Geburt übereilt, Eltern und Kinder suchten einander, kläglich rufend, und stürzten in die brennende Stadt zurück oder zerstreuten sich stundenweit in die Nachbarschaft, Tiere irrten zwischen den obdachlosen Menschen umher; die einen rannten im blinden Schrecken alles nieder, die andern winselten nach ihren Herren. Zahllose Habe ging nicht bloß im blinden Drang des Flüchtens, sondern auch durch untreue Hände zugrunde, indem schlechte Menschen sich die Verwirrung zu nutze machten. Der anbrechende Morgen sah den dritten Teil der Stadt in Asche und Flammen, und noch immer spottete das Feuer aller menschlichen Gegenwehr. Es hatte inzwischen nach dem Marktplatze herauf gebrannt, und eben jetzt mit Tagesanbruch loderte das schöne Rathaus auf seinen steinernen Säulen mit seinen gemalten Fenstern, welche die Wappen besiegter Ritter trugen, und seinem Sturmbock, dem Siegesdenkmal aus noch älterer Zeit. Dieser Mauerbrecher war von dem Heere des Hohenstaufengegners, als es die Belagerung der Stadt aufheben mußte, zurückgelassen und von den Bürgern Jahrhunderte lang in der über ihm erbauten Kirche aufbewahrt worden, bis Kaiser Max bei einem Besuch der Stadt das Kriegswerkzeug aus dem Gotteshause entfernen hieß; da die Kirche fast rings von Häusern umgeben war, die ihm keinen Durchgang gestatteten, so durchbrach man die Mauer im Chor und schob den mehr als hundert Werkschuhe langen Widder nach der einzigen freien Seite hinaus, worauf er am Rathaus aufgehängt wurde, mit dem er jetzt bis auf den eisernen Schnabel verbrannte. Noch immer stießen die Straßen dicht an die hohe Marienkirche, und wer über den eigenen Jammer noch hinausdenken konnte, der zitterte für das Kleinod der Stadt, als die lange, vom unteren nach dem oberen Tore führende »Kramergasse« nun auch aufwärts vom Marktplatz zu brennen begann. Sie lag zwischen zwei Feuern, die sie von den beiden hinter ihr brennenden Gassen her zugleich ergriffen. Man riß die größten Gebäude an der Kirche ein, und zu gleicher Zeit wälzte sich die Flammenmasse nach Süden weg, so daß die Umgebung der Kirche völlig frei vom Feuer wurde; aber das Glutmeer, von dessen Atem das Wasser in den Röhrenbrunnen sott, die hölzernen Staffeln im Bache verbrannten und die dicksten Fässer in den Kellern zu Asche wurden, hauchte auch nach der Spitze des Turmes empor, und von oben herab wurde die Kirche ein Spiel der Flammen. Am Abend des zweiten Tages sah man kleine Lichter im Gebälke des Glockenstuhles erscheinen; sie liefen hin und her und flossen zusammen; auf einmal schlugen die Flammen zu den Bogenfenstern heraus; ein stürmender Wirbelwind erhob sich und die ganze Kirche samt allen angrenzenden Häusern stand im Feuer. Zum letztenmal bewegten sich die Glocken, aber nicht von Menschenhand; sie läuteten sich selbst zu Grabe, bis sie mit furchtbarem Krachen herabstürzten und in dem Feuerofen zerschmolzen. Nächtelang stand der Turm schneeweiß glühend, dann schwarz und ausgebrannt über der weiten Schuttstätte. Die Röte am Himmel sah man bis in die Schweiz, und die Umgegend war so stark erleuchtet, daß man, wie alte Leute zu erzählen pflegten, in stundenweiter Entfernung mitten in der Nacht einen »Kreuzer vom Boden auflesen konnte«. In den Morgenstunden des dritten Tages hatte das Feuer auch den obersten Stadtteil von der Kirche bis zum oberen Tore vollends verzehrt. Dort sprang es über die Stadtmauer und wollte die große Vorstadt ergreifen, die ihm jedoch wegen ihres weiteren Raumes glücklich widerstand. Nun aber wandte es sich rächend abwärts und fraß an der Mauer eine große Strecke entlang Gassen und Gäßchen, die es noch verschont hatte, bis es zu den bereits in Asche gelegten Stadtvierteln zurückkehrend erstarb. Die ganze Stadt war mit Ausnahme eines unansehnlichen Halbkreises von Häusern in Flammen aufgegangen. Wunderbarerweise begann dieser gerettete Halbkreis mit seinem breitesten Stücke gerade da, wo das zuerst in Brand geratene Haus seine Flammen in die hinter ihm liegende Gasse geworfen hatte. Als ein zweites Wunder staunte man die Nikolauskapelle an, neben welcher der Brand ausgebrochen war. Sie stand, ohne Glocken zwar, doch unversehrt, in einem Kreise von Schutthaufen. Daß der Kaiser auf dem Marktbrunnen den Brand überdauert hatte, war gleichfalls allen ein Rätsel, weil er durch die Trümmer der hart an ihm gelegenen großen Gebäude, besonders des Spitals, der Zerstörung ausgesetzt gewesen war. Nicht so glücklich war auf dem Röhrenbrunnen an der Hauptkirche die Bildsäule des anderen Kaisers gefahren, dem die Stadt ihr Mauerrecht verdankte. Das Bild des Hohenstaufen war untergegangen, das des Habsburgers war erhalten geblieben. Aber nun, als es nichts mehr zu fürchten noch zu hoffen gab, erwachte das Gefühl des Elends erst in seiner ganzen Schärfe und zählte die Verluste der Gesamtheit wie des einzelnen auf. Der Mensch jedoch, so lang Leben in ihm ist, hebt auch nach dem schwersten Schlage wieder den Kopf empor, wie viel mehr eine tätige und entschlossene Gemeinde. Unter den drei bis vier öffentlichen Gebäuden, die wie Inseln im Feuermeere dem Verderben entgangen waren, befand sich das alte Franziskanerkloster, das seit seiner Aufhebung als Schwörhof bei den Ratswahlen diente. Dort richtete die Obrigkeit sich ein und begann die unterbrochene Regierung mit der schwierigen Ausscheidung des Eigentums, das dem Schutt etwa noch abzugewinnen war. Die stehengebliebene Kapelle wurde zur Kirche gemacht; statt der Glocke rief die Trommel zum Gottesdienst, der mit einem Buß- und Fasttage begann; denn das Dankfest war mit dem Segen des Jahres dahin; man hatte die Fruchtvorräte wie Schneeflocken in den Feuersäulen umherwirbeln sehen. Doch stand die Traube noch am Stock, und ihr Ertrag gewährte diesmal ein reichliches Brot. Die Witterung blieb mild, daß man bis tief in den Winter an den Neubauten arbeiten konnte. Mangel und Teuerung blieb abgewendet, und die auflebenden Bürger hatten zu rühmen, daß ihnen von allen Seiten »ritterlich« zugeführt worden sei. Reichsstädte und Fürstenlande, Kreis und Reich griffen der heimgesuchten Stadt unter die Arme. Freilich gab es bei der Verteilung der Beiträge und der Verrechnung der Steuernachlässe viel Beschwerde und Murren, Streit und Mißtrauen; doch schritt das Werk der Herstellung unter allen diesen Unruhen freudig fort. Das erste, was man in Angriff nahm, war die Hauptkirche; ihr Turm war ausgeschält, die Schwibbogen zersprengt, ein Teil des Gewölbes lag am Boden, die zierlich gewundenen Säulen waren zerborsten, die Kanzel mit dem großen Simson verbrannt, die bunten Chorfenster zersprungen und der prächtige Altar mit Schmuck und Zier vernichtet; aber indem man sich auf das Notdürftigste beschränkte, kam man mit den Arbeiten so weit voran, daß am ersten Jahrestage des Brandes wieder der erste Gottesdienst, noch ohne Glocken, in der Kirche gehalten werden konnte. So baut der Mensch, was die Natur mit einem Schlage in den Staub warf, langsam wieder auf, ihre Gewaltstreiche überbietend durch zähe Geduld und Ameisenfleiß. Indessen wurden viele Familien durch diesen Brand in bittere Armut gestürzt. Auch mein Ururgroßvater, der vorher reich gewesen war, kam dabei um sein ganzes Vermögen. Er hatte, als Glockengießer und Spritzenmeister der Stadt, seinen Posten im Kampfe mit dem Feuer, und während er hier seiner Pflicht oblag, vertraute er sein Silber und Gold einem vieljährigen Freunde an; nachher, als er es wieder von ihm fordern wollte, leugnete dieser, etwas empfangen zu haben. Was konnte man ihm anhaben? Ein allgemeines Unglück ist wie eine Kriegszeit, in welcher der Stärkere und Schlechtere oft die Oberhand behält. Mein Ururgroßvater faltete die Hände und sprach: »Was Gott tut, das ist wohlgetan«; darauf richtete er sich mit seinem Handwerk wieder ein, so gut es ging, goß neue Glocken und Feuerspritzen für die wiedererstehende Stadt und nährte sich redlich. Zwar wollte ihm nach dem Ratswechsel der neue Amtsbürgermeister, der ihn nicht liebte, das Leben sauer machen; aber er behauptete sein Recht, und der gestrenge Herr gab weislich bei Zeiten nach; denn die kleinen Obrigkeiten im Reiche hatten einen zwar lässigen, jedoch immer noch durchgreifenden Richter über sich und fürchteten nichts so sehr wie einen Kammerboten von Speier. Mehr als seine eigenen Widerwärtigkeiten ging ihm der Kummer eines lieben Gevatters zu Herzen, der zurzeit der Feuersbrunst erster Bürgermeister gewesen war. Herr Matthäus Baur hatte in einer jener beiden Schreckensnächte ein Kind verloren, ein liebliches Mädchen von drei Jahren; er vermißte sie erst am Morgen, als ihm die Sorge für das öffentliche Wohl einige Zeit ließ, nach seinem eigenen Hause zu schauen. Man wußte nicht, war sie im Feuer oder im Gedränge der Flüchtenden um das Leben gekommen. In den ersten Wochen hatte man noch Hoffnung, die Kleine wieder zu finden, denn es kamen viele verloren geglaubte Kinder zum Vorschein, die sich in die Nachbarschaft verlaufen hatten. Der Bürgermeister sandte Boten nach allen Seiten aus, zu nahen und fernen Freunden, aber niemand wollte etwas von der verlorenen Katharina wissen. Da faßte er sein weinendes Weib in die Arme und richtete ihr das Antlitz gen Himmel, wo sie ihr Kind als einen schönen Engel von nun an suchen sollte. Abends aber, wenn er mit seinem Gevatter auf der Zunftstube zu einem Glas Wein zusammenkam, dann sprachen sie einige halbe Worte über das süße Mädchen, der Bürgermeister wischte sich eine Träne aus dem Auge und trank einen Schluck Wein dazu, und sein Freund drückte ihm die Hand und sagte: »Ich habe immer geglaubt, mein Franz werde sie einmal zum Weibe haben.« Dieser, das älteste von den Sieben, die im Kasten gewesen waren, wuchs mittlerweile heran und ward ein stattlicher Jüngling, Er erlernte das Handwerk seines Vaters, die edle Gießerkunst, und setzte mit seinem im Feuer gebräunten Gesicht und durch den Druck seiner kräftigen Hand manches Mädchenherz auf dem Tanzboden in Flammen. Er aber schaute nur nach der schönen Regine, die er in seinem Herzen für die Königin des Tanzbodens erklärte. Die schöne Regine war ein Mädchen von stolzem, vollem und schlankem Wuchse; sie hatte ein majestätisches Gesicht, schwarze Haare und schwarze Augen und dabei eine blendend weiße Haut; sie galt für das schönste Mädchen in der ganzen Stadt, nur wollten strenge Richter den Umfang und die Biegung ihrer Nase zu kühn finden, und es ist nicht zu leugnen, daß die Stellung dieses Gliedes in dem seinen Antlitz etwas sehr Gebieterisches hatte. Von dieser Art war auch Reginens ganzes Wesen; sie tat zurückhaltend, stolz und spröde. So betrug sie sich auch gegen Franz; aber wenn er sie im feurigen Tanze den Saal hinunterschwang, so steckten alle Leute die Köpfe zusammen und flüsterten: »Das ist doch das schönste Paar auf dem Tanzboden; die täten zusammen passen!« Das sah und hörte Franzens Mutter sehr ungerne, denn die schöne Regine war die Enkelin des alten, reichen Stadtschreibers, und der stand bei meiner Ururgroßmutter in keinem guten Andenken. Er war ihr Vormund gewesen, und ohne daß man wußte, wie es zuging, war bei der Abgabe der Pflegschaft der Vormund ein reicher Mann und sein Mündel ein armes Mädchen. Aus Großmut bot er ihr seine Hand an, aber sie weinte und rief: »Ihr seid ja so alt, daß Ihr mein Vater sein könntet; wär't Ihr's nur gewesen, dann stände es jetzt anders!« Dies klang ihm zu unbescheiden, und er jagte sie aus dem Hause. Damals war die Waisenjustiz noch nicht im besten Zustande, und meine Ururgroßmutter sah ein, daß es klüger sei, zu schweigen und zu dulden, als ein Recht zu suchen, von dem sie nicht wußte, wo es zu finden war. Ein entfernter Verwandter nahm sie auf, und da sie zu Feldarbeiten nicht kräftig genug war, so mußte sie ihm die Schafe hüten. So saß sie den lieben langen Tag und vertrieb sich die Zeit damit, daß sie schöne Lieder sang; sie wußte deren viele und hatte eine gute Stimme. Aber als ein ehrbares Mädchen sang sie nichts, was für leichtfertig angesehen werden konnte; die strengste Kirchenzensur hätte ihre Lieder hören dürfen, eine Art halbgeistlicher Lieder mit langtönenden wehmütigen Melodien, welche recht geeignet waren, einem betrübten Herzen Luft zu machen. Solche pflegte die arme Dorothea zu singen, wenn sie bei ihrer Herde saß; sie gewährten ihr einen schmerzlichen Trost, und wer in den Feldern oder in den Weinbergen an der Arbeit war, ließ gern sein Werkzeug auf eine Weile sinken, um der klaren, sanften Stimme zu lauschen, wie sie hinter dem kleinen Hügel hervordrang, der den Weideplatz verdeckte. So sang sie einmal ihr Lieblingslied: »Himmlische Geduld« mit besonderem Ausdruck, als die Tochter ihres ehemaligen Vormunds, die es ihr immer noch nicht verzeihen konnte, daß sie einst eine Stiefmutter in ihr hatte fürchten müssen, an ihr vorbeikam, von einer Magd und einem Hündchen begleitet, auf dem Kopfe einen schauerlichen Bänderhut, wie ihn damals die Vornehmen und Reichen trugen. Sie blieb stehen, betrachtete die Hirtin hochmütig, und als verstände sie die Worte des Liedes nicht, wandte sie sich zu der Magd, die ihr den Korb nachtrug: »Was singt die da für Schelmenlieder?« Das schöne Lied: »Himmlische Geduld« ein Schelmenlied! Das Wort gab der armen Dorothea einen Stich durchs Herz, Sie war sehr versöhnlichen Gemüts und hatte schon oft für ihren Vormund gebetet; aber das konnte sie der tückischen Judith nie vergessen, daß sie nicht nur im Elend ihrer gespottet, sondern auch ihren Sinn und Wandel verleumdet hatte. Ein alter Winzer, der in der Nähe zugehört, kam herbei und tröstete die Weinende. »Sei ruhig, Kind,« sagte er, »der dir jetzt Trübsal widerfahren läßt, wird dich noch in Freude führen. Er wird dir einen braven Mann bescheren, dann hat all der Jammer ein Ende.« So geschah es auch. Eines Tages hütete Dorothea ihre Schafe an der Straße, da kam ein stattlicher Reiter auf einem Friesländer dahergezogen; er war ausländisch gekleidet, trug einen kurzen Mantel und ein Federbarett, an seiner Seite hing ein zierliches Schwert, Es war mein Ururgroßvater, der weit in der Welt herumgezogen, in den Niederlanden, in Frankreich und Spanien gewesen war, um die damals neuen Verbesserungen in der Glocken- und Spritzenmacherkunst aus dem Grunde zu lernen, und jetzt in die Heimat zurückkam, wo er sich niederlassen und seine Kunst ausüben wollte. Er hielt sein Pferd an und richtete mit ausländischem Akzent einige Fragen an Dorothea, die sie schüchtern beantwortete. »Kennst du mich denn nicht mehr?« rief er auf einmal in der heimischen Sprache. Sie sah ihn genauer an und erkannte in ihm einen Vetter und Jugendgespielen, der seit vielen Jahren nichts von sich hatte hören lassen. Die Freude öffnete ihr das Herz, sie erzählte ihm ihr Schicksal, wie der Vormund sie verkürzt habe und wie sie jetzt in Not und Verachtung leben müsse. »Laß du ihm seinen Mammon, Dorothea,« sagte er, »und gib mir den Strauß, den du da an der Brust hast.« Sie verstand ihn und gab ihm die Blumen mit Erröten. Er steckte sie ans Koller, spornte sein Pferd und ritt in die Vaterstadt ein. Damals hatte das Handwerk noch einen goldenen Boden; der junge Meister war der einzige weit und breit, aus allen Gegenden kamen Bestellungen, manche Ortschaften waren noch gar nicht mit Spritzen versehen, auch waren die neuen erst eigentlich brauchbar; ähnlich stand es mit den Glocken, die man bis dahin nicht so bequem zu gießen verstanden hatte. Er mußte ein ganzes Haus voll Gesellen und Lehrlinge annehmen; der Verdienst überstieg alle Erwartungen. Nach einem halben Jahr führte er die demütige Hirtin in sein Hans. Um dieselbe Zeit heiratete auch die hochmütige Judith, und die schöne Regine war ihre Tochter. Aus diesem Grunde hörte die Ururgroßmutter es nicht gerne, wenn man Franzen und Reginen ein Paar nannte; sie dachte immer wieder an die »Himmlische Geduld«, konnte aber darob sehr ungeduldig werden. Ferner erwog sie ein großes Hindernis: Franz hatte seinem künftigen Weibe nicht viel anzubieten, denn das Wenige, was seit dem Brand erübrigt war, ging in mehrere Teile; Regine aber war reich, und ihre Mutter hatte den Hochmut nicht abgelegt, den Geiz aber noch dazu gelernt. Eines Morgens saß Franz betrübt hinter dem Ofen und hatte ganz vergessen, zu dem Vater in die Werkstatt zu gehen. Die Mutter beobachtete ihn eine Weile, endlich trat sie zu ihm und sagte: »Was ist dir, Franz? Warum bist du so verdrießlich?« Der Jüngling schrak auf und sagte: »Ich bin noch schläfrig vom gestrigen Tanz; Ihr wißt, Mutter, ich kam spät in der Nacht erst nach Hause; nun muß ich aber gehen und formen, der Vater schilt sonst.« »Bleib noch ein wenig,« sagte die Mutter, »ich muß dich etwas fragen.« Sie setzte sich ihm gegenüber und fuhr fort: »Du bist nicht ehrlich gegen mich, Franz: ich habe schon längst bemerkt, daß du etwas auf dem Herzen hast; gesteh' mir's, was macht dich so bekümmert? Es ist nicht recht, daß du mich betrügen willst: wie kannst du denn schläfrig sein, da du heut schon so früh aufgestanden bist? Ich habe dich gehört, du warst vor uns allen auf den Beinen.« Franz sträubte sich; endlich fragte sie: »Hast du etwas mit der Regine gehabt auf dem Tanz? Nicht wahr, die macht dir das Herz schwer?« Sie mußte ihm noch lange Zeit freundlich zureden, bis es endlich herauskam. Regine hatte ihm gestern zweimal nacheinander einen Korb gegeben, und als er zum drittenmal wiederkam, hatte sie gerade heraus gesagt: »Ich bin nicht für Euch allein auf dem Tanzboden und mag mir auch nichts nachsagen lassen, probiert's doch einmal mit anderen Tänzerinnen, sie nehmen's Euch sonst übel.« Und dabei hatte sie spöttisch auf seine Schuhe geblickt, deren Schnallen nicht von Silber, sondern bloß von Messing waren. »Seht einmal die hoffärtige Prinzessin!« rief die Mutter entrüstet. »Wenn alle Menschen redlich gewesen wären, so trügest du Silberschnallen an den Schuhen, und das Ruster an ihrem Halse wäre nicht von echten Granaten. Aber es geschieht dir ganz recht, was läufst du auch dem großnasigen Dinge nach? Es sind viel schönere Mädchen in der Verwandtschaft, und sind auch nicht arm und keine so aufgebauschte Pfauen, wie die.« »Was wird da von Mädchen geleiert?« rief eine zornige Stimme hinter ihr; der Vater war unbemerkt ins Zimmer getreten, um seinen Sohn zu suchen. Mein Ururgroßvater war ein sehr strenger und heftiger Mann, der gute Zucht im Hause hielt und groß von seinem Stand und seiner Würde dachte. Er saß seit den letzten Wahlen im Rat, welches Amt zwar jedes Jahr einer Neuwahl unterworfen, aber im gewöhnlichen Lauf der Dinge doch so gut wie lebenslänglich war; durfte Stock und Degen tragen, ohne welche man ihn nie ausgehen sah, und wachte mit einer gewissen Eifersucht darüber, ob ihm von jedermann die schuldige Ehrerbietung erwiesen werde. Ja, die böse Welt sagte ihm nach, er habe einmal, als er über den Markt aufs Rathaus gegangen sei, einer Gans, die den Schnabel gegen ihn aufsperrte, in gerechter Entrüstung den Kopf mit dem Ehrendegen abgeschlagen und dazu seinen Lieblingsfluch »Pugio«, den er aus Spanien mitgebracht, ausgestoßen. Er war daher sehr entrüstet, als ihm seine Frau gestand, wovon die Rede sei; er fühlte sich durch den Hochmut Reginens in seiner Würde gekränkt und ließ den Zorn an seinem Sohne aus. »Pugio!« rief er, »was fällt dem Burschen ein? Ist noch nicht hinter den Ohren trocken und sieht schon nach den Mädchen? Ich will's ihm vertreiben, so wahr ich Senator und Zunftmeister bin! Wenn er einmal sein Handwerk aus dem Fundament gelernt hat und ein gemachter Mann ist, dann ist's Zeit, sich nach einer Frau für ihn umzusehen, das heißt, nach einer Frau, die seinen Eltern ansteht und fromm und fleißig ist, und nicht in Hoffahrt gekleidet, wie die Lilien auf dem Felde, die da weder nähen noch spinnen. Pugio! Ich habe nicht eher an solche Sachen gedacht, als bis ich von meinen Reisen zurückkam und mich hier niederließ, und der milchbärtige Junge hat seine Gesellenjahre noch nicht einmal hinter sich, und in der Welt ist er auch noch nicht gewesen. In der Welt muß man gewesen sein, das gibt den Verstand und den rechten Schick. – Ich habe mir's schon lang' bedacht,« sagte er etwas freundlicher zu seinem Sohn, »du mußt fort in die Fremde, ich sehe, es ist nunmehr Zeit dazu, und dann kommst du mir auch aus der einfältigen Liebschaft heraus. Ich bin weit gereist, aber fürs erste will ich dich nicht so weit forttreiben. Du sollst mir in die kurkölnische Stadt Attendorn; daselbst ist ein geschickter Glockengießermeister, Christoph Woltmann, mein sehr werter Freund, mit dem ich lange Zeit zu Lüttich als Gesell gestanden bin. An den will ich dir einen Brief mitgeben, daß er dich in Arbeit nimmt, und hernach, wenn du mir anständig schreibst und triftige Gründe dafür weißt, bin ich auch nicht abgeneigt, dich noch weiter reisen zu lassen.« Franz war ein gehorsamer Sohn und ein verständiger Jüngling; er sagte: »Ja, Vater, ich bin's zufrieden«; ließ sich den Wanderbrief schreiben, nahm Abschied vom Hause und wanderte nach Norden zu. In der fröhlichen Rheingegend hatte er bald seinen gesunden Mut wiedergefunden; Herzweh, Heimweh und was ihn drücken mochte, warf er in den Strom, als er mit dem Schiffe hinuntertrieb. Die erste Reise ist wie die erste Liebe, sie verwandelt das ganze Wesen des Menschen. Bei Bingen bestand er ein kleines Abenteuer, doch ließ ihn die Lurlei mit dem Schrecken davonkommen. Auf dem Wege nach Attendorn hatte er einen günstigen Angang, eine Lämmerherde, und in Attendorn selbst, vor einem Eckhause, zu welchem er auf seine Frage nach Meister Christoph Woltmann gewiesen worden war, stand ein Engel und fragte ihn: »Wat belieft, myn Heer?« Er gab seine Auskunft ziemlich verwirrt, und der Engel führte ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer, wo der Meister, der soeben Feierabend gemacht hatte, beschäftigt war, ein Stück echten Limburger Käses und eine Kanne Wein durch ein gelassenes Schmelzverfahren miteinander zu vereinigen. »Wo bist du gewesen, Katharina, und wen bringst du mir da?« fragte der freundliche Mann. »Ich habe den Gesellen ihren Trunk gebracht, Vater,« sagte das holde Mädchen, das mit Franz in die Türe getreten war. »Dann ging ich in die Abendmette, und wie ich zurückkam, blieb ich noch eine Weile unter der Haustüre stehen, es ist so ein warmer Tag heute; nun kam der Fremde hier auf mich zu und sagte, er wolle Gesell bei Euch werden und habe Euch einen Brief zu überreichen.« Meister Woltmann ließ den Ankömmling näher treten und nahm ihm den Brief ab. Er war ausnehmend vergnügt, als er hineingesehen hatte; abwechslungsweise las er den Brief und betrachtete den Jüngling. »Sei mir herzlich willkommen in meinem Hause, lieber Junge!« rief er endlich. »Was du deinem Vater gleichst! Zug für Zug, wie aus dem Gesicht geschnitten! Ja, das war ein hübscher, lustiger Bursche zu seiner Zeit, wir haben manchen guten Tag miteinander verlebt in Lüttich. Nun, das ist brav von ihm, daß er dich zu mir schickt; ich will dir ein getreuer Freund sein bei all deinem Tun und Lassen, du sollst Arbeit bei mir haben, wie ein wackerer Gesell, und sollst gehalten werden, wie das Kind im Hause. Katharina, geh und bring ihm zu trinken. Da, sitz zu mir her, du wirst müde sein; heute und morgen hast du Rasttag, übermorgen fangen wir eine Spritze nach einem ganz neuen Modell an; da kannst du Hand anlegen und lernen zugleich.« In diesem Tone sprach der Meister noch lang'; er erkundigte sich nach seinem Jugendfreunde, nach dessen Haushalt und Handwerk, fragte, wie es bei jenem Brande zugegangen, dessen Kunde überall hingedrungen war, ob sein Freund sich jetzt wieder ganz erholt habe von seinem damaligen Schaden, und tausend freundschaftliche Dinge mehr, Franz gab über alles Auskunft; es war ihm so wohl, als ob er in der Heimat wäre. Beim Abendessen mußte er sich zwischen Meister Woltmann und Katharinen setzen, und dieser Platz wurde ihm für immer angewiesen. Dann fing der Meister wieder an, von Lüttich zu erzählen und zu fragen und wieder zu erzählen; Franz mußte von seiner Reise berichten und brachte allerhand Merkwürdiges und Ergötzliches vor. Er war in Köln gerade zum Fasching eingetroffen und gab die lustigsten Bilder davon zum besten, wobei er besonders an Katharinen eine aufmerksame Zuhörerin hatte. Die Gesellen, die am gleichen Tische mit der Meisterschaft saßen und Franzen fröhlich bewillkommt hatten, nahmen ebenfalls Anteil an der Unterhaltung, und jeder erzählte ein Abenteuer von seiner Wanderschaft. Katharina war sehr heiter und rief einmal übers andere: »Nun sitzen wir schon so manches Jahr beisammen, und doch ist's noch keinem eingefallen, so viele hübsche Sachen zu erzählen! Noch keinen Abend sind wir so vergnügt gewesen, wie heute.« Die Abendglocke unterbrach diese Gespräche, und eine andächtige Stille trat ein, Franz horchte mit Staunen und Wohlgefallen auf den herrlichen Klang. »Fürwahr,« begann er, als er sah, daß die anderen ihre kurze Andacht beendigt hatten, »ich bin immer stolz auf das Geläute meiner Vaterstadt gewesen, glaube auch nie ein reineres und einstimmigeres gehört zu haben, aber eure Glocke sticht alles aus, sie hat einen wahrhaft goldenen Ton, bei dem es einem ganz anders wird.« »Einen goldenen Ton,« versetzte Meister Woltmann, »ja du hast's getroffen, und zwar ist's nicht bloß figürlich, sondern buchstäblich so. Die Glocke ist ein altes kostbares Werk, wie heutzutage keines mehr gegossen wird, denn sie hat einen starken Zusatz von echtem Gold erhalten. Du weißt, daß man früher, um einer Glocke den rechten Ton zu geben, eine Beimischung von Gold oder Silber für nötig hielt, die jedoch meist in den Säckel des Gießers geflossen sein mag. Hier aber hat der Zufall die Mischung vollbracht, und eben darum ist das Gold auch wirklich der Glocke zuteil geworden, wiewohl sie hinwiederum, so oft sie den Mund auftut, eine Trauermär erzählt von dem Fluch, der auf dem Golde ruht. Ich will sie dir berichten, wie sie von unseren Alten hinterlassen worden ist.« Er gab Katharinen einen Wink, die zinnernen Becher vollzuschenken, und begann hierauf die Geschichte der Glocke, die, weil nach Ortsbrauch der Eintritt der Nacht durch langes Läuten gefeiert wurde, die ganze Erzählung mit ihren weichen bebenden Schlägen begleitete. »Vor längerer Zeit,« begann der Meister, »als die Glockengießerkunst noch selten und nur in den Händen weniger Meister war, die mit ihrem Geheimnis in der Welt herumzogen und großen Reichtum erwarben, kam einst ein solcher wandernder Glockengießer mit seinem Gesellen hierher und erbot sich, den Bürgern eine Glocke zu gießen. Sein Antrag wurde mit Freuden angenommen, denn sie hatten noch keine größere. Alles geriet in Bewegung, man legte zusammen, und jeder trug nach Kräften bei; die Reichen gaben Geld, um Metall zu kaufen und den Meister zu unterhalten, und wer kein Geld hatte, brachte Stücke Metall herzu, so viel oder so wenig er besaß, zerbrochene eherne Töpfe und dergleichen, so daß in kurzer Zeit eine Menge Metalls beisammen war und der Meister mit dem Schmelzen anfangen konnte. Dieser aber war ein wilder, jähzorniger Mann; er trug einen unmäßigen Schnurrbart, soff, fluchte und strich sich bei jedem Schwure den Bart; dazu war er unleutselig und grob gegen jedermann. Die Bürger hätten ihn längst gern zur Stadt hinausgejagt, wenn es ihnen nicht um ihre Glocke zu tun gewesen wäre. Deshalb trauten sie ihm auch nicht recht, und es mußten immer einige vom Rat zugegen sein, wenn er in seiner Werkstätte arbeitete, um aufzusehen, daß das gesammelte Metall auch wirklich alles zum Gusse verwendet werde. »Nun lebte zu derselben Zeit in dieser Stadt eine arme Witwe, die sich von einem kleinen Kramladen kümmerlich nährte. Dieselbe hatte ihren einzigen Sohn nach Holland geschickt, um reichen Kaufleuten allda zu dienen, in diesem Geschäfte hatte sich der junge Mann, der sehr anstellig war, Gunst und Geld in hohem Maße erworben, so daß er jährlich seiner Mutter einen Zuschuß senden konnte. Nach und nach brachte er ein hübsches Vermögen zusammen, mit dem er in seine Vaterstadt und zu seiner Mutter zurückzukehren beschloß. Beim Abschied schenkten ihm die Kaufleute, bei denen er gedient hatte, zur Belohnung und zum Zeichen ihrer Zufriedenheit eine große Platte von lauterem Golde. Da er auf einem Umwege in die Heimat reisen wollte, so sandte er die Goldplatte schwarz angestrichen voraus und schrieb seiner Mutter, sie werde ihn bald wiedersehen, aber von der Platte schrieb er nicht, aus welchem Metall sie bestehe, sondern nur, man solle sie bis zu seiner Ankunft aufbewahren. Als daher in der ganzen Stadt Metall zu der Glocke gesammelt wurde, gab die unberichtete alte Frau ihre Platte her und dachte, ihr Sohn werde es zufrieden sein, das unnütze Stück auf diese Art angewendet zu sehen. Aber der Glockengießer erkannte den Schatz sogleich und trachtete von Stund an darnach, ihn in seine Gewalt zu bringen; nur war es für jetzt nicht möglich, weil er in all seinem Tun und Lassen beobachtet wurde. Noch wußte er Mittel und hoffte zuversichtlich, noch vor dem Gusse das Gold von dem anderen Metall zu sondern und sich zuzueignen. »Als nun die Zeit des Gusses herangekommen war, unternahm der Meister schnell eine Reise gen Arensberg, um auch dort etliche Glocken anzufangen und so viel Metall an sich zu bringen, daß er das Gewicht des Goldes damit ersetzen könnte. Er trat daher zu seinem Gesellen und sagte: ,Ich muß auf etliche Tage verreisen! du bleibst indessen hier und richtest noch eins und das andere zu, was wir zum Gusse brauchen; aber höre, so lieb dir dein Leben ist, unterstehe dich nicht, den Guß in meiner Abwesenheit vorzunehmen, und wenn ich auch noch so lang' ausbliebe! Du verstehst es nicht, denn ich habe dir noch nicht alle Geheimnisse unserer Kunst mitgeteilt, und welche Schande wäre es für uns, wenn das Werk mißlänge; übrigens werde ich spätestens in acht Tagen wieder da sein.' »Der Meister reiste ab, der Gesell blieb zurück. Dieser war ein feiner, frommer, sittsamer Jüngling, bei jung und alt beliebt. Er war fleißig am Werke und brachte vollends alles Nötige in Richtigkeit. Als nach vier Tagen der Meister noch nicht da war, fing er an, Hand an die Maschinen und Werkzeuge zu legen, durch welche die Glocke auf den Turm gehoben werden sollte. »Acht Tage waren verstrichen und noch einige dazu; das Geschäft des Gesellen war beendigt, aber der Meister ließ nichts von sich sehen noch hören. Da entstand eine große Unruhe in der Stadt, man schrie, der Meister sei ein Betrüger, der sich auf gemeine Unkosten habe unterhalten lassen, und jetzt, da er seine Kunst zeigen sollte, entflohen sei. Der Gesell fürchtete, es sei ihm ein Unglück zugestoßen; er versicherte, sein Meister sei der geschickteste Glockengießer in der Welt, und falls er nicht zurückkäme, so verstünde ja er die Glocke zu gießen, nur habe der Meister es ihm verboten; man möchte ihm erlauben, einige Tage sich entfernen, um den Meister aufzusuchen. Aber die Bürger wollten auch ihm nicht mehr trauen; sie verboten ihm bei Todesstrafe, die Stadt nur einen Augenblick zu verlassen, und ob man ihm gleich nichts zuleide tat, so wurde er doch bewacht und wie in festem Gewahrsam gehalten. Da ging ihm endlich die Geduld aus, und er verhieß, wenn am Ende von zwei Wochen der Meister nicht zurück sei, so wolle er die Glocke gießen. »Die vierzehn Tage gingen auf die Neige, und der Meister kam nicht. Da ging der Gesell ans Werk, betete eifrig und goß dann die Glocke. Sie war aufs schönste geraten, als er die Form zerschlug, kein Eckchen fehlte, Namen und Bilder, alles hatte sich aufs deutlichste ausgedrückt, und das Metall glänzte in einem gelben Scheine, als wenn es beständig von der Sonne angestrahlt würde. Der Gesell war voll Freuden und mit ihm alles Volk. An einem Sonnabend wurde die Glocke auf den Turm gebracht, der Schwengel aber erst in der Nacht darin befestigt, denn sie sollte ihr Erstlingsgeläute nicht eher als zum Sonntagsgottesdienst ertönen lassen. Als nun am anderen Morgen die Frühmesse eingeläutet wurde, da gab die Glocke einen so reinen, herrlichen Klang, daß alle Herzen bewegt wurden. Zu Mittag aber richtete die Stadt dem Gesellen ein großes Bankett auf dem Rathause an; daselbst wurden ihm reichliche und ehrenvolle Geschenke gereicht und wacker mit ihm gezecht bis an den Abend. Der Jüngling aber war seltsam betrübt und mußte sich zwingen, in die Freude der anderen mit einzustimmen. Er klagte, dem Meister müsse wohl etwas Böses widerfahren sein, daß er so lang' ausgeblieben, und sagte, er wolle ihn in der ganzen Welt aufsuchen, um ihm die Geschenke zu überbringen, die nicht ihm selbst, sondern jenem gebührten. »Als nun der Abend herankam, nahm er Abschied von den Bürgern; aber viele wollten sich's nicht nehmen lassen, ihm noch das Geleite zu geben. So ritten sie mit ihm und folgten ihn aus mit Kannen und Gläsern; der Gesell ritt in der ersten Reihe, und neben ihm ging ein Saumroß, das die Ehrengaben trug. Der Rat aber befahl, ihm die Glocke nach zu läuten, so lang' er sie hören könne. In solcher Ehre und Fröhlichkeit kam er bis auf die steinerne Brücke zwischen hier und dem Schlosse Schnellenberg und tat eben noch seinen Geleitern, von denen er sich beurlauben wollte, zum letztenmal Bescheid; da sah man einen Reiter auf schweißtriefendem Rosse heranjagen; als er näher kam, erkannten sie den Meister. Er war in mehreren Städten gewesen, bis er das erforderliche Metall beisammen hatte; seine Hast und sein Ärger hatten ihm eine hitzige Krankheit zugezogen, an der er bis jetzt darnieder gelegen. Er sah todbleich aus, trotz der rasenden Eile, mit der er geritten war; aber seine Augen funkelten wie zwei Fackeln, als er den Reiterhaufen gewahr wurde, denn er ahnte, daß er zu spät komme. Er hielt vor ihnen, und in diesem Augenblick trug die Luft den goldenen Ton seiner Glocke vernehmlich herüber. »Hundesohn,« schrie er den Gesellen an, »hast du sie gegossen? Wohlan, sie soll deine Totenglocke sein!« Damit riß er das Schwert von der Seite und stieß es ihm in die Brust; der unschuldige Jüngling stürzte ohne einen Laut unter das Pferd. Seine Genossen aber warfen sich über den Mörder her, rissen ihn herunter, banden ihm die Hände und brachten ihn so nach der Stadt zurück. »Man stellte ihn vor den Magistrat; er war zerknirscht und gestand alles, wie er das Gold erkannt habe und dem Satan anheimgefallen sei. Nur noch eines bat er sich aus: wie seine Glocke dem Ermordeten zur Todesglocke geworden sei, so möchte man sie ihm als Armesünderglocke läuten, wenn er zum Tode geführt werde. Sein Urteil wurde gesprochen, seine Bitte gewährt. Man führte ihn unter dem Klang der Glocke hinaus, festen Schrittes trat er in den Ring, blieb eine Weile stehen und horchte mit durstigem Ohr den letzten Tönen der verhängnisvollen Glocke, dann kniete er nieder, und sein Haupt fiel in den Sand. Dem Gesellen aber wurde auf der Brücke, wo er sein Ende genommen, eisern Kreuz zum ewigen Gedächtnis aufgerichtet. »Mit dem Todesurteil hatte der Magistrat beschlossen, die Glocke solle nie mehr geläutet werden, wegen des Verbrechens, woran sie schuldig sei. Aber bald hernach traf der Sohn der Witwe, der Eigentümer des Goldes, in der Heimat ein; sobald er die Begebenheit vernommen und von seiner Mutter erfahren hatte, daß sie jene Platte zum Guß der Glocke hergegeben habe, ließ er sich vor den Rat führen und erzählte, inwiefern er bei dieser Sache beteiligt sei. Es wurde sogleich beschlossen, die Glocke wieder einzuschmelzen und durch kundige Leute das Gold für ihn ausscheiden zu lassen oder ihm eine angemessene Entschädigung in Geld anzuweisen, aber er weigerte sich des und sprach: ›Ehrsame Herren, ich bin nicht vor euch getreten, um das Meinige anzusprechen, der liebe Gott hat väterlich für mich gesorgt, daß ich in diesem Leben keine Not leiden werde. Aber weil ich das Gold zurückbegehren könnte, habe ich auch ein Recht auf die Glocke, und darum bitte ich euch, sie der Gemeinde nicht zu entziehen; wohl muß ich trauern, daß mein Gold zween um das Leben gebracht hat, einen unschuldig und einen schuldig, aber die Glocke hat durch diese Begebenheit eine ernste Taufe erhalten, und wie sie dem Unschuldigen und dem Schuldigen zu Grabe geläutet hat, so soll sie auch hinfüro allezeit fortklingen, dem Frommen zur Andacht und dem Gottlosen zur Warnung.‹« Wer Meister schwieg, und noch immer hörte man die Glocke, die gleichsam mitredend ihre letzten Schwingungen jetzt zu vernehmen gab, auf einmal aber, wie wenn sie noch ein lautes Wort hätte hinzufügen wollen, mächtig anschlug und mit diesem Schlag verstummte. Ein leiser Schauer kam über die Hausgenossenschaft in der stillen abendlichen Stube, und doch war es allen, als ob nur noch dieses Grauen vor den unbekannten Abgründen des Lebens gefehlt hätte, um das trauliche Gefühl des Daheimseins in ihnen zu erhöhen. Noch eine Weile blieben sie schweigsam beieinander sitzen, dann ging alles zu Bette, und auch der Ankömmling suchte sein neues Nachtlager auf. Als er am andern Morgen die Treppe herunterkam, begegnete ihm Katharina auf dem Flur. »Guten Morgen!« rief sie ihm entgegen, »Sagt mir nur gleich, was Euch geträumt hat diese Nacht, denn es ist ein alter Glaube, was einem träumt in der ersten Nacht an einem Orte, wo man zum erstenmal ist, das trifft ein. Oder seid Ihr vielleicht so müde gewesen, daß Euch gar nichts geträumt hat?« »Allerdings hat mir geträumt,« sagte Franz, »und zwar etwas, das mir seltsam vorkam und mir immer noch lebhaft vor der Seele steht.« »Nun, laßt hören!« »Mir träumte, ich hütete eine Herde Schafe, und darunter war ein zartes, kleines Lamm, das ich besonders lieb hatte; es war am Halse rot gezeichnet, fraß immer aus meiner Hand und ging auf jeden Schritt und Tritt mit mir. Nun entstand nachts, als ich im Pferche lag und schlief, ein großes Geschrei, die Lämmer blökten, die Hunde bellten, daß die Luft überall widerhallte; ich fuhr auf und wollte herausspringen, aber der Pferch war fest verschlossen, und ich mochte mich anstrengen, wie ich wollte, ich blieb gefangen, während das Getümmel draußen immer mehr überhand nahm. Es dauerte, so däuchte mir, bis an den Morgen fort, da wurde es auf einmal still, der Pferch sprang von selber auf, und ich fuhr hinaus. Meine Schafe lagen friedlich umher im Frührot, aber mein Lieblingslamm fehlte. Ich ging in der ganzen Gegend umher und lockte ihm, ich sandte alle meine Hunde aus, es zu suchen, aber vergebens, es kam nicht mehr zum Vorschein. Da war ich so ernstlich betrübt, daß ich es jetzt selbst nicht mehr begreifen kann; aber ich ward im Traum auf einmal in eine andere Gegend geführt, sie war mir unbekannt und kam mir doch bekannt vor; in diesem Augenblick ist es mir, als ob es die hiesige Gegend gewesen wäre, wie sie gestern bei meiner Ankunft vor mir lag. Auf einmal war ich mitten in meinem Handwerk: vor mir stand eine Form aus Lehm, Gesellen waren dabei, und auf der Seite lehnte der Meister, Herr Woltmann, auf einem Stock und sah uns zu. Die Form aber war fertig und ganz trocken, und ich wußte, daß die Glocke, schon gegossen, darunter verborgen war. Auch wußte ich, daß es mir oblag, die Form zu zerbrechen; ich nahm also den Hammer und führte einen Schlag auf die Form. Sie ging in Stücken, aber statt der Glocke sprang ein Lamm darunter hervor, das blökte fröhlich und hüpfte an mir hinauf und leckte mir die Hände; es war am Halse rot gezeichnet, und als ich es näher ansah, war es das verlorene Lamm. Ich neigte mich und liebkoste es, und in demselben Augenblicke fing eine Glocke zu läuten an, da dachte ich: ,die Glocke ist ja auch fertig'. Diese läutete aber immer stärker, so daß ich erwachte, da war es die Morgenglocke hier in Altendorn. – Nun sagt aber, ob das nicht ein sonderbarer Traum ist?« »Der Traum hat gewiß eine Bedeutung,« erwiderte Katharina: »ich wünsche, daß er Euch auf eine fröhliche Art in Erfüllung gehe. Ich wollte, alle verlorenen Lämmer könnten ihre Herde wiederfinden.« Tränen standen ihr in den Augen, und sie ging schnell hinweg. Franz suchte Meister Woltmann auf. »Guten Morgen, lieber Junge,« sagte dieser; »du mußt nun schon leiden, daß ich dich duze; ich habe es einmal so angefangen und kann mir's jetzt nimmer abgewöhnen.« »Bleibt dabei, Meister,« rief Franz, »Ihr macht mir eine große Freude damit, und ich kann Euch um so eher wie meinen Vater ansehen.« »Nun, mit der Vaterschaft, Franz, können wir jetzt gleich anfangen: wir müssen über einen Punkt ins reine kommen, von dem ich gestern nicht schon reden mochte. Unsere Stadt ist katholisch, und ich bin es auch, wie du weißt, dein Vater aber ist ein vernünftiger Mann und macht sich nichts daraus. ›Ich habe zu viele Menschen und Sekten gesehen,‹ schreibt er mir, ›als daß ich nicht wissen sollte, wie wenig es mindestens bei uns ungelehrten Leuten auf den Religionsunterschied ankommt; ich habe sehr gute Katholiken und sehr schlechte Protestanten kennen gelernt, und wieder umgekehrt; aber an dem Glauben, den einer mit der Muttermilch eingesogen hat, soll er festhalten sein ganzes Leben lang; dadurch prüft er ihn am besten, wenn er ihm treu bleibt, denn sein Glaube bleibt dann auch ihm treu und wird seine Stütze in Gefahr und Anfechtung. Darum, und auch damit niemand kein Ärgernis nehme, wünschte ich, daß mein Sohn Franz sich von Eurem Gottesdienst entfernt hielte, und habe ihm dannenher für seine sonntägliche Andacht Benjamin Schmolkens Erbauungsbuch mitgegeben. So aber ein evangelisches Haus in Eurer Stadt wäre, mit dem er den Tag des Herrn begehen könnte, so sollt« mir das freilich noch lieber sein.'« – »Sieh, Franz,« fuhr Meister Woltmann fort, »jetzt hast du die Wahl, Ich denke in dieser Sache gerade wie dein Vater, und es wird dir auch sonst niemand hier zusetzen, denn die Leute sind friedlich und duldsam; du kannst also den Sonntag über deinem Schmolke zubringen oder bei einem Religionsverwandten, der hier wohnt, wofern nämlich dieser nichts dagegen hat.« Franz entschied sich für das letztere, und Meister Woltmann ließ ihm sogleich das Haus seines Glaubensgenossen, eines Leinewebers, zeigen. Dort wurde er aber nicht aufs beste empfangen, denn als er seinen Wunsch vorgebracht hatte, schlug der Leineweber die Hände zusammen und rief: »Was? die ganze Woche hindurch wollt Ihr Euch verunreinigen im Hause der Gottlosen, und am Sonntage mutet Ihr mir dann zu, Euch aufzunehmen in meine reine Hütte, daß ich selber verdächtig würde vor dem Herrn der Heerscharen? Nein, das kann nicht sein! O leichtsinniger, junger Mensch, habt Ihr denn keine Eltern mehr, oder sind sie so unchristlich, daß sie Euch verkauft haben in die Gemeinschaft Belials? Rettet Eure Seele und fliehet augenblicklich aus dem Hause der Verdammnis. Ich will Euch aufnehmen gegen ein billiges Kostgeld und so lang' beherbergen, daß Ihr wisset, wo Ihr hinziehen und Arbeit finden werdet. Aber wenn Ihr bei Eurem Meister bleibt, ist Euch meine Türe verschlossen, die da versiegelt ist mit dem Blute des Lammes; ja, wenn Ihr es wagen wolltet, zu mir zu kommen mit Eurem unbeschnittenen Baalsherzen, so müßte ich, so wahr mir Gott helfe, Euch von hinnen treiben, wie unser Herr die Wechsler aus dem Tempel trieb, und dazu sprechen; ,Hebe dich weg von mir, Satan!'« Franz, der anfangs etwas verblüfft gewesen war, brach endlich, als die Rede immer salbungsvoller und die Gesten des Redners immer possierlicher wurden, in ein herzliches Gelächter aus, so daß der Leineweber ihn ganz entsetzt ansah. »Verzeihet,« rief er endlich, als er sich wieder erholt hatte, »verzeihet, daß ich so unschicklich vor Euch herausgeplatzt bin, aber es ist mein angeborener Fehler, daß ich mich nicht bezähmen kann, wenn mir was Lustiges vorkommt. Eure Meinung habe ich wohl verstanden, und es kommt mir nicht von weitem in den Sinn, sie Euch bestreiten zu wollen; unser Streit könnte gerade so lang' dauern, wie der Dreißigjährige Krieg, und dann wären wir erst nicht fertig, sondern säßen noch, wer weiß wie lang', zu Münster und Osnabrück; auch bin ich zu jung gegen einen Mann, wie Ihr, und verstehe mich besser aufs Glockengießen, als aufs Kontroversieren. Doch meine ich, wenn ich eine Glocke gieße, so sieht man ihr's nicht an, ob sie für Evangelische bestimmt ist oder für Katholische; sie ist von gleichem Metall, auch hat sie den gleichen Ton, sie mag hängen, wo sie will, ob sie zur Messe läutet oder zur Betstunde, und seht, es wird doch jedem wohl ums Herz, wenn er die Glocken in die Kirche läuten hört. Vielleicht sieht der liebe Gott die Sache auch so an und hat Wohlgefallen an unserer unverständigen Frömmigkeit, wenn sie nur vom echten Metall ist und keinen falschen Ton gibt. Aber, wie gesagt, ich will gar nicht mit Euch streiten, ich habe da nur so meine junge Meinung, und Ihr seid älter als ich, und vielleicht besser angeschrieben im Himmel. Ich wünsche Euch nur, daß Euch dereinst nicht mit demselben Maße gemessen werde, mit dem Ihr andern gemessen habt. Gott sei mit Euch!« Mit diesen Worten verließ er das Haus und betrat es niemals wieder. Der Meister fragte ihn sogleich, wie es gegangen sei, und Franz erwiderte ganz kurz, der Leineweber wolle es nicht haben, daß jemand aus einem katholischen Hause zu ihm komme. »Das hätt' ich dir voraussagen können!« rief Meister Woltmann lachend: »aber ich wollte ganz unparteiisch sein, und dann ist es dir auch kein Schade, wenn du die Menschen ein wenig kennen lernst.« Katharina war dazu gekommen und fragte: »Was hat denn der Mann gegen uns?« »Geh du nur ruhig in deine Kirche, mein Kind,« sagte ihr Vater, indem er sie küßte: »für dich ist gar nichts Bedenkliches dabei, denn das Lallen der Unmündigen, heißt es, gefällt dem Herrn.« Franz arbeitete sich nunmehr bei seinem Meister als Geselle ein, und das tägliche Leben ging seinen ruhigen Gang. Er war geschickt und fleißig, geachtet von seinem Meister und geliebt von den Mitgesellen, welchen er ein treuer und freundlicher Gefährte war. Und wie der Meister in Handwerksangelegenheiten gern auf seinen verständigen Rat hörte, so hatte er auch im Haus ein Wörtchen mitzusprechen; es kam bald dahin, daß nichts ohne sein Beisein hier vorgenommen wurde, und die junge, lebhafte Katharina ließ sich, wenn es notwendig schien, willig von ihm hofmeistern. Sonntags hielt er seine Andacht zur gleichen Zeit mit den anderen; wenn die Glocken anschlugen, ging er auf seine Kammer, hörte zu, bis das Geläute schwieg, dann nahm er sein Buch und las sein »Gesetzlein« darin. Mit wem er in Attendorn in Berührung kam, der gewann ihn lieb wegen seines aufrichtigen, freundlichen und geselligen Wesens, Wegen der Religion erfuhr er von niemand etwas Widerwärtiges. Nur einige junge Mädchen mochten in ihrem Herzen den hübschen Ketzer bedauern und in den Schoß der allein seligmachenden Kirche zurückgebracht zu sehen wünschen. Franz aber hatte für keine ein Auge; er war so eifrig in seiner Arbeit, daß ihm kein anderer Gedanke in den Sinn kam; Reginen hatte er völlig vergessen. Katharina hatte täglich mit ihm zu tun und zu verkehren; er lehrte sie zeichnen und, was damals statt des Klaviers galt, die Orgel »schlagen«. Er hatte dies zu Hause, wo eine kleine Orgel im Zimmer stand, von seiner Mutter gelernt, und auf seinen Betrieb erhielt Katharina einmal zu ihrem Geburtstag ebenfalls eine kleine, zierlich gebaute und mit mehreren Registern versehene Orgel, über die sie in das höchste Entzücken geriet. Sie war sehr gelehrig und spielte bald auf dem anmutig tönenden Instrument protestantische wie katholische Choräle nebst den gebräuchlichen und erlaubten Liedern, worunter auch die »himmlische Geduld« nicht fehlen durfte. Franz war an sie gewöhnt wie ein Bruder an seine Schwester; ihr beständiges Beisammensein war es eben, was beide so unbefangen machte; an eine Trennung dachten sie gar nicht, denn dieser Gedanke hätte sie wohl schnell aus ihrem ruhigen Traume geweckt. Katharina war von einer Schönheit, die sich erst nach und nach durch das Gemüt den Augen offenbarte; man mußte viel zu viel auf ihr liebes, gutes Wesen achten, und erst allmählich entdeckte man die stillen Reize des blonden Kindes, ihren edeln Körperbau, ihr zartes Antlitz und ihre seligen, blauen Augen, Aber dem jungen Glockengießergesellen kam nichts anderes in den Sinn, als täglich bei ihr zu sein, mit ihr zu reden, mit ihr zu zeichnen und die Orgel mit ihr zu schlagen. So vergingen zwei Jahre. Glocken und Spritzen wurden in Menge geliefert, und außerdem verfertigte Franz kleine, zierliche Gefäße aller Art aus Zinn und Messing, die sich bald in der Umgegend und noch weiter verbreiteten; in den Freistunden ging er mit dem Meister oder saß er mit ihm bei Katharinen. Diese ganze Zeit von zwei Jahren, die einem Menschen so lang werden kann, ließ sich für ihn in die kurzen Worte befassen: ein Tag war schön wie der andere. Aber mit dem nächsten Frühling sollte alles ganz anders kommen. Ein reicher Kaufmann, aus Attendorn gebürtig, kam von weiten Reifen zurück; er hatte sein Leben genossen und wollte sich jetzt, da er kein Jüngling mehr war, in seiner Vaterstadt häuslich niederlassen. Er warf sein Kennerauge auf die Töchter des Landes umher und hatte bald ausgefunden, daß keine mit Katharinen sich messen könne. Bei einem städtischen Tanzvergnügen, mit welchem die Maifeier beschlossen wurde, bemühte er sich den ganzen Abend um sie und machte ihr in mancherlei ausländischen Weisen und Figuren den Hof. Franz meinte, einen kalekutischen Hahn zu sehen, und wußte nicht, ob er ihn mehr um seine Zuversichtlichkeit beneiden oder sich über seine Zudringlichkeit ärgern solle. Aber seine ganze, ihm selbst verborgene Liebe zu dem Mädchen wachte mit einer unwiderstehlichen Heftigkeit auf, sobald ihm sein Instinkt in diesem »fliegenden Holländer« einen Nebenbuhler zeigte, und er verließ den Tanzplatz mit ganz anderen Gefühlen, als an jenem Abende, da er in kindischem Zorn von Reginen geschieden war. Der Kaufmann setzte seine Bewerbung entschlossen fort; am folgenden Tage machte er in Meister Woltmanns Hause einen Besuch, der in Franzens Herz spitzige Pfeile grub; er erkundigte sich, was damals noch nicht Sitte war, nach dem Befinden seiner schönen Tänzerin und sagte ihr schon viel ernsthaftere Süßigkeiten, als gestern abend. Am dritten Tage kam er wieder, er trug ein Päckchen köstlicher Brabanter Spitzen und sagte mit zierlichen Verbeugungen zu dem Vater, den er allein fand, dies sei das Brautgeschenk für Jungfrau Katharina, dafern sie es als solches anzunehmen gewillet sei. Hiermit hielt er förmlich um sie an. »Liebwerter Herr,« entgegnete Meister Christoph Woltmann, »Ihr erweiset mir und meiner Tochter durch Euren Antrag große Ehre, seid dessen freundlichst bedankt; aber ehe ich Euch eine Antwort gebe, muß ich wissen, wie Katharina davon denkt, denn ich bin nicht gesonnen, sie in einer so wichtigen Sache zu zwingen. Habt daher die Güte und gebt uns beiden eine Bedenkzeit von acht Tagen. Indessen muß ich auch bitten, daß Ihr Euer schönes Geschenk wieder mit Euch nehmet, auf daß es zu keiner Mißdeutung Anlaß gebe; wenn das Mädchen einmal Eure Braut ist, so kann ich Euch nicht hindern, ihr zu schenken, so viel und so wenig Ihr wollt.« Der Kaufmann wußte, daß die Schicklichkeit einen solchen Bescheid erforderte; er fügte sich daher mit guter Miene in die anberaumte Frist, da er nicht im mindesten zweifelte, Katharina werde nach einer so vollen Hand mit Freuden greifen. Er sagte, er wolle diese acht Tage zu einer Reise benutzen, um noch vorher einiges Nötige abzumachen, und schied mit den besten Hoffnungen. Franz war es, welchem Meister Woltmann die Sache zuerst vortrug; der gute Mann wollte ihn um Rat fragen. Franz wurde wechselsweise rot und blaß und fragte endlich, ob er Katharinen vorbereiten solle. Der Meister gab dies unbefangen zu. Mit Bitterkeit im Herzen suchte Franz die Jungfrau auf und benachrichtigte sie von ihrem Glück, aber er war gleich versöhnt, als er gewahr wurde, wie sie darüber erschrak. »Nun, Katharina,« sagte er, »macht Euch der Antrag keine Freude? Habt Ihr keine Lust zu dem reichen, vielgereisten Freiersmanne?« »Nein,« flüsterte sie zitternd, »lieber wollte ich sterben.« – Alle Heiterkeit und Vertraulichkeit war von ihr gewichen, sie war scheu, wie ein verfolgtes Reh. »Steht ihm vielleicht ein anderer im Wege, dem Ihr den Vorzug gebt?« fuhr Franz fort. Sie sah ihn mit flehenden Augen an. »Liebe Katharina, wir haben nun so lauge Zeit miteinander gelebt, wie Kinder, ich habe Vater, Mutter und Heimat vergessen in deiner Nähe, und wenn es mir dennoch über der Arbeit manchmal heimwehleidig ums Herz wurde, so kam dies bloß daher, weil ich meinte, du müssest immer neben mir sein und mir zusehen oder mit mir reden. Und jetzt, wo dich mir ein anderer wegnehmen will, jetzt weiß ich es ganz gewiß, daß ich ohne dich nicht leben kann.« Eine dunkle Röte lag über ihrem Angesicht, sie senkte die Augen, aus welchen Tränen strömten; sie hob sie wieder und sah ihn so herzinnig an, daß er ihr bis auf den Grund des Herzens blicken konnte. »Katharina,« rief er, indem er sie mit den Armen umfing und fest an sich drückte, »hast du mich lieb?« Sie lächelte durch die Tränen hindurch, flüsterte: »Sprich mit dem Vater!« und eilte hinweg. Ganz betäubt und trunken kam Franz zum Vater zurück und sagte: »Wenn Ihr nichts dagegen einzuwenden habt, Meister, so ist Katharina heute noch Braut.« »Ei! so schnell hat sie sich entschließen können, ihn zu nehmen?« »Nicht ihn.« »Wen denn?« »Mich.« Da schüttelte aber der Meister den Kopf sehr bedenklich und sagte: »Knabe, du hast mir was Schönes angerichtet! Doch ich kann dich nicht schelten, ich bin selber schuld daran: ich ließ mich von Euch täuschen, denn Ihr waret wie Geschwister miteinander, und ich hätte bedenken sollen, daß das nicht in die Länge gut tun konnte. Nun, jetzt ist es einmal so, und es bleibt nichts anderes übrig, als der Sache so schnell wie möglich ein Ende zu machen.« »Was sagt Ihr, Meister?« unterbrach ihn Franz erschrocken. »Warum soll es denn nicht sein? Ich verstehe kein Wort von alle dem, was Ihr da redet.« »Die Sache hat zwei große Schwierigkeiten,« entgegnete jener, »die von uns beiden keiner heben kann. Zum ersten ist das Mädchen katholisch.« »Und glaubt Ihr, es wäre um ihre Seligkeit getan, wenn sie mir zu lieb evangelisch würde?« »So? einer Liebesgrille wegen zieht man einen neuen Glauben an, wie man eine andere Schürze vorbindet? Da müßte es mit Eurer Angelegenheit schon weit gekommen sein, und, Gottlob das ist nicht der Fall; sie ist ja erst von heute.« »Ach nein,« erwiderte der Gesell, »genau genommen, hat sie mit dem Tage begonnen, an dem ich Euer Haus betrat; wir wußten es nur nicht so, es war eben, als wenn wir immer beieinander sein müßten.« »Es mag sein, wie es will, es würde mir nicht an Katharinen gefallen, wenn sie deswegen die Religion wechselte.« »Ich denke, da braucht es kein Gefallen und kein Mißfallen, Ihr seid ja der Vater und könnt befehlen; ohne Euren Willen geschieht freilich nichts, und wenn Ihr dagegen seid, ja, dann ist's abgetan.« »Nicht so sehr, wie du denkst; denn da eben ist noch ein größerer Haken: du mußt wissen, Katharina ist nicht meine Tochter.« »Wie?« rief Franz, »was muß ich hören? Katharina ist nicht Eure Tochter?« »Nein, mein Sohn, sie ist nur ein angenommenes Kind.« Bei diesen Worten trat Katharina herein. »Ja,« sagte sie weinend, »der Vater hat mich aufgenommen, gepflegt, erzogen und geliebt, wie sein leibliches Kind, aber ich bin es nicht. Ach, ich habe es Euch oft gestehen wollen, Franz, aber –« »Ich habe es verboten,« sagte ihr Pflegevater. »Man muß so was nicht unter die Leute bringen; es dient zu nichts Gutem, und sie machen nur ein unnützes Geschrei daraus.« »Und wenn du ein Bettelkind wärest, mir wär's gleich,« sagte Franz zu ihr. »Aber kann man denn deine Eltern nicht ausfindig machen, daß sie ihre Einwilligung geben?