José Maria Eça de Queiroz Stadt und Gebirg Roman Vorwort Als der Verfasser des Romans »Stadt und Gebirg« sich mit seinem ersten größeren Roman »Das Verbrechen des Paters Amarus« in die Reihe der bedeutenderen portugiesischen Schriftsteller stellte, da erblickten die Kritiker in ihm seinem literarischen Temperament nach einen Jünger und Nachfolger Balzacs und Flauberts. Seine Originalität, sein glänzender Stil, seine scharfe Beobachtungsgabe und die charakteristische Wiedergabe des Beobachteten legten Zeugnis davon ab, daß man es mit einer großen Individualität zu tun hatte. Die Leichtigkeit des Ausdrucks, die seine, spontane Ironie bei anmutigem Satzgefüge, die sorgfältige Abstufung in seinen Tönen und Farben schufen um seinen Namen eine Gloriole der Bewunderung. Mit dem »Pater Amarus« führte er in Portugal den naturalistischen Roman ein, eine völlige Neuheit in der portugiesischen Literatur. Mit dem Stoff dazu hatte er sich schon in Coimbra getragen, wo er sich als Einundzwanzigjähriger im Jahre 1867 den Doktorhut holte; aber erst 1875, als er schon zwei Jahre lang als portugiesischer Konsul in Havana wohnte, wurde der Roman in der Lissaboner »Revista Occidental« veröffentlicht. Während seines Aufenthaltes in der Hauptstadt, der seiner Ernennung zum Vertreter portugiesischer Interessen in Havana vorausging, gründete er im Verein mit Ramalho Ortigaon die »Farpas«, eine kritisch-satirische Zeitschrift, die die damaligen sozialen Zustände beleuchtete, und in der die beiden künstlerischen Genossen ihren Witz und Humor tummelten, indem sie unter dem Klingeln der Schellenkappe manch ernste Narrenweisheit zum besten gaben. Zu derselben Zeit und ebenfalls aus gemeinsamer Arbeit beider Freunde entstand »Das Geheimnis der Landstraße von Cintra«, ein Roman in Briefform, der, im »Diario de Noticias« veröffentlicht, »auf den Knieen geschrieben«, wie Fialho d'Almeida sagt, ein verwegenes und aufregendes Wirrsal aller möglichen und unmöglichen Vorgänge und Zustände ist und »das letzte, unter Tränen spottlächelnde Lebewohl« der Autoren an die Romantik bedeutet, der sie – trotz moderner Geisteskultur und naturalistischen Glaubensbekenntnisses – damit ihren Tribut überkommenen Erbes zahlten. Eine Orientreise lieferte Queiroz das Material zu seinem Roman »Die Reliquie«, der neben »Os Maias« seine schriftstellerische Begabung am augenfälligsten bekundet. Im »Mandarin« läßt der Autor den Leser durch die Handlung hindurch das »himmlische Reich« wie in einem Panorama schauen, so daß es schwer wird, zu glauben, daß er selbst China nie gesehen. Auch in »Adam und Eva im Paradies«, »Der Herr Teufel« und anderm mehr ergötzt man sich an dem schrankenlosen Flug seiner Phantasie. Der Zeit seines beruflichen Exils (in Havana, Paris, und zuletzt in Neuilly, wo er August 1900 an der Tuberkulose starb) gehören seine größeren Werke an: neben dem » Crime do Padre Amaro «, » Os Maias «, der » Primo Basilio « und die » Correspondencia de Fradique Mendes «. Im » Padre Amaro « und » Primo Basilio « insbesondere beleuchtet er die sozialen und moralischen Schäden, die aus der oberflächlichen Erziehung des weiblichen Geschlechts in Portugal entstehen, das, in naiver Unkenntnis aller natürlichen, sozialen und politischen Lebensvorgänge gehalten, nur zu sehr gewissenloser, schönrednerischer Ausbeutung ausgesetzt ist, wie es sich auch – besonders im Kleinbürgerstande – kritik- und willenlos der Führung des geistlichen Beraters überläßt und dadurch sich selbst und die Umgebung in Gefahr bringt. Die Rücksichtslosigkeit, der oft krasse, ja abstoßende Realismus, womit Queiroz sein Motiv durchführt, indem er in die Abgründe des gesellschaftlichen Lebens und des Menschenherzens hinableuchtet, hat ihm den Beinamen des portugiesischen Zola eingetragen. Ein Einfluß des französischen Meisters ist wohl unverkennbar, doch erreichte Eça in der Psychologie nicht die Tiefe seines Vorbilds. Er ist nicht sowohl Psychologe als Moralist und Humorist, wenn man ihm auch Unrecht tun würde, den Psychologen Queiroz nach seinem letzten Roman »Stadt und Gebirg« beurteilen zu wollen. Der Dichter hat darin durchaus keine Psychologie geben wollen: der Roman ist eine Allegorie, Jacintho und José Fernandes verkörperte Symbole, gegensätzliche Formen für Auffassung und Verwirklichung des Lebens. Im Typus des Jacintho ist mehr als ein autobiographischer Zug des Dichters zu finden. Wie in einem Diptychon setzt der Autor dem Kultur-, dem Stadtleben, das in seiner künstlichen Geschraubtheit, durch seinen mittels kompliziertester Mechanik bewirkten Komfort erstickend, lähmend, entnervend wirkt, ein einfaches, stilles, kräftiges Naturleben gegenüber, das den kranken Nerven Heilung, dem überreizten Hirn Ruhe und Tiefe der Gedanken, dem erschlafften Willen gesunde Energie gibt. In dieser Präkonisation der Rückkehr von der Kultur zur Natur, von der Fremde zur Heimat, vom Realismus zum Idealismus, wie sie in »Stadt und Gebirg« sich offen bekennt und in dem vorausgehenden Roman »A illustre Casa de Ramires« charakteristisch einsetzt, wollen die Kritiker des Dichters eine innere Wandlung sehen, wie sie das charakteristische Symptom unsrer Zeit sei. Da sie aber zugeben, daß dieser Wandlung nicht sowohl eine Doktrin oder Theorie zu Grunde liegt, als vielmehr ein persönlicher Zug, der sich mit den Jahren und der in der Fremde je länger je mehr wachsenden Sehnsucht nach dem Heimatland mehr und mehr ausgeprägt, so geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß nicht ein Wandel in seinem Wesen, seinem ethischen Charakter eingetreten ist, sondern allein in seinem künstlerischen Schaffen. Der Dichter, der die gute Hälfte seines Lebens im Auslande zugebracht, war seiner universellen Bildung, seiner sozialen Anschauung nach Kosmopolit, im Herzen aber ein echter Portugiese, der mit um so enthusiastischerer Liebe dem Vaterlande anhing, als ihn sein Beruf räumlich von ihm fern hielt; der um so unerschrockener seinen Landsleuten den Spiegel der Wahrheit vorhielt, je leidenschaftlicher er wünschte, sein Land kulturell aus einer seiner gottgesegneten Natur entsprechenden Stufe zu sehen. Vielleicht hat er sich hie und da in den Mitteln seiner künstlerischen Darstellung geirrt, indem er der Schilderung roher Lebenswirklichkeit zu breiten Raum gestattete. Auch war ihm ohne Zweifel in vieljähriger Abwesenheit nicht nur die exakte Anschauung der sozialen Zustände seines Landes abhanden gekommen, sondern er hatte auch nicht der sich während jener Jahre in Portugal vollziehenden Wandlung folgen können, so daß sich manche Uebertreibungen bei ihm finden, die ipso facto brutal wirken. Daß er im tiefsten Innern trotz äußeren Realismus Idealist und Optimist war, auch seinem Lande gegenüber, das beweist außer seinem posthumen Roman auch ein Brief, den er nach seinem letzten Besuch in der Heimat an seinen Freund Graf d'Arnoso richtete. Darin heißt es ungefähr: »... So bin ich also in Salamanca – leider! Und ich nehme diesen Bogen Kanzleipapier, von dem Kanzleipapier unsers geliebten Lissabon, damit mein Brief umfangreich und substantiell wie dieser werde. Meine Geschichte ist einfach. Ich weiß nicht, ob Du Dich des Odysseus erinnerst. Und ob Dir die Ränke und Kniffe gegenwärtig sind, mit der er in sehnsüchtigem Suchen nach seinem Ithaka, seiner Penelope, seinem lieben Telemach ... umherschiffte. Denn dieser Held verstopfte sich die Ohren mit Wachs gegen den Sang der Sirenen, verklebte sich die Augen gegen die Schönheit der rosenfarbenen Inseln und verhärtete sich gegen königliche Gastfreundschaft, um mit verzweifeltem Ruck das Steuer gen Ithaka zu richten. – Ich hab's gemacht wie er. In Lissabon ging mir das Leben zu lieblich ein und hatte für mich Schwachen alle Versuchungen, die der starke Odysseus, sein Begründer, Lissabon (port.: Lisbôa) wurde der Sage nach von Odysseus (port.: Ulysses) gegründet unter dem Namen Usilippo, aus dem mit der Zeit »Lisboa« entstand. nur mit Mühe überwand. Das anbetungswürdige Haus von Sankt Domingus à Lapa wurde trotz seines heiligen Namens für mich zur Teufelsinsel der Lotophagen, wo man nach dem Genießen der Lotosblüte (sagen wir: gebratenen Stockfisch), in Glückseligkeit getaucht, alles vergißt. Um mich herum gaukelten Sirenen ... Alle ihr lieben Freunde und Freundinnen bildetet für mich eine Zaubergruppe, die mir gefährlich zu werden drohte wie die Sirenen dem Odysseus. »Schließlich beende ich diese lange Epistel erst in Paris. Ich fand die Meinen wohl, aber Paris fürchterlich. Alles im Bau begriffen!... Jede Straße aufgerissen, die Eingeweide verstreut. Auf Schritt und Tritt Löcher, Verschläge, Steinhaufen, erstickende Staubwolken. Und alles so versperrt, daß, um vom Arc de l'Etoile bis zur Place de la Concorde zu kommen, es einfacher und kürzer wäre, den Umweg über Lissabon zu machen ...« Er hat diesen Umweg nicht mehr gemacht, ist auch nicht zu einer letzten Umarmung zurückgekommen. Er ist bald darauf in der Fremde gestorben, an der Schwindsucht oder quiça – am Heimweh! Lissabon setzt ihm durch die Meisterhand des jungen Bildhauers Teixeira Lopes ein Denkmal: die leicht verhüllte Gestalt der Wahrheit mit weit ausgebreiteten Armen wie in rückhaltloser Hingabe zu dem hinter ihr stehenden Dichter aufschauend – mit dem Motto (nach Goethe): »Sobre a nudez forte da verdade o manto diaphanoo da fatasia.« (Ueber der kraftvollen Nacktheit der Wahrheit der durchsichtige Mantel der Phantasie.) Hamburg Luise Ey I Mein Freund Jacintho kam in einem Palast zur Welt, mit 109 Contos Rente in Saatland, Weinland, Korkwaldungen und Olivenhainen. Im Alentejo, über ganz Estremadura, quer durch die beiden Beira-Provinzen hindurch begrenzten dichte, sich über Berge und durch Täler windende Hecken, hohe Mauern aus gutem Gestein, Gewässer und Landstraßen die Ländereien dieser alten, ackerbautreibenden Familie, die schon zu Zeiten des Königs Diniz Korn aufspeicherte und Reben pflanzte. Ihr Landgut und der Herrensitz Tormes in Unter-Douro erstreckten sich über einen ganzen Gebirgszug. Zwischen dem Tua und dem Tinhela, fünf wohlgemessene Meilen weit, zahlte ihr die ganze Gegend Lehnszins, und ihr gehörende dichte Kieferwaldungen schatteten von Arga ab bis zur Bucht von Ancora. Der Palast jedoch, in dem Jacintho zur Welt gekommen war und den er immer bewohnt hatte, stand in Paris, auf den Champs-Elysees Nr. 202. Sein Großvater, der sehr dicke und sehr reiche Jacintho, den man in Lissabon Dom Galiaon nannte, ging eines Nachmittags durch die Travessa da Trabuqueta, dicht an einer von einem Weingeländer überdachten Gartenmauer entlang, glitt auf einer Orangenschale aus und schlug auf das Pflaster hin. Aus der Gartenpforte trat in diesem Augenblick ein gebräunter, glattrasierter Mann in grobem, grünem Flausrock und hohen Reitstiefeln, der mit einem Scherz und leichter Mühe unserm ungeheuren Jacintho auf die Beine half und ihm sogar den Stock mit dem Goldknauf aufhob, der in den Schmutz gerollt war. Darauf heftete er die dichtbewimperten, schwarzen Augen auf ihn: »Hallo, Jacintho Galiaon, was hast du dich denn um diese Stunde hier auf dem Pflaster herumzuwälzen?« Und Jacintho erkannte betäubt und geblendet den Infanten Dom Miguel Usurpator Portugals, 1802 als dritter Sohn Johanns VI. geboren, 1821 von seiner Mutter, einer spanischen Infantin, an die Spitze der absolutistisch-theokratischen Partei gestellt, versuchte er die Konstitution umzustürzen und seinen Vater abzusetzen, wurde aber nach dem Scheitern dieses Versuches des Landes verwiesen. Nach Johanns VI. Tode ging die Krone von Portugal auf Maria da Gloria, die Nichte Dom Miguels, Tochter seines ältesten Bruders Dom Pedro, über. Miguel verlobte sich mit ihr und übernahm für sie die Regentschaft, löste aber bald darauf die konstitutionellen Cortes auf und ließ sich durch die alten Cortes zum König proklamieren. Gegen die Waffen seines Bruders siegreich, unterdrückte der Usurpator durch ein wildes Schreckenssystem die Gegenpartei. Nachdem Pedro 1832 Oporto zurückerobert (9. Juli, noch jetzt ein nationaler Feiertag), 1833 Lissabon besetzt und Maria II. zur Königin eingesetzt hatte, mußte Miguel 1834 die Kapitulation von Evora unterzeichnen, nach welcher er allen Ansprüchen auf den Thron entsagte und ins Exil ging. Er starb 1866 in Deutschland. Von jenem Tage an widmete er dem guten Infanten einen Kultus, wie er ihn bei aller Gefräßigkeit nicht mit seinem Bauch und bei aller Frömmigkeit nicht mit seinem Gott getrieben hatte. Im Festsaal seines Hauses in Pampulha hing auf damastseidenen Teppichen das Porträt seines »Erretters«, wie ein Altarbild mit Palmzweigen geschmückt, zu Füßen der Stock, den die erlauchten Hände des königlichen Prinzen aus dem Schmutz aufgehoben hatten. Während der Infant in der Verbannung zu Wien schmachtete, stieß der dickleibige Dom Galiaon Sehnsuchtsseufzer nach seinem »Engelchen« aus und intrigierte für seine Rückkehr. Während des Krieges mit dem »andern, dem Freimaurer«, schickte er dem König durch Boten gekochten Schinken, Eingemachtes, Flaschen mit seinem Wein von Tarrafal und seidene Beutel voll Goldstücke, die er abseifte, damit sie schön glänzten. Und als er erfuhr, daß Dom Miguel mit zwei alten, auf ein Maultier geschnallten Koffern den Weg nach Sines in das endgültige Exil eingeschlagen hatte, da lief Jacintho Galiaon nach Hause, schloß wie zur Trauer alle Fenster und schrie wütend: »Ich bleib' auch nicht hier! Ich bleib' auch nicht hier!« Nein, er wollte nicht in dem entarteten Lande bleiben, aus dem, entblößt und landesverwiesen, dieser König von Portugal auszog, der die Jacinthos von der Straße aufzuheben pflegte! Er schiffte sich nach Frankreich ein, samt seiner Frau, der Senhora Donna Angelina Fafes, aus dem berühmten Hause der Fafes da Avellan, sowie seinem Sohn, dem Cinthinho, einem gelben, verweichlichten Jungen, der Wärterin und einem Negerknaben. An der kantabrischen Küste begegnete das Paketboot einer so schweren See, daß Donna Angelina ganz erschöpft auf den Knieen auf ihrem Lager in der Kabine dem »Senhor dos Passos«, dem Christus der Leidensstationen von Alcantara, eine goldene Dornenkrone gelobte, mit Blutstropfen aus Rubinen von Pegu. In Bayonne, wo sie anliefen, hatte Cinthinho die Gelbsucht. Auf der Fahrt nach Orleans brach in stürmischer Nacht die Achse des Reisewagens, und der feiste Herr, die zarte Dame aus dem Hause da Avellan und der Knabe marschierten drei Stunden im Regen und Schmutz der Verbannung bis zu einem Dorfe, wo sie, nachdem sie wie Bettler an stummen Türen gepocht, auf den Bänken einer Schenke schliefen. In dem »Hotel des Saints Pères« zu Paris hatten sie die Schrecken einer Feuersbrunst auszustehen, die im Pferdestall unter dem Zimmer Dom Galiaons ausbrach, und der würdige Fidalgo trat, nachdem er sich im Nachthemd die Treppen hinab in den Hof geschleppt hatte, mit dem bloßen Fuße in einen Glassplitter. Da erhob er in bitterem Zorn die zottige Hand zum Himmel und brüllte: »Zum Henker! Da hört alles auf!« In derselben Woche noch kaufte Jacintho Galiaon, ohne lange zu wählen, einem polnischen Fürsten, der nach der Einnahme von Warschau in ein Kartäuserkloster getreten war, jenes Palais auf den Champs-Elysées, Nr. 202, ab. Unter seiner reich vergoldeten Stuccatur und zwischen den geblümten Seidentapeten spann er sich ein, um von all den Aufregungen auszuruhen und ein geruhiges Leben und einen guten Tisch zu führen, mit ein paar Exilgenossen (dem Obertribunalrat Nuno Velho, dem Grafen Rabacena u. a. m.), bis er eines Tages an einer Magenstörung starb. Nun meinten die Freunde, Frau Angelina würde nach Portugal zurückkehren. Aber die gute Dame hatte einen heiligen Respekt vor der Reise, dem Meer und den Kaleschen, denen die Achse bricht. Und dann wollte sie sich auch nicht von ihrem Beichtiger trennen, noch auch von ihrem Arzt, die so tiefes Verständnis für ihre Gewissenszweifel und ihr Asthma betätigten. »Hier bleibe ich in Nr. 202,« hatte sie erklärt, »wenn ich auch das schöne Wasser am Alcolena sehr vermisse ... Wenn 'Cinthinho größer wird, kann er sich ja entscheiden.« Und 'Cinthinho war größer geworden. Ein Junge, schlanker und weißer als eine Kerze, mit langen, straffen Haaren und großer Nase, in schlotternde schwarze Gewandung gehüllt. Nachts, wo ihn Husten und Erstickungsanfälle nicht schlafen ließen, ging er im Nachtkleid mit einem Lämpchen in Nr. 202 um; und die Dienstboten im Gesindezimmer nannten ihn den »Schatten«. Aus dieser seiner Stummheit und Unentschlossenheit entpuppte sich nach Ablauf der Trauer um den Vater der lebhafte Wunsch, Drechslerarbeiten an der Drehbank anzufertigen; später, in der Honigblüte seiner zwanzig Jahre, ersproß in ihm ein andres Gefühl, das des Begehrens und der Bewunderung für die Tochter des Obertribunalrats Velho, ein Mädchen so rundlich wie eine Waldtaube, das in einem Pariser Kloster erzogen worden war. Im Herbst 1851, als schon das Laub von den Kastanienbäumen in den Champs-Elysées abfiel, spuckte 'Cinthinho Blut. Der Arzt streichelte sich das Kinn und riet mit ernster Falte auf der Stirn, der junge Mann solle nach dem Golf Juan oder in die lauen Sandbäder von Arcachon gehen. Cinthinho indes wollte sich keinen Schritt von Therezinha Velho entfernen, zu deren stummem, schwerfälligem Schatten er sich durch Paris hindurch machte. Wie ein Schatten heiratete er, drechselte noch einige Zeit an seiner Drehbank herum, spie einen Rest von Blut aus und löste sich auf wie ein Schatten. Drei Monate und drei Tage nach seinem Begräbnis kam mein Jacintho zur Welt. * * * Von der Wiege ab, die die Großmutter mit Fenchel und Ambra besprengte, um das »böse Schicksal« zu beschwören, wuchs und gedieh Jacintho mit der Zielbewußtheit, der saftstrotzenden Kraft einer Strandfichte. Er hatte weder Masern noch Spulwürmer. Abc, Einmaleins und Latein gingen ihm so leicht ein wie die Sonne durch eine Fensterscheibe. Wenn er unter den Kameraden im Schulhofe seinen Blechsäbel schwang und einen Kommandoruf erschallen ließ, so war er gleich Sieger, – der König, dem man Lob darbringt und das Obst vom Vesperbrot opfert. Durch das Alter, in dem man Balzac und Musset liest, kam er ohne alle Qualen der Empfindsamkeit; noch auch fesselten ihn warme Dämmerstunden an die Einsamkeit eines Fensters, wo er sich in einem Verlangen ohne Gestalt und Namen verzehrt hätte. Alle seine Freunde (wir waren deren drei, sein alter schwarzer Diener Grillo mit eingerechnet) widmeten ihm stets eine reine und verläßliche Freundschaft, ohne daß jemals die Anteilnahme an seinem Luxus sie lebhafter gestaltet oder offenkundige Beweise seines Egoismus sie abgeschreckt hätten. Ohne genügend starkes Empfinden, um eine starke Liebe zu fassen, und glücklich in dieser befreienden Unfähigkeit, sog er aus der Liebe nur den Honig, – jenen Honig, den die Liebe für diejenigen aufbewahrt, die ihn gleich den Bienen leichtlebig, beweglich und unter fröhlichem Summen sammeln. Kräftig, reich, gleichgültig gegen Staat und Menschensatzungen, hatte er nie einen andern Ehrgeiz als den einer allgemeinen Weltanschauung; und in den heiteren Jahren der Studien und Kontroversen kreiste sein Verstand in der dichtesten Philosophie wie ein glänzender Aal in dem blauen Wasser eines Teiches. Sein Wert, – echter, seiner Goldwert – wurde nie verkannt, noch unterschätzt; und jedwede Ansicht oder ein Scherz, dem er Worte gab, begegnete einer Brise der Sympathie und der Zustimmung, die ihn trug, einhüllte und in der Höhe erglänzen ließ. Vom »Objekt« wurde er auf die verständnisvollste und liebenswürdigste Weise bedient; ich entsinne mich nicht, daß ihm jemals ein Hemdenknopf abgesprungen wäre, daß sich ein Papier boshafterweise seinen Augen entzogen, oder daß vor seiner Lebhaftigkeit und Eile eine perfide Schublade sich geklemmt hätte. Als er eines Tages unter ungläubigem Lachen über Fortuna und ihr Glücksrad einem spanischen Küster ein Zehntel eines Loses abkaufte, eilte Frau Fortuna leichtgeschürzt und lächelnd auf ihrem Rade herbei und präsentierte ihm vierhunderttausend Pesetas. Und wenn am Himmel die regengeschwollenen trägen Wolken Jacintho ohne Regenschirm sahen, so hielten sie ehrerbietig ihr Wasser zurück, bis er vorüber war ... Der Ambra und Fenchel der Frau Angelina hatten aus seinem Geschick siegreich und für immer das »böse Schicksal« vertrieben! Die liebenswürdige Ahne pflegte ein Geburtstagssonett vom Obertribunalrat Nunes Velho zu citieren, das einen Vers guter Lesart enthielt: So wißt, Madame, dies Leben ist ein Fluß ... Ja, ein Sommerfluß, zahm, klar, harmonisch ausgestreckt über glattem, weißem Sande, zwischen duftenden Pflanzungen und glücklichen Dörfern, würde dem, der ihn in einem Zedernboot mit Sonnenzelt und weichen Polstern hinabführe, mit Früchten und Champagner auf Eis, mit einem Engel am Steuer und ein paar andern Engeln, die am Schlepptau ziehen, nicht mehr Sicherheit und Wohligkeit bieten, als das Leben meinem Freund Jacintho bot. Und deshalb nannten wir ihn den »Principe da Gran-Ventura« oder Prinz Glückspilz. Jacintho und ich, José Fernandes, lernten uns kennen und befreundeten uns in Paris, in den Schulen des Quartier-Latin, wohin mich mein guter Onkel Affonso Fernandes Lorena de Noronha e Sande geschickt hatte. In jener Zeit hatte sich Jacinthos eine Idee bemächtigt ... Dieser Prinz war zu der Ueberzeugung gelangt: »der Mensch ist allein dann hervorragend glücklich, wenn er hervorragend kultiviert ist.« Und unter einem kultivierten Menschen verstand mein Freund denjenigen, der seine Denkkraft mittels aller seit Aristoteles erworbenen Begriffe stärkt und die körperliche Fähigkeit seiner Organe mit allen seit Theramenes, dem Erfinder des Rades, erfundenen Mechanismen multipliziert und sich so zu einem wundervollen Adam gestaltet, der beinahe allmächtig, beinahe allwissend und dennoch befähigt ist, innerhalb der Grenzen des Fortschritts (soweit dieser im Jahre 1875 gediehen war) alle Genüsse und alle Vorteile, die sich aus Wissen und Können ergeben, zu vereinigen ... So wenigstens formulierte Jacintho häufig seine Idee, wenn wir über Zweck und Bestimmung des Menschen redeten und dabei unter dem Sommerzelt der philosophischen Bierhallen auf dem Boulevard Saint-Michel staubiges Bockbier schlürften. Diese Ansicht Jacinthos hatte auf den Kreis unsrer Gesinnungsgenossen lebhaft eingewirkt: zwischen 1866 und 1875, also zwischen der Schlacht bei Sadowa und der Einnahme von Sedan, im Geistesleben aufgetaucht, hatten sie beständig von Technikern und Philosophen aussprechen hören, daß es das Zündnadelgewehr gewesen sei, das bei Sadowa, und der Schulmeister, der bei Sedan gesiegt hätte, – und waren deshalb durchaus der Ansicht geneigt, daß das Glück des Individuums sowohl wie das der Völker durch die unbegrenzte Entwicklung der Mechanik und der Wissenschaft verwirklicht werde. Für Jacintho war seine Ansicht keineswegs bloß metaphysisch oder von dem vornehmen Genuß hervorgerufen, beschauliche Vernunftwissenschaft zu üben: – sie bildete vielmehr eine ganz aus Wirklichkeit und Nützlichkeit bestehende Regel, die das Verhalten bestimmte, das Leben regelte. Und schon zu dieser Zeit versah er sich, in Uebereinstimmung mit seiner Ansicht, mit der Petite Encyclopédie des Connaissances Universelles in fünfundsiebzig Bänden und errichtete auf dem Dache von Nr. 202 in einem Glashause ein Teleskop. Mit diesem Teleskop machte er mir in einer weichen, warmen Augustnacht seine Ideen greifbar. Am fernen Horizont wetterleuchtete es. Durch die Avenue des Champs-Elysees rollten die Fiaker der Kühle des Bois entgegen, langsam, aufgeschlagen, müde, von hellen Gewändern überflutend. »Da hast du, Zé Fernandes,« sagte Jacintho, indem er sich an die Fensterbrüstung seines Observatoriums lehnte, »die Theorie, die mich beherrscht, bestens bestätigt. Mit diesen unsern Augen, die wir von der Mutter Natur erhalten haben, können wir, so schnell und gesund sie auch sind, kaum über die Avenue hinweg an jenem Kaufhaus ein erleuchtetes Schaufenster gewahren. Nichts mehr! Wenn ich indes meinen Augen die beiden einfachen Gläser eines Krimstechers hinzufüge, so unterscheide ich hinter der Glasscheibe Schinken, Käse, Steintöpfe und Einmachegläser mit Gelee und Kästen voll trockener Zwetschen. Ich habe also eine Wahrnehmung gemacht und habe vor dir, der du mit unbewaffnetem Auge nur das Fenster leuchten siehst, einen positiven Vorteil. Wenn ich nun statt dieser einfachen Gläser die meines Teleskops benutzte, die nach wissenschaftlicheren Regeln angefertigt sind, so könnte ich da oben auf dem Mars Meere, Schneeberge, Kanäle, Meeresbuchten, kurz, die ganze Geographie eines Gestirns erkennen, das Tausende von Meilen von den Champs-Elysées entfernt ist. Das ist eine andre und zwar ungeheure Wahrnehmung! Du hast hier also das primitive, das Naturauge, von der Zivilisation zur höchsten Potenz des Sehens erhoben. Demnach bin ich, sobald ich ein zivilisierter Mensch bin, glücklicher als der unzivilisierte, weil ich Tatsachen im Weltall entdeckte, von denen er sich nichts träumen läßt und deren er beraubt ist. Wende diesen Beweis auf alle Organe an, und du wirst mein Prinzip begreifen. Was die Vernunft angeht und den Genuß, den man aus ihr durch das stete Anwachsen der Wahrnehmungen schöpft, so bitte ich dich nur: vergleiche zum Beispiel Renan und Grillo. Es ist also klar, daß wir uns mit Kultur im höchsten Maßstabe umgeben müssen, um gleichfalls im höchsten Maßstabe den Vorzug zu genießen, daß wir leben. Gibst du das zu, Zé Fernandes?« Es erschien mir keineswegs ausgemacht, daß Renan glücklicher sein müßte als Grillo: auch hatte ich kein Verständnis für den geistigen und zeitlichen Vorteil, der darin läge, durch den Weltenraum hindurch Flecken in einem Gestirn oder über die Champs-Elysées hinüber Schinkenbeine in einem Wurstladen zu entdecken. Aber ich stimmte doch zu, weil ich von Natur gutmütig bin und niemals jemand von der Ansicht abzubringen suchen werde, in der er Trost, Selbstzucht und einen Beweggrund zu Kraftäußerungen findet. Ich knüpfte also die Weste auf, wies mit einer Gebärde nach den Cafés und den Lichtern hinüber und schlug vor: »Laß uns also gehen, um im größten Maßstabe Brandy und Soda mit Eis zu trinken!« Infolge einer sehr natürlichen Schlußfolgerung haftete die Idee der Kultur für Jacintho an der Vorstellung einer Stadt, einer ungeheuren Stadt, deren weitläufige Organe alle kraftvoll funktionierten. Auch begriff mein hyperkultivierter Freund gar nicht, daß fern von den durch dreitausend Verkäufer bedienten Magazinen und den Markthallen, in die sich die Obstgärten und Marschen von dreißig Provinzen ergießen, von den Banken, in denen das weltbewegende Gold klingt, von den beängstigend rauchenden und erfindenden Fabriken, von den mit jahrhundertealtem Papierwust bis zum Bersten vollgepfropften Bibliotheken und den meilenlangen Straßen, die unter- und oberhalb von Telegraphen- und Telephondrähten, von Gas- und Abzugskanälen durchschnitten sind, von der sinnverwirrenden Reihe von Omnibussen, Straßenbahnen, Karossen, Fahrrädern, alten Karren und Luxusequipagen, und von zwei Millionen menschlicher Lebewesen, die keuchend auf der harten Suche nach Brot oder unter der Illusion des Genusses durch die Kultur wimmeln, – der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts die »Wonne, zu leben«, voll schlürfen könnte. Als Jacintho mir in seinem Zimmer in Nr. 202 mit den auf blühende Fliederbüsche gehenden offenen Verandatüren diese Bilder entrollte, wuchs er zusehends. »Welch erhabene Schöpfung, die Stadt! Nur in ihr, Zé Fernandes, nur in ihr kann der Mensch stolz seinen Geist, seine Seele bestätigen!« »O, Jacintho, und die Religion? Bestätigt denn nicht die Religion die Seele?« Er zuckte die Achseln. Die Religion! Die Religion ist die prunkhafte Entwicklung eines elementaren, allen rohen, unentwickelten Wesen gemeinsamen Instinkts, der Furcht. Ein Hund, der seinem Herrn, von dessen Hand er Brot oder die Peitsche bekommt, diese Hand leckt, bietet das groteske Abbild eines Betbruders, eines bewußten, berechnenden Betbruders, der vor Gott, welcher Himmel oder Hölle verteilt, auf den Knieen liegt!... Dagegen das Telephon! Der Phonograph! »Sieh, da hast du den Phonographen!... Der Phonograph allein, Zé Fernandes, macht mir meine Ueberlegenheit fühlbar, ein denkendes Wesen zu sein, und scheidet mich vom Tier. Glaub mir, es geht nichts über die Stadt, Zé Fernandes, es geht nichts über die Stadt!« Und dann, fügte er hinzu, könne ihm auch nur die Stadt die Sensation geben, die dem Leben so nötig wäre wie die Wärme, die Sensation von der menschlichen Zusammengehörigkeit. Und wenn er so von seiner Nr. 202 in die Runde blickte und in dem dichten Häuserhaufen von Paris zwei Millionen Wesen am Werte der Kultur keuchen sähe, so fühle er eine Ruhe, ein Behagen, das nur dem des Pilgers zu vergleichen sei, der auf seiner Wüstenwanderung sich auf seinem Dromedar aufrichtet und die lange Reihe der mit Streichhölzern und Waffen bepackten Karawane dahinschreiten sieht. Sehr impressioniert, murmelte ich: »Caramba«! Im Gegensatz hierzu zittere er vor Furcht über seine Hinfälligkeit und Einsamkeit, wenn er auf dem Lande sei, inmitten der Unbewußtheit und Unbewegtheit der Natur. Da fühle er sich wie verraten und verkauft in einer ihm feindlich gesinnten Welt. Keine Dornenranke, die ihre Dornen einzöge, damit er ungehindert passieren könnte. Wenn er vor Hunger stöhnte, so streckte ihm kein noch so voll beladener Baum an der mitleidigen Spitze eines Zweiges seine Frucht entgegen. Und dann, so inmitten der Natur habe er plötzlich das unbequeme und demütigende Bewußtsein von der Nutzloswerdung aller seiner hochkultivierten Fähigkeiten. Alle Intellektualität werde auf dem Lande unfruchtbar, und es bleibe allein die Bestialität. In diesem rohen Pflanzen- und Tierreiche erhalten sich ausschließlich zwei Funktionen lebendig, die der Ernährung und die der Zeugung. Abgesondert, beschäftigungslos, zwischen Schnauzen, die nicht aufhören zu weiden, und Wurzeln, die nicht aufhören zu saugen, ersticke seine arme Seele in dem heißen Hauch der allgemeinen Befruchtung, schrumpfe zusammen, reduziere sich zu einem Seelenkrümchen, einem geistigen Fünkchen, das wie tot auf einem Stück Materie flimmert; und in dieser Materie gewinnen zwei Instinkte die Oberhand, herrisch, heftig: der zu verschlingen und der zu zeugen. Nach Verlauf einer Woche auf dem Lande bleibe von seinem ganzen so vornehm zusammengesetzten Wesen nur ein Magen und ein Phallus. Die Seele? Vom Tier unterjocht. Und dann müsse er eilen, zur Stadt zurückkehren, in die glänzende Flut der Zivilisation untertauchen, um darin die vegetative Kruste abzuspülen und neu vermenschlicht, vergeistigt und »jacinthisch« emporzutauchen! Und diese gekünstelten Metaphern meines Freundes drückten wirkliche Gefühle aus, deren Zeuge ich war, und die mich aufs höchste belustigten auf dem einzigen Spaziergang, den wir aufs Land machten, in den sehr liebenswürdigen und gesellschaftlichen Wald von Montmorency. Es war die reine Posse, Jacintho in der Natur! Nicht sobald hatte er das Holzpflaster oder den Makadam hinter sich gelassen, so erfüllte ihn jeder Boden, auf den sein Fuß trat, mit Furcht und Schrecken. Jedweder Rasen, auch der sonnverbrannteste, schien ihm eine tödliche Feuchtigkeit durchzusintern. Unter jeder Erdscholle, aus dem Schatten jedes Steines hervor fürchtete er einen Angriff von Skorpionen, Vipern, von kriechenden, schleimigen Wesen. Im Schweigen des Waldes empfand er eine unheimliche Entvölkerung des Weltalls. Die Vertraulichkeit des Gezweigs, das ihm Aermel oder Gesicht streifte, empörte ihn. Eine Hecke zu überspringen, betrachtete er als eine degradierende Handlung, die ihn zum Uraffen stempelte. Alle Blumen, die er nicht schon in Gärten gesehen hatte und als durch lange Jahrhunderte ornamentaler Dienstbarkeit gezähmt kannte, flößten ihm, als giftig, Mißtrauen ein. Und mit possenhaftem Trübsinn betrachtete er gewisse Eigentümlichkeiten und Formen der unbelebten Natur, die hurtige und vergebliche Eile der Bäche, die Kahlköpfigkeit der Felsen, alle die schnörkelhaften Verrenkungen des Baumwerks und sein feierliches, einschläferndes Rauschen. Nach Verlauf einer Stunde in jenem ehrsamen Gehölz von Montmorency ging meinem armen, furchtgehetzten Freund der Atem aus, und er empfand schon jenes allmähliche Einschrumpfen und Untertauchen der Seele, das ihn wie zum Tier unter Tieren machte. Er heiterte nicht eher wieder auf, als bis wir wieder das Trottoir und das Gas von Paris erreicht hatten und bis unsre Viktoria wieder Aussicht hatte, an einem wackelnden Omnibus zu zerschellen, der mit Stadtbürgern vollgepfropft war. Er ließ auf den Boulevards halten, um in großer Geselligkeit die Materialisation wieder zu zerstreuen, von der ihm der Kopf schwer und benommen war, wie der eines Ochsen. Und er verlangte, ich solle ihn nach dem Varietäten-Theater begleiten, um mit den Couplets der » Femme à Papa « den lustigen Lärm abzuschütteln, der ihm noch von den in den hohen Platanen singenden Amseln im Ohr klang. Dieser liebenswerte Jacintho war damals dreiundzwanzig Jahre alt, ein prachtvoller junger Mann, in dem die Kraft des alten Landjunkergeschlechts neu erblüht war. Nur mit seiner feinen Nase, deren Flügel fast durchsichtig und von unruhiger Beweglichkeit waren, als wenn sie Düfte einzögen, gehörte er den Verfeinerungen des neunzehnten Jahrhunderts an. Das Haar war noch nach Art der derberen Aera kraus, fast wollig: und der Schnurrbart fiel wie der eines Kelten in seidigen Fäden herab, die er aufbürsten und kräuseln mußte. Sein ganzer Anzug, die flotte Krawatte aus dunkelm Atlas, die von einer Perle zusammengehalten wurde, die weißen büffelledernen Handschuhe, der Stiefellack, alles kam aus London, in Kisten aus Zedernholz verpackt. Im Knopfloch eine Blume, keine natürliche, sondern eine von seiner Straußbinderin keck komponierte: Blütenblätter ungleicher Blumen wie Nelken, Azaleen, Orchideen oder Tulpen, mit einem leichten Fenchelzweig zu einem Stiel vereinigt. m Februar 1880, an einem grauen, unwirtlichen Regentage erhielt ich von meinem guten Onkel Alfonso Fernandes einen Brief, der mir, nach allerlei Lamentationen über seine siebzig Jahre, seine Hämorrhoiden und die beschwerliche Verwaltung seiner Güter, die »einen jüngeren Mann und jüngere Beine verlangte«, anbefahl, auf unsern Landsitz Guiaens im Douro zurückzukehren. Gegen den gesprungenen Marmorsims des Kamins gelehnt, wo am Abend zuvor meine Nini ein in ein »Journal des Débats« eingewickeltes Leibchen zurückgelassen hatte, rügte ich aufs strengste das Verfahren meines Onkels, der solchergestalt die Blüte meines juristischen Wissens in der noch unerschlossenen Knospe abschnitt. In einer Nachschrift fügte er hinzu: »Das Wetter ist hier köstlich, ein wahres Rosenwetter, und Deine liebe Tante schickt viele Grüße; sie hat in der Küche zu tun, denn heute sind es sechsunddreißig Jahre, daß wir Hochzeit machten, und wir haben den Pfarrer und den Quintaes zu Tisch, da will sie doch mit dem Essen Ehre einlegen.« Während ich ein Scheit ins Feuer warf, dachte ich daran, wie gut die Suppe der Tante Vicencia schmecken müßte! Seit wie vielen Jahren hatte ich sie schon nicht gekostet, so wenig wie das gebratene Spanferkel und den im Backofen gerösteten Reis unsers Hauses! Bei dem herrlichen Wetter mußten sich schon die Mimosen in unserm Hofe unter ihren großen gelben Trauben biegen. Ein Stück blauen Himmels, – von dem in Guiaens, denn wo anders ist er nicht so strahlend und weich –, blickte in das Fenster, zauberte auf die abgeschabte Trübseligkeit des Teppichs grüne Rasenflächen, Bäche, Gänseblümchen und Kleeblumen, nach denen mir die Augen wässerten, und durch die Sergevorhänge strich eine seine, würzige Bergwaldluft... Einen wehmütigen » Fado « pfeifend, zog ich meinen alten Koffer unter dem Bett vor und packte sorgsam zwischen Hosen und Strümpfe eine Abhandlung über bürgerliches Recht, um endlich in der ländlichen Muße im Schatten der Buche die Gesetze zu lernen, die die Völker regieren. Am Nachmittage kündigte ich dann Jacintho an, daß ich nach Guiaens abreisen werde. Mein Freund schrak mit einem dumpfen Stöhnen des Entsetzens und des Erbarmens zurück: »Nach Guiaens! O, Zé Fernando, wie fürchterlich!« Und die ganze Woche ließ er es sich dann angelegen sein, mir allerlei Bequemlichkeiten zu empfehlen, mit denen ich mich versehen müßte, damit ich in der Weltabgeschiedenheit, fern von der Stadt, ein bißchen Seele in ein bißchen Körper bewahren könnte. »Nimm einen Armstuhl mit! Nimm die Allgemeine Encyklopädie mit! Vergiß nicht ein paar Büchsen Spargel mitzunehmen!« ... In den Augen Jacinthos war ich, sobald ich der Stadt entrissen sein würde, wie ein entwurzelter Baum, der nicht wieder ausschlägt. Das Leidwesen, mit dem er mich zum Bahnhof begleitete, würde sich ganz vorzüglich für mein Leichenbegängnis geeignet haben. Und als er die Wagentür hinter mir schloß, ernst, feierlich, wie man ein Grabgitter schließt, da schluchzte ich beinahe – vor Mitleid mit mir selbst. Ich kam in Guiaens an. Noch hingen Blütentrauben an den Mimosen in unserm Hofe; ich schlürfte mit Entzücken die Suppe der Tante Vicencia; mit Holzpantoffeln an den Füßen wohnte ich der Maisernte bei. Und so von der Ernte zur Beackerung, nach der sengenden Sonnenhitze auf den Dreschtennen zur Rebhuhnjagd auf bereiften Fluren; ich zerbrach die erfrischende Wassermelone im Staub der Kirchweihfeste, beteiligte mich an dem fröhlich geselligen Treiben des Kastanienfestes, saß die langen Winterabende mit den andern gesellig bei der Lampe, schürte am Johannisabend die Scheiterhaufen an, baute zu Weihnachten Christgärten und Krippen, – und so glitten mir sacht sieben Jahre dahin, die mich allezeit so beschäftigt fanden, daß ich nie Zeit gefunden hatte, die Abhandlung über bürgerliches Recht zu öffnen, – so gleichmäßig still, daß ich mich als an etwas Besonderes nur erinnere, daß am Sankt Nikolastage der Pfarrer vor der Tür des Braz das Córtes von der Stute fiel. Von Jacintho erhielt ich nur selten ein paar Zeilen, in höchster Eile inmitten des Tumults der Zivilisation gekritzelt. Schließlich, in einem sehr heißen September, wo er die Weinernte leitete, starb mein guter Onkel Alfonso Fernandes, so ruhig (Gott sei gelobt für diese Gnade!) wie ein Vöglein verstummt, das sich den Tag über müde gesungen und geflogen hat. Ich vertrug noch auf dem Lande mein Trauerzeug. Mein Patenkind Joanninha machte um die Zeit des Schweineschlachtens Hochzeit. Unser Dach war in Reparatur. Ich kehrte nach Paris zurück. II Wieder war es Februar und ein kalter trüber Spätnachmittag, als ich die Champs-Elysées hinunter und der Nr. 202 zuschritt. Vor mir her ging, leicht vorgeneigt, ein Mann, der von den glänzenden Stiefeln bis zur Hutkrempe, unter der krause Haarringel hervorquollen, von Eleganz und der Vertrautheit mit seinen, vornehmen Sachen triefte. In den auf dem Rücken gekreuzten Händen, die mit weißen büffelledernen Handschuhen bekleidet waren, trug er einen dicken Stock mit Kristallgriff. Erst als er vor dem Portal von 202 Halt machte, erkannte ich die feine Nase, den glatten, seidigen Schnurrbart. »Hallo, Jacintho!« »Hallo, Zé Fernandes!« Unsre Umarmung war so stürmisch, daß mein Hut in den Schmutz rollte. Und beide murmelten, wir bewegt, während wir durch das Gittertor traten »Sieben Jahre sind es her!...« »Sieben Jahre!...« Und doch war nach sieben Jahren im Garten von 202 alles unverändert! Noch rundete sich zwischen den beiden mit frischem Kies bestreuten Alleen ein Rasenplatz, glatter und gefegter als die Wollflocken eines Teppichs. Die korinthische Vase in der Mitte wartete auf den April, um in Tulpenschmuck zu erglänzen, und auf den Juni, um von Margueriten überzufließen. Zu beiden Seiten der Türstufen, die ein Glasdach überdeckte, standen die beiden mageren Steingöttinnen aus der Zeit Dom Galiaons, die Trägerinnen der altertümlichen Lampen mit den mattgeschliffenen Kuppeln, in denen schon das Gas zischte. Im Innern jedoch, gleich in der Vorhalle, überraschte mich ein Aufzug, den Jacintho hatte bauen lassen, trotzdem Nr. 202 nur zwei Stockwerke hatte, die noch dazu durch eine so bequeme Treppe verbunden waren, daß sie selbst dem Asthma der Frau Angelina niemals geschadet hatten! Geräumig, mit Teppichen belegt, bot der Aufzug für diese Siebensekundenreise zahlreiche Bequemlichkeiten: einen Diwan, ein Bärenfell, einen Straßenplan von Paris, Wandbretter mit Zigarren und Büchern. Im Vorzimmer, wo wir landeten, fand ich eine Temperatur, so lau und weich wie ein Maitag in Guiaens. Ein Diener, der dem Thermometer größere Aufmerksamkeit widmete, als ein Seelotse dem Kompaß, regulierte geschickt den vergoldeten Hahn am Heizapparat. Duftzerstäuber unter Palmen, wie auf einer heiligen Terrasse von Benares, verbreiteten leichten Dunst, wobei sie die weiche, hyperfeine Luft durchdufteten und feucht erhielten. Ich murmelte in meines Nichts durchbohrendem Gefühle: »Das ist Kultur!« Jacintho stieß eine Tür auf, und wir traten in eine Halle voll Majestät und Schatten, in der ich daran, daß ich über einen ungeheuren Stoß neuer Bücher stolperte, die Bibliothek erkannte. Mein Freund streifte leicht mit dem Finger die Wand, – und eine elektrische Lichtkrone, die unter dem Schnitzwerk der Decke aufflammte, erleuchtete die monumentalen Bücherregale aus Ebenholz. In ihnen standen mehr als 30 000 Bände, in Weiß, Scharlach, Schwarz gebunden, mit Goldverzierungen, steif in ihrer Pracht und Autorität, wie Doktoren in einem Konzil. Ich konnte meine Bewunderung nicht zurückhalten. »O Jacintho, welch ein Lager!« Er murmelte mit blassem Lächeln: »Zu lesen genug, zu lesen genug...« Erst jetzt bemerkte ich, daß mein Freund abgemagert war und daß die Nase zwischen tiefen Furchen gebettet lag wie die eines müden Schauspielers. Die Ringel seines Kraushaares waren über der Stirn spärlich geworden, und diese selbst hatte die frühere Reinheit polierten Marmors verloren. Der Schnurrbart war nicht gebrannt, sondern fiel schlaff in nachdenklichen Fäden herab. Auch fiel mir auf, daß er etwas gekrümmt ging. Er schlug einen Türvorhang zurück, und wir traten in sein Arbeitszimmer, das mich der Fassung beraubte. Auf den dicken, dunkeln Teppichen verloren unsre Schritte jeden Widerhall und sozusagen die Wesenheit. Der Damast der Wände, der Diwans, die Holztäfelung waren grün, von dem tiefen Grün des Lorbeerlaubes. Grünseidene Schirme dämpften das elektrische Licht, das in so niedrig angebrachten Lampen verteilt war, daß es an Sterne erinnerte, die, von den Tischen herabgefallen, nun dort verglühten und erstarben. Nur eines leuchtete unverhüllt und hell oben auf einem vierseitigen Bücherregal, das sich schlank und einsam, wie ein Turm in einer Ebene erhob, und dessen Licht melancholisches Leuchtfeuer zu sein schien. Ein Kaminschirm aus grünem Lack, von dem frischen Grün jungen Rasens, verstellte den Kamin aus dunkelm, meergrünem Marmor, in dem ein paar Scheite aromatischen Holzes verkohlten. Und zwischen all dem Grün glänzte auf Sockeln und Piedestalen eine ganze pomphafte Mechanik: Apparate, Platten, Räderwerke, Tuben, Schäfte, kaltes, starres Metall. Aber Jacintho klopfte auf die Polster des Diwans, in die er sich mit einer mir an ihm unbekannten Müdigkeit versenkt hatte. »Hierher, Zé Fernandes, hierher! Wir müssen erst einmal unsre beiden seit sieben Jahren getrennten Lebensläufe zusammenknüpfen! ... Sieben Jahre in Guiaens! Was hast du eigentlich dort getan?« »Und du, was hast du getan, Jacintho?« Mein Freund zog müde die Schultern in die Höhe. Er hatte gelebt – er war gelassen allen Verrichtungen nachgekommen, denen, die zur Materie und denen, die zum Geist gehören. »Und hast Kultur aufgehäuft, Jacintho! Heiliger Gott... Da kriegt man Respekt vor Nr. 202!« Er ließ seinen Blick im Kreise schweifen, einen Blick, in dem nicht mehr die alte Lebhaftigkeit blitzte: »O ja, allerlei Bequemlichkeiten ... Aber es fehlt doch noch viel! Die Menschheit ist noch recht schlecht ausgerüstet, Zé Fernandes ... Und das Leben bietet Hindernisse.« Plötzlich klingelte in einer Ecke das Läutewerk des Telephons. Und während mein Freund, über den Apparat geneigt, ungeduldig murmelte: »Wer da? – Wer da?« – prüfte ich neugierig eine auf einen ungeheuren Arbeitstisch aufgestellte Legion seltsamer kleiner Instrumente aus Nickel, Stahl, Kupfer, Eisen, mit Scharnieren, mit Ringen, mit Zangen, mit Haken, mit Zähnen, alle sehr ausdrucksvoll in ihrer geheimnisvollen Anwendung. Ich nahm eines auf und versuchte es zu handhaben – gleich stach mich eine tückische Spitze in den Finger. Im selben Augenblick ging in einer andern Ecke ein eiliges »Tick-tick-tick« los, das etwas Beängstigendes hatte. Jacintho rief, das Gesicht über das Telephon geneigt: »Sieh doch mal nach dem Telegraphen!... Dort neben dem Diwan. Ein Papierstreifen muß heraushängen.« Und in der Tat, von einer Glasflasche auf einer Säule, die einen ingeniösen und empfindlichen Apparat enthielt, lief ein langer Papierstreifen mit gedruckten Buchstaben wie ein Bandwurm auf den Teppich herab, und ich, der Gebirgler, nahm ihn voll Bewunderung auf. Die blau gedruckte Zeile kündigte meinem Freund Jacintho an, daß die russische Fregatte »Azoff« mit Havarie in Marseille eingelaufen sei. Er hatte schon am Telephon abgeklingelt. Beunruhigt erkundigte ich mich, ob er von der Havarie des »Azoff« direkt geschädigt würde. »Des ›Azoff‹ ... Havarie? ... Ich? ... Nein! Es ist eine Mitteilung.« Dann blickte er auf eine monumentale Uhr, die im Hintergrund der Bibliothek die Normalzeit sämtlicher Weltstädte und den Lauf aller Planeten anzeigte. »Ich habe einen Brief zu schreiben, sechs Zeilen nur... Du wartest, nicht wahr, Zé Fernandes? Da hast du die Pariser Abendzeitungen und die Londoner Morgenzeitungen. Dort die illustrierten Journale in der Ledermappe mit Beschlag.« Doch ich zog vor, das Zimmer einer weiteren Inspektion zu unterwerfen, die meinem von Kultur noch freien Kanadiertum alle Genüsse einer Einweihung versprach. Zu beiden Seiten von Jacinthos Armstuhl hingen dicke Sprachrohre herab, durch die er ohne Zweifel seine Befehle durch 202 hauchte. Von den Tischbeinen liefen geschwollene weiche Schnüre über den Teppich nach den dunkeln Winkeln, wie aufgeschreckte Vipern. Auf einem Pult, in dessen Lackierung sie sich wie in einem Brunnen widerspiegelte, stand eine Schreibmaschine; und weiterhin eine enorme Rechenmaschine mit Löcherreihen, aus denen erwartungsvoll starre, eiserne Zahlen spähten. Darauf machte ich Halt vor dem Bücherregal, das mich intrigierte, weil es so abgesondert wie ein Turm in einer Ebene mit seinem hohen Leuchtfeuer dastand. Die eine Seite war ganz mit Wörterbüchern angefüllt; die andre mit Handbüchern; die dritte mit Atlassen; die letzte mit Reisehandbüchern, von denen ich eins öffnete: der Straßenplan von Samarkand. Welch solider Informationsturm! Auf Wandbrettern bewunderte ich mir unverständliche Apparate: – einen aus Gelatinetafeln zusammengesetzt, wo die halb aufgesogenen Zeilen eines Briefes, eines Liebesbriefes vielleicht, verblaßten; ein andrer erhob ein unheimliches Messer über einem armen Broschürenband, wie um ihn zu guillotinieren; ein dritter streckte die Mündung eines Rohrs hervor, die für die Stimmen des Unsichtbaren geöffnet war. Hier die Türschwellen umgürtend, dort den Karnies umlaufend, glänzten Drähte, die durch die Decke in den Weltenraum entflohen. Sie alle verkörperten Naturkräfte und 3 übertrugen Naturkräfte. Die unterjochte Natur vereinigte hier ihre Kräfte für meinen Freund und war in seine Dienstbarkeit getreten! ... Jacintho ließ einen Ausruf der Ungeduld hören: »O, diese elektrischen Federn! ... Zum Teufel mit ihnen!« Zornig ballte er den angefangenen Brief zusammen – ich entschlüpfte aufatmend in das Bibliothekzimmer. Welch majestätische Niederlage der Produkte des Geistes und der Phantasie! Da ruhten mehr als dreißigtausend Bände und alle sicherlich wesentlich für eine menschliche Kultur. Gleich am Eingang bemerkte ich in Golddruck auf grünem Rücken den Namen Adam Smith. Das war also die Region der Nationalökonomen. Ich ging weiter und durchlief verblüfft acht Meter Volkswirtschaftslehre. Dann erblickte ich die Philosophen und ihre Kommentatoren, die eine ganze Wand einnahmen, von der präsokratischen Schule an bis zu denen der Neupessimisten. Auf diesen Brettern bauten sich mehr als zweitausend Systeme auf, die sich alle widersprachen. Von den Einbänden konnte man gleich auf die Doktrin schließen: Hobbes, ganz unten, war schwerfällig in schwarzes Leder gebunden; Plato, oben, erglänzte in reinem weißen Leder. Weiterhin fingen die Weltgeschichtsbücher an. Aber dort türmte sich ein ungeheurer Haufen broschierter Bücher, die nach frischer Druckerschwärze und neuen Dokumenten rochen, gegen das Bücherregal auf, wie frischangeschwemmte Erde ein jahrhundertealtes Gestade bedeckt. Ich umschiffte dieses Vorgebirge und tauchte in die Abteilung der Naturwissenschaften unter, wobei ich unter stets wachsendem Staunen aus der Orographie in die Paläontologie und aus der Morphologie in die Krystallographie wanderte. Dieses Regal schloß die Reihe neben einem Fenster nach der Seite der Champs-Elysées. Ich schlug die Sammetvorhänge auseinander – und entdeckte dahinter weitere mächtige Bücherreihen, alle über Religionsgeschichte und Religionsexegese, die bergartig bis zu den letzten Fensterscheiben in die Höhe kletterten und in den reinsten Morgenstunden Gottes Luft und Licht den Eingang verwehrten. Hiernach erglänzte in hellen Maroquinbänden die liebenswerte Abteilung der Dichter. Wie eine Ruhestatt für den von all dem positiven Wissenskram erschöpften Geist hatte Jacintho hier ein lauschiges Plätzchen eingerichtet, mit einem Diwan und einem Tisch aus Zitronenholz, der glänzender als der feinste Schmelz und mit Zigarren und orientalischen Zigaretten aus den Tabakhäusern des achtzehnten Jahrhunderts bedeckt war. Auf einer glatten Holztruhe stand noch vergessen ein Teller mit getrockneten japanischen Aprikosen. Ich gab der Verführung der Polster nach, kaute eine Aprikose, schlug ein Buch auf und hörte befremdet neben mir ein Summen wie von einem Insekt mit melodischen Flügeln. Ich lächelte bei dem Gedanken, es könnten Bienen sein, die da aus diesem blühenden Dichterwald ihren Honig saugten. Sodann bemerkte ich, daß das ferne einschläfernde Summen aus der so unscheinbar aussehenden Mahagonitruhe kam. Ich räumte eine »Gazette de France« aus dem Wege, hakte eine Schnur los, die aus einem in die Truhe gebohrten Loche herauskam und in einem Elfenbeintrichter endigte. Neugierig hielt ich den Trichter an mein vertrauensseliges Ohr, das an das Summen und Brausen in den Bergen gewöhnt war. Und gleich vernahm ich eine sehr zahme, aber sehr entschiedene Stimme, die sich meine Neugier zu nutze machte, um mir ins Ohr zu dringen und sich meines Verständnisses zu bemächtigen, indem sie arglistig säuselte: »Und so gelingt es mir durch die Anordnung diabolischer Würfel, die hypermagischen Räume zu ergründen!...« Ich machte einen Satz in die Luft und schrie: »O Jacintho, da steckt ein Kerl, ein Kerl im Kasten und spricht!« Mein an allerhand Wunder gewöhnter Kamerad regte sich nicht aus. »Das ist das Konferenzophon... Ganz dasselbe wie das Theatrophon, nur daß es in Schulen und bei öffentlichen Vorträgen angewandt wird. Sehr bequem! ... Was sagt der Mann, Zé Fernandes?« Ich stierte noch entsetzt den Kasten an: »Was weiß ich? Diabolische Würfel, magische Räume, alles mögliche Schauderhafte!« Ich hörte im Nebenzimmer das überlegene Lachen Jacinthos: »Ach, das ist der Oberst Dorchas ... Vorlesungen über die positive Metaphysik der vierten Dimension... Konjekturen, langweiliger Kram! Hör du, du ißt doch heut bei mir mit ein paar Freunden, Zé Fernandes?« »Nein, Jacintho, ich stecke noch in meiner Dorfschneiderverpackung!« Und damit ging ich in das Kabinett, um meinem Kameraden das Jackett aus grobem Flanell zu zeigen, sowie die Krawatte mit roten Pünktchen, in deren Schmuck ich in Guiaens an Sonntagen zur Kirche gegangen war. Aber Jacintho versicherte, die gebirgliche Einfachheit würde seine Gäste interessieren, es seien zwei Künstler ... Wer? Der Verfasser des »Cocur Triple«, ein Frauenpsychologe von überlegener Scharfe, ein sehr erfahrener und sehr konsultierter Meister in Gefühlswissenschaften; und Vorcan, ein Mythenmaler, der vor einem Jahre die rhapsodische Symbolik der Belagerung von Troja in seiner weitläufigen Komposition »Hélène Dévastatrice« ätherisch verdolmetscht hatte. Ich kratzte mir den Bart: »Nein, Jacintho, nein. Ich komme von Guiaens aus den Bergen; ich muß in diese Kultur langsam und vorsichtig eintreten, sonst platz' ich. An ein und demselben Abend die Elektrizität und das Konferenzophon und die hypermagischen Räume und der Frauenpsycholog und das Aetherische und die Symbolik dévastatrice, – das geht mir über die Hutschnur! Ich komme morgen wieder.« Jacintho faltete langsam seinen Brief zusammen, in den er ohne Ziererei, wie das unsrer Brüderlichkeit entsprach, zwei weiße Veilchen gelegt, die er aus dem Strauß in seinem Knopfloch gezogen hatte. »Morgen, Zé Fernandes, kommst du vor dem Frühstück in einem Fiaker mit deinen Koffern, um dich in Nr. 202 häuslich einzurichten, in deinem alten Quartier. Hier hast du Telephon, Theatrophon, Bücher...« Ich sagte ohne weiteres zu. Und Jacintho führte eins der Sprachrohre an den Mund und flüsterte: »Grillo!« Aus der mit Damast bekleideten Wand, die sich plötzlich und lautlos teilte, tauchte sein alter Diener auf (jener Schwarze, der mit Dom Galiaon gekommen war), den ich zu meiner Freude ebenso kräftig und nur noch schwarzer, glänzender und ehrwürdiger in seiner steifen Halsbinde und seiner weißen Weste mit den goldenen Knüpfen wiedersah. Auch er freute sich, den »Siô Fernandes« wieder zu sehen. Und als er hörte, ich sollte das Zimmer des Großvaters Jacintho bewohnen, strahlte ein helles Negergrinsen über sein Gesicht, mit dem er seinen Herrn anlachte, glücklich darüber, daß er endlich wieder Familie um sich haben sollte. »Grillo,« sagte Jacintho, »diesen Brief an Madame de Oriol... Hör! Telephoniere nach dem Hause der Trèves, daß die Spiritisten nur am Sonntag frei sind ... Hör doch! Ich nehme ein Brausebad vor Tisch, lau, siebzehn Grad. Abreibung mit Eibisch.« Und er ließ sich mit einem langsamen, faulen Gähnen schwer auf den Diwan fallen: »Also, mein guter Zé Fernandes, da wären wir wie vor sieben Jahren wieder in diesem alten Paris.« Aber ich trennte mich nicht von dem Tisch, in dem Wunsch, meine Einführung in die Zivilisation gleich zu vervollständigen: »O Jacintho, wozu dienen denn alle diese Instrumentchen? Eins von diesen niederträchtigen Dingern hat mich schon gestochen. Es scheinen Tückebolde, was? Wozu sind sie nütz?« Jacintho skizzierte eine matte Armbewegung, die sie verherrlichte. »Erhaben, Junge, einfach erhaben, der Vereinfachung wegen, die sie einer Arbeit verleihen! Sieh, so ...« und er deutete darauf. Dieses zog abgenutzte Schreibfedern aus; jenes andre numerierte mit großer Geschwindigkeit die Seiten eines Manuskripts; ein drittes machte Rasuren. Noch andre klebten Marken auf, druckten das Datum ab, schmolzen Siegellack, versahen Dokumente mit Kreuzband ... »Aber genau genommen öden sie einen an,« fügte er hinzu. »Mit ihren Federn, Spitzen, Zähnen verletzen sie manchmal... Es ist mir schon passiert, daß ich Briefe habe wegwerfen müssen, weil ich sie mit blutigen Fingerabdrucken besudelt hatte. Langweiliger Kram!« Als hierauf mein Freund abermals einen Blick auf die Monumentaluhr warf, wollte ich ihn nicht länger des Trostes einer Dusche und einer Eibischfriktion berauben. »Na, Jacintho, nun hab' ich dich ja wiedergesehen und hab' mich gefreut. Also denn bis morgen mit dem Gepäck.« »Donnerwetter, wart mal einen Augenblick. Zé Fernandes ... Laß uns durch das Eßzimmer gehen. Vielleicht läßt du dich verlocken!« Wir traten aus der Bibliothek in das Eßzimmer, das mich durch seinen unaufdringlichen, vornehmen Luxus entzückte. Weißlackierte Holztäfelung, glänzender und glatter als Atlas, bedeckte die Wände und rahmte Medaillons von erdbeerfarbenem Damast ein. Die mit geschnitztem Blumenwerk und Glaskorallen verzierten Serviertische erglänzten in demselben schneeigen Lack. Und erdbeerfarbener Damast bedeckte auch die Polster der weißen, breiten Stühle, die extra dafür gemacht zu sein schienen, die feine kulinarische und intellektuelle Kost in höchster Gemächlichkeit genießen zu lassen. »Es lebe mein Prinz! Das glaub' ich ... Das ist eine sehr einleuchtende und gemächliche Futtertraufe, Jacintho!« »Also bleib doch zu Tisch, Mensch!« Aber ich fing schon an, mich zu beunruhigen, als ich sah, daß zu jedem Gedeck sechs Gabeln gehörten, alle von einem ganz hinterlistigen Aussehen. Und noch mehr erregte es mich, als mich nun Jacintho darüber aufklärte, daß eine für die Austern sei, eine andre für den Fisch, noch eine andre für das Fleisch, eine vierte für das Gemüse, eine fünfte für die Früchte und die letzte für den Käse! Gleichzeitig andrerseits eine Mäßigkeit, die Salomonis Lob verdient hätte: nur zwei Gläser für zwei Weinarten, – ein roter Bordeaux in Kristallflaschen und Champagner, der in silbernen Kübeln kühlte. Und dabei bog sich ein Büfett unter einem reichen, beinahe schreckenerregenden Ueberfluß von Wassern, – salzsaure, kohlensaure, phosphorsaure, sterilisierte Wasser, Salzwasser, andre noch in dickbauchigen Flaschen, mit therapeutischen Abhandlungen als Etikette. »Heiliger Herrgott, Jacintho! Bist du noch immer der entsetzliche Wassertrinker, was?« Er ließ über die ganze metallverkapselte Flaschenbatterie einen trostlosen Blick gleiten: »Nein ... Es ist nur wegen der städtischen Wasserleitung. Das Leitungswasser wimmelt ja von Ansteckungsmikroben ... Bis jetzt aber habe ich noch kein Wasser ausfindig gemacht, das mir zugesagt hätte. Ich leide sogar Durst.« Nun war ich auch neugierig, das Diner des Psychologen und Symbolisten kennen zu lernen, dessen Menü in roter Tinte auf Elfenbeintäfelchen geschrieben neben jedem Gedeck lag. Es fing ganz rechtschaffen mit klassischen Austern von Marennes an. Darauf folgte eine Suppe aus Artischocken und Karpfeneiern. »Ist das gut?« Jacintho zuckte gleichgültig die Achseln: »Ja ... Ich habe niemals Appetit, schon lange nicht ... seit Jahren nicht.« Von einer andern Schüssel begriff ich nur so viel, daß sie junge Hühner mit Trüffeln enthielt. Darauf sollen die Herren in Hirschfilet schwelgen, das in Jerez eingeweicht war und mit Nußgelee serviert wurde. Und als Nachtisch schlichtweg in Aether geeiste Orangen. »In Aether, Jacintho?« Mein Freund war einen Augenblick unsicher, dann beschrieb er mit den Fingern die Wellenbewegung eines sich verflüchtigenden Aromas. »Was Neues. Es scheint, der Aether bringt die Seele der Früchte zur Entwicklung und Blüte.« Ich senkte den Kopf in meines Nichts durchbohrendem Gefühle und murmelte in meinem tiefsten Innern: »Das heißt Kultur!« Und während ich dann die Champs-Elysées hinabschritt und, in meinen Paletot gehüllt, über dieses symbolische Gericht nachsann, stellte ich zugleich Betrachtungen an über die Roheit und die verdummte Rückständigkeit meines alten Guiaens, wo Jahrhunderte hindurch die Seele der Orangen ungekannt und unbenutzt innerhalb des saftigen Fleisches bleibt, und zwar so weit die Obstgärten reichen, die das Thal zwischen Rogueirinha und Sandofim beschatten und durchduften. Von jetzt ab aber würde ich, Gott sei Dank, im Zusammenleben mit einem so großen Eingeweihten, wie Jacintho, alle Feinheiten und alle Kräfte der Kultur kennen lernen. Und (was für meine Zärtlichkeit noch befriedigender war!) ich würde das seltene Glück haben, einen Menschen betrachten zu können, der, nachdem er eine Anschauung vom Leben gefaßt, sie verwirklichte und durch sie und in ihr vollkommene Glückseligkeit fand. Dieser Jacintho war doch wahrhaftig ein Prinz Glückspilz! III Jeden Morgen um neun Uhr drang ich, nachdem ich meine Schokolade genossen, noch in Pantoffeln bei Jacintho ein. Ich fand dann meinen Freund gebadet, rasiert, massiert und in einen Schlafrock aus weißem Angorafell gehüllt, vor seinem Toilettetisch, der – der Mikroben wegen – ganz aus Kristall und mit all jenen Geräten aus Schildpatt, Elfenbein, Silber, Stahl und Perlmutter angefüllt war, die der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts benötigt, um nicht das herrliche Gesamtbild der Kultur zu entstellen und um in ihr seinen Typus zu erhalten. Besonders die Bürsten erregten alltäglich aufs neue mein Entzücken und Erstaunen – denn da waren welche, die breit waren wie das massive Rad eines Sabiner Wagens; andre schmal und krummer als ein Türkensäbel; konkave, von der Form eines dörflichen Dachziegels; spitze, wie ein Efeublatt geformte; solche, die härter waren als Eberborsten und andre, die weicher waren als der Flaum der Waldtaube! Und alle machte mein Jacintho sich gewissenhaft dienstbar, wie ein guter Hausvater, der keinen einzigen Knecht geringschätzt. Und so verweilte dieser Prinz vor dem silberlaubumrahmten Spiegel und ließ vierzehn Minuten lang alle möglichen Haare durch sein Haar streichen. Währenddessen bedienten Grillo und ein andrer Diener hinter den seidengewirkten Wandschirmen von Kioto mit Kraft und Geschick die Apparate des Waschtisches, der eine verkleinerte Auflage der monumentalen Maschinen des Badesaales war, – letzterer das vollendetste Wunder in Nr. 202. Aus diesen vereinfachten Marmorgerätschaften kamen nur zwei Wasserstrahlen, die von eins bis hundert graduiert waren; zwei Duschen, eine feine und eine grobe, für den Kopf; die sterilisierte Quelle für die Zähne; der Brausestrahl für den Bart; und außerdem waren diskrete Knöpfchen da, die, wenn man auf sie drückte, feine Wasserstrahlen, singende Kaskaden oder einen leichten Sommertau ausströmten. Aus diesem schaurigen Winkel, wo dünne Tuben so viele kochende, brausende, sprudelnde, rauschende Wasser in Zwang und Dienstbarkeit hielten, ging dann endlich mein Jacintho hervor, trocknete sich die Hände an einem russischen Handtuch, dann an einem Leinentuch, darauf an einem aus geflochtenem Garn, um den Blutumlauf wieder herzustellen, und glättete schließlich die Haut mit einem weichen Seidentuch. Nach diesem letzten Ritus, der ihm bald einen Seufzer, bald ein Gähnen erpreßte, streckte er sich auf einen Diwan, um in einer Agenda zu blättern, worin sich ihm die von Grillo oder ihm selbst eingetragenen Beschäftigungen des Tages entrollten, die manchmal so zahlreich waren, daß sie zwei Seiten bedeckten. Sie alle standen im Zusammenhang mit seiner Geselligkeit, seiner komplizierten Zivilisation oder den vielfachen Interessen, die sich mein Prinz in diesen sieben Jahren geschaffen hatte, um in der gewissenhaftesten Gemeinschaft mit allen städtischen Betrieben zu leben. So war Jacintho zum Beispiel Vorsitzender des Klubs »Schwert und Scheide«, Teilhaber der Zeitung »Le Boulevard«, Direktor der »Telephoncompagnie von Konstantinopel«, Socius der »Vereinigten Bazare des Spiritualismus«, Mitglied des »Komitees für Einweihung in die esoterischen Religionen«. Keine dieser Beschäftigungen schien indessen meinen Freund anzusprechen – denn trotz der zahmen Gleichmäßigkeit seiner milden Sitten schleuderte er häufig in einer Aufwallung des freien Menschen jene ihn vergewaltigende Agenda auf den Teppich. Und an einem schönen Morgen – es herrschte Wind und Schneetreiben –, wo ich das tyrannische, liebevoll in Leder von der Farbe welker Rosen gebundene Buch aufhob, bemerkte ich, daß Jacintho nach dem Frühstück einen Besuch in der Rue de l'Université machen sollte, einen andern im Park Monceau, noch einen in den entlegenen Anlagen von La Muette; als Mitglied eines Klubs einer Abstimmung beiwohnen, Madame d'Oriol auf eine Fächerausstellung begleiten, ein Hochzeitsgeschenk für die Nichte der Trèves auswählen, einem Ehrengericht in Sachen falschen Spiels im Ecarté unter Kavalieren präsidieren sollte ... Und dazwischen tummelten sich noch andre von Jacintho mit Bleistift bezeichnete »Merker«: »Kutscher – Five-o'clock bei Ephraim – die Kleine von den Variétés – die Notiz nach der Zeitung bringen ...