Moritz Heimann Wintergespinst Novelle 1 Die stillen, unbewegten Novembernebel hatten sich nicht einmal zum Regen verdichtet; da fegte über Nacht eine rauhe, stürmische Kälte sie weg. Der bisher zähe, dem Fuß stehende Sand wurde hart mit allen seinen Erhöhungen und Vertiefungen von Wagengeleisen und Stapfen von Mensch und Tier. Die wenige feinzersprühte Feuchtigkeit des Nebels, gefrierend in dem jähen Kältesturm, sprengte in der obersten Schicht des Erdbodens; und so lag ein dünner, wie mit engstem Sieb gebeutelter Staub auf Wegen und Straßen. Zuweilen stieß ihn und blies ihn der Wind auf, wirbelte ihn durch die trotz der Kälte nicht klare Luft und schleuderte ihn unbehaglich auf Mensch, Tier und Baum. Es war eine bösartige Kälte, von der Sorte, die auf dem Wetterglas ihre Tücken nicht verrät. Schlich ein Handwerksbursche daher, so hielt er die Hände in den Taschen bis fast zu den Ellenbogen und klemmte Stock und Bündelchen an den Leib. Er machte den Hals so kurz wie möglich und konnte sich nicht helfen, wenn Auge und Nase weinten. Die Akazie, unter der er dahinstrich, zwickte grade noch seinen verbeulten Hut, begab sich aber übrigens der Schadenfreude und stand mit ihren paar schwarzen Blattfächerlein im harten Kummer da. Wer es besser hatte als der kahle Baum und der kahle Mensch und im Wagen wohlverwahrt seiner Straße zog, stellte den Kragen seines Überrockes hoch, daß die Ohren zugedeckt waren, und freute sich, wenn der Wind ihm die Staubwolke, die die Räder aufstörten, zur Seite jagte. Fuhrleute, die an einem dieser Tage, kurz vor Mittag, in einem leichten Schuckeltrab dem Dorfe zustrebten, hatten es so freundlich nicht. Sie saßen auf ihren Wägen, die, zum Fahren von Bauholz bestimmt, nur aus den kahlen Radgestellen bestanden, ungeschützt auf hartgedrückten Heusäcken zwischen den Rungen des Vorderwagens; sie kamen in der Richtung des Windes und wurden von ihm überholt. Ihr Fahren klirrte und stieß; schweigsam saßen sie da. Und nur wenig ließen sie sich aus ihrer starren Haltung aufstören, als eines der Fuhrwerke sich aus der Reihe löste und unter heftigem Antreiben der Pferde die Spitze gewann. Etwas ärgerlich, doch auch belustigt und nicht sonderlich überrascht sahen sie dem Ausreißer nach. Der nun entfernte sich schnell von den Kameraden. Er saß fest auf seinem Heusack, das eine Bein bequem umgeschlagen; er hatte es einmal gebrochen, und es war krumm geheilt; so beim Fahren nutzte er das Gebrechen zu seiner Bequemlichkeit. Seine mageren Pferde ließen sich befeuern, ihr Blut wurde warm, und bald hatten sie mehr den Zügel als die Peitsche nötig. Beides aber, Zügel und Peitsche, schwang und schüttelte ihr Herr. Und während er mit seinem schwerfälligen Wagen, daran die Ketten immer etwas wie einen Klang versuchten und es doch nur zu einem bald wieder toten Klappern brachten, eine Fahrt verübte, wie sie einer Sonntagskutsche angestanden hätte, verstellte er sein lederfarbenes Gesicht zu einem wehleidigen Ernst, gleichsam, als ob er Vorwürfe, die man ihm machen könnte, von vornherein ins Unrecht setzen wollte. So donnerte er dahin, hinter ihm, immer mehr sich verlierend, die anderen Wägen, vor ihm die giftige Sandwolke. Er beschleunigte noch die Fahrt, als ihm die ersten Häuser des Dorfes entgegenkamen, und gewohnt, unwillige Aufmerksamkeit zu erregen, zog er in scheinheiliger Ehrbarkeit die Stirne immer krauser. Der Nacken stand ihm gerade, und man hätte meinen können, daß seine Augen nichts anderes gewahrten, als die zwischen den beiden Pferden hart springende Deichsel. In Wirklichkeit errafften seine listigen Funkelblicke fast alles, was ihnen nicht durch Mauern und Zäune versteckt war. Und so blitzte ihm denn auch ein Vorgang ein, der sich auf einem Hof abspielte, dessen Flügeltüren offen waren. Dort stand eine übergroße, knochige Frau und sprach auf Kinder heftig scheltend ein, und dem einen von ihnen, einem zwölfjährigen Knaben, schlug sie eben ins Gesicht. Der Mann auf seinem Wagen verzog wutvoll den Mund und dachte nicht mehr daran, mit seinen Mienen zu spielen; das geschlagene Kind war sein eigenes. Noch wilder fuhr er darauf los und bog, wo die Dorfstraße einen Winkel machte, so kurz um die Ecke, daß er den untersten Treppenstein eben noch vermied. Von den Höfen flogen ihm Schimpfwörter nach; die Pferde ließen sich nicht mehr halten und nur gerade noch lenken; sie rasten in Galoppsprüngen des Wegs, bis ein scharfer Ruck sie herumriß und sie vor den geschlossenen Torflügeln ihres Gehöftes stillstanden. Ihre Flanken tobten, und von ihren Leibern stieg der dicke Dampf in die Luft. Niemand kam, das Tor zu öffnen. Nur ein mittelgroßer, schwarzer Hund strich um den Pfosten einer Seitentür und näherte sich träg und hämisch. Der Mann auf seinem Wagen ließ lieber die Pferde kalt werden, als daß er abstieg. Nicht aus Faulheit aber blieb er auf seinem Sack, sondern mit jeder halben Minute, die es ihn warten ließ, wollte er die Schuld seines Hausgesindes wachsen lassen. Endlich kam im Trab der vorhin auf dem fremden Hof geschlagene Knabe herbei; er schlüpfte durch die Pforte, zog die Torriegel zurück und öffnete die beiden Flügel. Er hatte den Vater nicht gegrüßt und tat es auch jetzt nicht. Während der Wagen tief in den Hof hineinfuhr, ging der Knabe neben den Pferden her mit gesenktem Kopf und wie abwesend. Der Vater war schon von seinem Sitz gekrochen und betrat eben das Haus, als die Mutter durch eine Lücke im Nachbarzaun ihre schmale Gestalt hindurchzwängte und eilends auf das Fuhrwerk zukam. Sie hatte sich bei der Nachbarin ein wenig verschwatzt und war nun, da sie ihren Mann so früh nicht erwartet hatte, voll Furcht. Sie machte sich daran, dem Jungen beim Ausspannen zu helfen. Ohne daß sie des Knaben achtete, stutzte sie plötzlich vor etwas in seinem Wesen, und während sie einen gelösten Strang über den Rücken des Pferdes zurückschlug, fragte sie auf das hellhaarige Haupt ihres Sohnes hernieder: »Junge! was hast du?« Der Knabe, der mit unsicheren Händen an einem Riemen knotete, zuckte sein Gesicht empor, und seiner aufgeschreckten innersten Natur nach strahlte ein freundliches, fragendes Lächeln in seinen Mienen auf. Doch fast im gleichen Augenblick erstarrte dieses Lächeln zu einem Schrecken, seine Augen füllten sich mit Tränen, und sein Kopf beugte sich so schwer vornüber, daß er die Schultern mitbewegte. Aber er gab keine Antwort. Die Mutter wurde ratlos, zwang sich aber, damit der Vater nicht aufmerksam würde, nicht in das Kind zu dringen. Auch hatte sie es eilig, das Mittagessen zu rüsten und aufzutragen, und so ließ sie den Jungen die Pferde in den Stall geleiten und sprang ins Haus. Der Knabe besorgte, wie von einem schweren Traum befangen, sein Geschäft, dann ging auch er zum Essen. Das Gehöft war leer; nur auf dem Reisighaufen in der Nähe des grünmoosigen Bretterzaunes stand der schwarze, schwarzäugige Hund. Er wurde mit dem wunderlichen Namen »Wasser« gerufen und war keine gewöhnliche Kreatur. Er bellte nie nach den Vorübergehenden, noch biß er; aber er hatte, vielleicht weil kein weißer Punkt in seinem ganzen Fell war, etwas hämisch Unheimliches, wenn er von seinem erhöhten Platz über den Zaun musterte. Es war ein verfallener, vernachlässigter Hof. Die Strohdächer auf den Ställen und auf dem Haus waren, seit Jahren nicht ausgebessert, mit dicken Moosknöpfen besetzt. Schon war das Gebälk des Hauses an einigen Stellen morsch geworden und das Dach gesunken, so daß das Haus wie ein sich schmerzhaft vom Liegen aufrichtendes lebendiges Wesen aussah. - - - Bei dem Essen wurde kaum ein Wort gesprochen. Auch das jüngste Kind, ein Knabe von vier Jahren, kannte zur Genüge alle drohenden Anzeichen und verhielt sich furchtsam und still; um so mehr, als der Bruder nicht wie sonst das dumpfe Schweigen mit Neckereien unterbrach. Die Frau wurde immer ängstlicher, und die großen, schwarzen Augen in ihrem Vogelgesicht wurden starr, wenn sie auf ihren Jungen sah. Es wurde ihr, sie wußte nicht wie, gewiß, daß ihr mehr als einer der gewohnten tobenden Anfälle ihres Mannes drohe. Sie bangte darnach, den Sohn auszufragen; aber als das Essen beendet war und die kleine Gesellschaft sich auflöste, fand sie nicht gleich die Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen. Dann ging der Mann in den Stall, sie sah sich nach dem Knaben um, aber sie suchte und rief ihn vergeblich. Er war gegen seine Gewohnheit, ohne ihr ein Wort zu sagen, verschwunden. Sie stand in der Haustür, der Kälte nicht achtend, und murmelte ein über das andere Mal die gewohnte Formel ihrer Freuden und Ängste: »Jesus Christus! Jesus Christus!