« Sie weinte heftig und sagte: »Ein Bettelkind bin ich allerdings, ja! Wer aber meine Eltern gewesen sind, weiß ich nicht zu sagen, ebensowenig, aus welchem Land ich gebürtig bin; ich kenne niemand als den Vater hier, den mir der liebe Gott geschenkt hat. Aus meiner frühsten Kindheit kann ich mich nur so viel entsinnen, daß ein Bettelweib weit, weit in der Welt mit mir herumzog. Wenn sie die Leute um ein Almosen ansprach, so ließ sie mich dabei sehen, um ihr Mitleid zu erwecken. Aber sie war immer gut gegen mich und gab mir immer das Beste von allem, was sie geschenkt bekam. Hier und da erzählte sie mir, ich sei nicht ihre Tochter, sie habe mich einmal, ich weiß nicht wo, an der Straße schlafend gefunden, in zerrissenen Kleidern, denen man aber doch angesehen, daß ich von keinen schlechten Leuten abstamme. Aus mir selbst habe sie nichts herausbringen können, als daß ich Katharina heiße. Darauf habe sie mich zu sich genommen und sei ihren Weg mit mir weitergezogen; an allen Orten habe sie gefragt, ob kein Kind vermißt werde, niemand aber habe davon etwas wissen wollen. Ungefähr ein Jahr lang bettelte sie mit mir den Rhein herunter –« »Da kamst du in meine Hände,« sagte Meister Woltmann und klopfte ihr auf die Wange. »Dies ging so zu. Mein seliges Weib war aus Brüssel gebürtig und hatte dort einen reichen Vetter. Der war alt und krank und schrieb ihr, er fühle, daß sein Stündlein nahe sei, und habe sie zu seiner einzigen Erbin eingesetzt; zuvor aber wünsche er, sie noch einmal zu sehen, sie solle kommen und ihm die Augen zudrücken, damit er nicht unter Fremden sterbe. Da sie nicht allein hinreisen wollte und wir leider keine Kinder hatten, so entschloß ich mich, mein Haus so lang' zu schließen und das Handwerk liegen zu lassen, bis der Vetter zu seinen Vätern versammelt wäre. Wir zogen also miteinander gen Brüssel zu dem alten, kranken Mann, dem es wohltat, unter den Seinigen zu sein. Aber mit seinem Sterben verzog es sich, und wir hatten viel Ungemach mit seiner Pflege. Es dauerte Jahre, bis seine Krankheit zu Ende ging, da segnete er uns und starb. Wir nahmen die Erbschaft ohne Hindernis in Empfang, wollten aber nicht gleich zurückkehren, sondern reisten noch eine geraume Zeit in den Landen zu unserer Ergötzung und Erholung umher, denn mein Weib hatte als Krankenwärterin viel ausgestanden. Endlich machten wir uns auf den Rückweg und beschlossen, über Kevlaar zu gehen, da gerade die Wallfahrtszeit herangekommen war. Wir gingen, wie die anderen Wallfahrer, zu Fuß und nur langsam, weil das Wandern meinem Weibe stark zusetzte. In Kevlaar blieben wir eine Zeitlang und verrichteten unsere Andacht. Am Tage, da wir wieder fortgehen wollten, sahen wir ein Bettelweib mit einem schönen Kind unter dem Muttergottesbilde liegen; sie sah sehr abgezehrt aus und schien am Sterben zu sein. Wir nahmen uns ihrer an, ließen sie in ein Haus bringen und verpflegen, und da sagte sie uns von dem Kinde dasselbe, was du aus Katharinas Munde gehört hast. Weil ihr aber das Kind Gewinn brachte, so mag sie vielleicht den Eltern nicht allzu eifrig nachgeforscht haben. Das Weib starb, und da wir kinderlos waren, so hatten wir zu gleicher Zeit den Gedanken, das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen; wir ließen sie kleiden und kehrten mit ihr nach Attendorn zurück. Um weder sie noch uns dem Gerede der Leute auszusetzen, gaben wir vor, sie sei unser Kind und während der mehrjährigen Abwesenheit von meinem Weibe geboren worden; man wünschte uns Glück und scherzte über den späten Ehesegen. Mein gutes Weib kränkelte aber seit der Brüsseler Reise und ging nach einigen Jahren in die ewige Heimat ein. Nun wäre ich allein in der Welt gewesen, aber das liebe Mädchen wurde mein Trost und die Freude meines Alters. Um das Geheimnis weiß niemand in der ganzen Stadt, aber es ist eine Ehrensache, es ihrem Freier zu entdecken, denn wie ich sie nicht unnötigerweise in den Mund der Leute bringen wollte, so will ich doch auch niemand mit ihr betrügen. Sobald sie einwilligt, den Kaufmann zu heiraten, so muß er ihre ungewisse Herkunft erfahren und kann sich darnach halten; will sie ihn aber nicht, so braucht er auch nichts zu wissen. – Jetzt frage ich dich, Franz, wie du es bei deinen Eltern angreifen willst, um ihre Einwilligung zu dieser Heirat zu erlangen? Ich habe Katharinen, wie es meiner Tochter geziemte, in meinem Glauben erziehen lassen, und es geht nicht so leicht, damit eine Änderung vorzunehmen. Geschähe es aber auch, so könnten doch die Deinigen immer noch Skrupel genug darin finden. Aber noch mehr: wenn sie dich fragen, wer ist die Frau, die du einführen willst in unser ehrsames Haus? woher ist sie? und wer sind ihre Freunde, mit denen wir uns verschwägern sollen? was kannst du antworten? Du hast mir selbst Beispiele erzählt, wie schwer bei Euch, wo alles in die Verwandtschaft heiratet und die ganze Stadt unter sich verwandt ist, eine fremde Frau eine Heimat findet: wie würde es nun vollends einem Findelkinde gehen? Niemals werden deine Eltern in diese Heirat willigen. Zwar kann man es meinem Kinde nicht ansehen, wes Standes sie ist: sie kann meinetwegen von einem Fürsten oder Grafen abstammen, aber es kann auch anders sein, und ihre Herkunft könnte doch immer noch an den Tag kommen. Mir gilt das gleich, ich kann der Entdeckung ruhig entgegensehen, denn Katharina ist und bleibt meine herzliebe Tochter, mein gutes Kind, und wenn sie von einem Abdecker herkäme. Aber die Deinigen denken nicht so und werden in einer so wichtigen Sache nichts aufs Ungewisse wagen. Deswegen bitte ich dich, Franz, stehe lieber von deiner Werbung ab und frage zu Hause gar nicht an; ich weiß, du würdest es nicht durchsetzen, und dein bloßes Anfragen brächte dir Verdruß auf den Hals. Mit dem hiesigen Freier ist es ein ganz anderer Fall; der hat keine Eltern und keine nahe Verwandtschaft, die er zu fragen brauchte, er ist sein eigener Herr, und da er Katharinen sehr gut zu sein scheint, so glaube ich nicht, daß er sich an dieser Schwierigkeit stoßen wird. Bei ihm fällt ohnehin das Haupthindernis weg: er ist gleichfalls katholisch, wie sie, und da braucht keins dem andern seinen Glauben zum Opfer zu bringen.« »Ja, ja,« sagte Franz mit jener Bitterkeit, die so leicht in jungen Herzen aufsteigt, wenn sich der Leidenschaft Gründe in den Weg stellen, deren Gewicht sie wider Willen anerkennen muß, – »ja, ja, ich sehe schon, Ihr habt alles mit dem Mynheer Nabob so gut wie ins reine gebracht.« »Sei kein Kind, Franz!« rief der Meister gutmütig aufbrausend. »Meinst du denn, du wärest mir als Schwiegersohn nicht so willkommen oder willkommener denn jeder andere? Ich habe nichts mit ihm abgemacht, wiewohl nur die Eifersucht leugnen kann, daß der Mann nicht so geradehin zu verwerfen ist. Aber ich sage dir ja, daß ich die ganze Sache in ihren freien Willen stelle. Sagt sie nein, so könnten wir, dächt' ich, von anderen Dingen reden. Hat sie sich's in den Kopf gesetzt, keinen anderen zu nehmen als dich, je nun, so wißt ihr ja die Bedingungen. Vor allem muß sie zu deiner Religion übertreten, um dir in deine Heimat folgen zu können. Da steht sie: frage sie, ob sie bereit sei, ihren Glauben abzuschwören. Oder hat sie dir schon das Wort darauf gegeben?« »Nein,« antwortete Franz und blickte mit gespannter Erwartung auf Katharinen. Sie hatte den Kopf gesenkt, hob die Augen nicht vom Boden und sprach kein Wort. »Genug!« versetzte der Meister, der mit einem Blick die Haltung des Mädchens und den tiefen Eindruck derselben auf den jungen Mann überschaut hatte. »Für jetzt ist genug gesprochen. Es bleibt bei der Bedenkzeit, die ich dem Freier gesetzt habe. In acht Tagen,« sagte er hierauf zu seiner Tochter, »will ich dich wieder fragen, und bis dahin,« setzte er gegen beide gewendet hinzu, »wird es das beste sein, einander das Herz nicht schwer zu machen.« Sie trennten sich schweigend. Die acht Tage vergingen sehr langsam und doch auch wieder sehr schnell. Gesprochen wurde fast gar nichts, auch zwischen den beiden Liebenden nicht, denn er scheute sich die Frage zu wiederholen, die sie ihrem Vater zu beantworten gezögert hatte, und ihr war die Zunge wie gebunden. An ihm war eine von Tag zu Tag wachsende unheimliche Spannung zu bemerken, die niemand deuten konnte, die aber Katharinen, wenn ein düsterer Blick aus seinen Augen auf sie fiel, mit Schrecken erfüllte. Er arbeitete rastlos, aber mit einer peinlichen Hast und Heftigkeit. Der Meister sah ihm kopfschüttelnd zu, und Katharina ging oft auf ihr Kämmerlein, um sich satt zu weinen. Der letzte Tag der gegebenen Frist war herangekommen, der Meister und seine Tochter saßen mit gepreßtem Herzen beisammen, denn Franz hatte gegen alle Gewohnheit diesen Morgen um Vergünstigung gebeten, einen längeren Ausgang machen zu dürfen, und war zum Mittagessen nicht zurückgekehrt. Ein herannahendes Gewitter vermehrte ihre Bangigkeit. Der Himmel war schwarz überzogen, der Donner, der noch in der Ferne drohend murrte, schien sich allmählich zu nähern, der Tag verfinsterte sich, Blitze spielten durch das Dunkel, und man hatte ein Gewitter zu befürchten, schwerer als der Mai es sonst mit sich zu bringen pflegt. Die alte Glocke sandte ihre bebenden Töne hinaus, die der geängstigten Stadt die Gefahr beschwören helfen sollten. Endlich kam das Gewitter und mit ihm Franz. Er trat mit finsterer Entschlossenheit herein und sprach: »Meister, wollt Ihr mir ein paar Worte vergönnen?« »Sprich, mein Sohn,« erwiderte dieser, »und möge es etwas Gutes sein!« »Herr Woltmann, lieber Meister,« hub der Jüngling an, »Ihr habt mir zwei Hindernisse genannt, die zwischen mir und Eurer Pflegetochter stehen. Ich bin nun diese acht Tage mit mir zu Rat gegangen und habe gefunden, daß es ein Mittel gibt, durch welches beide mit einem Male zu heben sind. Ihr habt gesagt: daß ich ein Protestant sei, das stehe der Heirat im Weg; und weiter: ein Mädchen von ungewisser Herkunft könnt' ich bloß dann zur Frau nehmen, wenn ich keine Eltern hätte, wie sie.« »Das hab' ich nicht gesagt!« unterbrach ihn der Meister. »Gleichviel,« fuhr Franz fort, »ich will Euren Glauben annehmen, der gut sein muß, weil Katharina nicht von ihm lassen zu wollen scheint. Dann ist die Religion kein Hindernis mehr. Und,« setzte er mit brechender Stimme hinzu, »ich hoffe zwar, meine Eltern werden mir ihren Segen nicht ganz entziehen, aber dreinreden werden sie mir dann nichts mehr, und werden mir nicht verwehren, die Tochter des Kaisers oder des Scharfrichters zu heiraten.« Der Meister sah nach Katharinen hinüber: sie hatte das Gesicht verhüllt. »Hast du das mit dem Mädchen abgeredet?« fragte er. »Kein Wort!« beteuerte Franz. »Nun, und was sagst du dazu, meine Tochter?« Katharina ließ die Hände sinken, sie sah sehr bleich aus. »O Franz,« rief sie, »begehe keine Sünde um meinetwillen! Bin ich denn so wichtig, daß du die Liebe deiner Eltern um mich aufs Spiel setzen mußt? Ich bitte dich, verlaß uns, kehre wieder in deine Heimat zurück und tue deinen Eltern kein solches Leid an; du wirst gewiß eine andere finden, bei der du mich vergessen kannst.« Franz zitterte wie im Fieber, »Sünde?« sprach er. »Was ist denn für eine Sünde dabei, die mir meine Eltern vorwerfen könnten? Habt Ihr einen andern Gott als wir? Deucht mir doch, der Hauptunterschied bestehe in ein paar Tropfen Wein.« »Junge!« donnerte der Meister, »fürchtest du dich nicht, so gottlos zu reden? Hörst du nicht, wie der Himmel über deine gottvergessenen Reden zürnt?« »Laßt's gut sein, Meister,« lachte Franz, »der Himmel ist jetzt zornig, weil gerade ein Wetter ist. Er würde ebenso schelten, wenn ich gesagt hätte, es sei ein Tiegel umgefallen.« »Siehst du, wie der Unglaube aus dir spricht?« rief der Meister halb ärgerlich halb lachend. »Du bist, sorg' ich, nicht einmal gut evangelisch, du würdest mir einen schönen Katholiken geben!« Das Gewitter wurde stärker, heftige Schläge fuhren zwischen die streitenden Reden der beiden Männer. »Und, kurz und gut,« sagte Meister Woltmann, »bleibe auf deinem Willen, werde katholisch, aber mein Jawort bekommst du nicht! Wenn sich dein Herrgott, wenn sich dein Vater nicht auf dich verlassen kann, so mag ich's auch nicht. Was würde dieser von mir sagen, der dich mir anvertraut hat? Der Christoph, würde er sagen, ist ein alter bigotter Narr und ein schlechter Kerl geworden, er hat mir meinen Sohn katholisch gemacht.« »Gut,« entgegnete Franz, »wenn's das ist, so bleibt auf Eurem Sinn, aber laßt auch Katharinen den ihrigen. Ihr könnt's ihr nicht verwehren, wenn sie in mir einen Katholiken nimmt. Oder verstoßt sie meinetwegen, ich trage sie auf den Händen durch die Welt.« »Ich hoffe,« sprach Meister Woltmann, »mein Kind werde vernünftig sein und bei mir bleiben. Katharina sieht jetzt schon ein, was du erst später einsehen würdest. Ja, und auch du siehst mir nicht aus, als ob du dein Gewissen völlig überwunden hättest. Und wenn du nun dennoch deinen Willen durchsetztest, wie würde es in ein paar Jahren sein? Verstoßen von deinen Eltern, verflucht von deinen ehemaligen Glaubensbrüdern, von allen besseren Katholiken verachtet, ohne Auskommen, ohne Beistand, wirst du mit ihr herumirren: der erste Rausch ist verflogen, und du siehst in dem armen Kinde nichts mehr, als die Ursache all deines Ungemachs. Ich traue dir wohl zu, daß du nicht so unedel sein wirst, es ihr zu sagen, aber in deinem Herzen wirst du's denken, und Katharina wird's in dem ihren fühlen, und beide werdet ihr unglücklich sein. Das sagt sich mein kluges Kind von selbst, ehe es zu spät ist, und damit wird sie sich und dich vor Schaden behüten. Glaubst du denn, es könne ihr Vertrauen einflößen, wenn du um ihretwillen die Gemeinschaft deiner Glaubensgenossen, deiner Eltern, deiner Verwandten und Mitbürger wie altes Eisen wegwirfst? Ich glaub's nicht. Hab' ich doch schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt, den du dir zur Lehre dienen lassen kannst. Es wird just so gut wie ein Wettersegen sein, wenn ich dir's erzähle; denn mir scheint es, das Ungewitter in deinem Innern sei gefährlicher als das am Himmel. Höre also auf ein warnendes Beispiel, da du nicht auf die Stimme hören willst, die aus den Wolken spricht.« Franz machte eine ungeduldige Bewegung, als ob er wenig geneigt wäre, sich in dieser schweren Stunde durch eine Geschichte, wie sie der Meister zu erzählen liebte, zerstreuen zu lassen; doch hielt ihn die Achtung vor dem väterlichen Freunde in Schranken. Nach einem gewaltigen Vorspiel, das dieser dem Donner hatte einräumen müssen, hob der Meister zu erzählen an: »In Brüssel, im Hause meines Meisters, dessen Tochter ich nachher heimführte, lernte ich einen Studenten kennen, der daselbst wohnte und wegen einiger großen Dienste, die er als geschickter Arzt geleistet hatte, ein vielgeliebter Hausfreund geworden war. Von Geburt war er ein Deutscher, protestantischer Konfession und hieß Ludwig mit seinem Vornamen. Er hatte in Löwen studiert und vollendete jetzt seine Studien bei der berühmten medizinischen Gesellschaft zu Brüssel, war aber bei allem Fleiß eine lustige Haut, immer zu Späßen und tollen Streichen aufgelegt. Er hat mir manche schlaflose Nacht bereitet, denn er stellte sich, als ob er mir die Meisterstochter wegfischen wollte, und ruhte nicht eher, als bis ich eifersüchtig wie ein Türke geworden war; dann aber machte er der Neckerei ein Ende und brachte es durch seine Fürsprache bei meinem Schwäher dahin, daß ich mich schon als Gesell mit meinem lieben Weibe verloben durfte. Ich tat mir nicht wenig darauf zu gut, daß ich so viel Ehre von einem so gelehrten Herrn genoß. Eins aber wollte mir nicht ganz an ihm gefallen: er war mir zu leichtsinnig in Religionssachen. Zwar nahm er sich vor mir in acht, weil er wußte, daß ich in dem Punkte keinen Spaß verstand, doch spöttelte er hie und da über unsere katholischen Bräuche. Oft lachte er mich aus, wie ich mir nur habe in den Kopf setzen können, daß er im Ernst mein Nebenbuhler sei, da er doch schon als Protestant nicht daran hätte denken können, eine Katholikin zu heiraten. Damals sah ich nicht voraus, wie es sich nachher so ganz mit ihm wenden sollte. Er nahm von uns und von Brüssel Abschied; die medizinische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Mitglied, die Universität Löwen setzte ihm den Doktorhut auf, und er verließ die Niederlande in großen Ehren, um auf gelehrte Reisen zu gehen. Zuvor besuchte er seine Eltern in Deutschland, deren Stolz und Freude er als einziger Sohn war; dann wollte er sich in die Schweiz und hierauf nach Montpellier, als einem berühmten Sitz der Arzneiwissenschaft, begeben. Aber er kam nicht weiter als bis Konstanz. Dort besuchte er, nach seiner Gewohnheit, einen großen Arzt, den er am Krankenbette eines einzigen Kindes traf, und der ihm gestand, daß er mit all seiner Kunst ratlos sei und die Hoffnung, seine Tochter Kornelia zu retten, völlig aufgegeben habe. Auf Ludwigs Andringen ließ er ihm die Kranke zur Behandlung, und der junge Doktor hatte sie mit einer seiner kecken Kuren nach wenigen Wochen dem Tod aus dem Rachen gerissen. Die Folge war, daß die beiden jungen Leute einander liebgewannen, nur meinte es Kornelia nicht für diese Welt; denn als er ihr Herz und Hand anbot, erklärte sie ihm mit bitteren Tränen, sie werde nie einem anderen die Hand reichen, aber auch von ihm sei sie durch eine unübersteigliche Kluft getrennt. Ihr Vater jedoch, sei es nun, daß er in Wahrheit vom Eifer für unsere Religion entflammt war, oder wollte er den Protestanten ein solches Licht der Wissenschaft entreißen, oder hatte er andere weltliche Beweggründe vor Augen, kurz, der Alte sagte ihm, er solle nur der Ketzerei entsagen, dann sei er auf dem geraden Weg zum Ziele seiner Wünsche, Ludwig drückte ihm die Hand, und fort war er, ohne Kornelia zuvor noch einmal gesehen zu haben. Nach einigen Wochen aber kam er von Sankt Gallen zurück, wo damals ein sehr glaubenseifriger Abt war, der's ihm leicht gemacht haben mag. ›Gelobt sei Jesus Christ!‹ rief er Kornelien entgegen. ›In Ewigkeit,‹ antwortete sie und kehrte ihm den Rücken zu. Um jene Zeit saß ich einmal mit meinem Weib abends drunten vor der Haustür auf der Bank. Da kam ein Fremder die Straße herauf, ein bleicher Mensch mit hohlen Augen und struppigem Haar. Gott verzeih mir's, das alte Lied vom Tannhäuser fiel mir ein, da ich ihn sah, aber wie ward mir erst, als ich ihn erkannte! Er erzählte uns seine traurige Geschichte, und das merkwürdigste war, daß er jetzt Kornelien recht gab. ›Wohl mag vor Gott kein Unterschied im Glauben sein, hatte sie gesagt, aber leider Gottes haben die Menschen einen gemacht, und daraus sind durch beiderseitige Schuld Verhältnisse entstanden, die der einzelne nicht überspringen kann; wo Kampf in der Welt ist, wo ein Teil den anderen zu unterdrücken sucht, da erkennt man den Menschen vor allem an der Treue, die er den Seinigen hält, und dem Überläufer werden meist nur die Eitlen vertrauen.‹ Wir suchten ihn vergebens zu halten, unstät und flüchtig setzte er seinen Stab weiter, und bald hernach ist er auf der Reise, in der Fremde, fern von Eltern und Verwandten gestorben. Sieh, Franz, so bestraft sich der Abfall, der dir in deiner jetzigen Verfassung ein leichtes dünkt.« Ein furchtbarer Donnerschlag folgte auf diese Worte; man hatte die Wahl, ob man eine Bekräftigung oder einen Widerspruch darin finden wollte. »Gott steh uns bei!« murmelte der Meister unwillkürlich und ging nach dem Fenster, um zu sehen, ob der Streich irgendwo eingeschlagen habe. Er fand alles ruhig und kehrte wieder zurück. Die drei Menschen, die einander so lieb hatten und dennoch durch die Macht der Einrichtungen und Ansichten unwiederbringlich getrennt schienen, standen einander eine Weile stumm gegenüber. Jedes sah die Züge der andern entstellt im fahlen Licht der Blitze, und der Donner, der jetzt fast unausgesetzt das Haus erschütterte, war ihnen ein Widerhall des inneren Herzenskampfes. Durch das Getöse aber klang die flehende klagende Stimme der Glocke wie eine vergebliche Bitte an die harten Mächte dieser Welt. Franz raffte sich zuerst auf. »Leb' wohl, Katharina, lebt wohl, Meister,« sagte er, beiden die Hände hinstreckend. »Franz!« rief Katharina. »Was fällt dir ein?« rief Meister Woltmann. »Ich muß fort,« antwortete er dumpf, so daß sie ihn unter dem Rollen des Donners kaum verstanden. »Ihr mögt recht haben beide, der Meister mit seinem Reden, und Katharina mit ihrem Schweigen. Ich will nicht streiten darüber. Eine Welt, in der es zum Verrat wird, nach dem Besten und Lautersten zu greifen, was der Mensch begehren kann, eine solche Welt ist auch des Streitens nicht wert. Grüßet meine Eltern, Meister. Wenn ich diesen Stoß überwinden kann, so geh' ich wieder heim; kann ich's nicht, so werden sie ja lieber Leid haben wollen, als Schande.« »Wo willst du hin?« »Wo sich ein Weg auftut. In den Krieg – aufs Meer – weiß ich's?« »In dem Unwetter, Franz!« rief Katharina, die mit sich kämpfte und nur durch des Vaters Gegenwart abgehalten wurde, ihn zu umklammern. »Behüt' Euch Gott!« rief er mit starker Stimme, die den Donner übertönte, und wandte sich der Türe zu. »Jesus! Jesus!« schrie Katharina. Das Zimmer stand im Feuer, und zugleich fiel ein Streich, der einen Augenblick stockte, um im nächsten mit betäubender Gewalt und schmetterndem Krachen die Luft zu zerreißen. Blitz und Schlag waren sich so rasch gefolgt, und der Donner war mit jenem eigentümlichen Tone eingefallen, daß niemand zweifelte, es müsse eingeschlagen haben. Zugleich wurde es auch laut auf den Straßen, Feuerruf ertönte, Pferde rasselten im gestreckten Lauf herbei, von ihren Reitern wütend gespornt. Die beiden Männer stürzten hinab; das ganze Gewicht der Stunde lag auf dem Gießer als Spritzenmeister. Er mußte das Gewölbe öffnen, wo sämtliche Löschwerkzeuge aufbewahrt wurden, die Spritzen für die harrenden Pferde herausziehen und ihre Leitung übernehmen. Auf die größte setzte er sich selbst, in die anderen teilten sich Franz und die übrigen Gesellen. Alles dies war geschehen, ehe man nur wußte, wo der Blitz gezündet hatte; aber es blieb nicht lang' verborgen, denn nun streckte die Flamme zu allen Fenstern des Kirchturms, dessen Glocke verstummt war, ihre roten Zungen heraus. Die Spritzen wurden ringsherum verteilt und spieen dem Feuer sein feindliches Element entgegen; doch der Turm war zu hoch und die Wasserstrahlen, die zwar bis zu den Fenstern reichten, waren ohne Kraft und Sicherheit, sie trafen nur die Spitzen der Flamme, statt innen unter dem Gebälke des Glockenstuhls ihren Mittelpunkt aufsuchen zu können. Das Feuer nahm sichtbar überhand, und jetzt beschäftigte eine andere Sorge die Scharen der Rettenden. Es war zu befürchten, daß ein Teil des Turmes ausgehöhlt und morschgebrannt herabstürzen würde; daher war man beschäftigt, die umliegenden Häuser, die von dem Sturze dieser Trümmer bedroht waren, auszuleeren und sich im voraus gegen das Umsichgreifen des Brandes zu waffnen, Der Turm wurde verloren gegeben, die Spritzen traten langsam, ihre letzten Kräfte gegen die gefährliche Höhe versendend, den Rückzug an. Alles stand untätig umher, auf die weitere Entwicklung des bangen Schauspiels gerüstet. Da schlug eine Glocke an, eine andere folgte, und bald erklang das vereinte Geläute aller Glocken, als wollten sie zum festlichen Kirchgang laden. Die Menge sah sich erstaunt und dann traurig an, denn man erkannte bald, daß es die Kraft der Hitze war, die das Glockenspiel zum letztenmal in Bewegung setzte. Die Goldglocke hatte angefangen, ihr reiner, klagender Ton war aus allen heraus zu vernehmen und drang erschütternd in die Herzen der Umstehenden, die bei diesem Schwanengesang ihrer verhängnisvollen Geschichte gedenken mußten. Franz aber, der in der Aufregung des Augenblicks einen Teil seines eigenen Leidens vergessen hatte, fühlte sich im Geist in jene Nacht zurückversetzt, da er den Brand seiner Vaterstadt mit erlebt hatte, und wie er nun hier vor seinen Augen sah, was damals seinen Blicken entzogen geblieben war, wie er endlich die aus dem brennenden Gebälke losgewordenen Glocken mit unaussprechlichem Getöse durch das Innere des Turmes herabstürzen hörte, so wachten alle die Erzählungen, die ihm während seines Heranwachsens geläufig geworden waren, mit schauriger Lebendigkeit in ihm auf. Aber die untätige Ruhe, mit der das Volk diesem Ereignis nachstarrte, dauerte nicht lang; ein Schrei erhob sich aus der Menge, alles wich ängstlich zurück. Die Spitze des Turmes wankte, neigte sich und fiel, weithin die Zerstörung tragend; Steine und brennendes Holzwerk schlugen durch die Dächer, und in demselben Augenblick standen mehrere Häuser in Flammen, Nun wurden alle Kräfte aufgeboten. Die Feuereimer flogen durch die Kette hindurch, die Spritzen reihten sich vor den Häusern auf. Doch konnte man das Umsichgreifen des Feuers nicht hindern, es züngelte von einem Nachbardach auf das andere, und bald schlug auch auf Meister Woltmanns Hause der rote Hahn seine Flügel. Franz eilte mit der ihm zugeteilten Spritze herbei; das Haus war ihm eine zweite Heimat geworden, deren Untergang er nicht ertragen konnte, und zudem drohte von hier aus die höchste Gefahr, da das Haus eine Ecke nach einer noch unversehrten Straße hin bildete. Achtsam saß er oben auf seiner Spritze und lenkte die Röhre hierhin und dorthin, umsichtig spähend, wo dem Feuer am besten beizukommen wäre. Indem er so mit forschenden Blicken und von der Höhe seines Sitzes begünstigt durch die Fenster tief in die Gemächer und Kammern sah, gewahrte er auf einmal, wie ein gespenstiges Blendwerk, mitten im Wohnzimmer Katharinen. Sie stand noch auf demselben Platze, wo er sie vorhin verlassen hatte. Er sah hin und sah noch einmal hin, und herab war er von der Spritze, deren Röhre, seiner Hand entfallen, herunterschlug und die Verwunderung der Umstehenden über das Benehmen des Spritzenlenkers durch einen derben Wasserstrahl nicht eben angenehm vermehrte. Katharina war von jenem Donnerschlage betäubt stehen geblieben, sie sah und hörte nichts, ihre Gedanken flogen wild und gestaltlos durcheinander. Die fortwährende Spannung der letzten Woche, die Erschütterungen des leidenschaftlichen Wortwechsels, an dem sie einen stummen, aber um so bewegteren Anteil genommen hatte, der jähe Schmerz bei Franzens plötzlichem Abschied und endlich der Schreck über die heftige Entladung des Gewitters, dies alles hatte zusammen so sehr auf das sonst starke Mädchen gewirkt, daß sie jetzt einer Schlafwandelnden glich. Die Außenwelt ging ihr nicht ganz verloren, aber sie nahm dieselbe bewußtlos und nur wie von ferne auf; sie gewahrte alles, was bei dem Brande vorging, durch den Spiegel eines magnetischen Traumes, sie hörte den Feuerruf und sah den Brand des Turmes, aber es war ein anderer Turm, den sie in ihrem Innern erschaute. Größer und schöner stieg er in ihrem Traumgesicht empor mit Nebentürmen, Türmchen und Spitzen, die zwölf Apostel, lebensgroß in Stein gehauen, standen in Nischen an der Kirche umher, oben aber, aus den hohen Bogenfenstern am Glockenstuhl, schlug die Flamme gräßlich hervor, unten eilten flüchtige Menschen sich drängend vorüber, Kinder irrten dazwischen, geängstigte Haustiere suchten aus den brennenden Häusern in ein sicheres Nest zu entkommen. Das Läuten der Glocken, das Geschrei der Menschen, das Krachen der stürzenden Trümmer, alles drang mit fremden Stimmen an ihre traumbetäubten Sinne. Oben auf der dünnsten Spitze des Münsterturmes stand ein Engel wie aus lauterem Golde getrieben, er schien seine Flügel rettend über dem Graus und der Verwüstung zu schwingen, auf einmal wandte er sich leuchtend gegen die Schauende und rief: »Katharina, Katharina, komm zu dir!« Sie schrak auf, Franz hielt sie in seinen Armen. Ihre Spannung war gelöst, sie warf sich ihm laut weinend an die Brust. Er umfaßte sie und trug sie hinweg wie ein hilfloses Kind, über ihnen das Sausen der Flammen, das Prasseln des Sparrenwerks. Das Feuer war im Dach und in den oberen Räumen, die Böden waren noch nicht durchgebrannt, aber die oberen Treppen standen schon in lichten Flammen; doch Franz, der jeden Winkel des Gebäudes kannte und auch in diesem drangvollen Augenblicke seines Berufes nicht vergaß, hoffte alsbald die geeigneten Mittel zur Rettung des geliebten Hauses anwenden zu können. Er eilte mit seiner Bürde die Treppe hinab. Bretter- und Treppenteile, die sich oben lösten, fielen neben ihm nieder, und ein schweres Holzstück streifte ihm den Kopf. Er merkte es nicht einmal, stürzte zum Hause hinaus, legte Katharina den aufschreienden und herzuspringenden Leuten in die Arme, gab der Mannschaft die nötigen Mitteilungen über den Sitz des Feuers und die zugänglichsten Stellen und wollte sich munter auf seine Spritze schwingen. Aber im Ansetzen sank er zurück und fiel ohnmächtig nieder. Die Weisungen jedoch, die er gegeben hatte, entschieden über den Verlauf des Brandes. Die Flamme wurde an den bezeichneten Punkten gedämpft und die herabfallenden Brandtrümmer, von welchen den unteren Stockwerken Gefahr drohte, zog man mit Haken heraus. Das Woltmannsche Haus wurde gerettet, und wie im ersten Vorteil, den man über einen Feind erringt, sich schon der vollständige Sieg ankündigt, so gelang es auch in der Nachbarschaft allmählich den angestrengten Bemühungen der Löschenden, das Feuer zurückzudrängen, auf seine bereits gemachte Beute zu beschränken und endlich ganz zu überwältigen. Meister Woltmann hatte, wie er bei der näheren Besichtigung seines Hauses fand, keinen großen Verlust gehabt. Die unteren Geschosse waren unbeschädigt, nur ein Teil des Daches und der Bodenräume mußte, nebst den Treppen, die nach oben führten, neu gebaut werden. Aber in den nächsten Tagen war in dem Woltmannschen Hause, das im vollen Stande der Wohnlichkeit geblieben war, von einem solchen Geschäfte nicht die Rede. Die Bewohner gingen geräuschlos hin und her oder sprachen leise und ängstlich miteinander; von Zeit zu Zeit sah man Katharinen mit verweinten Augen vorüberschweben; sie ging nach dem Zimmer, in welchem Franz seit zwei Tagen besinnungslos darniederlag, und das sie nur verließ, um irgend ein für ihn notwendiges Bedürfnis zu befolgen. Das brennende Trümmerstück, von dem er am Haupte getroffen worden war, hatte eine Verletzung zurückgelassen, die der Arzt für sehr bedenklich erklärte. Als die ersten Maßregeln, den Jüngling aus seiner Ohnmacht zu erwecken, fruchtlos gewesen waren, schlug derselbe eine Operation vor, die bei dem nicht über jeden Zweifel erhabenen Grade der Heilkunst mit Recht als das Äußerste zu fürchten war. Daher setzte sich ihm Katharina hartnäckig entgegen und versicherte, sie werde es durchaus nicht zugeben, daß man eine so gewagte und grausame Kur mit dem Kranken vornehme. Eben kam der Arzt wieder, und nachdem er die Kopfwunde untersucht hatte, erklärte er, man müsse, ohne länger zu zögern, »mit der Katz' durch den Bach«. »Nimmermehr!« rief das Mädchen. »Eher sollt Ihr mir selbst den Kopf zersägen. Ihr habt Eure Freude daran, die Menschen zu martern, aber so lang ich ein Wort zu sagen habe, soll er Euch nicht preisgegeben werden. Ich glaube es nimmermehr, daß dieses schreckliche Verfahren nötig ist, ich weiß vielmehr gewiß, er wird zu sich kommen, er wird ohne Sägen und Schneiden und Brennen gerettet werden.« »Zu Grunde gehen wird er durch diese Bedenklichkeiten! Ich will noch einen Tag warten und mit den alten Mitteln fortfahren, aber dann muß er dran!« so sagte der Arzt und ging verdrießlich hinweg. Katharina glaubte nur schwach an das, was sie gegen den Arzt ausgesprochen hatte. Sie trat an das Lager ihres Lieblings und beugte sich weinend über ihn, sie fühlte ihre Liebe durch die Gefahr besiegelt, sie war sich bewußt, auf Leben und Tod mit ihm verbunden zu sein, und gelobte sich fest, wenn er genese, keiner Rücksicht mehr zu folgen, sondern was sie längst schon war, die Seinige zu werden unter jeder Bedingung und die Härte der Welt oder die Abneigung seiner Verwandten freudig zu tragen um seinetwillen; sie war bereit, seine Religion zu der ihrigen zu machen; war doch seine Treue die ihrige! Mit diesem Entschlusse beging sie im stillen ihre feierliche Verlobung und drückte dem Ohnmächtigen einen langen Kuß auf die blassen Lippen, Da schlug Franz die Augen auf und sah verwundert umher; er konnte sich nicht besinnen, was mit ihm vorgegangen war. Katharina erzählte ihm den Unfall, der ihn betroffen hatte, dann berichtete sie ihm, wie das Feuer gelöscht und die Ruhe des Hauses bloß durch seinen hoffnungslosen Zustand bis jetzt getrübt worden sei. Sie gestand ihm, daß sie sich mit stillen Schwüren ihm verlobt habe, und reichte ihm die Hand zum Zeichen ihrer unauflöslichen Verbindung. »Ach,« sagte sie, »du hast mich nicht recht verstanden; ich habe nicht deshalb geschwiegen, weil ich unüberwindliche Bedenklichkeiten hatte, sondern bloß, weil ich nicht wußte, wie ich's angreifen sollte, um den Vater nicht zu beleidigen, und dein finsteres Wesen hat mich vollends ganz ratlos gemacht.« »Verzeih mir mein blindes Ungestüm,« erwiderte Franz. »Von jetzt an wird nichts mehr zwischen uns treten. Um die Zukunft bin ich ohne Sorgen, denn die Hauptsache, nämlich daß wir zusammengehören, ist im reinen, und was Gott so vereinigt hat, das kann der Mensch nicht scheiden.« »Aber sage mir nur, Herzliebste,« fuhr er fort, nachdem sie eine Weile stumm ihr Glück genossen hatten, »was hat sich denn Sonderbares mit dir begeben? Ich dachte dich während des Brandes sicher untergebracht und ging ruhig dem Löschen nach, ohne die mindeste Furcht für dich zu haben. Daher glaubte ich zu träumen, als ich dich so allein in dem brennenden Haus gewahrte; und dazu sahst du so seltsam aus.« Nun erfuhr er von Katharina jenen wunderbaren Zustand und das Gesicht, das ihr erschienen war. Er wurde immer aufmerksamer und griff nur von Zeit zu Zeit nach dem Haupte, wo er einen schmerzhaften Druck fühlte, »Also ein goldener Engel stand oben auf dem Turme?« fragte er tief bewegt. »So deutlich sah ich ihn mit meinen innern Augen,« antwortete Katharina, »daß ich gewiß bin, ihn auch schon vor meinen äußeren gesehen zu haben. Ja, Franz, laß dir sagen: ich weiß es fest und klar, daß diese Erscheinung kein leerer Traum, sondern eine Erinnerung aus meiner frühesten Kindheit war. Nun kann ich mir mein ganzes Schicksal erklären: bei einem großen Brande bin ich als ein hilflos umherirrendes Kind verloren gegangen, und in meinem Gesichte habe ich die Stadt erschaut, in der ich geboren, die Kirche, in der ich getauft worden bin. Alle jene längst verlöschten Bilder sind in ihrer ganzen Kraft vor meine Seele zurückgekommen; ich sehe wieder die brennenden Häuser meiner Vaterstadt, ich höre das Wehgeschrei und den Jammer der Flüchtenden und erinnere mich, wie ich als kleines Kind in dem Gedränge herumgestoßen werde. Jeden Augenblick bin ich in Gefahr, zertreten zu werden, niemand kümmert sich um mich, jeder ist nur mit der eigenen Not beschäftigt, ich weine, ich schreie nach meiner Mutter – ach, meine Mutter! welchen Schmerz muß sie um mich erlitten haben! und noch jetzt! gewiß lebt sie noch, gewiß härmt sie sich um ihr verlorenes Kind.« »Erinnerst du dich deiner Mutter noch, kannst du mir sie beschreiben?« rief Franz in der höchsten Aufregung. »Nein,« erwiderte sie, »ich meine zwar einen Eindruck von ihr behalten zu haben, doch nur ganz innerlich, lauter Liebe und Güte, aber nichts von persönlicher Gestalt und Aussehen. Vielmehr ist es etwas ganz anderes, was mir vorschwebt, ach, eine Kreatur, die man sich Sünden fürchten sollte neben einer Mutter zu nennen, und ich muß mich wundern, was es für ein unverständiges Ding ist um die Erinnerung, die das Wichtigste vergißt und das Geringste behält. Und doch muß ich mir immer wieder den Kopf zerbrechen, wie er hieß.« »Wer denn?« »Sieh, wie ich von der Menschenmenge hin und her gestoßen wurde, schoß auf einmal ein schwarzer, zottiger Hund denen, die mir zunächst waren, zwischen den Beinen durch und gerade auf mich zu. Ich schrie laut auf vor Schrecken, denn ich kannte ihn wohl; er gehörte einem Nachbar, und wir Kinder fürchteten ihn sehr, weil er immer so grimmig und bissig war, wenn wir in der Nähe spielten, wo er an der Kette lag; nun glaubte ich fest, er werde mir ein Leid antun, aber die allgemeine Angst war auch über ihn gekommen, er hatte den Schweif zwischen die Beine geklemmt, heulte kläglich und strich, ohne mich anzusehen, an mir vorbei. Dieser Hund steht mir jetzt wieder so lebhaft vor dem Gedächtnis, ach! und er hatte einen so spaßhaften Namen! Wie hieß er doch nur?« »Pfauser!« rief Franz, und beide brachen in das lustigste Gelächter aus.« »Pfauser!« rief sie, »ja wahrhaftig, so hieß er! Aber sage mir nur« – und mit großen Augen sah sie ihn an – »woher weißt du denn das?« »O ich weiß noch viel mehr, und du sollst alles erfahren, aber zuvor sage mir, weißt du denn gar nichts mehr von den Gespielen deiner Kindheit? Kannst du dich auf keines besinnen, das dir besonders lieb gewesen wäre?« »Die Wahrheit zu sagen,« erwiderte Katharina, »habe ich keine bestimmte Erinnerung, weder an meine Mutter, noch an sonst jemand, und doch bringst du mich mit deiner Frage auf manches, was mir schon wie ein leichter Nebel vor der Seele geschwebt hatte. In meinen Träumen habe ich mich manchmal als ein Kind gesehen und mit einem andern Kinde selig gespielt; wenn ich dann erwachte, so glaubte ich, es sei mein Schutzengel gewesen, und betete zu ihm, und dann mußte ich immer an etwas recht Liebes, an ein recht großes Glück denken, das ich mir aber nicht deutlich vorstellen konnte. Ich wußte auch nicht, ob ich es schon einmal besessen habe, oder ob es mir noch bevorstehe, bis du kamst, Franz, und alle meine Wünsche und alle meine Träume in dir erfüllt waren.« »Und du ein altes Eigentum wieder fandest, das du in früher Kindheit verloren hattest! Nun will ich dir sagen, wer du bist: meine Landsmännin, meine Base, meine Braut, die mir von Anbeginn zugedacht war! Jetzt wird das Weib, das ich heimführe, keine Fremde mehr sein im Hause meiner Eltern, und dich, Katharina, dich bringe ich zu einem guten Vater und zu einer guten Mutter. Mein Traum ist erfüllt, ich habe mein verlorenes Lamm wieder gefunden!« Er umschlang sie und drückte sie in tiefer Rührung an sich, Katharina sah ihn mit unverwandten Blicken an und sprach kein Wort, sie war wie im Traume. So hielten sie sich lang umfaßt, als auf einmal Franz erbleichte und bewußtlos zurücksank; ein Strom von Blut schoß ihm über das Gesicht. Alles eilte auf Katharinens Hilferuf herbei, der Arzt war sogleich bei der Hand, und unter seinen Bemühungen kam Franz wieder zu sich. »Wie ist mir nur?« sagte er: ich fühle mich so wohl, der Schmerz in meinem Haupte hat völlig nachgelassen, mir ist so leicht, ich meine, ich könnte fliegen.« »Das ist der Tod!« jammerte Katharina. »Mit nichten, schöne Jungfrau,« sagte der Arzt, »vielmehr ist es das Leben und die Genesung. Irgend eine große Gemütserschütterung, von der in meinem Kompendio nichts, aber vielleicht in Eurem Herzen einiges geschrieben steht, muß die Kopfwunde noch einmal aufgesprengt und die materiam peccamtem ausgestoßen haben. Der bedenkliche Druck, der auf dem Gehirne lag, ist jetzt beseitigt, und wenn Ihr, verehrungswürdige Kollegin, den Kranken noch etliche Tage, so viel es Euch möglich ist, in Ruhe laßt, so wird er schneller, als Ihr Euch vorstellt, wieder disponibel sein und unter den Lebendigen wandeln.« Er gab die nötigen Verordnungen und entfernte sich. Die Prophezeiung des Arztes traf ein. Franz erholte sich schnell und war bald im stande, ausführlichere Nachweisungen über Katharinens Herkunft zu geben. Name, Alter und Ahnung trafen wunderbar zusammen, und der lustige Ausschlag, den der Name des Hundes gegeben, ließ gar keinem Zweifel mehr Raum. »Dieser Name,« erklärte Franz dem Meister, »ist ein Eigentum meiner Vaterstadt und wird Euch deshalb völlig unbekannt sein; man braucht ihn von einem, der da schmollt, trutzt oder mault, und er paßte zum Lachen gut auf das weinerlich zänkische Gesicht des Köters, das mir noch ganz lebhaft vor Augen steht.« »Wie geht's ihm, dem bösen Pfauser?« fragte Katharina. »Aber der wird nicht mehr am Leben sein.« »Nein,« sagte Franz, »er nahm nach dem Brande seine alte Natur wieder an und wurde nach und nach so schlimm, daß sein Herr genötigt war, ihn totschlagen zu lassen; wir müssen ihm also die Wurst, die er wahrscheinlich sehr gegen seinen Willen an uns verdient hat, schuldig bleiben.« Auch Meister Woltmann ließ sich durch dieses Zusammentreffen so vieler Umstände überzeugen. »So habe ich also meine Tochter verloren,« sagte er, »und sollte billig darüber traurig sein. Doch habe ich dich viel zu lieb, Katharina, als daß ich dir dein neues Glück nicht von Herzen gönnen sollte und deinen neuen Glauben dazu, der ja ein älteres Recht hat. Denn über die Religion kann jetzt kein Streit mehr sein, da es sich von selbst versteht, daß du zu der deiner Eltern zurückkehrst, in welcher du geboren bist.« »Natürlich!« sagte der anwesende Arzt mit Lachen. »Das wird ganz nach dem instrumento pacis gehalten: cujus regio, ejus religio .« »Es ist gut, daß sie nicht wissen, was ihnen bevorsteht,« fuhr der Meister fort, »denn sie müssen sich noch eine Weile gedulden. Ich bin nämlich gesonnen, mit Euch hinzureisen und ihnen ihre Tochter zu bringen, damit ich sie gleich wieder mitnehmen kann, falls sie mir heimgeschlagen wird.« »Warum denn erst in einiger Zeit, Vater?« rief Franz »warum nicht morgen, heute noch?« »Herr Doktor, Ihr müßt ihm noch einmal für das Fieber tun,« sagte der Meister. »Meinst du denn,« wandte er sich zu Franz, »ich werde vor meinem – beinah hätt' ich gesagt, vor meinem Ende – ich werde nach den langjährigen Diensten, die ich dieser Stadt geleistet habe, die Krone meines ganzen Wirkens aus den Händen lassen? werde nur so davonlaufen, ohne das neue Geläute zu gießen, das meinen Namen noch bei den späten Enkeln in Ehren erhalten soll?« »Das dauert aber eine Ewigkeit!« meinte Franz. »Es dauert nicht so lang« sagte der Meister. »Ich habe gestern neue Gesellen angenommen, die sich bei mir gemeldet haben, und will deren noch mehr verschreiben. Aber auch du hättest allen Grund, dabei Hand anzulegen und der Stadt, in der du dein Glück gefunden hast, den Dank mit der Tat abzutragen.« »Ein zweifelhafter Dank!« bemerkte Franz, den sein Verdruß über den Aufschub etwas spitzig machte. »Wo man zum Gewitter läutet, da hat der dankbare Gießer auch gleich den Wetterstrahl mit hinterlassen. Aus der Gefahr wenigstens wirst du befreit,« setzte er gegen Katharinen hinzu: »in unserer Kirche läutet man nicht den Blitz herbei.« »Nur nicht so hitzig!« sagte Meister Woltmann. »Wenn du meinst, die Glocke habe mit ihrer Wetterbeschwörung den Strahl angezogen, wofür doch den Gießer keine Verantwortung träfe, so solltest du ihr und dem alten Brauche, statt zu sticheln, alle Ehre erweisen, denn ohne diesen Strahl würde es bei dir und uns vermutlich finster aussehen. Und kurz und gut, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Willst du aber allein vorausziehen, so bist du dein eigener Herr; ich komme dann mit dem Mädchen nach. Mitgeben kann ich sie dir nicht, denn wenn sie auch deine Braut ist, so würde das doch nicht angehen.« Franz sah ein, daß er sich fügen mußte. Die Arbeit ging jedoch rasch vonstatten; der Meister selbst trieb redlich zur Eile. Er ließ sich nur seine Auslagen erstatten, die Arbeit lieferte er unentgeltlich. Während dieser Zeit sah man ihn oft auf das Rathaus gehen, aber niemand wußte, warum. Franz, der ihn einmal befragte, erhielt die kurze Antwort, er werde es schon noch erfahren. Als man an die Herstellung des Turmes ging, befand es sich, daß die alte Sage diesmal die Wahrheit gesprochen hatte: man fand nämlich beim Wegräumen des Schuttes in dem geschmolzenen Erze eine beträchtliche Menge Goldes, das sich leicht ausscheiden ließ und hinreichend war, um den Turm wieder aufzubauen und mit Blei zu decken. Da hierdurch der größte Teil des Schadens ersetzt war, so beschloß die Bürgerschaft, die übrigen Verluste gemeinschaftlich zu tragen und die wenigen Abgebrannten auf Kosten der Stadt zu entschädigen. Franz wollte vor Ungeduld vergehen, als die neuen Glocken gegossen waren und nun noch die Vollendung des Glockenstuhls abgewartet werden mußte; aber Katharina wußte ihn mit manchem holden Worte zu beschwichtigen. Endlich war auch das Letzte vollbracht; die Glocken schwebten an ihrer Stelle, und unter ihrem wohltönenden Geläute wurde ein Fest begangen, bei welchem dem Meister und seinem ersten Gesellen viele Ehre widerfuhr. Die Umschrift am Kranze der größten von den neuen Glocken hatte Franz erdacht; sie lautete: »In Freud und Leid Bin ich bereit, In Not und Tod Bin ich der Bot.« Nun endlich schloß der Meister sein Haus, und die Reise wurde angetreten. Sie eilten sehr und hielten sich nirgends länger auf, als nötig war; denn Franz wollte die monatelange Verzögerung durch die Wahl eines bedeutungsvollen Datums gut machen und Katharina am Jahrestage des großen Brandes, der sie entführt hatte, in die Arme ihrer Eltern zurückbringen. Je mehr sie, am Rhein hinauf, gegen Süden kamen, desto heimischer fühlte die Jungfrau sich; sie meinte, alle diese Gegenden, diese alten berühmten Städte schon gesehen zu haben. Als sie über den Neckar gekommen waren, fragte Katharina: »Was sind dies für Berge?« und deutete auf eine waldbewachsene Gebirgskette, die grün und sonnig vor ihren Blicken emporstieg. »Es sind die Berge der Heimat, die Wächter deiner Kindheit, denen du, böses Kind, entlaufen bist.« »Ach, da ist er!« rief sie wieder und deutete auf die Stadt, die sich am Fuß des Gebirges entfaltete; die dunkle Gestalt des Turmes ragte aus ihrer Mitte empor, und in der Abendsonne leuchtete der goldene Engel, dessen Fahne eben ein frischer Südwind gegen die drei Reisenden wendete. »Da ist er!« jubelte Franz, »Grüß dich Gott, Katharina, du bist daheim!« Nun trafen sie ihre Verabredung. Franz nahm es auf sich, das Schauspiel des Wiedersehens anzuordnen; er versprach, ihnen einen vertrauten Mann entgegenzusenden, der sie in Empfang nehmen sollte, und eilte voraus. Er trat durch das Tor, aus dem er vor zwei Jahren gezogen war, die Ringmauern der Vaterstadt schlossen ihn wieder ein. Durch die alten Straßen, an wohlbekannten Häusern vorüber, aus deren Fenstern schon gastliche Lichter winkten, schritt er der Kirche zu, in deren riesigem Schatten das Vaterhaus lag. Um seine Rührung zu dämpfen, hatte er einen Scherz ersonnen: als reisender Handwerksgesell wollte er auftreten und sich bei seinem Vater zur Arbeit oder zur »Ausschenk« anmelden; denn das Handwerk war eines von den »geschenkten«, das heißt von denen, die an wandernde Gesellen aus der Lade Geschenke erteilten. Die beiden Eltern saßen in der großen Stube bei Licht und sprachen von dem fernen Sohne; eben sagte der Vater: »In Attendorn darf er mir jetzt nicht lang mehr bleiben, entweder muß er zurück zu mir oder –« Da klopfte er an die Türe, »Alle guten Geister!« rief die Mutter und schmiegte sich ängstlich an den Vater; denn bei Nacht, glaubte man, klopfe nichts Geheures an. »Sei nicht so einfältig, Weib! wer wird's sein? vielleicht ein Reisender, der nicht weiß, was man hier zu Lande für Aberglauben hat. Nur herein!« Die Türe ging auf, und herein trat der Fremdling. Er begann den üblichen Spruch und sagte bescheidentlich: »Mit Gunst, Meister. Ich bin ein fremder Glockengießergesell und begehre bei dem Meister in seiner Werkstatt zu arbeiten, seinen Schaden zu wenden und seinen Nutzen zu fördern. Kann mir solches widerfahren, so wäre es mir ein guter Dienst,« Die Mutter hatte ihn sogleich erkannt und drohte ihm hinter des Vaters Rücken mit dem Finger. Der Vater aber erkannte ihn nicht und antwortete ihm in derselben Weise: »Mit Gunst, Fremder. Ich bedanke mich für diesmal ganz freundlich. Was ist Euer Begehren weiter?« »Es ist mein Begehren eine frische, freie und redliche Ausschenk, wie es einem ehrlichen Glockengießergesellen gebührt und zusteht, der sein Handwerk ehrlich und redlich erlernt hat. Kann mir solches widerfahren, so wäre es mir lieb. Kommt mir von Euch oder sonst woher ein anderer ehrlicher Glockengießergesell wieder zuhanden, so will ich ihm dasjenige wieder erweisen, nach Handwerksgewohnheit und Gebrauch, nach ihrem Begehren und nach meinem Vermögen.« »Mit Gunst, Fremder. Wo seid Ihr zu einem Gesellen gemacht worden?« »Mit Gunst, in Wien.« – Ein Scherz, dachte Franz, ist keine Lüge. »Wo habt ihr zum letzten gearbeitet?« »In Nürnberg.« Der Vater fühlte sich geschmeichelt, daß ein Gesell von solchen Städten her zu ihm komme. Er fuhr fort: »Mit Gunst. Was ist Euch anbefohlen worden?« »Es ist mir anbefohlen worden von Meistern und Gesellen in Nürnberg, ich soll Meister und Gesellen allhier fleißig grüßen von wegen des Handwerks.« »Sei Dank von wegen Meister und Gesellen. Ist Euch sonst nichts anbefohlen oder mitgegeben worden?« »Mit Gunst, es ist mir anbefohlen und mitgegeben worden ein kleiner Zettel, den soll ich mir so lieb sein lassen, als mein eigen Leib und Leben und ehrlichen Namen, und soll ihn aufweisen bei Meister und Gesellen, wo das Handwerk redlich und ehrlich ist. Wo es aber nicht ehrlich und redlich ist, da soll ich's helfen ehrlich und redlich machen, soll strafen, was strafen heißt, soll strafen, daß ihnen der Beutel kracht und mir mein junges Herz im Leibe lacht. Mit Gunst, Meister, seht, ob die Kundschaft gut ist.« Nachdem Franz diesen Gesellengruß, der die löbliche Verbindung der Handwerksgenossen zu gegenseitiger Förderung und Unterstützung so treuherzig ausspricht, in der üblichen eintönigen, halb singenden Weise vorgebracht hatte, zog er das Zeugnis von seinem Meister hervor. Der Vater ging damit ans Licht und fing mit Erstaunen an zu lesen: »Attendorn, den – –« Da vernahm er den Schall eines herzhaften Kusses. Er wandte sich um, und nun erkannte er den Sohn, der in den Armen der Mutter lag. »Was,« rief er, »gottloser Junge, deine alten Eltern so zu betrügen!« und faßte ihn wohlgefällig, um ihn ebenfalls ans Herz zu schließen. »Da bin ich wieder, liebe Eltern,« sagte Franz. »Vergebt mir, daß ich Euch so unangemeldet über die Schwelle springe, aber ich will mich noch darüber rechtfertigen; daß ich nicht mutwillig davongelaufen bin, beweist der Zettel dort.« Der Vater nahm eifrig das Papier wieder auf und las. »Du bist ja ein wackerer Bursche geworden!« sagte er hierauf vergnügt. »Nun, wenn Ihr mit mir zufrieden seid,« erwiederte Franz, »so könntet Ihr mir gleich eine Bitte erfüllen.« »Es soll geschehen, wenn's nichts Unstatthaftes ist.« »Richtet noch auf diesen heutigen Abend einen kleinen Nachttrunk an und ladet, ich bitte Euch inständig, den alten Bürgermeister, den Herrn Matthäus Baur, auch seine Frau und noch einige andere Verwandte und Freunde dazu.« »Was soll das? jetzt, da es schon so spät ist?« »Fraget nicht, lieber Vater, Ihr werdet alles erfahren. Glaubet nicht, es sei eine sündliche Eitelkeit von mir, und ich wolle aus meiner Ankunft ein Fest machen; nein, es hat seinen guten Zweck, ich habe etwas auf dem Herzen, etwas Wichtiges, was ich da entdecken will. Ich bitte Euch, Vater, tut mir die Liebe.« Der Vater sah wohlgefällig auf den männlich gebildeten Sohn und gewährte seine Bitte. Während er nach seinen Gästen umhersendete, wollte die Mutter den Sohn ausforschen; er vertraute ihr jedoch nur einen Teil seines Geheimnisses an, so weit er ihrer Mitwirkung bei seinem Vorhaben bedurfte. »Aber da fällt mir auf einmal ein,« fügte sie, »die Bürgermeisterin wird schwerlich kommen; es ist heut' der Dreiundzwanzigste, weißt du? und den feiert sie immer noch in tiefer Trauer um ihr verlorenes Kind.« »Dann,« erwiderte Franz, »tut mir den Gefallen, Mutter, und sendet noch einmal ausdrücklich zu ihr: es sei mein liebster Wunsch und meine höchste Bitte.« Der Eintritt seiner Geschwister, die sich jetzt herzufanden, unterbrach die Beratung, und die Mutter eilte, ihm seinen Willen zu tun. Die Gesellschaft hatte sich versammelt. Franz saß zwischen seinem Vater und seiner Mutter, gegenüber hatten Herr Matthäus und seine Frau, die nur mit schwerer Überwindung gekommen war, ihren Platz genommen, Franz bemerkte mit einigem Schrecken, daß auch Regine zugegen war, um so mehr, da ihm seine Mutter zuflüsterte, sie sei noch zu haben, und man sage sich ins Ohr, seine Abreise sei ihr sehr zu Herzen gegangen, zumal nachdem sich eine andere Aussicht, die sie vielleicht vorgezogen haben würde, zerschlagen habe. Durch die Verheiratung eines Bruders war sie der Gefreundschaft einverleibt worden, und daher kam es, daß man sie eingeladen hatte. Sie däuchte ihm aber nicht mehr so schön wie einst, sie war etwas magerer geworden, und ein grabender Unmut war in ihrem Gesichte zu lesen, der ihr einen unangenehm scharfen Zug an die Mundwinkel geschrieben hatte und ihre Nase über Gebühr hervortreten ließ. Eine neugierige Base, welche fest überzeugt war, den Nagel auf den Kopf zu treffen, sagte im Verlauf der fröhlichen Unterhaltung zu ihm: »Jetzt wird man dem Herrn Vetter bald gratulieren dürfen.« »Wozu?« »Zur Brautschaft.« – Dabei sah sie Reginen an, die über und über rot wurde. Franz wollte eben etwas erwidern, als seine Mutter aus der Stubenkammer, wohin sie von Zeit zu Zeit gegangen war, zurückkam und ihm ein leises Zeichen gab. »Also zu einer Brautschaft wollt Ihr mir Glück wünschen,« wandte er sich nunmehr zu der Base, »und wen habt Ihr mir zugedacht?« »Ei ja,« gab sie zurück, das sind Eure Sachen, Vetter, in die ich mich nicht mische; aber es sind hübsche und vermögliche Mädchen genug in der Stadt, und ich glaube, Ihr braucht Euch nicht weit umzusehen, um die rechte zu finden.« »So meine ich auch,« erwiderte Franz, »und wenn meine lieben Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, so bin ich heute noch gesonnen, mir eine Braut zu wählen.« Die Frau des Bürgermeisters wischte sich die Tränen aus den Augen, seine Eltern saßen wie auf Kohlen, und der Vater blickte ihn zornig an, aber Franz fuhr fort: »Und doch würdet ihr diejenige schwerlich erraten, der ich mein Herz zugewendet habe, wiewohl meine Brautschaft schon sehr alt ist. Nur diese einzige könnte ich zum Weibe nehmen, wenn ihr Vater, der Herr Bürgermeister, meinen Wunsch erfüllen und mir meine längst verlobte Braut heute wieder bestätigen wollte.« »Bist du wahnsinnig, Junge?« rief sein Vater, »oder willst du diesen meinen achtbaren Herrn und Freund mit Fleiß betrüben?« »Weder das eine noch das andere,« versetzte Franz, »meine Absicht ist gut, ich will ihm seine Tochter und mir meine Braut wiedergeben. Ich habe in Westfalen eine große Zauberkunst erlernt, ich kann die Toten wieder lebendig machen und verspreche, die verlorene Katharina auf der Stelle hierher zu beschwören, wenn ihre und meine Eltern mir zusichern, daß sie dann mein Weib werden soll.« Ein allgemeines Staunen folgte diesen Worten; alles schwieg und blickte auf den kecken Jüngling, der so toll zu scherzen wagte. Nur Katharinens Mutter sagte schluchzend: »Ach ja, von Herzen gern!« Aber Franz erhob sich und rief, indem er in die Hände klatschte: »die Toten stehen auf! herbei, Katharina, herbei!« Eine Seitentür öffnete sich, Katharina trat an Meister Woltmanns Arm herein. Nun entstand ein großer Aufruhr; einige der Weiber glaubten im Ernst, Franz könne hexen, und hielten die Fremde in ihrer ausländischen Tracht für ein Gespenst; aber Franz eilte ihr entgegen und führte sie zu ihren Eltern. »Hier, Vater,« sagte er, »hier, Mutter, ist Eure Tochter; Ihr hofftet sie in Eurem Leben nicht mehr zu sehen, aber der Himmel hat sich ihrer angenommen und ihr in diesem Manne einen liebevollen Pflegevater beschert.« Darauf stellte er den Meister Christoph Woltmann seinem Vater vor. Die beiden Jugendfreunde weinten vor Freude, als sie einander, mehr aus Erinnerungen der vergangenen Zeiten und Begebenheiten als an der Gestalt, erkannten. Katharina aber lag ihrer Mutter an der Brust und sah ihr unverwandt ins Angesicht, bis Herr Matthäus sie ihr aus den Armen nahm. »Es ist meine Tochter,« rief er, »ich erkenne sie an der Ähnlichkeit mit dir; so sahst du aus, als wir beide noch jung waren und ich um dich freite.« Die Anwesenden schwankten zwischen Glauben und Zweifel, und die Ankömmlinge mußten immer wieder von neuem und ausführlicher erzählen. »Was man wünscht, das glaubt man,« bemerkte endlich Regine mit bittersüßem Lächeln. »Ja, ich glaube es, aber ich will's gewiß wissen!