Alfons Petzold Das rauhe Leben Der Roman eines Menschen 1920 * 1. Auflage 1985 Aufbau-Verlag Berlin und Weimar Ausgabe für die sozialistischen Länder III/9/1 Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden * Meiner Frau Hedwig und unserm Kinde Christiane Erstes Kapitel Das Tor Wenn ich das Gelände »Zeit« überblicke, mit seinen schroffen und sanften Hügeln und seinen verschiedentlichen Abgründen, wenn ich dieses Stück geistig-körperliches Land übersehe, durch das ich bis zu diesen Stunden der Niederschrift meines bisherigen Lebens gegangen bin, so wird alles, was ich an Leid und Mißgunst, Glück und Freude auf diesem Wege erfahren habe, wieder lebendig und füllt mir die Seele aufs neue mit traurigen oder frohen Bildern. Manches davon erscheint mir nun lächerlich klein und kaum erwähnenswert, was mir damals, als es geschah, riesengroß vorkam, beinahe zu schwer für die Kraft menschlichen Erduldens. Anderes wieder wächst immer größer vor mir auf, überwuchtet mich allein mit seiner erinnernden Erscheinung, die mir damals etwas Selbstverständliches und Alltägliches war. Solches geschient mir vor allem, wenn ich meiner Eltern gedenke. Mit jedem Tage treten sie und ihr Leben, das zu einem kleinen Teil auch das meine war, sichtbarer und plastischer aus dem Dunkel des Todes. Und mit jeder Sekunde meines Weiterlebens wird es mir stärker bewußt, wie tief und fest ich in ihrem entschwundenen Dasein verankert bin. Das Geschehen meiner Erscheinung ist nur Spiegelung ihres Wesens; tritt es auch oft verzerrt wie aus einem Hohlspiegel entgegen, so ist es doch ein Bild von dem Bilde, das sie einst der Welt gaben. Und dann: aus ihrem Elend wuchs meine Not, aus ihrem kargen Glück mein Reinstes und Süßestes: meine Kindheit, in deren Garten der Mensch desto lieber seine müden Gedanken zur Ruhe schickt, je älter er wird. Wie gern möchte ich von meinen Eltern so erzählen, als säße ich noch als Kind neben ihnen! Dann wäre dieser Teil des Buches sicher der schönste und wahrhaftigste, und es müßte der Leser das Gefühl haben, als läse er ihn unter einem abendlichen Sommerhimmel in der Stille und Ausgeglichenheit einer friedvollen Landschaft. So aber – es ist der Groll des Mannes in mir, der ein Leben voll Unterdrückung und körperlicher Not hinter sich hat. Und ich grabe in der Vergangenheit mit dem harten, scharfen Spaten unerbittlicher Gerechtigkeit eines Menschen, der unverschuldete Demütigungen und zwecklose Mißhandlungen nicht vergessen kann. Ich habe einmal den Himmel meiner Menschheit im Hasse nachtschwarz und dann wieder rot, voll Feuer gesehen, und zwar jahrzehntelang. Und würde ich tausend Jahre alt werden, nie könnte ich zum Beispiel das furchtbare Bettelleutsterben meiner Eltern vergessen: der Vater im mittelalterlichen Zwange eines Siechenhauses verkommend – die Mutter auf der Straße beinahe vor Hunger sterbend. Diese zwei Toten stehen rechts und links von meinem Tische, während ich dieses schreibe, und führen mir die Feder. Ich werde in diesem Buche versuchen, stets gerecht zu sein und die Wahrheit so objektiv zu schreiben, wie es mir möglich ist. Scheine ich aber manchem meiner Leser dadurch hart und unduldsam, dann möge er an alles Leid denken, das ich erduldet habe und das heute und immer Millionen von Menschen erdulden müssen. Ich kann nicht schmutzige Knechtschaft, Armut, Verachtung, Spott und Hohn als gerechte Weltordnung ansehen und überlasse diese Weltansicht jenen Philosophen, die in ihr die rechtliche Anerkennung ihrer Macht über andere Menschen sehen. Ich könnte dieses Buch kaum werden lassen, ohne über meine Eltern und deren mannigfaltige, nicht alltägliche Lebensschicksale zu schreiben. Denn vieles Dunkle in meinem Leben wird zum Teil erhellt durch die Einsicht in das Wesen meines Vaters und meiner Mutter. Besonders die Berichte über meine Mutter, ihren Charakter und dessen Wirkung auf mich, der ich das große Glück hatte, am längsten mit ihr gelebt zu haben, werden viel Rätselhaftes in meinen Lebensäußerungen aufklären. Möge ich innerlich doch frei von jedem Zwange sein, um so vorurteilslos über meine Eltern zu schreiben wie möglich! Über das an Ereignissen äußerlicher Art abwechslungsreiche Abenteuerleben meines Vaters könnte ein begabterer Schriftsteller, als ich es bin, einen vielseitigen Roman schreiben. Er war der geborene Selfmademan, der alles ist, alles kann, sich in jede Lage schickt, den kleinen und großen Tücken des Tages in die höhnischverblüfften Fratzen lacht und immer Herr der Situation ist. Etwas weniger an Gutmütigkeit und Leichtsinn, Festigkeit des Charakters und der Gesinnung, und er wäre als reicher Mann gestorben. So aber war auch er eine jener deutschen Naturen, die das Leben um seiner selbst willen lieben und nicht der Güter wegen, die es allenfalls seinen Günstlingen zu schenken beliebt. Es fehlte ihm die Skrupellosigkeit, jede Gelegenheit ohne Federlesen beim Schopf zu packen, einerlei, welches ihr moralischer Wert war. Wie alle Abenteurernaturen rechnete er nicht mit den Jahren, ja kaum mit dem Tage, sondern lebte der Stunde, die es eben schlug. Das Leben war ihm mehr als eine trockene Rechenaufgabe, die jeder Schulbube zu lösen imstande ist, sie war für ihn das tiefste mathematische Rätsel, zu dessen Erklärung dichterische Intuition gehörte. Wer diese nicht besitze, solle die Hand davon lassen. Dabei hatte er nichts von der muffigen Ehrenhaftigkeit des deutschen Spießers, der das Böse nur deshalb nicht aufkommen läßt, weil er zu träge ist. Mein Vater wurde im Jahre 1836 als jüngster Sohn eines der reichsten Bürger in der kleinen Landstadt Borna im Herzogtum Sachsen-Altenburg geboren. Er wurde nach evangelischem Ritus getauft und erhielt den Namen Friedrich Hermann. Ich habe meine Großeltern nicht mehr gekannt. Sie waren alle viele Jahre vor meiner Geburt gestorben. So kann ich nur das wenige von ihnen erzählen, was ich von meinen Eltern über sie erfuhr. Davon habe ich natürlich auch vieles noch im Laufe der Zeiten vergessen. Der Vater meines Vaters war ein vielbeschäftigter Sattler und Tapezierermeister, der die vornehmsten Bürger der Stadt sowie die zahlreichen Gutsbesitzer der Umgebung zu Kunden hatte. Besonders seine schönen und eigenartig beschlagenen Pferdegeschirre waren in weitem Umkreis geschätzt. Er nannte auch eine Magd, Hornvieh, viele Wiesen, Äcker und Wald sein eigen, so daß er vielleicht nicht mit Unrecht als der reichste Bürger Bornas bezeichnet wurde. In Leipzig auf den Märkten erzählte man sich, daß Meister Petzold in Borna den Marktplatz seiner Vaterstadt mit Goldstücken pflastern könnte, wenn er Lust dazu hätte, und noch immer würde das seine Geldtruhen nicht allzusehr erleichtern. Ein Ahne von ihm soll als Dorfschulze im Bauernkrieg ein Anführer der Rebellen gewesen und im Gefecht mit den Herren und ihren Söldnern gefallen sein. Das revolutionäre Blut seines Sohnes spricht dafür. Nach der Erzählung meines Vaters war seine erste Kindheit äußerst glücklich. Als Kind reichbegüterter Eltern, deren größter Schatz er war, in einem Hause, wo Spind und Scheuern stets gefüllt waren und wo man nichts wußte von den Sorgen der Notdurft, kannte auch er weder Entbehrung noch Not, die so unzählige andere Menschenblüten früh zum Welken bringen. Es gab keine Freude, die er nicht erlebt hätte in jener wunderbaren Zeit, und viel des Frohsinns, der ihn selbst in den bittersten Jahren seines Lebens nie ganz verließ, war wohl in seiner Kindheit begründet worden. Erst als in seinem zwölften Jahre eine Stiefmutter mit fremdem, hartem Sinn und einem für die vorgefundenen Kinder liebelosen Herzen in das väterliche Haus einzog, änderte sich sein sorgloser, lachender Frühling. Aus den Augen der neuen Mutter fiel nur trübes Wetter statt heller Sonne auf den jungen Trieb, und bald war ihm durch Neid und Mißgunst und nörgelnde Streitsucht, die sich in seinem früher so friedvollen Elternhaus breit machte, der Aufenthalt in diesem zur Qual geworden. Die Stiefmutter, eine noch sehr junge, hübsche, aber sonst unintelligente Bauerndirne, hatte es meinem Großvater mit ihrem frischen, gesunden Körper, vielleicht auch mit ihrem wundervoll brandroten Haare angetan, so daß er sie zur Nachfolgerin der im Kindbett verstorbenen Mutter machte. Sie führte nun in ihrem neuen Heim eine wahre Schreckensherrschaft und tyrannisierte in ihren niedrigen Launen Mann, Kinder, Gesellen und Mägde, frönte den schmutzigsten Lastern, vor allem der Trunksucht, und freute sich der nun begonnenen und eilig fortschreitenden Verlotterung des reichen Besitzes. In dem Hause des Großbauern und Sattlermeisters, in dem ein Jahr vorher noch die ordnende Hand einer reinen, stillen Frau gewaltet hatte, tobten sich nun die Leidenschaften eines gewalttätigen, unmoralischen Weibes aus. Der Großvater, gar bald ernüchtert, ergab sich vor Gram und Reue über seinen furchtbaren Mißgriff in der Wahl seiner zweiten Frau dem Trunk, als er sah, daß er nichts mehr ändern konnte. Kam er nun des Nachts berauscht vom Ratskeller oder den anderen Schenken nach Hause, so gab's in der Schlafstube oft die lärmendsten und wüstesten Szenen zwischen den beiden Gatten, deren Zeugen nur zu oft die aus dem Schlaf geschreckten Kinder in der Nebenkammer waren. Durch Parteinahme für ihren unglücklichen Vater zogen sie sich aber noch mehr den Haß der Stiefmutter zu, der sie von allem Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Wie schrecklich muß es aber auch für die Kinder gewesen sein, zuzusehen, wie so oft aus dem Streit ein Handgemenge wurde, und oft auch zugreifen zu müssen, wenn die tätlichen Ausbrüche der Megäre gegen den schwachen, betrunkenen Mann allzu arg wurden! Als mein Vater das vierzehnte Lebensjahr erreicht hatte, erlernte er ebenfalls das Sattlergewerbe; nicht in der väterlichen Werkstätte, denn nichts in der Welt hätte ihn bewogen, zu Hause zu bleiben – sondern bei einem anderen Meister in einer benachbarten Ortschaft. Von der Lehrzeit weiß ich nur das traurige Begebnis des Selbstmordes meines Großvaters zu berichten. Der arme Mann erhängte sich auf dem Dachboden seines Hauses. Wohl aus Gram und Verzweiflung über den verbrecherischen Leichtsinn und die Schlechtigkeit seines zweiten Weibes. Sie hatte zuletzt mit Liebhabern das Vermögen ihres Mannes vergeudet, so daß den Kindern nach dem schrecklichen Ende ihres Vaters nur ein ganz geringer Teil des einst so reichen Erbes zufiel. Kurze Zeit nach dem Tode ihres Mannes mußte das verkommene, arbeitsscheue Weib das Haus verlassen, aus dem die Gläubiger sie jagten, worauf sie sich auf jämmerliche und wohl auch schändliche Weise durchs Leben schlug. Sie ward tief verabscheut von den Kindern, Verwandten und Freunden des Mannes, dessen Tod sie auf dem Gewissen trug. Sie starb in armseligstem Zustand, noch jung an Jahren und von keinem Menschen beweint, im Armenhaus von Borna. Hätte mein gutmütiger Vater, als er von ihrem Tode hörte, nicht die Kosten des Begräbnisses getragen, so wäre sie wohl namenlos in irgendeiner Ecke des Friedhofs verscharrt worden. So ließ er ihr von seinem schwer ersparten Gelde einen Grabstein setzen, um damit wenigstens nach ihrem Tode der Familienehre genugzutun. Kaum hatte er sein Gesellenstück abgeliefert und den Lehrbrief in Händen, zog es meinen Vater mit der Unrast des deutschen Handwerksburschen der damaligen Zeit in die Fremde. Vor allem sehnte er sich nach dem prächtigen Leipzig, der berühmten Schul- und Bücherstadt. Dort wollte er endlich so gut wie möglich seinen Wissensdurst stillen, der ihn seit seiner frühesten Jugend quälte; wie gern hätte er die fünf Jahre Lehrzeit statt am Lederbock in einer Schule verbracht und wäre ein Gelehrter geworden, statt Halfter und Kummete zu heften! Nun war er frei und dachte nicht daran, sein Leben lang in einer muffigen Werkstätte zuzubringen und dieses, wenn es gut ging, einst als zünftiger Meister zu beschließen! Er hatte durch Flug- und Zeitungsblätter, die ihm im Vaterhaus und in seiner Lehrstätte in die Hände gefallen waren, eine Ahnung von der Größe und überreichen Ausstattung der Welt bekommen. Nun wollte er mit eigenen Augen diese vielfältigen Wunder sehen und vorerst seine mangelhafte Bildung in Leipzig ergänzen, das nachholen, was er in der weltfernen Vaterstadt versäumt, hatte. Eine Zeitlang bummelte er nun arbeitslos in Leipzig umher, von den mageren Zinsen seines mütterlichen Erbteiles lebend. Sich als Sattlergehilfe verdingen wollte er erst im äußersten Notfall, lieber wäre er als Lehrling in eine Maschinenfabrik eingetreten. Dies war aber nicht so leicht, da er in der großen Stadt keinen Menschen kannte, der für ihn eingetreten wäre, und ohne Fürsprache mochte man einen wildfremden Burschen nicht sogleich aufnehmen. Es war aber auch das Herumstreichen in der großen, lärmfreudigen Stadt für ihn nicht ohne Nutzen. Seine Augen, die noch von keiner mühseligen Nachtarbeit getrübt waren, erfaßten hungrig die vielen unbekannten Dinge, und seine freie Seele ordnete sie nach ihrem Gutdünken ein. Wie vieles gab es, wovon er in der Enge seiner Heimatstadt keine Ahnung hatte! Und wie beschränkt kamen ihm seine früheren Anschauungen vor! Die mächtigen Häuser, die prächtigen Kirchen, die großen Fabriken, all das Herrliche und Zweckmäßige, was in den Geschäftsauslagen zu sehen war, gab ihm eine neue Meinung von dem Können des Menschen. Aber er sah hier auch die Schatten dieser glänzenden Erscheinungen: zahlreiche Bettler, tausende schlecht genährte Arbeiter, darbende Frauen und Kinder in Unzahl, eine dumpfe grollende Empörung, die in verwahrlosten engen Gassen herumkroch. In der Herberge, in welcher er abgestiegen war, erzählte man von der Unterdrückung in den Fabriken, von der entsetzlichen Not der Bevölkerung in den Vorstädten. Und war ihm die traurige Armut in seiner Vaterstadt nur als notwendiger Einzelfall in der Gestalt eines gebrechlichen Armenhäuslers, eines bettelnden Krüppels oder betrunkenen Schwächlings erschienen, hier zeigte sie sich ihm zuerst als der unverschuldete Zustand unzähliger Menschen. Wie das Gebrause der tausend Straßen kam sie ihm entgegen, und wie vom Schwindel erfaßt griff er sich an die Stirn und fragte: »Warum?« Nach einigem Suchen um eine passende Stellung erhielt er endlich eine als Diener bei einem reichen jungen Mann, der die Hochschule in Leipzig besuchte. Mein Vater verstand vortrefflich die Pflege des Pferdes, schrieb und rechnete gut und war eine hübsche Erscheinung, was den Studenten wohl bewogen hatte, ihn als Diener zu sich zu nehmen. Das war nun ein gar fröhliches, sorgenloses Leben, das er im Dienst des freigebigen Studenten führte, der sich ganz den Freuden seiner Jugend und seines Reichtums widmete! Alle Wünsche, mit denen er nach Leipzig gekommen war, schienen erfüllt. Er hatte einen reichlichen Lohn, einen abwechslungsreichen Dienst, viel freie Zeit und einen Herrn, der ihn beinahe wie seinesgleichen behandelte. Auch dessen Freunde sahen in dem aufgeweckten, gescheiten Burschen mehr einen Kameraden als den Diener ihres Freundes. Er hatte gute Umgangsformen, war voll Humor und im Erfinden neuer studentischer Streiche unübertrefflich. Sein Bildungstrieb fand an solcher Stätte natürlich die möglichste Unterstützung, und er nutzte diese Gelegenheit auch genügend zum Vorteil seines Wissens aus. Als sein Herr auf die Vorliebe seines Dieners für Zeichnen und Maschinenbau aufmerksam wurde, schickte er ihn sogar in eine Privatschule, wo er Maschinenzeichnen und die Grundlagen der Technik lernte. Leider dauerte diese Herrlichkeit nur ein Semester. Der Student, ein Deutsch-Russe, mußte heimkehren, da sein Vater gestorben war, und nun auf Wunsch seiner Mutter die Studien auf einer russischen Universität fortsetzen. Er verschaffte aber meinem Vater noch vorher eine Stelle als Austräger in einem Leipziger Buchverlagshause. Hier verblieb mein Vater bis zu Beginn seiner Militärdienstpflicht. Er war für tauglich befunden worden und in ein Kavallerieregiment eingereiht. Mein Vater war ein hochgewachsener, baumstarker Bursche, an dem der damals schon menschenhungrige Militarismus einen guten Bissen erhielt. Der mit Soldaten bis an die Dachsparren vollgepfropfte, von Pferdejauche, schlechtem Tabak und anderen guten Dingen riechende Raum einer uralten Kaserne mußte ihm nun einige Jahre erzwungene Heimat sein. Zuerst dachte er an Desertion. Damals, als es in Deutschland noch die vielen Einzelstaaten gab und die Landesgrenze meist in kurzer Zeit erreichbar war, wäre es ein leichtes gewesen, durchzubrennen, um so mehr, als der schadenfrohe Nachbarstaat Deserteure meist freundlichst begrüßte. Schließlich siegte aber doch die Neugier auf das Kommende und vielleicht auch ein gewisser Bauernstolz, der jede Flucht für Feigheit schalt. In seinen Militärjahren lernte mein Vater nun alle Leiden kennen, die der Militarismus der damaligen Zeit seinen Opfern auferlegte. Jede Individualität zu knechten, die kleinsten Vergehen mit dem Stockprügel zu bestrafen, seinen Opfern auch oft ohne große Ursachen Dunkelhaft in Ketten bei Wasser und Brot aufzuerlegen waren einige der Gebote für Vorgesetzte gegen den Untergebenen. Mein Vater ertrug die Schmach dieser toten Jahre mit Aufbietung aller Selbstüberwindung, deren er nur fähig war, aber ein heißer Haß gegen diese Form menschenunwürdiger Knechtschaft wurde in ihm rege, ohne je wieder zu erlöschen. In seinem Glück stieg er bald, dank seiner Intelligenz und wohl hauptsächlich seiner Geschicklichkeit im Zureiten junger Pferde wegen, zum Range eines Korporals auf, welche Charge er kurze Zeit darauf mit der eines Vizewachtmeisters vertauschen durfte. Als solcher machte er den Feldzug 1866 gegen Preußen mit, focht gegen diese in der Schlacht bei Königgrätz und erlebte die grausige Kulturfeindschaft des Krieges mitten im Sterben und Stöhnen seiner verwundeten Kameraden. Wieder in die Garnison zurückgekehrt, stieß ihn der militärische Dienst noch mehr ab als vor dem Kriege. Nur dem Umstand, daß er sich auf Grund seines kleinen Vermögens einige Unabhängigkeit sichern konnte, war es zuzuschreiben, daß er es bis zum Ende seiner Dienstzeit aushielt und nicht vorher flüchtete. So lebte er in den Tag, ohne des anderen zu gedenken, seiner Lebenslust so freien Lauf lassend, als es der Dienst nur irgend zuließ. Er warf das Geld mit vollen Händen hinaus – nach dem Wahlspruch, den ich eigentlich über seine Lebensgeschichte schreiben sollte: Leben und leben lassen! –, spielte und tanzte die Nächte hindurch. Eine Menge lustiger Streiche, die er während seiner Soldatenzeit ausgeführt hatte, mußte er mir immer und immer wieder erzählen. Ich konnte mich als Knabe an ihrem abenteuerlichen Inhalt nicht satt hören. Das Erscheinen von Gespenstern, Streifungen nach Räubern, Wirtshausschlägereien, tolle Ritte des Nachts durch Wälder und Felder spielten meist darin eine große Rolle. Ein böses Ereignis machte diesem Leben ein jähes Ende; es geschah folgendes: Mein Vater hatte als guter Rechner die Kompagniebücher in Ordnung zu halten und setzte seinen Ehrgeiz darein, seiner Pflicht gewissenhaft nachzukommen. Eines Tages warf ihm ein Leutnant vor, seine Rechnungen stimmten nicht. Mein Vater rechnete einige Male nach, konnte aber den Fehler nicht finden. Der Leutnant blieb aber bei seiner Behauptung und beschimpfte außerdem meinen Vater in den gröbsten Ausdrücken, so daß dieser in hellen Zorn geriet – wie auch in seinem späteren Leben sein Jähzorn oft zu seinem Verhängnis ward. Er zerriß vor den Augen des Leutnants die Rechnungen in Stücke und warf sie samt dem Stuhl, auf dem er gewöhnlich saß, und dem Tintenglas zum offenen Fenster hinaus in die unter diesem befindliche Mistgrube. Dem von so ungewöhnlicher Undisziplin ganz verblüfften Leutnant gab er dabei wütend den Rat, sich doch die Rechnungen selbst zu schreiben. Für dieses schwere Vergehen wurde er zum Gemeinen degradiert und zu einem monatelangen Kasernenarrest verurteilt. Glücklicherweise geschah dies bereits am Ende seiner Dienstzeit. Am letzten Tage seiner Strafe verließ er auch die schmutzige Kaserne. Da mein Vater vorderhand keine ihm mehr zusagende Beschäftigung fand, griff er einstweilen auf seinen erlernten Beruf zurück und trat in eine Tapeziererwerkstätte als Gehilfe ein. Als solcher schloß er sich bald der damals in den Kinderschuhen steckenden Arbeiterbewegung an und wurde einer der fanatischsten Anhänger Liebknechts, mit welchem er später auch wegen Staatsgefährlichkeit verhaftet wurde und die Festungshaft auf dem Königstein teilen sollte. In dieser Zeit lernte er auch meine Mutter kennen, die Köchin bei einem Buchhändler war. Nach kurzem Brautstand schlossen sie den Bund der Ehe in der Nikolaikirche zu Leipzig. Meine Mutter war ebenfalls im Jahre 1836 geboren, und zwar als dreizehntes Kind eines Schuhmachermeisters namens Joachim Gottlieb Grundbach in dem kleinen thüringischen Städtchen Freiburg an der Unstrut, das in der Nähe Eisenachs, der Wartburgstadt, liegt. In die protestantische Kirche aufgenommen, erhielt sie den Taufnamen Friederike Sophie Karoline. Die Schilderungen meiner Mutter von ihrem Elternhause muten mich heute in der Erinnerung wie Bilder von Ludwig Richter an. Das kleinwinzige, blumenumwucherte Märchenhäusel, in dem der dürre, über zwei Meter lange Großvater mit gekrümmtem Rücken bei der Schuhmacherbank sitzt, emsig hämmernd und nähend und sein Leben in die Schuhe hineinsinnend wie einst seine Handwerkerahnen Jakob Böhme und Hans Sachs. Der milde Schein eines Lämpchens hinter der reflektierenden Wasserkugel beleuchtete des Abends ein geruhiges Träumergesicht und die Kinder, welche wie die Orgelpfeifen um die kartoffelschälende Mutter herumsitzen und aufmerksam deren wunderbare Märchen anhören. Dann wieder die strickende Mutter mit der Kinderschar in dem farbenprächtigen Bauerngarten, die ihren Sprößlingen aus dem Gedächtnis Gedichte von Schiller vorspricht, dem poetischen Schutzheiligen des Schuhmacherhäuschens, während der fleißige Vater in der Stube die Ochsenhaut geschmeidig klopft. Er hatte sein Handwerk in Jena erlernt, zur Zeit, da Schiller dort Professor war, und dem berühmten Dichter manches Paar geflickte und neue Stiefel in dessen Haus am Marktplatz gebracht. Darum diese Vorliebe für Schillers Gedichte im Elternhaus meiner Mutter. Eine Liebe, die diese übrigens ihr ganzes Leben pflegte. Das kleine alte Büchlein in Goldschnitt und schwarzer Titelpressung sah ich stets auf dem Nähkästchen meiner Mutter liegen. Ich lernte darin lesen, und als es mir vor einigen Jahren mit vielen anderen Habseligkeiten gestohlen wurde, war ich darüber untröstlich. Der Großvater, wegen seiner Körperlänge im Umkreis der lange Schuhmacher genannt, war beinahe um zwanzig. Jahre älter als seine Frau, die er dennoch überlebte. Als er starb, hinterließ er seinen Kindern nichts als seine kluge, stille Güte, die in ihnen mit der Heiterkeit und dem Fleiße der Mutter weiterlebte. Die Geschwister meiner Mutter starben bis auf sie und einen in Rußland auch schon seit vielen Jahren verschollenen Bruder in der Blüte ihres Lebens; ihr Lieblingsbruder, der es bis zum Stadtschreiber in Eisenach gebracht hatte, beim Versuch, einen ertrinkenden Menschen zu retten. Schon mit siebzehn Jahren hatte meine Mutter das Elternhaus verlassen, um sich in Leipzig als Magd zu verdingen. Sie mußte nun wohl viel an Arbeit leisten, aber Sorge und Not blieben ihr unbekannte Schwestern. Die sollte sie erst, aber dann auch zur Genüge, in der Ehe mit meinem Vater kennenlernen, ohne daß sie dafür leichtere Arbeit gehabt hätte. Glaubte sie manchmal, aufatmen zu können, kam gleich eine dunkle Wetterwolke der Not auf sie eingestürmt und deckte ihr bißchen Freude mit Kummer zu. Mit dem Geld, das sich meine Mutter in den fünfzehn Jahren ihrer Dienstzeit erspart hatte, eröffneten nun meine Eltern in einem Vorort Leipzigs eine kleine Gastwirtschaft. Sie war eine gute Köchin, nebstbei von hellem, freundlichem Gemüt, Eigenschaften, die einer Wirtin nützlich sind. Der Vater wieder, ein Spaßvogel und voll origineller Einfälle, wußte die Gäste zu unterhalten und in allen Dingen mitzureden, ob es nun Politik oder andere ernste Wissenschaften waren. So fanden sie gleich in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gutes Auskommen, hatten die Gaststube voll von Leuten und hätten ein ruhiges, auskömmliches Dasein führen können, wenn nicht mein Vater – wie so oft im späteren Leben – durch Leichtsinn und Unbedachtsamkeit diesem Wohlleben ein Ende bereitet hätte. Über Nacht kam das Unglück herein, das meiner Mutter das erste schwere Leid brachte. Mein Vater hatte trotz des bürgerlichen Lebens, das er nun angefangen hatte, seine Vergangenheit nicht vergessen, war dem aufsteigenden Sozialismus ein treuer Anhänger geblieben und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seinen politischen Anschauungen so viel Boden zu gewinnen wie möglich. Es dauerte nicht lange, so war das Gasthaus meiner Eltern ein Sammelplatz aller Sozialdemokraten des Vorortes, der von Arbeitern bevölkert war, und auch die Parteimänner von auswärts, welche nach Leipzig kamen, trafen sich dort. In einer Hinterstube wurden Flugschriften verfaßt und zur Verteilung vorbereitet; hier wurden an schlichten Holztischen bei Weißbier und Würsten die Fundamente für den Bau einer gerechteren Zukunft besprochen und durchdacht. In einer kleinen Kammer des Oberbaues wohnte Liebknecht monatelang und arbeitete mit meinem Vater und anderen Freunden an dem Ausbau der Arbeitervereine sowie an Aufrufen an die Arbeiter Deutschlands, die langsam aus ihrem trostlosen Dahindämmern erwachten. Mitten in diese emsige Kleinarbeit an frohem Kampf mit feindlichen Anschauungen, Vorurteilen und geistiger Trägheit knallte die preußische Kriegsbombe von 1870 hinein. Die Sozialisten, als geschworene Antimilitaristen und unerbittliche Gegner des Krieges, protestierten aufs heftigste in Schrift und Rede gegen die Beteiligung Sachsens am Feldzug. Mein Vater, Liebknecht und andere Arbeiterführer beschlossen nun in der Eile, sich zu organisieren und durch Gewalt das zu erreichen, was mit dem Wort allein nicht möglich war. Die Leipziger Revolutionsbewegung versandete kläglich. Die Begeisterung und Opferwilligkeit weniger konnte die Masse nicht mit sich fortreißen. Ein paar Raufereien mit ausgerücktem Militär, dessen Bajonette drohend schimmerten, ein ohnmächtiges Gejohle, von einer Salve zugedeckt, und das Volk saß demütig wie vorher hinter seinen Werkbänken und Maschinen und ließ den Krieg über sich ergehen. Leider war eine Liste der sozialistischen Führer in die Hände der Polizei geraten. Mitten in der Nacht holten sie meinen Vater aus dem Bett; er wurde mit vielen anderen, unter diesen Liebknecht, vor ein Schwurgericht gestellt und wegen Aufruhrs zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, die er auf dem Königstein abbüßen sollte. Meine Mutter war hochschwanger, als sie auf behördlichen Befehl das Gasthaus schließen mußte. Da alles Geld im Betrieb stak, blieb meiner Mutter nichts übrig, als sich wieder eine Dienststelle zu suchen. Aber wer nimmt eine schwangere Frau in Dienst? Noch dazu das Weib eines »verbrecherischen Umstürzlers«? So suchte sie mühselig von morgens bis abends und war endlich froh, in einem öffentlichen Waschhaus unterzukommen. Von dem spärlichen Verdienst schickte sie den größten Teil dem Vater in die Festung, mit den paar übrigen Groschen fristete sie ihr sorgenvolles Leben. Des Nachts saß sie todmüde in ihrer Stube, schrieb an den eingekerkerten Mann oder nähte Hemdchen und Windeln für das kommende Kind. Die schwere heilige Stunde ihres Frauenlebens durchlitt sie bei einer hilfsbereiten Nachbarin, in deren Bett sie eines Mädchens genas. Unterdessen hatte der Bruder in Eisenach von der Not seiner Schwester gehört. Er schickte ihr von seinem Gehalt, das er als Stadtschreiber bezog, so viel er entbehren konnte. Außerdem richtete er im Namen meiner Mutter und des Kindes ein Begnadigungsgesuch an den König von Sachsen, das insofern Erfolg hatte, als meiner Mutter nahegelegt wurde, beim König um Audienz anzusuchen und einen Fußfall zu tun. Meine Mutter wäre für ihren Mann auf den Knien nach China gerutscht, wenn ihm dies geholfen hätte. So nahm der Landesfürst die innige Bitte des armen Weibes gnädigst entgegen und ordnete die Entlassung meines Vaters nach gerade zweijähriger Festungshaft an. Die Ausweisung aus dem Königreich Sachsen, die mit dem Urteil ausgesprochen worden war, blieb aber zu Recht bestehen. Mit vieler Mühe trieb mein Vater nun einige hundert Mark auf und begab sich mit seiner kleinen Familie in die Schweiz, wo er zuerst in einer Uhrenfabrik Arbeit fand. Kurze Zeit darauf zogen sie nach Neuchâtel, wo meine Eltern einen Käseladen aufmachten. In der herrlichen Gebirgsluft erholten sich Mutter und Vater schnell von den überstandenen bösen Jahren. Leider ging aber das Käsegeschäft nicht gut, so daß sie es nach einiger Zeit wieder schließen mußten. In Zürich, wo sie dasselbe versucht hatten, ging es ihnen nicht besser, so daß mein Vater endlich wieder Arbeit in einer Fabrik aufnehmen und meine Mutter für fremde Leute Wäsche waschen mußte. Sie lernten nun den Fluch kennen, der auf dem Werktag der ärmsten Proletarier liegt: den Tag fern voneinander zubringen zu müssen, sich erst abends mit müden, stumpfen Sinnen sehen zu dürfen, das Kind fremden Leuten anvertrauen zu müssen – es von fremden Menschen speisen und einschläfern zu lassen und ihm nichts geben zu können an eigener Liebe und Sorgfalt. Daß meinem unternehmungslustigen Vater dieses zerrissene Familienleben auf die Dauer nicht zusagte, kann man sich denken. Eines Tages packte er deshalb seine sieben Sachen, nahm Weib und Kind und fuhr nach München. Mit einigen ersparten Talern und etwas Kredit versuchte er von neuem sein Glück und eröffnete wieder eine Käsehandlung. Warum mein Vater sich so konsequent diesem einen Erwerbszweig zuwandte, ist mir um so unverständlicher, als er damit ja doch nie Glück hatte. Selbst hier in München, wo Käse so gern gegessen wird, konnte er damit auf keinen grünen Zweig kommen, und bald machten die Gläubiger der Herrlichkeit ein Ende, von der Geschäftstüchtigkeit meiner Eltern wahrscheinlich wenig überzeugt. Nun endlich hatte mein Vater eingesehen, daß Käse ein ihm feindlich gesinntes Produkt war, und wandte sich einem neuen Erwerb zu. Er lernte bei einem befreundeten Zigarrenmacher dessen Kunst und verdiente sich damit eine Zeitlang den Unterhalt, während meine Mutter sich als Hilfsköchin in einem Hotel verdingte und einen Teil des Lebensunterhaltes so mittragen konnte. Sie war dabei wenigstens am Nachmittag frei und konnte diesen mit ihrem Töchterchen verbringen. Bald aber fiel meinem Vater ein, daß vielleicht Amerika sehnlichst seiner harre, um ihm von seinem Überfluß an Gold mitzuteilen und ihm ein herrliches Leben zu bieten, und von nun an war dieses Land das Ziel aller seiner Gedanken und Wünsche. Vorerst wollte er nach Hamburg, um eine günstige, das ist billige Gelegenheit abzuwarten, die Reise hinüber machen zu können. Was nützten alle Einwendungen meiner Mutter, die sich nach Ruhe sehnte und kein Vertrauen in eine so abenteuerliche Zukunft hatte! Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, konnte nicht mehr geändert werden, und jede Gegenrede war wie Wasser in eine Zementmischung: sein Entschluß wurde immer fester. Widersprechen durfte ihm nie jemand, selbst die nicht, die er liebhatte. So zogen denn meine Eltern, kaum daß sie sich wieder eine kleine Summe erspart hatten, von neuem auf die Wanderschaft. Auf der Reise nach Hamburg änderte mein Vater plötzlich den Plan, schickte Frau und Kind nach Stettin und wollte diese Stadt selbst zu Fuß erreichen. Er hatte von den hohen Löhnen gehört, die dort in den Schiffswerften gezahlt wurden, auch zog ihn dieser Zweig der Technik mächtig an. So wanderte er nun, einem Handwerksburschen gleich, gemächlich von Stadt zu Stadt, während meine Mutter mit dem Kinde vierter Klasse nach Stettin gefahren war und mit wenigen Groschen im Beutel sehnsüchtig in der stockfremden Stadt ihres Mannes harrte. Nur mehr einige Tagreisen von Stettin entfernt, sah dieser sich plötzlich genötigt, ein rascheres Marschtempo einzuschlagen, da seine Barschaft zu Ende ging. Vielleicht quälten ihn doch auch Gewissensbisse, die Seinen so leichtsinnig dem Ungewissen ausgeliefert zu haben. Während dieser Wanderschaft mochten ihn wohl hauptsächlich die Gedanken an die Zukunft beschäftigen, an die Art, wie er die nächste Zeit zu einem ordentlichen und einträglichen Erwerb kommen könnte. Weit entfernt, auf die Hilfe einer unirdischen Macht zu warten, hielt er auf seinen Wegen Umschau und fand auch wirklich die Gelegenheit, seiner Bedrängnis beizukommen. Dies geschah auf folgende Weise: In einer Schenke lernte mein Vater einen Schlosser kennen, der sich mit ihm befreundete und scheinbar Gefallen an meinem Vater gefunden hatte. Er erzählte ihm nun von einer Erfindung, die er gemacht habe und zu deren Verwirklichung nichts mehr fehle als ein wenig Courage und eine Rednergabe, die er leider nicht besitze. Wenn mein Vater diese beiden Eigenschaften besäße, so könnten sie die Sache gemeinsam ausführen und hätten gewiß schönen Erfolg. Die Erfindung bestand in der Verbesserung der damaligen Gasbrenner. Mit wenigen Mitteln könne eine Vorrichtung an diesen angebracht werden, welche das Flackern der Flamme verhindere. Ein kleines Drahtröllchen, das in die Brenneröffnung geschoben wird, das sei alles. Er würde diese verfertigen, mein Vater müßte sie zu verkaufen suchen und auf die Brenner montieren. Nach kurzem Besinnen war mein Vater einverstanden. Gleich am nächsten Tag gingen sie ans Werk, und mein Vater hatte solchen Erfolg, daß am Abend auf jeden mehrere Taler Verdienst fielen. Nun zogen sie beide nach Stettin und machten schon auf der Fußreise dorthin so gute Geschäfte, daß mein Vater ungefähr hundert Taler sein eigen nannte, als sie ihr Ziel erreicht hatten. Wer war froher als meine Mutter, die schon die schrecklichste Not vor Augen gesehen hatte! Sie konnten sich ein hübsches Quartier mieten, ihr Äußeres etwas restaurieren und vor allem beisammen bleiben. Der Schlosser dagegen schien den Zwang der Fabrik dieser freien Arbeit vorzuziehen, denn er überließ meinem Vater bald den Alleinvertrieb seiner Erfindung und tauchte dann wieder in irgendeiner Fabrik unter. Nun lebten meine Eltern eine Zeitlang friedlich bei dieser Arbeit und in ganz angenehmen Verhältnissen, und schon hoffte meine Mutter, daß es mit dem ewigen Umherziehen ein Ende hätte. Sie brauchte die Ruhe notwendiger als je, da sie sich wieder guter Hoffnung fühlte. Diesmal schenkte sie einem Knaben das Leben, der indessen zum großen Schmerz meiner Eltern bald einer Kinderkrankheit erlag. Inwiefern dieses Ereignis mit dem Wunsch meines Vaters nach neuerlicher Veränderung zusammenhängt, weiß ich nicht, vielleicht war es die Hoffnung, an einem anderen Ort den Schmerz um das verlorene Kind eher zu vergessen. Tatsächlich war er von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu bewegen, in Stettin zu bleiben; seine frühere Sehnsucht nach Hamburg war erwacht. Dort lag für ihn die Erfüllung aller Wünsche, in diese Stadt dichtete er alle Bilder, die er bisher im Traum geschaut. Hamburg war die ganze Welt, ein Stück von jedem Land trug es in sich, und wie anders würde dort das Meer erscheinen als in dem kleinen, engen Stettin! Sein Leben war straff gespannt in der frohen Erwartung der Dinge, die ihn in Hamburg erwarteten. Seufzend fügte sich meine Mutter. Wenn mein Vater wenigstens dem lohnenden Verdienst treu geblieben wäre, aber nun wollte er auch hier Neues versuchen und richtete in Hamburg einen Zigarrenladen ein. An das Geschäft schloß sich eine Werkstätte, in welcher mein Vater bald, vom Glück begünstigt, ein Dutzend Arbeiter beschäftigen konnte. Seine Lehrzeit in München kam ihm dabei zustatten, außerdem hatte mein Vater ein großes Talent, sich allem Neuen sofort anpassen zu können und jeder Sache von der vorteilhaftesten Seite beizukommen. So ging das Geschäft bald glänzend in die Höhe; dadurch ermutigt, schloß mein Vater an den Zigarrenladen ein Bankgeschäft an und ließ sich in nicht unerhebliche Spekulationen ein, die ihm anfangs meist glückten. In Kürze zog nun nicht nur Wohlstand, sondern ein gewisser Reichtum in die Häuslichkeit meiner Eltern. Jeden Tag gab es Fremde im Hause: mein Schwesterchen bekam Hauslehrer, Dienstmägde standen meiner Mutter zur Seite, und der Vater stellte sich ein Reitpferd ein. Nach dreijähriger Tätigkeit konnte er sich bei Kuttenberg in Böhmen ein kleines Rittergut kaufen, das er auf einer Geschäftsreise gesehen hatte und das ihm gefiel. Am glücklichsten machte es ihn, daß er nun seiner Freigebigkeit die Zügel schießen lassen konnte, und so dauerte es nicht lange, und alle Bedürftigen des Stadtviertels kamen zu ihm um Hilfe. Er half ihnen, wo es nur in seiner Macht stand. Einmal erfuhr er, daß eine arme Familie gepfändet werden sollte. Er kaufte nun alles zu Pfändende und schenkte es ihnen wieder. Ein andermal nahm er einen Schiffbrüchigen von der Straße in sein Haus auf und stellte ihn in seinem Büro als Schreiber an. Er schickte Ärzte auf seine Kosten in die Häuser armer Kranker, bezahlte deren Medizinen und schickte ihnen kräftigende Kost. Er nahm Advokaten auf, um solche, die durch Not und Elend rechtlos geworden, vor Gericht zu vertreten und ihrer Sache zu einem guten Ende zu verhelfen. Scharenweise lud er hungrige Straßenkinder zu sich ins Haus und ließ ihnen durch meine Mutter Krüge voll Kaffee und Berge von Kuchen vorsetzen. Abends mußten immer frohe Gäste sein Haus füllen, mit denen er ein kluges und lustiges Wort sprechen konnte. Um die Seinen zu erfreuen, scheute er keine Ausgabe, und es war ihm das größte Glück, nach Herzenslust schenken zu können. Aber auch diese schönen Zeiten fanden ein Ende, und der Leser wird ahnen, warum. So viel Güte und Vertrauensseligkeit mußte auch einmal an den Unrechten kommen, denn das ist nun der Welt Lauf! Einer jener Menschen, die ihm zum größten Dank verpflichtet waren – mein Vater hatte ihn vor dem Selbstmord gerettet, den er aus Verzweiflung über seine Existenzlosigkeit begehen wollte, indem er ihm das Amt seines Buchhalters und Kassierers übertrug –, veruntreute dreißigtausend Mark und floh nach Amerika. Er hatte sich das Vertrauen seines Chefs und Retters zu erschleichen gewußt und war im Hause meiner Eltern mit herzlichster Freundlichkeit aufgenommen; so war ihm dieser große Betrug ein leichtes gewesen. Das war der Anfang vom Ende. Als wäre dieser Diebstahl des Buchhalters die Auslösung der ersten Dynamitlunte gewesen, die nun eine ganze Reihe solcher in Brand steckte und eine Explosion nach der anderen verursachte, so reihten sich jetzt die Geschäftsverluste einer an den andern, bis eines Tages die Endkatastrophe kam: der Ausbruch der Cholera in Hamburg, und mein Vater Konkurs anmelden mußte. Aus den Trümmern der zusammengekrachten Herrlichkeit retteten meine Eltern kaum einige hundert Mark, mit welchen sie sich zum zweitenmal nach München begaben, um dort aufs neue irgendeinen Lebenserwerb zu suchen. Aber das Glück schien meinem Vater den Rücken gewendet zu haben. Alles, was er begann, ging nun fehl. Das bißchen Geld war bald dahin, und bald klopfte die Not ingrimmig an die Tür. Mein Vater mußte froh sein, hie und da eine Gelegenheitsarbeit zu finden, während meine Mutter durch Zufall eine Stelle als Krankenwärterin erhielt. Es war damals eine Nervenfieberepidemie in München ausgebrochen. Eilig wurden für die Kranken Baracken gebaut, und in einer solchen verbrachte meine Mutter drei Monate. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte sie ihr Kind die ganze Zeit über nicht besuchen und sogar mit ihrem Mann nur per Distanz sprechen. Doch da sie ein gutes Gehalt bezog und mit diesem ihrem stellungslosen Mann aushelfen und das Kind erhalten konnte, söhnte sie sich mit ihrem Lose aus und vertröstete sich auf bessere Zeiten. Mein Vater hatte nun von verschiedenen Seiten gehört, daß dem deutschen Handwerker und Geschäftsmann in Serbien ein reiches Feld gutbezahlter Tätigkeit blühe. Nun war sein ganzes Sinnen und Trachten, in dieses gelobte Land zu gelangen. Im Anfang sträubte sich meine Mutter gegen dieses, für die damaligen Zeiten abenteuerliche Vorhaben. Der Balkan war noch das unentdeckte Land Europas, mit einer Einwohnerschaft, von der man weniger wußte als von den Rothäuten Amerikas. Sie wollte vor allem des Kindes willen von diesem Unternehmen nichts wissen und hieß anfangs ihren Mann allein dort sein Glück versuchen, womit aber wieder mein Vater nicht einverstanden war. Dieser war immer überzeugter, in Serbien das Gold auf der Straße zu finden, und überredete schließlich meine Mutter, so daß wieder einmal die Koffer gepackt wurden. Zuerst ging's mit der Bahn bis Passau, dann mit dem Schiff nach Budapest. Dort mußten sie, da Hochwasser eingetreten war, einige Tage verbleiben. Eines Tages nun ging mein Vater, wohl recht verstimmt über den unvorhergesehenen Aufenthalt, auf dem Bürgersteig einer Straße spazieren, der vom Wasser verschont war, weil er höher gelegen, als er plötzlich Hilferufe und den Jammer vieler Menschen hörte. Ein Kind war in die schmutzige, brodelnde Flut gefallen und kämpfte mit dem Tode. Von den kreischenden Herumstehenden getraute sich keiner an die Rettung des armen Kindes; da sprang mein Väter, ohne sich lange zu besinnen, ins Wasser und brachte das ermattete Körperchen glücklich ins Trockene. Nachdem sich das Hochwasser halbwegs verlaufen hatte, fuhren sie mit der Bahn nach Werschätz im Banat. Dort angekommen, vermißten sie die paar Gulden, die sie sich für die Reise nach Belgrad gespart hatten. Sie waren ihnen auf der Fahrt gestohlen worden. Völlig mittellos standen sie nun in der kleinen Landstadt und wußten nicht, was beginnen. Meine Mutter meinte nun, es wäre vielleicht am besten, den protestantischen Pfarrer aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Sie taten dies, und wirklich gab ihnen der Pfarrer eine Empfehlung an einen Gutsbesitzer, der sie bei der Weinlese beschäftigte. Acht Tage krochen sie nun in der glühendsten Hitze in den Weinbergen umher und halfen die Trauben abnehmen, und meine Schwester half ihnen, so gut sie es vermochte. Da sie mit dem Gelde, welches ihnen diese Arbeit einbrachte, nur bis Peterwardein kamen, mein Vater aber seine Zeit nicht mit Arbeitsuchen verlieren wollte, so überredete er meine Mutter, den letzten Teil der Reise zu Fuß zurückzulegen. Das Kind abwechselnd auf dem Rücken tragend, marschierten sie nun der Grenze zu. Ein hilfsbereiter Zollwächter fuhr sie auf der Save in seiner Zille an das serbische Ufer dieses Flusses; der letzte, aber auch beschwerlichste und gefahrvollste Teil des Weges lag nun vor ihnen. Er führte über ein düsteres Waldgebirge, das, wie der Zollwächter warnend erzählte, noch von Räubern unsicher gemacht wurde. Mutter und Vater freilich brauchten von einem Überfall nichts zu fürchten, trugen sie doch nichts bei sich, was den Wegelagerern hätte in die Augen stechen können. Trotzdem mochte meiner Mutter das Herz tüchtig geklopft haben, als sie mitten in der Nacht im Walde in einer Hirten- oder Köhlerhütte übernachten mußten und dort mehrere unheimlich aussehende Menschen trafen, die mit Dolchen und Revolvern behängt waren. Ihr fielen die tollsten Geschichten ein, die sie jemals über die mord- und raublustigen Bewohner dieses Landes gehört hatte, von geschändeten Frauen, aufgespießten Kindern, abgeschnittenen Ohren und Nasen und anderen Scheußlichkeiten. Diese unheimlichen Brüder entpuppten sich aber als harmlose Leute. Es waren Bauern aus einem nahen Dorfe, die, wie die sieben Schwaben ausgerüstet, einem Wolf zu Leibe gehen wollten, der in der Umgebung sein Unwesen trieb. Obwohl sie kein Wort von dem verstanden, was die fremden Wanderer zu ihnen sagten, gaben sie ihnen gutmütig von ihren Lebensmitteln, bedeuteten ihnen, sich ruhig auf die Streu zum Schlafen niederzulegen, während sie selbst das Ungeheuer erlegen gingen. Wenn dies geschehen, wollten sie die Fremden auf die Landstraße begleiten, auf welcher es nur mehr einige Stunden nach Belgrad sei. Bewundernd strichen sie über das üppige blonde Haar meiner Schwester und schenkten ihr die besten Leckerbissen, die sie mit sich führten. Sie soll, so erzählte meine Mutter, sehr zutraulich zu ihnen gewesen sein und sich schwer von ihren neuen Freunden getrennt haben. Am frühen Morgen brachten die Bauern im Triumph das zerschossene, zerstochene und erschlagene Wölflein herbeigeschleppt, und meine ausgeruhten Eltern mußten ein Siegesmahl mit ihnen feiern, bei welchem zum Schluß noch mein Vater der Held des Tages wurde, als er eine Okarina hervorzog und darauf zur allgemeinen Ergötzung deutsche Volkslieder spielte. Dann wurde aufgebrochen. Die Bauern hielten ihr Versprechen und gaben ihnen das Geleit bis zur alten römischen Reichsstraße, wo sie gerührt von den Wanderern Abschied nahmen, als ob diese von ihrer Sippe gewesen wären. Ohne weitere Gefahren kamen meine Eltern in Belgrad an und begaben sich zu einem Friseur, der ein Württemberger war und an welchen sie der Werschätzer Pastor empfohlen hatte. Sie wurden freundlichst willkommen geheißen und erhielten nach einem ausgiebigen Begrüßungsschmaus ein Zimmer angewiesen, in welchem sie sich einmal tüchtig ausruhen konnten. Als dies geschehen, begab sich mein Vater zum Deutschen Konsulat, um sich dort nach einer Arbeitsgelegenheit umzusehen. Es traf sich, daß eben zu dieser Zeit der damalige Fürst von Serbien, Milan IV., der später als König Milan I. die Verfassung änderte und sein kleines Reich der westlichen Scheinkultur nahebringen wollte, gern eine Restaurierung des Billard- und Spielzimmers im Konak hätte vornehmen lassen und an das Deutsche Konsulat mit der Bitte herangetreten war, einen deutschen Arbeiter zu dieser Sache ausfindig zu machen. Obwohl nun mein Vater in seinem Leben noch nie ein Billard überzogen hatte, war er doch sofort einverstanden, diese Arbeit zu übernehmen, indem er auf seine Geschicklichkeit und ein wenig Glück baute. Gleich am nächsten Morgen machte er sich an die Arbeit und führte sie wirklich zur Zufriedenheit des Fürsten in den nächsten Tagen zu Ende. Der Fürst tat noch ein übriges und stellte meinen Vater als Leib- und Hoftapezierer an, wobei dieser ein gutes Auskommen für sich und seine Familie fand. Er kleisterte, flickte, nähte und hämmerte nun beinahe zwei Jahre lang in den Räumen des Konaks herum und war guter Dinge. Freilich gehörte die Anpassungsfähigkeit meiner Eltern dazu, sich in diesem, damals wirklich nur halbzivilisierten Stück Vorderasiens wohlzufühlen. In den Straßen Belgrads spazierten Schweine, Schafe und Rinder in gemütlicher Eintracht, kamen wohl auch manchmal in die Stuben herein, welches Zeichen guter Nachbarschaft und Freundschaft mit den Menschen sie ja seit Jahrhunderten gepflegt hatten. In Blutfeindschaft sich befindende Familienangehörige beschossen sich auf den Plätzen und schwachbeleuchteten Gassen, meistens in der Nacht, was den schauerlichen Eindruck verstärkte, den dies auf den Fremden machte. Einigemal geschah es, daß meine Eltern vor ihrer Tür Stöhnen hörten und ein Verwundeter um Einlaß und Zuflucht bat. Jeder Einwohner, ob alt oder jung, ob Bettler oder Wojwode, trug auf dem Körper eine Sammlung aller möglichen, meist uralter Waffen. Da der größte Teil der Stadt aus Holz gebaut war, gab es fortwährend Brände, die meist eine große Ausdehnung annahmen, da es keine modern eingerichtete und organisierte Feuerwehr gab. Mutter und Schwester mochten in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes deshalb nicht wenig Angst ausgestanden haben. Anderseits bot das Leben viele Annehmlichkeiten. Das Leben war unglaublich billig, Fleisch, Gemüse, Obst war für einige Piaster zu haben. Dazu kam die unbedingte Ehrlichkeit und Gutmütigkeit der einheimischen Bevölkerung, die meine Eltern nicht genug rühmen konnten. Diebstahl war ein beinahe unbekanntes Verbrechen. Wurde einmal etwas gestohlen, so war der Täter gewiß kein Serbe, sondern ein Ausländer oder ein Zigeuner. Es gab keine versperrbaren Türen. War der Besitzer einer Wohnung abwesend, oder wollte er nicht gestört werden, so stellte er einen Stuhl vor die offene Tür, und kein Fremder betrat die Schwelle. Noch zur Zeit des Fürsten Michael, der in Topschider ermordet wurde und der nun durch die Legende für das serbische Volk eine Art Kaiser Joseph II. geworden ist, wurde Diebstahl zumeist mit dem Tode bestraft. Von diesem Fürsten erzählte mir die Mutter ein grausig lehrreiches Geschichtchen: Einer armen Bäuerin war der Mann gestorben, nachdem seine Krankheit allen Besitztum, der aus Haus, Stall und Feld bestand, verschlungen hatte. Womit sollte sie nun den Popen bezahlen, der ihren Toten christlich bestatten würde? Vielleicht wären die Bitte und der Dank einer armen Frau genug. Doch der Pope war ein hartherziger Mann, und er ließ den Bauer ohne Segen und Glockengeläut in die ungeweihte Erde einscharren. Dies kam Fürst Michael zu Ohren. Bei der nächsten der Gerichtssitzungen, die er selbst alle Woche auf dem großen Platze vor dem Konak abzuhalten pflegte, ließ er den Popen und die arme Witwe vorführen. Ein gewaltiges und grausames Strafgericht brach über den hartherzigen Vertreter Gottes auf Erden herein. »Du Hund glaubst, der Leib eines armen Mannes sei gut genug, um verscharrt zu werden wie der eines Tieres? Man nehme dein Geld und schenke es den Armen des Ortes. Dich selbst aber grabe man lebendig ein, damit du den Unterschied spürst!« Dieses drakonische Urteil soll wirklich vollzogen worden sein. Solcher Geschichten waren noch viele über Fürst Michael im Umlauf. Zu jener Zeit wurde bei meinen Eltern um meine damals elfjährige Schwester angehalten. Ein reicher türkischer Händler wollte seinem Sohn, der vierzehn Jahre alt war, das hübsche blonde Mädchen zur Frau geben. So weit ging allerdings die Anpassungsfähigkeit meiner Eltern nicht, und sie lehnten höflich, aber entschieden ab. Die Spannung, welche wegen der panslawistischen Politik des damaligen Ministerpräsidenten in Serbien zwischen diesem Staate und dem österreichischen immer größer wurde und zu einem Kriege zu führen drohte, veranlaßte meine Eltern im Jahre 1882, Serbien den Rücken zu kehren und nach Wien zu übersiedeln. Dort brachte sich mein Vater wieder durch den Vertrieb von Gaslichtbrennern fort, handelte auch sonst noch mit allen möglichen Dingen. Sein Verdienst gestattete freilich keine größeren Sprünge; trotzdem gelang es ihnen, dank der genialen Sparsamkeit meiner Mutter, die Schwester in eine angesehene Privatklosterschule zu schicken, wo diese nebst dem gewöhnlichen Unterricht auch solchen in fremden Sprachen und feinen Handarbeiten erhielt. Meine Mutter hatte schon das neunundvierzigste Lebensjahr erreicht, als sie zur größten Überraschung meiner Eltern wieder schwanger wurde. Mein Vater nahm den späten Segen mit Galgenhumor hin, während meine Mutter sich viele Sorgen darum machte. Was konnte sie, die abgehärmte und überarbeitete Frau, in diesem Alter noch dem zukünftigen Kinde an gesunden und widerstandskräftigen Lebenssäften geben, womit sollte sie diesen Mangel ersetzen, da sie dem Kinde doch die natürliche Nahrung nicht mehr zu geben imstande sein würde? Während ich noch im Geheimnis des Fleisches schlummerte, dachte sich meine Mutter das Herz und Hirn wund über meine Zukunft. So kam der vierundzwanzigste September des Jahres 1882 heran. Meine Eltern bewohnten einen hölzernen Gartenpavillon, der zu einem uralten Wiener Hause in der Stadiongasse, jetzt Robert-Hamerling-Gasse, in Fünfhaus gehörte. Gerade während meine Mutter sich in den ärgsten Wehen krümmte, brach infolge von Schadhaftigkeit eines Ofens im Pavillon Feuer aus. Sie mußte aus dem brennenden Hause zu barmherzigen Nachbarn getragen werden, als sie eben einem Knaben das Leben geschenkt hatte. Es war zwölf Uhr mittags und Sonntag, da mein Dasein begann, und mein erster Weg ging durch fallende Blätter und blühende Astern. Zweites Kapitel Kindheit Zwei Menschen stehen vor den Bildern des Lebens mit offenen, klaren, täuschungslosen Augen: das Kind und der Greis. Was zwischen ihrem Dasein an Menschenaltern liegt, ist geblendet von dem verstandesgemäßen Betrachten der Dinge und geistigen Erscheinungen, erblindet oft vor dem Allzuviel an Helle und Dunkel, in das sich die Blicke senken müssen. Der Greis faßt die vor ihm aufsteigenden Bilder in ihrer verwirrenden Mannigfaltigkeit mit den ruhigen Händen des wissenden Forschers an, schiebt sie klug ein Stück von sich weg, mißt sie gelassen mit dem Maßstab seiner Erfahrung und stellt sie dann lächelnd in den Schrank der Lüge oder den der Wahrheit. In einer stillen, nachdenklichen Stunde formt er aus ihnen metaphysische Weltgeschichte. Anders das Kind: Es nimmt das Erschaute in seine Spiele, in sein Bettchen mit, schlägt alles in das Tüchlein seiner wachen Träume ein, plaudert mit ihm, macht es lebend, bringt das Stummste zum Sprechen und gibt ihm Wohnung auf Jahre hinaus in dem einsamen Schlößchen seiner Seele. Manchmal dichtet es kurze, nichtssagende Alltagserscheinungen oder Taten der Erwachsenen zu sonntäglichen, überirdischen Erlebnissen um. Ein Beispiel: Einst lief ich vom Spiel weg ins Haus, um mir ein Butterbrot zu holen. Im Zimmer traf ich auf meinen Vater, der mit einem Zerstäubungsapparat herumspritzte, um die Luft zu verbessern. Er tat dies mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt. Tief erschrocken, aber zugleich unendlich beglückt, beguckte ich die mystische Tätigkeit meines Vaters und sah dem Zersprühen der duftenden Wassertropfen auf den Gegenständen zu. Ich vergaß auf mein Butterbrot und rannte im Schauer eines unbegreiflichen Geschehens auf die Straße zurück. Dort verkündigte ich meinen Spielkameraden zitternd und geheimnisvoll: »Denkts euch, der liebe Got hat mein' Vater das Regenmachergschaft glernt, alles muß er jetzt mit dem riecheten Wasser anspritzen, den Tisch und die Sessel und die Bücher und die Bilder, sonst möchtens alle nimmer wachsen und hinwerden.« Seltsam: echte Kinder, wirkliche Greise, wahre Weltgeschichte und große Dichtung haben keine Gehirnmoral! Nach dem Zeugnis meiner Schwester, deren Wartung ich meist anvertraut war, soll ich in den ersten Jahren meines Lebens alles eher als ein ruhiges Kind gewesen sein. Ich schrie besonders die ersten Monate unaufhörlich und wollte vielleicht damit meinen Protest ausdrücken, in diese unerklärliche und ungemütliche Welt geraten zu sein. Trotz Unterernährung, allgemeiner Schwäche von Geburt aus und allen möglichen Krankheiten, die bald über mich hereinbrachen, glückte es mir nicht, die Erde so schnell zu verlassen, wie ich gekommen war. Meine Eltern, besonders die Mutter, taten das Unmöglichste, um mich zu erhalten, so schwer ihnen dies bei dem kargen Verdienst meines Vaters gelang. Ärzte, Medizin und Nährmittel kosteten viel Geld, und wie mag meine Mutter gespart haben, um es aufzubringen! Unzählige Nächte saßen Mutter und Schwester abwechselnd an meinem Bett, angstvoll auf die stockenden Atemzüge horchend, während ich von Fieber, Krämpfen und Husten durchrüttelt wurde. Ließen ja einmal Mutter oder Schwester aus Übermüdung in ihrer Sorgfalt für mich nach, so fiel gewiß ein Donnerwetter von seiten meines Vaters über sie her. Mit Argusaugen bewachte dieser mein langsames Gedeihen, denn er war stolz auf sein so spät gekommenes einziges Söhnchen. Meine Schwester wurde nicht selten gezankt und wohl auch geschlagen, weil sie nicht genug achtgab, wenn ich fiel oder mir sonst eine kleine Verwundung holte, und sie mag damals nicht die zärtlichsten Gefühle für mich gehegt haben. Folgende tragikomische Episode möge darstellen, was meine Schwester von dem gestrengen, jähzornigen Vater zu erdulden hatte, wenn sie sich eine kleine Vernachlässigung ihrer Pflichten zuschulden kommen ließ: Man bereitete eben zu dem Christfest vor, dem zweiten seit meiner Geburt, als mich meine Schwester im Angesicht des noch nicht angezündeten Christbaums etwas unsanft zur Erde gleiten ließ. Ich erhob sofort ein jämmerliches Geschrei, was ich sehr gut verstand, so daß der Vater erschrocken aus dem Nebenzimmer herbeieilte. Voll Zorn packte er nun den vollbehängten und -besteckten Christbaum und hieb ihn meiner Schwester über den Kopf. So schlimm ging's natürlich nicht immer ab. Zumeist leitete die allgegenwärtige Mutter das Donnerwetter auf sich ab, und sie mochte wohl auch den einen oder anderen Schlag aufgefangen haben, der eigentlich meiner Schwester gegolten hätte. Meistens war er nach solchen Wutausbrüchen, in denen er imstande war, ein ganzes Haus zu demolieren, der gütigste Mensch, der keiner Fliege ein Leid antun konnte. Um sie zu versöhnen, nahm er dann meistens die noch weinende Mutter mit sich, um mit ihr spazieren und zum Schluß in ein Gasthaus zu gehen, wo er dann von der größten Zärtlichkeit und Fürsorge war. Unterdessen rächte daheim meine Schwester das an meiner Mutter begangene Unrecht, indem sie mich zwickte und riß, bis ich aufs neue zu heulen begann. – Von den ersten zwei Jahren meiner Kindheit ist mir nichts in Erinnerung verblieben. Wir hatten im zweiten Jahr eine Wohnung in Penzing inne, das damals wie ein Vogelnest in Tausenden von Gärten lag, und in dem sich noch kein einziges Zinshaus befand – von Wien war es durch große Wiesen und Felder getrennt. Das Häuschen, in dem wir dort gelebt haben und das in einem uralten Baum- und Grasgarten lag, soll noch bis vor kurzem unversehrt geblieben sein ... Jetzt wird wohl eine trotzige Zinsvilla mit japanischem Miniaturgärtchen an seiner Stelle stehen. Vielleicht habe ich hier mit der reinen, würzigen Luft die Widerstandskraft eingesogen, die mich bis heute trotz meines schwächlichen Körpers befähigte, allen möglichen Krankheiten zu widerstehen. Leider blieben wir nicht lange in diesem Märchenhäusel. Ich zählte etwas über zwei Jahre, als mein Vater eine chemische Mischung zusammensetzte, welche imstande war, den Kesselstein zu lösen und dessen erneutes Ansetzen zu verhindern. Er nannte sie hochtrabend, um damit den nötigen Eindruck zu machen, Baralitikon Minerale und wollte nun versuchen, in dem industriereichen Ungarn, wo ja auch die Lebensführung noch eine viel billigere war als in Wien, damit sein Auskommen zu finden. So zogen wir nach Szegedin, wo mein Vater um weniges Geld ein zweistöckiges Haus zu mieten bekam; er durchreiste nun ganz Ungarn und auch zum Teil die angrenzenden Länder, um sein Pulver an den Mann zu bringen, was ihm auch ohne viel Mühe gelang. Unterdessen besorgten Mutter und Schwester den Haushalt, versandten die bestellten Lösemittel und erledigten die Geschäftsbriefe. Ganz in der Tiefe meiner ersten Kindheitserinnerungen gewahrt mein innerer Blick einen großen, ungeschlachten Hund, der immer kreuzvergnügt um mich herumspringt und auf den Schulze- und Maier-Namen der Hunde »Tyras« hört, aber nicht folgt. Es soll ein echter Neufundländer gewesen sein, den mein Vater gegen einen schlechten Schinken in Tausch genommen hatte. Mit dem Kopf auf den Vorderbeinen liegt er im Hofe neben dem Ziehbrunnen und verfolgt halb mißtrauisch, halb wohlwollend das Kommen und Gehen seiner Freunde und Feinde. Sehnsüchtig wartet er meiner, seines treuen Spielkameraden, der noch durch irgendein böses Schicksal von ihm ferngehalten wird, vielleicht eben seinen Lebertran hinunterjammert. Manchmal schließt er die Augen, denn diese kecke Morgensonne der Pußta stört ihn, und er sinnt über neue Spiele und Wege nach. Vieles ist schon langweilig geworden; die Schweine sind schon zu oft aus dem Stall gejagt, wenn es auch nicht schlecht ist, sie wie toll herumlaufen zu sehen und ihr sonderbares Kreischen zu hören. Oder mit dem kleinen Herrchen plötzlich mitten in die Hühner zu springen, wenn dies auch ein wenig unter der Würde eines ernsten Hofhundes ist. Ja, der Garten, das wäre das richtige! Dort gibt es so viel noch zu entdecken und wunderbare Spiele zu spielen. Aber nun haben sie die Tür zu diesem Paradies abgesperrt, weil es unter der letzten Mäusejagd gar zu arg gelitten hatte. In dieser tiefen Nachdenklichkeit wird Tyras von seinem kleinen Freund gestört, der die knorrige Treppe heruntertrippelt, in der Seele froh, aller Tyrannei entronnen zu sein. Im Triumph der errungenen Freiheit schwenke ich einen unterwegs aufgegabelten Lappen über meinem semmelblonden Haarschopf und krähe den Kriegsruf. Tyras wedelt mit dem Schweif mit unerhörter Fertigkeit, ist aber nicht ganz bei Stimmung. Was sollte er beginnen? Am besten ist's, wieder weiterzudösen. Ja, wenn man fliegen könnte wie dieses freche Ungeziefer, die Spatzen! In seiner Nörgelei hält er plötzlich inne, denn – er hat meinen Lappen gesehen, staunt ihm erst entgegen und rappelt sich dann auf seine Vorderbeine. Mit einem Satz ist er bei mir, bellt vor Freude, daß die Fenster des Hauses zittern, und verbeugt sich einige Male vor mir, um damit anzuzeigen, daß er mich verstanden hat. Springt dann auf das Tuch zu, um es mir zu entreißen. Das ist nun ein herrlicher Gedanke, den Tyras erfunden hat, und ich juble laut darüber, fest entschlossen, ihn unter keinen Umständen in den Besitz des Tuches gelangen zu lassen. Es ist ein Spiel mit tausend Variationen. Bald schleife ich den Fetzen am Boden, bald hebe ich ihn so hoch wie ich nur kann, verberge ihn hinter meinem Rücken und halte ihn eine Sekunde keck vor Tyras' Schnauze, dreh' mich wie ein Kreisel, bücke mich und springe bald da-, bald dorthin und wälze mich endlich mit Tyras auf der Erde herum, immer noch das Kampfobjekt siegreich in der Hand, wenn es auch schon ganz zerfetzt ist. Plötzlich hat er aber wieder ein Ende erfaßt, und nun geht der Kampf mit doppeltem Eifer weiter. Eins zieht da-, das andere dorthin, ich muß es mir gefallen lassen, daß mich Tyras im Zickzack durch den Hof zerrt, denn, natürlich, loslassen und mich besiegen lassen kann ich nicht! Die Tauben, Hühner, Truthähne und all das andere Geflügel sehen uns interessiert und ein wenig ängstlich zu. Aus dem Lattenwerk des Kobens stecken uns die Schweine ihre Rüssel entgegen und nuscheln eifrig: »oi, oi, zoi, zoi«, das heißt, »zieh an, zieh an«. Nur die Katze blickt mißmutig aus ihrem Pelze und schnurrt Ermahnungen, was uns natürlich nicht sehr zu Herzen geht. Plötzlich wird die Geschichte ernster. Ich bin auf die Knie gerutscht, und Tyras zieht mich unerbittlich weiter, weiter, bis ich pitsch – patsch in den metertiefen Unrat der Senkgrube falle und ein mörderisches Geschrei erhebe. Lange kann ich aber nicht schreien, denn bald dringt es mir zäh wie Honig, aber lange nicht so gut schmeckend, in Nase, Mund und Ohren. Ich höre noch die Schreckensrufe unserer alten Dienerin Leni, kann aber nicht mehr darauf antworten, denn ich fühle auf einmal in meinem Kopf ein Tier, das mir den Atem nimmt, weil ich es nicht herauslasse. Als ich wieder zu mir komme, liege ich in einer Badewanne, und Mutter, Schwester und Leni drücken und küssen mich unter lauten Freudenrufen. Die Schwester hält sich von Zeit zu Zeit die Nase zu und schneidet Grimassen, und nun kommt auch der Vater die Stiege herunter und sagt zur Mutter: »Der Tyras ist schon fort, ich habe ihn dem Metzger geschenkt.« Darüber fing ich furchtbar zu weinen an, und weder die Aussicht auf ein Honigbrot, das mir die Mutter, noch auf eine Tracht Prügel, welche der Vater mir versprach, konnten mich beruhigen. Vielleicht ahnte ich, daß ich nicht so bald wieder in den kostbaren Besitz eines echten Neufundländers gelangen werde. Zu dieser Zeit hatte es den Anschein, als sollte mein Vater noch einmal geschäftlichen Erfolg haben, nachdem ihm dieser so lange aus dem Weg gegangen war. Meine Mutter wußte manchmal nicht, auf welche Weise die vielen Aufträge zu erledigen, und mußte oft die Nacht benutzen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ich sehe sie oft vor mir: einen mächtigen Bottich vor sich, in welchem sie verschiedenfarbige Erden mit Chemikalien vermengte: diese Mischung ergab dann das Mittel zur Lösung des Kesselsteins, das der Vater entdeckt hatte. Das Hantieren mit diesen großen Mengen von Zement, Soda, Engelrot und anderem Teufelszeug entwickelte furchtbar viel Staub, in dem die Mutter wie in einer Wolke stand. Sie durfte wegen des streng zu bewahrenden Geheimnisses der Erfindung bei dieser Arbeit keine Hilfskraft anstellen, ja der Vater sah es nicht einmal gern, wenn ihr manchmal meine Schwester half, da er fürchtete, sie könnte es einmal Fremden verraten. Meine Mutter war trotz der großen Mühe, die sie ihr bereitete, nicht ungern bei der Arbeit, da es uns ein hübsches Stück Geld ins Haus brachte; so wenig sie für sich selbst beanspruchte, so eifrig war sie bedacht, für ihre beiden Kinder einiges zurückzulegen. Machte ihr doch ich selbst keine geringen Sorgen, da ich mich nie rechter Gesundheit erfreuen konnte und meinetwegen der Arzt ein ständiger Gast des Hauses war. Auf einige Wochen relativen Wohlseins folgten lange Perioden, in denen ich das Bett kaum auf einen Tag verlassen konnte. Auch zeigten sich nun an meinem Körper die ersten Spuren einer schweren Rachitis, der man mit einem Geradehalter beizukommen suchte. Dieses Marterding aus Holz, Gummibändern und Eisen schmerzte nicht wenig und drückte mir die Haut wund. Ich fürchtete es, wie der mittelalterliche Verbrecher die Daumschrauben. Da der Vater oft monatelang auf seinen Geschäftsreisen ausblieb, hatte meine Mutter nebst der vielen Arbeit auch noch die Verantwortung für uns Kinder und den nicht kleinen Hausstand zu tragen. Dazu war die Gegend, in der wir lebten, nicht allzu sicher, stand doch das Haus ziemlich einsam an der Stadtgrenze, umgeben von Hütten, in denen recht zweifelhaftes ungarisches Volk lebte; dieses haßte die Deutschen und schreckte nicht davor zurück, ihnen da und dort ein kleines Feuerchen zu legen. Die eine Seite des weitläufigen Gartens grenzte an die Pußta, wo oft Zigeuner ihr Lager aufschlugen; diese kletterten meist ungeniert in unsern Garten und stahlen, was ihnen unterkam, Obst und auch manchmal Geflügel. Wäre meine Mutter nicht eine so resolute Frau gewesen, die keiner Gefahr aus dem Wege ging und die Bösewichter oft durch ihr sicheres Auftreten verjagte, so hätten sie uns den größten Schaden zufügen können. Unter dem Deckmantel nationaler Begeisterung wollte man sogar mehrmals des Nachts unser Haus erstürmen, da wir als Deutsche bekannt waren und von den chauvinistischen Hetzern als Feinde des Magyarentums ausgegeben wurden. Man wartete für diese nationalen Demonstrationen meist die Abwesenheit meines Vaters ab, dessen Riesenstärke und Berserkerwut im Umkreise ruchbar geworden. Einmal kam es so weit, daß die auf Schleichwegen geholte Gendarmerie mit blinden Schüssen in das johlende Gesindel hineinfeuern mußte, da dieses bereits den Zaun niedergerissen hatte und eben daranging, das Haus zu plündern. Man kann sich darum vorstellen, wie groß unsere Freude war, wenn der Vater von seinen Reisen heimkehrte. Er brachte auch jedesmal einen großen Koffer mit feinen und schönen Sachen für uns mit, denn seiner alten Leidenschaft, so viel zu schenken wie nur möglich, war er treu geblieben. Da geschah es nun oft, daß er uns mit der einen Hand für die während seiner Abwesenheit begangenen Untaten züchtigte, während er uns mit der andern die schönsten Spielsachen und Geschenke zusteckte, so daß wir fortwährend vom Lachen ins Weinen fielen und umgekehrt. Während seiner Anwesenheit gab es nun auch wieder beinahe jeden Abend Gäste im Hause, darunter gar sonderbare Gesellen, die ich noch heute vor mir sehe. Unter diesen erinnere ich mich eines jüdischen Weinhändlers, der sich meiner besonderen Zuneigung erfreute. Wenn sich sein über alle Maßen dicker Leib mühsam durch unsere Tür zwängte, sprang ich wie aus einer Kanone geschossen auf ihn zu und war den ganzen Abend hindurch nicht von ihm wegzubringen. Er hatte aber auch in jeder der unzähligen Taschen seiner Kleidung Geschenke für mich stecken, die im Laufe seines Besuches in meinen Besitz übergingen. Er war einmal in der Türkei gewesen und trug seitdem zu jeder Zeit einen dunkelroten Fes auf seinem kahlen Schädel und rauchte einen unerhört langen Tschibuk. Beim Essen sprach er kein Wort, verschlang aber dafür mit seinem rüsselförmigen Mund Berge von Speisen. Ein besonderer Leckerbissen war ihm Schweinefleisch, das er bei sich zu Hause nie auf den Tisch bekam. So dick er war, machte es ihm doch keine Schwierigkeiten, mit mir auf allen vieren durchs Zimmer zu hopsen und alle möglichen athletischen Kunststücke auszuführen. Vorzüglich verstand er es auch, Tierstimmen nachzuahmen, weshalb ich mit Vorliebe »Menagerie« mit ihm spielte; er mußte dabei den wilden Bären machen und sich von mir in den Käfig treiben lassen, welcher aus einem großen Tisch bestand; vor den ich die Sessel gerückt hatte. Oder ich war der Hirsch, den er verfolgte, seinen Tschibuk als Gewehr benutzend und mich so oft erschießend, bis ich von der Flucht, die meistens durchs ganze Haus ging, wirklich ermüdet, mich ergab. Wegen seiner Schießfertigkeit hatte ich ihn auch Onkel Bum getauft. Eine nicht geringere Freundschaft verband mich mit einem anderen häufigen Gast meiner Eltern. Es war ein junger, schmächtiger Mann, dem der rechte Arm fehlte. Dies hinderte ihn aber nicht, mit seiner linken Hand und unter Beihilfe des Mundes und der Füße die schönsten Eisenbahnzüge samt Brücken, Wächterhäuschen und Semaphoren aus steifem Papier, Schachtelholz und Spagat zu verfertigen, weshalb er in meinen Augen ein gottbegnadeter Künstler war, dem ich die größte Verehrung zuteil werden ließ. Er sprach wenig, sang aber viele Lieder in einer fremden Sprache, die nur die Eltern verstanden. Eines Tages holte man mich vom Spiel weg und zog mir ein schwarzes Gewand an, und ich war sehr erstaunt, auch die Eltern und die Schwester ganz schwarz gekleidet zu sehen. Wir gingen dann zur Stadt und kamen vor ein Haus, vor dem viele Menschen mit feierlichen Mienen standen. Auf einmal kamen sechs herrlich gekleidete Männer mit Silberborten am Rücken und sonderbaren Hüten in langsamen Schritten durch das Tor, während sie eine lange schwarze Kiste trugen, die mit goldenen Reifen und Nägeln beschlagen war. Auf dem Deckel stand ein Kreuz und lagen viele Blumen, und es war dies alles recht schön anzusehen. Trotzdem fingen einige Männer sehr traurig zu singen an, während alle den Hut abnahmen und mein Vater zu mir sagte: »Awe, du mußt auch deine Kappe abnehmen. Siehst du, in diesem Sarg liegt unser lieber Freund, der gestorben ist und nun auf den Friedhof hinausgetragen wird.« – Der Vater will sich einen Spaß mit mir machen, dachte ich und blinzelte lustig zu ihm hinauf. Als ich aber in seinem sonst so energischen Gesicht Tränen sah, wurde mir inne, daß etwas Schreckliches geschehen sein mußte. Verständnislos blickte ich zum Sarg. Da drinnen sollte mein Freund liegen? Der einarmige Eisenbahnmacher? Als ich verstört um mich blickte und nun die meisten Leute schluchzen hörte, fing auch ich jämmerlich zu weinen an. Meine Schwester mußte mich nach Hause führen, da ich mich nicht mehr beruhigen wollte. Viele Wochen lang wartete ich auf das Wiederkommen meines Freundes. Aber ich wartete vergeblich, und allmählich kam mir die Erinnerung an jene Worte wieder, die mein Vater im Anblick der schönen Kiste zu mir sagte. So hieß sterben fortgetragen werden, weit fort, und nicht mehr zurückkommen dürfen? Jahre später erzählte mir der Vater die tragische Geschichte unseres einarmigen Hausfreundes. Er war Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik und hatte eine glänzende Zukunft vor sich. Da kam der Okkupationskrieg, wo er, als Reserveoffizier eingerückt, durch einen Handscharhieb den rechten Arm einbüßte. Alle seine Bemühungen, eine seiner Fähigkeit entsprechende Beschäftigung zu finden, waren vergeblich. Den Krüppel wollte niemand anstellen. In der Verzweiflung schoß er sich deshalb eine Kugel in den Kopf, die den sofortigen Tod herbeiführte. In jener Zeit stürmten auch noch andere, mir bisher unbekannte Geschehnisse auf mein kindliches Gemüt herein, Tragödien, die das Leben und die Natur hervorriefen; mein aufkeimender Verstand hatte viele Mühe, sich damit abzufinden. Szegedin war zur Zeit unseres dortigen Aufenthaltes noch eine ausgesprochen ungarische Landstadt. Orientalischer Schmutz, asiatische Nachlässigkeit waren noch nicht der westeuropäischen Hygiene und der nüchternen Zweckmäßigkeit modernen Gemeindewesens gewichen. Abgesehen von einigen Neubauten und den Regierungsgebäuden waren die Häuser größtenteils aus Holz gebaut. Auf den ungepflasterten Straßen sproß dichtes Gras, lag in mächtigen Haufen der Kehricht, und Schweine, Hühner, Enten und Gänse spazierten mitten in allem Unrat umher. Selbst auf den Hauptplätzen und -straßen war es nicht besser, obwohl diese notdürftig gepflastert waren, und es mag ein seltsamer Anblick gewesen sein, wenn vor dem prunkvollen, mit marmornen Aufgängen, Säulen und Türmen geschmückten Rathause die Schweine in Rudeln lagerten. Wenn ich an Szegedin denke, so spüre ich vor allem den Duft von Pferdemist und faulendem Gemüse in der Nase. Ebenso mangelhaft war der Schutz vor Hochwasser; Überschwemmungen ganzer Stadtteile, durch die Theiß hervorgerufen, waren an der Tagesordnung. Mein Vater war Mitglied der deutschen Brand- und Wasserwehr und wurde, wenn er sich nicht auf Reisen befand, beinahe jede Nacht geweckt, um einem durch Wasser oder Feuer bedrängten Nachbarn Hilfe zu bringen. Bisher hatte es in unserer nächsten Nähe noch nicht gebrannt, und es war mir daher der schrecklich schöne Anblick eines Hauses in Flammen noch unbekannt geblieben; da sollte sich plötzlich eines Nachts dieses Bild in gewaltigster Form in meine Seele senken. Etwa dreihundert Schritt von unserem Hause entfernt befand sich in einem hohen vielfenstrigen Holzbau ein Kaufmannsladen, dessen Besitzer den ersten Stock des Hauses bewohnte, während man in den übrigen Räumen die Waren untergebracht hatte. Eines Abends war ich soeben zu Bett gelegt worden, die Mutter saß bei mir und sang mir eines ihrer vielen Volkslieder vor, die sie alle auswendig wußte, als auf einmal sämtliche Glocken der Stadt durch heftiges Läuten ein Feuer verkündeten. Der Vater kam im Lederwams mit seinen hohen Wasserstiefeln hereingestampft und schrie: »Denk dir, Mäme, beim Kaufmann am Eck brennt das ganze Haus!« Kaum hatte er dies gesagt, als wir auch schon durch das Fenster den roten Feuerschein sahen, der die Nacht herrlich erleuchtete. Indes der Vater zum Brandplatz eilte, hüllte mich die Mutter in eine Decke und trug mich in Vaters Arbeitszimmer, von dessen Fenster wir das brennende Haus in nächster Nähe sehen konnten. Die Flammen schlugen aus allen Fenstern und vereinigten sich wie feurige Hände über dem prasselnden Schindeldach. Radgroße Funken flogen in Bündeln in die Höhe und blieben wie tiefrote Sterne eine kurze Weile im Dunkel hängen. Die Straße war voll von Menschen, die Wasser herbeitrugen und schrecklich schrien. Wir blieben die ganze Nacht beim Fenster stehen, Mutter und Schwester voll Angst um den Vater und in der großen Sorge, daß auch unser Haus durch den Funkenflug zu brennen anfangen könnte, ich in starrer, sprachloser Freude über das ungeahnte, wunderbare Schauspiel. In der selbstsüchtigen Grausamkeit des Kindes gedachte ich nicht der Bewohner des niederbrennenden Hauses und war traurig, als die Flammen endlich erstickt wurden. Anders war es mit dem Bilde der Wassernot, das mir wirklichen Abscheu und Furcht einflößte. Der immer mehr zunehmende Deutschenhaß sowie der Umstand, daß ich nunmehr ins schulpflichtige Alter kam, veranlaßten meinen Vater, den Hausstand in Szegedin aufzulösen und zur größten Freude meiner Mutter nach Wien zu übersiedeln. Nach einem kurzen Aufenthalt in Budapest, wo ich zum erstenmal mit verständigen Augen die steinernen und eisernen Wunder der Großstadt anstaunte, trug uns das Dampfschiff meiner Geburtsstadt entgegen, wo wir im Sommer 1887 ankamen. Wir zogen in ein Haus in Ober-Sankt-Veit, das damals noch ein Wiener Vorort war. Es lag ganz im Grünen versteckt und war von einem großen Garten umgeben, der an den Park eines Frauenklosters grenzte. Ging man ein paar Schritte weiter, so sah man sich bald mitten in busch- und blumenreichen Auen, durch die die Wien floß, zu jener Zeit noch ein klarer, munterer Gebirgsfluß, in dem es unzählige Fischlein aller Art gab. Heute steht dort Fabrik an Fabrik, fließt statt der hellen, heiteren Flut von einst ein dürftiges Schmutzwässerchen in einem mächtigen Bett aus grauem Zement und Stein, und das Auge sucht oft lange vergeblich nach ein paar ärmlichen, hungrigen Kastanienbäumchen. Nur die Berge stehen noch wie damals im Halbkreis rundum und blicken ebenso schmerzvoll in das so grausam vergewaltigte Tal wie ich, wenn es mich wieder einmal an diese Stätte fröhlicher Kindheit gezogen hat. Im Vordertrakt des Hauses wohnte die Familie eines Hauptmanns mit einem mir gleichaltrigen Söhnchen. Wir waren beide bald unzertrennliche Spielkameraden und hatten als dritten im Bunde den Burschen des Hauptmanns, der sich mit uns unterhielt, wenn es ihm nur seine Zeit gestattete. So sprangen wir bald im Garten umher, bald im Stall, der eine Seite des Hofes einnahm, und wo sich die Pferde des Hauptmanns befanden. Der Höhepunkt unserer Glückseligkeit wurde erreicht, wenn uns der Bursche auf die Pferde setzte und diese mit uns zur Schwemme in die Wien führte. Dann saßen wir mit einem gewaltigen Selbstgefühl in der Brust auf den glänzenden Rücken der geduldigen Gäule und dünkten uns hoch erhaben über die herumlungernde Gassenjugend, die uns neidisch nachblickte. Was waren wir doch für kleine Affen! Nicht geringer war meine Freude, wenn ich mit der Mutter zur Taufpatin fahren durfte, die im dritten Bezirk wohnte. An einem solchen Tage setzten wir uns schon am frühen Morgen in den engen, achtsitzigen Stellwagen, einen direkten Nachkommen des Zeiserlwagens aus der Biedermeierzeit, und fuhren wohl zwei Stunden lang bis an die Mariahilferlinie. Dort stand mitten in buschigen Gärten, an den Linienwall gelehnt, ein Gasthaus, »Zur alten Hühnersteige« genannt, wo wir unsere zerschüttelten Glieder zusammenklaubten und unbeschreibliche Würsteln mit Kren aßen, von denen das Paar fünf Kreuzer kostete. Von dort ging's zu Fuß durch die Mariahilferstraße und die Stadt, bis wir um die Mittagszeit hungrig und müde bei der Patin anlangten. Diese war sehr reich, führte ein großes Haus und hatte zwei Dienstboten, welch letzterer Umstand mir besondere Hochachtung einflößte. Gleichzeitig empörte es mich aber immer wieder, daß ich als Patenkind mit der Mutter in der Küche bleiben sollte und wir so den armen Leuten gleichgestellt wurden, denen man dort oder am Gange einen Teller Suppe reicht. Diese Demütigung konnte ich auch später nicht vergessen, und sie mag mich veranlaßt haben, meine Beziehungen zu dieser reichen Frau abzubrechen. Damals aber versöhnte sie mich immer wieder durch die schönen Spielsachen, die sie mir bei jedem Besuch schenkte. Nach dem Essen wurden nämlich meine Mutter und ich in ein mit reichen Teppichen und Möbeln ausgestattetes Zimmer gerufen, wo sie sich eine Viertelstunde mit uns unterhielt. Sie war eine schöne, schlankgewachsene Frau, immer in schwarze Seide gekleidet, und trug ein großes goldenes Kreuz an einer ebensolchen Kette um den Hals. Nachdem ich ein auswendig gelerntes Gedichtlein heruntergestottert hatte, gab sie mir ein großes Paket und verabschiedete sich von uns auf freundliche Weise. In der Küche gab's wohl auch noch Kaffee und Kuchen, dann ging's wieder nach Hause. Vorerst wurde nun auf der Bank eines nahen Gartens das Paket der Patin untersucht. Da waren meistens feine Dinge zu bewundern: eine Schachtel mit Zinnsoldaten – einmal waren es tausend Stück, und sie stellten den Deutsch-Französischen Feldzug vor – oder ein Bierwagen mit Fässern und einem Kutscher aus Holz und Stoff, Bilderbücher, Eisenbahnzüge, Bälle und andere herrliche Sachen, die ein sechsjähriges Knabenherz wohl höher schlagen lassen und soziales Unrecht, von dem es vielleicht eine leise Ahnung bekam, vergessen machen konnten. Der Vater sah diese Besuche bei der Patin nicht gern, und so wurden sie meistens in seiner Abwesenheit gemacht. Er blieb auch jetzt oft Monate aus, ließ manchmal Wochen hindurch nichts, von sich hören, so daß die Mutter oft glauben mochte, es wäre ihm etwas zugestoßen, und sie sich die größten Sorgen um ihn machte. Dann geschah es, daß der Vater plötzlich wieder auftauchte, mit einem Gruß zur Tür hereintrat, als ob er erst seit wenigen Stunden fortgegangen wäre. Es war von keinem guten Einfluß auf meinen Vater, daß dieser nunmehr ohne die Mutter reiste, die ihn früher oft vor unüberlegten Handlungen zurückzuhalten vermocht hatte; er gab nun oft das Geld, das er eben verdient hatte, auf leichtsinnige Weise aus, spielte und trank Nächte hindurch und schickte meiner Mutter oftmals kein Geld, wenn sie dessen auch noch so dringend bedurfte. Ja, es kam sogar vor, daß er nach monatelangem Fernsein von seiner Familie ohne Geld und Gepäck, in zerlumpter Kleidung und krank heimkam. Machte ihm dann meine Mutter in ihrer sanften Art Vorstellungen, so quoll heftiger Jähzorn in ihm auf, schrecklicher als früher; er bekam wahre Tobsuchtsanfälle und bedrohte uns und die Nachbarn, die sich einmischen wollten, mit Schlägen. Hatte sich dann der Sturm gelegt, so hieß es durch Ausleihen oder Versetzen von Wertgegenständen Geld herbeischaffen. War dies geschehen, so wurde Vater wieder der beste Mensch auf Erden, der auf die angenehmste Art von seinen Reiseabenteuern erzählte. Heute sehe ich ihn noch vor mir, wie er mit seinem breiten, mächtigen Körper unter dem milden, warmen Licht der Küchenlampe sitzt und aus einer Meißner Tasse, die einen Viertelliter faßt, sein Lieblingsgetränk schlürft: schwarzen Kaffee mit Rum. Den Tabak zu den selbstgewickelten Zigaretten hat er aus Bosnien mitgebracht, es ist ein starker, türkischer Tabak, und bald liegt ein dicker Qualm in der Küche. Ist die Zeitung ausgelesen, lehnt er sich behaglich in seinem Stuhl zurück, streicht ein paarmal über seinen graumelierten Gottfried-Keller-Bart, als richte er sich damit seine Erzählung zurecht; dann leuchtet es in seinen lichtblauen Augen auf mich und meine Mutter, das heißt: aufgepaßt, und nun fängt er von seiner letzten Reise zu erzählen an. So lebendig, daß wir bald in den wüstesten Gegenden sind und mit ihm die gefährlichsten Abenteuer erleben. Da das Eisenbahnnetz in den östlichen Ländern, die er bereiste, noch ein sehr dünnes war, mußte er viele Strecken zu Fuß zurücklegen, und es ging dann meist durch einsame Gegenden, wo er manchmal Überfälle von Räubergesindel und sogar von Wölfen erdulden mußte. Diese machten besonders die Karpaten unsicher, und mein Vater mußte eines Nachts sogar auf einen Baum steigen und die ganze Nacht dort verbringen, um sich vor dem Angriff der Bestien zu schützen. Diese sprangen ununterbrochen um den Baum herum und heulten zu meinem Vater hinauf, bis sie am Morgen von Jägern verscheucht wurden. Selbst in der Nähe Wiens wurde er einige Male von Strolchen überfallen, die aber nicht mit der Stärke meines Vaters gerechnet hatten. Eines Nachts wurde er auf der Landstraße von Schwechat nach Wien von einem Mann mit dem Messer bedroht, worauf ihm mein Vater einige Male mit seiner Ventilzange, die er immer bei sich trug, über den Schädel hieb. Der Angreifer fiel dann zum großen Schrecken meines Vaters zu Boden und rührte sich nicht trotz allen Rüttelns und Schüttelns. Einem daherfahrenden Ochsenknecht teilte mein Vater das Geschehene mit, dieser aber zeigte mehr Erfahrung und hieb dem Strolch, der im Kot lag, noch eins mit seinem Ochsenziemer über den Rücken, worauf der Mann zur größten Verwunderung meines Vaters mit einigen unverständlichen Schreien aufsprang und durch die Felder davonjagte. Ein anderes Mal war es zwar meinem Vater geglückt, drei Halunken mit seinem Degenstock in die Flucht zu schlagen, er wurde aber dann von einem herbeieilenden Gendarm angezeigt und wegen unbefugten Waffentragens zu einer Geldstrafe verurteilt. * Mittlerweile war ich sechs Jahre alt geworden und sollte in die Schule geschickt werden. Wir waren unterdessen von Ober-Sankt-Veit nach Lerchenfeld in eine Straße gezogen, die nichts mehr von der unberührten Ländlichkeit unseres früheren Heims, sondern typischen Großstadtcharakter hatte. In nächster Nähe unserer Wohnung befand sich die Gemeindevolksschule, in welcher ich eingeschrieben wurde und wo man nun begann, mich meinem eigenen Ich zu entfremden. Meine Mutter hatte mich bereits zu Hause ein wenig im Schreiben und Lesen unterrichtet, so daß ich nur ein halbes Jahr in der untersten Klasse zu verbringen brauchte und dann in die höhere versetzt wurde. Mein Lehrer war ein unglaublich magerer, langer und steifer Herr, der einen immer zugeknöpften Gehrock trug und dessen blaurotes Gesicht über und über mit Pickeln besät war, der Katechet dagegen ein kleines, rundliches Männchen mit buschigem Schnurrbart und starren Glaskugelaugen. Beide glichen sich leider sehr in der Vorliebe für Alkohol und kamen nachmittags manchmal halbbetrunken zur Schule. Während der Oberlehrer in diesem Zustand kaum ein Wort zu uns sprach, sondern dies seinem kurzen Rohrstab überließ, erzählte uns der Katechet mit lallender Stimme die drolligsten Geschichten. Wenn ich abends meinen Eltern aus dem nahen Gasthause ein Glas Bier zum Abendbrot holte, konnte ich meine beiden Lehrmeister in der Wirtsstube sehen: den Oberlehrer stieren Blicks vor seiner Weinflasche in einer Ecke kauernd, den Katechet beim Kartenspiel und laut schwatzend. Dieses Erlebnis hat sich mir tief in die Seele geprägt, war es doch eine der ersten Enttäuschungen meines Lebens. Noch dumpf und ungeklärt, noch unbegriffen und nicht bestimmbar rang sich in mir die trostlose Erkenntnis empor, daß der größte Teil alles Schönen und Edlen nur Schein ist, eine wundervolle Lüge, die wie eine Seifenblase zerbricht, wenn der Alltag sie berührt. Scheu wie alle Kinder, wenn es gilt, ihr Inneres bloßzulegen, verbarg auch ich das Geschaute selbst vor meinen liebsten Anverwandten, vergrub ich meine Entdeckungen tief in mir und war nur ängstlich bemüht, meinen Lehrern, wo es anging, aus dem Wege zu gehen, und geriet in heillose Verwirrung, wenn mich einer von ihnen anrief und eine Frage an mich stellte. Da mich meine Mutter, aus Furcht, ich könnte an Leib oder Seele Schaden nehmen, nicht auf der Straße mit anderen Kindern spielen ließ und ich die meiste Zeit mit mir allein verbringen mußte, begann ich frühzeitig über mich selbst und die Dinge ringsum nachzudenken und in mich hineinzugrübeln. Meistens saß ich unter dem großen, runden Speisetisch und spielte mit meinen Zinnsoldaten und Bausteinen, mit Hilfe welcher ich mir alle möglichen Geschichten zusammendichtete. Kein Gegenstand um mich herum, kein Spielzeug konnte so uninteressant sein, daß ich ihn nicht in eine meiner oft sehr ereignisreichen Geschichten verflochten hätte. So war es auch kein Wunder, daß ich jedes Buch, jeden Zeitungsfetzen, kurz alles Gedruckte, was ich erwischen konnte, zu buchstabieren versuchte, um das Gelesene dann in meinen Spielen zu verwerten. Großen Eindruck machte damals der Tod des Kronprinzen Rudolf auf mich, mit allen damit verbundenen Feierlichkeiten und Zeremonien. Wochenlang begrub ich feierlichst und mit allem erdenklichen Pomp meine Soldaten und verglich so oft wie möglich die Bilder der Zeitungen mit meinen eigenen mühevollen Aufmachungen. War ich allein zu Hause, was oft geschah, so durchstöberte ich mit Vorliebe eine riesige Schublade, in welcher sich Stoffreste befanden, von denen ich mir die aneignete, die ich zu meinen Schaustücken verwenden konnte. Im erwähnten Fall also alles schwarze Zeug, mit dem ich eine Zimmerecke austapezierte und die Fahnen und Decken des Katafalks, der ein Zigarrenkistel war, verfertigte. Auch die lebenden Zinnsoldaten trugen einen schwarzen Flor um die Arme. Meine Eltern störten mich selten in meinen Spielen. Der Vater war selten daheim, und die Mutter war froh, daß ich mich zu Hause beschäftigte und nicht auf die Straße verlangte, die sie für den Tummelplatz alles Schlechten anschaute. Sie sah es ja nicht oder wollte es nicht sehen, wie sehnsüchtig ich oft das Gesicht gegen die Scheiben drückte und, traurig im Herzen, nur mit Blick und Seele an dem freien Spiel der Kinder auf der Straße teilnahm. Ein kleiner Gefangener, der schwer an der Kette litt, die Gesellschaft und Familie um ihn geschmiedet hatten. Seltsamerweise verbot mir dagegen meine Mutter nicht, die Romane, die meine Schwester nach Hause brachte oder die ich in der Zeitung fand, zu lesen, obwohl dies oft die schrecklichsten Hintertreppengeschichten waren und ich kaum sieben Jahre zählte. So saß ich oft stundenlang und berauschte mich an den Taten des Rinaldo Rinaldini oder Rocamboles, des edlen Einbrecherkönigs von Paris. Daneben guckte ich aber Gott sei Dank auch in andere Bücher, die sich in der dürftigen Bibliothek meiner Eltern befanden. Da gab es vor allem ein fünfhundert Seiten starkes Schullesebuch, das die Schwester in einer reichsdeutschen Schule gebraucht hatte. Die wunderschönsten Märchen standen drin, Erzählungen und Gedichte, und ich erinnerte mich gern an den Eindruck, den Tiecks Märchen vom blonden Eckbert und die Arnimsche Invalidengeschichte auf mich machten. Immer wieder mußte ich auch die klirrenden Balladen von Schwab, Uhland, Körner und Heine lesen. Im Gegensatz zur Mutter mißbilligte mein Vater diesen Hang zur Lektüre, jedoch nicht aus moralischen Gründen, sondern vielmehr weil er darin eine unnütze Zeitverschwendung sah. Auch wünschte er, daß sein Sohn einst ein tätiger, tapferer Mensch würde, kein Ofenhocker und säuselnder Traumichnicht, und so hätte er es auch lieber gesehen, wenn ich auf der Straße herumgetollt und abends zerrissene Hosen und einen verbeulten Kopf heimgebracht hätte, statt mäuschenstill in einer Ecke zu sitzen und einen Satz nach dem anderen zu verschlingen. Er nannte alle Bücher »dämliche Schwarten« und hätte gewiß keine Freude an seinem entarteten Sohn, der jetzt selbst unnütze Gedichte und Erzählungen schreibt. Kam er von seinen Reisen zurück, versteckte ich sogleich sorgfältigst alles Gedruckte vor ihm, mit Ausnahme der Märchenbücher, die er brummend duldete, weil es Weihnachtsgeschenke waren. Denn geschah es, daß er übler Laune war, so fütterte er den Ofen mit den verhaßten Büchern, wenn ich gegen solchen Vandalismus auch noch so protestierte und ein fürchterliches Zetergeschrei anhub. Mein Trost wurde dann meist eine Tracht Prügel, die er mir aus dunklen erzieherischen Erwägungen heraus verabreichte. Daß den Büchern, die ich als Weihnachtsgeschenke erhielt, eine Ausnahme zuteil wurde, hat seinen Grund in der Stellung, die mein Vater zu dem Weihnachtsfest einnahm. Seit jeher feierte er diese Tage vor allen Festen mit besonderer Liebe und betrachtete alles, was mit ihnen zusammenhing, als geheiligt. Die Vorbereitungen zu der Bescherung dauerten viele Wochen. Er arbeitete in dieser Zeit mit einer sonst ungekannten Ausdauer, um ja recht viel Geld für die Einkäufe zu sparen. So sehr er sonst in den Tag lebte und das Geld zum Fenster hinauswarf, drehte er in dieser Zeit jeden Kreuzer zehnmal um und warf ihn dann meist doch noch in die Sparbüchse, die er aus einem Kochtopf selbst verfertigt hatte. Je näher der große Tag kam, desto höher schichteten sich die Pakete, die mein Vater im Verein mit der Mutter nach Hause brachte. Einige Tage vorher wurde in zwei mächtigen Waschtrögen aus zwanzig bis dreißig Kilo Mehl, einer Menge Rosinen, Mandeln und Zitronat ein Teig gemacht, der schließlich in riesigen sogenannten »Leipziger Stollen« zum nahen Bäcker getragen wurde, welcher ihn dann nach kurzem lieblich duftend und fertig gebacken der Mutter zurückbrachte. Der Christbaum mußte so hoch sein wie das Zimmer und ward mit einer Überfülle von Nüssen, Äpfeln, Bäckereien und Orangen behängt. Gänse und Fische wurden gebraten, Punschessenzen gebraut, der Heringssalat in Riesenportionen angerichtet. Alles geschah unter der Leitung des Vaters, der unermüdlich war in seinem Amt als Koch und Arrangeur. Am Festabend selbst sangen wir vorerst das alte, stimmungsreiche Lied »Stille Nacht, heilige Nacht«, dann flammte ein halbes hundert Kerzen in der grünen duftenden Pracht des Baumes auf, und die Bescherung begann. War diese zu Ende, so fing das Schmausen an, das mit kurzen Unterbrechungen zwei festliche Tage dauerte. Während dieser Zeit erlaubte mein Vater uns kaum das Notwendigste zu arbeiten, ich durfte weder eine Aufgabe für die Schule machen noch aus dem Schulbuch etwas lernen. Alles mußte sich den Tafelfreuden, dem Ausruhen und Spiel hingeben. Zu Beginn des dritten Schuljahres beschloß meine Mutter auf den Rat meiner frommen Frau Patin, mich in das Internat der geistlichen Schulbrüder in Preßbaum bei Wien zu stecken. Der Vater, der meiner Mutter in Erziehungssachen freie Hand ließ, hatte nichts dagegen, und so mußte ich vom Elternhaus Abschied nehmen, was ich mit schwerem Herzen tat. In dieser Erziehungsanstalt, die eine Volks- und Bürgerschule umfaßte, verbrachte ich die drei nächsten Jahre meiner Kindheit. Nur Kind, wenn ich in den Ferien zu Hause weilte, dort aber ein Wesen, das voll von Bösem war, ein klobiges Stück Menschenholz, das in die Drehbank des geistlichen Unterrichts fest eingespannt und mit dem Stahl rücksichtsloser Lehrmoral bearbeitet , wurde, daß die Späne davonflogen. Meinen hundert Kameraden, die mit mir die weißgetünchten, mit billigen Heiligen- und Monarchenbildern behängten Säle und Schulzimmer bewohnten, erging es nicht besser. Bei den Lehrern herrscht fast ausnahmslos die Meinung, alle Knaben des Internats seien boshafte, lernfaule, nur auf schlechte Streiche bedachte Teufelsbeflissene, denen nur mit äußerster Strenge beizukommen sei. Es kam ihnen nicht in den Sinn, daß sie eben dadurch unser kindliches Gemüt verhärteten und uns zu Heuchlern und Mißgünstigen erzogen. Sie hofften uns durch Gebete und andere geistliche Übungen zu bessern und uns zu braven, geduldigen Lämmern für Staat und Kirche zu machen. Hätten unsere eifrigen Lehrer nur eine Ahnung gehabt, wie sie uns durch das fortwährende Bearbeiten unserer noch so reinen Seele mit diesen abgegriffenen toten Worten, die wir oft stundenlang herableierten, die wirkliche Religion verhaßt machten, sie wären vor ihrem unheilvollen Einfluß in argen Schrecken und großes Entsetzen geraten. Es gab unter unseren Lehrern ja auch einige, die mit wirklicher Liebe zu uns kamen und in unserer Erziehung auch noch andere Ziele vor Augen hatten, als uns nur einzig und allein vor der Hölle zu retten. Es waren dies aber Ausnahmen, und der größte Teil des Lehrkörpers war Anhänger der obenerwähnten Erziehungsform. In dieser Schule, wo an jeder Wand das Bild des gekreuzigten Kinderfreundes hing, blühten alle Laster einer schlechten Erziehung: Spionage und Angeberei, Heuchelei und Eifersucht, Roheit und Hinterlist. Wie konnte es auch anders sein bei einem solchen System? Kurze Zeit nach meinem Eintritt ins Kloster sollte ich mich, vollständig rein und unwissend in geschlechtlichen Dingen, zur Beichte vorbereiten. Bei dieser Gelegenheit stellte uns der Lehrer die verfänglichsten Fragen, die uns, hätten wir sie verstanden, viel eher mit der geschlechtlichen Verirrung bekannt gemacht hätten als die Lockungen eines verdorbenen Kameraden. Bei diesen Beichtvorbereitungen versuchten wir krampfhaft so viele Sünden wie nur möglich in uns zu entdecken und schrieben diese dann auf den Rat des Lehrers auf ein Stückchen Papier, damit sie uns nicht wieder aus dem Gedächtnis kamen. So konnte man die seltsamsten Sünden auf so einer Gewissensrechnung finden, und der Witz von dem Bürschchen, das den Ehebruch als begangene Sünde anführte, hat leider viel Wahres an sich. Das Kloster war ringsum von Wäldern und mäßig hohen Bergen umgeben, und wir hatten jeden Tag Gelegenheit, in dem großen uralten Park, der zum Hause gehörte, zu spielen. Mächtige Kastanienbäume behüteten großväterlich die junge Brut unter sich, und saftige Wiesen glitten in holdem Schwung zu dem grünsilbrigen Fluß hinunter. Trotz all dieser Freudigkeit, die hier die Natur den Menschen schenkte, nahm mein Bubenherz die Ferienzeit mit lautem Erlösungsjubel entgegen. Wohl mußte ich zu Ostern und Pfingsten in der Anstalt bleiben als Strafe für meinen geringen Fleiß, den ich für gewisse Unterrichtsgegenstände an den Tag legte; aber wenn die großen Sommerferien begannen, ging die Pforte auch für mich auf, und den Weg in die Güte und Freiheit des Elternhauses konnte mir kein mit meinem Betragen noch so unzufriedener Schulbruder verstellen. Und fand ich zu Hause auch manches verändert – die Schwester hatte geheiratet, die Eltern waren durch schlechteren Geschäftsgang gezwungen worden, in eine Wohnung zu ziehen, die nur aus zwei Zimmern und der Küche bestand –, die Liebe der Mutter, das Gefühl der Unabhängigkeit von den Launen eines mir nicht gewogenen Lehrers und auch die Freiheit im Spiel und im Lernen erzeugten in mir einen sechswöchigen Rausch kindlicher Freude an den unscheinbarsten Dingen. Jetzt durfte ich die Augen weit aufmachen, durfte schauen, schauen, soviel ich wollte, ohne daran erinnert zu werden, daß ich meinen Blick in ein langweiliges Lehrbuch zu senken hatte. Nicht mehr den ganzen Tag von Sünde und Buße reden zu hören, nicht immer Dankbarkeit heucheln zu müssen für die Erziehung, deren man teilhaftig wurde! Keine geschwollenen Finger zu haben, weil man nicht geprügelt wurde, wenn man auch nicht in einem fort der eigenen Bosheit und Unwürdigkeit eingedenk war! Die Himmelsbläue, die duftigen Farben der Wiesenblumen, die Wellen im Bache und die Fischlein drin, die Käfer und Schmetterlinge in den Feldern, die Ausflüge in die Märchenwälder, der ballige Schnee im Winter, das abendliche Spiel im Erholungssaal, die schönen Bücher, alles was Licht war, Freude, Seligkeit dem Kinde geben kann, gehörte im Kloster nur den Vorzugsschülern, wir aber hatten vor diesen Dingen den Kopf zu senken und an die Schwärze unserer Seele zu denken. Wie ganz anders war es bei den Eltern zu Hause! Die Mutter stellte keine zu hohen Anforderungen an meine Kenntnisse, sie freute sich, lobte ihr Söhnchen, wenn es ein kleines Gedicht Schillers oder Uhlands aufsagte, und drillte mir keine Gebete ein, deren überirdischen Sinn ich nicht verstehen konnte. Mit einem uralten, naiven Morgengebetlein war es für den ganzen Tag abgetan, und Jesus samt seinen Engeln und Heiligen stand mir näher als in der düstren Anstaltskapelle, in der es betäubend nach Weihrauch roch und wo man sich im Winter die ärgsten Erkältungen holte. Für die Mutter war es keine Todsünde, wenn die Finger beim Schreiben ihren eigenen Weg gingen und die Buchstaben durchaus nicht geradestehen wollten, und sie sah es nicht für verschlagene Bosheit an, wenn ich zur Erleichterung einer Rechen- oder Schreibaufgabe zu irgendeinem heimlichen Hilfsmittel griff, wie es wahrscheinlich sämtliche Schüler der Welt machen. Und wenn ich einmal in der Überfülle kindlicher Phantasie irgendeine Sache beim Erzählen mehr ausschmückte, als sich mit der Wahrheit vertrug, oder lieber an sonnigen Tagen auf der Wiese als bei Buch und Heft saß, so waren ihr dies nicht Zeichen großer Verderbtheit, die nur durch Schläge und schlechte Sittennoten gesühnt werden konnten. Auf die Vorstellungen des Vaters hin erlaubte mir nun die Mutter das Spielen mit anderen Kindern auf den ausgedehnten Feldern, welche dem jetzt schon fast verbauten Schmelzer Exerzierplatz vorlagerten. O welch zahlreiche Freuden sind aus diesem Grasboden in meine Adern geströmt! Welch unerhörte Beglückung erfüllte hier manchmal mein kleines Bubenherz! Was geschah nicht alles auf dieser für das Kinderherz so unendlichen Heide, die an den Türschwellen der Häuserzeile begann, in der wir wohnten, und wie eine Meeresfläche gegen die fernen Wienerwaldberge anwogte; mit Baumgruppen und phantastischem Schanzwerk als Inseln, durchzogen von geheimnisvollen Gräben, in denen seltsames Unkraut wucherte und in üppiger Fülle Eidechsen, Kröten, Frösche, weiter draußen sogar Feldmäuse und Wildhasen hausten. Diese Heide war für uns Kinder die unermeßliche Prärie, die gelbe Wüste Afrikas, der Tummelplatz asiatischer Völker und, wenn der Regen über sie hinspülte, die Gefahren aller Art gebärende See. Auf ihrer Einsamkeit gründeten wir die Republik der Kindheit, dichteten wir im Spiele die Cooper- und Hoffmannschen Wildwestgeschichten in gläubigst hingenommene Wirklichkeit um. Alle Gestalten unserer Märchen bevölkerten ihre Erdhügel, Bäume und Gräben. Zelte erstanden auf ihrem Boden und verbargen abenteuerlüsterne Buben, die würdevoll als rote oder germanische Helden Kartoffelkraut und getrockneten Huflattich rauchten. Aus unserer Heide sogen wir die ehrliche Wildheit, den Mut zur kühnen Tat. Unsere Pfeile und Streitäxte flitzten über sie hin, und auf ihrem weichen, dichten Grase ruhten die Leiber der zwei Fuß hohen Krieger, indes sich ihre Seelen in ewig lodernder Unermüdlichkeit und Erregung neuen, unerhörten Geschehnissen entgegenschwangen. Sie gab uns Kindern Kraft, Befruchtung und gesunde Müdigkeit. O Herz und Hirn des Mannes, noch jetzt erregt es euch seltsam, wehmütig und andächtig, wenn ihr an diese Felder der Kindheit denkt! Mögen die Häuser gesegnet sein, die nun auf ihnen stehen! Die Rückkehr aus dieser Zeit der Ungebundenheit und fröhlicher Hingebung an mütterliche Liebe und gleichgesinnte Kameraden in die graue Dürftigkeit und lieblose Kälte der Anstalt wirkte auf mich immer wie eine unverdiente Strafe. Meist setzte es vorher Kämpfe zwischen Mutter und dem widerspenstigen Söhnchen ab, das in der schulbrüderlichen Erziehung durchaus nicht das Heil seiner Zukunft sehen wollte. Aber die sonst so nachgiebige Mutter war unerbittlich und konnte sogar streng sein, wenn es galt, die Abneigung gegen das Internat zu unterdrücken. Wie unsäglich froh war