« Ich betrachtete meinen Prinzen. Lang ausgestreckt auf dem Diwan, die Augen jämmerlich zugedrückt, wurde er von einem ungeheuren, stummen Gähnen überwältigt ... Jacinthos Geschäfte begannen übrigens schon früh, gleich nach dem Bade. Von acht Uhr ab läutete die Glocke des Telephons nach ihm, ungeduldig, beinahe zornig, wie nach einem saumseligen Sklaven. Und kaum, daß er sich abgetrocknet hatte, noch in seinen Schlafrock aus Angorafell gehüllt, ging er fortwährend auf den Korridor hinaus, um mit Leuten zu flüstern, die es so eilig hatten, daß sie den triefenden Regenschirm in der Hand behielten. Einer dieser stets Anwesenden (er gehörte ohne Zweifel der Telephongesellschaft von Konstantinopel an) war besonders fürchterlich: ein völlig ausgemergelter, rußiger Mensch mit schlechten Zähnen, einer ungeheuren, schmierigen Mappe unter dem Arm und einem Paar trüben Raubtieraugen, die aus dem hochgeschlagenen Kragen eines schäbigen Pelzes wie aus der Oeffnung einer Höhle hervorstachen. Unaufhörlich und unerbittlich erschien ein Diener mit Karten und Briefen auf einem silbernen Teller. Sodann Lieferanten in Kunst und Industrie; Pferdehändler, feist und in weißem Paletot; Erfinder mit großen Papierrollen; Trödler, die in der Tasche eine »einzige« und fast unwahrscheinliche Ausgabe von Ulrich Zell oder von Lapidanus brachten. Jacintho lief ganz benommen in Nr. 202 umher, kritzelte sein Taschenbuch voll, läutete am Telephon, knüpfte fiebernd Pakete auf, schüttelte im Vorbeigehen einen Menschen ab, der im Vorzimmer auf der Lauer nach ihm gelegen hatte, und behandelte sein Merkbuch oder seinen Katalog wie eine Wurfmaschine. Um Mittag rief der melancholische Ton eines Tam-tam zum Frühstück. Mit dem über meinem Teller entfalteten »Figaro« oder den »Novidades« wartete ich allemal eine halbe Stunde auf meinen Prinzen, der schließlich wie von einem Windstoß hereingeführt erschien und mit dem Ausdruck eines Geräderten seine ewige Klage ausstieß: »Ein Elend! Und das nach einer niederträchtigen Nacht, von Träumen gequält. Ich habe Schwefelsalz genommen und Grillo gerufen, damit er mich mit Terpentin einreibt... Ein Elend!« Dann ließ er einen schon satten Blick über den Tisch gleiten. Keine Schüssel, so verführerisch sie auch war, reizte ihn; und, da er während seines morgendlichen Umherlaufens unzählige Zigaretten rauchte, die ihm die Kehle ausdörrten, fing er damit an, daß er sich mit einem ungeheuren Glas salzsaurem oder kohlensaurem Wasser oder einer Brauselimonade, die mit sehr teurem alten Cognac vermischt und mit syrakusanischem Muskateller entsetzlich versüßt wurde, den Magen verschlemmte. Sodann spießte er, ohne allen Appetit, mit unentschlossener Gabelspitze hier und da ein Scheibchen Schinken oder eine Hummerfaser auf; und ungeduldig forderte er den Kaffee, echten Mokka, der ihm allmonatlich aus einer Faktorei in Dedjah zugeschickt und auf türkische Manier dick gekocht wurde, und den er mit einer Zimmetstange umrührte. »Und du, Zé Fernandes, was hast du vor?« »Ich?« Behaglich im Stuhl zurückgelehnt, die Daumen in den Armausschnitten der Weste, sagte ich: »Ich werde sehr gemütlich umherstrolchen wie ein herrenloser Hund!« Mein aufmerksamer Freund durchforschte, während er seinen Kaffee umrührte, die vielseitige Zivilisation der Stadt nach einer Unterhaltung, die mir Vergnügen machen könnte. Aber kaum begann er, mir eine Ausstellung, einen öffentlichen Vortrag oder Denkmäler oder Promenaden zu suggerieren, so zuckte er auch schon trostlos die Achseln: »Ach, das ist schließlich auch nicht der Mühe wert, – öder Kram!« Er zündete sich noch eine der russischen Zigaretten an, auf denen in Gold auf die Leibbinde gedruckt sein Name glänzte. Und während er sich in nervöser Ungeduld den Schnurrbart zerzauste, hörte er noch an der Tür der Bibliothek seinen Geschäftsführer an, den feisten und majestätischen Laporte. Endlich tauchte Prinz Glückspilz, gefolgt von einem Diener, der einen ungeheuren Stoß Zeitungen unter dem Arm trug, mit denen er das Coupé ausstattete, in der Stadt unter. * * * Wenn die geselligen Pflichten Jacintho mal ein wenig mehr Muße gönnten und der Märzhimmel uns liebreich ein Fleckchen wässerigen Blaus beschied, machten wir nach dem Frühstück einen Spaziergang durch Paris. Diese behaglichen »Bummel« waren früher in unsern Studienjahren für Jacintho ein Lieblingsvergnügen gewesen – weil er auf ihnen am intensivsten und bis ins kleinste »die Stadt« genießen konnte. Jetzt indessen verursachten sie ihm, trotz meiner Gesellschaft, nur eine Ungeduld und eine Ermüdung, die trostlos von der früheren Begeisterung abstach. Betreten (ja mit Schmerz, denn ich bin von Natur gutmütig, und es betrübt mich allemal, meinen Glauben erschüttert zu sehen!) machte ich am ersten Nachmittage, wo wir die Boulevards hinabgingen, die Entdeckung, daß der auf dem Asphalt krabbelnde menschliche Ameisenhaufen und der düstere Zug der Wagen auf dem Makadam meinem Freunde Unbehagen verursachten, infolge der Brutalität ihrer Eile, ihres Egoismus, ihres durchdringenden Lärms. Auf meinen Arm gelehnt, als suche er Schutz bei ihm, fing dieser neue Jacintho an zu beklagen, daß bei unsrer vorgeschrittenen Kultur die Straßen nicht mit Guttapercha bekleidet waren! Und die Guttapercha stellte augenscheinlich für meinen Freund den diskreten Stoff dar, der den Anprall und die rohe Berührung der Dinge abschwächt. O Wunder! Jacintho, der nach Gummi verlangte, nach dem isolierenden Gummi zwischen seiner Empfindlichkeit und dem Stadtgetriebe! Und dann, er gestattete mir nicht einmal, staunend vor jenen vergoldeten und verspiegelten Schauladen stehen zu bleiben, die er sonst als die »kostbaren Museen des neunzehnten Jahrhunderts« betrachtet hatte. »Nicht der Mühe wert, Zé Fernandes! Schreckliche Armut und Eintönigkeit in der Erfindung. Immer derselbe Blumenzierat Louis' XV., immer derselbe Plüsch ... Nicht der Mühe wert!« Ich riß über diesen ausgetauschten Jacintho die Augen auf. Und insonderheit erregte mir sein Abscheu gegen »die Menge« Befremden – ein Abscheu, der sich gegen gewisse Eindrücke der »Menge« lichtete, die er die »Furchen« nannte. »Du spürst sie nicht, Zé Fernandes! Du kommst aus dem Gebirge... Aber die verleiden einem die Stadt, diese »Furchen«! Das ist zum Beispiel ein scharfes, nervenreizendes Parfüm, das eine Frau beim Vorübergehen zurückläßt, das sich in den Geruchsorganen festsetzt und für den ganzen Tag die atembare Luft verdirbt. Ein Wort, das wir aus einer Gruppe aufschnappen und das eine Welt voll Gemeinheit, voll Pedanterie oder Dummheit offenbart, und das uns in der Seele festklebt wie ein Spritzfleck, der uns an eine ungeheure Schlammpfütze erinnert, die wir durchschritten haben. Oder auch, mein Junge, eine durch Prätention oder schlechten Geschmack oder Frechheit oder Schäbigkeit oder Roheit unerträgliche Figur, deren widerwärtiges Bild man nicht wieder los werden kann. Ein Schrecken, diese Furchen, Zé Fernandes! Uebrigens, zum Teufel! – das sind die kleinen Uebelstande einer wundervollen Kultur!« All dies war vielleicht kindisch, aber für mich bedeutete es in diesem flammenden Stadtanbeter die Abkühlung seiner Inbrunst. An demselben Nachmittage, wenn ich nicht irre, drangen wir bei sanftem, mildem Licht bis in das Zentrum der Stadt, in die langen Straßen, in die meilenlangen graugekalkten Häuserreihen, mit den sich zum Himmel sträubenden Schornsteinen aus schwarzem Eisenblech, mit den ewig geschlossenen Fenstern, den ewig herabgelassenen Vorhängen, die das Leben erstickten und verbargen. Nichts als Backsteine, nichts als Eisen, nichts als Kalk, nichts als Stuck: steife Linien, scharfe Winkel, alles trocken, alles hart. Und vom Straßenpflaster bis unter den Dachfirst, über die ganze Fassade hin, Veranden verhängend, Mauern verschluckend, Schilder, Schilder ... »O, dieses Paris, Jacintho, dieses dein Paris! Welch unermeßlicher, roher Bazar!« Und mehr um meinen Prinzen auszuholen, als aus Ueberzeugung, erging ich mich des weiteren über die Häßlichkeit und Trübseligkeit dieser Häuserblöcke, roher Niederlagen, deren Stockwerke nur Warenborte seien, worauf die Menschheit übereinander gepackt sei. Und zwar eine ganz respektlos katalogisierte und ordnungsgemäß aufgestapelte Menschheit. Die am meisten ins Auge fallende, die Luxusmenschheit, auf den unteren, schön lackierten Borten. Die Alltags- und Arbeitsmenschheit in den oberen Regionen, unter den Treppen, auf Planken aus rohem Tannenholz, unter Staub und Mottenwürmern ... Jacintho murmelte mit verzogenem Gesicht: »Häßlich, sehr häßlich!« Aber er besann sich gleich wieder, schlenkerte den Büffelhandschuh in der Luft und sagte: »Aber welch wunderbarer Organismus, Zé Fernandes! Welche Dauerhaftigkeit! Welch ein Erzeugnis!« Am abtrünnigsten erschien mir Jacintho in seiner alten und fast religiösen Vorliebe für das Bois de Boulogne. Als junger Mann hatte er über das Bois verwickelte und bedeutende Theorien konstruiert. Und die Augen rollend wie ein Fanatiker, hatte er die Ansicht vertreten, daß im Bois die Stadt allnachmittäglich sich Kraft und Gesundheit hole und durch die Anwesenheit ihrer Herzoginnen, ihrer Courtisanen, ihrer Politiker, ihrer Finanziers, ihrer Generäle, Akademiker, Künstler, Klubisten, Juden die tröstliche Gewißheit erhielte, daß ihr ganzes Personal in Zahl, Lebenskraft und Funktion erhalten, und daß kein Element ihrer Größe verschwunden oder umgekommen wäre. »Nach dem Bois gehen« bedeutete deshalb für meinen Prinzen einen Gewissensakt. Und bei der Rückkehr versicherte er allemal stolz, daß die Stadt noch im Besitz aller ihrer Gestirne sei, die die Ewigkeit ihres Lichts gewährleisteten. Jetzt hingegen führte er mich ohne Inbrunst, schleppenden Schrittes ins Wäldchen, wo ich mir die Milde des April zu nutze machte, um mich über mein Heimweh nach Baum und Busch hinwegzutäuschen. Solange wir in dem edlen Trab seiner glänzenden Maultiere die Avenuen der Champs-Elysées und des Bois hinauftrotteten, die wie durch den zarten Rasen und das frische Grün der jungen Schößlinge verjüngt aussahen, war Jacintho der gute Kamerad, der liebenswürdige Plauderer, mit dem sich's so durch Paris hindurch liebenswürdig philosophieren ließ, während er den Rauch seiner Zigarette durch die herabgelassenen Coupéfenster blies. Sobald wir aber die vergoldeten Gittertüren des Bois hinter uns hatten, in die Akazienallee eindrangen und uns der langsamen Reihe der Equipagen und Droschken einreihten, unter dem geziemenden Schweigen, das nur durch das Klingeln der Zügel und durch das Knirschen der Wagenräder unterbrochen wurde, – da verstummte mein Prinz, versenkte sich träge in die Polster, aus denen er sich nur aufrichtete, um den Mund zu einem Gähnen des Ueberdrusses aufzureißen. Aus alter Gewohnheit nur bestätigte er die tröstliche Anwesenheit des »Personals«, der »Gestirne«, indem er nach einem Coupé oder einer Viktoria wies, die knirschend in einer andern Wagenreihe kroch, – und einen Namen murmelte. Auf diese Weise lernte ich den langgelockten Judenbart des Banquiers Ephraim kennen, und die lange Patriziernase der Madame de Trèves, die wie ein Schutzdach über einem ewigen Lächeln hing. Ich machte die Bekanntschaft der schlaffen Wangen des neu-platonischen Dichters Dornan, der immer aus der Tiefe einer Droschke in die Luft schnupperte; der langen präraffaelitischen glatten Scheitel der schwarzhaarigen Madame Verghane; des milchfarbenen Monocles des Direktors des »Boulevard«; des sieghaften Schnurrbärtchens des Herzogs von Marizac, der hoch auf seinem Kriegs-Phaeton thronte; und noch andrer stereotyper Lächeln und dünner Lippenbärtchen à la Renaissance und schmachtender Augenlider und spähender Augen und gepuderter Gesichter, die alle »illustre« und meinem Prinzen wohl bekannt waren. Von der Höhe der Akazienallee aber fuhren wir dann wieder in verhaltenem Schritt über den knirschenden Sand abwärts. Und in der langsam aufsteigenden Linie Gig hinter Landauer, Viktoria hinter Fiaker, feierten wir unfehlbar ein Wiedersehen mit dem geschwärzten Monocle des Mannes vom »Boulevard« und mit den pechrabenschwarzen Scheiteln der Madame Verghane und dem hohläugigen Neu-Platoniker und dem Talmud-Bart und mit all jenen Figuren von wächserner Unbeweglichkeit, die meinem Freunde superbekannt waren, und denen er jeden Nachmittag ungezählte Jahre hindurch und immer mit demselben Lächeln, unter demselben Reispuder, in derselben Wachsfiguren-Unbeweglichkeit begegnete; da hielt sich Jacintho nicht länger und schrie dem Kutscher zu: »Nach Hause, schnell!« Und in feurigem Dauerlauf der Maultiere ging es durch die Avenue du Bois und durch die Champs-Elysées, – das gewaltsam gezügelte Tempo, gegen das sie wie andre ihrer guten Bekannten unter den Maultieren vergeblich durch ein Beißen auf das Gebiß protestiert, hatte sie in eine der Verzweiflung Jacinthos vergleichbare Erbitterung versetzt. Um ihm auf den Zahn zu fühlen, fing ich an, dem Bois alle Schande nachzusagen: »Das ist nicht mehr so amüsant wie früher, das hat sich überlebt!« »O nein, es ist sehr unterhaltend,« warf er unsicher ein, »nichts unterhaltender als das Bois, aber ...« Und dann schützte er die Kühle des Nachmittags oder die Tyrannei seiner Geschäfte vor. Wir kehrten darauf nach Hause zurück, wo tatsächlich gleich mein Prinz, in seinen weißen Schlafrock gehüllt, vor dem Kristalltisch, der mit seiner Legion von Bürsten im elektrischen Lichte funkelte, anfing, sich für den gesellschaftlichen Nachtdienst zu rüsten. An einem dieser Abende (einem Sonnabend) durchlebten wir in diesem so zivilisierten und geschützten Gemach eines jener aufregenden, empörten Schrecknisse, wie sie nur die Wildheit der Elemente hervorbringt. Es war spät geworden (wir sollten mit Marizac im Klub speisen, um ihn nachher in den »Lohengrin« zu begleiten), und Jacintho schürzte in aller Eile den Knoten seiner weißen Krawatte, als im Waschzimmer, sei es infolge eines Rohrbruchs, sei es, weil der Hahn abgelötet war, die Leitung versagte und der Strahl des kochenden Wassers dampfend und zischend mit Ungestüm hervorbrach. Eine dichte Wolke heißen Dampfes verschleierte die Lichter – und in diesem Nebel irrend, hörten wir unter dem Geschrei Grillos und des Aufwärters den Vernichtungsstrom gegen die Wände schlagen, wobei er brühheißen Regen umhersprühte. Der Teppich unter unsern Füßen war ein heißer Schlamm. Und wie wenn alle Naturgewalten, die sich in Jacinthos Dienst gestellt hatten, durch jene Empörung des Wassers ermutigt, hätten streiten wollen, hörten wir im Innern der Wände dumpfes Brausen, und aus den Drähten des elektrischen Lichtes sprangen drohende Blitze hervor! Ich floh in den Korridor hinaus, wo schon der Nebel wie eine Mauer stand. Im ganzen Hause herrschte unbeschreiblicher Tumult. Vor dem Portal hatte sich bereits, von den durch die Fenster entweichenden Dampfwolken angezogen, Polizei aufgestellt und Volk angesammelt. Und auf der Treppe prallte ich gegen einen Reporter, der, den Hut im Nacken und das Notizbuch offen in der Hand, sensationsgierig schrie, »ob denn gar niemand umgekommen sei!?« Als schließlich das Wasser gebändigt war, der Nebel sich gelichtet hatte, traf ich Jacintho mitten im Zimmer in Unterhosen und leichenblaß: »O Zé Fernandes, diese Industrie! ... Welche Ohnmacht, welche Ohnmacht! Schon zum zweitenmal solch ein Unfall! Und dabei das Vollendeteste an Apparaten, eine ganz neue Konstruktion ...« »Und ich durch diese neue Konstruktion völlig verschlammt! Und dabei keinen zweiten Frack zur Verfügung!« Ringsumher dampften noch die gestickten Seidenbezüge, die Brokate Louis XIII., die ganz mit Flecken bedeckt waren. Mein Prinz trocknete ganz schreckensbleich eine Photographie der Madame Oriol, deren entblößte Schultern der brutale Wasserstrahl durch Blasen entstellt hatte. Und ich dachte mit Erbitterung daran, daß in meinem Guiaens das Wasser in sicheren Kochtöpfen zum Sieden gebracht und durch die kräftige Hand der Katharina in handfesten Krügen in mein Waschzimmer getragen wurde. Wir speisten an jenem Abend nicht mit dem Herzog de Marizac im Klub. Und in der Oper konnte ich Lohengrin und seiner blanken Seele und seinem blanken Schwan und seinem blanken Degen nur geringen Geschmack abgewinnen, – eingezwängt und eingequetscht wie ich war in den Frack, den mir Jacintho geliehen, der mir in den Aermelausschnitten die Arme abschnürte und betäubend nach Fleurs de Nessari duftete. * * * Am Sonntag in aller Frühe kam Grillo, der sich tags zuvor die Hände verbrüht hatte und sie im Verband trug, in mein Zimmer, zog die Fenstervorhänge auf, stellte sich vor mein Bett und sagte mit seinem vergnügtesten Negergrinsen: »Es steht im ›Figaro‹«. Triumphierend entfaltete er die Zeitung. Unter der Rubrik »Echo« standen etwa zwölf Zeilen, in denen unsre Wasser mit solcher Ueppigkeit, mit solchem Glanz und in solcher Oeffentlichkeit rauschten und sprudelten, daß auch ich mich eines entzückten Schmunzelns nicht erwehren konnte. »Und den ganzen Morgen schon das Telephon, Siô Fernandes!« rief Grillo in seinem Ebenholzglanze. »Alle wollen wissen ...›Sind Sie da? Sind Sie verbrüht?‹ Ganz Paris bekümmert, Siô Fernandes!« Das Telephon klingelte tatsächlich unermüdlich, und als ich zum Frühstück herunterkam, verschwand das Tischtuch völlig unter einer Schicht von Telegrammen, die mein Prinz mit einem Messer aufschnitt, wobei er stirnrunzelnd über »diesen langweiligen Kram« knurrte. Nur beim Lesen eines dieser blauen Papiere entwölkte sich seine Stirn; er warf es mir mit demselben Lächeln der Befriedigung auf den Teller, mit dem wir, Grillo und ich, am Morgen gelächelt hatten: »Vom Großherzog Kasimir ... Ein liebenswürdiger Sonderling! Ein guter Kerl!« Ich gab mich neben dem Genuß meiner Eier zugleich dem der Depesche Seiner Hoheit hin: »Was für Geschichten! Mein lieber Jacintho überschwemmt! Sehr chic, in den Champs-Elysées! Ich werde mich nur noch mit einem Rettungsgürtel nach Nr. 202 begeben! Beileid und Umarmung! Kasimir ...« Auch ich murmelte voll Ehrfurcht: »Liebenswürdig! »Ein guter Kerl!« Und wie ich so langsam in dem Haufen Depeschen wühlte, die sich bis an mein Glas hin ausbreiteten, fragte ich beiläufig: »Wer ist eigentlich diese Diana, die dir unaufhörlich schreibt, dich antelephoniert, dir telegraphiert, dir...?« »Diana? ... Diana de Lorge. Eine Kokotte. Eine große Kokotte!« »Deine?« »Meine, meine... Nein! Ich habe nur meinen Anteil.« Und wie ich nun mein Erstaunen äußerte, daß mein Prinz, ein so reicher und stolzer Herr, statt seinen eignen Futtertrog zu haben, aus Sparsamkeitsrücksichten mit andern aus einem allgemeinen Trog schnupperte, zog Jacintho zugleich mit einer aufgespießten Krabbe die Schultern in die Höhe: »Du kommst aus dem Gebirge... Eine Stadt wie Paris, mein guter Zé Fernandes, hat Kurtisanen mit großem Prunk und Gepränge nötig. Um nun in Paris, bei den rasend hohen Preisen von Paris, eine Kokotte unterhalten zu können, mit ihren Toiletten, ihren Brillanten, ihren Pferden, ihren Lakaien, ihren Festlichkeiten, ihrem Palais, ihren Theaterlogen, ihrer Öffentlichkeit, ihren unverschämten Ansprüchen, müssen sich notwendig mehrere Vermögen verbinden, und so bildet sich ein Syndikat. Wir sind zu diesem Zweck etwa sieben im Klub. Ich bezahle meinen Anteil ... Aber lediglich aus Bürgersinn, um der Stadt eine monumentale Kokotte erhalten zu helfen. Im übrigen ›schnuppere‹ ich gar nicht. Arme Diana! ... Von den Schultern abwärts weiß ich nicht, ob ihre Haut schneeweiß oder quittengelb ist!« »Von den Schultern abwärts?... Und aufwärts?« »O, da hat sie Reispuder! ... Aber sie ödet mich an! Immerzu Theaterbillette, immerzu Telephon, immerzu Depeschen! Und dreitausend Franken pro Monat, außer den Blumen ... Schauderhaft!« Und die beiden Furchen, die meinem Prinzen zu beiden Seiten seiner feinen Nase herniederliefen, nahmen, wie er sie so über seinen Salat neigte, das Aussehen zweier melancholischer Talsenkungen bei Einbruch der Nacht an. Wir beendeten gerade unser Frühstück, als ein Diener in diskretem Flüstern Madame d'Oriol meldete. Jacintho legte ruhig die Zigarre beiseite; ich verschluckte mich an einem hastigen Schluck Kaffee. Zwischen den erdbeerfarbenen Damastvorhängen erschien sie, ganz in Schwarz, in einem glatten, strengen Karfreitagsschwarz, und bewegte mit anmutiger Gebärde den Muff gegen uns, um uns zu beruhigen. Und zugleich begann sie mit süß plaudernder Zungengeläufigkeit: »Nur für einen Augenblick; bitte, stehen Sie nicht auf! Ich ging gerade vorbei, – ich bin auf dem Wege zur Madeleine, – da konnte ich mich nicht enthalten, herauf zu kommen, um die Zerstörung zu beaugenscheinigen ... Eine Ueberschwemmung in Paris, in den Champs-Elysées! Das kann nur diesem Jacintho begegnen! Und es steht im ›Figaro‹! Nein, wie ich erschrocken war, als ich telephonierte! Denken Sie sich doch nur! Kochendes, sprudelndes Wasser, wie auf dem Vesuv! ... Das ist doch auch ganz was Neues! Und die Möbelbezüge verdorben, natürlich, und die Teppiche ... Ich brenne darauf, die Trümmer zu bewundern!« Jacintho, der mir weder gerührt noch dankbar für so viele Teilnahme erschien, hatte lächelnd wieder zur Zigarre gegriffen: »Es ist alles trocken, teuerste Frau, alles trocken! Gestern war es eine Pracht, als das Wasser wallte und siedete! Jammerschade, daß nicht wenigstens eine Wand eingestürzt ist!« Aber sie beharrte auf ihrem Wunsch. Nicht alle Tage konnte man in Paris die Zerstörungen einer Ueberschwemmung genießen. Der »Figaro« hätte davon berichtet ... Es wäre ein himmlisches Abenteuer, ein verbrühtes Haus in den Champs-Elysées! Ihre ganze Person, von den Federchen, die sich auf ihrem Hut kräuselten, bis zu der glänzenden Spitze ihres Lackstiefelchens, bewegte sich, vibrierte wie ein zarter Zweig unter der Berührung eines zwitschernden Vogels. Das Lächeln allein bewahrte hinter dem dichten Schleier seinen unbeweglichen Glanz. Und in der Luft verbreitete sich ein Aroma, eine Süßigkeit, die ihre ganze bewegliche Anmut ausströmte. Jacintho gab endlich heiter lächelnd nach, und den Korridor entlang pries Madame d'Oriol noch den liebenswürdigen »Figaro« und gestand, wie sie an allen Gliedern vor Schreck gezittert habe ... Ich kehrte zu meinem Kaffee zurück und beglückwünschte innerlich den Prinzen Glückspilz zu dieser vollendeten Kulturblüte, die ihm das Leben durchduftete. Dann dachte ich an die wunderbare Harmonie, in der sich diese Blüte bewegte. Und ich lief eiligst ins Vorzimmer, um dort vor dem Spiegel meinem Haar und dem Krawattenknoten einen verführerischeren Schwung zu geben. Sodann kehrte ich in den Eßsaal zurück und setzte mich in möglichst eleganter und hochzivilisierter Haltung an das Fenster, wobei ich nachlässig die »Rundschau des 19. Jahrhunderts« durchblätterte. Gleich darauf kamen die beiden zurück: und Madame d'Oriol, die sich unter beständigem liebenswürdigen Lächeln für höchst benachteiligt erklärte, weil sie nichts entdeckt hätte, was noch an den Wassersturz erinnerte, streifte leise den Tisch, wo Jacintho Malteser Mandarinen auswählte, um sie ihr darzubieten, oder geeiste Kastanien oder ein mit Tokayer getränktes Biskuit. Sie lehnte ab, die Hände im Muff behaltend. Sie war nicht groß und nicht stark, aber jede Falte ihres Kleides und jede Linie ihres Mantels fiel und wellte sich so harmonisch, wie höchste Vollendung nur höchste Vollendung verhüllt. Unter dem herabgelassenen Schleier bemerkte ich nur die Weiße des gepuderten Gesichts und das Dunkel der großen Augen. Und mit all der schwarzen Seide und dem schwarzen Sammet und ein wenig blondem Haar, einem warmen Blond, das fest gedreht über dem ihren Hals umsäumenden schwarzen Pelzwerk sichtbar wurde, strömte ihre ganze Erscheinung einen Eindruck von Glätte und Feinheit aus. Ich betrachtete sie unablässig, wie eine Blüte der Zivilisation, und dachte an die jahrhundertelange Arbeit und an die überlegene Kultur, der das Erdreich bedurft hatte, dem sie so zart entsprossen war und auf dem sie sich zu vollem Duft erschlossen hatte, um so anmutiger, als sie eine Blüte der Kunst, eine Treibhausblume war, die in ihren Kelchblättern ein gewisses vorzeitig entfärbtes und welkendes Etwas trug. Unterdessen bezeugte sie mit ihrer vogelartigen Kehlfertigkeit, indem sie bald mir, bald Jacintho zuzwitscherte, ihr drolliges Entsetzen über den Haufen Telegramme auf dem Tisch. »All das heute morgen, wegen der Ueberschwemmung? ... Ah, Jacintho ist heut der Mann, der einzige Mann von Paris! Viele Depeschen von Damen?« Mit vornehmer Nachlässigkeit, die glimmende Zigarre im Munde, schob mein Prinz seiner Freundin das Telegramm des Großherzogs hin. Da stieß Madame d'Oriol ein sehr feierliches und tief empfundenes »Ah!« aus. Andächtig las sie wiederholt den Zettel von Sr. Hoheit, und ihre Finger streichelten ihn mit liebkosender Ehrfurcht. Ernst und feierlich sagte sie: »Prachtvoll!« O sicherlich! Bei diesem Ungemach war alles mit großer Pracht zugegangen, ganz im Pariser Ton. Doch jetzt konnte dies entzückende Geschöpf nicht länger verweilen, weil sie sich in der Madeleine einen Platz für die Predigt hatte reservieren lassen. In vollkommen harmlosem Ton rief Jacintho aus: »Predigt? ... Ist denn schon die Zeit der Predigten?« Madame d'Oriol machte eine reizende Gebärde des Entsetzens und der Bekümmernis. Was! Im Hause der Trèves mit seinen strengen Grundsätzen wäre er nicht gewahr geworden, daß schon die Fastenzeit angebrochen sei? Uebrigens wundere sie sich gar nicht – Jacintho wäre ein Türke! Und dann erging sie sich in Lobpreisungen des Predigers, eines Dominikanermönchs, des Pater Granon! O diese Beredsamkeit, diese Inbrunst! In der letzten Predigt hatte er über die Liebe geredet, die Vergänglichkeit der irdischen Liebe! Und dabei hätte er Worte von einer Inspiration ... von einer Brutalität! ... Und dann die Gebärde, die furchtbare, zerschmetternde Gebärde, bei der ihm der ganze Aermel zurückfiel und den bloßen Arm sehen ließ, einen prachtvollen, sehr weißen und sehr kräftigen Arm! Ihr Lächeln leuchtete noch immer hell unter dem Blick der dunkler gewordenen Augen durch den Schleier hervor. Und Jacintho lachte: »Ein guter Arm für einen geistlichen Berater, wie? Um die Gewissen zu beugen, zu stäupen ...« »Nein, nein!« beeilte sie sich zu sagen, »der Père Granon hört keine Beichte!« Und dann besann sie sich plötzlich eines bessern, – sie nähme ein Biskuit und ein Gläschen Tokaier an. Es wäre doch nötig, sich für die Emotionen des Père Granon durch eine kleine Herzstärkung zu wappnen. Wir stürzten alle beide darüber her, der eine packte die Weinflasche, der andre bot einen Teller mit Süßigkeiten dar. Sie schob den Schleier bis zu den Augen empor und sog eilig einen kleinen Kuchen aus, den sie in Tokaier getränkt hatte. Und da Jacintho zufällig den Hut, den sie trug, näher ins Auge faßte und sich neugierig vorbeugte, ihn zu betrachten, verschwand plötzlich ihr Lächeln, und sehr ernst vor etwas sehr Ernsthaftem bemerkte sie: »Vornehm, nicht wahr? ... Eine ganz neue Schöpfung von Madame Vial. Sehr ausdrucksvoll, sehr respektvoll jetzt in der Fastenzeit.« Ihr Blick, der dabei auch mich umfaßte, lud mich ebenfalls zur Bewunderung ein. Ich näherte also meine Gebirglerschnauze, um diese höchste Schöpfung des Fastenluxus ehrfurchtsvoll zu betrachten. Und es war in der Tat wunderbar! Auf dem Sammet, im Schatten der krausen Federn, unter Spitzen eingebettet, durch eine Nadel gehalten, ruhte da eine zart aus schwarzem Schmelz verfertigte Dornenkrone. Wie brachen beide in lebhafte Bewunderung aus. Und Madame d'Oriol verabschiedete sich mit einer Bewegung und einem Lächeln, das noch mehr Duft und Helle verbreitete, und brach nach Sainte Madeleine auf. Mein Prinz machte ein paar nachdenkliche, unhörbare Schritte. Dann hob er mit einem ungeheuren Entschluß, als gälte es, eine Welt aus den Angeln zu heben, die Schultern und sagte unvermittelt: »O, Zé Fernandes, wollen wir nicht diesen Sonntag mit irgend was Einfachem und Natürlichem verbringen?« »Womit denn?« Jacintho ließ aus weit aufgerissenen Augen die Blicke umherkreisen, als wenn er durch das Weltall hindurch sehnsüchtig nach etwas Einfachem und Natürlichem suche. Dann ließ er denselben großen, wie aus fernen Welten zurückkommenden, müden und beinahe hoffnungslosen Blick auf mir ruhen: »Laß uns nach dem Jardin des Plantes gehen und die Giraffe betrachten!« IV In dieser ereignisreichen Woche kehrten wir eines Nachts aus dem Opernhause zurück, als mir Jacintho gähnend eine Festlichkeit ankündigte. »Eine Festlichkeit? ...« »Dem Großherzog zu Ehren, der mir einen köstlichen und seltenen Fisch schicken will, der in Dalmatien gefangen wird. Ich hätte lieber ein kurzes Frühstück gehabt. Der Großherzog aber stimmt für ein Abendessen. Er ist ein mit Literatur des 18. Jahrhunderts geölter Barbar, daß er in Paris noch an Abendessen glaubt! Also werde ich zum Sonntag hier drei oder vier Frauen und so etwa zehn Herren, originelle Typen, einladen, um ihn zu unterhalten. Du profitierst auch dabei. Du durchblätterst Paris in einem Excerpt ... Aber es ist eine furchtbar langweilige Geschichte!« Bei dem mangelnden Interesse für sein Fest gab sich Jacintho auch keine besondere Mühe, ihm Glanz und Relief zu verleihen. Er bestellte nur eine Zigeunerkapelle (die Zigeuner und ihre scharlachnen Wämser, die herbe Melancholie der Csardas machten zu jener Zeit in Paris noch Eindruck) und ließ im Bibliothekzimmer das Theatrophon mit der Oper, mit der Comédie Française, mit dem Alcazar und mit den Buffi verbinden, um jedem Geschmack Rechnung zu tragen, von der Tragödie bis zur Posse. Am Sonntag besichtigten wir dann bei Anbruch des Abends beide die Abendtafel, die in dem antiken Silbergerät Don Galiaons erglänzte. Und die üppige Fülle der Orchideen, die das seidengestickte Tischtuch umrankten und sich an die Meißener Fruchtschalen klammerten, die in geschliffenem Kristall und Goldfiligran leuchteten, rief den Eindruck eines so feinen Luxus und Geschmacks hervor, daß ich murmelte: Caramba , gebenedeiet sei der Mammon!« Zum ersten Male auch bewunderte ich das Anrichtezimmer und seine bis ins kleinste vollendete Ausstattung – besonders die beiden Aufzüge, die aus den Tiefen der Küche heraufrollten, einer für Fische und Fleisch aller Art, das durch Rohre mit kochendem Wasser warm erhalten wurde; der andre, für Salate und Gefrorenes, war mit Kühlplatten versehen. O, diese 202! Um neun Uhr indessen, als ich in das Kabinett Jacinthos herabkam, um meiner guten Tante Vicencia zu schreiben, während er mit dem Maniküren, der ihm die Nägel polierte, am Toilettentisch verblieb, erlitten wir in diesem blumengeschmückten, festgewandeten Wunderpalast einen höchst trivialen Alltagsschrecken! Alle elektrischen Lichter erloschen plötzlich. Bei meinem unendlichen Mißtrauen gegen jene Universalkräfte machte ich gleich einen Satz nach der Tür hin, stolperte im Dunkel umher und kläffte ein »Zu Hilfe!«, das bis nach Guiaens zu hören war. Oben schrie Jacintho aus Leibeskräften, während der Maniküre sich an seinen Frisiermantel aus japanischem Baumwollenstoff klammerte. Und dann glühte das Licht träge und langsam wieder auf, wie eine Sklavin, die schlurfenden Schrittes sich zur Ruhe begibt. Mein Prinz aber, der aufgeregt und schreckensvoll herangekommen war, ließ einen Ingenieur von der Zentralgesellschaft der »Electricité Domestique« holen. Ein andrer Diener wurde der Vorsicht halber zum nächsten Krämer geschickt, um ein paar Dutzend Stearinlichter zu kaufen. Und Grillo ließ die in Schränken und Truhen eingesargt gewesenen Kandelaber und die schweren antiken Silberleuchter aus den so unwissenschaftlichen Zeiten Don Galiaons eine Auferstehung feiern: sie bildeten eine Reserve kräftiger Veteranen für den schrecklichen Fall, daß später beim Souper die nötigen Kulturkräfte schnöde versagen sollten. Der atemlos herbeigestürzte Elektrotechniker indes verschwor sich hoch und teuer, daß die Elektrizität sich treu und ohne weitere Launenhaftigkeit erweisen würde. Ich, als vorsichtiger Mann, steckte heimlicherweise ein paar Lichtstummel in die Tasche. Und die Elektrizität erwies sich in der Tat treu und ohne Launen. Als ich aus meinem Zimmer herabkam, – spät, denn mir war die Ballweste abhanden gekommen, und erst nach wütendem Suchen und herzstärkendem Fluchen fand ich sie hinter dem Bett! – strahlte das ganze Haus in Lichterglanz, und die Zigeuner im Vorzimmer schüttelten ihren Haarschopf und entlockten ihren Geigen einen so schmachtenden und feurigen Walzer, daß die überlebensgroßen Figuren der Gobelins an den Wänden, Priamus, Nestor, der schlaue Odysseus, die ehrbaren Glieder reckten und die Füße hoben! Schüchtern, lautlos und an den Manschetten zupfend drang ich bis zu Jacinthos Kabinett vor und wurde gleich vom Lächeln der Comtesse de Trèves empfangen, die in Begleitung des erlauchten Geschichtsschreibers Danjon (von der Akademie) voller Bewunderung die Apparate, die Instrumente, die ganze wunderbare Mechanik meines superzivilisierten Prinzen besichtigte. Nie war sie mir majestätischer erschienen als in dieser safranfarbenen Seidenrobe mit à la Marie Antoinette über der Brust gekreuzten Spitzen, das krause rote Haar in einer Rolle über der Herrscherstirn aufgebaut, während die gebogene Patriziernase das allzeit bereite, allzeit leuchtende Lächeln überdachte, wie ein Brückenbogen den gleißenden Lauf eines Baches überbrückt. Gerade aufgerichtet, wie auf einem Thron, die langstielige Lorgnette aus Schildpatt vor den kleinen, graublauen Augen, lauschte sie erst vor dem Graphophon, dann vor dem Mikrophon wie einer Sphärenmusik den Kommentaren, die Jacintho mit peinlicher Liebenswürdigkeit hervorstammelte. Und vor jedem Rade, jeder Feder erneuerten sich Verwunderung und zierlich gedrechselte Lobpreisungen, in denen sie mit listiger Treuherzigkeit Jacintho alle diese Erfindungen der Wissenschaft zuschrieb. Die geheimnisvollen Gerätschaften, mit denen der Ebenholztisch angefüllt war, waren für sie eine Einrichtung, die sie völlig bezauberte. O, der Seitennumerierer! O, der Markenkleber! Das liebkosende Streicheln ihrer trockenen Finger erwärmte die Metalle. Und mit Inbrunst erbat sie sich die Adressen der Fabrikanten, um sich mit all diesen anbetungswürdigen Nützlichkeiten zu versehen. Wie doch das Leben mit diesen Ausrüstungen leicht dahin gleiten mußte! Aber man müsse notwendigerweise das Talent, den Geschmack Jacinthos haben, um auszuwählen, um zu »schaffen!« Und nicht allein meinem Freund (der ihn übrigens mit Ergebung hinnahm) wischte sie so Honig um den Mund. Indem sie mit dem Stiel ihrer Lorgnette den Telegraphen liebkoste, fand sie Gelegenheit, die Beredsamkeit des Geschichtschreibers ins beste Licht zu setzen. Selbst für mich (dessen Namen sie nicht wußte) bereitete sie neben dem Phonographen und betreffs der »Stimmen lieber Freunde, die festzuhalten ein süßer Trost ist,« eine fein abgerundete und glänzend schöne Schmeichelei, die mir einging wie ein himmlisches Bonbon. Wie eine gute Hühnermutter, die den hungrigen Kücken bei jedem Schritt mütterlich das Korn hinstreut, reichte sie der Eitelkeit andrer zarte Leckerbissen. Gierig auf ein weiteres Bonbon, folgte ich ihrer rauschenden safrangelben Schleppe. Vor der Zählmaschine, von der Jacintho ihr schon geduldig eine wissenschaftliche Erklärung gegeben hatte, blieb sie stehen. Und aufs neue ließ sie den Finger über die Löcher gleiten, aus denen die schwarzen Nummern hervorspähten, und flüsterte mit ihrem bezaubernden Lächeln: »Wunderbar, diese elektrische Druckpresse! ...« »Nein, nein!« fiel Jacintho ein, – »das ist...« Aber sie lächelte und schritt weiter ... Madame de Trèves hatte keiner einzigen Dissertation meines Prinzen Aufmerksamkeit geschenkt! In dem Prunksaal der Mechanik hatte sie sich ausschließlich, und zwar mit vollendetem Geschick und Erfolg, mit der Kunst zu gefallen beschäftigt. Ihr ganzes Wesen war eine einzige sublime Lüge. Ich verhehlte Danjon gegenüber nicht die Bewunderung, von der ich mich durchdrungen fühlte. Der wohlberedte Akademiker rollte die Augäpfel: »O! entzückend, gescheit, verführerisch! ... Und Sie sollten sehen, wie gut man bei ihr speist! Ein Kaffee! ... Eine außerordentliche Frau, mein verehrter Herr! Eine im wahrsten Sinne außerordentliche Frau!« Ich schwenkte sacht nach der Bibliothek ab. Gleich am Eingang dieser Stätte der Gelehrsamkeit, nahe dem Regal der Kirchenväter, wo ein paar Herren plaudernd zusammenstanden, hielt ich an, um den Direktor des »Boulevard« und den Psychologen des Weibes, den Verfasser des »Dreifachen Herzens« zu begrüßen, mit dem ich mich tags zuvor beim Frühstück in Nr. 202 angefreundet hatte. Er nahm meinen Gruß mit väterlichem Wohlwollen entgegen: und als wenn er meine Gesellschaft benötigte, so hielt er in seiner erlauchten, von Ringen funkelnden Hand mit Gewalt und Gier meine große Gebirglertatze fest. Alle diese Herren priesen tatsächlich laut und einmütig seinen Roman, den »Küraß«, der in dieser Woche unter Ausrufungen des Entzückens und begehrlichem Rascheln aufgeregter Frauenröcke auf den Buchmarkt geworfen worden war. Einer unter ihnen, mit einer aufgetürmten Haarfrisur à la Van Dyck – augenscheinlich eine Perücke –, erklärte laut und auf seinen Stiefelspitzen in die Höhe gereckt, daß nie zuvor die Senknadel der Experimentalpsychologie so tief in die alte Menschenseele gedrungen sei! Alle stimmten beifällig zu, umdrängten den Psychologen, nannten ihn »Meister«. Ich selbst, der ich nicht einmal den gelben Einband des »Küraß« von weitem gesehen hatte, aber auf den er die hungrigen, um mehr Honig bettelnden Augen richtete, flüsterte wie in einem leisen Pfeifen: »Entzückend!« Und strahlend, mit feuchter Lippe, eingeklemmt in einen hohen Halskragen, um den sich eine Krawatte à la 1830 ringelte, bekannte der Psycholog in edler Bescheidenheit, daß er alle jene Seelen des »Küraß« mit »einiger Sorgfalt« nach Dokumenten, nach Stücken noch warmen blutkreisenden Lebens zergliedert habe. Und bei dieser Gelegenheit bemerkte Marizac, der Herzog von Marizac, mit einem Lächeln, schneidender als ein blitzendes Rasiermesser, und ohne die Hände aus der Tasche zu ziehen: »Dennoch, Verehrtester, hat sich dies so gründlich studierte Buch eines sehr eigentümlichen, sehr sonderbaren Irrtums schuldig gemacht! ...« Der Psycholog warf lebhaft den Kopf zurück: »Eines Irrtums?« »Wie ich sagte! Eines bei einem so erfahrenen Meister doppelt unerwarteten Irrtums!« ... Nämlich der glänzenden Liebhaberin im »Küraß«, einer Herzogin mit raffiniertem Geschmack, ein – Korsett aus schwarzem Atlas beizumessen! Dies Korsett, schwarz, aus Atlas, trete auf der schönen Seite der Seelenanalyse und der Leidenschaft auf, wo sie sich im Gemach des Ruy d'Alize entkleide. Und Marizac, die Hände beständig in den Taschen vergraben, appellierte todernst an die Umstehenden. Ob es glaubhaft sei, daß eine Frau, wie die Herzogin, ästhetisch, präraffaelitisch, die ihre Toiletten von Doucet, von Paquin, von den Schneidern von höchstem geistigen Verständnis beziehe, ein schwarzes Atlaskorsett trage? Der Psycholog war verstummt, geschlagen, vernichtet! Marizac galt als hohe Autorität in Bezug auf die intimere Bekleidung von Herzoginnen, die sich nachmittags in Gemächern junger Leute aus idealistischen Instinkten und ungestillter Sehnsucht einer wunden Seele ... in Leibchen und weißen Unterkleidern ergehen! ... Uebrigens verurteilte der Direktor des »Boulevard« sogleich mitleidslos, mit erfahrungsgemäßer Entschlossenheit jenes Korsett, das nur noch in einem rückständigen Kramladen möglich sei, wo man noch danach hasche, die Wirkungen üppigen Fleisches durch schwarzen Atlas hervorzuheben. Und damit man mich nicht für unerfahren in herzoglichen Liebeshändeln und herzoglichem Luxus halte, stimmte auch ich, mir mit den Fingern durch die Haare fahrend, lebhaft bei: »Allerdings, schwarz ... nur wenn sie etwa in tiefer Trauer gewesen wäre, vielleicht um den Vater!« Der arme Meister des »Küraß« war unterlegen. Sein Ruhm eines Wissenden in weiblicher Eleganz war zerpflückt, und Paris würde den Verdacht hegen, daß er niemals in seinem Psychologenalkoven Gelegenheit gehabt habe zu beobachten, wie eine Herzogin ihr Korsett löste! In dieser Not strich er mit seinem Tuch über die von Herzensangst gedörrten Lippen und bekannte sich des Frevels schuldig, den er zerknirscht einer überstürzten Improvisation zuschrieb: »Es war ein falscher Ton, ein absolut falscher Ton, der mir da entschlüpft ist! ... In der Tat! Es ist ja absurd, ein schwarzes Korsett! ... Schon wegen der Harmonie mit dem Seelenzustand der Herzogin hätte es lila sein müssen, oder vielleicht ein mattes Resedagrün mit einem Geriesel antiker Maliner Spitzen... Wunderbar, wie mir das hat passieren können! Um so mehr, als ich ein besonderes Merkbuch führe über dergleichen Zusammenkünfte!...« In seiner bußfertigen Zerknirschtheit flehte er Marizac an, er möge doch überall, im Klub, in den Gesellschaftssälen, sein Bekenntnis verbreiten. Es wäre ein Fehler des fieberhaft arbeitenden Künstlers, der die Seelen zerwühlte und sich in den schwarzen Tiefen verirrt hatte. Er hätte dem Korsett nicht die gebührende Aufmerksamkeit zugewandt, hätte die Farben des Drinnen und Draußen vertauscht ... Und mit erhobenen, dem Direktor des »Boulevard« zugestreckten Armen rief er aus: »Ich bin bereit zu rektifizieren, mein teurer Meister! In einem Interview zu rektifizieren! Schicken Sie mir einen Ihrer Redakteure ... morgen, um zehn Uhr! Wir machen eine Rektifikation, wir stellen die Farbe fest. Es liegt ja auf der Hand, es muß lila sein ... Schicken Sie mir einen Ihrer Leute, mein teurer Meister! Es bietet sich mir dadurch zugleich eine Gelegenheit, laut zu betonen, welche Dienste der ›Boulevard‹ den psychologischen und feministischen Wissenschaften geleistet hat!« So flehte er, an das Bücherregal gelehnt, an die schweinsledernen Rücken der Kirchenväter! Und ich machte mich davon, da ich im Hintergrund der Bibliothek Jacintho bemerkte, der zwischen zwei Herren zappelte und sich sträubte. Die beiden Männer gehörten Madame de Trèves an – der Gemahl, Graf de Trèves, ein Abkömmling der Könige von Candia, und der Liebhaber, der gefürchtete jüdische Banquier David Ephraim. Und mit so heißer Dringlichkeit bedrängten sie meinen Prinzen, daß sie mich nicht einmal erkannten, sondern mich beide mit einem schlaffen, flüchtigen Händedruck als »lieber Graf« begrüßten! In einem Augenblick, während ich dem Zitronenholztisch Zigarren entnahm, hörte ich, daß es sich um die »Aktiengesellschaft Birmanischer Smaragden« handelte, einer unheimlichen Gründung, die Millionen über Millionen verschluckte, und für die die beiden in gemeinsamen Börsen- und Alkoveninteressen Verbündeten seit Jahresbeginn den Namen, den Einfluß und das Geld Jacinthos umwarben. Spekulationssatt und mißtrauisch gegen jene in einem Tale Hinterindiens auszugrabenden Smaragden, hatte er bisher widerstanden. Und nun versicherte der Graf de Trèves, ein hagerer Mann mit ausgemergeltem Gesicht und struppigem, spärlichem Bart unter einer Stirn, so rund und gelb wie eine Melone, – daß der Prospekt, der die Größe des Unternehmens schilderte, einen Juwelenglanz aus »Tausend und eine Nacht« ahnen lasse. In erster Linie aber fordere diese Smaragdengräberei jeden gebildeten Menschengeist zur Teilnahme auf, wegen ihrer hohen kulturellen Bedeutung. Ein Strom occidentaler Ideen würde Birma überschwemmen, erziehen. Er selbst hätte die Leitung aus Patriotismus übernommen. »Zudem ist es ein Geschäft in Juwelen, Kunst, Fortschritt, das in höheren Kreisen unter Freunden abgemacht werden muß ...« Und von der andern Seite garantierte der gefürchtete Ephraim den Triumph des Unternehmens vermöge der mächtigen Teilnehmer, der Nagayers, der Bolsans, der Saccarts ... und strich dabei mit seiner kurzen fleischigen Hand über den schönen Bart, der krauser und schwarzer war als der eines assyrischen Königs. Jacintho zog ermattet die Nase kraus: »Aber sind wenigstens die nötigen Vorstudien gemacht? Ist das Vorhandensein der Smaragden erwiesen?« Solche Naivität brachte Ephraim außer sich: »Smaragden! Natürlich sind Smaragden vorhanden! ... Es sind stets Smaragden vorhanden, sobald Aktionäre vorhanden sind.« Während ich noch die Größe dieses Axioms bewunderte, erschien atemlos und ein stark parfümiertes Taschentuch haltend einer der Intimen des Hauses, Antoine de Todelle, ein glatzköpfiger junger Mann von vielseitiger Begabung, der Kotillons anführte, Sänger aus dem Kaffeekonzert nachahmte, seltene Salate würzte, die Intriguen von ganz Paris kannte. »Ist er schon angekommen? ... Ist der Großherzog schon da?« Nein, Seine Hoheit war noch nicht erschienen. Und Madame de Todelle? »Sie konnte nicht ... liegt auf dem Sofa ... hat sich ein Bein geschrammt.« »O!« »Nichts von Bedeutung... Ist vom Fahrrad gefallen!« Jacintho, sogleich interessiert: »Ah, Madame de Todelle huldigt dem Radsport?« »Sie lernt. Sie besitzt kein Rad ... Jetzt, zur Fastenzeit, hat sie mehr geübt, auf dem Rad des Paters Erneste, des Pfarrers von St. Joseph! Aber gestern, im Bois ... Kladderadatsch! Bein geschrammt. Hier.« Und lebhaft zeichnete er mit dem Daumennagel an seinem eignen Schenkel die Schramme. Ephraim murmelte brutal und ernsthaft: »Teufel! Gerade im besten Fleisch!« Aber Todelle hatte gar nicht auf ihn gehört, sondern war zum Direktor des »Boulevard« geeilt, der ihm entgegenging, langsam und fettwanstig, mit seinem schwarzen Monocle, das aussah wie ein aufgeklebtes Pflaster. Beide drückten sich gegen ein Bücherregal und flüsterten geheimnisvoll. Jacintho und ich gingen darauf in das mit antikem Korduanleder bekleidete Billardzimmer, wo geraucht wurde. In der Ecke eines Diwans saß der große Dornan, der neuplatonische, mystische Poet, der spitzfindige Meister aller Rhythmen, in die Polster versenkt, einen der Füße auf den wohlgenährten Schenkel gelegt, wie eine indische Gottheit, zwei Westenknöpfe gelöst, das Doppelkinn auf dem weiten Kragenausschnitt, und sog an einer ungeheuren Zigarre. Neben ihm ein alter Herr, den ich noch nie in Nr. 202 angetroffen hatte, schlank, die weißen Locken hinter die Ohren zurückgestrichen, das Gesicht voll Reispuder, mit einem tiefschwarzen aufgezwirbelten Schnurrbart. Augenscheinlich hatte er soeben eine stark gewürzte Anekdote zum besten gegeben, denn Joban, der erste Theaterkritiker, lachte, vor dem Diwan stehend, daß die Glatze vor Vergnügen scharlachrot wurde; und ein sehr rothaariger Jüngling mit einem Papageiengesicht, ein Nachkomme von Coligny, schüttelte die kurzen Arme wie Flügel und krächzte: »Deliziös! Divin!« Der idealistische Poet allein verharrte unbewegt in finsterer Majestät. Bei unsrer Annäherung indessen ließ dieser Meister des vollendeten Rhythmus, nachdem er eine dichte Rauchwolke von sich geblasen und mich mit einem gewichtigen Heben und Senken der Augenlider begrüßt hatte, mit einer Stimme reichen, volltönenden Metalls sich also vernehmen: »Es gibt noch Besseres, noch unendlich Besseres: Sie alle kennen Madame Noredal. Madame Noredal verfügt über ein Paar ungeheurer... Hüften ...« Zum Unglück für die erbauliche Rede drang Todelle ins Billardzimmer und rief mit lautem Geschrei nach Jacintho. Die Damen wünschten mittels des Phonographen eine Arie der Patti zu hören. Mein Freund zuckte die Achseln in verhaltenem Mißmut: »Arie der Patti... Was weiß ich! Alle diese Rollen sind durcheinander. Zudem funktioniert der Phonograph schlecht, oder gar nicht! Drei hab' ich, funktionieren tut keiner!« »Schön!« rief Todelle heiter. »Dann sing' ich die »Pauvre fille« ... Das ist auch angemessener für das Abendessen! Oh, la pauv', pauv', pauv'...« Er bemächtigte sich meines Armes und zerrte meine hochländische Schüchternheit nach dem welkrosenfarbenen Salon, allwo wie Göttinnen in einem auserwählten Kreise des Olymps Madame d'Oriol, Madame Verghane, die Prinzessin von Carman erstrahlten und eine andre blondhaarige, mit großen Brillanten in den dicken Haarsträhnen und mit so nackten Armen und so tief entblößten Schultern, daß ihr weißes Kleid mit Stickerei und Mattgold ein herabfallendes Hemd zu sein schien. Betroffen hielt ich Todelle zurück und fragte so leis ich konnte: »..Wer ist das?« Aber der Pläsiermacher war schon zu Madame d'Oriol gelaufen, mit der ein paar Herren in leichter Vertraulichkeit scherzten und lachten: der Herzog von Marizac und ein Jüngling mit maisfarbenem, flaumdünnem Bärtchen, der sich zierlich auf den Füßen schaukelte, wie ein Kornhalm im Winde. Und ich rieb, am Klavier gestrandet, mir langsam die Hände und knetete an meiner Verlegenheit, als Madame Verghane sich vom Sofa erhob, wo sie mit einem alten Herrn, der das St. Andreas-Großkreuz trug, geplaudert, und klein und dick, von ihrer schweren, schwarzgrünen Sammetschleppe gefolgt, über den Teppich glitt. So fein war die Linie, die unter dem vollen, perlmutterglänzenden Busen die Taille markierte, daß ich fürchtete, sie mochte bei ihrem langsam wogenden Gehen in der Mitte auseinanderbrechen. Ihre schönen tiefschwarzen Haarsträhne bedeckten vollständig die Ohren; und in der großen Goldspange, die sie umschloß, funkelte ein Stern von Brillanten, wie auf der Stirn der Engel von Botticelli. Ohne Zweifel auf Grund meiner Autorität in Nr. 202 ergoß sie im Vorbeigehen über mich ein Lächeln, das ihre feuchten Augen noch schmachtender machte, und flüsterte: »Der Großherzog kommt doch ganz sicher?« »O ganz sicher, meine Gnädigste, zum Fisch!« »Zum Fisch?« Da erbrauste gerade im Vorzimmer in triumphierenden Trommelwirbeln und Bogenstrichen der Rakoczymarsch. Er war's! Im Bibliothekzimmer meldete unser Majordomus mit weitschallender Stimme: »Seine Hoheit der Großherzog Kasimir!« Unter dem Vorantritt Jacinthos trat der Großherzog auf. Ein breitschultriger Mann mit schon ergrautem Spitzbart, ein wenig kahlköpfig. Einen Augenblick lang blieb er zögernd stehen, mit langsamem Schwanken auf seinen kleinen, mit flachen Schuhen bekleideten Füßen, die fast unter den weiten Beinkleidern verschwanden. Dann trat er schwerfällig und lächelnd näher, um den Damen die Hand zu drücken, die in Sammet und Seide zu tiefen Hofknicksen untertauchten. Und dann klopfte er mit liebenswürdiger Leutseligkeit Jacintho auf die Schulter: »Wie ist's mit dem Fisch? Nach dem Rezept zubereitet, das ich Ihnen geschickt habe, he?« Ein Gemurmel Jacinthus beruhigte Seine Hoheit. »Ein Glück, ein Glück!« rief er mit seiner Kommandostimme. »Ich habe nämlich nicht zu Mittag gegessen, absolut nicht zu Mittag gegessen! Man speist ja jetzt ganz jämmerlich bei Joseph. Aber warum geht man eigentlich überhaupt noch zu Joseph zum Speisen? Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkomme, frage ich: ›Wo speist man jetzt?‹ Bei Joseph! ... Dummes Zeug! Da speist man gar nicht! Heut zum Beispiel, Schnepfen ... Eine wahre Pest! Er hat keinen blauen Dunst von Schnepfe.« Seine bläulichen Augen, von jenem ungewissen Graublau, funkelten, weitaufgerissen vor Empörung. »Paris verliert mehr und mehr seine Ueberlegenheit. Man kann schon nicht mehr anständig speisen!« Die Herren in der Runde stimmten trostlos zu. Der Graf de Trèves verteidigte Bignon, wo man noch an edlen Ueberlieferungen festhalte. Und der Direktor des »Boulevard«, der sich völlig an Seine Hoheit herangeschlängelt hatte, schrieb die Dekadenz der französischen Küche der Republik zu, dem demokratischen gemeinen Geschmack an der Wohlfeilheit. »Bei Paillard, trotz alledem ...« begann Ephraim. »Bei Paillard!« schrie der Großherzog dazwischen. »Aber seine Burgunder sind miserabel! Miserabel! Miserabel!« Er ließ rat- und mutlos Arme, Schultern und Nase hängen. Dann schritt er in seinem langsamen, schaukelnden Gang, der an den eines alten Lotsen erinnerte, und indem er die Knopflochseite seines Fracks ein wenig zurückwarf, auf Madame d'Oriol zu, die völlig Blitze strahlte, aus dem Lächeln, den Augen, den Juwelen, aus jeder Falte ihrer lachsfarbenen Seidentoilette. Aber kaum fing das blendende, geschmeidige Geschöpf an zu zwitschern, wobei sie ihren Fächer wie in fröhlichem Flügelschlag auf und nieder bewegte, als Seine Hoheit den Theatrophon-Apparat gewahrte, der inmitten eines Blumenarrangements auf einem Tische stand. »In Verbindung mit dem Alcazar? ... Das Theatrophon?« rief er, zu Jacintho gewandt. »Gewiß, Monseigneur!« Famos! Sehr chic! Es hatte ihm leid getan, die Guilbert nicht in der neuen Chansonette, die »Casquettes«, hören zu können. Halb zwölf! Gerade die Stunde, wo sie im letzten Akt der »Revue Electrique« sang... Er hob die beiden Hörrohre des Theatrophons an die Ohrmuscheln und verharrte regungslos mit einer strengen Falte auf der harten Stirn. Plötzlich, in starkem Kommandoton: »Da ist sie! Scht! hört! ... Das ist sie! Kommt alle! Prinzeß Carman, hierher! Alle! Das ist sie! Scht...« Da Jacintho verschwenderischerweise zwei Theatrophone aufgestellt hatte, jedes mit zwölf Drähten, so drängten sich alle jene Damen, alle Herren herzu, um gehorsam ein Hörrohr dem Ohr zu nähern und unbeweglich sich in den Genuß der »Casquettes« zu versenken. Und in dem ganzen welk-rosenfarbenen Salon, im Schiff der Bibliothek, wo sich ein hehres Schweigen verbreitete, war ich der einzige, der, müßig die Hände in den Taschen, vom Theatrophon ausgeschlossen war. An der Monumentaluhr, die die Zeit aller großen Städte und die Bewegung aller Wandelsterne angab, schlief der Zeiger inmitten seines schmiedeeisernen Spitzenzierats ein. Ueber die regungslos lauschende Nacktheit jener Schultern und Nacken schimmerte das elektrische Licht mit der Trostlosigkeit Eis gewordenen Sonnenscheins. Und aus jedem lauschenden Ohr hing ein schwarzer Draht, wie ein Darm, hervor. Dornan, über den Tisch hingegossen, hatte, wie ein feister Mönch in Meditation, die Lider geschlossen. Der Historiker der Herzoge von Anjou, mit dem Hörrohr in den zarten Fingerspitzen, die spitze und trübselige Nase erhoben, erfüllte eine Höflingspflicht. Madame d'Oriol lächelte schmachtend, als flüstere ihr der Draht Liebesworte ins Ohr. Um das Blut in meinen eingeschlafenen Gliedern wieder in Kreislauf zu bringen, wagte ich einen schüchternen Schritt. Aber ein strenges »Scht!« des Großherzogs strafte mein Wagnis alsobald. Ich wich hinter die Fenstervorhänge zurück, um meine Müßigkeit in Sicherheit zu bringen. In einiger Entfernung vom Tisch biß der Psychologe des »Küraß« an seinem langen straffgespannten Draht in der Anstrengung des Lauschens sich die Lippe wund. Das Wohlbehagen Seiner in die Polster eines bequemen Lehnstuhls versenkten Hoheit ließ nichts zu wünschen übrig. Neben ihm wogte, wie eine weißschaumige Welle, Madame Berghanes voller Busen. Und mein armer Jacintho neigte sich in gewissenhafter Anwendung so traurig über das Theatrophon, als wäre es ein offenes Grab. Wie ich so diese Wesen einer hohen Kultur betrachtete, wie sie in andächtigem Schweigen die schlüpfrigen Couplets schlürften, die ihnen die Guilbert vorquäkte, unter dem Boden von Paris hin, durch die in Abzugkanäle versenkten, an die Sielleitung angeklammerten Drähte hindurch, da kam mir mein im Schlaf ruhendes Heimatsdorf in den Sinn. Die Mondsichel, die, einen Stern im Gefolge, da zwischen Gewölk über die Dächer und die schwarzen Schornsteine der Champs-Elysées dahin floh, schwebte auch, leuchtender und sanfter, über den Kiefernwaldungen. In der Ferne quakten die Frösche im Pego da Dona. Die St. Joaquims-Klause schimmerte in lichter Weiße auf dem Berggipfel... Eine der Damen flüsterte: »Aber das ist doch nicht die Guilbert!« Und einer der Herren: »Es scheint ein Kornett zu sein...« »Jetzt wird geklatscht...« »Bewahre, das ist Paulin!« Der Großherzog stieß ein zorniges »Scht!« hervor... Im Hofe unsers Hauses bellten die Hunde. Von jenseit des Baches antworteten die Hunde des Joan Saranda. Wie fand ich mich nur auf einmal beim Abstieg einer Waldschlucht, unter Gezweig, das sich über mir zum Dach wölbte, mit meinem Bergstock auf der Achsel?... Und durch die Seide der Vorhänge fühlte ich eine feine, weiche Luft streichen, ich atmete den Duft der am Herdfeuer knisternden und knackenden Tannenzapfen, ich empfand die wohlige Wärme der hinter hohen Hecken liegenden Stallungen und hörte das einlullende Murmeln des Mühlbachs... Ich wurde aus meinen Träumen aufgeschreckt durch einen Lärm, der weder aus dem Hofe, noch aus dem Dunkel kam. Der Großherzog hatte sich erhoben, er zuckte wütend die Achseln: »Nichts ist zu hören!... Nur Gekreisch! Und ein Gesumme! Wie ärgerlich!... Denn so was Schönes hört man nicht leicht, wie die Chansonnette: Oh les casquettes, Oh les casque-e-et-tes!... Alle ließen die Drähte sinken erklärten einmütig die Guilbert entzückend. Da schlug der gebenedeite Majordomus weit die Flügeltüren zurück und meldete: »Monseigneur est servi« Bei Tisch, der wegen seines Orchideenschmucks der lärmenden Lobpreisungen Seiner Hoheit für wert befunden wurde, erhielt ich meinen Platz zwischen dem ätherischen Poeten Dornan und jenem blondflaumigen Jüngling, der wie ein Kornhalm im Winde schwankte. Nachdem Dornan seine Serviette entfaltet und mit behaglichem Schmunzeln über die Kniee gebreitet hatte, entfesselte er von seiner Uhrkette einen ungeheuren Kneifer, um das Menü zu studieren,– das er billigte. Dann neigte er sein feistes Apostelgesicht zu mir: »Dieser 1834er Portwein hier bei Jacintho ist vermutlich authentisch... was?« Ich versicherte dem Meister der Rhythmen, daß der Portwein in den klassischen Kellern des Großvaters Galiaon alt geworden wäre. Er strich in methodischer Vorbereitung die langen, dichten Fäden des Schnurrbarts zurück, die ihm die wulstigen Lippen bedeckten. Die Aufwärter servierten eine kalte Kraftbrühe mit Trüffeln. Und der maisfarbene Jüngling, der seinen blauen, sanften Blick hatte über den Tisch schweifen lassen, flüsterte, wie in lachender Trostlosigkeit: »Wie schade!... Es fehlt hier nur noch ein General und ein Bischof!« In der Tat! Alle herrschenden Klassen verspeisten in diesem Augenblick meines Jacinthos Trüffeln... Aber gegenüber ließ Madame d'Oriol ihr silbernes Lachen ertönen, in dem mehr Gesang war als im Zwitschern eines Vogels. Der Großherzog hatte in einer Orchideenranke, die sein Gedeck umsäumte, eine Blüte wahrgenommen, die in ihrer düsteren Garstigkeit einem grünlichen Skorpion glich, mit blanken Flügeln, wulstig und giftgeschwollen; und mit verbindlicher Courtoisie hatte er das Ungetüm Madame d'Oriol dargeboten, die es unter zwitscherndem Lachen feierlich an den Busen steckte. So an dieser glatten, rahmweißen Haut liegend, blähte sich der Skorpion mit erzitternden Flügeln noch grüner auf. Aller Augen entbrannten und hefteten sich auf den schönen Hintergrund, dem die mißgestalte, giftfarbene Blume noch mehr Reiz und Würze verlieh. Sie strahlte, feierte Triumphe. Mit gerunzelter Stirn neigte sich Jacintho über seinen leeren Teller. Unterdessen kam der semmelblonde Jüngling auf seine sonderbare Kümmernis zurück. Keinen General mit seinem Degen und keinen Bischof mit seinem Krummstab zur Hand zu haben!... »Aber warum denn, Verehrtester?« Er machte eine weiche Handbewegung, bei der alle seine Ringe blitzten: »Für eine Dynamitbombe... Wir haben hier einen solch wundervollen Blütenstrauß der Zivilisation, mit einem Großherzog in der Mitte. Stellen Sie sich vor, es würde eine Dynamitbombe zur Tür hereingeworfen!... Welch schönes Ende eines Abendessens an der Jahrhundertwende!« Und da ich ihn verdutzt anstarrte, erklärte er, während er Château d'Yquem schlürfte, die einzige Erregung, die noch einen Kitzel verursachen könne, sei: die Zivilisation zu vernichten. Weder die Wissenschaft, noch die Kunst, noch das Geld, noch die Liebe wäre mehr im stande, unfein übersättigten Seelen einen vollen und wirklichen Genuß zu gewähren. Alles Vergnügen, das man aus dem Schaffen gezogen, sei erschöpft. Es bliebe demnach heute nichts mehr übrig, als der göttliche Genuß, zu zerstören! Er entrollte noch andre Ungeheuerlichkeiten mit hellem Lachen in den hellen Augen. Aber ich gab nicht länger acht auf den niedlichen Superklugen, da mich eine andre Sorge in Anspruch nahm: ich hatte bemerkt, daß ringsum plötzlich die ganze Bedienung gestockt hatte, wie im Märchen vom Dornröschen. Und das nun fällige Gericht war der famose Fisch aus Dalmatien, der Fisch Seiner Hoheit, der Fisch, um dessentwillen das Fest gegeben wurde. Jacintho zerdrückte nervös eine Blume zwischen den Fingern. Und alle Aufwärter verschwunden! Glücklicherweise erzählte der Großherzog eine Jagdgeschichte aus dem Gehege Sarvan, wo eine Dame, die Frau eines Banquiers, Plötzlich ganz blaß vom Pferde gesprungen sei, um ... doch wir sollten nie erfahren, warum und wozu die Banquiersfrau abgesessen war; denn eben erschien der Haushofmeister. schweißrieselnd, und stammelte Jacintho eine Mitteilung ins Ohr, worauf dieser sich zornig auf die Lippe biß. Der Großherzog war verstummt. Alle sahen sich in heiterer Verblüffung an. Da erzwang mein Prinz mit Heldenmut ein blasses Lächeln: »Meine werten Freunde, es ist ein Malheur passiert...