« Ihr Mann kam mit einer starken eisernen Kette aus dem Stall und humpelte nach der Hoftür. Er kehrte um und sagte, lauernden Blicks, die Kette sei geplatzt, er müsse sie zum Schmied bringen. Sie erbot sich, die Besorgung auszuführen; er müsse doch seine Ruhe haben, ehe er wieder zur Arbeit fahre. Da aber bekam sie zu hören, was sie schon hatte kommen fühlen: er fahre nicht mehr in die Heide heut, und sinnlos wiederholte er, daß die Kette geplatzt sei und daß er die Kette müsse ausbessern lassen. Damit ging er. So wußte sie, daß wieder die Leidenszeit für sie und das Haus angebrochen sei, die langen Wochen, in denen der Mann trank, tobte und müßig ging. Qual und Erbitterung darüber konnte sich, beunruhigt durch die Angst um den Jungen, nicht ganz in ihr festsetzen. Sie ging in das Wohnzimmer zurück und, als sie dort das Bübchen auf der Ofenbank eingeschlafen und mit roten Bäckchen, unbequem wie Kinder liegen, und selig atmend sah, fiel ihre Mutter ihr ein, die sie schon lange nicht gesehen hatte, da die alte Frau, die ihr armes Witwenleben in einem eigenen Häuschen zubrachte, schon seit Jahren nicht mehr die Schwelle ihres Schwiegersohnes überschritt. Einen Augenblick dachte sie nach, dann nestelte sie, entschlossen, das Band, das ihre Kleider wirtschaftlich aufschürzte, los, schüttelte sich zurecht, schlug ein grauwollenes Tuch um Kopf und Schultern und huschte von dannen, zur Mutter hin. Und wirklich erfuhr sie von der alten Frau, daß etwas Schlimmes geschehen sei. Der Frau Barleben waren, während sie Futter stampfte, zwei Taler gestohlen worden, die nebeneinander auf dem Glasspind gelegen hatten. »Und sie«, sagte die Großmutter, »hat den Verdacht auf den Franz geschmissen, der ist das einzige Fremde im Haus gewesen. Vorher war das Geld noch an seinem Platz, und nachher nicht.« »Jesus Christus«, flüsterte jach die Frau und faltete und rang die Hände. Sie glaubte das Ungeheuerliche nicht; aber es fiel ihr auch nicht ein, daß der Vorfall aufgeklärt werden müsse und aufgeklärt werden könne und daß es für unschuldige Menschen von Verdächtigungen eine Reinigung gebe. In ihrer Not siedete eine unsinnige Zärtlichkeit gegen den Jungen in ihr auf; sie vergaß, daß Menschen an dem Vorfall beteiligt waren, mit denen zu reden war: Frau Barleben und deren Sohn, den Franz besucht hatte; und hilflos klagte sie, warum nur der Junge zu jenen Leuten gegangen sei; – nicht anders, als wenn man ihr erzählt hätte, er sei in eine Grube gefallen. Die Großmutter mißhörte das als einen Vorwurf; und die von Alter und Krankheit wie ein Winkeleisen gebogene Greisin verwies ihre Tochter, wobei sie den Wacholderkrückstock derb aufstieß und die Rede noch unwirscher als sonst aus ihrem vertieften Munde hervorgehen ließ. Sie brachte ihre Tochter zum Weinen damit, und das war der einzige Trost, den sie ihr geben konnte. 2 Inzwischen war ihr Mann – Kaps hieß er – ins Dorf gegangen. Was er gesehen hatte, reichte an sich schon aus, seine Wut herauszufordern; und obendrein, da der Junge schon zwölf Jahre alt war und in den Konfirmandenunterricht ging, mußte es nichts Geheures sein, was dahinter steckte. Er wollte es herausbekommen, aber ohne zu fragen. So humpelte er die Straße entlang, mit der sachlichen, ehrbaren Miene, die er immer aufsteckte, wenn er davor war, auf ein paar Tage oder Wochen aus der Ehrbarkeit zu fallen. Nur als eine große Frau, gegen die Kälte schlecht verwahrt, mit flatternden Röcken an ihm vorbeirannte, wurde er unbefangen und rief ihr einen gutmütigen Zynismus nach. Sie kehrte sich nicht daran und eilte weiter; er traf den Schmied vor der Tür unter der kahlen Kastanie, wies hinter der kräftig Laufenden her und sagte: »Ist kaltes Wetter, Bertold; da merkst du nicht, wer faul, wer fleißig ist; sie rennen alle.« Der Schmied sah aufmerksam nach dem Wirtshaus hinüber, wo eben ein großer Schlächterwagen abfuhr. Zerstreut wandte er sich zu Kaps und fragte, was er bringe; ob die Kette entzwei sei und ob die Arbeit gleich gemacht werden müsse? »Es hat Zeit, Bertold«, antwortete Kaps stotternd, »morgen früh«, er zwinkerte, »morgen früh«, und steuerte dem Wirtshaus zu. Die Neigung, Unfug zu treiben, rumorte ihm in den Gliedern, aber die Trinkstube war leer, und es blieb ihm nichts übrig, als sich still hinzusetzen und zu warten. Er wählte seinen Platz in der Hölle, dem bequemen breiten Raum zwischen Ofen und Wand. Der Wirt schlief hinter dem Schenktisch auf seinem Stuhl wieder ein, und geduldig wartete Kaps, fast ohne sich zu regen. Es war schon Dämmerung in der Stube, als der Wirt erwachte. Er gähnte, räkelte seine untersetzte Gestalt und strich sich den dichten, roten Vollbart zurecht. Dann ging er in das Wohnzimmer und holte sich seinen Vesperimbiß. Er goß allerlei Getränk zusammen, wobei er sich zuweilen unterbrach, um breite Zwiebelscheiben auf ein Butterbrot zu schneiden, von dem er dann große Happen mit Salz bestreut in den Mund schob und gründlich kaute. Er tat so, als ob er so seines Gastes nicht sonderlich achte, und jedenfalls nicht verwundert sei, ihn um diese Zeit im Krug statt bei der Arbeit zu sehen. Und das tat er in der abgründigen Verlogenheit seiner Natur, um sich ein gutes Gewissen vorzuschwindeln: denn eigentlich war es ihm verboten, dem Kaps, der öffentlich als Trinker gebrandmarkt war, einzuschenken. Er war es vor Jahren gewesen, der Kaps so grob vor die Tür geworfen hatte, daß der Trunkene sich das Bein brach; stöhnend blieb er damals fast eine Stunde lang liegen, ohne daß man ihm half. Die polizeiliche Untersuchung, die eingeleitet wurde, verflüchtigte sich, niemand wußte wie. Aber das wußten alle, daß, falls er hatte Geld zahlen müssen, der Wirt es wohl verstanden haben würde, die Summe auf ein lächerlich geringes Maß zusammenzudrücken. Und nicht einmal auf Kapsens Kundschaft hatte er lange zu verzichten gebraucht; der kam ihm von selber wieder, bat, bettelte, trank und ließ sich wieder hinauswerfen; und der Wirt hatte dabei noch die Genugtuung, ihm das Getränk verweigern oder gewähren zu können, je nachdem es ihm beliebte, sich der Polizeivorschrift zu erinnern oder nicht. Heute vergaß er sie, und als Kaps, mitten in dem verständigen Gespräch, das er angefangen hatte, sich wie beiläufig und mit einer sanften Selbstverständlichkeit Schnaps erbat, setzte er ihm das gewünschte, ungefüge Maß vor. Sie unterhielten sich wie ehrsame Leute, und Kaps holte sich, aus seinem warmen Sitz hinauslangend, ein Maß nach dem andern vom Schanktisch. Langsam erblindete das Haus in der frühen Winterdämmerung, zitterte an Mauern und Fenstern, wenn ein Wagen vorüberfuhr, und wurde nach jedem Zittern schweigsamer und toter. Die Stimmen der beiden Männer versuchten unwillkürlich in heimlicherem Klang zu ertönen, dem Flüstern nahe; am Ende schwiegen sie. Der Wirt unterschied kaum noch des Trinkers fahles Gesicht. Allmählich wurde es draußen vollends dunkel; ein paar Fuhrwerke waren heimgekommen, die Schulkinder klapperten nach Hause, und durch die feuchten Scheiben sah man schon Licht verzerrt aus dem gegenüberliegenden Haus herstrahlen. Da hob sich der Wirt von seinem Stuhl und bequemte sich, die Lampe anzuzünden, die armselig und ohne Glocke von der Decke niederhing. In dem Licht blinzelte der Trinker stark und schüttelte sich; der Wirt sah ihn an und bemerkte auf seinen Backenknochen feuerrote Flecken. »Na«, sagte er, »Albert, nun hast du wohl genug?« »Gib mir noch einen«, bat überredend Kaps und schob, wie er es jedesmal getan hatte, das Geld hin. Der Wirt gab schweigend das Verlangte her. Sie waren wieder stille, nur unbehaglicher, ungeduldiger und wartend. Das Dorf meldete sich mit keinem Laut; es glitt von dem Schlummer des Tages nach der kurzen Vesperunterbrechung in den Schlummer der Nacht hinüber. Endlich, gegen sechs Uhr, klang die Glocke an der Ladentür; ein Handwerksbursche trat ein, bot die Zeit und setzte sich an einen der Tische. Es war ein Mensch von ungefähr vierzig Jahren, mit einem hageren und blassen Gesicht, sonst aber, auch was seine Kleidung anging, nicht schlecht im Stande. Er forderte Schnaps und fragte, was er zu essen bekommen könne. Der Wirt schlug Pellkartoffeln und Heringe vor, worauf der Handwerksbursche sich eine Portion bestellte. Kaps in seiner Ecke wurde kribbelig. Es trieb ihn, mit dem Fremden anzubandeln, aber er wußte den Anfang nicht. Es machte ihm keinen Spaß, die Leute geradezu auszufragen, sondern er wollte sie ertappen, und er hatte sich eine kunstvolle Art ausgebildet, die Menschen aufzuziehen, indem er es vorzog, sie nicht bei offenbaren wunden Stellen ihrer Existenz anzurühren, was ein einfaches Verfahren mit Hieb und schnellem Gegenhieb gewesen wäre; sondern er tippte am liebsten dort an, wo er keine Schande, sondern leichte Scham und Verlegenheit annehmen konnte; etwa den Beruf bei Lehrern, die sich ärgerten, wenn man sie Schulmeister hieß; oder die Religion, wenn er den Verdacht hatte, daß ein jüdischer, geschniegelter Reisender nicht gerne daran erinnert wurde. Bei dem Fremden wußte er nicht einzuhaken. Der saß anständig und unbefangen da und wie einer, der noch einen Groschen Geld in der Tasche hat. Aber Hunger hatte er, und als ihm das Essen aufgetragen wurde, machte er sich eifrig darüber her. Kaps, der ihn beobachtete, sah, wie er jedesmal das Messer kräftig in die Kartoffel schlug und immer mit demselben übertriebenen Schwung das Stück der Schale abzog. Und mit einem Male wußte er Bescheid. Er erhob sich aus seiner Hölle und setzte sich, sein Glas mit sich führend, an den Tisch des Handwerkers, ihm immer auf die Hände schauend. Jener sah mit Selbstbewußtsein strafend auf, merkte aber, wes Geistes Kind er vor sich habe, und gab sich zufrieden. Kaps grinste und begann das Gespräch: »Sie suchen wohl Arbeit?