ich, wie ausgelassen glücklich, als ich nach Beendigung meines dritten Schuljahres erfuhr, daß ich in diese nicht mehr zurückzukehren brauchte und den Rest meiner Schulzeit in einer öffentlichen Schule, die die Schulbrüder in Wien unterhielten, fortsetzen dürfe. Freilich war es ein trauriges Ereignis, welches den Anlaß zu dieser Veränderung bot. Mein armer Vater hatte auf der Straße plötzlich einen heftigen Blutsturz bekommen, der ihn wochenlang an das Zimmer zu fesseln drohte; auch wußte der Arzt nicht, wie diese böse Sache noch enden werde. So wollte der Kranke seinen Sohn bei sich haben, und auch der sorgenüberladenen Mutter war dies recht. Sie war ohnehin schon nicht mehr jung, und ihr arbeit- und entsagungsreiches Leben war nicht dazu angetan, ihr die Widerstandskraft der Jugend zu erhalten; so konnte ich ihr mit meinen flinken Beinen und nicht ungeschickten Händen manchen Weg abnehmen und manche Arbeit tun. Glücklicherweise erholte sich mein Vater anscheinend schnell von seiner Krankheit und konnte bald wieder seinen Geschäften nachgehen. Nur das Reisen in ferne Länder mußte er aufgeben, was eine große Einbuße in den Einkünften meiner Eltern bedeutete. Es hieß deshalb, sich noch mehr einschränken und mit einer noch kleineren Wohnung vorliebnehmen. Ich hatte täglich einen weiten Weg zur Schule zu gehen, der über das ausgedehnte Schmelzer Exerzierfeld an der Rückseite des Altwiener Friedhofs vorbeiführte, dessen frühere Gepflegtheit in eine wahre Urwaldwildnis übergegangen war und der einen Tummelplatz für die umwohnende Jugend abgab, wie man ihn herrlicher nicht träumen konnte. Durch die Fürsprache meiner Frau Patin erhielt ich das Mittagessen in einem Kinderheim, das gegenüber der Schule stand und von Nonnen geleitet wurde. Wohl war das Essen selten schmackhaft und oft auch nicht zureichend für den Magen eines im Wachsen begriffenen Knaben, aber es war diese Notabfütterung immer noch zuträglicher als der mittägliche lange Weg nach Hause in Sonnenglut, Regen- oder Schneewetter. In diesen geänderten Verhältnissen lernte ich nun leichter und mit mehr Liebe als früher im drückenden Zwang der Anstalt. Vorzugsschüler war ich zwar noch immer nicht und bin es auch nie geworden. Vielleicht war ich dazu nicht berechnend genug und zu lebhaft, und es hätte dazu der gleichen Eigenschaften bedurft, die dem Erwachsenen den Weg zum Erfolg bahnen: ein demütiges und unbedingtes Unterwerfen unter jedes Gesetz und Gebot, ein rücksichtsloses Streben und einen Fleiß, der mit der Freude am Lernen nichts zu tun und nur den Drang hinaufzukommen zur Ursache hat. Was waren mir nur von jeher Rechenaufgaben für qualvolle Rätsel! Auch die deutsche Sprachlehre dunkelte vor mir wie die lichtloseste Nacht; rettungslos verschwand mein armes Hirn darin und fand keinen Ausweg. Die Zeichenstunde fand in mir ein ratloses, unglückliches Geschöpf, das selbst mit dem Lineal keine gerade Linie zeichnen konnte, und beim Schreiben war mehr Tinte auf meinen Fingern als in den bleichsüchtigen Hieroglyphen, die sie aufs Papier malten. Kein Wunder also, wenn ich in all diesen realen Gegenständen des Unterrichts schlechte Noten ins Zeugnis bekam. Um so mehr glänzte ich in Geschichte, Geographie, Naturlehre, im mündlichen Vortrag, in welchen Fächern ich immer ein prahlerisches »Sehr gut« davontrug. Merkwürdig war es auch, daß mich der Unterricht in Religion und Kirchengeschichte besonders anzog. Ich war darin durch Jahre hindurch eine beneidenswerte Größe und erregte durch mein tiefes Wissen in Katechismus, Zeremonienlehre und so weiter das größte Erstaunen meiner Lehrer. Ich wußte ganze Teile aus der biblischen Geschichte auswendig und improvisierte dort, wo mich das Gedächtnis im Stich ließ, mit viel Geschick und Erfolg. Als meine Frau Patin von dieser meiner Fähigkeit Kenntnis erhielt, schenkte sie mir eine Menge Bücher, die in leichtfaßlicher Weise religiöse Stoffe behandelten, darunter ein umfangreiches Legendenbuch mit vielen Bildern. Dagegen fand ich zu Hause wenig Verständnis für meine Neigung zu allem Mystischen, Unirdischen und Sagenhaften. Mein Vater, ein vollständiger Freigeist, wußte mit dieser sonderbaren Vorliebe seines Kindes nichts anzufangen, lachte mich deshalb oft aus und hätte es sicher lieber gesehen, wenn ich im geometrischen Zeichnen und Turnen einen tüchtigen Kerl abgegeben hätte. Gegen das erstere aber lehnte sich meine tolle Knabenphantasie auf, die mit den Zahlen, Winkeln und Formen absolut nichts anzufangen wußte und die in mir nur lebendig wurden, wenn sie in den wütendsten Verschlingungen in meinen Träumen auftauchten. Das Turnen wieder vermochte mein schon von Geburt aus schwächlicher, von der Rachitis verkrümmter Körper nicht zu ertragen. Jede Turnstunde war für mich voll leiblicher und seelischer Qual; denn nicht nur, daß mir die vergeblichen Anstrengungen, eine Übung zu bewältigen, Schmerzen verursachten, trug mir meine klägliche Unfähigkeit auch noch den schadenfrohen Spott meiner Kameraden ein. Als ich einmal nach einer Übung in Ohnmacht fiel und drei Tage mit Fieberphantasien im Bett liegen mußte, wurde ich endlich vom Besuch des Turnunterrichts befreit. Seltsamerweise hinderte mich meine Schwächlichkeit nicht daran, sonst ein ganz flinker Bursche zu sein, dem kein Sprung zu weit war und der wie ein Hase laufen konnte, der sich auch mit Lust an jeder Rauferei beteiligte und die ärgsten Prügel ertragen konnte, ohne zu mucksen. Ich hatte auch in jener Zeit vollauf Gelegenheit, diese Vorteile auszunutzen, denn mein Vater, bei dem sich nun die ersten Anzeichen eines langen und furchtbaren Siechtums bemerkbar machten, war oft zu Hause und erlaubte mir ohne Weiteres, mich den anderen Buben der Umgebung zuzugesellen und mich mit ihnen herumzubalgen. Nun schenkte sich auch mir die Wiener Straße ganz. Herrliche Ausblicke eröffneten sich meinem für Natur so empfänglichen Gemüt. Die Schmelz mit ihrem Umland an Feld und Wiese war nichts gegen das, was mich erwartete. Der Linienwall umwuchtete noch mit seinen gewaltigen Stein- und Erdpanzern, die aus tiefen, kühlen Gräben fliegen, die inneren Bezirke; große, uralte Gärten mit der süßen Wirrnis von Blättern und Blüten stiegen bis zu ihm empor. Die Wien war auch im engsten Stadtgebiet noch nicht reguliert. Fünf Minuten von der prunkvollen, lärmdurchrasten Ringstraße entfernt täuschte sie uns Buben eine einsame Amazonenstromwildnis vor, in der nur wir die Pfade kannten. Hier stießen wir unser wildestes Kriegsgeschrei aus, hier ermordeten wir ruchlos eine Menge Spatzen, um ihre Bälge in Ermangelung anderer Trophäen an die Totemgürtel zu hängen. Wohl war die Flut nicht mehr klar, die Färbereien, Leder- und anderen Fabriken, die ihre Ufer bedrängten, verunreinigten sie mit ihren schmutzigen Abwässern. Aber für uns war dies kein Hindernis, in ihr nach Gold zu suchen, wenn wir uns in der Rolle kalifornischer Ansiedler sahen; ebenso brachen wir in ein schrilles Freudengeheul aus, wenn wir, auf den alten Wällen nach Türken- und Franzosenwaffen grabend, auf eine verrostete Messerklinge oder einen sonstigen Scherben stießen. Was vergoldete uns nicht alles die heilige, reine Illusion der Jugend! Wurden auf der unermeßlichen Großsteppe der Schmelz die ewigen Blutfehden der Fünfhäusler gegen die Lerchenfelder ausgefochten, so verbanden sie sich zum gemeinsamen Kampf gegen die wilden Urbewohner dieser Uferwildnis. Das waren verwahrloste junge Taugenichtse, die hier hausten und Jagd auf uns besser gekleidete Buben machten. Wehe, wenn sie einen von uns fingen. Sie nahmen ihm alles, was er auf dem Leibe trug, und führten die größten Scheußlichkeiten mit ihm aus. Das Krongut der unseren Schuljahren gehörigen Ländereien war aber und blieb der Schmelzer Friedhof. Er bildete mit seiner Dschungelvegetation des Dorado aller abenteuersüchtigen und vom Jagdfieber befallenen Knaben der umliegenden Vororte. Da gab es Eidechsen, Blindschleichen, Ringelnattern, verwilderte Kaninchen, viele Arten von Schmetterlingen und Käfern, manchmal eine pfeifende Ratte und dann den Jaguar dieser Wildnis, eine fauchende, verwilderte Katze; zermorschte, halb umgestürzte Grabkreuze, verwitterte Monumente ragten phantastisch aus der Schlingpflanzenwirrnis. Da und dort bildete das wuchernde Laub interessante Höhlen, die im Verein mit leeren Grüften prächtige Verstecke für verfolgte Räuber- oder Indianerhäuptlinge abgaben. Und rätselhafte, von der Zeit halb verwischte Inschriften ließen die junge Seele seltsame, fremde Schicksale ahnen. Größe, in Staub zerfallen, Dürftigkeit, in unirdische Erhabenheit verwandelt, brachten hier die Poesie des Vergänglichen in meinem aufschauernden Kinderherzen oft zum Ertönen. Das wilde, überaus üppige Wachsen und Blühen aus dem Boden der Gräber predigte dagegen dem sinnenden Knaben mehr Ewigkeit, als es die aufgeputzten Worte des Religionslehrers vermochten. Und in alle diese, von vielen Märchen gesättigte grüne Einsamkeit rauschte über eine fliederumbuschte Ziegelmauer der Lärm rastlosen Großstadttreibens, der die harte, aufdringliche Trommelmelodie des nüchternen Daseins in die Träume des Buben warf. Dann zog es diesen nicht selten mit unbekannter Kraft aus dem Kreise der Bäume in diese Wirklichkeit zurück, mitten in das lauteste Durcheinander einer Straße. Ahnte er vielleicht, daß sich einst nicht in Wald und Feld, sondern hier im blendenden, harten Stein sein Schicksal erfüllen sollte? Abgesehen von diesen geschilderten Paradiesen gaben damals auch die Vorstädte Wiens den Kindern anmutigere Bilder als heute. Die schrecklichen Zinskasernen mit ihren quadratförmigen, lichtlosen Höfen, mit ihrer empörenden Kinderfeindlichkeit waren noch in der Minderzahl. Überall blinzelten noch die gemütlichen, einstockhohen Häuschen in ihrer einfachen Bauart mit dem grünen Gehege der Gärten oder Baumreihen in die lieben, stillen Gassen hinein und auf die spielende Jugend, deren Gesundheit und Leben noch durch keine Automobile und elektrischen Bahnen gefährdet wurde. Die ungepflasterten Straßen gaben herrlichen Spielboden ab; wie graziös und unermüdlich tanzten über ihn die Kreisel, wie schön war auf ihm das »Tempelhupfen« und »Himmel-und-Hölle-spielen«! Und welches Vergnügen war es erst, die Sandsteinkugeln beim »Einipaschen« und »Anmäuerln« über seine festgestampfte Fläche gleiten zu lassen. In den geräumigen, mit Bäumen bewachsenen Höfen gab es nachmittags schöne Musik. Drehorgeln spielten um die Wette mit Dudelsackpfeifern, die zu unserer maßlosen Verwunderung mit jedem ihrer Gliedmaßen ein anderes Instrument bearbeiteten. Die Komik böhmischer Wandermusikanten wechselte ab mit der abenteuerlichen Interessantheit einer Zigeunerkapelle; in dem einen Hofe zeigte ein Erdakrobat seine erstaunlichen Künste, indes vor den Fensterbogen des Nachbarhauses ein savoyardischer Schwarzkopf seinen Affen die possierlichsten Dressurkünste machen ließ. Und überall waren wir Kinder noch gern gelittene Gäste. Da gab es noch keinen Portier, der würdevoll in seiner Goldtressenkappe die Kinder von dem Hause verscheucht, vor dem sie spielen möchten, und der überhaupt der Meinung ist, Kinder seien Ungeziefer gleich, die auf jeden Fall nur Schaden stiften können. So zogen wir Buben oft stundenlang von Hof zu Hof den Musikern und Künstlern nach, eine treue Kunstgemeinde, die wie die Kunstverständigen der großen Welt ihre Lieblinge hatte und strenge Kritik übte. Ich muß gestehen, daß wir sonst in unseren Streichen oft die Grenze des Erlaubten überschritten und nicht selten den erbittertsten Zorn der ehrsamen Bürgersleute hervorriefen, die wir damit bedacht hatten. Ein beliebter Zeitvertreib war es, an den verschiedensten Hausglocken zu läuten und dann davonzulaufen, Schnüre über den Fußweg zu spannen und Fenster zur Zielscheibe für unsere Schleuder zu machen. Ein besonders einladendes Opfer bekam einen gezeichneten Eselskopf unbemerkt auf die Rückseite des Rockes geklebt. Segensreiche Tätigkeit entfalteten wir im Fangen von Mäusen, und wir gruben deren an die Hunderte aus. Unsere Grabzeuge, große Eisenklammern, von uns Klampfen genannt, fanden wir meist auf den Bauplätzen, manchmal auch in der »Eisenlade« daheim. Auch der Schule größtem Verbrechen unterlag ich ein- oder zweimal, dem sogenannten »Schulstürzen«. An einem furchtbar heißen Juninachmittag konnte ich den Verlockungen eines bösen Freundes nicht widerstehen und schlenderte nach kurzem Bedenken statt in die Schule durch die Mariahilferstraße in die innere Stadt; wir beguckten uns die Sehenswürdigkeiten in den Auslagen und pafften, um unsere Selbständigkeit zu unterstreichen und die Stimmung zu erhöhen, Zigaretten, die wir aus allen möglichen getrockneten Blättern selbst verfertigt hatten. Im Stadtpark angekommen, fanden wir diesen voll Menschen, die dort ihre kurze Erholung suchten. Plötzlich fing es an in Strömen zu regnen, und in kurzem war alles außer uns geflohen. Wir krochen in eine Gärtnerhütte, um uns zu schützen, als mein Kamerad einen Kahn entdeckte, der am Ufer des Teiches angebunden war. Eins, zwei waren wir dort, hatten das Seil gelöst und fuhren verwegen auf die breite Wasserfläche hinaus. Wir hatten unser Auge besonders auf die schönen Wasservögel geworfen, die zusammengeduckt auf einer kleinen Insel unter Bäumen saßen. Da nahte die Vorsehung der Vögel in Gestalt eines Wachmannes, der vom Ufer aus unsern Raubzug beobachtet hatte und uns jetzt wütend zuschrie, an das Ufer zu kommen und der verdienten Strafe entgegenzusehen. Das lag nun gewiß nicht in unserer Absicht, vielmehr versuchten wir, so schnell wie möglich das entgegengesetzte Ufer des Teiches zu erreichen. Wir ruderten aus Leibeskräften, kamen aber kaum von der Stelle, da es gerade dort arg versumpft war und die Ruderstangen in sumpfigen Brei tauchten statt in Wasser. Dazu bemerkten wir die Absicht des Wächters, um den Teich herum uns den Weg abzuschneiden. So brachten wir uns so weit fort, bis wir ungefähr hundert Schritt vom Ufer in den Schlamm sprangen, der uns fast bis zur Brust ging, und mühsam das Ufer erreichten. Welchem Zufall wir es verdankten, daß wir nicht dennoch in die Hände des Wachmannes fielen, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur, daß wir liefen, liefen, bis wir die schutzbereite Wienböschung vor uns sahen, in deren Dickicht wir hinabkollerten. Auf sicheren Umwegen machten wir uns auf den Heimweg. Wir waren bis auf den letzten Faden naß, aber zum Glück regnete es in Strömen, und wir konnten damit unsere nassen Kleider rechtfertigen. Zu dem gewöhnlichen Jugendübermut, der sich in solchen Streichen austobt, kam bei uns noch der Einfluß der Lektüre von Indianer- und Räubergeschichten dazu. Diese gab unserer Sehnsucht eine bedenkliche Richtung. Wir lasen mit ungeheurer Begeisterung Bücher, die tausendseitig Mord, Brandstiftung und andere Verbrechen in unendlicher Fülle schilderten. Auch Schauerromane wie »Anastasius, der Held der Berge«, »Der Scharfrichter von Paris und seine Tochter«, »Der Schinderhannes« und noch viele andere Hauptwerke der Hintertreppenliteratur wurden von mir und meinen Kameraden mit Hast und Begeisterung verschlungen. So saß ich oft stundenlang in einem lauschigen Winkel, las mir Hirn und Herz voll, kroch kaum zu den Hauptmahlzeiten hervor, ließ Schulbücher Schulbücher sein und lernte blutwenig oder gar nichts von dem, was der Lehrer aufgegeben hatte. Tag und Nacht beschäftigte ich mich im Geist mit den verlogenen Taten und Schicksalen der Helden meines eben gelesenen Schundromans. Meinen Spiel- und Schulkameraden erging es um kein Haar besser. Es geschah, daß wir uns nur in der Ausdrucksweise unserer Lieblingshelden unterhielten. Der eine war ganz bayerischer Hiasl, fluchte furchtbar im bayerischen Dialekt, der andere bevorzugte das hohe Pathos des schwarzen Ritters, während der dritte nur den Jargon eines berühmten Ein- und Ausbrecherkönigs sprach. Die Lehrer aber wollten es nicht verzeihen, wenn einer von uns, in der Rechen- und Sprachstunde aufgerufen, von der Bank aufsprang, eine wilde Indianergrimasse schnitt und anstatt einer richtigen Antwort ein gellendes »Hugh« ausstieß, weil er in dem kritischen Moment im Geiste dem Siouxhäuptling »Der tanzende Wolf« in der Felsenwildnis der Rocky Mountains begegnet war. Die Würdevollen auf dem Katheder ließen es somit den Schüler auch hart büßen, wenn er in der sommerlichen Hitze oder auch beim traulichen Knistern des winterlichen Ofenfeuers eingeschlafen war und träumte, eine Prinzessin aus einem brennenden Schloß zu retten, oder wenn er in der Geometriestunde, statt reinliche Dreiecke und Kreise zu zeichnen, seine Kunst im Entwerfen von Indianerköpfen, Germanenschwertern, Ritterburgen und Räuberflinten bewies. Bei mir und einigen anderen Kameraden waren die Folgen dieser verkehrten Verwendung der geistigen Kräfte schlechte Noten in den unbeliebten Fächern, und schließlich mußten wir – ich trotz meiner glänzenden Erfolge in Religion, Geschichte, Geographie und Naturgeschichte – zwei der letzten Klassen repetieren. Ich blieb hocken, wie es so schön im Wiener Schülerjargon heißt, zum größten Leidwesen meiner Mutter, die davon träumte, meine Patin würde mich vielleicht in eine höhere Schule schicken, woran natürlich bei den schlechten Zeugnissen nicht zu denken war. Wie in den vergangenen Jahren machte sich mein Vater auch jetzt nichts aus meinen schlechten Schulerfolgen, und wenn meine Mutter sich an ihn wandte, damit er mir tüchtig die Leviten lese, so bekam sie nicht die gewünschte Antwort. »Wer ein tüchtiger Kerl werden soll, den machen nicht die Lehrer und die Bücher dazu«, sagte er dann wohl; »der muß sich selbst zur richtigen Zeit erinnern, daß er Augen im Kopf hat und harte Ellbogen, dann findet er schon die volle Schüssel zum leeren Löffel!« Diese Stellungnahme des Vaters zum Verhalten seines Sohnes in der Schule war natürlich nicht dazu angetan, mich zu bessern. Ich nahm mir immer mehr Freiheiten heraus, spielte den Lehrern alle möglichen Possen und hätte mir dadurch einmal beinahe meine Ausweisung aus der Schule zugezogen. Meine Mutter bewahrte mich davor, indem sie dem Direktor so lange mit ihren Bitten an den Leib rückte, bis er nachgab und ich mit einer geringeren, wenn auch empfindlichen Strafe davonkam. Ich hatte mich damals einem Mitschüler angeschlossen, der Franz Beier hieß und ein kleiner, pausbäckiger Knirps war, dem man seinen Übermut und seine Verachtung aller Autorität gar nicht ansah, der aber vielleicht durch seine Launenhaftigkeit und ein Unstetes, ja manchmal Irres in seinem Wesen auffiel. Seine Unaufmerksamkeit beim Unterricht, die frechen und oft verworrenen Antworten, die er gab, waren wohl Anzeichen einer angeborenen geistigen Überreiztheit. Wie dem auch sei, jedenfalls wurde er von den Lehrern mit uns ins gleiche Faß gesteckt, bekam er die gleichen Strafen und oft noch härtere als wir, da seine Eigenheiten ja nicht dazu angetan waren, ihn bei diesen beliebt zu machen. Manchmal geschah es nun, daß mein Freund, der der Sohn eines korrekten Bahnbeamten war, einer Strafe wegen in eine solche tierische Wut und Wildheit geriet, daß er imstande gewesen wäre, irgendein Verbrechen an dem verhaßten Lehrer zu begehen. So mußte er sich einmal wegen irgendeines Vergehens vor die Tür des Klassenzimmers auf den feuchten, finsteren Flur stellen, und aus Rache schnitt er alle Telephondrähte im Hause ab, deren er habhaft werden konnte. Er wäre darauf von der Schule verwiesen worden, wenn nicht ein einflußreicher Bekannter sich für ihn verwendet hätte, so aber mußte er zur Strafe vierzehn Tage hindurch mittags in der Schule bleiben und mit knurrendem Magen die sinnreichen Worte schreiben: »Ich soll an fremden Dingen nicht Unfug treiben.« Kam er dann hungrig nach Hause, so setzte sein Vater die Strafe in Prügeln fort und befahl ihm, bis zum Schlafengehen an seinen Schulaufgaben zu arbeiten, wobei ihm wenig Zeit mehr für seine geliebten Indianerbücher blieb. Die Folge dieser Behandlung war ein großer Haß gegen seinen Vater, der sein krankes Kind auf so unkluge Weise bessern wollte. Eines Tages nun vertraute mir Franz auf dem Heimweg – es waren noch zwei andere zuverlässige Knaben zugegen –, er hätte seinem Vater Schießbaumwolle, die mit Spiritus durchtränkt war, in den Pfeifenkopf gesteckt, die beim Anzünden unbedingt explodieren mußte und so alle an ihm begangene Unbill rächen werde. Er selbst wäre entschlossen, nicht mehr heimzukehren, sondern nach Amerika auszuwandern. Er rechne sehr auf unsere, seiner getreuesten Freunde, Hilfe. Wir erglühten in Begeisterung für sein Vorhaben und schwuren ihm ewige Treue. Es wurde ausgemacht, daß er uns den gleichen schulfreien Nachmittag an einer bestimmten Stelle des Wienflußbettes erwarten solle, während jeder von uns trachten wollte, so viel wie möglich an Lebensmitteln von daheim zu entführen und ihm diese samt unseren Waffen und anderen für das Wildwestleben nötigen Dingen zu bringen. Schwerbepackt trafen wir einander an unserem Zusammenkunftsort, nachdem wir alle möglichen Umwege gemacht hatten, um keinen Verdacht zu erwecken. Freudig betrachtete unser kühner Empörer die Dinge, die wir ihm brachten. Außer Brot, Kartoffeln, Butter, Zwiebeln, Würsten und einer Flasche Bier gab es da ein Vexiermesser mit abgebrochener Klinge, einen Polsterüberzug, aus dem er sich einen Rucksack machen sollte, einen verrosteten Spirituskocher mit einem Leimheferl, Eßlöffel, Gabeln, einen Angelhaken, ein Schirmgestell zur Verfertigung eines herrlichen Jagdbogens, dazu Geigensaiten für die Sehne. Der Himmer Maxl hatte sogar seiner Mutter, einer enorm korpulenten Greislerin, einen alten weißen Unterrock ausgeführt, der ein Zeltdach abgeben konnte, während Handl, der Sohn eines Schneidermeisters, Zwirn und Nadeln spendete. Nachdem wir uns genugsam an dem Erstaunen unseres Freundes Franz Beier ergötzt hatten, setzten wir uns im Kreise nieder, stopften die Pfeifen, die wir aus Schilfrohr und gehöhlten Eicheln gemacht hatten, mit getrockneten Kartoffeln und Huflattichblättern und begannen mit tiefernster Miene die Beratung über die nächste Zukunft des Flüchtlings. Dabei kam es heraus, daß er gar kein Geld hatte, weshalb er wohl kaum bis Triest kommen könnte. Wir beschlossen nun, er müsse sich so lange in einer der leeren Grüfte des Schmelzer Friedhofs aufhalten, bis wir das nötige Geld aufgetrieben hatten. Einstweilen wollten wir ihn mit den nötigen Dingen versorgen. Wir hofften sehr, durch Verkauf unserer Indianerbücher in den Besitz jener Summe zu gelangen, die wir für die Reise nach der österreichischen Hafenstadt für notwendig hielten. Es fing schon zu dämmern an, als wir Verschwörer die Mauer des Friedhofs überkletterten. Endlich war es uns gelungen, ein wirkliches Abenteuer zu erleben! Etwas unheimlich war uns zwar zumute, aber doch überwogen das Gefühl der Erhabenheit und das Bewußtsein unserer Wichtigkeit das heimliche Bangen. Mit selbstbewußten Reden versuchten wir unsern Hauptakteur in seinem Vorhaben zu bestärken. Der Friedhof war um diese Zeit schon gesperrt und wirklich todeinsam, nur hier und da sang uns eine Amsel »Guten Abend« zu. Bei der Gruft angelangt, deren Geheimnis von einem Gebüschwall behütet wurde, schoben wir eines der Bretter, die sie bedeckten, beiseite und warfen eine Menge Laub und Gras hinein, um unserem Freunde eine angenehme Lagerstätte zu bereiten. Darauf seilten wir ihn an einem festen Riemen hinunter und ließen die Ausrüstungsgegenstände folgen. Nun Hugh, tapfere Schlange, und eine geruhsame Nacht! * Daheim konnte ich vor Aufregung kein Auge schließen. Auch erdrückte mich die Fülle der Verantwortung, die ich mit den anderen Kameraden auf mich genommen. Es mag ihnen in dieser Nacht wohl ähnlich ergangen sein wie mir. Am nächsten Tage konnten wir nur mit Mühe den Schluß des Unterrichts erwarten. Mit klopfendem Herzen, die Taschen mit Nahrungsmitteln angestopft, liefen wir zu unserem Freunde. Doch wer beschreibt unser Entsetzen, als wir die Höhle leer fanden und von dem Amerikafahrer trotz unseres angstvollen Suchens und Rufens im ganzen Friedhof nicht die geringste Spur zu entdecken war. Wir ahnten das Schlimmste: sein reuiges Heimkehren und das Aufdecken unserer Verschwörung, und unsere Ahnung bestätigte sich. Als wir am nächsten Tage in die Schule kamen, wurden wir sofort ins Konferenzzimmer gerufen, wo wir den Direktor, unseren Lehrer und den Vater Franz Beiers, den scheinbar ein glücklicher Zufall vor der Explosion des Pfeifeninhaltes bewahrt hatte, in unheilverkündender Eintracht fanden. Da unser Schützling alles gestanden hatte, half uns kein Leugnen. Am meisten gerügt wurde unser Rat, die Schulbücher in die Wien zu werfen, welches Verbrechen nur eine Sühne kannte: die Ausweisung aus der Schule. Wie ich schon erwähnt habe, wurde meinerseits dieses Urteil geändert und ich in der Schule belassen, um mich meine Schändlichkeit aber nicht allzu schnell vergessen zu lassen, mußte ich einen Monat hindurch dem Unterricht in einem Winkel stehend beiwohnen und erhielt ich im nächsten Zeugnis einen Fünfer im sittlichen Betragen. Franz Beiers Verrat wurde übrigens durch die übrigen Mitglieder unserer Bande gehörig gerächt. Die aus der Schule Verwiesenen schlugen ihn braun und blau, als sie ihn einmal trafen. Keiner von uns hatte bedacht, wie erschütternd für ihn diese Nacht in der Friedhofsgruft sein mußte und daß ihn wohl nur das wahnsinnigste Angstgefühl dazu bewogen habe, um Hilfe zu schreien. Er wurde halbtot vor Schrecken aus der Gruft gezogen und seinen Eltern zurückgebracht. Für uns aber blieb er noch lange hernach ein Feigling, der überdies unserem ersten interessanten Abenteuer ein zu frühes und schmähliches Ende bereitet hatte. Um diese Zeit gab ich das Lesen der Hintertreppenromane fast vollständig auf, um mich meinen Indianerbüchern nun ganz zu widmen. Ich stapelte in meinem Kasten Hunderte dieser kleinen Büchlein auf, die meist vierundsechzig Seiten stark und mit einem grellfarbigen Umschlag versehen waren. Sie sind heute wohl schon vollständig aus dem Buchhandel verschwunden und haben den unnaiven Nick-Carter-Heften Platz machen müssen, in denen sich kein Ereignis mehr der kindlichen Gedankenwelt anpaßt und die viel eher dazu angetan sind, die jugendliche Seele mit verfrühter Leidenschaft zu erfüllen, als die so viel geschmähten Indianerbücher. Es gab damals in der älteren Knabenwelt eine wirkliche und umfangreiche Bibliophilie jener kleinen Scharteken, und selbst Gymnasiasten verschmähten es nicht, mit Volksschülern in Verkehr zu treten, wenn es galt, sich über den geliebten Gegenstand zu unterhalten und zu beraten. Es wurde genau Buch geführt über die Adressen ernster Sammler und deren Bücherbestände und ein Verzeichnis der seltenen Exemplare mit der Angabe ihres jeweiligen Kursstandes und der Adresse des Besitzers angelegt, denn diese Bücher stiegen und fielen wie Börsenwerte. Da gab es vor allem als höchste Seltenheit die ersten Ausgaben der Firma Bagel in Düsseldorf. Sie hatten als Kennzeichen eine in rötlichem Ton gehaltene Schleife, welcher der Titel aufgedruckt war. Ein solches, vom vielen Herumwandern ganz verschmutztes, halb zerfetztes und innen mit Dutzenden von Sammleradressen beschriebenes Büchlein war oft fünfzehn, zwanzig Exemplare der neuen Ausgaben wert. Der glückliche Besitzer einer solchen Seltenheit wurde nicht wenig beneidet. Das Fälscherhandwerk blühte darum auch bei uns kindlichen Sammlern, und jeder von uns trachtete eifrig, hinter die Schliche dieser Kunst zu kommen. Ein reger Tauschverkehr, der sich meistens der Sonn- und Feiertage bediente und über ganz Wien erstreckte, brachte die einzelnen Sammler untereinander in Verbindung. Gleich nach dem Kirchgang der Schule am Sonntagmorgen rannte ich nach Hause, schluckte rasch ein zweites Frühstück hinunter, packte einen Haufen Bücher, mit denen ich Tausch- oder Verkaufsgeschäfte machen wollte, zusammen und war nun oft bis spät in den Nachmittag auf dem Weg von einem Sammler zum anderen, um neue Schätze für die alten zu erwerben. Da wurde geprüft und erwogen, gefeilscht und gehandelt, und immer war man der ehrliche, meist betrogene Tauscher, dessen Hartnäckigkeit, Schlauheit und Zungenfertigkeit manchem Trödeljuden Ehre gemacht hätte. Ich kam dabei in Hunderte von Wohnungen, in die armselige Kammer von Tagelöhnersleuten, in die guten, warmen Stuben wohlhabender Bürger und auch in die prunkvollen Gemächer einer vornehmen Familie, mit deren Söhnchen ich buchhändlerische Beziehungen unterhielt. So war es diese Kinderleidenschaft, die mich zuerst über die Verschiedenheit der sozialen Gesellschaftsstufen nachdenken ließ, und bald hatte sich mein anfängliches Erstaunen darüber in ein bohrendes Grübeln umgewandelt. Als ich zwölf Jahre alt war, regte sich zum erstenmal mein geschlechtlicher Sinn. Eine neue Scham war in mir, die ich vorher nicht gekannt hatte; ich konnte den Mädchen, denen ich begegnete, nicht ins Gesicht sehen. Zugleich aber zog es mich sanft zu ihnen hin, und es beglückte mich, wenn ich durch Zufall an sie streifte. Ein paar Türen weiter auf dem gleichen Gang wohnte ein schönes, schlankes, dreizehnjähriges Mädchen mit ihrer Mutter, die eine Witwe war und sich durch Bedienungen den Unterhalt verdiente. Das Mädchen war den ganzen Tag sich selbst überlassen, das Mittagessen bekam sie bei einem Greisler im Hause. So spielte sie meist mit uns Buben bis in den Abend hinein die wildesten Spiele und wurde von uns auch mehr als Kamerad denn als Mädchen behandelt. Sie bekam die gleichen Hiebe und Pfeilschüsse wie wir und wurde gleich uns an den Marterpfahl gebunden, ohne unser Mitleid zu erregen. Nun hob ich keinen Stein mehr gegen sie, erhob keine Waffe, um ihr, dem feindlichen Krieger, zu schaden, war bemüht, sie vor jeder rohen Handlung der anderen Buben zu beschützen, und wachte eifersüchtig über allem, was sie tat. Denn es machte mich traurig, wenn sie mit anderen Knaben lieber spielte als mit mir, und ich wurde sehr zornig über jede Bevorzugung dieser. Glücklich war ich über jeden Dienst, den ich ihr erweisen konnte, und ich brachte ihr die schönsten Wildrosen und Grüneidechsen. Wenn ich bei Regenwetter mit ihr auf der Fensterbrüstung spielen konnte, so kannte meine Seligkeit keine Grenzen. Ich wurde eitel, zur größten Überraschung meiner Mutter, und schämte mich jedes geflickten Loches in der Hose, das ich mir wiederum nur beim Sprung über einen hohen Lattenzaun oder beim Baumklettern gerissen hatte, um ihr zu imponieren. Zum erstenmal wurde mir die Unebenheit meines rachitischen Körpers der Anlaß zu einem stillen Gram, der aus mir sonst so fröhlichem und lautem Buben beinahe einen kopfhängerischen Duckmäuser machte. Eine wichtige Veränderung brachte meine stille Liebe zur schönen Rosa auch noch: die Indianerbücher wurden wieder beiseitegeschoben und durch Schundromane ersetzt. Die sentimentale Liebesromantik dieser Bücher hatte nunmehr die größere Anziehungskraft auf mich. Rosa ließ sich meine sichtbare Anbetung wohlgefallen und schenkte mir sogar hier und da im Stiegenhause einen Kuß, der mich, wie noch vor wenigen Wochen der Besitz eines Bagel-Büchleins mit roter Titelschleife, in tausend Wonnen stürzte. Dennoch kann ich mich nicht erinnern, dieser meiner ersten Liebe einen Vers gewidmet zu haben, und so wird sie vielleicht nicht einmal so heftig gewesen sein, wie sie sich heute meiner Erinnerung gibt. Unsere Übersiedelung, die bald darauf folgte, machte ihr übrigens ein schnelles Ende, und ein paar Kaninchen, die mir mein Vater in der neuen Wohnung schenkte, ließen mich vollends die schöne Rosa vergessen. Währenddem ich indes die Tage genoß, wie sie kamen, und ihre Glücksfülle an ihren schulfreien Stunden, ihrer Sonne und ihren Schneeverhältnissen maß, welch letztere eine besonders wichtige Rolle in meinem Wintervergnügungsprogramm spielten, während ich mich mit Ach und Krach durch die letzten Klassen der Schule drückte, spann daheim langsam die unheimliche Spinne Not ihr graues Netz um unser Dasein, wuchs heimlich über meinen Eltern und mir der Baum der Sorge, dessen kalter Schatten mein Leben so lange verdunkeln sollte. Die Krankheit meines Vaters nahm immer ärgere Formen an. Über die Natur dieses Übels wußten selbst die Ärzte nicht Bescheid zu sagen, so viele wir auch zu Rat zogen. Es hatte mit argen Bauchkrämpfen begonnen, zu diesen traten bald periodische Lähmungserscheinungen der Füße hinzu. Die Gliedmaßen magerten zusehends ab, während der übrige Körper seine frühere Mächtigkeit behielt. Es kam so weit, daß der Vater den ganzen Tag im Lehnstuhl zubringen mußte und nicht mehr imstande war, einen Schritt zu machen. Ein vorübergehender Aufenthalt auf der Nervenklinik des Allgemeinen Krankenhauses brachte ihm keine Linderung. Auch dort waren die tüchtigsten Ärzte aus seinem Leiden nicht klug geworden. Einer Unbotmäßigkeit wegen, die er sich übrigens im Jähzorn einer Pflegeschwester gegenüber zuschulden kommen ließ, mußte er nach einigen Wochen das Spital verlassen, und nun saß er wieder daheim, von den furchtbarsten Schmerzen geplagt. So arg diese waren, am schwersten ertrug er doch diesen Zustand der Untätigkeit, in welchem er nun schon monatelang verharren mußte. Der Vertrieb seiner Erfindung verlangte so oft nach seiner Gegenwart in fernen Städten, und nun war es ihm natürlich unmöglich, dahin zu reisen. Kein Wunder, wenn das Geschäft daher von Tag zu Tag zurückging, der Verdienst immer geringer wurde und meine Mutter oft nicht wußte, woher sie das Geld nehmen sollte, um ihren Mann, dessen Appetit trotz der Krankheit ungeschwächt war, und ihren Sohn zu sättigen. Die letzten Tage meiner Schulzeit wurden somit die trübseligsten meiner Kinderjahre und waren das Präludium zu den Jahren der Not, die auf das noch halbe Kind und den Jüngling warteten. Auch die Mutter wurde schon seit Jahren von einem schweren Bruchleiden geplagt; bekam sie einen ihrer Krampfanfälle, so schrie sie oft die ganze Nacht hindurch vor Schmerz, und ich mußte ihr Ziegelsteine wärmen, die sie sich auflegte. Trotzdem versuchte sie nach Kräften, meinen Vater in seinen Geschäften zu vertreten, und bereiste auch die näher gelegenen Provinzorte, soweit ihr Alter und ihr Leiden sowie der bedenkliche Zustand meines Vaters es erlaubten. Blieb sie nun drei, vier Tage aus, wie es so oft der Fall war, so mußte ich der Schule fernbleiben, dem Vater Gesellschaft leisten und sogar im Verein mit der Hausbesorgerin die kleine Hauswirtschaft führen. Am ärgsten war es für mich, wenn ich mit meinem Vater stundenlang ein Kartenspiel, Sechsundsechzig, spielen mußte, was mir schrecklich langweilig vorkam. Dabei wurde der Vater sehr böse, wenn ich unaufmerksam war. Es kam nicht selten vor, daß er mir dann im Zorn die gröbsten Schimpfworte und hier und da auch die Karten an den Kopf warf, wenn es nicht sonst ein nahe liegender Gegenstand war. Einmal entging ich gerade noch zur rechten Zeit einer Verwundung durch das Brotmesser, das er mir nachgeworfen hatte. Da blieb mir keine Zeit zum Lesen, geschweige denn zum Spiel mit den Kameraden. An solchen Tagen hätte ich selbst den Gang in die Schule als Erlösung angesehen. Ein Freudenstrahl in dieser traurigen Zeit war mein erster Besuch in der Oper, der auf Jahrzehnte hinaus auch mein einziger bleiben sollte. Ich hatte die Karte – es war ein Sitz am »Juchhe«, der vierten Galerie – von einer Nachbarin, die sie sich gekauft hatte und dann verhindert war, sie zu benutzen. Meine Mutter erwarb die Karte für mich, um sie in einigen Raten zu bezahlen. Mit pochendem Herzen und schaubegieriger Seele betrat ich den Wunderraum. Man gab »Die goldene Märchenwelt« und »Die Puppenfee«. Ich glaubte aller armseligen Wirklichkeit entrückt zu sein; was ich sah, war ja das phantastische Traumland meiner Märchenbücher! Waren diese Bilder wirklich durch Menschenhand erstanden, diese feierlichen, erhabenen, wie Sterne strahlenden Gestalten inmitten der wundervollen Landschaften und Häuser – Menschen, Schauspieler, die diese schönen Worte, Lieder und Gesten lernten, wie ich in der Schule ein Gedicht oder einen Aufsatz? Inmitten der drückenden Schwüle und Ausdünstung der vielen Besucher saß ich allein in einem paradiesischen Garten, und mein Gehör verlor sich beglückt in der Harmonie englischer Chöre. Trunken von all der Herrlichkeit, die in dem Märchenhaus am Opernring zu sehen und zu hören war, kam ich heim und zehrte nun lange, lange von den Eindrücken dieses Abends. Auch das nüchterne Schauspiel lernte ich um diese Zeit kennen; freilich war's nur auf der Liliputbühne des damals schon im Sterben liegenden Schwender Theaters in Rudolfsheim und in einem der rührseligsten Stücke, »Der Müller und sein Kind«, das mich zu Tränen ergriff. Lange bildete ich mir ein, ein werdender armer Konrad zu sein. Diese beiden Theaterbesuche erweckten in mir den Wunsch, andere Stücke wenigstens durch das Lesen kennenzulernen. Aber wie sollte ich zu solchen Büchern kommen? In der Schulbibliothek war dergleichen nicht zu finden, da gaben Christoph Schmidts »Rosa von Tannenburg« und »Der gute Fridolin und der böse Dietrich« den Ton an. Der Zufall kam mir aber zu Hilfe. Ich erfuhr von einem älteren Kameraden, der ein Bücherfresser wie ich war, daß der Wiener Volksbildungsverein in Ottakring eben eine Volksbibliothek errichtet hatte, aus der jeder Erwachsene gegen Entrichtung einer Abnutzungsgebühr von zehn Hellern im Monat so viel Bücher entleihen konnte, wie er wollte; ich bearbeitete nun meine Mutter so lange, bis sie mir erlaubte, mich auf ihren Namen einschreiben zu lassen und die Bücher zu entleihen, die ich zu lesen wünschte. Nachdem ich das erreicht hatte, rannte ich oft dreimal in der Woche über die Schmelz nach Ottakring, um die gelesenen Bücher gegen neue umzutauschen. Da mochte es regnen, so viel es wollte, das Exerzierfeld ein lehmiger Sumpf sein, der Schnee bis an die Knie reichen, ich rannte wie im Fieber den weiten Weg hin und zurück und freute mich schon im voraus auf das Neue, noch nie Gehörte, was mir aus jedem der Bücher entgegentreten mußte. Die ersten Werke, die ich auf diese Weise meinem Wissen eroberte, waren Schillers »Räuber« und sein »Wilhelm Teil«. Das bleichsüchtige Licht der Nachtlampe, die neben mir auf dem Nachtkästchen stand, und die Kleinheit des Buches, das ich mit dem Federbett wie mit einem Schutzwall umgab, so daß ich vor dem mißtrauischen Blick des Vaters geschützt war, ermöglichten es mir, »Die Räuber« in einer Nacht in meine hungrige Seele aufzunehmen. Ich las in einer Ekstase innerer Erhebung. Eine neue, ungeahnte Welt tat sich vor mir auf. Die wahren Leidenschaften des Menschen, von denen ich bisher nur verlogene Kunde bekommen oder die ich nur ganz verschwommen und dunkel geahnt hatte, überstürmten mein unverbrauchtes Gemüt und ergriffen mein Herz, das von diesen vielen erschütternden Ereignissen wild klopfte; ich fühlte mit dankbarem Erschrecken, wie sich etwas in mir löste und in ein Nichts versank, verbrannt von der Glut der dichterischen Wahrheit, die mich aus diesem Buch durchwehte, wie einst der Hauch des brennenden Dornbusches den kleinmütigen Moses. Es wurde mir auf einmal die Gewißheit von dem weltumspannenden Wirken der Macht des sozialen Milieus über den einzelnen, von dem Einfluß einer Idee auf eine Masse und von der treibenden Kraft menschlicher Tugenden und Laster, die zu gleichen Teilen dazu bestimmt waren, unserem Dasein einen Inhalt zu geben. Freilich fühlte ich dies damals noch sehr verworren, und ich hätte es nicht in Worten auszudrücken vermocht; ein Chaos von versinkenden Lügen und auftauchenden Wahrheiten erfüllte meine Seele. Wie im Taumel ging ich des anderen Tages in die Schule und konnte kaum die Nacht abwarten, in deren Stille und Freiheit ich »Wilhelm Teil« lesen wollte, was ich auch tat. Auf diese Weise las ich, ein dreizehnjähriger Knabe, »Egmont«, »Götz« und »Tasso« von Goethe, sämtliche Dramen Schillers, einige von Kleist, die Shakespeareschen Königsdramen und auch viele lustige Possen von Kotzebue, die mich arg zum Lachen reizten. Jetzt veranstaltete ich eine feierliche Verbrennung meiner sämtlichen Indianerbücher und Schundromane. Sie flammten gar lustig, während ich mit leiser Wehmut ihr Verschwinden betrachtete. Das traurige Leben und die Not zu Hause verschärften sich indes, als sich meine arme Mutter eine Blutvergiftung an der linken Hand zuzog. Diese war zu einem unförmigen Klumpen angeschwollen und mußte dreimal geschnitten werden, dabei hatte die Mutter Tag und Nacht die heftigsten Schmerzen. Oft wurde ich nun des Nachts geweckt, um den kranken Eltern Kaffee zu kochen, den sie ohne Milch mit etwas Rum tranken. Sie glaubten durch dieses Getränk ihre Schmerzen zu besänftigen. Monate vergingen, doch die Wunden, die durch die Schnitte entstanden waren, wollten sich nicht schließen. Da erinnerte sich meine Mutter eines Wunderdoktors, der Bauer in Sankt Pölten war, und ließ ihn in ihrer Verzweiflung nach Wien kommen, nachdem sie die letzten Wertgegenstände, die noch in ihrem Besitz waren, versetzt hatte, um die Kosten aufzubringen. Eines Tages kam nun der Wundermann angerückt. Er roch furchtbar nach Tabak und traniger Stiefelschmiere, mit der er außer seinen Röhrenstiefeln auch seinen ganzen Körper eingeschmiert zu haben schien, denn er glänzte überall wie eingeölt. Recht umständlich fragte er meine Mutter nach ihrem Leiden aus, schwieg darauf lange und zerkaute unterdessen eine dicke Zigarre im Munde. Endlich ließ er sich weißes Leinen geben, steckte einen ganzen Ballen davon in die heiße Ofenröhre und wartete, bis dieser unter entsetzlichem Gestank verkohlt war. Dann nahm er die Aschenreste, legte sie auf eine Gazebinde, machte vier tiefe Verbeugungen in alle vier Weltrichtungen, während er dabei unverständliche Worte murmelte, und band nun den wunden Arm so ein, daß die Asche auf die kranken Stellen zu liegen kam. Alles geschah von seiner Seite höchst feierlich, mit verdrehten Augen und stets murmelndem Mund. Auch ein rotes Öl ließ er zurück, damit man die Wunden jeden Tag damit beträufle. In den nächsten Tagen stellte sich wirklich Besserung ein. Die Wunden begannen zu heilen, die Schmerzen ließen nach, bis sie allmählich ganz verschwanden. Die ganze Nachbarschaft war in hellster Begeisterung über das wundertätige Bäuerlein, und man schrieb vor allem den vier Verbeugungen und Wundersprüchen die Heilung zu. Nur ich hegte im stillen die ketzerische Meinung, daß die Heilung auch ohne den Hokuspokus vor sich gegangen wäre. Da der notdürftig geheilte Arm steif blieb – alles Elektrisieren und Massieren konnte ihm die natürliche Beweglichkeit nicht zurückgeben –, war es meiner verzweifelten Mutter fast unmöglich, den vollständigen Zusammenbruch noch auf lange zurückzuhalten. In kurzem konnte es geschehen, daß wir wie Bettler auf die Straße gesetzt würden. Von drei Uhr früh bis nahe an Mitternacht war sie auf den Beinen, um Geld zu verdienen und die kleine Wirtschaft nicht verkommen zu lassen. Die kurze Zeit, die sie daheim verbringen konnte, wurde sie vom Vater, den die Krankheit zu einem boshaften Tier gemacht hatte, bis aufs Blut gepeinigt. Es war ihr ein armseliger Trost, wenn er sie nach einem Ausbruch seiner Verzweiflung weinend um Verzeihung bat. Der arme Mann litt oft so sehr, daß er uns brüllend bat, seinem Leben und Leiden doch ein Ende zu machen, ihn mit einem Hammer zu erschlagen. Furchtbarer noch war es, wenn er sich in Stunden der Besserung an die Hoffnung klammerte, wieder gesund zu werden, und die kühnsten Luftschlösser für diese Zukunft baute; dann konnte er sich wie ein Kind über diese Vorstellung freuen, daß er zum Beispiel wieder einmal mit uns zu den Volkssängern gehen könnte, was einst zu seinen liebsten Vergnügungen gehörte, während wir durch den sichtlichen Verfall seines einst so mächtigen Körpers nur zu deutlich eines anderen belehrt wurden. Aus dem Lehnstuhl war er ins Bett gewandert, in dem er wie ein Säugling gepflegt und gereinigt werden mußte. Er hatte sein Heimatsrecht in Sachsen verloren, da er schon über zwanzig Jahre das Land verlassen hatte, und sich um Verleihung eines anderen aus Leichtsinn nicht bemüht. So wollte jetzt den heimatlosen Kranken, der offenbar an einer unheilbaren Krankheit litt, kein Wiener Spital aufnehmen. Meine Mutter bemühte sich lange umsonst darum, bis ihr jemand riet, sich an den Primarius des Elisabeth-Spitals, das sich im gleichen Bezirk befand, zu wenden, da dieser ein sehr geschickter Arzt und guter Mensch sein sollte. Sie schrieb diesem nun einen ausführlichen Brief, in welchem sie ihre Not schilderte, hatte aber wenig Hoffnung, erhört zu werden. Eines Tages aber, als ich von der Schule nach Hause kam, fand ich am Bett meines Vaters einen kleinen, sehr zierlichen und sehr freundlichen Herrn, den mir die Mutter als den Primarius bezeichnete und der eben meinen Vater untersucht hatte. Er gab meinem Vater die Zusicherung, ihn in seine Abteilung aufzunehmen, wo es ihm bald wieder besser gehen sollte. Vor seinem Weggehen sprach er lange mit der Mutter auf dem Gange. Als ich nach seinem Scheiden zu meiner Mutter wollte, zog mich diese in der dunklen Küche an sich, küßte mich unter Tränen und sagte mir, daß es mit dem Vater sehr schlecht stünde. Der Doktor hatte ihr draußen erklärt, daß an ein Gesundwerden nicht zu denken sei: der Patient litte an einem fortgeschrittenen Rückenmarkleiden, gegen das alle Kunst der Ärzte nichts vermöge. Als wir zum Vater zurückkehrten, war dieser voll Freude und Hoffnungsseligkeit. Er sah sich schon wieder gesund und dem reichen Leben zurückgegeben und konnte kaum den Rettungswagen erwarten, der ihn in das zwei Gassen von uns entfernte Krankenhaus überführen sollte. Der Wagen kam noch am gleichen Nachmittag. Ich war der Schule ferngeblieben, um den Vater mit der Mutter ins Spital zu begleiten. Es zerriß uns fast das Herz, als wir ihn so heiter von der Wohnung scheiden sahen, die er als Gesunder wiederzusehen hoffte, über deren Schwelle aber nicht einmal sein toter Leib getragen werden sollte. Da eben keine Besuchszeit war, durften wir ihn nicht bis zu seinem Bett begleiten; erst am nächsten Tage, einem Sonntag, sahen wir ihn wieder. Er lag in einem Saal mit ungefähr zwei Dutzend anderen Männern. Ich sah nichts als Medizinflaschen, ausgehöhlte Menschengesichter, gelbes oder fieberrotes Leid aus dem weißen Leinen herausblicken, darüber den argen Geruch von Jod, Schweiß und Karbol. Mir wurde sehr übel, und die Mutter mußte mich nach Hause führen. Wenige Wochen nach der Fahrt meines Vaters ins Krankenhaus zogen wir nach Penzing in ein winziges Gartenzimmer, wo es mir noch einmal vergönnt war, vor dem Entschwinden meiner Kindheit die Freiheit eines richtigen Bubendaseins zu genießen. Jetzt waren Schönbrunn und die vor den Fenstern liegenden Auen der Wien meine Jagdgründe. Aber schon hatte ich von dem Ernst des Lebens zu viel erfahren, um die alte unmittelbare Spiellust so ganz wie einst Besitz von mir nehmen zu lassen. Ich war nachdenklicher geworden, grübelte viel in mich hinein und stellte vor viele Dinge ein zweiflerisches Wenn und Aber. Das Erlebte schlich sich oft in die schönsten Spiele – es konnte mir geschehen, daß ich plötzlich hoch oben auf einer Tanne des Schönbrunner Parkes an den gelähmten Vater denken mußte oder daß mir beim heimlichen Fischzug in einem der Teiche auf einmal die Gedanken an die ungewisse Zukunft kamen, sollte ich doch im Sommer die Schule auf immer verlassen. Dann schied ich von meinen Kameraden oft mitten im Spiel, rannte nach Hause und versuchte krampfhaft, durch Lesen auf andere Gedanken zu kommen. Immer mehr zog ich mich von meinen Schulkollegen zurück, da ich nunmehr wenig Interesse an deren gedankenlosem Herumtreiben fand und mit Vorliebe, ein schönes Buch bei mir, in den einsamen Auen herumstreifte. Daheim gab es nun oft schmale Kost, die den Vielfraß, der ich war, nicht sättigte. Hunger hatte ich bisher nur als den angenehmen Zustand gekannt, der einem das Essen zu einem Fest machte. Nun lernte ich ihn als einen tückischen Gesellen kennen, der eine böse Art hatte, seine Opfer zu peinigen. Die Mutter tat Übermenschliches, um mich vor ihm zu schützen. Aber die Geschäfte, die sie mit der Erfindung meines Vaters noch machen konnte, waren sehr spärlich geworden und nicht genügend, um zwei Menschen selbst ein geringes Auskommen zu sichern. Eine neue Erfindung hatte der meines Vaters beinahe den Garaus gemacht. So mußte meine Mutter wohl zehnmal in einem Kontor vorsprechen, bevor man eine kleine Bestellung bei ihr machte, was dann meist aus Barmherzigkeit geschah, da man ihr wohl die Not ansah. Als sie bemerkte, daß mit diesem Geschäft nichts mehr anzufangen war, versuchte sie, sich tagsüber als Kinderfrau oder Bedienerin zu verdingen. Aber wer hätte sich eine alte Frau mit lahmem Arm zur Arbeit genommen? Sie mußte froh sein, hier und da von den Nachbarn, die zwar auch nicht viel glänzender standen als sie, eine schlechtbezahlte Arbeit zugeschanzt zu bekommen. So richteten sich natürlich ihre geheimen und meine lauten Hoffnungen auf mein nahes Schulende. Ich würde gewiß sofort eine bezahlte Stelle als Lehrling bekommen, und es würde uns dann viel besser gehen. In der letzten Schulwoche stellte mich die Mutter einem Silberschmied vor, der geneigt war, mich als Lehrling mit einem Anfangsgehalt von drei Kronen wöchentlich in seiner Werkstatt anzustellen. Es fehlten drei Monate an der Vollendung meines vierzehnten Lebensjahres, als ich am dritten Ferientag um fünf Uhr früh von der Mutter geweckt wurde, um meine Lehrzeit anzutreten. Sie begleitete mich bis vor das Haus, worin sich die Werkstatt befand, und gab mir einen langen Kuß, der mich schützen und segnen sollte. Mit ihm war meine Kindheit zu Ende. Drittes Kapitel Lehrjahre Die »Silber-Präge- und Montieranstalt« befand sich in einem sogenannten Werkstättenhof auf dem Schottenfeld, dem ehemaligen Brillantengrund des Bezirkes Neubau. Unter, über, vor und neben uns hämmerte, ratterte und sägte es aus jedem Fenster heraus. Da gab es Bandmacher-, Klaviertischler-, Taschner-, Buchbinder- und noch viele andere Werkstätten, und ein ganzes Heer von Arbeitern, zumeist Lehrbuben und Hilfsarbeiter, verschwand am Morgen jedes Arbeitstages hinter dem Tor des Altwiener Hauses. Das Arbeiterpersonal der Werkstätte, in welcher ich mein Proletarierdasein begann, bestand aus drei Lehrbuben, von denen ich der jüngste war. Der Meister, ein gutmütiger Riese, der wie ein aufgeblasener Ballon durch die zwei engen Räume der Anstalt schnaufte, war einer, jener tschechischen Kleingewerbetreibenden, die in Wien trotz ihrer schlechten Aussprache des Deutschen den gemütlich-behäbigen, erbeingesessenen Bürger markieren wollten. Er trug immer ein sehr bequemes, sackähnliches graues Gewand, ging gelassen, etwas vorgebeugt und hatte die Haltung eines Grundbürgers, dem man schon äußerlich anmerken müsse, daß er es nie eilig habe, seiner vier oder fünf schuldenfreien Häuser wegen. Sein Gesicht war aufgedunsen und schwammig und saß auf einem kurzen, wulstigen Hals. Die kurze Zeit, die er sich am Morgen in der Werkstätte aufhielt, benutzte er zum Auflegen einer Schnurrbartbinde, deren er eine Schachtel voll in der Lade seiner Drehbank hatte. Eine Menge goldener breiter Ringe klapperte an den feisten Würstelfingern, während er so recht weltüberlegen an einer Kubazigarre herumknatschte. Wir sahen ihn nur vormittags und kurz vor Feierabend in der Werkstätte, die übrige Zeit verbrachte er im Gast- oder Kaffeehause, wo er eine wichtige Rolle zu spielen schien. Wenigstens schien es mir so, wenn ich ihm eine Nachricht an den Stammtisch zu bringen hatte. Dafür war die kleine, kugelrunde Frau Meisterin beinahe immer in der Werkstätte zu finden. Wie ein blankes Schweinchen wackelte sie fortwährend zwischen dieser und ihrer Küche hin und her, schnüffelte überall herum, indem sie ihr Pausbackengesicht etwas vorbeugte und die Gegenstände mehr mit der Nase anzuschauen schien als mit den Augen. Der Meister hatte gehörigen Respekt vor ihren fachlichen Kenntnissen. Es wurde so gearbeitet, wie sie es für gut fand. Anderseits war sie wieder riesig stolz auf ihren Gatten, besonders wenn er seine Veteranenuniform trug und den wallenden Federbusch am Hut. Das geschah meistens einmal wöchentlich, wenn der Veteranenverein nämlich seinen Abendschoppen hielt; dann ließ die Meisterin eine Stunde früher Feierabend machen, weshalb auch wir den Tag besonders schätzten. Nach der Meisterin führte Hansl, der älteste Lehrbub, in Abwesenheit des Meisters das Regiment. Dieser war ein guter Kerl, der seine bevorzugte Stellung nicht zu unseren Ungunsten ausnutzte und eher unsere Partei ergriff als die des Ehepaares, wenn es zu Differenzen kam. Wir hatten ihn recht gern, grauten uns aber schrecklich vor den vielen Pusteln, mit denen er über und über bedeckt war. Besonders die Hände oder vielmehr eine Berührung mit ihnen fürchteten wir sehr, da er auch eine Menge Warzen daran hatte. Er war aber riesig lustig, sang und pfiff den ganzen Tag vor sich hin. Waren wir vollends allein, so parodierte er auf die gelungenste Weise den »böhmakelnden« Meister, machte den Schirmnäherinnen, die wir am gegenüberliegenden Fenster sehen konnten, die komischsten Liebeserklärungen und ergötzte uns durch Tierstimmenimitationen und andere Kunststücke. Der andere Lehrling hieß Wenzel und war aus des Meisters stocktschechischer Heimat. Er war ein rechter Knirps, der kaum auf die Drehbank reichen konnte und der kaum drei Worte Deutsch radebrechte, obwohl er schon ein Jahr in dieser Lehre war. Meine Arbeit bestand Tag für Tag im Zutragen von Bedarfsgegenständen für die Küche und den Hausstand der Meisterin, in Gängen ins Punzieramt und die Schleiferei, im Abliefern der Arbeiten, wobei ich diese auf einem Karren zu den Geschäften führte. Auch Post gab's oft ins Gasthaus zu bringen, wo mein Gebieter, wie gesagt, oft hauste, und am Ende des Tages hatte ich die Werkstatt aufzuräumen. Bei der Aufnahme wurde zwar von den herrlichsten Erzeugnissen der Silberschmiedekunst gesprochen, die in seinem Atelier verfertigt werden sollten, von silbernen Tafelgeschirren, die er für die höchsten Herrschaften anfertigte, weshalb er in Kürze zum Kammerlieferanten eines Erzherzogs ernannt werden sollte; bei ihm könnte ich ein großer Künstler dieses Faches werden, wenn ich nur mit Fleiß bei der Arbeit wäre, so versicherte der Meister meiner Mutter. Nun war ich aber schon sieben Wochen in dem »Atelier«, ohne auch nur den kleinsten Tafelaufsatz gesehen zu haben; Stockgriffe und Beschläge waren die herrlichen Schmiedearbeiten, die ich entstehen sah. Und selbst diese einfachen, kunstlosen Dinge wurden nur teilweise in unserer Werkstatt angefertigt. Wir erhielten sie in rohem Zustand aus einer Fabrik, um sie dann mit Gips oder einer Metallmasse auszugießen und verpackt weiter zu liefern. Auch waren sie zum kleinsten Teil aus Silber, meistens bestanden sie aus unedlen Mischmetallen, denen Gold- oder Silberglanz durch eine Säure und Schliff aufgelogen wurde. Aber selbst zu dieser Arbeit wurde ich kein, einziges Mal hinzugezogen, und ich hatte noch keinen Handgriff erlernt, der mir zu diesem Handwerk notwendig gewesen wäre. Ich war statt ein Lehrbube ein Laufbursche geworden, der allerdings dem Meister billiger zu stehen kam. Mit Mißvergnügen bemerkte dies meine Mutter, der ich jeden Abend Bericht über meine Tätigkeit ablegte; dafür sollte sie sich jeden Bissen vom Munde absparen und ich mit einem täglichen Verdienst von zwanzig Hellern vorliebnehmen? Nach dreijähriger Lehrzeit in dieser Werkstatt würde ich ja kaum die einfachsten Handgriffe verstehen! Dazu war ich so schwächlich, daß die Nahrung, die sie mir bieten konnte, auf die Dauer ungenügend werden müßte: mittags eine Handvoll »Grammeln« oder ein Stückchen Speck mit Brot, abends ein ausgesottenes Stück Pferdefleisch mit Gemüse! Dies war zu wenig für einen vierzehnjährigen Knaben, der im Wachsen begriffen und den ganzen Tag auf den Beinen war. Vorerst machte sie nun einen Versuch, wenigstens mein Mittagessen reichlicher zu gestalten, indem sie eine Kammer mietete, die in der Nähe der Werkstatt war, so daß ich während der Mittagspause nach Hause laufen konnte. Durch Verkauf einiger Möbel eroberte sie auch einiges Geld, so daß sie mir ein paar Wochen hindurch eine kräftigere Nahrung bereiten konnte. Aber bald war der Reichtum erschöpft, und es gab wieder Wassersuppe, Kartoffeln und Brot. Aus diesem Grund faßte nun meine Mutter den Entschluß, einen Lehrplatz für mich zu suchen, in welchem ich auch verköstigt wurde. Freilich hieß es da die traurige Tatsache in Kauf nehmen, daß ich meine Mutter verlassen und ganz zu meinem Meister ziehen müßte, da diese nur unter jener Bedingung die Kost geben. Nach kurzem Überlegen hatte meine Mutter mit dem Inhaber einer großen Schusterwerkstätte gesprochen, der ihr versprach, mich in vier Jahren sein Handwerk zu lehren. Die Mutter hatte mir so viel Schönes von diesem erzählt, das ja der Beruf meines Großvaters gewesen, daß ich mich nicht sträubte, seine Erlernung als Lebensziel anzusehen. Bevor ich meine zweite Lehrstelle antrat, hatten meine Mutter und ich noch eine böse Überschwemmung mitzumachen. Wir hatten damals unsere winzige Wohnung in einer Gasse, die von der Schmelz ziemlich steil abfiel. An einem Samstagnachmittag nun brauste ein furchtbarer Wolkenbruch über den Bezirk; rauschend stürzte das Wasser durch die Gasse, in der wir wohnten, und brachte die Häuser darin in arge Not. In unserer Werkstätte war heute früher Feierabend gemacht worden, und ich eilte voll Angst um die Mutter nach Hause. Am Beginn unserer Gasse reichte mir die gelbe Flut schon weit über die Knie. Hinter mir stürzte krachend ein Eckhaus ein. Ich keuchte vorwärts. Endlich war ich bis ans Haus gekommen, in dem wir ebenerdig wohnten. Leute, die auf einem breiten Gesims standen, warnten mich, ins Haus zu treten, ich würde in der Einfahrt ersaufen. Ich hörte kaum ihr Geschrei und drang weiter. Wirklich geht mir das Wasser bis an den Hals, es will mir die Füße vom Boden wegreißen. Schwimmbewegungen, die ich einmal Vorjahren im Internat gelernt habe, fallen mir ein. So komme ich bis zur Tür unserer Kammer. Jene ist eingedrückt. Ich klettere mühsam an dem Türrahmen empor. »Mutter, Mutter!« schreie ich in die Zerstörung hinein. Keine Antwort. Noch viel gellender und verzweiflungsvoller: »Mutter, Mutter!« Da schreit eine Baßstimme von Stiegenhause mir zu: »Hams ka Angst net um Ihnere Mutta – dö is bei da elfer Partei im zweiten Stock. Schauns nur, daß aus der Goß außikumman, sunsten dasaufens no.« Aus der tollen Freude, die über mich hinschlägt, kommt neue Kraft. Wieder stemme ich mich durch die Flut, und wenige Minuten später falle ich meiner Mutter um den Hals. Das Unwetter hatte furchtbaren Schaden in Ottakring angerichtet. Gegen tausend Wohnungen waren überschwemmt worden, Häuser hatte es niedergerissen, mehreren Menschen den Tod gebracht. Nachdem sich das Wasser verlaufen hatte, sahen wir bekümmerten Herzens die Verwüstung in unserer Kammer an. Die meisten Möbel waren umgestürzt, viele Sachen hatte die Flut davongetragen. Zum Glück hatte meine Mutter etwas Wäsche, das Bettzeug und unsere Kleider in Sicherheit bringen können. Am darauffolgenden Montag holte ich mir mein Schulzeugnis vom Meister, und einige Tage später trat ich in die neue Lehre ein. Die Schuhmacherwerkstätte nahm den ersten Stock eines alten, ziemlich verwahrlosten Hauses ein. Ein vierfenstriger Raum war für die Bodenarbeiter eingerichtet, während sich die Oberteilherrichterei in einem kleineren Zweifensterzimmer befand. Wir waren unser acht Lehrbuben und hatten uns den Lehren sowie den Ohrfeigen und Schlägen von fünf Gesellen zu fügen, die mit diesen recht freigebig waren. Auch hier führte die Meisterin das Regiment, und zwar nicht nur über uns Angestellte, sondern scheinbar auch über den Meister, der ihr an Körperlänge kaum bis zur Achsel reichte. Er war recht dürftig und krummbeinig, und die Frau Meisterin soll ihm überdies das Leben nicht leicht gemacht haben. Durch gutes Essen wurden wir gerade nicht verwöhnt. Der »Kübel«, so hatten wir die Meisterin getauft, gab uns zum Frühstück eine Brühe, die sie Kaffee nannte, mit steinhartem Brot, zu Mittag eine Wassersuppe, ein paar Knochen und Abfallfleisch, nachmittags eine Wiederholung der Frühstücksherrlichkeiten und abends zehn Heller Nachtmahlgeld, wenn nicht einer der Gesellen sich über uns beschwert hatte, in welchem Falle wir uns dann hungrig ins Bett legen mußten. Zwischen Gesellen und Lehrbuben bestand eine immerwährende Feindschaft. Drei von ihnen wären sogenannte Sitzgesellen, das heißt, sie arbeiteten auf eigenen Verdienst und bezahlten dem Meister für Kost, Schlafstelle und den Platz in der Werkstätte einen gewissen Betrag. Wir waren für sie die aufwachsende Konkurrenz, der man jetzt, da es noch anging, das Leben nach Kräften sauer machen mußte. Die zwei anderen, erst vor kurzem ausgelernten Gesellen glaubten wieder, die Ehre der Gehilfenschaft verlange von ihnen ein völliges Unterordnen unter diese drei Kollegen, die um so vieles mehr verdienten als sie selbst. So waren wir auch mit den eigentlichen Gehilfen der Werkstätte nicht auf besonders gutem Fuß. Meine Lehrkameraden waren zumeist elternlose Burschen aus Böhmen, die auf Gnade und Barmherzigkeit ihren Lehrmeistern ausgeliefert waren, was denn auch oft bis zur Grenze des Erlaubten ausgenutzt wurde. Hätte ja einer von ihnen den Mut gefunden, sich bei der Genossenschaft der Schuhmacher zu beschweren, so wären sie von den Zünftlern wohl nur als undankbare Tagediebe angesehen worden. So nahmen sie mit geringerer oder größerer Geduld das Los auf sich, das ihnen das Leben beschert hatte, und aßen heimlich den frisch gerührten »Schusterpapp«, um den ewig nagenden Hunger zu stillen. Leider ließen sich auch diese meine neuen Lehrherren recht Zeit, um mich in die Geheimnisse ihrer Kunst einzuweihen. Während die Älteren oft bis knapp vor dem Schlafengehen bei der Schusterbank saßen und Stiefel besohlten, waren wir andern in allen Ecken des Schusterheimes tätig. Der eine schleppte Kohlen aus dem Keller, der andere Wasser in einem Rückenfaß, der »Butten«, die zwei Stöcke bis zur Küche, der dritte wusch Geschirr, und der letzte – meistens war das ich – holte den Gesellen Bier, Tabak und andere Dinge von der Gasse. Unsere Kammer war nicht das Muster eines hygienischen Schlafsaales. Der kleine Lichthof, auf den das Fenster hinausging, sandte alle möglichen Gerüche zu uns empor, da ihn die übrigen Parteien des Hauses gern als Mistgrube benutzten. Die Betten waren ähnlich den Kojen der großen Schiffe übereinander aufgebaut, und dies war eine sehr erfinderische Einrichtung, da sonst kaum zwei Betten in dem Raum Platz gehabt hätten. Man kann sich leicht die Atmosphäre vorstellen, die in unserer Stube herrschte; das »Bettzeug« war auch nicht von Braun, und es bestand meist aus zerfallenden Matratzen und stinkenden Decken, in denen eine Unzahl von Flöhen nistete. Die Platzordnung war streng nach dem Range der Schläfer bestimmt. Je höher dieser, um so höher durfte er schlafen. So war ich auch hier der Tiefstgestellte, und es war nicht zum Verwundern, wenn ich des Nachts, fast erdrückt von der Schwüle und der Ausdünstung meiner Kameraden, das schrecklichste Alpdrücken hatte. Jeden dritten Sonntag nachmittag gab's Ausgang. Meine Kameraden, die meist niemanden kannten, zu dem sie hätten gehen können, setzten sich in die öffentlichen Parkanlagen, indes ich einen Sprung zu meiner Mutter machte, um ihr mein Leid zu klagen. Sie weinte dann gewöhnlich mit mir und war traurig, mir nicht helfen zu können, briet und buk in der Eile allerlei gute und magenfüllende Sachen, worauf ich etwas meinen Kummer vergaß. Zum Abschied bekam ich dann noch ein paar gute Trostworte, und nie vergaß die Mutter mir zur Aufmunterung das alte deutsche Sprüchlein zu sagen: Ein jeder Stand hat seine Plage, /ein jeder Stand hat seine Last, /gar bös und hart sind unsere Tage, /und nur bei Gott ist gute Rast. Ein böses Ereignis machte dieser meiner Lehrzeit in der Schuhmacherkunst ein Ende. Die Gesellen hatten eines Samstag abends den Namenstag eines der Ihrigen gefeiert und waren furchtbar betrunken nach Hause gekommen; um nun das Maß voll zu machen, ließen sie sich, statt ins Bett zu gehen, noch weiter Bier und Wein holen und setzten die Sauferei in der Werkstatt fort. Wir waren wieder auf unsere Lager gekrochen, konnten aber des wüsten Lärms wegen nicht schlafen. Plötzlich ging die Tür der Werkstätte auf, und einige der schwerbetrunkenen Gehilfen kamen zu uns heraufgestolpert. Es war darunter einer, der mir stets besondere Furcht einflößte, da er noch roher und tierischer als die andern war. Sein Gesicht war schrecklich aufgedunsen, die Augen standen vor und waren rot unterlaufen, das ärgste aber war sein Mund, der wie eine aufgerissene Wunde aussah und immer offenstand. Dieser Mensch ging nun auf uns zwei Jüngsten zu, zog uns trotz allen Widerstrebens aus den Betten und in die Werkstätte hinunter. Wir schrien laut vor entsetzlicher Angst. Ringsum auf den zusammengestellten Tischen hockten und lagen die anderen Gesellen, alle vor Rausch halb besinnungslos. Wir glaubten, daß unser letztes Stündlein geschlagen hatte, als er uns die Hemden herunterriß und uns mit seinem Hosenriemen im Kreise herumjagte, zum größten Entzücken seiner brüllenden Kollegen, die uns mit Bier anschütteten und mit den Zigaretten brannten. Wer weiß, was noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Hausmeister, durch den tollen Lärm geweckt, die Frau des Schustermeisters aus dem nahen Gasthause geholt und sie auf das Treiben der Gesellen aufmerksam gemacht hätte. So kam diese, bewaffnet mit einem riesigen Holzlöffel, herein und hieb, ohne sich erst zu überzeugen, wer der Schuldige in dieser Sache war, auf uns ein, die wir bereits mit Striemen und Brandblasen bedeckt waren, und übergoß uns mit einer Flut von Schimpfworten. Heulend erkämpften wir uns endlich den Ausweg durch die Tür, flüchteten in die Schlafkammer, wo wir uns wie halbtot geprügelte Katzen unter das Bett verkrochen. Erst nach langer, banger Zeit wagten wir uns hervor. Durch eine Rille in der Tür sahen wir, daß es in der Werkstatt bereits dunkel war. Da entschloß ich mich, noch in dieser Nacht das Haus zu verlassen. Kein anderer Gedanke belebte mehr mein brennendes Hirn, als dieser Hölle so schnell wir möglich zu entweichen. Mein Leidensgefährte war vor Erschöpfung fest eingeschlafen, und auch aus den oberen Etagen drang beruhigendes Schnarchen. Leise zog ich mich an und schlich in die Werkstatt, deren Fenster auf den Gang führte. Den Atem anhaltend, riegelte ich es vorsichtig auf. Kurze Zeit darauf stand ich vor der Tür der Hausmeisterwohnung. Ich bebte vor Aufregung: Würde der Hausmeister mich kleinen Flüchtling auch um diese Zeit auf die Straße lassen? Er konnte mich ja geradesogut zurückführen, und dann gab es Prügel, wieder schändliche Prügel der Schustersfrau! Aber es gab keinen Ausweg als diesen. So läutete ich an. Der schrille Glockenton durchstieß mich wie glühender Draht. Eine Ewigkeit banger Erwartung. Die Tür knarrt auf, ein dünnes Licht bleckt mich an. Der Hausmeister ist gar nicht so erstaunt, mich zu sehen, ja es scheint, als habe er so etwas erwartet, denn er grunzt gutmütig: »Sö wolln wahrscheinli afahrn, Schani?« – so wurde ich im Hause genannt –, »no hams recht; viel Schläg und wenig z'essen kriegns wo anders a, da brauchens net erst so aner narrischen Schuastagsellschaft 'n Wurschtl vurmachen!« Er war auf diese »Partei« nicht gut zu sprechen und freute sich, seinen »Grant« mir gegenüber auslassen zu können. Wahrscheinlich hatten die Gesellen sich dadurch bei ihm unbeliebt gemacht, daß sie ihm nur selten ein »Sperrsechserl« zukommen ließen. Mit einem: »Pfüat Ihna Gott mit Rosenwasser, i gfrei mi schon auf dös Gsicht von da Masterin murgen!« ließ er mich durch das Tor schlüpfen. Meine Mutter erschrak nicht wenig, als ich ihr so mitten in der Nacht ins Haus fiel. Ich erzählte ihr erschöpft meine schändlichen Erlebnisse und war fast zu müde, um mich meiner gelungenen Flucht zu freuen. Die Mutter war über meine Erzählung sehr in Aufregung geraten und nahm sich vor, die Sache am nächsten Morgen gleich bei der Polizei anzuzeigen. Ich lag noch im Bett und ruhte mich in der guten Morgensonne, die unsere Kammer liebte, von den überstandenen Schrecken und Prügeln aus, als meine Mutter von dem Polizeikommissariat zurückkam. Sie war sehr mißgestimmt, hatte man ihr doch auf der Polizei erklärt, es verlohne sich nicht, wegen einer solchen Kleinigkeit die Anzeige zu machen. Ihr Sohn hätte die Prügel wahrscheinlich verdient, und die Geschichte mit dem nackten Tanzen wird wohl nicht wahr sein. So einem Lehrbuben dürfe man nicht alles glauben! Die lügen ja einer wie der andere! Überhaupt müsse ihr Sohn ein rechtes »Früchtel« sein, wenn er mitten in der Nacht aus der Lehre laufe! Sie solle ihm ein paar Ohrfeigen geben und ihn wieder zurückschicken. Die Mutter versuchte nun auf andere Weise ein Recht für ihren Sohn zu finden und ging in die Schuhmachergenossenschaft; aber auch die Zunftgrößen standen auf der Seite des Meisters. Ich war der schwächliche Knirps, der scheinheilige Bösewicht und Tagedieb; was nützte es, daß die Mutter anderer Meinung war, sie hätte es ja als schwaches, sorgenzerquältes Weib doch nicht vermocht, die Obrigkeiten eines Besseren zu belehren und sie zu einer Untersuchung zu zwingen. Eher hätte sich mein Vater Gehör verschaffen können, wäre er noch der alte kräftige und gesunde Mann gewesen, der er war. Aber mein Vater befand sich selbst seit einigen Wochen in einem Haus für unheilbare Kranke, in welchem er den furchtbarsten Teil seines Lebens durchzumachen hatte. Nachdem er sieben Monate im Spital auf Besserung seines Zustandes gewartet hatte, benutzte der Krankenhauspfarrer die Gelegenheit, ihn für den katholischen Himmel zu erretten. Er bearbeitete den armen Kranken, der langsam die Unheilbarkeit seines Leidens erkannte, seinen protestantischen Glauben abzuschwören und Katholik zu werden. Dann würde er seinen Einfluß dafür verwenden, um ihm auf Lebensdauer einen Platz in dem Hause der unheilbaren Kranken in Währing zu verschaffen. Um seine Familie von seiner Last zu befreien – das Spital wollte und konnte ihn nicht länger beherbergen –, machte mein freidenkender Vater mit der größten Selbstüberwindung die peinliche Komödie des Übertritts ohne Überzeugung mit, was zur Folge hatte, daß er auf einen Machtspruch des Bischofs von Sankt Pölten hin wenige Tage später sein Bett im Krankenhaus mit einem des Asyls vertauschen konnte. Über der Klosterpforte des »Hauses der Barmherzigkeit« steht in einer Nische Christus, die Armen der Welt begrüßend, und folgende Worte stehen zu Füßen der Statue: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Ich habe diese Worte oft und oft gelesen, wenn ich am Sonntagnachmittag vor der Pforte auf Einlaß wartete, und mich in meiner kindlichen Einfalt dann immer gewunden, warum gerade die Führer und Pflegepersonen der Anstalt, deren Wahlspruch die Inschrift ja sein sollte, sich nicht mehr daran gehalten haben und warum die Liebe, die man für den Nächsten bezeigen wollte, ein so abstoßendes und häßliches Gewand haben mußte? Ich will, so gut ich sie in Erinnerung habe, die Zustände in diesem Hause schildern, die für mich noch heute das Bedrückendste sind, was ich je erlebt und gesehen habe. Der Saal, in welchem mein Vater mit ungefähr zwanzig anderen Kranken lag, war wenig licht, da seine Fenster auf einen Gang, die Erholungsstätte der nicht bettlägerigen Kranken, hinausgingen. Dieser mußte den Garten ersetzen, da sonst nur für die Pflegenonnen ein solcher vorhanden war. Kein freundliches Bild schmückte die kahlen weißen Wände, nur da und dort war die Abbildung eines gemarterten Heiligen zu sehen. Kamen wir auf einige Stunden zu meinem Vater, so klagte dieser meist über Hunger oder über eine neue Verfügung, die das Leben dieser Bedauernswerten noch elender machte. Das Essen war äußerst spärlich, wenig schmackhaft und unappetitlich zubereitet. Dabei wurden den Siechen bei jeder Gelegenheit Strafen auferlegt, die in der Entziehung gewisser Speisen bestanden. Weigerte sich einer der Kranken, eine religiöse Zeremonie mitzumachen, oder beschmutzte ein Bettlägeriger sein Bettzeug, gleich wurde ihm von der Pflegenonne das Kompott oder die Mehlspeise gestrichen. Von allen Seiten hörte man Klagen über die kleinen Portionen, die man ihnen gab, und die Armen konnten meistens den Besuch ihrer Angehörigen nicht erwarten, die ihnen eßbare Dinge mitbrachten. Am bedauernswertesten waren diejenigen, um die sich kein Mensch kümmerte, ihr Los war dem eines Lebendigbegrabenen ähnlich. Meine Mutter, der dieses Elend ins Herz schnitt, sparte sich die Woche hindurch das Essen vom Munde ab, um damit sonntags wenigstens einigen von diesen Armen eine kleine Freude in ihre Trostlosigkeit zu bringen. Neben meinem Vater lag ein blinder und vollkommen gelähmter Hauptmann, der meiner Mutter beinahe die Hände abküßte, wenn sie ihm ein Stückchen gebackenes Pferdefleisch oder sonst eine Kleinigkeit aus den mitgebrachten Schätzen reichte. Es kümmerte sich ja sonst kein Mensch um diesen zweiten Job, der mit einer unglaublichen Ergebenheit dahinsiechte. Er hatte nicht, wie die meisten anderen, einen Freiplatz in dem Hause inne, da seine Pension in die Anstalt eingezahlt wurde; trotzdem hatte er aber die gleiche Behandlung über sich ergehen zu lassen wie diejenigen, die nur in der Barmherzigkeit ihren Wohltäter sahen. Ich sehe noch heute sein vornehmes totes Leidensgesicht, in dem eine furchtbare, stumme Anklage zu lesen war. Es scheint mir heute, daß das Tadelnswerteste der Hausordnung die Willkür war, mit welcher die verschiedenartigsten Kranken zusammen in einem Saal untergebracht waren. Da lag neben bloß Gelähmten ein Mensch, dem die Lustseuche den halben Körper zerfressen hatte; er ging langsam bei unerträglichem Geruch in Verwesung über. Meinem Vater gegenüber tobte in einem Bett, das mit starken Drahtnetzen umspannt war, ein zwanzig Jahre alter Bursche mit einem grauenhaften Affengesicht. Tag und Nacht stieß er unartikulierte Laute aus. Hier lagen Krebskranke mit furchtbaren Geschwüren, dort ein kaum menschlich aussehender rachitisch Verkrümmter. Eine greuliche Herde von Kranken bevölkerte auch die Stiegen und Gänge, haarlose Wasserköpfe grinsten einem entgegen und ließen einen vor dieser Anhäufung unerdenklichen Elends erschauern. Es hatte den Anschein, als sollten hier die Menschen gewaltsam zur Zerknirschung gebracht werden, durch den Anblick all dieses hilflosen Unglücks. Wenn wir von unseren Besuchen aus dem Siechenhause heimkamen, so verfolgten mich die Bilder, die ich dort geschaut, noch lange und schreckten auch meist durch meine Träume. Langsam lernte ich erst wieder lachen, wenn ich mich zwingen konnte, meine Gedanken davon abzulenken. Mutter und ich hatten im stillen nur einen Wunsch: daß mein armer Vater bald von seinen Leiden erlöst würde. Um diese Zeit entstand mein erstes Gedicht. Es war eine Lobeshymne auf den großen Volksdemagogen Doktor Karl Lueger. Ich glaubte in meiner jugendlichen Unschuld und Verblendung und in vollständiger Unkenntnis sozialer wie politischer Tatsachen im Antisemitismus die Heilslehre für uns Arme zu erblicken. Leider ist mir dieser mein erster poetischer Erguß verlorengegangen. Nach den bösen Erfahrungen, die ich mit meinen beiden ersten Lehrstellen gemacht hatte, wählte meine Mutter lange einen neuen, mir zusagenden Beruf. Endlich hatte sie einen Platz gefunden, der ihr zusagte. Ich sollte als Lehrling in die berühmte Chirurgische Instrumenten- und Bandagenfabrik Odelga und Söhne eintreten. Abgesehen von der guten Bezahlung, die man als Ausgelernter erhielt, wurde ich von dem Berufe selbst angezogen. War es doch mein sehnlichster Knabenwunsch gewesen, Arzt zu werden. Nun sollte ich doch ein Gewerbe erlernen, das in enger Berührung mit der Heilkunde stand! Freilich, meine Mutter brachte damit ein großes Opfer. Die Entlohnung, die ich das erste Jahr bekommen sollte, betrug nur zwei Kronen die Woche. Mit dieser kleinen Summe konnte mir die Mutter kaum das Frühstück bereiten. Um mir diese Lehre zu ermöglichen, verkaufte sie ihre Arbeitskraft trotz ihres Alters bis zur Erschöpfung. So trat ich mit großen-Hoffnungen in die Fabrik ein und fühlte mich in meiner neuen Tätigkeit sehr zufrieden. Die Arbeit war leicht, regte meine Phantasie an, da sie nichts mit der eines Hausknechts und Laufburschen gemein hatte. Von den intelligenten Gehilfen wurde ich human behandelt; sie hatten mich gern, weil ich ein aufgeweckter Bursche war, immer dienstbereit und zu allem zu gebrauchen. So hätte ich die beste Aussicht gehabt, hier endlich einen ordentlichen Beruf zu erlernen, wenn nicht die Not meiner Mutter von Tag zu Tag unerträglicher geworden wäre. Trotz Anspannung aller ihrer Kräfte und Energien konnte meine Mutter selbst das Notwendigste für unseren Lebensunterhalt nicht mehr aufbringen. Wie oft geschah es jetzt, daß sie abends todmüde nach Hause kam, nachdem sie den ganzen Tag in fremden Häusern Böden gescheuert, Wäsche gewaschen und gebügelt hatte, und sich hungrig zu Bett legen mußte, um mir ein frugales Nachtmahl vorsetzen zu können, auf das ich immer wie ein hungriger Wolf stürzte. Oft blieb sie noch bis Mitternacht auf, um durch Strümpfestricken einiges zu verdienen. Kaum hatte der Tag sein erstes Licht in unsere Kammer geworfen, stand sie schon auf, um mir meine Kleider und Wäsche auszubessern. Ich konnte nun diese aufreibende Tätigkeit meiner Mutter nicht länger mit ansehen, wurde sie doch von Tag zu Tag hinfälliger, und so reifte in mir der feste Entschluß, aus meiner mir wirklich liebgewordenen Lehrstelle auszutreten und mir einen Verdienst zu suchen, mittels dessen ich ihr weniger zur Last fallen mochte. Wir hatten unsere Kammer, in die nie ein Fünkchen Licht hereingeblickt hatte und an deren Wänden der Moder in dicker Schicht wuchs, indessen mit einem kleinen Zimmer vertauscht, das wohl monatlich um zwei Kronen mehr kostete, dafür aber ein lichtes und freundliches Aussehen hatte. Um das Mehr an Zins hereinzubekommen, vermietete die Mutter eine Schlafstelle an einen Bauarbeiter. Diesem klagte ich eines Tages meine Berufssorgen, ohne etwas davon meiner Mutter zu sagen. Er riet mir, Maurer zu werden, da könne ich schon als Lehrling einen guten Taglohn verdienen. Wenn ich damit einverstanden wäre, so wolle er mit einem bekannten Maurerpolier wegen meiner Aufnahme reden. Ich sagte mit Freuden zu, stellte mich einige Tage darauf dem Polier auf einem Neubau vor und wurde von diesem gleich für den nächsten Montag zur Arbeit aufgenommen. Meine Mutter überraschte ich mit der vollzogenen Tatsache des Berufswechsels. Ihre argen Bedenken suchte ich dadurch zu zerstreuen, daß ich ihr in den lebhaftesten Farben alle jene Freuden schilderte, die uns bevorständen, wenn ich mir so viel verdienen würde, wie ich für mein Leben brauchte. Mein Taggeld auf dem Neubau betrug eine Krone sechzig Heller, eine Summe, deren Höhe mich schwindlig machte. Ich dünkte mich Millionär und steckte ruhig das fortwährende Geschimpfe und hier und da auch eine wohlgemeinte Ohrfeige eines nervösen Baukünstlers ein. Große Zufriedenheit erweckte ich nämlich in meiner neuen Tätigkeit bei den Vorgesetzten nicht; denn so leicht ich mich in meine Arbeit in der Bandagenfabrik gefunden hatte, so schwer wurde es mir, meinen Körper wie meinen Geist dieser neuen Beschäftigung anzupassen. Mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete ich blind darauf los, schürfte mir die Hände blutig, schluckte den roten Ziegelstaub hinunter, keuchte mit schwerbeladenen Scheibtruhen auf schmalen Bretterstegen über Abgründe hin und hatte stets den einen Gedanken in mir: Geld, Geld zu verdienen. Mehr als unter der Last der schweren Arbeit litt ich unter der Roheit der Bauhandwerker. Sie schienen sich alle vereinigt zu haben, um über meine körperliche Schwäche zu spotten, und keinem konnte ich die Arbeit recht machen; wurde ich einem neuen Maurergehilfen als Handlanger zugewiesen, so faßte dieser es gleich als große Beleidigung auf und beschimpfte mich erbärmlich. Wieder einmal wurde ich beiseitegeschoben, verachtet und gehetzt; grausam vernachlässigt von meinen Arbeitskollegen. Warum wurde mir auch hier die schlechteste Arbeit zugeschoben, und warum wurde ich immer und überall getreten wie ein läufiger, unnützer Hund? Ich habe mir damals oft dieses schmerzliche Rätsel gestellt. Heute habe ich die Erklärung in meiner kindlichen Schüchternheit gefunden, mit welcher ich vor diese Leute getreten bin, und vor allem in meiner Leistungsunfähigkeit. Vor dem indifferenten Proletariat gilt der gute Wille nichts, ihm imponiert nur körperliche Kraft, Geschicklichkeit, das Können des Leibes. Bei ihm herrscht noch beinahe bewußt das Gesetz der Auslese, das dem stärkeren Tier das Recht gibt, das schwächliche bis zur Vernichtung zu bekämpfen. So wurde ich barmherzigkeitslos von einer Arbeit zur anderen getrieben, und ich mußte zusehen, wie meine Kameraden sich zur Erholung unter einen schattigen Baum legen durften oder wie man ihnen wenigstens von Zeit zu Zeit eine leichtere Arbeit zuwies. Ich konnte manchmal vor Zerschlagenheit kaum nach Hause gehen, und immer mehr wuchs in mir die traurige Gewißheit empor, daß die Kräfte meines rachitischen Körpers der anstrengenden, ungesunden, meist zwölfstündigen Arbeit nicht gewachsen waren. Dabei sah ich, wie sich meine Mutter vergeblich bemühte, mit ihrem halbgelähmten, schlecht geheilten Arm den Hauptteil der Haushaltskosten zu tragen, und wie dringend sie des Geldes bedurfte, das ich am Samstagabend nach Hause brachte. Und welche Freude empfand ich, wenn ich dem Vater vom eigenverdienten Gelde Obst oder Zuckersachen kaufen konnte! Ich nahm daher alle meine noch so kindliche Energie zusammen, die noch nicht durch das jahrelange Stahlbad proletarischer Arbeit gegangen war, um bei den Ziegelsteinen und Mörteltruhen auszuharren. Mein Körper aber machte eines Tages allen Überlegungen ein Ende, indem er zusammenbrach. Der erschrockene Polier brachte mich selbst meiner Mutter nach Hause, nachdem ich vor Übermüdung und Entkräftung auf dem Neubau ohnmächtig geworden war. Er sprach meiner Mutter, die zu Tode erschrak, sein Bedauern aus, einen so fleißigen und willigen Burschen entlassen zu müssen, denn ich wäre gewiß ein guter Maurergehilfe geworden. Ich schluckte mein Erstaunen über diese veränderte Meinung meines Vorgesetzten hinunter war ich doch am gleichen Tage mit den lieblichsten Schimpfnamen bedacht worden – und war vorläufig zufrieden, einige Tage rasten zu können und von meiner Mutter gepflegt zu werden; ich trank Fliedertee und Tafelöl nach Noten, ließ mir alle möglichen beschmierten Tücher auf die Brust legen, da ich von einem bösen Husten geplagt wurde. Als ich mir so durch acht Tage die Folgen meiner Bautätigkeit aus dem Leibe geschwitzt hatte, gingen wir von neuem auf die Suche nach einem Erwerb. Wir hatten uns diesmal entschlossen, bei einem Bäcker unser Glück zu versuchen, da in diesem Gewerbe die Lehrzeit nur zwei Jahre betrug. Die Weiß- und Schwarzbäckerei, deren Eigentümer mich nach einigen zögernden Blicken als Lehrling aufgenommen hatte, lag weit draußen in Ottakring, in einer Straße, die sich, froh aus der grauen Steindürftigkeit herauszukommen, in heiteren Windungen auf einen Berg mit Weingärten und Wiesen hinaufschlängelte. Der Bäckermeister schickte mich gleich in die Werkstätte hinunter, wo Semmeln, Wecken und Stritzeln erzeugt wurden und wo ich einem schweigsamen, pfeifenrauchenden Bäckergesellen, der, den Oberkörper entblößt, bei einem mächtigen Bottich stand, Mehl und Wasser zuzubringen hatte. Wir waren allein in der Backstube, da die anderen Gesellen und Lehrlinge schliefen. Ich hatte vorhin im Vorbeigehen einen neugierigen Blick in die Schlafstube gemacht und dort meine zukünftigen Kameraden schnarchen und schlafen gesehen. Ein leises Bedauern hatte mich dabei überschlichen, daß ich den Platz bei der besorgten Mutter nun wieder mit diesem Massenquartier vertauschen mußte; aber lange währten diese Bedenken nicht, denn ich war froh, wieder ein weniges verdienen zu können und nicht mehr der Mutter so sehr im Sack liegen zu müssen. Nachdem auch der Mischer seine Arbeit beendet hatte, stieg er hinauf in den Schlafsaal zu den andern, und ich blieb allein in der Stube. Untätig und nicht wissend, was ich beginnen sollte, schlich ich in dem Labyrinth der Tische, Tröge und Reibmaschinen herum, bis der Abend sank. Kaum konnte man nun mehr das plumpe Viereck des Backofens und die andern Dinge erkennen, nur ein leises Knistern hörte man; das rührte von den Mäusen und Ratten her, von denen die eine oder andere sogar manchmal über die Steinfliesen dahinsetzte. Ich wagte kaum Licht zu machen und kam mir furchtbar verlassen vor. Auf einen Tisch kletternd, konnte ich durch eines der vergitterten Fensterchen das Sterben der Sonne sehen. Wie noch nie vorher sog ich mich mit ganzer Seele an diesem Lichte fest. Nun verstand ich die glühende Sehnsucht meiner Dichter nach diesem Bild unendlicher Größe, ihre Anbetung dieser Erscheinung in dem Dunkel ihres Lebens. In diesen Minuten faßte ich das eben Erlebte zu einer symbolischen Bedeutung für mein Dasein zusammen. Wo ich stand, umdrängte mich die Not, die Sorge, unten, in diesem Dunkel des Raumes, harrte meiner wieder eine Arbeit, der meine Kräfte vielleicht nicht gewachsen waren. Vor mir starrten die Gitter meiner Abkunft, meiner mangelhaften Erziehung, durch die ich die ferne Sonne meiner menschlichen Erhöhung sah. Wann würde ich in ihr reinigendes Feuer eingehen können? Würde ich es einmal erleben, daß alle Mühsal, alle Demütigung aufhörte, während ich aufatmend die Erdenschönheit mit Mutter und Vater genießen dürfe? Dumpfe Erregtheit quoll in mir auf; ich witterte Kampf, im wirren Nebel meiner ziellosen Gedanken wollte sich etwas klären, Gestalt annehmen. Im Angesicht der untergehenden Sonne, das vergitterte Backstubenfenster vor mir, kam mir auf einmal die Erkenntnis der sozialen Ungerechtigkeit. Worte fanden sich in mir zu stammelnden Sätzen der Empörung, es reimten sich Silben des Zornes mit denen der Qual, der Klage und des Hasses. Alles, was in mir empordrang, flüsterte ich heiß durch das Gitter auf die Straße hinaus. Mir war, als schrie ich es laut in den Dämmer hinein, in eine Menge horchender Menschen. So rang ich mir vom glühenden Herzen das erste soziale Gedicht ab, das ungefügig, hölzern in Form und Sinn, aber für mich voll tiefster Bedeutung war. Da klapperten viele Füße die Holztreppe herunter. Ernüchtert konnte ich gerade noch von meiner Tribüne heruntertorkeln, als die Tür aufging und drei gähnende Gesellen hereinschlüpften. Noch halb im Bann des eben Erlebten, sah ich sie im kalten Licht zweier Glühbirnen wie Schergen auf mich zugehen. Der Mischer deutete auf mich mit der Pfeifenspitze und brummte unwirsch: »Dös is der neuche Bua.« Die zwei anderen blickten mich neugierig an, und einer von ihnen meinte verächtlich: »Servas, der schaut wech aus. A soa Grischpinkerl wül a Bäck wern!« Der dritte aber grinste mich freundlich aus seinem blonden Milchgesicht an: »No, no«, sagte er beschwichtigend und saugte dabei an seiner Pfeife. »Was klan is, is zach, muaß denn a jeds glei a Ries sein? Gflickter, du hast e a net dö Muskulatur von an Pflasterergsölln. I war a so a Kruz und jetztn bin i do scho drei Jahr a Vizimischer, der sei Gschäftl versteht. Kum, Klaner, i wer dir glei a Arbeit gebn!« Er zeigte mir nun, was ich zu tun hatte. Die gekneteten Teigstücke mußten in eine Maschine geschoben werden, welche sie in gleich große Teile formte. Aus diesen machten dann die Gesellen an langen Tischen die Semmeln. Gegen zehn Uhr abends polterten die zwei anderen Lehrbuben die Stiege herunter. Sie waren in der Fachschule gewesen, wie ich aus den Spottreden erfuhr, mit, denen sie von den Gesellen empfangen wurden. Der eine krähte: Jetztn kumman dö Laberlstudenten, habts heut achteckate Baunzerln machen glernt?« Auch mein Beschützer wackelte lustig mit seinem Mondkopf: »Wieviel Zigarettn habts denn beim Pinnagln unter der Schuibank gwunna?« Geringschätzig antwortete der Lehrling: »Glaubst, mir tan vülleicht pinagln wia die alten Kracha im Kaffeehaus? Bei uns in da Klass' wird nur anazwanzgerlt um a Fünferl.« Der Sprecher war ein hochaufgeschossener Bengel mit einem aschgrauen Greisengesicht, das keine Augen zu haben schien, so flach und farblos lagen sie darin. Beide Burschen machten sich nun umständlich an die Arbeit. Kaum ein Wort wurde gesprochen; nur ein Saugen an den Pfeifen war hier und da in dem Trommeln des Semmelknetens hörbar. Zu meinem größten Entsetzen klatschte sich manchmal einer oder der andere die nackte, schwitzende Brust mit einem Teigstück ab, und es war mir nach diesem Anblick lange nicht möglich, eine Semmel zu essen. Das Auskneten des Kleingebäcks dauerte bis zwei Uhr nachts, dann kam das Brot an die Reihe. Glücklicherweise durften der eine Lehrling und ich uns schlafen legen, da zur Brotbereitung die Lehrbuben erst von einem gewissen Alter an zugezogen werden durften. Die gut organisierten Bäckergesellen wachten streng darüber, daß diese Vereinbarung in allen Werkstätten innegehalten wurde. Unsere Schlafstube glich in vielem der des Schusterpersonals, vor allem wäre es schwer zu beurteilen gewesen, in welcher die Luft schlechter war. Ich teilte mein Bett mit dem einen Lehrling, der sich gleich mit Kleidern und Stiefeln unter die Decke verkroch. Ich dachte wehmütig an das reine Bett zu Hause und wäre am liebsten auf dem Holzstockerl sitzen geblieben, war aber doch zu müde dazu. Mir war, als ich mich endlich ausgestreckt hatte, als läge ich in einer Kloake. Daß sich die Gesellen nicht dagegen wehrten? Später erfuhr ich, daß diese nur gelegentlich hier schliefen und jeder auswärts ein Bett gemietet hätte. Nachdem ich endlich zu schlafen angefangen hatte, wurde ich kurz darauf durch ein starkes Pochen an der Tür geweckt: »Aufstehn, Buam, Zeit is zum Pacht austragn; schleints euch!« hörten wir eine grobe Stimme rufen. Ich war sofort auf den Beinen, mein Kamerad aber rappelte sich nur langsam mit allen möglichen Knurr- und Schnauflauten aus dem Bett. Endlich, halb und halb munter, schaute er mich verschlafen an, der ich auf seine Aufklärungen wartete. Er blinzelte mürrisch in das Licht der elektrischen Glühbirne: »Hast an Tschick oder gar a Zigaretten? Geh, reib her ane!« zuzelte er mit seinen dicken Lippen. Ich suchte in meinen Taschen nach und fand wirklich eine vergessene, halb abgebrochene »Drama«, die ich ihm reichte. Sein Gesicht verzog sich zur freundlichen Grimasse: »Dank schön, Schurl«, sagte er, »'s glängt grad auf a paar Züg, bis dö Mirzl uns dö Pacht einzählt hat, hast ka warms Tüachl zum Umbinden, in der Früah is schon zünfti kalt, und oft muaß ma vur an Greislerladn a Stund steh, bis a so a terrische Kappöln aufmacht! I wir da scho zagn, wiast as machn muaßt, daß d' as außn tiaffstn Schlaf außakitzelst«, fügte er gönnerhaft hinzu. Mit behaglicher Wichtigkeit sog er den Rauch aus dem Stumpf und ließ ihn nachlässig wie ein Kavalier durch die Nase ziehn. Bald aber schrillte es vom Gange her mißmutig zu uns herein: »No, was is denn mit euch Buam, habts eure Urwaschln mit Tach vastopft? Wanns net glei abikummts, kumm i mit an Schaffl Wassa!« Diesmal war's eine weibliche Stimme, die nach uns forschte. Edi, mein Kamerad, machte einen letzten langen Zug, während er als Antwort auf die neuerliche Aufforderung mit einem wegwerfenden leisen: »Halt die Pappen, blede Umüfken!« antwortete. Aber er erhob sich doch und schlürfte, die Hände in den Hosentaschen und den Kopf zwischen die Schultern gezogen, über den Gang die Treppe hinunter und in den Ladenraum; dessen Rolläden vor Tür und Auslagenfenster waren noch heruntergelassen, und eine schwache Glühlampe erhellte das Lokal dürftig. Mit Mühe konnte ich von der Wanduhr ablesen, daß es vier Uhr früh war. Herrlich duftete es aus den großen Handkörben nach frischem Gebäck und Brot. Eine flachshaarige Zwanzigjährige mit breiten Ringen um die Augen schnaufte Edi an: »Du wirst alle Tag a größerer Faulenzer. I muaß scho um drei Uhr aufstehn, und da Herr Lehrbub druckt bis Viere dö Matrazn durch. Da hast dö Büachln und zag in Neuchn alls urdentlich!« Edi pfiff durch die Zähne, um anzuzeigen, wie wenig ihn das Schelten der Verkäuferin berührte, stellte den Kragen seines Rockes auf, blickte umständlich die letzte Eintragung in den Kundenbüchern an und warf diese dann in den Korb. Wir nahmen dann je links und rechts einen Korb bei den Henkeln und verließen so bepackt den Laden. Ich folgte Edi, so gut ich konnte, mit den beiden schweren Körben am Arm. Auf der Straße war es noch stockfinster, kein Mensch zu sehen. Ein kalter Oktoberwind fegte uns die Wärme aus dem Leib. Edi hörte an meinem Keuchen, wie der Abstand zwischen uns immer größer wurde. »Gell, dö ham a zünftis Gwicht«, schrie er mir zu. »Gessen sans schnölla wia austragn! Leg da dö Henkeln mehr auf dö Muschkeln, nacha geht's leichta!« Ich dankte allen Heiligen, von denen ich in der Klosterschule gelernt hatte, als Edi seine Last vor einem Greislerladen hinstellte, und ahmte ihm mit einem Seufzer der Erleichterung nach. Mein Kamerad begann nun wie ein wütendes Roß mit seinen eisenbeschlagenen Stiefeln an die geschlossene Ladentür zu schlagen. Aber es wollte sich nichts rühren. Edi machte eine kleine Pause. »A so a Greisler hat drei Duchenten übern Kopf zogn«, meinte er und hub von neuem zu poltern an. Endlich kroch etwas im Laden langsam der Tür zu, langweilig schob sich diese auf; eine Hand schob einen Korb heraus, und Edi zählte nach der Angabe im Buche das Kleingebäck hinein. Das Volkskaffee, in das wir nun unsere Schätze lieferten, war schon geöffnet. Zu meiner Freude leerte sich einer meiner Körbe hier zur Hälfte. Bevor wir weiterwanderten, schluckte Edi ein Glas Rum hinunter und meinte schmatzend: »Geh, Schurl, i zahl da a a Frackerl, des hatzt ein!« Entsetzt lehnte ich ab, zum großen Befremden des Freigebigen, der seine aufsteigende Geringschätzung mit dem mir zugedachten Glase hinunterspülte. Noch eine halbe Stunde rannten wir mit unseren Körben von Geschäft zu Geschäft, dann schlenderten wir heim, ich müde zum Umfallen, Edi in größter Lebendigkeit. Meine schüchterne Hoffnung, mich wieder niederlegen zu dürfen, erfüllte sich nicht. Wir hatten aus der Backstube Brot hinaufzuschleppen, das in einen Kastenwagen verfrachtet wurde. Der Gaul, der ihn ziehen sollte, war so mager und schien mich so betrübt anzusehn, daß ich ihm meine Frühstückssemmel in das Maul steckte, was mir einen dankbaren Blick des Tieres eintrug. Neue Verordnungen der Verkäuferin: »Schurl, du führst jetzt mitn Ferdl 's Brot aus.« Aus irgendeiner Laune des Meisters wurde ich Schurl genannt, welche Abkürzung von Georg mir verhaßt war. Ferdl war der »Altbua«, neben dem ich nun auf dem Kutschbock zu sitzen hatte. In meiner gewohnten Geschicklichkeit hatte ich beim Hinaufklettern auf den Wagen das Unglück, nicht schnell genug gewesen zu sein, so daß ich den Halt verlor, als der Wagen bereits zu fahren begonnen hatte, und mein linker Fuß unter das zweite Rad kam. Ein brennender Schmerz strömte aus dem Bein in meinen Körper. Ich wollte mich aufrichten, da schoß das Blut aus der Hose breit hervor. Ferdl war fluchend abgesprungen und alarmierte die Gesellen, die mich zurück in den Laden trugen. »Die Freiln Mirzl« erhob ein Zetergeschrei, als sie mich so sah. Der Meister, der nun auch aus der Stube nebenan kam, schimpfte über meine Ungeschicklichkeit nach Noten, sandte aber doch Edi zu einem Arzt. Der kam kurze Zeit hernach und konstatierte eine arge, aber ungefährliche Quetschung des linken Wadenweichteils. Als ich verbunden war, konnte ich notdürftig, auf den brummigen, aber gutmütigen Mischer gestützt, nach Hause humpeln. Die freie Hand auf das Schulzeugnis gepreßt, das mir der Meister mit dem Bemerken in die Tasche gepreßt hatte, er könne einen so ungeschickten Menschen nicht brauchen, ich solle nur bei der Mutter zu Hause bleiben und Fliegen fangen lernen. Von Schmerzen geplagt, tiefunglücklich im Gefühl der völligen Nutzlosigkeit meines Lebens, kam ich zur Mutter nach Hause. Von dem guten Gebäck konnte ich ihr nicht ein Stück mitbringen, und ich hatte meine Stelle als Bäckerlehrling nicht zuletzt wegen der Aussicht angenommen, mich wenigstens einmal an Brot satt essen zu können und von dem Überfluß auch meiner Mutter mitbringen zu dürfen. Ein vom Straßenkot verschmutzter Weißwecken war alles, was mir meine einnächtige Bäckerherrlichkeit beschert hatte. Bis in die Knochen gedemütigt, mit einem wunden Bein, saß ich jetzt stundenlang vor dem Hoffenster unserer Kammer, nur widerwillig den Trostreden zugänglich, die mir meine tapfre Mutter hielt. Was meine Energie aber schneller wieder aufrichtete als diese, war die bittere Einsicht, daß ich meiner Mutter nicht länger zur Last fallen konnte. Ich gehörte keiner Krankenkasse an und erhielt deshalb auch kein Krankengeld; als ich entdeckte, daß meine Mutter in Ermangelung eines anderen Wertgegenstandes ihr letztes Federbett, an dem sie sehr hing, verkauft hatte, täuschte ich ihr die volle Heilung meiner Wunde vor, obwohl ich beim Auftreten noch starke Schmerzen verspürte. Wieder einmal beratschlagten Mutter und ich, was mit mir anzufangen sei. Ich hatte unterdessen den Wunsch bekommen, Kellner zu werden, und nach längerem Sträuben willigte die Mutter ein. Ich war auf diesen übelbeleumundeten Beruf gekommen, weil ich hoffte, mich in einem Gasthaus ordentlich satt essen zu können. Außerdem lockte mich die Aussicht auf Trinkgelder, von deren Höhe mir Kollegen aus den Gewerbeschulen Wunderdinge erzählt hatten. Gleich am nächsten Tag ging ich mit der Mutter in das Gremium der Wiener Gastwirte. Ein kleiner dicker Herr mit grauem Kaiserbart fragte nach unserem Begehr. Als er unsere Bitte, mir eine freie Lehrstelle zuzuweisen, vernommen, musterte er mich kritisch, verlangte meine Schulzeugnisse und bestellte uns für den nächsten Tag. Als wir an diesem wiederkamen, erklärte uns derselbe Herr, daß weder meine Schulzeugnisse noch mein Äußeres derart wären, daß ich eine Stelle in einem erstrangigen Restaurant bekommen könne. Der Kellnerberuf wäre gar ein vornehmer Stand; Lebensart, große Intelligenz, ein elegantes Äußeres wären Hauptbedingungen dazu. Er traue mir diese nicht zu. Auch koste die Ausstattung eines Lehrlings, der in ein erstes Etablissement treten wolle, ein kleines Vermögen. Dazu käme der Besuch der Fachschule, die eigentlich eine Art Hochschule sei und die der Lehrling oder seine Angehörigen bezahlen müssen. Aber es gäbe ja auch kleinere Restaurants in den Vororten, die nicht so große Ansprüche erheben. Er habe die Adresse eines solchen, die er mir zur Verfügung stelle. Freilich sei der Gasthof weit draußen in Simmering, aber, wie gesagt, ich müsse froh sein, dort unterzukommen. Wir hatten der salbungsvollen Rede, die mit vielen französischen und andern mir unverständlichen Worten vermischt war, bekümmert zugehört. Ich fühlte mich zu einem Nichts zusammenschrumpfen, während ein Glorienschein auf einmal alle Kellner umgab, die mir je begegnet waren. Und ich schämte mich sehr meiner Frechheit, weil ich gehofft hatte, ein Mitglied dieser bevorzugten Gilde zu werden. Die Eröffnung, nun doch einen Platz in einem Gasthaus zu bekommen, erregte infolgedessen die größte Dankbarkeit in mir, und ich hätte dem feinen Herrn am liebsten die Hände geküßt. Sofort machten wir uns auf den Weg nach dem Simmeringer Restaurant, das wir nach zwei Stunden angestrengten Gehens erreichten. Klopfenden Herzens betrachtete ich die Firmentafel. Das Haus hieß »Zur goldenen Weintraube« und machte von außen wirklich nicht den Eindruck eines vornehmen Gasthauses. Es war nur zwei Fenster und eine Tür breit, zu der einige ausgetretene Stufen führten. An den Scheiben waren die Ankündigungen von Getränken und kalten und warmen Speisen zu lesen, während die obligate Efeuecke den »Garten« einschloß – einen tischbreiten Raum vor dem Haus, wo einige Tische und Sessel standen. Der spottlustige Wiener läßt bezüglich dieser Gasthaus»gärten« den Wirt zum Kellner sagen: »Schani, trag in Garten außi, d' Sunn scheint!« Hier war die Hecke ziemlich grau, und die Tische, die man durch die großen Lücken sah, waren morsch und abgescheuert. Auch der König Gambrinus auf dem Schild, der eine riesige gelbe Weintraube in der Hand hielt, war arg hergenommen, sein Gesicht ganz verschwunden. Endlich nahmen wir uns ein Herz und stiegen die paar Stufen empor. In der Nähe der Tür, hinter dem Schanktisch, rieb ein vierschrötiger Schankbursche den Auslauf eines Fasses blank. Auf unsere Frage nach dem Wirt sagte er mürrisch: »In der Kuchl draußen is er, was wollens denn, Frau?« Wir begründeten unser Kommen und sahen auch bald den Wirt vor uns, einen großen, starken Mann in gestickten Hausschuhen und einem schwarzen Hauskäppi. Er schien nicht viel über vierzig Jahre alt zu sein, hatte eine quittengelbe Hautfarbe und einen schwarzen Schnurrbart. Eine schöngebräunte Meerschaumpfeife mit langem Rohr hing ihm aus dem Mund; während ihm der Hausknecht unser Anliegen vortrug, zündete er die Pfeife von neuem an und musterte mich aufmerksam. Dabei klappte er in schrecklicher Weise die Augendeckel auf und zu und machte mit Wangen und Mund Bewegungen, als zöge er das, was er sprechen wolle, erst aus den Zähnen. Plötzlich tippte er mit der Pfeifenspitze an meine Brust, spuckte über mich auf den Fußboden und rasselte heiser hervor: »Der Klane do wül Köllner wern bei mir? Vo mir aus, wenn's ihm gfallt! Mit mir und meiner Alten is ganz guat auskumma. – A bißl hantig san ma alle zwar, aber sunsten tan ma kaner Fliagn was. Er kriagt dö Kost, hat a guats Bett, vom Aufdingen zahl i die Hälfte. Schmutzi sein gibt's bei mir net! Wann si der junge Herr recht pakschierli anstellt, kriagt er a scho öfters a Stück Gwand von mir. Sö brauchen ka Angst habn um Ihran Buam, Frau Muatta; bei mir kummt er in a christliches Haus. Jeden Sunntag schick i ihm in a Meß. – Wissens, i bin beim Bürgerverein, mir wissen scho, was si' ghört: 's liegt ma nix dran, wann a brav is, ka so a heuntigs Früchtl, wias jetztn umanandrennen, kriegt a nach der Probezeit fünf Gulden in Monat Taschengeld. Denn wissens – da kennans in ganzen Bezirk umananderfragn –, noblig san ma immer, schmutzi sein gibt's bei uns net! Schlecht wird's eahm nöt gehn bei uns. Dös Zigarrengeld ghört ehrm, an an Samstag und Sunntag spüln d' Volkssänga bei uns, da fallt a ganz a schöne Trinkgeld fürn Buam a, was a si bhalten derf. Denn wissens: schmutzi sein gibt's bei uns nöt!