Johann Wilhelm Wolf Die deutsche Götterlehre Meinem Lehrer und Freunde Herrn Prof. Dr. Joh. Heinr. Hennes. Inhalt         Vorrede Zur Einleitung Gott, Götter Gottesdienst Heilige Cultusstätten, Götterbilder Priester und Priesterinnen Einzelne Götter:     Wuotan     Donar     Fro     Zio, Sahsnôt     Paltar     Forasizo     Aki     Wol     Lohho, Loko Göttinnen :     Nirdu     Holda     Perahta     Firgunia, Hluodana, Tanfana, Nehalennia     Hruoda, Ostara     Frouwa, Frikka     Hellia Helden Weise Frauen Wichte und Elbe Einzelne elbische Wesen Wassergeister Hausgeister Riesen Schöpfung Elemente Bäume und Thiere Himmel und Gestirne Tag und Nacht Sommer und Winter Zeit und Welt Seelen Tod Schicksal und Heil Entrückung Zauber Aberglaube Krankheiten Kräuter und Steine Sprüche und Segen Weitere Literatur Vorrede. Durch dies Buch möchte ich unserm Alterthum und in demselben vorerst unserer Götterlehre Freunde gewinnen, die es noch sehr entbehrt, ich möchte dadurch Freude am Vaterländischen in die Herzen der reifern Jugend, so wie aller tragen, die sich der Bildung rühmen. Ich würde scheuer mit demselben hervortreten, wenn ich nur Eigenes zu bieten hätte, auch jetzt, wo das nicht der Fall ist, würde ich vielleicht damit gezögert haben, weil nichts Vollständiges, Ganzes zu bieten war, wenn mich nicht das tiefe und feste Vertrauen auf die innere Kraft und Tüchtigkeit der Gabe gestärkt hätte, die auch in Fragmenten und in unscheinbarem Gewand sich nicht verleugnet, und wenn mich die ruhige Gewissheit nicht gehoben hätte, dass das Vaterländische als solches sich einmal Bahn brechen wird und muss. Die deutsche Götterlehre hatte bisher zwei Gegner. Die einen sind fast überwunden, die classisch-heidnischen Schwärmer, die einst ihr selbst die Existenz ableugneten, die sich die Mühe nie gaben, sie zu prüfen, denen sie keinesfalls Anspruch auf einigen Werth haben konnte, weil sie eben nicht classisch war. Die andern stehn ihr noch gerüstet gegenüber, weil sie eine heidnische Lehre ist, sie fürchten, wenn die Studien des classischen Alterthums endlich auf das rechte Maas zurückgeführt werden sollten, werde man die deutsche Götterlehre an die Stelle schieben, welche bis jetzt die griechische einnahm, und damit sei wenig oder gar nichts gewonnen, Heidenthum sei und bleibe Heidenthum, unsere Jugend werde nach wie vor vergiftet. Diese Befürchtung beruht jedoch auf irrigen Voraussetzungen, welche nur aus Unkenntnis der Sache hervorgehn können, sie wird fallen, wenn eine bessere Einsicht sich Bahn bricht, und diese möchte dies Buch in weitern Kreisen vermitteln helfen. Ich habe in demselben die Resultate der Forschungen Jacob Grimms und weniger Mitstrebenden zusammengefasst. In der Eintheilung konnte ich ihm nicht immer folgen, es mussten einzelne Capitel seiner »deutschen Mythologie« zusammengezogen und verschmolzen, anderer Inhalt vertheilt werden, das schien mir der ganz andere Zweck meiner Arbeit zu fordern. Bei der Ausarbeitung hielt ich mich, wo dies anging, gern am Text Grimms; in wie weit dies geschah, davon kann sich jeder überzeugen, der nach Anleitung der Anmerkungen zu Ende des Buchs [Diese Anmerkungen sind hier mit ♦ markiert.] meine Abschnitte mit denen Grimms vergleicht. Diese Nachweisungen sollen zugleich denen dienen, welche die folgenden Blätter mehr als einfach und flüchtig lesen wollen. Sie machen keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit, nur auf das Nöthigste und Nächstliegende soll in ihnen hingewiesen werden. Ingenheim a. d. Bergstrasse am Tag Aposteltheilung 1852. Zur Einleitung. Ein geheimnisvoller Zug drängte einst die Völker des asiatischen Ostens aus dem Land, welches wir als die Wiege der Menschheit erkennen hinweg, ehe noch dessen weite fruchtbare Strecken bewohnt waren, und dem fernen europäischen Westen zu, um dort neue Wohnsitze zu gründen. Derselbe Zug offenbarte sich inmitten der europäischen Bevölkerung wieder seit der Entdeckung Amerikas, dessen weite, dunkle Urwälder sich mit jedem Tag mehr dem Licht der Civilisation öffnen. Wie der Osten die Wiege des ersten Menschenpaars war, so wurde er, das ›Morgenland‹, der für uns der Schoos des Lichtes ist, auch die Wiege der Wiedergeburt durch das göttliche Licht Christus für das Abendland. An seiner westlichsten Küste aufgestiegen folgte das neue Licht dem Lauf der Sonne und der Völker gen Westen, und eben wirft es seine Frührothstrahlen an die östlichen Ufer des Welttheils, der die Krippe und das Grab seines Stifters birgt. Um welche Zeit jene Völkerwanderungen statt fanden, lässt sich kaum mehr bestimmen, doch scheint es, dass der Süden unseres Welttheils zuerst, der Norden später bevölkert wurde. Die Einwanderer in den Süden wie die in den Norden brachten die Keime des Heidenthums mit sich, welche sich in den neuen Wohnsitzen weiter fortentwickelten. Im Süden ging diese Entwickelung rasch vor sich und stand ihr Alles Gedeihen bringend zur Seite. Die dortigen Völkerschaften hatten schon die Oertlichkeit für sich, denn es ist eine stets und überall sich bestätigende Erfahrung, dass in dem engern abgeschlossenen Raum der Inseln und Halbinseln die Cultur schneller sich erhebt und fortschreitet, als in weiten Strecken des Festlandes. Dazu kam hier die wärmere Sonne, welche, wie sie die Blüthe grösser entfaltet und die Frucht schneller reift, so auch die Phantasie früh zu höhern Flügen treibt, und endlich, dass diese ganze Entwickelung ungestört blieb von vernichtenden äussern Einflüssen. So wuchs die griechische und die römische Cultur zu einer Höhe heran, welcher bis dahin kein anderes Volk sich erfreut hatte, und die wir heute noch mit Staunen und Bewunderung zu betrachten gewohnt sind. Aber wie die mit Jubel und Freudenfeuern am Mitsommertag begrüsste Sonne ihren Wendepunkt erreicht hat und nach diesem Tag ihres höchsten Glanzes unaufhaltsam sinkend an Gluth abnimmt und sparsamer leuchtet, so ist auch den Völkern der Moment ihres höchsten Glanzes und ihrer schönsten Blüthe der erste des nahenden Absterbens, wenn diese Blüthe nicht der ewigen Wurzel entspringt, die aus der Quelle alles Lebens getränkt wird. In einem sinnvollen deutschen Mythus, dessen Spur ich erst fand, als die folgenden Blätter bereits gedruckt waren, ist der Baum des Lebens, dessen goldne Aepfel den Göttern ewige Jugend gewähren, unzertrennlich verbunden mit dem lebendigen Brunnen, dessen golden perlender Trank Allvaters einzige Nahrung ist, aus dem er mit Saga volle Schalen der Dichtung und Weisheit trinkt. Versiegt der Brunnen, dann welkt der Baum. So ist es auch mit dem Leben der Völker; jeder Baum, der da der heiligen Quelle fern wächst, mag es wohl zur Frucht bringen, aber sie ist nur theilweise gut, meistens nur äusserlich schön, innen hohl; welcher aber aus ihr seine Nahrung zieht, der stirbt nicht ab weil sie nach dem Wort des Herrn in dem Trinkenden zur lebendigen Wasserquelle wird, die ins ewige Leben quillt . , sondern darf sich wiederholter Blüthe freuen, so lange er die Sauggefässe seiner Wurzeln ihr nicht verschliesst. So stürzte die heidnische Cultur des Südens und bald darauf fiel auch das Heidenthum im Norden. Sein Schicksal war ein wesentlich anderes gewesen, wie das des classischen Heidenthums. Es entbehrte fast alles dessen, was diesem fördernd zur Seite stand. Die Bevölkerung war keine geschlossen zusammen wohnende, sie war zerstreut in verschiedenen Stämmen über ganz Deutschland, in dichten Urwäldern, an weiten Sümpfen, unter einem rauhen, unwirthlichen Clima. Wohl schlugen auch hier die mitgebrachten Keime der heidnischen Lehre tiefere Wurzeln im Volk und trieben sie weiter, doch nur langsam und ungleich weniger üppig als im Süden. Was ihrer Entwickelung von dieser Seite aber versagt war, dafür wurde sie auf der andern reich entschädigt, denn je ruhiger sie fortschritt, um so ernster und tüchtiger war der Fortschritt und was ihr an äusserm Glanz abging, das ersetzte reichlich der grössere innere Gehalt. Reine Grundwahrheiten, welche sich beim Abfall des Volks von der Offenbarung noch in ihr erhalten hatten, wurden minder von üppigen Spielen der Phantasie überwuchert, viel weniger gingen sie darin unter, wie das im Süden der Fall war. ›Deutscher Art angemessen ist ein sinniger Ernst, der sie dem Eiteln entführt und auf die Spur des Erhabenen leitet,‹ sagt J. Grimm, und dieser würde jene Wahrheiten auch bei weiterer Entfaltung unseres Heidenthums vor dem Untergang schützt haben. Da das Volk sich derselben mehr gerettet hatte als irgend ein anderes Volk, so weit uns bis jetzt bekannt ist, so dürfen wir mit Recht voraussetzen, dass es ihnen auch ferner Treue bewiesen haben würde. Diese grosse Summe göttlicher Wahrheit aber weist gerade unserer deutschen einen Hauptrang an in der Reihe der Mythologieen der Völker; sie durchweht dieselbe mit einem Hauch von Grösse, Reinheit und Innigkeit, den wir in andern vergebens suchen, und zeigt uns unser Volk als gleichsam praedestinirt zu einem der ersten, ja zum vornehmsten Träger des Christenthums, der es viele Jahrhunderte hindurch blieb. Der deutschen Götterlehre war es nicht gegönnt, bis zur Blüthe fortzutreiben; sie war erst ein kleiner Stamm, als das Christenthum schon nahte und sie an der Wurzel abschnitt. Darum ist vieles in ihr, soweit sie uns bis jetzt vorliegt, noch rauh, ja selbst manches roh, aber ›das Rohe hat seine Einfachheit, das Rauhe seine Treuherzigkeit und ihr stehen noch frische Formeln, ungesuchter Schmuck zu Gebot, die wie mancherlei Kräuter in hohem Klimaten nicht mehr fortkommen.‹ Jenes Rohe war auch dem Heidenthum des Südens einst nicht fremd, es tritt in seinen schönsten Dichtungen noch zuweilen hervor; wie dort, so würde es sich auch bei uns später verloren haben. ›Von dem Rauhen aber wäre dennoch viel geblieben, wie auch in unserer Sprache etwas Rauhes, Unausgearbeitetes steckt, was sie nicht zu allem untüchtig macht, zu vielem befähigt.‹ Das Rohe und Rauhe schliesst das Schöne keineswegs aus, vielmehr ist dasselbe reich in unserer Mythologie vertreten, wie die nachfolgenden Blätter zeigen, und wir würden noch ungleich mehr des Schönen aufweisen können, läge sie uns schon vollständiger vor, wäre, was hier geboten wird, nicht erst das Ergebnis der Forschungen weniger Jahre und weniger, wenn auch grösstentheils der ausgezeichnetsten Männer. Wie könnte auch das Schöne einer Lehre mangeln, die im Ganzen einen so erhabenen Character hat, wie einem so edeln kernhaften Volk, dessen ernste Frömmigkeit und hohe Keuschheit, dessen Treue und Redlichkeit, Freigebigkeit und Gastfreundschaft, dessen auf der glühendsten Vaterlandsliebe fussende und selbst dem machtvollen Rom während Jahrhunderten furchtbare Tapferkeit an einem Tacitus einen so begeisterten Lobredner fanden? Mit so vielem Grossen, ja mit dem Grössten theilt aber unser Alterthum das Schicksal, dass es vielfach wenig anerkannt wird, weil es wenig gekannt ist, und es ist wenig gekannt, weil es unser Alterthum ist. Der classische Zopf hängt uns noch immer hinten, wir finden noch stets keine Zeit, uns mit unseren Volk und seiner Vergangenheit zu beschäftigen; Verein zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer in Mainz . Mittwoch den 23. Juny, Vortrag des Hrn. Dr. Noiré: Ueber die Gymnastik der Griechen; III. Theil . Bedeutung der Gymnastik im öffentlichen Leben. Spiele, insbesondere die Olympischen Wettspiele . (Mainzer Journal.) Frühere Sitzungen füllten Vorträge über Palermo , sicilianische Gebräuche und Feste u. a. Gibt es denn am ›deutschen Rhein ‹, gibt es in Mainz und seiner Umgebung nichts Deutsches mehr zu erforschen ? Ist das nicht ein mitleidswürdiges Armuthszeugnis für den Verein und seine Mitglieder? Freilich er steht damit nicht allein da. das germanisch-christliche Element steht uns zurück hinter dem classisch heidnischen, wobei wir aber nicht verfehlen, zu schwärmen und zu lärmen über das Thema: ›Was ist des Deutschen Vaterland?‹ Wir wollen ›Deutsche‹ sein und sind zu Haus am allerwenigsten zu Haus; wir wollen, dass der Baum unseres Volkslebens frisch und kräftig grüne und blühe und leiten sorgfältig die Quelle ab, welche an seinen Wurzeln springt, und sehen nicht ein, dass er dadurch zum dürren Birnbaum auf dem Walserfeld werden muss, dessen Wiedergrünen in ungewisse Ferne der Zeiten hinausgeschoben, wenn nicht unmöglich gemacht wird. So mussten wir den Völkern ein Spott werden, denn wir achteten und achten uns selbst nicht mehr in unsern Vätern und zerrissen die heiligsten Bande, die es für ein Volk gibt. Stolz durfte der Grieche seinen Homer lesen, er las seinen Dichter in seiner Sprache, seine Traditionen, seine Götter und Helden traten ihm da entgegen, verklärt vom Licht der Poesie. Dieses Interesse hat er für uns nicht, sondern ein einfach künstlerisches, wissenschaftliches, sprachliches, dessen Pflege gerne zugebend, wir aber fragen müssen: Wo sind die unter uns, welche mit gleich freudigem Stolz unsere grossen und herrlichen Epen lesen und sie verstehen? Wohl wissen unsere Gymnasiasten, wohl unsere sogenannten Gebildeten, was der Sänger der heidnischen Griechen sang, aber von unsern christlichen, deutschen Sängern erfahren sie kein Wort. Sie kennen alle die kleinlichen Leidenschaften, alle schmutzigen Liebesgeschichten der griechischen Götter, aber der deutschen Götter Namen wissen sie nicht einmal, geschweige denn, dass sie sich je an ihren erhabenen Gestalten erbaut hätten. Sie zählen alle Helden der Griechen an den Fingern her, aber dass es auch deutsche Helden gegeben haben könne, fällt ihnen im Traum nicht ein. Mit gerechtem Stolz durfte der Grieche durch seine Städte gehen und sich der edelsten Schöpfungen freuen, welche bis dahin menschliche Hände hervorgebracht hatten, denn er sah in den Kunstwerken Thaten seines Volkes, die in dessen innerstem Leben fussten, zu denen seine Geschichten den Künstler begeistert hatten. Aber wir, wir müssen uns schämen, wagen wir einen Gang durch unsere Städte und sehen wir unser armes Volk vor den griechischen Männern und Weibern stehn, die unsere Museen und Ausstellungen und öffentlichen Plätze füllen, und sich den Kopf zerbrechen, was das wohl für Gestalten sein mögen. Unser Volk wird fremd in seiner Heimath durch diese ans Fabelhafte streifende Wuth der Nachahmung, die unsere grössten Künstler, wie den ärmlichsten Stümper erfasst hat, die seinen in der vaterländischen heimischen Kunst durch die strebende Perpendiculare versinnbildlichten Aufschwung mit der classischen Horizontale abzuschneiden und niederzuhalten sich fortwährend bemüht. A. Reichensperger hat dies meisterhaft erörtert in seiner Schrift: Die christlich-germanische Baukunst und ihr Verhältnis zur Gegenwart. Trier bei Lintz 1851. Mit vollem Recht sagt derselbe auch in seiner am 20. Febr. d. J. in der zweiten Kammer zu Berlin gehaltenen Rede: ›Ich möchte wirklich fragen, in welchem Zusammenhange dieselben (die nackten und halbnackten Götter und Halbgötter an den neuen Bauten in Berlin) mit unserm Leben, mit unserm Glauben, mit unserer Geschichte stehen, ich möchte überhaupt wissen, wozu unsere Monumente mit so grossen Kosten geschmückt werden, wenn sie nicht an unser nationales Leben, an unsere Geschichte und an unsern Glauben anknüpfen und dadurch belehrend und erhebend auf uns wirken sollen? – Ich möchte doch wissen, was Berlin mit den Centauren und Lapithen, mit Kastor und Pollux gemein oder zu schaffen hat, dass man seine öffentlichen Monumente mit solchen Figuren zu schmücken sich veranlasst sieht? – Es könnte einem fast so vorkommen, als ob die Bauacademie an den Ufern des Ilissus und nicht an den Ufern der Spree aufgeführt wäre, wenn nicht die verschiedenen Gegenstände, womit sie ausgestattet ist, die Musen, Grazien, und wie sonst das heidnisch mythologische Personal heisst, so wie das, was als Studienmodell in den Sälen dient, aus Gyps, Papiermâché oder Zink gemacht wäre. Man kommt indess jedenfalls auf den Gedanken, dass es mehr auf eine athenische oder römische, als auf eine deutsche Bauacademie abgesehen gewesen sei.' Dasselbe gilt leider nicht von Berlin allein. Aber dieses unseres Volks und seines gesunden Urtheils achten wir in unserer Verbildung nicht, wir achten nicht auf seine Bedürfnisse, oder dichten ihm falsche an und binden dadurch selbst uns die verdiente Ruthe der Verachtung besserer Nachkommen. Davon kann uns nicht die Entschuldigung freisprechen, nach dem Schönen in seinem reinsten Ausdruck gestrebt zu haben, denn wir hängen nicht nur gleich den Griechen lediglich an der schönen Form, sondern verwenden sie, ungleich ihnen für uns freunde Ideen, wir hängen an dem Eiteln, dem Schein, und das Wesen gilt uns nichts; wir vergessen ganz, wo ›die starken Wurzeln unsrer Kraft‹ sind. Diese unsere Abkehr vom Volk, d. i. von unserm reinern Selbst, ist hauptsächlich Schuld, dass wir so wenig für unsere Vorzeit übrig haben, denn kännten wir dasselbe, dann würden wir auch ihr näher stehn, weil es deren treuerer Erbe und der Bewahrer ihrer Traditionen ist; ihre Tugenden, wie ihr Wissen und Streben leben in ihm fort, jene erhoben und gereinigt durch das Christenthum, dieses sich demselben still und heimlich anschmiegend. Wenn auch das Christenthum verheerend – wie es musste – über die heidnische Lehre hereinbrach, so konnte es doch das alte Götterwesen und was mit ihm zusammenhing nicht ganz austilgen; dies war durch Jahrhunderte hindurch in dem Volk und mit ihm emporgewachsen und dadurch allzu innig mit ihm verwachsen, als dass es so ganz aus seiner Seele zu verwischen gewesen wäre. Die Götter, aus der Oeffentlichkeit vertrieben, retteten ihr Dasein, verborgen unter den verschiedensten Gestalten. Das Volk übertrug ihre Mythen auf Christus, Maria, die Apostel und die Heiligen, es übte unter deren Namen zahlreiche alte Bräuche fort und wie sehr ernst sich auch die Kirche gegen vieles nicht gegen Alles, denn das Unschuldige, Reine duldete sie gern. erhob, ob sie fast in jeder Synode, in jedem Concilium, durch Predigt und Unterricht sie verdammte, es hielt daran fest und sie vererbten sich nach wie vor, von Geschlecht zu Geschlecht. Andere Göttermythen gingen auf dem Volk theure Könige und Helden über, wieder andere auf den Teufel, während diejenigen der halbgöttlichen Wesen, der Genien und v. a. sich klarer und ungetrübter fortpflanzten. So kam eine Masse von Heidenthum auf uns, so erzählen und üben wir selbst noch Altheidnisches ohne es zu wissen, wir wenigstens, die wir uns der Sage und des Märchens noch freuen, denn sie sind jene alten Mythen – wir, die wir ein Auge für das frischer fröhliche Leben und Weben des Volks in seinen Festen und Gebräuchen uns bewahrten, denn sie sind mit geringen Veränderungen noch die uraltgermanischen. Und diese Quelle ist nicht die einzige, ans der wir die Kenntnis unserer Vorzeit schöpfen; neben ihr springt die der schriftlichen Ueberlieferung, die, freilich oft unter dem Boden verschwindend, einen langen immer mehr genährten und stärkeren Bach bildet, der sich vom ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zu uns zieht. An seinem Ursprung steht Tacitus, der sorgfältige und genaue Berichterstatter dessen, was von Zügen gegen die Deutschen heimkehrende Römer und gefangene Deutsche in Rom über Germanien, seine Bewohner und deren Sitten erzählten. Ihm reihen sich andere griechische und römische Schriftsteller mit spärlicheren Nachrichten an. Die Apostel Deutschlands hätten uns natürlich das Meiste berichten können, doch sie hatten dazu bei den schweren Bekehrungsarbeiten weder Zeit noch Lust. Ihre Biographen geben uns dafür gelegentlich hingeworfene Andeutungen, die meistens von vielem Belang sind. Die spätern Zeiten bringen in den zahlreichen Sprachdenkmälern, in den Predigten, Concilienbeschlüssen, theologischen und philosophischen Abhandlungen, aus dem Volksmund geschöpften Heiligenleben, Chroniken, Sammlungen von Curiosis und Antiquitäten und zahllosen andern Werken, in welchen man dergleichen oft am wenigsten vermuthet, eine Menge von Trümmern des alten Baus, deren Aufsuchung allein noch lange Zeit erfordern wird. So sind wir denn nichts weniger als arm an Nachrichten über unser Alterthum, besonders wenn wir noch dazu nehmen, was uns über das Heidenthum des Nordens in den beiden Edden und zahlreichen Sagen überliefert ist. Uebrigens ist dies jedoch nur mit grosser Vorsicht zu benutzen. Die nordische Mythologie ist der unsern nur eng verwandt, nicht aber sind beide eins. In dem Norden begünstigte die geschlossenere Oertlichkeit das Heidenthum, so dass es dort weit mehr fortgeschritten, aber darum auch dem Verfall weit näher war, wie bei uns: wir treffen dort schon auf Zweifler an der Macht der Götter; auf echte Rationalisten, die nur auf eigene Kraft bauten und der Himmlischen spotteten, deren es in Deutschland schwerlich schon gab. Wir werden in der Folge die Namen der Hauptgottheiten, selbst viele ihrer Mythen in beiden Mythologieen übereinstimmend finden, aber damit ist nicht gesagt, dass Alles stimmte; es fand sich vielmehr schon weitgehende Verschiedenheit zwischen beiden und in einzelnem bei uns ungleich vollere und tiefere Entfaltung, als im Norden. Unsere Denkmäler sind ärmlicher, aber älter, sagt J. Grimm, die nordischen jünger und reiner. Diese Uebereinstimmung der nordischen und deutschen Mythologie allein würde schon genügen, das Bestehen der unsern zu sichern jenen gegenüber, die sie anfechten wollen, weil Cäsar gesagt hat, dass die Deutschen nur die Sonne, den Mond und den Vulcan anbeteten, und weil sich zahlreiche Berührungen zwischen unserer und der griechischen Mythologie finden. Dieselben Berührungen zeigt auch die Sprache und zwar nicht nur mit der griechischen und lateinischen, sondern auch mit der slavischen, finnischen und litthauischen, so wie mit der unserer westlichen Nachbarn, der Celten, aber darum wird Niemand das Deutsche von diesen Sprachen herleiten wollen. Solche Anklänge zeugen nur für die Urverwandtschaft dieser Völker, für die fernere oder nähere, je nachdem sie sich weniger oder mehr vorfinden; sie haben hohen Werth für uns und helfen, die Stelle wiedererkennen, welche mancher der zerstreut liegenden Steine unserer Götterlehre in dem alten Bau einnahm. Der Ton aber, der sie alle wach rief, tönt aus dem fernen Asien zu uns herüber, von der Wiege unseres Geschlechts, wie ausser Jacob Grimm besonders Adalbert Kuhn an vielen Beispielen gewiesen hat und ferner zu zeigen bemüht ist. Muss ich zwar für die folgenden Mittheilungen aus Jacob Grimms über allem Lob erhabenem Werk und den Arbeiten weniger andern die Genügsamkeit der Leser in Anspruch nehmen, dann hege ich doch die frohe Hoffnung, dass sie gerade in ihrer oft (und besonders in ihren ersten Abschnitten) grossen Lückenhaftigkeit den Wunsch und das Verlangen erwecken mögen, sie bald mehr vervollständigt zu sehen, dass sie wie ein edler Wein wirken mögen, dessen einige Tropfen nur unsere Zunge netzen und uns dadurch nach einem vollem Trank begierig machen. Thun sie das, wohlan, fast jeder ist im Stande, mitzuwirken, dass ein solcher einst geboten werden könne, wenn er nur die Hände regen, sammeln und mittheilen will, was sich in seinem Kreis im Volk noch findet, sei es an Sagen, Märchen, Gebräuchen, Beschwörungen, Aberglauben. Nur von einer solchen allgemeinen frischen und fröhlichen Thätigkeit dürfen wir hoffen, dass dem Beruf unserer Zeit, die sich als eine eigenst restaurirende immer mehr ankündigt, auch auf diesem Gebiet entsprochen werde, dass ›die Vergangenheit lebendig auf die Gegenwart zurückstrahlend‹ diese läutere und reinige. Gott, Götter ♦ Vgl. Jacob Grimms Mythol. pp. 12, 293 ff. . Das höchste allwaltende Wesen heisst in allen deutschen Zungen Gott . Fest und sicher steht der Name da, wie das Dasein des durch ihn Bezeichneten, er hat daher ebensowenig je den Artikel der eigentlich nur der dritten, abwesenden oder doch weniger sichern Person gebührt und darum auch im Vocativ wegfällt. bei sich, als alle anderen Namen, welche wir dem Herrn des Himmels und der Erde, dem Allgegenwärtigen, jedem überall Nahen beilegen. Wenn der Gothe von Gott als dem Vater alles Erschaffenen sprach, dann gebrauchte er den Artikel nicht, den er dem menschlichen »Vater« stets beilegte. Nie steht diese Bezeichnung bei dem gothischen fráuja oder dem althochdeutschen thruhtin (Herr), wie bei dem mittelhochdeutschen herre , dem altsächsischen hevancuning (Himmelskönig), heliand (Heiland) u. a. m., ebensowenig bei allen Namen anderer göttlicher Wesen. Eine heilige Scheu vor dem erhabensten aller Wesen war unserm Alterthum eigen. Wie der Jude den Namen Jehovahs nie ausspricht, aus Furcht, ihn zu entweihen, so mied auch unser Heidenthum schon, die Namen seiner Götter zu oft oder bei nicht feierlicher Gelegenheit zu nennen und suchte statt dessen bezeichnende Umschreibungen auf. Diese fromme Scheu waltet noch in dem Volke, welches in Flüchen und Ausrufungen stets eine Veränderung mit dem heiligen Namen vornimmt. Potz Wetter, potz tausend steht statt Gottes Wetter, Gottes tausend, wie das französische morbleu statt mort Dieu u. a. m. Sie beruhte auf der innigsten Verbindung, dem lebendigsten Gefühl der Nähe und der herzlichsten Liebe zur Gottheit, und darin war das Alterthum den Meisten von uns so weit voraus, dass wir Christen oft vor jenen Heiden billig erröthen sollten. Die mannigfaltigen hierher gehörigen schönen Formeln unseres Mittelalters reichen nämlich ohne jeden Zweifel weit in die heidnische Zeit hinauf; sie finden sich wie von selbst da, wo jene Gefühle, in denen sie gründen, noch in voller Frische vorhanden sind. Welche innige Frömmigkeit spricht z. B. aus dem Grusse, womit man den Ankommenden empfing: Sei Gott und mir willkommen! Du sollst herzlich willkommen sein dem reichen Gott und mir! der sich in dem oberdeutschen Gottwillkommen! noch erhielt. Den gleichen schönen Wunsch gib man dem Scheidenden als letzten Gruss mit: Gott geleite, segne, behüte dich! Gott befohlen! Fester konnte man das Wissen einer Sache nicht versichern, als indem man betheuerte: Das weiss Gott und ich! bitterer konnte man nicht klagen, als indem man Gott und den Menschen klagte. Was Niemand weiss, das weiss Gott; so heisst es im Nibelungenlied: Den Schatz weiss nun niemand, als Gott und ich. Was Niemand hört, das hört er, darum heisst es im Eckenlied: Hier hört uns Niemand als Gott und die Waldvöglein. Bei aller Erhabenheit der Auffassung der Gottheit, welche aus diesen Zügen spricht, war die Gottheit der Heiden jedoch nicht von Ewigkeit und für die Ewigkeit; sie war in der Zeit entstanden und hatte nur zeitliche Dauer. Von Menschen gebildet oder vielmehr menschlich umgebildet, konnte sie nur nach dem Bilde des Menschen gerathen. Aller Urwahrheit entbehrte sie und mit derselben verlor sie zugleich allen festen Halt. Sie konnte darum die ursprüngliche Einheit nicht bewahren, sondern spaltete sich, indem ihre verschiedenen Eigenschaften nach und nach als selbständige Persönlichkeiten neben sie traten. So gestaltete sich die Vielgötterei, die in ihrer üppigen Entfaltung bei den meisten Völkern mit der Zeit fast jede Spur der ursprünglichen Gotteinheit verwischte. Weniger war dies bei den Deutschen der Fall, unter denen sich die alte reinere Ansicht klarer, als bei irgend einem andern Volke nachweisen lässt. Ihr Wuotan ist noch der alte geistige Gott, er vereinigt die Eigenschaften aller übrigen Götter in sich, und diese sind gewissermassen nur als seine Ausflüsse, Verjüngungen und Erfrischungen zu betrachten. Er ist der Alldurchdringende und die andern Götter erscheinen, wie wir bald erkennen werden, fast nur als Vollstrecker seines Willens. Er ordnet Sieg, Krieg und Frieden, Zio ist mehr der tobende, wüthende Kriegsgott; Wuotan ist, wie J. Grimm neulich sehr schön nachwies, der Gott der sehnenden Liebe, Fro aber der fruchtbaren Ehen; er sendet dem Landmann wie dem Krieger schönes Wetter, Donar spendet den Regen und reinigt die Luft durch Wetter und Donner, Wuotan ist kurz nur geistig thätig, die andern sind es handelnd, materiell in die Leitung der Dinge eingreifend. Allen Völkern gemein ist eine Götterdreiheit, deren Ursprung in der Ahnung der Trinitätslehre ♦ Denn in der ersten Offenbarung lag die zweite durch Christus eingeschlossen, wenn auch noch unenthüllt, wie die ganze Rose in der Rosenknospe enthalten ist mit allen Blättern und Staubfäden. Dieser consensus gentium ist nicht das geringste Zeugnis für die Lehre von der Dreieinigkeit. zu suchen ist. In diese Dreiheit spaltete sich der ursprüngliche eine Gott auch bei den Deutschen, aus der Dreiheit ging die Entfaltung weiter in die Zwölfzahl. Diese letztere können wir in Deutschland noch nicht nachweisen, wohl aber im Norden. Sie war auch den Griechen bekannt, doch ist die nordische Dodecalogie eine ganz andere, wie die griechische. Die letztere besteht nur aus sechs Göttern und sechs Göttinnen, während der Norden zwölf Götter oder Asen und zwölf Asinnen zählt, einigemal finden wir selbst zwölf Götter neben dem obersten Gott genannt, so dass dieser der dreizehnte ist. Wir haben bis jetzt nur Bruchstücke dieser geschlossenen Zwölfzahl in Deutschland wieder aufgefunden, nur einzelne Götter und Göttinnen, doch dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben, sie einst alle wieder zu Tage zu fördern. Ausser diesen Hauptgöttern gibt es im deutschen Heidenthum, wie in dem Glauben aller heidnischen Völker, eine Menge von halbgöttlichen und andern Wesen höherer Art, als der Mensch. Sie sind entweder göttlichem Blut entsprossen und dadurch mit höhern Gaben ausgerüstet als der Mensch, oder sie sind dies als Diener und Boten der Gottheit, oder aber Personificationen geheimnissvoll waltender Naturkräfte untergeordneterer Art. So haben wir denn Helden, weise Frauen, Wichtel und Elben u. v. a. Göttlich gedachte Elemente und Geräthe sind durchgängig nichts, als die anders gefassten Hauptgötter. Die Auffassung der Gottheit in rein menschlicher Weise litt es nicht, die männliche einsam in ihrer göttlichen Wohnung zu lassen, sie wählte sich eine Gemahlin aus den Erschaffenen und damit begann jene Vielgötterei, nämlich die Zeugung neuer Götter, der bald wieder andere Vermählungen und andere Zeugungen folgten. Damit traten die Götter ganz in menschliche Verhältnisse ein, die sich nur darin von den irdischen unterscheiden, dass für die Eigenschaften und Zustände der Götter ein höheres Maas gilt, als das menschliche, dass ihre Vorzüge vollkommener und anhaltender, ihre Uebel aber geringer und flüchtiger sind. So sind sie zwar gleich dem Menschen dem Tode unterworfen, doch reicht ihr Lebensziel weit über das menschliche hinaus. Sie altern, obgleich ihr Aussehen durchgängig ein jugendliches scheint; Wuotan, der erste und oberste der Götter, erscheint nicht selten als Greis. Des ewigen Lebens Quelle springt nicht in ihnen, sondern ausserhalb ihres Wesens und wenn sie sich nicht an ihr nähren, so tritt das Alter mit seinem ganzen Gefolge ein, ihre Haare bleichen, ihre Züge furchen sich. Eine eigentliche Kindheit haben die Götter nicht, sie wachsen rasch heran und es wächst ihre Kraft mit ihrer Gestalt ins Riesenhafte, nicht aber Unschöne. Schönheit scheint vielmehr allen eigen und wird von vielen besonders gerühmt: so ist der Donnerer ein schöner Jüngling, Balder kann nur schön gedacht sein, selbst Allvater war schön, wenn er in voller Waffenherrlichkeit dastand. Der Gang der Götter, ihr Schritt ist mächtig und schnell, daher ihr Erscheinen wie ihr Verschwinden plötzlich. Doch ruht wiederum die fortbewegende Kraft nicht in ihnen, sie haftet an äussern Dingen, ohne die sie vielleicht kaum mächtiger sind, als die Menschen. So reiten alle Götter, der Donnerer ausgenommen, der nur fährt; auch Wuotan und Fro, so wie mehre Göttinnen erscheinen auf Wagen, eine der letztern fährt auf einem Schiffe, wogegen Freyja (Frouwa) neben ihrem Wagen mit dem Katzengespann noch gleich ihrem Bruder Freyr (Fro) einen goldborstigen Eber besitzt, auf dem sie reitend erscheint. Ritt und Fahrt aber erfolgen gleich dem Gange der Götter rasch und heftig und haben meistens freudige und segensreiche Naturerfolge im Geleit. ♦ Die Wanderungen der Götter auf Erden übertrug das Volk später auf Jesus und den h. Petrus, oder auch die zwölf Apostel, denen wir so in zahlreichen Märchen begegnen. Die Göttinnen werden zwar sonst häufig durch die h. Jungfrau ersetzt, aber nie wenn sie unter den Menschen umziehen ; sie behalten da stets ihre alten Namen. Gleich den Griechen legten die Deutschen ihren Göttern eine eigene Sprache bei; die Götter kannten zuerst auch die Schrift und lehrten sie den Menschen. Jagd und Kriegslust so wie die Freuden des Mahles theilen die Götter, die friedlichen Geschäfte des Landbaus wie die Arbeiten des Hauses die Göttinnen mit den Menschen und darin werden sie derselben Lehrerinnen, wie denn überhaupt die Götter die eigentlichen Erzieher des Menschengeschlechtes sind. Freudig verlassen sie dazu ihre schönen himmlischen Wohnsitze und weilen unter den Sterblichen, die ihre Ankunft und Nähe, welche meistens zu festgesetzter Zeit erfolgt mit Jubel und Festen begehen. Aber sie bergen sich auch oft in unscheinbares Gewand und unansehnliche Gestalt und wandern also umher, die Menschen zu prüfen und wahrgenommene Frevel zu bestrafen. Bald ist dies ein einzelner Gott, bald sind es zwei und drei; die Göttinnen erscheinen stets nur einzeln. Mitunter sind sie auch unsichtbar dem Menschen nahe, der ihre schützende oder rettende Nähe jedoch lebhaft empfindet. Stets aber ist die Dauer ihres Verweilens nur eine kurze: sie kehren höchstens Abends ein und wandern Morgens weiter. Nie ist ihre Menschwerdung eine länger dauernde und dadurch höheres Heil der Menschen begründende, wie bei den asiatischen Völkern, welche die Menschwerdung des Wortes tief und lange ahnten, bevor sie sich vollendete. Gottesdienst. ♦ Vgl. Myth. p. 26. Der als allwaltend und machtvoll erkannten Gottheit sucht der Mensch seine Verehrung zu beweisen, er trachtet sie sich geneigt zu machen. Diese Verbindung zwischen ihr und ihm geschieht durch das einfache oder das mit Gaben begleitete Gebet. Es ist dem Menschen Bedürfnis, bei dem Gebete die Stimmung seines Innern auch durch äusserliche Zeichen kund zu geben. Der zu der Gottheit erhobene Sinn führt fast unwillkührlich auch das Auge, die Arme und Hände zu ihr empor, das vor ihr sich wahrhaft demüthigende Herz lässt ihn nicht stolz aufrecht vor ihr stehen, sondern drückt ihn nieder auf die Kniee das Gefühl ihrer heiligen Nähe gibt seinen Zügen einen ernstern Ausdruck und duldet nicht, dass das Haupt bedeckt bleibe; so finden wir ihn wie innerlich, so auch äusserlich sich ganz und gar in ihre Gewalt hingebend. Fast allen Völkern sind diese Ausdrücke der Ehrfurcht und Unterwürfigkeit beim Gebete eigen und wir dürfen sie mit Sicherheit auch für unsere Vorzeit annehmen. Das von einer Gabe begleitete Gebet nennen wir mit einem durch das Christenthum erst eingeführten Namen Opfer, von offerre , darbringen, der ältere Ausdruck dafür ist goth. blôtan , althochd. pluozan , opfern; pluostar ist Opfer, jedoch machte er gleich mehren andern frühe dem christlichen Platz. Der Anlass zum Opfer konnte ein doppelter sein, man wollte entweder den Göttern für ihre Wohlthaten danken und ihnen einen Theil des von ihnen gespendeten zum Zeichen des Dankes weihen, oder man glaubte sie erzürnt und suchte sie durch eine, mit der Abbitte der Vergehung, durch die man ihren Zorn erregt meinte, verbundene Gabe zu versöhnen. Bei dem Mahle hielt das fromme Alterthum schon es für Unrecht, ohne Dank gegen die Gottheit zu geniessen, bei der Ernte nahm der Mensch nicht Alles für sich; das erlegte Wild, die Vermehrung seiner Heerden betrachtete er als ihr Geschenk, und dankte ihr opfernd dafür. Er fühlte in all diesem Segen Beweise ihrer Huld und Gnade, in der Entziehung desselben sah er Zeichen ihres Zornes und beeilte sich, denselben durch Opfer abzuwenden, sie sich von neuem geneigt zu machen. Sobald anhaltende Dürre, Miswachs und daraus folgende Hungersnoth eintrat, Seuchen unter den Menschen oder dem Vieh wütheten, oder andere Unglücksfälle hereinbrachen, vereinigte sich das Volk und flehte betend und opfernd um Gnade und Rückkehr der alten Huld. Weil die Götter die Güte meistens vorwalten lassen und seltner zürnend dies durch Strafen, wie die angedeuteten sind, kundgeben, so waren die Dankopfer die frühesten und häufigsten, und weil die Beweise jener Güte sich täglich oder jährlich aufs neue offenbaren, so wurden sie mit der Zeit stehend und gingen in regelmässig wiederkehrende Feste über. Sie haben alle einen heitern Anstrich, der noch dadurch gewinnt, dass die dargebrachten Gaben meistens dem Pflanzenreich gehören. Ernst dagegen ist das Sühnopfer ; zu ihm genügten jene schuldlosen Gaben nicht, bei ihm musste Theureres dargebracht werden, es musste ein Leben entströmen, Blut fliessen; das schien stärker bindende und sühnende Gewalt auszuüben. Je wichtiger der Anlass zum Opfer, je grösser der Zorn der Götter war, um so kostbarer musste der zur Sühne dargebrachte Opfergegenstand sein. Aller Opfer höchstes war das Menschenopfer ; in ihm begegnen sich alle alten Völker. Menschen bluteten bei den Deutschen nur den erhabensten Göttern. Man nahm dazu fast durchgängig Männer und zwar Kriegsgefangene, Sklaven oder schwere Verbrecher; nur einmal wird eines Opfers von Frauen und Kindern gedacht. Wie man den Erstling des Viehes den Göttern schlachtete, so auch den Erstling der gefangenen Feinde, die gleichsam den Gewinn, die Ernte des Krieges ausmachten. Bei schweren Unglücksfällen sanken aber selbst Königssöhne und Könige, wie die Schweden einmal bei einer grossen Hungersnoth ihren König Dômaldi opferten. Der König war der theuerste Mann des Volkes, sein Name wird selbst oft von der Gottheit genommen; da er der Herr auf Erden ist, wie jene im Himmel herrschend waltet. Seine hohe Würde legt ihm gleich hohe Pflichten auf und das Alterthum hielt dafür, dass deren Verletzung von den Göttern an dem Volke gerächt werde; darum musste er bei allgemeiner Noth als Sühne bluten, denn er galt als der Schuldige, der die Noth herbeigeführt habe. Zwar waren auch Thieropfer von sühnender Kraft, doch wurden sie zumeist als Dankopfer dargebracht, so der Erstling der Heerde als Dank für den Segen des Stalles, so das ersterlegte Wild als Dank für den Segen der Jagd u. s. w. Sie bestanden