« Dornan fuhr auf seinem Stuhl in die Höhe: »Feuer?« Nein, Feuer war nicht ausgebrochen. Der Speisenaufzug war unerwartet, als der Fisch Seiner Hoheit aufsteigen sollte, in Unordnung geraten und saß nun unbeweglich eingekeilt. Der Großherzog schleuderte die Serviette von sich. Seine ganze Höflichkeit sprang ab, wie schlecht aufgelegter Glasschmelz: »Na, das gesteh' ich!... Ein Fisch, der mir so viel Mühe gekostet hat! Warum zum Teufel sitzen wir hier beim Abendessen? Welche Narrheit! Und warum hat man ihn nicht einfach auf der Hand herausgetragen? Gestrandet! Das will ich sehen! Wo ist das Anrichtezimmer?« Und wütend drang er in das Anrichtezimmer, von dem stolpernden Haushofmeister geführt, der vor diesem zermalmenden großherzoglichen Zorne den Kopf in die Schultern duckte. Jacintho folgte wie ein Schatten, von dem Kielwasser Seiner Hoheit getragen. Auch ich konnte mich nicht zurückhalten, ich stürzte ebenfalls in das Anrichtezimmer, um den Schaden zu betrachten, während Dornan sich klatschend auf den Schenkel schlug und verlangte, man solle ohne den Fisch speisen. Da stand der Großherzog über den finsteren Schacht des Speisenaufzugs gebeugt, in den er eine Kerze versenkte, die sein schon stark gerötetes Gesicht noch mehr erglühen ließ. Ich spähte über seine durchlauchtigste Schulter hinab. Da unten leuchtete aus dem Dunkel, auf einer breiten Planke, der großherzogliche Fisch, der noch dampfend zwischen Zitronenscheiben auf einer Schüssel lag. Jacintho mißhandelte, weiß wie seine Krawatte, verzweifelt die komplizierte Federvorrichtung des Aufzugs. Jetzt gab der Großherzog selbst mit seinen behaarten Fäusten den Tauen, in denen er lief, einen furchtbaren Ruck. Vergebens! Der Apparat verharrte in der Regungslosigkeit ewigen Erzes. Seidenkleider rauschten am Eingang des Anrichtezimmers. Es war Madame d'Oriol, und hinter ihr Madame Berghane, mit blitzenden Augen und der ganzen Neugier für dies unvermutete Ereignis, das den Fürsten so in Harnisch versetzt hatte. Marizac, unser Intimus, erschien auch auf dem Plan und schlug lachend eine Talfahrt in den Schacht mittels Grubenleitern vor. Dann bückte sich der Psychologe über den gähnenden Schlund, psychologierte und legte dem Fisch, der sich uns so böswillig versagte, allerlei ränkevolle Absichtlichkeiten unter. Und einem jeden zeigte der Großherzog, scharlachrot im Gesicht, mit tragischem Finger in der Tiefe der Höhle seinen Fisch! Alle senkten den Kopf hinein und seufzten: »Da ist er!« Todelle wäre in seiner Hast um ein Haar abgestürzt. Der Papageien-Nachkomme Colignys schlug mit den Flügeln und kreischte: »O, welchen Duft er ausströmt, welche Wonne!« In dem vollgepfropften Anrichtezimmer streiften die nackten Schultern der Damen die Livreen der Lakaien. Der reisgepuderte alte Herr geriet mit dem Fuß in einen Eimer mit Eis und schrie, als stecke er am Spieß. Und über allen schwebte die betrübte Hakennase des Historikers der Herzoge von Anjou. Plötzlich hatte Todelle eine Eingebung: »Aber das ist doch ganz einfach. Wir müssen den Fisch angeln!« Der Großherzog gab seinem Schenkel einen triumphierenden Klaps. Natürlich! Den Fisch angeln! Und im Vorgeschmack dieser seltenen und neuen Kurzweil verflog sein Zorn, er wurde wieder der liebenswürdige Fürst von bezaubernder Artigkeit, der die Damen einlud, sich zu setzen, um dem wunderbaren Fischzug beizuwohnen. Er selbst würde der Angler sein. Man hätte zu dieser unterhaltenden Heldentat nichts weiter nötig, als einen Spazierstock, eine Leine und einen Haken. Augenblicklich offerierte Madame d'Oriol bereitwilligst eine ihrer Haarnadeln. Während wir sie dicht umdrängten, ihren Duft einsogen, die Wärme ihrer Haut fühlten, priesen wir laut diese liebenswerte Opferbereitschaft. Und der Psycholog proklamierte, daß niemals mit göttlicherer Angel gefischt worden sei! Als zwei bestürzte Lakaien mit einem Stock und einem Bindfaden zurückkamen, hatte schon der Großherzog strahlend die Haarnadel zur Angel gebogen. Jacintho hob mit leichenblasser Ruhe eine Lampe über das gähnende Dunkel des Schachtes. Und die ernsteren Männer, der Historiker, der Direktor des »Boulevard«, der Graf Trèves, der Mann mit dem Van-Dyck-Kopf, lächelten, an der Tür zusammengedrängt, in huldigender Teilnahme der Phantasie Seiner Hoheit Beifall. Madame de Trèves ihrerseits unterwarf die Einrichtung des Anrichtezimmers einer gelassenen und eingehenden Musterung. Nur Dornan hatte sich nicht von der Tafel erhoben, sondern saß, die geballten Fäuste auf dem Tischtuch, den fetten Hals eingezogen, in der verhaltenen Wut eines wilden Tieres, dem man die Fleischration entrissen hat. Unterdessen angelte Seine Hoheit mit Inbrunst. Aber vergeblich! Der stumpfe, beutelose Haken baumelte am Ende der schlaffen Schnur und faßte den Fisch nicht. »O Jacintho, heben Sie das Licht hoch!« schrie er, aufgeblasen und schweißrieselnd. »Höher! ... Jetzt! Jetzt! Nun ist er am Kiemen! Nur am Kiemen kann der Haken fassen! Jetzt... ja Kuchen! Donnerwetter! Er faßt nicht!« Er zog den Kopf aus dem Schacht, um ärgerlich sich zu verschnaufen. Es war nicht möglich! Nur Zimmerleute mit Hebeln! ... Und alle riefen wir dann eifrig, man solle doch den Fisch Fisch sein lassen! Der Fürst schlenkerte lachend die Hände und stimmte zu, daß es schließlich »unterhaltender gewesen sei, ihn zu angeln, als ihn zu essen«. Und die elegante Schar, die das Anrichtezimmer überflutet hatte, ebbte eifrig in den Speisesaal zurück, unter den Klängen eines Straußschen Walzers, den die Zigeuner in Bogenstrichen von schmachtender Inbrunst geigten. Nur Madame de Trèves verweilte noch und hielt meinen armen Jacintho zurück, um ihm zu versichern, wie sehr sie die Einrichtung seines Anrichtezimmers bewundere... O, vollendet! Welche Lebensauffassung! Welch seines Verständnis für Komfort! Seine Hoheit stürzte, erhitzt von der Anstrengung, zwei große Gläser Château-Lagrange hinunter. Alle huldigten ihm als genialem Angler. Und die Aufwärter servierten den »Baron de Pauillac«, ein in der Seemarsch gemästetes Lamm, das, unter nahezu geheiligten Riten zubereitet, diesen großen volltönenden Namen annimmt und damit in den französischen Adelsstand tritt. Ich aß mit dem Appetit eines homerischen Helden. In meinem und Dornans Glase schäumte und glitzerte ohne Unterlaß der Champagner wie ein Wildwasser bei der Schneeschmelze. Als man Ortolane in Gelee reichte, die im Munde zergingen, flüsterte mir der göttliche Poet als besonderen Leckerbissen sein erhabenes Sonett »An die heil. Klara« zu. Und wie von der andern Seite der semmelflaumige Jüngling auf der Vernichtung des Erdballs bestand, so stimmte ich auch hier zu. So schlürften wir den zu Eis verdickten Champagner und verdammten dabei das Jahrhundert der Zivilisation, alle stolzen Errungenschaften der Wissenschaft! Das Fest endete. Ich entsinne mich noch dunkel, daß wir, Jacintho und ich, dem Großherzog, der sehr rot und sehr unsicher auf seinen kleinen Füßen war, um drei Uhr morgens im Vorzimmer in den Pelz halfen, wobei er ständig die Aermel verfehlte, und daß er meinen Freund mit zärtlicher Dringlichkeit einlud, ihn zur Jagd auf seinen Gütern in Dalmatien zu besuchen. »Ich danke meinem lieben Jacintho eine prächtige Angelpartie; ich möchte, daß er mir eine schöne Jagdpartie zu danken habe!« Und während wir ihn durch die spalierbildenden Aufwärter hindurch die Treppe hinunter geleiteten, wo der Haushofmeister ihm mit hocherhobenem dreiarmigem Leuchter voranschritt, wiederholte Seine Hoheit mit zäher Beharrlichkeit: »Eine schöne Jagdpartie... Und auch Fernandes muß dabei sein! Guter Fernandes, Zé Fernandes! Famoses Souper, mein Jacintho! Der ›Baron de Pauillac‹ einfach göttlich!... Ich glaube, den müssen wir zum Herzog ernennen ... der Herr Herzog von Pauillac! Noch einen Happen von der Keule des Herrn Großherzog von Pauillac! Hahaha! ... Kommen Sie nicht mit heraus! Erkälten Sie sich nicht!« Und aus der Tiefe seines Coupés rief er noch im Fortrollen: »Den Fisch, Jacintho, machen Sie den Fisch wieder flott! Vorzüglich zum Frühstück, kalt, mit Petersiliensauce!« Wie wir müde wieder die Stufen hinaufkletterten, in einer von Champagner und Schlaf herrührenden Schlaffheit, die mir die Augen zudrückte, bemerkte ich zu meinem Prinzen: »War recht amüsant, Jacintho! Ein Prachtweib, diese Berghane! Nur schade, daß der Aufzug...« Und Jacintho, mit hohlem Ton, der zugleich Gähnen und Stöhnen war: »Was für ein mopsiger Abend! Und alles schlägt fehl!« Drei Tage nach diesem Fest in Nr. 202 erhielt mein Prinz unvermutet eine Nachricht von Bedeutung aus Portugal. Ueber sein Landgut und den Herrensitz von Tormes sowie über die ganze Serra war ein zerstörender Sturm mit Hagel und Regengüssen hingegangen. Infolge des starken Regenfalles »oder aus andern Ursachen, die die Sachverständigen ermitteln werden« (wie der Sachwalter Silverio in seinem kummervollen Briefe sagte), hatte sich ein Felsstück, das terrassenförmig über dem Valle da Carrica hing, gelöst und die alte Kirche mit weggerissen, ein ländliches Kirchlein aus dem sechzehnten Jahrhundert, wo Jacinthos Vorfahren seit den Zeiten des Königs Emanuel eingesargt lagen. Die ehrwürdigen Gebeine dieser verflossenen Jacinthos ruhten nun verschüttet unter einem formlosen Haufen Erde und Gestein. Silverio hatte schon mit den Gutsarbeitern angefangen, die »kostbaren Ueberreste« aus dem Schutt auszugraben. Aber nun wartete er sehnsüchtig auf die Befehle Seiner Gnaden ... Jacintho war voll Bestürzung erblaßt. Dieser alte Berglandsboden, so hart und fest seit der Gotenzeit, wich plötzlich, stürzte ein! Jene Grabstätten voll frommen Friedens waren mit Gekrach in Sturm und Finsternis in schwarze Tiefen hinabgestürzt, jene Gebeine, die alle einen Namen, ein Datum, eine Geschichte aufwiesen, waren nun zu einem Schutthaufen vermengt! »Sonderbar, sonderbar!« Und die ganze Nacht hindurch fragte er mich aus über die Serra und über Tormes, das ich von klein auf kannte, da der alte Herrensitz mit seiner vornehmen Allee hundertjähriger Buchen sich kaum zwei Meilen weit von unserm Hause erhob, an dem alten Wege von Guiaens zur Bahnstation und zum Flusse. Der Häusler von Tormes, der gute Melchior, war ein Schwager unsers Verwalters der Roqueirinha – und oftmals, seitdem ich mit Jacintho vertraut geworden, war ich in das stattliche Granithaus getreten und hatte das in den widerhallenden Sälen aufgeschüttete Korn abgeschätzt und den Wein der letzten Ernte in den ungeheuren Kellern gekostet. »Und die Kirche, Zé Fernandes? Bist du in der Kirche gewesen?« »Niemals ... Aber sie war malerisch, mit einem viereckigen Türmchen, ganz schwarz, wo seit vielen Jahren eine Storchenfamilie nistete... Welch ein Ungemach für die Störche!« »Seltsam!« murmelte mein Prinz abermals voll böser Vorahnung. Dann telegraphierte er an Silverio, er solle das Tal vom Schutt freilegen, die Gebeine sammeln, die Kirche wieder aufbauen; und für dies fromme Werk könne er Geldsummen verwenden, ungemessen, wie die Wasser eines breiten Stromes. Unterdessen entschloß sich Jacintho, in Verzweiflung über so viel niederdrückendes Mißgeschick – Wasserrohre, die sich ablöteten; Aufzüge, die eigensinnig stecken blieben; elektrisches Licht, das zur Unzeit verlosch – mit mutigem Entschluß, den letzten Widerstand der Materie und der Naturkraft durch neue und mächtigere Anhäufung von Mechanismen zu besiegen. Und so schütterte in jenen Apriltagen, während in Guiaens die Rosen knospeten, unser erregtes Haus in der Reihe der still in der Sonne faulenzenden Paläste der Champs-Elysées, unaufhörlich von rohem Steinklopfen, von schallendem Hämmern, wobei eine Wolke von Kaltstaub und Accordarbeit es erfüllte. In den schweigenden Korridoren, wo es mir sonst eine süße Gewohnheit gewesen war, vor dem Frühstück eine nachdenkliche Zigarre zu rauchen, kreisten jetzt seit Tagesanbruch Gruppen von Arbeitern in weißen Blusen, die den »Petit-Bleu« pfiffen und meine zögernden Schritte verschüchterten, wenn ich in Schlafrock und Pantoffeln mich zum Badezimmer oder andern zurückgezogenen Gemächern zu einsamer Betrachtung und stiller Sammlung begab. Kaum hatte man mit sachverständigem Geschick ein die Türen verbarrikadierendes Gerüst überklettert, – gleich stolperte man über einen Haufen Planken, einen Korb mit Handwerksgerät oder einen ungeheuren Kübel voll Maurerkalk. Und die Stücke aufgerissenen Fußbodens zeigten trübselig wie in einem geöffneten Leichnam das ganze Innere von Nr. 202, das Skelett, die empfindlichen Drahtnerven, die schwarzen gußeisernen Eingeweide. Jeden Tag hielt vor der Einfahrt irgend ein schwerfälliger Blockwagen, von dem die Diener in Hemdärmeln große Holzkisten und Ballen in Segeltuch abluden, die in einer asphaltierten Halle hinten im Garten, hinter der Fliederhecke geöffnet wurden. Und ich ging, von meinem Prinzen aufgefordert, hinunter, um eine neue Maschine zu bewundern, die uns das Leben erleichtern würde, indem sie auf sicherere Weise unsre Herrschaft über die Substanz festlegte. Während der heißen Tage, die sich nach Himmelfahrt fühlbar machten, erprobten wir hoffnungsvoll drei zur Kühlung der Mineralwasser, des Sodawassers und der leichten Medocweine bestimmte Eisbehälter nacheinander, die voll zerstörter Illusionen im Anrichtezimmer successive aufgestapelt wurden. Mit den ersten Erdbeeren erschien ein kleines, pfiffiges Instrumentchen auf dem Plan, um ihnen zart die Stiele auszureißen. Darauf erhielten wir ein andres, sehr interessantes, aus Silber und Kristall, zum frenetischen Umrühren von Salaten aller Art; und das erste Mal, wo ich es probierte, spritzte der ganze Essig meinem Prinzen in die Augen, so daß er mit wildem Geheul davonstob! Aber durch solche Kleinigkeiten ließ er sich nicht abschrecken ... Bei mehr elementaren Vorrichtungen, um eine Kraftäußerung zu erleichtern oder zu verschnellern, griff Jacintho auf die Dynamik zurück. Und so knöpfte er sich jetzt zum Beispiel mittels einer Maschine die Unterhosen zu. Bei alledem, sei es nun in Uebereinstimmung mit seiner Idee oder unter dem Despotismus der Gewohnheit, hörte er nicht auf, neben der aufgehäuften Mechanik auch Gelehrsamkeit aufzuhäufen. O, die Bücherüberschwemmung in 202! Einzeln, paarweis, in Paketen, in Kisten, dünn- und dickleibig, mit Autorität vollgepfropft, in plebejische gelbe Pappdeckel gehüllt oder in Maroquin und Gold gebunden, überfluteten sie in ununterbrochenem Strom durch all die breiten Türen die Bibliothek, wo sie sich auf dem Teppich ausdehnten, sich auf den weichen Stühlen breit machten, sich auf den schweren Tischen auftürmten und besonders an den Fenstern in gierigen Haufen emporkletterten, als wenn sie, erstickt durch die eigne Menge, beklommen nach Raum und Luft strebten. In dem gelehrten Schiff, wo kaum ein paar höher gelegene Fensterscheiben frei geblieben waren, lagerte allezeit ein gedankenvolles Oktoberdämmern, während draußen der Junitag leuchtete. Die Bibliothek floß über durch das ganze Haus! Man konnte keinen Schrank öffnen, ohne daß einem haltlos ein Bücherhaufen daraus entgegenstürzte. Zog man einen Vorhang zurück, so stieg dahinter ein starrer Haufen Bücher empor. Maßlos aber war meine gerechte Empörung, als ich eines Morgens, wo ich ungewöhnlich eilig und die Hände statt der Hosenträger benutzend, die Tür zum ... Sitzungszimmer öffnen wollte, sie durch eine über alle Maßen umfangreiche Kollektion »Soziale Studien« versperrt fand. Mit noch größerer Erbitterung aber erinnere ich mich an jene historische Nacht, wo ich, von einem Spaziergang nach Versailles gerädert und schlapp, mit verstaubten und halb eingeschlafenen Lidern zurückkehrend, von meinem Bett fluchend ein schreckliches technisches Wörterbuch in siebenunddreißig Bänden herunterschmeißen mußte! Damals empfand ich in allerhöchstem Grade den Ueberdruß am Buche! Während ich mit Püffen und Stößen die Kissen wieder lockerte, verwünschte ich den Buchdruck, die menschliche Beredsamkeit ... Und schon hatte ich mich ausgestreckt und war im Begriff, einzuschlafen, als ich – fast hätte es mich die kostbare Kniescheibe gekostet! – gegen den Rücken eines Bandes stieß, der spitzbübisch sich zwischen Wand und Matratze eingebettet hatte. Wütend und mit wildem Fluch packte ich den unverschämten Band, schleuderte ihn fort..., dabei fiel eine Wasserkanne zu Boden und überschwemmte den kostbaren Daghestanteppich. Und ich weiß nicht einmal, ob ich nachher eingeschlafen bin – weil meine Füße, ohne daß ich meinen eignen Schritt gehört oder gefühlt hätte, als hätte mich ein linder Wind getragen, fortfuhren, über Bücher zu stolpern, in dem dunkeln Korridor, nachher im Kies des Gartens, der im Mondschein weiß schimmerte, dann in der Avenue des Champs-Elysées, die voll lärmender Menschen war, wie bei einem Bürgerfest. Und o, wie wunderbar! Alle Häuser waren aus Büchern erbaut. An den Zweigen der Kastanienbäume flatterten Buchblätter. Und die Männer und die vornehmen Damen waren in Druckpapier gekleidet, hatten Buchtitel auf dem Rücken und zeigten statt des Gesichts ein aufgeschlagenes Buch, in dem die leichte Brise sacht die Blätter umschlug. Im Hintergrund gewahrte ich auf der Place de la Concorde einen steil aufsteigenden Berg von Büchern, den ich keuchend zu erklettern strebte, wobei ich bald knietief in einer weichlichen Schicht aufgehäufter Lyrik stecken blieb, bald gegen den kieselharten Rücken von Bänden mit Exegese und Kritik stieß. Und ich kletterte und kletterte bis zu so weiten Höhen jenseit des Erdballs, jenseit der Wolken empor, daß ich mich ganz bestürzt auf einmal mitten unter den Gestirnen befand. Groß, still und stumm zogen sie ihre Kreise, bedeckt von einer dicken Kruste von Büchern, aus der hier und da, aus einer Spalte zwischen zwei weniger zusammengepreßten Bänden heraus, ein kleiner Strahl erstickten und erwürgten Lichts hervorbrach. Und so stieg ich bis zum Paradies empor. Es war sicherlich das Paradies, denn mit meinen staubgeborenen Augen unterschied ich den Urewigen, den, der nicht Abend noch Morgen hat. In dem Licht, das von ihm ausstrahlte, und das leuchtender war als alles übrige Licht, saß der Allerhöchste zwischen tiefen, goldenen, mit Gesetzesbüchern vollgepfropften Bücherregalen, auf ururalten Folianten, die Flocken seines unendlichen Bartes über Stößen von Broschüren, Flugschriften, Zeitungen und Katalogen ausgebreitet, und – las. Die supergöttliche Stirn, die die Welt konzipiert hatte, ruhte in der superstarken Hand, die die Welt geschaffen hatte – und der Schöpfer las und lächelte. Ich wagte unter heiligem Schauer über seine strahlende Schulter hinweg zu spähen. Es war ein broschierter Dreifrankenband. Der Ewige las Voltaire in einer billigen Ausgabe und lächelte. Eine Tür blitzte und knarrte, wie wenn jemand ins Paradies eingetreten wäre. Ich vermeinte, einen neuen Heiligen von der Erde ankommen zu sehen. Es war aber Jacintho mit brennender Zigarre, einen Nelkenstrauß im Knopfloch und drei Bücher in gelben Umschlägen unter dem Arm, die ihm die Prinzessin de Carman zum Lesen geliehen hatte! In einer dieser tatenreichen Wochen indessen ließ meine Aufmerksamkeit plötzlich von diesem interessanten Jacintho ab. Als Gast von Nr. 202 verwahrte ich dort meinen Koffer und meine Habe; auch aß ich, treu der Fahne meines Prinzen, gelegentlich von seinem reichen Tische. Aber meine Seele, meine vertierte Seele, und mein Leib, mein vertierter Leib, hausten damals in der Rue de Helder, Nr. 16, vier Treppen hoch, Eingang links. Ich ging eines Nachmittags in heiterem Frieden der Gedanken und Empfindungen den Boulevard de la Madeleine hinab, als ich vor der Omnibusstation eines Frauenzimmers ansichtig wurde, hager, sehr brünett, fast schwarzbraun, mit ein Paar tiefliegenden, schweigsamen und traurigen Augen und einem Wald krauser, eigenwilliger gelber Haare unter einem alten Hut mit schwarzen Federn. In langsamem, katzenartigem Schritt strich sie über den Asphalt. Ich blieb stehen, als hätte ich im Innern einen Ruck gefühlt. Die Person schritt vorüber – mit dem hageren Lungern einer schwarzen Katze, die im Mondschein einer Januarnacht über das Regengerinne eines Daches schleicht. Zwei tiefe Brunnen funkeln nicht schwärzer und schweigsamer als ihre schweigsamen schwarzen Augen funkelten. Ich entsinne mich nicht (Gott sei Dank!), wie ich ihr in den Falten speckig glänzendes Seidenkleid streifte; auch nicht, wie ich ihr zwischen den knirschenden Zähnen ein Ansuchen zuknurrte; noch wie wir beide langsam und schweigsamer als arme Sünder auf dem Henkerkarren zu einer Chambre séparée im Café Durand emporstiegen, das abgenutzt und kühl war. Vor dem Spiegel legte sie mit der Langsamkeit eines Trauerritus den Hut und die mit Schmelzperlen benähte Pelerine ab. Die verstaubte Seide ihrer Taille brach schon an den Ellbogen. Unendlich war ihre Haarflut, von der Sprödigkeit und Dichte einer Raubtiermähne, in zwei gelben Tönen, einer mehr goldig, der andre mehr gebräunt, wie die Kruste einer heiß aus dem Ofen gezogenen Torte. Mit einem nervösen Lachen ergriff ich ihre langen, kalten Finger: »Und der liebe Name, hm?« Sie, ernst, fast schwermütig: »Madame Colombe, 16 Rue de Helder, vier Treppen hoch, links.« Und auch ich (elender Zé Fernandes!) fühlte mich tiefernst, von feierlicher Erregung benommen, als umhüllte uns in jener Chambre séparée des Kaffeehauses die Majestät eines Sakraments. An der leise aufgestoßenen Tür erschien das feiste Gesicht des Kellners. Ich bestellte Hummer, Entenbraten mit spanischem Pfeffer und Burgunder. Und wir hatten bereits die Ente verspeist, ehe ich mich erhob und, krampfhaft die Serviette ballend, sie küßte, zitternd an allen Gliedern, mit einem Kuß, tief und furchtbar, in dem ich meine Seele ließ ... Darauf fuhren wir in einer offenen Droschke unter einem weichen, gewitterschwülen Lufthauch die Champs-Elysées hinauf. Als wir das Gitter von Nr. 202 passierten, bemerkte ich, um sie mit meinem Luxus zu blenden: »Da wohne ich, das ganze Jahr hindurch!...« Und wie sie sich in Bewunderung des Palais vorneigte, streifte ihre rotblonde Mähne meinen Bart – da schrie ich aus vollen Lungen dem Kutscher zu, er solle, was die Pferde laufen könnten, nach Rue de Helder Nr. 16, vierten Stock, links, galoppieren! Ich liebte diese Kreatur. Ich liebte diese Kreatur mit Liebe, mit allen Abarten und Varianten, die es in der Liebe gibt, mit himmlischer Liebe, mit menschlicher Liebe, mit tierischer Liebe; wie der heilige Antonius die Jungfrau, wie Romeo seine Julia liebte, wie ein Hund sein Weibchen liebt. Sie war dumm, sie war melancholisch. Ich löschte mit Wonne meine strahlende Heiterkeit in der Asche ihrer Melancholie; und mit unaussprechlichem Vergnügen ließ ich meine Vernunft in dem dichten Nebel ihrer Dummheit stranden. Sieben Wochen lang hatte ich das Bewußtsein meiner Zé Fernandes-Persönlichkeit verloren – Fernandes de Noronha e Sande, aus Guiaens! Bald kam es mir vor, als wäre ich ein Stück Wachs, das mit grauenvoller Wonne in einem brüllenden Hochofen zerschmolz; bald schien es mir, als wäre ich ein hungriger Scheiterhaufen, der wie ein Bündel trockener Reiser flammte, knackte und sich verzehrte ... Von dem soliden, anständigen, wohlausgestatteten Zé Fernandes blieb nur ein Gerippe, das knickebeinig und zähnefletschend in Träumen umging. Dann kam ein Tag, an dem ich in gewohnter Ungeduld die Treppe der Rue de Helder 16 hinaufklomm und die Tür verschlossen fand – auch die Karte mit »Madame Colombe«, die ich immer so andächtig gelesen hatte, und die ihr Aushängeschild war, war abgerissen ... Alles an mir zitierte, wie wenn der Boden von Paris erschüttert wäre! Dies war die Tür meiner Welt, die sich mir verschlossen hatte! Jenseit, weitab, waren die Völker, die Städte, das Leben ... Sie! Und ich war allein geblieben auf diesem Treppenabsatz des Nichtseins, ausgesperrt vor verschlossener Tür, das einzige Wesen außerhalb der Welt! Ich polterte die Treppe hinab mit dem Gekrach und dem Unverstand eines Steines, bis zu der Zelle der Pförtnerin und ihres Mannes, die in glückseliger Seelenruhe Sechsundsechzig spielten, als wenn kein schreckensvoller Zusammenbruch das Weltall zu zersplittern drohte. »Madame Colombe?...« Die bärtige Klatschbase nahm gelassen den Stich auf: »Ausgezogen ... Ist diesen Morgen fort, wo anders hin, mit noch einem Weibsbild!« Wo anders hin! mit noch einem Weibsbild!... Leer, gähnend, leer jeglichen Gedankens, jeglichen Fühlens, jeglichen Wollens, trieb ich wie ein leeres Faß, von der hastenden Menge hin und her gestoßen, auf dem Boulevard, bis ich an einer Bank der Place de la Madeleine strandete, wo ich mit den Händen, deren Fieber ich nicht fühlte, die Augen bedeckte, deren Weinen ich nicht spürte! Spät, sehr spät, als schon polternd die eisernen Vorhänge der Schaufenster herabgelassen wurden, stieg aus den wirren Trümmern meines Seins das einzige alle Ruinen Ueberdauernde: – das Bedürfnis zu essen. Ich trat bei Durand ein, mit den noch steifen Schritten eines aus dem Grabe Erstandenen. Und infolge einer Erinnerung, die mir die Seele verbrannte, bestellte ich Hummer, Entenbraten und Burgunder. Wie ich mir aber den von der Julihitze auf der staubigen Madeleine schlaff gewordenen Halskragen lockerte, dachte ich mit Unbehagen: ›Heiliger Herrgott, was für einen Durst mir dies Mißgeschick gemacht hat!...‹ Sacht winkte ich dem Kellner: »Vor dem Burgunder eine Flasche Champagner, mit viel Eis, und ein großes Glas!...« Ich glaube, daß jener Champagner im Himmel auf Flaschen gezogen war, wo beständig die frische Quelle des Trostes quillt, und daß in die gebenedeite Flasche, die mir zufiel, ein guter Schuß aus dieser nie hoch genug zu preisenden Quelle eingelaufen war, bevor sie verkorkt wurde. Heiliger Nepomuk! welch erhabener Genuß, dieser Trunk, eisig, schäumend, goldig, prickelnd! Und dann, eine Flasche Burgunder! Und dann eine Flasche Cognac! Und dann Pfefferminz in Eis gekörnt! Und dann eine zähneknirschende Begierde, mit meinem derben Quittenstock von Guiaens das »Weibsbild« zu verhauen, das »mit einem andern Weibsbild« durchgebrannt war! In der geschlossenen Droschke, die mich im Galopp nach Nr. 202 trug, brachte ich diesen heiligen Impuls nicht zum Ersticken, sondern prügelte vielmehr in blinder Wut mit meinen Gebirglerfäusten auf die Kissen ein, wo ich den ungeheuren Wall gelben Haares sah, positiv sah , – dies gelbe Haar, in der sich eines Tages meine Seele gefangen, in dem sie drei Monate gezappelt und sich für allezeit besudelt hatte! Als der Wagen hielt, hieb ich noch so verzweifelt drauf los, daß auf das Gebrüll des Kutschers zwei Burschen herzueilten und mich hielten, wobei sie noch auf die servilen Nacken die müden Reste meines Zornes zu fühlen bekamen. Oben stieß ich den sorgend beflissenen Grillo zurück, der dem »Siô« Zé Fernandes, dem Zé Fernandes de Guiaens, die beschämende Zumutung machte, ihm Kamillentee zu bringen! Und auf dem Bette Dom Galiaons ausgestreckt, mit den Stiefeln auf dem Kissen, den Cylinder über den Augen, lachte ich in schneidendem Hohngelächter über diese verrückte, gemeine Welt der Jacinthos und der Colombes! Und plötzlich fühlte ich eine entsetzliche Todesangst. Das war sie ... Madame Colombe, die da aus der Flamme der Kerze hervorgezischt kam und auf mein Bett sprang, mir die Weste aufriß, die Rippen zerbrach, in meine Brust tauchte und in langsamen Zügen mein Herzblut aussog! Da schrie ich in der Erwartung sicheren Todes nach der Tante Vicencia, appellierte an die ewige Gerechtigkeit, neigte mich über den Bettrand, um mich in mein Grab zu stürzen ... Und unter der von lautem Stöhnen begleiteten übermenschlichen Anstrengung fühlte ich Leib und Seele frei werden. Ich fiel auf das Bett Dom Galiaons zurück ... stülpte wieder den Hut über die Augen, um nicht die Sonnenstrahlen zu spüren. Es war eine neue Sonne, eine Geistessonne, die über meinem Leben aufging. Und nun schlief ich ein, süß wie ein Kind, das sein Schutzengel in Schlaf gewiegt. Am Morgen wusch ich den Leib rein in einem Vollbad, das mit allen Aromas von Nr. 202 parfümiert war, von den indischen Zitronenblättern bis zur französischen Jasminessenz, und wusch die Seele rein in einem herrlichen Briefe der Tante Vicencia, der mir in großen Buchstaben von der Heimat berichtete und von der voraussichtlich guten Weinernte und von dem Kirschenkompott, das ihr besser denn je geraten war, und von dem lustigen Johannisfeuer im Hofe, und von dem kleinen dicken, flaumhaarigen Mädelchen, das vom Himmel zu meinem Patenkind Joanninha gekommen war. Dann saß ich am Fenster, rein an Seele und Leib, in einem Hausrock von weißer Seide und trank Naïpò-Tee, wobei ich den Duft der vom Morgenregen neu belebten Rosen des Gartens einsog und in heiterem Staunen feststellte, daß ich mich sieben Wochen lang in der Rue de Helder besudelt hatte ... Und schloß daraus, daß ich an einem bösen Fieber gelitten hätte, Fieber des Fleisches, Fieber der Einbildung, von dem ich in einer Pariser Pfütze angesteckt worden – in einer dieser Pfützen, die sich durch die ganze Stadt aus den toten Gewässern bilden, aus dem Schlamm, dem Kehricht, den Pilzen und dem Gewürm einer faulenden Zivilisation. Geheilt wandte sich meine ganze Seele, wie die Magnetnadel nach Norden, meinem komplizierten Prinzen wieder zu, den ich in den letzten Wochen meiner Gemütsinfektion immer nur auf Sofas hingesunken oder zwischen den dreißigtausend Bänden seiner Bibliothek umherirrend und energielos gähnend gesehen hatte. In meiner unwürdigen Eile warf ich gewöhnlich nur ein zerstreutes: »Was hast du?« hin. Er, in seiner trüben Mutlosigkeit, murmelte ein kurzes: »Hitze!« An jenem Morgen meiner Befreiung, als ich vor dem Frühstück in sein Ankleidezimmer trat, fand ich ihn in den Sofakissen begraben, mit dem offenen »Figaro« auf dem Bauch, die Agenda auf den Teppich gerutscht, sein Gesicht in Schatten gehüllt und die Füße in souveräner Melancholie dem Pedikuren überlassen, der ihm die Nägel polierte. Mein wieder heiter und ruhig gewordener Blick, die Weiße meiner flanellenen Morgentoilette, die mit der wiedergewonnenen Ruhe meines Wesens im Einklang stand, fielen meinem Prinzen sichtlich auf, dem die Melancholie niemals den Scharfsinn hatte abstumpfen können. Schlaff erhob er einen schlaffen Arm: »Nun, diese Caprice ...« Ich strahlte ihn mit einem Siegerlachen an: »Tot! Und, wie der Herr von Malbrouck, mausetot und begraben!...« Jacintho gähnte und murmelte: »Dieser Zé Fernandes de Noronha e Sande!...« Und in diesem meinem Namen, meinem werten Namen, so mit unverkennbarer Ironie in ein Gähnen gehüllt, resümierte sich das ganze Interesse dieses Prinzen für den sturmgepeitschten Schlamm, in dem mein Herz gezappelt hatte. Aber dieser vollendete Egoismus konnte mich nicht beleidigen ... Ich bemerkte deutlich, daß mein Jacintho in einen dichten Nebel von Langeweile gehüllt war, – so dicht und er selbst so von seiner entnervenden Dichtigkeit verschluckt, daß Ruhm oder Qualen eines Kameraden ihm keinen Eindruck machten, als wären sie weit entfernt, von seiner Empfindlichkeit durch ungeheure Watteschichten getrennt, und als gingen sie ihn nicht an. Armer Prinz Glückspilz, der du auf das Faulbett der Willenlosigkeit gefallen warst, die Füße im Schoß des Pedikuren! In welch schlammige Uebersättigung warst du gesunken, seitdem du so mutig die ganze, aus Mechanik und Gelehrsamkeit zusammengemischte Füllung der Rippen von 202 erneuert, in deinem Kampfe gegen Naturgewalten und Materie obgesiegt hattest! Und diese Uebersättigung verhehlte er nicht länger vor seinem alten Zé Fernandes, als zwischen uns der gegenseitige Austausch des Lebens und der Seele wieder begann, dem ich mich eines Tages vor der Omnibusstation in der Pfütze der Madeleine so schändlich entzogen hatte. Es folgten natürlich nicht etwa ausgesprochene Bekenntnisse. Der elegante, zurückhaltende Jacintho rang nicht die Hände und stöhnte: »O, verfluchtes Leben!« Kaum Ausdrücke der Uebersättigung; eine grollend abweisende Gebärde gegen die Aufdringlichkeit der Dinge; zeitweilig eine entschlossene Unbeweglichkeit, mit der er aus der Tiefe eines Diwans heraus, wo er sich wie zur ewigen Ruhe vergraben hatte, seinen Protest ausdrückte; sodann das Gähnen, das hohle Gähnen, mit dem er jeden Schritt, den er aus Nachgiebigkeit oder aus nicht zu umgehender Pflicht tat, gleichsam unterstrich; und vor allem jenes geflüsterte, fast ständig und natürlich gewordene: »Wozu?« – »Nicht die Mühe wert!« – »Wie entsetzlich langweilig!« Eines Abends, als ich in meinem Zimmer mir die Stiefel auszog, befragte ich Grillo: »Jacintho ist so schlapp, geht so gebückt ... Was ist los, Grillo?« Der ehrwürdige Schwarze erklärte mit unendlicher Bestimmtheit: »Seine Gnaden leiden an Uebersättigung.« Uebersättigung! Mein Prinz empfand im stillen die Uebersättigung von Paris! – Und in der Stadt, in der symbolischen Stadt, fern von dem kultivierten und kraftvollen Leben (wie er früher begeistert ausgerufen), wo der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts nie und nimmer in vollen Zügen die »Wonne, zu leben« schlürfen konnte, – da fand er jetzt weder geistiges, noch soziales Leben, das ihn interessiert hätte, ihm die Anstrengung einer kurzen Fahrt im leichten Wagen wert gewesen wäre. Armer Jacintho! Ein altes Zeitungsblatt, siebzigmal von der Tagesübersicht bis zu den Anzeigen und Wetterberichten hinab durchlesen, mit verlöschter Druckerschwärze und zerschabten Brüchen, wäre dem Einsiedler, der in seiner Klause einzig diese geistige Speise besitzt, nicht so langweilig, wie der Parisianismus meinem armen Kameraden geworden war! Wenn ich ihn in jenem Sommer mit Gewalt und Tücke in ein Café-Concert geschleppt hatte oder nach dem festlichen Pavillon d'Armenonville, saß mein guter Jacintho wie festgeklebt in seinem Stuhl, mit einem wunderbaren Orchideensträußchen im Knopfloch des Ueberrocks, die schlanken Hände auf dem Stockknauf, und beobachtete den ganzen Abend hindurch eine so peinvolle Schwermut, daß ich schließlich voll Erbarmens aufstand, ihn befreite und mich der Eile freute, mit der er hinausstrebte, wie ein dem Käfig entronnener Vogel ... Selten nur (und dann mit einem heftigen Anlauf, wie einer, der einen Graben nehmen will) besuchte er einen seiner Klubs unten in den Champs-Elysées. Nie mehr bekümmerte er sich um seine Aktiengesellschaften und Teilhaberschaften, noch um die »Vereinigten Telephone von Konstantinopel«, noch um die »Esoterischen Religionen«, noch um den »Spiritualistischen Bazar« deren Briefe uneröffnet blieben und sich auf dem Ebenholztisch anhäuften, von wo sie Grillo traurig herabfegte, wie den Kehricht eines zu Ende gelebten Lebens. Langsam löste er sich auch von seinem Verkehr los. Die Seiten der Agenda mit dem welkrosenfarbenen Einband blieben leer und weiß. Und wenn er sich noch einmal zu einer Fahrt in der Mail-coach herabließ oder der Einladung auf den Landsitz eines Freundes in der Umgebung von Paris folgte, so geschah es so schleppend, mit einer so schweren Anstrengung, den leichten Paletot überzuziehen, daß er mich immer an einen Menschen gemahnte, der nach einem überreichlichen Mahle in der Provinz dem Bersten nahe ist und der aus Höflichkeit oder einem Dogma gehorchend, noch eine Lamprete mit Eiern essen sollte! Im Hause sich begraben, mit der Gewißheit, daß alle Türen wohl versperrt und verwahrt waren gegen alle Aufdringlichkeit der Welt, wäre eine Wonne für meinen Prinzen gewesen, wenn nicht sein eignes Haus mit seinem ganzen haarsträubenden Füllsel von Kultur ihm eine schmerzhafte Empfindung des Verschüttetseins, des Erstickens gegeben hätte! Die Julihitze brütete: und die Brokatvorhänge, die Teppiche, all diese rollenden und gepolsterten Möbel, all dies viele Metall und all seine Bücher lagen so schwer auf ihm, daß er unablässig die Fenster sperrangelweit öffnete, um Raum, Helle, Frische zu vermehren. Aber dann reizte ihn wieder der Staub, der schmutzige, beißende Staub, der in heißen Wolken sich hereinwälzte, zur Wut: »O, dieser verwünschte Stadtstaub!« »Aber, bester Jacintho, warum gehen wir nicht nach Fontainebleau oder nach Montmorency oder ...« »Aufs Land?! Was! Aufs Land?!« Und in seinem finsterbewölkten Gesicht blitzte es bei diesem Ausruf immer von solcher Entrüstung, daß ich ganz zerknirscht den Kopf einzog, reuig, Prinz Glückspilz, den ich so lieb hatte, so tief gekränkt zu haben. Unglücklicher Prinz Glückspilz! Seine vergoldete Yaka-Zigarre rauchend, irrte er dann langsam und müde durch die Säle, wie einer, der auf fremder Erde teilnahme- und ziellos umherirrt. Diese ziel- und teilnahmlosen Schritte trugen ihn in steter Einförmigkeit zu seinem Zentrum, dem grünen Zimmer und der Ebenholz-Bibliothek, wo er Zivilisation im größten Maßstabe verstaut hatte, um im größten Maßstabe die »Wonne, zu leben«, zu genießen. Er warf dann einen Blick der Uebersättigung ringsum. Keinerlei Neugier oder Interesse zog ihm die in mutloser Untätigkeit in die Taschen seiner seidenen Pantalons versenkten Hände hervor. Stumpfsinnig gähnte er in hoffnungsloser Schlaffheit. Und nichts lehrreicher und schmerzlicher, als dieser raffinierte Kulturmensch des neunzehnten Jahrhunderts, wie er inmitten aller seine Organe verstärkenden Apparate, inmitten aller Drähte, die die Kräfte des Weltalls ihm untertan machten, inmitten seiner dreißigtausend Bände voll der Wissenschaft der Jahrhunderte, dastand, die müden Hände tief in den Taschen, und in seinen Zügen und der trägen Unschlüssigkeit eines Gähnens die Schwierigkeit zu leben illustrierte! V Jeden Nachmittag besuchte Jacintho, treu einer jener vertrauten Gewohnheiten, die unter allem Ermüdenden niemals ermüdet, mit andächtiger Regelmäßigkeit um vier Uhr Madame d'Oriol – denn diese Blüte des Parisianismus war in Paris geblieben, selbst nach dem Grand-Prix, um in der Hitze und dem Kohlenstaub der Großstadt zu verbleichen. An einem dieser Nachmittage jedoch teilte das hastig angeläutete Telephon Jacintho mit, daß seine geliebte Freundin in Enghien bei den Trèves speise. Diese Herrschaften genossen ihre Sommerfrische an der See, in einem schneeweißen, von weißen Röschen umsponnenen Landhaus, das Ephraim gehörte. Es war ein stiller, nebliger und weicher Sonntag, der recht zu melancholischen Betrachtungen einlud. Und ich, um mein Seelenheil besorgt, überredete Jacintho, daß wir zur Basilika von Sacré-Coeur gingen, die auf dem Montmartre im Bau begriffen war. »Schrecklich langweilig, Zé Fernandes ...« »Zum Teufel! Ich habe noch nie die Basilika gesehen ...« »Schön, schön! Gehen wir also zur Basilika, du unseliger Mensch Naronha e Sande!« Und wie wir so anfingen, jenseit von St. Vincent de Paule in die engen steilen Viertel vorzudringen, wo ländliche Stille herrschte, wo bröcklige Mauern Küchengärten einschlossen, wo Frauen mit zerzausten Haaren nähend auf der Türschwelle saßen, wo ausgespannte Kaleschen vor den Wirtschaften hielten, wo frei umherlaufende Hühner im Kehricht scharrten, nasse Windeln auf Stöcken zum Trocknen hingen – lächelte mein gelangweilter Kamerad schließlich über diese Ungebundenheit und Schlichtheit der Dinge. Die Viktoria hielt vor den breiten Steintreppen, die, ländliche Gassen durchschneidend, bis zu dem freien Platz führen, wo, in Gerüste gehüllt, sich die ungeheure Basilika erhebt. Auf jedem Treppenabsatz mit rotem Zeug ausstaffierte Verkaufsbuden, die von Heiligenbildern, Skapulieren, Kruzifixen, Jesusherzen, schön in Seide gestickt, und hellen Bündeln Rosenkränzen überflossen. In den Ecken kauerten alte Leute, die ihr Ave Maria murmelten. Zwei Patres kamen die Treppe herab und nahmen mit breitem Lächeln eine Prise. In langsamen Schlägen ertönte eine Glocke durch die verschleierte Weichheit des Abends. Und Jacintho murmelte, angenehm berührt: »Recht nett hier!« Aber die Basilika da oben interessierte uns nicht, erstickt wie sie war unter Gerüsten und Verschlägen, ganz weiß und frostig, noch seelenlos. Und Jacintho schritt in einem ganz jacinthischen Impuls begierig nach der abfallenden Böschung der Terrasse, um Paris zu betrachten. Unter dem grauen Himmel, in der grauen Ebene ruhte die Stadt, ganz grau, wie eine unendliche, dichte Schicht Kalk und Ziegelsteine. Und in ihrer stummen Unbeweglichkeit war ein leichtes Rauchgekräusel das einzig sichtbare Anzeichen ihres geräuschvollen Lebens. Da fing ich an, meinen Prinzen heiter scherzend aufzuziehen. Da lag also die Stadt, die erhabene Schöpfung der Menschheit! Da unten, mein lieber Jacintho! Auf der grauen Erdkruste, – eine Kalkschicht, kaum grauer! Und doch hatten wir sie vor Augenblicken erst in lebhaftem Treiben verlassen, voll kraftvoller Bevölkerung, all ihre mächtigen Organe in Tätigkeit, von Reichtum strotzend, von Wissenschaft triefend, in der sieghaften Fülle ihres Stolzes, als die anmutgekrönte Königin der Welt. Und nun hatten wir eine Anhöhe erklettert, spähten, lauschten – und nahmen von der ganzen rauschenden und glänzenden Zivilisation der Stadt nicht einen Laut, nicht einen Funken wahr! Und Nr. 202 der Champs-Elysées, das herrliche 202 mit seinen Drähten, seinen Apparaten, der Pracht seiner Mechanik, seinen dreißigtausend Bänden? Untergegangen, ausgelöscht in dem Durcheinander von Dachziegeln und Kohlenstaub! Und für dies Zergehen alles Menschenwerkes, sobald man es nur aus einer Höhe von hundert Metern betrachtet, da arbeitet sich nun der Mensch den Bast von den Händen in qualvoller Anstrengung? Was, Jacintho? Wo sind nun deine Magasins du Louvre mit ihren dreitausend Verkäufern? Und die Banken, in denen das Gold des Weltalls klingt? Und die Bibliotheken, die mit der Wissenschaft der Jahrhunderte vollgepfropft sind? Alles zusammengeflossen in einen grauen Fleck, der die Erde beschmutzt. Wenn schon in den blinzelnden Augen eines Zé Fernandes, sobald er, seine Zigarre rauchend, auf den nächsten besten Hügel steigt, dieser sublime Bau der Zeiten nichts weiter ist als ein schweigender Dreckhaufen, von der Dichtigkeit und der Farbe des Erdenstaubes – was wird er dann in Gottes Augen sein! Und angesichts dieses Zeterns, mit dem ich voll liebevoller Malicen über Paris aburteilte, um meinen Prinzen zu reizen, murmelte er nachdenklich: »Ja, vielleicht ist alles nur Illusion ... Und die Stadt die größte Illusion!« Bei so leichtem Siege verdoppelte ich meine Beredsamkeit. Natürlich, mein Prinz, eine Illusion! Und zwar die allerbitterste, weil der Mensch vermeint, in der Stadt die Grundlage seiner ganzen Größe zu besitzen und in ihr nur die Quelle all seines Elends findet! Sieh, Jacintho! In der Stadt verlor er die Kraft und die harmonische Schönheit des Körpers und wurde zu diesem dürren Klappergestell oder jenem feisten, in Fett stickenden Dickwanst mit Knochen, so schlotterig wie ein Lappen, mit Nerven, so zitternd und bebend wie schwingende Drähte, mit Nasenkneifern, mit Chignons, mit Gebissen aus Porzellan, ohne Blut, ohne Fiber, ohne Saft, gebückt, verkrüppelt – ein Wesen, in dem Gott voll Entsetzen kaum im stande ist, seinen wohlgebauten, kraftvollen, edlen Adam wieder zu erkennen! In der Stadt hörte seine moralische Freiheit auf: Jeder neue Morgen erlegt ihm eine Notwendigkeit auf, und jede Notwendigkeit stößt ihn in eine Abhängigkeit. Ist er arm und untergeordnet, so ist sein Leben eine ununterbrochene Kette von Bitten, Lobhudeln, Sich-bücken, Kriechen, Sich-treten-lassen; reich und unabhängig, wie ein Jacintho, wird er von der Gesellschaft alsbald mit Brauch und Herkommen umsponnen, mit Vorschriften, Etiketten, Zeremonien, Formen, Riten, Diensten, disciplinarischer als die eines Kerkers oder einer Kaserne ... Wohin ist seine Ruhe, mein Jacintho! Für immer verschlungen von dieser verzweifelten Jagd nach Brot, nach Ruhm, nach Macht, nach Genuß, nach dem flüchtig zerrinnenden Gold! Wie kann es in der Stadt Freude geben für diese Millionen von Wesen, die in der wühlenden Drangsal des Wunsches nach Besitz, nach Genuß keuchen – und die, weil sie niemals ihre Gier sättigen, unaufhörlich Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit, Unterliegen erfahren? Die echtesten Menschengefühle gehen in der Stadt gleich verloren. Sieh, Jacintho! Sie sind wie Lichter, die der rauhe Wind des sozialen Treibens nicht ruhig und klar brennen läßt; hier bringt er sie zu zitterndem, schwankendem Aufflackern; dort verlöscht er sie brutal, weiterhin nötigt er sie zu unnatürlich heftigem Aufflammen. Die Freundschaften gehen nie über Verbindungen hinaus, welche das Interesse in angstvoller Stunde der Wehr oder in dem gierigen Moment des Angriffs mit schnellem Knoten knüpft, der bei dem geringsten Anprall der Nebenbuhlerschaft oder des Stolzes zerreißt. Und die Liebe, in der Stadt, mein artiger Jacintho? Sieh dir doch nur diese weitläufigen Magazine mit ihren Spiegeln an, wo das edle Evafleisch tarifmäßig, nach Gewicht verkauft wird wie Kalbfleisch. Und betrachte doch diesen alten Gott Hymen, der da einherschreitet und statt der flammenden Fackel der Liebe den straff gefüllten Beutel der Mitgift hält! Beobachte diese Menge, die die breiten, sonnigen Wege flieht, wo die Faune die Nymphen lieben, nach gutem, natürlichem Gesetz, und die heimlich die dunkeln und schlüpfrigen Sodom- oder Lesbos-Höhlen aufsucht!... Aber was die Stadt im Menschen am meisten entarten läßt, das ist die Vernunft, weil die ihm entweder in der Alltäglichkeit seinen Platz anweist oder ihn zu Ausschweifungen drängt. In dieser dichten und drohenden Schicht von Ideen und Formeln, die die geistige Atmosphäre der Städte bildet, denkt der von ihr eingehüllte, sie atmende Mensch nur all jene bereits gedachten Gedanken, bringt nur bereits Ausgedrücktes zum Ausdruck: – oder aber, um sich über die graue und glatte Alltäglichkeit zu erheben und das zerbrechliche Gerüst eines Sonderplatzes zu erklimmen, erfindet er in keuchender Anstrengung und das Hirn aufblasend eine mißgestalte Neuheit, die verblüfft und die Menge in ihrer Hast aufhält wie ein Ungetüm auf einem Jahrmarkt. Alle sind in intellektueller Hinsicht Hammel, die denselben ausgetretenen Weg treten, dasselbe Geblök ausstoßen und mit der Schnauze in dem Staub hängen, in dem sie im Gänsemarsch und in die vorgetretenen Fußstapfen tretend dahinzotteln; – und einige sind Affen, die unter Grimassen und Kapriolen auf die Spitzen ausfälliger Masten springen. Also, mein Jacintho, in der Stadt, dieser widernatürlichen Schöpfung, wo der Boden von Holz und Filz und Teer ist und der Steinkohlenrauch den Himmel bedeckt, und die Leute in ihren Etagen verstaut wohnen wie Stoffe in den Manufakturläden, und wo das Licht durch Rohre fließt, und wo die Lügen durch Drähte geflüstert werden, – da erscheint mir der Mensch wie ein antimenschliches Geschöpf, ohne Schönheit, ohne Kraft, ohne Freiheit, ohne Lachen, ohne Gefühl, als trüge er einen Geist in sich, passiv wie ein Sklave oder frech wie ein Possenreißer ... Und da hast du, mein geliebter Jacintho, das, was deine geliebte Stadt ist. Und vor diesen altehrwürdigen Schmähungen, die seit Hesiod Jahrhunderte hindurch von allen bukolischen Moralisten mit nie versagender Pünktlichkeit volltönend wiederholt wurden, beugte mein Prinz den willigen Nacken, als entsprössen sie, überraschend und neu, einer höheren Offenbarung in jenen hohen Regionen des Montmartre: »Allerdings, ja, die Stadt ... Vielleicht ist sie eine gottlose Täuschung!« Ich beharrte sogleich und mit ungeschwächten Kräften auf meinem Standpunkt, indem ich an den Manschetten zupfte und mit Genuß mein leichtes Philosophieren schlürfte. Und wenn noch diese Täuschung der Stadt die Gesamtheit der Wesen, die sie umschließt, beglückte! Aber nein! Nur eine beschränkte und glänzende Kaste genießt in der Stadt die von ihr geschaffenen besonderen Genüsse, der Rest, der obskure, ungeheure Volkshaufe, leidet in ihr nur, und zwar jene besonderen, spezifischen Leiden, die nur in ihr vorkommen! Von diesem Hochplateau aus, neben dieser kostbaren Basilika, die dem Heizen dessen geweiht ist, der den Armen liebte und für ihn blutete, erblicken wir den düsteren Häuserhaufen, wo das Volk sich bückt unter diesem uralten Schimpf, von dem weder Religionen, noch Philosophien, noch Sittenlehren, noch seine eigne, rohe Kraft es jemals befreien können. Da liegt es, über die Stadt ausgebreitet, wie gemeiner Unrat, der die Stadt befruchtet. Die Jahrhunderte rollen dahin, und immer bedecken ihm unwandelbare Lumpen den Körper, und darunter werden ewig Männer sich mühen und Frauen weinen. Und aus dieser harten Arbeit, mein Prinz, und den Tränen der Armen, stellt man den Ueberfluß in der Stadt her! Sieh, wie sie daliegt, voller Wohnungen, die ihnen keine Zuflucht geben; mit Stoffen angehäuft, die sie nicht umhüllen; von Eßwaren vollgepfropft, die nicht ihren Hunger stillen! Für sie nur der Schnee, wenn der Schnee fällt und die auf den Bänken der öffentlichen Plätze und unter den Brückenbogen von Paris kauernden Kinder erstarren läßt ... Der Schnee fällt lautlos und weiß im Dunkel hernieder; die Kinder frieren in ihren Lumpen zu Eis; und ringsum die Polizei, die aufmerksam darüber wacht, daß nicht der laue Schlaf derer gestört werde, die Schnee und Eis lieben, um im Bois de Boulogne, in Pelzen von dreitausend Franken, Schlitten zu fahren und auf seinen Seen Schlittschuh zu laufen. Aber was denn, mein Jacintho! Deine Zivilisation beansprucht unersättlich Genüsse und Pracht, die sie allein in dieser herben, sozialen Disharmonie erlangen kann, wenn das Kapital der Arbeit für jede schwerkeuchende Mühsal eine knauserige Brotrinde reicht. Es ist deshalb unabänderlich, daß der Plebs sich schinden und plagen muß! Sein ausgemergeltes Elend ist die Grundbedingung für den heiteren Glanz der Stadt. Wenn in seinen Tiegeln die ihm rechtlich zustehende Ration Suppe dampfte – so könnte nicht in Silbergeräten die üppige Portion foie-gras und Trüffeln erscheinen, die der Stolz der Zivilisation sind. Es muß zerschlissene und zerfetzte Kleider geben, damit die schönen Mesdames d'Oriol, strahlend in Seide und Spitzen, in sanftem Wogen das Stiegenhaus der Großen Oper ersteigen können. Es muß erstarrte Hände geben, die sich ausstrecken, und schmale Lippen, die für die hochherzige Gabe eines Sou danken, – damit die Ephraims ihre zehn Millionen auf der Bank von Frankreich haben, sich an der kostbaren Flamme aromatischen Holzes erlaben und ihre Konkubinen, Enkelinnen der Herzoge von Athen, mit Saphircolliers ausstatten können. Und ein Volk muß vor Hunger weinen und den Hunger seiner Kinder bejammern, damit die Jacinthos im Januar gähnend von Meißener Porzellan in Champagner geeiste und mit einem Tropfen Aether lebhaft gefärbte Erdbeeren picken können! »Und ich selbst habe von deinen Erdbeeren gegessen, Jacintho! Elende, die wir sind!« Er murmelte trostlos: »Schrecklicher Gedanke: wir haben von diesen Erdbeeren gegessen ... Und vielleicht war es nur eine Illusion!« Nachdenklich trat er von dem Rand der Terrasse zurück, wie wenn ihm der Anblick der in der Ebene ausgestreckten Stadt skandalös wäre. Und langsam spazierten wir unter der grauen Milde des Nachmittags, philosophierend – erwägend, daß für solch schreiende Ungerechtigkeit es keine menschliche Heilung gäbe, die durch menschliche Mühe gebracht würde. Ah, die Ephraims, die Trèves, die gefräßigen düsteren Haie des Menschenmeers, werden nicht eher von der Ausbeutung der niederen Volksklasse ablassen oder sie mindern, als bis ein himmlischer Eingriff, vielleicht ein neues Wunder, größer als die alten Wunder, ihnen die Seele belehrt! Der Bürger triumphiert, stark, verhärtet in seiner Sündhaftigkeit – und gegen ihn sind die Tränen der Menschlichgesinnten, die Beweisführungen der Logiker, die Bomben der Anarchisten ohnmächtig. Um so harten Stein zu erweichen, nur eine göttliche Sanftmut! Da ist also die Hoffnung der Erde aufs neue auf einen Messias gesetzt!... Einer stieg zweifelsohne einst vom hohen Himmel zu uns hernieder; und um gleich zu zeigen, welcher Art sein Mandat war, drang er sacht in die Welt ein durch die Tür eines Stalles. Aber sein Verweilen unter den Menschen war von so kurzer Dauer! Eine linde Predigt auf einem Berge, als ein linder Tag zu Rüste ging; eine maßvolle Zurechtweisung den Pharisäern, die damals den »Boulevard« redigierten; ein paar Geißelhiebe den wucherischen Ephraims; und dann gleich durch die Tür des Todes der glänzende Rückzug nach dem Paradies! Dieser anbetungswürdige Sohn Gottes hatte es gar zu eilig, wieder zum Hause seines Vaters zu gelangen! Und die Männer, die er mit der Fortführung seines Werkes betraut hatte, und die gleich von den Einflüssen der Ephraims, der Trèves, der Leute vom »Boulevard« umsponnen wurden, vergaßen schleunigst die Lektion vom Berge und vom See Tiberias – und kleiden sich ihrerseits in Purpur, und sind Bischöfe, und sind Päpste, und beteiligen sich an der Bedrückung, und regieren durch sie, und errichten die Tyrannei ihres Reiches auf der Misere der Brotlosen und der Unterstandslosen. So muß also das Werk der Erlösung von neuem begonnen werden. Jesus, oder Gautama, oder Krischna, oder ein andrer jener Söhne, von denen Gott zuzeiten einen im Schoß einer Jungfrau wählt, in den stillen Lustgärten Asiens, wird aufs neue zu dieser Erde der Dienstbarkeit herabsteigen müssen. Wird er kommen, der Ersehnte? Vielleicht ist schon ein tiefsinniger König des Orients erwacht und hat den Stern gesehen und in seine königliche Rechte die Myrrhen genommen, und ist nachdenklich auf sein Dromedar gestiegen? Vielleicht ist, während Kaiphas und Magdalena bei Paillard Hummer soupieren, ein Engel lauschend in langsamem Flug nachts um die entartete Stadt gestrichen und hat Umschau gehalten nach einem Stall? Kommt schon von weitem, ohne Treiber, der es anstachelte, in der freudigen Erwartung einer göttlichen Begegnung, das Oechselein, das Eselein, dahergetrabt? »Weißt du was davon, Jacintho?« Nein, Jacintho wußte es nicht und wollte seine Zigarre anzünden. Ich reichte meinem Prinzen ein Zündholz. Noch gingen wir auf der Terrasse auf und nieder und streuten andre solide Ideen in die Luft, die in der Luft zergingen. Dann wollten wir gerade in die Basilika eintreten, als ein feister Küster im Sammetbarett kräftig die Tür zuschlug, und ein Pater vorbeiging, der mit müder, endgültiger Bewegung, als wär's für immer, sein altes Brevier in die Tasche versenkte. »Ich habe einen Durst, Jacintho ... Das kommt von dieser furchtbaren Philosophie!« Wir stiegen die Steintreppen hinab, wo die frommen Verkaufsbuden standen. Mein in Betrachtungen versunkener Kamerad kaufte ein Bild der Basilika. Und wir wollten gerade in die Viktoria springen, als jemand in lauter Ueberraschung ausrief: »He, Jacintho!« Mein Prinz öffnete ebenso überrascht die Arme: »He, Maurice!« Und in freudiger Erregtheit überschritt er die Straße nach einem Café zu, wo unter einem gestreiften Sonnenzelt ein starkknochiger Mann mit Spitzbart seinen Absinth rührte, – den Strohhut im Genick, die Joppe lose über dem Seidenhemd, ohne Krawatte, wie wenn er auf einer Bank im Schatten seines Gartens ausruhe. Und beide wunderten sich unter Händedrücken über diese Begegnung an einem Sommersonntage auf der Höhe des Montmartre. »O, ich bin hier in meinem Viertel!« rief Maurice heiter. »In Familie, in Pantoffeln... seit drei Monaten bin ich zu diesen Höhen der Wahrheit aufgestiegen... Aber du auf dem heiligen Hügel, profaner Mensch der Ebene und der Straßen Israels!« Mein Prinz wies auf seinen Zé Fernandes: »Mit diesem Freund auf einer Wallfahrt nach der Basilika... Mein Freund Fernandes Lorena... Maurice de Mayolle, ein alter Kamerad.« Mr. de Mayolle, der in seinen Zügen und der aristokratischen stark entwickelten Nase an Franz von Valois, König von Frankreich, erinnerte, lüftete den Strohhut. Dann schob er einen Stuhl heran und bestand darauf, wir sollten uns setzen und einen Absinth oder ein » bock « trinken. »Trink ein bock , Zé Fernandes!« mahnte Jacintho. »Du stöhntest schon vor Durst.« Langsam ließ ich die Zungenspitze über die Lippen gleiten, die trockener waren als Pergament: »Ich werde mir diesen schönen Durst für nachher aufheben, für das Diner und geeisten Wein.« Maurice grüßte mit stummer Bewunderung diese meine vorbeugende Malice. Dann wandte er sich unmittelbar an meinen Prinzen: »Seit drei Jahren habe ich dich nicht gesehen, Jacintho ... Wie ist das möglich in diesem Paris, das ein Dorf ist und das du absperrst?« »Das Leben, Maurice, das vielverzweigte Leben... In der Tat! Es sind drei Jahre her, seit wir uns im Hause der Lamotte-Orcel trafen. Verkehrst du noch in diesem Sanktuarium?« Maurice machte eine wegwerfende Handbewegung, die eine Welt abgeschüttelt hätte: »O! Seit länger als einem Jahr habe ich mich von diesem ketzerischen Gewürm losgesagt... Ein indisciplinierter Haufen, mein lieber Jacintho! Keinerlei Standhaftigkeit, ein verblüffender Dilettantismus, ein wahrhaft komischer und vollkommener Mangel jeglicher Erfahrungsbasis ... Als du noch zu Lamotte-Orcels gingst und zur Parola von 37 und zum ,Idealen Bier', was herrschte damals?...« Jacintho forschte nachdenklich nach seinen Erinnerungen unter den Haaren seines Schnurrbarts: »Was weiß ich! ... Da herrschte Wagner und die Eddaische Mythologie, und das Ragnarök und die Nornen... Auch viel Präraffaelismus, und Montagna und Fra Angelico ... In der Moral der Renanismus.« Maurice zuckte die Achseln. O, das alles gehörte einer uralten, sozusagen der Zeit der Pfahlbauten an! Als Madame de Lamotte-Orcel ihren Salon mit Morris-Sammet neu möblierte, große Artischocken auf Safrantönen, war ja der Renanismus längst vorüber, ebenso vergessen wie der Cartesianismus... »Bist du noch aus der Zeit des Ich-Kultus?« Mein Prinz seufzte heiter: »Das habe ich noch mit kultiviert.« »Nun also! Gleich darauf kam der Hartmannismus, das Unbewußte. Dann der Nietzschismus, der geistige Feudalismus ... Danach grassierte der Tolstoismus, eine ungeheure Hirnwut für neo-cönobitische Entsagung. Ich erinnere mich noch eines Diners, wo eine Mißgeburt von einem Slaven erschien, mit filzigem Haarschopf, der fürchterliche Augen nach dem Halsausschnitt der armen Comtesse d'Arche rollte und mit spießartig erhobenem Finger knurrte: ,Laßt uns das Licht suchen, tief unten im Staub der Erde!- Und zum Nachtisch stießen wir auf die Wonne der Niedrigkeit und der knechtischen Arbeit an, mit jenem Champagne Marceaux, den Mathilde an großen Tagen in Pokalen von der Form des heiligen Gral zum besten gab! Darauf kam der Emersonismus aufs Tapet... Aber die grausamste Plage war der Ibsenismus! Kurz und gut, mein alter Junge, ein Babel von Ethiken und Aesthetiken! Paris schien verrückt geworden. Ein paar Liederjahne neigten sogar schon zum Luciferismus. Und ein Paar kleine Freundinnen von uns, – arme Dinger! – verfielen sogar auf den Phallismus, ein Gemisch von zotenhaftem Mysticismus, der von der unglücklichen La Carte gepredigt wurde, die nachher als weißer Mönch in der Wüste predigte... Ein Horror! Und eines Tages stürzte sich diese ganze Masse wie wild plötzlich auf den Ruskinismus!« An meinen fest in den Boden gerammten Stock angeklammert, hatte ich das Gefühl, als wenn mir ein Wirbelwind das Hirn um und um drehte! Und selbst Jacintho stammelte mit irren Augen: »Den Ruskinismus?»»Ja, der alte Ruskin ... John Ruskin!« »Ah, Ruskin! ... ›Die sieben Leuchter der Architektur,‹ ›Der Kranz von Olivenzweigen‹ ... Das ist der Schönheitskultus!« »Ja, der Schönheitskultus,« bestätigte Maurice. »Aber zu jener Zeit war ich schon von diesen gehaltlosen Wolken herabgestiegen; mir war übel geworden ... Ich trat einen sichereren, fruchtbareren Boden.« Er nippte an seinem Absinth und schloß die Lider. Jacintho wartete, seine feinen Nüstern gebläht, wie um die Blüte der Neuheit, die sich um ihn entfalten sollte, einzuatmen: »Nun? Nun?...« Aber der andre murmelte, zerstreut, zwischen Gedankenstrichen, in die er sich verschleierte: »Ich kam nach dem Montmartre ... Ich habe hier einen Freund, einen genialen Menschen, der ganz Indien durchreist hat... Hat unter Todas gelebt, ist in den Klöstern von Garma-Khian und Dashi-Lumbo gewesen und hat mit Gegen-Chutu in der heiligen Klause von Urga studiert... Gegen- Chutu war die sechzehnte Inkarnation Gautamas, und folglich war er ein Boddi-sattva ... Wir arbeiten, forschen... Keine Visionen. Sondern Fakten, uralte Erfahrungen, die vielleicht schon aus den Zeiten Krischnas herrühren...« Bei diesen Namen, die einen melancholischen Duft altehrwürdiger Riten ausströmten, hatte er den Stuhl zurückgestoßen. Und aufrecht stehend murmelte er, die müden Augen auf Jacintho geheftet, aber in einer andern Vision verloren, – während er zerstreut ein paar Silber- und Kupfermünzen als Zahlung für den Absinth auf den Tisch fallen ließ: »Schließlich läuft alles auf die Höchstentwicklung des Willens innerhalb der höchsten Lebensreinheit hinaus. Das ist die ganze Wissenschaft und Kraft der großen Hindu-Meister... Aber die absolute Reinheit des Lebens, da liegt der Kampf, da liegt das Hindernis! Dazu genügt nicht einmal die Wüste, noch der Hain des ältesten Tempels im hohen Tibet ... Trotz alledem, Jacintho, haben wir schon überraschende Resultate erzielt. Du kennst die Tyndallschen Experimente mit den empfindlichen Flammen... Der arme Chemiker rührte, um die Tonschwingungen zu zeigen, beinahe an die Tore der esoterischen Wahrheit. Aber leider! Als Mann der Wissenschaft, folglich der Dummheit, blieb er diesseits, zwischen seinen Scheiben und Retorten! Wir haben es weiter gebracht. Wir haben die ›Willensschwingungen‹ bewiesen! Vor unsern sichtlichen Augen und infolge der Wirkung von meines Gefährten Willenskraft und im Rhythmus mit seinem Gebot, wallte eine dreimeterhohe Flamme auf, kroch am Boden, züngelte in feurigen Zungen empor, leckte an einer hohen Wand hinauf, zischte wütend in schwarzen Rauchwolken, strahlte still und aufrecht, erstarb, plötzlich zusammengesunken, in Asche!« Und, den Hut im Genick, blieb der seltsame Mensch unbeweglich mit ausgebreiteten Armen und stieren Blicken stehen, wie in erneutem Staunen und Erstarren über jenes Wunder. Dann plötzlich in seine leichte und heitere Weise zurückfallend, zündete er sich gelassen eine Zigarre an: »An einem dieser Tage komme ich nach Nr. 202, Jacintho, um mit dir zu frühstücken, und bringe meinen Freund mit. Er ißt nichts weiter als Reis, ein bißchen Salat und Obst. Und dann können wir plaudern ... Du hattest ein Exemplar vom »Sepher-Zerijah« und eins vom ›Targum d'Onkelus‹. Ich muß diese Bücher mal durchstöbern.