« Er bekam keine Antwort. Kaps ließ sich nicht irre machen. »Sie, wenn Sie Arbeit suchen, dann gehen Sie zu Jakoben.« Der Wirt lachte laut auf. Der Handwerksbursche begann ärgerlich zu werden, zumal er von dem Wirt auf seinen fragenden Blick nur ein erneutes Gelächter einheimste. Da wollte es der Zufall, daß ein hageres Männlein hereinkam, mit einer jämmerlich knarrenden Stimme sich ein Fläschlein füllen ließ und so schattenhaft verschwand, wie es gekommen war. Der Wirt lachte noch einmal auf, und Kaps setzte sein Verfahren mit steigender Lustigkeit fort. »Wissen Sie, wer das war? Das war Jakob.« Dem Handwerksburschen begannen die Bissen im Schlund zu quirlen, er schlug das Messer auf den Tisch und schrie sein Gegenüber an: »Lassen Sie mich in Ruhe! Verstanden? Saufkopp!« Da stand Kaps auf und entlud eine gut gespielte Entrüstung in großen Bewegungen seiner rechten Hand. »Was, Saufkopp? Jakob! Jakob ist ein Meister, und Sie sind kein Meister. Und Jakob ist der Schneider im Dorf, und Sie sind auch ein Schneider!« – und nun gab es kein Halten mehr. Er war über den toten Punkt hinaus, und der Trunk und die zurückgestaute Aufregung raubten ihm die Gewalt über sich, das absichtliche Spielen schwand aus seinem Betragen. Indem er auf dem gesunden Bein zu stehen versuchte, aber immer das kranke zu Hilfe nehmen mußte und mit den Armen fuchtelte, tobte er gegen den Handwerker: »Was? Du bist kein Schneider? Jedem ist anzusehen, ob er ein Schneider ist. Ziehst die Pelle von der Kartoffel lang wie einen Faden, wie einen Heftfaden ziehst du, und willst kein Schneider sein? Mäh, mäh!« Da aber stand der entlarvte Schneider auf, sprang um den Tisch und packte den trunkenen Mann in die Weichteile; er hob ihn hoch, trug ihn bis zum Ofen und stauchte ihn kräftig auf seinen früheren Sitz nieder. Schneider werden gemeinhin verleumdet: sie sind zum größern Teil kräftige Leute. »So, da bleib!« bestätigte er die Exekution, und schnaufte mehr aus Stolz als von der Anstrengung. Dann setzte er sich wieder an seinen Tisch, aber essen konnte er doch nicht mehr. Kaps verhielt sich still; der Schneider war still; dann sagte der Wirt: »Ruhe im Lokal! Keine Stänkerei! Wer sich in meinem Lokal unanständig beträgt, fliegt raus!« »Geben Sie mir noch einen Schnaps«, sagte der Schneider, und der Wirt brachte ihn. Eine Weile später kamen ein paar Leute, holten sich Zigarren und gingen wieder, oder setzten sich zu Bier und Schnaps an die Tische. Jedesmal, wenn einer kam, humpelte Kaps auf, näherte sich dem Schneider, ließ sich aber von dessen drohendem Blick zurückscheuchen, ohne einen Angriff zu versuchen. Aber still war er nicht mehr in seiner Ecke. Er brummelte vor sich hin, machte mit Hand und Kopf beweisende Gesten und wurde immer aufgeregter. 3 Der Abend war schon weit vorgerückt. Vor den unverhüllten Fenstern lag das dichteste Dunkel. Eine Weile schon waren keine Gäste mehr gekommen; ein schläfriges Unbehagen, dem einige Lust von der Trägheit, die den Entschluß zum Heimgang nicht fassen konnte, beigemischt war, war in den Dunst der Trinkstube versponnen. Da ging doch wieder die Tür, und ein Mann kam herein, der über der Schulter an einem Bindfaden zwei graue Steinflaschen trug. Er hatte einen schweren Gang und ein schlimmfreundliches Gesicht, das er geneigt hielt. Er trat an den Schanktisch, hob das Flaschenpaar von der Schulter und stellte es dem Wirt hin. Der Wirt fragte: »Willst du die Grauen voll?« »Jawohl«, antwortete der Mann, »aber es hat Zeit.« Er riß ein Streichholz an und brachte seine Pfeife in lebhafteren Brand. Aus dem Paffen heraus drehte er sein Gesicht dem Ofen zu und sagte: »Guten Abend, Kaps.« Das war des Wartenden Mann, Barleben, auf dessen Hof der Junge war geschlagen worden. Kaps erwiderte den Gruß nicht; er erhob sich und sprach aufgeregt auf Barleben ein: »Der Schneider, August, der Schneider – will mir an die Gurgel fahren – weil ich ihm sage – daß er zu Jakoben soll – sich Arbeit suchen! – Braucht er sich zu schämen, daß er ein Schneider ist? Ich kenne sehr anständige Leute, die Schneider sind. Siehst du, August, so pellt er die Kartoffeln. Wer so ausholt, ist allemal ein Schneider.« »Mann Gottes«, rief der Handwerksbursch herüber, »wenn Sie nicht gleich stille sind, dann setz' ich Sie noch mal auf den Hintern.« Kaps ging auf seinen Platz. Ein paar von den Anwesenden lachten, und Kaps lachte mit, stand wieder auf und trat wieder auf Barleben zu. »Was sagst du dazu, August! Es ist ein Schneider. Kann ich ihm helfen? Aber soviel kannst du mir glauben, Angst habe ich nicht vor ihm. Was, August, wir haben keine Angst -« und er schlug den Mann nervös auf die Schulter, sah aber zu dem Schneider hinüber: »Jawohl, Sie, wir haben auch noch keine Angst. Wir haben dem König von Preußen gedient. Wir haben Österreich und Frankreich mitgemacht; was, August?« Der Angeredete aber schnitt ein höhnisches Gesicht und bog die Schulter so, daß die auf ihr ruhende Hand niederfiel. Kaps begann zu schlucken und hörbar zu atmen und blies zuweilen langsam die geschlossenen Lippen auf. »Gib mir noch einen Schnaps«, sagte er und sah den Wirt an, als ob er durch ihn hindurchsähe, so daß dieser das Zögern vergaß und einschenkte. Kaps trank und wischte sich den Schnauzbart, und plötzlich fing er ein Lied halb zu singen und halb zu lachen an: »Bei Sedan, auf den Höhen, da stand nach blutiger Schlacht -.« Die Gäste stimmten ein. Sowie der Gesang aus den vereinzelt einfallenden Stimmen fest gesammelt war, hörte Kaps auf zu singen und fragte: »Warum singst denn du nicht mit, August?« Der knirschte dem Frager ein Schimpfwort ins Gesicht. Nun brach Kaps los. Er stellte sich in die Mitte des Zimmers, und indem er in ein erregtes, taumelndes Tanzen verfiel, sagte er zu den Anwesenden, die wieder schwiegen: »He! Haltet mal alle den Mund! Ob ihr von Sedan singt oder die Katze! Seid ihr bei Sedan gewesen? Ich bin bei Sedan gewesen, und August, wir beide. Da haben wir Wache gestanden bei einem umgefallenen Bahnzug. Derweilen ist die große Schlacht gegangen; und als wir von Wache abkommandiert wurden, da haben wir gemacht: marsch, marsch, und sind noch zur rechten Zeit gekommen, vor Abend, und Puhlmanns Karl, dem haben sie dort durch den Kopf geschossen!« Er lachte: »Eisenbahnzug! Umgefallener Eisenbahnzug! Wenn ihr wissen wollt, was aus ihm geworden ist, wir haben keine Kenntnis davon, wir haben das Eiserne Kreuz! Wenn ihr das wissen wollt, müßt ihr Augusten fragen, der hat so lange Wache gestanden bei dem umgefallenen Eisenbahnzug, daß er nachher man kaum seine Kompanie fand. Am Abend, verstanden, als Hahn in Ruh war.« Die Erzählung war den Leuten nicht mehr neu; ob sie ganz richtig war, blieb ihnen immer ungewiß, und nur das wußten sie, daß etwas dran war und daß Barleben schon in Verlegenheit und Wut geriet, wenn ein boshaftes oder unbedachtes Wort nur von weitem an sein unrühmliches Verhalten rührte. Die Männer schwiegen ernsthaft stille, und ihre Mienen drückten eine Art Bekümmernis aus, etwa wie ein unfreiwilliges, aber gerechtes Tribunal. Das reizte Barleben mehr als die Stichelei seines Gegners; er trat ihm nahe und hielt ihm seine mächtige, blaue, gequollene Faust unter die Nase. »Schlumps du«, sprach er, nicht laut. »Willst du Leute fexieren? Daß du Soldat gewesen bist, das wissen wir nicht mehr, und wir haben dir bescheinigt, daß wir nichts mehr davon wissen wollen: wir haben dich aus dem Kriegerverein geschmissen, du bist kein Soldat gewesen.« Kaps, in seinem empfindlichsten Gram getroffen, knickte zusammen. Die Wolke der Trunkenheit lüftete sich, er sprach nun auch leise und zitterte dabei mit der rechten Hand hin und her: »Habt ihr mich 'rausgeschmissen? Aus dem Kriegerverein? Ich bin ein ehrlicher Mann. Sag' du's man dem Vorstand, August, daß sie ja keinen Spitzbuben 'rausschmeißen. Sonst wer weiß, am Ende wer 'rankommt. Wie sie Schönebecken den gedroschenen Hafer aus der Scheune geholt haben, diesen Herbst, bei der Nacht, hat da ein Mensch im ganzen Dorf gesagt: ›Das war Kaps!?‹ Willst du auftreten und sagen, daß mir einer was nachreden kann?« Einer der Gäste rief dazwischen: »Nein, Albert, was Unreelles kann dir kein Mensch nachsagen; nur ein Saufsack bist du und haust deine Frau.« Und die Reihe zusammenzuschrecken war an Barleben. Er wandte sich ab, kam wieder und sagte, ruhig und voll Hohn: »Tu nicht so groß, Albert. Es heißt ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Na, und was den Apfel angeht, das sehe ich dir ja schon den ganzen Abend an, daß du's weißt, daß mir dein Junge zwei Taler aus der Kommode gestohlen hat.