wiederum nur aus männlichen Thieren und zwar aus solchen, deren Fleisch geniesbar war, denn man hielt es für unschicklich, der Gottheit eine Speise zu bieten, welche der Opfernde selbst verschmäht hätte, Wie das Gebet eine geistige Vereinigung mit Gott ist, so vereinigte man sich auch beim Opfer mit den Göttern bei demselben Mahl: der Gottheit wurde ein bestimmtes Stück, meistens das Haupt des geschlachteten Thieres dargebracht, das Uebrige in der Versamlung verzehrt. Das vornehmste unter den Thieropfern war das Pferdeopfer , denn von allen Thieren war dem deutschen Heiden keins werther, galt ihm keins für edler und heiliger als das Pferd, das von fast allen Göttern gerittene, des Helden treuester Gefährte in Kampf und Schlacht. Vor der Einführung des Christenthums war der Genuss des Pferdefleisches allgemein verbreitet, die Bekehrer erst schafften denselben als heidnischen Gebrauch ab. Daher der schon frühe vorkommende Schimpfname Pferdefresser für Heiden, der noch heute in Belgien auf Zauberer angewandt wird, wie man denn auch den Hexen den Genuss des Pferdefleisches zur Last legt. Der Gottheit wurde das Haupt des Rosses geweiht und zwar befestigte man dasselbe auf Stämmen von Bäumen heiliger Wälder. So opferten die Deutschen nachdem sie den Varus besiegt hatten, die in der Schlacht erbeuteten Rosse, deren Köpfe später Caecina fand, als er sich der Wahlstatt nahte. ♦ In Friedberg wurde, wie mir Phil. Dieffenbach mittheilt, das schönste Ross aus der Kriegsbeute verkauft und das dafür gelöste Geld der S. Georgskirche verehrt. Da S. Georg vielfach an die Stelle des alten Wuotan gesetzt wurde, so bedeutet der Gebrauch nichts anderes, als dass man dort oder in der Gegend ehemals das Ross diesem Gott, welcher der Schlacht vorstand weihte. Nächst diesem war das Opfer von Rindern das bedeutendste, wie z. B. im Norden nach feierlichem Zweikampf der Sieger einen Stier mit den Waffen opferte, mit denen er den Gegner erlegt hatte. Eber und Ferkel bluteten wahrscheinlich dem Fro, andern Gottheiten Widder und Bock , von Vögeln der Hahn . Wie das Geschlecht bei den Opferthieren in Anschlag kam, so auch die Farbe. Das Fleisch männlicher Thiere ist stets kräftiger und besser, als das weiblicher, aber auch das Aeussere des Thieres durfte keinen Makel haben; das Thier musste rein sein und dazu stimmte die weisse Farbe, bei der jeder, auch der kleinste Flecken sofort sichtbar wird, am besten. Ferner durfte das Thier noch nicht zu menschlichem Gebrauche gedient haben, es musste der Gottheit gleichsam von Geburt auf geweiht gewesen sein. Das so gewählte Thier wurde alsdann bekränzt und geschmückt, im Kreise der Volksversamlung herumgeführt und auf dem Opferstein geschlachtet. Wer Gelegenheit hat, solche Steine zu untersuchen, wird durchgängig auf ihnen eine Rinne finden, die zu einer kleinen Vertiefung oder auch auf die Erde führt; in jener oder auch in einem untergestellten Kessel wurde das herabrinnende Blut des Opferthieres aufgefangen, womit man die heiligen Geräthe und Tische bestrich und die Theilnehmer am Opfer besprengte. Vielleicht wurde auch aus dem Blut und den Eingeweiden des Thieres geweissagt und ein Theil des erstern unter Bier oder Meth gemischt und getrunken. Nachdem das Haupt und wahrscheinlich auch andere edlere Theile, wie Zunge, Herz und Leber dargebracht waren, wurde das Fleisch in grosse Kessel geworfen und gekocht, nie gebraten. War es geniesbar, dann vertheilte der Priester es unter das Volk, welches, besonders an grössern Festen dasselbe gemeinschaftlich verzehrte. Die Bekehrer änderten diese alten Opfergebräuche kaum merklich um; sie liessen an den Festtagen Christi, der Heiligen und Märtyrer das Volk sich in altgewohnter Weise um die alte Cultusstätte versammeln, an der nur das Kreuz die Stelle des ehemaligen Gottes einnahm, und liessen es dort (wie das vordem wohl auch Sitte gewesen war) Hütten aus Laubwerk bauen. Dann begannen sie die Predigt vom Besieger der alten Götter, dem Heiland, ihr folgte die feierliche Messe und dieser schloss sich das alte Opfermahl als ein gemeinsames Gastmahl an, wobei Gott für diese und alle andern Gaben gedankt und Sein Lob erhoben wurde. So blieben alle Aeusserlichkeiten gewahrt, der alten Form wurde nur ein neuer Geist eingegossen, und also neu beseelt konnte sie sich noch lange forterhalten. ♦ Das Christenthum nahm das Schöne und Gute in sich auf, wo es dasselbe fand, denn es betrachtete dasselbe mit Recht als auf dem Boden oder unter dem nachwirkenden Einfluss der ersten Offenbarung gediehen; darum konnte es auch durch diese Aufnahme nicht alterirt werden. Wir begegnen in der That diesen so umgewandelten Opfermahlen noch heut zu Tage an vielen Orten, so u. a. auf dem Michaelsberg in der Eifel, einem alten Wodansberg, auf dem sich am Tage des heil. Erzengels das Volk in laubgeschmückten Zelten versammelt, und nach dem feierlichen Gottesdienst die in ungeheuern Kesseln gekochten Würste verzehrt. Von Brennopfern und Rauchopfern findet sich in Deutschland keine Spur. Neben diesem grossen, blutigen Thieropfer gab es wie bereits bemerkt wurde, in unserm Alterthum noch das schönere, obgleich ärmlichere Fruchtopfer . Jenes ist erhabener, ernster, feierlicher, dieses lieblicher, stiller und heiterer; jenes findet unter Theilnahme des ganzen Volkes oder Stammes statt, dieses feiert mehr der einzelne Mensch, die Familie. So lässt der Landmann nach gehaltener Ernte der Gottheit, welche den Acker gesegnet, eine Garbe stehen und schmückt sie mit Bändern; er lässt ihr beim Einsammeln des Obstes einige Aepfel auf dem Baume, damit sie im folgenden Jahre gleiche Fruchtbarkeit verleihe. Die Altäre und Bilder der Götter schmückte man mit Gewinden von Laub und Blumen, an ihren heiligen Bäumen hing man Blumenkränze auf und warf Kränze und Sträusse in die heilige Fluth. Diese Opfer erhielten sich leichter als die Thieropfer, weil sie eben unschuldiger waren und bis auf diesen Tag begegnen wir ihnen fast überall. Bisher besprachen wir fast ausschliesslich Opfer, mit denen ein Mahl zusammenhing, die ein Mahl zur Folge hatten, aber jedes Mahl, welches der Mensch genoss, hatte auch wieder ein Opfer zur Folge: nicht nur an jenen grossen Festmahlen liess man die Götter Theil nehmen, von jedem Mahle wurde ihnen oder ihren Dienern ein Theil der Speise zurückgestellt als ein Zeichen des Dankes für die genossene Speise, wie wir durch das Gebet vor und nach dem Essen dem Geber alles Guten unserer Dank darbringen. Aber nicht nur von der Speise, auch von dem Tranke brachte man ihnen dar, oder feierte wenigstens ihr Gedächtnis, indem man einen Becher zu ihrer Ehre leerte. Von dem gothischen man , ich denke, gaman , ich gedenke leitet sich das althochdeutsche minna , Liebe und minnôn lieben, des Geliebten gedenken ab; im Nordischen hiess minni Gedächtnis, minna gedenken. Daher kommt, dass man den zum Gedächtnis der Götter, oder auch Verstorbener oder Abwesender getrunkenen Becher minni nannte. Dieser Minnetrunk ging später auf Christus und die Heiligen über, und wie man einst der Götter Minne, d. h. der Götter Gedächtnis getrunken hatte, so trank man jetzt Christi Minne, Martins Minne, Michaels Minne u. s. w. Vorzüglich galt dieser Becher den obersten, höchsten Gottheiten, doch verschwand er bald im Lauf der Zeiten, wenigstens wurde er auf zwei Heilige beschränkt, auf die hh. Johannes den Evangelisten und Gerdrut, deren Minne besonders Scheidende und Reisende tranken. Jener passte besonders dazu, weil man ihn stets mit einem Kelch in der Hand abbildete, denn ihm wurde, wie die Legende meldet, Wein angeboten, der sich, als er den Segen darüber sprach, als vergiftet erwies. Zudem ist er vorzugsweise der Jünger der Liebe und da das alte Minna schon frühe diese Nebenbedeutung entwickelte, so fügte sich die Uebertragung um so leichter. Die h. Gerdrut aber trank einem Ritter S. Johannis Minne zu und rettete ihn dadurch vor dem Bösen. Immer noch weiht die Kirche am Tage des Jüngers, »den Jesus am liebsten hatte«, Wein und reicht ihn den Gläubigen mit der Mahnung, ihm in der Liebe zu Gott und dem Nächsten nachzufolgen. Noch einer Sitte ist zu gedenken, die auch zu den Opfern zu rechnen ist. Wenn man hohe Feste der Götter feierte, liebte man es dem zu backenden Teig die Gestalt eines Götterbildes oder eines göttlichen Symbols zu geben. So buk man im Norden beim Julfest Kuchen in Ebergestalt und unsere gebackenen Pferde, Hirsche, Kreppel und anderes ähnliches Backwerk sind Ueberreste ans uraltheidnischer Zeit. Wahrscheinlich ersetzten sie das Thieropfer und wurde ein oder mehrere Stücke solcher Kuchen den Göttern dargebracht, während die Familie das Uebrige genoss. Heilige Cultusstätten, Götterbilder. ♦ Myth. p. 57. 93 ff. Der Mensch will nicht nur für sich eine feste Stätte, ein eigenes Haus, er baut oder weiht gerne auch der Gottheit eine solche, da fühlt er ihre Gegenwart lebendiger, die Heiligkeit des Ortes erhebt seine Seele zu grösserer Innigkeit und Wärme, sie schenkt seiner Andacht mächtigere Flügel. Bei allen Völkern finden wir von jeher feste heilige Stätten, an denen man die Götter wohnend dachte, wo man sich zu Gebet und zur Darbringung von Opfern versammelte, wo die Weissagungen vorzugsweise stattfanden. Die ältesten dieser heiligen Orte waren unserm Alterthum Wälder . Der Gothe nannte ein solches Heiligthum alah , der Deutsche vih, haruc, paro , alles Wörter, deren Begriff später zwischen Wald, Tempel, Heiligthum, Gottheit, Götterbild schwankte, ursprünglich jedoch jedenfalls nur unser Hain oder Wald war. Man theilte ein Stück des Waldes ab, welches sich durch uralte Bäume, durch den heiligen Schauer, welchen sein Character erweckte, auszeichnete, friedigte es ein und weihte es der Gottheit zu bleibendem Eigenthum und beständigem Wohnsitz. Da verweilte sie jetzt zwar unsichtbar, aber ihre Nähe durch die feierliche Stille, die tiefen Schatten und geheimnisvolles Rauschen der Baumwipfel ankündigend. Erhoben wurde diese Heiligkeit der Stätte noch, wenn sie dem Himmel näher, wenn dieselbe auf einem Berge lag, höher als die Wohnsitze der Menschen, durch die Lage schon abgesondert von ihnen und frei, wie der Sinn des Volkes. Denn wie Anfangs der Mensch kein schützendes Haus besass, so konnte er sich noch weniger denken, dass die Götter ein solches wollten. Dem Menschen schon wurde es in abgeschlossenem Raum enge, die eingesperrte Luft lastete drückend auf seiner Brust: wie viel mehr musste seinem Gefühle nach dies mit der Gottheit der Fall sein, der in riesigen Formen gedachten, allgewaltigen und allwaltenden. In dem heiligen Walde war das eigentliche Heiligthum der Gottheit besonders abgetheilt. In jenem versammelte sich das Volk, da wurde das Gericht gehalten, ihn durfte jeder betreten (keiner aber ihn verletzen oder ein Wild dort erlegen), dem innern Heiligthum jedoch durfte man nur mit grosser Ehrfurcht nahen. Da stand der Opferaltar, da wurde der heilige mit Tüchern verhüllte Wagen verwahrt, auf dem die Gottheit jährlich ihren Umzug hielt, da waren die geopferten Thierhäupter aufgehängt, da hing man den Göttern einen Theil der Kriegsbeute auf. Nur der Priester durfte diesen heiligen Ort frei betreten, jeder andere nahte ihm gefesselt, zum Zeichen der Unterwürfigkeit und Dienstbarkeit; fiel er, dann durfte er sich nicht wieder erheben, sondern wurde auf der Erde hinausgewälzt. Dahin liessen sich auch Sterbende tragen, um entweder Heilung zu erlangen, oder den Göttern nahe zu sterben und so nach dem Tode rascher in ihre Gemeinschaft zu kommen. In diesem innersten Heiligthum war es wieder ein Baum , der durch sein Alterthum, durch seine besonders laubige Krone oder anderes ausgezeichnet der Gottheit vorzüglich geweiht war; oft auch waren es drei, vier oder sieben solcher Bäume, woher die Namen des Dreieich, der belgischen Viereichen und Siebeneichen sich schreiben, denn die Eichen galten als besonders heilige Bäume. Oft standen solche Bäume nicht in Wäldern, sondern frei und dann war wohl nur ein kleiner Raum um sie herum eingefriedigt und galt als heilig. Ein solcher Baum war u. a. die wunderbar grosse Donnereiche, welche der heil. Bonifacius bei Geismar fällte und die in vier Theile zerrissen hinstürzte; aus ihrem Holze baute er, dem neuen Heiligthum seine alte Bedeutung zu lassen, dem heil. Petrus eine Kapelle. Noch dauern Reste dieses Cultus unter uns fort; so heissen die schönsten und laubigsten Eichen in Hessen Hergottseichen, so hängt man vielfach noch Pferdehäupter an Haus und Stall auf, um Schaden durch Zauberei abzuwenden und noch im späten Mittelalter galten Träume unter gewissen Eichen für besonders bedeutsam. Neben diesen freien Heiligthümern gab es jedoch in frühester Zeit schon Tempel für einzelne Gottheiten. Sie entstanden, sobald das Volk selbst sich bestimmtere Wohnsitze wählte und anfing, feste Wohnungen zu gründen, denn dem Heidenthum war der Gott in allen Verhältnissen dem Menschen gleich. Schon die durch Tacitus uns bekannte Mutter Erde hatte in ihrem heiligen Hain ihren Tempel, einen andern sehr berühmten besass im Jahr 14 n. Chr. die Göttin Tanfana, welche unter den Marsen in hoher Verehrung stand, der heil. Gallus zündete einen Tempel in Cöln an. Anfangs waren diese Tempel nur sehr dürftig, einfache Häuschen oder Hütten aus Holz und Zweigen unter dem heiligen Baum oder um denselben herum aufgeführt, aber auch später mögen sie nicht besonders künstlich gewesen sein. Man nannte sie hof, halla, sal, pëtahûs (Bethaus). Erhalten sind uns keine, theils, weil sie meistens aus Holz erbaut waren, theils auch, weil man die schöner und fester errichteten spätern Bauten zu christlichen Kirchen umschuf, die wieder im Lauf der Jahrhunderte vielfache Umbauten und Veränderungen erlitten. Der Norden war in Tempelbauten Deutschland weit voran und besass solcher Bauwerke eben so viele als kostbar geschmückte, selbst ganz mit Gold verzierte; doch sind auch sie spurlos untergegangen. Wie die alten Deutschen nach Tacitus Bericht der Erhabenheit der Götter zu nahe zu treten glaubten, wenn sie ihnen Tempel errichteten, so hielten sie es auch für ihrer unwürdig, ihre Gestalt bildlich darzustellen. Sie hatten nur Symbole , welche bei feierlichen Gelegenheiten umgetragen wurden. Später jedoch, als die Kunstfertigkeit zunahm, da wuchs auch der Drang, die Gottheit, die man bisher nur glaubend schaute, im Bilde zu schauen und so entstanden die Götterbilder . Anfangs setzte man sie wohl, wie die Preussen es thaten, in die Krone heiliger Bäume und verhüllte sie mit Tüchern, als die Tempel aber entstanden, brachte man sie in dieselben hinein. Die ersten dieser Bilder waren aus Holz roh geschnitzt, später machte man solche aus Stein und endlich selbst aus Metall. In dem Tempel, den der heil. Gallus bei Bregenz am Bodensee zerstörte, fand er drei solcher Götterbilder, welche vergoldet waren, der Wand eingemauert und mit Opfern geehrt; er riss sie heraus, zerschlug sie vor den Augen des Volkes sind warf sie in den Bodensee. Wie die heiligen Symbole, so trug man bei den Festen der Götter auch ihre Bilder umher, besonders durch die Felder, denn man glaubte, dass die Nähe des Gottes der Saat Gedeihen bringen werde. Feierlicher als dies Umtragen war die festliche Umfahrt in dem Wagen der Gottheit, welchen man nur zu diesem Gebrauch in den heiligen Hainen bewahrte. Diese Wagen waren entweder offen, so dass Jedermann das Bild der Gottheit sehen konnte, wie der Wagen des Freyr im Norden, oder sie waren mit Tüchern verhüllt und nur dem Priester nahbar, wie der Wagen der Nerthus. Zu den Götterbildern sind auch jene berühmten Irmanseulen zu zählen, deren eine Carl der Grosse unweit Heresburg in Westphalen zerstörte, wo einer der Hauptsitze des Heidenthums bei den Sachsen war. Es war eine riesige Seule, die ein Götterbild trug, wahrscheinlich eins des Donar. Wenige dieser Götterbilder sind auf uns gekommen, wenigstens kennen wir ihrer kaum ein paar, die sich dadurch erhielten, dass sie aus dem alten Tempel entfernt dem neuen christlichen Tempel aussen eingemauert wurden. Priester und Priesterinnen. ♦ Myth. p. 78 ff. Es war bereits mehremale von deutschen Priestern die Rede. Dass diese weder Barden noch Druiden waren oder hiessen, wie wir noch immer so oft lesen müssen, sollte endlich klar werden; jene gehörten als Sänger dem Norden, diese waren die Priester der Gallier. Der deutsche Priester hiess mit einem schönen Namen êwart, êwarto d. h. der Pfleger und Hüter, der Wart des Gesetzes, denn êwa, êa ist Gesetz. Dies Gesetz haben wir hier im ausgedehntesten Sinn des Wortes zu verstehen, es ist das göttliche wie das menschliche Gesetz gemeint, denn beide waren einst genau verbunden und gleich heilig. Den Burgunden hiess er sinisto , d. i. presbyter , der Aeltere, Angesehene; es beruhte dies Ansehen nicht nur auf Alter und Würde, sondern auch auf der Abkunft, denn Priesterstand und Adel standen in inniger Verbindung. Später erst mit dem Christenthum drangen die fremden Namen Priester, Pfaffe und Bischof ( presbyter, papa, episcopus ) ein. Es liegt also schon im Namen des altdeutschen Priesters, dass er sowohl des Gottesdienstes als des Gerichtes zu warten hatte. In den Heerzügen sah das Alterthum eine durch die Gegenwart der Gottheit und deren Einwirkung geheiligte, den Göttern besonders angenehme Handlung, eine Art von Gottesdienst. Die Priester holten vor der Schlacht die Bilder und Symbole der Götter aus den heiligen Hainen und trugen sie mit in den Kampf. Wohl leitete der Feldherr die Schlacht, aber die Priester nährten die Begeisterung der Kämpfenden, sie allein hielten die Zucht und durften Strafe über den Feigen verhängen, ihn binden, selbst schlagen, und sie thaten dies gleichwie auf der unsichtbar in der Schlacht anwesenden Götter Gebot. Ebenso waren sie als unmittelbare Diener der Gottheit bei allen öffentlichen Handlungen thätig, welche zur Ehre der Götter verrichtet wurden, oder unter Anrufung der Götter geschahen. Wie sie die heiligen Haine und den Tempel hüteten, so begleiteten sie die umziehenden Götter, deren Gegenwart nur sie erkannten, sie verrichteten die feierlichen Gebete, tödteten die Opferthiere, brachten den Göttern ihren Theil daran dar und vertheilten Fleisch unter das Volk; sie weihten die Könige und Leichen, wahrscheinlich auch die Ehen, nahmen die Eide ab, und sprachen die Weissagungen aus dem Gewieher öffentlich unterhaltener Rosse, oder aus geworfenen Loosen, oder aus den Eingeweiden der Opferthiere aus. Alles dies lag ihnen jedoch nur ob, insofern es eine öffentliche Handlung im Namen und in Anwesenheit des ganzen Volkes oder Stammes oder der Gemeinde war. Bei Privatopfern und allem, was mit ihnen zusammenhing, bedurfte man der Vermittlung des Priesters nicht, sie verrichtete der Hausvater. Ueber die Kleidung unserer heidnischen Priester wissen wir noch nichts, wahrscheinlich trugen sie ein lang herabwallendes Gewand und einen Hut von eigenthümlicher Form, den sie bei dem Opfer auf dem Haupt behielten. Wenn wir auch den Priestern das Geschäft der Weissagung zugesprochen finden, so tritt dasselbe doch mehr als den Frauen zustehend hervor, als ein besonderes, ja hauptsächliches Amt der Priesterinnen . Schon Tacitus meldet, dass nach deutschem Glauben den Frauen etwas Heiliges und Vorahnendes innewohne und dass die Deutschen weder ihren Rath verachteten, noch ihre Aussprüche vernachlässigten. Und bereits Caesar sagt, dass bei den Germanen die Hausfrauen durch Loos und Weissagung entschieden, ob man zur Schlacht schreiten dürfe oder nicht. Wohnte diese Gabe der Vorherverkündigung schon den Frauen im Allgemeinen bei, dann hatten ohne Zweifel die eigentlichen Priesterinnen sie in erhöhtem Grade; sie erscheinen darum auch vor allen hochgeehrt, man betrachtete sie nur mit grösster Ehrfurcht, wie Gottheiten. So jene bructerische Jungfrau, die weithin durch ihr hohes Ansehen herrschende Veleda, welche einst den Deutschen Sieg, den römischen Legionen aber Verderben vorherverkündet hatte, die von hohem Thurm herab, den sie bewohnte, gleich einer Götterbotin ihre Orakel den rings ehrerbietig harrenden und reiche Gaben darbringenden Gesandten der Ubier spendete, so Aurinia, Ganna u. a. m. Weniger erhaben als furchtbar stehen die Priesterinnen der Cimbern da; sie erscheinen in einer Stelle bei Strabo als bejahrte Weiber mit grauem Haar und blossen Füssen; über weissem Untergewand tragen sie einen linnenen Wamms, eherne Spangen umgürten sie; so finden wir sie bei dem blutigen Menschenopfer, Kriegsgefangene schlachtend, aus deren im Opferkessel aufgefangenem Blut sie weissagen. Ungleich edler erscheinen wieder die nordischen Priesterinnen, von denen wir Kunde haben, wie u. a. jene den Wagen des Gottes des Friedens des Glückes und der Liebe bei der jährlichen Umfahrt begleitende Jungfrau, doch ist über sie wie über die der Deutschen nur wenig mehr übrig. Einzelne Götter. Wuotan. ♦ Myth. p. 120. 150 ff. Vgl. ferner ›über den liebesgott von Jacob Grimm, gelesen in der academie am 6. Januar 1851.‹ Berlin 1851. Wodan und Frea bei den Winilen von J. Grimm. Haupt Zeitschrift für deutsches Alterthum V, 1. Woldan von J. Grimm das. V, 494 ff. Wuotilgôz von dems. das. I, 577. Wodan von Adalbert Kuhn das. V, 472. Donar und Wuotan von Karl Müllenhoff das. VII, 529. Wôdan von dems. Nordalbing. Studien I, 208. Beiträge zur deutschen Mythologie von J. W. Wolf I, p. 1–63. ›Lexicon mythologicum in vetusta septentrionalium carmina, quae in edda Saemundina continentur‹ von Finn Magnusen im 3. Band der Edda Saemundar hinns frôda. Havniae 1828. s. v. Odhin. Der Abschnitt der Myth. über das wüthende Heer und die wilde Jagd (p. 870) ist p. 20 und 21 diesem Capitel einverleibt. Näheres über Odhin kann jetzt jeder leicht in Simrocks deutscher Ausgabe der Edda nachschlagen. (Stuttgart und Tübingen 1851.) Dasselbe gilt von den übrigen Gottheiten. Der höchste Gott bei allen deutschen Stämmen war Wuotan, der Odin des Nordens. Schon sein Name kündet ihn als den Weltgeist an, denn er bedeutet gleich dem des indischen Buddha Geist, Sinn, Verstand. Er ist die alldurchdringende schaffende und bildende Kraft, welche den Menschen und allen Dingen Gestalt wie Schönheit verleiht, von dem Dichtkunst ausgeht und Lenkung des Kriegs und Siegs, von dem aber auch die Fruchtbarkeit des Feldes, ja alle höchsten Güter und Gaben abhängen. So allumfassend ist sein Wesen, dass wie wir bereits sahen alle andern Gottheiten gleichsam nur als Ausflüsse von ihm, als seine verschiedenen Eigenschaften erscheinen, als Vollstrecker seines Willens, wie denn auch viele ihn als Vater ehren; er ist der Himmel, der die Erde schützend umfängt, er ist die Sonne, die allen Wesen Licht und Leben schenkt. Dem kriegerischen Alterthum galt Krieg und Schlacht als die edelste Beschäftigung des Mannes; darum erkannte es in Wuotan vor allem deren Leiter und Lenker: er war ihm der Vater der Heere, des Sieges und der Gefallenen. Als solchen dachte es sich ihn in voller Waffenherrlichkeit, mit Helm, Brünne, Schwert und Speer auf hohem weissem, die Lüfte durchfliegendem und die Wasser überschreitendem Rosse, welchem der Norden zur Bezeichnung der Schnelligkeit, womit es dahinstob, acht Füsse beilegte. Wie wir in Wuotan nicht nur den Vater vieler Götter, sondern auch der ältesten Könige und Helden sehen, so gelten auch deren Rosse als Abkömmlinge seines göttlichen Rosses und als solche vorzugsweise zu der Heldenarbeit, dem Kampfe, tüchtig. Ungleich den griechischen und römischen Göttern, mischte sich Wuotan nicht persönlich theilnehmend in die Schlacht, er ordnete sie nur, er lenkte ihr Geschick. Geliebten Helden verlieh er den Sieg dadurch, dass er ihnen seine Waffen lieh, an deren Gebrauch die Niederlage jedes Feindes geknüpft war. Aber auch schon sein blosses Wort, sein Wille genügte zum Siege. Einst hatten die Wandalen Krieg mit den Winilern, sie kamen zu dem Gotte und baten ihn, er möge ihren Feinden Verderben senden. Er gab ihnen zur Antwort, er werde denjenigen Sieg schenken, welche er beim Aufgange der Sonne zuerst sehe. Da ging Gambara, die Fürstin der Winiler, zu Wuotans Gemahlin Frikka und bat diese, sie möge den Winilern Sieg zuzuwenden suchen. Die Göttin gab den Rath, die Frauen der Winiler sollten die gelösten Haare in Form eines Bartes um Gesicht und Kinn binden und sich Morgens mit ihren Männern gegen Osten aufstellen, wohin der Gott durch sein Fenster zuerst schaue. Als Wuotan Morgens zur Erde blickend sie sah, fragte er: Wer sind jene Langbärtigen? Frikka antwortete. Du hast ihnen einen Namen gegeben, darum musst du ihnen auch ein Geschenk geben, den Sieg. Vgl. unsere Pathengeschenke. Diese Langbärtigen sind die Longobarden, die übrigens den Namen nicht von ihren langen Bärten, sondern von den langen Spiessen (vgl. Hellebarde) hatten, welche sie trugen. Der nordische Odhin hiess mit einem seiner Beinamen auch Langbardr. So wurden die Wandalen geschlagen. Alle welche im Kampfe fallen, werden durch die Walküren (s. u.) in Wuotans himmlische Wohnung gebracht. Dort sitzen sie mit ihm an einer Tafel, essen mit ihm und trinken Meth, welchen die schönen Walküren ihnen kredenzen. Der Gott selbst bedarf der rohen Kost des Fleisches nicht, er lebt nur von Wein; seinen Antheil am Mahle warf er wohl (gleich Odhin) zwei Wölfen zu, welche zu seinen Seiten sassen. Ausserdem gehören zu seinen Thieren zwei weise Raben, welche dem nordischen Mythus zufolge auf des Gottes Achseln sitzen und ihm alles ins Ohr sagen, was sie auf ihrem täglichen Fluge durch die Welt gesehen und gehört. Nach dem Mahl ergötzen sich die Helden am Kampfe, oder sie fahren mit Wuotan zur Jagd aus. Das ist das, was wir das wüthende Heer, oder die wilde Jagd nennen, welche in jeder Nacht, besonders aber in der heiligen Zeit der Zwölften, d. i. von Weihnachten bis Dreikönigen unsere Wälder durchtoben. Man vernimmt alsdann Waffenlärm, Rossewiehern und Hufschlag in den Lüften, oder Jagdhörner, Jagdgeschrei, Rossewiehern und Hundegebell. An der Spitze der Schaar sieht man den Gott auf seinem weissen Rosse. Wie der Schwede noch heute alsdann sagt: Odhin fährt vorüber, so sagt der mecklenburgische Bauer: Der Wode jagt. In andern Gegenden finden wir andere Namen, zumeist Hackelbärend; angeblich soll so ein Jäger geheissen haben, der wegen übertriebener Jagdlust von Gott verdammt wurde, ewig zu jagen. Es ist aber nur der altdeutsche Beiname Wuotans Hakolberand, d. h. der Gerüstete, der Waffentragende. Ueber andre wie Snellerts, Kaiser Carl u. a. m. siehe w. u. Oft lässt Wuotan vor seinem Auszuge sein Ross bei einem sterblichen Schmiede beschlagen und lohnt ihm reichlich die Mühe. Sterbliche erlangen mitunter die Gunst, an dem Heerzuge oder der Jagd theilnehmen zu dürfen und empfangen einen Antheil an der Letztern, der anscheinend ein Stück Wild, sich später in edle Metalle verwandelt. Den Helden wird der Gott dabei mitunter zum Retter, wenn sie auf weiten Heerzügen umfahrend in Gefangenschaft geriethen und ihre Frauen nach langem vergeblichem Harren im Begriffe standen, sich wieder zu vermählen. Er fasst sie in seinen weiten Mantel und trägt sie in pfeilschnellem Fluge durch die Lüfte zurück nach Hause, wo sie gleich Odysseus die Freier finden und verjagen. Wie der Hausherr als König seines Hauses im Alterthum seinen eignen Hochsitz oder Thron hatte, so auch Wuotan als König und Oberster der Götter. Dieser Hochsitz hat die Eigenschaft, dass wer ihn besteigt, die Erde und alle Wohnungen der Menschen überschaut. Er stand wahrscheinlich mit dem Rücken gegen Norden, so dass der Gott nach Süden schaute, in die Gegend des Lichtes, und war aus leuchtendem Gold gefertigt. Aber nicht nur an der Spitze seines Heldenheeres verkehrte der Gott mit den Menschen, er stieg oft zu ihnen hernieder und erschien gütig und freundlich in ihrer Mitte. Dann trug er nicht seine glänzende Rüstung, sondern einen Mantel und einen breitkrämpigen Hut, woran, wie an seinem einen Auge, Dem nordischen Mythus zufolge setzte Odhin das andere dem Mimir zum Pfande für einen Trunk aus dem Brunnen der Weisheit. Sterbliche ihn oft erkannten. Diese milde Seite seines Wesens leuchtet besonders daraus hervor, dass er als der Gott des Wunsches Darum finden wir im Mittelalter den Wunsch noch als ein lebendiges Wesen aufgefasst und dargestellt. Vgl. M. 127. verehrt wurde. Unter Wunsch nämlich versteht die alte Sprache ›den Inbegrif von Heil und Seeligkeit, die Erfüllung aller Gaben, das was wir Ideal nennen würden;‹ dessen machte Wuotan die Menschen theilhaftig. Er gibt ihnen Weisheit und Dichtkunst, Wie Hermes bei den Griechen. Ueberhaupt ist Wuotan mit Mercur verwandt, daher finden wir ihn auch bei den Schriftstellern der Römer und des Mittelalters durch diesen ersetzt. deren Trank er der nordischen Mythe zufolge den Händen derber Riesen entriss und in Adlergestalt zum Himmel emportrug. Den Schiffern verleiht er Wunschwind, den Würdigen Reichthum, Die Wunschbörse. den Spielern Glück im Spiele, dem Landmanne aber günstiges Wetter zu fröhlichem Gedeihen der Saat. Noch heute lässt der niedersächsische Bauer einen Büschel Getreide auf dem Felde stehen ›für Wodes Pferd.‹ Auch dem Stalle, den Bäumen und dem Weinstocke schenkte der Gott Gedeihen, darum fielen in die Zeit, wo einst ihr Ertrag eingethan wurde, grosse Opfermahle und Feste. Man entzündete ihm noch fortdauernde Feuer, Die weitverbreiteten Martinsfeuer. in welche man Früchte der Bäume zum Opfer warf, und welche man jubelnd umtanzte; Thiere bluteten ihm dabei, deren Häupter ihm geopfert wurden, während man das Uebrige verzehrte, und bei dem Mahle trank man seine Minne und sang ihm Lieder. Im Norden fiel dies grosse Herbstopfer in das Ende des September, wann die Kirche das Fest des heil. Erzengels Michael feiert, mehr südlich in den Anfang des November, in die Zeit des Festes des heil. Martinus. Die Verwandtschaft, welche die Bilder des heil. Martinus mit der Erscheinung Wuotans haben, führte dazu, seine Verehrung als des Gottes der Schlacht auf ihn zu übertragen. Da des Heiligen Fest in das Ende der Erntezeit fällt, so war dies ein Grund mehr dazu. Man dachte sich den Gott alsdann auf seinem weissen Rosse umreitend, die Opfer empfangend und Segen dafür spendend. In vielen Namen lebt das Andenken Wuotans noch lebendig fort. Ihm waren besonders Berge heilig, so der Godesberg bei Bonn, der noch im XIII. Jahrh. Wudinsberg, d. i. Wodansberg heisst, Er wurde später dem h. Michael geweiht, auf welchen man überhaupt die Verehrung des Wuotan als Empfängers der Seelen übertrug. Die meisten Michaelsberge haben wir als alte Wuotansberge anzusehen. der Gudensberg bei Geismar (Wuodenesberg im XII. Jahrh.). Das Godensholt (Wodensholt) kündigt sich als ein ihm geweihter Wald an. Das Gestirn des Bären heisst in den Niederlanden Woenswagen d. i. Wodenswagen. Sogar ein Glied des menschlichen Leibes wurde dort nach ihm genannt: der Raum zwischen dem gestreckten Daumen und Zeigefinger hiess niederländisch Woedensspanne. Sein heiliger Wochentag war der Mittwoch, niederl. Woensdag, angelsächsisch Vôdnesdag, engl. Wednesday, altnordisch Odhinsdagr. Donar. ♦ Myth. p. 151 ff. Wolf Beiträge I. p. 63 ff. Dess. Rodenstein und Schnellerts. Darmstadt. 1848. Finn Magnusen s. v. L. Uhland Sagenforschungen I. Thor. Wuotan umarmte die Erde, da gebar sie den kraftvollsten und erhabensten seiner Söhne, den über Regen und Wolken gebietenden, sich durch Wetterstrahl und rollende Donner ankündigenden, den Menschen aber freundlichen, väterlichen Gott, Donar den Thôr des Nordens. Er ist seines Vaters rechte Hand, Göttern und Menschen stets schirmend und mit thätiger Hülfe nahe, besonders aber der immer unverdrossene Schützer der Erde, seiner Mutter, und derer die sie bebauen. Wie Wuotan vor allem der Gott der Helden und der kriegerischen Begeisterung, so ist Donar vorzugsweise der Gott des Landmannes und der friedlichen Pflege des Ackerbaues. Sein Name bereits sagt aus, dass er der Donnerer ist. Nur zürnend rollt der rothbärtige Wenn er im Zorn in den rothen Bart bläst, entsteht dem nordischen Mythus zufolge der Blitz. Gott in seinem Wagen daher, dessen Bockgespann seine Linke lenkt, während er in der Rechten den allzerschmetternden Hammer Miölnir hiess er im Norden und durch ihn war der Gott der Riesen furchtbar, die er mit demselben erschlug, wo er sie fand. führt, der nach jedem Wurfe wieder von selbst in seine Hand zurückkehrt. So gewaltig ist sein Zorn in seinen Folgen, dass ›kein Würmlein so klein ist, das beim Donnern nicht erbebt‹ und dass der Mensch ehrfurchtsvoll jede Arbeit, selbst das Mahl ruhen lässt. Auch schleudert er im Blitze niederfahrende Steine in keilförmiger Gestalt, unsere Donnerkeile, die als der Hand des Gottes entstammend heilig gehalten werden und noch heute zu mancherlei Aberglauben dienen. Ebenso heilig galt Alles, was vom Blitze überhaupt getroffen wurde, besonders Bäume, deren Holz man als besondere Kräfte besitzend ansah und benutzte. Wie Wuotan der Gott der Ernte war, so galt Donar besonders im westlichen Deutschland vorzugsweise als Gott der Saat und des dieselbe zum höheren Wachsthum treibenden Frühlings. Wie jener den belebenden Sonnenstrahl niedersandte, so schenkte Donar dem Landmanne den befruchtenden Regen, der beim Gewitter niederströmt, welches die Luft reinigt. Schön ist folgendes Gebet der Esthen zu dem Donnergott: Lieber Donner, wir opfern dir einen Ochsen, der zwei Hörner und vier Klauen hat und wollen dich bitten um unser Pflügen und Säen, dass unser Stroh kupferroth, unser Getreide goldgelb werde. Stoss anders wohin alle schwarzen, dicken Wolken über grosse Sümpfe, hohe Wälder und breite Wüsten. Uns Pflügern und Säern gib aber fruchtbare Zeit und süssen Regen. Heiliger Donner, bewahre unsern Acker, dass er trage gut Stroh unterwärts, gute Aehren überwärts und gut Korn innenwärts. ♦ Siehe Myth. p. 160. Ueber Thôr haben sich im Norden die meisten Mythen erhalten, unter denen in weitern Kreisen nur derjenige von seinem Zug in das Riesenland bekannt ist. In einigen Gegenden hat er zwar auch seinen Antheil an der Ernte, meistens aber flammt sein Opferfeuer im Frühjahre, wenn es angeht, auf Hügeln und Bergen. Man jagte Eichhörnchen, die ihrer rothen Farbe wegen dem Donar heilig waren und warf sie oder auch Kräuter in die Glut, tanzte unter Gesang und Jubel herum und nahm Kohlen davon nach Hause mit, um sich vor dem einschlagenden Blitze zu schützen, oder trug sie auf die Felder, um dem Hagelschlag zu wehren und Fruchtbarkeit für den Boden zu erlangen. Wir kennen diese Feuer noch heute, nur wurden, als ihre ursprüngliche Bedeutung erlosch, aus dem einen Frühlingsfeuer nach und nach vier verschiedene Feuer, die Peters-, In christlicher Zeit finden wir Donar meistens durch den heil. Petrus ersetzt, dem gleich er oft fischend erscheint; so wie er die Schleusen des Himmels öffnet, ist Petrus in der Legende Pförtner des Himmels. Die Petersberge sind meistens alte Donarsberge. Judas- Seitdem der Gott in den Verräther Jesu überging, wurde diesem auch der rothe Bart gegeben, und hat das Volk überhaupt Abneigung gegen rothes Haar. Daher: rother Bart, Teufels Art – roth Haar und ein Elsenstumpf wachsen selten auf gutem Grund u. a. m. oder Oster- und Maifeuer. Die auf Erden seine Freunde waren, denen er dort seinen Schutz angedeihen liess, die nimmt Donar nach dem Tode väterlich in seine göttliche Wohnung auf, welche nordischer Ansicht nach der grösste unter allen Götterpallästen ist und nicht weniger denn 540 Räume hat. Das Alterthum liebte es, auch dem Donar Berge zu weihen, wie die Griechen deren dem Jupiter weihten, den ältere Schriftsteller oft an Donars Stelle setzen. Zu diesen gehört der Donnersberg in der Rheinpfalz, auf dessen Spitze eins seiner Heiligthümer war, wie der noch vorhandene germanische Ringwall lehrt; ferner ausser andern Bergen desselben Namens am Rhein, in Westphalen, Belgien u. s. w. der Rodenstein, wo der bekannte Geist Er ist streng von dem nur bei bevorstehendem Kriege umfahrenden Schnellertsgeiste zu scheiden, welcher Wuotan ist. wohnt, dessen noch zuweilen gehörter Umzug stets zu Wagen geschieht; den Weg des Wagens durch die Luft erkennt man an der Erde auf den Fruchtfeldern daran, dass die Aehren höher und reicher gefüllt sind. Gleich dem Jupiter war auch dem Donar die Eiche heilig, so u. a. die Donnereiche, welche der heilige Bonifacius bei Geismar fällte und aus deren Holz er eine dem heil. Petrus geweihte Kapelle baute. Gewöhnlich lagen die dem Gotte geweihten Orte in der Nähe solcher, welche dem Wuotan heilig waren. Der ihm heilige Wochentag ist, wie schon aus dem Namen hervorgeht, der Donnerstag. Fro. ♦ Myth. 190 ff. Siegfried und Freyr von Wilh. Müller, Haupt Zeitschr. II, 43 ff. Wolf Beiträge I, 102 ff. Fro (nordisch Freyr) ist der frohe, frohmachende und beseeligende, der wunderschöne heilige Herr, der Gott der Liebe und des Friedens, der Gott der Ehe und der Fruchtbarkeit. Er theilt Wuotans schöpferische Eigenschaft, verrichtet jedoch keine Kriegsthaten. Im Norden stand er in so hoher Verehrung, dass sein Bild neben denen der beiden genannten Götter aufgerichtet wurde; auch bei uns war sein Cultus sehr verbreitet und eifrig gepflegt. Wuotan war, wie schon gesagt, der Gott der sehnenden Liebe, ganz angemessen seinem geistigen Wesen, Fro hingegen war der der schöpferischen, der zeugenden Liebe; jener weckt als Wunsch das Verlangen, dieser führt die Liebenden zusammen und segnet ihren Bund durch reiche Nachkommenschaft. Ihm gilt das Schwert des Kriegers nichts, seitdem ihn auf dem göttlichen Hochsitze Wuotans die Sehnsucht nach einer erdgebornen Jungfrau erfasste. Er hatte eines Tages den Stuhl Allvaters bestiegen, von dem aus man alle Wohnungen der Menschen überschaut, und sah ein Mädchen von so wunderbarer Schönheit, dass ihm Alles was sie umgab durch dieselbe verklärt schien. Von dem Augenblicke an liess es ihn nicht ruhen und er sandte seinen treuen Diener zu ihr, beladen mit Geschenken. Der Diener trifft in der Nähe der Wohnung der Jungfrau deren Mädchen am Brunnen an; er wird zu ihr geführt, spricht ihr von der Liebe seines Herrn, jedoch ohne ihn zu nennen und breitet die goldnen Geschenke vor ihr aus, aber sie widerstrebt. Da entdeckt er ihr in dem Liebenden den Gott, sagt ihr von seiner Macht und Grösse, seiner Milde und seinem Zorn, und sie ist überwunden, sie willigt ein, des Erhabenen Gattin zu werden. Darum war er besonders von den Mädchen und Frauen verehrt. Jene beteten an den ihm heiligen Tagen zu ihm, dass er ihnen den Freier senden und zeigen möge. Dies geschah besonders in der Weihnachtszeit, wo er mit andern Göttern seinen Umzug hielt und die meisten der noch übrigen Gebräuche, welche auf die Erforschung des Bräutigams abzielen, sind auf ihn zu beziehen. ♦ Die christliche Mythologie ersetzte ihn durch den h. Apostel Andreas, daher, dass auch an dessen Fest ähnlicher Aberglaube sich findet. Die christliche Mythologie, d. h. die im Volk erwachsene, an Christus und die Heiligen sich anlehnende, aber in deutsch-heidnischem Boden wurzelnde Volkssage so wie das Märchen, hat auch in der Kunst ihre Vertretung, wie ja überhaupt die Sagen viele Kunstwerke, und umgekehrt Kunstwerke oft Sagen hervorgerufen haben. Mädchen und Frauen schmückten sein Bild mit Blumen und Kränzen, die Letztern besonders, um Kindersegen zu erlangen; auch setzten diese sich dazu auf seinen Altar oder übten andere Gebräuche, welche sich theilweise noch bis vor einem halben Jahrhundert erhielten. Aber Fro war nicht nur der Gott der Liebe und des Friedens, er war auch der Gott der Sonne , damit wiederum ein Gott der Fruchtbarkeit, in welches Amt sich die drei höchsten Götter theilten. Darin berührt er sich mit Wuotan und zwar scheint er wieder dessen ausführende Hand. Wuotan schenkt das belebende Licht, Fro lenkt und führt es wohl, wie Helios den Wagen des leuchtendsten aller Gestirne lenkt. Der Landmann rief den Fro besonders als Schützer des Viehstandes an. Wenn Seuchen drohten oder gar einbrachen, dann entzündete man ihm ein Feuer und trieb das Vieh hinzu, die ihm vorzugsweise heiligen Schweine voran; das zuerst durch die Flamme laufende Thier blutete ihm als Opfer. Notfeuer hiessen solche Feuer, weil sie entweder in Zeiten der Noth entzündet wurden, oder auch, weil das Feuer genöthigt wurde zu erscheinen, denn es wurde durch Reibung erzeugt. Den Wagen des Gottes zog im Norden ein Eber, dessen goldne Borsten die Nacht gleich dem Tage erhellten und der mit der Schnelligkeit eines Pferdes rannte; daher, dass dem Fro die Schweine heilig waren. Ausserdem waren ihm Pferde Daher, dass der h. Stephanus, dessen Fest in die Zwölften fällt, von dem Volke so oft mit Pferden in Verbindung gebracht wird. geweiht und unter seinen Opferthieren werden besonders Stiere genannt. Von den Pflanzen war ihm der Rosmarin, unter den Zahlen die Neun ihm heilig. Noch sind mehre Bilder von ihm übrig, welche Verwandtschaft mit denen des römischen Priapus zeigen. Ausserdem hatte er ein heiliges Symbol, das Rad. Beides gab man den Leichen mit in das Grab, denn als Gott der Zeugung war er auch ein Gott der Wiedergeburt zu neuem Leben. Zio, Sahsnot. ♦ Zio Myth. 175 flg. Sahsnôt das. 184. Eor das. 182. Wolf Beitr. p. 127 flg. Ueber die Bedeutung des Namens Ziu von A. Kuhn. Haupt Zeitschr. II, 231. Zio, der nordische Tyr, war gleich den bisher betrachteten einer der hehrsten Götter unserer Vorzeit, im Norden galt er, und wahrscheinlich auch in Deutschland als Sohn Wuotans. Er ist dessen ausführende Hand, wo und insofern es sich um Schlacht und Krieg handelt; von Beiden geht der Ruhm des Sieges aus. Während Wuotan aus seiner Wolkenhöhe herab die Geschicke der Schlacht lenkt, stürzt er gleich Ares sich grausam und blutdürstig in dieselbe hinein; ihm gehört die schreckliche Seite des Krieges, deren Personification er ist, Wuotan die höhere edle. Darum ist auch Zios passendstes Symbol das Kriegsschwert, das bei den Quaden, einem deutschen Stamme göttlicher Verehrung genoss; Ebenso bei Scythen und Alanen. man pries ihn in Schlachtliedern und stellte zu seinen Ehren die noch fortlebenden Schwerttänze an. Zio wird im Norden einhändig dargestellt, und Deutschland theilte diese Darstellung ohne Zweifel, denn nur einem Theile der Kämpfenden kann der Gott den Sieg zuwenden. Sein heiliges Zeichen ist die Rune Ziu  welche man im Norden auf das Schwert einritzte, während man den Namen des Gottes zweimal aussprach. Sein heiliger Tag war der Dienstag. Ein anderer Gott des Krieges, der mit Ziu derselbe scheint, war Sahsnôt , d. i. der Schwertgenoss, dessen die alte Abschwörungsformel in den Worten gedenkt: »Ich widersage dem Donar, Wuotan und Sahsnôt und allen den Unholden, welche ihre Genossen sind.