« Wer weiß, wie lange es noch in diesem Ton weitergegangen wären, wenn nicht ein Hustenanfall seinen Redestrom unterbrochen hätte. »Seppl«, krächzte er zum Hausknecht gewendet hervor, »gschwind schenkens mir a Glasl Marker ein!« Er kippte den Wein mit einem Ruck hinunter; der schien ihm die Kehle wieder eingerenkt zu haben, denn jetzt ging die Lobeshymne auf die Lehrstelle in seinem Gasthaus von neuem an. Endlich schloß er sie mit einem: »Also, Frau Muatta, Sö lass'n ma 'n Buam glei do. I wer schaun, ob von meine Ausglernten no a Frack do is.« Wir beide, Mutter und ich, waren ganz erdrückt von dem Wortschwall und konnten kaum einen Gedanken fassen. Ich schaute angestrengt auf ein verblichenes Farbenbild des Kaisers. Der große Ordensstern kam mir nach und nach wie ein Kohlkopf vor. Das war mein Lieblingsgemüse. Würde ich das hier sehr oft zu essen bekommen? Abschiedsworte, die meine Mutter an mich richtete, weckten mich aus meiner Betrachtung. Nachdem die Mutter fortgegangen war – der Wirt hatte ihr noch eine große Flasche »Marker« mitgegeben, in der Voraussetzung, daß dieser der beste Trost für ihren Abschiedsschmerz sein wird –, führte mich der Besitzer des Gasthauses »Zur goldenen Weintraube« in eine lichte Kammer. Die Lade einer Kommode nahm meine wenigen Habseligkeiten auf, die ich in einem Paket mitgebracht hatte. »Bis am Samstag, wo dö Volkssänger spüln, kriagst an Frack, derweil kannst dö Gäst a so bedienan. Da hast a Hangerl, schau, daß 's rein bleibt, die Wasch kost a Heidngöld. So, jetztn fang ma halt an. Dos übrige wird da da Schan zeigen, der glei kumma muaß!« Schan war der Oberkellner, wie ihn mir mein Lehrherr vorstellte. Er sah aus wie ein Verbrecher, das schwarze, buschige Haar hing schwungvoll über die Stirn, die Augen waren verschlagen und grausam. Seine schlechte Haltung machte ihm eine eingesunkene Brust und spitze Schultern. Wenn er sprach, näßte er in einem fort mit der Zunge die Unterlippe, die von einigen langen Roßzähnen vorgedrängt wurde. Besonders während er lachte, war sein Gesicht abstoßend häßlich. Kaum hatte er erfahren, wer ich war, warf er mir zum Willkomm seinen gelben Überzieher mit dem Kommando »Aufhängen!« zu und ließ sich berichten, ob ich schon die Zigaretten übernommen habe. »Schau, daß d' vorm Essen dei Zigarrenkastl hast. Geh zum Seppl, dem muaßt es alösn. Wievül hat da denn dei Muatta Göld mitgebn?« »Zehn Kronen, Herr Schan!« »Na des is weni gnua! Was jetzn für notige Leut ihre Buam zun Wirtsgschäft gebn!« Ein Gast rief diesen Vorgesetzten, so war ich vorläufig entlassen. Nun war es am Schankburschen, mich weiter zu unterrichten. Das Eßzeug mußte geputzt werden, daß es nur so glänzte, dann lernte ich, den Gästen manierlich Bier und Wein zu bringen. Es waren unterdessen die Mittagsgäste gekommen, meistenteils Stammgäste, die meine Ankunft benutzten, mit mir Witze zu machen. Es waren Straßenbahnangestellte, von der nahen Remise, Arbeiter der umliegenden Fabriken, die hastig ihre Suppe hinunterstürzten, das Fleisch mit Gemüse in Eile verschlangen und dann noch ein Weilchen bei ihrem Glas Bier oder Wein sitzen blieben, etwas dazu rauchten und viel redeten. Der Wirt ging wohlwollend von Tisch zu Tisch, begrüßte, redete, rauchte in einem fort, während Schan, der Ober, eine geradezu unheimliche Schnelligkeit im Zutragen der Speisen, Entgegennehmen des Geldes und Hinauskomplimentieren der Fortgehenden entwickelte. Der einzige Ruhepunkt in diesem lauten Durcheinander war Seppl, der Hausknecht. Mit gleichgültiger Überlegenheit füllte er Glas für Glas, schob die leeren Gefäße auf die Seite, als ob sie nicht zerbrechlich, sondern aus Holz wären, was mir ungeheuer imponierte. Gegen zwei Uhr nachmittags hatten alle Gäste bis auf zwei, drei das Lokal verlassen, während diese hinter ihren Gläsern duselten oder gar eingeschlafen waren. Auch der Wirt war verschwunden. Schan saß hinten im Extrazimmer, schlürfte schwarzen Kaffee und rauchte eine Zigarette, die er wortlos meinem Vorrat entnommen hatte. Ich hatte die Rauchwaren vorhin Seppl abgelöst, wobei meine zehn Kronen bis auf einige Heller dahingegangen waren. Deshalb bemerkte ich es mit Bedauern, daß Herr Schan es als selbstverständlich ansah, sich auch weiter reichlich zu bedienen, ohne dafür zu zahlen. Nun erhielt auch ich mein Mittagessen; leider wurde mein großer Hunger durch die dünne Wassersuppe und den Gulaschsaft nicht gestillt, wiewohl in diesem auch einige kleine Fleischstückchen herumschwammen. Sollte ich auch hier, an der Quelle, hungern müssen? Mein Arbeitseifer war nach dieser Betrachtung um wesentliches gesunken; kleinlaut scheuerte ich die Tische, putzte das Geschirr und die Gläser und bediente hier und da einen neu erschienenen Gast; auch das kleine Glas Kaffee zur Jause war für mich nicht dazu angetan, das Pikkolodasein auch weiterhin als ein so glänzendes und glückliches anzusehen. Als ich um acht Uhr abends, von dem vielen Herumlaufen zum Umfallen müde, erfuhr, daß erst gegen zwei Uhr, manchmal auch erst drei Uhr zugesperrt wurde, überkam mich ein Schauern. Je dunkler es draußen wurde, desto mehr Gäste kamen zu uns herein. Alle Tische waren nun besetzt, und es wurde gegessen und furchtbar viel getrunken. Ich konnte dem Bedarf an Bier und Wein beinahe nicht nachkommen, meine dünnen Finger schienen mir abzubrechen. Dabei waren die Gäste wohl an geübtere Bedienung gewöhnt und von schrecklicher Ungeduld. Bald war ich ein »dramhapata Kruz«, bald eine »scheanweanklete Schildkrot« oder ein »Krowotennigl«, und Tepp, Trottl und Esel waren Namen, die ich gar nicht mehr hörte, so oft würde ich damit bedacht. Ich bemühte mich so gut es ging, nicht darauf zu hören, aber einmal war ich doch tiefunglücklich und mußte mit Mühe meine Tränen zurückhalten: Ein dicker, rotblau gefärbter Bürger Simmerings, dem ich sein Viertel Alsegger nicht schnell genug brachte, grunzte laut durch den Raum, daß alle Leute ihn hören konnten: »Du buklata Raubersbua, mir scheint, du hast in dein Buckel lauter Silbaguldn drin, daß d' gar so fad umanandaschleichst. Da Wirt soll da dei Sparkassa aufschneidn!« Um Mitternacht torkelten die meisten Gäste nach Hause, und nur die Kartenspieler blieben noch sitzen. Unmengen von Wein verschwanden in ihnen wie in Schläuchen. In meinem Kopf begann es, als ob Mühlsteine mein Hirn zerrieben. Der Dunst war zum Schneiden, und meine Augen, die an eine solche Atmosphäre nicht gewöhnt waren, brannten wie glühende Kugeln in den Höhlen. Dabei wollte das Spiel- und Trinkgelage kein Ende nehmen. In der Küche war schon längst das Licht abgedreht, die Mädchen schliefen seit einiger Zeit. Nun kam auch die Wirtin, eine rundliche Frau, deren Haarschopf stark nach Nußöl duftete, und leistete den Gästen, die ich zum Teufel wünschte, Gesellschaft. Mit größter Gemütsruhe hatte sie sich zu ihrem Sessel ein Schaff Wasser gebracht und badete sich darin ihre prall aufgeblasenen Füße, während sie ein Glas Wein nach dem anderen trank und ab und zu ein Stück Semmel hineintauchte. Der Wirt vertrat indessen den Schankburschen, der das Zinngeschirr und die Gläser reinigte. Endlich brachen die Gäste auf und verließen umständlich das Gasthaus, indem sie das unsinnigste Zeug mit der größten Wichtigkeit vorbrachten. Es war halb drei Uhr früh. Wie freute ich mich auf den Schlaf in der großen Kammer mit den reinlichen Betten, die mir der Wirt nach meiner Aufnahme gezeigt hatte. Da der Oberkellner außer Haus schlief, war sicher das eine Bett für den Hausknecht, das andere für mich bestimmt. Leider sollte es aber anders kommen. Denn als ich unter Anleitung des schon sichtlich berauschten Wirtes die Tür zugesperrt, den Gashahn abgedreht hatte, führte er mich in das Extrazimmer, das ein ziemlich geräumiger Saal war, und zeigte mir im Schein einer Kerze eine Sitzbank. Der Sitz war aufzuklappen, und eine schmale Kiste mit einer schmutzigen Matratze und einer Pferdedecke zeigte sich mir. »So, Franz«, stotterte der Wirt trunken hervor – ich hatte von ihm den Namen Franzl bekommen –, »a so a feins Bett hast bei der Frau Muatta z' Haus gwiß net ghabt. Tua ma's net verschweinigln wia de andern Buam. Servas!« Damit trollte er sich hinaus, sperrte die Küchentür zu und polterte eine Stiege hinauf. Er hatte die Kerze mitgenommen, und ich stand verblüfft und unschlüssig da. War es ein schlechter Witz, daß ich hier in dieser Kiste schlafen sollte, und würde nicht gleich die Tür zur Kammer aufgehen und der Hausknecht mir mein richtiges Bett zeigen? Ich wartete eine geraume Zeit, aber außer einem Mäuserascheln hörte ich nichts, so angestrengt ich auch horchte. Auch die Tür zur Kammer war versperrt, ich bemerkte es, als ich mich selbst überzeugen wollte, ob das zweite Bett darin nicht doch für mich gerichtet war. So machte ich mich endlich bekümmert über meine Kiste und versuchte, meine Schlafstelle so bequem wie möglich zu richten. Aber, o Entsetzen! Ich fühle etwas über meine Hand laufen. Glücklicherweise entdecke ich die Zündhölzer in meiner Tasche und kann darum nachsehen – Ekel faßt mich –, mehrere riesige Schwabenkäfer huschten, aufgeschreckt von dem Lichtstrahl, über das Bettzeug und flüchteten dann in ihre Schlupfwinkel. Ein Gefühl unsäglicher Verlassenheit erfaßt mich. Mein Gott, warum muß ich nur überall das Schlechteste mitmachen, bin ich nicht würdig, ein menschliches Dasein zu führen? Aber es geht ja vielen so wie mir; wenn das ein Trost sein soll. Auf jeden Fall kann ich mich nicht überwinden, mich in diesen Sarg mit all dem Ungeziefer zu legen. Nicht einmal die Decke will ich benutzen, denn wer weiß, ob sie nicht von Läusen und Wanzen wimmelt! Aber schlafen muß ich, denn die Müdigkeit schlägt meinen Körper nieder. Der Kopf, die Brust, Beine und Arme schmerzen mich, als wären sie eine einzige Beule. So entledige ich mich meines Rockes und der Weste und strecke mich auf einer Bank aus, den Kopf auf den abgelegten Kleidungsstücken. Trotz aller Müdigkeit wollte der ersehnte Schlaf nicht kommen. Ich wälzte mich hin und her und versuchte alle Mittel, ihn zu erzwingen. Wäre die Luft nur nicht so schlecht oder ein Fenster zu öffnen gewesen. Aber diese waren wie die Türen fest versperrt. War dies meine schrecklichste Nacht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls schmerzte mich mein Körper unbeschreiblich. Heiß und inbrünstig wünschte ich den Morgen herbei. Aber die Uhr im Saal brauchte eine Ewigkeit, bevor sie schlug. So ging es nicht länger. Ich hatte allen Ekel, jeden Abscheu vor Insekten und Schmutz überwunden und legte mich halb besinnungslos in das Sargbett. Hier endlich überfiel mich fiebriger Schlaf. Als mich die Stimme des Hausknechts weckte, kam es mir vor, als wäre ich erst eingeschlafen. Um sein erstes »Auf, Franzi!«, auf das ich nicht gleich reagierte, wirkungsvoller zur verstärken, spritzte er mir mit einer Sodawasserflasche ins Gesicht, was mich auch bald munter machte. Im Saal lag heiterstes Sonnenlicht auf allen Tischen. Aber um mich war dennoch alles trübe, und mir schien, als stünde ich im dichtesten Herbstnebel. Hätte ich nicht am ersten Tage meines Pikkolodaseins die unerhörte Summe von drei Kronen durch den Zigarettenverkauf verdient, ein Erfolg, der mich in die kühnsten kapitalistischen Träume versetzte, so wäre ich wahrscheinlich auf und davon gelaufen; so geduldete ich mich weiter, schluckte mit Todesverachtung mein Essen hinunter und ließ mir jegliches Keifen der Wirtin, die Rippen- und Kopfstücke der männlichen Vorgesetzten und die Witze der Gäste ruhig gefallen. Legte mich, einem Märtyrer gleich, gottergeben in meinen Schlaftrog, nachdem ich achtzehn bis zwanzig Stunden gearbeitet hatte, versuchte ich meinen Bettgenossen, den Schwaben, gut Freund zu werden, während ich mich der Gnade und Ungnade von Wanzen und Flöhen bedingungslos ergab. So war ich schon glücklich den vierten Tag im Gasthaus zur Weintraube, und es kam der Samstag mit seinem Volkssängerkonzert. Da mußte eine Stunde früher aus dem »Nirschl« gekrochen, alle Wände von Spinnweben gereinigt und die Kaiserbilder im Gastzimmer mit gleicher Liebe mit Tannenreisig geschmückt werden wie die von Lassalle und von Marx in dem Saale. Auch die Landschaften, das verräucherte Kruzifix und die leeren Vogelkäfige erhielten grüne Umrahmung. Die Tische wurden weiß gedeckt, alle verfügbaren Gläser gewaschen. Dann hatte ich die Einladungen in die Nachbarhäuser zu tragen. Nachmittag kroch ich mit dem Hausknecht in den Keller hinab, um ihm beim Weinabzapfen zu helfen. Auch die Küche verlangte nach mir. Hier mußten die Küchenmesser geschliffen und die Kartoffeln geschält werden, welch letztere Kunst ich lange nicht erlernen konnte. Die Wirtin ließ es deshalb auch nicht an handgreiflichen Lehren fehlen und beutelte mich zum großen Gaudium der Mägde wiederholt an den Ohren. Der Wirt rettete mich endlich aus den Händen seiner Frau, die vor Fett und Unwillen glänzte. Ich folgte ihm auf seine Weisung in eine Rumpelkammer, wo er einem Kasten mehrere Kellnerfracks entnahm. Sie waren von früheren Lehrlingen zurückbehalten worden. Einer paßte mir zur Not; zwar reichten seine Ärmel bis zu den Fingerspitzen, und die Schöße fegten beinahe den Boden. Aber er war trotzdem von höchst wirkungsvoller Eleganz, als ich ihn von den Schimmelpilzen und Fettflecken gereinigt hatte. Eine weiße Halsbinde um den frischen Kragen vervollständigte meinen Festanzug. Als ich die Auerbrenner hatte aufpuffen lassen, stellten sich bald die ersten Gäste ein. Die Mitglieder der Volkssängergesellschaft waren schon früher erschienen. Es waren drei Herren und zwei Damen; die Schlafstube des Hausknechts war zur Künstlergarderobe avanciert. Einstweilen waren sie alle tapfer mit ihrem Nachtmahl beschäftigt, nur eine der Damen saß beim Eingang, um den Gästen die Eintrittskarten zu verkaufen. Um acht Uhr abends war das Lokal mit Menschen überfüllt. Zwei Aushilfskellner, von denen einer Schuhmachergehilfe und unser Nachbar war, halfen mir, die schrecklich durstigen Leute mit Bier zu versorgen. Der Wirt stolzierte gravitätisch von Tisch zu Tisch und versprach den Leuten höchsten Kunstgenuß. Um elf Uhr sollte sogar eine Flammentänzerin von Ronacher auftreten. Alles besah sich neugierig das Riesenplakat, das die Tänzerin Mrs. Lola Anderson im Trikot und von greulichen Flammen umwirbelt darstellte und auf das der Wirt immer wieder mit vielversprechendem Gesicht hinwies. Einer der Volkssänger – er war bedauerlich mager und schlecht aussehend – hatte sich ans Klavier gesetzt und spielte in rasendem Tempo ein Stück nach dem anderen herunter. Drei schrille Zeichen mit einer Handglocke verkündeten den Anfang der Vorstellung. Rufe der Gäste wurden laut. »Um an Kreuzer an Ruah!« »Gengans, Herr Nachbar, vastölns ma net dö Aussicht.« »Wer ratscht denn da vurn wir a Lotterieschwesta.« »Vadufft, Liliputaner, und schepper net so mit deine Krügeln!« Letzteres ging mich an, der ich unentwegt Bier herbeischleppte. Die vier Mitglieder der Volkssängertruppe erschienen auf der Bühne und sangen ein Entreelied. Unten kritisierte das Publikum: »Servas, dö Blade hat ja an Kilo Farb in Gsicht!« »Jessas, hat dar der Komiker a saudumms Gsicht!« »Tausend Jahr is 's scho alt, aber singan muaß 's no!« »Der hat dar a guate Hand zum Singen!« »Mehlwürm angenehm?« »Gengans, wos vastehn denn Sö von an Gsang!« »Haltns ehrnan Brotladn!« »Stad sein durt in da Eckn, ös seids ja net in Wald!« »Na, wann der Kropfate« – dies war einer der Volkssänger – »'s Mäul aufmacht, muaß ma schon lachn!« Nachdem die Sänger geendet hatten, dröhnten die Wände von Beifallsbezeigungen. Nach drei Gesangsnummern spielten sie eine Posse. Die Gäste krümmten sich vor Lachen und tranken Bier und Wein in Strömen. Mit meinem Rauchvorrat, den ich nachmittags ergänzt hatte, machte ich glänzende Geschäfte. Beglückt zählte ich im Geiste meinen ansehnlichen Gewinn, der durch reichliches Trinkgeld erhöht wurde. Ich stellte mir das frohe Gesicht meiner Mutter vor, wenn ich ihr beim nächsten Besuch so viel Geld einhändigen würde, wie sie gewiß schon lange nicht gesehen hatte. Diese Vorstellung söhnte mich ein wenig mit der harten Mühe aus, die ich in meinem Beruf durchzukosten hatte. Gern hätte ich einen Blick in die Garderobe gemacht, wo sich die Volkssänger in andere Menschen verwandelten, indem sie Schminke, falsche Bärte und phantastische Kostüme anlegten: Was mußte es da drinnen für geheimnisvolle Herrlichkeiten geben, und wie beneidete ich die Menschen, die sich ihrer bedienen durften, um mit ihrer Hilfe die Herzen der Menge zum Lachen und Weinen zu zwingen! So oft es ging, machte ich mir in der Nähe der Künstler zu schaffen und war schon befriedigt, wenn mich einer ihrer Blicke streifte. Was hätte ich nicht dafür gegeben, auch ein solcher Liebling des Volkes zu werden! Wenn ich den Beifallssturm hörte, der jedem Auftreten der Volkssänger folgte, so hatte ich die bissigen Bemerkungen der Gäste bei Beginn der Vorstellung bald vergessen. Am meisten beneidete ich die Mitglieder der Truppe um ihre Verwandlungsfähigkeit. Bald einen wohlhabenden Hausherrn mit goldenem Wiener Herzen vorstellen zu dürfen, bald einen schnöden Wucherer, der immer Jude sein mußte, oder ein verwegenes, leichtsinniges Wiener Früchtel, das wäre für mich das größte Glück gewesen. Diese Auserwählten spielten mit Tugenden und Lastern, konnten erschüttern und rühren, so wie es ihnen gefiel. Welch eine herrliche Kunst! In meiner Begeisterung war ich mehr Auge und Ohr für die Vorgänge auf dem Podium als für die Bedürfnisse der Gäste, und ich erhielt auch infolgedessen manch anfeuernden Rippenstoß von diesen oder von den Kellnern, während mich der Wirt oftmals mit strafendem Blick ansah, wenn er meine Saumseligkeit bemerkt hatte. Gegen zehn Uhr betrat der Direktor der Truppe die Bühne und kündigte das Auftreten der weltberühmten Serpentinen- und Feuertänzerin Miß Lola Anderson aus Amerika an, die sonst in dem Vergnügungsetablissement Ronacher engagiert war. Der Saal wurde verdunkelt, der Klavierspieler donnerte einen Tusch, dem eine große Trommel Verstärkung gab. Darauf eine kurze Pause, in der sich niemand rührte. Da huschte wie ein Gespenst eine weiße duftige Wolke durch die schwitzenden Menschen, den grauen Tabaknebel, sprang auf die Bühne und tanzte dort in einer roten, gelben, blauen, grünen Lichtwelle, die plötzlich aus einem verborgenen Scheinwerfer das Podium überflutete, einen rasenden Tanz. Beim Ausgang an den Schanktisch gedrückt, starrte ich diese feurige Wundergestalt an, die nicht von dieser Erde zu Sein schien. Jetzt bändigte sie ihre Umdrehungen, immer langsamer und langsamer wurden sie, auf einmal war es nur mehr ein ruhiges Schweben wie über mondbeschienenem Wasser. Nun konnte ich auch ihre Gestalt und ihr Gesicht sehen. Wie schön war die Tänzerin, wie wunderschön! Sie erschien mir mit ihrem schwarzen Lockenkopf, dem bleichen Muttergottesgesicht wie die Inkarnation aller süßen Frauengestalten meiner Bücher. Wie eine Lästerung meiner heiligsten Gefühle empfand ich es, daß sie hier vor diesen Betrunkenen um Geld tanzen mußte. Aber nein, das war ja unmöglich! Sie war gewiß nur hier herausgekommen, um diesen armen Menschen einmal den Anblick ihres himmlischen Bildes zu vergönnen. Am nächsten Tisch sagte jemand: »Kruzitürken, a saubas Gstell! A mol, und nocha möcht i sterbn!« Ich hätte den Kerl erwürgen mögen für diesen Ausspruch! O holde Miß Anderson! Ich bin nur ein armseliger Kellnerbub, schmutzig und verwachsen; die Menschen spotten meiner, haben nur Rippenstöße und Ohrfeigen für mich! Des Nachts bin ich gut Freund mit Schwaben und Wanzen, vor denen du in Ohnmacht fallen würdest; – ich habe einen alten Vater, den die Krankheit langsam auffrißt, und eine Mutter, die darben muß und in einer modrigen Kammer lebt. Und doch liebe ich dich, du Glänzende, du Blühende, du über alle Begriffe Reiche und Gesegnete! Dich bete ich an, du Wesen einer andern Welt, voll Süße und Reinheit; ich möchte dein Fußschemel sein, dein letzter Diener! Ich möchte dich aus wirklichem Feuer erretten, aus stürzenden Fluten, aus irgendeiner furchtbaren Gefahr, und wäre beglückt, wenn du mich aus Dankbarkeit dein Füßchen küssen ließest. O schöne Miß Lola Anderson, wie liebe ich dich! So betete ich inbrünstig in mich hinein, als ich plötzlich eine leise Stimme den Hausknecht nach mir fragen hörte. Mein Gott, das war ja meine Mutter! Wirklich stand sie nicht drei Schritt von mir entfernt; trotz der Verfinsterung und des Dunstes konnte ich ihre eingestürzte Gestalt mit dem lieben Kummergesicht ausnehmen. Es mußte etwas geschehen sein, was uns beiden sehr naheging, sonst wäre sie nicht um die Mitternachtszeit zu mir gekommen. Ich stürzte auf sie zu: »Grüaß di Gott, Mutter, was is denn geschehn?« Die erste Antwort war, daß sie mich tränenüberströmt abküßte. Dann schluchzte sie heraus: »Dem Vater geht's schlecht, er möcht dich noch einmal sehn. Vielleicht lebt er schon morgen nicht mehr!« Da die Leute ringsum zu murren begannen, zog ich meine Mutter auf die Straße hinaus; draußen in der stillen Nacht, die für uns Arme noch immer das meiste Verständnis hat, wiederholte sie unter vielen Tränen ausführlicher ihre traurige Nachricht, aus der ich entnahm, daß ich mich sofort zu meinem Vater begeben mußte, wollte ich ihn noch lebend antreffen. Ich bat deshalb meine Mutter, mit mir den Wirt aufzusuchen, um ihn zu bitten, daß er mich für den Rest des Abends und den anderen Tag freigeben möge. Nachdem wir uns durch den wieder erleuchteten Saal mit den fröhlich schwatzenden Menschen gewunden hatten, fanden wir den Wirt in der Küche, vor. Mit unserer Bitte kamen wir aber schön an. Er war schon etwas betrunken und schrie: »A, so was kennan ma scho! Dös is a aufgelegta Schwindel. Ihna Bua möcht murgn in Kavalier spüln, und do kummans ma mit dera Gschicht. Dos derzählns der Frau Blaschke, aber mir net! Der Bua bleibt do, fertig, basta. Aufn nächsten Mittwoch derf er auf drei Stund z' Haus gehn. So gült's bei mir. Vastanden?« Nein, wir beide konnten das nicht verstehn. Meine Mutter beschwor ihn weinend, ihr doch zu glauben, aber der Wirt wurde nur noch aufgeregter. »Des lügts wia druckt!« schrie er heraus. »Der Bua bleibt da! Glaubts, ös habts an Teppatn vur euch? Da schneids euch aba sauba! Gengans nur allani wieder z' Haus, i brauch meine Leut!« Ich ergrimmte über eine solche Hartherzigkeit, vergaß meine Schüchternheit und erklärte, sofort mit der Mutter zu gehn. Jetzt mischte sich auch die Wirtin, die indessen hinzugekommen war, hinein. Sie patschte zornig auf ihre Schenkel und schrie: »Wer hat denn di gfragt, Lauser! No a schöns Früchterl hams da aufzogn! Zu so an Buam kennan ma uns gratuliern! Allawanti, schau, daß d' außi kummst, dö Gäst bedienan, und Sö, Frau Muata, gengan wieda schö stad ham!« Nun war es auch meiner Mutter zuviel. »Ohne mein Kind gehe ich nicht fort, machen Sie, was Sie wollen; der Bub gehört mir und nicht Ihnen! Komm, Alfons, zieh dich an, wir gehn!« »No so schauns, daß zum Teufi gengan, z'samt Ihnan buklatn Prinzn! In mein Gschäft is für so an Strolch ka Platz! Dös Zeugnis schick i Ihna murgn mit da Post.« Damit stürzte der Wirt aus der Küche. Ich sagte meiner Mutter, sie möchte auf mich auf der Straße warten, da ich gleich nachkommen wolle. Meine wenigen Habseligkeiten waren in der Garderobe der Volkssänger aufbewahrt, so daß ich mir sie von dort holen mußte. Wie hätte ich mich gefreut, meine Neugier befriedigen zu dürfen, wäre der Grund, warum ich mich inmitten all dieser Schminktiegel, falschen Bärte, ausgebreiteten Gewänder befand, nicht ein so trauriger gewesen. Keinen Blick hatte ich für meine Umgebung; ich suchte nicht einmal die Tänzerin, die sich noch hier befinden mußte, hing doch ihr Sternenkleid über dem Kasten, in dem meine Sachen lagen. Ich packte diese eiligst in ein Bündel zusammen und zog den Kellnerfrack samt der Weste aus, um sie mit meinem eigenen Rock zu vertauschen. Während dies geschah, bemerkte ich auf einmal, daß der Komiker nicht zwei Schritt vor mir auf dem Bett saß. Seltsam! Sein auf der Bühne zu so lustigen Grimassen verzogenes Gesicht blickte mich jetzt so tiefbekümmert an. Jedes Lachen war daraus gewichen, und ich vermeinte in ihm das Spiegelbild meines Kummers zu sehen. Aber woher sollte der Komiker von dem wissen, was mich bedrückte? Und dann: warum so viel Mitgefühl für mich, den Unbekannten, den Ärmsten der Armseligen, als den ich mich jetzt fühlte? Wahrscheinlich war es eigenes Leid, das aus seinen Mienen sprach, damals aber glaubte ich nur sein Mitleid mit mir zu erkennen, und um ihm dafür zu danken, grüßte ich ihn recht freundlich, als ich die Garderobe verließ. Wer weiß, wie verblüfft und zornig er mir, dem Störenfried, nachgesehen hat! Vom Gasthaus bis zum Leidensort meines Vaters waren es gut zweieinhalb Stunden zu Fuß zu gehen. Die Oktobernacht war voll herbstlicher Kühle, und wir froren außen und innen schrecklich. Keine menschliche Seele begegnete uns, denn es war Mitternacht, wo die Vorstädte am einsamsten waren. Erst in der innern Stadt huschten dann und wann menschliche Gestalten gleich uns durch das Dunkel. Jetzt polterte auch ein schwerer Tritt auf uns zu. Ein Wachtmann zersprengte mit seinem Schatten die unseren auf der Asphaltfläche eines vornehmen Platzes. Mißtrauisch blickten die Augen aus dem verwitterten Gesicht zu uns hin. Mit dem Säbel in mein Paket stochernd, fragte er verdrossen, was wir um diese späte Stunde noch auf der Straße zu suchen hätten, was in dem Bündel sei? Er hielt uns wahrscheinlich für Diebe, denn ungläubig hörte er die Erklärung meiner Mutter an. Erst als ich ihn einen Blick in mein Paket tun ließ und er die ärmlichen Sachen sah, die wohl keines Diebes Begierde erweckt hätten, entfernte er sich wieder. Gegen drei Uhr früh klopften wir an die Tür des Asyls für Unheilbare. Eine Novizin mit aufgeschreckten Augen fragte halb ängstlich, halb unwirsch nach unserm Begehr. Die Mutter zeigte ihr die Erlaubniskarte der Oberin, den Vater zu jeder Tages- und Nachtzeit besuchen zu dürfen. Nun gab es viele Stiegen und Gänge zu durchqueren, bis wir zum Sterbezimmer des Hauses gelangten, das die Bewohner das »Abkratzkammerl« nannten, und in das man heute früh den Vater gebracht hatte. Töne wurden hörbar, die aus krankem, unruhigem Schlaf stiegen. Manchmal überschlug sie ein hohles Aufhusten oder gar das Kreischen eines Blödsinnigen, der schlaflos in seinem Gitterbett kauerte. Dann schlürfte wieder eines der unglückseligen Wesen an uns vorbei. Das ganze Haus stank nach Krankheit und unsagbarem Elend. Aus der Ferne drang das Gebet vieler Nonnen, bald schwoll es an, bald senkte es sich wie der Klagegesang verdammter Seelen. An dem Bett meines Vaters kniete eine Novizin. Sie war sichtlich froh, abgelöst zu werden. Der Sterbende lag ruhig da. Obzwar die Augen unnatürlich weit offen standen, lag schon die Stille und Erdabgewandtheit des Todes in ihnen. Eine milchig fahle Blende hatte die glänzende Pupille und Hornhaut ersetzt. Mir war, als könnte der Vater nur mehr nach innen sehen, erblindet für die Außenwelt. Nur seine Hände tasteten noch an den paar dürftigen Dingen des Lebens, die ihm dieses gelassen. Auch seine Stimme war noch nicht erloschen, aber die sprach Worte, die unverständlich für uns, vielleicht schon fürs Jenseits bestimmt waren. Wir setzten uns zu ihm, streichelten seine abgemagerten Hände und sprachen manchmal ein liebes Wort zu ihm, das er aber wohl nicht mehr verstand. So saßen wir einige Stunden bei dem Sterbenden; langsam erwachte das Haus aus seinem bösen Traum, um eine noch härtere Wirklichkeit vorzufinden. Morgenlicht fiel in breitem Strahl in das Zimmer. Sein reiner Schimmer verschönte die beiden martervollen Gestalten, die im jungen Licht des Tages von tausendfachem Leid Kunde gaben: die meines sterbenden Vaters und des gekreuzigten Christus, der im Gegensatz zu meinem Vater einen tiefschmerzlichen, lebensvollen Ausdruck in seinem hölzernen Angesicht hatte. Da der Anstaltsarzt gleich darauf hereintrat und uns aufmerksam machte, daß der Vater eine akute Gehirnerweichung hätte, bei der die Agonie oft acht Tage dauerte, beschlossen wir, jetzt nach Hause zu gehen und zu versuchen, ob wir nicht ein wenig schlafen könnten. Unser einziger Trost war, daß der Vater, nach Versicherung des Arztes, nicht mehr bei Bewußtsein war und keinerlei Schmerzen empfände. Als wir einige Stunden später wieder an seinem Bett erschienen, lag er noch immer so ruhig, streng abgekehrt von allem Äußerlichen da, wie wir ihn verlassen hatten. Wir blieben bis zum Abend bei ihm, ohne daß sich sein Zustand verändert hätte. Die Mutter wollte die Nacht über bei ihm bleiben, aber die diensttuende Novizin, die ganz Güte und Barmherzigkeit war, redete ihr zu, heimzugehen und sich ordentlich auszuruhen. Es seien keine Anzeichen vorhanden, daß der Vater die Nacht nicht überleben würde. Meine wirklich todmüde Mutter gab nach. Um drei Uhr früh am nächsten Tage aber konnte meine Mutter schon keine Ruhe mehr finden, und wir zogen uns eiligst an, um im tiefen Dunkel noch das Haus zu verlassen. Eine kleine Weile später standen wir erschüttert vor dem Bett des Vaters, der kurz zuvor gestorben war. Sein nacktes Elend lag starr vor uns. Zwei große Kerzen zu beiden Seiten warfen huschende Lichtkreise über den erlösten Leib. Die Augen hatten sich endgültig geschlossen, der Mund stand ein wenig offen und zeigte eine Reihe gesunder, blanker Zähne. In den Mundwinkeln schien das alte schelmische Lächeln zu sitzen, das mein Vater im Leben so gern zeigte, wenn ihm eine lustige Überraschung gelungen war. Die Mutter war ganz niedergebrochen und weinte viel. Ich nicht. Mit erstarrten Augen schaute ich irgendwohin in dichtes Dunkel. Wie losgelöst war ich von meinem früheren Leben. Ich wußte nicht, war ich überhaupt auf der Welt? Nur ein Gefühl hatte ich: daß ich, wie ein Schwamm das Wasser, Schmerz einsog, eine ungeheure Fülle an Schmerz, den ganzen Schmerz der Welt. In verballten Wolken drang er auf mich ein, mir war, als triebe es meinen Leib so auf, daß er sich über die ganze Erde breiten konnte; dann wieder war es mir, als ob drei riesige Käfer über meine Hand kröchen. Als ich sie näher ansah, waren es der Wirt mit der langen Pfeife, die schwarzgelockte Tänzerin und der Komiker mit dem traurigen Gesicht. Und sie krochen an meinen Armen hinauf, meinem Herzen zu, und stachen mich mit glühenden Nadeln hinein, zwischen die Rippen an meiner linken Seite. Da aber richtete mich meine Mutter auf und führte mich heim, trotzdem sie so furchtbar klein war, während ich mit meinem Haupte an die Sonne stieß und die Haare dadurch zu brennen anfingen. Zu Hause legte sie mich ins Bett. Ich wunderte mich sehr, daß ich in diesem Platz hatte. Ein fremder Herr kam zu mir, und die Mutter sagte »Herr Doktor« zu ihm. Der klopfte mir den Leib ab, und als er ging, saß auf einmal der Vater bei mir, auf seinen Knien eine große Schachtel haltend. In diese packte er fein säuberlich den Wirt, die Tänzerin und den Komiker, nachdem er sie in Holzwolle gewickelt hatte. Er band die Schachtel zu, nahm sie unter den Arm und sagte, indem er wieder aufstand: »Die Gesellschaft werde ich mit mir nehmen«, was mich ungeheuer zum Lachen reizte. Ich legte mich hierauf auf die Seite und schlief ein. Als ich wieder erwachte, erfuhr ich von meiner Mutter, daß ich am Sterbebette meines Vaters plötzlich an einer Rippenfellentzündung erkrankt war und drei Tage in hohem Fieber lag. Den Tag vorher hatte sie den Vater ohne mich beerdigen müssen. So hatte ich ihn nicht einmal zu seiner letzten Ruhestätte begleiten dürfen, einem Schachtgrab auf dem Zentralfriedhof, das, heute seines vermoderten Inhaltes entleert, schon wieder einer neuen Schar stillgewordener Armer auf zehn Jahre Heimat gibt. So liegen die Überreste meines Vaters auf einem mir unbekannten Stück der Erde. Drei lange Wochen bannte mich die Krankheit an das Bett. Zum Glück hatte die Mutter einige Kronen von der Lebensversicherungsanstalt ausgezahlt bekommen, so daß wir nicht der ärgsten Not preisgegeben waren und ich mich mit einem gewissen Gefühl von Sorglosigkeit der langen Bettruhe hingeben durfte. Mein Bett war an das Fenster gerückt worden. Umschmeichelt von der linden Luft eines schönen Wiener Herbstes, las ich in seinem milden Licht eine Unzahl von Büchern. Ich hatte während meiner zwei Lehrjahre meine geliebten Bücher nicht vergessen, waren sie doch meine einzige Erholung und Freude gewesen. Und wie sie mich früher die kleinen Unannehmlichkeiten und Tragödien der Schule vergessen ließen und mir eine schönere Welt erschlossen, so hatten sie mich in meiner jungen Proletarierexistenz aus dem von Not und Plage ummauerten Alltag gehoben und an der Hand der Dichtung in die glücklichen Gefilde der Phantasien fremder Geister geführt. Schicksale und Erlebnisse anderer Menschen und Dinge traten dann in ihrer Größe oder Kleinheit an mich heran und ließen mich das eigene karge Leben vergessen. Meine Lieblingslektüre waren natürlich immer noch Bücher mit abenteuerlichem oder sentimentalem Inhalt. Immer fühlte ich mich noch bei Romanen von Marlitt, Heimburg, Winterfeld, Karl May; Sue und anderen phantasiereichen Literaturfabrikanten am wohlsten und sah diese für weit größere Dichter an als Schiller und Goethe. Das Gute war, daß mich meine alte Vorliebe für Geographie und Naturwissenschaften zwang, berühmte Reisewerke zu lesen, deren Inhalt ein geheim wirkendes Gegenmittel gegen das Buchstabengift der eben angeführten Lektüre war. Dagegen verschmähte ich natürlich im Hochmut meiner Flegeljahre die herrlichen Märchenbücher von Andersen und Grimm, um sie viele Jahre später an den ersten Platz in meiner Bibliothek zu stellen, wo sie meinem Herzen und der Hand stets nahe sind. Das Erlernen eines Handwerkes hatte ich nun endgültig aufgegeben. Da eine große Wiener Tageszeitung täglich Adressen von Kaufläden, Warenhäusern und Kontoren veröffentlichte, die Praktikanten gegen ein Monatsgehalt von zwanzig bis vierzig Kronen suchten, schrieb ich noch vom Bett aus mich lobende und preisende Gesuche an die Firmen, die Stellen ausgeschrieben hatten. Dies war eine Art Verzweiflungsakt, denn gerade zu diesem Berufe brachte ich die wenigsten notwendigen Veranlagungen und Kenntnisse mit, und ich erfuhr auch dementsprechend bittere Enttäuschungen. Meine zu Dutzenden abgesandten Offerten wurden teils nicht beantwortet, teils zurückgesandt, in welch letzterem Fall meist die vielen grammatikalischen Fehler rot oder blau angezeichnet waren und man mir den Rat erteilte, erst richtig Deutsch schreiben zu lernen, bevor ich mich um eine solche Stelle bewürbe. Nachdem diese Hoffnung an dem klippenreichen Gestade meiner Muttersprache gescheitert war, gab ich es endgültig auf, einen Beruf zu suchen, der einer Vorbildung bedurfte. Der Weg zu dem vielgepriesenen goldenen Boden des Handwerks war für mich der denkbar schwerste und steinigste gewesen. Mit Ausnahme ganz weniger Berufe, die ich wegen ihrer kostspieligen Lehrzeit nicht erlernen konnte, gaben die meisten ihren Gehilfen kaum genug, um eine einfache Lebensweise zu führen. Die Mehrzahl der Meister aber betrachtete ihre Lehrlinge als Mittel, Dienstboten oder Hilfsarbeiter zu ersparen. So suchte ich mir deshalb, kaum genesen, eine Stelle als Laufbursche oder Taglöhner. Ich hatte unverschämtes Glück, denn schon nach acht Tagen meines Suchens wurde ich als männliches Mädchen für alles in einer Stiefelschmier- und Wichsefabrik aufgenommen. Ein großer Stolz erfüllte mich, als ich das erstemal von meinen neuen Chefs mit Sie angesprochen wurde und mich das kleine Personal der Fabrik bitten mußte, wenn ich ihnen einen kleinen Dienst erweisen sollte. Mein Wochenlohn betrug nur fünf Kronen. Aber die Freiheit, über die ich jetzt verfügte, war doch wenigstens des Darbens wert. Und dann: langsam zog wieder ein Gefühl in meine Seele ein, das mir in meinen Lehrbubenjahren verlorengegangen war: ein Mensch zu sein! Viertes Kapitel Zwischenspiele Johann Preinlinger, unser Werkführer in der Wichsfabrik, war ein absonderlicher Kauz. Schon sein Äußeres tat dies kund. Von einer schrecklichen Leibesgröße, bestand er nur aus Haut und Knochen, und wir vier Angestellten der Fabrik nannten ihn den Kleiderrechen. Obzwar Wiener von Geburt und seinem ganzen Benehmen nach, bildete, er sich ein, französischer Abstammung zu sein, und begründete diese Tatsache damit, daß er das uneheliche Kind eines Pariser Kellners sei. Er war riesig stolz auf diese zweifelhafte Zugehörigkeit zur französischen Nation und bestrebt, sie bei jeder Gelegenheit hervorzuheben und davon zu sprechen. In der Werkstätte, die aus ein paar engen Wohnräumen im dritten Stock eines Zinshauses bestand, mußten wir ihn mit Meister Jean ansprechen, und zwar so, wie Jean geschrieben wird, nicht wie die eigentliche französische Aussprache lautet. Er meinte, das sei Altfranzösisch und besonders vornehm. Den Wiener Dialekt, der ihm angeboren war, bog er in ein schauerliches Hochdeutsch um und spickte seine Reden mit einer Unzahl von Fremdwörtern. Um sich deren immer mehr aneignen zu können, trug er stets ein Fremdwörterbuch bei sich, in dem wir ihn eifrig herumblättern und lesen sahen. Gern hätte er es gesehen, wenn um sein spitzes Kinn ein Napoleonsbart gewachsen wäre, das wollte ihm aber trotz aller Pflege nicht gelingen. Meist trug er sich mit einer possierlichen Eleganz. Selbst bei der schmutzigsten Arbeit legte er seinen hohen Stehkragen und die schwungvolle Krawatte nicht ab. Die blaue Zwilchhose, die er bei der Arbeit zu tragen pflegte, mußte eine ebenso tadellose Bügelfalte aufweisen wie die seines Straßenanzuges. Den größten Schmerz bereitete ihm sein wienerischer Familienname Preinlinger, der beim besten Willen nicht französisch klingen wollte; wehe, wenn ihn einer seiner Untergebenen so ansprach! Er wurde beinahe Anarchist, weil ihn die beiden Chefs, zwei jüdische Kaufleute, die übrigens keine Ahnung von Wichs- und Stiefelschmierbereitung hatten, Herr Preinlinger nannten! Mit einem Namensveränderungsbüro stand Meister Jean stets in Verbindung, und er träumte oft von jener schönsten Zeit, da er endlich seinen vulgären Namen mit einem edlen französischen vertauschen durfte. Von solchen hatte er sich schon eine ganze Liste kommen lassen, und seine Gedanken waren nur mit der Wahl beschäftigt. Trotzdem er verheiratet war und sein hübsches Weib sowie seine zwei herzigen Kinder innig liebte, glaubte er es seinem leichten romanischen Blute schuldig zu sein, daß er jedem weiblichen Wesen, das in seine Nähe kam, auf die graziöseste Weise den Hof machte und eine heiße Liebeserklärung vorbrachte. Neben dieser Eigenheit hatte Meister Jean einige gute Eigenschaften, die ihn bei seinen Untergebenen beliebt machten. So war er ein lebendiges Witzlexikon, und er sprudelte während seiner Arbeit – sei es nun beim Umrühren des kochenden Terpentins, was in einem mächtigen Kupferkessel geschah, oder beim Verreiben der verschiedenen Ingredienzien in einem Mörser – eine Anekdote nach der anderen heraus. Er konnte es darin mit zehn Geschäftsreisenden aufnehmen, die in dieser Kunst bekanntlich Meister sind. Da er einen auskömmlichen Lohn hatte, von den Sorgen des Proletariers nicht bedrängt wurde, war er selten schlechter Laune, trotzdem er nicht gesund war, denn ein böser Husten quälte ihn oft in beängstigender Weise. Er schob dies auf das Einatmen der Dämpfe beim Kochen chemischer Stoffe und mochte darin nicht so unrecht haben, stank es doch manchmal in der Küche fürchterlich nach Äther, Schwefel und Phosphor. Eher taten ihm seine schlanken, feinen Hände leid, die, immer von frischen Brandblasen bedeckt, nie gänzlich verheilen wollten, weil das siedende Terpentin ihr geschworener Feind war. Auch ich hatte bald Finger und Handflächen voll von wässerigen Bläschen, die unangenehm schmerzten, besonders, wenn ich aus den warmen Räumen in die Winterkälte hinaus mußte. Abgesehen von diesem kleinen Opfer, das ich hier der Arbeit bringen mußte, war diese auch sonst nicht ungefährlich. Das Sieden der Wichse und Stiefelsalben geschah auf offenem Feuer, und ein großer Sandhaufen neben dem Ofen war, die einzige Sicherheitsvorrichtung, die man zum Löschen eines eventuellen Brandes getroffen hatte. Viel Vertrauen hatte ich dazu nicht, denn der Sand war unter dem Einfluß der Feuchtigkeit eine feste Masse geworden, die nur mit der Hacke zerkleinert werden konnte. Als ich dies bemerkte, brachte ich meine Entdeckung einem der »Fabrikbesitzer« zu Ohr, der mich aber gegen seine Gewohnheit anschnauzte und mir riet, mich um nichts anderes als um meine Arbeit zu kümmern. Monsieur Jean, dem ich von meinem Verweis erzählte und den ich auch auf die geringe Wahrscheinlichkeit aufmerksam machte, den Stein wirkungsvoll zum Löschen zu verwenden, meckerte mich an, strich sich seine sechs Ziegenhaare zurecht und sagte: »Musjöh, dös haben wir auch schon gesähn, aba da geschüht nix! Und wenn's ja einmal anfängt zu brennen, was gäht's denn uns an?« Da mußte ich ihm recht geben. Freilich, was kümmerte es uns dann, wenn wir in Sicherheit waren, ob es droben den Fußboden ankohlte oder die ganze Einrichtung vernichtete! Was wir aber beginnen sollten, wenn wir selbst, was leicht möglich war, Feuer fingen, darauf wußte ich keine Antwort, und ich beruhigte mich mit dem echt wienerischen »Es wird eh nix gschehn«. Mehr Sorge bereitete mir die Arbeit an der Spiritustrommel. In dieser wurde der Spiritus oder Weingeist durch schnelles Umdrehen mittels einer Kurbel zum Sieden gebracht. Nun hatte mir der Werkführer erzählt, daß in der Fabrik, in der er früher beschäftigt war, einmal eine solche Trommel geplatzt war und die Leute, die an ihr beschäftigt waren, nicht unerheblich verletzt hatte. So lebte ich stets in der Angst vor der Wiederholung eines solchen Unglücks, und wenn an mich die Reihe des Spirituskochens kam, so verließ mich das Gefühl der Todesnähe nie, oft glaubte ich den Tod aus der riesigen Metallröhre auf mich springen zu sehen. Ich hütete mich aber wohl, meine Furcht merken zu lassen, um nicht ausgelacht zu werden, denn ich hatte noch nicht die Teilnahmslosigkeit gegenüber der Gefahr, die den älteren Proletariern meistens eigen ist. Meister Jean unterwies mich auch im Packen der Postpakete, worin er eine große Fertigkeit besaß. In einer Stunde bereiteten wir viele Dutzende von Postsendungen, die wir dann mit Hilfe der »Manipulantin« zur Post brachten. Als mein Lehrmeister beim Einpacken durch das viele Herumhantieren mit den schweren Paketen von starken Hustenanfällen geplagt wurde, nahm ich diese Arbeit für mich allein in Anspruch, wofür er mir sehr dankbar war. Oft redeten wir ihm zu, einen Arzt zu Rate zu ziehen, aber er wollte davon nichts wissen. »Wer lange hustet, lebt lange«, gab er uns zur Antwort. »Die Doktores sind gleich da mit dem Niederlegen. Ich fihle mich ja ganz respektabel, Musjöh und Madams. Das büßchen Husten hat noch keinem affektionieret.« Wir schwiegen dann meist, um ihn nicht zu ärgern. Wenn er aber dann hinausging, sagte Frau Dostal, unsere älteste Hilfsarbeiterin, bedauernd und zugleich etwas beleidigt über Meister Jeans Eigensinn: »Der wird no dö Überfuhr vasaman. Schauts ihm nur an, jeden Tag wird a weniga. Bald wird sei Hosn allani herumspaziern. Und dö roten Fleck in' Gesicht! Dös san unsan Herrgott seine Postmarken für d' Ewigkeit.« Stand er dann wieder bei uns am Tisch, ununterbrochen erzählend, singend und pfeifend, so nannten wir andern Frau Dostal eine Schwarzseherin und dachten an nichts Böses. Langsam zog die farbenselige Weihnachtswoche in das Grau des Winters ein. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um die von den Reisenden eingesandten Aufträge noch vor Beginn der Feiertage zu erledigen. Zu diesem Zweck machten wir alle Abende Überstunden. Meister Jean blieb sogar oft bis mitternachts allein in der Küche, um mit der Fabrikation der feinen Schuhcremen nachzukommen. Nach solcher Nachtarbeit war er dann furchtbar anzuschauen. Die Augen lagen fiebrig glänzend in den braungrau umränderten Höhlen, und ein nicht aussetzender Husten wollte ihm schier die Brust sprengen. Jetzt fühlte er wohl selbst, daß es nicht so weitergehen könne. »Gleich nach den Feiertagen will ich euch adjös sagen und mich ins Bett akkomodieren«, beruhigte er uns, wenn er unsere über seine Hustenkrämpfe bestürzten Mienen sah. Trotz seiner erhöhten Kränklichkeit und vermehrten Arbeit war er in diesen Tagen besonders guter Laune. Wie er uns froh und begeistert erzählte, hatte ihm sein Winkeladvokat mitgeteilt, daß seiner von ihm so heiß ersehnten Namensänderung nichts mehr im Wege stehe und nur mehr einige kleine Formalitäten zu erledigen seien. Freilich, gerade jetzt koste es noch einen Haufen Geld, und darum könne er sich auch nicht schonen und müsse froh sein, die vielen Überstunden machen zu dürfen. Er bekäme ja dafür einen so wunderschönen Namen statt seines alten! In ein paar Wochen sollte er nicht mehr Johann Preinlinger, sondern Jean Painlevé heißen, und er schwelgte im Aussprechen dieses neuen Namens. Bald sang er ihn gebieterisch in den kochenden Hexenbrei, bald flüsterte er ihn zärtlich vor sich hin, um ihn endlich triumphierend wie einen Schlachtruf durch die Werkstätte zu schleudern. In seiner Abwesenheit tippte sich Frau Dostal erst auf die Stirn und dann auf die Brust, wobei sie uns bekümmert zutuschelte: »I waß net, wo unsa Masta mehr krank is, da oben oder in sein Brüsterl! I man allaweil, 's war bald gscheiter für ehrm und sei Famüli, wanns ehrm außiblasarn aufn Hernalser Friedhof, denn sunstn kummt er no wegn seiner Französerei aufn Steinhof! Und do außi wünsch i mein größten Feind net! – Nebn uns dö Nachbarin auf anazwanzg hat a Tant, und dera Tant ihrer Freindin da Mann, a kreuzbrava, bamstarka Mann, der in a Staniolpapier eingwickelt ghört hätt...« Das Erscheinen eines Chefs störte sie in der mindestens schon dreimal erzählten Schauermär, in der ein Mann von einer Leiter herabgefallen und durch den Sturz geisteskrank geworden ist, so daß er seine traurigen Tage in der Irrenanstalt am Steinhof verbringen mußte. Am Weihnachtstage hatte ich mich morgens um eine Stunde früher als sonst an meinem Arbeitstisch eingefunden. Ich wollte die Werkstätte noch schnell einer gründlichen Reinigung unterziehen, bevor das übrige Personal kam, damit ich abends eher zu meiner Mutter heimeilen und mit ihr noch rechtzeitig unsern kleinen Christbaum schmücken konnte. Meiner Gewohnheit gemäß machte ich durch das Rubinglasfenster einen Blick in die Höhe des Lichthofschachtes, in den das Fenster unserer Küche mündete. Zu meinem größten Erstaunen bemerkte ich im schleierigen Dämmer des Wintermorgens in dieser Licht. Wer konnte dort sein? Von den Herren steckte kaum einmal einer seine Nase in die Küche, und außerdem erschienen sie nie vor neun Uhr im Büro. Wohl hatte gestern abends der Werkführer, wie gewöhnlich, noch bei unserem Weggehen gearbeitet, denn ich hatte ihm sein Nachtmahl heraufbringen müssen. Vielleicht hatte er vergessen, das Licht zu löschen, was aber bei seiner sonstigen Pedanterie kaum anzunehmen war. Nun, ich würde ja sehen. Als mir aber die Hausmeisterin, die sonst die Schlüssel in Bewahrung hielt, mitteilte, daß ihr der Werkführer gestern abend keine Schlüssel übergeben hatte, stieg ein bängliches Gefühl in mir auf. Obgleich ich mir zu meiner Beruhigung sagte, daß der Werkführer wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch gearbeitet hatte, bat ich doch die Hausmeisterin, mich hinaufzubegleiten. Wir fanden die Tür zur Werkstätte unversperrt. Jetzt war ich überzeugt, daß Meister Jean die Nacht trotz seines schlechten Gesundheitszustandes im Kochen neuen Cremevorrats verbracht hatte, und war empört über solchen Leichtsinn; er hatte doch auf Weib und Kind Rücksicht zu nehmen und nicht in solcher Weise gegen seinen kranken Leib zu wüten! Trotz meiner untergeordneten Stellung wollte ich ihm tüchtig meine Meinung sagen, und ich stellte mir schon in Gedanken das verdutzte Gesicht vor, das er zu meiner Morgenpredigt machen würde. Da wurde ich plötzlich durch einen Schreckensruf der Hausmeisterin, die mir vorausgegangen war, in die Küche gezogen. Was ich da erblickte, ließ meinen Vorsatz in nichts hinwehen. Neben dem abglühenden Ofen lag unser Werkführer, grauenhaft röchelnd, Kopf und Rücken an den Sandhaufen gelehnt, im Antlitz grauer als die Asche neben ihm. Seine Bluse war vom Blut gerötet, das in Schaumblasen auch an seinem Mund hing; ein dampfiger, lange aussetzender Atem blähte ihm die Brust zum Zerspringen auf. Er schien nicht bei Bewußtsein, denn trotz des konfusen Herumschreiens der Hausbesorgerin öffnete er nicht einmal die Augen. Ich rannte ins Vorzimmer um frisches Wasser und machte ihm mit ein paar Fetzen kalte Umschläge auf die Stirn, während die Hausmeisterin hinuntereilte, um die Rettungsgesellschaft zu alarmieren. Als die Sanitätsdiener mit einer Tragbahre, von dem Arzt gefolgt, in die Küche traten, lag Meister Jean noch immer regungslos auf dem Sandhaufen. Auch bei der vorsichtigen Untersuchung des Arztes zitterte kein Zeichen des Bewußtseins durch seinen Körper. Noch immer vor dem Kranken auf den Knien liegend und ihm die entblößte Brust leicht abwaschend, fragte mich der Arzt nach dem Namen und Beruf des Patienten. Als ich ihm den Namen Johann Preinlinger nannte, war es mir plötzlich, als öffnete Meister Jean seine Augen und blickte mich vorwurfsvoll an: Warum mich selbst in solcher Stunde mit dem verhaßten Namen quälen! Die Diener legten ihn hierauf behutsam auf die Tragbahre, um ihn die Stiegen hinunter und in den Wagen zu schaffen. Gleich darauf hörte ich von der Straße herauf den schrillen Signalpfiff der Rettungsgesellschaft, der mir anzeigte, Meister Jean befindet sich auf dem Weg zum Spital. Meine Arbeitskollegen hatten unterdessen in der Hauseinfahrt von dem Unglück gehört, und Frau Dostal meinte mit einem tiefen Seufzer: »Dö Nacht hab i tramt, daß mir a Zahn ausgfallen is, das bedeut immer an Todesfall.« An diesem Tag sprachen wir nicht viel miteinander. Meister Jean mit seinen lustigen Einfällen fehlte uns. Nur manchmal gab der eine oder andere laut seiner Hoffnung Ausdruck, ihn bald wieder unter uns zu sehen, gesund und seiner französischen Abstammung stolz, wie ein Emigrant aus altem Adel. Nur Frau Dostal schüttelte ein um das andere Mal den Kopf, indem sie bedauernd murmelte: »Mei Tram vom ausgfallenen Zahnt, der Tram – des is a schlechts Zeichen. No a jedsmal is aner gsturben!« Wir hatten des Weihnachtsabends wegen um drei Uhr Feierabend gemacht und waren eben im Begriff, die Stiege hinunterzugehen, als uns die weinende Frau Meister Jeans entgegenkam. Sie teilte uns unter krampfhaftem Schluchzen mit, daß ihr Mann vor einer Stunde im Spital gestorben war. »Mei Tram, mei Tram, ös habts ma's net glauben wolln«, sagte Frau Dostal noch zu uns. Darin gingen wir mit kurzem Gruß traurig auseinander, jeder seinem Weihnachtsbaum zu. * »Wanns bei mir als Hilfsarbeiter und Laufbursch eintreten wolln, so könnens am Montag anfangen«, sagte unser Schachtellieferant eines Tages zu mir, und da er mir wöchentlich eine Krone mehr zahlen wollte als die »Wichsefabrik«, war ich mit seinem Vorschlag einverstanden und verließ nach dreimonatiger Tätigkeit den Schauplatz, der meine Anfänge als jugendlicher Hilfsarbeiter gesehen hatte. Die Werkstätte, in der die Kartons erzeugt wurden, bestand aus einem Kellerraum, dessen fünf Fenster sich unter dem Niveau einer engen Gasse befanden. Der Besitzer war neben mir der einzige männliche Arbeiter in der Werkstätte, in der an drei langen Tischen sechs Arbeiterinnen saßen, von mächtigen Pappendeckelgebirgen umgeben. Wasserhelle Kugelaugen mit einer Spur ausgebleichter Brauen darüber, widerspenstiges Blondhaar auf dem Kopfe, das auch wie eine abgenutzte Zahnbürste unter der fleischigen Nase zum Vorschein kam, dazu eine große Schüchternheit im Verkehr mit anderen Leuten, selbst wenn es seine Arbeiter waren, verliehen meinem neuen Brotherrn einen Ausdruck von Sanftmut, der seinen Namen Joseph Wut Lügen strafte. Stundenlang konnte er vor seiner Zuschneidemaschine stehen, ohne einen Befehl an uns zu richten. Zumeist blickte er mit ängstlichem Gesicht auf seine Arbeit, und wenn die übermütigen Arbeitsmädel gar zu großen Lärm machten, richtete er einen wahren Hundeblick voll Kummer und wehmütigen Vorwurfs auf sie, als ob er sagen wollte: »Seht, ich bitte ja vom Morgen bis zum Abend um Verzeihung, daß ich auf der Welt und euer Brotgeber bin! Warum erkennt ihr das nicht an?« Als er mir das Heften der gefalzten Kartons und das Nageln der Holzteile erklärte, entschuldigte er jeden ungeschickten Handgriff, den ich machte, als ob er der Schuldige wäre. Auch den Arbeiterinnen sah er jeden Fehler nach; hatte ihm aber eine von ihnen durch schlampige Arbeit gar zu großen Schaden zugefügt, so raffte er sich endlich zu einer Rüge an das Personal auf und gab stotternd und leise seinen Unwillen kund. Wir sahen es ihm dann aber an, wie weinerlich ihm zumute war und wie schwer es ihm wurde, sein Recht zu verlangen. Die Folge war, daß nicht er, sondern die Arbeiterinnen die Werkstatt beherrschten, was zu vielen Streitigkeiten unter diesen führte, weil jede die Herrschaft an sich zu reißen versuchte; es konnte sogar geschehen, daß zwischen zwei besonders aufeinander erbosten Rivalinnen ein erbitterter Haarkampf entbrannte und er seine liebe Not hatte, die beiden zu trennen. Meistens geschahen solche Auseinandersetzungen in Abwesenheit des Meisters, Herrn Wuts, denn seine friedliche Gegenwart wirkte unwillkürlich beruhigend auf die heißblütigen Frauenzimmer. Die Heftmaschine, an der ich arbeitete, wenn ich nicht gerade »liefern« war, stand in einer Ecke des Raumes, und ich kehrte, vor ihr sitzend, meinen Rücken den Arbeiterinnen zu. Wenn ich sie in Bewegung setzte, hatte sie die Form einer kleinen Giraffe und klirrte so laut, daß man in der Werkstätte kein Wort verstehen konnte, wenn es nicht gebrüllt wurde. So konnte ich mit den Mädchen während der Arbeit wenig reden. Nur wenn ich die gehefteten Schachteln zum Bekleben an ihre Tische trug, fiel hie und da eine Frage oder eine Antwort auf einen spöttelnden Zuruf von meinen Lippen; um so besser besorgten dies die Mädchen. Da wurde getuschelt, erzählt, gehänselt, gefragt, erstaunt getan, geschimpft, Leute ausgerichtet mit einer Zungenfertigkeit, die mich verblüffte und schweigen hieß, weil ich doch nie nachgekommen wäre. Sie legten auch ihre Worte nicht auf die Waagschale und erörterten zum Beispiel erotische Fragen und Geschehnisse mit einer Ungeniertheit, die mir reinem Tor die Schamröte in die Wangen trieb. Ich fühlte mich daher mehr zu meinem Meister hingezogen, der gleich mir nichts von der Schlagfertigkeit und Redegewandtheit hatte, über welche die Arbeiterinnen von der ersten »Pickerin« bis zum kleinsten Lehrmädchen herunter in einem so hohen Grade verfügten. Wir beide, so Herr wie Knecht, lebten unter diesen lauten Kindern der Vorstadtwelt wie zwei einsiedelnde Mönche, die zufällig in einen Schwarm andersgesinnter Menschen gekommen waren und die die Sprache dieser nicht verstehen wollten. Nur war es bei mir eher meine Jugend, die mich abhielt, mich mehr mit meinen Arbeitskolleginnen abzugeben, als es unbedingt notwendig war, während den Meister die angeborene Schüchternheit daran hinderte. Im stillen wünschte ich ja sehr, auch so ein geübtes Mundwerk zu besitzen, um überall mitreden zu können. In einem waren wir den alten und jungen Arbeitshummeln über und flößten diesen sogar Respekt ein, das war unser Verhalten den Ratten gegenüber, deren es im Hause ungezählte gab. Besonders in den Kellerlokalitäten, die außer unserer Werkstätte auch noch ein Milchproduktengeschäft beherbergten, machten sich diese Grauröcke unangenehm bemerkbar. Beinahe jeden Morgen gab es vor Beginn der Arbeit eine Rattenjagd, bei der die Arbeiterinnen angstvoll auf die Tische kletterten und von diesen gesicherten Orten aus die kühnen Taten ihres Meisters und Kollegen oft furchtsam aufkreischend verfolgten, wenn sie es nicht gleich vorzogen, sich auf die Gasse zu flüchten. Wir fielen dann mit Besen und Stöcken über die pfeifenden Kellerhasen her, trieben sie entweder in die Löcher zurück oder erschlugen sie, wenn wir dabei Glück hatten. Aber auch tagsüber rief uns oft der entsetzte Schrei einer Arbeiterin zu Hilfe, wenn sich eine Ratte in einer Papierrolle oder gar in eine Tischlade versteckt hatte, wohin sie der Geruch eines mitgebrachten Frühstücksbrotes gelockt hatte. Gleich wurden dann, wieder unter angstvollem Gezeter, die Tischplatte oder die Fensterbrüstung bestiegen und die kläglichsten Bitten und Beschwörungen an uns zwei Männer gerichtet, damit wir unser Schwert zur Verteidigung der bedrohten Weiblichkeit ziehen mochten. Die Verfolgung der Ratten allein vermochte den Meister aus seiner Stille und Schüchternheit zu reißen. Während ich mehr aus angeborener Freude an der Jagd und in der Erinnerung an die schönen Trapperfahrten meiner Knabenzeit in der Urwaldwildnis des Wienflusses zum Stocke griff, nebstbei vergnügt war über die willkommene Störung meiner langweiligen Arbeit, bekämpfte der Meister die Tiere mit einem wilden Haß, der den vorher noch so sanften und friedsamen Menschen in einen Berserker verwandelte. Er konnte sich am Rattenmord nicht genugtun. Oft ließ er die dringendste Arbeit stehen, um in den Kellergängen einer alten, abgefeimten Ratte nachzustellen, von deren Umherschweifen er gehört hatte. Es schien, als seien diese Tiere die einzigen Wesen, die einen Haß aus der Tiefe seiner Seele locken konnten. Hätte er auch andere Tiere verfolgt, so hätte man glauben können, er wolle sich an den schwächeren Geschöpfen für die Unbill rächen, die ihm die Menschen angetan hatten. Aber er tat sonst keiner Fliege etwas zuleide und gab die Hälfte seines Frühstück- und Jausenbrotes den hungrigen Spatzen. Trotz unseres Vernichtungseifers nahm die Rattenplage immer mehr überhand. Schuld daran war der Umstand, daß die Gänge des Kellers mit gefüllten und leeren Milchkannen vollgepfropft waren, deren Duft die Ratten der ganzen Gegend anzog. Wenn ich am Morgen den Ballen mit den Papierabfällen in das dazu bestimmte Kellerloch schaffte, so hatte ich Mühe, mich durch die Heere von Grauröcken zu schlängeln, und es kam ein paarmal vor, daß ich im Vorbeigehen im Rahm ertrunkene, Ratten fand, der dort in größeren Töpfen vorbereitet stand. Eine besonders ängstliche Arbeiterin kündigte eines Tages aus Angst, von den blutdürstigen Bestien gebissen zu werden, und die anderen waren nahe daran, ihrem Beispiel zu folgen. Den Meister aber hatte ein wahrer Rattenblutrausch erfaßt. Tag und Nacht lag er auf der Lauer, und der Hausmeister erzählte uns, daß er Herrn Wut schon öfters des Nachts mit zwei Knüppeln bewaffnet in den Keller schleichen sah. Er sah auch oft ganz übernächtigt aus, und da er sonst angeblich ein sehr ruhiges Leben führte, mochten auch wirklich seine nächtlichen Jagdausflüge daran schuld sein. Bald wurde er im ganzen Haus nur der Ratzenpepi genannt. Mir wollte die Geschichte nicht mehr recht geheuer vorkommen. Die Ratten mußten in dem Leben meines Brotherrn einmal eine böse Rolle gespielt haben, sonst würde er sie nicht mit solchem Ingrimm verfolgen, seine Arbeit vernachlässigen und den Schlaf meiden, um nur einige von ihnen erschlagen zu können. Die bloße, natürliche Abscheu vor einem Tier war gewiß nicht Grund genug, aus einem Lamm einen Wolf zu machen! Als ich ihn aber eines Tages beobachtete, wie er, sich allein glaubend, einer erschlagenen Ratte den Schwanz abschnitt, diesen in Seidenpapier wickelte und in einem Holzkästchen verwahrte, war ich vollends überzeugt, daß hier ein Geheimnis waltete, dem auf die Spur zu kommen ich mir alle Mühe geben wollte. Aber so viel ich auch mit Überwindung meiner Schüchternheit die Arbeiterinnen, einige mit mir oberflächlich bekannte Leute des Hauses und den Hausbesorger ausfragen mochte, keiner von ihnen konnte mir die gewünschte Auskunft erteilen. Am meisten interessierten mich noch die Erzählungen der Hausbesorgerin. Herr Wut sei vor zwei Jahren in »ihr« Haus eingezogen und nicht ein einziges Mal nach Torsperre nach Hause gekommen. »Kan luckatn Kreuzer hab ich von ehrm als Sperrsechserl kriegt«, sagte sie bekümmert. Er lebe unglaublich zurückgezogen, und sie hätte noch nie jemanden zu ihm hinaufsteigen gesehen. Das Essen werde ihm von einem nahen Gasthaus gebracht und auf das Gangfensterbrett vor seiner Wohnungstür gestellt, denn er lasse niemanden zu sich herein. Alle Reinigungsarbeiten in der Wohnung verrichte er selbst, und man könne ihn alle Samstage zum Gaudium der weiblichen Hausbewohner den Fußboden ganz närrisch scheuern hören. Beinahe jede Nacht brenne ein helles Licht in seiner Stube. Daß es mit Herrn Wut eine seltsame Bewandtnis haben müsse, sei auch längst ihre Meinung. »Wissens«, sagte sie zu mir, »was i am allawenigsten vastehn kann, is, daß da Masta ka klans Kind sechn kann. Wann ehrm ans unta d' Augn kummt, wird a kasweiß in Gsicht und draht sie umanand, als wann a 'n Veitstanz hätt! Na, und wann a gar an so an Bambaletschn schrein hört, wird a ganz narrisch. Glaubns mias oda net, da fangat a sölba zan platzn a und scheniert si net wenig vur dö Leut! Der hat dös Spinnate wias in Büachl steht, oda i wüll ka Stund mehr d' Hausmasterin von neunzehna Haus sei!« Das Gehörte war nur dazu angetan, meine Neugierde zu vergrößern. Mein sehnlichster Wunsch war, einmal einen ausgiebigen Blick in die Wohnung des Ratzenpepi tun zu dürfen. Trotz der spitzfindigsten Versuche wollte mir dies aber nicht gelingen. Der sonst so einfältige Meister war meiner Schlauheit über und vereitelte mir alle, wenn auch noch so klug ausgeheckten Pläne. So mußte ich auf den Zufall hoffen; vielleicht spielte er mir eine günstige Gelegenheit in die Hand. Vorläufig schien sich aber meine Hoffnung nicht zu erfüllen. Dagegen wurde ich einmal Zeuge seiner Erregung und Angst vor dem Weinen kleiner Kinder. Eine unserer Arbeiterinnen wurde von ihrer Mutter abgeholt, die ein schreiendes, kaum einige Monate altes Kind auf dem Arm trug. Als sie mit dem Kinde die Werkstätte betrat, brach Herr Wut plötzlich in einen Weinkrampf aus, da aber zu gleicher Zeit der Briefträger einige Briefe abgegeben hatte, glaubten die Arbeiterinnen, Herr Wut hätte eine Todesnachricht bekommen und deshalb zu weinen angefangen. Ich aber konnte mir den Anfall nach der Erzählung der Hausmeisterin erklären. Nachdem sich die Arbeiterinnen entfernt und der Meister sich etwas erholt hatte, bat dieser mich, der ich noch mit dem Aufräumen der Werkstatt beschäftigt war, zu meinem großen Erstaunen, ich möchte zu dem Waffenhändler in der Burggasse gehn und ihm Patronen für sein Flaubertgewehr holen. Er wolle den »vermaledeiten Bestien« damit waren die Ratten gemeint – jetzt mit Pulver und Blei an den Leib rücken. Als ich von meinem Weg zurückkam und ihm die Patronen überreichte, zeigte er eine wahrhaft satanische Freude und schrie ein über das andere Mal wie besessen: Jetzt werdens aber dran glauben müssen, dö Hundsviecha, ka anzige derf übri bleibn von den Luadan, den vadammten.« Ich konnte dabei nichts anderes glauben, als daß mein Meister nun endgültig verrückt geworden war, und entfernte mich so schleunig wie möglich. Ich schlief die halbe Nacht nicht und wurde die übrige von den wüstesten Träumen gequält. Die Ratten hatten sich in Tiger verwandelt und wurden von dem Meister und mir mit Kinderpistolen angegriffen. Am anderen Morgen war ich aus Neugier um eine halbe Stunde früher an meinem Arbeitsort. Ich fand die Hausbesorgerin vor dem Haus den Gehsteig reinigend. Als sie mich erblickte, stürzte sie auf mich zu und rief: Jessas, dös is gscheit, daß S' scho do san! Sö solln glei zum Herrn Wut auffikumman, denkens Ihnan, dös arme Hascherl hat si gestan bei der saudumman Ratzenschiaßerei den rechtn Haxn brochn. Er is in da Finstern über a Mülliamperl purzelt. Wann ehrm net dö Resi vom Müllimann gefundn hätt, liagat a no unten! Ob a wolln hat oder net, mei Alter hat ehrm an Dokta gholt, der hat zerst a Gsicht gschnitten wia zehn Tag Regenwetta, nacha ham mia 'n Masta in sei Wohnung tragn und ins Bett glegt. Wos glaubns, was der auf sein Kasten und da Kommod stehn hat? Kane Buschkettn oda Fotagrafien, wia unsarana, ka Spur! Denkens Ihna, ausgstopfte Ratzn hat a durtn stehn – solche Trümma, wi an siebnjahrign Kater so groß. Pfui Teufi, solchane grausliche Viecha, mir stoßt's in Kaffee aufi, wann i dran denk, a so a Sauwirtschaft! Wir i ehrm 's Frühstück bracht habe, hat er mia gsagt, i soll Ihna aufischickn, wanns kumman. Gengans halt zu dera narrischen Musi. Vielleicht schickt er Ihnen jetzt statt seiner auf de Ratzenjagd. I bin ehrm nett neidi um das Wildpret. Pfui Teufi!« Sie spuckte weit über die Straße und wirbelte von neuem den Staub mit ihrem Rüttelbesen auf, während ich verdutzt über das eben Gehörte die Stiegen zur Wohnung meines Meisters hinaufstieg: In der Küche fand ich eine ganze Wand statt mit Pfannen und Kellen mit allen möglichen Jagdgeräten behängt, mit Schlingen, Fangeisen, Schlagfallen, Flaubertpistolen und sogar einem alten Kavalleriesäbel. In der Nähe des Herdes lag ein Haufen Wattebausche, die von geronnenem Blut braun gefärbt waren. Der ganze Raum schien durchtränkt von Kampfer und Naphthalin. Durch die Zimmertür tretend, bemerkte ich meinen Meister im Bett, den Oberkörper durch mehrere Polster gestützt und den rechten Fuß in einem Gipsverband und durch Unterlage eines Sesselchens hoch gehalten. Ich erblickte auch sofort auf einer Kommode, die mit einer grünen Ripsdecke bekleidet war, sechs oder sieben ausgestopfte Prachtexemplare jener lieblichen Tiere, die die Weibsleute unten in der Werkstatt so schätzten. Die Kunst des Präparators hatte die toten Körper in allen möglichen Stellungen gebannt. Sie machten Männchen, stützten sich mit den Vorderbeinen auf einen Stein, beschnupperten zusammengeduckt einen Leckerbissen; drei von ihnen bildeten eine raufende Gruppe; selbst ihre Glasäuglein funkelten so natürlich, daß man bei einem oberflächlichen Hinschauen die Tiere noch für lebend halten mochte. Die Brettchen, auf denen sie befestigt waren, trugen jedes vorn ein Blechschildchen. Beim schärferen Hinblicken konnten meine guten Augen das Wort »erlegt« und ein Datum eingeritzt erkennen. Herr Wut beantwortete, meinen Gruß so ruhig, als stünde er vor seiner Maschine. Er zog einen Brief unter der Bettdecke hervor und beauftragte mich, diesen sofort zu seiner Schwester zu tragen, deren Adresse auf der Briefhülle stand. Dann schrieb er mir einige Aufträge für die Kaschiererinnen nieder. Ich spähte indes neugierig im Zimmer umher; auch auf dem Kasten war eine zahlreiche Versammlung ausgestopfter Ratten zu sehen, und auf dem Nachttischchen, in einem wahrscheinlich mit Spiritus gefüllten Gurkenglase schwamm eine Menge nackter toter Rattenjunge umher. Sonst war nichts Merkwürdiges in dem Zimmer zu sehen, und es erweckte im allgemeinen den Eindruck peinlichster Sauberkeit. Herr Wut hatte die Aufzeichnungen für seine erste Arbeiterin beendet. Mit einem Gruß an diese und ihre anderen Kolleginnen überreichte er sie mir und gab mir zum Abschied die Hand. Sobald ich die Arbeiterinnen von dem Geschehenen verständigt und wir zusammen darüber ein wenig geplaudert hatten, machte ich mich auf den Weg zur Schwester des Meisters, die in einer Gasse nahe dem Prater wohnte. Als ich das angegebene Haus erreicht hatte, stand ich erst ratlos vor dem Labyrinth von Stiegen, von denen es zu einer Unzahl von Türen ging. Es war ein uraltes, von allerlei Gerüchen durchzogenes und recht schmutziges Gebäude, und ich suchte umsonst nach einem Hausmeister, den ich nach der Türnummer meiner Adressatin hätte fragen können. Auf dem Brief war sie nämlich nicht angegeben. So fragte ich einen Kaftanjuden, der mit ehrwürdigem Bart an mir vorbeihuschte, wurde aus seinem Kauderwelsch aber nicht klüger. Endlich fand ich einen freundlichen Amtsdiener, der mich zur gesuchten Tür führte. Die Frau, welche auf mein Klopfen behutsam öffnete, war vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, nicht dick, nicht mager und mit einem prächtigen Schnurrbart bedacht, der ihrem an und für sich nicht freundlichen Gesicht einen noch strengeren Ausdruck verlieh. Auf die Bestätigung, daß sie die Schwester Herrn Wuts sei, übergab ich ihr den Brief, worauf sie mich brummig einlud, ihr zu folgen und vielleicht auf eine Antwort zu warten. Wir kamen durch einen stockdunklen Raum, der, nach dem muffig-sauren Geruch zu schließen, eine Küche sein mußte, in ein armselig eingerichtetes Zimmer. Die Politur der Möbel war größtenteils abgewetzt, und große Sprünge durchzogen an vielen Stellen das Holz. Ich setzte mich auf das Geheiß der Frau auf einen wackligen Stuhl. Sie aber setzte sich, beim Fenster stehend, umständlich eine Brille auf und begann den Brief ihres Bruders zu lesen. Kaum hatte sie einige Zeilen herausbuchstabiert, als sie erregt ausrief: »Jetzn habn dö Luadan in armen Pepi a no am Gwissen!« Nachdem sie den Brief beendet, fragte sie mich, indem sie die Arme in die Hüften stemmte: »Was sagn S' zu so aner Gemeinheit von die Sauviecher? Ha? Passens auf, dö Bestien wem ihm no amal zgrundrichten, mein Bruadan. Aba da Pepi is a viel schuld an sein Malär, warum muaß a denn imma denan Mistviechan nochrennan! Was amal gschehn is, is gschehn! Wann a no so wild is, die klane Roserl macht a do net mehr lebendig, der arme Narr. Wissens, die Roserl war sei unehelichs Kind mit an Dienstmadl. Weil er no Gsell war und militärpflichti, habens net heiratn kennan, und do habns halt dös Bauxerl aufs Land zu aner Kostfrau gebn. Sei Madl hat sie um dös Kinderl gar net umgschaut. Aba mei Bruada hat 's zum Fressen gern ghabt und is bald alle Monat ins Waldviertel auffigfahrn zu sein Töchterl. Und denkens Ihnan, amol kriegt er a Telegramm von dera Kostfrau, er soll si' glei zammpacken und außikumman, a großes Unglück is gschehn. Der Pepi richt si Hals üba Kopf zamm und fahrt mitn nächstn Zug nauf; was glaubns, was 's ihm erzähln? Sein klan Roserl habn d' Ratzen 's Halserl zerbissen! D' Frau hat in d' Stadt aufs Steueramt müssen, und da Bua hätt derweil aufs Kind aufpassen solln. Der Mistbub laßt aber des drei Monat alte Bauxerl allani in Stall und geht mit seine Freunderln auf Gaudee. Wia d' Frau hamkummt nach a paar Stund, ruafts in Buam, suchts Kindl, in ganzen Häusl ka Spur von die zwa. Endlich gehts in Stall eina, husch – springen glei a paar Ratzen bei ihr vorbei. In an Eck sichts was Weißes, sie rennt draufzu und derkennt zu ihrn Schreckn die klane Rosl, voller Bluat, das Gsichtl und 's Halserl ganz zerbissen, 's hat si nimmer grührt, und wia nacher der Doktor kumman is, hat er a nix mehr tuan könnan. 's war scho tot. Mei Bruada geht wie bsoffen aufs Gricht, durtn is sei arms Kind zur Bschau glegn. Seit der Zeit hat's 'n packt. Wo a nur kann, macht a Jagd auf dö Rabenviecha, und 's glengan wohl kane dreihundert Stuck, die er scho gfangan hat. Vur zwa Jahr hat ihm a Onkel a paar hundert Kronen gebn; da hat a sie dö Werkstatt eingricht, a grad in an Haus, wo d' Ratzen am hellichten Tag umatanzen! Wann a wenigstens gheirat hätt, aber davon wüll a nix wissen. Seiner Ehmaligen gibt a nämli d' Schuld an den Unglück, der war do des Kind nur a Last, drum hat s' es recht weit weg von Wien in d' Kost geben. Aber jetzn hab i mi ganz vaplaudat, und mei Bruada wart' auf mi. Glei bin i ferti und geh mit Ihnan, mir kennen ja mit da Tramway fahrn.« Sie nahm aus ihrem Kasten einen altmodischen Hut und eine von Motten zerfressene, pelzbesetzte Jacke, und wir verließen die Wohnung, nachdem sie die Tür versperrt hatte. In der Tramway teilte sie mir mit einer Redseligkeit, die zu ihren harten, verschlossenen Zügen gar nicht paßte, mit, daß sie die Witwe nach einem Postunterbeamten sei und recht kümmerlich von ihrer kleinen Pension leben müßte, wenn nicht der Bruder ihr den Zins und noch außerdem Geld geben würde. »Der guate Mensch schimpft mi eh allaweil zamm, daß i in so ana Kalluppen wohn, aber wenig Geld, wenig Musik. Und i wüll halt net auf meine alten Tag von dera Wohnung ausziachn, wo i mit mein Gottseligen fünfzehn Jahr gwohnt hab! Segns, mei Bruada is so viel a guata Mensch, und grad ehrm muaß a so a Unglück treffn: manchmal kennt ma scho wirkli an dem durt obn zweifln!« Von der Haltestelle, wo wir ausstiegen, waren es nur mehr wenige Minuten zur Wohnung des Meisters, für den ich jetzt ein großes Mitgefühl empfand. Während ich an meine Arbeit ging, stieg die Schwester zu Herrn Wut hinauf. Knapp vor Beginn der Mittagstunde kam sie zu uns in die Werkstätte und teilte uns mit, daß Herr Wut einen komplizierten Bruch hätte und in ein Spital übergeführt werden müsse. Der Doktor wolle für eine Behandlung daheim die Verantwortung nicht übernehmen. In der Abwesenheit ihres Bruders werde sie die Beaufsichtigung der Werkstätte übernehmen und einen tüchtigen Zuschneider als Vertreter ihres Bruders aufnehmen. Am Nachmittag wurde der Meister in einem Einspänner ins Allgemeine Krankenhaus transportiert. Als Frau Scheidl, so hieß die Schwester, in die Werkstätte zurückkam, setzte sie sich zuerst in den Vorraum neben die Schneidemaschine und versenkte sich mit großer Andacht in die Lektüre des Wiener Extrablattes. Aber sie mußte sich dort wohl zu einsam fühlen, denn bald setzte sie sich zu uns herein und begann ohne weiteres aus der Zeitung vorzulesen. Sie fing mit den Tagesneuigkeiten an und hörte mit der fünfhundertachtzigsten Fortsetzung des Wiener Originalromans »Die Greislerstochter vom Spittelberge« auf. Da mein Heftmaschinengeklapper die Vorlesung gestört hätte, leimte ich unterdessen Pappendeckel auf Holzrahmen, wie sie für die Postkartons vorbereitet waren. Am nächsten Morgen stand bei der Zuschneidemaschine ein junger, kräftiger Bursche, wohl um einen Kopf größer als ich und mit scharfgeschnittenem Gesicht, das einen offenen, intelligenten Ausdruck zeigte. Auf meinen befangenen Gruß setzte er die Ölkanne nieder, machte einige Schritte auf mich zu und schaute mich freundlich an: »Servas, i bin da neuche Zuschneida und haß Ludwig Aschenbrenner. Wia haßt denn du?« »Alfons Petzold.« »Is dös a schener Name. Alfons, so haßt ja der spanische König! Bist a Weana?« »Jo, a Ottakringer.« »Und i a Hernalser; da müaß ma uns guat vatragn, als Nachbarn. Gel?« »Ja ja, i hab nix dagegn!« Und ich schlug in seine braune Hand, in der die meine wie ein Nägelchen in einem Schraubstock verschwand, und mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz über diesen Druck aufzuschreien. So schnell diese Freundschaft geschlossen wurde, ich hatte sie nie zu bedauern. Von diesem ersten Händedruck an hing Ludwig Aschenbrenner mit eiserner Treue an mir. Von seiner fröhlichen Erscheinung wird in diesem sonst eher traurigen als lustigen Buch oft die Rede sein. Aber vorher will ich noch die Geschichte des Ratzenpepi zu Ende erzählen, dessen Rückkehr aus dem Spital weder ich noch Ludwig in seiner Werkstätte erlebten. Diese wurde nämlich wenige Wochen nach seinem Unfall auf Drängen der Gläubiger geschlossen. Als ich am Abend unseres letzten Arbeitstages von der Schwester des Meisters den Lohn und mein Arbeitsbuch eingehändigt bekam, sagte diese in verzweifeltem Ton: »Sehgns, jetzt habn ihm die Ratzn sei Gschäft a no ruiniert. Wer waß, was 's ehrm no antun wem, die Kanaillenviecher!« Jahre waren seither vergangen. Da schleppte ich eines Tages im Dienste einer Buchdruckerei einen mit Drucksorten vollbepackten Wagen eine steile Straße hinauf. Der Junihitze wegen, die auf der Nachmittagsstunde lag, war außer einigen Kindern, die im Schatten einer Holzplanke spielten, kaum ein Mensch zu sehn. In der Ferne leuchteten aus dem glasigen Dunst die Rohziegelmauern einer Fabrik, meines Ziels. Vor einem der letzten Häuser in der Straße, die dann, von Holzplätzen und graugrünen Schutthalden eingesäumt, in ein hügeliges Wiesenland mündete, machte ich halt, um auszurasten, kaufte mir in einem Greislerladen eine saure Gurke und verzehrte diese auf der Wagenachse sitzend. Auf einmal hörte ich vor mir ein schrilles Johlen, Schreien, Lachen. Ein Zug von Kindern kam auf mich zu und tanzte um einen Mann herum, der eine tote Ratte beim Schwänze hielt. Ein blödes Lächeln umspielte sein Gesicht, das von einem blonden Barte wild umwuchert war. Wenn die Rufe der Kinder wie »Ratzenpepi, is dös dei Jausn?«; »Hurra, da Ratzenpepi hat an Hasn gfangt!«; »Ratzenpepi, in Ameisenbach gibt's zwa Meter lange Ratzen!« und so weiter gar zu arg wurden und sie ihn mit der Grausamkeit ihrer Jahre mit kleinen Steinchen bewarfen oder an seinen Rockschößen zerrten, blieb er einen Augenblick stehen, um mit geiferndem Munde eine fast unverständliche Ansprache an seine Quälgeister zu richten; ich konnte aber doch die Bitte daraus hören, ihn doch ungestört heim zu seinem Roserl laufen zu lassen, da diese sehnsüchtig der toten Ratte harre. Er schlürfte weiter und hatte nur einen Wunsch, seine Jagdbeute vor den Gertenhieben der besonders frechen Buben zu bewahren. Ich hatte in dem verwahrlosten Blödsinnigen meinen ehemaligen Meister Joseph Wut erkannt. Seine Schwester hatte recht behalten: auch er war ein Opfer der Ratten geworden, der Haß hatte seinen Geist zerstört. Nur war er jetzt glücklicher als ehedem, denn er bildete sich ein, daß sein Kind daheim seiner warte; sein Roserl, das in Wahrheit längst in der Ecke eines Dorffriedhofs verscharrt und vermodert lag. Meine Mutter hatte durch die Fürsprache eines ihr gewogenen Armenvaters eine Stelle als Wartefrau in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt erhalten. Diese befand sich auf einem großen Marktplatz in Rudolfsheim, in dessen Nähe eine der bedeutendsten Straßen Wiens ihren gewaltigen Verkehr vorbeischob, weshalb meine Mutter von fünf Uhr früh bis spät in die Nacht viel zu tun hatte. Ohne Rücksicht auf ihr zunehmendes Alter und ihre Gebrechlichkeit nehmen zu dürfen, mußte sie täglich schon nach vier aufstehen und den weiten Weg zu ihrem Arbeitsort zurücklegen, der über die unsichere und angeblich alles mögliche Verbrechergesindel beherbergende Schmelz führte. In der Anstalt befand sich, eingekeilt zwischen den Blechkabinen, ein winziger Raum, der durch einen engen Schacht von oben etwas Licht und Luft empfing. Hier saß meine Mutter neben einem kleinen Tischchen, wenn sie gerade auf kurze Zeit keine Arbeit hatte; trotz Wasserspülungen und Ventilen war die Luft durchtränkt von den widerlichen Gerüchen, und es war nicht gerade der angenehmste Aufenthalt für eine alte, von Arbeit und Elend zermürbte Frau, wie meine Mutter es war. Trotzdem war sie zufrieden, brachte ihr der Dienst doch für unsere Verhältnisse viel Geld ein. Der ausgesetzte Taglohn war zwar sehr gering, wurde aber durch Trinkgelder meist um das Dreifache erhöht. Es waren nur die Quälereien der Gassenjungen, die meiner Mutter das Leben sauer machten und sie oft ganz zur Verzweiflung brachten, denn diese suchten sich gerade die Anstalt und ihre Hüterin zum Hauptziel ihrer Streiche aus. Fortwährend rissen sie die Türen auf, warfen Steine und Unrat in die Kabinen, spannten dunkle Schnüre vor die Ausgänge, damit die Leute darüber stolperten. Aber wäre dies der einzige Unfug geblieben! Sie warfen ja auch alle Augenblicke eines der teuren Milchglasfenster ein und ritzten unflätige Worte in die Blechwände ein, so daß meine Mutter oft von dem inspizierenden Kontrolleur zur Rede gestellt und ihrer anscheinenden Unachtsamkeit wegen gerügt wurde. Vergebens versuchte sie die Rangen zu bessern und war sie Tag und Nacht auf der Lauer, um die jugendliche Zerstörungslust mit Besen und Scheltworten zu bekämpfen. Die Buben höhnten ihr nur ins Gesicht und dachten sich neue Streiche aus. Vor den schulfreien Nachmittagen fürchtete sich meine Mutter wie ein Verurteilter vor dem Dunkelarrest mit Wasser und Brot. Da rückte ihre Landplage in wahren Heerzügen heran, und nur das Erscheinen eines Wachmannes konnte den Übermut der verwahrlosten Jugend dämpfen. Sonntags und in den Abendstunden am Werktage beschützten ich und mein Freund Ludwig, der sich innig an mich angeschlossen hatte, die verzweifelt auf unser Erscheinen harrende Mutter. Dann gab es meist ein kleines Strafgericht in Form von wahllos ausgeteilten Ohrfeigen, Schopf- und Ohrbeuteleien. Es war für Ludwig und mich dieses abendliche Beschleichen und Bestrafen der Missetäter schon eine Art Sport geworden; List wurde gegen List gesetzt, Gewandtheit gegen Gewandtheit. Der herbstliche Nebel kam uns dabei sehr zustatten und auch die Erinnerung an ähnliche Streiche unserer Knabenzeit und die dabei gewonnenen Erfahrungen half uns in trefflicher Weise, die Schuldigen ausfindig zu machen und zu bestrafen. Bald waren wir beide, obwohl selbst noch fast Kinder, bei der Gassenjugend der Marktgegend über alle Maßen gefürchtet. Besonders, als Ludwig eine Horde von Lehrbuben, die ihre jüngeren Brüder an uns rächen wollten, arg verprügelte und in die Flucht jagte, kamen wir in den Ruf grausamster Unerbittlichkeit, was meiner Mutter schließlich auch sehr zustatten kam. Von nun an hielten sich die Rangen meist in respektvoller Entfernung, wenn auch der eine oder andere es sich nicht versagen konnte, uns ein paar kleine Steinchen nachzuwerfen oder mir wegen meines rotblonden Haares folgendes, damals unter der Gassenjugend sehr beliebte Spottlied nachzusingen: Roter roter Ging – Ging – Ging/Feuer brennt in Ottakring / Feuer brennt in Wahring, / bist a roter Haring. Sie sangen das schöne Lied wohl Dutzend Male und schnitten dabei die lieblichsten Grimassen. Diesmal hatte es der Winter sehr eilig. Schon Ende Oktober flockte der Schnee auf die mißmutig erstaunte Stadt herunter, und in den ersten Novembernächten gab es schon glitzernden Frost an den Fenstern. Ich hatte eine Saisonbeschäftigung in einer Kunstblumenfabrik gefunden. Für sechs Kronen wöchentlich Entlohnung lief ich zehn Stunden jedes Tages mit einem Platzvertreter alle möglichen Modewaren- und Modistengeschäfte ab, auf dem Rücken drei mächtige Holzschachteln, in denen sich die Muster befanden. Freund Ludwig dagegen war Kutscher in einer großen Kartonagenfabrik geworden und plagte sich mit einem widerspenstigen Gaul ab, der in jedem Tramwaywagen einen gefährlichen Feind erblickte und von Zeit zu Zeit die abenteuerlichsten Sprünge machte. Jeden Abend trafen wir uns nun pünktlich an einer Straßenkreuzung und gingen dann zur Arbeitsstätte meiner Mutter hinaus, wo wir dann bis zur Stunde der Schließung blieben, um gemeinsam den Heimweg über die unwirtliche Schmelz zu machen. Im Keller der Bedürfnisanstalt hatten wir uns dicht beim Ofen ein warmes Plätzchen gemacht, und so verbrachten wir die Zeit bis zehn Uhr beim Schein einer Kerze meist lesend, wenn wir nicht meiner Mutter eine oder die andere Arbeit abnahmen. Da gab es Messing- und Nickelteile zu putzen oder schadhaften Dichtungen in der Wasserleitung nachzustöbern, welch letztere Beschäftigung ich meist Ludwig überließ, der ein Tausendkünstler war und mit Vorliebe in alle möglichen Berufe hineinpfuschte. So besohlte er sich selbst die Stiefel, flickte höchst kunstgerecht seine Kleider, zimmerte ganze Möbelstücke mit der herrlichsten Holzmaserung und flocht Vogelkäfige aus Draht. Pferde beschlug er wie ein Schmied, und kein Stückchen Holz war vor ihm sicher, denn er schnitzte aus jedem brauchbaren und unbrauchbaren Holz Figuren, die er recht lebensgetreu bemalte. In der kleinen Wohnung seiner Eltern hatte er eine Ecke zu seiner Werkstätte hergerichtet. Da hing über einem roten Holztisch, auf dem eine Unzahl von Leim- und Farbentöpfen stand, ein Sammelsurium der verschiedensten Werkzeuge. Als ich diese einmal voll Bewunderung für meinen vielseitigen Freund betrachtete, sagte sein anwesender Vater, ein von den Sorgen des Lebens ausgepreßter, frühzeitig gealterter Mann, mit einem frohen Aufglimmen in den erloschenen Augen und einem Restchen bewußten Stolzes: »Ja, der Wickerl, dös is a Kampel! Der baut no amol a Later für d' armen Leut zum heilign Petrus aufi!« Wären seine Eltern nicht so arm gewesen – als ich sie kennenlernte, war der Vater provisorischer Straßenkehrer mit zehn bis fünfzehn Kronen Wochenlohn, indes die Mutter mit Waschen und Scheuern so viel verdiente, wie der Zins für die Wohnung, zwei feuchte Löcher, ausmachte –, so hätten sie ihren Sohn sicher ein Handwerk lernen lassen, in dem er es ohne Zweifel zur Künstlerschaft gebracht hätte. Er war auch sehr musikalisch, blies meiner Urteilskraft nach meisterhaft Okarina, klimperte auf einer altersschwachen Gitarre alle Lieder, die er nur je gehört hatte, und spielte auf dem Maurerklavier, wie der Wiener die Ziehharmonika nennt, mit der Virtuosität eines Heurigen-Musikers. Sein Luftschloß, an dem zu bauen er nicht müde wurde, war der Besitz einer chromatischen Harmonika, auf der er nach Noten spielen lernen könnte. Um dieses Ziel einst zu erreichen, sparte er sich jede Zigarette vom Munde ab, trank er keinen Tropfen Alkohol und legte er Kreuzer auf Kreuzer in seine Sparbüchse. Hörte er aber dann eines Tages, wie sich seine Mutter ein Paar warme Hausschuhe wünschte oder sein Vater eine neue Pfeife, so ging er hin und gab sein sauer erspartes Geld freudig für diese Dinge aus. Anderen helfen oder Freude bereiten war seine primitive Religion. Meinen Freund hatte von frühester Kindheit an das drückendste Elend umgeben – er saugte es mit der spärlichen Milch seiner Gebärerin ein. Graueste Not bedrohte beständig sein Leben, und wenn er nicht an den Abfallstätten der Märkte einiges fand, um seinen Hunger zu stillen, so mußte er sich eben hungrig zu Bett legen. In den schmutzigsten Winkeln der äußersten Vorstadt, wo Verwahrlosung keine körperliche Sünde mehr ist, weil die Armut den Leib nicht mehr schützen kann, zwischen Prostituierten allerletzter Sorte und verkrochenen Verbrechern wuchs er auf und wurde trotz alldem ein – Christ im Geist und körperlich ein schöner Jüngling mit athletischem Wuchs. Da meiner Mutter der lange Weg zu ihrem Arbeitsort immer beschwerlicher wurde, reichte sie bei der Gesellschaft, die die Bedürfnisanstalten von der Gemeinde Wien gepachtet hatte, ein Gesuch um Versetzung in eine unserm Wohnort näher gelegene Anstalt ein, was ihr auch bewilligt wurde. Der neue Ort ihrer Tätigkeit lag im Wildwestbezirk Wiens, in Ottakring, an der Grenze eines Parkes. Hier verdiente meine Mutter allerdings viel weniger als in Rudolfsheim, und das viele Trinkgeld, das dort die demütigende und harte Arbeit einigermaßen belohnte, blieb ganz aus. Die Leute, die hier eintraten, waren ja meist Arbeiter, die schon in der Entrichtung der Gebühr von sechs Hellern meist eine ungerechte Steuer sahen. Auch lag die Anstalt in einer Straße, die nur zur Zeit des Arbeitsschlusses und -beginnes von vielen Menschen belebt, sonst aber sehr einsam war. Es war Mitte Dezember, als meine Mutter hier ihren Dienst antrat. Der Raum, in welchem sie sich meist aufzuhalten hatte, war eiskalt, da die Gesellschaft für diese passive Geschäftsfiliale keinen Koks liefern wollte. So saß sie, die Füße in wollene Fetzen eingewickelt und den übrigen Körper mit so vielen Kleidungsstücken bedeckt, als sie auftreiben konnte, in ihrer Kabine und erwartete trotzdem vor entsetzlicher Kälte zitternd die Sperrstunde, die mit zehn Uhr festgesetzt war. Meistens war sie dann ganz steif, konnte kaum ein Glied bewegen und klagte über arge Schmerzen in ihrem kranken Arm. Das einzige, was ihr ein wenig gegen die furchtbare Kälte half, war nach ihrer Meinung schwarzer Kaffee mit Rum, welcher Mischung sie immer leidenschaftlicher zuzusprechen begann. Mit Schrecken bemerkte ich die wachsende Vorliebe meiner Mutter für geistige Getränke, und ich versuchte vergebens ihr entgegenzuarbeiten. Machte ich ihr Vorstellungen, bat ich sie auf das liebevollste, doch eher Milch in den Kaffee zu tun statt Rum, oder, wenn sie schon durchaus Alkohol trinken mußte, sich eher ein Glas Wein zu kaufen, So schalt sie mich lieblos und undankbar und hielt mir vor, daß sie in ihrem Alter doch trinken dürfe, was ihr beliebte. Ich schwieg darin traurig, um sie nicht noch mehr zu erregen, und litt furchtbar unter der Vorstellung, meine Mutter immer mehr dem Alkohol verfallen zu sehen. Als ich deshalb einmal meine Mutter überraschte, wie sie aus einem Fläschchen einen Rum trank, wußte ich nicht, was ich aus Verzweiflung über diese schreckliche Entdeckung tun sollte. Tagelang ging ich verstört, wie unter der Last einer geheimen großen Schuld umher, und ich verbrachte halbe Nächte schlaflos im Ansturm der quälenden Gedanken, die sich alle um die beginnende Trunksucht meiner Mutter drehten. Auf der dunklen Wand der Nacht erschienen mir die Gestalten Betrunkener, die mir im Leben begegnet waren, in ihrer ekelerregenden und bedauernswerten Lächerlichkeit. Wie sie aus Branntweinläden heraustorkelten, angespien, tierische Laute grölend und die nüchterne Welt mit entsetzt aufgerissenen Augen anglotzend, während diese sie verachtete und verspottete. Ich sah sie alle vor mir, diese armen hilflosen Sklaven einer Leidenschaft, die diesen schillernde Wunder vorgaukelt und nichts hält von allem, was sie verspricht. Ich sah sie tiefer sinken als die Tiere und sah sie zum Bett der Mutter herüberwinken. Ich hörte ihr einladendes Geflüster: Komm, schließ dich uns an, auch du brauchst das, was wir vom Alkohol erhoffen: Vergessenheit, Kraft für die alten, verbrauchten Knochen, einen Ersatz für das Glück, um welches uns das Leben betrog. Komm, der Alkohol wartet ungeduldig auf dich! Sieh, er hat Säcke voll Ruhe, Kisten voll Vergessen und Kasten voll der seltsamsten Freuden für dich. Und er verlangt so wenig für seine Schätze. Seine Gaben sind auch uns Armen zugänglich, obwohl viel Reiche nach seiner Gunst streben. Komm nur, trinke dir die Seligkeit, die er deinem erschöpften, mißbrauchten, traurigen Körper gibt, hinein! Er ist der Gott der Armen und gibt ihnen schon auf Erden den Himmel. Komm darum, du geplagteste unter den Frauen! So riefen die herumtorkelnden, im Straßenkot kriechenden, von Kindern grausam verhöhnten, von den Erwachsenen verachteten Gespenster vor meiner zerquälten Seele der unruhig schlafenden Mutter zu, die keine Ahnung von dem Leid hatte, das ihr Sohn ihretwegen litt. Sie wäre sogar sehr erstaunt gewesen, hätte sie davon gewußt, hätte doch jeder andere die Sache als ganz harmlos angesehen, da sie sich bis dahin ja stets in den Grenzen des Erlaubten bewegt und keinerlei Ausschreitungen hatte zuschulden kommen lassen. Aber meiner zärtlichen Ängstlichkeit für die Mutter waren schon die paar Tropfen Rum ein böses Vorzeichen, und ich zergrübelte mir den Kopf, wie ich es anstellen sollte, den Alkohol oder wenigstens den Schnaps aus dem Tageskonsum meiner Mutter zu drängen, ohne deren Empfindlichkeit zu verletzen. Hätte ich diese mich zermürbende Sorge einem zweiten Menschen anvertrauen können, um mich mit ihm zu beraten! Eine leichtverständliche Scheu hielt mich aber davon ab, selbst meinem getreuen Ludwig ein Wort darüber zu,verraten. Freilich, meine plötzliche Einsilbigkeit und mein zerstreutes Wesen mochten ihm bald genug auffallen; er hielt aber eine Schwärmerei für eine Kunstblumenarbeiterin für den Grund meiner Veränderung und neckte mich ausgiebig damit. Ich ließ ihn bei diesem Glauben und war ängstlich bestrebt, eine. Entdeckung seinerseits, zu verhüten. Eine große Scham über dieses beginnende Laster meiner Mutter brannte in mir. Wenn ich des Abends nun mit meinem Freund die Zelle betrat, war es mein erstes, die Luft mit der Nase einzuziehen und so zu wissen, ob sie nicht nach Alkohol roch. War dies der Fall, dann. schaute ich ängstlich auf meinen Freund, ob er es auch gemerkt habe. Doch seine Mienen zeigten nie ein unliebsames Erstaunen, und auch sonst hörte ich nie ein Wort, das mich drauf hätte schließen lassen, er beschäftige sich mit dem Trinken der Mutter. Vielleicht war ihm die Alkoholatmosphäre vertrauter als mir und legte er dieser Leidenschaft auch weniger Bedeutung bei als ich, war er doch neben einem notorischen Säufer, seinem Vater, aufgewachsen, indes sein Schwager, der mit seiner Frau bei ihm wohnte, ein polizeibekannter Quartalssäufer war. Die Kälte wurde in diesem Jahr immer ärger. Die Mutter wußte nicht mehr, wie sie sich halbwegs vor ihr schützen sollte. Das heißeste Wasser fror unter der scheuernden Hand an den Wänden und Fenstern, die sie reinigen sollte, und meine Mutter kaufte von dem kargen Trinkgeld selbst Holz und Kohle, um sich einigermaßen vor dem Erfrieren zu schützen. Vorstellungen bei den Kontrollorganen erzielten nur ein bedauerndes Achselzucken, und so verbrachte die Mutter die Zeit bis zur Weihnachtswoche in dieser sibirischen Kälte, nicht einmal notdürftig vor ihr bewahrt. Da bekam sie eines Tages Fieber und arge Heiserkeit, gegen die Halsumschläge und heiße Limonade nichts helfen wollten. Als wir sie am Heiligen Abend nach der Arbeit abholen wollten, war sie sehr schwach und fiel in Ohnmacht, und wir brachten sie zu Tod erschrocken nach Hause, wo wir sie ins Bett legten. Wir hatten uns alle so sehr auf diesen Abend gefreut, denn Ludwig wollte ihn mit uns verbringen; seine Eltern waren die ganze Nacht auf dem Fischmarkt beschäftigt und konnten das Christfest erst am nächsten Tag feiern. Nun war alles ins Wasser gefallen, denn der Armendoktor, der nach drei Stunden einen Sprung in unsere kleine Kammer machte, stellte nach flüchtiger Untersuchung eine gefährliche Halsentzündung mit Diphtheriegefahr fest. Nun blieb unser kleines Fichtenbäumchen unangezündet in der Ecke stehen. Ludwig war nicht zu bewegen, nach Hause zu gehen, und wollte mich auch in dieser Nacht, die doppelt traurig war, weil ringsum selbst bei den ärmsten Leuten die fröhliche Weihnachtsstimmung herrschte, nicht allein lassen. So saßen wir bei abgedämpftem Lampenlicht in der Nähe der Kranken, die, nur halb bei Bewußtsein, seltsame unzusammenhängende Worte sprach und manchmal schmerzlich aufstöhnte. Als hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser die Kerzen an den Christbäumen aufleuchteten, zündete Ludwig hinter dem Rücken der Mutter auch eine Kerze an, neben der in einem Flaschenhals ein Tannenreisig steckte, und legte zwei Pakete neben sie. Es waren seine Geschenke für meine Mutter und mich. Diese erhielt ein Paar warme Hausschuhe, indes meine Weihnachtsgabe aus einem hübschen Notizbuch bestand. Nun holte auch ich mein Geschenk für ihn, eine Schachtel Zigaretten, hervor, dann zerlegten wir zwei Heringe und kochten uns einen Tee, den wir mit Zitronensaft tranken. Die Mutter erhielt Milch eingeflößt. So feierten wir Weihnachten. Da wir in der Stube nicht rauchen wollten, gingen wir zu dem Zweck abwechselnd auf den Gang hinaus, die andere Zeit hockte ich bei der Mutter, um ihr Umschläge auf den Hals und die fieberglühende Stirn zu machen, wie der Arzt verordnet hatte. Ludwig saß beim Tisch und war in die Abenteuer Winnetous versunken. Um Mitternacht bereiteten wir uns das Bett auf dem alten Sofa und suchten es abwechselnd auf. Aber während Ludwig in ruhigen Atemzügen schlief, bis die Zeit zur Ablösung kam, konnte ich vor banger Sorge um das teure Leben meiner Mutter kein Auge schließen und war froh, als der erste Schimmer Morgenlichts durch das Fenster hereindrang. Zu meiner großen Freude schien es meiner Mutter besser zu gehen, sie erkannte uns wieder und freute sich über die schönen Hausschuhe und das Schultertuch, das mein Christgeschenk für sie war. Nur reden konnte sie nicht, ohne große Schmerzen im Hals zu empfinden. Auf ihr Geheiß machte ich Tafelöl warm und gab es ihr mit etwas Zucker ein, während ich eine Unschlittkerze auf Leinwand zerreiben und diese ihr um den Hals binden mußte. Sie war der festen Hoffnung voll, dies würde sie bald gesund machen, denn sie schwor auf die bewährten Hausmittel. So schnell, als sie es sich gedacht hatte, ging es aber nicht, und sie mußte beinahe vierzehn Tage im Bett zubringen. Eine mitleidige Nachbarin, die selbst ein Rudel Kinder und einen Mann zu versorgen hatte, brachte ihr, da ich tagsüber durch meinen Beruf von Hause ferngehalten wurde, aus einer nahen Volksküche das Mittagessen und kochte ihr auch den Jausenkaffee, während abends Ludwig und ich unsere Kochkünste versuchten. Zum Glück war meine Mutter im Genuß eines Krankengeldes, sonst wäre es uns während ihrer Krankheit schlecht ergangen. Meine Entlohnung war ja so gering, daß sie kaum auf die Schuhe langte, die ich im Dienst meiner Firma auf dem Wiener Straßenpflaster zerriß. Als meine Mutter wieder aufstehen durfte und ihren Dienst aufnehmen wollte, fand sie die Stelle von einer anderen Frau besetzt. Die Firma hatte es nicht der Mühe wert gefunden, die Mutter, die in ihrem Betrieb erkrankt war, davon zu benachrichtigen. Im Büro der Gesellschaft fertigte man sie im Vorzimmer ab, das heißt, der Direktor schickte ihr durch einen Diener den Trauungsschein nebst einem kurzen Zeugnis heraus und ließ ihr sagen, er könne sie nicht mehr brauchen, sie solle in eine Versorgungsanstalt gehen. Abends fand ich meine Mutter weinend im Dunkel sitzen. Ein durchdringender Schnapsgeruch, der mir entgegenschlug, und ihr unzusammenhängendes Lallen zeigten mir an, daß meine Befürchtungen eingetroffen waren. Meine Mutter hatte sich berauscht. * Diesen Winter hungerten wir wie die Hunde in Konstantinopel. Wohl war die Mutter eifrigst bestrebt, durch Waschen und Scheuern etwas zu verdienen, aber oft verging eine halbe Woche, ohne daß jemand ihrer bedurfte. Es waren meist verwitwete Arbeiter oder auch Eheleute, die tagsüber einer Beschäftigung nachgingen, die sonst meiner Mutter um ein paar Kreuzer die Reinigung der Wohnung und Wäsche übertrugen. Dieses Jahr schienen die Leute aber selbst diese geringe Summe sparen zu wollen, denn wo die Mutter auch anfragte, fast überall wies man sie ab. Auch war dieser Winter in wirtschaftlicher Hinsicht schlecht bestellt. Ein außenpolitischer Einfluß beeinträchtigte den allgemeinen Geschäftsgang. Viele Fabriken arbeiteten mit der Hälfte ihres sonstigen Personals, und die Neubauten waren wegen der grimmigen anhaltenden Kälte eingestellt worden. In jedem Beruf gab es eine erschrecklich große Anzahl von Arbeitslosen. Das Elend der unteren Volksschichten stieg wie sonst nur in Kriegs- und Mißerntejahren. Die Tagesblätter waren voll von den Tragödien des Hungers und Frostes. Vor den Wärmehallen stauten sich breite Massen schutzsuchender Menschen, und vor den Asylen für Obdachlose gab es blutige Kämpfe. Dabei johlte nicht weit davon der Fasching durchs Land und strömte ausgelassenste Festfreude aus den überfüllten Ballhäusern. Wenn ich so des Abends unserer Kammer zuschritt, wo die Mutter hungernd und steif vor Kälte auf mich wartete, indes auch in mir ein unstillbarer Hunger bohrte, wie beneidete ich die Menschen, die warm bekleidet und wohlgenährt scherzend und lachend in die hellerleuchteten Häuser traten, über denen in verführerischen Worten zu lesen war, daß man dort ausgezeichnet essen und trinken und sich überhaupt recht wohl fühlen könne. Ich blickte nachdenklich und frierend in die mit Pelz und flaumigen Decken ausgeschlagenen Wagen, die vor den lichtüberfluteten Palästen in langen Reihen standen, und sah wohl auch durch die Eingänge in prächtige Hallen, wo feine Damen und Herren in Zylinder und Lackschuhen auf und ab promenierten. Auf den Plakaten stand: »Gesang und Tanz die ganze Nacht.« Aber plötzlich stieg in meinem Hirn die Erinnerung an eine kleine Notiz in der Zeitung auf: »Ein Obdachloser auf einem Misthaufen erfroren.« Dann griff ich mir wohl schauernd an den Kopf und eilte verworrenen Sinnes meinem Heim zu. Ende März wurde ich des Saisonschlusses halber entlassen, und nun wußten wir nicht mehr ein noch aus. Jeden Tag wanderte ein anderer Gegenstand unserer armseligen Einrichtung zum Trödler; aber der Erlös reichte meist kaum für das Brot, das beinahe unsere ausschließliche Nahrung bildete. Auch Ludwig war in dieser Zeit nicht glücklicher als wir, denn er hatte seinen Kutscherposten verloren. Ein Vorgesetzter hatte dem Mädchen, das Ludwig liebte, in ungehöriger Weise zu nahen gesucht, und dieser hatte dem Mann eine Ohrfeige dafür gegeben, was ihm die Entlassung eintrug. So kam die Osterwoche mit schönstem Sonnenschein und fand uns hungernd und unzufrieden mit unserm Schicksal. Tags vorher hatten wir den letzten verkäuflichen Gegenstand, einen alten Vogelkäfig, beim Eisenhändler »vergitscht«. Von den zwei Nickelmünzen, die wir dafür bekamen, war nicht ein Heller mehr übrig und ebensowenig von dem altgebackenen Brot, das wir dafür eingetauscht hatten. Nach einem Rundgang durch die halbe Stadt, auf dem wir nach Arbeitsgelegenheit gesucht hatten, waren wir betrübt und gedemütigt heimgekehrt. Wir saßen uns wortkarg gegenüber, indes die Mutter trübselig den schon ganz grau gekochten Kaffeesud zum sechstenmal aufgoß. Schließlich raffte sich Ludwig mit einem energischen Hinstoßen seiner Fäuste über die Tischplatte auf und sagte, das Resultat seiner mürrischen Nachdenklichkeit in einem beinahe fröhlich klingenden Ausruf zusammenfassend: »Jetzn gehn ma Vögel fangen, weil so a schöns Wetter is!« Ich blickte ihn unwirsch an und brummte: »Mach kane Witz! Muaßt jo a Gas kitzln, daß s' lacht!