« Kaps sah ihn groß an. Sein Gesicht verzerrte sich so gewaltsam, daß Tränen aus seinen Augen drangen. Ehe es sich jemand versah, sprang er den Feind an und umspannte seine Gurgel. Den Schwung, wie der sich wehrte, glücklich benutzend, hieb Kaps ihn in die Hölle am Ofen hinein, kniete auf ihm und würgte ihn, indes ihm die Tränen eine nach der andern über das Gesicht liefen. Barleben, der viel stärker war, konnte sich doch nicht von dem grimmigen Alp freimachen. Er war an der Brust und an den Schultern beengt, so daß er weder aus dem Grunde atmen noch die Kraft seiner Arme lösen konnte. Erbittert fuhr er dem auf ihm Knieenden ins Gesicht, ergriff ihn bei den Ohren und riß sie, daß sie bluteten. Es hätte schlimm für ihn enden können, wenn sich nicht schließlich der Wirt eingemischt und Kaps am Kragen gefaßt hätte. Sobald dieser die fremde Faust im Nacken fühlte, erlahmten ihm die Finger, und er lockerte den Griff. Dem Gegner gelang es, sich emporzuschnellen und ihn zurückzustoßen. Ehe der Kampf zum zweiten Male auskam, nahm der Wirt mit einer Hand Kaps an der Brust fest und wehrte mit der anderen Barleben ab. »Ruhig, Barleben, ruhig!« sagte er, schob Kaps zur Tür und setzte ihn mit einem geschickten Stoß hinaus. Schnell drehte er den Schlüssel um. Kaps blieb eine Weile an der Tür stehen, stieß mit dem Fuß und rüttelte. Dann ging er die Treppe hinunter und taumelte in dem breiten, gefrorenen Weg der Dorfstraße einher. Er begann zu toben und schimpfte: »Gauner, Spitzbube«, doch vorerst so, als ob er sich niemand vorstellte, an den er die übeln Worte richtete, und unversehens fand er sich auf dem Weg nach Hause. Da aber kehrte er um und trug, so schnell er gehen konnte, die Beschimpfungen dorthin, wohin er sie haben wollte. Wie eine Flut schäumte es ihm über den Mund. Er stürmte die Treppe in die Höhe, aber die Tür war noch verschlossen. Er sah durch einen Spalt im Vorhang und tobte, solange niemand im Bereich seiner Blicke war. Dann ging Barleben an seinen Augen vorüber, mit der scheinbar übertriebenen Schnelligkeit einer Erscheinung, die unversehens auftaucht und gleich verschwindet. Kaps verstummte, und wieder ging er hinunter. Und jetzt zum ersten Male brannte der Haß in ihm hoch, der männliche, klare, wahre Haß. Nun begehrte er nicht mehr zu lärmen, und sein ganzes Gefühl bäumte sich wollüstig gegen den einen Mann auf, der ihn beleidigt hatte. Jener eigentümliche Stolz, der in Familien nistet und sie einigt, die verwahrlosen und deren Glieder, wenn sie nicht von außen bedroht sind, kalt, ja feindselig gegeneinander stehen, griff ihn mit Schmerz an. Noch einmal näherte er sich dem Haus, und diesmal lautlos und mit einer Miene, als sähen ihn die Menschen auf seinem Wege und er müßte sie durch Unbefangenheit täuschen. Es war, als ob er das Türschloß überreden wollte, geöffnet zu sein, wenn er käme. Aber sein ungleicher Schritt verriet ihn, und die Tür gab weder seinem ersten leisen Klingen noch seiner wieder ausbrechenden Wut nach. Er schrie in die Wirtsstube hinein und häufte den Schimpf auf Barlebens Haupt. Der saß drinnen, griente und ward bleich. Auch schwiegen alle, die um ihn saßen, und gaben keine Antwort, wenn sein Gesicht sich ihnen zuwandte. Dann kehrte Kaps sich ab und ging nach Hause. 4 Die Nacht schien heller, als der Abend gewesen war. Noch war der Winter bleich und hatte den sommerlang verhüllten Glanz der Sterne erst halb enthüllt. Im Schlaf lag das Dorf, weit und schattenhaft auseinandergestellt; kaum, daß aus einem Dachzimmerchen durch die feuchtangelaufenen Scheiben ein roter Schein herauszitterte. Kaps ging eilends. Hart klappte sein linker Fuß auf den Erdboden, in aufregendem Rhythmus mit dem andern, leicht auftretenden. Aus seinem brennenden Mund quoll stoßweise der weiße Kegel seines Atems. Er sagte nichts; nur einmal blieb er stehen und heulte auf, doch nicht aus Schmerz, sondern aus der Gewohnheit seiner Trunkenheit. Er ließ die Pforte zu seinem Hof offenstehen und drang ins Haus. Er tastete sich in das Schlafzimmer, das, stockdunkel und von stickiger Luft angefüllt, auf ihn zu warten und ihn doch abzuwehren schien. Seine Frau, die in unruhigem Schlummer dagelegen hatte, war schon zum Sitzen aufgefahren, als sie die Hoftür hatte gehen hören. Sie hielt den Atem an und sah nach dem Schatten, der ihren Mann, dunkler als das Dunkel um ihn, vorstellte. Vor ihren Augen schwankte die Finsternis, und sie sah nicht, ob er stehe, gehe oder sich bücke. Plötzlich scholl ein Schrei. Der kleine Otto fing zu greinen an. Sie sprang aus dem Bett, erfaßte den Tisch und schurrte mit der flachen Hand die Platte nach Streichhölzern ab. Sie fand deren und machte Licht. Da sah sie ihren Mann an Franzens Bett niedergebückt, beide Fäuste in des Knaben Haar vergraben, und schon hatte er ihn zur Hälfte aus den Betten gezerrt. Rasendes Weinen in der Stimme, rief sie den Mann, sprang hinter ihn und riß ihn beim Rockkragen in die Höhe. Derweilen fiel der Knabe aus dem Bett, erhob sich aber gleich und stand zitternd und mit den Zähnen schlagend da. Kaps begann zu stottern: »Taler gestohlen, zwei Taler gestohlen!« und schien ruhiger. Das verleitete die Frau, zu sagen, es sei alles Lüge und kein wahres Wort daran; aber grade dadurch entfesselte sich seine Wut. Grade daß es, wie auch er nicht zweifelte, eine Verleumdung war, vergrößerte seinem innersten, so oft mißhandelten, so oft verleugneten Stolz die Beleidigung. Er schlug auf die Frau und auf den Jungen mit den Fäusten ein. Der Tisch wurde hin und her gestoßen, das Licht flackerte, entsetzt sah der Kleine zu. Die Frau wehrte sich mit schnellen, festen Armen; sie stieß den von Rausch und Wut Blinden; er sank auf das Bett des Knaben. Da riß sie ihr Kind an sich, trug es, das so groß war wie sie selbst, in den Armen und enteilte mit ihm über den Hof in die Scheune. »Bleib hier! Jesus, wie du frierst! Kriech ins Heu«, flüsterte sie; »ich hol' uns Sachen.« Sie mußte ihm auf die ersten Sprossen der Leiter helfen, die von der Tenne auf den Heuboden führte. Erst als er oben war, ging sie. Drinnen fand sie den Mann eingeschlafen. Der kleine Otto hatte sich wie ein Häslein geduckt. Sie nahm Betten und Kleider zusammen, schlug und wickelte sie um das Kind und trug auch dieses zweite große Bündel in den Stall. Sie klommen die Leiter hinan, und im Heu machte sie sich und den Knaben ein Lager. Langsamer noch als bisher entrang sich nach dieser Nacht der Tag dem Dunkel. Die helle, freche Glocke, die ein Viertel vor acht zur Schule rief, mußte sich einige Dämpfung ihres vorlauten Wesens gefallen lassen, so dicht war der Frühnebel, der über der Straße und den Häusern stand, ungewiß, ob er sinken und den Himmel entschleiern, oder ob er sich träge emporheben und als totes Wintergewölk für lange die Sonne verdecken solle. Erst gegen Morgen, als die Mutter schon aufstand, war der Schlaf des Knaben im Geleise ruhigen Atems gefahren. Sie ließ, da Kaps von seinem Rausch wie mit feuchten Stricken an das Bett gebunden lag, den Jungen ruhen und weckte ihn nicht, sich zur Schule fertig zu halten. Er selber fuhr, im Traum von dem ängstlicher als gewöhnlich klingenden Ton der Glocke getroffen, in die Höhe, kleidete sich an und schlich sich fröstelnd bis ins Mark auf den Hof. Den Kleinen hatte Frau Kaps gleich früh beim Aufstehen mit sich genommen und in sein gewohntes Bett gesteckt. Sobald sie Franz gewahrte, ging sie zu ihm und nötigte ihn, zögernd als ob sie ihn aushorchte, in die Stube zum Kaffeetrinken; doch mit einem Schaudern lehnte er ab und sagte, daß er in die Schule müsse, es habe schon geklungen. Die Mutter, selbst froh, daß er nicht ins Haus wollte, brachte ihm sein Schulgerät, die große, mit Bibel, Lesebuch, Katechismus und Pennal bepackte Schiefertafel, und gab ihm zwei kräftige Schnitten Brot mit. Sie sah ihm, am Zaune stehend, nach, wie er das Gehöft verließ und die Pforte mit einer befangenen Sorgfalt zuklinkte, die ihr ins Herz schnitt. Franz ging der Schule zu, erleichtert mit jedem Schritt, den er von zu Hause weg tat, und mit jedem Schritt in eine andere, neue, weiträumige Angst tappend. Er hielt sich in der Nähe der Zäune und Häuser. Heuhalme hingen ihm im Haar; es quälte ihn kläglich, daß er nicht gewaschen war. Welche Gedanken lebten in seinem Hirn und Herzen? Keine. Wie auch in der Nacht keine Vorstellungen, keine Bilder, keine Bitte und keine Verzweiflung ihn zum innern Widerstand oder sei es auch zur inneren Flucht gespornt hatten. Nur das schreckliche Nichts der kleinen Kinder, das sie zur Bosheit reizt und mit den Füßen strampeln läßt, fühlte er in seinem Kopfe lasten; es bog tief seinen Hals. Er sehnte sich nach etwas Unbefangenem, das ihn aufnehme, und kehrte bei der Großmutter ein. Die Greisin war schon aufgestanden. Sie fragte ihn gleich, was der Vater gesagt habe; und weich, innig, bitter bedrückt fühlte er, daß Unbefangenheit ihm fortan nirgends entgegenkommen werde. Er