« Auch er wird des allwaltenden Siegvaters Sohn genannt und die Sachsen, d. i. die das Steinschwert führenden, mögen ihn als ihren Stammherrn verehrt haben; wie die Cherusker wieder einen andern Kriegsgott, den Eor , Heru , Cheru , dessen Namen noch in dem baierischen Ertag = Dienstag lebt, an die Spitze ihres Stammes stellten. Seine Stellung neben Wuotan und Donar sagt uns, in welcher hohen Verehrung er bei den Sachsen stand, dass er und Donar für die gewaltigsten Söhne ihres Vaters Wuotan galten. Paltar. ♦ Myth. 201 flg. Beitr. 133. Der weise, beredte und milde Gott, der gerechteste, dem die Menschen Gesetz und Recht danken, dabei zugleich der schöne weisse, wie Himmel, Licht und Tag leuchtende Herr, der Baldur des Nordens, ein Sohn Allvaters und seiner Gemahlin Frigga, hiess unserm Alterthume Paltar. Er wohnte in weitschimmernder Wohnung, worin alles von Gold und Silber glänzte; sein Sohn war Prant , der strahlend schöne, seine Gattin nach nordischer Ueberlieferung Nanna (ahd. Nanda) die Kühne. Paltar war nicht nur ein milder Gott, er mischte sich auch in die Schlacht, den Seinen Hülfe und Sieg bringend. Einst gebrach es auf der Wahlstatt an Wasser, die Hitze des Kampfes hatte das Heer dürsten gemacht und weit umher sprang kein Quell. Da stiess er seine Lanze in die Erde und als er sie herauszog, schoss ein reicher Wasserstrahl nach. Andere Sagen berichten, dass der Huf seines Rosses die Erde schlug, worauf die Quelle entsprang, die den Helden Labung bot. Daher, dass dem Gotte besonders Brunnen geweiht waren, Baldersbrunnen in der Eifel und Rheinpfalz, Baldershain, gegenwärtig Baldenhain. aber auch Auen und Haine waren ihm heilig. Er lebte friedlich in seiner göttlichen Wohnung, als ihm träumte, seinem Leben drohe Gefahr. Seine Mutter nahm in Sorge um ihn von allen Wesen Eide, dass sie ihm nicht schaden wollten, nur von einer kleinen Staude nicht, die ihr noch zu jung schien. Die sich ganz sicher glaubenden Götter ergötzten sich nun damit, nach Paltar zu schiessen und zu werfen und nichts verletzte ihn. Mit Aerger sah das Loki, der Anstifter alles Bösen, er erfuhr von der Staude, riss sie aus und gab sie dem blinden Gotte Hadu , dass er damit nach Paltar schiesse. Hadu nahm den Zweig, Loki wies ihm die Gegend, wo Paltar stand, und Hadu schoss. Der Zweig traf nur zu gut, Paltar sank todt hin. Das war das grösste Unglück, welches Götter und Menschen treffen konnte. Hellia, die furchtbare Göttin der Unterwelt, nahm aller Liebling in Empfang und hielt ihn unerbittlich gefangen. Frikka, Paltars Mutter, forderte die Götter auf, ob sich einer fände, der zur Hellia reiten und ihr Lösegeld für den Sohn bieten wolle, dass sie ihn heimkehren lasse, und Herimuot erbot sich zu der Fahrt. Hellia sprach, wenn wirklich Paltar so geliebt sei, dass alle Wesen um ihn weinen wollten, dann gebe sie ihn los. Als Herimuot mit dieser Antwort heimkehrte, sandten die Götter Boten an alle Wesen, und alle klagten und weinten um Paltar, nur ein Riesenweib nicht, welches in einer Höhle sass, und das war wiederum Loki, der Unglückstifter. So musste Paltar in Hellias Wohnung bleiben. In Thüringen und Baiern war der Gott unter dem Namen Phol ♦ Myth. 205. Haupt Zeitschr. II, 252. Schon mehr über Phol von Jac. Grimm. das. V, 69: Phol äthiopischer könig von demselben. verehrt und ein unlängst aufgefundenes Gedicht erzählt, als er einst mit Wuotan zu Walde geritten sei, habe sein Pferd den Fuss verrenkt. Vergebens besprachen die Göttinnen Sindgund und Sunna, Frua und Folla den Fuss, nur Wuotan der Zauberkundige vermochte ihn zu heilen. Auch dieser Name lebt noch in einzelnen Ortsnamen fort, an einst ihm heiligen Stellen. Z. B. Pholesbrunnen, heute Phulsborn in Thüringen, Pholesouwa heute Pfalsau in Baiern. Forasizo, ♦ Myth. 201. d. h. der Vorsitzende, Paltars Sohn, war gleich diesem ein Gott des Rechtes und der Gerechtigkeit, der Vorsteher der Gerichte, der alle Händel schlichtende. Der heil. Willebrord fand seinen Cultus blühend auf der dem Gotte geweihten Insel Heiligenland, dem heutigen Helgoland. So heilig war der Ort, dass man kein daselbst weidendes Thier noch irgend etwas anderes nur zu berühren wagte und das Wasser der dort springenden Quelle nur schweigend schöpfte. Die Schiffer und Seefahrer nahmen beim Landen nicht ein Kräutchen von da mit, aus Furcht, Schiffbruch zu leiden oder gewaltsamen Todes zu sterben, sie brachten im Gegentheil noch Geschenke dar, den Zehnten aller Beute. Aki ♦ Myth. 217. Wol das. 209. Beitr. I, 145. Jac. Grimm in Haupts Zeitschr. VII, 393. (nord. Oegir) der Meergott wohnt in golden leuchtender Halle und trägt den Schrecken verbreitenden leuchtenden Helm, der von ihm Akihelm heisst. Wol (nord. Ullr) der kampfesmuthige, war vorzüglich ein Gott der Jagd. Dem Norden war er ein schöner lichter Gott, der Schild hiess dort sein Schiff, er selbst der Gott des Bogens. Die christliche Mythologie ersetzte ihn durch den heiligen Hubert und manche Gebräuche der heidnischen Zeit, welche mit seiner Verehrung zusammenhingen, wurden christlich umgedeutet auf diesen Heiligen übertragen. Lohho, Loko ♦ Myth. 220. Die Sagen von Loki von K. Weinhold. Haupt Zeitschr. VII, 1–94. Beitr. 137. der einzige Gott, dessen Sinnesart dem Guten fremd, dem Bösen stets zugewandt war. Er hiess dem Norden Loki und die Edden wissen von seinen Unthaten viel zu erzählen. Wir wissen bereits, dass er an dem Tode Paltars Schuld trug. Die Strafe fürchtend, floh er die Wohnungen der Himmlischen und versteckte sich in Fischgestalt in einem Wasser. Wuotan aber erschaute ihn von dem göttlichen Hochsitze aus und die Götter zogen hin, ihn zu fangen und Rache an ihm zu nehmen. Donar übernahm den Fischzug, aber der gewandte Lohho wusste immer wieder zu entschlüpfen, wie oft der Gott ihn auch gefasst zu haben glaubte. Endlich packte dieser ihn mit dem Daumen und dem Zeigefinger dicht hinter dem Kopfe, da war es um Lohho gethan. Seitdem haben die Schelfische – denn eines solchen Gestalt hatte Lohho angenommen – hinter dem Kopfe einen schwarzen Flecken. Der ganze Mythus findet sich fast wörtlich als Märchen wieder. Sinnig nennt ein anderer Mythus Lohho den Erfinder des Netzes: das Böse geht durch sich selber zu Grunde, es gräbt sich selbst die Grube, denn hätte er das Netz nicht erfunden, so würde man ihn nicht gefangen haben. Als er gefangen war, da banden die Götter, wie Jupiter den Prometheus, ihn auf immer, dass er nicht mehr schaden konnte und zwar nach nordischer Ueberlieferung mit den Eingeweiden eines seiner Söhne über die scharfen Kanten dreier Felsen. Ueber dem Liegenden hängt ein Giftwurm, der ihm sein Gift ins Gesicht träufelt, aber Lokis Weib Sigyn steht treulich neben ihm und hält eine Schale unter des Wurmes Maul. Wenn die Schale gefüllt ist, giesst sie das Gift aus; unterdessen aber tropft ihm anderes ins Angesicht, dass er sich vor Schmerz so heftig schüttelt, dass die Erde zittert: dies nennen wir Erdbeben. In Deutschland sind bis jetzt erst wenige Spuren der von ihm einst bekannten Mythen wiedergefunden, doch haben wir ihrer gewiss noch viele übrig in den zahlreichen noch wenig gesammelten Geschichten vom Teufel, in welchen er seiner bösen Natur wegen vorzugsweise überging. Göttinnen. ♦ Myth. 229. Beitr. 147. Die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes weiss nur von einem Gott , dem allmächtigen Vater und Schöpfer, einstimmend weisen alle heidnischen Gottheiten, wie sehr verdunkelt auch die Erkenntnis sein mochte, auf einen Gott zurück, den wir in dem deutschen Wuotan haben. Neben ihm gab es ursprünglich keine ihm an Hoheit und Macht verwandte Göttin. Und als sich die Vielgötterei entwickelte, da blieben die ersten der neuen Götter immer noch männlich, erst bei ihrer weiteren Ausbildung nahm sie Frauen in den Kreis der Himmlischen auf. Diese theilten mit jenen die Lust und Freude am Kampfe, in welchen wir sie vielfach eingreifend finden, doch tritt das bei ihnen weniger hervor, als vielmehr eine ihrem Geschlechte mehr passende weichere Seite, ihre Neigung zu den Beschäftigungen und Künsten des Friedens. Wie viele Götter, besonders die drei Hauptgötter Wuotan, Donar und Fro auch Schutzgottheiten des Landmannes sind, so sind dies die Göttinnen vorzugsweise. Wie Wuotan und Donar väterlich gedacht wurden, so finden wir in den Göttinnen Mütter wieder, welche sich des Menschen treu und liebevoll annehmen, die ihn lehren, den Boden zur Saat zu bereiten, dieselbe ihm anzuvertrauen und reiche Ernte zu gewinnen; die ihm zeigen, wie er das Korn in schmackhaftes Brod verwandeln kann, wie er den Flachs zu schönen Fäden spinnen und diese künstlich weben soll. Belehrend und gütig ziehen sie dazu im Lande herum, liebevoll mit den Menschen verkehrend:, sie gründen den geordneten Haushalt. Dadurch gewinnen sie etwas Trauliches, rücken sie der grossen Masse des Volkes näher, als die Götter und so ist es nicht zu verwundern, wenn ihr Andenken fester haften blieb, als das mancher Götter. Wir fanden den Göttern einzelne Aemter zugetheilt; wenn auch Berührungen zwischen ihnen stattfinden, so sind die einzelnen doch wesentlich von einander verschieden. Das ist bei den Göttinnen nicht der Fall, ihrer aller Amt ist im Ganzen ein und dasselbe, sie unterscheiden sich fast nur durch ihre Namen. Diese sind mitunter den Namen der Götter genau verwandt, nur die Feminina derselben, wie denn überhaupt der Zug in der deutschen Götterlehre vorspringt, dass fast jeder männlichen eine ähnliche weibliche Gottheit zur Seite steht. Nirdu. ♦ Myth. 229. Fast in allen Mythologieen ist die Erde weiblich aufgefasst, im Gegensatz zu dem sie umfangenden väterlichen Himmel als gebärende fruchtbringende Mutter. Ein Theil der Germanen, namentlich die Longobarden, Reudigner, Avionen, Angeln, Varinen, Eudosen, Suardonen und Vuithonen verehrten sie unter dem Namen Nerthus. Nicht Hertha. Tacitus berichtet uns über sie in seiner Germania, wie auf einer Insel des Oceans ein unentweihter Hain liege, darin stehe ein heiliger mit Tüchern verhüllter Wagen. Nur ein Priester darf ihm nahen, er erkennt wann die Göttin ihn besteigt und folgt dem von Kühen gezogenen mit grosser Ehrfurcht. Dann sind frohe Tage und Festfreude herrscht an allen Orten, welche die Göttin der Ankunft oder Einkehr würdigt. Kein Krieg wird begonnen, die Waffen ruhen, verschlossen liegt alles Eisen, bis derselbe Priester die des Umgangs mit den Sterblichen gesättigte Göttin dem Tempel zurückgibt. Dann wird der Wagen und die Tücher in einem geheimnisvollen See gewaschen und wenn man es glauben kann, die Göttin selbst darin gebadet. Sclaven dienen dabei, welche alsbald der See verschlingt. Daher herrscht ein geheimer Schrecken und eine heilige Unkunde, was das sei, was nur dem Tode Verfallene schauen. Diese Umfahrt der Mutter Erde hatte, wie Frieden, so zweifelsohne nach heidnischer Vorstellung auch Fruchtbarkeit im Gefolge, bei dem Umzuge wurde sie von dein Volke um Beides angerufen. Man hat Rügen für die Insel des Oceans gehalten, auf welcher der Cultus der Göttin blühte, wohl hauptsächlich, weil in der Mitte dieser Insel ein See liegt, welcher der schwarze See oder der Burgsee heisst, doch ist das allein kaum entscheidend und die andern dänischen Inseln der Ostsee haben wenigstens gleichen Anspruch darauf, ehemals der Göttin heiliger Sitz gewesen zu sein. Holda. ♦ Myth. 244. Beitr. 162. Schon der Name kündigt diese Göttin als die freundliche, milde, gnädige, als die Holde an; zürnend erscheint sie mir, wenn sie Unordnung im Haushalt wahrnimmt. Gleich der Nirdu fährt sie auf einem Wagen durch das Land, überall Fruchtbarkeit und Segen verbreitend. Oft geschah es, dass der Wagen Schaden nahm, dass Rad oder Deichsel brach, dann rief sie in der Nähe arbeitende Menschen zu Hülfe, den Schaden zu bessern. Zum Lohne für ihre Mühe gab sie denselben die abgefallenen Späne, die sich bei näherm Zuschauen in Gold verwandelten. Ihr Einzug ins Land fand um Weihnachten statt, dann legte man alle Spinnrocken reichlich an, denn dem Flachsbau steht sie besonders vor und die Spinnerinnen verehrten sie vorzugsweise. Um Fastnacht kehrt sie heim, dann müssen alle Rocken abgesponnen sein und leer stehen. Trifft sie dieselben so an, dann spricht sie ihren Segen über das Haus: »So manches (gesponnene) Haar, so manches gute Jahr« Wo nicht, dann spricht sie ihren Fluch: »So manches (ungesponnene) Haar, so manches böse Jahr!« Fleissigen Spinnerinnen schenkt sie Spindeln, die das Garn wunderbar vermehren oder spinnt ihnen selbst Nachts die Spulen voll, faulen zündet sie den Rocken an. Holda liebt den Aufenthalt in Seen und Brunnen. Zur Mittagsstunde sieht man sie als schöne weisse Frau in der Flut baden und verschwinden. In der Tiefe des Wassers hat sie ihre schönen goldglänzenden Wohnungen, wo sie umgeben sitzt von den noch Ungebornen. Denn die Göttin, welche dem Felde Fruchtbarkeit verleiht, schenkt sie auch der Ehe, sie ist die Schirmerin der Liebenden, die Segnerin der Ehen. Darum gehen die Mädchen in heiligen Nächten zum Brunnen und schauen hinein, der klare Spiegel zeigt ihnen nach Anrufung der Göttin das Bild ihres Bräutigams. Ebenso schreibt sich daher unser Kinderaberglaube, dass man die Kinder im Brunnen hole. In einigen Gegenden herrschte der Glaube, Holda wohne auch in Bergen, wo sie gleichwie im Brunnen die Ungebornen in schönen Pallästen um sich habe. Wie wir aber oben schon ihrer Milde und Güte gegen Fleissige Zorn und Strafe für Faule zur Seite gehen sahen, so finden wir sie auch als Ehegöttin streng strafend, wenn sie beleidigt, wenn ihrer gespottet wird. Die dreimalige Versagung der Opfer des Dankes für abgewendete Plagen lässt sie nicht unvergolten: sie zieht den Segen der Ehen einer ganzen Gegend zurück, indem sie ihren Boten sendet, dessen Ruf alle Kinder folgen, mit welchen er in ihrem heiligen Berge verschwindet. Der schönsten deutschen Göttin grünte und blühte der schönste deutsche Baum, die Linde. Ihr Vogel war der Storch, das ihr dargebrachte Opfer ein nach der Ernte auf dem Felde zurückgelassenes Bündel Flachs, das ihr heilige Kraut der Rosmarin. den darum die Braut beim Kirchgang trägt. Ihre Milde und Reine, ihre Huld und Schönheit war so gross, dass die christliche Mythologie die heilige Muttergottes an ihre Stelle setzen durfte, unter deren Namen ihr Andenken in zahlreichen Märchen und Sagen fortlebt. Perahta. ♦ Myth. 280. Beide letztere Göttinnen sind in zahllosen Sagen noch unter dem Volk bekannt. Die Gegenden Deutschlands, welche Holda nicht kannten, Schwaben, der Elsass, die Schweiz, Baiern und Oesterreich verehrten die ihr verwandte Perahta, Gewöhnlich Berchta, Perchta, auch die wilde eiserne Bertha genannt und als solche im Namen der weissen Frau völlig gleichbedeutig, die als Ahnmutter fürstlicher Geschlechter erscheint. Diese ist aus der Göttersage in die Heldensage übergegangen. d. i. die Leuchtende, die Glänzende, Weisse, Hehre. Gleich Holda führt sie strenge Aufsicht über die Spinnerinnen und verdirbt, was sie am letzten Tage des Jahres unabgesponnen findet. Gleich ihr hält sie ihren feierlichen Umzug durch das Land, der Segen und Freude bringt. Ihr Festtag, der noch heute unter dem Namen der Perchtentag der 6 Januar, das Fest der Erscheinung Christi. bekannt ist, wurde durch eine bestimmte Speise begangen, Brei und Fische, deren einen Theil man ihr zum Opfer hinstellte. Als der Göttin des Anbaues der Erde ist der Pflug ihr heiliges Geräth. Auch sie ist die Göttin der Ehen, auch bei ihr wohnen die Seelen der Ungebornen. Wenn sie umzieht fährt sie gleich Holda als eine grosse, hehre Frau auf ihrem goldnen Wagen, gefolgt von grossen Schaaren der Kinderseelen, welche den heiligen Pflug ihr nachführen, deren Königin sie genannt wird. Gewöhnlich gütig und mild erzürnt sie doch leicht, sobald man ihrer spottet und dann ist ihre Strafe eine sehr strenge. So erzählt eine Sage, wie eine Spinnerin den abgesponnenen Rocken in der Hand spät in der Perchtennacht wohlgemuth nach Hause ging und der Göttin mit dem Kinderzuge begegnete. Beim Anblick der Kinder, die alle von gleicher Art und Grösse schienen und den Pflug und anderes Wirthschaftsgeräth trugen, konnte das Mädchen sich nicht enthalten, laut auf zu lachen. Da erzürnte Perchta, trat vor die Leichtfertige hin und blies sie an, dass sie auf der Stelle erblindete. Das arme Mädchen fand mit Mühe den Weg ins Dorf, sie war nun unglücklich, konnte nicht mehr arbeiten und sass traurig am Weg und bettelte. Als das Jahr verstrich und Perchta in der ihr heiligen Nacht wieder durch die Fluren zog, bettelte die Blinde, weil sie Niemand kannte, auch die vorüberziehende Göttin an. Da sprach Perchta gütig: ›Voriges Jahr blies ich hier ein paar Lichtlein aus, so will ich heuer sie wieder anblasen,‹ und bei diesen Worten blies sie der Magd in die Augen, welche alsbald wieder sehend wurden. Firgunia, Hluodana, Tanfana, Nehalennia. ♦ M. 235. statt Hlôtyn l. Hlôdhyn. Ein ihr von einem Römer geweihter Altar mit der Inschrift: DEAE HLVDANAE SACRVM C. TIBERIVS VERVS wurde in den Niederlanden gefunden und wird in Xanthen aufbewahrt. Neben Nerthus oder Nirdu gab es bei andern Stämmen noch andere Erdgöttinnen, so Firgunia , die nordische Fiörgyn, die Mutter des Donnergottes, Hluodana (nord. Hlôtyn) welche besonders eine Schirmerin des Heerdes war und die am Niederrhein grosser Verehrung genoss. Ob die von Tacitus schon genannte Tanfana ♦ Myth. 70. 236. Wir kennen sie durch Tacitus und einen Altar mit der Inschrift: TAMFANAE SACRVM. auch als solche galt, ist noch unaufgehellt. Wie wir Nirdu auf einer Insel des Oceans verehrt sehen, so war dies gleichfalls Nehalennia ♦ M. 236 nur beiläufig erwähnt. Beitr. 149. Einige zwanzig römische Altäre verbürgen die hohe Verehrung, in welcher sie stand. Ueber Folla vgl. Myth. 285 und Jac. Grimm in Haupts Zeitschrift II, 189. . Sie hatte auf der Insel Walchern an der Mündung der Schelde einen heiligen Hain, in dessen Mitte sich in späterer Römerzeit ihr Tempel erhob. Darin waren ihr zahlreiche Votivsteine aufgerichtet, nicht nur von Germanen, sondern auch von Römern, denn diese entlehnten ihren Cultus von jenen. Sie wird auf denselben entweder stehend dargestellt, einen Hund mit zu ihr erhobenem Kopfe zur Seite, den einen Fuss auf den Vordertheil eines Schiffes gestützt; oder sitzend, den Hund zur Seite und ein Körbchen mit Früchten auf dem Schoosse haltend, oft steht ein zweites Körbchen neben ihr. Den obern Theil der Altäre schmücken Gewinde von Früchten oder Hörner des Ueberflusses, die wir oft auch auf dessen Seiten antreffen Sie ist demnach der Nirdu verwandt, und wohl dieselbe mit Folla , der Göttin der Fülle, und der suevischen Göttin, welche nach dem Berichte des Tacitus unter dem Symbol eines Schiffes verehrt wurde, die er Isis nennt. Noch im zwölften Jahrhundert finden wir den Gebrauch, dass ein mit göttlichen Ehren empfangenes Schiff die Niederlande durchzog. Wo es einkehrte, war Freudengeschrei und Jubel, man tanzte bis in die späte Nacht um dasselbe herum, und sang festliche Lieder. Keiner aber durfte dem Schiffe nahen, ohne dass dessen Hüter es erlaubten und dies geschah nur gegen reiche Gaben. Lange nachher, im sechzehnten Jahrhundert, dauerte ein ähnlicher Umzug mit Schiffen und Pflügen in Schwaben fort. Diese Umzüge fallen mit dem der Mutter Erde genau zusammen, nur dass jene Göttin in dem Schiff unsichtbar thront, diese im verhüllten Wagen. Hruoda, Ostara. ♦ Hruoda (Myth. 266) gleich Ostara (Myth. 267) waren besonders bei den Angelsachsen verehrt, wo sie nach Bedas Bericht Hrêde und Eástre hiessen. Ueber Ostara vgl. noch Beitr. 177. Wie Hruodâ die leuchtende ruhmvolle Göttin, so war Ostara die Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichtes, die freudige, goldbeschuhte, heilbringende Frau des Frühlings. Gertrudenkraut und Frauenschühlein waren ihre heiligen Kräuter, Ostern, welches den Namen von ihr herleitet, ihr Fest. Noch lebt ihr Andenken in einst ihr geweihten Bächen und Bergen fort, auf welchen letztern einst ihr am Auferstehungsfeste geopfert wurde. Frouwa, Frikka. ♦ Myth. 276. Kuhn in Haupts Zeitschr. V, 373. Zu den Merseburger Gedichten von Jac. Grimm das. II, 189. vgl. V, 1. Wolf Beiträge 179. Wir kommen zu zwei der hehrsten Göttinnen unserer Vorzeit, deren Cultus alle Grenzen der Stämme überspringend über alle Länder germanischer Zunge verbreitet war, zu Frouwa , der frohen, erfreuenden, lieben, gnädigen Göttin, der Schwester Fros, der erhabenen, von welcher der Name Frau abstammt, nach der die Frau genannt wurde – und zu Frikka , der Gemalin Allvaters, Wuotans, dem freien, schönen, liebenswürdigen Weibe . Beide standen in hoher Verehrung, doch, wie es fast scheint, überwog durchgängig die der Frouwa, der schönsten Personification echter Weiblichkeit; wie denn noch die Minnesänger oft streiten, welcher Name schöner sei, Frau oder Weib, aber zuletzt jenem stets den Vorzug geben, denn Frau bezeichnet die Würde des Weibes, Weib bezieht sich mehr auf das Geschlecht. Frouwa war vermälet, aber ihr Gatte verliess sie, da zog sie in der weiten Welt unter fremden Völkern ihn suchend umher, bittere Thränen weinend. Diese Thränen waren golden und nordischem Mythus zufolge wird das Gold nach ihnen genannt; die Göttin selbst aber hiess die Thränenschöne. In den Märchen finden wir oft den Zug, dass Perlen und Blumen geweint wenden. Wie Aphrodite den Anmut verleihenden Gürtel, so trug sie einen kostbaren Halsschmuck; ihr Gemach war so stark, dass wenn die Thür verschlossen war, niemand ohne ihren Willen herein kommen konnte. Ihren Wagen zieht ein Gespann von Katzen, die ihr überhaupt heilig waren, wie eine Menge noch umlaufender Aberglauben lehrt; Daher z. B., dass die Braut die Katzen füttern muss, wenn sie einen schönen Hochzeitstag haben will. wenn sie nicht fährt reitet sie und zwar gleich ihrem Bruder Fro auf einem goldborstigen Eber, der mit Windesschnelle die Lüfte durchsaust. Fahrend wurde sie im Norden nur gedacht, wenn sie zu Kampf und Schlacht zog, denn diese mied sie nicht. Auch in Deutschland mischte sie sich in den Kampf. Sie wurde nämlich gleich Holda, mit der sie sich mannichfach berührt, ihres milden, reinen Wesens willen in der christlichen Mythologie durch Maria ersetzt und diese erscheint in vielen Sagen reitend in den Wolken, von wo aus sie Sieg und Niederlage austheilt. Wie in dem nordischen Mythus sie einen geräumigen Pallast hat, in welchem sie die Seelen Gestorbener empfängt, so wird sie auch bei uns dieselben aufgenommen haben und zwar vorzugsweise die Seelen der Frauen. Frikka theilt der nordischen Ansicht zufolge den Hochsitz Allvaters, von dem herab sie mit ihm die Erde und Alles, was auf derselben ist, überschaut. Sie theilt seine Allwissenheit, darum kennt sie das Schicksal aller Menschen. Wie Holda wurde auch sie im Norden von Kinderlosen angefleht, denn als Ehegöttin schenkte sie der Ehe den Segen der Kinder. In vielen Zügen ist sie überhaupt gleich Frouwa der Holda verwandt, mit der sie gleiche, in einigen Gegenden wohl höhere Verehrung genoss, da sie als Gattin des höchsten der Götter in höherem Rang und Ansehen stand. Hellia ♦ Myth. 288. Beitr. 202. Wilh. Wackernagel in Haupts Zeitschr. VI, 149. A. Kuhn das. VI, 117. IV, 391. Mancher andern Göttin wäre, wie früher noch manches andern Gottes, zu gedenken gewesen, doch ich überging sie, da von ihnen bis jetzt wenig mehr als der Name aufgefunden wurde. war die unerbittliche Göttin der Unterwelt, zu welcher die Seelen der an Siechthum oder vor Alter gestorbenen Menschen fuhren. Tief im Dunkel der Erde lag ihre Wohnung. Da thronte sie in schauriger Gestalt, halb schwarz, halb menschenfarbig. Sie ist nach der Edda eine Tochter des bösen Loki und einer Riesin, die Schwester des furchtbaren Wolfes Fenrir und der erdumgürtenden Schlange. Ihr Saal heisst Elend, ihre Schwelle Einsturz, drohendes Unglück ihr Bett; Träge heisst ihr Knecht, Langsam ihre Magd; sie isst von der Schüssel Hunger und schneidet mit einem Messer, dessen Name unersättliche Gier heisst. Was sie einmal besitzt, lässt sie nicht mehr los, Barmherzigkeit kennt sie nicht. Nach der Einführung des Christenthums vielleicht auch schon früher schwand der persönliche Begriff und löste sich in den localen auf: aus der Göttin Hellia, Hella wurde die Hölle, die nun dieselben Eigenschaften beibehielt, welche wir der alten Göttin beigelegt sehen, die trotz all der Seelen, welche sie verschlang, unersättlich immer nach neuen noch hascht. Mit ihr schliesst die noch sehr mangelhafte Reihe der Gottheiten unseres Alterthums. Wenn wir einen Rückblick auf sie werfen, so finden wir allerdings sowohl im ganzen Kreise der Götter, wie bei den einzelnen der Lücken noch zahlreiche und das mag uns mit Recht empfindlich berühren, aber wenn wir dabei bedenken, dass wir, ehe Jacob Grimm auftrat, fast gar keine dieser Gottheiten kannten, dass sie alle in so kurzer Zeit wieder erstanden und dass zahllose Hände graben und Gott fleissige Hände segnet, dann müssen wir uns wieder erhoben fühlen und die Hoffnung bricht durch, dass wir bald jene ehrwürdigen Göttergestalten klarer und vollständiger aufgestellt sehen werden, als dies bis jetzt möglich war. Helden. ♦ Myth. 315. Die deutsche Heldensage von Wilh. Grimm. Göttingen 1829. Die deutsche Heldensage von Fr. J. Mone. Zwischen Gott und dem Menschen besteht eine Stufe, auf der sich beide einander vermitteln, das göttliche Wesen den irdischen Dingen näher gerückt, die menschliche Kraft verklärt erscheint. Das Christenthum, welches nur auf die Kraft der Seele sein Auge richtet, nennt diese Stufe Heiligkeit, weil sie dem Allheiligen näher führt und näher steht; das Heidenthum, bei dem mehr die Leibesstärke, die in Kampf und Schlacht sich offenbarende Körperkraft in Anschlag kam, nannte sie Heldenthum. Der Heilige wie der Held streiten gegen das Böse, nur jener gegen das moralisch, dieser gegen das materiell auftretende Böse, und unsterbliche Thaten verrichtend gelangen sie zu ewigen Ehren, die sich bei den heidnischen Helden zu göttlichen steigern. Wie im Standesverhältnis der Edle zwischen dem König und Freien, so steht der Held zwischen den Göttern und den Menschen; aus den Edeln gehen Könige, aus den Helden Götter hervor, so jedoch, dass das Menschliche bei ihnen vorwaltend bleibt. In dem Helden erreicht der Mensch die Hälfte der Gottheit, er wird Halbgott, ist aber darum von Leiden, Wunden und Tod nicht frei, um so weniger, als selbst die Götter nicht von denselben befreit sind. Aber nicht allen Menschen, nicht allen Edeln ist es gegeben, sich zu dieser hohen Stufe empor zu schwingen. Sie vermögen dies der urältesten Ansicht nach nur in so fern, als göttliches Blut in ihren Adern rollt, d. h. als Nachkommen der Götter, als göttlichem Geschlecht entsprossene. An der Spitze der Stammtafeln unserer wie der griechischen Helden stehen Götter. Auch die äussere Erscheinung des Helden streift an das Göttliche; seine Gestalt ist durchgängig hoch und riesenhaft, er hat mehr Glieder als der gewöhnliche Mensch, oder auch weniger, der nordische Odhinn ist einäugig, Tyr einhändig, Hödhr blind u. s. w. und ein höherer, himmlischer Glanz leuchtet aus seinen Augen. Oft treten die Helden unansehnlich selbst verunstaltet in das Leben, das Licht der Augen, der Ton der Sprache fehlt ihnen, u. a. m. aber was ihnen so versagt scheint, das stellt sich plötzlich ein, es sinkt wie eine Hülle von ihnen herab und sie stehen da in dem ganzen Glanze ihrer übernatürlichen Kraft. Oder sie kommen gar nicht, wie andere zur Welt, ungeboren werden sie aus der Mutter Leib geschnitten und auf mannichfache Weise zu erhalten gesucht. Den als Kind ausgesetzten Helden säugen die Thiere des Waldes, die Vögel füttern ihn; die Götter senden diese ihre heiligen Thiere zu seiner Rettung ab und so wächst er heran. Aber nicht wie die Kinder der Menschen wachsen manche Helden, nicht langsam nach schleichenden Jahren. Wie den Göttern in himmlischer Ruhe die Zeit schneller flieht und sie ein anderes Maas für dieselbe haben, so auch der sich entwickelnde Held, dem Monate und Wochen das sind, was Jahre für uns. Und wie die Götter also seit der Geburt über ihm wachen, so weichen ihre schützenden Hände auch in spätern Jahren nicht von ihm. Er theilt mit ihnen die Gabe des Fluges, das Vogelhemd, die Tarnhaut, das Nebelgewand, welche ihn in Stunden der Gefahr plötzlich aus der Feinde Augen tragen; sie führen ihm ein Ross zu, welches von ihren göttlichen Rossen stammend wunderbare Gaben, so die der Sprache, besitzt. Zwar sterben manche Helden in der Blüthe ihres Lebens, doch erreichen andere dagegen ein hohes übermenschliches Alter. Jener Leben wird meistens gekürzt durch ihre Verbindung mit göttlichen Frauen, welche ihnen ihre Gunst schenken. Und wie hier wieder, so berühren sie sich endlich auch darin mit den Göttern, dass sie feste, bestimmte Sitze haben; wie den Göttern Berge heilig sind, so wohnen die Helden meist auf Bergen und Felsen, welche den Namen Stein führen, so der Eigelstein, Kriemhildenstein, Waskenstein u. a. m. Die Stammtafel unseres Volkes eröffnet als Urahnherr nach Tacitus Tuisco , der erdgeborne Gott, dessen Sohn Mannus war, der erste der Helden, aller Menschen Vater. Er hatte drei Söhne Ingo , Isco und Irmino und von diesen stammen die drei Hauptstämme der Deutschen ab, nach ihnen heissen sie bei Tacitus Ingaevones, Iscaevones und Herminones. Ing, Ingo oder Inguio hat sich zulängst im Andenken der sächsischen und nordischen Stämme erhalten; von ihm singt das Runenlied, zuerst habe er sich bei den Ostdänen aufgehalten, dann sei er gen Osten über Meer gezogen, sein Wagen ihm nachgerollt. Die Iscaevonen wohnten in den Rheingegenden, wo ein nach dem Namen ihres Stammhelden genannter heiliger Sitz Asciburg lag. Die Herminonen, besser Irminonen, lebten mehr in der Mitte Deutschlands. Von dem Stammvater der Letztern Irmin ist der Held Armin wohl zu unterscheiden und wenn Tacitus meldet, dass der Letztere in Liedern gefeiert worden sei, so ist dies ein Misverständnis, da diese Lieder sich weniger auf den jüngern historischen Armin, als auf den alten mythischen Irmin bezogen. Tacitus berichtet uns noch von weitern göttlichen Helden, deren Namen uns jedoch gleich weitern Nachrichten über sie verloren scheinen. So nennt er einen dem Hercules ähnlichen, dessen Lob man in den Schlachtgesängen anstimmte, dem ein Wald geheiligt war und Opfer sanken, einen andern, den er mit dem Ulysses gleichstellt und ein den römischen Castor und Pollux zu vergleichendes Brüderpaar von Helden, welche bei den Naharvalen in hoher Verehrung standen, die gleichwie jener erste einen heiligen Hain hatten. Nur mattes Licht fällt bis jetzt auf andere Heroenbilder, von denen die Gedichte des Mittelalters uns Spuren aufbewahrt haben, auf Skeáf , der als Knabe in einem Schifflein auf einer Garbe schlafend, von Waffen und Geschmeide umgeben ans Land trieb und der Angeln erster König wurde, auf Kipicho , dessen Namen uns die Gibichensteine bewahren. Klarer stehen einzelne Helden unserer deutschen Ilias da, am leuchtendsten aber deren Hauptheld, Siegfried , der Erwerber des Hortes der Nibelungen, dessen Uebermenschlichkeit uns in zahlreichen Zügen vor Augen tritt. Ihn erzieht keine menschliche Mutter, sondern ein Elbe, ihn liebt keine menschliche Jungfrau, sondern eine göttliche Walkyrie, ihn schützt kein menschlicher Panzer, sondern das verhärtete Blut des Drachen und der göttliche Helm, der unsichtbarmachende. Der Sieg war ihm in jedem Kampfe so gewiss, wie dem ihm gleich unnahbaren feuerathmenden Dieterich , nur die Tücke Hagens konnte ihm den Tod bringen. Sagengefeiert steht ferner Wieland da, der kunstreiche Schmied, der auf tückische Weise gefangen gehalten mit gelähmten Fusssehnen, mit ungelähmtem Arme sich das Fluggewand schmiedet, welches ihn, nachdem er furchtbare Rache genommen, durch die Lüfte trägt. Sein wie Siegfrieds Meister in der Schmiedekunst war Mîme , der kunstfertige und weise Held. Eigil der gewandte Bogenschütze, der den Apfel vom Haupte seines Sohnes schoss, war Wielands Bruder, gleich ihm und dem dritten Bruder einer Walkyrie Gemahl; Wittich , Wielands Sohn, Wate , der riesengrosse und riesenstarke, Hildebrand können wir hier nur andeutungsweise berühren. Weise Frauen. ♦ Myth. 368. S. 49. Wer denkt bei Brunhild nicht sofort an Dornröschen? Neben den Namen der Helden finden sich in den Stammtafeln und Stammsagen keine Heldinnen: mit der Heldenarbeit hat das Weib nichts gemein, es gehört nicht ins Feld und in die Kampfreihen, sondern in das Haus, worin wir auch die Göttinnen vorzugsweise waltend erblicken, der Frau ziemen friedliche Beschäftigungen, sie ist die »Frieden webende.