« Er drückte meinem Prinzen die Hand, grüßte meine verdutzte Wenigkeit und schritt in Seelenruhe die ruhige Straße hinunter, mit dem Hut im Genick, die Hände in die Taschen versenkt, wie ein natürlicher Mensch unter natürlichen Dingen. »O Jacintho! Wer ist dieser Zauberer? Erzähle! ... Wer in des Himmels Namen ist das?« In die Viktoria zurückgelehnt und an der Renommierfalte seiner Beinkleider zupfend, erzählte mein Prinz in gedrängter Kürze. Es war ein edelgesinnter, loyaler junger Mann, sehr reich, sehr gescheit, aus dem alten, souveränen Haus Mayolle, Nachkommen der Herzoge von Septimania... Und mit dem gewohnten Gähnen murmelte er: »Die Höchstentwicklung des Willens! ... Theosophie, esoterischer Buddhismus... Bestrebungen, Enttäuschungen... Habe ich auch schon erfahren... langweilig!« Schweigsam rollten wir durch den Lärm von Paris, unter der gedämpften Schwüle der Sommerdämmerung, um im Bois zu speisen, im Pavillon d'Armenonville, wo die Zigeuner, sobald sie Jacinthos ansichtig wurden, die portugiesische Nationalhymne spielten, mit Leidenschaft, schmachtend, in herber, schmerzlicher Czarda-Kadenz. Ich entfaltete tief befriedigt meine Serviette: »Nun also mal her mit dem geeisten Wein für meinen famosen Durst! Den hab' ich mir ehrlich verdient, Caramba! Denn ich habe was geleistet im Philosophieren!... Und ich vermeine schier, ich hätte dem Geist des Senhor Dom Jacintho einen gesunden Abscheu vor der Stadt eingeflößt!« Mein Prinz durchlief, sich den Bart krauend, die Weinliste, während der Weinkellner in lauschender Ehrerbietung verharrte: »Lassen Sie zwei Flaschen Champagner St. Marceaux auf Eis stellen... Vorher aber einen Barsac vieux, nur eben gekühlt... Evianwasser... Nein, Bussang! ... Schön, Evian und Bussang! Und für den Anfang ein bock .« Dann knüpfte er langsam seinen grauen Ueberrock auf und gähnte: »Ich habe Lust, da oben auf dem Montmartre ein Haus zu bauen, mit einem Aussichtsturm ganz aus Eisen und Glas, um da nachmittags auszuruhen und die Stadt übersehen zu können ...« VI Der Juli war mit erfrischendem und erfreuendem Regen zu Ende gegangen, und ich dachte daran, endlich meine Pilgerfahrt durch die europäischen Städte auszuführen, die mir bis dahin immer durch die Tücken der Welt und des Fleisches verzögert worden war. Aber auf einmal fing Jacintho an, zu bitten und zu fordern, daß sein Zé Fernandes ihn allnachmittäglich zu Madame d'Oriol begleite. Und ich begriff, daß mein Prinz (nach dem Vorbild des göttlichen Achilleus, der unter dem Zelt und neben der weißen, schalen und willigen Briseis niemals seinen Patroklos missen wollte) in seinem Zufluchtsort der Liebe den Trost und Beistand der Freundschaft zu haben wünschte. Armer Jacintho! Gleich morgens verabredete er durch das Telephon mit Madame d'Oriol diese Stunde der Ruhe und Süße. Und so trafen wir immer die Dame vorbereitet und allein in jenem Salon der Rue de Lisbonne, wo Jacintho und ich kaum Platz fanden, wo wir erstickten in dem Wirrwarr von Blumenkörben und den Grotten bildenden Goldgeräten und den japanischen Mißgeburten und den Raubtierfellen, die vor den Ruhebetten ausgebreitet lagen, und den Wandschirmen von Aubusson, die trauliche und reizvolle Kosewinkel bildeten. In einen weißlackierten Bambussessel gekauert, zwischen Kissen, die mit indischer Verbene aromatisiert waren, einen Roman im Schoß, erwartete sie ihren Freund, mit einer gewissen passiven, zahmen Indolenz, die mich an Orient und Harem erinnerte. Aber die frischen Pompadour-Seidenroben ließen sie anderseits wieder wie eine junge Marquise von Versailles erscheinen, die des großen Jahrhunderts müde war. Oder auch wieder erschien sie in düsterem Brokat mit strahlendem breitem Gürtel wie eine Venetianerin, die sich für einen Dogen geschmückt hat. Mein Eindringen in die Intimität dieser Nachmittagsstunden verstimmte sie keineswegs, im Gegenteil, es führte ihr einen neuen Vasallen zu, mit zwei neuen Augen, sie zu betrachten. Ich war ihr »cher Fernandez«! Und kaum daß sie die mit Rot lebhafter gefärbten, einer frischen Wunde gleichenden Lippen öffnete und anfing zu zwitschern, – gleich umlullte uns das Summen und Murmeln von Paris. Sie wußte lediglich über ihre Person zu schwatzen, die eine kurze Uebersicht ihrer Klasse war, und über ihr Dasein, das das Resumé ihres Paris war. Und ihr Dasein, seitdem sie verheiratet war, bestand darin: mit höchster Raffinerie ihren schönen Körper zu schmücken; mit vollendetem Anstand in einen Salon zu treten und darin zu glänzen; in Stoffen zu wühlen und überlegsam mit dem großen Schneider zu konferieren; wie ein Wachsbild in ihrer Viktoria sitzend, durch das Bois zu rollen: die entblößten Schultern zu pudern; ein Schnepfenbein an Galatafeln abzunagen; dichte Mengen auf Bällen zu durchdringen; mit erschöpfter Eitelkeit einzuschlafen; morgens bei der Schokolade die »Echos« und die »Festlichkeiten« des »Figaro« zu durchlesen und von Zeit zu Zeit nach dem Gatten hin zu murmeln: »Ah, bist du es?...« Im übrigen in der Dämmerung, auf einem Sofa, ein paar kurze Seufzer in den Armen jemands, dem sie treu war. In diesem Jahre gehörte meinem Prinzen das Sofa. Und all diesen vielseitigen Ansprüchen der Stadt und der Kaste kam sie lächelnd nach. – 121 – Seit sie verheiratet war, hatte sie schon so viel gelächelt, daß sich den Mundwinkeln zwei unauslöschliche Falten eingeprägt hatten. Aber weder in der Seele noch in der Haut zeigte sie andre Symptome der Ermüdung. Ihre Besuchsagenda wies tausenddreihundert Namen auf, alle aus dem Adelstand. Durch diese blendende Geselligkeit hindurch hatte sie trotzdem in ihrem Hirn (wohin sicherlich auch der Reispuder gedrungen war, den sie seit der Schule auslegte) einige allgemeine Ideen untergebracht. In der Politik war sie auf seiten der Fürsten; und alle die andern »Horreurs«, die Republik, der Sozialismus, die Demokratie, die sich nicht wäscht, die schüttelte sie lachend mit einem Fächerwedeln ab. In der Osterwoche fügte sie den Spitzen des Hutes die bittere Dornenkrone hinzu – weil das für Leute von Geburt Tage der Kasteiung und der Trauer waren. Und vor jedem Buche und vor jedem Gemälde fühlte sie diejenige Erregung und formulierte sie dasjenige Urteil, das in ihrer Welt und in dieser Woche zu formulieren und zu fühlen elegant war. Niemals hatte sie sich in den Qualen einer Leidenschaft verwickelt. Alle ihre Ausgaben notierte sie mit strenger Regelmäßigkeit in ein Ausgabenbuch, das in meergrünen Plüsch gebunden war. Ihre innerste Religion (und zwar echter, als die andre, die sie allsonntäglich zur Messe von St. Philippe du Roule führte) war die heilige Ordnung, die segensreiche Himmelstochter. Im Winter, gleich wenn in der liebenswürdigen Stadt unter den Brückenbogen unterstandslose kleine Kinder zu erfrieren anfingen, brachte sie mit rührender Sorgfalt ihre Eislauftoiletten in stand. Auch die für wohltätige Veranstaltungen bereitete sie vor – denn sie war eine gute Seele und nahm an allen Wohltätigkeitsbazaren, Konzerten und Lotterien teil, wenn sie von Herzoginnen ihres »Kreises« protegiert wurden. Im Frühjahr verkaufte sie dann methodisch und feilschend ihre Winterkleider und Mäntel an eine Trödlerin. Paris bewunderte in ihr eine vollendete Blume des Paristanismus. Also im Duftkreise dieser glatten, feinen Blume verbrachten wir die Julinachmittage, während die andern Blumen in Hitze und Staub welkend die Köpfe hängen ließen. Aber in diesem Duft schien Jacintho nicht die Befriedigung der Seele zu finden, die unter allem Ermüdenden niemals ermüdet. Mit der duldsamen Langsamkeit, mit der man alle Kalvarien erklimmt, auch wenn sie mit den besten Teppichen belegt sind, stieg er die Treppen Madame d'Oriols hinauf, die doch so bequem und mit frischen Palmen eingefaßt waren. Wenn das appetitliche Geschöpf, um ihn zu unterhalten, mit aller Hingebung ihre Lebhaftigkeit entfaltete, wie ein Pfau seinen Schweif ausbreitet, so zerrte mein armer Prinz an seinem schlaffen Schnurrbart, in der schlaffen Haltung eines Menschen, der an einem Maimorgen, während die Amseln in den Hecken schlagen, in einer schwarz verhängten Kirche der Leichenfeier eines Fürsten beiwohnt. Und in dem Kuß, den er auf die Hand seiner reizenden Freundin hauchte, wenn er sich verabschiedete, lag immer Erleichterung. Aber andern Tages, wenn der Nachmittag hereinbrach, und er durch Bibliothek und Kabinett gewandert war, interesselos den Depeschenstreifen vorgezogen und irgend eine gleichgültige Mitteilung durch das Telephon gemacht hatte, wenn sein hoffnungsloser Blick über die ungeheure Wissenschaft der dreißigtausend Bände geglitten und der Berg von Zeitungen und Zeitschriften durchwühlt war, so schloß er allemal damit, daß er mich rief, schon mit dem traurigen Widerstreben gegen die Anstrengung, die er sich auferlegte: »Wollen wir zu Madame d'Oriol gehen, Zé Fernandes? Ich hatte für heute sechs oder sieben Dinge vorgemerkt, aber ich kann nicht, es ist zu langweilig! Gehen wir also zu Madame d'Oriol... Dort trifft man wenigstens zuweilen ein wenig Frische und Frieden an.« Und an einem dieser Nachmittage, wo mein Prinz so verzweifelt »ein wenig Frische und Frieden« suchte, geschah es, daß wir mitten auf der sanft ansteigenden Treppe, unter Palmen, den Gemahl Madame d'Oriols antrafen. Ich kannte ihn schon – denn Jacintho hatte ihn mir eines Nachts gezeigt, wie er im Grand Café mit Tänzerinnen vom Moulin Rouge soupierte. Er war ein wohlgenährter, indolenter Bursche, von der abstoßenden Weiße einer Speckseite, mit einer schon ausgesprochenen, glänzenden Glatze, die er mit seinen ringbedeckten, fetten Fingern fortwährend streichelte. An diesem Nachmittag war er jedoch hochrot im Gesicht, sehr erregt, und streifte zornig seine Handschuhe an. Er blieb vor Jacintho stehen, und ohne ihm nur die Hand zu drücken, machte er eine wegwerfende Handbewegung nach dem Treppenflur: »Sie wollen oben einen Besuch machen? Sie werden Jeanne in sehr übler Verfassung finden. Wir haben eine Scene gehabt, und zwar eine furchtbare.« Er riß von neuem wütend an dem strohgelben Handschuh, der schon geborsten war: »Wir leben getrennt, jeder, wie es ihm beliebt, – ausgezeichnet! Aber bei allem muß Maß und Ziel sein. Sie trägt meinen Namen, ich kann nicht zugeben, daß sie in Paris, mit Wissen von ganz Paris, die Geliebte meines ... Lakaien ist. Liebhaber aus unsern Kreisen, meinetwegen! Ein Lakai, nein! ... Will sie sich mit Bedienten einlassen, so soll sie sich in der Provinz vergraben, in ihrem Hause von Carbelle. Da kann sie tun und lassen, was sie will! ... Das habe ich ihr gesagt! Sie gebärdete sich wie eine Tigerin.« Dann schüttelte er Jacintho, der »aus seinen Kreisen« war, die Hand und schritt die blumengeschmückte Freitreppe hinab. Mein Prinz stand unbeweglich auf den Stufen und strich sich langsam den herunterhängenden Schnurrbart. Dann sah er mich an wie ein Wesen, das so von Ekel durchtränkt ist, daß nichts Ekles weiter an ihm haften kann: »Nun laß uns hinaufgehen, nicht wahr?« Ich trat dann sehr vergnügt meine Rundreise durch die Städte Europas an. Ich sollte ein Stück Welt sehen! ... Ich reiste. Vierunddreißigmal packte ich keuchend und schwitzend meinen Koffer ein und aus. Elfmal verbrachte ich den Tag im Eisenbahnwagen, in Staub und Rauch gehüllt, erstickt, keuchend, schweißrieselnd, auf jeder Station abspringend, um verzweifelt lauwarme Limonade zu schlürfen, die mir die Eingeweide ausrenkte. Vierzehnmal stieg ich kreuzlahm hinter einem Diener die unbekannte Treppe eines Hotels empor und warf einen unsicheren Blick in ein unbekanntes Zimmer; und verbrachte schlaflose Nächte in unbekannten Betten, von denen ich aufgeschreckt aufsprang, um in unbekannten Sprachen Milchkaffee zu verlangen, der mir nach Quassta schmeckte, und ein Wannenbad, das mir nach Schlamm roch. Achtmal geriet ich in schrecklichen Streit mit Kutschern, die mich plündern wollten. Ich verlor eine Hutschachtel, fünfzehn Taschentücher, drei Unterhosen und zwei Stiefel, einen weißen und einen Lackstiefel, alle beide vom rechten Fuß. An mehr als dreißig Hoteltischen wartete ich niedergeschlagen, daß das boeuf à la mode an mich käme, kalt schon und mit erstarrter Sauce – und daß der Weinkellner mir die Flasche Bordeaux brächte, die ich, nachdem ich gekostet, mit unglücklichem Gesicht zurückwies. Ich durchschritt in dem kühlen Dämmerlicht der Granit- und Marmorwände mit ehrerbietigem, gedämpftem Schritt neunundzwanzig Kathedralkirchen. Ich drosch kraftlos, mit dumpfem Schmerz im Genick, vierzehn Museen mit hundertundvier Sälen ab, die bis zum Dach hinauf mit Christussen, Helden, Heiligen, Nymphen, Prinzessinnen, Schlachten, Architekturen, grünen Wiesen, nackten Gestalten, düsteren Tongebilden, traurig unbeweglichen Formen vollgestopft waren!... Ich verausgabte sechstausend Franken. Ich war gereist. Endlich, an einem gesegneten Oktobermorgen, im ersten Oktoberreif sichtete ich mit gerührter Freude die noch geschlossenen Vorhänge meines 202! Ich tätschelte dem Portier die Schulter. Auf dem Treppenflur, wo ich die weiche, laue Luft wiederfand, die ich in Florenz zurückgelassen, drückte ich des vortrefflichen Grillo alte Knochen in meine Arme: »Und Jacintho?« Der würdige Neger flüsterte aus den hohen, weißleuchtenden Vatermördern heraus: »Seine Gnaden zirkulieren ... schwerfällig, überdrüssig. Sie sind spät von einem Balle bei der Duchesse de Loches zurückgekehrt. Es wurde die Verlobung von Madmoiselle de Loches gefeiert. Vor dem Schlafengehen haben sie noch einen Eistee genommen. Und dann sagten Seine Gnaden und krauten sich den Kopf: »O diese Langeweile, diese Langeweile!« Nach dem Bad und der Schokolade, um zehn Uhr, gemütlich und warm im sammetnen Schlafrock, brach ich in das Zimmer meines Prinzen, mit offenen, durstigen Armen: »'n Tag, Jacintho!« »'n Tag, Zugvogel!« Wie wir uns wieder und wieder umarmten, hielt ich ihn von mir ab, um seine Züge zu betrachten und in ihnen die Seele. In ein malvenfarbenes Wams gehüllt, das mit Marderpelz verbrämt war, die Schnurrbartenden schlaff herabhängend, seine beiden Falten noch tiefer eingegraben, Haltlosigkeit in den breiten Schultern, schien mein Freund schon gebückt unter dem Gewicht und den Schrecken seines Tages. Ich lächelte, damit auch er lächelte: »Wackerer Jacintho ... wie ist´s dir denn ergangen? Wie hast du gelebt?« Er antwortete ganz ruhig: »Wie ein Toter.« Ich stieß ein leichtes, gezwungenes Lachen aus, als wäre sein Uebel leicht: »Gelangweilt, was?« Mein Prinz blies mit so niedergeschlagener Gebärde ein so müdes »huh!« heraus, daß ich ihn voll Mitgefühls aufs neue umarmte, ihn an mich preßte, wie um ihm etwas von der soliden und reinen Heiterkeit mitzuteilen, die ich von meinem Gott erhalten habe! * * * Seit diesem Morgen fing Jacintho an, seinem Zé Fernandes offenkundig, sperrangelweit den Widerwillen zu zeigen, mit dem ihn sein Dasein sättigte. Tatsächlich widmete er dem Bestreben, diesen Widerwillen zu sondieren und zu formulieren; seine ganze Sorgfalt und Mühe – in der Hoffnung, ihn zu besiegen, sobald er seinen Ursprung und seine Stärke kennen würde. Und mein bedauernswerter Freund wiederholte so die ewig erheiternde Komödie eines Melancholikers, der seine Melancholie einer fortwährenden Untersuchung unterwirft. Bei dieser Forschung ging er stets von dem unbestrittenen und felsenfest stehenden Gesichtspunkt aus, daß sein Leben, sein spezielles Jacintho-Leben, alle Interessen und alle Erleichterungen in sich schließe, die in dem Leben eines Mannes, der weder ein Genie noch ein Heiliger ist, nur möglich sind. In der Tat! Trotz seines durch zwölf Jahre des Champagners und der fetten Bratensaucen abgestumpften Appetits bewahrte er noch die Straffheit einer Rotfichte; in dem Licht seiner Vernunft hatte sich weder ein Flackern noch eine Schnuppe bemerklich gemacht; der liebe portugiesische Boden und ein paar einträgliche Gesellschaften lieferten ihm pünktlich seine sanft eingehenden hundert Contos Rente; allzeit werktätig und allzeit getreu umgaben ihn die Sympathien einer unbeständigen und spottlüsternen Stadt; Nr. 202 platzte vor bequemen Einrichtungen; keinerlei Bitterkeit des Herzens plagte ihn; und trotz alledem war er ein Melancholikus. Warum?... Und mit blitzartiger Gewißheit sprang er hieraus zu dem Schluß über, daß seine Kopfhängerei, dies aschgraue Büßerhemd, in dem seine Seele eingesargt lag, nicht seiner Individualität entspringe, sondern dem Leben, der beklagenswerten, unheilvollen Tatsache des Lebens! Und so verfiel der gesunde, kluge, steinreiche, gerngesehene Jacintho in Pessimismus. Es war ein ärgerlicher Pessimismus! Denn nach seiner Versicherung war er zum natürlichen Optimisten geboren, wie ein Spatz oder eine Katze. Und bis zu seinem zwölften Jahre, wo er ein äußerst verwöhntes Wurm gewesen war, mit stets sorgfältig eingehüllter Haut und wohlgefülltem Teller, hatte er nie Ermüdung oder Melancholie oder Gereiztheit oder Bedauern empfunden – und Tränen waren für ihn so unbegreiflich gewesen, daß sie ihm wie ein Laster erschienen. Nun erst, als er heranwuchs und aus seinem Homunculusdasein der vollen Menschwerdung zustrebte, fing dieser Gärungsstoff der Traurigkeit an, in ihm zu keimen, nachdem er erst lange in dem Aufruhr der erwachenden Neugier unentwickelt gelegen hatte, durchsetzte bald sein ganzes Wesen, wurde zu einem Teil seines Wesens und sozusagen das Blut seiner Adern. Leiden sei demnach untrennbar vom Leben. Leiden, die je nach den verschieden gestalteten Schicksalen verschiedenartig seien. In der großen Menge der Menschen der atemlose Kampf ums Brot, ums Dach, um den Herd; in einer von höheren Bedürfnissen bewegten Kaste die Bitterkeit der Enttäuschungen, das Uebel der unbefriedigten Laune, der an Hindernisse prallende Stolz; bei ihm, der im Besitz aller Güter und ohne Wunsch sei, sei es der Widerwille, Not des Körpers, Pein des Begehrens, Ueberdruß des geistigen Wesens – das sei das Leben! Und nun mit dreiunddreißig Jahren sei seine Beschäftigung Gähnen und mit mutlosen Fingern über das hängende Gesicht streichen, um darin den Totenkopf zu fühlen und sich mit ihm zu befreunden. Hier angekommen, fing mein Prinz an, leidenschaftlich zu lesen, vom Prediger Salomonis an bis Schopenhauer, alle Lyriker und alle Theoretiker des Pessimismus. In dieser Lektüre stieß er auf den herzstärkenden Beweis, daß sein Uebel nicht so ein armselig »jacinthisches« Uebel sei, sondern vielmehr das erhabene Resultat einer Weltordnung. Schon vor viertausend Jahren, im grauen Jerusalem, resümierte sich das Leben, selbst in seinen sieghaftesten Wonnen, in ... Täuschung. Schon der unvergleichliche König voll göttlicher Weisheit, der ruhmreichste Sieger, der erhabenste Erbauer, litt an Ueberdruß, gähnte inmitten der Beutestücke seiner Eroberungen, der neuen Marmorblöcke seiner Tempel und seiner dreitausend Kebsweiber und der Königinnen, die tief aus dem Aethiopierlande herauskamen, damit er sie zu Ahnfrauen eines Gottes mache! Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und der ewige Kreislauf der Dinge ist der ewige Kreislauf der Uebel. Je mehr man weiß, desto mehr man leidet. Und der Gerechte wie der Ungerechte, staubgeboren beide, müssen wieder zu Erde werden. Alles neigt zu vergänglichem Staub, so in Jerusalem – so in Paris! Und er, obskur in seinen Champs-Elysées 202, litt, weil er Mensch war und weil er lebte – wie auf seinem goldenen Throne, seine vier goldenen Löwen zur Seite, Davids herrlicher Sohn gelitten hatte. Von da ab trennte er sich nicht mehr vom Prediger Salomonis. Und er durchreiste Paris in seinem Coupé mit Salomo als Leidensgefährten, mit dem er in den Schmerzensschrei einstimmte, der die Summe menschlicher Wahrheit enthält: Vanitas Vanitatum ! Alles ist eitel! Dann wieder traf ich ihn wohl in seiner ganzen Länge auf dem Sofa, in seidenem Schlafrock Schopenhauer schlürfend, während der Pedikur, auf dem Teppich knieend, ihm mit Respekt und Sachkenntnis die Nägel polierte. Zur Seite stand die Meißener Tasse mit dem von Emiren der Wüste gesandten Mokka, der ihn sowohl in Stärke wie in Aroma ewig unbefriedigt ließ. Von Zeit zu Zeit legte er das Buch auf die Brust, überlies mit mitleidig forschendem Blick den Pedikuren, wie um zu ergründen, welcher Schmerz ihn wohl peinigen möchte – da doch allem Leben ein Leiden entspricht. Sicherlich, so ewig an fremden Füßen herumhantieren... Und wenn der Pedikür sich erhob, lächelte ihn Jacintho mit einem Verbrüderungslächeln an und sein »Adieu, mein Freund!« war ein »Adieu, mein Schmerzensbruder!« Dies war die glänzende und prachtvoll unterhaltende Periode seiner Langeweile. Jacintho hatte endlich im Leben eine dankbare Beschäftigung gefunden – das Leben zu verwünschen! Und damit er es in all seinen Formen verwünschen könnte, in den reichsten, den geistigsten, den reinsten, belud er sein eignes Leben mit neuem Luxus, mit neuen geistigen Interessen, und sogar mit humanitären Aufwallungen, ja mit übernatürlicher Wißbegierde. In diesem Winter erstrahlte 202 in blendendem Glanze. Er führte, Heliogabalus wiederholend, in Paris die Farbenfeste ein, von denen die Historia Augusta , erzählt. Und er offerierte seinen Freundinnen jenes sublime Diner in Rosa, wo alles rosenfarben war, die Wände, die Möbel, die elektrischen Birnen, das Speisegerät, die Kristalle, das Eis, die Champagner, ja selbst, infolge einer Erfindung der hohen Küche, die Fische, die Braten, die Gemüse, die von rosagepuderten Lakaien in rosa Livrée serviert wurden, während von der Decke aus einem rosaseidenen Belarium frische Rosenblätter herabfielen... Geblendet klatschte die Stadt Beifall: »Bravo, Jacintho!« Und mein Prinz, um seinem strahlenden Fest die Krone aufzusetzen, stemmte vor mir die Hände in die Seiten und rief triumphierend: »Was? Ist das nicht zum Sterben langweilig?!« Dann folgte der Humanitarismus: er gründete ein Hospiz auf dem Lande, zwischen Gärten, für hilflose Greise; ein andres für schwächliche Kinder am Mittelmeer. Sodann drang er in den Theosophismus ein und setzte furchtbare Experimente in Scene, um die mysteriöse »Aeußerlichkeitsbeurteilung der Bewegkraft« zu ergründen. Endlich verband er in heller Verzweiflung sein 202 mit den Telegraphendrähten der Times, damit in seinem Kabinett, wie in einem Herzen, das ganze soziale Leben Europas pulsiere. Und bei jeder dieser Kraftäußerungen der Eleganz, des Humanitarismus, der Geselligkeit, des forschenden Verstandes wandte er sich mit fröhlich ausgebreiteten Armen und dem Triumphgeschrei zu mir: »Siehst du, Zé Fernandes! Sterbenslangweilig!« Und dann raffte er seinen Prediger Salomonis und seinen Schopenhauer auf und schlürfte, auf dem Sofa ausgestreckt, wollüstig die Uebereinstimmung der Doktrin und der Erfahrung. Er besaß einen Glauben – den Pessimismus; er war ein reicher und kraftvoller Apostel, und alles versuchte er, mit Prachtaufwand, um die Wahrheit seines Glaubens zu beweisen. In diesem Jahre genoß mein unseliger Prinz in vollen Zügen! Bei Beginn des Winters indessen machte ich die Beobachtung, daß Jacintho schon nicht mehr im Prediger Salomonis blätterte und daß er Schopenhauer vernachlässigte. Weder Feste, noch Theosophismen, noch seine Hospize, noch die Telegraphendrähte der Times schienen jetzt meinen Freund zu interessieren, nicht einmal als glorreiche Beweise seines Glaubens. Und seine verabscheuungswürdige Tätigkeit beschränkte sich aufs neue auf Gähnen und mit lässigen Fingern über das hängende Gesicht streichen, um den Totenschädel zu betasten. Unaufhörlich deutete er auf den Tod wie auf eine Befreiung. Eines Nachmittags erschreckte er mich sogar in der melancholischen Dämmerung der Bibliothek, ehe noch die Lichter erstrahlten, ganz beträchtlich damit, daß er mir in eisigem Ton von plötzlichen Todesfällen sprach, die schmerzlos durch eine reichliche Elektrizitätsladung oder durch die mitleidige Plötzlichkeit der Blausäure verursacht würden, Teufel! Der Pessimismus, der in dem Verstand meines Prinzen wie ein eleganter Einfall erschienen war, hatte plötzlich den Willen angegriffen. Von da ab glich all seine Bewegung der eines stumpfsinnigen Ochsen, der unter dem Joch und dem Stachel geht. Er erwartete schon vom Leben keinerlei Befriedigung mehr – beklagte sich auch nicht einmal, daß es ihm Langeweile oder Qual brächte. »Es ist alles gleichgültig, Zé Fernandes!« Und ebenso gleichgültig wäre er auf seinen Balkon getreten, um eine ihm vom Volke dargebotene Kaiserkrone in Empfang zu nehmen, wie er sich in einen schäbigen Lehnstuhl gesetzt hätte, um zu verstummen und zu ruhen. Da alles unnütz war und nur zur größten Illusion führte, was konnte an der loderndsten Tätigkeit oder der widerwilligsten Untätigkeit gelegen sein? Seine mich beständig irritierende Gebärde war ein Achselzucken. Vor der Wahl zwischen zwei Ideen, zwei Wegen, zwei Schüsseln zuckte er die Achseln! Was war daran gelegen?... Und in die belangloseste Handlung, wie das Anstreichen eines Zündholzes oder das Entfalten einer Zeitung legte er ein so hoffnungsloses Zaudern, daß er ganz und gar, von den Fingerspitzen bis in die Seele hinein, von einem Tau umwickelt schien, das man nicht sah und das alle seine Bewegungen fesselte. * * * Eine sehr unangenehme Erinnerung bildet für mich der 10. Januar, sein Geburtstag. Am frühen Morgen hatte er mit einem Billet von Madame de Trèves einen großen Korb mit Kamelien, Azaleen, Orchideen und Maiglöckchen erhalten. Und diese Aufmerksamkeit hatte ihm das bedeutungsvolle Datum ins Gedächtnis gerufen. Er blies den Rauch seiner Zigarre über die Blumenblätter und grollte mit leisem Hohngelächter: »Also schon seit vierunddreißig Jahren bin ich in diesem Narrenhause?!« Und da ich vorschlug, den Freunden zu telephonieren, sie möchten in 202 den Geburtstagschampagner trinken, lehnte er das mit Nasenrümpfen ab. »O nein! Wie entsetzlich langweilig!« Und dann schrie er sogar Grillo zu: »Heute bin ich für niemand in Paris zu Hause. Ich bin aufs Land gefahren – nach Marseille abgereist... tot!« Seine Ironie hörte auch nicht auf, als die Karten, die Depeschen, die Briefe sich noch vor dem Frühstück auf dem Ebenholztisch zu einem Berge erhoben, wie eine Huldigung der Stadt. Andre Blumen, die ankamen, in prachtvollen Körben, mit prachtvollen Schleifen, verglich er mit solchen, die man auf ein Grab legt. Und kaum, daß er sich einen Moment für das Geschenk Ephraims interessierte, einen ingeniösen Tisch, der sich niedrig stellen ließ wie der Teppich, oder bis unter die Decke erhöht werden konnte – wozu das, Himmelherrgott? Nach dem Frühstück verließen wir, da es in Strömen regnete, das Haus nicht, sondern streckten in trägem Schweigen die Füße gegen den Kamin. Ich schlief darüber schließlich selig ein. Ich erwachte bei den hastigen Schritten Grillos ... Jacintho, in einen Lehnstuhl vergraben, zerschnitt mit einer Schere ein Papier! Und niemals fühlte ich mich so von Erbarmen durchdrungen für diesen Freund, der seine Jugend damit verbracht hatte, alle Begriffe aufzuhäufen, die jemals seit Aristoteles Zeiten formuliert worden waren, und alle Erfindungen zu vereinen, die seit Theramenes gemacht worden waren, – wie an diesem festlichen Tage, da er, von Zivilisation im größten Maßstabe umgeben, um im größten Maßstabe die »Wonne, zu leben« zu genießen, sich darauf beschränkt fand, an seinem Herde mit einer Schere Papiere zu zerschneiden! Grillo überbrachte ein Geschenk des Großherzogs – einen silbernen, mit Zedernholz ausgeschlagenen Kasten voll kostbaren Tees, der, Blüte für Blüte, in den Gefilden von Kiang-Sou von reinen, jungfräulichen Händen gepflückt und in Karawanen, mit der einer Reliquie zukommenden Ehrerbietung, durch Asien geführt worden war. Um unsre Schläfrigkeit zu beleben, schlug ich vor, den göttlichen Tee zu kosten – eine Beschäftigung, die ganz im Einklang stand mit dem grauen Nachmittag, dem gegen die Scheiben klatschenden Regen und der hellflackernden Flamme im Kamin. Das wurde von Jacintho genehmigt, und ein Lakai trug sogleich den Tisch von Ephraim herbei, damit wir seine geschickten Dienste erprobten. Aber nachdem ihn mein Prinz zu meinem Entsetzen bis an die Kristalle der elektrischen Krone in die Höhe geschraubt hatte, gelang es ihm nicht, trotz eines heißen und verzweifelten Kampfes mit den Federn, den Tisch zu bewegen, wieder zu einer menschlichen und einigermaßen gemütlichen Höhe zurückzukehren. Und der Lakai trug ihn wieder fort wie ein Baugerüst, chimärisch, einzig annehmbar für den Riesen Adamastor. Dann kam der Teekasten inmitten von Teeschalen, Lampen, Teesieben, Filtern, einer ganzen Prunkausstellung von Silbergerät, das dieser im Hause meiner Tante Vicencia so einfachen und freundlichen Handlung des Teeaufbrühens die Majestät eines Ritus verlieh. Von meinem Freunde an die Erhabenheit dieses Tees von Kiang-Sou gemahnt, hob ich die Tasse mit Ehrfurcht an die Lippen. Es war ein farbloser Aufguß, der nach Malven und Ameisen schmeckte. Jacintho kostete, spie aus, fluchte ... Tee wurde nicht weiter getrunken. Nach einer Weile nachdenklichen Schweigens murmelte ich, den verlorenen Blick auf die Flamme gerichtet: »Und die Bauarbeiten in Tormes? Die Kirche ... Sollte die Kirche schon fertig sein?« Jacintho hatte wieder zu Papier und Schere gegriffen: »Weiß nicht ... Ich habe keine weitere Nachricht von Silverio erhalten ... Ich habe keine Idee, wo die Gebeine hingekommen sind ... Unheimliche Geschichte das!« Dann nahte die Stunde der angezündeten Lichter und des Mahles. Ich hatte durch Grillo bei unserm Küchenmeister eine große Schüssel süßen Reis bestellen lassen, mit den Anfangsbuchstaben Jacinthos und dem beglückenden Datum in Zimmet daraufgestreut, nach dem liebenswürdigen Brauch unsrer milden Heimat. Und bei Tisch, als mein Prinz das Elfenbeintäfelchen durchlas, worauf die Gerichte mit Rotstift verzeichnet wurden, lobte er feurig die patriarchalische Idee: » Arroz dôce ! Süßer Reis! Ist mit ß geschrieben, aber das tut nichts ... Famoser Einfall! Seit Ewigkeiten habe ich keinen süßen Reis mehr gegessen! ... Seitdem der Großvater tot ist.« Als dann aber der süße Reis triumphierend erschien, welch eine Enttäuschung! Ein Monumentalbau der hohen Kunst! Der Reis stieg massiv, in der Form einer ägyptischen Pyramide aus einer Kirschsauce auf und verschwand unter eingezuckerten Früchten, die ihn bis zum Gipfel bekleideten, wo eine aus Schokolade und Mandarinenscheiben gebildete Grafenkrone balancierte! Und die Initialen, das Datum, sonst so hübsch und ernsthaft in dem schlichten Zimmet, waren auf den Rand der Schüssel gezeichnet mit ... kandierten Veilchen! Mit stummem Entsetzen wiesen wir die verhunzte Schüssel von uns. Und Jacintho erhob das Champagnerglas und murmelte, wie bei einem heidnischen Leichenbegängnis: » Ad Manes , unsern Toten!« Wir zogen uns darauf in die Bibliothek zurück, um am gemütlichen Kaminfeuer den Kaffee zu nehmen. Draußen heulte der Wind wie in einer Gebirgsschlucht, und die Fensterscheiben klirrten und rieselten unter wütendem Regengeprassel. Welch traurige Nacht für die zehntausend Armen, die in Paris brot- und unterstandslos umherirren! In meinem Dorfe zwischen Tal und Hügel brüllte vielleicht der Sturmwind ebenso. Dort aber, unter dem Schutz seines Ziegeldaches, wo der mit Kohl gefüllte Kessel über dem Feuer hängt, wickelt sich jeder Arme in seinen langen Mantel und rückt dichter an die Herdglut heran. Und für die, die etwa kein Brennholz oder keinen Kohl haben, ist der Joaon das Quintas da oder die Tante Vicencia oder der Pfarrer, die alle die Armen bei Namen kennen und schon mit auf sie rechnen, als gehörten sie zu ihnen, wenn der Wagen zu Holz fährt und der Backofen geheizt wird. O, du kleines Portugal, wie bist du den Kleinen so freundlich! Ich seufzte, Jacintho faulenzte. Und schließlich wühlten wir träge in den Zeitungen, die der Hausmeister in beredsamem Haufen auf einer silbernen Platte gebracht hatte – Zeitungen von Paris, Zeitungen von London, Wochenschriften, Rundschauen, illustrierte Zeitschriften ... Jacintho entfaltete, warf beiseite; von den Rundschauen las er das Inhaltsverzeichnis und hatte genug; die illustrierten Blätter riß er gleichgültig mit dem Finger auf, gähnte über den Holzschnitten und streckte sich dann noch mehr nach dem Feuer hin: »Oede ... nichts zu lesen darin.« Und plötzlich, wie empört über diese drückende Langweile, die ihn knechtete, sprang er mit einem Ruck wie einer, der Handschellen zerreißt, aus seinem Sessel auf und stand aufrecht, einen gebietenden, strengen Blick ringsum werfend, wie wenn er dies sein 202 mit seiner aufgestapelten Zivilisation drohend aufforderte, seiner Seele, und wäre es nur für einen Moment, ein lebhaftes Interesse, seinem Leben einen flüchtigen Genuß zu geben! Aber 202 blieb unempfindlich: kein Lichtstrahl belebte seinen stummen Glanz, nur die Fensterscheiben zitterten unter dem stärkeren Klopfen des Regens und Windes. Dann schleppte mein Prinz niedergeschlagen die Schritte bis zu seinem Kabinett, fing an, all die das Leben vervollständigenden und erleichternden Apparate durchzugehen – seinen Telegraphen, sein Telephon, den Phonographen, den Radiometer, das Graphophon, das Mikrophon, die Schreibmaschine, die Zählmaschine, die elektrische Druckpresse, die andre, die magnetische, alle seine Utensilien, alle seine Tuben, alle seine Drähte ... So geht ein Büßer, Hilfe heischend, von einem Altar zum andern. Und seine ganze prachtvolle Mechanik verharrte steif, kalt leuchtend, ohne daß ein Rad sich gedreht oder eine Scheibe vibriert hätte, um den Gebieter zu unterhalten. Nur die Monumentaluhr, die die Zeit aller Hauptstädte und den Lauf aller Planeten anzeigte, erbarmte sich und schlug Mitternacht, wodurch sie meinem Freunde ankündigte, daß wiederum ein Tag mit seiner Plage dahingegangen sei – und somit dieser dumpfe Druck des Lebens, unter dem gebeugt er seufzte, so viel leichter geworden sei. Prinz Glückspilz entschloß sich alsdann, zu Bett zu gehen – mit einem Buch ... Und einen Moment lang blieb er mitten in der Bibliothek stehen und betrachtete seine mit Pomp und Majestät, wie Doktoren bei einem Konzil aufgestellten siebzigtausend Bände – dann die durcheinandergeworfenen Stöße neuer Bücher, die in den Ecken auf dem Teppich die Ruhe und die Weihe der Ebenholzregale erwarteten. Lässig den Schnurrbart drehend, schritt er schließlich der Region der Historiker zu: spähte Jahrhunderte aus, beschnupperte Rassen; er schien von dem Glanz des byzantinischen Kaiserreichs angezogen; er drang vor zur französischen Revolution, von der er sich ernüchtert abwandte; und mit unentschlossener Hand betastete er das weitläufige Griechenland von der Erbauung Athens an bis zur Zerstörung von Korinth. Aber plötzlich wandte er sich dem Fach der Dichter zu, die in hellen Maroquins leuchteten und auf dem Rücken in Goldschrift in kräftigen oder schmachtenden Titeln das Innere ihrer Seelen zeigten. Aber keine dieser sechstausend Seelen vermochte ihn anzuziehen – und er wich hoffnungslos zurück bis zu den Biologen ... So massiv und geschlossen war das Fach der Lebenslehre, daß mein armer Jacintho vor Schrecken erstarrte, wie vor einer unzugänglichen Citadelle. Er rollte die Treppe herzu und kletterte in voller Flucht bis in die luftigen Höhen der Sternkunde. Er nahm Gestirne von ihrem Platz, verrückte Welten: ein ganzes Sonnensystem prasselte hernieder. Betroffen stieg er herunter, fing an, unter den neuen Werken zu suchen, die da broschiert, noch in ihren leichten Streitgewändern lagen. Er raffte auf, durchblätterte, warf weg, um einen Band hervorzugraben, zerstörte einen Turm von Doktrinen, sprang über Probleme hinweg, trat Religionen mit Füßen. Und während er hier eine Zeile überblickte, dort einen Index durchscharrte, und alles ihn abstieß, wurde er fast fortgewälzt von den großen Wogen rollender Bände, ohne sich halten zu können, in dem Verlangen, ein Buch zu finden! Da blieb er mitten in dem ungeheuren Schiff der Bibliothek kauernd sitzen und sah scheu an den bis zur Decke mit Büchern bekleideten Wänden empor, schielte nach dem Fußboden, den die Bücherleichen wie ein Schlachtfeld bedeckten, und übersättigt, überladen, übel von dem Druck seines Ueberflusses wandte er sich schließlich dem Stoß zerknitterter Zeitungen zu, nahm trübsinnig ein altes Lissaboner Tageblatt, eine Nummer des » Diario de Noticias « auf, und mit der unter dem Arm stieg er zu seinem Zimmer hinauf, um zu schlafen, um zu vergessen. VII Gegen Ende dieses dunkeln und pessimistischen Sommers, als ich eines Morgens im Bette faulenzte, während durch das von noch bleicher Sonne beschienene Fenster ein noch scheuer Hauch des Frühlings eindrang, erschien Jacintho an der Tür meines Zimmers, in weichen Flanell von Lilienweiße gekleidet. Am Rande meiner Matratze hielt er seine Schritte an, und feierlichen Tons, als wenn er seine Hochzeit oder seinen Tod anzeigte, ließ er die wuchtige Erklärung auf mich hereinbrechen: »Zé Fernandes, ich reise nach Tormes.« Der Satz, mit dem ich mich aufrecht setzte, brachte des alten Dom Galiaon schweres Bett aus Guajakholz ins Schwanken. »Nach Tormes? O Jacintho, wen hast du umgebracht?« Belustigt von meiner Erregung zog Prinz Glückspilz einen Brief aus der Tasche und las daraus folgende Zeilen, sicherlich schon wieder und wieder gelesen und gründlich studiert: »›Illustrissimo und Excellentissimo Senhor! Es gereicht mir zur großen Befriedigung, Euer Gnaden mitzuteilen, daß im Laufe dieser Woche die Arbeiten am Kapellenbau beendet werden ...‹« »Ah, von Silverio?« rief ich aus, »Ja, von Silverio. ›... beendet werden. Die ehrwürdigen Ueberreste der erlauchten Vorfahren von Euer Gnaden, Herrschaften meines allerhöchsten Respekts, können demnach in kurzem von der St. Josephskirche, wo sie mit gütiger Erlaubnis unsers Pfarrers (der sich Euer Gnaden angelegentlichst empfiehlt) deponiert gestanden haben, übergeführt werden ... Ich verharre untertänigst in Erwartung der geneigten Beschlüsse von Euer Gnaden hinsichtlich dieser majestätischen und trauervollen Zeremonie ...‹« Voller Verständnis warf ich die Arme in die Luft. »Aha! Du willst der Ueberführung beiwohnen?« Jacintho versenkte den Brief in die Tasche. »Scheint dir das nicht auch geboten, Zé Fernandes? Es ist nicht wegen der andern Vorfahren, deren Gebeine nichts für mich bedeuten, und die ich nicht gekannt habe. Aber um des Großvaters Galiaon willen ... Auch ihn habe ich nicht gekannt. Aber dies Haus ist voll von ihm: Du liegst da in seinem Bett; ich trage noch seine Uhr. Ich kann nicht Silverio und den Kätnern die Sorge überlassen, ihn in seiner neuen Ruhestätte beizusetzen. Ich habe da meine Skrupel moralischen Anstands ... kurz und gut, ich bin entschlossen. Ich habe beide Fäuste an den Kopf gepreßt und geschrieen: ›Ich gehe nach Tormes!‹ Und ich gehe! ... Und du kommst mit!« Ich schlüpfte in die Pantoffeln und knüpfte die Schnüre des Schlafrocks zusammen: »Aber weißt du, mein guter Jacintho, daß das Haus in Tormes unbewohnbar ist...« Er heftete ein paar entsetzte Augen auf mich. »Scheußlich, was?« »Scheußlich, scheußlich, nein ... Es ist ein schönes Haus aus schönem Stein. Aber die Kätner, die da seit dreißig Jahren wohnen, schlafen auf Pritschen, essen ihren Caldo Fleischsuppe aus viererlei Fleisch: Ochsenfleisch, Huhn, Schinken und Salchicho (Fleischwurst) mit feingeschnittenem, zartem Grünkohl; das sehr schmackhafte und kräftige Nationalgericht der Portugiesen. am Herd und verwenden die Wohnräume, um Mais zu trocknen. Ich glaube, das einzige Mobiliar von Tormes besteht, wenn ich nicht irre, in einem Schrank und einem japanisch lackierten Spinett, lahm und ohne Tasten.« Mein armer Prinz seufzte mit einer Gebärde der Ergebung, mit der er sich dem Geschick überließ. »Meinetwegen! Alea jacta est ! Und da wir erst im April reisen, so ist Zeit genug, Fußböden zu legen, Fensterscheiben einzusetzen. Ich schicke von hier aus Teppiche und Betten. Ein Lissaboner Tapezier kann dann tapezieren und irgendwelche Löcher maskieren. Wir nehmen Bücher mit, eine Eismaschine. Und zudem ist es eine gute Gelegenheit, in eines meiner Häuser in Portugal ein bißchen Wohnlichkeit und Ordnung zu bringen. Findest du nicht? Und noch dazu dies! Ein Haus, das aus dem Jahre 1410 datiert ... da bestand ja noch das byzantinische Reich!« Ich pinselte mir langsam Seifenflocken ins Gesicht. Mein Prinz zündete sich nachdenklich eine Zigarette an und wich und wankte nicht von meinem Toilettetisch, sah vielmehr der Zurüstung meines äußeren Menschen mit einer tiefsinnigen Aufmerksamkeit zu, die mich genierte. Schließlich, wie wenn er einen von mir geäußerten Ausspruch wiederkäute, um die Moral und den Saft herauszuschälen: »Also, Zé Fernandes, du bist der ausgesprochenen Meinung, daß es eine Pflicht, eine ausgesprochene Pflicht meinerseits ist, nach Tormes zu gehen?« Mit belustigtem Staunen wandte ich mein eingeseiftes Gesicht meinem Prinzen zu: »O Jacintho! In dir selbst und nur in dir entsprang der Gedanke an diese Pflicht! Und sie gereicht dir zur Ehre, mein Junge. Tritt niemand sonst diese Ehre ab!« Er warf die Zigarette weg und ging, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider versenkt, im Zimmer hin und wider, stieß an die Stühle, stolperte über die gedrechselten Pfosten des alten Bettes von Dom Galiaon, in unsicherem Schwanken, wie ein von seinem sicheren Ankerplatz gelöstes, steuerlos auf offenem Meer treibendes Boot. Schließlich strandete er an dem Tisch, wo ich, nach meiner Gefühlsleiter abgestuft, die Galerie meiner Familie in Reih und Glied aufgestellt hatte, von dem Daguerreotyp meines Vaters bis zur Photographie des Hühnerhundes Carocho. Und nie zuvor war mir mein Prinz, den ich betrachtete, während ich die Tragbänder festknüpfte, so gebückt, so abgefallen erschienen, so wie von einer Feile abgenutzt, die seit langem an ihm schabte. So also, in diesem in Zivilisation aufgehenden, raffinierten Knochengerüst ohne Muskeln und ohne Energie, sollte die kraftstrotzende Rasse der Jacinthos enden! Dieser haarigen Jacinthos, die auf ihren Hochsitzen von Tormes, nachdem sie am Salado den Mauren und bei Valverde den Kastilianer in die Flucht geschlagen, nicht einmal die schwarze Eisenrüstung auszogen, um ihren Boden zu beackern und die Weinrebe an der Ulme festzubinden, und die das Reich mit der Lanze und dem Grabscheit aufrichteten, beide so scharf und so stark! Und da stand jetzt dieser letzte Jacintho, ein Jacinthiculo, mit der in Aromas getränkten geschmeidigen Haut, die kurze Seele in Philosophien eingewickelt, wie durch einen Hemmschuh gefesselt und leise seufzend in der kleinen Unentschlossenheit, zu leben. »O, Zé Fernandes, wer ist diese kleine dicke Bäuerin?« Ich reckte den Hals nach der Photographie, die er aus meiner Galerie in ihrem Ehrenrahmen aus scharlachrotem Plüsch hervorgezogen hatte: »Bitte, mehr Respekt, Senhor Dom Jacintho ... Ein bißchen mehr Respekt, Verehrtester! Das ist mein Bäschen Joanninha, aus Sandosim, aus dem Hause Flôr da Malva.« »Flôr da Malva,« wiederholte mein Prinz, »das ist das Haus des Connétable, des Nun'Alvares. Der »Grande Condestavel« Nuno Alvares Pereira, Waffengefährte des Großmeisters von Aviz und späteren Königs Johann I., wurde durch die Vermählung seiner Tochter Brites mit Alfonso, natürlichem Sohn des Königs und erstem Herzog von Braganza, Ahnherr des regierenden Königshauses. Anm. d. Uebers. »Flôr da Rosa, Mann! Das Haus des Connétable war Flôr da Rosa im Alemtejo ... Welch ein Durcheinander bei dir in Sachen Portugals!« Mein Prinz ließ lässig die Photographie meiner Base wieder aus den schlaffen Fingern fallen, die er nun zum Gesicht hob, in seiner schauderhaften Gewohnheit, in dem Gesicht den Totenschädel zu betasten. Denn plötzlich reckte er sich mit einem famosen Entschluß und rief: »Nun gut! Alea jacta est ! Wir, reisen also nach der Serra ab! ... Und jetzt kein weiteres Ueberlegen, kein Besinnen! Ans Werk! Und auf nach Portugal!« Er faßte das vergoldete Türschloß, als wäre es der schwarze Verschluß, der das Schicksal erschließt, und rief im Korridor nach Grillo, mit tönender, gebieterischer Stimme, wie ich sie nie an ihm gehört hatte, und die mich an einen Befehlshaber gemahnte, der die Reveille schlagen läßt, damit das Lager abgebrochen werde und der Heerhaufe sich mit fliegenden Fahnen in Marsch setze. Gleich am selben Morgen entwickelte er eine Tätigkeit, in der ich die mit Uebelkeit verbundene Eile eines Menschen, der Ricinusöl getrunken hat, wiedererkannte; er schrieb an Silverio und ordnete an, daß das Herrenhaus getüncht, mit Fußböden belegt und mit Fensterscheiben versehen werden sollte. Und nach dem Frühstück erschien er in der Bibliothek und rief durch das Telephon heftig den Direktor der »Compagnie Universelle de Transports« an, um die Ueberführung von Mobilien und andern Bequemlichkeiten mit ihm zu vereinbaren. Das war ein Mann, der das Plakat seiner Compagnie schien, in einen Ueberrock von dunkelgewürfeltem Zeug eingepreßt, mit Reisegamaschen über weißen Stiefeln, einer Ledertasche über der Achsel und im Knopfloch eine vielfarbige Rosette, die seine exotischen Orden von Madagaskar, Nicaragua, Persien resümierten und andre mehr, die von der Universalität seiner Dienste Zeugnis ablegten. Kaum erwähnte Jacintho »Tormes am Douro ...« so streckte er mit überlegenem Lächeln den Arm aus, als wolle er in seiner genauesten Vertrautheit mit jenen Gegenden alle weiteren Erläuterungen zurückhalten. »Tormes ... Parfaitement! Parfaitement!« Auf dem Knie kritzelte er eine flüchtige Notiz in sein Taschenbuch, während ich betreten die Unermeßlichkeit seines chorographischen Wissens bestaunte, das so vertraut war mit den abgelegenen Winkeln einer portugiesischen Serra und mit all ihren alten Herrensitzen. Er hatte das Taschenbuch schon wieder in die Tasche geschoben ... Und wir, seine »verehrten Herren,« hatten nichts weiter zu tun, als für das Einpacken des Gepäcks, der Mobilien, der Kostbarkeiten zu sorgen: er würde seine Wagen schicken, um die Kisten zu holen, die er mit großen Buchstaben in dicker Tinte signieren würde. »Tormes, parfaitement. Linie Nordspanien-Medina-Salamanca ... Parfaitement! Tormes ... Sehr pittoresk! Und antik, historisch! Parfaitement!« Er verrenkte sich den Hals in einer abgrundtiefen Verbeugung und enteilte der Bibliothek mit Schritten, die Meilen verschluckten und auf die Raschheit der Beförderung bei ihm deuteten. »Da siehst du,« sagte Jacintho mit ernsthafter Anerkennung, »welche Promptheit, welche Leichtigkeit! ... In Portugal wäre das eine Tragödie. Es gibt doch nur ein Paris!« Und so begann denn das kolossale Verpacken aller jener meinem Prinzen unerläßlichen Lebensbedingungen für einen Monat rauhen Gebirgslebens – Betten mit Spiralmatratzen, Badewannen aus Nickel, Carcel-Lampen, tiefe Diwans, Vorhänge, um zugige Spalten zu verhängen, Teppiche, um rohe Fußböden zu bekleiden. Die Bodenräume, wo der schwere Hausrat des Großvaters Galiaon verstaut war, wurden ausgeräumt, denn das mittelalterliche große Haus von 1410 ertrug die romantischen Pfeilerspiegel von 1830. Aus allen Magazinen von Paris strömten jeden Morgen Ballen, Kisten, schreckenerregende Pakete herbei; die Packer öffneten sie und verschütteten dabei die Korridore unter Haufen von Stroh und grauem Packpapier, worin unsre hastigen Schritte sich verwickelten. Atemlos organisierte der Koch die Zustellung von Koch- und Bratöfen, Eismaschinen, Flaschen mit Trüffeln, Konservedosen, weitbauchigen Mineralwasserflaschen. In dem Gedanken an die Gewitter in den Bergen kaufte Jacintho einen ungeheuren Blitzableiter. Vom Morgengrauen an wurde in den Höfen, im Garten gehämmert, genagelt mit so ausgiebigem Lärm, als gälte es, eine Stadt aus dem Boden zu stampfen. Und der Wagenzug, der, das Gepäck entführend, sich durch die Einfahrt bewegte, rief mir eine Seite aus Herodot ins Gedächtnis, wo er den Marsch der Perser beschreibt. Vom Fenster aus genoß Jacintho mit ausgestrecktem Arm diese Tätigkeit und Disciplin in vollen Zügen: »Siehst du, Zé Fernandes, welche Leichtigkeit! ... Hier verlassen wir unser 202, kommen dort im Gebirg an und finden unser 202 wieder! Es gibt doch nur ein Paris!« Aufs neue fing mein Prinz an, die Stadt zu lieben, als er seinen Exodus vorbereitete. Jeden Morgen, wenn er die Packer zur Eile angefeuert, neue Bequemlichkeiten für den verlassenen Herrensitz entdeckt hatte, wenn er lange Listen mit Aufträgen an jegliches Kaufhaus in Paris telephoniert hatte – so kleidete er sich mit Behagen an, parfümierte sich, steckte ein Sträußchen an, versenkte sich in die Viktoria oder sprang auf den Fahrsitz des Phaetons und fuhr nach dem Bois, wo er den talmudischen Bart Ephraims grüßte und die nachtschwarzen Scheitel der Verghane und den Psychologen im Fiaker und die Comtesse de Trèves in ihrer neuen achtfederigen Kalesche ... Und dann scharte er Freunde zusammen zu improvisierten Diners im Voisin oder im Bignon, wo er mit der Ungeduld vergnügten Hungers seine Serviette entfaltete und mit Inbrunst darüber wachte, daß die Bordeauxweine wohl gewärmt und die Champagner gut gekühlt waren. Und im Theater der »Nouveautés« im Palais Royal, in den Buffos lachte er, sich die Schenkel klatschend, über uralte Witze uralter Possen, über stereotype Grimassen stereotyper Komödianten, über die er schon in seiner Kindheit gelacht hatte, vor dem Kriege unter dem dritten Napoleon! Aufs neue füllten sich zwei Wochen lang die Seiten seiner Agenda zum Ueberfließen. Die Pracht seines Kostümes auf dem Maskenball der Prinzessin Cravon-Rogan, wo er als Friedrich II. von Schwaben erschien, war überwältigend. (Ich war auch dort, als Moçode forcado . Die »Moços de forcado« genannten Stierkämpfer haben die Aufgabe, den erschöpften Stier bei Schwanz und Hörnern zu packen, um ihm die »Farpas« und »Bandarilhas« auszureißen. Anm. d. Uebers. Und im »Verein für die Entwicklung der esoterischen Religionen« führte er in einer schneidigen Rede die Notwendigkeit aus, auf dem Montmartre einen Buddha-Tempel zu errichten! Zu meinem Staunen fing er auch wieder an, wie in den Schulzeiten von der »famosen Zivilisation im größten Maßstabe« zu reden. Er ließ sein altes Teleskop einpacken, um es in Tormes zu verwenden. Ich fing an, ernstliche Befürchtungen zu hegen, er möchte der Idee Raum geben, da oben auf der Serra eine Stadt mit allen ihren Organen zu schaffen. Wenigstens gab mein Jacintho nicht zu, daß diese Wochen in der Waldabgeschiedenheit von Tormes die unbegrenzte Aufstapelung der Begriffe unterbrächen – denn eines Morgens kam er aufgeregt in mein Zimmer gestürzt und rief trostlos, wir hätten unter all den für Tormes eingepackten Lebensbedingungen und Zivilisationsformen die Bücher vergessen! Und so war es. Wie verdrießlich für unsern Intellekt! Aber welche Wahl treffen unter den Tausenden beredsamer Bände, unter denen sich die Regale bogen? Mein Prinz entschied sich sofort, die Tage seiner Bergeinsamkeit dem Studium der Naturgeschichte zu widmen, und alsobald warfen wir mit eignen Händen auf den Boden einer geräumigen neuen Kiste, als Ballast, die fünfundzwanzig Bände des Plinius. Darauf entleerten wir Arme voll Geologie, Mineralogie, Botanik hinein ... Oben drauf breiteten wir eine luftige Schicht Astronomie. Und um diesen schwankenden Wissenschaften im Kasten mehr Stabilität zu verleihen, verkeilten wir sie ringsum mit Metaphysik. Als aber die letzte Kiste, gut vernagelt und mit Eisenbändern versehen, auf dem letzten Wagen der »Compagnie Universelle de Transports« zum Tor hinaus geführt war, fiel diese ganze Aufregung Jacinthos zusammen wie der Schaum in einem Champagnerglase. Wir waren schon in den lauen Tagen der Iden des März. Und von neuem dröhnte sein anmutiges, herzerquickendes Gähnen durch das Haus, und von neuem ächzten die Sofas unter dem Gewicht seines Körpers, den er sterbensmüde von Ueberdruß und Langweile darauf fallen ließ, im Wunsche nach ewiger Ruhe, von Schweigen und Einsamkeit umhüllt. Ich verzweifelte. Was! Sollte ich noch länger diesen Prinzen ertragen, wie er idiotisch seinen Totenschädel betastete und, wenn die Dämmerung die Bibliothek verdüsterte, in hohlem Ton auf die Süßigkeit eines plötzlichen Todes durch die barmherzige Geschwindigkeit der Blausäure hinwies? Ach nein, Schwerenot! Und eines Nachmittags, wo ich ihn wieder der Länge nach auf dem Diwan fand, die Arme kreuzweis über die Brust verschränkt, als wenn er seine eigne Marmorstatue auf seinem granitnen Grabmal wäre, schüttelte ich ihn wütend und schrie: »Wach auf, Mensch! Reisen wir nach Tormes! Das Haus muß mittlerweile fertig sein, glänzend, überlaufend von Sachen! Die Gebeine deiner Ahnen verlangt es nach ewiger Ruhe in eigner Gruft! Auf! laß uns die Toten begraben und uns, die Lebenden, leben! Zum Teufel! Wir haben den fünften April! ... Das ist die rechte Zeit fürs Gebirg!« Mein Prinz kehrte aus der Regungslosigkeit des Steins allmählich wieder zum Leben zurück: »Der Silverio hat mir nicht geschrieben, nie wieder geschrieben ... Aber, allerdings, es muß alles bereit sein ... Wir haben da schon gewiß Dienerschaft, den Koch von Lissabon ... Ich nehme nur Grillo mit, und Anatole, der die Stiefel schön putzt und Anlage hat zum Leichdornoperateur. Heut ist Sonntag ... (er zog die Uhr) vier Uhr vorbei ...« Und dann stand er plötzlich mit den Füßen auf dem Teppich: »Gut, am Sonnabend reisen wir!« rief er heldenmütig. »Benachrichtige du Silverio!« Nun begann das mühevolle und tiefsinnige Studium des Kursbuches, und ruhelos wanderte der dünne Finger Jacinthos über den Plan zwischen Paris und Tormes hin und her. Um den Salonwagen zu wählen, den wir auf der gefürchteten Reise bewohnen sollten, durchliefen wir zweimal das Depot des Bahnhofs Orleans, schlammbespritzt hinter dem uns betäubenden Stationsvorsteher herschreitend. Den einen Wagen lehnte mein Prinz ab wegen der düsteren Farbe der Ueberzüge. Den andern wies er von sich wegen der beängstigenden Enge der Toilette. Eine seiner Hauptsorgen war das Bad an den Morgen, die wir in dem rollenden Material zubringen sollten. Ich wies auf die Handlichkeit einer Gummibadewanne hin. Jacintho seufzte unschlüssig ... Aber nichts entsetzte ihn so sehr, wie das Umsteigen in Medina del Campo, nachts in den Finsternissen Altkastiliens! Vergeblich, daß die Eisenbahngesellschaft von Nordspanien und die von Salamanca durch Briefe und Telegramme ihn zu beruhigen suchten, indem sie versicherten, wenn er in seinem Zuge von Irun ankäme, so würde schon ein andrer Salonwagen, der an den Zug nach Portugal angehängt würde, ihn erwarten, und zwar gut durchwärmt, gut erleuchtet, mit einem Abendessen, das ihm einer der Direktoren, Don Esteban Castillo, offerierte, der oft in 202 ein geräuschvoller und weinfroher Gast gewesen war. Jacintho strich sich über das Gesicht: Und die Nachtsäcke, die Felle und Pelze, die Bücher, wer würde die von dem Iruner Zug nach dem von Salamanca bringen? Ich schrie verzweifelt, daß die Gepäckträger von Medina die schnellsten und geschicktesten von ganz Europa seien! Er murmelte: »Ja, wenn auch, aber in Spanien, nachts!« Die Nacht, fern von der Stadt, ohne Telephon, ohne elektrisches Licht, ohne Schutzleute, schien ihm von Ueberraschungen und Ueberfällen zu wimmeln. Er beruhigte sich erst, als er auf der Sternwarte unter Garantie des gelehrten Professors Bertrand festgestellt hatte, daß die Nacht unsrer Reise eine Vollmondsnacht wäre. Am Freitag endlich endete die großartige Organisation jener historischen Reise. Der prädestinierte Sonnabend brach an voll süß umschmeichelnden Sonnenscheins in freigebiger Fülle. Und ich schloß gerade die in graues Papier gewickelten Photographien der süßen kleinen Mädchen in den Koffer, die mich in diesen siebenundzwanzig Monaten meines Pariser Aufenthalts »mon petit chou! mon rat chéri!« genannt hatten, als Jacintho in das Zimmer brach, einen prachtvollen Orchideenstrauß im Knopfloch, blaß und höchst aufgeregt. »Wollen wir zum Abschied ins Bois fahren?« Wir fuhren – zum großen Abschied! Und mit Wonne! Sogar in den Polstern und Federn der Viktoria fühlte ich gleich eine wiegendere Elastizität. Nachher in der Avenue du Bois tat es mir beinahe leid, daß ich nicht in alle Ewigkeit so dahinrollen konnte, im rhythmischen Trab der tadellosen Maultiere, im strahlenden Glanz des Lacks und der Metalle über diesen Makadam, der, glatter als Marmor, sich zwischen den wohl gesprengten Blumenbeeten und Rasenplätzen von entzückender Frische dahin streckte, in Begegnungen mit der freien, eleganten Menschheit, die ihre Schokolade aus Sèvres- oder Minton-Porzellan trank, in seidenen Kissen und Teppichen für dreitausend Franken ausfuhr und den Aprilsonnenschein mit Muße, Grazie und Sorglosigkeit trank! Das Bois schimmerte in einer Farbenharmonie von Grün, Blau und Gold. Kein Loch, keine bloße Erde störte die Glätte der polierten Alleen, kein zerzaustes Reis verwirrte die glatten Wogen des Laubwerks, das der Staat beschneidet und wäscht. Kaum, daß sich ein Zwitschern der Vögel erhob, um einen leichten Reiz geflügelten Lebens zu verbreiten; – und natürlicher erschien unter dem geselligen Blätterdach das Knirschen der neuen Sättel, in denen sich schlanke Amazonen wiegten. Vor dem Pavillon d'Armenonville kreuzten wir Madame de Trèves, die uns beide liebkosend mit ihrem Lächeln umfaßte, das zu dieser Stunde durch das noch feuchte Lippenrot desto lebhafter war. Gleich dahinter tauchte, wie ihr schwarzer Schatten, der talmudische Bart Ephraims auf, ebenfalls frisch von der morgendlichen Brillantine, hoch auf einem klingenden Phaeton. Andre Freunde Jacinthos kreisten in dem Akazienwäldchen, und die Hände, die ihm freundlich zuwinkten, trugen frische, strohgelbe, perlgraue oder fliederfarbene Handschuhe. Todelle blitzte auf einem großen Fahrrad dicht an uns vorbei. Dornan lag unter einem blühenden Weißdorn auf einen Stuhl hingeräkelt und sog an seiner riesengroßen Zigarre, wie in das Suchen sensueller Reime vertieft. Weiterhin sahen wir den Psychologen, der uns nicht bemerkte, da er mit gefühlvoller Koketterie in ein Coupé hineinsprach, das einen Alkovengeruch ausströmte, und dem ein dicker Kutscher ein Gepräge von Würde und Anstand verlieh. Und wir rollten noch, als der Herzog von Marizac, zu Pferde, die Gerte erhob und unsre Viktoria anhielt, um Jacintho zu fragen, ob er am Abend an den »lebenden Bildern« bei den Berghanes teil nähme. Mein Prinz knurrte ein: »Nein, ich reise nach dem Süden«, das ihm kaum unter dem schlaffen Schnurrbart hervorkam ... Und Marizac beklagte das, denn es wäre ein verblüffendes Fest. Lebende Bilder aus der heiligen und der römischen Geschichte! ... Madame Berghane als Magdalena, mit entblößten Armen, entblößter Büste, entblößten Beinen, dem Heiland mit ihren Haaren die Füße trocknend! Der Christus ein prachtvoller langer Laban, Verwandter der Trèves, ein Angestellter im Kriegsministerium, kreuzlahm, unter einem Pappkreuz stöhnend! Unter anderm auch Lukretia im Bette, ihr zur Seite Tarquinius, wie er mit dem Dolch in die Leintücher sticht! Und dann Souper an Einzeltischen, alle in ihren historischen Kostümen. Er selbst würde mit Madame de Malbe ein Bild stellen, ein wunderbares Bild! Agrippina tot hingegossen, und Nero, zur Seite, betrachtet und studiert ihre Formen, voll Bewunderung für die einen, andre als unvollkommen geringschätzend. Doch sei man übereingekommen, daß Nero aus Höflichkeit rückhaltlos alle Formen Madame de Malbes bewundern sollte ... Kurz: kolossal und ganz verblüffend instruktiv! Wir winkten dem heiteren Marizac ein langes Lebewohl zu. Und wir fuhren nach Hause, ohne daß Jacintho sich wieder aus dem stirnrunzelnden Schweigen aufgerafft hätte, in das er mit steif gekreuzten Armen versunken war, als hätte er entscheidende und starke Entschlüsse nochmals zu verarbeiten. Schließlich vor dem Triumphbogen bewegte er den Kopf und murmelte: »Es ist doch eine ernste Sache, Europa zu verlassen!« * * * Wir reisten endlich ab. In der sanften Abenddämmerung, die sich in Nebel gehüllt hatte, verließen wir 202. Grillo und Anatole folgten in einem Fiaker, der unter Büchern, Futteralen, Paletots, Regenmänteln, Kopfkissen, Mineralwassern, Ledertaschen, Plaidriemen mit Reisedecken verschwand; und dahinter knirschte ein Omnibus unter der Ladung von dreiundzwanzig Koffern. Auf dem Bahnhof kaufte Jacintho noch alle Zeitungen, alle illustrierten Blätter und andre Bücher sowie einen Korkzieher von verzwickter und feindseliger Form. Vom Verkehrschef und dem Sekretär der Compagnie geführt, ergriffen wir behaglich von unserm Salonwagen Besitz. Ich setzte meine seidene Reisemütze auf und zog Pantoffeln an. Ein Pfiff durchbohrte die Nacht. Paris flammte vorbei, entfloh in einem letzten Aufleuchten von Fenstern ... Um es bis auf die Neige auszuschlürfen, stürzte Jacintho an das Fenster. Aber wir rollten schon durch die Finsternis der Provinz. Da ließ sich mein Prinz auf die Polster zurückfallen: »Welch ein Abenteuer, Zé Fernandes!« Bis Chartres durchblätterten wir schweigend die illustrierten Blätter. In Orleans kam der Schaffner, um respektvoll unsre Betten herzurichten. An allen Gliedern zerschlagen von den vierzehn Monaten Zivilisation, schlief ich ein und erwachte erst, als Grillo uns beflissen unsre Schokolade brachte. Draußen tropfte ein seiner Regen vom Himmel herunter, der wie eine dichte Schicht schmutziger Watte herniederhing. Jacintho, der Mißtrauen hegte gegen die Rauheit und Feuchtigkeit der Leintücher, hatte sich gar nicht niedergelegt. In einen Schlafrock aus weißem Flanell gehüllt, mit borstigem, überwachtem Gesicht, tunkte er ein Cake in seine Schokolade und grollte: »Scheußlich! Dieser Regen fehlte gerade noch!« In Biarritz bemerkten wir beide mit indolenter Gewißheit: »Das ist Biarritz.« Da erkannte Jacintho, der durch die beschlagenen Fensterscheiben hinausgespäht hatte, den langsamen, storchbeinigen Schritt und die hängende Habichtsnase des Historikers Danjon. Er war's, der wohlberedte Mann, in gewürfelten Beinkleidern, zur Seite einer kugeligen Dame, die eine langhaarige Hündin an der Leine führte. Hastig ließ Jacintho das Fenster nieder und rief den Historiker an, voll Sehnsucht, wenigstens noch durch diesen mit der Stadt, mit 202 zu verkehren! ... Aber der Zug war schon wieder in Regen und Nebel getaucht. Auf der Brücke bei Bidassoa, wo er das Ende des guten Lebens gekommen wähnte und schon die Klippen der Inzivilisation voraussah, seufzte Jacintho mutlos: »Nun adieu! Nun fängt Spanien an! ...« Empört sprang ich, der ich schon die herrliche Luft des gesegneten Landes in mich trank, auf meinen Prinzen zu, und mit Hüftschwenkungen von verblüffendem »Salero« , mit den Fingern wie mit Kastagnetten schnalzend, stimmte ich eine den Umständen angemessene »Petenera« an: »A la Puerta de mi casa, Ay Soledad, Soleda ...