« rief Katharinens Mutter zitternd vor Spannung, »Unser Kind hatte ein Muttermal am linken Knöchel; wenn auch das noch zutrifft, dann ist alles sicher wie das Evangelium.« Sie nahm das tief errötende Mädchen bei der Hand und führte sie hinaus. Franz, dessen Überzeugung bis jetzt unerschütterlich gewesen war, schwebte in peinlicher Angst. Nach wenigen Augenblicken aber traten beide wieder herein, und die Mutter rief: »Sie ist es, sie ist unsere Tochter, sie hat das Zeichen!« Nun war ein allgemeiner Jubel, Vater und Mutter stritten sich um die Tochter und wollten sie liebkosen, alles drängte sich herzu und bewillkommte die Wiedergefundene. Franz sah seinen Vater an, dieser erhob sich, nahm ihn bei der Hand und trat mit ihm zu den glücklichen Eltern. »Ich mache unsere alte Übereinkunft wieder geltend,« sagte er, »und komme zu euch als Brautwerber für diesen meinen Sohn; wir können, glaube ich, nichts mehr als ja sagen, denn die Hauptsache ist, scheint mir's, zwischen den beiden jungen Leuten schon ins Reine gebracht.« »Er soll sie haben!« rief Herr Matthäus, zog seinen Ring vom Finger und gab ihn Katharinen; ebenso tat Franzens Mutter mit ihrem Sohne. Die Verlobung wurde geschlossen, und Franz drückte seinem lieben Mädchen den Brautkuß auf die Lippen. »Nun sich alles so glücklich gefügt hat,« sagte Meister Woltmann, »entsage ich hiermit allen Vaterrechten auf meine Pflegetochter, trete sie ihren wahrhaftigen Eltern ab und gebe sie ihrem angeborenen Glaubensbekenntnis zurück.« »Und was Euch selbst betrifft, lieber Vater,« sagte Katharina zu ihm, »so dürft Ihr uns nun und nimmermehr verlassen. Ich kann es mir nicht denken, daß wir so weit auseinander leben sollten, und muß Euch wenigstens einmal täglich sehen.« »So geht es mir auch,« rief Franz, »und ich erbiete mich, Euch nach Westfalen zurückzubegleiten und Eure Übersiedlung bewerkstelligen zu helfen.« »Wir brauchen uns beide nicht so viele Mühe zu geben,« erwiderte der Meister mit lachendem Munde: »ich habe für den Fall, daß Ihr mich bei Euch behalten wollt, das alles schon im voraus besorgt und in den letzten Wochen mit dem Magistrat von Attendorn abgeredet. Die Stadt kauft mir mein Haus, meine Güter und mein Privilegium ab und hat sich verpflichtet, wenn ich nicht zurückkommen sollte, dem Boten, den ich senden würde, die ganze Summe nebst dem Testament, das meine Tochter Katharina zu meiner Erbin einsetzt, auszuliefern. Ich darf sie doch noch so nennen? Es wäre gewiß unbillig, wenn bei dieser wunderbaren Fügung ich allein leer ausgehen und mein Kind auf meine alten Tage verlieren sollte. Um dem Müßiggang zu steuern, will ich mir Güter und Weinberge kaufen, die mir etwas Neues sind, und an Regen- und Wintertagen hat vielleicht mein alter Freund eine Gießpfanne übrig, an der er mich als freiwilligen Gesellen beschäftigen mag.« »Von Herzen gern!« rief dieser, und der Entschluß des Meisters wurde von den beiden neuverbundenen Familien freudig begrüßt. Nach wenigen Wochen feierten Franz und Katharina ihre Hochzeit. Wie sie in der fröhlich teilnehmenden Schar der Gäste dort am Ehrenplatz unter dem Schmettern der Musik und dem Klingen der Gläser so selig Hand in Hand sitzen, ein schmuckes junges Paar! Und doch kostet es mich eine einzige Formel, und ich streue ihnen jene zauberhafte Asche auf die blühenden Häupter, vor der sie selbst in Asche zerstäuben. Und dieses Zauberwort heißt: es war mein Urgroßvater und meine Urgroßmutter. Sanft ruhe ihre Asche! Wie der Großvater die Großmutter nahm. Ich war schon dreißig – erzählte mir einmal der Großvater, ohne damit auf das Mantellied anzuspielen, denn das gab es damals noch nicht – ich war stark dreißig, und wiewohl ich unter meinen bereits verheirateten Geschwistern der Stammhalter war, so hatte ich doch immer noch keine Frau. Dies kam von meiner großen Schüchternheit her: ich hatte nicht das Herz, einem Mädchen keck in die Augen zu sehen, und fand auch wenig Gelegenheit dazu, weil ich nicht tanzen konnte und deshalb niemals auf den Tanzplatz kam. Mein Vater war sehr ungehalten hierüber und sagte oft zu meiner Mutter: »Es ist eine Schande, alle seine Brüder und Schwestern sind untergebracht, und er, der Älteste, läuft mir noch ledig in der Welt herum! Man muß ja bei Gott glauben, die Mädchen halten ihn für einen Dummkopf, oder wir können ihm nichts mehr mitgeben!« – Aber die Mutter pflegte ihn zu beschwichtigen und sagte: »Laß ihm doch seine Art, Vater; es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man einen Menschen zu etwas zwingt, und der liebe Gott wird gewiß auch noch für ihn sorgen.« Das tat er auch. Eines Sonntags ging ich am Zwinger spazieren, allein, nach meiner Gewohnheit, denn mit meinen ehemaligen Genossen konnte ich wenig Umgang mehr haben, weil sie sich zu ihren Weibern hielten, und die jüngeren paßten auch nicht für mich. Da ging ich so still meines Wegs und freute mich am Sonnenschein, als mir auf einmal ein Papagei in die Augen fiel, der in einem der Zwingergärten im Salate saß. Ich kannte ihn wohl, er gehörte der Tochter des Stadtphysikus, des Herrn Doktor Rieber. Dieser Herr Doktor Rieber war ein sehr geschickter Arzt, übrigens aber ein sonderbarer Mann, was man schon daran sehen konnte, daß er preußisch sprach. Er war nämlich im Siebenjährigen Kriege gewesen und ahmte in seinen Manieren, besonders aber in seinem Hauskommando, den großen Fritz nach, auf den er jedoch sonst übel zu sprechen war. In der Schlacht bei Jorndorf hatte ihn nämlich eine Kanonenkugel, die von der Seite hergeflogen kam, gestreift und auf eine Weise verwundet, daß ihm das Sitzen und Gehen für geraume Zeit, das Reiten auf immer unmöglich wurde. Der Feldscherer ersetzte den Verlust durch ein Stück Kalbfleisch, aber von Kriegsdiensten konnte natürlich keine Rede mehr sein, und der gute Rieber wurde mit einer geringen Gratifikation entlassen. »Ich habe mein Geld nicht für Ausländer,« sagte der König, der damals nicht in der besten Laune war: »warum ist er der Kugel nicht aus dem Wege gegangen?« Daher behielt der Herr Doktor Rieber sein Leben lang einen Grimm gegen den großen König, und wenn die Rede auf ihn kam, so rief er unwillig aus: »Ein großer Tyrann war er und hat mir ungerecht meinen wohlverdienten Lohn entzogen, weil mir nicht gleich ein so guter Witz einfiel, wie jenem Soldaten, der ihm auf die Frage: »In welcher Kneipe bist du so zerkratzt worden?« zur Antwort gab: »Bei Kolin, wo Eu. Majestät die Zeche bezahlt haben.«« Freilich konnte der König diese Frage nicht an ihn richten, denn die Wunde war ja nicht im Gesicht. Aber dessen ungeachtet galt er weit und breit für einen Arzt, der wenig Patienten sterben lasse. Wer ihn kannte, der hatte ein unbedingtes Vertrauen zu ihm, aber die Apotheker waren ihm nicht grün, denn er wendete wo möglich bloße Naturmittel an und pflegte zu sagen, wenn die Leute durch eine unvernünftige Lebensweise ihren inneren Menschen verschmiert und versudelt haben, so glauben sie ihn mit Mixturen abzuwaschen, aber dadurch werde er meist nur noch schmutziger. Unter anderen Eigenschaften hatte er die, daß er es nicht leiden konnte, wenn jemand ein Licht ausblies. Er pflegte darüber so wild zu werden, daß er alle Fassung verlor und den Leuten unerhörte Grobheiten machte. In dem Geruch eines ausgeblasenen Lichtes, sagte er, sei alle Infamie und Niederträchtigkeit der Welt versammelt, und wer diesen Geruch einatmen könne, ohne des Teufels darüber zu werden, der müsse eine verstunkene Seele haben; man sollte solche Stinkseelen als Giftmischer beim Kopf nehmen, denn der Höllendunst, in den sie verliebt seien, sitze ihren Nebenmenschen heimtückisch auf der Brust und bringe Krankheiten hervor, von welchen niemand ahne, wo sie herkommen, ja ganze Seuchen brüte dieser Unfug aus, weil er leider so sehr verbreitet sei. So konnte er stundenlang fortwettern, und weil er in unserem Hause als Orakel galt, so ist diese seine Eigenheit an uns hängen geblieben, daher sich schon ein manches über uns aufgehalten hat, daß wir so zarte Nasen haben. Es hilft aber alles nichts, ich rieche eben lieber an einer Rose, als an einem ausgeblasenen Licht. Sie sagen, weißt du, wir haben ein »bordiertes Hütlein« auf; aber das rührt eigentlich von meinem Herrn Ehni her, vom alten Pugio, dem sie nachsagen, daß er als Senator einen solchen Hut getragen habe. Nun, also der Herr Doktor Rieber hatte eine Tochter, namens Salome, die an Gestalt keinem Mädchen in der Stadt nachstand. Freilich hielt man sie für stolz, denn sie kam wenig unter die Leute, und ob sie gleich nicht preußisch sprach wie ihr Vater, so lauteten ihre Reden doch etwas vornehmer als bei anderen Leuten. Am meisten Aufsehen aber machte ihr Papagei, der allerdings in unserer guten Stadt eine große Seltenheit war. Sie hatte ihn von einem Vetter, der eine Reise nach Holland und Ostindien gemacht und große Reichtümer mitzubringen versprochen hatte, zum Geschenk erhalten; das Glück war ihm nicht günstig gewesen, und um nur nicht mit leeren Händen zu kommen, brachte er seinem Bäschen den ausländischen Vogel mit. Eine Kiste voll Goldwaren hätte ihr keine größere Freude machen können, Sie gab sich tagelang mit dem Vogel ab, dessen Käfig unter dem Fenster hing und der allerlei wunderliches Zeug von ihr krächzen lernte. Bald rief er sie bei ihrem Namen und wünschte ihr guten Morgen, bald schalt er die Vorübergehenden oder kauderwelschte einige lateinische Brocken, die er dem Doktor abgelernt hatte. So oft ich unter ihrem Fenster vorüberging, blieb ich stehen wie andere Leute auch und schaute nach dem Papagei. Niemand konnte daran ein Ärgernis nehmen, aber Salome, die fast immer neben dem Käfig stand, mochte glauben, ich gucke nach ihr, denn sie verzog den Mund schelmenmäßig, wenn ich so vorüberging und hinaufsah; wenn ich sie aber so lächeln sah, da kamen mir doch auch diese und jene Gedanken. Als ich nun des Vogels ansichtig wurde, sagte ich zu mir: »Wie wird sie betrübt sein, daß ihr der Vogel entflohen ist! Du mußt ihn aus dem Salate holen, und wenn auch ein paar Länder darüber Schaden leiden sollten.« »Salome!« rief er, »Bomben und Granaten, wo steckst du denn?« Ich ging auf ihn dar, er tat sehr bös und krächzte: » Mannum de tabula! « aber es half ihm nichts, daß er den Lieblingsausdruck seines Herrn so passend anwandte. Ich ergriff ihn, in der Schnelligkeit jedoch mußte ich ihm den Schnabel freilassen, und er hieb mich tüchtig in den Finger. Ich verbiß den Schmerz, hielt den Papagei an Kopf und Flügeln fest und trug ihn nach seinem Gefängnis zurück, wobei er aus Leibeskräften schrie und schimpfte. Salome war in großen Freuden, als sie den Ausreißer in meinen Händen sah. Auf ihren Ruf kam auch ihr Vater herzu und sagte: »Er ist ein braver Bursche, hört Er? Und couragiert! Denn die kleine Bestie hätte Ihn übel zurichten können; doch das hat Er vielleicht nicht gewußt.« »Nein, sehen Sie, Papa,« rief Salome, »der Vogel hat ihn gewiß gebissen, er hat ja sein Taschentuch um die Hand gewickelt. Warum hat Er denn die Hand verbunden?« fragte sie mich, »Laß Er sehen!« »O inkommodier' Sie sich nicht,« sagte ich, »Sie kann nichts daran sehen.« »Freilich! Was ist es denn?« »Nun, der Vogel hat ein wenig nach mir gehackt.« »Laß Er sehen! Laß Er sehen! Ach Gott! Das sieht ja schrecklich aus, wie der Finger zugerichtet ist! Ich will ihn verbinden.« ›Manum de tabula‹ rief Herr Doktor Rieber und hinkte mit seiner Krücke herzu: »Was verstehst du von einer Wunde, Naseweis? Wie, laß 'mal sehen, ja, ja, Er hat eins abgekriegt, der Papagei führt keine schlechte Waffengattung; aber sei Er nur ruhig, es hat nichts zu bedeuten, das wollen wir bald wieder im reinen haben. Salome, geh und hol mir meinen Wundbalsam, du kennst ja das Glas. Salome! Bomben und Granaten, wo steckst du denn?« rief er, als sie nicht sogleich wieder zurückkam. Endlich brachte sie den Balsam. »J der Satan, Mädchen, ich glaube, du hast geweint? Warum hast du geweint?« Sie zögerte mit der Antwort. »Du hast rote Augen; was ist dir geschehen? Warum hast du geflennt?« »Weil der Papagei dem« – sie stockte. »Dem? Was dem?« »Dem« – sie sah auf mich. »Dem da was zuleide getan hat?« »Ja,« schluchzte sie und brach wieder in Tränen aus. »Dummes Mädel,« brummte der Vater, »es hat ja gar nichts zu sagen! Gib her, mein Balsam wird mehr helfen als deine Tränen. So, jetzt halt Er die Hand her, 's tut nicht weh, brennt nur ein wenig.« Ich hielt still, um das mitleidige Mädchen nicht noch mehr zu betrüben. »Nun ist's fertig, jetzt, Salome, kannst du ihm die Hand verbinden.« Ich kam ganz in Verlegenheit, wie sie mit ihren kleinen Fingern meine Hand anrührte. Als es geschehen war, sagte Herr Doktor Rieber: »Komm Er morgen wieder her, hört Er? daß ich nach der Wunde schauen kann, Adieu! Nun, Salome, bedankst du dich nicht?« Sie dankte mit einem zierlichen Knix und sagte: »Adieu, komm Er morgen wieder her.« Als ich abends nach Hause kam, fiel meine verbundene Hand allen auf. Sonntags aßen nämlich alle Söhne und Söhnerinnen bei den Eltern zu Nacht. Sie fragten, was mir geschehen sei, und ich mußte die ganze Geschichte erzählen, wobei ich tüchtig rot wurde. Die Mutter lächelte und gab dem Vater die Hand. Ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte; aber die anderen lachten ebenfalls, und meine Brüder hießen mich von Stund an den Vogelsteller. Am anderen Tag kam ich wieder zum Herrn Physikus, am dritten und vierten ebenfalls und so fort, bis mein Finger geheilt war. In dieser Zeit war ich so bekannt im Hause geworden, daß er mich einlud, ich solle immerhin wiederkommen, wenn ich ihn jetzt auch nicht mehr nötig habe. Ich war froh, daß er dies sagte, denn ich hätte mich an der anderen Hand auch verwundet, wenn mir die Gelegenheit, ins Haus zu kommen, ausgegangen wäre. Von da an ging ich häufig hin und Herr Doktor Rieber schien das nicht ungern zu sehen. Wenn der Vater nicht zu Hause war, traf ich die Tochter. Natürlich war der Papagei fast immer der Gegenstand unserer Unterhaltung. Sie erzählte mir, wenn ich kam, wie er sich in der Zwischenzeit befunden und was er für Schelmenstreiche ausgeübt habe. Ich steckte ihm den Finger in den Käfig, dann rief er: »Manum de tabula!« und hackte nach mir. Wenn ich nun nicht schnell genug zurückfuhr und noch ein wenig von seinem Schnabel getroffen wurde, so neckte sie mich, und ich ließ mich oft absichtlich von ihm zwicken, nur um von ihr geneckt zu werden. Einmal hatte sie in meiner Abwesenheit einen Scherz ausgedacht und den Vogel die Worte »ungeschickter Hans!« gelehrt. So wie ich nun ins Zimmer trat, fuhr der Vogel wie besessen im Käfig umher und schrie an einem fort: »Ungeschickter Hans! Ungeschickter Hans!« Ich wußte wohl, daß sie sich irgendwo verborgen hatte, um den Spaß mit anzuhören, und drohte dem Vogel, ich schlage ihn auf den Schnabel, wenn er nicht still sei. Als ich ihm hierauf wirklich eins versetzte, rief er um Hilfe: »Salome! Bomben und Granaten, wo steckst du denn?« – »Ungeschickter Hans!« erscholl es aus einem großen Kasten, der im Zimmer stand. Dadurch ermuntert, fing der Vogel sein Spottlied wieder an. »Wenn du nicht still bist,« rief ich, »so will ich den rechten Vogel auf den Schnabel treffen!« und machte den Kasten auf, Salome warf mir eine von ihres Vaters Perücken ins Gesicht, daß ich in einer Staubwolke stand, und sprang aus dem Kasten hervor. Ich lief ihr nach und jagte sie im Zimmer herum, sie schrie, der Papagei tobte, und ich lachte, so daß es einen schönen Lärmen gab. Endlich erwischte ich sie und war eben im besten Zuge, meine Drohung ins Werk zu setzen, da rief es hinter uns: »Manum de tabula!« Aber es war nicht der Papagei, der sich drein legte, sondern es war der Papa. Der war soeben nach Hause gekommen und von dem Lärmen ins Zimmer gezogen worden. »Fixsternelement!« rief er, »was soll das heißen von einem ehrbaren Junggesellen in einem fremden Haus?« Ich stand da wie Butter an der Sonne, »Ungeschickter Hans!« rief der Papagei, wie wenn der kleine Spitzbube wirklich Menschenverstand gehabt hätte. »Wer hat den Vogel das gelehrt?« fragte Herr Rieber. Salome senkte die Augen. »Aha, ich habe mir's gedacht. Und Er hat Satisfaktion nehmen wollen? Nicht wahr?« »Ja,« stotterte ich, »ich wollte –« »Was Er gewollt hat, braucht Er mir nicht zu sagen, ich hab's wohl gesehen. Hat Er sie denn lieb?« »Freilich!« »Will Er sie heiraten?« »Wenn Salome nichts dagegen hat.« »Nun, Mädchen, was sagst du dazu? Willst du ihn?« Sie schwieg verschämt. »Höre, wenn du nicht antwortest, so kriegst du ihn auch nicht. Oder willst du ihn nicht? Sag' nein!« Salome lachte und rief: »Bewahre, nein sagen tu' ich um alles in der Welt nicht!« »Duplex negatio affirmat!« sagte Herr Doktor Rieber. »Nun, da hat Er sie, halt' Er sie wohl und warm, es ist mein einzig Kind! Und laß Er ihre eigensinnigen Launen nicht aufkommen! Sie bedarf einer guten Zucht, aber in Sanftmut und Liebe! Hört Er?« Ich versprach alles Liebe und Gute. »Aber,« sagte ich, »jetzt muß ich' nach Hause und die Einwilligung meiner Eltern holen.« »Die hat Er schon,« sagte mein Schwiegervater. »Meint Er denn, er hatte sonst so ungeniert zu mir kommen dürfen? Ich und Sein Vater haben schon längst miteinander gesprochen. Ich werde daher Seine Eltern sogleich holen lassen, um die Verlobung zu feiern.« Meine Eltern kamen und gaben mit Freuden ihr Wort. Da nichts im Wege stand, so wurde festgesetzt, die Hochzeit solle in vier Wochen sein. Aber diese vier Wochen wurden mir sauer. Kaum war Salome meine Braut geworden, als sie sich völlig gegen mich veränderte. Wo sie mich vorher geneckt hatte, da quälte sie mich jetzt. Immer mußte sie etwas an mir auszusetzen, meine Kleidung, mein Betragen, mein Gehen und Kommen, alles zog ihren Tadel auf sich. Dazu hatte sie ewig zu befehlen, bald mußte ich etwas tun, bald etwas lassen, bald etwas bringen, bald etwas forttragen, und nichts konnte ich ihr zu Danke machen. Am meisten aber peinigte sie mich mit einer unbegreiflichen Eifersucht, sie wußte doch gewiß, daß ich für keinen Menschen in der Welt Augen hatte als für sie, und doch, so oft wir von einem Spaziergang nach Hause kamen, warf sie mir vor, ich hätte nach dieser oder nach jener gesehen. Dann schalt sie mich und weinte. »Ich bin doch recht unglücklich,« sagte sie, »einen so ungetreuen Mann zu bekommen! Noch ehe wir verheiratet sind, sieht er schon nach anderen.« Ich geriet oft in Verzweiflung, denn ich sah nur zu sehr, daß es ihr mit ihrer Eifersucht der bitterste Ernst war, aber ihr Vater tröstete mich. »Laß Er sie ganz machen,« sagte er, »sie weiß sich in ihren neuen Zustand noch nicht zu finden; das wird schon alles anders werden. Bleib Er für jetzt nur, wie er bisher gewesen ist, aber nach der Hochzeit muß Er ihr die Zügel etwas straffer anziehen. Ich habe sie verzogen, denn sie ist mein einziges Kind, und wenn ich auch fluchte und wetterte, so wußte das unartige Ding doch wohl, daß es nicht mein Ernst war.« Ganz kurz vor der Hochzeit, als ich bei meiner Braut saß, gerieten wir halb im Scherz in einen Streit über ihr Brautkleid. Es war damals die Zeit, wo die Reifröcke nach und nach aus der Mode kamen, und ich war über diese Veränderung sehr erfreut, weil ich das häßliche bauschige Wesen nie hatte leiden können. Wunderlicherweise aber bildete sich Salome ein, diese Tracht stehe ihr besser als ein anliegendes Kleid, das doch ihre zierliche Gestalt viel mehr gezeigt hätte. Wir stritten hin und her, bis ich endlich den Haupttrumpf auszuspielen vermeinte und zu ihr sagte: »Du hältst doch mehr auf die Mode als ich, wie magst du nur so hinter der Mode zurückbleiben?« – »Seht doch!« erwiderte sie, »was schwatzt Er da von der Mode! Was weißt denn du von der Mode, du ungeschickter Hans?« – Kaum hatte sie das gesagt, so fiel auch der Papagei ein und rief unaufhörlich: »Ungeschickter Hans! Ungeschickter Hans!« – Wie wir nun einmal im Scherze waren, drohte ich wieder, den Vogel auf den Schnabel zu schlagen; sie wollte mir abwehren, und indem wir miteinander um den Käfig kämpften, stieß eins von uns beiden – ich weiß heute noch nicht, wer es war – das Türchen auf, der Vogel schoß wie ein Pfeil heraus – »Das Fenster zu!« rief Salome, aber es war schon zu spät, der Vogel hatte das offene Fenster bemerkt, und ehe ich mich umsehen konnte, welches Fenster offen sei, war er draußen. Nun ging der Jammer an, und nachdem der Jammer zu Ende war, brach der Zorn aus, natürlich über mich, ich war an allem schuldig, ich hatte den dummen Einfall gehabt, nach dem Vogel zu schlagen, und ich war es natürlich gewesen, der die Tür absichtlich aufstieß, der schon vorher das Fenster geöffnet hatte, um ihr diesen Possen zu spielen. Ich mochte sagen, was ich wollte, sie nahm keine Vernunft an; ich beteuerte, ich bat, ich schalt – alles vergebens! Ich versprach, nicht eher zu ruhen, als bis ich den Vogel wieder habe; er werde doch noch zu fangen sein. »Das rat' ich dir,« sagte sie, »denn ich versichere dich, eh' du mir den Vogel wieder zur Stelle schaffst, darfst du nicht daran denken, mich zur Frau zu bekommen.« Ich ging trübselig fort. Sie war seit vielen Tagen zum erstenmal wieder guter Laune gewesen, und nun mußte die Freude solch ein Ende nehmen! Überall erkundigte ich mich vergebens nach dem Papagei. Erst den andern Tag erfuhr ich, ein Bürger habe ihn im Weinberg gesehen und ergriffen, da ihn aber der Vogel ingrimmig gebissen habe, sei er nicht imstande gewesen, ihn länger zu halten; darauf sei der Vogel fortgeflogen, man wisse nicht, wohin. Salome tat nicht mehr böse, als ich ihr dies hinterbrachte, behandelte mich aber mit einer so kränkenden Gleichgültigkeit, daß ich mir fest vornahm, alles anzuwenden, um den Papagei wieder zu bekommen. Nach einigen Tagen wurde ich wieder auf eine Spur geleitet; von einem benachbarten Dorfe kamen Leute in die Stadt und erzählten gelegentlich, es sei daselbst ein wundersamer Vogel mit ganz buntem Gefieder aufgefangen worden. Ich sagte dies meiner Braut sogleich und machte mich am selben Tage noch auf den Weg. »Wenn du ihn mitbringst,« sagte sie beim Abschiede, »so soll dir etwas Gutes widerfahren und eher, als du denkst,« Ich wußte nicht, was dies zu bedeuten habe, wollte sie mir vielleicht entgegengehen? Ich war noch nicht weit im Walde gegangen, auf dem Wege nach der Ortschaft, wo der Flüchtling gefangen sitzen sollte, da begegnete mir ein Bauernmädchen, das mir auf meine Frage, woher? berichtete, sie sei von eben diesem Dorfe. »Dann kannst du mir vielleicht einen Gang ersparen,« sagte ich, »denn ich suche dort etwas.« »Und was?« Ich beschrieb ihr den Vogel und sagte ihr, er sei aus fernen Landen und gehöre meiner Braut. »Ich will dir ein gutes Trinkgeld geben,« setzte ich hinzu, »wenn du mir wieder zu ihm verhilfst.« »Ja, das wird schwer halten,« erwiderte sie. »Warum denn? Wie stehts denn mit ihm?« »Ha, 's steht gar nicht mehr mit ihm, 's liegt!« »Wie?« »Ja, unter dem Boden! Es werden ungefähr drei, vier Tage sein, da hat ein Bube aus unserem Dorf selbigen Vogel gefangen, mit großer Mühe, denn er hatte ihm die Finger tüchtig zerhackt. Darauf hat er ihn zu meinem Vetter, dem Schulmeister, gebracht und hat ihn gefragt, was denn das für ein Tier sei. Der Schulmeister hat's nicht gewußt, und niemand im Dorf hat's gewußt, aber alles ist zusammengesprungen, um den scheckigen Vogel zu sehen. Endlich hat der Schulmeister gesagt, der Vogel werde nicht von Natur so aussehen, er werde gefärbt sein. Nun hätten wir aber gar zu gern gewußt, wie er denn eigentlich aussehe; also haben wir ihn in eine Schüssel mit kaltem Wasser gesetzt und haben ihm die Federn eifrig abgerieben, aber es ist nichts runtergegangen. ›Das ist noch nicht genug‹ hat der Schulmeister gesagt, ›versuchet's einmal mit warmem Wasser.‹ Wir haben recht warmes Wasser in die Schüssel getan und haben den Vogel eingeseift und gerieben, wie 'n Strumpf, aber 's ist alles nichts gewesen. Dann haben wir's noch einmal im kalten probiert, aber der Vogel hat die Farb' nicht hergeben wollen. Nun ist er so pfludrig 'worden und hat den Kopf hängen lassen und hat kein Futter genommen; und wir haben ihm doch ein groß Stück schwarz Brot vor den Schnabel gehalten. Kurzum, ich glaub', das Bad ist ihm nicht gut bekommen, und er ist noch am nämlichen Tag krepiert. Da hat er uns doch erbarmt, weil er so ein schöner Vogel gewesen ist, und wir haben ihm ein Gräblein gemacht und haben ihn ins Schulmeisters Garten vergraben.« Das hörte ich sehr ungern, und doch mußte ich lachen. »Ihr seid recht dumme Leute,« sagte ich zu dem Mädchen, »und besonders euer Schulmeister ist mir ein sauberer Gelehrter. Der Vogel hat von Natur so ausgesehen, und ihr habt nun meine Braut darum gebracht. Hättet ihr euch vorstellen können, wie viel der Vogel wert war, so hättet ihr ihn nicht so behandelt. Einen Papagei waschen und anbrühen! Das ist doch gar zu toll!« – Ich mußte immer wieder lachen, aber das Mädchen nahm mir's sehr übel und ging mit vielen Scheltworten davon. Ich wunderte mich, daß diese Leute so einfältig sein konnten, denn sie ziehen mit einem Blumenhandel in ganz Europa und halb Asien herum und hätten eben deswegen mehr Erfahrung haben sollen als andere Bauern in der Gegend. Unter diesen Gedanken kam es mir auf einmal vor, als sehe ich einen gelben Strohhut mit einem grünen Bande durch die Bäume schimmern, Salome trug einen solchen; ich ging auf den Ort zu, sah aber nichts. Ich suchte in den Gebüschen und rief, aber sie kam nicht zum Vorschein, und ich ging nachdenklich in die Stadt zurück. Wie ich zu ihr kam, um ihr das Unglück zu erzählen, machte sie ein paar Augen gegen mich, so wunderlich, daß ich nicht wußte, wie mir geschah. Sie ließ mich ruhig reden und machte nicht viel aus der Sache, auch sprach sie nur ein paar Worte, nicht freundlich und nicht unfreundlich, auch nicht gleichgültig, wie sonst; ich wußte gar nicht, wie ich sie nehmen sollte. Aber ich hielt mich nach ihres Vaters Worten, ich dachte, es werde schon alles anders kommen, und beschloß, indessen ruhig zuzusehen. Der Hochzeittag kam heran. Nach der damaligen Sitte konnten Braut und Bräutigam an diesem Tage wenig beieinander sein, die Braut mußte, bis man in die Kirche ging, bei den Weibern bleiben und ihre Glückwünsche annehmen; der Bräutigam trank ein Glas Wein mit den Männern; erst bei Tische wurden sie zusammengesetzt, hatten aber auch hier wenig Zeit, miteinander zu reden, weil sie beständig herumgehen und den werten Gästen zusprechen mußten. Ich konnte also an diesem Morgen meine Braut wenig beobachten, war aber sehr beruhigt, da ich sie so gelassen sah. Doch hatte sie es durchgesetzt, ihren Reifrock anzuziehen. Ihr Vater sagte deshalb zu mir: »Laß Er ihr in Gottes Namen ihren Willen, den Reifrock kann Er ihr ja heut' abend in den Kasten hängen und dann dafür sorgen, daß sie ihn nicht wieder ankriegt.« Die Glocken läuteten zur Kirche, wir gingen stillschweigend nebeneinander her. Es war eine große Gemeinde versammelt, denn man nahm es für eine Merkwürdigkeit, daß ich vieljähriger Junggeselle mich doch noch ins Joch der Ehe spannen lassen wolle. Der Herr Hauptprediger trat in den Altar, und die Trauung begann. Als er mich fragte, ob ich gegenwärtige Salome zum Weibe haben wolle, sagte ich mit lauter, freudiger Stimme »Ja« und war in meinem Herzen nur begierig, ob sie es auch laut sagen werde, denn gewöhnlich sprechen die Bräute dieses entscheidende Wort nur mit halber zitternder Stimme aus. Aber als der Geistliche seine Frage an sie richtete, vernahm ich ein ebenso lautes und herzhaftes »Nein!« »Pugio!« rief ich in meinem Schreck und Grimm, »was hat das zu bedeuten?« Der Herr Hauptprediger verwies mir diesen unkirchlichen Ausruf mit strengen Worten und fragte dann die Braut, was sie zu ihrem ungewöhnlichen und unziemlichen Beginnen getrieben habe? »Ich werde mich nachher erklären,« sagte Salome; sie sah jetzt bleich und erschrocken aus. Die Handlung war gestört, die Versammlung ging verwirrt auseinander, und ich kam halb unsinnig vor Zorn und Scham nach Hause. Meine Eltern waren nicht weniger bestürzt über diesen unerhörten Vorfall; sie fragten mich, was ich denn dabei verschuldet habe, aber ich konnte ihnen nichts sagen, denn der Tod des Papageis schien mir doch eine gar zu geringfügige Ursache zu sein. Während wir so in aller Not uns unterredeten, hinkte der Doktor Rieber mit feierlichem Anstand zur Türe herein und sprach: »Ich würde nach dem heutigen Vorgang nicht das Herz haben, vor dieser ehrbaren Familie zu erscheinen, wenn ich nicht dächte, hier müssen Sonde und Messer her. Meine ungeratene Tochter hat mir nämlich gestanden, sie habe den heutigen Spektakel deswegen angefangen, um ihren Bräutigam für eine haarsträubende Untreue zu bestrafen. Nun bin ich zwar selber weit entfernt, ihrem Vorgeben so geradezu Glauben beizumessen, und würde auch im schlimmsten Falle ihren heutigen Streich nicht um ein Haar breit verzeihlicher finden, aber die Ehre des jungen Mannes sowohl als meine eigene erfordert eine nähere Untersuchung der Sache.« Ich hatte ein gutes Gewissen und sagte: »Reden Sie, Herr Doktor! Was hat sie gegen mich vorgebracht?« »Sie behauptet,« versetzte er, »Ihr habet eine Liebschaft mit einem Bauernmädchen, und will sogar wissen, Ihr seiet vor wenigen Tagen im Walde mit besagter Person zusammengekommen, wobei, wie sie von Anfang an geargwöhnt, Euer Ausflug wegen des Papageis zum Vorwand habe dienen müssen.« »Also ist sie mir nachgegangen im Walde!« rief ich und erzählte, was daselbst geschehen war. Ehe ich aber noch geendet hatte, klopfte es an der Türe, und siehe da! vor uns stand jenes Bauernmädchen und bot Eier und Butter feil. Kaum hatte sie mich erblickt, so rief sie ärgerlich: »Wenn ich gewußt hätt', daß Er da wär', so hätt' ich das Haus links liegen lassen.« »Was hat er dir getan, mein Kind?« fragte Herr Doktor Rieber, der alsbald das Wort ergriff und vor sie hintrat. »Wüst hat er mir getan!« erwiderte sie. »Zum Dank dafür, daß ich ihm das Maul gönnt hab' und hab' ihm Auskunft geben über seinen lumpigen Vogel, hat er mich eine dumme Gans geheißen.« »Also hat er dir nicht schön getan?« »Was?« »Die böse Welt behauptet, er habe dir Flattusen gemacht.« »Das wollt' ich ihm vertrieben haben, beim Strahl! Ja, Flattusen! Grobheiten hat er mir gemacht. Und von Euch lass' ich mir auch keine gefallen. Wenn Ihr meine Eier nicht wollt, so brauch' ich auch Euer Geschwätzwerk nicht. Unsereins läßt nicht mit sich reden, als wär' man Euer Untertan. Wir sind nicht von Euren Dörfern, wir sind württembergisch.« Damit trappte sie hinaus und schlug die Türe hinter sich zu. »Die hat Haar auf der Zunge,« sagte Herr Doktor Rieber. Dann trat er auf mich zu und entschuldigte sich mit wohlgesetzten Worten wegen der Freiheit, die er sich hier genommen habe. »Da es nunmehr am Tage ist,« fuhr er hierauf fort, »daß meine Tochter überdies nicht den mindesten Grund zu ihrem unverzeihlichen Schritte gehabt hat, so will ich nunmehr dem Herrn die Satisfaktion proponieren, die ich für ihn ausgedacht habe. Er soll Gleiches mit Gleichem vergelten, ich komme soeben von dem Geistlichen her, der sich auf dringendes Bitten dazu verstanden hat, meinen Plan ausführen zu helfen. Morgen soll nämlich die Trauung noch einmal stattfinden –« »Nein!« rief ich, »um alle Welt nicht –« »Nehme der Herr Vernunft an und lass Er mich ausreden; morgen, sag' ich, soll die Zeremonie wiederholt werden, und wenn ich die ungezogene Dirne mit Gewalt in die Kirche schleppen lassen müßte. Dann werdet Ihr zusammen vor den Altar treten, und damit für sie keine Ausflucht mehr übrig bleibt, so wird der Geistliche die Frage an sie zuerst richten; seid unbesorgt, sie wird nicht Nein sagen, dafür steh' ich Euch, sie hat meinen Ernst kennen gelernt. Sodann werdet Ihr, mein achtbarer junger Mann, zu ihrer Beschämung und Eurer Satisfaktion hierauf von Eurer Seite mit Nein antworten und dadurch zu verstehen geben, daß Ihr nichts von ihr wollt und sie nicht wert achtet, Eure Frau zu werden.« »Herr Doktor,« sagte ich, »das bring' ich nicht übers Herz!« »Junger Mann!« rief er hitzig und griff an den Degen, »nichts für ungut, aber das versteht Ihr ganz und gar nicht! Es ist ein Schimpf, den Ihr nicht auf Euch sitzen lassen könnt, und wenn Ihr für Euch selbst nicht Manns genug sein solltet, ihn abzuwaschen, so ist es Eure Pflicht gegen Eure Eltern und auch gegen mich als ehrlichen Mann, meine Satisfaktion anzunehmen.« »Geht zu Eurer Tochter, lieber Herr,« versetzte ich, »und sagt ihr, sie habe nicht wohl an mir getan, aber ich trage keinen Groll gegen sie und sei nicht imstande, sie zu beschimpfen.« »Bomben und Granaten!« schrie er, »Ihr müßt, Ihr mögt imstande sein oder nicht, und wenn Ihr nicht wollt, so habt Ihr's mit mir zu tun.« »Eine Exekution in der Kirche!« sagte ich, »Das geht ja gar nicht an.« »Wird schon angehen, wenn's morgen angeht! Wir sind reichsfrei und haben unser eigenes Konsistorium; wer fragt viel nach uns? So viel Macht haben wir schon, um eine widerspenstige Dirne gehörig zu züchtigen!« Nun trat mein Vater hervor, in dem sich etwas vom alten Pugio regte. »Herr Doktor,« sagte er, »es tut mir leid um Ihre Tochter, aber ich muß Ihren Antrag annehmen, denn der Unglimpf wäre in der Tat gar zu groß, wenn er nicht in etwas vergolten und verteilt würde. Wie gesagt, es tut mir leid, und es sollte mir lieb sein, wenn sich ein anderer Ausweg finden könnte.« »Das heißt gesprochen wie ein Ehrenmann,« sagte Herr Doktor Rieber, »aber einen andern Ausweg gibt es nicht, und somit bleibt's bei der Verabredung.« Er ging, nachdem alles besprochen und festgesetzt worden war. Mich fragte man gar nicht weiter bei der Sache, man betrachtete mich eben als den, der den Schimpf der Familie rächen müsse. Nur meine Mutter war teilnehmend gegen mich und stimmte mir bei, daß hier aus Übel nur Ärger gemacht werde. »Es ist jammerschade um das Mädchen,« sagte sie. »Ich will ihr gewiß nicht das Wort reden, aber die Bräute sind nicht immer ganz zurechnungsfähig. Das ist ein Stand, in dem nicht jede gleich daheim ist, und wenn man vollends in so kurzer Zeit, wie sie, mit einem Sprung in ein völlig neues Leben hinein soll, so verliert man leicht den Kopf, und dann kann die Gescheitste oft die dümmsten Streiche machen. Ich glaube fest, daß sie den ihrigen bitter bereut und nicht bloß wegen seiner Folgen; denn ihre Eifersucht beweist, daß du ihr doch nicht gleichgültig warst. Doch vielleicht besinnen sich die Väter bis morgen auf etwas Besseres.« Aber dem war nicht so. Die Mutter versuchte umsonst den Vater anders zu stimmen, er drohte mir mit seinem höchsten Zorn, wenn ich nicht gehorchen würde. Ein Angriff auf Herrn Doktor Rieber war ebenfalls vergeblich, er blieb viel zu sehr auf seine Ehre, wie er's hieß, versessen, als daß er nachgegeben hätte. »Gib dich in Gottes Namen drein, es ist nicht zu ändern,« sagte meine Mutter endlich, und ich ging zur festgesetzten Zeit in die Kirche. Eine große Menschenmenge hatte sich eingefunden, denn Herr Doktor Rieber gedachte, wie er sich ausdrückte, nicht ein bloßes Manöver, sondern eine Hauptaktion zu liefern, öffentlich, wie der Frevel gewesen sei, sagte er, müsse auch die Buße sein. Die Meinigen begleiteten mich in die Kirche. Salome wurde mir erst dort von ihrem Vater zugeführt. Sie sah blaß wie der Tod und verweint aus und wagte nicht, die Augen gegen mich aufzuschlagen, aber doch glaubte ich in ihrem Gesicht etwas anderes als bloße Demütigung zu lesen. Der Geistliche trat wieder in den Altar; alles war neugierig und mäuschenstill. Er hatte kein Buch mitgenommen, um die Trauungsformel zu lesen, sondern sagte nur: »Es sind hier zwei Brautleute erschienen, um vor Gott und dieser christlichen Gemeinde ihren Willen und Meinung gegeneinander auszusprechen.« Darauf winkte er uns zu sich und fragte Salome zuerst, ob sie mich zum Manne haben wolle. Ich mußte meine Leidensgefährtin heimlich anblicken; sie sprach das Ja mit demütiger Ergebung aus, weder zu laut noch zu leise. Da überkam mich ein unaussprechliches Erbarmen mit uns beiden, und als der Geistliche mich anredete und fragte, ob ich sie zum Weibe haben wolle, sprach ich mit fester Stimme ein getrostes Ja. Dieses Ja ging wie ein elektrischer Schlag durch die Kirche, denn ich hörte hinter mir eine Bewegung – wenn man von einem stillen Windstoß reden könnte, so wäre der Ruck bezeichnet, der die Versammlung durchlief. Aber ich hatte für niemand Augen als für meine Braut, Sie war wie vom Donner gerührt und wäre niedergesunken, wenn ich nicht den Arm um sie gelegt hätte. Nun sah ich sie erst recht an, und auch sie schlug jetzt die Augen gegen mich auf; aber ich könnte nicht sagen, daß ich in ihren Blicken etwas von einem Vorwurf gefunden hätte. Ich bot ihr, als sie sich wieder gefaßt hatte, die Hand, sie schlug willig ein, und nun sagte ich leise: »Halte fest an mir, ich werde dich nimmermehr verlassen.« Der Herr Hauptprediger war über meine unerwartete Antwort einen Augenblick betroffen gewesen, aber jetzt erhob er beide Hände und rief: »Gott segne dich, junger Mann, du hast das beste Teil erwählet.« – Darauf segnete er uns ein. Soll ich noch weitläufig erzählen, wie es weiter ging? Unsere Verbindung war nun einmal fest geschlossen und nicht mehr rückgängig zu machen. Mein Vater wollte sich anfangs nicht recht darein finden, wich aber doch endlich dem Zureden meiner Mutter. Diese war von ganzem Herzen vergnügt. Sie küßte meine Braut und sagte lachend: »Gestern glaubte ich noch, ich könne dir nicht verzeihen, heute aber soll dir verziehen sein, weil ich nun doch meine Hochzeitkuchen nicht umsonst gebacken habe.« Wer zuletzt einwilligte, war der Herr Doktor Rieber. Er schalt mich einen Hasenfuß, sagte, ich habe mit seiner Ehre Komödie getrieben und dergleichen mehr, aber zuletzt ließ er sich doch besänftigen und war im stillen froh, daß es mit seinem einzigen Kinde noch so gut abgelaufen war. Salome hat mir nachher gestanden, sie hätte sich schier die Zunge abgebissen über ihr Nein, aber sie sei wie im Fieber gewesen und hat mir mein Ja durch Liebe und Treue vergolten ihr ganzes Leben lang. So erzählte mir der Großvater, und wenn ich im Nacherzählen etwas mehr gesagt habe, als ich aus seinem Munde vernahm, so kommt dies nicht auf Rechnung einer am Horn des Überflusses leidenden Gedächtniskraft, sondern daher, daß mir die Geschichte auch später noch manchmal von anderen, denen er sie vielleicht anvertraut und ausführlicher, als er selbst sie dem Knaben erzählen mochte, mitgeteilt worden ist. Manche alte Geschichte erzählte er, wenn er mit mir im Feld oder Garten beschäftigt war. Wir setzten uns dabei auf eine Bank oder auf einen Rain und ruhten aus; wenn er dann genug erzählt hatte, gingen wir wieder an die Arbeit. Seine Habe bestand nämlich, wie fast der ganze Reichtum der Stadt, in Grundeigentum, und so war ich zu jeder freien Stunde mit ihm im Garten, auf einem Baumgut oder einem Acker, lernte von ihm die Früchte kennen und die Bedingungen ihres Wachstums, durfte auch nach Herzenslust mit Hand anlegen, Äpfel, Birnen, Nüsse schütteln oder sammeln, in den Heuhaufen springen, auf dem Garbenwagen fahren, Kartoffeln heraustun und Trauben nicht bloß schneiden, sondern auch treten. Besonders lustig war die Obstlese in den bucklig gelegenen Baumgütern, an deren Fuße der kleine Fluß vorübereilte; da mußte man sich unten am Ufer aufstellen und die den Abhang herabrollenden Äpfel wie Bälle auffangen, ehe sie ins Wasser hüpften. In seinen letzten Tagen versprach er mir noch, sobald die geeignete Jahreszeit gekommen sein würde, mich das Impfen der Bäume zu lehren. Ich freute mich unbeschreiblich darauf, aber er hielt mir nicht Wort, er starb, ehe die Zeit des Impfens gekommen war. Sein Lieblingsaufenthalt war sein großer Garten, wo er mich in der Behandlung seines Blumenflors unterrichtete, der jedoch nicht sonderlich vornehm war, sondern aus einfachen Rosen, Nelken, Tulpen, Sternen, Sonnenblumen, Astern und Aurikeln bestand. Sonst sah der Garten schlicht und altfränkisch aus, wie der »Herr Ehni« selbst; denn so nannten wir Enkel den Großvater. Ein etwas schief hängender, von der Witterung entfärbter Bretterzaun umgab den Garten auf drei Seiten; die vierte war durch eine graue Mauer geschlossen, an die sich in der Ecke ein alter Holunderbaum lehnte; der Brunnen war aus einem rohen Stamm gemacht; einen verwandten Baustil trug das alte Häuslein mit dem Immenstande, nicht weit von der Eingangstüre. Dort hat mich einmal eine Biene so unversehens und heftig gestochen, daß ich von dem fast stockhohen Gartenstuhle, auf dem ich saß, herunterfiel und beinahe den Hals gebrochen hätte. In diesem Fall wäre die Ermahnung zum Fleiße, wofern die industriöse Brummerin eine solche beabsichtigte, rein überflüssig gewesen. An Tagen, wo man nicht ins Freie gehen konnte, saß der Großvater gewöhnlich in seinem grün gepolsterten Lehnstuhl am Fenster vor dem kleinen Tische mit den geschweiften Füßen und las durch das große Brennglas, das er über die Zeilen hin und her führte, halblaut in seiner Foliobibel von 1608, wobei ihm die Haare von den Seiten her, denn die Stirne war zunehmend kahler und kahler geworden, wie Schneeflocken in das Buch herabfielen. Seine alten Augen mußten wohl sehr der Nachhilfe benötigt sein, daß er sich des Vergrößerungsglases bediente, denn die Bibel war mit mächtigen Buchstaben gedruckt. Doch war es ihm vielleicht auch um die Randglossen zu tun, die in etwas kleinerer Schrift steilrecht an dem Text herunterliefen und dem Leser manche wissenswürdige Dinge sagten, mitunter in einer sehr anheimelnden Art, denn ihr Verfasser hatte eine besondere Liebhaberei, hebräische Ortsnamen durch deutsche von bekanntem Klange zu erklären, wie er denn unter anderem zum Beispiel zu verstehen gab, »Eben-Ezer«, das sei gerade so viel wie »Helfenstein«. Kurze Zeit vor seinem Tod erlebte der Großvater noch einen ungewöhnlichen Triumph. Es war ein Scheibenschießen angekündigt, und er ging mit mir nach dem Schießhaus, um zuzusehen. »Schießen kann ich nicht mehr,« sagte er, »mein Auge läßt mich im Stich, und meine Hand zittert; aber ich bin allezeit ein Liebhaber vom Schießen gewesen, und so will ich wenigstens sehen, wie's andere machen.« Kaum waren wir auf dem Schießplatz angekommen, so empfingen ihn viele Bekannte. Er wünschte ihnen Glück und sah aufmerksam zu. Als er sich erheben wollte, um nach Hause zu gehen, trat ein ebenfalls bejahrter Mann mit einer geladenen Büchse auf ihn zu und sagte: »Wie, Herr Senator, Sie, der beste Schütze zu Ihrer Zeit, wollen wieder so fortgehen, ohne uns mit einem Schuß beehrt zu haben?« – Der Großvater lachte treuherzig und sagte: »Da käm' ich schön weg, ich glaube, ich würde kaum die Scheibe mehr treffen; ja,' ich gehöre eben unter das alte Eisen.« – Versuchen Sie's nur,« bat ihn jener, »nur einen einzigen Schuß!« – Die anderen kamen ebenfalls herbei und drangen in ihn, wenigstens einen Schuß zu tun. Vergebens wandte er ein, er habe schon seit Jahren nicht mehr geschossen, es half alles nichts, die Gesellschaft setzte ihm zu, bis er endlich die Büchse ergriff. Er nahm seinen Stand und zielte lang'; trotzdem, daß er zitterte, gaben diejenigen, die ihm über die Schulter sahen, den anderen durch beifällige Zeichen zu verstehen, daß er scharf auf die Scheibe halte. Endlich fiel der Schuß, und – ein allgemeines Jubelgeschrei entstand! Er hatte den Zweck hinausgeschossen. Er behauptete zwar, es sei Zufall gewesen, aber keiner ließ ihm dies gelten, Sie riefen, er habe den besten Schuß heute getan und ließen ihn hoch leben. Nun trank er auch einen Schluck auf das Wohl der Gesellschaft und ging wieder mit mir hinweg, wobei er sehr vergnügt vor sich hinlächelte. Ich aber ging stolz wie ein König neben ihm her, indem ich, wie Knaben zu tun pflegen, seinen Ruhm frischweg mir zueignete, »Es ist sonderbar,« sagte er unterwegs zu mir, »ich sehe in die Ferne besser als in die Nähe.« Zu Hause angekommen, blickte er lang' mit einem eigentümlichen Lächeln auf das Bild der »Frau Ahne«, die manchen solchen Ehrentag mit ihm erlebt haben mochte. Das Bild hing seinem Lehnstuhl gegenüber, ein mildes, stilles, feines Gesicht, dem man nicht ansah, daß je eine leidenschaftliche Mädchenlaune darin gewohnt haben könnte. Freilich stellte es die Großmutter nicht in ihrer Jugend dar, und sie war dem Maler nicht einmal gesessen, sondern er hatte sie, im Hochzeitkleide zwar, aber auf dem Totenbette gemalt. Etwa vier Tage nachher begleitete ich ihn nach einem seiner Weinberge; wir wollten nach seiner Lieblingsfrucht, den Pfirsichen, sehen, die er daselbst im oberen Teile zwischen den Reben gepflanzt hatte. »Ich bin zu müd', um den steilen Weg hinaufzukommen,« sagte er, »geh du und sieh nach dem Bäumchen, wie's mit ihm steht; wenn du ein paar reife findest, so brich sie und bring sie herunter, ich will mich unterdessen auf die Ladstatt setzen und dich erwarten.« Mit diesen Worten ließ er sich auf einen berasten Hügel aufgeworfener Erde nieder, der dazu diente, im Herbste die Kelterfässer auf den Wagen zu laden, und ich stieg die unregelmäßigen, in ihr lichtes Grün gehüllten Terrassen empor und freute mich auf die Freude des Großvaters, wenn ich ihm einen reifen Pfirsich bringen würde. Ich fand deren drei und rannte atemlos wieder hinunter. »Drei!« rief ich ihm frohlockend schon von weitem zu. Er antwortete nicht. Als ich näher kam, sah ich ihn nicht mehr an dem Orte, wo ich ihn verlassen hatte. Eine bange Ahnung flog mir durch die Seele, ich eilte hinzu und sah ihn, von seinem Sitz herabgesunken, regungslos in Gras und Feldblumen liegen. Angstvoll lief ich hin und her, und als ich endlich einen Arbeiter in einem benachbarten Weinberge erblickte, winkte ich ihm und rief um Hilfe. »Was ist dem Herrn Senator?« fragte er und kam eilig herbei. »Tröst' Er sich, junger Herr,« sagte er, nachdem er ihn vergebens aufzurichten versucht hatte, »er hat sein Leben in Ehren hoch gebracht, und nun ist er sanft gestorben. Wer so stirbt, der stirbt wohl!« Aber er lebte noch; es war nur ein Schlaganfall gewesen, von dem er sich schon unterwegs im Wagen wieder erholte. Er konnte sogar, in der Stadt angelangt, die Treppe hinaufgehen; droben aber mußte er sich sogleich ins Bett legen, das er nicht mehr verließ. Sein Lebenslicht wurde von Tag zu Tage schwächer, und wenn man ihn fragte: »Wie geht's?« so antwortete er lächelnd: »Wohl! und bald noch wohler.« Eines Abends, die Dämmerung brach eben herein, war er zur Verwunderung aller Anwesenden kräftig und heiter, er sprach viel und sagte, er fühle sich wieder ganz gesund und gedenke morgen aufzustehen. Auf einmal jedoch hielt er inne und blickte wie erstaunt vor sich hinaus, dann richtete er sich auf und breitete mit leuchtenden Augen die Arme auseinander, ein freudiger Ausruf entfuhr seinen Lippen, er machte eine Bewegung, als wollte er aus dem Bette springen, zugleich aber sank er in das Kissen zurück, und die Augen fielen ihm zu. Das Witwenstüblein. Schon bei Lebzeiten des Großvaters hatte mich seine älteste Tochter in ihr Herz geschlossen, weil mein Vater als ihr jüngstes Geschwister, wie das so häufig bei den Jüngsten der Fall ist und sich selbst auf deren Nachkommenschaft vererbt, von jeher ihr Liebling gewesen war. Diese Vatersschwester war nach dem Abscheiden ihres zweiten Gatten, der auf einem Dorfe unserer republikanischen Landschaft Pfarrer gewesen, in die regierende Stadt zurückgekehrt und hatte hier eine stille Witwenwohnung bezogen. Ein Jahr lang wagte sie nicht in die Kirche zu gehen, um nicht vor der Gemeinde in lautes Weinen ausbrechen zu müssen; da sie aber zuletzt Aufsehen und Mißdeutung befürchtete, so besann sie sich – das einzige denkbare Mittel, ihr Herz zu verhärten, – auf irgend eine Kränkung, ein auch noch so kleines Unrecht, das sie von dem Seligen erlitten hätte, um eine Stunde lang mit ihm »pfausen« und so den Gottesdienst ruhig aushalten zu können. Nachdem sie ihr Gedächtnis lang vergebens angestrengt, um in der zwanzigjährigen Ehe auch nur einen leisen Zwist aufzufinden, fiel ihr endlich doch etwas bei, was ihr brauchbar schien: sie hatte einmal, mit dem Kaffeebrett anstoßend, dem guten Pfarrer eine schön eingebundene Bibel, die sich noch von seinen Studienjahren als Lohn des Wohlverhaltens herschrieb, auf den Boden geworfen, und die Folge davon war gewesen, daß er die Augen etwas ernsthaft erhob und sie so gut zu sein und ein andermal besser Achtung zu geben bat. So geringfügig dieser Umstand war, so hielt sie sich doch an ihm als an dem letzten Anker fest: der etwas mißbilligende Ton mochte ihr schon damals im stillen zu schaffen gemacht haben, und nun gelang es ihr eines Sonntags, während die Glocken zur Kirche läuteten, sich den alten Verdruß wieder zu Herzen zu nehmen, wie an jenem Sonntag, an dem sie vielleicht ein wenig trutzig in die Kirche gegangen war und vielleicht eine kleine Zeit gar nicht zu der Kanzel aufgesehen hatte. Aber ach, mit all ihrer Kunst hatte sie einen zerbrechlichen Panzer angelegt, denn diesmal klang die Stimme von der Kanzel fremd, und als sie die Augen aufhob, so stand ein anderer droben! Sie verbarg das Gesicht in dem silberbeschlagenen Gesangbuche, ihre Tränen strömten unaufhaltsam, und es kostete noch manchen vergeblichen Versuch, bis sie mit trockenen Augen in der Kirche sitzen lernte. Ihre Tage verbrachte sie jedoch nicht in müßigem Leid, sondern in der Pflege ihres alten Vaters, in tätiger Teilnahme an den Freuden und Leiden der Familie, und daneben in rüstiger Aufsicht über ihre Obstbäume und Reben. Sie hatte die Kinder ihrer sämtlichen Geschwister aus der Taufe gehoben, und wurde von dieser zahlreichen Patenschaft, die jedes Alter bis zum heiratsfähigen hinauf umfaßte, nach altherkömmlicher Redeweise »Frau Dote« genannt. Einen Hauptgrund ihrer Zuneigung zu mir habe ich bereits angegeben. Zu diesem kam noch ein zweiter von kaum minderem Gewicht. Man hatte mich als Kind eines Sonntags dem Dienstmädchen in die Kirche mitgegeben, vermutlich um die unruhige Kleinigkeit auf eine Weile los zu werden. Dort aber hatte ich mir den feierlichen Ton und die wunderlichen Gebärden des Predigers so ins Gedächtnis geprägt, daß ich diesen, kaum nach Hause gebracht, zur Belustigung der Erwachsenen nachzuahmen begann. Der Beifall, den ich erhielt, und der sich nicht bloß auf Worte beschränkte, ermunterte mich zur Fortsetzung der begonnenen Laufbahn, worin mir denn auch aller Vorschub geleistet wurde. Sobald ich eine Predigt ankündigte, mußten alle im Zimmer vorrätigen Stühle in die Runde gestellt werden, die Anwesenden setzten sich und sangen ein Lied, darauf bestieg der kleine dreijährige Predigtamtskandidat einen in der Mitte stehenden Schemel und schnurrte die paar frommen Reimlein und Ermahnungen an unartige Kinder, die gelegentlich an ihm hängen geblieben waren, mit dem ernsthaftesten Gesichte herunter. Wer konnte zweifeln, daß in diesem kindischen Spiele sich der Finger Gottes ankündigte? Ein großer Teil der Familie wenigstens sah in mir den seligen Pfarrer wieder aufleben, und für seine Witwe war dies ein Gedanke, der mich notwendig zu ihrem Augapfel machen mußte. Meine Mutter schüttelte zwar bedenklich den Kopf und sagte, es sei nicht gut, dem Kinde ein unreifes Bild eines künftigen Berufes einzuimpfen; der Vater aber meinte lachend, es bleibe ja dem Burschen eine lange Frist, um nach Belieben wieder »aus dem Nest zu hüpfen«. Nach dem frühen Tode des Vaters gehörte ich der Mutter und der Tante Pfarrerin zu beinahe gleichen Teilen an. So sehr ich an der Mutter hing, so mochte ich doch zu Zeiten gerne ihr Witwenkämmerlein in dem geräumigen alten Gebäude mit den schauerlichen düstern Gängen und Winkeln, welche nachts ein mißwollender Traumgeist, den Schlaf des Kindes verbitternd, mit drohenden Gestalten bevölkerte, gegen die schief gegenüber gelegene Wohnung vertauschen, wo die Tante mit einer alten Magd, einem Star und einem Kanarienvogel, den Reliquien ihres früheren glücklichen Lebens, hauste. Dies war ein kleines, wohnliches, heimliches Häuschen, oder vielmehr ein schmaler abgeschlossener Hausanteil, zu eng, um Raum für ein unheimliches Schattenbild zu haben, mit einem schmalen ziegelgepflasterten Estrich, der zugleich die Küche in sich faßte, wo nach alter Bauart über dem großen Herde das obere Stockwerk offen und mit einer Galerie umgeben war. Wie oft hab' ich, auf dieser herumkletternd, der »Frau Dote« die ängstliche Bitte entlockt, ich möchte ihr nicht vom Himmel herab in die siedenden Töpfe fallen! Wie oft stand ich, meine Augen am knisternden Feuer weidend, auf die Ofengabel gelehnt, neben der alten Anna Marei; die mir eine Gespenstergeschichte erzählte, während sie das Mehl zur Suppe röstete. In der gruselnden Behaglichkeit des Zuhörens benutzte ich dann wohl einen Augenblick, wo sie auf die Seite sah, um mir mit einem bereit gehaltenen Kochlöffel etwas von der Leckerspeise zuzueignen, und fuhr erschrocken zurück, wenn der spionierende Star Huidieb schrie, und der Kanarienvogel in der Stube, durch den Signalruf aufgeregt, mörderisch zu lärmen begann. Halbe Tage und ganze Abende hielt ich mich in dieser kleinen Wohnung auf. Dann hörte man nach dem Nachtessen eine Hausglocke von der anderen Seite der Straße ertönen, das Zeichen, womit die Mutter mich nach Hause rief. Von alten Zeiten her hatte nämlich jede Familie, ob gewerbtreibend oder nicht, vor dem Fenster ihre kleine Glocke, die zu allerlei Verkehr und Zwiesprache diente. Eine Schnur hing von ihr auf die Gasse herab, die meist etwas abgekürzt über der Steinbank vor dem Hause endigte, um dem Mutwillen, der sie zu manchem Schabernack mißbrauchte, nicht gar zu bequem in der Hand zu liegen. An dieser Schnur zog der vorübergehende Bekannte, der ein Paar Worte wechseln und sich das Treppensteigen ersparen wollte. Die Kinder des Hauses, einen Augenblick vom Spiele wegspringend, läuteten daran um ihr Vesperbrot; ja, ihr mögt es mir glauben oder nicht, selbst ein sachkundiger Gänserich schwang sich einmal den Stein hinauf und zerrte an der Glockenschnur, um die vergeßliche Hausfrau an das Futter für sich und seine Untergebenen zu erinnern. Aber auch unmittelbar vom Fenster aus wurden diese Glocken in Bewegung gesetzt und gaben dann Lärmzeichen von mannigfacher Bedeutung für hausabwesende Angehörige, die sich innerhalb Hörweite befänden, auch für vertrautere Nachbarn, denen das verabredete Zeichen zurief, daß man ihnen etwas mitzuteilen habe. Bei Anbruch der Nacht, wenn die Jugend von ihren verschiedenen Sammelplätzen den Weg nicht nach Hause zu finden wußte, erging oft ein vielstimmiges Geläute sturmglockenartig die Straßen hinauf und hinab, und jedes Kind kannte seine Glocke und wußte, was sie geschlagen hatte. Daher, wenn ich mein Zeichen hörte, beeilte ich mich, meiner Verpflegerin gute Nacht zu sagen; dann konnte es aber auch wohl geschehen, daß die liebe Frau zum Fenster hinausgriff, um mit ein paar kurzen Glockenschlägen von gleichfalls bekanntem und gutem Klange zu erklären, daß der Gegenstand hiermit noch nicht erschöpft sei, vielmehr sie das Wort auch zu nehmen begehre. Frau Schwägerin, er kommt heut nicht heim! rief sie nun hinüber, und die Mutter zog sich dann beruhigt zurück, indem sie mich versorgt und aufgehoben wußte. Mein Nachtlager, für solche Fälle stets bereit, befand sich in einer hinteren Kammer. Der Boden derselben war mit roten Ziegelplatten gepflastert, ein Laden ohne Fenster ging nach dem kleinen Hof und nach dem Gärtchen hinaus. Eine ungeheure zweischläfrige Himmelbettlade mit einem biblischen Deckengemälde, worunter ein frommer Vers, gewährte mir hinlänglichen Raum, die ersten Lebensprüfungen, nämlich die Leiden der Schule, gründlich zu verschlafen. Von der Decke hing eine Quaste herab, an der man sich aufziehen konnte, um alsdann mit beträchtlichem Behagen in diesen Bodensee von einem Bett zurückzuplumpen, worin der Schläfer, in meinen Jahren wenigstens, nicht nur der Länge, sondern auch der Quere nach vollständig unterging. Morgens beim Erwachen konnte ich mit dem stets vorhandenen frischen oder getrockneten Obste ein Trösteinsamkeitsgespräch beginnen, oder meine Augen an einer ansehnlichen Reihe von Zinnflaschen weiden, die wie Orgelpfeifen geordnet auf einem Gesimse neben dem Bette standen. Die größte hielt wohl