« Jetzt grinste Ludwig über das ganze Gesicht. Seine Sorgen schienen alle beim Fenster hinausgeflogen zu sein: »Wannst a Gstanzln schreibn kannst, manchsmal is mei Spiritus a so vüi wert wia da deinige! Jetzt is d' Masenzeit, wo d' Viecherln zum Paarln anfangen und ganz damisch san vor lauter Liab! So hamli sans, daß mas mit ana Tupfgertn derwischen kann. I kenn an Vogelkrama, der zahlt zwa Schuß für a Mandl. I hab no zwa Kreiza, da kauf i an Vogelleim. Frau Muatta, wann ma Glück habn, gibt's auf d' Nacht backene Roßsafaladi!« Meine Mutter, an die diese letzten Worte gerichtet waren, schaute ihn entrüstet an. »Aba, Ludwich, Se wärn doch nich so arme Tierchen fangen, die können doch nichts, dafür, daß wir hungern«, meinte sie bekümmert und fügte besorgt hinzu: »Und wenn euch 'n Gendarm ertappt! Die Schand! Ne, Alfons, das könntn wa noch brauchen! Vielleicht find ich doch noch was zum Verkloppen.« Und sie suchte mit ihren kurzsichtigen Augen die von der Not geplünderte Stube noch einmal ab. Aber da war nichts mehr zu finden, was sich noch halbwegs zum Verkaufen geeignet hätte. Von dem warmen Federbett der Mutter bis zu den letzten abgegriffenen Heften der Hintertreppenromane war schon alles zum Trödler gewandert. Unterdessen hatte ich mich mit dem Vorschlag Ludwigs etwas näher befaßt, so abenteuerlich er mir anfangs vorgekommen war. Gar so phantastisch war er ja eigentlich nicht! Ich dachte an einige arbeitsscheue Burschen, die ich kannte und die in Ausübung des verbotenen Vogelfanges einen Haufen Geld verdienten. Und dann: Not bricht Eisen. Sie beschwichtigte auch meine Angst vor der Polizei und gewann mich schließlich ganz für das Unternehmen. So half ich Ludwig, meine ängstliche und gutherzige Mutter zu beschwichtigen und ihre Zustimmung zu gewinnen, und wir erreichten endlich, daß sie mit einem resignierten »Wer nicht hören will, muß fühlen« zu ihrem Kaffeetopf zurückkehrte und uns unserm Schicksal überließ. In Eile beschafften wir den Vogelleim und zogen dann in den Dornbacher Wald. Innen wärmte uns der Jagdeifer, außen die liebe Sonne, die es an diesem Tag ganz außerordentlich gut mit der Welt meinte. Alles hatte ein so frisches Äußeres, glänzte fröhlich in den beginnenden Frühling hinein, und wir wären vielleicht die fröhlichsten Burschen der Welt gewesen, wenn unsere Eingeweide nicht gar so leer und unser Hunger geringer gewesen wäre. Besonders Ludwig wurde immer heiterer und fing einen Marsch nach dem anderen zu pfeifen an, was er meisterhaft verstand. Im Walde wichen wir bald von den meistbegangenen Wegen ab, und wenn mich mein knurrender Magen nicht an den Zweck unseres Spazierganges gemahnt hätte, hätte ich mich am liebsten mit Blumenpflücken abgegeben, denn der Waldboden war bedeckt mit Leberblümchen und Primeln. So aber schnitten wir uns von einem Erlenstrauch jeder eine biegsame Rute ab und bestrichen sie einen Viertelmeter vom Ende ab mit Vogelleim. Vorsichtig pirschten wir uns durch das nackte Gehölz auf die Meisen zu, die laut und keck feilend vor uns von Ast zu Ast hüpften und uns oft auf Armeslänge nahe kommen ließen, um dann mit einem schadenfrohen Vogelgelächter aus dem Bereich unserer Fanggerten zu entwischen. Die Sache war lange nicht so einfach, wie es mir mein Freund vorgemacht hatte. Die kleinen gelbschwarzen Teufelchen mit der weißen Halsbinde waren von einer ungeheuren Flinkheit; wenn ich einer von ihnen noch so sicher war, im letzten Augenblick huschte sie kichernd auf einen anderen Zweig. Immer wieder schlug ich ins Leere hinein und fing statt des Vogels ein dürres Blatt oder eine Baumspinne. Ich war schon in Schweiß gebadet, meine Hände waren ganz zerkratzt, und auf der Stirn trug ich eine tüchtige Beule von einem Sturz davon. Dabei lebte ich in steter Angst vor dem Wachmann, Jagdaufseher oder Finanzer und schwor in meinem Innern, meinen Freund nie wieder auf einer so gefährlichen und schwierigen Exkursion zu begleiten. Leider konnte ich meinen Unmut nicht an ihm auslassen, da er ein gutes Stück von mir entfernt jagte. Wahrscheinlich hatte auch er bis jetzt nicht mehr Glück gehabt als ich, denn sonst hätte er mir längst in einem Siegesgeheul das Gegenteil erzählt. Plötzlich aber – ich hatte mich eben wütend von einem Sturz über einen Baumstrunk erhoben – tönte die blanke Stimme meines Freundes zu mir herüber: »Bin der Torero/überall bekannt,/Stolz in der Brust,/siegesbewußt.« Dann wieder ein Wiener Heurigen-Jodler: »Geh i ham zu mein Weib,/geh i bald,/geh i glei.,denn mei Weib is so guat,/hat a siadat hoaß Bluat.« »Wickerl!« rief ich ihm furchtsam durch das Unterholz zu, durch das er geschritten kam, »Wickerl, bitt di, schrei do net so, wann di a Wachta hört, san ma petschiert! Was hast denn, daß d'so lamentierst!« »Spezi! I hab a Zeiserl gfanga, do kriagn ma wenigstens drei Schuß dafür!« gab er mir, unbekümmert um meine Warnung, jubelnd zur Antwort. Gleich darauf tauchte er vor mir auf und zeigte mir vorsichtig und voll Stolz den kleinen, grünen Vogel, den er in der rechten Hand hielt. Nachdem wir beide dieses Jagdglück genugsam bestaunt hatten, machten wir uns mit der wertvollen Beute, die wir sorgsam in mein Schnupftuch gebunden hatten, auf den Weg zu einem Vogelhändler in Hernais. Als wir aus dem Walde heraustraten, bemerkten wir, daß sich das Wetter bedrohlich zu ändern schien. Die Sonne war hinter eine graue Wolkenwand gekrochen, und bald war von dem blauen Himmel nichts mehr zu sehen. Die Kirchtürme und Fabrikschlote hatten ihr prahlerisches und eitles Aussehen verloren und blickten nun kläglich dem Unheil entgegen, das sich über ihnen zusammenbraute. Wir waren noch nicht über die letzten Felder geschritten, als es in großen Flocken herunterzuschneien begann, und es dauerte nicht lange, so waren wir von einem regelrechten Schneetreiben eingehüllt, wie es zu Weihnachten nicht hätte ärger sein können. Obwohl es erst zwei Uhr war, herrschte Dämmerung auf den Straßen. Die Straßenbahnwagen mußten beleuchtet werden, und die aufgeschreckten Laternenanzünder liefen aufgeregt in den Straßen umher. Der Laden des Vogelhändlers, in den wir wie zwei überzuckerte Konditoreifiguren eintraten, war bis zur Decke mit Vogelkäfigen angefüllt. Da flatterte und schrie es, piepsten, zankten und pfiffen die kleinen Tierchen, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Mitten in der Bude saß der etwa sechzigjährige Händler und klaubte die goldgelben Mehlwürmer aus einem riesigen Steinguttopf in eine kleine Holzschachtel. Gerade hatte er die halbzerfressene Leiche eines großen Waldvogels aus dem Topfe gefischt, als wir zu ihm traten. Ohne aufzublicken, fragte er nach unserem Begehr. »Bitt schön, Herr Buschenberger, i hätt a frisch gfangenes Zeiserl, a feins Mandl, zu verkaufen. Was gebns denn dafür?« sagte Ludwig und streckte seine Hand, in der das eingeschüchterte Vöglein piepste, dem Vogelhändler unter die Nase. Der ließ die Vogelleiche in den Topf zurückfallen, hob seinen mächtigen Quadratkopf und blinzelte kurzsichtig nach dem Vogel, von dem nur das Köpfchen sichtbar war. Nachdem er sich umständlich seine Brille aus einer Lade geholt und auf die Nase gesetzt hatte, nahm er den Vogel aus Ludwigs Hand, griff ihn mit den Fingern ab, blies ihm den Flaum auseinander und spreizte ihm den Schnabel auf, kurzum, untersuchte das zitternde Tierchen auf das genaueste. »Was soll denn der Tschernkstn kosten?« fragte er, während er den Vogel in ein Bauer steckte, wo er mit Zeisigen und Stieglitzen ängstlich herumflatterte. Diplomatisch antwortete Ludwig: »Was wollns denn gebn?« »No, vül is des Krepierl net wert, 's is scho grate zwa Jahr alt, und d' Flügl san ganz agstoßn; no, sagn ma halt siebzig Hella, net?« »Gebens achtzig, Herr Buschenberga! Für dös Viecherl kriagns leicht drei Kranln!« Nachdem der Vogelhändler den Vogel noch einmal tiefsinnig auf seinen Wert angeschaut hatte, so daß ich schon fürchtete, er könnte uns ihn wegen Ludwigs Mehrforderung wieder zurückgeben, zog der Alte plötzlich entschlossen seine Geldtasche heraus und zählte Ludwig vier blinkende Zwanzighellerstücke in die Hand. Wir schmetterten nun beide ein hochbefriedigtes »Dank schön« heraus und betraten in fröhlichster Stimmung die Straße. Das Unwetter hatte eher noch zugenommen. Der Schnee lag schon knöcheltief, und immer noch schneite es mit unverminderter Stärke. Ludwig steckte mir sechzig Heller zu, während er sich von den übrigen zwanzig Dramazigaretten kaufte. Auf meine Weigerung, das Geld zu nehmen, sagte er: »Geh, sei net fad, was mir ghört, ghört a dir. Dei Muatta soll wieda amol a Freid ham. Kauf fünf Stuck Safaladi beim Peppihacker und fünf Deka Kaffee. Auf an Kilo Erdäpfel wird's a no glängan. Dös wird heut a Nachtmahl, wia bein Rothschüld!« Ausgelassen sang er den Grinzinger-Marsch: »Der Rothschild, meine Herrn,/dös wird a Aufsehn wern,/laßt Bratln aufmarschiern,/daß Tisch und Bänk si biagn.« »Aba, Wickerl«, unterbrach ich seinen Gesang, »wann ma heut alls verhaun, ham ma murgn nix!« »Murgn?« Er blieb stehen und packte mich begeistert beim Arm. »Murgn, Freunderl, gibt's wirkliche Rostbratln und an Fensterschwitz oder an Tee mit Rum, wannst a kan magst, du fada Zipf!« »Ja, wo wülst denn dös Geld hernehma? Vogelfangan gehr i da nimma! Daß d' as waßt!« »I a net«, lachte er, »aba do schau auffi, gschpannst was?« Ich schaute in die Höhe, konnte aber nichts sehen, was uns hätte Geld bringen können. Nur der Schnee flog mir ins Gesicht, und ich fing schon wieder an, ärgerlich zu werden, daß mich mein Freund immer zum Narren halten wollte. »Gehn ma gescheita um Arbeit schaun, vielleicht nehmans uns als Schneeschaufler«, meinte ich. Da lachte Ludwig noch mehr, so daß ich ihm zornig erklärte, ich werde halt allein Schnee schaufeln gehen. »Geh, sei net glei so a Grantnzipf!« antwortete er mir, »was kann denn i dafür, daß d' so langsam kapierst! Schau auffi auf d' Dächer, was da für a Schnee liegt. Wann ma den abraman, kriagn ma mehr Göld in drei Stund, als was bein Schneeschaufeln bei da Gemeinde für an ganzen Tag. Darweilst z' Haus gehst und da Muatta 'n Kaffee und d' Wurscht bringst, mach i an Sprung zum Ziegeldeckamasta in unsan Haus, der leicht ma gern a Seil und zwa Schaufln. Nacha hol i di von z' Haus a, und mir haltn bei dö Hausherrn in da Näh Nachfrag, ob's net ihnare Dächer wolln araman lassn von uns. Wannst schwindli wird, bleibst halt du bei da Bodnluckn stehn und haltst as Seil!« Diesmal war ich mit dem Einfall meines Freundes sofort einverstanden. Obzwar gefährlich, hatte die Sache doch einen realeren Grund als das Vogelfangen. Man konnte auch nicht so leicht in Konflikt mit dem Gesetz kommen. So war ich gleich bereit, mitzutun, und Ludwig war sehr erfreut darüber. Der Mutter wollten wir nur sagen, daß wir Schnee schaufeln gingen, um sie nicht zu erschrecken. So trennten wir uns, und ich kaufte sechs Würste, das Stück zu drei Heller, etwas Bruchkaffee und Kartoffeln, um diese Schätze zu Hause der Mutter zur Weiterbehandlung zu übergeben. Sie atmete erlöst auf, als sie mich wohlbehalten heimkehren sah, und die Freude an dem wohlriechenden Bohnenkaffee trübte ihr nur der Gedanke an den armen Zeisig, dessen Gefangennahme sie den großen Genuß dankte. Ich versuchte sie damit zu beruhigen, daß dem Vogel jetzt im Walde ohnehin schrecklich kalt wäre, indessen er bei dem Tierhändler unter so vielen Kameraden ein fröhliches Leben ohne Sorge führen werde. Gleichzeitig erzählte ich ihr auch von dem bevorstehenden Verdienst als Schneeschaufler, was sie sehr beglückte. Nur das Schuhzeug betrachtete sie mit Sorgen; ich würde mich vielleicht verkühlen und krank werden. Sie suchte alte Fetzen und Tücher zusammen, mit denen ich mir die Füße umwickeln sollte; so würde ich vor Verkühlung geschützt sein. In bester Laune bereitete Mutter nun den Kaffee, indes ich auf Ludwig wartete, der auch bald kam. Wir machten nun noch eilig einen Sprung in die nächsten Nachbarhäuser, wo wir auch wirklich für den kommenden Tag zum Abräumen zweier Dächer engagiert wurden. Heimgekehrt fielen wir ausgehungert über die Würste und Kartoffeln her und verbrachten nun den Abend in fröhlicher und ausgesöhnter Stimmung. Am nächsten Morgen kroch ich schon um fünf Uhr aus den Federn, zog sämtliche Kleidungsstücke meiner Garderobe an, nämlich: zwei Hosen, drei Westen und zwei Röcke, die die Mutter am Abend vorher wohl zum hundertstenmal einer eingehenden Prüfung unterzogen und geflickt hatte. Die Fetzen für die Füße wickelte ich in Papier, und so betrat ich, die warme Krimmermütze meines Vaters auf dem Kopf und begleitet von Gesundheitsmaßregeln der Mutter, die Straße. Die Stadt lag wieder in tiefstem Winter. Der Schneepflug schob sich durch die Straße, wo ich in einem kleinen Kaffee meinen Freund traf. Die Besitzerin der Schenke war uns nämlich so wohlgesinnt, daß sie uns manchmal Kredit gab, was wir, wie eben heute, gut brauchen konnten. So watschelte sie auch diesmal gutmütig mit einem Glas Tee auf mich zu, den ich mit etwas Zitronensaft zum Gaudium einiger übernächtigter Burschen und Mädchen trank, die ihrerseits nur in schlechtem Likör ihr Heil sahen. Bald machten wir uns wieder auf den Weg, Ludwig mit einer schweren Seilrolle, ich mit den zwei Schaufeln am Rücken. Das Haus, in welchem wir unsere Kunst versuchen wollten, war in unserer Nähe und stak mit seinen zwei Stöcken wie ein buckliges Waisenkind zwischen den drei und vier Stock hohen Nachbarn. Der Hausmeister klapperte mit den Zähnen, als er uns auf den Dachboden führte, denn es war arg kalt. Auch fragte er uns einige Male fürsorglich, ob wir wohl auch ganz gewiß schwindelfrei seien, da das Dach sehr steil und mit schlüpfrigem Schiefer gedeckt sei. Ob das Seil auch stark genug sei, uns zu halten? Vom sechsundzwanziger Haus hätt es im vorigen Sommer einen Ziegeldecker heruntergehaut, ein blutjunges Bürscherl, der wie ein faschiertes Schnitzel ausgesehen habe, als sie ihn aufklaubten. Wir versicherten ihm unsere beste Absicht, wieder heil herunterzukommen, er möge nur keine Angst haben und lieber das Trottoir für den Verkehr absperren, damit der Schnee niemandem auf den Schädel plumpse. Er verließ uns hierauf eiligst, nachdem er noch von Ludwig darüber beruhigt wurde, daß wir beide keine Bandwürmer hätten, da diese Schwindel erzeugen sollten. Mit den Fetzen an den Füßen banden wir uns die zwei Seilenden um den Leib und schwangen uns, nachdem wir das Seil befestigt hatten, auf das wirklich sehr abschüssige Dach hinaus. Es wäre unmöglich gewesen, sich ohne die Tücher an den Füßen auf dem Dache festzuhalten. So aber hatten wir uns bald in unsere Arbeit hineingefunden, schoben uns vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts und warfen den Schnee auf die Straße hinunter, wo er breiig aufschlug. In unserem jugendlichen Leichtsinn machten wir uns wenig Gedanken über die Gefährlichkeit unserer Arbeit, wohl aber litten wir unter dem schneidenden Frostwind, dem wir ausgesetzt waren und der hier auf eine Weise blies, daß man sich in die Eisberge des Polarmeers versetzt glaubte. Es gab regelrechte Kämpfe mit diesem Wind, der uns von allen Seiten packte und uns den aufgewirbelten Schnee in die Augen trieb, um uns vielleicht doch noch in den Abgrund schleudern zu können. Der gefrorene Schnee, so fein wie körniges Mehl, drang zwischen unsere Kleidungsstücke auf die Haut und brannte dort wie Feuer, die Ohren und die Nase waren voll von ihm. Nur schrittweise konnten wir die übernommene Arbeit bewältigen. Von Zeit zu Zeit kam der ängstliche Hausmeister die Treppe heraufgekrochen, um uns durch das Dachfenster zu fragen, wie es uns gehe und ob wir nicht bald fertig seien; wir sollten es nicht gar so genau mit dem Abräumen nehmen. Er schien voll Mitgefühl für unser Ergehen. Nachdem sich gegen Mittag der Himmel etwas aufgeheitert hatte, konnten wir ihm zu seiner größten Freude mitteilen, daß unsere Arbeit beendet sei und er sich davon überzeugen solle. Erschrocken wehrte er ab; er sei ganz überzeugt, daß wir unsere Pflicht getan, wir sollten nur schon einmal von dem verflixten Dach herunterkommen. Bei seiner Frau gäbe es Tee mit Wein, und er sei uns dies schuldig, weil wir ihm viel Scherereien dadurch erspart hatten, daß wir nicht abgestürzt seien. Wir folgten mit Vergnügen der Einladung dieses menschenfreundlichen Kauzes und traten in die Stube, wo seine Alte uns mit so stürmischer Freude empfing, als wären wir ihre Söhne gewesen, die von einer Reise zum Mond zurückkehrten. Über meine Weigerung, Alkohol zu mir zu nehmen, schauten mich die beiden Leutchen wie ein Fabeltier an: »Sö haben kan Schnaps und kan Wein trunkn bei dera Viechsarbeit?« Und um dieses Vergehen zu sühnen, goß er gleich ein tüchtiges Glas Rum hinunter. Als wir uns verabschiedeten, händigte uns der Hausmeister den Lohn ein, den sein Herr für uns geschickt hatte. Drei Kronen für jeden von uns. Infolgedessen traten wir stolz im Besitz dieses Reichtums in eine Pferdefleischauskocherei, wo wir uns ein Gulasch mit Knödeln vorsetzen ließen. Dann gingen wir beherzt an die Arbeit. Ich sage beherzt, denn das Dach, das wir nun zu kehren hatten, stülpte sich in breiter Ausdehnung über ein vier Stock hohes Zinshaus, bei dessen Anblick selbst dem mutigeren Ludwig der »Schiach« anging. »Servas, wann do aner a Kraxn abischlagt, der kriagt a bisserl mehr wia Schädelweh«, meinte er, nachdem wir uns beim Hausmeister angemeldet hatten, der, höchst vornehm, uns kaum mit einem Blick streifte und einem dreizehnjährigen Buben den Bodenschlüssel mit den Worten überreichte: »Franzel, führ dö zwa aufn Boden, und paß auf, daß den Parteien nix wegkummt von da Wäsch!« »Na, Herr Hausmeista«, sagte drauf Ludwig, »spendelns uns vielleicht d' Säck mit Ehrnera Nosn zua, wanns an Angst habn, daß ma wos stöhln!«n Des Hausmeisters Nase stach einen nämlich durch ihre auffallende Spitzigkeit in die Augen. Um zur Bodenluke zu gelangen, hatten wir uns durch einen wahren Wald von Leinwand zu schlängeln, die zum Trocknen über ein ganzes Netz von Stricken hing, und die Frauen, die eben mit dem Aufhängen beschäftigt waren, gerieten deshalb in große Aufregung. »Jessas na, greifts do net mit enkere dreckigen Pratzn dö Wasch an!« keifte die eine. »Glaubts ös zwa Hallwacheln, i hab mi für enk die halbate Wochn zum Waschtrog hingstöllt?« »A Stückerl, wanns ma schmutzi machts, dann kennts was erlebn!« flöteten die andern. So atmeten wir erlöst auf, als wir draußen auf dem Dach saßen, die letzten Vorbereitungen treffend, von wo wir die noch immer scheltenden Weiber nur mehr wenig hörten. Die himmlischen Wettermacher waren uns nunmehr wohlgesinnt. Der Wind hatte sich ganz gelegt, und es heiterte sich immer mehr und mehr auf. Gegen drei Uhr ließ sich sogar die Sonne blicken, so daß uns bei unserer eifrigen Arbeit sogar sehr warm wurde. Wir hatten tüchtig zu schaufeln, um vor Beginn der Nacht die riesige Fläche zu bewältigen. Als die Sonne unterging, fing es plötzlich an wieder grausam kalt zu werden. Die oberste Schicht des Schnees, die unter den warmen Strahlen zu Wasser geworden, gefror binnen kurzem, so daß wir uns nur mit Mühe vorwärts bewegen konnten; als ich, ungeschickter denn Ludwig, einmal trotz aller Aufmerksamkeit zu Fall kam und mich nur zufällig noch an einem Dachfenster halten konnte, packte mich Ludwig entschlossen beim Kragen und ließ mich wie ein Kind in den Bodenraum hinab. Er war vor Schreck ganz blaß geworden und zog es trotz meines Sträubens vor, das Stückchen, das noch zu räumen war, selbst zu besorgen. Nach einer halben Stunde kam er mir nach, und wir konnten dem Hausmeister die Beendigung unserer Arbeit melden. Zehn Kronen betrug unser Lohn, und wir stelzten frohgemut mit unserem großen Verdienst heim zur Mutter. Als diese das viele Geld sah, rief sie erstaunt aus: »Ne, das könnt ihr mir nun nich weismachen, daß ihr fürs Schneeschaufeln so viel bekommen habt! Wer weiß, was da wieder für ne Lumperei dahintersteckt!« Doch ließ sie es bei ihrem Zweifel bewenden und freute sich mit uns über die schönen Osterfeiertage, die uns nun bevorstanden. Am nächsten Tag schon, es war der Ostersonntag, gab es einen Osterbraten, wenn es auch nur das Lendenstück eines alten Einspännergauls war. Fünftes Kapitel Hinter Prägstock und Maske Wieder waren wir eines Tages ausgezogen und hatten uns diesmal eine Stube im dritten Stock eines Zinshauses genommen. Das Fenster ging auf einen winzigen Garten hinaus, der wie ein kleines Vogelnest zwischen den Mauern lag. Jetzt im Mai war es herrlich, hier oben zu hausen. Die Fenster der anderen Häuser verschwanden unter den Blüten und Laubkronen der alten Bäume. Abends wogte es unter unseren Augen in weißem Duft, und in der Frühe sangen Hunderte von Vögeln zu uns herauf. Hätte ich in diesen Tagen nicht gar so schwere Arbeit leisten müssen, wie viel Genuß und Freude hätte mir dann diese Frühlingswelt geschenkt, der ich hier zum erstenmal seit meiner Kindheit wieder näher treten konnte. Nur daß ich jetzt mit wissenderer Innigkeit vor diesen Wundern gestanden wäre denn einst als Knabe, wo der Blick achtlos über ihre tiefere Schönheit geglitten war und ich in der Natur nur die reichlichen Möglichkeiten zum Spiel geschätzt hatte. Ich war jetzt auf einem Neubau beschäftigt, wo ich mit noch zwei Taglöhnern eine Arbeit zu bewältigen hatte, die sonst von sechs Männern geleistet wird. Die Folge davon war, daß wir nach Arbeitsschluß unsere Füße kaum mehr heben und mit Mühe nach Hause gehen konnten. Da gab es zu Hause dann natürlich kein Schwelgen in den Freuden des Frühlings mehr, und ich war froh, ins Bett zu kommen, in dem ich dann meist schon halb schlafend das Nachtmahl zu mir nahm. Des Morgens aber verdunkelte mir der Gedanke an die kommende Plage die grüne und farbenbunte Pracht des Gartenlandes unter unserem Fenster und machte sie in meinem verdrossenen Gemüt zu einer Regenlandschaft. Auch die Trennung von meinem Freund Ludwig, der auf die »Walz« gegangen war, drückte schwer auf mich. Ich hatte mich so innig an ihn geschlossen, daß ich mit der Zeit immer weiter von den übrigen befreundeten Kameraden weggerückt war und nun mit keinem von ihnen mehr verkehrte. Seine nicht unterzukriegende Lebenslust, die Findigkeit, mit der er sich in allen Lagen unseres Schicksals zurechtzufinden wußte, und sein liebevolles Eingehen auf meine Eigenheiten und Wünsche ließen ihn mich jetzt überall vermissen. Besonders am Sonntag, wenn ich die Mutter nun auf den Friedhof begleitete, fühlte ich mich ganz verlassen und konnte selbst in den Büchern keinen Ersatz für den treulos fortgewanderten Freund finden, den die Sehnsucht nach Abenteuern in die Ferne gelockt hatte. Ich fing nun an, diese trostlose Stimmung in Worte zu fassen, die dann oft zu Versen wurden und die ich dann in einem Heft niederschrieb. Sie hatten alle nur ein Thema: die Sehnsucht nach dem verlorenen Freund, und liehen mit Vorliebe die schwermütigen Worte und Wendungen Lenaus und Heines, deren Gedichte jetzt meiner Traurigkeit am besten entsprachen und die ich deshalb immer und immer wieder las. Eines Abends, als ich von der Arbeit nach Hause kam und mich wie immer mißmutig zum Abendbrot setzen wollte, fiel mir die gute Laune der Mutter auf, die während des Kochens wieder ihre alten geliebten Volkslieder sang, was sie schon lange nicht mehr getan hatte. Anfangs glaubte ich mißtrauisch und ängstlich, die unerwartete Heiterkeit der Mutter auf den Genuß des Alkohols zurückführen zu müssen, doch beruhigten mich bald ihre klaren Augen und ihr sonst ruhiges Wesen. Bald erzählte sie mir voll Freude, daß die Hausfrau heute nachmittag bei ihr gewesen sei und ihr erzählt habe, ihr achtjähriges Söhnchen bedürfe dringend einer Nachhilfe für den Schulunterricht, da er sonst seinen Kameraden nicht recht nachkommen könne; sie habe gehört, daß ich mich viel mit Büchern abgebe und auch im Schreiben bewandert sei, ob ich nun deshalb nicht diese Nachhilfe übernehmen möchte. Ihr Mann sei auch bereit, mich in die Fabrik, die sich im Hause befinde, aufzunehmen und mir dann jeden Mittwoch und Samstag nachmittag zwei Stunden für den Unterricht freizugeben. Ich könnte gleich am nächsten Montag die Stelle in der Fabrik antreten, und sie würde trachten, daß ich eine leichte Arbeit bekäme. Der Lohn wäre zehn Kronen die Woche und eine Aufbesserung bei guter Aufführung zu erwarten. Mit dem Richardl sollte ich halt trachten, gut auszukommen, er sei ein kränkliches und nervöses Kind. Ich war über den unerwarteten Vorschlag der Hausfrau sehr erstaunt, da ich sie bisher nur als sehr erhabene Dame kannte, die meinen Gruß kaum erwiderte. Die Veränderung meiner Arbeitsstelle wäre mir schon recht gewesen, aber zum Schulmeister fühlte ich nicht die geringste Begabung in mir, welches Bedenken ich auch der Mutter vorbrachte. Die erzählte mir aber, sie hätte einmal irgendwo gelesen, daß in früheren Zeiten sogar einfache Handwerker und invalide Soldaten in den Dorfschulen als Lehrer verwendet wurden; so hätte es gar nicht so viel auf sich, wenn ich mit meiner guten Schulbildung versuchen wollte, aus einem Dummerian, wie es der Hausherrnbub wahrscheinlich war, einen halbwegs guten Schüler zu machen. So willigte ich trotz meiner kläglichen Erfolge seinerzeit in der Schule und der nicht hohen eigenen Meinung von meinen Kenntnissen in den Vorschlag der Hausfrau ein. Ich sagte mir mit der Leichtlebigkeit meines Vaters: Probieren geht über Studieren. Noch am selben Abend stellte ich mich mit sorgfältig ausgebürsteter Hose und einem frischen Hemd angetan bei dem hausherrlichen Ehepaar vor, das mich mit der Gnade reichgewordener Kleinbürger empfing und vornehm-würdig meinen Dank entgegennahm. Mit Genugtuung verlangte ich den darauffolgenden Samstag mein Arbeitsbuch von dem Polier, der mir noch in der Eile eine gewürzte Moralpredigt hielt. Sonntags aber kramte ich meine Schulbücher hervor, die ich ihrer Schadhaftigkeit wegen nicht verkaufen konnte, und vertiefte mich von neuem in die Irrgänge der deutschen Grammatik und Arithmetik, die ich vor drei Jahren mit so viel Vergnügen verlassen hatte. Am nächsten Morgen trat ich meine neue Arbeit an. Der Weg in die Werkstätte bestand nur in den sechzig Stufen, die ich vom dritten Stock herunterzusteigen hatte, was mir äußerst angenehm war, konnte ich doch dafür um so länger schlafen. Freilich zeigte es sich später, daß dies auch seine schlechte Seite hatte. Die Bronzewarenfabrik des Herrn Zehentner, so hieß unser Hausherr, nahm die ebenerdigen Räumlichkeiten und die des ersten Stockes ein. Die Stanz- und Prägewerkstätte, der ich zugeteilt war, befand sich in einem großen fünffenstrigen Saal, dessen eine Tür in den Garten, die andere in den Hausflur mündete. Wir waren in dem Raum nur vier Arbeiter und verloren uns beinahe darin. Der Werkführer, ein etwa dreißigjähriger Mann, war der Stiefsohn der Hausfrau; er zeigte mir die Bedienung einer Stanzmaschine, die mit einem Fuß und einer Hand in Bewegung gesetzt wurde und kleine Blechschließen für Zigarren- und Zigarettenetuis ausstanzte. Also eine leichte Arbeit, die nur den Nachteil der Eintönigkeit hatte; denn auch sonst War es uns nicht möglich, miteinander zu sprechen, da der Lärm der Maschinen jedes Wort verschluckte. Außerdem waren zwei der anderen Arbeiter schon ergraute Männer, die sich nicht im geringsten um mich kümmerten und ihre Tische an den anderen Enden des Saals hatten, so daß schon die räumliche Entfernung eine Unterhaltung nicht zuließ. So saß ich denn wie allein auf der Welt vor meiner Maschine und konnte meinen Gedanken freieste Wanderschaft gewähren. Denn meine Tätigkeit beanspruchte ja auch nicht ihre Aufsicht. Dazu waren die Hände und höchstens die Augen notwendig, aber nimmer das Gehirn. In den ersten Tagen gefiel mir dieses gedankenlose Dasitzen, dieses Aufgehen des Körpers in einer Maschine; aber dann stellte sich langsam das unbehagliche Gefühl der geistigen Überflüssigkeit ein, der Stolz auf die eigene Intelligenz fühlte sich verletzt, und ein leiser Haß gegen diese, mich zu einer Maschine herabwürdigende Beschäftigung stieg manchmal in mir auf. Am gleichen Nachmittag sollte ich noch die Bekanntschaft des Hausherrnsöhnchens machen, dessen Unterricht man mir anvertraut hatte. Er kam wie ein Kreisel sich drehend in die Werkstätte getanzt und brüllte dabei wie besessen, ohne auf die Ermahnungen seines Stiefbruders zu achten. Nachdem er die übrigen Arbeiter mit allerlei bösen Streichen bedacht hatte, hopste er plötzlich zu mir hin und spreizte sich vor mir auf. Es war ein schwacher, zurückgebliebener Knabe, der aber wenig Kindliches an sich hatte; vor allem fielen mir seine glanz- und ausdruckslosen Augen auf, mit denen er mich nun anstarrte. Endlich fragte er mich in frechem Ton, wer ich sei und was ich hier wolle. Ich antwortete ihm kurz, er möge, wenn er mit mir spreche, zuerst grüßen und nicht wie ein junger, unerzogener Hund die Leute anbellen. Ganz verdutzt riß der Kleine die Augen noch weiter auf, um sich dann wie geprügelt davonzuschleichen. Die anderen waren froh, daß ich es »gewagt« hatte, ihn ordentlich zurechtzuweisen, und ich erfuhr in einer kleinen Arbeitspause, was ich mir schon im vorhinein gedacht hatte: daß der Knabe ein verhätscheltes Nesthäkchen war, dem man alles erlaubte und der, so klein und zurückgeblieben im Geist er war, sich zum Tyrann des Hauses entwickelte. Arbeiter, die schon lange Jahre hier beschäftigt waren, hatten gekündigt, da sie sich die immer ärger werdenden Flegeleien des Buben nicht gefallen lassen wollten. Ich fand meine Zukunft als Hauslehrer immer komplizierter und blickte mit bangem Zagen der ersten Unterrichtsstunde entgegen. Glücklicherweise wurde mein Debüt auf den nächsten Samstag verschoben, da mein Schüler am Mittwoch eine Wallfahrt mit seiner Mutter nach Mariazell unternehmen sollte. Dort wollte diese zehn Wachskerzen spenden, um damit die Erleuchtung ihres Sohnes zu erbitten. Der Stiefbruder meinte, zehn saftige Hiebe täten besser als diese Wallfahrt, aber er hütete sich wohl, dies der Mutter zu sagen. So ward mir unverhofft eine Galgenfrist gewährt, aber ich hatte insofern an dem Umgang mit Ludwig gewonnen, daß ich wenig daran dachte, was der nächste Tag bringen mochte. Ich konnte mich jetzt, da die Kräfte meines Körpers weniger überanstrengt wurden, wieder eher als Mensch fühlen und das genießen, was die Welt mir eben bescherte. Wie glücklich fühlte ich mich deshalb, wenn ich mich nach Schluß der Arbeit zum Fenster setzte und wieder, von keiner quälenden Müdigkeit gehemmt, in die Wunder und fremdartigen Zustände ferner Länder und Völker versank und dabei hundert Leben lebte. Der Garten unten wuchs dann zu mir empor und weitete sich aus, wurde ein Urwald, eine herrische Wüste, Berge wuchteten sich zum Himmel und Meere brachen sich an ihnen. Die ganze Welt lag für mich in diesem kleinen Garten. Die Menschheit kämpfte ihre großen Schlachten darin, und die grünen Bäume gaben die Bühne eines tragischen Puppentheaters ab, auf dem die Gestalten meiner Bücher agierten. In diesen freundlichen Stunden geschah es immer öfter, daß ich auf etwas hören mußte, was nicht aus den Büchern, sondern aus mir selbst hervorklang und mich zwang, es auf ein Stück Papier zu schreiben. Es kamen immer Verse, aber sie klangen nicht mehr so traurig wie ihre Vorgänger. In manchen versuchte ich schon ein fremdes Schicksal sprechen zu lassen, und eines Abends war es mir gelungen, in einigen Versen das Leid und die Freude eines Arbeiters, wie ich es war, schüchtern und spröde zum Ausdruck zu bringen. Sonst waren aber die meisten meiner damaligen Ergüsse erfüllt von dem Denken eines siebzehnjährigen Burschen, der den Wilhelm Meister noch immer schrecklich langweilig fand und lieber zu Felix Dahn und Julius Wolff griff. In einem aber hatte ich mich ganz verändert; aus dem ehemaligen Klosterschüler und späteren Antisemiten war ein ebenso dummer und blindwütiger Schreier gegen den Klerikalismus geworden. Statt Karl Lueger hieß nun mein Held K. H. Wolf, und ich verschlang jede in der Zeitung abgedruckte Rede dieses alldeutschen Führers. Ich schrieb eine Menge Kampf- und Spottverse gegen die Pfaffen, in denen ich, wie früher in den Juden, die alleinigen Urheber alles Übels auf Erden erblickte. Corvinus' Pfaffenspiegel, den mir eine Nachbarin geliehen, nährte meinen kindischen Haß nur noch mehr, und mit Scham und Unmut erfüllte mich der Gedanke, daß diese Pfaffen durch viele Jahre meine Lehrer gewesen. Nur das Abstoßende und Unangenehme meiner Schulzeit kam mir wieder in den Sinn; mit der jugendlichen Sucht zu übertreiben erblickte ich in mir ein trauriges Opfer klerikaler Erziehung, und ich schwor den »Finsterlingen« Rache. Mein sehnlichster Wunsch war deshalb, aus der katholischen Kirche aus- und in die protestantische einzutreten. Gesteigert wurde er durch die Los-von-Rom-Bewegung, die in diesen Tagen ihren Höhepunkt erreichte und deren begeisterter Sprecher und Apostel wieder der von mir so vielverehrte Wolf war. Wäre ich nicht so stillen und scheuen Gemüts gewesen, ich hätte einen großen Radaumacher abgegeben. So aber war mir mein ruhiges Plätzchen am Fenster doch lieber als die Gasse und der Versammlungssaal. Ich hatte mir dieses recht heimlich hergerichtet. Um das Fenster zog ich Schlingbohnen und stellte Pelargonien dazwischen und andere bunte Blumen. Knapp daneben stand der Küchen-, Näh- und Schreibtisch und ein uralter Lehnstuhl, aus dem schon von allen Seiten die Eingeweide aus Holzwolle hervordrängten. Hinter diesem hatte ich das Bügelbrett der Mutter mit starken Eisenhaken an der Wand befestigt und meine Bücherschätze daraufgestellt, die in der Mehrzahl aus den gelben Heftchen der Reclamschen Universalbibliothek bestanden und die ich jede Woche durch den Ankauf einiger Bändchen zu vermehren suchte. Ich kaufte sie in einem kleinen Buchladen antiquarisch um acht Heller die Nummer und freute mich die ganze Woche lang auf diese Samstagsfreude. Unter der Bücherstellage streckte sich mein gutes Sofa aus, auf dem ich des Nachts schlief und bei Regenwetter des Sonntags die Pfeife rauchte und las. Ja die Pfeife rauchte ich wie ein Student mit zehn Semestern, zum Ärger meiner guten Mutter, der ich die Stube arg volldampfte. Aber sie sah das noch immer lieber, als wenn ich Zigaretten geraucht hätte, was sie für das größte Laster der Welt hielt. Ich selbst war kein Freund von Zigaretten und sah es als Verweichlichung an, wenn man solche rauchte. So war ich vorderhand wieder halbwegs mit meinem Schicksal ausgesöhnt; eine einzige Wolke beschattete den klaren Himmel meines Lebens: es war die Rolle des Schulmeisters, die ich nun bald zu übernehmen hatte. Die erste Stunde kam heran. Ich war eben noch vor meiner Maschine gesessen – Hände und Füße hatten sich längst an diese Arbeit gewöhnt und taten mechanisch ihre Pflicht –, als ich durch die Stimme des Herrn Zehentner aus meinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Er stand dicht bei mir, spielte mit seiner dicken goldenen Uhrkette und mußte sich sehr anstrengen, um den Maschinenlärm mit seiner Stimme zu übertönen. »Petzold«, sagte er, »lassens jetzt die Arbeit stehn und kommens zu mein Buben auffi. Tuns zwei Stunden mit ihm lesen und rechnen, er hat am nächsten Montag a Prüfung in der Schul! Auf a Viertel Wein und a guats Zigarrl soll's mir net ankommen, wanns ihm die fadn Sachn beibringen können. Fangans die Gschicht nur recht gut an! Wissens, er is halt a klans Zornpinkerl und wird immer glei grantig. Mei Gott, das hat er halt von mir. Und dann is es gar so zart und kriegt glei Kopfweh, wann er sich z' viel anstrengen muß, das arme Teuferl. Alsdann, kommens jetzt.« Mir war recht jämmerlich zumute, und es überlief mich bei der Aufforderung eiskalt. Was hätte ich darum gegeben, wenn ich jetzt auf dem Neubau hätte Ziegel schleppen dürfen, statt dem Hausherrn zu folgen. Aber ich hatte zugesagt, nun mußte ich auch die Folgen tragen. Ich warf meiner Maschine, die mir plötzlich in der Verzweiflung wie ein guter Freund erschien, einen letzten Blick zu und verließ die Werkstatt mit meinem Brotherrn. In einem kühlen, mit Möbeln, Teppichen, Photographien und geschmacklosen Nippes überladenen Zimmer hatte ich auf Richard zu warten, der davongelaufen war, da er, wie Herr Zehentner mir erklärte, »vor dem Lernen einen rechten Spundus hätte«. »Ich kann's ihm nicht verargen«, fügte er hinzu. »Und dann wissens, für was is eigentlich die ganze Lernerei in die Schulen? Ja wann 's a arms Kind war, das si amal allani fortbringen muß, aber so? – Das, was er amal brauchn wird, lernt a von selbst. Hab i net recht?« Gut, daß mein Chef nicht auf eine Antwort meinerseits wartete, sondern sich auf die Suche nach dem Sohn begab. Abgesehen von meiner Schüchternheit wäre es mir sowohl aus pädagogischen wie aus Gründen der Selbsterhaltung unmöglich gewesen, eine passende Antwort zu finden. Im übrigen sah die Sache immer schlimmer und schlimmer aus. Ich sollte einem verzogenen, schlecht veranlagten Buben Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen und durfte dabei nicht auf die Unterstützung des Vaters hoffen, da dieser selbst wenig von diesen Dingen hielt, die Schule als unnütze Einrichtung ansah und seinen Sohn als ihr Opfer bedauerte. Und wenn schon der Vater, dem doch die Erziehung des Sohnes am meisten angelegen sein sollte, solche Prinzipien hatte, wie mochte es erst mit der Mutter sein, die ja meistens dazu neigte, ihre Kinder zu verziehen. Ich winkte den schönen, jüngstvergangenen Tagen mit ihrer Ruhe und relativen Sorglosigkeit wehmütig ade zu und bereitete mich auf das Schlimmste vor. Unterdessen waren schon einige Minuten vergangen, ohne daß sich jemand blicken ließ. So unterzog ich meine Umgebung einer genaueren Musterung; ich wurde in der Überfülle an Dingen, mit denen das Zimmer angeräumt war, vor allem von einer großen Gipsfigur angezogen, die halb so groß war wie ich und eine nackte Frau darstellte. Auf einem schwarzen Sockel stehend, erschien sie mir« in ihrer goldenen Haut wie eine seltsame Heiligengestalt. Auf den Zehen schlich ich mich zu ihr hin und las die Inschrift, die auf dem Sockel eingegraben war: »Venus.« Also das war die berühmte Venus, deren Namen ich in so vielen Büchern gelesen und der stets im Zusammenhang von Frauenschönheit und dem Reiz ihrer Liebe stand? Hier stand sie, im Zimmer des reichen Hausbesitzers mit dem dicken Bauch und der breiten goldenen Uhrkette, der so wenig von Bildung hielt? Sie, die dem griechischen Meer entstiegen und die Göttin der Jungfrauen und Jünglinge des alten Griechenlandes war? Immer näher zog es mich zu ihr hin, und ich mußte endlich zaghaft über ihre Glieder streichen, wie um sie wegen ihres Standorts zu trösten und sie meines Mitleids zu versichern. Als ich meine Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Goldstaub bedeckt, und ich hatte große Mühe, ihn zu entfernen. Es erfaßte mich große Verlegenheit, gleichzeitig war ich aber auch tief enttäuscht über den so wenig dauerhaften Glanz meines Idols. Während ich nun noch heftig meine Haut von den verräterischen Spuren zu befreien suchte, hörte ich auf dem Gang ein ohrenzerreißendes Gebrüll, in das hinein eine mehlige Frauenstimme ermahnende Worte rief. »Aber, Richard, sei a bravs Bubi! Nur a halbe Stund tua mit den Herrn drin dei Rechenaufgab machen. Mei Buberl, tua net weinan. Der Papatschi kauft dir morgn a weiß Hoserl.« Die Tür ging auf, und die Hausfrau zerrte mit dem unglücklichsten Gesicht der Welt ihren widerstrebenden Sohn herein, dessen Gesicht mit Schmutz und Tränen bedeckt war. Was sollte ich beginnen? Wie meinen Schüler beruhigen und zum Lernen zwingen? O alle ihr beinernen Knipser und Rohrstaberln, mit denen ich in meiner eigenen Schulzeit so oft Bekanntschaft schloß, im Angesicht dieses Bürschchens erkannte ich eure Lebensberechtigung und tat euch Abbitte. Wie gern hätte ich von euch Gebrauch gemacht, um dieses verzogene Muttersöhnchen jetzt zur Vernunft zu bringen! »Hua, hua«, plärrte es, »i mag net lernen, i mag net, na, i mag net – i – i – i hab so Kopfweh. Hua, hua – – – –« Durch Worte oder gar durch einen Blick zu erziehen ist ein weiser Satz der modernen Pädagogik, und ich hatte damals schon oft mit Unmut daran gedacht, wie wenig in meiner Schulzeit danach gehandelt wurde, wie mittelalterlich dagegen die Methode der körperlichen Züchtigung war, mit der wir so oft behandelt wurden. Jetzt aber fühlte ich mich ganz klein werden, sah ein, daß es eine eigene, große Gabe sein mußte, ein guter Lehrer zu sein, und daß ich diese Gabe wohl kaum besaß, denn es juckte mir schrecklich in der Hand, und ich hätte meinem Schüler als Empfang gern eine Tracht Prügel verabreicht. Er schrie auch in meiner Gegenwart ununterbrochen weiter, und erst als ihm seine Mutter eine Krone in die Hand drückte und sie ihm erlaubte, sich dafür das zu kaufen, wonach ihn am meisten gelüstete, hörte er auf zu flennen und hatte die Gnade, sich mit meinen mathematischen Anliegen zu beschäftigen. Die Mutter warf mir einen befriedigten Blick zu und entfernte sich, stolz im Bewußtsein ihres erzieherischen Erfolges. Ich plagte mich nun eine halbe Stunde, dem lieben Richard die Geheimnisse der Addition beizubringen, was mir aber nicht gelang, da er von einer unerhörten Begriffsstutzigkeit war. Außerdem zeigte er mir im Ton jeder Antwort, die er mir gnädig gab, daß er wohl wußte, welche Stellung ich im Hause seiner Eltern einnahm. So atmete ich erlöst auf, als mein Schüler auf einmal kategorisch erklärte, er habe so arges Kopfweh, daß er die Tintenstriche nicht mehr vom weißen Papier unterscheiden könne, was er dadurch zu bekräftigen suchte, daß er in ein jammervolles Weinen ausbrach. Die erschrockene Mutter eilte herbei und verabschiedete mich sogleich. Wie froh war ich, als ich wieder vor meiner lieben Maschine in der Werkstätte saß und mit befreitem Gemüt meine Metallplättchen ausstanzte. Am Abend war ich müder, als wenn ich Tausende von Ziegeln getragen hätte. Ich begegnete beim Heimgehen auf der Stiege noch dem beneidenswerten Vater; er hatte mir gönnerhaft auf die Schulter geklopft und gemeint: »Guat is gangen, nix is gschehn! Gellns, mei Kleiner is ganz a gscheiter Fratz, nur a bißl lebhaft is er halt!« Vergebens griff ich nach dem Nachtmahl zu den Büchern; in keinem von ihnen blieben Blick und Seele haften. Bald stand die angestrichene Venus, bald das zeternde Richardl vor meinen Augen, und auch im Garten, in den ich zur Ablenkung hinabsah, tauchten die zwei Erscheinungen hinter jedem Baum und Strauch auf. So griff ich mißmutig zu meinem Rock und machte mich auf den Weg zu einem Kameraden, den ich in der Volksbibliothek kennengelernt hatte und der in der Nähe wohnte. Dieser war über mein Kommen sehr erfreut. Er war Schriftsetzer und hieß Franz Kommarek. In theatralischem Pathos erzählte er mir, daß er zur Bühne und gleich, nachdem seine Lehrzeit beendet sei, eine Schauspielschule besuchen wolle, wenn auch seine Eltern dagegen seien. Er mache sich auf harte Auseinandersetzungen mit diesen gefaßt, fürchte sich aber vor nichts, denn die hohe Kunst habe ihn gerufen. Dies alles machte großen Eindruck auf mich, und als er mir erst seine Bibliothek zeigte, die nebst anderem sämtliche Werke Schillers enthielt, war ich so begeistert, daß ich ihm in meinem Innern ewige Freundschaft und Treue schwur. In einem Park schwärmten wir uns beide an, und ich beichtete ihm sogar, daß ich schon eine Menge Gedichte geschrieben hätte. Drauf verriet er mir, daß auch er heimlich schreibe; aber nicht Gedichte! Mit so etwas gäbe er sich nicht ab; er schreibe Theaterstücke, von denen eines schon fertig, das andere bis zum dritten Akt vollendet sei. Wir verabredeten uns nun gleich für den nächsten Abend, wo er zu mir kommen sollte, und Franz Kommarek deklamierte noch zum Abschied herrliche Verse, in denen edle Jünglingsfreundschaft über alle Maßen gepriesen wurde und die ich in meiner Begeisterung ihm zuschrieb. Später erfuhr ich, daß sie von Körner waren. Wir versprachen uns nun noch, vereint für die heilige Dicht- und Schauspielkunst zu kämpfen, und riefen Sonne, Mond und Sterne zu Zeugen an, daß uns mit allem recht ernst war. In einem Rausch von Begeisterung kam ich heim. Die gipsene Venus und Richard Zehentner waren verschwunden, und nur mein neuer Freund, die Verkörperung aller meiner eigenen Wünsche und Sehnsucht, lebte mehr für mich. Meine Mutter war über meine Veränderung sehr erstaunt und schrieb sie erst einer Begegnung mit einem Mädchen zu; als ich sie aber aufklärte, brachen wir beide in ein fröhliches Lachen aus; wir saßen nun noch eine Zeit beisammen, und während die Mutter an einer kranken Hose flickte, reimte ich ein Gedicht zusammen, das die Freundschaft über alles hob und sie zur Beschützerin aller Künste, vor allem der Dicht- und Schauspielkunst, machte. Am nächsten Tage machte ich während meiner Arbeit noch zehn Strophen zu meinem Gedicht dazu; um sie nicht zu vergessen, mußte ich von Zeit zu Zeit den Abort aufsuchen und sie auf den Rand einer Zeitung aufschreiben, was den Werkführer zu der mitleidigen Frage veranlaßte, ob ich vielleicht am Abend vorher eine schlechte Wurst gegessen habe. Da er ein rechter Salbader war, gab er mir gleich ein Pulver, das ich aber in meine Hosentasche verschwinden ließ. Auch sonst glaubte sich der Werkführer verpflichtet, so viel an uns herumzudoktern wie nur möglich, und fragte uns gleich jeden Morgen vor Beginn der Arbeit nach unserm Befinden aus. Große Befriedigung gewährte es ihm dann, wenn einer von uns wirklich über eine Unpäßlichkeit klagte. Er bekam dann eine aufrichtige Erklärung seines Leidens, den besten Weg zur Heilung vorgetragen und mußte zum Schluß eines der hundert Pulverchen oder Medizinen nehmen, die der Werkführer in seiner Schublade hatte. Er selbst war keine besonders gute Reklame für seine Heilmethoden und Mittel, denn er war von schmächtigem Wuchs und käseweiß im Gesicht; seine Stimme war dünn, und es gelang ihm nur mit Mühe, laut zu sprechen, wobei er meistens zum Schluß mit der Stimme umkippte, was uns oft heimlich lachen machte. Übereinstimmend mit den Regeln der Hygiene, die er uns stets predigte, war seine peinliche Sauberkeit. Der Hemdkragen war stets blendendweiß, und selbst die Arbeitsbluse zeigte selten einen Riß oder Ölflecken. Er wusch sich alle Augenblicke die Hände und putzte darauf sorgfältig die Fingernägel. Um ja keine Bazillen zu verschlucken, aß er im Gegensatz zu uns anderen Arbeitern nie während der Arbeit. Großen Kummer bereitete ihm sein spärlicher Haarwuchs, und er ließ aus allen Weltgegenden Mittel kommen, um ihn zu bessern. So roch es auch in seiner Umgebung stets ganz merkwürdig, halb nach Apotheke, halb nach Friseurstube. Als Vorgesetzter war er äußerst angenehm, denn er ließ die Dinge in der Werkstatt gehen, wie sie wollten, wenn es sich nicht, wie gesagt, um medizinische Fälle handelte. Um seine Eltern schien er sich nicht viel zu kümmern, ja seiner Stiefmutter wich er sogar geflissentlich aus, wenn er ihre Stimme auf der Stiege hörte, wo sie gern mit den Nachbarinnen tratschte. So gütig und nachsichtig er gegen uns war, so sehr haßte er seinen kleinen Stiefbruder. Er nannte ihn nie anders als den Banken und wurde noch um einen Schatten blasser, wenn er dessen kreischende Stimme in der Nähe hörte. Die kleine Bosheit tat ihm aber auch überall die schlechtesten Streiche an, zertrampelte die Vergißmeinnicht- und Nelkenbeete, die der Werkführer angelegt hatte, verstümmelte seine geliebten Rosenstöcke, an denen er sich nach Feierabend und oft während der Mittagspause so lange erfreut hatte, und verdarb, wenn es ihm möglich war, die Werkzeuge seines Stiefbruders. Trotz aller dieser Lausbübereien durfte ihn nie jemand strafen, und die Eltern nahmen stets seine Partei, wenn man sich bei ihnen beklagte. Karl war nach ihrer Meinung der mißgünstige Stiefbruder des Märchens, der seinen armen kleinen Bruder am liebsten zu Tode quälen würde. Weil ich nun schon von unserem Werkführer gesprochen habe, will ich auch meiner übrigen Kollegen Erwähnung tun. Da war es nun vor allem der Schnitt- und Stanzenmacher, der mich seines eigenartigen Wesens wegen interessierte. Trotz seiner siebzig Jahre war er noch sehr rüstig, stand mit seinem breiten Körper wie der Jüngsten einer vor dem Amboß und hämmerte von früh bis abends drauflos, ohne die geringste Ermüdung zu zeigen. Er trug einen üppigen Backenbart, und auch sein Haupthaar war von seltener Dichte, so daß sein Kopf wie ein Bartwisch aussah und man kaum die Augen und Ohren unterscheiden konnte. Er hatte daher auch den Namen Rübezahl bekommen, der um so besser zu ihm paßte, als er auch durch seine große Schweigsamkeit etwas unheimlich und geisterhaft wirkte. Oft verging eine ganze Woche, ohne daß wir ein Wort aus seinem Munde hörten. Er verständigte sich dann nur durch Zeichen und, wenn's gut ging, durch ein tiefes Baßgrunzen, das kein Mensch verstand. Dann konnte aber wieder einmal ein Tag kommen, wo er gleich zu Beginn der Arbeit schon gewaltig über alle möglichen Dinge der Welt zu schimpfen begann. Da gab es keinen Mächtigen der Erde, keine staatliche und städtische Einrichtung und kein Gesetz, das von seinem Zorn verschont blieb. Allen politischen Parteien wurde der Krieg bis ans Messer geschworen; sie waren alle eine Bande von Verbrechern, und er kündigte ihnen ein großes Strafgericht in den wildesten Ausdrücken an. Aber auch von Gott hielt er nichts, von der Bibel und den Kirchen. Sie waren ebenfalls nur ein Schaden für die Menschheit, die Menschen selbst aber die blutigsten Bestien, für nichts anderes wert, als daß man ihnen den Schädel einhaue. Überzeugt davon, daß die anderen Arbeiter seine erbittertsten Widersacher seien, polterte er seine Anklagen auf uns Unschuldige los und wurde über vermeintliche Gegenmeinungen immer wütender. War er dann am Höhepunkt seines Zornes angelangt, so konnte dieser in einem Augenblick verrauchen und Herr Rübezahl wieder bester Laune sein. Die seltsamsten Gerüchte waren über ihn im Umlauf. Er sei Besitzer eines schönen Zinshauses, in dem nur entlassene Zuchthäusler oder die Familien von Verbrechern wohnten. Da er von ihnen keinen Zins nehme, müsse er in die Fabrik gehen und arbeiten, um das zu verdienen, was er für sein Leben und die Erhaltung des Hauses benötigte. Ein anderes Gerücht bezeichnete ihn als Obmann einer geheimen Anarchistenvereinigung; in einer Dachstube weit draußen in Hernals fabriziere er Bomben und halte die aufrührerischsten Reden in einer Branntweinschenke. Der eine oder andere der Arbeiter wollte ihn trotz seines hohen Alters mit Prostituierten am Arm gesehen haben. Trotz aller dieser Geschichten, die man sich von ihm erzählte, hütete man sich im Hause, ihm zu kündigen, denn er war ein ausnehmend geschickter Arbeiter und schon an die zwanzig Jahre in der Fabrik beschäftigt, ohne ein einziges Mal gefeiert zu haben, wie mir der Werkführer einmal erzählte. Selbst am ersten Mai, an welchem Tage jeder Arbeiter sonst der Werkstatt fernbleibt, kam er pünktlich in die Fabrik, und es wäre deshalb einmal bald zu einem Streit zwischen ihm und anderen Arbeitern gekommen. Mein dritter Arbeitskollege war auch schon über fünfzig Jahre alt. Er hatte einen aufgeblähten Körper, wenigstens schien es, als wäre er mit Gas gefüllt. Herr Krtek sprach ein schreckliches Deutsch, obwohl er schon seit seiner Lehrzeit in Wien war. Meist saß er mit mürrischem, zusammengekniffenem Gesicht vor seinem Holzstock, auf dem er die ausgestanzten Bleche bauchig hämmerte, und summte unablässig Begräbnismärsche vor sich hin. Trotz seiner sozialdemokratischen Gesinnung, die sich äußerlich durch ein Karl-Marx-Medaillon an der Uhrkette und einem Lassalle als Krawattennadel kenntlich machte, war er auch ein begeistertes Mitglied eines Veteranenvereins, bei dem er die Würde eines Bombardonbläsers bekleidete. Seine Spezialität bildete nun in dieser Eigenschaft das feierliche Hinausblasen eines verstorbenen Kameraden auf den Friedhof. Da sein Instrument sehr gesucht war, wurde er auch von anderen Veteranenvereinen oft eingeladen, bei diesen traurigen Anlässen als Gast mitzuwirken, was ihn alles mit größtem Selbstbewußtsein erfüllte. Mit einem chronischen Magenübel behaftet, war er ein dankbares Objekt für unseres Werkführers Medizinkunst, obwohl er sich schon selbst eine eigene Heilmethode zurechtgelegt hatte. Sie bestand in fast ununterbrochenem Essen. Hinter dem Lederlatz seiner Schürze stak jeden Morgen ein tellergroßer Brotlaib, der bis zu Mittag aufgegessen war. Herr Krtek hatte eine schreckliche Angst vor dem Tode. Wenn das Totenglöckchen des nahen Spitals die Erlösung eines armen Kranken ankündigte, fing unser Bombardonbläser erbärmlich zu zittern an und hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich die Ohren zuzuhalten. Wie sich diese Furcht mit seiner Leidenschaft für die Begräbnismusik vertrug, war mir ein Rätsel. Heute, nach so vielen Jahren, weiß ich, daß manche Gegensätze im Menschenherzen Platz haben können, ohne die geistige Maschine in Unordnung zu bringen. Nun aber wieder zu meinem letzten Erlebnis zurück. Ich brachte an dem Abend, an dem ich Franz Kommarek erwartete, meine Stubenecke in peinlichste Ordnung, stellte sogar ein paar Bierkrügeln voll Flieder auf den Tisch und die Bücherstellage, worauf ich mit Wohlgefallen bemerkte, daß sich meine Bücher in dieser Umgebung sehr vorteilhaft ausnahmen. Die Kartoffeln, die es zum Nachtmahl gab, verschlang ich eiligst, um dann mein Gedicht an die Freundschaft ins reine zu schreiben. Ich war eben damit fertig geworden, als mein Freund nach einem energischen Anklopfen ins Zimmer trat. Er begrüßte mit einer herrlichen Phrase die Mutter und warf dann schwungvoll seinen breitkrempigen Velourhut auf den Diwan. Der prachtvolle Samtrock sowie das ungezwungene, wie mir schien, vornehme Wesen meines Freundes schüchterten mich plötzlich sehr ein. Ich schämte mich unserer armseligen Einrichtung, in der er mir wie der Sohn eines Grafen oder sonst eines mächtigen Mannes vorkam. Er aber beschäftigte sich gleich mit meinen Büchern, deklamierte aus dem einen oder andern eine besonders wirksame Stelle mit laut schmetternder Stimme und bat mich schließlich, ihn nicht mehr Franzl zu nennen, da jeder Schusterbub in Wien so hieße. Sein Künstlername sei Wolfgang Berghof. Mein Vorname gefiel ihm ganz gut, nur Petzold dürfe ich mich als Dichter nicht nennen, das klinge so, als wenn Schiller Nawratil geheißen hätte. Nun kam der aufregende Moment, wo ich ihm meine Gedichte zeigen sollte, was ich mit Zittern und Bangen tat. Er flößte mir ja so großen Respekt ein, und ich fühlte mich vor ihm zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Ich fühlte auch zum erstenmal, daß es ganz etwas anderes sei, für sich selbst Verse zu schreiben, als sie jemanden lesen zu lassen. Franzl, oder vielmehr Wolfgang, wie ich ihn nun nennen sollte, las mit höchst ernsthafter Miene ein Gedicht um das andere, während es mir bald kalt, bald heiß über den Rücken lief und ich voll Unruhe vor der Kritik auf dem Sofa herumrutschte. Endlich hatte er das letzte, meinen meterlangen Hymnus an die Freundschaft, beiseitegelegt und sagte, nachdem er sich gewaltig geräuspert hatte, einige meiner Gedichte hätten ihm sehr gefallen, doch vermisse er erstens die Metrik und zweitens die Liebe darin. Über den letzten Einwurf erlaubte sich meine Mutter vom Ofen her, wo sie ihren geliebten Kaffee kochte, zu bemerken, daß sie, als alte, erfahrene Frau, anderer Meinung sei. Sie danke ihrem Herrgott, daß ich noch nicht den Weibern nachliefe, wie es leider sonst bei den Grünlingen in dieser Zeit der Fall sei. Ich verdiente kaum so viel, um mich über dem Wasser zu halten, und wüßte von der Welt so viel wie ein Hase vom Meer. Sie hoffe, daß noch eine lange Zeit vergehen würde, bis ich so dumm wäre, den Mädchen nachzugehen. Er möge mir nicht so überflüssige Gedanken in den Kopf setzen und selbst vorher etwas Tüchtiges lernen, bevor er sich mit solchen Eselseiern abgebe. Vergebens winkte ich meiner, für die Sittlichkeit ihres Kükens so besorgten Mutter ab und stand eine Höllenangst aus, mein neuer und so bedeutender Freund werde sich auf diesen Angriff auf Nimmerwiedersehen empfehlen; auch schämte ich mich schrecklich dieser Bevormundung seitens meiner Mutter. Zu meiner größten Freude hatte aber mein Freund nichts übelgenommen, sondern er gab sogar meiner Mutter recht und erklärte in einer wohlgesetzten Rede, daß nur ein kleines Mißverständnis zwischen ihnen obwalte. Er meine nämlich nicht die leibliche Liebe, sondern die seelische oder platonische, die Liebe zum Idealen, von der jeder wahre Künstler ergriffen sein müsse. Meine Mutter, noch immer mißtrauisch, brummte etwas von neumodischen Alfanzereien, die ich doch nicht verstände, kümmerte sich aber von nun an nicht mehr um unsere Gespräche und schickte sich vielmehr an, auch dem Gaste einen guten Kaffee zu bereiten. Wolfgang erklärte mir nun an der Hand von Beispielen mit wichtiger und feierlicher Miene, was ein Streckvers, ein Blankvers, ein Pentameter und ein Hexameter sei, wo man den Daktylus, wo den Alexandriner anzuwenden habe. Ich aber hörte ihm zu, als hinge meine Seligkeit davon ab, diese Dinge zu wissen. Mit Andacht bemühte ich mich, die erstaunlichen Kenntnisse meines Freundes in mich aufzunehmen, wie ich nie mehr später im Leben empfunden habe, wenn es galt, etwas zu erlernen. Mein Lehrer versprach mir, das nächstemal eine gedruckte Metrik mitzubringen und sie mir zu leihen. Darin seien alle Versmaße erläutert, und es sei keine Kunst mehr, mit dieser Hilfe ein großer Dichter zu werden. Das Zeug dazu habe ich, nur dürfe ich (er warf einen scheuen Seitenblick auf die Mutter) die Liebe nicht vergessen. Alle großen Poeten hätten schockweise Liebesgedichte geschrieben und wären durch diese erst berühmt geworden. Wenn wir das nächstemal zusammenkämen, wolle er mir mehr über diese Liebe sagen. Ich bedauerte es lebhaft im stillen, daß dieses nicht gleich sein konnte, denn ich ahnte, daß Wolfgang mit mir auch über das von der Mutter so verpönte Thema und nicht nur über die platonische Liebe reden werde. Der Dampf des Kaffees, den meine Mutter jetzt auftrug, vertrieb ein wenig den Dunst unserer Phantasterei, und mein verehrter Freund entpuppte sich als ein prächtiger Unterhalter, als er durch fröhliche, harmlose Gespräche meine Mutter zum Lachen brachte und dadurch ganz versöhnte. Als er aufbrach und sich von ihr verabschiedete, bat sie ihn, recht bald wiederzukommen. Bei seinem nächsten Besuch an einem Sonntag nachmittag händigte er mir die versprochene Verslehre ein, die ich nun mit großem Eifer und Fleiß studierte. Ich trug sie sogar hinter meinem grünen Lederlatz immer bei mir, um auch bei der Arbeit von Zeit zu Zeit einen Blick hineintun zu können. Romane oder andere Unterhaltungsbücher verloren vollständig an Interesse für mich, und ich zog sogar abends im Bett noch meine Metrik hervor, um bis Mitternacht zum Ärger meiner Mutter die Hebungen und Senkungen zu studieren. Man kann sich nun auch unmöglich das Glück vorstellen, das mich an dem Tage erfaßte, an dem ich zum erstenmal imstande war, eine Anzahl von Verszeilen in ein richtiges Versmaß zu bringen. Ich konnte kaum den Moment erwarten, an dem ich mein Kunstwerk Freund Wolfgang zeigen durfte, der es laut deklamierte, wobei ich eine Art Ehrfurcht vor mir selbst empfand; ich wurde damals zum erstenmal von dem sonderbaren Gefühl ergriffen, ein Doppelwesen zu sein, wie es mir später meist geschah, wenn mir ein gutes Gedicht gelungen. In stürmischer Weise gab Wolfgang seiner Befriedigung Ausdruck und prophezeite meiner Mutter, daß einst ein großer Dichter aus mir würde, so wie er gewiß ein guter Schauspieler; dann seien die Tage der Not für sie zu Ende, und sie würde ein Haus und Dienerschaft besitzen. Denn jetzt sei nicht mehr die Zeit, wo man die Dichter hungern lasse, nun vergolde man ihnen den Lorbeer reichlich. Meine Mutter sagte, daß sie da wohl bis »Micheldut« warten müsse, daß wir überspannte Kerle wären und daß man in der Welt nicht auf uns warten würde. Ihr wäre es lieber, ich hätte das Glück gehabt, einen so schönen, gutbezahlten Beruf zu lernen, wie es Wolfgang gegönnt war. Er möge sich nicht versündigen und, anstatt solchen Dummheiten nachzuhängen, lieber trachten, etwas Tüchtiges zu leisten. Wir sollten uns im übrigen nur merken: der liebe Gott lasse der Ziege den Schwanz nicht zu lang wachsen, damit sie ihn nicht abstößt. Ist es schon einmal geschehen, daß sich jugendliche Begeisterung vom klug warnenden Alter abschrecken ließ? Wenn ich auch keinen werdenden Schiller in mir vermutete, mein Dichterkamm fing doch gehörig zu schwellen an, und ich stelzte in den nächsten Tagen mit einem Hochgefühl sondergleichen einher und verbohrte mich noch mehr in das Zauberbüchlein der Metrik, das die Verse jetzt aus mir herauszog wie ein Magnet die Nadeln aus einer Schachtel. Jetzt verging kein Tag, an dem ich nicht Gedichte schrieb. Die automatische Beschäftigung an der Maschine kam mir dabei sehr zugute, da sie mein Hirn gar nicht in Anspruch nahm und ich dieses ganz in den Dienst meines Dichterehrgeizes stellen konnte. All mein mageres Taschengeld verwandelte sich in Schreibpapier. Und wenn es nicht ausreichte, mußte das Frühstücksgeld, das zehn Heller betrug, dazu verwendet werden. Das Rauchen hatte ich mir abgewöhnt, um statt des Tabaks hier und da eine billige Gedichtsammlung von Chamisso, Brentano, Novalis und anderen Lyrikern kaufen zu können. Wolfgang war ein täglicher Gast bei uns geworden. Meistens hockten wir in meiner Ecke am Fenster, und wir disputierten eifrigst über meine neuentstandenen Gedichte, die schon mehrere Schulhefte füllten. Einmal brachte mein Freund auch sein erstes Drama mit und las es mir vor. Soviel ich mich erinnern kann, spielte es in Neapel und hatte die Liebe eines leidenschaftlichen Fischers für eine schöne Nonne zum Sujet; es war in einer sehr blumenreichen Sprache geschrieben und endigte damit, daß sich die beiden Helden des Stückes ins Meer stürzten und elendiglich ersoffen. Ich gab ihm nun aus aufrichtigem Herzen sein Lob mit Zinseszinsen zurück und war mindestens ebenso über seine dramatische Veranlagung begeistert wie er über meine lyrische. So himmelten wir uns gegenseitig an, ähnlich wie es die anerkannten Dichter in den Zeitungen tun, nur mit dem Unterschied, daß wir allen Ernstes den andern für das große Genie der Zeit hielten, während dies bei unseren berühmten Kollegen nicht immer der Fall ist. Das größte Vergnügen bereitete uns das Sprechen berühmter Theaterstücke mit verteilten Rollen, woran sich sogar meine Mutter beteiligte, die alle weiblichen Rollen übernehmen mußte, in der ich die Bösewichter und Wolfgang die Helden las. »Die Räuber«, »Wilhelm Tell«, »Das Käthchen von Heilbronn«, »Der Müller und sein Kind«, sogar die Schauerstücke von Müllner, Houwald und Werner erfreuten sich bei uns größter Beliebtheit. Ich spielte den Franz Moor so durchdrungen, daß ich mich einmal beinahe wirklich mit einer Schnur erdrosselt hätte. Wolfgangs energisches Einschreiten mit einer Schere bewahrte mich damals vor dem Opfertod für die Kunst. Wir liehen uns aus der Volksbibliothek die Schauspielschule von Benedix aus, darin wir nun gar fleißig Rhetorik und die verschiedenen Gesetze des Auftretens auf der Bühne studierten. Zu unserer Betrübnis wollte dabei die Mutter nicht mittun. Lesen, wie sie es von ihrem gottseligen Vater gelernt, ja, aber diese Faxereien mitmachen, nein! Dafür sei sie schon viel zu alt, und das Zeug hätte überhaupt keinen Sinn. So mußten wir uns in der Mimik allein vervollkommnen, und indes die Mutter behaglich in ihrem Lehnstuhl saß und ihre Rolle eintönig gemütlich herunterleierte, ganz gleich, ob sie das Klärchen oder Amalie vorzustellen hatte, schnitten Wolfgang und ich als Brackenburg, Tell, Franz Moor, Konrad usw. usw. die furchtbarsten, teuflischsten, melancholischsten Grimassen, taten bald spitzfindig, bald verklärt, heldenhaft oder blödsinnig und fuchtelten mit Händen und Füßen wie wahnsinnig herum und wanden und schlängelten oft dabei unsern Körper, daß die Mutter vom Lesen aufhören und in krampfhaftes Lachen ausbrechen mußte. Wir schrien im Stil unserer Rollen auch manchmal so laut, daß wir die Fenster schließen mußten, um kein Aufsehen zu machen. Denn einmal hatte eine Nachbarin meine Mutter befragt, wieso es gekommen sei, daß ich, früher so ein ruhiger Bursche, jetzt so oft betrunken nach Hause käme und herumrandaliere, daß man es zehn Häuser weit hören könne. Die besorgte Nachbarin sollte noch ganz andere Dinge zu hören bekommen, denn es begab sich, daß unsere kleine Gesellschaft einen Zuwachs erhielt, den Wolfgang eines Abends unerwartet mit zu uns brachte. Es war ein Freund aus früheren Zeiten, den er nach langem wieder auf der Straße getroffen und der den Wunsch geäußert hatte, in unserem Bunde der dritte zu werden, als er durch Wolfgang von unseren literarisch- 185 dramatischen Abenden gehört hatte. Er stand ungefähr im gleichen Alter wie wir, überragte uns aber gut um eine Kopflänge und war dabei von sehr hagerem Wuchs. Sein Gesicht war voll von Falten und zeigte eine unglaubliche Verwandlungsfähigkeit. Der Ausdruck konnte sich im Nu verändern, und es war oft komisch, sein Gesicht beim Sprechen anzusehen, da es so genau ausdrückte, was der Bursche sprach. Wie Wolfgang hatte auch er nur eine Sehnsucht, der er Tag und Nacht nachhing: Schauspieler zu werden. Als Laufbursche in der Wiener Börse angestellt, verfügte er über viel mehr freie Zeit als wir; er benutzte jede freie Minute dazu, auf den Gängen und Vorräumen einiger Theater herumzubummeln und nach der Gelegenheit zu spähen, für einen ausgebliebenen Statisten einspringen zu dürfen, oder auch einen Bühnenarbeiter für ein paar Stunden zu vertreten. Er selbst bildete sich auf diesen Anfang seiner künftigen Bühnenlaufbahn nicht viel ein, wir dagegen beneideten ihn sehr darum. Wir rochen ordentlich das Parfüm dieser herrlichen Welt des Rampenlichts und des blendenden Scheins an ihm und ärgerten uns im stillen über seine anscheinende Blasiertheit, die uns wie Ketzerei vorkam. Auch seine gewählte Kleidung erregte meinen Neid, indes Wolfgang am anderen Tage sagte, der echte Künstler sei nicht wie ein Gigerl angezogen, und er halte auch von dem Können Heinrichs nicht viel. Der sei mehr mit dem Munde obenauf als mit dem Kopf. Immerhin wäre er ein guter Kerl und für kleine Rollen zu gebrauchen. Darum wolle er ihn regelmäßig mitbringen, wenn wir nichts dagegen hätten. Auf meine Mutter hatte Herr Heinrich einen guten Eindruck gemacht; er sei sehr nett, habe eine feine Stellung und scheine lange nicht so verrückt wie die Kaffeebohne, wie sie Wolfgang seines braunen Samtrocks wegen nannte. Ich aber hätte jeden Vagabunden als Freund begrüßt, wenn Wolfgang, den ich vergötterte, ihn zu uns gebracht hätte. Ach wie sehr sollte sich die Mutter in Heinrich getäuscht haben! Der wahrste Beelzebub war in Gestalt eines Lammes in unseren Kreis gekommen! So gebügelt seine Hosenfalte und so tadellos gebunden seine Krawatte stets war, so toll wirbelten die Narrenstreiche in seinem Hirn umher. Er war von einer Quecksilbrigkeit, die ruhelos nach Abenteuern und Abwechslung im grauesten Alltag fahndete. Bald hatte er Wolfgang die Herrschaft aus der Hand genommen und gab den Ton an. Unter seiner Leitung wurden die Theaterstücke nun nicht mehr nur gesprochen, sondern wir mußten ganze Szenen wie auf der Bühne aufführen. Trotz des Protestes meiner Mutter bauten wir aus den wenigen Möbeln Szenenbilder, drapierten uns mit ein paar alten Kleidungsstücken und Decken zu Königen und Bettlern um und hängten Wergbärte um die Wangen und unter die Nase. Als gar Heinrich einmal einen Topf mit Schminke brachte, strichen wir uns so greulich an, daß meine Mutter ganz erschrocken vor uns flüchtete. Die Rollen mußten nun auswendig gelernt werden, und einer von uns hatte die Frauenrollen zu übernehmen, da die Mutter uns ihre Mitwirkung als Schauspielerin versagte. Wegen meines mädchenhaften Gesichts wurde ich dazu auserwählt, ich mußte aber auch außerdem die Väter spielen, indes Heinrich der Intrigant und Bösewicht, Wolfgang der Held und Liebhaber war. Ich war anfangs sehr betrübt, nicht mehr meinen Franz Moor und den Sekretär Wurm spielen zu dürfen, und erst die Rollen des herrlichen, hustenden Müllers Reinhold und des wahnsinnigen Königs Lear trösteten mich. An den Abenden der Wochentage kamen wir nur zusammen, um vereint zu lernen, zu proben und mit Hilfe von buntem Papier, Farbe und Kleistertöpfen, den Abfällen aus meiner Mutter Flicklade unsere Theatergarderobe zu bereichern. Sonntags aber war dann stets die Aufführung einiger dramatischer Szenen aus den verschiedensten Tragödien. Das Lustspiel verachteten wir als zu wenig künstlerisch. Der Lärm, den wir dabei machten, überbot alles bisher Dagewesene. Nicht nur, daß jeder einzelne von uns in dem größten Stimmenaufwand ein Zeichen vollendeter Schauspielkunst sah, wir kamen meistens auch in eine solche Begeisterung, daß wir das Dargestellte wirklich sehr realistisch brachten. Die Möbel mochten dabei umstürzen, die Fenster klirren und das ganze Haus zittern, was kümmerte uns das! Zum Glück benutzten die anderen Parteien des Hauses die Sonntage, um Spaziergänge oder Vergnügungsfahrten zu machen, und so wurden sie nur selten Zeugen unserer lärmenden Begeisterung. Das verhältnismäßig frohe und bunte Leben, das ich mit meinen zwei Freunden in diesen Tagen führte, zerriß ein wenig den Schatten der Bedrückung und Sorge, unter dem ich bisher meine Jugend verbracht hatte, wenn wir, meine Mutter und ich, auch nur gerade so viel verdienten, wie zum knappen Fortkommen nötig war. So tat das bißchen Sonne, das auf mich fiel, meiner verkümmerten Seele so wohl wie dem Blumenstock, der den Winter in einem Keller verbracht hatte und der nun an einem sonnigen Frühlingstag ins Freie gestellt wird. Langsam erinnert er sich seines Wachstums, seiner begrabenen Kraft, vorsichtig fühlt er mit neuen Trieben in die Luft hinein. Oh, da ist kein tödlicher Frost mehr vorhanden, zärtlich warm rinnt es über ihn hin, und in stillem Jubel fängt er zu blühen an; verlangt nichts von seinem Schöpfer, als immer in freier Luft und einem Stückchen Sonne stehen zu dürfen. So war es mir auch gar nicht ernst damit, wenn ich, um nicht die Eintracht zu stören, mit meinen Freunden über die Welt und ihre Schäden schimpfte; wir träumten meist als Abschluß unserer Philosophiererei von einer Zukunft, die uns Gold, Ehre, Ruhm und Erhöhung vor den anderen bringen sollte. Die Stunden, die ich dem Richardl geben mußte, verloren auch etwas von ihrem anfänglichen Schrecken, nachdem sich der lernbegierige Schüler meine Lehren Selten mehr als eine halbe Stunde gefallen ließ und gleich über Kopfschmerzen zu klagen begann, wenn ihm eine Aufgabe zu schwer vorkam. Sein auflehnendes Brüllen gegen meine guten Ratschläge und Unterweisungen war mir ein Gesang, denn gleich erschienen dann Mama oder Papa, um die Stunde aufzuheben und ihr Kind in den Garten zu schicken. 188 Für meine Nachhilfestunden erhielt ich eine Krone Lohnzulage in der Woche. Ich brüstete mich vor meinen Freunden nicht wenig ob meiner schulmeisterlichen Tätigkeit, die mir etwas vor ihnen vorausgab, sie aber wollten zu meinem Leidwesen nicht viel davon halten. So warf ich mich mit doppeltem Eifer aufs Dichten, das auch meines neuen Freundes Bewunderung erweckte; er meinte aber, ich möge lieber Theaterstücke schreiben, da diese mehr Geld einbrächten und man dadurch auch schneller berühmt werden könne. Ich wandte dann ein, daß Heine, Lenau, Brentano nur durch ihre Gedichte berühmt geworden seien, er aber versicherte mir, daß dies nur in früheren Zeiten möglich und heute nicht mehr zu erreichen sei. Wenn ich wenigstens Couplets schreiben könnte! Da war noch etwas zu machen. Das war eine kalte Dusche auf mein warmes Lyrikerherz! Ganz traurig teilte ich Wolfgang mit, was Heinrichs Meinung über meine Kunst sei. Der aber, immer Idealist, beruhigte mich, ich möge mir von dem Windbeutel nur nichts vormachen lassen und weiter Gedichte schreiben. Der echte Künstler buhle nicht um die Gunst der Menge, und Geld sei Nebensache. Heinrich habe seine Ansichten von der Börse mitgebracht, wo die Wucherer und Geldjuden säßen. So schrieb ich, ein wenig getröstet, weiter Vers auf Vers, weil sich meine Gedanken und inneren Erlebnisse eben in keine andere Form fügten, und schrieb beinahe nur Verse bis auf den heutigen Tag. Freilich ist auch Heinrichs Prophezeiung eingetroffen. Reich bin ich durch meine Gedichte noch immer nicht geworden, und was den Ruhm betrifft, so muß ich mich vor manchem Possenfabrikanten verstecken. Dafür kann ich mit gutem Bewußtsein sagen, daß ich nie anderes geschrieben, als was mir meine innere Stimme gebot, und wenn es selbst Couplets waren, welch edlen Zweig der Dichtkunst ich einmal recht hoch hielt. Als die ersten Herbststürme über Wiens hunderttausend Dächer polterten, wurde es in meiner Stube noch gemütlicher. Meine beiden Freunde hatten die Hälfte ihrer Bücherschätze zu mir geschleppt. Das Bücherbrett bog sich unter seiner Last. Damals war etwas Neues in Wolfgangs und mein Leben getreten, und es rüttelte unsere Seelen zutiefst auf: es war der Theaterbesuch. Heinrich, der alle Vorstadttheater in- und auswendig kannte, hatte uns einmal dazu aufgefordert, und seitdem verging kaum ein Sonntag, an dem wir nicht nachmittags auf der Galerie oder, wie der Wiener so schön sagt, dem Juchhe des Josephstädter Theaters standen und aus einer Wolke menschlicher Ausdünstung dem Knieriem der Hansi Niese, ihrer Rosel im »Verschwender« und andern mehr oder weniger bekannten Lieblingen zujubelten, um uns dann nach der Vorstellung durch langes Stehen vor dem Bühnenausgang nasse und eiskalte Füße zu holen. Eine noch größere Anziehungskraft hatten für uns die Klassikervorstellungen, die jeden Montagabend zu ganz billigen Preisen im Deutschen Volkstheater gegeben wurden. Wir leisteten lieber auf alles andere Verzicht als auf diese. Ein Stehplatz am Juchhe kostete da nur fünfzig Heller, aber auch die zu ersparen war nicht immer leicht. Zum Glück herrschte zwischen uns dreien der edelste Kommunismus, alles wurde geteilt, und reichte das Geld nicht, so verzichtete Heinrich, der die meisten Stücke schon gesehen hatte, opferfreudig darauf, um wenigstens uns beiden den Besuch zu ermöglichen. So sahen wir hier unsere geliebten Tragödien »Egmont«, »Die Räuber«, »Wilhelm Tell«, »Hamlet«, »Käthchen von Heilbronn«, »Nathan der Weise«, »Uriel Acosta«, von wirklichen und zumeist berühmten Mimen und in herrlicher Ausstattung dargestellt. Wir saßen zumeist auf den breiten Flügeln eines Stuckengels, von welchen billigen Logensitzen aus wir den prächtigsten Blick auf die Bühne hatten. Freilich konnten wir diese Engelsitze nicht immer bis zum Schluß der Vorstellung behaupten. Oft wurden wir von einem eifrigen Theaterdiener, der unseren Absturz auf die Glatzen oder Turmfrisuren der Parkettbesucher befürchtete, zum Verlassen unserer Sitze gezwungen. Geschah dies eben bei einer besonders interessanten Szene, so machten wir taube Ohren, solange es anging, und wichen erst, wenn der diensthabende Polizeimann bedrohlich nahte. In unvergeßlichen Bildern stehen die großen Schauspieler von damals vor meinem inneren Auge. Ich sehe die tragisch-hagere Gestalt der Sandrock als Maria Stuart vor mir, die das Wissen ihres Todes schon in den ersten Szenen im Auge trug, Kutschera als Egmont die klingenden Freiheitsphrasen in den Zuschauerraum schleudern und das süße Puppengeschöpf Retty unsere Tränen hervorlocken; den beinahe siebzig Jahre alten Martinelli seinen Meineidbauer in einer Satansmaske spielen, daß es einem eiskalt über den Nacken lief. Und einmal ging der Vorhang auf, und da lachte – die Odilon zu uns herauf, ihr kirschrotes, brennendes, sündhaftes Lachen. War es ein Wunder, wenn bei einem solchen Anschauungsunterricht der Wunsch in uns immer glühender wurde, selbst einmal auf einer wirklichen Bühne aufzutreten, umjubelt und verehrt vom Publikum? Eines Samstagsabends bot sich uns nun Gelegenheit, eine Stufe zur Erfüllung dieses Wunsches emporzusteigen. Wieder war es Heinrich, der uns dazu verhalf. Er lud uns ein, einer gemütlichen Zusammenkunft der Mitglieder des Humanitären Theatervereins Harmonie beizuwohnen. Er selbst war aufgefordert worden, als Mitglied beizutreten, und wir könnten uns die Geschichte ja einmal anschauen. So begleiteten Wolfgang und ich mit Überwindung unserer Schüchternheit Freund Heinrich. Er führte uns in ein Gasthaus in Hernals, in dem wir eine ansehnliche Gesellschaft junger Leute fanden, die sich aufs beste zu unterhalten schienen. Einer von ihnen – er war durch ein Büschel schwarzer Haare ausgezeichnet, das ihm beim Sprechen stets auf die Nase fiel – führte uns freundlich zu einem Tisch, auf dem eine Tafel mit der Inschrift »Vorstand« angebracht war. Wir wurden mehreren glattrasierten und meist sehr langhaarigen Burschen vorgestellt, die alle herrlich gebundene Krawatten trugen. Es waren der Kassierer, der Schriftführer, der Archivar und der Obmann-Stellvertreter des Vereins. Wir setzten uns nun recht wohlerzogen auf die angebotenen Stühle und warteten ehrfürchtig auf das Kommende. Über mir hing ein riesiges Küchenmesser an einer Goldschnur mit dicken Quasten. An dem einen Ende des Messers war eine Glocke angebracht, an dem andern ein schön gestickter Glockenzug mit folgender Inschrift: »Gäste, wer diese Glocke berührt, fünf Kreuzer an die Kasse abführt«. Über dem Schwert aber hingen an einem Stab eine Menge bunter Bänder mit Goldfransen herunter, die ergreifende Aufschriften, wie »Heil der deutschen Kunst«, »Ein tausendfaches Hoch der wackeren Harmonie« oder »Treudeutscher Gruß«, trugen und die meist in den Farben schwarz-rot-gold gehalten waren. Meine Augen fielen auch auf ein wunderschön bemaltes Wappenschild, auf dem in goldenen Lettern »Erster deutscher Hernalser Theater- und Humanitätsverein Harmonie, gegründet 1898« stand. Die Wände waren mit Tafeln behangen, auf denen zu lesen stand, wie man sich hier zu benehmen hatte. So studierte ich eifrig: Rechts trinken, links anstoßen, du sagen und: Knie hoch, Nase herunter, auf germanisch trinken, ferner: Jeder muß ein Reiter sein, bei jedem Zug vorher singen, Sie sagen. – Am Tisch stand eine eiserne Schatulle und ein großes Einschreibebuch, das öfters vom Schriftführer und Kassierer benutzt wurde. An den anderen Tischen saßen neben den Burschen, die, wie ich später hörte, meist freien Berufen angehörten, eine Anzahl junger, hübscher Mädchen, die ein gar geziertes Wesen zur Schau trugen und an den Gläsern vor ihnen nippten, indes die männlichen Mitglieder um so tapferer dem Bier zusprachen. Auch uns setzte der Kellner, ohne zu fragen, ein großes Glas Bier vor, und Heinrich beruhigte uns auf unser ängstliches Erstaunen mit der Mitteilung, daß der Verein unsere Zeche bezahlen würde, da wir seine Gäste seien. Wir mußten nun mit allen anstoßen und jedem uns Zutrinkenden Bescheid tun, so daß ich bald einen leichten Nebel um mich herum spürte. Ich konnte gerade noch verstehen, daß uns der Obmann in einer lauten Ansprache willkommen hieß und seine Genugtuung darüber aussprach, uns hier als Mitglieder begrüßen zu dürfen. Ich konnte mich zwar nicht erinnern, den Wunsch nach meiner Mitgliedschaft geäußert zu haben, ließ aber gern alles über mich ergehen, Heilrufe und Händedruck, und stimmte schließlich in das allgemeine Gejohle ein. Nach einem toll durcheinanderwirbelnden Rundgesang deklamierte ein und das andere Mitglied Gedichte und Bruchstücke von Dramen, was stets tosenden Beifall auslöste. Auch Heinrich und Wolfgang mußten herhalten. Ersterer brachte den Monolog des Franz Moor, und Wolfgang brüllte mit größtem Stimmaufwand Tells: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen ...« Der Erfolg, den beide hatten, erfüllte mich mit größtem Stolz, und gern hätte auch ich mein Können gezeigt; aber in meinem Hirn tanzten alle Verse und Dramen, aus denen ich etwas auswendig kannte, durcheinander, und der Nebel um mich wurde immer dichter. Als ich aufstehen wollte, zeigte mein Körper das Bestreben, lieber eine waagerechte Stellung einzunehmen, und ich torkelte mit Müh und Not zur Tür hinaus. Draußen erging's mir jämmerlich. Ich hörte noch ein »Alfons, schäm di, was bist denn für a Schweindl, jetzt bist gar bsoffn!« Irgend jemand drückte sich an mich und lallte: »Bruada, alles für die deutsche Kunst und d' Weana Gmüatlichkeit! Heil!« Wie ich dann nach Hause gekommen war, wußte ich am nächsten Morgen nicht mehr. Nur die lange Predigt, die mir die erzürnte Mutter gehalten, spukte in Bruchstücken in meinem schmerzenden Kopf herum, indes ich noch immer den Geschmack des gallbitteren Tees auf der Zunge hatte, den ich des »verdorbenen Magens« wegen trinken mußte. Wolfgang war's nicht besser gegangen als mir. Noch vierundzwanzig Stunden später sah er grasgrün aus. Heinrich lachte uns tüchtig aus. Dafür zauste aber meine Mutter gehörig seine schwarze Seele, was uns beiden anderen Sündern viel Freude bereitete. Trotz der üblen Erfahrungen konnten Wolfgang und ich kaum den nächsten Sonntag erwarten, der uns wieder in unseren harmonischen Verein brachte. Unsere Eitelkeit und die Sucht, als blutjunger Arbeiter noch irgendwo ernst genommen zu werden, wogen schwerer als die Warnungen der Mutter. Wir gaben uns aber das feste Versprechen, kein Glas mehr zu trinken, das uns schaden konnte. So erschienen wir alle drei punkt acht Uhr im Vereinslokal. Die diesmalige Zusammenkunft unterschied sich von der ersten durch den interessanten Entschluß, einen großen Theaterabend zu veranstalten, dessen Leitung meinem Freunde Heinrich anvertraut wurde. Mit großem Aufwand an Reden und erregten Auseinandersetzungen wurde ein Komitee gewählt, dem nebst anderen auch wir drei angehörten, was uns mit geheimem Stolz erfüllte. Als die Frage aufgeworfen wurde, wo das Komitee seine vielen vorbereitenden Sitzungen abhalten sollte – der Gasthaussaal stand dem Verein nur für die Samstage zur Verfügung –, schlug ich entschlossen und kühn als nächsten Zusammenkunftsort die Stube vor, die ich mit meiner Mutter bewohnte, obwohl sie sich schon für meine bisherigen Besuche als etwas klein erwiesen hatte. Mein opferfreudiger Antrag wurde aber auch mit allgemeiner Zustimmung angenommen. Der Obmann hielt eine begeisterte Rede, in der er mich als nachahmenswertes Beispiel eines deutschen Vereinsmitgliedes hinstellte, und sprach zum Schluß ein Hoch auf Bismarck, den Verein und mich aus, worin die übrigen Anwesenden begeistert einstimmten. Bei dem hierauf begonnenen Saufgelage hüteten Wolfgang und ich uns sehr, mitzutun, nicht nur der Erinnerung unseres ersten Katzenjammers wegen, sondern weil es diesmal aus unserem eigenen Sack gegangen wäre. Meine Mutter war am nächsten Tage von der Ankündigung der bevorstehenden Invasion nicht sehr entzückt, gab sich aber nach einigen Ausfällen auf Heinrich zufrieden, wohl ahnend, daß sie mir dadurch Freude bereitete. Sie ordnete sogar mit rührender Sorgfalt unsere Stube, damit es den Kollegen recht gut bei uns gefiele. So rückten sie am Mittwoch abend das erstemal bei uns an: der Obmann, der Kassierer und Schriftführer, ein anderes Mitglied, der Friseur seines Berufes war, und eine – Dame. Ich war dieser letzteren wegen anfangs ganz verwirrt, da ich meiner Mutter nur männlichen Besuch angekündigt hatte und nun bei ihr sicher den Verdacht erweckte, absichtlich das weibliche Wesen hereingeschmuggelt zu haben. Dabei konnte ich mich aber beim besten Willen nicht daran erinnern, daß sie bei der letzten Sitzung ins Komitee gewählt wurde. Der Obmann gab uns aber bald eine Erklärung. Er stellte uns das Fräulein Mizzi als erste Tragödin des Vereins vor, die er ersucht habe, mitzukommen, da sie gewiß eine weibliche Hauptrolle in dem Stück spielen würde, das zu wählen wir heute zusammengekommen waren. Wir waren mit der Mutter nun neun Personen in dem kleinen Raum. Obwohl diese die Absicht gehabt hatte, uns während der Beratungen allein zu lassen und zu einer Nachbarin zu gehen, blieb sie nun angesichts des unerwarteten weiblichen Besuchs hier, um, ein wenig mißtrauisch, wie sie war, der Entwicklung der Dinge als Aufsichtsorgan beizuwohnen. Sie setzte sich zu ihrem geliebten Ofen, auf dem sie zu ihrem Leidwesen keinen Kaffee zu beaufsichtigen hatte – denn so viel Leute zu bewirten war für unseren Geldbeutel eine Unmöglichkeit. Wir übrigen hatten mit Zuhilfenahme des Bettes und eines Koffers so ziemlich Platz gefunden. Das Ende unserer Debatten war der Entschluß, an dem Festabend mehrere Szenen aus »Don Carlos« aufzuführen. Wolfgangs Lieblingswunsch, »Die Räuber« auf die Bühne zu bringen, mußte abgelehnt werden, da der Bühnenraum nur vier Quadratmeter groß und für die Waldszenen deshalb nicht geeignet war. Die Rollen wurden gleich verteilt. Wolfgang wurde Don Carlos, Heinrich der Marquis Posa, Fräulein Mizzi die Prinzessin Eboli und mir der König Philipp anvertraut, während mit den kleineren Rollen nicht anwesende Mitglieder bedacht wurden. Heinrich wurde gebeten, die Regie zu übernehmen, was er würdevoll versprach. Er richtete auch, gleich eine kleine ernste Rede an die Künstler, in der er uns ermahnte, mit Geduld die Schwierigkeiten auf uns zu nehmen und uns opferfreudig in den Dienst des großen Volksheros Schiller zu stellen. Dann brachte er ein Hoch auf unsere Herbergsmutter aus, die ganz erschrocken über den wilden Lärm aus ihrem Schläfchen fuhr und verwirrt fragte, was denn geschehen sei. Endlich war unsere Sitzung beendet, und die Künstlerschar stolperte mit Fräulein Mizzi über die spärlich beleuchtete Treppe hinab; nur Heinrich und Wolfgang blieben noch bis Mitternacht bei mir, denn wir hatten noch viel erregte und begeisterte Worte über die große Aufgabe zu reden, die uns bevorstand. Am nächsten Abend brachte uns Heinrich mehrere Exemplare des »Don Carlos« in der Reclam-Ausgabe. Unsere Rollen hatte er schon rot angestrichen, und wir machten uns gleich ans Lernen, als gälte es, den Befähigungsnachweis fürs Burgtheater zu erbringen. Zwei Tage später gab's wieder Sitzung in unserer Stube, um die Kostümfrage zu besprechen. Da aber gab's ein großes Fragezeichen vor allen großartigen Plänen. Der Kassierer hatte uns eröffnet, daß die Kasse sehr schlecht bestellt sei. Woher nun aber ohne Geld die Königs-, Infanterie, Großinquisitoren- und Prinzessinnenkleider nehmen? Da war guter Rat teuer! Wir alle ließen die Köpfe hängen; sollten unsere ganzen Entschlüsse an der Kostümfrage scheitern? Besonders Wolfgang und ich waren wie vor den Kopf geschlagen, denn wir sahen die nahe Erfüllung unserer Sehnsucht arg bedroht. Da erklärte plötzlich meine Mutter, die sich bis dahin anscheinend gar nicht um unsere Beratungen gekümmert hatte, aus dem Hintergrunde der Kammer, wir sollten uns wegen des Krams keine Sorgen machen, aus alten Lumpen und Kleiderfetzen könne man herrliche Kostüme machen, die Schmierenschauspieler machten dies immer so. Sie erinnere sich gut, wie in ihrer Kindheit solche wandernde Komödianten bei ihren Eltern um Zwirn, Stoff und Lederabfälle gebeten hätten, aus denen dann die schönsten Fürsten- und Grafenröcke wurden, über deren Pracht die Leute nicht genug staunen konnten. Ihr Vater hätte sie und ihre Geschwister dann immer gewarnt vor diesem Schein und ihnen das Lügenhafte dieser Pracht so recht deutlich vor Augen gestellt. Unseren vereinten Kräften würde es wohl gelingen, die Kostüme für dieses Theaterstück herzustellen. Es solle halt jeder von den Beteiligten zu Hause die Mutter und Schwestern um alte Stoffreste, Bänder und dergleichen Zeug bitten und ihr bringen. Sie selbst wolle einen alten Seidenrock aus früheren Zeiten beisteuern. Die Worte meiner Mutter hatten die wohltuendste Wirkung auf unsere erregten Gemüter, und jeder versprach, sein möglichstes zu tun. So sah es einige Tage später in unserer Kammer wie bei einem Trödler oder noch besser wie in einem Lumpenmagazin aus. Ein jeder von den »Künstlern« hatte sein Bündel Stoffreste gebracht. Da gab es auch zerschlissene Seidenschärpen, Schürzen, Röcke, zerzauste Hutfedern und sogar durchgetretene Samtpantoffeln mit herrlicher Stickerei. Heinrich, der bei einer alten, unverheirateten Tante wohnte, die Schneiderin war, benutzte deren Abwesenheit, um ihre Schubladen halb auszuräumen. Von diesen Resten allein hätte man die Kostüme für ein kleines Theater zusammenschneidern können. Wolfgang, Heinrich, der Friseur und ich übernahmen die Verarbeitung der Sachen, während die Mutter die Oberaufsicht beim Zuschneiden und Zusammennähen führte. Das waren nun wundervolle Abende, an denen wir wie Schneidergesellen rund um den Tisch saßen, die Nadel und Schere führten, während draußen der Sturm an den Fenstern rüttelte, die feuchten Wolken über der Stadt lagen und oft auch ein kalter Regen die Leute in ihre Stuben jagte. Jeder von uns freiwilligen Arbeitern gab der Mutter zehn Heller, für dieses Geld kochte sie uns dann Kaffee oder Tee. War sie mit der Zubereitung des Getränkes fertig und sah sie vor uns die dampfenden Schalen stehen, so setzte sie sich in den alten Schaukelstuhl in unseren Kreis und erzählte mit ihrer traulichen Stimme tragische Geschichten von seltsamen Häusern und Menschen, auch lustige Erlebnisse aus ihrer eigenen Vergangenheit und der meines Vaters. Am liebsten waren uns aber ihre gespenstischen Legenden, in denen es von Geistern und fürchterlichen Ereignissen nur so wimmelte; sie wußte deren unzählige, und wir fühlten uns äußerst wohl, wenn es uns immer und immer wieder zu gruseln anfing. Oft horchten wir uns bei der Arbeit auch gegenseitig unsere Rollen ab, und Heinrich als Regisseur drillte uns an der Hand eines Lehrbuches die richtigen Betonungen ein. Dabei schnitt er die wütendsten Grimassen über unsere Begriffsstutzigkeit und schrie nicht übel mit uns herum. Am stillsten hielt sich immer der Friseur, der übrigens eine possierliche Figur abgab. Kleiner als wir, war er kugelrund und hatte ein ausdrucksloses Blasengelgesicht. Auf seinen glattgewichsten Haaren klebte die Pomade in dicker Schicht und verpestete unsere Stube. Er war sehr eitel und hielt sich für einen Adonis, tat aber auch alles, um sein Äußeres noch durch wunderschöne Krawatten und andere Modedinge zu verschönern. Er verwandte sein ganzes Gehalt auf Ankauf solcher Dinge, was er sich gestatten konnte, da er bei seinen Eltern wohnte und im Geschäft seines Vaters angestellt war. Dieser Vorteil, den er vor uns anderen hatte, gewährte ihm eine große Befriedigung, und er erhob sich nicht ungern über uns. Da er nicht fähig war, einen Satz ordentlich zu Ende zu sprechen, hatte ihm Heinrich die Stelle des »Ausstattungschefs« gegeben, worüber er sehr stolz war. Hier konnte er wenigstens kein Unheil stiften und war versorgt und aufgehoben. In den Arbeitsstunden war er nun so fleißig, als gälte es, sich ein Paar neue Lackschuhe zu verdienen, und er redete nur selten wenige Worte. Am lustigsten waren die Samstage für uns. Während an den übrigen Tagen die Freunde vor der Torsperre nach Hause eilten, um sich für die Arbeit am nächsten Tage auszuruhen, blieben an den Samstagen Wolfgang und Heinrich über Nacht bei uns. Von Schlafen war natürlich keine Rede. Wohl legten wir uns um Mitternacht teils auf den Diwan, teils auf einen Kotzen auf dem Boden, aber Ruhe gab keiner von uns. Ich würde nicht fertig, wollte ich von all den Dummheiten sprechen, die uns da einfielen; ich will nur einen unserer Streiche erzählen, der mich in der Erinnerung noch heute zum Lachen bringt. Einem von uns war es eingefallen, wir könnten eine lebensgroße Puppe aus Kleiderfetzen machen und sie in den Treppenschacht hinunterwerfen, wenn zufällig jemand des Nachts heimkäme, um ihn zu erschrecken. Im Nu waren wir wieder auf den Beinen und verfertigten kunstvoll einen Menschen mit Armen und Beinen, schlichen uns auf den Gang und stürzten unseren Herrn eben hinunter, als der Hausmeister mit einem verspäteten Mieter durchs Haustor trat. Glücklicherweise liefen beide im Schreck auf die Straße, um einen Wachmann zu holen, und einer von uns konnte eiligst unseren Selbstmörder wieder heraufholen, ehe sie mit dem Sicherheitsbewahrer zurückkehrten. Wir hörten dann durch die leichtgeöffnete Tür, wie der Wachmann fluchend und schimpfend über den scheinbar betrunkenen Hausmeister das Haus verließ und sich die zwei Zurückgebliebenen über das unerhörte Geschehnis besprachen. Als wir unsere Kostüme beinahe vollendet hatten, veranstalteten wir eine feierliche Probe, zu der alle Mitwirkenden geladen waren und bei welcher es sich ergab, daß wir unsere Aufgaben glänzend gelöst hatten. Sogar die Waffen, Ehrenketten und Panzerhemden waren mit Hilfe von Pappdeckeln und Goldpapier hergestellt worden und erregten allgemeine Bewunderung. Am meisten wurde das Kleid der Prinzessin Eboli bestaunt, dessen Erzeugerin meine Mutter war und in dem das Fräulein Mizzi einer wirklichen Prinzessin glich. So kam der große Tag der Aufführung und mit ihm mein und Wolfgangs erstes Auftreten. Die Generalprobe, in unserer Kammer abgehalten, war gut ausgefallen. Der Souffleur hatte wenig zu tun und wurde zuletzt überhaupt als unnötig und störend seiner Stelle enthoben, was ihn so sehr beleidigte, daß er aus dem Verein austrat. Da unser Theater keine Garderobe besaß, wurde beschlossen, daß sich die Schauspieler bei mir fix und fertig anziehen sollten, und so kostümiert und nur mit Tüchern und Mänteln bedeckt ins Theater zu wandern. Das Fest sollte um acht Uhr beginnen, aber schon um fünf Uhr waren die meisten Mitwirkenden bei mir versammelt, um mit dem Umkleiden und Schminken zu beginnen. Da es Samstag war, hatte auch ich schon Feierabend machen dürfen, und ich versuchte vereint mit dem Friseur, mit Hilfe von Schminke, Mastix, Perücken und Bärten die Gesichter der Geschäftsdiener und Kontorpraktikanten in solche von Großinquisitoren und gekrönten Häuptern umzugestalten. Meine Mutter atmete erlöst auf, als die kostümierte Horde um sieben Uhr die Kammer verließ, in der es wie nach einem Raub- und Massenmord aussah. Zu unserem Glück stand der Winternebel wie eine Wand in den Gassen und schützte uns vor den argwöhnischen Blicken der Wachtleute, die in uns am Ende eine Schar entsprungener Irren gesehen hätten. Als wir über einen großen, ziemlich verfallenen Marktplatz kamen, auf dem die Markthütten und bedeckten Verkaufsstände eine gespenstische Miniaturwelt bildeten, fiel es Heinrich ein, hier im Freien noch schnell eine Generalprobe zu veranstalten. Eins zwei drei standen wir in der Antrittspose auf dem Bretterboden einer großen Fleischhauerhütte und donnerten, sangen und plärrten die Schillerschen Verse über den Marktplatz. Dieser war aber nicht lange menschenleer geblieben, und kaum, daß wir's uns versahen, stand eine Menge unheimlicher Gestalten um uns herum. Sie hatten im Nu ein paar Riemen und Stöcke hervorgezogen und fingen an, in unser Spiel hineinzuschlagen, während sie uns anschrien: »Werds nöt glei aziagn, ös Pülcha! Oes Maskaradiaffen, wollts vülleicht gar a paar Äpfel abiagn? Auf a Krenfleisch tippln ma euch zsamm!