á ...á ...á ...« Er streckte stehend die Arme aus: »Zé Fernandes, Hab' Erbarmen mit dem Kranken und Betrübten!« »Irun! Irun!« In diesem Irun nahmen wir ein nahrhaftes Frühstück zu uns, denn über uns wachte, als allgegenwärtige Göttin, die Nordgesellschaft. Dann installierte uns der Stationschef höchstselbst in einen andern Salonwagen, ganz neu, mit olivfarbenem Atlas ausgeschlagen, aber so klein, daß eine gute Portion unsers Komforts an Decken, Büchern, Taschen und Regenmänteln in dem Abteil des Sleeping untergebracht werden mußte, wo Grillo und Anatole im Schmuck schottischer Mützen und dicke Zigarren rauchend sich räkelten. » Buen viaje! Gracias! Servidores! « Und pfeifend und fauchend drangen wir in die Pyrenäen ein. Unter dem Einfluß des alles in Grau hüllenden Regens, der einförmigen Berge, die aus dem Boden aufwuchsen, sich aneinander ketteten und im Nebel zerflossen, fiel ich sacht wieder in einen Halbschlummer; und wenn ich blinzelnd die Lider öffnete, sah ich Jacintho in einer Ecke, wie er, ohne das auf seinen Knieen geschlossen ruhende Buch zu beachten, über dem er die mageren Finger verschränkt hatte, mit der tiefen Niedergeschlagenheit eines Menschen, der in das Land seiner Verbannung einzieht, Berge und Täler betrachtete. Dann kam ein Moment, wo er plötzlich das Buch von sich schleuderte, den weichen Hut tiefer ins Gesicht zog und sich mit solcher Entschlossenheit aufrichtete, daß ich fürchtete, er wollte den Zug anhalten, auf die Bahn springen und durch das Baskenland und Navarra zurücklaufen nach den Champs-Elysées! Ich schüttelte meinen Schlaf ab und rief: »Junge, Junge! ...« Nein! Der arme Freund wollte nur seine Langweile in eine andre Ecke tragen, sie auf einem andern Polster mit einem andern ungeöffneten Buch fortsetzen. Und je mehr das Dunkel des Abends zunahm und mit ihm der Sturmwind und der Regen, eine desto erschreckendere Unruhe bemächtigte sich meines Prinzen, der, von der Zivilisation losgerissen und der Natur zugeschleppt, sich schon von dieser in roher Brutalität umgeben fühlte. Dann befragte er mich unaufhörlich über Tormes: »Die Nachte sind gewiß grauenhaft, wie, Zé Fernandes? Alles schwarze, fürchterliche Einsamkeit. Und ein Arzt? ... Gibt's einen Arzt?« Plötzlich hielt der Zug. Heftiger und reichlicher prasselte der Regen gegen die Scheiben. Ueber eine weite, freie Ebene brüllte und heulte die Windsbraut. Die Lokomotive pfiff unheimlich dazwischen. Eine Laterne blitzte auf, verschwand wieder. Jacintho stampfte mit dem Fuß: »Schauderhaft! schauderhaft!« ... Ich öffnete die Wagentür ein wenig. Aus dem Ungewissen Licht der Fenster reckten sich erschrockene Köpfe heraus: »Que hay? Que hay?« Ein mich überflutender Windstoß ließ mich wieder zurückweichen, und so warteten wir langsam schleichende, stumme Minuten, in denen wir verzweifelt die beschlagenen Scheiben rieben, um das Dunkel zu durchdringen. Auf einmal fing der Zug wieder an, ruhig weiter zu rollen. Bald erschienen die blassen Lichter einer barackenartigen Station. Ein Schaffner in triefendem Oelmantel erkletterte den Salonwagen, und von ihm erfuhren wir, während er hastig die Fahrkarten abstempelte, daß der Zug große Verspätung habe und in Medina vielleicht keinen Anschluß mehr an den Zug von Salamanca finden werde! »Was dann? ...« Der Oelmantel glitt vom Fenster fort und verschwand in der Nacht unter Zurücklassung eines Geruchs von Nässe und Oel. Und wir schnitten eine neue Qual an. Wenn der Zug von Salamanca wirklich schon fort war? Der Salonwagen, der bis Medina genommen war, wurde dort abgehakt, und dann wurden unsre werten Körper mitsamt unsern werten Seelen und dreiundzwanzig Koffern in Medina ausgespieen, einfach in den Schlamm gesetzt, in dem rohen spanischen Durcheinander, bei dem Regen und Unwetter! »O, Zé Fernandes, eine Nacht in Medina!« Meinem Prinzen erschien eine Nacht in Medina als der Gipfel alles Mißgeschicks, in einer schmutzigen »Fonda«, mit Knoblauchdüften und langen Reihen blutdürstiger Wanzen auf den Betttüchern aus schmutziger Hede! ... Ich verwandte voll Unruhe keinen Blick von den Uhrzeigern, während Jacintho an dem weit aufgesperrten Fenster, von dem wütenden Regen gepeitscht, das nächtliche Dunkel durchbohrte, in der Hoffnung, die Lichter von Medina und einen geduldig rauchenden Zug zu sichten ... Dann fiel er auf das Polster zurück, trocknete sich Schnurrbart und Augen, verwünschte Spanien. Der Zug keuchte im Kampf mit dem weiten Wind der trostlosen Ebene. Und jeder Pfiff versetzte uns in Aufregung. Medina? ... Nein! Irgend eine obskure Haltestelle, wo der Zug Aufenthalt hatte, erschöpft verschnaufte, während verschlafene Gestalten, in Kapuzen und Mäntel gehüllt, unter dem Wetterdach der Bahnhalle hin und her eilten, die durch das trübe Licht der Laternen nur noch grabesdunkler wurde. Jacintho schlug sich heftig aufs Knie: »Schwerenot, warum hält denn dieser infame Zug? Es ist gar kein Verkehr, kein Mensch da! O dieses Spanien! ...« Die Glocke läutete wie zum Sterben. Aufs neue spalteten wir die Nacht und den Sturm. Ergebungsvoll fing ich an, ein altes, noch von Paris mitgenommenes »Jornal do Commercio« zu durchlesen. Jacintho zermalmte den dicken Teppich des Salons mit wütenden Schritten, wozu er knurrte wie ein Raubtier. Und so verfloß, tropfenweise, eine weitere Stunde voll Ewigkeit. Ein Pfiff, noch einer! Stärkere Lichter zucken in der Ferne durch den Nebel auf. Die Räder stampfen unter starkem Schütteln über Weichen und Bahngeleise. Endlich, Medina! ... Weiß schimmert die schmutzige Mauer der Bahnhalle – und heftig wird die Wagentür aufgerissen, ein bärtiger Herr in spanischem Mantel erscheint und ruft nach Don Jacintho!... Schnell, schnell! Der Zug nach Salamanca geht ab! » Que no hay un momento, caballeros! Que no hay un momento!« Wie betäubt ergreife ich meinen Paletot und das Jornal do Commercio. In größter Aufregung springen wir hinaus – und über Plattform, Geleise, durch Pfützen und Lachen, über Gepäckstücke stolpernd, vom Winde und dem Mann im spanischen Mantel getrieben, schlüpfen wir in eine andre Tür, die sich mit furchtbarem Krachen hinter uns schließt... Wir waren beide atemlos. Wir befanden uns in einem mit grünem Tuch bekleideten Salon, der das spärliche Licht vollends einschluckte. Und ich reckte den Arm aus, um von den schnellen Gepäckträgern Medinas, den schnellsten Europas, unsre Koffer, unsre Bücher, unsre Reisedecken in Empfang zu nehmen, als schweigend, ohne einen Pfiff, ohne »Abfahren!« der Zug sich in Bewegung setzte und dahinrollte. Wir stürzten beide an die Fenster unter wütendem Geschrei: »Halt, halt! Unsre Koffer, unsre Reisedecken! ... Hierher! Zu uns! ... Grillo, o Grillo!« Ein ungeheurer Windstoß entführte unser Rufen. Aufs neue die nachtschwarze, weite, freie Ebene, unter stürzendem Regen. Jacintho hob die geballten Fäuste in einer Wut, die ihn zu ersticken drohte: »O, dieser Eisenbahndienst! Solche Canaillen! So was kann nur in Spanien vorkommen! ... Und nun? Die Koffer sind natürlich verloren!... Kein Hemd, keine Bürste! ...« Ich beruhigte meinen aufgeregten Freund: »Hör, ich meine, zwei Gepäckträger gesehen zu haben, die unsre Sachen aufsammelten. Grillo wird das schon überwacht haben. Aber in der Eile hat er natürlich alles in sein Abteil hineingeworfen ... Es war ein Fehler, daß wir Grillo nicht mit uns in den Salonwagen genommen haben. Wir hätten dann sogar Skat spielen können!« Uebrigens wachte die Sorge der Compagnie, dieser allgegenwärtigen Göttin, über unser Behagen, denn an der Tür des Waschzimmers schimmerte ein Korb mit unserm Abendessen, der auf dem Deckel eine Karte trug, worauf Don Esteban mit Bleistift folgende liebenswürdigen Worte geschrieben hatte: » à D. Jacintho y su egregio amigo,que les dê gusto! « Dom Jacintho und seinem geschätzten Freunde, mit dem Wunsche, daß es ihnen schmecken möge. Ich schnupperte Rebhuhnduft. Und in unser Herz drang eine gewisse Beruhigung, da wir unsre Koffer ebenfalls als dem Schutz der allgegenwärtigen Göttin befohlen betrachteten. »Bist du hungrig, Jacintho?« »Nein! Aber entsetzt, wütend, außer mir!... Und müde.« In der Tat! Nach diesen verschiedenartigen Erregungen hatten nur die Betten etwas Verführerisches für uns, die Betten, die weich und elastisch uns ihre Arme öffneten. Als ich auf den Pfühl fiel, schnarchte mein Prinz, der sich gar nicht entkleidet, sondern nur seine Füße in meinen Paletot, unsre einzige Schutzbekleidung, gewickelt hatte, schon mit Majestät. Darauf bemerkte ich, erst sehr spät und sehr weit entfernt, neben meinem Lager in dem von den grünen Vorhängen gedämpften Licht des Morgens eine Zollwächteruniform und eine Mütze, unter der es ganz leise und rücksichtsvoll flüsterte: »Vossas excellenias não teem nada a declarar? ... Nichts Zollbares, meine Herren? Keine Handköfferchen?« Die heimatliche Sprache! Zu Hause! Ich murmelte leise, mit unendlicher Zärtlichkeit: »Wir haben hier gar nichts. Fragen Sie gütigst nach Grillo ... Dort hinter uns, in einem Abteil. Er hat die Schlüssel und alles... der Grillo.« Die Zollwächteruniform verschwand, lautlos, wie ein guter Geist. Und ich schlief wieder ein und träumte von Guiaens, wo die Tante Vicencia, ein weißes Tuch über der Brust gekreuzt, alle Hände voll zu tun hatte, um den Heimkehrenden ein gemästetes Kalb oder ein Spanferkel herzurichten. Ich erwachte, von einer großen friedlichen Stille eingehüllt. Eine ruhige, sauber gefegte Station, mit weißen Kletterröschen an den Wänden und andre blühende Rosen in Bosketts in einem Garten, wo ein kleines, von grünen Teichlinsen bedecktes Gewässer unter zwei blühenden Mimosen schlief, deren goldne Trauben zu uns herüberleuchteten. Ein blasser Junge in honigfarbenem Paletot betrachtete gedankenverloren den Zug und stemmte dabei sein Stöckchen gegen den Boden, daß es sich krumm bog. An dem Gartengitter lauerte ein altes Weiblein vor ihrem Eierkorb und zählte Kupfermünzen in den Schoß. Auf dem Dach lagen Kürbisse zum Trocknen. Darüber glänzte der tiefe, blaue, sanfte Himmel, nach dem meine Augen sich so lange gesehnt hatten. Ich rüttelte Jacintho kräftig: »Wach auf, Mensch, du bist zu Hause!« Er wickelte die Füße aus meinem Paletot, strich sich den Schnurrbart und kam ohne Eile an das Fenster, das ich aufgerissen hatte, um mit seinem Heimatland Bekanntschaft zu machen. »Das ist also Portugal, was? ... Es riecht gut.« »Natürlich riecht es gut, du Esel!« Die Bahnhofsglocke bimmelte sacht, und der Zug glitt gelassen weiter, als führe er zu seinem Vergnügen auf zwei Stahlbändern spazieren, um leise pfeifend die Schönheit der Erde und des Himmels zu genießen. Mein Prinz breitete trostlos die Arme aus: »Und kein Hemd, keine Bürste, kein Tropfen Eau de Cologne! ... Ich betrete Portugal verwahrlost, verkommen!« »In Regoa ist Aufenthalt, da haben wir Zeit, Grillo zu rufen und unser Gepäck zu bekommen ... Sieh doch den Fluß!« Wir rollten an der Abdachung einer Serra dahin, über Felsen, die zu breiten, rebenbepflanzten Schluchten abfielen. Von unten schimmerte auf einer Terrasse ein Edelsitz weiß herauf, in vornehmer Ruhe, mit einem lichten Kapellchen unter früchtebeladenen Orangenbäumen. Den Fluß hinab, wo das trübe und träge Wasser nicht einmal gegen die Felsen schlug, fuhr mit vollen Segeln ein mit Weinfässern befrachtetes, schwerfälliges Douroboot. Weiterhin stiegen andre Schluchten in blassem Resedagrün mit durch die breiten Berge verengten Olivenpflanzungen zu andern aufragenden Felsen empor, die ganz weiß und sonnengebadet in das unendliche Blau strebten. Jacintho streichelte den glatten Schnurrbart: »Der Douro, was? Interessant, großartig! Aber, Zé Fernandes, jetzt habe ich einen Hunger! ...« Den hatte ich auch. Wir deckten also den Korb des Don Esteban ab, dem ein grandioses Festmahl entstieg von Schinken, Lammbraten, Rebhühnern, anderm kalten Braten, die das Gold zweier Flaschen edlen Amontillados im Verein mit zwei Flaschen Rioja mit dem Feuer andalusischer Sonne erwärmte. Während des Schinkens bejammerte Jacintho zerknirscht seinen Fehler, »Tormes, den historischen Herrensitz, so abandonniert und unbewohnt gelassen zu haben!« Welche Wonne, an diesem leuchtenden, lauen Morgen ins Gebirge zu fahren und sein Haus wohl ausgerüstet, wohl zivilisiert zu finden... Um ihn zu animieren, erinnerte ich daran, daß unter den Händen Silverios und mit so viel Kisten voll Zivilisation, die wir von Paris geschickt hatten, Tormes selbst für Epikur annehmbar sein müßte! O, aber Jacintho meinte, es müsse ein vollendeter Palast sein, 202 in der Wildnis! ... Und unter diesen Gesprächen gingen wir zu den Rebhühnern über. Ich entkorkte eine Flasche Amontillado – als der Zug unmerklich in eine Station einlief. Es war Regoa. Sofort legte mein Prinz das Messer beiseite, um Grillo zu rufen und die Koffer zu reklamieren, die unsrer Körper Pflege und Sauberkeit in sich schlössen. »Warte, Jacintho! Wir haben viel Zeit. Der Zug hält hier eine Stunde... Iß ruhig weiter. Laß uns nicht unser nettes Frühstück mit Verstauung von Koffern verderben. Grillo wird schon kommen.« Und ich zog sogar die Gardine zu, weil von außen ein hochgewachsener Pater, den Zigarrenstummel in der Mundecke, stehen geblieben war, um indiskreterweise unserm Bankett zuzusehen. Als wir aber die Rebhühner erledigt hatten und Jacintho vertrauensvoll einen Manchegoer Käse aus seiner Verpackung schälte, ohne daß Grillo oder Anatole sich hätten sehen lassen, kam mir die Sache nicht geheuer vor, und ich lief ungeduldig nach der Wagentür, um die saumseligen Knechte anzuspornen... Und in diesem Augenblick glitt der Zug mit derselben schweigenden Heimlichkeit, mit der er eingelaufen war, wieder zur Station hinaus. Für meinen Prinzen war das höchst verdrießlich. »Da bleiben wir abermals ohne Kamm, ohne Bürste... Und ich wollte das Hemd wechseln! Daran bist du schuld, Zé Fernandes!« »Das ist zum Kopfstehen!... Er hält hier sonst immer eine Ewigkeit. Heut ist's bloß ein Ankommen und Abfahren. Da ist nichts zu machen, Jacintho. In zwei Stunden sind wir auf der Station von Tormes... Es wäre auch wirklich nicht der Mühe wert, das Hemd zu wechseln, um ins Gebirge zu fahren. Zu Hause nehmen wir ein Bad, vor Tisch ... die Badewanne muß schon eingestellt sein.« Wir trösteten uns beide mit ein paar Gläschen göttlichen Liqueurs Chinchon. Dann, auf den Sofas ausgestreckt, die Fenster der wundervollen Luft weit geöffnet, genossen wir die zwei uns noch verbleibenden Zigarren und plauderten von Tormes. Auf der Station würde schon Silverio mit den Pferden sein. »Wie lange dauert's, bis man oben ist?« »Eine Stunde. Nach ausgiebigen Waschungen wird uns noch Zeit genug bleiben, einen eingehenden Spaziergang durch die Felder zu machen, in Begleitung des Verwalters, des vortrefflichen Melchior, damit der Gebieter von Tormes feierlich und Form und Rechtens von seinem Herrensitz Besitz ergreifen kann. Und am Abend der erste Schmaus mit den landesüblichen Leckerbissen des alten Portugal!« Jacintho lächelte im Vorgenuß. »Wollen sehen, was für einen Koch mir dieser Silverio besorgt hat. Ich habe ihm ans Herz gelegt, es sollte ein famoser, klassisch-portugiesischer Koch sein. Aber er müßte einen Truthahn trüffeln und ein Beefsteak in Marksauce dämpfen können, so die einfachen Sachen der französischen Küche!... Das Schlimmste ist, daß du dich nicht aufhältst, sondern gleich nach Guiaens gehst...« »Aber, lieber Junge, Geburtstag der Tante Vicencia am Sonnabend ... großer Feiertag! Aber ich komm' wieder. In vierzehn Tagen bin ich in Tormes, dann machen wir ein langes Madrigal. Und selbstverständlich wohne ich der Ueberführung bei.« Jacintho reckte den Arm aus: »Was ist das dort für ein großes Haus, da auf der Anhöhe, mit dem Turm?« Ich wußte es nicht. Irgend ein Herrensitz von einem Strohjunker aus dem Douro. Tormes wäre so im vierschrötigen, massiven Genre, bestimmt, die Jahrhunderte zu überdauern, aber ohne Turm. »Und man sieht's gleich von der Station, Tormes?« »Nein! Es liegt ganz hoch, in einer Talmulde der Serra, von Bäumen umgeben.« In meinem Prinzen war offenkundig die Neugier auf sein angestammtes ländliches Erbe erwacht. Er sah ungeduldig auf die Uhr. Noch dreißig Minuten! Dann sog er die Luft und das Licht ein und flüsterte in dem ersten Entzücken eines Neueingeführten: »Welche Milde, welcher Frieden! ...« »Halb vier, wir sind gleich da, Jacintho!« Ich verwahrte mein altes »Jornal do Commercio« in der Tasche meines Paletots, den ich über den Arm hängte, und am Fenster stehend erwarteten wir beide fieberhaft die kleine Station Tormes, das seliggepriesene Endziel unsrer Prüfungen. Endlich wurde sie sichtbar, hell und schlicht, am Flußufer, unter Felsgruppen, mit ihren leuchtenden Sonnenblumen einen schmalen Garten füllend, zwei hohe Feigenbäume, die den Hof beschatteten, und im Hintergrund die mit dichtem, altem Baumwuchs bestandene Serra ... Gleich auf dem Bahnsteig wurde ich mit großer Befriedigung des umfangreichen Bauches und der blühenden Pausbacken des Stationschefs gewahr, des blonden Pimenta, meines Mitschülers in der Unterprima in Braga. Die Pferde warteten gewiß im Schatten, unter den Feigenbäumen. Kaum hielt der Zug, als wir fröhlich zur Erde sprangen. Die schmerbäuchige Masse Pimentas kugelte gleich freundschaftlich auf mich zu: »Viva, Freund Zé Fernandes!« »O du prächtiger Pimentaon! ...« Die Endung aon ( ão ) ist Augmentativ und bedeutet: dick, groß; die Endung inha ist Diminutiv und schließt den Begriff einer Liebkosung ein. Ich stellte den Gebieter von Tormes vor. Und dann: »Hör, Pimentinha... Ist Silverio nicht hier?« »Nein... Silverio ist vor fast zwei Monaten nach Castello de Vide gereist, um nach seiner Mutter zu sehen, die von einem Ochsen gestoßen ist.« Ich warf einen unruhigen Blick auf Jacintho. »Nanu! Und Melchior, der Verwalter?... Sind die Pferde nicht hier, daß wir zur » Quinta « hinaufreiten können?« Der würdige Vorstand hob in beträchtlicher Ueberraschung die maisgelben Augenbrauen: »Nein! ... Weder Melchior, noch Pferde ... Der Melchior ... Schon seit Ewigkeiten habe ich nichts von Melchior gesehen!« Der Auflader setzte langsam den Klöpfel der Bahnglocke in Bewegung, damit der Zug abfahre. Da, weil wir ringsum auf der menschenleeren und glattgefegten Station weder Diener noch Koffer sahen, stießen wir zugleich denselben Schreckensruf aus: »Und Grillo? Das Gepäck?« Wir liefen den Zug entlang und schrieen verzweifelt: »Grillo! O Grillo! ... Anatole! O Anatole!« In der Hoffnung, daß Grillo und Anatole wie Tote schliefen, sprangen wir auf die Laufbretter, steckten den Kopf in die Abteile und entsetzten ruhige Leute mit demselben dröhnenden Geschrei: »Grillo, bist du da? Grillo!« Schon höhnte aus einem Abteil dritter Klasse, wo Viola geklimpert wurde, die kläffende Stimme eines Spaßmachers: »Hat denn kein Mensch eine Grille? Da sind ein paar Herren, die möchten gern eine Grille!« - Kein Anatole, kein Grillo! Die Glocke ertönte. »O Pimentinha, warte, Mensch! Du wirst doch den Zug nicht abfahren lassen! Unser Gepäck, Mensch!« Und mit gramvoller Entschlossenheit stieß und zerrte ich den feisten Vorstand nach dem Gepäckwagen, um unsre dreiundzwanzig Koffer zu ergründen, ans Licht zu bringen! Aber wir stießen nur auf Fässer, Weidenkörbe, Oelkannen, einen mit Tauen umwundenen Koffer ... Jacintho biß sich totenbleich auf die Lippen. Und Pimentinha mit stieren Augen: »O Menschenkinder, ich kann doch den Zug nicht aufhalten!...« Die Glocke tönte... Und unter schönem, hellem Rauch entschwand der Zug hinter den hohen Steilwänden. Ringsum erschien alles noch stiller und einsamer als zuvor. Da fanden wir uns also ausgesetzt, im Gebirge verloren, ohne Grillo, ohne Geschäftsführer, ohne Verwalter, ohne Pferde, ohne Koffer, ohne Zivilisation! Ich hatte nur den hellen Paletot gerettet mit dem »Journal do Commercio«, Jacintho einen Spazierstock. Das war die Summe unsrer irdischen Güter. Der Pimentaon betrachtete uns mitleidsvoll aus weitaufgerissenen, zwischen Fettpolstern eingebetteten Aeuglein. Ich erzählte dann diesem Freund von unserm überstürzten Umsteigen in Medina, im Regensturm, und von Grillo, der fortgeschwemmt, mit den dreiundzwanzig Koffern irgendwo gestrandet war oder vielleicht nach Madrid trieb, ohne uns auch nur ein Taschentuch zu lassen... »Ich habe nicht einmal ein Taschentuch! – Da, dies »Jornal do Commercio« hab' ich. Das ist mein ganzes Weißzeug.« »Sehr verdrießlich, Caramba!« knurrte Pimenta teilnehmend, »Und nun?« »Nun,« bellte ich. »heißt's nach der Quinta hinaufkriechen, auf allen vieren ... Wenn man nicht etwa hier irgendwo ein paar Esel aufgabelt.« Da fiel dem Auflader ein, daß ganz in der Nähe, auf der Giesta, einem Vorwerk, das noch zu Tormes gehörte, der Verwalter, sein Gevatter, eine gute Stute und einen Esel besitze... Und der nützliche Mann machte sich auf den Trab nach der Giesta, während mein Prinz und ich auf eine Bank sanken, erschöpft, überwunden, wie Schiffbrüchige. Der umfangreiche Pimentinha stand vor uns mit den Händen in den Taschen und hörte nicht auf, uns zu betrachten und zu murmeln: »Sehr verdrießlich, Caramba!« Der Douro vor uns stoß träge und wie unter der schon fühlbaren Hitze des Mai eingeschlafen, dahin und umarmte ohne das leiseste Rauschen eine breite, hellglänzende Felseninsel. Jenseits stieg die Serra in fünften Buckeln auf, mit einer tiefen Bergfalte, wo eng zusammengedrängt und weltvergessen sich ein freundliches Dörfchen eingenistet. In unendlichem Schweigen ruhte der unendliche Raum. In jener Fels- und Waldeinsamkeit schienen die auf dem Dach flatternden Spatzen Vögel von beträchtlicher Größe. Und die kugelige und pausbäckige Masse von Pimentinha beherrschte, versperrte den Horizont. »Es ist alles bereit. Herr! Da kommen die Tiere! Nur ein Sattelchen für die Stute habe ich nicht auftreiben können.« Es war der Auflader, prächtiger Mensch, der von der Siesta zurückkam und in der Hand zwei Sporen schüttelte, die verrostet waren und nicht zusammengehörten. Und es dauerte nicht lange, so erschienen im Hohlweg eine Fuchsstute, ein Esel mit Saumsattel, ein Bursche und ein Jagdhund. Wir drückten die schweißige Freundeshand Pimentinhas. Die Stute überließ ich dem Gebieter von Tormes. Und dann fingen wir an, den Weg zu erklettern, der weder glatter noch zahmer geworden war seit den Zeiten, wo ihn die eisenbeschlagenen, klobigen Stiefel der Jacinthos des 14. Jahrhunderts betreten hatten. Gleich nachdem wir eine schwankende Holzbrücke überschritten hatten, unter der ein kleiner Fluß über Kiesel hinschäumte, bemerkte mein Prinz mit dem plötzlich geschärften Blick des Besitzers die kraftstrotzende Tragfülle der Oelbäume. Und bald waren unsre Koffer vergessen vor der unvergleichlichen Schönheit jener gesegneten Serra! Mit welchem Glanz, mit welcher Fülle von Inspiration sie der göttliche Künstler, der die Gebirge aus der Erde wachsen läßt, aufgebaut hat! Wie hat er mit zärtlicher Sorge über sie gewacht, wie hat er ihren Schoß mit reichen Schätzen gesegnet, wie hat er ihre im Licht badenden Häupter mit Sonnenglanz gekrönt in diesem seinem vielgeliebten Portugal! Großartigkeit und Lieblichkeit halten sich die Wage. In die steilen Taleinschnitte steigen Streifen von Waldungen hernieder, so beschnitten und abgerundet, von so jugendlichem Grün, daß sie wie weiches Moos wirken, in dem man sich wälzen möchte. Von den Anhöhen, die zu beiden Seiten des holperigen Hohlwegs aufsteigen, breitet überhängendes Gezweig ein anmutig Sonnenzelt, das uns beim leichten Flügelschlag der Vögel mit Duft überschüttet. Durch die jahrhundertealten Mauern, die im Bunde mit dem Efeu die Ackerkrume schützen, brechen schlangengleich dicke Baumwurzeln hervor, die gleich wieder der Efeu umrankt. Aus jeder Scholle, aus jeder Spalte sprießen Waldblumen. Weiße Felsen dehnen ihre von Wind und Sonne geglätteten nackten Leiber; andre, mit Flechten und blühendem Dorngestrüpp bekleidet, recken sich vor wie das geschmückte Vorderteil einer Galeere; und zwischen denen, die sich auf der Höhe zusammendrängen, lugt hie und da ein glattgedrücktes, schiefes Hüttchen, das bis da hinauf geklettert ist, aus den schwarzen Spalten hervor, während die zerzausten Ranken wilder Schlingpflanzen, die ihm der Wind auf die Ziegel gesät, ihm wie wirre Haarsträhne über das Gesicht hängen. Ueberall rieselndes Wasser, befruchtendes Wasser ... Helläugige, flinke Bächlein fliehen unter den Füßen der Stute und des Esels, und wir hören, wie sie glucksend mit den Kieseln lachen; herrische Wildwasser stürzen krachend von Fels zu Fels; dünne Wasserfäden, gerade und glänzend wie silberne Saiten, zittern und blitzen von den Felsvorsprüngen in die Schluchten hernieder. Und manch eine Quelle, sorglich an den Wegrain gelegt, sprudelt durch eine Röhre, bereit, Mensch und Tier zu erquicken ... Manchmal bildet ein ganzer Berggipfel ein Saatfeld, das ein dickstämmiger, urväterlicher Eichbaum einsam beherrscht als sein Gebieter und sein Hüter. An geschützten Senkungen grünen junge Orangenpflanzungen. Mit cyklopischen Mauern eingefaßte Wege umschließen fette Weiden, auf denen Kühe grasen und Lämmer hüpfen; andre, engere und zwischen höheren Mauern eingeschlossene, führen unter dichtem Weinlaub in ruhige, dämmrige Kühle. – Wir erklommen eine kleine Dorfstraße, zehn oder zwölf Hüttchen, unter Feigenbäumen versteckt, woraus uns der durch die Dachziegel entfliehende weiße und harzduftende Rauch der Pinienzapfen entgegendrang. Auf den entfernteren Bergspitzen schimmerten über die Kronen schwermütiger Kiefernwaldungen weiße Kapellchen und einsame Klausen herüber. Ein verstreutes Klingen von Herdenglocken erstarb in den Schluchten ... Jacintho, der auf seiner Fuchsstute vorausritt, murmelte: »Wie schön!« Und, im Gefolge, auf dem Esel Sancho Pansas, murmelte: »Wie schön!« Frisches Gezweig streifte mit schmeichelnder Vertraulichkeit unsre Schultern. Hinter den mit Brombeeren beladenen Hecken streckten die Apfelbäume ihre Aeste herüber, um ihre grünen Aepfel anzubieten, da sie keine reifen hatten. Sämtliche Fensterscheiben eines alten Hauses mit seinem Kreuz auf dem First glänzten gastlich, als wir vorüberzogen. Eine lange Weile gab uns eine Amsel das Geleit, von Steineiche zu Ulme, Lobpreisungen singend. Dank dir, Schwester Amsel! Euch Apfelbaumzweigen Dank! Wir sind da, wir sind da! Und bei dir bleiben wir, du gastliche Serra, Serra der gesegneten Fülle und des Friedens, du Gebenedeite unter den Serren! Im langsamen Schlendern durch diese Wunderwelt gelangten wir bis zu jener Buchenallee, die mich immer durch ihre ernste Vornehmheit entzückt hatte. Unser Bursche verabreichte dem Esel und der Stute einen aufmunternden Hieb und rief, seinem Jagdhund immer auf den Fersen: »Da sein wir, Herrschaften!« Und in der Tat erschien am Ende der Allee das Portal der Quinta von Tormes mit dem Wappenschild aus vielhundertjährigem Granit, bemoost und verwittert. Jenseits bellten die Hunde wie wütend. Und als wir, Jacintho auf seiner schweißtriefenden Stute und ich hinter ihm auf Sanchos Esel, die feudale Schwelle überschritten, kam oben aus der Halle die ausgetretene Steintreppe ein wohlgenährter Mann herab, bartlos wie ein Pfaffe, ohne Weste, ohne Wams, und beruhigte die Hunde, die gegen meinen Prinzen die Zähne fletschten. Das war der Verwalter Melchior... Nicht sobald erkannte er mich, als sich sein Mund zu einem breiten, gastlichen Lächeln öffnete, das nur die Zähne vermissen ließ. Aber nicht sobald auch hatte ich ihm offenbart, daß der Herr mit dem blonden Schnurrbart, der da von der Stute stieg und sich die Schenkel rieb, der Herr von Tormes wäre, als mein guter Melchior mit allen Zeichen des Schreckens und Entsetzens wie vor einem Gespenst zurückwich: »Ist die Möglichkeit!... Heiliger Herrgott! Ja, ist denn...?« Und in das Knurren der Hunde hinein und unter ratlosem Gestikulieren stammelte er eine Geschichte, die ihrerseits Jacintho wieder mit Schrecken erfüllte, wie wenn die schwarze Mauer des Hauses sich neigte, um einzustürzen. Melchior erwartete Seine Excellenz nicht. Niemand erwartete Seine Excellenz! ... (Er sagte »Seine Incellenz!«) Der Herr Silverio wäre seit dem März in Castello de Vide bei seiner Mutter, die von einem Ochsen in die Leiste gestoßen wäre. Und sicherlich läge irgend ein Irrtum vor, wären Briefe verloren gegangen ... Denn der Herr Silveno rechnete auf Seine Excellenz erst im September zur Weinlese. Die Bauarbeiten im Hause gingen ganz sacht, sacht vorwärts ... Das Dach an der Südseite wäre noch immer ohne Ziegel; eine Menge Fensterflügel warteten noch auf Scheiben, und um dazubleiben, heilige Jungfrau! Kein einziges Bett sei in Ordnung! ... Jacintho kreuzte die Arme in wortlosem Zorn, der ihn erstickte. Schließlich mit einem Wutschrei: »Aber die Kisten? Die Kisten, die ich von Paris geschickt habe, im Februar, vor vier Monaten?« ... Der unselige Melchior riß die kleinen Augen auf, die sich mit Tränen füllten. Die Kisten?! Es war nichts angekommen, nichts hatte sich sehen lassen! ... Und in seiner Ratlosigkeit sah er sich rings um nach den Bogengängen des Hofes, tastete in den Taschen seiner Beinkleider... Die Kisten?... Nein, die Kisten hatte er nicht! »Und was nun, Zé Fernandes?« Ich zuckte die Achseln: »Jetzt, mein Junge, bleibt nur übrig, daß du mit mir nach Guiaens kommst ... Aber das sind gute zwei Stunden zu reiten. Und wir haben keine Pferde! Das beste wird sein, das Haus zu beaugenscheinigen, das gute Hühnchen zu essen, das unser guter Freund Melchior uns am Spieße brät, auf irgend einem Strohsack zu schlafen, und morgen, ehe die Hitze sich geltend macht, hinauf zu traben zur Tante Vicencia.« Jacintho entgegnete mit wütender Entschiedenheit: »Morgen trabe ich, aber hinunter zur Station!... Und dann nach Lissabon!« Dann stieg er tief gekränkt die ausgetretene Steintreppe seines Herrensitzes hinauf. Oben lief an der ganzen Fassade des mächtigen Gebäudes eine Veranda entlang, unter einem Schutzdach aus verwitterten Balken und zwischen den granitnen Tragpfeilern hölzerne Blumenkästen, in denen Nelken blühten. Ich pflückte eine gelbe Nelke und trat hinter Jacintho in die Hallen und Säle, die er mit einem Murmeln des Schreckens betrachtete. Sie waren weit und widerhallend wie ein Kapitelsaal, mit dicken, von Zeit und Verwahrlosung geschwärzten Mauern, eisig kalt und trostlos nackt; kaum daß in den Ecken etwa ein Haufen Körbe lag oder eine Axt unter Holz. Die hohen Felderdecken aus getäfeltem Eichenholz wiesen große Spalten auf, durch die der blaue Himmel hereinschien. Die scheibenlosen Fenster waren mit schweren Läden versehen, mit Riegeln für die Querbalken, die, geschlossen, keinen Lichtstrahl durchlassen. Unter unsern Schritten ächzte und wich stellenweise der morsche Fußboden. »Unbewohnbar!« grollte Jacintho. »Eine Scheußlichkeit! Eine Niederträchtigkeit!« In andern Gemächern indessen wechselte der alte Fußboden mit Flicken aus neuen Dielen. Dasselbe helle Flickwerk sprenkelte die urväterlichen Decken aus schönem dunkelm Eichenholz. Die Wände wirkten fast beleidigend in der blendenden Weiße frischen Kalkanstrichs. Und durch die trüben, von Anstrich und Glaserhänden schmierigen Fenster konnte kaum der Sonnenschein herein. So drangen wir vor bis zum letzten, größten, von sechs Fenstern erhellten und mit einem Schrank und einer kurzen, grauen Pritsche, die in einer Ecke aufgeschlagen war, ausgestatteten Raum. Neben dieser hielten wir an und legten hoffnungslos auf ihr nieder, was uns von dreiundzwanzig Koffern übrig geblieben war: meinen hellen Paletot, Jacinthos Spazierstock und das »Jornal do Commercio«, das uns gemeinschaftlich gehörte. Durch die öden Fensterhöhlen strömte die Gebirgsluft herein und kreiste darin wie auf einer Dreschtenne mit einem frischen, feuchten Erdgeruch. Vom Rande der Pritsche aus aber sahen wir gerade auf einen Fichtenwald, der einen Berggipfel krönte und von ihm den sanften Abhang hinabstieg wie ein auf dem Marsch befindlicher Heerhaufe, mit einzelnen, detachierten, geraden, mit dunkeln Federbüfchen gekrönten Fichten an der Spitze. Weiter entfernt das seine weiche Violett der Serren jenseits des Flusses; darüber der helle Himmel, glatt, wolkenlos, voll göttlicher Majestät. Und aus den Tälern herauf ertönte die Stimme eines Hirten, der eine melancholische Volksmelodie sang. Jacintho schritt langsam auf den Steinsitz in einer der Fensternischen zu, wo er völlig zerschlagen vom Mißgeschick niedersank, unfähig, es mit diesem schnöden Verschwinden aller Kultur länger aufzunehmen! Ich betastete und beklopfte die Pritsche, die hart und eiskalt war wie winterlicher Granit. Und wie ich so an die üppigen Springfedermatratzen und Daunenbetten in 202 dachte, machte ich ebenfalls meiner gerechten Empörung Luft: »Aber die Kisten, Schwermut noch einmal!... Wie können denn mehr als dreißig Kisten von der Größe verloren gehen?« Jacintho schüttelte erbittert die Achseln: »Irgendwo liegen geblieben in einem Güterschuppen! . . . Wahrscheinlich in Medina, in diesem grauenhaften Medina. Gleichgültigkeit der Eisenbahnverwaltung, Faulheit des Silverio ... Kurz, die Halbinsel, das Barbarentum!« Ich stützte die Kniee auf den andern Fenstersitz und ließ den entzückten Blick über Himmel und Berge schweifen: »Wie schön!« Nach einem ausdrucksvollen Schweigen murmelte mein Prinz mit in die Hand gestütztem Kinn: »Wundervoll... Und welcher Friede!« Unter dem Fenster grünte ein saftstrotzender Gemüsegarten mit krausem Kohl, Bohnenbeeten, Salatfeldern, fetten Kürbisranken. Eine offene Dreschtenne, alt und uneben, beherrschte das Tal, aus dem schon der leichte Nebel irgend eines Waldstroms heraufstieg. Die ganze Ecke des Hauses auf dieser Seite schob sich in eine Orangenpflanzung hinein. Aus einer kunstlosen, unter Zitterrosen halb versteckten Quelle lief ein langer, glänzender Wasserstrahl. »Mich verlangt unwiderstehlich, von diesem Wasser zu trinken!« erklärte Jacintho ernsthaft. »Mich auch ... Gehen wir in den Garten hinab? Und dabei können wir mal durch die Küche gehen und uns nach unserm Hühnchen umsehen.« Wir kehlten zur Veranda zurück. Schon mehr ausgesöhnt mit dem widrigen Schicksal, pflückte mein Prinz eine gelbe Nelke. Und durch eine niedere Tür mit dickem, starkem Rahmen tauchten wir in ein Gemach, das ganz mit Kalk beschmiert war und als Dach nur dicke Balken trug, von denen ein Flug Sperlinge schwirrend aufflog. »Nun sieh diesen Greuel!« murmelte Jacintho entsetzt. Wir stiegen eine dunkle Steintreppe hinab und wagten uns in einen finsteren, mit rohen Steinplatten gepflasterten Gang, der von tiefen Truhen gesperrt war, groß genug, um darin das Korn einer Provinz aufzuspeichern. Am Ende lag die ungeheure Küche, eine Masse von schwarzen Formen, schwarzem Holz, schwarzem Gestein, tiefschwarzem, glänzendem Ruß vergangener Jahrhunderte. Und aus dieser Schwärze heraus leuchtete in einem Winkel auf dem schwarzen Erdboden das rote Feuer, leckte an Tiegeln und Töpfen empor und strömte eine Rauchwolke aus, die aus dem in die Mauer eingelassenen Rost entwich und sich zwischen den Zitronenbäumen verteilte. In der ungeheuren Feuerstätte, wo die Jacinthos des Mittelalters ihre großen Schinken und Ochsenviertel räucherten und brieten und die jetzt bei der Frugalität der Häusler unbenutzt blieb, verstaubte ein Haufen Körbe und Gerätschaften. Das ganze Licht strömte durch eine schwere Tür aus Kastanienholz, die weit offen zu einem kleinen ländlichen Garten führte, in dem sich Savoyerkohl und schöne Jonquillen mischten. Um das Feuer herum eine Schar aufgeregter Frauen, die mit heißer und geschwätziger Inbrunst Hühnchen rupften, in den Kasserollen rührten, Zwiebel hackten. Alle verstummten, als wir erschienen, und aus ihrem Kreise heraus kam der arme Melchior, betäubt und mit großem Blutandrang in seinem feisten Pfaffengesicht, zu uns hergelaufen und schwor hoch und teuer, das »Mittagmählchen Ihrer Incellenzen würde kein Vaterunserlang mehr dauern« ... »Und die Betten, Freund Melchior?« Der würdige Mann stammelte eine gedämpfte Entschuldigung wegen »Pritschchen auf der Erde« ... »Das genügt!« kam ich ihm zu Hilfe, um ihn zu trösten. »Auf eine Nacht mit frischgewaschenen Leintüchern...« »Ah, für die Leintüchlein hafte ich! ... Aber solch ein Leidwesen, Herr! Uns so anzutreffen, ohne eine Wollmatratze, ohne ein Ochsenviertel... Ich habe schon gedacht und auch schon zu meiner Gevatterin gesagt, Eure Incellenzen könnten nach den ›Ninhos‹ gehen und im Hause Silverios schlafen. Da haben sie eiserne Bettstellen und Waschtische... Es ist ja immerhin ein kleines Meilchen bis dahin und ein schlechter Weg.« Jacintho mischte sich gutmütig ein: »Nein, nein, Melchior, es wird schon so gehen. Für eine Nacht! Ich möchte auch lieber in Tormes schlafen, in meinem Berghause!« Wir traten auf den freien Platz hinaus, der einen Abschnitt des Gartens bildete und von dicken Felsen mit grünen Häuptern abgeschlossen war, die ihrerseits wieder an die Bergspalten grenzten, wo blonder Roggen im Winde schaukelte. Mein Prinz legte die Lippen an die Röhre der Quelle und trank wollüstig von dem eisigen, glänzenden Wasser; dann spitzte er die Lippen nach den krausen Salatköpfen und sprang zu den hohen Zweigen eines beschnittenen, früchtebeladenen Kirschbaumes hinauf. Dann passierten wir die alte Kelter, deren Dach unter weißen Taubenflügen verschwand und glitten facht in den Fußweg hinüber, der in den Berghang geschnitten war. Und während wir so beschaulich dahin wandelten, verwunderte sich mein Prinz über die Maisfelder, über die uralten Eichbäume, die von uralten Jacinthos gepflanzt waren, über die Hütten, die da am dunkeln Waldsaum auf den Berghängen verstreut lagen... Aufs neue betraten wir die Buchenallee und durchschritten das feudale Portal unter dem Bellen der zahmer gewordenen Rüden, die den Herrn witterten. Jacintho erkannte »etwas Edelmännisches« in der Fassade seines Erbes an. Aber insbesondere sagte ihm die lange Allee zu, so breit und gerade, wie dazu geschaffen, daß sich in ihr eine Kavalkade von Rittern mit Federbüfchen und Pagen entfaltete. Als er dann oben von der Veranda aus den neuen Ziegelbau der Kapelle bemerkte, lobte er Silverio, »diesen Faulpelz«, daß er wenigstens für das Gotteshaus Sorge getragen hatte. »Auch diese Veranda ist angenehm,« sagte er beifällig und tauchte das Gesicht in den Nelkenduft. »Müssen nur ein paar große Lehnsessel hinein, ein paar Sofas aus Rohrgeflecht...« Drinnen, in »unserm Gemach«, setzten wir uns dann beide auf die steinernen Fenstersitze und gaben uns unter der süßen Stille der Dämmerung, die sich leise über Berg und Tal legte, unsern Betrachtungen hin. Da oben zitterte ein Stern, die funkelnde Venus, die sehnsuchtsvolle Vorläuferin der Nacht. Jacintho hatte niemals diesen Stern mit seinem Liebesgefunkel, der an unserm christlichen Himmel das Gedächtnis der unvergleichlichen heidnischen Göttin verewigt, einer längeren Betrachtung gewürdigt, auch niemals mit wacher Seele dem majestätischen Einschlafen der Natur zugeschaut. Und dies Wachsen der Schatten, die der Nacht vorausschreiten, das müde Verstummen des Laubgeflüsters, das allmähliche Verlöschen der Lichter in den Heimstatten, die Nebeldecke, in die sich die Kühle der Talgründe hüllt und bettet: ein schläfriger Glockenton, der durch die Schluchten rollt, das heimliche Murmeln der Wasser und das Flüstern des dunkeln Grases hatten für ihn den Reiz von Offenbarungen. Von diesem sich auf das Gebirge öffnenden Fenster sah er in ein andres Leben hinein, das nicht nur voll ist vom Menschen und dem lärmenden Gewirr seines Werkes. Und da hörte ich meinen Freund seufzen wie einen, der endlich Ruhe gefunden. Aus dieser Verzückung riß uns Melchior mit der angenehmen Meldung, daß das Mahl auf »Ihre Incellenzen« warte. Es war in einer andern Halle aufgetragen, die noch nackter und öder war; und da gleich an der Tür stockte der Fuß meines hyperzivilisierten Prinzen, wie erstarrt von der Rauheit, Spärlichkeit und Oede der Dinge. Auf einem Tisch an der von Lampenruß geschwärzten Wand ein Tischtuch aus grobem Hanf; zwei Unschlittkerzen in blechernen Leuchtern erhellten dicke Teller aus gelbem Steingut, flankiert von zinnernen Löffeln und eisernen Gabeln. Die dicken Trinkgläser bewahrten noch den violetten Schimmer von Wein, der in reichen Jahren reicher Weinernten hineingeschenkt war. Der mit Oliven bis zum Rande gestillte irdene Napf würde Diogenes befriedigt haben; in die Kruste eines riesenhaften Brotes gespießt, erglänzte ein riesenhaftes Messer. Und aus dem für meinen Prinzen reservierten feudalen Lehnstuhl mit dem steifen Lederrücken und dem wurmstichigen Holz, der letzten Kostbarkeit der verflossenen Jacinthos, entwich das Roßhaar in Locken aus den Kissen des morschen Sitzes. Eine Riesenmaid, deren voller Busen unter den eingewirkten Blumen des über der Brust gekreuzten Tuches erzitterte, trat, noch schweißglühend vom Herdfeuer und unter wuchtigem Schritt den Boden zermalmend, mit dampfender Terrine auf. Und Melchior, der mit dem Weinkrug folgte, gab der Hoffnung Ausdruck, Ihre Incellenzen würden ihm verzeihen, daß die Suppe wegen der Kürze der Zeit nicht kräftig wäre ... Jacintho hatte den Urvatersitz inne. Eine ganze Zeit rieb er energisch, zum starren Entsetzen des vortrefflichen Häuslers, mit dem Tischtuchzipfel die schwarze Gabel, den blinden Zinnlöffel. Dann kostete er mißtrauisch die Suppe – es war Hühnersuppe und duftete lieblich. Er kostete – und hob zu mir, seinem Leidensgefährten in schwerer Prüfungszeit, den glänzenden, überraschten Blick. Er schlürfte einen volleren Löffel, mit mehr Zutrauen. Und dann lächelte er voll Staunen: »Ist famos!« Sie war köstlich! Sie stärkte Herz und Nieren; ihr Duft stimmte zur Rührung; dreimal attackierte ich mit Inbrunst diesen »Caldo«. »Ich komm' auch noch mal!« rief Jacintho mit überzeugter Entschlossenheit. »Ich habe nämlich einen Hunger ... Himmlische Güte! Seit Jahren habe ich keinen solchen Hunger gehabt.« Zuletzt schrappte er gar noch gierig den Suppennapf aus. Und dann sah er verlangend nach der Tür, in der Erwartung der Trägerin weiterer Leckerbissen, die schließlich auf der Bildfläche erschien, noch glühender im Gesicht und den Fußboden in bedenkliche Schwankungen versetzend. Sie setzte eine Schüssel nieder, die von Reis mit Bohnen überfloß. Welch ein Mißgeschick! In Paris hatte Jacintho Bohnen immer verabscheut... Trotzdem probierte er scheu eine Gabel voll – und aufs neue erglänzten seine Augen, die der Pessimismus getrübt hatte, zu mir herüber, darauf eine zweite, höher beladene Gabel voll, mit der Langsamkeit eines Mönchs, der sich's wohl sein läßt. Und dann ein Ruf: »Prachtvoll! Solche Bohnen, ja! Das lass' ich mir gefallen! Was für Bohnen! Wie köstlich!« Und aus dieser heiligen Gefräßigkeit heraus pries er laut die Serra, die vollendete Kunst der geschwätzigen Weiber, die da unten den Kochlöffel schwangen und in den Kasserollen rührten, den Melchior, der dem Festmahl präsidierte... »Solch einen Reis mit Bohnen gibt's nicht in Paris, Freund Melchior!« Der prächtige Mann lächelte, nun völlig entwölkt: »Das ist hier so das Alltagsgericht der Knechte! Und so jede Schüssel, daß Eure Incellenzen lachen würden ... Aber jetzt werden der Senhor Dom Jacintho hier auch dick und stark werden!« Der gute Häusler war der aufrichtigen Ueberzeugung, daß der Gebieter von Tormes, verloren da in dem entlegenen Paris und fern von den Fleischtöpfen von Tormes, Hunger leiden und verkommen müßte ... Und tatsächlich schien mein Prinz einen alten, ausgewachsenen Hunger und eine lang überkommene Sehnsucht nach Fülle zu sättigen, wie er so bei wiederholtem Angriff jeder Schüssel in reichliche Lobeserhebungen ausbrach. Bei den knusprigen, am Spieß gebräunten Hähnchen und dem Salat, mit dem er schon im Garten geliebäugelt hatte, erhob er ein Triumphgeschrei: »Das ist ein Göttergericht!« Aber nichts begeisterte ihn so wie der Wein von Tormes, den Melchior in langem Strahl aus dem dickbäuchigen grünen Krug einschenkte – ein frischer, anregender, gehaltvoller Wein, der mehr Seele hatte und mehr Eingang in die Seele fand, als manches Gedicht oder heiliges Buch. Wie er so beim Schein des Talglichts das dicke Glas betrachtete, das der Wein mit einem rosenfarbenen Schaum umränderte, citierte der begeisterte Zecher mit einem Schimmer von Optimismus im Gesicht Virgil: »Quo te carmine dicam, Rhaetica? Wer wird dich würdig preisen, liebenswerter Wein dieser Serra?« Da ich es nicht gut vertragen kann, wenn mich ein andrer in klassischer Bildung überholt, stöberte ich auch gleich in meinem Virgil und lobte die Süßigkeit des Landlebens: »Hanc olim veteres vitam coluere Sabini... Also lebten die alten Sabiner... Also Romulus und Remus ... So wuchs das tapfere Etrurien ... So wurde Rom zum Wunder der Welt!« Und regungslos, mit der Hand den Henkel des Weinkrugs umklammernd, starrte uns Melchior mit unendlicher Verdutztheit und ehrfurchtsvoller Andacht aus weitaufgerissenen Augen an. O, wir speisten unaussprechlich herrlich, unter der Fürsorge Melchiors – der, als wahre Vorsehung und Schutzengel, uns schließlich noch Tabak lieferte. Und da sich vor uns eine Gebirgsnacht erstreckte, kehrten wir nach den scheibenlosen Fenstern zurück und betrachteten den wundervollen Sommerhimmel. Und dabei gaben wir uns einem gemütlichen und beredsamen Philosophieren hin. In der Stadt, so bemerkte Jacintho, sieht man niemals nach den Gestirnen, vergißt sie über den Gaslaternen und den Globen elektrischen Lichts, die sie überstrahlen. Und darum, so bemerkte ich, tritt man da nie in diese Gemeinschaft mit dem Weltall, die doch der einzige Preis und Trost des Lebens ist. Im Gebirge aber, ohne die ungetümen sechsstöckigen Häuserblock, ohne die Atmosphäre von Dunst und Rauch, die uns unsern Gott verhüllt, ohne die Sorgen, die uns wie Bleigewichte die Seele in den Erdenstaub ziehen – sehen ein Jacintho, ein Zé Fernandes, beide frei, rechtschaffen gesättigt, auf den Steinsitzen einer Fensternische ihre Zigarre rauchend, nach den Sternen, und die Sterne schauen auf sie. Die einen ohne Zweifel mit Augen sublimer Unbeweglichkeit oder souveräner Gleichgültigkeit. Aber andre neugierig, mit Interesse, wie ein winkendes, rufendes Licht, als versuchten sie von so weit her ihre Geheimnisse zu offenbaren oder aus der Ferne die unsern zu begrüßen. »O Jacintho, was für ein Stern ist das dort, da, der da über dem Dachfirst funkelt?« »Ich weiß nicht... Und der dort, Zé Fernandes, da weiter hin, über dem Pinienwald?« »Ich weiß nicht.« Wir wußten es nicht. Ich nicht, wegen der dicken Kruste von Unwissenheit, mit der ich aus dem Schoß von Coimbra, meiner Geistesmutter, hervorgegangen war. Er nicht, weil er in seiner Bibliothek dreihundertundacht Abhandlungen über Astronomie besaß, und das so aufgehäufte Wissen einen Berg bildet, über den man nie hinwegkommt und von dem man nie einen Splitter abreißt. Aber was kümmerte es uns auch, ob jener Stern Sirius und der andre Aldebaran hieß? Und was kümmerten sie sich darum, daß einer von uns Jacintho und der andre Zé war? Sie, die unendlichen Welten, wir, die kleinen Staubkörner auf unsrer Welt, sind alle das Werk des gleichen Willens. Und alle, ob Uranus oder Lorena de Noronha e Sande, bilden wir verschiedene Willensäußerungen eines einzigen Wesens, und unsre abgetrennten, eigentümlichen Verschiedenheiten summieren in der gleichen festen Einheit. Moleküle desselben Ganzen, von demselben Gesetz regiert und demselben Ende zurollend ... Vom Gestirn bis zum Menschen, vom Menschen bis zur Kleeblüte, von der Kleeblüte zum brausenden Meer – alles ist derselbe Körper, in dem, wie das pulsierende Blut, derselbe Gott kreist. Und kein Erschauern des Lebens, so geringfügig es auch sei, zittert durch eine Fiber dieses sublimen Körpers, das sich nicht durch alle, auch die unscheinbarsten fühlbar macht, ja selbst in den scheinbar unbelebten, leblosen. Wenn eine Sonne, die ich nicht sehe, niemals sehen werde, in den Tiefen an Entkräftung stirbt, so fühlt jener schlanke Ast des Zitronenbaumes da hinten im Garten ein geheimnisvolles Todesschauern: »Und wenn ich hier auf den Fußboden von Tormes aufstampfe, so erzittert der ungeheure Saturn, und dies Erzittern durchschwingt das ganze Weltall!« Jacintho tat einen kräftigen Schlag auf die Fensterbrüstung. Ich rief: »Sicher! Die Sonne hat gezittert.« Und dann, so bemerkte ich wieder, müßten wir bedenken, daß auf jedem dieser leuchtenden Staubkörper eine Schöpfung besteht, die unablässig ersteht, vergeht und wieder ersteht. In diesem Augenblick sitzen andre Jacinthos, andre Zé Fernandes an den Fenstern andrer Tormes und betrachten gleichermaßen den Nachthimmel und an ihm ein einziges Lichtpünktchen, das unsre von uns so gepriesene Erde ist. Nicht alle werden gerade diese unsre Gestalt haben, die sehr zerbrechlich, sehr unbequem und unpraktisch und, wenn man vom vatikanischen Apollo absieht und von der Venus von Milo und etwa noch von der Prinzessin Carmen, über die Maßen häßlich und grotesk ist. Aber, ob Scheusale oder von unaussprechlichem Liebreiz, Ungetüme und härter von Fleisch als der Granit, oder leichter als im Aether wallende Gaze, alle sind sie denkende Wesen und haben das Bewußtsein des Lebens – denn sicherlich hat jede Welt ihren Descartes, oder unser Descartes hat schon alle Welten durchlaufen mit seiner Methode, seinem dunkeln Mantel, seinem eleganten Scharfsinn, der die einzige vielleicht sichere Gewißheit formuliert, das große »Ich denke, also bin ich«. Demnach, wenn wir Weltenbewohner an den Fenstern unsrer Wohnstätten sitzen, dort oben auf dem Saturn oder hier auf unserm kleinen Erdball, so erfüllen wir beständig eine urheilige Aufgabe, die uns durchdringt und uns entspricht – nämlich, daß wir im Denken den gemeinsamen Kern unsers Wesens fühlen und dadurch einen Moment lang im Bewußtsein die Einheit des Alls verwirklichen! – »Was, Jacintho?« »Möglich,« brummte mein Freund, »ich fall' um vor Schlaf.« »Ich auch. Aber nichts schöner und nichtiger als so ein Plauderstündchen auf hohem Gebirg beim Betrachten der Sterne! Es bleibt also dabei, daß du morgen abreist?« »Sicher, Zé Fernandes! Mit Descartesscher Gewißheit. »Ich denke, also fliehe ich!« Was soll ich wohl in diesem alten, baufälligen Gemäuer, ohne ein Bett, ohne einen Lehnstuhl, ohne ein Buch?... Der Mensch lebt nicht von Reis mit Bohnen allein! Aber ich bleibe länger in Lissabon, um mit dem Cesimbra, meinem Geschäftsführer, zu sprechen. Und auch, um die Fertigstellung der Bauten abzuwarten, und das Wiederauftauchen der Kisten, damit ich anständig, mit reiner Wäsche, zur Ueberführung zurückkommen kann.« »Das ist wahr, die Gebeine...« »Aber da bleibt nun noch der Grillo ... Solch ein Esel! Wohin kann der nur verschlagen sein?« Unter langsamem Hinundhergehen in dem unendlichen Saal, wo das schon niedergebrannte Talglicht im Blechleuchter wie der Schein einer Zigarre auf weitem Blachfeld war, grübelten wir über das Schicksal Grillos nach. Der geschätzte Neger war entweder mit den siebenundzwanzig Koffern unter Geschrei in Medina in den Dreck geworfen worden – oder war gemütlich schlafend mit Anatole im Zuge nach Madrid gefahren. Aber jeder von diesen beiden Fällen schien meinem Prinzen als für seine Lebensgewohnheiten rettungslos zerstörend. »Nein, hör, Jacintho. Wenn der Grillo in Medina gestrandet ist, so hat er in der Fonda geschlafen, die Wagen abgesucht und sich heute morgen in aller Herrgottsfrühe nach Tormes aufgemacht. Wenn du morgen um vier Uhr nach der Station kommst, so triffst du da deinen kostbaren Mann mit deinen kostbaren Koffern in dem Zuge, der dich nach Oporto und nach der Hauptstadt bringen soll...« Jacintho schüttelte die Arme, wie einer, der in den Maschen eines Netzes zappelt: »Und wenn er nach Madrid gefahren ist?« »Dann wird er im Laufe dieser Woche hier in Tormes erscheinen, wo er Ordre vorfindet, nach Lissabon zurückzufahren und wieder in dein Gefolge zu treten... So bleibt also noch der interessante Fall meines Gepäcks zu erörtern. Wenn du morgen auf der Station Grillo triffst, so laß meinen schwarzen Koffer, den Nachtsack aus Segeltuch und die Hutschachtel zurück. Grillo kennt es. Und sage dem Pimenta, dem Schmerbauch, er solle mir nach Guiaens Bescheid schicken. Falls Grillo, von Madrid hergeblitzt, mit dem ganzen Kofferkram hier in Tormes landet, so laß meine Sachen hier bei Melchior zurück. Morgen spreche ich mit dem Melchior.« Jacintho rüttelte wütend an seinem Halskragen. »Aber wie kann ich nach Lissabon abreisen, morgen, mit diesem Hemd, das ich zwei Tage auf dem Leibe habe und das mich entsetzlich juckt! Und ohne ein Taschentuch! Nicht einmal eine Zahnbürste!« Fruchtbar an Einfallen, streckte ich mit schöner Schutzengelgebärde die Hände aus: »Das findet sich alles, mein Jacintho, das findet sich alles! Ich mache mich morgen ganz früh auf, etwa um sechs Uhr, dann bin ich um zehn in Guiaens, noch vor der Hitze. Und noch vor dem Frühstück, und vor dem Plauderstündchen mit der Tante Vicencia schicke ich dir alsobald durch einen Burschen einen Nachtsack mit Wäsche. Meine Hemden und Unterhosen werden dir vielleicht zu weit sein. Aber ein armer Teufel wie du kann keine Ansprüche machen auf Eleganz und guten Sitz. Der Bursche, wenn er gut zutritt, kann um zwei Uhr hier sein; du hast also Zeit, die Wäsche zu wechseln, ehe du nach der Station gehst... Und in die Reisetasche kann ich ja auch eine Zahnbürste stecken.« »O, Zé Fernandes! Dann steck auch einen Schwamm hinein. Und ein Glas Eau de Cologne!« »Lavendelwasser, ausgezeichnet, von der Tante Vicencia eigenhändig bereitet...« Mein Prinz seufzte, niedergedrückt von seinem erbarmungswürdigen Elend und dieser milden Wäschegabe: »Na, dann laß uns schlafen gehen, ich bin völlig zerschlagen von Gemütsbewegungen und Sterngucken.« In dem Augenblick öffnete Melchior schüchtern die schwere Tür und meldete, daß »die Betten für Ihre Incellenzen hergerichtet« seien. Und wie wir nun dem guten Häusler, der ein Oellämpchen hochhielt, folgten, was sahen unsre, noch eben mit den Sternen verbrüderten Augen? In zwei Gemächern, die ein offener Türbogen, ein altersgrauer Steinbogen, trennte: zwei Lagerstätten auf dem Fußboden. Am Kopfende der einen, breiteren, die dem Herrn von Tormes zukam, ein blecherner Leuchter auf einem umgestülpten Getreidemaß; zu Füßen ein glasierter irdener Napf auf einem Dreibein als Waschgerät. Für mich, den einheimischen Gebirgler, weder Getreidemaß noch Napf. Bedächtig betastete mein hyper-kultivierter Freund mit der Fußspitze die Pritsche. Und vermutlich überzeugte er sich, daß er von ihrer unnachgiebigen Härte nichts zu hoffen hatte, denn er blieb über sie geneigt stehen und ließ ratlos die Finger über sein langes Gesicht gleiten. »Und das Schlimmste ist noch nicht die Pritsche,« brummte er endlich mit einem Seufzer. »Aber ich habe nicht einmal ein Nachthemd, noch Pantoffeln! Und ich kann nicht in gestärkten Faltenhemden schlafen.« Ich hatte die Eingebung, Melchior um Hilfe anzugehen. Aufs neue spielte dieser verdiente Mann Vorsehung und schleppte zur Erleichterung von Jacinthos Füßen ein Paar schwere Holzpantoffeln herbei und, um seinen verwöhnten Körper einzuhüllen, ein ungeheures Hemd seiner Frau, kräftig aus Hede gewebt und rauh wie ein härenes Büßergewand, mit Besatzstreifen, die krauser und härter als Holzschnitzerei waren. Um meinen Prinzen zu trösten, erinnerte ich daran, daß Plato, als er sein »Symposion« schrieb, und Vasco da Gama, als er das Kap umschiffte, kein weicheres Lager hatten! Die harten Lager machen starte Seelen, Jacintho! ... Und nur im Büßerhemd kommt man ins Paradies. »Hast du vielleicht etwas zu lesen?« gab mir mein Freund kurz zurück. »Ich kann nicht ohne Buch einschlafen.« Ich? Ein Buch?! Ich hatte nichts weiter als die alte Nummer vom »Jornal do Commercio«, die der Versprengung unsrer Habe und unsrer Kultur entgangen war! Ich riß das wundertätige Blatt in der Mitte durch und teilte brüderlich mit Jacintho, der die ihm zufallende Hälfte, den Anzeigenteil, dankbar empfing ... Und wer damals nicht Jacintho, den Gebieter von Tormes, gesehen hat, wie er, am Rande der Pritsche kauernd, die Füße in den Holzpantoffeln verirrt, und er selbst verloren zwischen den rauhen Falten und den steifen Besatzstreifen des Gebirglerhemdes, beim Schein des hinsiechenden Talglichts sich nachdenklich in die Lektüre der Dampfschiffsabfahrten in einem Stück alter Zeitung vertiefte, der kann sich keine Vorstellung davon machen, wie ein wahres Bild der Mutlosigkeit aussteht. In meinen spartanischen Alkoven zurückgezogen, knöpfte ich in köstlicher Ermüdung die Weste auf, als mein Prinz mich anrief: »Zé Fernandes...« »Schick' doch auch einen Stieselknöpfer mit!« Bequem ausgestreckt auf dem harten Lager, murmelte ich, wie ich immer tue, wenn mich der Schlaf, der Bruder des Todes, umfängt: »Gelobt sei Gott!« Dann griff ich nach der mir zugefallenen Hälfte des »Jornal do Commercio«. »Zé Fernandes...« »Was ist los?« »Du könntest auch Zahnpulver beilegen ... Und eine Nagelfeile... Und einen Roman!« Schon entfiel das halbe Zeitungsblatt meinen müden Händen. Aber aus seinem Alkoven murmelte noch Jacintho, nachdem er das Licht ausgeblasen, gähnend: »Zé Fernandes...« »Hm?« »Schreib nach Lissabon, Hotel Braganza ... Die Betttücher sind wenigstens frisch, riechen gut, gesund!« VIII In aller Herrgottsfrühe stand ich sachte auf, um meinen Jacintho nicht zu wecken, der mit über der Brust gekreuzten Händen wie ein Gerechter auf seiner granitharten Matratze schlief, und ritt fort nach Guiaens. Nach Verlauf einer Woche, als ich eines Morgens zum Frühstück nach Hause kam, stieß ich auf dem Vorplatz auf meine so sehr vermißten Koffer, die ein Bursche vom Vorwerk Giesta mit »Grüßen vom Senhor Pimentinha« gebracht hatte. Meine Gedanken sprangen zu meinem Prinzen. Und ich ließ durch den Telegraphen nach Lissabon, Hotel Braganza, den Freudenschrei ertönen: »Bist du da? Erfahre, daß Grillo und Zivilisation wieder angelangt! Hurra! Umarmung!« Erst nach einer weitern Woche, während der wir angenehm damit beschäftigt waren, die Spargel abzuernten, mit denen ich früher den Garten der Tante Vicencia kultiviert hatte, fiel mir das Schweigen Jacinthos auf. Auf einer Postkarte erneuerte, entwickelte ich den Freundschaftsschrei: »Bist du da? Machen dich die Vergnügungen der »Baixa« Lissabon, das amphitheatralisch an und auf einem Berge liegt, zerfällt in die »Alta« (Oberstadt) und die »Baixa« (Unterstadt). Letztere ist der vornehme Stadtteil, in dem auch die »Avenida«, der Rendezvousplatz der vornehmen Gesellschaft, die Theater ec. liegen. Anm. d. Uebers. so taub und stumm? Ich ganz Spargel! Antworte, wann du kommst! Herrliches Wetter! 23 Grad im Schatten. Und die Gebeine... ?« Dann kam die fromme Wallfahrt nach Unsrer Lieben Frau da Roqueirinha. Während des Neumonds hatte ich mit Heidehauen auf dem Gebiet von Corcas zu tun. Die Tante Vicencia verdarb sich den Magen an Blutwurst. Und das Stillschweigen meines Prinzen war undankbar und empörend. Eines Nachmittags schließlich, als ich von meiner Cousine Joanninha zurückkam, kehrte ich in Sandofim bei Manoel Rico ein, um da ein Gläschen eines Weißweines zu trinken, den meine Seele kennt – und immer verlangt. Gegenüber vor der Tür des Hufschmieds saß der Severo, der Neffe vom Melchior von Tormes, und der beste Roßarzt in der ganzen Serra, breitspurig auf einer Bank und kaute sein Priemchen. Ich ließ ein zweites Maß Wein kommen; er kraute meiner Stute den Hals, denn er hatte sie auch schon von einer Erkältung kuriert. Und wie ich so nach unserm Melchior fragte, erzählte Severo, daß er tags zuvor bei ihm in Tormes zu Mittag gegessen und daß er auch mit dem Fidalgo gesprochen hätte... »Ist die Möglichkeit! Dann ist der Senhor Dom Jacintho in Tormes?« Mein Erstaunen belustigte Severo. »Aber Euer Excellenz wissen doch... Seit über fünf Wochen ist er in Tormes und ist nicht einmal fortgegangen. Und vermutlich bleibt er zur Weinlese da, und es soll da hoch hergehen! Ueberhaupt großartig da oben!« Himmelherrgott! Anderntags, Sonntag, nach der Messe trabte ich, ohne mich von der schon drückenden Hitze abschrecken zu lassen, in großer Aufregung nach Tormes. Beim Anschlagen der Hofhunde, als ich das feudale Portal durchschritt, lief die Gevatterin des Melchior aus der Gegend der Stallungen herbei, eine Waschbalje gegen die Hüfte gestützt. – Wo war der Senhor Dom Jacintho? ... Der Senhor Dom Jacintho ginge da hinten mit dem Silverio und dem Melchior in den Feldern von Freixomil ... »Und der Senhor Grillo, der Neger?« »Den Hab' ich auch vor einer Weile im Obstgarten wahrgenommen, wie er mit dem Franzosen Limonetten pflückte.« Alle Fenster des Solars glänzten von neuen, blanken Fensterscheiben. In einem Winkel des Hofes gewahrte ich Mulden mit Kalk und Farbentiegel. Eine Maurerleiter lehnte in Sonntagsruhe gegen das Dach. Und neben der Kapellenmauer schliefen zwei Katzen auf Haufen von Stroh, das zur Verpackung beträchtlicher Kisten gedient hatte. »Schön,« dachte ich bei mir. »Da haben wir die Zivilisation.