sechs Maß und darüber. Sie wurden im Sommer beim Feldbau, im Herbst bei der Weinlese gebraucht, und ihr Anblick erregte daher immer frohmütige Erinnerungen. Alle diese Flaschen und alle jene Glocken waren in der Familie gegossen. Wenn ich aber da von »Lebensprüfungen« rede, so ist das ein schnöder Undank gegen die beiden Frauen, unter deren Flügeln ich im weichen warmen Neste saß, ja gar nach Belieben aus dem einen Nest ins andere hüpfen durfte. Wie konnte da von etwas dergleichen die Rede sein? Die wirklichen und oft harten Prüfungen, die das Schicksal auch den Kindern auferlegen kann, empfinden sie ja gewöhnlich nicht so stark, wenn sie auch etwas davon zu fühlen und zu verstehen glauben. Eine andere Gattung von Prüfungen kann freilich nach und nach der Jugend zu einer Art Leiden werden, besonders wenn sie, wie bei einem gewissen Fache, sich dutzend-, ja hundertfältig wiederholen, nämlich diejenigen Prüfungen, die man »auf deutsch« Examina heißt. Aber unsere Lehrer waren ohne Ausnahme von gutem und treuem Gemüt und legten uns keine härtere Last auf, als »die man ertragen kann, Sela«. Taucht mir nun auch bei Erwähnung des Tragens und der dazu bestimmten Gliedmaßen eine, ich weiß nicht mehr, wie große Anzahl von etwas knorrigen oder »knaupigen« Erinnerungen auf, so schreibe ich dieselben nicht ihren Urhebern, sondern der »Zeitperiode« zu, und muß obendrein mit der »Objektivität« des unbefangenen Geschichtschreibers beifügen: etwas hatten wir immer verdient. Und hatten sie nicht recht, jene eifrigen und doch bei allem Ernst so liebevollen Männer, wenn sie fest darauf drangen, daß wir etwas lernen sollten? Auch haben wir gottlob etwas bei ihnen gelernt: einen Grund in Sprachen, den weder Wind noch Regen ganz abtragen konnten, die ersten Blicke in die Natur- und Menschengeschichte, dazu manches Trümmchen und Endchen Wissenschaft, wie es eben für unsere angehenden Fassungskräfte ab- und zugeschnitten werden mußte, ja sogar schon ein bißchen Algebra, das mir freilich nachher über so manchem anderen X wieder in die Brüche gegangen ist. Und doch ist etwas »dran«, wenn ich von Prüfungen und Leiden rede. Ja, wahrhaftig, ich kann's nicht hinunterschlucken, ich muß sie heute noch verfluchen, diese gottverlassenen, gottverhaßten lateinischen Disticha, die der Pfahl im sanftlebenden Fleisch unserer Jugend waren! Aber ich klage nicht über unsere Lehrer, denn das Versemachen war uns ja nicht von ihnen, sondern ihnen selbst so gut wie uns von einer hochpreislichen Oberschulbehörde auferlegt, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich dreist zu behaupten wage, daß sie dieser Zentralgewalt in dem besagten Punkte nicht einmal allzu gern gehorcht haben. Aber natürlich, »Gehorsam ist des Christen Schmuck«, sagt einer unserer geistlichen Liederdichter, mit dem Anfangsbuchstaben heißt er Schiller, und wer das nicht verstand, dem erklärte man's deutsch und lateinisch zugleich. Fiat justitia, pereat mundus! hieß es nämlich unter »Applizierung« des bekannten Nürnberger Trichters, der sich von den gewöhnlichen Trichtern in einigen nicht unwesentlichen Eigenschaften unterschied: er war nämlich nicht hohl, dafür aber etwas länger, auch nicht so leicht zu biegen und zu brechen, wenn wir ihn nämlich nicht vorher »geringelt« hatten. In letzterem Falle war er, wie der Inhaber verdrießlich bemerken konnte, ein »dummes Möbel«, sonst aber ein Zauberstab, der Wunder wirkte, ja Poeten schuf! Aber ist es denn auch wirklich ein Mirakel, ein Dichter zu sein oder in einem anderen Menschen ein dichterisches Bewußtsein anzuregen? O keineswegs, vielmehr ist jeder natürliche, das heißt, seinem Volk und seiner Sprache getreue Mensch in den ungetrübten Stunden seines Lebens ein Dichter, und trifft selbigen Nagel so gut, ja oft noch besser als der größte Künstler auf den Kopf, den Nagel meine ich, den er nicht erst zu schmieden braucht, weil ihm derselbe gewachsen ist, nämlich das rechte Wort in der rechten Sprache. Für den Dichter jedoch, denn von diesem reden wir ja, gibt es nur eine: seine Muttersprache. Ein Poet sodann ist derjenige, der eine Sprache nicht bloß ihrem Gehalte nach, sondern auch in ihren Formen künstlerisch zu handhaben versteht; und wenn er dabei ein Dichter bleibt, so kann er zufrieden sein. Ein wirklicher Dichter aber in einer ihm fremden Sprache soll mir erst noch vorkommen. Poeten, ja, können in fremde Sprachen eindringen, tiefer als Alexander und alle seine Nachfolger in Indien eingedrungen sind, nämlich bis ins Herz der Sprache hinein; weil man jedoch nicht anders in eine fremde Sprache eindringen kann als mit dem Kopfe voraus, so hört man auch ihren Herzschlag immer nur durch den Kopf, also selbst bei dem besten Verständnis ganz anders als den Herzschlag der Muttersprache, den man bekanntlich lang vor aller Kopfarbeit mit dem Herzen vernommen hat. Ich habe lateinische Disticha von unseren alten Pfarrern gelesen, die nicht bloß »epigrammatische Spitzen« entwickeln konnten, wie das artigste französische Couplet, sondern auch eine elegische Tiefe und Weichheit, daß man Glocken vom Metall der alten römischen Dichter zu hören glaubte, aber auch beim schönsten Klange, der durch den Kopf zum Herzen ging, sprach dasselbe mit einem gewissen Leid: dieser vortreffliche Poet wäre ein Dichter gewesen, wenn er deutsch geschrieben hätte. Wozu sollten also wir arme kleine Schmiedezunft, die wir erst in die Lehre gingen und das Lernen so nötig hatten, ein Eisen zu gießen versuchen, das selbst alte Meister nicht ganz weich hämmern und noch weniger zum Schmelzen bringen konnten? Das war eine quaestio tusculana , das heißt eine Frage an das Schicksal, die ich mir, dem Herrn Interpellanten, nicht zu beantworten vermochte. Ich kann darauf auch nur eine ähnliche Antwort geben wie diejenige, die einer meiner dicksten Freunde – aber nicht der oder jener Dicke, sondern der Dicke , versteht mich, der nicht bloß bei uns dick tun kann, sondern auch im Westen, Süden und Norden, ja, wenn's sein muß, zur Not vielleicht sogar noch ein wenig im Osten – in dieser brennenden Frage einstmals erteilt oder vielmehr, weil er ein Vogel ist, gesungen hat. Die Frage war doppelt heiß, denn wir sollten uns in lateinischen Versen über das Wesen Gottes verbreiten, als promovierte Poeterei mit theologischer Färbung. Nun lieferte dieser erzböse Schalk, ich hab's nie vergessen können, ein Kontingent, mit dem doch auch kein Falstaff durch Coventry marschiert wäre. Es war nicht einmal ein Distichon, sondern ein einziger melancholisch einsiedlerischer Hexameter bei Gott! und dazu noch für einen Philologen von solcher Propreté – dafür , wißt ihr ja, haben wir ihn alle gelten lassen – so malpropre, daß Minerva, wenn sie nicht gerade den Schild zur Hand hatte, das Taschentuch des Herrn Professors mit all seinem Schnupftabak vors Antlitz halten mußte. Ich muß ihn losgeben, er würde mir sonst das Herz abdrücken. Hört also, alle, die ihr jene namenlosen Schmerzen mit mir getragen habt. So heißt er: Quid Deus est? Animus mediatur, nec capit illud. Gottverlassen war er nun freilich, ut figura docet , das heißt, wie die Redefigur selbst nach Form und Inhalt zeigt. Ob er aber Gott verhaßt war, das ist denn doch eine andere Frage. Einmal habe ich hierüber keine besondere Offenbarung empfangen, und dann, wenn man ihn in die ungebundene Rede übersetzt, so gibt er immerhin einen Sinn, worüber man reden kann, und worüber auch bekanntlich sehr, sehr viel geredet ist. Ich werde also den zweiten Fluch streichen müssen, und würde es auch tun, wenn er nicht schon gedruckt wäre, oder vielmehr, die ganze Wahrheit zu sagen, wenn ich ihn nicht mir selbst zum abschreckenden Exempel stehen lassen wollte. In meinem dummen Zorn übersehe ich oft die besten Gründe, und wenn sie mir wie Brombeeren am Wege winken. Gott kann – wenigstens in den Augen derer, die an ihn glauben, und für die anderen hat ja ein solches Fluchwort gar keinen Sinn, auch wenn sie es selbst gebrauchen – Gott kann nichts hassen, was er zuläßt, obgleich er's gewiß nicht immer liebt; und das glaube ich nun einmal schlechterdings nicht von diesen sauren Äpfeln, in die man, wie verlautet, die Jugend gerade jetzt wieder beißen lassen möchte. Wenn er aber gleichwohl die Sache zuließ, so mußte bei alledem etwas »dran« sein, nämlich etwas Richtiges. Es kann jedoch geschehen, daß man von einem richtigen Punkt ausgehend auf einen verfallenen Weg gerät, und gerade das gibt den meisten Hader und Krieg. Betreffend nun den richtigen Punkt, so hab' ich mich schon damals belehren lassen müssen, eine hochpreisliche Ansicht gehe nun eben einmal dahin, daß das Verselesen und Versemachen »so äußerst bildend« sei. Damals hab' ich dies weder verstanden noch geglaubt; jetzt, wo ich etwas mehr davon verstehe, seh' ich ein, daß es richtig ist. Aber wo und wie? Für den Deutschen , wenigstens in seinen jugendlicheren Jahren, nur auf seiner Seite von Weichsel, Donau, Alpen, Rhein und Kanal. Auf der anderen Seite des letzteren, wo man zwar auch lateinische Verse fabriziert, I was ever of opinion , und ich dächte, jedermann könnte mir beistimmen, daß eine honnette Prosa, das heißt, ein guter und gesunder Brief- oder Schriftsatz in gleichviel welcher der gebildeten und großen Weltsprachen, die man in England, Frankreich, Deutschland spricht, und in Italien und Griechenland spricht und sprach, daß eine solche Prosa, wenn man sie lesen, nachbilden, ja selbst entwerfen lernt, für Kopf und Herz doch wahrhaftig weit bildender ist, als schlechte Verse, die man Passiv oder aktiv würgen muß. Einem angehenden Poeten oder Philologen mag man diesen Genuß meinetwegen freistellen, denn ein solcher muß in allen Wassern gewaschen sein, nicht bloß in reinen, sondern auch in unreinen, nämlich in Tinten- und Kienrußpfützen jeglicher Art, die da lehren können, wie man's nicht machen soll. Die anderen möge jedoch ein gnädiges Schicksal vor allen Schreib-, Druck-, Lese-, Rede- und Tatfehlern bewahren, so unter andern vor dem schreienden geographischen Bock, den jeder lateinische Gradus ad Parnassum schießt, besonders aber vor aller falschen Ausländerei und falschen Poeterei; denn diese gerade tötet zu allermeist den echten Dichter, der, wie schon gesagt, in jedem Menschen lebt, und ohnehin durch das äußere Leben schon so manchen Druck erleidet. Aber noch ein ganz anderes kann ich nun vollends gar nicht begreifen, und jeder, den es traf, wird es gleichfalls schwer verdaut haben. Da prügelten sie einen im Schweiß ihres und seines Angesichts zum Poeten, und wenn sie unversehens einmal einen herausgebracht hatten, so wuschen sie die Hände in Unschuld und wollten nicht einmal einen Dank von ihm. Ja, er durfte froh sein, wenn er nicht hinterher für das einstehen sollte, was er nicht geworden war. Indessen befinden wir uns ja dermalen in keiner Konferenz, wo ich mich obendrein trotz mancher unumstößlichen Überzeugung durch Hören weit besser als durch Reden belehren würde, sondern in dem stillen Witwenstüblein einer alten Pfarrerin, in welchem wir uns jetzt wieder ländlich sittlich zurechtsetzen. Nämlich um lateinische Disticha zu machen, was uns durchaus nicht erlassen wird. Gedruckt aber soll nichts weiter davon werden, es ist an dem einen » Specimen doctrinae « vollauf genug. Also vorwärts! » Juppiter omnipotens , hilf mir meine Disticha schmieden!« das ist nun auch ein Hexameter, aber zum größten Teil ein deutscher, zwar nicht ganz so gut wie sie »in Jena und Weimar« gemacht wurden, doch kann man ihn immerhin drucken lassen. Unglücklicherweise jedoch, obwohl ich ganz gewiß weiß, daß ich mit diesem Geistesprodukt bei allen meinen Schulzeitgenossen Ehre einlegen werde, weil es ja eine gemeinsame poetische Tat von uns allen ist, unglücklicherweise, sagte ich, durfte dasselbe sich nicht im Exercitienhefte blicken lassen, denn da hätte es »unliebsame« Folgen gehabt. Und jetzt wird's gedruckt! Es ist doch eine wunderliche Welt, doch das hat schon Herzog Christophs Kammerschreiber gesagt.– Aber, Pugio! was hab ich von dem einfältigen Geschwätz? Noch keinen Viertelvers auf dem Papier! Also aufgepaßt, den Kopf zusammengenommen! – Und nach dieser »Feinheit«, mit der ich mich selbst freigehalten, nahm ich ihn mit beiden Händen zusammen und drückte ihn wie ihn einst der Gehilfe eines in Arbeit begriffenen Zahnarztes gedrückt hat, nämlich so, daß ich nicht mehr wußte, was mir wehe tat, der Zahn oder der Kopf. O du armer Kopf, und mußtest noch obendrein fast täglich die Verleumdung hören, du seiest ein »guter« Kopf. Das kam nämlich von den deutschen Versen her, die diesen kleinen Rangen manchmal so nichtsnutzig gelingen, daß man's nicht begreift, bis man sich erinnert, daß ihnen dabei die Sprache hilft. Denn in dieser liegt der allergrößte Teil der Hexerei, die den kleinen wie den großen Dichter macht. Du lieber Gott, die deutschen Verse, die ich seit damals bis heute geschmiedet oder vielleicht zum Teil vermeintlich gegossen habe, sie sind freilich, selbst nach dem Urteil wohlmeinender Freunde, nur »so so«, aber jeder gesteht ihnen ohne Umstände zu, daß wenigstens etwas »Faktur« und etwas »Kultur« drin ist. Kein Wunder, denn die Übung, verbunden mit einiger »technischen« Voranlage, macht, in der Muttersprache einmal, wenn auch nicht immer einen Meister, so doch jedenfalls einen brauchbaren Gesellen; und wie sollte es an Übung gefehlt haben, wenn einer in so einer halben Lebensspanne nicht bloß mehr Verse gemacht hat als Homer, sondern ohne allen Zweifel mehr Reime als Goethe, diese faulen Olympier! Noch einmal, o du armer »guter« Kopf! Und sie sagen, du seiest noch faul dazu, und es ist wahrhaftig nicht einmal ganz gelogen, ich muß es selber sagen, – Aber Donner und Doria (man hat nämlich nebenher auch den Fiesco gelesen), was fällt dir ein? Träumst von einem Himmel voll Baßgeigen, die du streichst oder die dir um den Kopf geschlagen werden, und sollst Disticha machen, Tropf, der du bist! Hic Rhodus, hic salta! Lateinisch ist Trumpf! – Ja, ja, Lateinisch und Griechisch, das sind zwei gute Karten: welche dritte nehmen wir noch dazu, daß wir den Squisemon haben und »fein« ausmachen können? O »Jerum«, wie kann ich da in die Karten geraten? Je nun, es ist ein akademisches Studium, das nicht leicht einem erlassen wird, am wenigsten einem Theologen, wenigstens zu unserer Zeit. Aber Testimonia in diesem Zweig der Wissenschaft waren pauvre und konnten sich nicht einmal neben den Examinalzeugnissen sehen lassen, die doch auch nur sehr » taliter qualiter « ausgefallen sind; freilich ging's auch »hundshärig«, denn wenn ich je einmal ein Solo hatte, so war das Spiel »vergeben«. – Und meine griechischen und lateinischen Trümpfe? Gehen sehr nah zusammen. Daß ich den Ödipus auf Kolonos und Stücke ans dem Agamemnon und Prometheus zu meinem »Privatvergnügen« übersetzt habe, was hilft's mich? ich habe ja nicht einmal die Übersetzungen mehr, die Gott weiß wo in der Welt herumfahren. Und die Urschrift? Ja, da heißt's jetzt auch: graeca sunt, non leguntur . »Sie waren aber eben doch auch ein sehr flüchtiger Kopf, mein lieber junger Mann.« Ja, Herr Professor, das ist wahr, ich kann's nicht leugnen, aber dieser flüchtige Kopf ist doch, dank Ihnen und mir selbst, manchmal tüchtig zusammengenommen worden. Nur wurde uns, die wir eben nicht lauter Philologen von Profession waren oder werden sollten, die Grammatik mitunter so stark eingeheizt, daß ich sogar den Homer zu den Raben wünschte und mich an einem Meister der Sprachwissenschaft, wie der selige Buttmann, so schändlich verging, ihn für einen Wiener Hofkriegsrat zu halten, der den besten ionischen Generalen nichts als Prügel in den Weg werfe. Ich bin nur froh, daß wenigstens noch so viel Latein an mir hängen geblieben ist, daß ich die Handvoll Vokabeln zur Not als rostige Schlüssel gebrauchen kann, um gelegentlich da oder dort eine Türe aufzustoßen, hinter welcher deutsche Geschichte in lateinischen Urkunden vergraben liegt. Und wem dank ich das? Just dem meiner Lehrer, dem ich oft im Herzen gram war, weil er mir freilich auch auflud, daß das kleine Lasttier beinahe darunter zusammengebrochen wäre. Aber eben darum ist wenigstens etwas an mir hängen geblieben, und wie ließ sich's denn auch anders machen, wenn die Lehrkurse einander jagten, beinahe wie jetzt oft die Börsenkurse. Ohne allen persönlichen Vorwurf sage ich dem »System«: wir haben alle zu viel und zu wenig gelernt, sind, jeder in seiner Art, zu lang und zu kurz geworden. Aber Formsinn und Sprachformen haben wir uns angeeignet, dank auch dem System; und das ist ein großer Besitz, denn die Form ist für den Gedanken, was der Körper für die Seele ist, und besonders wo es sich um Gedanken von »Recht und Licht« handelt, da sollte immer die schönste Seele im schönsten Körper wohnen. »Übrigens das sag' ich: meine Buben, wenn ich das Leben behalte, sollen mir nicht so früh anfangen und dann vielleicht auch nicht so viel wieder vergessen, – Was? jetzt möcht' einer »hinaus wo kein Loch ist!« Faselst von »Buben« und bist selbst noch ein zwölfjähriger Bub', der dahockt, Verse machen soll und keinen herausbringt! Hast doch erst heut deinem Vetter in der Fremde einen lateinischen Brief geschrieben, den du könntest drucken lassen, Kerl! Drum noch einmal dran, und sei endlich gescheit, es hilft ja doch sonst nichts. –Ja, ist gut sagen, man soll gescheit sein. Wenn man ein Poet sein soll, und ist keiner, da hat ja der Kaiser das Recht verloren, warum nicht auch die Schulmonarchen? – Wenn nur der Nürnberger Trichter als Weindieb zu brauchen war', wenigstens beim Süßen! Aber der läßt nichts durch. – Was der Herkules ein Glückskind gewesen ist! der hat bloß einen Stall misten dürfen, aber keine Disticha machen, – Nein, hör' doch auf mit den Späßen, so bringt man nichts zu stand. – Noch immer nichts, du schnöder, erbärmlicher Hirnkasten? – Ich möcht' nächstens »heulen wie ein Schloßhund«. – » Juppiter « – O Herrgott von Bentheim, bringst du die Narreteien nicht aus dem Kopf? – Nein , jetzt soll aber auch die ganze Geschichte der Teufel holen! Und siehe da, sowie man ihn ernstlich zitiert, so erscheint er auch umgehend in Kraft der betreffenden Paragraphen der Mythologie, die ja bei der Poeterei einer der gesetzgebenden Faktoren ist, und zwar erscheint er immer ganz so, wie man ihn gerade braucht, als nordisches Phantom oder, wenn man will, als einer der Götter Griechenlands, die ja gleichfalls zu Teufeln degradiert worden sind. »'s ist Ein Teufel!« pflegte in allen ähnlichen Fällen »beharrlich« der Dicke zu sagen, nämlich nicht der Dicke , sondern, der Dicke. Und so war's denn auch in diesem Falle wie immer, nämlich es war eben Seine omnipotente Impotenz, diesmal thronend auf der obersten Sprosse des Blocksbergs mit dem griechischen Namen, den man lateinisch besteigen oder, »deutsch« gesagt, »skandieren« sollte. Jedennoch wechselte er nach Umständen die Gestalt. Ambrosische Locken hab' ich damals nie an ihm wahrgenommen. Das eine Mal war er mir ein hausbackener, fleißiger, ehrlicher, guter, dummer Teufel, breitmäulig steinharte Spondeen beißend wie ein Nußknacker, schwirrende Daktylen schluckend wie ein Laubfrosch, ein Sägmehl sprühender Holzbock, der sich höchstens unterweilen in einen gemütlichen Schafbock verwandelte, und als solcher zum Beispiel einmal poteret statt posset blökte. Dieser täuschend schöpferische Latinismus war nämlich »gar keine Hexerei, sondern pure Geschwindigkeit«, ich bemerke das nur, damit man mich nicht für unbescheiden hält, aber, Pugio! was hat mir Der eingetragen! Ja, wenn mir meine Böcke jetzt so vollwichtig honoriert würden, da hätt' ich schon längst ein Dutzend Rothschilde aus dem Sattel gehoben. Das andre Mal, um auf besagten Teufel zurückzukommen, sah er nicht so harmlos aus, da glich er etwa dem »Mars«, nicht dem Speerschwinger, sondern dem pensionierten Götzenbild an unserer Spitalkirche, der wüsten gansfüßigen Fratze, die gegen den pensionierten Kaiser auf dem Marktbrunnen die Zunge herausstreckt. Je mehr er nun den Gans- oder Ziegenfuß samt den bekannten Hörnern und Klauen hervorkehrte, desto näher hätte ich der Poesie sein sollen, wenn nämlich das begründet wäre, was Voltaire sagt: ein vollendeter Poet (»Dichter« konnte er ja in seiner Sprache nicht sagen) könne keiner werden, der sich nicht zuvor rein dem Teufel ergeben habe. Es scheint aber nicht, daß es ihm Ernst gewesen ist, denn er setzt gleich hinzu, er habe dieses nicht getan, und wenn er damit sagen wollte, er sei keiner, so glaube ihm das ein anderer. Aber kennen wird man ihn allerdings müssen, den »Schwarzen«, ja auf du und du, mit ihm stehen, das haben wir ja vom Dr. Faust gelernt. Ich meine nicht den alten Dr. Johann, dessen berühmter Höllenzwang auf meinem Bücherbrette steht, mir übrigens bis zur Stunde noch weniger geleistet hat als der Zauberstab der Schule, nämlich gar nichts. Nein, ich meine den Doktor oder vielmehr Meister Wolfgang , durch den wir ja in der Hexenküche der Dichtung so heimisch geworden sind, wie es eine Magd in ihrer Küche ist. Dort hängt er ja, der Zauberspiegel, der – eine schöne Helena schauen läßt? Je nun, je nachdem ein Gesicht hineinsieht. Er ist nämlich der Wirkung nach ein ganz gewöhnlicher Spiegel, wie jeder andere, und wer vor ihm steht, sieht nichts anderes darin als sich selbst. Es kommt nur darauf an, ob er in einer seiner lichten oder in einer seiner schwarzen Stunden vor den Spiegel tritt. Man mag über die beiden großen theologischen Wesenheiten, eine oberste und eine unterste, glauben, zweifeln oder streiten, so viel man will, so kann doch im kleinen nicht der mindeste Zweifel sein, daß es einen persönlichen Gott und einen persönlichen Teufel gibt, nämlich eben in jedem einzelnen Menschen selbst. Dem Menschen ist das auch vollkommen bewußt, besonders dem jüngeren, wie denn dieser, wenn man ihn hört, einmal »heiter wie ein junger Gott« und dann nur allzu bald wieder »wild wie der Teufel« ist. Andere drücken es anders aus, aber alle kommen, bewußt oder unbewußt, darin überein, daß die eine und unteilbare Person des Menschen aus zwei grundverschiedenen Wesen besteht, die sich ineinander verwandeln oder ineinander verwandelt werden können. Diese geteilte oder wenigstens teilbare innere Person, sage ich, ist der Dichter im Menschen, und dieses Doppelwesen gestaltet sich so, wie es durch das fast undurchdringliche Zusammenwirken des äußeren Schicksals und des eigenen Gemüts geleitet wird. Leider geht in vielen der Dichter, zum Glück in wenigen mit dem Dichter der ganze Mensch zum Teufel. Nun, diesen Teufel kannte ich bereits, ohne des Spiegels zu bedürfen. Es war ja derselbe, der mit irgend einer schönen schriftgelehrten Perücke auf dem Kopfe, natürlich aus »purem Interesse« für die älteste Ausgabe, mich angestiftet hatte, dem Großvater das O aus seiner Bibel zu stehlen. Und das war noch wenig. Wir waren im ganzen »gute Buben«, muntere Füllen, wenn uns nicht eben »der Teufel ritt«; hatte er uns aber einmal zu seiner »Brut« gemacht, so heckten wir mit einander und gegen einander mitunter »teufelmäßige Teufeleien« aus. Meines Wissens hat keiner dem andern etwas nachgetragen, aber ich muß doch gestehen, daß ich über unseren lateinischen »Finessen« manchmal von einer Art Wehmut und Sehnsucht nach meinen noch früheren Schulkameraden, den sogenannten »Deutschen«, angewandelt worden bin. Dies klingt sonderbar, wenn ich meinen Empfang in der deutschen Schule beschreibe. Ich war als ein zartes Kind, unter dem Zittern und Zagen meiner Mutter, dort eingeliefert worden, und sah mich nun in einer Art Bärenzwinger, dessen Wärter unbeweglich auf dem Katheder in der Ecke thronte, seine Bären bei Namen zum Lesen der Bibelverse oder zum Hersagen der christlichen Sprüche und Lieder aufrief, und dazwischen von Zeit zu Zeit einen antreten ließ, um ihm die Tatzen zu lecken, aber nicht mit der Zunge, sondern gleichfalls durch den Nürnberger Trichter. Kaum hatte ich meinen angewiesenen Platz unter diesen Bären eingenommen, so packten meine beiden Nachbarn rechts und links, »Gott zum Gruß«, meine damals noch kleinen Hände, um die Haut der Oberhand mit ihren langen Nägeln zu »klauben«, daß ich hätte nach Gott schreien mögen. Hätte ich das getan, so hätten sie ihre Pranken am Katheder präsentieren müssen. Ich besaß aber gerade noch so viel reichsstädtischen Geist, um nicht jede Kleinigkeit »nach Speier und Wien zu tragen«, verbiß also meinen Schmerz und lächelte so säuerlich ruhig, wie ein alter Bürgermeister, der den Glockenschlag und Uhrengang bei seinen Mitbürgern kennt. Damit hatte auch die Tortur ein Ende, die ihnen von ihren Vorvätern und Vormüttern her noch in den Klauen stecken mochte, sie setzten die Schraub- und Marterwerkzeuge ab, und von Stund an wurde ich von meinen Bären auf den Händen getragen und fand in ihnen gar geheure Menschen. Später mögen sie, jeder nach seiner Art und Führung, wohl auch den Teufel kennen gelernt haben; damals aber sah ich ihn nicht bei ihnen. Freilich, ja, wie ich nachher – ein Jahr später als meine Altersgenossen, deren sämtliche Eltern meinen Vater darum schalten – aus dem deutschen Nest in das lateinische hüpfte, da erfuhr ich gleich in den ersten Tagen, daß und wo der Teufel los war, nämlich zwischen den Lateinern und Deutschen , und das schier nicht viel anders, als es zu den Zeiten der Römer und Germanen der Fall gewesen sein mag, machte auch alsbald auf meine persönlichen Unkosten die Erfahrung, die mir später durch das Nibelungenlied bestätigt wurde, daß das solonische Gebot, in Parteizeiten müsse jeder Bürger Partei nehmen, füglich unterbleiben kann, weil sich das auch gegen den Willen des einzelnen ganz von selber macht. Doch konnte ich nie vergessen, daß bei meinen ehemaligen Freunden und jetzigen Feinden, den Deutschen, mehr Treuherzigkeit und weniger »Ambition« gewesen war. Sie hatten freilich auch nicht so viel zu lernen gehabt wie wir, die wir zuletzt aus lauter Wut, einander zu überlernen und hinunterzustechen, unter den Augen des Lehrers die Börsenkurse, nämlich den »Notenzettel«, fälschen lernten. Und ist das der einzige Laufzettel, den ich in meinem Leben habe fälschen sehen? Nun, auch der Ehrgeiz ist von Gottes Gnaden oder wenigstens mit Gottes Zulassung da; er ist eben einmal die Kraft, die so manches Gute und so manches Böse schafft. Und doch, wenn ich einmal außerhalb meiner »ambitiösen« Kreise einem meiner alten Schulfreunde vom Bärenzwinger her oder seinesgleichen begegnete, hat es mir oft wohl und weh zugleich getan, wie wir so miteinander »liefen« und miteinander »sprachten«, er mit dem »Butten« auf dem Rücken, ich mit dem »Butzen« im Kopf. Wohl, weil er sich sogleich über den Nationalkampf unserer Jugend hinüber unserer alten Kundschaft erinnerte, und fast noch wohler, wenn er mir schulfremd war und dennoch sich und mir gestand, es komme ihm vor, als wären wir schon einmal, »vor Olims Zeiten«, zusammen den Weg »geloffen«. Weh aber tat es mir, wenn er neben einer gewissen Zutraulichkeit ein gewisses Mißtrauen blicken ließ, als ob der »Herr«, hinter dem doch gerade von dem , was in dieser Welt den Herrn macht, im besten Fall verteufelt wenig steckte, sich nur so zum Zeitvertreib mit ihm »gemein« machen wollte; und weh wurde es mir, wenn ich mich ihm bei dem besten Willen nicht ganz verständlich machen konnte, was ich immer zuerst daran spürte, daß ich mich unter dem Reden oft selbst nicht ganz verstand; denn ich war nicht bloß ihm, sondern auch mir selbst gegenüber ein Römer (alten oder neuen Stils), und wäre doch immer so gern ein Deutscher gewesen. Zwiefach wunderlich aber, also »viereckig« nach der Mathematik, war es mir zu Mut, wenn ich mich einmal ausnahmsweise recht zu verstehen und deutsch zu reden glaubte, er aber mir nun lateinisch antwortete und »gescheiter« war als ich, so daß ich wie auf dem Kopfe stand und gar nicht mehr wußte, was ich sagen sollte. Da geschah mir denn freilich dreimal so weh als wohl, wie es ja bei der Eitelkeit des Menschen nicht anders sein kann; und doch sah ich mit leiser Freude die »Kultur« mehr und mehr in das Volk eindringen, und wünschte ihm nur, daß sie ihm nicht so viel Kopfweh machen möchte wie mir. »Kultur« aber muß ein Volk annehmen, wenn etwas aus ihm werden soll; denn dahin zielt ja das sausende Treiben und Weben der Geschichte des menschlichen Geistes, daß durch die »babylonische Verwirrung« der Sprachen und Kulturen jedes Geistesvolk sich zu seiner ureigenen Bildung zurück durcharbeitet, um mit diesem Weine wieder die anderen Volker zu berauschen oder, was besser wäre, zu tränken. Von dieser letzteren Gattung hat mir oft zur rechten Stunde, wenn es mir über meinen Kulturbüchern zu heiß oder zu kalt geworden war, weit draußen auf der Landstraße ein Bote oder auf dem Feld ein alter Bauer unversehens einen reinen und wackeren Schluck eingeschenkt. Das war ein bloßes Wort, wie es so ein guter alter Deutscher manchmal fallen läßt, ohne gerade selbst viel darauf zu achten, aber ein altes Wort, in das vielleicht ganze Geschlechter ihren Sinn hineingewoben hatten, in dem vielleicht eine lange Geschichte voll Herz- und Kopfzerbrechens lag; ein Wort, das mich wie ein Blitzstrahl treffen konnte, während mir mein ganzer deutscher »Parnaß«, dieser abermalige erratische Blocksberg, darüber in eine Art von Erdbeben geriet. Die Gestalten der Meister, die ich im gleichen Augenblicke hoch über ihm schweben sah, blieben unerschüttert; nur der Berg zitterte. Die gleiche Erfahrung wird der Romane, der Anglier machen, wenn ihn zur rechten Stunde solch ein altes Erbwort aus der Muttersprache trifft. Bei uns hat dieses alte Deutsch, wie man es noch im Volke reden hört, einen vorherrschend christlichen Klang, oder auch, wenn es an die erste Hälfte der Bibel anklingt, einen vorchristlichen, nämlich altjüdischen. Aber die Überlieferung vom Quickborn ist ja bei allen Völkern dieselbe, bei den Juden wie bei den Heiden, nur daß der Jude bekanntlich zu Fuß durch die Weltgeschichte geht, die andern dagegen beritten sind. Bei den Juden ist es der Mann Gottes, der mit dem Stabe Wasser aus dem Felsen schlägt, bei den Heiden ist es, wenn nicht der Gott selbst, das Roß des Gottes, dessen Huf den Born aus dem harten Boden springen läßt. Das Wunder ist bei beiden das gleiche, nur hat die jüdische Theologie den Hergang menschlicher, die heidnische hat ihn, je nachdem man urteilen mag, göttlicher oder teuflischer, also, wie wir gesehen haben, dichterisch aufgefaßt. Ob es aber der Hufschlag eines Gottes ist oder der Stab eines fußgehenden Gottesboten, womit ein dürstendes Volk getränkt werden und andere tränken soll, der volle Quickborn wird ihm nur aus den mit Hilfe der fremden Kulturwerkzeuge aufgeschürften Gebirgen seiner eigenen alten Art, nur in den klar verstandenen »Roßquellen« und »Roßbächen« seiner eigenen alten Sprache und Bildung stießen. Diese Bildung, so kindlich sie war, schuf tiefsinnige Gedankenbilder, die für die Deutung vielseitig, aber unerschöpflich sind. Sie war kindlich, indem sie statt einer göttlichen Gestalt nur die wohlverstandenen »Attribute« ihrer Gottheit, Widderhörner, Pferdeohren, Menschenkopf und Gans- oder Schwanenkörper meißelte; sie wurde aber auch kindisch im schlimmsten Sinn des Worts, indem sie durch den breitgeöffneten Mund und die ausgestreckte Zunge offenbar nur einen Sinn andeuten wollte, nämlich die Bereitwilligkeit des Gottes, das Blut seiner Opfer in Empfang zu nehmen. Diese Deutung ist unzweifelhaft, denn in der gleichen Markung, der das Götzenbild angehört, liegen Güter und Weinberge, die noch heute nach dem »Opferstein« benannt sind, und wir ahnten nicht, welch ein Grauen in unseren Worten waltete, wenn wir dort beim Spiele riefen: »Blutiger Mann, rühr mich nicht an!« Das Übermenschliche aber, das sich nicht mit dem Menschlichen verträgt, wird untermenschlich, das nicht mehr verständliche Gottesbild versinkt zur Teufelsfratze, und die unentwickelte Bildung geht unter, indem sie in eine menschlichere Schule genommen wird. Eine Schule jedoch, die alle Keime der Bildung entwickeln will, muß den Denker und Dichter im Menschen zugleich befriedigen können, indem sie dem einen ein unumstößliches Wissen und dem andern ein unversiegbares Wunder auftut, beides in einer jedes Zweifels lachenden Wirklichkeit. Das erste kann sie ohne Zweifel durch übertragene Begriffe leisten, wenn nämlich die Vernunft dieselben anerkennen muß, das zweite niemals, und mögen auch die Begriffe noch so gut übertragen sein; denn zum Wunder gehört mehr als Wissen oder Glauben, es gehört Schauen und Hören dazu. Das ist nur möglich im wirklich lebendigen Wort, und dieses lebt nur in der Muttersprache. Solang aber die übertragenen Begriffe nicht gänzlich in derselben aufgegangen sind, solang auch nur noch ein unaufgelöstes Wort aus fremder Zunge aushelfen muß, solang hört selbst das Kind schon der Mutter Sprache zum Teil mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, weil die Mutter nicht ganz die uralte Mutter sprache spricht. Diese geht halbverstanden, unverstanden im Volk umher, wie der Geist einer abgeschiedenen Mutter bei ihren Kindern umgeht, und raunt uns leise manch verlorenes Wort ins Ohr. Mit ihr schleichen auch immer noch die alten Gestalten zwischen den Menschen hin, nicht mehr zu Teufelsfratzen verzerrt, aber wie in Nebelkappen gehüllt, und aus dunklen Worten, Sagen, Sprichwörtern und Redensarten klingt es oft heraus wie ferndröhnender Hufschlag eines Reisigen, der uns eine Botschaft bringen möchte, oder wie das Rauschen von Quellen, die einst hellspiegelnd hier flossen und dann in die Tiefe versunken sind. Eine jener Gestalten aber ist nicht ganz in den Berg eingeschlossen, der alte ewig junge Lichtgott, in dem der deutsche Heide das jugendlich verklärte Bild seines Volksgemütes sah, dem vielleicht nie ein blutiges Opfer gefallen ist. Die unbewußte Erinnerung, die durch die Sprache wirkt, hat ihn, ohne den Namen und die Gestalt, in manchem Wort und Bild verkörpert, und so schwebt er über den leuchtendsten Höhen, über den sonnigsten Hügeln unserer Dichtung, wie ein Wunschgebilde, das mit halbem Leibe aus dem Spiegel taucht und wieder verschwindet. Nach dem Buchstaben ist er zweimal untergegangen, einmal schon im alten Glauben und dann durch den neuen, der jedoch offen seine Verwandtschaft mit ihm anerkannte, aber der Geist, der in unserem durch so viele Kulturmühlen gerüttelten Volke fortlebt, verkündigt, daß er wiederkehren wird, nichts Trübes, nichts Dunkles duldend, also auch nicht, wie der Buchstabe der alten Sagen predigt, in mythischer Gestalt, sondern als ein heller, lichter Volks-, Menschen- und Gottesgeist, in welchem Wissen, Glaube und Dichtung vereinigt sind. Die Keime aller dieser Gedanken, in wirrer, kindischer, ungeborener Gestalt, sausten durch den Kopf des »Buben«, der im Witwenstüblein saß und »mit Teufelsgewalt« ein lateinischer Poet werden sollte. Denn alles Kulturmaterial, an dem sich die Geister diese dreißig Jahre her abgearbeitet haben, kam, – wie dies ja immer bei »Buben«, die dereinst »studieren« sollen, geschieht – frühzeitig, wenn auch klein gemahlen, auf unsere Mühle. Vom ersten Lesen und Schreiben weg lernte man gleich »viel« Römisch, dann Griechisch, bald auch »etwas« Hebräisch und Französisch, kurz, einen ganzen Wald, von welchem, wie wir gesehen haben, just der nackte Grund und Boden mit einigen Stümpfen und Wurzeln übrig geblieben ist. Zwischen hindurch schlang sich die sonntägliche Theologie der Predigt und »Kinderlehre«, wie man diese damals noch hieß, obgleich, je nach dem Geschmack des Katecheten, sehr erwachsene »Allotria« darin vorkommen konnten, wie ich denn zum Beispiel bei einer dieser Gelegenheiten erstmals in der Hexerei des »Syllogismus« unterrichtet, folglich auf strengstkirchlichem Wege in die Logik eingeführt worden bin. Dazu kamen sechs Gattungen Deutsch in sehr bunter Mischung: Alt- und Urdeutsch, wie es sich in der mundartlichen und redeweislichen Sprache einer altschwäbischen, noch halb gotisch redenden Stadt erhalten hatte; Kerndeutsch, wie es aus Luthers Bibel tönt, hallt, läutet und donnert; »höheres« Deutsch, vornehmlich aus Schiller, und zwar bei dem Vater aus »Tell«, »Don Carlos«, »Götter Griechenlands«, bei der Mutter aus dem »Kampf mit dem Drachen«; noch einmal Altdeutsch in den »dummen«, »abgeschmackten«, aber unentreißbaren Volksbüchern, die unter unseren Augen gedruckt wurden, in Märchen und Sagen, dann auch in dem eben damals allmählich weiter verlautenden Hammerschall aus den Schmiedeklüften der deutschen Mythologie; dazwischen aber unendliches Schmierdeutsch jeglicher Art und Gattung, besonders leihbibliothekarisches, und zwar dieses in sindflutartiger Fülle; endlich, seit dem griechischen Aufstände, auch »etwas« Zeitungsdeutsch. Alles das mußte, teils freiwillig, teils unfreiwillig, in die beiden kleinen Hälften des winzigen Deutschlands, von welchem wir reden, nämlich in Kopf und Herz eines zwölfjährigen Deutschen hinein. Kein Wunder, daß dieses kleine junge Deutschland dadurch dasselbe wurde, was das große alte Deutschland schon so oft gewesen ist, nämlich der Tummelplatz eines mehr als dreißigjährigen Krieges. Und, um als Protestant in diesem Bilde fortzufahren, unter allen Schlachten, die ich im Aktivum oder Passivum mitmachte, war jedesmal das Distichenmachen meine Nördlinger Schlacht, oder, bei dem Bilde von der Mühle stehen zu bleiben, unter ihren Mahlgängen, welchen ich zutragen mußte, war mir derjenige, in dem ich oben nichts als meine dermalige deutsche Kleie aufzuschütten hatte und unten lateinisch-poetisches Mehl herausbringen sollte, jederzeit der »penibelste«, ja so peinvoll, daß ich oft nicht bloß der zweibeinigen, sondern auch vierfüßigen Sackträger ganzen Jammer darin zu mahlen glaubte. Die beiden Frauen, die dieses kleine Deutschland zu regieren bekommen hatten, gerieten hierüber oft in schwere Regierungssorgen, die sie jedoch auf verschiedene Weise trugen. Die Jüngere, die Mutter, hatte alle Eigenschaften, dem Sohne nicht bloß die beste Führerin, sondern, in Ermanglung eines Vaters, auch der beste Führer gerade dann zu werden, wann die Führung am nötigsten ist, nämlich in dem Alter, in welchem er sie nachher zu Grabe geleiten mußte. Aber zur Leitung eines Knaben braucht es Hörner und Zähne irgend welcher Art, und dergleichen besaß sie nicht, denn sie war die Milde und Sanftmut selbst. Ein aus den Knabenschuhen herauswachsender Witwensohn wird auch der stärksten Mutter von Zeit zu Zeit über den Kopf wachsen. Sie sieht in ihm des Vaters Ebenbild, durch eingewobene Züge des ihrigen entweder noch gekräftigt, oder, was häufiger der Fall sein wird, gemildert; sie kann mit ihm schon manches beraten, was sie einst mit dem Vater beriet; und so wird er unvermerkt Teilhaber im Regiment über das Haus und die jüngeren Geschwister. Sind diese noch unentwickelt, so gelten sie, wenn auch nicht bei der Mutter, so doch bei vielen Beiräten und Beiständern, einstweilen für »minder begabt«, obwohl es sehr oft vorkommt, daß so ein »Aschenbrödel« von jüngerem Bruder nachher im bürgerlichen Leben »was Tüchtiges vor sich bringt«, nachdem Ihro Durchlaucht oder Hochwürden-Gnaden der Herr Erstgeborene das eigene oder gar das gemeinschaftliche »Sächlein« längst zu »verstudieren« geruht haben, um dann auf mehr vornehmem als großem Fuße die »solide Prosa« eines dienstbaren »Herrenlebens« stricken zu lernen oder auf mehr freien als guten Sohlen das Trauerspiel eines »talentvollen« Kopfes fortzuspinnen. Diese Erscheinung war und ist so häufig, daß sie recht eigentlich der theologisch-bureaukratischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte angehört. Ein solcher Mitregent im Mutterhause kann nun binnen kurzer Zeit sehr verschiedene Gestalten annehmen. Er ist nach einer wahrhaft rührenden Unterredung mit der Mutter, lauter »Ideale« im Herzen, aus dem Hause gegangen; während seiner kurzen Abwesenheit hat sie ihn vollends zum Jüngling, zum Manne herangeträumt; und nun kommt er als »Gassenbube« heim. Aus dem so »gescheiten Buben« ist ein »dummer Junge«, der nicht einmal lateinische Verse herausbringt, die doch gemacht sein müssen, oder vielmehr aus dem »folgsamen« Knaben, den man »um den Finger wickeln« konnte, ein »Stock« geworden; und so geht es fort, bis das »weiche gute Kind« sich vollends in einen »wahren Teufel« verwandelt und der Wortwechsel mit den bittersten Tränen schließt. Meist fließen diese Tränen auf beiden Seiten, aber nicht zu gleicher Zeit; denn unsere meisten Männer, die ja schon in den »Buben« stecken, können bekanntlich selten Weibertränen vertragen; sie werden davon nur noch »wilder« und »wütischer«. Nun ist es an der Zeit, die andere Reichsgewalt zu Hilfe zu rufen, die »schräg« über der Straße drüben wohnt, oder vielmehr, nach örtlichem Sprachgebrauche, »sitzt«. Und diese versteht das Regieren aus dem Fundament, wenigstens nach dem alten Stil, weltlich und geistlich. Es gehört blutwenig dazu, denkt sie mit dem schwedischen Kanzler, wenn sie dessen Diktum kennt, aber gelernt will es sein und geübt, denn es ist nicht bloß eine Wissenschaft, sondern ein Handwerk, oder vielmehr eine Kunst. Zur Übung aber hat sie als reichsstädtische Pfarrerin alle Gelegenheit gehabt, und hat dabei auch gelernt, daß der bloße religiöse oder moralische Imperativ bei den alten Kindern nicht ausreicht, geschweige bei den jungen, sondern daß noch etwas mehr dazu gehört. Sie empfängt den »Buben«, auf dessen Gesichte Sonnenschein und Regenwetter streiten, mit ihrer immer gleichen Freundlichkeit, und wartet ab, bis er seinem Herzen Luft macht, oder, wenn dies zu lang dauert, so fragt sie, was es gegeben habe. Gewiß wird's wieder über den lateinischen Versen angegangen sein, setzt sie gleich hinzu: ich möchte nur auch wissen, warum man euch so mit diesen einfältigen lateinischen Versen plagt; ihr mögt ja nachher einen Beruf haben, welchen ihr wollt, so verlangt's kein Mensch mehr von euch; wozu soll's denn also gut sein? sollst denn du einmal deinen Bauern oder den Stadtleuten in lateinischen Versen predigen? – Das ist die rechte Tonart, um so mehr als sie zugleich unverfälscht ist; denn der »Bub« weiß ganz genau, daß die alte Frau kein Wort anders spricht, als sie es denkt. Nun geht es eine Weile in dieser Tonart fort, beide ereifern sich miteinander, und ihm wird immer wohler dabei. Wieder nach einer Weile fragt sie: Aber, Männlein, was hast du denn getan, daß deine Mutter sagt, sie könne nicht mehr Meister über dich werden? Du kannst doch sonst so ein braves Kind sein, wenn du willst. – Nun muß er beichten, und wenn er mit den »griffigsten« Ausdrücken, die er sich zu schulden kommen ließ, nicht zum zweitenmal herausrücken will, so hilft sie ihm freundnachbarlich nach, weil sie gewöhnlich recht gut weiß, was vorgefallen ist. Alsdann aber spricht sie deutsch mit ihm, jedoch nicht ein solches, wie man es gewöhnlich im Zusammenhange dieser Redensart versteht, und dennoch mit dem Erfolge, daß der »junge Herr« zu seiner eigenen Verwunderung plötzlich wie ein bis an den Kopf in den Boden geschlagener Nagel vor ihr sitzt und zu ihr aufschaut. Es liegt das rein in der Sprache. Die moderne Redeweise ist mehr eine Fechtart, die die Person des Redenden in den Vordergrund stellt und auf seinen persönlichen Hieb einen womöglich eben so persönlichen Gegenhieb herausfordert; und wenn es auch in dieser Fechtart eine verdeckte Klinge gibt, die scheinbar ins Blaue haut und den Gegner in den Nachteil setzt, den Hieb erst auf sich beziehen zu müssen, so ist das eine bloße Finte, die keinen täuschen kann. In der älteren Sprache dagegen tritt die eigene Meinung nicht zum Scheine, sondern in Wahrheit zurück, und es wird bloß ein allgemeines Gesetz ausgesprochen, in der Weise, daß die Person des Urteilenden sich ihm mehr unterwirft, als daß sie es »promulgiert«. Gleichwohl kann ein solches Urteil sehr grob lauten, gröber als ein moderner Grobian es zu geben wagt, aber die Grobheit geht von der Sprache aus, nicht vom Sprechenden, und eben darum wirkt auch das Urteil stärker als die stärksten modernen »Treffe«, ob diese nun in Finessen oder in Derbheiten bestehen mögen. War nun der junge Herr recht in den Boden geschlagen, so wurde er alsbald mit der liebreichsten Art wieder herausgezogen. Wollte er aber »aufbegehren«, so wurde ihm im ruhigsten Tone von der Welt erwidert: Wenn's dir bei mir nicht gefällt, so weißt du ja, wo der Zimmermann das Loch hinaus gemacht hat. Allein der Ton hatte nicht die geringste herausfordernde Beimischuug; er war von einem schalkhaften Lächeln begleitet und klang bloß wie eine Beteuerung, daß hier kein Kerker sei. Im Notfall baute sie auch noch eine goldene Brücke hinzu, indem sie beifügte: Ich sage das bloß für den Fall, daß du hinaus willst ; denn du weißt ja, wie lieb ich dich hab' und wie du mir immer willkommen bist; drum wird es gescheiter sein, du machst deine Verse heut bei mir , und bis morgen ist alles wieder im Gleis; ich weiß ja, du hast deine Mutter noch lieber als mich, und da tust du auch recht dran, denn sie ist dir ja Vater und Mutter zugleich. Gewöhnlich waren nach einem solchen Vorgang die Verse bald fertig, und dann wurde der Abend auf die allerlustigste Weise verbracht; denn die alte Frau konnte, obwohl sie in nicht gemeinem Grad verständig war, doch ein ausbündiger Kindskopf mit einem Kinde sein. Oft kam dann noch die Mutter herüber, oder es wurden wenigstens Friedensbotschaften ausgewechselt, und der ganze Krieg hatte ein um so innigeres Einvernehmen zur Folge. Aber nicht immer ging es so gut, und das stille Witwenstüblein erlebte Stunden der düstersten Poetenverzweiflung. In eine solche versetzen wir uns jetzt. Der arme »Bub« hat alle Götter nacheinander angerufen, auch den mit dem Gerbersgeruch, den griechisch-lateinischen Poetenschinder Apollo, aber vergebens, keiner will über ihn kommen. Dazu ist der Abend zum Erschrecken vorgerückt. Die Uhr steht still, nämlich die alte Sanduhr, deren sich der selige Pfarrherr ehedessen auf der Kanzel bedient hatte und die nun seinem vermeintlichen Nachfolger als etwas »Apartes« eingeräumt ist, um die Arbeitszeit daran zu messen. So oft er sie aber auch umgekehrt hat diesen Abend, nichts ist unten herausgekommen, nicht einmal Kleie oder Spreu, nichts als Sand und immer wieder Sand, und deshalb hat er sie mürrisch auf die Seite geschoben. Dafür ist die andere Uhr inzwischen um so fleißiger gegangen, die alte kleine Standuhr mit dem vergoldeten Schnitz- und Schnörkelwert, die auf dem Nußbaumschranke drüben steht; und, o alle neun Musen, ihr alten Jungfern! sie schlägt jetzt halb zehn Uhr, und ihr habt mir noch nicht einmal einen Hexameter beschert. Um zehn Uhr aber ist's Matthäi am letzten, denn die alte Frau hat ihre feste Hausordnung, »da beißt die Maus keinen Faden davon«. Um zehn Uhr muß der künftige Pfarrherr in den federweichen Bodensee unter dem großen Himmel springen, während die ehemalige Pfarrfrau in der schmalen Bucht unter dem kleineren Himmel vor Anker geht, nicht ohne zuvor mit herzlichem Flehen und innigem Seufzen – er hört's oft bis in seine Kammer hinaus – den Überwinder der Welt um Schutz vor der Angst und Not dieser Welt zu bitten. Warum hat doch selbst die echteste Frömmigkeit, die immer so heiter und gottvertrauend ist, manchmal wieder so bittere Angst vor den bösen Mächten dieser Welt? Sind sie denn immer noch nicht überwunden? Und wenn eine alte gute deutsche Christin den Stab der Hoffnung, daß die Welt überwunden sei, nicht immer ganz fest in der Hand fühlt, so wird doch wohl auch ein kleiner schwacher lateinischer Blocksbergsreisender, dem bei jedem Schritt die skandierenden Knie einbrechen, über der Angst und Not der Welt ein wenig vergehen dürfen. Den schlechten Poeten hilft er nun einmal nicht, der liebe Gott, da läßt er sich nichts abbetteln, und es wäre auch eine unbillige Zumutung, denn er müßte dann wahrhaftig einen der nützlichsten Zweige des nützlichen Gerberhandwerks verdorren lassen. Aber irgend ein Deus ex machina muß in dieser halben Stunde noch helfen, sonst geht's diesmal »letz«. Es ist zwar erst Samstagabend, und wir haben also noch einen ganzen Tag vor uns, aber der ist zu einem »gottvollen« Ausflug bestimmt. Auf Montag früh ist kein Verlaß, wir kennen diese Montagmorgen, und zumal nach einem Gebirgsmarsch wird er etwas »bläulich« sein. Ohne Verse kommen? Das haben wir letzten Montag probiert, haben das Exercitienheft getrost zum »Einsammeln« hergegeben, und wie es hernach aufgeschlagen wurde, so stand hinter dem lateinischen und dem griechischen »Argumentlein«, da wo der Nachtisch mit dem bewußten Backwerk hätte folgen sollen, nichts als ein heroisches »Invita Minerva!« Aber die »Diktion«, obgleich echt »antik« und »klassisch«, war »modern«, ja »revolutionär« befunden worden; und kein Volk macht eine verunglückte Revolution nach acht Tagen zum zweitenmal. Es wäre auch »kein Witz«. Welche Macht, o Muse, muß »jetzo« angerufen werden, nachdem der Olymp und der Acheron vergeblich bestürmt worden sind? Ich lache dich aus, alte Kamöne, denn du weißt es nicht. Und geholfen muß bis zehn Uhr werden, also mit Eisenbahngeschwindigkeit, während doch die Eisenbahn noch in so weiter, weiter Ferne steht! Du spitzest den Mund und lächelst? Ja, du warst ein wunderschönes Hexlein zu deiner Zeit, und hast deinen »Machern«, Hof- und Versemachern, manche stolze Dampfbahn gebaut. Mich aber hast du den ganzen Abend auf's schnödeste sitzen lassen, darum will ich auch nichts mehr von dir. Aus deiner Ecke, abgedankte »Tochter Jovis«, kannst du jetzt zusehen, wie eine alte Pfarrerin statt deiner die Verse »macht«, ohne Hexerei, ohne den Gradus ihres Seligen, ohne ein Wort Latein zu verstehen. Die alte Frau hat den ganzen Abend still und ruhig fortgestrickt, obgleich ihre Augen, und sie hat trotz ihrer Jahre noch sehr gute Augen, ihr schon längst heimlich erzählt haben, daß es auf dem Parnaß »getreu« aussieht, nämlich übel. Sie tut aber nicht »desgleichen«, denn sie weiß, wiewohl aus keinem Epos, daß der Deus ex machina , nicht eher einspringen kann, als bis die Not ihren Gipfel erreicht hat. Dieser günstige Zeitpunkt ist eben jetzt mit dem Glockenschlage halb zehn Uhr eingetreten. Zugleich mit diesem Schlage hat sie ihren Strumpf absolviert und legt ihn nun mit einem seelenvergnügten Aufatmen weg. Gottlob, daß der langweilige Strumpf fertig ist! beginnt sie. Nun könnten wir wohl noch ein halbes Stündlein miteinander schwätzen. Du hast ja den ganzen Abend noch den Schnabel nicht aufgetan. Sei nur nicht gar zu fleißig. Du übertreibst's, die Herren können doch nicht wollen, daß du dich zu schanden rackerst. Vier Verse könnten für heut auch genug sein. Oder hast schon sechs? Welches Fegefeuer, Tropfen um Tropfen, auf eine arme gepreßte sterile Poetenseele! Mit ersterbenden Blicken reiche ich ihr das Papier, und sie überzeugt sich in der Nähe, daß sie aus der Ferne richtig gesehen hat. Aber Männlein, was ist das? »Hier ist nichts und da ist nichts, und aus nichts hat Gott die Welt erschaffen?« Dies war die wohlbekannte Geschichte von der Stegreifpredigt, die auch schon zuzeiten Wunder bei mir getan hatte. Heute aber war sie abgenutzt. Bist denn mit deinen Gedanken im Pfefferland gewesen? fährt sie fort. Oder gehst du morgen nicht mit auf den Jungfernfelsen? Da hatte sie nun meine Meinung keineswegs getroffen. Ich wollte freilich auf den Jungfernfelsen, nur nicht auf den Parnaß. Ja, dann müssen aber die Verse heut noch gemacht sein. Was würde deine Mutter sagen? Sie würde ja glauben, ich habe dich zum Müßiggang verleitet. Und sag' mir nur nicht, du bringest nichts heraus. Du kannst alles, was du willst. Es kommt ganz darauf an, in welcher Fassung, mit welchem Ton und bei welchem Anlaß die letzten Worte gesprochen werden: denn ungeschickt angebracht, können sie den Zweck völlig verfehlen. Und schaffst ja sonst so gern, oft mehr, als man von dir verlangt. Hast du nicht heut einen lateinischen Brief geschrieben, den man drucken lassen könnte? O wie wahr! Ganz das nämliche hatte ich ja selbst erst vorhin zu mir gesagt, und jetzt, wo die alte Frau es gleichfalls sagte, mußte es zweimal wahr sein. Sie hatte freilich den Brief nicht gelesen, und das aus guten Gründen, sie hatte ihn bloß gesehen, weil er an ihrem Tische geschrieben worden war; da aber alles richtig war, was sie sagte, selbst das Unangenehme, warum sollte nicht auch das Angenehme richtig sein? Die Mutter pflegte bei solchen Gelegenheiten den Kopf zu schütteln, denn sie meinte, man brauche die jungen Leute nicht noch eitler zu machen, als sie von selbst schon seien. Die alte Frau dagegen war der Ansicht, es sei besser, diese Eitelkeit hie und da ein wenig zu streicheln, bis sie das Pfötchen hervorstrecke, weil man ihr dann eher die Kralle beschneiden könne, das eine Mal obenhin, das andre Mal »behäber«, je nachdem es eben die Umstände mit sich bringen. Diesmal war nicht viel mit der Schere zu machen, denn der »Bub«, obgleich bis in den Grund des Herzens geschmeichelt, erwiderte, der Brief, wenn er auch von Cicero selbst geschrieben wäre, was doch gute Wege habe, sei eben in Prosa geschrieben, und das sei eben »was anderes«. Jetzt muß ich aber lachen! ruft die alte Frau. Zu einem Brief gehört doch Kopfschmalz, und in den Versen ist man mit einem »Plumpidibum« zufrieden; ich hör's ja allemal, wie's beim Durchlesen tut. Wer wird sich denn so vor den dummen Versen fürchten? Ich tät' mich ja schämen, setzt sie ganz grob hinzu, vor den dummen Versen so einen dummen Respekt zu haben. Nun regt sich's in der ledernen Poetenader. Aus Geringschätzung etwas zu tun, was man nicht »mit Freudigkeit, um Gottes Willen« vollbringen kann, das ist wenigstens »pikant«. Da jedoch über dem Gespräch noch fünf weitere Minuten verflossen sind, somit vermehrte Pferde- und Dampfkraft nötig wird, so beschließt die alte Frau, die Sache noch pikanter zu machen, und etwas »saftig« nebenbei. Wenn ich jetzt doch nicht mit dir sprechen kann, sagt sie, so will ich lieber einen neuen Strumpf anfangen. Wollen wir sehen, wer am schnellsten vorwärts kommt? Mit diesen Worten bietet sie eine förmliche Wette an und renommiert dabei auf eine Weise, die ganz gegen ihre Gewohnheit ist. Sie bezeichnet am Finger ein Gestricklängenmaß, das keine Hexe in der angegebenen Zeit zustande brächte, und setzt es je gegen einen Vers. »Nunmehro« kommen wir ins Fahrwasser. Der »Ehrgeiz« ist angeregt. Das ist aber etwas anderes als die »Ambition« der Schule, ist auch nicht jener Ehrgeiz, der in des Lebens »Rennlaufbahn«, auf deutsch Karriere, vorgespannt wird. So wenig zwar der »Bub« geneigt war, sich im »Exponieren« und »Komponieren«, das heißt, im prosaischen Lernen, von seinen Kameraden »lumpen« zu lassen, so gleichgültig war ihm doch die Konkurrenz in der Poeterei, denn er gab um die Verse der andern ebensowenig einen Kreuzer wie um seine eigenen. Ja, mit einer fleißigen Strumpfstrickerin zu konkurrieren, das konnte sich eher der Mühe lohnen, weil da wenigstens auf einer von beiden Seiten etwas Nützliches zustande kam; aber der »Bub« hätte sehr »auf den Kopf gefallen« sein müssen, wenn er nicht die Absicht der Strickerin durchschaut hätte. Beide waren durchaus verwandte Naturen, welche die Eulenspiegelei, sich gegenseitig mit stillem Bewußtsein voneinander überlisten zu lassen, schon oft in usum Delphini , das heißt, zum Nutzen des jüngern Teils, miteinander aufgeführt hatten. Der Ehrgeiz bestand also darin , jetzt endlich, nach einem trübseligen Abend, Glock' halb zehn Uhr, zu begreifen, daß es gescheiter sei, aus dem »dummen« Ernst einen vernünftigen Spaß zu machen, oder, wie dies später auf der Universität ausgedrückt wurde, »des Lebens Unverstand mit Wehmut zu genießen«. Der arme kleine Poet hatte auch den ganzen Abend nach dieser Art von Wehmut geseufzt, aber die alte Frau hatte ihn weislich zappeln lassen, weil sie sich sagte, daß sie ja doch nicht sein Lebenlang neben ihm sitzen bleiben könne, um ihn zu allen Drachenkämpfen mit dem »Unverstand des Lebens« durch ihren Strickstrumpf zu inspirieren. Eine Wette aber muß auch ihren Preis haben, und nun geht die alte Frau an den Schrank, nicht an den, der die Standuhr trägt, sondern an den gegenüberstehenden mit dem eingebogenen Aufsatze von altkünstlerischer Arbeit, und öffnet die Türe, hinter welcher allerlei Kostbarkeiten und Reliquien verwahrt sind. Was bringt sie hervor? Vier Äpfel, etwas bleichsichtig, aber die Bäcklein rötlich angehaucht, kurz, die ersten reifen Jakobiäpfel, die ersten Äpfel des Jahres, in die der Sieger kecklich beißen darf, denn die alte Frau ist Kennerin und gibt nichts Unreifes her. Dieser Anblick ist nun wahrhaft niederschmetternd für den Ehrgeiz des jungen Herrn, denn auch er hat heute nach der Schule seinen Spaziergang durch verschiedene »angestammte Territorien« gemacht, um zu »inspizieren«, zu »spionieren«, zu »loschoren«, aber er hat das kleine Bäumchen übersehen, von dem doch schon letzten Winter so viel gesprochen worden und das diesen Sommer allen andern zuvorgekommen ist. Es gibt unter den Bäumen weit frühreifere Kinder als unter den Menschen, und obendrein sind jene fruchtbringend, wogegen diese sehr oft nur taube Blüten tragen. Sieh, Lieber, sagt die alte Frau, indem sie die vier Äpfel auf den Tisch legt, ich habe sie eigentlich dir bestimmt gehabt, aber erst auf morgen für unterwegs. Jetzt steht's anders, und ich kann dir nicht helfen, jetzt gehören sie eben dem, der gewinnt. Auch diese Kriegslist war leicht zu durchschauen, aber sich täuschen zu lassen, war ja eine noch größere. Eben darum bekam die Sache jetzt ein sehr ernstes Aussehen, und über dem »Pathos«, das die vier Jakobiäpfel hervorbrachten, verschwand vollends der natürliche Ekel vor dem mechanischen »Organismus« der Poeterei, wenigstens auf eine halbe Stunde. Die beiden Musen, die Strickmuse und die Skandiermuse, begannen ihren Wettlauf. Die erstere in ihrer Herzensangst, daß sie zu früh fertig werden könnte, ließ Masche um Masche fallen, um sie mühselig wieder aufzunehmen; denn die »Ökonomie« dieses »Eposses« war ja darauf angelegt, daß die »Kopfarbeit« über die »Handarbeit« siegen sollte. Die Skandiermuse dagegen ließ halbe und ganze Füße dahinten, mit dem Vorbehalt, sie in der blauen oder grauen Frühe des Montags nachzutragen. Ich glaube es heute noch nicht, aber es ist dennoch buchstäblich wahr, daß noch vor zehn Uhr die vier Äpfel gewonnen waren, nur mit dem Unstern, daß ich, wie dies leicht in der Geschwindigkeit geschieht, dem »Gedanken« die Schuhe zu weit angemessen hatte und deshalb, weil man nicht wohl mit einem Komma aufhören kann, noch ein fünftes Distichon dreinzugeben genötigt war, dem es überlassen blieb, sich, wie jede Tugend, selbst zu belohnen. Aber mit dem letzten Glockenschlage der zehnten Stunde war auch das letzte Glied der Mißgeburt fertig, nämlich die erste Hälfte des fünften Pentameters, welche der zweiten, wie Serah dem Perez, nachgeboren wurde. Nur war das kein organischer Hergang, wie bei der immerhin wundersamen Geburt der beiden Patriarchenzwillinge, sondern ein rein »technischer«, nach Art des Mechanikers, der begreiflicherweise zuerst die hauptsächlichsten Fugen, Schließen und Klappen fertig macht, und dann erst das Nebenwerk. Die gleiche kluge Vorsicht wird freilich oft genug auch bei der deutschen Reimkunst beobachtet; doch gibt es da Geburten, bei welchen, zur eigenen Überraschung des »Machers«, aus dem lebendigen Gedanken die lebendigen Reime sich von selbst machen; dieses Wunder aber hat die Sprache bis jetzt auch ihren besten Lieblingen nicht immer, sondern nur an besonderen Feiertagen beschert. Nun saßen die beiden Schälke einander eine Weile mit ernsthaften politischen Gesichtern gegenüber, wie zwei Schachspieler, die nach beendigtem Spiele Sieg und Niederlage mit Anstand zu tragen wissen, oder wie Scipio und Hannibal in jener berühmten Stunde, in der sie über die Frage, wer der größte Feldherr des Jahrhunderts sei, ihre lateinischen »Komplimente« wechselten. Der junge Schalk aber, nachdem er in den ersten der ersiegten Äpfel gebissen hatte und den ersten frischen Eindruck dieses Naturgedichts verspürte, konnte nicht umhin, auf seine eigenen Unkosten, wie er wohl voraus wußte, »den Hasen aus dem Busch zu jagen«. Er stellte sich nämlich jetzt, als ob er sich für den rechtmäßigsten Sieger auf Erden hielte, und krähte sein Siegeslied, mit dem Zeigefinger der rechten Hand an dem der linken schabend, so endlos fort, bis die alte Frau die Geduld verlor und nun gleichfalls losbrach. Gelt, ich hab' dich drangekriegt! rief sie. Was steht jetzt auf deinem Papier? Fünf bare blanke Verse, sie glänzen noch von der nassen Tinte! Zu was sind nun die »Physimathenten« und »Umstände« nötig gewesen? Hättest nicht von selber fertig werden können? Und willst mich noch einmal anlügen, du bringest nichts heraus? O Lieber, Lieber, wenn ich's vermöchte und wenn ich immer um dich sein könnte, so wollt' ich ja gern alle harte »Brettlein« für dich bohren. Aber du weißt ja: » Selbst ist der Mann!