fragte, ob er sich waschen dürfe. Und die Alte half ihm sich säubern und zurechtstecken und kämmte ihm selbst das helle Haar zu einem flotten Knabenscheitel auseinander: so klein war sie, daß er, obgleich auf dem Stuhle vor ihr sitzend, sich ein wenig ducken mußte. Sie bot ihm Kaffee und Milch an; aber er wies, da ein Blick auf die kleine, porzellanene Wanduhr ihm zeigte, daß es beinahe halb neun sei, alles ab. Dennoch, obwohl ihn jeder der langsamen Schritte, die er machte, mit Unruhe quälte, vermochte er nicht zu eilen, um die versäumte Zeit abzukürzen. Die Schultür knarrte laut in den stillen Flur; der Flur war still und dunkel und unermeßlich lang vor Franzens Augen. Aus dem Schulraum klang bestimmter scheinbar als sonst geteilt und seltsam nüchtern umrissen des Lehrers Stimme an das Ohr des Zögernden. Er trat ein und blieb an der Tür stehen, erglühend, aufrecht, die Augen niedergeschlagen. Es entstand gleich eine Bewegung unter den Schülern, und besonders die Mädchen wußten, ohne die Plätze zu ändern, sich so zueinander zu bewegen, mit den Oberkörpern in Gruppen zusammen- und auseinanderzufließen, daß man ihnen eine große Wichtigkeit ansah, etwas Vorwurfsvolles und Pharisäisches, wie immer sich der Handel endigen würde. Sie kamen aber nicht auf ihre Rechnung, denn der Lehrer kannte schon durch die das Frühstücksgebäck und den Tratsch austragende Frau die tags vorher passierte Geschichte, und da er ein kluger und seine Leute wohl kennender Mann war, hielt er die Bezichtigung nicht für wahr. Freilich, was er auch mit dem Knaben vorgenommen hätte, würde ihm nicht seine Lebenssicherheit zurückgegeben haben; und so verfehlte er es von vornherein mit ihm, da er ihn, ohne das Zuspätkommen zu rügen, mit einfachen Worten auf seinen Platz gehen ließ. Die Wände des mystischen Raums, in den der Knabe hineinschritt, glitten noch weiter zurück, der Raum wurde größer, schweigender, unheimlicher. Mit demütigem Kopf ging Franz zwischen den Knaben- und Mädchenbänken hindurch, setzte sich, als der Erste in seiner Abteilung, auf seinen Eckplatz, und der Lehrer fuhr im Unterricht fort. Franzens Nachbar rückte ein wenig von ihm ab, mit einer Bewegung, die nichts weiter bedeutete, als daß er nach Knabenart den sei es übel oder gut Ausgezeichneten von etwas weiter her betrachten wollte. Aber die Bewegung genügte, daß Franz sich auf seinem Platz klein machte. Und nun saß er da, bange davor und bangend danach, daß der Lehrer eine Frage an ihn richte, abwechselnd mit jäher, krampfhafter Aufmerksamkeit und gänzlich verlorenen, stockenden Gemüts. Doch der Lehrer fragte ihn nicht. Als die erste Stunde zu Ende war und die Kinder eben in strammen, eingeübten Tempi die Bibeln unter die Pulte schoben und die Schreibhefte hervorholten, klopfte es. Der Lehrer ging, nachzusehen, wer da sei, und fand Barleben, der, durch die Vorgänge im Wirtshaus schlimmer erzürnt, als er sich merken lassen durfte, sich vorgesetzt hatte, die Sache mit den gestohlenen zwei Talern durchzufechten. Der Lehrer, obwohl um einen Kopf kleiner als Barleben, machte in seiner stämmigen Gedrungenheit eine sehr entschiedene Figur vor dem ungefügen Menschen. Er griff sich in seinen blonden Demokratenbart und sagte: »Bitte, stören Sie mich nicht im Unterricht. Wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben, kommen Sie nach Beendigung der Schulstunden in meine Wohnung.« Damit ließ er den Mann stehen. Drinnen begegneten ihm Franzens helle Augen mit einem so gespannten Ausdruck, daß es einem Lächeln ähnlich sah, was um seine Stirne, Schläfe und Wangen schwebte; nur die Mundwinkel waren vertieft. Der Lehrer sah ihn an und vergaß auf einen Augenblick Ort und Stunde, so prägte sich ihm das Gesicht des hübschen Jungen ein. Und wieder schonte er ihn und fragte ihn nicht. Der sonst so kluge Mann unterlag der Güte, die ihn herrisch zu dem Knaben hin erregte, und übersah, daß es den andern Knaben schon auffiel und sie sich Gedanken machen mußten, warum er Franz überging. Um Zehn war die freie Viertelstunde. Sowie der Lehrer das Zeichen gab, lärmten die klappernden Pantinen ins Freie. Draußen empfing eine verzauberte Welt die Kinder. Die blaue, helle Himmelswölbung schwebte frei über der am Horizont noch nebelartig verdichteten Luft. Die Sonne war über den bräunlichen Nebelring gestiegen, und zu hellem Glitzern entzückte sie jedes Zweiglein an jedem Strauch und Baum, die sich mit prunkendem Zuckerband bedeckt hatten. Die Kinder schrien laut und hell; sie sprangen, wenn sie einem in den Rücken pufften und wenn sie gepufft wurden; einige von ihnen verteilten sich an die Akazien des Schulhofes und stießen mit den hart bewehrten Fußspitzen an die Stämme, daß es aus den Kronen scharf herniederrieselte. Franz hielt sich abseits. Wie er aufmerksam in den Himmel sah, geschah es plötzlich, daß er es als eine Lust empfand, allein zu sein. Wie ein Fischbeinbogen umspringt, wenn man ihn an den Enden biegt, so schnellte das Gemüt des Knaben von der Spannung des Gedrückten zu der des Fliegenden. Eine schneeweiße Federflocke segelte über ihm im Blau, er folgte ihr mit den Augen, und als er sie längst verloren hatte, blieben seine Augen unbeweglich in ihrer letzten Richtung, schwimmend, fast schielend, wie das Licht so blind. Er war zwölf Jahre alt. Welche Seligkeit, allein zu sein! Welche Lust, Unrecht und Angst zu erleiden und ihrer über einem heimlichen Schatz nicht zu achten! Welch wütendes Entzücken, sich von dem Himmel aufsaugen zu lassen! Die Sonne wärmte sein Gesicht, die Lider sanken ihm und zitterten mit den Wimpern. Er erwachte und blickte sich scheu und geblendet um. Ein Lächeln der Eitelkeit verklärte seine Mienen. Da sah er seinen Vater die Dorfstraße herkommen. Er wich bis zur Schultür zurück und hielt sich verborgen; nach einer Weile hörte er ihn über den Hof kommen und von der entgegengesetzten Seite den Flur betreten. Er hörte ihn an die Küchentür klopfen, und die Lehrerfrau rief: »Herein!« Der Himmel zerplatzte zu einem nichtssagenden Dunst, Franz ging in das Schulzimmer und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte Hunger; doch als er in sein Brot biß, verengte sich seine Kehle und wehrte die Speise ab. Als die Schule aus war und die Kinder sich heimbalgten, suchte Franz, um den Weg zu verlängern, Anschluß an ein paar Kameraden. Sie bezähmten den Mutwillen, den der kristallene Tag herrlicher und tatkräftiger als ein Frühlingstag in ihnen erregte, gingen gutmütig und schonend mit Franz, aber sie fragten ihn. So wurde ihm doch der Weg zur Pein; und je peinvoller er wurde, um so mehr fürchtete er, ihn zu enden. Er hatte recht mit seiner Furcht. Kaps hatte außer einem Frühstücksschnaps am Vormittag nichts getrunken; aber der Nachrausch war wilder in ihm, fahriger und grausamer als die Trunkenheit. Der Lehrer hatte sich den Aufgeregten hergenommen, ihn derbe zusammengerissen und ihm mit Verachtung klarzumachen versucht, wie infam seine Mißhandlung des Knaben sei. Das aber hatte Kaps, der im Innern eigentlich schon bereit war, sich auf Barleben zu stürzen, wieder gegen den Sohn gehetzt. Als Franz nach Hause kam, zaghaft in die Stube trat und, da er wie erlöst den Vater nicht vor Augen fand, sein Schulgerät eben weggelegt hatte, stand Kaps hinter ihm in der Tür. Etwas Tückisches, was in seinem Charakter gar nicht lag, glänzte in seinen Augen, sinnlos. »Der Lehrer, der Lehrer -!« begann er, bildete aber nach seiner Gewohnheit keinen Satz und holte die hinterm Rücken versteckte Faust vor. Er hielt einen hänfenen Karrenstrick umfaßt und hieb auf den Knaben ein. Die Zeit, die über den Hof hereingebrochen war, wurde die schlimmste, die er bisher erlebt hatte. Kaps trank und tobte durch das Dorf, daß die Jungen auf der Straße ihre Freude an ihm hatten und verständige Männer, die ihn kannten, stutzig wurden und in Zweifel gerieten, ob er sich bei Verstand halten werde. Die Wirtschaft, die nur in Gleichgewicht zu bringen war, wenn ihr noch andere Einnahmen als aus der Landarbeit zuflossen, mußte zerrütten, wenn er es lange trieb. Im Dorf wußten natürlich alle, daß Kaps, wenn er seine schlimmen Wochen hatte, Frau und Kinder mißhandelte. Man hatte sich darüber immer leicht beruhigt, zumal er seine guten Seiten hatte und weil ja auch keine schlimmen Folgen eintraten. Vor Jahren einmal hatte er seine schwangere Frau vom Heuwagen gestoßen; sie hatte darauf, um weniges zu früh, den kleinen, weißhaarigen Otto geboren, der jetzt gesund und fröhlich umherlief. Und sie selbst, die Frau, hatte ihrem Eheherrn immer die Stange gehalten und Ausflüchte erfunden, wenn sie sich zu einem der Nachbarn, dem Stellmacher oder dem Fischer, zu retten gezwungen war. Dieses Mal war es anders. Wenn man sie fragte, vertuschte sie nichts. Das Gerücht von den schlimmen Dingen erfüllte und erregte das ganze Dorf; die Entrüstung war so groß, daß Barleben, auf den man von allen Seiten mit Unwillen sah, sich nicht getraute, den Diebstahl des Geldes anzuzeigen und untersuchen zu lassen. Kaps selber aber bekam Lust, seinen Handel mit Barleben gerichtlich auszutragen, und eines Tages ging er zum Schiedsrichter. Dieser war der Besitzer des Schulzenguts, ein ruhiger, kluger und gerechter Mann. Als er Kaps soweit hatte, daß er sich ausdrücklich beklagte, Barleben bezichtige lügnerischerweise den Jungen des Diebstahls, stand er auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und fuhr Kaps zornig an. Er sagte: »So! also! so fest wie ans Evangelium glauben Sie an die Unschuld Ihres Jungen! Und dann prügeln Sie ihn tagtäglich, daß es ein Vieh erbarmen könnte. Sie sollten sich was schämen. Und ich sage Ihnen, so ungern ich mich um anderer Leute Dinge kümmere, nimmt das nicht ein Ende bei Ihnen, so zeige ich Sie der Staatsanwaltschaft an. Solang ich im Ort bin, ist mir ja so etwas nicht vorgekommen.