« Ich brachte die Stute in den Stall und sprang die Steintreppe hinauf. In der Veranda glänzte auf einem Haufen Latten eine Zinkbadewanne im Sonnenschein. Im Innern des Hauses fand ich sämtliche Fußböden ausgebessert und mit Heide abgescheuert. Die weißgetünchten nackten Wände strömten Kälte aus wie die eines Klosters. Ein Gemach, zu dem ich mit gebirglenschem Freimut durch drei sperrangelweit offene Türen gelangte, war jedenfalls das von Jacintho bewohnte: an hölzernen Kleiderriegeln hingen Kleidungsstücke; das eiserne Bett barg scheu seine jungfräuliche Herbheit unter einer Barchentdecke in einem Winkel zwischen der Mauer und dem Bänkchen, auf dem ein Blechleuchter neben einem Band Don Quichotte glänzte. Auf dem in Bambusimitation gelb angestrichenen Waschständer fanden kaum die Wasserkanne, das Waschbecken und ein klobiges Stück Seife Platz; und ein kleines Wandbrett genügte für die tadellose Rangordnung von Bürste, Schere, Kamm, einem kleinen Jahrmarktsspiegel und dem Fläschchen Lavendelwasser, das ich aus Guiaens geschickt hatte. Die drei gardinenlosen Fenster blickten auf die Schönheit der Serra hinaus und atmeten eine feine, weiche Luft, die den Harzgeruch der Kiefernwälder und den Duft der Rosen aus dem Garten aufgesogen. Gegenüber, jenseits des Vorplatzes, wiederholte sich dieselbe Einfachheit in einem andern Zimmer. Sicherlich hatte die Fürsorge meines Prinzen dies für seinen Zé Fernandes bestimmt. Ich hänge sogleich meinen glanzseidenen Staubrock an den Kleiderhaken. In dem unermeßlichen Saal aber, wo wir beim Betrachten der Sterne so viel philosophiert hatten, hatte Jacintho einen Mittelpunkt für Ruhe und Studium eingerichtet und die ›Großartigkeit‹ entfaltet, die dem Severo solchen Eindruck gemacht hatte. Die aus Weiden geflochtenen Sessel von Madeira, geräumig und mit Armlehnen, boten den Luxus zitzbezogener Kissen. Auf dem riesigen Tische aus rohem Holz und in Tormeser Arbeit bewunderte ich ein dreiarmiges Messinglämpchen, ein klösterliches Tintenfaß mit Gänsekielen und eine Kirchenblumenvase, die von Nelken überfloß. Zwischen zwei Fenstern eine urväterische Kommode mit eingelegter Arbeit und schmiedeeisernem Zierat, die auf ihrem rosaschimmernden Marmor das fromme Gewicht einer Krippe trug, wo die drei morgenländischen Könige, Hirten mit augenfälligen Hirtentaschen, Lämmer mit zerzausten Vließen sich durch enge Felsspalten zum Jesusknaben zwängten, der, von einer ungeheuren königlichen Krone gekrönt, ihnen in seiner Grotte die Arme entgegenbreitete. Ein hölzernes Wandbort füllte ein andres Stück Wand aus, zwischen zwei schwarzen Porträts in schwarzen Rahmen. In einem seiner Fächer ruhten zwei Flinten. In den andern harrten zerstreut, wie die ersten Doktoren in den Bankreihen eines Konzils, einige vornehme Bücher, ein Plutarch, ein Virgil, die Odyssee, das Handbuch des Epiktet, die Chroniken von Froissart. Dann eine sittsame Reihe neuer, frischlackierter Rohrstühle. Und in einer Ecke ein Bündel Feldstöcke. Alles glänzte vor Sauberkeit und Ordnung, die angelehnten Fensterläden hielten die Sonne ab, die auf jener Seite von Tormes stand und die steinernen Fensterbrüstungen durchglühte. Von dem leicht besprengten Fußboden stieg in dem sanften Dämmerlicht eine angenehme Frische auf. Die Nelken dufteten. Kein Laut, weder im Hause noch in den Feldern. Tormes schlief in sonnenmorgendlicher Sonntagsruh. Und von dieser herzerquickenden, ländlich klösterlichen Stille durchdrungen, streckte ich mich schließlich in einen der Weidensessel neben dem Tisch aus, öffnete träge einen Band Virgil und murmelte, den aufgeschlagenen Vers parodierend: Fortunate Jacinthe, hic, inter arva nota Et fontes sacros, frigus captabis opacum... Glücklicher Jacintho, wahrhaftig! Jetzt, in Gefilden, die dein Eigentum, und zwischen Quellen, die dir heilig sind, findest du endlich Schatten und Frieden! Ich las noch mehr Verse. Und in der Ermüdung von dem zweistündigen Ritt und der Hitze schlief ich unehrerbietigerweise über dem göttlichen Sänger ein – bis mich ein freundlicher Zuruf erweckte! Es war mein Prinz. Und nachdem ich mich aus seiner kräftigen Umarmung losgemacht, drängte sich mir der sehr entschiedene Vergleich Jacinthos mit einer Pflanze auf, die, im Dunkel zwischen Teppichen und Seidenpolstern verkümmert und welk geworden, nun an Luft und Sonne gebracht und reichlich begossen ist, neue Triebe ansetzt, frisch ergrünt und der Natur Ehre macht! Jacintho ging schon nicht mehr geneigt. Ueber die kalte Blässe des Hyperzivilisierten hatte die Berglust, das Naturleben einen warmen, braunen Ton erneuerten Blutes verbreitet, das ihm ein prachtvoll männliches Aussehen gab. Aus den Augen, die in der Stadt immer weltabgewandt dahindämmerten, strahlte jetzt das freimütige, zielbewußte Feuer des Südländers, der beglückt die Schönheit der Dinge in sich trinkt. Selbst der Schnurrbart hatte sich gekräuselt. Und schon ließ er nicht mehr die enttäuschte Hand über das Gesicht gleiten, sondern schlug sich voll Lebensfreude damit auf den Schenkel. Kurz, ein völlig neuer Jacintho. Und einer, der mich beinahe erschreckte, weil ich in diesem neuen Prinzen die neuen Weisen und Ideen zu lernen, zu durchdringen hatte. »Caramba, Jacintho, aber so was ...?« Er zuckte frohgelaunt die breiter gewordenen Achseln. Und er wußte, während er mit seinen weißen, staubbedeckten Schuhen den ausgebesserten Fußboden in kräftigem Auf- und Abgehen trat, nur zu erzählen, daß, als er an jenem Morgen in Tormes erwacht sei und nach einem Bade im Tränktrog meine Wäsche angelegt habe, er sich plötzlich wie »entwölkt«, wie »losgebunden« vorgekommen sei. Er hätte eine Schüssel voll Eier und Wurst gefrühstückt – sublim! Dann wäre er durch die ganze Gebirgsherrlichkeit gegangen mit leichten Gedanken voll Freiheits- und Friedensgenuß. Er hätte von Oporto ein Bett und ein paar Kleiderhaken kommen lassen... Und da war' er nun... »Für den ganzen Sommer?« »Nein! Aber für einen Monat... zwei Monate! Solange es Wurst gibt und mir das Quellwasser, aus dem Ziegel oder einem Kohlblatt getrunken, so göttlich schmeckt!« Ich fiel auf einen Weidenstuhl und betrachtete meinen Prinzen aus weitaufgerissenen, fast stieren Augen! Er rollte unterdes gleichmütig in ein Leinentuch grob geschnittenen Tabak, den er einem Suppennapf entnahm, und rief aus: »Seit Sonnenaufgang durchstreife ich die Berge. Ich habe heut schon vier prachtvolle Forellen gefangen ... da unten, in Naves, ein Bergbach, der durch das Serandatal stürzt... da haben wir heut gleich was zum Mittagessen!« Aber ich, begierig auf diese Wiedergeburtsgeschichte: »Dann bist du gar nicht in Lissabon gewesen? ... Ich habe telegraphiert...« »Ach was, Telegraph! Und was schiert mich Lissabon! Da oben bin ich gewesen, bei der Liraquelle, da hab' ich im Schatten eines großen Baumes gesessen. Sub tegmine von ich weiß nicht was, und habe diesen anbetungswürdigen Virgil gelesen... Und dann hab' ich mir meinen Palast eingerichtet! Was meinst du, Zé Fernandes? In drei Wochen alles gedielt, Fenster eingesetzt, getüncht, ›bestühlt‹! ... Das ganze Kirchspiel hat mitgearbeitet! Ich selber habe angestrichen mit einem Riesenpinsel. Hast du schon die Futterraufe gesehen?« »Nein.« »Na, dann komm und bewundere die Schönheit in der Einfachheit, Barbar!« Es war dasselbe Gemach, wo wir den Reis mit Bohnen so sehr gepriesen hatten, – aber jetzt gehörig gescheuert und getüncht, mit einer Fußleiste, die, grellblau angestrichen, mich das Werk meines Freundes erraten ließ. Ein Tischtuch aus Guimarenser Leinwand bedeckte den Tisch, und seine Fransen streiften den Fußboden. In der Mitte der dicken Steingutteller leuchtete ein gelber Hahn. Es war derselbe Hahn und dasselbe Geschirr, in dem bei uns in Guiaens die Pflüger ihre Bohnen aufgetischt bekommen ... Im Hofe blafften die Hunde. Und Jacintho enteilte in die Veranda, mit einer neugierigen Geschwindigkeit, die mich belustigte. Ah, entschieden, das Netz, dessen unsichtbare Maschen ihn sonst umstrickt gehalten, war zerrissen! – In diesem Augenblick erschien Grillo in Leinenjacke und in jeder Hand eine Flasche weißen Weins. Er verklärte sich, als er in der Quinta ›seinen Sio Fernandes‹ sah. Aber sein ehrwürdiges Gesicht erglänzte schon nicht mehr wie in Paris in dem heitern, glücklichen Ebenholzglanz. Es schien mir sogar, als ginge er gebückt... Als ich ihn über diese Veränderung befragte, streckte er achselzuckend die wulstige Unterlippe vor: »Dem jungen Herrn gefällt's hier, also gefällt's mir auch ... Die Luft ist hier ja sehr gut, Sio Fernandes, die Luft ist sehr gut!« Dann setzte er mit trostloser Gebärde nach dem Steingutgeschirr von Barcellos, den Messern mit Heften aus Bein und den tannenen Geschirrbrettern, die an ein Refektorium der Franziskaner erinnerten, leise hinzu: »Aber schmale Kost, Sio Fernandes, schmale Kost!« Jacintho kam mit einem Bündel Zeitungen unter Kreuzband zurück. »Das war der Briefbote. Du siehst, daß ich nicht etwa ganz mit der Zivilisation gebrochen habe. Da ist die Presse... Aber nichts von »Figaro« oder von der entsetzlichen »Deux Mondes«! Landwirtschaftliche Zeitungen! Um zu lernen, wie man diese lachenden Ernten erzielt, und unter welchem Zeichen man die Rebe der Ulme vereint, und welcher Pflege die sorgende Biene bedarf ... Quit faciat laetes segetes ... Uebrigens hätte mir zu dieser edlen Erziehung schon Birgits Georgien genügt, von der du natürlich keinen Dunst hast!« Ich lachte: »Holla! Nos quoque gens sumus et nostrum Virgilum sabemus!« Aber mein neugeborener Freund hatte sich zum Fenster hinausgebeugt und klatschte in die Hände, wie Cato, wenn er im schlichten Rom die Diener herbeirief. »Anna Vaqueira!« rief er, »ein Glas Wasser, gut gespült, von der alten Quelle!« Ich sprang sehr belustigt auf: »Jacintho, und die kohlensauren Wasser? Und die Phosphorsäulen? Und die sterilisierten? Und die Sodawasser? ...« Mein Prinz zuckte wegwerfend die Achseln und begrüßte beifällig das Erscheinen eines großen, von der eisigen Frische des funkelnden Wassers ganz beschlagenen Glases, das ein schönes junges Weib auf einem Teller hereinbrachte. Ich bewunderte hauptsächlich das junge Frauenzimmer ... Diese Augen, von welch tiefem, ernstem Schwarz! Im Gang, im Wiegen der Hüfte die harmonische Anmut einer lateinischen Nymphe! Und kaum war die Prachterscheinung wieder durch die Tür entschwunden, so rief ich: »O Jacintho, in einem kleinem Augenblick will ich auch Wasser! Und wenn es diesem Prachtweibe obliegt, das Verlangte herzuschaffen, so will ich alle fünf Minuten was! ... Diese Augen! Diese Gestalt ... Donnerwetter, Menschenkind! Das ist Leben gewordene Poesie der Berge...« Mein Prinz lächelte gleichmütig: »Nein, bilden wir uns nur nichts ein, Zé Fernandes! Machen wir kein Arkadien! Es ist ein schönes Frauenzimmer, aber es ist die Schönheit eines Tieres ... Da ist nicht mehr Poesie darin, nicht mehr Empfindsamkeit, auch noch nicht einmal mehr Schönheit als in einer schönen jungen Kuh. Sie verdient ihren Namen Anna Vaqueira . Sie arbeitet gut, verdaut gut, bringt gesunde Kinder zur Welt. Dafür hat die Natur sie so gesund und kräftig gemacht; und diese Aufgabe erfüllt sie. Der Gemahl indes scheint nicht befriedigt, denn er prügelt sie. Auch er ist ein schönes Tier.... Nein, mein Junge, die Serra ist wunderbar, und ich bin ihr sehr dankbar ... Aber wir finden hier die weibliche Hälfte der Menschheit lediglich in ihrem tierischen Zustand, und die männliche in ihrem vollentwickelten Egoismus ... Aber sie sind darum um so echter, wahrhaft echt! Und diese Erkenntnis, Zé Fernandes, ist für mich eine Tröstung.« Langsam, die Frische, Stille und freie Weite des geräumigen Hauses genießend, kehrten wir wieder in den Saal zurück, den Jacintho schon ›die Bibliothek‹ benamst hatte. Und plötzlich, wie ich in einer Ecke eine halbgeöffnete Kiste stehen sah, verschluckte ich mich beinahe vor Neugier: »Und die Kisten? O Jacintho? ... Der ganze ungeheure Kistenkram, den wir voll Zivilisation gepfropft hatten? Hast du was davon erfahren? Sind sie wieder ans Licht gekommen?« Mein Prinz hielt den Schritt an und schlug sich vergnügt aus den Schenkel: »Famos! Du erinnerst dich doch noch des Männchens mit der karierten Jacke, mit der Ledertasche über der Achsel, das wir so sehr bewunderten wegen seines Scharfsinns, seiner geographischen Kenntnisse? ... Erinnerst dich? Kaum, daß ich nur Tormes erwähnte, rief er ja, das kenne er und kritzelte eine Notiz ... Weiter war ja gar nichts nötig! »O Tormes, parfaitement, très ancien, très curieux!« Na, und dann hat er den ganzen Kram nach Alba-de-Tormes in Spanien geschickt! Da liegt nun alles in Spanien!« Ich kratzte mir das Kinn in trostloser Enttäuschung: »Nein, so was, so was ... So ein gewitzter Mensch, so gewandt, der dem Fortschritt solche Ehre machte! Alles nach Spanien hin! ... Und hast du's schon reklamiert?« »Nein! Später vielleicht ... Fürs erste, Zé Fernandes, genieße ich diese Wonne, früh aufzustehen und nur eine einzige Bürste zu haben, um mir das Haar zu glatten.« Erinnerungsvoll äugte ich meinen Freund. »Sonst hattest du so etwa neun Stück davon.« »Neun? Zwanzig! Vielleicht gar dreißig! Und das war eine ewige Wirrsal! Nie fand ich, was ich brauchte! ... Niemals bin ich in Paris gut gekämmt gegangen. Ebenso mit meinen siebzigtausend Bänden: Es waren so viele, daß ich nie einen las. Und mit meinen Geschäften: die lasteten so sehr auf mir, daß ich nie etwas Nützliches getan habe!« Am Nachmittag, als die Hitze vorbei war, schlenderten wir auf den sich windenden Wegen der reichen Quinta, die sich zwei Meilen durch Berg und Tal wogend erstreckt. Seit jenem weit zurückliegenden Tage unsers Intermezzos, wo er sich in dem gesellschaftlichen und polizeibewachten Bois de Montmorency so unglücklich gefühlt hatte, war ich mit Jacintho nicht wieder in der freien Natur gewesen. Ah, aber jetzt, – mit welcher Sicherheit und idyllischen Liebe er durch diese Natur schritt, von der ihn so viele Jahre lang Theorie und Gewohnheit ferngehalten hatten! Die tödliche Feuchtigkeit des Rasens flößte ihm keine Furcht mehr ein; er empörte sich nicht mehr gegen das ihn dreist streifende Gezweig, noch beurunhigte ihn die Stille auf den ragenden Höhen als eine Entvölkerung des Alls. Mit Wonne, mit der Befriedigung neugewonnener Widerstandsfähigkeit grub er seine derben Schuhe in die weiche Erde, als fühlte er sich in seinem natürlichen, angestammten Element. Ohne alle Notwendigkeit ließ er die bequemen Pfade links liegen, um durch verflochtenes Gezweig zu dringen und an der Wange die Liebkosungen zarten Laubes zu fühlen. Auf den Anhöhen blieb er regungslos stehen und wehrte meinen Bewegungen und fast meinem Atem, um sich an dem Schweigen und dem Frieden zu berauschen: und zweimal überraschte ich ihn, wie er zu einem geschwätzigen Bach herniederlauschte und lächelte, als horchte er, was ihm dieser zu erzählen hätte ... Sodann philosophierte er unaufhörlich mit dem Enthusiasmus eines Bekehrten, den es nun verlangt, andre zu bekehren: »Wie die Vernunft sich hier befreit, wie? Und wie alles von starkem, tiefem Leben genährt wird! ... Und da meinst du nun, Zé Fernandes, hier gäbe es kein Denken ...« «Ich?! Ich habe gar nichts gemeint, Jacintho...« »Nun, das ist eine sehr beschränkte und plumpe Weise, nachzudenken.« »Das ist noch besser! Aber ich ...« »Nein, nein, du verstehst das nicht. Das Leben beschränkt sich nicht bloß aufs Denken, mein verehrter Doktor ...« »Bin kein Doktor!« »Das Leben ist wesentlich Wille und Bewegung: und auf jenem Stück Acker, das mit Mais bestanden ist, findet sich eine ganze Welt von Impulsen, von sich offenbarenden Kräften, die ihren höchsten Ausdruck in der Form erreichen. Nein, diese deine Philosophie ist noch äußerst roh ...« »Donnerwetter! Ich habe ja gar nicht ...« »Und dann, mein Junge, welche unerschöpfliche, welche wunderbare Mannigfaltigkeit der Formen ... Und alle schön!« Er packte meinen armen Arm und verlangte, ich solle mit Andacht Umschau halten. In der Natur würde ich niemals einen häßlichen oder einen wiederholten Umriß finden! Nie zwei Efeublätter, die in Farbe oder Schnitt gleich wären! In der Stadt im Gegenteil wiederholt jedes Haus sklavisch das andre Haus, alle Gesichter zeigen dieselbe Gleichgültigkeit oder dieselbe Unruhe. Die Gedanken haben alle denselben Wert, denselben Stempel, dieselbe Gestalt, wie die Geldstücke. Und selbst im Persönlichsten, im Innerlichsten, in der Illusion, sei überall dasselbe: alle atmen sie, alle verlieren sich in ihr, wie in einem Nebel ... Die »Uebereinheit«, das ist der Schrecken der Städte! »Aber hier! Sieh da mal den Kastanienbaum an! Seit drei Wochen sehe ich ihn nun jeden Morgen, und jedesmal scheint er mir anders ... Der Schatten, die Sonne, der Wind, die Wolken, der Regen geben ihm unablässig einen verschiedenen Ausdruck, der immer neu und interessant ist. Niemals könnte mich der Verkehr mit ihm ermüden ...« Ich murmelte: »Schade, daß er nicht reden kann!« Mein Prinz wich zurück, flammenden Blicks, mit Apostelaugen. »Wieso nicht reden? Er ist ja gerade ein unübertrefflicher Redner! Selbstverständlich hat er keine Schlagwort«, noch Gemeinplätze, schwatzt auch nicht über Theorien, oro rotundo. Aber niemals gehe ich an ihm vorüber, ohne daß er mir einen Gedanken eingibt oder mir eine Wahrheit enthüllt ... Noch heute, als ich vom Forellenfang zurückkam ... Ich blieb stehen: und gleich ließ er mich spüren, wie sein ganzes Pflanzenleben nichts weiß von der Arbeit, der Begierde, der Anstrengung, die das Menschenleben auferlegt. Er braucht nicht zu sorgen um den Unterhalt, nicht um die Kleidung, noch um die Wohnung; als ein liebes Kind Gottes empfängt er von Gott seine Nahrung, ohne daß er sich regt oder sich sorgt... Und gerade diese ruhige Sicherheit verleiht ihm so viel Anmut und Majestät. Ja findest du das nicht?« Ich lächelte, stimmte zu. All dies war ja sicher gesucht und trügerisch. Aber was kümmerten mich denn die wohlgeformten Metaphern und diese unreife Metaphysik, die da in aller Eile von den Zweigen eines Kastanienbaumes gepflückt war? Unter diesem ganzen Begriffsdusel schimmerte eine vortreffliche Wirklichkeit: die Aussöhnung meines Prinzen mit dem Leben. Seine Auferstehung aus vieljährigem Begrabensein, aus dem weichlichen Grab, in dem er wie eine in Pessimismus gewickelte Mumie gelegen hatte, war eine vollendete Tatsache! Und wie dieser Prinz mich an diesem Nachmittag in Atem hielt! Er schnüffelte mit unersättlicher Neugier in allen Spalten und Mulden der Serra herum! Im Lauftritt erkletterte er die Bergspitzen, wie in der Hoffnung, von dort oben den noch nie gesehenen Glanz einer unbekannten Welt zu entdecken. Und sein ganzer Kummer war, daß er nicht die Bäume bei Namen kannte, und das Rankengewächs, das einer Felsspalte entsproß ... Fortwährend durchblätterte er mich wie ein botanisches Wörterbuch. »Ich habe, wer weiß was für Kurse durchgemacht, habe die gelehrtesten Professoren Europas zu Lehrern gehabt, besitze über dreißigtausend Bände und weiß bei alledem nicht einmal, ob der alte Herr da unten ein Faulbaum oder ein Korkbaum ist ...« »Das ist eine Steineiche, Jacintho.« Schon lagerten Abendschatten auf dem Bergbild, als wir langsam heimkehrten. Und dieser ganze ruhevolle Himmelsfrieden, die lauschende Andacht der Felder, wo jedes Blättchen in dem leise erblassenden Licht des schwindenden Tages in beschaulicher Reglosigkeit verharrte, durchschauerte Jacintho so tief daß ich ihn in dem tiefen Schweigen wohlig seufzen hörte. Und dann mit tiefem Ernst: »Du sagst, in der Natur gebe es kein Denken...« »Schon wieder! Hör, du wirst langweilig! Ich...« »Aber gerade, weil das Denken in ihr unterdrückt ist, wird ihr das Leiden erspart! Wir Unglücklichen können das Denken nicht unterdrücken, aber sicherlich können wir es erziehen und verhindern, daß es ausarte, auf Abwege gerate, wie in dem großen Backofen der Stadt, indem es sich Genüsse ersinnt, die sich nie verwirklichen, und Ziele erstrebt, die nie zu erreichen sind! ... Und das predigen diese Bäume und diese Bergwelt unsrer wachen, regen Seele: daß sie im Frieden stillen Träumens lebe und nichts erjagen wolle, nichts fürchte, gegen nichts sich auflehne und die Welt ihre Bahnen rollen lasse, ohne von ihr mehr zu erhoffen, als ein einlullendes, harmonisches Summen, das es ihr leicht macht, in Gottes Hand zu ruhen und zu schlafen. Meinst du nicht auch, Zé Fernandes? »Möglich. Aber dann muß man in einem Kloster leben mit dem Temperament des heiligen Bruno, oder hundertundvierzig Contos Einkünfte haben und ein gewisser Jacintho sein ... Und dann meine ich auch, wir haben uns schon einige Meilen unter die Füße gelegt, und ich bin kreuzlahm und hab' einen schmählichen Hunger!« »Um so besser für die Forellen und für den Lammbraten, der uns erwartet...« »Bravo! Wer kocht dir denn?« »Ein Patenkind vom Melchior. Famoses Frauenzimmer! Die Hühnersuppe mit Reis sollst du mal sehen! Und das Schwarzsauer! Sie selbst ist ein Scheusal, fast eine Zwergin, mit schielenden Augen, eins grün, eins schwarz. Aber eine Zunge! Ein Kochgenie!« In der Tat! Horaz würde diesem an kirschholzenem Spieß gebratenem Lamm eine Ode gewidmet haben. Und mit den Forellen und Melchiors Wein und dem Schwarzsauer, worin die famose Zwergin mit den Schielaugen Inspirationen niedergelegt hatte, die nicht von dieser Welt waren, und bei der Milde des Juniabends, der durch die offenen Fenster drang und uns in seinen dunkeln Sammet hüllte, wurde mir so wohl zu Mut, daß ich in dem Zimmer, wo uns der Kaffee erwartete, in einen Weidensessel sank (es war der gemächlichste und der die besten Kissen hatte,) und vor reiner Wonne stöhnte. Dann kam mir eine Erinnerung: »O Jacintho,« und dabei wischte ich mir den Kaffee aus dem Schnurrbart, »weißt du noch, wie wir in Paris mit dem Pessimismus auf dem Buckel einhergingen und stöhnten, daß alles nur Illusion und Leiden wäre?« Mein Prinz, den der Lammbraten noch heiterer gestimmt hatte, ging mit großen Schlitten auf und nieder und rollte sich eine Zigarette: »O, dieser tiefsinnige Esel, dieser Schopenhauer! Und ein viel größerer Esel ich selber, der ich ihn eintrank und mich mit Inbrunst entmutigte! Und dennoch,« fuhr er fort und rührte in seiner Kaffeetasse, »der Pessimismus ist eine sehr tröstliche Theorie für die, die leiden, weil er das Leiden desindividualisiert, es verallgemeinert, es zu einem Naturgesetz, zum eigentlichen Lebensgesetz macht. Demzufolge nimmt es ihm den verletzenden Charakter einer persönlichen Ungerechtigkeit, die ein feindseliges und meuterisches Schicksal gegen den Leidenden begeht. Tatsächlich erbittert uns unser Uebel ganz besonders, wenn wir das Gute, das unser Nachbar genießt, betrachten oder es uns vorstellen, weil wir uns dadurch als vom Unstern erwählt und abgesondert fühlen, während wir wie er für das Glück geboren sein könnten. Wer würde sich beklagen, lahm zu sein, wenn die ganze Menschheit hinkte? Und welch ohrenbetäubendes Wutgebrüll würde nicht derjenige ausstoßen, den Kälte und Schneesturm eines Privatwinters umhüllte, der extra im Weltenraum organisiert wäre, um ganz allein ihn einzuschließen, während ringsumher die ganze Menschheit sich der lichtvollen Milde eines Frühlings erfreute?« »In der Tat,« pflichtete ich bei, »der arme Kerl hätte genügend Grund zu einem Wutgeheul...« »Und dann,« erörterte mein Freund weiter, »der Pessimismus ist vorzüglich für die Trägen, weil er ein Milderungsgrund für den unsympathischen Frevel der Trägheit ist. Wenn alles Ziel nur ein Berg von Leiden ist, an dem die Seele zerschellt, warum dann durch die Hindernisse der Welt auf dies Ziel lossteuern? Und im übrigen predigen alle Lyriker und Theoretiker des Pessimismus, von Salomo zum bösen Schopenhauer, ihr hohes Lied oder ihre Doktrin nur, um die Demütigung ihrer Misere zu maskieren, indem sie sie einem allgemeinen Lebensgesetz, einem kosmischen Gesetz, unterstellen und so die kleinen Tücken ihres einzigen Schicksals oder die durch ihr Temperament erzeugten Mißgeschicke mit dem Glorienschein eines nahezu göttlichen Ursprungs schmücken. »Der gute Schopenhauer formuliert seinen ganzen Schopenhauerismus, als er noch ein Philosoph ohne Verleger, ein Lehrer ohne Schüler ist; er leidet ganz entsetzlich unter eingebildeten Schrecken: verbirgt sein Geld unter den Dielen des Fußbodens; macht seine Berechnungen auf griechisch, in der ewigen Qual des Mißtrauens; lebt in Kellerräumen aus Furcht vor Feuersbrünsten; reist mit einem zinnernen Krug in der Tasche, um nicht aus einem Glase zu trinken, das vielleicht die Lippen von Aussätzigen verpestet haben! ... Schopenhauer ist damals also düsterer Schopenhauerist. Aber kaum gelangt er zu Berühmtheit, kaum beruhigen sich seine elenden Nerven, kaum umgibt ihn lieblicher Friede, als es in ganz Frankfurt keinen optimistischeren Bürger, kein vergnügteres Gesicht gibt und keinen, der behaglicher die Wohltaten des Geistes und des Lebens genösse! ... »Und der andre, der Israelit, der pedantische König von Jerusalem! Wann entdeckt dieser famose Schönredner, daß die Welt Täuschung und Eitelkeit ist? Mit fünfundsiebzig Jahren, als die Macht seinen zitternden Händen entsinkt und ihm sein Serail von dreihundert Kebsweibern zu einer lächerlichen Ueberflüssigkeit wird. Da brechen die prunkvollen Klagelieder los! Alles ist Eitelkeit und Betrübnis der Seele! Nichts Dauerndes gibt's unter der Sonne! Allerdings, mein guter Salomo, alles ist vergänglich, vorzugsweise das Vermögen, dreihundert Kebsweiber zu unterhalten! Aber man soll nur dem betagten, mit Literatur gesalbten asiatischen Sultan seine Manneskraft zurückgeben, und wo wird die Klage des Predigers Salomonis bleiben? Sie wird sich in eine zweite, triumphierende Ausgabe des Hohenlieds der Liebe verwandeln!...« So folgerte mein Freund in dem nächtlichen Schweigen von Tormes. Ich glaube, er stellte über den Pessimismus noch andre lustige, tiefsinnige oder elegante Dinge auf; aber ich schlief, in Optimismus und süßes Nichtstun gehüllt, selig darüber ein. Bald darauf aber ließ mich ein lautes, herzhaftes und echtes Gelächter in die Höhe fahren und die schweren Lider aufreißen. Es war Jacintho, der, in einen Sessel gestreckt, im Don Quichotte las ... O du glücklicher Prinz Glückspilz! Da hatte er sich den Scharfsinn bewahrt, aus einer noch grünen Maisstaude Theorien zu ziehen, und von Gottes Gnaden, die den trockenen Stamm neu ausschlagen läßt, hatte er die göttliche Gabe wiedergefunden, über die dummen Streiche eines Sancho zu lachen! Während ich ihm zwei Wochen lang in ruhefrönender Bergeinsamkeit Gesellschaft leistete, bereitete Jacintho die so viel besprochene und begrübelte Zeremonie vor, die Ueberführung der Gebeine der jacinthischen Urväter, der »ehrwürdigen Gebeine«, wie der gute Silverio an diesem Freitagmorgen, wo er in einem staunenerregenden, mit blauer Seide verbrämten gelben Sammetjackett mit uns frühstückte, mit einer Verbeugung murmelte. Die Zeremonie forderte übrigens die größte Schlichtheit, weil jene Ueberreste, die wir in dem neuen, kalten, noch so nackten und seelenlosen Kapellchen des Carrçia-Tales beisetzen wollten, so unbestimmt, beinahe unpersönlich waren. »Denn schließlich begreifen Excellenz,« begründete Silverio und wischte mit der Serviette über das breite, schweißgebadete Gesicht und über den ungeheuren schwarzen Bart, der ihn einem Turko ähnlich machte, »in diesem Mischmasch ... O, ich bitte um Entschuldigung! In der Verwirrung, als alles abstürzte, konnten wir nicht mehr erkennen, wem die Gebeine gehörten. Auch wußten wir, die Wahrheit zu sagen, nicht einmal, welche würdigen Ahnen von Ezcellenz in der alten Kapelle ruhten, die, uralt wie die verwischten Inschriften, sicherlich höchst ehrwürdige, aber, wenn Excellenz gestatten, nunmehr auch sehr zerfallene Herrschaften sein dürften ... Nun kam der Unfall, das Durcheinander. Und dann bestimmte ich nach reiflicher Ueberlegung folgendes: Ich ließ so viele Bleisärge anfertigen, wie Totenschädel da unten zwischen Schutt und Kieselsteinen in der Carriça gefunden wurden. Es waren sieben und ein halber Schädel ... Ich will sagen, sieben ausgewachsene Schädel und ein kleines Schädelchen. Nun legten wir jeden Schädel in seinen Sarg für sich. Und dann ... was sollten wir machen? Wir konnten uns nicht anders helfen! Und hier der Senhor Fernandez mag sagen, ob er nicht findet, daß wir geschickt zu Werke gegangen sind: jedem Schädel fügten wir eine Portion Knochen bei, eine anständige Portion ... Was sollten wir anders tun? ... Nicht alle Knochen wurden aufgefunden; Schienbeine zum Beispiel fehlten. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Rippen von einem jener Herren den Kopf von einem andern aufgesetzt bekommen haben ... Aber wer konnte das wissen? Gott allein. Kurz und gut, wir taten, was von der besten Einsicht geboten war ... Einstmals am Tage des Gerichts mag dann jeder dieser Fidalgos die ihm zugehörigen Knochen aufweisen.« Diese schaudererregenden, makabren Dinge warf er, von Ehrfurcht durchdrungen, fast mit Majestät, so hin, wobei er bald mich, bald meinen Prinzen mit den scharfen und wie schwarzer Schmelz glitzernden Aeuglein spießte. Ich pflichtete dem pittoresken Mann bei: »Sehr richtig! Haben's sehr richtig gemacht, Freund Silverio. Alle diese Urahnen sind ja so unbestimmt, so anonym! Nur schade, sehr schade, daß die Ueberreste vom Großvater Galiaon auch durcheinander gekommen sind!« »Ist gar nicht hier gewesen!« fiel mir Jacintho in die Rede. »Ich bin ganz expreß nach Tormes gekommen wegen des Großvaters Galiaon, und schließlich ist seine Grabstätte nie hier gewesen, in der Carriça-Kapelle... Zum Glück!« Silverio schüttelte tiefdenkerisch die braune Glatze: »Wir haben nie das Vergnügen gehabt... hm, hm! Will sagen. Seine Excellenz, der Herr Galiaon haben hier nie zu ruhen geruht. Seit hundert Jahren, Herr Fernandos, seit hundert Jahren ist in der alten Kapelle kein Fidalgo aus diesem Hause beigesetzt worden.« »Wo mag er denn sein?« Mein Prinz zuckte die Achseln. »Irgendwo im Reich ... Im Kirchlein, auf dem Friedhof eines der zahlreichen Kirchspiele, wo er Güter besaß. Ein so weit ausgedehnter Besitz!« »Schön!« schloß ich. »Da es sich also um ganz unbestimmte, namen- und datenlose Gebeine handelt, ist es angemessen, nur eine kleine, schlichte Zeremonie zu veranstalten.« »Ganz still, ganz still!« murmelte Silverio und blies pfeifend in seinen Kaffee. Und sie war ganz schlicht, von ländlicher, milder Einfachheit, die Bestattungsfeier jener hohen Herrschaften. Früh an einem lichten Nebelmorgen schwankten die acht kleinen Särge unter einer roten Sammetdecke, die mehr zu einem Freudenfest als zu einer Leichenfeierlichkeit paßte, und unter blühenden Rosen mit ihrem Häuflein unbestimmter Knochen auf den Schultern der Totengräber und der Gutsleute aus der St. Josephskirche heraus. Und das Glöcklein klang durch den weichen Morgennebel, so fein und leise wie die Klage eines betrübten Vögleins. Voraus schritt ein hochgewachsener Knabe im Chorhemd und hielt inbrünstig das alte silberne Kruzifix empor. Den Hals in ein ungeheures blaukariertes Schnupftuch gehüllt, schwang der altersgebeugte Küster nachdenklich den Weihrauchkessel; und der gute Pfarrer von St. Joseph, mit dem Zeigefinger in dem geschlossenen Brevier, bewegte die Lippen in langsamem Gebetsmurmeln, das in der linden Luft das Ohr wie Liebkosungen berührte. Nicht hinter dem letzten Schrein, dem kleinsten, der den kleinen Schädel enthielt, schritt Jacintho, und ich platzte neben ihm in einem ihm gehörigen schwarzen Anzug, der in aller Eile einem der Pariser Koffer entnommen war, da ich mich erst am selben Morgen und also zu spät, um nach Guigens zu schicken, erinnert hatte, daß ich nur Fest- und Hirtengewänder bei mir führte. Hinter uns marschierte Silverio feierlichen Schrittes, mit ungeheurer Hemdenbrust, auf die der ungeheure, pechschwarze Bart herabwallte. Im Frack, mit hängender Unterlippe und hängender Nase, – es hing alles an ihm überhaupt infolge der Melancholie der Beisetzungsfeier, die sich der Melancholie der Serra gesellte, – schritt Grillo dahin; am Arm hing ihm ein riesiger Kranz aus Rosen und Efeu. Den Beschluß machte Melchior in einer Gruppe von Frauen, die, im Schatten der schwarzen Kopftücher versunken und lange Rosenkränze zwischen den Fingern, abwechselnd dumpfe Ave Marias murmelten und langgezogene Seufzer ausstießen, so trostlos und schmerzlich, als wenn ihnen der Verlust dieser zerfallenen Jacinthos tief zu Herzen ginge. So zog die Prozession durch die von Bächen durchschnittenen Talgründe, stieg langsam die Berghänge hinauf, glitt schneller die holperigen Hohlwege hinab, und das vorausragende silberne Kruzifix erglänzte hin und wieder in einem kurzen Sonnenstrahl, der aus den zerrissenen Nebelschwaden blinkte. Vom Elsbeerbaum oder den Weiden niederhängendes Gezweig glitt wie eine Liebkosung über den Sammet der Särge. Ein Bach lief hier und da neben uns her, mit gedämpftem Glitzern unter grünem Grase, und gluckste und murmelte geschäftig, als bete er eifrig mit; und aus schattigen Bauernhöfen heraus ließen bei unserm Vorüberkommen die Hähne von ihrem Heidehaufen herab ihre Festtrompete ertönen. Später, jenseit der Liraquelle, da der Weg sich lang hinzog und wir unsern alten Pfarrer zu schonen wünschten, nahmen wir einen Richtweg durch ein Saatfeld, dessen hohe, fast reife Aehren ganz mit blühendem Mohn vermischt waren. Die Sonne leuchtete: unter der weiten Brise, die den Nebel verscheucht hatte, wogte das Korn in großen goldenen Wellen, in denen sich die Totenschreine schaukelten; und wie eine Riesenmohnblume loderte der feuerrote Sonnenschirm, der sogleich vom Küster zum Schutz für den Pfarrer aufgespannt war. Jacintho berührte meinen Ellbogen: »Wie festlich unser Zug ist! Sieh dir die Natur an ... Bei einer schlichten Bestattung von Knochen, welche Anmut, welche Schönheit!« Vor der neuen Kapelle, die das Carriça-Tal beherrschte, in einem noch unebenen, rasen- und strauchlosen Vorplatz, hielten zwei Burschen an der Tür Bündel von Wachsfackeln, die Silverio mit langsam feierlichem Schritt und einer jeweiligen Kopfneigung verteilte. Im Innern der Kapelle wurde das trübe Gelb der kurzen Flammen von der schimmernden Weiße der getünchten Wände und dem heiteren Tageslicht, das aus hohen, blanken Scheiben einfiel, völlig eingeschluckt. Die auf schwarzbehangenen Bahren stehenden Särge umkreisend, murmelte der Pfarrer lateinische Gebetsworte, während im Hintergrund die Frauen aus dem Schatten ihrer schwarzen Tücher heraus helle »Amen!« seufzten und ein ehrfurchtsvolles Schluchzen erstickten. Dann ergriff der gute Pfarrer den Weihwedel und besprengte zu letzter Reinigung die zweifelhaften Gebeine der zweifelhaften Jacinthos. Und dann defilierten wir alle vor meinem Prinzen, der sich schüchtern an den Türpfosten gelehnt hatte, an seiner Seite Silverio, der seinen ungeheuren Bart gegen die Hemdenbrust zerdrückte, das Gesicht geneigt, die Lider geschlossen, wie wenn sie Tränen zurückhielten. Im Atrium zündete sich mein Prinz gemächlich eine Zigarette an, die er von Melchior erbeten: »Nun, Zé Fernandes, wie gefiel dir denn die kleine Feier?« »Sehr ländlich, sehr hübsch, sehr angemessen ... reizend!« Aber schon erschien der Pfarrer, der sich in der Sakristei umgekleidet hatte, mit seinem großen Alpaka-Ueberrock und dem alten Schlapphut, den ihm der Bursche in einem Kattunsack aus der Wohnung hergebracht hatte. Jacintho sprach ihm sogleich seinen Dank aus für alle Sorgfalt, für die liebenswürdige Gastfreundschaft, mit der er während des Kapellenbaus die Gebeine beherbergt hatte. Und der freundliche Greis mit dem weißen Gesicht und den noch jugendlich rosigen Wangen lobte Jacintho mit einem hellen Lächeln seiner gesunden Zähne, daß er von so weit hergekommen sei, um diese fromme Enkelpflicht zu erfüllen. »Es sind sehr entfernte Ahnen, und nun auch so durcheinander!« meinte Jacintho lächelnd. »Um so größer ist Ihr Verdienst. Einem toten Großvater die letzte Ehre erweisen, das ist ganz alltäglich. Aber den Gebeinen eines Ahnen in fünfter, in siebenter Linie! ...« »Besonders, Herr Pfarrer, wenn man von ihnen gar nichts weiß, und sie vielleicht nie etwas geleistet haben.« Der Alte schüttelte lächelnd den fetten Finger: »Nun, wer weiß, wer weiß? Vielleicht waren es vortreffliche Menschen! Und schließlich, wer sich lange in dieser Welt aufhält, wie ich, überzeugt sich am Ende, daß darin kein Ding und kein Wesen unnütz ist. Noch gestern las ich in einer Portuenser Zeitung, daß man entdeckt hat, daß schließlich die Regenwürmer den Boden düngen und durchgraben, bevor der Landmann und die Ochsen mit dem Pflug kommen. Selbst die Regenwürmer sind nützlich. Es gibt nichts Unnützes ... Ich hatte da bei mir zu Hause eine Anzahl Disteln in einer Gartenecke, die mich schon lange ärgerten. Am Ende dachte ich nach und habe sie schließlich in Sirup gekocht und mich daran gepflegt. Ihre Vorfahren haben hier gelebt und gearbeitet und gelitten. Folglich sind sie hier nützlich gewesen. Und auf jeden Fall, wenn wir für ihre Seelen ein Vaterunser beten, so kann ihnen das nur gut tun, ihnen und uns.« Und so sacht philosophierend, gelangten wir zu einer Eichenpflanzung, wo die steinalte Stute des Pfarrers wartete, da der heilige Mann seit dem Reißen des letzten Winters den harten Pfaden des Bergwalds nicht mehr so kräftig Trotz bieten konnte wie früher. Damit er aufsteigen könnte, hielt Jacintho ihm zuvorkommend den Steigbügel. Und während die Stute den Hohlweg hinaufstolperte, fast verschwindend unter dem mächtigen roten Sonnenschirm, der den alten Herrn überdachte, kehrten wir nach Hause zurück durch die Serra da Lombinha, durch Maisfelder, – sehr eilig, denn die Fesseln der schwarzen Gewandung, in die man mich gezwängt, drohten zu zerreißen. »Nun sind diese Herrschaften endlich zur Ruh gebracht, Zé Fernandes! Erübrigt nur noch, das vom Pfarrer empfohlene Vaterunser für sie zu beten ... Nur, ich besinne mich nicht mehr recht ...« »Sorge dich darum nicht, Jacintho: ich bitte die Tante Vicencia, daß sie für mich und für dich betet. Die Tante Vicencia betet immer die Vaterunser für mich.« IX Während dieser Wochen, die ich faulenzend in Tormes verbrachte, war ich mit gerührtem Interesse Zeuge einer bedeutsamen Aenderung, die sich in der Stellungnahme Jacinthos zur Natur vollzog. Aus jener sentimentalen Periode der beschaulichen Betrachtung, in der er Theorien von den Zweigen des ersten besten Kirschbaums pflückte und Systeme aufbaute auf dem gischtenden Schaum der Wildwasser, glitt mein Prinz sacht zur Tatenlust über ... Und zwar zur Freudigkeit an der unmittelbaren, materiellen Tat, mittels der seine endlich einer höheren Tatkraft zurückgegebene Hand die Scholle bearbeitete. Nach all dem Auslegen und Erörtern strebte er sichtlich nach Schaffen. An einem Spätnachmittag saßen wir im Obstgarten auf dem Brunnenrand, während der Gärtner Manuel oben auf einer Leiter stand, um von einem hohen Orangenbaum die Früchte abzunehmen. Da bemerkte Jacintho, mehr für sich als für mich: »Sonderbar ... Ich habe nie einen Baum gepflanzt!« »Und doch ist das eine der drei großen Handlungen, ohne die, nach ich weiß nicht welchem Philosophen, man niemals ein Mann von rechter Art sein kann: Einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen, ein Buch schreiben. Du mußt dich beeilen, wenn du ein Mann sein willst. Möglich, daß du einem Baum nie einen Dienst geleistet hast, wie man ihn seinem Nächsten leistet.« »Doch ... In Paris habe ich, als ich klein war, die Fliedersträuche begossen, und im Sommer ist das ein ganz netter Dienst! Aber nie habe ich etwas gesät.« Und als Manuel die Treppe hinabstieg, reklamierte mein Prinz, der nie rückhaltslos an mein landwirtschaftliches Wissen glaubte, – armer Kerl! – augenblicklich die Ansicht dieser Autorität: »O Manuel, hört! Was könnte man jetzt säen?« Mit dem Korb Apfelsinen auf dem Arm, entgegnete Manuel mit einem Grinsen, das zwischen respektvoll und belustigt die Wage hielt: »Säen, Herr? Jetzt ist ja Erntezeit. Sehen Sie doch, Herr, die Dreschtenne wird schon für das Maisentblättern in Ordnung gebracht.« »Nun ja... Es braucht ja nicht gerade Mais oder Gerste zu sein... Da hinten im Obstgarten, könnte man nicht zum Beispiel an der alten Mauer entlang eine Reihe Pfirsichbäume pflanzen?« Manuels Grinsen zog sich über das ganze Gesicht. »Warum nicht gar, Herr! Das kann so um Allerheiligen oder Weihnachten herum angehen. Jetzt nur etwa Kohl im Küchengarten, Portulak, Spinat, vielleicht noch eine Spätbohne in recht frischer Erde ...« Mein Prinz wies mit sanfter Gebärde dies niedrige Küchenkraut von sich. »Na, dann gute Nacht, Manuel. Diese Orangen sind von dem Orangenbaum, von dem der Melchior gesagt hat, sehr süß, sehr fein? Da nehmt Euren Kleinen davon mit. Nehmt recht viele für die Kleinen.« Nein, sein Ehrgeiz war, einen Baum zu schaffen. Vielleicht war seine neue Liebe für die Erde von dem Baum ausgegangen, den er in den Bergen in seiner wahren Majestät, seiner schattenspendenden Wohltätigkeit, dem sinneumwebenden Rauschen seines frischen Laubes, in der lieblichen Heiligkeit der ihn bevölkernden Nester betrachtet hatte. Und nun erträumte er ein Tormes, ganz bedeckt von Bäumen, deren Früchte und grünes Gezweig, deren leises Geflüster und geschützte Nester nur das Werk und die Sorge seiner Vaterhände wären. In das ernste Schweigen der wachsenden Dämmerung hinein fragte er leise: »Hör, Zé Fernandes, welche Bäume wachsen am schnellsten?« »Ja, lieber Jacintho, der Baum, der am schnellsten wächst, ist der Eukalyptus, der garstige, lächerliche Eukalyptus. In sechs Jahren kannst du ganz Tormes mit Eukalypten überwuchern...« »Das dauert alles so lange, Zé Fernandes ...« Denn sein Traum, den ich so wohl begriff, war gewesen, Kerne zu pflanzen, die gleich in starken Stämmen aus dem Boden wüchsen und ihre grünen Kronen ausbreiteten, ehe er anfangs Winter nach Paris zurückkehrte ... »Ein Eichbaum! Dreißig Jahre, ehe es ein rechter Baum ist! Da verlier' ich den Mut! Das ist gut für unsern Herrgott, der es abwarten kann. patiens quia aeternus . Dreißig Jahre! In dreißig Jahren, – nur um mein Grab zu beschatten!« »Wär' auch schon ein Gewinn. Und dann für deine Kinder, Jacintho ...« »Kinder! Wo hab' ich denn welche?« »Das ist derselbe Prozeß wie mit den Kastanienbäumen: säen. Es gibt hier sehr schöne Erde dafür. In neun Monaten hast du ein fertiges Pflänzchen. Und je zarter und kleiner diese Pflanzen sind, um so mehr Freude hat man an ihnen.« Wieder murmelte er und kreuzte die Hände über dem Knie: »Das dauert alles so lange! ...« Schweigend blieben wir auf dem Brunnenrand sitzen, in der frischen Milde der hereinbrechenden Nacht, von dem Duft des Geißblatts an der Mauer umschmeichelt, den Blick auf die Mondsichel geheftet, die über den Dächern von Tormes aufstieg. Die Eile, aus einem Träumer zu einem Schöpfer in der Natur zu werden, wandte sein Interesse plötzlich dem Vieh zu! Bei unsern Spaziergängen durch die Quinta fiel ihm wiederholt die Oede auf. »Es fehlt hier an Tieren, Zé Fernandes!« Ich meinte, er vermisse in Tormes den eleganten Schmuck der Hirsche und Pfauen. An einem Sonntag aber, da wir an dem großen Feld der Ribeirinha entlang gingen, das zwar immer nur spärlich Wasser hatte, jetzt aber bei dem trockenen Sommer ausgedörrter denn je war, hielt mein Prinz den Schritt an, um den drei Hammeln des Häuslers zuzusehen, wie sie notdürftig eine elende Weide abgrasten. Und plötzlich, wie in verhaltenem Vorwurf: »Da haben wir's ja! Da ist Platz für eine schöne Weide, sehr grün, sehr fett, mit Herden weißer Schafe, die rund und dick sind wie auf den Rasen gesetzte Klumpen Watte! ... Wäre das nicht schön, was? Und leicht, nicht wahr, Zé Fernandes?« »Gewiß. Brauchst bloß das Wasser in der Gießkanne auf die Weide zu tragen. Wasser ist ja genug da, in der Serra.« Und mein Prinz kettete an diese Eingebung gleich eine andre, reichere und ausgedehntere, und erinnerte daran, wie viel schöner Tormes sein würde, wenn man diese Wiesen, diese grünen Weiden mit Herden schöner englischer Kühe bevölkerte, fetter, glänzender Kühe, – was? Eine Pracht! Um diesen reichen Viehbestand unterzubringen, würde er Stallungen in vollendeter Einrichtung bauen von leichter, zweckmäßiger Bauart, ganz aus Eisen und Glas, die Fundamente schön von der Luft bestrichen und weitläufig vom Wasser umspült, – was? Eine wahre Lust! Und dann mit all diesen Kühen und der Unmasse Milch würde nichts leichter und unterhaltender und selbst auch moralischer sein, als eine Meierei einzurichten, auf Holländer Manier, ganz weiß und blank, mit Marmorfliesen, um die Camemberts, die Bries, die Coulommiers zu bereiten ... Welch eine Annehmlichkeit für das Haus! Und für die ganze Serra, welche Tätigkeit! »Ja, meinst du nicht, Zé Fernandes?« »Gewiß. Du hast ja die Fülle von den vier Elementen: Luft, Wasser, Erde und Geld. Mit diesen vier Elementen richtet man leicht eine große Landwirtschaft ein. Wie viel mehr eine Käserei!« »Nicht wahr? Und auch als Geschäft. Für mich ist der Gewinn natürlich die moralische Wollust der Arbeit, die fruchtbare Anwendung des Tages. Aber eine so vorzügliche Meierei bringt schließlich auch etwas ein. Sie wirft sogar viel ab. Und bildet den Gaumen, regt zu ähnlichen Einrichtungen an, führt vielleicht im Lande eine neue, reiche Industrie ein! Hör, mit einer so vorzüglichen Einrichtung – wie teuer kann mir jeder Käse zu stehen kommen?« Ich schloß ein Auge und rechnete: »Wart mal ... Jeder Käse von diesen kugeligen Käsen wie der Camembert oder der Rabaçal kann – hm, hm! – kann – ich sag' dir's gleich! – kann – ich hab's schon! – dir, dem Käser Jacintho – so zwischen zweihundertfünfzig bis dreihundert Milreïs kosten.« Mein Prinz fuhr zurück und riß zwei fröhlich erschrockene Augen nach mir auf: »Was? Dreihunderttausend Reïs?« »Sagen wir zweihundert. Kannst dich darauf verlassen! Mit all diesen Wesen und der Rieseleinrichtung und der veränderten Gestaltung der Serra und den englischen Kühen und den Gebäuden aus Glas und Porzellan und den Maschinen und der Narrheit und dem ganzen bukolischen Schwabenstreich kostet dir, dem Produzenten, jeder Käse zweihundert Milreïs. Dafür kannst du ihn aber auch in Oporto sicher für einen Tostaon verkaufen. Nun rechne noch fünfzig Reïs für Verpackung, Etikette, Fracht, Kommission und so weiter. So hast du auf jeden Käse nur einen Verlust von etwa hundertneunundneunzigtausendachthundertundfünfzig Reïs!« Mein Prinz ließ sich nicht einschüchtern: »Famos! Ich werde von diesen erstaunlichen Käsen einen per Woche, am Sonnabend, herstellen, damit wir ihn selbander am Sonntag verzehren!« Und eine solche Willenskraft schöpfte er gleich aus seinem neuen Optimismus, einen so heißen Drang, zu schaffen, daß er sofort Silverio und Melchior von Bergspitzen zu Schluchten und von Schluchten zu Graten schleppte, den ganzen Besitz nach allen Himmelsrichtungen durchschweifte, um zu bestimmen, wo nach seinem Machtgebot die grünen Wiesen ersprießen und wo, glänzend im Tormeser Sonnenschein, die eleganten Stallungen erstehen sollten. Bei dem soliden Hintergrund seiner hundertundneun Contos Einkünfte gab es kein von Melchior heiter erhobenes oder von Silverio mit respektvoller Verblüffung geltend gemachtes Bedenken, das er nicht mit leichter Geste sanft beseitigt hätte wie einen überhängenden wilden Rosenzweig im Hag. Jene Felswände bilden ein Hindernis? Sie werden abgesprengt! Ein lästiges Tal scheidet zwei Felder? Es wird zugeschüttet. Silverio trocknete sich seufzend den Angstschweiß von der dunkeln Glatze. Armer Silverio! Hart aufgerüttelt aus der süßen Gemächlichkeit seiner Verwaltung, sollte er nun Berechnungen ausstellen, die seiner Gebirglersparsamkeit übermenschlich erschienen. Genötigt, ohne Rast noch Ruh in der Junihitze zu fronen, hatte der arme Teufel in der Serra die üble Gewohnheit angenommen, die Jacintho in Paris gelassen hatte, und nun war er es, der rat- und mutlos die Finger durch den langen Bart strich ... Endlich eines Tages machte er mir gegenüber seinem Herzen Luft, während Jacintho in der Bibliothek an einen Freund in Holland schrieb, den Oberhofmeister Grafen Rylant, um Zeichnungen, Pläne und Kostenanschläge einer Mustermeierei zu erbitten. »Nun, ich sage Ihnen, Herr Fernandes, wenn diese ganze Großartigkeit zur Ausführung kommt, so begräbt der Senhor Dom Jacintho hier manche zehn Contus de Reïs ... manche zehn Contos de Reïs!« Und da ich auf das Vermögen meines Prinzen hinwies, dem all diese umfassenden Arbeiten, die der ganzen alten Serra ein andres Gesicht geben würden, nicht mehr ausmachten, als andern die Ausbesserung einer Terrasse, schlug der gute Silverio die langen Arme an die feisten Schenkel, noch trostloser als zuvor. »Gerade deshalb, Senhor Fernandes! Wenn der Senhor Dom Jacintho nicht dies unmenschliche Geld hätte, so stünde er davon ab. Aber so heißt's sasch! sasch! vorwärts! Ich will ja gar nichts sagen von der Idee! Wollte Gott, ich hätte das Geld von Seiner Gnaden, so würfe ich mich auch auf eine Landwirtschaft nach meiner Phantasie. Aber nicht hier, Senhor Fernandes, nicht in dieser Bergwelt voll Felsen und Abgründe! Ein Herr, der jenen schönen Besitz von Montemór hat, an den Ufern des Mondego, wo er sogar Gärten pflanzen könnte, die die vom Kristallpalast in Oporto beschämten! Und die ›Velleira‹, da nach Penafiel zu ... Sie kennen die ›Velleira‹ nicht? Na, das ist Ihnen die reine Grafschaft! Ebener Boden, guter Boden, alles beieinander, ums Haus herum, mit einem Turm. Das ist ein Vergnügen, Senhor Fernandes! Aber ganz besonders Montemór! Da wären Weiden und englische Kühe und Käserei und fetter Krautgarten und dreißig Truthähne im Geflügelhaus ...« »Was ist dabei zu tun, Silverio? Jacintho hat sich nun einmal auf die Serra versteift. Und dann ist dies ja auch der Familiensitz, und hier hatten im vierzehnten Jahrhundert die Jacinthos ihren Ursprung.« Der arme Silverio vergaß in seiner Verzweiflung den Respekt, den er dem säkularen Adel des Hauses schuldete: »Ach was! Solche Ideen stehen Ihnen gar nicht wohl an, Senhor Fernandes, in diesem Jahrhundert der Freiheit und Gleichheit. – Als wenn wir jetzt in Zeiten lebten, wo man von Adel und Aristokratie und Ahnen spricht, jetzt, wo alles der Republik zustrebt! Lesen Sie das › Seculo ‹, Senhor Fernandes! Lesen Sie das ›Seculo‹, und Sie werden sehen! Und nachher möchte ich doch wirklich den Senhor Dom Jacintho sehen, hier im Winter, mit dem Nebel, der morgens aus dem Fluß aufsteigt, und der Kälte, die einem bis aufs Mark dringt, und den böigen Winden, die ganze Eichenpflanzungen umreißen, daß sie die Wurzeln in die Luft strecken, und Regengüsse und Regengüsse, als sollte das Gebirg fortgeschwemmt werden! – Sehen Sie, sogar aus Gesundheitsrücksichten sollte der Senhor Dom Jacintho, der nicht der Stärkste und an die Stadt gewöhnt ist, die Serra meiden. In Montemór, in Montemór würden sie sich wohl fühlen. Und Sie, Senhor Fernandes, der Sie so befreundet mit ihm sind und so viel Einfluß haben, Sie sollten darauf bestehen und so lange reden, bis Sie ihn nach Montemór geschafft hätten!« Zum Unglück für die Ruhe Silverios aber hatte Jacintho in seiner rauhen Serra Wurzel gefaßt, und zwar kräftige, liebevolle Wurzeln. Es war, als hätte man ihn als Steckling in diesen alten Boden gepflanzt, dem sein Geschlecht entsprossen war, und die alte, fruchtbare Erde durchdränge ihn mit ihrem Saft und ihrer Kraft und verwandelte ihn in einen ländlichen Jacintho, fast in ein Pflanzenwesen, das ebenso dem Boden gehörte und mit ihm verwachsen war, wie die so sehr von ihm geliebten Bäume. Und dann, was ihn zumeist an die Serra fesselte, war, daß er in ihr gefunden hatte, was er trotz seiner Geselligkeit in der Stadt stets vermißt hatte: Tage, so ausgefüllt, so wunderbar geschäftig, voll eines so köstlichen Interesses, daß er sich stets in sie hineinstürzte wie in ein Fest oder ein stärkendes Wellenbad. Gleich am frühen Morgen, um sechs Uhr, wenn ich in meinem Zimmer mich noch behaglich auf den mit frischen Maisblättern gefüllten Matratzen dehnte, hörte ich seine schweren Schuhe auf dem Korridor und sein Trällern, das, wenn auch mißtönend, so doch glückselig klang wie das einer Amsel. Ein paar Augenblicke später riß er dann polternd meine Tür auf, schon den Schlapphut auf dem Kopf und den Kirschholzstock in der Hand, mit verhaltener Begierde bereit für die gewohnte Wanderung durch die Berge. Und dann war es immer die gleiche Neuigkeit, die er mir fast mit Stolz verkündete: »Habe heute köstlich geschlafen, Zé Fernandes. So gut und so ruhig, daß ich anfange, mich unter die Gerechten zu zählen! Ein wundervoller Morgen! Als ich um fünf Uhr das Fenster öffnete, habe ich vor schierem Entzücken beinahe gejauchzt!« Bei seiner großen Eile gönnte er mir kaum die Erfrischung meines Morgenbades; und wenn ich den schlecht angefangenen Haarscheitel noch einmal zu ziehen begann, so eiferte dieser ehemalige Besitzer von neununddreißig Bürsten gegen diese weibische Vergeudung einer Zeit, die den kräftigen Genüssen des Landaufenthalts gehörte. Aber wenn wir nach den herkömmlichen, den Rüden im Hofe gespendeten Liebkosungen aus der Platanenallee heraustraten und vor uns die im morgendlichen Grün noch weißer leuchtenden Fußwege sich in Windungen nach verschiedenen Seiten teilten, so hörte seine Eile auf, und er trat in die Natur ein mit der ehrerbietigen Langsamkeit eines, der in einen Tempel tritt. Und wiederholt behauptete er, es sei »gegen alle Aesthetik, Philosophie und Religion, eilig durch die Felder zu gehen«. Uebrigens genügte ihm bei jener bukolischen Feinfühligkeit, die sich bei ihm entwickelt und ständig verschärft hatte, die vorübergehendste Schönheit der Luft oder der Erde für einen langen Frohgenuß. Stillbeglückt konnte er einen ganzen Morgen in einem Pinienwald umherwandern, von Stamm zu Stamm, schweigend, in Stille, Frische und Harzduft schwelgend, mit dem Fuß in den trockenen Nadeln und Zapfen wühlend. Ein Wasserlauf hemmte seinen Schritt, gerührt von dieser dienstfertigen Geschäftigkeit, die singend der durstigen Scholle zueilt, in ihr versinkt, in ihr sich verliert. Und ich entsinne mich, daß er mich einen halben Sonntag lang nach der Messe auf einer Terrasse festhielt, neben einem alten, abgetragenen Stall, unter einem großen Baum – lediglich, weil ringsumher Stille herrschte, ein leiser Lufthauch uns das gedämpfte Zwitschern von Vogelstimmen zutrug und das Plätschern eines Baches im grünen Schilf und über die Hecke herüber einen feinen, frischen Duft dort versteckter Blumen. Und wenn ich als guter alter Bekannter der Gebirge mich nicht der gleichen Verzückung überließ, die ihm, dem Novizen, die Seele erfüllte, so grollte mein Prinz mit der Empörung eines Poeten, der einen Krämer über Shakespeare oder Musset gähnen sieht. Ich lachte. »Lieber Junge, sieh, ich bin doch nur ein kleiner Bauer. Für mich handelt es sich nicht darum, ob die Erde schön ist, sondern darum, ob die Erde gut ist. Sieh doch nur, was die Bibel sagt: ›Im Schweiße deines Angesichts sollst du deinen Acker bebauen!‹ Und nicht: ›In Verzückung deiner Seele sollst du deinen Acker beschauen!‹« »Kein Wunder!« rief mein Prinz aus. »Ein Buch, das von Juden, von schnöden Semiten geschrieben ist, die immer nach dem Gewinn schielen! Mensch, sieh doch nur einmal jenes Stückchen Talmulde an und gewinne es mal über dich, für einen Moment nicht an die dreißig Milreïs zu denken, die es einbringt! Du wirst sehen, daß es dir mit seiner Schönheit und Anmut mehr Befriedigung für die Seele gibt, als die dreißig Milreïs dem Körper. Und im Leben kommt es ja nur auf die Seele an.« Zum Hause zurückgekehrt, fanden wir die Fenster schon geschlossen, die Läden angelehnt, die Fußböden gesprengt gegen die heiße Junisonne, die uns nach dem Frühstück in süßem Nichtstun in der Bibliothek zurückhielt. Tatsächlich hörte die frohe Geschäftigkeit meines Prinzen unter dem Druck der Mittagsruhe nicht auf, noch war sie weniger angespannt. Zu dieser Stunde, wo im Laub auch die aufgeregtesten Spatzen schliefen, wo selbst die Sonne ohne Bewegung in ihrem Strahlenkranz zu ruhen schien, griff Jacintho mit wachem Geist – begierig nach Genuß, jetzt, wo er diese Fähigkeit wieder erlangt hatte – nach »seinem Buche«. Denn der Eigentümer von dreißigtausend Bänden war jetzt in seinem Hause von Tormes und nach seiner Auferstehung der Mann, der nur ein Buch besitzt. Diese selbe Natur, die ihn von den einsargenden Bänden des Ueberdrusses befreit hatte und ihm ihr schönes » Ambula «, geh! – zugerufen hatte, hatte ihn jedenfalls auch aufgefordert » et lege« , und lies! Und befreit von der erstickenden Umhüllung seiner ungeheuren Bibliothek, begriff mein gesegneter Freund endlich die unvergleichliche Wonne, »ein Buch zu lesen«. Als ich, nach den Offenbarungen Severos in der Schenke von Torto, nach Tormes geeilt war, beendete er den Don Quichotte, und ich lauschte noch seinen letzten Gelächtern über die köstlichen und sicher tiefsinnigen Dinge, die der feiste Sancho spreizbeinig von seinem Esel herab brummte. Jetzt aber hatte sich mein Prinz in die Odyssee versenkt – und er lebte ganz in dem Staunen und der Wonne, so auf halbem Lebenswege den irrfahrenden Dichter, den greisen Homer gefunden zu haben! »O, Zé Fernandes, wie konnt' es angehen, daß ich dies Alter erreichte, ohne Homer gelesen zu haben?« »Nun, andre, dringliche Lektüre ... der ›Figaro‹, Georges Ohnet ...« »Hast du die Iliade gelesen?« »Mein Junge, ich rühme mich aufrichtig, nie die Iliade gelesen zu haben.« Die Augen meines Prinzen blitzten. »Weißt du, was Alcibiades tat, als eines Tages im Portikus ein Sophist, ein frecher Sophist sich rühmte, nie die Iliade gelesen zu haben?« »Nein.« »Er hob die Hand und versetzte ihm eine gehörige Ohrfeige.« »Zurück, Alcibiades! Ich hab' dafür die Odyssee gelesen!« O, aber ich hätte sie sicherlich oberflächlich und zerstreut gelesen! Und er bestand darauf, er wolle mir durch das unvergleichliche Buch hindurch als Führer dienen. Ich lachte. Und lachend, träge vom Frühstück willigte ich ein und streckte mich auf dem Weidenkanapee aus. Er hinter dem Tisch, gerade aufgerichtet in seinem Stuhl, öffnete das Buch, wie ein Hohepriester das Meßbuch aufschlägt, und fing mit einer getragenen, tiefempfundenen Ode an. Und das weite, glitzernde und tönende Meer der Odyssee wogte in ewiger Bläue unter dem weißen Flügelschlag der Möwen auf und nieder, brach sich sacht auf dem feinen Sande oder brandete gischtend gegen die Marmorfelsen der göttlichen Inseln, und atmete einen frischen Salzgeruch, der in der erschlaffenden Junihitze doppelt herzstärkend wirkte. Dann die verblüffenden Listen des schlauen Odysseus und seine übermenschlichen Gefahren, die herrlichen Klagelieder und ein unstillbares Sehnen nach dem verlorenen Vaterland; alle Ränke und Schliche, mit denen er die Helden umstrickte, die Götter täuschte, das Schicksal überlistete, hatten einen doppelt köstlichen Reiz hier in Tormes, wo man nie der List und des Truges bedurfte, wo das Leben sich mit der stets gleichen Gewißheit abrollte, mit der an jedem Morgen dieselbe Sonne über den Bergen heraufstieg, und immer Roggen und Mais, von denselben Wassern umspült, keimten, wuchsen, Aehren ansetzten, reiften ... Von der ernsten, einförmigen Deklamation meines Freundes eingewiegt, schloß ich behaglich die Augen. Bald aber schreckte mich ein wilder Tumult durch Himmel und Erde empor ... Das war das Gebrüll des Polyphem, oder das Geschrei der Gefährten des Odysseus, die die Rinder Apollos raubten. Mit weit aufgerissenen Augen glotzte ich dann Jacintho an und murmelte: »Herrlich!« Und immer überrumpelte in solchen Augenblicken der arglistige Odysseus in roter Kapuze und mit dem langen Ruder auf der Schulter mit seiner Redegewandtheit die Huld der Fürsten, oder forderte die dem Fremdling schuldigen Gastgeschenke, oder stibitzte den Göttern irgend eine Gunstbezeugung. Und Tormes schlief im Glanz des Junitages. Aufs neue schloß ich dann die Lider, eingelullt von den schmeichelnden Liebkosungen der großzügigen homerischen Verse ... Im Halbschlaf, zauberumfangen, sah ich in der Ferne das glückliche Hellas aus dem Blau des Meeres auftauchen, überdacht vom Blau des Himmels, und das weiße, schwankende Segel, das Ithaka suchte ... Nach der Siesta wanderte mein Freund aufs neue durch die Felder. Und zu dieser Stunde, wo die Nerven größere Spannkraft zeigten, kehrte er mit Inbrunst zu »seinen Plänen« zurück, zu diesen Luxuskulturen und eleganten Werkstätten, die die Serra mit ländlicher Pracht schmücken würden. Jetzt war er ganz Eifer für einen Garten, der in seiner Idee entstanden war, einen blumengeschmückten Küchengarten, wo alle Gemüse, klassische oder exotische, trefflich gediehen in gefälligen Rabatten, die von Rosenhecken, Nelken, Lavendel, Georginen eingefaßt wären. Das Rieselwasser sollte ihn in schönen, mit Fliesen gepflasterten Rinnen durchfließen. Die Gartenpfade sollten dichte Laubdächer von Muskateller beschatten, die auf fliesenbekleideten Pfählen ruhten. Und mein Prinz zeichnete diesen Plan eines wunderbaren Gartens mit Rotstift auf ein ungeheures Papier, das Melchior und Silverio, die ihre Meinung abgeben sollten, lange betrachteten, – der eine, indem er sich belustigt hinterm Ohr kratzte, der andre mit fest gekreuzten Armen und tragisch gerunzelter Braue. Aber dieser Plan, wie der der Käserei, des Geflügelhauses, und ein andrer, sehr famoser, eines Taubenhauses, das so bevölkert sein sollte, daß der ganze Tormeser Himmel weiß und bewegt von flatternden Taubenflügeln wäre, – kam nicht über unsre angenehmen Plaudereien hinaus oder über die Papiere, auf denen Jacintho sie entwarf, und die sich auf dem Tisch anhäuften, platonisch, unbeweglich, zwischen dem messingenen Tintenfaß und der Vase mit Blumen. Keine Spitzhacke spaltete den Felsen, kein Hebel hob einen Stein von seinem Platz, keine Säge zerschnitt Holz, um diese Wunder zu verwirklichen. An dem kugelglatten und schlüpfrigen Widerstand Melchiors, an der respektvollen Ruhekraft Silverios zerschellten meines Prinzen Pläne wie herrlich bewimpelte Galeeren an Klippen und Sandbänken. Vor der Kornernte und der Weinlese dürfe man an dergleichen nicht denken, erklärte Silverio. Und dann, fügte Melchior mit einem verheißungsvollen Lächeln hinzu, für gedeihliches Werk sei nur der Januarmond, denn das Sprichwort lehrte: »Nur im Jänner Baut der Kenner; Doch stellt er einen Mauermann Niemals vor Mitte Monat an.« Und im übrigen, der Genuß, Pläne zu schmieden und mitzuteilen, wobei er seinen Stock über Berg und Tal hinstreckte, um die auserwählten Plätze zu bezeichnen, die durch sie verschönert werden sollten, genügte vorderhand für meinen Prinzen, der noch mehr erfindungsreich als tatkräftig war. Und während er über die bevorstehenden Wandlungen in der Serra grübelte, machte er sich allmählich und mit liebenswürdigem Zutun seinerseits mit dem schlichten Menschenschlage vertraut, der sie bearbeitete. Bei seiner Ankunft in Tormes litt Jacintho unter einer seltsamen Scheu vor den Häuslern, den Tagelöhnern und selbst vor einem ihm zufällig in den Weg laufenden Jungen, der vielleicht eine Kuh auf die Weide führte. Niemals blieb er stehen, um mit den Knechten zu sprechen, wenn sie am Wegrain oder auf einem Gätfeld sich aufrichteten und den Hut in der Hand in der Ehrerbietung alter Vasallenschaft stehen blieben. Vermutlich hinderte ihn die Trägheit und vielleicht auch die schamhafte Zurückhaltung gegenüber dieser unendlichen Entfernung, die sich zwischen seiner komplizierten Hyperkultur und den rauhen Sitten dieser Naturseelen erstreckte: – aber vornehmlich hielt ihn wohl die Furcht zurück, seine Unwissenheit in Landwirtschaft und Bodenkultur zu zeigen oder vielleicht in den Verdacht zu kommen, als unterschätze er die Beschäftigungen und Interessen, die für die andern erhaben und fast religiös waren. Er löste deshalb diese Zurückhaltung mit einer Verschwendung von Lächeln und freundlichem Nicken und Winken ein, und zog den Hut zu so tiefer Begrüßung, mit so nachdrücklicher Höflichkeit, daß ich manchmal fürchtete, er würde zu den Tagelöhnern sagen: »Ich wünsche Euer Gnaden einen ergebenen guten Morgen ... Ihr ergebener Diener, mein Herr!