« heißt's im Sprichwort. Ja, wenn man nur die Bretter bohren dürfte, zu denen man Lust und Liebe hat, da wär' die Kunst nicht so groß. Aber wähl' deinen Beruf wie du willst, es werden dir überall solche unter die Hände kommen, die du nicht bohren magst und doch bohren mußt. Was hilft's dich dann, wenn du sagst, es sei eine Dummheit, und wenn du zehnmal recht hast? Die Welt ist eben stärker als wir. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo die Menschen nicht mehr mit so viel unnötigem Zeug geplagt werden; aber das muß man dem lieben Gott anheimstellen. Er weiß am besten, was seinen Kindern gut ist. Und sag' nur nicht mehr, wenn's einen Herrgott gäbe, so müßtest du keine lateinische Verse machen. Sieh, das tut mir allemal so weh, und deiner Mutter auch; und du glaubst's doch selber nicht, es ist nur so ein dummes Geschwätz. Das war nun freilich wieder eine Grobheit, und zwar diesmal eine persönliche, die sich nicht im Hintergrunde hielt. Aber bei der Denkungsart der alten Frau waren die Reden, auf die sie anspielte, für sie ebenfalls persönliche Beleidigungen; denn niemand hört gern seinen Vater lästern. Ich war also schon gewöhnt, mir solche Erwiderungen mit dem Sprichwort: »Wie man in den Wald schreit, so hallt's wieder heraus«, zurechtzulegen. Zudem war ich eben am »Butzen« des Apfels angekommen und fand ihn so merkwürdig zart, daß ich ihn mit Haut und Haar zu schlucken beschloß, wobei sodann die Grobheit in aller Stille mit hinunter ging. Jetzt les nur die Verse geschwind noch durch, daß kein Fehler drin stehen bleibt. Ich will noch so lang warten. Darauf hatten wir nicht gewettet. »Gebiete mir was menschlich ist!« Und menschlich konnte es nicht sein, denn der bloße Gedanke machte mir Empfindungen, die mich versicherten, daß, wenn der Apfel bei mir bleiben solle, auf diese Durchsicht für jetzt verzichtet werden müsse. Ein traurig sanftes Kopfschütteln war meine Antwort, worauf die alte Frau sich zufrieden gab und das Buch mit dem Abendsegen zur Hand nahm, um ihr Gemüt nunmehr von irdischen Mühen und Sorgen abzulenken. Dabei wußte sie freilich nicht, obwohl ihr eine Ahnung davon durch die Seele geflogen, wie sehr der lateinische Strumpf, den sie zuwege gebracht hatte, benötigt war, daß sie ihn auch zu flicken verstanden hätte. Denn am Montag früh nahm ich zwar noch einige gewissenhafte chirurgische Operationen mit ihm vor, aber gerade über diesem Geschäfte übersah ich jenes verhängnisvolle, von der Grammatik als »einzige Lesart« zu verzeichnende » Poteret «, mit welchem ich im unbewußten Geistesdrange die richtige Mitte zwischen Impotenz und Omnipotenz zu erstraucheln gesucht hatte. Es machte mich auf acht Tage zu einem berühmten Mann, und blieb unsterblich, so lang' mein Exercitienheft vorhielt, worin es am Falze von »höherer Hand« durch ein »greulich Zeichen«, einen »Unhold im Haus des Lebens« verewigt war. Und dieser Schaden Josefs mußte auch gerade im fünften Distichon stehen, im freiwilligen! O sauer erworbener Ruhm! o bitterer Lohn der Tugend! Da mochte man wohl mit dem Sprichwort sagen: »Ein Schelm, der mehr tut als er soll!« So bleibt also der Nürnberger Trichter, auch wenn er durch Weiberlist und Weibertreue zum Grünen und Ausschlagen gebracht werden konnte, doch immer ein gefährliches Instrument. Welch eine angenehme Entdeckung daher für eine strebsame Jugend, als sie später eine so wesentliche Verbesserung desselben, wie der Königsberger Trichter ist, zuhanden bekam! Das ist kein toter Stecken, sondern ein wirklicher, lebendiger Baum, der seine Wurzeln tief in den schaffenden Grund hinunter streckt, und seine Äste oft hoch und weit verbreitet. Seine Inschrift, wenn man ihn im botanischen Garten klassifiziert findet, heißt bekanntlich: »Du kannst, denn du sollst!« Alles kann er nun zwar nicht, doch vermag er viel . Mit einem Reis von diesem Baume kann man über den Höllenschlund mancher »blassen Unmöglichkeit« setzen, um es jenseits in den mütterlichen Boden der Möglichkeit und Wirklichkeit zu pflanzen. Zwar geht die Reise oft hart am Teufel vorbei, aber er behält das Nachsehen; zwar haben die Früchte des Baumes oft lang einen herben Holzapfelgeschmack, aber man weiß ja, daß gerade diese Arten sich besonders zur Veredlung eignen. Ich kann just keine genaue Rechenschaft geben, wie weit ich mit dem Pfropfen gekommen bin; wenn mir aber meine Äpfel schon gar zu sehr den Mund zusammengezogen haben, so habe ich beide Augen zugedrückt und in die Vergangenheit zurückgeschaut. Da sah ich gleich wieder die alte, fromme, heitere, schalkhafte Frau am Tische sitzen; sie hatte den resoluten Strickstrumpf in den Händen, durch den sie deutsch und im Notfall auch lateinisch reden konnte, und lachte mich wieder wegen meiner »Physimathenten« aus. Dies ist zwar keine gotische, aber doch eine ländlich-sittliche Redensart, die man anwendet, wenn jemand sich ziert, etwas zu genießen, was ihm nun doch einmal vorgesetzt und aufgewartet ist. Alsdann mußte ich gleich mitlachen, wie wir so oft miteinander gelacht haben, und in demselben Augenblick hatte ich statt des Holzapfels wieder einen Jakobiapfel im Munde. Ich weiß wohl, es ist nicht spartanisch, und im Schlachtruf der alten Königsberger Garde steht nichts von Jakobiäpfeln; aber wenn es eben vom Sollen zum Können kommen soll, so muß man den Menschen oder der Mensch sich selbst nicht bloß nach dem Maße seiner Kraft, sondern auch nach dem Maße seiner Schwachheit regieren, und darum hilft mir der Königsberger Trichter am besten dann, wenn ich ihn wie ein Fernrohr ins Witwenstüblein meiner alten hilfreichen Minerva richte. Sie war von den Letzten einer heimgegangenen Familiengeneration, von einem Geschlechte der »alten Welt«, dessen Gesinnungen vornehmlich in den Frauen lebten. Diese waren es, die den Gemeinsinn in der Familie pflegten: aufmerksam saßen sie in der Mitte der »Sippschaft« und blickten nach allen Seiten hin, der entfernteste Verwandte wurde nicht übersehen, jeder sollte es gut haben und eher die ganze Familie gegen eine Welt in Waffen treten, als sich in einem einzigen Gliede beschädigen lassen. Wer heranwachsend die letzten Trümmer einer solchen Vorwelt noch erlebt hat, dem ist in der Familie das Bild einer mittelalterlichen Stadtgemeinde aufgegangen: im Innern beständige Bewegung, worin sich harte, scharfe Ecken aneinander reiben, bis ein äußerer Feind an die Tore klopft, und nun plötzlich alles mauerfest zusammensteht und zusammenhält. Das Stadtleben hat sich zum Staatsleben, das Familienleben gar zum Weltleben erweitert. Der Kreis, der oft so liebreich im engen Umfange hoher Mauern beisammen »saß«, ist auseinandergesprengt, zum Teil weit in die Lande hinaus, zum Teil selbst über den »großen Bach« hinüber, und der Familiengeist, für den die Welt zu weit und zu breit geworden ist, blickt in hilfloser Trauer nach, und gedenkt »der Tage, die vorüber sind«, der Tage, wo die Familie noch ihre Angehörigen halten und tragen konnte, wo jedem noch unter den Seinen weich gebettet war. Und nach dem frühen Tode der Mutter fand auch der jüngere Sohn bei der alten Frau sein weiches, warmes Nest, während dem älteren ihre Briefe ins akademische Leben folgten, gewöhnlich kleine abgerissene Papierschnitzel mit wenigen Herzensworten voll Sorge und Liebe, an jedem Botentage einer. Guter Gott, was war das für eine »Orthographie«! Die deutsche Schule, die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts pflichtlich und treulich lehrte, muß sich gegen das Ende desselben unbegreiflich verschlechtert haben. Man sieht dies an alten Handschriften aus dem Familienleben. Die alte Frau aber wußte für alles Rat, und mit der schlechten Feder, mit der sie von der Schule ausgestattet war, brachte sie einen Satz zustande, der »sich gewaschen hatte«. Nur mußte man ihn lesen können. Ihre Schrift glich nicht der Bilderschrift, die von verschiedenen Völkern in verschiedenen Sprachen gleichmäßig gelesen wird, sondern sie hatte sich eine Art von Gehörs hieroglyphen zurechtgemacht, die fast noch schwerer zu entziffern waren. Wie sie nämlich ihre Gedanken nach der Eingebung des Herzens frisch und warm auf das Papier warf, so schrieb sie alle Wörter bloß dem Laute nach, und man mußte nicht nur mit ihrem Gedankengang, sondern auch mit ihrer Aussprache aufs genaueste vertraut sein, man mußte das Auge in Ruhestand versetzen und mit dem Ohre lesen, wenn man diese Geheimschrift, worin oft ganze Worte maskiert auftraten, enträtseln wollte. Kind, sagte sie eines Tages zu mir, – denn seit ich größer geworden war, nannte sie mich nicht mehr »Männlein«, sondern »Kind«, wogegen der Herr Studiosus, zwar kein Elegant, doch »Herr« genug war, das altfränkische »Frau Dote« nicht mehr über die Lippen bringen zu können, – Kind, jetzt gesteh mir nur aufrichtig, ob du dir nicht den Hals voll lachst über meine Briefe? – Aufrichtig zu gestehen, Tante, ich muß manchmal herzlich, lachen. – So, ist das auch recht, eine alte Frau auszulachen, die es so gut mit dir meint? – Liebste Tante, ich lache dich nicht aus, mein Lachen geht aus einer anderen Tonart. – Wie denn das? – Ich kann dir nicht deutlich sagen wie's zusammenhängt, aber wie man oft lachen muß, wenn ein Kind etwas recht Gescheites sagt, so geht's mir gerade mit deinen Briefen, wenn ich die wunderlichen Kratzfüße mit dem prächtigen Inhalt vergleiche; ich habe den herzlichsten Respekt davor, und muß doch lachen. – Nun, so will ich mir's gefallen lassen, aber nur nicht auslachen! das kann ich nicht leiden; und das bitt' ich mir auch aus, daß du sie deinen guten Freunden nicht zeigst, ich müßte mich ja schämen. – Sei ruhig, ich halte sie geheim wie Liebesbriefe. Es war auch in der Tat eine vollkommene Liebschaft, die in fliegenden Zetteln und leidenschaftlichen Besuchen eifrig gepflegt wurde. Die letzteren konnten, da die Entfernung nur wenige Wegstunden betrug, zu Pferde leicht ausgeführt werden. Da wurden denn wieder einmal holprige Hexameter und hinkende Pentameter auf gejagten Musenrossen zurückgelegt, und es war gerade wieder wie damals: viel Geschwindigkeit aber wenig Hexerei. Ein demolierter Steinhaufen am »Burgholz« erzählte eine Zeitlang als Denkmal von einem solchen Reiterstücklein, das man perfekt mit Poteret hätte übersetzen können; jedoch ein »guter« Kopf zerbricht nicht so leicht, er schlägt eher noch ein paar Steine zusammen. Die Hufschläge jener lahmen Studentenpferde aber haben wahrlich manche lebendige Quelle aus dem Boden geschlagen, nicht auf der Straße, sondern im Witwenstüblein. Ja, sie hatte es richtig vorausgesagt, die Welt war mir zu stark und zu klug geworden. Es gab Stunden, wo ich mit niemand mehr zu reden verstand als mit ihr. Sie wußte sich in ihr gutes Deutsch zu übersetzen, was ich zu ihr in schlechtem Latein redete, vielleicht eben weil die entferntesten Richtungen sich besser miteinander vertragen, als mit den mittleren, dazwischen liegenden. Ja, sie verzieh mir, daß ich ihre liebste Hoffnung nicht erfüllte und alle jene Träume, die sie sich während meiner Knabenzeit ausgemalt hatte, zunichte zu machen begann. Bleib du nur bei der Wahrheit, sagte sie, und denke, was du jetzt nicht begreifest, das wolle dir Gott für jetzt nicht auferlegen. Es ist besser, du folgst deiner Überzeugung, als du redest und handelst wider sie. Sei aber auch nicht trotzig, sondern halte dein Herz offen, daß dich die Wahrheit allezeit finden kann. – Erriet sie aber aus den Reden des »Schmerzenskindes« oder noch mehr aus der stummen Zurückhaltung seiner Briefe den Trotz und die Bitterkeit, die ein junges Herz in den Wirrnissen dieses Lebens ergreifen können, so antwortete sie mit einem Bibelspruch, in der Hoffnung, daß doch vielleicht etwas davon »hängen bleiben« könnte. Dagegen war es ihr beschieden, auch einmal von einem meiner Propheten erbaut zu werden und mir hierdurch eine Überraschung zu bereiten, die mir oft durch Schriften sehr entgegengesetzter Art wieder ins Gedächtnis gerufen wird. An einem Ostertag, ich war eben in der »Vakanz« auf Besuch bei ihr und hatte einen Ausgang gemacht, fand ich sie beim Heimkommen an dem aufgeklappten Schranke, den sie mir zum »Studieren« eingeräumt hatte, über einem Band von Goethe . Ich war bei diesem Anblick ein wenig betroffen, denn die Bücher, die ich mitzubringen pflegte, hatten mit den ihrigen immer friedlich zusammen gehaust, indem wir beide den Grundsatz beobachteten, »jedem das Seine« zu lassen. Wie wurde mir aber, als die alte Frau mit sonnenheller Freundlichkeit zu mir aufsah und mir entgegenrief, sie sei in meiner Abwesenheit zufällig bei mir zu Gaste geraten und habe sich wahrhaft gelabt! Kind, fuhr sie fort, da sagen sie immer, der Goethe sei so ein arger Heide, ich glaub's aber nicht, denn das ist ja ein ganz gottesfürchtiger Mann . – Diese Worte sprach sie mit dem feierlichen Tone, den sie annehmen konnte, wenn von einem großen Kirchenlehrer die Rede war. Ich zuckte zusammen, nicht über ihre Worte, sondern über den Lärm, der mir in beiden Ohren gellte, denn ich sah mich im Geist umringt von meinen jungen »Brüdern im Herrn«, dicken und mageren, und hörte das »unauslöschliche« Gelächter, das sie bei diesem »Diktum« aufschlugen. Zum Lachen aber fand ich nicht den mindesten Grund, denn ich wußte recht gut, daß die alte Frau nichts las, ohne der Frage zu gedenken: »Verstehest du auch, was du liesest?« Sie gab mir das Buch und bezeichnete die Blätter. Es war eine von den seltenen Stellen, wo der Dichter, nicht durch die Blume eines »christlichen Parnasses«, sondern unverhüllt, von Gott und göttlicher Führung spricht. Man sieht's ihm bei jedem Wort an, setzte sie hinzu, daß er ein Mann ist, der nichts zum Schein sagt. Mach du nur ruhig fort und laß dich nicht anfechten. Der Mann wird dir gewiß keinen Schaden bringen. Von da an klagten ihre Briefe immer stärker über den Husten, den »bösen Kerl«, und verrieten immer mehr das Zittern ihrer Hand. Der Sommer brütete eines jener Segensjahre aus, die meist mit Menschenopfern aus der Kindheit und dem hohen Alter erkauft werden müssen, und während sie mir von dem herrlichen Stande ihrer Reben schrieb, war sie selbst schon um die Zeit der Ernte für die Sense des Schnitters gereift. Ich hatte stets ein Pferd bereit stehen, saß beinahe täglich an ihrem Bett, und sah mit verzweifelnder Gewißheit, wie das teure Leben nach und nach erlosch. Sie aber war heiter, das Meer des Irdischen rauschte tief und unvernehmlich unter ihr, alle Sorgen um ihr Schmerzenskind, wie sie mich so oft genannt, hatte sie dem niederen Dunstkreise, dem sie sich schon zu entheben begann, zurückgelassen. Nur wenn sie mich ungebärdig sah, versprach sie mir, wieder gesund zu werden. So schieden wir an einem Augustabend unter tröstlichen Gesprächen, und noch einmal saß die Hoffnung mit mir zu Pferde, aber am anderen Morgen hinkte mir die Todesbotschaft nach. In einsamen Dämmerstunden, wenn die Lieben, die dem späteren Leben zum Ersatze der Verlorenen geschenkt wurden, nicht zugegen sind, da tut es dem Herzen wohl, die freundliche Gesellschaft alter glücklicher Zeiten um sich zu versammeln. Vor dem träumenden Auge steigt es wie Nebel auf, die Wände, die Gerätschaften wandeln sich, und der Knabe sitzt wieder in dem Stüblein, wo er so heimisch war. Draußen pfeift der Sturm, Flocken rieseln an die Fenster, aber er hat den Tisch zum warmen Ofen gerückt und blättert in der alten Türkenkriegschronik, betrachtet den Kaiser Leopold mit den dicken Lippen, den jungen schönen Josef I. im Krönungszuge, wohnt den Belagerungen von Belgrad bei, folgt den Bomben und Granaten, deren Flug zu mehrerer Deutlichkeit durch Bogenstriche versinnlicht ist, und berechnet, wo sie niederfallen werden. Die alte Anna Marei ist strickend neben ihm eingenickt, der Star schläft in der Ecke, der Kanarienvogel spricht hie und da im Traume, die kleine Standuhr auf dem Schranke hat schon neun Uhr geschlagen, und der Pendel geht heute in langsamen schläfrigen Schwingungen, aber die alte Frau sitzt mit wackeren Augen da und läßt ihre Spindel munter auf dem Boden tanzen. Frau Dote, sagte ich und klappte die Chronik zu, ich bin ganz müde vom Lesen, die Augen tun mir weh, jetzt erzähl' du mir noch eine Geschichte, bevor wir schlafen gehen. Was soll ich denn erzählen? Du weißt ja wohl, aus der alten Zeit, wo wir noch unsere eigene Regierung hatten. Ei, was weißt du von eigener Regierung, kleiner Kannengießer, sei du zufrieden, daß es so geworden ist! Du hättest deine Rechnung schlecht gefunden bei der alten Wirtschaft; damals gab man nicht viel um die Studierten. Aber die Geschichten von damals gefallen mir eben besser als die jetzigen. Geh, Frau Dote, es ist dir selber nicht Ernst mit dem, was du sagst! Von was soll ich denn aber erzählen? erwiderte sie ausweichend: ich habe dir ja schon längst alles gesagt, was ich weiß. Besinne dich doch, du weißt immer wieder was Neues. Nun ja, da fällt mir eben etwas ein, sagte sie lächelnd. Soll ich dir vom Urban und der Margarete erzählen, auf welche wunderbare Art es zugegangen ist, daß sie ein Paar wurden? O ja, bitte, bitte! Wer war denn die Margarete? Margarete war eines Ratsherrn Tochter von hier und wurde seit ihrem vierzehnten Jahre bei Verwandten auswärts erzogen. So lieb sie aber auch diese hatte, so gefiel es ihr doch nicht ganz in deren Hause, denn die Stadt, in der sie lebten, war zwar ebenfalls eine Reichsstadt, wurde aber von Adeligen regiert, die überall das große Wort führten und ihre Mitbürger über die Achsel ansahen; dann war sie auch zum größten Teil katholisch, und die wenigen Protestanten, die darin wohnten, glaubten sich nicht bloß im stillen von den Lebenden angefeindet, sondern sogar von den Geistern der Verstorbenen beunruhigt. Als es nun Margareten einige Male nachts widerfahren war, daß sie, wie es ihr vorkam, durch eine kalte Hand, die ihr übers Gesicht hinstrich, aufgeweckt wurde, auch die Mägde im Hause behaupteten, ein toter Mönch, namens Bonifaz, spuke auf den Gängen und in den Kammern, und reiße ihnen oft die Bettdecken weg, so schrieb sie einst einen kläglichen Brief in die Heimat, welcher zur Folge hatte, daß ihr Vater alsbald hinaufkam, um sie abzuholen. Die Art, wie sie ihre Reise bewerkstelligten, war nun freilich nicht so bequem, wie man es jetzigerzeit den jungen Frauenzimmern macht; denn der Vater nahm das Töchterlein zu sich aufs Pferd, und so ritten sie wie die Haimonskinder miteinander zum Tor hinaus; aber Margarete war froh, endlich wieder in die Heimat, und von den leichtfertigen Agnesen und Waldburgelein zu den sittsamen Even und Esthern ihrer Vaterstadt zu kommen. Ihr Weg führte sie durch einen tiefen Wald, wo sie auf einem ebenen Fußpfade fortritten. Der Vater ließ das Pferd sachte gehen, die Tochter aber wünschte weit davon zu sein, denn es wurde Abend, und ihre Angst vermehrte sich, als finstere Wetterwolken am Himmel aufzogen und den Reisenden vollends den kleinen Rest von Tageslicht wegnahmen. Das Pferd ging seinen unbarmherzigen Schneckenschritt fort, Margarete aber in ihrer Not ersann sich ein Mittel, die Reise zu beschleunigen; sie öffnete leise ihr krummes Taschenmesser, und indem sie sich fest an dem Vater hielt, beugte sie sich hinunter, eine Gerte im Gebüsch abzuschneiden; dies getan, räusperte sie sich heftig und versetzte zugleich dem Pferd einen Streich in die Seite, worauf es ungesäumt einen ziemlichen Trab anschlug. Hoho, pressiert's so, Brauner? rief der Vater, indem er die Zügel anzog: mach dir's nur bequem, wir haben einen weiten Weg, kommen heut doch nicht mehr heim. – Das Schelmengesicht hielt sich mäuschenstill, zündete aber nach einer Weile abermals mit der Gerte hinunter. Was Henkers hat denn der Gaul im Kopf? rief der Vater und blickte allenthalben umher. Als aber das Roß zum drittenmal sich in Trab setzte, hatte er eben noch das Geräusch, das die Gerte machte, vernommen, sah sich schnell um und ertappte die Kleine auf frischer Tat. So, du bist das Gespenst, das meinen armen Braunen so im Atem erhält? rief er: kein Wunder, daß du dich so fest um meine Hüften klammerst! Willst du gleich die Gerte fallen lassen, oder soll ich dich hier mitten im Wald absetzen? – Sei nur ruhig, fügte er hinzu, es geht nicht mehr lang' so fort, drüben hinter dem Walde kehren wir ein; es dauert keine Stunde mehr, und ich mag das Pferd nicht unnötig ermüden. Margarete ergab sich geduldig in ihr Schicksal und verstattete sich nur von Zeit zu Zeit einen leisen Stoßseufzer, auf einmal aber rief sie: Jesus, Maria! denn die Büsche knisterten laut, aus einem Seitenwege brach ein Reiter hervor, von einem dunklen Mantel umflogen, und hielt dicht vor ihnen an. Gelobt sei Jesus Christ! sprach er mit gedämpfter Stimme. Margarete aber antwortete so schnell, als ob Leben und Tod daran hinge: In Ewigkeit! Was, zum Kuckuck! rief der Vater, was sollen die Fratzen? ist Er's, Urban? I freilich, Herr Senator! Seid Ihr's? ich glaubte, ich käme zu ganz anderen Leuten. Wo geht denn der Weg her? In Geschäften? Ja, da hinten vom See. Nun, Er kann sich zu uns halten, wenn Er will; für heut wird Er ohnehin genug haben. Aber sag Er mir nur, mit was für Geschichten kommt Er mir da angezogen? Hat Er sich etwa am See umtaufen lassen? Wenn man so allein in der Nacht ist und viel Geld bei sich hat, entgegnete jener zögernd, so tut man wohl, gegen jeden, der einem begegnet, höflich zu sein, und da ich auf diese Art mit der Parole angerufen wurde, so hielt ich's für das Geratenste – Mit den Wölfen zu heulen? fiel der Alte ein. Ja, geehrter Herr Senator! antwortete der junge Mann getrost. Nun, da siehst du, für was man dich hält! rief der Vater zu seiner Tochter herum, die sich hinter ihm versteckte. – Ihr Gruß gibt's, fuhr er gegen Urban fort, daß sie eine halbe Kreszenz geworden ist, das wird ihr aber bald wieder vergehen. – Hui! jetzt wollen wir die Gäule austraben lassen, rief er, als ein heftiger Donnerschlag fiel. Wir sind auf der breiten Straße. Gretle, halt dich fest an mich, vorwärts! Kaum hatten sie das Wirtshaus erreicht, so schlug der Regen prasselnd auf die Dächer, das Gewitter aber war mit ein paar Schlägen vorbei. Margarete muhte heimlich lachen, als sie den Mantel des Fremden, der ihr so schauderlich vorgekommen war, für einen gewöhnlichen grauen Reitermantel erkannte, aus welchem sich ein hübscher, schlanker Mensch, mit Backen wie Äpfel, herauswickelte. Er setzte sich auf ihres Vaters Einladung zu ihnen an den Tisch. Der Herr Senator, der ein großer Liebhaber von Schnecken war und wußte, daß dieselben von der Wirtin dieses Hauses vorzüglich gebraten wurden, hieß sie sogleich seine Leibspeise zubereiten. Bald kamen auch die Schnecken dampfend auf den Tisch, und er machte sich mit großem Eifer drüber her, Margarete aber, der er davon anbot, wies ihn mit einem Schrei des Abscheus zurück. Auch Urban schien keinen Geschmack an dem häßlichen Gewürme zu finden, und bestellte sich Strauben, eine sehr wohlschmeckende Art von Pfannenkuchen. Zu diesem Gerichte leitete ihn wahrscheinlich der Gedanke, daß damit zugleich für seine Reisegefährtin gesorgt sein könnte; als aber die Strauben aufgetragen wurden, hatte er nicht den Mut, ihr davon anzubieten. Nun durfte die arme Margret mit langem Magen zusehen, wie ihr Vater in die Schnecken und Urban in die Strauben einhieb. Der letztere aß zwar zögernd und warf bei jedem Bissen einen verlegenen Blick auf das Mädchen, er hätte ihr gar zu gern davon gegönnt, Margretlein aber meinte, er sehe sie aus Schadenfreude so an, er tue sich etwas auf seinen vollen Beutel und, weiß der Himmel, auf was mehr zugute, und faßte innerlich einen unbeschreiblichen Ärger gegen den schönen jungen Menschen. Gretle, sagte endlich der Vater, der das Ding eine Weile so im stillen mit angesehen hatte, du wirst doch auch etwas essen wollen? Wenn du Strauben willst, du darfst's nur sagen. Urban nahm sich zusammen und stotterte: Warum ißt denn die Jungfer nicht von diesen? Sie sind nicht mein, erwiderte Margarete trocken. Mir liegen sie nicht am Herzen, versicherte er, und wenn sie aus sind, so kann man ja noch mehr machen. Ich habe gemeint, sie seien »ins Genere« gebracht, fügte er hinzu, indem er die Platte von sich weg und etwas gegen Margareten hinschob. O, es scheint, der Herr könne wohl allein damit fertig werden, versetzte sie ein wenig anzüglich. Nun, sei nicht so dumm, sagte ihr Vater, indem er ihr die Platte bot. Wenn der Vetter nichts dagegen hat, so iß mit ihm. Es bedurfte noch einiger Zureden, in die endlich Urban herzhaft einstimmte, und als Margarete den ersten Bissen verschmeckt hatte, konnte sie vor lauter Gelust nicht länger trutzen. Am anderen Morgen bei der Abreise bezahlte der Herr Senator, so sehr sich Urban dagegen wehren mochte, die ganze Zeche. Nun hatte Margarete, wie sich nicht wohl leugnen läßt, an dem unerwarteten Reisegenossen wenig auszusetzen gefunden; nur trug sie ihm seine vermeintliche Ungefälligkeit schwer nach, und so sehr auch Urban sich bemühen mochte, ihr eine andere Meinung von sich beizubringen, so schlug sie doch alles in den Wind, und tat bei jeder Gelegenheit, als ob sie sich kein Sterbensbröselein aus ihm machte. An solchen Gelegenheiten fehlte es nicht, denn die damalige Jugend war so tanzlustig wie die heutige, obgleich sie noch nichts von Bällen und dergleichen wußte. Man tanzte nirgends als auf den Zunftstuben. Zwei Geigen und ein Baß machten gewöhnlich die ganze Musik aus, und wenn der Ländler anhub, so wandelten die jungen Tänzer ehrbarlich nach der Seite, wo die Mädchen beieinanderstanden, und sagten jeder zu seiner Erwählten: Jungfer, will Sie so gut sein und ein Tänzlein mit mir machen? Margareten wurde diese Ehre oft zu teil, denn sie galt ohne Widerrede für die beste Tänzerin in der ganzen Stadt, und ob sie gleich kein seidenes Kleid mit Puffärmeln trug, wie sie jetzt in der Mode sind, so behaupteten doch alle junge Leute, ihr schwarzes mit silbernen Ketten und Haken geheftetes Mieder und das Florhäublein auf den glattgescheitelten Haaren stehe gar nicht übel zu ihrem Gesicht. Wie gesagt, es war wenig Mangel an Tanzgelegenheiten: Zunftfeste und Hochzeiten gaben eine Menge Feiertage ins Jahr, an welchen, da alles untereinander vervettert und verbaset war, die ganze Stadt Anteil nahm. Hier trafen fast jedesmal die beiden jungen Reisegefährten wieder zusammen. Urban, von seiner Mutter, der er die Not mit den Strauben gebeichtet hatte, tüchtig ausgescholten, suchte seinen Unschick durch das ausgesuchteste Betragen wieder gut zu machen, aber es war vergebens; denn Margarete hielt ihn lange Zeit für eigennützig, was er doch aus bloßer Schüchternheit gewesen war, und als sie zu ihrem heimlichen Vergnügen endlich einsah, wie gut er gegen sie gesinnt sei, so wurde sie zwar in ihrem Herzen anders, aber äußerlich ließ sie ihn gar nichts davon merken. Es ging ihr eben, wie es jungen Mädchen oft widerfährt: sie hatte sich in ihren eigenen Trotzkopf verliebt, und so sehr sie sich ihres Unrechts bewußt war, so konnte sie es nicht lassen, den braven schüchternen Menschen zu plagen. Da er keiner von den geschicktesten Tänzern und auch sonst, wie er bei den Strauben bewiesen hatte, kein großer Springinsfeld war, so kostete es einem mutwilligen Mädchen wenig Mühe, ihm ein Herzeleid ums andere anzutun. Das tat sie auch redlich, nur hatte sie selbst den größten Schaden und Schrecken davon. Urban blieb nämlich auf einmal weg, nicht aus Trutz, denn er war die gute Stunde selber, sondern aus Betrübnis, weil er meinte, sie könne ihn nicht leiden, und alle Mühe, die er sich gebe, führe zu nichts, als sie nur noch mehr gegen ihn aufzubringen. Jetzt kehrte sich das Spiel um, und Margretlein merkte, daß ihr der Mutwille verging. Sie hätte gern alles getan, um dem Urban zu zeigen, daß es nicht so bös gemeint gewesen sei, und sie tat auch, was sie mit Ehren tun konnte; aber nun mußte sie erfahren, was vergebens heißt. Dazu bot sich auch, wie es fast immer bei Mißverständnissen geht, keine rechte Gelegenheit zum Zusammenkommen: er blieb von den gewöhnlichen Tanzbelustigungen weg, eine Hochzeit, bei der sich beide hätten treffen müssen, wurde wegen eines Trauerfalls hinausgeschoben, und sie konnte ihm doch nicht, wie man's im gemeinen Leben heißt, »mit dem Holzschlegel winken«. Kurz, sie glaubte, er habe jeden Gedanken an sie aufgegeben und wußte nicht mehr, was sie vor Leid und Reue anfangen sollte. In diesem Kummer war sie eines Morgens aus dem Bett gestiegen und hatte noch Tränen in den Augen, als auf einmal unvermutet eine Zigeunerin vor ihr stand. So sehr sie erschrak, so war ihr dieselbe doch nichts weniger als unbekannt, denn die braune Hexe hatte sich, obwohl gegen Gesetz und Herkommen, schon seit mehreren Wochen in der Stadt unangefochten aufhalten dürfen, weil sie der regierenden Bürgermeisterin einen mächtigen Kropf, zwar nicht ganz vertrieben, doch wenigstens einigermaßen zum Weichen gebracht hatte. Sie trieb sich bettelnd und wahrsagend in den Häusern umher, und es ging das Gerücht, daß sie Zauberkünste verstehe. Mit ihrem Besuche war es aber so bewandt. Urban hatte sich, von einigen Freunden zum Glauben an die Hexe überredet, nach langem Zaudern und vielem Herzklopfen ihr anvertraut und die besten Versprechungen von ihr erhalten, obgleich sie nicht von weitem wußte, wie es bei Margareten aussah. Diese aber machte der Alten das Geschäft leichter, als sie gedacht hatte, denn kaum hatte dieselbe ihr erstes Wort über die Lippen gebracht und ihre guten Dienste für Herbeischaffung von verlorenen Dingen aller Art angeboten, so fragte Margretlein, die eine ganz besondere Schickung in diesem Zusammentreffen zu sehen meinte, ob sie imstande wäre, ein entfremdetes Gemüt jemandem wieder zuzuwenden. Die Alte versetzte, allerdings vermöge sie das, doch sei hiezu der Name und Vorname des Ungetreuen notwendig, und als Margarete über diese unerwartete Auslegung ihrer Worte erschrak, wußte sie ihr so klug und so gleichsam allwissend zuzusetzen, daß ihr zuletzt, wie sie wenigstens meinte, nichts übrig blieb, als ihre Scheu abzulegen und unverblümt zu gestehen, daß sie wissen möchte, ob der beste Freund, den sie je gehabt, nämlich der Urban, sein Herz gänzlich von ihr abgewendet habe. Die Zigeunerin war hierüber im stillen so vergnügt, als ob sie zwei »Tischlein deck dich« gefunden hätte, und trachtete nur noch, wie sie den Handel in die Länge ziehen könnte, um so viel als möglich dabei zu gewinnen. Aber auch hierin kam ihr Margarete wie gerufen entgegen; denn da sie schon seit geraumer Zeit nirgends mit Urban zusammen gewesen war, so fragte sie endlich die Alte, aber ganz leis und erschrocken, ob sie nicht vielleicht einen Kristall besitze, in welchem sie ihr das verscheuchte Hühnlein und seine verborgenen Gesinnungen zeigen könnte. Diese sagte mit großer Bereitwilligkeit zu, ja noch mehr, sie verhieß den Flüchtling in Lebensgröße an ihr vorübergehen zu lassen, als erstes Zeichen, wieviel sie über das Reich der Geister vermöge. Damit verließ sie das Mädchen, das wie behext war, und suchte den guten Urban auf, dem sie das Gleiche vorzuspiegeln wußte; denn die freche Hexe gedachte beide gegenseitig als Zauberbilder zu gebrauchen und dieses Blendwerk solang' fortzutreiben, als bei einem von beiden ein Groschen zu finden sei. Nachdem sie sie genugsam durch Erwartung gespannt und durch unsinnige Gaukelreden eingetan hatte, lud sie beide auf einen Abend unter geheimnisvollen Bedingungen zu sich, indem sie jedes das andere sehen zu lassen versprach. Margarete trat ihren Gang mit Furcht und Zagen an, just um die Zeit, wo man zu Verwandten oder Bekannten in die Lichtstube geht, und schlich in der Dunkelheit, mit der kleinen Handlaterne hie und da unter der Schürze hervorleuchtend, der Stadtmauer zu, wo in einem niederen, an diese angebauten Häuschen die Zigeunerin ihre Wohnung aufgeschlagen hatte. Zitternd tappte sie hinauf und wollte beim Anblick des vom Rauch geschwärzten, mit Eulen und Kröten verzierten Kämmerleins wieder zurückfliehen, aber die Alte ergriff sie beim Arm, redete ihr freundlich zu und nötigte sie in ein Versteck, um, wie sie vorgab, ihr den Anblick der Geister, deren Beistand sie zu dem Zauberstück anrufen müsse, zu ersparen. Dann unterwies sie das angstvolle Mädchen und gebot ihr, sich nicht eher herauszuwagen, als bis sie den Ruf: »Hervor! erscheine!« von einem Schlag ihres Zauberstabes an die Wand begleitet, vernehmen würde; dicht an der Seite, wo sie hervorkommen mußte, zeigte sie ihr einen Kreis; in diesen sollte sie dann sogleich treten und sich durch nichts bewegen lassen, auch nur einen Fuß herauszusetzen, weil sonst die Geister ihr auf der Stelle den Hals umdrehen würden. Margarete, von dieser Eröffnung nicht sehr erbaut, begab sich in den angewiesenen Winkel, schaute dort, vor Angst halb tot, durch eine Mauerluke in den Zwinger hinaus, wo sie unheimliche Gestalten umherwanken zu sehen glaubte und weinte bitterlich. Auf einmal hörte sie die Haustüre gehen, schwere Tritte die Stiege strauchelnd heraufkommen, sie meinte zu vergehen und drückte sich an die kalten Steine. Da vernahm sie drinnen ein eifriges Geflüster, und auf einmal ertönte der Ruf der Zigeunerin. Bebend trat sie hinein und suchte so geschwind sie konnte in ihren Kreis zu gelangen; als sie aber die Augen aufschlug, siehe! da stand Urban in der entgegengesetzten Ecke, ebenfalls von einem Kreis umschlossen, leibhaftig vor ihr; zwischen beiden aber hielt sich die Alte, sie trug einen Mantel von wunderlich zusammengeflickten Lappen und schwang ihren Zauberstab, gleichwie dräuend, nach beiden Seiten hin. Das war aber eine Verwunderung bei den beiden Leutlein, wie sie einander so in Lebensgröße vor sich sahen! Es war nur ewig schade, daß nicht die ganze Verwandtschaft zusehen konnte, denn kein Mensch hatte etwas dawider, im Gegenteil, es war schon lang' allerseits ein stiller Wunsch gewesen, daß die beiden einander einmal heiraten möchten. Sie waren jetzt wie ausgetauscht. Margretlein guckte zuerst nur ganz verstohlen und ängstlich hin, Urban aber schaute gar nicht schüchtern her, sondern machte ein paar Augen, die gerade aussahen, als ob sie vor ihm voraus aus dem Kreise springen wollten, und in den Augen war nichts von Trutz oder Unwillen zu lesen. Wie sie aber sah, daß er so freundlich war, so konnte sie sich nicht enthalten, ihn ebenso liebreich anzublicken, denn sie glaubte ja, es sei nur sein Bild, und vor dem brauche sie keine Scheu zu tragen. Der Urban aber war vor ihrem Bilde noch weniger verzagt, und darum geschah jetzt, was die Alte mit ihren schweren Warnungen und Drohungen verhüten zu können geglaubt hatte. Mit einem Sprung war er aus seinem Kreise und bei Margareten, die er fest in die Arme schloß. Die Hexe wollte mit dem Stab dazwischenfahren, Margarete schrie in Todesnot: Heiliger Gott, die Geister erwürgen mich! aber im selben Augenblicke fühlte sie, daß es kein Geist sei, der sie in den Armen hielt, und war noch mehr erstaunt als zuvor. Ihm widerfuhr dasselbe, als das Schattenbild, an das er sein Leben zu wagen glaubte, nicht unter dem Drucke seiner Arme zerfloß. So standen sie, hielten sich an den Händen und blickten einander sprachlos ins Gesicht. Auf einmal aber ging dem betrogenen Geisterbanner mitten in seinem Glück ein Licht auf wie eine Fackel: pfeilschnell fuhr er auf die Zauberin, die eben zur Türe hinauswischen wollte, los, faßte sie am Haubenband unter dem Kinn, daß sie nicht mehr entkommen konnte, und rief: Gesteh, verruchte Hexe! du hast uns angeführt. – Ich glaube, Ihr solltet noch besser mit mir zufrieden sein, wenn's so ist, sagte sie trotzig. Ihr habt nichts dabei verloren, wenn das Jungferlein hier mehr als ein Scheinbild ist. – Aber das Possenspiel, das sie mit ihm getrieben hatte, empörte den Stolz des jungen Mannes, und er wurde vollends ganz wild, als Margarete, die ihm an dem unheimlichen Orte nicht mehr von der Seite ging, gestand, daß sie auf dieselbe Weise getäuscht worden sei. Hättest du uns nicht auch ohne das nützlich sein und dir deinen Lohn verdienen können? fuhr er die Alte an: aber sei nur so gut und komm mit, du wirst niemand mehr zum Narren haben! – Die Alte unter Schloß und Riegel zu bringen, war eine Kleinigkeit; denn da sie in der Stadt ohnehin verbotene Ware, dazu auch etlicher Diebereien bezichtigt war, so kostete es Urban nur zwei Worte bei seinem Vetter, dem Bürgermeister, oder vielmehr bei seiner Base, der Bürgermeisterin, und die Heilung des Kropfes war ins Meer der Vergessenheit versenkt, die braune Alte aber ins Torgefängnis gelegt. Wenn du es nun jedoch unbillig finden solltest, daß man eine Heiratsstifterin für das Glück, das sie gebracht hat, mit solcher Münze bezahlt, so kannst du dich alsbald über das Schicksal der Hexe trösten. An Urbans und Margaretens Hochzeittage, der nun sogleich angeordnet wurde, da die Eltern die Sache längst unter sich ins reine gebracht und nur auf die Biegsamkeit der beiden Trutzköpfe gewartet hatten, – an diesem Tage also ging es hoch her, und Martin, der Stadtknecht, hatte des Guten so viel bekommen, daß er der Gefangenen ihr Essen nicht auf dem geraden Wege, sondern in der schrägen Schlachtordnung, von der du mir aus deinen griechischen Büchern schon so viel vorgesagt hast, nach ihrem Käfig trug. Die Hexe winselte und krümmte sich auf ihrem Lager, als er eintrat; denn sie hatte ihn schon durch das Schiebfensterlein ausgekundschaftet, wie er den Gang heraufgewackelt kam, und tat nun, wie wenn sie am Sterben wäre. Das Essen wies sie von sich und bat aufs beweglichste, er möchte nur, damit sie ruhig sterben könne, die Spinnwebe dort an der Decke über dem Fenster wegkehren; denn die Spinnen seien ihr Tod, und daß sie in der eingesperrten Luft, die sie ohnehin nicht vertragen könne, auch noch die grauslichen Weberinnen bei sich haben müsse, das habe sie vollends in diesen Zustand gebracht, den sie nicht überleben werde. Der gute Martin, heut sehr menschenfreundlich aufgelegt, holte auf dem Gange einen Besen, und schickte sich an, die Spinne auszutreiben. Legt vorher Eueren schweren Schlüsselbund auf den Tisch, sagte die Sterbende: er würde Euch ja an der Arbeit hindern. Martin befolgte den guten Rat, stellte den einzigen Stuhl, der im Gefängnis war, vor das ziemlich hohe Gesimse, stieg mit großer Mühe und unter vielen vergeblichen Anstrengungen hinauf, hielt sich am Fenstergitter und stieß nun mit dem Besen ungeschickt nach dem oben in die Ecke gebauten Spinnennest. Diese Beschäftigung wurde ihm nach und nach zu einem Zeitvertreib, er brummte, wenn er daneben stieß, lachte bei jedem besser geführten Stoße hell auf, und als endlich die Spinnwebe zerstört und die unschuldige Bewohnerin des Nestes an der Wand zerdrückt war, dachte er vergnüglich auf seinen Rückzug. Er ließ den einen Fuß hinab, fand aber keinen Boden, und wie er sich nach dem Stuhl umsah, der ihn in diese Höhe befördert hatte, so erblickte er ihn nach langem Suchen mitten im Gemach. Nun fing er an, Verdacht zu schöpfen, und warf die Augen auf das Lager, das er leer, sowie die Türe geschlossen fand. Ei, du vermaledeite Hexe! rief er und wagte den nicht ungefährlichen Sprung auf den Boden, auf welchen er auch gleich der Länge nach niederfiel. Nun machte er verwickelte Anstalten, sich wieder zu erheben, als aber dieses nicht gelang, beruhigte er sich mit einem doppelten Troste: Verfallen hab' ich mir nichts im Leibe, sagte er zu sich, denn ich fühle keine Schmerzen. Und was das Hinauskommen betrifft, so ist ja doch die Türe geschlossen und jeder Versuch vergebens. Unter diesen Gedanken schloß er die Augen und verschlief die Beulen und blauen Maler vom Fall, den Zorn über die Hexe, die Unbild der Gefangenschaft und die Schrecknisse der Nacht. Als man am anderen Morgen auf allen Toren nach ihm suchte, fand man ihn endlich hier und konnte ihn kaum aus seinem Zauberschlaf erwecken. Er erzählte eine schreckliche Geschichte, wie die Hexe, kaum als er zu ihr eingetreten, sich in eine ungeheuere Kreuzspinne verwandelt, einen Faden in die Höhe geschossen habe und daran an die Decke hinaufgeklettert sei; er, in seinem Berufseifer, habe sie mit dem Kehrbesen bis dorthin verfolgt, sie habe ihn aber mit ihrem Netz umsponnen und so mächtig an seinem Hirn gesogen, daß er darüber das Bewußtsein verloren habe: er habe sie nur noch mit feurigen Drachen zum Schlüsselloch hinausfahren sehen, und seitdem habe er nichts mehr von sich gewußt; die Spinnwebe, in der er gelegen, müsse später nachgegeben haben, so daß er nachts heruntergestürzt und in seiner Ohnmacht liegengeblieben sei. – Die halbe Stadt erzählte ihm dieses Hexenstücklein noch lange Jahre nach, doch ergötzten sich manche im stillen an dem eigentlichen Hergang, den man leicht aus seinen Reden zusammensetzen konnte. Die Hexe hat sich nie wieder im Weichbilde der Stadt betreten lassen; als aber der Mauergraben geraume Zeit nachher vollends ganz ausgetrocknet und ringsum, wie es zuerst nur aus einer Seite war, in Weihergärten verwandelt wurde, so fand man den alten Schlüsselbund, der damals samt der Arrestantin verloren gegangen war. Martin aber führte von jenem Tage an in der Stadt den Spottnamen des Hexenbanners. Frau Dote, sagte ich, als sie geendet hatte, komm her, ich will dir was ins Ohr sagen. Die Margarete ist niemand anderes als du. Närr'scher Kerl, versetzte sie, meinst denn du, ich würde dir so etwas von mir erzählt haben? Ich glaub's auch nicht ganz, erwiderte ich. Ich weiß ja, wie schnell du ein Märchen zusammenbringst, wenn man eins von dir haben will. Und ich hab' auch gemerkt, was du diesmal im Schild geführt hast. Du hast an meine Träume gedacht, in denen mir schon seit der ersten Kindheit immer die fürchterliche alte Zigeunerin vorkam, lang' eh' ich eine solche in der Wirklichkeit gesehen hatte; und um diese Träume mit anderen Bildern zu verweben, hast du mir jetzt von einer Zigeunerin eine lustige Geschichte erzählt. So? sagte sie, und sonst hätt' ich nichts im Schild geführt? Meinst du, es wäre nicht vielleicht auch der Mühe wert, dir die dummen Phantastereien in deinen Leihbibliothekenbüchern durch natürlichere Geschichten zu verleiden? Untersagen kann man euch die dummen Schwarten nicht, das würde doch nichts helfen; drum ist's immer noch besser, ihr leset sie wenigstens unter unsern Augen. Aber siehst du denn nicht ein, wie überhirnisch das Zeug ist? Da wird alles Mögliche und Unmögliche an den Haaren herbeigezogen, damit so ein läppisches Paar endlich zusammenkommen soll; und doch ist's immer das alte Lied. Kriegen sie einander, so ist's recht, wenn sie nämlich für einander taugen, und kriegen sie einander nicht, so müssen sie auch zufrieden sein. Das ist das einzige Vernünftige dabei, nur steht das nicht im Buch, sondern immer erst auf dem weißen Blatt hinter der letzten Seite. Freilich, wenn sie vor Jammer sterben, so lautet's anders; aber ich kann dich versichern, daß das alles nicht wahr ist. Im Leben geht's anders her als in deinen Leihbibliothekenbüchern. Darum bist du auf dem Holzweg, wenn du glaubst, ich sei die Margrete, von der ich dir erzählt habe. Ich habe keinen Zauberspiegel zu meinen beiden Heiraten gebraucht, sondern bin meinem Vater gehorsam gewesen, der mich zwar zu nichts gezwungen, aber doch seinen Wunsch und Willen geäußert hat. Hätten die beiden das gleiche getan, ohne sich vorher unnötige Grillen in den Kopf zu setzen, so hätten sie sich nicht von einer alten Hexe an der Nase herumführen zu lassen gebraucht. Siehst du, das ist die Moral von der Fabel, die ich dir erzählt habe. Ist alles gut und recht, sagte ich hartnäckig, aber an der Fabel muß doch etwas sein, du magst auch noch so viel dazugetan haben. Ich kann dir's beweisen. Einmal ist Margarete dein Name. Dann hat dein erster Mann Urban geheißen, und wenn er seinem Büblein glich, deinem früh verstorbenen Johannes, dessen Bild da oben hängt und von dem du so gern erzählst, so muß er dir gewiß recht von Herzen lieb gewesen sein. Ferner weiß ich aus deinem eigenen Mund, wo du vom vierzehnten bis ins achtzehnte Jahr erzogen worden bist. Und endlich hast du mir auch einmal vertraut, daß du die beste Tänzerin deiner Zeit gewesen seiest. Gelt, ich hab' was erraten? rief ich, indem ich ihr Rübchen schabte. Ihr Finger drohte, ihr Auge lachte. Komm her, Männlein, sagte sie, ich will dir auch was ins Ohr sagen. Wenn du in der Schule immer so aufpassen tätest, wie bei einer nichtsnutzigen Geschichte, so säßest du dort allezeit näher am Fenster denn am Ofen. Gelt, ich hab' auch was gewußt? He, was ist das für ein Gesicht? Regt sich dir auch schon das »bortierte Hütlein« auf dem kleinen Strobelkopf? Lern' du ein andermal besser, und mach' daß du wieder hinaufkommst, das wird gescheiter sein. Und laß dich's aber auch nicht so arg anfechten. Jedes Leiden hat zuletzt ein End', das ist eine alte Historie. Ein Herzensstreich. Mein Vetter Theodor – denn das war er im fünften oder sechsten Grade – wuchs in großer Eingezogenheit und Entfernung von jungen Leuten seines Alters auf. Seine Eltern waren so besorgt, die möglichen übeln Folgen des geselligen Umgangs von ihm abzuhalten, daß sie ihn nicht in die öffentliche Schule gehen ließen, sondern ihm einen Hauslehrer hielten, unter dessen Aufsicht er sich den größten Teil des Tages beschäftigen mußte. In den Erholungsstunden war es ihm vergönnt, in einem mäßigen Garten hinter dem Hause sich mit der Schaukel und anderen ähnlichen Spielen zu vergnügen, oder, da er großen Hang zum Lesen hatte, unberührt vom Gifte der Romane seinen Geist und sein Herz durch Campesche Jugendschriften zu stärken und zu bilden. So wuchs er in der Einsamkeit heran, ohne von dem Weltlauf berührt zu werden oder einen Begriff von dem zu haben, was außer dem engen Kreise seines väterlichen Hauses geschah. Dasselbe galt unserer bescheidenen Vorstellung für den Palast des Reichtums selbst; es war, im Gegensatz zu dem altreichsstädtischen Herkommen, stets abgeschlossen, und die hohen, mit einem Gitter eingefaßten Staffeln gaben ihm ein abschreckend vornehmes Aussehen. Den Sohn des Hauses aber bekamen wir fast nur von weitem zu sehen, wenn er, gleich einem ausländischen, sorgsam abgesperrten Vogel, hinter den Staketen des Gartens spazierte. Als er sein vierzehntes Jahr erreicht hatte, führte ihn sein Vater, ein Kaufmann, den günstige Verhältnisse und Handelsverbindungen mit Italien in den Stand gesetzt hatten, den Detailhandel aufzugeben und nur noch Geschäfte im großen zu machen, in sein Kontor ein, wo er der Geheimsprache der kaufmännischen Korrespondenz und den Mysterien der auf diesem »Platze« noch ziemlich neuen doppelten Buchhaltung obliegen mußte. Auch in diesem vorgerückten Stande waren ihm außer Spaziergängen oder Spazierritten mit seinem Vater, und hie und da einer Spazierfahrt mit seiner etwas nervenschwachen Mutter, nur seltene Höflichkeitsbesuche bei Verwandten oder Bekannten seiner Eltern gestattet, wo die Unterhaltung schon sehr verwegen wurde, wenn sie das Gebiet der Erkundigungen nach dem weitesten Befinden und der Debatten über Wind und Wetter verließ, um in die bedenkliche Sphäre der neusten Moden, oder gar der Stadtchronik, oder vollends in das Kapitel der Verlobungen und Heiraten überzugehen. Vom Verkehr mit den anderen jungen Kaufleuten hielt ihn sein strenger Vater ganz und gar zurück, der, in den Sitten der guten alten Zeit erzogen, die Manieren und Begriffe dieser jungen Leute verabscheute; denn sie hatten in Frankreich, wohin sie frühzeitig zu ihrer Ausbildung gesandt worden waren, den deutschen Zopf, aber freilich zum Teil bis auf den kahlen Haarboden, abgelegt, und machten allen Autoritäten eine Opposition, die besonders den älteren Leuten in ihrer Vaterstadt widerwärtig war. Mehr noch als der Wille seines Vaters schreckte unseren jungen Freund von seinen Altersgenossen das peinliche Gefühl zurück, das bei unvermeidlichen Begegnungen über ihn kam; er empfand deutlich, daß sie ihn übersahen und oft mit höhnischer Geringschätzung behandelten, wenn er gegen sie eine Äußerung wagte, deren unglaubliche Unschuld dem herkömmlichen Weltlauf ebensosehr als ihren besondern Ansichten zuwider lief. Unter mancherlei Spottnamen kursierte er in ihren gesellschaftlichen Zusammenkünften, und bot einen unerschöpflichen Stoff zu belustigenden Erzählungen von seiner Unschuld und Unwissenheit in den Angelegenheiten des täglichen Lebens dar. Die meisten dieser Anekdoten mochten erdichtet sein, aber auch die kühnste Phantasie wurde durch einen Einfall von ihm beschämt, womit er, ohne es zu wissen, gebieterisch in den Willen und die Rechte zweier Häuser eingriff und sich gleichsam träumend das Glück seines Lebens vom Baume schüttelte. Der erste Geistliche der Stadt hatte zwei Töchter, von denen die jüngere, Marie, fast in gleichem Alter mit Theodor war und infolgedessen mit ihm den Religionsunterricht besucht hatte und mit ihm konfirmiert worden war. Schon damals hatte das sanfte, stille Mädchen einen unbewußten, aber großen Eindruck auf ihn gemacht; nie war er so aufmerksam, als wenn sie gefragt wurde, und doch konnte er nicht begreifen, warum sich immer nur der Ton, keineswegs aber der Inhalt ihrer Antworten in sein Gedächtnis einprägte. Die andächtige Miene, womit er die frommen Lehren ihres Vaters begleitete, gewann doch zuletzt stets eine Richtung auf die blauen Augen und die lichtbraunen Haare der Tochter. Unter den Gebeten und Sprüchen, die seine Altersgenossen längst in Frankreich vergessen hatten, war ihm jener Spruch der liebste, welcher anhebt: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«; dies kam aber, ohne daß wir sein Christentum verdächtigen wollen, doch zum Teil daher, daß Marie diese Worte bei der Konfirmation hatte aufsagen müssen. Auch nachher durfte er sie öfter sehen; die Bedürfnisse des Kultus und die Freundschaft seiner Eltern führten ihn häufig in das Haus ihres Vaters, der sein und der Seinigen Beichtvater war, und der gute alte Herr hatte ihn so lieb, daß er ihm, auch als er in seinen hohen Jahren die Beichtvorbereitungen wie den übrigen Gottesdienst einem Vikar überlassen mußte, gern ein Stündchen besonderer Belehrung und Ermahnung widmete. Wenn dies vorüber war, so wurde der Jüngling an den Familientisch geführt, wo er sich bei einigen Erfrischungen mit den Mädchen und ihrer Mutter eine Weile unterhalten durfte. Hier befestigte sich seine Neigung zu Marien immer mehr, ja er gewöhnte sich, sie wie eine Schutzheilige anzusehen, wenn Minchen, ihre lebhafte Schwester, ihn durch schnelle Fragen oder gar durch Neckereien in Verlegenheit brachte, und Marie, um ihm herauszuhelfen, die Antwort übernahm und durch einen leisen Verweis die Angriffe ihrer Schwester abschlug. Nun hatte Theodor, so unbehilflich und unerfahren er auch in Gesellschaften erschien, doch manches Wort vernommen, das ihm eine helldunkle Aussicht in die Verhältnisse des Lebens eröffnete, manche Bezeichnung, die ihm seine leis geschäftige Phantasie ahnungsvoll ausmalte. Einige plauderhafte Basen liebten es gar zu sehr, davon zu sprechen, wen diese oder jene zum Bräutigam erhalten habe und wann die Hochzeit sein werde und wer dazu eingeladen sei, und dergleichen mehr. Einmal, als ein Vetter Theodors verlobt und seine Braut zu den Eltern auf Besuch gekommen war, hatte er es selbst mit angesehen, wie jener nach Tische seinem Mädchen vor den Augen der anderen einen herzhaften Kuß gab, und dieses