« Damit zog Kaps ab, und das Wohlwollen des Schulzen, wie das des Lehrers, wie das des ganzen Dorfes, prügelte wieder den Knaben und keinen sonst, machte kein Unrecht gut und lüpfte nicht den dünnsten, lose liegenden Schleier. »Es kuriert sich von selber aus«, sagen die Leute, wenn das Übel sie nicht juckt, – und oft auch, wenn es sie juckt. 5 Während alledem hatte der Winter seinen kristallischen Zauber ausgeübt. Ein Nebelring trennte die Nacht vom Tage und den Tag von der Nacht. Aber zwischen den Zeiten der Ringe war der Himmel der Tage und der Nächte rein, unbewölkt und unverschleiert. Wiewohl der Sonnenbogen noch immer kleiner wurde, strahlte doch um jeden Mittag klingend und seidenleuchtend die Himmelswölbung über der Trübe des Horizonts auf. Die Seen froren zu, der Fischer mußte aufhören zu fischen, und konnte bald wieder, da das Eis trug, anfangen damit. So gleichmäßig war das Wetter, daß die Zeit stille zu stehen schien und niemand mit Unwillen bemerkte, daß die Tage kürzer wurden. Es war eine schöne Zeit für das Dorf, die Zeit der tiefsten Erholung von dem unaufhaltsamen Abrollen des Jahres. In den Wäldern wurde Gruben- und Bauholz geschlagen; so hatten die Armen Brot und die Wohlhabenderen, die das Holz abfuhren, guten Verdienst. Der saubere Klang der Äxte scholl durchs Gehölz, das Knarren der Wagen, Zuruf an die Pferde, die sich ins Geschirr legen mußten, wo der Weg nicht eben war. Nur Kaps hielt seine Pferde im Stall, wo sie doch nicht rund wurden; und der gleichmäßige Zug der Tage ließ die Sorgen der Mutter und die Leiden des Sohnes zu immer schlimmerer, wesenloser, gespenstischer Angst auswachsen. Franz war sehr blaß geworden, sein Gesicht mager; doch nie hatte er sich sorgfältiger die Haare gescheitelt, nie sein geflicktes Jäckchen reinlicher gehalten. In der Schule und mit den Kameraden war alles ins Gleiche gebracht, aber zu Hause schlug die unhemmbare Woge an die Grundfesten seines Wesens, daß es zitterte und sich neu ordnete. Auch in seiner Mutter ging eine Veränderung vor. Immer war sie unsicher und zaghaft gewesen, weil sie nicht wußte, ob ihr Mann wild oder zahm sein würde. Jetzt war sie nicht mehr im Zweifel, was sie zu erwarten hätte; sie konnte sich vorbereiten, verhärten und zur Abwehr feststellen. Eines Abends, als eben die Sonne, noch ziemlich hoch über dem Horizont, dunkelrot glühend in dem dichten, drohenden Nebel vorzeitig erlosch, stand sie mit ihrem Jüngsten am Fenster. Franz saß auf der Ofenbank, die Hände flach auf die Kniee gelegt, und lächelte vor sich hin. Draußen war es still, und von der Langsamkeit, Unaufhaltsamkeit und Lautlosigkeit des Naturvorgangs ging ein Gefühl aus, das jeder Sorge den irdischen Stachel nahm, das das Gemüt untätig und wehrlos machte und mit himmlischer Bitterkeit erfüllte. Es war eine solche Stunde, die, wenn er sich einmal ihr stellt, den Menschen lehrt, daß das Kleid seiner Tage, um das er hat arbeiten müssen, das er säubern und flicken muß, aus einem Gespinst gewoben wird, dessen Fäden vom Wocken der Ewigkeit gezogen werden. Die Augen, die in solche Stunden blicken, werden größer, und damit sie ihre Ruhe behalten, muß der Atem langsam und tief gehen. So stand Frau Kaps mit ihrem Kinde. Es blies kalt durch die lockeren Scheiben, und sie erschauerte. Zum erstenmal in diesen Wochen kam Verzweiflung über sie; sie drückte die Stirn fest und immer fester gegen die Scheibenrahmen; so verharrte sie lange; als sie wieder aufsah, hatte sich ein flammendes Kreuz auf ihre Stirn gezeichnet. Die Abendröte war einem mächtigen, breit goldenen Licht gewichen, das heller als das Tageslicht erschien; kleine Wölkchen schwebten über dem Lichten. Sie hatte einiges Besinnen nötig, ehe sie sich zu der Zeit zurückfand. Dann sah sie auf den kleinen Knaben und staunte: Seine Augen waren groß und blinkend, von einem schwebenden Feuer blinkend und von der Trauer, die kleine Kinder in den Augen haben, wenn man sie milde in das Abendlicht schauen läßt. Sein Gesicht leuchtete in einem bleichen Goldschein, und so still war es und so still die Augen, daß es der Mutter scheinen konnte, das Licht falle nicht von außen auf des Kindes Antlitz, sondern strahle von innen von ihm aus. So sehr sie das Bübchen anstarrte, wandte es doch nicht seine Augen und sah mit dem gleichen, frommen Wesen still in den Abend. Da dachte sie, ohne den Kopf nach ihm hinzudrehen, an Franz, und umfing, zum erstenmal mit Gedanken, die nicht bloß auf einen Gegenstand, nicht bloß auf eine gegenwärtige Sorge gerichtet waren, ihre beiden Kinder: den Vierjährigen, der hier im Hause heranwachsen würde, acht Jahre hindurch, bis er ein Zwölfjähriger wäre wie Franz, und Franz, der jetzt schon in den Konfirmationsunterricht ging und in anderthalb Jahren eingesegnet sein würde, wie vor drei Jahren der Älteste eingesegnet war, – der Älteste, der das Vaterhaus im Trotz verlassen hatte und auf fremdem Hofe Knechtesarbeit tat. Die Jahre standen vor ihr, die so hastig herankommen, die, wenn man sie durchlebt, zerfetzt und zerrissen werden, und wenn man sie nachher sich vorstellt, so regelmäßig und unerbittlich sind und Regelmäßigkeit und Ruhe der Arbeit von dem Gewissen fordern, das sie schonen sollen. Sie begann zu schlucken, konnte die Brust nicht zum vollen Atmen ausdehnen, und in zwei Tränen zersplitterte das Licht ihrer Augen. Da konnte sie atmen. Sie stellte das Kind auf die Erde und rief Franz an: »Franz, paß auf Otto auf. Ich gehe ins Dorf.« Franz erschrak. »Mutter«, sagte er leise und bittend. »Ja, was denn, Junge«, erwiderte sie, und da sie von ihren Gedanken ganz erfüllt war, achtete sie die Angst des Knaben, der die Heimkehr des Vaters fürchtete, geringer und vergaß, sie zu schonen. »Ich bin wohl schon zurück, ehe er kommt«, sagte sie, »und wenn ich noch nicht da bin, es wird ja nicht gleich schlimm werden, ich kann doch nicht immer bei dir sein.« Franz bat nicht mehr und schwieg. Die Ungeduld in der Stimme seiner Mutter traf ihn mit einer Härte, die ihn dort in seiner Seele verletzte, wo kein Schlag des Vaters hintraf und wo er fein und heimlich geworden war. Die Mutter machte sich zurecht, und bevor sie ging, sagte sie, und Hoffnung und Zuversicht waren in ihrem Ton: »Wart' nur, Franz, ich komm' bald wieder, und ich bring' vielleicht Gustav mit.« Die Kinder waren allein. Das Zimmer wurde schummerig in den Winkeln; das Abendlicht, das durch die Fenster quoll, wurde trüber und brauner; die Wölkchen, die den immer noch lichten Himmel scheckten, waren dunkelrot, und das sah aus wie die buntgeschälten Birkenstämme vor der Werkstatt eines Stellmachers. Die Kinder schauerten in der Kälte. Plötzlich dröhnte in die tiefe Stille vom See her ein Schuß, der sich heulend ausschwang und verlor. »Horch! was heult da so?« fragte Otto. »Das ist der Winterwolf«, antwortete Franz. »Der Winterwolf? Was ist denn das?