« Es waren handfeste Markthelfer, denen wir die ausgiebigen Hiebe zu verdanken hatten, und wir taten unser möglichstes, um den Störenfrieden zu entweichen. Unseren prächtigen Gewändern hatten die Schläge ohnehin nicht wohlgetan, und so sprengten wir fluchtartig in alle Gegenden. Erst im Korridor unseres Gasthauses sammelten sich langsam die verfolgten Mimen; beinahe ein jeder von ihnen hatte etwas von seinem feinen Kostüm verloren. Marquis Posa vermißte sein Holzschwert, das ich so kunstvoll mit Messingzieraten beschlagen hatte, eine traurige Locke war von der prachtvollen Perücke des Herzogs Alba übriggeblieben, und meine Königskrone war so zerdrückt worden, daß ich sie schmerzvoll wegwarf. Wir waren nur froh, daß unserer Eboli nichts fehlte und ihr der Schrecken nicht allzu arg in die Glieder gefahren war. Sie unterschied sich dadurch vorteilhaft von ihren berühmten Kolleginnen auf den großen Bühnen, denen schon ein leichter Kopfschmerz Grund genug ist, nicht aufzutreten. Nachdem wir uns so gut wie es ging von dem Überfall erholt hatten, hielten wir unseren Einzug durch die Gasthausküche, wo es schon wundervoll nach Gulasch duftete und die Köchinnen und Abwaschmädeln sich nicht sattsehen konnten an unseren farbenprächtigen Kleidern. In einem engen Gang, in dem wir wie Heringe im Faß aneinanderklebten, warteten wir durstig und hungrig auf den heiligen Augenblick unseres Auftretens. Es würde zu weit führen, diesen Abend ausführlich zu schildern; ich will nur erwähnen, daß wir mit unserem »Don Carlos« trotz Entgleisungen aller Art einen ungeheuerlichen Erfolg errangen, der sich äußerlich durch vier Blumentöpfe mit Astern für die Prinzessin Eboli und einen viertel Eimer Bier für uns männliche Mitwirkende und einen nicht endenwollenden Applaus kennzeichnete. Jeder von uns hatte durch all dies außerdem das beglückende Gefühl empfangen, ein angehender Lewinsky, Sonnenthal oder Mitterwurzer zu sein. Es war das erstemal, daß ich die Nacht außer Haus verbrachte und erst am nächsten Tag, dem Sonntag, vormittags mit brennenden Augen, bleischweren Gliedern in die Stube trat, in der meine Mutter mit Aufräumen beschäftigt war. Sie sagte mir, sie wolle diesmal noch davon absehen, mir tüchtig die Leviten zu lesen; einmal sei keinmal, und ein junger Mensch gehöre nicht in den Vogelbauer. Aber ebenso sei es von großem Schaden, vielleicht zu glauben, daß dieses Saufen, Rauchen und die Nacht durchschwänzen für mich gesund wäre! Ich dürfte das nicht so bald wiederholen und darum auch nicht so oft das Gasthaus besuchen, wo die Versuchung auf den Tischen spazierenginge. Meine Freunde könnten getrost zu mir kommen und, wenn es uns nicht leid um die Zeit sei, wieder Theater spielen. Gegen eine solide Freundschaft und Unterhaltung sei nichts einzuwenden. Nur das Lumpen und Saufen ginge ihr wider den Strich. Nun geschah aber etwas, das ohnehin das Gasthausgehen und die Vergnügungen auf lange Zeit hinaus vereitelte. Ich wurde vier Tage nach dem Festabend Knall und Fall aus der Fabrik entlassen, und meine Mutter erhielt acht Tage später die Kündigung unserer Kammer, die wir nun am nächsten Monatsersten zu verlassen hatten. Eine Ohrfeige, die ich dem Richardl im ersten Zorn, als Strafe für eine Bosheit, gab, veranlaßte seine Eltern zu diesem Entschluß. Mitten im Winter, knapp vor Weihnachten, hieß es für mich, nun wieder eine neue Stellung suchen, während meine Mutter herumrannte, um irgendein billiges Loch zum Unterschlupfen zu finden. Aus war es mit der ganzen Dicht- und Schauspielherrlichkeit, vorbei mit den lustigen Samstagen, den vielen Freunden und dem hübschen Fräulein Mizzi, das mir im Kopf herumzuspuken begonnen hatte. Nur die Träume blieben mir treu und meine Freunde Wolfgang und Heinrich. Sechstes Kapitel Wandlungen Daß ich nach vierzehntägigem Absuchen aller erreichbaren Fabriken und Neubauten plötzlich im Winter, acht Tage vor Weihnachten, eine Arbeit fand, war wirklich ein großes Glück zu nennen, und ich mußte meiner Mutter recht geben, die, ihre Freude verbergend, meinte, den Dummen gäbe es der Herr im Schlafe. Freilich, die Stelle war auch danach. Eine kleine Wäscherei, die sich in Hernals im dritten Stock eines baufälligen Hauses befand, hatte mich als Wasserträger aufgenommen. Meine Arbeit bestand hauptsächlich darin, von sechs Uhr früh bis sieben Uhr abends, mit Ausnahme der einstündigen Mittagspause, ununterbrochen fünf regsame Wäscherinnen mit frischem Wasser zu versorgen, das ich in einer faßähnlichen Butte von der Wasserleitung im Hofe hinauftragen mußte. Eine Tätigkeit, die keinerlei Anspruch an meine Intelligenz stellte, dafür aber ein Maß körperlicher Kraft und Ausdauer verlangte, die bei mir nicht vorhanden war. Dabei war ich nach dem ersten Aufstieg pudelnaß, da das Holzgefäß einen undichten Boden hatte und sich das Wasser bei einer kleinen unvorsichtigen Bewegung schön über meinen Rücken ergoß, was in den kalten Wintertagen nicht übermäßig angenehm und gesundheitsfördernd war. Als Lohn für meine Arbeit erhielt ich neun Kronen die Woche, und außerdem hatte ich die beruhigende Aussicht, im Frühjahr auf die Straße gesetzt zu werden, wenn die Arbeit zurückging, falls ich nicht schon früher erkrankt war. Nun sehnte ich mich am Abend wieder mehr ins Bett als zu den Büchern hin, und wenn meine Freunde kamen, fanden sie mich meistens als Schlafenden vor, der alles Rezitieren und Theaterspielen vergessen hatte. Die Mutter wachte dann ängstlich darüber, daß ich nicht geweckt wurde, so daß die Freunde oft unverrichteter Dinge wieder abzogen. Nur die Sonntage erinnerten mich noch ein wenig an die schönen Tage des vergangenen Sommers und Herbstes. Da konnte ich mich bis Mittag ausschlafen und dadurch die bleierne Müdigkeit besiegen, die der erbittertste Feind meiner lernbegierigen und erlebnissüchtigen Seele war, konnte mich nachher auch wieder zu einem Buche hinfinden oder, wenn die Freunde kamen, mit ihnen wieder eine oder die andere Szene einer Tragödie durchnehmen. Ich war ohnedies sonntags zum Hausarrest verurteilt, da mein Verdienst mir kaum gestattete, ein Schreibheft zu kaufen, geschweige denn ein Vergnügungslokal oder Theater zu besuchen. Es zeigte sich nun, daß der vielgeschmähte und verkannte Heinrich der treuere von den beiden Freunden war; denn Wolfgang blieb schon den zweiten Sonntag aus, um seinem Vergnügen nachzugehen, das ich nun nicht mehr mit ihm teilen konnte, kam von da ab immer seltener, um schließlich ganz aufs Wiederkommen zu vergessen. Heinrich aber kam jede Woche zwei-, dreimal zu mir und verbrachte auch die halben Sonntagnachmittage bei mir, obwohl ich es ihm anmerkte, wie sehr er die übrige Gesellschaft vermißte. Die Kammer, die wir nun bezogen hatten, war ein ebenerdiges, feuchtes Loch, dessen Fenster auf einen düsteren Lichthof führten, wo nur Abfall, heruntergebröckeltes Mauerwerk und manchmal eine Ratte zu sehen war. Dieser Aufenthalt im Verein mit der gedrückten Stimmung, die zumeist auf der Mutter und mir lastete, war wirklich nicht danach angetan, einen für alles Schöne und Freundliche so eingenommenen Jüngling, wie Wolfgang es war, anzuziehen, und ich konnte ihm sein Ausbleiben nicht verargen, so tief es mich auch schmerzte. Aber auch der Zwang, den Heinrich sich auferlegte, verletzte mein empfindliches Gemüt. So wurde ich auch gegen ihn immer mürrischer und behandelte ihn immer schlechter, obwohl ich mir damit ins eigene Fleisch schnitt. Er ahnte ja den Beweggrund meines Betragens nicht, und endlich kam es so weit, daß auch er nur mehr selten an unsere Tür klopfte und ich wieder einsam wurde wie das Jahr zuvor. Nun dachte ich wieder viel an meinen fernen, von mir im Glück so treulos vergessenen Freund Ludwig und wünschte ihn mir sehnsüchtig herbei. Der war kein Dichter und wollte auch kein Künstler werden, berauschte sich nicht an schönen Worten, aber er war ein tüchtiger Mensch, der es verstand, das Leben zu nehmen, wie es kam, und der sich kein X für ein U machen ließ. Dabei war er ein Kind voll Güte, Anhänglichkeit und Gläubigkeit an das Schöne des Lebens. Aber wie weit war er fort! Sein letzter Brief von ihm war aus Bayern gekommen und unterrichtete mich davon, daß es ihm gut ging, daß er auf bestem Fuß mit den bayerischen Gendarmen lebte, die recht »lahmlacklerte Waserln« sein sollten und sich von den Walzbrüdern um den Daumen wickeln lassen. Der Brief aber war schon älteren Datums, und seit Wochen ließ er nichts mehr von sich hören. Seine Mutter, die ich besuchte, um von ihr Genaueres über den Verbleib ihres Sohnes zu erfahren, wußte nicht viel mehr als ich und zeigte mir nur eine Postanweisung auf zehn Mark, die er ihr aus Augsburg gesandt hatte. Eine genaue Adresse war darauf nicht angegeben. So konnte ich ihm nicht einmal schreiben und mein Herz ausschütten. Wäre meine Mutter nicht gewesen, ich hätte mich auf und davon gemacht, um ihn mitten im Winter in der weiten Welt zu suchen. Trübseliger war es darum wohl noch nie bei uns gewesen als jetzt, und von dem Weihnachtsfest in diesem Jahr will ich gar nicht reden. Auch das vorjährige war durch die Krankheit der Mutter kein fröhliches gewesen, aber diesmal war es wie eine Totenfeier, und wir atmeten beide erlöst auf, als mich wieder ein simpler Wochentag zur Arbeit rief. Wie es vorauszusehen war, klappte mein schwächlicher Körper infolge der schweren Arbeit gar bald zusammen. Ende Januar konnte ich vor schrecklichem Seitenstechen kaum mehr bis zum Arzt kommen, der mich sofort nach Hause und ins Bett schickte. Eine Lungenentzündung war im Anzug, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf, als er abends zu uns kam und er mich nochmals untersuchte. Er war ein brummiger, aber gutmütiger Herr, der sich über unsere modrige Kammer sehr aufregte und meiner Mutter durch seine Fürsprache von der Gemeinde einige Säcke Armenholz und Kohlen verschaffte, damit ich mit meinem Schüttelfrost und dem quälenden Husten doch wenigstens in einem warmen Raum liegen konnte, wenn ich schon das Tageslicht entbehren mußte. Meine Krankenunterstützung betrug eine Krone zwanzig Heller den Tag, eine Summe, bei der man nicht schwerkrank zu sein braucht, um nicht damit auskommen zu können. Nun war für meine Mutter wieder der Tag zu kurz, um Geld und Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Da war guter Rat teuer, denn wie hätte meine Mutter arbeiten können, wenn sie gleichzeitig den hochfiebernden Sohn betreuen mußte. So suchte sie in der höchsten Not einige alte Freunde des Vaters in der Vorstadt auf, um von diesen etwas Geld zu leihen. Es war kläglich wenig, was sie nach Hause brachte. Zum Glück sandte aber die Taufpatin zwanzig Kronen, und die Mutter konnte damit wieder einige Zeit Medizin und Krankenkost bestreiten. Langsam fing ich an besser zu werden und durfte nach vierzehn Tagen das Bett verlassen. Von einem Arbeitsuchen war natürlich vorläufig keine Rede, denn ich konnte mich kaum auf den Beinen halten und schlich mich nur müde vom Bett zum Lehnstuhl und zurück. So saß ich meist voll banger Sorge am Fenster und marterte mich mit Zweifeln ab, ob ich wohl bald wieder gesund und eine Arbeit bekommen werde. Wie glücklich war ich deshalb, als der Arzt mir erlaubte, täglich bei schönem Wetter wieder ein paar Stunden draußen im Freien zu verbringen! Und wie schön war es, in der ersten Frühlingssonne im Park sitzen zu können, inmitten von knospenden Sträuchern und von spielenden Kindern umgeben. Ich mußte immerfort daran denken, wie schön es wäre, oft hier sitzen zu dürfen und an nichts anderes zu denken als an die flötende Amsel und die ersten Blüten der Kastanienbäume. Wären nicht die Sorgen um Zins und das tägliche Brot gewesen, ich hätte mich in diesen Tagen der Rekonvaleszenz sehr glücklich gefühlt, vielleicht so glücklich wie noch nie in meinem Leben. So aber stand plötzlich in den seligsten Momenten der Hingabe an Sonne und Natur die Frage vor mir auf: Was werden wir die nächste Woche beginnen? Weißt du nicht, daß der erste März nahe ist, wo ihr zwölf Kronen auf den Tisch des Hausherrn legen müßt, der kein Erbarmen mit seinen Mietern kennt? Und dann glaubst du wohl, die Fabrikbesitzer und andern Arbeitgeber warten nur so auf dich Nichtskönner; du wirst dir den Riemen bald enger zusammenziehen müssen und vielleicht den Herrgott um warme Nächte bitten, wenn ihr einmal im Freien kampieren müßt. Mit der alten Mutter vielleicht ohne Dach über dem Kopf? Ins allererbärmlichste Elend hinausgeprügelt wie räudige Hunde? Diese entsetzliche Vorstellung schob alle anderen Gedanken beiseite, nebelte die Sonne ein, verwandelte die spielenden Kinder vor mir in fratzenhafte, mich höhnende Scheusale und jagte Eiswasser durch meine Adern, Glut in meine Schläfen, daß ich meinte, wieder vom Fieber erfaßt zu sein. Kam ich zum Arzt, was jeden zweiten Tag geschah, so war meine erste Frage: Darf ich schon arbeiten? Aber ich fühlte nur zu gut, daß ich nicht imstande wäre, einen Ziegel zu halten; der Arzt wollte auch nichts davon wissen und meinte, in vier Wochen könnten wir wieder davon reden, bis dahin sollte ich mich noch tüchtig pflegen, fleißig in der Sonne sitzen und gut essen. Als ich nun eines Tages wieder müde und traurig nach Hause zurückkehrte, erzählte mir die Mutter, sie hätte mit dem Volkssängerdirektor Hornig gesprochen, der ein guter Bekannter des Vaters gewesen und seinerzeit, wie ich mich selbst erinnerte, mit seiner Gesellschaft urdrollige Komödien und Lieder aufgeführt und gesungen hätte. Sie hätten auch über mich gesprochen, und als er hörte, daß ich manchmal Gedichte schriebe, fragte er die Mutter, warum ich nicht Couplets und Possen für die Volkssänger schriebe. Damit könnte ich Geld verdienen. Ich sollte es doch einmal versuchen und ihm dann die Sache geben. In der folgenden Nacht konnte ich kein Auge schließen, der Vorschlag des Volkssängers spukte mir fortwährend im Kopf herum. Anfänglich sträubte sich mein dichterischer Stolz dagegen, für die »Bablatschen« zu schreiben, dann aber erinnerte ich mich, daß ja auch Ferdinand Raimund und Nestroy es getan und doch über ihre Vaterstadt hinaus berühmte Dichter geworden seien. Ich konnte es ja versuchen! Gelang es mir nicht, erfuhr kein Mensch von meiner Selbsterniedrigung, gelang es, so war die Aussicht, ein beliebter Volksdichter zu werden wie Wisberg, Hornig, Lorenz, Schmitter, deren Lieder von jung und alt, arm und reich gesungen wurden, auch nicht zu verachten, abgesehen davon, daß es uns Geld bringen würde, was vorläufig ja die Hauptsache war. Schon halb im Traum summte ich die Anfangsstrophe eines Couplets vor mich hin. Am nächsten Morgen, als die Mutter einkaufen ging und ich allein zu Hause war, setzte ich mich hin und reimte das erste Erzeugnis, das ich der Volksmuse opferte, in ein Schulrechenheft. Sein Titel war: »Die Wichs ist gut«, und ich lehnte mich mit diesem »Lied« selbstverständlich an den so beliebten Inhalt und die Form der Wiener Sprechcouplets an, von denen ich eine Menge auswendig wußte. Die erste Strophe lautete: Ich ging einmal für mich spazieren, Da kam ein Gigerl herstolziert Mit dünnem Bart und gschoppte Wadln, Halt ganz erbärmlich installiert. Die Haar hat er sich schwarz angstrichen, So wie man's mit den Stiefeln tut, Ich bin ihm eiligst nachgeschlichen: Sie, hab die Ehr, die Wichs is gut! Dieses wunderschöne Lied bestand aus sechs Strophen und hatte als Refrain die zwei letzten Zeilen, was gleichzeitig die Pointe sein sollte. Ich schrieb es nun fein säuberlich auf einen Bogen Kanzleipapier und schlich mich, als meine Ausgangsstunde kam, in die Wohnung des Volkssängerleiters. Der berühmte Brettlkomiker, der nur auf dem Podium zu erscheinen und eins seiner Gesichter zu schneiden brauchte, um beim Publikum die stürmischste Heiterkeit hervorzurufen, saß mit einer wahren Leichenbittermiene vor dem gutbesetzten Mittagstisch; vor ihm seine Frau, die in seiner Gesellschaft als beliebte Soubrette auftrat und in deutsch-böhmischen Duoszenen große Erfolge hatte. Ich mußte an ihrer Seite Platz nehmen und bekam ein riesiges Stück Apfelstrudel vorgesetzt, dem ich trotz meiner Schüchternheit eifrig zusprach. Nachdem sich die Frau entfernt hatte, schob sich der Dichter von »Jessas, der fahrt a am Radl«, »Das kleine Glöckerl« und vieler anderer berühmter Wiener Lieder eine lange Kaffeehauspfeife in den breiten, fast zahnlosen Mund und buchstabierte sich durch meine Verse, während ich atemlos und mit ängstlich klopfendem Herzen sein Urteil erwartete. Nach einer für mich endlosen Zeit kitzelte er sich mit dem Pfeifenspitz bedächtig an der Nase, schnaubte gewaltig und sagte in tiefstem Schusterbaß: »Is gar net so übel, Ihna Coupleterl. A Schlager is freili net und a bisserl zammgstutzt gherts a, und a aktuölle Strofn muaß a eini. No dös war i schon machen. Wanns mit fünf Gulden zfrieden san, könnans es glei da lassn, daß mei Schwiegavatter, der alte Wanthaler, a Musi dazua machn kann!« Ich schwankte gleich einem Betrunkenen nach Hause, aber diesmal war nicht ein Fieberanfall daran schuld, sondern das Glücksgefühl über meinen ersten materiellen Erfolg als Dichter, der mich ganz irr im Kopf machte. Die Mutter wollte es kaum glauben, daß ich gleich mit meinem ersten Versuch so gut angekommen wäre, und erst die fünf Kronen in meiner Hand belehrten sie eines Besseren. Was lag näher, als daß ich nun auf Leben und Tod Couplettexte schrieb? Aber als ich einige Tage später ein ganzes Heft voll Herrn Hornig vorlegte, fand er bei keinem das Zeug zu einem Publikumserfolg und behielt von dem halben Dutzend nur eines zurück, von dem er aber auch meinte, er müsse, es vollständig umarbeiten und könne mir nur drei Gulden dafür geben. »Büldns Ihnan nur net ein, daß's Coupletschreiben so leicht is, wia Zwetschkenknödel essen! Do muaß ma net allani an Spiritus habn, sondern a a Nasn zwegn an Aktuölln, was so an an Tag in da Luft liegt. Sö müaßn d' höchere Politik verstehn, wia da Luega, und dös so gschickt, daß kan wehtuat, denan Leutln vursingan. Freili werdns do net drei Liadln in an Tag schreibn kennan; alls braucht sei guate Zeit. I schreib oft in ana Wochn nur a Couplet. Ma derf d' Leut net verwöhnan! Sans net bös und kommans bald wieda! Servas!« Meine Empfindlichkeit als Dichter hatte an dieser abweisenden Lehre tüchtig hinunterzuwürgen, doch hatte ich so viel Einsehen, nachdem die erste Enttäuschung vorüber war, meinem Liedermeister recht zu geben. Und dann: das beste Pflaster waren die drei Kronen, die gerade für vierzehn Tage Zins reichten. Da es mir mit dem Atem besser ging und ich an das längere Aufbleiben schon ziemlich gewöhnt war, flanierte ich jetzt viel in den Straßen herum, studierte Menschen und Volkstypen und kaufte mir auch jeden Tag die Vierhellerausgabe der »Österreichischen Volkszeitung«, in der ich besonders den politischen Teil mit großer Aufmerksamkeit las. Damals machten die Jungtschechen im Parlament eine Obstruktion, die wegen der Mittel, mit denen sie geführt wurde, allenthalben viel Aufsehen und bei den deutschen Wienern große Entrüstung hervorrief. Über diese heillosen Krawalle und Pfeiferlkonzerte, die die Not des Volkes nicht im geringsten hinderte, schrieb ich nun ein Couplet, das den Titel trug: »Das is ihnen egal«. Vater Hornig, dem ich es sofort mit Zittern und Zagen vorlegte, las es einmal, zweimal und noch einmal durch. Ich fürchtete schon wieder durchgefallen zu sein, als der Meister aufsprang, mit wehendem Schlafrock in die Küche lief und seine Frau mit den Worten hereinholte: »Alte, kumm eina, jetztn hörst a feins Sacherl! Dös muaß am nextn Sunntag glesn werdn.« Und mit einem Schwung sondersgleichen deklamierte er vor seiner Frau und einem Mitglied seiner Gesellschaft, das inzwischen gekommen war, meine fünf Strophen. Als er fertig war, wischte er sich den Mund ab und schrie mich begeistert an: »Schackerl, Schackerl, mit dem Couplet hastn Hahn beim Löffl derwischt!« Dann zog er seine Brieftasche hervor und gab mir zwanzig Kronen. Ich sah sie ungläubig an und meinte, Herr Hornig mache einen Spaß mit mir; als ich aber darüber klar wurde, daß er mir mein Lied um den hohen Betrag abgekauft hatte, konnte ich es kaum erwarten, mich von dem so freigebigen Direktor zu verabschieden und zur Tür hinauszukommen, damit ich meine Mutter von dem neuen Erfolg verständigen konnte. Unten auf der Straße, auf der alles glücklich zu lachen schien, wurde ich von dem jungen Volkssänger eingeholt, den ich bei Hornig getroffen hatte. Er war mir eiligst nachgefolgt und bat mich in einigen phrasenhaften Lobesworten über mein Couplet, ihn in die Volkssängerbörse zu begleiten. Gerade um diese Stunde seien dort viel Volkssänger und Direktoren zu treffen, mit denen ich wegen Verkaufs meiner Liedertexte unbedingt bekannt werden müßte. Mir war durch das mir so hoch scheinende Honorar, das ich noch immer krampfhaft in meiner Hand hielt, ohnehin etwas der Kamm geschwollen, und ich begann schon zu glauben, mein Entdecker, Herr Hornig, benachteilige mich zu seinen Gunsten und lasse auch nur deshalb die meisten meiner Lieder nicht gelten, um nicht zugeben zu müssen, daß ich ebensoviel könne wie er. Mein Begleiter mußte aber wohl diesen Hochmut in mir ahnen, denn er blies mir fortwährend ein, daß ich nach seiner Meinung eigentlich bessere Texte schriebe als die anderen Coupletdichter und daß die Volkssänger froh sein würden, von mir neue Sachen für ihr Programm zu bekommen. Ich willigte darum ein, noch heute mit ihm das Kaffee zu besuchen, in dem die Volkssängerbörse ihren Sitz hatte. Auf dem Weg dahin machte ich noch einen Sprung zur Mutter und händigte ihr die zwanzig Kronen ein, währenddem ich ihr kurz über meinen Erfolg und die Aussicht auf die neuen, noch größeren berichtete, die mir der pathetische Künstler vorgegaukelt hatte. Die ewig vorsichtige Mutter warnte mich zwar davor und riet mir ab, wieder so einem Theaterwindbeutel Gehör zu schenken, der am hellichten Tage geschminkt herumlief; sie hatte ihn nämlich vor dem Haustor wartend durchs Fenster gesehen. Ich aber lachte sie wegen ihres Mißtrauens aus, sah mich schon als berühmten Volksdichter, dessen Werke von allen Volkssängern gesungen werden. Der Verein der Wiener Volkssänger, Zwölferbund geheißen, war eine Art Fachorganisation, aber nach der verkümmerten Weise der alten Zünfte geleitet, und befand sich damals in einem Altwiener Kaffeehause, das mit seinen Spiegelscheiben wehmütig und voller Todesahnung in die neue Welt guckte. Den dicken Filzvorhang beiseiteschiebend, der die Eingangstür auch jetzt im Frühjahr so dicht verschloß, daß kein frischer Luftzug in das Lokal dringen konnte, mußte ich mir mit den Augen mühsam Bahn durch den dicken Tabaknebel brechen. Als mir das gelungen war, nicht ohne Tränen in den Augen und ein Kratzen und Husten im Halse, könnte ich von einem Tischchen in einer Nische eine Versammlung von Menschen betrachten, die in ihrem Wesen und in ihrer Kleidung sehr von dem abstachen, was zu sehen ich bisher gewöhnt war. Beinahe sämtliche Gäste sprachen sich untereinander laut und ungeniert mit du an, schimpften über alles mögliche nach Herzenslust und machten Witze, über die mir die Schamröte ins Gesicht stieg, während die übrigen aber harmlos und kindlich darüber lachen konnten. Die männlichen Mitglieder dieser Gesellschaft trugen zumeist großkarierte Hosen, grellfarbige Westen und tief niederhängende Gehröcke und waren mit wenigen Ausnahmen glatt rasiert. Die Damen aber trachteten ihre Zugehörigkeit zum Artistenberufe durch geschminkte Wangen, kühne Frisuren und tief ausgeschnittene Kleider zu bezeigen. Diese sahen übrigens so aus, als hätten sie einst in schöneren Räumen geglänzt, als es dieses Kaffeehaus war, obwohl sie in der Nähe schon recht defekt schienen. An fünf, sechs Tischen wurde fleißig Tarock gespielt, und auch die drei Billards waren in Tätigkeit. Dominosteine klapperten, und überall spielten die Frauen mit, die auch nebenbei rauchten wie die Männer. Der junge Komiker, er hieß Eckhart, bestellte bei dem Marqueur eine Flasche Bier und sagte sehr nonchalant: »Schreiben Sie's zu dem andern, übermorgen bekomme ich meine Gage.« An dem mißmutigen und zaudernden Gesicht des Kellners sah ich, daß dies wohl nur eine schöne Redensart war und der Marqueur wenig daran glaubte. Um als neuer Gast nun nicht von erborgtem Bier trinken zu müssen, bedeutete ich dem Kellner leise, daß ich die Flasche bezahlen werde, was ihn veranlaßte, eiligst abzuziehen, um das Gewünschte zu bringen. Eckhart gab mir nun Auskunft über die verschiedenen Größen, zeigte mir den faßrunden Karl Spazek, den nicht weniger wohlgenährten Guschelbauer, den rothaarigen Seidel, die Kiesel-Marie, Luise Montag, den vierundachtzigjährigen Kwapil, der noch mit Matras, Nestroy und Scholz auf den Brettern gestanden und der nun hier jeden Tag um vier Uhr eine »gselchte Blunzen« und zwei Krügel Lagerbier zum Jausenbrot einnahm, dann bis sieben Uhr Carambol spielte und schließlich von acht bis zwölf Uhr nachts mit seiner Gesellschaft in irgendeinem Vorortgasthaus auftrat. Ich konnte mich natürlich nicht sattsehen an diesen »Stars« der Volksmuse, deren Namen der Ottakringer und Hernalser Jugend geläufiger waren als die der deutschen Klassiker. Ich wollte jede ihrer Bewegungen sehen, dem Sinn ihrer Rede folgen und in ihren Gesichtern das Geniale finden, das ich in meiner Bewunderung in sie hineindachte. Ich kam dabei aber nicht auf meine Kosten. Die berühmten Komiker machten verdrossene, die populären Charakterdarsteller dagegen oft recht einfältige Gesichter, und die Sängerinnen, die mit ihren Liedern halb Wien »wurlet« machten, saßen mit Köchinnenmienen an den Spieltischen, krähten zu ihrem Kartenspiel das Solo oder Pagat, oder hockten gar strickend hinter einer illustrierten Zeitung und einer riesigen Kaffeeschale. Nur die jugendlichen Soubretten, von denen die meisten unter einem französischen Namen, abends vor dem Publikum erschienen, hier aber meist Ungarisch, Tschechisch und Lerchenfelderisch sprachen, brachten schon durch ihr Benehmen das gewollt Zigeunerhafte, Leichtlebige und allen bürgerlichen Gewohnheiten Entgegengesetzte ihres Standes mehr oder weniger zur Darstellung. Eckhart, der unter diesen »Künstlerinnen« und ihren Partnern viele Bekannte hatte, rief einige von ihnen an unseren Tisch, um mich ihnen als Liederdichter vorzustellen. Vor der stutzerischen Eleganz der einen wie vor der künstlerisch vernachlässigten Kleidung der anderen schämte ich mich nicht wenig meiner dürftigen Proletarierkleider; auch meine Tölpelhaftigkeit, mit der ich kaum drei Worte zur allgemeinen Unterhaltung beitragen konnte und die mir auf jede Frage nur ein Ja oder Nein eingab, bedrückte mich arg, und ich kam mir wie ein Schulbub vor. Trostreich waren nur die Aufträge auf Couplets, die ich von allen Seiten bekam. Freilich wollte keiner von ihnen das eine Lied erwerben, das ich bei mir hatte, ja nicht einmal lesen wollten sie es. Als ich es ihnen dann zum Schluß selbst vorlas, lobten sie es zwar über alle Maßen, aber sie zogen sich dennoch unter allen möglichen Vorwänden eiligst von mir zurück. Ich sah darin nichts Besonderes und war über das feine und doch so freie und liebenswürdige Benehmen meiner neuen Bekannten ganz entzückt. Mein fester Entschluß war, ihnen in allen Äußerlichkeiten nachzueifern, besonders was die Kleidung betrifft. Freilich, dazu gehörte Geld, und um dieses zu bekommen, mußte ich viel verdienen. Doch daran konnte es ja nicht fehlen! Bestellungen hatte ich ja, jetzt hieß es, diese nur ausführen. Im Schweiß meines Angesichts quetschte ich noch am gleichen Abend zwei neue Couplets zusammen, denen am nächsten Vormittag noch ein drittes folgte. Indes ich meine Mutter in dem Glauben ließ, ich unternähme meinen gewöhnlichen Spaziergang, eilte ich ins Volkssängerkaffee, die drei neuen Texte in der Tasche. Dort traf ich schon Herrn Eckhart, der mir nach einer langen Rede mitteilte, sein schäbiger Direktor hätte auch gestern abend die Gage noch nicht bezahlt, und es wäre ihm sehr angenehm, wenn ich heute seine Zeche noch mitbezahlen wollte, morgen bekäme ich gewiß alles zurück. Es seien übrigens nur zwei Kronen ungefähr zu bezahlen. Während ich mit nobler Miene erklärte, daß mir dies das größte Vergnügen bereite, überdachte ich im stillen ängstlich, ob mein magerer Geldbeutel diese große Ausgabe auch ertragen werde. Jedenfalls war's dann lange aus mit dem Kaffeehaus – doch nein, ich würde ja für meine drei Liedertexte eine Menge Geld einnehmen, da war diese Schuldübernahme nicht so tragisch. Jedes Geschäft hat auch seine Spesen, und ohne Herrn Eckhart wäre ich nie hierher gekommen und hätte ich nie die Aufträge der Gesangskomiker erhalten. Die ließen heute schrecklich lange auf sich warten. Ich wurde schon ungeduldig, denn es ging schon auf drei Uhr, und um diese Zeit sollte ich nach ärztlicher Vorschrift wieder zu Hause sein. Als ich endlich einen von ihnen erblickte, konnte ich es kaum erwarten, daß er seinen Zylinderhut, den lichten Modeüberzieher und den Stock mit dem Beinknopf abgelegt hatte. Nun da er sich setzte, überwand ich alle Scheu, stand auf, kam zu ihm hin und stotterte etwas von dem bestellten Text, den ich heute schon übergeben könne. Er schaute mich mit seinen trüben, umschminkten Augen überrascht an, dann, als käme ihm langsam die Erinnerung, säuselte er: »Ach so, ja richtig, das Couplet! Hm, hm, ein bißl schnell fertig worden ist es. Wissens, mein Lieber, ich kann's erst in zwei Wochen brauchen, und dann muß ich ja vorher den Direktor fragen, ob ich singen darf! Lassens mir halt das Lied da. Wir werden uns schon wieder einmal treffen, dann sag ich Ihnen, ob mir das Liedl paßt und ob ich's nehmen kann.« Ich stand da wie ein begossener Pudel und bemerkte kaum, wie sich der Volkssänger mit einem kurzen Gruß von mir wandte und mit einer Kollegin hinter den Säulen verschwand. Gerade von diesem Couplet hatte ich gehofft, daß es mir seines aktuellen Inhalts wegen ein schönes Honorar eintragen würde. Nun diese Enttäuschung! Aber es sollte noch besser kommen. Ich war noch von dem eben Erlebten ganz benommen, als sich jemand neben mich stellte, mir auf die Achsel tippte und mich anschnarrte: »Schamster Diener, Herr Grillparzer Nummer zwei, habens meine Gsangln mitbracht?« Ich erkannte in der langen Latte, die sich in dem viel zu weiten Gehrock halb über mich beugte, einen der Volkssänger, die gestern bei uns gesessen und mich aufgefordert hatten, ihnen Lieder zu schreiben. Hocherfreut reichte ich ihm die Couplets. Er nahm sie, lehnte sich an den Kleiderständer neben meinem Tisch und fing an, die Manuskripte zu lesen, und das so laut, daß die nebenan Sitzenden darauf aufmerksam wurden und zuhörten. Nach jeder Strophe holte er geräuschvoll Atem und machte eine abfällige Bemerkung wie: »Na, der Witz is schon gut seine tausend Jahr alt«, oder: »Da müßt man ja a Gas kitzeln, daß s' lacht.« »Dös hat ka Goethe gschriebn, aber a Böhm dicht'!« Ich glaubte vor Scham versinken zu müssen. Einige Male wollte ich dem langen Kerl die Blätter aus der Hand reißen, aber er hielt sie dann so hoch, daß ich sie nicht erreichen konnte. Auch erhob er bei jedem meiner Versuche seine Stimme, daß ich vor Angst, er könnte alle Gäste zu Zeugen meiner Demütigung machen, es aufgab, seine Kritik zu unterbrechen. Endlich hatte er den letzten Vers gelesen. Mit einer komisch-feierlichen Verbeugung überreichte er mir die unglücklichen Texte, indes er salbungsvoll deklamierte: »Sie sind ein Dichter unter den Dichtern wie die Schusterkerze unter den Lichtern und wie das Popoderl unter den Gesichtern!« Vernichtet drückte ich mich in meine Nische und wünschte mich tausend Meilen von diesem Kaffeehaus weg. Wie recht hatte doch meine Mutter, als sie mich vor diesen Windbeuteln und Tagedieben warnte. Da hörte ich neben mir eine freundliche Meckerstimme sagen: »Na machens Ihnen nix draus, junger Herr Kollega, gar so damisch blöd sein die Couplets nicht, wie das Skelettgigerl sie macht! Lassens mich's noch einmal durchlesen!« Und vom Nebentisch her lächelte mich ein winziges, dickes Männchen mit einem greisenhaften Gesicht gutmütig und vertraulich an. Während er die Lieder vor sich hin brummte und mit den kurzen Füßchen wie zu einer Melodie im Takt an die Sesselbeine schlug, betrachtete ich den Zwerg, in dem ich den unter dem Namen Nigowitz in Wien bekannten Volkssänger erkannte. Er war der Führer einer kleinen Gesellschaft, die mit dem Klavierspieler nur fünf Mitglieder zählte, im Gegensatz zu den meisten anderen Truppen, die meist aus sieben bis zehn Damen und Herren bestanden und mit Musikclowns, Serpentinentänzerinnen, Schwert- und Feuerschluckern ihr Programm bereicherten, indes der alte Coupletgesang, das urwüchsige Eigentum der Wiener, vernachlässigt wurde. Sie brachten auch schon einaktige Operetten auf die Bühne, welche nicht mehr aus einem Podium bestand mit abgetretenem Teppich darauf, sondern den pompösen Bühnenaufbau eines intimen Theaters nachzuahmen suchte. Was Wunder, daß die Nachfolger der berühmten Volkssänger nur mehr wenig Ähnlichkeit mit ihren Vorgängern hatten. Die derbkomische Gestalt des Wiener Hanswurst verbunden mit dem wehmütig philosophischen Humor des lieben Augustin nahm sich neben der schnodderigen Eleganz des Komikernachwuchses, der die Pariser Zote auf dem Weg über Berlin auf das Wiener Brettl brachte, seltsam unzeitgemäß aus. Und nicht anders war's mit der Sängerin, von der man nicht mehr verlangte, daß sie eine »fesche, resche, harbe Godl« sei, die ohne viel Gesang und Notenkenntnisse ihr Stephansdom- und Donaustromlied hinausschmetterte, sondern die nun die neuesten Operettenschlager auf das neueste kopieren und einen Toilettenluxus aufweisen mußte, der jeder Theaterdiva Ehre gemacht hätte. Der Nigowitz war nun noch ein Volkssänger aus der alten Schule, und so war sein Name und der seiner kleinen Gesellschaft nur mehr an den Fenstern und Türen kleiner Vorstadtgasthäuser zu lesen, deren Gäste noch Sinn und Liebe für diesen aussterbenden Wiener Humor hatten. »Mit Verlaub und nix für ungut, wenn ich Ihnen die Aussicht versitz!« Mit diesen Worten kletterte er von seinem Stuhl herunter und auf einen, der mir gegenüber stand, hinauf. Nachdem er seine Virginiazigarre umständlich angezündet hatte, überreichte er mir die zusammengefalteten Lieder, setzte mitten in seine feiste Miene eine nachdenkliche Falte und meinte bedächtig: »Gar so übel seins gar nicht Ihre Couplets, da gibt's schon noch an ärgern Schund, der jetzt gsungen wird, und wo die Leut wie narrisch lachen. Aber Wissens, Ihnere Sachen fehlt's Dalkerte; Ihnere Text schaun so aus wia die Volkssänger von heutzutag: a kleins Köpferl, magere Hendelfüß und in der Mitten statt an ordentlichen Bauch, über den's Publikum net ausm Lachen kommen derf, a paar Rippen von an Mieder eingschnürt, daß das ganze Manderl ka Luft kriegt. Weniger gscheit sei, liebs Freunderl, dafür a bisserl mehr blödeln, nacha werns Ihnere Sachn scho anbringen. Aber auf viel Musi dürfens Ihnen net gfaßt machen. Die Backhendlzeit is für uns Volkssänger vorbei. Jetzt müaß ma scho froh sein, wenn's uns a Beinfleisch tragt und mir überhaupt was z' beißen habn. Viel Geld für neue Couplets habn da halt die wenigsten von uns übrig. Noch ender für a Possn oder a dramatisches Lebensbild. Da sein d' Leut wia verrückt drauf. Schreibens so was und bringens es dann her, i wer halt schaun, was sich machen laßt. Und no an gutn Rat, junger Mann! Schauns Ihnan beizeiten um an anders Gschäft um, denn wie gsagt: Aus is, gar is mit uns, und wenn i nit gar so a Hascherl wär, lieber heut als morgen möcht i der Pablatschen Pfüat die Gott sagen und wegn meiner Zeitungen austragen. Nix für ungut, 's is gut gmeint, und wanns an Rat brauchen, i bin jeden Tag um vier Uhr da. Servas!« Er stieß mir zur Bekräftigung des Gesagten noch kräftig mit dem Finger an die Brust und pendelte einer Gruppe von Kartenspielern zu. Es war für mich höchste Zeit geworden, heimzueilen. So suchte ich mein bißchen Geld zusammen, das gerade langte, um meine und Eckharts Zeche zu bezahlen, der an einem Nebentisch Domino spielte und mir leicht zunickte, als ich das Kaffeehaus verließ. Zwei Tage lang schaute ich weder Papier noch Feder an. Des kleinen Volkssängers Urteil und Geständnis über das Elend seines Standes hatte mir jede Lust dazu genommen. Bald aber fing ich an, die Sache wieder ruhiger zu betrachten, und sagte mir vor allem, daß ich ja Liederschreiben nicht als ausschließlichen Beruf ansehen müßte. Wenn der Doktor mich für so weit hergestellt erklärte, daß ich wieder eine leichte Arbeit übernehmen konnte, wollte ich mir eine solche suchen; bis dahin aber versäumte ich nichts mit meinem Geschreibsel. Im Gegenteil, es brachte mir doch hier und da einen unverhofften Verdienst und half mir die Langeweile zu überwinden, die mich sonst häufig überkam. Mich erinnernd an den Rat des Nigowitz, begann ich eine Posse zu schreiben. Ich weiß heute nicht mehr, was das Sujet meines ersten Bühnenwerkes war, aber ich glaube mich zu erinnern, daß darin allerlei Verwicklungen vorkamen und daß ich es an einem Tag niederschrieb. Als ich damit fertig war, steckte ich das Manuskript in die Tischlade und begann gleich eifrig ein zweites Stück zu schreiben, das heißt, diesmal sollte es mehr ein Lebensbild werden, ein Einakter, der die Heimkehr eines Zuchthäuslers vorstellte. Ich vollendete es in zwei Tagen und war darauf recht stolz. Daß der Meister Anton aus Hebbels Magdalenendrama und der Sekretär Wurm aus »Kabale und Liebe« unter anderen Namen herumspukten, focht mich wenig an. Am meisten Freude machte mir darin ein Tischlergeselle, der sich für ein verborgenes Schauspielergenie hält. Er tritt als guter Geist auf, der die Unternehmungen eines bösen Gemeindevorstehers bekämpft, und führt, als Tod verkleidet, alles zu einem guten Ende. Mein ungetreuer ehemaliger Freund Wolfgang stand mir Modell zu diesem edlen und dabei doch so schlauen Leimbruder. Er stellt sich mit folgenden Worten dem Publikum vor, während er mit ekstatischer Bewegung den Hobel schwingt: Nun ist das prosaische Tagwerk vollbracht, Und über die Werkstatt sinkt die Nacht, Jedoch in mir geht jetzt erst auf Die poetische Sonne in strahlendem Lauf. Ich spür's in den Adern und in den Poren, An mir ging sicher ein Lewinsky verloren. Ich spür auf dem Mund noch den heißen Kuß, Den mir einst gegeben der Genius. Ein Tischlergeselle bin ich jetzt zwar, Doch wette ich, daß in ein paar Jahr Ich den Sonnenthal in der Burg überrag, Den Kainz mit meinem Ruhm erschlag. Ja, ja, ein Schauspieler muß ich werden, Das ist mein einziges Ziel auf Erden, usw. usw. Das dicke Heft mit den zwei Blitzerzeugnissen meiner dramatischen Begabung in der Rocktasche, begab ich mich mit Hangen und Bangen ins Volkssängerkaffeehaus, um dort Herrn Nigowitz zu treffen. Er war schon dort und legte gleich, als er mich erblickte, das Extrablatt aus der Hand und winkte mir grüßend zu. Nun machte ich noch einmal jene Zustände ängstlicher Erwartung durch, als mein kleiner Direktor das Heft in die Hand nahm und zu lesen begann. Um meine Aufregung zu verbergen, vertiefte ich mich scheinbar in einen Stoß illustrierter Zeitungen, folgte aber trotzdem fieberhaft jeder Bewegung des Lesenden neben mir, der selbst gar keine Eile zeigte, vielmehr alle fünf Minuten das Heft beiseitelegte, um eine Prise zu nehmen und deren Erfolg abzuwarten. Endlich bogen seine bamstigen Finger die letzte Seite um. Gleich darauf schlug er das Heft zu und klatschte damit wie erregt auf die Marmorplatte. Dann sprudelte er hervor: »Die Possen heißt nix. Die ist wie ein Koschernot, keins kennt sich drin aus. Aber das Lebensbild ist nicht übel und wird die Leut gfalln. Schad, daß ich selber z' wenig Leut zum Spielen hab, aber ich werd's ein' Spezi von mir gebn, dem Blümel Rudi, der hat eine große Gsellschaft und kann solchene Stück spieln. Wartns a Momenterl, er sitzt eh dahintn und preferanzt. I werd ihn glei holen!« Nicht lange dauerte es, und er kam mit einem etwa dreißigjährigen Herrn zurück, der sehr elegant, wohl nach der letzten Mode, gekleidet war und einen wohlgepflegten Schnurrbart in seinem etwas verlebten Gesicht trug. Er begrüßte mich herablassend und fragte mich mit einer verschleierten, faulen Stimme, ob ich ihm das Lebensbild, von dem ihm Nigowitz in der Eile erzählt hatte, zur Aufführung überlassen wolle und mit einem Honorar von zehn Kronen zufrieden wäre. Die Zeiten wären für die Volkssänger schlecht, und das Publikum wolle alle drei Tage ein neues Programm, so daß er mit bestem Willen nicht mehr zahlen könne. Übrigens würde er mit solchen Stücken überlaufen, alles schreibe jetzt für die Volkssänger, vom Schusterbuben bis zum Magistratsbeamten. Zehn Kronen! Das war verflucht wenig, wo ich doch schon für ein Couplet zwanzig Kronen bekommen hatte. Sollte ich nein sagen und mich unverrichteter Sache nach Hause trollen? Es waren eben doch zehn Kronen, für die man allerhand notwendige und nahrhafte Dinge zu kaufen erhielte. Und was ich bis jetzt von der allgemeinen materiellen Lage der Volkssänger erfahren hatte, war nicht dazu angetan, in mir die Hoffnung auf eine bessere Honorierung meiner Arbeit zu erwecken. So willigte ich denn ein und wurde von Herrn Blümel eingeladen, der Erstaufführung des Lebensbildes beizuwohnen, die im großen Saale der Zobelschen Bierhalle auf dem Lerchenfelder Gürtel stattfinden sollte. Einige Tage später – ich saß schon wieder über einem neuen Possenstoff – kam der Sohn des Direktors Hornig, ein vierzehnjähriger Handelsschüler, zu uns, um mich zu bitten, so bald wie möglich zu seinem Vater zu kommen. Da ich eben im Begriff war, auszugehen, begleitete ich den Jüngling und traf den Vater Hornig eben bei der Fütterung seiner Finken, Stare, Nachtigallen und aller möglichen anderen Vögel an die in grünen Käfigen an der Wand hingen. »Das is gscheit, daß S' glei mitkommen san«, begrüßte er mich und schlug mir mit seinem Pfeifenrohr väterlich auf die Schultern. »Wissns, mei Schwiegervater wird in a paar Wochn siebzig Jahr, und a Weil drauf werdn's vierzig Jahr, daß er als Klavierspieler und Komponist bekannt is. Den alten Manderl geht's recht schlecht. Unlängst hat 'n a Schlagerl gstreift, weil a net rechtzeiti auf d' Seitn gsprungen is. Jetztn liegt er halt den ganzn liabn Tag aufn Kanapee und denkt an seine bessern Zeiten. Und jetzt möcht i ihm gern a rechte Freud machen und a Fest veranstalten, wo alle seine Kollegen zu seiner Ehr auftreten, und da hab i mir denkt, damit a was Ernstes aufs Tapet kummt, könntn Sie auftreten und was Schöns deklamiern. Wiar i Ihnan kenn, werns scho was am Lager ham! Also wollns mittuan?« Obzwar ich momentan nicht recht wußte, was von meinen geheimen Dichtungen für diesen Abend zur Rezitation passen würde, gab ich kühn meine Zusage, worüber Herr Hornig große Freude zeigte und mir die schmeichelnde Versicherung gab, mein Name käme auf dem Programm in besonders fetter Schrift zu stehen. In bester Laune lud er mich auch gleich ein, an einem Couplet mitzuarbeiten, das für den Komiker Waldemar im Colosseum bestimmt war. Während er am Klavier Platz nahm, setzte ich mich an ein Fenster, und als er seine vier Strophen auf dem Papier hatte, hatte auch ich zwei zustande gebracht, die dem Meister sehr gefielen. Er gab mir für meine Mitarbeit vier Kronen und einen herrlichen Jausenkaffee mit einem großen Stück Gugelhupf als Draufgabe. Das Couplet brachte Waldemar unter dem Titel »Drei Prozent« zu einem großen Erfolg, dessen materielle und künstlerische Ehren Herr Hornig natürlich allein einheimste. Am nächsten Tage ging's wieder ins Volkssängerkaffee. Veranlassung dazu war die Krone, die ich mir von meinem am Vortage erdichteten Honorar behalten hatte. Auch zog mich als halbes Wiener Kind die Kaffeehausatmosphäre an. Gibt es doch in Wien für jedermann ein Kaffeehaus. Für den Millionär die Paläste in der Stadt und für den armen Schlucker die Stube, wo er für seine letzten achtzehn Heller eine große Schale »Kaffee mit Haut« bekommt und wo er ungestört einige Stunden ausruhn und Zeitung lesen darf. Bei der hübschen Kassiererin stand plaudernd Direktor Blümel. Als er mich erblickte, winkte er mich nachlässig zu sich heran, gab mir gnädig die Hand und teilte mir mit, daß ihm die Erscheinung des Todes in meinem Stück Kopfzerbrechen bereite. Deswegen möchte er mir das Lebensbild, das ihm sonst sehr gefiele, zum Umarbeiten zurückgeben. Das war mir ein rechter Strich durch die Rechnung. War doch das Ganze auf die Erscheinung des Todes aufgebaut und tat ich mir auch gerade auf diesen Einfall viel zugute! Was tun? So viel ich auch sann und grübelte, mir wollte kein Ausweg einfallen. Da brachte mir wie gerufen der Feuermacher in der Kaffeehausküche die ersehnte Lösung des Problems, als er nämlich ein Streichholz an seiner Hose reibend zum Brennen brachte. Das bleiche Glimmen, das im Dunkeln für einige Sekunden auf der Hose geleuchtet hatte, mußte für meinen Sensenmann ausgenutzt werden. Sein Darsteller sollte sich die Glieder fest mit schwarzem Stoff einbandagieren und dann mußte ihm das Knochengerüst mit Phosphor darauf gezeichnet werden. Auf der verfinsterten Bühne würde dann sein Erscheinen von großer und schauriger Wirkung sein. Begeistert teilte ich Herrn Blümel meine Idee mit, dem sie nach und nach einzuleuchten begann. Ich war über mein neuentdecktes Regisseurtalent so befriedigt, daß ich Freund Eckhart auch heute das Bier bezahlte, wofür er mir ewige Freundschaft schwor und versprach, mir seinen Gehrock für den Abend zu leihen. Einige Tage später brachte mir die Post eine Anzahl von Programmen des Festabends. Unter einer Menge klangvoller Volkssängernamen las ich mit freudigem Stolze: Schriftsteller Alfons Petzold, Rezitation eigener Dichtungen. Wenn ich nur bis zum Festabend, der in acht Tagen sein sollte, so weit hergestellt war, daß mir die Teilnahme nicht schadete. Glücklich war ich drum, als mich der Arzt bei der nächsten Untersuchung für gesund erklärte. Ich bekam auch die Erlaubnis, mir wieder eine Arbeit zu suchen, nur sollte ich mich eher für eine Stelle bewerben, bei der ich mehr in frischer Luft sein konnte, wie die eines Laufburschen, Geschäftsdieners oder Gartenarbeiters. Meine Lunge sei viel zu schwach, um eine anstrengende Tätigkeit in einem geschlossenen Raum auszuhalten. Das war leicht gesagt! Als ob es so viele Stellen zum Aussuchen gäbe! Mußte man doch so froh sein, überhaupt Arbeit zu finden! So war ich bald voll Angst vor der Zukunft, bald voll Freude über meine Mitwirkung an dem Festabend für den alten gelähmten Wanthaler und die baldige Aufführung des »Lebensbildes«. Das Kaffeehaus, das Dichten und Bücherlesen mußte auf jeden Fall jetzt beiseitegeschoben werden und das Suchen nach einer Stelle an ihren Platz treten. Wieder lief ich jeden Morgen zu den Aushängetafeln der Tageszeitungen, um die Rubrik Offene Stellen eifrigst zu studieren. Dann ging's von Fabrik zu Fabrik, von einem Neubau zum andern, mit der ewigen Frage: »Bitt schön, brauchens kein' Hilfsarbeiter?« Und dann wieder dieses enttäuschte Heimkehren voll Hunger und in Furcht vor dem fragenden Sorgengesicht der Mutter. Bald klopfte wieder die nackte Not an unsere Tür. An dem Abend, wo die Gesellschaft des Direktors Blümel mein kleines Stück aufführte, hatte ich keinen Heller, um es mir bei einem Glas Bier ansehn zu können. Trotzdem wollte ich dabeisein, und so schlich ich mich zur festgesetzten Stunde in den Gasthausgarten, wo es mir, durch die Finsternis begünstigt und auf einem Sessel stehend, gelang, durch ein Fenster den Saal bis zur Bühne zu übersehen. Es war ein Samstagabend, und der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Es waren meist bessere Arbeiter mit ihren Mädchen, aber auch kleine Beamten- und Handwerkerfamilien saßen um die weißgedeckten Tische und ließen sich bei den Jodlern einer falschen Tiroler Sängerin, den Gliederverrenkungen eines »Schlangenmenschen« und den Couplets eines Girardi-Imitators Bier, Wein und Braten mit Salat gut schmecken. Endlich war der große Augenblick gekommen, wo mein Stück beginnen sollte. Selbst durch das Glas spürte ich die Spannung, die sich des Publikums bemächtigt hatte, als der abtretende Komiker das neue Lebensbild: »Heimkehr des Zuchthäuslers« von Alfons Petzold ankündigte. Nach einer Zehnminutenpause, die mir eine Ewigkeit schien, konnte ich ein schrilles Läuten vernehmen. Ich schloß, von innerer Erregung erfaßt, die Augen, und als ich sie wiederaufmachte, stand schon mein Tischlermeister in blankem Schurz an der Hobelbank und sprach seinen Monolog. Obwohl ich kein Wort verstand, glaubte ich doch jedes in mein Gehör aufzunehmen. Meine Augen hatten sich an den Vorgängen auf der Bühne festgesogen. Ich atmete nur mehr mit den Menschen dort oben, die von mir erschaffene Wesen waren. Als die Szene mit dem Tode über alle Maßen gut gelang, hätte ich beinahe vor Begeisterung das Glas eingedrückt. Ein rasender Beifallssturm durchtobte den Saal, das Spiel war zu Ende. Während in dem Saal das Klappern der Eßbestecke und Trinkgläser aufs neue begann und der Direktor sich zum Klavierspieler an die große Trommel setzte, um einen Marsch zu begleiten, schlich sich der hungrige Dichter so heimlich fort, wie er gekommen war, und merkte erst jetzt, daß es zu regnen angefangen hatte und er bis auf die Haut naß war. Am Montag darauf erhielt ich in einer großen Appreturanstalt und Färberei eine Stelle als Hilfsarbeiter. Ich hatte dem Heizhaus Kohle zuzufahren und bekam dort das erstemal einen großen Maschinenbetrieb zu Gesicht. Fünfhundert Arbeiter waren hier beschäftigt, und in sechs gewaltigen Feuerlöchern war Tag und Nacht die Glut zu erhalten. Wenn ich nun abends um sieben Uhr meinem Kollegen die Kohlenschaufel übergab, sah ich wie ein Schornsteinfeger aus, und weder Wasser noch Seife und Bürste vermochten mich wieder rein zu machen. Meistens rieb und scheuerte ich dann zu Hause eine Stunde lang an mir herum und legte mich hierauf zu Bett. Meine neue Arbeit saugte ja tagsüber alle Kraft aus meinem ohnedies geschwächten Körper, und ich hatte hernach keine Lust mehr, zu schreiben oder zu lesen, geschweige denn einen Spaziergang zu machen, obwohl draußen nun wunderbarer Frühling erblüht war. Nur an den Sonntagen raffte ich mich ein wenig auf und versuchte meine Gedanken in Versen aufs Papier zu bringen. Schon am ersten Sonntag nach meinem Eintritt in die Färberei saß ich an meinem Fenster, um ein umfangreiches Gedicht zu vollenden, mit dem ich auf dem Ehrenabend des alten Wanthalers debütieren sollte und von dessen Wirkung ich mir viel versprach. Ich behandelte darin eine Arbeitertragödie, die damals viel von sich sprechen machte; in den Karwiner Kohlenbergwerken war durch Bergrutschungen Wasser eingedrungen, und viele Arbeiter fanden darin den Tod. Mich hatte dieses Arbeiterschicksal tief ergriffen, und ich mußte Tag und Nacht daran denken. Bei jeder Schaufel Kohle, die ich dem Ofen zuführte, sah ich jene Helden vor mir, die der Menschheit bei ihrer schweren, lichtlosen Arbeit so große Opfer bringen, immer die schlagenden Wetter oder auf sie einstürmende Gewässer vor Augen. Nachts erlebte ich mit ihnen den schwersten Todeskampf, und oft sprang ich dann aus dem Bett, um das, was ich über dieses grausenhafte Geschehnis fühlte, in Worte zu kleiden. Ich stand damals dem Stoff vollkommen tendenzlos gegenüber, und die tieferen Ursachen der Tragödie waren mir fremd, auch sprachlich konnte ich die Aufgabe kaum bewältigen, sah aber trotzdem mein Erzeugnis als großes Kunstwerk an. Vater Hornig, dem meine Mutter eine Abschrift des Gedichts gebracht hatte, ließ mir sagen, die Dichtung gefalle ihm ausnehmend gut und ich möchte nur recht pünktlich zum Festabend kommen. Dieser war am darauffolgenden Samstag, und ich war schon Tage vorher von einer fieberhaften Aufregung ergriffen. In der Fabrik trug mir meine Zerfahrenheit einige Rügen ein, denn ich verwechselte fortwährend Braunkohle und Schwarzkohle und stand auch oft wie entgeistert mit der Schaufel vor dem Ofenloch. An dem Abend selbst spürte ich nach der Arbeit keinerlei Müdigkeit. So schnell mich meine Füße tragen konnten, eilte ich nach Hause, wo die Mutter schon ein großes Schaff mit heißem Wasser und eine Reibbürste bereit hatte, womit ich vorerst den Körper für die Festtoilette geeignet machte. Die ganze Woche war schon am Essen gespart worden, damit ich nun einen neuen, ganz modernen Hemdkragen und eine blendendweiße Pikeekrawatte anziehn durfte. Großes Kopfzerbrechen bereiteten uns nun aber die Schuhe. Denn von den zwei Paaren, die in meinem Besitz waren, war das eine zerrissener als das andere. So wurde schließlich das eine, immerhin um etwas bessere Paar mit einer dicken Schicht von Stiefelschmiere bedeckt und dann mit Schuhlack überstrichen – sie glänzten nun herrlich, und wir waren beide recht stolz darauf. Die alten, unendlich langen Manschetten des Vaters schlotterten anfangs fürchterlich um meine mageren Gelenke. Aber auch da verengten sie zwei Messerstiche zu ihren Gunsten, und die Mutter heftete sie außerdem noch an die Hemdärmel, so daß sie mir nicht mehr bis zu den Fingerspitzen herunterrutschen konnten. Weste und Gehrock waren mir ziemlich weit und lang, aber die Mutter wußte so lange daran herumzurichten, bis alles saß. Meine fünf Flaumhaare an der Oberlippe machten das Rasieren überflüssig, sie waren dünn und blond und nicht leicht sichtbar. Nachdem so mein Äußeres zu unser beider Zufriedenheit verschönt war, machten wir uns schon eine Stunde vor Beginn auf den Weg ins Gasthaus »Zum General Laudon«, wo das Fest abgehalten werden sollte. Während die Mutter sich auf ihren Platz begab, verschwand ich höchst wichtig in der Garderobe und mußte dabei an jene Ehrfurcht denken, die ich vor ein paar Jahren vor diesem Raum im Simmeringer Gasthaus gespürt hatte, als ich, der Pikkolo, dahinter die Erfüllung aller Sehnsucht, eine Märchenwelt, vermutete. Einstweilen war hier noch alles in größter Ordnung. Vater Hornig war mit dem Zählen des Wechselgeldes für die Abendkasse beschäftigt, wobei ihm seine Frau behilflich war. Auf einer riesigen Kleiderkiste hockten Eckhart und der Konzertsänger, der wie ein Kommis aussah, und spielten Karten. Fräulein Kathi Dengler, das »Lercherl von Hernals«, stand vor einem Stehspiegel und putzte sich mit einem weißen Lappen die Zähne blank. Ich begrüßte die Anwesenden und gesellte mich dann zu den Kartenspielern, nicht wissend, was ich in meiner Schüchternheit sonst tun könnte. Langsam stellten sich die Größen des Brettls ein, die ihre Mitwirkung zugesagt hatten. Josephine Schmer, die unter dem Namen »der weibliche Fürst« stets in Männerkleidung auftrat und ihre Lieder mit einem prächtigen Bierbaß sang, dann der Stegreifsänger Ungrad, der, zwerghaft verwachsen, eine Berühmtheit der Heurigenschenken bildete. Der faßähnliche Guschelbauer zwängte sich mit einem »Grüaß euch Good, alle miteinander, alle miteinander, grüaß euch Good« keuchend durch die Tür, und ihm folgte mit einer Leichenbittermiene der dürre Bassist Franz Schmitter, der Löwes Balladen ebenso schön sang wie das damals berühmte Lied seines jung verstorbenen Bruders: »Karl Schmitter, Privatier«. Da klapperte mit seinen Storchbeinen und einem vollkommen rasierten Kopfe der »Mann mit den tausend Köpfen« Jansky herein und gab dem Tierstimmenimitator Busch, einem Riesen mit dichtem Schnauzbart, die Klinke in die Hand, während Direktor Seidl Mayr, einer der beliebtesten Komiker Wiens, hinter ihm hereinhuschte. Ich blickte durch eine Spalte in den hellerleuchteten Saal hinaus. Dieser war schon dicht besetzt, und noch immer strömten die Kunstliebhaber der Vorstadt herein, um ihre Lieblinge einmal vollzählig auf der Bühne zu sehen. Ein Klavier gab in Begleitung zweier Geigen und einer großen Trommel einen feierlichen Marsch zum besten, dann kündigte die Frau Direktor den Beginn des Festabends an. Die Gesellschaft Hornig, zwei Damen und vier Herren, sang ihr Entreelied, und das dankbare und nicht allzu verwöhnte Publikum gab sowohl ihnen wie sämtlichen darauffolgenden Künstlern donnernden Applaus. Gefiel ein Lied oder eine Strophe besonders gut, so wurde so lange geschrien und gestampft, bis der geschmeichelte Sänger wiederholte, und besonders den alten Guschelbauer wollten die begeisterten Zuhörer nicht mehr von der Bühne herunter lassen; die letzte Strophe seines berühmten Couplets »Weil i an alter Drahra bin« mußte er viermal singen. Da ich erst in der zweiten Hälfte des Abends aufzutreten hatte, war ich unterdessen meinen berühmten Kollegen beim Umziehen behilflich, und ich schämte mich nicht wenig, als ich bemerkte, daß sich auch die Damen ungeniert vor mir an- und auszogen, ihre herrlichen Haartrachten abnahmen und kunstvoll die Falten in ihren Gesichtern verschmierten und überpuderten. Nach der großen Pause wechselte ich mit Eckhart die Hose, und ich hatte eben meine Haare geordnet, als ein schrilles Glockenzeichen ertönte und Frau Hornig mich hinausschob. Es überlief mich heiß und kalt, als ich die Hunderte von neugierigen Augen auf mir ruhen fühlte, und meine Hände zitterten und krampften sich um das Manuskript. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre davongelaufen – das Lampenfieber hatte mich tüchtig erfaßt. Nun mußte ich aber beginnen. Zagend las ich die ersten Zeilen, und erst als das Publikum »Lauter, lauter!« schrie, kam es verständlicher von meinen Lippen. Bald hatte ich auch die große Scheu verloren, und als ich mein Gedicht »Wasser im Schacht« beendigt hatte, belohnte das Publikum meine Leistung mit einem tosenden Beifall. Ich hörte Ausrufe wie: »Dös is fei gwest«, »Bravo, Petzold«, und »Bitt schö, a bißl was drauf gebn!«, und als diese Rufe immer zahlreicher wurden, deklamierte ich noch ein kleines Gedicht, das in holprigen Versen eine rührselige Liebesgeschichte erzählte und mir beinahe noch mehr Beifall einbrachte als die Ballade. In der Garderobe beglückwünschte mich alles zu meinem Erfolg, nur der alte Guschelbauer, der eben seine Lackschuhe mit einem Paar Straßenfilzschuhe vertauschte, meinte wehmütig: »Freunderln, nöt lang wird's mehr dauern, und d' Leut werdn kein Kreuzer mehr für unser Gsangl geben. Jetztn wollns scho Gedicht hörn wia in Burgtheater, heiliger Matras, schau nöt abi auf uns, daß d' di net giftn muaßt!« Die Mutter, die über den Erfolg ihres Sohnes glückselig und stolz war, erzählte mir auf dem Heimweg, daß ein Mann an ihrem Tisch zu einem anderen gesagt hätte: ich sei ein Steirer wie der Rosegger und schriebe auch solche Geschichten wie dieser. Wir lachten nun beide herzlich über die mangelhaften Literaturkenntnisse dieses Mannes. Es war an diesem Abend das erste- und letztemal gewesen, daß ich bei den Volkssängern aufgetreten war, und auch Couplets und Possen schrieb ich keine mehr, da sich für die vorhandenen schon keine Käufer finden wollten. So kehrte ich diesem Zweig der Dichtkunst den Rücken, obwohl er mir zu dem ersten materiellen und ideellen Erfolg verholfen hatte. Vierzehn Tage lang trug ich nun die Kohlen ins Heizhaus, bis ich an eine andere Stelle in der Fabrik berufen wurde. Man hatte mir die Bedienung eines großen Kalanders im Prägesaal zugewiesen, wobei eine große Verantwortung auf mir lag. Auf dem Kalander wurden zumeist Stoffe wie Seide, Atlasse und Baumwollsamte mit einer Prägung versehen. Die Maschine strebte neben anderen wie ein eiserner Turm drei Meter hoch empor, ein Transmissionsapparat setzte sie in Bewegung. Unter dem hallenähnlichen Raum, einem Bau aus Eisen und Beton, erstreckten sich weitläufige Kellerräume, in denen auf Stellagen die Messing- und Papierwalzen mit den eingravierten Mustern, Hunderte an der Zahl und jede fünfzig bis zweihundert Kilo schwer, hingen. Sie wurden durch Aufzüge in den Prägeraum befördert und dort mit Hilfe von Flaschenzügen in die Maschinen gehoben. Die Bedienung dieses Apparats war nicht nur eine sehr schwere, sie erforderte auch von dem Arbeiter eine ununterbrochene Aufmerksamkeit, die er teils dem Gange der Maschinen, teils dem durch die erhitzten Walzen laufenden Stoff zuwenden mußte. Die Arbeit begann um sieben Uhr früh und endigte um sechs Uhr abends, mittags eine Stunde Pause ausgenommen. Mein Wochenlohn betrug aber vierzehn Kronen weniger der Summe, die ich an die Kranken- und Unfallkasse zu zahlen hatte, also mehr, als ich jemals vorher bekommen hatte. Ich war darum sehr zufrieden und peinlich bestrebt, mir nichts zuschulden kommen zu lassen. Monatelang ging ich nun den Trott, den Millionen von Brüdern und Schwestern mit mir schritten, schaute nicht links und nicht rechts und fragte nicht, ob dieses langsame Zermürben meines Körpers wirklich der ganze Sinn meines Lebens sei. Wie ein durch die Gewohnheit gegen seine Leiden abgestumpfter Gaul schritt ich gesenkten Kopfes weiter – und war froh, eine, wenn auch mager gefüllte Futterkrippe vor mir zu wissen. Des Morgens auf zehn Stunden vor die Maschine, abends nach einem kargen Nachtmahl ins Bett, wo ich nach ein paar Seiten Lektüre in einen todesähnlichen Schlaf fiel. An Sonn- und Feiertagen dem Körper auf dem alten Sofa den Luxus der Faulheit gönnend, um abends mit der Mutter einen kleinen Gasthausgarten zu besuchen, wo es billiges Bier und Würstel mit Kren gab. So verbrachte ich einen Sommer, den mir niemand zurückgeben kann. Als der Herbst kam, sollte es anders werden. Ich hatte auf dem täglichen Weg in die Fabrik einen jungen Metalldreher kennengelernt, der in meinem Alter stand und der in der Nähe meines Arbeitsortes in einer Lüsterfabrik beschäftigt war. Wir fanden bald Gefallen aneinander. Besonders sein tiefer Ernst und die Ruhe, mit der er alles besprach, sagten mir zu, und so schlug ich ihm vor, unser Zusammensein nicht auf die kurze Zeit zu beschränken, die wir auf unserm Weg zur Arbeit beisammen waren, sondern uns auch nach Schluß der Arbeit und vor allem sonntags zu treffen. Er war zu meiner großen Freude gleich einverstanden und holte mich nun beinahe jeden Tag, da er eine halbe Stunde früher Arbeitsschluß hatte als ich, von der Färberei ab, begleitete mich nach Hause und wartete dort, bis ich gegessen hatte. Dann ging ich wieder mit ihm, um den Abend bei ihm zu verbringen. Seine Eltern, eingewanderte polnische Juden, waren meiner oberflächlichen Meinung nach ziemlich wohlhabende Leute. Der Vater betrieb auf einer Hauptstraße in Ottakring ein Friseurgeschäft, das gut ging. Sie bewohnten über dem Geschäftslokal eine hübsche kleine Wohnung im ersten Stock, deren Fenster auf die Straße gingen. Artur Kellermann, so hieß mein neuer Bekannter, der bald ein treuer Freund werden sollte, hatte noch zwei jüngere Brüder, derbknochige, ernste Burschen, die gleich ihm Metallarbeiter waren. Diese arbeitsame Judenfamilie zerstörte in mir den Glauben, die Juden scheuten die körperliche Sehwerarbeit und seien nur für den Handel geeignet, wofür Artur und seine Angehörigen nicht die geringste Begabung zeigten. Überhaupt konnte sich mein Antisemitismus auf die Dauer im Verkehr mit dieser Judenfamilie nicht behaupten. Die Leute plagten sich von früh bis spät so wie ich und meine Mutter; ihre Arbeit, besonders die der drei Brüder, war nicht leichter als die meine; nie hörte ich sie über ihre Nebenmenschen schimpfen, im Gegenteil, ich wußte, daß nie ein Bettler von ihnen zurückgewiesen wurde; selbst in ihrem Äußern hatten sie wenig typisch Jüdisches, und die vielberüchtigte Mundschlauheit vermißte ich ganz an ihnen. Warum hätte ich sie meiden sollen? ... Ich kann die Menschen zählen, die mich in meinem Leben so freundlich behandelt haben wie diese Juden all die Jahre hindurch. Sie hatten gewiß nicht allzu viel zu verschenken, aber immer fand ich einen Platz ah ihrem Tisch. Hätte ich später, als mich die Not aufs äußerste bedrängte und ich nahe daran war, in ihrem Sumpf zu ersticken, meinen Stolz überwunden und ihnen meine Lage erklärt; sie hätten das Letzte mit mir geteilt und meine Sorgen zu den ihrigen gemacht. Unter dem Einfluß meines neuen Freundes fing ich wieder an, auch für andere Dinge Interesse zu hegen als nur für Arbeit und Schlaf. Ich bezwang meine Müdigkeit, um die Abende mit ihm verbringen zu können. War das Wetter schön, so gingen wir in den Straßen spazieren, schauten uns die schönen Bücher in den Auslagen an oder stolperten auch verliebt und schüchtern einem hübschen Fabriksmädel nach, wobei wir aber meist recht erschraken, wenn uns dieses bemerkte. Wir nahmen dann wohl gar Reißaus und renommierten aber dafür nach Kräften, was alles wir ihr gesagt hätten, wären wir allein gewesen. Trotzdem fiel es uns nie ein, uns das nächstemal zu trennen, denn allein hätten wir uns nicht einmal getraut, einem Mädchen ins Gesicht zu schauen. War das Wetter schlecht, so lasen wir uns gegenseitig aus natur- und weltgeschichtlichen Werken vor, die wir der Volksbibliothek entliehen, und sprachen dann über das Gelesene. An den Sonntagen besuchten wir vormittags die Museen. Besonders das Historische Museum der Stadt Wien hatte eine große Anziehungskraft für uns. Und da war es wieder der Saal mit den Briefen und Manuskripten berühmter Dichter und Komponisten Wiens, in dem ich hätte stundenlang verweilen können, während mein Freund sich in einem anderen Saal an den Ausgrabungen nicht satt sehen konnte. Von dem Grillparzerzimmer konnte ich mich kaum trennen. Mittwoch und Samstag mußte ich auf meinen Begleiter verzichten. Da ging Artur in die Vereinsversammlung der Jugendlichen Arbeiter, wohin er mich nicht mitnehmen wollte, weil ich ja kein Sozialdemokrat war. Meine politischen Kenntnisse waren damals sehr gering. Mein Held war ja eine Zeit der große Demagoge Lueger gewesen, dann, als ich das Wesen klerikaler Barmherzigkeit bei der Behandlung meines kranken Vaters zur Genüge kennengelernt hatte, flaute meine Begeisterung für den christlich-sozialen Führer immer mehr und mehr ab, und bald war aus dem ehemaligen Klosterschüler ein deutsch-nationaler Maulheld geworden, der in Bismarck den größten Helden des deutschen Volkes sah. Den sozialen oder antisozialen Bestrebungen der einzelnen Parteien stand ich ganz gleichgültig gegenüber. Die religiösen Bedürfnisse der Kinderzeit waren eingeschlafen, und so bemühte ich mich nur manchmal, den Rätseln des Daseins mit dem Verstand beizukommen, und dies weniger aus der Sehnsucht nach einer Weltanschauung als aus Neugierde. Vom Sozialismus wußte ich gar nichts und warf ihn mit Nihilismus und Anarchismus in einen Topf. So war es im Anfang auch nichts anderes als Neugierde und Abenteuersucht, die mich Artur so lange bitten ließ, bis er mich einmal in eine Versammlung mitnahm. Nach dem dritten Besuch ließ ich mich als Mitglied unter die Jugendlichen Arbeiter aufnehmen, so hatte mich das Gehörte eingenommen. Artur teilte mir auch bereitwilligst mit, was er vom Sozialismus wußte, und es entstand eine neue Welt vor meinen Augen: ein Mensch unter den Menschen sein zu dürfen, kein Zugtier unter Zugtieren, welche Offenbarung! Ich fühlte, wie meine Seele stolz wurde auf ihr Menschentum, wie sie dieses Bewußtsein gleich einem Edelstein mit sich trug. Ich bekam einen neuen Inhalt, einen inneren Reichtum, der mich gleich sein ließ mit jenen, welchen Geburt oder ein Glücksfall adelige Namen, Würden und Reichtümer geschenkt hatte. Mein früheres Leben fiel wie Schutt zusammen, und ich baute, mein eigener Baumeister, Stein auf Stein zu einem neuen Bau, der mir allein gehörte. Mit Erstaunen, hatte ich bei meinen ersten Besuchen der Jugendlichen Arbeiter die Strammheit, Nüchternheit, den Ernst, aber auch die reine, fanatische Begeisterung bemerkt, die hier herrschte. Anstatt mit Biertrinken und Johlen anzufangen, wie es bei den Theater- und Gesangsvereinen der Fall war, die ich kannte, wurde zuerst ein Vortrag gehalten, der ein Thema aus der Natur- oder Kunstgeschichte behandelte. Während der Stunde, die dieser dauerte, hörten die Mitglieder mit mustergültiger Aufmerksamkeit zu. Meist wurde dann mit ruhiger Sachlichkeit über die Lage der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter gesprochen, wobei die älteren und gebildeteren Mitglieder den jüngeren Ratschläge erteilten. Zum Schluß gab man die ausgeliehenen Bibliotheksbücher zurück, um dafür neue einzutauschen. Es wurde während des ganzen Abends kein Alkohol; sondern nur Sodawasser oder Fruchtsäfte getrunken, und auch das Rauchen war verboten. Ich war von all dem sehr begeistert, und es kam mir vor, als hätte ich mich schon lange nach einer solchen Stätte der Bildung und edlen Gemeinschaft gesehnt. So war ich meinem Freund sehr dankbar, mich hier eingeführt zu haben. Das nähere Studium des Sozialismus hatte eine große Umwandlung meiner Begriffe von den Beziehungen der Menschen untereinander, ihren Rechten und Pflichten zur Folge; ich las nun auch mit Vorliebe die Freiheitsgedichte von Heine, Freiligrath und Herwegh, deren Bücher ich in der Vereinsbibliothek fand und aufweiche mich eines der Mitglieder aufmerksam gemacht hatte, als ich ihm meine früheren Poetereien gebeichtet hatte. Nun kamen auch meine Ergüsse in ein ganz anderes Geleis; die Verse, die ich jetzt schrieb, waren gegen alle möglichen Tyrannen gerichtet, wobei ich natürlich die stärksten Farben auftrug. Meine Klagen im »Wasser im Schacht« wurden blindwütende Anklagen. Hunger, Schachtbrände, Ermordung von Arbeitern, Revolutionen gab's in Hülle und Fülle, und immer war der ausgebeutete Arbeiter der Held meiner Verse. Ich schüttete ja nun das Kind mit dem Bade aus, sah in jedem Unternehmer einen herzlosen Despoten, in jedem Priester die personifizierte Dummheit und Lüge und war nun in dem gleichen Maße von einem ungerechten, blinden Haß erfüllt, wie ich vorher die demütige Ergebenheit selbst war. Dies kam daher, daß ich wie viele hunderttausend andere Besitzlose im Anfang den Sozialismus doch hauptsächlich als eine Frage der Anklage und Rache auffaßte. Jahre vergingen, ehe diese Weltanschauung in ihrer edlen Form Einkehr in mir fand. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das waren Worte, an denen ich mich berauschen konnte. Hätten sie doch keinen besseren Ackerboden finden können als mich, der ich seit so langem schon durch Not und Sorge gepflügt und gedüngt ward. Dazu hätte ich noch einen Freund, dessen Rasse die größten Bekenner und Märtyrer entstammten und der unter seinem kühlen und schüchternen Äußeren eine leidenschaftliche Hingabe für den Sozialismus empfand. Artur benutzte aber auch jede Gelegenheit, um meine Begeisterung zu erhöhen und mich zu einem ebenso glühenden Anhänger des Sozialismus zu machen, wie er es war. In dieser Zeit suchte ich auch meine Verslehre wieder hervor und studierte mit unvergleichlichem Eifer die Regeln der Metrik, um immer ratloser vor der spröden Sprache zu stehen, die sich durchaus nicht zu dem bändigen lassen wollte, was ich nun zu sagen vorhatte. Als ich endlich gar nicht mehr ein und aus wußte, warf ich mein Buch in eine Ecke und schrieb die Gedichte nun so nieder, wie sie in mir aufklangen. Nachstehendes Gedicht ist eines jener poetischen Fühlhörner, mit denen ich in das Dunkel meines neuen lyrischen Empfindens hineintastete. Der Krüppel Schleicht da einer die Straße entlang, Mühselig, schleppend ist sein Gang; Kann kaum seine Füße bewegen, Muß wie ein Wurm sich winden und regen, Blickt alle Gesunden trübselig an: Ein verkrüppelter Mann. Vor Wochen noch stand er beim Amboßstein Und glühte Eisen in Eisen hinein, Bis ihn die Transmission erfaßt, Die ihm die schaffende Hand zerpraßt, Und er auf der Klinik lag und sann: Ein verkrüppelter Mann. Sein Herr, bei dem er den Arm verlor, Sprach mit dem Bittenden vor dem Tor: »Mann, das kann hier jedem geschehn, Ich kann doch nicht hinter den Leuten stehn. Es war halt vom Schicksal ein dummer Streich. Schade um Euch. Und gibt ihm zehn Kronen den Monat; zur Not Entgehn die Kinder dem Hungertod. Doch weil sie ewig hungrig sind, Sein Weib vom nächtlichen Nähn fast blind, Muß er an Straßenecken stehn Und um das kupferne Mitleid flehn. Als ich eine Reihe solcher Gedichte geschrieben hatte, forderte mich Artur auf, sie an einem Vereinsabend den Kameraden vorzulesen. Ich aber wollte davon nichts wissen. Diese Kameraden waren kein Volkssängerpublikum, das alles, was auf dem Podium geschieht, mit Vergnügen aufnimmt, wenn es ihm nur die Langeweile vertreibt. Aus meinem erwachten Klassenbewußtsein heraus erkannte ich, daß hier nur das Beste gut genug war. Wie erstaunte ich, als ich nun am nächsten Vereinsabend nach Schluß des Vortrags von dem Obmann gebeten wurde, bei der nächsten Zusammenkunft meine Gedichte lesen zu wollen. Artur hatte ihm von meiner verschwiegenen Kunst, und der Weigerung, sie ans Tageslicht zu ziehn, erzählt. Nun konnte ich den vereinten Bitten des Obmanns und der Kameraden nicht mehr standhalten, und ich sah mich am nächsten Mittwoch am Vorlesetisch, während sich zwanzig Augenpaare mit Interesse auf mich hefteten. Seltsam! Ich fühlte nichts von jener Befangenheit, die mich bei den Volkssängern erfaßt hatte. Hier war es mir, als spräche ich zu meinem eigenen Herzen. Meinem letzten Satz folgten zwar keine beifälligen Zurufe, aber die geröteten Wangen und leuchtenden Augen meiner Kameraden sagten mir, besser als der stürmischste Applaus, daß meine schlichten Verse Verständnis gefunden hatten. Unsere Abende fanden in dem berühmten Lerchenfelder Gasthaus »Zum weißen Engel« statt; im Saal unter uns spielten die Volkssänger jeden Abend. Als ich nun nach meiner Vorlesung die Treppe hinunterstieg, hörte ich durch eine offene Tür Bruchstücke eines meiner vor Wochen verfaßten Couplets. Ich blieb eine Weile stehen, dann ging ich weiter mit einem befriedigten Lächeln im Gesicht. So hatte ich es doch weiter gebracht als bis zum Volkssängerdichter, der die arme, geschundene »Wiener Gmüatlichkeit« und das goldene Wiener Herz immer und immer wieder ausschroten muß, um den Beifall einer gedankenlosen Menge in Bier- und Weindunst zu erzielen und, wenn es gut geht, ein paar Kronen Honorar. Nun hätte ich um nichts in der Welt mit dem Volkssänger da drinnen tauschen mögen. Wie reich fühlte ich mich an diesem Abend meiner ersten Vorlesung vor den Kameraden, die gleich mir Arbeiter waren. In zufriedener Nachdenklichkeit trabte ich mit meinem Heft nach Hause, von der Mutter erwartet, der ich nicht genug von meiner Vorlesung und ihrem Erfolg erzählen konnte. Die Veränderung in meiner Lebensanschauung, der neue Inhalt, den nun mein Dasein durch diese bekommen, machte sich auch bei meiner Arbeit in der Fabrik bemerkbar. Nicht mehr teilnahmslos wie früher, wo ich mir selbst nicht mehr war als eine Schraube oder ein anderer Maschinenbestandteil, sondern mit steter Aufmerksamkeit für alles, was um mich vorging, stand ich jetzt vor meiner Maschine. Jede Handbewegung hatte auf einmal Bedeutung für mich, und ich suchte in allem Beziehungen zu meinem eigenen Leben und dem außerhalb der Fabrik zu entdecken. Ich trat in ein gewisses geistiges Verhältnis zu dem Stoff, den ich bearbeitete, zu der Maschine und allem anderen, das zu meiner Arbeit gehörte. Dadurch erhielt ich eine Mannigfaltigkeit neuer Begriffe, von denen ich früher keine Ahnung hatte und die mir das Gefühl eines wachsenden seelischen Reichtums gaben. Die Dinge wurden mir manchmal wie durchsichtig, und der Ausblick, den sie mir boten, reihte Erscheinung an Erscheinung, deren Häufung mein Weltbild klarer und klarer hervortreten ließ. Zur gleichen Zeit wie meine Verdammung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung war auch die tätige Liebe zu den Leidensgefährten in mir erwacht, und nun wuchs beides nebeneinander zu starken Bäumen auf, unter deren Kronen der Dichter auf die innere Stimme lauschte. Artur klärte mich nun auch über die Wichtigkeit der Arbeiterorganisationen auf und gab mir leichtfaßliche Schriften zu lesen, die dieses Thema behandelten. Mit Betrübnis vermißte ich eine solche Organisation in unserer Fabrik, wo ungefähr fünfhundert Arbeiter und Arbeiterinnen schutzlos der Willkür des Unternehmers ausgesetzt waren. Das ging am Morgen wie Schafe in die Hürde und verließ in derselben Teilnahmslosigkeit des Abends den Arbeitsstall, mit der einzigen Genugtuung im Gehirn, daß wieder ein Tag hinter ihm lag und daß der Samstag und Sonntag näher gekommen waren. Wenn ich über dieses traurige Leben meiner Kameraden nachdachte, befiel mich abwechselnd eine tiefe Traurigkeit und ein maßloser Zorn, und ich zergrübelte mir das Gehirn nach einer Befreiung des Proletariats von diesem schmachvollen Lose. So wie ich früher träumte, eine Prinzessin vom Feuertode zu erretten und dadurch ein mächtiger, vielgeehrter Mann zu werden, so träumte ich jetzt von Revolutionen, deren Anstifter ich war, von aufopferungsvollen Taten für meine neue Religion. Ich biß wie ein junges, feuriges Roß vor Ungeduld in die Zügel, weil ich mich aus Rücksicht für meine alte Mutter nicht zum Sozialismus bekennen durfte, wäre ich doch sofort von der Fabriksleitung entlassen worden, die von jedem ihrer Arbeiter beim Eintritt eine schriftliche Erklärung verlangte, keinerlei Organisation anzugehören. Um wenigstens außerhalb der Fabrik meine Gesinnung jedermann unter die Nase zu reiben, band ich mir in meiner freien Zeit eine herrliche, grellrote Krawatte um und steckte ein Abzeichen mit dem Kopfe Lassalles an. Obwohl wir im allgemeinen in der Fabrik ziemlich rechtlos und unfrei waren, muß ich bekennen, daß die Behandlung in der Fabrik eher eine gute war. Die Zahl der Entlassungen wegen eines Anstoßes gegen die Arbeitsordnung war eine geringe, man kam zumeist mit einer Warnung davon. Die Maschinen waren mit Schutzvorrichtungen umgeben, für etwaige Unglücksfälle befanden sich ein Arzt und eine Apotheke im Hause. Wäre nicht der geringe Lohn gewesen – es gab Hilfsarbeiterinnen, die bei täglich elfstündiger Arbeit fünf Kronen Wochenlohn erhielten –, so hätte diese Fabrik gewiß als eine löbliche Ausnahme gelten können, denn ich hatte von den Kameraden genug über die Behandlung der Arbeiter in anderen Betrieben gehört und sollte später am eigenen Leibe von der Wahrheit dieser Schilderungen überzeugt werden. Die humanen Zustände in unserer Fabrik mochten wohl darauf zurückzuführen sein, daß der Besitzer und Gründer einst ein einfacher Gerbergeselle gewesen und wohl in Erinnerung an seine proletarische Vergangenheit nicht in die Art der andern Unternehmer verfiel. Jeden Vormittag konnten wir die hohe, breitschultrige Gestalt des alten Millionärs, bekleidet mit einer blauen Arbeitsbluse, die Säle seiner Fabrik durchschreiten sehen; sein graues, stählernes Auge entdeckte jede Nachlässigkeit. Fand er einen Schuldigen, so strich er über seinen Gottvaterbart und sagte: »Kollege, werden Sie nicht schlampig, sonst kann ich Sie nicht brauchen.« Bitten um Lohnerhöhung, Urlaubsbewilligung und andere Vergünstigungen war er nicht unzugänglich. Machte ein Arbeiter ein bekümmertes Gesicht, so fragte er ihn nach der Ursache seines Kummers, half auch meistens, wenn er sich von der Wahrheit des Gehörten überzeugt hatte. Er war wohl nur aus der patriarchalischen Anschauung des Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und -nehmer ein Feind des Sozialismus und glaubte dadurch seinen Untergebenen einen Dienst zu erweisen. Sein Sohn war das strikte Gegenteil seines Vaters. Kam dieser einmal säbelrasselnd durch den Saal geschritten (er war Ulanenoffizier), so glaubte er wohl seine Rekruten vor sich zu haben, denn die Drohungen und Schimpfworte flogen nur so herum. Er maß uns hochmütigen Blickes und sprach mit dem Direktor, der ihn zumeist begleitete, nur Französisch, damit wir ihn nicht verstanden. Auch der Direktor schenkte uns nur selten ein paar Worte, und wir bekamen ihn nur einmal die Woche zu Gesicht. Mein eigentlicher Vorgesetzter war der Werkführer der Prägewerkstätte, bei dessen kurioser Persönlichkeit ich etwas länger verweilen will. Dem Alter nach zählte Herr Jurek ungefähr vierzig Jahre, obzwar er die Behendigkeit eines Jünglings besaß. Etwas über Mittelgröße, war er sehr mager, einer der Kameraden meinte, er hätte sicher einmal in einer Tabakbeize gelegen und sähe wie eine Virginiazigarre aus. Seine hervortretendste Eigenschaft war sein Hang zum Aberglauben und zu übersinnlichen Vorstellungen. Ich habe kaum einen Menschen getroffen, der es darin so weit getrieben hätte wie Meister Jurek. Die Welt um sich herum bevölkerte er mit Geistern aller Art, die sich selbst am hellichten Tage nicht scheuten, in den nüchternen Arbeitsräumen herumzuspuken. Er glaubte auch felsenfest an die Seelenwanderung, und zwar in der primitiven Form der Indianer. Natürlich war er nun auch in den täglichen Geschehnissen voll Aberglauben, fürchtete stets, einer schwarzen Katze oder einer Nonne zu begegnen, da er sonst glaubte, eines Unglücks gewärtig sein zu müssen. Der Rauchfangkehrer oder eine weiße Taube versetzte ihn dagegen in die heiterste Laune. Eine Unzahl Gespenstergeschichten erzählte er uns während der Arbeitspausen, wehe aber, wenn einer der Zuhörer an der Wahrheit der Geschichte zweifelte! Als in dem Walzenkeller eine Arbeiterin durch einen unglücklichen Zufall von dem Aufzug erdrückt wurde, schwor unser Werkführer, daß der Geist des armen Mädchens nun im Keller herumginge. Um ihn günstig zu stimmen, warf er jeden Tag zu Beginn der Arbeit eine Blume in den Schacht und erlaubte uns nicht, ihn eher zu benutzen. Er war auch überzeugt, daß die Träume in enger Beziehung zu unserem Leben stünden, und wurde nicht müde, uns von seiner Maschine aus nach den Träumen der vergangenen Nacht zu fragen. Während die eine Hand den Stoff in die rotierende Walze schob, blätterte die andere eifrig in einem Traumbuch herum, um die Träume auslegen zu können. In Herrn Jurek wohnte wahrlich die Seele eines mittelalterlichen Geisterbeschwörers und vielleicht auch Alchimisten, denn ich hatte ihn sehr im Verdacht, daß er in seiner einsamen Wohnung weit draußen an der Grenze Wiens Mixturen kochte, denen er geheimnisvolle Wirkungen zuschrieb. Geschah es doch, daß er uns des öfteren kleine Fläschchen zeigte, die mit roten, gelben und grünen Flüssigkeiten gefüllt waren und von denen er mit der Miene eines Hexenmeisters behauptete, es seien Elixiere, die jede Müdigkeit vertrieben, aber auch die herrlichsten Träume erzeugen könnten. Niemals aber bot er sie einem von uns an, er bewachte sie vielmehr mit Argusaugen. Einmal gelang es nun meinem linken Nachbarn, einem jungen Burschen, der vor Lebenslust überschäumte, sich für ein paar Augenblicke eines solchen Fläschchens zu bemächtigen. Er schluckte die Hälfte des Inhalts hinunter, bekam aber einige Stunden später schreckliche Bauchschmerzen. Am nächsten Tag erzählte er uns, mit einem bösen Blick auf den Giftmischer, daß er die ganze Nacht nicht schlafen konnte vor Schmerzen, nun sei er aber wieder ganz wohl. Diesem Burschen sollte einige Wochen später ein schreckliches Unglück widerfahren. Er scherzte eben mit einer jungen Arbeiterin, die ihm Stoffe zutrug, als er, am Rockärmel von den Walzen erfaßt, mit der rechten Hand zwischen diese kam. Als ich auf sein Schmerzensgebrüll hinzusprang und die in vollem Gang befindliche Maschine abstellte, war der arme Mensch schon schrecklich zugerichtet. Bis über den Ellbogen hatten ihn die Walzen hineingezogen. Er hing wie eine Fliege an der Maschine und schrie grauenhaft, während ihn das Blut in Bächen überströmte. Wir drehten, die Walzen auseinander und mußten uns zusammennehmen, um beim Anblick des zerquetschten Armes nicht ohnmächtig zu werden. Was da an der unteren Walze klebte, war ein plattgedrückter Brei von Blut, Knochen und Fleisch. Der Fabrikarzt ließ den Unglücklichen in eine Nebenkammer bringen, wo er sofort unter Beihilfe des Arztes von der Rettungsgesellschaft zur Amputation des Armes schritt. An diesem Tage wurde wenig mehr gearbeitet. In mir war eine neue Furcht aufgestanden, die Angst vor der Heimtücke der Maschine. Bange stand ich nun vor der meinen, der ich eine blutgierige Mörderseele hineindichtete und vor deren Grausamkeit ich nie sicher sein konnte. Zwei Feinde standen sich nun da gegenüber, von denen ich vielleicht der Schwächere war. Meine Waffen waren nur die fortwährende Aufmerksamkeit, die Behendigkeit meines Körpers. Und vor mir erhob sich ein Ungetüm aus Eisen und Stahl mit fleischzerreißenden Rädern, drosselnden Riemen und quetschenden Wälzen. In jedem Schraubenloch saß der Tod, stets bereit, über das Menschlein herzufallen, wenn dieses sich einen Augenblick vergaß. Meine Kameraden dachten wohl ähnlich wie ich an diesem Nachmittag, denn sie trugen alle ernste Mienen, und man hörte nicht wie sonst einen kecken Witz, ein schlecht unterdrücktes Lachen oder ein reges Hin- und Herplaudern, wenn die Luft rein war. Selbst der Hilfsarbeiterinnen sonst durch nichts dämpfbare Gesprächigkeit war verstummt, und als ein gedankenloses Mädchen eine Operettenmelodie zu summen begann, wurde ihr dies von mehreren Arbeiterinnen verwiesen. – Werkführer Jurek war ein leidenschaftlicher Lotteriespieler, versäumte kein Spiel der kleinen Lotterie, ohne zu setzen, und machte eifrig Propaganda für diese »Hoffnung der Dummen«. Einmal würde es ihm ja doch gelingen, die Lotterie zu sprengen; seine Berechnungen, die alle auf der Basis des Traumbuches aufgebaut waren, sagten es ihm. So mußten wir Montag und Donnerstag, die Tage, an denen ein neues Spiel begann, unsere Träume aufs genaueste erzählen. Die interessantesten zerlegte er dann mit, Hilfe des Traumbuchs in je fünf Nummern und forderte uns auf, mitzuspielen. Ich hatte bisher seine Einladungen stets abgelehnt, da ich eine Abneigung gegen diesen Altweibersport hegte; eines schönen Tags aber gab ich ihm, um ihn nicht zu beleidigen, doch die zwanzig Heller, die er für mich setzen wollte. Ich hatte längst darauf vergessen, als ich am nächsten Donnerstag zu Beginn der Arbeit von meinen Kameraden mit Hallo begrüßt wurde: Ich hätte Glück in der Lotterie gehabt! Ich glaubte, daß sie Spaß mit mir machen wollten, und auch die beiden anderen, die mit mir gesetzt hatten, schüttelten ungläubig den Kopf. – Wir gingen an unsere Arbeit, da aber sprang Herr Jurek wie ein Gespenst hinter seiner Maschine hervor und fuchtelte uns mit der Zeitung vor dem Gesicht herum: »Burscherln«, schrie er, »mir haben an Terno gemacht, 37, 52 und 85 san außakumman!« Er sprang von einem zum andern, ohne uns Zeit zu lassen, die Richtigkeit seiner Erzählung selbst zu prüfen. Endlich aber nahm ihm ein anderer Arbeiter das Blatt aus der Hand, verglich umständlich unseren Lotteriezettel mit dem Zeitungsbericht und teilte uns endlich mit, daß wir wirklich die große »Sau« gehabt hatten, einen Terno zu machen. Nun konnte auch ich daran glauben, und voll Freude dachte ich zuerst an meine Mutter, die wohl ein frohes Gesicht zeigen würde, wenn ich ihr die blanken Geldscheine auf den Tisch zählte. Denn Herr Jurek hatte in der Geschwindigkeit ausgerechnet, daß auf jeden Teilnehmer hundert Kronen fallen sollten. Eine Summe, bei deren Nennung es mir schwindlig im Kopf wurde. Die Kunde von unserem Glücksfall hatte sich im Nu in der ganzen Fabrik verbreitet. Alle Augenblicke stahlen sich Arbeiter aus den anderen Abteilungen in unsere Werkstätte, um Näheres zu erfahren. Unser Werkführer mußte seine ganze Autorität aufbieten, damit die Leute wieder an ihre Arbeit gingen. Leicht wurde es ihm ohnehin nicht, denn er hätte ja am liebsten alle Arbeiter zu sich gerufen, um sie an der Hand des Beispiels von dem Nutzen und Werte der kleinen Lotterie zu überzeugen. Sie stand ja doch gewiß im Dienst von Geistern, die den Menschen gut gesinnt waren. In der Mittagspause rannten wir spornstreichs in die Lottokollektur, wo man uns mitteilte, daß wir das Geld, etwas über vierhundert Kronen, am nächsten Samstag erhalten würden. Nun war jeder Zweifel ausgeschlossen, und wir gaben uns ganz der Freude über die unverhoffte Begünstigung des Schicksals hin; waren doch auch meine zwei andern Kameraden schlecht bezahlte Arbeiter wie ich, sie hatten außerdem noch Weib und Kind daheim. Auch Herrn Jureks Gesicht strahlte, weniger des Geldes als der Genugtuung wegen, die ihm durch diesen Gewinn ward. Noch nie war mir die Zeit so langsam vergangen wie an den drei Tagen, die uns noch vom Samstag trennten. Dabei hieß es fortwährend Rede und Antwort bezüglich des Ternos stehen, denn jeder der Arbeiter mußte sich bei uns selbst von dem Glücksfall überzeugen und unsere Meinungen darüber hören. Auch wurde man nicht müde, uns Ratschläge für die Verwendung des Geldes zu geben, vor allem legte man uns aber nahe, daß es unsere Pflicht sei, wenigstens unserer Abteilung ein kleines Faß Bier und einige Schachteln »Kurze« und »Sport« zu spenden. Endlich kam der Samstagmittag heran, und wir zogen vier Mann hoch in das Lotteriegeschäft, um das Geld zu beheben. Wir baten Herrn Jurek, sich das Geld in Zehnkronennoten auszahlen zu lassen, damit sich unsere Brieftasche einmal im Leben gefüllt angreife. In einer nahen Weinstube wurde geteilt. Nach Abzug einer Kleinigkeit, die wir dem verunglückten Kollegen ins Spital schicken wollten, entfielen auf jeden von uns einhundertundsechzehn Kronen. Ein kleines Vermögen, bei dessen Anblick mir die Welt auf einmal um so vieles schöner vorkam! Nach Feierabend kaufte ich mich mit fünf Kronen von der Verpflichtung los, unseren Glücksfall mit den anderen Arbeitern in einem Gasthaus zu feiern, denn mich erwartete in einem Volkskaffee in der Nähe der Fabrik meine Mutter, mit der ich heute einen schönen Abend verbringen wollte. Ich hatte ihr zwar die Tage vorher schon geheimnisvolle Andeutungen über einen Zufall gemacht, der mich in den Besitz einer großen Geldsumme bringen würde, mich aber wohl gehütet, Bestimmtes zu verraten. Schmunzelnd steckte ich dann die Bezeichnung »Faselfritze« ein und zählte die Stunden, die mich noch von der großen Überraschung trennten. Als ich ihr nun aber mit möglichst gleichgültiger Miene hundert Kronen in Zehnkronennoten auf den Tisch zählte, tat sie sehr erschrocken und meinte allen Ernstes, daß ich vom Wege der Redlichkeit abgewichen sei; ich mußte ihr die Geschichte der Herkunft des Geldes einige Male wiederholen und beim Andenken des Vaters schwören, daß sie auf Wahrheit beruhte. Als ich aber mit heiterstem Gesicht all ihre Angst verscheucht hatte, gab auch sie sich ganz der Freude über die vom Himmel gefallene große Summe Geldes hin. Nun versicherte sie mir, daß dieser Glücksfall hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben sei, daß ich ein Sonntagskind wäre, denn mit den Sonntagskindern hätte es immer eine eigene Bewandtnis, und das Leben meine es mit ihnen besser als mit anderen Leuten. Davon hatte ich nun allerdings noch nicht viel gespürt, es war mir im Gegenteil das Glück bisher noch stets in weitem Bogen ausgewichen, aber nun, mochte es sein wie es wollte, heute saßen wir da, mit einem Hunderter in der Tasche. Nachdem wir mit ein paar Schalen Kaffee mit Milchbrot unseren neuen Reichtum gefeiert hatten, suchten wir einen Trödlerladen auf, wo ich einen Winterrock, eine feine Hose, einen wunderschönen Filzhut und ein Paar moderne Schuhe um dreißig Kronen erstand, obwohl der Trödler erst sechzig dafür haben wollte. Die Mutter bekam ein dickes, wollenes Tuch und warme Schuhe, und dann ging's zu ihrer großen Freude in ein Gasthaus, wo mir unbekannte Volkssänger spielten. Die Mutter lachte an diesem Abend Tränen über die Kapriolen des Komikers und die anderen, harmlosen Possen. Nach so langer Zeit war sie wieder einmal glücklich wie ein Kind, und ich ertrug gern das Gefühl der Langenweile, das mich bei den mittelmäßigen Darbietungen der Truppe erfaßte; sah ich doch das alte, müde Gesicht wieder erwachen zu einem Schein früherer Frische und Lebensfröhlichkeit. Trotz unserer Verschwendung konnte die Mutter zu ihrer Befriedigung noch sechzig Kronen in die alte Lutherbibel stecken, als Notpfennig für die Zukunft, von der man ja nie wissen konnte, was alles an Sorge und unliebsamen Überraschungen sie noch für einen Hilfsarbeiter und dessen arbeitsunfähige Mutter aufbewahrt hatte. Meines Erinnerns war seit dem Tode des Vaters noch nie so viel Geld in unserem Besitz gewesen. Ich schlief mit dem sicheren Gefühl des reichen Mannes ein, der das Rückgrat des harten Geldes spürt, und wäre beinahe den Prinzipien meiner neuen Weltanschauung wieder untreu geworden. Der folgende Winter wäre für uns ganz leidlich abgelaufen, wenn meine Mutter nicht einen schweren Unfall erlitten hätte, der ihr arge Schmerzen brachte und mich für ihr teures Leben fürchten ließ. Es war kurz nach Weihnachten, richtiges Januarwetter mit vereisten Straßen und Fußwegen, so daß die Hausmeister mit dem Aschestreuen nicht fertig wurden. Ich war eben im Vereinslokal der Jugendlichen Arbeiter und hörte einem Vortrag zu, der etwas länger dauerte als gewöhnlich, als ich hinausgerufen wurde. Eine aufgeregte Frau, in der ich unsere Nachbarin erkannte, teilte mir in konfusen Worten mit, daß meine Mutter vor einem Fleischerladen ausgeglitten war und sich die rechte Hand wahrscheinlich gebrochen hatte. Ich rannte, wie ich war, nach Hause und fand die Erzählung der Nachbarin zu meinem Schrecken bewahrheitet; der rechte Arm meiner armen Mutter war hoch angeschwollen, und sie stöhnte vor Schmerzen. Ich machte Umschläge von essigsaurer Tonerde, was die Schmerzen etwas milderte, und gab ihr eine Schale Tee, worauf sie wieder etwas mehr zu sich kam. Dann fuhren wir auf der Straßenbahn ins Allgemeine Spital und suchten uns den Weg zur Chirurgischen Klinik, die ein berühmter Professor leitete. Die Uhr schlug eben die elfte Stunde, als wir in den spärlich erleuchteten, überheizten Warteraum der Klinik eintraten. Eine dicke Wärterin wackelte verschlafen auf uns zu und erklärte uns ganz bestürzt, daß der diensthabende Arzt zufällig vor einer Viertelstunde zu einer Geburtstagsfeier fortgegangen sei und vergessen hätte, die Adresse seines Aufenthaltsortes zurückzulassen. Er müsse aber jeden Augenblick zurückkommen, denn er habe ja Dienst. So setzten wir uns auf eine der Holzbänke, während die Wärterin in den Krankensaal zurückkehrte. Nun verfloß eine Viertelstunde nach der andern, kein Arzt kam. Meine Mutter versuchte ihre Schmerzen zu verbergen, aber aus ihren fiebrigen Augen sprach die Qual, die sie erduldete. Nun schlug es Mitternacht. Die Mutter brannte vor Fieber und unerträglichen Schmerzen; jeden Augenblick schien es, als würde sie vor Ermattung umsinken, und ich mußte sie stützen. Hinter der Tür hörte man das Jammern der Kranken, und einmal drang vom Hof her ein markerschütternder Schrei. Um ein Uhr war der Arzt noch nicht gekommen. Der Arm war hoch angeschwollen, und die Pflegerin jammerte und wußte sich nicht zu helfen. In mir kochte die Wut über den pflichtvergessenen Arzt, die bittersten Gedanken über das traurige Los armer Menschen stiegen in mir auf. Die Schmerzen meiner Mutter brannten die Lehren meiner neuerrungenen Weltanschauung wie mit glühenden Nadeln in meine Seele ein, vor den nach Hilfe flehenden Augen sank der letzte Zweifel an der Berechtigung sozialen Kampfes. Ich drang nun in die Wärterin, den Arzt einer andern Abteilung zu rufen, was sie mir mit einem Hinweis auf die Hausordnung verweigerte. Ich war eben im Begriff, mich nun selbst um einen Doktor zu kümmern, als endlich die Tür aufging und der sehnlich erwartete Arzt eintrat. Es war ein junger Elegant, der wenig erbaut schien, nach einer angenehm verbrachten Soiree solche Arbeit vorzufinden. Ich aber machte aus meiner Entrüstung kein Hehl und drohte sogar mit einer Anzeige, denn ich zitterte noch ganz vor Aufregung über die durchlebten Stunden. Der Arzt, der meine Vorwürfe erst hochnäsig zurückwies, bat schließlich auch kleinlaut, von einer Anzeige absehen zu wollen, und gab zu, unüberlegt gehandelt zu haben. Da er versprach, seine ganze Kunst zu versuchen, um den Arm wieder gesund zu machen, gab ich mich zufrieden, denn Hauptsache war es nun ja, der Mutter so schnell beizustehen wie möglich. Der Arzt richtete den Arm mit Hilfe der Wärterin ein, bei welcher Prozedur die Mutter vor Schmerzen ohnmächtig wurde und mein Herz vor Schrecken stillzustehen drohte, weil ich glaubte, sie sei im Sterben. Belebungsmittel brachten sie wieder zu sich, und der feste Verband, in den der Arm nun kam, nahm ihr einen großen Teil der Schmerzen. So gelang es uns, noch in der Nacht in einem Einspänner nach Hause zu fahren. Die Mutter hatte nun bis in den Sommer hinein jeden Tag in die Klinik zu kommen, wo ihr Arm massiert, elektrisiert und in ein Streckholz gespannt wurde, was aber doch nicht verhindern konnte, daß der Arm steif blieb und bei schlechtem Wetter arge Schmerzen verursachte. Von irgendeiner Tätigkeit, mit der sich die Mutter einige Kreuzer hätte verdienen können, war natürlich nicht die Rede, und so stützte sich unser kleiner Haushalt von nun ab ganz auf meinen Verdienst, der kärglich genug und dabei noch unzuverlässig war, konnte ich doch von heute auf morgen entlassen werden. War es ein Trost, daß es hunderttausend Arbeiterfamilien so ging wie uns? Die waren oft noch schlechter dran als wir, denn nicht selten steigerte eine große Kinderschar die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – die Kinder, die das tiefste Glück, die heiligste Freude ihres Lebens sein sollten. In den vielen, vielen Zinshäusern der Vorstädte waren die Wohnungen, Gänge und Stiegen erfüllt von dieser Angst, sie schwebte stets als dunkle Wolke über dem Leben des Arbeiters; sie konnte ihn bis zum Irrsinn erregen, den tiefsten Schlaf stören, ihn am hellen Tage zum Erzittern bringen und selbst die Liebesstunde vergällen. Heimatlos! Oh, was ist das für ein harmloses Wort gegen das: Arbeitslos! Des armen Menschen Heimat ist dort, wo er den Arm rühren darf, damit er ihm Brot bringt. Ist ihm aber keine Gelegenheit gegeben, so ist er weniger als der Vogel in der Luft und der Wurm in der Erde, dem Stein ist er gleich, der bewegungs- und wirkungslos daliegt, nur mit dem Unterschied, daß der Stein die Tragödie der Zwecklosigkeit nicht fühlt. Für den Arbeiter ist sie die schmutzigste Schmach, eine Kloake macht sie aus seinem Dasein, aus der die Laster und Verbrechen steigen, der Haß und der Fluch. Siebentes Kapitel Dunkle Tage Wir hatten wieder einmal die Wohnung gewechselt, vielleicht das zwanzigstemal seit meinem Austritt aus der Schule. Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, war zwar eine alte Kaluppe, nur zwei Stock hoch und mit Schindeln gedeckt, aber unsere Kammer befand sich dafür im ersten Stock, war geräumig und vor allem licht, weil das Fenster auf einen Holzlagerplatz hinausging. Außerdem betrug der Mietzins zwei ganze Kronen weniger, als wir für das verlassene Loch bezahlen mußten. Dies war der Hauptgrund, warum wir die Wohnung gewechselt hatten zu einer Zeit, da es der Mutter körperlich nicht zum besten ging und ich mit tiefem Kummer sah, wie sie von Tag zu Tag mehr verfiel. Kein Sitzen in der Sonne, keine noch so starke Suppe wollten ihr die verlorenen Kräfte zurückgeben. Es war in den letzten Tagen des September. Das Wahlfieber durchschüttelte alle Glieder der gewaltigen Großstadt, denn die Landtagswahlen standen vor der Tür, und der Kampf zwischen den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Kandidaten sollte diesmal mit besonderer Erbitterung gekämpft werden. Zwei berühmte Führer der beiden Parteien standen sich gegenüber: Franz Schuhmeier kandidierte für das erledigte Mandat, auf der andern Seite stand Prinz Alois Liechtenstein. Dieser war ein sehr ernst zu nehmender Gegner, denn hatte auch Schuhmeier in der Wahl für den Reichstag gesiegt, so gab es doch für die Landtagswahl ein viel beschränkteres Wahlsystem; dazu kam die Beliebtheit des Prinzen bei den Kleinbürgern, da er in leutseligster Weise mit ihnen verkehrte. Auch verfolgte die Polizei die sozialdemokratischen Agitatoren auf Schritt und Tritt und löste die Wahlversammlungen auf, während die Gegenpartei von all dem verschont blieb. Im Verein der Jugendlichen Arbeiter war ich zum Schriftführer gewählt worden. Wir jungen Burschen beteiligten uns mit einem wahren Feuereifer an der Wahlarbeit, und schon seit Wochen waren wir jeden Abend im Vereinslokal zusammengekommen, wo wir unter Anleitung erprobter Kameraden ein Zettelregister aller im Bezirk wahlberechtigten Personen angelegt hatten. In den letzten Tagen der Wahl gingen wir nun paarweise von Haus zu Haus und steckten an jede Tür den Wahlaufruf unserer Partei. Als besonderes Bravourstückchen sahen wir es an, als wir uns eines Abends in den Pfarrhof schlichen und dort den Zettel mit der Inschrift: »Wählt Franz Schuhmeier« an die Türen klebten. Am Tage der Wahl hätte ich in mir einen feigen Verräter gesehen, wäre ich nicht der Fabrik ferngeblieben, um noch auf der Straße und in den Häusern um Stimmen zu werden. Die meisten meiner jungen Vereinskollegen taten wie ich, und wir dachten nicht an die bösen Folgen, die diese politische Mitarbeit für uns haben konnte. Wir hatten uns an dem Tage an einer Kreuzung zweier verkehrsreicher Straßen aufgestellt und verteilten riesige Stöße von Wahlaufrufen, die uns aus einem in der Nähe liegenden Agitationssaal zugeschleppt wurden. Bis zur Mittagszeit war es uns immer gelungen, den vielen Polizeiaugen zu entgehen, die an dem Tage in ganz Wien Jagd auf die sozialdemokratischen Agitatoren machten. Da, als es eben Mittag schlug und die Straßen voll von heimkehrenden Proletariern waren, faßten mich plötzlich von rückwärts zwei derbe Fäuste an; als ich mich umsah, blickte ich in das weinrote Blasengelgesicht eines Sicherheitswachmannes, der mich für verhaftet erklärte. Wäre der Anlaß dazu ein anderer gewesen, wäre ich wohl vor Angst und Scham ohnmächtig geworden. So aber schritt ich in stolzer Befriedigung wie ein Sieger durch das Menschengewühl an der Seite des schnaufenden Wachmanns. Im Polizeihause des Bezirks angelangt, wurde ich einem Polizeikommissar vorgeführt, der sich vorerst seine Fingernägel putzte, um dann sein Gesicht in drohende Falten zu legen und den Wachmann mit einem strengen Blick auf mich nach der Ursache meiner Arretierung zu fragen. Der Wachmann gab nun ein langes und breites über mein Verbrechen an, und ein Schreiber füllte mit den Angaben zwei große Bogen Papier, was mich sehr verwunderte. Nachdem ich nun auch meine Personalien angegeben hatte, wurde ich von einem andern Polizeimann in eine Kammer gebracht, wo mehrere Personen wie Türken auf einem schiefen Holzgestell hockten. Die Tür klappte ins Schloß, ein Schlüssel knarrte verdrießlich, und ich war wegen Staatsgefährlichkeit eingesperrt. Ich war froh, unter meinen Leidensgefährten einen Bekannten zu finden, der mir mitteilte, daß die übrigen Gefangenen ebenfalls Gesinnungsgenossen waren, die aus gleichen Anlässen hierhergebracht worden waren. Einer von ihnen, der hier Erfahrung zu haben schien, beruhigte uns Zaghaften mit der Versicherung, daß wir gewiß noch vor dem Abend wieder freigelassen würden. Die Parteileitung wisse von unserer Verhaftung und interveniere wahrscheinlich wegen unserer Freilassung. Um uns die Zeit zu vertreiben und auch hier noch unserer Sache nützlich zu sein, opferten wir unsere Notizbücher, verblätterten sie und schrieben unser »Wählt Franz Schuhmeier« und ähnliche gute Ratschläge darauf und warfen sie zu den kleinen vergitterten Fenstern hinaus. So vergingen einige Stunden, ohne daß ich die Haft allzu schwer empfand. Gegen Abend horchten wir mit immer gespannterer Aufmerksamkeit auf die Straße hinaus. Das lebhafte Wiener Volk feierte seine Wahlsiege zuerst auf der Straße durch Umzüge, und wir hofften aus dem Lärm und Stimmengewirr das Ergebnis der Wahl zu entziffern. Lange war unser Lauschen umsonst. Viele erregte Worte flatterten durch die Luft, aber bis sie unser Ohr erreichten, waren es nur mehr sinnlose Töne. Doch plötzlich war es uns, als lösten sich alle Rufe in einen einzigen Jubelschrei auf, und in gewaltigem Hall brach es herein in unsern Gefängnisraum: »Hoch Schuhmeier, Sieg, Sieg, hoch die internationale Sozialdemokratie.« Wir fielen uns vor Freude in die Arme, küßten uns und waren nahe daran, vor Erregung zu weinen. Dann begannen wir das Lied der Arbeit zu singen, draußen mußte man uns gehört haben, denn plötzlich stimmte die Menge auf der Straße in unseren Gesang ein. Kurze Zeit darauf knarrte die Tür des Gefängnisses, und der Wärter trat würdevoll zu uns hin: »Bittee zum Härn Kommissär hinaufkommen.