Schauspiel ging ihm lange im Kopf herum; wachend und träumend sah er den Vetter, wie er sich herabbeugte und zwei frische Lippen ihm entgegenkamen und zwei helle Augen ihm so freundlich und aufmunternd entgegenblickten; ja, er fing schon an, darüber nachzudenken, ob seine eigenen Lippen wohl auch zu diesem angenehmen Spiele geschaffen sein möchten. Dazu kam noch, daß er an seinen Eltern das musterhafte Beispiel einer glücklichen Ehe sah, der es auch nicht an Äußerungen einer größeren Zärtlichkeit fehlte, wenn sein Vater eine Geschäftsreise antrat oder sogar, was einige male vorkam, nach geraumer Abwesenheit aus Italien zurückkehrte. Gar wohl erinnerte er sich noch, wie ihm eine Schwester in zarter Jugend gestorben war, und die Mutter sich schmerzlich weinend an den Vater lehnte, als wollte sie Schutz und Trost bei ihm suchen. Die schönen Worte, die er bald darauf bei der Trauung jenes Vetters hörte, »in Freud' und Leid, in Not und Tod einander treu zu sein«, gruben sich unauslöschlich in sein Herz, und so hafteten endlich seine Gedanken bei dem Bilde eines solchen Lebens mit Marien, von der er anfangs gewünscht hatte, sie möchte ihm die Stelle der verstorbenen Schwester ersetzen, und die er sich nun als sein Weib zu denken gewöhnte. Auch rechnete er ganz unbefangen auf die Gefälligkeit des Freundes Storch, an den er zwar, zu reiferen Ansichten gelangt, den Maßstab mythischer Kritik anlegte, ohne jedoch diesem Bild eine bestimmtere Vorstellung unterschieben zu können. Wie nun bei einem Gefäß Wasser, das den Gefrierpunkt erreicht hat, ein einziger Stoß hinreichend ist, um die ganz neue Gestalt des Eises plötzlich hervorzubringen, so war es ein unbedachtes Wort seines Vaters, das alle diese Gefühle und Träume auf einmal in die seltsamste Tat übersetzte. Theodors zwanzigster Geburtstag war herbeigekommen; es war der Andreastag, und schon als Knabe hatte er sich ein Mächtiges darauf zugute getan, daß sein Wiegenfest von der ganzen Christenheit gefeiert war, und, um auch seinerseits eine Ehre mit einer anderen zu erwidern, jedes Jahr an diesem Tage den Jungen des Glöckners mit einem Geldstück bestochen, um bei dem Einläuten des Gottesdienstes helfen zu dürfen. Seine Eltern hatten, wie gewöhnlich, eine kleine Gesellschaft zu einem fröhlichen Mahle geladen. Natürlich drehte sich das Gespräch vielfach um den Helden des Tags, und einige ältere Frauen wußten dem Vater nichts Schmeichelhafteres zu sagen, als wie wohlerzogen sein Sohn, und wie groß und wie stark er zu seinem Alter sei. Ja, ja, erwiderte dieser, der in der Freude seines Herzens ein Gläschen mehr getrunken hatte: er ist ein kräftiger Bursche, und ich glaube, es wäre nächstens Zeit, daß er sich verheiratete. Die Mutter, in welcher bei diesen Worten die anmutigsten Gedanken erwachten, sagte lächelnd: Da wollen wir ihn dem heutigen Heiligen, dessen geborener Schützling er ist, bestens empfehlen. Und die ganze Gesellschaft erhob sich, stieß die Gläser zusammen und ließ den heiligen Kreuzträger hoch und abermals hoch leben. So wenig ernstlich nun auch dieser Toast, zumal von protestantischen Trinkern und Trinkerinnen, gemeint war, so zündete er doch dem jungen Schutzbefohlenen des Andreas ein ganz neues Licht an, wozu das liebevolle Verhältnis zu seinem Vater nicht wenig beitrug. Außer den unbedingten Pflichten des Sohnes und Lehrlings hatte er sich nämlich gegen ihn eine Menge anderer, gewissermaßen freiwilliger Verbindlichkeiten auferlegt, wofür er stets von ihm durch die freundlichste Anerkennung belohnt wurde. Was zur Befriedigung und zum Vergnügen des Vaters geschehen konnte, fand dieser immer getan, ohne daß es im äußersten Falle mehr als einer leisen Andeutung bedurft hätte, und so hatte der Sohn sich nach und nach einen Kreis von überverdienstlichen Werken zu eigen gemacht, wobei es freilich neben einem gewissen Takte, der seinen Eltern in dem Isolierungssystem ihrer Erziehung allerdings nicht abzusprechen war, seiner guten Natur zugeschrieben werden mußte, wenn er eine gefährliche Klippe vermied, nämlich die Tugendhaftigkeit der sogenannten guten Kinder, wovon uns so manche Erziehungsschriften mit den widerlichsten Beispielen überhäuft haben. Alles was von Gehorsam, Anlehnung, Gefälligkeit, Liebe und Zuvorkommenheit gegen seine Eltern an ihm zum Vorschein kam, war rein natürlich, und viele lustige Mißgriffe, wozu ihn auch diese Eigenschaften verleiteten, konnten die Ungeschminktheit seines Wesens bezeugen. Theodor, wie ihn jenes hingeworfene Wort seines Vaters traf, glaubte nicht anders, als jetzt sei die Gelegenheit vorhanden, ihm die größte Freude seines Lebens zu bereiten, und war der festen Meinung, von dem Vater nach seiner Art dazu aufgemuntert zu sein. In diesem Augenblick fiel ihm ein, was bei seines Vetters Hochzeit dessen Vater gesagt hatte: sein Sohn habe ihm schon viele Freude gemacht, aber noch nie eine solche, wie die, daß er ihm eine so liebe Tochter zuführe. Nun meinte er das Gleiche schuldig zu sein, ungefähr ebenso, wie er den Vater sonst mit einer frühen Blume überrascht oder ihm einen sehnlich erwarteten Brief vor der Stunde des Austragens auf der Post abgeholt hatte. Sein Entschluß war also schnell gefaßt, denn seine Neigung kam ihm zu Hilfe. Er wollte heiraten: wen , das wußte er, wie, das machte ihm kein Bedenken. Mit seinem Vater vorher darüber zu sprechen, fiel ihm gar nicht bei, denn in seinem ohnehin in sich gekehrten Wesen hatte ihn schon längst der Ausspruch des gemessenen Mannes bestätigt, man müsse nicht alles beschwatzen und ausklingeln, sondern ruhig und geradeaus tun, was der Tag und seine Ordnung erheische. Auch war es gewiß nicht unbillig von ihm, wenn er das wichtige Vorhaben, eine Frau zu nehmen, unbedenklich für seine eigene Angelegenheit hielt. Die Gläser hatten noch nicht ausgeklungen, als der Vorsatz, sich mit der schönen und sanften Marie zu vermählen, in seiner Seele durchdacht und reif war. Während bei einer Schlittenfahrt, die man abends in der Novemberlandschaft machte, die Begeisterung der anderen schnell erkaltete, stammte seine eigene nur um so glühender auf; er saß in seinen Mantel gehüllt, und das Gebimmel der Glöckchen wiegte ihn in die süßesten Träume von seinem künftigen Glück. Der Tag darauf war ein Sonntag und somit zur Beschleunigung des Vorhabens ganz geeignet. Ein Besuch bei dem Vater der Geliebten hatte Theodor vor kurzer Zelt mit den zu einer Heirat wesentlichen Formen bekannt gemacht; er hatte nämlich daselbst einen jungen Mann getroffen, der sich als Bräutigam vorstellte und von dem Geistlichen die nötigen Belehrungen einholte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Jüngling, daß man vor der Hochzeit etliche Male proklamiert werden müsse und zu dieser vorläufigen Handlung durch ein gewisses Zeugnis von der weltlichen Behörde befähigt werde. Er wußte, sein Vater würde heut' in die Kirche kommen, und hatte ihm daher die angenehmste Überraschung von der Kanzel aus zugedacht. Eben hatte man das erste Zeichen gegeben, als er sich auf den Weg nach dem Amthause machte, um, wie er meinte, das Nötige daselbst in Ordnung zu bringen. Daß er nicht den leisesten Gedanken auch nur wenigstens an Mariens Einwilligung hatte, ist und bleibt allerdings ein kleiner Flecken in seinem sonst so trefflichen Charakter; doch mag es zu seiner Entschuldigung dienen, daß keine Anlage zum Despotismus, sondern die lautere Unschuld daran schuldig war: er dachte nicht anders, als so müsse es eben sein. Nach kurzem Warten wurde er auf dem Amthause vorgelassen. Hier erwies ihm der Zufall, der so oft die seltsamsten Karten mischt, seine volle Gunst. Der Oberbeamte, den am Tage zuvor einige Freunde aus der Residenz zu besuchen gekommen waren, stand gestiefelt und gespornt vor dem Bittsteller, und war im Begriffe, den Sonntag durch eine Jagdpartie zu feiern, die er seinen Gästen zu Ehren anstellen wollte; unten aber stampfte und wieherte sein Roß, von nicht minderer Ungeduld als der Herr beseelt. Diese Hast benahm ihm den Scharfsinn, die Sache zu ergründen, deren Verdächtigkeit ihm in jedem anderen Augenblicke schwerlich entgangen wäre, und er fragte nur etwas verwundert: Wie? so jung schon wollen Sie heiraten? Das ist mir in meiner langen Praxis noch nicht vorgekommen. Ich würde mich auch nicht so schnell entschlossen haben, erwiderte Theodor mit der unbefangensten Freundlichkeit, wenn ich nicht wüßte, welche Freude ich meinem Vater durch diese Erfüllung seines größten Wunsches bereite. Diese Äußerung hielt der Amtmann für authentisch, und da er vernahm, daß die erste Proklamation heute schon vor sich gehen sollte, so dachte er, der Vater des jungen Mannes werde ihm wohl noch vor der Hochzeit seine Aufwartung machen, um diese wunderliche Eilfertigkeit zu erklären. Dabei erinnerte er sich der Instruktion, die er von seinen Oberen hatte, die weiland Reichsbürger, besonders die Angehörigen und Abkömmlinge der höheren senatorischen Würden, in allen billigen und möglichen Dingen mit Schonung und Zuvorkommenheit zu behandeln. Sie kommen also, um wegen Ihrer Minderjährigkeit Dispensation einzuholen? fragte er artig. Ja, stotterte Theodor, der von diesem staatsbürgerlichen Erfordernis eben jetzt den ersten Begriff erhielt; denn er war rein aus Zufall vor die rechte Schmiede geraten, da er die Papiere, die ihm vorschwebten, ganz anderswo zu suchen gehabt hätte, nämlich auf dem städtischen Rathause. Aber das werden Sie einsehen, fuhr der Beamte fort, daß ich Ihnen die Regierungserlaubnis, selbst durch Taubenpost, nicht von jetzt an bis zum Zusammenläuten verschaffen kann. Theodor sah ihn betroffen an, und wollte schon die unglückselige Erklärung geben, daß die Sache in diesem Fall keine so große Eile habe, als der Amtmann ihm heiter und verbindlich in die Rede fiel. Wissen Sie was? sagte er. Ihre Familie ist mir ja wohlbekannt. Die höchste Entscheidung kann nicht den mindesten Anstand haben, und daß sie noch vor Ihrer Hochzeit zu den Akten kommt, dafür will ich sorgen. Er setzte sich und schrieb, daß Kies und Funken stoben, sofern man dies von einer spritzenden Feder sagen kann. Zumachen, siegeln, überschreiben, und gleich auf die Post! rief er dann seinem Schreiber zu, indem er den Bogen zu ihm hinüberfliegen ließ, Flugs ergriff und beklexte er einen zweiten, der » ventre à terre «, wie sich der Beamte auszudrücken liebte, in Theodors Händen war. Hier, setzte er hinzu, ein provisorisches Attestat für das geistliche Amt, daß der Proklamation nichts im Wege steht. Ehe Theodor wußte, wie ihm geschah, war er mit einer Gratulation nebst Respekt an seine Eltern abgefertigt. Den Amtmann aber trug sein schäumendes Roß im Gefolge der anderen Reiter davon, und beim Anblick des ersten Hasen hatte er die ganze Angelegenheit vergessen. Die Leidenschaften der anderen begünstigen unsere eigenen. Hatte Theodor sein Spiel bei dem weltlichen Amte gewonnen, so gelang es ihm beim geistlichen noch viel besser. Sein alter, würdiger Freund war ebenfalls ausgeritten, aber auf eine andere Art als der Amtmann, und auch zu einem anderen Zwecke. Ein sehr zahmer Schimmel, vielleicht ein Abkömmling des berühmten Hippogryphen, auf dem der fromme Gellert seine moralischen Spazierritte zu machen pflegte, hatte ihn auf ein benachbartes Dorf getragen, dessen Pfarrer, ein Universitätsfreund von ihm, krank darniederlag, und der Vikar sollte die Predigt halten. Schon läuteten alle Glocken zusammen, als unser unvergleichlicher Simplizissimus den weiten Weg vom Amthause zurückgelegt hatte und atemlos in das Studierzimmer trat. Er konnte kaum noch sagen: Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr Vikarius, und mich heute zum erstenmal proklamieren? Mit wem? fragte dieser höchst erstaunt. Es war dem Jüngling unmöglich, ihren Namen über die Lippen zu bringen, und er sagte daher bloß: Mit der Tochter des Herrn Stadtpfarrers. Der Vikar wurde totenbleich. Er hatte die älteste Tochter schon lange Zeit heimlich geliebt, und glaubte auch in ihren Augen gelesen zu haben, daß er in ihrem Herzen keine geringe Stelle behaupte. Wie nun die Liebe blind macht, so dachte er nur an Minchen: sie war die Verlobte des unmündigen Knaben, und er war der Verspottete, der Herr von Gleichsam, welche Eigenschaft ihm schon als Amtsverweser anklebte. Ohne Zweifel hatte man um seine Liebe gewußt und deswegen alles vor ihm geheim gehalten. Darum war der Vater fortgeritten, um nicht mit ihm darüber sprechen zu müssen. So sehr wollte man ihn aufopfern, daß er selbst sie proklamieren mußte mit einem anderen! Diese und hundert ähnliche Gedanken kreuzten sich in seinem Kopfe, es schwirrte ihm vor den Augen, er wußte nicht, was er dachte, was er tat, aber seine Predigt hatte er rein vergessen. Endlich nahm er sich zusammen und sagte so fest wie möglich: Nun, ich wünsche Fräulein Minchen alles erdenkliche Glück und auch Ihnen, aus aufrichtigem Herzen. Nicht Minchen, entgegnete Theodor zögernd, der seinerseits in keiner geringeren Verlegenheit war. Also Marie ist Ihre Braut? rief der Vikar aufatmend. Theodor nickte errötend mit dem Kopfe. Es war heraus, beide standen da und sahen einander erleichtert an. Endlich fiel der junge Geistliche in seiner Amtstracht dem beseitigten Nebenbuhler um den Hals und küßte ihn und wünschte ihm Glück und küßte ihn wieder; die Freude auf den plötzlichen Schrecken hatte ihn betäubt und Bedenklichkeiten kamen ihm gar nicht in den Sinn. Zudem wurde drüben in der Kirche schon der erste Vers gesungen, und zu weiteren Erörterungen war keine Zeit. Wenn er in diesem Drang der Umstände auch nur den fernsten Zweifel gehegt hätte, so mußte schon das vom Amtmann ausgestellte Zeugnis hinreichen, denselben zu unterdrücken. Nach einer Ermächtigung von seiten der Gemeindebehörde brauchte er nicht zu fragen, da die bürgerlichen Verhältnisse des Bräutigams wie der Braut »notorisch« waren, und die Bücher, welche über ihre Geburt und Taufe Aufschluß gaben, führte er ja selbst. Er schrieb nur noch eilig die Namen der beiden Verlobten in das Verkündbüchlein, nahm Abschied von seinem neuen Freunde und begab sich in die Kirche. Unterwegs zwar kam es ihm doch ein wenig seltsam vor, daß man ihm, der das Vertrauen der Pfarrersfamilie in hohem Grade zu genießen glaubte, ein solches Geheimnis aus der Sache gemacht haben sollte; aber er konnte nicht lange nachdenken, denn der Weg zur Kirche war kurz, und er entdeckte auf einmal mit Schrecken, daß er alle seine Geisteskräfte aufbieten müsse, um sich wieder sattelfest in seine Predigt zu setzen, über die er unter der Erschütterung dieses Auftritts beinahe die Herrschaft verloren hatte. Auch Theodor trat in die Kirche und nahm mit dem Gefühle, das eine wohlausgeführte und gelungene Unternehmung gewährt, seinen Platz im väterlichen Kirchenstuhle ein. Wir wenden uns nun zu Theodors Braut wider Wissen, aber nicht wider Willen, und widmen ihrem Herzen eine kurze Betrachtung. Wenn er durch unbekannte Fesseln an Marien gebunden war und keinen klaren Begriff von diesem geheimen Zauber hatte, so fühlte sie dagegen eine desto deutlichere und lebhaftere Neigung zu ihm, und Theodor wäre erschrocken, wenn er gewußt hätte, welche Verheerung seine treuen braunen Augen, die er oft so lange auf ihr ruhen ließ, in ihrem Herzen angerichtet hatten; sie selbst jedoch, deren Bewußtsein, wie natürlich, viel früher entwickelt war, wußte es nur gar zu gut. Theodor war in der Tat schön zu nennen: in sein edles, faltenloses Gesicht hatte das Leben noch keine jener Linien geschrieben, in welchen die herbe Weisheit der Erfahrung zu lesen ist, und doch ruhte auf seiner Stirne ein tiefer Ernst, und um seine Lippen, auf welchen ein schwarzes Bärtchen zu keimen begann, spielte eine leise Wehmut, wie sie nur jenen Sonntagskindern eigen ist, die sich in der Welt halb fremd, halb heimisch fühlen. Auch das Mitleid, mit dem sie ihm oft gegen die Neckereien ihrer Schwester zu Hilfe kam, war ihr gefährlich und weckte mit seinen Engelsstimmen neue, aber bald verstandene Gefühle in ihrem Herzen. Es war nicht zu seinem Schaden, daß sie oft von Fällen träumte, wo sie mit Wort und Tat für ihn einstehen und ihm den Weg ebnen müßte, auf daß sein Fuß an keinen Stein stieße; denn ein gewisses zärtliches Protektorat ist es, was junge Mädchen gar zu gern ausüben möchten. Auf der anderen Seite aber hatte Theodor bei aller Mädchenhaftigkeit etwas Entschiedenes und Männliches. Er war, da es sein Vater an nichts fehlen ließ, ein tüchtiger, kecker Reiter geworden, den oft nur die Bitten seiner Mutter von allzu verwegenen Streichen zurückhielten. Auch im Gespräche war er, bei aller Scheu des ungewohnten Bewegens in Gesellschaft, nicht eigentlich schüchtern oder befangen, sondern er gab sich, sobald die erste Verlegenheit überwunden war, zutraulich, gegen wen er es sein konnte, und offen auf jede Gefahr. Am meisten jedoch war ihr Herz gewonnen durch eine unaussprechliche Treuherzigkeit, die oft alle Schranken und Verzäunungen seines unbeholfenen Wesens aufs Liebenswürdigste durchbrach. So hatte sie ihm denn ihre volle Neigung zugewendet, und dachte mit Grausen des Tages, an dem er einst die gebräuchliche Reise ins Ausland antreten würde, und den sie nicht überleben zu können meinte. Der heutige Gottesdienst war nicht eben geeignet, sie ihren Träumereien zu entreißen. Freilich, um ein junges Herz voll weltlicher Entwürfe und Hoffnungen wo möglich dem Ewigen zuzuwenden, dazu hätte ihr Vater auf der Kanzel stehen müssen, den zu einer solchen Wirkung, abgesehen von seiner größeren Übung und seinen reiferen Kenntnissen, schon allein sein Alter befähigt hätte. Sein Stellvertreter hatte, damit alles heute zusammentreffen sollte, um den Plan unseres Helden zu krönen, zu seinem Thema die Liebe erwählt, freilich die christliche, aber sein Herz spielte ihm manchen Possen dabei. So wollte er zum Beispiel, um die Vorzüge der Liebe desto heller ins Licht zu stellen, ein abschreckendes Gemälde der Zwietracht entwerfen; hier hielt er sich aber sehr kurz bei den Zerwürfnissen der Menschen überhaupt auf und ging schnell zu einer Entwicklung der schädlichen Folgen ehelicher Zwistigkeiten über, schilderte beredt Vermoderung der Gemüter von entzweiten Gatten, und hielt dann mit Begeisterung eine feurige Lobrede auf den ehelichen Frieden und die eheliche Liebe. Auch als er zum Gegensatze zwischen der Liebe und der Weisheit dieser Welt überging, blieb die Vergleichung immer etwas zweideutig, und der Hauptpunkt hieß: »Die Weisheit der Welt ist lieblos oder wenigstens allzu berechnend, als daß sie dem stillen Zuge des Herzens nachzugehen wagte.« Er schloß endlich mit der Ermahnung an die Gemeine, der Liebe anzuhängen, die allein selig mache. Bei dem letzten Teile waren Mariens Gedanken nicht mehr anwesend, auch das darauffolgende Gebet überhörte sie völlig. Sie weilte immer bei dem schönen Bilde des häuslichen Glücks, das der Prediger mit so hellen Farben ausgemalt hatte. Einmal wagte sie einen flüchtigen Blick auf Theodor zu werfen: da saß der liebenswürdige Verbrecher mit der harmlosesten Miene von der Welt, nur belebt durch eine kleine Ungeduld, womit er das Ende des Gottesdienstes heranzuwünschen schien. Auch sie blickte der letzten Zeremonie jetzt entgegen; eine seltsame Gedankenverbindung erinnerte sie auf einmal an die Proklamation, die nach dem ersten Gebete stattzufinden pflegte, und kaum waren ihre Gedanken darauf gerichtet, so fing ihr Herz zu diktieren an: »In den Stand der Ehe wollen sich begeben: Theodor Gradmann, Friedrich Gradmanns, hiesigen Bürgers und Kaufmanns, ehelich lediger Sohn, und Marie Textor, hiesigen Stadtpfarrers, Jeremias Textors, ehelich ledige Tochter.« Welch ein wundersames Licht goß ihre Liebe über diese bürgerlich nüchterne Formel aus! So, dachte sie, sollte es jetzt heißen! Sie hätte den Vikar zwingen mögen es ihr nachzusprechen. »So jemand Hindernisse wüßte,« murmelte sie trotzig vor sich hin, »daß gemeld'te Personen nicht ehelich könnten zusammenkommen« – Da ertönte es von der Kanzel: In den Strand der heiligen Ehe wollen sich begeben – Gott im Himmel! Marie glaubte in den Boden sinken zu müssen. Wort für Wort hörte sie ihre geheimsten Gedanken in öffentlicher Kirche ausgesprochen. Die Sinne schwanden ihr, sie wußte nicht, ob nicht sie selbst es sei, die, von einer unwiderstehlichen Zaubermacht gezwungen, die leisen Worte ihres innersten Herzens mit lauter Stimme da droben der Gemeinde zurufe. Die weiche Stimme des Predigers klang ihr wie eine Gerichtsposaune; eingewurzelt, mit starrem Blicke vor sich niedersehend, ohne Sinn und Gedanken, blieb sie stehen, und als die Orgel zum letzten Vers von dem Liede: »Liebe, die du einst zum Bilde,« einfiel, meinte sie die Donner des letzten Tages zu hören, und erwartete regungslos den Einsturz des Gewölbe. Das Geräusch der fortströmenden Gemeinde brachte sie wieder zu sich, sie raffte sich, so gut es ging, zusammen, und schwankte nach Hause. Die Proklamation hatte in der Kirche großes Aufsehen erregt. Die Jugend des Bräutigams, seine wohlbekannte Unerfahrenheit, die Abweichung von dem gewöhnlichen Lebensgang junger Leute, alles dies versetzte die Zuhörer in kein geringes Staunen, aber Mariens Verwirrung, wie man auch dieselbe deuten mochte, schien jedenfalls gegen die Zeremonie keinen Einspruch zu tun, und weder an dem Sohne, noch an dem Vater, der sich ungemein zu beherrschen wußte, konnte man irgend etwas bemerken, das der Rechtmäßigkeit der Handlung widersprochen hätte. Letzterer hatte sich selbst nicht getraut, als er die verkündeten Namen hörte; einen Augenblick hielt er es für einen tollen Studentenstreich des jungen Vikars, der jedoch stets einen so bescheidenen Humor und eine so gemäßigte Gemütsstimmung gezeigt hatte, daß diese Annahme höchst unwahrscheinlich war; im nächsten Momente sagte ihm ein Blick auf seinen Sohn und dessen heiteres und unbefangenes Aussehen die ganze Geschichte dieser Veranstaltung. Sobald die Kirche zu Ende war, nahm er ihn beim Arm, indem er ihm mit strengem Tone zuflüsterte: still, kein Wort jetzt! und führte ihn nach Hause. Theodor ging neben ihm her mit einem Gesicht und mit Schritten, wie wenn er in einen Eierkorb getreten wäre. Von den beiderseitigen Müttern war zum größten Glück heut' keine in der Kirche gewesen. Zu Hause mußte der arme Junge ein scharfes Verhör bestehen, aber seine Bekenntnisse waren bündig und überzeugend. Der Vater kannte seinen Sohn viel zu gut, als daß er nicht an die Redlichkeit seiner Absicht geglaubt hätte; sein Ärger schwand, und als er trotzdem daß die Bereitwilligkeit des Vikars ein Rätsel für ihn blieb, bedachte, wie der Zufall dem unerhörten Vorhaben des Brautwerbers zu Hilfe gekommen war, konnte er kaum noch seine strenge Haltung bewahren. In dieser Umstimmung bestärkte ihn der Richter, ein jovialer Mann und vieljähriger Freund des Hauses, der seinen verwunderungsvollen Glückwunsch abzustatten gekommen war, und nun, über den wahren Hergang belehrt, das Signal zur allgemeinen Heiterkeit gab. Der Bursche hat einen sublimen Einfall gehabt, sagte er, nachdem er sich satt gelacht hatte, und Ihr, Freund, Ihr hättet es in Eurem ganzen Leben nicht so weit gebracht. Ich weiß wohl noch, welche Angst und Not es Euch gekostet, bis Ihr endlich das Jawort dieser Eurer Frau hattet. Etwas jung ist Euer Sohn freilich noch, aber diesen Fehler wird er von Tag zu Tag verbessern. Ich kann Euch versichern, schon als Experiment freut's mich ungemein, daß ich zwei so blutjunge Leutchen zusammengebracht sehe, und dann halt' ich's auch eher für nützlich als schädlich; denn jetzt können sie sich zusammengewöhnen und sich aneinander bilden, viel eher als wenn der junge Mensch in der Welt herumgestoßen worden ist und Lebensüberdruß, Langeweile und tausend unerträgliche Eigenheiten mitgebracht hat. Item, es geht; gebt die beiden Leutchen zusammen! An Vermögen fehlt es nicht, Ihr laßt Eurem Sohn einen Anteil an Eurem Geschäfte zukommen, was Ihr früher oder später doch getan hättet, und wenn es denn je gereist sein soll, so schickt Ihr ihn nach ein paar Jahren in gemeinschaftlichen Angelegenheiten nach Italien; es reist sich doch auch anders, wenn man Weib und Kinder zu Hause hat. Gelernt hat er bei Euch was er braucht, und dumm ist er auch nicht, denn an seinem heutigen Geniestreich seid Ihr selber schuldig, weil Ihr ihn zu wenig unter die Leute gelassen habt. Es ist auch nicht das einzige Beispiel: Fürsten heiraten sehr oft noch jünger, und warum soll dies Glück nicht auch einmal einem Bürger zuteil werden? Und so gratuliere ich denn von ganzem Herzen zu dieser Heirat, die mit so überraschender Geschwindigkeit zustande gekommen ist. Amen. Er aber, junger Herr, wandte er sich mit einem kräftigen Handschlage zu Theodor, Er hat mich durch dieses Stückchen ganz und gar zum Freunde gewonnen. Seine Torheit ist Weisheit vor Gott, und dies alles ist geschehen, auf daß erfüllet würde, was da geschrieben stehet: Selig sind die Einfältigen, denn sie werden das Himmelreich ererben! Sie haben aber in Ihrer Rechnung einen Faktor vergessen, sagte der Vater: denn wenn ich nun auch wohl oder übel einwilligen muß, was werden Mariens Eltern dazu sagen? Pah! die haben so viel und mehr Grund, als wir, sich dem Zwang der vollendeten Tatsache zu unterwerfen. Und es sind ja alte Freunde. Aber Marie? warf die sanfte Mutter ein. Es war den beiden Männern gerade wie dem Sohne gegangen, sie hatten an die Hauptperson zuletzt gedacht. Darein melier' ich mich nicht! rief der lustige Richter: und überhaupt, was geht das uns an? Das ist seine Sache, der Duckmäuser soll sehen, wie er zurechtkommt. Übrigens glaub' ich nicht, daß er einen verzweifelt harten Stand haben wird, wenn er die Suppe ausessen muß, die er eingebrockt hat. Jetzt nur rasch vorwärts zum nachträglichen Verlöbnis. Es fehlt nichts mehr dazu als was die altdeutsche Rechtssatzung vorschreibt: »Er trete ihr auf den Fuß und habesihme.« Habeat sibi ! Das grobe Geschütz des Richters trug den Sieg davon, und wenige Augenblicke darauf traten der Vater und der Sohn im Pfarrhause ein. Dort war die Verwirrung indes nicht kleiner gewesen. Marie hatte sich, ohne ein Wort zu sprechen, auf ihr Zimmer geflüchtet, der Vikar, dem seine gesunde Vernunft jetzt sagte, daß er sich habe überrumpeln lassen, hatte der Mutter einen halben Aufschluß über den Vorfall gegeben und dann sogleich das Haus verlassen; Minchen war in Verzweiflung. Erst durch Theodors Vater wurde das Rätsel vollends aufgeklärt, und die verständige Frau sah sogleich ein, daß, wie die Sache nun einmal stand, kein Rücktritt mehr möglich sei. Ehe ich eine bestimmte Antwort gebe, fügte sie hinzu, sollte ich freilich die Ankunft meines Mannes abwarten, aber der ganze Fall ist so klar und zugleich so unwiderruflich, daß ich mir seine Meinung im voraus denken kann. Die Brautschaft also ist so gut wie im reinen, aber – bedenken Sie, was die Welt sagen wird – die Hochzeit muß aufgeschoben werden. Warum nicht gar? rief Theodors Vater, der, nachdem er einmal seinen Entschluß gefaßt hatte, in vollem Zuge war. Ein Aufschub nach der Proklamation würde nur neues Gerede geben. Lassen wir die Welt glauben, was sie will und so lang sie kann. Die Wahrheit hat immer das letzte Wort. Vor allem, sagte sie, müssen wir sehen, wie wir mit Marien zurechtkommen; das Mädchen macht mir bang, sie ist droben auf ihrem Zimmer und will kein Sterbenswort sprechen. Hier faßte sich Theodor, der Rede des Richters eingedenk, ein Herz, und bat so lange und so dringend, man möchte es ihm überlassen, Marien zu verständigen, daß die Mutter endlich einwilligte, und sein Vater ihn lachend nach der Türe trieb. Mit klopfendem Herzen stieg er die Treppe hinauf und trat in das kleine Zimmer. Das liebe Mädchen saß an einem Fenster, dessen Vorhänge herabgelassen waren, das Gesicht in ihr Tuch gedrückt. Bei seinem Eintreten blickte sie mit tränenschweren Augen auf, wendete sich aber unwillig ab, da sie ihn erkannte. Theodor trat zögernd hinzu und stammelte: Liebe Marie – Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut! rief sie mit von Schluchzen erstickter Stimme. Das ist ein Spaß, der mir das Herz bricht. Mein Gott! rief Theodor, dem beim Anblick ihres Jammers ebenfalls die Tränen kamen, es war kein Spaß, es war ja mein völliger Ernst! Marie sah ihn starr an, und brach auf einmal in helles Lachen aus, worein ihr sympathetischer Freund bald von Herzen einstimmte. Dann aber nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und fragte ihn, wie er sich unterstanden habe, so eigenmächtig hinter ihrem Rücken über sie zu verfügen. Er erwiderte, da er es nicht habe über die Zunge bringen können, ihr sein Herz zu entdecken, so habe er sich einen anderen Mund gewählt, um seine Herzensmeinung recht laut und deutlich auszusprechen. Sie lachte und weinte zu gleicher Zeit und hörte nicht auf, ihn einen abscheulichen Bösewicht zu nennen, bis er ihr schwur, er habe nicht von ferne daran gedacht, daß die Überraschung, die er sich im Vertrauen auf ihre herzlichen Gesinnungen für ihn und die Seinigen ausgesonnen, ein Eingriff in ihren freien Willen sei, er habe gemeint, so müsse man es angreifen, wenn man frischweg und ganz aus eigenen Stücken in die Welt hineinrufen wolle: » Die will ich und keine andere!« Wer liebt, vergibt leicht, wenn er seinen Willen, sei es auch auf Kosten eben dieses Willens, erlangt hat; daher, als er aufs treuherzigste um Verzeihung bat und sie fragte, ob sie nun das Geschehene gelten lasse und die Einwilligung der beiderseitigen Eltern durch die ihrige bestätige, faßte ihn das schöne Kind statt aller Antwort beim Kopf und küßte ihn recht herzhaft. Dieser Kuß tat Wunder und brachte unseren Helden auf einmal in Weisheit und Verstand um viele Jahre vorwärts; es ging ihm wie dem kühnen Jonathan, als er den Honig gekostet hatte, wovon geschrieben steht: »Da wurden seine Augen wacker.« Er war zur Erkenntnis gekommen, aber auf eine Art, wie sie nur einem Schoßkinde des Glücks zuteil wird, zu einer Erkenntnis, wie sie der Dichter bezeichnet: Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge Den goldnen Duft der Morgenröte webend. Mitten im Jubel der beiden glücklichen Kinder traf der alte Geistliche auf seinem Schimmel ein, bereits von allem unterrichtet; der Vikar war ihm entgegengegangen und hatte sich das Gewissen durch eine aufrichtige Beichte befreit, wobei er den Zustand seines eigenen Herzens nicht ganz hatte verbergen können. Der alte Herr legte heiter lachend Mariens und Theodors Hände ineinander, und da die Herzen nun einmal geöffnet waren, so fügte es sich, daß die untergehende Sonne dieses Tags auf das Glück zweier Brautpaare leuchtete. Es war unserem Helden, doch erst wohl, als am nächsten Sonntag die zweite, rechtmäßige Ausgabe seiner Proklamation erfolgte. Wie er aber am Hochzeitstage seine Neuvermählte aus der Kirche führte, wurde er von den Leuten mit Verwunderung betrachtet, und sie flüsterten sich zu, er sehe aus, als ob er in der kurzen Zeit um einen ganzen Kopf in die Höhe und um eine ganze Brust in die Breite gewachsen wäre. Das gepaarte Heiratsgesuch. Unsere Zeitungen hatten noch sehr kleines Format, sehr graues Papier und sehr stumpfe Lettern, unserer bürgerlichen Welt war der politische Zahn der Zeit noch nicht einmal durchgeschweige angebrochen, und der männliche Teil derselben starb noch vor Schüchternheit gegen den weiblichen, – da stand einmal eine niedliche Nähterin oder Putzmacherin, denn noch gab es keine strenge Arbeitsteilung zwischen diesen beiden Industriezweigen, im vormaligen Zilockengäßchen, das kaum erst seinen Namen abgelegt hatte, eines Abends am Fenster, und sah nachdenklich auf die Vorübergehenden hinab. Die Glocke hatte Feierabend verkündigt, die Arbeiter ließen ihre Geschäfte liegen, und jung und alt, vornehm und gering, eilte zur Stadt hinaus, um im Freien den schönen Sommerabend zu genießen oder sich in den Biergärten draußen, die auch im Stande der Unschuld schon blühten, gütlich zu tun. Auch Hannchen hatte Feierabend. Auf dem Tische neben ihr lag ein feingearbeitetes Hemd, an dem sie eben den letzten Stich getan hatte, und nun atmete sie durchs offene Fenster die erquickende Kühlung ein, und dachte an ihre Lage, deren Einsamkeit ihr immer fühlbarer wurde. Schon wollte sie traurig werden, als sie ihren Vetter Gottlob in der Straße erblickte. Ihre Miene belebte sich, sie lächelte schelmisch, als er heraufsah, und winkte ihm zu ihr zu kommen. Hannchen war vor einigen Jahren mit ihrer Mutter aus einer Landstadt in die Residenz gezogen, wo sie ein besseres Fortkommen zu hoffen hatten. Sie täuschten sich auch nicht; der Fleiß und die Fertigkeit der geschickten Tochter fanden allenthalben die beste Aufnahme, die seine Arbeit, mit der sie in ihrem Städtchen bei niemand hatte ankommen können, wurde gesucht, und sie hatte bald alle Hände voll zu tun. Die Mutter führte die Haushaltung und genoß das reichliche Auskommen, das die Tochter freudig mit ihr teilte. So lebten sie miteinander in der Stille hin und fühlten sich wohl in ihrer Genügsamkeit. Aber ein neuer Stern ging dem guten Mädchen auf, als Gottlob, ihr Vetter und Jugendgespiele aus demselben Städtchen nach Stuttgart kam, um daselbst an seine Ausbildung die letzte Hand anzulegen. Derselbe war nicht mehr und nicht weniger als ein Schneider, also, was auch das Sprichwort dagegen sagen möge, einer, der da Männer macht. Selbstvertrauen besaß er indessen nicht im Überfluß, sonst würde er langst gemerkt haben, daß sein Bäschen gründlich in ihn verliebt sei. Er hatte es jedoch in seinen Entdeckungen bloß so weit gebracht, dieses Gefühl in umgekehrter Richtung an sich selbst wahrzunehmen, daher er in Hannchens Nähe nur zitternd und mit unterwürfiger Demut zu treten wagte, Ihre Mutter hatte mit Lächeln zugesehen und im stillen gedacht, es sei besser, wenn sich, die beiden nicht gar zu frühe gegeneinander aufschlössen; ihren Gesinnungen würden sie wohl getreu bleiben, und wenn Gottlob dereinst aus der Fremde zurückkomme, so werde sich alles von selber geben. Aber die gute Frau sollte das nicht erleben. Sie starb vor der Zeit und ließ ihre Tochter allein in dieser Welt zurück. Nicht allein, denn der treuherzige Vetter war ihr ja geblieben, und er sparte keinen Eifer, sich hilfreich und aufmerksam zu erweisen. Die neugierigen Nachbarinnen machten jedoch zweideutige Gesichter zu den Besuchen des schüchternen Beschützers, und das Mädchen merkte bald, daß, solang' er nicht erklärtermaßen der Ihrige sei, es nicht in die Länge so fortgehen könne. Da es ihr auch sonst nicht an Anfechtungen fehlte, sofern verschiedene junge Herren in zweierlei und einerlei Tuch sich das Wort gegeben zu haben schienen, die Putzmacherei zu unterstützen, so hatte sie Ursache genug, ihren Stummen von diesem seinem Fehler geheilt zu wünschen. Hannchen war schlauer als Gottlob und hatte längst sein Herz ergründet. Sie hielt es deshalb in ihrer Lage für wohlgetan, ihn zu einer Erklärung zu veranlassen. Unverhohlen zeigte sie ihm ihr hübsches Gesicht in seiner vollsten Freundlichkeit, aber ach, der blöde Vetter wagte sich das nicht zu seinen Gunsten zu deuten, er glaubte eben auch sein Scherflein von ihrer Gutherzigkeit gegen die ganze Welt einzunehmen. Nun ging sie einen Schritt weiter: sie klagte um ihre Mutter, schilderte ihm ihre Verlassenheit, die Gefahren, denen sie ausgesetzt sei, und schloß damit, daß sie unmöglich länger allein in dieser großen Stadt bleiben, sondern entweder irgendwo einen Dienst suchen oder aber sich verheiraten müsse. Dann bat sie ihn um seinen Rat und fragte namentlich mit blutrotem Gesichte, was er von dem letzteren Entschlüsse halte. Der gute Gottlob überlegte nicht, daß ein Mädchen nicht nur so geradezu vom Heiraten sprechen kann, wie die Männer, sondern er nahm es für ausgemacht an, daß er sie nun bald in den Armen eines anderen werde sehen müssen, und sagte mit niedergeschlagener Miene: Ja, Hannchen, ich denke, das wird das beste sein. Wenn sie ihn aber fragte: Was meinst du, Gottlob, wen soll ich heiraten? so seufzte er und erwiderte, das sei schwer zu sagen und man sollte nie bei so etwas raten, denn wenn's nachher schief gehe, so habe es immer der Ratgeber zu verantworten. Nannte sie ihm dann diesen oder jenen, auf den sie etwa ein Auge werfen könnte, so antwortete er mit fast brechender Stimme: Ja, Hannchen, ich meine, der würde recht für dich sein, – und ging, um die Tränen, die ihm in die Augen traten, zu verbergen. Wie oft hatte Hannchen über seine hartnäckige Blödigkeit geseufzt und gescholten! Oft glaubte sie einen Augenblick, er verstelle sich absichtlich und freue sich im stillen seines Triumphs; aber sobald sie sein gutmütiges, schüchternes Gesicht erblickte, gab sie alle solche Gedanken sogleich wieder auf. Destoweniger aber ihren Plan. Es war in den letzten Tagen manches vorgefallen, was sie bestimmte, die Ausführung desselben zu beschleunigen, und sie hatte auf heute, was man zu sagen pflegt, einen Hauptschlag vorbereitet. Das Mittel, das sie ausgesonnen, war freilich etwas verzweifelt, aber es schien seinen Mann kaum verfehlen zu können, und da hoffentlich ein bloßer Versuch genügte, den Zweck zu erreichen, so sah sie keine Gefahr dabei. Fast sollte ich mich schämen, sagte sie zu sich, während sie den Vetter die Treppe heraufkommen hörte. Meine arme Mutter würde tüchtig mit mir zanken. Aber was soll ich machen? der Gottlob tut den Mund nicht auf und wagt nichts, als daß er mich immer mit herzbrechenden Blicken ansieht, Was ist's auch weiter? ich mache ihn ja unglücklich, wenn ich ihm nicht auf die Spur helfe; denn er hat mich doch gar zu lieb. Und ich? – Sie unterbrach sich in ihrem Selbstgespräch und rief: Herein! Guten Abend, Hannchen! sagte Gottlob, indem er eintrat. Guten Abend, Gottlob! wie geht's? O, so ziemlich. Hast du schon Feierabend? Ja, Hannchen. Nun trat eine Pause ein, in welcher Gottlob sich ans Fenster stellte und von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf Hannchen warf. Sieh, Gottlob, sagte Hannchen, da habe ich eben etwas für die Regierungsrätin fertig gemacht. Er betrachtete das Hemd sorgfältig und schien es nicht ungern in den Händen zu halten. Feine Arbeit, sagte er endlich: man sieht keinen Stich. Langsam legte er es wieder weg, Hannchen nahm einen Stuhl und setzte sich neben ihn. Da hab' ich nun den ganzen Tag gearbeitet, sagte sie. Du weißt, die Regierungsrätin ist streng, wenn man ihr etwas versprochen hat, und ich muß morgen noch einmal den ganzen Tag dransetzen, um das Dutzend fertig zu bringen. Dann trägt es aber auch was ein, sagte Gottlob freundlich. Ein schön Stück Geld, erwiderte Hannchen seufzend. Gottlob sah sie fragend an. Ja, fuhr sie fort, ich sehe zwar wohl, daß ich mich durchbringen kann, aber damit ist's nicht getan. Ich habe dir schon oft gesagt, daß es nicht länger so geht. Meine Mutter ist tot, und es will sich nicht schicken, daß ich so allein lebe. Du weißt ja, ich will die alte Litanei nicht wiederholen. Aber jetzt ist mein Entschluß gefaßt, und du, Gottlob, mußt mir dabei behilflich sein. Ja, Hannchen. Was soll ich tun? Du mußt aber nicht lachen und auch nicht bös werden. Nein, Hannchen, aber was willst du denn? Heiraten. Das hast du freilich schon oft gesagt. Ja, aber wie greifen wir's an? Du mußt doch zuerst wissen, wen du heiraten willst, sagte Gottlob mit beklemmter Stimme. Das weiß ich selbst nicht, sagte Hannchen. Dann ist guter Rat teuer. Wenn du mich nicht auslachst, Gottlob, so will ich dir's sagen. Nun? Sie wandte sich verschämt auf die Seite und sagte: Man muß es in die Zeitung setzen. Gottlob starrte sie an. Er mochte bis jetzt geglaubt haben, daß die Zeitungen, wie andere nützliche oder schädliche Pflanzen, von selbst wachsen. Hannchen aber belehrte ihn aus einer Nummer des Schwäbischen Merkur, die sie ihm vor die Augen hielt, daß diese Blätter, eigener Aussage zufolge, erst verfaßt, gedruckt und verlegt werden müssen, um als fertige Produkte ins Publikum hervorzugehen, und durch eine genaue Zergliederung der mit zarter Schrift gegebenen Anzeigen machte sie ihm begreiflich, wie dieses Publikum selbst daran mitarbeite, so jedoch, daß niemand erwarten dürfe, seine Willensmeinung gedruckt zu lesen, wenn er sie nicht vorher habe einrücken lassen. Hierauf las sie ihm einen Heiratsantrag vor, der in dem Blatte stand. Es ist die neuste Mode, sagte sie, auf diesem Wege kann man sich viel gegenseitige Verlegenheit ersparen. Du kannst mit dem Schreiben besser umgehen als ich, – fuhr sie fort, nachdem sie ihm die Form einer solchen Anzeige einzuprägen gesucht, – und zudem hätte ich nicht das Herz, einen Heiratsantrag mit eigener Hand abzufassen und an den Merkur zu schicken. Deshalb bitte ich dich inständig, lieber Gottlob, tu du's für mich, denn du weißt ja jetzt, wie man's machen muß. Hannchen hatte darauf gerechnet, diese ausgesuchte Tortur müsse ihm endlich die Lippen gewaltsam öffnen. Hatte er doch vor jedem andern das erste Recht auf sie, und wie hätte sie glauben können, daß er sie einem Fremden überlassen würde! Höchstens war zu vermuten, daß er sagen werde: Wenn dir's eins ist, wen du zum Mann bekommst, so kannst du im Notfall auch mit mir vorlieb nehmen. Aber ob nun Demut oder Bitterkeit diese Worte eingab, die Demut ließ sich aufrichten, die Bitterkeit war zu versüßen. Allein wie sehr hatte sie sich getäuscht! Der arglose Jüngling glaubte ihr alles aufs Wort. Er schwieg und hielt die Augen auf den Boden geheftet. Ihr Herz klopfte laut, sie sah ihn immer ängstlicher an. Ja, Hannchen, ich will's besorgen! sagte er endlich. Mit diesen Worten rannte er zur Türe hinaus, eh' sie noch den Mund auftun konnte, und mit einem Satz war er die Treppe hinab. Wer könnte Hannchens Schrecken beschreiben? Sie war ratlos, als sie ihren Vetter die Treppe hinunterstürzen hörte. Vater im Himmel, rief sie, was soll ich anfangen? Ich darf ihn wahrhaftig nicht fortlassen! Sie sprang zur Türe und rief ihm nach, er gab keine Antwort; sie eilte zurück und riß das Fenster auf, er war nirgends mehr zu erblicken. Halb von Sinnen warf sie sich in einen Stuhl. Er ist fort, rief sie. Da hab' ich mir einen schönen Zwirn eingefädelt. Aber es geschieht mir recht! warum hab' ich den armen Schelm so geplagt! Es wäre gescheiter gewesen, wenn ich ganz aufrichtig und ehrlich mit ihm gesprochen hätte. Winkelzüge führen zu nichts Gutem. Jetzt hab' ich nichts als das gute Herz betrübt, und obendrein komm' ich in den Merkur! Nein, dieses Unglück, es darf nicht sein, eher spring' ich in den Feuersee! Sie schickte eine Wasserträgerin, die sie in ihrem Dienste hatte, um Gottlob in seiner Wohnung aufzusuchen und zu ihr zu bringen, aber diese kam mit der Nachricht zurück, daß er nicht zu finden gewesen sei. Hannchen kam auf den Gedanken, selbst zum Merkur hinzulaufen, um ihn zu bitten, daß er die Anzeige nicht aufnehmen möchte, aber ihre Scheu vor den Gewalten der Öffentlichkeit, mit welchen sie doch so verwegen gespielt hatte, war zu groß für diesen Schritt. Verzweiflung trieb sie in ihrem Stübchen umher, aus welchem sie sich nicht mehr herausgetraute, und spät erst fand sie einige Beruhigung in dem Gedanken, daß der Vetter doch keinenfalls seinen unseligen Diensteifer so weit treiben werde, ihren Namen in die Anzeige zu setzen. Gottlob war in seinem Schmerz durch mehrere Straßen gerannt; noch nie hatte er sich in einer solchen Aufregung befunden. Das Leid, das ihm so lange gedroht hatte, jetzt stürmte es mit vollen Schlägen auf ihn ein. Und doch beugte er sich geduldig unter seine Last, die Aufregung ging vorüber und machte einem stillen Grame Platz. An mich denkt sie nicht, sagte er, ich bin ihr noch zu jung. Aber ich will ihren Willen tun, alles, alles! Er hatte eine Brieftasche bei sich, die zur Aufbewahrung der Kleidermaße diente, und mit Bleistift und Papier versehen war. Seufzend riß er ein Blatt heraus und schrieb die Anzeige an der nächsten Straßenecke. Nun werden sie kommen, murmelte er, in Scharen werden sie kommen und sich melden. Ich sollte ihr's nur zum Trotze tun und auch anklopfen, aber mich will sie nicht, mir hätte sie es ja mündlich sagen können. Übrigens, fuhr er fort und legte den Finger nachdenklich an die Nase, das hatte sich eigentlich doch nicht geschickt. Und vielleicht ist's ihr auch so gewesen, sie war so verschämt. Wie, wenn sie –? Antragen konnte sie sich doch nicht wohl, auch wenn sie einen Gusto an mir hätte. Das wäre im Gegenteil meine Sache, weil es doch so passender ist. Ach, ich bin recht einfältig gewesen! Ich will gleich zu ihr zurück und sie fragen! – Nein, Gottlob, nein! wenn sie dich nun auslachte, wie würdest du vor ihr stehen? – Auslachen? das würde sie mich nicht, gewiß nicht, aber abweisen? Nein, ich kann ihr's nicht selber sagen. Er bedachte sich lange. Da kam ihm auf einmal ein großer Gedanke und triumphierend rief er aus: Dummkopf, du hast ja den Vorsprung vor allen andern, du kannst dich ja gleich beim Merkur um sie melden! – Gesagt, getan! er zog das Blättchen noch einmal heraus, fügte eine Nachschrift hinzu und eilte davon. Das Haus des Schwäbischen Merkurs hatte er bald erfragt. Unter der Haustüre begegnete ihm ein junger Herr, der vom Zeitungsgeschäfte kam und sich ebenfalls des Feierabends erfreuen wollte. Gottlob trat ihn an. Um Vergebung, sagte er respektvoll, sind Sie vielleicht der Schwäbische Merkur? Ein Stück von ihm, erwiderte der Herr, welcher am vorigen Abend den Hamlet gesehen hatte. Gottlob zog sein Blättchen hervor, wußte aber nicht, was er sagen sollte. So stand er eine Zeitlang vor dem Herrn und blickte bald auf ihn, bald auf das Papier, bis der Herr endlich fragte: Ist das ein Artikel? Ja, sagte Gottlob, drückte ihm das Papier in die Hand und wollte davoneilen. Halt! rief jener. Anonyme Artikel werden nicht aufgenommen. Er entfaltete das Blatt, während der Verfasser wie ein armer Sünder vor ihm stand. Das ist ja bloß eine Annonce, sagte er, die ist bei der Expedition abzugeben. Damit deutete er mit dem Daumen über die Schulter und wollte das Papier zurückgeben. Schon aber hatte er etwas von dem Inhalt ins Auge gefaßt, und begann neugierig zu lesen, wobei er anhaltend lächelte und sich ein paarmal stark räusperte. Ein kleiner Liebesroman? sagte er endlich, nachdem er gelesen hatte. Dieses zweistimmige Anliegen könnte mündlich billiger abgemacht werden. Wie? Es geht nicht an, Herr, antwortete Gottlob verlegen. Warum denn nicht? Gottlob schwieg. Nun, sagte der Herr sichtlich ergötzt, was mich nicht brennt, das will ich auch nicht blasen. Die Herzensangelegenheit wird Eile haben? setzte er hinzu. Ich will sie an das Kontor besorgen, das jetzt wohl schon geschlossen ist. Gottlob stammelte einige Worte, verbeugte sich und wollte abermals die Flucht ergreifen. Halt, guter Freund! noch einmal Halt! rief der Herr. Das geht nicht so geschwind. Sie müssen mir vorher noch Ihre Adresse aufschreiben. Er reichte ihm das Blatt wieder hin. Wozu denn? fragte Gottlob. Ei, sagte der Herr lachend, man muß doch wissen, wo die Einrückungsgebühr abzuholen ist. Gottlob sah ihn mit offenem Munde an. Er hatte nicht gedacht, daß man die Zeitungen für Beiträge, die man ihnen bringt, auch noch bezahlen müsse. Kann ich es nicht gleich entrichten? fragte er nach einigem Zögern. Was ist meine Schuldigkeit? Der junge Herr lachte laut. Das gehört nicht in mein Departement, sagte er. Wenn Sie die Rechnung gleich haben wollen, so tragen Sie das Blatt morgen in die Expedition. Nein, nein! rief Gottlob ängstlich. Er wollte nicht zweimal Spießruten laufen. Schnell zog er den Bleistift heraus, um die Adresse zu schreiben. Aber da fiel es ihm siedheiß ein, daß die Rechnung, bei ihm abgegeben, Meister und Gesellen zu Mitwissern des Geheimnisses machen würde. Vor diesen wollte er sich nicht mit seinem zunftfremden Meisterstücke sehen lassen. Was tun? Nirgends ein näherer Bekannter, ein Vertrauter, den er vorschieben konnte! Und der Herr schien über sein Zögern ungeduldig oder gar mißtrauisch zu werden. In dieser brennenden Not schwebten ihm einzig und allein die vier Wände vor, die er soeben verlassen, aber nicht als der Ort, wo sein Liebstes lebte und webte, sondern als ein Mietstübchen, das, mochte er oder ein anderer der Glückliche sein, in kurzem leer und fremd werden mußte, und so schrieb er Hannchens Wohnung auf, wie wenn das Geschäft, das er durch diese Bezeichnung dorthin verlegte, bereits ein Teil des bevorstehenden Auszugs wäre. Der Herr steckte das Blättchen zu sich und bewegte sich, die Straße entlang, um seiner Abendgesellschaft von der spaßhaften Begebenheit vierundzwanzig Stunden früher zu erzählen, als der minder glücklich situierte Teil des Publikums sie durch den Druck erfahren sollte. Gottlob aber wurde, während jener sich entfernte, von allen Furien der Hölle angefallen. Er hatte in einer Art von Taumel gehandelt, aus dem er plötzlich erwachte. Die unerhörte Keckheit, mit Überschreitung seines Auftrags als Selbstfreier aufzutreten, und die noch unerhörtere Schandtat, sein ehrfurchtsvoll geliebtes Hannchen an den Merkur zu verraten – erst jetzt wurde es ihm klar, was er getan hatte! Er wollte nacheilen, um des Papiers wieder habhaft zu werden, aber der Mut hatte ihn gänzlich verlassen, seine Beine trugen ihn nicht, und als er sich endlich aufraffte, war es zu spät. Die Angst trieb ihn vor die Stadt hinaus, und er schweifte in Feld und Wald umher, vor seiner Anzeige wie vor einem Steckbriefe fliehend. Hannchen verbrachte den folgenden Tag nicht sehr gleichmütig. Sie sandte ihre Wasserträgerin einmal um das andere nach dem Hause von Gottlobs Meister, um den Vetter heimlich zu beschicken. Vergebens, er war nicht zu sehen. Da jene endlich geradezu nach ihm fragte, gab ihr der Meister den Bescheid, er sei heute zum erstenmal ausgeblieben und scheine sich auf eigene Füße stellen zu wollen. Der Tag wurde dem armen Mädchen schrecklich lang, das Nähen wollte nicht vonstatten gehen, und als sie am Morgen nach der zweiten schlaflosen Nacht der Regierungsrätin die bestellte Arbeit brachte, sagte ihr diese, so sehr sie die übrigen Hemden loben müsse, so sehr mißfalle ihr das zwölfte, das ihr wegen des krummen Schnitts und der groben Stiche fast unbrauchbar scheine. Das gute Hannchen kann ihre Gedanken auch nicht immer bei der Nadel haben, unterbrach sie der Rat, ihr Gemahl, der eben zum Frühstück die Zeitung las. Auf einmal lachte er laut auf, las und lachte und las wieder und wußte sich kaum zu fassen. Höre nur, Frau, rief er, was der Merkur bringt! Zwei Heiratsgesuche, die einander gefunden haben! Hannchen horchte hoch auf. Da höre nur einmal, fuhr er fort, und las wie folgt: »Ein schönes, junges Frauenzimmer, das von Herkunft sehr wohl erzogen ist und eine äußerst feine Nadel führt, wünscht sich aus verschiedenen Gründen zu verheiraten. Sie sieht vor allem auf ein gutes Herz und daß der Mann etwas in seinem Fach versteht. Gefälligen Anfragen wird auf diesem Wege entgegengesehen.« Und nun gleich darunter: »Wofern obbelobtes Frauenzimmer Liebhaber wäre zu einem gewissen Menschen, den sie hieraus erraten kann, so wird, sie gebeten, ein weißes Taschentuch unter ihr Fenster zu hängen.