« Darum theilen die Frauen doch die Halbgöttlichkeit mit den Männern und wenn die Halbgöttinnen nicht so geräuschvoll auftreten, wie die Helden, so erscheint ihr Amt dafür um so bedeutsamer und von tieferem dauernderem Einfluss auf das Leben und Treiben der Menschen. Ihr Geschäft und ihre Bestimmung ist im Allgemeinen so zu bezeichnen, dass sie den obern Göttern dienen und den Menschen verkündigen. Sie stehen den Göttern unmittelbarer nah, als die Helden, im Range über diesen, sie vermitteln die Gottheit den Menschen. Es ist ein tiefer und schöner Zug in unserm Volke, dass es von jeher die Frau mit einer Achtung und Ehrfurcht behandelte, welche andern Völkern selbst auf der höchsten Stufe der Bildung fremd blieb. Die Deutschen glaubten, wie wir schon wissen, dass den Frauen etwas Göttliches und Vorahnendes innewohne, und das erklärt sich, wenn wir uns erinnern, dass ja selbst ihr Name göttlichen Ursprunges ist. Man hielt darum auch dafür, dass Zauber und Weissagung besonders ihre Gaben seien. Dies gilt nun in besonders hohem Grade von den halbgöttlichen Frauen, welche daher ihren Namen leiten: kluge, weise Frauen; ihr allgemeinerer Name war Idisî . Zwar beruht ihr Wesen auf menschlicher Natur, gleich dem der Helden, aber wie diese von den Göttern mit physischen Mitteln und Kräften bedacht sind, so sind jene mit höhern geistigen Gaben ausgerüstet. Sie haben das Amt den Menschen Heil oder Unheil, Sieg oder Tod anzusagen und zu verkündigen. Ihre Weisheit erspäht, ja sie ordnet und lenkt Verflechtungen unseres Schicksals, warnt vor Gefahr und räth in schwieriger Lage. Bei der Geburt des Menschen erscheinen sie weissagend und begabend, in Kampfes Nöthen sind sie hilfreich und Sieg verleihend ihm nahe. Unter ihnen stehen obenan die drei Schicksalsgöttinnen, die Moiren der Griechen, die Parzen der Römer, unsere Norni: Wurt, Werdandi und Scult , also das Gewordene, das Werdende, das Werdensollende, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nach nordischer Ueberlieferung quillt unter einer der Wurzeln des Weltbaumes, der Esche Yggdrasil ein hochheiliger Brunnen, welcher nach der ersten dieser Nornen genannt wird. Da erhebt sich der Saal der drei Jungfrauen, aus welchem sie hervorgehen, die jedem Menschen seine Lebenszeit Bestimmenden. So kamen sie in der Nacht, wo Helgi der Held geboren wurde, in die Burg und schufen ihm sein Schicksal; sie drehten die Schicksalsfäden und breiteten das goldne Seil mitten am Himmel aus. Die eine barg ein Ende desselben gen Osten, die andere eines gen Westen, die dritte festigte es gen Norden und alles Gebiet zwischen den beiden ersten Fäden sollte dem jungen Helden zufallen. Ein anderesmal kamen sie in ein Haus, da lag ein Kind in der Wiege und zwei Kerzen brannten über ihm. Die erste und die zweite Norne begabten es mit Glückseligkeit vor andern seines Geschlechtes. Da erhob sich aber zornig die dritte, die jüngste, welche man im Gedränge von ihrem Stuhl geworfen hatte, so dass sie zur Erde gefallen war und rief: Ich schaffe dem Kinde, dass es nicht länger leben soll, als die neben ihm angezündete Kerze brennt. Gütig aber griff die älteste der Jungfrauen rasch nach der Kerze, löschte und gab sie der Mutter mit der Mahnung, sie erst an dem letzten Lebenstage des Kindes wieder anzustecken. Von diesem Besuche der Nornen empfing das Kind den Namen Nornengast. Diese älteste der Nornen ist die Vergangenheit, jene übles schaffende Jüngste die Zukunft, die nie altern kann, vielmehr gleichsam immer jünger wird und an Alter abnimmt, wie die Vergangenheit stets an Alter zunimmt. Weil diese aber von Herzen gütig war Alles Leid verliert in der Erinnerung seine Bitterkeit, die Freude steht ewig lachend in ihr da. und durch ihr Alter ehrwürdig, so war sie besonders verehrt und gleichsam die Vorsteherin der heiligen Dreizahl. Wie der Born unterm Weltbaum seinen Namen von ihr hat (Urdharbrunnr) so galt ihr Name auch unter unsern Vorfahren zur Bezeichnung des Schicksals im Allgemeinen. Ganz das Gegentheil von ihr scheint die jüngste, Skuld; jugendlich rasch naht sie heran und im Nahen verschwindet sie schon wieder, ihrer zweiten Schwester Platz zu machen. Ihrer ewigen Beweglichkeit ist die Ruhe der ältern Schwester verhasst, was sie im Schilde führt, weiss Niemand, nur ihre Werdelust kennt man. Wenn wir daher im Allgemeinen die Nornen als spinnend oder webend dargestellt finden, so sehen wir mitunter Skuld von ihren Schwestern getrennt und finden wir sie in einem andern Kreise weiser Frauen thätig, zu dem die beiden andern weniger passen. Kein Geschick bewegte den Sinn des Alterthums lebafter als der Ausgang der Schlachten und Kriege. Es wurde in dem Capitel über Wuotan bereits der Walküren gedacht, d. i. jener göttlichen Botinnen Allvaters, welche den Wal (die Erschlagenen auf dem Schlachtfelde) küren, kiesen, holen, in Empfang nehmen, die also die Helden in die göttliche Wohnung Wuotans tragen. Von diesem ihrem Walten in der Schlacht hiessen sie dem Norden Schlachtmädchen, weil sie gerüstet unter Schild und Helm ausziehen Schildjungfrauen, Helmjungfrauen, und weil sie Wuotans, des Wunsches Abgesandte waren, Wunschmädchen. Sie sind der Helden Schutzgeister, so jene, die des Staufenbergers von Jugend auf in Gefahr und Krieg gehütet hatte und stets unsichtbar um ihn war, die ihm später in weissen Gewändern auf einem Steine sitzend erscheint und bei ihm ist, so oft er sich nach ihr sehnt und sie herbeiwünscht. Sie wird seine Geliebte, aber verlangt dabei auch unverletzliche Treue, er hält sie ihr eine Zeit lang, darin bricht er sie und stirbt zur Strafe binnen drei Tagen. Nach nordischer Vorstellung, die zweifelsohne auch bei uns gäng und gebe war, reiten sie sobald die Schlacht anhebt, auf die Walstatt, eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Kampfe führt sie dahin. Golden leuchten ihre Helme, ihre Lanzen und Schilder glänzen; wenn sich ihre golden schimmernden Rosse schütteln, trieft von den Mähnen Thau in die Thäler. Ueber den Reihen der kämpfenden Helden sich tummelnd stehen sie ihnen Freunden schützend zur Seite, bringen sie Entscheidung des Kampfes und geleiten die Gefallenen gen Himmel, wo sie ihnen beim Mahle den Meth kredenzen. Unter ihnen fühlt sich Skuld, die jugendlich rasche und frische behaglicher, als in der Gesellschaft ihrer Schwestern, sie bricht der Helden Lebensfaden. Ihre Zahl wechselt im Norden zwischen sechs neun und dreizehn. Ursprünglich gab es ihrer wohl nicht mehr, später aber wurden diesen Jungfrauen göttlicher Abkunft andere aus menschlichem Geschlechte zugesellt, doch waren sie, wie die spätern Helden stets aus Geblüte. Gerne geben sie sich den Helden in Liebe hin; wie den Staufenberger eine Walküre liebte, so Brunhild den gewaltigen Heldenjüngling Siegfried. Ihr Name bezeichnet die gepanzerte, mit der Brünne bedeckte Hilde. Auf einem Berge erhob sich ihre Schildburg, die mit wabernder Lohe umgeben war. Sie hatte gegen Siegvaters Willen den Sieg ausgetheilt und war zur Strafe dafür von dem Gotte in einen Zauberschlaf gesenkt worden; so schlief sie auf ihrem Schilde, bis Siegfried die Flammen durchritt und sie weckte. Aber nicht ewig dauern Schlacht und Kampf; die Entscheidung in denselben ist nur ein Theil des Schicksals und die Walküren sind mit den Nornen, den Schicksalsschwestern eng verwandt. Auch die Walküren spinnen und weben und zwar nicht nur die Geschicke der Schlacht, sondern sie spinnen auch am Seestrande sitzend köstlichen Flachs. Zu dieser ihrer friedlichen, weiblichern Seite passt das goldne Schlachtross nicht; wenn sie sich irgendwohin begeben wollen, ziehen sie Schwanhemde an. So wird im eddischen Völundrslied erzählt, als Völundr (Wielant) und seine Brüder eines Morgens an den Wolfssee kamen, fanden sie am Strande drei Frauen, welche Flachs spannen, neben ihnen lagen ihre Schwanhemden, es waren Walküren. Oft finden die Helden sie auch in der kühlen Flut badend, nehmen das am Ufer liegende Schwangewand und bringen die Jungfrauen dadurch in ihre Gewalt. So lange sie das Gewand vor ihnen zu verbergen wissen, geht Alles gut, finden die Frauen es aber zufällig wieder, dann erwacht der Drang nach der alten Freiheit, nach dem alten Amte in ihnen und sie entfliegen. Mitunter ist die Gabe des Fluges in Schwangestalt auch an einen Ring, an eine Kette gebunden, welche übergeworfen oder angelegt werden, worauf die Verwandlung sogleich erfolgt. Die Seen, auf welchen die Schwanenjungfrauen erscheinen, liegen meist in den tiefen, geheimen Schatten eines Waldes, das rechtfertigt einen andern Namen dieser lieblichen Wesen, sie heissen auch Waldfrauen . Der alte heilige Wald ist ihr Lieblingsaufenthalt, da thronten die Götter auf Bäumen und ihnen konnten die weisen Frauen nicht fern sein, da dieselben ihr Geleit und Gefolge bildeten. Ueblicher als jener Name Waldfrauen ist Waltminnen , neben welchem der dritte Meerminnen vorkommt. So heissen die weisen Frauen in dem Nibelungenlied, deren Hagne eine anredet, Merwip. Gleich ihnen weissagen alle, manche sind auch Stammütter von Helden, wie Wittich Wielands Sohn Frau Wâchilt als Ahnfrau erkennt und Morolt eine Meerminne zur Muhme hat, die im Berg Elsabe wohnt. Wichte und Elbe. ♦ Myth. 408. S. 58. Einzelne elbische Wesen das. S. 441. Von den vergötterten und halbgöttlichen Naturen unterscheidet sich eine ganze Reihe anderer Wesen hauptsächlich darin, dass sie, während jene von den Menschen ausgehen oder menschlichen Umgang suchen, eine gesonderte Gesellschaft, man könnte sagen ein eignes Reich für sich bilden und nur durch Zufall oder Drang der Umstände bewogen werden, mit Menschen zu verkehren. Etwas Uebermenschliches, was sie den Göttern nähert, ist ihnen beigemischt, sie besitzen Kraft, dem Menschen zu schaden und zu helfen, zugleich aber scheuen sie sich vor ihm, weil sie ihm leiblich nicht gewachsen sind. Entweder erscheinen sie weit unter menschlichem Wachsthum, oder ungestalt. Fast allen ist das Vermögen eigen, sich unsichtbar zu machen. Auch hier sind die weiblichen Wesen allgemeiner und edler gehalten und ihre Eigenschaften gleichen denen der Göttinnen und weisen Frauen; die männlichen Geister scheiden sich bestimmter ab, von Göttern wie von Helden. Die Namen dieser Wesen sind Wichte , Elbe oder Elben , der letztere ist verbreiteter und bis in unsere Tage üblicher; wir haben ihn mit allen anderer Stämmen unseres Volkes gemein. Wir haben ihrer drei Arten zu unterscheiden, weisse, dunkle und schwarze Elben. Die beiden ersten sind das, was wir gewöhnlich unter dem Namen »Elfen« verstehen, die schwarzen mehr das, was wir Zwerge nennen, alte eigentlichen Wichte. Alle theilen mit einander die kleine oft winzige Gestalt. So weit der Riese den Menschen an Grösse überragt, so weit steht der Elbe dem Menschen an Grösse nach. Dass die Elben untereinander an Aussehen verschieden sind, verkünden bereits ihre Namen. Die lichten, weissen sind so schön und wohlgebildet, dass der alte Norden die Summe weiblicher Schönheit mit den Worten ausdrückte: schön wie eine Elbenjungfrau. Die schwarzen, die Zwerge bilden ursprünglich den vollen Gegensatz zu ihnen, sie sind meist von widriger Farbe, übelgebauten Leibes, haben Höcker und tragen graue schlechte Kleider. Im Laufe der Jahrhunderte flossen übrigens diese Wesen mannichfach zusammen, übertrug man Züge der einen auf die andern. Da die Unschönheit der Zwerge allzuabstossend erschien und wenig passend zu ihrer oft erprobten Gutmüthigkeit, so übertrug man die Schönheit der Elben auf sie und zwar echtdeutsch zumeist auf ihre Frauen. In den Angaben über ihre Grösse herrscht wenig Uebereinstimmung. Während der Mensch langsam heranwächst, erst nach dem fünfzehnten Jahr seine volle Gestalt erreicht und dann siebenzig Jahre lebt, der Riese hingegen steinalt worden kann, ist der Zwerg bereits im dritten Jahr seines Lebens ausgewachsen und im siebenten Jahr ein Greis, kann aber als solcher noch ein langes Leben führen, welches über das menschliche weit hinausreicht. Bald erreichen die Zwerge das Wachsthum eines vierjährigen Kindes, bald erscheinen sie weit kleiner, nach Spannen und Daumen gemessen. Die Elben bilden ein eignes, abgeschlossenes Volk mit eigner Sprache. Der Zwerge Sprache ist der altnordische Ausdruck für das Echo: sehr bezeichnend, weil ihr Ruf und Geschrei in den Bergen widerhallt, dem gegen den Berg hin lautredenden Menschen gleichsam antwortet. Diesem Volke stehen Könige vor, deren uns die Sage manche nennt und die gewöhnlich als weissbärtige Greise erscheinen. So Goldemar , der ein reicher kaiserlicher Zwerg heisst; in dem Harz herrscht König Gübich , er ist sehr klein, rauh von Haar und sieht sehr alt aus, wem er gut gewesen, dem hat er vielen Reichthum bescheert, aber ebenso zugefügten Spott auch schwer gestraft; seinen Berg, den Gübichenstein durfte Niemand ersteigen. Sagenberühmt ist der Zwergkönig Laurin , der in deutschen Landen und in der Wälschen Land Gebirge besass, besonders aber in den Gebirgen Tirols herrschte, wo man noch später seinen Panzer zeigte. Sein Bruder Sinnels besass Palackers, welches »bei dem Lebermeer liegt«, er war König des Berges und ein grosses Heer von Zwergen stand unter ihm. Auch dem König Elberich oder Alberich war mancher Berg und manches Thal unterthan. Er besass die unsichtbar machende Tarnkappe, die ihm die Stärke von zwölf Männern verlieh. Im Otnit wird er als einem schönen Kinde gleich geschildert und er rühmt von seiner Krone, dass sie mehr werth sei als Otnits Reich. Da gleich den Helden auch die Zwerge vielfach als kunstreiche Schmiede gelten, darf es nicht wundern, wenn er selbst dem Otnit eine Brünne schmiedete, deren gleichen man nie gesehn; die Ringe waren von Gold und sie war ein Land werth; Otnit selbst schätzte sie zu achtzigtausend Mark. Wieland der Held kam zu ihm und ward sein Geselle im Berg Glockensachsen, wo er die Schmiedekunst von ihm lernte. Dass Siegfried ihm die Tarnkappe mit Mühen abgewann, ist aus dem Nibelungenlied bekannt. Aber auch Königinnen gib es in ihren Reichen (die im Venusberg wohnende Frau Venus scheint an die Stelle einer solchen getreten zu sei), doch werden sie seltner genannt. Im allgemeinen sind die Elben gutmüthig und hülfreich, darum heissen sie auch das gute Volk, das stille Volk, die guten Holden, die guten Nachbarn, die friedlichen Leute. Bleiben sie in ihrem stillen Treiben ungestört, so halten sie gerne Frieden mit den Menschen und leisten ihnen Dienste, wo und wie sie nur können, durch Schmieden, Weben und Backen. Wenn dem Bauern, mit dem sie sich gut stehen, etwas an seinem eisernen Ackergeräthe bricht, so trägt er es an den Berg, darin sie wohnen, am anderen Tage findet er es ganz hergestellt wieder. Dem von der Arbeit ermüdeten Bauern geben sie jeden Mittag ein reiches Mahl, welches auf schön gedecktem Tische vor ihm aus dem Berge steigt. Dem Jüngling, der gern heirathen möchte aber nicht kann, weit der Vater der Braut zu viel Vermögen von ihm verlangt, leihen sie das Geld; wenn er es aber wiederbringen will, sind sie und bleiben unsichtbar oder schenken es ihm förmlich. In den meisten Gegenden geht die Sage, dass man ehedem, wenn eine Hochzeit gefeiert werden sollte, nach den Bergen der Zwerglein ging und dort Kessel und Geräth dazu holte. War dies Fest vorüber, dann trug man alles blank gescheuert zurück und setzte ein Speiseopfer zum Danke dazu. Für diese ihre Hülfeleistungen fordern sie aber auch gleiche von den Menschen, deren Beistand ihnen in manchen Fällen nöthig erscheint. So holen sie gerne Frauen, um den Zwerginnen in der Stunde der Geburt beizustehen, und lohnen ihnen die Mühe reichlich. Eine Gräfin von Ranzau ruhte an ihres Gemahls Seite, als ein Rauschen geschah; die Bettvorhänge wurden aufgezogen und sie sah ein wunderbar schönes Frauchen, nur ellenbogengross mit einem brennenden Licht vor ihr stehen, das bat sie, mit zu gehen und sich nicht zu fürchten, aber nichts zu essen, was man ihr auch anbieten möge, ebenso kein Geschenk anzunehmen, ausser was es selbst ihr geben werde. Die Gräfin ging mit und sie kamen unter der Erde in ein Gemach, das flimmerte von Gold und Edelsteinen und war erfüllt mit kleinen Männern und Weibern. Nicht lange, so erschien ihr König und führte die Gräfin an ein Bett, wo die Königin in Geburtsschmerzen lag mit dem Ersuchen, ihr beizustehn. Nachdem Alles glücklich vorüber und das Kindlein geholt war, führten sie die Gräfin zu einem Tisch mit köstlichen Speisen und mit Edelsteinen in goldnen Schalen beladen und drangen in sie zu essen, aber sie ass nichts und nahm nichts an. Nachdem das Frauchen sie zurückgebracht hatte, gab es ihr drei Holzstäbe, die sich am andern Morgen als Gold erwiesen, daraus sollte sie drei Dinge machen lassen; sie werde drei Kinder zeugen, sagte das Frauchen, welche drei Zweige eines Hauses gründen würden und so lang diese die drei Dinge bewahrten, würde der Segen nicht von ihnen weichen. Alles geschah, wie das Frauchen vorher verkündigt hatte. Noch öfter bitten sie Menschen zu Gevatter bei ihren Kindern: das geschah u. a. zwei Brautleuten, welchen sie den Weg vom Hause zu dem Berge durch hingestreute Körner zeigten. Ein Zwerglein empfing sie am Berg und führte sie durch einen langen Gang hinein. Da drinnen war alles ganz herrlich und prächtig; Wände, Boden und Decke funkelten von Edelsteinen und Gold, eine kostbare Tafel mit Gold und Silbergeschirr stand in der Mitte, der ganze Raum aber wimmelte von kleinen Leutchen, die sich um das Bett der Wöchnerin drängten. Nachdem alles vorüber war, brachten sie die Brautleute wieder ans dem Berg und gaben der Braut eine Schürze voll Hobelspäne. Sie wollte dieselben wegwerfen, aber der Bräutigam sagte: »Nimm sie mit, du kannst noch ein Feuer damit anzünden.« Und sie that wohl daran, denn als sie nach Hause kam, waren die Späne eitel Gold. Obgleich sie also mannichfach mit den Menschen verkehren, verlieren sie doch nie eine gewisse Scheu vor denselben, sie treten nur im Nothfall aus ihrer Abgeschlossenheit heraus. Ihre Tänze im Freien halten die Elben stets allein meistens auf schönen Waldwiesen oder auf ihren grünen Hügeln und heitere lustige Weisen klingen dazu durch die stille Nacht. Ueberhaupt lieben sie Musik und Tanz sehr und nach mondscheinhellen Nächten sieht man Morgens oft die Spuren ihrer Reigen im Grase oder im Thau. Ein dänisches Volkslied erzählt von einem Knaben, der auf einem ihrer Hügel auf sein Schwert gestützt stand, die Elbinnen tanzten im Kreise um ihn herum und wollten ihn durch Kosen und Versprechungen verleiten, in den Reigen zu treten. Eine Elbin spricht: ›Tanze mit uns, schöner Knabe, wir singen dir das süsseste, was dein Herz begehrt,‹ und sie singen so schön, dass der Bergstrom horchend stille steht, aber der Knabe bleibt ungerührt. Eine andere flüstert: ›Tanze mit uns, schöner Knabe, und wir lehren dich Runen, womit du den Bär und den Eber bezwingst, selbst den goldhütenden Drachen, dessen Gold all dein eigen wird.‹ Aber der Knabe bleibt ungerührt. Da wallen die Elbenjungfrauen in Zorn auf und wollen ihm den Tod ins Herz bohren, aber im selben Augenblick kräht der Hahn und der Reigen verschwindet. Wie schön ist gleichfalls jenes Lied von dem Ritter, der Abends ausreitet, seine Gäste zur Hochzeit zu entbieten. Er sieht wie vor ihm im Walde die Tochter des Elbenkönigs die feine weisse Hand ihm entgegenstreckt, hört wie sie ihn zärtlich bittet, mit in den Reigen zu treten, aber er erwiedert kalt: ›Nein, morgen ist mein Hochzeitstag.‹ Die Elben bieten ihm allerlei verführerische Geschenke, Widderhautstiefel und güldne Sporen und ein weissseidnes Hemd, welches die Elbenkönigin selber im Mondschein gebleicht, eine kostbare silberne Schärpe, die sie selber gestickt hat, aber er erwiedert kalt: ›Nein, morgen ist mein Hochzeitstag.‹ Da entbrennen die Elben in Zorn und die Königin stosst ihn aufs Herz; einen solchen Schlag hat er noch nie empfunden. »So reite denn zu deiner Braut!« rufen sie ihm zu und er reitet auf sein Schloss. Am andern Morgen naht der Zug der Braut, aber der Ritter ist todt. Ueber das schwerfällige Wesen der Menschen erhebt diese leichten Wesen das Vermögen zu entschwinden oder unsichtbar zu werden; jenes haben die lichten Elben, dieses mehr die gröbern Zwerge. Die erstern entschweben, die letztern bleiben, aber sie hüllen sich plötzlich in ein unsichtbar machendes Gewand, die Nebelkappe, Tarnkappe oder Tarnhaut, deren eine Siegfried dem Zwergenkönig Alberich nahm. Aus dieser Fähigkeit, ihre Gestalt zu bergen, so wie überhaupt aus ihrer neckischen Natur geht vielfacher Trug und Täuschung hervor, denen der Mensch im Verkehr mit den Elben und Zwergen ausgesetzt ist. Hauptsächlich kommt ihnen dies bei ihrer Neigung zu Diebereien zu statten, denn diese herrscht bei allen Elben und Zwergen vor. Wie die Elbinnen schöne Jünglinge in ihre Netze locken und deren Liebe zu gewinnen suchen, so trachten die Zwerge nach schönen Jungfrauen. In einem der schönsten deutschen Volkslieder wird erzählt, wie eine edle Königstochter Nachts am hohlen Stein, neben dem Born unter der Linde eines Ritters harrt und ein sehnendes Lied singt. Das hört ein Zwerglein, das an dem Berge im Walde sass, tritt zu ihr und spricht: ›Ich bin ein Bote zu euch gesandt, ihr sollet mit mir gehen in meiner Mutter Land.‹ Er nimmt sie bei ihren schneeweissen Händen und führt sie in den Berg zu seiner Mutter (der Zwergkönigin). ›O Mutter die ist mein allein, ich fand sie nächten späte bei einem hohlen Stein,‹ sagt er, aber die Mutter spricht verweisend, als sie die Jungfrau anschaut: ›Führe sie schnell zurück, woher du sie geholt hast, du schaffest grossen Jammer, denn ehe der Tag anbricht, sind drei Menschen todt.‹ Unterdessen war der Ritter gekommen; als er, die Liebste nicht fand, stürzte er sich in sein Schwert. So findet ihn die Jungfrau und ruft sterbend: ›Und hast, du dich erstochen so fahr ich auch gerne hin, es soll um meinetwillen keines Königes Kind mehr sterben.‹ Als sie nicht heimkehrt, überfällt den Wächter, der sie aus der Burg gelassen, bange Ahnung und er singt jammernd seine Klage dem Morgen entgegen. Das hört die Königin, sie weckt den König, der ihn vor sich kommen lässt; da gesteht der Wächter, was er gethan und wird mit dem Tode bestraft. Aber nicht nur Jungfrauen stellen die Zwerge nach, sie suchen besonders auch Kinder in ihre Gewalt zu bekommen. Wohlgestalte Kinder der Menschen entwenden sie aus der Wiege und legen ihre eigenen oder gar sich selbst an deren Stelle. Nur dadurch können sich die Menschen dieses übeln Gastes entledigen, dass sie ihn zum Selbstgeständnis seines Alters, folglich auch der Vertauschung bringen. Dies gelingt aber nur, wenn man seltsame, ungewöhnliche Dinge vornimmt, dann spricht der Wechselbalg und sagt meistens: ›Bin ich doch so alt, wie der oder jener Wald und habe doch noch nicht dergleichen gesehn.‹ Als höherer Natur wie der Mensch haben Elben und Zwerge die Gabe der Weissagung . Wir sahen schon wie des Zwerges Mutter ihm vorhersagt, dass er durch die Entführung der Jungfrau dreier Menschen Tod verschuldet habe. So weissagt der Zwergkönig Eugel dem Helden Siegfried, der sich ihm mit unterworfen hat: ›Du hast deine Gemahlin nur acht Jahre, das hab ich wohl gesehn, dann wird dir dein Leben mörderlich genommen, ohne dass du eine Schuld trägst. Aber deinen Tod wird rächen dein wunderschönes Weib, darüber wird verlieren mancher Held seinen Leib.‹ Oft verkünden die Zwerge annahendes Unheil oder den Tod. Auch der geheimen Kräfte der Pflanzen und Steine sind sie kundig, wie denn ein Zwerglein einer guten und gegen die Armen besonders freundlichen Gräfin Ranzau die Kräuter brachte, womit sie einer kranken Frau das Leben rettete. In ihrem Verkehr mit den Menschen machen diese Wesen oft bittere Erfahrungen, denn nicht immer tragen sie Dank als Lohn für ihren freundlichen Beistand und ihre Gutmüthigkeit davon. Dazu kommt, dass sie sich abhängig von den Menschen fühlen und doch auf der andern Seite wieder ihrer eignen Ueberlegenheit sich bewusst sind. So gestaltet sich oft ein feindseeliges Verhältnis zwischen beiden und die ohnedies neckische Natur dieser Wesen artet in Schadenfreude aus, ja sie bringen selbst den Menschen den Tod. Schon ihre Berührung, ihr Anhauch kann Krankheit und Tod verursachen, wen ihr Schlag trifft, der ist verloren oder untüchtig. Daher die Benennung Elbentrötsch für einen linkischen, tölpelhaften, irrsinnigen Menschen und Elbenschuss für verschiedene Krankheiten. Auf die Dauer kann diese feindseelige Stellung nicht gut thun; weil sie den Menschen sich bösgesinnt beweisen, so verfolgen diese sie und viele Sagen berichten, wie man sie gefangen genommen, ja die Eingänge zu ihren Höhlen und Gängen mit Stroh gefüllt und dies angezündet habe. Da weichen denn die Zwerge meistens den Menschen, überlassen ihnen die Erde und ziehen fort: sie fühlen sich nicht mehr behaglich, alles stört sie, das Glockengeläute der eindringenden Christen, das Ausreuten der alten Wälder, das Pochen der Hämmer und Mühlen, das laute Gewieher der Pferde, die den Pflug durch die neuurbarzumachende Erde ziehen. Ueberall hört man Sagen von dem Abzug der Wichtlein. So kam oft zu einem Bauern in Singlis (an der Schwalm) ein Wichtelmännchen freundlich auf den Acker. Eines Tages als er Korn schnitt, fragte es, ob er in der künftigen Nacht für reichen Geldlohn Fuhren durch den Fluss übernehmen wolle? Der Bauer sagte zu. Abends brachte der Wichtel einen Sack voll Waizen als Handgeld in des Bauern Haus, nun wurden vier Pferde angeschirrt und der Bauer fuhr zum Dosenberg. Aus den Löchern, die man noch als Aus- und Eingänge der Wichtelchen zeigt, lud der Wichtel schwere unsichtbare Lasten auf den Wagen, die der Bauer durchs Wasser auf das andere Ufer brachte; so fuhr er hin und wieder von Abends zehn bis Morgens vier Uhr, dass die Pferde endlich ermüdeten. Da sprach der Wichtel: ›Es ist genug, nun sollst du auch sehen, was du gefahren hast.‹ Er hiess den Bauern über die rechte Schulter blicken, da sah der Mann, wie das ganze Feld voll von Wichtelmännchen war. Darauf sagte der Wichtel: ›Seit tausend Jahren haben wir im Dosenberge gehaust, jetzt ist unsere Zeit um, wir müssen in ein ander Land; im Berg aber bleibt soviel Geld zurück, dass die ganze Gegend genug daran hätte.‹ Dann lud er dem Bauern seinen Wagen voll Geld und schied. Der Bauer brachte mühsam den Schatz nach Haus und war ein reicher Mann. Einzelne elbische Wesen kommen noch unter besondern Namen vor und verdienen eine nähere Betrachtung. Zu ihnen gehört der Pilwiz , Bilwiss , ein guter Genius elbischer Natur, der in Bergen und Bäumen wohnt, mit den Zwergen den kleinen unsichtbarmachenden Hut, mit den Elben das gefahrbringende Geschoss theilt. In den jüngsten Jahrhunderten hat der Volksglaube diese alte und edlere Bedeutung des Bilwiss verlierend, nur die feindselige Seite seiner Natur festgehalten: er erscheint nur noch als plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes, Getreide zerschneidendes Gespenst, meist in weiblicher Gestalt, als böse Zauberin und Hexe. Ihm verwandt ist der Schrat , (ahd. Serat) ein wilder, zottiger, rauher Waldgeist dem römischen Faun und Silvanus, dem griechischen Satyr vergleichbar. Er kommt nur männlich vor und einzeln lebend, wodurch er sich von den besonders im Südosten Deutschlands bekannten Waldleuten , Holzleutchen oder Moosleutchen unterscheidet, die wohl auch mitunter einzeln erscheinen, jedoch meist als ein zusammen hausendes zwergartiges Völkchen. Ihre Gestalt überragt nur wenig die der Elben, den Zwergen gleich erscheinen sie grau und ältlich, haarig gleich dem Schrat und in Moos gekleidet, daher ihre Frauen auch oft Moosfräulein genannt werden. Bei ihnen schlagen überhaupt die weiblichen Wesen mehr vor; auch wird an der Saale eine Buschgrossmutter genannt, die eine Königin des Völkchens sein wird. Oft nahen sie sich den Holzhauern und bitten um etwas Essen, sie holen es auch wohl ans den Töpfen weg, ersetzen aber das erhaltene auf andere Art, meistens durch gute Rathschläge. Mitunter erscheinen die Waldweibchen, wenn die Leute Brot backen und bitten ihnen einen Laib mit zu backen, so gross wie einen halben Mühlstein, der an eine bezeichnete Stelle im Walde hingelegt werden muss. Das Brot erstatten sie hernach oder sie bringen auch von ihrem eignen Gebäck, das sie den Ackerleuten in die Furche oder auf den Pflug legen, dem der es verschmäht, heftig zürnend. Anderemal zeigt sich das Waldweibchen mit zerbrochenem Schubkärrchen und bittet um Ausbesserung des Rades; dann lohnt es mit dem Abfall der Späne, die sich in Gold wandeln oder es schenkt Strickenden einen Zwirnknäuel, der sich nie ganz abwindet. So oft ein Mensch ein Bäumchen auf dem Stamme dreht, dass der Bast losspringt, muss ein Waldweibchen sterben. Eine Bauersfrau die mitleidig einem schreienden Waldkinde die Brust gereicht hatte, beschenkte die hinzutretende Mutter mit der Rinde, worauf das Kind gebettet war; die Bäuerin brach einen Splitter ab und warf ihn zu ihrer Holzbürde, daheim fand sie, dass er von Gold war. Im Südwesten Deutschlands sind diese Wesen unter dem Namen der wilden Weibchen oder wilden Frauen bekannt und wohnen im Wald unter Felsblöcken, die der wilden Frauen Haus, der wilden Weibchen Stein, der wilden Frauen Gestühl u. a. genannt werden. Sie verkehren freundlich mit den Menschen, kommen auf ihre Hochzeiten und schenken ihnen glückbringende Dinge. Gleich den Zwergen wohnt ihnen Kunde der geheimen Kräfte der Kräuter und Steine bei. So sagte einst ein wildes Weibchen zu einem Bauer: »Wenn ihr wüsstet wozu die wilden weissen Haiden und die wilden weissen Selben (Salbei) gut sind, dann würdet ihr mit silbernen Karsten hacken.« Als einmal die Bauern ein wildes Männchen fingen, rief das Weibchen ihm nach: »Sag Alles, sag Alles, nur nicht, wozu die wilden Selben gut sind.« Auch des Wetters sind sie kundig: wenn sie ihre schöne weisse Wäsche zum Trocknen aufhängen, so weiss man, dass schöne Tage folgen. Sie lieben Gesang; in der Nähe des wilden Frauen Gestühls bei Dauernheim hörte man oft einen lieblichen dreistimmigen Frauengesang. Ebenso singen sie, wenn eine Braut, die ihnen freundlich gesinnt ist, aus dem Hause der Eltern zur Trauung geht; auch wenn in einem befreundeten Hause ein Kind geboren wird, erschallt ihr Gesang und das bedeutet dem Neugebornen Glück und langes Leben. Als den Zwergen und Elben verwandt, weissagen sie und wissen voraus, wann Jemand sterben wird; oft erscheinen sie alsdann wehklagend in der Nähe des Sterbhauses. Nicht immer sind die Kinder der Menschen vor ihnen sicher. Einem Manne wollten sie seinen Knaben stehlen, aber er merkte es noch frühzeitig genug, nahm ihnen das Kind ab und fragte sie barsch, was sie mit demselben hätten machen wollen? Da sagten die wilden Weibchen: »Er wird bei uns bessere Pflege haben, es wird ihm besser gehen, als zu Hause, und der Knabe wäre uns lieb, Leid wird ihm nicht widerfahren.« Allein der Vater liess das Kind nicht aus den Händen und die wilden Weibchen gingen bitterlich weinend von dannen. Einen Hirtenknaben entführten sie wirklich, die Holzknechte sahen ihn erst ein Jahr nachher in einem grünen Kleid auf einem Stock des Berges sitzen. Den folgenden Tag nahmen sie seine Aeltern mit sich, aber sie gingen umsonst, der Knabe kam nicht mehr zum Vorschein. Vielfach werden ihre schönen langen Haare gerühmt. Diese waren Schuld, dass ein Bauer sich einst in ein wildes Weibchen verliebte, Abends zu ihr ging und sich ohne Scheu neben sie auf ihr Lager legte, ohne jedoch mit ihr zu sündigen. Das Weibchen fragte ihn, als er am folgenden Abend wiederkam, ob er nicht eine Frau habe? Der Bauer sprach nein, obgleich es die Unwahrheit war. Als er am Abend des dritten Tages wieder ausging, machte seine Frau sich allerlei Gedanken, wohin ihr Mann wohl gehen möge, spähte ihm nach und fand ihn auf dem Felde schlafend neben dem wilden Weibchen. »O behüte Gott, sagte sie zu dem Weibchen, deine schönen Haare! Was thut ihr denn da miteinander?« Mit diesen Worten wich des Bauern Frau, der Bauer war aber sehr erschrocken. Da sprach das Weibchen: »Hätte deine Aerger und bösen Hass gegen mich zu erkennen gegeben, so würdest du jetzt unglücklich sein und nicht mehr von dieser Stelle kommen, aber weil deine Frau nicht böse war, so liebe sie fortan und hause getreu mit ihr und untersteh dich nicht mehr daher zu kommen. Nimm diesen Schuh voll Geld von mir, geh hin und sieh dich nicht mehr um.« Auch die Moosweibchen sind gleich den Zwergen unzufrieden mit dem heutigen Weltlauf, sie ziehen sich zurück und verschwinden endlich ganz, denn »es ist keine gute Zeit mehr«. Wassergeister. ♦ Myth. 455. Wir verlassen das Gebiet der elbischen Wesen noch nicht, wenn wir zu den Wassergeistern übergehen: auch sie gehören zu ihnen. Wie Frau Holda im Brunnen ihre Wohnung hat, so bewohnen auch die nach ihr genannten Holden, guten Holden das Wasser und werden dadurch zu Wasserholden , zu Genien des Wassers, die dann den üblichern Namen von Nix und Nixe bei uns tragen; seltner hört man Nickel oder Nickelmann . In einigen Gegenden, namentlich im Südwesten Deutschlands, kommt der Name Mümmelchen vor; daher heissen mehre von diesen Genien bewohnte Seen Mummelsee, so wie die Wasserlilie nach ihnen Mümmelchen, Mummel genannt wird, anderswo Wassermännlein. Auch die Seeblume heisst nach ihnen Nixblume. Die Nixe und Nixen erscheinen selten in Gesellschaft, meistens allein. Sie haben oft menschliche Grösse, tragen einen grünen Hut und zeigen, wenn sie den Mund blecken, grüne Zähne; oft haben sie gleich den Wasservögeln übergrosse Füsse. Zuweilen sieht man sie auch in der Gestalt eines rauhhaarigen wilden Knaben, anderemale gelbgelockt mit rothem Hut. Im allgemeinen ist die Gestalt der Nixe weniger schön als die der Nixen, die gleich den Elben- und Zwergfrauen von zauberisch verlockender Schönheit sind. Diese erscheinen oft um Mittag auf den Wellen sich wiegend und sonnen sich, während sie mit goldnem Kamm ihre langen Haare strählen. Gleich andern elbischen Wesen finden wir auch sie im Verkehr mit den Menschen, die männlichen jedoch weniger als die weiblichen. Die letztern gehen oft ans Land, nur an dem nassen Kleidersaum oder dem Zipfel ihrer Schürze erkennbar, und mischen sich gern in die heitern Tänze, die Abends unter der Dorflinde stattfinden, wie sie denn überhaupt die Freude an Musik, Gesang und Tanz mit den Elben theilen. Drei schöne Nixen finden wir in zahlreichen Sagen bei den Tänzen der Dorfjugend, aber sie verschwinden jedesmal, sobald die Uhr zwölf schlägt. Ein Jüngling, der glühende Liebe zu einer der Jungfrauen fasste, rückt die Uhr um eine Stunde zurück, um länger der Nähe der Geliebten zu geniessen; nach andern enthält er ihr einen ihrer Handschuhe vor, oder sie verspäten sich alle durch Zufall bis zum Hahnenkrat. Entsetzt eilen sie fort und sagen nur noch, man möge am andern Tage am Flusse oder am Quell zuschauen; wenn ein Milchstrahl oder ein Schwall hellen Wassers emporschiesse, dann kämen sie zurück, schösse jedoch ein Blutstrahl empor, dann sähe man sie nie wieder. Nie aber zeigt sich der Milchstrahl und nie kehren die Jungfrauen mehr zurück. Unter dem Wasser haben die Nixen ihre prächtigen Wohnungen, in welchen sie ganz nach menschlicher Art wirthschaften. Als bei einem Sturm ein Schiff auf einen Felsen lief und trotz aller Mühe der Mannschaft fest sitzen blieb, stieg ein Mann aus dem Wasser und fragte die Schiffer barsch: ›Was habt ihr da zu thun?‹ Der Bootsmann klagte sein Unglück und sogleich sprang der Mann in das Wasser, nahm einen Haken, setzte ihn gegen den Felsen an und drückte nur einmal, da war das Schiff flott. Als der Bootsmann fragte, ob das Schiff ihm lästig gewesen sei, sprach der Nix: ›Seht doch nur zu, es sperrte mir die Hausthür, so dass meine Frau, die eben zur Kirche gehen wollte, nicht heraus konnte.‹ Gleich den Elben bedürfen sie menschlichen Beistandes, wenn ihre Frauen in Geburtswehen liegen. Einst kam der Wassermann zu einer Wehmutter und bat sie, seiner Frau beizustehn. Anfangs weigerte die Frau sich, als er aber gar flehentlich bat und sie versicherte, es geschehe ihr kein Leid, ging sie mit ihm. Am Flusse angekommen schlug er mit einer Ruthe auf das Wasser, da theilte es sich, beide stiegen eine Wendeltreppe hinab und kamen in ein schönes Gemach, worin die Wasserfrau auf einem kostbaren Bette lag. Als die Wehmutter ihre Pflicht gethan hatte, führte der Nix sie wieder herauf und gab ihr oben ein Büschlein Stroh als Lohn für ihre Mühe. Sie nahm es zwar an, warf es jedoch weg, als sie wieder festen Boden unter ihren Füssen fühlte. Zu Hause fand sie, dass ein Hälmlein an ihrem Kleide hätten geblieben war, als sie dasselbe genauer betrachtete, war es reines Gold. Oft bezeigen sich die Wassergeister freundlich und hülfreich gegen die Menschen, aber ein andermal werden sie ihnen auch gefährlich. Die Nixen locken gern durch ihren Gesang schöne Jünglinge in die Tiefe, und eben so stellt der Nix schönen Mädchen nach. Jedes Jahr fordert der Nix sein Opfer und zwar meist ein Menschenopfer, welches er, da es ihm nicht mehr freiwillig dargebracht wird, sich nimmt. Die alte Opferzeit war um Johanni, wesshalb man noch jetzt vielfach dies Baden an diesem und den ihm nächsten Tagen meidet. Fast von allen Flüssen und Flüsschen heisst es, dass dann einer in ihnen ertrinke. Ueberhaupt ist Blutdurst und Grausamkeit den Wassergeistern eigen, ein Zug der auch durch das Leben aller Wasserthiere geht. Das kalte, dicke Element scheint wenig Gefühl aufkommen zu lassen, darum entfliehen ihm die zartern Nixen so gern und fühlen sie sich so wohl in der feinern, reinern Luft, in den Strahlen der Mittagssonne und unter dem klaren Sternenhimmel, während der Nix gleich dem dicken, mörderischen Geschlecht der Seethiere mehr die trübe Tiefe liebt. Sie haben mit den Elben und Zwergen oft die Kunde künftiger Dinge gemein, besonders wissen sie vorher, wann ein Mensch im Wasser ertrinkt und zeigen es durch klagenden Ruf an. Hausgeister. ♦ Myth. 468. Die bisher betrachteten Genien, die der Berge, der Wälder und der Flüsse nahen den Menschen durchgängig nur gezwungen, wenn sie deren Beistand nöthig haben. Bei den Hausgeistern finden wir das volle Gegentheil, sie kommen von selbst, den Menschen ihre Dienste anzubieten, sie wollen freundlich mit ihnen verkehren, sind ihnen hülfreich, wo und wie sie nur können, und haben stets Glück und Segen in ihrem Geleit. Auch darin sind sie von den andern Genien verschieden, dass während jene sich in männliche und weibliche theilen, sie nur männlich oder vielmehr geschlechtlos sind. Die ältesten uns bekannten deutschen Namen dieser Geister sind hûsing und stetigot d. i. Geist der Stätte, des Ortes; als solche sind sie den römischen Laren und Penaten gleich. Sie stehen gleichfalls in besonderm Bezug auf den Heerd des Hauses, unter dem sie öfter hervorkommen, wo sie sich am liebsten aufhalten und wo auch die Thüre zu ihrer unterirdischen Wohnung zu sein scheint. Auch stellte man ihnen Gaben dahin und zwar in die kleinen Nischen, welche man noch in Bauernhäusern und alten Häusern der Städte neben dem Heerde findet. Andere trauliche Namen sind ingoumo , Hüter des innern Hauses, ingesîde , unser Ingesinde, ferner Gesell, Gutgesell, Nachbar, lieber Nachbar, das gute Kind, Kobold, Katermann, Heinzelmann, Chimmeken und Wolterken u. a. m. Ihre Gestalt spricht für ihre Verwandtschaft mit den Elben und Zwergen, gleich denen sie klein sind, wie ein zwei bis dreijähriges Kind, doch zeigen sie sich nur selten. Auch ihr Aussehen und ihre Tracht spricht dafür, sie theilen mit Zwergen und Nixen den Hut, der nur bei ihnen spitz ist, und roth wie ihre Haare. Einige führen selbst den Namen von diesem Hut, so das bekannte Hütchen, Hopfenhütel, Eisenhütel, Rothmützchen , der kölnische Hubert Hochhut (Huppet Huhot). Wahrscheinlich war an diesen Hut wie bei den Zwergen die Gabe geknüpft, sich unsichtbar zu machen. Ausserdem tragen sie gefeite Stiefel, mit deren Hülfe sie die beschwerlichsten und weitesten Wege in kürzester Zeit zurücklegen. Als eines Ritters Frau am Tode lag und die Aerzte erklärten, es sei ihr nicht zu helfen, sprach der Hausgeist, den er in seinen Diensten hatte: Wenn unsere Herrin mit Löwenmilch eingerieben würde, wäre sie bald genesen. Der Ritter fragte: ›Wo aber sollen wir Löwenmilch herholen?