« Dieser teilte uns mißmutig mit, daß wir aus der Haft entlassen seien, daß wir aber, wenn es nach ihm gegangen wäre, ruhig noch ein paar Stunden hätten sitzen können. Was kümmerte uns das! Wir machten, daß wir aus dem unwirtlichen Haus hinauskamen, in dem es nach Pferden, Papier und Ratten stank. Ich verabschiedete mich von meinen Leidensgenossen und rannte nach Hause, war ich doch voll Sorge um die Mutter, die mich zwar in der Arbeit glaubte, aber doch durch irgendeinen Zufall hätte von der Wahrheit unterrichtet werden können. Glücklicherweise war das nicht der Fall, und ich konnte unter einem Vorwand noch einmal unsere Stube verlassen und einer Siegesversammlung beiwohnen. Ahnungslos ging ich am nächsten Tag an die Arbeit. Ich war eben im Begriff, meine Maschine in Bewegung zu setzen, als ich an das Haustelephon gerufen wurde. Ich sollte zum Direktor kommen. Ich war darüber nicht wenig erschrocken, denn eine Audienz beim Direktor stand meist mit einer Strafpredigt oder gar Entlassung in Verbindung. Die Unterredung dauerte nicht lange. Der Direktor teilte mir in kurzen Worten mit, daß ich mich wegen Teilnahme an den gestrigen Landtagswahlen als entlassen betrachten könne. Auf Kündigungsfrist hätte ich keinen Anspruch, weil ich trotz des Verbots einem sozialdemokratischen Verein angehörte. Im ersten Moment fing alles um mich herum an sich zu drehen. Ich fühlte den kranken Körper meiner Mutter sich an den meinen lehnen – fiel ich, so fiel auch er. Knie hin – bitte den Chef um Verzeihung, gelobe deinen Austritt aus dem Verein. Jetzt vor dem Winter arbeitslos werden, heißt hungern und frieren. Denke an deine Mutter, rief es in mir. Da ermannte ich mich. Starrheit kam in meine sich beugenden Knie, die Bitte, die mir auf der Zunge lag, blieb unausgesprochen. Ich richtete mich auf und verließ mit einem stummen Gruß das Büro, holte mir aus der Buchhaltung das Arbeitsbuch mit dem gestempelten Zeugnis: War ehrlich und fleißig und wurde lohnbefriedigt entlassen. Ohne mich von meinen Kameraden zu verabschieden – ich fürchtete ihre mitleidigen Blicke – huschte ich aus dem Hause. Auf der Straße durch die frische Herbstluft etwas ernüchtert, reute es mich, meinen Kollegen nicht adieu gesagt zu haben, dann aber beruhigte ich mich mit der Überlegung, daß mich ja doch kein tieferes Gefühl mit ihnen verband und ich so bald von ihnen vergessen würde, als ein neuer Arbeiter an meinen Platz käme. Ich war schon öfter arbeitslos gewesen – nie aber hatte dieses Los so lawinenartig, so katastrophal auf mich gewirkt wie dieses Mal. Ich irrte durch die Gassen in einer Art bösem Traum befangen, ein dumpfer Schmerz war in mir und schien mich zu ersticken. In jedes Menschen Angesicht las ich den harten Vorwurf: Leichtsinniger, hast nicht an deine Mutter gedacht; Selbstsüchtiger! Schande über dich! Das Arbeitsbuch brannte mich in meiner Tasche, und die Gedanken an den Kummer der Mutter machten mich schier wahnsinnig. Ich irrte so bis tief in den Nachmittag planlos in den Gassen herum, bis ich endlich Mut faßte, heimzugehen und der Mutter das böse Ereignis zu verkünden. Die Liebe, Gute zeigte aber wieder einmal, daß sie eine Arbeitermutter war, denn ohne den Ernst des Geschehenen zu verkennen, fand sie sich doch mutig mit der Tatsache ab und sprach mir selbst noch Mut zu, da ich wie ein Häufchen Unglück vor ihr saß. Zwei Tage später traf ich auf der Suche nach Arbeit einen Kameraden, mit dem ich schon früher einmal einige Wochen in einer Reinigungsanstalt gearbeitet hatte. Er lud mich ein, bei seinem Meister anzufragen, ob dieser keinen Fensterputzer benötigte, was jetzt im Herbst sicher der Fall war. Zu einer andern Zeit hätte ich es mir vielleicht überlegt, die schwere, gefährliche und schlecht entlohnte Arbeit als willkommene Lösung meiner verfahrenen Lage anzusehen. Jetzt aber, wo die Mutter nichts mehr verdiente und eine gute, kräftige Nahrung haben mußte, durfte ich nicht zögern, diesem Angebot Folge zu leisten. So lief ich eiligst in die Reinigungsanstalt, wo ich auch wirklich sofort mit einem Taglohn von einer Krone fünfzig Heller als Arbeiter aufgenommen wurde. Ich hatte nun jeden Tag mit Ausnahme des Sonntags um vier Uhr früh in der Kanzlei der Reinigungsanstalt zu erscheinen, erhielt von dem Meister die Arbeitsscheine ausgefolgt, nahm die zwanzigsprossige Leiter auf die Schulter, hängte mir den Blechkübel mit dem Putzzeug um und begab mich so bewaffnet mit vier anderen Fensterputzern auf die Straße, um bei irgendeinem Kaffeehaus zu landen und die rauch- und schweißbeschmierten Fensterscheiben zu reinigen. Bis abends kletterten wir nun auf den Leitern herum, und bald hatte ich eine große Fertigkeit im Fensterputzen erlangt. Auch an den Sonntagen wurde gearbeitet, doch brauchten wir da erst um sieben Uhr zur Arbeit zu kommen. Zumeist waren es Schulen, Banken und andere öffentliche Anstalten, die an den Sonntagen gereinigt wurden. Wir kamen dann um drei Uhr nachmittags nach Hause. Was meine neuen Arbeitskollegen betrifft, war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Sie waren politisch noch indolenter als die in der Färberei, und es war kaum einer unter ihnen, dessen Interessen über die gewöhnlichen menschlichen Bedürfnisse hinausgingen. Meine Kollegen waren alle viel älter als ich und der Mehrzahl nach erst einige Monate in der Anstalt beschäftigt. Als ich eine Zeitlang mit ihnen gearbeitet hatte, war ich sehr froh, daß mir der Meister die Reinigung kleiner Geschäfte allein übertrug, denn meine Kollegen hatten sich als sehr roh erwiesen und ihr Umgangston war mir wenig angenehm. In den ersten Tagen hatte ich versucht, mit ihnen über ernstere Dinge zu sprechen, sie aber lachten über mich und machten mein Bestreben dadurch bald zunichte. So war ich froh, wenn die Früharbeit in den Kaffee- und Gasthäusern, die wir gemeinsam verrichteten, vorbei war und ich mich von ihnen trennen konnte, um den übrigen Teil meiner Arbeit zu absolvieren. Den Sonntag aber, wo wir zusammen arbeiten mußten, fürchtete ich deshalb die ganze übrige Woche. Auch körperlich mutete ich mir etwas viel zu. Die lange Arbeitszeit von zwölf, manchmal auch dreizehn und vierzehn Stunden, die schweren Lasten, die ich durch die Straßen zu tragen hatte, und das Auf- und Abschleppen der mit Wasser gefüllten Kübel war mehr, als meine schwachen Kräfte auf die Dauer ertragen konnten. An den Regentagen war es besonders unangenehm, stundenlang in den nassen Kleidern auf der Leiter herumzuklettern und von einem Ende der Stadt zum andern zu laufen. Wie sehnsüchtig spähte ich dann in die kleinen Kaffeehäuser, in denen es guten, warmen Kaffee mit Gebäck gab und wo man sich wärmen und ausruhen konnte. Mit meinem kleinen Taggeld durfte ich mir außer beim Mittagessen dieses Vergnügen nicht mehr leisten. Wieviel neue Bitterkeit zog aber auch in meine Jugend, wenn ich hungernd und fröstelnd an einer Auslagenscheibe rieb und dahinter die feinsten Sachen erblickte, die satt und warm machten, und ich stets in Gefahr war, auf den glitschigen Sprossen auszugleiten und mir Arme und Beine zu brechen. Meine Kollegen tranken sich mit Schnaps Wärme und Vergessenheit hinein. Nach jeder erledigten Arbeit traten sie in eine der zahllosen Branntweinschenken und »stärkten« sich, so daß sie meist am Ende ihrer Tagesarbeit betrunken waren. Die schönste Stunde des Tages war die Mittagspause, wo ich in ein kleines Kaffeehaus ging, um mein Mittagessen, bestehend aus Kaffee und Brot, einzunehmen. Ich setzte mich dann möglichst nahe dem Ofen, vertiefte mich in einen Stoß Zeitungen und genoß dabei den Duft des dampfenden Kaffees, den ich zwischendrein in bedächtigen Zügen trank. War die schöne Stunde vorbei und ich mußte wieder an die Arbeit, so verarbeitete ich das Gelesene in mir und verglich es mit dem, was ich auf den Straßen und in den Geschäften sah, deren Fenster ich reinigte. Oft schrumpfte das Gelesene vor der Wirklichkeit zusammen und schien nur mehr ihr bleicher Schatten zu sein. Es war gut, daß ich untertags viel sehen und wohl auch hören konnte, denn dies mußte mir ja die Vorträge im Verein, die langen Zwiegespräche mit Artur und selbst die Bücher ersetzen. Kam ich doch abends meist so müde nach Hause, daß ich nicht mehr lesen mochte – außerdem hatte ich nun auch noch die Kammer zusammenzuräumen, das Geschirr zu waschen und Holz und Kohle für den Bedarf des nächsten Tages vorzubereiten. Die Mutter war ja so gebrechlich geworden, daß sie mit Mühe das dürftige Abendbrot bereiten konnte. Ich wollte sie dann auch nicht mehr verlassen, um einem Vereinsabend beizuwohnen, war es mir ja doch schwer genug, die alte sieche Frau den ganzen Tag sich selbst überlassen zu müssen. Immer eindringlicher schlich sich die schmerzliche Ahnung in mein Bewußtsein, daß ich nicht mehr lange für dieses teure Leben sorgen durfte. Oft mitten in der Arbeit traf mich dieser böse Gedanke und machte mich tieftraurig. Noch mehr Qual bereitete es mir, wenn ich sie im Geist plötzlich in ihrer kalten Einsamkeit mit dem Tode ringen und vergebens nach mir rufen sah. Niemand hörte den Schrei nach dem Sohn, die brechenden Augen suchten vergeblich den einzigen Helfer, das geliebte Kind. Solche Vorstellungen peinigten mich oft so stark, daß ich in wahnsinniger Eile arbeitete, ohne Gürtel, um schneller weiter zu kommen, und von einem Arbeitsort zum anderen hetzend, um früher zu Hause zu sein. Wie schwer waren auch die Trennungen am Morgen! Mit ängstlicher Sorge suchte ich an dem Glanz der Augen, in der Stimme und den Bewegungen ihre Lebenskraft zu ermessen, und es hing von der Helligkeit oder Trübe ihres Blickes ab, ob ich tagsüber halbwegs beruhigt oder von Angst gehetzt meiner Arbeit nachging. Wie froh wäre ich gewesen, hätte ich die Straßenarbeit mit einer Tätigkeit vertauschen können, die mir mehr Zeit für die Pflege meiner Mutter gelassen hätte! Zu der Sorge um sie kam nun auch noch die Furcht vor Erkrankung meines eigenen Körpers, der durch die gegenwärtigen Strapazen sehr geschwächt wurde. Es war ein sehr regenreicher Herbst, und tagelang kam ich nicht aus den nassen Kleidern heraus – denn sie trockneten in den paar Stunden des Nachts nicht. Mit Schaudern dachte ich an den Winter, wo diese Nässe und Kälte mir sicher Fieber und eine neuerlich erkrankte Lunge einbringen mußten. Mit Freude begrüßten ich und ein anderer Gehilfe darum den Auftrag unseres Brotherrn, das Krankenhaus und das Kloster der barmherzigen Brüder zu reinigen, das kein weibliches Wesen betreten durfte. Denn hier gab es außer den Fenstern auch die Fußböden, Türen und Wände zu reinigen, und ich war dadurch auf Wochen hinaus von der Arbeit im Freien erlöst, die paar Frühstunden abgerechnet, wo ich mit den andern die Kaffeehausfenster putzen mußte. Im Kloster gab es außerdem ein gutes Mittag- und Abendbrot, meistens auch eine ausgiebige Jause. Freilich gehörte es auch nicht zu den angenehmsten Dingen, stundenlang an den großen Krankenhausfenstern herumzuputzen, an denen die monatelange Ausdünstung so vieler Kranker klebte, während man von fünfzig Augenpaaren voll Neid, Trauer und Sehnsucht beobachtet wurde. Es war auch nicht sehr fröhlich, den Seziersaal zu reinigen, auf dessen riesigen Tischen die sonderbarsten und unheimlichsten Dinge lagen. Als wir uns daran machten, diesen Raum zu putzen, bekamen wir Gummihandschuhe mit der Weisung, ja nicht ohne diese zu arbeiten und uns besonders vor Hautverletzungen zu hüten, da wir sonst leicht Gefahr liefen, uns mit Leichengift zu infizieren. Der Verwesungsgeruch nahm einem manchmal fast den Atem, und mein Arbeitsgenosse erklärte mir, daß Branntwein das einzige Mittel wäre, sich in solchem Falle auf der Höhe zu erhalten. Aus diesem Grunde war er auch meistens schon nach dem Mittagessen so betrunken, daß ich ihn nicht mehr auf die Leiter und in die Fensterrahmen steigen lassen konnte, fürchtend, er würde sonst abstürzen. So zog ich es auch vor, die Reinigung der Leichenkammerfenster allein zu übernehmen, sie waren für meinen Kameraden gefährlich hoch. Neugierig betrat ich den düsteren gewölbten Raum, der zum ältesten Teil des Klosters gehörte und von mittelalterlich dicken Mauern eingerahmt war. An der Längsseite waren in drei Meter Höhe sechs kleine, mit Milchglas versehene Fenster, im Hintergrund standen einige Holzsärge, die ich aber, noch geblendet vom Außenlicht, kaum wahrnahm. Der Laienbruder fragte mich, ob er mir Gesellschaft leisten sollte, ich aber dankte ihm lachend für seine Bereitwilligkeit. Dann machte ich mich ruhig an meine Arbeit. Als ich mit dem einen Fenster fertig war, wollte ich mich zum zweiten begeben und kehrte nun beim Heruntersteigen von der Leiter den Särgen das Gesicht zu. Plötzlich aber schien mir der Herzschlag zu stocken, eiskalt rann es mir über den Rücken: In vieren von den Särgen lagen nackte Leichen. Sie leuchteten in den dunkelbraunen Holzkästen wie Elfenbein, und das sterbende Tageslicht ließ sie mir in einer spukhaften Lebendigkeit erscheinen. Ich zitterte am ganze Leibe, Grauen vor dem großen Unbekannten, dem Tod, zerklopfte mir die Pulse. Endlich vermochte ich es, die Augen von den Särgen fortzureißen, schleppte ich die Leiter zum nächsten Fenster und begann wie wahnsinnig zu arbeiten und alle meine Gedanken auf meine Tätigkeit zu konzentrieren. Nicht immer gelang es mir, und oft huschten sie zu den Leichen zurück. Nun mußte ich wieder hinsehn, alte Ammenmärchen fielen mir ein, Geschichten von Scheintoten; wie losgelöst von dieser Welt der Wärme, des Lichts, der vertrauten Dinge schwebte ich zu einem Ort des namenlosesten Grauens, hilflos irrsinniger Angst preisgegeben. Der scheppernde Ton meines Kübels, der an der Leiter hing, brachte mich wieder zur Besinnung. Ich wollte nun dieser lächerlichen Furcht ernsthaft zu Leibe gehn und stieg von der Leiter herunter, auf die toten Körper zu. In der Nähe verloren sie etwas von ihrer Gespensterhaftigkeit, wurden irdischer und nahmen mir dadurch einen großen Teil meiner Angst. Je länger ich mir nun die Gestorbenen betrachtete, desto ruhiger wurde ich, und mein Denken sprang wieder in sein logisches Geleis zurück. Die erste Leiche war die eines sehr alten Mannes. Ein schlohweißer Patriarchenbart reichte ihm bis zur Brust. Die Lider lagen so fest auf den Augen, der Mund war so zusammengepreßt, als wollte der Mann damit sagen: Ich habe übergenug gesehen, gesprochen, gehadert und jetzt nur den einen Wunsch: Ruhe, Frieden. Seine ausgemergelten Glieder und der Umstand, daß er nackt auf Sägespänen lag, kündeten mir gar deutlich, daß er ein Leidensgefährte, ein Proletarier war. Neben ihm lag ein Mann reifen Alters, das schüttere Haupthaar war graumeliert. Das aufgedunsene Gesicht war voller Bartstoppeln, was dem Toten etwas Verwahrlostes gab; ich vermeinte noch den Alkoholgeruch zu verspüren, den diese Ärmsten der Armen, die »Hanseltipper«, auszuatmen pflegen. Vielleicht war der Mann vor mir auf einem Misthaufen oder im Ringofen eines Ziegelwerks sterbend aufgefunden worden, denn zu seinen Füßen war kein Täfelchen mit den Personalien des Verstorbenen zu sehn wie bei den anderen Leichen. Ein Namenloser, und als solcher vielleicht einst der Träger des bittersten Arbeiterschicksals: nicht arbeiten zu dürfen und deshalb dem Trunk und tiefsten Elend zu verfallen; ein Leben zu führen, das dem der Tiere gleich ist, ohne Heim, ohne Herd, ohne Frau und Kind, bis der Tod als Erlöser erscheint und dem Namenlosen ein Bett aus Sägespänen und einen Platz im Schachtgrab schenkt. Noch ein Toter liegt neben den beiden. Ein Knabe, noch unentwickelt, dessen jugendliche Haut ein eigenes, aufrührerisches Leuchten ausströmt: Ich war zu jung noch, wollte alt werden, wissen, was es auf dieser Erde Schönes gibt, aber ... Ein Schmerzenszug liegt um den Mund des vielleicht Fünfzehn-, Sechzehnjährigen. Hatte auch er den eisernen Druck des Proletarierschicksals verspürt? War es ein Lehrling, der vom Dach gestürzt, oder das Opfer eine Maschine? Die rechte Brustseite und der Oberarm waren noch verbunden. Vielleicht weinte auch hier eine alte verkümmerte Mutter in ihrer einsamen Kammer um den Sohn – – Namenlose Erbitterung begann mein Herz zu stürmen, bis es in verzweiflungsvollem Zorn dieser Welt fluchte. Geboren auf Fetzen inmitten von Elend und Not – und in einem Spitalsbett gestorben, wohin er aus Barmherzigkeit von der Straße geholt wurde – furchtbares Los von Millionen. Mich fror. Nicht mehr aus Furcht vor den Toten, die waren mir vertraute Kameraden geworden. Die bittern Gedanken hatten mich kalt gemacht. Ich ging wieder an die Arbeit, mußte sie aber der hereinbrechenden Dunkelheit wegen bald auf den nächsten Tag verschieben. Noch schneller als sonst eilte ich an diesem Abend nach Hause und begrüßte noch atemlos die Mutter, die ich vor unserm Wohnhaus antraf, beinahe mit einem Juchzer, so daß sie mich fragte, ob ich vielleicht schon wieder einen Terno gemacht hatte. Ich gab ihr keine Antwort, aber im dunkeln Stiegenhaus küßte ich sie lange. Sie brach darüber in Tränen aus, sprach viel von ihrem baldigen Tod und meiner künftigen Verlassenheit und beruhigte sich erst bei ihrer Schale Kaffee, während ich nur mit Mühe das Stückchen Pferdefleisch hinunterwürgen konnte, so schnürte mir die Traurigkeit die Kehle zu. Der erste November, der Tag der Toten, war seit mehreren Wochen der erste vollständig arbeitsfreie Tag für mich. Ich war die früheren Jahre zu Allerheiligen immer mit der Mutter zu Vaters Grab gepilgert, und wir hatten auf das kleine Hügelchen einen Asternstock gestellt und ein paar farbige Kerzlein angezündet. Abends waren wir dann, wenn es das Geldsäckel erlaubte, zu einem Volkssänger gegangen, bei dem das Volk seine Toten hochleben ließ, und die Mutter brach jedesmal von neuem in Tränen aus, wenn sie das rührselige Geisterstück »Der Müller und sein Kind« zu sehen bekam. Diesmal aber fühlte sie sich zu schwach für den weiten Weg zum Zentralfriedhof, und sie bat mich, allein hinauszuwandern. So lud ich Artur, der mich gerade besuchte, ein, mit mir zu kommen. Als wir abends heimkamen, wollte ich der Mutter eine Freude machen und schlug ihr vor, mit uns zu den Volkssängern in ein nahes Gasthaus zu gehn. Ein Strahl kindlicher Freude huschte über ihr verfallenes Gesicht; mit meiner Hilfe zog sie sich an, war fröhlich und bester Dinge und wiederholte zu meiner größten Freude, wie wohl sie sich fühle. Bei den Volkssängern lachte sie Tränen über die Possen und Witze und schluchzte auch diesmal mitfühlend, wenn der schwindsüchtige Müller und der flötende Konrad auftraten. Bei jedem Fünkchen alten Frohsinns, der in ihren müden Augen aufleuchtete, durchzuckte es mich hoffnungsfreudig; sie wird wieder ganz gesund! Was machte es, daß die Verschwendung dieses Abends durch den Verzicht anderer kleiner Freuden, wie der Mittagszigarette, gebüßt werden mußte! Einige Tage später lag meine arme Mutter im nahen Stephanie-Spital. Sie war beim Einkauf meines Abendessens von einem Fuhrwagen niedergerissen worden. Äußerlich zeigte sie beinahe keine Wunden, nur einige Hautabschürfungen. Der große Schreck aber hatte einen Nervenschock zur Folge gehabt, der bei ihrem Alter und ihrer Schwäche zu einem vollständigen Versagen ihrer letzten Lebensenergien führen konnte. Als ich sie das erstemal im Spital aufsuchte, nachdem mir der Hausmeister das Unglück mitgeteilt hatte, und ich die grauen Treppen hinaufstieg, an Kranken aller Art vorbei, bebte mein Herz vor Angst und Schmerzen. Vor der Tür des Saals, in dem sie lag, mußte ich stehenbleiben – ach hätte ich tausend Jahre hier stehen können, noch nicht wissend, was mich erwartete. Aber ich mußte ja doch zu ihr – es schien mir ja, daß ich Jahre von ihr getrennt war. Ich hatte ihre Hilferufe nicht gehört, und nun stand ich da. Eine Klosterfrau, die ich um die Mutter fragte, blickte mich mitleidig an, aber sie sagte: »Es geht ihr gut, sie ist ganz ruhig. Gehns nur zu ihr, sie wartet so schon auf Sie. Dort im zweiten Saal links ...« Zaghaft klinkte ich die Tür auf. Weiße Betten, weiße Wände, weiße Geräte und dazwischen bleiche Hände, bleiche und gerötete Gesichter. Ich blickte in dem weiten Saal umher, ein junges Weib vor mir lächelte mir schmerzvoll zu. Blöde machte ich ein paar Schritte vorwärts: »Bitt schön, liegt da die Frau Petzold, die's heut überfahren habn?« Da atmete es durch den ganzen Saal. »Alfons!« Meine Mutter hatte mich gerufen. Sie war hier und – lebte noch! Im nächsten Augenblick beugte ich mich über sie; unsere Augen sanken ineinander, küßten sich, fragten und antworteten. Und die Mutter gab mir aus ihren Schmerzen mehr als ich ihr an Trost und Hoffnungen. Von ihrem blutlosen Körper, der so arm, so zermartert unter der dünnen Wolldecke hingestreckt lag, floß es nicht kalt und vernichtend in den meinen – ich fühlte es, jeder Nerv des Mutterleibes war sich seines Liebesgesetzes bewußt: bis zuletzt der Gebende zu sein. Wie ängstlich war sie bemüht, mir jedes böse Zeichen in ein gutes umzutauschen! Schweiß, Fieber, Atemlosigkeit, alle Schmerzen erklärte sie mir als gute Erscheinungen. Die Beherrschung des gequälten Körpers erschütterte mich mehr, als es das lauteste Jammern getan hätte. Als ich von ihr Abschied nahm, versprach ich, am nächsten Mittag wiederzukommen, und verließ schweren Herzens den Saal, in dem ich gern die Nacht über geblieben wäre. Die Klosterfrau, die ich am Gang traf, fragte ich nochmals um den Zustand der Mutter »Sie wird, so Gott will, schlafen«, meinte sie. »Betens für sie.« Mit zitternden Knien ging ich die Stiege hinunter, der Heimweg war voll Trauer und Verlassenheit für mich. Das Krankenhaus lag wie eine schwere Last auf mir; ich trug es mit seinem Leid, seiner Trostlosigkeit durch die Gleichgültigkeit der Straßen, durch diese entsetzliche Stille der Welt wie einen Riesenstein, in dessen Mitte das Herz meiner Mutter verquarzt lag und vergebens nach Befreiung schrie. In unserer Wohnkammer war es kalt und feucht, die Lampe fing weinerlich zu surren an, es war eine unendlich traurige Melodie. Bei ihrem gelben, sparsamen Schein sah ich Dinge, die der Mutter gehörten; ein Umhängetuch lag auf dem Stuhl, die Hausschuhe lugten unter dem Bett hervor, die Kaffeetasse stand auf dem Tisch. Alle diese Sachen waren wie eingefroren in Verlassenheit. Es war gut, daß ich Arbeit hatte, Holz zerkleinern und die Kammer aufräumen mußte, so hatte ich nicht Zeit, nachzudenken. Ich kochte mein Abendessen, scheuerte den Boden rein und fand tausenderlei Dinge, die ich noch verrichten konnte. Um acht Uhr abends aber war alles geschehen – das letzte Stück Geschirr stand blinkend im Kasten, kein Stäubchen war mehr wegzuwischen. Da griff ich, aus Angst, das Gefühl der Verlassenheit könnte mich nun doch in seiner ganzen Furchtbarkeit übermannen, zu einem Buch, verbiß mich in die Lettern und zwang mich, dem Gelesenen zu folgen. Umsonst: immer zogen die Bilder, die ich zuletzt gesehen, an mir vorbei – immer wieder tauchten die Gedanken an die Mutter, ihre Krankheit, ihren wohl bald folgenden Tod auf. Hätte ich ein Tier gehabt, um es ans Herz zu drücken und zu streicheln! Die Stille machte mich krank. Auch draußen rührte sich nichts. Unser Haus stand im einsamsten Teil des Bezirks, die Häuser standen nur auf einer Seite der Straße. Trotzdem zog ich mich an, um draußen Menschen und Vergessen zu suchen. In der Hauptstraße fand ich Hunderte und Hunderte von Menschen an mir vorübereilen, sie lachten und schwätzten, machten mürrische und heitere Mienen und waren alle mir und meinem Schmerz weltenfern. – Noch einsamer kam ich wieder in meine Kammer zurück, zog mich aus, um zu schlafen. Es war eine rechte Ölbergnacht, die ich nun verbrachte. Die Gespenster der Kindheit kauerten zu beiden Seiten des Bettes, setzten sich mir auf die Brust, wenn ich ein wenig eingeschlafen war. Am nächsten Morgen eilte ich zum Krankenhaus, um Einlaß bittend. Vor zehn Uhr aber war dies nicht gestattet, und ich mußte mich also mit Geduld wappnen. So ging ich in die Reinigungsanstalt, um bei meinem Brotherrn Urlaub für den Tag zu bekommen. Mürrisch gab er ihn mir mit dem Vermerk, wenn ich am nächsten Tag die Arbeit versäume, könnte ich mir mein Büchel holen. Um zehn Uhr endlich wurde ich ins Spital eingelassen. Ich begegnete am Gang einigen Ärzten in weißen Kitteln, wagte mich sogar an einen von ihnen heran, um ihn zu fragen, ob er mir etwas über das Befinden der Mutter mitteilen konnte. Es war der Direktor der Anstalt, und er antwortete: »Petzold, überfahren? Ach ja, das ist die alte Frau, die uns gestern so ohne weiteres von der Rettungsgesellschaft auf den Hals geladen wurde. Wie es ihr geht? Na ja, alt ist sie halt schon, das ist ihre ganze Krankheit. Die paar blauen Fleck, die sie abbekommen hat, sind ja kaum der Rede wert. Sie können sie gleich wieder mitnehmen, denn sie verliegt uns hier nur den Platz. Wir sind ja hier ein Spital und keine Versorgungsanstalt. Dabei ist sie nicht einmal nach Österreich zuständig.« Damit war ich abgetan! Gott sei Dank, der Mutter ging es gut, sie konnte wieder heim! Drei Stufen auf einmal nehmend, sprang ich die Stiege hinauf. Überall flog die Fröhlichkeit vor mir her und verwand Schmerz, Sorge, Dürftigkeit. Noch zwei Schritte und ich stand vor der Mutter. Die bitterste Enttäuschung bemächtigte sich meiner. Das Gesicht der Mutter war erschreckend abgemagert, ein Totenkopf mit gelber Haut überzogen. Die Augen waren unklar, der Blick verschwommen. Aus dem rotgestreiften Krankenhemd stachen die dürren Hände. An dem rechten Gelenk sprang ein dunkelgefärbter Hautknollen auf. Es war die Bruchnarbe, die durch den letzten Unfall wieder etwas abbekommen hatte. Der Atem kämpfte sich schwer aus der Brust. Ich war bis ins Innerste erschüttert von diesem Anblick. Die Mutter klagte auch heute nicht, flüsterte mir aber zu, daß ihr der Direktor gesagt habe, sie müsse nach dem Essen das Spital verlassen, er benötige den Platz für eine andere Patientin. Nachdem ich die Mutter gesehn hatte, konnte ich es nicht glauben, daß man sie entlassen wollte. Es mußte doch jeder Laie sehn, daß sie schwerkrank und nicht transportfähig war, sie würde ja kaum stehen, geschweige denn ein paar Schritte gehn können, vielleicht lag hier ein Irrtum vor; ich wollte noch einmal zum Direktor gehn und ihn fragen. In demütigster Weise stotterte ich dort meine Besorgnisse hervor, sprach vom schlechten Aussehn der Mutter, unseren traurigen Lebensverhältnissen, schilderte die winzige Kammer mit dem einzigen Bett, die mangelhafte Verpflegung, sagte ihm, daß ich schon um vier Uhr früh aus dem Hause müsse und erst abends heimkommen könne. Ich nannte ihm den lächerlich kleinen Verdienst, der kaum für Brot, Pferdefleisch und die Miete reichte, und flehte ihn an, die Mutter wenigstens so lange zu behalten, bis ich meine, nicht in Wien lebende Schwester verständigt hätte. »Reden Sie mir kein Loch in den Bauch«, antwortete der Direktor auf dies alles, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir hier keine Versorgungsanstalt haben. Wir haben keinen Platz für eine alte Pfründnerin, die noch dazu Ausländerin ist. Schauen Sie jetzt, daß Sie weiter kommen, und stehlen Sie mir nicht meine Zeit. Guten Tag, guten Tag!« Ich hätte im ersten Moment dem Menschen an den Hals springen, ihn würgen, mit meinem Messer stechen mögen, so zitterte jeder Nerv in mir, nachdem er geendet hatte. Wie ich plötzlich auf die Straße kam, weiß ich nicht. Alles Blut war aus mir gewichen, ich mußte mich an der Mauer halten, um nicht umzufallen. Endlich konnte ich wieder klar denken. Was sollte nun mit der Mutter geschehen, sie mußte aus diesem Spital in ein anderes gebracht werden, wo man humaner handelte. In meiner Ratlosigkeit ging ich aufs Polizeikommissariat. Man schickte mich von einem Zimmer ins andere, die Beamten zuckten die Achseln und wußten keinen Rat. Ein Polizeiagent meinte: »Wissens, das beste ist, Sie nehmen Ihre Mutter auf d' Straßen, lassens dort zsammenfalln und von der Rettung wieder in a Spital führn, dann hats wenigstens wieder für a paar Tag a Ruah.« Ich rannte, ohne zu wissen warum, nach Hause. Dort stieß ich auf den Hausbesorger, der in gemächlichen Strichen das Trottoir kehrte. Als er mich erblickte, richtete er sich auf, klopfte die Pfeife aus und fragte gemütlich: »No, wia geht's denn unsrer Frau Muatta? Hats gwiß recht arge Schmerzen, d' arme Haut? Mei Gott, wia schnell so was über an Menschen kumman kann! I hab allaweil gern plauscht mit ihr, weils gar so a gscheite Frau is und a schöns Trum Welt gsehn hat. No hoffentli is bald wieda beinand. Warum sans denn gar a so tramhappat?« Ich erzählte ihm das Geschehene. »A so a Viechkerl«, meinte drauf der Hausmeister, »wann i dem sei Visage amal dagleng! A so a Fallot von an Dokta.« Er blickte lange in das Loch seiner erloschenen Pfeife, hob dann mit einem Ruck seinen Kopf mit den ausgerupften Haarstellen, grinste, daß ich seinen Rachen sehen konnte, und sagte: »Lassns Ihnan wegn den Bamschabel in Spital ka graus Haar wachsn. Mir holn uns anfach d' Frau Muatta z' Haus. Kommans nachmittag um a dreie her, nacha holn ma d' Muatta a, von dera Bazillenhüttn. Wann mans nur bis zur Tramway bringen, ham ma's scho grissn. Und wegn da Kost brauchens Ihnan net surgen, dös wird scho mei Alte richten. War net schlecht, wann ma dös net daglengatn. A Christmensch muaß in andan helfn, dös is ja selbstverständlich. Alsdann, machns nur wieda freindliche Nasenlöcha, 's is nix so haß gessen wia's kocht is. Kummans übrigens auf a Stamperl Unblachtn zu mir eina, der brennt Ihnan a neichs Lebn in d' Söl.« Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihm für seine Bereitwilligkeit dankte und mich von ihm verabschiedete. Um die bestimmte Zeit klopfte ich bei dem guten Mann an, der eben im Begriff war, sich mit einigen »Stamperln« Schnaps zu stärken, und es nur schwer gelten ließ, daß ich seiner Einladung mitzutrinken nicht Folge leisten konnte. Die Mutter saß schon angekleidet auf dem Bett, als wir in den Saal traten, und war vor Schwäche ganz in sich zusammengesunken. Die Schwester hatte sie schon vor einer Stunde in die Kleider gezwängt und sie gezwungen, sitzend unser Erscheinen abzuwarten. Mein Begleiter war ganz außer sich. Er schrie der Pflegerin ins Gesicht: »Sö Trutscherl, i schick Ihnan den Schinder aufi, der soll Ihnan mitnehmen zum Hund' einfangan.« Ich hatte Mühe, den Mann zu beruhigen, der nach rechts und links seine Drohungen und Verwünschungen schleuderte und große Sehnsucht zeigte, auch dem Direktor noch seine Meinung zu sagen. Er ließ es sich schließlich nicht nehmen, den Kranken im Saal noch rasch eine Rede zu halten, in der er den Direktor mit einem Scharfrichter verglich, der von den Reichen gedungen sei, um die armen Leute umzubringen, und die in dem wilden Indianerwunsch ausklang, es möge bald einmal ein Kranker den Mut haben, ihm bei der nächsten Quälerei ein Nachtgeschirr aufzusetzen. Die Heimkehr mit der Mutter war sehr mühselig, obwohl sie alle Energie aufbot. Der Hausmeister war voll von gütigster Fürsorge, ohne ihn hätte ich sie nie nach Hause gebracht. Er nahm sie einige Male auf den Arm und trug sie so ein Stück, bis sie wieder etwas kräftiger war. Endlich lag sie im Bett, mehr tot als lebendig, und es dauerte lange, bis sich der arme geplagte Leib von der Aufregung erholte. Abends stellte sich zu meinem großen Schrecken Fieber ein. Ein nebliger Schleier zog sich über ihre gütigen Augen, und bald sprach ihr Mund verworren seltsame Dinge. Die Hände bewegten sich wie eigene Wesen auf der Decke herum, die Lippen wollten keine warme Suppe mehr aufnehmen. Irgendwo löste sich in dem Körper der Mutter ein grauenhaftes Röcheln los. Als ich die Bettdecke richtete, berührten meine Hände die Füße der Kranken: sie waren eiskalt. Eiligst wärmte ich Tücher, um sie hineinzulegen. Aber sie blieben kalt und schwollen stark an. Gegen Mitternacht schien sich der Zustand meiner Mutter so bedrohlich zu verändern, daß ich den Hausmeister voll Angst wachklopfte und ihn inständig bat, den Armendoktor zu holen. Schon fünf Minuten später hörte ich das Haustor knarren und den Hausbesorger das Haus verlassen. Voll schmerzensvoller Ungeduld erwartete ich nun das Erscheinen des Arztes, der erst am Morgen kam. Er untersuchte die Kranke, zuckte die Achseln, und als ob es mein eigenes Todesurteil wäre, vernahm ich seine Worte: es sei nichts mehr zu helfen. Altersschwäche, Entkräftung. Was soll ich von dem Tode meiner Mutter erzählen? Sie starb so schwer, wie es ihr Leben gewesen, und hatte nicht mehr die Kraft, mir ihr Sterben leicht zu machen; sonst hätte sie es getan und mir noch im letzten Augenblick tröstlich zugelächelt. Achtes Kapitel Der Abgrund Monatelang hatte ich mich nicht mehr satt gegessen. Seit dem Tode der Mutter stellenlos, war es mir trotz aller verzweifelten Bemühungen bis jetzt nicht gelungen, auch nur die bescheidenste Arbeitsgelegenheit zu bekommen. Die Einrichtung meiner Kammer war bis auf das Bett, einen brüchigen Schubkasten und einen uralten Koffer zum Trödler gewandert. Vor einem Monat hatte ich sogar das eiserne Öfchen verkauft; ich konnte mit dem Erlös dem drängenden Hausherrn einen Teil meiner Mietschuld bezahlen. Da ich so manchen Abend hungrig zu Bett gegangen war, war mein Aussehen nicht glänzend, und ich konnte es den Leuten, die Stellen zu vergeben hatten, nicht verübeln, daß sie mich nicht aufnehmen wollten. Ein Blick in die Fensterscheiben der Geschäfte zeigte mir ein Skelett in fadenscheinigster Kleidung. – In einem Parfümeriegeschäft meinte der Herr auch ganz offen, einen Menschen, der so sichtbar tuberkulös sei und der wohl kaum mehr als ein halbes Jahr zu leben habe, könne er doch nicht anstellen! Ich ging damals auf die Schmelz hinaus und war nicht weit davon entfernt, mich in den Schnee zu legen, um endlich nicht mehr aufzuwachen und diesem elenden Leben Valet zu sagen. Aber wenn man zwanzig Jahre alt ist, überlegt man sich dieses Sterben aus Empfindsamkeit und besitzt meist so viel Lebenstrotz, daß man noch andere Demütigungen erträgt! So kehrte ich wieder heim und vertröstete mich: einmal würde es wieder anders sein, würde ich Arbeit finden und meinen Hunger wieder stillen können. Unterdessen hatte es aber selbst der Erlös meines Ofens nicht mehr vermocht, den Hausherrn von dem Vorteil zu überzeugen, den ich ihm als Mieter brachte: er kündigte mir im Gegenteil, und ich mußte trotz aller Bitten und Versprechen vierzehn Tage später die Sterbekammer meiner Mutter auf immer verlassen und ihm den Rest meiner Möbel für den schuldigen Mietzins überlassen. So war ich dort angelangt, wo der Proletarier in die bedrohliche Nähe des Zuchthauses kommt oder, wenn er sich zur Selbsthilfe zu gut oder zu feige ist, wie es bei mir der Fall war, der gänzlichen Verwahrlosung anheimfällt, bis er vor Kälte und Hunger in irgendeinem Winkel der Großstadt verreckt. An dem Tage, wo ich meinem Heim auf immer den Rücken drehte, regnete es ganz gehörig, obwohl es der Jahreszeit nach auch hätte schneien können; dann wäre zwar die Verdienstmöglichkeit etwas größer gewesen, aber die Kälte hätte mich in meinen dünnen Kleidern sicherlich mehr gequält. Wie die vielen Tage vorher, klopfte ich vergebens an die vielen Türen und bat umsonst um Arbeit. Als der frühe Abend hereinbrach und die übrigen, ach so glücklichen Menschen in die warmen Häuser traten, hockte ich, vollständig erschöpft, trostlos und verzweifelt, in einer Tornische, neben mir ein winziges Bündel mit ein paar Wäschefetzen und im Hirn die bohrende Frage: Wohin denn nur in dieser Nacht? Da fiel mir ein, von einem Massenquartier gehört zu haben, das sich in einer Hauptstraße Ottakrings befinden sollte. Ich hatte am Morgen die letzten Bücher verkauft und dafür zwei Kronen erhalten. Von dieser Summe mußte ich mich, wer weiß wie lange, verköstigen, und es war leichtsinnig, einen Teil davon für ein Nachtlager auszugeben. Aber die schauerliche Sturmnacht unterdrückte alle Bedenken, und ich begab mich auf die Suche nach dem Armenhotel. Ein Wachtmann sagte mir die Adresse. Er hatte mich dabei mißtrauisch angeblickt, und ich bemerkte im Weitergehen, daß er mich verfolgte. In eine Seitengasse einbiegend, fing ich an zu laufen, wie ich nur konnte, und ich lief bis zu dem Hause, das mir als Massenherberge bezeichnet worden war. Das Haus sah von außen ganz sauber und solid aus, und nichts verriet dem Unwissenden, daß es in seinem Innern jene dunkelste und allerletzte Armseligkeit der Großstadt barg, die dort ihr Elend im Schlaf zu vergessen suchte. Während ich auf die andere Seite ging, dort möglichst unauffällig einige Male auf und ab wanderte und das Haus scheu betrachtete, fielen mir viele Geschichten ein, die ich über andere Massenquartiere, deren Einrichtung und das Treiben darin gehört hatte. Keine davon war erheiternd und einladend. Von verschmutzten, mit Ungeziefer bevölkerten Betten, Brutstätten aller möglichen Seuchen, von verwahrlosten Menschen aller Art und verworfensten Geschehnissen erzählten sie alle. Ich erinnerte mich sogar, von einem scheußlichen Mord gehört zu haben, der dort geschehen war. In meiner krankhaft überhitzten Phantasie erblickte ich in dem weißen Häuschen eine Laster- und Verbrecherhöhle, denen ähnlich, die ich einst in meinen Hintertreppenromanen geschildert fand. Schauer des Ekels und der Furcht überliefen mich bei dem Gedanken, daß ich in wenigen Minuten selbst Bewohner einer solchen Spelunke sein sollte. So zögerte ich mit dem Eintreten so lange, bis ich halb erfroren und von Müdigkeit übermannt dem breiten Haustor zuschritt, das mich wie ein Höhleneingang angähnte. Auf den braunen Torbohlen befand sich ein zerkratztes und beschmutztes Blechschild mit der Aufschrift: »Hôtel garni, im Hofe rechts, Betten von vierzig Heller aufwärts«. Ich durchschritt zwei Höfe, die von Wohntrakten umgeben waren, und gelangte durch eine kreischende Tür in den dritten Hof, den eine hohe Mauer abschloß. Er wurde auf der einen Seite von einem ebenerdigen Gebäude flankiert, dem gegenüber sich eine Bretterwand hinzog; entsprach das Stöckelpflaster der beiden andern Höfe dem bürgerlichen, geordneten Aussehen der Wohngebäude, so harmonierte der letzte Hof, ungepflastert und voller Unebenheiten, mit dem Ziegelhaufen, in dem sich das Massenquartier befand. Beim Schein eines Öllämpchens sah ich fünf oder sechs vergitterte und rot verhängte Fenster, die fast ausnahmslos zerbrochene Scheiben aufwiesen. Die Löcher waren mit Papier verklebt oder auch mit Fetzen verstopft. Die Dachrinne war ganz verbogen und goß das Regenwasser über das Gemäuer, und im großen und ganzen sah das Gebäude einem verfallenen Stall ähnlich. Was mochte es nun erst im Innern geben! Ich läutete. Bald darauf öffnete sich die Tür, und ich sah im Halblicht eine mächtige Frauengestalt, die in einen schmutzigen, zerrissenen Schlafrock gehüllt war und deren schwabbrige Fülle die Hüllen zu sprengen drohte. Ein Geruch schlechten Fusels drang auf mich ein. »Was wullns denn?« fragte sie mich in tschechischem Dialekt, während sie bedenklich hin und her schwankte. Ich bat um ein Nachtquartier, worauf sie ins Dunkel zurückrief: »Franko, ise noch a Platzl frei?« Keine Antwort. »Franko, bsuffene Haderlump, bist villaicht terrisch? Ise wer do, was a Stranzen will!« Nun grölte es aus dem Hause zurück: »Was schreist denn so, blade Umurken! A Matrazen is no frei in' Grafenzimmer! Wart, i muaß ma erst in Gast anglurrn!« Ein heller Lichtstrahl drang auf uns ein, und gleich darauf kam ein menschliches Wesen mit einer Lampe auf uns zugeschritten. Es war ein furchtbar abgemagerter Mann mit einem so scheußlichen Gesicht, wie ich nie vorher gesehen hatte. Er war über und über mit Geschwüren bedeckt, die Nase war verschwunden und an ihrer Stelle klaffte eine grauenhafte Wunde. Dieser Mensch, der ebensogut dreißig wie fünfzig Jahre alt sein konnte, war in der schäbigen Eleganz eines Vorstadtstrizzis gekleidet. Er hatte die Hände in den Taschen der großkarierten Hosen, maß mich vom Kopf bis zu den Füßen mit mißtrauischem Blick, dann schnalzte er mit der Zunge und sagte mit zusammengekniffenen Augen: »Habns a Dokument mit, daß ma mit da Behörde ka Schererei habn?« Und als ich ihm mein Arbeitsbuch gereicht: »De Stranzn kost' drei Schuß für d' Nacht und muaß glei zahlt wern.« Während ich die sechzig Heller in meinen Taschen zusammensuchte, unterhielt er sich ungeniert mit der Herbergswirtin über mich. »Geh, Mariedl, dös is ka Gsieberer! Schau da nur sei Kluft a. Sei Röckerl is mit lauwarman Wassa gfüllt, und ausschauen tuat a wir a gschbiebns Äpfelkoch! Ziag a mit ehrm, und zeig ehrm sei Flohtrüacherl!« Ich folgte nun der voraustorkelnden Person durch einen engen Gang, an dessen Ende sie eine Tür öffnete. Ein fürchterlicher Gestank drang mir entgegen, und ich trat zögernd ein. Ganz benommen von dem mephitischen Geruch spähte ich in den Raum, in dem ich wie durch einen Nebel ein wüstes Durcheinander von Pritschen, Eisen- und Holzbettstellen, Sesseln und darüber gehängten Kleidern, Handkoffern, Rucksäcken und Waschkübeln erblickte. Ungefähr ein Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts lagen oder saßen zwischen diesen Gegenständen, die alle in einem Zustand größter Verwahrlosung waren. Die Weichholzbetten waren meist mit Krusten von Schmutz bedeckt, zum Teil zerbrochen, die Stühle hatten selten alle vier Füße, die Waschkübel waren mit Rost bedeckt. Was man an Bettwäsche sehen konnte, war kohlschwarz und zerfetzt, und aus den Strohsäcken sickerte fortwährend das zu Häcksel geriebene Stroh. Meine Führerin begann gleich bei unserm Eintritt über die Verschwendung zu schimpfen, mit welcher die Petroleumlampe behandelt war. Sie stieg mit ihrem halbnackten, gewaltigen Körper über die Betten und die darin Ruhenden und parierte deren Schimpfen und Fluchen mit noch schöneren Ausdrücken. Endlich war sie bei der blechernen Hängelampe angelangt, deren Docht sie tief herabdrehte. Von ihrem jetzigen Standpunkt aus rief sie mir zu, ich könne nun den gleichen Weg nehmen, und wies auf eine Holzpritsche hin, die nahe bei dem einen der zwei Fenster stand. Nun war's an mir, diese Klettertour zu machen, und trotz aller Vorsicht brachte sie mir mehrere Püffe ein. »So, da ise Ihne Bett! Mirkn's Ihnen, bei uns ise jede Saubartlerei verbotten. Bis Sebene kennens schlaffn. Wollns an Tee zum Friestieck, so sagns es jetzt.« Ein geringschätziges Grunzen folgte, als ich verneinte. Kaum war die Frau wieder draußen, erhob sich von einem der Betten eine lange, unendlich magere Gestalt, die wie ein Hungergespenst anzuschauen war, und drehte das Licht wieder auf. »A Liacht muaß sei, sunstn fressn uns d'Läus und di Wanzen bei lebendign Leib auf«, krächzte sie stockheiser. Ich sah mir bei dem trüben Schein der Lampe meine Umgebung genauer an. Was ich erblickte, war eine so furchtbare Orgie der sozialen Not, wie ich sie nie geahnt hätte. Hier eiterte das Großstadtleben in den furchtbarsten Geschwüren. Wie ich schon erwähnt habe, lagen Männer, Frauen und Kinder nebeneinander; eine junge Frau säugte ihr Kind, und ein fünfzehnjähriger Junge schaute gierig auf die prall hervordringenden Brüste. Auf einem Bett, das kaum einen Meter breit war, drückte sich eine ganze Familie zusammen, Vater, Mutter und zwei Kinder. Allen vieren fieberte der Hunger aus den Augen. Einige der Gäste waren alte Arbeiter, die kein Heim und keine Familie hatten. Stumpfsinnig duselten sie vor sich hin oder lallten im Bann erbärmlichsten Schnapsgenusses irres Zeug. Einer von ihnen belästigte ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen mit unzüchtigen Redensarten und tappte fortwährend auf sie hinüber. Keiner der Anwesenden wies ihn zurück. Nur das Mädchen kreischte manchmal auf, wenn es der Alte gar zu arg trieb. Im übrigen schien sie solche Umgebung gewöhnt zu sein. In einer Ecke hockte eine alte Frau wie ein hingeworfenes Bündel alter Lumpen. Sie war gänzlich betrunken, spie sich an und jammerte die übrige Zeit kläglich in sich hinein. Dann warf ihr der eine von zwei kartenspielenden Burschen ein »Halt's Maul, alte Sau!« an den Kopf. Wie ich erfuhr, waren die beiden Stammgäste dieses »Hotels« und Zuhälter des Mädchens, das hier den Nachmittag und Abend zubrachte, um dann auf den Strich zu gehen, wo sie sich hinter Haustoren, unter Viadukten und in verlassenen Wagen um ein Geringes den Männern hingab. Die mir angewiesene Lagerstätte bestand aus einem Strohsack, der auf einem einen halben Meter breiten Gestell lag. Das Leintuch und der Polsterüberzug mußten schon monatelang im Gebrauch gewesen sein, denn sie starrten von Schmutz. Die Decke war ein dünner Kotzen, der an vielen Stellen durchgewetzt war. Als ich sie aufhob, liefen ein paar Küchenschwaben in eiligster Flucht davon. Am liebsten wäre ich die ganze Nacht angezogen auf dem Bett sitzen geblieben, aber Müdigkeit und die Kälte, die von den feuchten Mauern in das ungeheizte Zimmer ausstrahlte, ließen mich meinen Ekel überwinden! So zog ich Schuhe, Rock und Weste aus und breitete die zwei letzten Kleidungsstücke über den Polster und das Leintuch. Dann legte ich mich in Gottes Namen nieder. Von Schlafen war natürlich keine Rede. Die Betrunkenen grölten und trieben allerlei Unfug, der Säugling schrie kläglich, das lange Gespenst stritt wegen des Lichts mit dem Familienvater. Kaum war das eine ruhig, begann das andere zu lärmen; dazu fingen jetzt auch die Insekten an, sich bemerkbar zu machen. Meine Leidensgefährten machten sich einer nach dem andern daran, im Schein eines Zündhölzchens den Tieren nachzujagen. Die Luft wurde immer unerträglicher und jeder Atemzug eine Qual. Um Mitternacht erhielten wir an Stelle des Mädchens, das seinem traurigen Verdienst nachging, einen späten Gast. »Das is der Graf, der is scho a paar schöne Jahrln Stammgast in dera Laushütten«, flüsterte mir die Mutter des Säuglings, meine Nachbarin, zu. »Wie kommt denn der da her?« fragte ich zurück. Da erzählte mir die Frau in den kleinen Pausen, die der kleine Weltbürger ruhig war, die Geschichte des Grafen. »Er soll a mal a rechts Früchtl gewesen sein, der polakische Graf, alle Tag Champagner, und a jeds Mädl hat her müssn, wanns a schöns Gsichtl ghabt hat, wanns a no so viel 'kost hat. Mit die Fünfguldenzetteln hat a d' Zigarren anzündt. Der Herr Franz, dem 's Massenquartier ghört, hat's uns selbst erzählt, der war Kellner bei an Heurigen und sei bester Spezi. D' saubersten Madln hat er ehrm ins Gei gführt. In a paar Jahr war 's Geld von Grafn bis aufn letzten Netsch verjuxt. A so a feins Bürscherl mag aber nacha do net arbeitn. So hat a halt a bißl geschwindelt, d' Gschicht is aufkomman, und 's Gricht hat ehrm a Sommerwohnung in Göllersdorf vaschafft. Dö war billig, und a Einbrennsuppen mit Fisoln hat's extra draufgebn. Jetztn lebt a halt von aner klan Stiftung und von da Luft. Er kommt alle Tag so spät, weil a des no von seiner Champagnerzeit her gwohnt is. Jetztn sitzt a halt in an Branntweinhäusl, bis klan schlagt, dann kommt a her und rafft si mit die Wanzen umma!« Ich sah mir den Grafen genauer an. Er war trotz der durch Laster aller Art entstandenen Verseuchung seines Körpers eine imposante Erscheinung, fast zwei Meter groß, mit einem schöngeschnittenen, bartlosen Gesicht, das nur durch reichlichen Alkohol blaurot gefärbt war und zwei ausgebrannte Augen hatte. Er glich noch heute einem Gardeoffizier, der sich die Kleider eines Bettlers ausgeliehen, um einen Lumpenball zu besuchen. Bevor er sich niederlegte, zog er einen Rosenkranz aus der Tasche und kniete unbekümmert um seine Umgebung vor seinem Lager nieder, um höchst andächtig zu beten. Im Lauf dieser Nacht gab mir die junge Mutter auch die Geschichte ihres eigenen Lebens preis. Es war das typische Großstadtschicksal. In der Fabrik lernte sie mit siebzehn Jahren ihren Mann kennen, kurze Zeit zogen sie zusammen, ohne zu denken, daß Liebe ein Luxus ist. Als ein Kind kam, ging das Elend an, ihr Verdienst fiel aus, und was er am Samstag nach Hause brachte, reichte kaum für den Zins und die wöchentliche Rate an das Abzahlungsgeschäft, wo sie ihre Möbel gekauft hatten. Aber noch ging's, bis auch er arbeitslos wurde. Mit Riesenschritten brach das Elend herein. Eines Tages wies man sie aus dem Hause, die Möbel wurden von der Firma zurückgenommen; da entfloh der Mann dieser brennenden Not und überließ Weib und Kind der unbarmherzigen Straße. Er war scheu geworden, irre an der Moral dieser Welt, und das Tier in ihm suchte allein Rettung. Sie ging nicht in die Donau, hatte auch keine harten Worte für den Mann, sondern fand sich mit der Elastizität des Wiener Menschen in ihre trostlose Lage. Schleppte tagsüber ihr Kind von einer Wärmestube in die andere, war mittags und abends Gast bei den Klosterpforten, wo es Suppe für die Armen gab, und was sie für das Nachtlager brauchte, erhielt sie von den Passanten zugesteckt. Seit sechs Wochen führte sie dieses Leben, voll Sehnsucht nach dem Frühling, der vermehrte Arbeitsgelegenheit brachte und damit wohl ihren Hansl zurück und wieder eine Stube für alle drei. Ich wünschte dieser tapferen Schwester die Erfüllung ihrer Sehnsucht von ganzem Herzen, schon ihrer gläubigen, verstehenden Liebe willen. Als von einem nahen Kirchturm die Uhr die fünfte Morgenstunde verkündigte, zog ich mich eiligst an und verzichtete, mich in dem Blechkübel zu waschen, der zu diesem Zweck hingestellt war, da ich gesehen, wie ihn die Betrunkenen zu anderem verwendet hatten. Ich war eben im Begriff, meine Schuhe mit Hilfe einer Spagatschnur an die Füße zu binden, als ein übernächtig aussehender Polizeiagent eintrat und uns die Papiere abverlangte. Er durchsah besonders die meinen mit großer Genauigkeit, schien aber weder durch den unerhörten Schmutz und die große Gefahr für Verbreitung von Seuchen noch durch das ungewohnte Durcheinander von Männern und Frauen irritiert zu werden. Das Wetter hatte in der Nacht umgeschlagen, Frost war eingefallen, und heimtückisches Glatteis überzog das Pflaster. Die Luft schimmerte blank in grausamer Kälte, und bei jedem Windstoß stach es mich wie mit feinen Nadeln in den schlechtgeschützten Körper. Meine restliche Barschaft erlaubte mir nun nur mehr den Besuch einer Suppen- und Teeanstalt, wo ich mir um zwei Heller eine Schale Tee ohne Zugabe vergönnte und auf einer Bank zusammengekauert, von innerer Kälte geschüttelt, hinduselte, bis es Zeit war, den Arbeitsmarkt aufzusuchen. Ich hätte nichts versäumt, wenn ich den ganzen Tag auf dieser Bank geblieben wäre, hätte weniger Kälte erduldet, weniger Enttäuschungen und Demütigungen erfahren. Als der westliche Himmel in einem klaren abendlichen Feuer stand, das eine Steigerung der so plötzlich eingefallenen Kälte verkündete, stand ich mit ein paar hundert anderen Obdachlosen vor dem einstöckigen Rohziegelviereck der Baron-Königswarterschen Wärmehalle in Ottakring. Eng zusammengepfercht, von der Peitsche winterlicher Not aus allen Schlupfwinkeln getrieben, harrten wir Landsknechte des Elends sehnsüchtig auf Einlaß. Wir waren vielleicht tausend Leute, und nur zweihundert konnte Einlaß gewährt werden. Das Gebäude erhob sich einsam am Rand weiter Felder, die in trostloser Eintönigkeit in die harte Bläue des Horizonts eingingen. Die nächsten Häuser hinter unserem Rücken lagen verlassen, wie unbewohnt in der Stille der Dämmerung. Aus den Vulkanwerken, einem großen Fabrikunternehmen, dröhnte kein Werkhall mehr, nur eine dünne Rauchsäule stieg, wie das letzte Merkmal einer eingeäscherten Stadt, zum Himmel auf. Mir war es, als wären wir Harrenden die wenigen Überlebenden einer durch katastrophale Ereignisse zerstörten Erde und als stünden wir, des Jüngsten Tages gewärtig, einem sicheren Verderben gegenüber. Endlich öffnete sich das Eisengitter vor dem Eingang der Wärmestube. Ein tierischer Kampf begann, ein grauenhaftes Drängen. Kinder, Frauen, Schwächlinge wurden rücksichtslos zu Boden gestoßen. Flüche, Schmerzensschreie flogen grell durch die Luft. Unter denen, die keinen Einlaß mehr fanden, war ich. Eine Weile flehten, bettelten, schimpften wir noch vor der zugeschlossenen Pforte, dann verlor sich einer nach dem andern in der beginnenden Nacht, wie die Schiffbrüchigen von den Planken des untergehenden Schiffes im Meer verschwinden. Ich schloß mich einem Burschen an, mit dem ich einmal in einer Fabrik beschäftigt war und den ich hier als Leidensgefährten getroffen hatte. Auch er war seit Wochen arbeitslos und ohne Unterstand. Nun lud er mich ein, mit ihm diese Nacht im Sammelkanal zu verbringen, wo er schon einige Nächte hindurch logiert hatte. Ich lehnte vorerst schaudernd ab, aber mein Kamerad versicherte mir so lange, daß dieser Ort nicht so schrecklich sei, wie man glaube, daß es dort warm sei, man lustige Gesellschaft fände und vor allem vor der Polizei sicher sei, daß ich beschloß, ihm zu folgen. Wir durchquerten in südöstlicher Richtung mehrere Stadtbezirke und gelangten in die Nähe des Hauptzollamts zu dem offenen Betonbett der Wien. Vorsichtig spähten wir in der verhältnismäßig einsamen Gegend nach einer Pickelhaube und stiegen, als wir uns unbeachtet wähnten, schnell über die niedrige Kaimauer und eine Eisentreppe hinunter, die uns auf die Sohle des Flußbettes führte. Die von dem Regen der letzten Tage angeschwollene Wien gurgelte zu unsern Füßen stöhnend im Kampf mit dem Frost. Wir schlichen auf dem vereisten Betonufer flußaufwärts, immer in Angst, hier noch einem Stromwächter zu begegnen oder aus der Höhe von der Blendlaterne eines Wachtmannes beleuchtet zu werden. So atmeten wir auf, als wir die Finsternis eines Gewölbes über uns fühlten, auch war es hier verhältnismäßig warm. Ich hatte den Rockzipfel meines Kameraden erfaßt, der langsam, aber mit Sicherheit in das gurgelnde Dunkel vor uns hineintappte. Eine Viertelstunde mochten wir so in der Unterwelt dahingeschlichen sein, als wir in der Ferne einen Lichtfaden erblickten; wir machten noch an die hundert Schritte, dann pfiff mein Kamerad einen schrillen Ton. Wie Gewehrgeknatter lief es durch den Riesentunnel. Gleich darauf antwortete ein gleicher Pfiff. Ein breiter Lichtkegel warf nun seinen Schein auf uns. Als mein Freund eine Art Jodler ausstieß, löste sich eine Gestalt aus einem Mauervorsprung. Es war ein Bursche unseres Alters, der eine selbstverfertigte Blendlaterne trug und sie uns unter die Nasen hielt. Beruhigt rief er hierauf in eine breite Mauerspalte, die ich erst jetzt bemerkte: »Der Mehlspeisxandl is's, mit an neuchen Vaziratn!« Und zu meinem neuen Freunde: »Servas, Mehlspeisxandl, no ka Hackn dakläscht? No mach da nix draus, i hab a ka Glück ghabt! Wer is den dös?« Ich stellte mich ihm mit wenigen Worten vor, worauf er mir die Hand schüttelte und versicherte, daß ich in meiner Lage gar nicht klüger hätte handeln können, als das Freihotel »Zum goldenen Ratzen« aufzusuchen. Wir traten alle drei in die Spalte ein, die eine Art Luftschacht war und nach wenigen Schritten in eine kleine Halle führte; überall roch es nach feuchtwarmem Moder; die Unschlittkerzen, die meine Kameraden angesteckt hatten, gaben ein unstetes Licht, erhellten den Raum aber doch so gut, daß ich alles darin wahrnehmen konnte. Das niedere Gewölbe aus Ziegelsteinen maß vielleicht zwei Meter im Quadrat; am Boden lagen alle möglichen Fetzen, Strohsacküberreste, Fragmente von Frauen- und Männerkleidern, auch dicke Lagen von Zeitungspapier, darauf rekelten sich sitzend oder liegend ein halbes Dutzend Gestalten. Es waren lauter Männer, von denen der jüngste etwa sechzehn, der älteste siebzig Jahre alt sein mochte. Ihre zerrissenen Kleider, die vielfach in Fetzen herunterhingen, die unrasierten, hohlwangigen Gesichter, die Entbehrungen, die aus ihrem ganzen Aussehen sprachen, kennzeichneten sie als die bejammernswürdigsten Bankerotteure der Gesellschaft. Mißtrauische Blicke trafen mich. Ein alter, total abgerissener Kerl, dem das eine Hosenbein in seiner ganzen Länge aufgeschlitzt war, so daß das nackte, mit Grind bedeckte Bein sichtbar wurde, torkelte auf mich zu, schob seine blutunterlaufenen Augen dicht an mein Gesicht und speichelte: »Wer san denn Sö, was wolln denn Sö, i kenn Ihnan ja nöt, Sö, ziagns wieda a, Sö!« Der Bursche, der uns empfangen hatte, drehte sich um und gab dem alten, betrunkenen »Hanseltipper« (als solchen machte ihn die leere Anchovisbüchse erkennbar, die er mit einem Strick um die Hüfte gebunden hatte) einen Stoß mit der Achsel, daß er an die Wand taumelte und dann auf die Erde rutschte, wo er liegenblieb. Jetzt waren noch einige der Anwesenden aufgestanden und uns entgegengetreten. Neugierde ist wie der Kork auf dem Wasser, sie geht auch im tiefsten Elend nicht unter. Eine Menge Fragen über meine Herkunft mußte teils mein neuer Freund, der Mehlspeisxandl, teils ich beantworten, dann aber war das Eis gebrochen, und sie behandelten mich wie einen alten Bekannten. Alles legte und setzte sich nieder, auch ich ließ mich an der Seite des Mehlspeisxandl auf einen Haufen von Lumpen nieder, der muffig genug roch und sich feucht anfühlte, aber vertrauenerweckender aussah als meine Schlafstätte vom Abend vorher. Aus den Reden, die um mich herum geführt wurden, hörte ich vieles heraus, was mich von dem Schicksal der Leidensgefährten unterrichtete. Es waren Arbeitsuchende wie ich, aus der Strafanstalt eben Entlassene, seit Monaten Obdachlose, von der Polizei Gehetzte. In vielfacher Variation hallte das eine Grundthema an mein Ohr: großstädtisches Proletarierelend. Wie wir da saßen oder lagen, in abfaulende Lumpen gehüllt, eine dünne Klostersuppe im Magen, als einzigen Genuß einen aufgeklaubten Zigarren- oder Zigarettenstumpf zwischen den Zähnen, Ratten und den stinkenden Wienfluß zu Nachbarn und immer in der Furcht, der Polizei in die Hände zu fallen, waren wir ausgestoßener von jeder Gemeinschaft der Menschen als der Verbrecher, der in seiner Zelle saß und vor Hunger, Krankheit und anderem Bösen behütet wird. Neben mir philosophierte einer: »Dös is a Lebn jetztn! Der Mensch kann verhungern, wann er wüll. A Hund hat's besser, der suacht si was auf der Straßn zsamm, und an Tierschutzverein gibt's a, der was auf ihn schaut. Rühr di nur, Freunderl, und wirf an Stan auf so a Hundsviech, was dir nachbellt, glei kummt so a Spinatwachter und schreibt di auf, und du kriagst wegen Hundeehrenbeleidigung deine zwölf Stund!« Er sprach uns allen aus der Seele. Und doch waren wir alle zu schwach zur Auflehnung, unsere Entkräftung lähmte den Willen, so daß wir ungefährlicher wurden als die gejagte Ratte. Daher die unfaßbare Existenz der Großstadtvagabunden, der Hanseltipper, die oft jahrzehntelang obdachlos waren und längst schon vergessen hatten, daß es andere Genußmittel gibt als verfaultes Obst und Klostersuppen, deren einzige Betäubungsmittel die schalen Bierüberreste sind und die dennoch kein einziges Mal fremdes Eigentum angriffen, um mit Gewalt dem Leben einen lichteren Tag abzuringen. In dem blaßroten mürben Stein der Wand waren eine Menge Inschriften zu lesen. Namen von solchen, die gleich uns hier übernachtet hatten, Daten, wann dies geschehen. Viele hatten sich nur mit dem Spitznamen eingeschrieben, den sie vielleicht erst hier bekommen hatten. Sogar Verse konnte ich entziffern, ich will einige davon hier anführen: Da es mir gut ging auf Erden, Wollten alle meine Freunde werden, Weil ich kam in arge Not, Waren alle meine Freunde tot. Darunter stand: Der Krimbruder und der Soldat Seinen Bims zu essen hat, Glaubt's mir, Freunderln, o wie gern Wär ich jetzt im Landesgericht und in der Kasern. Dann wieder: Durch die Wienerstadt lief ich kreuz und quer, Jetztn bin ich da, Herz, was willst du mehr? Nahe vom Eingang entdeckte ich folgende Zeilen, die sorgsam mit lateinischen Lettern geschrieben waren und mich an diesem Ort seltsam berührten: Wie wohl doch nichts auf dieser Welt Dem Herzen ach so sauer fällt Als Scheiden, ach, Scheiden. Blüht morgen dir ein Röslein auf, Beschließt es nachts schon seinen Lauf, Das wisse, das wisse. Was mochte dies für ein Mensch gewesen sein, der die Worte hier eingegraben? Ich glaubte sein zermartertes Herz neben dem meinen schlagen zu hören. Aber es war nur mein eigenes, das aus Mitgefühl für diesen Schicksalsgenossen plötzlich stärker schlug. Ein Schlag auf die Achsel schreckte mich aus meiner Nachdenklichkeit. Der »geflickte Simmerl« war es, der Bursche, der uns hier eingeführt hatte. Er lud mich ein, an dem gemeinsamen Nachtmahl der »Ratzenplatte« teilzunehmen. »Hast gwiß eh an Mader«, meinte er und zog mich an dem Rockärmel in den engen Kreis, den die Anwesenden jetzt bildeten. Aus einigen Ziegelsteinen war nahe dem Ausgang ein kleiner Herd aufgebaut, auf dem nun ein lustiges Feuer brannte. Der alte Hanseltipper fischte täglich das Brennmaterial aus dem Wienfluß. In einem verbeulten und verrosteten Gefäß, das ich schaudernd als Nachttopf erkannte, brodelten Kartoffeln, gelbe Rüben und Kraut. Diese Schätze, so erklärte mir der Mehlspeisxandl, stammten aus den Abfallhaufen der Gemüsemärkte, wo sie vor wenigen Stunden von den Mitgliedern der »Ratzenplatte« beschlagnahmt wurden. Auch ich müsse morgen trachten, etwas beisteuern zu können. Es käme da beinahe alles in Betracht, was die Marktleute als verdorben oder sonstwie ungenießbar wegwürfen. Morgen zum Beispiel, am Freitag, gäbe es auf allen Märkten Fischstände, deren Abfälle, unter denen sich auch oft ein totes Weißfischel befinde, gäben eine herrliche Suppe. Aus dem gleichen Grunde wären auch die Plätze vor den Metzgerhütten zu beachten. Mir drehten diese Belehrungen über die kulinarischen Geheimnisse dieses Freigasthofes schier den Magen um, und es war mir trotz des großen Hungers nicht möglich, auch nur einen kleinen Löffel des grauen Breies, der süßlich roch, zu mir zu nehmen. Nach dem Abendessen zündeten wir unsere Zigaretten- und Zigarrenstumpfe an und plauderten noch eine Weile. Dann wurde die Unschlittkerze ausgelöscht, und binnen wenigen Minuten lagen wir im tiefsten Schlaf. Ich hatte mich wie die Kameraden nur der Stiefel entledigt und mit einem Kohlensack zugedeckt. Die schlaflose Nacht vorher machte sich geltend, dazu kam die Stille um mich, durch die das monotone Geräusch der Wienflußwellen als Schlummerlied hereinsickerte. So versank auch ich gar bald in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich am Morgen wie gerädert erwachte. Ich hätte nicht gedacht, daß der neue Tag schon angebrochen war, denn es war ja stockfinster in dem Gewölbe. Aber der Mehlspeisxandl hatte mit lauter Stimme geschrien: »Aufstehen, Schurln, Zeit is!« und ein Streichholz angezündet. Ich war erstaunt, daß unser Kamerad wußte, wie spät es war, obwohl er keine Uhr besaß. Er deutete auf meine Frage nach oben und sagte: »Hörst net die Elektrische pumpern und dö Müliwagen scheppern?« Ich horchte gespannt und hörte wirklich ein dumpfes gleichmäßiges Rattern, das von der Straßenbahn herrühren mochte, während das Rädergeklirr wahrscheinlich den zu Markt fahrenden Gemüse- und Milchwagen zuzuschreiben war. Während wir unsere Stiefelfragmente so gut wie möglich an den Füßen befestigten, die zerlumpten Kleider mit der Hand abklopften und -schüttelten und uns notdürftig in dem zum Universalgeschirr erhobenen Nachttopf wuschen, teilte ein jeder seinen Plan für den kommenden Tag den Kameraden mit. Die einen wollten den Neubau eines großen Staatsgebäudes, an dem auch im Winter gearbeitet wurde, aufsuchen, vielleicht trat ein besonderer Glücksfall ein, und sie würden aufgenommen. Sonst konnte man nach Nußdorf hinauswandern und trachten, bei der Eisgewinnung einen Verdienst zu erlangen. Der Mehlspeisxandl wollte gleich mir die Anzeigen der Tagesblätter in der innern Stadt ansehen und dann um Aufnahme suchen. Nur die zwei Hansltipper sprachen kein Wort von Arbeit und der Möglichkeit, solche zu erhalten. Als ich den Alten fragte, ob er vielleicht eine Arbeitsgelegenheit wüßte, grinste er mich mit leeren Augen an und knurrte etwas von einem »Blödsinn zu arbeiten« in den Bart. Der andere, ein noch junger Mann, schien beschränkten Geistes zu sein; sie lebten beide mitten in der Großstadt wie die Wilden, jeder Tätigkeit feind, nährten sich von üblen Abfällen, hantierten in schmutzigen Höhlen und wußten nichts mehr davon, daß sie das Ebenbild Gottes sein sollten; unterschieden sich durch nichts mehr von schmutzigen Tieren als durch den aufrechten Gang und die Bekleidung, die ihnen in Fetzen am Leibe herabhing. Im Begriff, mit Xandl unsere Schlafstätte zu verlassen, zupfte mich jemand zaghaft am Rockschoß, und zugleich hörte ich schüchtern fragen: »Bitte schön, darf ich mich Ihnen vielleicht anschließen?« Der Sprecher, dessen Hochdeutsch mich an diesem Ort seltsam anmutete, war auch in seinem Äußern nicht der typische arbeitslose Proletarier, besonders was seine Kleidung betraf. Er trug einen schwarzen Sommerüberzieher, dessen Seidenspiegel jetzt freilich zerschlissen war und der unten bedenkliche Fransen zeigte. Ein Gummistehkragen, der dicht mit Kreide bestrichen war, lugte über den Rock heraus, dichtes Haar, das seltsam wohlgepflegt aussah, hing ihm über den Nacken, wenn sich der zugeknöpfte Rock verschob, kam unter der Krawatte die nackte Brust zum Vorschein, so daß ich daraus schloß, er habe kein Hemd an. Später gestand er mir, daß ihm nicht nur dieses, sondern auch Weste und Rock fehlten – der dünne Sommerüberzieher war der einzige Schutz vor dem winterlichen Frost. Seine Gestalt, hoch, dürr, mußte ohne Kleidung ein Skelett sein. Er hatte den ergebenen Blick des Hundes, der das Bewußtsein des Leides und die Abhängigkeit von einem schrecklichen Naturgesetz am deutlichsten von allen Tieren ausdrückt. Aber über den Augenbogen sprang eine Stirn empor, kühn, in prachtvoller Wölbung, wie ein grandioses Tempeldach, unter dem nur das Edelste, Reinste, Herrlichste und Weiseste zur Gestaltung kommen konnte. Schwarzer Haarwuchs schnitt diese Stirn ab, an der ein winziges Näschen hing, es schien wie aufgeklebt und verlieh dem Teil des Gesichts den Ausdruck scheuer Kümmerlichkeit. Hinter seinem Rücken machte mir der »geflickte Simmerl« mit der Hand eine reibende Bewegung auf der Stirn, um anzuzeigen, daß der Obdachlose im Überzieher geistesschwach sei. Dieser mußte es gefühlt haben, denn er lächelte traurig und sagte: »Oh, ich bin nicht närrischer als die ganze Welt; wenn alle nach meiner Art verrückt wären, müßten wir nicht alle wie hungrige Wölfe leben.« Noch lag die Nacht wie ein Tuch über dem offenen Wienflußbett, in das aber schon der Lärm erwachten Großstadtbetriebes hereinbrauste, rauschte, klirrte und klapperte. Wir gelangten nach vorsichtigem Gekletter in den Menschenstrom einer Hauptstraße, ohne von argwöhnischen Polizeiaugen entdeckt zu werden. Unser erster Weg ging zu einem öffentlichen Auslaufbrunnen, wo wir uns mit dem eisigen Wasser den Magen füllten. Dann ging es im Laufschritt der Zeitungsstraße zu. Unterwegs verschwand auf einmal unser Begleiter, er tauchte aber bald wieder auf und entschuldigte seine Abwesenheit damit, daß er schnell in der Kirche für das Heil der sündigen Menschen gebetet hätte, über die nun bald das Strafgericht hereinbrechen würde. Freitag ist kein guter Tag für den Anzeiger der Blätter. Auch heute fanden wir keine einzige Stelle ausgeschrieben. Der Xandl machte sich nun auf den Weg zu seiner Schwester, die Abwaschmädel war, um sie anzupumpen. Wir verabredeten uns, am Abend in einem Park zusammenzukommen, um den Weg in unser Asyl gemeinsam zu machen. Als wir allein waren, stellte sich mir der Schwarze ganz förmlich vor: er hieß Felix Schmidt und war Kalligraph. Wir machten gemeinsam unseren Weg vor alle jene Fabrik- und Werkstättentüren, hinter denen wir für uns Arbeit erhofften, und ich will gern von all den neuen Enttäuschungen schweigen, die uns dort geboten wurden. Bei diesem harten Bittgang fiel mir auf, daß mein Begleiter die Anfragen immer mir überließ und stets demütig und stumm neben mir verharrte. Er schien auch nicht erzürnt, wenn man uns mit bösen Reden und Schimpfworten abwies; machte ich selber aber meiner Empörung und meinem Unmut in zornigen Worten Luft, so erhielt sein Gesicht den Ausdruck trostlosester Hilflosigkeit. Er sprach dann lange kein Wort, bewegte aber unaufhörlich die Lippen, und ich glaubte, er spreche leise Gebete. Vor mehreren Kirchen verschiedener Glaubensbekenntnisse bat er mich, einen Sprung hinein tun zu dürfen. Kam er dann wieder heraus, so lag in seinen Augen eine stille Freude, und sein ganzes Wesen wurde lebendiger und der Außenwelt mehr zugetan. Fragen, die ich anfangs nach seiner Herkunft, Heimat und seinen Schicksalen stellte, hatte er nicht beantwortet, so daß ich es dem Zufall anheimstellen mußte, etwas Näheres über den sonderbaren Gesellen zu erfahren. Der Mittag, den ein plötzliches Schneetreiben überstürmte, fand uns in der Tornische des Lazaristenklosters, wo wir mit etwa zwei Dutzend Leidensgenossen auf die Ausgabe der warmen Wassersuppe harrten. Als wir diese zu uns genommen hatten, liefen wir in dem weißen Unwetter der innern Stadt zu. Dort wußte mein Begleiter eine einsame Toreinfahrt, in der wir den Schneesturm vorübergehen lassen konnten. Innerlich und äußerlich vor Kälte wie erstarrt, krochen wir dort unter einen eingestellten, hochrädrigen Wagen, saßen, den Kopf gebeugt, in der Finsternis, eng aneinander gedrückt, und warteten auf die Stunde, in welcher wir mit unserm dritten Gefährten wieder zusammentreffen sollten. Keiner sprach ein Wort. Ich zündete einen Zigarettenstumpf an, mein Begleiter wies mein Angebot, ihm einen gleichen zu geben, ab. Der Boden der uralten Hauseinfahrt war aus Holz, so daß wir nicht allzu sehr unter der Kälte zu leiden hatten. Auch gab es hier keinen Zugwind, und wir konnten die Füße mit Zeitungspapier und Holzwolle umwickeln, die sich in einer Kiste unter dem Wagen fand. Immerhin setzte uns der anwachsende Frost noch fest zu, und Zähne und Glieder klapperten gehörig. Mein Gefährte zuckte oft, wenn ihn wieder ein eisiger Strahl der Kälte traf, zusammen, aber es kam kein Wort der Klage, der Empörung über seine Lippen. Diese vollkommene Ergebenheit, das stumme, kampflose Sichergeben in ein elendes Schicksal berührten mich unheimlich, und ich fing an, dem »geflickten Simmerl« zu glauben, daß der Kamerad geisteskrank war. Nach einer guten Weile vermißte ich die krampfhaften Zuckungen des Körpers neben mir, nichts regte sich in dem ausgemergelten Körper. Er blieb auch ruhig, als ich ein wenig von ihm abrückte, düster, wie ertrunken in der Stille des Orts, wie versteint bis zum letzten Blutstropfen. Angst beschlich mich, und schon wollte ich unter dem Wagen hervorkriechen, um dem Reglosen von der andern Seite ins Gesicht zu sehen, als er zu reden anfing. Aber seine Stimme schien jetzt noch unheimlicher als sein Schweigen. Es klang aus dem Menschen wie aus einem Brunnen. Trotzdem konnte ich jedes Wort deutlich verstehen. Er sagte mir auf einmal du und sprach zu mir wie ein Bruder. »Du willst wissen, wo meine Heimat ist und wer ich bin? Ich bin ein erweckter Bruder und gehe unter bösen Schlafenden einher. – Die sitzen noch im Traum des Teufels vor den Bechern und Schüsseln, die voll der süßen Sünde sind. Auch ich saß einst dort und wußte nichts von der Berufung zu Gott. Aber eines Tages ward ich erleuchtet. Eine Stimme sprach zu mir vom Heiligwerden der Welt durch die Armut. Ich stand auf und warf mich in das reinigende Feuer des Elends. Der Hunger wurde mir zur süßesten Gnade, die beißende Kälte gab mir paradiesische Freude. Ihr Verblendeten, die ihr euch nach dem Sattsein sehnt, nach warmen Stuben, und die ihr Scham empfindet über euer Bettlertum. Ihr seid der Spott auf Gottes Weisheit, der alles nackt und armselig zur Welt kommen läßt und der auch alles nackt und armselig wieder zu sich aufnimmt, um die Menschen dann des himmlischen Glanzes teilhaftig werden zu lassen. Bruder, Bruder, liebe deine Armut und dein Leiden. Das Leid ist eine Läuterung zu Gott hin. Christus ist die Menschheit; wenn sie einst auf dem Kreuz der bittersten Not liegt und den mit Galle vermischten Trank der Buße trinkt, dann ist die Erlösung da, die große Erlösung von allen Übeln. Jetzt lieben wir alle die Welt, wollen aber nicht an ihr leiden. Wenn einst der Wille und die Liebe zum Leid in uns ist, dann werden wir alle herzlich getreue Brüder und Schwestern sein. Für dieses Glück werdet arm, duldet Hunger und Kälte, schlaft auf Lumpen, werft wie ich den Teufel, euern Schmuck, eure warmen Kleider, all euren Wahn hin, dann werdet ihr in Gottes Allbarmherzigkeit eingehen. Die ewige Wanderung zu Gott wird ein Ende finden, ihr werdet ihn erreichen. Sieh, Bruder, ich bin ihm schon so nahe, denn lange fühle ich den Hauch der köstlichen Ruhe in seinem Reich, seine Engel rufen mich von allen Seiten an: »Du Demütiger, harre aus! Schon stimmen wir die Harfen und Flöten für dich!« Und ich höre sie in meine Dürftigkeit hineintönen. Oh, wie ist mein Herz glücklich, wie betet es Hingabe und Dank!« Das letzte Wort des Menschen sank in ein tiefes Schweigen. Er saß nun wieder an meinen Rücken gelehnt stumm und reglos. Ich hörte das Blut in meinen Schläfen pochen. Wer war dieser Kamerad? Ist's ein Heiliger, ein Narr oder ein Weiser? Ich weiß es heute noch nicht, denn ich traf ihn seit diesem Tage nie wieder. Dröhnend verfingen sich nun eine Anzahl Turmuhrschläge in unserm Unterschlupf. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir waren ganz steif gefroren, und ich hatte das Gefühl, als müßten mir die Kniegelenke beim Gehen brechen. Der Kalligraph schlich in Bettlerdemut an meiner Seite dahin. Er sprach kein Wort, und ich hatte seit seiner Rede eine gewisse Scheu, ihn durch eine Frage zu stören. Nur, als wir auf einen Marktplatz kamen, der um diese Zeit ziemlich verödet war, schlug ich ihm vor, nun, dem Wunsche unserer Schlafgenossen gemäß, Umschau nach etwas Eßbarem zu halten. Der frühe Winterabend war schon hereingebrochen, der Schneesturm, noch immer gewaltig, blies das Licht der Gaslaternen nach allen Seiten, so daß der Platz nur notdürftig beleuchtet war. Wir suchten nun alles ab, konnten aber nicht das geringste entdecken; da stieß ich plötzlich in der Dunkelheit auf eine große Kiste: Es war ein Sammelkasten für Kehricht, und ich vermutete darinnen die gesuchten Abfälle. Wir stemmten den Deckel zurück, und ich leuchtete mit einem Zündhölzchen in das Innere, aus dem es lieblich duftete. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Innig mit Pferdemist, Papierresten, Gemüseblättern und Straßenstaub vereint, füllten halb verfaulte und gefrorene Kartoffeln, Äpfel, Zwiebeln, Kohl und Krautknollen die Kiste bis über die Hälfte. Ich suchte einiges, das mir noch halbwegs verwendbar vorkam, heraus und steckte mir damit die Taschen voll. Der Schein eines Zündhölzchens, das mein Begleiter in die Kiste hielt, spendete mir dabei Licht. Als ich die Taschen voll hatte, wechselten wir die Rollen, und der Kalligraph versenkte sich bis zur Hälfte in diesen Vorratskasten für Hungernde, Obdachlose. Ein klirrendes Geräusch und die Stimme, die hinter mir »Stehnbleibn, Fallotn, im Namen des Gesetzes!« schrie, und eine Pickelhaube, die ich im grauschwarzen Dämmer der Straße aufleuchten sah, strafften mir die Muskeln zum flüchtigen Sprung. Ich schrie noch schnell meinem Kameraden »Ziag a« zu und sauste in die entgegengesetzte Richtung davon. Die Angst, der Polizei in die Hände zu fallen und, wenn es gut ging, in das gefürchtete Werkhaus eingeliefert zu werden, peitschte mich vorwärts. Erst als ich bemerkte, daß mein Laufen bei einigen Passanten Aufsehen erregte, mäßigte ich auf den belebteren Straßen meinen Schritt und dachte über den Grund des polizeilichen Überfalls nach, dem gewiß mein Kamerad zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich hatte der Wachmann in uns Marktdiebe zu entdecken geglaubt, die sich bis zum Einbruch vollständiger Dunkelheit in der Kiste verstecken wollten. Etwas verspätet traf ich bei dem Stelldichein den Mehlspeisxandl. Als ich ihm mein Abenteuer erzählt hatte und dabei meine Befürchtungen über das Schicksal unseres Kameraden aussprach, meinte er: »Für den brauchst ka Angst haben, den mit sein' Hieb lassens glei wieder rennen, und wanns ehrm ja eindrahn, machns ehrm nur a Freid, da kann a wenigstens gnua für unsere Sünden beten!« Mit der gleichen Vorsicht wie am Abend vorher suchten wir nun das Freihotel »Zum goldenen Ratzen« auf, wo wir die andern Kameraden mit Ausnahme des Kalligraphen vollständig versammelt fanden. Wieder wurde geplaudert, gekocht, gegessen und dann schlafen gegangen. Als ich am nächsten Morgen wieder umsonst nach Arbeit gesucht hatte, begab ich mich nach Ottakring, um dem Hausmeister unseres letzten Wohnhauses einen Besuch abzustatten und ihn zu fragen, ob vielleicht Post für mich eingelaufen sei. Dies war zwar nicht der Fall, dafür erzählte er mir aber, daß zwei Tage vorher ein Bursche meines Alters nach mir gefragt hätte. Er konnte nicht genug das »harbe«, fesche Wesen dieses Besuches rühmen, der ihm sogar ein Viertel Mailberger gezahlt und ein paar Zigaretten geschenkt hatte. Aus der sehr deutlichen Personbeschreibung, die mir der Hausbesorger von dem Burschen gab, entnahm ich zu meiner närrischen Freude, daß es nur mein alter Freund Ludwig sein konnte, der wieder in Wien war. Der Hausmeister gab mir einen zerknütterten Zettel, auf dem er seine Adresse aufgeschrieben hatte, und da stand – hurra!! – Ludwig Aschenbrenner und seine jetzige Wohnadresse. So rasch es nur ging, verabschiedete ich mich von dem Hausbesorger und eilte spornstreichs nach Hernals. Die Quartiersfrau, bei der mein Freund jetzt wohnte (seine Eltern waren vor nicht langer Zeit hintereinander gestorben), gab mir die Auskunft, daß ihr Zimmerherr erst am Abend nach Hause komme, aber sie wisse, wo er arbeite. Er sei als Kutscher bei einer Kartonagenfabrik angestellt. Die Sehnsucht, meinen lieben Ludwig nach so langer Trennung wiederzusehen, war so groß, daß ich auf die Klostersuppe verzichtete und noch zur Mittagszeit in der Fabrik ankam. Man wies mich auf meine Frage nach Ludwig in den Stall, und richtig: da stand mein alter, treuer Kamerad vor der Tür im schmutzigen Schnee und schraubte seinem Pferd den Dorn in den Huf. Ich rief über den Hof mit freudig zitternder Stimme: »Servus, Wickerl, grüaß di Gott!« Es riß ihn auf, und im nächsten Augenblick preßte er meine Hände in den seinen. Tränen standen ihm in den Augen, und die große Freude, mich zu sehen, zerriß ihm die Worte zu einem hilflosen Stammeln. Er ließ das Pferd Pferd sein und beeilte sich, mit mir ein kleines Gasthaus in der Nähe aufzusuchen. Vor einem mächtigen Teller voll Beuschel mit Knödeln sitzend, welcher Herrlichkeit ich heißhungrig zusprach, mußte ich ihm meine Erlebnisse seit unserer Trennung erzählen. Der Tod meiner Mutter ging ihm sehr zu Herzen. Selbstverständlich hatte nun meine Obdachlosigkeit ein Ende. Ludwig gab mir für den Nachmittag Geld, damit ich ein Kaffeehaus aufsuchen und die Zeit bis zu seinem Arbeitsschluß in einem warmen Raum verbringen konnte. Von hier holte er mich am Abend ab, und wir begaben uns in seine kleine Kammer, die ich nun mit ihm gemeinsam bewohnen sollte. Als wir beim freundlichen Schein der Lampe vor dem kleinen rotglühenden Öfchen saßen, lag der Inhalt meiner letzten Tage gleich bösen Träumen irgendwo im Winkel des Gedächtnisses, und ich lebte ganz der guten Stunde, die noch Freundschaft, Sattsein neben dem Gefühl der Sicherheit war. Immer und immer wieder umarmte ich die Wärme wie eine hingebungsvolle Geliebte und war unersättlich für ihre Zärtlichkeit. Neuntes Kapitel In der Knochenmühle Vier entsetzlich lange Wochen waren verflossen, seitdem ich in die große Schokoladen- und Biskuitfabrik X. \& Söhne eingetreten war. Die Tage, überhäuft mit schwerer Arbeit und Plage, wurden mir zu einem hochummauerten Stundenkreis, in dem jegliche Qual über mich herfiel und mein Dasein menschenunwürdig machte. Nur dadurch, daß ich mir Hunderte Male im Tage das Wörtchen »muß« gleich einem glühenden Stempel ins Gehirn preßte, fand ich die Kraft, in der Fabrik zu bleiben. Den langen Weg von meinem Wohnort bis zu dieser Stätte der Erniedrigung legte ich immer in dem Gefühl zurück, daß dort meiner jegliche Bitternis und eine schwere Last von Lebensüberdruß harrte. Mein altes, bewährtes Mittel, das Gleichgewicht der Seele wenigstens teilweise zu bewahren, das Lesen, hatte hier seine Wirkung verloren; auch fand ich abends nach der Arbeit kaum mehr die Kraft, mich in ein fremdes Leben hineinzudenken. Teilnahmslos gegen meine Umgebung drückte ich mich durch die Straßen; – die letzte, die ich zu durchschreiten hatte, dünkte mich wie der Weg zu einer Richtstätte. Sah ich dann meine Arbeitskameraden in breiten Massen durch das Fabriktor drängen, so zitterte ein kalter Schauer durch meine Glieder, und ich war froh, den Leidensgenossen mein guten Morgen zurufen zu können, denn das Sprechen hob mich ein wenig aus meiner Stimmung. Beim Durchschreiten des beschlagenen Tores, das in eine mächtige Einfahrt führte, warf ich einen schüchternen Blick auf die Ankündigungstafel, hoffend, daß eines unvorhergesehenen Ereignisses halber die Fabrik auf ein paar Stunden oder gar auf einen ganzen Tag gesperrt würde. Denn frei sein! Frei, wenn auch nur auf ein paar Stunden, fern dem Kerker, dessen Atmosphäre alles Gute und Hohe in mir vergiftete und meinen Körper langsam siechen machte! Das war der Wunsch, der mich hie verließ, und der – ach, so selten erfüllt wurde. Es war ja schon ein Glück, daß ich keine Überstunden machen mußte, wie es in andern Abteilungen seit Wochen der Fall war. Mit der mechanischen Bewegung eines Automaten nahm ich die Kontrollmarke vom Nagel, um sie in den dazu bestimmten Kasten zu werfen. Das bißchen Denkkraft, das ich außerhalb der Fabrikmauern besessen hatte, war beim Eintritt in ihren Bannkreis verlorengegangen, und ich bestand nur mehr aus Muskeln und Nerven, die in den Dienst der Maschinen gestellt werden mußten. In den ersten Tagen meines neuen Berufs hatte noch hier und da etwas Neues, Niegesehenes mein Interesse erweckt. Nun aber war ich gleichgültig geworden, denn Tag für Tag gab es das gleiche zu sehen und zu hören, trottete ich an der Kette mit gesenktem Kopf wie ein blindes Roß, das nur ein Gefühl kennt: das der Peitsche! Doch nein! Einen Gegenstand gab es, der mir nie gleichgültig wurde, den ich im Gegenteil aus ganzem Herzen haßte und verabscheute: die Fabrikglocke. Für mich war die kein totes Stück Metall, das der Portier zum Läuten brachte, sie schien mir eher eine alte, böse Hexe zu sein, die den Geist der Knechtschaft in dieses Haus geführt hatte: Wenn sie morgens und nach dem Mittagessen zur Arbeit rief mit ihrer schrillen Stimme, schreckte ich stets zitternd zusammen, und ich rief vergebens meine Vernunft zu Hilfe, die das baumelnde Metallstück für ganz unschuldig erkannte. Ich haßte sie als das Symbol meines geknechteten Menschentums. Im zweiten Hof von der Einfahrt lagen die Packräume, denen ich zugeteilt war. Ein langgestreckter, niedriger Raum, der stets in einem feuchten Dämmer lag und darin es nach verbrauchter Seife, faulendem Wasser und Menschenschweiß roch, war der An- und Auskleidesalon für die Packer. Ich zog meinen Rock aus, wobei mich die Armgelenke trotz der vierwöchigen Übung, gehörig schmerzten. Auf das zweite Glockenzeichen rannten wir Packer in den Pack- und Verladeraum, mancher noch mit seiner Toilette beschäftigt. Die Arbeit, die uns gleich am frühen Morgen erwartete, war die schwerste des Tages, wenigstens für mich, der ich von Natur aus schwach gebaut, auch noch mit einem körperlichen Fehler behaftet war. Meine zwar nicht stark hervortretende, aber doch sichtbare Verkrümmung der Wirbelsäule hatte mir in der Fabrik den Spottnamen »der Buckelhupfer« eingetragen. Die Kisten, die wir tags vorher gepackt hatten, standen berghoch aufgeschichtet im Verladeraum. Ein kleines Gebirge aus Schokolade, Zucker- und Biskuitwaren. Im Hofe stand eine ganze Wagenburg. Jeder Wagen, auch mehrere zusammen, waren für die Bahnhöfe bestimmt und warteten auf ihre Last. Zu zweit trugen nun die Packer eine Kiste nach der andern zu den bestimmten Wagen, wo die Kutscher sie in Empfang nahmen. Das war ein Keuchen, Stampfen, Rufen und Schreien, ein Fluchen und Lachen! Über all diesem lärmenden Tun thronte auf seinem Podium der Gewaltige dieses Raums, der Obermagazineur, welcher mit hoher, sich oft überschlagender Stimme seine Anordnungen traf. Er war auch ein »Emporkömmling«, aber keiner, der sich durch eigene Kraft oder Intelligenz aus der erstickenden Tiefe seiner Proletenvergangenheit etwas näher zur Sonne geschwungen hatte. Er verdankte seine Stellung einer Denunziation und seiner demütigen, hündischen Kriecherei gegenüber den Vorgesetzten – nicht zuletzt auch der Gabe, aus seinen Untergebenen mehr herauszupressen, als es anderen möglich war. Äußerlich ein gutmütiges, joviales Spießertum zur Schau tragend, war er in Wirklichkeit ein kleinlicher, böswilliger und rachsüchtiger Mensch, der in den Magazinen, die ihm unterstanden, ein Autokratenregiment führte und von allen Untergebenen gehaßt und gefürchtet wurde. Herr Pavlik hatte es besonders auf jene abgesehen, die infolge physischer Unzulänglichkeit einer allzu schweren Tätigkeit nicht nachkommen konnten. Ich mußte unter diesen Eigenschaften Herrn Pavliks viel leiden. Im Anfang benahm er sich sehr gnädig und übersah manche Fehler, die meine ungeschickten und schwachen Hände machten. – Das war, wie ich bald erfahren sollte, eine Finte, um Neulinge sicher zu machen. Es machte ihm das viel Vergnügen – ich aber war wie aus den Wolken gefallen, als mir eines Tags eine zu schwere Kiste entglitt und ich von Herrn Pavlik vor allen Arbeitern plötzlich so ungemein roh und boshaft verspottet wurde, daß ich mich wie nackt durchgepeitscht fühlte. Nur der Gedanke an Arbeitslosigkeit, Hunger und Obdachlosigkeit verhinderte mich, daß ich auf der Stelle fortlief. Ich fraß meinen Ekel hinunter und arbeitete weiter mit zusammengebissenen Zähnen und verkrampften Fingern. Waren alle für den Bahnversand bestimmten Kisten aufgeladen, so durften die Packer sich fünf Minuten Erholungspause gönnen – dann ging es ans Reinigen der Magazinräume. War auch dieses geschehen, so bekamen wir die verschiedensten Arbeiten zugeteilt. Die einen hatten die Platten mit den Schokoladentafeln treppauf, treppab zu tragen, durch endlose Gänge und Hallen mit schlüpfrigem Boden, und immer waren sie so schwer, daß man sie kaum tragen konnte. Die meisten meiner Kameraden waren muskulöse Männer, und doch hatten sie vor dieser Arbeit den meisten Respekt, schleppten sich lieber stundenlang mit den schwersten Kisten ab, denn die mußten nicht so weit herumgetragen werden. Oft hatten die Kameraden Mitleid mit mir, der ich so schwach und abgehärmt aussah, und trachteten mich von dieser gefürchteten Arbeit befreien zu können. Sie gaben mir auch den guten Rat, mich um die Arbeit in dem weitläufigen Keller zu bewerben, wo leere Kisten eingelagert waren und man die schadhaften ausbesserte, was mir auch gelang. Bei dieser Arbeit machte ich die Bekanntschaft eines jungen Juden, der Konrad Löwi hieß und der die gleiche Arbeit zu verrichten hatte. Er war um ein oder zwei Jahre älter als ich – ich zählte damals vierundzwanzig –, war ebenfalls von schwächlicher Konstitution, hatte sich scheinbar aber im Gegensatz zu mir in sein Schicksal gefügt, dank der Anpassungsfähigkeit seiner Rasse. Später erfuhr ich freilich, daß auch sein ganzes Sinnen und Trachten der Erreichung einer menschenwürdigen Arbeitsstelle galt. Löwi besaß, wie die meisten seiner Rasse, eine hohe Intelligenz und hatte einige Handelskurse mitgemacht, war aber infolge seiner Mittellosigkeit gezwungen worden, diese schlecht entlohnte Stelle anzunehmen. Trotz aller Mühsal, die er gleich mir erduldete, war er stets heiter und lebensfroh, und oft riß er mich durch seine witzigen und sarkastischen Äußerungen aus meiner gedrückten und mutlosen Stimmung. Wir wurden Freunde und waren so viel wie möglich beisammen, bei der Arbeit und auf dem Heimweg, und man nannte uns die beiden Schwager. Aus meiner Bibliothek, die eine ganz hübsche Anzahl guter Bücher enthielt, obwohl ich oft gezwungen war, aus Not einen meiner Schätze zu verkaufen, lieh ich meinem Freund Bücher, die dieser mit Heißhunger las. Es war ihm wie mir der einzige und größte Genuß, den das Leben in dieser Zeit gewährte. Es war ein hartes Kämpfen um unser Dasein, dem wir gemeinsam die Stirn boten. Löwi hatte dabei nicht das Lachen verlernt, das ihm eine sorglose Jugend gegeben. Wie oft schämte ich mich vor ihm meines Kleinmuts! Seine Mutter war vor kurzem gestorben und hatte ihm, der sie heiß geliebt, nichts hinterlassen können als die Sorge um zwei Schwestern, deren eine als Manipulantin in einem Schuhgeschäft mit lächerlich kleinem Gehalt angestellt war, während die zweite noch die Schule besuchte. Draußen in der Vorstadt, in einem der luftarmen, himmelhohen Zinshäuser, hausten die drei Geschwister verträglich beisammen, sich gegenseitig gegen den Anprall der Not stützend. Um zwölf Uhr wurde durch einen gellenden Sirenenpfiff und ein kurzes Läuten der Beginn der Mittagspause angekündigt, die eine Stunde dauerte. Nun strömten von allen Seiten die hungrigen Arbeiter dem Ausgang zu, vor dem die Straße mit ihrer freien Luft, ein karges Mahl und, was die Hauptsache war, eine Stunde Ruhe winkte. Vor dem Ausgang gab es einen kleinen Hof zu durchschreiten, in welchem sich jeder Arbeiter und jede Arbeiterin einer Prozedur unterziehen mußte, die mir als die erniedrigendste Einrichtung der Fabrikordnung erschien. Im Gänsemarsch, rechts die Männer, links die Frauen, mußten wir langsam durch eine Art Engpaß trippeln, den zwei Männer, beziehungsweise zwei Frauen bildeten, welche jeden Vorübergehenden einer genauen Leibesvisite unterzogen. Zur Verrichtung dieser Handlung wurden Abteilungserste verwendet, die ihrerseits wieder von den Direktoren und Ersten Buchhaltern untersucht wurden. Ich habe es lange nicht begreifen können, daß es Menschen geben kann, die sich zu diesem ehrenrührigen Schergendienst hergeben. Erst als ich langsam die moralische Zersetzungsarbeit des Kapitals begreifen lernte, wurde es mir klar, daß diese Handlanger ebenso Opfer einer geschichtlichen Notwendigkeit sind wie ich und die übrige Schar von Arbeitern. Als ich das erstemal diese fremden herumtastenden Hände an meinem Leibe fühlte, war es mir, als schlüge mir jemand die Faust ins Gesicht, und ich wunderte mich über die Gleichgültigkeit der andern, die sich die Untersuchung so ruhig gefallen ließen, ja oft dazu lächelten. Hatten auch sie sich anfangs dagegen empört, und waren sie mit der Zeit stumpf geworden, weil die Kette der Gewohnheit sich um ihren Stolz legte? Das Mittagessen war so karg, als es der kleine Wochenlohn bedingte, und auch alles eher als nahrhaft. Die erste Zeit, bevor ich mit Löwi Freundschaft geschlossen hatte, ging ich in ein nahegelegenes Volkskaffee, ein sogenanntes Tschecherl, wo ich den hungrigen Magen mit einem Glas warmer Milch und ein paar Stücken Gebäcks zu beruhigen suchte. Später ging ich mit Löwi in eine sogenannte Stehweinhalle, die mit einer Fleischauskocherei verbunden war. Dort kauften wir uns um ein paar Kreuzer eine trübe Wasserbrühe, die Rindsuppe hieß, und dazu ein paar schwindsüchtige Würstel. In der Mittagspause suchten wir uns gegenseitig kennenzulernen. Wir erzählten uns unsere Lebensschicksale, kritisierten nicht zuletzt unsere jetzige Lebensweise, und diejenigen, die sie so trübselig gestalten, und bauten Luftschlösser, bei welcher himmlischen Beschäftigung ich mich recht gewandt zeigte. Denn selbst bei mir war eins noch nicht ganz, zu Boden gedrückt: das Hoffen der Jugend. Wenn ich auch schon glaubte, auf alles Schöne und Gute, das die Erde bieten konnte, verzichten zu müssen, zu tief in meiner Seele hütete ich doch immer unbewußt ein Fünkchen Lebensglaube, und dieses flammte gar oft zu einer hellen Lohe auf und zeigte mir mitten im Nebel ein Stück Sonnenland. Kamen dann wieder trübe Stunden, so war es das unverwüstlich frohe Gemüt meines Kameraden, an dem ich mich aufrichtete. Löwi war länger in der Fabrik beschäftigt als ich und erzählte mir vieles über deren Gründung, die Chefs und unsere Arbeitskollegen. Der Gründer der Firma X. \& Söhne hatte sich vor ungefähr fünfzig Jahren mit einem sehr bescheidenen Anfangskapital etabliert, war aber dank seiner bescheidenen Ausdauer sowie seiner geschäftlichen Routine bald in der Lage gewesen, sein Unternehmen nach allen Seiten hin zu vergrößern. Zu der bestehenden Schokoladerie wurden nach und nach Gebäude für Zuckerraffinerien, Waffel-, Zwieback- und Tortenbäckereien, für Kaffeerösterei und eine Senfmühle errichtet. Als der alte X. vor einigen Jahren gestorben war, hatte er seinen drei Söhnen außer dem mächtigen Etablissement ein Millionenvermögen hinterlassen, das sich zurzeit immer vergrößerte, denn die Fabrik warf durch ihren großen Betrieb und die billigen Arbeitskräfte einen kolossalen Nutzen ab. Sie war damals die größte ihrer Art auf dem Kontinent, hatte eine eigene Spenglerei, eine Schlosserei, eine Glasfabrik in Böhmen und beschäftigte in dem Wiener Betrieb allein ungefähr sechzehnhundert Arbeiter; vierzig Wagen waren vom Morgen bis in die Nacht tätig, die Erzeugnisse dem Heer von Kunden zuzuführen. Um mir einen annähernden Begriff von der Leistungsfähigkeit der Fabrik beizubringen, erzählte mir Löwi, daß in der Obstzeit an einem Tag allein vierzigtausend Kilogramm Äpfel eingekocht werden, daß im Karneval sowie zu hohen Feiertagen zwei- bis dreitausend Torten täglich gemacht werden. In letzter Zeit war auch die Zubereitung von Zwieback für das Heer übernommen worden. Löwi war bei allen Angestellten gut angeschrieben, wohl seiner immer lustigen, freundlichen Art wegen, und versprach, mir alle technischen Einrichtungen, die mich interessieren mochten, zu zeigen, denn man ließ ihn überall ein. Sonst war es streng verboten, sich ohne Bewilligung des Direktors außerdienstlich in einer fremden Abteilung aufzuhalten, und jeder Übertreter dieses Gesetzes wurde unbarmherzig auf das Pflaster gesetzt. Überhaupt waren die Statuten der Fabrikordnung von einer drakonischen Strenge, vom Direktor mit grausamer Willkür angewandt, ohne daß dieser gewöhnlich die näheren Umstände im Übertretungsfalle ins Auge faßte. Er war der Allmächtige in der Fabrik, denn die Chefs kümmerten sich um nichts als um den Profit, den die Fabriken trugen, und waren zufrieden, wenn dieser durch den Eifer des Direktors immer stieg und stieg; dieser behandelte seine Untergebenen wie Hunde. Er schrie Arbeiter, die im Vorübergehen kauende Bewegungen zu machen schienen, einmal an, als ich dabei war: »Macht das Maul auf, damit ich sehe, ob ihr gestohlene Schokolade darin habt!« Einmal befahl er einer hochschwangeren Frau, ein schweres Faß über eine steile Leiter hinaufzutragen, und als ich hinzusprang, um ihr zu helfen, stieß er mich zur Seite, um mir in gemeinen Ausdrücken und Witzen zu verstehen zu geben, daß ich mich um meine eigene Arbeit kümmern sollte. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß in der Fabrik die erbärmlichste Anklägerei blühte. Es war ja für jeden unmöglich, durch ehrliche Erfüllung seiner Pflichten eine bessere Stellung und damit eine höhere Bezahlung zu erlangen. Nur durch völliges Preisgeben jedes sozialen Bewußtseins, durch Verrat seiner idealen Interessen und der der Kameraden konnte dies dem Arbeiter gelingen; skrupelloses Aufgehen im Dienst der Firma – mochte diese verlangen, was sie wollte, war die Bedingung, die dem gestellt wurde, der seine Lage verbessern wollte. Löwi gab mir den guten Rat, mich so wenig wie möglich mit einigen Arbeitern, die als Angeber bekannt waren, abzugeben, wenig mit ihnen zu sprechen und vor allem meine Gesinnung zu verbergen; sie horchten mit freundlichen Gesichtern und der Art von Gleichgesinnten so lange, bis sie genug Stoff hatten, um dem Direktor alles zu wiederholen. »Denke dich überhaupt«, sagte mir Löwi, »in russische Verhältnisse hinein, dann hast du den Grundgedanken unseres Robotens in dieser Fabrik. Hier draußen kannst du wenigstens halbwegs handeln und sprechen, wie du willst. Ein Schein von menschlicher Freiheit, wenn auch noch so spärlich, besonnt dein ärmliches Dasein. Drinnen aber, im Bannkreis der Maschinen, mußt du dich der autokratischen Tyrannenwillkür der Fabrik unterwerfen, die deinem Hirn das Denken untersagt, dem Herzen das Mitgefühl verbietet, und wo du selbst zur Maschine wirst, die den Vorzug hat, billiger zu sein als die aus Eisen und Stahl, und die auch nicht so sehr geschont werden muß. Gäbe es hier, wie in Rußland, eine Katorga, gar mancher von uns wüßte davon eine Geschichte zu erzählen.« Ich fragte Löwi, wieso es käme, daß diese ausgebeuteten, geschändeten Menschen noch nie in Streik getreten waren, um auf diese Weise nach Art anderer Industriearbeiter eine menschenwürdigere Behandlung zu erzielen. Was den Buchdruckern, Metallarbeitern, Bäckern und vielen anderen in der letzten Zeit gelungen war, der Ausbeutungssucht entgegenzutreten, warum sollte dies hier nicht gelingen? Auch sprach ich meine Verwunderung darüber aus, daß unsere Chefs keine Furcht vor einem Streik hätten, der, wenn er auch nur von kurzer Dauer wäre, ihnen doch einen großen Schaden zufügen müßte; nicht zum wenigsten der Konkurrenz wegen, mit der selbst diese mächtige Firma zu rechnen hatte. Löwi erklärte mir das so: »Das ganze System, nach dem die Firmeninhaber über uns schalten und walten, ist zum Teil eine Folge dieser Angst vor einem Streik, ist eine Schutzmauer vor dem revolutionierenden Klassenbewußtsein des Arbeiters. Warum glaubst du, daß man hier Leute, die drei und vier Jahre im Dienst der Fabrik standen und die ganze Zeit fleißig und willig waren, plötzlich ohne triftigen Grund entläßt und an ihre Stelle Arbeiter setzt, die einige Monate im Betrieb sein mußten, ehe ihre Leistungen einigermaßen denen der Entlassenen entsprachen? Hier hast du die Antwort: Der Direktor weiß, daß der fortwährende Wechsel der Arbeiter einem intimen Meinungsaustausch, einem Besprechen ihrer sozialen Lage entgegensteuert, weil diese sich dabei doch immer mehr oder weniger fremd bleiben, und daß es ihnen bei dieser Vermischung von alten und neuen Elementen kaum möglich ist, ein einheitliches Entgegentreten zu erreichen. Dabei rechnet man nicht zuletzt mit der furchtbaren Notlage, die gewöhnlich auf dem neueingetretenen Arbeiter lastet und die ihm verbietet, an einem Streik teilzunehmen. Er hat bis vor kurzem Hunger gelitten, vielleicht bittere Kälte erduldet oder war obdachlos gewesen und hatte Schulden zu bezahlen, die in dieser Zeit gemacht wurden. Jetzt auszutreten? Zu streiken? Und wieder zu hungern? Ja, mein Lieber, der Hunger hat schon viele schweigen gelehrt, auszuharren, wie schwer das Joch auch war, unter das sie sich zu beugen hatten. Diese Erfahrung benutzend, nimmt die Leitung mit Vorliebe solche Leute in ihre Dienste, denen man schon äußerlich, an Kleidung und Körper, die bitterste Not ansieht; sie geben das beste, ertragreichste Futter für den Götzen Mammon, lassen sich von ihm verschlingen, ohne sich viel zu wehren. – Und selbst wenn wir in Streik träten: Glaubst du, daß wir etwas gewinnen würden? Unser Widerstand wäre bald gebrochen, weil uns die Hauptbedingung zu einem Erfolg fehlt: Geld. Hat je ein Heer eine Festung eingenommen, ohne Waffen zu besitzen? Auf eine tatkräftige, ausreichende Unterstützung von anderen Gewerkschaften und Organisationen können wir nicht rechnen. Wir stehen zu isoliert da. Sehr wenige von uns gehören einer Gewerkschaft an. Die Furcht vor Kündigung, dem »Pflasterküssen«, hält uns vor dem Beitritt ab. Wir beide haben vielleicht noch die Kraft und Hingebung, acht Tage zu fasten und uns mit Begeisterung zu ernähren. Aber die Masse wird nach zwei, drei Tagen reuig zurückkehren; und – wer weiß – vielleicht würden auch wir eher folgen, als wir jetzt glauben. Der Hunger, der Hunger! Seine Peitsche tut so weh, reißt Wunden, die oft ein ganzes Leben nicht heilen.« Unter solchen Erzählungen und Gesprächen verfloß oft allzu schnell unsere Mittagspause. Um drei Uhr nachmittags wurde mit dem eigentlichen Packen begonnen. Die zum Versand bestimmte Ware war am Vormittag von den Magazineuren nach Art und Bestimmungsort zusammengestellt worden. Nach der Kontrolle durch Obermagazineur Pavlik wurde sie in den Packraum getragen und mit den Adressen versehen, dann begann das Packen selbst. Jeder Arbeiter hatte sich seine Kiste vom Keller heraufzuholen. Kleine oder große, schmale oder breite, jeder nach Bedarf, und eilig hantierte ein jeder in einer Wolke von Holzwollestaub, ohne Atem zu schöpfen, da alles bis knapp vor Feierabend weggepackt sein mußte. In einer Liste, die der Buchhalter aufliegen hatte, waren Gewicht und Größe sowie der Packer der Kiste angegeben. Aus dieser konnte nachgewiesen werden, wer am fleißigsten für die Kasse der Fabrik gearbeitet hatte. Es war gar keine leichte Sache, die Waren so zu verpacken, daß sie ganz unbeschädigt an ihr Ziel gelangten. War das nicht der Fall, so mußte der Packer eben für den Schaden einstehen. Es wurde ihm der Betrag von seinem Lohn abgezogen. Die Mehrzahl der mit den mannigfaltigsten Süßigkeiten gefüllten Kisten wogen sechzig bis hundertfünfzig Kilo; da es verboten war, sich beim Tragen helfen zu lassen, so fühlte ich mich nach beendeter Arbeit meist wie gerädert und oft vor Müdigkeit ganz teilnahmslos, selbst gegen den Klang der Glocke, die endlich, endlich zum Feiern rief. Man wusch sich die Hände, kühlte den Kopf in frischem Wasser und hatte nur ein Interesse: bald draußen zu sein. Mit viel Gewissensbissen sparte ich mir von den paar Hellern Tagelohn das Fahrgeld für die Trambahn ab, denn es war mir nicht mehr möglich, den weiten Weg bis zu meinem Wohnort zu Fuß zu gehen. Jeden Schritt spürte ich schmerzhaft in allen Knochen. Um trotz aller Müdigkeit die Freiheit ordentlich auszunutzen, spannte ich alle Kraft und Energie an, um in der Tramway ein wenig lesen zu können, schlief aber doch oft dabei ein. Es war meine größte Sorge, geistig nicht auch zu versumpfen und mich ein wenig von dem Arbeitstier zu unterscheiden, das nach der schweren Arbeit nur einen Gedanken hat, Schlaf und Futter. Zwei Bücher trug ich immer bei mir: Goethes »Faust« und Heines »Buch der Lieder« in der Reclam-Ausgabe. Es war mir Trost und Befriedigung, daß mein abgehetzter Geist, trotz der empörenden Behandlung seitens der Vorgesetzten und auch mancher Kameraden, noch immer auf den Klang und den Inhalt der herrlichen Verse reagierte. Und trotzdem konnte ich nicht mehr so lesen, wie ich früher gelesen hatte, wo mich die ersten Verse schon in eine feierliche, weihevolle Stimmung versetzten und ich ihnen froh und wunderdurstig wie ein Kind in ihre Idealwelt folgte. Jetzt mußte ich immer bei den tiefsten und heiligsten an mein elendes Leben denken, mich an mein nacktes, jeder Freude entbehrendes Dasein erinnern, und es ergriff mich eine bittere Trostlosigkeit. Kam ich heim, so war es mein einziger Wunsch, mich sofort ins Bett legen zu können. Schlafen, nur schlafen auf einige Stunden, ganz ins Reich der Vergessenheit wandern, war am Abend die ganze Sehnsucht meiner Seele. Es kamen dann wohl noch Erinnerungen aus der Vergangenheit, an schöne Abende, an welchen ich mich mit gleichgesinnten Freunden unterhalten konnte, Vorträge aus allen Gebieten der Wissenschaft anhörte, und wo ich oft bis in die Mitte der Nacht lesen und lernen konnte, ohne eine nennenswerte Ermüdung zu spüren. Und ich hatte doch damals auch gearbeitet, sogar schwer. Wie kam das? Oh, ich wußte wohl die Antwort darauf: In meinen früheren Arbeitsstellen war ich trotz harter Arbeit doch immer noch als Mensch behandelt worden, und meine Seele war nie in Gefahr, in einem verbrecherischen System, wie das der Arbeiterbehandlung in der Fabrik X. \& Söhne war, unterzugehen. Jetzt dünkte es mich die größte Wohltat, wenn ich einige Stunden meiner Pein entfliehen konnte, und samstags heiterte sich gewöhnlich mein Gemüt im Vorgefühl der Sonntagsruhe auf; ich konnte dann sogar hie und da lächeln, wenn ich mit Freund Löwi beisammen war. Die Sehnsucht nach einem freien Tag war natürlich nicht nur in mir, sondern in allen Kameraden zu finden, und manche griffen zu den gewagtesten Mitteln, um sich auf einige Tage krank melden zu können. Eines der beliebtesten war die Herbeiführung einer Blutvergiftung. Erstens brauchte man sich dabei nicht so zu verstellen wie bei der Vortäuschung einer inneren Krankheit, und zweitens hatte man anfangs fast keine Schmerzen. Die Methode war auch sehr einfach. Eine leichte Schnittwunde wurde mit Grünspan eingerieben. Nach einigen Sekunden zeigte sich eine leichte Entzündung des Wundrandes. Der Arbeiter heuchelte seinem Vorgesetzten gegenüber starke Schmerzen, so daß dieser ihm das Krankenkassenbuch einhändigte und ihn zum Arzt schickte. Es war dies kein Akt der Humanität, wie man glauben könnte, sondern Furcht vor einer möglichen Kontrolle durch die Sanitätsbehörde, vor der man ohnedies viele Mißstände zu verbergen hatte. Ich sah die soeben erwähnte Selbsthilfe für verwerflich an, nicht allein des Betrugs wegen, sondern auch deshalb, weil es ein leichtsinniges Aufs-Spiel-setzen der Gesundheit war. Und trotzdem verstand ich meine Kameraden auch darin, wenn ich ihrem Beispiel auch nicht folgen mochte. Neben diesen simulierenden Kranken und denen, die sich aus eigenem Willen eine Krankheit zuzogen, gab es aber auch eine riesige Menge von Arbeitern und Arbeiterinnen, die ihre Gesundheit infolge der furchtbar unhygienischen Fabriksräume für immer ruiniert hatten. Besonders der Tuberkulose fielen eine große Anzahl zum Opfer. Mit erschreckender Regelmäßigkeit forderte sie beinahe jede Woche ihren Tribut und wählte mit Vorliebe die jüngeren Angestellten. Außerdem waren wir daran gewöhnt, jede Woche zwei-, dreimal den Rettungswagen vorfahren zu hören, der die Armen ins Spital holte, die bei der Arbeit, meist im Maschinenbetrieb, verunglückt waren – fortwährend zur Eile getrieben und durch die lange Arbeit so ermüdet, daß sie irgendeine Unbedachtsamkeit begangen hatten. Eine Versorgung der im Dienst der Fabrik arbeitsunfähig gewordenen Leute gab es nicht. Wenn der Kranke längere Zeit nicht arbeiten konnte, wurde er eben entlassen. Selbst am Vorabend des Christfestes wurden Hunderte von Arbeitern entlassen, da man in der Zeit nach Weihnachten weniger zu tun hatte, und es geschah dies ohne Rücksicht auf die Zeit und die Familienverhältnisse des Lohnsklaven. Wenn ich daran dachte, so krampfte ein großes Weh mein Herz zusammen, und ich durchlebte die Qual der entlassenen Arbeiterinnen und den ohnmächtigen Haß der vor die Tür gesetzten Männer. Meine eigene Not, meine ärmliche Angst vor den Stunden in der Fabrik verschwand vor diesem mächtigen Berg Elend, der sich vor mir aufschob und unter dem ich eine Anzahl meiner Schwestern und Brüder ächzen hörte. Und mein Blick zersprengte die Mauern seines Schauens und wanderte weit in alle diese Schlupfwinkel des Elends hinaus und fand überall dieselbe Knechtung freier Menschen, dieselbe Sehnsucht nach Licht und Freude. Ein mächtiges Erkennen und Verstehen dieser Menschen stieg in mir auf, ich fühlte mit ihnen dieses Streben nach Befreiung und ihr Sehnen nach einem friedvollen, menschenwürdigen Dasein. Zehntes Kapitel Zughunde Der Morgentau lag auf den Bogen und Pfeilern der eisernen Brücke und versilberte die Bäume der spärlichen Allee, ihnen einen Duft von unsichtbaren Wäldern im Rücken der Großstadt verleihend. Ich betrat das hölzerne Stöckelpflaster der Brücke, deren stählerner Leib leise stöhnte im Vorahnen der Lasten des Tages. Unter mir brausten die Personen- und Lastzüge in den Dunst des Morgens, in den sich der fette Dampf unzähliger großer und kleiner Essen mischte. Milchkannen, Obstkörbe, Versandmaterial aller Art säumten in kleinen Hügeln die Schienen, auf denen es anscheinend wie irr und planlos hin und her rollte: zischende Lokomotiven mit ratternden Wagen. Hier und da zuckte ein rotes Fähnchen auf, ertönte ein schrilles Pfeifen, gab eine winkende Hand Ziel und Richtung dem rußigen Durcheinander. Der Früheilzug kam in herrlichem Tempo angeflogen, in Gold und Silber verschwand der letzte Wagen. Neben mir sagte jemand gutgelaunt und stolz über sein Wissen: »Dös is der Orient-Expreß, der halt erst in Sankt Pölten.