« Die Rätin lachte hell auf. Wenn das Ernst ist, sagte sie, so weiß ich nicht was ich mehr bewundern soll, die Vorsicht in der weiblichen Anzeige oder die Courage in der männlichen, und auf was man begieriger sein muß, auf die Anträge die im Merkur, oder auf die Liebesflaggen, die unter den Fenstern erscheinen werden. Was meinen Sie, Hannchen, rief der Rat, hätten Sie nicht auch Lust, sich auf diese Art an den Mann zu bringen? Hannchen war froh über diese Frage; sie hatte nun doch einen Grund für die Purpurröte, die ihre Wangen überzog. Dringende Geschäfte vorschützend, entzog sie sich schnell ihren Gönnern, die ihr noch ein Frühstück vorsetzen wollten, und eilte, mehr hüpfend als gehend, nach Hause, wo sie sich der ausgelassensten Lustigkeit überließ. Das heiß' ich mir einen Freier! rief sie aus. Nun hat er doch endlich Mut bekommen, sich anzutragen. Jetzt bin ich erst froh, daß ich auf dieses Mittel geriet! Aber das Zeichen kann ich ihm nicht geben: heut' wird sich jedes Mädchen wohl hüten, ein Taschentuch zum Fenster heraushängen zu lassen. Nun geht er am Ende vorbei, und meint es sei nichts, wenn er die Fahne nicht sieht. Ich muß den ganzen Tag am Fenster bleiben und auf ihn warten. Gottlob hatte die erste der beiden Schmerzensnächte im Wirtshause eines benachbarten Dorfes, wo eine Hochzeit mit Tanz gehalten wurde, halbschlafend in einer Ecke zugebracht. Diese ungewohnte Lebensweise war gar nicht geeignet, ihn aus seiner Mutlosigkeit zu einer zuversichtlicheren Lebensanschauung zu erheben. Doch sah er, als er sich am andern Morgen die Haare zurechtstrich, seine Lage von einer neuen Seite an, die ihm bis jetzt zwar nicht ganz unbewußt geblieben, aber doch auch nicht klar genug vor die Seele getreten war. Wenn er nämlich fortfuhr in der Welt umherzuschwärmen, so kam es nicht bloß dahin, daß die verwünschte Rechnung für die Annonce bei Hannchen abgegeben wurde – das war ohnehin nicht zu vermeiden, da er sich um keinen Preis mehr zum Merkur zurück getraute – sondern sie mußte dieselbe auch bezahlen. Dieser Gedanke rührte sein bürgerliches Ehrgefühl in allen Tiefen auf. Wenig fehlte, so zählte er sich jenen Charakteren bei, die sich im Biergarten von der Geliebten freihalten ließen. Er brach auf und rannte spornstreichs nach Stuttgart zurück, um diesem Schlage zuvorzukommen. Welch ein Glück für Hannchen und ihn! Sein guter Genius hatte, nicht in der glorreichsten Form zwar, dafür gesorgt, daß er ihr nicht ganz verloren gehen konnte. Doch flatterte er noch an einem langen Faden. Er mäßigte unterwegs seinen Schritt und erwog, daß die Gebühr doch wohl nicht eher eingezogen werden würde, als bis, wie ihm der junge Herr auseinandergesetzt hatte, die gedruckten Zeilen berechnet werden könnten. Es handelte sich also vor allem darum, zu erforschen, ob die Anzeige in der Zeitung stand. Er atmete auf, als ob er eine Galgenfrist gewonnen hätte, und obendrein beschlich ihn die Hoffnung, der Herr, dem die Sache so schnurrig vorgekommen war, werde ihr keine weitere Folge gegeben und das Papier in der Tasche behalten haben. Statt unter die Augen zu treten, vor welchen er zitterte, verfügte er sich in ein Weinhaus. Dies war, wie zu seiner Ehre gesagt werden muß, sonst nicht seine Gewohnheit, aber er wußte kein anderes Mittel, dem Merkur beizukommen. Schüchtern, wie einer der nichts Gutes vorhat, trat er in die volle Stube und setzte sich an ein Nebentischchen, von den strengen Blicken der Trinker gemustert, die, auf dem noch gediegen goldenen Boden des zünftigen Handwerks der »Frühmesse« obliegend, seine Berechtigung zum Hiersein in stille Frage zogen. Eine Begegnung mit seinem Meister hatte er nicht zu fürchten, denn derselbe zechte erst abends, noch weniger mit den Gesellen, denn diesen lag die Anmaßung ferne, sich in die Gesellschaft von Zunfthäuptern einzudrängen, aber eben aus diesem letzteren Grunde war es ihm für sich selbst gar nicht wohl zumute. Er konnte an dem dichtbesetzten Tische den Merkur nicht erspähen, wagte nicht darnach zu fragen und wünschte sich weit hinweg. Unterdessen drangen Bemerkungen an sein Ohr, sehr hörbar gemurmelte, über die bei der Jugend einreißende Verderbnis, über Leute, die, noch nicht hinter den Ohren trocken, schon am frühen Morgen ins Wirtshaus gehen, und dergleichen mehr. Da erhob er sich schnell und ging um ein Haus weiter. Seinen zweiten Versuch unternahm er mit mehr Umsicht. Er sah erst, wie im Vorübergehen, durch die Fenster eines zur ebenen Erde gelegenen Wirtszimmers, und als er einen einzigen Gast darin gewahrte, so kehrte er um und wagte einzutreten. Ein dicker Mann saß am Tische; er hatte den Merkur vor sich liegen, aber ohne darin zu lesen. Gottlob setzte sich weit unten an den Tisch und wartete geduldig eine lange Zeit. Da jedoch der andere keine Miene machte, sich des Blattes zu bemächtigen, so stand er auf, trat nach und nach näher, und streckte zögernd die Hand aus, mit einer wohlgesetzten Bitte um Entschuldigung, die da zeigte, wie viel er auf gute Erziehung hielt. Jener aber schlug mit der breiten, fleischigen Hand auf das Blatt, daß es klatschte, und sah ihn knurrend an. Gottlob zog sich erschrocken zurück, und setzte sich wieder auf seinen Platz, um abermals zu warten. Allein vergebens hoffte er, daß die Reihe des Lesens an ihn kommen werde; der Gewaltige hielt die Hand beständig auf den Merkur gedeckt und gab das Blatt nicht eher frei, als bis er den Aspiranten hoffnungslos abziehen sah. Gottlob betrat eine dritte Wirtschaft, nachdem er sich überzeugt hatte, daß gar niemand in der Stube war. Es dauerte lang' bis die Wirtin kam. Der Wein war schlecht; er segnete ihn, als eine Vogelscheuche, die das Feld rein erhielt. Indessen, wie scharf er auch umherblicken mochte, die ersehnte Zeitung war nicht vorhanden. Sollte er sich erkundigen? sollte er's mit einem weiteren Wirtshause wagen, mit dem vierten in einem Vormittag? Er schwankte noch, da ging die Tür auf, ein Kind sprang herein und legte den Merkur auf den Tisch. Er brauchte nur darnach zu greifen, und war beinahe bestürzt über sein Glück. Lässig, als gelte es bloß einen müßigen Augenblick auszufüllen, zog er das Blatt an sich, und während die Wirtin ihm auf eine gleichgültige Bemerkung umständlich mit den Namen sämtlicher Mitleser aus der Nachbarschaft diente, begann er sich mit klopfendem Herzen über den Inhalt herzumachen. Mit großer Ausdauer, als ob er die Geschicke der Welt zu überwachen hatte, verweilte er bei den politischen Artikeln, und nur verstohlen, aber um so aufmerksamer, ließ er die Augen über die Anzeigen hingleiten. Die Vorsicht war überflüssig, denn keine Beobachtung kümmerte sich um sein Tun, und wäre er mit den Einrichtungen des Zeitungswesens bekannt gewesen, so würde er sich die fruchtlose Mühe an diesem Tage erspart haben, denn als er seine beiden Anzeigen abgegeben, war die heutige Nummer schon fertig gewesen. Er fand daher seinen Beitrag nicht, obgleich er das Blatt scheinbar spielend wohl ein dutzendmal hin und her wendete. In seiner Herzklemme zum Trunkenbold und Vagabunden zu werden bedroht, machte er sich mit schwerem Kopfe von dannen, und zerbrach sich denselben, was er jetzt tun solle. Es war ihm unmöglich, in dieser ungewissen Lage sein altes Geleise wieder aufzusuchen, und da er keinen anderen Ausweg fand, so kehrte er zu dem gestrigen Lebenswandel zurück, um abzuwarten, bis wenigstens eine zweite Sonne über dem Merkur aufgegangen wäre. Die Nacht fand ihn in der alten Ecke der Dorfherberge, die glücklicherweise von der Nachhochzeit belebt war, und den anderen Vormittag saß er abermals hinter dem geschwefelten Weine, der ihm den unbestrittenen Besitz der Zeitung sicherte. Sie lag schon auf dem Tische, die Wirtin aber tat zuvorkommend ein Übriges und schob ihm daß Blatt vollends hin. Er wurde feuerrot und ließ es eine Weile liegen, wagte aber doch das Schicksal nicht allzulange auf die Probe zu stellen, sondern vertiefte sich allmählich in die spanischen Angelegenheiten, worauf es nicht lang' anstand, bis ihm bei heimlichem Dazwischenblättern seine beiden Anzeigen in die Augen stachen. Die abgenutzten Lettern auf dem grauen Papiere sahen ihn durchbohrend an. Er hatte Mühe seine Fassung zu behaupten, und hielt, wie im Eifer des Lesens, den Merkur vor das Gesicht, damit die Wirtin in diesem nichts zu lesen bekäme. Sie aber, von der vermeinten Anhänglichkeit des beharrlichen Gastes gerührt, knüpfte ein Gespräch mit ihm an und suchte ihm bestens die Zeit zu vertreiben, so daß er froh war, als er sich endlich aus den Maschen ihrer Unterhaltung herausgezogen hatte. Jetzt galt es vor allem, die Rechnung ins reine zu bringen. An das andere dachte er nur nebenher und mit Zittern. Er wollte unter dem Vorwand, daß Hannchen Geld für ihn ausgelegt habe, ihrer Hauswirtin den etwa zutreffenden Betrag übergeben und unter dem weiteren Vorwande, daß er sehr pressiert sei, auf flüchtigen Socken wieder hinwegeilen. Als er an ihr Gäßchen kam, konnte er sich nicht enthalten, von ferne einen Blick nach ihrem Fenster zu werfen. Ach, da hing kein weißes Taschentuch. Zwar konnte er nicht wissen, ob ihr der Merkur schon zu Gesicht gekommen, aber seine Angst ließ ihn das Schlimmste fürchten. Leise drückte er sich auf der Seite, wo Hannchen wohnte, an den Häusern hin, um nicht von ihr gesehen zu werden, und wollte eben in die Haustüre schlüpfen, da fiel ihm etwas Weiches auf den Kopf und legte sich wie ein Schleier über sein Gesicht. Er schlug die Augen auf: sie stand am Fenster und lächelte pfiffig bedeutungsvoll. Er blieb verdutzt stehen, sie gab ihm einen Wink und er sprang mit dem Tuch die Treppe hinauf, nicht ohne unterwegs einige Male stehen zu bleiben und dann wieder pfeilschnell vorwärts zu eilen. Hannchen wollte sich vor Lachen ausschütten, als er zur Türe eintrat. Auf einmal aber erschrak sie. Wie siehst du aus? rief sie, du bist ja ganz verwahrlost. Was ist dir denn geschehen? Er antwortete betreten, er habe eine dringende Reise machen müssen. Seine Verlegenheit ließ sie erraten, was er verschwieg, und gab ihr schnell ihre fröhliche Laune zurück. Du hast mir einen schönen Streich gespielt! rief sie. Hast du's denn gelesen? fragte er furchtsam. Freilich, rief sie: wer ist denn mit der zweiten Anzeige gemeint? Gottlob schwieg; er wagte nicht sie anzusehen. Vetter Gottlob, Vetter Gottlob, du gehst auf Schleichwegen; das erwirbt dir kein groß Vertrauen bei mir. Aber ich bitte dich, hättest du mir's denn nicht selber sagen können? Ich hatte nicht das Herz, sagte er leise, die Augen noch immer niedergeschlagen. Ich glaubte nicht – Du blinder Maulwurf, unterbrach sie ihn, du glaubtest nicht, du sähest nicht, du hörtest nicht, du merktest nicht! Sag' mir nur, hat dir denn nie etwas geschwant? Mir? fragte Gottlob und sah sie erstaunt an. Die freudigste Hoffnung leuchtete ihm aus den Augen. Freilich! muß man's dem verstockten Menschen noch sagen, daß man ihn von Anbeginn hat leiden können, daß man – Hannchen! rief er und flog ihr an den Hals. Daß all das Gerede die Zeit her nur darauf angelegt war, ihm das Maul aufzubrechen, daß ich ihn vorgestern mit aller Gewalt zum Reden bringen wollte und nur darum den Schnaken mit dem Merkur ersann! Und er geht hin und spielt mir den feinen Possen, und dann meint er noch, ich werde die weiße Fahne aufpflanzen, damit alle Leute, die die Zeitung gelesen haben, mit Fingern auf mich deuten! O Hannchen, rief er, vergib mir! sieh, ich hatte immer einen Respekt vor dir, daß ich dir's nicht beschreiben kann. Das ist mir im Grunde lieb, lachte das fröhliche Mädchen: behalt nur immer deinen Respekt und sei hübsch artig und folgsam gegen mich. Aber wenn du mir in Zukunft etwas zu sagen hast so setz' es nur nicht in die Zeitung, ich bitte dich schön; du kannst mir alles ins Gesicht sagen, denn du bist jetzt mein Schatz und mein Beschützer. Während er nun seinem Bräutchen, fast verschämter und schüchterner als sie selbst, den ersten Kuß auf ihre Lippen drückte, wurde an die Türe geklopft; erschrocken ließ er sie aus den Armen und wandte sich um. Ein Knabe trat herein, einen Zettel in der Hand. Was ist's? fragte Gottlob und trat ihm entgegen. Ich soll hier eine Rechnung abgeben, erwiderte der Junge und reichte ihm das Papier. Was bedeutet das? sagte Hannchen und sah über seine Schultern. Es ist ein prompter Mann, der Merkur, versetzte der Bräutigam lachend, indem er die Rechnung berichtigte. Er hatte jetzt bedeutend an Mut gewonnen. Dein Kaufpreis ist's, fügte er hinzu, als der Knabe gegangen war. So, das wär' im reinen. Nun aber auf und in unsere Heimat zurück, wo keine Seele erfahren soll, daß der neue Schneidermeister und seine Frau Meisterin miteinander durch den Merkur gesprungen sind. Das Horoskop. An einem regnerischen Sonntagnachmittag, der kein Umhertreiben im Freien gestattete, beliebte es uns müßigem Knabenvolke, fünf, sechs Mann hoch einzufallen – und zwar wo anders als in dem stillen Hinterhäuschen unseres alten Buchdruckers, von dem wir uns Geschichten erzählen ließen, wenn wir nicht selbst welche machen konnten? Freundlich lachend schob er beim Anblick der Einquartierung die Chronik weg, in der er gelesen hatte, nahm die in Horn gefaßte Nasenbrille ab und steckte sie vorsichtig, um sie außer den Bereich unseres Fürwitzes zu bringen, in die Tasche seines abgetragenen Hauskamisols. Wir blätterten in seiner Chronik, malten mit Griffel und Kreide auf der Schieferplatte, die nach alter Weise in seinen Tisch eingelassen war, und wandten dazwischen kaum die Augen von ihm ab. An Mitteln der Unterhaltung gebrach es ihm nie, denn er verstand tausend kleine seltsame Künste, die wir ihm abzulernen bemüht waren. Am liebsten aber suchte er Spielereien jener Art hervor, wobei dunkle Naturkräfte mitzuwirken schienen. Daher, nachdem er uns geheimnisvoll etwas ganz Neues, noch nie Gesehenes angekündigt, brachte er ein leeres Glas und seinen einstigen Trauring, den er an einem Faden befestigte, worauf er den Faden zwischen die Finger nahm und den Ring in das Glas hängen ließ. Dieses Spiel, das seitdem und schon früher die Runde oft genug durch die Welt gemacht hat, war damals für uns eine völlige Neuigkeit. Nicht lang, so begann der Ring sich leise am Faden zu bewegen und in immer weiteren Schwingungen hin und wieder zu schweben, bis er klingend erst an einer und dann an beiden Seiten des Glases anschlug. Der Alte ergötzte sich an unserem Staunen, widerlegte unsere Zweifel durch die Versicherung, daß er nichts getan habe, um dem Ringe eine Bewegung zu geben, und ließ uns dann gleichfalls einen um den anderen unser Heil versuchen. Der Ring war nicht allen gleich günstig. Dem einen, obgleich derselbe sichtbar rüttelte, tat er keinen Gefallen, dem anderen, der die Finger unverrückt über dem Glase hielt, war er bald wie eine von unsichtbarer Hand geschwungene Glocke zu Diensten. Dies gab allerlei Streit, man riß sich den Faden aus den Händen und beschuldigte einander unredlicher Kunstgriffe, so daß der Alte immer wieder Frieden stiften mußte, was ihm auch gar leicht gelang. Endlich kam die Reihe an einen, der eine besondere Kraft in den Fingerspitzen zu haben schien. Der Ring wurde unter seiner Hand gleichsam lebendig und läutete mit sanften aber entschiedenen Schlägen ohne Aufhören fort. Der Buchdrucker nickte beifällig. Fragen Sie ihn, wie lange Sie leben werden, sagte er. Auf diese Worte kam die kleine Glocke erst recht in Bewegung, und das Geläute wollte kein Ende nehmen, bis die anderen Knaben, von geheimem Neid getrieben, über den neuen Methusalah zu spotten begannen und diesen hierdurch ob seines Glücks verlegen machten. Ich mag nicht so alt werden, rief er, indem er, mit dem kindischen Trotze, der den Knaben in solchen Fällen eigen ist, den Ring in das Glas fallen ließ. Schade, sagte der Buchdrucker neckend, der Ring hat Ihnen, wie der Kuckuck im Frühling, ein langes Leben ansagen wollen, und das haben Sie nun vielleicht verscherzt. Wäre so etwas möglich? fragten wir. Nun, entgegnete er, das hier ist freilich nur ein Spiel, aber es gibt in der Tat Mittel und Wege, um einiges von der Zukunft zu erforschen. Ich selbst habe vor Jahren einen Bekannten gehabt, der es verstand, aus den Namen eines Menschen und den Namen seines Vaters, Vor- und Zunamen zusammengenommen und die Buchstaben in gewisse Zahlen gebracht, Jahr und Tag seines Todes voraus zu berechnen. Er wollte mich seine Kunst lehren, aber mir graute davor, auch gab ich ihm die Materialen zu meiner Lebensrechnung nur unter dem Beding, mir das Fazit zu verschweigen. Er sagte mir deshalb bloß im allgemeinen, ich werde so alt werden, daß ich damit zufrieden sein könne, und das ist auch, wie Sie sehen, bereits eingetroffen. Schade! riefen nun auch wir, nicht über das Eintreffen der Prophezeiung, sondern über den Untergang der Kunst. Diese sechste Spezies der Arithmetik deuchte uns so unschätzbar als das sechste Buch Mosis, und wir würden uns ohne Grauen darüber hergemacht haben, einander den Lebenspaß zu visieren. Der alte Buchdrucker schüttelte jedoch den Kopf. Solche Rechenexempel tun nicht gut, sagte er. Verloren ist übrigens die Kunst nicht, denn es gibt immer noch Leute, die sich auf sie verstehen, in dieser oder jener Weise. Wir waren höchlich verwundert über diese Mitteilung, und als er uns nun die spärliche Kunde gab, die er sich von jenem dunklen Reiche zu verschaffen gewußt hatte, vom Aufbau der himmlischen Häuser, von Aspekten, Quadraturen, Konjunktionen, Oppositionen, Triplizitäten, da verschlangen wir ihm die Worte vom Munde weg. Aber, setzte er hinzu, es ist weislich eingerichtet, daß nur wenige der Sache mächtig sind. Der Mensch verträgt es nicht, in die Zukunft zu blicken, und was hätte er gar davon, die Stunde seines Todes zu wissen? Wenn er's verbrieft hätte, daß er nach etlichen Wochen, nach wenigen Tagen, morgen, heute sterben müßte, er oder jemand von seinen Angehörigen, er hätte ja keinen frohen Augenblick mehr. Das hat einer bitter erfahren, und ein anderer dazu, der bei dem vermessenen Werke behilflich war. Der letztere ist Ihnen vielleicht noch bekannt gewesen, denn er kam ja oft in die Stadt herein: der alte Schultheiß von – Der Geisterbanner! riefen mehrere zugleich. Ja, er hat manchen Geist im Sack fortgetragen, den in eine abgelegene Waldklinge, jenen unter eine verlassene Brücke – nun lauf' wenn du kannst! So sagt man wenigstens. Aber gewiß ist's, daß er bis an sein Ende vielen Hunderten ein Retter und Wohltäter gewesen ist, bald durch Waldpflanzen, die er kannte wie keiner, bald durch Sympathie, daß, wo der Ärzte Macht zu Ende war, die seinige erst anfing, und daß es fast keine Krankheit gab, der er nicht gewachsen gewesen wäre. Wie manch einer, der sein Leben lang über Quacksalberei, Schäferei und Heilsprechen gespottet hatte, hat zuletzt noch an den alten Schultheißen glauben müssen und hat gern nach ihm geschickt! Und wenn man ihn dann die Straße daherwandeln sah seinen langsamen Gang, da war's, als zöge der Engel des Lebens im Krankenhause ein. Freilich, er war der größte Wunderdoktor weit und breit, bemerkte altklug einer der kleinen Zuhörer, der den Erwachsenen nachzuschwatzen liebte. Ach, er hat nur allzuviel gewußt, versetzte der Buchdrucker, indem er die Achseln zuckte und den Kopf schüttelte. Aber das Kräutlein, das für den Tod gewachsen ist, hat er doch nicht gehabt. Da wir gewahrten, daß er nach diesen Worten sein Taschentuch hervorzog und jene Zurüstungen traf, die wir als untrügliche Vorboten einer Erzählung kannten, so versammelten wir uns mäuschenstill um ihn, obwohl nicht in der besten Ordnung, denn die einen setzten sich auf die ihm zugekehrten Tischecken, die andern knieten auf den Boden, legten die Hände auf den Tisch und das Gesicht auf die Hände, alle voll Erwartung nach ihm hinblickend. Die Beweglichkeit, die den Knaben selten lang' in der gleichen Lage verharren läßt, erhielt unsern Konventikel stets in einer kleinen Unruhe, die aber den alten Erzähler niemals zu stören schien. Von dem reichen Virginier werden Sie wohl schon gehört haben? fragte er. Wir verneinten dies. Es ist freilich schon eine geraume Weile her, fuhr er fort. Der reiche Fritz, oder der Virginier, wie man ihn nannte, war auf seiner Wanderschaft in die Hände von preußischen Werbern geraten, dann aus Preußen desertiert und in der Not unter braunschweigische Fahnen getreten, hierauf aber mit braunschweigischen, hessischen und anderen Landeskindern an England verhandelt worden, um gegen die Amerikaner zu fechten. Ob er nun von diesen gefangen wurde, oder ob er zu ihnen überging, weiß ich nicht, kurz, die Engländer waren um einen Soldaten geprellt, den sie noch obendrein dem Herzog von Braunschweig teuer bezahlen mußten. Nun trug es sich zu, daß eine Amerikanerin an dem deutschen Soldaten Gefallen fand und er in ihr eine reiche Braut gewann. Er nahm deshalb Gewehr bei Fuß und ließ sich im Staat Virginien bürgerlich nieder. Seine Braut starb jedoch unerwartet schnell, hatte aber vorher noch Zeit gehabt, ihn zu ihrem Erben einzusetzen. Mit ihrem Gelde gründete er ein Geschäft, bei welchem ihm das Glück blühte, so daß er in kurzen Jahren einen unermeßlichen Reichtum zusammenbrachte. Wie er nun tief genug in der Wolle saß, wurde ihm das einförmige amerikanische Wesen langweilig. Er gab sein Geschäft auf, packte Kisten und Kästen voll und segelte nach der alten Welt zurück. Längere Zeit trieb er sich in Holland und Frankreich umher, stürzte sich in die Vergnügungen der großen Städte und genoß alles, was, wie man zu sagen pflegt, der Welt Brief ausweist. Auf die Letzt aber zog es ihn doch wieder in die Heimat, die er nicht vergessen hatte, und wo er eine größere Figur machen konnte, als in Amsterdam oder Paris. Er kam also hierher, kaufte ein Haus, lebte von seinem Geld, und das ziemlich locker. Bald hatte sich ein Kreis von gleichgesinnten Kumpanen um ihn gesammelt, die alles mitmachten, Ledige und Verheiratete. Die Weiber der letzteren wünschten ihm, daß er an einer amerikanischen Bleibohne erstickt oder unterwegs ins Wasser gefallen wäre, aber er kümmerte sich nichts darum, sondern lebte wie der Herrgott in Frankreich. Wer Geld hat, der kann's treiben wie er will, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze. Dennoch hatte der Virginier einen geheimen Wunsch, der zu seinem freigeisterischen Leben in einem sonderbaren Gegensatze stand. Er sehnte sich nämlich nach dem einzigen Glück, das er bis daher mich nicht gekostet hatte, nach der uneigennützigen Anhänglichkeit einer getreuen Hausfrau. Zu gleicher Zeit jedoch trug er als Wildling ein Grauen vor dem Joch der Ehe und wollte nicht auf immer gebunden sein. In diesem Widerstreit von Verlangen und Abneigung verfiel er auf einen unerhörten Gedanken. Er ritt zum Schultheißen hinaus, seinem Vetter, von dem er wußte und glaubte, daß er mehr als Brot essen könne, und beichtete ihm sein Anliegen. Da er einen Treubruch verabscheue, sagte er, und auch ein Scheidungsprozeß ihm keineswegs anständig wäre, so wisse er nur ein Mittel, wodurch er seinen Zweck erreichen könnte, nämlich, wenn ein weiser Mann ihm eine bezeichnen würde, von der sich, neben sonstigen wünschenswerten Eigenschaften, Herausrechnen ließe, daß sie bloß noch so oder so lang' zu leben hätte; auf diese Weise würde ihm, ohne daß er etwas Unrechtes zu tun brauchte, seine Freiheit von selbst wieder zuteil werden, und er verspreche, seine Erkorene bis zu der gesetzten Frist auf den Händen zu tragen. Der Schultheiß bedankte sich gar sehr für des Vetters Vertrauen, sagte, man sehe wohl, daß er sich unter den Engländern aufgehalten habe, die so ziemlich alle einen Sparren zu viel im Kopfe haben sollen, und bat, ihn mit einer so traurigen Brautschau zu verschonen. Der Virginier wurde hitzig und bot dem Adepten Geld, so viel er haben wolle, dieser aber, sein Leben lang ein Ehrenmann, ließ ihn rechtschaffen ablaufen und hätte ihn beinahe zum Haus hinausgeworfen, auch war eine Zeitlang eine große Fremde und Kälte zwischen ihnen. Nun fügte es sich, daß der Schultheiß zu einem Kranken gerufen wurde, denn er war schon dazumal, als der Erbe von seines Vaters geheimen Büchern, für einen unvergleichlichen Arzt erkannt. Dieser Gang führte ihn in das Haus der bittersten Armut, wo ihm aber ein Bild in die Augen fiel, das in solchen Umgebungen zuweilen, wie um die Wunderkraft der Natur zu zeigen, doch aber selten genug vorkommt. Eine Tochter, die im groben Kittel nicht dem schmucksten Frauenzimmer wich, wohlanständig von Manieren, fein von Gestalt und im Antlitz zart und weiß wie Wachs. Sie sah ganz aus wie guter Leute Kind, und war dies auch in der Tat, denn ihre Eltern hatten früher bessere Zeiten gesehen und waren unverschuldet ins Elend gesunken. Das Mädchen war ihre einzige Stütze, sie verdiente mit zierlichen Näharbeiten und mit Spitzenklöppeln den Unterhalt für die Familie, stand der kränklichen Mutter in der Pflege der kleineren Geschwister bei und wartete obendrein oft halbe Nächte dem kranken Vater ab. Der Heilmeister nahm alles wohl in acht, so ihre Jugendschönheit als ihre häuslichen Tugenden; noch mehr aber machte ihm ein Zug auf ihrer Stirne zu schaffen, der eine Auslegung von ihm verlangte, wie eine dunkle Stelle in halbleserlicher Schrift. Bei näherer Bekanntschaft nahm er sich Gelegenheit, in ihre Hände zu sehen, denn er verstand sich auf Chiromantie; und da er hier die gleiche Anzeige entzifferte, so fragte er sie um Tag und Stunde ihrer Geburt und entwarf ihr Horoskop in astrologischer Figur genau nach dem Gestirn. Auch hier war das Ergebnis seiner Forschungen das nämliche, und er konnte nicht mehr im Zweifel sein: die Frau, die er seinem wunderlichen Kunden suchen sollte, sie war gefunden. Anfangs jedoch warf er den Gedanken weit weg und vergaß ihn auch zum Teil wieder über den Bemühungen zur Herstellung des alten Mannes, die ihm nach einiger Zeit vollkommen gelang. Nachdem aber diese Sorge abgetan war, trat das Mitleid mit der Lage der Armen um so mächtiger hervor, und besonders zu Herzen ging ihm der Anblick des guten Kindes, das so selten einen frohen Tag gesehen hatte und nun so wenige mehr erleben sollte. Er mußte sich sagen, daß es in seine Hand gegeben sei, ihren frühen Abend durch die Verbindung mit einem Manne, den er bei manchen tolleren Eigenschaften als brav, zuverlässig, wohldenkend kannte, zu verschönern und ihr noch verborgenes, aber unabwendbares Schicksal dereinst durch die Aussicht auf eine sorgenfreie Zukunft der Ihrigen zu erheitern. Immer wieder drang sich ihm der Gedanke auf; wenn er ihn zur Tat werden ließ, so war nach allen Seiten nur Gutes gestiftet und nirgends sah er einen Schaden, der daraus erwachsen konnte. Daher, als ihm der Abgewiesene auf der Gasse begegnete und trutzig ausweichen wollte, vertrat er ihm den Weg und sagte, wofern ihm seine Grille noch nicht vergangen sei, so könne er ihm zu der Rechten verhelfen; ihr Horoskop stehe ganz nach Wunsch, wohl fast zu sehr, denn wenn er sie auch nur ein Jahr lang behalten wolle, so möge er eilen. Der Virginier ließ sich das nicht zweimal sagen, er sah das Mädchen, sie gefiel ihm und der Astrolog mußte den Freiwerber machen. Die guten Leute wußten nicht, wie ihnen geschah, sie glaubten im Himmel zu sein, und das Mädchen gab das Jawort ohne Zaudern, schon aus Liebe zu den Ihrigen. Der Bräutigam tat, wie sein Freund ihm gesagt hatte: er eilte, und nach wenigen Wochen stand, zur Verwunderung der Stadt, mit dem reichsten Manne das ärmste Mädchen am Altar. Die Hochzeit wurde mit großem Aufwand gefeiert, denn der Virginier hatte sich das Wort gegeben, seine Angetraute jede Stunde ihres kurzen Lebens vollauf genießen zu lassen. Indessen trübte den Tag eine Anwandlung des Stifters dieser Ehe, der, von heimlicher banger Traurigkeit befallen, ein plötzliches Unwohlsein vorschützte und das Fest verließ. Der neue Ehemann brachte seine Flitterzeit sehr vergnüglich zu. Den Tag über machte er mit seiner jungen Frau Spaziergänge und Spazierfahrten nach Ausflugsorten, wo etwas Gutes und Teures zu haben war, und den Abend und die halbe Nacht saß er, wie sonst, bei seinen lustigen Gesellen, denen er sein jetziges Leben als ein doppelt glückliches pries, da es die Freuden der Ehe und des ledigen Standes vereinige. Allmählich aber kam er seltener zu ihnen; erst fehlte er einen Tag, dann zwei, dann mehrere, und als sie zu spotten und auf das Pantoffelregiment zu sticheln begannen, so blieb er endlich ganz weg. Das häusliche Glück hatte über die Junggesellenlust den Sieg davongetragen, ohne daß die Veränderung der jungen Frau ein Wort kostete. Sie war überglücklich, ihre alten Eltern und ihre Geschwister im Wohlstand zu sehen, und hatte aus Dankbarkeit eine herzliche Liebe zu ihrem Gatten gefaßt. Nie machte sie ihm einen Vorwurf, wenn er sich nach seiner früheren Weise gehen ließ, aber eben ihre immer gleiche bescheidene Freundlichkeit und Lieblichkeit nahm ihn so gefangen, daß er keinen Augenblick mehr ohne sie sein konnte. Da ihr das beständige Umherschweifen angreifend war und sie sich in der Stille des Zimmers am wohlsten fühlte, so hörten auch die Ausflüge nach und nach auf, so daß er nun Tag für Tag einsam mit ihr zu Hause saß und doch keinen anderen Zustand der Welt gegen den seinigen eingetauscht hätte. Sie verfertigte schöne Stickereien für ihn, bei deren Zeichnung sie ihn zu Rate zog, und da sie eine zwar zarte, aber wohlklingende Stimme hatte, so ließ er ihr durch einen gereiften Lehrer Unterricht erteilen, wodurch sie es bald so weit brachte, daß sie die beliebtesten Lieder singen und dieselben auf dem Spinett, das damals üblich war, begleiten konnte. Ihm aber war es sein Einziges, auf ihre Stimme zu hören, wenn sie sang, oder ihr beim Sticken zuzusehen, und Rede mit ihr zu pflegen, während ihre feinen Finger die Fäden zogen. Er wich ihr kaum von der Seite, und konnte nicht mehr begreifen, daß er die Ehe für ein Joch gehalten hatte. Freilich hatte diese Unzertrennlichkeit noch einen besonderen geheimen Grund, denn mitten im Glück war eine namenlose Angst über ihn gekommen, die ihm unaufhörlich in die Erinnerung rief, wie das enden werde, und wie bald! Diese Seelenpein entging den stillen Blicken des jungen Weibes nicht, und da er allem Forschen auswich, so begann sie sich im Verborgenen zu grämen. Sie hatte von Anfang an gezweifelt, ob sie ihm gut und schön genug sei, und glaubte jetzt diesen Zweifel bestätigt zu sehen. In ihrem ganzen Tun und Lassen erschien eine gewisse Spannung, eine fieberhafte Hast, womit sie sich anstrengte, es ihm zu Dank zu machen und seinen Wünschen zuvorzukommen. Aber die Wolken verschwanden nicht von seiner Stirne, und dies vermehrte die ängstliche Befangenheit, die ihr das Leben vergiftete. Ihre Nächte wurden schlaflos, ihre Augen trübten sich, das innere Leiden teilte sich nach und nach dem Körper mit. Die ersten Zeichen eines noch unbestimmten Übels steigerten seine Angst. Es trieb ihn endlich von Hause fort, er warf sich aufs Pferd und jagte zu seinem Freunde hinaus, um ihn um Hilfe anzuflehen, und diese Besuche wiederholte er einmal um das andere. Der Schultheiß, bald traurig, bald wild vor Unmut, wies ihn einmal wie das andere ab und sagte, Gottes Ratschluß sei nicht zu hintertreiben, er solle sich in das Unvermeidliche fügen, er habe es ja voraus gewußt und nicht anders gewollt. Da alle seine Bitten vergeblich blieben, so suchte er sich selbst zu helfen. Man sprach damals viel von einem Lebenselixier, das in hohem Ansehen stand und schon manchem gut getan haben sollte. Er kaufte es um schweres Geld und beredete seine Frau, es zu nehmen. Aber, sei es nun, daß er ihr zu starke Gaben reichte, oder daß es ihr überhaupt unzuträglich war, es bekam ihr nicht, und sie verfiel jetzt erst in eine ernstliche Unpäßlichkeit. Wiederum ritt er zu dem Schultheißen hinaus, und wiederum sagte ihm der, da sei nicht zu raten noch zu helfen, er solle sie nicht unnötig quälen. Er aber nahm Ärzte über Ärzte an, die einander im Rezeptschreiben überboten, so daß die arme Frau mit Arzneien überschwemmt wurde. Die Doktoren kurierten sie aus einer Krankheit in die andere hinein, bis zuletzt ein Zehrfieber dem Rest ihrer Kräfte ein Ende machte. Nun erst erschien der Schultheiß und verschaffte ihr wenigstens Erleichterung, indem er sie von den vielen Arzneien befreite, und ihr ein Mittel gab, das zwar keine Heilung bewirkte, aber doch das Leiden und die Unruhe linderte. Auch ihr Gemüt fand den Frieden wieder, als sie, den Tod vor Augen, ihren Gatten geradezu zu fragen wagte, was die Ursache jenes seines Trübsinns gewesen sei, und von ihm die Versicherung erhielt, es habe ihn nichts anderes gedrückt als die nur allzufrüh schon nagende Sorge um ihr Leben, ohne die er vollkommen glücklich gewesen wäre. Das frevelhafte Spiel, das er mit seinem und ihrem Glück getrieben hatte, verschwieg er ihr, und so genoß sie beim Abschied von der Welt in voller Reinheit das tröstliche Gefühl, dem Manne, der sie aus dem Elend gehoben, lieb und wert gewesen zu sein und die Ihrigen, die an ihrem Sterbebette weinten, wohlversorgt zu hinterlassen. Die Prophezeiung des Horoskops war in Erfüllung gegangen: der Virginier hatte sich kaum ein Jahr lang' seines häuslichen Glückes erfreut. Sein Verhalten als Witwer gefiel den Leuten nicht. Er stand so unbewegt am Grabe seiner Frau, als ob ihn der Todesfall gar nichts anginge, und es war die allgemeine Meinung, er sei seiner Freiheit froh, werde sich's nach einigen Anstandswochen wieder wohl sein lassen und zu seinem alten ledigen Leben zurückkehren. Aber es kam ganz anders. Er verschloß sich in sein Haus und ließ keinen Menschen zu sich, nicht einmal die Angehörigen seiner verstorbenen Frau. Mit derselben scheinbaren Gleichgültigkeit und kalten Pünktlichkeit, womit er die Leichenfeier betrieben, hatte er auch seine künftige Bedienung ein für allemal angeordnet. Sie war einer alten Frau aus der Nachbarschaft übertragen, die während der Krankheit der Verstorbenen zu allerlei Diensten gebraucht worden war. Aber auch diese bekam ihn nie zu Gesicht. Das Haus war wie ausgestorben, und man hatte sich schon an die neue Wunderlichkeit seines stillen Bewohners gewöhnt, als die Nachbarn eines Morgens durch einen Knall, der aus seinem Zimmer kam, aufmerksam gemacht wurden. Man brach die Türe ein und fand ihn tot auf dem Kanapee. Er hatte sich durchs Herz geschossen. Auf dem Tische daneben stand mit Kreide geschrieben: »Ich muß Ihr nach!« Sein Tod brachte ein Testament zum Vorschein, das er in den letzten Lebenslagen seiner Frau gerichtlich niedergelegt hatte; sein sämtliches Vermögen war darin ihrer Familie vermacht. Die Achtbarkeit, zu welcher dieselbe hierdurch gelangte, brachte es, doch nicht ohne Mühe, dahin, daß er an der Seite der Vorangegangenen begraben wurde. Auf diese Weise, so schloß der Buchdrucker seine Erzählung, ist es geschehen, daß ein Mensch durch das Vorherwissen der Zukunft und durch die Erreichung eines auf sie berechneten Wunsches unglücklich geworden ist. Und der Geisterbanner hat auch seinen Geistern das Lehrgeld zahlen müssen, sagte ein Nachbar, der unter der Erzählung eingetreten war und durch mehrmaliges Nicken seine Bekanntschaft mit ihrem Inhalt bemerklich gemacht hatte. Dem ist die Geschichte, daß er Gott hat versuchen helfen, sein Leben lang nachgegangen, und hat ihn zum Trinken gebracht. Er war bis dahin ein nüchterner Mann gewesen, versetzte der Buchdrucker. Am Begräbnistage des Virginiers brachte er seinen ersten Rausch nach Hause, und seitdem manchen. Er ist zwar alt dabei geworden, denn er war ein Mann wie eine Eiche, und im Ansehen und Zulauf hat es ihm auch nichts geschadet, aber es hat ihn doch in manche Ungelegenheiten gebracht – wenn ich nur das nehme, daß die Geschichte durch ihn bekannt geworden ist. Denn nüchtern hätte er sich natürlich nicht darüber ausgelassen, und es hat auch mancher deswegen, bei allem Respekt, ein Grauen vor ihm gefaßt. Aber wenn er auf seinen Gängen durch die Stadt an des Virginiers Haus vorüberkam, und in späteren Zeiten oft auch ohne das, hat er's eben nicht lassen können, es hat ihn ins Wirtshaus getrieben, um den Wurm abzutöten. Und wenn er dann Feuer unterm Dachgiebel hatte, so konnte er Dinge an die Glocke hängen, die ihn gewiß nachher manchmal gereut haben. Es hat ihn ja zuletzt das Leben gekostet, sagte der Nachbar. Wenn er bei Nacht heimging, und früher kam er nie zum Fortgehen, und wenn er einen Sturm hatte, und ohne den ging er nicht fort, dann lauerten ihm die Geister auf und rächten sich dafür, daß er sie so viel inkommodierte. Wie oft hat er braune und blaue Flecken heimgetragen! Und in seiner letzten Nacht, da erwischten sie ihn um Mitternacht auf dem Kreuzweg bei der Teufelsbrücke, und ließen ihn nicht mehr los, und peinigten ihn, daß er nimmer von der Stelle kam und am Morgen tot gefunden wurde. Bei Tag war er Meister über sie und züchtigte sie für alles was sie angestellt hatten, des Nachts aber waren sie Meister und gaben's ihm mit Zinsen wieder heim. Man glaubt nämlich, bemerkte der Buchdrucker zu unserer Aufklärung, daß die Geister einem beikommen können, wenn er nachts unterwegs ist und über Durst getrunken hat. Und besonders auf Kreuzwegen, setzte der Nachbar feierlich hinzu, indem er den silberbeschlagenen Ulmer Kopf, der ihm unter dem Reden auszugehen drohte, heftig ziehend wieder zum Dampfen brachte. Bergmärchen In den ungetrübten Stunden seines Lebens ist der natürliche Mensch ein Dichter, also auch der Knabe, denn dieser ist bei aller vorlauten Unreife doch gewiß im Grunde seines Wesens ein natürlicher Mensch. Darum, wenn ihm auch die Woche über der Kopf vor Romanismus schier zerspringen wollte, der Sonntag – wohlgemerkt, wenn er am Samstagabend seine ganze Gelehrsamkeit in Prosa und Versen säuberlich losgeworden war – der Sonntag fand den kleinen lateinischen Lehrling so froh und hochgemut wie einen alten deutschen Handwerksmann. Der Deutsche hat in jener so hausbackenen und doch zugleich träumerischen Zeit, die wir Mittelalter nennen und die vielleicht in künftigen Geschichtsbüchern erst mit dem Jahre 1830 schließen wird, eine eigentümliche Gabe besessen, zu gewissen Stunden die Welt mit anderen als Werktagsaugen anzusehen, nämlich so wie Hans Sachs sie schildert, wenn er am Sonntagmorgen in den grünen Wald lustwandeln geht. Es ist die alte wundersame Sonntagsstimmung, die die Welt im Festkleide sah und die ich nur mit dem Namen eines geistigen Sonntagssonnenscheins bezeichnen kann. Sobald ich aufgestanden war, legte ich mich unter eine Dachluke, ließ die Augen rings an dem waldbewachsenen Halbrund der Berge, die unsere Stadt bewachten, herumgehen, und bildete meine Zauberkreise, in die ich das Nahe und Ferne hereinzog. Ich bin nicht imstande, den Schmelz, mit welchem diese stille Landschaftsmalerei die Welt überhauchte, mit Worten auszudrücken: alle Farben waren gesteigert und durch einen wunderbaren Duft, der wie ein Taumeer über ihnen schwebte, in ihrer durchschimmernden Mannigfaltigkeit zu einem gemeinsamen Licht verbunden. Ich darf mich der erquicklichen Gabe wohl rühmen, wie man sich jedes verlorenen Besitzes rühmen darf, denn sie ist mir nachher, als ich in den nüchternen Tag hinausgestoßen wurde und der Sonntag mir wie ein »anderer Mann« erschien, untreu geworden. Ebenso scheint sie mir auch der übrigen Welt abhanden gekommen zu sein, und das ist kein Wunder, denn wir haben eben den alten deutschen Sonntag nicht mehr, der nicht bloß heilig war, sondern auch gedankenvoll und bilderreich; und alle Wiederherstellungsversuche werden sich unzulänglich erweisen, den unbefangenen alten Sonntag wieder heraufzuführen, an dem es sich eben ohne künstliche Nachhilfe von selbst verstand, daß es Sonntag war. Die Poesie gießt einen ähnlichen Schmelz über die Welt; nur ist es oft mehr ein Lack, ein Firnis, ein Versuch, den duftigen Überflug wieder herbeizuzaubern, nicht aus der Anschauung selbst entsprungen, sondern bloß aus dem Heimweh nach ihr. Doch ist mir durch die deutsche und die englische Dichtung oft wieder die alte Heimat aufgeschlossen worden, daß ich den Sonnenschein meiner einstigen Sonntage wieder sah; oft haben mir diese unsere Dichter die Welt aus ihrem magischen Muschelkasten gefärbt, daß sie für Augenblicke wieder in einer andern, in jener früheren heimischen Gestalt vor mich trat. Aber auch die schönste dieser Beleuchtungen glich dem Sonntagsglanze meiner Kinderjahre doch nur wie die Erinnerung der Wirklichkeit. Denn das war es gewesen, was ich durch meine Dachluke erschaut hatte, und was mich glauben macht, daß das Kind ein größerer, das heißt, ein lebendigerer Dichter ist als der reife Mensch, obgleich es sein Schauen nicht in Worte kleiden kann. Das beste, was der Dichter sagt, und wenn er sich noch so hoch über die bloße Allegorie erhebt, ist nur Parabel, Symbol, Gleichnis, Bild oder Wahrzeichen; aber aus meiner Kindheit ist mir unauslöschlich ins Gedächtnis geprägt, daß ich von diesen Dingen eine wirkliche, eine körperliche Anschauung gehabt habe. »Ich wußte wohl wie mir geschah, Und wie das wurde was ich sah.« Aber ich blieb nicht in dieser mystischen Beschaulichkeit. Oft stieg ich von meiner einsamen Warte herab und schweifte fröhlich durch Berg und Tal. Da ging mir die Muse leibhaftig zur Seite, in Gestalt eines alten Buchdruckers. Wie muß ich es beklagen, daß mir die Kunst des Zeichnens versagt ist, selbst die leichte des einfachen Umrisses, und daß ich ihn nicht wenigstens mit ein paar Strichen hinwerfen kann, den Mann mit den wunderlich geformten Beinen, die bei jedem Tritt elastisch beinahe in einen rechten Winkel einwärts sprangen, mit dem tiefgefurchten Gesicht und den nachdenklichen grauen Augen, wie er neben mir herschritt und mit seiner dumpfen Stimme die malerischen Punkte der Gegend durch Geschichte und Sage, hier auf Denkzeichen verschollener Grafen und Pfalzgrafen, dort auf die gespenstige Wohnung eines »verwunschenen« Fräuleins weisend, vor meinen Augen befestigte. Denn Mythus und Historie wohnten in ihm friedlich beisammen. Gebürtig aus einem Dorfe der Landschaft, welche der kleinen Republik unterworfen war, hatte er in der Zeit, die der französischen Revolution vorherging, das abenteuerlich ungebundene Leben der reichsstädtischen Jugend, die »poetischen Lizenzen«, die sie sich gelegentlich auf dem Jagdgebiete der Stadt und »leider« auch des benachbarten Herzogtums in Wald und Fluß erlaubte, geteilt, nachher war er wandernd weit in der Welt umhergezogen, mit einer Spieluhr, die er sehen ließ, sogar vor dem Divisionsgeneral Bonaparte aufgetreten, hatte im Umgang mit Alchimisten, Schatzgräbern, Magnetiseurs und Horoskopstellern an geheimnisvolle Künste glauben gelernt, und aus dem Sturm der Weltgeschicke, der an seinem aufmerksamen Auge vorüberrauschte, sich eine Philosophie auf seine Weise gebildet. Dazu hatte er alles gelesen, was ihm unter die Hände gekommen war, und konnte uns ganze Bücher im auserlesensten Chronikstil wiederholen, »gleich einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«. Sein Kopf war ein unerschöpfliches Repertorium, und er ließ sich nicht ungern mit einem Gelehrten vergleichen, brach aber auch manchmal in rührende Klagen über die unverdiente Dunkelheit seines Schicksals aus, und versicherte, wenn er imstande gewesen wäre zu studieren, so würde er nichts Geringeres sein als die Pfarrer und Professoren, die er in der Schule neben, ja wohl unter sich erblickt habe. Noch war er meist heiterer Laune und immer von demselben Wohlwollen beseelt; am vergnügtesten erschien er, wenn es ihm gelang, eine singende Jugend um sich zu versammeln, die er durch ein unnachahmliches Schnurren der Lippen mit einem dröhnenden Baß gleich dem Pedal der Orgel zu begleiten wußte. Überhaupt hielt er sich am liebsten zu der Jugend, und so konnte er hie und da an Feiertagen als Führer eines muntern Knabenschwarmes durch Dick und Dünn, aller Waldpfade kundig, mit uns schweifen, steigen und klettern, bis eine Spitze erreicht war, die eine belohnende Aussicht in das nächste Tal oder in die weite Landschaft hinaus eröffnete. An gewöhnlichen Tagen aber hielt er uns seine Vorlesungen innerhalb Etters. Wenn die Schulstunden beendigt und die Schulaufgaben ausgearbeitet waren, so hüpfte am späten Abend immer noch ein wißbegieriges, hoffnungsvolles Auditorium durch die Einfahrt in den kleinen Hof, wo von überragenden Nachbarhäusern umgeben sein bescheidenes Hinterhäuschen stand. Hier pflegte man sich amphitheatralisch auf Schichten umherliegender Bretter, Balken oder Steine zu gruppieren, und glücklich, wer seinen Platz in der Nähe des Sagenmannes erlangen konnte! Sogar der Mond schien manchmal näher zu kommen, als ob er lauschend herbeischliche, um seinen Teil an den Erzählungen des alten Buchdruckers zu bekommen. Zuweilen waren auch noch andere Zeugen zugegen, und noch erinnere ich mich des Schreckens, der uns eines Abends befiel, als er uns die Geschichte vom Apostaten erzählte, der den lutherischen Glauben abschwor, ohne dafür ein guter katholischer Christ zu werden und obendrein ohne die Braut heimzuführen. Er hatte noch nicht zu Ende erzählt, da ertönte auf einmal eine krächzende Stimme aus der Höhe, und gellend rief es wie vom Himmel herab: »Du bist weder kalt noch warm, darum will ich dich ausspeien aus meinem Munde! Offenbarung Johannis im dritten Kapitel, im sechzehnten Vers.« Wir drückten uns schaudernd zusammen, aber der Buchdrucker rief lachend gegen das Fenster eines anstoßenden Hauses hinauf: Sie sind ja recht bibelfest, Frau Nachbarin! So, Sie sind auch noch auf? – Es war ein altes Weib, das ganz in der Stille die Galerie bei unsern Verhandlungen besetzt hatte. Ernstlicher wurden dieselben gestört, wenn die Hausglocken in diesen Weltwinkel, der uns vor allen andern anzog, hereingrillten; sie durften aber oft redlich stürmen, bis das kleine Parlament mit Hilfe seines alten Vorsitzers dazu gelangen konnte, seinen Vertagungsbeschluß zu fassen. Nun aber war endlich der ersehnte Tag angebrochen, dem ein Dutzend Knabenherzen so lang' entgegengeschlagen hatten, und schon vor Sonnenaufgang rannten die Wecker in der Stadt umher, um ihre lässigeren Gespielen herauszustöbern. Es ging nicht viel anders zu, als wie wenn morgens den Gänsen oder Kühen das Zeichen zum Ausfahren gegeben wurde, worauf der Halbschläfer, sich auf dem Kissen umdrehend, alsbald ein Schnattern oder Muhen die Straße entlang ziehen hörte; nur dienten statt des krummen Hornes die Fensterglocken, die heute aber auch vor Eifer beinahe heruntergerissen wurden. Binnen kurzem war der letzte Träumer aufbruchsfertig, und mit mächtigem Hallo stürmte das wilde Heer dem Sammelplatze zu. Dort stand unser Hirt in der Einfahrt seines Hofes ruhig lächelnd; er brauchte uns nicht zu blasen, und konnte das Weckeramt getrost den Ungeduldigen überlassen, die sich desselben bemächtigt hatten; denn er wußte wohl, daß keines von seiner Herde zurückbleiben würde. Er hatte sein blaues Sonntagswams angezogen; aus der einen Tasche hing wohlgefällig ein langer Zipfel des frischen geblümten Nastuches, in der andern steckte die blanke zinnerne Dose, die er fleißig hervorzog, ein Geschenk unserer dankbaren Anhänglichkeit, bei dessen Überreichung gleichfalls von allen keiner zurückgeblieben war. Vergnüglich vor sich hinsummend begrüßte er die heranstürmende Schar, und war offenbar ein wenig stolz darauf, daß ihm ein so starkes Kapital von Zukunft anvertraut wurde. Das aber war kein Wagestück, denn er lenkte uns an unfühlbaren Fäden, indem er uns wie Erwachsene behandelte, und der Halsstarrigste, der zu Hause und in der Schule wider den Stachel lockte, gegen ihn war er, von einem versteckten Worte seines Tadels getroffen, kirre wie ein Lamm. Und was war es für ein Tag, den wir mit ihm begehen wollten? Sommerjohanni war gekommen, das uralte Fest, an welchem man vordem große Feuer anzündete und darüber sprang, zur Feier der heiligen Zeit, in welcher die Sonne auf dem Gipfel ihrer Bahn sich wendet, um durch die Scheren des Krebses wieder nach den Hörnern des Steinbocks abwärts zu wandeln. Längst waren in unserer Stadt diese Festlichkeiten vergessen: man ließ kein brennendes Rad mehr vom Berge laufen, das die am Himmel hinabrollende Sonne vorstellen sollte, man zündete kein Sonnwendfeuer mehr an, und die Kartoffelfeuer, durch die wir im Herbste gelegentlich sprangen, hatten wohl kaum mehr eine Beziehung auf die alte Sitte. Aber dennoch war eine dunkle Erinnerung daran zurückgeblieben. Obgleich ein gewöhnlicher Feiertag im Kalender, wurde doch der Johannistag viel höher als ein solcher gehalten, und alles Volk aus Stadt und Dorf pflegte bei seinem Anbruch nach den Höhen der umliegenden Berge zu ziehen, wo vielleicht in grauer Zeit die Sommersonnenwende gefeiert worden war. Der Besuch der Berggipfel war damals überhaupt noch weit häufiger im Brauche als jetzt, und uns hätte keine größere Freude zuteil werden können, als die längst zugesicherte Erlaubnis, an Johanni, falls die Witterung nicht gar zu heiß wäre, mit unserem alten Buchdrucker eine Wallfahrt auf den Roßberg, die höchste Anhöhe unseres Gebirges, machen zu dürfen. Lustig lärmend, wie die Vögel, wenn sie ihr erstes Morgengezwitscher anstimmen, hatten wir bald den »Wasen« erreicht, einen herrlichen alten Eichenhain, der in seinem früheren Bestande manches Fest zu Ehren der alten Götter gesehen haben mag und nun der Schauplatz des jährlichen »Maientages« geworden war. Das heutige Geschlecht hat sich schwer an ihm versündigt; damals aber standen seine Eichen noch so dicht, als man es von diesen unverträglichen Nachbarn erwarten kann, die mit den endlos ausschreitenden Wurzeln jeden schwächeren Nebensiedler aus dem Wege zu schieben wissen. Ungeachtet dieser am Boden lauernden Wurzeln trabten wir in der Frische des Morgens so munter über den weichen tauigen Rasen hin, daß der Alte Mühe hatte, uns zusammenzuhalten. Er kannte aber ein sicheres Mittel, das er stets in Bereitschaft hatte: sowie er zu erzählen begann, und die nächsten sich um ihn drängten, um kein Wort von seinem Munde zu verlieren, so war darauf zu rechnen, daß der Vortrab die Schritte anhielt, und die Nachzügler die ihrigen beflügelten, um sich mit der Hauptmacht zu vereinigen. Die Umgegend ließ es nicht an Stoff zu Erzählungen fehlen. Vor uns aus dem Walde, dem wir entgegenzogen, ragte ein kahler Hügel, die »alte Burg«, auf welcher einst Raubritter in roten Mänteln gehaust. Das Hüterhäuschen am Waldsaume, rechts von der Stelle, wo die Fahrstraße in den Wald geht, zeugte von den Nachfolgern jener alten Räuber, nämlich von den Gaunern des vorigen Jahrhunderts, die dort einen schauerlichen Mord begangen. Eine kalte düstere Waldschlucht zu unserer Linken und weiterhin ein einsamer Hof auf grünem Bühl hatten diese Zigeuner beherbergt, wiewohl man auch in der Stadt selbst noch ein Wirtshaus nannte, das ihnen offen gewesen sein soll. Zwischen den Bergen dort, tief im Walde, barg sich der »blaue Hof« oder vielmehr die öde Stätte, wo er einst gelegen, denn er war längst abgegangen, so daß niemand mehr etwas Bestimmtes von ihm zu sagen wußte; aber der Name hatte sich erhalten, der mit einer gewissen Scheu ausgesprochen wurde, und leise stammelte die Sage, daß dort in grauen Zeiten grausige Dinge geschehen sein müssen. Unter den Höhen, die nun schon hinter uns lagen, waren das »Rangelbergelein« und die »Frau Näget« als Sabbatplätze der Hexen berüchtigt, – ein Kapitel, das der Buchdrucker mit wohlanständiger Unmaßgeblichkeit behandelte, indem er nur Gehörtes nachzuerzählen versicherte, von seiner eigenen Meinung jedoch so viel vermerken ließ, daß eben doch unterweilen zwischen Himmel und Erde gar Wunderliches sich begebe. Am Rande der Schlucht, weit links ab der Straße, betraten wir endlich den Wald, der schon eine gute Weile neben uns hergelaufen war, und bewegten uns auf einem schmalen Fußsteig, den nur unser Führer kannte, im Gänsereihen fort. Im Walde zu schweifen war selbst an Feiertagen ein seltnes Fest für uns, denn die Äcker und Baumgüter, mit denen sich die Stadt umgeben, hatten ihn nach allen Seiten, hier ans Gebirge hinauf, dort gegen das Land hinunter, so weit zurückgedrängt, daß wir ihn lange Zeit fast nur wie ein fernes Märchen gekannt hatten. Es war eine Lust, sich unter den schönen Buchen zu tummeln. Unser Mentor, der von der Zeder bis zum Ysop alles kannte, wußte bei jeder Frage unsere Neugier zu befriedigen. Er lehrte uns die Stimmen der Vögel unterscheiden, ehe sie mit dem Steigen des Tages verstummten, und gab den Käfern des Waldes, den fremden Kräutern und Blumen der Wildnis ihre Namen. Bei solcher Art zu wandern fand sich mancher Aufenthalt, und wir brauchten wohl die doppelte Zeit, bis wir uns dem Ziel der Reise näherten. Dafür hatten wir aber auch auf einem sanft ansteigenden Umweg den Gebirgsstock unter die Füße bekommen, ohne zu wissen, wie es zugegangen war. An einem Waldbrunnen, der unter einem Ahorn rieselte, machten wir Halt, um den mitgenommenen Imbiß zu verzehren, wozu uns der Brunnen den Tischtrunk schenkte. Wir freuten uns des grünen Daches, das sich gleich einer Kellerwölbung über ihm ausbreitete, und priesen den schönen gastlichen Baum. Der Buchdrucker aber vertraute uns, kaum eine Stunde von da stehe ein noch merkwürdigerer, nämlich eine alte hohle Esche, worin – nach der Behauptung vieler, setzte er vorsichtig hinzu – ein Geist hause, ein »moroser« Einsiedler in roter Weste, schwarzen Hosen und weißen Strümpfen, der sich sogar im hellen Tageslicht zeige, und gleichfalls eine Art Gastfreundschaft übe, sofern er die Vorbeigehenden in seine Spelunke hole und nicht mehr loslasse. Wir fragten, ob er ihn schon gesehen habe. Er verneinte es, aber wir brachen dennoch eilends auf, da unsre Richtung glücklicherweise die entgegengesetzte war. In einem gelinden Bogen, der sich durch Buchen- und Eichenwald um den Hauptkörper des Berges herzog, führte uns der Fußsteig immer aufwärts, bis wir auf eine offene waldumkränzte Ebene hinaustraten, die mit duftigen Kräutern bewachsen war. Heut', am Feiertage, lag sie still und einsam, sonst aber war sie, wie uns der Buchdrucker belehrte, die Weide für die umliegenden Ortschaften, und die Rosse und Rinder kannten sie, wie die Zecher das beste Wirtshaus kennen. Auch für uns wuchs auf solchen Bergflächen eine Pflanze, die uns höchlich zu ergötzen pflegte, deren Namen ich aber nicht anzugeben weiß; es war eine strohartige, frühzeitig ausgefallene Blume ohne Stiel, deren Boden wir als musikalisches Instrument benützten, da sie, wenn man durch ein Stückchen Fließpapier in die zarten Öffnungen hineineinsang, verstärkte »humsende« Töne von sich gab. So »humseten« wir denn durcheinander, was uns einfiel, Choräle und Schelmenlieder, während wir auf dem erstiegenen großen Absatze gelagert, uns zur letzten Anstrengung vorbereiteten; denn auf diesem ruhte wie auf einem breitschulterigen Rumpfe der Kopf des Berges, den es noch zu überwinden galt. Hier war keine Bogenlinie, keine sanft geschlängelte Umgehung mehr anzuwenden, steil und schroff ging es durch dichten Wald hinauf, aber wir ermunterten einander durch Zuruf, zogen, fest mit der Ferse einhauend, die schwächeren Genossen nach, und in einem sauern Stündchen war der letzte Gipfel vollends erstürmt. Mit Verwunderung fanden wir nun die schmale Spitze, als welche sie sich von ferne gezeigt, in eine ziemlich geräumige Fläche verwandelt, die obendrein so hoch und dicht bewaldet war, daß wir zwar vor Bäumen wohl den Wald, nicht aber eine Spur von Landschaft oder Gebirge erblicken konnten. Halb verdrießlich, halb mutwillig lachten wir und neckten einander mit der schönen Aussicht. Der Buchdrucker lächelte still in sich hinein und fragte, was wir zuerst zu sehen wünschen. Natürlich wenigstens die »Schwedenschanze«, das vielbesprochene Wahrzeichen des Berges, das uns allein schon so weit heraufgelockt haben würde! Er führte uns nach der Südseite des Abhangs und zeigte uns eine verworrene Masse bemooster Steine, die wie von der Hand der Natur hingeworfen schienen, und eine Spur von Erderhöhung, durch Gebüsch und Rasenwuchs halb unkenntlich gemacht. Für Knabenaugen war das nichts Besonderes. Ja, wenn wir gewußt hätten, daß der alte Wall, der sich noch weiter nach Süden zieht, vielleicht um anderthalb Jahrtausende älter ist als die Soldaten Gustav Adolfs! Was sollten auch diese da oben zu schanzen gehabt haben? Aber selten geht eine unserer Volksüberlieferungen hinter den Dreißigjährigen Krieg zurück, zum Beweise, wie gründlich die Sündflut war, mit der er das Gemüt des Volkes überwachsen hat. Schon wollten wir uns mit dem Ruhm begnügen, den Roßberg erklommen und die waldbegrabene Schanze besucht zu haben, als wir mit unserem Führer über die Gipfelfläche hin und her kreuzend mitten im Waldesdickicht auf ein Gerüste stießen, das mit den höchsten Bäumen in die Wette emporstrebte und mit einer rechtschaffenen Treppe versehen war. Der Buchdrucker weidete sich an der Überraschung, die er uns bereitet hatte, und lachte seinen gemütlichen Baß dazu. Die Herren Topographen, erklärte er uns in seinem Latein, haben es gleichfalls unkonvenierlich gefunden, daß eine so wohlgelegene Bergspitze wie ein Kopf ohne Augen sein sollte, und die Pläsierlichkeiten, die sich die Großen verschaffen, kommen jezuweilen auch den Kleineren zugute. Nun ging es hinan, daß das Balken- und Stangenwerk ächzte und krachte, aber die genannten Herren Grafen hatten es dauerhaft hingestellt. Da droben war nun Aussicht im Überfluß. Landkartenartig, wie von allen diesen Höhen, lag gegen Westen und Norden die Landschaft weitgebreitet mit ihren Städten und Dörfern, mit ihren Hügeln, Wäldern und Wassern vor den Blicken. Nach der andern Seite war der Gesichtskreis begrenzter, aber um so schöner: gegen Osten stieß das Auge an die Gebirgsgestalten der näheren und ferneren Nachbargegenden, während es von der Ecke, die unser Standpunkt bildete, den Zug des Gebirges nach Süden hin in ausgedehnteren Reihen verfolgen konnte. Unser Mentor hatte ein scharfes Kreuzfeuer von Fragen zu bestehen; der eine wollte eine Ortschaft, der andere einen vereinzelt aufragenden Kirchturm, ein dritter diesen, ein vierter jenen Berg, ein fünfter den blinkenden Streif eines Flusses, ein sechster die dunklen Säume des Schwarzwaldes, wieder andere wollten Schlösser und Kapellen und die Menge der Burgruinen benannt wissen, und alles fragte und zwitscherte zu gleicher Zeit. Geduldig und sicher wand er sich durch das Gewirr der Fragen hindurch, und blieb keine Antwort schuldig, ja er zeigte uns nicht bloß das, was zu sehen war, sondern auch dasjenige, was bei besonders günstiger Beleuchtung etwa gesehen werden konnte . Dieses Unsichtbare entzündete alsbald die junge Phantasie in Verbindung mit dem knabenhaften Ehrgeiz, und alles strengte die Augen an, wer am weitesten sähe. Auch fehlte es nicht an jenen Berührungen, bei welchen Betrug und Glaube ineinander laufen, die aber der Alte mit seiner gutmütigen Ironie aus dem Felde schlug. So, als unser Dicker, aus seinem Gleichmut aufgestachelt, hinter dem Schwarzwalde richtig die Vogesen ganz deutlich sah, wünschte er ihm guten Abend, und einem anderen, der noch scharfsichtiger im fernen Süden eine weiße Linie entdeckte, die offenbar nichts anderes als die Schneeberge der Schweiz vorstellen konnte, sagte er im gleichen Atem guten Morgen, und lachte dann seinen Grundbaß über die List, die er vorhin gehabt, die Tageszeiten zu verschweigen, in welchen jene seltenen Erscheinungen allein möglich seien. »Sehen Sie nur gefälligst recht scharf nach der Sonne, die dem einen auf- und dem andern untergeht!« rief er den beiden Entdeckern zu, »vielleicht sehen Sie sie eben jetzt über Ihren Adlerblick die drei Freudensprünge machen, die sie übrigens sonst nur an Ostern tut.