« Jetzt aber, nach diesen Wochen des Berglebens und der Wissenschaft (die allerdings noch auf wackeligen Füßen stand) der Saat- und Erntezeiten, machte es ihm schon Vergnügen, bei den Arbeitern stehen zu bleiben, in beschaulicher Ruhe der Arbeit zuzusehen und freundliche und allgemeine Dinge zu sagen. »Nun, schreitet es vorwärts? ... Das ist ja schön! ... Dieses Ackerstück ist guter Boden ... Jene Böschung muß ausgebessert werden ...« Und jede dieser Aeußerungen war ihm angenehm, wie wenn er durch sie tiefer in die Innerlichkeit des Landes eindränge, seine Verkörperung zu einem »Landmann« befestigte und aufhörte, ein unter wirklichen Wesen irrender Schatten zu sein. Schon deshalb konnte ihm kein Kuhjunge begegnen, ohne daß er ihn angehalten und befragt hätte: »Wohin gehst du? Wem gehört das Vieh? Wie heißt du?« Und zufrieden mit sich selbst, pries er dankbar die Freimütigkeit des Jungen oder die Aufgewecktheit seiner Augen. Ein andrer Stolz meines Prinzen bestand in der Kenntnis der Namen aller Felder, aller Quellen und der Grenzen seines Besitzes. »Siehst du dort jenseits des Wildbachs die Kiefernschonung? Die gehört schon nicht mehr mir, die gehört den Albuquerques.« Bei der unbeirrten Fröhlichkeit Jacinthos waren die Abende im Herrenhause kurz und angenehm. Mein Prinz war dann eine Seele, die sich vereinfachte: – der geringste Genuß genügte ihr, sobald damit Frieden oder Wohligkeit sie erfüllte. Mit wahrem Entzücken blieb er nach dem Kaffee in seinem Stuhl hingestreckt und gab sich dem durch die offenen Fenster einströmenden Bergfrieden hin unter dem sternbesäten Schweigen des Nachthimmels. Die einfachen und lokalen Geschichten, die ich ihm von Guiaens erzählte, vom Pfarrer, von der Tante Vicencia, von unsern Verwandten in »Flôr da Malva«, interessierten ihn so unverkennbar, daß ich zu seinem Vergnügen die vollständige Chronik von Guiaens zu erzählen anfing, mit allen Liebesgeschichten und Heldenstückchen und den Streitigkeiten über Dienstleistungen und Wasserläufte. Manchmal auch gerieten wir uns bei einer Partie Tricktrack in die Haare, über einem schönen Spielbrett aus Guajakholz mit Steinen aus Elfenbein, das uns Silverio geliehen hatte. Nichts aber bezauberte ihn so sehr, wie sacht, sacht die Gemächer zu durchschreiten bis zu einem, das in den Fruchtgarten hinausging, wo er dann ans Fenster gelehnt im Dunkeln stand und in stillem Wohlgefühl lange dem sehnsüchtigen Schlag der Nachtigallen lauschte. X An einem dieser Morgen – gerade am Vormorgen meiner Rückkehr nach Guiaens, – setzte das Wetter, das bis dahin so heiter durch die Berge geschritten war, mit unverändert strahlendem Lächeln, ganz in Blau und Gold gekleidet, das auf den Wegen in übermütigem Spiel Staubwolken aufgewirbelt und die ganze Natur lustig angelacht hatte, in einer plötzlichen Laune, die sein Temperament dem der Menschen so ähnlich macht, eine trübe, finstere Miene auf und wickelte sich mit so schwerem Trübsinn und so ansteckend übler Laune in seinen grauen Mantel, daß die ganze Serra den Kopf hängen ließ. Kein Vogel ließ seine Stimme vernehmen, und die Bergbäche flohen mit leisem Schluchzen unter die tiefgeneigten Grashalme. Als Jacintho in mein Zimmer trat, konnte ich nicht der boshaften Anwandlung widerstehen, ihm einen Schrecken einzujagen: »Südwest! Froschgequake in allen Talmulden ... das bedeutet Wasser, Senhor Dom Jacintho, viel Wasser, verdammt viel Wasser! Vielleicht vierzehn Tage an einem Strich! Da wird sich dann zeigen, wer hier der feine Naturfreund ist, bei diesem Kettenregen mit Wirbelwind, und die ganze Serra von Wasser triefend!« Mein Prinz spazierte mit den Händen in der Tasche zum Fenster: »In der Tat! Sehr bedeckt! Ich habe schon einen der Pariser Koffer aufmachen lassen, um einen Regenmantel herauszunehmen ... Tut nichts! Werden die Bäume um so grüner. Und ganz gut, wenn ich Tormes auch in seinen Wintergewohnheiten kennen lerne.« Da indessen Melchior beteuerte, daß »das bißchen Regen erst am Nachmittag kommen« würde, beschloß Jacintho, noch vor dem Frühstück nach Corujeira zu gehen, wo Silverio ihn erwartete, damit über das Schicksal von ein paar sehr alten, sehr malerischen, höchst interessanten, aber morschen und dem Umsturz nahenden Eichbäumen entschieden würde. Und im Vertrauen auf Melchiors Wettererfahrung machten wir uns auf den Weg, ohne daß Jacintho wasserdicht gewesen wäre. Wir waren indes noch nicht halbwegs gekommen, als ein Pfeifen durch die Lüfte ging, die Bäume wie in einem Schauer die Zweige sträubten und aus einer uns umhüllenden schwarzen Wolke plötzlich ein so schwerer, windgepeitschter schräger Regen auf uns niederprasselte, daß uns Hören und Sehen verging und wir nur nach unsern im Winde wirbelnden Hüten griffen. Auf den Zuruf einer mächtigen, im Wind fast erstickten Stimme bemerkten wir am Rand eines Schuppens auf einem höher gelegenen Feld Silverio unter einem großen roten Regenschirm, mit dem er uns zuwinkte und den kürzesten Aufstieg zu diesem Schutzdach zeigte. Und auf den warfen wir uns nun, während uns der Regen das Gesicht umspülte, glitten durch den Schlamm, verrenkten uns die Glieder, strauchelten im Wirbelwind, der in einem Augenblick die ganze Gegend erfüllte, die Bäche anschwellen ließ, die Erde der Bergfalten zerbröselte und in Wut die Bäume zauste, bog, zerbrach, die Serra in Dunkel hüllte, sie wild, schroff, feindselig, unbewohnbar machte. Als wir schließlich unter dem großen Regendach, mit dem uns Silverio am Feldrain erwartete, nach dem Schuppen liefen, triefend und keuchend, brummte mein Prinz und trocknete sich dabei Gesicht und Hals ab: »Teufel noch einmal! Welch ein Hexentanz!« Er schien entsetzt über diesen plötzlichen, heftigen Zorn eines sonst so liebenswürdigen, gastlichen Gebirges, das ihm zwei Monate lang unentwegt nur linde Luft und Schatten gespendet hatte, und heiteren Himmel und fächelndes Gezweig und leises Murmeln zahmer Bäche. »Heiliger Herrgott! Kommt solch ein Unwetter öfter vor?« Silverios Antwort benahm meinem Prinzen völlig den Atem: »Dies sind nur Sommerspielereien, gnädiger Herr! Aber wenn Excellenz den Winter über hier bleiben, da können Sie was erleben! Da wüten die Stürme, daß selbst die Berge erzittern!« Er erzählte, wie auch er vom Wetter überrascht worden wäre, auf dem Wege nach Corujeira. Glücklicherweise aber hätte er, als er die dunkle Luft gespürt und die Blätter der Espen hätte zittern sehen, vorsorglich den Regenschirm genommen und Wasserstiefel angezogen. »Ich wollte erst beim Esgueira unterstehen, einem Häusler von hier. Das Haus da unten beim Feigenbaum ... Aber die Frau ist seit ein paar Tagen krank ... Und da das möglicherweise was Ansteckendes ist, Blattern oder dergleichen, dachte ich bei mir: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um! So flüchtete ich also nach dem Schuppen ... Und noch kein Vaterunserlang stand ich da, als ich Sie bemerkte ... So etwas! ... Der Herr Dom Jacintho werden nach Hause gehen müssen, um sich umzukleiden, denn wir können auf Regen für den ganzen Tag und die Nacht rechnen.« Aber gerade fing der Regen an, senkrecht hernieder zu fallen, aus einem noch schwarzen Himmel, während der Wind sich gelegt hatte. Und jenseits des Flusses und der Berge hellte es sich auf, wie wenn graue Vorhänge zurückgezogen würden. Jacintho ruhte sich aus. Ich hatte noch nicht aufgehört, mich wie ein nasser Pudel zu schütteln und mit den schlammbedeckten Füßen zu stampfen, an denen mir die Kälte empfindlich war. Und der gute Silverio ließ nachdenklich die Hand über den schwarzen Bart gleiten, überlegte und berichtigte sein Prognostikon: »Es klärt sich doch wieder auf! Hätt' ich nicht gedacht. Der Wind hat sich gedreht.« Der Schuppen, der uns Obdach gewählte, ruhte auf zwei rechtwinkeligen Mauern aus lose zusammengesetzten Steinen – Ueberreste einer abgetragenen Hütte –, und auf einem Stützbalken, der einen Winkel bildete. Zurzeit beherbergte er nur Holz, einen Haufen leerer Körbe und einen Ochsenwagen, auf dem sich mein Prinz niedergelassen hatte und sich eine tröstende Zigarette wickelte. Der Regen rauschte ergiebig in langen Strahlen hernieder. Und wir schwiegen alle drei, in jener untätigen und gedankenlosen Beschaulichkeit, zu der ein starker, ruhiger Regen allezeit Augen und Seele bindet. »O, Herr Silverio,« sagte dann langsam mein Prinz, »was sagten Sie da vorhin von Blattern?« Der Geschäftsführer drehte sich überrascht um: »Ich, gnädiger Herr? ... Ach ja! die Frau vom Esgueira! Das heißt, es mag sein, mag sein ... Sie müssen nicht denken, daß es hier an Krankheiten fehlt. Die Luft ist ja gut, dagegen ist nichts zu sagen! Gute Luft, leichtes Wasser. Aber manchmal, mit Verlaub, gibt's hier viel Wechselfieber.« »Ist denn keine Apotheke, kein Arzt vorhanden?« Silverio lächelte mit dem überlegenen Lächeln eines Menschen, der zivilisierte und wohlversorgte Regionen bewohnt: »Ei, wir werden doch Arzt und Apotheke haben! Da ist ein Apotheker in Guiaens, da ganz nahe beim Hause unsers verehrten Freundes hier. Und ein Mann, der was versteht ... der Firmino, was, Herr Fernandes? Ein tüchtiger Mann. Arzt ist der Doktor Avelino, etwa anderthalb Meilen von hier, in den Bolsas. Aber Excellenz wissen wohl, diese Leute sind arm! ... Sie sind froh, wenn es für Brot reicht, – wie sollten sie Arzneien ...!« Und aufs neue herrschte Schweigen unter dem Schuppendach, wo die zunehmende Kälte des verschlammten Gebirgs immer fühlbarer wurde. Jenseits des Flusses hatte sich die verheißungsvolle Helle zwischen den beiden dicken grauen Vorhängen nicht verbreitert. Im Gelände, das sich vor uns zum Tal abböschte, liefen lange Strähne lehmigen Wassers. Ich setzte mich schließlich auf einen Holzblock, flau und mit von dem unwirtlichen Morgen geschärftem Hunger. Und Jacintho auf dem Wagenrand, mit baumelnden Füßen, kraute sich im nassen Bart und betastete das Gesicht, in dem zu meinem Schrecken das Gespenst, das unheimliche Gespenst vergangener Tage, das Gespenst von 202 aufgetaucht war! Da kam plötzlich hinter der Mauer des Schuppens ein kleiner Junge hervor, zerlumpt, verhungert, mit einem winzigen, unter dem Schmutz gelb schimmernden Gesichtchen, aus dem zwei große schwarze Augen voll unbestimmten Schreckens und unbestimmter Furcht sich starr auf uns hefteten. Silverio erkannte ihn sogleich: »Wie geht's deiner Mutter? Du brauchst nicht näher heran zu kommen, bleib nur dort stehen. Ich höre ganz gut. Also wie geht's deiner Mutter?« Ich unterschied nicht, was die armen, blassen Lippen flüsterten. Aber Jacintho voll Interesse: »Was sagt er? Lassen Sie den Jungen mal herkommen! Wer ist deine Mutter?« Der Silverio gab respektvollen Bescheid: »Die kranke Frau, von der ich sagte, die Frau vom Esgueira, da aus dem Vorwerk mit dem Feigenbaum. Dies ist noch nicht das jüngste Kind ... an Kindersegen fehlt's nicht.« »Aber der Kleine scheint auch krank!« rief Jacintho. »Sehen Sie nur, wie gelb! ... Der arme kleine Mann! Bist du auch krank?« Der Junge verstummte, steckte den Finger in den Mund und sah uns mit traurigen, erschrockenen Augen an. Silverio lächelte gütig: »Bewahre! Der ist ganz gesund ... Er ist nur so gelb und kümmerlich, weil ... na ja ... schlechtes Essen, ... Hunger, ... viel Elend... Wenn ein Stück Brot vorhanden ist, so geht's in viele Teile. Hunger, Hunger!« Jacintho sprang wie elektrisiert vom Wagenrande ab: »Hunger? Er hat Hunger?! Gibt's hier Menschen, die hungern?!« Seine Augen funkelten in schreckensvollem Erbarmen, womit er bald von mir, bald von Silverio die Bestätigung dieses unvermuteten Elends forderte. Und ich klärte meinen Prinzen auf: »Menschenkind! Natürlich gibt's hier Hunger. Du hast dir wohl eingebildet, das Paradies hätte sich hier in der Serra verewigt, ohne Arbeit, ohne Not ... Ueberall gibt es Arme, selbst in Australien, in den Goldbergwerken. Wo es Arbeit gibt, gibt's auch Proletariat, sei es in Paris, sei es im Douro ...« Mein Prinz machte eine Gebärde voll Kummer und Ungeduld: »Ich will nicht wissen, was es im Douro gibt. Was ich frage, ist, ob hier in Tormes, auf meinem Besitz, innerhalb dieses Geländes, das mir gehört, Leute leben, die für mich arbeiten und die hungern ... Ob es Kinder gibt, wie dies hier, so verhungert? Das will ich wissen!« Silverio lächelte ehrerbietig vor dieser unschuldsvollen Unkenntnis des wirklichen Lebens im Gebirge. »Aber selbstverständlich, gnädiger Herr, gibt es hier Häusler, die sehr arm sind. Fast alle ... Es ist ein Elend, und wenn sie nicht eine kleine Unterstützung bekämen, so weiß ich nicht! ... Dieser Esgueira mit der Kinderherde, die er hat, ist ein wahrer Jammer ... Sie sollten nur mal die Hütten sehen, in denen sie wohnen ... Es sind Ställe. Die vom Esgueira dort ...« »Laßt uns hingehen,« unterbrach ihn Jacintho mit schnellem Entschluß. Und damit verließ er den Schuppen, ohne des Regens zu achten, der noch fiel, wenn auch leichter und spärlicher. Aber da breitete Silverio die Arme vor ihm aus, in Seelenangst, als gälte es, ihn vor einem Sturz in den Abgrund zu bewahren: »Nein! In das Haus des Esgueira werden Sie nicht hineingehen! Man weiß nicht, was die Frau möglicherweise hat, und Vorsicht und Hühnersuppe ...« Jacintho verließ keinen Augenblick seine gewöhnliche geduldige Höflichkeit: »Ich danke Ihnen für Ihre Sorge, Silverio ... Spannen Sie Ihren Regenschirm auf, und vorwärts!« Da ließ der Geschäftsführer die Schultern herabfallen und machte, wie Seine Excellenz befohlen hatten, geräuschvoll den riesigen Regenschirm auf, unter dem er respektvoll seinen Herrn durch das morastige Gefilde geleitete. Ich folgte und dachte an das reiche Almosen, das Gott dieser armen Hütte durch einen Bewohner seiner Städte schickte. Hinter uns kam der kleine Bengel, ganz versunken in tiefes Staunen. Wie alle Hütten im Gebirge war die des Esgueira cyklopisch in losen Steinen ohne Kalkanwurf ausgeführt, mit einem ungefähren Dach aus moosigen schwarzen Ziegeln; oben eine Luke, während die rohe Tür zugleich für Luft, Licht, Rauch und Menschen diente. Und ringsumher hatten Natur und Arbeit durch Jahre hindurch Schlingpflanzen und Waldblumen aufgehäuft und Gartenwinkel und duftende Hecken und alte, mooszerfressene Bänke und Scherben mit Erde, worin Petersilie wuchs, und singende Bäche und an Ulmen emporgerankte Weinreben, und schattige Plätze und spiegelhelle Pfützen, was alles diese Stätte des Hungers, der Krankheit und der Not entzückend geeignet machte für ein Hirtengedicht... Vorsichtig, mit der Spitze des Regenschirms, stieß Silverio die Tür auf und rief: »He, Frau Maria... Hallo, Mädchen!« In der halboffenen Türspalte erschien ein hochgewachsenes, brünettes Mädchen in schmutziger Kleidung, mit traurigen, eingesunkenen Augen, die in stillem Staunen uns anstarrten. »Na, wie geht's deiner Mutter? Mach die Tür auf, hier sind diese Herren ...« Sie öffnete langsam und sagte leise mit weher, schleppender Stimme, aber ohne zu jammern und mit einem schwachen Lächeln der Ergebung: »Wie soll es ihr gehen? Die arme Mutter! Schlecht... schlecht!« Und drinnen wiederholte die Mutter die trostlose Klage in einem Stöhnen, das wie aus dem Boden zu kommen schien, so erstickt, schläfrig und schwach war es: »Ach, hier lieg ich, ... schlecht... schlecht! ...« Silverio, ohne die Schwelle zu überschreiten, den vorgestreckten, halboffenen Regenschirm wie einen Schild gegen die Ansteckung vorhaltend, rief ihr einen vagen Trost zu: »Es wird ja nichts auf sich haben, Frau Maria! ... Eine Erkältung! Nichts als Erkältung!« Und zu Jacintho mit gedämpfter Stimme am Ohr: »Sie sehen, gnädiger Herr ... Großes Elend. Es regnet sogar hinein.« Auf dem Stück Fußboden, das zu sehen war, festgestampfter Erdboden, schimmerte eine feuchte Lache von dem durch das schadhafte Dach getropften Regen. Die rußgeschwärzten Wände waren ebenso schwarz wie der Fußboden. Und in diesem schmutzigen Dunkel zeigte sich ein unordentliches Durcheinander von Lumpen, Scherben, Hausrat und Ueberresten, unter denen nur eine Truhe aus schwarzem Holz eine verständliche Form zeigte, und darüber ein zwischen einer Säge und einem Oellämpchen hängender, grober, feuerroter Unterrock. Jacintho murmelte verlegen und benommen: »Es ist gut, es ist gut ...« Und er wandte sich, wie fliehend, wieder dem Schuppen zu, während Silverio ohne Zweifel dem Mädchen die erhabene Anwesenheit des »Fidalgo« kundtat, denn wir hörten sie an der Tür ihre wehe Stimme erheben: »Ach, unser Herrgott beschere ihm ein glücklich Los! Unser Herrgott geleite ihn!« Ehe Silverio mit seinen langen Schritten in seinen langen Stiefeln uns eingeholt, war Jacintho mitten auf dem Felde stehen geblieben, hatte sich zu mir gewandt und, während die zitternden Finger am Schnurrbart rissen, gestöhnt: »Das ist fürchterlich, Zé Fernandes, das ist fürchterlich.« Hinter uns donnerte Silverios kräftiger Baß: »Was willst du schon wieder. Junge? Geh zu deiner Mutter, Schlingel!« Es war der zerlumpte, verhungerte Kleine, der sich an uns hängte in seinem unermeßlichen Staunen über unsre Personen und in der unbestimmten Hoffnung vielleicht, daß von ihnen, wie von den auf Erden wandelnden Göttern, ihm Trost und Hilfe kämen. Jacintho, den er besonders mit seinen großen, traurigen Augen anstarrte, und den seine stumme Demut schrecklich verlegen und linkisch machte, lächelte nur und murmelte zerstreut: »Es ist schon gut ... schon gut ...« Ich gab dem Kleinen schließlich einen Tostaon, um ihn zu befriedigen und loszuwerden. Als er aber mit seinem krampfhaft festgehaltenen Tostaon uns doch noch folgte, wie im Kielwasser unsrer Herrlichkeit, verscheuchte ihn Silverio wie einen Vogel, indem er in die Hände klatschte und rief: »Flink nach Hause! Und bring dies Geld deiner Mutter! Vorwärts! ...« »Und wir zum Frühstück,« mahnte ich und sah auf die Uhr. »Der Tag wird doch noch schön.« Ueber dem Douro glänzte in der Tat ein Stück verwaschenen, hellschimmernde Himmelsblaus; und die dicke Wolkenschicht wälzte sich, vom Winde getrieben, in zerrissenen, flatternden Fetzen nach einer Ecke des Horizonts. Durch steiles Gelände schlugen wir den Heimweg ein, den Silverio führte, und aus dem uns noch ein leichter Regenbach plätschernd entgegenhüpfte. Von jedem Zweig, den wir streiften, rieselten glitzernde Regentropfen. Aller Pflanzenwuchs schimmerte nach dem tiefen, durststillenden Trunke in neubelebtem Grün. Als wir aus dem Fußsteig in einen breiten Weg bogen, der zwischen einer Terrasse und einer Rebenpflanzung hindurchfühlte, blieb Jacintho plötzlich stehen, zog die Zigarrentasche hervor und sagte: »Silverio, dies schreckliche Elend in meiner Quinta will ich nicht länger haben.« Der Geschäftsführer zog die Schultern hoch mit einem unbestimmten ›äh! äh!‹ willfährigen Gehorsams und bedenklichen Zweifels. »Vor allem,« fuhr Jacintho fort, »werden Sie gleich heut jenen Doktor Avelino zu dem armen Weib rufen lassen ... Und Arznei ist sofort von Guiaens zu besorgen. Und der Arzt wird ersucht, morgen wieder zu kommen und alle Tage, bis sie besser ist ... Hören Sie? Und Melchior soll ihr Geld bringen für Suppen, für die Diät, vielleicht zehn oder fünfzehn Milreïs ... Genügt das?« Der Geschäftsführer hielt ein respektvolles Lächeln nicht zurück. Fünfzehn Milreis! Ein paar Tostaons genügten ... Es sei nicht gut, solche Leute an solche Freigebigkeit zu gewöhnen. Nachher wollten sie alle was, und alle legten sich aufs Betteln ... »Es sollen eben auch alle bekommen,« sagte Jacintho einfach. »Der gnädige Herr haben zu befehlen,« murmelte Silverio. Und stehen bleibend zuckte er die Achseln vor solchen Extravaganzen. Ich mußte ihn ungeduldig wieder in Gang bringen: »Wir können im Weitergehen plaudern! Es ist Mittag! Ich habe einen Wolfshunger!« Wir schritten weiter, Silverio zwischen uns, nachdenklich, die Brauen unter dem Schlapphut finster gerunzelt, den Rübezahlbart über die Brust geweht, und das zusammengerollte, mächtige rote Regenzelt unter dem Arm. Jacintho riß nervös am Schnurrbart und wagte sich zaghaft in seiner unüberwindlichen Furcht vor Silverio mit weiteren Wohltätigkeitsideen hervor: »Und auch die Häuser ... Jenes Haus ist eine Kaninchenhöhle! ... Ich möchte diese armen Leute wo anders unterbringen ... Und die der andern Häusler sind natürlich ähnliche Höhlen ... Da muß Wandel geschafft werden! Alle Häusler müssen neue Wohnungen haben ...« »A–alle? ...« Silverio stotterte, verstummte. Und Jacintho stammelte erschrocken: »Alle ... das heißt, ich meine ... Wieviele sind es?« Silverio warf eine großartige Gebärde in die Luft: »Einige zwanzig ... Dreiundzwanzig, wenn mir recht ist. Hopp! Hopp! Siebenundzwanzig ...« Nun verstummte Jacintho gleichfalls, als begriffe er die Ungeheuerlichkeit der Anzahl. Aber er wünschte zu wissen, wie teuer jedes Haus kommen würde! ... Nur ein ganz einfaches Haus, aber sauber und zweckmäßig, wie das, das die Schwester vom Melchior neben dem Kelterhaus inne hatte. Silverio hielt von neuem den Schritt an. »Ein Haus, wie das der Ermelinda?! Das wollen der gnädige Herr wissen?« Und er warf die Zahl hin, sehr von oben herab, wie einen ungeheuren Felsblock, der Jacintho zermalmen sollte: »Zweihundert Milreis, gnädiger Herr! Und eher mehr als weniger!« Ich lachte über die tragische Drohung des trefflichen Mannes. Und Jacintho ganz sanft, um Silverio zu beschwichtigen: »Schön, mein Freund. Das wären etwa sechs Contos de Reïs! Sagen wir zehn, denn ich möchte auch jedem ein bißchen Mobiliar und Kleidung geben.« Jetzt schrie Silverio vor Entsetzen auf: »Aber, gnädiger Herr, das ist eine Revolution.« Und da wir unwiderstehlich lachen mußten, hingerissen von seinen schreckensstarren Augen, seinen langen, wie Windmühlenflügel geöffneten Armen, als erwarte er den Einsturz der Welt, – da nahm das der gute Silverio ernstlich übel: »Ah, die Herren lachen? Neue Wohnungen für alle, Mobilien, Silberzeug, Leinzeug, zehn Contos de Reïs! Na, da kann ich ja auch lachen! Hahahaha! Ein famoser Witz ... Famoser Witz... Hahahaha!« Und plötzlich, mit einer tiefen Verneigung, als lehne er jegliche Verantwortung für solch großartigen Blödsinn ab: »Aber – der gnädige Herr haben zu befehlen!« »Es ist bereits befohlen, Silverio. Und dann will ich auch wissen, wieviel Pacht diese Leute zahlen und wie ihre Kontrakte sind, um sie aufzubessern. Es gibt viel zu bessern. Kommen Sie mit und frühstücken mit uns. Dabei werden wir das besprechen.« Silverio war so von schreckensvollem Staunen durchtränkt, daß ihm die »Aufbesserung der Pachtkontrakte« keinen Eindruck mehr machen konnte. Er dankte verbindlich für die Einladung. Aber er bäte Excellenz um Erlaubnis, vorher am Kelterhaus vorbeizugehen, um nach den Zimmerleuten zu sehen, die den Ausflußbalken ausbesserten. Es wäre nur ein Augenblick, und danach stände er Excellenz zur Verfügung. Er sprang über ein Gatter und verschwand im Unterholz. Und wir gingen leichtfüßig unsers Wegs, teils wegen der verspäteten Frühstücksstunde und des wieder aufgeheiterten Himmels, teils wegen der der Armut im Gebirge geschehenen Gerechtigkeit. »Heut hast du deinen Tag nicht verloren. Jacintho, « sagte ich und schlug meinen Freund mit unverhohlener Zärtlichkeit auf die Schulter. »Welch ein Elend, Zé Fernandes! Das hab' ich mir nicht träumen lassen ... daß es hier, angesichts meines Hauses, andre Häuser gäbe, wo Kinder hungern! Das ist entsetzlich!« Wir traten in die Allee ein. Ein zwischen zwei dicken, wie Watte geballten Wolken durchbrechender Sonnenstrahl lag auf einer Ecke des Herrenhauses im Hintergrund wie ein heller Goldstreifen. In hohen, fröhlichen Tönen krähten die Hähne. Und ein sanfter Wind ließ die feuchtglänzenden Blätter froh erschauern. »Weißt du, was ich dachte, Jacintho? Dir ist die Legende des heiligen Ambrosius widerfahren ... Nein, es war nicht Ambrosius ... Ich weiß nicht, welcher Heilige ... Es war auch gar kein Heiliger ... Es war nur ein sündiger Ritter, der sich in ein Weib verliebt hatte und seine ganze Seele daran setzte, nur um sie von weitem zu sehen. Als er ihr dann eines Tages verzückt folgte, trat sie in eine Kirchentür, und dort schlug sie plötzlich den Schleier zurück, enthüllte ihren Busen und offenbarte dem armen Ritter eine große Wunde, die ihr die Brust zerfleischte! Auch du bist liebestrunken dahingetaumelt, verliebt in die Serra, die du nur in ihrer Sommerschönheit kanntest. Und heute – plautz! – enthüllt sie ihre großen Schwären ... das ist vielleicht deine Vorbereitung auf den ›heiligen Jacintho‹.« Die Daumen in den Armausschnitten der Weste, blieb er gedankenverloren stehen: »Das ist wahr! Ich habe die blutende Wunde gesehen! Aber schließlich, Gott sei Dank, die kann ich noch heilen!« Ich ließ meinem Prinzen das heitere Trugbild. Frohgemut stiegen wir die Steinstufen des Edelsitzes hinauf. XI Am Tage, der diesen Wohlfahrtsplänen folgte, ritt ich nach Guiaens zurück. Und seitdem trabte ich jene drei Meilen zwischen unsrer und der alten Allee der Jacinthos so viele Male, daß meine Stute, wenn ich sie von der ihr vertrauten Straße ablenkte, die zu einem vertrauten Stalle führte, wo sie mit Melchiors kleinem Klepper auf vertrautem Fuße stand, aus lauter Sehnsucht wieherte. Selbst die Tante Vicencia bezeugte eine gewisse Eifersucht auf Tormes, wohin ich immer lief, und auf diesen Prinzen, dessen Verjüngung ich unablässig feierte, dessen Wohltun, Leckerbissen und landwirtschaftliche Schimären ich pries. Bis sie mir eines Tages mit einem Körnchen Salz und Ironie – das einzige, was in dem unschuldsvollen Herzen Platz fand – und unter lebhafterer Bewegung ihrer Stricknadeln bemerkte: »Du hast gut ruhmreden! Bin doch neugierig, diesen Jacintho kennen zu lernen. Bring mir das Wunder mal her, mein Junge!« Ich lachte: »Nur keine Bange, Tante Vicencia! Hätt' ihn so wie so hergebracht, zu meinem Geburtstag, zu Tisch ... Wir geben ein kleines Fest, veranstalten ein Tänzchen im Freien und laden dazu die ganze ›Dämlichkeit‹ der Nachbarschaft ein. Vielleicht bringen wir dabei sogar den Jacintho unter den Pantoffel.« Ich hatte allerdings letzteren schon zu meinem »Wiegenfeste« eingeladen. Uebrigens war es auch nur wünschenswert, daß der Gebieter von Tormes die besseren Gesellschaftskreise der Serra kennen lernte. Besonders, wie ich ihm lachend erklärte, war es angebracht, daß er Frauen kennen lernte, jene kraftvollen jungen Mädchen der im Gebirge ansässigen Adelsgeschlechter, da Tormes eine allzu mönchische Einöde darstellte. Denn nur zu leicht geschieht es, daß der vom Ewig-Weiblichen losgetrennte Mann unumgänglich wird und eine rauhe Rinde ansetzt wie ein einsamer Baum. »Dies Tormes, Jacintho, diese deine Aussöhnung mit der Natur und der Verzicht auf die Lügen der Zivilisation ist ja ganz schön... Aber, Schwerenot, es fehlt das Weib!« Er stimmte lachend bei und streckte sich behaglich in seinem Weidenstuhl aus: »Hast recht, es fehlt hier das Weib, mit großem W! Aber diese Damen hier aus der Umgegend ... Ich weiß es nicht, aber ich meine; sie müssen den Gemüsen gleichen: gesund, nahrhaft, trefflich für den Kochtopf – aber, am letzten Ende: Gemüse. Die Frauen, die von den Dichtern gern den Blumen verglichen werden und die sie seit Hesiods und Horaz' Zeit minnen, sind immer die Frauen der Höfe, der Hauptstädte... Und tatsächlich ist recht wenig Duft, Grazie, Eleganz, Vornehmheit in einer gelben Rübe oder einem Kohlkopf... Die Damen meiner Serra denke ich mir nicht allzu interessant.« »Ich beschreibe sie dir... Deine nächste Nachbarin, die Tochter des Dom Theotonio, ist –- den schuldigen Respekt vor dem erlauchten Geschlecht der Barbedos beiseite – in der Tat ein Scheusal! Die Schwester der Albergarias von dem Rittergut da Loja würde auch nicht einmal den hartbedrängten heiligen Antonius in Versuchung führen. Außerdem ist sie eine höllische Bohnenstange! Die ist tatsächlich Gemüse, und nicht vom nahrhaftesten.« »Du sagtest schon: Bohnenstange!« »Ferner ist da Donna Beatriz Velloso ... die ist recht hübsch ... Aber Junge, Junge, welch entsetzlicher Schöngeist! Sie redet wie die Heldinnen des Camillo. Gemeint ist Camillo Castello Branco, hervorragender und höchst fruchtbarer Romantiker der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als gründlichster Kenner der portugiesischen Sprache und Besitzer des umfangreichsten Wortschatzes gewürdigt. Du hast nie den Camillo gelesen ... Und dann, einen Stimmton, den ich dir nicht beschreiben kann, den Ton, mit dem man in Donna Maria in Gefühlsstücken spricht. Du bist auch nie im Theater Donna Maria gewesen ... Kurz und gut, ein Horreur! Und Fragen ... Zum Angst- und Bangewerden! ›Finden Sie Lamartine nicht auch entzückend, Herr Doktor?‹ Das hat sie mich schon gefragt, das schnöde Frauenzimmer!« »Und du?« »Ich? Ich hab' die Augen gerollt ... ›O, Lamartine! ...‹ Aber sonst ist sie ein nettes, gutes Mädchen! Auf der andern Seite haben wir die Rojoens, die Töchter des Joaon Rojoens, zwei Blumen, sehr frisch, sehr lustig, mit einem Duft und Glanz blühender Gesundheit, und sehr einfach ... die ganze Schwärmerei der Tante Vicencia. Sodann die Frau des Doktors Alypio, – eine Schönheit. O, ich sage dir, ein blendendes Geschöpf! Aber – leider! – die Frau vom Doktor Alypio, und du hast ja auf die Pflichten der Zivilisation verzichtet. Außerdem eine höchst ehrbare Frau, die in ihren zwei Kleinen völlig aufgeht – ein paar Murillosche Engelsköpfe ... Und wer sonst? Jetzt will ich schon gleich die Liste des weiblichen Personals vervollständigen. Da ist die Mello Rebello von Sandosim, sehr niedlich, mit prachtvollem Haar ... Stickt vollendet, macht Konfitüren wie eine Nonne des alten Regimes ... Da war auch eine Julia Lobo, sehr schön, ist aber gestorben ... Jetzt weiß ich weiter keine. Das heißt, noch fehlt ja die Krone der Bergjungfrauen, mein Bäschen Joanninha von Flor da Malva! Das ist ein Prachtweib!« »Und wie hast du da als Vetter Zé widerstanden?« »Wir sind wie Geschwister miteinander aufgewachsen und vertrauter und mehr aneinander gewöhnt als du und ich ... Gewöhnung läßt das Geschlecht vergessen. Ihre Mutter war der Tante Vicencia einzige Schwester und ist sehr jung verstorben. Joanninha ist fast von der Wiege aus in unserm Hause in Guiaens aufgewachsen. Ihr Vater, der Oheim Adriaon, ist eine gute Haut. Gelehrter, Altertumsforscher, Sammler ... Er sammelt alle möglichen seltsamen Dinge: Glocken, Sporen, Petschafte, Schnallen ... Hat eine ganz interessante Sammlung. Schon längst will er gern nach Tormes kommen, dich als Nachbar zu begrüßen ... Aber der arme Kerl hat ein Nierenleiden, das ihm nicht zu reiten erlaubt. Und die Fahrstraße von Flor da Malva nach hier ist unmöglich.« Mein Prinz breitete, sich reckend, die Arme aus: »Nein, natürlich werde ich deinem Oheim und der Tante Vicencia einen Besuch machen ... Ich wünsche meine Nachbarn kennen zu lernen. Aber später, wenn ich Muße habe. Jetzt nimmt mich ›mein Volk‹ zu sehr in Anspruch.« Und wahrlich! Jacintho war jetzt wie der Gründer eines Königreichs. In der ganzen Herrschaft von Tormes wurde gebaut, um die Wohnungen der Pächter und Häusler zu renovieren: die einen wurden ausgebessert, andre ältere wurden abgerissen, um in bequemer Geräumigkeit wieder aufgebaut zu werden. Auf den Wegen kreischten beständig stein- oder balkenbeladene Ochsenwagen. In der Schenke des Pedro, am Eingang des Kirchspiels, ging es ungewöhnlich lebhaft zu von Steinmetzen und Zimmerleuten, die beim Bau beschäftigt waren; und Pedro, mit aufgeschürzten Hemdärmeln hinter dem Zahltisch, hatte alle Hände voll zu tun, um die Gläser aus einem weitbauchigen Krug zu füllen. Jacintho, der jetzt zwei Reitpferde hatte, kontrollierte liebevoll allmorgendlich die Bauten. Ich fühlte voll Unruhe aufs neue in meinem Prinzen seine alte, unsinnige Leidenschaft, Zivilisation anzuhäufen, fiebern und klopfen. Der ursprüngliche Bauplan wurde unaufhörlich erweitert, vervollkommnet. Hinsichtlich der Fensterluken, die nach dem durch die Jahrhunderte geheiligten Brauch nur Läden haben sollten, entschied er sich für Glasscheiben, trotzdem ihn der Baumeister ehrlich darauf aufmerksam machte, daß nach einem Monat des Bewohntseins kein Haus auch nur noch eine einzige Scheibe haben würde. Um das herkömmliche Deckengebälk zu ersetzen, wollte er die Zimmerdecken in Stuck machen lassen, und ich sah deutlich, daß er sich zurückhielt, sich mit gesundem Menschenverstand dagegen verhärtete, daß er nicht jedes Haus mit elektrischen Klingeln ausstattete. Auch fiel ich nicht auf den Rücken, als er mir eines Tages erklärte, der Schmutz des Landvolks käme nur daher, daß sie keine bequeme Waschgelegenheit hätten, und daß er deshalb daran dächte, jedes Haus mit einem Badezimmer zu versehen. Wir stiegen gerade mit den Pferden am Zügel eine steinige Waldschlucht hinab. Der Morgenwind spielte in den Zweigen, ein Rinnsal hüpfte geschäftig über das Geröll. Wie gesagt, ich fiel nicht auf den Rücken – aber es schien mir wirklich, als lachten die Rinne, das Wasser, das Laubwerk und der Wind belustigt über meinen Prinzen. Und außer diesen Bequemlichkeiten, die der Baumeister Joan mit irre rollenden Augen »Großartigkeiten « nannte, faßte Jacintho auch die Seelenpflege ins Auge. Schon hatte er bei seinem Architekten in Paris den vollständigen Plan einer Schule bestellt, die er auf der Flur von Carriça, neben dem Kapellchen, das »die Gebeine« umschloß, errichten wollte. Mit der Zeit würde er dort auch eine Bibliothek einrichten, mit illustrierten Büchern, um an Sonntagen diejenigen zu unterhalten, die schon nicht mehr lesen lernen könnten. Ich beugte meinen Nacken und dachte: ›Nun kommt die fürchterliche Anhäufung der Begriffe! Das »Buch« wird die Serra überschwemmen!‹ Andre Ideen Jacinthos aber waren rührend, und ich selbst begeisterte mich und erregte die Begeisterung der Tante Vicencia für seinen Plan eines Kinderheims, in dem er sich fröhliche Vormittage versprach, wenn er den Kinderchen zusehen würde, wie sie auf allen Vieren kröchen oder hinter einem Balle herstolperten. Uebrigens, unser Apotheker von Guiaens war bereits aufgefordert worden, eine Filiale in Tormes zu errichten unter der Leitung seines Praktikanten, eines Patensohns der Tante Vicencia, der einen Artikel über Volksfeste im Douro im Familienkalender veröffentlicht hatte. Und schon war die Stelle eines Bezirksarztes von Tormes ausgeschrieben, mit einem Gehalt von sechshunderttausend Reis. »Fehlt nur noch ein Theater!« lachte ich. »Ein Theater, nein. Aber ich denke, an Demonstrationen mit Projektionsbildern, um diese armen Leute über die Städte dieser Welt und die Dinge in Afrika und ein bißchen Geschichte zu lehren!« Und auch auf diese Neuerung war ich persönlich stolz. Und als ich sie dem Oheim Adrian erzählte, gab dieser würdige Altertumsforscher trotz seinem Rheumatismus seinem Schenkel einen furchtbaren Klaps. »Famos! Vortrefflicher Gedanke! Auf diese Weise könnte man dies unwissende Volk durch Bilder anschaulich die heilige Geschichte lehren, und die römische Geschichte und selbst die Geschichte von Portugal! ...« Zum Bäschen Joanninha zurückgekehrt, erklärte der Oheim Adrian, Jacintho wäre ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hätte! Durch die ganze Serra wuchs meines Prinzen Popularität zusehends. In jenem »Gott geleite Sie, gnädiger Herr!« mit dem die Frauen ihn im Vorbeigehen grüßten, sich umdrehten, um ihm nachzusehen, lag ein Gebetsernst, der aufrichtige Wunsch, daß Gott ihn immer führen und behüten möge. Die Kinder, denen er kleine Silbermünzen schenkte, witterten schon von weitem seine Fährte, und um ihn herum wimmelte es wie Ameisen von braunen, schmutzigen Gesichtchen mit großen staunenden Augen, aus denen indes die Furcht verschwunden war. Als eines Abends sein Pferd an der Mündung der Allee über ein paar große Steine, die im Weg lagen, gestürzt war, kam andern Tages ein Trupp Menschen, ohne daß Jacintho es befohlen hatte, um voll Hingebung die Stelle zu ebnen und mit Kies zu bewerfen, damit der »gute Herr« nicht wieder in Gefahr käme. In der ganzen Gegend war schon dieser Titel des »guten Herrn« verbreitet. Die Aeltesten der Gemeinde begegneten ihm nicht, ohne daß die einen mit feierlichem Ernst, die andern mit breitem, zahnlosen Lächeln ausriefen: »Das ist unser Wohltäter!« Manchmal lief eine alte Frau hinten aus dem Garten herzu oder trat an die Tür ihrer Hütte, wenn sie ihn unterwegs sah, um unter großen Schlenkerbewegungen der hageren Arme zurufen: »Der Herr schütte seinen Segen auf Sie herab! Der Herr schütte seinen Segen auf Sie herab!« An Sonntagen kam der Pfarrer José Maria – ein lieber Freund von mir und ein großer Jäger vor dem Herrn – von Sandofim auf seiner Fuchsstute nach Tormes, um im Kapellchen die Messe zu lesen. Jacintho wohnte dem Gottesdienst auf seiner Empore bei, damit diese schlichten Leute ihn nicht etwa für einen Gottsfremden hielten. Und dann erhielt er fast regelmäßig Geschenke, die die Töchter oder das kleine Kroppzeug der Pächter ihm errötend in die Veranda brachten und die in Töpfen mit Quendel oder großen Nelkensträußen bestanden, zuweilen auch einer fetten Ente. Dann gab's ein Verteilen von Zuckerwerk und Kuchen aus Guiaens an die Kinder, und im Hofe kreisten die Krüge voll Weißwein unter den Männern. Silverio behauptete mit Staunen und verdoppelter Hochachtung, daß der Senhor Dom Jacintho in kurzem über mehr Wahlstimmen zu verfügen haben würde als der Doktor Alypio. Und ich selbst fühlte mich lebhaft impressioniert, als Melchior mir erzählte, der Joan Torrado, ein alter Sonderling mit langem weißen Bart, Kräutersammler, ein wenig Wundarzt, ein wenig Wahrsager, der geheimnisvolle Bewohner einer Höhle in einem Felsenhorn, versichere allen Leuten, der »gute Herr« wäre kein andrer als der König Dom Sebastian, der wiedergekommen sei! Sebastian, König von Portugal 1557 bis 1578, fiel im Kriege gegen die Mauren in der Schlacht bei Kassr-el-Kebir, ohne daß sein Leichnam gefunden wurde. In Portugal wollte man lange nicht an seinen Tod glauben, und noch heute herrscht im Volk die Legende von der Wiederkunft Dom Sebastians an einem Nebeltage. Viele bringen damit den Weltuntergang in Verbindung. Anm. d. Übers. XII So kam der September heran und mit ihm mein Geburtstag, der am dritten, einem Sonntag war. Diese ganze Woche hatte ich in Guiaens zugebracht, in Vorbereitungen für die Weinlese, und seit dem frühen Morgen an diesem erhabenen Sonntage neigte ich mich über den Balkon vor dem Zimmer des seligen Oheims Alfonso und sah die Landstraße entlang, wo mein Prinz auftauchen sollte, der endlich das Haus seines Zé Fernandes heimsuchen kam. In aller Herrgottsfrühe war die Tante Vicencia schon in Küche und Speisekammer zu Gange, da sie, in dem Wunsche, meinem Prinzen »das Personal« der Serra vorzuführen, einige befreundete Familien aus der Umgegend eingeladen hatte; solche, die Equipage hatten und auf den schlechten Wegen spät zurückkehren konnten, nachdem man in dem zu diesem Zweck schon mit Lampions geschmückten Hofe ein Tänzchen abgehalten haben würde. Aber schon um zehn Uhr hatte ich eine ärgerliche Enttäuschung, als ein Bursche von Flor da Malva erschien und ein Briefchen von Cousine Joanninha brachte, in dem sie »ihr Bedauern« ausdrückte, »nicht kommen zu können, weil der Papa seit dem Vorabend ein Blutgeschwür hätte und sie ihn nicht verlassen könnte.« Empört eilte ich in die Küche, wo die Tante Vicencia einem heftigen Eierschlagen in einem ungeheuren Suppennapf präsidierte. »Joanninha kommt nicht! Aber auch jedesmal ist irgend was!... Schreibt, der Vater hätte ein Blutgeschwür... der Oheim Adrian wählt doch auch allemal besonders feierliche Gelegenheiten, um Blutgeschwüre zu haben oder Seitenstechen.« Das gute, runde Gesicht der Tante Vicencia drückte Mitleid aus: »Der Aermste! Er wird wohl nicht damit im Wagen sitzen können! Armer Mann! Hör, wenn du ihm schreibst, so sag ihm, er soll ein Rosmarinpflaster auflegen. Das hat deinem seligen Oheim immer gut getan.« Ich rief nur einfach nach dem Burschen, der den Esel im Hofe tränkte: »Bestell der Senhora Donna Joanninha, es täte uns sehr leid ... Und vielleicht würde ich morgen hinüberkommen.« Ungeduldig kehrte ich wieder ans Fenster zurück, denn die Uhr im Korridor hatte schon halb elf geschlagen, und der Prinz verspätete sich für das Frühstück. Aber kaum trat ich auf den Balkon, als ich auch schon an der Wegbiegung Jacintho bemerkte, unter einem großen Strohhut auf seinem Pferde; Grillo, ebenfalls mit Strohhut und von einem ungeheuerlichen grünen Sonnenschirm beschattet, spreizte sich auf dem breiten Saumsattel von Melchiors alter Stute im Hintertreffen. Den Nachtrab bildete ein Bursche mit einem Köfferchen auf dem Kopf. Und wie ich so voll Freuden endlich meinen Prinzen meinem Landhaus zutraben sah, am Tage meines sechsunddreißigsten Geburtstags, gedachte ich eines andern Geburtstags, des seinen, in Paris, in 202, als wir inmitten des Glanzes der Zivilisation, traurig ad manes, auf unsre Toten unser Glas geleert! » Salve « rief ich vom Balkon herab. »Salve, domine Jacinthe« Und ich stimmte zu seinem Empfang in einem heiteren Taramtamtam die Nationalhymne an. »Aber hier ist es mal schön!« rief er von unten. »Dein Schloß hat wundervolle Luft... Wo ist die Tür?« Ich stürzte mich schon in den Hof, wo Jacintho beim Absteigen lustig die Qualen Grillos beschrieb, der nie zuvor zu Pferde gesessen und nicht aufgehört hatte, die Gefahren dieses Unternehmens zu beschreien. Und der würdige Neger wies keuchend, schweißglänzend und fahl unter seinem schwarzen Glanz mit zitternder Hand auf die Stute, die, vom Zügel befreit, mit nachdenklich hängendem Kopf, wie aus Stein gemeißelt, auf ihren wie Marksteine unbeweglichen Füßen stand. »Wenn der Siô Fernandes das gesehen hätte! Ein wildes Tier, das nie ruhig ging. Immer bald nach rechts, bald nach links, einen Fuß hier, einen da! Nur, um mich zu schütteln! Nur, um mich zu schütteln!« Er widerstand seinem Gelüste nicht. Mit der Spitze des Sonnenschirms stieß er rachsüchtig gegen den Saumsattel. Wie er die bequeme Steintreppe erstieg und in den freundlichen, luftigen Korridor trat, mit dem rosenumrankten Fenster im Hintergrund, pries Jacintho überrascht unser Haus, das ihm Erholung gab von den dicken Mauern und dem hohen, feudalen Turm von Tormes. Und in seinem Zimmer bemerkte er dankbar die mütterliche Sorge der Tante Vicencia, die die beiden chinesischen Vasen auf der Kommode mit Blumen geschmückt und das Bett mit einer unsrer kostbarsten indischen Seidendecken, die auf kanariengelbem Grund große goldene Vögel zeigte, bedeckt hatte. Ich lächelte ihn liebevoll an. Dann drückten wir uns die Knochen in kräftiger Umarmung zum Geburtstag. »Achtunddreißig, was, Zé Fernandes?« »O, du Schlingel, vierunddreißig!« Nun öffnete mein Prinz den Koffer, ein anspruchsloses Philosophenköfferchen, und zog hervor »die schuldigen Gastgeschenke«, wie der schlaue Odysseus in der Odyssee sagt. Es war eine Krawattennadel mit einem Saphir, eine Zigarettentasche aus mattem Gold, mit einem Apfelblütenzweig in zartem Email geschmückt, und ein Falzbein von alter chinesischer Arbeit. Ich protestierte gegen diese Freigebigkeit. »Alles aus den Pariser Koffern ... Ich hab' sie gestern abend öffnen lassen. Und ich habe mir erlaubt, diese kleine Aufmerksamkeit für die Tante Vicencia mitzubringen. Es hat weiter gar keinen Wert ... Nur weil es der Prinzessin Lamballe gehört hat.« Es war ein Weihwasserkesselchen in getriebenem Silber, in zierlichem, fast elegantem Geschmack. »Die Tante Vicencia weiß nicht, wer die Prinzessin Lamballe ist, aber sie wird entzückt sein! Und es ist ihr eine Gewähr für dein Christentum, denn sie hat dich als Bewohner von Paris, der Stadt der Gottlosigkeit, im Verdacht ... Nun aber waschen, bürsten und zum Frühstück!« Die Tante Vicencia schien ganz überrascht und gleich sehr eingenommen von meinem Kameraden, den sie sich in Wahrheit als einen anspruchsvollen, hochmütigen und unumgänglichen Prinzen vorgestellt hatte. Als er ihr das Weihwasserkesselchen darbot mit einer artigen Bitte, »seiner in ihrem Gebet zu gedenken«, bedeckten zwei große Rosen, rosiger und frischer als die, die den Tisch schmückten, die runden Wangen der guten Dame, die niemals »ein so frommes Geschenk mit so liebenswürdigen Worten erhalten hatte«. Was sie aber völlig entzückte, war der erstaunliche Appetit Jacinthos, die begeisterte Ueberzeugung, mit der er, während er sich Haufen von Gänseklein auflud und dann Hochgebirge von gebackenem Reis und Beefsteaks mit Zwiebelsauce, sich in Lobpreisungen unsrer Küche erging und schwur, er hätte nie so trefflich gespeist. Sie leuchtete über das ganze Gesicht: »Das macht ordentlich Spaß! Das macht ordentlich Spaß! ... Noch eine von diesen gefüllten Kartoffeln ...« »Gewiß, gnädige Frau! Zwei, wenn ich bitten darf. An Tischen, wie dieser, sind meine Rationen immer die Gargantuas.« »Citiere gefälligst nicht Rabelais, Tante Vicencia kennt die profanen Autoren nicht!« rief ich und glänzte auch vor Vergnügen. »Und koste diesen Weißwein, eignes Gewächs, und lobe Gott, der solche Trauben reifen läßt.« Und das Frühstück verlief sehr heiter, sehr intim, unter Gesprächen über die Bauarbeiten in Tormes, und das Kinderheim, das Tante Vicencia ganz bezauberte, und die Aussichten der Weinernte, und meine Cousine Joanninha, und den schlechten Zustand der Landstraßen. Aber am höchsten stieg die Rührung, als beim Kaffee der Diener neben Jacintho ein Tellerchen mit einer Zimmetstange setzte, seine gewohnte Zimmetstange sonderbaren Brauchs. Die Tante Vicencia hatte es nicht vergessen! Da hatte er seine Zimmetstange! – Sie wollte, er sollte auch in Guiaens seine Gewohnheiten fortsetzen wie in Tormes ... Und diese Zimmetstange war das Sinnbild der Adoption meines Prinzen als neuen Neffen der Tante Vicencia. Bald zog sie sich in die Küche zurück, um das Festmahl vorzubereiten. Wir rauchten eine behagliche Zigarre im Garten, neben dem Springbrunnen, unter dem wohligen Schatten der Zeder. Dann zeigte ich meinem Gast, als Eigentümer, unerbittlich den ganzen Besitz, mit erbarmungsloser Genauigkeit, ohne ihm eine Scholle, einen Bach, einen Baum, eine Weinrebe zu schenken. Erst als sein Gesicht anfing, vor Ermüdung bleich zu werden und seinem völlig betäubten Verständnis nur noch ein unbestimmtes »Sehr hübsch! Schöner Besitz!« entglitt, lenkte ich die Schritte nach Hause, nicht ohne noch einen weiten Umweg zu machen, um ihm die Weinkeller, eine Spargelpflanzung und die Stelle zu zeigen, wo die Ruine eines alten römischen Feldlagers gewesen war. Als wir dann von neuem durch den Garten in den frischen Saal traten, führte ich ihn noch mit Püffen, wie ein Opfertier, nach der Bibliothek meines seligen Oheims Alfonso, um ihm ihre Kostbarkeiten zu zeigen: eine prachtvolle Chronik Johanns I. von Fernan Lopes, die erste Ausgabe des »Imperator Clarimundus«, eine »Henriade« mit dem Autogramm Voltaires, Freibriefe des Königs Emanuel und andre Wunderdinge. Er seufzte tief auf, als er das letzte Pergament schloß und ich ihn in den Keller schleppte, damit er die berühmte Pipe sähe, die an der Stirn in geschnitztem Holzrelief das Wappen der Sandes trug. Es war vier Uhr. Mein Prinz blickte stier und fahl. Ich heftete die unerbittlichen Augen auf ihn, Augen, in denen ich selbst den Blutdurst leuchten fühlte, und erklärte: »Nun wollen wir den Kornspeicher besehen.« Aber da flüsterte mein Opfer, mit den Händen in den Seiten, demütig, mit verlöschender Stimme, wie ein müdes Kind: »Ich würde mich ganz gern ein bißchen setzen.« Da erbarmte ich mich seiner, ließ ihn aus den Fängen und gab zu, daß er sich hinter mir her in sein Zimmer schleppte, wo er voll überstürzender Eile die Stiefel auszog und sich auf ein frisches, mit Nanking bezogenes Kanapee warf, während er in tiefer Erschöpfung murmelte: »Schöner Besitz! Schöner Be–« Großmütig gestattete ich, daß er einschlief, und ich selbst verfügte mich hinab, um zu kontrollieren, ob Gertrudis die Bürsten und die Spitzenhandtücher schön zurechtgelegt hatte in dem Zimmer, wo die ankommenden Gäste den Reisestaub abbürsten und sich die Hände waschen sollten. Und gerade rollte eine Kalesche in den Hof, die alte Kalesche des Dom Theotonio mit den Füchsen. Vom Fenster aus erspähte ich mit Befriedigung, daß er allein, ohne die Vogelscheuche von Tochter gekommen war, mit weißer Krawatte unter dem Staubmantel. Vergnügt lief ich zur Tante Vicencia, die mit Hilfe der Catharina gerade eilig ihre schönen Armbänder mit Goldtopasen anlegte. »Tante Vicencia, Dom Theotonio ist angekommen! Zum Glück ohne die Tochter ... Beeile dich nur, die andern werden auch bald hier sein. Und daß der Manuel gut gekämmt ist und mit steifer Halsbinde! ... Wollen sehen, wie das Fest verläuft!« XIII Wehe mir! Mein Geburtstagfest verlief weder glänzend noch vergnügt! Als mein Prinz in den Gesellschaftssaal trat, in einer Eleganz, in der ich die tags zuvor erschlossenen Pariser Koffer witterte – eine weiße Rose im schwarzen Smoking, weiße Schalweste, geschniegelt und gebügelt, flotte Krawatte aus weißer Seide, locker gebunden und von einer schwarzen Perle gehalten – waren schon alle Gäste versammelt: Dom Theotonio, Ricardo Velloso, der Doktor Alypio, der dicke Mello Rebello aus Sandofim, die beiden Brüder Albergarias aus der Quinta da Loja; alle stehend, in gedrängtem Knäuel. Um das Sofa herum, in dem sich die Tante Vicencia niedergelassen, vereinte eine Gruppe Stühle die Damen: Beatriz Velloso, in weißem Chiffon auf Seide, eine Toilette, die sie noch luftiger und magerer machte, mit ihrem ungeheuren krausen Haarschopf; die beiden Rojoens – mit der Tante Adelaide Rojon – rot wie Kalvillen, beide in Weiß; und die Frau des Doktors Alypio, in Schwarz, prachtvoll wie eine Venus Rustica ... Und im Saale war es, als träte wahr und wahrhaftig ein Prinz ein, einer aus jenen Nordländern, wo die Prinzen sehr prächtig und sehr hoch erhaben sind über die Menschen und das Volk bei ihrem Anblick Mund und Nase aufsperrt. Ein Schweigen, wie wenn die eichene Felderdecke auf uns herabsänke, um uns zu zermalmen: und alle Augen richteten sich wie Feuerrohre auf meinen unseligen Jacintho, wie bei einer Hindujagd, wenn am Waldrande der Königstiger auftaucht. Vergebens, daß bei der eiligen, verwirrten Vorstellung, bei der ich ihn durch den Saal schleppte, sein Händedruck, sein Lächeln, das leise Murmeln von »großer Ehre« und »großem Vergnügen« voll Sympathie und Schlichtheit waren! Alle Herren verharrten zurückhaltend und beobachteten den Prinzen, der da in die Serra hereingeschneit war. Und die Damen schmiegten sich noch mehr in den Schatten der Tante Vicencia, wie Schafe um ihren Hirten, wenn der Wolf in der Nähe sichtbar wird. Voll Unbehagens lancierte ich Dom Theotonio, den ornamentalsten der Herren. »Dom Theotonio hat uns eine große Liebenswürdigkeit erwiesen, Jacintho, indem er gekommen ist. Er verläßt sein schönes Heim Abrujeira nur selten.« Der würdige Dom Theotonio lächelte und kraute seinen dichten, weißen Generalsschnurrbart: »Sie sind direkt von Wien gekommen?« Nein! Jacintho war direkt von Paris gekommen mit dem Freund Zé Fernandes. Dom Theotonio beharrte auf seiner Idee: »Aber sicherlich besuchen Sie Wien oftmals?« Jacintho lächelte überrascht: »Wien? Warum? ... Nein. Seit mehr als fünfzehn Jahren war ich nicht in Wien.« Der Fidalgo ließ ein langgezogenes »Aaah!« hören und verstummte, wobei er die Wimpern senkte, als prüfe er tiefsinnige Analysen, und die Hände unter den langen blauen Frackschößen verschränkte. Umsichtig führte ich sodann Doktor Alypio ins Treffen: »Unser Doktor, mein lieber Jacintho, ist die einflußreichste Macht des ganzen Wahlkreises.« Der Doktor neigte den schöngeformten Kopf mit dem prächtigen, schwarzen, glänzenden Haar. Aber die Tante Vicencia hatte sich aus dem Sofa erhoben und rief meinen Prinzen, denn Manuel hatte gemeldet, daß angerichtet sei – mit stummer Gebärde, nur indem er seine korpulente Person, kerzengerade aufgerichtet, an der Tür des Saales aufpflanzte. Bei Tisch, wo die Puddings, die Schüsseln mit Eiersüß, die alten Madeira- und Portweine in ihren schweren Karaffen aus geschliffenem Kristall, ihre reichen, warmen Töne zu glücklicher Farbenharmonie verschmolzen, hatte Jacintho seinen Platz zwischen der Tante Vicencia und einer der Rojoens, ihres Patenkindes Luizinha, die, wenn sie in Guiaens zu Besuch war, sich immer in den Schatten ihrer lieben Patin stellte. Die Suppe – Hühnersuppe mit Maccaronen – wurde unter so feierlichem, lastendem Schweigen gelöffelt, daß ich in der Angst, es zu brechen, aufs Geratewohl und ohne daran zu denken, daß ich mich in Guiaens und in meinem eignen Hause befand, ausrief: »Köstlich, diese Suppe!« Jacintho echote: »Himmlisch!« Aber da sicherlich alle Gäste meinen Ausruf und die überschwängliche Bewunderung Jacinthos sehr sonderbar fanden, wurde aus dem drückenden Zeremonienschweigen ein noch drückenderes Verlegenheitsschweigen. Zum Glück ließ Tante Vicencia mit ihrem guten Lächeln die Bemerkung fallen, daß Jacintho die portugiesische Küche zu mögen scheine. Und ich, immer auf dem Ausguck, um die Unterhaltung zu beleben, ließ diesem gar keine Zeit, seine Liebe zur landesüblichen Küche zu bekennen, sondern schrie: »Was mögen! Er schwärmt dafür, leckt sich alle Finger danach! ... Was Wunder auch! So lange in Paris und der lusitanischen Fleischtöpfe beraubt! ...« Und da ich mich glücklicherweise des süßen Reises erinnerte, den bei Gelegenheit des Geburtstags von Jacintho der Koch von 202 gefrevelt hatte, erzählte ich die Geschichte, weitschweifig, übertrieben, behauptete, dieser süße Reis hätte Gänseleber enthalten und auf seinem Pyramidenornament hätte die Trikolore geflattert, über der Büste des Grafen Chambord! Aber der in Paris, so weit von der heimatlichen Serra verhunzte süße Reis interessierte niemand. Er trieb kaum ein paar gewaltsame Versuche höflichen Lächelns hervor, als ich mich umschichtig an einen Herrn, an eine Dame wandte und beharrlich rief: »Ungewöhnlich, was?« Dom Theotonio bemerkte geheimnisvoll, daß »der Koch schon gewußt haben werde, für wen er kochte«. Und die schöne Frau des Doktor Alypio wagte errötend zu lispeln: »Gewiß eine schöne Schüssel, und vielleicht nicht übel zu essen!« Ich, immer in meiner Herzensangst, das Bankett geistvoll zu beleben, Konversation zu machen, griff mit scherzhaft gemeintem Vorwurf die Senhora Donna Luiza an, daß sie so die Entweihung unsers großen nationalen Leckerbissens beschönigen könnte! Aber, ich Unseliger! So sehr schoß ich über das Ziel hinaus, so lärmend interpellierte ich die schöne Frau, daß sie verstummte, wie eine Schnecke die Fühlhörner ein- und sich in ihr Schneckenhaus zurückzog, unter tiefem Erröten und schöner denn je. Wiederum lastete Stillschweigen über der Tafel wie ein Nebelschwaden, als die Tante Vicencia den glücklichen Einfall hatte, sich bei Jacintho zu entschuldigen, daß sie keinen Fisch habe! Aber was solle man machen? Im Gebirge wäre es unmöglich, Fisch zu bekommen, und wollte man ihn mit Gold aufwiegen; höchstens eingesalzene Pescada oder Stockfisch. Der treffliche Rojon erinnerte in seiner salbungsvollen Weise, in der jede Silbe mit heiligem Oel befeuchtet schien, daran, daß der Senhor Dom Jacintho ein großes Stück des Douroflusses mit Jagdrecht auf Alsen besitze. Jacintho wußte das nicht, hatte gar nicht gedacht, daß es Alsen gäbe ... Doktor Alypio nahm das nicht wunder, denn das Fischrecht war vor zwanzig Jahren, in des Senhor Dom Jacintho Kindheit, an den Brasilianer Cunha verkauft worden. Und heute wäre es keine zwei Milreïs wert. Es gäbe ja keine Alsen mehr! Und über den Dourofischfang früherer Zeiten bildete sich unter den nächstsitzenden Herrn ein schleppendes Gespräch, das die Damen benutzten, um zu flüstern und den Druck des feierlichen Schweigens abzuschütteln, das von der Suppe bis zu den Brathähnchen immer schwerer über uns lag. Voll blasser Furcht, dieser Wellensaum leise brandenden Gemurmels könnte glanz- und freudelos sich aufs neue bilden, stürzte ich mich (um zu beleben!) über Jacintho her und erinnerte ihn an das famose Abenteuer mit dem Fisch aus Dalmatien, der im Aufzug gestrandet war. »Das war eine der besten Geschichten, die uns in Paris passiert sind! Jacintho gab nämlich wegen eines seltenen Fisches, den ihm der Großherzog Casimir geschickt hatte, ein opulentes Abendessen, zu dem der Großherzog ... der Großherzog Casimir, Bruder des Kaisers ...« Aller Augen richteten sich auf meinen Jacintho, der sich Erbsen aufgab – und Mello Rebello verschluckte sich bei einem hastigen Trunk, als er absetzte, um bei meinem Freund nach einem Widerschein des Großherzogs zu spähen. Und ich erzählte wieder umständlich und mit viel schmückendem Beiwerk von dem eingeklemmten Fisch, dem angelnden Großherzog, der aus einer Haarnadel der Prinzessin Carman hergestellten Angel, dem Herzog de Marizac, der fast in den Aufzugsschacht gefallen wäre ... Aber kein einziges Lachen ertönte, und selbst die Aufmerksamkeit, mit der man zuhörte, war gewaltsam; meine Geschichte erzielte nur einen Achtungserfolg. Vergebens schleuderte ich die großartigen Namen von Fürsten und Prinzessinnen, an komische Vorkommnisse geknüpft, unter sie ... Keiner meiner Gäste begriff den Mechanismus des Aufzugs, eine in einem gähnenden Schacht festgeklemmte Schüssel ... Vor der Haarnadel der Prinzessin schlugen die Albergarias die Augen nieder. Und meine wunderherrliche Geschichte erstarb unter einer Reticenz, die noch eisiger wurde durch den unschuldigen Ausruf der Tante Vicencia: »O Junge! Solche Sachen!« Da aber Jacintho sich plötzlich in eingehende Unterhaltung mit Luizinha Rojon vertiefte, und diese vergnügt und gesprächig lachte, stürzten sich alle, wie befreit von dem zermoniellen Druck seiner erhabenen Gegenwart, in diskretes Geplauder, dem nun der Champagner nach dem Braten mehr Lebhaftigkeit verlieh. Das unheimliche Geflüster um den Tisch ergriff definitiv und dauernd Besitz von der Tafelrunde. Da gab ich's auf, das Mahl zu beleben, und tauchte statt dessen mit der schönen Frau des Doktor Alypio in die große, soziale Frage, die gerade in Guiaens aktuell war: die Hochzeit der Donna Amelia Noronha mit dem Geschäftsführer! Ich verteidigte Donna Amelia und die Rechte der Liebe, als sich wiederum Stillschweigen verbreitete. Jacintho hatte sich vorgeneigt, das Glas in der Hand: »Alter Freund Zé Fernandes, dein Wohl! Viele und schöne Jahre, und immer in Gesellschaft deiner verehrten Tante, meiner gnädigen Frau, auf deren Gesundheit ich Sie bitte, mit mir anzustoßen!« Alle Gläser, in denen der Schaum perlte und auf dem Sektgrunde erstarb, erhoben sich mit fröhlichem Zuruf der Freundschaft und guten Nachbarschaft. Ich winkte lebhaft dem Manuel, die Gläser neu zu füllen; und sogleich erhob ich mich auch und warf die Frackschöße zurück: »Meine verehrten Gäste und Freunde, ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl meines alten Freundes Jacintho zu trinken, der zum erstenmal dies Bruderhaus beehrt ... Was sage ich? der zum erstenmal sein geliebtes Vaterland mit seiner Gegenwart beehrt! Und daß er hier bleiben möge, bei uns, für viele und schöne Jahre! Dein Wohl, alter Junge!« Wieder brandete es zustimmend um den Tisch, aber in zeremoniöser Zurückhaltung. Unser Rednertalent entzündete die Gemüter entschieden nicht! Die Tante Vicencia ließ ihr fast geleertes Glas mit dem Jacinthos zusammenklingen, und dieser stieß mit seiner Nachbarin Luizinha Rojon an, deren leuchtendes Gesicht röter war als eine Päonie. Dann folgte eine Verkettung von Gesundheiten mit fast leeren Gläsern unter sämtlichen Gästen, nicht zu vergessen auch die des Oheims Adrian und des Pfarrers, die beide abwesend waren und beide Blutgeschwüre hatten. Und schon ließ die Tante Vicencia jenen Blick über die Tafel schweifen, der dem Aufheben derselben, dem Stühlerücken, vorangeht, als Dom Theotonio sein Glas Portwein erhob und, mit der andern Hand auf den Tisch gestützt, halb erhoben, Jacintho anrief und mit ehrfurchtsvoller, fast hohler Stimme sagte: »Dies ist ganz privat und unter uns beiden ... Auf den Abwesenden!« Er leerte wie in Andacht sein Glas, gleich einem Hohenpriester, der das Abendmahl erteilt. Jacintho trank verdutzt, ohne zu verstehen. Dann Stühlerücken – ich bot der Tante Albergaria den Arm. Und ich begriff erst, als im Salon der Doktor Alypio mit seiner Tasse Kaffee und dampfender Zigarre, mit einem jener listigen Blicke, die ihm den Spitznamen »Doktor Schlau« eingebracht hatten, zu mir sagte: »Ich hoffe, daß wenigstens hier in Guiaens nicht wieder der Galgen aufgerichtet wird! ...« Derselbe listige Blick wies mir Dom Theotonio, der Jacintho hinter einen Fenstervorhang geschleppt hatte und mit glaubens- und geheimnisvoller Miene auf ihn einsprach. Es handelte sich, hol's der Teufel! um den Miguelismus! Dom Miguel hinterließ außer sechs Töchtern einen Sohn, Miguel, geb. 1853, der in österreichischen Militärdiensten steht. Der gute Dom Theotonio hielt Jacintho für einen erblich belasteten, eingefleischten Miguelisten! Und in seinem unerwarteten Besuch des allen Herrensitzes von Tormes sah er eine politische Mission, den Beginn einer energischen Propaganda und den ersten Schritt zu einem Versuch der Wiedereinsetzung auf den Thron! Und in der Zurückhaltung der Herren gegenüber meinem Prinzen witterte ich den Verdacht der liberalen Partei, die Furcht vor einem neuen, starken Einfluß auf die bevorstehenden Wahlen und die erwachende Auflehnung gegen die alten Ideen, die in diesem jungen Manne mit den reichen Glücksgütern und der hohen Kultur verkörpert sein sollten. Fast verschüttete ich den Kaffee in der lustigen Ueberraschung dieses Unsinns. Ich hielt Mello Rebello an, der seine leere Tasse auf das Tablett zurücksetzte, und blinzelte amüsiert nach dem Doktor »Schlau«. »Also, ehrlich. Sie glauben, Jacintho wäre nach Tormes gekommen, um in Miguelismus zu machen?« Sehr ernsthaft näherte Mello Rebello seinen beträchtlichen Schnurrbart meinem Ohr: »Es wird sogar für gewiß behauptet, der Prinz Dom Miguel befinde sich ebenfalls in Tormes!« Und da ich sie verständnislos anstierte, bestätigte der Doktor Alypio – so schlau! –: »Das wird behauptet ... Als Diener verkleidet!« Als Diener? Donnerwetter! Das war der Baptiste! Gerade kam Ricardo Velloso, um seine Zigarre an meiner anzustecken. Und gleich forderte der gute Rebello sein Zeugnis: »ob nicht für gewiß – 269 – verlautete, daß Dom Miguel in Tormes verborgen wäre?