« Franz erzählte ungelenk ein Märchen: Der Winterwolf ist so groß wie ein Elefant. Er jagt auf dem Grunde des Sees Hecht und Wels, so eifrig, daß er nicht daran denkt, wenn der See zufriert und das Eis immer dicker wird, und der Wolf ist gefangen. Wie er Luft schnappen will und in die Höhe schießt, stößt er mit dem Kopf gegen das Eis, daß es knallend birst, und er heult so wütend dazu, daß man es eine halbe Meile weit hört. Die Augen des Kindes funkelten voll freiwilliger, freudiger Angst. Wie kam ihm der See ungeheuer vor und doch überschaubarer als jemals, wenn er am Ufer gestanden hatte. Er hörte dem Bruder so eifrig zu, daß dieser sich selbst vor seiner Erzählung zu ängstigen anfing und beim klaren Bewußtsein seiner Erdichtung ein Gitter von Grauen immer dichter um sich zog, bis er endlich nicht mehr zu sprechen wagte. Sie hielten sich beide still. Die Nacht war übergroß über das Dorf gehüllt und klang noch unterm zunehmenden Frost öfter vom Heulen des Winterwolfs. Draußen klinkte die Tür, und die Kinder lösten sich aus dem Bann. Die Mutter kam mit Gustav zurück. Aufgeregt, mit funkelnden Augen, sobald sie Licht gemacht hatte, betrachtete sie den Sohn, der stattlich und ruhig, ganz wie es einem Bauersmann ziemt, auf der Ofenbank niedersaß und nichts mehr fragte noch sich verwunderte. Die Mutter ging in die Küche, um ein reichlicheres Abendbrot als sonst zu rüsten. Als das Feuer auf dem Herd flackerte, kam sie zurück und hieß Franz Bier aus dem Wirtshaus holen. Sie gab ihm Geld und ging nachdenklich hinaus. Er hatte sich in einer scheuen und zärtlichen Art mit dem Bruder begrüßt. Der hatte ihn mit Zuversicht, fast mit Lachen aufgemuntert und ihm versprochen, für ihn zu sorgen und ihn zu schützen. Franz verstand nicht ganz diese selbstgefällige Sicherheit und glaubte ihr nicht ganz. Für ihn war, wie für jedes Kind, das Leben im Elternhaus so vielfach verstrickt, daß er nicht begriff, wie man sich ihm entziehen könnte, ja nicht einmal, wie man sich ihm entziehen wollte. Gustav hatte sich berühmt; er war draußen gewesen, hatte unter fremdem Dache geschlafen, an fremdem Tisch gegessen und fremden Acker gepflügt. Er hatte die Knechte und Mägde kommen und gehen sehen und erfahren, wie frei ein jeder Mensch ist, der es will. Er wußte, daß es nur einen Knacks kostete, und man könnte den Zwang des Vaters und seine böse Art abschütteln. Und siehe da, die Hoffnung, die ihn mit des Bruders Worten hatten trösten wollen, verfehlte es an Franz, und ihm war nicht wohl dabei. Zu nahe, zu nüchtern rückte ihm der Schutz, dessen er nun sicher sein konnte, auf den Leib. Sollte nun alles ein Ende haben? Nebel, Traum und Weite, Angst und das übermenschliche Gefühl des Schmerzes sich ins Unsichtbare auflösen? Ja, zu nahe, zu nüchtern kam das Leben wieder, das so fern und hallend und frei wie ein Hund im Forst gejagt hatte. Der Bruder wußte, wie dem Vater beizukommen, wie der Vater zu behandeln sei; die Mutter sah Ziel und Arbeit vor sich, und Franz spürte, daß sie ihn weniger lieben würde. Die Eifersucht nagte an ihm, die den Menschen manchmal überkommt, wenn der, den er liebt und der ihn liebt, weniger unglücklich und dadurch bestimmter wird. Denn es gibt ein allgemeines Gefühl des Unglücks, darin wir uns wohl fühlen, als hätte nun das Schicksal keine Macht über uns. Hört es auf, so beginnt wieder das eiserne Spiel von Ursache und Wirkung, und wir scheinen uns mechanischer als vorher, härter und uninteressanter. Standen nicht die Häuser alle so nüchtern trotz der Dunkelheit da? Klangen nicht seine Pantinen auf dem Erdboden nüchtern? Die Kälte zog ihm die Brauen zusammen, legte ihm einen Reifen um die Brust und scheuchte die Gedanken. Er ließ sich von der drückenden Gleichgültigkeit bannen, und immer fester schnürte es sich ihm um die Brust, was er doch mit dem bloßen Willen und drei Atemzügen hätte sprengen können. Nicht einmal die Furcht, im Wirtshaus den Vater zu treffen, stöberte ihn auf. Der Vater war nicht dort, wohl aber Barleben. Der hielt sich von ihm fern und sah ihn doch mit seitwärts gedrehtem Kopf verächtlich an. Aber er ertrug sein eigenes Hinsehen nicht lange, und mit einem Einziehen des Halses wie ein Raufbold ging er zur Seite und setzte sich mit dem Rücken zum Zimmer an einen Tisch. Der Wirt hatte unterdessen die Flaschen hervorgeholt und wischte sie, da sie voll feuchten Sandes waren, ab. Dabei sagte er mit dem Wohlwollen eines Mannes, der Schulden bezahlt: »Na, Franz, nu ist das Geld da.« Franz sah mit gleichmäßigem Ausdruck zu ihm auf. »Ja, Junge, du kannst was zum besten geben, die zwei Taler sind da.« Franz antwortete nicht. »Oder weißt du's am Ende schon?« »Nein«, sagte Franz. »Da geh zum Schulzen hin, bei dem kannst du dich bedanken.« Franz schwieg noch immer, er sah zu Boden, und seine Augen wurden heiß. Der Wirt wollte, schimpfend über das dumme Gebaren, auftrumpfen; aber dann wäre er seine Erzählung und obenein vor den Ohren des Besiegten nicht losgeworden, und auch das bessere Gefühl, das die Aufklärung eines Unrechts in keinem Herzen ohne Freude läßt, hielt ihn zurück. Er erzählte, um den Knaben aufzumuntern, in burschikoser Manier, daß der Schulze gerade in dem Augenblick in einen Eisenwarenladen im Nachbardorf getreten sei, als der junge Barleben ein eben erstandenes vielklingiges Messer mit einem blanken Taler hatte bezahlen wollen. Der Schulze hatte den Kauf sofort zurückgehen lassen, den Burschen ins Gebet genommen und ihn vermocht, den Diebstahl einzugestehen und die zwei Taler herauszugeben. Der Wirt schloß seine Erzählung mit einem Rat: »Du darfst dir das nicht gefallen lassen, Franz; sie müssen dir eine Ehrenerklärung in die Zeitung setzen.« Als Franz nach Hause ging, war er nicht wie einer, dem ein Glück widerfahren ist. Plump war der Knoten gebunden, plump ward er gelöst. Und wenig ging das ihn noch an, das eine und das andere. Einen Augenblick dachte er daran, daß morgen in der Schule die Lösung bekannt sein würde; es würde einen neuen Lärm geben, nachdem längst alles still geworden war; er würde, wenn er wollte, auf den Wellen dieses Tumults hoch oben schwimmen können, – es lockte ihn nicht. Das Bild verschwand, ehe es noch ins Drehen gekommen war. Der Kältereifen war von seiner Brust gewichen, die Gleichgültigkeit schwärzte sich zur Trauer. Zu Haus fand er die erstarrte Gruppe einer eben geendigten heftigen Szene zwischen Vater, Mutter und Bruder. Die Mutter stand an der Wand, keuchend, aber mit triumphierenden, groß aufgerissenen Augen. Zuweilen klangen ihre Zähne aneinander. Gustav, strack und sicher, und der Vater, der die Faust auf die Tischplatte geschmettert hatte, daß die Knöchel bluteten, standen am Tisch. Franz blieb an der Tür. Alle schwiegen. Da drehte sich der Vater unter kurzem Lachen auf dem lahmen Bein um und packte Franz an der Brust. Aber ehe er zuschlagen konnte, ehe er den Knaben auch nur schütteln konnte, hatte Gustav ihn zurückgerissen, daß Franz hinterher stolperte und alle drei gegen den Tisch fielen. Und Gustav sagte ruhig: »Und das hat nun auch ein Ende. Wer mir den Jungen anrührt, der Junge ist gut, er hat keinem was getan – wer mir den Jungen anrührt, der kriegt es mit mir zu tun. Das soll sich jeder merken. Das kannst du jedem sagen, Vater.« Der Gedemütigte suchte nach einer Antwort, aber fand keine. Wie vorhin in der Auseinandersetzung mit seinem Sohn über die Neuregelung der Wirtschaft fühlte er sich auch jetzt unterlegen, und der Respekt vor der kräftigen Faust und dem gesunden Willen ließ ihn sich fügen. Er taumelte zur Tür, aber auf der Schwelle drehte er sich noch um und begann ein sinnloses, tobendes Schimpfen gegen seine Frau. Er beschuldigte sie unsittlicher Gelüste, nannte sie mit häßlichen Namen und trieb sich so durch Flur und Hof mit einer Vorspiegelung, als sei er der Sieger. Sie antworteten nicht und ließen ihm das letzte Wort, das noch von der Dorfstraße herklang und sich nur allmählich verlor. Der kleine Otto, der sich mäuschenstill auf seiner Rutsche verhalten hatte, kam aus seinem Winkel hervor, und lustig schimmerte sein weißes Haar im Schein der Lampe auf. Er schaute mit pfiffigem Gesicht zu seiner Mutter empor und zwang sie zu sich hin. Sie seufzte tief, erleichtert, wie nach bösem Traum, streichelte ihn und meinte, es sei Zeit für ihn, zu schlafen. »Laß ihn noch auf, Mutter«, sagte Gustav, der nicht wollte, daß über die Ereignisse des Abends viel gesprochen würde. Selbviert saßen sie am Tisch, aßen und tranken. Franz schaute auf den großen, langsamen und doch so jugendlich frischen Bruder; er wollte ihm sagen, was er im Wirtshaus gehört hatte, und unterließ es doch, weil es ihm zu wenig und den stummen Dank zu stören schien. Die Mutter nahm mit ihren Blicken die drei Söhne zusammen, wie eine fröhliche Witwe. Sie gingen alle früh zu Bett, und schnell kam der Schlaf. Nur Franz blieb überwach. Der Schlaf packte ihn am Hinterkopf und zog ihn, Kopf voran, eine sausende Fläche herab, daß die Schultern meinten, sie bohrten sich tief in die Kissen und die Füße zu schweben schienen. Die Müdigkeit schälte sich von seinen Beinen wie Borke vom Baum, und einen süßen Augenblick glaubte der Knabe, in die friedvollste Ruhe eingebettet zu sein. Aber gleich wieder fuhr der Kopf in die Höhe, der Körper fühlte sich aus der Ausdehnung, Auflösung schreckhaft in seine Grenzen zurückgepreßt, und die Wachheit riß ihm unerbittlich die Augen wieder auf. »Sie schlafen alle«, dachte er, »jeder schläft seinen Schlaf, morgen sind sie frisch und gehen an die Arbeit. Morgen -« und mit einem Male sah er den Schulzen in einen Laden treten, der Laden wurde zu einem Eisenwarenladen – jede Fuge an den Schüben war sichtbar, jeder Messinggriff blitzte. Auf dem Ladentisch lag ein riesengroßes Messer mit unzähligen Klingen – - und schon konnte der Knabe die Vorstellungen nicht mehr halten, sie wuchsen ins Traumland hinüber, und ihn ergriff wieder der Schlaf und ließ ihn wieder los. So im ängstlichen Wechsel brachte er viele Stunden zu, bis er es einmal nicht mehr spürte, daß die Hand des Schlafes ihn ergriff, und da hielt sie ihn wirklich fest. 6 Als er am nächsten Tag aus der Schule kam, empfing ihn die Mutter triumphierend mit der Nachricht von der Entdeckung des