‹ ›Ich schaffe sie herbei,‹ sprach der Hausgeist, ging und war in Zeit von einer Stunde bereits wieder zurück, ein grosses Gefäss voll Löwenmilch in den Händen tragend. Bisweilen ist gleich dem Hut ihre ganze Kleidung roth. Wie schon bemerkt, halten die Hausgeister sich vorzugsweise gern am Heerde auf, besonders findet man sie dort Nachts; sie entzünden sich aus dem da liegenden Reisig ein Feuer mit farbloser Flamme, verbrennen mitunter ganze Reisigbündel und lassen nur ein paar Reiser über. Wenn die Hausleute diese anzünden, brennen sie eben so lange, wie der grösste Bund und geben doppelt so viel Wärme, fluchen sie aber dem Hausgeist, dann verflackern sie im Augenblicke und der Hausgeist rächt sich, indem er das Haus verlässt. Aber auch im Stall, in Scheune und Keller halten die Kobolde sich gern auf, zuweilen auch in einem Holzhaufen oder einem dem Hause nahe stehenden Baum, von dem man alsdann keinen Ast abbrechen darf. Sie sehen nicht gern, dass Donnerstags Abends im Hof gehauen oder gesponnen werde. Bei allen häuslichen Geschäften erzeigen sie sich thätig und gern helfend, vorzüglich in Küche und Stall. Sie kehren und scheuern Hof, Haus und Küche, putzen das Geschirr, schüren das Feuer, putzen und besorgen das Vieh, melken und buttern, hacken und Holz u. s. w. Besonders thätig sind sie, wenn bald Gäste kommen, was sie im Voraus wissen und richten alles auf den Empfang und die Bewirthung derselben ein. Die Waare, welche den andern Tag im Hause verkauft wird, werfen sie gern um. Gewöhnlich kündigen sie ihre Ankunft im Hause zuvor an, wie um sich der guten Aufnahme zu versichern. Wenn ein Kobold einziehen will, findet man Morgens einen Haufen Späne im Hause und die Milch beschmutzt mit Stroh und Dreck aus dem Stalle. Gibt man kein Acht darauf, lässt die Späne ruhig liegen und geniesst die Milch, dann spürt man die Nähe des zutraulichen Geistes sofort, denn er übernimmt jetzt alle Arbeiten, die man ihm aufträgt und sein Walten bringt dem Hause immer Glück und Segen. Als Dank für seine Arbeit und Mühe bedingt er sich einen Hut, eine rothe Kappe, einen bunten Rock mit klingenden Schellen. Meistens setzt man ihm auch ein kleines Speiseopfer hin; es ist gewöhnlich eine Schale Milch oder Grütze, ein Stück Butter, Kuchen oder Weisbrod, oder ähnliches. Dies darf jedoch nie vergessen werden, wenn man den Geist nicht zum Zorn reizen will. Als ein Mädchen ihm das gewohnte Stück Butter tiefer als sonst in den Brei gesteckt hatte, so dass er es nicht gleich fand, gerieth er so in Zorn, dass er in den Stall lief und der besten Milchkuh den Hals herumdrehte. Zu spät bemerkte er seine Uebereilung, schleppte Nachts die todte Kuh an den Hörnern in ein benachbartes Dorf, wo er eine ähnliche wusste und brachte die letztere an jener Stelle in den Stall. Wie die Zwerge durch mit Kümmel gebacknes oder gepiptes Brod vertrieben werden, so kann man die Hausgeister wegjagen, wenn man Lauch in die Milch wirft, die ihnen hingestellt wird. Unter dem klagenden Ruf: »Lauch, Lauch! Wir ziehen weg und das Glück auch,« entfliehen sie und mit ihnen aller Segen und Vorsput. Das bis dahin gewonnene Gold verwandelt sich in Kohlen, das Vieh, welches sich wunderbar vermehrte und prächtig gedieh, fällt, ein Stück nach dem andern, die Aecker tragen nicht mehr, ein Brand legt Haus und Hof in Asche und bei all dem Unglück hört man den verachteten Geist, wie er lachend das Haus umtanzt. Auch das diebische Wesen theilen sie mit den andern elbischen Wesen, doch stehlen sie meistens, wie wir eben schon gesehen haben, zum Vortheil ihrer Herren. Zwei solcher Geister wohnten in zwei einander nahe gelegenen Dörfern bei zwei Bauern, deren Heuvorrath gegen das Frühjahr hin nur sehr klein war. Beide machten sich Nachts auf, um anderswo Heu für ihre Herren zu stehlen und der Zufall wollte, dass jeder in die Scheune des Herrn des andern gerieth, wo sie eine gute Tracht Heu auf den Rücken nahmen und sich auf den Rückweg machten. Unterwegs begegneten sie sich und da jeder sah, dass der andere seinen Herrn bestohlen hatte, geriethen sie an einander und kämpften die ganze Nacht. Am folgenden Morgen fand man an der Stelle grosse Heuhaufen liegen. Da der Kobold so besorgt ist um das Hauswesen, so ist ihm nichts mehr zuwider, als wenn Knechte oder Mägde faul und lässig in ihrem Dienste sind. Solche haben stets von ihm zu leiden, er bläst ihnen dies Licht aus, zieht ihnen die Decken vom Leibe weg, stösst ihnen den Melkkübel um, so dass die Milch verschüttet und verhöhnt sie noch dazu durch sein schadenfrohes Gelächter. Ueberhaupt ist er neckisch und führt gern lustige Streiche auf. Ein Knecht hatte ihn einmal zum Besten gehabt. Dieser schlief in der folgenden Nacht mit seinem Kameraden in einem Bette und er war etwas kleiner, als sein Schlafgesell. Als er nun eben einschlafen wollte, stellte sich der Puk oben ans Bett, fasste den Knecht bei den Haaren und rief: »Nicht gleich!« Und damit zog er ihn so weit hinauf, dass er mit seinem Kameraden gleich lag. Dann trat er ans andere Ende des Bettes, hub die Decke auf und fasste den Knecht an der grossen Zehe, indem er abermals rief: »Nicht gleich!« und zog ihn wieder hinunter. Auf diese Weise zerrte er ihn die ganze Nacht hin und her und man kann sich denken, dass der Knecht dabei kein Auge schliessen konnte. Diese und andere Neckereien machen ihn oft den Hausbewohnern lästig, denn er übertreibt es dabei nur zu gern, wie er z. B. einem Bauern, der ihn beleidigt hatte, jeden Morgen vor Tagesanbruch den ganzen Hühnerstall in Aufruhr brachte, so dass alle Hähne krähten; das Vieh Nachts im Stalle wild machte, den Bauern selbst bei der Nase zupfte oder bei der grossen Zehe kniff u. a. m. In solchen Fällen scheint kein anderer Rath zu bleiben, als das Haus aufzugeben. Das that ein von ihm sehr geplagter Mann und um recht sicher zu sein, dass er den Kobold los werde, packte er alles Hausgeräth auf einen Wagen und zündete das Haus an, um den Kobold darin zu verbrennen. Dann setzte er sich auf seinen Wagen und wollte fortfahren, da rief es zwischen dem Geräth hervor: »Du, es war Zeit, dass wir uns aus dem Staube machten.« Es war der Hausgeist, der sich dort versteckt hatte. Ein andermal zogen zwei Familien aus zwei Häusern aus, weil sie es schlechterdings nicht mehr darin aushalten konnten. Als das Geräth weggeschafft war, gingen die Dienstmägde aus beiden Häusern mit den Besen auf den Schultern zuletzt aus der Thür. Sie begegneten einander und die eine fragte die andere, wohin sie wolle? Da riefs oben aus den Besen: »Wir ziehen um, wir ziehen um.« Oft weicht er von selbst, weil der Hausherr, dankbar für die gethanen Dienste, ihm Kleider schenkt. So hatte ein Müller einen Kobold, der ihm lange Jahre hindurch in der Mühle half und zum Lohn jede Nacht nur ein Butterbrod bekam. Den Müller jammerte der nackend erscheinende Geist und er berieth sich mit seiner Frau, sie wollten ihm Kleider machen lassen. Der Schneider wurde gerufen und nähte ihm ein Röckchen und Hosen, welche der Müller Abends zu dem Butterbrode legte. Als der Geist die Kleider fand, zog er sie sogleich an, sprang fröhlich darin herein, aber – er arbeitete nicht mehr. Riesen. ♦ Myth. 485. Weit über menschliche Grösse hinaus ragt des Riesen Leib, so weit, als der Elben und Zwerge Grösse unter der menschlichen steht, aber was ihn in dieser Beziehung über den Menschen stellt, das findet ein Gegengewicht in seinen geistigen Anlagen. Wäre das nicht, dann würden die Menschen längst durch die Riesen, die meist der Götter wie der Erdgebornen Feinde sind, von der Erde vertilgt sein. So weit die Elbe und Zwerge den Menschen in feinerm Sinn und geistiger Aufgewecktheit übertreffen; so weit übertrifft der Mensch darin den Riesen. Darum vermag dieser trotz seiner gewaltigen Kraft und Unbändigkeit nichts gegen jenen und der Mensch geht aus allen Kämpfen mit den Riesen als Sieger hervor. Der auf das Gefühl ihrer sinnlichen Gewalt und Kraft trotzenden Riesennatur gegenüber steht dem Menschen die Gewalt und Kraft der Götter und die Schlauheit und Weisheit der Zwerge zur Seite. Von den Göttern ist es besonders Donar, der ihn vor den Riesen schützt und sich dadurch theilweise den schönen Namen eines Freundes des Menschengeschlechtes erwarb. In der Schöpfung ist der Riese als das sinnliche Element vorangegangen und hernach erst das der elbischen Natur gefolgt, zuletzt durch das Menschengeschlecht ein Gleichgewicht hergestellt worden. Aber ebensowenig wie der Zwerg sich streng von dem Menschen scheidet, thut dies der Riese; wie der Mensch überhaupt den Mittelpunkt der Wesen bildet, so vereiniget er auch diese starren Gegensätze des Sinnlichen und Geistigen, er verbindet sich wie mit Elben und andern Genien, so auch mit den Riesen. Das ist jedoch nicht allen Menschen gegeben, dieses Vorrecht besitzt der Mensch nur in sofern, als er den Göttern, den Herren alles Erschaffenen nahe steht und ihres Blutes ein Theil in seinen Adern rollt. Nur der Held, der an Körperkraft über andern seines Geschlechtes Stehende und von den Göttern Geschützte, geht Brüderschaft mit den Riesen ein oder unterwirft sie sich, so dass sie ihm zu Dienste verpflichtet sind. Der Namen für den Begriff Riese hatte unser Alterthum manche, so Durs (der Durstige oder Trunkne), Ezan (der Fresser), Hun , Riso . Wie ihre Grösse sie von den Menschen unterschied und weit über dieselben erhob, so auch, dass sie oft mehr Häupter und Arme hatten, eine Eigenschaft, die sie mit griechischen Riesen theilten. Das kommt jedoch seltner vor, wir finden sie meistens von tadellosem Wuchs und ihre Frauen, wie sich das von selbst versteht, selbst von höchster Schönheit, wie z. B. die Riesentochter Gard, die Geliebte Fros. Ueberhaupt waltet in ihnen volle Naturkraft, die jedoch ungebändigt und nicht gezügelt, leicht misbraucht wird und dann zuletzt der eignen Last erliegt. Zwar finden wir einige der frühesten Riesen des Nordens als klug und weise geschildert, doch sind sie im Allgemeinen dumm und erliegen leicht den verständigern Menschen und den verschlagenen Zwergen. In unserer Redensart: »Er ist so dumm als lang« hat sich die Erinnerung daran erhalten und wenn wir den Teufel dumm nennen, so geschieht das nur, weil er an die Stelle eines alten Riesen trat, die er überhaupt oft einnimmt. Mit der Dummheit geht Gutmüthigkeit meistens Hand in Hand, und so finden wir denn auch die Riesen gutmüthig so lange sie nichts in ihrer Ruhe stört, aber wild, tückisch und heftig, sobald sie daraus aufgeschreckt oder gereizt werden. Der wuthentbrannte Riese schleudert Felsen, reibt Feuer und drückt Wasser aus Steinen, reisst Bäume aus und stampft mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. In diesem Zustand werden sie von den Helden, denen sie dienstbar sind, in Fesseln gelegt und nur im Krieg gegen den Feind losgelassen. Wie schon bemerkt ist der Donnergott der glorreiche Bekämpfer der Riesen, die er mit seinem allzerschmetternden Hammer erschlägt, So tödtet er den im Osten der Elivagar an des Himmels Ende wohnenden Riesen Hymnir nebst seinen vielhauptigen Genossen, so den Riesen Thrym, der ihm seinen Hammer vorenthielt, den Thursenfürsten und mit ihm sein ganzes Geschlecht, so Hrungnir, der sich vermass Asgard zu stürzen und alle Götter zu tödten. wovon die Edda viel, aber bei weitem nicht Alles weiss. Den Helden sind die Riesenkämpfe eben so geläufig, wie die Drachenkämpfe. Dietrich erschlägt die beiden Riesenbrüder Ecke und Fasolt , die Söhne eines wilden Riesenweibes, mit ihnen Rütze , ihre Muhme, und den Riesen Sigenot . Dagegen finden wir den vierhändigen, zwei Schwerter führenden Riesen Asprian als Rothers Gesellen; ebenso den Riesen Heime , welchen Dieterich sich schon in früher Jugend unterworfen hatte, den Sohn Madelgers, (ähnlich wie Asprian mit vier Ellenbogen bedacht) und Wittich , der stets mit Heime zusammen genannt wird, in Dieterichs Gefolge. Die Riesen hausen stets auf Felsen und Bergen, ihre ganze Natur hängt mit dem Steinreich zusammen, aus ihm nehmen sie ihre Waffen. Darum vermag auch das Schwert so wenig gegen sie, nur mit dem Schwertknopf oder der Faust können sie erschlagen werden. Sie bilden ein abschliessendes Volk, wohnen jedoch meist nur in einzelnen Familien zusammen, seltner in grösserer Anzahl. Sie sollen die Errichter jener ungeheuern Steinbauten sein, die man unter dem Namen Hünebetten im Nordwesten Deutschlands und den Niederlanden so oft angrifft, und die oft auch als ihre Gräber ausgegeben werden. Unfern Altenhagen finden sich am hohen Gebirge viele Felsen und einzelne auf der Oberfläche der Erde umherliegende grosse Sandsteine. Da wohnten einst die Riesen in einer ans grossen Felsstücken erbauten Burg. So oft einer von ihnen starb, begruben ihn seine Gefährten unter die noch da befindlichen Hügel. Als zuletzt nur noch einer übrig blieb, stürzte er die Burg aus Missmuth ein, schleuderte die Steine weit umher und wälzte den grössten über sich selbst. Auch einzelne Hügel, Inseln und Felsen schreibt das Volk ihnen zu. Ein Riesenmädchen will von Pommern aus eine Brücke nach Rügen bauen, damit es über das Wässerchen gehen könne, ohne seine Pantöffelchen zu netzen. Sie nimmt eine Schürze voll Sand und eilt ans Ufer, aber die Schürze hat ein Loch. Hinter Sagard lauft ein Theil Sand aus und bildet einen kleinen Berg. ›Ach,‹ sagt das Hünenmädchen, ›nun wird die Mutter schelten,‹ hält die Hand unter und läuft, so schnell sie kann. Die Mutter schaute über den Wald und drohte dem Kind mit der Ruthe. Da erschrak es, liess die Schürze gleiten, aller Sand ward umher verschüttet und bildete die dürren Hügel bei Litzow. Ein Riese, der einem Bauern feindselig gesinnt war, füllte seinen Handschuh mit Sand und schüttete ihn über des Bauern Hof aus, so dass der ganze Hof zugedeckt wurde; was durch die fünf Fingerlöcher gelaufen war, bildete fünf Hügel. Bekannt ist die Sage von der Riesentochter, die einen pflügenden Bauern auf dem Felde findet, ihn mit seinem Pferd und Pflug in die Schürze nimmt und ihrer Mutter als artiges Spielzeug zeigt. Aber die Mutter zürnt und befiehlt ihr, Alles wieder zurück zu tragen, denn diese Erdwürmer würden die Riesen noch einmal auffressen, sie würden den Riesen Untergang bereiten. Beim Kloster Ilefeld im Harz sieht man einen grossen Felsen das Nadelöhr genannt. Einst reiste ein Riese ettliche Meilen weit, da fühlte er, dass ihn etwas heftig im Schuh drücke; er zog den Schuh aus, da fand er den Felsen darin. Ein anderesmal finden wir einen Riesen pflügend, aber der Pflug geht so tief, dass überall die Wasser springen; die Erde, welche er vom Pflug abschüttet, bildet kleine Hügel. Oft wohnen zwei Riesen auf einander nahe liegenden Bergen und haben irgend ein Geräth gemein, welches sie einander zuwerfen. So hatten zwei Hünen auf dem Eberstein und Homburg nur eine Axt; wollte einer an die Arbeit und der andere hatte die Axt noch, dann rief er ihm nach der nur anderthalb Stunden entfernten Burg zu, er solle ihm die Axt hinüber werfen, was sofort geschah. Ein anderesmal haben zwei Hünen einen gemeinsamen Backofen; wenn der eine Holz zum Heizen von dem andern haben will, kratzt er sich nur am Leib, das ist so laut, dass es der andere hört. Anderemale werfen sie zum Spiel oder auch im Ernst mit Steinen und Hämmern und man sieht die Spuren ihrer Finger in den Felsen eingedrückt. So wollte ein Riese, der am Melibocus wohnte, ein Schiff vernichten, welches er eben auf dem drei Stunden entfernten Rhein daherfahren sah. Er ergriff einen grossen Felsblock und warf darnach, aber er warf zu hoch und der Block fiel eine Stunde von da nieder; er trägt noch die Zeichen der Riesenfinger. Wenn sie im Streit mit einander leben und einer den andern verfolgt, springt der Verfolgte schnellen Laufs über ganze Dörfer weg und ritzt wohl dies grosse Zehe an der Thurmspitze, dass das Blut in Bogen sprützt und eine Lache bildet. Wenn Riesen sich zum Ausruhen an Felsen lehnen, dann drücken sie ihre Gestalt dem Stein ein. Solcher Züge sind die Sagen voll. Jenes Zuwerfen des Geräthes finden wir besonders oft, wenn die Riesen bauen . Als gewandte Baumeister nämlich werden sie schon in der Edda genannt Ein Riese erbot sich den Göttern eine Burg zu bauen, wenn sie ihm Freyja, Sonne und Mond bewilligen wollten. Die Götter gingen, nachdem sie Rath gehalten, darauf ein, wenn der Riese die Burg in einem Winter ohne Mannes Hülfe vollende. Mit Hülfe seines Pferdes brachte der Riese es so weit, dass drei Tage vor dem Ende des Winters die Burg bis auf das Thor fertig wurde. Da geriethen die Götter in Sorge und zwangen Loki, ein Mittel zur Hülfe zu ersinnen. Der lockte in Gestalt einer Stute das Riesenross von der Arbeit ab, so dass wenig mehr geschah und Thôrr erschlug den Riesen mit dem Hammer Miölnir. und zahllose Sagen haben ihr Andenken in dieser Eigenschaft aufbewahrt, nur setzen die deutschen meist an die Stelle des Riesens den Teufel, die nordischen in die Stelle der Götter einen theuren König, an die der Asenburg eine Kirche und lassen die Hinderung der Vollendung des Baus auf andere Weise erfolgen, wie es in dem eddischen Mythus geschieht. Eine Menge von Kirchen sollen von Riesen erbaut sein und sehr oft bauen zwei um die Wette und wählen die Baustelle dadurch, dass sie ihren Hammer werfen; wo er hinfällt, da beginnen sie den Bau. Die Steinnatur der Riesen geht besonders auch noch daraus hervor, dass die Sage sie häufig in Stein verwandeln lässt. So verwandelte König Olaf Riesen, welche sich ihm auf seinen Bekehrungsreisen in Norwegen widersetzten in Felsen. Als Gott lange Zeit dem blutdürstigen König Watzmann, der bei Salzburg hauste, zugesehen hatte, sandte er ein schreckliches Gewitter, während dessen die Schlosshunde den König, die Königin und ihre sieben Kinder erwürgten, dass ihr Blut zum Thale rann. Ihre Leiber wuchsen versteinernd zu Bergen, das Blut bildete an deren Fuss zwei Seen. Wird in der letzten Sage König Watzmann blutdürstig genannt, so scheint das ein ursprünglich ihm fremder Zug, denn grausam sind unsere Riesen nicht, wie die menschenfressenden Riesen anderer Völker, sie sind nur wild und diese Wildheit übt sich am liebsten in ungeheuren, alle menschliche Kraft unendlich überragenden Dingen, wie wir sahen in Felswürfen, Bergversetzungen, gewaltigen Bauten u. a. Ihr der menschlichen Art überhaupt näher stehendes Wesen erkannten wir bereits aus ihrer Gestalt, die selten von der menschlichen abweicht, während die der Riesen anderer Völker schon ungleich verschiedener von ihr ist. Im Ganzen machen sie den Eindruck eines untergehenden Volkes, das trotz seiner überlegenen Körperkraft den Menschen die Erde räumen muss. Wie darin so gleichen sie auch den Zwergen in ihrem Abscheu vor dem Landbau und dem Ausroden der Wälder, die sie als ihr Eigenthum betrachten, in dem Hass gegen das Glockengeläute der Christen, der sie oft dazu verführt, grosse Felsstücke auf christliche Kirchen zu schleudern, die jedoch natürlicherweise nicht treffen, oder ohne Schaden zu bringen niederfallen. Schöpfung. ♦ Myth. 525. Die Genesis beginnt mit den Worten: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe. Vor Erschaffung der Erde herrschte das Nichts, denn aus Nichts schuf der Herr das All. Aehnliches lebte auch in der deutschen Vorstellung, denn vor der Erschaffung der Welten war die Kluft der Klüfte, der Abgrund, die Finsternis, die Welt der Nebel. Völuspâ drückt sich also aus : Es war weder Sand noch Meer noch kalte Wogen; nirgend fand man die Erde noch den obern Himmel, es war die Kluft der Klüfte und nirgendwo Gras. Weiter reicht die Kunde unserer Stammeltern nicht, denn der schaffende einheitliche Gott war ihnen verloren; da sie nicht aus seinen Händen die Schöpfung hervorgehen lassen konnten, so liessen sie die Götter aus der Materie entstehn, denn ganz Nichts war selbst die ungeheure Kluft nicht. In ihrer unendlichen Oede standen sich die zwei Ende Nord und Süd entgegen, jener die Nebel, dieser des Feuer bezeichnend, jener die Kälte und Nacht, dieser die Wärme und das Licht. In der Mitte zwischen beiden lag ein Brunnen, zwölf Ströme entflossen ihm. Als sie so weit ab von ihrer Quelle kamen, dass der in ihnen enthaltene Feuertropfe erhärtete, gleich dem aus der Flamme sprühenden Sinter, wurden sie zu starrem Eis, womit sich die nördliche Seite der ungeheuren Kluft füllte. Aber der südliche Theil strömte milde warme Luft aus und als diese den Reif und das Eis berührte, begann es zu schmelzen und zu triefen und die Tropfen belebten sich durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte,(!) und ein Mann wuchs daraus, den der Norden Ymir nannte, ein bösartiger Riese. In Vafthrudnismal heisst es: Aus den Elivagar fuhren kalte Tropfen, die wuchsen bis ein Riese daraus ward; von Süden aber fuhren Funken und die Wärme gab dem Reif Leben. Dieser entschlief und fiel in Schweis, da wuchs unter seinem linken Arm Mann und Frau und sein Fuss zeugte mit dem andern einen sechshäuptigen Sohn. Und aus dem weiter forttriefenden Eis entstand eine Kuh und vier Milchströme flossen aus ihrem Euter, von ihnen nährte sieh Ymir. Im Schlafe zeugt Ymir, wie aus der Rippe des schlafenden Adam Eva geschaffen wurde. Die vier Milchströme erinnern an die Ströme des Paradieses. Sie beleckte die salzigen Eisblöcke, da kam am Abend des ersten Tages eines Mannes Haupthaar hervor, am folgenden Tag das Haupt und am dritten Tag der ganze Mann. Wie aus den Kindern Ymirs das Geschlecht der Riesen entsprang, so erwuchs aus diesem Manne, der uns als schön, gross und stark geschildert wird, dem Ymir Untergang, der Erde aber ihr Entstehen. Der Mann, den die Edda Buri nennt, nahm eines Riesen Tochter zur Frau und zeugte mit ihr drei Söhne, Odhin, Vili und Ve. Diese erschlugen den Riesen Ymir sind eine solche Menge Blut lief aus seinen Wunden, dass alle Urriesen darin ertranken, einen ausgenommen, der sich mit seinem Weibe in einer Wiege rettete Wie Noah in der Arche. und das Geschlecht der Riesen fortpflanzte. Dann warfen die drei Brüder den ungeheuern Riesenleib mitten in der Klüfte Kluft und schufen aus seinem Blut die See, aus dem Fleisch die Erde, aus den Knochen die Berge, aus den Zähnen und zerbrochenen Knochen die Felsen und Klippen, aus dem Haar die Bäume. Aus dem gewaltigen Schädel machten sie den Himmel, woran sie die aus dem Süden umherfahrenden Feuerfunken festigten, dass Alles davon erleuchtet würde und gaben jedem dieser Lichter seine Stelle und setzten jedem seinen bestimmten Gang fest. Das Hirn warfen sie in die Luft und es wurden Wolken daraus. Längs den Seeküsten der also erschaffenen runden Erde gaben sie den Riesen Wohnsitze, nach innen schützten sie die Erde durch eine Burg gegen dieselben, welche aus des Ymirs Brauen gebaut wurde. Noch aber fehlte der Mensch. Als die drei Brüder am Seestrand gingen, fanden sie da zwei Bäume, sie nahmen dieselben und schufen Menschen daraus, einen Mann und ein Weib, Askr und Embla. Odhin selbst gib ihnen Seele und Leben, Vili Witz und Gefühl, Ve Antlitz, Sprache, Gehör und Gesicht. Nach Völuspâ fanden drei Götter (Odhin, Hoenir und Lodhr) Askr und Embla unmächtig und thatenlos am Ufer liegen, da verlieh ihnen der erste Geist, der zweite Vernunft, der dritte Blut und Farbe. Die Zwerge endlich wurden erschaffen und empfingen Leben in Ymirs Fleisch, der Erde, worin sie wohnen wie im Fleisch die Maden, die Götter schenkten ihnen Gestalt und Verstand der Menschen; mit ihrer Erschaffung war die Schöpfung vollendet. Demnach haben wir vier Reihen werdender Wesen, von denen die beiden ersten gleichsam von selbst aus dein Chaos hervorgingen, die beiden letztern von den Göttern ihr Dasein, wenigstens ihr geistiges empfingen. Wie misrathen wir die erste Hervorbringung des Chaos durch das Ueberwiegen der Materie, die zweite dagegen vollkommen vollendet; Leib und Seele standen in vollem Gleichgewicht, neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete sich durchdringender schöpferischer Geist. Den Menschen steht ein schwächeres, doch gefüges Maas beider Eigenschaften zu, die Zwerge sind der Gegensatz der Riesen, die Materie hat die Kraft der Zeugung fast verloren, darum sind sie mit schmächtigem Körper bedacht, aber ihr Geist ist hell und scharf. Diese Vorstellungen des Nordens waren im Allgemeinen auch die des alten Deutschlands, nur scheint dies beim Bau der Welt noch das Auge des alten Riesen zur Schöpfung der Sonne verwandt zu haben. Elemente. ♦ Myth. 548. Die Urstoffe, welche der Schöpfung aller andern Dinge vorausgingen, die alles durchdringen und alles in sich aufnehmen, müssen als solche, auch ohne dass sie in nähere Beziehung zu göttlichen Wesen gesetzt werden, heilig sein, sie sind dies bei allen Völkern und stehen darum in eigenthümlicher Verehrung. Wasser, Feuer, Luft und Erde sieht der Mensch in unablässig reger Thätigkeit und Kraft auf die gesamte Natur einwirken und so weiht er ihnen einen Cultus, auch ohne das Walten eines Gottes in ihnen zu erkennen, noch mehr und mit grösserm Recht, wenn dieses noch dazutritt. Auf dieser Heiligkeit beruht die reinigende, heilende, sühnende Kraft der Elemente. Sie wird um so grösser sein, je mehr dieselben noch ihre ursprüngliche Reinheit haben, je weniger sie noch mit dem Menschen oder andern Dingen in Berührung kamen, oder gar zum Dienst des Menschen verwendet wurden, ebenfalls je günstiger oder heiliger die Zeit ist, zu welcher wir uns in ihren Besitz setzen, oder ihre Kraft verwenden wollen. Wir wenden uns zuerst zur Betrachtung des Wassers . Quellen und Flüsse standen bei unsern Vorfahren in hoher Verehrung; an ihnen betete, ihnen opferte man, vorzugsweise den Quellen, welche unsere alte Sprache Ursprinc nannte. An der Quelle ist das Element rein, unentweiht, sein ewig frisches, lebendiges Hervorsprudeln, die Oeffnung des Bodens verdankt es selbst häufig göttlicher Einwirkung, wie wir dies u. a. von den Quellen wissen, welche der Lanzenschaft Wuotans und Balders oder der Hufschlag ihrer Rosse der Erde entlockten. Soll das Wasser aber seine volle Heiligkeit haben, dann muss es in heiligen Augenblicken geschöpft werden, wie in der tiefen Stille der Mitternacht, oder vor Sonnenaufgang, ehe der Tag beginnt. Wie die Zwerge nur während der Nacht auf der Erde schalten und walten und der erste Sonnenstrahl ihrem Leben ein Ende macht, so scheint auch das Licht entkräftend auf die heiligen Wasser zu wirken. Heilawâc , heilwâc , heilwaege , vom ahd. wâc, unserm Woge, Fluth nannte unsere alte Sprache solches Wasser und es gilt bis heute noch als ein kräftiges Heilmittel; so jenes welches in der heiligen Weihnacht, so lang die Glocke zwölf schlägt, geschöpft wird. Damit steht auch der Volksglaube in Verbindung, dass sich in diesem Augenblick alles Wasser in Wein verwandle. Solches Wasser verdirbt nicht, so wenig wie des, welches man am ersten Ostertage früh vor Sonnenaufgang, stillschweigend (unberufen) stromabwärts schöpft; es verjüngt, heilt Ausschläge und kräftigt das junge Vieh. Andere Wasser schöpft man Sonntags vor Tagesanbruch an drei fliessenden Brunnen, sammelt sie in ein Glas und entzündet eine Kerze davor, wie vor einem göttlichen Wesen. In Hessen ziehen Jünglinge und Jungfrauen am Morgen des zweiten Ostertages zum hohlen Stein im Gebirg, schöpfen Wasser und werfen Blumen zum Opfer in die Quelle. Nicht nur heilend auch weissagend sind die Quellen. Wenn ein Kind oder auch ein Erwachsener krank ist, legt man eins seiner Kleidungsstücke, welches jedoch von Leinwand sein muss, auf den Spiegel des Brunnens, opfert erbettelte Nadeln, Zwirn und etwas Korn, welches man in die Quelle wirft, und sieht zu, ob das Kleidungsstück untersinkt oder schwimmt. Im ersten Falle stirbt der Kranke, wenigstens wird er nicht genesen, im andern Falle zieht man das meistens dazu benutzte Hemd schnell heraus und dem Kranken nass an, dann ist er gerettet. Auch Hungersnoth, Sterbefälle und anderes Unheil verkünden die Quellen voraus und zwar die erste solche, welche nur wenn sie bevorsteht erscheinen: dieser Hungerquellen, Hungerbrunnen ist Deutschland voll. Auch ohne Rücksicht auf bestimmte Brunnen wird aus dem blossen Wassermessen theure oder wohlfeile Zeit, Abnahme oder Zunahme der Güter erforscht, je nachdem das in ein Gefäss gegossene Wasser steigt oder fällt. Wenn des Landesfürsten Tod bevorsteht, hält der Fluss wie trauernd in seinem Laufe ein, die bis dahin reich sprudelnde Quelle versiegt, wenn der Herr des Geschlechtes bald stirbt. Ueberwallen der Quelle, ihr stärkeres und Gefahr bringendes Hervorsprudeln gilt als ihr Zorn und man sucht sie durch Opfer und Gebet zu besänftigen. Als noch im Jahr 1641 der für unergründlich gehaltene Blautopf in Württemberg so mächtig sprang, dass die Stadt Blaubeuern in Gefahr gerieth, warf man zwei vergoldete Becher hinein, worauf die Quelle sich zurückzog und ihr Toben nachliess. Eine Heiligung des neugebornen Kindes durch Wasser bestand schon vor dem Christenthum und vor Einführung der Taufe bei den nordischen Heiden. Ebenso badete man zu heiliger Zeit, gewöhnlich am Abend vor Johannis. So sah Petrarca, als er Cöln besuchte, das ganze Ufer mit Frauen bedeckt, welche mit köstlich riechenden Kräutern umgürtet, unter Hersagung geheimnisvoller Sprüche die entblösten Arme und Hände in der Flut wuschen, und er vernahm auf seine Frage, was dies bedeute, es sei ein uralter Gebrauch, welcher jedes Jahr an diesem Tage stattfinde und die Frauen glaubten, dadurch sich vor allem während des Jahres drohenden Unheil zu sichern und zu schützen. Bei den Flüssen standen Strudel und Wasserfälle in besonderer Verehrung. Die Flüsse selbst und die Bäche dachte man sich ursprünglich von Göttern und andern höhern Wesen aus Schalen und Urnen ausgegossen, wie man denn auch den Regen aus Schalen der Himmlischen entsendet glaubte. Trat lange Dürre ein, so flehte man zwar zu den Göttern um Gewährung desselben, bediente sich jedoch auch eines eigenthümlichen Zaubers zu dessen Erlangung, der auch unter vielen andern Völkern im Gebrauch war. Ein junges Mädchen wurde ganz entkleidet, man band ihm mit dem kleinen Finger der rechten Hand ausgerissenes Bilsenkraut an die kleine Zehe seines rechten Fusses, worauf es von den andern Jungfrauen feierlich zum nächsten Fluss geführt und mit der heiligen Fluth besprengt wurde. Bei den Serben umwand man es dergestalt mit Gras, Kräutern und Blumen, dass von der Haut und selbst dem Gesicht nichts zu sehen war. Vor jedem Hause tanzte es in der Mitte eines Reigens der andern Jungfrauen, worauf die Hausfrau vortrat und eine Mulde Wasser über das Mädchen ausgoss. Bei dem Tanze wurden Regenlieder gesungen, deren eines u. a. heisst: Zu Gott fleht unsre Doda, oj dodo oj dodo he! Dass Thauregen sich ergiesse, oj dodo oj dodo he! Dass nass werden alle Ackrer, oj dodo oj dodo he! Alle Ackrer, alle Graber, oj dodo oj dodo he! Selbst im Hause alle Knechte, oj dodo oj dodo he! Man war sicher, dass der Regen bald erfolge. Sinn der ganzen Handlung ist, wie das Wasser über die Doda ausgegossen wird, die eine Personification des grünen aber dürstenden Feldes scheint, so möge sich Regen und Thau über die Fluren und Felder ergiessen: es ist die geheimnisvolle echtsymbolische Beziehung des Mittels auf den Zweck, der wir in unseren Aberglauben tausend- und aber tausendmal begegnen. Eine ähnliche uralte Feier ist in Oesterreich jetzt in eine derbe Pfingstlustbarkeit ausgeartet: Die Jungen im Dorfe wählen sich einen Pfingstkönig, kleiden ihn mit grünen Zweigen, schwärzen ihm das Angesicht und werfen ihn in den Bach. Auch das Feuer galt gleich dem Wasser für ein lebendiges Wesen. Wie die Quelle aus der Erde Schooss in endloser Thätigkeit hervorquillt, über die Steine springt und nach der Vereinigung mit ihres Gleichen strebend den Strömen und endlich dem Meere zueilt, so züngelt die Flamme in steter Beweglichkeit, verschlingt was von leichteren Stoffen in ihre Nähe kommt und wird entfesselt zur furchtbaren Zerstörerin. Der Edda nach ist das Feuer des Windes (d. i. der Luft) und des Meeres (d. i. des Wassers) Bruder und allen ältern Völkern galt es als ein gieriges, unersättliches, stets gefrässiges Wesen. Eben dieser Eigenschaften wegen hält man es in möglichst engen Grenzen, entringt es sich denselben, dann sagen wir heute noch, es sei ›ausgebrochen‹ oder ›ausgekommen‹, in Niederdeutschland, es sei ›los geworden‹, den Riesen gleich welche die Helden in Fesseln legten. Aus der Erde geschlagenes Feuer dämpften nach Tacitus Bericht die Ubier, indem sie es gleich einem wilden Thier schlugen und durch längern Gebrauch beschmutzte Kleidungsstücke in die Flamme warfen. Wie das Wasser nur in seinem reinsten Zustande, so wie es eben der Erde entquillt, zu Heiligen Geschäften diensam galt, so auch nur das Feuer, welches eben erst erzeugt worden war. Wie das Rind oder Pferd, welches bereits in menschlichem Dienst gearbeitet hatte, der Göttin Wagen nicht mehr ziehen durfte und zum Dienst eines Gottes nicht mehr würdig schien, so auch die Flamme, welche bereits den Menschen zu profanen Verrichtungen gedient, die sich von Brand zu Brand fortgepflanzt hatte. Jene war gleichsam gezähmt, erschöpft, abgenutzt, nur die neue frische Flamme hatte eigentliche Heiligkeit und im Gegensatz zu jener zahmen hiess sie dies wilde Feuer. Es durfte dies aber wiederum nicht auf gewöhnliche Art erzeugt werden, nämlich durch Zusammenschlagen zweier Steine, sondern es musste aus dem lebendigeren Holze gewonnen werden und zwar durch Reibung. Solche Feuer nannte man, wie wir bereits früher gesehen haben, Nothfeuer . Die Art und Weise der Erzeugung dieses Feuers mag verschieden gewesen sein. Das einemal finden wir, dass ein Pfahl aus einer Hecke gerissen und mit einem Strick umwunden wird, den man so lange hin und her zieht, bis er Feuer fängt; ein anderesmal wird eine hölzerne Winde in einem in der Erde befestigten Eichenpfahl so lange umgedreht, Auf ähnliche Weise wurde das erloschene Feuer der Vesta bei den Römern wieder entzündet. bis sie Feuer gibt, welches mit Stroh oder aber mit neunerlei Holz aufgefangen wird. Wieder anderemale wird ein neues Wagenrad zu diesem Behuf umgedreht, oder das Feuer wird aus dem Holze gesägt. Bedeutsam und alt ist, dass in Norddeutschland die Pfähle vor Sonnenaufgang und unter feierlichem Schweigen eingegraben werden müssen, so wie dass im Halberstädtischen zwei keusche Knaben die Stricke ziehen. An vielen Orten muss vorher jeder Bürger alles Feuer in seinem Hause löschen und zur Entzündung des neuen Feuers einen Brand aus dem Nothfeuer mit nach Hause tragen. Wir wissen bereits, dass alles Vieh durch die reinigende, heilige Flamme getrieben und dadurch vor der Seuche bewahrt wird. Auch nahm man abgelöschte Brände mit sich und legte sie in die Krippen. Neben diesem nur zeitweise und unregelmässig wiederkehrenden Feuer gab es aber auch andere, deren regelmässige Wiederkehr wir bereits kennen, so das Herbstfeuer oder Martinsfeuer, welches wir auf Wuotan, das Frühlings- Peters- oder Osterfeuer, welches wir auf Donar bezogen. Beide flammten vorzugsweise auf Bergen oder Hügeln, dagegen liebte man es, das gleich ihnen fast in ganz Europa jährlich entzündete Johannisfeuer in den Strassen der Dörfer und Städte, In Augsburg zündete 1497 in Kaiser Maximilians Gegenwart die schöne Susanna Neithard das Johannisfeuer mit einer Fackel und machte dann zuerst den Reigen um die Flamme an Philipps Hand. oder ähnlich dem Nothfeuer in der Nähe der Wohnungen der Menschen lodern zu lassen. Leider hat fast überall die trostlos öde Bureaucratenwirthschaft, dieser Drache, zu dessen Vernichtung sich noch kein Georg fand, dem Volke diese wie so viele andern Freuden verkümmert. Wann werden wir diese Landplage endlich los werden! Dies Letztere heisst mit einem ältern auch jetzt noch hin und wieder üblichen Namen Sunwentfeuer , weil um Johannis die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat und sich nun wieder wendet zu niedrigerm Stande, dessen unterste Stufe sie in der winterlichen Sonnenwende, um Weihnachten erreicht. Dem Alterthum war diese Zeit eine hochheilige, in welcher wie am Pfingsten grosse Volks- und Reichsversammlungen gehalten wurden. Welchem der Götter das Johannisfeuer flammte, ist noch nicht ausgemacht, sein heidnischer Ursprung jedoch über alle Zweifel erhaben. Wie in das Osterfeuer Eichhörnchen und Kränze geworfen werden, so wirft man in das Johannisfeuer ein Pferdehaupt, hier und da auch Blumen und Kränze. Unter Gesang werden die Scheiter und anderes dazu gesammelt, singend und bekränzt mit Beifuss und Eisenkraut tanzt man um die Flamme, springt auch wohl darüber, oder lauft durch die noch glimmenden Kohlen; dadurch glaubt man Gesundheit fürs ganze Jahr zu erhalten, man lässt gleichsam alles Uebel in dem Feuer, welches dasselbe vertilgt, wie das Wasser des Flusses zu derselben Zeit alles Unheil abwascht. Auch trug man Brände aus dem Feuer mit heim oder steckte sie auf die Felder; jene schützten das Haus, diese die Saat. Ebenso kochte man Erbsen in der Flamme, die als Heilmittel bei Quetschungen und Wunden galten und das ganze Jahr hindurch aufbewahrt wurden. Neben diesen Feuern findet sich die Sitte, ein mit Stroh umflochtenes Rad von einem Berge herab rollen zu lassen. Sie kommt mitunter am Johannistage, öfterer in den Fasten vor. Ein in den Märchen vorkommender Zug, dass Unglückliche und Verfolgte vor dem Ofen knieen, um ihn anzubeten, oder ihm ihr Leid zu klagen, beruht gleichfalls auf dem alten Feuercultus; man setze nur an des Ofens Stelle das in demselben lodernde Feuer und der alte Gebrauch ist hergestellt. Gleich beweglich und darum gleich lebendig stellt sich dem kindlichen Glauben die Luft dar, d. h. weniger die ruhende, stille, als vielmehr die wogende, dem Wasser gleich Wellen schlagende Luft, der Wind, oder die in wechselnden Gestalt sich zeigende Luft, das Wetter. Gleich Wuotan ist sie die alldurchdringende, und Geist, welches wir auf Genien angewendet finden, ist Athem, Hauch. In der Edda