« »Als Lakai verkleidet,« bekräftigte ohne weiteres der würdige Velloso. »Wenn dem so ist, so scheint mir das eine große Kühnheit... Ich würde ihn nicht ungern einmal sehen. Er soll ein hübscher, stattlicher Mensch sein. Indessen, mein Oheim Joan Vaz Rebello wurde in Stücke gehauen, mit dem Beil, im Kerker von Almeida ... Und wenn diese Geschichte wieder losgeht, ich danke! Hören Sie, Ihr Freund...« Er verstummte. Jacintho, der sich von dem alten Dom Theotonio losgemacht und noch ein Lächeln belustigten Verblüfftseins auf den Lippen hatte, kam auf mich zu, um mir die Sache brühwarm mitzuteilen: »Gelungen! Ich sehe, daß sich hier in der Serra noch unverändert die alten guten Ansichten erhalten ...« Ohne sich zurückzuhalten, unterbrach ihn Mello Nebello: »Es kommt darauf an, was Sie ›gute Ansichten‹ nennen.« Da verdarb ich, wütend über diese blödsinnige Erfindung, die meinen armen Freund mit Feindseligkeit umgab, endgültig den schönen Geburtstagsabend, indem ich lebhaft einsprang: »Spielst du Lhombre, Jacintho? Nein? ... Na, dann arrangieren wir zwei Spieltische ... Dom Theotonio wird Karten wünschen.« Ich schleppte Jacintho zu den Damen, die aufs neue sich im Schatten der Tante Vicencia in ihre Sofaecke eingenistet hatten. Alle schwiegen und schienen sich vor der Erscheinung meines Prinzen in sich selbst zurückzuziehen, wie Tauben, die des Habichts ansichtig werden. So überließ ich den gefürchteten – 270 – Mann der Frau des Doktors Alypio, die der Schar der scheuen Vögel ein wenig entflattert war, und der Jacintho nun beteuerte, daß es ihm außerordentliches Vergnügen mache, bei dieser Gelegenheit seine Nachbarinnen kennen zu lernen ... Sie spielte nervös mit dem Fächer, lächelte, und sicher hatte Jacintho in Paris nie einen frischeren Mund und glänzendere Zähne gesehen. Nachdem ich den Lhombretisch organisiert hatte, mußte ich mich leider selbst daran setzen, um Manuel Albergaria zu vertreten, der an Verdauungsschwäche litt, erklärte, das Festmahl habe ihn »zu Grunde gerichtet«, und auf dem Balkon Luft zu schöpfen wünschte. Alle Herrschaften klagten alsbald über Hitze. Ich ließ die Fenster öffnen, die auf die Mimosen im Hof gingen. Beim Kartenmischen hielt Velloso plötzlich inne, blies die Backen auf, als ersticke er, und rief: »Es ist so schwül... Wir werden ein Gewitter bekommen!« Der Doktor Alypio, der eine Stunde Fahrt bis nach Hause hatte, und dessen eine Stute scheute und bockte, lief unruhig ans Fenster, um nach dem Himmel zu sehen, der mit dunkeln hängenden Wolken bedeckt war. »Tatsächlich, wir bekommen Regen!« Die Zweige der Mimosen rauschten im Winde, und die Luft, die die Vorhänge blähte, wehte ungleich und betäubend. Im Salon schien die gleiche Unruhe platzzugreifen, denn die Tante Albergaria erschien, um den Bruder Jorge zu mahnen: es sei besser, an die Abfahrt zu denken, die Nacht würde bedrohlich ... Und der Doktor Alyptio zog die Uhr und schlug vor, sobald der Einsatz erhoben sei, wolle man zum Rückzug blasen. In dem Augenblick kehrte Albergaria, von einem Glas Génèvre wieder aufgerichtet, vom Balkon zurück und nahm seine Karten wieder auf. Auch er bestätigte, daß ein tüchtiges Gewitter im Anzuge sei. In den Salon zurückgekehrt, fand ich Jacintho sehr vergnügt unter den Damen, die sich mit ihm angefreundet hatten und unter fröhlichem Gelächter der denkwürdigen Geschichte von seiner Ankunft in Tormes lauschten, wo er ohne Koffer, ohne Diener und so entblößt angekommen war, daß er sich von der Häuslerin hatte ein Nachthemd borgen müssen! Aber mein armer Geburtstagsabend war kläglich ins Wasser gefallen. Die Tante Albergaria patroullierte von Fenster zu Fenster, um voller Angst vor dem Heimweg ins schwüle Dunkel hinauszuspähen. Gelassen zog die schöne Frau des Doktors Alypio die Handschuhe an und verlangte zu wissen, ob der Einsatz noch nicht verspielt sei. Und die Tante Vicencia beschleunigte den Tee, den Manuel, von Gertrudes mit den Kuchenkörben gefolgt, schon den Damen zu servieren anfing. Jacintho stand unter ihnen, bot Tassen dar und scherzte: »Solche Eile, solche Angst vor ein bißchen Gewitter?« Schon ganz zutraulich gemacht, in wachsender Sympathie für meinen Prinzen, entgegnete sie: »Sie haben gut reden, Sie bleiben unter Dach und Fach ... Wir wollten mal sehen, wenn Sie jetzt nach Tormes füllten, bei dieser stockfinstern Nacht!« Die Lhombrepartie war an beiden Tischen zu Ende, und die Herren riefen von den Fenstern aus Befehle in den Hof hinab, wo die Wagen angespannt hielten: »Laß das Schutzdach an der Viktoria herab, Diogo!« »Zünde das Lampion an, Pedro! Das hilft dem Licht der Laternen noch!« – 272 – Die Magd Quiteria erschien an der Tür mit beiden Armen voll Shawls und Spitzenmänteln. Da eine der Albergarias auf dem Rücksitz der Viktoria saß, holte ich eiligst meinen Gummimantel, der sie vor dem Regen schützen sollte. Und allein Dom Theotonio, der bis nach Hause kaum eine halbe Meile guter Landstraße hatte, zeigte keine Eile, hatte sich vielmehr neuerdings meines Prinzen bemächtigt und ihn unter bedeutsamen Gesprächen, die sein spießförmig ausgestreckter Finger feierlich unterstrich, in die einsamsten Regionen der Gesellschaftsräume verschleppt. Die Tante Albergaria schrie, es regnete schon; und dann war ein Hals-über-Kopf der Damen, die in höchster Eile die Tante Vicencia verküßten, während im Vorzimmer die Herren schleunigst in die Paletots fuhren. Jacintho und ich stiegen mit zum Hofe hinab, um den Davonstiebenden das Geleit zu geben, und dann rollte ein Gefährt nach dem andern, der Stuhlwagen des Doktors Alypio, die Viktoria der Albergarias, die alte ungeheuerliche Kalesche der Vellosos, unter unsern besten Wünschen für eine angenehme Reise in die Nacht hinaus. Zuletzt zog auch Dom Theotonio seine schwarzen Handschuhe an, stieg in den Wagen und sagte zu Jacintho: »Also, lieber Vetter und Freund, Gott gebe, daß aus unsrer Begegnung und aus allem, was geschehen wird, diesem Lande Gutes erwachse!« Als wir die Treppe hinauf gingen, machte mein Prinz seinem Herzen Luft: »Dieser Theotonio ist des Teufels! Weißt du, was ich am Ende herausgebracht habe? ... Er hält mich für einen Miguelisten und bildet sich ein, ich sei nach Turmes gekommen, um Dom Miguels Wiedereinsetzung zu betreiben.« – 273 – »Und du?« »Ich war so betreten, daß ich ihm seinen Irrtum nicht einmal benommen habe.« »Na, weißt du noch was, mein armer Freund? Alle denken dasselbe und sind mißtrauisch und fürchten, in Guiaens aufs neue Galgen aufgerichtet zu sehen. Und es verlautet, daß du den Prinzen Dom Miguel in Tormes verborgen hältst, als Lakai verkleidet. Und weißt du, wer es ist? Der Baptist!« »Dies ist gottvoll!« lispelte Jacintho mit weitaufgerissenen Augen. Im Salon erwartete uns Tante Vicencia trostlos unter all den Lichtern, die noch im Schweigen und Frieden der auseinandergeflatterten Abendgesellschaft brannten: »Nein, so etwas! Nicht einmal ein Schälchen Gelee oder ein Gläschen Portwein haben sie genommen!« »Es war furchtbar öde, Tante Vicencia,« machte ich meinem Aerger Luft. »Die ganze Weiberschar stumm; die befreundeten Herren mit so argwöhnischer Miene...« Jacintho protestierte, sehr belustigt, sehr aufrichtig: »Nein, im Gegenteil, Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten. Prächtige Menschen! Und so schlicht... Alle diese jungen Mädchen haben mir den besten Eindruck gemacht. Und so frisch, so heiter! ... Ich hoffe hier sehr gute Freunde zu finden, wenn sie sich erst überzeugt haben, daß ich kein Miguelist bin.« Wir erzählten Tante Vicencia die unglaubliche Geschichte von dem in Tormes versteckten Dom Miguel. Sie lachte! »So etwas! Wäre nicht übel...« »Aber Sie sind doch keiner?« »Ich, gnädige Frau, bin Sozialist...« Ich schlug mich wieder ins Mittel und erklärte der Tante, daß Sozialist sein bedeutete, für die Armen sein. Die liebreiche Dame hielt diese Partei für die beste, die einzig richtige: »Mein seliger Alfonso war liberal ... Mein Vater auch und sogar persönlich befreundet mit dem Herzog Terceira Die Azoren-Insel Terceira blieb in dem Kampfe zwischen Donna Maria und Dom Miguel um die portugiesische Krone der ersteren treu und widerstand allen Angriffen des letzteren. 1829 errichtete Villaflor, der spätere Herzog von Terceira, hier eine Regentschaft im Namen der jungen Königin, und 1832 sammelte hier Dom Pedro die Streitkräfte, mit denen er seinen Bruder Dom Miguel in Portugal angriff. ...« Ein furchtbarer Donner rollte und weckte die schwarze Nacht – und dann klatschte ein Regenschauer gegen die Scheiben und die Steinfliesen des Balkons. » Heilige Barbara !« schrie die Tante Vicencia auf. »Ach, die Aermsten!... Gott, welche Sorge... Die Rojons, die nur die Viktoria haben!« Und ohne daran zu denken, zuvor das Silberzeug zu verwahren, eilte sie nach ihrem Zimmer, um die gewohnten zwei Kerzen vor dem Oratorium anzuzünden und mit der Gertrudes den Rosenkranz zu beten. XIV Andern Tages, nach dem Frühstück, stieg ich mit Jacintho zu Pferde, um nach Flor da Malva zu reiten und mich nach meinem Oheim Adrian und seinem Blutgeschwür zu erkundigen. Ich fühlte eine gespannte und fast unruhige Neugier, festzustellen, welchen Eindruck meine Cousine Joanninha, die der Stolz unsres Hauses war, auf meinen Prinzen machen würde. Schon am frühen Morgen, als wir alle im Garten beteiligt waren, um eine schöne Teerose für unsres Gastes Knopfloch zu wählen, hatte Tante Vicencia so warme Loblieder angestimmt auf die Schönheit, die Anmut, die Mildtätigkeit und die Sanftmut ihrer vielgeliebten Nichte, daß ich Einspruch erhob: »O, Tante Vicencia, solche Preislieder kommen höchstens der heiligen Jungfrau zu! Du verfällst in Götzendienern! Nachher wird Jacintho gräßlich enttäuscht, wenn er nur ein armes Menschenkind antrifft!« Und nun, wo wir auf der bequemen Landstraße von Sandofim dahinritten, kam mir der Morgen in Paris ins Gedächtnis, wo Jacintho ihr Bild auf meiner Kommode gefunden und sie eine kleine Bäuerin genannt hatte. Aber die Photographie stammte aus ihrer Zeit ländlichen Wachstums, wo sie kaum etwas andres gewesen war als eine schöne, kräftige und gesunde Bergpflanze. Jetzt stand sie im fünfundzwanzigsten Lebensjahr und dachte und fühlte schon, und die Seele, die sich in ihr gebildet, hatte ihre vollwangige Pracht verfeinert, geglättet und durchgeistigt. Nach dem nächtlichen Gewitterregen, der die Landschaft in verjüngtem, feuchten Glänze schimmern ließ, bot der Morgen mit seinem reinen Himmel eine so frische, glänzende Süße, daß es wohltat, wie weiland Euripides oder Sophokles gesagt hat, den Körper zu bewegen und die Seele faulenzen zu lassen, ohne Hast noch Sorgen. Die Landstraße bot keinen Schatten, aber die Sonne war nicht lästig und streifte uns liebkosend wie leichter Flügelschlag. Das Tal erschien Jacintho, der es zum erstenmal sah, wie ein Gemälde aus der französischen Schule des achtzehnten Jahrhunderts, so anmutig wellten sich darin die grünen Matten, mit – 276 – solchem Frieden, solcher Frische durchströmte es der lachende Serpon, und so zufrieden und verheißungsvoll schimmelten die weißen Häuser aus dem zarten Grün hervor! Unsre Gäule gingen nachdenklichen Schritts, als genössen sie auch den Frieden dieses Gottesmorgens. Und ich weiß nicht und habe nie gewußt, welche verborgenen Waldblumen die Luft mit zartem Duft erfüllten, wie ich ihn so oftmals auf jenem Wege zu herbstlicher Jahreszeit gespürt habe. »Welch köstlicher Tag!« sagte Jacintho leise. »Es ist, als ritten wir statt nach Flor da Malva geradenwegs in den Himmel hinein... O, Zé Fernandes, woher kommt dieser zarte, süße Duft?« Ich lächelte und hatte so meine Gedanken: »Ich weiß nicht... Vielleicht schon aus dem Himmel!« Dann hielt ich das Pferd an und wies mit der Gerte nach dem Tal: »Sieh dort, wo die Reihe Ulmen steht, am Bergbach, das ist schon Besitz des Oheims Adrian. Einen Obstgarten hat er dort, in dem die köstlichsten Pfirsiche von ganz Portugal wachsen. Ich werde Cousine Joanninha bitten, dir einen Korb voll zu schicken. Und die Konfitüre, die sie daraus macht... Junge! Das ist einfach was Himmlisches! Ich sag' ihr, daß sie dir davon auch was schicken soll!« Er lachte: »Du wirst die Cousine Joanninha schön ausbeuten!« Und mir fielen, ich weiß nicht wie, zwei Verse einer Ritterballade ein, die mein armer Freund Procopio in Coimbra verfaßt hatte und die ich jetzt meinem Prinzen zuwarf: Manda-lhe um servo querido »Bem hajas, dona formosa! E que lhe entregue um annel E com o annel uma rosa.« («Schick' einen von deinen Getreuen: ›Zum Gruß dir, der Schönen, der Süßen, Send' ich dir ein goldenes Ringlein Und leg' dir mein Herze zu Füssen!‹«) Jacintho lachte herzlich: »Zé Fernandes, das wäre doch übertriebene Freigebigkeit, nur wegen eines halben Dutzends Pfirsiche und eines Steintopfs voll Eingemachtes!« So lachten wir noch, als an der Wegbiegung die lange Mauer der Quinta der Vellosos erschien und dann die kleine Kapelle vom heiligen Josef von Sandofim. Und sofort spornte ich meinen Gaul zu schnellerem Ausgreifen an, nach der Schenke des Torto, von wegen des gewissen Weißweins, den mein Herz allemal fordert, wenn es dieses Weges zieht. Mein Prinz äußerte sich sehr mißfällig über diese Verirrung: »O, Zé Fernandes, du wirst doch jetzt, zu dieser Stunde, nach dem Frühstück, keinen Weißwein trinken?« »Alte Gewohnheit, mein Junge... Diese kleine Weinschenke vom Torto ... So ein Deziliterchen ... mein armes Herz krankt danach.« Wir hielten; ich rief nach Manuel, der, seinen Riesenwanst auf zwei kurzen, krummen Beinen wälzend, mit der grünen weitbauchigen Kanne und einem Glase erschien. »Zwei Gläser, Freund Torto! Dieser Herr wird auch einen Trunk schätzen.« Nach einem blassen Widerspruch wollte mein Prinz auch. Er betrachtete den klaren, lichtgoldenen Wein gegen die Sonne, kostete und leerte das Glas mit Wonne und einem anerkennenden Schnalzen. »Köstlicher Wein!... Von diesem Wein will ich in Tormes haben... Vorzüglich!« »Ha! Frisch, leicht, aromatisch, anregend, ganz – 278 – Seele! ... Schenk noch mal ein, Freund Torto! Dieser Kavalier ist der Senhor Dom Jacintho, der Fidalgo von Tormes.« Da erscholl hinter der Tür der Schenke eine tiefe Stimme, die mit hohlem, feierlichem Ton rief: »Segen über den Vater der Armen!« Und ein seltsamer Greis mit langem weißen Haar und Bart, die fast nichts übrig ließen von dem ziegelfarbenen Gesicht, tauchte im Türrahmen auf, auf einen Knotenstock gestützt, mit einer Botanisiertrommel über der Achsel, und heftete auf Jacintho zwei Aeuglein, die in schwarzem Glänze blitzten. Das war der Ohm Torrado, der Prophet der Serra... Ich streckte ihm die Hand hin, die er drückte, ohne die Augen von Jacintho abzuwenden. Ich ließ ein drittes Glas kommen und stellte Jacintho vor, der verlegen errötete. »Da habt Ihr ihn also, den Herrn von Tormes, der den Armen so viel Gutes getan hat.« Der Alte reckte heftig den Arm nach ihm, der zottig und fast schwarz aus einem viel zu kurzen Aermel hervorragte: »Die Hand!« Und als Jacintho sie ihm reichte, nachdem er hastig den Handschuh abgerissen, behielt sie Joan Torrado lange in der seinen, schüttelte sie langsam und bedächtig und murmelte: »Königliche Hand, Gebehand, Hand, die von oben kommt, selten gewordene Hand!« Dann nahm er das Glas aus der Hand Tortos, trank mit langsamen Zügen, wischte sich den Bart, schob den Riemen zurecht, an dem die Botanisiertrommel hing, und stampfte mit der Spitze des Stockes auf den Boden: »Gelobt sei unser Herr Jesus Christus, der mich dieses Wegs geführt hat! Ich habe meinen Tag – 279 – nicht verloren: ich habe einen Menschen gesehen!« Ich neigte mich zu ihm nieder und sagte vertraulicher: »Aber hört, Ohm Joan! Ist es wahr, daß Ihr hier verbreitet, der König Sebastian wäre wiedergekommen?« Der romantische Alte stützte beide Hände auf den Stock und das Kinn mit dem flatternden Bart auf die Hände und flüsterte, ohne uns anzusehen, wie von seinen eignen Gedanken getrieben: »Vielleicht ist er wiedergekommen, vielleicht nicht ... Wir wissen nicht, wer kommt, noch wer geht. Wir sehen den Leib, aber wir sehen nicht die Seele darin. Es gibt Körper von jetzt mit Seelen von einst. Der Leib ist Kleid, die Seele ist Wesen... Auf dem Markt von Roqueirinha, wer kann sagen, auf wie viele einstige Könige man stößt, wenn man unter den Hirten einhergeht... In schlechtem Leib verbarg sich einst der Herr.« Er schloß in einem Gemurmel. Ich warf Jacintho einen Blick zu, und um die sonderbaren, romantischen Weisen des Sehers länger zu genießen, drang ich in ihn: »Indes, Ohm Joan, denkt Ihr wirklich in Eurem Gewissen, daß der König Sebastian nicht in der Schlacht gefallen ist?« Der Greis hob das Gesicht zu mir, das sich in leichtem Mißtrauen gerunzelt hatte: »Das sind sehr alte Geschichten und passen nicht hierher, an die Tür der Weinschenke. Der Wein war gut und Euer Gnaden haben Eile, lieber junger Herr! Die Blume von Flor da Malva hat ihr Väterchen krank liegen... Aber das Uebel ist schon im Abzug mit der Rückengeschwulst. Es erfreut das Herz, einen zu sehen, der den Traurigen Freude – 280 – bringt. Ueber Tormes steht ein heller Stern. Und nun trab! trab! denn der Tag ist schön!« Mit einer Gebärde der mageren Hand entließ er uns. Und schon ritten wir am Kreuzweg, als sein warmer Zuruf mit dumpfer Feierlichkeit aufs neue herüberscholl: »Gottes Segen dem Vater der Armen!« Aufrecht inmitten der Straße erhob er den Bergstock, als dirigiere er eine beifalljauchzende Menge. Und Jacintho staunte, daß es im Reiche noch einen Sebastianisten gäbe. »Wir alle sind es noch in Portugal, Jacintho! In der Serra oder in der Stadt, ein jeder wartet auf seinen Dom Sebastian! Selbst die Lotterie der › Misericordia ‹ ist eine Form des Sebastianismus. Ich selbst spähe jeden Morgen aus, auch wenn es nicht nebelig ist, ob meiner nicht ankommt. Oder vielmehr meine, denn ich harre einer Donna Sebastiana... Und du, Glückspilz?« »Ich«? Eine Donna Sebastian«? Ich bin sehr alt, Zé Fernandes ... Ich bin der letzte Jacintho; Jacintho Schlußpunkt... Was ist das da für ein Haus mit den zwei kurzen Türmen?« »Die Flor da Malva.« Jacintho zog die Uhr. »Drei Uhr. Wir haben anderthalb Stunden gebraucht... War aber eine schöne Partie und lehrreich. Hübscher Ort dies!« Auf einer Anhöhe, von der Landstraße durch einen von der Mauer eingefaßten Hain getrennt, wandte die Flor da Malva nach Osten und der aufgehenden Sonne ihre lange Fassade zu, mit den viereckigen, gedrungenen Türmen, deren Balkonfenster mit blauen Fliesen umrahmt waren. Das große, eiserne, von zwei Steinbänken flankierte Portal lag am Ende der freien Terrasse, wo ein riesiger Kastanienbaum Grün und Schatten verbreitete. Auf den starken, entfleischten Wurzeln des Baumriesen kauerte wartend ein Junge, der einen Esel am Halfter hielt. »Ist der Manuel da Porta da?« »Eben ist er die Allee hinaufgegangen.« »Gut; stoß mal das Tor auf.« Wir ritten durch eine kurze Allee alter Bäume bis zu einer andern Terrasse mit einem Schuppen, einem Gesindehause und einer Hundehütte, von wo uns mit Kettengeklirr der Hofhund Triton entgegensprang, der sich gleich beruhigte, als er seinen alten Freund Zé Fernandes wiedererkannte. Und der Manuel da Porta lief vom Brunnen herzu, wo er einen großen Eimer füllte, um uns die Pferde zu halten. »Wie geht's dem Oheim Adrian?« Der brave, aber taube Manuel lächelte erfreut: »Wie geht's Euer Gnaden? Gut? Die Senhora Joanninha ist dort im Orangengarten mit dem Kleinen von der Josepha.« Wir schritten durch die sauberen Kieswege, die mit Lavendel und hohem Buchsbaum eingefaßt waren, während ich Jacintho erzählte, daß jener Kleine der Josepha ein Patenkind meiner Base Joanna sei, und jetzt ihr ganzes Entzücken und ihre ganze Sorge. »Mein gutes Bäschen hat, trotzdem sie ledig ist, eine ganze Kinderschar in der Gemeinde. Und es genügt ihr nicht, sie mit Kleidung zu versehen, sie zu beschenken und den Müttern beizustehen. Sie wäscht und kämmt sie auch und pflegt sie, wenn sie Husten haben. Nie treffe ich sie ohne ein Kind auf dem Arme... Jetzt hat sie nun eine Vorliebe für diesen Josésinho.« Als wir aber in den Orangengarten kamen, am – 282 – Rande des breiten Weges, der zum Teich führte, suchte ich sie vergebens; vergebens durchdrang ich das Dickicht und schrie: »Holla, Base Joanninha!« »Vielleicht ist sie dort unten beim Teich.« Wir stiegen den Gartensteig hinab, den dichtverschränktes Gezweig überwölbte. Ein frisches, klares Gewässer rieselte und glitzerte in steinernen Rieselröhren. Die Baumstämme umrankten wilde Rosen in völliger Sommerfrische. Und das kleine, von hier sichtbare Feld leuchtete freundlich in Gelb und Weiß von Maßliebchen und Butterblumen. Der kreisrunde Teich war abgelassen, um gereinigt zu werden, und jetzt füllte ihn der Springbrunnen aufs neue mit kristallklarem Wasser, worin die Goldfische vergnügt über ihr erneutes Weltmeer umherschnellten. Auf einer der Steinbänke, die den Teich umgaben, stand ein Korb abgeschnittener Georginen. Und ein Bursche, der auf einer Leiter stand, um die Kamelienbäume zu beschneiden, hatte »das gnädige Fräulein nach dem Weingelände gehen sehen«. Wir gingen also auf das Weingelände los, das noch ganz mit schwarzen Trauben behängen war. Zwei Frauen seiften in der Ferne an einem Waschbottich im Schatten großer Nußbäume Wäsche ein. Ich rief: »Heda! Habt ihr nicht Donna Joanna gesehen?« Eine der Frauen kreischte in der höchsten Fistel etwas zurück, das sich in der weiten, sonnendurchflimmerten Luft verlor. »Schön, gehen wir also ins Haus. Wir können nicht den ganzen Nachmittag hier herumspüren.« »Ein schöner Landsitz,« bemerkte mein Prinz entzückt. »Prachtvoll! Und gut im Stande ... Oheim Adrian hat einen trefflichen Verwalter ... Nicht wie – 283 – dein Melchior. Mach die Augen auf, lerne, Bauer! Sieh mal jenes Zwiebelfeld!« Wir durchschritten den Küchengarten, der mit Blumen geziert war, so wie Jacintho es sich erträumt hatte; mit Lavendel eingefaßte Beete und rankendes Geißblatt an den Steinpfeilern, die ein dichtes Weindach trugen, unter dem man in frischem Schatten sich erging. Wir kamen an der Kapelle vorbei, wo zu beiden Seiten der Tür eine Teerose wuchs mit einer einzigen, weit offenen Blüte, und ein Dickicht von Heliotrop, von dem sich Jacintho ein Sträußchen pflückte, um daran zu riechen. Dann traten wir wieder auf die Terrasse vor dem Hause, mit ihrer Steinbrüstung, die ganz von gelben Jasminsträuchern umschlungen war. Die Glastür stand offen; mir stiegen die Steintreppe zu ihr hinan, in dem weiten Schweigen, in dem ganz Flor da Malva ruhte, und kamen bis ins Vorzimmer mit der hohen Felderdecke und den langen Holzbänken, auf denen in alter Malerei das reiche Wappen der Cerqueiras verblaßte. Ich stieß die Tür eines andern Gemachs auf, in dem die Türen zur Veranda offen standen, und in jeder von ihnen hing ein Käfig mit einem Kanarienvogel. »Sonderbar!« rief Jacintho. »Das scheint ja meine Krippe zu sein... Und meine Stühle.« Allerdings. Auf einer altertümlichen Kommode mit antiken Bronzeverschlägen stand eine »Krippe«, ganz ähnlich der in Jacinthos »Bibliothek«. Und die hochlehnigen Stühle in gepunztem Leder hatten wie die, die er aus der Rumpelkammer geholt, Wappenschmuck, von einem Kardinalshut gekrönt. »Du mein Gott, ja!« rief ich ungeduldig. »Gibt's denn hier gar keinen Dienstboten?« Ich klatschte stark in die Hände... Das gleiche süße Schweigen, weit, leuchtend und von dem Blumenduft des Gartens durchschwängert, kaum unterbrochen von dem klirrenden Hüpfen der Kanarienvögel auf den Sitzstangen ihrer Bauer. »Dornröschenschloß,« murmelte Jacintho, beinahe aufgebracht. »Schrei mal!« »Nein, zum Kuckuck! Ich geh' hinein!« Aber in der sich plötzlich öffnenden Tür erschien Joanninha, rosig von der Luft und der Bewegung, in hellem Kleide, dessen Halsausschnitt den weißen Glanz ihrer Haut und das blonde Gewoge ihres prachtvollen Haares hervorhob, – mit strahlendem Lächeln in ihren überraschten, leuchtend schwarzen Augen; auf dem Arm ein Kind, das, rund und rosig, nur mit einem von blauen Schleifen geschmückten Hemdchen bedeckt war. Und so sah Jacintho an diesem Septembernachmittag in Flor da Malva zum erstenmal die, die er im Mai in dem fliesenbedeckten Kapellchen, als der große Rosenstock sich gänzlich mit blühenden Teerosen geschmückt hatte, als seine Eheliebste heimführte. XV Und nun sind unter aufbrechenden Rosenbüschen und unter abgeernteten Weinreben fünf Jahre über Tormes und die Serra dahin gegangen. Mein Prinz ist schon nicht mehr der letzte Jacintho, Jacintho Schlußpunkt – denn in jenem dem Verfall geweihten Solar tummeln sich jetzt voll kraftstrotzenden Lebens eine kleine dicke und rosige Theresinha, mein Patchen, und ein Jacinthinho, ein kleiner Mann, der ein großer Freund von mir ist. Und der Vater der Familie hat angefangen, monoton zu werden in der Vollendung moralischer Schönheit, jener Mann, der mir in seiner philosophischen Selbstquälerei und in der mannigfaltigen Pein seiner unersättlichen Phantasie sonst so pittoresk erschienen war. Wenn er jetzt als gründlicher Kenner der Landwirtschaft mit mir seine Felder durchwanderte und solide, kluge und nüchterne Ackerbaugespräche führte, so tat mir beinahe das Herz weh nach jenem andern Jacintho, der von jedem Baumzweig eine Theorie pflückte und, die Luft mit dem Stocke durchschneidend, holländische Meiereien aus Glas und Porzellan errichtete, um darin Käse zu kneten, zu zweihunderttausend Reis pro Stück! Die Vaterschaft hatte in ihm unter anderm auch das Verantwortlichkeitsgefühl erweckt. Jacintho besaß nunmehr ein Rechnungsbuch, noch klein zwar und mit Auslassungen und eingelegten losen Blättern, worin seine mit Bleistift gekritzelten Ausgaben und Einnahmen in Reih und Glied sich gegenüber standen wie zwei wohldisziplinierte Heerhaufen. Auch hatte er seine Güter von Montemor in der Beira besucht; und er restaurierte und möblierte die alten Herrenhäuser dieser Besitzungen, damit später seine Kinder ein »fertiges Nest« fänden. Wobei ich aber erkannte, daß sich endgültig ein vollkommenes und glückliches Gleichgewicht in der Seele meines Prinzen gebildet hatte, das war, als er, nachdem er den ersten, glühenden Fanatismus der Rückkehr zur Natur überwunden hatte, der Zivilisation die Türen von Tormes öffnete. Zwei Monate vor der Geburt der kleinen Theresa zog eines Tages durch die Platanenallee eine lange Reihe kreischender Ochsenwagen, die man im ganzen Bezirk zusammengebracht hatte und die mit Kisten und Kasten hoch bepackt waren. Das waren die so viel besprochenen Kisten, die so lange in Alba de Tormes gelagert hatten und nun ankamen, um die Stadt über die Serra zu ergießen. ›O weh!‹ dachte ich, ›mein armer Jacintho hat einen Rückfall.‹ Aber die komplizierteren Lebensbedürfnisse, die jener erschreckende Wagentrain enthielt, wurden zu meiner Ueberraschung nach den ungeheuren Speicherräumen verwiesen, dem Staub der Unnützlichkeit überantwortet. Der alte Solar tat sich nur gütlich mit ein paar Teppichen für seine Fußböden, Vorhängen für die unbekleideten Fenster und tiefen Lehnstühlen und Sofas, damit die Ruhe, nach der er schmachtete, noch behaglicher wäre. Ich schrieb diese Mäßigung meiner Base Joanninha zu, die Tormes in seiner rauhen Nacktheit liebte. Sie schwor, daß ihr Jacintho es so angeordnet hätte. Nach Verlauf von ein paar Wochen aber erschrak ich: von Lissabon war ein Werkmeister angekommen mit Arbeitern und noch mehr Kisten, um ein Telephon anzubringen! »Ein Telephon, in Tormes, Jacintho?« Mein Prinz begründete es, fast wie entschuldigend: »Nach dem Hause meines Schwiegervaters! ... Weißt du ...« Das war verständig und freundlich. Das Telephon indes streckte sacht und stumm einen andern langen Faden nach Valverde aus. Und Jacintho breitete hilflos beide Arme aus und flehte beinahe: »Nach dem Hause des Arztes ... verstehst du ...« Das war umsichtig. Aber eines Morgens erwachte ich in Guiaens von den Schreckensrufen der Tante Vicencia. Ein Mann war angekommen, geheimnisvoll, mit andern Männern, die Drähte trugen, um in unserm Hause die neue Erfindung einzuführen. Ich beschwichtigte die Tante Vicencia, indem ich ihr hoch und heilig schwor, diese Maschine mache weder Geräusch, noch brächte sie Krankheiten ins Haus, noch zöge sie das Gewitter an. Dann aber lief ich nach Tormes. Jacintho lächelte, zuckte die Achseln: »Was kann das helfen? In Guiaens ist doch einmal die Apotheke, der Schlachter ... und schließlich doch du!« Das war brüderlich. Dennoch zagte ich: Wir sind verloren! In Zeit von einem Monat wird die arme Joanna sich das Kleid mittels einer Maschine zuhaken! Aber nein! Der Fortschritt, der auf Jacinthos Befehl nach Tormes heraufgestiegen war, um seine Wunder dort einzuführen, und der vielleicht gedacht hatte, er würde ein weiteres Königreich erobern, um es zu verunstalten, ging schweigend und enttäuscht den Weg zurück, den er gekommen, und nie wieder erblickten wir auf der Serra sein starres Gespenst mit der Eisen- und Rostfarbe. Da begriff ich, daß tatsächlich sich in der Seele Jacinthos das Gleichgewicht des Lebens hergestellt hatte und damit das Glück, von dem er so lange nomineller Prinz gewesen war, ohne Fürstentum. Und eines Nachmittags, da ich im Obstgarten unsern alten Grillo antraf, der sich mit der Serra ausgesöhnt hatte, seitdem sie ihm Kinder beschert hatte, die er Huckepack tragen konnte, bemerkte ich zu dem würdigen Schwarzen, der mit einer ungeheuerlichen Hornbrille bewaffnet, seinen »Figaro« las: »Na, Grillo, jetzt können wir aber wirklich sagen, daß der Senhor Dom Jacintho fest steht.« Grillo schob die Brille auf die Stirn zurück und erhob die fünf gekrümmten Finger wie einen Tulpenkelch in die Luft: »Seine Gnaden haben Knospen getrieben!« Immer tiefsinnig, der würdige Neger! Ja! Jenes verdorrte Stadtreis war, nachdem es ins Gebirge verpflanzt, dort angegangen, hatte die Kraft des heimischen Bodens eingesogen, Saft getrieben, Wurzel geschlagen, hatte Jahresringe angesetzt, Zweige ausgebreitet, sich mit Blüten bedeckt, stark, still, glücklich, segensreich, edel, Früchte und Schatten spendend. Und in dem Schutz des nun kraftvollen Baumes und von ihm ernährt, segneten es hundert Pflanzstätten in der Runde. XVI Wiederholt hatte Jacintho in diesen Jahren mit Vergnügen von einem zwei-, dreimonatlichen Aufenthalt in Paris gesprochen, um Base Joanninha die Metropole zu zeigen. Und ich sollte der treue Begleiter sein, um das Staunen meiner Gebirglerin über die Stadt zu Protokoll zu nehmen! Dann wurde verabredet, man wolle warten, bis der kleine Jacintho volle zwei Jahre alt wäre, damit er ohne Ungemach mitreisen und mit seinem kleinen Finger auf die Schöpfungen der Kultur weisen könne. Als er indes im Oktober diese so ersehnten zwei Jahre vervollständigte, fühlte Base Joanninha eine unendliche, fast erschrockene Unlust gegenüber der Bahnfahrt, dem Stadtlärm, der Wohnung in den Champs-Elysées und ihrem Glanze. »Wir fühlen uns hier so wohl! Das Wetter ist so schön!« flüsterte sie, noch immer betörend, und schlang die weißen Arme um den kraftvollen Nacken ihres Eheliebsten. Mit Entzücken gab er sofort Paris auf. »Reisen wir lieber im April, wenn die Kastanienbäume auf den Champs-Elysées in Blüte stehen!« Im April aber machte sich jenes Ruheverlangen geltend, das Base Joanninha an den Diwan bannte, selig lächelnd, mit leichten Frieseln auf der Haut und in lockerem Hausgewand. Das heitere Abenteuer war wiederum für ein ganzes langes Jahr hinausgeschoben. Ich litt damals an Unbeschäftigtsein. Die märzlichen Regengüsse versprachen eine reiche Ernte. Seit dem Winter fühlte ich in den Gliedern etwas wie Rostansatz, der sie steif machte, und sicherlich hatte sich irgendwo in meiner Seele eine kleine Schimmelanlage gebildet. Dann krepierte auch meine Stute ... Ich reiste nach Paris ab. Gleich in Hendaye, kaum daß ich den lieblichen Boden Frankreichs betrat, flogen meine Gedanken, wie eine Taube zum heimischen Schlage, nach 202 – vielleicht weil ich ein enormes Plakat gewahrte, auf dem ein Weib im Evakostüm mit bacchantischen Blumen im Haar sich verrenkte, wobei sie in der einen Hand eine schäumende Flasche hochhielt und mit der andern das neueste Modell eines Korkziehers schwenkte. Und ah, welche Ueberraschung! Gleich ein wenig weiter, auf der hellen und stillen Station Saint-Jean de Luz, springt ein schlanker, junger Mann von vollendeter Eleganz in mein Abteil, und ruft, nachdem er mich flüchtig angesehen: »Hallo, Fernandes!« Marizac! Der Herzog von Marizac! Das war ja schon 202 ... Mit welcher Dankbarkeit ich ihm die Hand schüttelte, weil er mich erkannt hatte! Und in die Wagenecke einen Ueberrock und ein Paket Zeitungen schleudernd, das der Diener ihm hereinreichte, rief der gute Marizac mit der gleichen freudigen Ueberraschung »Und Jacintho?« Ich erzählte von Tormes, dem Gebirge, seiner ersten Liebe für die Natur, seiner andern großen Liebe für mein Bäschen, von den beiden Kindern, die er Huckepack trüge. »O der Racker!« rief Marizac und spießte mich mit den Augen. »Er ist im stande und ist glücklich?« »Aber ganz riesig, ganz närrisch glücklich ... Was sage ich! Es gibt gar keine Adverbien dafür ...« »Unpassend!« murrte Marizac ganz ernsthaft. »Solch ein Racker!« Dann wünschte ich von unserm Bekanntenkreis von 202 zu hören. Er zuckte die Achseln und zündete sich eine Zigarette an: »Alles im selben Kreislauf ...« »Madame d'Oriol?« »Ebenso.« »Die Trèves? Der Ephraim?« »Ebenso, alle drei.« Er bewegte müde die Hand. »Während dieser fünf Jahre, in Paris, alles beim alten ... Die Weiber mit ein bißchen mehr Puder, die Haut ein bißchen schlaffer und welker. Die Männer mit ein bißchen mehr Verdauungsbeschwerden. Sonst alles ebenso. Wir haben die Anarchisten gehabt. Die Prinzessin de Carman ist mit einem Akrobaten vom Winterzirkus durchgegangen ... Und – und voilà !« »Dornan?« »Ebenso ... Ich bin ihm seit 202 nicht wieder begegnet ... Aber ich lese manchmal seinen Namen im ›Boulevard‹, mit gekünstelten Versen, feingetiftelten Zoten ...« »Und der Psycholog? ... Wie hieß er doch gleich? ...« »Auch ebenso. Immer Weiberromane zu drei Francs fünfzig Centimes ... Herzoginnen in Unterröcken, nackte Seelen ... Sachen, die stark gekauft werden!« Als ich aber voll Entzücken nach Todelle forschen wollte, nach dem Großherzog u. s. w., fuhr der Zug in Biarritz ein: – und schnell, Paletot und Zeitungen aufraffend, sprang der liebenswürdige Marizac nach einem Händedruck zur Tür hinaus, die sein Diener aufgerissen, und rief zurück: »Bis Paris! ... Immer noch Rue Cambori.« In dem verödeten Abteil gähnte ich dann mit einem seltsamen Gefühl der Eintönigkeit, des Uebersättigtseins, als wäre ich umgeben von oft gesehenen Leuten, die mir oft gehörte Geschichten und längst bekannte Dinge mit süffisantem Lächeln wiederholten. Auf beiden Seiten des Zuges die lange, einförmige Ebene, ohne alle Mannigfaltigkeit, bis ins kleinste kultiviert, schnurgerade eingeteilt, von einem Resedagrün, einem verwaschenen Graugrün, in dem kein hellerer Streifen, kein heiterer Farbenton einer Blume, keine Bodenerhöhung oder Senkung die diskrete und ordentliche Mittelmäßigkeit störte. Blasse Pappelalleen, nach der Schnur gezogen, faßten sehr gerade und helle Kanälchen ein. Die Landhäuser, alle von der gleichen graugrünen Farbe, erhoben sich kaum über dem Boden, hoben sich kaum von dem blassen Grün der Umgebung ab, wie in Mitteltöne und Vorsicht eingewickelt. Und der Himmel darüber, glatt, wolkenlos, mit blasser Sonne, schien ein ungeheurer, unter Anwendung von viel Wasser abgewaschener Spiegel, von dem aller Schmelz und Glanz abgewaschen war. Ich schlief vor stiller Flauheit ein. Welch schöner Maimorgen, als ich in Paris ankam! So frisch und fein und doch schon lind, daß ich trotz meiner Ermüdung nur mit Widerwillen in das tiefe, düstere Bett im Grand-Hotel tauchte, das ganz mit Sammetdraperien, großen Schnüren und schweren Quasten behangen war, wie ein Thronhimmel an Galatagen. In diesen tiefen Federpolstern träumte ich, in Tormes hätte man einen Eiffelturm erbaut und rings herum tanzten die Damen aus der Serra, selbst die respektabelsten, wie die Tante Albergaria, in derselben spärlichen Toilette wie die Bacchantin, und schwenkten gleichfalls riesige Korkzieher in der Luft. Bei den Erregungen dieses Alpdrucks, mit dem Bade, dem Auspacken war es schon nahe an zwei Uhr, als ich endlich aus dem großen Portal schritt und nach Verlauf von fünf Jahren wieder den Boulevard betrat. Und augenblicklich schien mir, als hätte ich die ganzen fünf Jahre da an der Tür des Grand-Hotel gestanden, so langweilig bekannt kam mir dies städtische Rädergeroll vor, und die hageren Bäume und die großen Schilder und die riesigen Federhüte auf gelbgefärbten Flechten, und die kerzengeraden Ueberröcke mit großen Rosetten der Ehrenlegion, und die Straßenbuben, die mit heiserem Gekrächz Kartenspiele mit obscönen Bildern und ebensolche Streichholzschachteln ausboten ... ›Schwerenot!‹ dachte ich, ›wie viele Jahre bin ich denn schon in Paris?‹ Ich kaufte dann in einem Pavillon eine Zeitung, die »Voix de Paris«, die mir beim Frühstück die Stadtneuigkeiten erzählen sollte. Der Auslegetisch des Pavillons verschwand völlig unter den illustrierten Zeitungen: und in allen wiederholte sich das gleiche Weib, ganz oder halb entblößt, bald die mageren Rippen zeigend, die an eine verhungerte Katze erinnerten, bald den Rücken weisend und ... ›Don–ner–wet–ter!‹ murmelte ich bei mir. Im Café de la Paix riet mir der fahle Aufwärter mit einem Rest Reispuder auf seinem fahlen Gesicht, weil es doch schon so spät sei, zu gebratener Seezunge und einem Kotelett. »Und welchen Wein befehlen der Herr Graf?« »Chablis, Herr Herzog!« Er lächelte zu meinem liebenswürdigen Spaß, und ich entfaltete aufgeräumt die »Voix de Paris«. Auf der ersten Spalte sah ich inmitten einer sehr geschraubten Prosa, die in dem Glanz falscher Brillanten strahlte, eine nackte Prinzessin und einen schluchzenden Dragonerrittmeister. Auf der nächsten Seite feierten beredte Schriftsteller digestive und tonische Weine. Darauf folgten die gebräuchlichen Verbrechen. – Nichts Neues! Ich legte die »Voix de Paris« beiseite, und dann fand zwischen mir und der Seezunge ein erschrecklicher Kampf statt. Die Elende stellte sich spröde gegen mich und wollte nicht zugeben, daß ich von ihrem Rückgrat auch nur eine armselige Faser abrisse. Sie hatte sich gänzlich zu einer undurchdringlichen und dunkelbraunen Schuhsohle ausgedörrt, gegen die das ohnmächtige und zitternde Messer sich bog. Ich rief nach dem fahlen Jüngling, der, die Schnallenschuhe fest gegen den Boden gestemmt, mit einem stärkeren Messer schließlich der Widersetzlichen zwei Fasern vom Leibe riß, dünn und kurz wie Zahnstocher, die ich beide zugleich verschluckte und die mir meinen Hunger erst recht fühlbar machten. Mit einem einzigen Gabelstich machte ich dem Kotelett ein Ende. Ich bezahlte fünfzehn Franken mit einem vollwertigen Louisdor. Unter der Münze, die der fahle Jüngling mir herausgab, und zwar mit der ausgesuchtesten Höflichkeit einer verfeinerten Zivilisation, waren zwei falsche Frankenstücke. Und dann ging ich an diesem linden Mainachmittag auf die Terrasse hinaus, um einen kokoshutfarbenen Kaffee zu trinken, der nach Zwiebeln roch. Bei einer Zigarre betrachtete ich sodann den Boulevard, zu dieser Stunde, wo er die ganze Hast, den ganzen Lärm seiner kompakten Geselligkeit entfaltete. Der ununterbrochene Strom der Omnibusse, Karossen, Luxusequipagen und sonstigen Fuhrwerke rollte unabsehbar dahin, wie eine ganze dunkle Menschheit, die in unruhiger Geschäftigkeit zwischen Füßen und Rädern kribbelt und krabbelt. Das lärmende Gewoge hatte mich, der ich seit fünf Jahren nur an die Stille der regungslosen Berge gewöhnt war, schnell betäubt. Verschüchtert suchten Geist und Auge auf etwas Feststehendem auszuruhen: ein angehaltener Omnibus, ein Fiaker, der bei einem plötzlichen Ausgleiten des Kleppers stehen geblieben war. Aber alsobald schlüpfte ein eiliger Rücken durch den Droschkenschlag, oder eine Traube dunkler Gestalten erkletterte gierig den Omnibus: und eiligst kreiste das schwindelerregende Geschiebe weiter. Unbeweglich allerdings standen die hohen, starren Häuserblöcke, steile Gestade aus Stein und Kalk, die diesen atemlosen Strom einschlossen, bändigten. Aber von der Straße aufwärts bis zum Dachfirst, an jedem Balkon, auf der ganzen Fassade: Schilder übereinander, nebeneinander, sich drängend, stoßend, übereinander greifend, durcheinander schreiend; und mehr noch betäubte mich die Ankündigung einer zähen Unaufhörlichkeit verborgener Arbeit, verzehrender Gier nach Gewinn, die da hinter den wohlanständigen und stummen Häuserfronten keuchte und schmachtete. Und während ich so meine Zigarre rauchte, bemächtigten sich meiner seltsamerweise die Empfindungen, die Jacintho früher inmitten der Natur erfahren hatte, und die mir so spaßhaft erschienen waren. Da, an der Tür des Cafés, zwischen der Gleichgültigkeit und der Geschäftigkeit der Stadt, fühlte auch ich, wie er auf dem Lande, mit einer vagen Trauer meine Vergänglichkeit und meine Einsamkeit. Sicherlich war ich da wie verloren in einer Welt, der ich mich nicht verschwistert fühlte. Wer kannte mich hier? Wen ging Zé Fernandes etwas an? Wenn ich hungrig wäre und meinen Hunger bekennte, niemand würde sein Brot mit mir teilen. Wie sehr auch mein Gesicht in Kummer und Verzweiflung verzerrt sein möchte, niemand würde stehen bleiben, um mir ein Trostwort zu spenden. Was auch könnten mir treffliche Eigenschaften der Seele nützen, die nur in der Seele blühen? Wäre ich ein Heiliger, die Menge würde sich um meine Heiligkeit nicht kümmern. Und wenn ich die Arme öffnete und da auf dem Boulevard riefe: »O ihr Menschen, meine Brüder!« so würden die Menschen, grausamer als der Wolf vor dem Bettler von Assisi, lachen und gleichgültig weitergehen. Zwei einzige Impulse, die zwei einzigen Funktionen entsprachen, schienen in dieser treibenden Menge lebendig zu sein: Gewinn und Genuß. Zwischen ihnen isoliert und in der ansteckenden Atmosphäre ihres Einflusses würde sich meine Seele in kurzem zusammenziehen und sich in einen Kiesel der Selbstsucht verwandeln. Von dem Wesen, das ich aus den heimischen Bergen mitgebracht, würde in kurzem nur dieser Kieselstein übrig bleiben, und in ihm lebendig nur die beiden Begierden der Stadt: das Füllen des Geldbeutels und das Stillen der Fleischeslust! Und allmählich ergriffen die gleichen Uebertreibungen angesichts der Stadt von mir Besitz, wie bei Jacintho angesichts der Natur. Dieser Boulevard sinterte für mich einen seinen Millionen Mikroben ausgepreßten Todeshauch. Aus jeder Tür schien sich mir eine Schlinge hervorzustrecken, um mich zu Falle zu bringen, mich auszubeuten. In jedem Gesicht an dem Schlage einer Droschke witterte ich einen im Anschlag liegenden Straßenräuber. Alle Frauen schienen mir mit Kalkstaub bedeckt, wie Gräber, die im Innern nur Verwesung einschließen. Und ich betrachtete mit der Melancholie eines Gauklers die Formen dieser ganzen drängenden Menge, ihre rohe, eitle Hast, die gekünstelte Haltung, die riesigen Federn auf den kleinen Hüten, den gemachten, falschen Ausdruck in den Gesichtern, die zur Schau gestellte Fülle der Büste, den gekrümmten Rücken alter Lebemänner, die die obscönen Bilder in den Schauläden anblinzelten. Ach, all das war kindisch, ja beinahe komisch von mir, aber es war das, was ich auf dem Boulevard empfand, während sich mir die Notwendigkeit aufzwang, in die heimatlichen Berge zurückzukehren, um in ihrer reinen Luft mich gesund zu baden von dieser Stadtkruste, und um wieder menschlich, Zé-Fernandisch aus dem Bade hervorzugehen! Um den Druck der Einsamkeit abzuschütteln, bezahlte ich meinen Kaffee und ging langsam, um 202 aufzusuchen. Wie ich bei der Madeleine und der Omnibusstation vorbeikam, fiel mir ein, was wohl aus Madame Colombe geworden sei? Und – o Elend! Durch mein jämmerliches Wesen wehte ein heißer Hauch tierischen Verlangens nach jenem hageren, beschmutzten Geschöpfe! Das war der Pfuhl, in dem ich mich vergiftet hatte, und der mich noch einmal in seine giftigen Dünste hüllen wollte. Als ich dann an der Ecke der Rue Royale nach der Place de la Concorde einbog, stieß ich auf einen großen, starken Mann, der seinen Schritt anhielt, den Arm und die starke Kommandostimme erhob: »Holla, Fernandes!« Der Großherzog! Der schöne Großherzog mit hellem Ueberrock und honigfarbenem Tirolerhut! Mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit drückte ich dem Fürsten, der mich wieder erkannt hatte, die Hand. »Und Jacintho! Auch in Paris? ...« Abermals erzählte ich von Tormes, den Bergen, der Verjüngung unsers Freundes inmitten der Natur, meiner liebenswürdigen Cousine, den prächtigen Kleinen, die er reiten ließ. Der Großherzog zuckte trostlos die Achseln: »O la, la, la, la! ... Puh! Verheiratet, auf dem Lande, mit kleinen Kindern ... Mann ist verloren! Das gibt's ja gar nicht! ... Und war sonst ein brauchbarer Bursche! Amüsierte uns – hatte Geschmack! Das Diner in Rosa damals war ein reizendes Fest ... Nie wieder hat man in Paris so was Glänzendes gesehen ... Und Madame d'Oriol ... Noch vor ein paar Tagen sah ich sie im Eispalast ... Genießbar, noch sehr genießbar ... Aber nicht mein Geschmack ... Was Süßliches, Milchiges, Pomadisiertes, Vanille-Eis! Nein, aber dieser Jacintho ...« »Und Euer Hoheit sind für längere Zeit in Paris?« Der kolossale Mann neigte die gerunzelte Stirn zu mir herab und sagte vertraulich: »Gott bewahr' mich! Paris kann nicht bestehen ... Es ist verderbt, positiv verderbt ... Nichts Gescheites zu essen! Jetzt ist Ernest Mode, von der Place Gaillon, Ernest, der Maître-d'hôtel beim Maire war ... Haben Sie da schon gegessen? Schauderhaft! Aber alles Ernest, immer Ernest! Wo speist man? Bei Ernest! Verflucht! Noch heute habe ich da gefrühstückt ... Gräßlich! Ein Salat à la Chambord ... Häcksel mit Kleie, schamloser Häckerling! Er hat auch keinen Schimmer, keinen blauen Dunst von Salat! Paris ist gewesen! Theater? Oede zum Mopsen! Weiber, hui! Alle abgeleckt! Es gibt gar nichts! Immerhin in einem der kleinen Theater des Montmartre, in der Roulotte, wird eine Revue gegeben, die der Mühe wert ist: Par ici les femmes ! – drastisch, wenn Sie Weiber gern ... bloß sehen wollen ... die Celestine hat da ein Couplet, halb sentimental, halb zotig, L'amour au chalet ... chalet de ... Sie verstehen ... ist amüsant, frech ... Wo wohnen Sie, Fernandes?« »Im Grandhotel, Monseigneur.« »Eine Baracke ... Und Ihr König bei guter Gesundheit?« Ich neigte den Kopf: »Majestät befinden sich wohl.« »Freut mich! Also, Fernandes, ist mir sehr angenehm gewesen ... Nur dieser Jacintho ... das ist doch jammerschade ... Sehen Sie sich die Revue an ... Schön gewachsen, die Celestine ... Und ganz amüsant, die Amour au chalet de... « Ein kräftiger Händedruck, und Seine Hoheit stiegen schwerfällig in die Viktoria, noch mit liebenswürdigem Händewinken, das mich tief rührte... Prächtiger Mann, dieser Großherzog! Schon mehr ausgesühnt mit Paris, durchschritt ich die Champs-Elysées. In ihrer ganzen edelschönen Breite, im Maigrün und unter blühenden Kastanienbäumen jagten Radfahrer darin auf und nieder. Ich blieb stehen, um diese häßliche Neuheit zu betrachten, diese zahllosen gekrümmten Rücken und mageren Beine, die da verzweifelt auf zwei Rädern zappelten. Speckbäuchige Greise in scharlachrotem Sweater traten in speckbäuchiger Gelassenheit die Pedale. Lattendünne Büttel mit fleischlosen Schienbeinen jagten in sausender Linie dahin. Und stark geschminkte Frauen im kurzen Bolero mit aufgeblähten Beinkleidern radelten noch schneller in dem zweideutigen Pläsier des Wettlaufs. Und alle Augenblicke jagten noch andre greuliche Maschinen vorbei: von Dampf getriebene Viktorias und Phaethons, mit verzwickten Rohren und Kesseln, Hähnen, Kurbeln und Schornsteinen; und plumpe Ungeheuer auf Rädern, die den Zweck zu haben schienen, Maskierte – vermutlich verkappte Verbrecher – schleunigst und unerkannt und nötigenfalls unter Niederfahren der ganzen übrigen Menschheit in Sicherheit zu bringen, – sie alle rollten unter schwerfälligem Schüttern und mit durchdringendem, betäubendem Töff-töff vorbei, ein breites Kielwasser von Petroleum- und Benzingestank hinter sich. Ich schritt weiter nach 202 und grübelte dem nach, was wohl ein Grieche aus der Zeit des Phidias sagen würde, wenn er diese anmutige Neuheit menschlichen Fortschritts sähe! ... An der Tür von 202 bezeigte mir der alte Pförtner Vian, als er mich erkannte, eine rührende Freude. Er konnte gar nicht genug hören von der Heirat Jacinthos und von den lieben Kindern. Und er war ganz glücklich, daß ich gekommen war, gerade da alles in Frühjahrsreinigung begriffen war. Beim Durchschreiten des wohlbekannten Hauses kam mir meine Einsamkeit zu noch lebhafterem Bewußtsein. Nichts erinnerte in seinem Aussehen an die alte Kameradschaft mit meinem Prinzen. Gleich im Vorzimmer bedeckten große Leintücher die Helden-Gobelins; und das gleiche graue Leinen verbarg auch die Stoffe der Stühle und der Wände und die breiten Ebenholzregale der Bibliothek, wo die dreißigtausend Bände, vornehm in Reih und Glied, wie Doktoren im Konzil, von der Welt durch diese Tücher getrennt zu sein schienen, die über sie herabgelassen waren, nachdem die Komödie ihrer Kraft und ihrer Autorität zu Ende gespielt war. In Jacinthos Kabinett war vom Schreibtisch das ganze Durcheinander jener kleinen Instrumente verschwunden, die ich schon aus dem Gedächtnis verloren hatte: und allein die prachtvolle Mechanik leuchtete auf ihren Sockeln in frischem Glanz ihrer Räderwerke, ihrer Rohre, ihrer metallischen Starrheit, ihrer gleichgültigen Kälte, in der endgültigen Untätigkeit außer Gebrauch gesetzter Dinge, die man in einem Museum ausgestellt hat, um die hinfällige Instrumentierung einer vergangenen Welt zu illustrieren. Ich versuchte am Telephon zu drehen: es regte sich nicht; die elektrische Feder entzündete keinen Funken; alle Naturkräfte hatten den Dienst in 202 quittiert wie entlassene Diener. Und wie ich so durch die Säle schritt, schien es mir immer mehr, als durchschritte ich ein Museum von Altertümern, ein Museum, das später andre Männer mit reinerem und richtigerem Verständnis für Leben und Glück so wie ich durchschreiten würden, lange Säle, in denen die Instrumente einer Hyperzivilisation aufgetürmt sein, und die, wie ich, geringschätzig die Achseln zucken würden vor der großen Illusion, die nun aus und für immer als unnütz wie historischer Kehricht fortgefegt und unter Leintüchern verborgen war. Als ich 202 verließ, nahm ich einen Fiaker und fuhr nach dem Bois de Boulogne. Und kaum rollte ich ein paar Augenblicke durch die Akazienallee, in dem vornehmen, nur durch das Schellengeklingel der Kummete und das Knirschen der Räder im Sande unterbrochenen Schweigen, so begann ich die alten Gestalten wiederzuerkennen, mit demselben stereotypen Lächeln, demselben Reispuder, denselben schlaffen Lidern, denselben spürenden Augen, derselben Wachsfigurenunbeweglichkeit. Der Romanschreiber des »Küraß« fuhr in einer Viktoria vorbei, heftete das dunkelglasige Monokel auf mich, blieb aber teilnahmlos. Die schwarzen Scheitel der Madame Verghane, die ihr über die Ohren herabhingen, erschienen noch rabenschwarzer in der Harmonie von all dem Weiß, das sie umhüllte: Hut, Federn, Blumen, Spitzen und Taille, in der ihr voller Busen wie eine Welle schwoll. Auf der Promenade, unter den Akazien räkelte sich der Direktor des »Boulevard« auf zwei Stühlen und schmatzte an einem Zigarrenstummel. Und in einem großen Landauer setzte Madame de Trèves ihr Lächeln fort, das sie schon vor fünf Jahren gehabt, mit zwei schlafferen Falten in den Ecken der trockenen Lippen. Gähnend, wie einst Jacintho, kehrte ich zum Grand-Hotel zurück. Und ich beschloß meinen Tag in einem Varietätentheater, betäubt und verstummend vor einer sehr pikanten, sehr beklatschten Komödie, die von lebendigem Parisianismus förmlich sprühte, und in der die ganze Verwickelung sich um ein Bett drehte, wo sich abwechselnd ... doch ziehen wir den Vorhang darüber zu! Dann nahm ich einen melancholischen Tee bei Julien inmitten plumper und unheimlicher Liebesblicke weiblicher Nachtschatten, die eine Beute witterten. In zweien unter ihnen, Weibern mit öliger, kupfriger Haut, schrägen Augen und Haaren, die hart und schwarz wie Roßhaar waren, spürte ich den Orient mit seiner katzenartigen Provokation ... Ich forschte bei dem Diener, einem scheußlichen Wesen von der fahlen, gedunsenen Fettwanstigkeit eines Eunuchen. Das Scheusal erklärte mit heiserer, dumpfer Stimme: »Madagassische Weiber ... Wurden importiert, als Frankreich Madagaskar besetzte!« Dann schleppte ich durch Paris Tage unendlichen Ueberdrusses. Von weitem sah ich auf dem Boulevard all die Luxusgegenstände in den Schaufenstern, die mir schon vor fünf Jahren zum Ekel geworden waren, ohne irgend etwas anmutig Neues, ohne irgend eine Frische der Erfindung. In den Buchläden durchblätterte ich, ohne etwas Lesbares zu entdecken, Hunderte von Bänden, wo aus jedem Blatt, das ich aufs Geratewohl aufschlug, ein lauer Geruch wie von Alkoven und Reispuder hervorquoll, zwischen Zeilen, die mit weibischer Detaillierung gearbeitet waren, – wie Hemdenspitzen. Beim Mittagessen in irgendeinem Restaurant begegnete ich der gleichen, Braten oder Geflügel markierenden Sauce von Pomadefarbe und -Geschmack, die mir in Spiegelglanz und Goldfarbe beim Fisch und den Gemüsen meines Frühstücks schon Uebelkeit verursacht hatte. Ich bezahlte einen enormen Preis für unsern zusammenziehenden Torres-Landwein, der mit dem Titel »Château Soundso« oder »Château dies und das« geadelt war und künstlichen Staub auf dem Flaschenhals trug. Abends in den Theatern fand ich das Bett, die gewohnte Lagerstätte, als Mittelpunkt und einziges Lebensziel, das, stärker als ein Düngerhaufen die Fliegen, dichte Schwärme von Zuschauern anzog, die betäubt, trunken von Erotismus, schon schimmelig gewordenen Witzen Beifall klatschten. Dieser Schmutz der Unterstadt veranlaßte mich, bessere Geistesluft auf den Höhen des Montmartre zu suchen. Und dort wurde ich inmitten einer eleganten Menge von Damen, Herzoginnen, Generälen, der ganzen hohen Gesellschaft der Stadt, von der Bühne herab mit vollen Strömen von Gemeinheiten überschüttet, die die haarigen Ohren feister Börsenmänner vor Wonne erschauern und die bei Worms und Doucet angefertigten Leibchen der vornehmen Damen aufgeregt wogen ließen. Und dann ging ich nach Hause, übel von so viel Alkovennachtluft, noch seekrank von der Pomadensauce beim Diner und besonders unzufrieden mit mir, daß ich mich nicht amüsierte, die »Stadt« nicht verstand und durch sie und ihre Hochkultur mit der lächerlichen Zurückhaltung eines Zensors, eines sittenstrengen Cato umherirrte! ›Menschenkind!‹ dachte ich, ›bist du denn nicht im stande, dich in dieser Wonnestadt zu amüsieren? Hast du schon Altersschimmel angesetzt?‹ Ich überschritt die Brücken, die in Paris das Zeitliche vom Geistigen trennen, und tauchte in mein geliebtes Quartier Latin, wo ich vor gewissen Kaffeehäusern das Gedächtnis meiner Nini erweckte und, wie einst, gemächlich die Stufen der Sorbonne emporstieg. In einem Amphitheater, aus dem mir ein starkes Gemurmel entgegentönte, dozierte ein hagerer Mann mit hoher weißer Stirn, die wie gemacht schien, nur edle, hohe Gedanken zu beherbergen, über die Institutionen der Stadt im Altertum. Aber kaum war ich eingetreten, so wurde seine elegante und klare Rede von Geschrei, Getrampel und spöttischen Kundgebungen unterbrochen, die von der auf den Bänken sich drängenden Schuljugend ausging, dem geheiligten Lebensfrühling, in dem ich eine welke Blume war. Der Dozent hielt inne, ließ einen kalten Blick umherschweifen und blätterte in seinen Notizen. Als das laute Brummen sich zu mißtrauischem Murmeln herabstimmte, nahm er in großer Seelenruhe seinen Vortrag wieder auf. Alle seine Ideen waren nüchtern und wesentlich und wurden in reiner, kräftiger Sprache ausgedrückt. Aber augenblicklich brach ein neuer Sturm los, ein Pfeifen, Heulen, Wiehern, Krähen, ein Schlenkern magerer Hände, die sich in die Höhe reckten, um die Ideen zu erdrosseln. Neben mir stand ein stark verschnupfter, alter Mann in einem karierten Mac-ferlan mit hochgeschlagenem Kragen, und betrachtete melancholisch den Tumult. Ich fragte ihn: »Was wollen die eigentlich? Ist es Opposition gegen den Professor ... ist es wegen Politik?« Der Alte schüttelte niesend den Kopf: »Nein ... Das ist jetzt immer so, in allen Kursen ... Sie wollen keine Ideen. Ich glaube, sie möchten lieber Chansonetten. Es ist der Zug nach dem Gemeinen und der Verspottung.« Da rief ich empört: »Ruhig, ihr Rangen!« Und siehe, eine kleine Mißgeburt von einem gelben, schmierigen Bengel mit langen Haarsträhnen im Gesicht und riesenhaften Brillengläsern wirft sich in die Brust, sieht mich herausfordernd an und brüllt: » Sale Maure !« Ich hob meine große Gebirglertatze, – und der Jämmerling stürzte zusammen wie ein Haufen schlapper Lappen, in wildem Durcheinander von Haarsträhnen und Nasenblut und unter verzweifeltem Gekläff, während der Sturm von Geheul, Gekrähe, Gekreisch und Gepfeif den Dozenten umhüllte, der gelassen die Arme gekreuzt hatte und wartete. Von diesem Augenblick an war es bei mir beschlossen, daß ich der anmutigen Stadt den Rücken wenden wollte. Und der einzige heitere und unterhaltende Tag, den ich in ihr verbrachte, war der letzte, wo ich für meine Lieblinge in Tormes beträchtliche Ankäufe von Spielsachen machte, die von der Zivilisation schrecklich verzwickt gestaltet waren: – Dampfer aus Stahl und Kupfer mit Dampfkesseln, um auf Teichen Seefahrten zu machen; Löwen mit wirklicher Löwenhaut, die zum Bangewerden brüllten; Puppen in Toiletten von der Laferrière mit einem Phonographen im Balg ... Zu guter Letzt warf ich von meinem Fenster aus einen letzten Blick auf den Boulevard und sagte der Stadt ein letztes Lebewohl: »So leb denn wohl, auf Nimmerwiedersehen! Im Schlamme deiner Lasterhaftigkeit und im Staub deiner Eitelkeit wirst du meiner nicht wieder habhaft! Was Gutes an dir ist, den eleganten, klaren Geist, den werde ich in der Serra mit der Post bekommen. Leb wohl!« * * * Am Nachmittag des folgenden Sonntags lehnte ich zum Fenster des Zuges hinaus, der langsam am Ufer des Douro dahinglitt, in einer aus Blau und Sonnenschein gewebten Stille. Auf dem Bahnsteig der ruhigen Station meiner Heimat erwarteten mich meine Tormeser Freunde mit meinem Patchen Therese, die, ganz rot vor Erwartung, ihre prachtvollen Augen nach mir aufriß, und dem tapferen kleinen Jacintho, der eine weiße Fahne schwenkte. Das ungestüme Entzücken, mit dem ich die geliebte Schar umarmte und abküßte, würde völlig dem eines aus fernen Feldlagern, aus tatarischen Kriegen Heimkehrenden entsprechen. In der Freude, meine Serra wiederzusehen, verküßte ich sogar den Stationschef Pimentinha, der fettleibig umherkugelte und dem Ablader dringend höchste Sorgfalt mit meinen Koffern empfahl. Jacintho, prachtvoll in seinem großen Berghut und seiner Joppe, umarmte mich aufs neue: »Na, und Paris?« »Fürchterlich!« Dann öffnete ich die Arme für den beherzten kleinen Jacintho. »Was ist denn das für eine Fahne, mein kleiner Reitersmann?« »Das ist die Fahne unsrer Feste!« erklärte er mit schönem Ernst in seinen großen Augen. Die Mutter lachte. Seit dem frühen Morgen, gleich als er erfahren, daß Onkel Zé ankäme, war er mit der Fahne erschienen, die Grillo ihm angefertigt und die er nicht wieder aus der Hand gelassen hatte. Mit ihr hatte er gefrühstückt, mit ihr war er von Tormes herabgekommen! »Bravo! Und hör, Base Joanninha, du siehst famos aus! Ich komme ja allerdings von den Pariser Bleichgesichtern ... Aber ich finde dich geradezu sieghaft! Und der Onkel Adrian, und die Tante Vicencia?« »Alle wohl!« rief Jacintho. »Die Serra prosperiert, Gott sei Dank. Und nun vorwärts! Heut bleibst du in Tormes. Du mußt uns doch von der Zivilisation erzählen!« Auf dem Platz hinter dem Bahnhofsgebäude, unter den Eukalypten, die ich mit Vergnügen wiedersah, warteten die drei Pferde und zwei schöne weiße Eselchen, der eine mit einem Stuhlsattel für Theresa, der andre mit einem Weidenkorb, in den der heroische Jacintho gesteckt wurde; neben jedem von ihnen ein führender Reitknecht. Ich hatte meiner Cousine eben in den Sattel geholfen, als der Ablader mit einem Bündel Zeitungen, das ich im Wagen hatte liegen lassen, herbeigelaufen kam. Es war ein Papierwust, mit dem ich mich auf dem Orleans-Bahnhof assortiert hatte, alle voll entblößter Frauenzimmer, schmutziger Witze, pikanter Histörchen, Parisianismus, Erotismus. Jacintho, der das Zeug wiedererkannte, rief lachend: »Schmeiß das weg!« Und ich warf diesen faulen Auswuchs der Zivilisation auf einen Kehrichthaufen im Winkel des Hofes. Dann stieg ich auf. Wie ich aber in den steilen Bergweg einbog, wandte ich mich, um dem Pimenta ein Lebewohl zuzurufen, was ich vergessen hatte. Der würdige Bahnchef neigte sich über den Kehrichthaufen, sammelte, schüttelte und trug liebevoll die schönen Holzschnitte hinweg, die ja von Paris gekommen waren, von den Pariser Wonnen erzählten, durch die Welt den verführerischen Zauber von Paris verbreiteten! Im Gänsemarsch erklommen wir die Serra. Der sinkende Tag milderte den strahlenden Sonnenglanz. Ein Lufthauch trug uns wie einen Willkommgruß die Düfte der Waldblumen entgegen. Die Zweige bewegten, wie zu freundlichem Gruß, ihre schimmernden Blätter. Die ganze Vogelwelt zwitscherte vor Freude und Dankbarkeit aufgeregt durcheinander. Die rieselnden, hüpfenden, rauschenden, blinkenden Wasser entsandten in erregterer Eile lebhafteren Glanz. Ferne Fensterscheiben gastlicher Häuser flammten in Goldglanz. Die ganze Serra weihte sich uns in ihrer ewigen, feierlichen Schönheit. Und an unsrer Spitze flatterte zwischen dem Grün ein weißes Fähnlein, das der kleine Jacintho in seinem Korb nicht aus den Händen ließ: die Fahne des Kastells der festen Burg von Tormes. Und in Wahrheit schien es mir, als stiegen wir auf diesem Wege, durch die ländliche, stille Natur hindurch, – mein von Sonne und Bergluft gebräunter Prinz, mein Bäschen Joanna, das verkörperte Mutterglück, die beiden ersten Stammhalter ihres gesegneten Geschlechts, und ich, wie ich in so sicherer Ferne von bitteren Enttäuschungen und falschen Wonnen auf einem ewigen Boden von ewiger Festigkeit dahinschritt, meine Seele voll Freude am Werke Gottes, wie Gott sicher seine Freude an uns hatte – empor, stillfroh und sicher empor zum Schloß des Prinzen Glückspilz, zur Feste des Glücks!