« Neid fraß mich an und ohnmächtiger Zorn: diese glücklichen Reichen! Fahren dahin, schlafen vielleicht noch, und wenn sie aufwachen, sehen sie keinen Fabrikrauch mehr, keine schmutzigen Zinshäuser und keine armen, traurigen Leute. Wälder und Wiesen liegen vor ihnen, zeigen ihre Blüten und geben ihnen Duft und Gesundheit, und wenn der Zug hält, so können sie Zeitungen lesen und Kaffee trinken. Giftig spuckte ich vor mich hin und gewahrte dabei den warnenden Blick eines Wachmannes, der eben vorbeistolzierte. Der sah wohl schon den künftigen Anarchisten in mir? Verheißungsvoll lächelnd wandte ich dem Behelmten den Rücken und trabte meinem ersten Ziel zu. Ich trug wieder einmal seit Wochen den »Pappendeckel« (Arbeitsbuch) mit mir herum. Erst gestern abend hatte mir ein alter Kamerad verraten, daß eine große Kartonagenfabrik den Hausknecht Knall und Fall entlassen habe und Ersatz suche. Ich war nun auf dem Wege nach dieser Fabrik und voll der Ungeduld eines Spielers, der stets Pech hat, aber immer wieder glaubt, endlich einmal zu gewinnen. Die Brücke mündete in die Straße, wo sich die Kartonagenwerkstätte befinden sollte. Links und rechts stiegen riesige Fabrikgebäude auf, meist aus rotem Ziegel aufgeführt und mit riesigen Toren versehen, vor denen Heere von Arbeitern warteten. Als ich vorbeischritt, krachte schon eins der Tore auf, und über den Köpfen der Hineindrängenden trompetete siegreich das Nebelhorn. Nun beschleunigte ich meine Schritte. Wollte ich die Stelle haben, so mußte ich womöglich der erste sein, auf den der Blick des Menschen fiel, der über mein Schicksal zu entscheiden hatte. Ich rannte in der Eile einer Kräutlerin den Korb mit Grünwaren um, was diese mit einer Flut von Schimpfworten in wienerisch-böhmischer Mundart belohnte. War's ein gutes oder schlimmes Zeichen? Ich drehte mich um: das schimpfende Weiblein war eine junge hübsche Tschechin. Ich mußte also die Stelle erhalten! Grenzgasse Nummer sieben. Hier sollte ich mein Glück versuchen. Das Haus war ziemlich verwahrlost. Große Stellen nackter Ziegel bleckten hervor, wo noch der Mörtel hing, war er naß und klebrig. Die Fenster waren mit zerkratzten Blindscheiben versehn, manche davon auch durch Pappendeckel ersetzt. Über dem schmutzigen Eingangstor hing schief und locker ein langes, von Hitze und Regen zerrissenes Schild; einige Buchstaben waren kaum zu erkennen. Endlich hatte ich den Namen entziffert. Es war die Firma, die ich suchte: Y. \& Comp. Meine ganze Kraft anwendend, stieß ich das schwere Tor auf. In der Einfahrt engte mich ein Schachtelgebirge ein. Ich hörte mancherlei Lärm, auch menschliche Stimmen, konnte aber niemand erblicken. Es war, als ob es aus dem Innern der Schachteln redete. Da hatte ich den Stiegengang entdeckt, und nun erschien eine Angestellte der Kartonfabrik, eine Säule von Schachteln vor sich tragend. Ich wandte mich schüchtern an sie: »Bitt schön, wo ist denn das Kontor, ich möcht wegen dem Hausknechtposten fragen.« Hinter der Säule gellte eine Mädchenstimme: »Im ersten Stock, glei rechts d' erste Tür, 's pickt eh a Zettel drauf.« Die redende Säule verschwand wieder in der Toreinfahrt, ein anderes Mädchen nickte mir hinter ihrer Last freundlich zu und meinte: »Viel Glück und a schöns Wetter!« »Dank schön, schöne Fräuln«, gab ich schnell zurück und fühlte den Mut in mir wachsen; ich hätte es mit zehn Fabrikbesitzern aufgenommen. Ich hatte auf meinen Gängen durch Fabriken, Werkstätten und andere Orte viel Schmutz und Verwahrlosung gesehn, aber so arg wie hier war es noch nirgend gewesen. Das Stiegengelände zeigte riesige Sprünge, das abschließende Eisengitter hing zerbrochen in die Tiefe, und die Stufen der Treppe waren eine Ewigkeit nicht mehr gewaschen worden. Die Wände waren glänzend und fettig, unflätige Worte waren allenthalben zu lesen. Wie ein schleimiges, ekelerregendes Tier kam der Gestank von Leim, Kleister und Unrat auf mich zu. Ich kam mir wie ein Kanaltrotter vor. Übelkeit stieg mir aus meinem leeren Magen auf, und jeden Augenblick vermeinte ich, Ratten an mir emporkriechen zu fühlen. Na, Gute Nacht, dachte ich mir, wenn es schon hier so hübsch aussieht, wie wird es da erst in den Werkstätten sein! Vom Gang des ersten Stockwerks sah ich in mehrere Säle hinein, wo an langen Tischen die Arbeiterinnen saßen und Kartons klebten. Einige Heft- und Schneidemaschinen krächzten wie Raben in das schwirrende Geplauder der Mädchen. Im übrigen gab's nur Schachteln und wieder Schachteln. Riesige Hutkartons und Haufen winziger Apothekerschächtelchen. An der Milchscheibe einer geschlossenen Tür stand zu lesen: Büro der Kartonagenfabrik Y. \& Comp. Sprechstunden von neun bis zwölf und drei bis sechs. Zu dumm, nun war ich zwei Stunden zu früh gekommen, denn es war ja erst sieben Uhr vorbei! Aber hinter mir klärte mich eine Stimme auf: »Gengans nur nei, dös Zettl gült nix!« Ein graubärtiger Arbeiter war der Sprecher; aus dem großen Kleistertopf, den er in der Hand trug, duftete es liebreich zu mir empor. Kurze Zeit darauf stand ich vor einem riesigen Schreibtisch. Ich leierte meinen Spruch herab: »Bitt schön, brauchns kein Hausknecht? Hab Jahreszeugniss', bin fleißig und ehrlich und kenn mich auf der Post aus.« Mein Arbeitsbuch wurde begutachtet. Die längste Zeit schob es der Mann am Schreibtisch vor seinen kurzsichtigen Augen hin und her, um endlich zu bemerken: »Se warn schon amal a Nagler auf Kartons. No so kennens es ja probiern. Se missn halt liefern fahrn und die Gäng machen. Die erst Woch bekommen Se zwölf Kronen, und wenn's geht, zahln mer dann fünfzehn Kronen die Woch. Natürlich missen Se abends so lange dableibn wie der Chef. Kennen Sie gleich eintreten?« Auf meine frohe, bejahende Antwort machte er einen Schritt zum Fenster hin, riegelte es mühsam auf und schrie mit einer Purzelbaum schlagenden Stimme in den Hof hinab: »Linna, kommen Se sofort herauf, a neuer Hausknecht ist da!« und dann zu mir gewandt: »De Linna is unser Laufmädchen, se werd Ihnen sagen, was Se zu tun haben. Vor allem müssen Se sein ehrlich wie unser Zughund, der Tyras, und rein und ordentlich, denn Se sein in an anständigen Haus. Tuns mir auch nix a Liebschaft anfangen mit einer von de Arbeiterinnen, denn, wie gesagt, mer sein a anständige Firma.« Das Mädchen, dessen Bekanntschaft ich vorhin im Stiegenaufgang flüchtig gemacht hatte, störte durch ihr Eintreten die Anrede meines nunmehrigen Chefs. Sie warf mir einen freundlichen Blick zu und fragte nach den Wünschen des Herrn, nachdem sie sich mit der Schürze über das erhitzte Gesicht gefahren war. »Se solln dem neien Hausknecht zeigen, was er zu tun hat; er kann dann gleich mit 'm Tyras zum Lemberger liefern fahren«, versetzte mein neuer Herr, und zu mir gewendet meinte er: »Ich wer Se nicht Alfons nennen, das is zu nobel, so heißt ka Hausknecht in ganz Wien, mer wern Se Karl rufen! Also machen Se Ihr Sache gut, dann kennen Se bei uns bleiben, bis Se grau sind.« Das dürftige Männchen versank wieder in dem Durcheinander des Schreibtisches, während ich mit Lina das Büro verließ. Zuerst zeigte mir diese die Kleisterküche. »Hier müssens alle Tag auf die Nacht fünf Kilo Stärk und drei Kilo Dextrin kochen, 'n Leim siadn si die Pickerinnen selba. Gelns«, lachte sie, als ich die Nase vor dem greulichen Gestank zuhielt, »wiar in an Parfümeriegschäft riacht's do net!« Aus einem der Säle nahmen wir jedes einen Stoß Schachteln mit und balancierten mit diesen die Stiege hinunter. Im Hofe, der von den Rückseiten der Häuser eingesäumt war, stellte mir Lina den Tyras vor. Er war ein rechtes Gemisch von allen möglichen Rassen, so recht mager in den Flanken, der Kopf war so groß wie der eines Kalbes. Das eine Auge schielte weiß Gott wohin, dafür blickte mich das andere um so treuherziger an. Als ich ihn ein wenig am Kopfe kraute, war er ganz begeistert und wedelte dankbar mit dem Schwanzstummel. Der Wagen war ein ganzes Ungetüm, beinahe wie ein kleiner Möbelwagen, die Seiten waren mit grauer Leinwand bespannt, die an der Decke mit Eisenstäben verbunden war. Ein leichtes Gruseln überfiel mich, als ich mir vorstellte, daß ich mit diesem Vehikel durch die verkehrsreichsten Straßen Wiens fahren sollte. Auf dem Granitstöckelpflaster des Hofes standen schon eine Reihe weißer Kartons, auf denen in vornehmster Aufmachung »Made in Austria« zu lesen war. »Die ghörn in die Miederfabrik Lemberger in der Schmalzhofgassn und müassn no vur zwölfe gliefert wern; tragn ma no die letzn aba und raman mas eina, kummans, Karl!« Wir schleppten nun noch eine Menge Schachteln herunter, gleichzeitig machte mich Lina auch mit einer oder der anderen der Arbeiterinnen und Arbeiter bekannt. Letztere waren Nagler der Postkartongestelle und Zuschneider, die ihre Nase etwas hoch trugen, weil sie die höchstbezahlten waren. Der blonden Lina aber kamen alle freundlich entgegen, nahmen aus ihren Augen Lachen und Aufmunterung zu harmlosen Witzen. Der Handwagen mußte außerhalb des Hauses gepackt werden, da er sonst nicht durch die niedere Toreinfahrt gekommen wäre. Über tausend große Schachteln schichtete ich in sein Inneres, die übrigen türmte ich auf dem Dach auf. Nun holte ich mir den Tyras, der sich geduldig in die Deichsel spannen ließ. Auch dabei half mir die alles wissende Lina, sie brachte Ordnung in das Durcheinander des schmierigen Halfterzeuges, hing die Wasserschüssel des Hundes an die Querachse und gab mir manch guten Ratschlag. Hätte ich mir nur den einen oder anderen gemerkt und befolgt! Aber alle Worte des hilfsbereiten Mädchens versanken in mir wie die Steine im Wasser, denn mich beschäftigte die Angst vor meinem Debüt als Hundekutscher, der selbst anziehen und mitlaufen mußte. Alles war zur Abfahrt bereit. Der Hund zog ungeduldig an den Strängen, ich holte den Lieferschein und legte fatalistisch das »Scheibband« um die Brust. Die Sonne stach unerbittlich auf die Straßen herunter. Hitze sickerte aus Holz, Fenster, Stein und Eisen; die abfallende Granitfläche der Fahrbahn schoß wie ein glattes Eisfeld in die Hauptstraße des Bezirks, von der die roten Trambahnwagen beim Vorübersausen wie riesige Pfingstrosen heraufleuchteten. Gegen meine Brust stemmte sich die halbe Stadt. Der Wagen hinter mir schien ein rollendes Riesenquadrat, dessen obere Fläche den Himmel streifte. Immer rasender stieß er mich die abschießende Straße hinab. Feuer sprühte vor meinen Augen auf, drang mir ins Gehirn und zerriß mir die klare Überlegung. Vergebens versuchte ich, mich gegen die Vorderwand des Wagens zu stemmen und den wilden Lauf zu hemmen. Seine treibende Schwerkraft spottete der ohnmächtigen Anstrengung meiner Muskeln. Dazu zog Tyras keuchend und nach Kräften in den Riemen und war weder durch meine Zurufe noch durch Schläge, die ich in der höchsten Angst gegen seinen Kopf führte, von seinem Eiltrab abzubringen. Ein Mann, der sich uns entgegenstellte und den Wagen aufhalten wollte, wurde zur Seite geschleudert. An schreienden, mit den Händen herumfuchtelnden Leuten, an träge dahinschleichenden Lastfuhrwerken, kreischenden Kindern und bellenden Hunden sauste ich mit meinem irrsinnig gewordenen Hundefuhrwerk vorbei. Ein Weib, das die Gasse eben überquerte, verlor bei der Flucht vor uns ihren Sonnenschirm; unter Füßen und Rädern krachte er zusammen. Durch einen Wirbel von Schimpfworten und Gelächter ging es weiter. Was vorauszusehen war, wurde blitzschnell zum Ereignis. In unaufhaltsamem Wurf schleuderte mich der Wagen in die Hauptstraße gegen die elektrische Straßenbahn. Mitten in dem Geprassel und Krachen hatte ich das Gefühl, eine Fliege zu sein, die von einer riesigen Hand an eine Wand gedrückt wird. Die Deichsel riß mich und den Hund, dessen Riemenzeug alt und morsch wie ein Bindfaden, in die Höhe, um uns dann auf die Seite zu stoßen. Sie selbst brach mitten auseinander. Das war in einer Sekunde geschehen. Ein rotnasiger Mann mit einer weißen Schürze half mir aus meinem Schachtelhaufen heraus. Dicht um mich stand eine Menschenmauer. Neugierige, mitfühlende, aber auch boshafte und ausdruckslose Augen waren auf mich gerichtet. Und hundert Fragen, Ratschläge, Ermahnungen schwirrten auf mich ein: »Wia is Ihnan denn dös Malör geschehn?« »Na so was, da hättns Ihnan aber schön auszahln können.« »Hams Ihnan recht weh tan?« »Trinkens schnöl a Glasl Wei, sö san ja kasweis in Gsichtl!« »Meiner Söl, heutzutag haben's dö Viecher bald bessa wia d' Menschen! A so an Möblwagen soll a Mensch dazahn!« »Ihnan Herrn sollt man zehn Tag einspirren, den Leutschinder!« Ein Wachtmann hieß gravitätisch die Menge schweigen, zog ein dickes Notizbuch hervor und notierte sich umständlich meine Personalien und die Adresse meines Brotgebers. »Vergessens die Halsweite nöt, Herr Gschaftlhuber«, erhielt er aus dem Menschenknäuel zugerufen. Außer Hautabschürfungen geringfügiger Art verursachte mir nur eine Verletzung am rechten Ellbogen arge Schmerzen. Doch ich achtete jetzt der Schmerzen nicht, war ich doch voll Sorge über das Schicksal meines Wagens und dessen Ladung. Glücklicherweise fand ich ihn aber fast unbeschädigt vor; nur die Deichsel war zerbrochen und eine Planwand zerrissen. Freilich von der Ladung, die sich auf dem Dache befunden hatte, waren zehn bis zwölf Schachteln beschädigt worden. Da ich ohne Lenkstange nicht weiterfahren konnte, räumte ich die Schachteln wieder auf den Wagen hinauf, schob den Wagen mit viel Mühe in eine stille Seitengasse und begab mich klopfenden Herzens in die Fabrik zurück, um mein Unglück zu melden. An meiner Seite trabte in größter Seelenruhe Tyras. Auf der Stiege begegnete ich Lina, der ich mein Mißgeschick erzählte. »Dös kann an jedn geschehn mit dera Bablatschn. Gehns nur auffi zun Herrn, er wird Ihnan net fressen«, tröstete sie mich. Mein Chef hörte den Bericht wirklich gelassen an; er strich sich jedes Haar seines Ziegenbartes und notierte einige Zahlen. Als ich zu Ende war, meckerte er vorwurfsvoll: »Se haben doch e Zeugnis als Nagler in einer Kartonagenfabrik. Als solcher müßten Sie doch mit an Handwagen und an Hund fahren kennen! Wir kennten Sie gleich wieder entlassen, aber mer wolln ä Aug zudricken, weil Se sonst ka übler Mensch sein. Für de zerbrochene Deichsel wer ma Ihnen fünf Kronen de Woch abziehn. Sein Se einverstanden? De kaputten Kartons müssen Se uns auch ersetzen.« De- und wehmütig nahm ich den Vorschlag an, da ich doch nicht wieder auf der Straße stehen wollte. Freilich, den Hosengurt hieß es bei den Abzügen beinahe ebenso fest um den Leib schnüren, wie wenn ich arbeitslos gewesen wäre. Mit einem kleineren Reservewagen karrte ich von der Unglücksstätte die Kartons in die Schmalzhofgasse, wo ich von dem Herrn zehn Heller Trinkgeld erhielt; in einer nahen Volksküche erstand ich dafür eine Schale Reis. Der Wagnermeister, der die Reparatur des zerbrochenen Wagens übernahm, erklärte mir, daß die Reparatur fünfzehn Kronen betragen werde. Dazu kamen noch mindestens, fünf Kronen für die Schachteln. So hatte ich den übrigen Tag nicht mehr viel Freude an der Arbeit, vergaß über dem Grübeln sogar die Schmerzen am Ellbogen. Erst spät am Abend, als ich daran gehen wollte, den kleinen Wagen einer Reinigung zu unterziehen, bemerkte ich beim Aufkrempeln der Hemdärmel, daß mein rechter Unterarm ganz beträchtlich geschwollen war und wie Feuer brannte. Auch Lina, die in meiner Nähe Stärke zerstampfte, bemerkte es: »Jessas, Marand, Joseph«, schrie sie entsetzt, »wia schaun denn Sö aus; und do sagns net amal was, Sö leichtsinniger Kampl! So kennan ja brandig wern!« Sie lief eiligst davon und kam nach einer Weile atemlos mit einem Fläschchen und reiner Leinwand zurück. »Guat is«, sagte sie glücklich, »daß d' Apothekn glei ums Eck is. Da hab i a essigsaure Tonerdn kauft. Dö wird Ihna bis murgn die Geschwulst nehma. Aber Sie müssn fleißig Umschlag machen! Dös Wagelwaschen lassens jetzt steh, jetztn kann der Dreck a no a paar Tag draufpicken. Gehns glei ham, den Kleister kann i für murgn kochn.« Mit flinken Händen machte sie mir einen kühlenden Verband um den Arm, während mir Tyras teilnahmsvoll, zärtlich die Finger schleckte. In der darauffolgenden Nacht träumte ich in meinem harten Mietbett einen der schönsten Träume meines Lebens. Ich war in einem tiefen Walde als ein von Räubern halbtot geschlagener armer Handwerksbursche von einer wunderschönen Prinzessin aufgefunden und von Jägern auf ihren Befehl in ihr Schloß gebracht worden, wo ich nun königlich in seidenen Kissen lag und von weichen Prinzessinnenhänden auf das liebreichste gepflegt wurde und so weiter, wie es eben schon in einem solchen Märchentraum zuzugehen pflegt. Und daß meine süße Traumprinzessin die Gesichtszüge und Gestalt meiner kleinen Samariterin in der Schachtelfabrik hatte, brauche ich wohl auch nicht besonders zu erwähnen. Am nächsten Morgen kaufte ich für meinen vierfüßigen Leidensgefährten Tyras eine Pferdewurst um vier Heller. Sodann schlich ich mich, in Erinnerung meines ehemaligen Trapper- und Indianerdaseins, vorsichtig und immer zur kühnsten und schnellsten Flucht bereit, in einen öffentlichen Park und raubte weißen und blauen Flieder zu einem mächtigen Strauß zusammen. Der Gott der Diebe, vielleicht auch ein bißchen der Gott der ... Liebe beschützten mich. Heil kam ich mit meiner Beute in die Werkstätte. Lina lachte festlich, als ich ihr, rot wie ein Hahnenkamm und mit stotternden Worten, den Flieder überreichte, und der Glanz ihrer Augen machte im Verein mit dem süßen Duft der Blüten das dunkle, stinkende Stiegenhaus, in dem sich diese Szene abspielte, zu einem schön geschmückten, sonnigen Saal. Elftes Kapitel Die Nachfolge In diesen Tagen des Hasses und Zusammenbruchs aller Lehren der Nächstenliebe will ich erzählen von der Zeit meiner Rückkehr zu den Geboten der Bergpredigt. Ich bewohnte mit meinem Freund Ludwig eine enge und lichtarme Kammer in einem ziemlich reingehaltenen Hause auf dem Flohberg, einem Häuserblock in Hernals, der wegen seiner Dirnen und Zuhälter sowie seiner täglichen Messerstechereien in Wien berüchtigt war. Die Zuhälter hatten meist schon das Zuchthaus hinter sich oder trugen die Anweisung auf die Strafanstalten Stein und Göllersdorf bei sich. Lustige, verwegene, dabei aber feige Burschen waren sie alle. Sie fürchteten sich nicht vor dem »Antüpfen« mit dem »Vexierer«, scheuten nicht die Aussicht auf eine Sommerwohnung hinter Schloß und Riegel, wohl aber eine Tracht Hiebe oder gar, wenn sie nicht Wiener waren, den »Weisel«, den Schub in die Heimat. Ihre Mädchen waren nur zum geringsten Teil behördlich als Prostituierte angemeldet und ein ewiges Treibwild für die Sittenpolizei. Ludwig war zu dieser Zeit als Kutscher bei einem Knochen- und Hadernhändler angestellt und hatte als solcher bis in die Nacht hinein die Säcke, die mit stinkenden Knochen und Lumpen angefüllt waren, auf- und abzuladen. Ich aber war für den Wochenlohn von vierzehn Kronen als Walzenwascher, Wagenhund und Einkassierer von sieben Uhr früh bis acht Uhr abends in einer Buchdruckerei beschäftigt und den Launen eines Geschäftsführers ausgeliefert, der mich bis aufs Blut peinigte. Trotz meiner langen Arbeitszeit war ich doch noch früher zu Hause als Ludwig, der meistens erst gegen zehn Uhr abends mit seiner Stallarbeit fertig wurde und dann oft mit blutig gescheuertem Rücken, schwer wie einer seiner Knochensäcke ins Bett fiel; dieses war ein auf der Erde liegender Strohsack, während ich als Wohnungs- und Möbeleigentümer,in einer wirklichen Bettstatt schlafen durfte. So räumte ich in der Zeit meines Alleinseins die kleine Kammer auf, wusch zweimal die Woche den Fußboden und setzte mich dann im Sommer auf das Brett des Gangfensters; im Winter an den Weichholztisch, wo ich im Schein einer Unschlittkerze ein Buch las und so den Freund erwartete. Kam er dann, so schmausten wir unser dürftiges Abendbrot, erzählten uns unsere Leiden und Freuden und lasen dann noch zusammen irgendein Buch; meistens war ich der Vorleser, da Ludwig, wie schon erwähnt, vor Müdigkeit kaum mehr sitzen konnte. So wurde es jeden Abend halb zwölf, zwölf Uhr, ehe wir die Kerze verlöschten und den Schlaf suchten. Selten geschah es, daß wir den Abend außer Haus oder getrennt verbrachten, und selbst sonntags hielt ich es nicht lange in anderer Gesellschaft aus. Vor wenigen Wochen noch war es anders gewesen. Da hatten wir nach der Art anderer junger Arbeiter, so weit uns nicht der Geldmangel davon abhielt, samstagabends Gasthäuser besucht, sonntags die geliebten Stamm»tschecherln« aufgesucht und den freien Tag mit dem Besuch einer Tanzschule beendet. An den Wochenabenden aber hatten wir die Vorstadtparks durchwandert und waren auch hier und da den Mädchen nachgelaufen. Seit kurzem nun waren wir zum Erstaunen und Spott unserer Kameraden richtige Jesuleute geworden, lasen die Bibel, sahen in der lebendigen Nachfolge der Evangelien das einzige Heil und beglückten uns durch das Gefühl irdischer Erniedrigung, murrten nicht mehr über unsere Herren, spürten im Knechtsein heimliches Königtum, verbannten die Zoten aus unseren Mündern, zwangen den Zorn nieder, betrachteten jede Frau als höheres Wesen und gaben unserer eigenen Schlechtigkeit die Schuld an fremden Sünden. Dabei mieden wir aber wie früher die Kirchen, nicht mehr aus gottesleugnerischem, alles Pfaffentum hassendem Gefühl, sondern im starken, naiven Bewußtsein des über allen Konfessionen stehenden Gottglaubens einer freireligiösen Menschengemeinschaft. Wie die Urchristen wollten wir leben, demütig, gütig, voll werktätiger Liebe zu allen Wesen, und in freudiger Ruhe an dem goldenen Zukunftsreich der Menschen ganz bescheiden mitbauend. Viel hatte zu dieser Umwandlung die kurze Bekanntschaft des sonderbaren Heiligen, des Kalligraphen, beigetragen, die ich während der Zeit meiner Obdachlosigkeit gemacht hatte: die wunderbare Ergebenheit in das furchtbarste Schicksal und die Zufriedenheit, um nicht zu sagen die Glückseligkeit dieses Menschen hatten einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Am meisten aber hatte die Lektüre der Bücher Tolstois auf uns gewirkt. Bei meiner Suche nach billigem Lesestoff für Ludwig und mich hatte ich einige zerlesene Exemplare in einem Makulaturgeschäft das Kilo zu vierzig Heller erstanden. Es waren zumeist die religiös-ethischen Werke des russischen Neuevangelisten, aber auch »Die Kreutzer-Sonate« und »Auferstehung« befanden sich darunter. Zuerst wollte ich die alten Bücher wegen ihres anscheinend langweiligen Inhalts nicht kaufen, und nur der geringe Preis veranlaßte mich, sie heimzuschleppen. Lange lagen sie unbenutzt im Winkel, und es zwangen uns erst einige unbezahlte Feiertage zur Lektüre. Verdrießlich und über unsere leeren Taschen schimpfend, voll Sehnsucht nach den grünen Spieltischen unseres kleinen Kaffeehauses, nach den lustigen Freunden und Freundinnen in der Tanzschule begannen wir, auf dem Gangfenster sitzend, unsere Lektüre. Je länger wir aber lasen, desto seltener irrten unsere Gedanken nach dem ersehnten Paradies; wir versanken allmählich in eine reinere, schönere Welt, um schließlich in einer Art Verzückung Wort für Wort und Seite für Seite in uns aufzunehmen, Mönchen gleich, die die Worte ihres Stifters lesen. Ludwig brach von Zeit zu Zeit in Rufe der Bewunderung oder Empörung aus: »Herrgott, san mir a Gsindl! Recht hat er! Mir san d' Sunn net wert, die uns anscheint! Des is mei Mann, der redt am ins Gwissen! Alle mitanand soll da Teifl holn. So is, ja so is! Ana dadruckt in andan, weil mir alle neidige Luadan sein!« Wir ließen uns am Abend kaum Zeit, die vier Pferdeknackwürste zu verzehren. Beim huschenden Schein einer Kerze lasen wir bis in die Nacht hinein. Das ging so eine Woche lang fort, bis wir alle Bücher von Tolstoi, die in unserem Besitz waren, ausgelesen hatten. Am nächsten Samstag kauften wir uns alles, was sonst noch von diesem Schriftsteller in Reclams Universal -Bibliothek erschienen war, dazu eine billige Ausgabe der Bibel. Freilich hieß es dafür Kaffee- und Gasthaus meiden, mit kalter Pferdewurst und Brot ohne Bier vorliebnehmen; und sonntags gab es in der Auskocherei keinen Rostbraten mit Häuptelsalat, sondern nur Würstel in Saft und Kartoffeln. Unsere Kollegen fragten uns deshalb mitleidig, ob wir vielleicht das Arbeitsbuch bekommen hätten, und verwunderten sich nicht wenig über unser ungewohntes Betragen. Strichen wir doch von nun an nicht mehr abends mit ihnen durch die Gassen, und wenn es doch ein oder das andere Mal geschah, so bewahrten wir den Mädchen gegenüber die größte Zurückhaltung und hüteten uns, in die erotischen Lieder einzustimmen, die die Burschen sangen. Als wir aber eines Abends einen verhungerten und zerfetzten »Hanseltipper« zu einem Nachtmahl einluden und Ludwig ihn mit seinen starken Fäusten vor den Spottreden der andern schützte, hielten sie uns für ganz verrückt und begannen uns allein zu lassen, was uns wiederum recht war. Von nun an kontrollierten wir streng unser tägliches Leben, erforschten wir unser Gewissen nach einem Fluch oder Schimpfwort, nach bösen aufrührerischen Gedanken, nach einer unwilligen Bewegung beim Anblick eines Bettlers. Dies geschah meistens abends, wenn wir schon im Bett lagen und das Licht ausgelöscht hatten; jeder war sein eigener Beichtvater und gab sich selbst harte Bußen auf, die meistens in der uns arg treffenden Form einer Geldgabe an noch Ärmere bestanden. Frühmorgens beim Abschied und abends beim Wiedersehen küßten wir uns und nannten uns Bruder. Unser ganzes Sehnen ging danach, dem Nächsten werktätige Hilfe leisten zu können, wir träumten von Katastrophen, die von uns die größte Aufopferung verlangen würden, und dichteten uns die fürchterlichsten Geschehnisse, bei denen wir als Retter auftraten, um dann demütig zu verschwinden. Diese überschwengliche Hingabe an das Gebot der Nächstenliebe gab allem, was wir dachten und taten, Richtung und Ziel. Hätten wir uns in der Einsamkeit industrieferner Natur, in der gedanklichen Unberührtheit eines früheren Jahrhunderts diesem Lebensinhalt hingeben dürfen, so wären wir vielleicht als glückliche Heilige gestorben. So aber riß es uns nach einigen Monaten dieses reinen, frohen Erlebens arbeitsschwerer Tage wieder in den lauten Irrsinn des früheren Lebens zurück und ließ in uns nur den Schein eines versunkenen Glücks zurück. Es fehlte uns eben doch der Mut des Bekennens und die Ausdauer gegen den ewigen Ansturm der Umgebung, die alle Bosheit, jedes Unverständnis, die tausend armseligen Ereignisse des Arbeiterdaseins gegen uns warf und uns zum Weichen brachte. In den ersten Tagen unseres Rückfalls glaubten wir noch fest an unsere Berufung und kämpften zäh und freudig gegen die Versuchungen, die wir oft niederzwangen, oft aber auch zu unserer tiefsten Beschämung siegen ließen. So geschah es an einem Samstag, daß wir der Einladung eines Kameraden, mit ihm ein Tanzlokal zu besuchen, nicht widerstanden. Wir zogen vorher in ein Volksbierhaus und betäubten unser mahnendes Gewissen dort mit einigen Krügeln Abzugbiers. An der Kasse des Tanzhauses, eines großen Holzriegelbaues, nahm uns eine kleine fette Frau die Eintrittskarten ab, der Ordner schob uns wie Puppen in das Innere, wo uns Musik entgegentönte, Staub, Schweiß und Speisengeruch an den Wänden klebte. »Ise scho vull heut, wird wieder große Hetz! Ise gestern Erste gwesn, wo Dienstmadln Geld kriegt ham und heut tanzowat komman!« Grinsend leckte er sich die schwammigen Lefzen und wandte sich ungelenk wie ein schlechtdressierter Tanzbär den Neuangekommenen zu. Wir setzten uns in der glasgedeckten Vorhalle, die durch eine Balustrade aus Holzklötzen von dem tiefer liegenden Saale getrennt war, an einen halbleeren Tisch. Der Ordner hatte nicht gelogen, es waren wirklich schon viele Tanzlustige hier. Eben war Pause, und um den Tisch drängten sich die schwitzenden, in den Gesichtern krebsroten Menschen; zumeist Arbeiter, dienstfreie Kellner, Soldaten, Dienstmädchen in ihrem Sonntagsstaat, der sie von den andern Mädchen im Saal meistens unterschied. Eingezwängt in billige, schlechtsitzende Modekleider hatten diese trotz der Hitze ihre großen, mit grellen Bändern und Blumen geschmückten Hüte auf den gebrannten Haaren sitzen. Die von der groben Arbeit aufgequollenen roten Hände waren in billige weiße Handschuhe gezwängt, die Taschentücher von schlechtem Parfüm durchtränkt, wenn da und dort nicht der »Gnädigen« Riechfläschchen dran glauben mußte. Wie angeleimt saßen sie mit ihren Liebhabern, die meistenteils Soldaten waren, an den Tischen und hatten ein glückliches, dummes Lächeln im Gesicht, wenn sie nicht unten auf dem gewichsten Tanzboden mit ihrer schwerfälligen, dampfenden Sinnlichkeit dahinwalzten. Die Mehrzahl von ihnen sprach Böhmisch oder zerhackte den Wiener Dialekt auf die schrecklichste Art. Die andern Mädchen, leichtlebige junge Fabrikarbeiterinnen, flott und einfach angezogen, fünf Vorstadtdirnen, die sich um eine Krone, ja auch um weniger, für eine Weile entführen ließen. Behängt mit der schäbigen, verwahrlosten Eleganz eines vor Jahr und Tag verlassenen Bordells, waren sie im Gegensatz zu den steifen, ehrbaren Dienstmädchen von einer springenden Lebendigkeit erfüllt. Auch die Fabrikarbeiterinnen warfen mit ihrer jungen Lustigkeit nur so über die Tische, als könnten sie nicht genug lachen, singen, mit Händen und Füßen zappeln, sich den Walzer und Polkas in die Arme werfen, um die sechs grauen Wochentage voll Fabrikdunst und Stubenluft zu vergessen. Ein schmieriger Kellner stellte jedem von uns ein Glas Bier hin, für das wir dreimal soviel zahlen mußten wie in den gewöhnlichen Schenken. Dafür tranken die Gäste hier auch meistens nur ein oder zwei Gläser und hielten es ebenso mit dem Essen. Man nahm dieses lieber vorher in einer der vielen billigen Stehbierhallen zu sich und aß dann im Tanzlokal höchstens ein Stück Käse zum Bier. Selbst der »Salamutschi«, der wandernde Käse- und Wursthändler, war diesem Publikum zu teuer. Eine Ausnahme machten die Köchinnen und Stubenmädchen. Sie brauchten viel Liebe und wußten, daß diese durch den Magen ging. Auch wollten sie den andern Mädchen, die sich über sie lustig machten und an die ihre Verehrer viele heimliche, sehnsüchtige Blicke verloren, imponieren. So traktierten sie die Männer an ihrer Seite mit Bier, Wein und den Herrlichkeiten der Speisenkarte. Sie selbst begnügten sich mit einem Gulasch, in dessen Saft sie die mitgebrachten Semmeln hineintunkten. Daheim erwartete sie ein Aufgespartes vom Mittagstisch. Ihre Liebhaber nutzten die Freigebigkeit der armen Dinger gehörig aus, tranken ein Glas Bier nach dem andern und erteilten zwischendurch ihre derben Zärtlichkeiten. Jeder Tanz trug etwas Eßbares ein, und wenn eine ja zu zaudern anfing, mit aufgeschrecktem Besinnen ihr hart verdientes Geld schwinden sah, so brauchte ihr Verehrer nur ein wenig abzurücken und auf die frechen, fröhlichen Fabriklerinnen begehrliche Blicke zu werfen, gleich war die Bedachtsamkeit der böhmischen Dienstmagd verschwunden, und der Kellner bekam eiligst Aufträge. Sie baten nie. Immer verlangten sie in einem vornehm sein wollenden, hochmütigen Ton die Dienste der Kellner. Vier Wochen lang der Fußboden für die Herrschaft; wollten sie wenigstens ein paar Stunden auch Stiefel sein und treten. Die frechen Frackträger rächten sich dafür, indem sie ihnen bei jeder Speise einige Heller mehr rechneten. Jetzt begann wieder die Musik zu spielen, acht Mann hoch mit weiß-blauen Marinekappen. Unter der Woche bliesen sie in silberbetreßten Schwarzröcken Verstorbene auf den Friedhof hinaus. Einige von ihnen waren nebenbei Amts- und Postdiener. Königlichen Blickes thronten sie auf dem mit Tannenreisig umwundenen Podium wie Götter über den staubigen Wolken. Ihre blankgeputzten Instrumente blinkten sonnig über der schiebenden Menge. Eine Quadrille wurde angesagt. Der Tanzmeister, Schnurrbart und Haupthaar kunstvoll gekräuselt, in weißer Weste und einem zu engen Frack, tänzelte krähend durch die Reihen der Teilnehmenden. Dann hörte man eine halbe Stunde nichts als die sich immer wiederholende Strophe der Quadrille, das Schleifen Hunderter Füße auf dem Boden, das hohe Krähen des kommandierenden Tanzmeisters und ein fortwährendes Kreischen, Lachen, Prusten, Gurren der Tanzenden. Ich tanzte zur Not Walzer, war aber während der Quadrille am Tisch geblieben. Hie und da, wie verloren warteten traurig noch einige Mädchen auf den Partner, der nicht kam. Und beim Ausgang paffte ein Wachmann hinter einem weißgedeckten Tisch eine dicke Zigarre; um seine Würde zu sichern, hatte man ein Täfelchen an das Salzfaß gelehnt mit der Inschrift: »Inspektion«. Jeden Samstag und Sonntag hatte der »eiserne Gustl« hier Dienst, und man wurde nicht müde, interessante Geschichten über ihn zu erzählen. So hieß es, er trüge unter dem Waffenrock ein engmaschiges Stahlnetzhemd zum Schutz gegen die ihm liebevoll zugedachten Messerstiche. Tatsache war, daß er noch aus keiner Rauferei mit Zuhältern, Verbrechern und betrunkenen Soldaten eine Stichwunde davongetragen hatte. Eingeschlagene Helme, zerrissene Uniformen und hier und da gelbgrüne Stirnbeulen konnte er dagegen genug vorweisen. Ohne kleinere oder größere Schlachten ging es ja an keinem der Tanzabende ab. Der Alkohol, der Geruch der Weiber, die Nacht machte die Menschen hier gegen Mitternacht halb toll. Die Frauen fingen an zu weinen, die Männer stachen mit ihren Messern herum und schlugen mit Gläsern und Stühlen drauf los. Da gehörte eine kräftige kühne Faust dazu, um Ordnung zu schaffen. Und die hatte der »eiserne Gustl« trotz seiner anscheinenden Fettleibigkeit und Gemächlichkeit. Auch jetzt blinzelte er gutmütig und zufrieden zwischen den dicken Backen hervor und schmatzte an Bier und der Zigarre; seine Augen ruhten auf dem Menschendurcheinander, als wären sie, wenn auch offen, vom Schlafe verhängt. Dennoch konnte man sicher sein, daß er dies nur vortäuschte und scharf in der Menge nach denjenigen suchte, von denen er ein paar Stunden später Schlimmes erwartete. Manchmal zog er seinen Dienstkalender heraus und machte einen Blick hinein, verglich wohl den Steckbrief und das Bild eines gesuchten Verbrechers mit einem der Tanzenden. Dann tauchte er seinen buschigen Schnurrbart wieder in das schaumige Bier und sah mich blöde an. Als die Quadrille zu Ende war, strömte alles dampfend an die Tische zurück, mein Freund mit einem Mädchen, die ich mit Vickerl, unserem Verführer, tanzen gesehn. Ich blickte ihn fragend an, und er raunte mir zu: »A Frischgfangte und a rechts Hascherl!« Schüchtern begrüßte sie mich, setzte sich auf eine Kante des Stuhls, so als wollte sie gleich wieder forteilen, nippte kaum von dem frischen Bier, das der Kellner soeben gebracht hatte, und gab auf unsere halb lustigen, halb frivolen Fragen nur ganz leise und furchtsam Antwort. Ein Dienstmädchen war sie nicht, dazu war sie zu unaufdringlich und geschmackvoll gekleidet, auch die feinen wohlgepflegten Hände konnten weder einer Köchin noch einem Stubenmädchen gehören. War sie Fabrikarbeiterin? Ich hatte doch sonst eine feine Nase für die Gerüche aller möglichen Werkstätten, roch sie selbst aus Sonntagskleidern, aber hier sog ich umsonst die Luft ein, die das Fräulein Mizzi umgab; diese Hände konnten weder von schmierigem Öl besudelt noch durch ätzende Säuren verbrannt werden, dieses Gesicht mit der dichten Braunhaarumrahmung schien sich nicht an Werktagen über Metall zu beugen, das poliert werden mußte, auch nicht über eine der Millionen Maschinen, die alle einen persönlichen Atem hatten wie die Menschen und Tiere. Gehörte sie zu den armen Geschöpfen, die der öffentlichen oder geheimen Prostitution ergeben waren und die sich hier nicht selten mit ihren Zuhältern herumtrieben? Aber dazu fehlte ihr wieder alles; weder in ihrem Gesicht noch an ihrer Kleidung trug sie eine Spur des armseligen Daseins dieser Unglücklichen. Am ehesten glich sie noch der wohlbehüteten, sittsamen Tochter eines Kleinbürgers der Vorstadt. Mit diesem vollen, klaren Gesichtchen, der noch zarten, aber zur Üppigkeit neigenden Gestalt konnte ich sie mir ganz gut als Töchterlein eines Bäckermeisters in Hernals denken, das mit zierlicher Anmut die Kunden bedient, oder auch als Hausherrntochter, die auf einem Bürgerball den Wirts-, Kaufmanns- und Fleischhauersöhnen den Kopf verdreht. Wie aber kam sie dann hierher in dieses berüchtigte Tanzlokal, wo sich die Tugend nach zehn Uhr abends meistens verabschiedete? Ludwig störte mich in meinen Vermutungen über die Herkunft des Mädchens. »Du, jetzt kummt a Walzer vom Lehar, dös war was für die, geh, spann di ein! Da Vickerl is scho mit aner Trum Böhmin azogn.« So reichte ich unserer neuen Bekanntschaft, um die sich auch sonst niemand kümmern wollte, den Arm und führte sie in den Tanzraum. Im nächsten Moment drehten wir uns in der wirbelnden Freude der Jugend an Rhythmus und Musik. Mizzi tanzte leicht, und wir schwebten wie auf den goldenen Strahlen, die die Instrumente auf den spiegelglatten Boden warfen, dahin. Als der Walzer zu Ende war, gingen wir eine Weile zusammen langsam auf und ab. Das Mädchen mußte wohl Zutrauen zu mir gefaßt haben und fühlte wohl auch das reine Interesse, das ich ihr ohne jeden Hintergedanken entgegenbrachte, denn sie fing auf einmal ohne Aufforderung an, von dem Schicksal zu erzählen, das sie schließlich in dieses verrufene Gasthaus geführt hatte. Sie sei fünfzehn Jahre alt, die Tochter eines Hutmachers, der auf der Wieden ein Geschäft im eigenen Hause hätte, die Mutter wäre vor Jahren gestorben. Seit ihrem Tode ging es im Hause drunter und drüber. Der Vater kümmerte sich wenig um die beiden Kinder – es war noch eine jüngere Schwester da –, war tagsüber immer seltener in der Werkstätte und des Nachts oft außer Hause, gab sich immer mehr dem Wein und den Weibern hin. Im Rausch aber überfiel er einmal des Nachts seine Tochter, um von ihr die Dienste einer Dirne zu verlangen. Sie entfloh, war tagelang obdachlos, weil sie weder Verwandte hatte noch aus Scham und Furcht vor Bestrafung des Vaters sich irgend jemandem anvertrauen wollte; sie hungerte sich am Tage durch die Straßen und fiel endlich vor einer Woche in die Hände einer alten Prostituierten, in deren Kammer sich ihr Schicksal erfüllte – und wo sie sich, von der Alten betrunken gemacht, irgendeinem Unbekannten hingab. Eine Woche lang war sie nun von der verbrecherischen Hexe auf den Strich geführt worden. Heute war es ihr gelungen zu entwischen. Einer ihrer Verehrer aus den letzten Tagen hatte sie aber auf der Straße getroffen und dazu überredet, mit ihm das Tanzlokal aufzusuchen. Hier aber hatte er sie im Stich gelassen, und sie war froh, uns kennengelernt zu haben. Seltsam berührte mich ihre scheinbare Gleichgültigkeit gegen ihr jetziges Vagabundenleben, ja, es schien mir, als sähe sie darin ein Schicksal, gegen das zu kämpfen vermessen wäre. Ihrer Schilderung, die sie in leisem Ton vortrug, war zu entnehmen, daß sie der Kupplerin nicht aus Ekel vor deren schändlichem Tun, sondern nur wegen des Schmutzes und der schmalen Kost, die es bei ihr gab, entflohen war. Mir tat dies angesichts der großen Jugend und sonstigen angenehmen Eigenschaften des Mädchens furchtbar leid, und ich fing an, mir den Kopf zu zergrübeln, wie ihr zu helfen wäre, damit sie aus dem Sumpf wieder herauskäme. An den Tisch zurückgekehrt, erzählte ich Ludwig leise das eben Gehörte und erreichte damit, daß er bald ebenso voll Teilnahme war wie ich. Einstweilen unterhielt sich Mizzi einsilbig mit Vickerl, der mit einem Schock schlüpfriger Witze und Redensarten versuchte, auf seine Zuhörerin Eindruck zu machen. Er war der richtige Wiener Arbeiter, intelligent, soweit es seinen Beruf betraf, immer guter Laune und in allen wirtschaftlichen und sozialen Dingen nach dem Vorsatz lebend: »Was mich nicht brennt, blas' ich nicht.« Und er arbeitete nicht, um als Mensch mit Würde zu bestehn, sondern um seinen Vergnügungen nachgehn zu können, mit denen er seine biegsame Jugend ausfüllte. Was wäre das Leben ohne Karten, Tanz und die leicht zu verführenden Mädchen gewesen? Ein schmutziger, elender Kerker. Darum teilte ich ihm auch mein Mitleid, meine Sorgen um Mizzi nicht mit. Er hätte mich ja wohl tüchtig ausgelacht. Die Luft in den Gasthausräumen wurde ein Gewebe aus Rauch, Staub und Ausdünstung, in dem Rausch, Brunst und Rauflust brüteten. Schon fingen einige Soldaten an, lallend und brüllend fremde Männer anzustänkern, übergaben sich einige Frauenzimmer und mußten von den Freundinnen hinausgeführt werden. Die Tänze wurden immer wilder. Die Weiber schleuderten ihre entzündete Geschlechtlichkeit durch den Saal, und die Männer tanzten gierig um sie herum. Eine Schnellpolka jagte die andere, die übrigen Tänze waren der rasenden Lebensgier nicht mehr schnell genug. Zeitweise ging die schrille Musik in dem tollen Geschrei der Tanzenden unter, die sich durch gegenseitige Zurufe anfeuerten. Aber auch über den Tischen hing Geschrei, geiles Frauengelächter und der lallende Gesang Betrunkener: neue und alte Gassenhauer, die tränengesättigte Strophe eines Wiener »Schlagers«, Dirnen- und Strafhauslieder stiegen durch die dicke Luft. Neben uns sang ein junger Arbeiter, der ein fesches Fabrikmädel umfaßt hielt, mit noch ziemlich klarer Stimme: »Geh i her über d' Alm, Geh i her über d' Schneid, Zwegn mein Dirndl z'liab, Weil 's mi gar so gfreit. Weil 's schwarzaugat is Und so sauber is, Drum geh i gar so weit Her über d' Schneid.« Ein kleines dickes Straßenmädel plärrte ihrem Verehrer, einem tränensäckigen Greisler oder Mehlmesser, melancholisch ins Ohr: »Für mi leucht' ka Sterndal am Himmel, I hab ja ka Glück auf der Welt.« Und hinter uns brüllte ein böhmischer Kanonier: »Weil i an su an alte Drahre bin, Ja an su an alte Aufdrahre bin!« Ein Strizzi, der vorüberschlürfte, die Drama schief im Mund, feixte einen glasig dreinschauenden Soldaten an, bog sich nachlässig wie eine Zigarette und gurgelte: »Halt's Maul, böhmischer Hallawachl, glaubst vielleicht, du bist in Leitomischl? Schauts mar an so an vawertagelten Surm a! Wannst net glei dein Brotladn haltst, gib i dar ans, daß da de Gitschener aus dö Manschetten schlangelt.« Der verdutzte Kanonier war zuerst sprachlos, dann bäumte sich plötzlich bäuerliche Wut in ihm auf, mit einem »Satrazena podwora« fuhr er in die Höhe, nach dem über die Sessellehne gehängten breiten Faschinmesser greifend. Aber der Stänkerer war auch gleich bei der Tat und stieß seine Faust dem Soldaten in die Magengegend. Der schlug zu Boden und riß im Fallen Tisch, Stühle und seine kreischende Köchin mit. »A Murrer!« tönte es von allen Seiten. Hindernde Tische, Stühle, Garderobenständer wurden ohne weiteres auf die Seite geschoben, zum Teil umgeworfen, und sowohl Weiber wie Männer drängten sich an die raufende Gruppe heran. Der Kanonier hatte Hilfe bekommen, zwei Trainsoldaten waren über den Schmächtigen hergefallen und keulten mit ihren Tatzen auf ihn ein. Da gellte die verräucherte Stimme eines der Freimädchen: »Blader, Habernschurl, Gselchter, spießts vüri, die Müllweiber wolln in Brauntoni murren! Gebts ehrna's Titschkerl!« Auf diesen Hilferuf hin fuhren drei richtige Flohberg-»Pülcher« wie dünne Messerklingen zwischen die angestaute Menge durch auf den Menschenknäuel am Boden zu. Gleich darauf warf sich einer der Trainsoldaten in die Höhe und brüllte: »I bin gstochn, helfts ma«, dann klappte er zusammen und fiel wimmernd in einen Sessel. »Gstochn is aner wurn! Tupft is aner! Polizei, Wachmann, holts die Rettung!« So flatterte es im Saal durcheinander. Mit seinen mächtigen Gorillahänden hielt der »eiserne Gustl« einen der Messerhelden fest. Zwei Hausknechte, breitbrüstig und mit niederer Stirn, waren wie Bulldoggen aus dem Schankzimmer geeilt und entrissen die Plattenbrüder aus den Händen der wütenden Soldaten, deren es ein halbes Dutzend geworden waren. Schrill splitterte die Signalpfeife des Wachmannes den sonstigen Lärm durcheinander. Der Gestochene war einstweilen in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo ihm ein zufällig anwesender Sanitätskorporal die erste Hilfe angedeihen ließ. Vom Ausgang her kam es warnend: »Aufgschaut! Hemänner kumman, dö Poli san scho do.« Drei Pickelhauben funkelten auch gleich darauf hinter den Glastüren auf und bahnten sich energisch einen Weg zu ihrem Kameraden, dem eisernen Gustl, der noch immer in aller Gemütsruhe den einen Missetäter hielt, als wäre dieser ein zappelndes Huhn. Zwei der »Pülcher« waren entwischt, die beiden anderen wurden, weil sie bekannte Plattenbrüder waren, trotz ihres wilden Protestes und dem Geschrei ihrer Mädchen, die wie Furien oder Mutterkatzen auf die Wachleute lossprangen, an den Händen gefesselt und abgeführt, der gestochene Trainsoldat aber von der Rettungsgesellschaft durch einen andern Ausgang abgeholt und in das nächste Spital gebracht. Fünf Minuten später schmetterten wieder die gelben Instrumente eine Polka-Mazurka an die geduldigen Wände. Nur zwei leere Tische und vor denen einige mit Sägespänen bedeckte Blutflecke gaben Zeugnis von der soeben stattgehabten Rauferei, die wahrscheinlich heute nicht die letzte war. Es ging stark auf elf Uhr. Ludwig und ich, die wir so langen Aufenthalt in Staub und Rauch nicht gewöhnt waren, redeten Vickerl zu, aufzubrechen. Der machte ein unmutiges Gesicht: »Aber, Spezi, 's hat ja no net klo geschlagn! Jetzt geht erst dö Hetz an!« Aber da auch Mizzi nicht länger bleiben wollte und er vor die Aussicht gestellt wurde, allein nach Hause gehn zu müssen, gab er mit einem mißmutigen »Oes seids aber fade Schnapper!« nach. Als wir zu viert auf die Straße hinaustraten, hatte der arme, von den Menschen so arg mißhandelte Prater gerade angefangen, ein wenig Atem zu holen. Die schrecklichen Leierkästen waren für einige Stunden eingeschlafen. Das grausame Licht der unzähligen elektrischen Lampen war bis auf einige verlöscht. Die gellenden Stimmen der Ausrufer kreuzten nicht mehr die Straßen und Alleen, über denen nun wieder die Bäume glücklich rauschten, die fernen Sterne glühten und manchmal ein weltentrücktes Liebespaar heimzu ging. Aus den Auen quakten die Frösche herüber und grüßten die Großstadt, deren Gegengruß, das gellende Läuten der elektrischen Straßenbahn, in das Dunkel der Gebüsche klang. Wenn die Türen der großen Gasthäuser aufgingen, strömte breit und ohne Ehrfurcht vor der Nacht neuerlich Lärm und Musik über das Parkland. Dann schrie ein Vogel erschrocken auf, flüchtete eine Katze in langen Sprüngen über den Weg. Ludwig ging mit Mizzi voran, Vickerl und ich folgten ihnen in kurzer Entfernung. Dieser sprach lange kein Wort, kaute nervös an seinem Virginiastummel und rempelte ein um das andere Mal leicht an mich an, so daß ich ihn schon eines leichten Rausches verdächtigte. Auf einmal puffte er mich noch stärker in die Seite und raunte mir zu: »Du, Alfons, was, dös is a gstellts Ban, die muaß heut mit uns zu dir gehn, in a Hotel lassns uns ja do nat eina, alle viere!« Ich war auf diesen Vorschlag gefaßt, er sah unserem Freund Vickerl ganz ähnlich. Was kümmerte ihn der Seelenzustand eines armen Mädchens, wenn es galt, auf ungefährliche und billige Weise auf seine Kosten zu kommen! Er hatte ein Drittel ihrer Zeche bezahlt, folglich gehörte sie zu einem Drittel ihm, und meine Kammer war eine gute Gelegenheit und kostete nur ein Sperrsechserl an den Hausmeister. Ich aber hatte meinen Entschluß gefaßt, und ich wußte, daß Ludwig ihn billigen würde: das Mädchen sollte, falls es kein anderes Obdach habe, bei uns schlafen, wir aber wollten ihr zeigen, daß es noch Männer gibt, die in einem Mädchen auch manchmal mehr sehen als einen käuflichen Gegenstand, wir wollten sie nicht berühren. Vickerl war das einzige Hindernis zur Ausführung meines Vorhabens. Drum schwieg ich auch und gab zum Schein meine Einwilligung in sein Verlangen, angestrengt nachdenkend, wie ich ihn von uns entfernen konnte. Bei der nächsten Gelegenheit weihte ich Ludwig in meinen Plan ein; der war Feuer und Flamme dafür und wollte kurzerhand den Vickerl davonjagen. Gott sei Dank konnte ich ihn davon abbringen, denn Vickerl wäre zwar sicherlich ausgekniffen, hätte aber morgen alle Kameraden mit Lug und Trug auf uns gehetzt. Vielleicht war es doch möglich, ihm mit Mizzi auf unschuldige Art entwischen zu können. Der Zufall kam uns zu Hilfe. Wir waren schon bei den Stadtbahnbögen, hinter denen der Häuserblock des Flohberges anstieg, als unser Kamerad auf einmal über Übelkeit klagte und noch in ein Kaffeehaus auf ein »Frackerl« gehn wollte. Wir traten deshalb in eines der großen Kaffeehäuser ein, die dort von drei Ecken ihre Lichtkegel auf die Straße warfen. Wir setzten uns an einem kleinen Rundtisch nieder, nahmen einen »Schwarzen« oder einen süßen Schnaps, Vickerl trank von diesem trotz unserer Abreden drei Gläser, vielleicht um zu imponieren. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Plötzlich machte er ein sehr unglückliches Gesicht und jammerte über schreckliche Kopf- und Herzschmerzen. Ich kannte diesen Zustand bei ihm, den er immer nach starkem Nikotin- und Alkoholgenuß bekam, und wo er stets fürchtete, einem Herzschlag zu erliegen. Aber so leid er mir jetzt auch tat, innerlich fühlte ich ein großes Frohlocken, hatte Vickerl doch keinen anderen Wunsch mehr, als nach Hause zu kommen. Ludwig übernahm bereitwilligst den Samariterdienst, ihn nach Haus zu begleiten oder vielmehr zu führen, denn der arme Teufel konnte vor Schmerzen kaum stehn. Während wir auf die Rückkunft Ludwigs warteten, machte ich Mizzi unsern Vorschlag, den sie mit Freuden annahm, nur fürchtend, daß sie mir dadurch Unannehmlichkeiten bei den Hausleuten verursachen würde. Ich beruhigte sie darüber, zahlte die kleine Zeche, und wir verließen mit dem nun zurückgekehrten Ludwig das Kaffeehaus. Der Hausmeister des Hauses, welches wir bewohnten, machte ein verdutztes Gesicht und glaubte wohl zu träumen, als wir mit einem Mädchen anrückten. Das hatte er von uns nicht erwartet, und weder das reichliche »Sperrsechserl« noch meine herausgestammelte halbe Entschuldigung, das Mädchen wäre meine Schwester, konnten seine stumme, entrüstete Miene in ein verstehendes Lächeln umwandeln. Doch sagte er kein Wort darüber, brummte nur einen Gruß und leuchtete wie sonst in das dunkle Stiegenhaus hinauf, bis wir die Tür zu unserer Kammer gefunden hatten. Unsere Kammer war wohl etwas zu klein, um drei erwachsene Menschen zu beherbergen. Wir einigten uns so, daß Mizzi mein Bett benutzen sollte, während Ludwig sein gewöhnliches Lager auf dem Boden einnahm und ich mir auf einem großen Koffer und zwei Stühlen ein solches zurechtmachte. Wir entfernten uns dann, um Mizzi sich ungestört ausziehn zu lassen, und tappten uns nach einer Weile in die dunkle Stube zurück, wo wir uns angezogen niederlegten. Nun kann ich es ruhig sagen: Leicht ist es uns nicht geworden, dieses Ruhen in einer Stube mit dem jungen, blühenden Mädchen. Ein leiser Ruf hätte genügt, und ich wäre allen Vorsätzen untreu geworden. Das Mädchen aber schlief sanft und tief. Es war gut, daß der nächste Tag ein Sonntag war, denn wir konnten erst gegen Morgen einschlafen, und es war schon spät am Vormittag, als wir erwachten. Mizzi saß auf ihrem Bett, war schon angezogen und lachte uns mit frischen Augen an. Als wir ebenfalls fertig waren, beratschlagten wir, was nun zu tun sei. Ludwig hatte vorgeschlagen, das arme Ding zu seiner Schwester, einer Kutschersfrau, zu bringen, die ein Bett zu vermieten hatte. Die Miete für die erste Woche wollten wir schön aufbringen. Mizzi war damit einverstanden und des Dankes voll. So ging's vorerst in ein Volkskaffee, wo wir lustig zu dritt frühstückten, dann zu Ludwigs Schwester, die mit dem Vorschlag einverstanden war und das Mädchen gut aufnahm. Vielleicht würde es ihr gar gelingen, sie in der Kunstblumenfabrik unterzubringen, wohin sie selbst seit Jahren zu Hause erzeugte Kunstblumen lieferte. Mizzi blieb gleich bei Ludwigs Schwester, und wir beide verbrachten den ganzen Sonntag im Gespräch über unsern Schützling, der uns eine jüngere Schwester sein sollte. Wir fühlten uns wie reife Männer, da wir nun für einen andern, jüngern Menschen zu sorgen hatten. Und all die Pläne für die Zukunft, die wir schmiedeten! Der schönste davon war der, daß wir einmal eine größere Wohnung und Mizzi zu uns nehmen würden, damit sie uns die Wirtschaft führe. Und jeder wünschte sie dann dem andern zur Frau. Sie war ja so hübsch und auch noch unverdorben! Ach, es kam ganz anders, als wir es uns in den schönen Träumen ausmalten! Unser gerettetes, von uns umsorgtes Lämmchen brach schon am dritten Tag aus seiner schützenden Hürde und ließ sich von dem Wolf, der niemand anderer als Freund Vickerl war, in ein billiges Stundenhotel führen. Dann verschwand sie auf Nimmerwiedersehn. Wir aber, Ludwig und ich, standen mit ausgeraubter Seele da und wollten das Ende dieses Geschehnisses lange nicht für wahr halten. Wochenlang war noch ein Lauschen und Schauen in uns, auf den Schritt, nach dem süßen Gesicht des Mädchens. Zwölftes Kapitel »Wiener Kunst« Wenn Sie sofort hinlaufen, ist es möglich, daß Sie aufgenommen werden, denn es fängt ja dort jetzt die Saison an. Und vergessen Sie nicht zu sagen, daß Sie von uns empfohlen werden!« Eine Dame des Armenhilfsvereins sagte dies zu mir, als ich sie um Arbeit und ein paar Anweisungen auf eine Suppe oder Brot gebeten hatte. Mit Känguruhsprüngen machte ich mich auf den Weg. Wenn ich Glück hatte und meine Anfrage mit der Empfehlung als erster anbringen konnte, gelang es mir vielleicht, in der Terrakottafabrik Wiener Kunst als Hilfsarbeiter unterzukommen. Die Sonne brannte auf die Straßen und Plätze, daß ich durch ein Feuermeer zu rennen glaubte. Innerlich überbrühte mich die Ungewißheit und die auf und ab schwankende Hoffnung, der Zweifel lag schmerzend auf meinem Gehirn: Wirst du nicht wieder zu spät kommen? Werden deine Zeugnisse genügen? Du hast ja nicht die geringsten Vorkenntnisse! So stand ich nach einer Viertelstunde Dauerlauf, von Schweiß triefend und atemlos, vor dem großen Fabriktor, über dem ein mächtiges Firmenschild aus Glas und das Hoflieferantenzeichen, ein vergoldeter Doppeladler, auf mich herableuchteten. In den nächsten fünf Minuten würde hinter diesem Tor mein Schicksal verkündet werden, wenn es mir nur gelang, überhaupt hineinzukommen und meine Bitte um Arbeit vorzubringen. Der Torwart war gnädig. Er erwiderte freundlich meinen untertänigen Gruß, zeigte mir bereitwilligst den Aufgang zu dem Geschäftszimmer des Fabrikbesitzers, ja er brummte mir sogar ein gemütliches »Vül Glück und a schens Wetter!« nach. Auf der breiten Stiege, dem langen Gang und in dem Vorzimmer, in dem ich zaghaft stehen blieb, lag ein feiner Gipsstaub auf allen Dingen und reizte mich beinahe zum Husten. Irgendwo pochte ein Dampfmotor, schütterte durch Mauer und Gebälk und ließ den Staub in dünnen Wölkchen aufsteigen. Mit aller Macht unterdrückte ich den unangenehmen Hustenreiz, der mir, wenn ich nachgab, bei der Vorstellung schaden konnte. Hinter der Tür, die ein schönes Glasschild mit der Inschrift »Zentralkontor« trug, klapperte eifrigst eine Schreibmaschine. Ich fürchtete zu stören und getraute mich nicht anzuklopfen. Unschlüssig, was ich tun sollte, und ungeduldig hin und her trippelnd, wiederholte ich die Anfrage und Bitte um Arbeit leise vor mich hin, als die Tür plötzlich aufgestoßen wurde und ein Jüngling, wohl ein Praktikant, herausschoß. Er hätte mich wahrscheinlich über den Haufen geworfen, wäre nicht auch sein Körper gar so heuschreckenhaft dünn gewesen; so zerstieß sich seine Übereile an meinem Erschrecken, und er stammelte die verwirrte Frage heraus: »Wa-was wünschen Sie, mi-mimit was kann ich dienen?« Und ebenso verdattert wie das Filigranmännchen stotterte ich armselige Bruchstücke meiner sorgfältig erwogenen und für den Chef bestimmten Bitte hervor: »Bitt schön, junger Herr, ich hab ghört, daß die verehrte Firma Hilfsarbeiter braucht, und da komm ich ergebenst anfragen, ob ich könnt als Hilfsarbeiter eintreten, hab Jahreszeugnis von aner Bandfabrik ...« Eine Kommandostimme, die aus dem offenen Schreibzimmer ertönte, ließ mich verstummen, während der Jüngling einen Sprung zurück machte und drinnen meckerte; »Herr Chef, ein Mann is da, der um Arbeit anfragt!« »Lassen Sie ihn eintreten und machen Sie die Tür gleich wieder zu, es zieht ja fürchterlich!« hörte ich die Stimme befehlen. Der Praktikant erschien wieder und bedeutete mir, jetzt sehr würdevoll und gelassen, einzutreten. Ich trat ein paar Schritte ein, machte die Tür zu und gab in drei Verbeugungen und einem hingezitterten »Erlaube mir, einen guten Tag zu wünschen!« vorerst meine tiefe Ergebenheit kund. »Treten Sie näher! Sie wollen als Hilfsarbeiter bei uns eintreten? Haben Sie Ihr Arbeitsbuch bei sich?« Ich gehorchte eilends und überreichte meinen Pappendeckel mit einer neuerlichen tiefen Verbeugung, indem ich schüchtern aufblickte. Ich stand vor einem großen, breitschultrigen Mann, der wie ein Maler aus den Witzblättern aussah und auch so gekleidet war. Er hatte einen mächtigen, zurückgekämmten Haarschopf, eine gewaltige Hakennase, die seltsam fremd zwischen den roten Pausbacken hervorragte, und einen Napoleonsbart, an dem er fortwährend herumzupfte. Eine schwarze Samtweste und ein ebensolcher Rock bedeckten seinen Oberkörper, dessen Sockel ein stattliches Bäuchlein war. Die hellblaue Künstlerschleife flaggte wie eine Fahne auf seiner Brust. Der Chef nahm weiter keine Notiz von mir und beschäftigte sich nur eingehendst mit der genauen Durchsicht meines Arbeitsbuches. O weh, dachte ich mir, das ist einer von den Arbeitgebern, die von einem Hilfsarbeiter, den sie für einige Monate Saisonarbeit aufnehmen, mindestens dreijährige Zeugnisse und alle möglichen Fähigkeiten verlangen! Richtig donnerte es auch gleich darauf durch das Zimmer, daß Fenster und Schreibmaschine klirrten: »Na, Lieber, viele Talente und Ausdauer besitzen Sie wohl nicht! Sie haben ja nur zwei Jahreszeugnisse und waren noch nie in einem ähnlichen Etablissement, wie es das unsere ist, angestellt! Ich weiß wirklich nicht, ob Ihnen der Ernst und das Verständnis für die bei uns zu leistende Arbeit zuzutrauen ist. Hm, hm –« Zweifelnd schüttelte er das Riesenhaupt. Da murmelte ich in meiner Verzweiflung alle möglichen und unmöglichen Versicherungen meiner Treue, Ergebenheit, meines Fleißes, meiner bewunderungswürdigen Anpassungsfähigkeit herunter, wurde ein wahrer Dichter in der Aufzählung meiner bisher geleisteten Taten als Arbeiter und schloß mit dem Hinweis auf die Empfehlung der Dame, die mich hergeschickt hatte. Die Miene des Herrn wurde darauf etwas freundlicher, und er sagte gönnerhaft: »Nun, ich will es mit Ihnen versuchen. Zeigen Sie sich der Fürsprache der gnädigen Frau, die Sie hersandte, würdig und seien Sie dessen eingedenk, daß Sie in ein Haus als Arbeiter eintreten dürfen, das Weltruf besitzt! Ich gebe Sie in die Schleiferabteilung. Als Anfangsgehalt bekommen Sie zwanzig Heller die Stunde. Wir haben achtstündige Arbeitszeit und vollständige Feiertagsruhe!« Das letztere sang er wie ein Heldentenor. Da die Fenster offen waren, konnte es auf der Straße gehört werden. Offenbar war er auf seinen Achtstundentag in der Fabrik sehr stolz. Meine Freude, die Stelle erhalten zu haben, wurde etwas beeinträchtigt durch die Tatsache, daß ich nur zwanzig Heller für die Stunde erhalten sollte. Eine Krone sechzig Heller bei acht Stunden Arbeit! Aber es war doch besser als nichts, und vielleicht war es möglich, durch besonderen Fleiß bald eine Zulage zu erhalten. So dankte ich in bewegten Worten für die Güte, die mir bewiesen wurde, und versprach nochmals das Blaue vom Himmel herunter. Der Chef nickte gnädig und drückte auf den Knopf seines Läutewerks. Sogleich erschien ein Mädchen, eine angehende Magazineurin, die den Befehl bekam, mich in die Abteilung des Herrn Kwapil zu führen. Die Fabrik mußte wohl bedeutend größer sein, als es von der Straße den Anschein hatte. Denn durch lange Gänge, an vielen Türen vorbei, hinter denen Werkgeräusche zu hören waren, eine Treppe hinauf und wieder eine hinunter und dann nochmals einen Korridor entlang mußte ich meiner Führerin folgen. Und überall, wo ich vorbei kam, klebte der fettschimmernde Gipsstaub und kitzelte einem die Kehle wund. Das vor mir hinhuschende, flachbrüstige Mädchen hüstelte auch in einem fort, und so genierte ich mich nicht und krächzte mit einer wahren Wollust in die staubgesättigte Luft hinein. Wir machten vor einer Tür halt, die mit der Bezeichnung »Abteilung IX, Schleiferei« versehen war. Die schmächtige Kleine neben mir hustete noch einmal in die hohle Hand hinein. »Huastens Ihnan aus, der Herr Kwapil hat's net gern, wan ma huast!« sagte sie dann zu mir und klinkte, als ich ihrer Aufforderung nachgekommen war, die Tür auf, die in einen großen Saal führte. Dieser war im Rechteck gebaut, hatte frontseitig zehn Fenster, unter denen die Stille einer alten Währingerstraße dahinfloß. Vor jedem Fenster stand ein Holzblock und auf diesem irgendeine rohe Gipsfigur, die von einem Arbeiter mit Glaspapier geschliffen wurde. Trotz der offenen Fenster standen die Arbeiter in Wolken von Staub. Vor dem ersten Holzblock, auf dem ein reizendes Tänzerinnenfigürchen, noch in der halbrohen Nacktheit seines Werdens, thronte, hockte auf einer Art hohem Schusterbock ein breitschultriger Mann mit tief eingesunkener Brust und ohne Hals. Der Kopf schien gleich aus dem Rumpf zu kommen, und ich mußte bei seinem Anblick an die Nußknackerfiguren aus Holz denken, bei denen man auch meist den Hals vergessen hatte. Auch sonst hatte der Mann viel Ähnlichkeit mit diesen Männlein. Der Schnurrbart war wohl einen viertel Meter lang und bestand aus Borsten, die wie Spagatschnüre das Gesicht in zwei Hälften teilten. Der Mund stand immer offen, als erwarte er den Einwurf einer Münze. In die mächtige Stirn hingen einige Strähnen graublonder Haare, über den kleinen, verschwollenen Augen standen gelbbraune Schutzgläser. Meine Führerin hatte mich ihm mit ein paar gemurmelten Worten als neuen Hilfsarbeiter vorgestellt und war gleich wieder davongeeilt. Nun stand ich vielleicht schon fünf Minuten vor ihm, ohne daß er aufgeblickt oder ein Wort gesagt hätte! Überhaupt herrschte in dem Raum eine unheimliche Ruhe. Nur das Kratzen und Scharren der Arbeit war zu vernehmen; waren denn die Leute stumm oder das Sprechen verboten? Endlich ließ sich ganz hinten im Saal eine helle Stimme vernehmen: »Bitt schön, Herr Kwapil, der Neuche könnt vielleicht glei dö Kaminfigur zum Grobschleifen anfangen; dö sollt murgen scho gliefert wem, hat der Herr Melichar gsagt!« Da hob der alte Nußknacker das Haupt, zwei kleine, entzündete Äuglein huschten wie graue Spinnen auf mich zu und blieben auf meinem Gesicht stehen. Aus einer großen Zahnlücke knurrte es hervor: »Se san der neiche Arbeiter, den mer der Alte aufn Buckl gschickt hat. Viel Rechts wern Se nich kennen, hat er mer runtertelephoniert. Aba wanns an uffenen Nischl ham, su wern Se das Zeig schon kapiern. Fangens holt glei an; de Frau Bischof dohintn sull Ihnen zeign, was Se zu tun ham. Adje.« Ich begab mich in die Richtung, aus der früher die Aufforderung zur Hilfe gekommen war, und traf dort auf eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren. Sie hatte ein volles, rotes Gesicht mit braunen, lustigen Augen und trug trotz der heißen Jahreszeit und der Schwüle im Saal ein dickes Umhängetuch und Pulswärmer. Mit faulen Bewegungen schabte sie an einem Zwerg herum, der auf einer Uhr saß und eine Lampe in der einen Hand hielt. Mit einem freundlichen Nicken sagte sie, ohne von der Arbeit aufzuhören: »Der Bock da neben mir ghört Ihna, und durt in Winkel der große Ritter is zum Aschleifen. Schmirgelpapier und d' Hölzer san in Ihnan Schubladel!« Ich stellte nun die vielleicht einen Meter große Ritterstatue, die gerade vom Guß gekommen schien, auf den Bock – damit war aber meine ganze Weisheit erschöpft. Was sollte ich nun mit dem hochmütig auf mich herabblickenden Rittersmann und dem Schmirgelpapier anfangen? Ich räumte unschlüssig noch den Gipskitt und die verschiedenartigsten Modellierhölzer aus meiner Schublade und stand dann betrübt davor. Frau Bischof aber erhob sich ächzend, watschelte auf mich zu und meinte gutmütig-vorwurfsvoll: Ja ja, i siech scho, Sö habn ka Idee von dera Arbeit, do wer i Ihnan müassen d' Sachn a bisserl explizieren. Also passns auf: Segns, so kummt d' Figur aus da Brennerei. Jetzt müssns z'allererst d' Wimmerl, was durtn dawischt hat, aschleifn. Nocha schauns, ob ihr nirgends a Stückerl fehlt. Segns, wia da beim Uhrwaschl. Da nehmens a bisserl an Kitt und modellierns das, was fehlt, dazua. Segns so. D' Löcher muaß ma a verschmiern. Aber 's Aschleifn is d' Hauptsach. A jede Figur muaß nachn Schleifn so fei zum Angreifn sein wir a Kinderpopoderl. Alsdann probierns amol, Herr ... wia haßns denn eigentlich! So, Petzold! Leicht zan mirken. Sans vielleicht gar mit den Selchermaster in der Ottakringerstraßn vawandt? A na, richti, der haßt ja Patzelt. Ja ja.« Damit setzte sie sich wieder umständlich nieder und überließ es mir, die schwierige Aufgabe zu lösen. So fing ich mit dem sorgfältigen Abschleifen der Figur an, was gar nicht so einfach war, denn sie bestand ja nicht aus weichem Gips, sondern aus gebrannter Tonerde, wie mir meine Lehrerin erklärte. Sie rief mir von ihrem Sitz aus auch öfters aufmunternde Worte zu und entschuldigte auch gleich selbst einen ungeschickten Handgriff, den ich tat. Wohl an die zwei Stunden schabte, kratzte, wischte, rieb und feilte ich wie wahnsinnig mit Sand- und Glaspapier an dem geduldigen Ritter herum. Kaum daß ich einmal aufblickte, um meine nähere Umgebung ein wenig zu mustern. Was ich so in der Eile erfassen konnte, waren außer dem komisch-dürftigen Werkmeister und meiner Gönnerin noch sechs Arbeiter, von denen fünf in meinem Alter sein mochten oder eher noch jünger waren, während der sechste ein uraltes Männlein vorstellte, dessen zausiger Kaiserbart wohl ein Viertel des verschrumpelten Körpers deckte. Sie standen oder hockten auf einem hohen »Schusterbankerl« und leisteten den Büsten und Figuren aus Ton oder Gips den gleichen Liebesdienst wie ich meinem Ritter. Wir drehten alle dem Fenster den Rücken, standen ihnen aber doch so nahe, daß wir beinahe jedes Geräusch der Straße deutlich hören konnten und der heiße Druck der Sommerluft immer im Nacken zu verspüren war. Ich hatte mir gleich zu Beginn der Arbeit den Rock ausgezogen. Nun folgte ihm auch die Weste mit dem waschbaren Gummikragen und der zerschlissenen Krawatte. Die Fenster hatten Südseite, und die Sonne fand unbehindert Einlaß in unsern Raum, da die gegenüberliegenden Häuser niedriger waren als die Fabrik. Man durfte ihr ihn auch nicht verwehren, da wir zu unserer Arbeit volles Tageslicht brauchten. Bald war kein Faden an mir trocken, und mir wurde es in diesem Dampfbad fast unheimlich zumut. Ganz unverständlich war es mir, daß Frau Bischof trotz ihrer dichten Umhüllungen und der Schwüle so trocken und kühl weiterarbeitete – wenn ich sie ansah, wurde mir noch heißer, und ich vermeinte bersten zu müssen. Und dabei diese hobelnden Bewegungen der rechten Hand und die grelle Sonne, die einem das Auge blendete und die Gegenstände, die man bearbeiten sollte, zerriß! Die Luft war geschwängert von den Millionen von Gips- und Tonstäubchen, die sich in die Nase, die Augen und den Mund der Arbeitenden setzten. Ununterbrochen ging ein Schnäuzen, Räuspern und Husten in der Reihe herum. Als ich die Figur abgeschliffen hatte, zeigte ich das Ergebnis meiner Lehrmeisterin. Die sagte nach genauer Untersuchung gönnerhaft und zufrieden: »Na segns, ganz guat is ganga, nix is gschegn. Jetzt schauns halt no, ob dem Klachl irgendwo was föhlt. Segns, da an der Nasn und do auf seiner Lanzn san Stückl außabrochn, do müaßts no dazumodellieren. Und do san a Massa Gußlöcha, dö wern an no verschmiert.« Ich tat, wie mir geheißen, und muß sagen, daß mir diese Verschönerungsarbeit Spaß machte. Auch konnte ich dabei ein wenig ausruhn, da es möglich war, sitzend zu arbeiten. Dennoch sehnte ich sehr die Mittagspause heran, Das Allzuviel an Licht und Wärme hatte mir Kopfschmerzen gebracht. So machte ich einen innerlichen Luftsprung, als das Nebelhorn den Beginn der einstündigen Mittagspause anzeigte. Frau Bischof gab mir ein Tuch zur Bedeckung meines Ritters, dann band ich meinen eleganten Gummikragen und die Krawatte um, schlüpfte in Rock und Weste und war im Nu draußen. Im Vorbeigehn steckte mir der Portier eine Kontrollmarke zu und rief mir nach: »Pünktli sein, Achtasiebzger; sunsten wird a Stund azogn!« Ich steckte meine Nummer Achtundsiebzig in das leere Geldtäschchen und rannte wie besessen von Währing nach Ottakring. Dort wohnte ich in der Küche einer Witwe, die mir um fünfzig Heller ein reichliches Mittagessen gab; zumeist gab's Suppe, ein großes Stück Pferdefleisch und viel Gemüse. Verhetzt, aber voll Freude, der Quartierfrau von dem Glück meiner Anstellung erzählen zu können, nahm ich im Hause gleich drei Stufen auf einmal und platzte mit meiner Neuigkeit durch die Tür der dritten Stockwerkwohnung. Frau Nemetz saß schon mit ihren zwei Töchtern an dem langen Küchentisch, und sie ließen sich die ersten Marillenknödel gut schmecken. Hastig erzählte ich mein Erlebnis, denn viel Zeit hatte ich ja nicht übrig. Schnell hieß es das Mittagessen hinunterstopfen, wollte ich um ein Uhr wieder in der Fabrik sein. Das versorgte und verhärtete Gesicht meiner Kost- und Quartierfrau erhielt durch meine Mitteilung einen milderen Ausdruck, und recht aus der Seele kam ihr: »Gott sei Dank!« Nun hatte sie ja Aussicht, daß ich meine Bettmiete und das tägliche Kostgeld bezahlen würde. Zwei Wochen war ich nun schon in ihrer Schuld, und sie war so sehr auf die paar Kronen angewiesen! Die zwei Töchter verdienten kaum so viel, wie sie selbst brauchten, der geringe Verdienst, den sie als Heimarbeiterin am Samstag in die Hände bekam – sie nähte Militärwäsche –, reichte gerade für den Zins und die allernotwendigsten Bedürfnisse. Dazu war ihr jüngstes Kind und einziger Sohn, ein elfjähriger, hübscher und gescheiter Bub, seit einigen Jahren an beiden Füßen gelähmt. Die Mutter mußte ihn jeden Tag in das nahe Spital bringen, wo er elektrisiert wurde. So rauchte ich noch eiligst einen »Tschick«, deren ich eine Handvoll von einem Nachbarn bekommen hatte, und flog dann eiligst wieder bei der Tür hinaus und die Treppe hinunter. Zwar wie ein dürstender Hund mit der Zunge jappend, aber noch fünf Minuten vor Arbeitsbeginn kam ich in der Fabrik an, hing befriedigt meine Marke an den Nagel, der dazu bestimmt war, fragte und suchte mich in dem Irrsal der Stiegen und Gänge zur Tür meiner Werkstätte hin und begann dort gleich wieder an meiner Figur zu arbeiten. Diese, nur aus Gips, war leichter zu bearbeiten, weil das Material weicher war. Dafür aber rauchte der grellweiße Körper beim Abschleifen ganze Wolken feinsten Staubes aus, so daß ich bald wie ein Müllerknecht aussah. Der Staub drang durch die Kleidung, verband sich mit dem Schweiße, bildete ein breiiges Gesprengel und überzog mich mit einem unangenehmen Jucken; bei dieser Plage, der ich nun am Nachmittag anheimgefallen, war es nur zu gut, daß die Sonne sich gedreht hatte und uns nicht mehr mit ihrer großen Liebe überschütten konnte. Wie wohltuend war das schmale Schattenband, und mit welcher Freude bemerkte ich sein stetes Breiterwerden, je mehr der Abend heranrückte. Als ich die Gipsstatue, eine nackte Krugträgerin, zur Hälfte abgeschliffen hatte, watschelte Herr Kwapil auf mich zu. Er hatte schrecklich krumme Beine, war aber trotzdem nicht klein, ja überragte mich sogar beinahe um eine halbe Kopflänge. Mit kurzsichtigem Augenzwinkern fuhr er mit dem Kopf von allen Seiten über die Figur hin, als röche er daran. Dann schnurrte er irgend etwas und schlürfte zu einem anderen Arbeiter hin. Gern hätte ich gewußt, ob meine Leistung sein Miß- oder Wohlgefallen erregt hatte. Obwohl ich um fünf Uhr, beim sonstigen Arbeitsschluß, sehr müde und wieder mit Kopfschmerzen belastet war, hörte ich es ganz gern, daß Überstunden gemacht werden mußten. Mit neidischem Blick hungerte ich mich an dem Jausenbrot der andern Arbeiter vorbei, trank dafür einige Gläser voll Wasser, was mir ein entferntes Gefühl des Sattseins gab. Der kleine dickbäuchige, Zeiger auf der riesigen Runduhr kroch in den Überstunden dreimal so langsam auf die teilnahmslosen Ziffern zu als vorher. Er schien sich gar nicht mehr bewegen zu wollen, und es dauerte eine Ewigkeit, bis er auf der behäbigen Sieben stand. Dabei wurde ich fortwährend von einem quälenden Husten befallen, meine Kehle war wie ein Reibeisen geworden, auf dessen Rauheit sich jeder Atemzug zu einem Husten zerrieb. Frau Bischof riet mir: »Tschecherns's net so viel Wasser, dös ratzt d' Lungen! Bindens Ihnan a Halstüchl übern Mund und d' Nasn, daß der Staub net so eina kann!« und fügte tröstend hinzu: »In ana Wochn spürns des net mehr so gach, da sans d' Husterei scho gwöhnt!« Nicht sehr entzückt von dieser Aussicht, den Husten als ein notwendiges Übel für die ganze Zeit meines Hierbleibens mit in Kauf nehmen zu müssen, ließ ich weiter unter meinem Glaspapier Staubwolke um Staubwolke aufsteigen. Wie ein Irrsinniger arbeitete ich die Zeit tot. So sah ich kaum, daß ein mir unbekannter Mann die Werkstätte betreten hatte. Erst der warnende Zuruf der Frau Bischof: »Aufgeschaut, jetzt kummt da Macher!« ließ mich die neue Erscheinung erblicken. Es war ein unerhört magerer und langer Mensch, in Kniehosen und Wadenstrümpfen, von denen ein schwarzer Rock mit langen Schößen seltsam abstand. Das Gesicht war zitronengelb und ganz flach, als läge es nachtsüber zwischen den Seiten eines dicken Buches. Unter der zu großen Sportmütze lugte spärliches Haar, das an Kokosnußfasern erinnerte, hervor. Er blieb bei jedem Arbeiter stehen und beschaute mit starren, wimperlosen Augen dessen Arbeit. So kam er auch zu mir. »Sie sind Hilfsarbeiter?« fragte er mich mit nasser Stimme. »Wann haben Sie die Arbeit begonnen? ... So, um neun Uhr, und da haben Sie bis jetzt noch nicht einmal die zweite Figur fertig? Wenn Sie nicht fleißiger sind, können wir Sie nicht brauchen!« »Und Sie, Frau Bischof«, er schwenkte seinen Oberkörper über diese, »sollen dem, was vor Ihren Augen gemacht wird, mehr Aufmerksamkeit schenken!« Ohne mein entschuldigendes Stottern und die halbe Entrüstung der Vorarbeiterin zu beachten, geisterte er ohne Gruß zur Tür hinaus. Der junge Arbeiter neben mir beehrte ihn verstohlen mit einer langen Nase, Frau Bischof aber brummte etwas von »ewiger Sekkatur« und »wandernder Leich« und erklärte mir dann, daß dies der Prokurist Melichar gewesen sei, der jeden Tag »an Grillen und a Speckseitn von aner Fliagn ißt; drum is a so spindeldürr und vagunnt kan Menschen an Minuten zum Ausschnaufen!« Die Angst vor dem neuerlichen Stellungsloswerden, die der Tadel des Vorgesetzten hervorgerufen hatte, ließ mich meine Kräfte bis aufs äußerste anspannen; vielleicht gelang es mir, die angefangene Arbeit bis Tagesschluß zu beendigen. Als die Glocke ertönte, konnte ich meine Figur auch wirklich Frau Bischof übergeben. Für den Heimweg am Abend brauchte ich aber doppelt so lange wie am Mittag, mir war, als fülle der ganze Staub der Werkstatt die Höhlungen und Knochenröhren meines Körpers. Wie wohl tat mir die sanfte Abendluft, die – von nahen Wäldern und Gärten ausgeatmet – durch die Großstadtgassen strömte. Ich ging wie durch ein reinigendes, kräftigendes Kräuterbad. Daheim schüttete ich einen halben Eimer Wasser über meinen verfilzten Haarschopf und die verklebten Poren. Mit brennenden Augen und stechenden Schläfen aß ich in halbem Fieber die Überbleibsel des Gemüses vom Mittagessen auf und dehnte mich dann sofort ins Bett hinein. Ein heißer, schmerzlicher Schlaf deckte mich zu, und ich träumte, ich sei in einem sibirischen Kalkbergwerk lebenslänglich gefangen und sähe jahrein, jahraus nichts als die gelbweißen, leichenhaft glänzenden Wände der Brüche und die kreidig verstaubte, tote Landschaft. Schon sieben Wochen fraß ich den Staub dieser Arbeit, rannte ich jeden Tag zu Mittag in gehetztem Lauf zu meiner Mahlzeit und zurück in die Fabrik, erhielt ich an einem Samstag so viel Lohn auf die Hand gezahlt, daß ich nicht wußte, wie die einzelne Krone umdrehn und dehnen, um damit auszukommen. Wenn ich auch jeden Tag mit Ausnahme des letzten Wochentages drei Überstunden aufschreiben konnte, mehr als zwölf bis dreizehn Kronen hatte ich nie in dem Papiersäckchen, in dem jeder Arbeiter seinen Lohn ausgehändigt bekam! Von diesem Verdienst hatte ich Herrn Kwapil eine Krone zwölf Heller für Krankenkasse und Unfallversicherung zu geben, da die Firma dazu keinen Kreuzer beisteuerte. So blieben mir zumeist nur elf Kronen, mit denen ich meinen Mietzins, die mittagliche Verköstigung, das Frühstück und Nachtessen bestreiten sollte, von den übrigen einfachsten Bedürfnissen eines zur Anspruchslosigkeit erzogenen Menschen ganz zu schweigen. Dabei geschah es noch, daß ich eines Tages von Herrn Melichar wegen meines angeschmutzten Kragens gestellt wurde und eine arge Rüge hinunterschlucken mußte: »Sie sind in einem Kunstinstitut und nicht in einer Leimfabrik, wir können nur sauber gekleidete Menschen in unserer Fabrik beschäftigen«, meinte er. Seine Macht und meine Not hießen mich schweigen. So gut es ging, wusch ich mir am Sonntag vormittag selbst die Kragen aus, die mir dann eine der Töchter meiner Mietfrau bügelte; zu dieser Kunst erwies ich mich trotz aller Mühe zu ungeschickt. Die übrige Wäsche reinigte mir für wenige Heller die Frau eines ehemaligen Kameraden. Dieser hatte als Eisenbahnarbeiter einen Fuß verloren, so daß seine Frau gezwungen war, durch Waschen die Familie zu erhalten. Wenn ich auf den allzu geringen Betrag, den sie verlangte, beschämt einige Heller draufzahlen wollte, wurde sie beinahe böse und sagte, ich sei mit meinem gebrechlichen Körper ja geradeso ein armer Teufel wie ihr Mann; sie wisse von meiner Quartierfrau, wie elend meine Entlohnung sei, und es tue ihr nur leid, daß sie meine paar Fetzerln nicht umsonst waschen könne. Als ich eingearbeitet war, wurden mir als zuletzt eingetretenem Arbeiter die größten und am meisten staubenden Stücke zugewiesen, die ich auf Gebot Herrn Melichars zur gleichen Zeit abliefern sollte, wie meine Kollegen die kleineren. Gelang mir dies beim besten Willen nicht, so erschien wie ein Gespenst der Prokurist und gab mir zu verstehen, daß ich ohne Kündigung zu jeder Stunde entlassen werden konnte. So trug ich zur Last der schweren, ungesunden und schlecht entlohnten Arbeit auch stets die Furcht mit mir herum, Knall und Fall wieder auf der Straße zu sitzen, was jetzt im Hochsommer, wo alle anderen Fabriken und Werkstätten Arbeiter entließen, statt aufzunehmen, eine Katastrophe werden konnte. So schwieg ich alle Erbitterung in mich hinein und wagte nie die schüchternste Erwiderung. Hätte ich die Erbärmlichkeit dieses Menschen wie den Staub ausspucken können! Aber so zerfraß sie mir die Seele und verklebte mir das Herz für manche Freude. Was übrigens den Staub betrifft, so hatte ich an manchen Tagen so viel einzuatmen, daß ich des Abends oft kaum etwas essen konnte, so nahm er mir die Eßlust, füllte Lunge, Magen und Kehle mit seiner zähen Masse; nachts litt ich infolgedessen an Magenschmerzen, Atembeschwerden und Husten. Nur an Regentagen war es besser. Dann war der Gipsabfall feucht und zerstäubte sich nicht in die winzigen Öffnungen der Kleider und Poren der Haut hinein. Dafür verschmierte er sich dann auf den regennassen Hosen und Westen, machte diese schmutzig und steif wie ein Brett. Gegen die Bürsten war er unempfindlich, und ich sah mit Trauer dieses sein Zerstörungswerk an meinen wenigen Kleidungsstücken fortschreiten, ohne helfen zu können. Eine Zeugbluse, ja, das wäre die richtige Kleidung für diese Arbeit gewesen. Aber erst hieß es für die durchgelaufenen Stiefel, die auch an den Seiten mehrere Luftlöcher aufwiesen, Ersatz schaffen, was mir ohnehin nicht wenig Kopfzerbrechen verursachte. Nicht lange dauerte es, und ich war der ärmlichst Gekleidete in der Werkstätte, wo ich mich immer hinter meine Arbeit duckte, wenn Herr Melichar erschien. Die anderen Arbeiter steckten während der Arbeit in grauen oder schwarzen Zeugkitteln, die sie vor dem Heimgehen ablegten, wechselten wohl auch ihre Schuhe und waren überhaupt besser gekleidet als ich. Da sie bis auf einen jungen Burschen gelernte Porzellanarbeiter und in der Gewerkschaft gut organisiert waren, verdienten sie das Drei- bis Vierfache als ich. Selbst dem anderen Hilfsarbeiter erging es besser als mir, da er bei seinen Eltern, Kutscher- und Hausmeisterleuten, wohnte. Abgesehn von Frau Bischof, die ja meine unmittelbare Vorgesetzte war, hatte ich bis jetzt nur mit einem Arbeiter nähere Bekanntschaft geschlossen. Er war vielleicht um fünf Jahre älter als ich, klein und mager von Gestalt, die nach oben hin ein runder Blondschädel abschloß. Das gelbweiße Gesicht war von Pockennarben übersät; ein dünner, rötlicher Christusbart bedeckte Kinn und Backen. Der Mund stand immer etwas offen, was dem Gesicht im Verein mit den großen, wasserblauen Augen den Ausdruck frohen Erstaunens gab. Ich hatte ihn in der Werkstatt, wo er den dritten Fensterplatz von mir aus einnahm, nie sprechen gehört und war nur dadurch auf ihn aufmerksam geworden, daß er in jeder freien Minute, unbekümmert um alles um ihn her, ein Buch hervorholte und daraus schnell einiges las, Dabei bewegte er die Lippen andächtig und voll Ehrfurcht vor dem Gedruckten, wie ein Schulkind oder buchstabierender Bauer. Einmal könnte ich den Titel des Buches erspähen: es war die Volksausgabe zu einer Mark von Dehmels Gedichten. Helle Teilnahme für diesen Arbeiter flammte in mir auf, und da in seinem freundlichen Jüngergesicht keine Spur von dem Hochmut zu finden war, den andere gelernte Arbeiter gegen den Hilfsarbeiter zur Schau tragen, nahm ich mir vor, ihn bei der nächsten Gelegenheit anzureden. Diese fand sich bald an einem Morgen, als wir zehn Minuten vor Beginn der Arbeit in die Werkstätte kamen. Ich fragte ihn gleich ohne weiteres, wie ihm Dehmel gefiele, und er ließ einen begeisterten Hymnus auf den Dichter los, der auch mir tief ins Herz gewachsen war, und uns beiden schien es, als wären wir seit langem befreundet. Am Abend des gleichen Tages verließen wir zusammen die Fabrik. Robert Schindler war ein Steiermärker von Geburt und wohnte mit seiner alten Mutter wie ich in Ottakring, nur etwas näher, so daß wir den gleichen Weg gehen und uns näher kennenlernen konnten. Es packte mich fast wie Neid, als er mir von seiner kleinen Bücherei erzählte, in der sogar Bücher von Liliencron, Bierbaum und Henckell standen, welche Dichter ich nur durch die Anthologie von Benzmann kannte. Er mußte mir den Wunsch, diese Bücher kennenzulernen, aus den Augen gelesen haben, denn am nächsten Tage brachte er mir die Kriegsnovellen von Liliencron und die Neuland-Gedichte von Karl Henckell. Das war für mich ein kühles, schönes Glück in diesen heißen, harten Arbeitstagen. Ich arbeitete viel froher und dünkte mich nicht mehr gar so armselig, wenn ich an das dachte, was mich am Abend zu Hause in den Büchern erwartete. Schindler war ein fanatischer Sozialist, welcher Weltanschauung er mit religiöser Schwärmerei anhing. Im Sozialismus sah er das Heil, die sittliche Erhebung des Menschen. Sprach er davon, so leuchtete sein ganzes Wesen vor Ergriffenheit und Hingebung. Dabei hatte er aber für alle bösen Erscheinungen des Lebens eine Entschuldigung. Nie kam ein Schimpfwort, nie ein Fluch über seine Lippen. Allem Niederträchtigen sah er mit den erstaunten Augen des Kindes zu, das sich ja auch bei den schrecklichen und verfluchtesten Dingen zu keinem Gefühl der Rache und des Abscheus hindenkt, sondern alles mit dem halb ungläubigen, halb verzeihenden Fühlen eines Traumwandlers erlebt. Leid fügte ihm nur die rein materialistische Auffassung des Sozialismus seiner Kameraden zu, die in diesem nur die Lösung einer der internationalen Magenfragen sahen und dessen geistiges Durchdringen für komisch und schädlich hielten. Er dagegen fand im Sozialismus eine neue Religion, die ihm Ekstasen, Erhöhung und flammendes Götterleben schenkte. Dieser reine Tor hatte nicht die Furien des unbarmherzigsten Kampfes und ein Dasein hinter sich, das ihn in den blinden Haß und in die Verachtung gegen die Gesellschaftsordnung trieb, für die er nur Mitleid empfand. Ich konnte dieses Mitleid nicht verstehn und wollte es nicht verstehn, denn ich haßte diese Welt, in der ich bei elf- und zwölfstündiger schwerer und ungesunder Arbeit hungern mußte, mir nicht die kleinste Sonntagsfreude vergönnen durfte, wenn sie aus anderen Dingen als aus der freien Zeit bestand. War dieser Schwärmer je so arm gewesen wie ich, hatte er jemals so viel Demütigungen empfangen wie ich? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte sich sicherlich auch seine sanfte Ruhe in aufrührerischen Lärm verwandelt, sein klagendes Mitleid in fluchenden Zorn. Sein evangelisches Wesen übte trotzdem eine große Anziehungskraft auf mich aus, milderte, ohne daß ich es gleich merkte, viele meiner anarchistischen Ansichten, ließ mich das Leben um mich herum durch hellere Gläser sehn, und ich hätte im Laufe der Zeit noch viel Gutes, Schönes, Klärendes aus Schindlers freundschaftlicher Seele schöpfen können, wäre das Schicksal unserer jungen Freundschaft günstiger gewesen und hätte es uns nicht, kaum daß wir uns gefunden, wieder auseinander gerissen. Aber so – Arbeiterfreundschaften sind oft so kurz wie die Liebe der Eintagsfliegen; steigt für diese der rasche Tod aus der sonnenlosen Nacht, kommt er für jene aus der düstern Ungewißheit der Proletarierexistenz. Schon länger als eine Woche plagten mich stechende Schmerzen in der linken Seite. Wenn ich hustete, so wurden sie zum Aufschrein stark und steigerten sich oft bei meinem Schnellauf zu Mittag so, daß ich in einen Hausflur treten mußte, um den Schmerz, schwer nach Atem ringend, durch minutenlanges Ausschnaufen zu dämpfen. Kälte- und Hitzewellen rollten durch meinen Körper, und um das Gehirn spannte sich eine stählerne Spange, die beinahe immerfort glühte. Des Nachts lag ich in klebrigem Schweiß, der auf der Haut eisig brannte. Aber erst, als mein Magen die Nahrung nicht mehr behalten konnte, eine krampfartige Erregung die Eingeweide umstülpte, der Boden meine Füße von sich stieß, trotzdem sie schwer, wie mit Blei ausgegossen waren, dämmerte es furchtbar in mir auf: Du bist krank! Was hält der Arbeiter nicht an Schmerzen und Übelkeiten aus, bevor er sich fügt und zugibt, daß er krank ist und abtreten muß! Die Fabriken und Werkstätten der Großstadt wären halb leer, könnte der Arbeiter, der den Keim einer Krankheit in sich fühlt, sich krank melden, ohne Angst vor der Arbeitslosigkeit. Aber wie viel kostbares kräftiges Leben würde dann der Arbeit im Staat erhalten bleiben, und wieviel weniger Krüppel und Schwächlinge würde es dann geben! So siechen die Menschen in den vielen tausend Betrieben der Industrie vor ihrer Maschine und Werkbank dahin, schleppen sich fiebernd, hustend herum, im Innern die fressende Krankheit, nach außen Gesundheit heuchelnd, um nicht auf die Straße geworfen zu werden. Ich bat den Werkführer um die Legitimation für die Bezirkskrankenkasse, die er mir mit unwilligem Brummen gab. Der Krankenkassenarzt, dem ich zugeteilt war, ordinierte von zwei bis drei Uhr nachmittags. In einem engen, düsteren Vorzimmer drängten sich schon an zwei Dutzend kranke Männer und Frauen, alles »Arme-Leut«-Gestalten. Viele von ihnen husteten erbärmlich, sahen elend und fiebrig aus, andere trugen Verbände an Arm, Fuß oder Kopf. Karbol- und Äthergeruch vermischte sich mit der Ausdünstung der Kranken. Eine dicke böhmische Dienstmagd schob sich sanft durch uns und verschwand in einem Zimmer, erschien wieder und lud den Erstangekommenen ein, hereinzutreten. Es war längst drei Uhr vorbei, als die Reihe an mich kam; der Doktor war ein kleiner, dickbäuchiger Jude mit einem schwarzen Krausbart und goldenem Kneifer, hinter dem zwei verschleierte Augen gelangweilt hockten. Ich trat zum Schreibtisch, als mich der Arzt mit barscher Stimme anschnarrte: »Bleiben Sie gefälligst bei der Tür stehn, bis ich Sie rufe. Sagen Sie schnell, was Sie wollen!« Schleunigst zog ich mich zurück und begann verschüchtert von meinen Beschwerden zu reden. Aber der Doktor schnitt mir nach einigen Sätzen das Wort ab: »Redens nicht so viel; also bisserl Seitenstechen habens und husten tuns. Rennens halt nicht so viel den Mäderln nach und lassens das Zigarettlrauchen. Übrigens, ma weiß eh, was es bei dem schenen Wetter gschlagen hat. Bisserl Faulenzia habens halt, mei Lieber. Da messen Sie sich, werden ja gleich sehn, was Wahres an Ihrer Räubersgeschichte.« Dabei reichte er mir ein Fieberthermometer, das ich, ganz verzagt und unglücklich über den Empfang bei dem Arzt, von dem ich Verständnis für meinen armen Körper und Hilfe erwartet hatte, durch das geöffnete Hemd unter die Achsel schob. Nach einer Minute, während welcher er sich eine Zigarre beschnitt und anzündete, verlangte der Doktor das Thermometer zurück, warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte triumphierend: »Sehens, was ich gsagt hab, kaum 37.4 Temperatur. Da hab ich ja bei einem Schnupfen mehr. Gehens nur schön brav arbeiten, und wenn's weiter sticht, machens halt in der Nacht einen kalten Umschlag um die Brust. Adieu, und kommens mir nicht wieder mit solche Sachen!« Mit dieser Ermahnung war die Ordination zu Ende, ein anderer Patient kam an die Reihe. Meine große Begeisterung für den ärztlichen Beruf, den ich als die herrlichste aller menschlichen Betätigungen angesehn, hatte eine arge Dämpfung erlitten. Also war auch für den Arzt ein Arbeiter immer nur ein faules, arbeitsscheues Wesen, dem es darauf ankam, durch jeden möglichen Schwindel die Interessen der Industriellen zu schädigen und auf deren Kosten ein feines Leben zu führen. Ich schleppte mich wieder in die Fabrik zurück und hatte nur die einzige Hoffnung, daß mir die kalte Einpackung in der kommenden Nacht einige Linderung bringen würde. Deshalb bat ich den Werkführer, mir für den Abend die Überstunden zu erlassen, und eilte nach dem gewöhnlichen Arbeitsschluß so schnell wie ich konnte heim. Meine Quartierfrau half mir beim Anlegen des Umschlags, tröstete mich mit vielen guten Worten und kochte mir außerdem einen »Kramperltee«, dem sie Wunderkräfte zuschrieb. Bis über die Ohren mit Kotzen, Umhängetüchern, Winterröcken und Jacken zugedeckt, lag ich zehn greuliche Stunden schlaflos in einer Brühe von Schweiß. Ich ertrug diese Roßkur dabei ohne zu »mucksen« – denn wenn sie nicht half, was sollte dann helfen? Beim Aufstehn am nächsten Morgen war ich so schwach und schwindlig, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. In der Werkstätte spürte ich anfangs eine kleine Erleichterung, wenigstens war der so schmerzhafte, stechende Druck in der Herzgegend geringer als sonst. Ich atmete erleichtert auf, war voll Freude über die Besserung und legte mich bei der Arbeit tüchtig ins Zeug, um das Versäumte nachzuholen. Aber als die Sonne höher stieg und wieder in jede Ecke des Saales ihr gelbes, grausames Feuer warf, kroch die stechende Pein neuerlich aus ihrem Schlupfwinkel in meinem Brustkasten auf das Herz zu und quälte es noch mehr als die Tage vorher. Fieber überstürmte mich, von Schläfe zu Schläfe donnerte ein Schnellzug dahin, meine Augen sahen kaum mehr die Arbeit, und der Körper glühte. Ich stierte mit verstohlenem Blick vor mich hin, auf die Wände, die Kleider der übrigen Arbeiter, um irgendwo Linderung, Kühlung, Erlösung zu suchen. Dann verwandelte sich auf einmal alles um mich, eine rotgrüne Dämmerung wogte um die Dinge und wischte sie fort. Nur die weißen Gipsstaubwolken blieben. Gipsstaub? Ach wie ich mich täuschte! Das waren ja die weißen, weichen Betten im Elternhaus. Vater und Mutter standen daneben und warteten auf ihren kranken Sohn, um ihn gesund zu pflegen. Und beglückt mit dem leisen Jubel: Nun wird alles, alles gut, legte ich mich selig in die schönen, kühlen, weißen Betten zu einem langen schweren Schlaf nieder. Aus weiter Ferne hörte ich noch die aufgeschreckte Stimme der Frau Bischof um Hilfe rufen und viele Menschen auf mich zu rennen; dann wurde es still und kühl in weitem Kreise. Als ich wieder aufwachte, lag ich schon den dritten Tag in einem weißen Spitalbett des Allgemeinen Krankenhauses, und die freundliche Nonne sagte mir, daß ich eine Herzbeutel- und Rippenfellentzündung hätte und mich sehr ruhig verhalten müsse. Als ich etwas später in meinem Nachtkästchen etwas suchte, fand ich in der Lade mein Arbeitsbuch mit einem kurzen Zeugnis der Wiener Kunstanstalt. Die vorsichtige Firma hatte es gleich dem Sanitätsdiener des Krankenwagens der Rettungsgesellschaft mitgegeben, der mich ohnmächtig Gewordenen ins Krankenhaus brachte. Dreizehntes Kapitel Der Zusammenbruch Auf eines meiner unzähligen Stellengesuche hatte ich auf einer Postkarte die kurze Aufforderung erhalten, mich in einer Essig- und Obstweinkellerei wegen der dort freigewordenen Austrägerstelle vorzustellen. Ich war sofort hingelaufen und hatte das unerhörte Glück, aufgenommen zu werden. Meine neue Tätigkeit war eine vielfache und zum großen Teil wieder sehr anstrengende und ungesunde. Auch jetzt war mir das Schicksal nicht wohlgesinnter als all die bösen Jahre vorher. Es traute mir wohl eine unglaubliche Zähigkeit und Widerstandskraft zu. Ja, es schien mir, als steigere es noch fortwährend seine seltsame Lust, mir immer schwerere Rätsel zu stellen. Es nahm für mich schon manchmal die Gestalt eines scheußlichen Göttertiers an, das im Urwalddickicht meines Lebens gut geborgen hockte und boshaft-gierig meinem Kampf mit der Wildnis zusah und mein Ende erwartete. Glücklicherweise verfügte ich aber doch noch über so viel Leichtsinn, daß ich vergangenes Böses vergessen und immer noch auf Besseres hoffen konnte und so den harten Kampf doch stets wieder aufnahm. Es geschah mir wie der Frau, die einmal geboren hat und die dennoch die gleichen Qualen wieder auf sich nehmen will, weil sie die furchtbaren Schmerzen, die sie erduldet, vergessen hat und insgeheim hofft, sie würden diesmal geringer sein. So hieß es wieder einmal um sechs Uhr früh mit drei anderen Leidensgefährten an Ort und Stelle sein. Die Kellerei bestand aus einigen, tief unter dem Straßenpflaster gelegenen Gewölben, die den Vorrat an Essig, Obstwein und Fruchtsäften bargen. Über ihrem Traversennetz befanden sich die übrigen Geschäfts- und Manipulationsräume, die das ganze Erdgeschoß des vierstöckigen Eckzinshauses einnahmen. Hier führten die Fenster sowie mehrere Türen auf zwei einsame Straßen des Alsergrundes, von denen die eine steil bergauf stieg. In einer schmalen Kammer, in der ein riesiger Kessel eingebaut war, wurde höchst geheimnisvoll die Spezialität der Firma, ein Obstweinessig, gebraut. Nachdem wir die Rollbalken an den beiden Türen heraufgezogen und die Läden von den Fenstern heruntergenommen hatten, zogen wir aus dem Lichthof, der mit einem Glasdach überdeckt war, unsere zweirädrigen Kastenkarren hervor. Sie mußten jeden Abend abgescheuert und frisch geölt werden. Nun glänzten sie reinlich in der morgenstillen Gasse. Jeder von uns bekam Tag für Tag einen bestimmten Teil Wiens zugewiesen. Dort hatten wir von Haus zu Haus zu fahren, mit dem vollen Flaschensack Stiegen auf und ab zu keuchen, bestellte Flaschen voll Wein, Himbeer und Essig abzuliefern und neue Bestellungen entgegenzunehmen. Kamen wir gegen Abend heim, müde zum Umfallen, hieß es, zuerst mit dem Besitzer des Geschäfts das eingenommene Geld verrechnen und die einzelnen Neubestellungen in ein Buch schreiben. Dann stiegen wir in die Essigküche oder in den Keller, wo wir neuerdings Flaschen füllten, korkten, etikettierten und sie je nach dem Inhalt in rotes, gelbes oder grünes Seidenpapier einwickelten. Meistens waren wir damit um sieben bis acht Uhr fertig und durften die grünschwarzen Geschäftskappen, die schon von dem Schweiß Hunderter Vorgänger durchtränkt waren, mit unseren Hüten oder Mützen vertauschen und mit drei Kronen Taglohn heimgehen. Meine drei Kollegen waren alle viel stärker und kräftiger als ich; mir war es oft selbst ein Rätsel, wie ich diese Arbeit leisten konnte. Wenn ich mich am frühen Morgen mit vollem Wagen vom Hause fortächzte, war dieser immer einige hundert Kilo schwer. War mir ein weit entfernter Bezirk zugewiesen, so dauerte es oft eine Stunde, bevor ich den Wagen um eine Flasche erleichtern konnte. Ging es bergauf, stemmte ich den Kopf gegen die Stirnwand des Wagens, warf alle Muskeln in starrem Krampf dagegen und kämpfte mich vor Schweiß rauchend und mit kochendem Atem hinauf. Auf abschüssigen Straßen wieder hatte ich Mühe, um den vorwitzigen, rennlustigen Wagen zurückzuhalten, zwang ihn mit zurückgestemmtem Rücken und schleifenden Füßen, seiner Ungeduld die Kette anzulegen. In den Sommerwochen, die ich mit ihm auf den Straßen Wiens verbrachte, dachte ich eine fühlende Seele in ihn hinein, wurde er mir zum Tier mit eigenen Launen und Trieben. Er plagte mich mit Bosheit und Tücke, hatte aber auch seine gutmütigen Stunden, wo er mich liebte und treu zu mir hielt. Mit Knarren und Ächzen sprach er zu mir. Jammerte wie ich, wenn sein hölzerner Bauch allzu viel an vollen Flaschen bergen mußte, schimpfte, knarrte, stöhnte über dieses harte Dasein, wenn es über einen Berg hinauf ging, und schrie wie besessen in meine Ohren, rasten wir diesen wieder hinab: »Laß mich los, laß mich herunter, frei will ich sein, mach dich fort, Mensch, halt mich nicht zurück, dort unten fährt so ein gelber Protz von Trambahnwagen, dem will ich seinen feisten Wanst einstoßen!« Regnete es, ging ein Weinen durch sein Gestell, und er flennte: »Du hast leicht fahren, dir rosten nicht die Glieder ein, aber mir!« Dagegen lachte er und freute er sich närrisch, wenn die Sonne recht grell auf ihn herabbrannte. Denn dann leuchtete und funkelte alles an ihm über die Gassen und Plätze, und die spielenden Kinder schauten ihm wohlgefällig nach. In seinem Schatten rastete und aß ich oftmals mein kleines Mittagsmahl; während ich in den Häusern die Stiegen auf und ab kletterte, wartete er geduldig auf mich. Abends hatte ich dafür viel Arbeit mit ihm. Denn wenn er da nicht gehörig geputzt und geschmiert wurde, ehe er sich zu seinen zwei Brüdern gesellte, dann bockte er den andern Tag ganz gehörig und knarrte mir unaufhörlich sein Mißvergnügen ins Ohr. War ich in dem mir zugewiesenen Bezirk angekommen, so hatte ich oft in einer Gasse Haus für Haus zu durchwandern, und es läßt sich denken, daß dieser Teil meiner Arbeit der anstrengendste am Tage war. Der volle Flaschensack, der meistens acht bis zehn Zweiliterflaschen trug, mußte eilig die Treppen hinauf getragen werden, oft vier, fünf Stock hoch; war dies an einem Vormittag seine zwanzig Mal geschehen, so war ich meist schon mittags todmüde. An die Türen der Kunden klopfend, beruhigte ich das ängstliche Dienstmädchen oder die Hausfrau mit dem Ausruf: »Der Essigmann ist da!«, womit ich auch gleichzeitig die Nachbarn verständigen konnte und Zeit ersparte. Ging dann die Tür auf, so haspelte ich nochmals mein Sprüchlein ab: »I hab den Essig bracht; wann derf i denn wieder an bringen?« Meistens wurde ich auf der Stiege abgefertigt; vielfach wurde mir aber auch die Tür vor der Nase zugeschlagen, und ich mußte auf das Geld und die neue Bestellung mehrere Minuten warten. Besonders die Dienstmädchen hatten immer lange zu überlegen oder mit der »Gnädigen« zu verhandeln, bevor sie wieder erschienen. Dabei gab es viele Grobheiten, Eselstritte und Beschimpfungen, ganz abgesehen von den Nörgeleien der unzufriedenen Kunden. Um in Wien ein kleiner Agent, Inkassant oder Austräger zu sein, gehört ein guter Magen und eine abgebrühte Haut dazu. Alles sieht in diesen armen Straßenproletariern Faulenzer, freche Tagediebe und Gelegenheitsverbrecher. Jede, wenn noch so demütigende Vorsicht gegen sie ist angebracht und erlaubt. Wie oft verschlossen Frau oder Dienstmagd vor mir die Küchenschränke oder auch die Tür, während sie die leeren Flaschen oder das Geld holten. Nirgends ist man beliebt: die Hausmeisterin blickt einen scheel an, weil man die Stiegen und Gänge beschmutzt, das Dienstmädchen, der es unangenehm ist, um Geld zu bitten, die »Gnädige«, die man in einer wichtigen Arbeit stört oder enttäuscht, weil sie einen lieben Besuch erwartet hat, und vor allem der in der Wohnung allein weilende Mann, der nicht weiß, was er mit einem anfangen soll. Er sucht die leere Flasche und findet sie nicht, bezweifelt, daß seine Frau den teuren Obstessig bestellt hat, glaubt mißtrauisch, daß man, ein Schwindler, ihm Wasser statt Essig verkaufen werde, und schreit endlich, nervös geworden, man möge wiederkommen, wenn die Frau zu Hause ist. Da wird herumgebissen und geschimpft, während draußen auf dem zugigen Gang ein armer Teufel mit hungrigem Magen, viel Müdigkeit in den Füßen und Sehnsucht nach dem freien Abend steht und mit einem traurigen Lächeln alles über sich ergehen läßt. Selbst die Kinder waren uns Stiegenläufern nicht gewogen. Oft geschah es, daß ein kleiner Knirps voll Entsetzen vor mir die Treppe hinaufzappelte und irgendwo hineinschrie: »Mama, tu zusperrn, ein Hausierer kommt!