Diebes. Ihr Wesen war ganz aufgefrischt, und sie kostete ihre Genugtuung bis auf den Grund aus, mit immer wiederholten Beschimpfungen gegen das feindliche Haus. Franz mußte im Laufe des Gesprächs gestehen, daß er die Nachricht schon gestern abend gehabt habe. Die Mutter war unwillig über sein Schweigen und gab ihm ihren Zorn zu verstehen und zu kosten. Franz fühlte sich gänzlich abgesetzt. Stolz, Eitelkeit, der Wunsch, geliebt und umsorgt zu werden, die Auszeichnung des Leidens: alles dieses wurde ihm genommen: die verzauberte, verhexte Welt trat in ihre Ordnung zurück; und Franz hatte keinen Drang, sich ihr anzubequemen. Die neue Führung der Wirtschaft machte sich, wenn auch natürlich noch nicht in ihrem letzten Segen, so doch in allen unmittelbaren Wirkungen kund; sogar der Alte entzog sich ihr nicht. Gustav hatte wieder, gleich den andern Fuhrwerksbesitzern, das Abfahren von Bauholz übernommen. Die Pferde verlangten ihr Recht, die Zeit maß sich wieder nach den Stunden der Arbeit. Der klingende Wagen fuhr am Morgen mit Gustav und dem Vater weg und kam am Abend und jetzt im Schritt zurück. Dann wurde gegessen, und der Alte humpelte ins Wirtshaus. Franz bewunderte den Bruder, dessen kleiner Schnurrbart weiß und zierlich die schweigsame Lippe schmückte, dessen Scheitel immer gerade und unverzaust war. Aber er, der sich sonst immer fröhlich auch zu Arbeiten gedrängt hatte, für die er noch zu jung war, nahm jetzt keinen Teil an dem tüchtigeren Wesen des Hauses. Er war unlustig, und das Schmerzen des Wachstums in den Beinen machte ihn oft bis zur Erbitterung ungeduldig. Eine Gärung, als stiege schon der Frühlingssaft in den Bäumen, trübte ihn; und bisweilen wachte er auf, so lange er im Bette lag: mit der Gewißheit, etwas Wundersames geträumt zu haben. Was es gewesen sein könnte, bekam er nicht zu fassen; wenn er sich im Bett aufrichtete, schwand die Qual seines Suchens zu einem ärgerlichen Punkt zusammen; und verließ er das Bett, so war nichts da als der nüchterne, kalte, irdene Tag, der ihn nicht brauchte. An einem Sonnabend, als er vom Konfirmandenunterricht aus dem Pfarrdorf kam, war das Wetter, so dumpf es schien, voll besonderer, heimlicher Ruhe. Die heimkehrenden Knaben schwatzten weniger als sonst; einige gingen paarweise ganz stumm nebeneinander, unter diesen Franz. Die Kälte stieg ihm von innen ins rechte Auge, es blinkte feucht und tat ihm lustig weh. Er sah oft verstohlen um sich und bemerkte etwas, was er so noch nie bemerkt hatte und freilich auch jetzt nicht verstand: daß es schön sei, über diese Erde zu gehen. Der Horizont war an den freien Stellen verschleiert und an den mit Wald gesäumten von einem seltsam lebensvollen, seelenvollen, farbigen Schwarz. Die kahlen Bäume, an denen der Blick vorbei mußte, der sich zum Himmelsrand verlieren wollte, hinderten und lockten die Augen und standen wie aus Metall getrieben, ruhig und sinnvoll in ihrer Gestalt da. Als er nach Hause kam, waren Gehöft, Haus und Zimmer gleichfalls aus ihrer Nüchternheit und Sachlichkeit erlöst, und Franz wurde von Zärtlichkeit erfüllt. Er ging der Mutter in die Küche nach und bat, sie solle Kartoffelkuchen backen; die esse Gustav so gern, und er wolle sie ihm in den Wald bringen. Die Mutter lachte und wies ihn ab. Da wurde er ganz stürmisch und bat so eigen, mit einem Lächeln so blank wie ein Spaten, der täglich arbeitet, daß die Mutter ganz außer Zeit und Ordnung ihm willfahrte. Sie sagte nur: »Dann mußt du aber die Kartoffeln reiben.« Eifrig versprach es der Knabe. Die Mutter wusch, indes Franz geschäftig hin und her lief, die Kartoffeln, schälte sie und gab sie ihm mit einem Reibeisen in der Schüssel auf die Knie. Franz begann zu reiben; nach kurzer Zeit aber stellte er die Schüssel in die Ecke und lief hinaus in die Scheune, drängte sich durch das hintere Scheunentor, das in seinen beiden Hälften klaffte, und lief über den Garten zum See hin. - - Es mochte eine Viertelstunde vergangen sein, da kam mit seinem schweren Schritt, aber eilender, als sonst, der Nachbar – der Fischer – über den Hof. Frau Kaps kam aus dem Stall. »Na, was bringen Sie Gutes?« fragte sie den Fischer. Er, mit einer versteckten Hast, fragte dagegen: »Wo sind denn Eure Leute alle?« »Na«, sagte sie verwundert: »Vater und Gustav sind in der Heide, und Franz reibt Kartoffeln in der Küche. Ich sollte ihm ja durchaus Plinze backen für Gustav.« Eben tappte Otto heraus. »Na, das ist man gut«, sagte der Fischer mit einem Ton von Erleichterung und doch sich umsehend, als suche er etwas und glaube die Auskunft der Frau nicht. »Was ist denn?« fragte Frau Kaps ängstlich. »Na, es ist ja nichts, es ist ja gut«, antwortete er; »ich brachte vorhin Netze an den See, wir wollen zu Eise fischen, und da war es mir so, als ob ich bei euch unten einen auf dem See gesehen hätte. Es war mir so, als ob er schlidderte, und mit einemmal war er weg.« Die Frau wurde totenblaß. »Jesus Christus!« sagte sie: »Franz!« Als es nicht antwortete, fing sie zu zittern an und hielt sich an der Wand. Die Schwäche war so groß, daß sie gleich weinte. Der Fischer sah sie ernst an, und obgleich er schon vom See gekommen war und nicht mehr zweifelte, ging er ins Haus, schaute in die Küche und in die Stube. Er kam zurück. »Es wird ja nichts sein«, sagte er, »das Eis ist einen halben Fuß stark, lauter trockener Frost, man kann mit einem Heuwagen darüber fahren. Wo ich Löcher gehauen habe, stecken Strohwische. Wenn er man bloß nicht bis zum Fließ hingeschliddert ist, das ist noch offen, und da nahebei ist das Eis dünn.« Er verließ eilends das Gehöft. Der kleine Otto greinte; Wasser, der Hund, strich mit eingezogenem Schwanz um das Haus. »Sei still, Junge!« schrie die Frau überlaut und drückte das Kind auf die Erde nieder. Dann lief sie um das Haus herum in die Scheune, öffnete die Scheunentore weit und rannte zum See. Über das Eis her kamen mit Haken und Stangen der Fischer und sein Sohn. Wieder rannte die Frau zurück. Wie eine Schwalbe, die Junge in einem Nest im Stall hat, von Menschen, die hereinkommen, aufgescheucht wegfliegt, gleich wieder zurückkommt, wieder wegfliegt und wieder ängstlich und mutig zurückkehrt, so lief sie vom Haus zum See ein paarmal. Nach einer langen, langen Weile brachten der Fischer und sein Sohn mit vorsichtigem Schritt den ertrunkenen Knaben daher. Die Mutter sah sie und trat von der Schwelle wie zu einem Ansprung zurück. Sie trugen ihn über die Schwelle, da wurden die Dielen naß; sie legten ihn aufs Bett. Dann gingen sie, nach spärlichen, stockenden Trostesworten; der Alte mit unbeweglichem Gesicht, nur daß die Falten alle sich tiefer eingegraben hatten; der Junge, den Kopf aufgeworfen, trotzig und wie einer, der den geringsten Angriff mit einem Faustschlag erwidern will. Die Mutter setzte sich zu Füßen des Toten auf das Bett. Tränenlos starrte sie in das vorschnell sich verdunkelnde Zimmer. Immer wilder werdende Herzschläge, sichtbar wie eines Vogels Puls, erschütterten sie, und eine immer wildere Kraft erfüllte sie, fast bis zum Jubel. Erst als ihr Mann und Gustav, verstört von der Nachricht, laufend, redend, heimkamen, brach sie zusammen. Aber am nächsten Tage ging sie zum Erstaunen aller in die Kirche, weil sie sich zum Abendmahl angemeldet hatte. Aufrecht ging sie mit ihrer zierlichen Gestalt, das schwarze Umschlagetuch um die Schultern und die Augen groß und rund. Die Glocken klangen nicht klar. In der Nähe der Kirche trat eine große, wankend ungefüge Frauengestalt auf sie zu – Frau Barleben. Schüchtern reichte sie der Trauernden die Hand hin und sagte: »Verzeih mir auch, was ich an dir getan habe. Der arme Junge!« Frau Kaps antwortete: »Deine Hand fasse ich nicht mehr im Leben und im Sterben. Und wenn du jetzt mit mir zum Abendmahl kommst, ich stoß' dich von der Bank, bevor du trinken kannst.« Da duckte die große Frau sich, wehrte sich nicht und ging nach Hause. Während sie in der Kirche waren, begann es zu schneien. Die ersten, zitternden, kristallenen Flocken lösten sich gequält, wie abgesprengt aus der Luft; dann wurde das Gestöber dichter, die Flocken größer, das Licht verlosch in weiter, weiter Dämmerung, und die weiche Last sank unaufhörlich auf die Erde nieder. Es schneite Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Am Dienstag wurde der Knabe begraben. Und wenn ein Wanderer draußen gegangen wäre auf den ungetrennten Feldern, so hätte er den Gesang des Chorals »Jesus, meine Zuversicht« wie durch verhüllte Ohren gehört. Aber die Glockenklänge hätte er vernommen, als seien sie vom Ort ihres Ursprungs kräftig und lebendig aufgesprungen, dann aber, von der daunendicken Luft gehemmt, gleichsam noch bevor sie das Ohr erreicht, kraftlos niedergesunken in den Schnee. Der Wanderer erreicht die Heerstraße und kommt an Häusern vorbei. Er biegt ab und kommt durch Dörfer. Die Wege sprießen allerorten hin, wahr, gesetzmäßig und unregelmäßig wie Baumgezweige. Und überall sind Dörfer, und an allen Straßen stehen Häuser.