erscheinen die Winde der vier Hauptseiten als Zwerge, im deutschen Märchen finden wir sie als gefrässige Riesen und Söhne einer Mutter, als Brüder, und darin zeigen sie Verwandtschaft mit dem Feuer, welches wir auch als ein nimmersattes Wesen erkannten. Diese Verwandtschaft bricht auch darin durch, dass das Feuer der rothe Wind genannt wird. Daher suchte man, wenn der Wind allzusehr wüthete und tobte, ihn durch in die Luft geschüttetes Mehl zu beschwichtigen. Einer schwedischen Sage zufolge nahm der Nordwind einem Manne dreimal das Mehl und gab ihm später kostbare Geschenke dafür. Noch heute heisst es von scharf die Felder überstreichendem trocknem Winde, er fresse das Korn. Die Gutmüthigkeit, welche er gegen jenen Mann beweist, finden wir ihm und seinen Brüdern auch in Deutschland beigelegt. Hat Jemand ein ihm theures Wesen verloren, so wendet er sich an die Mutter der alle Himmel und Länder durchstreifenden Winde. Daher, dass in Märchen noch der Wind das himmlische Kind heisst. Sie fragt ihre Söhne nach dem Verlorenen aus und diese tragen den Suchenden auf breiten Schultern an Ort und Stelle. An einer Stelle der Edda wird erzählt, wie ein Riese in Adlergestalt an des Himmels Ende sitzt, von dessen Flügeln aller Wind komme. Auch diese Vorstellung war in deutschen Landen bekannt und zwar besonders in Niederdeutschland, während jene andere, welche drei oder vier Riesenbrüder in den Winden sieht, mehr im mittlern und südlichen Deutschland auftaucht. So glaubte man in Belgien, dass der Sturm ein gewaltiger, mit mächtigen Flügelschlägen die Lüfte durchsegelnder Vogel sei, der seine Freunde auf seinem Schwanze dahin trage. Eine Art des Sturmwindes ist der Wirbelwind, den wir mit einem sehr bedeutsamen Namen » Windsbraut « nennen. Alle Sagen stimmen darin überein, dass sie ein unglückliches Weib sei, welches verwünscht sei, ewig also dahinzufahren. Man könnte in ihr die nach dem verlornen Gatten rastlos suchende Frouwa sehen, da überhaupt bei dem Wirbelwind die höchsten Götter ins Spiel kommen. Mit dein Sturm steht Hagel, Regen und Schnee in engster Verbindung. Sie entströmen oder entfallen der die Luft durchziehenden Wolke (in welcher das Alterthum ein Schiff, ein Nebelschiff sah), aus welcher die Götter, oder deren Diener den zerschmetternden Hagel entsandten, oder den die dürre Erde tränkenden Regen, während das Volk noch heute, wie einst die Scythen, in den fliegenden Schneeflocken Bettfedern einer Göttin sieht und zwar der gütigen Holda, die mit denselben die Felder bedeckt und vor dem Frost schützt. Heilig war unseres Alten die Erde , die nährende Mutter, aus deren Schooss die reiche Frucht entspriesst und der mit Obst beladene Baum, die in grünes Gewand sich kleidende, wenn der Frühling beginnt, in deren Schooss der aus dem Leben Geschiedene versenkt wird, dass er in Staub und Asche zurückkehre, der, wie die Kirche am Aschermittwoch sagt, aus Staub und Asche genommen ist. Sterben hiess darum der Vorzeit sehr schön, die Erde in der Mutter Schoss sinken. Ihr galt des Heimkehrenden erster Kuss, ihr vertraute der Unglückliche sein Leid und sein Geheimnis. Besonders hatte die mit Gras bewachsene Erde, der Rasen, eine heilige Kraft. Der Schwörende legte die Hand auf grünen Soden, und der Kämpfende schwur, indem er sein Schwert an ein Rasenstück setzte oder dasselbe in die Erde steckte, wie Siegfried als er die drei Eide schwur. In Skandinavien wurde der feierliche Eid der Bundesbrüder unter grünem Rasen geleistet, woher die Ceremonie auch hiess: unter den Rasen gehn. Sie schnitten einen langen Streif grasbewachsener Erde auf, doch so dass er an beiden Enden am Grunde hängen blieb. In der Mitte wurde durch einen untergestellten Spies der Wasen in die Höhe gehoben. Unter diesen Wasen traten sie, jeder stach oder schnitt sich in die Fusssohle oder inwendige Hand, das herauslaufende und zusammenfliessende Blut mischte sich mit der Erde. Dann fielen sie auf die Kniee nieder und riefen die Götter als Zeugen an, dass sie einer des andern Tod wie Brüder rächen wollten. Aehnlich legte sich bei Völkern der Schwörende Erde oder Rasen auf das Haupt. Die Uebergabe eines Gutes erfolgte, bei den Alten dadurch, dass man dem neuen Besitzer ein Stück Rasen oder eine Erdscholle überreichte und der Besiegte bot zum Zeichen seiner Unterwerfung Erde und Wasser dar. Noch in später christlicher Zeit nahm man vor dem Beginn der Schlacht oder bei unversehens nahendem Tode, wenn kein Priester da war, den Leib des Herrn zu spenden, Erdbrosamen statt der heil. Wegzehrung, ohne allen Zweifel ein altheidnischer Gebrauch, von dem die Kirche nie nur die geringste Notiz nahm. Ursprünglich gab man sich dadurch, dass man also die heilige Erde in sich aufnahm, der Mutter Erde gleichsam zu eigen. Uebersetzung der genommenen Erde in des Herren Leib lag einem eben bekehrten Volke sehr nahe, da einestheils der Augenblick, worin man die heilige Communion empfing, übereinstimmte, anderntheils man in der Erde den alten Riesenleib sah, wie im Abendmahl den Leib des menschgewordenen Gottes. Bäume und Thiere. ♦ Myth. 613. Balder vor dem Tode zu sichern nahm seine Mutter allen Wesen, den Thieren sowohl wie den uns leblos scheinenden Pflanzen, Steinen u. a. Eide ab, dass sie dem liebsten ihrer Söhne nicht schaden wollten; und als er der Falschheit Lokis erlegen war und Hellia verlangte, dass alle Wesen um ihn weinen sollten, da trauerten sie alle, Thiere wie Pflanzen, Wasser und Erde, Feuer und Steine. Wir sehen daraus wie das Alterthum alle Wesen nicht nur für belebt hielt, sondern ihnen auch Sinn und Empfindung zuschrieb. Besonders war dies der Fall mit den Thieren, die wir vielfach in der Fabel wie im Märchen gleich Menschen redend, denkend und handelnd erblicken, mit den Bäumen und andern Pflanzen. In beides, in Thiere und Pflanzen verwandelten sich Menschen und Götter, denn das Fluggewand z. B., welches wir Göttern, Helden und weisen Frauen zugeschrieben sehen, ist nichts, als die Verwandlung in einen Schwan; auch die Geister, die Elemente selbst nahmen häufig Thierformen an. Die Verehrung, welche man diesen Wesen zollte, galt also ursprünglich nicht ihnen selbst, sondern den höhern Wesen, von denen sie belebt oder bewohnt gedacht wurden. Später mag dieses höhere Wesen hinter der von ihm angenommenen Form verschwunden sein. Ausser diesen göttlich verehrten Bäumen, Pflanzen und Thieren gib es andere Wesen, die einer einfachen Art von Verehrung genossen und zwar, weil sie als den Göttern besonders angenehm galten, bei den Opfern verwendet wurden und als Attribute der Götter, in deren Geleit erschienen. Diese fallen mit jenen oft zusammen, es ist oft kaum zu unterscheiden, zu welcher Klasse man einzelne solcher Wesen zählen soll. Von heiligen Wäldern und Bäumen war schon mehremal die Rede, einzelne der letzten wurden bereits genannt. Die Vernichtung solcher Bäume machte den Bekehrern viel zu schaffen, denn trotz alles Eiferns gegen deren Cultus fuhr das Volk fort, denselben zu opfern, Lichter unter ihnen anzuzünden, sie zu schmücken und andern Aberglauben zu treiben, und bis heute dauern noch viele dahin gehörende Gebräuche unter uns fort. Einer der am höchsten verehrten Bäume war die Eiche , nächst ihr kam die Linde , die wie eine schützende Macht in jedem Dorfe, bei jeder Burg gefunden wird. Glück und Heil der Bewohner ist an sie geknüpft, wächst und schwindet mit ihr; als die Linde im Schlosshofe der Burg Schellenberg verdorrte, da stürzte das Schloss nach und nach zusammen, und als nichts mehr von diesem übrig war, warf der Sturm auch den dürren Stamm zu Boden. Die Esche war heilig, denn der Weltbaum ist eine Esche und aus zwei Eschen wurden die ersten Menschen geschaffen. Mit der Frau Hasel führen unsere Volkslieder Gespräche, und bevor man von dem Hollunder Holz schnitt, bat man ihn mit gebogenen Knieen, entblösstem Haupt und gefaltenen Händen zuvor um Erlaubnis. Dem Holzhauenden ruft aus dem Baum eine Stimme entgegen: Wer Haspelholz haut, der stirbt, und wenn einer die Erle haut, so blutet und weint sie und hebt zu reden an, gerade wie Blut aus der Goldwurz floss, die ein Hirtenknabe schneiden wollte. Für besonders heilig galt unter den Kräutern der Rosmarin , dessen Namen halbgöttliche Jungfrauen tragen, in dem nach unserm heutigen Kinderglauben die Kinder gefunden werden und den die Braut beim Kirchengang nothwendig tragen muss. Den nordwestlichen Deutschen, namentlich Friesen und Seeländern war das Seeblatt ein Gegenstand besonderer Verehrung; die Holländer nennen seine weissen, inwendig goldgelben, duftenden Blumen Swanneblommen , d. i. Schwanblumen, wie wir die Wasserlilie Nixblume nennen. Es ist dieselbe Blume, die unter dem Namen Lotus in Aegypten und Indien verehrt wurde, vor der sich Tibetaner und Nepalesen neigen, auf deren Blatt Brahma und Vischnu einst schwammen. Fast alle solche Gewächse haben Kraft zu heilen oder zu schaden und wurden gleich schützenden heiligen Thieren in die Wappen der Helden, Städte und Länder gesetzt. Die Pflanzen leben ein mehr stilles Leben, dessen Aeusserungen kaum merkbar sind; an den Ort gebunden, ohne menschliches Zuthun wachsend, können sie ihren Einfluss auf seine Lebensverhältnisse nur seltner und weniger entscheidend eingreifend kund geben. Ein anderes ist es mit den Thieren , die frei und fessellos herumschweifend, grösseres Bewusstsein des Lebens zeigen, die an Kraft den Menschen gleich, an andern Eigenschaften ihm gar überlegen sind, sich ihm inniger anschliessen können und durch die Pflege, welche er ihnen weiht, ihm theurer werden. Ihr Cultus war darum ein ausgedehnterer und ungleich wichtigerer, als der der Pflanzen, und zwar liegen ihm folgende Hauptursachen zu Grunde. Die Thiere standen in der menschlich gedachten Götter Dienst oder die Götter hatten einst sich in eine Thiergestalt verwandelt, wodurch alle Thiere, derselben Gattung fortan höherer Ehre genossen; es sind dabei vielleicht alte Incarnationen vorauszusetzen, wie wir sie bei andern Völkern des Alterthums finden, deren Kenntnis für uns jedoch kaum mehr zu erlangen ist. Eine geringere Art der Verehrung gewisser Thiere mag in der Lehre von der Seelenwanderung begründet sein, von der wir in unserm Alterthum unzweideutige Spuren antreffen: in der als Strafe erfolgenden Versetzung des Menschengeistes aus der edlern Menschen- in die unedlere Thierform. Dabei ist natürlich an einen eigentlichen Cultus nicht mehr zu denken, sondern nur an rücksichtsvollere, mit einer Art von frommer Scheu durchdrungene Behandlung der Thiere. Wir sahen, wie das Alterthum nächst dem Menschenopfer kein höheres Opfer kannte als das des Pferdes . Alle Götter, der Donnerer einzig ausgenommen, besassen Pferde und der Held kannte nichts theureres als sein Ross, mit dem er sich freundlich unterredete, das all seine Freuden, wie seinen Kummer, seine Gefahren und Mühen theilte. Zwei edle Sachsenhelden Hengest und Hors trugen gar des Pferdes Namen und den Menschen gleich erhält auch das Ross seinen festen Namen, wie das Odhins Sleipnir, das des Riesen Hrûngnir Gullfaxi, das Goldmähnige, das Ross des Tages das Glanzmähnige, das der Nacht das Thaumähnige genannt wurde. Einzelne Pferde genossen göttlicher Verehrung und zwar besonders solche, die den Göttern geweiht waren und in der Nähe ihrer Heiligthümer unterhalten wurden. Besonders dem Fro finden wir solche heiligen Rosse gehegt, in der Nähe einer seiner alten Cultusstätten in Süddeutschland liegt der noch heute bekannte Rossberg ; ein anderer Berg gleichen Namens in Württemberg hat einen platten Gipfel, der das Rossfeld heisst. Solche Rosse zu besteigen, wurde für ein todeswürdiges Verbrechen gehalten; nur der Gott ritt sie, nur seinen heiligen Wagen zogen sie, und sie bluteten ihm als Opfer. Sie wurden sorgfältig gepflegt und genährt, besonders hielt man viel darauf, ihre Mähnen zu hegen und schmückte dieselben, indem man Gold, Silber und Bänder hineinflocht. Da sie als Opferthiere galten, so mussten sie weiss sein, wie denn auch die Rosse der Könige noch in späterer Zeit nur weiss sein durften. Sie waren nach Tacitus für Mitwisser der Götter angesehen (Könige Edle und Priester waren nur der Götter Diener) und darum wurde fleissig auf ihr Wiehern geachtet; keinem andern Orakel schenkte man solchen Glauben und vertraute man so sehr. Wenn das Ross vor der Schlacht seine muthweckende Stimme erhob, dann war an keine Niederlage zu denken, senkte es aber das Haupt und war es still, dann war sie gewiss. Heiliger noch und edler als das Ross galt das Fohlen; die Stute war wie es scheint wenig oder nicht geachtet. Selbst in dem abgeschnittenen Pferdehaupt lebte noch eine geheimnisvolle Kraft fort und man bediente sich desselben zu manchen Zaubereien. Im Märchen ist der Zug bewahrt, wie der Kopf des treuen Falada über das Thor genagelt wird und mit der scheinbaren Gänsemagd redend, sie dem König als eine Königstochter ankündet. Wenn man im Norden einem Feinde schaden, ihn vernichten wollte, dann errichtete man die furchtbar wirkende Neidstange , indem man ein Pferdehaupt mit gähnendem Rachen, den man durch Hölzer aufsperrte, auf einer Stange erhob und es der Gegend zuwandte, woher der Feind kommen musste. Andere schnitzten ein Menschenhaupt aus Holz, befestigten es auf einer Stange und steckten dieselbe in die Brust eines geschlachteten Pferdes, welches man wahrscheinlich den Göttern unter Verwünschungen gegen den Feind geopfert hatte. Wie Hengste vor den Wagen nordischer und deutscher Könige gespannt wurden, so zogen Stiere den fränkischen Königswagen; sie waren dem Fro gleichfalls heilig. Nach Plutarch schwuren die Cimbern bei einem ehernen Stier. Doch kommt im ganzen der Stier seltner vor, (vielleicht weil wir weniger davon übrig haben) häufiger die Kuh , und das Rind . Wir fanden heilige Kühe an dem Wagen der Nerthus und auch im Norden standen sie in hohem Ansehen; die Rinder aber wurden häufig geopfert. Der Eber und der Bock galten gleichfalls wie als Thiere Fros und Donars, so auch als Hausthiere für opferbar und darum für heilig. Nur der Hund war vom Opfer ausgeschlossen, obgleich er dem Pferde in manchen Eigenschaften, namentlich an Treue und Klugheit ähnlich ist; es liegt etwas unedles, unreines in ihm, so dass sein Name selbst als Schelte dienen kann. Aber er genoss darum doch gewisser Verehrung, da er Göttern und Göttinnen als Geleiter diente und dafür galt, dass er ihre Nähe wisse, die unsichtbar Kommenden schaue. Unter den Thieren des Waldes gab es besonders drei, welche der Mensch mit einer Art von ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete, es waren Bär , Wolf und Fuchs . Die Stelle, welche in unsern Thiermärchen der Löwe einnimmt, gebührt in Deutschland dem Bären, der unserer Vorzeit König der Thiere war. Er ist das stärkste und grösste aller eingebornen Thiere, sein Gebrüll der mächtigste Ton, der in unsern Wäldern erschallt. Wie das Alterthum scheute, den Namen des höchsten Wesens zu oft oder an unpassender Stelle zu nennen, so vermied es gleichfalls, den Namen des Unheimlichen, Zauberhaften laut auszusprechen, weil es dadurch augenblicklich herbeigerufen wird, so mied es besonders auch, die Namen jener drei Thiere zu nennen, sondern gebrauchte statt dessen schmeichelnde und freundliche Beinamen, um sich der Thiere Freundschaft zu versichern. So nannte es den Bären den Alten, den alten Grossvater, Schwarzzahn, Süssfuss; den Wolf Hölzing, Goldfuss, Goldbein oder auch Graubein, Goldzahn; den Fuchs Blaufuss, d. i. Schwarzfuss, Waldgänger. Bär und Wolf finden wir oft in Wappen aufgenommen und eine Menge von menschlichen Eigennamen ist mit ihrem Namen zusammengesetzt, so Bernhart, Bernwin, Adalbern, Reginbern, Hruodbern, Wolfgang, Wolfbrant, Wolfhelm, Heriwolf, Sigiwolf, Hiltiwolf; keiner aber mit Fuchs. Dem letztern fehlt die Seele aller Heldennamen, männliche Kühnheit; es kann auch keine Verwandlung der Menschen in Füchse statt finden, wohl aber in Bären oder Wölfe, am häufigsten ist die in Werwölfe. Der alten Thierfabel sind die drei Thiere wesentlich, alles andere untergeordnet; das allein würde schon für ihre uralte Heiligkeit zeugen; ebenso finden wir sie in vielen Märchen zusammen auftretend, mit menschlicher Sprache und übermenschlichem Wissen begabt. Die Katze galt als Thier der Frouwa, deren Wagen sie zog, für heilig, und in ihre Gestalt verwandelten sich besonders Frauen; auch das Wiesel , das rasch dahin fährt und aus klugen Augen schaut, wurde für zauberkundig gehalten und Fräuchen angeredet. Wie den Göttern heilige Pferde unterhalten und gefüttert wurden, so geschah dies auch mit andern Thieren. Dieser Gebrauch erhielt sich selbst noch bis in spätere christliche Zeiten und wir sehen noch einen Ueberrest davon in Bern, welches dem Bären, der in der Stadt Wappen steht, zu Ehren auf öffentliche Kosten zwei Bären unterhält, welche gleichsam die Schutzmächte der Stadt sind. Ebenso fütterte man die wilden Vögel . Wie man in Norwegen Julabends den Sperlingen Kornbüschel aussetzte, so gibt man in Hessen zwei Gescheit von der Wintersaat den Vögeln; und wenn die Ernte eingethan ist, wirft man Nachts um zwölf Uhr eine Garbe aus der Scheuer, dass »die Englein im Himmel davon zehren.« Es sind das alte Opfer, welche man den Vögeln um die Herbstzeit darbrachte. Mit den Vögeln lebte das Alterthum überhaupt sehr vertraut; wegen ihrer grösseren Behendigkeit scheinen sie geisterhafter als die vierfüssigen Thiere. Wir fanden schon wiederholt, wie Götter, Göttinnen, Helden und weise Frauen sich in ihre Gestalt verwandeln; die nordischen Götter und Riesen legen ein Adlerkleid an, die Göttinnen ein Falkenkleid , halbgöttliche Wesen der Deutschen und Skandinavier schlüpften in ein Schwanhemd . Das Feuer erschien als rother Hahn , der Flamme Prasseln in dem Dach des Hauses ist sein Krat; wahrscheinlich ist der Hahn auf unsern Kirchthürmen noch heidnischer Abkunft. Zu den erhabenen Göttern passt das Aargewand, dessen selbst Allvater sich einmal bediente, denn wie der Bär an der Spitze der wilden Waldthiere, so steht der Aar an der Spitze der wilden Vögel. Bei aller Schönheit und Kraft, die er zeigt, steht er an Klugheit doch dem gleichfalls sehr heilig gehaltenen Raben nach. Wie in den Mythen, so erscheint in den Märchen der Rabe als weise, ja allwissend und der geheimen Naturkräfte kundig. Die rasch die Luft nach allen Richtungen durchschiessende Schwalbe gilt noch heute für so heilig, dass das von ihr gebaute Nest dem Hause Glück, sie zu tödten aber Unheil bringt. Gleich der Schwalbe ist der Storch Bote des Frühlings, aber er ist auch Kinderbringer, und als solcher muss er dem Alterthum ein Götterbote gewesen sein; auch sein Gewand ziehen Menschen und wohl auch höhere Wesen oft an. Als weissagend erscheint besonders der Kukuk , dessen Ruf man zählt, um zu erfahren, wie lange man leben, oder noch unverehlicht bleiben werde; ruft er den das Letztere fragenden Mädchen in Schweden öfter als zehnmal, dann sprechen sie, er sitze auf einem närrischen d. i. verzauberten Zweig und achten nicht weiter auf seine Prophezeiung. Hört man ihn zuerst von Norden, dann bringt das Jahr Trauer, von Osten und Westen bedeutet sein Ruf Glück. Ihn ohne Ursache zu tödten, bringt Gefahr. Das hohe Ansehn, in welchem er stand, hatte so wie sein oft zum Nachtheil der Seele täuschender Ruf, zur Folge, dass er im Christenthum als ein Vogel des Teufels galt und noch gebrauchen wir seinen Namen statt dem des Teufels. Des Kukuks werden; der Kukuk hat ihn hergebracht u. a. m. In gleicher wenn nicht höherer Verehrung wie der Kukuk standen das Rothkehlchen und die Meise . Das Rothkehlchen kündigt sich durch seine Farbe als ein dem Donnerer heiliger Vogel an, darum schlägt der Blitz in das Haus, wenn man sein Nest stört, und wenn es einen Erschlagenen im Walde findet, trägt es Blumen und Blätter auf sein Gesicht. In welchem Ansehn die Meise stand, sehen wir aus den Weisthümern; wer eine im Walde fing, war der höchsten Busse verfallen, er war »um Leib und Gut und in des Herren Ungnade.« Schlangen scheinen durch die Schönheit ihrer Form, die Gefahr ihres Bisses vor andern Thieren Scheu und Ehrfurcht zu gebieten; viele Sagen erzählen von Vertauschung der Gestalt zwischen Menschen und Schlangen; darin liegt fast untriegliches Zeichen des Cultus. Wesen, die aus menschlicher Art in thierische Bildung übergegangen sind und den Umständen nach in jene zurückkehren können, ist das Heidenthum heilig zu halten geneigt. Die Longobarden beteten selbst nachdem sie zum Christenthum übergetreten waren, noch eine goldne Schlange an, der heil. Barbatus benützte ihres Königes Romuald Abwesenheit, sich das Bild von dessen Gemalin zu verschaffen und liess einen Kelch und eine Patene daraus schmieden, aus denen er dem König bei dessen Rückkehr das heil. Abendmahl reichte. Ueberall in Deutschland weiss man, dass Schlangen zu tödten Unglück bringt. An das Leben der Schlangen ist nicht selten das Leben der Menschen gebunden, sie sind gleichsam seine Schutzgeister und wenn sie sterben, welkt auch der Mensch dahin. Schützend halten sie an des Kindes Wiege Wacht, grösseren Kindern weisen sie Schätze, Kranken und Verwundeten retten sie das Leben. Oft kommen sie zu einsamen Kindern ins Zimmer, auf Wiesen und Weiden oder in die Häuser und trinken mit ihnen Milch aus dem Schüsselchen; sie tragen eine goldene Krone auf dem Haupte, welche sie dabei ablegen, mitunter auch beim Weggehen vergessen und lohnen dem Kinde mit Perlen, glänzenden Steinen und goldenen Spielsachen. Oft finden sie sich auch in ganzen Scharen ein und haben dann einen König, der eine schimmernde Krone trägt. Lässt man sie ruhig gewähren, so bringen sie dem Hause Glück und Segen, tödtet man aber den König, dann folgt ein Unglück dem andern. Wer solch eine Schlangenkrone trägt, der ist unsichtbar und wird steinreich. In einigen Gegenden erzählt man noch, jedes Haus habe zwei Schlangen, ein Männchen und ein Weibchen, die sich aber nicht eher sehen lassen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter stirbt, dann sterben sie auch. Die geflügelte Schlange nennen wir mit einem undeutschen Wort Drache , der deutsche Ausdruck ist Wurm, Lintwurm, d. i. der glänzende, leuchtende Wurm von dem Gold, worauf die Drachen liegen, welches sie hüten. Sie sind ganz im Gegensatz zu den Schlangen geizig, neidisch, giftig; dem nahenden Menschen werfen sie Rauch, Flamme und Wind aus dem Rachen entgegen. Gefrässig berauben sie die Heerden, sie fordern selbst Menschen als Opfer. Der gewöhnliche Mensch erliegt ihnen, nur die Helden vermögen den Kampf mit ihnen zu bestehen und der Sagen von ihren Drachensiegen sind alle Länder voll. Der Genuss ihres Herzens bringt den Siegern Kunde der Thiersprache zuwege, das Bestreichen mit ihrem Blut härtet die Haut gegen alle Verletzungen, Die Käfer waren wie den Aegyptern, so auch den alten Deutschen heilig. Feierlich holte man noch im siebenzehnten Jahrhundert den ersten Maikäfer aus dem Walde, gleichsam wie einen Boten der Gottheit des Frühlings. In oberdeutschen Sagen erscheinen die Käfer als heilige, das Gold bewachende, selbst goldene Thiere. Den schwedischen Mädchen sagt der auf ihrer Hand umkriechende kleine Goldkäfer , von welcher Seite der Bräutigam komme. Fast in all unsern Dialecten trägt dies hübsche Thierchen noch mythisch klingende Namen: wie man ihn in Schweden Jungfrau Mariens Schlüsselmagd heisst, so nennen wir ihn Marienvöglein, Liebfrauenthierchen, Marienkälbchen, Herrgottsthierchen, Herrgottsvöglein, Gotteskühlein, Sonnenküchlein. Heilig war endlich die Biene , die wir sorgsam hegen, die uns zum Dank dafür den Honig schenkt, einen Hauptbestandtheil des alten Göttertrankes. Sie ist emsig und still geschäftig, gleich den Zwergen und Elben, die gleich ihr einer Königin gehorchen. Sie nimmt regen Antheil an Vorsput und Unheil, welches ihren Herrn trifft; wenn er stirbt, so muss man dem Bienenstock den Todesfall melden und bitten, dass er dem neuen Hausherrn getreu und gewogen bleibe, auch als Zeichen der Trauer ihn auf eine gewisse Zeit schwarz verhüllen; geschieht das nicht, dann fliegt der Schwarm fort. Goldene Bienen begleiteten selbst die Leiche des fränkischen Königs Childerich ins Grab. Himmel und Gestirne. ♦ Myth. 661. Von der Betrachtung der als göttlich verehrten Wesen wenden wir uns zu der des Himmels, den die Götter und die ihnen näher stehenden Geister bewohnen (die sich mit den Sternen vermengen), in den nach ihrem Tode irdische Wesen erhoben werden, an dem ausgezeichnete Helden und Riesen als Gestirne leuchten. Vom Himmel steigen die Götter herab zur Erde nieder, am Himmel fahren sie her und durch den Himmel beschauen sie unsichtbare das Treiben der Menschen. Wie sich alle Pflanzen nach dem himmlischen Licht kehren, alle Seelen zum Himmel wenden, so steigt der Rauch des Opfers und das Gebet der Menschen in die Höhe. Das Wort Himmel stammt aus der Wurzel hima, decken, einhüllen, kleiden; der Himmel deckt die Erde, er umschlingt und umarmt sie, wie der liebende Mann das geliebte Weib. Einige deutschen Stämme kennen das Wort nicht, sie haben statt dessen das Wort, Heven, Häwen, engl. heaven, d. i. der Fassende, Allumfassende. Allen Gestirnen werden bestimmte Stätten, Plätze und Stühle beigelegt, auf denen sie Sitz und Wohnung nehmen; sie haben ihr Gestell und Gerüste. Das gilt vor Allem von der Sonne, die täglich aufsteigt und zu ihrem Sitz oder Sessel zurückkehrt, aber auch von den Sternen, denen noch im Märchen jedem ein besonderes Stühlchen zugeschrieben wird. Aus dem Capitel über Wuotan wissen wir, dass einzelne Gestirne am Himmel fahrende Wagen sind, und gleich andern Göttern und Göttinnen hat auch die Sonne ihren eigenen Wagen. Von allen Sternen treten besonders zwei hervor, die den Tag erleuchtende Sonne und der die Nacht erhellende Mond . Sie sind in allen deutschen Sprachen ursprünglich jene weiblichen, dieser männlichen Geschlechts. Beide werden mitunter einem Rad verglichen (besonders die Sonne heisst in der Edda das schöne lichte Rad) wegen ihrer runden Gestalt bei rasch dahinrollender Bewegung. Das kriegerische Alterthum sah in den Hauptgöttern Schützer des Krieges, daher dachte es sich auch den Himmel kriegerisch gebaut und zwar als eine mit goldnen Schilden gedeckte Burg. Ebenso sah es auch in der Sonne einen runden leuchtenden Schild , der golden erglänzte in göttlichem Licht. Die älteste und verbreitetste Vorstellung, welche man mit der Sonne und den Gestirnen verband, war aber wohl die des Auges ; die Sonne war das Auge des Wuotan, wie sie den Griechen Auge des Zeus, den Parsen des Ormuzd, den Aegyptern des Demiurgen war. Mit ihm überschaute der alldurchdringende Gott die ganze Welt und so konnte nichts vor ihm verborgen bleiben. Ebenso sind Mond und Sterne des Himmels Augen, mit denen sie auf die Menschen niederblicken. nach niederländischem Kinderglauben Löcher ins Boden des Himmels, durch welche die Engel schauen. Nach der jüngern Edda sind Sonne und Mond Geschwister und eines Mannes Kinder, der Mundilföri heisst. Beide waren hold und schön, aber so stolz, dass sie den Zorn der Götter erregten, welche sie an den Himmel setzten. Da muss Sonne die Hengste des Sonnenwagens führen, Mond des Gestirnes der Nacht Gang leiten. Ob dieser Mythus auch in Deutschland bekannt war, ist noch nicht ausgemacht. Das Volk pflegte sich bis auf die spätere Zeit von Sonne und Mond redend gern auszudrücken: Frau Sonne, Herr Mond; jene nannte man die Frohe, Liebe und Gnädige, die heilige Herrin und Frau, dieser wird in einem alten Spruche begrüsst: Bis Gottwillkommen, neuer Mond, holder Herr! Mach mir meines Geldes mehr! Unablässig rollen beide Gestirne ihre Bahn, sie scheinen gleichsam zu fliehen vor einem sie bedrohenden Verfolger. Diese Vorstellung war fast allen Völkern des Alterthums und ist noch den meisten wilden Völkern gemein. Dem nordischen Mythus zufolge sind es zwei dem Geschlecht der Riesen entstammende Wölfe, welche ihnen nachstellen um sie zu verschlingen. Oft wähnte man dieselben den Gestirnen nah, als hätten sie bereits einen Theil derselben in den Rachen gefasst: das war zur Zeit der Verfinsterung der Sonne oder des Mondes und dann glaubte man die Zerstörung aller Dinge, selbst den Weltuntergang nahe; darum suchte man die Ungeheuer durch Geschrei zu schrecken, damit sie ihren Raub fahren liessen. Schon in frühester Zeit war den Deutschen eine bestimmte Zeitabtheilung bekannt und zwar wie es scheint eine doppelte, ein Sonnenjahr mit zwölf und ein Mondjahr mit dreizehn Monaten. Die letztern schlossen jeder vier Siebentagwochen, also achtundzwanzig Tage in sich und tragen ihren Namen nach dem Mond, mânôd von mâno. Daher war es natürlich, nicht nach Tagen zu zählen, denn am Tage bietet sich der Mond der Beobachtung nicht dar, sondern nach Nächten, gerade wie man das Jahr nach dem Winter nannte, der sich zum Sommer verhält, wie die Nacht zum Tag. Alle Fristen wurden nach sieben Nächten, vierzehn Nächten, Monaten und Wintern anberaumt. Hiervon hängt weiter ab, dass die Erscheinungen des Mondes entschiedenen Einfluss auf bedeutende Unternehmungen hatten. Zwar waren alle Arbeiten und Verrichtungen der Krieger, der Knechte, der Gerichte durch Tag und Sonnenzeit bedingt, aber wenn etwas neues und wichtiges gepflogen werden sollte, so richtete man sich nach dem Mond, d. h. es geschah an Tagen, deren Nächte günstiges Mondlicht hatten, entweder beim Neumond oder beim Vollmond; jener regte durch seine Frische, dieser durch seine Fülle an. Der Neumond ist für eigentliche Beginne eine heilbringende Zeit, was dann angefangen wird, das wächst mit und gleich ihm; darum schliesst man im Neumond Ehen, baut Häuser, schneidet was wieder wachsen soll, sammelt heilsame, kräftigende Kräuter, und zu Ariovists Zeit thaten weise Frauen den Ausspruch, dass die Germanen nicht vor dem Neumond kämpfen sollten. Mit dem Augenblick der Fülle tritt dagegen für den Mond auch die Zeit der Abnahme ein, darum nahm man alsdann Geschäfte vor, die Trennung oder Auflösung, Fällen oder Erlegen beabsichtigten. Man warf Gräben auf, mähte das Gras, haute Holz u. a. m. Des Hausvaters Tod im abnehmenden Mond galt für ein Unheil, denn man hielt dafür, dass nun das ganze Geschlecht abnehme. Wie die Vorstellungen über die Ursachen der Verfinsterung des Mondes und der Sonne bei allen Völkern einander ähnlich sind, so auch diejenigen über die Flecken und schattigen Vertiefungen im Licht des Vollmonds. Den Indern erscheinen sie als der Gott des Mondes, der einen Haken auf der Schulter trägt; dem Norden waren sie zwei Kinder, welche der Mond von der Erde weggenommen hat und die an einer Stange einen Eimer auf ihren Achseln tragen. Die deutsche verchristlichte Ueberlieferung sagt es sei ein Mann, der den Sonntag dadurch entweihte, dass er Holz oder anderes stahl und zur Strafe dafür in den Mond versetzt wurde; In der Grafschaft Mark erzählt man sich: Ein Mann wollte stehlen, aber der Mond schien und war ihm im Wege. Da verfluchte er den Mond und rief: Willst da weg gehn! Als Gott das hörte, gab er dem Mann die Wahl, entweder in der Sonne zu verbrennen, oder im Mond zu erfrieren. Da liess der Mann sich in den Mond setzen. eine schöne geistliche Deutung, welche wir dem Bruder Berthold verdanken sagt, der Mond sei Maria Magdalena, die Flecken seien ihre reuig vergossenen Zähren. Auch die Sonne hat wohl Einfluss auf abergläubische Vorstellungen, doch ist derselbe unbedeutend. Die Götter walten, die Geister schaffen gern in dem stillen geheimen Dunkel der Nacht, ungesehen von Menschenaugen; dem Zwerg, den die Sonne noch auf Erden überrascht, bringt sie augenblicklichen Tod. Darum sind die Kräuter, sobald der Sonne Strahl sie trifft, aller Heilkraft beraubt und das von ihm berührte Wasser ist untüchtig zu heiligem Gebrauch. Zweimal im Jahr wendet die Sonne ihren Lauf, im Sommer um zu sinken, im Winter um zu steigen. Beide Zeiten beging das Heidenthum feierlich, es sind die Sonnewenden , bei denen wohl Feuer angezündet wurden; das Johannisfeuer ist eins derselben. Auch die andern Sterne waren dem Alterthum nicht leblos, sie galten ihm in Beziehung auf den Menschen für hold oder feindlich; welche Constellation ihm bei seiner Geburt leuchtete, die nimmt ihn sein ganzes Leben hindurch unter ihren Schutz; er ist dann unter einem guten, glücklichen Stern geboren. Ein Ueberrest der Verehrung der Sterne liegt noch darin, dass man sie Abends beim Schlafengehen grüsst, gleichsam wie Engel, die während wir ruhen, über unserem Haupte wachen. Auch verbietet man den Kindern, mit den Fingern nach den Sternen zu deuten, weil das heisse, den Englein in die Augen stechen. Auch der h. Thomas a Kempis vergleicht die Engel mit den Sternen, wo er über den Fall jener spricht und sagt: Hast du an den Engeln Sünde bemerkt, was wird mit mir geschehen? Sterne sind vom Himmel gefallen und was soll ich Staub mich vermessen? De imitat. Chr. III, 14, 1. Wenn die Sterne sich reinigen, so fallen die Sternschnuppen nieder; daher sagt man noch, die Sterne putzen, schneutzen sich. Sie sind vorbedeutsam: was man in dem Augenblick wünscht, geht in Erfüllung; es soll auch wer eine Sternschnuppe erblickt, ein Gebet sprechen. Jeder Mensch hat seinen eignen Stern, wenn er stirbt, erbleicht derselbe, das drückt ein litthauischer Mythus sehr schön also aus: Die Spinnerin des Schicksals, die Werpeja, beginnt den Faden der Neugebornen am Himmel zu spinnen und jeder Faden endet in einen Stern. Naht nun des Menschen Tod, so reisst sein Faden und der Stern fällt erbleichend nieder. Leider scheinen die Ueberlieferungen unserer Vorzeit von einzelnen Gestirnen fast ganz verschollen, ihre Namen durch gelehrte Benennungen verdrängt, doch wird sich der eine oder andere gewiss noch erhalten haben. Bisher haben sich nur die Namen der drei Sternbilder wiedergefunden, welche in der Anschauung des Volkes am meisten hervortreten und die wir undeutsch mit den Namen des grossen Bären, Orion und der Plejaden bezeichnen. Der grosse Bär hiess unsern Vorfahren so wie den mit ihnen urverwandten Völkern der Wagen , weil man an dem Gestirn deutlich vier Räder und eine abstehende Deichsel unterschied; von der letzten wurde es bei den Angelsachsen auch bloss die Deichsel genannt. Dieser Wagen gehörte den obersten Göttern, dem Wuotan bei uns und in den Niederlanden, dem Donar im Norden, und noch erzählt sich das Volk, er drehe sich um Mitternacht mit grossem Geräusch um, wie auch die Sonne rauschend verschwindet. In der Schweiz gilt sein Stand für ein Zeichen theurer oder wohlfeiler Zeit: fährt er hoch daher, dann ist der Gott den Menschen gram und hält seinen Segen zurück, es erfolgt Theurung, steht er aber nieder, dann neigt sich der Gott gerne zu den Menschen herab und spendet seines Segens Fülle, dann gibt es Ueberfluss an Allem. Ueber dem mittelsten Stern in der Deichsel des Wagens steht ein ganz kleiner Stern, an den sich noch besondere Sagen knüpfen. Das Volk nennt ihn Däumchen , Hans Däumchen und erzählt eine zweifelsohne aus heidnischer Zeit stammende und verchristlichte Ueberlieferung von ihm: Ein Fuhrmann fuhr einst unsern Heiland, der versprach ihm zum Lohn das Himmelreich. Der Fuhrmann aber sagte, er wolle lieber in Ewigkeit fahren von Aufgang bis zu Niedergang. Sein Begehren wurde erfüllt, der Wagen steht am Himmel und der oberste von den Deichselsternen ist jener Fuhrmann, das Reiterlein. Der Gürtel des Orion hiess dem Norden Frikkas Rocken , den Dänen noch heute Mariärock . In Oberdeutschland nennt man die drei Sterne, welche den Gürtel, bilden die drei Mader , weil sie drei auf der Wiese neben einander stehenden Mädern gleichen: eine einfache Benennung, wie die des Wagens, in der kindlichen Phantasie eines Hirtenvolkes entsprungen. Altdeutsch heisst der Orion oft der Pflug , am Rhein nennt man ihn den Rechen , beides Geräthe der Ackerer und Mäder. Die Angelsachsen sahen in der Constellation einen Trupp wilder Eber . Das spätere Mittelalter verwandelte einen andern altheidnischen Namen, den wir nicht mehr kennen, in den christlichen des Petersstabs , oder Jacobsstabs ; wahrscheinlich sah man ursprünglich in dem Gestirn einen Gott, der mit seinem Stab die himmlische Bahn einherschritt. In dem Siebengestirn sieht man noch heutzutage eine Glucke mit sieben Küchlein. Auch von ihm geht eine Sage, deren Ursprung offenbar in die heidnische Zeit hinaufreicht. Christus ging an einem Beckerladen vorüber, wo frisches Brod duftete und sandte seine Jünger hin, ein Brod zu erbitten. Der Becker schlug es ab, doch von ferne stand die Beckersfrau mit ihren sechs Töchtern und gab das Brod heimlich. Dafür sind sie als Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk In einem Kinderreim wird noch der Kukuk Beckerknecht genannt. geworden, und so lange er Frühjahrs ruft, von Tiburtii bis Johannis, ist das Siebengestirn am Himmel sichtbar. In dem Regenbogen sah unser Alterthum eine himmlische Brücke , über welche die Götter wandeln, welche einer der Götter bewacht, damit die Reif- und Bergriesen nicht über dieselbe in den Himmel dringen. Wie das Wandeln der Götter fast stets segenströmend ist, so auch hier: von dem Regenbogen fallen, noch bestehendem Volksglauben zufolge goldne Münzen nieder und wo er aufsteht, liegt eine goldne Schüssel, oder findet man verborgene Schätze. In Baiern nennt man den Regenbogen Himmelring oder Sonnenring, jene Münzen Himmelringschüsseln; und in Oesterreich weiss man noch, dass die Engel die Seelen der Verstorbenen über den Regenbogen in den Himmel führen. Tag und Nacht. ♦ Myth. 697. Die Riesentochter Nacht wurde nach der Edda einem Manne von göttlicher lichter Abkunft vermählt, da gebar sie den Tag, der seinem Vater gleich licht und schön war. Allvater nahm Mutter und Sohn, versetzte sie an den Himmel und, gab jedem ein Ross und einen Wagen, mit welchen sie in gemessener Zeit die Erde umfahren sollten. Wir lernten diese Rosse bereits kennen als das Thaumähnige und das Glanzmähnige. Beide sind hehre heilige Wesen, beide werden grüssend angeredet. Ungleich der Sonne haben sie also nur ein Ross an ihrem Wagen, auch steht der Tag so unabhängig von der Sonne da, wie die Nacht vom Monde, Da sie zusammen gehören, so ist an eine Vermählung bei beiden Paaren zu denken nicht sehr gewagt. denn jener beginnt seinen Lauf, noch ehe die Sonne ihre Bahn betritt. Ob diese Vorstellung vom fahrenden Tag auch in Deutschland heimisch war, Es scheint fast, denn