« Die Größeren machten mich zur Zielscheibe ihrer Belustigungen, spuckten über die Stiegengeländer auf meine Kappe herunter und bedachten mich mit den schönsten Namen. Zur Züchtigung dieser kleinen und größeren Feinde zu schreiten, wagte ich nicht, da ich die Polizei fürchtete, die mir, dem Proletar, jedenfalls nicht recht gegeben hätte. Als ich einmal den Wachmann zu Hilfe rief, weil Gymnasiasten meinen Wagen umgeworfen und die Flaschen zerbrochen hatten, meinte dieser gemütlich, während die Buben höhnend im Kreise um mich standen: »Na, machens net so ä Gserres, 's is ja ka Haus eingstürzt. Wärns halt net so lang bei Ihnera Köchin bliebn; lassens mi in Ruah mit solchane Gspaß!« Mir wurden am Abend für die zerbrochenen Flaschen neunzig Heller pro Stück abgezogen. Die mit mir freundlich waren, immer ein gutes, aufmunterndes Wort bereit hatten und es mich nie spüren ließen, was für ein tüchtiges Stück Armseligkeit ich mit herumschleppte, das waren entweder die Bewohner der grauen Zinshäuser in den Arbeiterbezirken, Frauen von Arbeitern oder kleinen Beamten, oder die ganz wenigen vornehmen Menschen, denen Reichtum und gesellschaftliche Ehren das Herz noch nicht verknöchert und das Hirn mit Hochmut verkleistert hatten. Da erinnere ich mich vor allem einer greisen Aristokratin, die mich nie fortgehen ließ, ohne mir eine Schale Tee und ein mächtiges Butterbrot vorsetzen zu lassen. Das Mädchen erzählte mir, daß jeder Austräger und Lieferant so bewirtet wurde. Jede Woche hatte ich auch in ein Freudenhaus einen ganzen Wagen voll Fruchtsäfte, Liköre und Obstweine zu bringen. Wenn ich an der versperrten Tür des alten Hauses in der Nähe des Stephansplatzes anläutete und mich die Mädchen von den Fenstern aus erblickt hatten, kamen alsbald mehrere von ihnen auf die am Tage ziemlich einsame Straße und halfen mir, die schweren Körbe mit den Getränken ins Haus tragen. Sie lachten wie Arbeiterinnen am freien Sonntag, hüpften in ihren schillernden, leichten Sommerkleidern wie Menschen gewordene Springbrunnenstrahlen um mich herum, und ihre durchnächtigten Gesichter erhielten dabei einen schönen Glanz aus der verlorenen, reinen Kindheit zurück. Eine oder die andere fragte mich, warum ich so blaß und schlecht aussehe, schimpften ehrlich auf die bestehende Ordnung, die dem einen Menschen die Macht gab, den anderen zu schinden und auszunutzen, ihn statt Pferde und Hunde vor einen Wagen zu spannen. Vielleicht war ich schuld daran, wenn einer der geldschweren Besucher in der nächsten Nacht von den Mädchen schlecht behandelt und mit unverständlichen Launen gequält wurde. Einmal brachte mir sogar eins von den Mädchen aus ihrem Zimmer Lebertran herunter, weil ich in ihrer Gegenwart von einem bösen Husten befallen wurde. Und immer konnte ich in ein leeres Fach meines Wagens ein Paket Wurst und Käse als Geschenk der Mädchen schieben, während die Taschen meines Rocks mit Zigaretten und Zigarren vollgepackt waren. Ich kann mich jetzt erinnern, daß diese verfemten Geschöpfe im Gespräch mit mir sich nie ungehöriger Ausdrücke bedienten und ein seltsames Feingefühl bezeigten, obwohl sie sich ihrer Lebensweise nicht zu schämen schienen und frei darüber sprachen, was sie ihnen an Häßlichem und Schönem bot. Trotz der schweren Arbeit und geringen Entlohnung wäre ich mit dieser neuen Form meines ja immer dornigen Daseinskampfes in diesen Sommertagen zufrieden gewesen. Denn ich verbrachte den größten Teil des Tages auf der Straße, was mir immer ein, wenn auch begrenztes Gefühl von Freiheit gab. Keine Werkstätte engte mir den sehnsüchtigen Blick ein, mein müdes Auge konnte sich an dem Grün der Parkbäume erholen und aus der waldigen Bergferne Trost und Frische für die Seele schöpfen. Kein Werkführer peitschte mich durch den Tag mit großen Worten, und keine schadenfrohen Arbeitskollegen hänselten mich wegen meiner Schwäche und Leistungsunfähigkeit. Dafür stand ich oft mitten drin in der Bilderfülle und dem Ereignisreichtum einer mächtigen Großstadt. Und wenn ich die Gartenbezirke mit ihrem stillen Blühen und Vogelsang zu befahren hatte, konnte es Augenblicke geben, wo ich mich sogar glücklich fühlte. Dennoch war auch hier die alte Geschichte mit dem Wenn und Aber, das den Bettelmann nicht König werden läßt. Ein arger Husten hatte mich wieder befallen und riß mir am Tage den Atem aus dem Mund, des Nachts den Schlaf aus dem Gehirn. Beängstigend war mir diesmal besonders, daß ich viel Auswurf hatte. Er füllte mir oft beim Husten den ganzen Mund. Auch Nachtschweiß trat wieder auf und gegen den Abend zu das fiebernde Frösteln in den Gliedern. Je weiter der Sommer vorrückte, desto elender fühlte ich mich. Zu meinem Leidwesen wollte auch die Hitze kein Ende nehmen, die Stadt war ohne Unterbrechung in eine erstickende Atmosphäre gehüllt, die Herz, Lunge und Gehirn der armen Großstädter eindörren ließ wie die Früchte auf einer Ofenplatte. Da es in den Häusern, besonders in den nach Norden gelegenen Stiegen und Gängen, kühl und zugig war, ich aber von der glühenden Straße kam, setzte sich mein Körper fortwährend den größten Temperaturschwankungen aus, die ihm natürlich alles eher als zuträglich waren. Stand ich vor einer offenen Wohnungstür auf dem Gang, riß mir oft die wütende Zugluft die Hülle von Hals und Brust und jagte mir den kühlen Schweiß in Poren und Eingeweide. Gleich darauf schob ich wieder auf der Straße den schweren Wagen weiter. Die Arbeit am Spätnachmittag in der Kellerei oder Essigküche war nicht so, daß sie mir Krankem und Erschöpftem Erholung oder Erleichterung hätte bringen können. Bald hieß es schwere Fässer rollen, die riesige Metalltrommel, in der auf kaltem Wege Alkohol gekocht wurde, Hunderte Male herumdrehen, unzählige Flaschen verkorken, was einer großen Kraftanstrengung bedurfte, weil der feuchte Kork mit der Hand hineingetrieben werden mußte. Dann war es wieder der Dienst bei dem mächtigen Obstessigkessel, der eine schreckliche Hitze ausstrahlte, in der man stand, das Gebräu umrührend. Und dazu kam die ungesunde Ausdünstung der vielen Säuren und Essenzen, in der man nach einem mehrstündigen Aufenthalt wie betrunken herumzutaumeln begann. Es half mir deshalb wenig, daß ich jeden Abend nach Arbeitsschluß gleich nach Hause eilte, mich niederlegte, kalte Wickel um die Brust machte und den verschiedensten Kräuterabsud literweise trank. Meine Quartierfrau sah ich um diese Zeit wenig. Sie war bei einer Ausstellung im Prater als Abortfrau beschäftigt. Am Morgen, wenn ich das Haus verließ, schlief sie noch, kam sie abends heim, war dies bei mir der Fall. Als sie mich aber eines Sonntags antraf, machte sie ganz erschreckte Augen und fragte mich mütterlich besorgt: »Marand Joseph, wia schaun denn Sö aus; wir a gspiebens Äpfelkoch. Raugens vüleicht z'vül? Na so was, d' Baner stengan Ihna ja außi wia an Kladerrechen. Sö wern halt z'weng essn bei dera Wagelziagerei den ganzen Tag. Wanns nur net krank wern, dös is bei uns arme Leut schlechter als 's Sterbn!« Da hatte sie recht. Vor dem Tode fürchtete ich mich wenig, aber die Aussicht, krank zu werden, erschreckte mich tief. Ich habe viele Proletarier sterben gesehen, sie alle erlitten den Tod geduldig und sahen in ihm ihre Erlösung. Meine kranken Kameraden aber waren immer voll weher Traurigkeit, die sich oft in einen bösen Haß gegen alles Gesunde, Fröhliche umwandelte. Die großen Spitäler Wiens waren für mich die Stätten ärgsten Grauens und furchtbaren Elends. Vielleicht weniger wegen des körperlichen Leids, das innerhalb ihrer Wände in den weißen Betten lag, als um des Zwanges willen, den sie für den Arbeiter bedeuteten. Man mußte hier bleiben, bis der Körper gesund war, draußen aber ging inzwischen die Arbeit verloren. Beinahe jeden Tag verkündeten die Zeitungen den Selbstmord eines kranken Arbeiters oder einer Arbeiterin. Meist recht kurz und bündig, denn ein solches Elend ist nichts Besonderes, vielleicht sogar selbstverständlich in den Augen der meisten Lesenden. Ich selbst kämpfte ruhelos mit dem Gedanken des erlösenden Selbstmordes. Stand ich nicht trotz allen Elends mit beiden Füßen auf dieser Erde, und stieß ich nicht fortwährend an die Schönheiten der Welt? Was sollte mir ein unbekannter Himmel? Mein Faulen zwischen den Weichholzbrettern des Sarges war der endgültige Verzicht meiner Individualität. Dazu war ich Revolutionär, der auf dem Sprung stand, mitzutun, ohne zu zaudern, wenn es galt, diese verfluchte Ordnung mit Gewalt zu ändern. Gläubig hing ich an der Vorstellung einer nahen, besseren Zukunft des Proletariats. Und ich wollte diese erleben als Mitkämpfer und später als Mitgenießer ihrer herrlichen Früchte. Und da ich noch dazu ein heimlicher Dichter war, der sich übersinnlichen Gefühlen hingab, glaubte ich in der heimlichsten Tiefe meines Herzens an ein Wunder, das mich eines Tages aus der Grube meines Elends heben würde, um mich gesund, tüchtig und frei von niedrigen Sorgen, meine Kräfte zur Erreichung eines schönen Ziels gebrauchen zu lassen. Das Wunder blieb aus – oder kam in einer Verkleidung zu mir, die vorläufig nur dunkel und drohend das Ende zu verkünden schien. Es war am 6. August 1908, als ich am Abend von meinem Brotherrn den mir wenig angenehmen Auftrag bekam, mehrere Zweiliterflaschen mit Himbeersaft einer Kundin zu bringen, die weit draußen in Hietzing wohnte. Gerade an diesem Abend war eine besonders arge Müdigkeit in mir, aber was sollte ich machen? Wir dürfen nicht müde und erschöpft sein. Taugen wir nicht mehr zur Arbeit, dann Ersatz her! So schwieg ich, zwängte meine Schultern in die Tragbänder des Flaschensacks und machte mich auf den Weg. Als ich eine Zeitlang gegangen war, bemerkte ich etwas Seltsames: Obzwar die Müdigkeit immer ärger wurde, fühlte ich in der Brust eine plötzliche Erleichterung. Ich mußte nicht mehr husten, kein Schleim quälte mich mehr, und ich konnte zu meiner großen Freude wieder halbwegs tief atmen, ohne es in mir rasseln zu hören wie sonst immer. Ich fühlte mich sonderbar leicht; die Schwere in den Füßen machte mir nun keine Sorgen mehr, und ich geriet in eine freudige Stimmung. Schneller schritt ich aus, pfiff sogar nach langer Zeit wieder einmal lustig vor mich hin. Der Abendgesang der Amsel schwellte mir das Herz. Wie schön war es, sich diesen Freuden hingeben zu dürfen! Ich grüßte die Rosen, in deren Glut der Sommer wie ein lobsingender Märtyrer verbrannte. Den Pferden winkte ich zu wie alten Kameraden, ein Büschel Gänseblümchen, das ich in dieser Villenvorstadt fand, steckte ich in das Knopfloch meiner schäbigen Jacke, unter jedem Hut und Kopftuch suchte ich nach einem fröhlichen Gesicht. Konnte es noch etwas anderes als Freude geben, nun, da ich meine Genesung durch die Gassen trug? Auf einem noch unbebauten Platz, den ich zu durchqueren hatte, spielten die Arbeiterkinder; ihre Fetzenbälle flogen durch die Luft, Festungen wurden aus altem Pflaster und Ziegelsteinen gebaut, und papierne Fledermäuse flatterten im schüchternen Abendwind wie zahme Tauben. Hier spielte man Vater und Mutter, dort tanzte man Ringelreihn; wie wenig brauchten doch diese Kinder, um zu spielen und glücklich zu sein! Einen freien Platz unter der Sonne, ein paar Kieselsteine, ein wenig Gras. Ich hätte mich in meiner Freude am liebsten zu ihnen gesellt, sang aber wenigstens ihre Lieder mit. Ein kleiner Knirps blickte mich verdächtig an und meinte: »Mir scheint, der is wo auskumma!« Ich lachte hell auf und – fühlte in der Luftröhre ein heißes Kügelchen aufsteigen. Ich spuckte es aus, es war Blut. Mir wurde ganz kalt. Mein Gott, ist das nicht das Letzte? In einer Wolke tödlicher Angst befangen, torkelte ich dahin. Dann zwang ich mich etwas zur Ruhe, versuchte mich selbst zu trösten: Wer weiß, ob das Blut war. Bald spürte ich es wieder heraufsteigen. Ich nahm das Taschentuch. Wieder hellrotes Blut. Mochte es nicht aus der Nase oder dem Magen kommen? Vielleicht war infolge der schweren Arbeit ein Äderchen geplatzt: doch keine Angst haben! Gerade, wo dir heute so wohl ist! Ich sprach mir so tapfer zu, konnte die Angst aber doch nicht ganz vertreiben. Endlich war ich am Bestimmungsort meines Auftrages angekommen. Der Kunde wohnte im dritten Stock einer Zinsvilla. Langsam kroch ich die Stiege hinauf, entledigte mich glücklich meiner Flaschen und beschloß, die zwanzig Heller Trinkgeld zur Benutzung der Straßenbahn zu verwenden. Die Geschichte mit dem Blutspucken schien mir doch nicht geheuerlich, und ich ahnte dahinter erschauernd eine Katastrophe für mich. Wie ein Häufchen Elend hockte ich nun wieder unter den fröhlichen Menschen, die zu einem Abendvergnügen oder heim zu Nachtessen und Schlaf fuhren. Ich wagte kaum mich zu rühren und wäre am liebsten in meiner Ecke sitzen geblieben. In der Gasse, in der ich wohnte, hielt mich zu meinem Schrecken noch ein Bekannter auf, dem ich Rede und Antwort stehen mußte. Ich wollte ihm nichts von dem erzählen, was mich bedrückte, fürchtete sein Erschrecken, eine Bestätigung meiner schlimmen Ahnungen. So sprach ich mit leiser Stimme zu ihm und war froh, als er, verdutzt über mein sonderbares Gebaren, weiterging. Im Augenblick, als ich die Wohnungstür öffnete, hatte ich plötzlich das Gefühl, als stürze alles Blut meines Körpers dem Munde zu, ich wollte um Hilfe schreien, da quoll statt der Worte schäumiges Blut in quirlenden Stößen über die Lippen. Um mich herum schien es zu brennen, etwas Furchtbares schnürte mir die Kehle zusammen und trieb immer mehr Blut heraus. Irgend jemand packte mich beim Arm, zerrte mich einige Schritte vorwärts und drückte mich auf einen Stuhl. An der erschrockenen und verzagten Stimme erkannte ich die älteste Tochter meiner Quartiersfrau. Ein Mann versuchte gefaßt mir zu helfen und dem Mädchen zuzureden. Es war deren Bräutigam. Er klemmte mir ein Glas voll Wasser zwischen die Zähne, und ich hörte wie von fern seine Worte: »Hams nur ka Angst net. Huastens Ihnan fleißi aus, trinkens a bissl Salzwasser. So da, jetzn setzens Ihnan grad! No no, nur net so zittern! Dös hat mei Gschwisterkind a ghabt und lebt heut no. Wartens, tans a kla wengerl 'n Kopf füri, i leg Ihnan a kalte Bauschn aufs Gnack! So da! 's wird scho aufhörn. Was außi wül, muaß außa; i hab eh scho d' Lentschl um an Dokta gschickt, er wird glei kumman.« Indessen rann das Blut noch immer in unheimlichen Mengen aus mir. Nichts konnte seine Heftigkeit stillen. Ging das so weiter, so mußte ich doch bald ausgeblutet haben? Schon spürte ich eine kühle Schwäche in mir, wie haltlos schwankte ich in den Hüften hin und her. Nur mit Hilfe meines Samariters konnte ich mich noch auf dem Stuhl sitzend erhalten. Dagegen war auf einmal alle Angst von mir gewichen und hatte einer Gleichgültigkeit gegenüber meinem Zustand Platz gemacht, die weniger der Erfolg einer Überlegung als ein Zeichen völliger Erschöpfung war. Ich war nur sehr neugierig, was nun mit mir geschehen würde. Da, eilige Männerschritte wurden auf dem Gang hörbar. Die Tür ging auf, und der Arzt trat ein. Es war ein älterer, gutgekleideter Herr mit einer schwarzen Ledertasche. Ich wurde gleich ausgezogen, was sehr mühsam war, da bei jeder heftigeren Bewegung das Blut stärker hervorsprudelte. Endlich lag ich in meinem Bett, das in einer Ecke der Küche nahe beim Fenster stand. Von einem nahen Gasthausgarten drang Gläsergeklirr und reges Schwätzen herauf. Alle verfügbaren Polster wurden mir unter den Rücken geschoben, was ich nur ungern zuließ. Worauf sollten sich denn meine Wohnungsgenossen legen? Man hörte aber gar nicht auf meinen Einwand, und der Arzt verbot mir streng jedes weitere Sprechen. Vom Gasthaus wurde Eis geholt, das man in einem Leinwandsäckchen auf die Brust legte. Eine weitere Untersuchung hielt der Arzt vorläufig für unangebracht. Das Bluthusten sei eine sichere Erscheinung einer Tuberkulose der Lunge, da braucht nicht viel herumgesucht werden. Später wolle er dann den Umfang der Erkrankung feststellen. Als Nahrung wäre Milch mit eingerührtem Ei zu nehmen, der Oberkörper müsse stets hochliegen. Hier ein Rezept für beruhigende Tropfen; falls in der Nacht eine erneute Blutung einträte, möge man ihn holen. Sonst komme er morgen wieder. Und dann: nur keine Angst haben, ein bißchen Blut verlieren sei lange nicht das Schlimmste. Nur schön ruhig liegen, kein Wort reden. Mit einem freundlichen Nicken nahm er Hut und Tasche und verschwand. Endlich hatten die Blutungen aufgehört. Ich lag mit geschlossenen Augen da und bohrte mich mit quälerischen Gedanken in meine Lage hinein. Das Eis lag kühl auf Brust und Stirn, darunter aber brannte es heiß, und im Hirn die bange Frage: Was soll mit mir geschehen? Ich konnte meiner Quartiersfrau hier unmöglich länger als einen Tag zur Last fallen. Tagsüber war überdies niemand in der Wohnung, da jedermann seinem Verdienst nachging. Wer hätte mich da pflegen sollen? Und dann, der Arzt hatte von Tuberkulose gesprochen, so war ich eine Ansteckungsgefahr für meine Umgebung. Also ins Spital. Wenn ich nur Platz fand. Wie oft hatte ich von der schrecklichen Bettnot in den Wiener Spitälern gehört. Todkranke Menschen waren stundenlang in dem Sanitätswagen von Spital zu Spital geführt und überall abgewiesen worden; das konnte auch mir geschehen. Aber darauf mußte ich es ankommen lassen. Bitter quälte mich der Gedanke an den Verlust meiner Arbeitsstelle. Gewiß mußte ich wenigstens eine Woche im Bett liegen, bis ich wieder arbeitsfähig war, wahrscheinlich dauerte es diesmal aber viel länger. Ich fühlte es, meine jetzige Krankheit war ernster zu nehmen als alle anderen vorher. Würde mich nach meiner Genesung mein Brotherr wieder in seinen Dienst nehmen, wo ich jedenfalls sehr geschwächt aussehn mußte? Wahrscheinlich nicht. Wieder das alte Lied. Ich konnte den ganzen kommenden Winter arbeitslos sein, was das bedeutete, wußte ich. Ein ohnmächtiger Zorn gegen mein Schicksal torkelte fluchend durch meinen blutleeren Körper. Wäre es nicht am besten, aufzuspringen und das Blut aufs neue zu rufen und laufen zu lassen, bis es zu Ende war? Viel brauchte es dazu ja nicht, ich hatte in dem ernsten Gesicht des Arztes gesehn, wie es um mich stand. Ein kurzes, unangenehmes Sterben, und es lag hinter mir, dieses dreckige Leben, an dem ich ohnehin nur mehr mit einem Haar hing. Warum machte ich diesen letzten Schritt nicht? Ich hatte wirklich keine Furcht mehr vor dem Tode und keinen Glauben an eine freundlichere Zukunft. Es war etwas wie Neugierde in mir auf das, was jetzt etwa noch über mich kommen und was ich aushalten könne. Sie hieß mich, die Vorschriften des Arztes einzuhalten, und so lag ich bewegungslos in meinem Bett und schluckte brav alles, was man mir eingab. Vor Torsperre verließ uns der Tischler, und auch die zwei Mädchen begaben sich in ihre Kammer, um zu schlafen, so daß ich wieder Zeit genug hatte, vor mich hin zu sinnen und zu grübeln. Der Lärm im Gasthausgarten machte es mir nicht leicht, einzuschlafen, gelang es mir zeitweise aber doch, so war es kein stärkender Schlaf, sondern ein quälendes Dämmern in verzerrter, halber Wirklichkeit. Das Kreischen einer Tür erweckte mich wieder vollends. Es war meine Herbergsmutter, die von ihrer Beschäftigung in der Ausstellung heimkehrte. Mein elendes Aussehn, die ungewöhnliche Lage meines Körpers, das brennende Lämpchen, die Medizinflasche neben mir und vor allem der blutfleckte Fußboden sagten ihr zur Genüge, was mir geschehen war, den Rest ließen sie die Erfahrungen ihres sorge- und kummerreichen Lebens erraten. Sie setzte sich zu mir und tröstete mich mit gedämpfter Stimme, um nicht die schlafenden Kinder zu wecken. »Arms Hascherl, jetzt hat's Ihnen amol urdentli erwischt. Machens Ihnan nix draus! Dös bisserl Bluatspucken wird scho wieda aufhörn, und in vierzehn Tag kraxelns wieder aufn Monte Galizi wiar a gratzter Windhund! Für a jeds Häuterl gibt's a Kräuterl! Mei Söliger hat zwanzig Jahr Bluat gspuckt und is nacher erst recht an der Wassersucht gsturben und nöt wegn sein Bäuschl. Freili«, setzte sie bekümmert hinzu, und es sollte vielleicht ihr bester Trost sein, »wann ma nur scho glückli alle gsturbn wärn!« Als ich erwidern wollte, winkte sie erschrocken ab: »Haltens in Brotladn, denkens an was Schöns und schauns, daß a bisserl eischlafn! Murgn in der Fruah red ma weiter! Guate Nocht!« Keinen Augenblick dachte sie an die Ungelegenheiten, die ihr meine Erkrankung machte, noch daran, mir die Übersiedlung ins Krankenhaus vorzuschlagen, sondern sie war nur darauf bedacht, mir mit Rat und Tat in meinem Unglück beizustehn. Sie plagte sich noch eine halbe Stunde mit mir herum, richtete mir die Polster, zog das Leintuch straff und brachte mir frisches Wasser. Am liebsten wäre sie die ganze Nacht bei mir sitzen geblieben, um mich wie ihr eigenes Kind zu pflegen. Aber es war schon nach Mitternacht, und der Tag fing für sie schon um vier Uhr an. – Das freundliche Geplauder meiner Wirtin hatte mich ein wenig beruhigt, und ich fiel in einen leichten Schlaf, freilich nur auf kurze Zeit. Bald hörte ich wieder die Turmuhr schlagen und quälte mich von Viertelstunde zu Viertelstunde dem ersten Lichtstrahl entgegen. Voll Genugtuung lauschte ich dem Aufwachen der vielen Geräusche des Tages; das erste Läutesignal der nahen Straßenbahn und deren dumpfes Dahinsurren klang mir in den Ohren wie ein Rettungssignal. Wie groß war auch meine Beruhigung, als meine Quartiersfrau mit ihren beiden Töchtern in die Stube trat, um auf dem Herd in meiner Nähe den Kaffee zu bereiten. So lustig konnte der auf dem Feuer singen! Und gar die Milch! Sie zog eine weiße Haube über ihren kahlen Schädel, bauschte sich auf und gebärdete sich wie toll, bis man sie vom Feuer nahm. Nun setzten sich alle um den Küchentisch und schlürften eilig den heißen Kaffee. Mitleidig blickten sie auf mich, der ich auf das Erkalten meiner Milch warten mußte. Ich bat leise um Bleistift und Papier und schrieb ihnen meinen Wunsch auf, ins Krankenhaus geführt zu werden. Davon aber wollten sie nichts wissen, und man zerbrach sich den Kopf, wie es einzurichten wäre, daß eine von ihnen bei mir bleiben konnte. Die Mutter bestand endlich darauf, ihren Verdienst für einige Tage aufgeben zu wollen, um mich pflegen zu können. Alle meine Einwürfe dagegen wären vergeblich gewesen, wenn mir nicht meine kranke Lunge zu Hilfe gekommen wäre. Sie wurde plötzlich wieder rebellisch und schleuderte Wellen von Blut auf die Bettdecke und in das Waschbecken, das man mir vorhielt. Als bald darauf der Arzt kam und die Bescherung sah, erklärte auch er es für das beste, mich in ein Spital zu bringen. Meine Wirtin war ganz unglücklich darüber. Das Krankenhaus galt auch ihr als der Versammlungsort der Sterbenden. Alle ihre zungengeläufigen Reden konnten den Arzt und mich aber nicht mehr von unserm Entschluß abbringen. Schweren Herzens fügte sie sich ins Unvermeidliche, ich sah es ihrem Gesicht an. Seine sonstige Herbheit war in hilfloses Mitleid aufgelöst. Vielleicht sah sie unbewußt in meinem Schicksal das Symbol für die Misere unserer Klasse. Oder erlebte sie in dieser Stunde jene wieder, da sie ihren Mann zum Sterben ins Spital bringen mußte? Glücklicherweise traf der Arzt in seinen Anordnungen für meine Überführung den richtigen Ton, um die Rührseligkeit, die sich eben breitmachen wollte, abzuschneiden und der Sache noch einen heiteren Anstrich zu geben, und ich war ihm dafür im Herzen recht dankbar. »So fahrn ma halt in Gotts Namen in dö Knochenmühl, wanns es nöt besser haben wolln«, sagte die Frau resigniert und verschwand, um sich anzuziehen und mich wenigstens im Krankenwagen begleiten zu können. Der Arzt gab mir eine Injektion, um die Blutungen zu stillen, und eilte dann ins nächste Kaffeehaus, um in den Spitälern um Aufnahme anzufragen. Nach einer langen Weile kam er wütend zurück. »So eine Schweinerei«, schimpfte er, »in keinem Spital wollen sie einen Kranken mit Bluthusten aufnehmen; das sei keine Krankheit, die das Spital verlange. Wenn ich nicht gerade einen Freund hätte, der mir ein Bett für Sie verschafft, wäre es unmöglich, Sie heute noch in richtige Pflege zu bringen. Da ist der Spitalzettel, der Krankenwagen muß jeden Augenblick kommen, Sie abzuholen. Seien Sie nur guten Muts, ich werde mich schon nach Ihrem Befinden erkundigen. Adieu!« Bald darauf knarrte es die Stiege herauf, die beiden Türflügel sprangen auf, und die Bediensteten der Rettungsgesellschaft traten mit der Bahre ein, um sie neben mein Bett zu stellen. Sie packten mich geschickt wie einen gebrechlichen Gegenstand und legten mich auf die Bahre, wickelten mich in einen braunen Kotzen und trugen mich stumm, wie sie bisher gewesen, über die Treppe hinab. Natürlich gab es unten schon eine Menge Neugieriger, die den interessanten Augenblick nicht erwarten konnten, wo man mich aus dem Haus heraus und in den Wagen hineintrug. Da tat der eine Sanitätsdiener zum erstenmal den Mund auf: »Was kost' denn 's Gschau!?« Worauf ein Junge zur Antwort gab: »So vül als ma Augen ham!« Nun mußte ich lachen, was wiederum einem Neugierigen Anlaß bot, enttäuscht zu sagen: »Dem muaß nöt schlecht geh, der lacht ja!« Als ich schon im Wagen lag, hörte ich eine blecherne Frauenstimme hinter mir: »Der hot vülleicht aus unglücklicher Liab a paar Strafhölzeln gschluckt!« Nun klappte die Tür zu, und ich streckte mich behaglich auf der in Gurten schwebenden Tragbahre aus; fuhr ich nicht zum erstenmal in meinem Leben in einem »Gummiradler«? In dem angenehmen Dahinschaukeln vergaß ich beinahe meine elende Bresthaftigkeit, das bekümmerte Gesicht meiner Quartiersfrau schien mir wenig am Platz. Leider waren wir bald an Ort und Stelle. In einer halbdunkeln Halle wurde ich aus dem Wagen gehoben und neben eine Reihe von andern Bahren gestellt, aus denen vermummte und teils schmerzlich stöhnende Menschen blickten. Im Vordergrund hörte ich einen altern Mann die Personalien der angekommenen Kranken von den Spitalzetteln ablesen und Verfügungen über den Platz treffen, der ihnen im Spital gebührte. So hörte ich nun auch: »Alfons Petzold, Hämoptoe, Abteilung Primarius B. Saal 12 Bett 23.« Zwei weißbefrackte Spitaldiener hoben meine Bahre, trugen mich über viele Stiegen und Gänge und stellten mich vor einer hohen Flügeltür nieder. Während sich der eine schnaufend auf ein Fensterbrett setzte, verschwand der andere hinter der Tür, und ich hörte im Saal folgenden Dialog: »Habe die Ehre, Frau Fanerl, mir bringen Ihnan scho wieder an Schwaren!« »Na i dank schön, dös is heut a schöner Tag! Kan Augenblick hat ma an Ruah! Da soll ma no an schen Gang habn und guat ausschaugn dabei! Was habts denn fürn an?« »Mir scheint, a Bluathuaster is, ausschaugn tuat a wia a Gspenst!« »No, i dank schen, da hab i scho gfressn, dö kumman eh nur zum Abkratzn her!« »Hams as Bett scho gricht, Frau Fanny?« »Was glaubens denn, i hab ja seit zwa Stunden kan Ruah ghabt, der fade Judenbinkel, der Dr. Stein, hat da zwa Stunden umagschnofelt. I muaß jetzt erscht mei Frühstück essen und 'n Roman in da Kronenzeitung lesen. Lassens ehrna Wurmtriecherl bißl draußn steh, und kummans daweil eina mit ehrnan Spezi!« Darauf kam der Diener heraus und sagte sehr würdevoll: »Kumm eina, Karl, mir müassn der Frau Oberwärterin helfen 's Bett machen!« Ich wurde zur Wand geschoben und allein gelassen. Nach einer guten Viertelstunde holten sie mich und trugen mich zuerst durch einen Verschlag und dann in den Saal, in dem mein Bett stand. Es war ein großer rechteckiger Saal, in dem die Kranken in parallelen Reihen lagen, beinahe alle Betten waren belegt. Eine Frau schlürfte uns auf dem braunen, mit Öl eingelassenen Bretterboden entgegen. Sie hatte ein sehr männliches Gesicht, war auch sonst robust und stämmig und trug einen ganz ansehnlichen Schnurrbart. Als sie mit den Dienern sprach, erkannte ich in ihr die Frau Oberwärterin, die vorher ein so aufmunterndes Gespräch mit den Dienern gepflogen hatte. »Harns Ihna eigene Wäsch?« fragte sie mich. Ich nickte. »A jo, richti, des is ja wieda so ana, was net redn darf, wo unsa ana alls riachn muß. Sans nur net gar a so sekant, i kann net allaweil bei Ihnan steh! So jetzt lassens Ehrna ausziagn! A so, Sö ham eh nur a Paar Sockn und d' Untahosn an; na desto bessa!« Mit festen Griffen richtete sie mich in dem Bett zurecht, in das mich die Diener gehoben hatten. O wie sehr vermißte ich unter den Händen und teilnahmslosen Blicken der Wärterin meine gute Herbergsmutter, die schon unten in der Halle von mir Abschied genommen hatte! »I wir Ihnan an Eisbeutel gebn, und dann sans ruhig, bis d' zweite Visit kummt! Tans Ehrna nöt z'vül bewegn, daß ka Bluat kummt, a so a Schweinerei könnan ma do net brauchn!« Mit diesen Worten entfernte sie sich, und ich konnte, als ich etwas zu Atem gekommen war, meine Umgebung ein wenig mustern. Sehr erfreulich und tröstlich war das, was ich sah, nicht! Nur die Breite eines Nachtkästchens trennte ein Bett vom andern, es mußten deren über dreißig in dem Saal sein, der fünf gewöhnliche Wohnungsfenster hatte. In der Mitte des Saals stand ein mächtiger Tisch, auf dem vielerlei Flaschen und Krankenbehelfe standen. Einige der Kranken waren aufgestanden und saßen in ihren blaugestreiften Kitteln müde auf ihren Betten. Andere stöhnten schmerzvoll auf ihrem Lager, wieder andere lagen bleich und still da, als wären sie schon gestorben, richteten nur hier und da ihren Oberkörper ein wenig in die Höhe, um zu husten oder etwas vom Nachttisch zu nehmen. Nur wenige lasen eine Zeitung oder unterhielten sich mit einem Nachbarn. In einem Bett am Ende des Saals lag ein Mann im Sterben. Er kämpfte bitter, stemmte den Rest seiner Kraft gegen den Unbezwingbaren. Sein letzter Atem preßte sich kreischend aus dem Mund, während sich die Hände in die Decke krallten. Das hagere Antlitz lag auf dem weißen Polster wie eine halb ausgelöschte Zeichnung. Die ohnmächtige Hand einer in sich hinein weinenden Frau zitterte darüber hin und streichelte es zärtlich. Die übrigen Kranken schienen sich gar nicht um den Gestorbenen zu kümmern; war hier der Tod ein so alltägliches Ereignis, daß es kein grausiges Staunen, keine andächtige Furcht mehr erweckte? Eine jüngere, etwas freundlichere Wärterin trippelte auf mich zu. Sie hatte ein naseweises Tschechengesicht, war von rundlicher Beweglichkeit und rief im Vorbeigehen beinahe jedem Patienten ein paar lustige, aufmunternde Worte zu; mir brachte sie einen Eisbeutel und die Nachricht, daß Doktor Stein gleich kommen wolle, um mich zu untersuchen. Bald darauf kam dieser, ein kaum dreißigjähriger Mann mit feinem, geistreichem Judengesicht; aus dem weißen Kittel sahen schmale, zarte Hände – alles an ihm atmete Güte und Verständnis aus. Er fragte, von Bett zu Bett schreitend, nach dem Befinden, den Wünschen des Kranken, und man hatte das Gefühl, daß er dies aus ehrlichem Interesse tat. Es erwuchs in mir großes Vertrauen zu dem Arzt, von dem mein Nachbar leise sagte: »Der muaß nöt essn, nöt schlafn, in ka Kaffeehaus geh und ka Madl ham, weil er allaweil bei uns is!« Daher stammte wohl auch die Antipathie der Oberwärterin gegen diesen Arzt, vor dessen »Schnofflereien« man nie sicher war. Als Dr. Stein bei mir angekommen war, drückte er mir beruhigend die Hand und las aufmerksam den mich betreffenden Spitalzettel. Dann bat er mich, auf ein Stück Papier zu schreiben, was ich bisher für ein Leben in bezug auf Arbeit, Nahrung und Erholung geführt hätte. Nachdem ich dies getan, untersuchte er mich, was er mit ungewohnter Zartheit tat. Als er damit zu Ende war, nahm er wieder meine Hand und sagte leise: »Lieber Freund, ich will Sie nicht im unklaren lassen; Sie haben eine nicht sehr leichte Infiltration beider Lungenflügel. Aber Ihre eigentliche Krankheit heißt: Wien! Wien mit seinem Staub, seinem Granitpflaster ist schuld an Ihrer Tuberkulose. Wenn Sie wieder so weit gesund sind, daß Sie eine Stellung annehmen können, dann gehen Sie aufs Land hinaus, bleiben Sie nicht in dieser Stadt. Und dann: gut essen sollten sie immer! Vorläufig nehmen Sie fleißig Eisbeutel und Eis in Milch. Adieu, adieu!« Ich lag unbeweglich in meinem Bett – jeder Muskel war bleischwer in Verzweiflung über das eben Gehörte. Monatelang krank sein, monatelang, und was dann? Vierzehntes Kapitel Eine Wiese, ein Wald! Die Menschen starben um mich wie Fliegen, Jeden Tag trugen die Spitalsdiener einen oder zwei Erlöste aus dem Saal, in dem ich lag, in die Totenkammer. Die meisten starben ruhig, ohne viel gegen den Tod zu kämpfen. Es war oft wie ein kurzes, befreites, letztes Aufatmen nach einem langen Verbleiben in einem luftarmen Loch. Und die sich mit letzter Kraft, einem wilden Tier gleich, mit Schreien und letztem Aufbäumen des Körpers wehrten, wurden mit Hilfe der Morphiumspritze zu einem ohnmächtigen Sterben gebracht. So geschah es auch einem achtzigjährigen Greise, der in meiner unmittelbaren Nähe lag und sich drei Tage lang mit furchtbarem Toben gegen die Umarmung des Todes sträubte. Man hätte dem zermürbten, ausgemergelten Körper diese Lebenszähigkeit und Widerstandskraft nicht zugetraut. Arzt und Wärterin mußten ihre ganzen Kräfte zu Hilfe nehmen, um den Alten in das Bett niederzuzwingen, wo ihm dann eine starke Dosis Morphium die Kraft zum Brüllen nahm. Aber ruhig war er auch dann nicht, schnatterte, grunzte und stöhnte in einer Art, daß uns anderen Patienten das Brüllen beinahe noch lieber war. Der ganze Saal haßte den Alten. Achtzig Jahre alt sein und nicht sterben wollen war für uns, die wir zumeist ein hartes, freudenarmes Leben hinter uns hatten, eine Herausforderung, so wie es vielleicht strotzende Gesundheit im Kleide des Reichtums gewesen warn. Auch widerte uns das Benehmen seiner Angehörigen an, die ihn von früh bis abends laut jammernd umstanden und ihm, wenn er vor Erschöpfung etwas einschlief, sofort in die Ohren kreischten: »Großvaterl, stirb net!« – »Großvaterl, Großvaterl, hörst mi no?« – »Geh, Großvaterl, sei brav und schau uns no amol a!«, bis der Arme die Augen aufriß und wieder von neuem zu toben begann. Wir atmeten alle befreit auf, als eines Morgens beim Aufwachen unsere Blicke den Greis nicht mehr vorfanden, sondern auf ein leeres, frischüberzogenes Bett fielen. Er war in der Nacht gestorben. Sein gerades Gegenteil bildete ein kaum dreißigjähriger Mann, der das Bett mir gegenüber besetzt hielt. Er war ein tschechischer Tischlergeselle und wohl im letzten Stadium der Tuberkulose. In den Dämmerungen sah sein Gesicht schon wie grüner Grabesmoder aus. Trotz seines Martyriums war er von bewunderungswerter Geduld, hörte ich kein Wort der Klage von ihm, bemerkte ich keine Geste der Ungeduld. Die ergebene Demut und ruhige Gelassenheit gab seinem typisch slawischen Gesicht oft eine reine, klassisch edle Form. Unwillkürlich mußte ich das Bild eines beinahe lebensgroßen, gekreuzigten Christus mit ihm vergleichen, der mit tierischem Schmerzensausdruck seinen blutüberrieselten Kopf auf uns herabbeugte. Der sterbende Tischler bekam jeden Tag den Besuch seiner Frau, einer üppigen, grellblonden Tschechin, die ihm stets einen großen Korb voll der besten Dinge, Obst, Bäckereien, Wein und sogar eine Flasche Kognak, brachte. Wenn sie fort war, bat er die Wärterin, die Sachen an die Patienten zu verteilen, seine Frau ließ er aber bei dem Glauben, er habe alles selbst verzehrt. Daraufhin gab sie immer ihrer Verwunderung Ausdruck, daß ihr Mann, trotzdem er so viel esse, doch von Tag zu Tag hinfälliger werde, und sie schimpfte furchtbar auf die Ärzte, denen sie einzig und allein die Schuld an dieser traurigen Erscheinung beimaß. Den Tag vor seinem Tode ließ er sich, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, den Friseur holen. Der mußte ihn rasieren und ihm die Haare stutzen. Mit einem furchtbaren Lächeln sagte er uns, er wisse, daß morgen seine Zeit abgelaufen sei und er sterben müsse. Er wolle sich dafür noch einmal schönmachen lassen. Nach der Prozedur sah er grotesk grauenhaft aus. Der schwarze Schnurrbart klebte mit seinen aufgewichsten Spitzen wie in dem Gesicht eines Gespenstes, und der Geruch schlechter Haarpomade machte es, daß ich vermeinte, einer einbalsamierten Leiche gegenüber zu liegen. O furchtbares Schicksal, hier sterben zu müssen, vor vierundzwanzig weißen Betten, voll des Jammers und der Qual. Mein Bettnachbar war ein alter Brunnenmacher. Vor Jahren war er noch – wie er mir erzählte – ein wohlhabender Meister gewesen, aber die fortschreitende Versorgung der Großstadt mit Hochquellenwasser und nicht zuletzt die unverbesserliche Fidelität des Wiener Handwerkers hatten ihn der vollständigen Verarmung nahegebracht. Er war ein dürres, unglaublich bewegliches Männlein, das auf zwei Dinge besonders stolz war: erstens auf seinen graublonden Kaiserbart, dem er die sorgfältigste Pflege angedeihen ließ, und zweitens auf den Umstand, daß er durch eine Kanüle, die in der Leistengegend zum Magen führte, und nur mit flüssiger Nahrung genährt wurde. Der Brunnenmacher hatte Speiseröhrenverengung und voraussichtlich nur mehr wenige Monate zu leben. Obzwar er nun wußte, daß er das Spital lebend nicht mehr verlassen würde, war er stets lustiger und guter Dinge. Der Wahlspruch seines ganzen Lebens war, wie er mir ein paarmal auf das eindringlichste mitteilte: »Der Mensch ist ja ka Viech, drum muaß er a guats Weinl, a feins Zigarrl und a sauberls Mädel allaweil mögen und a guats Herz habn!« Dieses hatte er reichlich. Er tat den bettlägerigen Kranken mehr Liebesdienste als die dafür angestellten und bezahlten Wärterinnen. Den ganzen Tag bis in die späte Nacht hinein huschte er behend von Bett zu Bett, brachte dem einen Kranken frisches Wasser, leerte dem andern sein volles Uringlas aus, richtete einem dritten, halb Gelähmten die Polster, erzählte Patienten, die von keinem Angehörigen besucht wurden oder die aus irgendeinem andern Grund trübsinnig waren, die humorvollsten Anekdoten, bis sie zu lachen anfingen, und scheute sich nicht, die Wärterinnen wegen einer Nachlässigkeit zu rügen. Wenn er sich im Krankensaal überflüssig fand, setzte er sich im Vorzimmer auf den großen Kochherd und rauchte mit großem Genuß eine Virginiazigarre, die er von den Ärzten geschenkt erhielt. Er hatte sich gleich in der ersten Stunde meines traurigen Aufenthaltes meiner angenommen. Da ich die ersten Tage mit niemandem reden durfte, brachte er mir alle Zeitungen, die er im Saal auftreiben konnte, und saß stundenlang auf meinem Bett, wo er mich mit dem Erzählen der schnurrigsten Geschichten zu zerstreuen suchte. »Wanns Ihnan Brotladn haltn, sans in a paar Wochen wieda pumperlgsund! Dö klan Flöhstich in Ihnerer Lungen san zuagleimt! Da hab i scho a feinere Letten. I bin wia a Bierfassel angschlagn und bin so noblicht wurn, daß i nur mehr a Eiersupperl kriag!« Dabei strahlte er vor Stolz über seine vornehme und seltene Krankheit, während er doch in seiner Gutmütigkeit nichts anderes anstrebte, als mich mit der Schilderung seines furchtbaren Übels, von dem ihn nur der Tod erlösen konnte, zu trösten. Am Tage nach der Verschönerung des lungenkranken Tischlergesellen, es war kurz vor dem Mittagessen, saß der Brunnenmacher auf seinem Bett und erzählte mir eine höchst anregende Geschichte von einer Heurigenfahrt, die er einst mitgemacht hatte, während er auf das sorgfältigste mit Zigarettenpapier eine sich aufblätternde Zigarre auszubessern versuchte. Er war gerade dabei, mir den Seelenzustand eines Einspännerkutschers, der schon vier Liter Wein vertilgt hatte und nun den fünften vor sich stehen sah, auf das anschaulichste zu erklären, als uns beide ein Seufzer aufhorchen ließ, der wie das Geräusch eines Vogelfluges durch den Raum zog. Um diese Zeit herrschte zumeist die größte Ruhe. Die meisten Patienten schrieben oder lasen die Morgenzeitungen und Briefe, die jeden Tag um diese Zeit von der Portierlogen heraufgebracht wurden. So war das seltsame Geräusch, das mich seltsam erschauern ließ, deutlich vernehmbar gewesen. Auch die andern hatten aufgehorcht, aber da es sich nicht wiederholte, widmeten sich alle wieder ihrer Beschäftigung. Auch mein Nachbar fing wieder an, seine schier endlose Geschichte zu erzählen, zu deren Ende er auch nicht mehr kommen sollte. Denn plötzlich hörten wir die Frau Fanny beim Bett des Tischlers ausrufen: »Jessas, mi scheint gar, der Herr Nemetz is gsturben! ... Freili, maustot is er, und vur aner Viertelstund hab i erm no gratuliert zu sein guatn Appetit, weil er zur Zehnerpausen a kalts Antenhaxerl mit aner Kaisersemmel verschnabuliert hat! Dös haß i a feins Sterbn! Der hat wenigstens beim Abkratzen Rücksicht gnumma auf unseraner. Da sollten sich andere a Beispiel nehma!« Und sie richtete einen vorwurfsvollen Rattenblick auf einen Patienten, der, zum Skelett abgemagert, schon den zweiten Tag dem Tod entgegenstöhnte und wimmerte, da er zum Schreien nicht mehr die Kraft hatte. »Ja, so möcht i a sterben«, bekräftigte der Brunnenmacher die Worte der Wärterin. »Der hat kan Meketzer gmacht. Da liegn tuat a, als wenn er a Mittagsschlaferl haltn möcht!« Ich richtete mich auf, um hinübersehen zu können. Wirklich, der tote Tischler lag da, als wenn er sanft schliefe. Alles Peinigende der furchtbaren Krankheit war aus dem friedvollen Gesicht gewischt. Das war in Wahrheit das Bild eines von allem Jammer der Erde Erlösten. Wenn mein Tod nur auch so schön und ruhig würde. Aber ich mußte an das harte Sterben von Vater und Mutter denken! Nach den Vorschriften mußte ein Verstorbener drei Stunden auf seinem Sterbelager liegenbleiben, bis er in die Totenkammer kam. Um den Patienten diesen Anblick zu ersparen, wurde um das Bett, das den Toten barg, eine spanische Wand gestellt. Das geschah auch jetzt, und in Gegenwart des unseren Blicken verborgenen toten Tischlergehilfen mußten wir unser Mittagessen verzehren. Gar manchen von uns würgte diesmal jeder Bissen im Mund. Ein grotesk komisches Ereignis folgte noch an diesem Tage dem Tod des Tischlergehilfen. Als nämlich die Glocke zur Ausspeisung rief, fand die das Essen austeilende Wärterin einen Patienten nicht in seinem Bett vor. Es war das ein alter Landstreicher, den man tags zuvor mit einer Lungenentzündung auf der Straße zusammengeklaubt und ins Spital gebracht hatte. Da er stark fieberte, verbot ihm der Primarius bei der Morgenvisite, das Bett zu verlassen, und trug der Frau Fanny auf, darüber zu wachen, daß dieses Verbot nicht etwa im Fieberwahn von dem schwerkranken Patienten übertreten wurde. Die Wärterin hatte, wie es ihre Art war, die Pflicht der Überwachung nicht sehr genau genommen, und die Folge war, daß der kranke Landstreicher das Bett verlassen konnte, ohne gesehen zu werden. Die dicke Frau Fanny geriet in große Aufregung, als alles Suchen nach dem Verschwundenen vergeblich schien. Sie schnaufte wie eine wütend gewordene Wildsau durch den Saal, auf den Gang hinaus und wieder herein, suchte selbst die unmöglichsten Verstecke ab und ließ ganze Wagenladungen Schimpfworte und Verwünschungen aus ihrem Rosenmund kollern. Sie brachte den ganzen Flügel des Spitals in Aufregung, alarmierte ihre Hilfspflegerinnen, die Abwaschfrauen, Krankendiener und die nicht bettlägerigen Patienten. Vom Boden bis zum Keller wurde alles durchsucht – ohne jeden Erfolg. Es wurde in den andern Abteilungen nachgefragt, der Portier wurde einem Verhör unterzogen – alles umsonst. Niemand wollte den Verschwundenen in den letzten zwei Stunden gesehen haben. Die Zeit für das Mittagessen war längst vorbei. Sonst herrschte vollkommene Ruhe. Heute nicht, denn alles war wegen des so rätselhaften Verschwindens eines Schwerkranken in größter Aufregung, und von Bett zu Bett unterhielt man sich über diesen sonderbaren Fall. Nach einigen Wut- und Entrüstungsausbrüchen saß die robuste Weiblichkeit unserer Oberwärterin wie ein Häuflein Elend in der Saalmitte auf einem Stuhl und jammerte alle möglichen Befürchtungen in unsere Ohren. Am meisten befürchtete sie, daß sich der verschwundene Patient einen leiblichen Schaden angetan haben könnte. Da hätte wohl eine strenge Untersuchung eingesetzt, und wer weiß, was diese über die hervorragenden Eigenschaften der Frau Fanny als Oberwärterin an interessanten Einzelheiten zutage gefördert hätte. Die Stunde der Nachmittagsjause kam, und mit der trostlosesten Miene schenkte sie uns den Kaffee ein. Nach der Jause wurde die zweite Tagesvisite abgehalten, und da mußte sie dem Primararzt das Verschwinden des Patienten von Bett Nr. 21 anzeigen. Sie zitterte so mit den Händen, daß sie die Hälfte Kaffee herausschwabbte und sie mir trotz ihrer Roheit ordentlich leid tat. Während der Jause kamen die Spitalsdiener, um den verstorbenen Tischlergehilfen in die Totenkammer zu schaffen. Sie schoben die Gardinenwände zusammen, und – wen sahen wir da zu Häupten des Toten beim Nachtkästchen sitzen? Niemand anderen als den vermißten und vergeblich gesuchten kranken Landstreicher. Als ob nicht das geringste vorgefallen wäre, grinste er die wie eine Furie auf ihn losschießende Frau Fanny an und erzählte in gebrochenem Deutsch – er war ein Tscheche – die Geschichte seines Verschwindens. Er hatte bei dem Verstorbenen noch eine volle Kognakflasche auf dem Nachtkästchen und in dessen Lade noch allerlei gute eßbare Dinge bemerkt und war, ohne gesehen zu werden, hinter die spanische Wand geschlüpft, wo er sich in Gegenwart des stummen Gastgebers den guten Schnaps, einige Scheiben Schinken und Bäckereien auf das beste schmecken ließ. Als er entdeckt wurde, war er gerade mit der Halbliterflasche fertig geworden und ließ sich von der Wärterin höchlichst vergnügt ins Bett bringen. Frau Fanny war nicht wenig erbost, denn abgesehen von den Sorgen, in die sie sein Verschwinden gestürzt, trauerte sie auch sehr der vollen Kognakflasche nach, die diesmal nicht den Weg zu ihr gefunden hatte. Sie wünschte dem Vagabunden zweiundvierzig Grad Fieber und die gräßlichsten Folgen an den Hals, hatte aber mit ihrer Verwünschung keinen Erfolg, denn der alte Saufbruder konnte schon in einer Woche das Spital geheilt verlassen. Ich schnappte nun schon die dritte Woche Krankenhausluft, von einem Atmen konnte keine Rede sein, da ich in vollkommen ruhiger Lage achtundvierzig Hebungen und Senkungen meiner Lunge zählte. Als ich nach vierzehn Tagen strengster Bettruhe das erstemal versuchte, mich aus dem Bett zu winden, kam ich mir wie ein halbzertretenes Insekt vor. Um über die Breite des Saals zu kriechen, brauchte ich eine lächerlich lange Zeit. Darüber war ich todunglücklich. Wenn das nicht besser wurde – und der Zustand meines Körpers ließ mir wenig Hoffnung –, war ich zur Krüppelhaftigkeit verdammt und mußte mein Leben in eines der berüchtigten Versorgungshäuser meiner Heimatstadt hineinschleppen, wenn ich es nicht vorzog, mit einer monatlichen Pfründe von zwölf bis zwanzig Kronen den beneidenswerten Beruf eines von der Polizei gehetzten Bettlers zu ergreifen. Und das mit sechsundzwanzig Jahren, einem Alter, wo andere sich Macht, Reichtum, Glück, Ehre, kurzum das Leben zu erobern suchen! Auf das genaueste fing ich mich und meine Krankheit zu beobachten an. Die Teilnahmlosigkeit gegenüber dem Zustand meines Körpers, die mich in den ersten Wochen meines Krankseins beherrschte, war verschwunden und hatte einer zitternden Erregtheit Platz gemacht. Die Vorschriften der Ärzte und Pflegerinnen hielt ich auf das peinlichste ein, schluckte dankbar das bitterste Zeug hinunter, ließ mir den eisigen Zwang der Eisbeutel und kalten Wickel wie eine liebe Tat gefallen und rührte kein Glied, wenn es nicht sein mußte, um ja nicht die kranke Lunge unnötig zu erschüttern. Da ist es nun selbstverständlich, daß ich auch die Krankheiten und ihre Erscheinungen der anderen Kranken mit größter Anteilnahme und Neugierde beobachtete. Dies geschah natürlich nicht zu meiner Beruhigung. Mein Saal beherbergte die schwersten Arten der Tuberkulose. Rings um mich sah ich rettungslose Fälle dem Tod entgegenfaulen. Alles, was ich nun an ihnen beobachten konnte, übertrug ich auf meinen Zustand, maß an ihren Qualen die meinigen, sah in ihrem langsamen Sterben das furchtbarste Spiegelbild der bevorstehenden eigenen Auflösung. In den Mienen der Ärzte, wenn diese an den Betten dieser Todgeweihten standen, las ich mein eigenes Urteil, und als einmal die Roheit unserer Oberschwester so weit ging, einem dieser Kranken ins Gesicht zu sagen, daß er nur mehr einen Tag zu leben hätte, da war es mir, als wäre dieser Vernichtungsspruch an mich gerichtet gewesen, und ich litt eine ganze Nacht die letzten Qualen vor den Toren des Todes. Ganz und gar ward ich der hoffnungslosesten Verzweiflung preisgegeben, als Doktor Stein, der gute Geist unserer Abteilung, von uns Abschied nahm, da er für sechs Wochen zur militärischen Dienstleistung einrücken mußte. Jetzt war niemand mehr da, dem ich vertrauen konnte, der mich tröstete und auf dessen Wort ich baute. Die anderen Ärzte waren entweder kalte, abweisende oder oberflächliche Naturen, die mit den Kranken nur das Notdürftigste besprachen. Sie sahen in ihnen nicht den Zweck ihres Berufs, sondern nur das leider notwendige üble Mittel. Von dem Primarius wurden sie keines Bessern belehrt. Der nahm sich kaum Zeit, bei jedem Bett den Vortrag der Pflegerin anzuhören, geschweige denn, daß er sich mit dem Patienten in ein näheres Gespräch einließ. Einige hastige Fragen, ein flüchtiger Blick auf die Fiebertabelle, ein sekundenlanges Pulsfühlen, ein paar Worte an den Schwanz der Ärzte hinter sich, und schon war die Visite beendet. Für die zwei Dutzend Kranken, von denen die meisten komplizierte Fälle darstellten, war der Herr Primarius weniger maßgebend als die Frau Fanny, die in Wirklichkeit die eigentliche Leitung hatte. Über diese Oberpflegerin will ich kein Wort mehr verlieren. In den vorhergegangenen Blättern habe ich ja Umrisse ihres edlen Wirkens gegeben. Ich bin der Meinung, daß sie selbst für ein weibliches Zuchthaus noch zu ordinär und roh gewesen wäre. In diesen bösen Tagen ging ich öfter denn je den Kreuzweg meiner Klasse zwischen den beiden sich gegenüberliegenden Polen: Lebensgier und tiefster Resignation, mit zerschundener Seele hin und her und lernte wieder ein Stück mehr von dem sonderbaren Schutz des Staates kennen, den dieser seinen geschwächten Bürgern zu bieten verpflichtet ist. Spitalspflege! Eines wenigstens war mir nun in Hülle und Fülle gegönnt: Zeit zum Lesen und Sammeln meiner Gedanken. Im Krankenhaus selbst war freilich nicht allzu viel Literatur vorhanden. Am reichlichsten waren noch die katholischen Druckerzeugnisse vertreten, von denen die Traktätchen und Kalender mit ihren langweiligen Geschichten den Großteil ausmachten. Daneben gab es noch einige Hefte der Jugend«, der »Gartenlaube« und ähnlicher Zeitschriften, die zumeist von früheren Patienten herstammten, und dann eine Anzahl der gelben Büchlein aus Reclams Universal-Bibliothek. Sie sollen gesegnet sein, denn ihnen allein verdanke ich das bißchen Freude, das bißchen Humor, das Vergessen der überarmseligen Gegenwart in ein paar Glücksstunden damals in meinen Lazarustagen. Da war es vor allem Dickens, dessen schöne, große Kunst und Menschlichkeit mir aufging wie einem Wanderer ein heiterer Stern in dunkelster Nacht. Aber die paar Reclam-Büchlein waren bald ausgelesen, und ich mußte mit den Zeitungen und Zeitschriften vorliebnehmen. Aus dem Volksbildungsverein durfte ich mir als hustender Lungentuberkuloser keine Bücher ausleihen, wenn ich meine Bazillen auf diese Weise nicht übertragen wollte. Und Bücher kaufen? O mein Gott, das Krankengeld betrug 1,20 den Tag und fiel vollständig dem Spital zu, erspart hatte ich mir bei meinem königlichen Gehalt nicht einen Heller, und meinen letzten Wochenlohn übergab ich meiner Quartiersfrau, die ihn nötiger hatte als ich. Ich legte mir die Frage vor: Warum gab es keine Krankenhausbibliothek? Die war doch nach meiner Meinung beinahe so wichtig wie die Hausapotheke oder der Turnsaal, wo Fuß- und Handkranke wieder Bewegung in ihre Glieder bringen sollten! Und eine zweite Frage war die: Warum kümmerten sich die Ärzte, die Krankenhausleitung so gar nicht um die geistige Zerstreuung ihrer Schützlinge? Warum überließ man die Kranken ihren bösen Grübeleien, dieser Folter des tatlosen Dahinliegens in einer Atmosphäre von Schmerzen, vergiftetem Blut und allem möglichen Jammer? Das war doch eine unbewußte Grausamkeit, eine gedankenlose Verstärkung der Marter des Krankseins. Hatte das noch kein menschlich fühlender Arzt oder sonst irgendein einflußreicher Menschenfreund durchdacht und versucht, hier Abhilfe zu schaffen? Sehr schlecht war es auch mit unserer Verpflegung bestellt. Das Essen war höchst einförmig und zumeist unschmackhaft zugerichtet. Auch seine Quantität war für den Appetit mancher Kranken nicht hinreichend. Zu Mittag bestand es aus einem ausgekochten Stückchen Rindfleisch und einem Schöpflöffel voll Gemüse, welcher Mäuseportion ein Teller Wassersuppe voranging. Und das Abendessen war noch kärglicher. Ich hatte selbst als Arbeitsloser selten so gehungert, wie ich es in dieser Krankenhausstiftung tun mußte. Mein zweites Frühstück bestand nur aus einem Scheibchen weißen Brotes und einem Schluck gewässerter Milch. Als ich nun, vom Hunger getrieben, mir einmal den Mut nahm, bei einer Visite den Primarius um Verschreibung von ein wenig Schinken oder Wurst zu bitten, zuckte er bedauernd die Achseln und sagte: »Mein Lieber, das liegt nicht in meiner Macht! Der Herr Verwalter verlangt von uns die größte Sparsamkeit. Wenn ich Ihnen den Schinken verschreiben würde, hätte ich argen Verdruß mit ihm!« Es war deshalb kein Wunder, wenn sich jeder Patient so schnell wie möglich wieder aus diesem Haus der Barmherzigkeit wünschte. »Im Bett liegen und hungern kann i z' Haus a, da brauch i ka Spital, wo's von die Toten riacht und die Bazilln auf d' Wänd uma kräuln!« sagten die meisten und hatten bitter recht damit. Es blieben so auch die wenigsten Kranken bis zur vollständigen Genesung hier. Wer von ihnen halbwegs ein Heim hatte, und wenn es ein noch so armseliges war, wartete kaum die Krisis seiner Krankheit ab und schleppte sich, wenn es sein mußte, auf allen vieren nach Haus. Er wurde auch nicht zurückgehalten. Im Gegenteil: die Krankenhausleitung war froh, Platz zu bekommen, war doch der Andrang ein großer, und oft reichten die Hilfsbetten nicht dazu aus, die eingelieferten Kranken aufzunehmen. Die Großstadt verbraucht ungeheuerlich viel Menschenleiber und -glieder und ist seltsamerweise ein schlechter Unternehmer, da sie für diese ruinierten Maschinen aus Knochen, Fleisch und Blut ganz unzureichende Reparaturwerkstätten errichtet hat. Zu Beginn der vierten Woche meines Aufenthalts im Spital erklärte auch mir der Primarius, daß ich in drei Tagen das Spital verlassen müsse. Ganz bescheiden glaubte ich einwenden zu müssen: »Herr Professor, ich hab aber noch so starke Atembeschwerden, daß ich bis zum Abort eine Viertelstunde zum Gehen brauch!« »Da müssen Sie halt öfter aufstehn und nicht den ganzen Tag im Bett liegenbleiben!« »Bitt schön, Herr Professor, ich hab's ja probiert, aber mir wird gleich so viel schlecht, und hier in der Brust steckt's drin wie ein Brett!« Der Primarius wurde ersichtlich ungeduldig. »Das wird draußen schon besser werden. Ihr Bluthusten ist gut geworden, und das andere muß sich mit der Zeit geben. Wir sind ein Krankenhaus und keine Versorgungsanstalt!« Er schritt zum nächsten Bett. Hätte ich ein Heim gehabt, einen noch so bescheidenen Unterschlupf, in dem Verwandtenliebe auf mich wartete, wäre die Erklärung des Primarius nur ein Anlaß zur Freude gewesen. Aber so – ich war ja nur ein Bettgeher, ein Einmieter bei wildfremden Menschen, die an und für sich für mich schon mehr getan hatten, als ich verlangen durfte. Meine »Bettfrau« war sogar der einzige Mensch, der mich alle drei, vier Tage auf eine Stunde besuchte, mir selbstgebackene Leckerbissen, Zeitungen, Bücher brachte und mir mit derben, guten Worten Trost zusprach. Von ihr konnte und wollte ich nicht mehr das Opfer verlangen, mich siechen, mit einer ansteckenden Krankheit behafteten Menschen wieder als Mieter aufzunehmen. Aber wo sollte ich sonst hin? Wer würde mich in einem solchen Zustand bei sich wohnen lassen? Mir war es ja – gar deutlich zeigte es mir der Spiegel – schon äußerlich anzusehn, daß ich mit meinem vergifteten Atem die Luft verpestete, daß mein Leiden ein unheilbares und ich ein früher Todeskandidat war. Am nächsten Tage besuchte mich wieder meine Mietfrau. Sie hatte am Gang mit der Oberwärterin gesprochen und von dieser erfahren, daß ich das Krankenhaus verlassen müsse. Als die selbstverständlichste Sache sah sie es an, daß ich wieder bei ihr in der Küche wohnen würde, und meinen schüchternen Einwendungen begegnete sie mit einigen energischen Redensarten, wie: »Aber redens net so gschwolln daher! Sans net so a Tschapperl, warns als a Gsunder bei mir, wiar i Ihna als a Kranker net außi lahna!« oder »Jetztn sans scho amol stad mit Ihnare Bazilln! Mit dö Viecherln wer ma a no fertig werdn! I hol Ihna am Samstag nachmittag um Zwa aus der Hungerpudicken a! Fertig, pasta!« In der Nacht von Freitag auf Samstag konnte ich vor Aufregung lange nicht einschlafen. Mir war zumute wie einem Gefangenen, der im Dunkel seines Kerkers sein Augenlicht verloren glaubt und nun mit Zittern und Zagen der nahen Stunde seiner Befreiung entgegenharrt, die ihm zeigen wird, ob er noch die Sonne, die Blumen und alles farbig Schöne unterscheiden und mit sehenden Augen genießen kann. Würde auch ich noch die freie Luft einatmen, draußen auf der Straße einen Fuß vor den andern setzen können, ohne vor Schwäche umzusinken? Ich hatte nicht das geringste Vertrauen mehr zu meinem Körper. Endlich eingeschlafen, weckte mich plötzlich ein Gepolter und leises Gerede in dichtester Nähe. Ich riß die Augen auf und sah, wie die Pflegerin mit Hilfe der Diener das Bett meines Nachbarn zur Linken mit der spanischen Wand umstellte. Er war soeben gestorben, vielleicht zur selben Zeit, wo ich eingeschlafen war. Am andern Vormittag wurde ich von dem Primarius noch einmal untersucht. Jetzt heißt es fleißig an die frische Luft gehen und viel und gut, besonders fett essen, verstanden, junger Freund?« sagte er nach flüchtigem Abklopfen und -horchen. War es der Hohn eines Unmenschen, der diese Worte zu einem arbeitslosen, lungenkranken Proleten sprechen ließ? Nein, der Mann mit dem schöngepflegten Ägypterbart war in Wirklichkeit kein Arzt, sondern ein gedankenloser Beamter des herrlichsten Berufes auf Erden. Gleich nach dem Mittagessen zog ich mich an. Als dies mit vieler Mühe und mit Hilfe eines Leidensgefährten geschehen war, schlich ich mich von Bett zu Bett, von den Kranken Abschied nehmend. Alle beglückwünschten mich zu meiner Genesung, und dies war keine Heuchelei, denn sie sahen im Verlassen des Krankenhauses die Wiedererlangung der verlorenen Gesundheit. Nur ein einziger Patient, ein polnischer Gärtnergehilfe, der an einer schweren Blutkrankheit litt und nach dem Tratsch der Frau Fanny nur mehr ein paar Wochen zu leben hatte, schielte mich spöttisch mit seinen veraschten Augen an und krähte in gebrochenem Deutsch: »Pane Petzold, lassens doch Packerln mit Wäsch da! Kommens doch bald wieder zu uns!« Meine »Bettfrau« kam pünktlich zur bestimmten Stunde, nahm mein Paket und mich unterm Arm und verließ mit mir den Raum voll Bresthaftigkeit, den Saal des Sterbens. Mein letzter Blick fiel auf das lebensgroße Bild des gekreuzigten Heilands und auf das rohe, gesunde Gesicht der Frau Fanny, die darunter in einem Krankenstuhl saß, in die Lektüre der Kronenzeitung vertieft. Diese zwei Bilder wurden mir die Symbole dieses Krankenhauses, dem ich nun im Schneckengange dampfig atmend und stöhnend vor Lufthunger den Rücken kehrte. In der Aufnahmekanzlei erhielt ich noch eine Aufenthaltsbestätigung, die ich zur Anmeldung in der Krankenkasse benötigte. Ich konnte es nicht unterlassen, den dicken Beamten mit dem verdrossenen Weingesicht, der mich mit einem: »No, mit Ihnere Blüaterei sinds ein bisserl lang da gwesen!« anbrummte, zu antworten: Ja, ein bisserl zu lang, ich hätt bald den Hungertyphus kriagt!« Der Weg bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle schien mir in die Ewigkeit zu gehen, er wollte kein Ende nehmen. Obwohl er nur wenige hundert Schritte lang war, brauchte ich eine halbe Stunde und mehr dazu, ihn zurückzulegen. Nach vier bis fünf Schritten mußte ich immer einige Minuten rasten und gleich einem Ertrinkenden nach Luft schnappen. Mir war zumute, als bestünde die Atmosphäre um mich nur aus dichten, erstickenden Rauchschwaden oder als wäre sie voll eines giftigen Gases. Wild schlugen die Lungenflügel an die Rippen, und das Herz pochte immer angstvoller. Das Blut stieg hämmernd gegen die Schläfen, und vor den Augen lagerte ein zitternder Rotschein. Dabei schämte ich mich wegen meines trostlosen Zustandes vor den Leuten auf der Straße. Die meisten sah ich stehenbleiben und mich anstarren. Wie ein sterbendes Tier kam ich mir vor, dessen Todeszuckungen ein billiges Schauspiel abgeben. Am liebsten wäre ich hinter ein Haustor gekrochen, um dort die Nacht abzuwarten. Dieser kurze Weg gab mir einen furchtbaren Vorgeschmack von dem Leben, das mich erwartete, wenn es mit mir nicht besser wurde. In dem Straßenbahnwagen sank ich wie ein Halbtoter auf einen leeren Platz und legte die weite Strecke bis in die Nähe unseres Wohnorts in einer Art Betäubung zurück, aus der mich nur der Gedanke an die mir heute noch bevorstehende Fußwanderung quälend aufschreckte. Der Weg von der Haltestelle, wo wir ausstiegen, bis zu unserm Wohnhause kam mir aber etwas leichter vor. Daran mochte die reinere Luft schuld sein, die hier, von den nahen Wienerwaldbergen kommend, wehte. Auch war hier das Straßenleben ein ruhigeres und ich nicht so viel Gaffern, ihrer Neugierde und ihrem verfluchten Mitleid ausgesetzt. Dagegen hatten die zwei Stiegen, die ich steigen mußte, eine Höhe, als führten sie auf den Turm der Stephanskirche. Aber nach vielem Rasten, Geschnauf und Keuchen war auch das überstanden, und ich war zu Hause, wenn ich das Heim fremder Menschen, deren Mitleid größer war als ihre Vorsicht, ein Zuhause nennen durfte. * Acht Tage war ich schon außer dem Krankenhause, und ich müßte lügen, schriebe ich, daß mein Zustand sich verbessert hätte. Der freundliche Krankenkassenarzt mit der Behäbigkeit eines wohlhabenden Geschäftsmannes und den guten, klugen Augen, hinter deren ruhiger Schalkhaftigkeit doch die verzweifelte Resignation saß, hier draußen in dem Bezirk der elendesten Armut in so vielen, vielen Fällen nicht helfen zu können, sagte, nachdem er mich gründlich untersucht hatte: »Nur nicht den Mut verlieren, lieber Freund, es ist nicht so bös, wie es aussieht. Freilich, meine Herren Kollegen im Spital haben eine Rippenfellentzündung bei Ihnen übersehen. Da haben sich nun arge Verwachsungen gebildet, von denen kommt Ihr Lufthunger. Die müssen sich halt langsam lösen. Da heißt's Geduld haben. Es wird mit der Zeit schon besser werden. Nur recht fleißig spazierengehen und viel essen!« Geduld, Geduld! Ach, zum baldigen Sterben hätte ich sie gehabt, aber nicht zum Weiterleben in einer solchen Weise. Spazierengehen! Jedes Treppensteigen oder Nehmen der kleinsten Straßensteigung war für mich eine solche Qual, wie vielleicht einem Verwundeten das Herabreißen des Verbandes von seinen Wunden. Die Angst vor den Beschwerden des Gehens verfolgte mich bis in die Träume. Wenn das scharfe Frühlicht durch das Küchenfenster auf mein Gesicht fiel und mich aufweckte, war mein erster Gedanke: Wie wirst du heute wieder hinkeuchen, ach, wenn es doch nur regnen würde, daß ich Grund hätte, daheim zu bleiben. Aber gerade dieser Frühherbst war wunderbar schön und konnte sich nicht genugtun an Sonne und blauem Himmel. So begann ich beinahe das goldene Gestirn zu hassen. Und gut und viel essen sollte ich! Wie ich schon oben einmal erwähnte, betrug mein tägliches Krankengeld eine Krone zwanzig. Das hätte kaum für ein anständiges Krankenfrühstück gereicht, und ich war auch in bezug auf das Essen auf die Gutherzigkeit der Frau Maria, meiner Quartiersfrau, angewiesen. Meine Verbitterung, mein Ekel am Leben, mein Haß gegen diese verfluchte Gesellschaftsordnung, die mein leibliches Elend auf dem Gewissen hatte, meine Verachtung vor ihren Gesetzen stiegen von Tag zu Tag. Mit jedem Mundvoll Luft, den meine zerlöcherten Lungen der Erde mühsam abrangen, sog ich mehr Empörerwahn ein. Die Menschheit teilte sich mir in zwei Lager. Das eine, viel kleinere bestand aus den Reichen, den Mächtigen. Sie waren mir alle ohne Unterschied für die grausamste Vernichtung reif. Pech und Schwefel wünschte ich auf ihre Häupter herab. Denn hatten sie Barmherzigkeit, fühlten sie Milde für ihre enterbten Brüder und Schwestern in dem anderen Lager, aus dem der Gestank bitterster Armut eine gewaltige Wolke schuf, die kein Sternen- und Sonnenlicht durchließ? Hatten sie Mitleid mit den ungezählten Opfern einer schamlosen Vergewaltigung ewiger Menschenrechte? Erkannten sie wenigstens die Schmach ihres Schmarotzerdaseins, die ihnen bis auf die Knochen sengen mußte, strebten sie wenigstens danach, einen gerechten Ausgleich anzubahnen, versuchten sie es, ihr gelles Freudengelächter zu dämpfen und das Wehgeschrei ihrer Knechte, deren böses Knurren in ein schüchternes Lächeln und leises Singen zu verwandeln? Nein, nein, nein! Ich konnte und wollte nichts von einer Einkehr sehen und hören, nichts von beginnender Reue merken. Sie trieben im Gegenteil ihr fluchwürdiges Tun auf die Spitze, ihre Lebensäußerungen wurden immer raffinierter, ihr Luxusbedürfnis kannte keine Grenzen mehr, ebenso ihre Gier nach allerletzten Sensationen. Um diese zu befriedigen, ließen sie nicht mehr Hunderte für sich zugrunde gehen, sondern Tausende und aber Tausende von uns Rechtlosen opferten sie flackernden Blickes hin. Ich wurde schmerzhaft hellsichtig für die verborgensten Zeichen des Elends, überall wurden mir seine Spuren sichtbar. Es trieb mich dazu, sie in dem reinsten Kindergesicht zu suchen. Immer waren Auge und Ohr auf ihre Entdeckung aus. Ich legte in meiner Seele ein Archiv proletarischer Armut an. Da reihte sich Bild an Bild, eines trauriger, schmachvoller, entsetzlicher als das andere. Und nachts, wenn ich in der finsteren, muffigen Küche schlaflos dalag, gequält von der Sorge um die nächste Zukunft, wurden diese Bilder lebendig, eine grauenhafte, nicht enden wollende Filmreihe geschändeter, bis auf das Blut gepeinigter, abgerackerter, hungernder, kranker, lebensmüder Menschen zog an mir vorbei, und mich selbst sah ich an der Spitze dieses Zuges. Wenn ich auf der Sohle der grauen Häuserschluchten langsam dahinkroch, zum Arzt, ins Büro der Krankenkasse oder in den nahen Park, hatte ich ja zum Beobachten so unendlich viel Zeit. In all diesen Häusern lebte vom Keller bis zum Dach hinauf mein Geschlecht, das Geschlecht der Verdammten auf Erden. Qualvolles preßte sich hier gegen dünne, feuchte Mauerrippen, ohnmächtige Wut zitterte mich aus den Gängen und Hausfluren an, hündische Demut glotzte mir aus den Fenstern entgegen. Wenn ich müde wie ein Sterbender, unnütz und armselig wie ein Insekt am Ende einer Bank des verstaubten, mit Besen statt Bäumen bepflanzten Vorstadtparks klebte, war mein Gehirn klirrend wach für die arme, arme Jugend, die da im Staub vor mir spielte. All diese Kinder mit den Kartoffelbäuchen, Affengliedern, Wasserschädeln, skrofulösen Wunden, mit dem Gift ihrer Kaste im Leib, schienen meine Kinder zu sein, und ich litt ihre Schmerzen, trug ihre Schmach tausendfach durch das grausame Bewußtsein meines Alters. Ich drehte mich in einem Wirbel von Haß und dumpfer Wut. Immer rasender wurde der Schwung meiner brennenden Seele. Zurückgehaltene Verzweiflung würgte mich, die tollsten Pläne von Aufruhr, Revolution, Rache gingen durch mein Gehirn. Eine einzige heiße Nacht umgab mich mit einer fürchterlichen, blutigroten Sonne. Ich verglühte, verbrannte schier in ihrem erstickenden Dunst. Ich benutzte wieder die Volksbibliothek. Mein Bedenken, daß ich die Bücher mit meinen Bazillen schwängern könnte, war verschwunden. Wenn ich sterben, wenn ich ins Gras beißen mußte, warum sollte ich mich da um die Gesundheit der andern kümmern ... So lieh ich mir »Die Anarchisten« von Mackay, »Das Totenhaus« von Dostojewski und des russischen Revolutionärs Fürsten Krapotkin Lebensgeschichte aus, welche Bücher mich noch mehr zerstürmten und meine Seele zum wildesten Aufruhr brachten. Las ich nicht und trug ich mein Häuflein Elend nicht durch die Gassen, so saß ich beim Küchenfenster und sah in den trüben Kreis der Lichthöfe hinaus, in denen kein Baum stand. – Gleich mir starrten noch Hunderte andere in das Gewirr von Hofmauern, Schuppen, Materialhaufen jeglicher Art und hinter jedem von den Fenstern ahnte ich eine sprechende Gestalt unseres Elends. Und alle, alle starrten wir hinaus in eine Trostlosigkeit sondergleichen. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, lud mich an einem Samstag gleich nach dem Mittagessen Frau Maria ein, mit ihr und einer Nachbarin einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Wir bestiegen die Straßenbahn und fuhren nach Dornbach hinaus. Bei der Endstation stiegen wir aus, und nun ging's im Schneckentempo in den noch sommerlich grünen Wald hinein. Aber die Nachbarin wollte gern eine Aussichtshöhe erreichen, wurde über mein Kriechen sichtbar ungeduldig, so daß ich in einem Gasthofgarten einkehrte und die beiden Frauen allein gehen ließ. Ich hatte mich bemüht, etwas schneller zu gehen. Nun war ich sehr erschöpft, der Rücken tat mir weh wie eine einzige Eiterwunde, und in der Herzgegend brannte ein stechender Schmerz. Es war noch sehr früh am Nachmittag und ich einstweilen der einzige Gast. Um nicht aufzufallen, setzte ich mich an einen Tisch, der dicht am Gartengitter stand und von dem Stamm eines mächtigen Kastanienbaums halb verdeckt war. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich mich etwas erholt hatte. Dann sah ich mich müde um. Hier war es schön. Der Garten lag beinahe am Waldesrand, und eine Wiese, mit dichtem Gras bewachsen, das hell in der Sonne glänzte, trennte ihn von den Bäumen, die, immer dichter und dichter werdend, in breiter Linie zum Himmel aufstiegen. Das war zu meiner rechten Hand, links aber lag Garten an Garten, mit farbigem, spätblühendem Sträucherwerk, Bäumen mit seltsamen Blättern, und darin saßen, wie aus Backwerk geformt, rosa, weiß und lichtblau herüberglänzende zierliche Villen. Prickelnder Duft löste meine Lunge zum freien Atmen. Und diese unerhörte Ruhe! Nur ein süßer, leiser Ton lag nicht enden wollend in der Luft, der Gesang vieler Vögel, von denen man aber keinen sah. Schon wenn in der entfernten Schankstube ein Glas klirrte, schien hier alles zusammenzuzucken. Die große, böse Stadt mit ihrem Lärm und Gestank mußte wohl tausend Meilen von hier liegen. Ich hörte keinen ihrer frechen Schreie, so angestrengt ich auch lauschte. Manchmal ging ein Wanderer vorbei. Jeder hatte ein stilles, ein gutes, ein frohes Gesicht. Hier war eine andere Welt. Schüchtern trat ich aus dem harten Zwielicht meiner Verbitterung, löste mich zaghaft von der starren Einbildung los, ein frühzeitig Todgeweihter, ein für immer Zerbrochener zu sein. Mit aller Bestimmtheit trat es in mein Bewußtsein: In solcher Luft könntest du wieder gesund werden! Und diese Schönheit und Ruhe muß auch für die Armut, für die Menschen der Arbeit da sein. Nur müssen diese aus ihrem schwachsinnigen Dahindämmern geweckt werden, um sich diese Dinge zu erringen. Immer ruhiger, zuversichtlicher wurde es in mir. Es war mir, als wäre mir diese wundersame Landschaft heute geschenkt worden; ich lebte einen wachen Traum. Alle Erniedrigung meines Lebens, dessen jahrelanges Darben schwand langsam wie Nebel aus meiner Erinnerung, der Wald, die Wiesen, der nahe blaue Himmel sogen alles spurlos auf. Wohl über eine Stunde mochte ich in dieser freundlichen, versöhnenden Stimmung hingeträumt haben, als sich der Gasthausgarten auf einmal mit Menschen zu füllen begann. Auf den Stühlen und Bänken ringsum machten es sich Leute bequem mit wohlgenährten Gesichtern, ringgeschmückten Händen und feinen Kleidern. Sie rochen nach Parfüm, feinen Seifen und Faulheit, sahen überaus gepflegt aus und brachten die Oberflächlichkeit großstädtischen Reichtums mit. Nun hallte der Garten wider von aufdringlichem Geschwätz. Und diese Menschen sah ich nun auch auf dem Weg scharenweise in den Wald hinein wandern. Vollbusige Jüdinnen, mit glänzenden Steinen behangen, fegten mit ihren Röcken den Staub auf. Dünnwadige Herrchen, in reiche, lichte Anzüge gehüllt, schnatterten mit Mädchen und Frauen um die Wette. In den Privatgärten stand Lärm auf. Da wurde auf einmal geschrien und gelacht, und zwischen den edlen Ziersträuchern tauchte Fett, Schminke und Putz auf. Rauh wurde ich in die Wirklichkeit zurückversetzt. Tor, der ich war, zu glauben, daß man mir erlauben würde, hier gesund zu werden. Auch diese Landschaft gehörte dem Reichtum, er machte sich breit hier gerade wie in der Stadt und duldete nicht mein aufreizendes Hiersein. Ich fühlte, wie mich alles empört und beleidigt anstarrte, wie ich mit Blicken hinausgewiesen wurde. Und wenn ich auch hätte ihnen trotzen wollen, hatte ich denn die Mittel dazu? Mit einer Krone und zwanzig Heller täglich kann man nicht in Dornbach wohnen, um gesund zu werden. Ich war froh, als die beiden Frauen mich abholen kamen. Aber ich mußte doch, solange es mir möglich war, von dem Straßenbahnwagen den Wald im Auge behalten, und in meine Verbitterung mischte sich ein wenig Wehmut. Daheim angelangt, mußte ich mich sofort niederlegen. Eine schmerzhafte Müdigkeit brach auf mich herein. Froh war ich, als das späte Tageslicht in sanfte Dämmerung überging. Von den Steinfliesen der Küche stieg es kühl auf und brachte mir Linderung. Aber es kamen die Kinder der Frau Maria nacheinander heim und brachten die frohe, erlöste Stimmung von Arbeitern mit, die etwas Geld in der Tasche fühlten und einen freien Sonntag mit langem Schlaf und einem besseren Mittagessen vor sich sahen. Sie wollten Licht haben. Die Lampe wurde angezündet, und sie setzten sich um den Tisch, der knapp neben meinem Bett stand. Das grelle Licht der Hängelampe stach unbarmherzig auf mich herab. Vor ihm lag ich wie nackt da, und die empfindlichsten Stellen meines Körpers waren seiner Grausamkeit preisgegeben. Dazu die laute Ausgelassenheit der jungen Menschen neben mir. Beide Töchter hatten ihren Bräutigam bei sich. Die ließen Bier holen, stellten Zigaretten auf den Tisch, und nun wurde getrunken, geraucht und gescherzt nach Herzenslust. Meine Qualen wurden immer ärger. Ich spürte deutlich, wie Fieber in mir aufzukochen begann. Das Gehirn packte ein Schmerz an, der bald rasend wurde. Mein gezwungenes Lächeln auf die Scherze meiner ahnungslosen Gesellschaft mußte schon längst eine teuflische Grimasse sein. Die Mutter ging auf einen Augenblick ins Zimmer hinein. Da küßten sich die Liebespaare, und die Männer tappten die Wangen der Mädchen ab. Nun schien ich in eine Hölle zu stürzen. Ich sah wie durch einen feurigen Nebel. Die Wünsche der Jugend lebten wild in meinem kranken Fleisch auf, sinnliche Begierden wälzten sich über mich. Eine böse Feindschaft gegen diese gesunden Menschen erwachte in mir. Eine Welt höhnte mit ihnen über mich, der ich da halbzertreten vor ihnen lag. Mühsam richtete ich mich auf. Ich wollte ihnen den Tisch umstoßen, damit Bier und Wein über sie sudeln sollte. Dann wollte ich lachen über ihre blöd-erstaunten, aufgeschreckten Gesichter, und wenn ich auch an diesem Lachen krepieren müßte. Ich griff nach der Tischkante – da spürte ich auf der Zunge einen süßlich tintigen Geschmack, gleichzeitig strömte in der linken Seite der Brust etwas gegen die Kehle zu. Eine irrsinnige Angst schrie mich aus allen Ecken der Küche an: »Du, das ist dein Leben! Halt es fest!« Ich krampfte die Finger der rechten Hand in meine linke Brust und wollte um Hilfe rufen. Eine heiße Welle, die mir in den Mund schoß, drosselte mich. Da riß es mir auch schon den Mund auf, und heraus quirlte schaumiges, hellrotes Blut. Und ich hustete es in ungeheuren Mengen aus. Auf der Decke bildeten sich schon große Lachen davon. Die Herumsitzenden waren erschreckt aufgesprungen und rannten ratlos umher: Die Mädchen schrien noch dazu. Das jüngste wie eine Katze ohne verständliche Worte, was ich belustigt feststellte. Wäre meine Kehle von Blut frei gewesen, ich hätte sehr gelacht darüber. Denn jetzt war plötzlich alle Angst von mir gewichen, und inmitten der schreckhaften Aufgeregtheit der Anwesenden hatte mich eine seltsame Ruhe ergriffen. Frau Maria eilte mir nach dem ersten Schrecken mit einer Waschschüssel zu Hilfe, in die ich nun das in Stößen heraufquellende Blut hineinspie. Sie legte mir auch ein nasses Handtuch in den Nacken, gab mir Salzwasser zu trinken und schickte ihren Sohn, den Lehrbuben, zum Arzt. Der fand mich aufrecht, in ein Gebirge von Kopfkissen gezwängt, noch immer in gleicher Heftigkeit Blut auswerfend. Von weither kam ein mächtiges Rauschen. Es flog in meine Ohren hinein wie ein großer Vogel. Breiter Flügelschlag zitterte an mein Herz. Das begann sich unhörbar mitzuschwingen. Meine Augen lehnten plötzlich an einer milchig blauen Ebene. Sie schienen nun Füßchen bekommen zu haben, kleine Menschen geworden zu sein, denen es in ihrer bisherigen Behausung, meinem Kopfe, nicht mehr behagte. Das konnte ich ihnen nicht verargen, denn dieser hatte sich plötzlich in meinen Bauch verwandelt und blähte sich wie ein Gasballon prahlerisch auf. Auf allen Seiten stieß ich mit ihm an die Welt, die eigentlich gar nicht so groß war, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Sie glich beinahe irgendeiner rußigen Werkstätte, in der ich einmal gearbeitet hatte. Aber ich brauchte mir nichts mehr daraus zu machen. Meine Seele floh mit dem Augengespann in das milchig Blaue hinein, und das war sehr schön und sehr lustig. Leider dauerte es nicht lange. Wir purzelten einen Abgrund hinunter, fielen auf weiche Nebelpolster, doch fühlte ich mich wieder mit dem Körper vereint, dessen dummer Bauch wieder Kopf geworden war und über die ganze Erde sich streckte. Irgend jemanden hörte ich neben mir fragen: »Wird er diese Nacht noch überleben?« Ging das mich an? Na, dann war das aber ein großer dummer Kopf, wenn er mich meinte. Wo ich so stark und groß war, um der Sonne einen Nasenstüber zu geben und dem dicken Protzen Mond mit dem Stiefelabsatz eins in das feiste Gesicht zu setzen, konnte ich doch ganz unmöglich sterben. Wieder dröhnte eine Stimme mich an: »Ich werde ihm noch eine Salzinjektion geben, Morphium getrau ich mich nicht mehr anzuwenden!« Ah, da schaut her, was war ich auf einmal für ein vornehmer Herr geworden, ich bekam Injektionen! Gleich darauf spürte ich einen häßlichen Stich in das Muskelgewebe meines linken Oberarms. Der schwoll an, wurde größer und größer, und bald hing der übrige Leib an ihm wie der Stiel an der Birne. Und ich wurde klein, kleiner als ein Zwerg, wie der Däumling aus dem Märchen, kuschelte mich in dem Polstergebirge zu einem winzigen Punkt zusammen. Hämisch dachte ich mir: Wie werden der Doktor, die Frau Maria und ihre Kinder erschrecken und sich dumm anschaun, wie werden sie sich die Augen reiben, wenn ihnen so mir nichts, dir nichts mein magerer Knochenhaufen verschwunden ist. Aber die standen ja gar nicht um mein Bett herum, da kniete nur eine alte Frau, die mit furchigen Händen in dem Bettzeug herumwühlte und mich zitternd suchte. Ich sah auf einen dürftigen grauen Scheitel herab. Da sagte ich einige Male sehr erstaunt: »Mutter! Mutter! Mutter!« Darauf hörte ich im blauen Nebel neben mir jemanden erschreckt ausrufen: »Jessas, er phantasiert scho! Jetztn wird er's nimmer lang machen. Paßts auf, er stirbt uns no dö Nacht!« So, sterben mußte ich! Na, wenn es schon einmal sein mußte! Auf einmal fühlte ich mich wieder in meiner natürlichen Größe, nur lag ich nicht mehr in dem heißen, grauslichen Bett, sondern auf der fetten Wiese neben dem Gasthausgarten. Der Dornbacher Waldberg mit seinen Bäumen stand vor mir. Drinnen im Laub sangen die Vögel, Schmetterlinge flogen auf meine Hände, aus den Gärten strichen Rosen- und Nelkenduft herüber. Ich war so unendlich ruhig und glücklich. Jetzt konnte mir nichts mehr geschehen, denn in der Ferne auf dem Promenadenweg sah ich den Doktor Stein stehen, den guten Doktor aus dem Krankenhaus, der die reichen Leute aus der Stadt nicht weitergehen ließ. Ich drückte mein Gesicht in das weiche Gras und ging in eine grüne, stille Seligkeit ein. Wenn ich ganz, ganz langsam den Kopf drehte, ohne den Körper zu rühren, konnte ich die hohe Schneekruste auf dem Fenstersims sehen, und wenn die Gangtür aufging, wehte es mich kalt an. Ja, es war schon seit Wochen Winter, und noch immer lag ich in Frau Marias Küche schwerkrank auf dem Sofabett. Ich wäre dem Tod nahe gewesen, erzählte man mir, der Doktor hätte mein Leben nur mehr nach Stunden gezählt und mir eine Kochsalzinjektion nach der andern geben müssen. Ich glaubte es gern, denn ich selbst hatte ein dumpfes Erinnern an dieses Schwanken zwischen Tod und Leben, und daß es mit mir schlecht, sehr schlecht gestanden, dafür war mein jetziger Zustand noch ein sehr beredtes Zeugnis. Obzwar ich schon den dritten Monat dalag, zeigten sich noch immer jeden Morgen starke Blutspuren im Sputum und verboten mir jegliches Aufstehen. Ich fühlte mich auch viel zu schwach dazu; meine Adern waren ausgeronnen, hatte ich doch hintereinander sechs sehr heftige Blutstürze gehabt, und ich war zum wahren Skelett abgemagert. Kaum daß ich die Kraft hatte, mich für ein paar Minuten aufzurichten. Aus meinem kleinen Taschenspiegel schaute mich ein gespenstisches Kerkergesicht an. Selbst das Lesen ermüdete mich gleich; erst seit wenigen Tagen drängte es mich, wieder ein Buch in die Hand zu nehmen. Vorher hatte ich die vielen Tage zumeist in einer Art Dämmerschlaf zugebracht, in den mich das rhythmische Klopfen der Nähmaschine immer wieder eingelullt hatte, die von der zweitältesten Tochter der Frau Maria getreten wurde. Sie übte seit einigen Wochen ihr Handwerk zu Hause aus und hatte ihren Arbeitsplatz zwischen dem Fenster und meinem Kopfende. Sie war ein ruhiges Mädchen, das immer ein sanftes Lächeln hatte, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, die aufgeregten Sinnes waren und der Mutter viel zu schaffen machten. Warum ich diesmal nicht in ein Spital abgegeben wurde? Natürlich hatte der Arzt sofort versucht, für mich in irgendeinem Krankenhaus ein freies Bett zu bekommen, doch war es ihm in den ersten Tagen nicht gelungen, und Frau Maria hatte mit ihren Kindern beschlossen, mich bei sich zu behalten. Sie brachte damit ein großes Opfer, denn wochenlang mußte sie mich wie einen Säugling oder ganz Gelähmten pflegen. Wie schlecht es mir ging, kann man aus dem Umstand ersehen, daß der Doktor zweimal am Tage zu mir kam und auf das strengste meine Pflege und mein Tun überwachte. Ich durfte nicht reden, kein schweres Buch heben, mußte alle Speisen beinahe ganz kalt genießen, jede Bewegung, die ich machen durfte, war mir vorgeschrieben, und alle paar Tage mußte ich andere Medizinen schlucken. Trotzdem fühlte ich mich seelisch wohler als im Krankenhaus, wo es mir doch körperlich bei weitem besser gegangen war als jetzt. Daran mochte wohl am meisten meine andere Umgebung schuld sein. Im Spital hatte mich ein dichter Dunst großer körperlicher Qualen eingehüllt; freundliche Bilder mangelten in dem von Kranken überfüllten Saal ganz. Sterben und Verwesung bei lebendigem Leibe boten sich meinen Blicken aus nächster Nähe. Hier in dem zwar engen, aber freundlichen Raum mit dem blitzblanken Geschirr an der Wand und auf den Stellagen war ich der einzige Kranke. Sonst war alles um mich gesund und lebensfroh. Niemand quälte mich mit dem Aufzählen und der Schilderung der Leiden seiner Krankheit, es roch nicht nach heimlichem Eiter und Karbol und statt der ewig grantigen und rohen Oberwärterin Fanny pflegte mich die immer geduldige und freundliche Frau Maria. Tagsüber zerstreute mich die Tätigkeit der beiden Frauen, ich lauschte ihrem harmlosen Geplauder so andächtig, als verberge es wichtige Lebensweisheiten, und abends, wenn die Familie im erleuchteten Zimmer beisammensaß, fühlte ich mich recht behaglich und geborgen in meiner dunklen Küche, die voll Wärme, Sicherheit und Vertraulichkeit war. Doch war auch keine Lebenshoffnung mehr in mir. Ich schaute in einen Abend hinein, der ganz nahe war, etwas traurig, etwas wehmütig, aber ohne Furcht, ohne Schmerz und Bedauern und befreit von dem alten Haß und Zorn. Wenn mich manchmal etwas schwer bedrückte, so war es die Arbeit, Sorge und Verantwortlichkeit, die ich Frau Maria und ihrer Familie aufhalste, so war es das sichere Gefühl, in diesem kleinen Kreis armer, aber lebensfroher Leute der Schatten zu sein, unter dem sie fröstelten und sich gedrückt fühlten. Sie waren ja alle, voran die Mutter, voll Freundlichkeit, Mitleid und Hilfsbereitschaft, doch der feine Sinn des Kranken für innere Regungen spürte doch hier und da, besonders bei den Kindern, eine Gereiztheit über mein Dasein heraus. Da war es nun ein Trost für mich, zu wissen, daß es bald zu Ende sein mußte. An einem stillen Nachmittag – die Tochter war mit fertiger Ware liefern gegangen und die Mutter hatte im Zimmer zu tun – störte mich ein energisches Klopfen an unserer Tür in meinem Dahinträumen. Frau Maria lief aufsperren, und ich hörte eine reine Männerstimme nach mir fragen. Gleich darauf trat ein hochgewachsener, glattrasierter Herr ein, nahm seinen strahlenden Zylinderhut ab, schälte sich aus dem Stadtpelz, schritt auf mich zu und sagte, während er sich neben mir auf den Stuhl setzte, den meine Bettfrau eiligst von Büchern und Medizinflaschen befreit hatte: »Lieber Herr Petzold, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, nur tut es mir unendlich leid, Sie krank zu finden. Ich bin der Hofburgschauspieler G. Ihre Gedichte, die mir vor einigen Wochen von der Baronesse M. übergeben wurden, haben auf mich einen so großen Eindruck gemacht, daß ich Sie bitte, mir zu erlauben, diese an meinem Vortragsabend rezitieren zu dürfen. Selbstverständlich gegen Honorar, dessen Höhe zu bestimmen ich Sie ersuche!« Ich wollte sprechen – in der Überraschung über diesen seltsamen Besuch vergaß ich das strenge Verbot des Arztes – aber da spürte ich schon die Hand der wachsamen Frau Maria auf meinem Mund. Erklärend wandte sie sich an den Besuch: »Wissens, gnä Herr, er derf ka Wörterl sprechn, hat der Doktor gsagt, sunsten kummt glei wieder die rote Suppen!« Und ohne aufgefordert zu sein, erzählte sie dem aufmerksam zuhörenden Herrn die ganze Geschichte meiner Krankheit. So hatte ich einstweilen Zeit, über die Veranlassung zu diesem aus den Wolken gefallenen Besuch nachzudenken, und da erinnerte ich mich, vor mehreren Monaten in einem Arbeiterbildungsverein vorgelesen zu haben. Dieser Vorlesung hatte auch eine Dame »sozialer Studien« halber, wie sie sagte, beigewohnt. Sie stellte sich mir als Baronesse M. vor und bat mich um Abschriften einiger meiner Gedichte. Ich hatte ihr diese einige Tage hernach zugesandt, aber darauf keinerlei Antwort erhalten, so daß ich mich noch, wie es mir jetzt lebhaft wieder ins Bewußtsein trat, über die »aristokratische Urschel« sehr geärgert hatte. Nun fing ihre Rechtfertigung gleich mit dem Besuch eines Hofburgschauspielers an, der mich – o Wunder – um, die Erlaubnis bat, meine Gedichte vortragen zu dürfen. Und Geld wollte er mir auch noch dafür geben! Frau Maria war mit ihrer langatmigen Schilderung fertig geworden. Ich hatte nicht zugehört, aber sie mußte dick aufgetragen haben, denn der Herr schaute mich voll Mitleid an. Dann holte er aus der Innentasche seines Rocks eine Brieftasche, entnahm dieser einen Fünfzigkronenschein und sagte mit seiner warmen Stimme: »Lieber Herr Petzold, ich lasse Ihnen einstweilen diese Kleinigkeit als Abschlagssumme da, lassen Sie sich dafür die besten Sachen kochen und schlagen Sie sich die Gedanken ans Sterben aus dem Kopf. Jetzt sollen Sie erst zu leben anfangen. Ich will mich sofort dafür verwenden, daß Sie in eine Heilanstalt kommen, dort werden Sie schon gesund werden. Leben Sie einstweilen wohl und verlieren Sie mir den Mut nicht!« Draußen auf dem Gang hatte er noch eine kurze Unterredung mit meiner Herbergsmutter, die sich, als sie wieder zu mir hereinkam, vor Begeisterung kaum zu fassen wußte, sich zu mir setzte und für mich die herrlichsten und kühnsten Luftschlösser baute. Ich ließ sie gewähren, im stillen dachte ich mir aber: Das kommt jetzt alles zu spät! Acht Tage später – es waren wegen des schönen Sommerwetters die Zimmerfenster offen – hörte ich gegen den Mittag zu ein schnelles Pferdegetrappel, das vor unserm Haus still wurde, auch lautes Hallo der Schuljugend drang zu mir herauf. Gusti, die Tochter, kam aus dem Zimmer gerannt und kündete aufgeregt: »Denkts euch, a ›Unnummerierter‹, a Fiaker steht vor unserm Haustor!« Das war nun freilich kein alltägliches Ereignis in unserer Gasse. Neugierig, vielleicht auch ahnungsvoll machte die Mutter die Tür auf. Da trat auch schon mein Gönner, der Hofburgschauspieler, mit meinem Arzt herein. Er erklärte, ich müßte heute mit ihm und dem Doktor in die Aufnahmekanzlei der Heilanstalt Alland, wo ich untersucht werden sollte. Ich war in den letzten Tagen schon ein wenig aufgestanden. Immerhin ging das Anziehen noch ziemlich langsam und umständlich, und ich schämte mich, wie eine Gliederpuppe behandelt werden zu müssen. Endlich war ich in Röcke und Tücher eingemummt, und vorsichtig führte man mich die Stiegen hinunter. Unter dem Gemurmel und erstaunten Ausrufen der Nachbarn wurde ich in den Wagen geschoben, und fort ging's. In der Aufnahmekanzlei wurde ich von zwei Ärzten an allen möglichen Stellen abgeklopft und -gehorcht. Sie machten bald lange, bald kleine, bald große Augen, redeten viel lateinisch zusammen, nahmen zum Schluß ein Protokoll auf, für das sie sogar die Todesart meiner Urgroßeltern wissen wollten. Dann durfte ich mich wieder anziehen und nach Hause fahren. Kaum vier Tage nach dieser Untersuchung erhielt ich aber von der Kanzlei der Heilanstalt eine Zuschrift, die mir mitteilte, daß ich mich für den Antritt meiner Kur am Soundsovielten dieses Monates in Alland einzufinden hätte. Darüber große Aufregung bei uns. Frau Maria begann wie verzweifelt an meinen wenigen Kleidern und dem bißchen Wäsche, das mein Eigentum war, herumzuwaschen, zu flicken, zu bügeln und war sehr traurig, daß sie mich nicht wie einen Prinzen ausstatten konnte. Gusti, die Näherin, überraschte mich mit einem Dutzend schön gesäumter Taschentücher, und als der Samstag kam, der Geldtag, brachte mir abends jedes der Kinder meiner Herbergsmutter ein Abschiedsgeschenk, denn es hieß, daß ich mindestens sechs Monate in der Anstalt bleiben müsse, und das war für uns Arbeiter eine Zeit, worin sich die Geschicke eines Lebensalters erfüllen konnten. An einem kältedurchsplitterten Januartag machte ich mich in Begleitung eines jungen sozialistischen Studenten, der sich erbötig gemacht hatte, mich nach Alland zu bringen, auf die Reise dorthin. Mein Abschied von der guten Frau Maria regte mich mehr auf, als ich zeigte. Ich war der festen Meinung, sie nicht mehr zu sehen, denn ich konnte nicht mehr an meine Genesung glauben. Daß ich bei diesen Schmerzen, Atembeschwerden und diesem Husten noch lebte, war mir unbegreiflich..... Wir fuhren in einem Einspänner auf den Südbahnhof. Von dort ging's mit der Bahn nach Baden. In Baden sollte irgendwo der Postschlitten stehen und uns nach Alland bringen. Der frühe Winterabend war herangebrochen, Schneetreiben begann, und es dauerte geraume Weile, bis mein Begleiter, in dem wie ausgestorbenen Städtchen die Abfahrtsstelle der Postwagen erfuhr. Nach einem langen Weg, der das Qualvollste für mich war, was ich bisher erlebt hatte, kam ich mit dem tapfern und geduldigen Studenten zu einem kleinen Gasthof, vor dem der Allander Postschlitten zur Abfahrt bereit stand. Es war ein viereckiger Kasten mit einem Holzdach und Wänden aus geteerter Leinwand. Als ich vom Kutscher erfuhr, daß die Fahrt mindestens zwei Stunden dauere, schlugen mir schon jetzt die Zähne wie im Schüttelfrost zusammen. Wie war es nur möglich, die Rücksichtslosigkeit zu haben und Kranke in einem solchen Vehikel, in dessen Bankdecken die Läuse bei solchem Wetter erfrieren mußten, fahren zu lassen? Da ich mir dachte: es ist ja doch alles eins, ob du nun an einem Blutsturz oder durch Erfrieren zugrunde gehst, stieg ich, in mein Schicksal ergeben, ein. Im Innern, das durch eine halbblinde Wagenlaterne notdürftigste Beleuchtung erhielt, waren sechs Sitzplätze. Es benutzten aber an diesem Abend außer uns nur noch zwei Personen diese ideale Fahrgelegenheit, und so machte mir mein Begleiter auf einer der zwei Sitzbänke aus einem vollen Hafersack und einigen Pferdedecken ein Lager zurecht, auf dem es sich, solange der Schlitten noch ruhig stand, halbwegs gut liegen ließ. Als aber die Pferde anzogen, der Schlitten in die beginnende Nacht hineinsauste und auf die holprige Landstraße kam, hörte ich alle Engel und Heiligen singen. Wie ein toter Hase flog mein Körper auf und ab. Mir war's, als müsse es mir alle Organe aus dem Leib schütteln. Der Magen flog mir beinahe bis zum Hals hinauf. Ich hatte nur einen Gedanken: Wenn das gut abläuft, will ich Veitel heißen! Zu der teuflischen Rüttlerei gesellte sich eine mörderische Kälte, die wie eine Riesenschlange mich einzuwickeln begann. Bei den Füßen fing's an, die waren mir schon steifgefroren. Dazu drang durch alle Spalten der Pulverschnee, den der Wind hereinwehte. Dieser beißende Puder fraß einem die Haut auf, und man konnte sich nicht wehren. Die Fahrt wollte auch kein Ende nehmen, sie schien um die Erde zu gehen. Mir gegenüber saß ein Bauer, der uns behaglich prophezeite, daß wir heute ganz gewiß steckenbleiben würden. Dann müßten die Kufen ausgeschaufelt und vom nächsten Dorf ein Vorspann geholt werden, was eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nähme. O weh, das waren ja schöne Aussichten. Ich verlor jede Hoffnung, die Anstalt lebend zu erreichen. Auf alle Fälle war im Bett sterben angenehmer als in einsamer Winternacht erfrieren. Meinen getreuen Begleiter schüttelte nicht nur die Kälte, sondern auch die Angst um mich wie einen nassen Pudel ab. Er frottierte fortwährend meine Füße, so gut dies durch die Decken ging, und wollte sich sogar seines Winterrockes entledigen. Plötzlich blieben die Pferde stehen, jäh brach das Schellengeklirr ab, der Schlitten stak im Schnee, und der Bauer brummte triumphierend: »Sechts, wia i mir's denkt hob und Enk gsagt hob!« Gemächlich krabbelte er sich aus seiner Pferdedecke, zündete sich umständlich seine Pfeife an und stieg aus dem Schlitten, um dem Kutscher beim Ausschaufeln zu helfen. Auch der Student verließ mich, um mit Hand anzulegen, und ich blieb mit einer kleinen, dicken Frau zurück, die beneidenswert in ihrer Ecke weiterschnarchte. Zum Glück war es mit dem Ausschaufeln abgetan, und nach zehn Minuten ging es holterdipolter wieder weiter. »Jetzt kimmt Alland«, meinte auf einmal befriedigt das Bäuerlein und steckte die kalte Pfeife in den Sack. Mit Hilfe des Studenten brachte ich meinen erstarrten Körper, dem außen und innen jedes Fleckchen wehtat, auf die Beine. Da hielt auch schon der Schlitten, und wir kletterten ins Freie. Mir bot sich ein märchenhafter Anblick. Mitten aus winterlichem Schweigen und weißer Schneenacht erhob sich als krönender Abschluß einer riesigen Talmulde ein langfrontiges, mehrere Stockwerke hohes Gebäude, königlich, schloßartig mit Hunderten hell erleuchteter Fenster. Selbst seine ins Blauschwarze der Nacht gesunkenen Mauern schienen abwechselnd Licht auszuatmen. »Dös is dö Huastenburg, wünsch viel Glück!« sagte noch der Bauer und zottelte dann eilig mit der Frau, die mit uns gefahren, ins Dunkle hinein. Also das war Alland, die berühmte Lungenheilstätte, von der man sich in Wien Wunderdinge erzählte, von der die tuberkulösen Arbeiter mit der zitternden, hoffnungslosen Sehnsucht sprachen. Von Hunderten hatte ja nur einer das Glück, hierher kommen zu dürfen, denn es gab nur wenige Freiplätze in der Anstalt. Tausende von ihnen mußten im Werkstättendunst, im fressenden Rauch der Essen, in feuchten, ungesunden Wohnungen, im mörderischen Granitpflasterstaub verbleiben, bis ihr letztes Stückchen Lunge in Eiter aufgegangen war. Im Anblick des mächtigen Hauses erfaßte mich Beklemmung. Warum sollte gerade ich das Glück haben, hier leben zu dürfen, ich, der ich ja doch nicht mehr zu retten war? Scheu schaute ich zurück, denn es war mir, als riefen mich Tausende kranke Kameraden, die Weib und Kind hatten, an: Du, kehr um, laß mich für dich in dieses Wunderkrankenhaus gehen, du hast ja schon mit dem Leben abgeschlossen ... Es waren auch fremde Stimmen, die näher kamen, aber sie gehörten zwei Männern, die eine Tragbahre brachten, mit der ich in die Anstalt hinaufgetragen wurde. Über breite Korridore und Stiegen, die alle hell erleuchtet waren, schleppten sie mich, nachdem sie im Ambulatorium von dem diensthabenden Arzt die Weisung erhalten hatten, in welchem Saal sie mich abgeben sollten. Befremdete mich schon das viele Licht, das dem Gebäude etwas Festliches gab, so war ich noch mehr erstaunt über das laute, fröhliche Leben, das auf den Stiegen und Gängen herrschte. Da standen überall Gruppen von Frauen und Männern, denen man keine Krankheit ansah, am allerwenigsten das abzehrende Lungenleiden. Sie plauderten und unterhielten sich auf das munterste. Aus einem Saal klang sogar Klaviergeklimper und Geigengefiedel heraus. Um diese Zeit – es war ungefähr halb acht Uhr abends – hatte in den Krankenhäusern, in denen ich Patient gewesen war, alles schon mäuschenstill und in den Federn sein müssen. Selbst am Tage hätten die Pfleglinge nicht solchen Lärm machen dürfen, und mit dem Licht war gespart worden, als wäre es aus Gold. Und überall herrschte behagliche Wärme. Ein schlanker Herr mit einer Pelzmütze und einem Gewehr kam uns auf der zweiten Stiege entgegen. »Das ist der Oberarzt«, flüsterte mir der eine Diener zu. Ich grüßte ihn ehrerbietig. »Ach, da sind Sie ja!« redete er mich freundlich an. »Wir haben Sie schon erwartet! Sie werden recht müde sein! Lassen Sie sich gleich ins Bett bringen, und morgen werden wir das Weitere veranlassen. Für heute: Gute Nacht!« Durch eine hohe Flügeltür schwenkten meine Träger links in einen hohen, breiten Saal, der dem im Spital nicht unähnlich war, aber viel weniger Betten beherbergte – ich zählte nur zehn in dem mächtigen Raum, der bis in das letzte Winkelchen erleuchtet war. Eine Klosterschwester mit einer riesigen weißen Flughaube auf dem Kopf kam geschäftig herbeigeeilt. Ihr feistes Grübchengesicht war eitel Gutmütigkeit, flink schälte sie mich aus den Kleidern und brachte mich in wenigen Minuten ins Bett. Dann watschelte sie eilig davon, putzig anzuschauen wie eine dressierte Riesenmaus, der die Natur als Kuriosum weiße Ohren verliehen. Es war tiefste Stille um mich. Das helle Licht war erloschen, und an seiner Stelle brannte in der Mitte des Saals eine kleine Ampel, die, mit violettem Flor umhüllt, einem verlöschenden Mond glich. Alle andern Pfleglinge schlürften schon seit einer guten Weile die Luft des Schlafes ein. Um zehn Uhr war noch einmal die Schwester erschienen, die den seltsamen Namen Alacoque führte und von den Patienten höchst vertraulich »Kockerl« gerufen wurde, hatte einen jeden von uns sorgfältig in ein halbes Dutzend dicker Decken eingewickelt, sämtliche Fenster auf der einen Seite aufgemacht und ein lustiges »Gute Nacht« zugerufen. Von dem Neuen, Ungeahnten war ich so erregt, daß ich nicht einschlafen konnte; auch hinderte mich daran die ungewohnte eisige Nachtluft, die den Saal füllte und den kranken Lungen heilender Balsam sein sollte. Ich lag gerade vor einem der breiten offenen Fenster. Wenige Meter von mir stieg die silberne Herrlichkeit eines Bergwaldes auf. In dem stark blauen Geloder der Sterne dieser Nacht konnte ich jeden frischbeschneiten Ast der Bäume ausnehmen. Und tief hinein konnte ich in diesen Wald blicken, in sein weißes, silbernes Herz, und da enthüllte sich mir ein wundervolles Geheimnis: Dieser Wald hatte eine Seele wie ich. Im bläulichen Duft sah ich sie zwischen den braunen Baumstämmen schweben. Ein schwarzes, bewegliches Etwas trat in mein Gesichtsfeld. Jetzt hob es den Kopf, auf dem ich Zacken sah ... und noch eins, und noch eins ... zwei, vier, sechs traten vor ... Herrgott, das waren ja Rehe! Und jetzt ... dort ... dort huschte es zierlich die Bäume auf und ab. Eichhörnchen waren es, von den Rehen aufgeschreckt. Daß es so etwas für mich noch gab! Jeden Augenblick konnte ein Jäger kommen, im grünen Rock und mit einem Schießgewehr. Und vielleicht gab es gar auch Füchse da. Wenn ich gut aufpaßte, konnte es möglich sein, daß ich solch einen roten, fixen Raubritter zu Gesicht bekam. Traumhaft führte mich der violette Dämmer des Saals in das silberne Schneereich des Waldes hinüber. Ich ging durch seine Herrlichkeit immerzu ... Und dann trat ich auf eine Wiese, eine einzige diamantene Fläche hinaus. Unerhörte Reinheit umgab mich. Und sie wusch mir von Seele und Leib den Schmutz ab. Ich spürte es, wie Kruste um Kruste schwand. Da sah ich die Sterne strahlen, den Himmel unendlich nahe und alles Böse, Häßliche, Hassenswerte mir fern, wie noch nie in meinem Leben. Und wie wird es erst sein, wenn hier Sommer ist! Ein starkes Glücksgefühl erfaßte mich. In der Unwirklichkeit der zauberhaften Erlebnisse dieser Winternacht in der schneeigen Tiefe des Waldes sah ich das wahrhafte Glück einer freundlichen Zukunft erstehen. Meine Ungläubigkeit gegenüber dem Leben schwand. Lächelnd flüsterte ich vor mich hin: »Ich muß und werde gesund werden.« Dann schlief ich ein.