« Ein helles, vielstimmiges Gelächter schlug in die Lüfte, so daß ein Paar Raben, die sich nicht weit davon auf Baumwipfeln wiegten, wie ertappte Missetäter die Flucht ergriffen. Der Buchdrucker lächelte noch ein wenig vor sich hin, und beeiferte sich dann, den beiden beschämten Fernsehern eine Anzahl wirklicher Fernsichten zu zeigen. Er war sehr höflich und sagte zu unsern Wenigkeiten niemals anders als »Sie«. Das Merkwürdigste und Vergnüglichste jedoch war für Knaben jedenfalls, bekannte Gegenstände in einige Ferne gerückt zu sehen, den Weg zu überblicken, den wir hierher gemacht hatten, und die Heimat, aus deren Mauern wir am Morgen ausgezogen waren, von da oben zu grüßen. Sie lag schimmernd am Gebirge, die sonst so altergraue Stadt; der Engel auf dem Turme blitzte in der Sonne. Der Gebirgskreis, in den sie sich schmiegte, war von eigentümlichen Formen, streng und reizlos, wie der Ernst des Lebens, wenn solche Vergleichung erlaubt ist; aber der einzelne schlanke Bergkegel, der hinter ihr aufstieg, milderte durch seine Anmut den Eindruck der Härte, und die weite Ebene, die sich vor der Stadt und den Bergen her ausdehnte, gab der Gegend, trotz des verschlossenen Hintergrundes, ein offenes Aussehen und bedeutend gestaltete Raumverhältnisse. Wir standen daher keinen Augenblick an, sie als eine der großartigsten auf diesem weiten Erdenrunde zu preisen, obwohl wir weder Gelegenheit gehabt hatten, sie mit anderen Gegenden zu vergleichen, noch das, was ihr nach solcher Vergleichung eigen blieb, mit Worten auszusprechen fähig gewesen wären; aber wir waren eben stolz auf alles, was der Vaterstadt näher oder ferner angehörte. Stolz waren wir auch auf den schlanken Berg, der vor dem Gebirge stand wie eine Schildwache vor dem Lager, oder wie ein Befehlshaber vor seinen Truppen, oder auch, wenn man will, wie in den griechischen Trauerspielen eine der handelnden Personen vor dem Chor, und die Mützen schwingend, riefen wir unserer Achalm ein Hurra zu; denn der Eigensinn einer unerforschten Vorzeit hat sie weiblich benannt, ohne einen Grund hierfür anzugeben, ja ohne ein Wort zur Entzifferung ihrer dunklen Namensrune zu hinterlassen. Der Turm auf ihrem Gipfel, das einzige Überbleibsel der gräflichen Doppelburg, ragte scharf gezeichnet in die klare Luft; sogar die Fahne auf dem Turm war zu erkennen; ebenso deutlich sah man den an der Vorderseite des Berges emporführenden Zickzackweg. Wir hatten diesen alten Reitpfad stets verschmäht und lieber mit Händen und Füßen in die Wette den steilen Gipfel geradenwegs erklettert; nicht anders ging die Rückfahrt, geradeaus bergab, wie die Kugel aus dem Rohr, unter Geschrei und Gelächter, und wenn man sich nicht mehr halten konnte, so blieb nichts übrig, als sich rückwärts zu Boden zu werfen. Dort ja hatten wir uns ln den Anfangsgründen des Bergsteigens geübt, von den Zinnen jenes alten Turmes hatten wir manches Lied auf unserer strohernen Bergharmonika geblasen, manches »Ammonshorn« hatten wir von jenem Gipfel mitgebracht, ja selbst ein seltener »Apollo« war uns dort oben je und je ins Schmetterlingsgarn geraten. So gering jedoch die Entfernung war, so reichte sie hin, den anmutigen Berg schlanker und zierlicher zu zeigen als wir ihn je gesehen hatten, und ihm das zu geben was die Nähe nicht so entschieden erscheinen läßt: eine Gestalt. Eine zweite, dieser ähnlich, war der Hohenneufen, der etwas weiter entfernt sich mit seiner schönen Mauerkrone von dem Gebirge hob und gleichsam mit einem Fuß aus demselben herauszutreten schien. Der dritte im Kleeblatt dieser schlanken Berge und der schönste war der Hohenstaufen, der in den blauen Duft der Ferne gehüllt einsam aus Nordosten herüberblickte. Zwischen der Achalm und dem Neufen hatte sich der Sattelbogen langgestreckt wie ein Kamelsrücken hingelagert. Hinter dem Neufen sah die Teck hervor, als ob sie einen Lauscherposten einnähme. Diese ganze Gruppe von Bergen, die den östlichen Teil der Aussicht bildete, bot eine höchst lebendige Erscheinung dar, und trotz ihrer stummen Unbeweglichkeit nahmen sie sich nicht anders aus als wie wenn sie in einem stillen Verkehr, ja in einer leibhaften Handlung miteinander begriffen wären. Ich mußte immer wieder nach ihnen hinschauen, während der Buchdrucker von den wunderlichen Steinbildern der Belsener »Heidenkapelle« dozierte, die auf der anderen Seite des Berges lag. Mittlerweile war die Sonne höher heraufgekommen, die klaren Umrisse, der Landschaft lösten sich in nebligen Flor, und die Hitze begann auf unsere obdachlose Warte zu drücken. Wir verließen dieselbe, und nach wenigen Augenblicken lag die junge Bande fest eingeschlafen im kühlen Schatten des Waldes. Nur drei von der Gesellschaft wachten noch: der alte Buchdrucker saß »auf Rosen mit Veilchen bekränzt« – denn er hatte sein geblümtes Taschentuch über das Moos gebreitet – an einem dicken Baumstamm, der ihm eine Lehne gewährte, und hing seinen Gedanken nach; ich hatte seine Stellung an einem benachbarten Baume nachgeahmt, wo ich in einem moosigen Auswuchs ein bequemes Kopfkissen fand; und der Dicke lag neben mir im Gras auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf gefaltet, und langsam, wie er in allem war, den Gefährten ins Reich der Träume nachzusegeln bemüht. Ein leiser Luftzug strich über die Höhe und atmete in den Blättern. Was geht Ihnen im Kopf herum? fragte der Alte nach einer Weile. Er hatte mich beobachtet, wie ich die Augen bald schloß bald öffnete und in einer Art Verwunderung vor mich hinsah. Sonderbar, antwortete ich, unsere Berge stehen noch immer vor mir, so deutlich, als wäre eine Öffnung durch das Dickicht gehauen, und was noch sonderbarer ist, schon da droben hab' ich mir's eingebildet und kann mir's nicht aus dem Sinn schlagen, daß die Achalm und die Teck nach dem Neufen hinsehen, die eine von hier, die andre von dort, wie wenn sie etwas besonderes mit ihm hätten. Hm! versetzte er mit seinem nachdenklichen Lächeln. Es muß doch wohl nicht ganz »ohne« sein. Davon kann ich Ihnen etwas erzählen. Er setzte sich zurecht und machte seine gewohnten Vorbereitungen, indem er statt des Sacktuchs, das ihm als Teppich diente, ein großes Blatt aus dem Gebüsche holte und sich hierauf mit einer frischen Prise versah. Ich nahm gleichfalls in meiner halb sitzenden halb liegenden Stellung einen kleinen Wechsel vor, um einen desto ruhigeren Zuhörer abzugeben; und der Dicke, der noch nicht ganz hinüber war, legte sich gähnend, mit dem Kinn in der Hand, auf unsere Seite. Mit dem rechten Auge schlief er fort, mit dem linken hörte er – da hier ein Sinn dem andern aushelfen mußte – der Erzählung zu. Das nämliche was Sie da sagen, begann der Buchdrucker, hab' ich schon vor langen Jahren von einem Jugendgespielen gehört, mit dem ich aufgewachsen bin. Das war ein scheckiger Mensch, das einemal voll lustiger Flausen und wilder Sprünge, dann wieder still und duckmäuserig, als wenn er nicht fünfe zählen könnte. Ich kam als Lehrling in die Stadt, er verdingte sich in den Pferch. Zuletzt wurde er Schäfer auf dem Reissensteiner Hof, über dem Neidlinger Tal, da wo hinten das Tal sich verengt und der Reiffenstein mit seiner Ruine und der Heimenstein mit seiner Höhle einander gegenüber liegen. Dort blieb er einige Jahre, und lernte in Holz schnitzen, ganz aus sich selbst und für sich selbst, aber seine Kunst ward nach und nach in der Umgegend bekannt, und wie es im Leben wunderlich zugehen kann, so kam es am Ende, ich weiß nicht mehr durch welche Verbindungen, daß er ein vorteilhaftes Anerbieten aus Paris erhielt. Er brachte aber auch mit seinen mangelhaften Werkzeugen Dinge hervor, die ihresgleichen nicht hatten. So sah ich einen Stock bei ihm – das war ein Wacholder von einer Größe, die man selten sieht, tief unter der Heimenhöhle aus einer Felsenritze gegraben, man hatte dazu einen Mann an Stricken hinablassen müssen – diesen Wacholder hatte er zu einem wahren Kunstwerk umgearbeitet und in die mächtige Wurzel, welche die gekrümmte Handhabe des Stockes bildete, eine wilde Jagd geschnitzt, die von lebenden Figuren wimmelte. Oben, an der Spitze der Wurzel, jagte der wilde Jäger auf seinem Schimmel dahin, gestreckten Leibes, so daß man bequem hinter ihm die Handhabe erfassen konnte, eine gespensterhafte Gestalt von furchtbarem Aussehen, und doch schön dabei; das Roß warf beide Vorderfüße frei in die Luft, und aus seinen weiten Nüstern erwartete man Feuer fahren zu sehen; dem Reiter aber folgte eine Flucht von Hirschen, Rehen, Eulen, Hunden und geschuppten Drachen, alles so fein gearbeitet und so natürlich, daß man jeden Augenblick meinte, sie könnten aus dem Stock herausspringen. Ich hätte weiß nicht was darum gegeben, wenn ich das Stück hätte behalten dürfen, aber er schien selbst daran zu hängen, und da er sehr gutherzig war, so mochte ich ihn nicht mit Bitten beschweren. Das kostbare Werk hat ihn nach Paris begleitet. Dort ist er verschollen, ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Nach seinem Abschied vom Reissenstein suchte er mich auf, und dort drunten auf dem Hügel, den ich vorhin dem Herrn Dicken habe zeigen müssen, vor dem einzelnen Wirtshaus, am Steintisch in dem Baumgarten, dem Gebirge gegenüber, dort brachten wir einen vergnüglichen Herbstabend miteinander zu. Ich hatte mir was drauf zugute getan, daß ich als Handlanger der Musen etliches aufgeschnappt hatte und vielleicht ein wenig gewählter reden konnte als mancher andere meinesgleichen: ihm aber konnte ich das Wasser nicht reichen, er sprach wie ein Buch. Der Himmel weiß wie es ihm angeflogen ist, hat er zur Winterszeit auf seinem Hofe verlegene Bücher gefunden oder ist ihm ein Pfarrer in der Gegend an die Hand gegangen. Er tat mit allem was er wußte sehr geheimnisvoll, und sagte nicht woher er's hatte; noch weniger ließ er sich, wenn man ihm Zweifel entgegensetzte, in einen Streit ein, vielmehr schien es ihm ganz gleichgültig, ob man ihm glaubte oder nicht. So machte er's auch, als ich gegen die Geschichte, die er dort vorbrachte, nachher einige Bedenken äußern wollte; er lachte nur und ließ eine frische Flasche kommen. Dort nämlich, nachdem er lang' zu den Bergen hinübergeschaut hatte, die in der herbstlichen Luft so nah und greifbar vor uns lagen, hub er an, die Hoheiten da drüben seien nicht immer so unbeweglich dagestanden, wie sie jetzt erscheinen. Doch ich will mit seinen eigenen Worten berichten. Ich weiß das anders, sagte er, und hab's in einer sonderlichen Stunde erfahren. Als Reissensteiner Schäfer bin ich dort herum überall hingekommen, nur nicht auf den Reissenstein selbst, wiewohl der Meierhof gleich hinter ihm liegt, kaum einen Gedanken entfernt. Ich hab' auf dem ganzen Berg dort, wo er das Tal schließt, durch Heide und Wald herumgeweidet, bis auf die andere Seite, wo der Heimenstein mit seinen herrlichen Futterkräutern liegt. Oft und viel bin ich in seiner Höhle gewesen, die sich gegen das Tal öffnet, so daß man wie zu einem großen Fenster hinausschaut und gegenüber den Reissenstein aus Wald und Felsen aufsteigen sieht, gerade wie zwei Häuser auf den beiden Seiten einer breiten Straße gegeneinander über liegen, nur daß statt der Blumenscherben ganze Bäume im Fenster stehen. Bin vorgekommen bis auf den Breitenstein, von dessen Zacken man vorwärts in die weite lachende Landschaft und links über die Berge sieht; die Teck streckt sich weit hinaus; hinter ihr halb versteckt lauert der Rauber; vom Neufen ist nur die Spitze sichtbar, die wie eine große steinerne Blume aus der Hochfläche herauszuwachsen scheint; und weiter drüben sieht der Kopf der Achalm über den Gebirgsstock herüber. Bin auch im kleinen Tal gewesen, das hinter unserem Hofe liegt, am Drackenstein, der mit seinen »Duftsteinfelsen« ein eigenes niedliches Gebirge im Tale bildet. Kurz, überall bin ich herumgekommen, nur, wie gesagt, die paar Schritte nach dem Reissensteiner Felsen selbst hat sich's nie tun wollen, sei's, weil der Mensch dahin wo er am nächsten hat am wenigsten kommt, sei's, weil das alte Gemäuer nicht den einladendsten Zugang hat. Nachdem ich aber die Schippe niedergelegt und die Herde übergeben hatte, um meinen eigenen Pferch anderswo aufzuschlagen, wollte ich doch nicht so unbekannterweise von dem Schloß abziehen, das den Riesen Heim sein schweres Geld gekostet haben soll. Ich hatte noch einen aufrechten Valettrunk mit dem Meier getan; wie der aber, um seinen Dusel versausen zu lassen, sich auf die Bank legte – was er mühselig von mir gelernt hatte, denn niemand versteht bequem auf der Bank zu liegen, als ein Schäfer – so griff ich zu meinem Gehstab und schlug den Weg zur Linken statt zur Rechten ein. Durch Wald und widerwärtiges Gesträuch kommt man zu dem Felsen, der hier mit dem festen Land zusammenhängt, sonst aber nach allen Seiten abgeschnitten und jäh ins Tal abfällt. Zwischen Schutt, Gestein und Mauerwerk, das alles wie zusammengebacken ist, öffnet sich ein enges Loch, durch das man auf Händen und Füßen kriechen muß – froh darf man sein, wenn man nicht stecken bleibt – und dann steht man auf einmal im Schloßhof. Alles verwittert und verfallen, ohne Dach und Fach, daß Sonne und Mond hineinscheinen können. Man sieht noch Fenster und Türen in den Mauern, an einer inneren Wand auch ein Kamin, aber alles ist nach allen Seiten offen, daß der Wind nach Herzenslust durchstreichen kann. Nur ein großer Turm steht noch in seiner ganzen Höhe da, aber oben ist er auch zerbröckelt. An der vorderen Seite des Felsens sieht man durch Lücken in den mächtigen Wallmauern die senkrechte Tiefe hinab, aus welcher Bäume heraufstreben, die mitten im Gestein gewachsen sind. Gegenüber an der anderen Talwand gähnt die dunkle Öffnung im Felsen des Heimensteins. Unten aber, im Talschluß, ziehen viele silberne Fäden durcheinander; das sind die Quellen und Bächlein, die in zahllosem Geriesel zur Lindach zusammenfließen. Ich war doch oft in der Heimenhöhle drüben ganz allein gewesen und hatte an nichts dabei gedacht, weiß also nicht warum mir jetzt in den Reissensteiner Mauern so kurios wurde. Vielleicht kam es ein wenig daher, das ich gewissermaßen eingesperrt war, denn das Schlupfloch war nur auf der Schneckenpost zu passieren, und dann fand auch ein kleiner Unterschied statt zwischen dem Herein und dem Hinaus. Im Hereinkriechen hatte ich die lebendige Welt hinter mir, und die, dacht' ich, wird dich nicht in Fuß beißen; was aber beim Hinausrutschen hinter einem drein kommen kann, wenn's auch nur eine Blindschleiche wäre, das weiß man nicht, und die Augen kann man nicht hinten haben, denn wenn man mit den Füßen voraus will, so bleibt man stecken. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich Angst gehabt hätte, aber die Stille in dem öden grauen Gemäuer machte mich ganz verwirrt. Was aber noch viel stärker auf mir lag, das war eine wunderliche Mattigkeit, die mich gefangen nahm, und statt mich zum Tempel hinaus zu machen, mußte ich mich hinlegen, als ob ich ganz da zu Hause wäre. Ein weicher Moosfleck gab sich unter einer niedrigen Steinlinde, die mit andern Bäumen im Gebröckel und Malm aufgekommen war, als ob sie gleichfalls von je ihr Heimwesen da gehabt hätten. Eine Zeitlang lag ich so in einer Art von Traum, ich weiß nicht wie lang', da hörte ich schwere Tritte, die in den untersten Gewölben des Felsennestes widerhallten, und – du magst mir nun glauben oder nicht – hinter dem Turm kam eine Gestalt hervorgestampft, die wie ein junger Turm neben dem alten stand. Nur war sein Aussehen nichts weniger als jung; das Angesicht hatte Furchen, ähnlich den tiefen Einschnitten, die sich durch Felsstücke hinziehen, Haar und Bart waren wie altes verblichenes Moos, ungekämmt und wie mit Steingeröll durchsät, Gewand und Glieder trugen die verwitterte graue Farbe des Gesteins. Wer mochte es sein als der alte Riese, der Bauherr des alten Nestes? Wie ich ihn so ansah, konnte ich's begreifen, warum die Türe so hoch oben im Turm ist, und war mir auch nicht mehr unglaublich, daß er den Schlossergesellen mit einer Hand frei zum Fenster hinausgehalten haben soll, um den fehlenden Nagel vollends einschlagen zu lassen. Er schien nicht wohl aufgelegt, denn er brummte und bruttelte allerlei in seinen Bart, stellte endlich den Fuß auf ein Mauerstück, das ich nicht mit der Hand hätte erlangen können, wie auf einen Schemel, und bemühte sich den Schuh auszusuchen. Da aber seine Finger zu dick waren um hineinzukommen, so stellte er den Fuß wieder auf den Boden und zog den Schuh aus, indem er ihn gegen den anderen stemmte. Bis daher hatte er getan als ob er mich gar nicht sähe, und ich hatte mich auch nicht gerührt; jetzt aber schob er mir den Schuh hin und sagte mit einer Art, wie wenn wir alte gute Bekannte wären: Da, sieh einmal in dem Schuh nach, was mich so drückt. Ich hielt es nun für gut, den Höflichen zu spielen, griff in den Schuh, der wie ein kleiner Badzuber aussah, aber ziemliche Löcher hatte, und brachte einen Stein hervor, aus dem man eine schöne Kegelkugel hätte drehen können. Dann stand ich auf und überreichte ihm den Fund manierlich, wiewohl ein wenig zaghaft, denn wenn er mir ihn ins Gesicht geschmissen hätte, so hätt' ich wohl in diesem Leben wenig Kopfweh mehr gehabt. Er warf aber den Stein weg und sagte bloß, derweil er wieder in den Schuh schloff: Hätt' nicht geglaubt, daß so ein Kieselbatzen so beschwerlich sein könnte. Da er mich bei diesen Worten ansah, als ob er mich auffordern wollte, ich solle auch was sagen, so nahm ich mir die Freiheit und bemerkte: Ja, wenn unsereiner so ein Sandkörnlein im Stiefel hatte, damit würd' er nicht weit springen. Er lachte, und das klang, wie wenn ein Wagen über ein hohles Pflaster fährt. Das will ich meinen, fügte er. Und doch, seit ihr uns nicht mehr zu fürchten habt, haltet ihr euch für die Herren der Welt. Darauf fragte er mich aus, wie es auf Erden stehe, und ich gab ihm Bescheid, so gut ich konnte. Er schüttelte den Kopf und sagte: Wenn ich so von hundert zu hundert Jahren nachsehe, so ist's eben immer wieder das nämliche Lied, und will nimmer besser werden. In unseren Tagen ist wohl auch nicht alles gewesen wie es sein sollte, aber ihr Wichtlein und Würmer seid doch das ungerechteste und hochmütigste unter allen Geschlechtern, die nacheinander unter der Sonne dahingewandelt sind. Das beste war das älteste, das Geschlecht der ersten Riesen, mit dem ich noch gelebt habe als ein kleiner Knirps; denn ich gehöre schon zum zweiten Riesengeschlecht, bin aber der älteste von diesen, daher ich auch meinen Namen trage, weil ich vor allen meinen Brüdern hier daheim gewesen bin. Du mußt aber nicht meinen, ich sei damals kleiner gewesen als jetzt, nein, ich war nur ein Knirps gegen die Urriesen, die zuerst das Land inne hatten. Damals waren sie noch viel großer als jetzt. – Nun? unterbrach er sich, da ich ihn bei diesen Worten verwundert ansah, hast du sie noch nie gesehen, oder sind sie dir nicht groß genug? Wer denn? fragte ich. Krabbelst ja zwischen ihnen herum, erwiderte er, und siehst sie nicht? Meinst du denn, die seien immer so still und ruhig gewesen, wie jetzt, wo ihr sie für Berge haltet? Nein, die haben auch ihren Tag gehabt, und Händ' und Füß', so gut wie ich und du, und Leben und Lebenslust, und wenn sie zusammenkommen wollten, so haben sie nicht so viel Schritte gebraucht wie ihr Erdenkäfer. So groß sie aber waren, so waren sie doch wie Kinder, ohne Arg und Falsch, und die Zeit, die ich unter ihnen gelebt habe, ist meine beste gewesen. Aber alles hat sein Ende, und ein trauriges Ende hat selbiger alte Riesenstamm genommen, wie du ja noch heut' an ihnen sehen kannst. Ich will dir's erzählen, so gut ich's noch weiß, denn mein Kopf ist altersschwach geworden und mein Gedächtnis hat nachgelassen. Er wollte sich's zu seiner Erzählung bequem machen, der alte Heim, und ließ sich auf ein Stück Mauer am Rande des Felsens nieder; ein Teil davon brach unter seinem Gewicht wie mürber Kalk zusammen, und ich fürchtete schon, es werde mit ihm in den Abgrund hinunterstürzen, aber er griff gleichmütig hinter sich und drehte sich mit dem Hauptstück, ohne aufzustehen, einwärts auf festen Grund, während die übrigen Trümmer krachend in die Tiefe polterten. Für das verfluchte Gemäuer hab' ich auch zuviel Baulohn bezahlt, sagte er mürrisch: das elende Zeug will nicht mehr halten. – Also, um wieder auf die Geschichte zu kommen, fuhr er fort, indem er sich zurecht setzte und, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, das Kinn in beide Fäuste legte. Du mußt nämlich wissen, daß es damals in der Welt zuging, wie es nachher auch jederzeit unter den Menschen gegangen ist, ich will sagen, es hat damals Liebschaften gegeben so gut wie jetzt. Die Namen erzählen dir ja davon, daß es unter selbigen großen Kindern Buben und Mägdlein gegeben hat; und daß es hoch bei ihnen hergegangen ist, das kannst du dir denken; nur konnten sie nicht so leis küssen wie die jetzige Welt, im Gegenteil, so einen Kuß hörte man stundenweit wie einen Wetterschlag, und alles lachte dazu und hatte seine Freude dran. Eine solche Liebschaft war auch zwischen dem Neufen und der Achalm, das war ein schmuckes, blutjunges Pärlein, und die ganze Sippschaft hatte ihre Lust an ihnen, nur nicht die Teck. Die war nämlich selber in den Neufen verliebt, was ihrem Geschmack auch gar keine Schande machte, denn der Neufen war ein schlanker, hochgewachsener Gesell, das sieht man ihm jetzt noch an, wiewohl sie alle miteinander im Lauf der Zeit ziemlich heruntergekommen sind. Das sah seinerseits wieder der Rauber ungern, der hatte sein Herz an die Teck gehängt, aber sie wollte nichts von ihm, denn er war ein windiger Bursche, der einzige von allen, der nicht sauber unterm Brusttuch war, und man sprach wenig Gutes von seiner Lebensart. Der Neufen aber fragte nichts nach der Teck, weil er alle seine Sinne bei der Achalm hatte, nicht, als ob es schon zu einem Einverständnis zwischen ihnen gekommen wäre, denn sie waren gar schüchtern gegeneinander, doch sahen sie sich allezeit an und gingen einander auf allen Schritten und Tritten nach. Alle die anderen wußten ihr Geheimnis besser als sie selbst, und freuten sich auf die Stunde, wo sie einmal Laut geben würden. Nun weiß ich nicht mehr recht, wie es kam – richtig ja, es gab Verdruß am Rhein, oder vielmehr am großen Landsee, denn das war der Rhein damals noch. Die überm See drüben waren ein unruhiges Volk, wie's ja die Franzosen nach ihnen bis diesen Tag geblieben sind. Sie hatten einen König, was die Unseren nicht hatten, den setzten sie immer wieder ab und wieder einen anderen ein mit lauter Possen und Gelächter, bis sie zuletzt einen bekamen, der stärker war als sie und dem sie gehorchen mußten. Der wollte nun auch die Nachbarn in sein Joch schirren, und machte den Anfang mit dem Volk am See, das auf beiden Ufern wohnte und zu den Unsrigen gehörte. Als er aber Unterwürfigkeit von ihnen verlangte, schossen sie in ihrer Not zu den Unseren einen Farrenbaum herüber, denn was jetzt Kräuter sind, das waren damals riesengroße Bäume. Der Baum kam geflogen, stand eine Weile auf dem Kopf oder vielmehr auf den langen Rippen, streckte die Wurzeln in die Höhe und fiel dann langsam zu Boden. Das war ein Zeichen, daß es bei dem Seevolk drunter und drüber ging, und daß Hilfe nottat. Also wurde der Zuzug beschlossen und alles brach in Eile auf. Der Neufen aber, ehe er mit den andern zu seiner ersten Waffentat auszog, gedachte er seiner Achalm ein Andenken zu hinterlassen; er hatte nämlich schon längst ein großes Stück Gold gefunden, das er mühsam verarbeitete, denn eiserne Werkzeuge gab es noch nicht; manche Nacht hatte er daran geschmiedet und Glied um Glied zu einer Kette gefügt; nun machte er die Arbeit geschwind vollends fertig und gab seinem Schatz die Kette zum Abschied. Du mußt aber nicht glauben, das Metall, aus dem die Kette war, sei das trübe, schlechte Gold gewesen, um das sich die Menschen jetzt plagen, nein, es war etwas ganz anderes, viel lichter und besser von Art; es wird nicht mehr auf Erden gefunden, aber in der Tiefe liegt es noch, und verschmilzt in die Gewächse, die aus dem Boden kommen; ihr esset's im Korn, ihr trinket's im Wein; auch in die edlen Gesteine ist es verwachsen. Die Achalm nahm die Kette mit Freuden an und hing sie um den Hals, der Neufen aber zog eilig fort, den anderen nach. Als nun die Teck bei der Achalm die goldne Kette sah, an der sie den Neufen hatte schmieden sehen, weil sie ihn immer belauschte, da ward sie sehr unmutig. Der Rauber aber, der feigerweise nicht mit in den Krieg gezogen war, dachte auf eine schnöde Meintat. Ob er sie mit der Teck verabredet hat, weiß ich nicht; jedenfalls aber meinte er in seiner Verblendung, er werde sich ihr angenehm machen, wenn er es dahin brächte, jene beiden zu entzweien. Indessen ging der Feldzug an. Das war aber kein menschenfressender Krieg wie jetzt, er fraß höchstens Wälder, denn die Kämpfer warfen einander Bäume an den Kopf, und balgten sich, daß es eine Art hatte, aber niemand blieb, obgleich man eine solche Schlacht mit ihrem Getöse ganze Länder weit hören konnte. Darum wurde der Krieg damals auch nicht als ein Unheil angesehen, wofür er doch in den besten Heldenzeiten immer gegolten hat; aber er war nur zwischen Volk und Volk, und nie zwischen nahen Freunden, die einander kund waren und ein Volk ausmachten. Es lief jedoch eine alte Prophezeiung um, ein schwerer und tödlicher Hader werde dereinst überall unter den nächsten Freunden ausbrechen, und dann werde die Welt untergehen. Die Prophezeiung kam von einem betagten, gebückten Riesen her, der sonst wenig redete; sie nannten ihn nur den Alten; jetzt ist er einer von den Sattelbogen, die zwischen den Bergen liegen; der Weg von der Achalm zum Neufen führt über ihn. Der nämliche hatte auch wider diesen Zug gesprochen, weil von Urzeiten her zwischen den beiden Völkern eine Blutsverwandtschaft sei, die ihnen den Krieg verbiete; aber man hatte nicht auf ihn geachtet und, weil es nottat, auch nicht auf ihn achten können. Nun, die Schlacht war gestritten, der König überm See mußte mit einer meilenlangen Nase abziehen, und die Seinigen haben ihn richtig unterwegs noch abgesetzt. Die Unsrigen zogen gleichfalls heim, mit ihnen der Neufen. Der hatte sich ritterlich gehalten, war von männiglich belobt worden und freute sich, vor der Achalm in seinem Kriegsruhm zu erscheinen. Auch war er kecker geworden bei den Oberrheinischen, und gedachte jetzt weniger Umstände zu machen als zuvor. Aber in der Nacht, eh' er ankam, vollbrachte der Rauber sein sauberes Stück. Er lauerte bis die Achalm eingeschlafen war, dann schlich er hinzu und stahl ihr die goldne Kette. Das war der erste Diebstahl in der Welt; vorher war alles Eigentum frei und ohne Gefährde auf den Hügeln umhergelegen, denn Berge hatte die Erde noch nicht. Ich ritt damals gerade auf dem Rücken des Sattelbogens und sah im hellen Mondenschein alles, was vorging. Aber ich durfte mich nicht dareinmischen, sie hätten einen Däumling, wie mich, zertreten, wenn ich ein Wort in ihre Sachen geredt hätte, denn sie waren trotz ihrer Gutherzigkeit alle miteinander gar stolz, und nur der Sattelbogen ließ etwas mit sich anfangen, der alte, träge Kerl, der immer auf der Nase lag und schlief. Deswegen trommelt' ich ihm mit den Füßen auf dem breiten Teil herum: »Alter, auf und leid's nicht!« rief ich; aber er tat einen Schnarcher, daß sich alle Bäume bogen, und streckte sich noch länger aus. Da mußt' ich's denn ins Kuckucks Namen geschehen lassen. Wie nun frühmorgens der Neufen ins Land kommt, den anderen voraus, zitternd vor Ungeduld – das erste, was er zu Gesicht kriegt, ist dir der Rauber, der mit der goldenen Kette vor ihm herumstolziert. Dem gab er einen Tritt, daß er der Länge nach zu Boden fiel. Da war das Aufstehen eine schwere Sache. Dann warf er einen Blick auf die Achalm, die ihm voll Freuden entgegenkam, nur einen einzigen, und dann blieb er trotzig stehen und sah sie nicht mehr an. Die Achalm, da sie die Kette am Rauber sah, merkte sogleich, wie sich die Dinge verhielten: aber sie war zu stolz, um sich zu rechtfertigen, und daß ihr der Neufen kein besseres Vertrauen bewies, das kränkte sie so, daß sie sich auch abwandte und ihren Schatz nicht mehr ansah. Da schritt der Staufen herzu, der eben mit den anderen aus dem Kriege zurückkam, und wollte den Streit beilegen; jedoch der Neufen stieß ihn zornig zurück, denn es war bis dahin noch nicht vorgekommen, daß sich einer ungefragt in die Händel des anderen einmischte, und hatte jeder sich vor dem Schein gehütet, als ob er Richter und König werden wollte. Durch den letzten Krieg aber war alles wie verschoben und verkehrt worden, und es waren doch vorher viele Balgereien in der Welt gewesen. Wie die Teck das Unheil sah, das der Rauber angerichtet hatte, nahm sie ihm die goldne Kette ab und warf sie der Achalm entgegen. Diese aber stampfte das Kleinod mit Zorn und Haß in den Grund des Bodens, wo es noch jetzt verborgen liegt, und aus ihrem Munde ging ein feuriger Atem, daß es alle mit Grausen sahen. Da brach auch dem Neufen die rote Glut aus Mund und Nase, und der Staufen, der ergrimmt von ihm weggegangen war, begann gleichfalls Feuer und Flammen zu speien. Die Feuerströme aber schossen immer höher in die Lüfte, und von dem Rauchdampf ward es Nacht, und in dieser Nacht stiegen rings umher in allen Fernen die gleichen Feuerzeichen auf. Da gedachte alles Volk der Weissagung und erkannte, daß in allen Landen zu gleicher Zeit der innere Hader ausgebrochen und auf den lustigen Krieg der traurige gefolgt war; und eine Angst kam über sie, daß ihre mächtigen Gebeine erzitterten, stärker, als wenn ein Erdbeben den Grund bewegt. Der Feuerqualm erlosch endlich und es wurde wieder Tag, aber alle wußten, daß es ihr letzter war. Da kehrte sich die Achalm noch einmal mit halbem Leibe gegen den Neufen herum und hub an bitterlich zu weinen, und der Neufen weinte mit, und alles Volk weinte, und den Bäumen standen die Tränen in der Rinde, als sie ihre Fürsten so betrübt sahen, und die Erde weinte brausende Fluten aus ihren Tiefen und der Himmel öffnete seine Schleusen, und die ganze Welt wurde zu einem Meer, das wuchs und stieg immer höher und schwoll endlich über die höchsten Bäume hinaus. Als mir's zu arg geworden war, hatte ich mich auf eine Fichte hinaufgemacht – zehn der heutigen geben keine solche, denn sie war zwanzigmal so groß als ich – und hatte droben das Fallen der Gewässer abwarten wollen. Die aber rissen zuletzt den Weltsbaum mit samt den Wurzeln aus, so daß er mein Schiff wurde, auf dem ich in den Fluten trieb. Einen umherschwimmenden Schaft, dergleichen jetzt nur Halme sind, der aber dick und lang wie ein Balken war, nahm ich zum Ruder, aber die Strömung riß mich mit meinem Fahrzeug fort. Aus weiter Ferne sah ich noch einmal das Riesenvolk; es hatte sich zusammengedrängt, wie jetzt eine Herde Schafe vor dem Gewitter sich aneinander schmuckt, und die Wasser leckten schon nach ihren Häuptern empor. Endlich sah ich nichts mehr und trieb lange Tage auf der Flut umher. Die Kurzweil war nicht groß, aber ich labte mich mit dem Wasser, das frisch und rösch wie eure Sauerbrunnen schmeckte. Da kam aber über einmal ein harter Frost, der erste Winter, den ich erlebte, und bald war alles Stein und Bein gefroren, das Meer, so daß ich mit meinem Schiff im Eise steckte, und das Mark in meinen Knochen, so daß ich, mit dem Kopf in den Fichtenzweigen liegend, entschlief. Wie ich wieder zu mir kam, war die Flut geschmolzen und abgelaufen, und ich erwachte zwischen den Trümmern meines Baumes, der zu Modererde geworden war, hier auf dieser Riesenfaust, wo ich mich hernachmals angebaut habe. Ich war aber sehr verwundert, daß ich auf einer Höhe stand und in ein Tal hinabsah; denn zuvor war alles Land fast so gut wie eben gewesen. Da stieg ich hinunter und watete durch Sumpf und Moor in die Ebene hinaus, und nun, wie ich mich umsah, erkannte ich erst was geschehen war. Das Riesenvolk war zu Bergen geworden, alles tot und still und ausgestorben. Gerade wie sie bei dem Untergang ihrer Welt gestanden waren, so standen sie und so stehen sie jetzt noch: der Neufen stolz und in sich gekehrt; die Achalm schaut halb umgewendet nach ihm hin; die Teck hat sich, den Leib nach hinten gestreckt, auf die Ellbogen gelegt, und sieht immer noch drein, wie es wohl gehen werde; hinter ihr schielt der Rauber mit bösem Gewissen hervor, und hat alle Ursache dazu, denn er hat nachher sein schlechtes Handwerk fortgetrieben oder es wenigstens andern zugelassen und ihnen einen Schlupfwinkel gestattet; und drüben steht der Hohenstaufen mit seinen beiden Brüdern abgesondert, wie er damals vom Neufen weggegangen war, aber keck und frei, denn er hat's doch noch so weit gebracht, daß er König und Kaiser über alle wurde. Der große Haufen aber steht noch wie damals, als die Not über sie hereinbrach, zusammengedrängt und nach und nach ganz ineinander verschmolzen und eingesunken, so daß man an den meisten keine Gestalt mehr wahrnehmen kann; sie sind zum Grundstock des Gebirges geworden, die Erde hat sie überkleidet, und Gras und Wälder sind über ihrem Schicksal gewachsen. Damals aber waren die meisten noch zu erkennen, nur hatten die Gewässer an ihnen genagt und gewaschen, und ihre Knochen und Zähne waren in Gestein und Felsen verwandelt. Ich stieg weit und breit zwischen ihnen herum, und es erbarmte mich ihrer, aber noch mehr erbarmte es mich meiner selbst, daß ich nun mutterseelenallein war in der Welt. Aber bald spürte ich etwas, das noch stärker war und mich an nichts anderes denken ließ. Du mußt nämlich wissen, daß vor der Flut und Kälte vom Essen keine Rede war, und daß ich wie alle andern von der Luft und vom Wasser gelebt hatte. Nun aber war eine Veränderung in mir vorgegangen und ein allmächtiger Hunger war über mich gekommen. Aber es war bereits für mich gesorgt. Auf den Hügeln über den Sumpfgründen waren, derweil ich noch schlief, Fruchtbäume gewachsen, anders gestaltet als die vorigen Bäume, die nur Blüten getragen hatten, und gelbes Getreide war aufgeschossen, das ich zwischen Steinen zermalmen und bereiten lernte. So hatte ich Essen im Überfluß, und hätte gern geteilt, wenn ich nur Mitesser gefunden hätte. Aber auch diese stellten sich ein. Aus den Felsen wuchsen Riesen und Zwerge hervor, woran ich sah, daß den Bergen noch Trieb und Lebenskraft innewohnte. Das ist das zweite Riesengeschlecht, das jüngere, kleinere, zu dem ich mich rechne, obwohl ich von anderer Herkunft bin. Dann kamen die Menschen, die wuchsen aus Bäumen, tief im Wald, und vermehrten sich schneller als uns lieb war; aus dem Schlamm der Sümpfe und Moraste aber sind die Tiere gewachsen. Nun war wieder Leben in der Welt, aber mit dem Leben zog auch das Unrecht wieder ein und wurde viel größer denn zuvor, so daß ich oft meine stillen Urriesen ansehen mußte und denken: wenn den lebenden Geschlechtern mit dem gleichen Maß gemessen würde wie euch, so müßte die Welt jeden Tag zweimal untergehen, morgens und abends. Das sag' ich absonderlich von euch Menschlein, die ihr's zuletzt gewonnen und das Feld behalten habt, denn die Zwerge sind vor eurem Übermut in die Steinwände verschlossen, und von den Riesen bin ich einer noch übrig und werd's auch nicht mehr lang' treiben. Ich hab' wenig Freude an euch erlebt. So lang' ihr den Wisent auf den Bergen jagtet, war noch etwas von alter Riesenart in euch; seit ihr mir aber meinen Felsensitz gebaut habt um Lohn aus meinen Schatzgewölben, ist der Geist des Hungers, der mit euch auf die Welt gekommen ist, immer größer in euch geworden. Eure Ritter, mit deren Heldentaten ihr wunder wie prangen wollt', was sind sie anderes gewesen als Prozeßkrämer, die um's Mein und Dein aufeinander loshackten, denn das waren alle ihre Fehden, und bei ihrem Heldentum war das Geschrei größer als die Wolle, denn ich sah es oft mit an, wie sie einander stärker auf den Schild klopften als auf die Haut. Seit ihr aber vollends Geldwechsler und Krämer geworden seid, die einander im Frieden unterdrücken, kann euer letzter Tag nicht mehr ferne sein. Von euch ist jede Kraft gewichen, die da schätzen könnte, was eins dem anderen wert sein sollte. Geiz und Gier, Neid und Haß und Falschheit sind euer täglich Brot. Aber nur Geduld, alte Liebe rostet nicht. Schau, die Achalm, wiewohl man ihr immer noch ansieht, wie schön sie einst gewesen sein muß, ist jetzt eine alte Jungfer mit einem tüchtigen Raffzahn und mit eingesunkener Brust, und doch kann sie's nicht lassen, immer noch mit halbem Leib nach ihrem alten Schatz zu blicken. Dem Neufen geht es ebenso: vor vielen hundert Jahren, wenn ich in stiller Nacht vorüberging, und sein Ritter im Schlosse droben ein Liebeslied zur Harfe spielte, da hört' ich oft, wie er von einem tiefen Widerhall in seinen Gründen erzitterte, und später vernahm ich auf meinen nächtlichen Gängen manchen Seufzer aus seinem Innern, nicht bloß von den Gefangenen, die er ungern genug in seinen Eingeweiden beherbergte. Ja, es wird nicht immer so bleiben: die Berge sind nicht so tot wie sie aussehen! Aus den Quellen und Flüssen, die sie hervorstoßen, kann man abmerken, daß noch Leben in ihnen ist; auch hör' ich wohl, wenn ich in der Nacht vor ihnen stehen bleibe und horche, daß in ihrem Innern noch die Herzen schlagen, und gib acht, gib acht! sie halten's nicht aus, einander ewig so anzusehen, sie reißen sich gewiß noch aus ihren Wurzeln und schreiten aufeinander zu und werden wieder jung, denn alte Liebe rostet nicht! Dann aber wird eure Welt untergehen, wie einst die ihre untergegangen ist, denn wo die herumwandeln, da ist kein Platz für euch, und ohnehin, wenn die Wasserkammern zu ihren Füßen aufbrechen, so wird's ein Seelein geben, daß euch nicht bloß bis an den Hals geht, und ein Bad, in dem ihr euren Golddurst löschen werdet. Wenn ihr nur auch wüßtet, was das Gold und Silber ist, dem ihr so hitzig nachzujagen verdammt seid, ihr würdet das Angstding wahrhaftig nicht in die Hand nehmen. Aber das ist ein Geheimnis, das eurem Witz und Hochmut hat verborgen bleiben sollen, damit ihr einmal recht zu Schanden werdet. Oder kannst du ein Geheimnis bei dir behalten? Der Riese dämpfte bei diesen Worten seine Stimme, daß sie mir gerade vorkam wie die große Baßpfeife, wenn die Orgel aufhört und das Pedal noch eine Weile allein fortbrummt; daher, wenn die Worte auch nicht ganz so leis klangen, wie es vermutlich seine Absicht war, so klangen sie doch so geheimnisvoll, daß es mir ganz eng um die Brust wurde. Ich dachte, jetzt werd' ich doch auch einmal etwas erfahren, was der Mühe wert sei. Ja, rief ich mit allem Nachdruck, ich kann's für mich behalten! Ich auch, sagte er, und stieß ein Gelächter aus, daß Turm und Mauerwerk schüttelten. Ich schluckte einen Fluch hinunter, daß er mich so drangekriegt hatte, und lachte mit, um ihn bei guter Laune zu erhalten. Wenn ich so von Quellen und Fluten rede, hob der alte Heim nach einer Weile wieder an, so wässert mir gleich der Mund. Zudem hat mich das lange Reden durstig gemacht. Ich muß doch nach meinem Keller sehen; ich sag' dir, da drunten hab' ich noch ein paar Mutterfäßlein liegen, so was find't man in keinem Hofkeller. Du kannst's auch versuchen. Er tappte an den Löchern im Boden umher, aber er konnte mit den Riesenarmen, die so dick wie mäßige Eichenstämme waren, nicht hineinkommen. Das Zeug, brummte er, verstopft sich immer mehr, am Ende komm' ich gar noch um meinen Wein; da will ich mich lieber einmal einen Tag hersetzen und will ihn vollends wegbürsten. Er sah sich um, schob einen Felsblock weg, unter welchem eine breite Öffnung sichtbar wurde, legte sich platt auf den Boden nieder, wobei er die Beine über den Felsrand hinaushängen ließ, griff hinunter und brachte keuchend ein großes, länglichrundes Gestein in Gestalt eines Fasses herauf. Sieh, sagte er, das war einst ein Faß! Seine Dauben waren dicker als jetzt eure Küfer sie machen, und doch sind sie abgefault, von den schweren Eisenreifen sind nur noch ein paar Splitter da, aber mein Wein ist mir getreu blieben und hat sich selbst von innen her ein steinern Haus gezimmert; da sieh her, sieh, so sieht ein weinsteinernes Weinfaß aus. Ich muß nur ein Stück herunterbeißen, daß ich dem Trunk beikommen kann. Er tat einen Biß in die Ecke des Fasses, daß es knirschte und krachte, ein heller, voller Weinstrahl schoß heraus und beregnete ihn, daß ihm Haar und Bart wie von Perlen glänzten. Dann setzte er an, und einen guten Zug hatte er noch zu seinem Alter; seine Kehle arbeitete wie ein Blasbalg. Das Faß war wenigstens zur Hälfte geleert, als er's absetzte; er bot es mir mit einem freundschaftlichen Gurren hin, denn sprechen konnte er noch nicht sogleich. Dank' Euch, Vater! sagt' ich scheu, denn ich traute dem Wesen doch nicht ganz: ich geh' nicht gern weit hinter den Ferndigen zurück, ich kann den Alten nicht wohl vertragen, und zudem so ist mir das Mundloch zu weit, und einen Weindieb haben wir nicht bei der Hand. So laß bleiben, wenn du nicht magst, murrte er. Da muß ich eben den Rest vollends selber versorgen, denn lang' hält sich der Wein doch nicht mehr, nun das Faß ein Loch hat. Er hob es noch einmal mit beiden Armen zum Mund, und ließ so lang' laufen bis er's senkrecht über sich hielt; ich hätte für die Nagelprobe stehen mögen. Dann setzte er's mit einem schweren Atemzug ab, schwang es in der einen Hand und warf es nach dem Heimenstein hinüber, an dessen Felsenkrone es in tausend Stücke zerschellte. Hättest du getrunken, sagte er dann, so wär' dir in deinem dunklen Kopfstüblein ein Licht aufgegangen. Weißt du denn nicht, was das Sprichwort sagt von der Wahrheit im Wein? Das ist ja eben das Urgold, das in ihm steckt. Aber von dem hat der meine etliche Karat mehr als euer Rachenputzer, das hättest du dir denken können. Nun, wer nicht will der hat gehabt, das ist auch ein Sprichwort. Du hast das Nachsehen, und laß dir's nicht einfallen, etwa hier nachzugraben; ohne mich findest du meinen Keller nicht. So, jetzt muß ich um ein Haus weiter, ich muß heut noch ein paar Felsenlöcher visitieren. Gehab' dich wohl, heut' über hundert Jahr komm wieder her, da triffst du mich vielleicht, wenn wir bis dahin noch beide frisch und munter sind. Er hob den Fuß, und da war es nun wunderbar, wie lang der Fuß aus dem Leib herauswuchs und sich über das ganze Tal hinüberstreckte bis zum Heimenstein. Eine bequemere Stelzengängerei hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. Doch lief das Ding nicht ganz eben ab, denn wie er hüben dem Fuß nachwollte, der schon drüben aufstand, stieß er mit Macht an den Turm, sei es, daß ihm die Weinfeuchte doch ein wenig in den Kopf geraten war, oder daß ihn eine kleine Altersschwäche anwandelte, und dicht hinter ihm fiel ein Haufen Quaderstücke herab. Aber das verschlug ihm nichts, er war noch fest auf den Füßen. Gib acht, brummte er, es will hier schon lebendig werden; da hab' ich nun, was man so sagt, ein Eck mitgenommen. Er lachte laut auf und mit einem Schritt war er drüben auf dem Heimenstein, und verschwand dort hinter der Felsenwand. Sein Lachen aber rollte wie ein Donner dahin, brach sich am Gebirge, kehrte im Umkreis des Tales immer näher und stärker wieder zurück, und jetzt ging's auf einmal Krach und Schlag wie aus hundert schweren Stücken über mir los. Ich sprang auf, und war wie verblendet, denn vorhin war's noch Tag gewesen, aber jetzt stand ich in einem falben Zwielicht, und in diesem sah ich den Turm beben und wanken; er seufzte wie in seinen Grundfesten erschüttert; Schutt bröckelte an ihm herab, und es kam mir vor, das ganze Trümmerwerk neige sich zum Einsturz. Nun wollte es mir in dem alten Riesenneste nur noch halb gefallen, ich machte, daß ich von dannen kam. Das Schlupfloch war mir zu eng und umständlich für meine Eile, und es ist die Frage, ob ich's in der Geschwindigkeit gefunden hätte. Mir blieb nur eine Wahl. Die Flucht hatte mich an einen Absturz geführt, da wo der Fels sich vom festen Lande scheidet. Aber die Kluft war zu breit zum Sprung, wenigstens für einen, der den Fuß nicht nach Belieben wie ein Fernrohr herausschieben kann. Zur Rechten stieg eine Mauer senkrecht aus dem Fels herauf; sie war zu hoch zum übersteigen und unzugänglich an ihrem Fuß; aber von der Mauer springt der Fels, wo sie mit ihm verwächst, mit einer Platte hervor, die zwar abschüssig ist, doch in der Mitte eine Vertiefung hat, wie einen Tritt, so daß man zur Not darauf Fuß fassen und auf diese Art in zwei Sprüngen statt in einem über die Kluft setzen kann. Fehlen darf man nicht, sonst geht's über die Felsen ins Tal hinunter. Zum Glück hatte ich keine Zeit mich zu besinnen, denn eben fing das Getöse wieder an. Ich faßte die Felsplatte in beide Augen, um den Abgrund nicht zu sehen, und sprang fest auf; der Schwung war so stark, daß ich gar nicht anders konnte, sondern gleich den zweiten Sprung machen mußte. Den möcht' ich nicht noch einmal tun, denn er ging ein wenig aufwärts, aber drüben war ich, und hatte zum Überfluß noch mit den Händen den grünen Boden gefaßt. Jetzt war ich wieder wo ich hergekommen war. Wie ich mich aber aufrichtete, war mir's doch auch, als ob der ganze Berg unter mir in Bewegung käme. Zu verlieren hatte ich nichts mehr da oben, griff nach Stock und Bündel, die ich vor dem Eingang gelassen hatte, und fuhr den nächsten Weg ins Tal wie auf einer Rutschbahn hinab. Es war ein Holzriß, der mich in kurzem an den Wasserfall brachte. Da mich meine Kniee nicht weiter trugen, und alles still war, so warf ich mich dort einen Augenblick ins feuchte Gras und kühlte mir Gesicht und Hände mit dem Bergwasser. Doch war auch da meines Bleibens nicht, denn abermals krachte es über mir, wie wenn der Reissenstein mit Turm und Mauern und Felsen auf mich herabkommen wollte, und mit ein paar Sätzen war ich vollends im Tal. Mit sinkendem Abend machte ich mich zum Tal hinaus, während es unaufhörlich hinter mir tobte, und erst jetzt merkte ich, in was sich der Lärm verwandelt hatte: es war ein spätes herbstliches Gewitter, das dem Sommer seinen Abschied gab. Aber ich wußte darum doch, wer mir das Donnerwetter auf den Hals geschickt hatte, denn ich hatte ja in dem alten Riesenschloß droben gelernt, daß, um gleichfalls ein Sprichwort anzuwenden, mit großen Herren, auch mit den besten, nicht gut Kirschen essen ist. Als jedoch das Gewitter nachgelassen hatte, blieb ich stehen und sah zurück. Da lag der alte Turm weit hinten überm Tal, und durch zwei gegenüberliegende Fensterlücken blinzelte ein Sternlein durch, so freundlich, das es mir fast vorkam, der alte Riese schaue mir nach und grüße mich noch einmal. Also lautete des Buchdruckers oder vielmehr seines Schäfers Erzählung, wenn ich sie recht im Gedächtnis behalten habe. Kaum war sie beendigt, so erhob sich der Dicke auf den Ellbogen und ließ, was er meisterlich verstand, einen gellenden Pfiff durch die Faust ertönen, so daß sämtliche Schläfer fast zugleich auf die Beine sprangen. Es war in der Tat an der Zeit, den Gipfel zu verlassen, den bereits die Nachmittagssonne von der anderen Seite zu umwandeln begann. Im beliebten Pfeilschusse ging's die steile Höhe hinab, und die zuerst unten angekommen waren, stellten sich mit ausgebreiteten Armen auf, um unter Lachen und Jauchzen die Nachschießenden aufzufangen. Der Berg verbreitete sich allmählich in sanfteren Absätzen, bis uns die Straße aufnahm, die bequem, aber immer noch hoch hinabführte und nach den Bergen, von welchen die Erzählung gehandelt hatte, eine offene Aussicht bot. Mit einem Sonnensteine, den er gefunden hatte, – man hält den Strahlenkranz darauf für ein Spiegelbild der Sonne – lockte der Dicke mich unterwegs vom Buchdrucker weg, um dessen Erzählung herunterzumachen. Du, das ist aber dummes Zeug! begann er, nachdem er fruchtlos den schönen Stein zerschlagen hatte, um das Gold daraus zu gewinnen, das ihm angedichtet wird. Wie können denn die Berge einmal Menschen oder wenigstens so etwas wie Leute gewesen sein? Sie haben ja gar keine Gestalt darnach. Aber, entgegnete ich, warum legt man ihnen denn heut' noch Glieder bei, wie sie nur lebendige Wesen haben, Kopf, Hals, Rücken, Fuß und dergleichen? Ei, das sind bloße Metaphern! erwiderte mein Grundgelehrter. Und dann vollends wegen einer Liebschaft zwischen zwei Bergen und wegen einer goldenen Kette soll die Sündflut über die Welt gekommen sein! Das kommt mir doch spanisch vor! Man hört alle Tage von nichts als von dummen Liebschaften, wie kann's also eine gescheite geben? wendete ich ein. Und was die Kette betrifft, so sind schon aus geringeren Ursachen Händel und ganze Kriege entstanden. Du hast ja aber gehört, daß die Welt auch ohne das untergegangen wäre, weil überall die goldene Zeit von ihr gewichen war. Ja, aber aus der Bibel weiß man das alles ganz anders, rief der hartnäckige Gegner. Was untersteht sich dieser Riese dem Noah ins Handwerk zu pfuschen und gar auf dem Reissenstein zu landen statt auf dem Ararat? Der Ries' ist ein Renommist, und weil er sich recht steinalt machen und von älterem Datum sein wollte als seinesgleichen, so hat er dem Schäfer einen Bären aufgebunden. Oder vielmehr – setzte er nach einigem Besinnen hinzu – der Schäfer hat den Bären selber gemacht, denn wo wird er einen Riesen gesehen haben? Jetzt gibt's ja keine Riesen mehr. Diese Angriffe auf eine Erzählung, mit der ich mich gewissermaßen verwachsen fühlte, sofern ich sie durch meine Träumerei über die vor uns liegenden Berge hervorgerufen hatte, waren mir äußerst unbequem. Da ich mich jedoch nicht sattelfest genug fühlte, um den Kampf nach Art der Erwachsenen zu führen, so wehrte ich den Gegner mittelst einer wohlberechneten Flankenwendung ab. Was willst denn du sagen, du Vogesenseher! fuhr ich ihn an. Das wirkte, und er schlich beschämt zu den anderen. In dem Dorfe, das im tiefen Loch am Fuße des Berges liegt und dessen Bewohner durch ihre Blumenzwiebeln auf den fernsten Karawanenstraßen des Ostens bekannt sind, in dem nämlichen, wo einst ein dunkler Naturforschungsdrang aus dem Papagei meiner Großmutter das »Ding an sich« herauszubringen versucht hatte, dort gönnten wir uns einige Stunden Rast bei Milch und Butterbrot. Doch Essen und Trinken vergaß ich und hörte nichts vom Geplauder meiner Genossen, denn die Erzählung ging mir beständig im Kopf herum, und unser Alter, der dies sah, nickte mir zuweilen mit seinem bedeutungsvollen Lächeln zu. Und als die Wanderschar am späten Abend müd und schlaftrunken daheim eingezogen war, konnte ich trotz der Müdigkeit nur wenig schlafen, und wachte immer wieder aus wunderlichen Träumen auf. Das einemal sah ich wie die Berge ihre Erdmäntel abwarfen, die Glieder frei bewegten und im Lande spazieren gingen; das anderemal erschien mir der Riese, auf seiner Fichte durch die Flut dahinsteuernd; dann wieder stand ich auf dem Gipfel der Achalm, der Boden aber war unter mir durchsichtig wie Glas, ich schaute hinab auf den Grund und sah die goldene Kette, hell wie Morgenrot und flüssig wie Feuer, die Wurzel des Berges umkreisen. Viele Jahre waren vergangen Und ich hatte des Riesenmärchens lang' nicht gedacht, als ich einst auf einer Reise sonderbar daran erinnert wurde. Ich bog eben bei Sargans aus dem vorzeitlichen in das jetzige Rheintal ein, betrachtete mir die Berge, und war nicht wenig verwundert, sie unseren schwäbischen Särgen an Gestalt und Höhe so ähnlich zu finden, daß ich mir einbilden konnte, ich ziehe auf dem alten Bergsträßchen durch das Herzogtum Teck und die Grafschaft Eichelberg, Gleich den meisten der unseligen zeigten sie statt eines Gipfels einen langgestreckten Rücken, auf welchem die steten Begleiter und Affen der Berge, die Wolken, in langen Streifen und über diesen in großen Ballen saßen. Während ich mich nun frage, wohin die gerühmte Höhe eines Galanda, eines Falknis, die ich zum erstenmal in der Nähe sehen sollte, gekommen sei, trifft auf einmal, berghoch über der vermeintlichen Gipfelfläche des Berges, ein Gegenstand mein Auge, der mich ordentlich in Schrecken setzt: ein Kopf, der rund und zierlich aus den Wolken schaut, gerade wie ein Menschenkopf aus Kissen und Decke! Was ist denn das? rief ich meinem vorderrheinischen Gefährten zu und zeigte auf die Erscheinung, die sich in dem Augenblick neckend wieder versteckte. Es war der Falknis, zur größeren Hälfte in Wolken gehüllt. Kaum konnte es ein besseres Mittel geben, das Maß jener Höhen im Vergleich zu den unserigen zu finden. Abends sodann, aus der wundervollen Schlucht der Tamina zurückkommend, sah ich ihn über Ragaz in seiner vollen Gestalt vom Kopf bis zum Fuße. Die Wolken waren von ihm gewichen, und der Riese stand frei vor mir, auf der mächtigen Masse des Unterstocks schlank wie von einem Künstler aufgebaut. Ich brauchte ihm nur einen zweiten seinesgleichen aufzusetzen, und dann hatte ich in Gedanken den Montblanc bestiegen; mehr als die Hälfte mußte ich ihm nehmen, wenn er unserem Roßberge gleichen sollte. Und doch dünkte er meinem Auge jetzt nicht mehr so hoch wie am Mittag: das Maß, das die Wolken so anschaulich bezeichnet hatten, war weggefallen, und das Auge gewöhnt sich schnell an neue Verhältnisse. Nur hatte diese Gewöhnung zur Folge, daß ich nachher in der Heimat meine Berge beim ersten Blicke gar nicht sah; als ich am Morgen nach der Nacht, in der ich sie durchreist hatte, nach ihnen zurücksehen wollte, glaubte ich nur eine Kette von Vorhügeln zu finden und suchte hinter diesen vergebens, obgleich bei hellem Wetter, die Alb – denn gerne wird man sie, wenn man aus der Schweiz kommt, mit dem bescheidenen b schreiben, statt mit dem pompösen p. Bald aber waren sie mir wieder die alten geworden; denn der Berg hat in sich selbst sein Eigenmaß, das von fremden Höhenverhältnissen unabhängig ist, und der Eindruck seiner Erscheinung beruht vor allem in der Gestalt, durch die er eine gewisse Persönlichkeit erhält. Freilich gerade hierin haben die Alpen ihresgleichen kaum; ein solcher Riese steht vollgestaltig da, als ob es nur an ihm läge, aus seiner beschaulichen Ruhe herauszutreten, wofür sich freilich die kleine Nachbarschaft im Tal bedanken würde, da mancher dieser Riesen nicht bloß einen Kopf, sondern sogar Hörner trägt. Wiederum wurde ich an Riesenverwandlungen erinnert, als ich eines Abends eine Albsteige gegen das alte Städtchen herabging, das seinen Namen vom Wisent führt. Sonst nicht ganz unvertraut mit unseren heimischen Sagen, hatte ich eine, die eben jener Gegend angehört, entweder nicht gekannt oder wieder vergessen. Wie ich nun auf dem untersten Absatz der Straße stehen bleibe und rückwärts in die Höhe schaue, fesselt mich ein überraschender Anblick: eine hohe, schlanke Frau in grauem, niederfließendem Gewande, die, den Fuß zum Schritt ansetzend, regungslos, wie ganz in Gedanken versunken, ins Weite starrt. Erst der zweite Anblick belehrte mich, daß die Gestalt, die hoch über mir an der Seite des Berges aus dem Walde ragte, in der Nähe ein Maß weit über das menschliche haben müsse. Ein Denkmal an diesem Orte zu vermuten lag fern genug, und ich erfuhr denn auch im Städtchen, daß das Standbild, das jedermann dort unter dem Namen des steinernen Weibes kennt, ganz allein von der Hand der Natur gemeißelt sei. Hier hatte ich nun an mir selbst erfahren, wie so manche Sagen von Riesen oder hünenhaften Menschen, die in Felsblöcke verwandelt worden, ganz ungezwungen aus der Anschauung selbst entsprungen sein mögen. Allerdings haftet diese letztere Gattung von Sagen, deren Deutschland unzählige hat, an vereinzelten Felsengebilden, die, wie die steinerne Frau und deren Nachbar, der Graf von Geiselstein, sich einigermaßen der menschlichen Gestalt nähern und auch von der Höhe derselben sich wenigstens nicht um Tausende von Maßen entfernen. Nicht auf so anschaulichem Grunde ruht das Märchen, das ich soeben nachzuerzählen versucht habe. Soll ich mich nun auf einen Schäfer berufen, der verschollen ist, oder gar auf einen Riesen, der, wenn alles gut geht, nicht vor Anfang des nächsten Jahrhunderts wieder zu sprechen sein will? Lieber weise ich auf die so nahverwandte griechische Sage hin, deren Freunde schwerlich zugeben werden, daß sie an Formlosigkeit die deutsche übertreffe. Jene aber hat Bergriesen, neben welchen der Neufen und die Achalm zu ganz untersetzten Leutchen werden. Zwar ihre Niobe gleicht immer noch den Gestalten der deutschen Sage: sie ist ein mächtiger Fels, der noch obendrein durch Nachhilfe einer kindlichen Kunst dem Bilde des trauernden Weibes näher gebracht wurden ist. Aber ihr Atlas, ihr Hämos – fragt die Franzosen, die Russen, was das für Gebirge sind! Und diese land- und lufterfüllenden Massen sind der griechischen Sage vormalige Menschen oder, wenn ihr wollt, Riesen, jener von Perseus durch den Medusenschild, dieser nebst Rhodope von den Göttern selbst in Berge verwandelt. Gleicherweise lebt ihr König Kithäron in dem Berge dieses Namens fort. Die Echinaden vollends waren Nymphen, die von dem beleidigten Flußgott nach dem Meer hinausgerissen und in Eilande verwandelt wurden. Diese Beispiele, Dicker, von welchen wir beide damals noch wenig wußten, halte ich dir jetzt entgegen, wenn du noch immer streiten willst. Solltest du aber auch dann noch nicht zufrieden sein, so lies in den Verwandlungen des römischen Dichters, was der weise Lelex dem ungläubigen Sohne des Ixion sagte. Denn als dieser »Verächter der Götter« nicht zugeben wollte, daß Mädchen zu Inseln werden können, so antwortete, »gereift an Geist und an Jahren«, sein Jagdgefährte, die Allmacht der Götter sei ohne Maß und Ende, und zum Beleg erzählte er ihm auf der Stelle eine weitere Geschichte, wo nicht noch wunderbarer, so doch nicht viel weniger wunderbar als diejenige, die der Zweifler angetastet hatte.