noch im Mittelalter ist von den Klauen des Tages, die er durch die Wolken geschlagen habe, die Rede; es werden dies die Klauen seines Rosses sein. lässt sich noch nicht sagen. Er tritt bei uns einem Götterboten gleich in Gestalt eines schönen, freundlichen Jünglings am Gipfel des Berges leise auf die Zehen, um ins Land zu schauen, steigt und dringt dann unaufhaltsam vor, die Nacht vor sich her treibend. Mit seinem Erscheinen ist eine Erschütterung, ein Geräusch verbunden, welches wohl seinen Schwingen beizumessen ist; es geht ein Schauern durch die Natur und frischeres Weben dringt aus den Wolken; er bricht an. Wie die aufgehende Sonne freudig ertönt, so ist auch der Tag ein Wonnebringer, wie die Nacht die Trauerbringende ist. Sie bricht nicht an , sondern ein , sie überfällt und wird mehr als feindliche, böse Gewalt aufgefasst, die dem Sprichwort zufolge »keines Menschen Freund« ist. Dies durchaus verschiedene und entgegengesetzte Wesen beider hat natürlich zur Folge, dass sie beständig miteinander im Streit stehen, worin sie abwechselnd siegen oder unterliegen. Sommer und Winter. ♦ Myth. 715. Langsamer und darum ungleich feierlicher als der Wechsel von Tag und Nacht erfolgte der von Sommer und Winter. Das Alterthum kannte ursprünglich nur diese beiden Jahreshälften und rechnete nach ihnen, die südlicher wohnenden Völker nach Sommern, die nördlichern nach Wintern; daher die alten Adverbia sommerlang und winterlang. Diese Eintheilung macht sich um so mehr geltend, je weiter man nach Norden kommt, weiter nach Süden unterscheiden wir drei, vier, ja selbst fünf Jahreszeiten. Mythische Bezüge haben nur jene zwei. Dem Norden stammten Sommer und Winter aus dem Geschlecht der Riesen: jenes Vater war freundlich und schön und alles Frohe und Liebliche wird nach ihm genannt; dieses Vater hiess der feuchte, nasse und war gleich dem Sohn grimmig und kaltbrustig. Auch unsern Alten galten beide als persönliche Wesen, noch sind ihre Namen Eigennamen, und in zahlreichen Redensarten des Volkes und dichterischen Wendungen hat sich ihr Andenken erhalten. Wir sagen z. B.: der Sommer, der Winter ist vor der Thür, tritt ein, kehrt ein; früher liess man beide abziehend Urlaub nehmen. Weil aber der Sommer mit dem Mai beginnt, so steht statt jenes auch der Mai in lebendiger Persönlichkeit da: wie der Winter, so wird der Mai Herr angeredet, er hält seinen Einzug ins Land, gleich den Göttern, und wird mit Dank und Neigen begrüsst und verehrt. Wie Tag und Nacht, so stehen Sommer und Winter im Kampf und beiden wird Gefolge und Dienerschaft zugeschrieben. Im Gefolge des Winters ziehen die alten Riesen Reif und Schnee , diese künden dem Sommer Krieg an, und er siegt oder unterliegt, je nach der Jahreszeit, er zieht mit seinem Gefolge triumphirend daher oder muss mit demselben den Angriffen seines Feindes weichen. Wie das Freundliche, Schöne und Milde stets länger in der Erinnerung haftet, da man seiner gerne wieder gedenkt, als das Finstere, Rauhe und Wilde, so erhielten sich von dem Wesen und Treiben des Sommers deutlichere Spuren, als von dem des Winters. Seine Ankunft war nicht an eine feste Zeit gebunden; wenn er kam, dann sandte er seine Boten und Zeichen voraus, welche man mit Jubel und Freude begrüsste. Solche Zeichen waren das erste Veilchen, welches man auf eine Stange steckte und unter Gesang umtanzte, der erste Maikäfer, den die Spinnerinnen feierlich einholten, wobei die Häuser mit grünen Zweigen geschmückt wurden. Unter des Sommers Boten sind die erste Schwalbe, der erste Storch und der Kukuk seine Herolde genannt; ihre Ankunft wurde von den Thürmern mit Hornstössen begrüsst und war ein allgemeines Fest. Diesen Zeichen und Boten folgte der Sommer selbst, aber er sties nun auf den alten Erbfeind. Der Kampf, welcher sich zwischen beiden entspann, so wie des Sommers Einzug und des Winters Ende wurde und wird förmlich dargestellt. In Stroh oder Moos gekleidet tritt der Winter dem in Epheu oder Singrün gehüllten Sommer entgegen und nach kurzem Kampfe wird jener niedergeworfen, gefesselt, geschlagen und ausgetrieben. Mehr nach Franken, dem Spessart und der Rhön zu tritt an die Stelle des Winters der Tod ; denn der Winter ist das todähnliche kalte Starren der Natur, welches dem warmen lebensvollen Hauch des Sommers weichen muss. Tiefer in Franken Thüringen, Meissen, Schlesien und Böhmen. hört der Kampf auf und finden wir das blosse Vertreiben oder Hinaustreiben des Todes. Er wird durch ein Bild dargestellt, welches man umträgt und dann ins Wasser wirft oder verbrennt. Man stritt darum, in welchem Hause das Bild gemacht werden sollte, weil dort in dem Jahre Niemand starb. Glänzender war die Einholung des Sommers bei Schweden und Gothen, wo am ersten Maitag sich zwei Geschwader Reiter versammelten: das eine hatte einen mit Pelzen und dicken, warmen Kleidern bedeckten mit einem Spies bewaffneten Führer, der mit Schnee und Eis um sich warf; des andern Führer hiess der Blumengraf , er war mit grünen Zweigen, Laub und Blumen bedeckt, trug leichte Kleider und keine Waffen. Diese beiden hielten ein förmliches Gefecht, wobei der Sommer den Winter zu Boden zerrte. Der Winter und sein Gefolge warfen wohl mit Asche und Funken um sich, doch des Sommers Gefolge wehrte sich mit laubigen Birkenzweigen und grün ausgeschlagenen Lindenästen; ihm wurde vom Volke der Sieg zugesprochen. Dieser Mairitt unter des Maigrafen Anführung war gleichfalls in Niederdeutschland üblich, doch mangelt hier der Kampf. In feierlichem Zug wurde der Maigraf in die Stadt eingeholt; er sass auf dem im Walde gehauenen Maiwagen, den vier Pferde zogen und dessen Maien und Laub in der Stadt vertheilt wurden. In all diesen Bräuchen tritt die Persönlichkeit der alten Götter, oder wenn man will, der alten Riesen Sommer und Winter bis auf diese Stunde stark und klar hervor. Gerade so wie hier der Sommer, zieht wie wir früher gesehen Nerthus, Holda und Perehta in das Land und Freude und Jubel empfangen sie allerwärts. Wie sie die Fruchtbarkeit spendenden, Alles neu belebenden Göttinnen sind, so ist der Sommer der die winterlichen Bande der Erde lösende, sie mit irischem Grün kleidende Gott. Zeit und Welt. ♦ Myth. 750. Unsere Sprache hat für den Begriff Zeit verschiedene Ausdrücke, jenachdem der Abschnitt derselben ein grösserer oder kleinerer ist. Vorerst das Wort Zeit selbst, d. i. die vorschreitende, fortrückende, dem gegenüber Weile als die ruhende Zeit gilt. Gothisch drückt auch mêl, unser mal Zeit, Stunde aus; es ist ursprünglich Zeichen und wurde vom Raum auf die Zeit übertragen. Dieselbe Vorstellung der Ruhe, wie bei Weile, liegt auch bei Stunde zu Grund, denn es ist abgeleitet von standan, stehen; ebenfalls bei dem althochdeutschen stulla , welches mit stille zusammenhängt, während bei dem Ausdruck für den kürzesten Zeitabschnitt wieder die Bewegung hervorbricht: Augenblick ist die Zeit, welche das obere Augenlid gebraucht, um sich mit dem untern zu verbinden. So ist denn Zeit die gross und gewaltig dahin rollende Woge, Augenblick gleichsam der Tropfen, der in ihrem Rollen emporgeworfen wird, um sich sogleich wieder ihr zu vereinigen. Eine längere Dauer der Zeit drücken wir durch Alter aus, welches oft auch mit Zeit verbunden wird: Zeitalter, und ehedem mit wër, der Mann, verbunden das Wort Wëralt Zeitalter der Männer. bildete, welches umgekehrt, wie mal aus dem Raum in die Zeit überging, aus der Zeit in den Raum übergehend, unser Welt wurde. Daher kommt es, dass noch das deutsche Mittelalter die Welt durch eine Bildseule darstellte, welche die verschiedenen Zeitalter symbolisch in sich vereinigte. Ihr Haupt war golden, Brust und Arme silbern, der Bauch ehern oder eisern, die Füsse irden. Dass diese Vorstellung, die uns aus der griechischen Mythologie bekannter ist, auch bei unsern Vorfahren lebte, dafür zeugt schon, dass Alles, was von den Göttern stammt, oder in ihrem und selbst der untergeordnetern göttlichen Wesen Besitz ist, golden erscheint, wie wir dies vielfach zu sehen in den vorigen Abschnitten Gelegenheit hatten. Wir wissen, dass das Alterthum sich die Erde rund dachte, daher Erdkreis . Sie war vom Meer umflossen, darum heisst sie noch mhd. Mergarte , sie war die in der Mitte liegende, daher im Norden midgardr . Um die Erde windet sich eine ungeheure Schlange im Ringe, Sie lebt noch in unsern Märchen. offenbar das die Erde umgebende Meer. Nach den Edden gibt es einen ungeheuren Weltbaum, welcher Himmel, Erde und Hölle verbindet; es ist die Esche Yggdrasil, der grösste und heiligste aller Bäume, dessen Aeste durch die ganze Welt treiben und über den Himmel hinaus reichen. Drei Wurzeln halten sie aufrecht, die eine schlägt nach den Asen, in den Himmel, die andere nach den Reifriesen, dahin wo einst die Kluft der Klüfte war, die dritte nach der Unterwelt. Unter jeder Wurzel quillt ein wunderbarer Brunnen, bei der himmlischen der Brunnen der Nornen, bei der riesischen der des weisen Riesen Mimir, bei der höllischen Hvergelmir, der alte Kessel, der rauschende; alle drei sind heilig. Jeden Tag schöpfen die Nornen Wasser aus ihrem Brunnen und begiessen damit der Esche Aeste: so heilig ist das Wasser, dass es allen Dingen, die in den Brunnen kommen, weisse Farbe mittheilt. Von dem Baum trieft bienennährender Thau, welcher Honigfall heisst; auf den Aesten, an den Wurzeln des Baums sitzen und springen Thiere: ein Adler, ein Eichhorn, vier Hirsche und Schlangen. Aehnliche Vorstellungen lebten auch unter den Deutschen. Die Gegend um den Brunnen Hvergelmir, die Unterwelt, lernten wir bereits als Aufenthalt der Göttin Hellia kennen; es ist Nebelheim , die Hölle, ein grauenhaftes, düsteres, kaltes Schattenland, der Todten Wohnung, nicht aber der Qual und Strafe, nach christlicher Ansicht, die sich erst später entwickelte, kaum vor dem zwölften Jahrhundert. Sie lag tief unten nach Norden hin, nach der Edda, jenseits eines rauschenden Flusses, über den eine mit leuchtendem Gold (Feuer) gedeckte Brücke führte, die eine Jungfrau hütete. Mitten in ihr liegt jener alte tosende Kessel, dem zwölf Flüsse entrinnen. Wie man nach nordischer Ansicht dunkle tiefe Thäler durchdringen musste, um zu ihr zu gelangen, so war sie deutschem Glauben zufolge mit dichten Wäldern umgürtet; noch denken wir sie uns tief im Schoos der Erde. Dieser dunkeln vorwärts liegenden Nebelwelt entgegen steht die südliche Flammenwelt , welche in der Edda Muspell oder Muspellsheimr genannt wird. Sie ist licht und heiss, glühend und brennend, nur Eingeborne können es da aushalten, daher keine Menschen aus unsrer Welt in sie übergehen, wie in die kalte nördliche. Ihrer hütet der Gott Surtr , der von der Glut gebräunte, der ein leuchtendes Schwert führt und dereinst den Göttern Untergang bringt. Das wird sein zur Zeit der Götterdämmerung , des Weltuntergangs oder Weltbrands. Alsdann brechen die bis dahin von den Himmlischen in Bann und Zwang gehaltenen bösen Wesen los und streiten wider die Götter; ein Wolf verschlingt die Sonne, ein anderer den Mond, die Sterne fallen vom Himmel, die Erde erbebt und alle Berge stürzen zusammen, alle Bäume werden entwurzelt, das Meer tritt aus seinen Ufern und überflutet das Land, die ungeheure Weltschlange, ergriffen von Riesenwuth hebt sich aus dem Meer und zieht mit ihren Geschwistern und Loki, ihrem Vater, gegen die Götter. Zugleich reitet Surtr mit seinem leuchtenden Gefolge über den Regenbogen gegen sie, und ihren vereinten Angriffen erliegen die alten Götter, die Flammensöhne siegen, die Welt geht in Feuer auf, wie sie bei der Sinflut in Wasser unterging. Aber aus dem Meer steigt jetzt eine neue, seeligere Erde mit verjüngten Göttern, eine bessere, hehrere Weltordnung beginnt. So die Ueberlieferung des Nordens, der sich die deutsche wenigstens in den Grundzügen angeschlossen haben wird. Wir haben noch die Wohnungen der Götter, den Himmel, kurz zu betrachten. Wie aus dem Abschnitt über die »Schöpfung« hervorgeht, richteten sich die Götter im Mittelpunkt der Welt eine Wohnung ein. Zu ihr führt der Regenbogen und die Milchstrasse, in ihr hat jeder derselben wieder seine besondern Räume. Der berühmteste derselben ist die Wohnung Wuotans Wala halla ; dahin kamen alle seit Anfang der Welt im Kampf gefallenen Helden, die dort Einherien heissen. Der Edda zufolge ist Walhalla mit goldnen Schilden gedeckt und zählt 540 Thüren, deren jede auf einmal 800 Einherien Durchgang gestattet. Auch in deutschen Sagen erscheint sie als ein grosser goldglänzender Pallast, als hochgewölbter goldstrahlender Saal, darin die Helden an langen Tafeln sich des Bechers und des Mahles freuen. Diese Vorstellung fröhlicher Trinkgelage im Himmel war noch spät so lebendig, dass ein niederdeutscher Edelmann sich im 16. Jh. eine Grabschrift setzen liess, worin folgendes echtheidnisch klingende vorkommt: Ik bin en meklenburgsch edelman: Wat geit di düvel min sûpen Saufen. an? Ik sûp mit min herr Jesu Christ, Wenn du düvel ewig dörsten müst, Un drink mit en fort kolle schal, Wenn du sittst in de höllequal. Von dem geräumigen Hause des Donnergottes war schon früher die Rede. Schön waren auch die Wohnungen der übrigen Götter, doch sind sie in Deutschland noch unaufgefunden, wir kennen sie bis jetzt nur aus nordischer Ueberlieferung, so Baldrs Halle, die breit glänzende, in welcher nichts unreines geduldet wurde; die Wohnung Freias, unsrer Frouwa, in welcher sie die Hälfte der waffentodten Männer empfängt, so oft sie zum Kampfe zieht; sie heisst des Volks Gefilde und der Saal der Göttin selbst der Sitzräumige. Auf goldnen Seulen ruht das silberne Dach des Saales Forsetis (Forasizo's), in welchem er alle Händel schlichtend thront, u. s. w. Seelen. ♦ Myth. 786. In diesem Abschnitt, wie noch in einigen andern weiche ich von J. Grimms Buch einigermassen ab. Die Gründe dafür wird der zweite Band meiner Beiträge enthalten. Die belebende Seele ist den Sprachen ein weibliches Wesen gegenüber dem männlichen Geist, Athem, der fühlbar aus und einzieht, während jene sanft und still sich nur durch ihr Walten verräth. Sie ist ein luftiges, leichtes, Wesen, welches rasch erscheint und verschwindet und darin den Elben gleicht, denen sie überhaupt sehr nahe steht. Mitunter tritt sie bei ihrem Ausgang aus dem Körper in eine neue, nicht menschliche Gestalt, worin sie eine Zeit lang verharren muss; dies gründet in der Lehre von der Seelenwandrung, welcher unser Alterthum huldigte. Vor allen derartigen Uebergängen sind zwei besonders häufig, die anmuthigen Vorstellungen, welche die Seele als Blume aufblühen, als Vogel auffliegen lassen; beide hängen zusammen mit der Verwandlung in Pflanzen und Thiere überhaupt. Unsere Sagen und Märchen sind voll schöner Züge, worin besonders die erste dieser Vorstellungen bewahrt ist. So finden wir in dem Volksbuch von Faust einen Zauberer, der den Leuten die Köpfe abschneidet und wieder anheilt. Sobald er den Schnitt gethan hat, zeigt sich in einem dabeistehenden Wasserglas eine Lilie, welche in dem Augenblick verschwindet, wo der Zauberer den Kopf wieder anheilt: er nennt sie bezeichnend die Wurzel des Lebens. Ein Mönch, welcher jeden Tag das salve regina mit grosser Andacht betete, starb und wurde in einem offenen Sarg in die Kirche gesetzt; am andern Morgen fand man eine Lilie aus des Todten Mund gewachsen, auf deren weissen Blättern das salve regina mit goldnen Buchstaben geschrieben stand. Die Seele hat ihren Sitz im Blut, sie flieht in den drei ersten Tropfen, daher, dass in vielen Märchen aus den begrabenen drei ersten Blutstropfen Blumen und Bäume entspriessen, wie anderswo aus dem hinströmenden Blut sofort eine Blume entspringt. Jenes Begraben des Blutes ist bereits christlicher Zusatz, der sofortige Uebertritt in die Pflanze die ältere reinere Ansicht, die darum auch seltner erscheint, während jene zahllos vorkommt. So entspriessen dem Grabe Hingerichteter zum Zeichen ihrer Unschuld weisse Lilien; aus des Mädchens Grab wachsen drei Lilien die kein anderer, als der Geliebte brechen soll und aus den Hügeln Liebender winden sich Blumensträuche, deren Aeste sich verflechten, wie die Seelen der Todten einst verflochten und verbunden waren; das Geschlecht der Liebenden dauert in den Pflanzen fort, wie aus Tristans Grab ein Weinstock, aus Isoltens eine Rose wuchs, die sich zusammenwanden. Als Pflanze ist die Seele jedoch gebundner an die Scholle, freier ist die als Vogel entschwebende, deren Flug fortan keine Grenzen mehr gesetzt sind. In dieser Gestalt kommt sie aus dem Munde Sterbender und zwar, wenn sie im Leben fromm waren, mit schneeweissem Gefieder. So sah man, als ein Schiff einst versank, der Untergegangenen Seelen in Gestalt weisser Tauben gen Himmel steigen, und als die Jungfrau von Orleans in den Flammen stand, hörte ein Kriegsknecht, wie sie den Namen Jesu rief und sah gleich darauf eine weisse Taube sich aus den Flammen erheben. Der Bauer der Bretagne sieht besonders in den Lerchen gegen Himmel steigende Seelen und ihm lautet ihr Gesang: »Sanct Petrus öffne mir die Thür, ich will auch nie mehr sündigen, nie mehr, nie mehr, nie mehr.« Er sieht wohl zu, ob die Lerche in den Wolken verschwindet, oder ob sie wieder herab kommt. Im letzten Falle sagt er: ›Die hat zu schwer gesündigt‹ und ihr Gesang lautet ihm dann: ›Ich sündige wieder, wieder, wieder.‹ Als die h. Gudula begraben wurde, wuchs eine schlanke Pappel aus ihrem Grab, darauf sass ein wunderschöner fremder Vogel, der sang die entzückendsten Weisen, es war ihre Seele; und als ihre Reliquien erhoben und in eine nahe Kirche gebracht wurden, fand man am andern Morgen den Baum und den Vogel, welche ihr gefolgt waren, vor der Thür der Kirche. Dieser Glaube war gleich jenem von der aufblühenden Seele in ganz Europa verbreitet. So erzählt eine polnische Sage von dem Räuber Madej: Als er erfahren hatte, welche Strafe in der Hölle seiner wartete, steckte er seine Mörderkeule in die Erde und blieb dabei als Einsiedel im Gebet und in Bussübungen. Die Keule begann Keime zu treiben und wurde zu einem Apfelbaum, der duftende Früchte trug. Als er später unter diesem Baum seine Beichte ablegte, flog ein Apfel nach dem andern in eine weisse Taube verwandelt empor. Es waren die Seelen derer, die er erschlagen, deren Blut an der Keule geklebt hatte, und die nach vorherigem Uebergang in Blüthen und Früchte des Baumes nun erlöst zu einer höhern Stufe der Freiheit gelangten. Die Seele ist in den Körper eingeschlossen gleichsam wie der Schmetterling in die Larve, diese springt beim Tod und entfesselt flattert die Seele empor. Es lag daher ebenso nahe, ja noch näher, sie sich in dieser Gestalt zu denken und diese Vorstellung theilten mit den Griechen auch die Deutschen. Weniger schön, eher zur Strafe entfährt die Seele in der Gestalt vierfüssiger Thiere, einer Katze , Maus , eines Wiesels , Kaninchens , selbst der an der Erde schleichenden Schlange . Solche Thiere haben wir noch in reicher Anzahl in den Spukthieren unserer Sagen übrig, die zu bestimmten Stunden der Nacht die Strassen unserer Städte und Dörfer, wie die Heerstrassen unsicher machen, sich von dem verspäteten Wanderer tragen lassen und dann unter koboldartigem Gelächter verschwinden. Solange die Seele den Körper bewohnt, ist er warm, verlässt sie ihn, so starrt er kalt; darum galt sie dem Alterthum als ein feuriges Wesen, wofür schon die für die Seelen Sterbender geltenden Sternschnuppen zeugen. Wer kennt nicht das schöne Märchen von des Todes Lichtersaal? Da flackern und leuchten zahllose Lichtchen und jedes ist eines Menschen Leben; wenn es erlöscht, stirbt der Mensch. Auch in den Sagen klingt diese Vorstellung nach, denn oft erscheinen umwandernde Geister als ein kleines Licht und die Irrwische sind nichts, als umirrende Seelen, gleichsam feurige Schmetterlinge, mit denen sie das Flattern gemein haben und auch den Namen theilen; Ziebold gilt für beide. Daher, dass die Sage noch heute in den Irrlichtern die Seelen ungetauft gestorbener Kinder oder verbrecherischer Ackerfrevler sieht, die mit koboldischer Tücke trachten, den Wanderer vom rechten Weg ab und in Sümpfe zu führen. Auch dem Element des Wassers ist die Seele nicht fremd; sie wohnt in dem Blut, dessen Rinnen durch die Adern dem lebendigen Quell gleicht, der über die Steine springt, dessen Erstarren dem des Baches gleicht, den der eisige Tod gefangen hält. So geht sie denn auch in eine Quelle über, indem sie mit den drei ersten Blutstropfen dem Körper des Ermordeten entflieht, oder im Augenblick des Todes als Quelle erscheint. S. Wenefridis floh vor einem heidnischen Königssohn, als er sie erreichte, schlug er ihr das Haupt ab; da wo es hinfiel, entsprang zur Stunde eine klare Quelle. Und als König Olaf eine Riesin die mit Rocken und Spindel auf einem hohen Strandhügel sass verwünschte, wurde sie wie er wollte in Stein verwandelt, im selben Augenblick aber entsprang an des Berges Mauer eine Quelle. Nicht alle Seelen aber müssen in eine andere Gestalt fahren, viele behalten auch die menschliche , nur in verkleinertem Maasse. Sie verlassen selbst nicht das ihnen im Leben lieb gewordene Haus, nicht diejenigen, denen sie im Leben nahe standen: sie bleiben in dem Hause als Schutzgeister der Ihrigen. Zahlreiche Sagen berichten noch, wie zur Stunde wo man die Bahre mit der Leiche aus dem Hause trug, der Verstorbene oben am Giebelfenster stand und dem Leichenzug nachschaute, oder wie man ihn am Abend des Begräbnistages am Heerd sah und von nun an sein Walten spürte. Daher rührt auch, dass die altdeutschen Künstler die Seele in Gestalt eines schönen weissen oder eines Mohrenkindes abbilden, jenachdem sie einem Frommen oder Unfrommen angehörte, wie denn z. B. auf dem Grabmahl der heil. Elisabeth ein Engel die Seele der Heiligen in Gestalt eines Kindes vor Christi Thron trägt, wo sie des Heilands Segen empfängt. Das sind einige (nicht alle) Vorstellungen unserer Vorfahren über das Wesen der Seele; sie sind einfach, wenn man will roh, aber von hohem Aller. Mehr ausgebildet, tiefer in alten Mythen wurzelnd, ist die Meinung von einer Ueberfahrt der Seelen in das Gebiet der Unterwelt durch ein Wasser , welches das Reich der lebenden Menschen von dem der Todten trennt. Procop erzählt: Am Ufer des festen Landes (an der Nordsee) wohnen unter fränkischer Oberherrschaft, aber von Alters her aller Abgaben entbunden, Fischer und Ackerleute, denen es obliegt, die Seelen überzuschiffen. Das Amt geht der Reihe nach um ; welchen es in jeder Nacht zukommt, die legen sich bei einbrechender Dämmerung schlafen. Mitternachts hören sie all ihre Thüre pochen und mit dumpfer Stimme rufen. Augenblicklich erheben sie sich, gehen zum Ufer und erblicken dort leere Nachen, fremde, nicht ihre eigne, besteigen sie, greifen das Ruder und fahren. Dann merken sie den Nachen gedrängt voll geladen, so dass der Rand fingerbreit über dem Wasser steht. Sie sehen jedoch Niemand und landen schon nach einer Stunde, während sie sonst mit ihrem eignen Fahrzeug Nacht und Tag dazu bedürfen, in Brittia. Angelangt entlädt der Nachen sich alsogleich und wird so leicht, dass er nur ganz unten die Flut berührt. Weder bei der Fahrt noch beim Aussteigen sehen sie irgendwen, hören aber eine Stimme jedem Einzelnen Namen und Vaterland laut abfragen. Schiffen Frauen über, so geben diese ihrer Gatten Namen an. Diese Vorstellung von dem Todtenreich auf der Insel Brittia war noch im dreizehnten Jahrhundert und selbst später so lebendig, dass sterben hiess »nach Brittia ziehn« oder auch »zum Rheine gehn,« wo der Nachen des dahin Abfahrenden harrte. Zu dieser Fahrt ins Todtenreich wurde die Leiche besonders ausgerüstet. Wie bei den Griechen die Ueberfahrt nicht umsonst geschah, sondern gegen ein bestimmtes Fährgeld , die Danaka, welches man der Leiche in den Mund gab, so musste dies auch bei unsern Vorfahren erlegt werden. Man steckte es in die Hand der Leiche, oder legte es neben sie, doch kommt auch vor, dass man es ihr in den Mund gab, wie man z. B. in Belgien das Skelett eines deutschen Kriegers ausgrub, welches den Fährgroschen noch in der Mundhöhle trug. Auch ein paar neue Schuhe , oder ein neuer Schuh gehörte dem Todten, damit er die beschwerliche Reise um so sicherer und besser zurücklegen könne. Wöchnerinnen gab man, wenn sie mit dem gestorbnen Neugebornen begraben wurden, Zwirn, Nähnadeln und Garn mit, damit sie im künftigen Leben für dessen Leinwand sorgen könnten. Ebenso gab man Todten Salbe mit, um die Wunden zu heilen, die sie etwa auf der Reise empfingen. Den Helden folgten im Norden Knechte, Pferde und Hunde, die mit ihnen verbrannt wurden, und als König Harald starb, tödtete man sein Pferd und begrub den Sattel mit der Leiche, damit er darauf nach Walhalla reiten könne. Aber nicht alle Gegenden liegen am Meer oder stehen mit demselben durch Flüsse in Verbindung. In solchen mehr nach innen gelegenen Gegenden fahren die Seelen in einem hoch durch die Luft daherziehenden Wagen zum Land der Todten; einigemale kommt aber dieser Wagen selbst nahe der See vor. Als Brunhild gestorben war, wurde sie auf einen geschmückten Wagen gelegt und fuhr auf demselben zur Hel, wobei sie unterwegs das in der ältern Edda (Helreidh Brynhildar) beschriebene Gespräch mit dem Riesenweib hielt. Noch weiss das Volk in den Niederlanden von diesem Hellewagen oder Zielewagen (Seelenwagen), der jede Nacht umfährt und die Seelen unter fröhlicher Musik »nach dem andern Land« führt. Er ist auch in dem alten Armorica bekannt: man hört in der Luft seine Räder knarren, denn er ist mit Seelen überladen, und ein weisses Tuch bedeckt ihn. Sein Nahen verkündet der Schrei des Käuzchens, wo dieser erschallt, da muss bald jemand den Wagen besteigen; der Sterbende hört das Knarren und gibt gewöhnlich bald darauf den Geist auf. Tod. ♦ Myth. 799. Sterben ist Heimkehr zur Gottheit, darum heisst das Todtengeläute, welches gleich nachdem jemand gestorben ist in Hessen erschallt, mit einem schönen Namen Heimläuten. Die Heimkehr dem Menschen zu verkündigen, sendet die Gottheit ihren Boten aus, welcher die Seele abholt und ihr zuführt. Dieser Bote ist der Tod , der also kein tödtendes Wesen ist, darum auch kein schreckendes, schauerliches, sondern ein milder, aber strenge seines Amtes wartender Diener der Götter. Er ist jedoch nicht derselbe für alle Seelen, er tritt selbst nicht immer in demselben Geschlecht auf. Den Seelen der Helden, die im Kampfe fallen, sind die Valkyrjen des Gottes Botinnen, sie abzuholen und nach Walhalla zu geleiten; wie diese Jungfrauen im Leben der Helden Schutzengel sind, so werden sie beim Sterben ihre Todesengel. Andere Seelen holt der Tod, der gleich allen Geistern plötzlich naht und kaum gerufen, schon erscheint. Wie alle Boten im Alterthum, so trägt auch er einen Stab. Gleich den Valkyrjen hat er ein Ross, worauf er im Land umreitet; dann schaaren sich die Seelen zu ihm und bilden sein Gefolge, doch kein düsteres, trauriges, vielmehr ein heiteres fröhliches, wie denn überhaupt alle Geister fröhlich erscheinen in ihrer Fessellosigkeit. Daher die Vorstellung unseres Mittelalters vom Todtentanz, den der nun zum scheuslichen Geripp gewordene, einst elbisch schöne Tod anführt und den alle ohne Unterschied mitmachen müssen. Jenes milde, freundliche, zutrauliche Wesen des alten Todes tritt noch in vielen Zügen hervor, die uns im Volksleben begegnen. Er heisst Freund Hein, er wird in den Märchen gar zum Gevatter gebeten und ist seinem Pathen ein schützender, glückbringender Freund, den er begabt, wie die Nornen die Kinder, an deren Wiege sie treten. Die herbere Auffassung seines Wesens, seine Unersättlichkeit, Gierigkeit, Tücke, der Pfeil den er sendet, die Sense, mit der er mäht, der Speer, den er tödtend wirft, der Kampf, den der Sterbende mit ihm zu bestehen hat, scheinen sich erst durch christliche Einflüsse im Mittelalter gebildet zu haben. Schicksal und Heil. ♦ Myth. 816. Die Capitel XXIX, XXX der Mythol. fielen als weniger hierher passend aus. XXXI wurde vertheilt. Wir fanden die Macht der Götter beschränkt, ihre Tage gezählt, sie selbst nicht einmal im Anfang der Zeiten stehend, sondern erst aus der Schöpfung hervorgegangen. Sie können dem Menschen wohl Heil und Seeligkeit schenken, aber sein Schicksal vermögen sie nicht zu ordnen, das unterliegt, gleich dem ihrigen einer höhern Weltordnung. Das Schicksal hat es hauptsächlich mit Beginn und Schluss des menschlichen Lebens zu thun. Seine Botinnen, welche den Menschen seinen Willen überbringen und verkünden und denselben an ihnen ausführen, sind die Nornen, die Schicksalsschwestern, welche an seiner Wiege stehen und an seinem Sterbelager. Es selbst steht im dunkeln Hintergrund, dessen Vorhang Niemand hob; nur die höchsten Götter wissen um seine Rathschlüsse und Fügungen, kennen seinen Willen. So gewiss wie jedem Menschen der Tod ist, war auch das Geschick der Menschen, Geschlechter und Völker im voraus angeordnet, wie denn die Ereignisse bei der Götterdämmerung, der ganze Untergang der Welt von der schicksalvertrauten Seherin vorherverkündigt werden. Dieser heidnische Fatalismus lebt noch unvertilgt in einzelnen Ausdrücken, denen wir im Volke begegnen: Das sollte einmal so sein, mir war nichts besseres bescheert ; dir ist viel Glück zugedacht , du magst dich trösten, u. a. m. Dieses Glück und Heil liegt zwar in den Gaben des Schicksals eingeschlossen, doch schrieb man dessen Verleihung später besondern Wesen zu, die überhaupt über allem walteten, was zwischen Geburt und Tod dem Menschen Heil- oder Unheilbringendes zustossen kann. Besonders steht das Frau Saelde zu, der eigentlichen Glücksgöttin unserer Vorzeit. Sie wachet über ihren Günstlingen unter den Menschen, erscheint ihnen und hört und erhört ihre Bitten; wem sie aber gram ist, dem kehrt sie den Rücken zu, sie meidet und flieht ihn. So sagen wir noch heute, das Glück personificirend, es sei jemanden hold, oder fliehe ihn, es kehre bei ihm ein, verfolge ihn. In einer mhd. Sage werden der Frau Saelde selbst drei wunderbare Eigenschaften zugeschrieben: eines Menschen Gedanken zu wissen, Helden gegen Wunden im Kampf zu segnen und sich wohin sie wolle zu versetzen. Dies sowie, dass sie dort als Königstochter erscheint, macht sie den Valkyrjen eng verwandt. Jene Schützlinge der Saelde sind gleichsam ihre angenommenen, ihre Pflegkinder, Glückskinder, die ›dem Glück im Schooss sitzen.‹ Als solche gelten dem Volke die Kinder, welche mit der Glückshaube auf die Welt kommen; sie ist ein Zeichen der Gunst der göttlichen Frau und wird darum sorgsam aufgehoben und in ein Tüchlein genäht, dem Kind umgehängt. Zwar wird von mhd. Dichtern auch das Unglück personificirt, doch mag diese Vorstellung nicht alt sein. Entrückung. ♦ Myth. 903. Cap. XXXIII (Teufel) ist gleich XXXI vertheilt. Der deutschen Mythologie vorzüglich eigen ist die Idee der Entrückung. Sie hängt zusammen mit der der Verwünschung , was wir von Verwandlung wohl zu unterscheiden haben. Die Verwandlung bedingt den Uebergang in eine andere Gestalt, in welcher das Verwandelte, allen Augen sichtbar bis zur Zeit der Erlösung verharrt; das Verwünschte aber behält seine Gestalt und wird nur unsern Sinnen entrückt, erscheint jedoch von Zeit zu Zeit wieder; das Verwandelte bleibt leiblich, das Verwünschte verliert sich und kann nur bedingungsweise wieder leibhaft werden, wie es in dem Belieben der unsichtbaren Geister steht, gröbere sinnliche Gestalten anzunehmen. Verschwinden ist also sich freiwillig entrücken, ein Vermögen der Götter und Geister, zuweilen auch der Helden, die im Besitz eines hehlenden Helms sind; entrückte Menschen sind geisterähnliche; eine andere Bezeichnung für sie ist: sie schlafen, nur von Zeit zu Zeit erwachen sie. Aber nicht nur Personen, auch Thiere und Sachen sind entrückbar, sie folgen der Person, wie dem Gestorbenen Pferd, Waffen u. a. folgte, was ihm im Leben lieb und werth war. Die Entrückung geschieht vorzugsweise gern in Berge, die zu bestimmten, altheiligen Zeiten sich öffnen und einzelnen Menschen Zutritt gestatten. In diesen Bergen Es sind stets altheilige Götterberge, in welchen auch die Götter selbst zu wohnen lieben. zeigt sich solchen Bevorzugten eine neue Wunderwelt, da herrscht meistens fröhliches, rühriges Leben, wie auf der Erde, nur dass Alles viel schöner und herrlicher erscheint; das göttliche Metall, das Gold, ist nebst dem Eisen der Waffen vorherrschend, aus ihm ist Alles gemacht, wenn es gleich den blöden Augen Sterblicher nicht danach aussieht. So entdeckte ein Schmied, der in den Hecken des Odenbergs nach einem Weissdorn zum Hammerstiel suchte, ein vorher nie wahrgenommenes Loch in dem Steingefälle, trat hinein und stand in einer neuen schönern Welt. Starke Männer kegelten da mit eisernen Kugeln, der Schmied schaute ihnen zu. Sie forderten ihn auf mitzuspielen was er ablehnte, weil die Eisenkugeln seinen Händen zu schwer wären. Die Männer blieben aber freundlich und sagten, er solle sich ein Geschenk wählen. Der Schmied bat um eine der Kugeln, trug sie heim und legte sie unter sein Eisengeräth. Als er sie nun später verschmieden wollte und rothgeglüht hatte, zersprang sie auf dem Ambos und jedes Stück war eitel Gold. In dem Luttenberg bei Bödeken in Westphalen wohnen die westphälischen Edeln (Helden), dort tafeln und trinken sie Tag und Nacht an langen Tischen, die unter der Last silberner Geräthe und köstlicher Speisen fast brechen, von zahlreichen Dienern bedient. Wenn ein neuer Gast von der Erde einkehrt, dann wird ihm ein prächtiger Sitz bereitet und alle empfangen ihn mit lautem Jubel. Auch steht da ein prächtiges Schloss mit herrlichen Sälen, deren Wände purpurne Teppiche schmücken. An der Spitze der in solchen Bergen wohnenden Helden stehen die alten Fürsten und Könige, deren Rolle in späterer christlicher Zeit auf dem Volke besonders theure Könige überging, wie denn auch in den Liedern gefeierte Helden also entrückt sind. So finden wir von den Letzteren Siegfried und Dietrich von Bern unter den Entrückten, von Deutschlands Carl den Grossen und Otto den Grossen, Friedrich Barbarossa, Carl V., König Artus in weitverbreiteten Sagen genannt. Im Guckenberg bei Fränkisch Gemünden ist vor Zeiten ein Kaiser mit seinem ganzen Heer versunken, im Kiffhäuser wohnt nach einigen Kaiser Otto, nach andern Friedrich der Rothbart. Ein Schäfer, der auf dem Kiffhäuser weidete, sah eines Tages eine Fallthür, die er öffnete. Er stieg eine lange Treppe hinab und kam in einen hochgewölbten Saal. Da sass Kaiser Otto mit seinem langen rothen Bart an einem grossen steinernen Tisch und um ihn her sassen viele hundert Ritter und Schildknappen in voller Rüstung. Schüchtern blieb der Hirt am Fuss der Treppe stehen, doch der Kaiser winkte ihm freundlich und zeigte auf einen Haufen glühender Kohlen, der in einem Winkel lag, davon solle er sich nehmen, aber nicht zu wenig. Widerstrebend füllte der Schäfer seine Hirtentasche, denn er glaubte, der Kaiser wolle ihn zum Besten haben, dann verneigte er sich tief vor denn Kaiser, seinen Rittern und Knappen und stieg die Treppe wieder hinauf. Droben wollte er die Kohlen aus der Tasche schütten, aber er fand sie in gediegenes Gold verwandelt. Ein anderer Schäfer wurde in die Rüstkammer des Rothbart geführt und bekam den Fuss eines Handfasses geschenkt, den der Goldschmied für echtes Gold erkannte. Fast alle, denen es gegönnt war, die alten Kaiser zu schauen, fanden sie schlafend. Mitunter erwacht der Kaiser und fragt den Eintretenden, ob die Raben noch um den Berg flögen? Auf die Bejahung der Frage erwiedert er: So muss ich hundert Jahre länger schlafen. Meistens trägt der Kaiser einen langen Bart und zwar wächst derselbe durch oder um den Tisch; zweimal ist er bereits herumgewachsen, wenn er das drittemal den Tisch umschlossen hat, dann wird der Kaiser erwachen und seinen Schild an einen laublosen dürren Baum hängen, davon wird der Baum grünen und eine bessere Zeit werden. Andere sagen, wenn der Bart zum drittenmal die letzte Tischecke erreicht habe, trete das Weltende ein. Das Walserfeld hat einen dürren Baum, der schon dreimal umgehauen wurde, seine Wurzel schlug immer wieder aus, dass ein vollkommener Baum daraus erwuchs. Wann er wieder beginnt zu grünen, dann naht die schreckliche Schlacht und wann er Früchte trägt, wird sie anheben. Der Kaiser hängt dann seinen Schild an den Baum, alles wird hinzulaufen und ein solches Blutbad sein, dass den Kriegern das Blut in die Schuhe rinnt, da werden die bösen von den guten Menschen erschlagen werden. Diese letzte Schlacht ist die Weltschlacht, welche dem Weltuntergang vorher geht, dem Weltbrand, dessen Asche die neugrünende Erde entsteigt. Das Wachsen des Bartes in den Stein oder um den Stein drückt die lange Dauer der Vergangenheit oder den langsamen Fortschritt der Zukunft aus. Wir erkannten bereits Holda als eine Berge bewohnende, in Berge entrückte Göttin. Gleich ihr sind es auch und vorzüglich weisse Frauen, weissgekleidete Jungfrauen, auf welche der Begriff dieser Bergverwünschung Anwendung leidet; göttliche oder halbgöttliche Wesen des Heidenthums, die den Blicken der Sterblichen noch zu bestimmter Zeit sichtbar werden. Sagen von ihnen leben fast auf allen Bergen Deutschlands, die eine Burg trugen oder noch tragen, eine anmuthiger wie die andere. Am liebsten erscheinen diese schönen Jungfrauen Schäfern und Hirtenknaben, die ihre Heerden in der Nähe der Burgen weiden. Sie sind alle ›schneeschlossenweiss‹ gekleidet, ein Merkmal ihrer Göttlichkeit und tragen in der Hand oder am Gürtel ein Bund Schlüssel, oft auch einen Strauss weisser oder blauer Blumen. Meist zeigen sie sich Mittags im Mai, wenn die Mai- und Schlüsselblumen und Vergissmeinnicht blühen, steigen vom Burgberg hernieder an den Brunnen oder den Bach im Thal, strählen und schlichten ihr schönes Haar, waschen sich in der frischen Flut und kehren zur Burg zurück. Mit wem sie zusammentreffen, den beschenken sie gleich Holda und Perahta mit scheinbar werthlosen Dingen, welche sich bei näherem Zusehen in Gold wandeln. Alle sehnen sich nach Erlösung , gleich dem ungeduldig nach den Raben fragenden Kaiser. Wie bei diesem, so ist auch für sie die Erlösung in zweiter Reihe an einen Baum geknüpft, in erster an einen dreifachen Kuss von keuschen Jünglingslippen. oder auch an das Küssen eines neugebornen aber – und das zeugt wieder für das echtheidnische dieser Vorstellung – noch nicht getauften Kindes. Der Kuss wird jedoch dadurch erschwert, dass die Jungfrau ihre menschliche Gestalt abwirft und in der eines widerlichen Thieres, einer Schlange, Kröte, eines Drachen erscheint. Viele unternehmen das, aber keiner vollbringt es und jammernd sinken die Getäuschten wieder in ihre Berge zurück, denn nun müssen sie warten, bis ein schwaches Reis im Burghof ungestört und unabgehauen zu einem starken Baum herangewachsen ist, aus dessen Holz eine Wiege gemacht wird und der zuerst darin Geschaukelte seine Unschuld bewahrte, bis er die Jungfrau traf. Mit dem in die Berghöhle entrückten Helden ist meistens ein ungeheurer Hort versenkt, den Schlangen, Drachen oder scheusliche Hunde hüten. Auch wer ihn heben will muss rein sein, denn an seine Hebung ist oft die Erlösung der weissen Jungfrauen geknüpft. Ferner muss es unberufen geschehen, es darf nicht dabei gesprochen werden, sonst versinkt der Schatz augenblicklich. Die Sage fasst den Schatz einer Blume gleich auf. Er ist gleichsam in die Erde gesäet und rückt jedes Jahr der Oberfläche näher; wenn er sie fast erreicht hat, zeigt sich ein Flämmchen an der Erde, das heisst im Volke: der Schatz blüht . Ist er oben, liegt er bloss da, dann sagt man, er sei zeitig , versinkt er ungehoben, er verblühe . So bringt auch eine Blume in des Schatzes Besitz, sie sprengt die Wände der Berge, in denen er ruht, sie ist der Schlüssel zum Schatz. Solcher Blumen eine trägt daher ihren Namen Schlüsselblume. Der Beglückte findet sie zufällig und steckt sie auf seinen Hut, oder steckt sie vor oder trägt sie in der Hand, oder sie bleibt ihm in der Schuhschnalle hängen; jetzt sieht er plötzlich einen Eingang in den Berg, den er vorher nie gesehn. Er tritt ein und sieht Gold und Edelsteine und Reichthümer jeder Art die Hülle und Fülle; er legt den Hut ab, die Blume auf einen Tisch und fängt an, seine Taschen zu füllen. Als er schwer beladen sich wieder entfernen will, ruft eine Stimme: Vergiss des Beste nicht; er glaubt unter dem Besten sei diese oder jene Kostbarkeit gemeint, und nimmt mehr und mehr; als die Stimme abermals ruft, achtet er ihrer nicht mehr und geht; es war die höchste Zeit, hinter seiner Ferse schlägt die Thür des Berges zu und er findet sie nicht wieder, denn das Beste war die Wunderblume, deren eine davon ihren Namen Vergissmeinnicht trägt. Andere dieser Blumen sind purpurn, blau, weiss, einmal finde ich eine Lilie genannt. Statt der Blume dient in andern Sagen eine Wurzel, die Springwurzel , so genannt, weil alle Schlösser vor ihr aufspringen. Wo sie zu finden ist, wo sie wächst, das wissen die Menschen nicht, wohl aber die geisterhaften, weisen Vögel, namentlich der Specht. Darum spündet man, sobald er Junge hat, sein Nest mit einem Keil zu und zwingt ihn so, die Wurzel zu holen. Er bringt sie im Schnabel und hält sie an den Keil, der alsbald, wie vom stärksten Schlag getrieben, herausspringt. Hat man sich nun versteckt und erhebt bei des Spechts Annäherung grossen Lärm, so lässt er die Wurzel fallen; auch breitet man ein weisses oder rothes Tuch unter dem Nest aus, er wirft dann die Wurzel darauf, nachdem er sie gebraucht hat, wie die zur Quelle ziehende Schlangenkönigin ihre Goldkrone auf das hingebreitete weisse Tuch legt. Ein anderes Mittel, in die Erde entrückte Schätze aufzuspüren und zu erwerben, ist die Wünschelruthe , die Ruthe oder Gerte, durch die man in des Wunsches Besitz kommt, d. i. alles irdischen Heils theilhaftig wird. Die Gabe dieses Heils geht von dem allwaltenden Wuotan aus. Man nimmt dazu einen bei rechtem Mondschein geschnittenen gabelförmigen und dreifach zusammengewundenen jährigen Zweig einer Haselstaude, an dem kein Flecken altes Holz ist und der so steht, dass die auf- und untergehende Sonne durch die Gabel scheint. Sie zu brechen, geht man an einem Neuensonntag Morgens zwischen drei und vier Uhr stillschweigend zu der Staude, kehrt das Angesicht gegen Morgen, neigt sich dreimal vor der Ruthe und spricht: ›Gott segne dich edles Reis und Sommerzweig!‹ Darauf wird sie unter bestimmten Beschwörungen abgeschnitten und zwar meistens mit einem Schnitt, sonst taugt sie nicht. Beim Gebrauch wird sie mit beiden Enden gehalten, so dass der Stiel sich aufwärts kehrt; dann schlägt sie an, der Stiel dreht sich nach den Gegenständen, die sie anzeigen soll, bleibt ruhig, wenn keine vorhanden sind. Zauber. ♦ Myth. 983. ›Wundern d. i. Wunder thun heisst übernatürliche Kräfte heilsam, zaubern sie schädlich oder unbefugt wirken lassen, das Wunder ist göttlich, der Zauber teuflisch; erst den gesunkenen, verachteten Göttern hat man Zauberei zugeschrieben. Mittelwesen zwischen ihnen und Menschen, vielkundige Riesen, listige Elbe und Zwerge zaubern, nur scheint ihre Fertigkeit mehr angeboren, stillstehend, keine errungene Kunst. Der Mensch kann heilen oder vergiften, indem er natürliche Kräfte zum Guten oder Bösen anwendet; er wird zuweilen der Wundergabe theilhaftig, wenn er aber den heilbringenden Gebrauch seiner Kräfte zum unnatürlichen steigert, lernt er zaubern. Wunder geht mit rechten, Zauber mit unrechten Dingen zu, jenes ist geheuer, dieses ungeheuer. Unmittelbar aus den heiligsten, das gesammte Wissen des Heidenthums in sich begreifenden Geschäften, Gottesdienst und Dichtkunst, muss zugleich aller Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und singen tritt über in die Vorstellung von zaubern: Priester und Dichter, Vertraute der Götter und göttlicher Eingebung theilhaft, grenzen an Weissager und Zauberer. So bei allen Völkern, auch bei unsern Vorfahren: neben dem Göttercultus standen Uebungen finsterer Zauberei, jedoch nur als Ausnahme, nicht als Gegensatz.‹ Der Zauber wurde im Alterthum ebensowohl von Männern, wie von Frauen geübt, vorzugsweise jedoch den letztern zugeschrieben, die wir auch bereits im Besitz der Weissagung und anderer göttlicher Gaben erkannten. Daher, dass die Hexerei, d. i. die alte Zauberkunst meist von Frauen geübt wurde; Männer werden nur selten hineingezogen. Es liegt in ihr etwas Heimliches, Stilles, Abgeschlossenes, was sich mit dem männlichen Character, besonders unserer Vorfahren, nicht vertrug; noch jetzt kommen in der Sage nur sehr wenige Zauberer vor, nur hier und da ein fahrender Schüler, ein Gaukler oder ähnliches; Männer wie Faust, gibt es kaum drei. Die ganze Masse des altdeutschen Zauberwesens ging in das neuere Hexenwesen über, welches dadurch für die Alterthumsforschung die höchste Wichtigkeit erlangte. Zwar sind bereits eine Menge von Hexenacten herausgegeben worden, allein eine noch grössere Anzahl harrt der Herausgabe noch, welche dazu Berufene, natürlich mit gehöriger Ausscheidung des bereits allgemeiner Bekannten, nicht länger verzögern sollten. Das Folgende lehrt, wie fast Zug für Zug die ältesten Vorstellungen darin aufbewahrt sind. Der Zauberei steht bei allen Völkern das Vermögen zu, dass der Adept sich entweder unsichtbar machen oder in Thiergestalten schlüpfen kann. Beides hat er mit den Helden und weisen Frauen unserer Vorzeit gemein, nur sind die Thiere andere und fest bestimmte: Zauberer verwandeln sich in Wölfe, Zauberinnen in Katzen, jene sind Wuotans, diese Frouwas heilige Thiere; die letztern nehmen ausserdem gleich den weisen Frauen und Valkyrjen Vogelgestalt an, gewöhnlich die der Gans, d. i. des Schwans; seltner wird das von Zauberern berichtet, obwohl Flug oder Ritt durch die Luft vom Zauber unzertrennlich sind. In allen Sagen erscheinen die Hexen in Haufen durch die Luft fahrend und zu grossen Versammlungen ziehend. Bei diesen Zusammenkünften ist den ältesten Nachrichten zufolge die Hauptsache Kochen , welches in einem gemeinsamen grossen Kessel geschieht. Diese Versammlungen hätten keinen Sinn, würde nur gewöhnliche Speise dabei gekocht, es muss ihnen also etwas anderes zu Grunde liegen, das Kochen hier wie bei den Opfermahlzeiten ein heiliges Geschäft sein. Die gekochten Gegenstände sind aber das heilige, allen nothwendige und unentbehrliche Salz , um dessen Quellen einst die Deutschen unter sich blutige Kriege führten, und Pferdefleisch , dessen Genuss bei den deutschen Heiden besonders bei Opfern allgemein vorkommt. So lösen sich die Hexen nach dieser Seite hin in alte Priesterinnen und zu heiligem Geschäft fahrende Nachtfrauen auf. Die Plätze , wo die Hexenversammlungen stattfinden, sind fast stets altheilige: es sind Berge, Wälder, Brunnen, Bäume; unter den ersten sind der Brocken, der Horselberg, Inselberg, Bechtelsberg u. v. a. weit bekennt. Ebenso ist die Zeit stets eine dem Heidenthum heilige, so die erste Mainacht, die Johannisnacht, Bartholomäusnacht. Alles, was über den Teufel in die Hexenprocesse eingemischt ist, datirt aus christlicher Zeit und beruht meist auf christlichen Anschauungen, denn unser Alterthum kannte keinen eigentlichen Teufel, und Alles, was ihm in der Sage und dem Märchen zugeschrieben wird, ist von Göttern, Riesen, Zwergen und Elben und andern höhern Wesen der Vorzeit auf ihn übertragen worden. Dies ist auch hier der Fall, er ist in die Rolle alter göttlicher Wesen eingetreten und jeder erkennt diese sofort in ihm wieder, der auch nur die Namen prüft, welche er in seinem Verkehr mit der Hexe oder die Hexe im Verkehr mit ihm trägt. Namen wie: Schlenkerfüsschen, Hurtig, Grünhütel, Weisshütel, Blümchenblau, Wohlgemuth, Taubenfuss, Grünmäulchen, Kränzlein, Springinsfeld, Hurlebusch, Raumaus, Künzchen, Flederwisch, Rosenkranz u. a. m. sind keine Namen, welche auf den Teufel oder schmuzige Hexen passen. Diese rasch dahinschwebenden und springenden Wesen im grünen, weissen oder federgeschmückten Hütchen oder bekränzten Hauptes, an deren Schultern Flügel wachsen, die als schön bezeichnet sind (Schönhans), gehören offenbar den alten Elben an, und so erscheinen die Hexentänze (wofür denn auch viele andere Anzeichen sprechen) anderntheils als ehemalige Elbentänze , zu denen sterbliche Frauen hinfahren. Umgekehrt wie die Nixen zu den Tänzen der Menschen kommen und Theil an denselben nehmen, ziehen hier menschliche Frauen zu den Tänzen der Geister. Den Namen, den diese Frauen unter den Menschen tragen, legen sie bei diesen Festen ab und nehmen dafür einen andern an, der zu ihrer Umgebung und deren Sprache, zu ihrem veränderten Wesen passt, wie ja überhaupt ein Unterschied zwischen der Sprache der Götter, der nordischen Vanen, Elben und Riesen bestand. Diese Namensänderung wurde später zu der Teufelstaufe, bei welcher die Gebräuche der Taufe auf abscheuliche Weise parodirt vorkommen. Aehnlich verhält es sich mit der Buhlerei mit dem Teufel. Wir wissen bereits, dass wie die Elbinnen schönen Jünglingen nachstellen, so die Elben Zwerge und Nixen schöne Jungfrauen zu rauben suchen, mit denen sie sich verbinden und deren viele später auch wenn es ihnen frei steht, die Wohnung der Geister nicht mehr verlassen wollen, weil menschliche Kost ihnen nicht mehr zusagt und menschliches Leben. und Treiben ihnen nicht mehr gefällt. So drängt denn auch die einmal in das Weben der Elben Eingeweihten eine unwiderstehliche Sehnsucht immer wieder dazu hin, um so mehr, wenn sie in Liebesbündnisse mit den Elbenjünglingen eingetreten sind. Andere Zeugnisse für die Verwandtschaft der Hexen mit den Elben sind folgende. Bei dem Tanze schweben alle so leicht über die Erde hin, dass sie nur den Thau vom Gras streifen; an solchen thaulosen Ringen im Gras erkennt man die Stellen, wo die Elben in der Nacht tanzten; eben solche Ringe heissen heute Hexenringe und an den Orten sollen die Hexen in der Nacht ihre Reigen geführt haben. Wir sahen, wie die Elbin, zürnend dass ein Ritter ihre Liebe verschmäht, ihn aufs Herz stosst, dass er nach drei Tagen stirbt; gerade so wird den Hexen nachgesagt, dass sie Männern den Leib aufschneiden und das Herz herausholen, worauf dieselben abzehren und sterben. Wie die Elben und Zwerge kein Glockengeläute leiden können, so auch die Hexen; wie jene, so vermögen auch diese durch die engsten Ritzen zu schlüpfen u. s. w. Später erst wurde auf die Hexen das Hagelmachen und Saatverderben übertragen, früher gab man dies mehr den Zauberern schuld. Aber nicht immer suchte man die Saat zu vernichten, sehr oft will man sich nur ihren Ertrag zuwenden, so wie die Hexen auch des Nachbars Milch stehlen sollen, indem sie unter Aussprechung einer Zauberformel einen Stock oder ein Handtuch melken, ein Zug, der an die milchliebenden Hausgeister erinnert, die auch ihren Lieblingen Getreide zutragen. Die Erregung des Sturms wird gleichfalls den Hexen zugeschrieben; sie scheinen dabei bösartige Zauberweiber des Alterthums zu vertreten. Allen Zauberern gemein ist, wie gesagt, das Vermögen Thiergestalt anzunehmen, die des Wolfs, des heiligen Thiers Wuotans. Dies erfolgt auf ähnliche Weise wie bei den Schwanjungfrauen, nämlich durch Ueberwerfen eines Wolfshemdes, Wolfsgürtels oder Wolfsrings; sie werden dann zu Werwölfen und verharren in dieser Gestalt neun Tage; erst am zehnten kehren sie in menschliche Gestalt zurück. Mit der Gestalt nehmen sie zugleich die Natur des Wolfs an, sie heulen, durchstreifen die Wälder und stürzen sich auf Alles, was ihnen vorkommt. Will man dem Zauberer dies Treiben legen, dann muss man das Wolfshemd, oder den Wolfsgürtel zu bekommen suchen und es verbrennen, was jedoch nur unter furchtbaren Schmerzen für dessen Besitzer möglich ist. Die Zauberweiber verwandeln sich besonders in Katzen und suchen unter dieser Gestalt Unheil jeder Art zu stiften. Die Verwandlung erfolgt bei ihnen nicht durch äussere Mittel, sondern wohl durch einen blossen Zauberspruch. Durch das Auge schaut die Seele und wie sie durch das gesprochene Wort Zauber zu üben vermag, so auch durch den blossen Blick; bösen Zauber dieser Art (und von anderm ist nie die Rede) übt das böse Auge. Dagegen hat der lachende Mund einnehmende Gewalt, besonders der rosenlachende , noch mehr der küssende ; ein Kuss bringt dem, der ihn empfängt, Vergessen alles Vorhergegangenen oder gibt ihm die Erinnerung daran zurück. Aber nicht wehrlos ist der Mensch der Gewalt des Zaubers anheimgegeben. Man kann sich vor ihr schützen und die andringende abwehren; Schutzmittel sind Brod, das altheilige Salz und die Kohlen des dem Alterthum heiligen Heerdes, zur Abwehr dient das Ausspeien, wodurch man gleichsam seinen Abscheu vor aller Gemeinschaft mit dem Zauber zu erkennen gibt, und dadurch ihm die Gewalt raubt. Aberglaube. ♦ Myth. 1059. Unter Aberglauben ist nicht der gesammte Inhalt des heidnischen Glaubens zu verstehn, sondern die Beibehaltung einzelner heidnischen Gebräuche und Meinungen. Es gibt zwei Arten des Aberglaubens, einen thätigen und leidenden; entweder wird dem Menschen von höherer Hand ein Zeichen gegeben, woraus er Heil oder Unheil folgert, oder er lockt das Zeichen erst durch seine Verrichtung hervor. Dieser, der thätige, konnte als mit heidnischen Bräuchen vermischt, eher von dem Christenthum ausgetilgt werden, als jener leidende schuldlosere, der wie Gespensterfurcht auf das menschliche Gemüth wirkte. Ein Hauptstück des Aberglaubens sind die Weissagungen . Der Mensch möchte den Schleier lüften, den Zeit und Raum über seine wichtigsten Angelegenheiten geworfen haben und glaubt, durch Anwendung geheimer Mittel Auskunft zu erlangen. Erlaubte und unerlaubte Weissagungen waren von jeher ein Geschäft des Priesters oder Hausvaters und Zauberers; jene gehören zur Religion, diese zum Aberglauben. Entweder ist nun die Gabe der Weissagung mit der priesterlichen Würde verbunden an ein bestimmtes Geschlecht geknüpft, oder sie wird von einem dieses Geschlechtes auf einen andern, der demselben fremd ist, übertragen, oder sie wird einem durch der Götter Güte bei der Geburt verliehen. Zeichen des Letztern ist der Glückshelm, mit welchem manche Kinder auf die Welt kommen; sie sehen Geister, d. h. sie pflegen vertrauten Umgang mit den Göttern und gewinnen dadurch den Blick in die Zukunft. Die Uebertragung geschieht in der Weise, dass man dem, welcher die Gabe besitzt, auf den rechten Fuss tritt und über die linke Schulter schaut, denn der rechte Fuss ist der glückliche Fuss, so dass man gleichsam des Begnadeten glücklichen Wandel annimmt und unter der linken Schulter schlägt das Herz, der Sitz seiner vorschauenden Seele, mit der man nun die Gabe gleichsam theilt, mit deren Auge man schaut. Zur Entdeckung in Dunkel gehüllter Ereignisse der Vergangenheit gab es verschiedene Mittel. So das Siebdrehen , welches weise Frauen, Zauberer u. a. übten. Man fasste ein Erbsieb zwischen beide Mittelfinger, sprach eine Formel aus und nannte nun die Namen der Verdächtigen her: bei dem des Thäters fing das Sieb an, sich zu schwingen und umzutreiben. Ebenso wurde ein in eine Kugel gestecktes Beil zu diesem Zweck benutzt. Die ehrwürdigste und gerechteste Art aller Weissagungen war das Loos . Entweder warf es der Priester oder der Hausvater und deutete es, oder er hielt es der Parthei zum ziehen hin; jenes bezog sich auf das Künftige, dieses tut Schlichtung des Gegenwärtigen. Man nahm dazu eine Ruthe eines fruchttragenden Baums und schnitt Zweige davon, welche mit besondern Zeichen unterschieden wurden ; diese warf man durcheinander auf ein weisses Tuch und der Priester oder Hausvater, je nachdem die Angelegenheit, worüber man sich Raths erholte, eine öffentliche, allgemeine oder private war, zog nachdem er zu den Göttern gefleht hatte, den Blick gen Himmel gewandt, drei Zweige heraus, nach deren Zeichen er alsdann die Weissagung sprach. Bei vielen deutschen Stämmen finden wir die Weide zu diesem Gebrauch benutzt, die Zeichen, welche jene Zweige tragen, waren höchstwahrscheinlich Runen. Dieses Loosziehen dauerte unter verschiedenen Formen noch lange nach dem Untergang des Heidenthums fort. Wie die Sachsen dadurch ihre Führer in der Schlacht wählten, so wählten später die Christen sich einen der Apostel, dem sie besonders fromme Verehrung zutragen wollten. Man stellte zwölf Kerzen auf den Altar und hing jeder eines Apostels Namen an; dann zog man blindlings eine Kerze und verehrte den Apostel dessen Namen sie trug als besondern Patron. Anderemal entzündete man die Kerzen und erkannte den Apostel, dessen Kerze am längsten brannte, als Patron. Eine ganze Reihe von Weissagungen beruht auf dem Ablauschen, Abhorchen und Absehn. Man deutete Sieg oder Niederlage aus dem Schlachtgesang d. h. daraus ob er in vollen kräftigen oder eher zagenden Tönen erscholl. Ebenso war es ein siegbringendes Zeichen, wenn die Rosse beim Beginn der Schlacht hellauf wieherten. Zu heiligen Zeiten horchte man an heiligen Orten und deutete die Zukunft nach dem, was man gehört: wie Pferdegewieher dem lauschenden Krieger Schlacht und Kampf ankündigte, so Hundegebell der lauschenden Magd, von welcher Seite der Bräutigam nahen werde. Das Brustbein der Gans diente zu Wetterprophezeiungen: war es um Martini roth, dann folgte strenger, war es weiss und klar, ein mässiger Winter. Niesen und Ohrenklingen gilt noch heut für vorbedeutsam. Die im Mittelalter verbreitetste Art von Aberglauben betraf die Vorbedeutungen, welche man unter dem Namen Angang , Widergang, Widerlauf verstand. Man achtete auf Thiere, Menschen oder Sachen, denen man frühmorgens beim ersten Ausgang zuerst begegnete und schloss daraus auf Heil oder Unheil. So galt die Begegnung eines Wolfes für guten Angang, denn er war Wuotans heiliges Thier, dagegen die des furchtsamen Hasen für ungünstig. Ebenso hielt man den Angang des Priesters und einer alten Frau für bös, besonders wenn diese mit fliegenden Haaren, d. i. von der Nachtfahrt heimkehrend oder spinnend begegnet, d. h. wenn man sie in ihrem Walten störte, unberufen sich in ihren Weg drängte. Mit dem Wolf theilen guten Angang Hirsch, Eber und Bär, alle drei heilige Thiere; dem Hasen steht der Fuchs und das Schwein zur Seite, welches uns heut noch eben so unwillkommen unter Wegs ist, wie das Schaf willkommen. Den Vögeln wohnt höhere Kunde von den Geheimnissen der Götter- und Geisteswelt bei, als den vierfüssigen Thieren, ihre freie Bewegung durch die Luft machte sie geeigneter zu Boten der Götter, darum ist auch ihre Begegnung bedeutsamer. Wenn vom Verstehen der Thiersprache, welches oft den Helden gegeben ist, berichtet wird, dann werden meist nur die Vögel genannt. Man achtete auf die Seite, auf welcher der Vogel flog, und wie immer so ist auch hier die rechte die glückliche, die linke die unglückliche Seite. Ebenso wichtig war, von welcher Seite her man das Geschrei eines Vogels vernahm, besonders der Krähe. Sieht man die Elster von vorn so ist das Zeichen gut, von hinten, schlimm. Auch das blosse Erscheinen der Vögel, ihr Nisten an den Wohnungen der Menschen ist bedeutsam. Schwalbe und Storch sind willkommen, wo sie ihr Nest bauen, todverkündend hingegen ist der Ruf der Eule, die daher auch Leichenhuhn, Klagmutter, Klageweib heisst; der Ruf des Käuzchens lautet dem Volk wie Leiche (Lich). Wenn der Maulwurf im Hause wühlt, stirbt eins; er kündet gleichsam das Aufwühlen des Grabes vorher an. Ebenso wenn Mäuse Schlafenden am Kleid nagen, denn so werden bald die Würmer den Leib des im Todesschlaf Liegenden verzehren. Auch aus den Elementen werden Weissagungen gewonnen, so aus dem stockenden oder fliessenden Quell, aus dem Heerdfeuer, dem Freund der Menschen, aus der einbrechenden Erde. Nicht jeder Tag galt für gleich günstig zum Beginn eines Unternehmens, zum Antritt der Reise, zum Anfang des Hausbaus. Vorzüglich heilig und darum auch glückbringend und günstig scheinen Mittwoch und Donnerstag gewesen zu sein, der Freitag steht dagegen noch heut in bösem Ruf. Noch auf eine andere Weise stehen die Thiere in Beziehung zum Aberglauben: wie der Erfolg der Tagesarbeit davon abhing, dass am frühen Morgen eine günstige Begegnung eintrat, wie des Wolfes, der Raben Geleit Sieg weissagte, so pflegte dem wandernden Heer ein göttlich gesandtes Thier den Weg und den Ort der Niederlassung anzuzeigen. Colonieen wurden nach dieser Anführung gegründet, Städte und Burgen, später auch Kirchen gebaut. So führte ein weisser Wolf den niederländischen Helden Bavo zu einem Berg, worauf der Altar eines Gottes stand; da schlug Bavo seine Zelte auf und wohnte daselbst. Ein Bär und ein Adler führten den h. Gislen im Hennegau an das Ufer der Haine, wo er ein Kloster baute; Pferde, Raben, Tauben weisen die heilige Stätte, wo eine Kirche gebaut werden soll; Jäger führt ein Hirsch oder Eber zur Quelle, wo die göttlichem Blut entsprossene Jungfrau ihrer harrt. Thiere zeigten aber nicht bloss den Ort des Baus, es wurde oft auch für nöthig erachtet, lebendige Thiere, selbst Menschen in den Grund einzumauern , auf welchem das Gebäude errichtet werden sollte. Es war gleichsam ein der Erde dargebrachtes Opfer, welche die Last auf sich duldet, und man wähnte, durch diesen grausamen Brauch unerschütterliche Haltbarkeit oder andere Vortheile zu erreichen. So sehr im Volk eingewurzelt ist der Glaube, dass man bei dem vor ein paar Jahren zu Halle vollendeten Brückenbau noch wähnte, die Baumeister bedürften dazu eines Kindes zum Einmauern. Als die Burg Liebenstein gebaut werden sollte, gab eine Rabenmutter ihr Kind dazu her; man gab ihm eine Semmel mit, welche es ass. Beim Einmauern sage es: ›Mutter ich sehe dich noch‹; als die Mauer es fest umschloss, rief es: ›Mutter ich sehe dich noch ein wenig‹; und als der letzte Stein eingefügt wurde: ›Mutter, ich sehe dich nun nicht mehr‹. Gleich rührend ist die schleswigsche Sage von dem am Stördeich eingegrabenen Kind, welches eine Zigeunermutter für tausend Thaler hergab. Am Deich war ein grosses Loch, welches um jeden Preis ausgefüllt werden musste. Eine kluge Frau hatte gesagt, das sei nur möglich, wenn man ein lebendiges Kind da vergrabe, aber es müsse freiwillig hinein gehn. Nun legte man ein Weissbrod auf das eine Ende eines Brettes und schob dieses so über das Loch, dass es bis in die Mitte reichte. Als nun das Kind hungrig darauf entlang lief und nach dem Brod griff, schlug das Brett über und das Kind sank unter. Doch tauchte es noch ein paarmal wieder auf und rief beim erstenmal: ›Ist nichts so weich als Mutters Schoss?‹ Und beim zweitenmal: ›Ist nichts so süss, als Mutters Lieb?‹ Und zuletzt: ›Ist nichts so fest, als Mutters Treu?‹ Da aber waren die Leute herbeigeeilt und schütteten viel Erde auf, dass das Loch bald voll ward. Die Traumdeutung nahm und nimmt im Aberglauben eine Hauptstelle ein. Träume sind Boten der Götter, welche den Menschen aber nur zu bestimmter Zeit nahen: die vor Mitternacht verdienen nicht viel Glauben, am wahrhaftesten sind die nach Mitternacht. Auch bei den Träumen gibt es eine Art von Angang: so ist der erste Traum im neuen Haus, der Traum in der Nacht des ersten Tags des Jahrs, so wie der in der Nacht vor dem Geburtstag und in der Hochzeitsnacht besonders wichtig. Die Deutung beruht durchgängig auf mythischer Grundlage. So bedeutet Tod, wenn man von Fischen, abgepflückten Blumen oder Früchten träumt, wie Fische besonderer Art sich beim Tode eines Gliedes vornehmer Geschlechter zeigen, wie die Blume, der Baum Symbol des Lebens ist. In der Sage erscheinen die Geschenke gütiger göttlicher Wesen oft in unscheinbarer Gestalt, nicht selten als Kehricht, Schmutz und Koth, darum bedeutet von letzteren träumen Geld. Krankheiten. ♦ Myth. 1101. Wir sahen bereits, wie das Volk Seuchen unter Menschen und Vieh für Zeichen des Zorns der Götter hielt, aber ihre Gnade offenbarte den Menschen auch wieder rettende Heilmittel, und zwar durch Priester und Priesterinnen, denen Zauberer und Zauberinnen zur Seite stehen; wie Beide die Gabe der Weissagung theilen, so theilen sie auch die der Heilkunde. Die meisten Krankheiten gelten als böse feindseelige Wesen, denen die Götter gleichsam Gewalt über den Menschen geben. So ist das Fieber ein den Menschen reitender, schüttelnder Elbe, die fliegende Gicht ein umfahrendes, laufendes elbisches Wesen; von ihnen rührt auch der Schlagfluss, der oft allein, oft mit Gefolge von Stechen, Krampf u. a. m. auftritt. Unter den Heilmitteln ist vorerst das Messen hervorzuheben: der Kranke wird entweder zweimal gemessen und man sieht zu, ob die Länge dieselbe bleibt; ist das der Fall, dann ist Hoffnung zur Herstellung, im Gegentheil keine. Oder man misst vom Scheitel zur Sohle und von einer Handspitze zur andern; ist die letztere Länge kürzer, als die erste, dann hat der Kranke die Auszehrung, findet man in der Folge bei wiederholtem Messen, dass sie wächst, dann kann er genesen, nimmt sie aber ab, dann stirbt er. Fieberkranke Kinder legte man auf den Ofen oder schob sie in den Backofen, man liess sie durch ausgehöhlte Erde, hohle Steine oder einen gespaltenen Baum gehen oder kriechen. Andere Krankheiten wurden in die Erde vergraben, oder auf Bäume und Thiere übertragen. Zum Schutz gegen Siechthum trug man Angebinde und Anhängsel, die aus Kräutern, Knochen u. a. bestanden. Wie das Wasser der Quellen in gewissen Krankheiten gebraucht wurde, ist früher bereits gesagt worden. Aller Krankheiten schrecklichste ist die schnell und massenweise hinraffende Pest . Sie erscheint bald als blauer Dunst, in Gestalt einer Wolke, bald als blaues Flämmchen, bald aber auch personificirt als weiss verschleierte oder weissgekleidete Frau oder Jungfrau, welche das Land durchzieht und deren Gegenwart überall den Tod hinbringt. Sie zu vertreiben, werden ihr Opfer dargebracht. Kräuter und Steine. ♦ Myth. 1142. Wie die Menschen nicht alle gleichen Ranges sind, wie es reine, heilige und unreine Thiere gab, und die Bäume in ungleichem Ansehen standen, so auch die Kräuter. Von Göttern an einsamer heiliger Stelle geschaffene, von ihnen geliebte und bei den Opfern gebrauchte, von ihren Lieblingen oder Boten bevorzugte oder in anders einem Zusammenhang mit ihrem Wesen und Walten stehende Pflanzen wurden natürlich höher geschätzt als solche, die dieses Vorzugs entbehrten. Die Pflanze, deren Blüthe so weiss war, dass nur Baldrs Braue ihr verglichen werden konnte, die deren Stengel die Menschen an der Frouwa Haar mahnten, galten für heiliger als andere; der Gott oder die Göttin hatte sie gewissermassen nach dem Ebenbild dieser Theile seines Körpers gebildet. Anderer Heilkraft oder Heiligkeit kannten die Menschen nicht, bevor sie von den Göttern über dieselbe belehrt worden waren, und sie tragen daher ihre Namen von den Göttern. Das heilkräftige Wasser musste zu bestimmter heiliger Stunde geschöpft werden, eben so wurde die heilkräftige Pflanze auch nur zu bestimmter Zeit gebrochen, nur dann hatte sie ihre volle Wirkung. Der Strahl des anbrechenden Tages durfte sie noch nicht beschienen haben, der Mund des sie brechenden noch nicht durch profane Rede entweiht sein. Unbeschrieen zogen einst besonders am Morgen des Himmelfahrtsfestes Hunderte von Landleuten zum Gipfel des Melibocus, um dort Kräuter zu sammeln, deren wunderbare Kraft man bei allen Krankheiten während des ganzen Jahrs zu Hülfe zog. Auch die Sammlung, das Ausgraben der Kräuter selbst hatte seine bestimmten Gesetze. So musste das Bilsenkraut, womit das nackte Mädchen bei anhaltender Dürre bekleidet wurde, um Regen zu erflehen, mit dem kleinen Finger der rechten Hand ausgerissen werden. Lancea Christi zu pflücken bereitete man sich betend vor, pflückte das Kraut unter feierlicher Beschwörung, legte es auf die Erde und kniete vor ihm nieder, endlich hob man es mit der linken Hand auf, alles unter bestimmten Segenssprüchen. Selten schnitt man die Kräuter mit eisernen Werkzeugen ab, man bediente sich dazu solcher von göttlichem Metall, von Gold. Die auf diese Weise gesammelten Kräuter wurden weniger innerlich, meist äusserlich gebraucht: man trug sie entweder bei sich, oder legte sie unter der Kranken Hauptkissen; andre hängte man auch in der Stube an dem Hauptbalken auf, wo sie das Jahr hindurch blieben, bis sie durch frische ersetzt wurden; wieder andere dienten zu mannichfachem Zauber. Die berühmteste aller Wurzeln ist der Alraun, die Alrune , die schon im Namen an die weisen Frauen unseres Alterthums erinnert. Sie wird auf unheimliche Weise gewonnen, gewaschen und gekleidet (denn sie soll menschliches Aussehen haben) und in einem Kästchen aufgehoben. Ihr Besitz soll Glück und Reichthum bringen. Zauberisch wirkte der Schlafapfel , ein moosartiger Auswuchs an wilden Rosen; man hielt dafür, dass wenn man jemanden denselben unter das Hauptkissen lege, er nicht erwache, bis der Schlafapfel wieder weggenommen sei. Für besonders heilig galt ferner der Mistel , die bekannte Schmarotzerpflanze, die man vom Himmel auf die Aeste anderer Bäume gefallen wähnte, zumal auf die der Eiche und Esche. Wir wissen bereits, dass ein Mistelzweig dem Gott Paltar den Tod brachte, und das war auch wohl der Grund der Heiligkeit der Pflanze. Auch bei den Celten wurde sie gesammelt und zwar mit grosser Feierlichkeit: der weissgekleidete Druide bestieg den Baum, schnitt den Mistel mit goldner Sichel ab und empfing ihn auf einem weissen Tuche, worauf ein Opfer weisser Stiere und Gebet die Ceremonie schloss. Ihnen galt die Pflanze heilsam für alles, die Eiche auf welcher sie gefunden wurde, als ein von den Göttern besonders bevorzugter und erkorner Baum. Farnkraut galt für zauberkräftig, sein schwer zu gewinnender Same macht unsichtbar, nach andern soll er, wenn man zufällig welchen an sich bekommt, irre führen, wesshalb es auch Irrkraut genannt wird. Beifuss , auch Johannisgürtel, Sonnenwendgürtel oder Gürtelkraut genannt, wird feierlich gegraben, in Kränze gewunden umgehangen und von jedem mit dem Unfall, den er an sich hat, in die Flamme des Johannisfeuers geworfen; hängt man die Wurzel überm Thor auf, so ist das Haus vor allem Unfall geschützt. Gundelrebe war ein Schutzmittel gegen Zauber und auch sonst als heilkräftig genannt. Andere solcher Kräuter sind Stolzheinrich , Heilallerwelt (Schafgarbe), Allermannsharnisch , Neunmannskraft , Heilallerschaden , welche letztern, wie schon der Name verkündet, gegen alle Krankheiten dienten. Vor Dosten und Dorant fliehen Wichte und Elben, die wilden weissen Heiden und die wilden weissen Selben (Salbei) lernten wir bereits früher kennen: wenn die Menschen wüssten, wozu sie gut sind, würden die Bauern mit silbernen Pflügen und Karsten arbeiten, aber die Art ihre Kräfte nutzbar zu machen, ist nur den Geistern bewusst. Die Steine sind weniger mythisch, als die Kräuter. Bekannt ist vor allen der Donnerstein, dessen bereits Erwähnung geschah. Es gab Wünschelsteine, Siegsteine, deren Eigenschaften bereits aus ihrem Namen sich erklären. Im allgemeinen sind die Steine wenig genannt und benutzt, denn die gewöhnlichen unedeln Steine, denen wir auf jedem Schritt begegnen, galten nicht als geheime Kräfte besitzend. Die einheimischen edeln waren nur schwer zugänglich und wenn sie mühsam gewonnen waren, kamen sie nur in weniger Hände, noch schwerer waren die ausländischen zu erlangen, die aber schon als solche aller höhern mythischen Bedeutung entbehrten. Sprüche und Segen. ♦ Myth. 1173. Wilhelm Grimm: Ueber deutsche Runen, Göttingen 1821. Noch stärkere Macht als in Kraut und Stein liegt in dem Wort und bei allen Völkern gehen aus ihm Segen oder Fluch hervor. Dazu dient aber nicht das gewöhnliche Wort, die gewöhnliche Rede: wie alles was zu höhern, göttlichen Zwecken dienen sollte, dem Kreise des Irdischen entrissen und eigens geschmückt der Götter Dienst geweiht wurde, so erhielt auch die Rede einen solchen Schmuck, den der Poesie: die Sprüche und Segen erscheinen nur in gebundnen Worten, sie sind Gesänge und Lieder. Aber auch die Art und Weise, in welcher sie hergesprochen wurden, war nicht die gewöhnliche: nur selten wird der Segen oder Fluch laut gesprochen, meist leise, lispelnd oder flüsternd. Man hiess das rûnên , raunen, daher die germanische weise Frau Aliruna. Dieselbe Gewalt wie das gesprochene, hatte aber auch das geschriebene Wort. Goth. runa heisst Geheimnis, d. i. die geheime Rede oder Schrift: die Schwertweihe, welche der Waffe siegende Kraft verlieh, geschah, indem man Siegrunen, d. h. Buchstaben, die dem Gott des Siegs Zio, Tyr heilig waren, auf das Schwert einritzte und seinen Namen, der der Rune Namen ist, feierlich zweimal nannte, ihn also zweimal dabei anrief. Als Erfinder der Runen galt Odhin dem Norden, also uns wohl Wuotan. Da er der höchste der Götter ist, muss ihnen auch hohe Kraft beiwohnen: sie und die Lieder können, wie man wähnte, sowohl tödten, als gegen den Tod sichern und den Gestorbenen vom Tod erwecken, sie vermögen krank zu machen und die Krankheit zu vertreiben, das der Wunde entrinnende Blut zu hemmen, sie zu schliessen und alle ihr entspringenden Schmerzen zu bannen. Mit ihnen kann man den nahenden Feind in unsichtbare Fesseln schlagen, seine Waffen stumpfen, gefesselte Glieder lösen und befreien, den Pfeil im Fluge hemmen, das hochflammende Feuer bändigen und löschen, Hader schlichten, Winde stillen u. v. a. Besondere Gewalt wohnt dem Fluch und der Verwünschung bei, die wir noch täglich in den kräftigsten Formen hören können. Andere Beschwörungen sind uns in grosser Zahl erhalten und meist nur mit geringen Veränderungen aus dem Heidnischen ins Christliche übersetzt: so die bekannten sogen. Merseburgischen Gedichte, zwei noch echt heidnische Beschwörungen, welche etwa im zehnten Jahrhundert aufgezeichnet wurden und die wir noch heute fast in allen Ländern germanischer Zunge wiederfinden. Jedes bedeutende Unternehmen wurde von dem frommen Alterthum durch Segen geheiligt, die meist in Gebete überliefen, worunter manche von hoher Schönheit sind. Bevor der Landmann zu pflügen begann, weihte er den Acker durch Segen und Opfer, der Hirt sprach seinen Segen über die Heerde, der Hausvater über seine Bienen, bei jedem Unfall endlich, der den Menschen zustiess, war sein erstes Hülfs- und Rettungsmittel der Segen, d. i. die Anrufung der Götter. Man erinnerte sie an ihre Macht, oder an Vorfälle ans ihrem Leben und Thun, welche mit demjenigen Aehnlichkeit hatten, der einem eben selbst zugestossen war, wie sie damals sich geholfen, so sollen sie nun auch dem sie Anrufenden helfen. Für diejenigen Leser, welche dem in diesen Blättern Behandelten gerne weiter nachgehn und die namentlich das alte Götterwesen beobachten möchten, wie es in den Ueberlieferungen des Volks – die sie nun mit anderm Auge lesen und mit anderm Ohr hören werden – nachpulsirt, will ich kurz einige der dazu ausser den bereits genannten noch nothwendigen Bücher angeben. Die Sammlung › deutscher Sagen ‹ so wie die › Kinder- und Hausmärchen ‹ der Brüder Grimm (6. Ausg. Göttingen 1850) setze ich als allgemein bekannt voraus. Jener ersten schliessen sich an die musterhaften Sammlungen märkischer Sagen und Märchen von Adalbert Kuhn (Berlin 1843), Norddeutscher Sagen, Märchen und Gebräuche von Adalbert Kuhn und Carl Schwarz Mit werthvollen Anmerkungen, deren auch den Sammlungen von Müllenhoff, Panzer und Wolf beigegeben sind. Schwarz schrieb ausserdem: Der heutige Volksglaube und das alte Heidenthum mit Bezug auf Norddeutschland und besonders die Marken. Berlin 1850. (Leipzig 1848), Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig-Holstein und Lauenburg von Carl Müllenhoff (Kiel 1845), Reusch , Sagen des Saarlandes, J. W. Wolf deutsche Märchen und Sagen (Leipzig 1845), desselben niederländische Sagen (Leipzig 1843), Harrys Volkssagen Niedersachsens (Celle 1840), Emil Sommer Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen (Halle 1846), L. Bechstein thüringischer Sagenschatz; dess. fränkischer Sagenschatz I. Band (Würzburg 1842), Bernhard Baader Volkssagen aus dem Lande Baden (Karlsruhe 1851), Adalbert von Herrlein die Sagen des Spessart (Aschaffenburg 1851), Friedrich Panzer Beitrag zur deutschen Mythologie (München 1848), A. Schöppner Sagenbuch der bairischen Lande Enthält viel unbedeutendes und mittelmässiges Reimgeklingel. Es wäre sehr zu wünschen, dass eine kundigere Hand sich dieser Arbeit unterzogen hätte; Herrn Schöppner war das betretene Gebiet allzu fremd. 1. Band (München 1852) Vonbun Sagen aus Vorarlberg (Wien 1847), Zingerle Tirols Volksdichtungen und Volksgebräuche 1. Bändchen (Innsbruck 1851 Märchen enthaltend, die folgenden sollen Sagen bringen). Ein ausführliches Verzeichnis der deutschen Märchensammlungen von Bedeutung enthält die Grimmsche Märchensammlung I p. XXVI; jetzt kommen noch meine deutschen Hausmärchen (Göttingen u. Leipzig 1852) hinzu. Ich habe mit Willen nur die grösseren und wichtigeren Sammlungen angegeben. Dem Vernehmen nach soll Wolfg. Menzel mit einem grossen Werk über deutsche Sagen beschäftigt sein. Glückauf!